{"id":1472,"date":"2011-12-28T19:03:59","date_gmt":"2011-12-28T18:03:59","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=1472"},"modified":"2011-12-28T19:04:16","modified_gmt":"2011-12-28T18:04:16","slug":"istanbul-2005","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=1472","title":{"rendered":"Istanbul (2005)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Samstag, 2. April<\/span><\/p>\n<p>Trotz sattem Zeitbudget am Morgen doch wieder nerv\u00f6s geworden und schon zum erstem Mal durchgeschwitzt, bevor es \u00fcberhaupt losgeht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Luxemburg am Zubringer zum Flughafen, wo an allen Ecken umgebaut wird &#8211; auch heute, am hochheiligen Samstag, wird gearbeitet &#8211; in die falsche Spur geraten und Richtung Bahnhof gekommen. Nervenkost\u00fcm weiter angegriffen. Dann aber unbeobachtet gewendet und einen guten Parkplatz bekommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Flughafen ist nichts los &#8211; man wei\u00df es bei Luxemburg einfach nicht &#8211; entweder ist der Teufel los oder gar nichts. Das Gep\u00e4ck wird gleich nach Istanbul weitergeleitet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dem Einchecken in die ganz neue, noch nach frischem Anstrich riechende Abflughalle gekommen, die sogar ein Laufband hat. Als ich das Band betrete, kommt es mir entgegen. Das linke Band geht in Laufrichtung. Ist das irgendwie international oder Zufall? Bis zum Abflug bleibt noch reichlich Zeit, ich kann sogar noch das Kreuzwortr\u00e4tsel aus der <em>Zeit<\/em> l\u00f6sen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beim Einstieg wieder mulmiges Gef\u00fchl: Auf dem Ticket steht <em>Air<\/em> <em>France<\/em>, ich steige aber in eine <em>Luxair<\/em> Maschine ein. Bin ich falsch? Fragen ist mir zu doof, und das mulmige Gef\u00fchl legt sich erst, als der Pilot uns zu dem Flug nach Paris begr\u00fc\u00dft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In dem winzigen Flugzeug sitzt ein f\u00fclliger Araber auf meinem Platz. Ich gebe nach und setze mich auf seinen Platz, neben einen f\u00fclligen Italiener, der mir den ganzen Flug \u00fcber seinen Ellbogen in die Rippen dr\u00fcckt. Gl\u00fccklicherweise dauert der Flug nur 35 Minuten. Der Slogan im Flugmagazin von <em>Luxair<\/em> hei\u00dft &#8220;Travel in good company&#8221;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Paris in Panik geraten, als Istanbul auf den Bildschirmen \u00fcberhaupt nicht erscheint und ich merke, dass ich zu einem anderen Terminal muss. Die Eincheckzeit hat schon begonnen. Dann aber ist der andere Terminal zu Fu\u00df innerhalb desselben Geb\u00e4udes zu erreichen. Sofort erfolgt der Einstieg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der ger\u00e4umigen, nur halb besetzten <em>Air France<\/em> Maschine nach Istanbul auf einem ruhigen Flug fast nur Zeitung gelesen. Zum Essen gibt es Fisch und ein St\u00fcck K\u00e4se, das ich nicht aus der Plastikh\u00fclle herausbekomme. Ich muss mich mit dem Nachtisch begn\u00fcgen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der T\u00fcrkei gibt es doch eine Sommerzeit, und der Flug dauert nur drei Stunden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch in Istanbul gibt es eine ganz neue Flughalle. Bei der Passkontrolle gibt es lange Schlangen, und jede einzelne \u00dcberpr\u00fcfung dauert lange. Wieder bekomme ich Panik, da alle einen Reisepass vorzeigen, w\u00e4hrend meiner zu Hause in der Schublade liegt. Panik wird gr\u00f6\u00dfer, als der Mann vor mit trotz Reisepass nach einem Visum gefragt und zur\u00fcckgeschickt wird. Dann geht aber bei mir alles schnell und problemlos.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Flughafen hei\u00dft Atat\u00fcrk. Wer h\u00e4tte das gedacht? Es ist stark bew\u00f6lkt und k\u00fchl, gerade mal 7\u00b0. Zu Hause ist es sonnig und warm.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Drau\u00dfen wartet Aishem, eine junge, gut aussehende Frau mit meinem Namensschild und einem kleinen, untersetzten, kahlk\u00f6pfigen Mann, ihrem Ehemann, wie sich herausstellt. Sie sind mit dem Auto gekommen, einem brandneuen Honda, und bringen mich zum Hotel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unterwegs erfahre ich, dass sie gerade umziehen und deshalb in diesen Tagen sehr besch\u00e4ftigt sind. Heute Abend aber k\u00f6nnte ich mit zu ihren Schwiegereltern zum Essen kommen. Sie h\u00e4tten geh\u00f6rt, es k\u00e4me jemand aus Deutschland und gleich gesagt, sie sollten ihn doch zum Essen mitbringen. Sie h\u00e4tten mehrere Jahre in Deutschland gelebt und ihr Mann sei sogar dort geboren. Die Stadt, in der sie gelebt h\u00e4tten, hie\u00dfe &#8230; Wie hie\u00df sie noch mal? Ach ja, Duisburg. Ob ich das kenne?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sowohl ihre alte als auch ihre neue Wohnung sind nicht allzu weit vom Flughafen entfernt, und in diesem Stadtteil liegt auch die Universit\u00e4t, und auch ihre Schwiegereltern wohnen hier. Das Hotel ist mitten im Touristenviertel Sultanahmet. Trotzdem nehme ich das Angebot an, zuerst am Hotel vorbeizufahren. Zur allgemeinen \u00dcberraschung ist \u00fcberhaupt kein Verkehr. Ich erfahre, dass Samstag und Sonntag arbeitsfrei sind, wie bei uns, trotz des Islam.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aishem spricht hervorragendes, \u00fcberkandideltes Englisch, so als w\u00e4re sie eine Figur der besseren Gesellschaft aus der Verfilmung eines Romans der Jahrhundertwende. Ihre Lieblingsw\u00f6rter sind <em>actually<\/em> und <em>indeed<\/em>, und ein Satz ohne die beiden ist f\u00fcr sie kein vollst\u00e4ndiger englischer Satz. Sie ist ein Jahr in Bristol gewesen, wo sie ihren MA gemacht hat. Jetzt promoviert sie an ihrer Heimuniversit\u00e4t, der altehrw\u00fcrdigen Bosporus-Universit\u00e4t, mit einer Arbeit \u00fcber das Drama der Renaissance und lehrt gleichzeitig mit einem geringen Stundendeputat an einer neuen Universit\u00e4t, unserer Partneruniversit\u00e4t.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Ehemann ist Chirurg, spricht wenig, aber f\u00e4hrt mit schlafwandlerischer Sicherheit durch Istanbul. Nach ein paar Kilometern kommt das Meer in Sicht. Es ist das Marmarameer, und dort warten die Schiffe auf die Erlaubnis, durch den Bosporus zu fahren. Sie k\u00f6nnen nur in festgelegten Abst\u00e4nden fahren und brauchen einen Lotsen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir kommen an m\u00e4chtigen Ruinen vorbei und dann durch ein Stadttor, und Aishem entscheidet sich nach einigem Z\u00f6gern daf\u00fcr, dass sie doch nicht osmanisch sind, sondern noch aus byzantinischer Zeit stammen. Damit liegt sie, wie sich sp\u00e4ter herausstellt, nur ca. 1000 Jahre daneben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt ein &lt;i&gt; mit und eine &lt;i&gt; ohne I-Punkt, und das &lt;i&gt; in Topkapi geh\u00f6rt zu der zweiten Kategorie, das wie ein englisches <em>schwa<\/em> klingt. Da Topkapi au\u00dferdem auf der ersten Silbe betont wird, h\u00f6rt es sich ganz anders an als in dem Filmtitel, praktisch nicht zu erkennen. In der N\u00e4he des Hotels liegt Kumkapi, und ich erfahre dass <em>kapi<\/em> wo etwas wie \u201eTor\u201c hei\u00dft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unterwegs erfahre ich, wie es mit dem Geld steht. Die Inflation hat inzwischen so gro\u00dfe Zahlen mit sich gebracht, dass man jetzt den Knoten durchgehauen und einfach sechs Nullen getilgt hat. Was fr\u00fcher 30.000.000 Lira gekostet hat, kostet jetzt 30 Lira. Das ist vern\u00fcnftig und klar. Es gibt auch neue Scheine und M\u00fcnzen, aber die alten gelten weiterhin, und die neuen \u00e4hneln den alten. Das ist auf den ersten Blick auch kein Problem, man braucht sich ja nur die Million wegzudenken, aber es hat seine T\u00fccken, wie ich sp\u00e4ter merken werde. Nicht umsonst sind fast \u00fcberall beide Preise ausgezeichnet. Bei 15 Millionen ist das vielleicht nicht n\u00f6tig, aber bei 150.000 schon ganz hilfreich. Einmal bezahle ich im Bus mit 5 Lira und bekomme 3 x 1, 1 x 250, 2 x 25, 1 x 100 und 1 x 5 wieder. Ich wei\u00df heute noch nicht, wie viel ich bezahlt habe. Jedenfalls wei\u00df ich erst einmal Bescheid, wei\u00df aber nicht, wie viel eine Lira wert ist. Das wissen sie auch nicht. Warum sollten sie auch?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Inzwischen geht es durch ein enges Viertel mit Kneipen, in das man aber besser nicht alleine gehen sollte, und kurz darauf kommt das Hotel. Es ist sehr einfach, bem\u00fcht sich aber nach Kr\u00e4ften, einen anderen Eindruck zum machen: Marmortreppen mit Teppichen, und im ersten Stock eine etwas gro\u00dfspurige Lounge mit ausgestopften Tieren. Ich gehe nur kurz aufs Zimmer, packe\u00a0 noch nicht einmal den Koffer aus und komme zur\u00fcck mit den Trierer Pralinen, die eigentlich f\u00fcr Aishem gedacht waren, jetzt aber der Schwiegermutter zufallen. Ich sage das ganz offen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als wir aus dem Hotel herauskommen, schneit es! Wieder im Auto sieht man dann ganz in der N\u00e4he des Hotels eine Moschee, die Blaue Moschee, und zwei Obelisken. F\u00fcr Besichtigungstouren also optimale Lage.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Wohnung der Schwiegereltern ist in einem Hochhaus in einem sehr volkst\u00fcmlichen Viertel. Die Gesch\u00e4fte sehen genauso aus wie die t\u00fcrkischen Gesch\u00e4fte in Deutschland, mit vielen Waren drau\u00dfen und mit Aufschriften auf der Schaufensterscheibe in gro\u00dfen, leuchtenden Buchstaben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Eingangshalle des Wohnhauses sieht ziemlich heruntergekommen aus, die ganze Aufteilung und vor allem die Eingangst\u00fcren zu den Wohnungen sind ganz wie in Spanien. Schon im Aufzug riecht es auch ganz wie in Spanien. Die Schwiegermutter begr\u00fc\u00dft mich in fl\u00fcssigem, v\u00f6llig angemessenen Deutsch mit all den H\u00f6flichkeitsfloskeln, die man in einer solchen Situation benutzt, aber ohne jede Steifheit. Alle ziehen sich die Schuhe am Eingang aus, und ich bin vern\u00fcnftig genug, mich nicht auf das Angebot Aishems einzulassen, die Schuhe anzubehalten. Man findet ein Paar Pantoffeln, in das ich so gerade hineinpasse, aber auf dem dicken, weichen Teppichboden, auf dem wieder andere Teppiche liegen, br\u00e4uchte man auch gar keine Pantoffeln. Die Wohnung ist \u00fcberhaupt sehr gem\u00fctlich, wenn auch etwas \u00fcberladen und etwas kitschig. Dann erscheint der Mann des Hauses, klein wie alle und mit demselben Bauch ausgestattet wie der Sohn. Ich befinde mich also in guter Gesellschaft. Sie waren zw\u00f6lf Jahre in Deutschland und sprechen daf\u00fcr sehr gutes Deutsch. Sie hat sogar als Dolmetscherin gearbeitet, obwohl sie noch gar kein Deutsch konnte, als sie nach Deutschland kam. Er war im DM-Markt besch\u00e4ftigt, und erz\u00e4hlt stolz, er habe die Zeit in Deutschland zu vielen Reisen genutzt: Barcelona, Tarragona, Amsterdam, Den Haag usw. Der Name Trier sagt ihnen dagegen nichts, wohl aber Koblenz! Und nat\u00fcrlich Oberhausen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch Aishem versteht ein bisschen Deutsch, eine ganze Menge sogar, und auf Nachfrage stellt sich heraus, dass sie die Grundstufe des Goetheinstituts gemacht hat. Der in Duisburg geborene Ehemann kann dagegen kein Wort.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Vater erz\u00e4hlt, er sei sp\u00e4ter ein Jahr in Kairo gewesen und habe da eine Fabrik aufgebaut. In der Tat h\u00e4ngen an der Wand alle m\u00f6glichen Reproduktionen von alt\u00e4gyptischen Kunstwerken. In meinen Sto\u00dfseufzer \u00fcber die \u00e4gyptische Tr\u00e4gheit stimmen sie euphorisch und lachen: Ja, das sei ja wirklich eine Katastrophe. Seine Frau h\u00e4tte es nicht ausgehalten und sei nach zwei Wochen wieder abgereist. Trotz allem, was er gesehen hat: Istanbul ist die sch\u00f6nste Stadt der Welt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Passend zum Thema \u00c4gypten haben sie auch eine Katze, die sich majest\u00e4tisch und unbeweglich wie eine Statue in die Ecke hockt, wenn sie nicht beachtet wird. Sie hei\u00dft <em>Sak\u0131z<\/em>, und das bedeutet \u201eKaugummi\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann erscheint auch noch die Tochter, das Nesth\u00e4kchen, 12 Jahre j\u00fcnger als der Sohn und 20 Jahre j\u00fcnger als der \u00e4ltere Sohn, der noch in Deutschland aufgewachsen ist. Bald geht es schon zum Essen, also fast deutsche, jedenfalls keine spanischen Zeiten. Was ich trinken m\u00f6chte? Die Frage habe ich bef\u00fcrchtet: Kann man in einem muslimischen Haus Alkohol trinken? Ich sage vorsichtig, ich schlie\u00dfe mich der Allgemeinheit an. Es stellt sich heraus, dass alle, ohne Ausnahme, Rotwein oder Bier trinken. Ich schlie\u00dfe mich dem Hausherrn an und trinke Bier, ein sehr gutes t\u00fcrkisches Bier der Marke <em>Efes<\/em>. Es gibt hervorragendes Essen &#8211;\u00a0 gar nicht so schrecklich viel &#8211; bei dem nicht so recht zwischen den verschiedenen G\u00e4ngen zu unterscheiden ist. Es gibt einen gemischten Salat mit Bohnen, die, wie ich erfahre, auf Englisch <em>black-eyed beans<\/em> hei\u00dfen und die der Jahreszeit entsprechen, und zwei sehr verschiedene Auberginengerichte, einmal dunkel ged\u00fcnstet mit einer Fleischf\u00fcllung, einmal in einer Art\u00a0 Gem\u00fcsepfanne, der Miniaturausgabe eines spanischen <em>pisto<\/em>. Die mit der Fleischf\u00fcllung sind die scharfen, und die Sch\u00e4rfe stammt von einer Paprikapaste, selbstgemacht, eine Spezialit\u00e4t aus Ostanatolien, woher auch\u00a0 die Ingredienzien der anderen Speisen kommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beim Essen erfahre ich, dass die Affinit\u00e4t zu einem der Fu\u00dfballvereine nur in der Familientradition begr\u00fcndet ist. Wechsel gilt als Verrat. Die Familie der Gastgeber h\u00e4lt zu Galatasaray, die Schwiegertochter zu Be\u015fikta\u015f. Beide sind im westeurop\u00e4ischen Teil, Fenerbah\u00e7e im asiatischen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nachher gibt es einen ganz starken t\u00fcrkischen Kaffee, bei dem man, wie in Griechenland, vorher sagen muss, wie man ihn haben will. Ich entscheide mich f\u00fcr \u201eMittel\u201c, und dann stellt sich heraus, dass alle ihn \u201eMittel\u201c trinken. Nur die Schwiegertochter und die Tochter trinken Nescaf\u00e9, weil ihnen der t\u00fcrkische Kaffee zu stark ist. Mir schmeckt er \u00fcberraschenderweise, obwohl die halbe Tasse, kleiner als unsere, aber gr\u00f6\u00dfer als eine Mokka-Tasse, wenn man den Kaffee auf hat, noch voll mit Kaffeesatz ist. Nach dem Essen genau das Richtige.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Hausherr beklagt, dass ich nur eine Woche bleibe. Man brauche viel l\u00e4nger, und ich m\u00fcsse beim n\u00e4chsten Mal auch unbedingt ans Mittelmeer. Auf Nachfrage empfiehlt er Antalya und zwei Orte, von denen ich noch nie geh\u00f6rt hatte, vor allem Marmaris.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei der Gelegenheit lerne ich den Ausdruck <em>Inschala<\/em>, den ich in den n\u00e4chsten Tagen ein paar Mal anbringen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es zu einer sehr passablen Zeit zur\u00fcck zum Hotel. Vorher m\u00fcssen noch Sachen f\u00fcr den morgigen Anstrich in der neuen Wohnung von einem Auto zum anderen transferiert werden. Wir stehen unten, und der Hausherr \u00f6ffnet und schlie\u00dft, auf dem Balkon im f\u00fcnften Stock stehend, seinen Kofferraum mit dem elektronischen Schl\u00fcssel. Staunend nehme ich zur Kenntnis, dass das geht. Das h\u00e4tte noch vor zwanzig Jahren nach Zukunftsmusik geklungen, und zu unserer Kindheit wie ein M\u00e4rchen. Auto hei\u00dft auf T\u00fcrkisch <em>araba<\/em>, was man sich sehr gut merken kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf der R\u00fcckfahrt bekomme ich noch Instruktionen f\u00fcr das Programm von Montag bis Mittwoch: Treffen mit den Erasmus-Verantwortlichen, Treffen mit den Mitgliedern der Anglistik, Besprechung \u00fcber das Lernprogramm der Austauschstudierenden, Teilnahme an Lehrveranstaltungen, Vorstellung der Universit\u00e4t Trier. Am Montag um 10 soll ich am Haupteingang sein. Zu der Uni komme ich entweder im Taxi oder mit einer Kombination aus Stra\u00dfenbahn und U-Bahn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Fernseher im Hotel hat mehrere Dutzend t\u00fcrkischer und einen franz\u00f6sischen Kanal. Auch auf mehreren t\u00fcrkischen Sendern Sonderberichte aus Rom \u00fcber den Papst. Der Prozess der Seligsprechung ist bereits eingeleitet. Erst sp\u00e4ter wird mir klar, dass ich auch im Ausland war, als der letzte und als der vorletzte Papst starb. Die P\u00e4pste sollten zittern, wenn ich ins Ausland fahre.