{"id":2497,"date":"2012-03-01T10:00:41","date_gmt":"2012-03-01T09:00:41","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=2497"},"modified":"2015-09-21T19:45:47","modified_gmt":"2015-09-21T17:45:47","slug":"malta-2012-2","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=2497","title":{"rendered":"Malta (2012)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">10. Februar (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Malta hat eine eigene Fluglinie. Das ist durchaus der Rede wert, denn Malta ist ein kleines Land. Es hat noch nicht einmal eine halbe Million Einwohner. Das ist so, als ob Bremen eine eigene Fluglinie h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Der Flug dauert fast drei Stunden, etwas l\u00e4nger, als ich gedacht hatte. Die Durchsagen kommen in drei Sprachen, Englisch, Deutsch und Maltesisch, einer mit Italianismen durchsetzten semitischen Sprache. Geschrieben wird Maltesisch, oder Malti, mit lateinischen Buchstaben.<\/p>\n<p>Das Essen an Bord ist sehr bescheiden, sogar im Vergleich zu dem, was man sonst so bekommt in Flugzeugen. Das d\u00e4nische Paar neben mir trifft die weise Entscheidung, das Essen mit Hilfe von Rotwein und Wei\u00dfwein aufzubessern, w\u00e4hrend ich beim Wasser bleibe. Den Rest der Flugzeit verbringen sie damit, laut schmatzend K\u00fcsse auszutauschen, wie Teenager, aber sie haben die Midlifecrisis l\u00e4ngst hinter sich.<\/p>\n<p>Die maltesische Zeitung, <em>The Times<\/em>, ist auch nicht viel besser als das Essen. Die wichtigsten Nachrichten sind die vom Wetter, also von der K\u00e4lte. Von Rekordniedrigtemperaturen ist die Rede, von Temperaturen, die viele Malteser noch nie erlebt haben, und die Aussichten f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage sind alles andere als rosig. Der beste Tag soll ausgerechnet heute sein. Die anderen Urlauber haben sich entweder genauso versch\u00e4tzt wie ich oder nehmen das in Kauf. Das Flugzeug ist jedenfalls rappelvoll.<\/p>\n<p>Als wir in Malta ankommen, f\u00fchlen sich die 12\u00b0, trotz Wind, tats\u00e4chlich sommerlich an nach den eisigen Tagen in Deutschland. Die Sonne scheint, und der Himmel ist blau.<\/p>\n<p>Man braucht die Uhr nicht umzustellen und kein Geld umzutauschen. Malta hat seit 2008 den Euro, obwohl es erst seit 2004 in der EU ist.<\/p>\n<p>Die Fahrt nach Valletta, mit einem ganz normalen, ziemlich modernen Linienbus, kostet 2,20. Das ist nicht teuer, aber auch nicht der Preis eines Billigreiselands.<\/p>\n<p>Im Bus sitzen viele Schwarze: Malteser? Gastarbeiter? Fl\u00fcchtlinge? Malta hat, wie Sizilien, viele Bootsfl\u00fcchtlinge.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wird hier links gefahren. Das Empire l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen. Die Strecke f\u00fchrt durch eine uninteressante Gegend, und so scheint es auch der Busfahrer zu sehen, der so auf die Tube dr\u00fcckt, als wolle er sagen: Nichts wir weg hier. Es ist aber erstaunlich gr\u00fcn. Von der Stein-und Sandw\u00fcste, als die Malta oft beschrieben wird, nichts zu sehen. Aber das liegt vielleicht an der Jahreszeit und dem ungew\u00f6hnlichen Wetter.<\/p>\n<p>Schon vor der Endstation kommen die Ausl\u00e4ufer der m\u00e4chtigen Stadtmauer in Sicht. Das sieht wie Rhodos aus. Kein Wunder, da waren die Johanniter, bevor sie nach Malta kamen. Malta war ihnen von Karl V. angeboten worden, aber sie standen lange nicht darauf, denn Rhodos sollte von den T\u00fcrken zur\u00fcckerobert werden. Schon vorher habe ich bei einem Blick auf einen Kartenausschnitt von Valletta an Rhodos gedacht. Die Altstadt liegt auf einer Landzunge, auf beiden Seiten vom Meer umgeben, mit der Befestigung an der \u00e4u\u00dferen Spitze. Der Kartenausschnitt t\u00e4uscht\u00a0 aber. Rhodos liegt auf der \u00e4u\u00dfersten Spitze der Insel, im Norden, Valletta im Osten, etwa auf mittlerer H\u00f6he.<\/p>\n<p>Der Ausstieg ist an einem palmenbestandenen, runden Platz, gleich vor dem Zugang zur Altstadt von Valletta. Hier ist ziemliches Gedr\u00e4ngel. Eine gro\u00dfe Gruppe von Sch\u00fclern steht auf dem Rand eines Brunnens und springt f\u00fcr das Photo auf Kommando unter fr\u00f6hlichem Geschrei gemeinsam herunter.<\/p>\n<p>In die Altstadt geht es durch das City Gate. Das verbirgt sich aber hinter Bauz\u00e4unen. Eine gro\u00dfangelegte Restaurierung ist im Gange. Ich kann auch die Reste des Opernhauses nicht entdecken. Das ist als einziges Geb\u00e4ude nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut worden. Malta wurde durch italienische und deutsche Bombenangriffe schwer getroffen.<\/p>\n<p>Der erste Eindruck, wenn man hinter das Stadttor kommt, ist: Das ist sch\u00f6n, sehr sch\u00f6n. Der zweite: still, sehr still, vor allem im Vergleich zu dem Treiben vor dem Stadttor. Daf\u00fcr kann es zwei Gr\u00fcnde geben: Mittagszeit (in s\u00fcdl\u00e4ndischer Definition) oder Feiertag. Im Flugzeug habe ich gelesen, dass heute, am 10. Februar, das Patronatsfest Maltas ist, das Fest des Hl. Paulus, genau genommen das Fest Paulus des Schiffbr\u00fcchigen. Der Hl. Paulus ist n\u00e4mlich auf seiner Reise nach Rom als Schiffbr\u00fcchiger in Melite gelandet, und das wird gerne mit Malta gleichgesetzt, vor allem von den Maltesern. Schon wieder eine Parallele zu Rhodos. Ich kann mich erinnern, dass es dort irgendwo eine St. Paul\u2019s Bay gibt, genau wie hier auf Malta, der Ort, an dem der Apostel an Land gekommen ist. Der Unterschied ist der, dass Malta sich dabei auf die Apostelgeschichte berufen kann, in der von dem Schiffbruch die Rede ist.<\/p>\n<p>Das Hotel liegt ganz in der N\u00e4he des Stadttors, gleich in der zweiten Querstra\u00dfe, der South Street. Alle Stra\u00dfennamen sind zweisprachig. Auf dem Weg sehe ich zum ersten Mal etwas, was den ganz besonderen Reiz von Valletta ausmacht: steil abfallende, schnurstracks verlaufene, enge Stra\u00dfen, die auf das Meer zulaufen. Nicht schlecht.<\/p>\n<p>Das Hotel ist unscheinbar von au\u00dfen, eher klein, aber gepflegt und modernisiert und gut in das alte Geb\u00e4ude eingepasst, mit einer kleinen Eingangshalle mit Marmorfu\u00dfb\u00f6den, gro\u00dfen Blument\u00f6pfen und Teppichen.<\/p>\n<p>Kassiert wird hier im Voraus. Und nichts ist im Preis inbegriffen: Fr\u00fchst\u00fcck, Safe, Internetzugang, f\u00fcr alles muss extra bezahlt werden. Das war im teuren Schweden alles inbegriffen. Der freundliche \u00e4ltere Herr an der Rezeption will meine Laune aufbessern, indem er mir mit strahlendem L\u00e4cheln ein Zimmer mit Meerblick ank\u00fcndigt. Wenn man aus dem Fenster sieht, sieht man aber erst einmal gegen eine Wand. Um das Meer zu sehen, muss man sich schon strecken, aber immerhin. Sonst hat das Zimmer alles, was man begehrt, nur mal wieder keinen Schreibtisch und keine vern\u00fcnftige Leselampe, aber die erwarte ich schon l\u00e4ngst nicht mehr.<\/p>\n<p>Wie komme ich zu dem Privileg des Zimmers mit Meerblick? Vielleicht bin ich f\u00fcr Valletta ein Langzeitgast. Die meisten wohnen vermutlich in den klassischeren Touristenorten oder machen eine Rundreise und bleiben nur eine Nacht hier \u2013 oder gar nicht.<\/p>\n<p>Es ist noch fr\u00fch genug, eine erste Erkundung zu machen. Damit hatte ich f\u00fcr heute gar nicht mehr gerechnet. Ich folge der South Street Richtung Mittelachse. Alles ist regelm\u00e4\u00dfig, schachbrettartig angelegt. Sofort fallen die vielen sch\u00f6nen Fassaden und Balkone auf, oft bunt, meistens aus Holz.<\/p>\n<p>Ich gehe ziellos weiter und stehe nach ein paar Minuten unversehens vor der Kathedrale mit ihrer strengen, fast fensterlosen Fassade mit den zwei stumpfen T\u00fcrmen. Rechts sind drei Zifferbl\u00e4tter angebracht, die Stunde, Datum und Wochentag anzeigen. Hoch im Giebel \u00fcber dem Portal ein bronzener Christuskopf, und dar\u00fcber das Malteserkreuz, auch aus Bronze. Der Platz vor der Kathedrale, mit zwei Caf\u00e9s und den weiteren, unmittelbar an die Kirche anschlie\u00dfenden Geb\u00e4uden, ist sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Ich gehe weiter und h\u00f6re irgendwo Musik. H\u00f6rt sich nicht gerade s\u00fcdlich-ausgelassen an. Ich folge den Kl\u00e4ngen und sto\u00dfe auf die Prozession aus Anlass des Paulus-Festes, die mir der Portier so sehr ans Herz gelegt hat. Die Stra\u00dfen sind mit gr\u00fcnen Girlanden und gelb-roten Bannern geschm\u00fcckt, und an verschiedenen Stellen stehen bunte Heiligenfiguren und S\u00e4ulen aus den Kirchen. Die Prozession selbst, die sich durch die engen und steilen Stra\u00dfen bewegt, kann ich nicht sehen. Vermutlich wird die Apostelstatue durch die Stra\u00dfen getragen. Sehen kann man aber die wei\u00dfen Papierstreifen auf dem Boden und das wei\u00dfe Konfetti, das von den Balkonen auf die Prozession hinuntergeworfen wird. Das Konfetti, von der Kamera kaum einzufangen, scheint in der Luft herumzut\u00e4nzeln, von den hellen Sonnenstrahlen beleuchtet.<\/p>\n<p>Hier dr\u00e4ngt sich alles, und ich mache mich in andere Ecken auf. Ich komme an mehreren ehemaligen Pal\u00e4sten vorbei und an unendlich vielen Kirchen. Die Kirchen sind, im Gegensatz zu der Kathedrale, die einen Vorplatz hat, oft kaum zu entdecken, da sie in die engen Gassen eingezw\u00e4ngt sind, manchmal mit kunstvollen konkaven Fassaden. Die Pal\u00e4ste sind meist die ehemaligen Residenzen der einzelnen \u201eZungen\u201c, d.h. der Landsmannschaften, des Johanniterordens oder einzelner Ritter. In einigen von ihnen sind heute Ministerien untergebracht. Die Politik wusste schon immer, wie die Kirche, wo es sich gut lebt.<\/p>\n<p>Ich muss zum Theater und zur Touristeninformation. Es geht um Karten f\u00fcr eine Theaterbesichtigung und um Karten f\u00fcr die Besichtigung des Hypog\u00e4ums in Paola. Aber das Theater ist geschlossen, und die Touristeninformation l\u00e4sst sich noch nicht einmal finden. Also lasse ich mich einfach durch die einsamen Stra\u00dfen treiben und genie\u00dfe Sonne und Stadt. Pl\u00f6tzlich habe ich, als ich um eine Ecke biege, ein spektakul\u00e4res Bild vor mir: Von einer erh\u00f6hten Warte sieht man, der Sonne entgegenblickend, auf die sich entlangschl\u00e4ngelnde Stadtmauer, das blaue Meer, eine Insel und die Ausl\u00e4ufer der gegen\u00fcberliegenden St\u00e4dte hinunter.<\/p>\n<p>Trotz eines Plans vom Hotel muss ich mehrmals nach dem Weg fragen. Mit Englisch kommt man wirklich bestens zurecht. Fast alle sprechen Englisch, wenn auch nicht alle. Aber mit Standardenglisch hat das oft wenig zu tun, nicht nur in der Aussprache. Der Portier des Hotels sagt tats\u00e4chlich, als er mir den Schl\u00fcssel gibt, <em>Please<\/em>,\u00a0 und eine Frau, die mir den Weg zeigt, sagt <em>You have to go to the right<\/em>. Das ist Sch\u00fclerenglisch. Es ist Ergebnis einer cleveren Marketingstrategie, dass Malta sich als \u201eenglischsprachiges\u201c Land verkauft und Englischkurse anbietet.<\/p>\n<p>Je weiter ich mich von der Prozession entferne, umso einsamer wird es. Als ich gedankenverloren eine Stra\u00dfe entlang gehe, h\u00f6rt man pl\u00f6tzlich einen B\u00f6llerschuss, und dann noch einen, und ich schrecke zusammen wie ein Schulm\u00e4dchen. Dann entwickelt sich das Ganze zu einem echten Feuerwerk, nur dass man nichts sehen kann. Manchmal glaubt man einen Rhythmus zu erkennen, so als handele es sich um eine Feuerwerkssymphonie, aber dann wieder h\u00f6rt es sich einfach nach Krach an. Der L\u00e4rm ist jedenfalls ohrenbet\u00e4ubend.