{"id":1462,"date":"2011-12-28T11:56:23","date_gmt":"2011-12-28T11:56:23","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=1462"},"modified":"2015-09-20T17:31:35","modified_gmt":"2015-09-20T15:31:35","slug":"kapstadt-2006","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=1462","title":{"rendered":"Kapstadt (2006)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">24. Dezember (Sonntag)<br \/>\n<\/span>Erste unliebsame \u00dcberraschung am Bahnhof: Entgegen der Internetauskunft f\u00e4hrt der Zug nicht bis zum Flughafen, sondern nur bis Duisburg. Dort gibt es aber eine gute Umsteigm\u00f6glichkeit. Als ich in Duisburg den Bahnsteig wechsele, kommt eine wei\u00dfe Taube in einem Affentempo vom Bahnsteig in den Tunnel hinuntergeflogen und fliegt zielsicher am anderen Ende des Tunnels wieder hinaus.<\/p>\n<p>In D\u00fcsseldorf wird mein Versuch, schon am Bahnhof einzuchecken, torpediert durch eine Frau, die mich fragend in der Gegend stehen sieht und mich mit zum Sky-Train schleppt, keinen Widerspruch duldend.<\/p>\n<p>In der Cafeteria gibt es einen lauwarmen, teuren Kaffee auf wackligen St\u00fchlen an wackligen Tischen. Hier wimmelt es von T\u00fcrken. Eine t\u00fcrkische Mutter redet mit kontrollierter Strenge auf ihren kleinen Sohn ein. Der antwortet halb T\u00fcrkisch, halb Deutsch.<\/p>\n<p>Die Stewardessen tragen alberne rote H\u00e4schenohren (oder sind es Rentierohren?). Die Piloten gl\u00fccklicherweise nicht, was mein Vertrauen in ihre Professionalit\u00e4t festigt.<\/p>\n<p>Neben mir sitzt im Flugzeug ein Deutscher, der behauptet, noch nie geflogen zu sein. Daran gemessen steht er die ganze Sache gelassen, fast routiniert durch.<\/p>\n<p>Das Flugzeug steigt, wenn der Tank nicht mehr so schwer ist, weiter nach oben, auf \u00fcber 12.000 Meter.<\/p>\n<p>Mit meiner Meinung, eine solch lange Fahrt lohne sich, stehe ich allein auf weiter Flur. Dabei fahren andere genauso lange, um sich ein anderhalbst\u00fcndiges Fu\u00dfballspiel anzusehen. Dennoch: Die Strecke betr\u00e4gt 9.500 Kilometer. Und der Flug dauert 12 Stunden. Das ist lang. Wenn man 5 Stunden hinter sich und noch 7 vor sich hat, nimmt die Geduld m\u00e4chtig ab. Das kann man nur mit Lekt\u00fcre \u00fcberstehen.<\/p>\n<p>S\u00fcdafrika hat etwas mehr Einwohner als Spanien und ist mehr als doppelt so gro\u00df. Au\u00dfer der Kapprovinz gibt es noch Natal, Oranje und Transvaal, aber die Kapprovinz ist mehr als doppelt so gro\u00df wie die anderen zusammen. Daneben gibt es noch einige \u201eunabh\u00e4ngige\u201c Republiken. Lesotho und Swasiland sind dagegen selbst\u00e4ndige Staaten, Losotho als Enklave in S\u00fcdafrika gelegen, Swasiland auf der Grenze zu Mosambik. Sie haben aber nie zu S\u00fcdafrika geh\u00f6rt. Die nach dem Vorbild der Zulus organisierten Swasi und die Sotho, die sich im 19. Jahrhundert im Gebirge gegen die Zulus zusammengeschlossen hatten, bewahrten ihre Selbst\u00e4ndigkeit.<\/p>\n<p>Die Wassertemperatur liegt in Durban, das am Indischen Ozean liegt, in den meisten Monaten 5\u00b0, in einigen sogar 6\u00b0 \u00fcber der von Kapstadt, das am Atlantik liegt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der erste Mann, der in der Kapprovinz als Winzer in Erscheinung trat, bemerkte, dass an seinen Stiefeln derselbe lehmige Boden klebte wie in Burgund. Deshalb entschied er sich f\u00fcr den Anbau von Pinot Noir und Chardonnay. Eine sch\u00f6ne Begr\u00fcndung f\u00fcr den Genuss von Wein lieferte ein Offizier: Nach einem Sieg hat man ihn verdient, nach einer Niederlage hat man ihn n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Bei der Besichtigung des einzigen Atomkraftwerks S\u00fcdafrikas wurde 1989 Journalisten erkl\u00e4rt, in dem ganzen Komplex sei nur ein Schwarzer besch\u00e4ftigt \u2013 aus Sicherheitsgr\u00fcnden. Erst als den Journalisten am Ende der F\u00fchrung die Wachhunde vorgef\u00fchrt wurden, sahen sie, welche Funktion er hatte. Er wurde von den Wachhunden gejagt. Sie waren auf ihn abgerichtet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Kapstadt dauert die Passkontrolle unendlich lang, aber alles ist viel moderner als in Tansania. Auch auf dem Weg zum Hotel ist alles modern und neu. Man hat den Eindruck, in Europa zu sein, nur dass es dort kaum um 11 Uhr nachts noch so warm sein d\u00fcrfte: 19\u00b0.<\/p>\n<p>Obwohl ich es eigentlich besser wissen m\u00fcsste, will ich wieder auf der falschen Seite einsteigen. In S\u00fcdafrika wird links gefahren. Es ist nach England, Irland, Australien, Zypern, Japan, und Tansania schon das 7. Land, das ich kennen lerne, in dem links gefahren wird.<\/p>\n<p>Der Taxifahrer kommt aus dem Osten der Kapprovinz, immerhin mehr als 1.000 Kilometer von Kapstadt entfernt. Als ich mit seiner Hilfe die Verwirrung um die Lokalisierung meines Hotels entwirren will, geht das gr\u00fcndlich schief. Ich wei\u00df nicht, ob es die <em>St. George\u2019s Mall<\/em> oder die <em>St. George\u2019s Road<\/em> ist, und er f\u00e4ngt an, von der <em>St. George\u2019s Street<\/em> zu sprechen. Sp\u00e4ter im Hotel finde ich heraus, dass es die <em>St. George\u2019s Mall<\/em> ist. Das Hotel liegt damit mitten in der historischen Innenstadt und etwas weiter von den Str\u00e4nden und von der Waterfront entfernt.<\/p>\n<p>Es geht ganz schnell, ein paar Kilometer \u00fcber eine Autobahn, an dem Krankenhaus vorbei, in dem die erste Herztransplantation stattfand, dann am leicht erleuchteten Tafelberg und an der Burg vorbei auf die Stadtmitte zu, und dann Richtung <em>Strand<\/em> ab. Gleich dahinter liegt schon das Hotel. Das Zimmer ist im 7. von 15 Stockwerken. Der Blick geht auf einen bezaubernden Innenhof, aber das ist mir egal, um diese Zeit sowieso. Ich gebe aber keine Ruhe, bis alles ausgepackt ist und auch das letzte T-Shirt und der letzte Notizblock an der richtigen Stelle sind. Dann geht es mit Magenknurren ins Bett. Die Versorgung der Passagiere liegt bei LTU in den H\u00e4nden von Herrn Schmalhans.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">25. Dezember (Montag)<\/span><br \/>\nUm halb sechs ist es taghell, aber ich drehe mich noch mal um und schlafe wieder ein.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcndung von Kapstadt war ein Versehen, jedenfalls keine gewollte Stadtgr\u00fcndung. Eigentlich ging es darum, eine Versorgungsstation einzurichten, eine, die auf halbem Weg zwischen Amsterdam und Batavia lag und an der die holl\u00e4ndischen Seefahrer mit frischem Gem\u00fcse und Fleisch versorgt werden konnten. Dadurch sollte der Skorbut bek\u00e4mpft werden. Aus dieser Versorgungsstation entstand im Laufe der Zeit die Stadt Kapstadt. Der erste Organisator der Versorgungsstation, ein gewissen Jan van Riebeeck, ist der Namensgeber der Stra\u00dfe in der N\u00e4he des Hotels, die mir gestern den Hinweis darauf gab, in welchem Teil von Kapstadt ich gelandet bin.<br \/>\nKapstadt hei\u00dft auch \u201eSchlappstadt\u201c, in Anspielung auf die Tr\u00e4gheit seiner Bewohner. Die wiederum wird dem Klima angelastet.<\/p>\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck bedienen, genauso wie an der Rezeption, nur Schwarze. Es sind aber auch Schwarze unter den G\u00e4sten.<\/p>\n<p>Als ich auf den Platz vor dem Hotel trete, blicke ich auf den sonnenbeschienen Tafelberg. Der Blick wird allerdings beeintr\u00e4chtigt durch ein sich davor auft\u00fcrmendes Hotel. Die Stra\u00dfen sind fast menschenleer.<br \/>\nIch frage mich erst mal zum Touristeninformation durch. Die ist sogar ge\u00f6ffnet. Ich werde mit Informationen eingedeckt und an die Waterfront geschickt. Dort sei auch heute was los, und dort k\u00f6nne ich sicherer Geld abheben. Die Museen seien heute ohnehin alle zu.<\/p>\n<p>Auf dem Weg ins Zentrum sehe ich, dass fast alles zweisprachig beschildert ist: <em>Waterfront<\/em> hei\u00dft auch <em>Waterkant<\/em>. Man sieht die \u00c4hnlichkeit zum Plattdeutschen. Wie der Taxifahrer gestern schon richtig vermutete: \u201eDeutsch? Das ist doch so eine Art Afrikaans, oder?\u201c<\/p>\n<p>Das Halteverbotszeichen sieht aus wie ein Dollarzeichen, und auf einer Plakatwand wird f\u00fcr ein Einkaufszentrum geworben mit einem Zeichen, das wie ein Verkehrszeichen aussieht. Centre wird hier nach englischer Art geschrieben<\/p>\n<p>Ein Mann, den ich nach dem Weg frage, ruft mir am Ende hinterher: \u201eEnjoy!\u201c Nicht das erste Mal, das ich das h\u00f6re. Das ist Sprachwandel der schleichenden Art, gelenkt von einer unsichtbaren Hand. Ursache und Entwicklung sind kaum zu erkl\u00e4ren und nicht einmal zu beobachten.<\/p>\n<p>Aus Mangel an Alternativen mache ich eine Stadtrundfahrt mit einem der Busse, bei denen man nach Belieben aus- und einsteigen kann. Ist aber f\u00fcr einen ersten Eindruck gar nicht so schlecht. Man erf\u00e4hrt, dass <em>traffic lights<\/em> hier <em>robots<\/em> hei\u00dfen, dass S\u00fcdafrika 11 offizielle Sprachen hat, dass Afrikaans im westlichen Kap die meist gesprochene Sprache ist, dass Juden wie Lutheraner unter den Holl\u00e4ndern nur heimlich ihre Religion aus\u00fcben konnten, dass die Judikative in einer dritten Stadt angesiedelt ist, das Parlament dagegen hier und die Regierung in Pretoria. Und dass man in dem vornehmen Nelson Hotel, das die Schiffslinien einst zur Versorgung ihrer zahlungskr\u00e4ftigen Passagiere erbaut haben, hervorragende <em>Afternoon Teas<\/em> bekommt.<\/p>\n<p>An einem Kreisverkehr steht die Statue von Bartolomeo Dias, und an einer<br \/>\npalmenbestandenen Avenue die von Jan van Riebeeck. Dias hatte Gl\u00fcck und Pech<br \/>\ngleichzeitig, Gl\u00fcck, weil er durch einen Sturm um das Kap herum getrieben wurde und es so als erster passierte, Pech, weil er sich kurz darauf einer Meuterei seiner Matrosen gegen\u00fcber sah und daher die Weltumseglung beenden musste. Er nannte das Kap der Guten Hoffnung <em>Kap der St\u00fcrme<\/em>.<\/p>\n<p>Wir kommen wieder dahin, wo ich gerade herkomme, in die N\u00e4he des Hotels. Die Fremdenf\u00fchrerin spricht von dem ruhigsten Tag des ganzen Jahres, aber auch davon, dass man jetzt den Versuch mache, wieder mehr Bewohner in die Innenstadt zu locken.<\/p>\n<p>Die Stra\u00dfen bieten einen interessanten Architektur-Mix: Zwischen vielen Hochh\u00e4usern immer wieder alte Kolonialh\u00e4user. KFC ist zum Beispiel in einem schmalen, wei\u00dfen Haus untergebracht, das die Jahreszahl 1863 tr\u00e4gt, und die Methodistenkirche ist zwischen hohen B\u00fcroh\u00e4usern eingezw\u00e4ngt. Das erinnert, wie die gesamte Stadt, sehr an Sydney, obwohl Kapstadt viel mehr alte Geb\u00e4ude hat. Der Eindruck verfestigt sich im Laufe des Tages immer mehr.<\/p>\n<p>Das Stra\u00dfennetz ist sehr geradlinig. Die Grundidee ist die, eine Verbindung zwischen Hafen und Berg zu schaffen. Alles andere ergibt sich aus dieser Grundidee.<\/p>\n<p>Es geht vorbei an den <em>Company Gardens<\/em>, heute einem Park dieses Namens, der eigentlichen Keimzelle Kapstadts: Hier wurden die ersten Nutzpflanzen zur Versorgung der holl\u00e4ndischen Seefahrer angebaut.<\/p>\n<p>In der <em>Victoria Street<\/em> hat man zwei der alten Sitzb\u00e4nke mit der Aufschrift whites Only und non-Whites Only<em> <\/em>wieder aufgestellt, in Erinnerung an die Zeit der Apartheid.<\/p>\n<p>Es geht an Kirchen verschiedener Konfessionen, aber auch an Moscheen und an der alten Synagoge vorbei, die jetzt Teil eines Museumskomplexes ist.<\/p>\n<p>Dann geht es \u00fcber den <em>Strand<\/em>. Die Stra\u00dfe hei\u00dft so, weil das Meer fr\u00fcher bis hierher reichte. Alles andere ist dem Meer abgerungenes Land, die Foreshore, ein ganz sch\u00f6n gro\u00dfes Areal. Die meisten Hochh\u00e4user stehen hier.<\/p>\n<p>Auch die Burg lag ehemals direkt am Meer, und der Eingang war vorne. Das war keine gute Idee, denn schon kurz nach der Fertigstellung wurde der Bau \u00fcberflutet und der Eingang zur Seite verlegt. An der Burg wehen sechs Flaggen, die die geschichtlichen Etappen von S\u00fcdafrika vertreten, darunter auch die heute verbotene aus der Zeit der Apartheid. Der Union Jack ist gleich zweimal vertreten, f\u00fcr zwei verschiedene Epochen der britischen Herrschaft.<\/p>\n<p>Auf der <em>Darling Street<\/em> steht die <em>City Hall<\/em>, von der aus Nelson Mandela die erste Rede nach seiner Freilassung hielt. Der Sandstein zum Bau wurde eigens aus England eingef\u00fchrt.<\/p>\n<p>In der Nahe ein Art-D\u00e9co-Bau, ehemaliger Sitz einer Versicherungsgesellschaft, heute Mietshaus. Es hat dreieckig nach au\u00dfen vorspringende Fenster und an der Seitenfassade Figuren, die die verschiedenen V\u00f6lker S\u00fcdafrikas darstellen.<\/p>\n<p>Dann geht es rauf Richtung Tafelberg und dann am Meer vorbei zur Waterfront zur\u00fcck. Der Tafelberg besteht aus dem flachen Felsen in der Mitte und dem <em>Devil\u2019s Peak<\/em> zur einen und dem <em>Lion\u2019s Head<\/em> zur anderen Seite. Oft ist der Tafelberg oder wenigstens seine Spitze in Wolken geh\u00fcllt, so auch heute. Als weiterer Ausl\u00e4ufer geh\u00f6rt auch noch der <em>Signal Hill<\/em> dazu, der seinen Namen nicht umsonst tr\u00e4gt. Von hier wurde fr\u00fcher zur Orientierung der Seefahrer um 12 Uhr mittags eine Kanone abgeschossen. Heute wird das weiterhin praktiziert, aus Tradition, aber die Kanone ist verkabelt mit der Atomuhr im Stadtteil Observatory. Der <em>Signal Hill<\/em> kann auch von Amateuren bestiegen werden, gefahrloser als der Tafelberg.<br \/>\nBei der Fahrt hinunter in die Stadt hat man eine sehr sch\u00f6ne Sicht auf die Tafelbucht mit dem Meer vor und den <em>12 Aposteln<\/em>, einer Felsformation aus 12 Bl\u00f6cken, hinter sich. Hier, in Clifton, gibt es einen sch\u00f6nen, langen Sandstrand, aber im Wasser halten es wenige lange aus. Das Wasser ist das ganze Jahr \u00fcber kalt. Deshalb hat man an einer Stelle gleich am Strand, etwas erh\u00f6ht gelegen, ein Schwimmbad gebaut. Es ist heute, am 1. Weihnachtstag, rappelvoll.