{"id":1409,"date":"2011-12-28T08:11:11","date_gmt":"2011-12-28T08:11:11","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=1409"},"modified":"2018-10-01T18:47:43","modified_gmt":"2018-10-01T16:47:43","slug":"dublin-2006","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=1409","title":{"rendered":"Dublin (2006)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">2. Juni (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Sp\u00e4ter Flug von Hahn nach Dublin. Dort ist er merklich w\u00e4rmer. Ich habe keinerlei Erinnerungen an den Flughafen und Umgebung. Mit einem Bus geht es f\u00fcr 7\u20ac schnell und bequem ins Zentrum, zur O\u2019Connell Street. Erst als wir in die einbiegen, wei\u00df ich wieder, wo ich bin. Es ist noch viel los, und \u00fcberall sieht man elegant bis aufgemotzt und provokant gekleidete Frauen. Die Suche nach der Talbot Street gestaltet sich schwierig, denn sie geht doch nicht direkt von der O\u2019Connell Street ab. Langsam mache ich mir Sorgen wegen der sp\u00e4ten Ankunftszeit, aber als wie an der <em>Celtic Lodge<\/em> ankommen, steht die T\u00fcr offen, und der Portier erwartet uns. Durch ein wahres Labyrinth von Treppen geht es in das einfache Zimmer im dritten Stock.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"> <\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">3. Juni (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Getr\u00e4umt, ich m\u00fcsste Treppen rauf und runter laufen, dabei zwei Pappschachteln in der Hand haltend. Ich laufe immer schneller, denn der Abstand zwischen Stufen und Decke wird immer geringer, und am Ende versuche ich, auf einem Treppenabsatz die Schachteln wegzuwerfen, aber das geht nicht mehr, denn nicht einmal daf\u00fcr ist mehr genug Platz.<\/p>\n<p>Die Sonne scheint in den von lauten Ukrainern bev\u00f6lkerten Fr\u00fchst\u00fccksraum, und drau\u00dfen es ist tats\u00e4chlich sonnig, trocken und warm. In der O\u2019Connell Street steht jetzt die damals geplante, spitz zulaufende silbrige Nadel, die alle Geb\u00e4ude \u00fcberragt. B\u00f6se Zungen interpretieren sie als eine Anspielung auf die Drogenszene der Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>In der Touristeninformation buchen wir einen <em>pub crawl<\/em> noch f\u00fcr denselben Abend und eine Exkursion f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag. Erst aber gehen wir auf den von Absolventen des TCD geleiteten geschichtlichen Gang durch Dublin und dann noch auf eine Tour durch das TCD selbst. In beiden F\u00fchrungen gibt es Anekdoten und Zitate und ein paar erinnerungsw\u00fcrdige Details zur Geschichte:<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Heinrich II., der englische K\u00f6nig, bekam die Erlaubnis zur Invasion von Irland vom Papst \u2013 einem Engl\u00e4nder, dem einzigen englischen Papst der Geschichte.<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Am heutigen Bell Tower befand sich das von Heinrich II. gegr\u00fcndete Kloster, das dann von Heinrich VIII. aufgel\u00f6st und in ein Hospital, sp\u00e4ter in ein Gef\u00e4ngnis umgewandelt wurde. Erst unter Elisabeth kam es zur Gr\u00fcndung der Universit\u00e4t, mit dem Ziel, eine protestantische Elite aufzubauen und protestantischen Klerus im Land selbst auszubilden \u2013 es war nicht immer einfach, englischer Priester dazu zu bewegen, nach Irland zu gehen: Man f\u00fcrchtete, von den Wilden geschlachtet zu werden.<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Dass es lange keine Katholiken am TCD gab, lag nicht an den Protestanten, sondern an den Katholiken selbst \u2013 die katholische Kirche riet davon ab, bei den Ketzern zu studieren \u2013 mit Erfolg!<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Elisabeth veranlasste die Publikation des <em>Book of Common Prayer<\/em> auf Irisch, als Teil der Strategie, den irischen Ketzern die richtige Version des Christentums beizubringen \u2013 das Buch ist heute Bestandteil der Bibliothek des TCD.<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Das <em>Book of Kells<\/em> stammt eigentlich nicht aus Kells, sondern aus Iona; von dort wurde es wegen der Wikingereinf\u00e4lle nach Kells gebracht, und von dort in der Zeit der Religionskriege nach Dublin \u2013 vorl\u00e4ufig!<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Der Architekt der Bibliothek des TCD hatte vorher milit\u00e4rische Geb\u00e4ude entworfen; das erkl\u00e4rt ihre Strenge; sie hat ihre genaue L\u00e4nge deshalb, weil sie die Bibliothek des <em>Trinity College<\/em> in Cambridge \u00fcbertreffen sollte \u2013 um einen Meter!<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Vom Erweiterungsbau der Bibliothek, der wie ein auf dem Kopf stehender \u00fcberdimensionaler Kopierer aussieht, war Henry Moore so entsetzt, dass er seine Statue versetzen lie\u00df \u2013 sie wurde durch eine golden gl\u00e4nzende Erdkugel mit durchbrochener Oberfl\u00e4che ersetzt, die den Zustand der Welt symbolisiert.<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Das irische Parlament war das erste als Parlamentsitz konzipierte Geb\u00e4ude Europas &#8211; und ist jetzt ironischerweise kein Parlamentsitz mehr, sonder Sitz der <em>Bank of Ireland<\/em>!<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die Kartoffelplage des 19. Jahrhunderts war deshalb so verheerend, weil fast ausschlie\u00dflich eine Kartoffelsorte angebaut hatte, die <em>lumper<\/em> <em>potato<\/em>, die dann von einem Pilz befallen wurde.<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Wolf Tone, der Anf\u00fchrer der von der franz\u00f6sischen Revolution inspirierten Rebellion gegen die Briten, war Protestant; er war der Meinung, dass Irland von Iren regiert werden sollte, unabh\u00e4ngig von ihrer Konfession.<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die Justitia am Schloss wendet der Stadt ihren R\u00fccken zu, was die Iren mit folgendem Ausspruch w\u00fcrdigen: \u201eThe Statue of Justice, Mark well her station, Her face to the Castle, And her arse to the Nation\u201d<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die Teilung Irlands bedeutete nicht nur ein Teilung des Landes, sondern auch eine Teilung der Provinz Ulster, deren Name oft als Synonym f\u00fcr \u201aNordirland\u2019 gebraucht wird; drei der neun Grafschaften von Ulster geh\u00f6ren allerdings zur Republik Irland; die Teilung war nicht \u201asauber\u2019, sie ging sogar durch einzelne Ortschaften und durch einzelne Bauerh\u00f6fe.<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Am Tag der Unabh\u00e4ngigkeit gab es keine gro\u00dfen Feiern; erst in den letzten Jahrzehnten wurde die Unabh\u00e4ngigkeit zu einem erinnerungsw\u00fcrdigen und sp\u00e4ter zu einem glorifizierten Ereignis in der Geschichte Irlands gemacht.<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die Tatsache, dass die Statue O\u2019Donnels in der City Hall gr\u00f6\u00dfer ist als die anderen hat eine einfache Erkl\u00e4rung: Sie stand fr\u00fcher drau\u00dfen!<\/p>\n<p>Als der F\u00fchrer im TCD \u00fcber die historischen Umst\u00e4nde der Gr\u00fcndung der Universit\u00e4t spricht, hebt ein Amerikaner die Hand, unterbricht die Darstellung und fragt, indem er auf einen Ahorn zeigt: \u201eHow old is that oak tree over there?\u201c<\/p>\n<p>Zur St\u00e4rkung geht es am Nachmittag ins <em>Elephant &amp; Castle<\/em>, mitten in <em>Temple Bar<\/em>, wo bei dem guten Wetter viel los ist und richtige Festtagsstimmung herrscht.<\/p>\n<p>Beim abendlichen <em>pub crawl<\/em> gibt es szenische Auff\u00fchrungen aus Werken von Beckett, Wilde, Behan und anderen und allerhand biographische Details, z.B. die, dass Beckett Cricket f\u00fcr Irland spielte und dass Goldsmith zwei neue <em>nursery<\/em> <em>rhymes<\/em> erfand, weil er nicht genug zusammentragen konnte.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">4. Juni (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Heute geht es mit einem Kleinbus und einer F\u00fchrung, die mehr durch ihren Witz und ihre Lebendigkeit begeistert als durch ihren Informationsgehalt aus Dublin heraus. Es geht durch <em>County Meath<\/em>, mit kurzen Besichtigungen von Fourknocks, dem alten keltischen Friedhof von Monasterboice, Mellifont Abbey, dem \u00e4ltesten Zisterzienserkloster in Irland, dem Hill Of Slane, wo St. Patrick sein Osterfeuer entz\u00fcndet und damit die Machthaber provoziert haben soll, und dem Hill of Tara, dem Kr\u00f6nungsort der keltischen K\u00f6nige, von wo aus diese das Osterfeuer sehen konnten.<\/p>\n<p>Der F\u00fchrer bezeichnet Mellifont Abbey als das wichtigste einzelne Geb\u00e4ude in der irischen Kulturgeschichte und schildert lebendig, wie die Steinbauten die einheimischen Kelten beeindruckt und wie ein Wolkenkratzer im Amazonasgebiet gewirkt haben m\u00fcssen. Bei der Kreuzigungsszene auf einem der Hochkreuze in Monasterboice sieht Jesus wie ein irischer M\u00f6nch aus und die r\u00f6mischen Soldaten wie Wikinger. Der Rundturm kann nicht nur Fluchtturm gewesen sein, sondern war wohl auch Magazin f\u00fcr wichtige Manuskripte und B\u00fccher.<\/p>\n<p>Bei der Fahrt von Monument zu Monument geht es \u00fcber eine Stra\u00dfe mit dichter Bewaldung zu beiden Seiten. Das ist \u201aauthentische\u2019 irische Landschaft, nicht die gr\u00fcnen H\u00fcgel. So muss es fr\u00fcher \u00fcberall ausgesehen haben.<\/p>\n<p>Das Kapitelhaus von Mellifont Abbey, relativ gut erhalten, wurde als Speisesaal benutzt, als die Geb\u00e4ude nach der Aufl\u00f6sung des Klosters zum <em>manor house<\/em> der Familie Moore wurden. Es hatte einen blauen Marmoreingang, den die Moores am Spieltisch verloren haben sollen. Die Geb\u00e4ude gingen dann an die Balfort Familie \u00fcber, die das <em>manor house<\/em> nicht bewohnten und das Kapitelhaus als Schweinestall benutzen lie\u00dfen. Auch relativ gut erhalten ist das Lavabo, dessen Steine, Portland Stone, zum Teil aus Bristol hierher gebracht wurden. Die Kirche des Klosters hatte ungew\u00f6hnlicherweise einen Nordeingang, da der Westen durch den nahen Fluss in feuchtem Schlammboden lag.<\/p>\n<p>Der Fahrer erkl\u00e4rt mir, dass die Entfernungen und die Geschwindigkeitsangaben in Kilometern, aber die Tachometer der meisten Autos in Meilen sind. Jenseits der Grenze, im Norden, ist nat\u00fcrlich alles in Meilen.<\/p>\n<p>Seit den Touren verstehe ich einiges besser: Warum hatte Heinrich II. Interesse an Irland? Weil es reiche Kl\u00f6ster und wichtige Handelszentren der Wikinger gab. Warum unterst\u00fctze der Papst ihn dabei? Weil er die falsche Version des Christentums bek\u00e4mpfen wollte, die monastisch und nicht auf Rom ausgerichtete. Warum hatte die sich so gut entwickeln k\u00f6nnen? Weil die R\u00f6mer nicht bis nach Irland kamen. Deshalb sind die \u00e4ltesten irischen St\u00e4dte Wikingerst\u00e4dte.