<\/p>\n<p>Als ich am unteren Ende der Landzunge, auf der Valletta liegt, ankomme, bin ich praktisch alleine. Hier liegt das Fort St. Elmo, in dem passenderweise das Kriegsmuseum untergebracht ist. Dar\u00fcber weht die maltesische Flagge, rot und wei\u00df mit dem Georgkreuz (nicht dem Malteserkreuz!) in der oberen wei\u00dfen H\u00e4lfte. Die Farben gehen zur\u00fcck auf das Wappen eines der franz\u00f6sischen Johanniter.<\/p>\n<p>Immer wieder neue Reisebilder stellen sich ein, unwillk\u00fcrlich: Rhodos, Jerusalem, Porto, Sizilien, Havanna. Das ist nicht an den Haaren herbeigezogen: Jerusalem und Rhodos sind die vorherigen Standorte der Johanniter, und Porto, Sizilien und Havanna geh\u00f6rten alle zu dem Reich Karls V., als der den Johannitern Malta vermachte.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg zum Hotel frage ich mich, ob es stimmen kann, dass Valletta wirklich nur 8.000 Einwohner hat. Ich h\u00e4tte mich grandios versch\u00e4tzt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">11. Februar (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Als erstes am Morgen genie\u00dfe ich den Meerblick aus meinem Zimmer. Wie bef\u00fcrchtet, zeigt sich der Himmel heute weniger freundlich. Dichte Wolken. Aber kein Regen.<\/p>\n<p>Die Dusche des Hotels hat nicht einen und nicht zwei, sondern drei Ausg\u00e4nge f\u00fcr das Wasser. Einen festen oben, einen festen unten, f\u00fcr die Badewanne, und einen beweglichen. Es gibt aber nur einen Regler, und das Wasser kommt, in unterschiedlichen Kombinationen, immer aus zwei von denen gleichzeitig heraus, was immer man tut, manchmal aus allen dreien. Da kann man Kopf, R\u00fccken und Beine gleichzeitig bearbeiten.<\/p>\n<p>Das Fr\u00fchst\u00fcck im Hotel ist britisch. Das merkt man am Vorhandensein von Baked Beans und dem Nichtvorhandensein von Dosenmilch.<\/p>\n<p>Danach mache ich mich gleich auf den Weg. Auch bei Wolken ist Valletta sch\u00f6n, und im Laufe des Tages bricht immer mal wieder die Sonne durch.<\/p>\n<p>Das erste Ziel ist die Touristeninformation. Ein erster Fortschritt: Durch eine zuf\u00e4llig offen stehende T\u00fcr kann ich jetzt wenigstens lokalisieren, wo sie sich befindet. Aber sie ist geschlossen.<\/p>\n<p>Das n\u00e4chste Ziel ist die Bibliothek, einfach deshalb, weil sie fr\u00fcher \u00f6ffnet als die Museen und Kirchen. Auf dem Weg dahin komme ich an der Kathedrale vorbei. Dort ist gerade Gottesdienst. Ein Schild weist darauf hin, dass das Betreten mit St\u00f6ckelschuhen verboten ist, und es gibt sogar eine Abbildung, die angibt, wie hoch die Abs\u00e4tze sein d\u00fcrfen. Die T\u00fcr steht einen Spalt auf, und man h\u00f6rt deutlich die Stimme des Priesters, der den <em>Herrgott<\/em> anruft. Der hei\u00dft hier <em>Signor Alla<\/em>.<\/p>\n<p>Ich frage eine \u00e4ltere Dame, die gerade aus einem Hauseingang kommt, nach der Bibliothek. Sie ist etwas verdutzt und sagt, die Bibliothek sei, soweit sie wisse, nach Floriana verlegt worden. Ich zeige ihr das Bild aus dem Reisef\u00fchrer und sofort f\u00e4llt der Groschen: <em>Ah, big building<\/em>. Jetzt ist sie im Bilde und weist mir den Weg, etwas peinlich ber\u00fchrt von ihrer eigenen Unkenntnis. Die Bibliothek ist gleich um die Ecke.<\/p>\n<p>Dort bekommt man einen Besucherausweis verpasst und wird in die erste Etage geschickt.<\/p>\n<p>Vor dem Eingang in den Leseraum sind zwei Maschinen aufgestellt, wahre Unget\u00fcme, eine mit einer gro\u00dfen Handkurbel betriebene Guillotine von 1929, mit der Buchdeckel geschnitten wurden, und ein Apparat, mit dem B\u00fccher auf Mikrofilme kopiert wurden. Beide sehen aus wie aus einer anderen Welt, aber sind bis vor gar nicht allzu langer Zeit noch im Einsatz gewesen, die Guillotine noch bis 2005! Vor den Apparaten steht ein Schild mit der Aufschrift <em>Tmissx<\/em> \u2013 <em>Do not touch<\/em>.<\/p>\n<p>Die eigentliche Bibliothek ist in einem einzigen Saal untergebracht, mit B\u00fcchern auf allen vier Seiten. Ich bin der einzige Besucher. Die B\u00fccher, alle ehrw\u00fcrdig gealtert, in Leder gebunden, mit Buchdeckeln in Braun und Beige, sind nach Gr\u00f6\u00dfe geordnet. Der Abstand zwischen den Regalen wird nach oben immer kleiner. Die unteren Reihen sind durch Drahtgitter vor dem Zugriff der Benutzer gesch\u00fctzt, aber man kann die Titel lesen. Ich sehe eine <em>Biblia Polyglotta<\/em> in 12 B\u00e4nden.<\/p>\n<p>Alles in dem Raum ist trotz der altehrw\u00fcrdigen B\u00fccher etwas vernachl\u00e4ssigt: verkratzte Rahmen, schief h\u00e4ngende Portraits, geflickte Glasscheiben, verbogene Dr\u00e4hte, lockere Kacheln, eine stehen gebliebene Uhr, und zwischen den Regalen rote Gasf\u00e4sser und Feuerl\u00f6scher.<\/p>\n<p>Den hinteren Bereich der Bibliothek darf man nicht betreten. Der ist nur f\u00fcr Forscher. Tats\u00e4chlich sitzen irgendwo zwei alte M\u00e4nner \u00fcber B\u00fccher gebeugt. Die habe ich erst gar nicht gesehen.<\/p>\n<p>Vorne, im Besucherbereich, gibt es unter altert\u00fcmlichen Holzvitrinen eine Ausstellung. Alles hier handelt sich um Ninu Cremona: Photos, Urkunden, Manuskripte, Briefe, Ausweise, Portraits, Diplome, ein Postsiegel, sogar ein Poesiealbum von Ninu Cremona. Was es mit diesem Ninu Cremona auf sich hat, bekomme ich nicht heraus, denn die Beschriftung ist nur auf Maltesisch. Ich meine erst, er h\u00e4tte etwas mit Sprache zu tun, aber die einzige englische Urkunde ist ein Diplom in <em>Sanitary Engeneering<\/em>. Ein paar B\u00fccher tragen als Autorennamen A. Cremona, und erst glaube ich, es w\u00e4re ein Verwandter, aber dann merke ich, dass A. f\u00fcr Antoni steht, und das ist die vollst\u00e4ndige Form von Ninu.<\/p>\n<p>Beim Verlassen des Raums f\u00e4llt mein Blick auf eine kleine Bronzestatue, die ich bis dahin nicht gesehen hatte. Es ist \u2013 oh Wunder \u2013 eine Statue von Ninu Cremona.<\/p>\n<p>Vor dem Bibliotheksgeb\u00e4ude sehe ich erst jetzt eine Marmorstatue auf einem Sockel. Die Inschrift ist so verwaschen, dass man sie nicht mehr lesen kann, aber die Dargestellte ist unschwer zu erkennen: Queen Victoria.<\/p>\n<p>Dann kommt der dritte Versuch mit der Touristeninformation. Jetzt ist sie ge\u00f6ffnet. Aber von einer reservierten Karte f\u00fcr das Hypog\u00e4um wei\u00df man nichts. Nach einigem Dr\u00e4ngen und einigen Telefonaten wird dann best\u00e4tigt, ich sei f\u00fcr Montag auf der Besucherliste.<\/p>\n<p>Dann gehe ich zum Theater. Das ist jetzt auch ge\u00f6ffnet. Man kann Karten unmittelbar vor der F\u00fchrung kaufen. Ich solle einfach f\u00fcnf Minuten vorher da sein.<\/p>\n<p>In die Kathedrale gelangt man als Besucher durch einen Nebeneingang. Dem ersten Eindruck tut das aber keinen Abbruch: \u00fcberw\u00e4ltigend. Eine \u00fcberbordende Pracht von Farben und Ornamenten. Und das nach der strengen Fassade.<\/p>\n<p>Die Wand der Seitenkapelle, auf die man zuerst zul\u00e4uft, hat, von oben bis unten, auf blauem Untergrund, eine unendliche Folge von vier Motiven, alle in Gold: die Initialen des Gro\u00dfmeisters, seine Krone, sein Emblem und das Malteserkreuz.<\/p>\n<p>Und wie zur Steigerung kommt dann der eigentliche Kirchenraum: Marmorskulpturen, Bodenplatten, Deckengem\u00e4lde, ein riesiger Baldachin, Wappen, zwei Orgeln, ein silberner L\u00fcster, vergoldetes Blattwerk. Pure barocke Lust an der Pracht. Von den nackten Mauern ist so gut wie nichts zu sehen.<\/p>\n<p>Die Kirche war der erste Bau der Johanniter nach der Gr\u00fcndung Vallettas. Sie sollte das Zentrum des neuen Zentrums werden. Nach der Belagerung der Insel durch die T\u00fcrken, die nur unter gro\u00dfen Verlusten \u00fcberstanden worden war, kam man zu dem Entschluss, die Insel zu befestigen. Bei der Standortwahl gab das Fort St. Elmo den Ausschlag, das sich bei der Belagerung bew\u00e4hrt hatte. Hinter diesem Fort entstand die neue Stadt, benannt nach dem Gro\u00dfmeister Jean de la Valette, einem der Helden der Belagerung. Die Kirche sollte ganz im Zentrum der neu zu gr\u00fcndenden Stadt stehen.<\/p>\n<p>Die Kirche wurde in nur vier Jahren Bauzeit vollendet, und das urspr\u00fcngliche Kircheninnere war genauso schmucklos wie das \u00c4u\u00dfere. Erst sp\u00e4ter sp\u00fcrte man das Bed\u00fcrfnis, es den gro\u00dfen Barockkirchen Roms gleichzutun und die Kirche auszuschm\u00fccken. Mit einem Jahrhundert Versp\u00e4tung, und auf ganz eigene Weise.<\/p>\n<p>Eine Besonderheit der Kirche sind die Bodenplatten, bunte, flache Marmorplatten, alles gleich gro\u00df, die eine an die andere anschlie\u00dfend. Ob es Erinnerungsplatten sind oder tats\u00e4chliche Grabplatten, finde ich nicht heraus, aber jede einzelne ist einem bestimmten Ritter gewidmet. Die wichtigsten Embleme sind Lorbeer und trompetende Engel, beide f\u00fcr Siege in Schlachten stehend, und als Kontrast dazu Skelette und Totenk\u00f6pfe.<\/p>\n<p>In der italienischen Kapelle eine Skulptur, die den Gro\u00dfmeister zeigt, begleitet von zwei Engeln, die einen Sch\u00e4del und einen Turban zertreten. Zwei weitere Engel ziehen hinter der B\u00fcste des Gro\u00dfmeisters einen Vorhang auf, der die Sicht freigibt auf ein Relief, das eine Seeschlacht darstellt. Religi\u00f6se Bez\u00fcge muss man hier mit der Lupe suchen, aber das interessierte die Zeit vermutlich nicht. Der Einsatz im Kampf gegen die Achse des B\u00f6sen war religi\u00f6se Begr\u00fcndung genug.<\/p>\n<p>Die Johanniter waren in acht \u201eZungen\u201c, acht Landsmannschaften aufgeteilt, die jeweils f\u00fcr einen anderen Teil der Befestigungslinie zust\u00e4ndig waren. Daher hat das Johanniterkreuz acht Seiten! Und die Kirche acht Seitenkapellen!<\/p>\n<p>Bei der Zusammenstellung der acht Landsmannschaften sieht man, dass sie aus der Zeit vor der Entstehung der europ\u00e4ischen Nationalstaaten stammt. Es gibt eine franz\u00f6sische, aber auch eine provenzalische Landsmannschaft, und au\u00dferdem eine der Auvergne. Neben der kastilischen gibt es eine aragonesische Landsmannschaft, und <em>deutsch<\/em> schloss auch \u00f6sterreichisch, holl\u00e4ndisch, schwedisch, d\u00e4nisch und norwegisch mit ein.<\/p>\n<p>An einem Kreuz von Caravaggio vorbei geht es in das Oratorium, eine Kirche in der Kirche, urspr\u00fcnglich eine Kapelle f\u00fcr Andacht und Meditation f\u00fcr die Novizen. Auch hier herrscht dieselbe Pracht wie im Hauptraum der Kirche, aber der Blick f\u00e4llt sofort auf das Gem\u00e4lde an der Stirnseite der Kapelle. Es beeindruckt schon aus der Distanz, bevor man die Details sieht oder das Thema kennt, vor allem durch die starke Kontrastierung von Hell und Dunkel. Das Licht, das einzelne Partien des Bildes in grelles Licht h\u00fcllt, scheint von au\u00dfen zu kommen.