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die K\u00e4lte gef\u00e4llt ganz offensichtlich dem Seetang, das hier \u00fcberall aus dem Wasser ragt. Das\u00a0 sieht aus wie lauter braune Entenkopfe. Dann kommen wir nach Seapoint, wo es statt Sand Felsen gibt. Was machen die Menschen eigentlich, die da auf den Felsen sitzen? Sie kratzen Muscheln von den Felsen ab. Dann geht es an einem rot-wei\u00dfen Leuchtturm aus dem 19. Jh. vorbei. In der Ferne ist Robben Island zu sehen, wo viele Jahre das Gef\u00e4ngnis der politisch Gefangenen war und wo auch Nelson Mandela lange einsa\u00df. Mandela animierte seine Mitgefangenen, die Haftzeit zu Studienzwecken zu nutzen. Das brachte der Insel den Namen <em>Mandela University<\/em> ein. Die Folge: Im ersten Kabinett Mandelas sa\u00dfen sp\u00e4ter elf ehemalige Str\u00e4flinge. Robben Island wurde schon lange vorher von den Holl\u00e4ndern als Gef\u00e4ngnis benutzt. Die Str\u00e4flinge mussten in den Schieferbr\u00fcchen arbeiten und Muscheln sammeln, aus denen Kalk f\u00fcr den Bau der Burg und anderer Geb\u00e4ude gewonnen wurde. Als James Cook auf dieser Insel landete, nahm er ein paar von den entz\u00fcckenden Kaninchen, einst von Riebeeck hierher gebracht, mit auf sein Schiff und mit nach Australien. Mit den bekannten Folgen.<\/p>\n<p>Dann kommen wir wieder an die <em>Waterfront<\/em>. Sie ist benannt nach Queen Victoria und ihrem Sohn Alfred, der hier den ersten Steinbrocken ins Meer warf, als man entschlossen hatte, die Wellenbrecher und Docks zu bauen. Diese Stelle, heute mitten in den <em>Waterfront<\/em>, ist mit einem Gedenkstein markiert. Vor 15 Jahren, als der Hafen dann nicht mehr gro\u00df genug f\u00fcr die modernen Schiffe war, beschloss man dann, gegen vielfachen Protest, die Sanierung des Viertels und den Bau eines Vergn\u00fcgungs-, Einkaufs- und Kulturzentrums. Wenn man nach den Besucherzahlen am heutigen Tag geht, ein voller Erfolg. Vor allem Familien sind zuhauf unterwegs. Die ganze Anlage ist so, als verbinde man <em>Centro <\/em>und Duisburger Hafen, verdoppelte das Ganze und verlegte es in die s\u00fcdliche Hemisph\u00e4re. Es erinnert auch sehr an Bristol: alte Lastschiffe, Hebekr\u00e4ne, Lagerhallen, moderne Museen und Kinos, Lokale aller Art. Dazwischen der <em>Clock Tower<\/em> von 1882, der unterirdisch mit dem Meer verbunden ist. Das diente dazu, genaue Informationen \u00fcber die Bewegungen der Gezeiten an die Seefahrer zu \u00fcbermitteln. Vom zweiten, rundum mit Spiegeln ausgestatteten Stock des sch\u00f6nen, vieleckigen, rot und grau gefassten Geb\u00e4udes aus kontrollierte der Hafenmeister die Bewegungen aller Schiffe des Hafens.<\/p>\n<p>Ich sehe mir noch die Statuen der vier s\u00fcdafrikanischen Friedensnobelpreistr\u00e4ger an, neben Mandela und de Klerk (1993) und Bischof Tutu (1984) ein gewisser Luthuli (1960). Die Bronzestatuen, gr\u00fcnlich, gedrungen und mit gro\u00dfen K\u00f6pfen, sehen wie Karikaturen aus. Aber das halt die S\u00fcdafrikaner nicht davon ab, sich reihenweise mit ihnen photographieren zu lassen.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he Schilder, die die Entfernung zu anderen Orten angeben. Man sieht: Von hier aus ist alles weit. Nach Boston und Sydney sind es 12.000, nach Osaka 15.000, nach San Fransisco 16.000 Kilometer. Nur zum S\u00fcdpol sind es gerade mal 6.000.<\/p>\n<p>Dann fl\u00fcchte ich vor den Massen in die Touristeninformation, um Exkursionen f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage zu buchen. Das ist mit allerhand Schwierigkeiten verbunden, und Robben Island ist leider bis Januar v\u00f6llig ausgebucht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Touristeninformation fragt jemand, der sich eine Brosch\u00fcre nimmt: \u201cCan I grab one of these?\u201c Bei der Exkursion haben die Engl\u00e4nder gesagt: \u201eWe\u2019ll just grab a sandwich\u201c. <em>Grab<\/em> scheint immer mehr einfach das Synonym von <em>take<\/em> zu werden und es allm\u00e4hlich zu ersetzen.<\/p>\n<p>Als ich zur\u00fcckfahre, sitzt neben mir ein afrikanisches Paar, das abwechselnd in voller Lautst\u00e4rke in einer afrikanischen Sprache in ein Handy spricht. Die Sprache ist, wie ich erfahre, Sotho. Das wird in der Gegend um Johannisburg gesprochen, und das Wort ist auch in dem Namen des Landes Lesotho enthalten.<\/p>\n<p>Da ich mir am ersten Tag nicht mehr Sonne leisten kann und die Museen zu sind, gehe ich ins Hotel und probiere die Computer aus.<\/p>\n<p>Der erste Kontakt mit dem s\u00fcdafrikanischen Fernsehen endet nach 10 Minuten. Auf einem Kanal gibt es Tennis, auf einem Comics, auf einem eine Rockschnulze und auf einem sieht man zwei junge Leute, die sich unter den Augen einer \u201eModeratorin\u201c gegenseitig zerfleddern.<\/p>\n<p>Am Abend dann noch der abenteuerliche Versuch, etwas zu essen zu finden. Nachdem ich lange durch fast leere Stra\u00dfen irre und ein paar nicht sehr vertrauensw\u00fcrdigen Gestalten begegne, lande ich auf einmal auf einer vollen Stra\u00dfe mit kitschiger Weihnachts-beleuchtung, mit Massen von Menschen auf den B\u00fcrgersteigen und im Schritttempo fahrenden Autos mit offenem Verdeck. Dennoch gibt es hier kein einziges Lokal, jedenfalls keins, das ge\u00f6ffnet ist. Am Ende komme ich wieder in die verlassenen Stra\u00dfen und suche nach einem Kiosk, den ich vorher irgendwo gesehen habe und wo ich wenigstens ein paar Kekse bekommen k\u00f6nnte. Der ist nat\u00fcrlich wie vom Erdboden verschwunden. Die Suche wird nicht leichter dadurch, dass es kaum Stra\u00dfenschilder gibt. Aber auch mit Stra\u00dfenschildern w\u00e4re ich verloren, nur bef\u00fcrchte ich, jetzt auch nicht mehr den Weg ins Hotel zu finden. Dann stehe ich auf der etwas belebteren <em>Strand<\/em> pl\u00f6tzlich vor <em>Steers<\/em>, wohl der s\u00fcdafrikanischen Ausgabe von <em>McDonalds<\/em>. Endlich was zu essen, denke ich, aber die Sache zieht sich in die Lange. Das alles f\u00fcr einen Burger mit Pommes. Entsch\u00e4digt werde ich aber durch den wunderbaren Beleg, den ich w\u00e4hrend der langen Wartezeit genau in Augenschein nehmen kann und der voller sprachlich-kultureller Besonderheiten steckt. Dazu geh\u00f6rt der Slogan der Kette: <em>Real food made real good<\/em>.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. Dezember (Dienstag)<br \/>\n<\/span>Am Morgen ist es stark bew\u00f6lkt und es fallen sogar ein paar Tropfen. Aber der Fahrer, der mich zur Tour \u00fcber die Halbinsel abholt, versichert mir, dass ich meine Sonnencreme dennoch nicht umsonst eingepackt habe. Es werde noch aufkl\u00e4ren. Er soll recht behalten.<\/p>\n<p>Die Mitfahrer sind ein schwedisches Ehepaar mit vier T\u00f6chtern, eine weitgereiste, leicht alternativ angehauchte Spanierin aus Barcelona und ein englisches Paar, das letztes Jahr hier seine Flitterwochen verbracht hat und jetzt auf getrennten Wegen hierher gekommen ist, er als Mitglied der Besatzung eines Schiffes, das hier drei Tage anlegt, und sie mit dem Flugzeug, um die drei Tage mit ihm zu verbringen.<\/p>\n<p>Wir kommen an dem Fu\u00dfballstadion vorbei, in dem das Halbfinale der WM stattfinden soll. Das wird wohl gerade umgebaut. Sonst sehe ich in diesen Tag nichts, was nach Vorbereitung f\u00fcr die WM aussieht. Das Finale findet in Johannisburg statt.<\/p>\n<p>Dann geht es zum Meer runter. Im Hintergrund sieht man im hellen Sonnenlicht die <em>12 Apostel<\/em>, deren Spitzen in einer d\u00fcnnen Wolkendecke liegen. Das hat was.<\/p>\n<p>Wir kommen an die lange Strandpromenade, wo Frauen ihre Hunde oder ihre M\u00e4nner spazieren f\u00fchren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es geht durch Kamps Bay, das seinen Namen von einem gestrandeten deutschen Seemann haben soll, der von einer reichen Witwe gesund gepflegt und sp\u00e4ter geheiratet wurde. Dann kommen wir durch das nach dem Ort in \u00a0Wales benannte Llandudno, wo die Beckhams und Elton John Immobilien haben, vermutlich nicht gerade Hundeh\u00fctten.<\/p>\n<p>Unten im Meer sehen wir Robben auf den Felsen. Oder besser gesagt, die anderen sehen sie. Was immer wir auch im Laufe des Tages sehen, an mir geht es vorbei. Die Robben sind hier, im kalten Wasser, sicher, denn die Haie bevorzugen das w\u00e4rmere Wasser der anderen Seite der Halbinsel. Wale gibt es hier zu dieser Zeit nicht, nur von Juli bis November. Dann verschwinden sie Richtung Antarktis. Es wird ihnen hier wohl zu warm.<\/p>\n<p>Der Fahrer ist in doppelter Hinsicht interessant. Erstens ist Englisch seine Muttersprache, und ich kann ein paar Besonderheiten des s\u00fcdafrikanischen Englisch beobachten: <em>ships<\/em> klingt wie <em>shups<\/em>, <em>beaches<\/em> wie <em>beachuz<\/em>, <em>every<\/em> hat einen sehr offenen Anfangsvokal, <em>hill<\/em> klingt wie <em>heel<\/em>. Einiges klingt mir wie Schottisch, so wie er <em>the whole area<\/em> sagt, aber die Engl\u00e4nder finden das nicht. Er erkl\u00e4rt au\u00dferdem, dass <em>napkins<\/em> <em>nappies<\/em> sind. Komischerweise gebraucht er durchgehend <em>people<\/em> im Singular: <em>People is on the beach all day.<br \/>\n<\/em><br \/>\nZweitens hat er eine eigene Rassengeschichte. Sein Vater ist Wei\u00dfer, seine Mutter Mulattin, er selbst sieht wie ein Mulatte aus. Er wurde auch als Mulatte klassifiziert, seine j\u00fcngeren Geschwister aber als Wei\u00dfe. Das musst wohl daran gelegen haben, dass in seinem Fall seine Mutter, bei seinen Geschwistern sein Vater die Eintragung im Einwohnermeldeamt vornahm. Dadurch wurde ihm selbst der Zugang zur Universit\u00e4t verwehrt, die seine Kinder jetzt besuchen k\u00f6nnen. Sp\u00e4ter, als wir auf die Strau\u00dfenfarm gehen, zieht er seine Hose ein St\u00fcckchen hoch und zeigt mir seine Waden. Er ist schneewei\u00df. Er ist schlichtweg ein Wei\u00dfer, der viel Sonne abbekommt und deshalb wie ein Mulatte aussieht.<\/p>\n<p>Die Schwarzen stellen 80% der Bev\u00f6lkerung S\u00fcdafrikas, die Mulatten 9%, die Wei\u00dfen 8%. Die anderen sind meist Asiaten.<\/p>\n<p>Auf der Weiterfahrt sieht man Eukalyptusb\u00e4ume. Sie sind aus Australien importiert. Sie gelten hier als Feuerl\u00f6scher. Komisch, in Amerika gelten sie als Brandstifter. Die folgende\u00a0 Erkl\u00e4rung wird uns angeboten: Hier handele es sich um ein \u201emediterranes\u201c Klima, die B\u00e4ume w\u00fcchsen viel schneller als in Amerika und n\u00e4hmen deshalb viel mehr Wasser auf und h\u00e4tten gar nicht die Zeit, \u00d6l zu produzieren. Wenn\u2019s stimmt, ist es eine ingeni\u00f6se Erkl\u00e4rung. Sp\u00e4ter sehen wir auch noch rot bl\u00fchende Eukalyptusb\u00e4ume. Das seien die neuseel\u00e4ndischen.<\/p>\n<p>Dann kommen wir an einem Schild vorbei, das den Eintritt in die <em>Republic of<\/em> <em>Hout Bay<\/em> anzeigt. Eine Republik mitten in S\u00fcdafrika? Ist das etwa eine der \u201eunabh\u00e4ngigen\u201c Republiken, von denen ich gelesen habe? Aber lagen die nicht ganz woanders? Die Erkl\u00e4rung ist diese: Als w\u00e4hrend der Apartheid S\u00fcdafrika von der internationalen Staatengemeinschaft boykotiert wurde, wurde wei\u00dfen S\u00fcdafrikanern oft die Einreise in andere L\u00e4nder verwehrt. Die waren die Sache leid, deklarierten eine eigene Republik und gaben ihren eigenen Pass heraus!<\/p>\n<p>Kurz darauf kommen wir an einen Berg, auf dessen Abhang eine Burg gebaut ist, nach mittelalterlicher Machart, die Burg Liechtenstein, ein \u00dcberraschungsgeschenk eines Mannes an seine Ehefrau. Der Frau gefiel die Burg aber nicht. Jetzt steht sie da und es gibt keinen Zugang zu ihr, und sie wird auch nicht bewohnt. Man kann sie aber mieten, muss dann aber die G\u00e4ste im Hubschrauber einfliegen lassen!<\/p>\n<p>Die Vegetation, die wir auf einigen der Bergh\u00e4nge sehen, ist der typisch s\u00fcdafrikanische <em>fynbosch<\/em>. Str\u00e4ucher und B\u00fcsche, keine B\u00e4ume. Die B\u00e4ume seien meistens importiert. Die Pinien kommen aus Italien.<\/p>\n<p>Dann kommt der sch\u00f6nste und spektakul\u00e4rste Teil einer sehr abwechslungsreichen Strecke, der <em>Chapman\u2019s Peak<\/em>. Hier wird f\u00fcr die Weiterfahrt kassiert. Links, ganz nahe an der Stra\u00dfe, hohe, schr\u00e4g \u00fcber uns ragende Felsen aus rotem, in kleine St\u00fccke \u201ezers\u00e4gtem\u201c Sandstein mit schwarzen Manganstreifen, rechts tief unter uns das Meer in verschiedenen Gr\u00fcn- und Blauschattierungen mit frischer Gischt und den sich im Wasser reflektierenden Sonnenstrahlen. Die Stra\u00dfe ist gegen den Felsen durch Netze gesichert, und da, wo der gerade ist, durch Tunnel.<\/p>\n<p>Unten sieht man Pferde auf einem Strand, dem <em>Long Beach<\/em>. Der Strand ist Schauplatz einer Szene aus <em>Ryan\u2019s Daughter<\/em>. Die Pferde werden hier gez\u00fcchtet.<\/p>\n<p>Dann geht es \u00fcber eine flache Strecke und weniger aufregende Landschaft. Junge M\u00e4nner, die am Stra\u00dfenrand liegen, sind Tagel\u00f6hner. Sie waren darauf, dass jemand kommt und ihnen f\u00fcr einen Tag Besch\u00e4ftigung gibt.<\/p>\n<p>Das Wei\u00dfe, das an der Oberflache im Meer schwimmt, ist Plankton. Ich wusste nicht, dass man es von au\u00dfen sehen kann.<\/p>\n<p>Wir sehen auch Olivenb\u00e4ume, die weder wie Olivenb\u00e4ume aussehen noch Oliven haben. Warum sie Olivenb\u00e4ume genannt werden, wird nicht verraten.<\/p>\n<p>Wir, d.h. alle anderen, sehen wilde Strau\u00dfe. Dann kommen wir zu einer Strau\u00dfenfarm. Hier schaffe ich es dann auch, welche zu sehen, aus etwas zwei Metern Entfernung. Das Fleisch soll sehr gesund, da fettarm sein. Der Strau\u00df ist das zweitschnellste Landtier der Welt nach dem Jaguar. Das M\u00e4nnchen ist schwarz, das Weibchen grau. Die Weibchen liegen tags\u00fcber auf den Eiern, die M\u00e4nnchen nachts. Das Gehirn des Strau\u00dfes ist kleiner als sein Augapfel, so klein, dass er das Fliegen verlernt hat. Die M\u00e4nnchen haben rote Beine als Zeichen der Geschlechtsreife.<br \/>\nDann wird die Landschaft wieder dramatischer. Wir kommen in den Kap Nationalpark. Das Kap der Guten Hoffnung liegt in dem Park, d.h. man muss Eintritt bezahlen, um dahin zu kommen.<\/p>\n<p>Erst kommen wir zur <em>False Bay<\/em>. Die hat ihren Namen daher, dass die Schiffe, die von Osten kamen, hier landeinw\u00e4rts einbogen, in der falschen Meinung, dies sei die richtige, d.h. die Tafelbucht.<br \/>\nDann kommen wir zum Kap selbst, mit den Schildern, die man in jedem Reisef\u00fchrer und jedem Photoalbum sieht. Tats\u00e4chlich stehen die Leute hier an, um das Erinnerungsphoto zu machen. Man bekommt allerdings Berg und Meer nur schwer auf ein Photo, und gerade die beiden zusammen machen den Reiz der Gegend aus. Die Benennung des Kaps scheint ein politisches Man\u00f6ver gewesen zu sein. Der eigentliche Entdecker, Dias, hatte es <em>Kap der St\u00fcrme<\/em> genannt. Das aber kam beim portugiesischen K\u00f6nigshof nicht so gut an. Man wollte ja schlie\u00dflich die Seefahrer weiterhin dorthin schicken und nicht schon durch den Namen abschrecken. Also benannte man es um in das politisch korrekte <em>Kap der<\/em> <em>Guten Hoffnung<\/em>. Hoffnung existiert schlie\u00dflich noch beim st\u00e4rksten Sturm. Schon nach den Erfahrungen der wenigen sommerlichen Tage in Kapstadt kann ich mir vorstellen, dass das mit den St\u00fcrmen die passendere Bezeichnung war.