{"id":1457,"date":"2011-12-28T11:51:55","date_gmt":"2011-12-28T11:51:55","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=1457"},"modified":"2011-12-28T16:31:47","modified_gmt":"2011-12-28T15:31:47","slug":"havanna-2005","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=1457","title":{"rendered":"Havanna (2005)"},"content":{"rendered":"<p>21. Dezember (Mittwoch)<br \/>\nDrei Wecker auf vier Uhr gestellt, Uhr, Radio, Handy. W\u00e4ren alle nicht n\u00f6tig gewesen, wurde eine halbe Stunde vorher von selbst wach. Am Bahnhof steht der neu eingeweihte ICE schon parat und verhindert, dass ich im winterlichen Trier in sommerlicher Kleidung frieren muss. In Koblenz wird es mit dem Umsteigen ganz knapp, trotz der optimistischen Prognose des Schaffers, aber es klappt, mit dem Ergebnis, dass ich viel zu fr\u00fch am Flughafen bin.<\/p>\n<p>Nach der Aufgabe des Gep\u00e4cks habe ich noch Zeit, bei einem Kaffee das Kreuzwortr\u00e4tsel der gerade erschienene Zeit zu machen. Am Kaffeestand gibt es in bestem Pseudo-Italienisch Ciabatti. Komisch, dass alle auf einmal so italienisch wie m\u00f6glich sein wollen, w\u00e4hrend man fr\u00fcher nur von Itakern sprach und Italien einzig f\u00fcr Maffia stand.<\/p>\n<p>In der Abflughalle deutsche Touristen und eine ganze Reihe deutsch-kubanischer Paare, ausnahmslos mit deutschem Mann und kubanischer Frau, ausnahmslos Mulattinnen oder Negerinnen. Eine Kubanerin erz\u00e4hlt einer anderen mit sichtlichem Stolz, dass sie aus Santiago stamme, dass sie santiaguera sei. Ihr Akzent ist viel prononcierter als der der anderen. Ihrem Mann gefalle Santiago aber nicht so gut. F\u00fcr die Deutschen m\u00fcsse es immer ein Strand mit ganz feinem, wei\u00dfen Sand sein.<\/p>\n<p>Auf den unendlich langen 11 Stunden Flug mit Kopfschmerzen in der v\u00f6llig \u00fcberheizten Kabine habe ich statt einer h\u00fcbschen Mulattin einen Bayern mit schwarzen Fingern\u00e4geln neben mir, der mich ungefragt duzt. Er muss w\u00e4hrend des gesamten Flugs nicht einmal aufstehen. Im Flugzeug eine ganze Reihe kleiner Kinder, Kinder im Vorschulalter, von denen eins in regelm\u00e4\u00dfigen Intervallen schreit wie am Spie\u00df, ohne offensichtlichen Grund. Wieder erlebt man das merkw\u00fcrdige Ph\u00e4nomen, dass auf Fl\u00fcgen auf einmal alle, auch ohne offensichtlichen Grund, Tomatensaft trinken. Wenn man sie fragte, w\u00fcrden sie wahrscheinlich eine Erkl\u00e4rung bereit haben, die diese merkw\u00fcrdige Sitte irgendwie logisch unterst\u00fctzt. Es gibt aber keine.<\/p>\n<p>\u00dcber die Normandie und die Kanarischen Inseln und die Azoren geht es Richtung Amerika. Das erste Festland, das in Sicht kommt, ist ausgerechnet die Gegend um Miami, der Festung der regimefeindlichen Exilkubaner.<\/p>\n<p>Auf dem Flug Gelegenheit, etwas \u00fcber Kuba zu lesen. Havanna und Santiago be\u00e4ugen sich gegenseitig mit Argwohn und sehen sich als Konkurrenten. Die habaneros gelten als arrogant, sehen sich selbst als entwickelt und gesch\u00e4ftst\u00fcchtig, die santiagueros werden als palestinos bezeichnet und gelten als r\u00fcckst\u00e4ndig und provinziell, sehen sich selbst aber als nat\u00fcrlich und vital. Die Spanier werden wegen des gro\u00dfen Anteils von Galiciern unter den Einwanderern, pauschal als gallegos bezeichnet. Die Konkurrenz zwischen Havanna und Santiago treibt kuriose Bl\u00fcten: Die Landepiste des sp\u00e4ter gebauten Flughafens von Santiago ist f\u00fcnf Meter l\u00e4nger als die Havannas, das sp\u00e4ter gebaute Theater Havannas hat einen Platz mehr als das von Santiago!<\/p>\n<p>Die k\u00fchlen Nordwinde k\u00f6nnen, besonders im Norden, im Winter die Temperatur pl\u00f6tzlich um 10\u00b0 fallen lassen. Das h\u00e4lt dann tagelang an. Vielleicht war mein Kofferpacken von zuviel Optimismus getragen.<\/p>\n<p>Kuba ist von Mart\u00ed als b\u00e4rtiger Kaiman, als caim\u00e1n barbudo, bezeichnet worden. Auch als lachendes Krokodil ist es bezeichnet worden. Tats\u00e4chlich braucht man nicht allzu viel Vorstellungsverm\u00f6gen, diese Formen auf der Landkarte zu identifizieren. Das erinnert mich an Irland als Terrier.<\/p>\n<p>Die meisten S\u00e4ugetiere, Pferde, Katzen, Hunde, Schweine, Rinder, wurden erst von den Europ\u00e4ern mitgebracht. Vorher gab es eigentlich nur Flederm\u00e4use.<\/p>\n<p>Nach zwei Einwanderungswellen von Nomaden kamen die Arawaken, ein sesshaftes Volk, nach Kuba (XII). Sie kamen auf der Flucht vor den Kariben aus Brasilien. Sie waren geschickte Bootsbauer und stellten kunstvolles Handwerk und Schmuck her und bedachten ihre H\u00e4user mit Material aus Palmenwedeln. Die K\u00f6pfe der Kinder wurden durch Bandagen verformt. Sie sollten m\u00f6glichst l\u00e4nglich sein. Das galt als chic.<\/p>\n<p>Kuba war bis zum 15. Jahrhundert ein geschlossener Wald. Der musste dann den sich immer mehr ausbreitenden Zuckerrohrpantagen weichen. Und Holz wurde f\u00fcr den Schiffsbau und den Export gef\u00e4llt.<\/p>\n<p>Kuba hat eine geringere S\u00e4uglingssterblichkeit, eine h\u00f6here Lebenserwartung und eine geringere Analphabetenrate als die USA! Wegen des guten Gesundheitssystems gibt es einen regelrechten Gesundheitstourismus; viele Touristen verbinden ihren Aufenthalt mit einer Zahnbehandlung. Und Maradona kam nach Kuba, um sich wegen seiner Drogenabh\u00e4ngigkeit behandeln zu lassen.<\/p>\n<p>Jedes Jahr wird die unglaubliche Menge von 100 Millionen Zigarren exportiert, die meisten nach Frankreich und Spanien.<\/p>\n<p>Das Kunstmuseum von Havanna enth\u00e4lt Werke aus dem Privateigentum des nach der Revolution enteigneten Bacard\u00ed-Clans und des von Castro gest\u00fcrzten Diktators Batista, der nach der Revolution das Weite suchte \u2013 und die Staatskasse gleich mitnahm.<\/p>\n<p>Bei einer Umfrage unter jungen Kubanern war der am h\u00e4ufigsten genannte Berufswunsch: Tourist!<\/p>\n<p>Ich nehme mir vor, den Tipp des Reisef\u00fchrers f\u00fcr den Umgang mit Kubanern zu beherzigen: Versuchen Sie nie, von sich aus einen Kubaner zu bestechen!<\/p>\n<p>Vor der Ankunft sind aus den beim Start angek\u00fcndigten 28\u00b0 schon 21\u00b0 geworden, und auch danach f\u00fchlt es sich nicht an. Der Himmel ist wolkenverhangen, und es ist d\u00fcster, obwohl die Sonne noch nicht untergegangen ist.<\/p>\n<p>Der Flughafen hei\u00dft \u2013 wie sollte es auch anders sein \u2013 Jos\u00e9 Mart\u00ed. Kein anderer ist so pr\u00e4sent wie er, keiner der anderen Helden kann es mit ihm aufnehmen. Seine Biographie hat alles, was man sich w\u00fcnschen kann, um zur Glorifizierung geeignet zu sein: der Kampf f\u00fcr die \u201eFreiheit\u201c, die Aura des Dichters, und der Tod im Kampf f\u00fcr die Freiheit \u2013 mit jungen Jahren.<\/p>\n<p>Die Passkontrolle ist l\u00e4hmend langsam, und es geht alles andere als freundlich zu. Man steht in einer Kabine und wird von einer Frau in einer ausgesucht h\u00e4sslichen gr\u00fcnen Uniform und d\u00fcnnem gr\u00fcnen Lidstrich streng befragt und gemustert. Als es \u00fcberhaupt nicht weitergehen will, sage ich in dem paternalistischstem Ton, dessen ich f\u00e4hig bin: \u201eH\u00f6r mal, M\u00e4dchen, die Sache ist so &#8230;\u201c. Pl\u00f6tzlich huscht ein L\u00e4cheln \u00fcber ihr Gesicht und sie l\u00e4sst mich durch.<\/p>\n<p>Bei der Gep\u00e4ckausgabe geht es noch langsamer zu, und als ich durch bin und von dem Reiseleiter empfangen werde, bin ich sogar der erste. Ich muss schon wieder die Uhr umstellen, denn der Unterschied ist nicht sechs Stunden, wie man im Flugzeug gesagt hat, sondern f\u00fcnf. Kuba hat die Sommerzeit nicht zur\u00fcckgestellt! Sollten wir auch machen.<\/p>\n<p>Von den 300 Passagieren sind nur ungef\u00e4hr 30 hier ausgestiegen, alle anderen fliegen weiter nach Holgu\u00edn an den Strand, und von denen, die hier aussteigen, sind es, von ein paar Individualtouristen abgesehen, nur f\u00fcnf, die hier in Alt-Havanna bleiben, au\u00dfer mir zwei Paare. Die machen erst eine paar Tage Havanna, um dann an den Strand zu fahren. Die Erkenntnis, einen Au\u00dfenseiterurlaub gebucht zu haben, gibt mir das Gef\u00fchl, etwas richtig gemacht zu haben.<\/p>\n<p>Vom Flughafen geht es eine lange Strecke Richtung Altstadt. Allm\u00e4hlich kommt eine Stadtlandschaft in Sicht. Auf der Stra\u00dfe ist noch ziemlich viel los, obwohl es inzwischen stockdunkel ist. Die Stra\u00dfenbeleuchtung ist schummrig, und \u00fcberall huschen Fu\u00dfg\u00e4nger erstaunlich gelassen vor dem Taxi \u00fcber die Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Ich bin \u00fcberrascht, wie gro\u00df Alt-Havanna ist. Ich hatte mir eine Sache wie den Trierer Marktplatz vorgestellt, aber es ist bestimmt so gro\u00df wie die ganze Trierer Innenstadt. Ein Stra\u00dfenzug nach dem anderen, lauter zwei- bis dreist\u00f6ckige H\u00e4user aus der Kolonialzeit, teils ziemlich heruntergekommen, aber nicht bauf\u00e4llig. Ich finde das ganz beeindruckend. Einer der M\u00e4nner scheint meine Meinung nicht zu teilen. Ihn erinnert das alles an die DDR. Sein Urteil scheint gefallen, bevor er richtig angekommen ist. Seine Frau macht ganz vorsichtige Einw\u00e4nde.<\/p>\n<p>Die Paare werden an zwei sehr nobel wirkenden, frisch restaurierten Hotels herausgelassen. Ich bin als letzter dran und lande in einem etwas weniger nobel wirkenden Hotel. An der Rezeption erwartet man mich nicht. Ich sei auf keiner Liste. Das hat schon Tradition. Ich zeige meine Unterlagen, und nach einem Anruf ist pl\u00f6tzlich alles in Ordnung. Der Mann an der Rezeption tut aber jetzt auf meine Frage hin so, als habe es gar kein Problem gegeben. Ich bin sowieso zu m\u00fcde zum Diskutieren. Es ist ungef\u00e4hr 1 Uhr europ\u00e4ischer Zeit, und ich bin seit \u00fcber 20 Stunden wach. Das Zimmer hat zu meiner \u00dcberraschung zwei Etagen, unten einen Aufenthaltsraum, oben, durch eine enge Wendeltreppe aus schwarzem Holz zu erreichen, die Schlafst\u00e4tte mit Bad. Das hat was.<\/p>\n<p>Einen kleinen K\u00fchlschrank gibt es auch, und ich leiste mir eine Flasche Wasser zu 1,50, obwohl ich nicht die geringste Ahnung habe, wie viel das ist.<\/p>\n<p>Auf beiden Etagen steht ein Fernseher. Hier gibt es zu meiner \u00dcberraschung Satellitenempfang. Man bekommt DW, CNN, TVE usw., aber keine kubanischen Sender au\u00dfer einem Bildungsprogramm. Nach einer Runde Zapping mache ich den Fernseher aus, und das bleibt er auch bis zur Abreise.