<\/p>\n<p>Das Gem\u00e4lde ist von einem gewissen Michelangelo Merisi \u2013 Caravaggio. Es ist eine Auftragsarbeit f\u00fcr die Johanniter und stellt die Enthauptung Johannes\u2018 des T\u00e4ufers dar. Die Darstellung ist ganz und gar unkonventionell. Das gilt f\u00fcr die Verteilung der Figuren \u2013 der Heilige liegt am Boden, der Henker nimmt die Mitte des Bildes ein \u2013 aber auch f\u00fcr den Moment, den Caravaggio gew\u00e4hlt hat. Es ist nach der Enthauptung. Blut flie\u00dft aus dem K\u00f6rper des Heiligen, das Schwert ist zur Seite gelegt, und der Henker macht sich jetzt mit einem Messer am Hals des Heiligen zu schaffen, um die letzten Sehnen abzutrennen. Links steht schon eine Frau mit einem goldenen Tablett bereit, um das Haupt des Heiligen an Salom\u00e9 zu \u00fcbergeben. Die unw\u00fcrdige Eile und der unw\u00fcrdige Hinterhof, auf dem sich das Geschehen abzuspielen scheint \u2013 aus einem Gef\u00e4ngnis im Hintergrund beobachten zwei Insassen die Szene \u2013 nehmen dem Geschehen jede Feierlichkeit. Es ist das einzige Bild, das Caravaggio signiert hat. Die Signatur befindet sich in der Lache des Blutes des T\u00e4ufers.<\/p>\n<p>Caravaggio war das <em>enfant terrible<\/em> der Barockmalerei. Er war in Malta auf der Flucht, und musste sp\u00e4ter auch wieder aus Malta fliehen. Er war bekannt f\u00fcr sein aufbrausendes Temperament und seine Gewaltt\u00e4tigkeit und geriet immer wieder in Messerstechereien. Eine davon war t\u00f6dlich geendet, und Caravaggio entging nur aufgrund der Intervention eines F\u00fcrsprechers dem Gef\u00e4ngnis. In Malta wurde er in den Orden der Johanniter aufgenommen und fertigte verschiedene Gem\u00e4lde f\u00fcr die Johanniter an, wurde sp\u00e4ter aber wieder ausgeschlossen. Eines der anderen hier gemalten Bilder h\u00e4ngt an der R\u00fcckseite des Oratoriums. Es zeigt Hieronymus bei der \u00dcbersetzung der Bibel, mit kardinalsrotem Tuch um den Leib, aber nacktem Oberk\u00f6rper, in sch\u00e4biger Umgebung, mit einem Totenkopf, auch ein Bild, dessen Komposition ganz auf Kontrasten beruht.<\/p>\n<p>In der Kirche ist es inzwischen sehr voll geworden. Sie geh\u00f6rt neben dem Palast des Gro\u00dfmeisters zu den zwei Sehensw\u00fcrdigkeiten, die man sich in Valletta nicht entgehen lassen soll. Vor dem Verlassen der Kirche lese ich noch, woher der merkw\u00fcrdige Titel der <em>Ko-Kathedrale<\/em> kommt, den die Kirche tr\u00e4gt. Es liegt daran, dass der Papst nach dem Weggang der Johanniter die verwaiste Kirche aufwerten wollte, aber das Bistum bereits seine Kathedrale in Mdina hat. Deshalb wurde diese Kirche zur Ko-Kathedrale. Das Patrozinium ist \u2013 kein Wunder \u2013 Johannes.<\/p>\n<p>Von der Kathedrale gehe ich voller Erwartung zum Theater. Aber da muss ich erfahren, dass die F\u00fchrung wegen der Proben f\u00fcr eine Premiere kurzfristig abgesagt worden ist.<\/p>\n<p>Als Alternative gehe ich zur Casa Rocca Piccola, keinem Museum, sondern dem Wohnhaus einer maltesischen Adelsfamilie, das auch weiterhin bewohnt wird, aber teils besichtigt werden kann. Durch einen sch\u00f6nen, bewachsenen Innenhof mit einem kr\u00e4chzenden Papagei, der alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, geht es in das erste Obergeschoss.<\/p>\n<p>Gleich der erste Raum ist vollgestellt mit Objekten aller Art, zu voll f\u00fcr eine Wohnung und zu voll f\u00fcr ein Museum, zu ungeordnet f\u00fcr eine Wohnung und zu ungeordnet f\u00fcr ein Museum.<\/p>\n<p>Gleich zu Anfang bekommen wir das \u00e4lteste \u00fcberhaupt erhaltene M\u00f6belst\u00fcck Maltas zu sehen, eine schwarze h\u00f6lzerne Truhe mit einem Kreuz an der Front. Sie stammt allerdings nicht aus Malta.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber steht ein schwer zu verordnendes M\u00f6belst\u00fcck, eine Art Sekret\u00e4r mit einer gemalten Landschaftsszene vorne, \u00fcber eine Reihe von Schubladen. Wir werden gefragt, was das denn wohl sein k\u00f6nnte. Es wird wild geraten, aber keiner kommt der Wahrheit nahe. Der F\u00fchrer will uns helfen, indem er sagt, es handele sich um etwas \u201etypisch Maltesisches\u201c. Das gebe es in jedem Dorf. Eine Kirche! In dem M\u00f6belst\u00fcck verbirgt sich eine mobile Kapelle. Die Schubladen sind keine, sondern sind die ausklappbare Trittfl\u00e4che, auf der der Priester steht. Wenn sie nach unten geklappt wird, kommt ein Altar zum Vorschein. Unter der oberen Verdeckung verbirgt sich der Altaraussatz mit Kreuz, Tabernakel, Kerzen, Buchst\u00fctzen und Messger\u00e4ten. Angeblich nahm man solche tragbaren Kapellen mit, um die Messe im eigenen Kreis h\u00f6ren zu k\u00f6nnen und nicht in Gemeinschaft mit dem niederen Volk. Eine wahrhaft christliche Gesinnung. Wichtiger aber war wohl eine andere Funktion, und der urspr\u00fcngliche Standort der Kapelle im Schlafzimmer des Hauses verweist darauf. Hier konnte gleich nach der Geburt eines Kindes die Taufe vorgenommen werden.<\/p>\n<p>In einem anderen Raum sehen wir ein weiteres M\u00f6belst\u00fcck. Diesmal ist es wirklich ein Sekret\u00e4r. Dessen Besonderheit ist, dass er aus maltesischem Holz ist. Malta hat keine W\u00e4lder und muss sein Holz aus Italien einf\u00fchren. Hier aber hat man das Holz von maltesischen B\u00e4umen verwandt, und zwar von Olivenb\u00e4umen, Orangenb\u00e4umen und einem weiteren Baum, dessen Name mir unbekannt ist, den aber alle anderen kennen, <em>carob. <\/em>Das ist, wie ich sp\u00e4ter feststelle, Johannisbrotbaum. Ich lasse mir im Andenkenladen eine Frucht dieses Baumes zeigen. Sie sieht aus wie eine Bohne. Alle drei \u00a0H\u00f6lzer haben unterschiedliche Helligkeiten, was die sch\u00f6nen Einlegearbeiten an dem Sekret\u00e4r erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Ein alter Dokumentenschrank wird ge\u00f6ffnet, und dahinter kommen ganz moderne Pappschachteln zum Vorschein. Eine der Pappschachteln wird ge\u00f6ffnet, und dahinter kommen uralte Dokumente mit sch\u00f6nen Siegeln zum Vorschein. Das ist das Archiv der Familie. Alle Dokumente sind auf Italienisch. Das war lange die Amtssprache Maltas. Malti selbst war die Sprache des Volkes, und hatte nur sehr begrenzte Funktion im Schriftverkehr. Au\u00dferhalb der Oberschicht konnte ohnehin kaum jemand lesen und schreiben, und die, die lesen und schreiben konnten, konnten auch Italienisch. Selbst zur Zeit der Briten blieb Italienisch lange Amtszeit, trotz eines Versuchs der Briten, es durch Englisch zu ersetzen. Das f\u00fchrte zu wilden Protesten, die als <em>Sprachenstreit<\/em> in die Geschichte eingingen. Erst 1936 wurde dann schlie\u00dflich Englisch Amtssprache, zusammen mit Malti.<\/p>\n<p>Der Reichtum dieser Adelsfamilie beruht auf dem Handel, der Einfuhr von Weizen und der Ausfuhr von Spitzen. Auf einer gedeckten Tafel wird deren Besonderheit vorgef\u00fchrt: die italienische Spitzen sind rau, die maltesischen fein. Damit machte man sich einen Namen.<\/p>\n<p>Es gibt ein paar Objekte, die wir nur mit Hilfe identifizieren k\u00f6nnen, darunter zwei Ger\u00e4te, die entfernt wie Scheren aussehen. Das eine dient zur Gl\u00e4ttung der Handschuhe, das andere zur Gl\u00e4ttung der Haare. Es wird im Feuer hei\u00df gemacht und dann zur B\u00e4ndigung der ungeliebten Locken eingesetzt.<\/p>\n<p>Dann geht es auf einen der typisch maltesischen Balkone. Die Briten brechen in Begeisterung aus, dabei gibt es gar nichts zu sehen, h\u00f6chstens einen wie einen Barhocker aussehenden Korbstuhl, der es erlaubte, aus dem Fenster zu sehen. Die Balkone hatten einerseits die Funktion, die Hitze drau\u00dfen zu halten, andererseits, es den vornehmen Frauen zu gestatten, von hier aus am Leben der Stra\u00dfe teilzunehmen, ohne der Sonne und der Gefahr ausgesetzt zu sein, die vornehme Bl\u00e4sse zu verlieren. Demselben Zweck diente auch die <em>onella<\/em>, eine Mischung aus Hut, Umhang und Kapuze, die maltesischen Frauen trugen, wie man hier auf einem Bild sehen kann.<\/p>\n<p>Wir sehen noch eine Statue des Apostels Paulus, silbernes Geschirr, das im der Krankenpflege zum Einsatz kam \u2013 die Johanniter hatten entdeckt, dass es hygienisch besser ist als Keramik \u2013 und ein Schachspiel, bei dem der K\u00f6nig ein Malteserritter ist.<\/p>\n<p>Im Keller kann man einen verwinkelten Luftschutzbunker besichtigen, der nicht der Familie vorbehalten war. Hier konnten bis zu 200 Menschen Zuflucht finden. Die Zeit der Angriffe auf Malta w\u00e4hrend des 2. Weltkriegs gilt als \u201eZweite Belagerung\u201c, die genauso heroisch \u00fcberstanden wurde wie die \u201eErste Belagerung\u201c durch die T\u00fcrken w\u00e4hrend der Johanniterzeit.<\/p>\n<p>Zum Mittagessen kehre ich zum Theater zur\u00fcck. Dort habe ich ein gutes Restaurant gesehen. Es erf\u00fcllt alle Anspr\u00fcche: gutes Essen (Kaninchen, eine maltesische Spezialit\u00e4t), guter Wein (ein einheimischer Merlot), freundliche Bedienung. Nur die Einrichtung ist nicht unbedingt berauschend. Aber daf\u00fcr werde ich noch unfreiwillig Zeuge eines Schauspiels mit dem Thema britische Alltagskultur. Eine Frau bekleckert sich mit Rotwein, und das bringt die beiden britischen Ehepaare, die bisher in schweigender Distanz zueinander gegessen haben, in einen geradezu rauschhaften Kommunikationszustand. Es gibt Anekdoten, Ratschl\u00e4ge, Witze und nat\u00fcrlich Entschuldigungen. Und dann, als ich es schon fast vermisse, kommt das obligatorische: \u201eDas passiert sonst immer nur mir.\u201c<\/p>\n<p>Weinselig mache ich mich auf die Suche nach Skulpturen eines maltesischen Bildhauers, Sciortino. Die Skulpturen befinden sich an verschiedenen Stellen der Stadt. Die sch\u00f6nste ist eine Skulptur von drei Stra\u00dfenjungen mit zerlumpten Kleidern, l\u00fcckenhaften Z\u00e4hnen und ausdrucksstarken Gesichtern. Ein gr\u00f6\u00dferer Junge, mit hochgekrempelten Hosen und Hut mit Krempe, zieht ein widerwilliges, kleines M\u00e4dchen hinter sich her und legt den Arm um einen anderen Jungen.<\/p>\n<p>Diese Skulptur befindet sich in den Upper Barraca Gardens, dem vermutlich sch\u00f6nsten Aussichtspunkt Malta, hoch \u00fcber dem Meer mit Blick aufs Meer hinunter.<\/p>\n<p>Die Suche nach den Skulpturen Sciortinos bringt mich vor das Stadttor. Auf dem Weg dahin sehe ich jetzt auch die Ruinen der alten Oper hinter den Bauz\u00e4unen. Einige Arkaden sind noch gut zu erkennen.<\/p>\n<p>Eine ziemlich pathetische Skulptur Sciortinos stellt eine vor Christus kniende Frau dar und versteht sich als Allegorie auf Malta. Sie steht nahe einem Park, einer l\u00e4nglich verlaufenden Gr\u00fcnanlage mit eingez\u00e4unten Beeten und Statuen gro\u00dfer Malteser, von den Autorit\u00e4ten angeblich deshalb angelegt, um die Soldaten zum Lustwandeln im Park zu animieren und von lasterhaften Freizeitaktivit\u00e4ten abzuhalten. \u00dcber den Erfolg der Ma\u00dfnahme wird keine Auskunft erteilt. Der Park hei\u00dft <em>Maglio<\/em>, nach dem Ballspiel, genauso wie <em>Pell Mell<\/em> in London. Dieser Teil der Stadt geh\u00f6rt schon zu dem Stadtviertel Floriana. Auch Floriana ist, wie Valletta, nach einem Mann benannt.<\/p>\n<p>Danach bin ich nur noch reif f\u00fcrs Fernsehen. Die italienischen Sender haben nur ein Thema: Schnee. Man sieht Bilder aus der Basilikata, den Marken und dem Latium, alle in Schnee begraben. In einigen Gegenden ist noch einmal 40 cm Neuschnee gefallen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">12. Februar (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Die ganze Nacht bl\u00e4st der Wind furchterregend, aber am Morgen hat er sich wieder beruhigt.