<\/p>\n<p>Unser F\u00fchrer betont, was ich in diesen Tagen immer wieder h\u00f6re und geh\u00f6rt habe: Hier treffen keine zwei Ozeane zusammen, und es ist auch nicht der s\u00fcdlichste Punkt Afrikas. Der liegt ein paar Autostunden weiter \u00f6stlich. Und da treffen die Ozeane aufeinander. Hier am Kap treffen zwei Str\u00f6mungen zusammen. Was genau das bedeutet, wei\u00df auch keiner so richtig. Jedenfalls gibt es eine dem Laien verst\u00e4ndliche Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, warum es auf der einen Seite der Halbinsel so viel k\u00e4lter ist als auf der anderen: Die starken Winde entfernen die w\u00e4rmeren, oberen Wasserschichten und an ihre Stellen treten die k\u00e4lteren Schichten aus der Tiefe.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die anderen mit einer Seilbahn auf einen Berg fahren, gehe ich mit der Spanierin zum Mittagessen. Dabei erfahre ich, dass ich unbedingt nach Argentinien reisen muss. Das sei das sch\u00f6nste Land, das sie bisher bereist habe. Und sie muss wissen, wovon sie spricht. Sie scheint schon \u00fcberall gewesen zu sein. In Argentinien soll ich nach Buenos Aires und von da aus weiter nach San Mart\u00edn de los Andes fliegen und dort die <em>Ruta de los siete<\/em><br \/>\n<em>lagos<\/em> machen. Unverf\u00e4lschte Natur, sensationelle Eindrucke, bester Service, und das alles zu Spottpreisen. Nur dahin kommen muss man erst einmal.<\/p>\n<p>Danach kommen wir nach Simon\u2019s Town, dem ehemaligen Marinest\u00fctzpunkt der Briten, und dort nach <em>Boulders Beach<\/em>. Hier kann man am Strand gegen Eintritt Brillenpinguine in freier Laufbahn sehen \u2013 die einzigen Pinguine Afrikas. Auf Englisch hei\u00dfen sie <em>Jackass Penguins<\/em>, wegen der Eselslaute, die sich von sich geben. Und so h\u00f6rt es sich tats\u00e4chlich an. Wenn man die Augen schlie\u00dft, kann man kaum glauben, dass diese Schreie von den \u201es\u00fc\u00dfen\u201c Pinguinen kommen. Man ist \u00fcberrascht, die Pinguine, die man so sehr mit Kalte und Eis verbindet, hier in aller Ruhe beim Sonnenbaden am Strand zu stehen. Als Behausungen nutzen sie H\u00f6hlen in den Felsen oder bauen sich Nester, aber was f\u00fcr welche! Regelrechte Strohh\u00fctten. Auch das \u00fcberrascht. Was machen die Tiere, die so ins Wasser vernarrt sind, hier auf dem trockenen Strand mit Sand und ein paar Gradb\u00fcscheln in Behausungen aus Stroh?<\/p>\n<p>In den Beschriftungen erf\u00e4hrt man, dass bei Pinguinen im Gegensatz zu anderen V\u00f6geln die Knochen nicht hohl oder mit Luft gef\u00fcllt sind zur Gewichtsreduktion, dass sie Salzdr\u00fcsen haben, aus denen \u00fcberfl\u00fcssiges Salz ausgeschieden wird, und zwar durch Sch\u00fctteln des Schnabels, und dass sie bei der Mauser 21Tage lang an Land und 21 Tage lang ohne Nahrung bleiben m\u00fcssen und sich daher vorher so richtig voll fressen.<\/p>\n<p>Wie kommen die Pinguine hierher? Der F\u00fchrer bietet die Theorie eines untergegangenen Eisbergs an, von dem sie an Land gefl\u00fcchtet sind. Mein Reisef\u00fchrer hat etwas Besseres: Sie lebten vorher auf Inseln und bauten sich ihre H\u00f6hlen in den Guano. Seitdem der von\u00a0 Menschen als D\u00fcnger entdeckt und abgebaut wird, haben sie keine M\u00f6glichkeit mehr,\u00a0 Nester zu bauen und sind ans Land emigriert. Hier lauern viel mehr Gefahren auf sie, und ihre Zahl ist auch schon betr\u00e4chtlich dezimiert worden.<\/p>\n<p>Als der Fahrer nach einer traditionellen Weihnachtssitte in S\u00fcdafrika gefragt wird, sagt er: \u201eAn den Strand gehen.\u201c<\/p>\n<p>Wir kommen durch Fish Hoek, ein Ort der als <em>dry town<\/em> bezeichnet wird. Das kommt daher, dass hier kein Alkohol verkauft wird (au\u00dfer in Gastst\u00e4tten zum Essen), da die Seeleute aus Simon\u2019s Town hierher kamen und sich betranken. Daraufhin traf man diese einschneidende Entscheidung, zum Wohle des Rufs von Fish Hoek \u2013 und dem der Seeleute?<\/p>\n<p>In der Ferne sehen wir Constantia, das erste Weinanbaugebiet S\u00fcdafrikas. Hier befand sich Mandelas Gef\u00e4ngnis, als er krank wurde und aus Robben Island entlassen wurde. Unser F\u00fchrer ist ein uneingeschr\u00e4nkter Bewunderer Mandelas und war Augenzeuge seiner ber\u00fchmten Rede nach seiner Entlassung. Alle erwarteten eine feurige Rede zum Umsturz und zur Abrechnung mit den Wei\u00dfen. Was folgte, war ein Aufruf zur Kooperation. Und zwar auch aus ganz praktischen Gr\u00fcnden: \u201eK\u00f6nnt Ihr ein Unternehmen leiten? K\u00f6nnt ihr eine Bank leiten? K\u00f6nnt ihr eine Regierung leiten? Also lasst uns mit den Wei\u00dfen zusammenarbeiten, von ihnen lernen. Ich bin nicht f\u00fcr die Schwarzen im Gef\u00e4ngnis gewesen, sondern f\u00fcr alle S\u00fcdafrikaner\u201c.<\/p>\n<p>Zum Abschluss der Rundfahrt geht es noch in den ber\u00fchmten Botanischen Garten von Kirstenbosch. Leider merkt man jetzt, dass der Fahrer es eilig hat, nach Hause zu kommen. Wir werden im Schnelldurchgang durchgeschleust und sehen eine Stra\u00dfe, in der Pflanzen aus verschiedene Teilen des Britischen Empire angepflanzt sind. Wir sehen einen roten Mahagonibaum, dessen Name, Kaya, denselben Ursprung haben soll wie der des K\u00e4nguru (was vermutlich ebenso wenig stimmt). Wir sehen Kampfer und riechen daran. Wir sehen die Nationalblume S\u00fcdafrikas, auf Englisch <em>partea<\/em>. Und wir erfahren, dass viele unserer Gartenpflanzen, z.B. die Geranie, die eigentlich <em>Pelargonium<\/em> hei\u00dft, urspr\u00fcnglich aus Afrika stammt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir kommen fr\u00fcher als geplant nach Kapstadt zur\u00fcck, da wir gegen den Uhrzeigersinn gefahren sind. Auf der ganzen Strecke sind uns, vor allem am Nachmittag, Autos in endlosen Schlangen entgegengekommen. Gut, dass ich kein Auto selbst gemietet habe.<\/p>\n<p>Am Abend gerate ich, diesmal rechtzeitig auf der Suche nach Essen aus dem Haus gehend, in das s\u00fcdafrikanische Pendant einer Pommesbude, von Indern betrieben. Dort bestelle ich <em>samusas<\/em>, dreieckige, gef\u00fcllte Teigtaschen, wie spanische <em>empanadillas<\/em>. Lecker.<\/p>\n<p>Als ich wieder auf die Stra\u00dfe komme, merke ich, dass ich auf der Stra\u00dfe mit der kitschigen Weihnachtsbeleuchtung gelandet bin, der <em>Adderley Street<\/em>. Hier gibt es heute und in den n\u00e4chsten Tagen eine Art Stra\u00dfenfest mit Live-Musik und St\u00e4nden, an denen es unglaublichen Ramsch zu kaufen gibt. Au\u00dferdem gibt es Dutzende von Fressst\u00e4nden. Heute hat man es in dieser Beziehung gut mit mir gemeint, zu gut, im Vergleich zu gestern. Hier gibt es u.a. die typisch s\u00fcdafrikanische <em>boerewors<\/em>, \u201aBurenwurst\u2019, mit Koriander gew\u00fcrzte Wurst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An einem Stand preist ein Verk\u00e4ufer einen Zwiebelsch\u00e4ler an, der die Zwiebeln in einen einzigen durchgehenden Ring schneidet. Dazu verspricht er: \u201eThis will make your future life much easier\u201c.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">27. Dezember (Mittwoch)<br \/>\n<\/span>Der Tafelberg hat die Angewohnheit, immer irgendwie verdeckt zu sein. Meist stehen Hochh\u00e4user oder Baukr\u00e4ne davor, und an der <em>Waterfront<\/em> ein Geb\u00e4ude mit Sch\u00e4chten, das entweder eine ehemalige Zementfabrik oder eine ehemalige Mehlfabrik sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Als ich am Morgen durch die Stra\u00dfen laufe, scheint mir die Sonne ganz schon auf den Pelz, nur merkt man es meistens nicht, weil es fast immer windig ist.<\/p>\n<p>Das sog. <em>Koopmans de Wet Haus<\/em> am <em>Strand<\/em> (XVIII) war das Wohnhaus eines reichen<br \/>\nKaufmanns und ist im Stil des 18. Jahrhunderts wieder hergestellt worden. Es ist \u00e4u\u00dfert ger\u00e4umig, viel mehr, als man von au\u00dfen vermutet. Alle R\u00e4ume sind sich irgendwie \u00e4hnlich, mit viel Holz und Porzellan und Messing. \u00dcberall wird kontrolliert Wohlstand zur Schau gestellt. Alles ist gepflegt und hochwertig, aber wirkt gleichzeitig schlicht. Gold, Teppiche, Vorh\u00e4nge fehlen. Es ist ein kaufm\u00e4nnischer Wohlstand, kein f\u00fcrstlicher. Das Holz ist meist Mahagoni, aber auch eine Holzart ist vertreten, deren kurioser Name mir schon dieser Tage<br \/>\naufgefallen ist: <em>stinkwood<\/em>. Daraus sind unter anderem zwei sch\u00f6n gedrechselte Kerzenhalter. In den Ecken stehen M\u00f6bel, meist Anrichten, die dreieckig sind und sich dem Winkel des Raums anpassen. Das Haus lag fr\u00fcher an der Hauptstra\u00dfe, die von ausw\u00e4rts an der Burg vorbei in die Stadtmitte f\u00fchrte. Gleich gegen\u00fcber ging es zum Hafen runter.<\/p>\n<p>In mehreren R\u00e4umen an der Wand befestigte Waschbecken aus Messing, kunstvoll<br \/>\nbeschlagen. Auf Hygiene und vor allem wohl auf die Zurschaustellung der Wichtigkeit von Hygiene legte man offensichtlich wert. In mehreren R\u00e4umen Instrumente wie Barometer und Ferngl\u00e4ser, die gesch\u00e4ftlichen Zwecken dienten.<br \/>\nOben, wo es fast genauso vornehm zugeht, ein ganz kurioses Instrument, ein <em>goffering iron<\/em>, dessen Bestimmung sich nicht ohne weiteres erschlie\u00dft. Es handelt sich um zwei \u00fcbereinander angebrachte R\u00f6hrchen mit Rillen, die mittels einer Handkurbel in Bewegung gesetzt werden. Die R\u00f6hrchen werden mit hei\u00dfem Wasser gef\u00fcllt, und dann werden Stoffe hindurchgerollt, um sie in R\u00fcschenform zu b\u00fcgeln.<\/p>\n<p>Der sch\u00f6ne, langgestreckte Innenhof bietet den Blick frei auf die \u00fcber ihn hinausragenden Hochh\u00e4user, ein kurioser Kontrast von Alt und Neu.<br \/>\nUnterwegs zur Burg komme ich \u00fcber die <em>Darling Street<\/em>, sehe Busse, die nicht ganz auf dem neuesten Stand sind, aber <em>Golden Arrow<\/em> hei\u00dfen, Stra\u00dfenkehrer, die Leuchtkleidung mit dem Aufdruck \u201eJesus Saves\u201c tragen, und berittene Polizei.<\/p>\n<p>Um die Burg herum f\u00fchrt ein Wassergraben. Das Wasser kommt aus den Bergen. So ist es jetzt und so war es urspr\u00fcnglich. Dazwischen aber wurde das Wasser aus den Bergen in die privaten Haushalte geleitet und daf\u00fcr der Graben der Burg als Abwasserbecken benutzt. Das war zu der Zeit bestimmt sinnvoll, wurde aber bei der Restaurierung der Burg wieder ruckg\u00e4ngig gemacht.<\/p>\n<p>\u00dcber dem Eingang, der 1683 von vorne zur Seite verlegt wurde, ein Relief mit einem L\u00f6wen, der 7 Pfeile in den Klauen h\u00e4lt. Die stehen f\u00fcr die 7 Provinzen der Niederlande. Dar\u00fcber ein kleiner, mehreckiger Glockenturm aus Ziegeln, die eigens aus Holland importiert wurden.<\/p>\n<p>Die Burg ist f\u00fcnfeckig und hat eine Bastion an jeder Ecke. Diese Struktur war besonders geeignet, da so jeder Winkel au\u00dferhalb der Burg von innen eingesehen werden konnte. Vergebliche Liebesm\u00fch: Die Burg musst nie einen Angriff abwehren. Vielleicht sorgte ihr wehrhaftes \u00c4u\u00dferes, mit gro\u00dfen, dunklen Steinbl\u00f6cken, f\u00fcr gen\u00fcgend Abschreckung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Innere wirkt ganz anders.. Hier sieht alles viel wohnlicher aus. Die Fassaden sind gelb get\u00fcncht, mit wei\u00df gefassten Sprossenfenstern auf zwei Etagen und den Fensterlaibungen, Blendladen und Pforten in dunkelgr\u00fcn. Nur in einem Teil des Geb\u00e4udes wird Rot statt Gr\u00fcn verwendet. Hier wurde das Schie\u00dfpulver aufbewahrt. Rot signalisierte wirklich Gefahr. Auch die f\u00fcnfeckige Struktur ist verschwunden. Ein Geb\u00e4ude teilt den Innenhof in zwei Teile, und ein weiteres, die ehemalige B\u00e4ckerei, steht mitten im hinteren Teil und nimmt dessen Fl\u00e4che zum gro\u00dfen Teil ein.<br \/>\nDie Beschilderungen sind hier dreisprachig, und die dritte Sprache ist Xhosa, und das ist auch, wie sich herausstellt, die Muttersprache des F\u00fchrers. Es gibt eine gro\u00dfe Besuchergruppe f\u00fcr die F\u00fchrung, die aber gl\u00fccklicherweise geteilt wird in eine mit Englisch und eine mit Afrikaans. Erstaunlicherweise ist unsere, die englische Gruppe, kleiner. Das bringt aber nicht viel, denn man versteht wenig und erf\u00e4hrt noch weniger. Wir werden in das <em>dark hole<\/em> gef\u00fchrt, eine unterirdische Kammer, in der man zun\u00e4chst Schie\u00dfpulver aufbewahrte, dann aber merkte, dass es daf\u00fcr hier zu feucht war, woraufhin die Kammer zum Verlies umfunktioniert wurde. Dann wird demonstriert, woher sie ihren Namen hat, und diese Demonstration ist wahrlich beeindruckend und bedr\u00fcckend. Als das Licht gel\u00f6scht und die T\u00fcr geschlossen ist, sieht man wirklich nichts mehr, nicht einmal die sprichw\u00f6rtliche Hand vor den Augen. Es ist eine andere Art von Dunkelheit als die, die wir in unseren Wohnungen haben, wo wenigstens das Schwarz noch anders, irgendwie heller ist als das geschlossene, dunkle Schwarz, das wir hier haben.<\/p>\n<p>In der Burg lebten 300 Soldaten. Der obere Stock war Wohnraum, der mittlere Vorratslager, und der untere beherbergte die Werkst\u00e4tten.<\/p>\n<p>Wir kommen auch noch in eine Folterkammer ohne Folterinstrumente. Man erf\u00e4hrt nicht, wer hier gefoltert wurde und warum, daf\u00fcr aber, dass die Ziegel, aus denen ein Teil der Wand gemauert ist, aus Holland importiert wurden und die Funktion hatten, als Ballast f\u00fcr die Balancierung der Schiffe zu sorgen. An der Eingangst\u00fcr zur Folterkammer ist ein nach unten ausgerichtetes Hufeisen angebracht. Das soll Pech bedeuteten. Das Gl\u00fcck f\u00e4llt sozusagen nach unten durch. Da die Burg praktischerweise am Meer lag, konnten die zu Tode Gefolterten gleich danach umweltschonend entsorgt werden.<\/p>\n<p>Vom \u00e4ltesten Geb\u00e4ude Kapstadts geht es danach in das zweit\u00e4lteste, die <em>Slave Lodge<\/em>. Vorher aber gibt es in der sch\u00f6nen, im Kellergew\u00f6lbe untergebrachten Cafeteria der Anglikanischen Kathedrale ein gesundes Mittagessen mit Suppe, Salat und Mineralwasser. W\u00e4hrend die Cafeteria offen ist, ist die Kathedrale selbst geschlossen.