<\/p>\n<p>22. Dezember (Donnerstag)<br \/>\nDas Fr\u00fchst\u00fcck f\u00e4llt beschieden aus: Es werden ein paar Scheiben Ananas und Apfelsinen serviert, dann ein paar Brocken ger\u00f6stetes Brot mit einem winzigen St\u00fcck Butter und zwei kleine St\u00fccke Geb\u00e4ck. Eins von denen schmeckt gut, alles andere nicht.<\/p>\n<p>Erst als ein englisches Kind nach drau\u00dfen zeigt und etwas von einem Schiff sagt, merke ich, dass wir aufs Meer, genauer gesagt auf den Hafen blicken. Es ist noch stockdunkel, und die wenigen Schiffe zeichnen sich nur in Konturen ab.<\/p>\n<p>Als ich rausgehe, ist es hell. Ich nehme mir vor, kein Programm zu bestreiten, sondern mich erst einmal treiben zu lassen. Wieder bin ich beeindruckt von der F\u00fclle von historischen Bauten. Eine Stra\u00dfe nach der anderen, kleinere und gr\u00f6\u00dfere, mit und ohne Verkehr, lauter H\u00e4user im Kolonial- und Neokolonialstil, alle anders und doch passend, einige bestens renoviert, z.T. in erstaunlich gut passenden bunten Farben, dazwischen immer wieder ein kleiner Platz, ein kleiner Park, ein Innenhof. Am Nachmittag stelle ich dann erst fest, dass ich, obwohl das schon alle meine Erwartungen sprengt, den Altstadtplatz und den Domplatz noch gar nicht gesehen habe.<\/p>\n<p>Ich komme am Kapitol vorbei, einem getreuen Nachbau des Kapitols in Washington, Ausdruck der Machtverh\u00e4ltnisse in Kuba zwischen Kolonialzeit und Revolution. Gegen\u00fcber herrscht unter einem der vielen Arkaden reger Betrieb. Jetzt merke ich erst, wie fr\u00fch es noch ist. Die Leute gehen zur Arbeit. Und ich sehe ihnen dabei zu. Jetzt sehe ich zum ersten Mal bei helllichtem Tage das camello, das Ungeheuer, das einen wichtigen Teil des Nahverkehrs erledigt, ein von einem schnaufenden, schwarzen Dampf aussto\u00dfenden Sattelschlepper gezogenes Gef\u00e4hrt mit einer Vertiefung in der Mitte zwischen den beiden \u201eH\u00f6ckern\u201c, ein einzelner Wagen, der bis zu 300 Passagiere aufnehmen kann \u2013 und auch aufnimmt. Dicht gedr\u00e4ngt sitzt man, teilweise \u00fcbereinander, will mir scheinen, und man steht bis auf die letzte Treppenstufe, so dass die T\u00fcren kaum schlie\u00dfen. An der Haltestelle bilden sich zwei Schlangen, eine f\u00fcr Sitzpl\u00e4tze, eine f\u00fcr Stehpl\u00e4tze, aber alle steigen in der Mitte ein. Dort bezahlt man beim Schaffner. Wie man den oder einen Sitzplatz \u00fcberhaupt erreichen kann, ist mir ein R\u00e4tsel. Mein Wunsch, einmal mit dem camello zu fahren, bleibt bis zum Ende der Reise unerf\u00fcllt, da ich mich von der Warnungen der Kubaner, die mich f\u00fcr verr\u00fcckt erkl\u00e4ren, abschrecken lasse.<\/p>\n<p>Vor dem Kapitol der Parque Central, eigentlich kein Park, sondern ein Platz mit ein paar B\u00e4umen. Hier soll man sich vor Taschendieben in Acht nehmen, sagt der Reisef\u00fchrer, aber selbst f\u00fcr die ist es jetzt noch zu fr\u00fch. Im Zentrum die Statue Jos\u00e9 Mart\u00eds. Nat\u00fcrlich muss er, der \u00fcberall pr\u00e4sent ist, auch hier, im Zentrum Havannas, vertreten sein.<\/p>\n<p>Von diesem Platz geht es an La Floridita vorbei, einer Bar, die ihren Ruf der Tatsache verdankt, dass Hemingway hier seine Cocktails trank, \u00fcber eine belebte, enge Fu\u00dfg\u00e4ngerstra\u00dfe, die Calle Obispo, auf die ich in den n\u00e4chsten Tagen immer wieder sto\u00dfe. Am anderen Ende der Stra\u00dfe ist die Plaza de Armas, der \u00e4lteste Platz Havannas, ein sch\u00f6ner Platz mit \u00fcppiger Vegetation in der Platzmitte und sch\u00f6nen alten Bauten zu allen Seiten. Um das parkartige Viereck in der Mitte herum stellen an allen Seiten Verk\u00e4ufer gebrauchter B\u00fccher ihre St\u00e4nde auf, eine Frau sitzt auf einer niedrigen Steinmauer, unterh\u00e4lt sich mit einem Verk\u00e4ufer und f\u00fcttert Tauben. Im Zentrum, auf einem Sockel, die Marmorstatue des Nationalhelden Manuel de C\u00e9spedes. Er war Gro\u00dfrundbesitzer und l\u00f6ste den ersten Unabh\u00e4ngigkeitskrieg aus, als er einen Sklaven befreite. Der erste Unabh\u00e4ngigkeitskrieg ging verloren, der zweite wurde nach der Intervention der USA gewonnen. Die Unabh\u00e4ngigkeit wurde teuer erkauft: Es gab 200.000 Tote, mehr als in allen lateinamerikanischen Unabh\u00e4ngigkeitskriegen zusammen, und enorme Sachsch\u00e4den.<\/p>\n<p>In der Calle Obispo gibt es an einer Ecke eine Art Touristeninforation. Eine freundliche Frau informiert mich \u00fcber Ausfl\u00fcge und Stadtf\u00fchrungen. Morgen fr\u00fch gibt es eine, die ich bei ihr buchen kann, aber wenn ich heute noch eine will, muss ich in einem Hotel buchen. Also beschlie\u00dfe ich entgegen meiner urspr\u00fcnglichen Absicht doch von der Gelegenheit Gebrauch zu machen, die Reiseleiterin im Hotel Florida zu treffen. Das erweist sich als schwieriger als gedacht, denn immer wieder schickt man mich in eine Richtung und dann wieder zur\u00fcck, weil einige Leute Florida mit Floridita verwechseln und ich nicht sicher bin, ob es dasselbe ist, und weil ich bl\u00f6derweise mehrmals an dem Hotel vorbeilaufe, ohne es zu sehen. Dann schaffe ich es noch gerade vor 10, nur um zu erfahren, dass die Reiseleiterin erst um 11 kommt. Ich habe mir die falsche Zeit gemerkt.<\/p>\n<p>Das gibt mir aber Gelegenheit, eine Wechselstube, eine Cadeca aufzusuchen, die ich ganz in der N\u00e4he gesehen habe. Hier geht es sehr ordentlich zu. Es gibt einen T\u00fcrw\u00e4rter drau\u00dfen, der die Kunden einzeln eintreten l\u00e4sst, und einen drinnen, der den Kunden den Schalter zuweist. Es gibt zwei W\u00e4hrungen, den peso convertible (CUC), eine Art k\u00fcnstlicher Dollarersatz, und den peso cubano (PC), die regul\u00e4re Landesw\u00e4hrung. Der peso convertible wird von den Leuten ganz einfach weiterhin Dollar genannt. Die beiden W\u00e4hrungen werden im Alltagsleben auch weiterhin mit $ gekennzeichnet, aber die Pesos zur Unterscheidung mit einem doppelten L\u00e4ngsstrich. Ein Dollar ist weniger als ein Euro, aber mehr als ein amerikanischer Dollar. Ich habe mich also gestern bei dem Wasser im Hotel nicht ins Ungl\u00fcck gest\u00fcrzt. Es hat gut einen Euro gekostet.<\/p>\n<p>Statt um 11 kommt die Reiseleiterin dann um 12, aber sie entschuldigt sich wortreich und mit dem einleuchtenden Argument, dass es Missverst\u00e4ndnisse mit der Uhrzeit gegeben habe. Es gibt ein Durcheinander wegen der nicht aufgehobenen Sommerzeit. Wie dem auch sei, sie organisiert per Handy auf der Stelle eine private Stadtf\u00fchrung f\u00fcr mich, die schon in zwei Stunden beginnen kann. Mit Dollars l\u00e4sst sich hier einiges bewegen.<\/p>\n<p>Ich werde vom Hotel abgeholt, von F\u00fchrer und Fahrer. Der F\u00fchrer spricht ausgezeichnetes Deutsch, fl\u00fcssig, variationsreich, idiomatisch und so gut wie fehlerfrei. Er hat ein Jahr lang an der Humboldt-Universit\u00e4t studiert, die einen Austausch mit der Universit\u00e4t Havanna unterh\u00e4lt und jedes Jahr zwei Studenten austauscht.<\/p>\n<p>Wir fahren durchs Zentrum \u00fcber den Prado, Havannas ber\u00fchmtesten Boulevard (von dem ich in den n\u00e4chsten Tagen so gut wie nichts zu sehen bekomme, da Althavanna genug bietet) nach Miramar, dem Vorzeigeviertel Havannas und nach Vedado, dem modernen Einkaufsviertel Havannas. Der Name Vedado, w\u00f6rtlich \u201aVerboten\u2019,  bezieht sich auf das ehemalige Jagdrevier, in dem man keine H\u00e4user errichten durfte.<\/p>\n<p>Wir fahren zur Universit\u00e4t, zur Plaza de la Revoluci\u00f3n, zum Cementerio Cristobal Col\u00f3n und zum Hotel Nacional und machen dann einen Spaziergang durchs Zentrum. Wir kommen an einer riesigen Eisdiele vorbei, in der ein dem Vernehmen nach ber\u00fchmter kubanischer Film spielt, Erdbeer und Schokolade, sowie an einem zu einem Kino umfunktionierten historischen Theater, dem Teatro Payret.<\/p>\n<p>Im Hotel Nacional, das eine sch\u00f6ne Terrasse mit Aussicht auf die Bucht hat, sehen wir eine Photowand mit ber\u00fchmten G\u00e4sten, darunter Musiker der Vieja Trova und  Baseballspieler, die der durchschnittliche Europ\u00e4er nicht unbedingt kennt. Bei der Gelegenheit lerne ich, dass Baseball der Nationalsport Kubas und Kuba die f\u00fchrende Nation im Baseball und Weltmeister ist. Baseball wird hier aber pelota genannt, und das macht die Behauptungen irgendwie einleuchtender und weist auf die Verwandtschaft mit der spanischen pelota hinweist, aus der sich Baseball vermutlich entwickelt hat. An den T\u00fcren des Hotels steht da, wo bei uns Ziehen steht, Hale, ein Wort, das ich noch nie geh\u00f6rt habe, aber ich erfahre, dass es hier ganz normal sei.<\/p>\n<p>Auf dem riesigen Friedhof sehen wir allerhand Grabdenkm\u00e4ler mit eigenen Geschichten, unter anderem eins f\u00fcr die Feuerwehrm\u00e4nner eines Gro\u00dfbrands, auf dem in Symbolen und Inschriften auf ihre Tat verwiesen wird, die sie das Leben kostete und anderen das Leben rettete. Das meist besuchte Grab ist das der Milagrosa, um das sich eine Reihe von Legenden rankt. Es ist das Grab einer jungen Frau, die zusammen mit dem Kind bei der Geburt starb und nach der damaligen Sitte zusammen mit dem Kind begraben wurde. Der Ehemann soll das Grab jeden Tag besucht haben, ohne ihm jemals den R\u00fccken zuzukehren. Als man das Grab sp\u00e4ter \u00f6ffnete, sollen die K\u00f6rper unversehrt gewesen sein und das Kind, urspr\u00fcnglich zu F\u00fc\u00dfen der Mutter begraben, in ihrem Armen gelegen haben.<\/p>\n<p>Auf der riesigen Plaza de la Revoluci\u00f3n, auf der man sich angesichts der Weite ziemlich verlassen vorkommt, ist an einem der Geb\u00e4ude, die Ministerien beheimaten, eine gigantische Stahlreproduktion des ber\u00fchmten Photos Che Guevaras von Alberto Korda angebracht. An einem weiteren Geb\u00e4ude ein riesiges Plakat mir der Aufschrift Feliz Nuevo A\u0148o, unorthodox mit vorangestelltem Adjektiv. An diesem Platz befindet sich auch der Sitz Fidels, aber ob und wann er da tats\u00e4chlich ist, wei\u00df niemand. Aus Sicherheitsgr\u00fcnden ist sein Aufenthaltsort geheim und wechselt st\u00e4ndig. Auf diesem Platz h\u00e4lt Fidel am Jahresanfang, dem Jahrestag der Revolution, seine ber\u00fchmten stundenlangen Reden. Mein Begleiter berichtet nicht ohne Stolz, wie viele Menschen an diesem Tag hierher kommen, bis zu einer Million. Er ist ganz offensichtlich einer davon. Trotzdem erlaubt er sich, der vermutlich eher linientreu ist, ein paar sarkastische Bemerkungen zu der \u00c4mterh\u00e4ufung Fidels \u2013 er ist Generalsekret\u00e4r der Partei, Vorsitzender des Ministerrats, Vorsitzender des Staatsrats und Oberbefehlshaber der Streitkr\u00e4fte \u2013und der Verteilung wichtiger Posten unter dem Castro-Clan. Ob er das macht, weil er sich in der Weite des Platzes sicher f\u00fchlt?