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Sonntag, 3. April<\/span><\/p>\n<p>Das Zimmer des Hotels hat einen an H\u00e4sslichkeit nicht zu \u00fcberbietenden Ausblick, aber es gibt einen Vorhang, mit dem man ihn ausblenden kann. Es hat aber einen stabilen Schreibtisch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Fr\u00fchst\u00fcck ist im Keller. Unter den G\u00e4sten sind keine T\u00fcrken, selbst die, die so aussehen, sind keine. Zu dem sonst sehr bescheiden Fr\u00fchst\u00fcck gibt es eine gro\u00dfe Menge von Oliven in verschiedenen Variationen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Laptop funktioniert im Batteriebetrieb nicht, und eine Steckdose ist nicht zu finden. Dann entdecke ich doch noch eine, lose aus der Wand heraush\u00e4ngend. Immerhin erweckt sie den Laptop zum Leben. Ich kann jetzt aber nicht am Schreibtisch sitzen, sondern auf einem Sessel neben dem Bett.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Dusche ist eigentlich eine Badewanne, kleiner als unsere und in der Mitte geteilt, mit zwei Teilen auf unterschiedlichem Niveau. Man kann sich verschiedene Sitz- und Liegepositionen ausdenken, aber zum Duschen ist es eher unbequem.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck geht es als erstes zum Geldautomaten. Da ich nicht wei\u00df, wie viel eine Lira ist, nehme ich gleich den H\u00f6chstbetrag, 200 Lira. Im Laufe des Tages finde ich heraus, dass der Kurs etwa 1: 1,7 ist. Das ist schwer zu rechnen, und zur groben Orientierung halte ich mich an die gute alte Mark und rechne 1 Lira = 1 DM. Der Geldautomat gibt erst Geld und Quittung, und dann erst die Karte. Ich bin erleichtert, als sie wieder zum Vorschein kommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Geldautomat ist auf der Divan Yol, einer Stra\u00dfe mit einer Trasse f\u00fcr Busse und eine ganz moderne Stra\u00dfenbahn. Sie f\u00fchrt auf einen Platz, an dem die Hagia Sofia liegt, ein paar Gehminuten vom Hotel entfernt, und hat alles, was das Touristenherz begehrt, und mehr als das. Es wimmelt hier nur so von fliegenden H\u00e4ndlern, die Kastanien, Sesamkringel, Maiskolben, Postkarten und Schuhputzdienste anbieten, und auf Schritt und Tritt wird man von Schleppern angesprochen, meist direkt auf Deutsch.\u00a0 Alle haben einen Cousin in Frankfurt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00dcberall sieht man Schilder mit den W\u00f6rtern <em>Dikkat<\/em> und <em>L\u00fctfen<\/em> im Gro\u00dfformat, \u201eVorsicht\u201c und \u201eBitte\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lange bin ich unschl\u00fcssig, was ich machen soll, und entscheide mich am Ende doch f\u00fcr die Hagia Sofia. Sie ist von au\u00dfen unglaublich verbaut. \u00dcberall Mauern, Pfeiler, St\u00fctzen, Streben, T\u00fcrme, Kuppeln, alles sehr massiv, nirgendwo ist der Blick frei. Es gibt zwei unterschiedliche Minarette, einer aus Ziegelsteinen gemauert, der andere aus Granit. Im Westen, wo der Eingang ist, \u00e4hneln die Fenster denen einer deutschen Fabrikhalle aus der Gr\u00fcnderzeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man betritt die Kirche nicht direkt, es gibt einen Narthex und einen Exonarthex, beide langgestreckt. Dann geht es durch die Kaiserpforte, durch die fr\u00fcher wirklich nur der Kaiser ging, in den Innenraum. Auch hier ist es etwas un\u00fcbersichtlich, teilweise allerdings durch eine gro\u00dfe Gitterkonstruktion im Zentrum, die der Renovierung dient. Sofort fallen die bekannten gro\u00dfen runden Holztafeln auf, mit arabischen Inschriften in Gold auf Gr\u00fcn. Im Osten gibt es leicht versetzt, eine Loge des Sultans, wie ein kleiner eigener Bau innerhalb der Kirche, mit den typisch arabischen Gittern, durch die man sehen kann ohne selbst gesehen zu werden, und die <em>mimbar<\/em>, das islamische Pendant zur Kanzel, die hier sehr erh\u00f6ht ist und zu der eine h\u00f6lzerne Treppe mit einem Tor f\u00fchrt. Davor l\u00e4sst sich ein Tourist mit einer Harley Davidson Jacke photographieren. In der N\u00e4he lassen sich Franzosen photographieren, die so tun, als hielten sie die wirklich sehr weit herabh\u00e4ngenden L\u00fcster mit ihren Armen, schwere, geschwungene Konstruktionen aus Gusseisen mit einem sehr sch\u00f6nen, einfachen Lichterkranz aus Gl\u00fchbirnen in glockenf\u00f6rmigen Gl\u00e4sern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Trotz der islamischen Ausstattung hat man nie das Gef\u00fchl, in einer Moschee zu sein. Nominell ist es auch keine, denn die Moschee wurde von Atat\u00fcrk in ein Museum umgewandelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Fenster in den Seitenschiffen sind genauso wie die der Basilika in Trier, gleiches Format, gleiche Machart. Kein Wunder, beide sind sp\u00e4tr\u00f6misch, wahrscheinlich aus demselben Jahrhundert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im s\u00fcdlichen Seitenschiff ein durch Gitter abgetrennter Raum mit sehr unbequem aussehenden Holzschemeln, die sich als Buchst\u00fctzen erweisen, auf denen man die schweren Folianten aufgeschlagen ausstellen konnte. Der Raum ist die Bibliothek Sultan Mahmuds (XVII).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hinten im Mittelschiff ein riesiger Marmorkrug aus der hellenistischen Periode, der aus Pergamon hierher gebracht wurde (XVI).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der ganze Bau befindet sich in einem erstaunlich schlechten Zustand: abbl\u00e4tternde Farbe, verzogene Bleiverglasungen, kaputte Fenster, durch die Tauben in den Innenraum fliegen, alles irgendwie staubig oder verdreckt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An verschiedenen Stellen sitzen oder hocken Zeichner, die alle Motive ausgesucht haben, die man als Tourist kaum wahrnimmt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von der Galerie im ersten Stock kann man in den gesamten Raum hinunter blicken. Das hat was. Schon der Aufstieg \u00fcber eine sp\u00e4rlich beleuchtete Rampe mit einem Boden aus schweren Steinquadern hat eine besondere Atmosph\u00e4re. Von oben erfasst man gut die Wirkung des Raumes. Das Licht ist der Star. Es tritt von allen Seiten durch die schlichten Fenster ein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unter den Mosaiken, die man oben sehen kann, f\u00e4llt mir besonders eins auf: Ein strenger Jesus, mit zwei Fingern segnend, in der Mitte zwischen der Jungfrau Maria und Johannes. Jesus hat einen gepflegten, d\u00fcnnen Bart und welliges Haar und sieht aus, als h\u00e4tte er vor dem Phototermin noch einen Friseurtermin gehabt. Johannes, der grimmig blickt, hat einen dichten, struppigen Bart, der weder Kinn noch Backe noch Hals freil\u00e4sst. Was man bei dem nur im oberen Teil erhaltenen Mosaik nicht sehen kann: Jesus sitzt auf einer Holzbank, die anderen stehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unten gibt es ein paar Erkl\u00e4rungen zur Geschichte des Baus: Die erste Hagia Sofia (IV) ist abgebrannt,\u00a0 die zweite Hagia Sofia (V) ist auch abgebrannt und dann in ganz kurzer Bauzeit unter Theodosius (VI) unter Einsatz von Materialien aus allen Teilen des Reichs wiederaufgebaut worden. Hagia Sofia hei\u00dft gar nicht, wie ich immer dachte, \u201eHeilige Sophia\u201c, sondern \u201eHeilige Weisheit\u201c, und damit ist eine der Gaben Gottes gemeint.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man verl\u00e4sst den Bau durch den S\u00fcdeingang. Dort befindet sich eine sch\u00f6ne antike Bronzet\u00fcr aus Tharsus (II). Sie ist verziert mit M\u00e4andern, Hakenkreuzen und barock anmutenden floralen Dekorationen. \u00dcber der T\u00fcr h\u00e4ngt ein Spiegel, der ein auf der gegen\u00fcberliegenden Seite angebrachtes Mosaik spiegelt und so geschickt angebracht ist, dass man glaubt, das Mosaik h\u00e4nge \u00fcber der T\u00fcr. Das Mosaik ist Programm:\u00a0 Konstantin und Theodosius knien vor der Jungfrau und bieten ihr das Modell von Stadt und Kirche dar.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Drau\u00dfen steht ein kleines zweist\u00f6ckiges Geb\u00e4ude, die ehemalige Koranschule, ein Beweis daf\u00fcr, dass Moscheen immer mehr waren als Beth\u00e4user, n\u00e4mlich Zentren eines Zentrums sozusagen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ganz in der N\u00e4he ist die Zisterne: Man steigt eine Treppe hinunter und kommt in einen fast mystischen, halbdunklen Raum, in dem trotz der Besucher Stille herrscht, bis auf leise Musik, die aus unsichtbaren Lautsprechern kommt, und bis auf Wassertropfen, die ab und zu von der Decke ins Wasser fallen. Im Wasser, in dem sie sich spiegeln, stehen 9 m hohe Marmors\u00e4ulen, in 12 Reihen zu jeweils 28. Je nachdem, wo man steht, \u00e4ndert sich die Perspektive. Dies ist die r\u00f6mische Zisterne, die zur Wasserversorgung der Stadt errichtet wurde. Das Wasser kommt aus dem 19 km n\u00f6rdlich der Stadt gelegenen Belgrader Wald und wurde mit Aqu\u00e4dukten hierher geleitet. In einer Ecke des Raumes stehen zwei S\u00e4ulen auf Quadern mit riesigen Medusenk\u00f6pfen, von denen einer auf dem Kopf, der andere quer steht. Warum ist unbekannt. Die Medusen sind mit ihren groben Gesichtsz\u00fcgen kaum als weibliche Wesen auszumachen. Vielleicht ist das beabsichtigt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann wieder ans Tageslicht und zur Blauen Moschee, die genau auf einer Linie mit der Hagia Sofia liegt. Zwei bedeutende Bauten in unmittelbarer Nachbarschaft, die sich genau gegen\u00fcberstehen. Die Blaue Moschee, die die rangh\u00f6chste Moschee des Osmanischen Reiches war, ist mit ihrer Kuppel, die nach unten zu allen Seiten in Halbkuppel \u00fcbergeht, die wiederum in Halbkuppel \u00fcbergehen und von weiteren Kuppeln umstellt sind, der viel sch\u00f6nere Bau von den beiden, harmonisch, elegant, auch wegen der schlanken Minarette, sechs an der Zahl, was einen Affront bedeutet, denn mehr als vier Minarette hatte bis dahin nur die Moschee von Mekka. Sicher auch ein Ausdruck des Hegemonieanspruchs des Sultans.<\/p>\n<p>Die Minarette haben teils zwei, teils drei der geschm\u00fcckten, kreisf\u00f6rmigen Umbauten, von denen vermutlich vor der Zeit der Lautsprecher zum Gebet aufgerufen wurde. Ob die unterschiedliche Zahl irgendeine Bedeutung hat, war nicht herauszubekommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Blaue Moschee ist \u00fcberhaupt nicht blau (wie der Wei\u00dfe Turm von Saloniki nicht wei\u00df ist) und hei\u00dft so wegen der blauen Kacheln im Inneren (die mir aber verborgen bleiben). Offiziell (und auf T\u00fcrkisch sowieso) hei\u00dft sie Sultanahmet Moschee. Der ganze Bereich ist durch eine niedrige Mauer mit Gitterwerk begrenzt, und man kommt zuerst in den Innenhof, der noch einmal so gro\u00df wie die Moschee selbst ist. Der Innenhof hat Arkaden zu allen Seiten, sehr stilvoll.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Innen eine einzige Entt\u00e4uschung. Die Glasfenster sind nichtssagend, die Atmosph\u00e4re ist eher die eines Bahnhofs, die beiden unglaublich dicken Rundpfeiler, die die Kuppel tragen, wirken deplaziert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die islamischen Frauen tragen im Innenraum Kopfbedeckung, auch wenn sie au\u00dferhalb der Moschee keine Kopftuchtr\u00e4gerinnen sind, die anderen Frauen brauchen keine Kopfbedeckung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weil es noch fr\u00fch ist, mache ich noch eine Stadtrundfahrt mit einem der typischen Touristenbusse. Warum ich mich immer wieder darauf einlasse, wei\u00df ich nicht. Es ist teuer und uninteressant. Immerhin zeigt die Stadtrundfahrt, dass auch \u201edie sch\u00f6nste Stadt der Welt\u201c h\u00e4ssliche Ecken hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von Sultanahmet geht es Richtung Neustadt, an der S\u00fcleymanmoschee\u00a0 und dem \u00c4gyptischen Basar (dem Gew\u00fcrzbasar) vorbei, dann \u00fcber die Galatabr\u00fccke von der Altstadt in die Neustadt. Dann geht es vorbei an dem Hotel, das eigens f\u00fcr die Reisenden des Orientexpress gebaut wurde und in dem Agatha Christie zu Gast war, am Dolmabah\u00e7e Palast (der letzten Residenz der Sultane und dem sp\u00e4teren Amtssitz Atat\u00fcrks) und am Stadion von Be\u015fikta\u015f (wo wir nicht einmal informiert werden, um welches Stadion es sich handelt!), an der bulgarische Metallkirche (in Wien hergestellt, \u00fcber die Donau hierher gebracht und in einer Nacht aufgebaut) und am griechisch-orthodoxen Patriarchat, und dann durch das ehemalige Judenviertel Balat und \u00fcber den Taksim, den zentralen Platz der Neustadt. Dann geht es kilometerlang an der beeindruckenden, teils nur in Bruchst\u00fccken, teils, besonders an den Toren, sehr gut erhaltenen antiken Stadtmauer entlang, die schlie\u00dflich am Meer endet. Jetzt sind wir wieder genau da, wo wir gestern auch mit dem PKW entlanggefahren sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Irgendwo gibt es eine gr\u00f6\u00dfere Stra\u00dfe, die zu bestimmten Tageszeiten (13-23) nur in einer, zu anderen in der entgegensetzten Richtung und zu wieder anderen \u00fcberhaupt nicht befahren werden darf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der N\u00e4he der Galatabr\u00fccke gibt es ein Einkaufszentrum f\u00fcr Lederwaren, das in einem ehemaligen Frauengef\u00e4ngnis untergebracht ist. Auch eine Art von Kontinuit\u00e4t.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Trotz des lateinischen Alphabets sind die t\u00fcrkischen W\u00f6rter nicht so leicht zu lesen, wenn man die Konventionen nicht kennt. Es gibt einige Buchstaben, die wir nicht haben und andere, die einen anderen Lautwert haben und (mindestens) einen, &lt;\u011f&gt;, der gar nicht gesprochen wird, sondern zur Dehnung des voraufgehenden Vokals dient. Die Sache scheint aber sehr regelm\u00e4\u00dfig zu sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Dolmabah\u00e7e Palast hei\u00dft auf T\u00fcrkisch Dolmabah\u00e7e Sarayi. Das ist das Wort, das wir als <em>Serail<\/em> kennen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einer sehr modernen Buchhandlung f\u00fcr fremdsprachige B\u00fccher frage ich nach Orhan Pamuk, einen jungen, sehr erfolgreichen t\u00fcrkischen Autor, dessen Romane im Reisef\u00fchrer empfohlen werden, auch als B\u00fccher \u00fcber das moderne Istanbul. Die Verk\u00e4uferin zeigt auf das Regal, vor dem ich stehe, und das ganze Regal ist voll von B\u00fcchern von Pamuk. Sie empfiehlt ihn mit echtem Enthusiasmus (\u201eYou\u2019ll get the money back if you don\u2019t like it\u201c) und m\u00f6chte mir gleich alle seine B\u00fccher ans Herz legen, besonders ein neueres, das der Reisef\u00fchrer nicht erw\u00e4hnt. Es werde mein Leben ver\u00e4ndern. Ob es ihr Leben ver\u00e4ndert habe? Ja, sie sei jetzt hier. Ich bleibe dennoch bei dem im Reisef\u00fchrer empfohlenen Band und kaufe dazu noch einen englischen Reisef\u00fchrer von Istanbul, ohne ein einziges Photo, aber mit ausf\u00fchrlichen Beschreibungen (der sich im Nachhinein aber nicht als der ganz gro\u00dfe Hit erweist). Ganz genau kenne ich den Umrechnungskurs noch nicht, aber auch jetzt scheint mir das schon ein stolzer Preis zu sein, aber als ich nachher feststelle, dass ich ca. 43 \u20ac bezahlt habe, kippe ich fast nachtr\u00e4glich noch um.