<\/p>\n<p>Am Abend gibt es dann eine neue Erfahrung mit einem Abendessen im Hard Rock Cafe. Sensible Augen haben es ebenso geortet wie das Starbucks Cafe. Kurioserweise ist das eine ein Caf\u00e9, das andere nicht, obwohl beide so hei\u00dfen. Das ist was f\u00fcr Pragmatik.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter noch in ein Pub in der N\u00e4he des Schlosses. Her gibt es ein lokales Publikum, ganz anders als in Temple Bar, und dennoch stolze Preise: 4\u20ac f\u00fcr ein Pint. In einem Fernseher wird eine Sportart \u00fcbertragen, die wie eine Mischung aus Hockey, Fu\u00dfball und Cricket aussieht, eine Art <em>quidditch<\/em> f\u00fcr <em>muggles<\/em>. Es ist Hurling, das als schnellste Ballsportart der Welt gilt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">5. Juni (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen, als ich meine Fahrt nach Belfast und die R\u00fcckkehr nach Dublin organisiere, habe ich bereits v\u00f6llig den \u00dcberblick \u00fcber die Tage verloren und wei\u00df kaum noch, welcher Tag heute ist.<\/p>\n<p>Am Bahnhof sehe ich eine Werbung der DART, die durch ihre unorthodoxe Rechtschreibung auff\u00e4llt: know exactly when ur dart is coming. Simply txt 2 get the nxt.<\/p>\n<p>Der Georgian Walk am Vormittag stellt sich als ein echter Hit heraus und straft meine Skepsis L\u00fcgen. Wieder ist auf den Stra\u00dfen viel los, u.a. durch die an allen Ecken auftauchenden Teilnehmerinnen eines Wohlt\u00e4tigkeitlaufs.<\/p>\n<p>Der Walk beginnt bei <em>Bewleys<\/em>, das eine sch\u00f6ne Art Deco Fassade hat, die man erst richtig sieht, wenn man ein paar Meter Abstand nimmt, was bei der Gesch\u00e4ftigkeit der Stra\u00dfe selten geschieht. Das Geb\u00e4ude beherbergte fr\u00fcher eine Schule, und an einer Tafel wird an einige der ber\u00fchmten Sch\u00fcler erinnert: Wellington, Emmet, Moore und viele andere.<\/p>\n<p>Weiter links sieht man in eine Seitenstra\u00dfe und an deren Ende die <em>St. Anne\u2019s<\/em> <em>Church<\/em>. Hier wurde Oscar Wilde getauft, und hier heiratete Bram Stoker, und zwar Oscar Wildes fr\u00fchere Freundin!<\/p>\n<p>In einer Seitenstra\u00dfe rechts sieht man die Fassade eines Pubs mit einer klassischen einfachen Fassade, McDaids. Urspr\u00fcnglich war das Geb\u00e4ude die Leichenhalle, die auch hier gegen die <em>body snatchers<\/em> abgesichert werden musste.<\/p>\n<p>In der <em>Tangier Street<\/em>, einer ganz schmalen Gasse mit gro\u00dfem Namen, sieht man den K\u00fcnstlereingang des <em>Gaiety<\/em><em> Theatre<\/em> und, gleich gegen\u00fcber, den Hintereingang zu dem Pub. Angeblich sieht man hier abends kost\u00fcmierte Schauspieler, die\u00a0 Spielpausen nutzen, um kurzzeitig die B\u00fchne gegen den Tresen tauschen.<\/p>\n<p>Am Ende der Stra\u00dfe betritt man durch ein klassizistisches Tor <em>St. Stephen\u2019s Green<\/em>, eine gro\u00dfe Parkanlage um einen Platz herum, der auch <em>St. Stephen\u2019s Green<\/em> hei\u00dft. Das Tor hei\u00dft im Volksmund <em>Traitors\u2019 Gate<\/em>, da es die Namen der irischen Soldaten auflistet, die in den Burenkriegen f\u00fcr England gefallen sind.<\/p>\n<p><em>St. Stephen\u2019s Green<\/em> war fr\u00fcher ein Park nur f\u00fcr die wohlhabenden Anwohner des Platzes. Erst als das Parlament aufgel\u00f6st wurde und die Wohlhabenden Dublin den R\u00fccken kehrten, wurde er der Allgemeinheit zug\u00e4nglich gemacht. An sch\u00f6nen Tagen wie heute hat er eine herrliche, gel\u00f6ste Atmosph\u00e4re, trotz der vielen Menschen.<\/p>\n<p>Auf einem Rasenst\u00fcck nicht weit vom Wegesrand die naturalistische B\u00fcste von Joyce, der diesen Park liebte. Am Sockel ein Zitat aus <em>Ulysses<\/em>, das in Joycescher, verfremdender Art auf den Park Bezug nimmt. Weiter abseits und nicht so gut zu finden die minimalistische B\u00fcste von Yeats. W\u00e4hrend man Joyce auf den ersten Blick erkennt, gelingt es bei Yeats auch auf den zweiten Blick nicht. Der Kommentar der Dubliner: \u201eHe doesn\u2019t look himself this morning\u201c.<\/p>\n<p>Die Statue von Joyce befindet sich in der N\u00e4he der sch\u00f6n geschwungen <em>O\u2019Connell Bridge<\/em>, einer kleinen Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke \u00fcber einen Teich, die f\u00fcr sich in Anspruch nimmt, die wahre <em>O\u2019Connell Bridge<\/em> zu sein und schon vor der im Zentrum so gehei\u00dfen zu haben. Die hatte fr\u00fcher einen anderen Namen.<\/p>\n<p>Am Ausgang des Parks eine expressionistische Skulptur, die eindr\u00fccklich und voller versteckter Symbolik, die man eher erahnt als erkennt, den Hunger der Kartoffelepidemie darstellt. Diese Skulptur befindet sich parkeinw\u00e4rts; parkausw\u00e4rts, zum Platz hin, und durch einen Halbkreis aus Steinen von ihr getrennt, befindet sich eine Statue Wolfe Tones, ein Ensemble, das im Volksmund auch <em>Tonehenge<\/em> genannt wird.<\/p>\n<p>Noch am <em>St. Stephen\u2019s Green<\/em>, aber am Rande des Platzes, befindet sich hinter einem Gitter der kleine Hugenottenfriedhof. Nach der Aufhebung des Edikts von Nantes kamen franz\u00f6sische Hugenotten hierher, darunter, wie auf einer Gedenktafel vermerkt, eine Familie Beaulieu, vielleicht die Vorfahren der Gr\u00fcnder des Caf\u00e9s. Wie auf allen Hugenottenfriedh\u00f6fen steht auch hier, hinten links, ein Maulbeerbaum. Dessen Laub bietet das beste Futter f\u00fcr die Seidenraupen, und die wiederum stehen f\u00fcr die Seidenherstellung, einem der wichtigsten Wirtschaftszweige der Hugenotten.<\/p>\n<p>Vom <em>St. Stephen\u2019s Green<\/em> geht es zum <em>Merrion Square<\/em>, dessen etwas kleinerem Pendant. Hier befindet sich eines der besten Hotels Dublins, das <em>Merrion Hotel<\/em>, das besonders f\u00fcr seine <em>afternoon teas<\/em> bekannt ist. Man muss es aber wissen. Es leistet sich den Luxus, nicht auf sich aufmerksam zu machen. Man erkennt gar kein Hotel, und der Name erscheint nur auf einer kleinen Messingplatte, so einer wie der einer Rechtsanwaltspraxis.<\/p>\n<p>Dieser Platz ist umstanden mit typisch Georgianischen H\u00e4usern, mit jeweils vier, nach oben niedriger werdenden Stockwerken und Keller. Auf den B\u00fcrgersteigen runde Platten, die wie Kanaldeckel aussehen. Ihre Funktion: Sie bedecken die Sch\u00e4chte, in die die Kohle eingef\u00fchrt wurde. Jedes 7. Haus hat eine Au\u00dfenbeleuchtung. Das war verordnet, zum Wohle der Fu\u00dfg\u00e4nger, kam aber auch den Bewohnern zugute, die abendliche Besucher erkennen und sich in der sonst unbeleuchteten Diele orientieren konnten. Auf den D\u00e4chern sind die Kamine zu einer Reihe zusammengef\u00fcgt. In einem der H\u00e4user befindet sich der Sitz des Irischen Fu\u00dfballverbandes, und zwar der des \u201arichtigen\u2019 Fu\u00dfballs.<\/p>\n<p>Die Georginischen H\u00e4user sind normalerweise aus Backstein, aber manchmal hat man sie, zwecks Zurschaustellung des eigenen Wohlstands, mit Steinquadern verkleidet.<\/p>\n<p>Am <em>Merrion Square<\/em>, etwas zur\u00fcckversetzt, befindet sich auch der heutige Parlamentssitz, <em>Leinster House<\/em>, von einem deutschen Architekten gebaut, der hier den anglisierten Namen Cassel annahm. Als <em>Leinster House<\/em> gebaut wurde, war der <em>Merrion Square<\/em> noch v\u00f6llig unbebaut, und man hatte freie Sicht auf die Dubliner Berge. Dazu passt die breite Front des Geb\u00e4udes, dessen Stadtseite ganz anders aussieht als seine Landseite. Der Duke of Leinster sagte, er habe ein Stadthaus und ein Landhaus gleichzeitig.<\/p>\n<p>Ganz in der N\u00e4he die Nationalgalerie, in der Shaw, ein notorischer Schulschw\u00e4nzer, viele Stunden verbrachte, die er in der Schule h\u00e4tte sein sollen. Er sagte sp\u00e4ter, alle Bildung, die ihm Irland mitgegeben habe, habe er in der Nationalgalerie erhalten. Und er hinterlie\u00df ihr testamentarisch die Tantiemen einiger einer St\u00fccke, und noch heute kassiert die Nationalgalerie jedes Mal mit, wenn irgendwo <em>Pygmalion<\/em> gespielt wird. Einer Anekdote zufolge schickte Shaw seinem Lieblingsfeind Churchill zwei Karten f\u00fcr die Urauff\u00fchrung mit den Worten: \u201eBring a friend \u2013 if you have one.\u201c Worauf Churchill sich h\u00f6flich bedankte und zur\u00fcckschrieb: \u201eCan\u2019t make it for the opening night, but I\u2019ll come to the next performance &#8211; if there is one.\u201c<\/p>\n<p>Ganz in deren N\u00e4he, etwas zu bombastisch f\u00fcr den Platz, das ehemalige Naturkundemuseum. Im Gitter ist die Zahl 1922 eingelassen, nicht weil es da gebaut wurde, sondern weil es von da an, dem Jahr der Unabh\u00e4ngigkeit, zum Sitz des Ministerpr\u00e4sidenten wurde. Das irische Wort f\u00fcr \u201aMinisterpr\u00e4sidenten\u2019, <em>taisoch<\/em>, erscheint hier in zwei verschiedenen Formen, im Nominativ und im Genitiv.<\/p>\n<p>Im Park stehen alte Gaslaternen. Sie haben oben horizontale Eisenstangen, deren Funktion nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist. Sie dienten zum Anlehnen der Leiter, die man brauchte, um die Laternen anzuz\u00fcnden. Heute haben sie eine neue Funktion gefunden: Sie sind die Stangen, an denen die Blumenk\u00fcbel befestigt werden.<\/p>\n<p>Im Park, aber an dessen \u00e4u\u00dferstem Rand, die Skulptur von Oscar Wilde, in Sichtweite seines Elternhauses, das sich in einem Eckhaus des <em>Merrion Square<\/em> befand. Hier praktizierte sein Vater, ein fr\u00fcher Augenspezialist, der auch ein stadtbekannter Sch\u00fcrzenj\u00e4ger war. Die Skulptur ist unorthodox: Wilde liegt in extravaganten, bunten Kleidern etwas gekr\u00fcmmt auf einem Fels und hat das Gesicht, das auf der anderen Seite ernst ist, auf einer Seite zu einem absch\u00e4tzigen L\u00e4cheln verzerrt. Die Skulptur ist nicht etwa farbig bemalt, sondern aus verschiedenfarbigen Steinen zusammengesetzt. Ihr gegen\u00fcber, auf der anderen Seite des schmales Fu\u00dfwegs, zwei S\u00e4ulen mit Epigrammen von Oscar Wilde in seiner Handschrift, teils mit Korrekturen, u.a.:<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Being natural is simply a pose.<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Lying, the telling of beautiful untrue things is the proper aim of art.<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Most people are other people.<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Who, being loved, is poor?<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 The suspense is terrible. I hope it will last.<\/p>\n<p>\u00dcber die Nassau Street geht es zum TCD. Die Nassau Street liegt h\u00f6her als das TCD. Und das hat seinen Grund: Sie wurde erh\u00f6ht zur Abwehr des Hochwassers des Liffey!<\/p>\n<p>An der Seitenfront eines Hauses hat man einen Baum gef\u00e4llt, um einen Namenszug wieder sichtbar zu machen, den von <em>Finn\u2019s Hotel<\/em>. Es ist das Haus, in dem die sp\u00e4tere Nora Joyce arbeitete, als Joyce, zun\u00e4chst ohne Erfolg, um sie warb.