<\/p>\n<p>Unterwegs sehen wir mehrere Exemplare eines kuriosen Baums, einer Feige, die im Spanischen Jag\u00fcey hei\u00dft (der wissenschaftliche Name ist Orasia Ficus) und die keine eigenen Wurzel hat, sondern sich parasit\u00e4r auf einen anderen Baum setzt, ihn von oben mit ihren \u00c4sten umarmt, bis er abgestorben ist und dann selbst ihre Wurzeln in den Boden treibt.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck geht es \u00fcber den Malec\u00f3n, die kilometerlange Uferpromenade, zuerst am offenen Meer entlang, dann, nach einer Abbiegung, am Hafen entlang. Am Ende des Malec\u00f3n liegt die Altstadt. Links sehen wir ein schwer besch\u00e4digtes riesiges Baseballstadion, Folge der letzten Hurrikans.<\/p>\n<p>Im Zentrum kommen wir an einer wunderbaren Apotheke alten Stils vorbei, die ganz in dunklem Holz gehalten ist, mit einheitlich, sch\u00f6n beschrifteten wei\u00dfen Keramikgef\u00e4\u00dfen auf den Regalen hinter der Theke.<\/p>\n<p>Das zentrale Geb\u00e4ude an der Plaza de Armas ist der Palacio de los Capitanes Generales, das heutige Stadtmuseum. Hier residierten die spanischen Gouverneure auf Kuba. Der Platz vor dem Geb\u00e4ude ist gepflastert, aber das Pflaster ist, obwohl es \u201eecht\u201c aussieht, aus Holz. Die Ehefrau eines der Gouverneure f\u00fchlte sich durch das laute Rattern der vorbeifahrenden Kutschen gest\u00f6rt, und der Gouverneur lie\u00df die Steine durch Holz austauschen.<\/p>\n<p>Auf dem Platz vor der Kathedrale trinken wir am Ende noch einen Kaffee. Ich erfahre, dass es sich bei den ganz in Wei\u00df gekleideten und Zigarre rauchenden Frauen, die sich mit Touristen photographieren lassen, um santeras handelt, \u201ePriesterinnen\u201c der einheimischen Voodoo-Religion. Und ich erfahre auch, was sie und andere Frauen da verkaufen, was in den wie eine Eiswaffel gedrehten wei\u00dfen T\u00fcten ist. Es ist man\u00ed, eine Art Popcorn, das sie selbst zu Hause herstellen. In anderen T\u00fcten sind Erdn\u00fcsse.<\/p>\n<p>Ich frage nach einem Gesch\u00e4ft von Benetton, das ich in der Altstadt gesehen habe, ausgerechnet in einem historischen Geb\u00e4ude an der Plaza de San Francisco. Das ist ein Joint Venture. Der kubanische Staat sucht die Angestellten aus und bezahlt sie, das Unternehmen zahlt den kubanischen Staat. Der Staat zahlt in einheimischer W\u00e4hrung, das Unternehmen in Devisen. Mein Begleiter h\u00e4lt gar nichts davon. In Benetton sehe man nie Kunden, jedenfalls keine Kubaner.<\/p>\n<p>Weil ich m\u00fcde bin, nehme ich das Angebot, am Abend zusammen in ein Lokal zu gehen, um kubanische Musik zu h\u00f6ren, nicht an. Das bereue ich sp\u00e4ter, es w\u00e4re vermutlich eine gute Gelegenheit gewesen, Dinge zu sehen, die man als Normaltourist nicht sieht. Ich gebe ihm zwar die Adresse meines Hotels und sage ihm, er k\u00f6nne mich an einem anderen Tag anrufen. Daraus wird dann aber nichts. Zu diesem Zeitpunkt ist mir noch nicht klar, wie sehr die Einheimischen vom Kontakt mit Touristen abgehalten werden und wie streng die \u00dcberwachung ist.<\/p>\n<p>Bei der Suche nach dem Hotel habe ich heute morgen eine sch\u00f6ne sprachliche Erfahrung gemacht. Ein Mann, der mir erkl\u00e4ren will, wie weit ich noch gehen muss und dabei laut die H\u00e4userblocks abz\u00e4hlt, sagt uno &#8230; dos .. tres mit der typisch karibischen Aussprache. Das  am Silbenende fehlt, ver\u00e4ndert aber ein bisschen den Vokal.<\/p>\n<p>23. Dezember (Freitag)<br \/>\nBeim Fr\u00fchst\u00fcck bin ich ganz alleine, jedenfalls der einzige Gast. Au\u00dfer mir ist aber auch ein Geiger zugegen, der sich gem\u00fc\u00dfigt f\u00fchlt, f\u00fcr mich alleine aufzuspielen. Peinlich. Ich wei\u00df nicht, ob ich ihn ansehen oder absichtlich wegsehen soll. Beides ist gleich schlimm.<\/p>\n<p>Ich gehe Richtung Capitolio Nacional und muss feststellen, dass es noch gar nicht ge\u00f6ffnet ist. Meine innere Uhr hat sich noch nicht auf die neue Zeit eingestellt.<\/p>\n<p>Der Weg dorthin ist mir schon irgendwie vertraut, und ich komme wieder an einem am Rande einer kleinen Stra\u00dfe stehenden Eisenbahnwaggon vorbei, dessen Pr\u00e4senz mir ein R\u00e4tsel ist.<\/p>\n<p>Das Capitolio ist ein monumentales, irgendwie furchteinfl\u00f6\u00dfendes Geb\u00e4ude mit einer gro\u00dfen Freitreppe, alles ganz in Wei\u00df. Am Fu\u00dfe der Treppe stehen Photographen mit uralten Kameras, wie man sie nur noch aus Filmen kennt, und machen Photos f\u00fcr Touristen.<\/p>\n<p>Als das Capitolio aufmacht, gibt es Probleme mit dem Wechselgeld. Man kommt nur rein, wenn man die drei Dollars klein hat. Irgendwie geht es am Ende dann doch.<\/p>\n<p>Gleich unter der Kuppel befinden sich ein Diamant, der eine symbolische Bedeutung hat, und eine gewaltige Bronzestatue, die Statue der Republik. \u00dcber einen \u00fcberw\u00f6lbten Gang mit Marmorboden, den Gang der pasos perdidos, der verlorenen Schritte, wohl weil man aufgrund der Dimensionen die Schritte am anderen Ende nicht h\u00f6rt, geht es ans Ende des Fl\u00fcgels, wo es eine Reihe von kleineren S\u00e4len mit unterschiedlichen Funktionen und Einrichtungen gibt. Das meiste, was die \u00fcberall herumstehenden Aufpasserinnen erz\u00e4hlen, ist f\u00fcr den Fremden eher belanglos. Mit besonderem Nachdruck wird auf die Wappen der unterschiedlichen Provinzen Kubas hingewiesen, Habana, Pinar del R\u00edo, Matanzas, Camag\u00fcey usw. Im oberen Stockwerk wiederholt sich die Struktur. Die Aufteilung des Geb\u00e4udes in zwei Fl\u00fcgel entspricht der Aufteilung des Parlaments in zwei Kammern.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he des Kapitols ist der Parque de la Fraternidad, mit dem Arbol de la Fraternidad. Es ist ein von einem niedrigen, runden Gitter eingefasster, etwas erh\u00f6ht liegender Baum, der auf Erde steht, die aus allen lateinamerikanischen L\u00e4ndern zusammengetragen worden ist. Ich setzte mich auf eine der B\u00e4nke an dem Baum. Das ist in Havanna eine kommunikative Erfahrung. Kaum jemand geht kommentarlos vor\u00fcber. \u201eHavanna, like?\u201c hat fast jeder drauf. Das kommunikative Bed\u00fcrfnis ist allerdings nicht von blo\u00dfer Freundlichkeit motiviert. Die meisten wollen etwas. Ob ich nicht vielleicht eine Uhr \u00fcbrig h\u00e4tte oder ein Hemd? Der eine hat kaputte Schuhe, der andere muss sich am Herzen operieren lassen, und ein junges Paar will mich ins barrio chino abschleppen, wobei schwer zu sagen ist, wozu. Am Ende gibt sich aber jeder ohne weiteres Beharren mit ein paar Pesos zufrieden. Das barrio chino ist ein Chinatown ohne Chinesen, denn die, ganz Kapitalisten, suchten nach der Revolution das Weite.<\/p>\n<p>Das ganz in der N\u00e4he gelegene Theater wurde 1835 von gallegos gegr\u00fcndet, wobei in diesem Falle wohl wirklich Galicier gemeint sind. Wie zum Trotz ist gegen\u00fcber das Centro Asturiano, ein Kulturzentrum.<\/p>\n<p>Das Theater wirkt nicht gro\u00df, aber der Saal hat aber f\u00fcnf R\u00e4nge und fasst 2.000 Zuschauer. Es wird im regelm\u00e4\u00dfigen Wechsel Schauspiel, Ballet und Flamenco gegeben. Das Theater wurde 1905 erweitert und besteht praktisch aus zwei Geb\u00e4uden, was man aber nicht merkt, da sich beide Teile hinter einer einheitlichen Fassade verbergen.<\/p>\n<p>Dann geht es in die F\u00e1brica Partag\u00e1s, die Tabaksfabrik, auch ganz in der N\u00e4he des Capitolio gelegen. Benannt ist sie nach dem Gr\u00fcnder (XIX). Es werden 25.000 Zigarren am Tag produziert. Hier wird \u00fcberall gearbeitet, bei aus Lautsprechern pl\u00e4rrender Musik. Drei Mal am Tag wird aus bedeutenden literarischen Werken vorgelesen, den Rest des Tages gibt es Musik. Jeder Arbeiter ist den ganzen Tag mit ein und demselben Arbeitsgang besch\u00e4ftigt. Die meisten Arbeiter sind junge Leute. Man sieht, wie die Tabaksbl\u00e4tter ausgew\u00e4hlt, gegl\u00e4ttet gepresst und gerollt werden, wie die Zigarren etikettiert werden, wie die Qualit\u00e4tskontrolle durchgef\u00fchrt wird, wie die Zigarren, nach Farbe sortiert, verpackt und dann in der Kiste immer wieder gewendet werden. Bei der Qualit\u00e4tskontrolle wird vor allem auf die Luftdurchl\u00e4ssigkeit geachtet.<\/p>\n<p>Zu essen finde ich etwas in einem sch\u00f6nen Lokal mitten in der Altstadt, der Zanja Real, einem mit einem bepflanzten Holzgitter \u00fcberdachten, s\u00e4ulenbestandenen Hof mit blauen Kacheln an den wei\u00dfen H\u00e4nden. Au\u00dfer der sch\u00f6nen Lage reizt auch der Preis, 3 Dollar f\u00fcr ein Menu, aus denen am Ende allerdings auf wundersame Weise 11 Dollar geworden sind. Hunde streichen um das Lokal herum, immer in Lauerstellung, ob vielleicht mal ein Gast was fallen l\u00e4sst und die Kellner nicht auspassen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter gehe ich noch in die in ein Museum umfunktionierte Kirche San Francisco an dem gleichnamigen Platz, einem der sch\u00f6nsten und gleichzeitig belebtesten Pl\u00e4tze der Altstadt gelegen, an dessen Rand und in Blickweite des Hafens. Vor zwei kleinen Caf\u00e9s stehen hier ein paar St\u00fchle. Man kauft drinnen und setzt sich dann raus. Es ist ein sehr kommunikativer Platz. Schon gestern bin ich hier mit einem Mann ins Gespr\u00e4ch gekommen, der schon einmal in Deutschland war, und zwar in Halle. Was hat er da gemacht? Geboxt. Er war mit der kubanischen Nationalmannschaft zu einem Wettkampf dort. Deutschland sei sch\u00f6n, aber kalt, sehr kalt. Heute setzen sich drei Frauen zu mir. Wir unterhalten uns ein paar Minuten, dann breche ich zur n\u00e4chsten Besichtigung auf. Eine von ihnen spricht mich in den n\u00e4chsten Tagen einmal auf der Stra\u00dfe an, so als w\u00e4ren wir alte Bekannte.<\/p>\n<p>Dort, wo es von dem Platz aus in die eigentliche Altstadt geht, sind Eisenkugeln angebracht, so dass Autos nicht passieren k\u00f6nnen, wohl aber Pferdekutschen. Einer der Kutscher fordert mich auf einzusteigen und bietet eine Fahrt an zu \u201eprecios socialistas\u201c.<\/p>\n<p>Vor der Kathedrale werden am Abend villancicos, Weihnachtslieder gesungen. Sie hei\u00dfen nicht nur so wie in Spanien, es sind auch meist dieselben Lieder, und die ganze Veranstaltung k\u00f6nnte ebenso in Spanien spielen, einschlie\u00dflich der Art und Weise, wie die zwei jungen Leute, eine Frau und ein Mann, durch das Programm f\u00fchren und der Ansprache des Bischofs. Es treten Singgruppen aus verschiedenen Provinzen Kubas auf. Ich gebe einer der Verk\u00e4uferinnen etwas Geld, um man\u00ed an die vor der B\u00fchne stehenden Kinder zu verteilen, anonym. Viel sp\u00e4ter, als ich die Sache l\u00e4ngst vergessen habe, komme ich Kindern entgegen, die sch\u00fcchtern gracias sagen. Offensichtlich hat sich die Verk\u00e4uferin nicht an die Abmachung gehalten.