<br \/>\nDie Anglikanische Kirche war die einzige, die w\u00e4hrend der Apartheid die Rassentrennung nicht beachtete. Nur so konnte Desmond Tutu (\u201eJust call me Arch\u201c) hier Bischof werden.<\/p>\n<p>Am Eingang zum Park macht eine kleine Gruppe afrikanischer Kinder afrikanische Musik, barfuss und in afrikanischen R\u00f6ckchen. Als ich sp\u00e4ter wieder hier vorbei komme, packen sie gerade ein. Sie tragen jetzt Turnschuhe, Jeans und T-Shirts. Trotzdem haben sie sich ihr Geld verdient. Mit einfachsten Mitteln, einer gro\u00dfen Trommel und ein paar Schellentrommeln, wird eine eing\u00e4ngige Musik gemacht, die sich st\u00e4ndig wiederholt und doch nicht langweilig ist.<\/p>\n<p>Die <em>Slave Lodge<\/em> ist jetzt Museum der Sklaverei und war fr\u00fcher der \u201eAufbewahrungsort\u201c \u00a0f\u00fcr Sklaven, die der VOC, der Holl\u00e4ndischen Ostindienkompanie, geh\u00f6rten. Die anderen Sklaven, die privaten, wurden sofort auf einem der Pl\u00e4tze der Stadt verkauft. In der Zwischenzeit (ab 1811) diente das ansehnliche, wei\u00df get\u00fcnchte Geb\u00e4ude verschiedenen Regierungsstellen und dann dem Obersten Gerichtshof als Sitz.<\/p>\n<p>Das Geb\u00e4ude gruppiert sich um einen Innenhof, in dem Ank\u00fcndigungen gemacht,<br \/>\nAnordnungen getroffen und Gei\u00dfelungen und Hinrichtungen durchgef\u00fchrt wurden. Der Innenhof hat einen Brunnen. In Ausgrabungen wurden zahllose Tonpfeifen gefunden, Beleg daf\u00fcr, wie popul\u00e4r das Rauchen unter den Sklaven war.<\/p>\n<p>Die Sklaven kamen meist \u00fcber den Indischen Ozean, aus Madagaskar und Mozambique,<br \/>\naber auch aus Java, Ceylon und Indien. Die Sklaven aus Asien galten als hochwertiger, da sie sich auf Gew\u00fcrze verstanden und bessere technische Kenntnisse mitbrachten. Nach dem Ende des Sklavenhandels in Gro\u00dfbritannien klaute die englische Marine mit Billigung der Regierung Sklaven von Sklavenschiffen anderer L\u00e4nder! Die ersten Sklaven kamen 1658. 1795 lebten 16.000 Sklaven am Kap. Da im Laufe der Zeit immer mehr Sklaven hier geboren wurden, lies die Zahl der Importe langsam nach.<\/p>\n<p>Die Sklaven verwalteten sich selbst. Unter ihnen gab es eine klare Hierarchie. Die Mulatten standen besser, die Sklaven aus Goa galten als Abschaum. Nachts wurde von au\u00dfen abgeschlossen. Damit wollte man verhindern, dass es zu Brandstiftung kam. Die Sklaven w\u00fcrden sich selbst in Gefahr bringen.<\/p>\n<p>Bis 9 Uhr abends konnte Besuch empfangen werden. Davon machte viele Frauen unter den Sklaven Gebrauch, die sich erhofften, von Wei\u00dfen ein Kind zu bekommen. Das Kind sollte<br \/>\nes einmal besser haben. Diese Form von milder Prostitution wurde geduldet, da es nicht unmittelbar um Geld ging, hei\u00dft es.<\/p>\n<p>Insgesamt lebten 250-300 Sklaven hier, etwas mehr Frauen als M\u00e4nner, und ein Drittel Kinder.<\/p>\n<p>In Afrika gab es schon Sklavenhandel, bevor die Europ\u00e4er kamen. Der wurde von Arabern betrieben, und der Kontakt zwischen Arabern und Schwarzen war der Ursprung der Suaheli- Kultur.<\/p>\n<p>Eine besondere Funktion hatte die Namensgebung. Den Sklaven wurden grunds\u00e4tzlich neue Namen gegeben, oft unter Verwendung von klassischen oder biblischen Namen (Moses, Hannibal, Titus), ihrem Herkunftsland oder dem Monat des Eintreffens: Augustus von Batavia, Oktober von Mozambique. Damit wurde eine Datenbasis geschaffen, die eine Kontrolle erm\u00f6glichte \u00fcber die Identit\u00e4t der Sklaven. Die Namen hatten u.a. die Funktion, sicherzustellen, dass nie mehr als zwei Sklaven desselben Ursprungslandes in einem Haushalt arbeiteten. Heute haben diese Namen eine wichtige Funktion f\u00fcr die Forschung.<\/p>\n<p>Durch Gerichtsprotokolle ist belegt, dass die Sklaven Buginese, Javanesisch, Tamil, Portugiesisches Kreol und Malay sprachen, aber auch etwas Holl\u00e4ndisch, und dass Buren auch etwas von diesen Sprachen verstanden. Aus der Mischung entstand Afrikaans.<\/p>\n<p>Die Sklaven bekamen Uniformen, die viele von ihnen aber immer wieder verkauften. Einen Hut zu tragen war ein besonderes Privileg. Man durfte ihn nur tragen, wenn man Holl\u00e4ndisch konnte. Es war m\u00f6glich, in die Freiheit entlassen zu werden, aber schwierig. Man musste 30 Jahre gearbeitet haben, Holl\u00e4ndisch k\u00f6nnen und Geld genug haben, um sich freizukaufen und selbst\u00e4ndig ern\u00e4hren zu k\u00f6nnen. Das passierte nicht viel \u00f6fter<br \/>\nals einmal pro Jahr. Ebenso oft kam es zu Hinrichtungen.<\/p>\n<p>Die <em>Slave Lodge<\/em> hatte ein Hospital und eine Schule. Die Kinder der Sklaven wurden bis zum Alter von 12 Jahren unterrichtet und erlernten ein Handwerk. Es gab sogar Versuche von Freien, ihre Kinder in dieser Schule unterzubringen. Das wurde aber abgelehnt. Das Hospital war allerdings eher eine Knochenbrecherinstitution, und die hygienischen Verh\u00e4ltnisse eine Katastrophe.<\/p>\n<p>Danach geht es gleich weiter in die <em>Gardens<\/em>. Das ist die Keimzelle Kapstadts. Hier wurden Obst und Gem\u00fcse zur Versorgung der Seeleute angepflanzt. Heute sind die <em>Gardens<\/em> ein wunderbarer Park und eine Art Botanischer Garten. Auch hier gibt es eine F\u00fchrung, aber die ist genauso armselig wie die in der Burg. Ich werde mir aber klar &#8211; jetzt erst \u2013 wie viele der historischen Bauten sich um den Park herum gruppieren: das Parlament (das der F\u00fchrerin zufolge zwischen Kapstadt und Pretoria hin und her pendelt) und die Nationalbibliothek an einem Ende des Parks, das Planetarium, die Kunstgalerie, das Holocaust-Museum und das S\u00fcdafrikanische Museum an der anderen Seite und das <em>Tuynhuys<\/em>, der ehemalige und jetzt noch f\u00fcr repr\u00e4sentative Zwecke genutzte Sitz des Pr\u00e4sidenten an der L\u00e4ngsseite. Auf meine Frage, wo denn die Regierung sitze, sagt das M\u00e4dchen, das mich f\u00fchrt, die pendele auch, wie das Parlament. Ich habe hier aber noch von keinem Ministerium etwas geh\u00f6rt. Als ich dann frage, ob der Pr\u00e4sident denn in Kapstadt sitze, entscheidet sie sich nach einigen Z\u00f6gern f\u00fcr die salomonische Losung: Der pendelt auch. Sp\u00e4ter stellt sich heraus, dass sie damit sogar Recht hat. Der Pr\u00e4sident ist w\u00e4hrend der Parlamentssession in Kapstadt, sonst in Pretoria.<\/p>\n<p>Wir sehen eine Skulptur und eine steinerne Laterne, beides Geschenke Japans an S\u00fcdafrika &#8211; zur Bekr\u00e4ftigung der besonderen Beziehungen zwischen S\u00fcdafrika und Japan!\u00a0 Japanische Fl\u00fcchtlinge wurden hier in den 30er Jahren aufgenommen. Dann sehen wir die f\u00e4lschlicherweise so genannte <em>Slave Bell<\/em>, tats\u00e4chlich eine Brandglocke, und ein paar Statuen, darunter die von Grey, einem Gouverneur der Provinz und dem ersten, der eine Geschichte des Kap schrieb und Schriften \u00fcber das Kap sammelte. Er steht richtigerweise vor der Nationalbibliothek. Am anderen Ende des Parks die Statue von Rhodes. Er zeigt nach Norden und sagt, der Inschrift zufolge: \u201eYour hinterland lies there\u201c. \u00a0Sowohl von Grey als auch von Rhodes, zwei Exponaten der Kolonialkultur, wird ganz ohne Hass, ja sogar mit Bewunderung gesprochen. Rhodes, der gerade au\u00dferhalb von S\u00fcdafrika geradezu die Personifizierung des Imperialismus ist, gelte es f\u00fcr drei Hinterlassenschaften zu danken: Der <em>Groote Schuur<\/em>, dem Krankenhaus, in dem sp\u00e4ter die erste Herztransplantation stattfand, den L\u00e4ndereien um den Tafelberg, die er der Provinz vermachte mit der Auflage, sie als Naturschutzgebiete zu erhalten, und dem Stipendium, das seinen Namen tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Wir sehen au\u00dferdem den \u00e4ltester Baum des Parks, einen bestimmten Birnenbaum, jetzt eingez\u00e4unt und gest\u00fctzt, einen riesigen Gummibaum, der viel kleinere Bl\u00e4tter hat als das, was bei uns unter\u201a Gummibaum\u2019 l\u00e4uft, und eine Aloe, die irgendeine besondere Bedeutung f\u00fcr Kapstadt hat. Dazu Bambusb\u00e4ume, einen Mahagonibaum aus den USA und einen sog. Weihnachtsbaum aus Neuseeland.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend haben wir noch eine Diskussion \u00fcber Bettler. Meine Begleiterin sagt entschieden, man solle den Leuten kein Geld geben. Es gebe <em>shelters<\/em>, und dort gebe es alles. Man solle besser den <em>shelters<\/em> eine Spende geben. Klingt einleuchtend, aber warum suchen einige Leute in den Papierk\u00f6rben herum? Warum sollen sie nicht einmal etwas kaufen d\u00fcrfen, wonach ihnen ist?<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend gibt es in der Cafeteria des Parks Tee mit <em>scones<\/em>. Dann mache ich mich auf die Suche nach den B\u00e4nken mit den Aufschriften whites only und non-whites only<em>.<\/em> Keiner wei\u00df etwas davon. Nach langer Suche finde ich sie dann doch, gar nicht weit von den <em>Gardens<\/em> entfernt. Sie stehen symboltr\u00e4chtig genau vor dem Gerichtsgeb\u00e4ude, in dem jahrzehntelang \u00fcber Klagen gegen die Einordnung in eine der Farbgruppen verhandelt wurde. Manchmal waren die Klagen sogar erfolgreich. Es gab insgesamt sieben Klassen, von Wei\u00dfen als h\u00f6chster bis zu Zulus als niedrigster Klasse.<\/p>\n<p>Und dann der langwierigen Versuch, weitere Dinge f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage zu organisieren. Ein irischer Film, der sehr gute Kritiken bekommen hat, \u201eThe Wind That Shakes the Barley\u201c \u2013 handelt von dem irischen Konflikt mit den Briten &#8211; l\u00e4uft nirgendwo. Wenn man keinen Hollywood Blockbuster sehen will, hat man es hier schwer. Dabei sind die Themen Irlands doch auch die Themen S\u00fcdafrikas.<\/p>\n<p>Dann geht es um eine Fahrt ins Weinland. Dabei ergibt sich ein sch\u00f6nes Missverst\u00e4ndnis: Die nette Dame im Touristenb\u00fcro fragt: \u201eWould you have a pen?\u201c Darauf halte ich ihr meinen Kuli entgegen. Sie sieht mich verst\u00e4ndnislos an. Sie wollte die PIN. Als ich eine halbe Stunde vorher schon mal da war, hatte ich ihr tats\u00e4chlich einen Kuli gegeben, als sie einen Anruf f\u00fcr mich machte und sich vergeblich nach einem Kuli umsah, um eine Notiz zu machen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">28. Dezember (Donnerstag)<br \/>\n<\/span>Auf den Geldscheinen sind Tiere statt bekannter Pers\u00f6nlichkeiten abgebildet: B\u00fcffel, L\u00f6we, Elefant, Nashorn. Der h\u00f6chste Schein, den es gibt, ist der zu 100 Rand. Das sind gerade einmal 10 Euro. Man hat also immer ein gut gef\u00fclltes Portemonnaie bei sich.<\/p>\n<p>Heute geht es in die Townships. Ich bin wieder der einzige. Der erste Halt ist in dem abgebrochenen <em>District Six<\/em>, der jetzt wiederaufgebaut werden soll. Es ist schon ein merkw\u00fcrdiges Gef\u00fchl: Es gibt zwei Kirchen und zwei Moscheen und Stra\u00dfen, aber keine H\u00e4user. Der gesamte Stadtteil, bemischt bewohnt, wurde im Zuge der Rassentrennungspolitik aufgel\u00f6st und Schwarze und Farbige in die Townships umgesiedelt, 20 Kilometer entfernt. Die Wiederansiedlung von Menschen im <em>District Six<\/em> ist mit vielen juristischen Problemen verbunden \u2013 es handelt sich jetzt oft schon um die n\u00e4chste Generation &#8211; und es kommt hinzu, dass gar nicht mehr alle unbedingt zur\u00fcck wollen. Dazu geht der Bau der H\u00e4user wohl nur sehr schleppend voran.<\/p>\n<p>Mein F\u00fchrer, der selbst aus dem Township stammt, in das wir fahren, gibt mir erst noch ein paar geschichtliche Hintergrundinformationen: Die Pr\u00e4senz der verschiedenen afrikanischen V\u00f6lker erkl\u00e4rt sich teilweise daraus, dass Nordafrikaner auf der Suche nach Grasland und der Flucht vor Krankheiten, vor allem der durch die Tsetsefliege \u00fcbertragenen Krankheiten, hierher kamen.<\/p>\n<p>Der Konflikt zwischen Briten und Buren\u00a0 ergab sich, oder eskalierte endg\u00fcltig, als in den Gebieten, in die die Buren vor den Briten \u201egefl\u00fcchtet\u201c waren, Oranje und Transvaal, Gold und Diamanten entdeckt wurden. Die wollten die Briten den Buren nicht so ohne weiteres \u00fcberlassen. Die Buren ihrerseits hatten zwar die Bodensch\u00e4tze, mussten aber Materialien und Maschinen \u00fcber das britische Kapstadt einf\u00fchren.\u00a0 Die Union wurde 1910 gegr\u00fcndet, nach den daraus resultierenden Burenkriegen.<\/p>\n<p>Das Kap ist der einzige Ort in Afrika, zu dem Sklaven gebracht wurden. Sonst wurden Sklaven aus Afrika nur exportiert. Sie hatten einen erheblichen Anteil an dem Aufbau Kapstadts, sie waren bei dem Bau der Burg, der Docks und der Wohnh\u00e4user beteiligt und halfen im Weinanbau.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Xhosa haupts\u00e4chlich am Kap leben, leben Sotho und Zulu haupts\u00e4chlich in der Gegend um Johannisburg. Der Sprachenname Sotho ist auch Teil des L\u00e4ndernamens Lesotho, der Sprachenname Suana des L\u00e4ndernamens Botsuana. Die Muttersprache meines F\u00fchrers ist Xhosa. Sie ist verwandt mit Zulu, Swatis und Mdebele, hat aber im Gegensatz zu diesen Klicklaute. Diese haben sie durch Kontakt mit den Buschm\u00e4nnern, den San, in ihre Sprache \u00fcbernommen, oder zumindest drei davon. Sie werden durch die Buchstaben x, c und q repr\u00e4sentiert. Er am\u00fcsiert sich sehr \u00fcber meine Versuche, die Klicklaute zu lernen.\u00a0 Keine Ahnung, warum.<\/p>\n<p>Bei der Fahrt in Richtung Townships sehen wir je einen Golfplatz zu beiden Seiten der Stra\u00dfe. Auch sie hatten eine Funktion innerhalb der Apartheidpolitik. Sie wurden als Pufferzone zwischen den Wohnvierteln der Wei\u00dfen und den Townships errichtet.<br \/>\nWir kommen in Langa an, dem Township, das wir besuchen wollen. <em>Langa<\/em> bedeutet \u201aSonne\u2019, aber das ist nicht die eigentlich intendierte Bedeutung. Das Township sollte nach einem schwarzen Rebellenf\u00fchrer benannt werden, dessen Namen den Bestandteil Langa aufwies. Die Verwaltung entschied, der Name des Rebellenf\u00fchrers sei zu lang f\u00fcr ein Wohnviertel und k\u00fcrzte zu Langa ab. Der Rebellenf\u00fchrer war auch in Robben Island inhaftiert.<\/p>\n<p>Das Township ist zur einen Seite durch die Stra\u00dfe, zur anderen durch die Bahnlinie begrenzt. Dadurch wollte man ein Auswuchern verhindern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt Steinbauten, aber auch H\u00fctten. Die sind durch den Wind und durch Feuer in Gefahr. Die Bewohner benutzen h\u00e4ufig Paraffin oder Gas, weil beide billiger sind als Elektrizit\u00e4t, und die Feuer sind vorprogrammiert. Dadurch, dass die Townshipbewohner oft dem Trunk ergeben sind, wird es auch nicht besser.