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich begn\u00fcge mich mit einem Maiskolben und einer Portion Kastanien, die ich im Laufe des Nachmittags bei den fliegenden H\u00e4ndlern gekauft habe. Im Moment habe ich keinen Hunger. Das soll sich aber \u00e4ndern. In der Nacht wache ich immer wieder auf mit Hunger und R\u00fcckenschmerzen. Die R\u00fcckenschmerzen f\u00fchre ich auf die steinharte Matratze zur\u00fcck. Kann ja heiter werden, und das am Anfang der Woche. Aber alle Bef\u00fcrchtungen erweisen sich in den n\u00e4chsten Tagen als nichtig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Montag, 4. April<\/span><\/p>\n<p>Da ich nach dem Fr\u00fchst\u00fcck noch reichlich Zeit habe, entscheide ich mich gegen das Taxi und f\u00fcr die \u00f6ffentlichen Verkehrsmittel. Ich habe zwar keine genauen Instruktionen, habe aber von Aishem erfahren, dass ich von der Stra\u00dfenbahn in die Metro umsteigen muss, wie die Endstation hei\u00dft und dass es einen Einheitspreis gibt. An der Rezeption lasse ich mir noch die Haltestellen aufschreiben und bringe in Erfahrung, in welche Richtung ich fahren muss. Tats\u00e4chlich stehe ich um Punkt 10 Uhr, aber keine Minute eher, vor der Uni, aber das grenzt\u00a0 an ein Wunder.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An einem Kiosk, an dem auch der Preis steht (1,10 Lira), bekomme ich den Jeton f\u00fcr die Fahrt. Diese Transaktion geschieht problemlos und wortlos. Fahrkarten gibt es nicht. Mit dem Jeton komme ich durchs Drehkreuz und warte darauf, dass er am anderen Ende wieder herauskommt. Tut er aber nicht. Das kommt mir suspekt vor und ich f\u00fchle mich unwohl bei dem Gedanken, ohne Fahrausweis in die Bahn zu steigen. Den aber, finde ich, braucht man, weil der Bereich, in den man einsteigt, zwar abgesperrt ist, nicht aber der Rest der Strecke und man ohne weiteres \u00fcber die Trasse, ohne eine Sperre zu passieren, an die Haltestelle kommen kann. Aber davon wird kein Gebrauch gemacht. Ob das an der Ehrlichkeit der T\u00fcrken liegt oder ob wirklich von den Kassenh\u00e4uschen\u00a0 an der gegen\u00fcberliegenden Seite kontrolliert wird, wei\u00df ich nicht, aber es scheint zu funktionieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich in der Stra\u00dfenbahn bin und mich gerade etwas umgesehen habe, sehe ich pl\u00f6tzlich ein gro\u00dfes M. Ist das schon die Haltestelle, an der ich aussteigen muss? Ich z\u00f6gere einen Moment, aber da gehen schon die T\u00fcren zu. Ich sehe auf meinen Zettel, und da steht tats\u00e4chlich diese Haltestelle. Ich h\u00e4tte aussteigen m\u00fcssen. Ist aber kein Problem, die n\u00e4chste Haltestelle ist nicht weit. Ich steige aus und gehe zu Fu\u00df zur\u00fcck. Jetzt beginnt die Suche nach der Metro. Hier, ein bisschen au\u00dferhalb der Touristenzone, ist es schon viel schwieriger mit dem Englischen. Einige sch\u00fctteln den Kopf, andere gehen wortlos weiter, wieder andere weisen etwas unwirsch auf die Stra\u00dfenbahn und sagen \u201eMetro\u201c. Schlie\u00dflich spricht mich jemand an und erkl\u00e4rt mir, ich m\u00fcsse weiterfahren, nach Aksaray. Ich kaufe einen Jeton und steige in. Jetzt wird mir klar, dass der Mann von der Rezeption diese Haltestelle nicht zum Umsteigen, sondern zum Einsteigen gemeint hat, und als n\u00e4chste Haltestelle steht auf dem Zettel tats\u00e4chlich Aksaray. Dort angekommen, geht wieder die Suche nach der Metro los. Weit und breit nichts zu sehen. Ich gehe in verschiedene Richtungen, alles vergeblich. Dann treffe ich auf einen netten Mann, der es auf Englisch versucht, obwohl er noch nicht einmal <em>rechts<\/em> kann. Aber er kann <em>500 Meter<\/em> und erledigt den Rest gestisch. Tats\u00e4chlich komme ich so zur Metro. Wieder muss ich erst das Jeton kaufen. Unten gibt es zwei Gleise, und auf beiden steht ein Zug. Welcher der richtige ist, wei\u00df ich nicht, und als ich herausgefunden habe, dass beide richtig sind, sind beide weg. Also der n\u00e4chste Zug. Hier merke ich, dass es 13 Stationen sind, und allm\u00e4hlich wird die Zeit knapp. Am Ziel angekommen, folgt man einfach der Masse \u00fcber eine Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke zum Ausgang. Dort ist von Uni weit und breit nichts zu sehen, und auch kein Schild. Ich befinde mich am Rande einer Schnellstra\u00dfe und am Rande eines Stadtviertels mit vielen Gesch\u00e4ften und Ramschl\u00e4den. Ich sehe mich nach Leuten um, die wie Studenten aussehen, aber vergeblich. Als ich die Einkaufsstra\u00dfe schon ein ganzes St\u00fcck hinaufgegangen bin, fange ich an zu fragen, aber keiner scheint die Kultur Universit\u00e4t zu kennen. Dann habe ich doch noch Gl\u00fcck und ein freundlicher junger Mann zeigt mir, dass ich zur\u00fcck muss. Er begleitet mich ein ganzes St\u00fcck die Stra\u00dfe hinunter, und da er kein Wort Englisch spricht, gehen wir wortlos nebeneinander her. Mir ist ganz komisch dabei. Am Ende der Stra\u00dfe schickt er mich nach rechts, an der Schnellstra\u00dfe entlang. Ob das richtig sein kann? Bald kommt eine Abzweigung nach rechts, und die nehme ich, da mein Vertrauen in die Schnellstra\u00dfe gering ist. Wieder nichts. Zur\u00fcck und wieder die Schnellstra\u00dfe entlang. Es ist 5 vor 10. Ich gehe ein bisschen schneller, und tats\u00e4chlich kommt nach ein paar Hundert Metern ein braunes modernes Geb\u00e4ude in Sicht, an dem der Name der Uni steht. Geschafft!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aishem wartet bereits, stellt mich gleich einer Kollegin vor, erz\u00e4hlt von dem Campus und von dem bevorstehenden Umzug auf den neuen Campus, wie man dorthin kommt, welche Abteilungen bereits ganz und welche halb und welche noch gar nicht umgezogen sind, und f\u00fchrt mich \u00fcber Treppen und an uniformierten Wachhabenden vorbei aus dem Geb\u00e4ude \u00fcber die Stra\u00dfe in ein anderes Geb\u00e4ude und in einen Aufzug und in die Anglistik. Ich wei\u00df nicht mehr, ob wir hinten oder vorne oder unten oder oben sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zuerst werde ich der Chefin vorgestellt, einer \u00e4lteren Dame, die einen \u00fcber die Brille ansieht. Sie hat ihren MA in Leeds gemacht und arbeitet \u00fcber das Drama der Renaissance. Noch eine. Wir sprechen ein bisschen \u00fcber dies und das und ich bekomme einen Tee. Dann kommen zwei junge Kollegen, ein Engl\u00e4nder und seine t\u00fcrkische Frau. Ich frage, wor\u00fcber sie arbeiten: Sie \u00fcber das Drama der Renaissance, er \u00fcber das Drama der Renaissance und seinen Bezug zum Drama der Moderne. Ein Nest.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier h\u00f6re ich zum ersten Mal den Namen, den ich den n\u00e4chsten Tagen von jedem h\u00f6re, der mit dem Austausch zu tun hat, den eines gewissen Prof. K\u00fchnen von der Trierer Rechtswissenschaft, der die Sache initiiert hat. Den kennt hier jeder, nur ich nicht. Die Chefin sagt, auch einen Linguisten von der Partneruniversit\u00e4t k\u00f6nnten sie f\u00fcr ohne weiteres f\u00fcr einen Austausch unterbringen, auch wenn sie selbst noch keine Linguistik h\u00e4tten, zumal wir am Anfang ohnehin nur eine Woche im Visier haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es in Aishems B\u00fcro, das sie mit der Kollegin von vorhin teilt. Die ist 20 Jahre in Kanada gewesen, arbeitet auch als Regisseurin und schreibt selbst Dramen, auch zweisprachige. Woran sie arbeitet, wage ich erst gar nicht zu fragen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich erfahre, dass es feste Anwesenheitszeiten f\u00fcr alle gibt (9-17 Uhr) und dass das Wintersemester von Anfang Oktober bis Mitte\/Ende Januar, das Sommersemester Mitte Februar bis Mitte Juni geht. Weihnachts- und Osterferien gibt es nicht, aber der 1. Januar ist frei. Sich auch hier nach dem Mondkalender zu richten, w\u00e4re wegen der Schwankungen zu kompliziert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann werde ich den Kolleginnen vom Auslandsamt vorgestellt, Mutlu und Simin, die mich zu meiner \u00dcberraschung in flie\u00dfendem Deutsch begr\u00fc\u00dfen. Die eine, Simin, ist Deutsch-T\u00fcrkin und gerade erst von sechs Monaten in die T\u00fcrkei zur\u00fcckgekehrt, die andere, Mutlu, hat an der deutschen Schule in Istanbul Abitur gemacht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mittagessen gibt es in einem eigenen Saal f\u00fcr die Dozenten an gedeckten Tischen und mit uniformierten Kellnern. Ganz wie zu Hause. Das Tischgespr\u00e4ch ist dreisprachig und sehr lebhaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Simin und Esin sollen mir den neuen Campus zeigen. Dahin f\u00e4hrt ein eigener Shuttlebus, aber es dauert eine Zeit, bis wir alle drei an derselben Stelle sind und es losgehen kann. Die kurze Strecke k\u00f6nnte man auch problemlos zu Fu\u00df gehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der neue Campus wird mit sichtlichem Stolz pr\u00e4sentiert. In die oberen Etagen geht es per Rolltreppe. Urspr\u00fcnglich sollte aus dem Bau ein Hotel werden. Der Audimax wird gezeigt (nicht gr\u00f6\u00dfer als ein besserer Seminarraum bei uns) und alle m\u00f6glichen R\u00e4ume mit Sonderfunktionen, wo Studenten t\u00f6pfern, schauspielern und rezitieren. F\u00fcr diese \u201eelectives\u201c werden Personen aus dem \u00f6ffentlichen Leben als Dozenten rekrutiert. Dann geht es noch auf die Plattform, von der aus man einen Blick aufs Meer in der Distanz und einen hochmodernen Zeltbau in der N\u00e4he hat, in dem Ausstellungen und Veranstaltungen stattfinden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zwischen den einzelnen Stationen wird immer wieder viel T\u00fcrkisch gesprochen, und manchmal bin ich \u00fcberrascht \u00fcber die neuesten Entwicklungen, von denen man vermutlich annimmt, sie mir mitgeteilt zu haben. Irgendwann werde ich einem Nuklearphysiker vorgestellt, ohne zu wissen warum. Er kennt Wolfsburg, Braunschweig und Hannover (Deutschland aus der Sicht eines Technikers!).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es in das B\u00fcro der stellvertretenden Rektorin. Da finden wir aber nur ihren Sohn vor. Sobald ich ihm vorgestellt werde, beginnt er mir ohne Vorrede einen Vortrag \u00fcber die Vorz\u00fcge der deutschen Kultur zu halten. Zur Zeit arbeitet er an einem Artikel f\u00fcr die E.T.A.- Hoffmann-Gesellschaft und einen f\u00fcr die Johann-Strau\u00df-Gesellschaft. Bei beiden ist er Mitglied. Selbstverst\u00e4ndlich sind die Artikel auf Deutsch. Zum Korrekturlesen hat er eine Freundin in Wien. Ich sch\u00e4tze ihn auf h\u00f6chstens 20. Er hat sich mehrmals erfolgreich f\u00fcr einen Studienplatz in Deutschland beworben, aber bisher mit R\u00fccksicht auf seine Mutter, die er nicht alleine in Istanbul zur\u00fccklassen will, keinen angenommen. Er spricht fl\u00fcssiges, aber auf die Dauer kaum ertr\u00e4gliches Schriftdeutsch in langen, gepflegten Sentenzen, in denen es von Partizipialkonstruktionen, Nebens\u00e4tzen und Konjunktiven wimmelt. Umgangssprachliche W\u00f6rter oder kurze S\u00e4tze kommen nie vor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann lassen wir ihn bei seinen Aufs\u00e4tzen und es geht es auf einen Tee in die Cafeteria, die sehr modern ist und auch mit gro\u00dfem Stolz vorgezeigt wird. Man merkt, dass es sich um eine Uni in der Aufbauphase handelt. Es gibt auch Fast food, aber, wie betont wird, t\u00fcrkisches Fast food. Esin schl\u00e4gt vor, sich heute zum Abendessen bei ihr zu treffen. Ob ich Lust h\u00e4tte zu kommen? Ihre Wohnung ist auf der asiatischen Seite, im Stadtteil Kad\u0131k\u00f6y, und obwohl mir nicht gerade nach Leuten und noch weniger nach Reisen mit \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln durch Istanbul ist, sage ich zu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Meine Bef\u00fcrchtungen sind aber gegenstandslos. Es stellt sich heraus, dass wir drei zusammen fahren. Wie kommen wir denn dahin? Mit dem Schiff! Simin und Esin wohnen beide auf der asiatischen Seite und kommen jeden Tag mit dem Schnellschiff, einer Art Luftkissenboot, das unweit der Uni anlegt. Dahin kommen wir mit dem Shuttlebus, aber als wir dann an der Haltestelle sind, hat sich wieder eine neue Entwicklung ergeben und wir steigen in ein Taxi. Sie haben beschlossen, mit dem eigentlichen Schiff zu fahren. Das dauert l\u00e4nger, und die Anlegestelle ist auch weiter, aber es ist das ist \u201ethe real thing\u201c, und sie wollen es mir nicht vorenthalten. Am Ende der langen Taxifahrt schaffe ich es zum ersten und einzigen Mal, das Bezahlen zu \u00fcbernehmen. Der Taxifahrer l\u00e4sst sich auch ohne weiteres darauf ein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Anlegestelle hei\u00dft Emin\u00f6n\u00fc. Das allein war schon die Reise wert. Hier herrscht reger Feierabendverkehr, und es riecht nach Meer und nach\u00a0 gebratenem Fisch aus den kleinen Imbissst\u00e4nden. Esin wei\u00df schon, dass ich keinen Fisch esse. Das \u00fcberrascht mich. F\u00fcr den Einstieg ins Schiff gibt es keine Fahrkarte, sondern einen Jeton. Das \u00fcberrascht mich nicht. Ich bekomme gleich einen Jeton f\u00fcr die R\u00fcckfahrt und immer neue Instruktionen, wie ich nach Hause kommen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei der \u00dcberfahrt wird Tee serviert, und es ist so grade warm genug,\u00a0 um drau\u00dfen zu sitzen. Ich genie\u00dfe die frische Luft. Zwischendurch legen wir an einer Haltestelle an, und dort befindet sich ein von Deutschen gebauter Bahnhof, und der sieht wirklich so aus, als k\u00f6nnte er in Bielefeld oder Bonn stehen. Dann kommen wir an und betreten asiatischen Boden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zur Wohnung k\u00f6nnen wir zu Fu\u00df gehen. Es geht durch ein an einem steilen Hang gelegenen Wohnvierteln mit vielen kleinen Gesch\u00e4ften. \u00dcberall wird Halt gemacht, es wird gekauft, erkl\u00e4rt, probiert, ich werde von Verk\u00e4ufern mit Handschlag und zwei oder drei W\u00f6rtern auf Deutsch begr\u00fc\u00dft und von den Kolleginnen gefragt, ob ich dies mag und ob ich das mag und sage immer Ja. Die Ware ist wunderbar pr\u00e4sentiert, in gro\u00dfen, offenen S\u00e4cken oder fein geordnet in durchsichtigen Schubladen oder hinten der hohen Theke, und alles wirkt sehr bunt und vielf\u00e4ltig, und \u00fcberall riecht es verlockend. Das Bezahlen wird grunds\u00e4tzlich nicht vom Mann oder der Frau hinter der Theke erledigt, sondern an einer Kasse, an der jemand sitzt, der nur hierf\u00fcr zust\u00e4ndig ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann sind wir bald am Haus von Esin. Dort geht es, wie gewohnt, mit dem Fahrstuhl hoch, und man traut seinen Augen nicht, wenn man die Wohnung betritt: ein langer Flur zu einer Seite mit einer unendlichen Zahl von Zimmern, und ein riesiges Wohnzimmer mit einem ganzen Ensemble antiker M\u00f6bel und direktem Blick aufs Meer. Esin erkl\u00e4rt, die Wohnung habe fr\u00fcher einer Tante von ihr geh\u00f6rt, und sie sei als Kind zum Baden hierher gekommen. Das Meer sei damals direkt bis an den Weg vor dem Haus gegangen. Das kann man noch erahnen. Auf dem dem Meer abgerungenen Streifen hat man zum allgemeinen Entsetzen ausgerechnet eine Kl\u00e4ranlage gesetzt. Baden tut hier sowieso keiner mehr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zur Begr\u00fc\u00dfung werden Whisky und Brandy angeboten, aber ich begn\u00fcge mich mit einem Glas Wasser. Simin erz\u00e4hlt von ihrer Umsiedlung in die T\u00fcrkei: Sie hat das Auto voll gepackt und ist von Hamburg nach Venedig gefahren. Dann hat sie die Nerven gehabt, das Auto drei Tage dort stehen zu lassen und sich die Stadt anzusehen! Dann ging es mit dem Schiff weiter und dann mit dem Auto nach Istanbul. Da sie nur einen deutschen Pass hat, muss sie die gesamten Einb\u00fcrgerungsformalit\u00e4ten \u00fcber sich ergehen lassen. Am schlimmsten ist es mit dem Auto. Sie bekam kein t\u00fcrkisches Kennzeichen und durfte mit dem deutschen Kennzeichen nicht l\u00e4nger als ein halbes Jahr bleiben. Also fuhr sie kurzentschlossen die 250 km nach Norden, passierte die bulgarische Grenze und musste bei der Einreise feststellen, dass das nicht \u201egilt\u201c. Jetzt liegt das Auto erst mal auf Eis.