<\/p>\n<p>24. Dezember (Samstag)<br \/>\nHeute gibt es zur Feier des Tages ein Fr\u00fchst\u00fccksb\u00fcfett, allerdings eins der bescheidenen Art. Jeden Morgen gibt es etwas anderen zum Fr\u00fchst\u00fcck. Vermutlich richtet sich das Angebot einfach danach, was  man an dem jeweiligen Tag an Land ziehen konnte.<\/p>\n<p>Eine verr\u00fcckte H\u00f6rverst\u00e4ndniserfahrung: Einer der unz\u00e4hligen Hotelangestellten, die meist nichtstuend zwischen Vorhalle, Bar und Rezeption herumstehen, fragt mich, wie es mir geht. Dann folgen ein paar Trivialit\u00e4ten, und ich muss die Ohren spitzen, um ihn zu verstehen, aber dann n\u00fctzt alles nichts, ich wei\u00df nicht, was er von mir will. Er fragt mich, wie mir etwas gef\u00e4llt, aber was das ist, verstehe ich einfach nicht. Als es dann rauskommt, m\u00f6chte ich am liebsten im Erdboden verschwinden. Er hat mir die leichteste und naheliegendste Frage gestellt, die man sich vorstellen kann: Wie mir Kuba gefalle. Ich verstehe auf Kuba Kuba nicht.<\/p>\n<p>Was grunds\u00e4tzlich alle wissen wollen, die einen ansprechen, ist, in welchem Hotel man wohnt, m\u00f6glicherweise, um die deine finanziellen Ressourcen einsch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen. Auch nach der Uhrzeit wird man h\u00e4ufig gefragt. Laut Reisef\u00fchrer dient das dazu, um festzustellen, ob der Tourist eine wertvolle Uhr hat. Trotz allen Argwohns, ich habe das Gef\u00fchl, dass manche wirklich nur wissen wollen, wie sp\u00e4t es ist. Bestimmt kann sich nicht jeder eine Armbanduhr leisten.<\/p>\n<p>Heute sehe ich mir zuerst das Stadtmuseum an, an der Plaza de Armas. Es bietet einen Mix aus sakraler Kunst, profaner Kunst und Stadtgeschichte. Da sieht man einerseits einen Holztabernakel mit geschnitzten S\u00e4ulen und einem Guten Hirten mit feinsten Gliedma\u00dfen und genau skulptierten, langen Fingern\u00e4geln, andererseits eine profane Marmorb\u00fcste, die eine Frau darstellt, bei der sogar der gepunktete Schleier in Stein gemei\u00dfelt ist, und dann wiederum pers\u00f6nliche Gegenst\u00e4nde von M\u00e1ximo G\u00f3mez, dem Helden des Freiheitskampfs von 1898, alles vom Stiefel bis zur Brille. In einem Schreiben an den Capit\u00e1n General, das hier ausliegt, versichert er, er sehe keine Veranlassung zu glauben, dass, wenn die Spanier besiegt und die Kolonialherrschaft beseitigt sei, die USA die Vorherrschaft \u00fcber Kuba erlangen w\u00fcrden. So kann man sich t\u00e4uschen.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber dem Stadtmuseum liegt das Templete, ein rundes, wei\u00dfes Tempelchen, das keins ist. Es steht der Legende nach an der Stelle, an der Havanna gegr\u00fcndet worden sein soll. Drinnen sieht man Wandmalereien, die in romantisierender Weise das Ereignis und eine Jahrhundertfeier seiner Wiederholung darstellen. Eine Besonderheit der Wandmalerei besteht darin, dass Schwarze zum ersten Mal gleichberechtigt neben Wei\u00dfen dargestellt werden \u2013 so jedenfalls stellt es die \u00e4ltere Dame dar, die hier als Auspasserin, Kassiererin und F\u00fchrerin gleichzeitig fungiert &#8211;  f\u00fcr die wenigen G\u00e4ste, die kommen. Nachdem ich bereits gegr\u00fc\u00dft und bezahlt habe und einige Trivialit\u00e4ten mit ihr ausgetauscht habe, fragt sie mich, bevor sie mit den Erkl\u00e4rungen beginnt \u201ePero, \u00bfhabla espa\u0148ol?\u201c, so als ob man das nur f\u00fcr die Erkl\u00e4rungen zu lernen br\u00e4uchte, nicht f\u00fcr die Alltagssprache. Sie zeigt mir auch den Baum, der dem Templete erst seine Daseinsberechtigung gibt, denn es war dieser Baum, an dem die Gr\u00fcndung vollzogen wurde. Der Baum ist eine Ceiba. Dieser Baum ist allen drei V\u00f6lkern, die in Kuba zusammentreffen, heilig, den Amerikanern, den Europ\u00e4ern und den Afrikanern. Die Ureinwohner, die Arawaken, verehrten ihn in ihren Mythen, f\u00fcr die christliche \u00dcberlieferung ist es der Baum, der Maria und das Kind auf ihrer Flucht besch\u00fctzte, indem er sich mit Dornen \u00fcberzog, als sie sich in ihm verbargen, und die Afrikaner glauben, dass in seinen \u00c4sten die G\u00f6tter, die orishas zu Hause sind. Zum Schluss empfiehlt sie mir, drei Mal um den Baum herum zu gehen, wie es die Tradition gebietet. Das bringt Gl\u00fcck oder garantiert die R\u00fcckkehr nach Havanna. Oder beides.<\/p>\n<p>Die Granma, das Schiff auf dem die Revolution\u00e4re 1959 in Kuba landeten, ist ein Muss f\u00fcr Havannabesucher. Leder muss man dazu in das Revolutionsmuseum. Die hohen, kalten R\u00e4ume sind schlimm genug, und dazu muss man die militante Sprache der Beschriftungen ertragen, die von der \u201eKamarilla der Anf\u00fchrer der Reaktion\u201c und von der \u201ereinsten Essenz der kubanischen Jugend\u201c und von den Amerikanern ausschlie\u00dflich als yankis sprechen. Zu sehen gibt es alle m\u00f6glichen Devotionalien, darunter die N\u00e4hmaschine, mit der die Uniform Fidels gen\u00e4ht wurde.<\/p>\n<p>Man ist froh, wenn man in den Innenhof betreten kann. Dort gibt es einen selbstgebastelten Panzer, aus einem Traktor gemacht, einen Lieferwagen mit Einschussl\u00f6chern und einen sowjetischen Panzer aus dem 2. Weltkrieg. Die Granma steht, hinter verschmutztem Glas, in einem eigenen Geb\u00e4ude, das man nicht betreten kann. Viel zu sehen ist nicht.<\/p>\n<p>Der gr\u00fcne Eisenbahnwaggon, an dem ich schon mehrmals vorbeigekommen bin, auch ganz in der N\u00e4he meines Hotels, ist der Tren Mamb\u00ed. Trotz des Namens, dessen Entstehung ich auch nach Erkl\u00e4rungen nicht verstehe, ist er nicht kubanisch, sondern amerikanisch. In Z\u00fcgen dieser Art reisten Staatpr\u00e4sidenten und andere hochrangige Politiker, aber urspr\u00fcnglich war er f\u00fcr die Direktoren von Bahnunternehmen gedacht. \u00dcber den Pr\u00e4sidenten von Mexiko kam er als Geschenk nach Kuba. Er wirkt ebenso gem\u00fctlich wie komfortabel und erinnert an die Z\u00fcge, die man aus Filmen kennt, die zwischen den Weltkriegen spielen.<\/p>\n<p>Irgendwo in der Stadt sehe ich eine Stra\u00dfenpizza. Als Verkaufsstand dient eine kleine Luke in einem Haus. Die Pizza ist klein und rund, hat nur K\u00e4se als Belag, schmeckt hervorragend und kostet das Verm\u00f6gen von 6 Pesos.<\/p>\n<p>Am Abend habe ich Zeit f\u00fcr Lekt\u00fcre und entdecke einige kubanische Kuriosit\u00e4ten, zum Beispiel das Paradox, dass Fidel, der sich zuerst gegen den Sozialismus str\u00e4ubte, jetzt dessen H\u00fcter ist und sich von Gorbatschow als r\u00fcckst\u00e4ndig bezeichnen lassen musste.<\/p>\n<p>Ich lese von einer alten, kultivierten Dame, die, obwohl Regimegegnerin, nach der Revolution nicht ausgewandert ist, obwohl sie es gekonnt h\u00e4tte. Sie hat sich aber ganz in ihre vier W\u00e4nde, einen palastartigen Kolonialbau Havannas, zur\u00fcckgezogen. Sie kritisiert das Regime, aber respektiert die Revolution\u00e4re.<\/p>\n<p>Ich lese \u00fcber Martha Lorenz, die Tochter eines deutschen Kapit\u00e4ns, die Fidels Geliebte wurde, sich dann aber von der CIA abwerben lie\u00df und mit falschem Namen, falschem Pass und alter Uniform zur\u00fcckkehrte, um Fidel zu t\u00f6ten. Sie schaffte es wirklich, in die N\u00e4he Fidels zu kommen, aber ihr Anschlag scheiterte: Die Giftampullen hatten sich aufgel\u00f6st. Jetzt arbeitet sie f\u00fcr eine Anti-CIA-Gruppe. Nicht unbedingt eine Frau, die sich dem Prinzip verschrieben sich, sich ein ganzes Leben lang treu zu bleiben.<\/p>\n<p>Zu den bizarren Versuchen der CIA, Fidel Castro zu st\u00fcrzen, geh\u00f6rte dieser: Eine geheime, auf die Schuhe gepinselte chemische Enthaarungssubstanz sollte ihn um seinen Bart und damit um sein Charisma bringen.<\/p>\n<p>Es gibt keinen Personenkult um Fidel. Man sieht kaum mal ein Photo oder auch nur ein Zitat von ihm. Dennoch sind einige der Zitate Fidels allseits bekannt: \u201eWer Reformen fordert, geh\u00f6rt zur f\u00fcnften Kolonne der Kapitalismus\u201c, \u201eEin Revolution\u00e4r geht nicht in Rente\u201c, \u201eDie Geschichte wird mich freisprechen\u201c. Bekannte Zitate Che Guevaras: \u201eLasst uns ein, zwei, drei, viele Vietnams schaffen\u201c und \u201eAuf dieser Insel ist nur Platz f\u00fcr einen Individualisten. Der andere bin ich\u201c. Und ein weniger bekanntes Detail \u00fcber Fidel: 1940 war er Kubas Sportler des Jahres!<\/p>\n<p>Sogar das Viehfutter wurde fr\u00fcher aus der Sowjetunion importiert. Die einseitige Abh\u00e4ngigkeit von der Sowjetunion wurde deutlich, als diese unterging und die Hilfe eingestellt wurde. Jetzt sind Kubas K\u00fche unterversorgt, da man es vers\u00e4umt hat, selbst Viehfutter anzupflanzen.<\/p>\n<p>Ches wilde Enkel unterschieden sich ideologisch, aber auch \u00e4u\u00dferlich von den gestriegelten Parteisoldaten: Sie tragen Bart und lange Haare.<\/p>\n<p>Es gibt in Kuba Dutzende von Palmen, aber eine, die Palma Real, ist der \u00e1rbol nacional. Ausgerechnet sie ist aber nicht einheimisch. Sie stammt aus Mexiko. Die Palma Real ist ein wirklich n\u00fctzlicher Baum: Aus den Bl\u00e4ttern macht man D\u00e4cher, aus dem Stamm (au\u00dfen) M\u00f6bel, aus dem Stamm (innen) Suppen und Salat, aus den Blatth\u00fclsen Kn\u00f6pfe und Schuhe, und die Fr\u00fcchte verf\u00fcttert man an die Schweine.<\/p>\n<p>In der Zeit des Wettbewerbs zwischen Spanien und England in der Karibik (XVIII) wurde Havanna von den Engl\u00e4ndern belagert und erobert und geh\u00f6rte, wie der ganze Westen Kubas, zu England, wurde dann aber gegen Florida ausgetauscht. Man kann sch\u00f6n dar\u00fcber spekulieren, was alles anders gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte der Tausch nicht stattgefunden.<\/p>\n<p>Die Kindersterblichkeit und der Analphabetismus sind in Kuba niedriger als in den USA! Es gibt keine Slums, eine hohe Lebenserwartung, wenig Gewalt, wenig Kriminalit\u00e4t, die Ausbildung ist gratis und gut, das Gesundheitssystem ist gratis und gut, trotz langer Wartezeiten, es gibt so gut wie keinen Rassismus und keinen Hunger. Auf der anderen Seite sind die Leute arm, die Nahrung ist rationiert, es gibt Stromsperren, man kann nicht ins Ausland reisen, ausl\u00e4ndische Zeitungen und Fernsehsender d\u00fcrfen nicht empfangen werden, Kellner verdienen mehr als Lehrer, was oft zur Flucht aus den akademischen Berufen f\u00fchrt, und es gibt eine Zweitw\u00e4hrung, an die man kaum kommt, die aber Zugang zu allen Annehmlichkeiten des Lebens gew\u00e4hrt.