<\/p>\n<p>Am Nachmittag bleibt noch Zeit f\u00fcr einen Besuch des <em>Writers\u2019 Museum<\/em>. In einer etwas altert\u00fcmlichen Pr\u00e4sentation gibt es Dokumente aus dem Leben der bekannten und nicht ganz so bekannten irischen Schriftsteller.<\/p>\n<p>In der ersten Vitrine ist ein Faksimile des <em>Book of Kells<\/em> ausgestellt und die erste Bibel auf Irisch (XVII).<\/p>\n<p>Maria Edgeworth war die erste, die einen Roman mit einem Iren als Protagonisten und mit irischen Themen schrieb.<\/p>\n<p>Von der Eingangspassage aus <em>Dracula<\/em> gibt es eine Lesung, die Appetit auf den Roman macht.<\/p>\n<p>Synges <em>Playboy<\/em> f\u00fchrte zu massiven Unruhen im Publikum. Es gab Proteste gegen ein St\u00fcck, in dem Unterhosen erw\u00e4hnt werden und dessen Protagonistin sich mit Konterrevolution\u00e4ren einl\u00e4sst. Die Auff\u00fchrung drohte zu scheitern. Schlie\u00dflich bestieg Yeats die B\u00fchne und sorgte f\u00fcr den Fortgang der Auff\u00fchrung. Das St\u00fcck wurde zu einem Erfolg und begr\u00fcndete die Reputation des Abbey Theatre.<\/p>\n<p>O\u2019Casey k\u00e4mpfte lange um die erste Auff\u00fchrung und hatte dann einen Bombenerfolg mit <em>Juno<\/em> <em>and the Paycock<\/em>. Er wendet sich dann langsam von seiner pro-irischen Attit\u00fcde ab und wird kritisch gegen\u00fcber der Revolution. Das ist ein Tabuversto\u00df, der ihn zum Au\u00dfenseiter macht. Er emigriert nach England und untersagt die Auff\u00fchrung seiner St\u00fccke in Irland, eine Entscheidung, die er erst kurz vor seinem Tod wieder r\u00fcckg\u00e4ngig macht.<\/p>\n<p>Shaw bekam den Nobelpreis nicht f\u00fcr <em>Pygmalion<\/em>, sondern f\u00fcr <em>Saint Joan<\/em>. Zu seinem Erfolg in England sagte er: \u201eDamit die Engl\u00e4nder mich verstehen, bedurfte es vieler Jahre der Dekadenz meiner geistigen F\u00e4higkeiten und des langen Kontakts mit der englischen Kultur.\u201c<\/p>\n<p>Behans <em>Borstal Boy<\/em> basiert auf biographischen Erfahrungen. Behan baute seine Reputation als Au\u00dfenseiter und Rebell auf, indem er sich in irischen Kneipen zusammen mit seinen Bewunderern vollaufen lie\u00df, und bek\u00e4mpfte dann die von ihm selbst aufgebaute Reputation.<\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Nachmittag geht es mit dem Zug nach Belfast. Erst werde ich von dem richtigen Bahnsteig und eine abgetrennte Zone geschickt. Dort herrscht eine Atmosph\u00e4re wie bei der Grenzkontrolle in der DDR, und ich erwarte strengste Kontrollen. Dann l\u00f6st sich alles aber in Wohlgefallen auf. Es bildet sich eine Schlange, man zeigt die Fahrkarte vor und landet dann auf eben dem Bahnsteig, von dem ich gerade weggeschickt wurde.<\/p>\n<p>Die Fahrt nach Belfast ist v\u00f6llig ereignislos. Wir sind von dichtem Wald zu beiden Seiten umgeben, selbst unmittelbar vor der Einfahrt nach Belfast. Es ist keine Grenze zu erkennen, es gibt keine Passkontrolle und erst recht keine Durchsuchung des Gep\u00e4cks oder der Passagiere. Ich kann nicht einmal ausmachen, ob es sich um eine irische oder eine britische Zuglinie handelt.<\/p>\n<p>In Belfast muss ich dann aber Geld wechseln! Diese Grenze existiert weiter. Am Geldautomaten wird man vorsichtshalber informiert: \u201eThis cash machines dispenses British notes.\u201c Es gibt irische Banknoten. Auf einigen steht Northern Bank, auf andern Ulster Bank.<\/p>\n<p>Belfast ist auf den ersten Blick eine einige Entt\u00e4uschung. Es ist weder sch\u00f6n noch hat es Atmosph\u00e4re, und die einzigen Menschen, die man drau\u00dfen sieht, sind die Bauarbeiter an den unz\u00e4hligen Baustellen im Zentrum. Die Pension, die ich mir ausgesucht hatte, liegt mitten in einer solchen Baustelle, und man wei\u00df gar nicht, wie man dorthin kommen kann. Au\u00dferdem ist der Krach von der Baustelle auch nicht gerade einladend. Schlie\u00dflich finde ich einen Taxifahrer, der mich zu einer Pension im Universit\u00e4tsviertel bringt. Die Besitzerin ist erst etwas zur\u00fcckhaltend, nimmt mich dann aber doch, als ich ihren offensichtlich improvisierten erh\u00f6hten\u00a0 Preis und sofortige Barzahlung akzeptiere.<\/p>\n<p>Das Zimmer und das ganze Haus ist vollgestopft mit altmodischen, wild zusammengestellten und hochgradig kitschigen Accessoires und Schmuckst\u00fccken.<\/p>\n<p>Als ich meine Sachen einger\u00e4umt habe und mich in der Gegend orientieren will, ist der erste Argwohn der Wirtin verschwunden und \u00fcberbordenender Freundlichkeit gewichen. Sie fragt mich nach allen Regeln der Kunst aus und erz\u00e4hlt wortreich von ihrem einzigen Urlaub au\u00dferhalb der Insel: mit dem Boot \u00fcber Rhein und Mosel. Sie ist hellauf begeistert und kennt R\u00fcdesheim und Cochem, nicht jedoch Trier. Sonst f\u00e4hrt sie jedes Jahr mit ihrem Lebensgef\u00e4hrten nach Donegal \u2013 jedes Mal genau von Donnerstag bis Dienstag. Nach S\u00fcdeuropa f\u00e4hrt sie nie: \u201eI don\u2019t like hot countries\u201c. Und meine Begeisterung \u00fcber das gute Wetter hier \u2013 Belfast ist heute der w\u00e4rmste Ort in ganz Irland \u2013 teilt sie auch nicht.<\/p>\n<p>Noch jetzt wundere ich mich dar\u00fcber, dass mir beim Ausstieg aus dem Zug ein nicht mehr ganz n\u00fcchterner junger Mann mit Fu\u00dfballtrikot und kurzgeschorenem Haar den Vortritt gelassen hat, wenn auch mit einer leicht ironischen Handbewegung.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">6. Juni (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck werde ich einem anderen Gast vorgestellt, der hier Familienforschung betreibt. Als er h\u00f6rt, dass ich Deutscher bin, sagt er: \u201eI thought you had a strange accent\u201c. Und als er aus dem Haus geht: \u201eHaben Sie einen guten Tag!\u201c<\/p>\n<p>Die Wirtin hat auch Stahlarbeiter als G\u00e4ste. Sie fr\u00fchst\u00fccken vor und haben eine lange Schicht. Das seien noch junge Leute, die zu arbeiten bereit seien, nicht wie die anderen, denen die Regierung zu viel Geld f\u00fcrs Faulenzen bezahle. Das Urteil ist nicht auszurotten, trotz drastischer K\u00fcrzungen im Sozialetat. Die Wirtin empfiehlt mir, die City Hall zu besichtigen. Das sei ein wundersch\u00f6nes Geb\u00e4ude. Viel zu sch\u00f6n f\u00fcr all die nichtsnutzigen Politiker. Zur Bejahung einer Frage sagt sie nicht <em>Yes<\/em>, sondern <em>Aha<\/em>.<\/p>\n<p>Es geht zu Fu\u00df in die Innenstadt. Ein Arbeiter entfernt m\u00fchsam Plakate von einem Verteilerkasten. Das scheint mir viel Aufwand angesichts der beschmierten Rolll\u00e4den, herumliegenden T\u00fcten und festgetretenen Kaugummis auf den B\u00fcrgersteigen. Dennoch ist die Innenstadt sauberer als die Dublins. Und die Leute sind etwas besser gekleidet.<\/p>\n<p>In den Telephonzellen kann man auch Euros benutzen. Ist das Gesch\u00e4ftst\u00fcchtigkeit oder die schleichende Einf\u00fchrung der W\u00e4hrung?<\/p>\n<p>In der Touristeninformation bekomme ich ein Ticket f\u00fcr eine Rundfahrt, f\u00fcr den stolzen Preis von acht Pfund, aber ich verstehe erst nach \u00dcberlegung: e<em>ight pounds<\/em> klingt hier wie <em>eight pints<\/em>.<\/p>\n<p>Die Bustour f\u00fchrt zun\u00e4chst ins Universit\u00e4tsviertel, ziemlich genau dahin, wo ich gerade herkomme. Die Queens University z\u00e4hlt Seamus Heaney, David Trimble und Mary McAleese zu ihren Absolventen. Die zentrale Stra\u00dfe ist die Dublin Road, die ehemalige Hauptstra\u00dfe nach Dublin, das gerade einmal 100 Meilen entfernt ist.<\/p>\n<p>Im Universit\u00e4tsviertel bieten viele Lokale das Prinzip <em>beat the hour<\/em> an, d.h. je fr\u00fcher man kmmt, umso preiswerter ist es, und ein Gericht, das um 5 Uhr 5\u00a3 kostet, kostet um 10 Uhr 10\u00a3. Ob das auch f\u00fcr 1 Uhr gilt, wird nicht verraten.<\/p>\n<p>Dann geht es nach Westbelfast, in die ber\u00fchmte <em>Falls Road<\/em>, dem Zentrum des Viertels der \u201eNationalisten\u201c, wie hier diejenigen hei\u00dfen, die sich von Gro\u00dfbritannien l\u00f6sen wollen. Ein Hochhaus an einer Stra\u00dfenkreuzung war bis vor kurzem das Quartier der Britischen Armee, kugelsicher und mit Zugang nur \u00fcber den Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach!<\/p>\n<p>Hier, an der Falls Road, gibt es die ber\u00fchmten <em>murals<\/em> zuhauf, Wandmalereien politischen Inhalts. Sie sind technisch gut gemacht, k\u00fcnstlerisch wertlos und voller Pathos. Die irischen K\u00e4mpfer werden als Opfer den Pal\u00e4stinensern an die Seite gestellt. Helden wie Bobby Sands, der erste Hungertote in Gefangenschaft, werden zu M\u00e4rtyrern stilisiert, und der Vergleich zwischen London und Belfast f\u00e4llt so aus: London = No Blacks, no dogs, no Irish, Belfast = No racism, no prejudice, no bigotry\u201c. Auf der gegen\u00fcberliegenden Seite gibt es ein Ged\u00e4chtnis f\u00fcr die Helden des Widerstands mit Flaggen und pathetischen Inschriften und dem Emblem aller vier irischen Provinzen: Munster, Ulster, Leinster, Connaught.<\/p>\n<p>Dann geht es in die <em>Bombay Street<\/em>, wo alles begann, einer kleinen Stichstra\u00dfe mit Maschendrahtzaun. Zu beiden Seiten stehen identische Reihenh\u00e4user aus Backstein, deren Bewohner sich jahrzehntelang bestens verstanden, bis es in den sechziger Jahren zu einem Nachbarschaftsstreit kam, der die Initialz\u00fcndung f\u00fcr jahrzehntelange Konflikte war. Angesichts der winzigen Stra\u00dfe und der unaufgeregten Stadtteilatmosph\u00e4re wirkt das alles absurd.<\/p>\n<p>Dann geht es durch ein verschlie\u00dfbares Eisentor in die <em>Shankill Road<\/em>. Hier trennt eine \u201aernsthafte\u2019 Mauer mit Betonplatten und hohem Stacheldraht, eine Kopie der Berliner Mauer, die verfeindeten Lager.<\/p>\n<p>Im protestantischen Viertel kommen wir auf einen weiten, offenen, gesichtslosen Platz, in dessen Mitte wild auf einen Haufen geworfen Holzbalken und Paletten liegen. Die Erkl\u00e4rung: Material f\u00fcr die Freudenfeuer bei der bevorstehenden <em>Orange<\/em> <em>Parade<\/em>.<\/p>\n<p>Hier gibt es die protestantischen <em>murals<\/em>, weniger pathetisch als die katholischen, aber kriegerischer und mit mehr Geschichtsbezug. Hier werden in erster Linie William of Orange als Sieger \u00fcber James II. (seinen Schwiegervater!) und Oliver Cromwell gefeiert. Au\u00dferdem werden Diskriminierung der Protestanten und Gewaltanwendung der Katholiken beklagt. Das beliebteste Motiv ist ein vermummter K\u00e4mpfer mit Maschinengewehr. Einer davon sieht den Betrachter immer an, ganz egal, von wo aus er ihn ansieht.<\/p>\n<p>Dann geht es \u00fcber die ber\u00fcchtigte <em>Antrim Road<\/em>, fr\u00fcher als <em>Butcher\u2019s Mile<\/em> bekannt. Hier patrouillierten protestantische Milizen und verd\u00e4chtigten jeden, der nach 12 Uhr unterwegs war, Katholik und damit Feind zu sein \u2013 und behandelten ihn auch so.<\/p>\n<p>Von hier aus hat man einen Blick auf einen H\u00fcgel, der die Form eines schlagenden Giganten hat und Swift zu Gulliver inspiriert haben soll. Dann geht es hoch zum <em>Belfast Castle<\/em>, einer neogotische Aff\u00e4re und Imitation von <em>Balmoral<\/em>, einem Ort, den man nicht gesehen haben muss, der aber sch\u00f6n liegt.