<\/p>\n<p>Mein Begleiter erz\u00e4hlt mir, dass sein \u201eZuhause\u201c daheim f\u00fcr ihn weiterhin sein Dorf im Ostkap ist. Dort h\u00e4lt er auch Tiere, was in seiner Kapst\u00e4dter Wohnung unm\u00f6glich w\u00e4re. Tiere sind als Mitgift unerl\u00e4sslich und sind Statussymbol, werden aber auch wegen der Tradition gehalten.<\/p>\n<p>Auf einem Kiosk, der, wie man erst auf den zweiten Blick sieht, in seinem ersten Leben\u00a0 Eisenbahncontainer war, ist eine Werbung mit dem Wort <em>Kuyafiwa<\/em> angebracht. Das kenne ich doch: <em>kuya<\/em> hei\u00dft \u201asterben\u2019 auf Suaheli. Ist das Zufall? Nein, erfahre ich, so ist es gemeint: Dieses Getr\u00e4nk ist so gut, dass man daf\u00fcr sterben k\u00f6nnte. Mein Begleiter meint, das sei gar nicht un\u00fcblich, W\u00f6rter aus dem Suaheli in anderen, nicht verwandten afrikanischen Sprachen anzutreffen.<br \/>\nDer erste Eindruck der H\u00e4user in Langa ist ganz positiv. Farbig gefasste, niedrige, solide aussehende Reihenh\u00e4user. Mein Begleiter wendet aber ein: Es wurde beim Bau viel Asbest verwandt, und die nahen Industrieanlagen br\u00e4chten schlechte Luft. Au\u00dferdem sei beim Bau der H\u00e4user viel Beton verwandt worden. Warum das schlecht ist, wei\u00df ich nicht, aber er scheint Stein zu bevorzugen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kommen wir in das Haus seiner Bekannten, Faith. Sie ist heute alleine, wohnt aber zusammen mit sechs anderen in dem Zweizimmerhaus. Das erste Zimmer, in das man sofort eintritt, ist das Wohnzimmer f\u00fcr die ganze Familie, im zweiten Zimmer schl\u00e4ft sie mit Mutter und Sohn, alle in einem Bett \u2013 obwohl dort auch ein Sofa steht \u2013 und ihr Bruder ist mit Frau und Tochter in einem Holzverschlag untergebracht, den sie sich selbst im Hinterhof gebaut haben. Dort gibt es auch ein funktionst\u00fcchtiges WC mit Wassersp\u00fclung, das selbst sauber ist, aber in einem Raum mit dicken, schwarzen Spinnenweben an der W\u00e4nden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beide R\u00e4ume sind vollgestopft mit Dingen, viele in westlichen Sporttaschen verpackt. Es gibt sogar einen riesigen K\u00fchlschrank, eine Mikrowelle und einen Fernseher mit Flachbildschirm. Das will nicht so recht zu der Armut passen. F\u00fcr den Strom gibt es einen Z\u00e4hler an der Wand, in den man eine vorher aufgeladene Geldkarte steckt. Wenn die Karte leer ist, gibt es eben keinen Strom mehr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kinder gehen bis zu 12 Jahren in die Schule, m\u00fcssen aber Schulgeld bezahlen, so dass viele dann eben doch nicht gehen.<br \/>\nDann bekomme ich ein Photoalbum mit Initiationsriten des Stammes zu sehen. \u00dcber die Hochzeitszeremonie, als wohl weiblich empfundene Dom\u00e4ne, unterrichtet sie mich, er \u00fcber die Beschneidungszeremonie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Hochzeit wird gleich zweimal gefeiert, einmal nach Stammesart, einmal nach westlicher Art. Man kann das Hochzeitspaar in den westlichen Klamotten gar nicht wiedererkennen. Wichtig sind vor allem die Farben, bei jedem Stamm verschieden, in diesem Fall hellblau, dunkelblau und wei\u00df, alle mit symbolischer Bedeutung ausgestattet. Auch die Kleidung hat immer einen symbolischen Wert: Wer keine Jacke tr\u00e4gt, ist noch nicht Mutter, wer einen Hut tr\u00e4gt, ist verheiratet. Traditionellerweise tragen Frauen den Oberk\u00f6rper frei.<br \/>\nDie Beschneidung der M\u00e4nner kann jetzt aus rechtlichen Gr\u00fcnden erst mit 18 vorgenommen werden. Die jungen M\u00e4nner bemalen den K\u00f6rper mit wei\u00dfer Farbe und leben wochenlang zusammen, getrennt von dem \u00fcbrigen Stamm. Nur ein kleiner Junge darf sie als Botschafter aufsuchen. Sie \u00fcben w\u00e4hrend der Zeit die rituellen T\u00e4nze, die sich nach ihrer R\u00fcckkehr ins Dorf in allen H\u00e4usern vorf\u00fchren. Am Ende der Probezeit springen sie ins Wasser, reiben sich die wei\u00dfe Farbe ab und ziehen westliche Kleidung an, als Zeichen der Transformation, des Eintritts in eine neue Lebensphase.\u00a0 Danach k\u00f6nnen sie heiraten. Das haben sie dann davon.<\/p>\n<p>Vermutlich habe ich es hier mit privilegierten Schwarzen zu tun, die schon durch den Kontakt mit dem Tourismus eine Erwerbsquelle haben. Das w\u00fcrde auch die Pr\u00e4senz der Elektroger\u00e4te erkl\u00e4ren. Und Faiths gutes Englisch. Sie verkauft sehr kitschigen Schmuck, der aussieht, wie aus dem Kaugummiautomaten gezogener M\u00e4dchenschmuck. Ein oder zwei vorzeigbare Ketten sind auch darunter, eine mit Engelsgeduld aus selbst gesammelten kleinen wei\u00dfen Muscheln gemacht, eine aus bl\u00e4ulichen K\u00f6rnern.<\/p>\n<p>Von hier aus geht es in ein anderes Wohnviertel. Hier sieht alles wirklich heruntergekommen aus. Zwischen den H\u00e4usern, sog. <em>hostals<\/em>, sandiger, unebener Boden,\u00a0 mit zerbeulte Getr\u00e4nkedosen, aufgeschlitzten Plastikflaschen, Steinen, alles voller Staub und Gestank.\u00a0 Die <em>hostals<\/em> waren urspr\u00fcnglich Gastarbeiterwohnungen, d.h. H\u00e4user mit Einzelzimmern f\u00fcr die aus den D\u00f6rfern in die Stadt wandernden Einzelpersonen, meisten M\u00e4nnern. Die holten dann ihre Familien nach oder gr\u00fcndeten hier Familien und lebten mit ihnen in den Einzelzimmern. Der Eingangsbereich ist gleichzeitig Gemeinschaftsk\u00fcche, Gemeinschaftswaschraum und Gemeinschafsw\u00e4scheraum, mit sehr primitiven Vorrichtungen. Von hier aus \u201efl\u00fcchteten\u201c dann viele Familien in die <em>shacks<\/em>, die Baracken, die zwar primitiver waren, aber wenigstens Privatsph\u00e4re boten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die sehen wir im Anschluss.\u00a0 Hier ist es umgekehrt wie bei den Reihenh\u00e4usern. Sie sind besser als sie auf den ersten Blick aussehen. Angesichts einer ziemlich windschiefen H\u00fctte ger\u00e4t mein Begleiter fast ins Schw\u00e4rmen, und tats\u00e4chlich merkt man, wenn man genau hinsieht, dass die H\u00fctten doch sehr gepflegt sind, mit einem ordentlichen Anstrich und sogar einem mittels eines Draht abgetrennten \u201eVorgarten\u201c. Hie gibt es allerdings keine Wassersp\u00fclung, sondern die andere Seite der Stra\u00dfe zierenden Donnerbalken in Holzverschl\u00e4gen. Die Baracken werden jetzt nach und nach durch H\u00e4user aus Stein ersetzt, die als Eigentum erworben werden k\u00f6nnen. Das geht allerdings nur sehr schleppend voran. Hier und da h\u00f6rt man doch Klagen dar\u00fcber, dass viele der Vors\u00e4tze seit der Abschaffung der Apartheid noch nicht umgesetzt worden sind. Eine neue Verfassung macht eben noch kein neues Land. Und die Rassentrennung ist zwar rechtlich aufgehoben, aber faktisch immer noch da. Man zieht ja nicht gleich in ein anderes Viertel, nur will man es jetzt darf \u2013 abgesehen davon dass man es sich leisten k\u00f6nnen muss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kommen wir zu einem Kulturzentrum, <em>Guga Shebe<\/em>, dessen Name so etwas wie \u201aalt gewordenes Tablett\u2019 hei\u00dft. Warum das ein geeigneter Name f\u00fcr ein Kulturzentrum sein soll,\u00a0 wei\u00df ich nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier kann man Keramik, Schnitzkunst und Musik erlernen, Informationen zur Aids-Bek\u00e4mpfung bekommen und an von Bill Gates gestifteten PCs sein Computeranalphabetentum ablegen. Das Zentrum hat auch schon einen Operns\u00e4nger hervorgebracht, der hier als Autodidakt durch das H\u00f6ren von Schallplatten begann.<\/p>\n<p>Langa war 1960 auch der Schauplatz eines Protestmarschs, der durch geschickte Strategie der Regierung verpuffte, aber ins kollektive Ged\u00e4chtnis der Leute eingegangen ist. Der Ausgangspunkt war auf der Mandy Street, nach einem Schiff benannt, in dem afrikanische Emigranten in einem Schiffsungl\u00fcck untergingen.<\/p>\n<p>Dann kommen wir zu dem Teil, in dem die Oberschicht des Viertels wohnt, nahe der Stra\u00dfe. Das war auch absichtlich so angelegt, damit man von au\u00dfen einen besseren Eindruck bekam. Tats\u00e4chlich sind die H\u00e4user hier gr\u00f6\u00dfer und komfortabler. Die Strategie der Regierung wurde dann aber durch die Bewohner der Townships torpediert, die ausgerechnet hier, zwischen Stra\u00dfe und Oberschicht, ihre Baracken erbauten. Das wiederum f\u00fchrte zu Konflikten mit der schwarzen Oberschicht, denn die Bewohner der Baracken kletterten schon mal \u00fcber den Zaun, um sich hier umsonst Wasser zu besorgen und ihren Abfall zu entsorgen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum Abschluss geht es dann durch ein Township der Farbigen. Hier ist der Durchschnitt so, wie bei der Oberschicht der Schwarzen, und die Stra\u00dfen sind breiter und in einem besseren Zustand. Hier ist es nicht viel anders als in dem Arbeiterviertel einer englischen Industriestadt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es Richtung Kapstadt zur\u00fcck zur Groote Schuur, dem Krankenhaus, in dem die erste Herztransplantation stattfand. Dort will ich ins Museum. Doch das ist auch geschlossen. Die Warnung des Reisef\u00fchrers, diese Reisezeit zu meiden, war nicht unberechtigt: Nach Parlament, Evangelischer\u00a0Kirche und Robben Island ist dies schon der vierte Punkt, der ins Wasser f\u00e4llt. Andererseits kann man in einer Woche ohnehin nicht alles unterbringen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als wir nach Kapstadt reinkommen, haben wir zwei unschuldig aussehende Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccken vor uns. Auch sie sind relevant. Die erste, eine offene Gusseisenbr\u00fccke, war f\u00fcr Nichtwei\u00dfe, die zweite, eine geschlossene Kunststoffbr\u00fccke, nur f\u00fcr Wei\u00dfe.<\/p>\n<p>Am Nachmittag gehe ich noch ins Planetarium. Dort erwartet mich eine \u00dcberraschung: Statt einer Erkl\u00e4rung des s\u00fcdlichen Sternenhimmels gibt es eine Erkl\u00e4rung \u00fcber die \u00c4gyptischen Pyramiden. Immerhin verlassen wir den Kontinent nicht. Wie fr\u00fcher im Planetarium, verstehe ich nur Bahnhof. Im groben l\u00e4uft es wohl darauf hinaus, dass alles an den Pyramiden eine astronomische Grundlage hatte. Es f\u00e4ngt damit an, dass alle \u00e4gyptischen Pharaonengr\u00e4ber, auch die Pyramiden, westlich des Nil liegen. Im Westen geht die Sonne unter, hier \u201estirbt\u201c sie, und wie die Sonne, so der Pharao. Au\u00dferdem sind alle drei gro\u00dfen Pyramiden genau nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet. Bei der gro\u00dfen, der Cheops-Pyramide, betr\u00e4gt die Abweichung gerade einmal ein Zwanzigstel eines Grads. Und dann wird es phantasievoll: Durch die Pyramide laufen zwei Sch\u00e4chte diagonal von der Grabkammer nach au\u00dfen. Davon ist einer so ausgerichtet, dass seine verl\u00e4ngerte Linie genau den Nordpol des Himmels trifft, also die Sterne, die nie untergehen &#8211; genauso wie der K\u00f6nig. Bei dem s\u00fcdlichen Schacht ist es so, dass diese Linie durch das Sternbild des Orion l\u00e4uft, und zwar genau durch den G\u00fcrtel des Orion, der von den drei hellsten Sternen des Sternbilds dargestellt wird. Und das, was wir heute Orion nennen, war f\u00fcr die \u00c4gypter das Sternbild des Osiris, des h\u00f6chsten Gottes &#8211; mit dem der Pharao durch diese Konstruktion in Zusammenhang gebracht wird. Wenn die \u00c4gypter das alles so gut konnten, stellt sich die Frage, warum die drei Pyramiden nicht in einer Achse stehen, sondern etwas verschoben. Das w\u00e4re doch eine Kleinigkeit gewesen. Auch hierf\u00fcr gibt es eine \u201eg\u00f6ttliche\u201c Erkl\u00e4rung: Die Ausrichtung der drei Pyramiden zeichnet genau den Verlauf der drei hellsten Sterne des Orion nach!\u00a0 Alles, was danach an Erkl\u00e4rungen angeboten wird, gilt der Widerlegung einer ohnehin abenteuerlichen These und entzieht sich v\u00f6llig meinem Verstehen. Als wenn das andere nicht schon abenteuerlich genug w\u00e4re.<\/p>\n<p>Danach f\u00fchle ich mich so m\u00fcde, dass ich mich auf den Heimweg mache. Woher die M\u00fcdigkeit kommt, wei\u00df ich nicht. Geschlafen habe ich wei\u00df Gott genug in den letzten Tagen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter mache ich noch ein Photo von der Statue Jan van Riebeecks, gar nicht weit vom Hotel. Sie soll angeblich genau an der Stelle stehen, an der der Dargestellte zum ersten Mal den Boden S\u00fcdafrikas betreten hat. Jetzt ist hier ein Kreisverkehr mit riesigen Hochh\u00e4usern. Alles, was hinter der Statue liegt, ist dem Meer abgetrotztes Land. Riebeeck tr\u00e4gt langes Haar, einen hohen Hut mit breiter Krempe, einen eng geschnittenen Gehrock, Kniehosen, Seidenstr\u00fcmpfe und Schnallenschuhe. Sieht alles sehr nach Holland aus. Er st\u00fctzt sich leicht r\u00fcckw\u00e4rts gelehnt auf einen Stock und sieht sehr stolz aus. Kurioserweise wurde die Statue von Rhodes gestiftet.<\/p>\n<p>Am Abend lande ich, ohne es recht zu planen, ausgerechnet in einer spanischen Tapas-Bar mit dem sehr spanischen Namen <em>Fork<\/em>. Drau\u00dfen keine Speisekarte, drinnen kein einziger Gast, das kommt mir erst sehr spanisch vor, aber als ich reinkomme, merke ich, dass fast alle Tische reserviert sind. Und es lohnt sich. Hochoriginelle <em>tapas<\/em> verbinden sich mit traditionelleren wie gef\u00fcllten Kroketten. Der H\u00f6hepunkt ist: \u201cGebratener Ziegenk\u00e4se mit Tomatenbiskuits und Zwiebeln mit Portmarmelade\u201c. Wer h\u00e4tte gedacht, dass das schmeckt?<br \/>\n<span style=\"text-decoration: underline;\">Freitag, 29. Dezember 2006<\/span><br \/>\nIn der Nacht heult der Wind. Man glaubt, in einem europ\u00e4ischen Herbststurm zu sein. Ausgerechnet am Morgen des Tages, an dem es auf den Tafelberg rauf gehen soll,<br \/>\nist es bew\u00f6lkt. Also geht es zuerst ins S\u00fcdafrikanische Museum.<\/p>\n<p>Die Fu\u00dfg\u00e4ngerampeln sind nicht sehr fu\u00dfg\u00e4ngerfreundlich. Sie sind meistens Rot,<br \/>\nund wenn dann Gr\u00fcn kommt, muss man sofort durchstarten, wenn man r\u00fcber kommen<br \/>\nwill. W\u00e4hrend der Gr\u00fcnphase ist das nicht zu schaffen. Man hat etwa eine Sekunde<br \/>\nf\u00fcr zwei Meter.