<\/p>\n<p>F\u00fcr das vielleicht ber\u00fchmteste Portrait aller Zeiten, das des Che mit Baskenm\u00fctze und Stern, 1960 aufgenommen bei einer Kundgebung in Havanna, bekam Korda, der Photograph, keine Tantiemen!<\/p>\n<p>Alexander von Humboldt nutzte die \u00dcberfahrt nach Amerika auch, um die Frage der Himmelsbl\u00e4ue methodisch exakt zu untersuchen. Er benutzte dazu das Cyanometer mit einer 51stufigen Skala f\u00fcr Blaut\u00f6ne. Er gab das Cyanometer auch Personen in die Hand, die mit dem Instrument nicht vertraut waren, um zu sehen, ob ihr Urteil von seinem und untereinander abwich. Man ma\u00df sowohl das Blau des Horizonts als auch das des Zeniths. Das Ergebnis war, dass das Urteil nie um mehr als zwei Grade voneinander abwich und dass die Bl\u00e4ue des Himmels von Spanien \u00fcber Afrika bis zur Karibik von 13 auf 23 Grad zunimmt.<\/p>\n<p>In Kuba gibt es coleros, Schlangesteher, die ihr Geld damit verdienen, dass sie f\u00fcr andere Schlange stehen. Der Fortschritt der Wirtschaft wird ironisch mit den Worten \u201eEin Schritt vor, zwei Schritte zur\u00fcck\u201c bezeichnet.<\/p>\n<p>Dass Guant\u00e1namo, der St\u00fctzpunkt der USA auf Kuba und Sitz des ber\u00fchmten Gef\u00e4ngnisses, identisch ist mit dem Ort, aus dem die guantanamera des Liedes kommt, ist mir \u00fcberhaupt nicht klar gewesen.<\/p>\n<p>25. Dezember (Sonntag)<br \/>\nHeute geht es mit einer organisierten Exkursion in den Westen Kubas, nach Vi\u0148ales. Wir werden 200 km zur\u00fccklegen und dabei drei (von sechszehn) Provinzen Kubas durchqueren. Der erste Halt wird in Trinidad sein, wo wir eine Tabakfabrik besichtigen werden. Der Bus ist Made in Brazil.<\/p>\n<p>In den Au\u00dfenbezirken Havannas geht es an dem ehemaligen Kasino vorbei, aus dem ein Erholungszentrum f\u00fcr Arbeiter geworden ist, dann an Labors, die der medizinischen Forschung dienen, vor allem der Untersuchung des Cholesterin, dann an Siedlungen \u201ede \u00e9poca socialista\u201c, wie unser Reisef\u00fchrer sagt, so dass man sich fragt, ob wir uns nun in der \u00e9poca capitalista befinden.<\/p>\n<p>Dann geht es auf die 1983 entstandene Autobahn, nichts anderes als eine breite Landstra\u00dfe, die durch einen Grasstreifen in der Mitte getrennt ist. Am Stra\u00dfenrand stehen, in kleinen Gruppen, \u00fcberall wartende Menschen. Worauf warten die nur? Sie warten darauf, von jemandem mitgenommen zu werden. Der F\u00fchrer spricht unverbl\u00fcmt von \u201eTransportschwierigkeiten\u201c.<\/p>\n<p>Links ein Stausee, der gleichzeitig Trainingsstrecke f\u00fcr Ruderer und Kanuten ist. Kuba hat, wie stolz vermerkt wird, bei den Olympischen Spielen zwei Goldmedaillen in diesen Disziplinen geholt. Im Zusammenhang mit dem Staussee wird die Zahl 180.000 Liter pro Tag genannt. Das h\u00f6rt sich beeindruckend an, aber ob das wirklich viel ist oder nicht, wei\u00df ich nicht.<\/p>\n<p>Dann \u00e4ndert sich die Landschaft. Wir sehen Palmenw\u00e4lder, Eukalyptusw\u00e4lder, Bananenplantagen und Zuckerrohrplantagen. Der Eukalyptus wird auch zu medizinischen Zwecken verwendet. Bei den Bananen gibt es zwei Typen: Essbananen und Kochbananen. Der Zuckerrohranbau war 400 Jahre lang der wichtigste Wirtschaftszweig Kubas, bis die Preise fielen. Heute ist es der Tourismus. Aus Zuckerrohr wird nicht nur Zucker gemacht, sondern auch Rum, Papier und Medizin. Die Hauptarbeit bei der Ernte wird weiterhin von macheteros geleistet, einem der geachtetsten und bestbezahlten Berufe Kubas, weil Maschinen bei dem h\u00fcgeligen Gel\u00e4nde meist nicht einsetzbar sind. Sie tragen in einer Hand die machete, in der anderen einen speziellen Handschuh, nicht um sich vor ihren eigenen Hieben zu sch\u00fctzen, sondern vor den scharfen Bl\u00e4ttern des Zuckerrohrs.<\/p>\n<p>Die Landschaft ist nicht sonderlich spektakul\u00e4r, aber die Erkl\u00e4rungen machen die Fahrt kurzweilig. Dass die K\u00fche links Holsteiner sind, h\u00e4tte ich nicht gewusst, und erst recht nicht, wozu die jetzt regelm\u00e4\u00dfig auftauchenden H\u00fctten auf den Feldern dienen. In ihnen wird der Tabak getrocknet. Es geht dabei darum, dass er weder zu trocken wird &#8211; dann l\u00e4sst er sich nicht rollen &#8211; noch zu feucht bleibt &#8211; dann entwickelt er kein Aroma. Deshalb muss t\u00e4glich kontrolliert und die Lage der Bl\u00e4tter ver\u00e4ndert werden. Einige der H\u00fctten haben Metalld\u00e4cher. Dadurch wird die Hitze erh\u00f6ht und der Prozess beschleunigt.<\/p>\n<p>Die H\u00fctten sind schon die ersten Vorboten von Pinar del R\u00edo, das wir dann bald erreichen. Es hat 300.000 Einwohner und eine Universit\u00e4t. Es geht heute sehr ruhig zu. Ein paar Menschen gr\u00fc\u00dfen uns beim Aussteigen und fragen nach Kulis. Die habe ich eigens zu Dutzenden aus Deutschland mitgebracht, aber jetzt in Havanna gelassen. Ich hatte das Gef\u00fchl, dass sie gar nicht mehr so begehrt seien, mache aber in den n\u00e4chsten Tagen auch in Havanna die Erfahrung, dass das nicht stimmt. Zur Not tut es ein Geldschein auch. Eine junge Frau mit einem Baby auf dem Arm, die wirklich \u00e4rmlich aussieht, ist richtig bewegt.<\/p>\n<p>In der Tabakfabrik geht es heute, am Feiertag, sehr ruhig zu. Es sind nur wenige Arbeiter da, meist Frauen. Durch die \u00dcberstunden kann man sich seine Pr\u00e4mie erh\u00f6hen. Man verdient 200 bis 400 Pesos im Monat und eine Zulage von 15-20 Dollar. Man sieht, wie die Tabakbl\u00e4tter geschickt mit einem grifflosen Messer bearbeitet werden, das zum Rollen wie zum Schneiden dient. Eine der Frauen schafft es sogar, dabei zu rauchen. Die Zigarren kommen in eine Schachtel aus Zedernholz. Es ist wichtig, dass sie atmen k\u00f6nnen. Kurz vor dem Ausgang kauft ein Mitreisender, ein Italiener, eine Schachtel Zigarren. Er zahlt 30 Dollar, und erst, als ihm gezeigt wird, wie er die Schachtel unter seiner Weste verstecken soll, geht mir ein Licht auf: Hier wird schwarz verkauft. In dem sehr edlen Verkaufsraum der Fabrik auf der anderen Seite der Stra\u00dfe sind die Zigarren teurer, aber das bessere Gesch\u00e4ft hat der Verk\u00e4ufer gemacht, vermutlich Reingewinn.<\/p>\n<p>Dann geht es wieder in den Bus. Die Landschaft ver\u00e4ndert sich, es wird gebirgiger und waldreicher. Hier gibt es Forstwirtschaft, haupts\u00e4chlich Pinie, aber auch Eiche und Mahagoni. Am Waldrand sieht man wild lebende, rostfarbene Schweine.<\/p>\n<p>In Pinar besichtigen wir die Cueva del Indio, eine H\u00f6hle, die fr\u00fcher einmal als Zufluchtsort diente. Vor der H\u00f6hle sehen wir, wie Zuckerrohrbl\u00e4tter durch eine Vorrichtung gedreht werden, um sie auszupressen, und es gibt ein Glas guarapo, Zuckerrohrsaft.<\/p>\n<p>Wir gehen erst ein ganzes St\u00fcck zu Fu\u00df \u00fcber einen leicht absch\u00fcssigen Gang tief in die H\u00f6hle, bis wir an einen Fluss kommen. Dort werden wir in Boote verfrachtet und durch die H\u00f6hle gefahren. So kann man in aller Ruhe Gesteinsbildungen ansehen und das bekannte Spiel mitmachen, ob man die Figuren erkennt: Krokodilsk\u00f6pfe, Totenk\u00f6pfe, Seepferdchen und einen rauchenden Indio. Dann kommt man am anderen Ende der H\u00f6hle wieder hinaus.<\/p>\n<p>Dann geht es weiter zu einem Ort mit einer riesigen, modernen Felszeichnung in bunten Farben, die symbolisch die Entwicklung der Welt darstellt.<\/p>\n<p>Beim Mittagessen gibt es viele unzufriedene Gesichter. Mir schmeckt\u2019s. Das Schweinefleisch und der Reis sind schmackhafter als alles, was ich bisher gegessen habe. Aber alle anderen haben etwas zu meckern: das Essen ist nicht gut, es dauert zu lange, man sitzt nicht nebeneinander, es sind keine Aschenbecher da. Ich f\u00fchle mich etwas unwohl angesichts der vielen Kritik, bin aber froh, dass es keine Deutschen sind, die sich da beschweren. Ich bin der einzige Deutsche.<\/p>\n<p>Auf der R\u00fcckfahrt f\u00fchre ich ein langes Gespr\u00e4ch mit einem spanischen Ehepaar. Sie erz\u00e4hlen, dass es in Spanien jetzt kostenlose Zeitungen gebe, und dass der Absatz der anderen Zeitungen dadurch gestiegen sei! Die beiden haben ihre eigene, makabre Erkl\u00e4rung f\u00fcr das allgemein als Wunder verkl\u00e4rte Ph\u00e4nomen auf dem Friedhof, f\u00fcr das Kind, das nach Jahren im Grab in den Armen der Mutter gefunden wurde: Die Mutter war tot, aber das Kind lebte noch und ist zur Mutter gekrochen und hat sich an ihre Brust gelegt.<\/p>\n<p>Als wir am Abend zur\u00fcckkommen, liegt im Hafen ein riesiges, wei\u00dfes Kreuzfahrtschiff, das einzige, das Havanna noch anl\u00e4uft und sich nicht am Boykott beteiligt. Mit den vielen Kreuzfahrern im Zentrum ist die Atmosph\u00e4re schlagartig anders.<\/p>\n<p>26. Dezember (Montag)<br \/>\nAls ich das Humboldtmuseum endlich finde, mache ich zwei Entdeckungen: Es ist ganz in der N\u00e4he meines Hotels, auf der Calle Oficios, und es ist heute geschlossen. Also gehe ich zur Kathedrale, aber die ist noch zu. Also gehe ich zum Automobilmuseum, aber das ist heute auch zu. Also gehe ich wieder zur Kathedrale, aber die ist immer noch zu.<\/p>\n<p>Auf dem Weg biete ich einer alten, gebeugt gehenden Frau ein St\u00fcck Seife an, das sie ohne Z\u00f6gern annimmt: \u201eComo no, que no tengo.\u201c<\/p>\n<p>An der Calle Mercaderes komme ich an einem kleinen, fast privat aussehenden, sehr stimmungsvollen Park vorbei, den ich bisher immer \u00fcbersehen habe. Das alte Havanna hat immer wieder etwas Neues. Im Park steht eine Andersen-B\u00fcste und ein alter Brunnen mit einer modernen Aufstockung.<\/p>\n<p>Auf dem Platz vor der Kathedrale trinke ich einen Kaffee und muss vor der Sonne in den Schatten fl\u00fcchten. Aufs Bezahlen warte ich 15 Minuten. Der Chefkellner, der breitbeinig und Zigarre rauchend am Rand steht, \u00fcbersieht meine Geste erst und macht dann auch keine Anstalten, sich zu bewegen, sondern beschr\u00e4nkt sich darauf, \u201eL\u00e1zaro\u201c zu rufen. Als das keinen Erfolg hat, unternimmt er erst mal nichts.<\/p>\n<p>Da die Kathedrale immer noch geschlossen ist, geht es jetzt ins Museo de Arte Colonial, am anderen Ende des Platzes. Man betritt einen sch\u00f6nen zweist\u00f6ckigen, blau-gelben patio mit Arkaden. In der Mitte Pflanzen, die bis zum zweiten Stockwerk reichen. Um den patio herum gesellen sich die kleinen Ausstellungsr\u00e4ume auf beiden Stockwerken.