{"id":1415,"date":"2011-12-28T08:15:52","date_gmt":"2011-12-28T08:15:52","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=1415"},"modified":"2015-09-21T19:45:12","modified_gmt":"2015-09-21T17:45:12","slug":"london-2007","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=1415","title":{"rendered":"London (2007)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">17. Februar (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Schon um 4 Uhr geht es los. Der Vorteil ist, dass es so ungehindert wie noch nie zum Flughafen geht, ohne LKWs und Busse. In Stansted geht es wegen Umbauarbeiten an der Zuglinie zuerst mit dem Bus weiter, dann mit dem Zug zur Liverpool Street und dann mit der U-Bahn nach Bayswater. Als wir um 9 Uhr vor dem <em>Queensbury Hotel<\/em> in Bayswater stehen, sind wir f\u00fcnf Stunden unterwegs und haben Auto, Flugzeug, Bus, Zug und U-Bahn benutzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Hotel ist in einem der typischen, wei\u00df gefassten\u00a0 Viktorianischen Bauten, die als Reihenh\u00e4user nur unzureichend beschrieben sind und heute als Billighotels funktionieren. An dem Hotel ist alles schlecht au\u00dfer der relativ zentralen Lage.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als erstes geht es zu <em>Speakers\u2019 Corner<\/em> bei <em>Marble Arch<\/em> (\u201eIst das das wei\u00dfe Teil?\u201c). Dort ist zu dieser Zeit noch kein <em>speaker<\/em> zu sehen. Statt dessen bewegt sich eine gro\u00dfe Gruppe von Freizeitsportlern am Rande des Parks nach den Anweisungen von zwei Trainern zur Morgengymnastik.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei dem obligaten Besuch in einem <em>Starbucks<\/em> gibt es <em>muffins<\/em> und <em>shortbread<\/em> zu einem in einem massiven Tonkrug servierten Kaffee. Man sitzt dabei mit dem R\u00fccken zum Lokal auf Barhockern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach einem Spaziergang \u00fcber die Oxford Street, u.a. an <em>Selfridges<\/em> vorbei, geht es zu einer F\u00fchrung auf den Spuren Oscar Wildes zum Green Park.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der F\u00fchrer erscheint als Oscar Wilde, mit breitkrempigem Hut, Seidenkrawatte, Frack, grauer Weste und sogar der gr\u00fcnen Nelke im Knopfloch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oscar Wilde war beliebt bei den Frauen. Unter anderem deshalb, weil er einen ganzen Abend lang parlieren konnte, ohne auch nur ein einziges Mal von Sport zu sprechen. Cricket lehnte er ab, weil es st\u00e4ndig unziemliche Stellungen erforderte, Fu\u00dfball sei h\u00f6chstens etwas f\u00fcr <em>rough girls<\/em>, keinesfalls aber f\u00fcr <em>delicate boys<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Beziehung zu Bosie war kurz, jedenfalls die k\u00f6rperliche Beziehung, denn beide hatten denselben Wunsch: Sie wollten bald j\u00fcngere Partner. Die Gefahr im Anb\u00e4ndeln mit m\u00e4nnlichen Prostituierten bestand darin, dass sie auch erpressen konnten. Kurioserweise war nur die m\u00e4nnliche Prostitution illegal.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oscar ging prinzipiell nicht zu Fu\u00df. Er benutzte immer einen Wagen. Das war etwa so kostspielig wie heute ein Taxi. Allein darauf muss er ein Verm\u00f6gen verwendet haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Bild des am Boden mit den Kindern spielenden Oscar \u2013 sehr modern, sehr unviktorianisch \u2013 ist nur die halbe Wahrheit. Er gebrauchte jeden Vorwand, um das Weite zu suchen, und zog sich auch zum Schreiben ins Hotel zur\u00fcck, z.B. ins Albemarle Hotel in Mayfair.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir stehen gegen\u00fcber dem Brown Hotel, dem Ort, in dem Oscar die ber\u00fchmte Protestnote erhielt. Dummerweise brachte er die Sache vor Gericht. Er h\u00e4tte sie einfach ignorieren k\u00f6nnen. Dazu kam, dass die Note ihn keineswegs der \u201eSodomie\u201c bezichtigte, sondern des \u201eposing as a sodomite\u201c, genau gesagt, mit Rechtschreibfehler, \u201eposing as a sondomite\u201c. Au\u00dferdem war Sodomie, das hier nichts anderes als Homosexualit\u00e4t bedeutet, nur zu beweisen, wenn ein zweiter sich selbst anklagte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oft werden Bosie oder die Regierung f\u00fcr Oscars Vorgehen verantwortlich gemacht, aber Bosie sah Oscar erst am folgenden Tag, als die Entscheidung bereits gefallen war, und er riet zur Flucht statt zum Prozess, und die Regierung, an der Spitze eines Reichs von Millionen Menschen auf der halben Erde, hatte vermutlich anderes zu tun. Au\u00dferdem hatte Oscar dort einflussreiche Freunde, darunter Asquith. Eine eher einleuchtende Erkl\u00e4rung ist die, dass Oscar offenen Auges in sein Ungl\u00fcck rannte. Er sah sich als tragische Figur, und der Prozess war das Instrument, diese Trag\u00f6die in Gang zu setzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Filmen wird unter den vielen Klischees \u00fcber Oscar auch das seines alten, grauhaarigen Dieners Arthur verbreitet. In Wirklichkeit war der Diener ein sechzehnj\u00e4hriger Junge, der ihm in allem zu Diensten stand und den Oscar <em>Ginger<\/em> nannte, der also rothaarig war. Es sei denn, <em>ginger<\/em> werde interpretiert als Cockney Rhyming Slang, und dann st\u00fcnde <em>ginger<\/em> f\u00fcr <em>ginger beer<\/em> und damit f\u00fcr <em>queer<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn er gefragt wurde, was die gr\u00fcne Nelke zu bedeuten habe, sagte Oscar: Nichts. Sie habe keine besondere Bedeutung, es sei nur ein Versuch, die unvollkommene Natur zu korrigieren. Tats\u00e4chlich war die gr\u00fcne Nelke aber auch ein Erkennungszeichen unter den Homosexuellen von Paris.