<\/p>\n<p>Das Kunstmuseum ist wirklich nur einen Steinwurf vom Hotel entfernt, in derselben Stra\u00dfe, einen H\u00e4userblock weiter. Es hat ein sch\u00f6nes, helles Treppenhaus mit einer wei\u00dfen Marmortreppe, aber wenn man oben ankommt, steht man im Dunkel. Und vor dunklen Barockgem\u00e4lden. Was man schnell erkennt, ist die Obsession des Barock mit Tod und Gewalt. Mord und Totschlag \u00fcberall. Man sieht eine Judith, die mit dem Blick eines Schulm\u00e4dchens, das \u00fcber seine Matheaufgaben nachdenkt, Holofernes den Kopf abschneidet. Selbst ein Bild, das <em>Der Barmherzige Samariter<\/em> hei\u00dft, zeigt einen Mann, der sich mit gez\u00fccktem Messer \u00fcber einen am Boden liegenden anderen Mann beugt. Das muss die Szene sein, bevor der Samariter auftritt.<\/p>\n<p>Interessant ein Bild von Baglione, dem Gegner und Gegenspieler Caravaggios, Das Martyrium der Hl. Agatha, einer Heiligen, der man auf Malta immer wieder begegnet. Baglione und Caravaggio bek\u00e4mpften sich ein Leben lang, auch vor Gericht, wo der eine den anderen der Verleumdung bezichtigte. Techniken und Themen der Bilder sind durchaus verwandt, aber die Haltung ist eine ganz andere. Hier flie\u00dft kein Blut \u2013 der Maler hat den Moment vor der Exekution eingefangen \u2013 und die Heilige steht im Zentrum, nicht der Henker. Die Heilige, halbnackt dargestellt, hat einen makellosen K\u00f6rper und blickt nachdenklich in die Ferne, und der Soldat in R\u00fcstung, mit wei\u00dfer Haut und gepflegtem Schnurrbart, steht nur dabei und tut ihr nichts B\u00f6ses. Der Henker erscheint am \u00e4u\u00dfersten unteren Rand des Bildes, \u00fcber die Exekutionswerkzeuge gebeugt.<\/p>\n<p>Interessant ebenfalls die <em>R\u00f6mische Caritas<\/em> von Preti, der hier mit mehreren Gem\u00e4lden vertreten ist und in Malta als maltesischer Maler gilt. Er malte auch die Decke der Kathedrale. Seine Caritas, eine f\u00fcllige, vor Gesundheit strotzende Frau, reicht einem am Boden liegenden alten Mann ihre Brust zur Nahrung. Das ist sicherlich symbolisch gemeint, wirkt aber hier ganz und gar real. Auch hier sind die Figuren etwas idealisiert. Der alte Mann ist zwar hager, aber nicht ausgezehrt, und an seinem ganzen K\u00f6rper ist kein Schmutz, kein Kratzer, keine Wunde. Ob mit der r\u00f6mischen Caritas die klassische oder die kirchliche gemeint ist, bleibt unklar. Im klassischen Rom, so sagt man, gab es Tugenden wie die N\u00e4chstenliebe gar nicht. Sie sind ein Beitrag des Christentums. Aber ob der Maler das wusste?<\/p>\n<p>Wenn man durch die anderen R\u00e4ume geht, merkt man, wie im Verlauf der Jahrhunderte die Themen wechseln. Auf einmal kommt auch die Lebenswirklichkeit, die reale Welt ins Bild. Man sieht ein K\u00fcnstleratelier, die Stube eines Geldleihers, die Werkstatt eines Buchbinders. Noch wieder etwas sp\u00e4ter kommt dann auch das gemeine Volk ins Bild, aber immer idealisiert: ein Hochzeitszug, fr\u00f6hliche Stra\u00dfenmusikanten, singende Frauen bei der Handarbeit in einer gem\u00fctlichen Bauernstube.<\/p>\n<p>Erst ganz sp\u00e4t werden Landschaften hoff\u00e4hig, Landschaften um ihrer selbst willen. In einem gesonderten Raum gibt es verschiedene Veduten von Valletta, meist den Grand Harbour zeigend, darunter eins von Turner. Der war selbst nie in Malta, musste sich also auf Augenzeugenberichte verlassen. Er brauchte das Bild f\u00fcr die Illustration von Gedichten von Byron, und der war mehrmals in Malta gewesen.<\/p>\n<p>Im Untergeschoss sind neben Bildern auch Sammlungen von Alltagsgegenst\u00e4nden ausgestellt: F\u00e4cher, Taschenuhren, Schmuckd\u00f6schen. Als ich die F\u00e4cher sehe, f\u00e4llt mir unvermittelt auf, dass <em>F\u00e4cher<\/em> sowohl Singular als auch Plural ist und au\u00dferdem der Plural von <em>Fach<\/em>. Aber das ist hier nat\u00fcrlich ohne jede Bewandtnis. Was hier deutlich wird, ist die Vielfalt. F\u00e4cher ist nicht gleich F\u00e4cher. Bei den Taschenuhren gibt es zwei Grundtypen, zuklappbar und nicht zuklappbar, wie bei den modernen Handys. Die Ziffern sind entweder r\u00f6misch oder arabisch oder nur durch Striche angedeutet, das Ziffernblatt ist bemalt oder mit Wappen und Emblemen verziert oder ganz einfach leer.<\/p>\n<p>Wie in allen Museen ist es kalt hier drin, und man kann paradoxerweise aus der K\u00e4lte des Museums nach drau\u00dfen fl\u00fcchten. Bevor es weiter geht, m\u00f6chte ich etwas kl\u00e4ren. Was f\u00fcr ein Geb\u00e4ude ist das mit der Kuppel, die die Skyline von Valletta bestimmt, aber an dem man nie vorbeikommt? Von allen m\u00f6glichen Seiten sieht man sie, aber sie geh\u00f6rt zu keiner der klassischen Sehensw\u00fcrdigkeiten. Es stellt sich heraus, dass es eine Kirche ist, und zwar die Kirche vom Carmel. Als ich ankomme, ist gerade der Gottesdienst zu Ende, und wahre Besucherstr\u00f6me kommen aus der Kirche. Ich begn\u00fcge mich damit, herausgefunden zu haben, was es mit der Kuppel auf sich hat und nehme noch ein Photo von einem Poster am Eingang der Kirche mit: <em>Give yourself a faith lift \u2013 come to church. <\/em><\/p>\n<p>Der Palast des Gro\u00dfmeisters liegt an einem der wenigen Pl\u00e4tze Vallettas, dem gr\u00f6\u00dften, und nimmt die ganze L\u00e4ngsseite des Platzes ein. Gegen\u00fcber liegt ein Geb\u00e4ude, das offiziell aussieht, aber was es ist, kann ich nicht herausfinden. Es war fr\u00fcher der Sitz der britischen Verwaltung.<\/p>\n<p>Den Palast teilen sich der Pr\u00e4sident und das Parlament mit den Touristen. Der Palast hat zwei Eing\u00e4nge. Das hat was damit zu tun, dass der Platz nicht eben ist, und man musste das ansteigende Stra\u00dfenniveau bei dem Bau ber\u00fccksichtigen. Besucher betreten den Palast durch den rechten Eingang, zwischen zwei sch\u00f6nen S\u00e4ulen, die mir schon dieser Tage aufgefallen waren, als ich noch gar nicht wusste, was f\u00fcr ein Geb\u00e4ude das war.<\/p>\n<p>Man kommt zuerst in die Staatsr\u00e4ume in der ersten Etage. Lange Korridore mit gro\u00dfen Fenstern, lebensgro\u00dfen Portraits und Ritterr\u00fcstungen in regelm\u00e4\u00dfigen Intervallen f\u00fchren auf alle m\u00f6glichen S\u00e4le zu. Man verliert hier leicht die Orientierung.<\/p>\n<p>Die Portraits zeigen alle Gro\u00dfmeister des Ritterordens, fast alle in eleganten, aber einfachen schwarzen Gew\u00e4ndern mit dem Malteserkreuz auf der Brust. Nur einer ist in einer R\u00fcstung dargestellt, und zwar ausgerechnet der Gro\u00dfmeister, der die Insel kampflos an Napoleon \u00fcbergab und damit das Ende der Malteser auf Malta einleitete, der einzige deutsche Gro\u00dfmeister des Ordens, Ferdinand von Hompesch.<\/p>\n<p>In einem der S\u00e4le sieht man die Portraits der maltesischen Pr\u00e4sidenten, insgesamt neun seit 1949. In den Boden sind Wappen eingelassen, auf denen der offizielle Name Maltas steht: <em>Repubblika ta Malta<\/em>.<\/p>\n<p>Au\u00dfer den Staatsr\u00e4umen sieht man das Waffenarsenal. Schlie\u00dflich waren die Johanniter Ritter. Man sieht unter anderem die R\u00fcstung Jean de la Valettes, des Namensgebers Vallettas und Helden der Gro\u00dfen Belagerung. Er hatte bereits in Rhodos gek\u00e4mpft, war in Gefangenschaft geraten, hatte als Galeerensklave gedient und war freigekauft worden. Bei der Gro\u00dfen Belagerung war er schon 71!\u00a0 Die R\u00fcstung ist sehr fein gearbeitet. Das sieht man aber nur aus kurzer Entfernung und bei genauem Hinsehen. In den gesamten R\u00fcstungspanzer sind geometrische Muster gestanzt, und auf der Brust sind ein Wappen, das Lamm Gottes mit Johannes dem T\u00e4ufer und die Inschrift <em>Ecce Agnus Dei<\/em> eingraviert.<\/p>\n<p>Wenn man sich die R\u00fcstungen neutral ansieht, ist man geradezu angetan von der Weiterentwicklung des Handwerks- oder gar Industrieprodukts: Brustpanzer mit sich \u00fcberlappenden Stahlplatten, die die Beweglichkeit verbessern, ebenso wie bewegliche Teile an den Armklappen, R\u00fcstungen, die statt eines Brust- und eines R\u00fcckenteils zwei Seitenteile haben und in der Mitte \u201ezugekn\u00f6pft\u201c werden, R\u00fcstungen mit horizontalen und vertikalen \u201eLamellen\u201c, Visiere, die aus immer mehr Einzelteilen bestehen, um m\u00f6glichst viel zu verbergen, ohne Sehen und Atmen zu behindern oder gar zu verhindern.<\/p>\n<p>Stolz wird in einer eigenen Vitrine erbeutetes R\u00fcstzeug pr\u00e4sentiert, mit t\u00fcrkischen Mannequins. Die T\u00fcrken sch\u00fctzten danach ihr Gesicht viel weniger, mit nicht viel mehr als einer Art Stahlbrille vor den Augen. Sie tragen den typischen, konischen Helm und nat\u00fcrlich den ber\u00fchmten Krumms\u00e4bel.<\/p>\n<p>Dass die T\u00fcrken Malta letztlich angriffen (1565) und dass es zu der \u201eGro\u00dfen Belagerung\u201c kam, ist kein Wunder. Suleiman hatte den Johannitern in Rhodos freien und ehrenhaften Abzug gew\u00e4hrt, aber die Johanniter betrachten Rhodos als ihren Besitz und griffen immer wieder an. Der Angriffskrieg war also letztlich ein Verteidigungskrieg. Jedenfalls werden ihn die T\u00fcrken als solchen der Welt\u00f6ffentlichkeit verkauft und auch sich selbst gegen\u00fcber gerechtfertigt haben. Auch hier: Nichts Neues unter der Sonne.<\/p>\n<p>Der tats\u00e4chliche Angriff verz\u00f6gerte sich, weil der dritte Kommandant mit seiner Flotte nicht eintraf. Dann, im Mai, wurde Zejtun angegriffen, von 3000 Soldaten. Der Kampf um Malta dauerte bis September. Noch heute ist der 8. September der Nationalfeiertag Maltas.<\/p>\n<p>Aus sp\u00e4teren Epochen sieht man ein deutsches <em>Schwertgewehr<\/em>, ein Hybride, mit dem man auf die alte oder die neue Art k\u00e4mpfen kann. Und dann gibt es irgendwo ein <em>Luftgewehr<\/em>, und da merke ich, dass ich das Wort schon oft geh\u00f6rt habe, aber ohne zu merken, dass es wirklich etwas mit Luft zu tun hat. Hier hat das Gewehr eine Kugel an der Seite, in die Luft gepumpt wird. Diese Luft wurde dann beim Schuss freigegeben. Und schlie\u00dflich sehe ich noch ein Ger\u00e4t, mit dem Kanonenkugeln gewogen wurden!<\/p>\n<p>Nach einem schlechten Essen mit schlechtem Wein in einem Lokal in der Republic Street gehe ich ein paar Schritte weiter ins Arch\u00e4ologische Museum, untergebracht in der <em>Auberge de Provence<\/em>. Die Eingangshalle hat ein farbenfreudiges Deckengem\u00e4lde, das man leicht \u00fcbersieht, da hier bereits ein paar St\u00fccke ausgestellt sind, um die Besucher ins Museum zu locken. Und ein gro\u00dfes Plakat mit einem Bild der Magna Mater, einer vorgeschichtlichen Figur, die eine Art Maskottchen des Museums und ganz Maltas ist, von der Tourismusindustrie unendlich reproduziert und auf\u00a0 Bechern, Schl\u00fcsselanh\u00e4ngern, Kugelschreibern und K\u00fchlschrankfiguren vermarktet.<\/p>\n<p>Die Exponate sind auf zwei Etagen verteilt, und das hat hier seinen ganz besonderen Grund: Es gibt n\u00e4mlich keinerlei Verbindungen zwischen den\u00a0 Kulturen der Steinzeit, die unten ausgestellt sind, und den Kulturen der Bronzezeit, die oben ausgestellt sind. Die Steinzeitmenschen sind einfach verschwunden. Um 2.500 bricht alles pl\u00f6tzlich ab. Niemand wei\u00df, warum. Anzeichen f\u00fcr eine Naturkatastrophe gibt es nicht. Als sp\u00e4ter, etwa 500 Jahre sp\u00e4ter, die ersten Siedler der Bronzezeit in Malta ankamen, haben sie ganz von vorne angefangen. Die anderen waren einfach weg. Und dass trotz all ihrer Techniken und Fertigkeiten, die hier in Malta und hier im Museum besonders zur Schau gestellt werden.