<\/p>\n<p>Hier gibt es zuerst Porzellan zu sehen, aus europ\u00e4ischer Produktion, aber mit der Stadtansicht von Havanna, das von M\u00e4nnern im Zylinder und Frauen im Reifrock bev\u00f6lkert ist! Der urspr\u00fcngliche Besitzer des Porzellans ist oft namentlich bekannt \u2013 die Namen sind eingraviert.<\/p>\n<p>Auf Gem\u00e4lden verschiedenster Stilrichtungen, impressionistisch, expressionistisch, kubistisch und photographisch, sieht man das moderne Havanna in allen Variationen, Fassaden, Parks, Stra\u00dfen, Statuen. Sehr sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Woanders gibt es Reitzubeh\u00f6r, Sporen, Steigb\u00fcgel (mit herzf\u00f6rmiger Auslassung am Boden), Zaumzeug, Stiefelspitzenverst\u00e4rker.<\/p>\n<p>Dann allen m\u00f6glichen Rokokokitsch, Porzellanfiguren in Lila, Lindgr\u00fcn und Blassrosa. Schrecklich. Dennoch beeindruckend in den Details, z. B. der genau herausgearbeiteten Schnalle am Schuh eines Mannes und dem aus der Weste herausschauenden Hemd.<\/p>\n<p>Dann eine unglaublich gut gearbeitete Bronzefigur, ausdrucksvoll und detailliert: Ein J\u00e4ger, mit Backenbart, tr\u00e4gt einen Schottenrock mit Schnalle und eine M\u00fctze mit Pl\u00fcmmel und Besatz. Die Kn\u00f6pfung der Weste ist genau erkennbar. Er ist begleitet von einem Hund, der ihn, Schwanz auf dem Boden, sehnsuchtsvoll ansieht, denn der J\u00e4ger tr\u00e4gt in einer Jagstasche einen Fuchs, der den Schwanz traurig h\u00e4ngen l\u00e4sst, verst\u00e4ndlich angesichts der Tatsache, dass er tot ist.<\/p>\n<p>Unter den anderen Exponaten noch erw\u00e4hnenswert eine aufziehbare Zigarrenschachtel mit Schubf\u00e4chern, die von unten<br \/>\ngek\u00fchlt wird, um die Zigarren in gutem Zustand zu erhalten.<\/p>\n<p>Vom oberen Geschoss aus hat man einen bilderbuchm\u00e4\u00dfigen Blick auf den sonnen\u00fcberfluteten Platz der Kathedrale, deren H\u00e4user schr\u00e4ge Schatten werfen.<\/p>\n<p>Von den reichlich vorhandenen, nicht \u00fcberbesch\u00e4ftigten und, wenn sie einmal angesprochen werden, pl\u00f6tzlich sehr freundlich werdenden Aufpasserinnen bekomme ich noch zwei Erkl\u00e4rungen. Worum handelt es sich bei einem auf dem Boden stehenden blauen Topf in dem Herrenzimmer da hinten? Um einen Spucknapf! Darin wanderten die Reste des gekauten Tabaks. Und warum hat eine Kaffeetasse so einen merkw\u00fcrdigen Einsatz? Sieht aus wie die Schnabeltassen, die wir als Kinder benutzten. Das ist ein Bartschutz! Er verhindert, dass der Bart beim trinken in Ber\u00fchrung mit dem Kaffee kommt!<\/p>\n<p>Dann ist die Kathedrale tats\u00e4chlich offen. Das Warten war zwar nicht umsonst, aber auch nicht sonderlich lohnend. Der Innenraum, ein breiter, einheitlicher Barockraum mit m\u00e4chtigen Pfeilern und gr\u00e4sslicher Ausstattung, ist nicht unbedingt etwas, das man gesehen haben muss. Aber dennoch hat der Raum eine sch\u00f6ne Atmosph\u00e4re, und das ist einzig dem Licht zu verdanken. Es f\u00e4llt durch kleine Fenster, die hinten bunt und vorne ocker sind, in den Raum und macht ihn hell und dunkel gleichzeitig.<\/p>\n<p>Danach gehe ich auf den bunten, eng mit St\u00e4nden bestellten Markt in der N\u00e4he des Malec\u00f3n. Dort wird allerhand Tr\u00f6del verkauft, aber auch selbstgemachter Schmuck. Ich brauche eine M\u00fctze, und an Auswahl mangelt es da nun wirklich nicht, aber die meisten haben zu bunte oder auffallende Verzierungen, Embleme oder Aufschriften. Da sie im Vergleich zu den anderen geradezu dezent ist, kaufe ich eine schwarze Baskenm\u00fctze mit einem Stern. Die junge Frau, die sie verkauft, setzt sie mir vorschriftsm\u00e4\u00dfig auf. Dabei dr\u00fcckt sie ihren K\u00f6rper gegen meine, mehr als n\u00f6tig w\u00e4re, um mir die M\u00fctze aufzusetzen.<\/p>\n<p>Ein paar Meter weiter sagt ein alter Mann, der pl\u00f6tzlich hinter einem Stand auftaucht, als ich ihm einen kleinen Obolus gebe, \u201eEs usted una buena persona\u201c und deutet dabei auf die M\u00fctze. Das ist alles etwas r\u00e4tselhaft. Ein paar St\u00e4nde weiter taucht er dann schon wieder auf und bittet wieder um Geld. Jetzt beginne ich die Strategie zu verstehen.<\/p>\n<p>Eine Frau gr\u00fc\u00dft mich freundlich, als ob sie mich kenne. Ja, ich h\u00e4tte ihr heute morgen am Kapitol 20 Pesos f\u00fcr eine T\u00fcte man\u00ed gegeben. Sie ist jetzt in Begleitung ihrer Tochter. Jetzt muss ich wohl oder \u00fcber noch mal Popcorn kaufen. Sie will aber auch noch einen Kuli. Und dann soll ich ihrer Tochter einen Anh\u00e4nger kaufen. Und dann sagt sie, sie habe noch eine kleine Tochter zuhause und h\u00e4tte so gerne etwas Trockenmilch. Z\u00e4hneknirschend stimme ich zu. Sie schickt mich mit ihrer Tochter in einen Laden, und die macht eine Bestellung, die es in sich hat. Es bleibt nicht bei Trockenmilch, und am Ende muss ich sie energisch stoppen. Ich \u00e4rgere mich, dass ich mich darauf eingelassen habe, aber noch mehr \u00e4rgere ich mich, als ich erfahre, dass ich auf einen billigen Trick reingefallen bin: Es geht gar nicht um Trockenmilch. Man gibt die gekaufte Ware nachher wieder der Ladenbesitzein zur\u00fcck und teilt sich das Geld mit ihr.<\/p>\n<p>Dann geht es in den Havanna Club und sein Museo del Ron, ganz in der N\u00e4he des Hotels. Hier gibt es sogar F\u00fchrungen auf Deutsch. Man erf\u00e4hrt, dass wei\u00dfer Rum gemischt, dunkler pur ist. Der Alkoholgehalt ist gleich, 40-45%. Man sieht die F\u00e4sser, in denen der Rum reift, Wei\u00dfholzf\u00e4sser aus Kanada. Man erf\u00e4hrt, dass in den F\u00e4ssern vorher Whisky gebrannt wurde. Das ist kurios, denn in den Brennereien in Irland benutzt man f\u00fcr den Whisky F\u00e4sser, in denen vorher Sherry gelagert wurde. Welche F\u00e4sser benutzen wohl die Sherrymacher? Man erf\u00e4hrt auch, dass das Zuckerrohr keineswegs eine einheimische Pflanze ist. Sie kommt urspr\u00fcnglich aus Asien und wurde von den Spaniern nach Kuba gebracht! Hier gedeiht sie gut, aber nicht im Westen der Insel. Dort wird daf\u00fcr Tabak angebaut. Die Melasse wird extrahiert und dann mit Wasser vermischt und zum G\u00e4ren gebracht. Am Ende der F\u00fchrung gibt es noch einen Hinweis auf einen Streit des Havanna Club mit der urspr\u00fcnglich aus Havanna stammenden Familie Bacard\u00ed, bei dem es sozusagen um das Copyright f\u00fcr den genuinen Rum ging. Der Streit wurde gerichtlich ausgetragen, und der Havanna Club bekam recht: Nur er stelle den echten Havanna-Rum her. Der Familie Bacard\u00ed wurde aber erlaubt, f\u00fcr ihr Ges\u00f6ff, das den Namen Rum nicht verdiene, den Namen Bacard\u00ed zu verwenden.<\/p>\n<p>Beim Geldwechsel sieht mich die junge Frau hinter dem Schalter erst ernst an und fragt mich streng, wozu ich denn \u00fcberhaupt kubanische Pesos br\u00e4uchte. Ich sollte nur die Ausl\u00e4nderw\u00e4hrung nehmen. Ich erkl\u00e4re etwas verlegen, die Leute in der Stra\u00dfe b\u00e4ten manchmal um eine kleine Hilfe, und dazu w\u00e4ren die Pesos gut. Sie erwidert nichts und sieht reglos nach unten, als sie die Scheine z\u00e4hlt. Als sie mir das Geld in beiden W\u00e4hrungen dann in die Hand dr\u00fcckt, zwinkert sie mir zu, und ein leichtes L\u00e4cheln spielt sich auf ihrem Gesicht.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he des Capitolio werde ich von einer jungen Frau angesprochen, die an einem Stand etwas verkauft. Bald sitze ich an einem Tisch, der zu dem daneben gelegenen Lokal geh\u00f6rt, trinke Bier und daikir\u00ed und werde von ihrem Cousin in Beschlag genommen, mit Gespr\u00e4chen \u00fcber Kuba und Europa und Reisen und Fidel. Bald werde ich auch noch seiner Schwester vorgestellt und trinke noch ein Bier und gebe eine Runde aus. Beim Kassieren ist man nicht zu kleinlich, aber: Was soll\u2019s?<\/p>\n<p>Wenn ich gefragt werde, woher ich komme, mache ich mir manchmal einen Spa\u00df damit, es nicht gleich zu sagen, sondern raten zu lassen: \u201e\u00a1Adivina!\u201c Einmal bekomme ich darauf die unschlagbare Antwort: \u201e\u00bfY d\u00f3nde est\u00e1 esto? \u2013 Und wo ist das?\u201c<\/p>\n<p>Um etwas in den Bauch zu bekommen, stelle ich mich wieder an einem der kleinen Pizzast\u00e4nde an. Diesmal kostet die Pizza  sogar 10 Pesos. Immer noch geschenkt. Und schmeckt hervorragend.<\/p>\n<p>Am Hafen h\u00e4lt ein Auto neben mir und will nach dem Weg fragen. Ich mache schon Anstalten zu sagen, sie h\u00e4tten den unvermeidlichen Fremden getroffen, als ich die Frage h\u00f6re: \u201e\u00bfEl Museo del Autom\u00f3vil?\u201c Das wei\u00df ich! Leider habe ich Grund zu der Annahme, dass es heute zu ist.<\/p>\n<p>Am Abend gehe ich in ein Lokal mit Live-Musik in der Altstadt. Ich habe es schon mehrmals gesehen und bin drauf aufmerksam geworden durch ein Traube Menschen, die davor stand. Man kann von drau\u00dfen zusehen und zuh\u00f6ren. Es ist sozusagen \u00f6ffentlich. Trotzdem ist das Lokal gut besetzt. Hier gelten allerdings Touristenpreise. Die Gruppe spielt absolut mitrei\u00dfende Salsa. Das bedeutet w\u00f6rtlich \u201aSo\u00dfe\u2019, und die Salsa ist wirklich eine Mischung aus verschiedenen Musiktraditionen, mit dem kubanischen Son als Grundlage. Man kann sich dem Rhythmus nicht entziehen, auch wenn man kein aficionado ist. Ein besonders mitrei\u00dfendes Lied hat den sympathischen Refrain \u201eEn La Habana hay una pila de locos.\u201c Alle Musiker sind Schwarze, mit einer Ausnahme: Ein Wei\u00dfer, der wie ein Deutscher aussieht, blond und blassh\u00e4utig, der sich aber wie ein Schwarzer bewegt und wie ein Kubaner singt.<\/p>\n<p>Danach lasse ich mich, nur so, ein St\u00fcck des Heimwegs in einer Rischka fahren, f\u00fcr einen Dollar. Es ist erstaunlich, wie der Fahrer \u00fcber die unebenen, teilweise nicht asphaltierten Wege kommt, und ebenso erstaunlich, welch kleinen Wendekreis das Ger\u00e4t hat. Als ich die Adresse nenne, dreht der auf der Stelle um und macht dabei praktisch eine Drehung um sich selbst ohne den Radius zu verlassen.<\/p>\n<p>27. Dezember (Dienstag)<br \/>\nHeute gibt es zum Fr\u00fchst\u00fcck zur Abwechslung Crepes mit Honig und torrejas. Immer mal wieder was Neues.<\/p>\n<p>Es ist verr\u00fcckt: Ich bin in Althavanna inzwischen bekannt. Wildfremde Leute, oder solche, die ich daf\u00fcr halte, sprechen mich an: \u201eAd\u00f3nde hoy, compa\u0148ero? \u2013 Wo geht\u2019s heute hin?