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu den Erkennungszeichen von Oscar geh\u00f6rte auch, dass er immer glatt rasiert war, im Gegensatz zu den meisten anderen M\u00e4nnern seiner Zeit, bei denen der Bart die Norm war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einer Arkade sehen wir das Gesch\u00e4ftshaus von <em>Smithers Publishers<\/em>. Sie waren daf\u00fcr bekannt, erotische und schl\u00fcpfrige Texte zu ver\u00f6ffentlichen, und sie ver\u00f6ffentlichten auch Oscars <em>Reading Gaol<\/em>, allerdings nicht unter dem Namen Oscar Wilde, sondern unter Oscars Gef\u00e4ngnisnummer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der St. James\u2019s Street sehen wir das Gesch\u00e4ft von Oscars Schneider. Gleich gegen\u00fcber war die Praxis eines Arztes, der sich auf sexuell \u00fcbertragene Krankheiten spezialisierte. Von ihm stammt vermutlich die unsinnige, aber popul\u00e4re Theorie, nach der Oscar an Syphilis starb. Die Ursache daf\u00fcr waren Oscars Z\u00e4hne! Er hatte schlechte Z\u00e4hne, und schlechte Z\u00e4hne waren oft auch die Folge der Behandlung von Geschlechtskrankheiten mit Quecksilber!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei <em>James J. Fox<\/em>, einem wunderbaren historischen Tabakladen, in dem wir auch in den mit einigen Dokumenten best\u00fcckten kleinen Kelleraum gelassen werden, war Oscar Kunde. Er rauchte 80-100 Zigaretten pro Tag, ovale Zigaretten, mit einem goldenen Mundst\u00fcck, auf dem in roten Lettern <em>Oscar<\/em> eingraviert war. Hier waren, wie man den alten Rechnungsb\u00fcchern entnehmen kann, auch Napoleon III und Churchill Kunde. Churchill rauchte 10 Zigarren pro Tag, immer von derselben Sorte: <em>Romeo and Juliet<\/em>. Er trank zum Mittagessen und zum Abendessen jeweils eine Flasche Champagner, danach Cognac und zwischendurch Whisky. Er wurde 91!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die erste Frau, die in Gro\u00dfbritannien im Parlament sa\u00df, war ausgerechnet eine geb\u00fcrtige Amerikanerin, Nancy Astor. Sie hatte einen pathologischen Hass auf Churchill. Zu den bekannten Wortwechseln zwischen den beiden geh\u00f6rt dieser: \u201eIf I were your wife, Sir, I\u2019d put poison in your tea. \u2013 If I were your husband, Madam, I\u2019d drink it.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der King Street stehen wir vor dem Geb\u00e4ude, in dem einst das <em>St. James\u2019s Theatre<\/em> stand, ein riesiges Theater mit 1200 Pl\u00e4tzen, das sp\u00e4ter einer st\u00e4dtebaulichen S\u00fcnde zum Opfer fiel, als es f\u00fcr einen Wohnhauskomplex abgerissen wurde. Das <em>St. James\u2019s Theatre <\/em>war weiter im Westen als die anderen Theater gelegen. Hier feierte Oscar einige seiner gr\u00f6\u00dften Erfolge, und hier sorgte er f\u00fcr einen Skandal, als er nach der Erstauff\u00fchrung von <em>Lady<\/em> <em>Windermere<\/em>, st\u00fcrmisch vom Publikum gefordert, mit der Zigarette in der behandschuhten Hand auf die B\u00fchne trat und damit, willentlich oder nicht, einen echten Fauxpas beging: in der Gegenwart von Frauen zu rauchen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am ehemaligen Hintereingang des Theaters steht noch das <em>Golden Lion<\/em>, eine typische Theaterkneipe, sehr reizvoll aussehend, das eine Theatre Bar hatte, die auch Oscar frequentierte. Hier \u00fcbergab Queensbury ihm einen Strau\u00df aus verrottetem Gem\u00fcse. Oscar bedankte sich artig und sagte, der Strau\u00df werde ihn immer an Queensbury erinnern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oscar hatte am Ende ein gutes Verh\u00e4ltnis zum Gef\u00e4ngnisdirektor und bekam von ihm das Privileg, einen Tag fr\u00fcher in Zivilkleidung das Gef\u00e4ngnis verlassen zu k\u00f6nnen. Das erste Gesch\u00e4ft, das er aufsuchte, war <em>Hatchard<\/em> auf Piccadilly, ein historisches Gesch\u00e4ft, das noch \u00fcberlebt hat, mit Sprossenfenstern und schwarzer Holzvert\u00e4felung, ganz in der N\u00e4he von <em>Fortnum and Mason<\/em> gelegen und von dem Granitbau der <em>Royal Academy<\/em>, in der Oscar seine ber\u00fchmten Vortr\u00e4ge hielt, \u00fcber die USA, \u00fcber die Renaissance in Gro\u00dfbritannien, \u00fcber den \u00c4sthetizismus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber das <em>Albany<\/em>, ein Backsteinbau, urspr\u00fcnglich die Residenz des Duke of Melbourne. Sp\u00e4ter wurde das Geb\u00e4ude umgestaltet und es wurden Einzelapartments f\u00fcr M\u00e4nner eingebaut. Die dienten angeblich vor allem denen, die es abends nach dem Clubbesuch nicht mehr nach Hause schafften. Hier wohnten u.a. Graham Greene und Byron, Huxley und Priestley.