<\/p>\n<p>Dann geht es in das Stadtzentrum hinunter. Hier ist von einer Statue die Rede, und ich wei\u00df bis heute nicht, ob es die von Lennon oder Lenin ist. Die sind in der Aussprache nicht zu unterscheiden.<\/p>\n<p>Vorbei an der viktorianischen <em>St. Anne\u2019s Church<\/em>, deren gr\u00f6\u00dfte Besonderheit ist, dass sie nur ein Grabmal hat, das Carsons. Dann geht es zum <em>Clock Tower<\/em>, der aus unerfindlichen Gr\u00fcnden nach Prinz Albert benannt ist. Der <em>Clock Tower<\/em>, eine Imitation des <em>Big Ben<\/em>, ist freistehend, aber aus dem Lot. Es mussten Spezialisten aus Pisa angeheuert werden, um ihn zu st\u00fctzen. Daneben ein traditionelles Pub, das <em>McHugh\u2019s<\/em>, das in den Reisef\u00fchrern empfohlen wird.<\/p>\n<p>Am Lagan steht eine gro\u00dfe, blauwei\u00dfe Lachsfigur aus Keramik, in W\u00fcrdigung des ersten Lachses, der nach der S\u00e4uberung des Lagan hier ausgesetzt wurde.<\/p>\n<p>Wir passieren die <em>Odyssee Arena<\/em>, ein modernes Multifunktionszentrum mit Eislaufhalle. Hier spielen die <em>Giants<\/em>, deren Anh\u00e4nger zu gleichen Teilen Katholiken und Protestanten sind. Geht doch.<\/p>\n<p>Im Hafenviertel stehen zwei gro\u00dfe, gelbe Kr\u00e4ne mit der Aufschrift H&amp;W, der Firma, die die <em>Titanic<\/em> baute und ihr Schwesterschiff, die <em>Olympic<\/em>.<\/p>\n<p>Das ganze Viertel wird restauriert, umgebaut, neugebaut. \u00dcberall stehen Bagger, Bulldozer, Kr\u00e4ne M\u00fcllcontainer, Drahtz\u00e4une. Dazwischen das Trockendock, in dem die Titanic gebaut wurde, umgeben von Grasb\u00fcscheln und Kornblumen.<\/p>\n<p>Zu den ber\u00fchmten Belfastern geh\u00f6ren C.S. Lewis, George Best und Van Morrison. Der City Airport ist tats\u00e4chlich nach George Best benannt!<\/p>\n<p>Belfast hat 509.000 Einwohner, Nordirland insgesamt 1,7 Millionen.<\/p>\n<p>Wir sind im S\u00fcden (Universit\u00e4t) gestartet, dann in den Westen gefahren (Troubles) und sind jetzt im Norden (Hafen). Es fehlt noch der Osten.<\/p>\n<p>Dort steht der <em>Stormont<\/em>, das Parlament, dessen Funktion jetzt wieder ausgesetzt ist. Es steht auf einer Anh\u00f6he, ist aus Portland Stone und hat eine riesige, breite Fassade mit zwei eher n\u00fcchternen Fl\u00fcgeln und einem Mittelrisalit mit Figurenschmuck und sechs S\u00e4ulen, eine f\u00fcr jede Grafschaft Nordirlands. Im Park zu F\u00fc\u00dfen des Geb\u00e4udes steht eine Statue von Carson. Sie ist insofern ungew\u00f6hnlich, als sie noch zu Lebzeiten errichtet wurde. Eine weitere Skulptur zeigt zwei Figuren, die sich \u00fcber einem Abgrund umarmen. Diese Skulptur steht in auch in Jerusalem, Coventry, Berlin und Hiroshima.<\/p>\n<p>Das Geb\u00e4ude war durch seine erh\u00f6hte Lage und durch seine wei\u00dfe Farbe so auff\u00e4llig, dass es im 2. Weltkrieg schwarz gestrichen wurde. Dabei verwendete man <em>bitchement paint<\/em> und Kuhdung. Damit wurde verhindert, dass die Farbe in den Stein eindrang. Sie konnte sp\u00e4ter auch tats\u00e4chlich wieder beseitigt werden, aber einige schwarze Farbreste erinnern noch an die kuriose Geschichte.<\/p>\n<p>\u00dcber die Stadtautobahn geht es zur\u00fcck. Links sieht man Reihenh\u00e4user, die aussehen, als w\u00e4re eine Bombe eingeschlagen. Die Erkl\u00e4rung: Es ist die Kulisse f\u00fcr einen Spielfilm, <em>The Ring<\/em>.<\/p>\n<p>Dann kommen wir an <em>St. George\u2019s Market<\/em> vorbei, der jetzt renoviert und wieder als\u00a0 Markt benutzt wird und im 2. Weltkrieg als Totenhalle diente. Belfast war die nach London am st\u00e4rksten zerst\u00f6rte Stadt im UK \u2013 obwohl man das auch in Bristol, Coventry und Liverpool sagt.<\/p>\n<p>Die Tour endet an der <em>City Hall<\/em>, wohin mich mein Weg nach einer Suppe und einem Sandwich in einem sch\u00e4bigen Schnellimbiss f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Dort werden wir von einer enthusiastischen, kugelrunden Frau gef\u00fchrt, die laut und deutlich, und mit erwartungsvollen Pausen und emphatischer Stimme die eher nichtssagenden Exponate benennt und beschreibt. Sie spricht mir leicht irischem Akzent, erkennbar am nachvokalischen <em>r<\/em> und an ein paar Vokalen, so dass <em>Town Hall<\/em> wie <em>Tine Hall<\/em> klingt und <em>you will<\/em> wie <em>you well<\/em>. Trotz der nur leichten Abweichungen werden einige S\u00e4tze zu exemplarischen Illustrationen von H\u00f6rverstehensschwierigkeiten: \u201eWhen y(o)u c(a)n actu(a)lly see them, you well notice cream (a)n(d) gold.\u201c<\/p>\n<p>Es gibt herzlich wenig zu sehen, eine hohe Kuppel mit Fl\u00fcstergalerie in der Eingangshalle, die Portraits einiger B\u00fcrgermeister, drei Empfangsr\u00e4ume, einen get\u00e4felten Sitzungssaal. Die eigentlichen Sch\u00e4tze sind die Stadturkunden von 1613 und 1888, aber was deren jeweilige Bedeutung ist, bleibt unklar.<\/p>\n<p>Im Sitzungssaal meinen alle Amerikaner, sich auf dem erh\u00f6hten Sitz des B\u00fcrgermeisters photographieren lassen zu m\u00fcssen, aber nicht einmal, sondern immer wieder, alleine, mit Ehefrau, mit Familie und dann die Kinder alleine. Das nimmt gar kein Ende, aber man ist durch Sicherheitst\u00fcren im Sitzungssaal gefangen und kann nicht heimlich ausb\u00fcchsen. Dann kommt zu allem \u00dcbel ein Amerikaner auf die Idee, sich mit der Robe des B\u00fcrgermeisters photographieren zu lassen, und die ganze Prozedur geht wieder von vorne los.<\/p>\n<p>Bei den Ratssitzungen gibt es die vern\u00fcnftige Regelung, dass die maximale Redezeit 5 Minuten betr\u00e4gt. Bei den Sitzungen geht es oft hoch her, aber <em>Sinn Fein<\/em> ist seit 28 Jahren im Stadtrat vertreten und arbeitet bestens mir den anderen Parteien zusammen! Das ist f\u00fcr mich die wichtigste Information der gesamten F\u00fchrung und zeigt die Absurdit\u00e4t des ganzen Konflikts. Ansonsten bin ich froh, wieder raus zu sein.<\/p>\n<p>Donegal ist \u00fcberall: Es gibt <em>Donegal Square<\/em>, <em>Donegal Place<\/em>, <em>Donegal Quay<\/em>, <em>Donegal<\/em> <em>Road<\/em> und <em>Donegal Pass<\/em>!<\/p>\n<p>Laut Prospekt kann man in Belfast das Geburtshaus Wellingtons besichtigen. In Dublin kann man das auch!<\/p>\n<p>Die meisten, aber durchaus nicht alle nordirischen Protestanten sind f\u00fcr einen Verbleib beim Vereinigten K\u00f6nigreich: 20% sind f\u00fcr eine Union mit Irland! Bei den Katholiken zieht ein starke Minderheit, knapp die H\u00e4lfte, eine konf\u00f6derierte L\u00f6sung vor, nur gut ein Viertel will die Vereinigung mit Irland und ein F\u00fcnftel zieht es vor, beim Vereinigten K\u00f6nigreich zu bleiben! Die anderen, Engl\u00e4nder, Schotten und Waliser, haben dagegen in der Mehrheit die Nase voll und wollen Nordirland irgendwie loswerden \u2013 am besten durch eine Vereinigung mit Irland!<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">7. Juni (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Auf dem Weg in die Stadt komme ich an der <em>Botanic Pharmacy<\/em> vorbei. Es gibt hier keine besonderen Produkte wie Naturmedizin, sondern die Apotheke hei\u00dft nur so, weil sie auf der <em>Botanic Avenue<\/em> liegt.<\/p>\n<p>Zuerst muss ich meine R\u00fcckfahrt organisieren. Der Zug von der <em>Botanic Station<\/em> zum Hauptbahnhof f\u00e4hrt nach <em>Bangor<\/em>. Ich dachte immer, das l\u00e4ge in Wales. Wieder was dazugelernt.<\/p>\n<p>Dann geht es ins Zentrum. Die Statue von K\u00f6nigin Viktoria vor der <em>City Hall<\/em>, matronenhaft wie immer, ist umgeben von ihren Belfaster \u201aKindern\u2019, einem Schiffsbauer, seiner Frau, einer Leinenweberin und ihrem Sohn, einem Studenten.<\/p>\n<p>Nach einem Spaziergang Richtung Hafen entscheide ich mich gegen eine Hafenrundfahrt und buche ich eine Tour \u00fcber die <em>Sandy Row<\/em>. Das sollte ich bald bereuen. Den Treffpunkt zu finden, war schwer genug, und dann finde ich mich als einziger Teilnehmer in der Gesellschaft eines F\u00fchrers, den ich nicht verstehe, einem Mann aus dem Arbeitermilieu, der, selbst wenn er wollte, seine Sprache nicht auf die Bed\u00fcrfnisse eines Ausl\u00e4nders einstellen k\u00f6nnte. Allm\u00e4hlich finde ich einige Entsprechungen heraus: <em>Waithall<\/em>, wo er geboren ist, ist <em>Whitehall<\/em>, <em>belt<\/em> ist <em>built<\/em>, <em>sex<\/em> ist <em>six<\/em>, <em>gets<\/em> ist <em>gates<\/em> und <em>Lanfield<\/em> ist <em>Linfield<\/em>. Auch <em>hospittle<\/em>, auf der zweiten Silbe betont, erschlie\u00dft sich mir erst beim zweiten Mal als <em>hospital<\/em>, und <em>song<\/em> wird so gedehnt, dass es kaum identifizierbar ist.<\/p>\n<p>Kenntnis von Belfast und seinen Stadtteilen wird nat\u00fcrlich vorausgesetzt, und als \u00fcberzeugter Vertreter der protestantischen Sache unterstellt er auch, dass man wissen muss, worum es sich bei <em>The Hall<\/em> handelt, was <em>The<\/em> <em>Twelfth<\/em> ist und wer <em>King Billy<\/em> ist, der wie <em>King\u00a0 Belly<\/em> klingt, n\u00e4mlich die Festhalle des Orange Order, der Tag der Siegesfeiern und William of Orange.<\/p>\n<p>Die Kommentare, obwohl keineswegs militant, sondern sehr jovial vorgetragen, sind getrieben von provinzieller Enge und kleingeistiger Ideologie. Die hat man wie den Namen oder die Nationalit\u00e4t einfach angenommen. Sie in Frag zu stellen, kommt nicht in Frage.<\/p>\n<p>Belfast ist eine Stadt der Superlative. Es hat die gr\u00f6\u00dfte Werft, die gr\u00f6\u00dften Tabakfabriken und die gr\u00f6\u00dfte Leinenproduktion der Welt. Zu sehen ist von all dem nichts. Daf\u00fcr weidet man sich an stillgelegten Fabriken und beschw\u00f6rt deren glorreiche Vergangenheit, erg\u00f6tzt sich an <em>Mission Schools<\/em> und Kriegsdenkm\u00e4lern, Stra\u00dfennamen, die sich von protestantischen <em>Covenanters<\/em> ableiten, sektiererischen Kirchen, an dem Laden, dessen Besitzer der Sch\u00fctze des einzigen Tors war, als Nordirland England zum ersten Mal besiegte, und einer Stelle, an der William of Orange auf dem Weg zu der Schlacht am Boyne vorbeigekommen sein soll.<\/p>\n<p>Zwischendurch muss ich mir in einem Gesch\u00e4ft Trommeln ansehen, die f\u00fcr die <em>Orange Parade<\/em> hergestellt werden, und zum Schluss muss ich auch noch mit in die <em>Orange Hall<\/em>, wo es nach den f\u00fcnfziger Jahren mieft, einem Mittelding aus Jugendheim und Bahnhofhalle, wo alle die Paraphernalia des <em>Orange Order<\/em> aufbewahrt werden.<\/p>\n<p>Der Mann selbst kommt mir wie eine Mischung aus Fu\u00dfballwart, Obermessdiener und Pfadfinderf\u00fchrer vor. Am Ende fragt er mich, ob er nicht einige der Klischees \u00fcber die Orange Men beseitigt habe.<\/p>\n<p>Ich f\u00fchle mich regelrecht befreit, als ich die Halle wieder verlassen kann, durch die frische Luft und die Sonne ins Leben zur\u00fcckgekehrt.