<\/p>\n<p>Wie in Tansania gibt es auch hier die Kleinbusse, die privaten Personentransport<br \/>\nbetreiben. Wie in Tansania, machen die Schaffner, meist ganz junge M\u00e4nner oder Jugendliche, mit Pfeifen, Schreien und Ausrufen des Zielorts auf sich aufmerksam. Die Busse sind aber in einem viel besseren Zustand. Dadurch f\u00e4llt eins flach: Man haut nicht, wie in Tansania, immer wieder von au\u00dfen auf die Karosserie, um f\u00fcr sich zu werben.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he der <em>Gardens<\/em> ist mit einer schlichten Steinplatte der Ort markiert, an dem, unter einer Palme, fr\u00fcher die Sklaven an Privatleute verkauft wurden. Gleich gegen\u00fcber die Kirche der Reformierten Holl\u00e4ndischen Kirche, der Kirche der \u201aRechtgl\u00e4ubigen\u2019, der \u201ezum Gebet versammelten Nationalen Partei\u201c. Man betritt einen breiten, einfachen, weitgehend schmucklosen Raum mit Sitzb\u00e4nken auf allen Seiten und in der Empore. Die Kirche fasst sagenhafte 2.000 Menschen. Einen Altar scheint es gar nicht zu geben, daf\u00fcr aber eine m\u00e4chtige Kanzel, an der Stelle, an der bei uns der Altar steht, und gleich gegen\u00fcber eine ebenso m\u00e4chtige Orgel, an der\u00a0dem Vernehmen nach ein \u201eweltber\u00fchmter\u201c Organist spielt. Er hat auch schon Konzerte in Ulm und Ottobeuren gegeben. Eine Besonderheit ist die Decke, die gr\u00f6\u00dfte ihrer Art auf der Welt, eine <em>suspended<\/em> <em>rib vault ceiling<\/em>. Sie hat wohl die Funktion, Ger\u00e4usche in das Innere der Decke abzuleiten und dadurch die Akustik zu verbessern. Die L\u00f6cher, durch die der Schall nach oben entweicht, sind verdeckt durch gro\u00dfe Rosetten, in denen sich die s\u00fcdafrikanische Nationalblume, die Partea, mit europ\u00e4ischem Eichenlaub paart. Die Gottesdienste werden hier in Afrikaans abgehalten.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum S\u00fcdafrikanischen Museum mache ich Halt auf einer Parkbank in den<br \/>\n<em>Gardens<\/em>. Ein graues Eichh\u00f6rnchen kommt mir bis auf einen halben Meter nahe.<\/p>\n<p>Im S\u00fcdafrikanischen Museum fehlt das eigentlich erwartete Highlight: die Fu\u00dfspuren eines fr\u00fchen Menschen (oder eines Vorg\u00e4ngers des Menschen), die \u00e4ltesten, die es \u00fcberhaupt gibt. Es ist aus unerfindlichen Gr\u00fcnden nicht ausgestellt. Von dem Rest ist besonders das sehenswert, was einen gleich am Eingang erwartet: Felszeichnungen. Die \u00e4ltesten sind so alt, dass sie nicht datiert werden k\u00f6nnen. Jedenfalls sind sie \u00e4lter als 40.000 Jahre \u2013 die l\u00e4ngste Zeitspanne, die mit Radiokarbonuntersuchungen erfasst werden kann. Als Material<br \/>\nwurden Steine verwendet, aber auch Fragmente von Strau\u00dfeneinern sind erhalten.<br \/>\nErkennen kann man so gut wie nichts, mit etwas Phantasie einige F\u00fc\u00dfe, aber es<br \/>\nist deutlich, dass Farbe verwendet wurde.<\/p>\n<p>Die Zeichnungen aus der n\u00e4chsten Epoche sind dagegen schon bestens zu erkennen. Hier wird der Stein nicht bemalt, sondern beritzt. Man erkennt eine Sonne, ein Strichm\u00e4nnchen, und ein paar Tiere, alle wie von Kinderhand geschaffen.<\/p>\n<p>Die dann folgende Epoche bietet Kunstwerke, bei denen man den Mund nicht zukriegt vor Staunen. Ein ganzer Felsbrocken mit Dutzenden von Antilopen \u2013 wohlproportioniert, genau und vollst\u00e4ndig dargestellt, mit f\u00fchlbarer K\u00f6rperf\u00fclle. Sensationell. Die Antilopen sind in Ocker und Wei\u00df. Leider wird nicht verraten, woraus die Farben hergestellt sind. Dazwischen, aber erst auf den zweiten Blick zu erkennen, ein paar Paviane und menschliche Figuren, die wie J\u00e4ger aussehen. Die Beschriftung kl\u00e4rt uns aber auf, dass es sich nicht um J\u00e4ger handelt, sondern dass die M\u00e4nner sich mit den Antilopen bewegen, ihnen folgen, sich unter sie mischen, um etwas von der \u00fcbernat\u00fcrlichen Kraft der Tiere zu erlangen.. Jedenfalls galten sowohl Antilopen als auch Paviane als etwas Besonderes. Pavianhaar wurde auch bei Heilsprozessen eingesetzt. In einer Szene sollen einer Antilope sogar die Haare zu Berge stehen, und dem ihm folgenden, es am Schwanz packenden Menschen ebenfalls. Jedenfalls, das ist wohl die Schlussfolgerung, handelt es sich um mystische Szenen, nicht etwa um Bilderb\u00fccher von Jagderlebnissen oder gar Anleitungen zum Jagen. Ganz nebenbei, und hier verbindet sich das Mystische mit dem Praktischen,\u00a0 kommen die Antilopen, wenn sie sich lange bewegt haben, zum absoluten Stillstand und sind dann leichte Beute der menschlichen Pfeile.<\/p>\n<p>In der Eingangshalle ein 250 Millionen Jahre altes Fossil eines Reptils, einer Art Wiesel, sehr gut erhalten. Urspr\u00fcnglich guckten nur die Nase und ein Fu\u00df aus dem Stein hervor. Das Tier hat sehr unterschiedliche Rippen vorne und hinten, aber wozu das gut ist, verstehe ich nicht.<br \/>\nUnten moderne Dioramen, die Fauna des Wassers darstellend, und im Zentrum die ber\u00fchmten, riesigen Walskelette, die auf mehreren Etagen von der Decke herabh\u00e4ngen. Man sieht, dass die gr\u00f6\u00dften Wale, aber wirklich nur die allergr\u00f6\u00dften, tats\u00e4chlich gr\u00f6\u00dfer als Elefanten sein m\u00fcssen. Besonders die Backenknochen, wenn es denn welche sind, sind enorm. Die viergliedrigen H\u00e4nde \u2013 nach au\u00dfen als Flossen getarnt, aber hier klar als H\u00e4nde zu erkennen &#8211; sehen geisterhaft aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei den V\u00f6geln bemerkenswert ein Albatrossjunges, mit schneewei\u00dfem, flauschigen Fell, mutterseelenallein auf einem als Nest dienenden Sandh\u00fcgel mit einer Kuhle, mitten in einer Ebene sitzend. Die Eltern sind zum Teil wochenlang unterwegs und kommen dann erst mit Nahrung zur\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sehr ansehnlich eine riesige, anderthalb Meter lange Wasserschildkr\u00f6te mit gr\u00fcnlich schimmerndem Panzer. Sie legt 115- 197 Eier pro Gelege, mehrmals im Zweiwochenrhythmus. Wozu all der Aufwand? Die Jungen haben nur geringe \u00dcberlebenschancen. Die meisten schaffen es nicht einmal bis ins Meer. F\u00e4llt der Natur keine einfachere Art ein, die Art zu sch\u00fctzen?<\/p>\n<p>\u00dcber die Menschen S\u00fcdafrikas gibt es einen Ausstellungssaal, der wohl sehr umstritten ist. Die Dargestellten verwehrten sich gegen den Eindruck, der hier entstanden sein soll, alle Schwarzen lebten im Busch. Es wurde auch kritisiert, dass reale Menschen f\u00fcr die ausgestopften Figuren Modell gestanden haben. Zur Erg\u00e4nzung der eigentlichen Ausstellung hat man moderne Photos an die Vitrinen geh\u00e4ngt mit Szenen aus dem Alltagsleben. Ich glaube nicht, dass die Sache so entstellend ist. Man erwartet nicht, dass ein Museum die aktuelle Lebenswirklichkeit abbildet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch hier gibt es Informationen zu den Initiationsriten, ganz \u00e4hnlich dem, was ich in Langa im Township erfahren haben. Als Erg\u00e4nzung dazu erfahre ich, dem, dass die Jungen nach dem Ende ihrer Isolationszeit die typischen Kleidung, die sich w\u00e4hrend dieser Zeit getragen haben samt der H\u00fctte, in der sie gelebt haben, abfackeln, als Zeichen daf\u00fcr, dass sie das jetzt hinter sich lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei den Zulu sieht man farbenpr\u00e4chtige, rechteckige, Ohrringe auf wei\u00dfem Grund, mit sch\u00f6nen geometrischen Mustern und dem Abbild der Mondsichel. Sie sind aus Holz oder Elfenbein und Teil des weiblichen Initiationsritus\u2019: Die Ohren sind jetzt, wenn man die ersten Ohrringe bekommt, \u201egr\u00f6\u00dfer\u201c, man h\u00f6rt, d.h. man versteht besser, man ist gereift. Im Laufe der Zeit werden die Ohrringe \u2013 im Englischen <em>earplugs<\/em>, nicht <em>earrings<\/em> &#8211; immer gr\u00f6\u00dfer. Wer wei\u00df, vielleicht bewundern die Teenager der Zulus ihre Gro\u00dfm\u00fctter, weil sie so gro\u00dfe Ohren haben.<\/p>\n<p>Die Sotho machen wie alle Bantus Bier. Bier hat seine Funktion nicht nur als erfrischendes Getr\u00e4nk, sondern auch als Zahlungsmittel f\u00fcr Dienstleistungen und als \u201eFriedenspfeife\u201c, d.h. man geht einen trinken, um sich zu vers\u00f6hnen. Wer sagt denn, dass unsere Zivilisationen so weit voneinander entfernt sind?<\/p>\n<p>Es gibt auch etwas \u00fcber die Geschichte der verschiedenen V\u00f6lker S\u00fcdafrikas, aber die vielen, sich teils \u00fcberschneidenden Bezeichnungen machen das Verst\u00e4ndnis schwer. Jedenfalls erf\u00e4hrt man, dass das Sotho-Gebiet\u00a0 zuerst von Buschm\u00e4nnern bewohnt war. Dann kamen Bantusprecher, vor allem, Nguni, in die Gegend, mit denen es zwar Streit um Vieh gab, mit denen man sonst aber zurecht kam. Dann kamen andere Nguni, Pl\u00fcnderer, die selbst woanders vertrieben worden waren, und das f\u00fchrte zu gravierenderen Konflikten. Was mir nicht klar wird, ist, ob die Nguni identisch sind mit den Zulus und die hier erw\u00e4hnten Konflikte mit der sog. <em>Mfecane<\/em>. Dabei handelt es sich um Kriegsz\u00fcge der Zulus, die das Land verw\u00fcsteten, und die Errichtung eines Milit\u00e4rstaates, der die alten, seit Jahrhunderten stabilen Strukturen aufbrach. Viele Menschen, die sich nicht unterwerfen wollten, wurden in die Flucht getrieben \u2013 wenn sie \u00fcberlebten. Auf diese entwurzelte Bev\u00f6lkerung trafen die Buren, als sie die Kapkolonie verlie\u00dfen.<br \/>\nIn einem anderen Saal gibt es wunderbare, wie Aquarellzeichnungen aussehende Bl\u00e4tter aus dem <em>Codex<\/em> <em>Witseni<\/em>, der Handschrift \u00fcber eine von Simon van der Stel im Auftrag des Namensgebers, Witsen, dem Pr\u00e4sidenten der VOC, unternommenen Expedition in die Kupferberge, ins Namaqualand. Man glaubt hier, Kunstwerke vor sich zu haben, aber es handelt sich um Dokumente. Jedes Blatt enth\u00e4lt eine einzelne Pflanze oder ein einzelnes Tier mit Zeichnung und Beschriftung. Die Expedition verlief im Sande, brachte aber die erste wissenschaftliche Erfassung der s\u00fcdafrikanischen Natur \u2013 und bedeutete gleichzeitig das erste Eindringen der Wei\u00dfen ins Innere Afrikas.<\/p>\n<p>Am Ende sehe ich noch ein Modell des Tafelbergs, meinem n\u00e4chsten Ziel. Man sieht, dass es sich weniger um einen einzelnen Berg als um ein ganzes Ensemble handelt und dass er oben gar nicht so flach ist, wie er von unten aussieht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum Tafelberg geht es mit dem Taxi. Auf der Fahrt erfahre ich, dass Benzin billig ist &#8211; weniger als 1 Dollar pro Liter. Die meisten Autos sind japanische Fabrikate, aber das Taxi ist ein Ford und in die Townships sind wir mit einem VW gefahren. Man erz\u00e4hlt mir, es gebe auch viele indische Autos, aber die habe ich nicht gesehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Tafelberg bezahle ich f\u00fcr meinen Entschluss, nicht am fr\u00fchen Morgen gegangen zu sein, mit dem Warten in einer ansehnlichen Schlange. Es ist aber alles bestens organisiert, und die Seilbahn braucht gerade mal f\u00fcnf Minuten \u2013 modernste Schweizer Technik &#8211; um einen nach oben zu bringen. Trotzdem bewundert man die Geduld der Leute, die hier mit Rollstuhl oder Kinderwagen hochfahren. Oben verl\u00e4uft sich alles sehr schnell, und als ich ein paar Hundert Meter gegangen bin, bin ich pl\u00f6tzlich ganz allein. Aber das Weiterkommen ist gar nicht so einfach. Der Weg f\u00fchrt \u00fcber Gesteinsbrocken und st\u00e4ndig auf und ab. Dabei uml\u00e4uft man das zentrale Plateau, das wirklich flach und ganz mit <em>fynbosch<\/em> bewachsen ist, so \u00e4hnlich wie Erika bei uns. Die Aussicht, oder besser die Aussichten, von hier oben sind wirklich phantastisch, aber mehr als bewundern und photographieren kann man nicht, und bald fahre ich wieder runter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Touristeninformation, einer der \u201ebesten der Welt\u201c, kennt man die Evangelisch-Lutherische Kirche nicht. Erst nachdem ich meine Karte zeige, erkl\u00e4rt man mir, wie ich dorthin komme, und als ich sie erreiche, ist sie geschlossen. Von einem Film, den ich suche, \u201eThe Departed\u201c, behauptet man, er laufe nur in einem Kino, ich h\u00e4tte \u201enicht richtig geguckt\u201c. Als sich dann herausstellt, dass der Film in vier Kinos l\u00e4uft, sagt man mir, f\u00fcr diese Kinos habe man keine Karten. Als ich dann frage, ob man nicht mal unter T statt D nachsehen k\u00f6nnte, erscheint der Film auf dem Computerbildschirm und ich bekomme meine Karte. Sp\u00e4ter muss ich einsehen, dass ich mir die ganze M\u00fche f\u00fcr einen v\u00f6llig hirnrissigen Film gemacht habe.<\/p>\n<p>Als ich aus dem Kino komme, kurz nach acht, beginnt es zu d\u00e4mmern. Ich lande in der Long Street ausgerechnet in einer irischen Kneipe, weil es hier Strau\u00dfenfilet gibt. Dazu bestelle ich ein <em>Castle Beer<\/em>. Beides ist passabel, aber nicht umwerfend. In der Long Street f\u00fchlt man sich wie in New Orleans. Oder so, wie man glaubt, man f\u00fchle sich in New Orleans. \u00dcberall Live-Musik aus den Kneipen, Tavernen und Restaurants, Menschen auf der Stra\u00dfe, und auf den gusseisernen Balkonen der Lokale.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">30. Dezember (Samstag)<br \/>\n<\/span>Die San, die \u201eBuschm\u00e4nner\u201c, waren Nomaden &#8211; J\u00e4ger und Sammler &#8211; und bewohnten den S\u00fcdwesten der Region. Die Khoikhoi, die \u201eHottentotten\u201c, Hirten, drangen dann von Norden ein, etwa aus dem heutigen Botsuana. Und schlie\u00dflich kamen Bantu-Sprecher, Ackerbauern, aus dem Osten hinzu, etwa aus dem heutigen Transvaal und Natal. Das ergab das V\u00f6lker- und Lebensgemisch S\u00fcdafrikas, bevor die Wei\u00dfen kamen.