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als er nach Frankreich ausgewandert war, hatte Oscar Selbstmordgedanken, verwarf sie aber mit dem Argument: Ich habe die Wahl zwischen dieser Welt, jener Welt und Australien. Aber von jener Welt und Australien habe ich keine guten Nachrichten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er legte sich einen neuen Namen zu und starb an einer Entz\u00fcndung des Ohrs, die schon zu weit fortgeschritten war, als sie diagnostiziert wurde. Er wurde in einem Grab ohne Namen beerdigt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bosie heiratete und bekam einen Sohn, den er nach Strich und Faden verw\u00f6hnte. Dieser Sohn wurde von Bosies Vater entf\u00fchrt, der der Meinung war, ein solcher Mann wie sein Sohn tauge nicht zum Vater. Bosies Sohn wurde als Folge der Erfahrungen geistesverwirrt und starb in einem Irrenhaus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oscars Frau nahm den Namen Holland an. Ihr \u00e4ltester Sohn starb im 1. Weltkrieg. Die Nachfahren von Oscar und Queensbury verstehen sich gut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Danach zum Leicester Square. Dort sehen wir die Statue von Chaplin. Ein Mann macht uns auf eine Kuriosit\u00e4t aufmerksam: Chaplin h\u00e4lt den Stock in der \u201afalschen\u2019 Hand. Er trug ihn im Leben immer links. Leider kommt die Erkenntnis zu sp\u00e4t f\u00fcr meine <em>London Curiosities<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das viel gelobte und lange gesuchte Caf\u00e9 von <em>St.-Martin-in-the-Fields<\/em> finden wir geschlossen vor. Es wird umgebaut. Stattdessen geht es ins <em>Spaghetti House<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es <em>Whitehall<\/em> runter und an den <em>Cabinet War Rooms <\/em>vorbei in den <em>St. James\u2019s Park<\/em>. Dort gibt es Pelikane, die schon seit Jahrhunderten hier gehalten werden. Und es bl\u00fchen \u00fcberall schon die Osterglocken. Von der kleinen geschwungenen Br\u00fccke \u00fcber den Weiher hat man eine phantastische Sicht auf einen bebauten H\u00fcgel. Es muss die andere Seite von Whitehall sein, aber es dauert lange, bis ich die geduldig vorgetragenen Erkl\u00e4rungen verstehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der <em>St. James\u2019s Palace<\/em> liegt nicht, wie ich immer glaubte, direkt hinter dem Zugang zum Park bei den <em>Horse<\/em> <em>Guards<\/em> in <em>Whitehall<\/em>, sondern in unmittelbarer N\u00e4he des <em>Buckingham Palace<\/em>, und an dessen Seite liegt der Eingang zum <em>Green Park<\/em>. Dann geht es runter zur Themse und zur <em>Westminster Bridge<\/em> und zum Parlament. Dort kommt passenderweise ein rosa Taxi an uns vorbei. In der Ferne sieht man das (f\u00fcr mich) noch neue <em>Millennium Wheel. <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es zur\u00fcck nach <em>Bayswater<\/em>. Jetzt sieht man, dass das Viertel voller Touristen ist und ganz auf touristische Bed\u00fcrfnisse zugeschnitten ist. Der Spar-Markt ist rund um die Uhr ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">18. Februar (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Nach einem spartanischen Fr\u00fchst\u00fcck in einem Fr\u00fchst\u00fccksraum mit dem Charme einer Fabrikhalle geht es zum <em>Tower<\/em> und zur <em>Tower Bridge Experience<\/em>. Vorher aber wird noch ein touristisches Bed\u00fcrfnis gedeckt, das Vorrang vor allen kulturellen Erfahrungen hat. Gl\u00fccklicherweise geling das, weil geballte Reiseerfahrung mir zielsicher den Weg zu den Toilettenanlagen auf dem Platz vor dem <em>Tower<\/em> weist. Das ist doppelt erfreulich, denn es ist dringend und die Toiletten sind gro\u00df, sauber und gratis und verf\u00fcgen \u00fcber warmes Wasser, Seife und Handt\u00fccher.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als die <em>Tower Bridge<\/em> geplant wurde, gab es alle m\u00f6glichen Bedenken gegen ihren Bau: Die <em>Tay Bridge<\/em> war gerade zusammengebrochen, der Bau der Br\u00fccke w\u00fcrde das Ende des <em>East London Pool<\/em> bedeuten, die Konstruktion sollte angeblich zu schwierig sein. Es wurden Dutzende von Entw\u00fcrfen diskutiert und wieder verworfen. Darunter befand sich auch ein \u201aflache\u2019 Br\u00fccke, die sich seitlich \u00f6ffnete. Die <em>Tower Bridge<\/em> ist die \u00f6stlichste der Br\u00fccken des Zentrums und musste den Schiffsverkehr in den damals noch westlich von ihr gelegenen Hafen gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr den Bau wurden Granit aus Cornwall und Stahl aus Schottland und zwei Millionen Nieten verwendet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Obwohl sie heute nach Verlegung des Hafens viel weniger genutzt wird, passieren noch immer ca.1000 Schiffe pro Jahr die Br\u00fccke. Die Durchfahrt ist gratis, aber man muss 24 Stunden vorher Bescheid geben, um die Maschinerie zum Hochfahren der Br\u00fcckenteile vorzubereiten. Die kurzen Enden verschwinden dabei in einer Versenkung. Der ganze Vorgang dauert dann gerade einmal eine Minute.