<\/p>\n<p>So wird auf einer Schautafel gleich im ersten Raum gezeigt, mit verborgenem Stolz, wie alt diese Kulturen sind: Die Ggantja Tempel entstanden 2.000 Jahre vor Knossos, 1.500 Jahre vor Stonehenge, 1.000 Jahre vor den Pyramiden. Man sieht viele, vor allem mit Spiralen verzierte Bauteile der Tempel, aus mehreren Anlagen in ganz Malta, die meisten aus Tarxien, der Tempelanlage, die als der H\u00f6hepunkt in Malta gilt. Neben Spiralen und anderen geometrischen Mustern sieht man Fische und Pflanzen. Auf einem Fries ist eine ganze Prozession von Tieren, vielleicht Steinb\u00f6cken, in einer Doppelreihe dargestellt. In diesen Tempeln, folgt man daraus, wurden Tieropfer dargebracht. Eine maltesische Besonderheit sind die Punktbohrungen, runde, gleichm\u00e4\u00dfige Aush\u00f6hlungen, die in ganzen Reihen die Steine verzieren.<\/p>\n<p>Daneben gibt es zahlreiche Figurinen, meist mit breiten Oberschenkeln. Viele haben keinen Kopf. Aber sie haben Bohrl\u00f6cher. Vielleicht wurden auf den Rumpf wechselnde K\u00f6pfe aufgesetzt!<\/p>\n<p>Die ber\u00fchmte Magna Mater hat einen eigenen Raum. Man ist erst einmal \u00fcberrascht, wie klein sie ist. Sie stammt aus dem Hypog\u00e4um von Hal Saflieni. Es handelt sich um eine liegende Figur mit starken Oberarmen und l\u00e4nglichem Gesicht, vor allem aber mit breiten H\u00fcften. Die sind so breit, dass man eine realistische Darstellung ausschlie\u00dfen kann. Es handelt sich vielleicht um eine Fruchtbarkeitsg\u00f6ttin oder eine Figur, die den Kreislauf des Lebens darstellt. Sie liegt in einer Art Schale. Warum wird sie liegend dargestellt? Hat es etwas mit Schlaf zu tun? Mit dem Tod?<\/p>\n<p>Die Toten wurden in H\u00f6hlen begraben, die eigens daf\u00fcr in den Fels gehauen wurden. Es handelte sich um Begr\u00e4bnisst\u00e4tten f\u00fcr alle, \u00fcber verschiedene Generationen hinweg. Die Knochen wurden immer weiter nach hinten verschoben, um Platz f\u00fcr Neuank\u00f6mmlinge zu machen. Es war also eine Bestattungsform, die das Kollektiv und die Kontinuit\u00e4t betonte. Aber welche genauen Vorstellungen die Menschen vom Tod hatten, das geben die Funde nicht her. Wichtig ist jedenfalls, dass \u00fcberhaupt eine Trennung vollzogen wurde, eine Trennung zwischen Alltagsst\u00e4tten und rituellen St\u00e4tten.<\/p>\n<p>In der Bronzezeit war die Bestattungsform anders, fast radikal anders. Die Toten wurden einge\u00e4schert und individuell in Urnen begraben. Wieder m\u00f6chte man gerne wissen, welche genaue Vorstellung dahinter stand.<\/p>\n<p>In Malta gibt es kein Eisenerz. Die Bronze muss also eingef\u00fchrt oder von den ersten Siedlern mitgebracht worden sein. Eine Kette aus Strau\u00dfeneierschalen zeigt Kontakte nach Nordafrika, Gegenst\u00e4nde aus Obsidian Kontakte nach Sizilien.<\/p>\n<p>Es gab vor allem drei Siedlungsorten: auf H\u00fcgeln, in H\u00f6hlen und nat\u00fcrlich gesch\u00fctzte Orte. Alle Siedlungen waren stark befestigt. Es war also eine konfliktreiche Zeit. Das, so hei\u00dft es hier, unterscheide die Bronzezeitkulturen auf Malta von den Steinzeitkulturen, in denen man harmonisch zusammenlebte. Kann das wahr sein? Hat es je so etwas gegeben? Und l\u00e4sst das Fehlen von Verteidigungsanlagen diesen Schluss zu?<\/p>\n<p>Aus der Bronzezeit, also im Obergeschoss, gibt es vor allem Keramik und Schmuck. Bei der Keramik fallen die vielen Zwillingsgef\u00e4\u00dfe auf, zwei kleine Gef\u00e4\u00dfe, die miteinander verschwei\u00dft sind. Was kann der Sinn davon sein? Bei den pers\u00f6nlichen Gegenst\u00e4nden gibt es sehr sch\u00f6ne Halsketten aus Fischknochen und ein wunderbares Messer mit punziertem Griff.<\/p>\n<p>Viele der Gegenst\u00e4nde waren Grabbeigaben, und f\u00fcr die Gr\u00e4ber hatte man zum Teil spektakul\u00e4re St\u00e4tten ausgesucht. Man sieht auf einem Photo, wie Arch\u00e4ologen sich in einem Boot einem Felsen n\u00e4hern, in den, hoch \u00fcber ihnen, der Eingang zu einer Grabkammer liegt. Es ist kaum vorstellbar, wie man dorthin gelangt ist.<\/p>\n<p>Aber es gibt nicht nur Grabbeigaben. In einem Glasgef\u00e4\u00df sieht man kleine, schwarze Kugeln. Was kann das nur sein? Es sind karbonisierte Bohnen!<\/p>\n<p>Man sieht auch flache Steine mit K\u00f6rnern. Es sind Getreidek\u00f6rner, die sich in den Stein, der als Mahlstein benutzt wurde, eingegraben haben.<\/p>\n<p>Zwei Dinge geben besondere R\u00e4tsel auf. An vielen Orten hat man glockenf\u00f6rmige Vertiefungen im Boden gefunden. Vorratsspeicher f\u00fcr Wasser? Oder f\u00fcr Getreide? Oder bronzezeitliche Abfalleimer?<\/p>\n<p>Das andere R\u00e4tsel sind Stra\u00dfenschienen. Die sind hier wunderbar nachgebaut und man kann auf Glas dar\u00fcber weg spazieren. Unter sich hat man steiniges Gel\u00e4nde, und in das Gel\u00e4nde sind Rinnen eingelassen. Sie sehen aus wie Schienen, breite Schienen, aber sie verlaufen sehr unregelm\u00e4\u00dfig und kreuzen sich manchmal, laufen manchmal aber auch parallel zueinander, aber nur ganz grob parallel. Was kann das gewesen sein? Abflussrinnen? Aber warum dann so aufwendig? Schienen? Aber wie soll das funktioniert haben?<\/p>\n<p>Dann geht es wieder aus der Vergangenheit zur\u00fcck in die Gegenwart und ins Freie, nach Sliema. Um eine Hafenrundfahrt zu machen, muss man mit dem Bus nach Sliema fahren. Obwohl Valletta zwei H\u00e4fen hat, gibt es keine Anlegestelle f\u00fcr Schiffe. Trotz dichter werdender Wolkendecke mache ich mich auf den Weg. Sliema hat eine riesige Uferpromenade und steht f\u00fcr Modernit\u00e4t, Ausgehen, Nachtleben. Es ist die Partymeile Maltas, zumindest im Sommer.<\/p>\n<p>Im Hafen liegen auch einige der traditionellen bunten, Nussschalen \u00e4hnelnden maltesischen Schiffe, aber unsere Rundfahrt ist auf einem ganz normalen Schiff.<\/p>\n<p>Falls man noch Zweifel hatte, nach der Rundfahrt sind sie ausger\u00e4umt: \u00a0Valletta ist eine befestigte Stadt. \u00dcberall Forts, Mauern, Bastionen, T\u00fcrme, Wehrg\u00e4nge. Die Befestigungsanlagen haben insgesamt eine L\u00e4nge von dreieinhalb Kilometern!<\/p>\n<p>Die erste Befestigung sehen wir gleich nach dem Ablegen auf der rechten Seite. Sie liegt auf einer Insel, Manuel Island. Wir befinden uns im Marsamxett Harbour, dem Hafen in der Bucht zwischen Sliema und Valletta. Auf der Insel befinden sich die Reste eines Krankenhauses des Ordens, eines von Europas ersten Isolationskrankenh\u00e4usern, vor allem f\u00fcr Pestkranke.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he liegt ein schwarzer Dreimaster, der ehemals einem Filmstar aus Hollywood geh\u00f6rte, Errol Flynn, aber mehrmals sank und dann zu einem Restaurant umgebaut wurde. Dahinter kommt ein Yachthafen.<\/p>\n<p>Dann kommen wir schon an die Spitze der Halbinsel, auf der Valletta liegt. Vom Wasser aus sieht man, dass man diese Spitze noch einmal k\u00fcnstlich verl\u00e4ngert hat, mit einem langgezogenen Kai, auf den man \u00fcber eine Br\u00fccke kommt und an dessen Ende ein Leuchtturm steht.<\/p>\n<p>Wir umfahren den Leuchtturm und kommen in Vallettas zweiten Hafen, den Grand Harbour. Von hier aus sieht man auf die Stadteile, durch die ich bei meinen Erkundungen gestern und vorgestern gekommen bin. Alle Geb\u00e4ude stehen dicht gedr\u00e4ngt, alle in einheitlichem hellbraunen Sandstein. Die einzigen Farbtupfer sind das rote Dach der Marienkapelle (der franz\u00f6sischen Zunge angeh\u00f6rend) und die T\u00fcren und Fensterl\u00e4den der Lagerr\u00e4ume am Ufer. Die unterschiedlichen Farben von Fensterl\u00e4den und T\u00fcren bezeichnen, was wo gelagert wird.<\/p>\n<p>Dann kommen wir zu den auf der anderen Seite des Grand Harbour liegenden sog. Three Cities, auch Contonera genannt. Als wenn das nicht schon kompliziert genug w\u00e4re, hat jede f\u00fcr sich auch noch zwei eigene Namen: Senglea (auch: L\u2019Isla), Birgu (auch: Vittoriosa), Bormla (auch: Cospicua). Sie sind alle \u00e4lter als Valletta und wurden nach dessen Gr\u00fcndung zu Vorst\u00e4dten. Hier wohnten die einfachen Leute und die Tagel\u00f6hner, hier waren die Soldatenunterk\u00fcnfte und Sklavenquartiere und Werkst\u00e4tten. Sp\u00e4ter wurden sie zum Zentrum der Arbeiterbewegung. Von hier stammte Dom Mintoff, der erste sozialistische Pr\u00e4sident Maltas. Auch diese St\u00e4dte sind mit einer geschlossenen Festungsmauer umgeben.<\/p>\n<p>Dann kommen wir zu den Werften. Riesige blaue und gelbe Kr\u00e4ne beherrschen das Bild. Die Werfen sind durchnummeriert. Die gr\u00f6\u00dfte ist die sog. Chinesische Werft, auf der Schiffe von bis zu 320.000 Tonnen liegen k\u00f6nnen. An der sog. Franz\u00f6sische Werft liegt der Landeplatz Napoleons, der 1798 Malta eroberte, es aber nach zwei Jahren an Lord Nelson verlor. Danach wurde Malta britisch.<\/p>\n<p>Die R\u00fcckfahrt f\u00fchrt dann noch an ein oder zwei Befestigungsanlagen vorbei. Ich bin aber nicht traurig, als die Fahrt zu Ende geht. Das Schlingern des Schiffs vertr\u00e4gt sich nicht gut mit dem schlechten Wein vom Mittagessen.<\/p>\n<p>In Sliema gehe ich noch in die Stadt rauf, aber trotz einiger Suche l\u00e4sst sich kein eigentliches Stadtzentrum finden. Es gibt allerdings ein paar sehr sch\u00f6ne Stra\u00dfenz\u00fcge. Bunte Balkone \u00fcberall.<\/p>\n<p>Im Bus nach Valletta werde ich von tschechischen Touristen gefragt, ob ich Lokale empfehlen k\u00f6nnte, in der \u201eechte\u201c Malteser, keine Touristen verkehren. Man suche Kontakt zu den Einheimischen. Kann ich leider nicht. Und ich bin noch nicht einmal sicher, ob es so etwas gibt. H\u00f6chstens ein paar sch\u00e4bige Caf\u00e9s, in denen alte M\u00e4nner den ganzen Tag bei einem Kaffee sitzen. Aber ob es das ist, was die Tschechen suchen? Nat\u00fcrlich wird es auch Junge und Reiche geben, die, dem \u201eeurop\u00e4ischen\u201c Modell folgend, ausgehen, aber auch das suchen die Tschechen vermutlich nicht. In vielen traditionellen Gesellschaften geht man vermutlich gar nicht aus, und Esslokale sind etwas f\u00fcr Festlichkeiten wie Hochzeit oder Kommunion.<\/p>\n<p>In Valletta finde ich eine winzige Kneipe, in der es ganz gutes Essen gibt. Hier ist auch kein \u201eechter\u201c Maltese. Als ich aufbreche, ist es stockdunkel, und ich kann ein paar sch\u00f6ne Bilder von den beleuchteten steilen Stra\u00dfen machen, die zum Hotel f\u00fchren. Und von einem ungew\u00f6hnlichen Verkehrsschild, einem Verbotsschild f\u00fcr Pferdekutschen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13. Februar (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Mit dem Bus geht es nach Paola und in die Vorgeschichte. Tempel und Hypog\u00e4um stehen auf dem Programm.<\/p>\n<p>Paola ist eine laute und lebendige Stadt, mit unz\u00e4hligen hupenden Autos, die sich durch die engen Stra\u00dfen zwingen, und Einheimischen, die sich den Platz auf den engen B\u00fcrgersteigen streitig machen. Hier gibt es kaum Touristen, au\u00dfer ein paar Verr\u00fcckten, die wegen der alten Steine hierher kommen.<\/p>\n<p>Die traditionellen maltesischen H\u00e4user hatten alle eine Zisterne. Die trockenen Sommer machten sie n\u00f6tig, die feuchten Winter m\u00f6glich. Beim Graben f\u00fcr eine Zisterne f\u00fcr ein neues Haus, vor etwa hundert Jahren, brach pl\u00f6tzlich der Boden ein, und einer der Arbeiter fiel, ohne es zu wissen, in die Vorgeschichte, in das, was heute das Hypog\u00e4um ist. Was dann geschah, ist nur auf den ersten Blick \u00fcberraschend: Man verschloss das Loch, baute weiter und versuchte, den Fund zu verheimlichen. Nur keinen \u00c4rger. Das ging auch eine Zeitlang gut, aber dann sickerte doch etwas durch, und drei Jahre sp\u00e4ter kam die Sache an die \u00d6ffentlichkeit. Jedenfalls ist man noch heute \u00fcberrascht, wenn man gleich in der N\u00e4he des Stadtzentrums in eine Seitenstra\u00dfe geschickt wird und pl\u00f6tzlich vor einem ganz normalen Hauseingang steht, \u00fcber dem <em>Hypog\u00e4um<\/em> steht.