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann f\u00e4llt der Gastgeberin ein, dass ich Deutscher bin, und sie f\u00fchlt sich verpflichtet, mir ein Bier anzubieten. Dann kann ich nicht wieder Nein sagen. Weil das bei Deutschen wohl so sein muss, bekomme ich einen riesigen Glaskrug mit Henkel. Sie stellt dann aber fest, dass nur eine Dose Bier im Haus ist. Der Inhalt dieser Dose wird dann mit Verve in den Glaskrug eingef\u00fcllt, so dass der Krug tats\u00e4chlich fast voll wird, mit etwa einem Zehntel Bier und dem Rest Schaum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kommt der Rest der Gesellschaft, darunter auch der Nuklearphysiker. Er ist Esins Ehemann. Jetzt wei\u00df ich auch, warum ich ihm vorgestellt wurde. Zusammen mit ihm kommt die Vizerektorin, eine Ingenieurin, und ihr Sohn. Der verliert keine Zeit und kommt sofort auf die \u00dcberlegenheit der deutschen Kultur zu sprechen. Er kennt alles, vom Nibelungenlied \u00fcber den <em>Taugenichts<\/em> und Goebbels Sportpalastrede bis zum <em>Vorleser<\/em>. Ich solle ihm eine Kultur auf der Welt nennen, die das hervorgebracht hat, und nur einen Menschen mit einer \u00e4hnlichen Universalbildung wie Goethe. Gar nicht so einfach, und ich versuche, mich damit herauszureden, dass Goethe sterbenslangweilig sein kann. Davon will er nichts wissen. Er selbst hat auch eine Mineralien- und Fossiliensammlung, nicht zusammengekauft, sondern selbst gesucht, und macht botanische Forschungen. Er scheint von all dem wirklich etwas zu verstehen, und von Geschichte ebenfalls. Auf das klassische Erbe der T\u00fcrkei h\u00e4lt er auch gro\u00dfe St\u00fccke. Wir st\u00fcnden hier, auf dem asiatischen Teil des alten Byzanz, auf historischem Boden, erkl\u00e4rt er, einer Stadt, die, der Mythologie zufolge, nach einer Weissagung \u201egegen\u00fcber den Blinden\u201c gegr\u00fcndet worden sei. Ob ich die Geschichte kenne. Zuf\u00e4llig habe ich das gerade gestern im Reisef\u00fchrer gelesen, sage aber zur Sicherheit Nein. Mit den Blinden seien die auf der europ\u00e4ischen Seite gemeint gewesen, die die Vorz\u00fcge der asiatischen Seite nicht erkannt und sich dort niedergelassen hatten. Im Reisef\u00fchrer steht es genau umgekehrt, aber wahrscheinlich gibt es beide Versionen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Wohnung wird besonders ger\u00fchmt wegen der Sonnenunterg\u00e4nge, und alle sprechen davon, aber als er dann kommt, bin ich der einzige, der hinsieht. Was daran wirklich beeindruckt, ist, wie schnell es geht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Inzwischen hat die Hausfrau eine Art Kaltes B\u00fcffet im Kleinformat zusammengestellt, aus den Dingen, die wir unterwegs gekauft haben sowie einem Salat, den sie in der Zwischenzeit gemacht hat und t\u00fcrkischer Pizza, die wie aus dem Nichts aufgetaucht ist. Das ist eine Art Fladen mit einer d\u00fcnnen Schicht Hackfleisch, den man einfach zusammenrollt und wie einen Pfannkuchen ist, aus der Hand, ganz formlos, wahlweise mit oder ohne eingerollten Salat. Der Sohn r\u00e4t mir emphatisch zur Version \u201eohne Salat\u201c, und nat\u00fcrlich befolge ich den Rat. Alles schmeckt ganz k\u00f6stlich, vor allem wieder all die wunderbaren kleinen Vorspeisen, bei denen man trotz Erkl\u00e4rung kaum wei\u00df, was man isst. Was auf jeden Fall immer wieder auftaucht, sind Auberginen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass ausgerechnet D\u00f6ner das Emblem f\u00fcr t\u00fcrkisches Essen im Ausland geworden ist, verstehen sie nicht. Es ist ihnen irgendwie zu gew\u00f6hnlich. Das Wort wird auf er zweiten Silbe betont und hat einganz offenes &lt;e&gt;, eher wie unser &lt;\u00e4&gt;. Ich erfahre, dass D\u00f6ner einfach \u201edrehend\u201c hei\u00dft (also das gleiche wie Gyros) und Kebab eine Art Fleisch ist (laut Lexikon alles Fleisch, was weder roh noch gebraten ist, eine kuriose Kategorie, f\u00fcr die wir wohl kein Wort\u00a0 haben). Beim D\u00f6ner handelt es sich einfach um gepresste Fleischscheiben. Und ich habe mich immer gefragt, woher die so gro\u00dfe Hammelschenkel haben, und sage das auch noch, zur allgemeinen Erheiterung. D\u00f6ner war urspr\u00fcnglich immer aus Hammelfleisch, bis findige T\u00fcrken in Deutschland es durch das billigere H\u00e4hnchenfleisch ersetzten. Das war in der T\u00fcrkei v\u00f6llig undenkbar, ist aber inzwischen als Reimport auch in der T\u00fcrkei heimisch geworden!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Nuklearphysiker erweist sich als ein ausgesprochen umg\u00e4nglicher, gem\u00fctlicher Mann, der sich mit seiner Pfeife in die Ecke hockt, und die Diskussion zwischen dem Sohn und mir mal lachend in sich hinein glucksend, mal mit lauten Lachsalven verfolgt, besonders als ich am Ende resignierend sage, ganz unter uns h\u00e4tte er nat\u00fcrlich recht mit \u201eDeutschland \u00fcber alles\u201c, aber das k\u00f6nne ich in der \u00d6ffentlichkeit nat\u00fcrlich nicht sagen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich erz\u00e4hle von meiner Bef\u00fcrchtung, mit alkoholhaltigen Pralinen Ansto\u00df zu erregen. Das finden sie ganz putzig. \u201eIn der T\u00fcrkei trinkt fast jeder Alkohol.\u201c Wohl ein Fall von selektiver Wahrnehmung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Langsam wird es Zeit aufzubrechen, und alle Sorgen \u00fcber den Heimweg werden mir genommen, denn \u201esie m\u00f6chten die Ehre haben, mich nach Hause zu begleiten\u201c, versichert mir der Sohn. Auf diese Weise komme ich sogar in den Genuss der Fahrt \u00fcber die Atat\u00fcrk-Br\u00fccke, die als einer der Highlights gilt und die mir sonst wohl entgangen w\u00e4re. Vorher gibt es aber noch eine vielstimmige Diskussion dar\u00fcber, wo das Hotel ist. Dann zeigt sich das n\u00e4chtliche Istanbul wirklich von seiner Schokoladenseite, mit all den erleuchteten T\u00fcrmen, Moscheen und Br\u00fccken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf der Fahrt wird deutlich, dass die Vizerektorin den Austausch viel skeptischer sieht als die anderen. Die t\u00fcrkischen Studenten in Trier h\u00e4tten echte Probleme, vor allem sprachliche. Das wundert mich nicht, und ich kann nur sagen, dass ich von vornherein \u00fcberrascht war, dass es \u00fcberhaupt zum Austausch zwischen diesen F\u00e4cher gekommen ist und dass das bei der Anglistik besser laufen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Inzwischen haben wir Sultanahmet erreicht. Ich bin jetzt 14 Stunden unterwegs und w\u00fcnsche nichts sehnlicher, als aussteigen zu k\u00f6nnen, aber man besteht darauf, mich bis vor das Hotel zu fahren. Das hat eine regelrechte Odyssee zur Folge. Manchmal drehen wir uns im Kreis, mal kommen wir in Gebiete, die mir bekannt vorkommen, mal in solche, wo ich noch nie war. Immer wieder fragen wir, kommen dann aber wieder dahin, wo wir vorher schon waren oder sto\u00dfen auf Einbahnstra\u00dfen oder Abbiegverbote. Von den Antworten verstehe ich nat\u00fcrlich nichts, bis auf ein Wort, das sich dutzendfach wiederholt und das ebenso sch\u00f6n wie n\u00fctzlich ist: <em>tamam<\/em>, \u201ein Ordnung\u201c. Am Ende resigniert man und entl\u00e4sst mich. In knapp f\u00fcnf Minuten bin ich im Hotel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Dienstag, 5. April<\/span><\/p>\n<p>Als ich zum Fr\u00fchst\u00fcck runter gehe, habe ich das Gef\u00fchl, jemand pfeife mir hinterher. Auch schon lange nicht mehr passiert. Als ich wieder rauf komme, merke ich, dass es stimmt. Neben den ausgestopften Tieren steht, zu ihrer Gesellschaft, ein K\u00e4fig mit einem Kakadu, der den Leuten hinterher pfeift.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Fr\u00fchst\u00fcck ist wirklich kaum der Rede wert, fast nur kleine Plastikt\u00f6pfchen. Die einzige Variation gegen\u00fcber dem Vortag besteht darin, dass Kaffee und Tee die Position gewechselt haben. Egal. Ist sowieso kein Unterschied. Wenn man den Tee als <em>th\u00e9 au lait<\/em> trinkt, ist er ganz genie\u00dfbar, wenn das auch f\u00fcr T\u00fcrken vermutlich ein Sakrileg ist. Immerhin verd\u00fcnnen sie ihn auch, aber mit hei\u00dfem Wasser.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute geht es auf dem kanonischen Weg zur Uni. Auch nicht viel schneller, aber daf\u00fcr ohne jede Aufregung. Unterwegs sehe ich aus dem Fenster der U-Bahn ein Geb\u00e4ude mit der Aufschrift \u201eBauhaus\u201c, die mir so vertraut vorkommt, dass ich erst sp\u00e4ter merke, dass ich mich dar\u00fcber wundern m\u00fcsste.\u00a0 Am Ende rausche ich am Eingang der Universit\u00e4t vorbei und merke das erst, als ich auf der H\u00f6he des Campus auf der anderen Seite bin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich sehe zwei Lehrveranstaltungen, eine zu <em>Macbeth<\/em>, eine zu <em>Tom Jones<\/em>, drittes bzw. zweites Jahr. In beiden Gruppen nicht mehr als 20 Studenten, darunter ein einziger Mann. Keine Kopft\u00fccher. Ganz nahe Textarbeit, gute Beteiligung der Studenten, aber nur durch Kurzantworten und Vorlesen gelegentlicher Textstellen. Sehr hilfreich f\u00fcrs Textverst\u00e4ndnis, aber kaum dar\u00fcber hinaus gehend. Gutes Herausarbeiten intertextueller Bez\u00fcge, und die Studenten zeigen, dass sie die Tradition verstehen (h\u00f6fische Liebe, Romanze, Konzept von Natur, Heldenepos usw.). Die Englischkenntnisse scheinen ganz gut zu sein. Die \u00dcberpr\u00fcfung am Ende des Semesters erfolgt durch Klausur. K\u00f6nnten bei uns doch etwas ins Schwimmen geraten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erstaunlich, wie <em>Macbeth<\/em> schon von der ersten Szene an mit Mehrdeutigkeiten spielt. Es ist ein linguistisches Drama. Bei <em>Tom Jones<\/em> wird mir wieder klar, wie witzig es ist, mit all der Ironisierung der Tradition und der Werte und vor allem im Spiel mit dem Erz\u00e4hlen und mit dem Leser. Muss ich unbedingt mal wieder lesen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend werde ich zum Rektor gef\u00fchrt, der erst auf sich warten l\u00e4sst und uns dann in sein riesiges B\u00fcro f\u00fchrt. \u00dcber dem Schreibtisch ein Portrait von Atat\u00fcrk. Von den 20 Minuten, die wir in seinem B\u00fcro verbringen, telephoniert er mindestens 15. Er entschuldigt sich zwar brav, aber ich bin doch ziemlich verbl\u00fcfft, als er, w\u00e4hrend ich spreche, unger\u00fchrt aufsteht, zum Telephon geht und spricht, auch wenn es zu dem Zweck ist, uns Pralinen kommen zu lassen. Auch er kennt K\u00fchnen und h\u00e4lt offensichtlich gro\u00dfe St\u00fccke auf ihn. Auch er spricht flie\u00dfend Englisch und wohl auch etwas Deutsch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann gibt es wieder Mittagessen in dem Restaurant der Dozenten. Immer wieder ger\u00e4t die Unterhaltung ins Stocken, und immer wieder ist es an mir, sie wieder in Gang zu bringen, mit den typischen, kleinen Anekdoten und mit braven Fragen und Erkl\u00e4rungen zum Austausch. Eine junge Kollegin, die ich bisher noch nicht kennen gelernt habe, hei\u00dft \u00d6zdemir, und ich frage, ob Cem \u00d6zdemir auch hier bekannt ist. Nein, nur Aishem kennt ihn. Seinen Vornamen k\u00f6nnen sie bei meiner Aussprache nicht identifizieren. Ich muss ihn buchstabieren, und dann rufen alle \u201eAh, Cem\u201c als h\u00e4tte ich etwas anderes gesagt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der 23. April, Geburtstag Shakespeares und Todestag Cervantes, internationaler Tag des Buches und Namenstag des Hl. Georg, ist au\u00dferdem noch t\u00fcrkischer Nationalfeiertag.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Universit\u00e4t hei\u00dft Kulturuniversit\u00e4t, aber weil es T\u00fcrkisch ist, K\u00fclt\u00fcr \u00dcniversite! Sie lieben das &lt;\u00fc&gt;. Auf einer Werbung habe ich das Wort <em>B\u00fcy\u00fcg\u00fcn\u00fc<\/em> gesehen. Die T\u00fcrken sagen, das z\u00e4hle nicht, aber das lasse ich nicht als Entschuldigung gelten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf einem Schild sehe ich <em>\u00dcniversitesi<\/em>. Ich erfahre, dass das <em>\u2013si<\/em> die Pr\u00e4position ist und \u201evon\u201c hei\u00dft. Die Pr\u00e4positionen werden einfach hinten dran geh\u00e4ngt, typisches Kennzeichen der agglutinierenden Sprachen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Aufzug f\u00e4llt das Wort <em>estavrula<\/em>, und Frau \u00d6zdemir sagt, das solle ich auch lernen, aber als ich wissen will, was es bedeutet, findet keiner eine Entsprechung. Es lie\u00dfe sich schwer \u00fcbersetzten, es dr\u00fcckt Zustimmung aus, hinter der sich aber auch eine Ablehnung verbirgt. Als wir wieder in Aishems B\u00fcro sind, sucht sie nach einer Entsprechung im Internet. Ein W\u00f6rterbuch hat sie nicht in ihrem B\u00fcro.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei der R\u00fcckfahrt sehe ich an der Metrostation ein geschminktes M\u00e4dchen mit Freund an der Hand und Kopftuch, offenbar keine Gegens\u00e4tze, aber auch eine Gruppe ganz in Schwarz gekleideter Frauen, deren Gew\u00e4nder nur ein kleines Dreieck zwischen Stirn und Kinn freil\u00e4sst, was sie nicht davon abh\u00e4lt, eifrig miteinander zu tuscheln, obwohl bei einigen sogar der Mund verdeckt ist. Manchmal ziehen sie das Tuch etwas nach unten, wenn sie sprechen, damit sie von ihren Mitschwestern verstanden werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf der R\u00fcckfahrt sitzt neben mir eine Studentin mit Kopien mit der \u00dcberschrift &#8220;How to be a good teacher&#8221;. Ich spreche sie an. Sie ist im ersten Semester Anglistik an der Istanbul University, aber kaum in der Lage, auf die einfachsten Fragen zu antworten. Das kommunikative Niveau entspricht etwa dem, was bei uns am Beginn der Mittelstufe erreicht ist. Im Ausland ist sie \u00fcberhaupt noch nicht gewesen. Man sieht, dass sich unsere Partneruniversit\u00e4t ihre Studenten gezielt aussucht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00dcberall h\u00e4ngt die t\u00fcrkische Fahne, ein wei\u00dfer Halbmond (der keiner ist) und ein wei\u00dfer Stern auf rotem Grund. Die Stra\u00dfenbahn f\u00fchrt auch an einem gro\u00dfen Kubus vorbei mit demselben Motiv mit f\u00fcnf Sternen, was noch sozialistischer aussieht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Nachmittag genauere Inspektion des Hippodrom, eines l\u00e4nglichen Areals neben der Blauen Moschee, in dem, der Reihe nach und in geb\u00fchrendem Abstand, ein preu\u00dfisches Denkmal, ein alt\u00e4gyptischer Obelisk, eine Skulptur und eine r\u00f6mische S\u00e4ule stehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das preu\u00dfische Denkmal ist ein Geschenk des Kaisers an den Sultan, in Erinnerung an einen Besuch in Istanbul, mit deutscher Inschrift, die genau das kundtut. Es ist ein kleiner, tempelartiger Rundbau, irgendetwas von der Art, wie man es in billigerer Ausf\u00fchrung in einem deutschen Kurort finden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der alt\u00e4gyptische Obelisk stammt aus der Zeit des Pharao Tuthmosis III. war schon 2000 Jahre alt, als er hier von Theodosius aufgestellt wurde! Man wundert sich, warum er \u00fcberhaupt stehen bleibt. Er steht auf vier bronzenen F\u00fc\u00dfen, die wiederum stehen auf einem Marmorsockel, der wiederum auf\u00a0 vier Steinquadern, die wiederum auf einem Marmorsockel stehen. Der Obelisk, aus br\u00e4unlichem Marmor, ist von oben bis unten mit den typischen alt\u00e4gyptischen Symbolen geschm\u00fcckt, Ibis, Falke, Skarab\u00e4us, Auge usw., einige davon in einer Kartusche. Er stellt zwei R\u00e4tsel, die beide vom Reisef\u00fchrer beantwortet werden: Warum steht Sockel nicht auf, sondern\u00a0 unter der Stra\u00dfe, und warum sieht der untere Teil des eigentlichen Obelisk irgendwie abgeschnitten aus? Antwort: Das r\u00f6mische Bodenniveau war ein paar Meter tiefer, wir stehen jetzt auf mehreren Metern Kulturschutt, und der Obelisk ist beim Transport abgebrochen, und der untere Teil fehlt. Der Marmorblock stellt auf allen vier Seiten Szenen dar, in denen der Kaiser eine Rolle spielt: Der Kaiser sieht einem Rennen zu (schlie\u00dflich befinden wir uns auf einem Rennplatz), er empf\u00e4ngt den Sieger des Rennens mit dem Lorbeerkranz in der Hand, er sieht der Errichtung des Obelisk zu, und er empf\u00e4ngt die Huldigung vor ihn kniender Gefangener.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kommt eine Bronzestatue, die drei ineinander gewundene Schlangen darstellt. Dieses Monument stand urspr\u00fcnglich in Delphi! Dass es sich um Schlangen handelt, muss man glauben, denn es fehlen die K\u00f6pfe. F\u00fcr deren Fehlen gibt es verschiedene Erkl\u00e4rungen, darunter die, dass sie<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich eine steinerne S\u00e4ule, gemauert, die jetzt nur noch durch ihre Pr\u00e4senz gl\u00e4nzt, urspr\u00fcnglich wohl umfasst und verziert gewesen sein muss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich, in den Reisef\u00fchrer vertieft, vor dem Obelisk stehe, spricht mich ein Mann an. Auch er hat einen Cousin in Frankfurt. Ich antworte h\u00f6flich, aber knapp, und bewege mich weiter, aber bei der S\u00e4ule ist er wieder neben mir. Er kommt aus dem t\u00fcrkischen Teil Zyperns. Ich erz\u00e4hle kurz von unserem Besuch auf Zypern, mache ihm dann aber klar, dass ich nichts kaufen will und sowieso kein Geld habe und gehe entschlossen weiter. Etwas entt\u00e4uscht, aber gar nicht aggressiv sagt er, als ich mich schon umgewandt habe: \u201eSchade, ich wollte gar kein Geld von dir, ich habe dich angesprochen, weil ich schwul bin.