\u201c<\/p>\n<p>Endlich ist heute das Humboldtmuseum ge\u00f6ffnet. Das Museum ist bescheiden, es geht wohl mehr darum, die Verdienste Humboldts, der hier immer noch sehr bekannt ist, durch ein Museum zu w\u00fcrdigen, Es sind ein Astrolab, ein Quadrant und andere Instrumente ausgestellt, die Humboldt f\u00fcr seine Forschungen benutzte. Ihm gelang eine neue Bestimmung der genauen Position Havannas, und er erforschte die Flora und Fauna Kubas. Hier verbrachte er drei Monate. Da er Kritik an der Sklaverei \u00fcbte, verbot ihm die spanische Krone sp\u00e4ter, nach Kuba zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p>An der Wand h\u00e4ngen Stiche mit Stadtansichten aus Humboldts Zeit, u.a. von Berlin und Madrid. Bei Madrid sagt die F\u00fchrerin \u201ede su patria\u201c, aber da muss ich sie korrigieren. Ich erfahre, dass man hier, im oberen Geschoss, auch wohnen kann. Das Museum vermietet Zimmer an Touristen. So etwas erf\u00e4hrt meistens erst vor Ort.<\/p>\n<p>Dann geht es ins Automobilmuseum. Die Oldtimer, Autos und Motorr\u00e4der, stehen, chronologisch geordnet, einzeln an der Wand, als erster ein Ford T, das Urmodell des serienm\u00e4\u00dfig fabrizierten Autos, robust und einfach. Als erstes Auto fuhr es \u00fcber die Anden und durch die W\u00fcste Gobi.<\/p>\n<p>Sein gr\u00f6\u00dfter Konkurrent war der Dodge. Er wurde von einem Bruderpaar entwickelt, das sp\u00e4ter bei einer Epidemie starb. Das Unternehmen wurde von Chrysler gekauft.<\/p>\n<p>Der Chevrolet entstand, als ein Schweizer Rennfahrer von einem Unternehmer beauftragt wurde, ein Auto zu entwickeln. Es \u00fcberschritt 1927 die Marke von einer Million Exemplaren und \u00fcbertraf Ford.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Cadillac wurden vier Jahre Entwicklungszeit ben\u00f6tigt. Es war das leiseste und zugleich leistungsst\u00e4rkste Auto seiner Zeit.<\/p>\n<p>Dann gibt es auch eine uralte Ampel der Marke Eagle, zuerst 1921 in Illinois eingesetzt. Diese Ampeln stehen heute noch in den Stra\u00dfen Althavanna, perfekt funktionierend. Daneben eine fast ebenso alte Zapfs\u00e4ule. Die Ma\u00dfeinheit ist die Gallone.<\/p>\n<p>Das gro\u00dfe Modell von Havanna liegt in einem Stadtteil au\u00dferhalb des Zentrums, wohin es mich bisher noch nicht gef\u00fchrt hat. Das ist die Gelegenheit, mal mit dem cocotaxi zu fahren, einem der rundlichen offenen, knallgelben, motorisierten Dreir\u00e4der, mit Platz f\u00fcr den Fahrer vorne und zwei Fahrg\u00e4sten hinten. Eine sinnliche Erfahrung ersten Ranges: Es geht mit hoher Geschwindigkeit \u2013 wenigstens f\u00fchlt sich das so an \u2013 mitten auf der mehrspurigen Stra\u00dfe am Meer entlang, links und rechts wird \u00fcberholt, es riecht nach Abgasen und nach Meer, man h\u00f6rt das Knattern des eigenes Fahrzeugs und das Summen der anderen, der Fahrtwind und eine frische Brise vom Meer wehen ins Gesicht, und ab und zu bekommt man einen Spritzer der Gischt ins Gesicht.<\/p>\n<p>Ich werde in einem sehr ruhigen Stadtviertel gleich vor dem Eingang des gesuchten Geb\u00e4udes abgesetzt. Das Modell nimmt den ganzen Raum ein. Es soll das zweitgr\u00f6\u00dfte der Welt sein, 144 m2 gro\u00df. Das ist beeindruckend, aber nicht sehr hilfreich. Es erschl\u00e4gt einen eher. Um einen \u00dcberblick zu bekommen, muss man auf eine Empore steigen, aber dann ist man weit weg. Trotzdem kann man zwei Dinge gut erkennen: Der Stadtteil Casablanca unterscheidet sich deutlich von den anderen. Die Siedlungen sind viel gro\u00dfr\u00e4umiger angelegt. Und man kann die Stadtentwicklung erkennen, denn die einzelnen Viertel sind farblich unterschieden, nach Entstehungszeit. Man sieht, dass die Keimzelle Havannas im Norden liegt, dass es sich dann Richtung S\u00fcden erweitert hat, und sich dann Richtung Westen, aber nicht Richtung Osten ausgedehnt hat.<\/p>\n<p>Um das Modell herum sind Photos von Pl\u00e4tzen Havannas mit Erkl\u00e4rungen angebracht. Hier erf\u00e4hrt man, dass die Plaza Vieja urspr\u00fcnglich Plaza Nueva hie\u00df. Sie entstand, als die Festung gebaut wurde und die Plaza de Armas, der alte Festplatz, zum Festungsplatz wurde. Naheliegenderweise nannte man sie also Plaza Nueva. Nach der Schaffung eines weiteren Platzes, der Plaza del Cristo, mutierte die Plaza Nueva dann zur Plaza Vieja. Als sie noch Plaza Nueva hie\u00df, fanden auf dem repr\u00e4sentativen, rechteckigen Platz mit Arkaden, Balkonen und Eingangsportalen, M\u00e4rkte und Feste statt. Mir pers\u00f6nlich gef\u00e4llt die Plaza de San Francisco, die unregelm\u00e4\u00dfiger ist und eine F\u00fclle verschiedener Baustile hat, die dennoch einheitlich wirken, noch besser, aber auch die Plaza Vieja ist nicht zu verachten. Die H\u00e4user sind zum Teil renoviert, zum Teil in altem Zustand.<\/p>\n<p>Die R\u00fcckkehr ins Zentrum gestaltet sich schwer. Hier gibt es kein cocotaxi, das man einfach anhalten k\u00f6nnte. Ich gehe erst ein St\u00fcck zu Fu\u00df Richtung Hauptstra\u00dfe. In diesem Viertel herrscht eine ganz andere Atmosph\u00e4re. Es ist viel ruhiger. Man wird weder angesprochen noch angebettelt.<\/p>\n<p>Einmal an der Hauptstra\u00dfe angekommen, habe ich keinen richtigen Erfolg mit meinen Fragen nach dem Weg, und ich wei\u00df nicht einmal so richtig, wie ich die Hauptstra\u00dfe \u00fcberqueren soll. Dann komme ich aber doch an eine Bushaltestelle, von der ich aber, nachdem mehrere Busse, die nicht nach Althavanna fahren, gehalten haben, zu einer anderen Bushaltestelle geschickt werde. Aber diese Busse sind alle \u00fcberf\u00fcllt und halten nicht. Ich versuche es mit Taxis, aber auch das klappt nicht. Sie sind entweder voll oder halten nicht. Also gehe ich zu Fu\u00df zur\u00fcck, durch einen schrecklichen Tunnel und entlang einer vielbefahrenen Stra\u00dfe, in der Mittagshitze. Als ich an den Malec\u00f3n komme, wird es etwas besser. Auf einer ins Meer hineinragenden Felsenplattform liegt ein wunderbar aussehendes Caf\u00e9, aber dort ist man v\u00f6llig ungesch\u00fctzt in der Sonne und ich lasse es sein. Also geht es weiter, mit m\u00fcden Beinen und wunden F\u00fcssen, Richtung Stadt. Es ist das einzige Mal w\u00e4hrend des Aufenthalts, dass ich Havanna verfluche.<\/p>\n<p>Als ich beim Kaffee auf der Plaza de San Francisco sitze, taucht wieder die Frau auf, die mich dieser Tag auf der Stra\u00dfe angesprochen hat, nachdem wir vorher hier einmal ein paar Worte gewechselt hatten. Diesmal ist sie in Begleitung zweier M\u00e4dchen. Ich werde aufgefordert, zu best\u00e4tigen, dass sie sehr sch\u00f6n sind, was ich auch pflichtschuldig tue. Die Frau sagt mir, sie habe mich schon oft gesehen, und immer sei ich alleine. Das scheint mir den kubanischen Vorstellungen von Urlaub nicht vereinbar zu sein. Mehr als einmal hat schon die Tatsache, dass ich alleine angereist bin, ungl\u00e4ubiges Staunen hervorgerufen. Offensichtlich bedarf das einer Erkl\u00e4rung und sie will, leicht entsetzt, wissen, ob ich vielleicht nicht auf  Frauen stehe: \u201ePero, \u00bfno te gustan las chicas?\u201c<\/p>\n<p>Als ich mich wieder erholt habe, gehe ich dann doch noch in den Congreso de los Representantes, einem Geb\u00e4ude, auch ganz in der N\u00e4he des Hotels, an dem ich schon oft vorbeigekommen bin. F\u00fcr die schmale Stra\u00dfe ist die Eingangsfront mit den hohen S\u00e4ulen etwas zu bombastisch geraten.<\/p>\n<p>Der Empfang hier ist \u00e4u\u00dferst freundlich. Ich werde durch das Geb\u00e4ude gef\u00fchrt, das heute Sitz des Erziehungsministeriums ist, fr\u00fcher aber Sitz der Zweiten Kammer des Parlaments war. Daher der Name. Aus der Zeit stammt noch ein Raum mit Sitzen im Halbkreis, einer Empore und sehr eklektischer Ausstattung. Sch\u00f6n ist das nicht gerade. Ich erfahre aber etwas \u00fcber die merkw\u00fcrdig dekorierten Fensterscheiben, die ich schon an verschiedenen Stellen gesehen habe. An den Scheiben sind \u00fcber Kreuz B\u00e4nder angebracht, in der Form eines Andreaskreuzes. Sie haben, wie ich jetzt erfahre, keine dekorative Funktion, sondern eine ganz praktische: Sie st\u00e4rken die Fensterscheiben bei Sturm. In der Zeit, in der ich in Havanna bin, ist das Wetter immer gut, und man kann sich gar nicht vorstellen, dass in anderen Jahreszeiten St\u00fcrme und Regenfluten die Regel sind.<\/p>\n<p>Im vorderen Teil des Geb\u00e4udes gibt es ein Museum zur Alphabetisierung. In Kartuschen wird der Weg der Ausbildung, vom Kindergarten bis zum Abschluss, dargestellt, und in Vitrinen gibt es Dokumente zur Alphabetisierungskampagne, die gleich nach der Revolution einsetzte und bereits 1961 abgeschlossen wurde, als die Analphabetenquote auf 3,5 % gesunken war und Kuba zur \u201eanalphabetenfreien Zone\u201c erkl\u00e4rt wurde. Heute soll die Quote bei 0,3% liegen, was wohl nicht ganz stimmen wird, aber den Erfolg kann niemand ernsthaft bestreiten. Das Motto lautet: \u201eSaber leer es saber andar, saber escribir es saber ascender.\u201c<\/p>\n<p>In anderen Vitrinen sieht man Photos von der Kampagne, Fibeln, mit denen gelernt wurde, und eine chinesische Gaslampe. Was macht die hier? Lampen dieser Art kamen bei der Kampagne zum Einsatz, damit in l\u00e4ndlichen Gebieten auch abends unterrichtet werden konnte, nachdem die Bauern von der Arbeit zur\u00fcckkehrten.<\/p>\n<p>Auch hier gibt es Devotionalien, die Uniform des Sohns von Jos\u00e9 Mart\u00ed und den nach C\u00e9spedes benannten Orden, der unter anderem dem Vater des nach Florida entf\u00fchrten Emiliano verliehen wurde, der daf\u00fcr sorgte, dass sein Sohn nach Kuba zur\u00fcckkam.<\/p>\n<p>Beim Verlassen des Geb\u00e4udes sieht mich eine \u00e4ltere, \u00e4rmlich aussehende Frau. Sie bleibt in sicherer Distanz, macht aber eine Geste, die besagt: \u201eIch brauche etwas zu essen\u201c. Ich gehe auf sie zu und gebe ihr 20 Pesos, eine Kleinigkeit. Zu meinem Entsetzen nimmt sie meine Hand und k\u00fcsst sie.<\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Nachmittag gehe ich mit der Kamera durch die Stadt und mache Photos von den Besonderheiten, die ich in den letzten Tagen gesehen habe, dem camello, dem cocotaxi, den santeras, von pelota spielenden Jungen aber auch von den wunderbaren H\u00e4userfassaden und dem sch\u00f6nen L\u00f6wenbrunnen auf der Plaza de San Francisco.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he des Platzes sieht ein Junge durch das vergitterte Fenster seines Hauses auf die Stra\u00dfe, melancholisch dreischauend, ein Motiv, wie man es in Genrebildern finden k\u00f6nnte. Ich frage ihn, ob ich ein Photo von ihm machen k\u00f6nne. Sch\u00fcchtern stimmt er zu. Als ich ihm danach 20 Pesos in die Hand dr\u00fccke, l\u00e4uft er laut rufend in die hinteren R\u00e4ume. Das Photo wird mein bestes aus Havanna.