<\/p>\n<p>Da stehe ich jetzt und will erst mal sicher stellen, ob das mit der Eintrittskarte geklappt hat. Hat es. Ich bin auf der Liste und soll einfach f\u00fcnf Minuten vorher da sein. Daraufhin entspinnt sich folgender Dialog: \u201eKann ich jetzt schon zahlen? \u2013 Die Karten werden immer im Voraus bezahlt. \u2013 Ja, aber es handelt sich hier um eine Ausnahme. Ich habe die Karte nur vorbestellt. \u2013 Ist aber bezahlt. \u2013 Es war so: Ich habe keinen Zugriff auf die Seite gehabt und Herrn Sant telefonisch gebeten, mir eine Karte zu reservieren. Er hat sich nur zur Sicherheit meine Kreditkartennummer aufgeschrieben. \u2013 Hier, sehen Sie selbst. Hier steht\u00a0 \u201ebezahlt.\u201c Daraufhin gebe ich den Kampf auf. 20 \u20ac gespart.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr habe ich kein Kleingeld. Daran herrscht in Malta notorischer Mangel. Und kein Kleingeld bedeutet kein Kaffee. Stattdessen gehe ich zu dem arch\u00e4ologischen Gr\u00e4berfeld, das etwas au\u00dferhalb des Stadtzentrums liegt, inmitten von Feldern, so wie man sich auch die Lage des Hypog\u00e4ums vorgestellt hat. Das Gr\u00e4berfeld liegt in Tarxien, jetzt einem Stadtteil von Paola.<\/p>\n<p>Man l\u00e4uft trotz einiger Informationen etwas verloren \u00fcber die Holzstege durch das Gr\u00e4berfeld. Man sieht Steine mit Reliefs, \u00fcbereinandergeschichtete Steine, Steine mit Bohrl\u00f6chern, Steine, die einen Halbkreis bilden, andere, die eine Art Eingangstor bilden und wieder andere, die eine Apsis bilden. Jedenfalls scheinen die Steine bearbeitet worden zu sein. Sie sind glatt und regelm\u00e4\u00dfig. Es ist ein bisschen wie Stonehenge im Kleinformat, aber es ist schwer, eine Struktur zu erkennen. Kein Wunder, die verschiedenen Tempel stammen aus einer Periode von 1.000 Jahren. Tempel dieser Art sind vermutlich der historische Hintergrund zu der Legende, dass Malta einst von Riesen bewohnt war. Was hier genau geschah, ist ungewiss, aber die vielen Tierdarstellungen lassen vermuten, dass Tiere geopfert wurden. Kurios ist ein Stein, der als Nachweis daf\u00fcr gilt, dass auch zu dieser Zeit schon Recycling angesagt war. Man hat fast die gesamte Fl\u00e4che einer Seite von den Punktbohrungen befreit, um andere anzubringen, aber unten, da, wo die S\u00e4ule unter der Erde war, sieht man noch die alten Punktbohrungen.<\/p>\n<p>Ich spreche mit einer Amerikanerin, die sehr professionelle Photos macht, und mit einer sehr kenntnisreichen englischen Familie, und dann kommt eine Mitarbeiterin der Tempelanlage auf mich zu, und alle helfen mir, ein paar der etwas verborgenen Steine zu finden \u2013 die meisten sind Kopien und schon wieder verwittert \u2013 aber meine allgemeine Orientierungslosigkeit bleibt bestehen.<\/p>\n<p>Dann geht es zur\u00fcck in die Innenstadt. Vor dem Hypog\u00e4um habe ich noch Zeit f\u00fcr einen Kaffee. In dem kleinen Caf\u00e9, wo ein milit\u00e4rischer Ton herrscht, gibt es Kaffee und Apple Pie f\u00fcr unschlagbare 2 \u20ac. Und ohne mit den Augen zu zucken, wechselt man mir meine 50 \u20ac.<\/p>\n<p>Der Besuch des Hypog\u00e4ums gilt als einer der H\u00f6hepunkte einer Reise nach Malta, nicht zu Unrecht. Es \u00fcberkommt einen ein metaphysischer Schauer, wenn man in Momenten der Stille mitten in der vor Tausenden von Jahren geschaffenen und lange v\u00f6llig verschollenen Anlage steht. Die Stille wird gelegentlich markiert durch die Musik, die man auf dem Kopfh\u00f6rer h\u00f6rt, eine Art Symphonie f\u00fcr Steine, die aneinander geklopft werden. So k\u00f6nnte die Musik damals geklungen haben.<\/p>\n<p>Es gibt einen kuriosen Kontrast zwischen der uralten Kultstelle und der hochmodernen Technik, die zum Schutz der Anlage und bei der F\u00fchrung zum Einsatz kommt.<\/p>\n<p>Das Hypog\u00e4um erstreckt sich \u00fcber drei Ebenen, von denen nur die beiden unteren streng genommen unter der Erde liegen. Die mittlere Ebene ist die wichtigste. Oben sieht man eine Art Halbkreis aus Steinen und mehreren niedrigen Eingangstoren, die vermutlich zu dahinter liegenden Kammern f\u00fchrten. In diese Kammern wurden die \u00e4lteren Knochen der Toten, die hier im Halbkreis begraben wurden, geschoben, um Platz f\u00fcr neue zu machen. Das alles beruht auf der Annahme, dass es sich um eine Grabst\u00e4tte handelte. Daf\u00fcr sprechen die vielen, vielen Knochen, die man hier gefunden hat.<\/p>\n<p>Die untere Ebene betritt man nicht. Man sieht nur von der mittleren in sie hinunter. In die untere Ebene f\u00fchren sieben sehr, sehr unregelm\u00e4\u00dfige Stufen. Sie haben weder die gleiche Breite noch die gleiche Form. Und wohin f\u00fchrt die Treppe? Ins Nichts, in die Leere. Wenn man nach der untersten Stufe einen weiteren Schritt macht, f\u00e4llt man meterweit nach unten. Die verlockendste Erkl\u00e4rung ist die, dass dies eine Ma\u00dfnahme gegen R\u00e4uber und Eindringlinge war, die im Halbdunkel das gef\u00e4hrliche Ende nicht sehen und auf den unregelm\u00e4\u00dfigen und vermutlich rutschigen Stufen ausgleiten w\u00fcrden. Eine andere, weniger spektakul\u00e4re Erkl\u00e4rung besagt, der Boden sei fr\u00fcher h\u00f6her gewesen, h\u00e4tte bis an die untere Stufe gereicht. Aber warum dann diese komischen Treppen, angelegt von Menschen, die ganze Tempelanlagen schaffen konnten, in denen nicht ein Stein unregelm\u00e4\u00dfig ist?<\/p>\n<p>Ein weiteres R\u00e4tsel betrifft die Beleuchtung. Es wurden nirgendwo Spuren von Ru\u00df gefunden, es wurden also keine Fackeln benutzt. Aber was dann?<\/p>\n<p>Auf der mittleren Ebene bleiben wir an verschiedenen Stellen der labyrinthischen G\u00e4nge stehen. Dabei sehen wir eine Art Badewanne. In der wurde die ber\u00fchmte Figur der Magna Mater gefunden. Aber das ist auch komisch. Die Badewanne, grob den Ma\u00dfen einer richtigen Badewanne entsprechend, ist viel zu gro\u00df f\u00fcr die winzige Figur.<\/p>\n<p>An einer Stelle, bei der die Bauarbeiten nicht zu Ende gef\u00fchrt wurden, kann man die Arbeitsweise sehen. Zun\u00e4chst wurden L\u00f6cher in den Stein gehauen. Erstaunlich, dass das \u00fcberhaupt ging. Man hatte noch keine Bronzewerkzeuge, nur Stein, Flintstein und Geweihe. Die L\u00f6cher wurden in Schwachstellen des Felsens geschlagen, und dann wurde der Felsen gebrochen. So entstanden Durchg\u00e4nge und Korridore. Es ist tats\u00e4chlich so, dass die gesamte Anlage k\u00fcnstlich angelegt, in den Felsen gehauen ist und es sich nicht, wie man glauben k\u00f6nnte, um eine nat\u00fcrliche H\u00f6hle handelt. Unglaublich!<\/p>\n<p>Der wichtigste Raum ist das \u201eAllerheiligste\u201c. Hier erkennt man auch gut das k\u00fcnstlerische Prinzip: Alles sieht wie gebaut aus, ist es aber nicht. Die beiden Pfeiler und der Architrav sind nicht aufgestellt, sondern aus dem Felsen gehauen. Die Decke besteht aus verschiedenen, sich \u00fcberlappenden Scheiben, ein Hinweis darauf, wie die Decken der Tempel gebaut worden sein k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Der andere ganz besondere Raum hat eine bemalte Decke. In Sechsecken finden sich Spiralen aller Art, und zwar in Rot. Das muss im Halbdunkel und bei frischer Farbe geradezu magisch ausgesehen haben.<\/p>\n<p>Der rote Farbstoff muss von au\u00dferhalb Malta importiert worden sein! Trotzdem gibt es keine Verbindungen zu Kulturen au\u00dferhalb von Malta und auch keine zu sp\u00e4teren Zeiten. Die \u201eRiesen\u201c waren eine Sache f\u00fcr sich. Und sind irgendwann einfach verschwunden. Man steht staunend davor und fragt sich, warum. Warum sind sie verschwunden, warum haben sie dies geschaffen? Von ganz zentraler Bedeutung ist, wenn man in gr\u00f6\u00dferen Zusammenh\u00e4ngen denkt, das Symbol. Die ganze Anlage und deren Teile standen f\u00fcr etwas anderes. Das ist etwas existentiell Menschliches.<\/p>\n<p>Als ich wieder in die Stadt zur\u00fcckgehe, f\u00e4llt mein Blick auf ein Stra\u00dfenschild. Das beschert eine Wiederbegegnung mit einem alten Bekannten: Ninu Cremona!<\/p>\n<p>Die Au\u00dfenbezirke von Paola, z.B. die um die Tempel herum, wirken fast l\u00e4ndlich und sind sehr gepflegt. Das Zentrum bietet das Gegenprogramm. Der zentrale Platz, angeordnet zu beiden Seiten einer sch\u00f6nen, aber vom Verkehr umflossenen Promenade, die durch beschnittene B\u00e4ume, die St\u00e4mme wie Platanen und Bl\u00e4tter wie Olivenb\u00e4ume haben, Sonnenschutz erh\u00e4lt, hat ein paar etwas verfallene H\u00e4user zwischen ganz neuen mit modernen Gesch\u00e4ften, meistens Telekommunikation.<\/p>\n<p>Etwas dar\u00fcber liegt die m\u00e4chtige Pfarrkirche, und hier bekomme ich es jetzt auch schriftlich. Nur ein Wort der Inschrift kann ich verstehen, aber das ist das entscheidende: <em>Alla<\/em>.<\/p>\n<p>An jeder Ecke gibt es Verkaufsst\u00e4nde, an denen man etwas zu essen bekommt, meist Teigrollen oder etwas von der Art, und die werden auch gut frequentiert von den Einheimischen, aber ein richtiges Lokal kann ich nicht entdecken. Das best\u00e4tigt meine Vermutung, dass Ausgehen etwas f\u00fcr Ausw\u00e4rtige ist und ein Luxus, den man sich nicht leistet. Also fahre ich nach Valletta zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Dort geht es gleich in das Teatru Manoel. Die mit Spannung erwartete F\u00fchrung ist eine einzige Entt\u00e4uschung. Was die F\u00fchrerin bietet, grenzt an eine Unversch\u00e4mtheit. Erst l\u00e4sst sie uns warten, weil sie noch essen muss \u2013 dass sie uns \u00fcberhaupt wahrgenommen hat, ist nur der Insistenz des anderen Teilnehmers, eines Briten, zu verdanken \u2013 dann rappelt sie, im Parkett Platz nehmend, ein paar Daten zum Theater herunter und entl\u00e4sst uns. Dabei gibt es durchaus etwas zu erz\u00e4hlen. Davon zeugt ein Schild im Innenhof, das eine Episode erz\u00e4hlt: Ein gewisser Oreste Kirkop sa\u00df seelenruhig in einer Auff\u00fchrung des Rigoletto und wurde dann, am Ende des 2. Akts, ohne jede Vorwarnung gebeten, f\u00fcr den indisponierten Tenor einzuspringen. Er tat das, legte allm\u00e4hlich seine Nervosit\u00e4t ab und steigerte sich in einen k\u00fcnstlerischen Rausch hinein, der ihm stehende Ovationen und eine spontane Wiederholung von \u201eLa donnna e mobile\u201c einbrachte. Das ist unserer F\u00fchrerin keine Erw\u00e4hnung wert.<\/p>\n<p>Auch die wunderbaren alten Instrumente zur Imitation von Wind und Donner, die vor dem Eingang stehen, sind ihr nicht mehr als einen halben Satz wert. Dabei ist das Theater eine wahre Schatztruhe, ein bestens erhaltenes Barocktheater, wie aus einem Guss, ebenfalls, wie man zur gr\u00f6\u00dften \u00dcberraschung erf\u00e4hrt, von den Johannitern gegr\u00fcndet. Seinen Namen hat es von dem Gro\u00dfmeister, der es gr\u00fcndete, 1731.