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mehrere Flugzeuge haben es bereits geschafft, durch die Br\u00fccke zu fliegen. Im Krieg prallte eine Bombe an der Br\u00fccke ab. Und sp\u00e4ter gab es einen nie ausgef\u00fchrten Plan, die Br\u00fccke in eine Glasschale zu kleiden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man kann in beiden Richtungen auf dem oberen Stockwerk \u00fcber die Br\u00fccke gehen, aber die Sicht auf die graue, menschenleere City mit ihrem architektonischen Sammelsurium ist eher trist, ebenso wie der Blick auf die graue Themse, trotz der vielen Br\u00fccken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der obere Durchgang war f\u00fcr die Fu\u00dfg\u00e4nger gedacht, die an die Br\u00fccke kamen, als sie gerade hochgeklappt wurde. Dieser Durchgang wurde sp\u00e4ter geschlossen, weil die Leute lieber das Spektakel der sich \u00f6ffnenden Br\u00fccke ansahen und warteten, bis sie wieder normal passierbar war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Maschinenraum gibt es alle m\u00f6glichen technischen Erkl\u00e4rungen, die sich aber meinem Verst\u00e4ndnis entziehen, und im Souvenirshop gibt es den typischen Kitsch. Und es gibt ein T-Shirt von Bart Simpson: \u201eEnglish? I never go to England. Who needs it?\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend gibt es einen Kaffee im <em>Starbucks<\/em> zu F\u00fc\u00dfen der Br\u00fccke. Dabei bl\u00e4ttern wir durch die Brosch\u00fcre der organisierten Stadtf\u00fchrungen. Senioren werden dort als <em>superadults <\/em>bezeichnet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im <em>Museum of London<\/em>, das in dem seelenlosen Komplex des <em>Barbican<\/em> untergebracht ist, befindet man sich im Umbau, und es gibt weder Brosch\u00fcren zur jetzigen Ausstellung noch zuverl\u00e4ssige Informationen \u00fcber die zuk\u00fcnftige Gestaltung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf einem modernen Stadtplan sind die Grenzen der r\u00f6mischen Stadt eingezeichnet. Sie erstreckte sich n\u00f6rdlich der Themse von der heutigen <em>Tower Bridge<\/em> bis zur <em>Blackfriars Bridge<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Themse war zur r\u00f6mischen Zeit noch st\u00e4rker den Gezeiten unterworfen und war bei Flut 300 Meter breit. Heute ist sie nur noch 100 Meter breit. Au\u00dferdem stieg der Wasserpegel um bis zu anderthalb Metern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das angels\u00e4chsische London, Lundenwic, erstreckte sich westlich der r\u00f6mischen Stadt. Christliche Kirchen wie St. Pauls entstanden dagegen innerhalb der City. Das Ufer der Themse verlief entlang des heutigen <em>Strand<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dem Sieg \u00fcber die D\u00e4nen wurde die Stadt unter Alfred als Lundenburg wieder gegr\u00fcndet, und die Stadtmauern wurden wiederaufgebaut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Pest von 1347 forderte 40.000 Tote. Bis heute ist nicht gekl\u00e4rt, ob die Pest durch einen Virus oder durch Fl\u00f6he \u00fcbertragen wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Cheapside war das Zentrum der Goldschmiede. Ein italienischer Reisender berichtet voller Staunen \u00fcber die unermesslichen Sch\u00e4tze, die dort gefertigt wurden. 1912 stie\u00df ein Arbeiter mit einer Spitzhacke auf die Reste einer Kiste, die 230, teilweise hier ausgestellte Schmuckst\u00fccke enthielt, von der Haarnadel bis zum Salzstreuer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Durch die engen B\u00f6gen der alten <em>London Bridge<\/em> wurde der Wasserfluss gebrochen, und die Themse vereiste h\u00e4ufig. Besonders in Erinnerung blieb das Jahr 1683, als auf der Themse ein <em>Frost Fair<\/em> stattfand. Auf Abbildungen sieht man Karossen, Buden, Unterhalter und organisierte Ballspiele.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pepys, der ein pers\u00f6nlicher Beobachter des Gro\u00dfen Feuers war, war auch von dem durch das Feuer und die zusammenst\u00fcrzenden H\u00e4user verursachten Krach beeindruckt. Das Feuer dauerte f\u00fcnf Tage, und eine Woche sp\u00e4ter war der Boden noch so hei\u00df, dass man ihn nicht betreten konnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dem Feuer gab es neue Regelungen f\u00fcr den H\u00e4userbau. Es durfte nur noch Stein oder Ziegelstein, kein Holz verwendet werden, und die H\u00e4user hatten genormte Geschossh\u00f6hen: 4 Geschosse in den Hauptstra\u00dfen, 3 in den Nebenstra\u00dfen, 2 in den Gassen. Hervorragende Fenster und Erker wurden verboten. Das erste Geb\u00e4ude, bei denen die damals verfassten Vorschriften nicht beachtet werden musste, ist das neue <em>Globe Theatre<\/em> mit seinem Strohdach.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Zentrum des Museums im Untergeschoss steht die Karosse des B\u00fcrgermeisters von 1757, die ganz unb\u00fcrgerlich aussieht und einem Monarchen gut zu Gesicht stehen w\u00fcrde. Seit 1215 hatten die Londoner das Recht, den B\u00fcrgermeister zu w\u00e4hlen. Der wiederum musste seinen Antritt beim Hof in Westminster machen. Seit dem 18. Jahrhundert machte er die Fahrt in der Kutsche.