\u201c Ich sollte mich geschmeichelt f\u00fchlten: Er ist jung, athletisch und gutaussehend. Als ich das am n\u00e4chsten Tag Aishem erz\u00e4hle, ist sie echt entsetzt, dann aber, als ich ans Ende der Geschichte komme, regelrecht erleichtert: \u201eAch so, ich dachte schon, er wollte dir Frauen vermitteln.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der gesamten Gegend um die Blaue Moschee ist es heute viel ruhiger als am Sonntag. Ich kaufe wieder einen Maiskoben und Kastanien, in der Hoffnung, mir damit das Abendessen ersparen zu k\u00f6nnen. Beides ist viel schlechter in der Qualit\u00e4t als am Sonntag. Der Maiskolben ist durchweicht und geschmacklos, und als ich mich umsehe, merke ich das er mir 1,50 abgenommen hat statt 1,00,\u00a0 wie es auf dem Schild steht. Ich muss einen momentanen Impuls unterdr\u00fccken, ihm den Maiskolben um die Ohren zu hauen. Der Kastanienverk\u00e4ufer wendet denselben Trick wie alle an: Er nimmt, wenn man eine kleine Portion bestellt, die kleine T\u00fcte, tut aber etwas mehr hinein, als man bestellt hat und sagt dann &#8220;Too much&#8221;, so, als w\u00e4re es jetzt zu sp\u00e4t, es wieder r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen, tut noch etwas hinzu und l\u00e4sst sich dann die gro\u00dfe Portion bezahlen. Am Ende hat man mehr Kastanien, als man wollte, und mehr Geld ausgegeben, als man wollte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kommt noch jemand mit Waren auf dem Arm auf mich zu. Er wolle gar nichts verkaufen, nur tauschen, Eurom\u00fcnzen gegen Euroscheine. Ich solle nur eben im Portemonnaie nachsehen, ob ich wechseln k\u00f6nne. Ja, denkste! Viele Gr\u00fc\u00dfe von Deinen tunesischen Br\u00fcdern im Geiste. Die haben den Trick schon so erfolgreich angewandt, dass ich kuriert bin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann gehe ich noch in ein von einem Sultan um die Jahrhundertwende errichtete Mausoleum, eine oktogonale Halle, in der Sarkophage unterschiedlicher Gr\u00f6\u00dfe, alle mit Samt verkleidet, stehen, von Sultanen und anderen hochrangigen Personen. Leider sind die Erkl\u00e4rungen auf T\u00fcrkisch. Beim Eintritt muss man die Schuhe ausziehen und wird aufgefordert, ein freiwilliges Eintrittsgeld zu zahlen. Auf die Frage, wie viel, sagt der Aufpasser \u201eF\u00fcnf\u201c, ist aber mehr als zufrieden, als ich ihm dann das verbliebene Kleingeld gebe, 2,50. Drau\u00dfen ein Friedhof mit weiteren Sultansgr\u00e4bern mit wei\u00dfen Grabsteinen aus Marmor. Die meisten haben florale Dekorationen, einige wenige aber auch gegenst\u00e4ndliche, eine Streitaxt, ein Pfeil und, das sch\u00f6nste, ein aufgeschlagenes Buch auf einer Buchst\u00fctze. All das k\u00f6nnte westlich sein, nur die Schrift nicht: Die Grabsteine stammen noch aus der Zeit, als T\u00fcrkisch noch mit arabischen Buchstaben geschrieben wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Abend bin ich dann doch hungrig, kann mich aber nicht entscheiden, irgendwo hineinzugehen, da man \u00fcberall aufdringlich angesprochen wird, und lande fast bei McDonalds. Dann verlaufe ich mich und gehe am Ende doch wieder in das Lokal von vorgestern. Das Essen ist teuer, das Bierglas versifft, und s\u00e4mtliche andere G\u00e4ste, ausschlie\u00dflich M\u00e4nner, hocken wortlos und regungslos vor dem Fernseher und sehen erst eine Vergewaltigungsszene aus einem amerikanischen Spielfilm, dann Fu\u00dfball.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Mittwoch, 6. April<\/h1>\n<p>Am Morgen an der Uni von Mutlu in Empfang genommen worden und mit ihr bei einem Tee \u00fcber den Austausch gesprochen. Sie selbst ist von Bianca Kaiser, ihrer ehemaligen Dozentin, rekrutiert worden, als hier das Auslandsamt gegr\u00fcndet wurde. Sie hat eine Magisterarbeit \u00fcber die Einwanderungspolitik in Deutschland geschrieben, auf Englisch, mit besonderer Ber\u00fccksichtigung der T\u00fcrkei und Griechenlands.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der T\u00fcrkei wird man ein Jahr sp\u00e4ter eingeschult, aber bis zum Abitur sind es nur elf Jahre. Als ich mich noch dar\u00fcber wundere, warum das so ist, wird mir klar, dass es sich ja schlie\u00dflich auch um eine finanzielle Frage handelt. Um in der T\u00fcrkei studieren zu k\u00f6nnen, muss man nach dem Abitur an einer landesweiten Zulassungspr\u00fcfung teilnehmen, an der jedes Jahr ein sechsstellige Zahl von Bewerbern teilnimmt. Die Kulturuniversit\u00e4t als private Universit\u00e4t kann sich einen hohen Standard leisten und sich die Studenten selbst aussuchen. Noch h\u00f6her ist der Standard f\u00fcr die Stipendiaten. Die anderen Studenten zahlen ca. 6.000 Dollar pro Jahr, und als dann Simin dazukommt, entspinnt sich eine Diskussion zwischen den beiden, ob das viel oder wenig sei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kommt die Vorstellung von Trier vor den Studenten. Ich sage erst etwas zur Stadt, dann zur Uni, dann zur Anglistik. Die Sache gut \u00fcber die B\u00fchne, und die Studenten stellen auch die richtigen Fragen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend bietet Aishem mir an, nach Ortak\u00f6y an den Bosporus zu fahren. Sie hat eigens ihr Auto mitgebracht. Sie sagt, sie wolle eine Freundin mitnehmen. Ob ich etwas dagegen h\u00e4tte? Nein, gar nichts, und als ich die Freundin zu sehen bekomme, erst recht nicht. Sie hei\u00dft Ahu. Das bedeutet \u201aGazelle\u2019. Sie spricht ganz wenig Englisch. Immerhin gelingt es mir, meine Emergency-Frage zu platzieren: Be\u015fikta\u015f, Galatasaray oder Fenerbah\u00e7e? Und zu meiner gro\u00dfen Freude sagt sie: Fenerbah\u00e7e. Jetzt habe ich von jedem wenigstens einen Anh\u00e4nger kennen gelernt. Sie schafft es auch noch, die Farben des Vereins \u2013 Blau und Gelb &#8211; zu nennen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aishem hat angek\u00fcndigt, sie sei eine schlechte Fahrerin, was sich als wahre Prophezeiung erweist. Sie ist vor allem unsicher, h\u00e4lt die Spur nicht, wechselt die Spur immer im falschen Moment, glaubt bei jedem Hupen, sie sei gemeint (was auch meistens stimmt) und bremst auf der \u00dcberholspur. Und das in Istanbul. Au\u00dferdem f\u00fchlt sie sich verpflichtet, mir Sehensw\u00fcrdigkeiten am Rande zu zeigen und zu erkl\u00e4ren, ihren eigenen Fahrstil zu kommentieren und hin und her zu \u00fcbersetzen. Dramatisch wird es, als es auf einer vielbefahrenen Stra\u00dfe eine zus\u00e4tzliche Mittelspur gibt, deren Funktion nicht ganz klar ist: Ist sie f\u00fcr Taxis und Busse? Darf sie nur in einer Richtung benutzt werden? Ist es eine \u00dcberholspur? Alle scheinen sie anders zu interpretieren. Jedenfalls fahren wir eine Zeitlang auf dieser Spur und erwecken damit einigen Unmut und ein paar brenzlige Situationen. Zu allem Unheil kommt jetzt noch ein verd\u00e4chtiges Ger\u00e4usch dazu, was Aishem noch mehr verunsichert. Ob wir das auch h\u00f6ren? Ahu h\u00f6rt nichts, ich h\u00f6re ganz deutlich etwas, sage es aber nicht ganz so deutlich. Ich schlage vor, einfach so zu tun, als gebe es das Ger\u00e4usch nicht, wir k\u00f6nnten hier ohnehin nichts machen. Aber das sagt sich leicht. Es wird allm\u00e4hlich klar, dass es etwas mit der Lenkradbewegung zu tun hat. Ich sage ins Blaue hinein, ohne rechte \u00dcberzeugung, vielleicht habe sich nur etwas an den R\u00e4dern verfangen. Das komme manchmal vor. Irgendwann h\u00f6ren wir auf, dar\u00fcber zu sprechen, aber das Ger\u00e4usch bleibt unser st\u00e4ndiger Begleiter.<\/p>\n<p>Die Fahrt ist schier endlos, ohne dass ein Ende der Stadt in Sicht ist. Wir kommen aber wieder an einigen Sehensw\u00fcrdigkeiten vorbei, die ich auch schon von den anderen Fahrten kenne, und sie pr\u00e4sentieren sich in der Nachmittagssonne von der besten Seite. Am Dolmabah\u00e7e Palast gibt es \u00fcber viele hundert Meter gro\u00dfe Schwarzwei\u00dfphotos von Atat\u00fcrk und seiner Zeit. Die beiden Frauen finden das wunderbar. Hier st\u00fcnde man oft im Stau, und dann k\u00f6nne man sich doch wenigstens die Photos von Atat\u00fcrk ansehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Obwohl die Frauen sich redlich bem\u00fchen, habe ich die Orientierung l\u00e4ngst verloren. Schlie\u00dflich kommen wir durch eine enge Stra\u00dfe mit Gesch\u00e4ften auf beiden Seiten, und zu meiner \u00dcberraschung wird angek\u00fcndigt, wir seien gleich da. So habe ich mir den Bosporus nicht vorgestellt. Ich werde aber meine Meinung bald revidieren. Erst mal m\u00fcssen wir aber noch auf den Parkplatz. Aishem kommt nicht an den Automaten heran und muss aussteigen, um an das Parkticket zu kommen. Als das geschafft und der Wagen irgendwo abgestellt ist, hocke ich mich, ohne dass jemand etwas merkt, auf den Boden und entferne ein paar Bl\u00e4tter, die sich an einem Rad verfangen haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hinter dem Parkplatz kommen wir sofort in ein sch\u00f6nes kleines Viertel mit St\u00e4nden und Kneipen, und nach einer Kehre \u00f6ffnet sich der Blick auf den Bosporus, der wirklich nicht zu verachten ist: Direkt am Meer stehend, sehen wir links ganz in der N\u00e4he die ber\u00fchmte H\u00e4ngebr\u00fccke \u00fcber den Bosporus, gegen\u00fcber das asiatische Ufer, und rechts, in der Ferne, in der Sonne glimmernd, das alte Istanbul mit den Silhouetten der gro\u00dfen Moscheen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir setzen uns zum Essen in die Sonne mit Blick aufs Meer. Es gibt <em>manti<\/em>, winzige, mit winzigen Fleischbr\u00f6ckchen gef\u00fcllte Teigtaschen mit einer Jogurtsauce und ausgelassener Butter. Eine t\u00fcrkische Spezialit\u00e4t, und wirklich ein ungew\u00f6hnlicher Geschmack. Pflichtschuldig bemerken die Frauen, dies sei nat\u00fcrlich nicht der beste Ort f\u00fcr <em>manti<\/em>, aber eigentlich bedarf es keiner Entschuldigung, ich bin mit meinem Schicksal an diesem Tag nicht unzufrieden. Sie sind auch besorgt, dass es nicht genug sein k\u00f6nnte. Ihre Ehem\u00e4nner w\u00e4ren mit diesem Gericht nie zufrieden, weil es nicht s\u00e4ttige. Aishems Ehemanns ansehnlichen Bauch habe ich ja schon kennen gelernt, aber der andere ist auch nicht von schlechten Eltern: 140 Kilo, wie sie freim\u00fctig bekennt. Die Frauen sind beide gertenschlank, und Ahu bestellt das Gericht ausdr\u00fccklich ohne Butter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich sage, wie man <em>D\u00f6ner<\/em> auf Deutsch ausspricht, und Aishem beantwortet meine Frage, bevor ich sie \u00fcberhaupt stellen kann: Sie w\u00fcrde nicht wissen, was gemeint ist, wenn jemand das so sagt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aishem selbst stammt aus dieser Gegend. Sie ist ein \u201eBosporus-Girl\u201c, und denkt noch oft nostalgisch an ihre fr\u00fcherer Heimat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der wunderbare und leicht zu merkende Ausdruck f\u00fcr \u201eAuf Wiedersehen\u201c, <em>G\u00fcle g\u00fcle<\/em>, hat seine T\u00fccken. Nur der, der bleibt, gebraucht ihn, der andere antwortet <em>Allahaismarladick<\/em>, was gl\u00fccklicherweise in der Alltagssprache zu <em>Allasmaldik<\/em> verk\u00fcrzt wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich trinke Bier, die anderen Wasser, nicht aus Prinzip. Viel wichtiger als der Alkohol sei f\u00fcr sie das Schweinefleisch. Daran hielten sich auch nichtreligi\u00f6se T\u00fcrke wie sie, nicht aus Glauben, sondern einfach aus der Tradition heraus. Zum ersten Mal wird mir klar, dass das vielleicht keine Schwierigkeit, aber ein Punkt sein wird, den es bei Besuchen in Deutschland oder bei den Austauschstudenten zu ber\u00fccksichtigen gilt. Nat\u00fcrlich gibt es Schweine in der T\u00fcrkei, antwortet man mir auf meine bl\u00f6de Frage ganz entgeistert, aber was mit denen passiert, wussten sie auch nicht. Export? Oder einfach nichtislamische Abnehmer in der T\u00fcrkei?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die meisten Vornamen bedeuten etwas, aber Aishem muss bei ihrem eigenen passen. Es ist eine Variation von Aisha, dem Namen der jungen Ehefrau des Propheten, aber was er bedeutet, ist nicht bekannt. Auf meine Nachfrage stellen sie selbst zum ersten Mal fest, dass ihre Ehem\u00e4nner, Bar\u0131\u015f bzw. \u00d6zg\u00fcr, \u201aFrieden\u2019 bzw. \u201aFreiheit\u2019 hei\u00dfen. Ob Nomen gleich Omen ist, wird nicht weiter besprochen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Istanbul wird im T\u00fcrkischen auf der zweiten Silbe betont. Ich versuche, den exotischen Charakter Istanbuls in Verbindung zu bringen mit der Lekt\u00fcre von Karl Mai in meiner Kindheit: <em>Von Bagdad nach Stambul<\/em>. Aber davon haben sie noch nie etwas geh\u00f6rt, auch nicht von Winnetou. In England war es genauso, aber in Spanien kannte man zumindest Winnetou und sogar Pierre Briece.<\/p>\n<p>Meine Verwunderung \u00fcber das v\u00f6llige Fehlen von Kopft\u00fcchern in der Uni entbehrt jeder Grundlage: Es ist verboten. Aishem spricht von einer Studentin, die heute bei dem Vortrag war und Kopftuchtr\u00e4gerin ist. Sobald die Uni aus ist und sie das Geb\u00e4ude verl\u00e4sst, setzt sie das Kopftuch auf. Aishem beklagt, dass aus der Sache ein Politikum geworden ist und beschwert sich \u00fcber den Fanatismus der Kopftuchtr\u00e4gerinnen und ihre ablehnende Haltung gegen\u00fcber Frauen wie ihr, die ihn nicht tragen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als es ans Bezahlen geht, bekomme ich schon b\u00f6se Blicke, als ich auch nur Anstalten mache, die Rechnung zu \u00fcbernehmen. Das geh\u00f6re sich nicht. Ein t\u00fcrkisches Sprichwort sagt: \u201eIhr Geld ist hier nichts wert.\u201c Sie tut sich schwer damit, M\u00fcnzen als Trinkgeld zu geben. Die waren bisher so wenig wert, dass man immer Scheine gab. Nur ausgemachte Geizh\u00e4lse gaben M\u00fcnzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dem Essen gehen wir noch ein bisschen herum, und mir wird ein Blick pr\u00e4sentiert, wie ihm auch dem Kollegen Bush bei seinem Besuch pr\u00e4sentiert wurde: Der Blick vom europ\u00e4ischen auf den asiatischen Teil mit der Br\u00fccke als Verbindung und im Vordergrund eine Moschee mit Motiven wie von einer barocken Kirche: Die perfekte Symbiose von Ost und West. Ob Bush das verstanden hat?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg wird beschlossen, dass die Gazelle f\u00e4hrt. Eine weise Entscheidung. Sie f\u00e4hrt viel ruhiger und sicherer. Zu meiner heimlichen Freude stelle ich fast, dass das Ger\u00e4usch verschwunden ist. Zum erstem Mal in meinem Leben ist es mir gelungen, ein Problem am Auto selbst zu beseitigen &#8211; im wahrsten Sinne des Wortes, und ausgerechnet in Istanbul!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg machen wir noch Halt an einer Festung, die auf dem gegen\u00fcberliegenden Ufer ihr Pendant hat. Hier h\u00e4tten sich die byzantinischen und osmanischen Truppen gegen\u00fcbergelegen und beschossen, sagt Aishem, aber mein Vertrauen in ihre Geschichtskenntnisse ist eher gering. Zurecht, wie sich herausstellt: Es waren byzantinische Festungen auf beiden Seiten, von denen aus der Zugang zum Schwarzen Meer kontrolliert wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die R\u00fcckfahrt verl\u00e4uft problemlos, und als es in Istanbul wieder an die obligatorische Suche nach dem Hotel geht, setzte ich mich durch und bestehe darauf, an der Blauen Moschee rausgelassen zu werden. Darauf lassen sie sich vern\u00fcnftigerweise auch ein. Wir haben bis dahin schon dreimal nach dem Hotel Antea gefragt, ohne Erfolg. Nach einer vergeblichen Frage will ich wissen, was das Problem war und sie sagen: \u201eWir haben den \u00fcberhaupt nicht verstanden.\u201c Das finde ich umwerfend komisch, was wiederum die Frauen sehr befremdlich finden. Das erleichtert den tr\u00e4nenreichen Abschied.