<\/p>\n<p>Am Nachmittag geht es dann zur Universit\u00e4t. Hier herrscht Provinzialismus der gehobenen Art. Hier sind das Palmenhaus und das Tropenhaus, die neugotische Fassade und ein Mann namens Kevin die Weltwunder. Der Bau ist von einem gewissen Layton gebaut, der f\u00fcr halb Belfast zust\u00e4ndig ist. Mehr als das Pr\u00e4dikat <em>sch\u00f6n<\/em> wurde man ihm nicht geben, aber das kann man ihm wie dem ganzen Campus nicht versagen.<\/p>\n<p>In einer Festhalle ist unter den Portraits das von Mary McAleese, der jetzigen Pr\u00e4sidentin, nicht weil sie hier studiert h\u00e4tte, sondern weil sie hier lehrte. Sowohl sie als auch Mary Robinson, ihre Vorg\u00e4ngerin, sind Absolventen des TCD!<\/p>\n<p>Wieder bin ich der einzige bei der F\u00fchrung. Angesichts der Nichtigkeit der Erkl\u00e4rungen etwas unangenehm, aber gl\u00fccklicherweise findet sich in gemeinsamen Reiseerfahrungen in Kuba ein Thema.<\/p>\n<p>Dann gibt es doch noch etwas Interessantes, einen in der N\u00e4he gelegenen Friedhof mit schiefen, bemoosten Grabsteinen aller Art und wildem Pflanzenwuchs auf unregelm\u00e4\u00dfigem Terrain. Paradoxerweise sehe ich hier, bei den Toten, zum erstem Mal \u00fcberhaupt Zeugnisse aus Belfast aus der Zeit vor seiner Erhebung zur Stadt 1888. Allerdings lag der Friedhof vermutlich au\u00dferhalb der Stadtgrenze. Er wurde zun\u00e4chst von beiden Konfessionen benutzt, wurde dann aber immer katholischer, vermutlich, weil er zur Zeit der <em>Penal Laws<\/em>, als der Kult untersagt oder erschwert war, als Kultst\u00e4tte benutzt wurde. Auf dem Friedhof w\u00e4chst im Zentrum ein Wei\u00dfdorn, ein Baum, der sich aufgrund der niederfallenden Bl\u00fcten selbst vermehrt. Neben den \u00e4lteren einfachen Grabsteinen mit Handwerkersymbolen gibt es ein eigentlich eher unpassendes Mausoleum, wohl zur Abwehr von <em>body snatchers<\/em>. Etwas prunkvollere Grabm\u00e4ler gibt es aus dem 19. Jahrhundert, u.a. das des Gr\u00fcnders der ersten Zeitung Belfasts, die sich auf die Seite der <em>Repealers<\/em> schlug, derjenigen, die die <em>Penal Laws<\/em> abschaffen wollten, und das des Erfinders des <em>bap<\/em>, einem weichen Pendant zu unserem Br\u00f6tchen und dem B\u00e4cker Belfasts, der als erster Brot nach Gewicht verkaufte.<\/p>\n<p>Noch am sp\u00e4ten Nachmittag geht es wieder nach Dublin zur\u00fcck, diesmal in einem \u00e4lteren, vielleicht von einer anderen Linie betriebenen Zug, mit Waggons mit Holzimitationsverkleidung und gr\u00fcnen Polstern auf rostfarbenen Eisenstangen. Obwohl der Zug durch das historisch bedeutendere Antrim f\u00e4hrt, h\u00e4lt er nicht dort, sondern in Portadown und Newby, und unmittelbar danach sind wir wieder in der Republik, und wieder ist die Grenze mir entgangen. Die n\u00e4chste Station, Dundalk, ist schon wieder zweisprachig, und nur daran kann man erkennen, dass man die Grenze passiert hat.<\/p>\n<p>Im Reisef\u00fchrer lese ich, dass ich in Belfast eines der Highlights Nordirlands verpasst habe: Ein Bier im <em>Crown Liquor Saloon<\/em>, einem Viktorianisches Ginpalast.<\/p>\n<p>Am Abend nach der R\u00fcckkehr nach Dublin noch Spaziergang mit Photoapparat durch den Sonnenschein. Anschlie\u00dfend Abendessen in einem eleganten Pub im Art Deco Stil in der <em>Talbot Street<\/em>. Dabei eine merkw\u00fcrdige Erfahrung gemacht: Die Kellnerin behauptet, Spanierin zu sein, spricht aber kein Spanisch, aber Englisch ist keinesfalls ihre Muttersprache.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">8. Juni (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Wieder von strahlendem Sonnenschein geweckt. Ich warte immer noch auf den ersten Regentropfen der Reise \u2013 in diesem Land, in dem es angeblich jeden Tag regnet.<\/p>\n<p>Getr\u00e4umt, dass Deutschland gegen Costa Rica gespielt und ich das Ergebnis nicht erfahren habe. Die Fernbedienung reagiert nicht, und wenn, dann bringt sie immer die falschen Seiten im Teletext.<\/p>\n<p>Der Fund von zwei r\u00f6mischen Soldaten in voller R\u00fcstung wurde von den Autorit\u00e4ten verdr\u00e4ngt, da er mit der g\u00e4ngigen Lehrmeinung eines keltischen Irland nicht zu vereinbaren war. Als dann eine gro\u00dfe r\u00f6mische K\u00fcstenfestung entdeckt wurde, wurde der Fund jahrzehntelang geheim gehalten.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zu <em>St. Michan\u2019s<\/em>, meinem ersten Ziel f\u00fcr heute, mache ich Photos von <em>Cyclelogical<\/em>, einem Fahrradgesch\u00e4ft, <em>Get Stuffed<\/em>, einem Lokal, und <em>Just Cuts<\/em>, einen Friseursalon.<\/p>\n<p><em>St. Michan\u2019s Church<\/em>, \u00fcber deren Aussprache sich die Dubliner nicht einig zu sein scheinen, ist in der <em>Church Street<\/em>. Ich aber verstehe, entgegen aller Plausibilit\u00e4t, <em>Short Street<\/em> und suche diese vergeblich.<\/p>\n<p>Die Kirche mit ihrem grauen, quadratischen Turm erinnert an englische Pfarrkirchen auf dem Land. Sie war die erste Kirche auf dieser, der unhistorischen Seite des Liffey, die dann schnell wuchs und reich wurde.<\/p>\n<p>Der einschiffige Kirchenraum ist ganz einfach, mit Paneele und Ausstattung in dunklem Holz.<\/p>\n<p>Unter der Orgel eine aus einem St\u00fcck geschnitzte Skulptur von mehr als einem Dutzend Musikinstrumenten. Dieses Motiv befand sich fr\u00fcher auf der irischen 50- Pfund-Note.<\/p>\n<p>Vorne ein <em>Penitence Chair<\/em>, ein Stuhl, auf dem man fr\u00fcher mitten in der Kirche Platz nehmen und \u00f6ffentlich seine Vergehen beichten konnte, um Vergebung zu erlangen. Ein Dall ist belegt, bei dem ein Mann, der sich wegen des Begr\u00e4bnis seines Sohnes mit dem Klerus \u00fcberworfen hatte, vom <em>churchwarden<\/em> in die Kirche gef\u00fchrt und auf den Stuhl gesetzt wurde.<\/p>\n<p>Dann geht es mit F\u00fchrung\u00a0 in die Krypta, die den eigentlichen Schatz der Kirche enth\u00e4lt, nicht verweste Leichen. Der F\u00fchrer empf\u00e4ngt uns in der Vorhalle mit Kaffeebecher in der einen und Zigarette in der anderen Hand, trotz einer Bandage an einem Arm. Er kennt Trier, kennt sich bestens mit\u00a0 Fu\u00dfball und Rockmusik aus und hat f\u00fcr jeden von uns, au\u00dfer mir ein holl\u00e4ndisches Paar, das immer die Ferien in Irland verbringt und zwei Amerikanerinnen, ein nettes Wort. Er macht die F\u00fchrung witzig und ohne Angst vor Dramatisierung. Es geht \u00fcber den Kirchhof, und steigt man in die \u201aKrypta\u2019 hinab, durch eine mit schwarzen Stahlplatten geschlossene Luke, wie in einen Kohlenkeller.<\/p>\n<p>Es gibt mehrere G\u00e4nge, mit Grabkammern hinter Gittern zu beiden Seiten. Wir sehen zwei. Der erste ist ganz kurz und enth\u00e4lt unversehrte Skelette in vier Holzs\u00e4rgen, 400-800 Jahre alt, drei nebeneinander und einer quer dahinter. Die Skelette sind durch die Trockenheit der Kammern und die Pr\u00e4senz bestimmter Gase erhalten geblieben.<\/p>\n<p>Rechts und links jeweils eine Frau. Eine von ihnen war wahrscheinlich eine Nonne. Sie hat ganz feingliedrige Finger und Zehen und perfekt erhaltene Zehenn\u00e4gel. Dem Mann in der Mitte fehlen beide F\u00fc\u00dfe und eine Hand. Die Frage ist, warum. Die F\u00fc\u00dfe k\u00f6nnten m\u00f6glicherweise abgetrennt worden sein, damit er in den Sarg passte, aber warum dann die abgehackte Hand? War es ein Unfall? Eine Strafe? Eine Kriegsverletzung? Selbstzerst\u00fcmmelung? Da die Hand ganz sauber abgetrennt ist, glaubt man eher an eine Strafe, z.B. f\u00fcr einen Dieb, aber dann stellt sich die Frage, warum er hier begraben werden konnte. Eventuell ist es ein reuiger Verbrecher, der sp\u00e4ter Priester wurde. Der Mann hinten hat die Beine \u00fcber Kreuz, was oft als Zeichen daf\u00fcr angesehen wird, dass es sich um einen Kreuzfahrer handelt. Er war riesengro\u00df und hat lange Finger, von denen zwei an einer Hand fehlen. Wahrscheinlich geschah das erst nach dem Tod, durch Pilger, Verehrer, Fans, die seine Mittelfinger ber\u00fchrten, um dadurch seine Kraft auf sich zu \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Dann kommt der gro\u00dfe Moment: Das Gitter wird beiseite geschoben, und wir d\u00fcrfen selbst die Erfahrung machen, wie es sich anf\u00fchlt. Das Ergebnis: Wenn man nicht w\u00fcsste, was man da ber\u00fchrt, w\u00fcrde man auf Holz tippen. Eigentlich nichts Besonderes, aber trotzdem l\u00e4uft einem ein kleiner Schauder \u00fcber den R\u00fccken.<\/p>\n<p>Der zweite Gang ist anders. Hier liegen Adelige in kunstvoll beschlagenen S\u00e4rgen und der Quantenphysiker Hamilton vom TCD. Die Gr\u00fcfte geh\u00f6ren Familien und k\u00f6nnen auch heute noch benutzt werden. Tats\u00e4chlich stehen in einer Grabkammer\u00a0 zwei Urnen mit der Asche von k\u00fcrzlich Verstorbenen.<\/p>\n<p>In einer weiteren Grabkammer die S\u00e4rge zweier Br\u00fcder, die bei der Revolution von 1798 hingerichtet wurden. Davor das Todesurteil, das besagt, dass sie gehenkt werden sollten, aber nicht bis zu Tode. Vor Eintritt des Todes sollten sie heruntergenommen, ihrer Ged\u00e4rme beraubt, gevierteilt und verbrannt werden.<\/p>\n<p>Dahinter die Totenmaske Wolfe Tones, der sich, um dieser Strafe zu entgehen, selbst die Kehle durchschnitt.<\/p>\n<p>Dann geht es zur\u00fcck ins Zentrum. Ich glaube, mich hier inzwischen auszukennen. Die Strafe folgt auf dem Fu\u00dfe. St\u00e4ndig verlaufe ich mich, und au\u00dferdem wei\u00df ich nicht mehr, was am <em>Merrion Square<\/em> und was am <em>St. Stephen\u2019s Green<\/em> liegt. Nachdem ich ein paar mal hin und her gelaufen bin, komme ich endlich zu Kardinal Newmans Haus und muss erfahren, dass es heute geschlossen ist. Dies ist mein dritter vergeblicher Versuch bei meinem dritten Dublinbesuch.<\/p>\n<p>Als ich zur <em>National Gallery<\/em> komme, merke ich, dass die Ausstellung zu Yeats, bei dem <em>Georgian Walk<\/em> empfohlen, nicht hier, sondern in der <em>National Library<\/em> ist. Und das Hotel, das f\u00fcr die <em>afternoon teas<\/em> empfohlen wurde, scheint wie vom Erdboden verschwunden. Kein Wunder, hatte die F\u00fchrerin doch gesagt, dass es vornehm unauff\u00e4llig ist.<\/p>\n<p>Am Ende finde ich eher zuf\u00e4llig die <em>National Library<\/em>. Es ist eine hochmoderne Ausstellung mit Tonbandaufnahmen, Kurzfilmen und elektronischen Installationen. Gl\u00fccklicherweise komme ich gerade rechtzeitig zu einer F\u00fchrung, die einem hilft, die F\u00fclle der Informationen zu kanalisieren. Die F\u00fchrerin spricht \/t\/ \u201airisch\u2019 aus, fast als Reibelaut, nicht weit von \/\u00a9\/ entfernt. Hin und wieder versteht man erst im zweiten Anlauf: \u201ethe leshers he wrote\u201c, \u201ethe hash he wore at the ceremony\u201c, \u201ewhen World War I broke oush\u201c.<\/p>\n<p>Yeats entstammte einer begabten Familie, von beiden Seiten. Sein Vater gab seine Rechtsanwaltskarriere auf, um K\u00fcnstler zu werden. Her sieht man ein bemerkenswert modernes Selbstportrait.