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Daneben eine rekonstruierte Viktorianische Ladenpassage, mit Fris\u00f6r, Bank, Kneipe, Tabakladen, B\u00e4ckerei und Kaffeegesch\u00e4ft.\u00a0 Hier seiht man Messing-Reklame, hei\u00dfe sterilisierte Handt\u00fccher beim Fris\u00f6r und ein Briefkasten mit der Aufschrift VR und sechsmaliger Leerung pro Tag!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im <em>Barbican<\/em> geht es einer gelben Linie entlang, die zur U-Bahn-Station zu f\u00fchren scheint, tats\u00e4chlich aber wohl eher den Verlauf der r\u00f6mischen Stadtmauer markiert, dann aber wirklich zur U-Bahn f\u00fchrt. Dort das Plakat: \u201eWe\u2019re here to make advertisement better, not to make better advertisement\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei <em>Charing Cross<\/em> sehen wir eins der zw\u00f6lf Kreuze, die Edward I errichten lie\u00df zur Erinnerung an den Leichenzug seiner Ehefrau von Lincoln nach London.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei einem Kaffee lesen wir irgendwo, dass die <em>Bobbies<\/em> fr\u00fcher <em>Peelers<\/em> hie\u00dfen, dass in 6 Jahren (1811-1817) 14 Themsebr\u00fccken entstanden, davor aber in 500 Jahren nur eine (Westminster Bridge), und dass London bei der ersten Volksz\u00e4hlung 1801 mehr als eine Million Einwohner hatte und damit die erste Millionenstadt der Welt war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Abend eine F\u00fchrung auf den Spuren Harry Potters, mit einer noch gr\u00f6\u00dferen Gruppe als zu erwarten war, und nat\u00fcrlich mit vielen Kindern. Als wir in der Halle warten, werden wir von einer Amerikanerin angesprochen, die fragt: \u201eAre you also waiding for Harry Pudder?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>J.K. Rowlings lie\u00df sich von der <em>Euston Station<\/em> zu der ber\u00fchmten Bahnsteig-Szene inspirieren, denn dort hatten ihre Eltern sich kennen gelernt. Gedreht wurde aber in <em>King\u2019s Cross<\/em>, dessen Bahnsteige viel geeigneter sind als die der modernisierten der <em>Euston Station<\/em>, wie wir am folgenden Tag feststellen k\u00f6nnen. Bei <em>King\u2019s Cross<\/em> hat man dem Bahnsteig 9<sup>3\/4<\/sup> ein Monument gesetzt in Form einer Inschrift an einer Begrenzungsmauer, an der ein Gep\u00e4ckwagen festgemacht ist \u2013 ein Photomotiv, das sich kein Harry-Potter-Fan entgehen l\u00e4sst und dabei andere mitreist, die nicht zu den Eingeweihten geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da es eigentlich nicht genug lokale St\u00e4tten gibt, die mit Harry Potter in Verbindung gebracht werden k\u00f6nnen, schlie\u00dft die F\u00fchrung auch <em>Dracula<\/em>, <em>Frankenstein<\/em> und vor allem <em>Dr. Jekyll and Mr. Hyde <\/em>ein. Letzteres entstand zur Zeit von Jack the Ripper und lieferte eine psychologisch glaubw\u00fcrdige Erkl\u00e4rung f\u00fcr das scheinbare Paradox, dass so ein Untier nachts sein Unwesen treiben konnte, ohne tags\u00fcber aufzufallen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir kommen an der Australischen Botschaft vorbei, in der einige bekannte Szenen von <em>Harry Potter<\/em> gedreht worden sind, wir sehen eine Telephonzelle, die das Vorbild einer Telephonzelle in <em>Harry<\/em> <em>Potter<\/em> ist und sehen in der N\u00e4he des Leicester Square die Stra\u00dfe, die das Vorbild f\u00fcr <em>Diagonal Alley<\/em> gewesen ist, obwohl sie nicht diagonal ist und wir vorher durch eine Gasse gekommen sind, die viel eher wie das Vorbild von <em>Diagonal Alley<\/em> aussieht. Allerdings hat die Stra\u00dfe, die nicht wie das Vorbild von <em>Diagonal Alley<\/em> aussieht, Dutzende alter Gesch\u00e4fte, in denen man sich vorstellen kann, Zauberst\u00e4be und andere magische Paraphernalia bekommen zu k\u00f6nnen. Das streng geh\u00fctete Geheimnis der magischen Telephonnummer wird verraten: 62442 \u2013 denn das ergibt <em>magic<\/em>. Wir erfahren auch, dass Weasley ein Dorf in der N\u00e4he von Bristol, der Heimat J.K Rowlings ist, dass es dort eine Familie namens Malpoy und einen Queer Ditch Marsh gab, dass Hedwig eine Heilige ist, die Waisenkinder unterrichtete, dass <em>errol<\/em> ein altes Wort f\u00fcr \u201aWanderer\u2019 ist, und dass <em>Harry Potter<\/em> Anleihen bei klassischen Motiven der Weltliteratur macht und z.B. das Motiv der griechischen Mythologie in ver\u00e4nderter Form wieder aufnimmt, nach dem Orpheus in den Hades hinabsteigen muss und die H\u00f6llenhunde nur durch Musik \u00fcberwinden kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Abend gibt es Bier und <em>Chicken Kiew<\/em>, immer eine gute L\u00f6sung bei britischem <em>Pub Food<\/em>, in einem Lokal in Bayswater.