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Abend mache ich diesmal alles richtig, im Gegensatz zum Vorabend: Ich gehe rechtzeitig los und gehe in die umgekehrte Richtung, von der Blauen Moschee weg. Schon nach kurzer Zeit sehe ich rechts ein kleines, gem\u00fctliches Lokal, das sich Caf\u00e9 nennt, aber nicht so aussieht und auch ein paar vollwertige Gerichte auf der Speisekarte hat. Ich gehe kurz entschlossen rein, und die Wahl erweist sich als Volltreffer, auch wenn sich hinter den <em>Roast<\/em> <em>Potatoes<\/em> der Speisekarte nur \u201ePommes Rot-Wei\u00df\u201c verbergen. Alles andere\u00a0 ist hervorragend: Es gibt frisch gezapftes Efes, das beste, das ich bisher getrunken habe, frisches Brot, eine Suppe und <em>menemen<\/em>, eine t\u00fcrkische Spezialit\u00e4t, die man schon des Namens wegen probieren sollte, ein scharfes Gericht aus Paprika und Tomaten und Eiern. Das Lokal ist mit Kerzenlicht und dem aus der Hagia Sofia bekannten Kranz aus Gl\u00fchbirnen in Glasfassungen erleuchtet, sehr stimmungsvoll.\u00a0 Dazu gibt es sogar altersgem\u00e4\u00dfe Musik: Stones, Beatles, Simon and Garfunkel und <em>horribile<\/em> <em>dictu<\/em> &#8211; Demis Roussos. Die jungen M\u00e4nner, die den Laden schmei\u00dfen, sind eifrig bem\u00fcht, sehr aufmerksam und \u00fcber jedes Lob hoch erfreut. Englisch gibt es nur in ganz wenigen Brocken, Ich bin der einzige Ausl\u00e4nder. Bei der Suppe muss erst nachgefragt werden, was es heute gibt: Jogurtsuppe. Sie ist gr\u00fcnlich und hei\u00df, mit kleinen wei\u00dfen Klumpen, und ich versuche festzustellen, woran mich der Geschmack erinnert, bis mir pl\u00f6tzlich ein Licht aufgeht: an Joghurt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich frage einen der M\u00e4nner, in einem schwarz-wei\u00dfen Trikot: \u201eBe\u015fikta\u015f?\u201c\u00a0 \u201eNein\u201c, antwortet er lachend und zeigt auf seinen \u00c4rmel: \u201eJuventus!\u201c Er h\u00e4lt zu Galatasaray und fragt mich, aus unersichtlichen Gr\u00fcnden, ob ich Spanier sei. Nein, Deutscher. Darauf entspinnt sich ein wunderbares Gespr\u00e4ch, in dem wir st\u00e4ndig aneinander vorbei reden, \u00fcber deutschen und t\u00fcrkischen Fu\u00dfball. Macht nichts. Jedenfalls haben wir ein paar Namen ausgetauscht, Bast\u00fcrk und Altintop, und sind beide zufrieden mit der Tiefe des Gespr\u00e4chs.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich am Abend weinselig ins Hotel zur\u00fcckkehre, gr\u00fc\u00dft mich der Kakadu noch lautst\u00e4rker als sonst. Ich muss einfach hinsehen, und glaube einen Moment, er sitze auf dem K\u00e4fig statt drin. Dann sehe ich noch mal hin: Es stimmt. Er sitzt wirklich auf dem K\u00e4fig. Oder habe ich zuviel Bier getrunken? Und auch die ausgestopften Tiere kommen mir heute irgendwie lebendig vor &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Donnerstag, 7. April<\/h1>\n<p>Warum ich mich immer wieder auf den Orangensaft beim Fr\u00fchst\u00fcck einlasse, ist mir selbst ein R\u00e4tsel. Er schmeckt wirklich nicht gut, und alles andere ist auch nicht viel besser. Richtig gut ist nur der Tee, wenn entsprechend verd\u00fcnnt getrunken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich habe noch keinen Gast ein zweites Mal gesehen, beim Fr\u00fchst\u00fcck nicht und auch sonst nicht. Scheint kein Hotel f\u00fcr Dauerg\u00e4ste zu sein. \u00dcberhaupt ist es jetzt eher schwach besetzt, w\u00e4hrend es am Wochenende ziemlich voll war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich mich auf den Weg mache, bringe ich einen neuen Kniff f\u00fcr die Schlepper zur Anwendung: Auf die Frage \u201eWhere are you from?\u201c antworte ich \u201eAbroad.\u201c Das kennen sie nicht, und tats\u00e4chlich, der \u00dcberraschungseffekt setzt einige au\u00dfer Gefecht. Sie holen aber sofort zum Gegenschlag aus: \u201eSie haben etwas verloren.\u201c Ich tue zwar cool und gehe weiter, als w\u00e4re ich nicht gemeint, aber mir wird doch ganz sch\u00f6n mulmig. Ich taste nach Pass, Brille, Portemonnaie, Reisef\u00fchrer, bin aber immer noch nicht beruhigt. Ich gehe noch ein paar Meter weiter und will dann heimlich umkehren, aber schon hat er mich im Griff. \u201eWhere you from? German?\u201c \u2013 \u201eAbroad.\u201c \u2013 \u201cBut where? What country?\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Topkapi Palast ist wie eine Festung, mit hohen Mauern. \u00dcber dem Eingang Inschriften in arabischen Buchstaben. Auf dem Vorplatz ein sch\u00f6ner, viereckigen Brunnen, eher einen Brunnenhaus, das mit dem m\u00e4chtigen Umfassungsmauern kontrastiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn man das Tor durchschreitet, wei\u00df man erst mal nicht, wo man hingehen soll. Man befindet sich in einem gro\u00dfem, park\u00e4hnlichen Areal, und das einzige Geb\u00e4ude ist links die orthodoxe Hagia Irene. Aber man will ja den Palast besichtigen. Der Palast hatte urspr\u00fcnglich eine Ausdehnung von 700.000 m<sup>2<\/sup>, und der jetzige Museumsbereich hat immer noch\u00a0 90.000 m<sup>2<\/sup>. Weitgehen unbeachtet ist rechts ein Brunnen, eigentlich nur eine in die Umgebungsmauer eingef\u00fcgte Marmorplatte mit Wasserzufuhr, dessen Besonderheit sich einem erst durch den Reisef\u00fchrer erschlie\u00dft. Hier pflegte sich der Henker nach getaner Arbeit die H\u00e4nde zu waschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um den engeren Palastbezirk zu kommen, muss man ein weiteres Tor durchschreiten, hinter das fr\u00fcher nur Amtspersonen kamen und das nur der nur der Kaiser (damit ist der Sultan gemeint!) reitend passieren durfte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der aktivste Ort des Hofs war die zentrale K\u00fcche. Es mussten bis zu 3.000 Personen versorgt werden, die hier st\u00e4ndig lebten, und bei Einladungen zwischen 5.000 und 15.000 G\u00e4sten. Die K\u00fcche ist ein einziges l\u00e4ngliches Geb\u00e4ude mit gleich gro\u00dfen Abschnitten, von denen jeder eine riesige bemauerte Abzugshaube hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute ist hier die Porzellansammlung untergebracht, die gr\u00f6\u00dfte au\u00dferhalb Chinas mit 12.000 St\u00fccken. Das Porzellan kam entweder per Schiff oder auf der Seidenstra\u00dfe nach Europa. Die Seidenstra\u00dfe gab es eigentlich nicht, sondern drei Stra\u00dfen, die miteinander durch weitere Stra\u00dfen verbunden waren. Der Transport des Porzellans \u00fcber den Landweg ist belegt durch \u2013 Darstellungen des Transport von Porzellan auf Porzellan! Der Seeweg f\u00fchrte \u00fcber das S\u00fcdchinesische Meer und den Indischen Ozean, an Sri Lanka vorbei, und durch den Golf von Aden ins Rote Meer nach Kairo, dann \u00fcber den Nil nach Alexandria, und von dort durch das Mittelmeer nach Istanbul und nach Europa. Man wundert sich, das \u00fcberhaupt etwas seinen Empf\u00e4nger erreicht hat und auch noch heil geblieben ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Ausstellung meistens gro\u00dfe Exponate, Kr\u00fcge und Sch\u00fcsseln, meist blau-wei\u00df, einige gr\u00fcn, die meisten aus der Ming-Zeit, einige aus der Yuan-Zeit. Einige Kr\u00fcge haben bronzene Verzierungen mit islamischen Motiven, und es gibt auch eine Sch\u00fcssel mit Inschrift in arabischer Schrift. Das waren Auftragsarbeiten oder Geschenke.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In dem gegen\u00fcberliegenden Geb\u00e4udetrakt die Silberausstellung mit vielen gro\u00dfen, eher beeindruckenden als sch\u00f6nen St\u00fccken. Reizvoll die in unglaublicher Detailarbeit erstellten Modelle von Sehensw\u00fcrdigkeiten, darunter der Obelisk des Hippodroms und der Brunnen, den ich auf dem Vorplatz gesehen habe. \u201eWiedersehen macht Freude\u201c stimmt hier in einem ganz eigenen Sinn. Auf dem Brunnen steht 1318, aber die fr\u00fchesten Exponate stammen aus dem 16. Jahrhundert. Die Erkl\u00e4rung: islamische Zeitrechung &#8211; 1318 entspricht 1900.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Durch ein weiteres Tor geht es in einen weiteren Innenhof und zu einem Ensemble von Geb\u00e4uden, zu denen die ehemaligen Privatgem\u00e4cher des Sultans geh\u00f6ren. Hier sind jetzt Reliquien ausgestellt, u.a. solche, die nach der vom Sultan veranlassten Renovierung der Heiligt\u00fcmer aus Mekka hierher gebracht wurden. Im \u201eTaschentuchraum\u201c, einem \u00fcberkuppelten Raum mit Fliesen aller Art und Farben, sieht man die Schwerter Davids und Omars, den Turban Josephs (irgendwie stellt man sich Joseph nicht als Turbantr\u00e4ger vor), die Kappe eines Begleiters des Propheten, den Kochtopf Abrahams sowie die \u201eT\u00fcr der Reue\u201c der Kaaba, verschiedene Schl\u00fcssel zur Kaaba (die wie Schraubschl\u00fcssel aussehen) und Regenrinnen, gro\u00dfe, vierkantige Regenrinnen aus Holz, vergoldet und verziert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vom n\u00e4chsten Raum sieht man durch eine Glasscheibe in den Thronsaal, in dem, in einer goldenen Truhe, der Umhang des Propheten aufbewahrt wird und au\u00dferdem Schwert und Bogen und Fahne des Propheten. In diesem Raum wird, wie seit ewigen Zeiten, ununterbrochen der Koran gelesen, heute von einem in einer abgeschlossenen Glaskabine sitzenden b\u00e4rtigen Muslim in religi\u00f6sem Gewand, mikrophonverst\u00e4rkt, um die Horden t\u00fcrkischer Kinder zu \u00fcbert\u00f6nen, die im Gegensatz zu den westlichen Besuchern die Aufforderung, in diesen heiligen Hallen Stillschweigen zu bewahren, einfach ignorieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Raum selbst in einer Vitrine verschiedene Reliquienschreine, mit dem Haar des Propheten in einem silbernen Schrein, einem Zahn des Propheten in einem vergoldeten und edelsteinbesetzten Schrein, ein von einer vergoldeten Metallplatte umfasster Fu\u00dfabdruck des Propheten (mindestens Schuhgr\u00f6\u00dfe 48!) und \u2013 H\u00f6hepunkt einer jeden Reise nach Istanbul \u2013 das Barthaar des Propheten, auf einem kleinen Silberst\u00e4nder und einem roten Samtkissen in einer gl\u00e4sernen Fiale. Man muss wegen der doppelten Verglasung schon genau hinsehen, um in den vollen Genuss zu kommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es weiter zur Portraitgalerie. Hier gibt es einen Stammbaum mit Miniaturportraits aller Sultane sowie Einzelportraits. Die \u00e4lteren Portraits zeigen die B\u00fcste des Sultans und zeigen den Sultan im Profil, die sp\u00e4teren ganz und sitzend, und die noch sp\u00e4teren stehend und den Betrachter ansehend. Alle haben einen Turban und einen Bart. Besonders sch\u00f6n das Portrait des Sultans Selim III. Er ist dickb\u00e4uchig, sitzt, an ein Kissen gelehnt, auf einem niedrigen Polster und h\u00e4lt einen Rosenkranz in der Hand.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier gibt es auch ein paar allgemeine Informationen: Das Osmanische Reich wurde 1299 gegr\u00fcndet und erlebte 36 Sultane bis 1922. Zur Zeit der gr\u00f6\u00dften Ausdehnung erstreckte es sich von Ungarn bis zum Jemen und von Nordafrika bis zum Iran. Bursa, Izmit und Edirne waren Hauptstadt, bevor Istanbul es wurde. Der Topkapi-Palast wurde 1478 fertiggestellt und sp\u00e4ter (ab XIX) vom Palast am Bosporus abgel\u00f6st.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Drau\u00dfen eine primitive Sonnenuhr aus der R\u00f6merzeit (IV), nur ein eingeschnittenes Steinbecken, ohne Zeiger, ohne Markierungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Durch ein Tor geht es in einen weiteren Innenhof. Von dort hat man von der Terrasse einen Blick hinunter aufs Meer. V\u00f6llig unbeachtet steht in einer Ecke ein steinerner Thron, von dem aus der Sultan die Sportwettbewerbe verfolgte. Die vergoldete R\u00fcckenlehne hat Inschriften in Gold auf Blau, die die sportlichen Leistungen des Sultans preisen, z.B. im Holzkn\u00fcppelweitwurf aus fahrendem Wagen: 120 m!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ganz in der N\u00e4he der Turm des Arztes. Hier wurde die Medizin f\u00fcr den Sultan gemischt, aus Kr\u00e4utern aus dem angrenzenden Kr\u00e4utergarten. Urspr\u00fcnglich waren alle Mediziner Juden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann zur\u00fcck in den zweiten Innenhof. Hier befindet sich, gegen\u00fcber der K\u00fcche, der Diwan, eine Art Regierungssitz, in dem viermal pro Woche unter der Leitung des Gro\u00dfwesirs, aber ohne Teilnahme des Sultans, eine Versammlung stattfand. In dem \u00fcberkuppelten Raum steht tats\u00e4chlich ein Diwan, eine Art gepolsterter Sitzbank, von der dann das Wort auf das Geb\u00e4ude und dann auf die dort tagende Versammlung \u00fcberging. Im Zentrum sa\u00df der Gro\u00dfwesir, neben ihm die Wesire, daneben die Schreiber, und daneben die Heerf\u00fchrer von Anatolien und Thrakien. Hier ist alles voller Symbole: Die Kuppel, die Kugel, die von der Decke h\u00e4ngt, die Kette, an der die Kugel h\u00e4ngt usw. Hinter dem Diwan ein Gitterfenster, hinter dem der Sultan mith\u00f6ren konnte, ohne dass man wusste, ob er es tat. Sobald der Vorhang zugezogen wurde, war die Versammlung beendet, und der Gro\u00dfwesir musste Bericht erstatten. Dieser Vorhang wurde von Atat\u00fcrk endg\u00fcltig beseitigt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich verzichte auf\u00a0 Harem und Schatzkammer und mache mich auf den R\u00fcckweg, um mir statt dessen Hagia Irene anzusehen. Vor der einzigen T\u00fcr, die von hier aus zu sehen ist, h\u00e4ngt ein schwerer Riegel. Daneben vor einer kleineren T\u00fcr ebenfalls. Der Eingang muss wohl woanders sein. Ich mache mich auf den Weg und komme au\u00dferhalb des Palasts auf eine kleine steile Gasse, die auf der einen Seite von den hohen Palastmauern begrenzt ist. Auf einer Terrasse liegt erh\u00f6ht das Cafe Turing, und statt reinzugehen und das sch\u00f6ne Wetter zu genie\u00dfen, sage ich mir: Hier musst du das n\u00e4chste Mal hingehen. Am Ende der Gasse geht es rechts und jetzt kommt die Kirche wieder in Sicht. Immer noch kein Eingang weit und breit, und irgendwann komme ich wieder an die Stelle, von der ich ausgegangen bin. Jetzt muss ich einfach fragen und bekomme auch in einem Wort die Erkl\u00e4rung f\u00fcr meine vergebliche Liebesm\u00fch: Renovation. Eine kleine Tafel an der Kirche h\u00e4tte es auch getan.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Statt weiterer Besichtigungen beschlie\u00dfe ich, wieder zum dem kleinen Cafe von gestern Abend zu gehen, das praktischerweise auch gleich auf dem Weg zum Gro\u00dfen Basar liegt. Diesmal gibt es Kaffee und Kuchen, und zum Nachtisch einen t\u00fcrkischen Kaffee auf Kosten des Hauses. Der hat es in sich. Gl\u00fccklicherweise habe ich noch ein paar Kuchenreste, mit denen ich den Effekt abmildern kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es zum Gro\u00dfen Basar, der nur ein paar hundert Meter weiter ist. Der wird drau\u00dfen sogar auf English in gro\u00dfen Lettern angek\u00fcndigt: <em>Grand<\/em> <em>Bazar<\/em>. Das beantwortet auch meine Frage, ob es <em>Big Bazar<\/em> oder <em>Great<\/em> <em>Bazar<\/em> hei\u00dft. Man betritt ihn durch ein geschm\u00fccktes Eingangstor, aber dort nimmt mich gleich ein Schlepper in Empfang, ohne Umwege auf Deutsch, und er entlockt mir, dass ich aus K\u00f6ln stamme: \u201eK\u00f6ln, das ist doch meine Stadt! K\u00f6ln, M\u00fclheim, Aachen&#8230;\u201c Na ja. Eine Zeitlang gelingt es mir, ihn mit meiner Fangfrage abzulenken: Be\u015fikta\u015f, Galatasaray oder Fenerbah\u00e7e? Be\u015fikta\u015f. Er strahlt vor Freude, als ich ihm sage, meine Freundin hier in Istanbul sei auch f\u00fcr Be\u015fikta\u015f. Ich finde sogar zum ersten Mal eine Art soziologischer Begr\u00fcndung: Be\u015fikta\u015f ist gut, weil es f\u00fcr normale Menschen ist, Fenerbah\u00e7e schlecht, weil kapitalistisch, Galatasaray geht so. Das Ablenkungsman\u00f6ver h\u00e4lt aber nicht lange, und jetzt kommt die unumg\u00e4ngliche Einladung zum Tee. Ich habe ihm aber vorher schon ganz klar gesagt: \u201eKein Geld, keine Kreditkarte.\u201c Dann komm dasselbe Lied wie immer: Um Geld gehe es doch gar nicht, um Freundschaft, ein altes t\u00fcrkisches Sprichwort hei\u00dfe \u201eEine Tasse Tee, vierzig Jahre Freundschaft.