<\/p>\n<p>Der ganze Innenraum ist aus bemaltem Holz. Auch die Decke ist aus bemaltem Holz, blau, mit vergoldetem Blattwerk, flach, aber von unten gew\u00f6lbt erscheinend. Diese Dekoration scheint aber erst aus dem 19. Jahrhundert zu stammen. Das Theater hat vier R\u00e4nge, nach oben hin immer niedriger werdend, und fasst 600 Zuschauer.<\/p>\n<p>Es werden St\u00fccke auf Englisch und Malti aufgef\u00fchrt und Opern und Barockkonzerte. Die Finanzierung ist fast ausschlie\u00dflich staatlich.<\/p>\n<p>Das Theater wurde, im Gegensatz zu der Oper am Eingang zur Stadt, nie zerst\u00f6rt. Das wundert nicht. Es ist ganz in die H\u00e4userzeile eingef\u00fcgt und, auch wenn der Eingang durch zwei S\u00e4ulen markiert ist, kaum als \u00f6ffentliches Geb\u00e4ude zu erkennen.<\/p>\n<p>Wieder nur dank der Nachfrage des Briten k\u00f6nnen wir auf die R\u00e4nge gehen. Die F\u00fchrerin bleibt unten sitzen. An den T\u00fcren, die Zugang zu den Pl\u00e4tzen geben, steht <em>Shhhhhht! <\/em><\/p>\n<p>Selbst die Logen im ersten Rang sind weder bequem noch ger\u00e4umig. Das sieht von au\u00dfen immer so toll aus. Und oben sitzt man auf B\u00e4nken mit Plastikbezug und wird beim Blick nach unten schwindlig.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend gehe ich wieder in das Lokal gleich neben dem Theater, wo ich am Samstag so gut gegessen habe. Das Essen ist wieder gut, aber der Service diesmal schlecht. Der junge Mann, der alleine f\u00fcr alles zust\u00e4ndig ist, ist mit einer Truhe besch\u00e4ftigt, die gerade angeliefert worden ist und die er drau\u00dfen reinigt. Die Tische werden nicht abger\u00e4umt, nicht gewischt, \u00a0Bestellungen ignoriert. Die T\u00fcre zum Lokal steht auf \u2013 eine maltesische Spezialit\u00e4t \u2013 und ein franz\u00f6sisches Paar bittet den Mann, die T\u00fcr zu schlie\u00dfen. Er fragt, ob es wegen des L\u00e4rms sei. Nein, wegen der K\u00e4lte, antworten die. Er verspricht, die T\u00fcr zu schlie\u00dfen, tut das aber nicht, auch dann nicht, als er dann wieder nach drau\u00dfen geht, um sich seiner Truhe zu widmen. Ich stehe auf und schlie\u00dfe die T\u00fcr. Als er wieder hinein kommt, l\u00e4sst er sie wieder offen stehen, und ich schlie\u00dfe sie wieder. Und das geht immer so weiter. Man fragt sich, wie sich diese Gewohnheit eingeschlichen hat. Im Sommer, bei Hitze, w\u00fcrde man doch auch die T\u00fcren schlie\u00dfen, um die Hitze drau\u00dfen zu lassen. Die Malteser scheinen von der K\u00e4lte weniger beeindruckt zu sein als wir. \u00c4hnliche Szenen wiederholen sich in den n\u00e4chsten Tagen immer wieder.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">14. Februar (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Ohne Gozo hat Malta gerade mal die Ausdehnung von Frankfurt am Main, nicht mehr. Da m\u00fcsste man an einem Tag auch ganz gut nach Gozo fahren k\u00f6nnen, \u00fcberlege ich mir. Ich tue es, obwohl dadurch ein paar Dinge liegen bleiben, die ganz in der N\u00e4he von Valletta sind. Das ist schade, aber auf der Fahrt nach Gozo sieht man vielleicht auch was von Malta. Und au\u00dferdem soll Gozo ganz anders sein als Malta. Ich lasse mich von dem sehr freundlichen Herrn an der Rezeption \u00fcberreden, das mit einer organisierten Tour zu machen. Man wird sogar am Hotel abgeholt und zur F\u00e4hre gebracht. Auf Gozo gibt es dann einen Touristenbus, bei dem man aussteigen kann, wo man will.<\/p>\n<p>Als ich vor dem Hotel auf den Transfer warte, sagt eine vorbeikommende alte Frau zu mir: \u201eCold today.\u201c Recht hat sie.<\/p>\n<p>In einem vergammelten Transporter mit zerschlissenen Polstern, schmutzigen T\u00fcren und l\u00f6chriger Verkleidung, in dem \u00fcberall Lappen, T\u00fcten und Zettel herumliegen, werde ich von Valletta zur F\u00e4hre gebracht. Ich bin der einzige. Bald stehen wir im Stau, aber dann geht es weiter, der K\u00fcste entlang. Wieder ist es erstaunlich gr\u00fcn, aber sch\u00f6n ist die Gegend nicht. Die Orte, durch die wir kommen, sind es auch nicht. Die Distanz zwischen den Orten ist relativ gering. Malta ist eins der am dichtesten besiedelten L\u00e4nder der Welt.<\/p>\n<p>Es gilt, zwei brisante Situationen zu \u00fcberstehen, eine, bei der der Fahrer hinter einem Baustellenfahrzeug aus dem Windschatten rechts auf eine Hauptstra\u00dfe einbiegt, und eine, bei der an einem Platz ein paar M\u00e4nner einen hohen Flaggenmast man\u00f6vrieren, den sie im letzten Moment zu halten bekommen. Er w\u00e4re lang genug gewesen, um auf dem Auto zu landen.<\/p>\n<p>Wir machen noch zwei Abstecher zu Hotels, und als wir am Kai ankommen, ist die F\u00e4hre weg. Das ist dem Fahrer aber nicht einmal eine Bemerkung wert. Inzwischen hat auch heftiger Regen eingesetzt. Im Dauerlauf geht es zu der Abfertigungshalle, aber als ich ankomme, bin ich zum ersten Mal durch und durch nass.<\/p>\n<p>In der Halle, die nicht geheizt ist und deren T\u00fcren offen stehen, gibt es einen warmen Kaffee. Und eine Zeitung. Dort lese ich, dass es in Israel, wo ich vor zwei Jahren um diese Zeit gefroren habe, heute 21\u00b0 und in Athen, wo ich vor ein paar Jahren noch im M\u00e4rz gefroren habe, heute 19\u00b0 Grad warm ist. Gleichzeitig setzt hier ein Hagelschauer ein, der auf das Dach der Halle prasselt und alle verstummen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>In der Zeitung steht etwas \u00fcber die Schwierigkeiten von Air Malta und deren \u00dcberpr\u00fcfung durch die Europ\u00e4ische Union. Man hat einen Plan vorgelegt, demzufolge man Einnahmen steigern und Ausgaben verringern will. Wie das gehen soll, ist mir ein R\u00e4tsel. Beim Essen f\u00fcr die Passagiere l\u00e4sst sich jedenfalls nicht sparen. Ab 2015 will man Gewinne erzielen.<\/p>\n<p>Ein irischer Schauspieler ist im Alter von 82 gestorben. Am Ende seiner Karriere sagte er, den gr\u00f6\u00dften Ruhm habe er einem neunmin\u00fctigen Auftritt als Handwerker in <em>Fawlty Towers<\/em> zu verdanken. Nach 50 Jahren im Film und im Theater. Das muss auch eine ern\u00fcchternde Erkenntnis sein. All die allt\u00e4glichen M\u00fchen vergebens und vergessen, unterbewertet, \u00fcberschattet von einem einzigen, vermutlich k\u00fcnstlerisch wertlosem Auftritt. Wie ein Lehrer, der merkt, dass h\u00f6chstens ein Detail, eine zuf\u00e4llige Episode, eine Randbemerkung bei den Sch\u00fclern Spuren hinterlassen hat, w\u00e4hrend alles andere sich in Luft aufgel\u00f6st hat.<\/p>\n<p>Aus diesen tiefsinnigen \u00dcberlegungen weckt mich die F\u00e4hre. Der Weg dahin geht durch den Regen, der kein bisschen nachgelassen hat. Auf dem ersten Schild, das ich auf der F\u00e4hre sehe, steht: <em>Sonnendeck<\/em>.<\/p>\n<p>Die \u00dcberfahrt dauert eine halbe Stunde. Als wir auf Gozo zukommen, bricht die Sonne durch, aber die hat sich wieder versteckt, als wir ankommen.<\/p>\n<p>Das erste, was man von Gozo sieht, ist eine Zitadelle, hoch \u00fcber der Stadt, Mgarr, der Anlegestelle der F\u00e4hre. Ich fahre aber gleich nach Rabat durch. Schon w\u00e4hrend der kurzen Fahrt sieht man, dass Gozo l\u00e4ndlicher ist als Malta, und auch gr\u00fcner und wohl auch fruchtbarer. \u00dcberall sieht man Gem\u00fcseanbau, immer in kleinen Parzellen, mitten in der Landschaft.<\/p>\n<p>Bald geht es auf Rabat zu, der Hauptstadt von Gozo. Auch Rabat hat einen zweiten Namen, Vittoria, zu Ehren der britischen K\u00f6nigin, aber man ist jetzt fast ausschlie\u00dflich auf den alten arabischen Namen zur\u00fcckgegangen.<\/p>\n<p>Ich steige hier als einziger aus und mache mich sofort auf den Weg zu der Zitadelle, auch hier hoch \u00fcber der Stadt, aber mitten im Zentrum gelegen. Man betritt die Zitadelle, die wie eine Stadt in der Stadt ist, durch ein Tor. Gleich dahinter liegt eine riesige Kirche. Dem Reisef\u00fchrer zufolge handelt es sich um eine Kathedrale, und die Ausma\u00dfe w\u00fcrden dem auch entsprechen, aber irgendwo in der Kirche lese ich, dass es sich um eine Pfarrkirche handelt. Man gelangt zu dem Eingang \u00fcber eine gro\u00dfe Freitreppe \u2013 und den Regen. Als ich oben ankomme, werde ich wieder durch den Regen hinunter geschickt, um eine Eintrittskarte zu kaufen. Dann geht es wieder rauf.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick lohnt sich der Besuch nicht sonderlich. Es ist eine dunkle Barockkirche voller barocker Pracht und barockem Kitsch. Es gibt sogar drei hintereinander geschaltete Alt\u00e4re, alle aus Marmor. Daf\u00fcr entsch\u00e4digt aber das Deckengem\u00e4lde in der Vierung, ein <em>trompe d\u2019oeil<\/em>, das eine Kuppel vort\u00e4uscht, aber flach ist. Das ist so meisterlich gemacht, dass ein Schweizer Ehepaar dar\u00fcber streitet, ob es nun eine Kuppel ist oder nicht. Die freundliche Aufpasserin l\u00e4sst uns hinter die Sperre treten, so dass wir unmittelbar unter der \u201eKuppel\u201c stehen. Erstaunlicherweise ist deren Zentrum, die Laterne, durch die das vermeintliche Licht str\u00f6mt, am Rand der Kuppel. Die Laterne wird getragen von grauen, gestaffelten Gew\u00f6lberingen. Perfekt. Schade, dass es so dunkel ist.<\/p>\n<p>Am Ausgang sehe ich noch zwei monumentale Taufbecken aus Marmor. Sie haben die Form von \u00fcberdimensionalen Vasen mit Deckel. Dar\u00fcber, wie man diese Deckel entfernt, um die Taufbecken \u00fcberhaupt als solche nutzen zu k\u00f6nnen, kann man spekulieren. Der Pfarrer alleine schafft es jedenfalls nicht.<\/p>\n<p>Als ich aus der Kirche komme, hat der Regen nachgelassen. \u00dcber sch\u00f6ne, enge, unregelm\u00e4\u00dfige Steinwege geht es weiter nach oben. Teile der Zitadelle stammen noch von den Aragonesen. An verschiedenen Stellen sieht man Mauerreste und Steinbrocken. Teile der Zitadelle liegen noch in Tr\u00fcmmern, seitdem sie einst von den T\u00fcrken stark zerst\u00f6rt wurde.<\/p>\n<p>Anderes ist aber der Zerst\u00f6rung entgangen, darunter ein paar richtige mittelalterliche Wohnh\u00e4user. Das hat Seltenheitswert. Als die Gefahr von \u00dcberf\u00e4llen am gr\u00f6\u00dften war, mussten alle Bewohner von Rabat nachts in die Zitadelle. Daraus entwickelten sich im Laufe der Zeit feste Wohnungen.<\/p>\n<p>In einem dieser H\u00e4user ist das Folkloremuseum untergebracht. Hier sieht man Zeugnisse des traditionellen Landlebens von Gozo, von Sicheln und Waagen bis zu Getreidem\u00fchlen und Fischernetzen und dem Steuerruder eines der traditionellen Schiffe. Es gibt auch eine Sammlung von T\u00fcrklopfern, die man hier tats\u00e4chlich \u00fcberall sieht, auch in der Innenstadt von Valletta, und eine ganze Sammlung von M\u00f6rsern, die zur Befeuerung von Feuerwerksk\u00f6rpern f\u00fcr die l\u00e4ndlichen Feste dienen.<\/p>\n<p>Der besondere Reiz des Museums liegt in der labyrinthischen Anordnung der kleinen R\u00e4ume, die sich auf verschiedene H\u00e4user verteilen und sich auf verschiedenen Ebenen befinden. Immer wieder st\u00f6\u00dft man auf einen neuen Raum, immer wieder st\u00f6\u00dft man auf einem Raum, in dem man vorher schon einmal war.<\/p>\n<p>Die Exponate sind alles andere als spektakul\u00e4r, aber sehenswert. Auch hier ist die Vielfalt bemerkenswert: Balkenwaagen, Waagen mit verschiebbaren Gewichten, Waagen mit einer oder mit zwei oder ohne Schalen. Es sind auch Gewichte ausgestellt, und eine Schautafel zeigt die traditionellen maltesischen Gewichte. Sie basieren auf dem Qantar (ca. 70 kg), das wiederum in Teilgewichte aufgegliedert, mit Einheiten von 12 bis 30, ohne dass man eine Regelm\u00e4\u00dfigkeit erkennen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Auch, was Berufe angeht, lernt man zu differenzieren. Schmied ist nicht gleich Schmied. In Gozo gab es traditionell vier Spezialisierungen: Schmiede f\u00fcr Hufeisen und Pfl\u00fcge, Schmiede f\u00fcr Sicheln und Haushaltsger\u00e4te, Schmiede f\u00fcr T\u00fcrklopfer und Scharniere und Gel\u00e4nder von Treppen und Balkonen, Schmiede f\u00fcr Wagenr\u00e4der und Fassreifen.