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">19. Februar (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen geht es auf Umwegen zu <em>Harrod\u2019s<\/em>, auf Umwegen deshalb, weil die U-Bahn wegen einer Suchaktion geschlossen ist. Auf diese Art und Weise kommt man in den Genuss des Busfahrens. Nach einer langen Strecke mit zwei Linien, auf der ich meine Unkenntnis von London unter Beweis stelle, indem ich <em>Harrod\u2019s<\/em> schon zweimal entdecke, wo es gar nicht ist, steigen wir an einem der \u00fcberdimensionalen Museen von Kensington aus und befinden uns vor <em>Harrods<\/em>. Dort stehen livrierte Diener am Eingang, die die Kleidung der Besucher kontrollieren. Allzu strenge Ma\u00dfst\u00e4be werden allerdings nicht angelegt, und auch ich komme anstandslos rein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei <em>Harrod\u2019s<\/em> gibt es \u00fcber alle Abteilungen verteilt eine Ausstellung von Gitarren bekannte Rockmusiker, darunter welche von Dave Davis, Brian Jones, Jimi Hendrix. Die Gitarren sind einzeln hinter Glas aufgeh\u00e4ngt und werden wie Kunstwerke angeboten \u2013 und wohl auch verkauft. Irgendwo h\u00e4ngt dieses Plakat: \u201eI always thought the good thing about the guitar was that they didn\u2019t play it in school.\u201d (Jimmy Page)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Au\u00dferdem gibt es K\u00fchlschr\u00e4nke und Geschirrsp\u00fcler aus Edelstahl, die nicht wie K\u00fcchenger\u00e4te aussehen, sondern so, als entstammten sie einem Milit\u00e4rmuseum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die ber\u00fchmte Nahrungsmittelabteilung ist immer noch beeindruckend, aber nicht mehr so ungew\u00f6hnlich wie fr\u00fcher. Die ganz normalen Warenh\u00e4user haben inzwischen den Abstand verk\u00fcrzt. Sch\u00f6n, dass es neben den Delikatessen auch ganz normale Dinge wie Milch in T\u00fcten gibt: \u201eIch geh mal eben zu Harrods Milch holen\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als \u201ekr\u00f6nenden\u201c Abschluss gibt es eine altar\u00e4hnliche, an Kitsch nicht zu \u00fcbertreffende und deshalb viel photographierte Gedenkst\u00e4tte f\u00fcr Diana und Dodi, eingerahmt von Kunstgegenst\u00e4nden aus dem alten \u00c4gypten. Wenn einem <em>Harrod\u2019s<\/em> geh\u00f6rt, kann man sich die eine oder andere Kleinigkeit eben leisten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem Weg zu den Bahnh\u00f6fen, die wir wegen Harry Potter aufsuchen, kommen wir an der <em>British Library<\/em> vorbei. Der Bau ist ganz aus roten Ziegeln, und vom Innenhof her sieht man auf den ganz und gar nicht profan aussehenden Bau des Bahnhofs von <em>St. Pancras<\/em>, ebenfalls aus roten Ziegeln. In der Eingangshalle die wunderbare Skulptur <em>Sitting on History<\/em> von Billy Woodrow (1995), eine Bank in Form eines waagerecht liegenden, leicht aufgebl\u00e4tterten Buches, und die Skulptur <em>Page 1<\/em> von Penelope Joe Tilson (1969), ein an der Wand h\u00e4ngendes Holzrelief, in dessen quadratischen Sektoren das Wort <em>Yes<\/em> 169 mal wiederholt wird. Ob das was mit der Jahreszahl zu tun hat?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der U-Bahn eine Reklame, die dazu einl\u00e4dt, ein Hotelzimmer zu kaufen. Man kann es 52 N\u00e4chte pro Jahr selbst benutzen, den Rest der Zeit vermietet man es quasi an das Hotel: \u201eEarn money while others sleep\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An der n\u00e4chsten Station schlie\u00dfen die T\u00fcren nicht. Wir m\u00fcssen den Zug verlassen und in einen anderen umsteigen, werden aber belohnt mit dem verbalen Ausbruch eines Passagiers, den man f\u00fcr Studienzwecke h\u00e4tte aufnehmen m\u00fcssen: \u201eOh, God Almighty\u201c mit Londoner Aussprache mit zwei <em>glottal stops<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor unserem n\u00e4chsten Termin haben wir noch Zeit f\u00fcr einen Kaffee in <em>Covent Garden<\/em>. Die Hallen sind jetzt nicht so \u00fcberf\u00fcllt wie im Sommer und bieten eine sch\u00f6ne Atmosph\u00e4re: Wir sehen auf die <em>St. Paul\u2019s Church<\/em>, und zwar auf deren Hintereingang, der aber wie die\u00a0 Fassade aussieht, und von unten erreichen uns die Kl\u00e4nge von Opernarien, die hier von einer offensichtlich professionellen S\u00e4ngerin mit m\u00e4chtiger Stimme vorgetragen werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Nachmittag eine gef\u00fchrte Besichtigung der <em>Inns of Court<\/em>, bei der sich als Nebeneffekt ergibt, dass ich endlich die Templerkirche zu sehen bekomme, die sonst immer zuverl\u00e4ssig verschlossen ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir beginnen in <em>Lincoln\u2019s Inn Fields<\/em>, einem lang gezogenen rechteckigen Platz auf den ehemaligen L\u00e4ndereien des Earl of Lincoln. Der Rest des Namens erkl\u00e4rt sich daher, dass hier die Pferde weideten, mit denen Reisende die Gasth\u00f6fe erreicht hatten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem Zentrum des Platzes fanden fr\u00fcher Hinrichtungen statt, und zwar Hinrichtungen von Menschen der feineren Gesellschaft, wohingegen das niedrige Volk in Tyburn hingerichtet wurde. Dort wurde gehenkt, hier kam man in einen dreifachen Genuss der Methode <em>hung, drawn and quartered<\/em>. Zu den Promis, die hier auf diese Weise ins Jenseits bef\u00f6rdert wurden, geh\u00f6rte Babington, einer der Hauptbeteiligten an der Verschw\u00f6rung von Maria Stuart gegen Elisabeth.