<\/p>\n<p>Die gerieten einerseits in Konflikt mit den Khoikhoi als Konkurrenten in der Viehzucht und zusammen mit ihnen in Konflikt mit den San, die alles Vieh als ihre nat\u00fcrliche Beute ansahen. Noch zu holl\u00e4ndischen Zeiten und sp\u00e4ter nochmals kam es zu den \u201eKaffernkriegen\u201c gegen die Xhosa. Diese wurden in das Gebiet des sp\u00e4teren Transkei zur\u00fcckgedr\u00e4ngt und unterworfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dem Wiener Kongress kam die Kapkolonie an Gro\u00dfbritannien, das sie vorher, w\u00e4hrend der Napoleonischen Kriege, schon zweimal besetzt hatte. Die Ansiedlung schottischer und anderer englisch sprechender Siedler und die Emanzipation der Sklaven f\u00fchrten zu Konflikten zwischen der Verwaltung und den Buren. Die Buren machten sich auf den <em>Gro\u00dfen Trek<\/em> und gr\u00fcndeten die Burenrepubliken au\u00dferhalb der Grenzen des Empire. Die Buren wollten Autonomie und beriefen sich dabei auf die Franz\u00f6sische Revolution! Das ist seltsam, denn gerade die Schritte der Verwaltung am Kap, wie die Abschaffung der Sklaverei, gegen die sie opponierten, waren wenigstens indirekt selbst Resultate der Gedankenbewegung, die zur Franz\u00f6sischen Revolution gef\u00fchrt hatten. Hier berufen sich also \u201eReaktion\u00e4re\u201c auf eine Revolution, die im Namen des \u201eFortschritts\u201c gef\u00fchrt wird. Sie waren selbst durch den Imperialismus \u00fcberw\u00e4ltigt worden und machten sich das gleiche Projekt zueigen wie sp\u00e4ter die F\u00fchrer des Schwarzen Afrika: politische Macht erringen und ihren V\u00f6lkern damit Wohlstand und Fortschritt zu bescheren. Das ist die Ironie der Geschichte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute ist Regen angesagt und ich nehme eine Regenjacke mit, was sich als unn\u00f6tig und l\u00e4stig erweist. Der einzige Artikel aus der Reiseapotheke, der zum Einsatz kommt, ist wieder einmal das Blasenpflaster, die gr\u00f6\u00dfte Erfindung seit der Erfindung des Rads.<\/p>\n<p>Heute geht es auf eine gef\u00fchrte Besichtigungstour durch die Innenstadt und das<br \/>\nsog. Malaienviertel, das Bo-Kaap, das \u201aHohe Kap\u2019. Es wird von der Buitengracht von der Innenstadt abgetrennt und liegt zwischen ihr und dem Tafelberg auf einem Abhang. Niedrige, farbig gefasste Reihenh\u00e4user in hellen Farben, sehr gepflegt, auf Stra\u00dfen mit Kopfsteinpflaster. Malerisch. Das Viertel sollte wie der <em>District Six<\/em> abgerissen werden, wurde aber am Ende verschont. Es wird fast ausschlie\u00dflich von Muslimen bewohnt.<\/p>\n<p>Viele H\u00e4user sind \u201aanglisierte\u2019 holl\u00e4ndische Hauser. Der F\u00fchrer zeigt, auf welche Unterschiede man achten kann. In einem Fall haben wir ein Haus, das auch im Georgian Viertel von Dublin oder in Bath stehen konnte: flacher Abschluss der Fassade (holl\u00e4ndisch: geschwungener Giebel), T\u00fcrfl\u00fcgel (holl\u00e4ndisch: horizontal in zwei Teile geteilte T\u00fcren, wie in deutschen Bauernh\u00e4usern), halbkreisf\u00f6rmiges Oberlicht (holl\u00e4ndisch: rechtwinklig), T\u00fcrklopfer, Briefschlitz, farbige Fassade (holl\u00e4ndisch: wei\u00df), gro\u00dfe Fenster, Blendl\u00e4den mit Schlitzen (holl\u00e4ndisch: ganzteilig).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Viele H\u00e4user haben eine Sitzbank, zum Plausch mit dem Nachbarn, zum Teetrinken, am Ende des erh\u00f6hten liegenden Eingangs. Erh\u00f6ht deshalb, weil man dann von den Schmutzspritzern der vorbeifahrenden Ochsenkarren verschont blieb.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Mitte des Viertels die Longmarket Street, die steil zum Markt abf\u00e4llt und \u00fcber die man fr\u00fcher die Waren zum Verkauf hinunter brachte. Man kann nur hoffen, dass die Ochsenkarren gute Bremsen hatten.<\/p>\n<p>Die Muslime kamen nach Kapstadt, weil sie aus den asiatischen Besitzungen der Holl\u00e4nder ausgewiesen und hierher strafversetzt wurden. Paradoxerweise verbreiteten sie ihren Glauben dann hier. Das ist heute noch sp\u00fcrbar: Kapstadt hat einen viel h\u00f6heren Anteil an Muslimen als S\u00fcdafrika insgesamt (nur 4%).<\/p>\n<p>Die erste Moschee, die wir sehen, ein zweist\u00f6ckiges, gelb gefasstes Haus mit Balkon, sieht wie ein Wohnhaus aus, zumal es zwischen Wohnh\u00e4usern steht. Erst auf den zweiten Blick, von der Seite aus, sieht man dahinter das Minarett. Das Jahr des Baus der Moschee ist 1834, das Jahr der Befreiung der Sklaven.<\/p>\n<p>Auf der n\u00e4chsten Stra\u00dfe kommen wir an eine ganz anders aussehende, gr\u00fcn gefasste Moschee mit Palmen davor. In ihr residierte ein t\u00fcrkischer Imam, der als Schlichter in<br \/>\neiner religi\u00f6sen Auseinandersetzung hierher gerufen wurde. Er soll das erste Buch auf Afrikaans \u00fcberhaupt verfasst haben, eine Verteidigung des Glaubens, in arabischer Schrift!<\/p>\n<p>All das hatte ich noch gar nicht gesehen. In der Innenstadt dagegen gibt es Dinge, die ich schon gesehen und doch nicht gesehen habe, und auf die der hervorragende F\u00fchrer jetzt aufmerksam macht. Dazu geh\u00f6rt ein in den B\u00fcrgersteig eingelassenes Emblem, auf das man \u00fcberall st\u00f6\u00dft, aber das ich noch nie beachtet habe. Es stellt den Grundriss der f\u00fcnfeckigen Burg dar und hat darin das Monogramm der Ostindienkompanie, die ineinander verschlungenen goldenen Lettern VOC.<\/p>\n<p>Der F\u00fchrer hat einen deutschen Namen, scheint aber Afrikaans zu sprechen. Der einzige andere Teilnehmer ist wohl Australianer, aber w\u00e4hrend der gesamten zweieinhalb Stunden ist von unserer Herkunft nie die Rede.<\/p>\n<p>Die Niederl\u00e4nder kannten das Kap schon lange, bevor sie ihre Versorgungsstation hier errichteten. Es lag auf ihrem Weg nach Batavia.<\/p>\n<p>Die <em>Heerengracht<\/em> ist benannt nach den Herren, d.h. den Pr\u00e4sidenten der VOC. Ein Teil der ehemaligen Herrengracht hei\u00dft jetzt <em>Adderley Street<\/em>, nach einem britischen Politiker. Dem war Kapstadt zu Dank verpflichtet. Die Briten wollten eigentlich ihre Str\u00e4flinge nach Kapstadt verschiffen, aber Adderley setzte sich daf\u00fcr ein, dass es Sydney wurde. Das fanden die Kapst\u00e4dter gut.<\/p>\n<p>In einer unterirdischen Passage bleiben wir vor einer Vitrine stehen, in der ein Stein liegt. Es ist einer der sogenannten <em>postal stones<\/em>. In diese Steine wurden von der Schiffsbesatzung Nachrichten \u00fcber die Seereise eingraviert. Dann wurden die Steine von einem anderen Schiff mit nach Holland genommen, zur Information der n\u00e4chsten Schiffsbesatzung. Eine Art von Snail-Mail des vorvorigen Jahrhunderts. Die eingravierten Buchstaben sind erstaunlich sorgf\u00e4ltig gemacht und heute noch deutlich lesbar. Muss eine Wahnsinnsarbeit gewesen sein.<\/p>\n<p>Dann sehen wir Ausgrabungen, die fast wie r\u00f6mische Funde aussehen. Man fand sie bei dem Neubau des Bahnhofs an der Stelle des alten Bahnhofs. Es ist das erste Wasserreservoir Kapstadts. Es befand sich gleich neben der urspr\u00fcnglichen, viereckigen Burg, die sich wiederum gleich neben der aktuellen, f\u00fcnfeckigen befand, da, wo heute der Platz des (alten) Rathauses ist, der Platz, an dem Mandela seine ber\u00fchmte Rede hielt, vom der <em>City Hall<\/em> aus. Das Geb\u00e4ude ist im Stil der Neorenaissance. Es besteht aus Granit und Sandstein. Beide sind hier reichlich vorhanden, wurden aber f\u00fcr die <em>City Hall<\/em> aus Edinburgh bzw. Bath importiert. Da muss es t\u00fcchtige Gesch\u00e4ftsm\u00e4nner gegeben haben, die den Siedlern ihre Produkte aufschw\u00e4tzten \u2013 wie der sprichw\u00f6rtliche Kaufmann, der den Eskimos K\u00fchlschr\u00e4nke verkauft.<\/p>\n<p>Die Judikative, erfahren wir, ist in einem Ort namens Bloemfontein in Oranje. Die dezentrale Verteilung der unterschiedlichen Staatsorgane ist historisch bedingt. Als es zur Union kam, wollte jeder etwas abbekommen. Einen Ministerpr\u00e4sidenten, erfahren wir jetzt auch, gibt es nicht, die Stellung des Pr\u00e4sidenten ist wie die des franz\u00f6sischen.<\/p>\n<p>Dann kommen wir zu dem Art-D\u00e9co-Geb\u00e4ude, an dem wir auch im Bus schon vorbeigekommen sind. Es ist mit seiner nach oben sich verj\u00fcngenden Fassade dem <em>Empire<\/em> <em>State Building<\/em> nachempfunden. Oben an der Fassade, an den horizontalen Enden, sind vereinzelte Tierk\u00f6pfe angebracht, L\u00f6we, Pavian, Elefant. Weiter unten ein durchgehender Fries, auf dem Geschichte S\u00fcdafrikas, in verschiedenen Szenen, dargestellt wird. Die Perspektive ist hier die der wei\u00dfen Siedler. An der Seite acht lang gezogene Figuren, die die verschiedenen St\u00e4mme darstellen, darunter die Zulus und Xhosa, nicht aber die Hottentotten. Die Figuren sehen etwas stereotyp aus und haben leicht asiatisch wirkende Gesichter, aber die Accessoires sollen alle historisch richtig sein.<\/p>\n<p>Bei der Holl\u00e4ndischen Kirche, die ich dieser Tage schon besucht habe, macht der F\u00fchre auf einen dahinter stehenden Glocketurm aufmerksam, den ich noch gar nicht zur Kenntnis genommen habe. Er ist Teil des Vorg\u00e4ngerbaus. Das moderne Hochhaus daneben macht einen eleganten Bogen um den Turm herum. Der Altar der Kirche ruht auf zwei L\u00f6wen, weil die puritanischen Holl\u00e4nder gegen die drei halbbekleideten Jungfrauen opponierten, mit denen der K\u00fcnstler, Anreith, Glaube, Hoffnung und Liebe darstellen wollte. Anreith war eigentlich Soldat und schuf dann f\u00fcr seine Kirche, die der Lutheraner, eine Kanzel, die die Aufmerksamkeit der Calvinisten auf sich zog, die ihn dann, obwohl Ketzer, auch f\u00fcr ihre Kirche verpflichteten.<br \/>\nUm den Kreis zu schlie\u00dfen, erhielt Anreith dann auch noch einen Auftrag von den Engl\u00e4ndern, allerdings nur einen. Er konnte nicht nur Holz, sondern auch Stein bearbeiten und schuf das Emblem im Giebelfeld der <em>Slave Lodge<\/em>. Das geriet ihm zur Parodie, mit einem lahmen L\u00f6wen ohne Kraulen und einem schielenden Einhorn.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter, in den <em>Gardens<\/em>, weist unser F\u00fchrer uns auf zwei Putten am neoklassischen\u00a0 <em>Tuynhuys<\/em> hin, Neptun und Merkur darstellend. Auch die sind von Anreith!<\/p>\n<p>Auf dem Platz, an dem die Calvinistische Kirche steht, steht auch die Statue eines gewissen Hofmeyer, eines Mannes, der sich f\u00fcr Afrikaans einsetzte, das erst mehr als ein Jahrzehnt nach der Union offizielle Sprache wurde. Viele Farbige sprechen Afrikaans, so auch eins der Zimmerm\u00e4dchen des Hotels und, wie sich herausstellen sollte, der Taxifahrer, der mich zur Abreise an den Flughafen bringt.<\/p>\n<p>Vor der <em>Slave Lodge<\/em> steht die Statue von Christiaan Smuts, dem Politiker und mehrmaligen Premierminister der Kapprovinz. Er ist mit einem Stock dargestellt. Was hat das f\u00fcr eine Bewandnis? Er war ein guter Wanderer und ging jedes Mal, wenn er nach Kapstadt kam, den Tafelberg rauf. Als das englische K\u00f6nigspaar zu Besuch kam und mit der Seilbahn raufgefahren wurde, empfing Smuts sie oben. Er war gewandert. Er hatte sich als milit\u00e4rischer Stratege einen Namen gemacht, und zwar im Kampf gegen die \u00fcberlegenen Engl\u00e4nder, war dann zum Jurastudium nach London gegangen und wurde dann von den Engl\u00e4ndern selbst zum Gouverneur gemacht und wurde sp\u00e4ter Premier. Er schreib auch die Pr\u00e4ambel f\u00fcr die Verfassung des V\u00f6lkerbunds.<\/p>\n<p>Es gibt auch noch Erkl\u00e4rungen zu den Statuen von Grey und Rhodes in den <em>Gardens<\/em>: Grey, der die H\u00e4lfte seiner B\u00fcchersammlung der Nationalbibliothek vermachte, ist mit einem Manuskript in einer Hand und der anderen Hand auf einem B\u00fccherstapel dargestellt. Rhodes kam bereits mit 17 Jahren wegen Asthmas nach S\u00fcdafrika, wo seine Br\u00fcder bereits Unternehmer waren. Er kaufte dann eins der Unternehmen, wurde erfolgreich, wohlhabend und ber\u00fchmt. Er starb schon mit knapp 50.<\/p>\n<p>Dann geht es noch mal ins Planetarium. Diesmal gibt es auch tats\u00e4chlich den s\u00fcdlichen Sternenhimmel. Leider habe ich nicht mehr viel Gelegenheit, ihn zu beobachten.<\/p>\n<p>Wieder wird viel zu viel erkl\u00e4rt, und viel zu komplizierte Sachverhalte, und st\u00e4ndig raus und rein gehende Besucher und das zappelnde und unentwegt babbelnde Kind neben mir auf dem Schoss einer Mutter, die die ganze Stuhlreihe durch Schaukeln in Bewegung h\u00e4lt, macht die Konzentration auch nicht leichter. Als dann mitten in der Vorf\u00fchrung ein Handy klingelt, braucht man nicht lange zu raten, wem es geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Am Anfang gibt es eine Demonstration: Die Moderatorin zeigt, sich um sich selbst und um die Sonne drehend (d.h. den zentralen inneren Ring, wo das Projektionsger\u00e4t postiert ist) und auf den Himmel (d.h. die Kuppel des Planetariums) schauend, wann man was sehen kann \u2013 und was nicht. Dann kommt ein Tipp zur Beobachtung des Sternenhimmels: Man soll sich einen Fixpunkt merken, wo die Sonne untergeht, dann in der Nacht diesen Fixpunkt suchen und mit dem ausgestreckten linken Arm dahin zeigen und nach oben sehen. Dann sieht man genau auf den himmlischen Nordpol.<br \/>\nDas, was ich verstehe, ist wenig, aber genug: Wieder wird betont, dass auch die Sterne im Osten aufgehen und im Westen untergehen. Au\u00dferdem erf\u00e4hrt man, dass die Sonne unser n\u00e4chster Stern ist, dass die Sonne ein gelber Stern ist, aber in ein paar galaktischen Minuten, d.h. in ein paar Millionen Jahren, zu einem roten Stern werden wird, dass es 13 Sternbilder, nicht 12, und 88 Konstellationen gibt. Diese wurden irgendwann international festgelegt, damit man sich verst\u00e4ndigen kann.<\/p>\n<p>Seitdem Pluto zum Zwergplaneten degradiert wurde (es gibt noch zwei weitere), gibt es noch acht Hauptplaneten. Ich muss mir einen neuen Merkspruch ausdenken. Davon sind nur Merkur, Erde, Venus und Mars solide. Auf den anderen kann man nicht landen. Sie bestehen aus Gas und Fl\u00fcssigkeit. Die Ringe des Saturn sind aber solide. Zwischen diesen vier Planeten und dem viel gr\u00f6\u00dferen Jupiter fliegen alle m\u00f6glichen Gesteinsbrocken durch die Gegend. Man vermutet, dass sich hier ein Planet bilden wollte, was aber von der Anziehungskraft des m\u00e4chtigen Jupiter verhindert wurde.<\/p>\n<p>Die Konstellationen zu erkennen ist ohnehin schwer genug, aber hier im S\u00fcden stehen sie zu allem \u00dcberfluss auch noch auf dem Kopf. \u00dcbersteigt mein Fassungsverm\u00f6gen. Nicht<br \/>\neinmal das Kreuz des S\u00fcdens kann ich erkennen.<\/p>\n<p>Der von mir nicht zu identifizierende Stier hat einen Punkt, der nicht aus einem Stern, sondern aus sechs eng beieinander liegenden besteht. Kurioserweise hei\u00dft der in zwei afrikanischen Sprachen <em>Sieben Geschwister<\/em>. Warum sieben statt sechs? Der klassische griechische Name daf\u00fcr enthalt auch die Zahl sieben. Man schlie\u00dft daraus, dass sich der Himmel einfach ver\u00e4ndert hat und man fr\u00fcher wirklich sieben sehen konnte.