<\/p>\n<p>An verschiedenen Ecken im Zentrum stehen V\u00f6gelh\u00e4ndler mit ihren K\u00e4figen. Oder handelt es sich um etwas anderes? Auch davon will ich ein Photo machen. Ich bitte die Frau, die dabei steht, um Erlaubnis und nutze die Gelegenheit, etwas zu erfahren. Sie hat Wellensittiche, Kanarienv\u00f6gel und Kakadus und erz\u00e4hlt mir etwas \u00fcber deren Eigenarten. Die V\u00f6gel sind tats\u00e4chlich zum Verkauf. Wie denn die K\u00e4ufer die V\u00f6gel nach Hause bek\u00e4men, will ich wissen. In den K\u00e4figen, die werden gleich mitverkauft. Neben der Frau steht ein kleines M\u00e4dchen und ich werde gebeten, auch von ihr ein Photo zu machen. Ich tue es, und sage, wie h\u00fcbsch das M\u00e4dchen ist. Und bekomme eine Reaktion, die mich umwirft: Die Frau fragt, nicht ganz ernst, aber wohl auch nicht nur zum Spa\u00df: \u201e\u00bfTe la quieres llevar? -Willst du sie mitnehmen?\u201c<\/p>\n<p>28. Dezember (Mittwoch)<br \/>\nDie Abfahrt ist erst um 20.55. An der Rezeption begegne ich einem Asturianer, der aus Varadero vor den Touristen gefl\u00fcchtet ist und sich in Havanna viel wohler f\u00fchlt. Er zieht jetzt ins Hotel, nachdem er zuerst in einer Casa Particular gewohnt hat. Das war doch wohl zu viel des Abenteuers. Als ich von der Sch\u00f6nheit der Natur in Asturien spreche, tut er diesen Kommentar mit ein paar Worten ab, die wohl sagen sollen: Brauchst du mir nicht zu sagen, ich wei\u00df, dass Asturien sch\u00f6n ist und habe keinen Zweifel daran, dass das alle Welt denkt. Das kommt mir irgendwie spanisch vor.<\/p>\n<p>Als ich an der Plaza de San Francisco auch noch die Granma kaufe, die Parteizeitung, bin ich mit meiner Che-M\u00fctze komplett auf Linie gebracht.<\/p>\n<p>Am Kapitol kommt ein junger Mann auf mich zu und bittet mit kaum verst\u00e4ndlicher Stimme um etwa Geld. Er hat bei einem Autounfall eine Kehlkopfverletzung erlitten und zeigt mir seine gotterb\u00e4rmlich entstellten Beine. Wir unterhalten uns ein bisschen. Als er sich verabschiedet, fragt er mich, ob ich einen Sohn h\u00e4tte. Nein. Darauf gibt er mir einen Kuss und sagt: \u201eYa tiene \u2013 Jetzt haben sie einen.\u201c Ich bin verlegen, verwirrt und ger\u00fchrt gleichzeitig.<\/p>\n<p>Ich habe noch Zeit, mir das Museo de Artes Pl\u00e1sticas anzusehen, ein kleines, aber feines Museum, das zeitgen\u00f6ssische. minimalistische Werke junger K\u00fcnstler ausstellt. Es ist in der zweiten Etage eines der Kolonialh\u00e4user der Altstadt, wieder ganz in der N\u00e4he des Hotels, untergebracht, in nicht viel mehr als einem gr\u00f6\u00dferen Raum. Eine riesige Kollage beherrscht eine Wand, Tumulto, ein Schwarz-Wei\u00df-Bild aus lauter Gesichtern. An einer anderen Wand gibt es eine ganze Reihe von Bildern, bei denen ein gelbes Strichm\u00e4nnchen auf schwarzem Untergrund den Menschen in immer wieder neuen Variationen in seinem Verh\u00e4ltnis zur Sonne darstellt. Und dann ein Werk, das nach Bastelarbeit aussieht, aber mir in seiner Einfachheit sehr gef\u00e4llt: Eine Holzfigur steht einer anderen gegen\u00fcber, die nur aus Draht gemacht ist, und die Drahtfigur legt der Holzfigur eine Hand auf die Schulter.<\/p>\n<p>Dann schaffe ich es doch noch, die verrostete, alte, kaum noch fahrt\u00fcchtig erscheinende F\u00e4hre zu nehmen, um auf die andere Seite der Stadt hin\u00fcberzufahren. Ich habe es schon seit Tagen vor, aber alle fanden mein Ansinnen verr\u00fcckt und warnten mich vor der Gefahr. Sie k\u00f6nnte jeden Moment sinken. Alles \u00fcbertrieben. Die Anlegestelle ist gleich dem Hotel gegen\u00fcber. Es gibt zwei Verbindungen, nach Casablanca und nach Regla. Ich will nach Casablanca. Man muss durch einen Durchgang und sich in eine Schlange stellen Ich denke, das ist die Schlange f\u00fcr die Fahrkarten, aber nein, es ist eine Sicherheitskontrolle. Hier werden Taschen durchsucht, wei\u00df der Himmel warum. Ich werde einfach durchgelassen, wei\u00df der Himmel warum. Dann gibt es zwei Schlangen, aber ich wei\u00df nicht, welche die f\u00fcr Casablanca ist. Also frage ich. Daraufhin dreht sich eine umwerfend sch\u00f6ne Frau vor mir um und sagt. \u201eCasablanca? Warum? Komm mit mir nach Regla\u201c. Ich fahre trotzdem nach Casablanca. F\u00fcr den Fahrkartenverkauf gibt es keine Kasse. Ein Mann steht einfach an der Seite und sammelt das Geld der Passagiere in seiner Hand. Die meisten haben es passend, und wenn er wechseln muss, w\u00fchlt er in seiner Hosentasche nach Kleingeld. Die Fahrt kostet 10 Centavos. Ich habe nur 20 Pesos, das F\u00fcnfhundertfache des Preises! W\u00e4hrend der kurzen, lauten, aber sicheren \u00dcberfahrt, die man im Stehen hinter sich bringt, versuche ich auszurechnen, was die Fahrt umgerechnet kostet. Es muss zwischen ein und zwei Pfennigen liegen, weniger als ein Eurocent.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite steht auf einem einsamen Gleis eine verrostete Lokomotive. Zwei Touristen fragen, warum die hier stehe. Es stellt sich heraus, dass es eine ganz normale Lokomotive f\u00fcr den Alltagsbetrieb ist, die keineswegs zum Alten Eisen geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Auf einem erh\u00f6hten Platz Fu\u00dfball spielende Jungen. Der Ball f\u00e4llt hinunter, mir vor die F\u00fc\u00dfe, und mit einem genialen Pass schicke ich ihn zur\u00fcck, genau in die H\u00e4nde des Jungen, der oben wartet.<\/p>\n<p>\u00dcber eine einsame Stra\u00dfe \u2013 in der Ferne liegen H\u00e4user, die wie Kasernen aussehen \u2013 geht es Richtung Christusstatue. Die gro\u00dfe, wei\u00dfe Statue beherrscht diese Seite Havannas und ist ein Blickfang, wenn man von der andern Seite hin\u00fcberblickt. Sie wurde unmittelbar vor der Revolution vollendet. Man muss Eintritt bezahlen, obwohl es nicht viel zu sehen gibt. Von einer runden Bank aus blickt man auf die  andere Seite Havannas. Zwei M\u00e4nner kommen und wollen die Eintrittskarten kontrollieren. Ich zeige sie allzu gehorsam vor, und sie nehmen sie mir ab und behalten sie. Erst dann merke ich, dass ich einem Trick aufgesessen bin. Die beiden verkaufen die Karten an die n\u00e4chsten Touristen.<\/p>\n<p>Dann geht es auf dem gleichen Weg, der verlassenen Landstra\u00dfe, weiter. Hier treffe ich auf eine Frau mit ihren zwei S\u00f6hnen. Als ich sie \u00fcberhole, werde ich sofort m Geld gebeten: \u201eDollar\u201c. Ich mache das alte Spiel und verspreche demjenigen den Dollar, der err\u00e4t, aus welchem Land ich komme. Fast kann ich den Dollar behalten. Die Alternativen sind wunderbar: Polen? Amerika? Chile? Nicht ganz.<\/p>\n<p>Dann komme ich an mein letztes Ziel in Havanna, den Morro, die Festung auf dieser Seite Havannas. Von hier aus wurde der Zugang zum Hafen kontrolliert, zusammen mit der Festung auf der anderen Seite an der Plaza de Armas. Mit einer 250 Meter langen Kette aus schwimmenden Holz- und Bronzestangen wurde jeden Abend die Einfahrt in den Hafen blockiert. Von hier aus hat man durch Schie\u00dfscharten einen interessanten Blick auf die andere Seite, mit der Skyline, die der Manhattans w\u00fcrdig ist, im Hintergrund und dem glitzernden Meer im Vordergrund. Nach rechts sieht man aufs offene Meer.<\/p>\n<p>Danach gibt es aber noch ein Erlebnis erster G\u00fcte: Mit dem Taxi zur\u00fcck in die Altstadt in einem der Chevrolets, die noch aus der Zeit vor der Revolution stammen und auf wundersame Weise am Laufen gehalten werden. Meiner hat 51 Jahre auf dem Buckel.<\/p>\n<p>Wieder in der Altstadt bringe ich meine letzten Mitbringsel, etwas Seife, Tempos und ein paar Kulis unter die Leute, und meine letzten Pesos. Ich lade eine \u00e4ltere Frau, die man\u00ed verkaufend auf der Plaza de San Francisco hin und her l\u00e4uft, auf eine Cola ein. Erst ist sie argw\u00f6hnisch und h\u00e4lt nach Polizisten Ausschau, aber dann nimmt sie an. f\u00fcr mein restliches Geld bekomme ich Dutzende von cucuruchos und nochmals Dutzende von gro\u00dfen T\u00fcten, Familienpackungen sozusagen. Ich ziehe damit los und gebe den ersten mir entgegenkommenden Kindern etwas, und ab dann brauche ich mich um nichts mehr zu k\u00fcmmern. Die anderen kommen wie von selbst.<\/p>\n<p>Am fr\u00fchen Abend trinke ich ein Bier in einem kleinen Gartencaf\u00e9 ein ganz klein wenig abseits der Plaza de San Francisco. Ich erfahre, dass jetzt Ferien sind und dass die Kinder, die ich in Schuluniformen gesehen habe, keinen Unterricht haben, sondern die Schule als Hort w\u00e4hrend der Ferien besuchen. Die Leute, die Unterkunft in casas particulares, in Privatpensionen anbieten, sind Privatunternehmer. Sie zahlen dem Staat eine Geb\u00fchr f\u00fcr die Lizenz, die jedes Jahr erneuert werden muss. Das Geld wieder herauszuholen, ist ihre Sache, und den Staat interessiert es nicht, ob sie Gewinn oder Verlust machen. Touristen seien in Kuba absolut sicher, da h\u00e4rteste Strafen auf \u00dcbelt\u00e4ter warten. Mann kann und will es sich offensichtlich nicht leisten, den Tourismus in Verruf zu bringen. Ich k\u00f6nne mein Portemonnaie offen auf den Tisch legen und auf die Toilette gehen, ohne jedes Risiko. Ich tue es trotzdem nicht, und bin sowieso kein uneingeschr\u00e4nkter Fan kubanischer Toiletten.<\/p>\n<p>Dann ist es Zeit f\u00fcr die Fahrt zum Flughafen. Die Begr\u00fc\u00dfung im Flugzeug k\u00f6nnte nicht herzlicher sein. Mein Nachbar fragt mich: \u201eWollen Sie sich jetzt etwa hierhin setzen?\u201c Das Personal bei LTU tut auch alles, um mir das Ende einer sch\u00f6nen Reise zu vermiesen. Aber das lasse ich nicht zu. Au\u00dferdem gibt es eine gute Nachricht: Der R\u00fcckflug ist zwei Stunden k\u00fcrzer als der Hinflug. Die Erkl\u00e4rung, warum das so ist, liefern gut informierte Familienmitglieder sp\u00e4ter nach: Es ist eine Folge des Jetstreams, eines starken, schmalen Windstroms, der sich horizontal wie ein Fliessband um die Erde windet. Aufgrund des Zusammenspiels verschiedener Faktoren, die mit der Erdrotation zusammenh\u00e4ngen, wirkt der Jetstream der Tropen immer von West nach Ost. Die Flugzeuge nutzen den Jetstream aus, um h\u00f6here Geschwindigkeiten und niedrigeren Treibstoffverbrauch erzielen k\u00f6nnen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>21. Dezember (Mittwoch) Drei Wecker auf vier Uhr gestellt, Uhr, Radio, Handy. W\u00e4ren alle nicht n\u00f6tig gewesen, wurde eine halbe Stunde vorher von selbst wach. 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