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einem der H\u00e4user des Platzes ist das Museum, eher ein Kuriosit\u00e4tenkabinett, des eigenwilligen John Soane untergebracht, in einem haben die Anw\u00e4lte der K\u00f6nigin ihre Kanzlei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die <em>Inns of Court<\/em>, die einzigen Ausbildungsst\u00e4tten f\u00fcr <em>barristers<\/em>, werden konventionell in dieser Reihenfolge genannt: <em>Lincoln\u2019s Inn, Inner Temple, Middle Temple, Grey\u2019s Inn<\/em>. Jeder englische <em>barrister<\/em> muss einem der <em>Inns of Court<\/em> angeh\u00f6ren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Obwohl die Unterscheidung zwischen <em>barrister<\/em> und <em>solicitor<\/em> im Begriff ist, aufgeweicht zu werden, hat sie im Grunde Bestand: Der <em>barrister<\/em>, und nur der <em>barrister<\/em>, vertritt den Mandanten vor Gericht. Da alle <em>barrister<\/em> in London sa\u00dfen oder zumindest hier ausgebildet wurden, war es nahe liegend, eine andere Instanz als Ansprechpartner f\u00fcr Mandanten in ganz England zu haben, den <em>solicitor<\/em>. Um <em>barrister<\/em> zu werden, braucht man nicht unbedingt ein Jurastudium. In jedem Fall aber braucht man ein gutes Abschlussexamen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Rundgang beginnt in <em>Lincoln\u2019s Inn<\/em>, einem gro\u00dfz\u00fcgigen Areal mit dunklen Ziegelh\u00e4usern, das Leute, die es kennen, an <em>Harvard<\/em> erinnert. Streng genommen ist es wohl er umgekehrt: <em>Harvard<\/em> erinnert an <em>Lincoln\u2019s Inn<\/em>. Hier bl\u00fchen bereits die Kamelien.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In den Inns wurden die <em>barrister<\/em> ausgebildet, hier wohnten sie aber auch. Ein wichtiger Bestandteil der Inns ist deshalb die <em>Dining Hall<\/em>, und eine bestimmte Anzahl attestierter Abendessen ist weiterhin verbindlicher Teil der Ausbildung. <em>Lincoln\u2019s Inn<\/em> hat gleich zwei <em>Dining Halls<\/em>, die urspr\u00fcngliche (XIV) und eine, nach der partiellen Zerst\u00f6rung der ersten gebaute neue <em>Dining Hall<\/em> (XIX) in neugotischem Stil, mit historisierenden T\u00fcrmchen, Kaminen, Glocken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kapelle steht &#8211; ungew\u00f6hnlich &#8211; auf einem gew\u00f6lbten Unterbau. Bei ihrem Bau soll Ben Jonson mitgearbeitet haben, mit der Kelle in der einen und dem Buch in der anderen Hand. Dabei kann, wie der unser F\u00fchrer sarkastisch kommentiert, weder bei der einen noch bei der anderen Sache viel herausgekommen sein. Dann folgt die ber\u00fchmte Episode, derzufolge Ben Jonson gesagt hatte, er k\u00f6nne es sich nicht leisten, in Westminster Abbey begraben zu werden, woraufhin er, um Platz zu sparen, stehend begraben wurde. In der Kirche soll als erster John Donne gepredigt. Er hat sich mit zwei Versen in das kollektive Ged\u00e4chtnis der Nation eingeschrieben: \u201eNever ask for whom the bell tolls, it tolls for you\u201c und \u201eNo man is an island, entire for itself\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Haus Nr. 22 sehen wir den Eingang zu <em>chambers<\/em>, d.h. zu den B\u00fcros der <em>barristers<\/em>. Auf einem Holzbord am Eingang sind die zahlreichen Namen der hier ans\u00e4ssigen <em>barristers<\/em> verzeichnet, mit einer Vielzahl unterschiedlicher Titel: <em>Sir<\/em>, seinem Pendant <em>Dame<\/em> (wie Dame Elton John, wie der F\u00fchrer kl\u00e4rend hinzuf\u00fcgt), Mr., Mrs., Ms. (meistens verheiratete Frauen, die unter ihrem M\u00e4dchennamen fingieren) und das neutrale Mz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach Verlassen der Inns bleiben wir vor einem traditionellen Gesch\u00e4ft stehen, <em>Ede &amp; Ravenscroft<\/em> von 1689. Hier werden Per\u00fccken verkauft. Die modernen Per\u00fccken sind aus Pferdehaar, aber die traditionellen waren aus Menschenhaar. Die Per\u00fccke bezog ihren Sinn aus der Herstellung einer gewissen Anonymit\u00e4t und auch Gleichheit, aber vergr\u00f6\u00dfert auch, unserem F\u00fchrer zufolge, die Distanz zwischen Angeklagtem und Richter. Angeklagte, die sonst schon kaum in der Lage seien, sich zu artikulieren, verl\u00f6ren den Rest ihres Selbstbewusstseins angesichts der Per\u00fccken. Au\u00dferdem juckten sie schrecklich. M\u00e4nner, aber nur M\u00e4nner, m\u00fcssen au\u00dferdem vor Gericht einen den Juckreiz noch intensivierenden gest\u00e4rkten Kragen tragen. Die heutigen Per\u00fccken sind kurz, mit einem kleinen Pferdeschwanz und zwei Z\u00f6pfen. Die langen Per\u00fccken werden nur zu zeremoniellen Anl\u00e4ssen, von den h\u00f6chsten W\u00fcrdentr\u00e4gern getragen und sind verantwortlich f\u00fcr den Ausdruck <em>big wig<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es noch am <em>High Court of Justice<\/em> vorbei, der noch \u00fcber <em>Old Bailey\u2019s<\/em> steht. Prominente Verfahren, die hier stattfanden, sind das Verfahren um den Irakkrieg, bei dem zum ersten Mal ein amtierender Premierminister, Blair, vor Gericht aussagte, das Verfahren um die Todesfahrt von Diana und Dodi und das Verfahren um Catharine Zeta Jones und ihren Ehemann, bei es um unerlaubte Hochzeitsphotos ging. Die Stra\u00dfe des Gerichts m\u00fcndet in Carey Street, verantwortlich f\u00fcr eine weitere Redewendung: <em>end up in Carey Street<\/em>, \u201abankrott gehen\u2019, denn das war manchmal der Fall, wenn man das Gerichtsgeb\u00e4ude verlie\u00df.