<\/p>\n<p>Ganz beindruckend ist die Demonstration des Kapst\u00e4dter Sternenhimmels. Wir sehen erst, wie er bei den tatsachlichen Lichtverh\u00e4ltnissen aussieht, und dann, wie er aussehen w\u00fcrde, g\u00e4be es keine k\u00fcnstliche Beleuchtung. Das ist nicht nur viel klarer, sondern auch viel geheimnisvoller, und wenn der Himmel allm\u00e4hlich dunkler wird, \u00fcberkommt einen ein metaphysischer Schauer.<\/p>\n<p>Zum Abschluss gibt es noch eine Besonderheit Kapstadts. Es gibt eine Konstellation namens <em>Mons Mensa<\/em>. Die einzige Konstellation, die nach etwas konkretem Irdischen benannt ist: der Tafelberg.<\/p>\n<p>Dann ins Hotel zum Umziehen und wieder zur\u00fcck, von wo ich kam und noch etwas weiter &#8211; dem Blasenpflaster sei Dank &#8211; zum <em>Mount Nelson Hotel<\/em> zum <em>High Tea<\/em>. Man erreicht das Hotel am Ende der <em>Gardens<\/em> durch ein monumentales Portico und \u00fcber eine steil ansteigende palmenbestandene Einfahrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oben geht es vornehm zu, aber nicht alle G\u00e4ste sind vornehm gekleidet oder benehmen sich so. Volles Haus: nur noch drau\u00dfen ist Platz, der Teeraum und der Wintergarten sind voll, aber es gibt noch Terrasse und Garten. Ich setze mich auf die Terrasse. Ein Tischtuch gibt es wegen des Winds erst gar nicht. Man wird auch nicht bedient, sondern bedient sich selbst. Es gibt &#8211; ganz unenglisch \u2013 auch kontinentale Torten, aber auch \u2013 ganz englisch \u2013 <em>scones<\/em> und <em>cucumber sandwiches<\/em>. Nach drei G\u00e4ngen kalorienreich ges\u00e4ttigt kehre ich ins Hotel zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehe ich au\u00dfer den Eichh\u00f6rnchen schwarze V\u00f6gel, die mir schon auf der Rundfahrt zum Kap aufgefallen waren. Aus der Ferne glaubt man, es seien Kr\u00e4hen, aber aus der Nahe sieht man, dass sie viel kleiner sind, ein schillerndes Federkleid haben und kleine rotbraune Str\u00e4hnen, die erst ganz sichtbar werden, wenn sie die Fl\u00fcgel ausbreiten.<\/p>\n<p>Erst heute entdecke ich auf dem Weg zum Computerraum einen Rechtschreibfehler auf den Wegweisern im Hotel: <em>Millenium Suite<\/em>. Ob meine Studenten das wohl merken?<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">31. Dezember (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Zum Abschluss geht es noch einmal aus der Stadt hinaus, nach Stellenbosch ins Weinland. Stellenbosch und Simon\u2019s Town \u2013 wir kommen heute durch beide \u2013 sind nach demselben Mann benannt, Simon van der Stel, einem Gouverneur der Provinz. Der sorgte u.a. f\u00fcr die Wiederaufforstung der Gegend und f\u00fcr den Ausgleich des M\u00e4nner\u00fcberschusses am Kap durch den Import holl\u00e4ndischer Waisenm\u00e4dchen. Simon\u2019s Town wurde von ihm als Winterhafen angelegt, um den gef\u00fcrchteten Winden der Tafelbucht zu entgehen. Sp\u00e4ter wurde es von den Briten zum Marinest\u00fctzpunkt ausgebaut. Stellenbosch dagegen entstand dort, wo er den idealen Ort f\u00fcr die zweite Siedlung der Niederl\u00e4ndischen Ostindienkompanie ausmachte, die erste im Landesinnern. Stellenbosch ist die zweit\u00e4lteste Stadt S\u00fcdafrikas und die besterhaltene.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erst mal geht in die falsche Richtung, an der K\u00fcste der Halbinsel entlang. Dadurch komme ich noch einmal in den Genuss der Landschaft und kann in Ruhe Photos machen und erfahre noch etwas dazu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6rt die Bronzestatue eines Leoparden \u2013 ich frage noch mal nach: Ja, eines Leoparden \u2013 auf einem Felsst\u00fcck direkt am Meer. Sie erinnert an die Leoparden, die fr\u00fcher hier lebten und sich von Fisch ern\u00e4hrten, eine verbl\u00fcffende Anpassung an die Lebensumst\u00e4nde, genauso wie die Paviane dieser Gegend, die Muscheln in ihre Nahrung aufgenommen haben. Und die Haie der <em>False Bay<\/em>, die von den Walen das Auftauchen aus dem Wasser mit gekr\u00fcmmten R\u00fccken abgeschaut haben und es lustig praktizieren, obwohl sie physiologisch daf\u00fcr gar nicht gut ger\u00fcstet sind. Irgendeine Funktion wird es wohl haben. Zu diesen drei F\u00e4llen, alle Beispiele des Wechselspiels von Umwelt und Erbgut zugunsten des \u00dcberlebens, passt etwas anderes, von dem ich durch ein Kalenderblatt erfahre: Mikroben, sog. Extremophile, die in Umgebungen gedeihen, die einst als unbewohnbar galten, wie solche mit hoher Konzentration von Giften oder Radioaktivit\u00e4t. Im Gegensatz dazu steht der arme Dodo, der ausstarb, weil seine Fl\u00fcgel immer schwerer wurden, wodurch er flugunf\u00e4hig wurde, wodurch er leichte Beute seiner Feinde wurde. Warum hat die Natur, die sich sonst so flexibel zeigt, hier f\u00fcr keinen Ausgleich gesorgt, z.B. durch erh\u00f6hte Schnelligkeit wie bei den Strau\u00dfen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unser erster Halt ist an dem <em>East Fort<\/em>, den Ruinen eines hoch \u00fcber dem Meer in den Bergabhang gebauten Forts aus dem 19. Jahrhundert. Hier hat der Mensch flexibel reagiert: Es wurden vorgefertigte Holzbauten aus Constantia hierher gebracht, fr\u00fche Fertigh\u00e4user f\u00fcr die Armee!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Strand sehen wir in der Ferne einen Leuchtturm. Der wurde komplett aus England hierher geschifft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Simon\u2019s Town machen wir Halt, um einem Hund namens <em>Just Nuisance<\/em> zu huldigen. Ihm wird hier mittels einer Statue gedacht. Vor ihm liegen eine Soldatenm\u00fctze und ein Orden. Beides wurde ihm auf Dr\u00e4ngen der Seeleute von der Marine verliehen. Er begleitete die Seeleute auf ihren Landausfl\u00fcgen und sorgte daf\u00fcr, dass sie heil wieder zu ihrer Einheit zur\u00fcckkehrten, auch wenn sie einen \u00fcber den Durst getrunken hatten. Er fuhr auch mit dem Zug mit ihnen. Ein kleinkarierter Schaffner wollte Fahrgeld von ihm, woraufhin die Matrosen ihn als ordentliches Mitglied in die Marine aufnehmen lie\u00dfen, so dass er ein Gehalt bekam, von dem er dann die Fahrkarten kaufen konnte. Das sch\u00f6nste Detail dieser etwas \u00fcbersch\u00e4tzten Anekdote, die meine Begleiterin, Kim, aber mit Enthusiasmus erz\u00e4hlt, ist die Namensgebung. Der Hund hie\u00df Nuisance und als er offiziell registriert wurde, wurde auch nach dem Vornamen gefragt, worauf der Matrose sagte, er habe keinen, er hei\u00dfe \u201ejust nuisance\u201c. Und schon hatte er einen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kim hat einen viel schw\u00e4cheren Akzent als unser Fahrer bei der Kaprundfahrt, aber zwei Vokale sind bei ihr auch v\u00f6llig aus dem Lot: <em>best<\/em> klingt wie <em>beast<\/em> (\u201ethe beast wines\u201c) und <em>pit<\/em> wie <em>put<\/em>. Und als sie von <em>breed<\/em> <em>and mulk<\/em> spricht, muss ich zweimal nachdenken, was damit gemeint sein kann. Ihr Mann, sagt sie, mache daf\u00fcr ihre Herkunft aus Durban verantwortlich, aber mir scheint, dass hier alle so sprechen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie sagt, Wale sehe man hier ganz regelm\u00e4\u00dfig, auch ganz nahe am Strand. Sie sei auch schon mal auf einem Boot zur Walbeobachtung gewesen. Angst habe sie keine gehabt, nur die lauten Atemger\u00e4usche der Wale seien gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig gewesen. Die Walart dieser Gegend ist der <em>Southern<\/em> <em>Right Whale<\/em>. Der Name kommt daher, dass die Walf\u00e4nger des 18. Jahrhunderts sie wegen ihres Fleisch- und Fettgehalts f\u00fcr die \u201eRichtigen im S\u00fcden\u201c hielten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei einem Halt unterwegs bekomme ich am allerletzten Tag dann auch noch die Gelegenheit, Biltong zu probieren, durch kr\u00e4ftiges W\u00fcrzen und anschlei\u00dfende Trocknung konserviertes Fleisch, meist von Antilopen, aber auch von Strau\u00dfen und Rindern. Es wird\u00a0 entweder in Wurstform angeboten oder in kleine Schnipsel geschnitten. Nur die Zweifel, wie man so etwas bestellt, haben mich bisher davon abgehalten, es zu probieren. Schmeckt ganz passabel, hat eine entfernte Verwandtschaft mit Schinken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von Geschichte versteht Kim nicht so viel, und die F\u00fchrung in Stellenbosch f\u00e4llt entt\u00e4uschend aus, aber von Wein versteht sie was. Schon durch den Geruch identifiziert sie abenteuerliche Aromen wie frisch geschnittenes Gras, Spargel, Pfirsich, Nuss, Karamell, Staub, Orange, Schokolade, Honig und viele andere. Die meisten bleiben mir verborgen, aber hin und wieder erkenne ich das Aroma, nachdem sie mir gesagt hat, um welches es sich handelt. Wenn das nicht pure Einbildung ist, dann zeigt es eine interessante Verbindung von Sprache und Denken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die meisten Weine schmecken mir nicht besonders, obwohl es sich um Qualit\u00e4t handelt und obwohl wir eine ganze Reihe von Trauben durchprobieren: Sauvignon, Chardonnay, Cabernet Sauvignon, Merlot usw. Der einzige Wein, bei dem ich ins Schw\u00e4rmen gerate, ist ausgerechnet ein <em>Noble Late Harvest<\/em>, das Pendant zu unserer Trockenbeerenauslese &#8211; das Wort kann sie sogar auf Deutsch! Ihr zufolge ist der Merlot am Kap nur Mittelma\u00df, Chardonnay und Cabernet Sauvignon dagegen Spitze. Sie spricht vom s\u00fcdafrikanischen Wein \u201eals Altem Wein aus der Neuen Welt\u201c, im Gegensatz zum australischen, dem \u201eNeuen Wein aus der Neuen Welt\u201c. Was immer das bedeuten mag. Etwas neidisch kommentiert sie, wie gut die Australier ihren Wein vermarkten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch sie spricht wieder von dem \u201emediterranen Klima\u201c des Kaps. Sowohl F\u00e4sser als auch Korken m\u00fcssten aus Europa importiert werden, da die hiesigen Gew\u00e4chse aufgrund des schnellen Wachstums, Folge des \u201emediterranen Klimas\u201c, por\u00f6ses Holz und por\u00f6sen Kork herg\u00e4ben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unterwegs lerne ich, dass das Autokennzeichen, und \u00fcbrigens auch das E-Mail-Kennzechen, f\u00fcr S\u00fcdafrika ZA ist, nach der holl\u00e4ndischen Bezeichnung. CA steht nicht etwa f\u00fcr Capetown, sondern bedeutet so etwas wie die erste Stadt am Kap, das Alphatier der Provinz. Stellenbosch hat deshalb CB.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Stellenbosch, eine alte Stadt, ist keineswegs ein gro\u00dfes Dorf, wie ich es mit vorgestellt habe, sondern eine kleine Gro\u00dfstadt mit Universit\u00e4t, Tourismus\u00a0 und gro\u00dfen Einkaufskomplexen. Im Gegensatz zu Kapstadt hat hier aber alles niedrige Geschossh\u00f6he, und das ganze Stadtzentrum ist voll von wei\u00df get\u00fcnchten H\u00e4usern der kapholl\u00e4ndischen Art. Vier davon hat man in einem Heimatmuseum zusammengefasst und k\u00f6nnen auch von innen besichtigt werden. Obwohl sie alle ganz ansehnlich wirken, sieht man vom ersten, um 1700 gebaut, bis zum letzten, um 1830 gebaut, die Verfeinerung von Wohnkultur. Bilder, Tapeten, Musikinstrumente, Spielzeug, Kinderbetten, \u00d6fen (statt Feuerstellen) gesellen sich erst im Laufe der Zeit hinzu.\u00a0 Zwei Besonderheiten sind ein aufrechtes Klavier (wovon es nur insgesamt f\u00fcnf auf der Welt geben soll) und eine Dusche, ein Holzgestell mit einem Wasserbeh\u00e4lter oben, durch dessen l\u00f6chrigen Boden, ganz wie bei einem modernen Duschkopf, mittels einer Kordel Wasser auf den Duschenden herabgelassen werden kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In den G\u00e4rten sehen wir Grant\u00e4pfel, Feigen und wei\u00df bl\u00fchenden, aber trotz des sch\u00f6nen Aussehens hoch giftigen Oleander und verschiedene Kr\u00e4uter, die, wenn man sie in der Hand zerreibt, einen erstaunlich intensiven Geruch abgeben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann gehen wir noch durch <em>Oom Samie de Winkel<\/em>, ein altes, in allen Reisef\u00fchrern erw\u00e4hntes Gesch\u00e4ft, einer Mischung aus Tante-Emma-Laden, Souvenirshop und Second-Hand-Shop. Man schl\u00e4ngelt sich durch die verschiedenen Verkaufsr\u00e4ume und fragt sich, angesichts der H\u00fcte, Marmeladen, Puppen, Tassen, Gew\u00fcrze, Atlanten, Vogelk\u00e4fige, was es hier eigentlich nicht gibt. Obwohl der Besuch quasi obligatorisch ist, ist nicht sicher, ob hier \u00fcberhaupt jemand etwas kauft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach meiner Einordnung von Kapstadt gefragt, fasse ich, nachdem ich pflichtschuldig die Sch\u00f6nheit der Umgebung erw\u00e4hnt habe, so zusammen: eine Mischung aus Sydney und Bristol mit mehr Wind und Menschen mit dunklerer Hautfarbe. Die drei am h\u00e4ufigsten genannten Merkmale sind: Kapstadt war nicht das Resultat einer geplanten Stadtgr\u00fcndung, der <em>Strand<\/em> verl\u00e4uft an der Stelle, an der fr\u00fcher das Meer war, und das Kap ist nicht der s\u00fcdlichste Punkt Afrikas.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nachdem wir auf einer Terrasse noch so gerade etwas zu essen bekommen, kehren wir noch zu am sp\u00e4ten Nachmittag nach Kapstadt zur\u00fcck. Ich mache noch einen Spaziergang an die <em>Waterfront<\/em> und trinke dort einen Kaffee. Dabei lerne ich, worin sich der <em>Cappuccino<\/em> vom <em>Caf\u00e9 au lait<\/em> unterschiedet:\u00a0 Der <em>Cappuccino<\/em> enth\u00e4lt je ein Drittel Espresso, hei\u00dfe Milch und Milchschaum, beim <em>Caf\u00e9 au lait<\/em> stellt die hei\u00dfe Milch die H\u00e4lfte. Um das zu erfahren, musste ich bis an Ende der Welt fahren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1. Januar (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Am fr\u00fchen Morgen geht es zur\u00fcck. Der Kapit\u00e4n scheint uns einen Gefallen tun und einen kleinen Rundflug gratis einbauen zu wollen und fliegt erst ein St\u00fcck in die falsche Richtung, bei niedriger H\u00f6he und ganz langsam. Von oben hat man einen phantastischen Blick auf den Tafelberg, die <em>False Bay<\/em>, das Kap und Kapstadt, alles von der schr\u00e4g stehenden Morgensonne erleuchtet. Nicht umsonst sprach Drake, nach seiner Weltumseglung vom Kap der Guten Hoffnung als dem \u201esch\u00f6nsten Kap auf dem ganzen Erdenrund\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>24. Dezember (Sonntag) Erste unliebsame \u00dcberraschung am Bahnhof: Entgegen der Internetauskunft f\u00e4hrt der Zug nicht bis zum Flughafen, sondern nur bis Duisburg. Dort gibt es aber eine gute Umsteigm\u00f6glichkeit. 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