\u201c Er merkt dann aber, dass er sich an mir die Z\u00e4hne ausbei\u00dft und sucht sich ein neues Opfer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Basar ist eine dichte Ansammlung von Gesch\u00e4ften aller Art, nur unterbrochen von dem einen oder anderen Caf\u00e9, nichts anderes als eine Shopping Mall der Vormoderne, ein CentrO mit Geschichte. Die Gesch\u00e4fte sind alle klein und nutzen jeden Quadratmeter, manchmal auch jeden Quadratzentimeter zur Ausstellung der Ware. Gesch\u00e4fte desselben Typs folgen einander: ein Juweliergesch\u00e4ft nach dem anderen, ein Teppichgesch\u00e4ft nach dem anderen, eine Textilgesch\u00e4ft nach dem anderen. Man verliert zwar trotzdem schnell die Orientierung, aber der Plan ist recht regelm\u00e4\u00dfig, und man findet immer wieder problemlos hinaus. Urspr\u00fcnglich entstanden ist der Basar um das zentrale <em>bedesten<\/em> herum, einer \u00fcberw\u00f6lbten, verschlie\u00dfbaren Verkaufshalle, um die sich herum wieder andere Buden, L\u00e4den und Handwerksbetriebe ansiedelten, die im Laufe der Zeit fest verbunden und \u00fcberdacht wurden und zu einem neuen Teil des Basars wurden. Das Erstaunliche: Die Geschichte wiederholt sich. Was findet man heute rund um den Basar? Buden, L\u00e4den, Verkaufsst\u00e4nde \u2013 als g\u00e4be es nicht schon genug davon. Man hat sogar den Eindruck, dass die mehr zu tun haben. Sie haben billigere Ware und auch viel mehr einheimische K\u00e4ufer. Drinnen herrscht zwar Betrieb, aber man fragt sich doch, wer das alles kaufen soll. Man wird zwar an jeder Ecke angesprochen, aber es gibt auch viele Ladenbesitzer, die in aller Ruhe Zeitung lesend und Tee trinkend herumsitzen und der Kunden harren, die da kommen werden \u2013 oder auch nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Laut einer Zeitungsnotiz hat ein t\u00fcrkischer Minister gesagt, die Deutschen seien zwar brave Touristen, aber lie\u00dfen nicht genug Geld im Land. Ich entschlie\u00dfe mich, ihn L\u00fcgen zu strafen. Zuerst kaufe ich ein T-Shirt mit dem Aufdruck \u201eIstanbul\u201c. Da ich im Basar bin, glaube ich, feilschen zu m\u00fcssen. Das wird ein grandioser Reinfall. Er sagt 10, ich sage 8 und hoffe, dass er 9 sagt. Tut er aber nicht. Er sagt 10 und bleibt bei 10. Ich druckse ein bisschen herum in der Hoffnung, dass er nachgibt, aber er bleibt bei 10. Dann sagt er, das sei ohnehin schon reduziert: \u201eNormally 15.\u201c Bei so viel Chuzpe muss ich mich geschlagen geben. Als ich mich umdrehe, um das Geld aus dem Portemonnaie zu holen, lacht er. Das wirkt wohl wie eine unn\u00f6tige Vorsichtsma\u00dfnahme. Man zieht zwar die Leute \u00fcber den Leisten, aber man klaut nicht. Dann f\u00e4llt mir ein, dass ich ihn nach dem Weg zu einem anderen Teil des Basars fragen kann. Dazu hole ich den Reisef\u00fchrer heraus. Das findet er umwerfend komisch: \u201eHa, ha, catalogue!\u201c. Auf so was k\u00f6nnen wohl nur die bekloppten Touristen kommen. Mit seiner Hilfe komme ich zu einem kleinen, offenen, park\u00e4hnlichen Platz am Rande einer Moschee, um den herum sich die St\u00e4nde f\u00fcr gebrauchte B\u00fccher gruppieren. Hier herrscht eine ganz andere, irgendwie nichtkommerzielle Atmosph\u00e4re. Im Zentrum des Platzes die B\u00fcste eines Mannes mit Turban. Es handelt sich um einen Ungarn, der Gefangener der T\u00fcrken wurde, zum Islam konvertierte und die Druckerkunst in der T\u00fcrkei einf\u00fchrte. Er sieht sehr orientalisch aus und schaut herausfordernd, fast grimmig in die Gegend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann gehe ich wieder in den Basar und kaufe eine Schachtel <em>Turkish Delight<\/em> mit drei Geschmacksvariationen. Ich bekomme eine zum Probieren, ausgerechnet mit Pistazien, aber zu meiner \u00dcberraschung schmeckt sie mir. Dann gehe ich zu den Verkaufst\u00e4nden au\u00dferhalb des Basars und mache noch einen Versuch zu feilschen. Ein G\u00fcrtel kostet 10 Lira, und als ich handeln will, bietet man mir drei f\u00fcr 25 an. Ich kann ihn wirklich auf 23 herunterhandeln und nehme daf\u00fcr in Kauf, mehr G\u00fcrtel zu bekommen als ich brauche. Ich bezahle mit einem 50er, und sofort geht, wie jedes Mal, wenn man es nicht passend hat, die langwierige Suche nach Wechselgeld los. Das ist wie ein Ritual. Erst sieht man in die Kasse, dann durchkramt man seine Taschen, dann das eigene Portemonnaie und schlie\u00dflich landet man beim Nachbarn. Als der Mann mir mit tieftraurigem Gesicht mein Wechselgeld gibt, bekomme ich ein schlechtes Gewissen und f\u00fchle mich ganz unwohl bei dem Gedanken, ihn um diese Sch\u00e4bigkeit \u201ebetrogen\u201c zu haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Durch besondere Empfehlung in zwei Reisef\u00fchrern lasse ich mich am Abend noch einmal auf die Divan Yol ein und gehe ins Sultanahmet K\u00f6ftecisi. Hier sollen angeblich mehr Kunden pro Tag bedient werden als in jedem anderen Lokal in der T\u00fcrkei. Das ganze entpuppt sich als eine ganz einfache Angelegenheit, eher eine bessere Pommesbude. Man isst an kleinen Tischen mit Marmorplatten ohne Tischdecken, und die Auswahl ist so knapp, dass alle Speisen bequem viersprachig auf die in Plastik eingeschwei\u00dfte Speisekarte passen. Alkohol gibt es \u00fcberhaupt nicht. Ich trinke Wasser, die meisten Buttermilch. Die wird gleich in dem Plastikbecher serviert, wie man ihn im Supermarkt findet. Die <em>k\u00f6fte<\/em> werden mit <em>meat balls<\/em> \u00fcbersetzt, aber mit einer Frikadelle haben sie wirklich kaum etwas gemeinsam, weder Form noch Geschmack. Es sind kleine, l\u00e4ngliche h\u00f6chstens fingerdicke W\u00fcrste aus Hackfleisch, innen noch fast roh, au\u00dfen fast knusprig. Sie schmecken gut, aber sind mir nicht v\u00f6llig unbekannt. Bei uns bekommt man so etwas in jugoslawischen Restaurants auf einem Grillteller. Kein Wunder, wenn man sich die Ausdehnung des Osmanischen Reichs ansieht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum Nachtisch gibt es <em>Kemalpa\u015fa Tatlisi<\/em>, kleine B\u00e4llchen, wie ich sie jetzt schon mehrmals gegessen habe. Der Geschmack variiert etwas, aber sie sind immer sehr weich und werden mit einer Fl\u00fcssigkeit serviert, in diesem Fall fl\u00fcssigem Honig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alles geht sehr schnell: Viel Zeit zum Aussuchen braucht man nicht, alles wird umgehend serviert, sobald man bestellt hat, und ein Ort zum Verweilen ist es auch nicht. Das erkl\u00e4rt wohl die gro\u00dfe Zahl an Kunden, denn dann Lokal ist zwar gut besetzt aber, zur besten Essenszeit, keineswegs \u00fcberf\u00fcllt. Als ich, um ein paar Photos zu machen, die Divan Yol hinuntergehe, sto\u00dfe ich auf noch ein Lokal, das hei\u00dft Sultanahmet K\u00f6ftecisi hei\u00dft. Bin ich etwa im falschen gewesen? Erleichtert stelle ich fest, dass es doch das richtige war, nur an der Hausnummer des Lokals im Reisef\u00fchrer zu erkennen. Das zweite ist gr\u00f6\u00dfer und leerer und die Speisekarte fast eine Kopie des ersten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Aufzug des Hotels steht \u201eLobi\u201c, auf einer Speisekarte \u201eHerzlich Wilcommen\u201c, und auf einem Plakat \u201eNightclup\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Freitag, 8. April<\/h3>\n<p>Heute doch zum ersten Mal Hotelg\u00e4ste wiedergesehen, ein sehr langsames Schweizer Ehepaar, bei der die Frau dem Mann den Teller fertig macht, wie zu Hause.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich fahre zum Galataturm in der Neustadt, mit der Stra\u00dfenbahn in umgekehrter Richtung. Laut Plan m\u00fcsste sie zum anderen Ufer durchfahren, aber eine Station davor, in Emin\u00f6n\u00fc, steigen pl\u00f6tzlich alle aus. Man muss umsteigen, aber das ist problemlos, und in Emin\u00f6n\u00fc umzusteigen, lohnt sich schon des Namens wegen. Schwieriger wird es auf der anderen Seite, denn ich bleibe zu lange in der Stra\u00dfenbahn, in der Hoffnung, sie werde den Berg zum Galataturm hochfahren. Den Gefallen tut sich mir aber nicht, sondern rauscht unaufhaltsam weiter. Ich muss zur\u00fcck, bin aber direkt am Meer und riskiere einen Blick, da ich eine Kamera dabei habe. Aber es ist ziemlich diesig, und die Aussicht auf Hochh\u00e4user, Ladekr\u00e4ne, Frachtschiffe ist auch nicht so toll. Ich fahre zur\u00fcck und gehe zu Fu\u00df durch das ziemlich heruntergekommene Viertel zum Galataturm rauf. Es geht an allen m\u00f6glichen kleinen Werkst\u00e4tten vorbei, die in Wohnh\u00e4usern untergebracht sind. Irgendwo sehe ich SKF, eine Firma, f\u00fcr die ich in einem anderen Leben mal Englischunterricht gegeben habe, mit dem Ergebnis, dass ich bis heute noch das englische Wort f\u00fcr \u201eKugellager\u201c kenne. Sehr n\u00fctzlich f\u00fcr den Alltag.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Turm stammt aus der Befestigung der Genuesen, die diesen Teil Istanbuls beherrschten und hier Handel trieben. Er diente dann lange als\u00a0 Aussichtsturm zur Feuerwarnung und wurde dann in einen Aussichtsturm f\u00fcr Touristen umgewandelt. Es ist ein m\u00e4chtiger, praktisch schmuckloser Rundbau aus grauen Steinquadern, an den an der einen Seite die Wohnh\u00e4user bis auf kurze Distanz heranreichen. Auf der anderen Seite ist ein kleiner Platz. Nur aus der Distanz sieht man, dass der Turm oben drei weitere Geschosse hat, die sich wie nach oben kleiner werdende Rettungsringe um ihn legen. Das nimmt dem Turm in der Distanz die Schwere.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Drinnen riecht es muffig, und es herrscht auch eine etwas muffige Atmosph\u00e4re. Die Fahrt mit dem Aufzug kostet immerhin 8 Lira. Statt auf den Knopf f\u00fcr die Fahrt nach oben dr\u00fccke ich auf den Knopf f\u00fcrs Telephon, und sofort ert\u00f6nt ein schrilles, ohrenbet\u00e4ubendes Signal. Davon nimmt aber keiner Notiz, und von dem Schrecken, den ich mir selbst eingejagt habe, sowieso nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oben befinden sich ein Restaurant, ein Nachtklub und die Aussichtsplattform. Der viel ger\u00fchmte Ausblick ist durch das diesige Wetter, aber auch durch den Blick auf das heruntergekommene Viertel arg getr\u00fcbt: graue Stra\u00dfen, kaputte D\u00e4cher, Dachterrassen, die als Abstellkammer benutzt werden oder sonst durch Wasserkanister, K\u00fchlaggregate und Satellitensch\u00fcsseln gl\u00e4nzen. Blumen oder Pflanzen als Schmuck gibt es nirgendwo, und der einziges Stuhl, der irgendwo steht, ist kaputt. Lange h\u00e4lt es mich nicht. Immerhin kann ich jetzt ein paar wichtige Stadtteile erkennen und wei\u00df, wo Europa und Asien sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Fahrstuhl kommt mit einem verd\u00e4chtigen, sich in regelm\u00e4\u00dfigen Intervallen wiederholenden Ger\u00e4usch, immer langsamer werdend, nach oben, und ich sehe mich nach Alternativen um, aber es gibt keine. Die Treppe ist gesperrt. Der Aufzug schafft es dann aber bis unten, wenn auch st\u00f6hnend und kr\u00e4chzend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nachher trinke ich einen Tee in einem sch\u00f6nen Caf\u00e9 auf dem Platz neben dem Turm und sehe mir den sch\u00f6nen Brunnen aus der Tulpenzeit an. Ein kleiner Schuhputzer kommt auf mich zu und spricht mich in erstaunlich gutem Englisch an, und ich leiste mir, was ich mir in f\u00fcnf Jahren Madrid immer wieder verkniffen habe: Ich lasse mir \u00f6ffentlich die Schuhe putzen. Auf einen festen Preis will sich der Junge nicht einlassen. Er tr\u00e4gt viel Schuhcreme auf, b\u00fcrstet aber nur ganz wenig, und tr\u00e4gt dann noch eine Art Vaseline auf, diesmal mit der Hand. Dann geht er noch kurz mit dem Lappen dar\u00fcber, und ich stelle verbl\u00fcfft fest, dass die Schuhe blitzsauber sind. W\u00e4hrend der Arbeit frage ihn, warum er so gut Englisch spricht, und er sagt: \u201eGood school\u201c. Ich verkneife mir die Frage, warum er denn jetzt nicht in der Schule ist, wenn die so gut ist. Er ist unheimlich geschickt und verwickelt mich sofort in ein Gespr\u00e4ch und gibt auch das deutsche Wort <em>Schuhputzer<\/em> zum besten. Dann kommt ein weiterer Junge dazu, der als ein Cousin vorgestellt wird und die Frage des Bezahlens anspricht. Sie tuscheln miteinander, aber ich lasse mich auf gar nichts ein. Ob sie mir auf \u00fcblerer Weise als sonst ans Geld wollen? Jedenfalls gebe ich ihnen gar keine Gelegenheit. Ich drehe mich um, hole eine Lira aus dem Portemonnaie, den Preis, den ich vorher genannt hatte, und mache mich auf den Weg. Der Junge ist zufrieden, bietet sich aber als <em>your friend<\/em> an. Jetzt bin ich fast besch\u00e4mt \u00fcber mein Misstrauen. Einen Moment \u00fcberlege ich, dass man so einen cleveren Jungen als F\u00fchrer und Dolmetscher f\u00fcr den ganzen Tag buchen sollte, aber dann ist es zu sp\u00e4t und er hat schon einen neuen Kunden. Schade, denke ich, als ich nach halbst\u00fcndiger Suche nach meinem neuen Ziel, T\u00fcnel, wieder genau da anlange, wo ich losgegangen bin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im zweiten Anlauf klappt es dann aber. Zuerst sehe ich mir das ehemalige Kloster der Derwische an. Hier zahlen Ausl\u00e4nder doppelt. Das Kloster wurde von einem Wesir auf eigenem Grund und Boden gegr\u00fcndet (XV). Der eigentliche Gr\u00fcnder des Ordens, R\u016dmi, war Wissenschaftler und Dichter und erlangte besondere Bekanntheit durch seine Gedichte \u00fcber seinen ermordeten Rivalen \u015eems.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Zentrum des Raumes eine achteckige, gebohnerte Tanzfl\u00e4che unter einer sch\u00f6nen bemalten Holzdecke. Von oben kann man von einer Loge oder durch Gitterfenster zusehen. Unten in den Vitrinen sind Musikinstrumente ausgestellt: Fl\u00f6ten mit wenigen L\u00f6chern, die von der Seite gespielt werden, Trommeln aller Art, Lauten mit wenigen Saiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf dem Friedhof flache wei\u00dfe Stelen aus Marmor mit\u00a0 Abschl\u00fcssen in Form von H\u00fcten oder dem, was so aussieht, wie ein Fez, wie ein Turban, wie eine Soldatenkappe, wie man sie aus der Napoleonischen Armee kennt. Das l\u00e4sst die Stelen wie M\u00e4nnchen aussehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann nach T\u00fcnel, der ersten Haltestelle der alten Stra\u00dfenbahn. Hier bekommt\u00a0 man sogar eine \u201erichtige\u00a0 Fahrkarte. Die Stra\u00dfenbahn hat nur einen Wagen mit zw\u00f6lf Sitzpl\u00e4tzen, von denen ich einen ergattere. Die restlichen Fahrg\u00e4ste stehen auf einer zus\u00e4tzlichen Plattform. Der Wagen hat Holzpaneele, Ledergriffe, vergoldete T\u00fcrgriffe und eine vorsintflutliche Bimmel. Gelenkt wird mit einem schwarzen Steuerrad aus Gusseisen und einer Kurbel. Dann geht es ratternd und schwankend und mit offener T\u00fcr die Haupteinkaufsstra\u00dfe runter. Nostalgie pur, aber auch ein Zeichen f\u00fcr die Modernit\u00e4t des alten Osmanischen Reichs, das in Westeuropa nur noch als der \u201ekranke Mann vom Bosporus\u201c galt. Die Endstation ist Taksim, das Zentrum der Altstadt, ein wenig ansehnlicher, gro\u00dfer, un\u00fcbersichtlicher Platz mit einem Geb\u00e4ude, das wie das Staatsratsgeb\u00e4ude der DDR aussieht und \u00fcberhaupt einen sozialistischen Anstrich hat. Im Zentrum ein Denkmal f\u00fcr Atat\u00fcrk, der in der Inschrift nur \u201eMustafa Kemal\u201c genannt wird. An der einen Seite zieht er mit Soldaten und Zivilisten in den Krieg, auf der anderen f\u00fchrt er die Politiker der neuen T\u00fcrkischen Republik an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf der Einkaufsstra\u00dfe gibt es Benetton und Gloria Jeans, moderne Technologie und Hip Hopp. Nirgendwo ist Istanbul westlicher. Irgendwo ist sogar ein Sex Shop, aber diskret annonciert und im dritten Stock.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In all den Tagen ist mir aufgefallen, wie gut die Versorgung mit \u00f6ffentlichen Toiletten ist. An jedem Platz ist eine, und sie sind au\u00dferdem sogar sauber. Jetzt, wo ich eine brauche, ist nat\u00fcrlich keine zu finden. Abhilfe bieten die Lokale, die es hier zu Dutzenden gibt. Die Auslagen der Speisen in den Schaufenstern sind vom feinsten. Man wei\u00df zwar nicht, was es ist und wie es hei\u00dft, aber alles sieht so verlockend aus, das man am liebsten \u00fcberall reingehen w\u00fcrde. Aber wie soll man bestellen? Bef\u00fcrchtung unberechtigt. Man bestellt an der Theke und der Koch erkl\u00e4rt, was was ist. Zum Bestellen zeigt man drauf. Drinnen ist es zwar nicht viel anders als bei McDonalds, aber das Essen ist besser.