<\/p>\n<p>Daneben erste k\u00fcnstlerische Versuche des Sohns und Schulzeugnisse, aus denen hervorgeht, dass er kein besonders guter Sch\u00fcler war, auch in Englisch nicht, und dass er Probleme mit der Rechtschreibung hatte.<\/p>\n<p>\u00dcber die Theosophie kam Yeats zu Spiritualismus und Magie &#8211; hier ist sogar ein Zauberstab ausgestellt \u2013 und \u00fcber das Okkulte zum Mystischen.<\/p>\n<p>Yeats litt sehr unter anf\u00e4nglichen Misserfolgen und verstand nicht, warum die Iren das <em>Abbey Theatre<\/em> nicht mit mehr Begeisterung aufnahmen. Es gelang ihm aber schlie\u00dflich, das <em>Abbey Theatre<\/em> zum ersten staatlich finanzierten Theater der englischen Welt zu machen. \u00d6ffentlich und lautstark mischte er sich in die Fragen seiner Zeit, z.B. die der Scheidung, ein.<\/p>\n<p>Mit 21 verliebte er sich Hals \u00fcber Kopf in die gutaussehende Maud Goone, war aber wohl mindestens so sehr in seine Obsession verliebt wie in sie. Er hatte lange \u00fcber \u00fcbernat\u00fcrliche Sch\u00f6nheit nachgebr\u00fctet, und sie kam ihm gerade recht. Sie hielt ihn aber, da sie sich selbst erst gerade emanzipiert hatte, auf Distanz, ohne ihn zur\u00fcckzuweisen und schaffte es, eine franz\u00f6sische Aff\u00e4re und zwei uneheliche Kinder vor ihm geheim zu halten!<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich machte er Maud Goone und deren Tochter gleichzeitig einen Heiratsantrag &#8211; und wurde von beiden abgewiesen. Da die Sterne gerade gut standen, machte er einer dritten Frau, Geordie Hyde Lees, auch einen Antrag. Der wurde angenommen. Sie war gebildet und hatte sich der Esoterik verschrieben. Sie praktizierte <em>automatic writing<\/em>, einen Schaffensprozess, bei dem man sich die Hand von Geistern f\u00fchren l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Yeats legte gr\u00f6\u00dften Wert auf die richtige Diktion beim Lesen von Gedichten. Er entwickelte einen Sprechgesang, und lie\u00df ein eigenes Instrument bauen, eine <em>psaltery<\/em>, ein Art Zither oder Harfe, auf der er und seine Partnerin, Florence Farr, sich bei ihren \u00f6ffentlichen Lesungen, bei denen sie ihre Methode erkl\u00e4rten, gegenseitig begleiteten.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter kam er zu Ehren. 1922 wurde er Senator und dann wurde ihm der Dr. h.c. des TCD verliehen. 1923 bekam er den Nobelpreis. Hier sind die Medaille und der Zylinder zu sehen sowie der gemeinsame Pass f\u00fcr die Einreise nach Schweden f\u00fcr ihn und seine Frau.<\/p>\n<p>Er wurde auch zum Herausgeber der Oxforder Lyrikanthologie. Die Auswahl war allerdings umstritten: Seine Freundin Dorothy Wellesley ist stark vertreten, Rupert Brooke und Wilfried Owen \u00fcberhaupt nicht.<\/p>\n<p>Vom Osteraufstand war er schockiert und schrieb Gedichte, die sein Entsetzen zum Ausdruck brachten. Sp\u00e4ter zog er sich nach Rapallo zur\u00fcck, wo er Kontakt zu Ezra Pound und Hauptmann hatte.<\/p>\n<p>Auf seinem Grabstein steht die Inschrift: \u201eCast a cold eye on life, on death, horseman, pass by.\u201c<\/p>\n<p>Dann geht es zum <em>Georgian House<\/em>, einer weiteren beim <em>Georgian Walk<\/em> empfohlenen Besichtigung. In einem Akt von Vandalismus hat das Elektrizit\u00e4tswerk eine ganze H\u00e4userreihe abgerissen und dann aus schlechtem Gewissen oder in Reaktion auf die Kritik dieses Museum eingerichtet, mit Ausstattungsst\u00fccken aus ebendiesen abgerissenen H\u00e4usern.<\/p>\n<p>Die K\u00fcche wie die Vorratskammer befinden sich im Keller, ebenso wie die Wohnung der Haush\u00e4lterin. Nur sie und die Gouvernante wohnten hier, die anderen Bediensteten kamen nur zur Arbeit.<\/p>\n<p>Auf dem K\u00fcchentisch steht eine Schachtel mit F\u00e4chern f\u00fcr die verschiedenen Gew\u00fcrze \u2013 verschlie\u00dfbar. Gew\u00fcrze waren kostbar. Die Haush\u00e4lterin bewahrte den Schl\u00fcssel auf.\u00a0 Vor dem Herd eine h\u00f6lzerne, mobile Vorrichtung, auf der die Teller vorgew\u00e4rmt werden konnten. Auf einem Regal sch\u00f6n aufgereiht das Porzellan. Die Dienerschaft a\u00df von Holzgeschirr.<\/p>\n<p>In der Vorratskammer h\u00e4ngt ein l\u00e4ngliches Brett von der Decke, das zuerst R\u00e4tsel aufgibt. Wozu dient es? Es ist das Rattenbord. Hier lagerte man Vorr\u00e4te, an die die Ratten keinesfalls herankommen sollten. Durch ein Fenster kann man in den Raum der Haush\u00e4lterin sehen, oder besser umgekehrt. Durch dieses Fenster kontrollierte sie, ob sich jemand heimlich an die Vorr\u00e4te machte.<\/p>\n<p>Im Gang h\u00e4ngen verschiedene Schellen mit verschiedenen T\u00f6nen. An ihrem Klang konnte man erkennen, wo man verlangt wurde.<\/p>\n<p>Im Erdgeschoss in der Eingangshalle ist gleich hinter der T\u00fcr an der Wand ein breites Messinggel\u00e4nder angebracht. Hier wurden die oft vom Regen nassen M\u00e4ntel der Besucher abgelegt. Man nannte das Gel\u00e4nder aber auch <em>whiskey rail<\/em>, denn es war auch eine St\u00fctze und Orientierungshilfe f\u00fcr den abends nach Hause zur\u00fcckkehrenden Hausherrn.<\/p>\n<p>Ihm gegen\u00fcber steht ein scheinbar nutzloses M\u00f6belst\u00fcck, eine Art Sideboard, niedrig und ohne Platz f\u00fcr die Ablage, an dem vorne ein Spiegel angebracht ist, der bis zum Boden reicht. Hier konnten die Frauen kontrollieren, ob ihr Unterrock unter dem Kleid hervorguckte.<\/p>\n<p>Im Esszimmer steht ein gedeckter Tisch. In einer Vitrine Glasgef\u00e4\u00dfe aller Art, die vermutlich nur zur Dekoration dienten. Das Glas war dunkler als heute, da der Bleianteil gr\u00f6\u00dfer war.<\/p>\n<p>Auf dem Boden neben dem Tisch steht ein rundes Holzfass, mit einem senkrechten Schlitz. Wieder fragt man sich, wozu das gut sei kann. Es ist der Beh\u00e4lter, in dem die vorgew\u00e4rmten Teller aus der K\u00fcche hierher gebracht wurden.<\/p>\n<p>Daneben steht eine Art Trommel mit einem Schubfach. Auch die Nennung der Bezeichnung, <em>Men\u2019s Comforter<\/em>, bringt einen noch nicht unbedingt auf die Funktion:\u00a0 Nach dem R\u00fcckzug der Damen konnten sich die Herren hierein erleichtern, ohne aufstehen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Im ersten Obergeschoss gibt es einen Raum zur Stra\u00dfe hin, in dem die Damen parlierten &#8211; ohne sich zu setzen: Der Reifrock verhinderte das. An den Fenstern schwere blaue Wollvorh\u00e4nge. Sie wurden nie geschlossen. Sie dienten nur der Zurschaustellung des Wohlstands.<\/p>\n<p>Ein Teil des Raumes ist abtrennbar. Dort stehen Musikinstrumente und Spieltische. Vor dem Kanin ein <em>pole<\/em>, ein Schutzschild gegen allzu gro\u00dfe Hitze. Die w\u00fcrde die Wachsmaske zerflie\u00dfen lassen, die Frauen wie M\u00e4nner trugen \u2013 auch um Pockennarben unsichtbar zu machen.<\/p>\n<p>Im 2. Obergeschoss befindet sich das Boudoir, der Raum, in den sich die Hausherrin zur\u00fcckziehen konnte. In diesem Geschoss liegen keine Teppiche mehr, sondern Matten.<\/p>\n<p>In einem Ankleideraum sieht man einen Stiefelknecht. Es gab keine Unterscheidung zwischen linken und rechtem Schuh.<\/p>\n<p>Im Schlafzimmer ein sehr kurzes und hohes Bett, so hoch, dass man \u00fcber ein kleines Treppengestell hineinklettern musste. Das Bett hatte einen Vorhang, der nachts immer zugezogen wurde. Man wollte sich gegen Infektionen und Zugluft sch\u00fctzen. An der Wand ein Anrichte mit vielen Schubladen f\u00fcr die Kleidung. Schr\u00e4nke gab es nicht. Die Kleidung wurde nie aufgeh\u00e4ngt, sondern gefaltet.<\/p>\n<p>Im 3. Obergeschoss das Kinderzimmer und das der Gouvernante. An den W\u00e4nden Bild- und Schrifttafeln, mit denen unterrichtet wurde. Daneben Stickereiproben der Gouvernante, die man bei der Stellensuche vorlegte. Sie formten sozusagen einen Teil des Lebenslaufs.<\/p>\n<p>Im Kinderzimmer ein <em>baby crib<\/em>, eine H\u00e4ngevorrichtung, in der das Baby geschaukelt werden konnte. Sp\u00e4ter konnte es abgenommen und auf den Boden gestellt werden und diente dann als Laufstall und Gehhilfe.<\/p>\n<p>Kleine Jungen wurden wie M\u00e4dchen angezogen und man lie\u00df ihnen die Haare lang wachsen. Da sie wertvoller waren, f\u00fcrchtete man, dass sie von Elfen entf\u00fchrt werden k\u00f6nnten und wollte mit dieser Strategie die Elfen austricksen. Mit diesem sch\u00f6nen Clou endet die Besichtigung.<\/p>\n<p>Wundgelaufene F\u00fc\u00dfe und Blasen sind die Quittung f\u00fcrs Umherirren. Am Ende geht es nur noch in eine Apotheke und in eine Buchhandlung. Dort kaufe ich einen modernen irischen Roman, einen Erfahrungsbericht eines amerikanischen Einwanderers, eine Geschichte Irlands und eine Geschichte des Osteraufstands.<\/p>\n<p>In der Geschichte werden historische Klischees zurechtger\u00fcckt: Die <em>Penal Laws<\/em> wurden nicht sehr systematisch angewandt und hatten kaum praktische Bedeutung f\u00fcr die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung. Und ihre Aufhebung auch nicht. Auch die einfache Gleichsetzung Hungersnot und R\u00fcckgang des G\u00e4lischen kann nicht aufrechterhalten werden. Das G\u00e4lische war schon vorher auf dem R\u00fcckzug, vermutlich als Folge der Union mit Gro\u00dfbritannien.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">9. Juni (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Am fr\u00fchen Morgen dauert die Fahrt zum Flughafen gerade mal eine Viertelstunde. Auf den Stra\u00dfen ist nichts los, umso mehr aber in der Abflughalle am Flughafen. Die in den G\u00e4ngen stehenden, sternf\u00f6rmig angeordneten Automaten, an denen man selbst einchecken kann und die f\u00fcr Entlastung sorgen sollen, machen die Sache noch un\u00fcbersichtlicher. Der Verlauf der Schlangen ist nicht zu \u00fcberblicken, Leute dr\u00e4ngeln sich vor, die Angestellten verschwinden zwischenzeitlich, und in meiner Schlange geht gar nichts, als zwei Blondinen mit einem Kinderwagen einchecken wollen und nach ihnen zwei junge Leute mit Fahrr\u00e4dern. Als man dann endlich durch ist, wird man in die hinterste Ecke des Flughafens geschickt, zu einem Anbau, in dem man \u00fcber einen langen, sich mehrmals windenden provisorischen Gang gelangt. Dann geht es mit einer Versp\u00e4tung von 45 Minuten los, und als ich endlich zu Hause ankomme, sind seit dem Aufstehen, die Stunde Zeitverlust mitgerechnet, acht Stunden vergangen.<\/p>\n<p>Im Flugzeug Zeit f\u00fcr Lekt\u00fcre in alten und neuen B\u00fcchern \u00fcber Irland. Derry bzw. Londonderry wird auch <em>Stroke City<\/em> genannt, wegen der diplomatischen Schreibweise in vielen britischen Medien.<\/p>\n<p>Dublin hat in fast allen Monaten des Jahres den geringsten Niederschlag unter acht ausgew\u00e4hlten Orten ganz Irlands. Nur in den Sommermonaten wird es von Kilkenny unterboten.<\/p>\n<p>Die lange vertretene und auch heute g\u00e4ngige These, Irland sei ein r\u00f6merfreies Land gewesen, muss revidiert werden. Dem Fund von zwei Skeletten in voller R\u00fcstung hat man lange Zeit keine Bedeutung beigemessen, weil er nicht zur Vorstellung eines rein keltischen Irland passte. Als dann ein ganzes Lager ausgegraben wurde, versuchte man sogar, den Fund geheim zu halten.