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir gelangen dann zum <em>Temple Court<\/em>, der sich in <em>Inner Temple<\/em> und <em>Middle Temple<\/em> teilt. Es gibt oder gab urspr\u00fcnglich auch einen <em>Outer Temple<\/em>, aber der hatte nichts mit der Jurisdiktion zu tun.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die <em>Temple Church<\/em> ist ein Rundbau (XII) mit einem sp\u00e4ter angef\u00fcgten, l\u00e4nglichen Schiff. Zur Einweihung der Kirche fand sich der Patriarch selbst ein. Der Kreis kommt als Form in der Kirche immer wieder vor. Die symbolische Idee soll gewesen sein, dass der Teufel sich in einem Kreis nicht verstecken kann. In der nach dem Modell des Tempels Salomons und der Grabeskirche in Jerusalem gebauten Rundkirche, die man nur von der Absperrung aus sehen kann, sind in den Boden Skulpturen von Tempelrittern mit Kettenhemden und Schwertern eingelassen. Es sind aber nicht deren Grabst\u00e4tten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dan Brown l\u00e4sst eine Szene seines Romans in der Krypta der Templerkirche spielen. Die Templerkirche hat aber keine Krypta. Bei den Diskussionen \u00fcber das Werk wird, wie unser F\u00fchrer viel sagend bemerkt, oft vergessen, dass es sich um einen Roman handelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Templerkirche hatte Gl\u00fcck, als das Gro\u00dfe Feuer kurz vor ihr zum Stehen kam, wurde aber im Krieg schwer besch\u00e4digt und dann wieder aufgebaut. Als wir unserem F\u00fchrer and\u00e4chtig lauschen, hat sich inzwischen eine ganze Menge anderer Besucher in vorsichtiger Distanz unter die Zuh\u00f6rer gemischt, darunter die Aufpasserin, die den Vortrag so interessant fand, dass sie kurzerhand die Kirche schloss, um mith\u00f6ren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In den beiden kam voneinander getrennten Innenh\u00f6fen der beiden <em>Inns<\/em> steht auf der einen Seite, in <em>Inner Temple<\/em>, eine kleine Skulptur auf einer hohen S\u00e4ule, die einen Ritter zeigt, der einen anderen Ritter tr\u00e4gt, Symbol der Solidarit\u00e4t unter den Rittern. Allerdings darf auch der zweite Symbolwert der Skulptur nicht au\u00dfer Acht gelassen werden: Das Pferd richtet dem <em>Middle Temple<\/em> seinen Hinterteil zu!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im <em>Middle Temple<\/em> beeindruckt besonders die sch\u00f6ne, lang gestreckte Hall, in der vermutlich die Urauff\u00fchrung von <em>Twelfth<\/em> <em>Night<\/em> stattfand. Sie soll eine besonders sch\u00f6ne Balkendecke haben und einen lang gezogenen Tisch, gefertigt aus dem Holz eines Baumes, den Elisabeth I dem <em>Middle Temple<\/em> vermachte, der aber ungl\u00fccklicherweise in Windsor stand. Die pragmatischen Verantwortlichen des <em>Middle Temple<\/em> waren der Meinung, von einem so weit entfernt gelegenen Baum habe man nichts, auch wenn es sich um ein k\u00f6nigliches Geschenk handele.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Innenhof des <em>Middle Temple<\/em> gibt es Maulbeerb\u00e4ume, die bereits auf Gehei\u00df von James I hier angepflanzt wurden. Sie sollten eine eigene englische Seidenproduktion in den Gang bringen. Dabei wurde jedoch ein folgenreicher Fehler gemacht. Es gibt zwei Arten von Maulbeerb\u00e4umen, rot bl\u00fchende und wei\u00df bl\u00fchende, aber nur die Bl\u00e4tter des wei\u00df bl\u00fchenden Maulbeerbaums werden von den Seidenraupen, deren Kokons die F\u00e4den f\u00fcr die Naturseide liefern, als Nahrung angenommen. James lie\u00df rot bl\u00fchende Maulmeerb\u00e4ume anpflanzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann spazieren wir noch \u00fcber die (f\u00fcr mich) noch neue <em>Millennium Bridge<\/em>, eine leichte, leicht geschwungene Br\u00fccke aus blitzendem Edelstahl, die, nach langen Anlaufschwierigkeiten, jetzt stabil ist und sich und ihre Passanten nicht mehr ins Wanken geraten l\u00e4sst. Sie f\u00fchrt direkt von <em>St. Peter\u2019s Hill<\/em> vor <em>St. Paul\u2019s Cathedral<\/em> auf die andere Themseseite und auf die neue <em>Tate<\/em> zu. Daneben liegt das neu errichtete <em>Globe Theatre<\/em> mit einem viel photographierten Eintrittstor aus Gusseisen, auf dem alle in Shakespeares Werken erw\u00e4hnten Tiere dargestellt sind. Die <em>Millennium Bridge<\/em> ist die erste seit der <em>Tower<\/em> <em>Bridge<\/em> errichtete neue Br\u00fccke und die einzige reine Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Ende des Tages und am Ende dieses Kurzbesuchs in London erwarten mich noch der Verlust meines Portemonnaies in Stansted und Nebel und r\u00fccksichtslose Busfahrer im Hunsr\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>17. Februar (Samstag) Schon um 4 Uhr geht es los. Der Vorteil ist, dass es so ungehindert wie noch nie zum Flughafen geht, ohne LKWs und Busse. 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