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Praktischerweise f\u00e4hrt von Taksim aus die Metro, eine ganz moderne. Ich kaufe den obligatorischen Jeton f\u00fcr 1100 Lira und gehe zielstrebig hinunter. Leider habe ich mich \u00fcberhaupt nicht um die Richtung gek\u00fcmmert, und von den Stationen auf den Tafeln kommt mir keine einzige auch nur ann\u00e4hernd bekannt vor. Diese Metro f\u00e4hrt in den Norden Istanbuls und ist f\u00fcr meine Belange v\u00f6llig uninteressant. Oben fahren aber Busse ab, und davon f\u00e4hrt einer direkt nach Sultanahmet. Am Ende stellt sich heraus, dass es fast genau die Strecke von der teuren Stadtrundfahrt am Sonntag ist. Trotz des vielbeschworenen schrecklichen Verkehrs sind wir in einer halben Stunde da.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Nachmittag gehe ich noch mal zum Basar, um Photos zu machen. Sofort werde ich von einem gutgekleideten Hamburger angesprochen, der mich, nat\u00fcrlich ohne sich zu erinnern, gestern schon angesprochen hat. Als er sieht, dass nichts zu holen ist, bietet er an, ein Photo von mir zu machen. Ich nehme an. Das l\u00e4sst er sich dann in Form einer Schachtel Marlboro bezahlen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2><span style=\"text-decoration: underline;\">Samstag, 9. April<\/span><\/h2>\n<p>Um sechs Uhr morgens stehe ich Gewehr bei Fu\u00df in der Halle de Hotels\u00a0 und warte auf den Shuttlebus zum Flughafen. Der kommt auch bald. Als wir schon auf dem Zubringer zum Flughafen sind, kommt ein Anruf per Handy: Wir haben jemanden vergessen. Die anderen Fahrg\u00e4ste, lauter Amerikaner, sind nicht angetan: Sie haben fr\u00fchere Abflugzeiten. Ich habe den sp\u00e4testen Flug.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es geht zur\u00fcck durch schmale Gassen mit Kopfsteinpflaster zu dem vergessenen Hotel. Immer wieder m\u00fcssen wir dem M\u00fcllwagen ausweichen oder Platz machen. Der vergessene Fahrgast wird geholt, noch ein Ami, und es geht wieder zum Flughafen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da ist um diese Zeit schon der Teufel los. Bevor man \u00fcberhaupt in die Halle selbst kommt, wird man schon durchleuchtet. Es gibt lange Schlagen, und es geht alles sehr, sehr langsam. Als ich dran bin, muss ich noch mal durch, ich habe vergessen, den G\u00fcrtel abzulegen. Ich nehme mir vor, demn\u00e4chst ohne G\u00fcrtel zu reisen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es zum Einschecken. Ich bin sofort dran, aber es dauert verd\u00e4chtig lange. Schlie\u00dflich sagt mir die junge Frau, die offensichtlich noch eingearbeitet wird und eine \u00e4ltere Kollegin hinter sich hat, es sei alles klar, ich sei auf der Liste, aber sie k\u00f6nne mir keinen Platz reservieren. Dann reden wir eine Zeitlang aneinander vorbei, bis sich herausstellt, dass sie nicht Istanbul, sondern Paris meint. Dort m\u00fcsse ich erst zum Luxair-Schalter gehen und einchecken. Das Gep\u00e4ck ginge aber gleich nach Luxemburg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kommt die Passkontrolle. Auch hier lange Schlangen, und auch hier dauert es lange. Jeder Name wird einzeln eingegeben. Ich habe sogar Zeit, die Kabinen zu z\u00e4hlen. 30! Und obwohl sie fast alle besetzt sind, sind die Schlagen so lang.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich durchbin, will ich, da es im Hotel keinen gab, einen Kaffee trinken, muss aber feststellen, dass das Geld nicht reicht. Egal. Gleich ist es sowieso soweit. Der Flug wird auch bald aufgerufen, aber statt einzusteigen, werden wir erst einmal wieder durchleuchtet, nur mit dem Unterschied, dass es diesmal noch etwas strenger ist: Diesmal muss der G\u00fcrtel ab und raus, damit er getrennt von der Tasche und die Tasche getrennt von ihm durchleuchtet werden kann. Noch schlimmer geht es dem Mann nach mir. Bei ihm klappt es erst im vierten Anlauf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diesmal ist das Flugzeug bis auf den letzten Platz besetzt. Wir haben leichte Versp\u00e4tung, um 9.15 geht es los. Ich sitze neben zwei schlecht gelaunten T\u00fcrkinnen, die sich mit der nicht viel besser gelaunten Stewardess anlegen und nicht aufstehen, als ich zum WC muss, und nat\u00fcrlich auch nicht, als ich zur\u00fcckkomme.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann gibt es endlich etwas zu essen. Ich bin inzwischen seit viereinhalb Stunden auf, und freue mich, etwas in den Magen zu bekommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Zeitung lese ich, dass es zuhause regnet und die Temperaturen bei 6\u00b0 liegen, w\u00e4hrend in Istanbul die Temperaturen genau von diesem Tag an dramatisch steigen. Just my luck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Paris dauert es mit dem Ausstieg, und ich werde langsam nerv\u00f6s. Der Grund: Passkontrolle beim Ausstieg aus dem Flugzeug! Hab ich noch nie erlebt. Ich frage die Stewardess, was ich machen soll, und sie telephoniert und sagt, sie k\u00f6nne von hier aus nichts machen, ich m\u00fcsste das Bodenpersonal fragen. Bodenpersonal? Ja, da vorne, gleich nach dem Ausstieg.\u00a0 Genauer geht\u2019s nicht. Sobald ich durch bin, laufe ich los, komme in die Halle und suche verzweifelt nach einem Schalter von Luxair oder wenigstens Air France. Schlie\u00dflich finde ich einen. Wunderbar, das sitzt einer und hat nichts zu tun. Ich will gleich in seine Richtung st\u00fcrzen, muss aber erst an dem Band entlang laufen, das sonst die Schlange regelt. Er sieht sich die Sache an und meint, ich m\u00fcsste \u201eda vorne\u201c raus. Was genau \u201eda vorne\u201c bedeutet, wei\u00df ich nicht, und auch nicht, warum ich \u201eraus\u201c soll, aber es bleibt keine Zeit f\u00fcr Spekulationen. Muss wohl die Passkontrolle sein. Vor mir werden gerade ein paar spanische Passagiere, die auch aus Istanbul kommen, von dem Beamten in r\u00fcdem Ton an einen anderen Schalter geschickt. Ich versuche es trotzdem, denn erstens will ich ja nach Luxemburg und zweitens bin ich ja hierher geschickt worden. Der Mann schimpft und schreit und w\u00fctet, wie oft er das denn noch sagen solle, Istanbul sei nicht hier. Also renne ich nach rechts, kann aber nirgendwo \u201eIstanbul\u201c finden. Irgendwann sehe ich wieder einen Air France Schalter. Die junge Frau zeigt auf die Passkontrolle, von der ich gerade zur\u00fcckgewiesen worden bin. Sie begleitet mich, legt die Papiere vor, zuf\u00e4llig an dem zweiten Schalter. Dort sitzt eine Frau und l\u00e4sst mich umstandslos durch. Ich nehme meine Sachen, laufe los und sage dem Mann ziemlich offen, was ich von ihm halte. Da kommt er aus seiner Kabine, b\u00e4umt sich vor mir auf und beschimpft mich w\u00fctend. Ich wei\u00df noch nicht einmal, wo der Ausgang ist, denn vor mir befinden sich nur Laufb\u00e4nder und eine Sperre. Am Rand sehe ich dann wieder einen Schalter. Der Mann dort beruhigt mich, sagt mir, zu welchem Schalter ich m\u00fcsse, und dass noch Zeit genug bleibt. Ich laufe los und fluche auf die schwere Tasche und den Laptop. In der Hektik habe ich vergessen, welchen Schalter der Mann genannt hat. Ich wei\u00df aber, dass Terminal D richtig ist, und da bin ich inzwischen. Viele Schalter in D sind unten, also versuche ich es dort. Warum ausgerechnet jetzt die Rolltreppe nicht funktioniert, wei\u00df der Teufel. Unten gibt es eine lange Schlange zum Durchleuchten. Da muss ich hin, denn da ist ein Schild mit der Flugnummer. Aber ich muss doch erst einchecken! Da hier unten nirgendwo Luxemburg zu sehen ist, versuche ich es oben, dann wieder unten und werde nach oben geschickt: D 23. Ja, das war auch das, was der Mann gesagt hat. Als ich ankomme, sagt die Frau am Nachbarschalter: \u201eGerade geschlossen.\u201c Ich solle zum Schalter von Air France am anderen Ende der Halle gehen, vielleicht k\u00f6nnten die mir helfen. Ich laufe dorthin, und da ist eine sehr freundliche Dame. Ja, es sei zu sp\u00e4t, aber sie will einen Platz in der n\u00e4chsten Maschine buchen. Dann telephoniert sie, legt auf und sagt \u201eKommen Sie!\u201c, und dann geht es im Laufschritt durch die Hallen. Sie ist wirklich gut, schnell und ausdauernd, und sieht sich zwischendurch immer wieder besorgt nach mir um, um zu sehen, ob ich mithalte. Es geht nach unten, dort, wo ich gerade schon die Schlange vor dem Durchleuchten gesehen habe. Sie mogelt mich an der Schlange vorbei, was bei den anderen Passagieren energische Proteste ausl\u00f6st: \u201eWir sind auch versp\u00e4tet. Hier funktioniert ja nichts.\u201c Im dem Moment bleibt das Laufband stehen. Ein Uniformierter versucht, die Leute zur\u00fcckzudr\u00e4ngen, ohne Erfolg. Er bleibt ganz ruhig und wiederholt immer wieder seine Anweisungen, allerdings nur auf Franz\u00f6sisch. Ich bin inzwischen schwei\u00dfgebadet vor \u00c4rger und Aufregung. Die Frau von Air France ist immer noch neben mir und will mich an die Stewardess \u00fcbergeben, aber es geht nicht weiter. Inzwischen bin ich auch nicht mehr der einzige, der an der Schlange vorbeigeschleust werden soll. Dann geht es endlich weiter. Ich will es besonders schnell machen und mache es besonders schlecht. Dreimal werde ich zur\u00fcckgerufen. Am Ende wei\u00df ich wirklich nicht mehr, warum es immer noch nicht klappt, und die Frau, die Aufsicht f\u00fchrt, r\u00fcgt mich mit strenger Stimme. Dann ist es irgendwann doch so weit, und ich springe in den abfahrbereiten Bus, mit zwei Portemonnaies, Pass, Bordkarte, G\u00fcrtel, Kuli, Tasche und Mantel in der Hand, verschwitzt und alle Umstehenden unterschiedslos anstrahlend. Auf meiner Bordkarte steht noch gar kein Sitz, aber die Stewardess nennt mir einen. Da sitzt nat\u00fcrlich jemand, aber dadurch lasse ich mir die gute Laune nicht mehr verderben. Zum Gl\u00fcck wei\u00df ich noch nicht, was mich bei der Ankunft in Luxemburg erwartet: Mein Gep\u00e4ck ist nicht mitgekommen &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table border=\"1\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"72\" valign=\"top\"><\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">D<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">TR<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"72\" valign=\"top\">\n<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">Glas<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">cam<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"72\" valign=\"top\">\n<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">Moschee<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">c\u00e2mi<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"72\" valign=\"top\">\n<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">Zelt<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">\u00e7ad<strong>\u0131<\/strong>r<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"72\" valign=\"top\">\n<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">Tasche<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">\u00e7ant<strong>a<\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"72\" valign=\"top\">\n<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">Paar<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">\u00e7ift<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"72\" valign=\"top\">\n<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">Brot<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">ekmet<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"72\" valign=\"top\">\n<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">Fleisch<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">et<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"72\" valign=\"top\">\n<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">Haus<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">ev<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"72\" valign=\"top\">\n<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">Regen<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">ya\u011dmus<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"72\" valign=\"top\">\n<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">Fisch<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">balik<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"72\" valign=\"top\">\n<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">ge\u00f6ffnet<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">a\u00e7<strong>i<\/strong>k<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"72\" valign=\"top\">\n<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">Teppich<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">hal<strong>\u0131<\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"72\" valign=\"top\">\n<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">Wasser<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">su<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"72\" valign=\"top\">\n<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">Strasse<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">sok<strong>a<\/strong>k<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"72\" valign=\"top\">\n<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">Schloss<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">saray<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"72\" valign=\"top\">\n<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">Flasche<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">\u015fi\u015f<strong>e<\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"72\" valign=\"top\">\n<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">Wein<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">\u015far<strong>a<\/strong>p<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"72\" valign=\"top\">\n<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">Zucker<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">\u015fek<strong>e<\/strong>r<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"72\" valign=\"top\">\n<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">Schiff<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">vapur<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"72\" valign=\"top\">\n<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">Kasse<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">vezne<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"72\" valign=\"top\">\n<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">Weg<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">yol<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"72\" valign=\"top\">\n<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">Essen<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">yem<strong>e<\/strong>k<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"72\" valign=\"top\">\n<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">sieben<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">yedi<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"72\" valign=\"top\">\n<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">Kette<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">zinc<strong>i<\/strong>r<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"72\" valign=\"top\">\n<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">Zeit<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">zam<strong>a<\/strong>n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"72\" valign=\"top\">\n<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">Olive<\/td>\n<td width=\"174\" valign=\"top\">zeyt<strong>i<\/strong>n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Samstag, 2. April Trotz sattem Zeitbudget am Morgen doch wieder nerv\u00f6s geworden und schon zum erstem Mal durchgeschwitzt, bevor es \u00fcberhaupt losgeht. &nbsp; In Luxemburg am Zubringer zum Flughafen, wo an allen Ecken umgebaut wird &#8211; auch heute, am hochheiligen &hellip; <a href=\"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=1472\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":1155,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1472"}],"collection":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1472"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1472\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1475,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1472\/revisions\/1475"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1155"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1472"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}