<\/p>\n<p>\u201aI have travelled a hundred and fifty miles to see <em>that<\/em>?\u2019 hat Thackery gesagt, als er am <em>Giant\u2019s Causeway<\/em> ankam. Besonders beeindruckt scheint er nicht gewesen zu sein, und beklagte sich au\u00dferdem \u00fcber die Touristen und die Touristenf\u00fchrer. Auch das, was man \u00fcber den <em>Giant\u2019s Causeway<\/em> heute liest, klingt nicht allzu verlockend. Ganz anders der <em>Rock of<\/em> <em>Cashel<\/em>, auf den ich diesmal verzichtete, in der irrigen Annahme, es handele sich \u201enur\u201c um einen Felsen. Steht f\u00fcr das n\u00e4chste Mal auf dem Programm.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">10. Juni (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Sp\u00e4te Ankunft in Dublin, und dann dauert die Passkontrolle endlos lang, aber dann geht alles glatt: Ich habe kein Gep\u00e4ck, der Bus steht sozusagen abfahrbereit, und nennenswerter Verkehr gibt es zu dieser Zeit auch nicht. Im Bus sitzt ganz vorne ein italienisches Ehepaar. Der Busfahrer wechselt sofort ins Italienische, als er das merkt. Seine Mutter ist Italienerin, und er spricht ganz passabel. Das Gespr\u00e4ch l\u00e4sst kein Klischee aus.<\/p>\n<p>Das winzig kleine Zimmer des Hotels grenzt an den Innenhof einer Kneipe, und die lauten Stimmen, Musik und die Lachsalven dringen nach oben, aber ich bin m\u00fcde genug, um mich nicht daran zu st\u00f6ren.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">11. Juni\u00a0 (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck frage ich die Kellnerin: \u201cHave you got some marmalade?\u201d Ihre Antwort, durch die sie sich sofort als Ausl\u00e4nderin zu erkennen gibt, lautet: \u201cYes.\u201d<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend suche ich wie vor vier Jahren das <em>O\u2019Reilly Institute<\/em>. Obwohl ich auf der richtigen Stra\u00dfe bin, bekomme ich Zweifel und frage Passanten. Keiner wei\u00df es. Dann gehe ich in ein Geb\u00e4ude, von dem ich annehme, es geh\u00f6re zum <em>TCD<\/em>. Dort muss ich aber erst erkl\u00e4ren, dass das <em>O\u2019Reilly Institute<\/em> zum <em>TCD<\/em> geh\u00f6rt, denn dies ist das Gesundheitsamt. Man will man mich zum Haupteingang zur\u00fcckschicken, aber da bin ich mir ganz sicher, dass es falsch ist. Schlie\u00dflich finde ich das Institut doch noch, an einer Stra\u00dfenkreuzung, hinter einem Bauzaun versteckt. Eine Freitreppe f\u00fchrt zum Eingang, einer Dreht\u00fcr, aber die dreht sich nicht. Ich gehe um das Geb\u00e4ude herum und komme zum Seiteneingang, aber da steht: \u201eNo Entry\u201c. Erst hinten finde ich eine Treppe, die zum <em>O\u2019Reilly Institute<\/em> hinauff\u00fchrt. Von einem M\u00e4dchen an der Rezeption, das von dem Konferenz nichts wei\u00df, werde ich in den Keller geschickt. Dort verlaufe ich mich und schlie\u00dfe mich am Ende unfreiwillig in den Computerr\u00e4umen ein. Au\u00dfer mir ist keiner hier, ich wei\u00df nicht, wie die Sicherheitst\u00fcr zu \u00f6ffnen ist, und auf ein Klopfen regiert der einzige Mensch nicht, der w\u00e4hrend der Zeit meiner Gefangenschaft \u00fcber den Gang an der gl\u00e4sernen Sicherheitst\u00fcr vorbeigeht. Ziemlich ratlos und aufgeregt wegen der fortgeschrittenen Zeit irre ich zwischen den Computern hin und her und den Gang auf und ab. Irgendwann kommt dann die Erl\u00f6sung in Form eines Mannes, der in die R\u00e4ume kommt. Als ich gerade an ihm vorbei gehen will, erkenne ich ihn als Carl Vogel, den Gastgeber der Konferenz.<\/p>\n<p>Der Rest des Tages verl\u00e4uft erfreulicher. Die Konferenz ist interessant und findet in angenehmer Atmosph\u00e4re statt. Ich bin der einzige Deutsche. Alle anderen sind Franzosen und Belgier. Au\u00dferdem bin ich der einzige Philologe, die anderen sind Computerspezialisten, obwohl sie sich nicht als solche verstehen. Immer wieder f\u00e4llt das Wort <em>engineering<\/em>.<\/p>\n<p>Im Verlauf der Tagung wird mir die Struktur des Instituts klar und auch die relativ gro\u00dfen \u00dcbereinstimmungen in den Lehrbereichen. Und ich verstehe auch, warum wir in den letzten Jahren kaum noch Austauschstudenten vom <em>TCD<\/em> bekommen haben: Es gibt keine. Die Studentenzahlen in diesem Fach sind trotz der traumhaften Berufsaussichten in den letzten Jahren st\u00e4ndig gefallen, nachdem sie bis 2000 st\u00e4ndig gestiegen waren. Jetzt soll der Tiefpunkt erreicht sein. Und die wenigen Studenten, die in Frage kommen f\u00fcr den obligatorischen Auslandsaufenthalt, w\u00e4hlen in der Regel Franz\u00f6sisch statt Deutsch. Und selbst wenn sie Deutsch gew\u00e4hlt haben, stehen wir noch in Konkurrenz zu anderen deutschen Universit\u00e4ten, die bessere Karten haben, weil es in der Vergangenheit pers\u00f6nliche Verbindungen mit Carl Vogel gab, der in Stuttgart geforscht hat.<\/p>\n<p>Als es um Studiengeb\u00fchren geht, stellt sich heraus, dass Carl Vogel selbst nicht sicher ist, ob seine eigenen Studenten Studiengeb\u00fchren bezahlen. Auch eine Studentin, die dabei ist, um das Protokoll zu f\u00fchren, ist sich nicht sicher, ob alle Iren von Studiengeb\u00fchren befreit sind. Sie selbst hat keine bezahlt. Ausl\u00e4nder zahlen in der Regel, wobei die aus EU-L\u00e4ndern geringere Geb\u00fchren zahlen, hei\u00dft es.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">12. Juni (Samstag] <\/span><\/p>\n<p>Als ich am Morgen in der Halle vor dem Konferenzzimmer warte, bemerke ich eine Plakette, in der von dem <em>Minister for Education<\/em> die Rede ist. Hei\u00dft es nicht <em>Minister of Education<\/em>?<em> <\/em><\/p>\n<p>Obwohl ihre Englischkenntnisse gut sind, gibt es ein paar W\u00f6rter, die von allen franz\u00f6sischen Muttersprachler unorthodox ausgesprochen werden. Dazu geh\u00f6rt <em>abroad<\/em>, eins der h\u00e4ufigsten W\u00f6rter bei dieser Konferenz. Es wird unausweichlich mit Diphthong ausgesprochen. Und <em>complicated<\/em> wird ebenso grunds\u00e4tzlich auf der zweiten Silbe betont. Ich habe Zeit, darauf zu achten, da einige der besprochene Punkte f\u00fcr uns einfach nicht von Belang sind. Auch von Carl Vogel kann ich einige Ausdr\u00fccke aufschnappen: <em>chapter and verse<\/em>, <em>is cutting edge<\/em>, <em>firm believer in<\/em> <em>Osmosis<\/em>, <em>you can fudge a little bit<\/em>, <em>it\u2019s goofy that we have exams only once<\/em> &#8230;, <em>doing<\/em> <em>the bones of one of them<\/em>, <em>we\u2019ll wind down<\/em>, <em>we should adjourn<\/em>.<\/p>\n<p>Nach dem Ende der Konferenz gehe ich durch die Stadt, um Photos zu machen, Photos mit Hindernissen. Erst mache ich einige Photos, u.a. von <em>Abrakebabra<\/em>, einem Kebabstand, dann reagiert die Kamera auf einmal nicht mehr, und es dauert etwas, bis ich merke, dass ich die Batterie austauschen muss. Dabei \u00f6ffne ich aus Versehen die Kamera, und es f\u00e4llt Licht auf den Film. Der enth\u00e4lt auch noch die Photos von der letzen Dublinreise im Juni. Ich gehe die bisher zur\u00fcckgelegte Strecke zur\u00fcck, um zumindest die Photos von heute noch einmal zu machen.<\/p>\n<p>An einer Ampel steht eine Frau mit Kinderwagen hinter mir. Die Frau hat ein Handy in der Hand und telephoniert, das Kind hat ein Spielzeughandy in der Hand und telephoniert ebenfalls.<\/p>\n<p>Ein Werbeslogan f\u00fcr ein Nivea Deodorant macht intertextuelle Anleihen bei Marilyn Monroe: \u201ePearls are a girl\u2019s new best friend.\u201c<\/p>\n<p>Wieder einmal scheitert ein Versuch, Kardinal Newmans Haus zu besichtigen, der vierte gescheiterte Versuch beim vierten Anlauf, einer f\u00fcr jede Reise nach Dublin. Zuerst war es die falsche Jahreszeit, dann der falsche Wochentag, dann war die Besichtigung ausgerechnet f\u00fcr den Tag ausgesetzt, da eine Konferenz stattfand, und heute ist einfach geschlossen, obwohl laut Reisef\u00fchrer ab 14 Uhr ge\u00f6ffnet sein soll. Ein Schild mit der Angabe von Besichtigungszeiten gibt es nicht. Ich warte eine Zeitlang und sehe mir die elegant gekleideten Besucher an, die zu einer Trauung in der Kirche eintreffen. Dann gebe ich auf.<\/p>\n<p>Statt dessen gehe ich in die <em>National Gallery<\/em>. Hier ist der Eintritt umsonst, und am folgenden Nachmittag wiederhole ich den Besuch. Ich sehe mir besondern einige irische Bilder genauer an:<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Maria McKinnen, <em>Relative Perspective<\/em> (2005): Sieht von nahem aus wie die unplanm\u00e4\u00dfige Verteilung von kleinen, verschiedenfarbigen Puzzleteilen, auf wei\u00dfem, rechteckigen Grund, wobei sich die Puzzleteile nicht ber\u00fchren, sondern durch einen Zwischenraum voneinander getrennt sind. Wenn man das Bild mit Abstand betrachtet, sieht man, dass es sich um eine Weltkarte handelt, die Kontinente zeichnen sich vom Wasser ab, aber nicht so deutlich wie auf einer Karte, und die Konturen sind nicht sehr klar.<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Daniel Maclise, <em>Marriage of Strongbow and Aoife<\/em> (1854): Auf den ersten Blick ein riesiger Historienschinken, aber die Erkl\u00e4rungen machen das Bild zum interessantesten Bild der Ausstellung. Das Bild ist gr\u00f6\u00dfer als die Eingangst\u00fcr zu diesem Raum. Als es restauriert wurde, wurde die Restaurierung hier vor Ort vorgenommen. Als es urspr\u00fcnglich in die Ausstellung kam, wurde es gefaltet, und das f\u00fchrte dazu, dass der Rand des Bildes sich w\u00f6lbte (heute noch zu sehen) und dass die Farbe an den Seiten abbr\u00f6ckelte. Damit das nicht wieder passiert, will man das Bild jetzt an Ort und Stelle belassen. Vor der Restauration war das Bild stark nachgedunkelt, und man hat zu Demonstrationszwecken zwei Stellen nicht restauriert, ein dunkles Viereck rechts unten und einen Teil des wei\u00dfes Gewandes einer weiblichen Figur. Verbl\u00fcffend, man hat sicher kaum noch etwas erkennen k\u00f6nnen. Das Bild stellt eine historische Szene dar (XII), die Hochzeit von Strongbow, dem normannischen Herzog, und Aoife, der Tochter des K\u00f6nigs von Leinster, McMurrough. McMurrough hatte seinen Thron verloren und hatte Strongbow um Hilfe angerufen. Der hatte als Gegenleistung die Hand der Tochter und die Nachfolge auf dem Thron gefordert, und so kam es zu dieser Hochzeit. Dieses historische Ereignis wird jetzt, Jahrhunderte sp\u00e4ter, aber nicht objektiv dargestellt, sondern wertend und wird damit zum politischen Kommentar zur Gegenwart des Malers: Der Schauplatz der Hochzeit wird von der Kirche auf das Schlachtfeld verlegt, Licht liegt \u00fcben den irischen, Schatten \u00fcber den normannischen Figuren, der Priester segnet das Paar mit der \u201afalschen\u2019, der linken Hand, ein alter irischer S\u00e4nger liegt am Boden, er ist am Boden zerst\u00f6rt, und die Saiten seiner Harfe sind gerissen, das Kleeblatt im Vordergrund ist zertreten. Die Ankunft der Anglo-Normannen bedeutet das Ende Irlands, im 19. Jahrhundert eine Aussage von h\u00f6chster Brisanz. Das Gem\u00e4lde als Politikum.<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Yeats, <em>The Liffey <\/em>(1923): Yeats bildet einen sehr popul\u00e4ren Schwimmwettbewerb im Liffey ab. Es ist keine realistische Darstellung des Ereignisses, sondern eine, die die Atmosph\u00e4re des Ereignisses einf\u00e4ngt. Yeats verwendet dicke Pinselstriche, die nur die Konturen und oft keine Details erkennen lassen, und er verwendet Farben, die nicht der Wirklichkeit entsprechen, aber ausdrucksstark sind, wie rote Flecken auf der Wasseroberfl\u00e4che. Die Schwimmer bewegen sich auf die <em>O\u2019Connell Bridge<\/em> zu, und die Anstrengung und Kraft der Schwimmer sind f\u00f6rmlich zu sp\u00fcren. Zu beiden Seiten des Flusses und auf der Br\u00fccke dr\u00e4ngen sich Menschen, deren Konturen sich h\u00e4ufig \u00fcberschneiden, und aus der vorbeifahrenden Stra\u00dfenbahn versuchen die Passagiere, auch einen Blick auf den Wettbewerb zu bekommen.<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Moynan, <em>Military Manoeuvres<\/em>: Ein sch\u00f6nes Bild, das eine Episode erz\u00e4hlt und das durch das Einfangen der vielen verschiedenen Reaktionen der Beteiligten und Beobachter etwas von einem Schnappschiss hat. Zerlumpte Kinder, vielen von ihnen barf\u00fc\u00dfig, spielen Milit\u00e4rkapelle, und haben sich dazu mit Kocht\u00f6pfen, Deckeln, gef\u00fcllten Dosen, St\u00f6cken usw. bewaffnet. Am Ende des Zuges steht ihr Anf\u00fchrer, der als Dirigierstab einen Besen in der Hand h\u00e4lt. Links im Bild erscheint ein junger Offizier, sauber, gestriegelt, mit schmucker, eng sitzender Uniform, schwarzer Hose und roter Jacke, das genaue Gegenteil der zerlumpten Kinder. Er scheint von dem Auftritt der Kinder alles andere als begeistert zu sein und ihn als eine Provokation zu verstehen. Er ist dabei, auf den Anf\u00fchrer, den Jungen mit dem Besen, los zu gehen, wird aber von seiner Verlobten, die eher die lustige Seite sieht, am Arm zur\u00fcckgehalten. Der ganze Zug ist stehen geblieben, und die Passanten ebenfalls. Einige blicken voller Furcht oder voller Spannung auf den Offizier, einige andere blicken sich gegenseitig an, andere sehen teilnahmslos weg oder sehen direkt den Betrachter an.<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 O\u2019Connor, <em>The Poachers<\/em>: Noch ein sch\u00f6nes Bild. Ein Wilddieb hat sich beim Wildern verletzt und Zuflucht in einer Bauernkate gefunden. Er sitzt auf einem Stuhl und die Tochter des Bauern lehnt \u00fcber ihm und wischt mit einem Schwamm das Blut von seiner entbl\u00f6\u00dften Brust. Neben dem Stuhl zwei Hasen, die Beute des Wilderers. Sehr sch\u00f6n getroffen der Ausdruck des ehrlich empfundenen Sorge und des Mitleids der jungen Frau, der Kontrast zwischen ihrem hellen Teint und ihrer hellen Kleidung und dem dunklen Teint und der dunklen Kleidung des Wilderers sowie die Details des Zimmers: Unter dem Tisch steht ein Korb voller M\u00f6hren, aus denen einige, vielleicht, weil der Korb von dem hereinst\u00fcrzenden Wilderer angesto\u00dfen wurde, auf den Boden gefallen sind. Man sp\u00fcrt f\u00f6rmlich die Eile, mit der er in die Stube gest\u00fcrzt gekommen ist. Zwei Hasen, seine Beute, liegen auf dem\u00a0 Boden, ebenso sein Hemd, das er sich in aller Eile vom K\u00f6rper gerissen haben muss. Ein sch\u00f6nes Detail zeigt die \u00c4rmlichkeit der Bauernkate: Ein Tischbein ist gebrochen und provisorisch mit einem St\u00fcck Holz geflickt worden. Ein atmosph\u00e4risch dichtes Bild, das mit photographischer Genauigkeit arbeitet, aber auch die Stimmung einf\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem sehe ich einen sch\u00f6nen Vermeer, <em>Lady Writing a Letter with her Maid<\/em>, einen eindrucksvollen Caravaggio, <em>The Taking of Christ<\/em> (1662), und das Bild einer italienischen Malerin, Lavinia Fontana, <em>Visit of the Queen of Sheba<\/em> (1600). Caravaggio benutzt sozusagen den Zoom, um die Szene der Gefangennahme im Detail zu schildern; er betrachtet sie nicht aus der Distanz, und die Figuren sind an den R\u00e4ndern oft abgeschnitten. Das vermittelt den Eindruck der Unmittelbarkeit. Wie immer, gibt es starke Hell-Dunkel-Kontraste. Der Maler selbst erscheint als einer der Soldaten. Er hebt die Hand, in der er eine Laterne h\u00e4lt. Aber das Licht in dem Bild kommt nicht von der Laterne, sondern von au\u00dfen. Sein eigenes Licht ist symbolisch. Es steht f\u00fcr die Kunst. Der K\u00fcnstler wirft Licht auf das Geschehen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13. Juni (Sonntag) <\/span><\/p>\n<p>Heute mache ich die merkw\u00fcrdige Erfahrung, dass man in Dublin am Sonntag morgen nicht viel unternehmen kann. Die Museen \u00f6ffnen erst nachmittags, Kirchen sind nicht f\u00fcr Besichtigungen ge\u00f6ffnet und andere Sehensw\u00fcrdigkeiten sind gleich ganz geschlossen. Ich finde aber im Reisef\u00fchrer eine M\u00f6glichkeit: Das <em>Waterways<\/em> <em>Visitor Centre<\/em>. Dahin geht es mit der DART. Ich komme in ein v\u00f6llig verlassenes Stadtviertel und habe keine Vorstellung, wohin ich muss. Endlich, nachdem ich ein paar Mal um eine riesige Baustelle gekreist bin, zeigt mir eine Frau den Weg. Ich komme ins Schwitzen \u2013 es ist schon richtig hei\u00df, und ich denke mit Entsetzen an den Rest des Tages und die R\u00fcckreise. Als ich an meinem Ziel ankomme, macht die verbeulte Eisent\u00fcr am Eingang auch nicht gerade einen einladenden Eindruck. Und tats\u00e4chlich, der freundliche Mann, der hier Wache schiebt, sagt mir, es werde umgebaut. Erst in gut einem Jahr werde wiederer\u00f6ffnet. Das jedenfalls schlie\u00dfe ich aus den wenigen Worten, die ich verstehe. Dagegen wird mir ganz klar, dass er mir davon abr\u00e4t, zu Fu\u00df zur\u00fcckzukehren. Aber ich tue es trotzdem und bin \u00fcberrascht, dass ich nach zehn Minuten schon wieder vor einem Geb\u00e4ude stehe, das ich zur Gen\u00fcge kenne: <em>O\u2019 Reillys Institute<\/em>.<\/p>\n<p>Dann geht es zu <em>St. Audoen\u2019s Church<\/em>, die man jetzt, nach Ende des Gottesdienstes, besichtigen kann. Sie liegt sehr sch\u00f6n auf einer Anh\u00f6he, sch\u00f6n vor allem, wenn man sich ihr von unten n\u00e4hert. Die Kirche ist normannisch (XII), aus grauem, unregelm\u00e4\u00dfigen Stein, und hat einen quadratischen, massiven Westturm. Darin befindet sich vor dem Eingang in die Kirche die Grabfigur des Stifters einer Kapelle (XV) sowie der <em>Lucky Stone<\/em>. Er wird auch heute noch von den aus der Kirche kommenden Gottesdienstbesuchern ber\u00fchrt. Er stand urspr\u00fcnglich am Brunnen am Kornmarkt und wurde dann gestohlen, von Leuten, die, wie die Beschriftung Erkl\u00e4rung ausdr\u00fccklich betont, von au\u00dferhalb Dublins. Als sie sich von der Stadt entfernten, wurde der Stein immer schwerer, bis sie ihn fallen lassen mussten. Dann kam er hierher und fungiert seitdem als Gl\u00fccksbringer.<\/p>\n<p>Die Kirche hat eine vertrackte Baugeschichte. Sie war eine von drei Kirchen, die nach der normannischen Eroberung in Dublin erbaut wurden: <em>St. Audoen<\/em> im Westen, Christ Church im Zentrum, <em>St. Patrick <\/em>au\u00dferhalb der Stadtmauern.<\/p>\n<p><em>St. Audoen<\/em> lag nahe am Hafen. Es war eine einfache, kleine Kirche mit einem Holzdach (XII), die dann (XIII) nach vorne um fast das Doppelte vergr\u00f6\u00dfert wurde, ein Zeichen f\u00fcr den enormen Bev\u00f6lkerungsanstieg der Zeit. Die Verl\u00e4ngerung war jetzt der Chor. Schlie\u00dflich wurde sie um eine Kapelle, <em>St. Anne\u2019s Chapel<\/em>, erweitert, die l\u00e4ngs zum Schiff lag (XV), und dann kam eine zweite Kapelle dazu, <em>Portlester<\/em> <em>Chapel<\/em>, die das Rechteck wieder komplettierte. Die Vergr\u00f6\u00dferungen gingen vor allem auf die Aktivit\u00e4ten der einflussreichen Kaufmannsgilde zur\u00fcck, die hier ihr spirituelles Hauptquartier hatte. Sie unterhielt alleine sechs Priester in ihrer Kapelle. Nach der Reformation wanderte die Gilde ab und die Kirche wurde vernachl\u00e4ssigt. Einige Teile verfielen ganz, und heute hat die Kirche wieder den Grundriss der ersten normannischen Kirche! Die anderen drei Teile sind Ruinen. Man sieht aber noch einige B\u00f6gen und einige Grabplatten, die heute im Freien, urspr\u00fcnglich aber in der Kirche lagen. Man konnte im Kirchhof, aber auch in der Krypta und in der Kirche begraben werden, und das war eine besondere Attraktion von <em>St. Audoen\u2019s<\/em>, die viele Geldgeber von au\u00dferhalb anzog.<\/p>\n<p>Die heutige Kirche hat an der Nordseite ein Grabdenkmal zweier Ehepaare, das des Stifters und seines Schwagers, die mit ihren vier Kindern in Renaissancekleidung (mit Halskrause) kniend und mit gefalteten H\u00e4nden auf dem Grabmal abgebildet sind. Darunter ein <em>Momento Mori<\/em> mit \u00fcberkreuzten Knochen und einem Totenkopf, dar\u00fcber ein \u00fcbervoller Korb mit Broten, Fr\u00fcchten und anderen Naturalien, darunter auch Mais und Paprika, den Reichtum der Familie symbolisierend. Mais und Paprika, damals brandneu, stehen f\u00fcr Exotik, aber wohl auch f\u00fcr Handelsbeziehungen mit Amerika. Daneben ein fast gleich aussehendes Grabmal, auch in Wei\u00df. Es besteht aber, trotz des Anscheins, nicht aus dem gleichen Material, sondern ist aus \u00fcbert\u00fcnchtem Holz, w\u00e4hrend das erste Grabdenkmal aus Kalkstein ist. Den konnte man sich hier zwar nicht leisten, wollte aber wenigstens so tun als ob.<\/p>\n<p>Hinten steht ein viereckiges Taufbecken mit runden Wangen. In jede ist eine Muschel eingelassen. Der Grund: <em>St. Audoen<\/em> lag an dem Pilgerweg nach Santiago! Allerdings musste man oder konnte man einen Teil der Strecke mit dem Schiff zur\u00fccklegen, und das machte man von hier, vom Hafen aus. <em>St. Audoen\u2019s<\/em> war die letzte Station des Pilgerwegs auf irischen Boden.<\/p>\n<p>Dann gibt es eine Suppe in der Cafeteria des <em>Castle<\/em>, an deren etwas rauen Ton ich mich in fr\u00fcheren Besuchen schon gew\u00f6hnt habe &#8211;\u00a0 das freundlichstes Wort ist ein einleitendes <em>now<\/em> &#8211; aber die Ruhe und die stilvollen R\u00e4ume, die sonnig und k\u00fchl zugleich sind, entsch\u00e4digen daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Am Abend mache ich mich auf die R\u00fcckreise in der Gewissheit, auch in der begrenzten Zeit etwas gesehen zu haben und mit der qu\u00e4lenden Frage, warum das Kardinal Newman Haus beim n\u00e4chsten Mal wohl geschlossen sein wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. Juni (Freitag) Sp\u00e4ter Flug von Hahn nach Dublin. Dort ist er merklich w\u00e4rmer. Ich habe keinerlei Erinnerungen an den Flughafen und Umgebung. Mit einem Bus geht es f\u00fcr 7\u20ac schnell und bequem ins Zentrum, zur O\u2019Connell Street. 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