<\/p>\n<p>Am meisten in Erinnerung bleiben mir zwei Vitrinen mit Gegenst\u00e4nden aus der Puppenkiste: St\u00fchle, Tische, ein Himmelbett. Das Besondere: Die Gegenst\u00e4nde sind aus Stein! Malta hat immer viel Stein und wenig Holz gehabt.<\/p>\n<p>Bevor ich meine Tour fortsetzte, fl\u00fcchte ich vor dem hier oben deutlich sp\u00fcrbaren, kalten Wind in ein kleines, gem\u00fctliches Caf\u00e9, von einer freundlichen Schottin betrieben. Sie schl\u00e4gt einen hei\u00dfen Kakao zum Aufw\u00e4rmen vor. Einverstanden.<\/p>\n<p>Dann geht es weiter zu dem ehemaligen Gef\u00e4ngnis. Man kann einige der Zellen besichtigen und erf\u00e4hrt einiges von der Geschichte. Es gibt eine alte Tradition von Malta als Verbannungsort. Von Heraclitus, einem byzantinischen Kaiser, wird berichtet, dass er einen gewissen Theodorus, einen Verschw\u00f6rer, nach Malta bringen und ihm vor der Abreise zur Sicherheit noch die H\u00e4nde und die Nase und nach der Ankunft ein Bein abschneiden lie\u00df. Warum die Nase ein Sicherheitsrisiko darstellte, wird nicht erkl\u00e4rt. Der Ortsname <em>Gerduf<\/em> wird auch aus dieser Tradition abgeleitet und soll \u201aOrt des Exils f\u00fcr Ausl\u00e4nder\u2018 bedeuten. Erstaunlich, dass sich all das in so einen kurzen Namen fassen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Das Gef\u00e4ngnis an dieser Stelle wurde auch von den Johannitern gegr\u00fcndet. Hier sa\u00dfen vor allem unbotm\u00e4\u00dfige Ritter ein, meistens Duellanten oder notorische Streith\u00e4hne. Gozo diente aber auch au\u00dferhalb des Gef\u00e4ngnisses als Ort des Exils f\u00fcr Ritter, die man einfach loswerden wollte.<\/p>\n<p>Der ber\u00fchmteste Insasse ist Valette selbst, der sp\u00e4tere Held der Belagerung und Namensgeber von Valletta. Er sa\u00df hier vier Monate wegen eines t\u00e4tlichen Angriffs auf einen Laien ein.<\/p>\n<p>Nachdem die Ritter Malta verlassen hatten, stieg die Zahl der H\u00e4ftlinge an, einfach deshalb, weil der Dienst auf der Galeere als Strafe entfallen war!<\/p>\n<p>Die Haftbedingungen sollen relativ gut gewesen sein: passable hygienische Verh\u00e4ltnisse, gutes Essen, eine \u00e4rztliche Untersuchung zu Beginn der Haft, aufgrund derer Sonderregelungen getroffen werden konnten \u2013 und zwar durch den Arzt, nicht durch die Gef\u00e4ngnisleitung. Besuch konnte man einmal im Monat, an einem Sonntag empfangen. Allerdings macht die Beschriftung keinen Unterschied zwischen den einzelnen Perioden, und man fragt sich, ob alles immer so wunderbar war. Die Gefangenen wurden auch zu Arbeiten herangezogen, auch au\u00dferhalb des Gef\u00e4ngnisses, beim Bau von Stra\u00dfen, vor allem aber bei der Freilegung des arch\u00e4ologischen Feldes von Ggantija.<\/p>\n<p>Das Gef\u00e4ngnis ist nicht gro\u00df, und die Zellen sind es auch nicht. Es gibt aber keine Einrichtungsgegenst\u00e4nde mehr, so dass es schwer ist, sich ein Bild zu machen. Es gibt aber Graffiti aller Art an den W\u00e4nden. Neben den obligatorischen Daten und Initiale auch Kreuze \u2013 keine Malteserkreuze! \u2013 und vor allem Schiffe, sehr sch\u00f6n und kenntnisreich in die Wand geritzt.<\/p>\n<p>Ganz in der N\u00e4he liegt ein kleines Naturkundemuseum. Das nehme ich auch noch mit, trotz der Unfreundlichkeit der Frau an der Rezeption, dem Gegenst\u00fcck zu den freundlichen M\u00e4nnern im Folkloremuseum und im Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<p>Es gibt auf zwei Ebenen eine bescheidene, aber sch\u00f6n pr\u00e4sentierte Sammlung. Gleich am Eingang ist ein Beet von Stalagmiten und Stalaktiten angelegt, bei dem vor allem Wert auf die verschiedenen Farben gelegt wird: Je wei\u00dfer, umso reiner. Wei\u00df ist selten zu finden.<\/p>\n<p>Die Stars der Ausstellung befinden sich oben, eine Pflanze und ein Pilz. Nicht wegen ihrer Besonderheit, sondern wegen ihrer Bedeutung f\u00fcr Malta sind sie die Stars. Die Blume, eine blaue bl\u00fchende, langstielige Wiesenblume, ist die nationale Blume Maltas. Der Fungus, der <em>Malteserschwamm<\/em>, der aussieht wie ein verkohlter Penis, bezieht seine Bedeutung aus der medizinischen Anwendung. In der Zeit der Johanniter war er das Allheilmittel \u00fcberhaupt. Vor allem bei Wunden, Blutungen und Verletzungen fand er Verwendung, aber auch als Aphrodisiakum. Der Extrakt wurde f\u00fcr horrende Summen an die europ\u00e4ischen F\u00fcrstenh\u00e4user verkauft. Die Malteser waren auch Marketingexperten. Eine neuere Untersuchung durch britische Forscher konnte in der Pflanze keinen einzigen Heilstoff entdecken.<\/p>\n<p>Am interessantesten finde ich aber eine Vitrine zu dem auf Malta allgegenw\u00e4rtigen Sandstein, der hier in verschiedenen Formen pr\u00e4sentiert wird. Der Sandstein hat drei Schichten, von denen die mittlere die weichste ist, nicht hart genug f\u00fcr den Hausbau. Aus diesem Stein werden Statuetten und Fig\u00fcrchen gemacht, vermutlich auch die Ausstattung der Puppenstube, die mir vorher im Folkloremuseum aufgefallen ist. Die obere Schicht ist h\u00e4rter und wird f\u00fcr den Hausbau verwendet. Sie ist aber noch so weich, dass man, wie im Gef\u00e4ngnis gesehen, mit jedem spitzen Gegenstand Linien hineinritzen kann. Die untere Schicht ist die h\u00e4rteste und feuerresistent. Daraus werden \u00d6fen gemacht.<\/p>\n<p>Danach zieht es mich wieder in das Caf\u00e9 der freundlichen Schottin. Ich bestelle zum Aufw\u00e4rmen neben dem Hauptgericht eine Suppe. Ein Fehler. Alles dauert unendlich lange, und mir wird bange wegen der Busse. Ich muss um 4 Uhr an der F\u00e4hre sein. Deshalb f\u00e4llt die Besichtigung der sch\u00f6nen Innenstadt von Rabat flach. Bei den Bussen gibt es tats\u00e4chlich einiges an Durcheinander. Ich fahre eine Station mit einem leeren, dann den Rest der Strecke mit einem vollbesetzten Bus und erwische nur noch einen Platz hinter der Treppe, von dem aus man fast nichts sehen kann. Die Kommentare sind ebenso sp\u00e4rlich wie d\u00e4mlich: \u201eHier gibt es gute Fischlokale\u201c oder \u201eHier k\u00f6nnten Sie Ihren ersten Tauchkurs machen.\u201c Man hat f\u00fcr alle Sprachen einen Muttersprachler f\u00fcr die Aufnahme genommen, au\u00dfer f\u00fcr Englisch, von dem die Malteser glauben, sie k\u00f6nnten es selbst. So h\u00f6rt es sich auch an. Ich wechsle auf Deutsch, aber da ist eine Schweizerin zugange, und bei der h\u00f6rt es sich an, als w\u00e4re von den \u201eJohannieten\u201c die Rede.<\/p>\n<p>An einer Stelle ragt ein H\u00fcgel, im wahrsten Sinne des Wortes, aus der Landschaft und den ihn umgebenden flachen H\u00fcgeln hinaus. Er ist durch eine Imitation des Christus von Rio de Janeiro im Kleinformat bekr\u00f6nt. Seine konische Form hat Anlass zu der Vermutung gegeben, er sei vulkanischen Ursprungs, aber das stimmt nicht. Malta war urspr\u00fcnglich Meer. Die vielen Meeresfossilien auf den H\u00fcgeln beweisen es.<\/p>\n<p>Der Weg f\u00fchrt durch eine sch\u00f6ne Landschaft, viele gr\u00fcne H\u00fcgel, die durch halbhohe Mauern unterteilt sind, an England und Irland erinnernd. Was deren Zweck ist, erf\u00e4hrt man aber nicht. Dann kommt eine sch\u00f6ne Strecke mit hohen Felsen. Alle Orte haben riesige Kirchen, die vermutlich viel mehr Menschen fassen, als hier wohnen.<\/p>\n<p>Der Ort Xlendi hat seinen Namen von einem Wort, das ich f\u00fcr eine Heilpflanze halte. Ich werde aber sofort korrigiert. Es geht zur\u00fcck auf einen Schiffstyp aus der byzantinischen Zeit.<\/p>\n<p>Um das Dorf Qala herum gibt es Zitronen- und Orangenb\u00e4ume, keine riesigen Plantagen, sondern eher Felder. Ihre Besonderheit: Man sieht die B\u00e4ume kaum. Sie sind eingefriedet von Bambusz\u00e4unen, zum Schutz gegen den Wind.<\/p>\n<p>Nach Wartezeiten auf beiden Seiten der F\u00e4hre geht es dann zur\u00fcck nach Valletta. Das wirkt bei der R\u00fcckkehr schon fast heimisch. Und ich sehe auch die sch\u00f6ne, beleuchtete Einfahrt in die Stadt durch das Stadttor von Floriana und entlang einer langen Reihe von beidseitigen Arkaden.<\/p>\n<p>Hat sich der Ausflug nach Gozo gelohnt? Schwer zu sagen. Warten und Transport nehmen viel Zeit in Anspruch, und in Valletta und in der N\u00e4he gibt es viele interessante Dinge zu sehen. Demn\u00e4chst gilt wieder die Devise: Das Naheliegende zuerst.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"> <\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">15. Februar (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Wenn die elektronische Anzeige einer Apotheke in der Republic Street stimmt, ist es am fr\u00fchen Vormittag 12\u00b0 warm. F\u00fchlt sich k\u00e4lter an, viel k\u00e4lter. Aber im Laufe des Tages kommt die Sonne raus, und das Wetter bem\u00fcht sich, der Anzeige gerecht zu werden.<\/p>\n<p>Dass Stra\u00dfennamen ein Politikum sind, sieht man an der <em>Republic Street<\/em>. Sie hie\u00df zuerst Strada Reale und dann <em>Kingsway<\/em>.<\/p>\n<p>Bei all seinem Militarismus vergisst man leicht, dass der Johanniterorden urspr\u00fcnglich zur Krankenpflege gegr\u00fcndet wurde. Schon vor dem ersten Kreuzzug machte man es sich zur Aufgabe, Pilger in Jerusalem zu betreuen. Meistens bedeutete das: zu verarzten. Was m\u00fcssen das f\u00fcr Anstrengungen gewesen sein. Schon die konnten einen zum Pflegefall machen, von Krankheiten, Unf\u00e4llen, Verletzungen, R\u00e4uberattacken ganz zu schweigen. Diese Tradition der Betreuung Kranker wurde lange aufrechterhalten und hat in Valletta seinen materiellen Niederschlag in der <em>Santa Infermeria<\/em>, dem Hospital des Ordens.<\/p>\n<p>Auf dem Weg dahin komme ich an der Markthalle vorbei, einem Quadratbau mit hohen Fenstern und gr\u00fcnen Fensterl\u00e4den. \u00dcber dem Eingang steht eine Inschrift in Malti, in der das Wort <em>Suk<\/em> vorkommt. Das kenne ich irgendwie aus arabischen L\u00e4ndern. Es hei\u00dft so etwas wie \u201aMarkt\u2018.<\/p>\n<p>Da die Markthalle nur vormittags ge\u00f6ffnet hat, sehe ich kurz rein. Eine ziemliche Entt\u00e4uschung: keine St\u00e4nde, sondern Gesch\u00e4fte hinter Glas, viele davon geschlossen oder renovierungsbed\u00fcrftig; schummriges Licht, da man auch zu dieser Jahreszeit die Jalousien nicht hochzieht, die noch nicht einmal Licht durch die Ritzen der Fensterl\u00e4den eintreten lassen; eine defekte Rolltreppe, leere Gesch\u00e4fte mit rauchenden, nach Kundschaft Ausschau haltenden Verk\u00e4ufern, bescheidene Auslagen, ein ungem\u00fctliches Caf\u00e9, in das sich zwei Kunden verirrt haben. Oben, wo es Obst und Gem\u00fcse gibt, ist es etwas besser. Mehr Gesch\u00e4fte sind in Betrieb, und sie haben bessere Auslagen. Zwei Feinkostgesch\u00e4fte mit vollen Regalen und ge\u00f6ffneten S\u00e4cken mit Gew\u00fcrzen und N\u00fcssen geben einen Eindruck davon, wie es sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Weiter auf meinem Weg zum Hospital, das am fast entgegengesetzten Ende der Altstadt liegt, komme ich an der Pauluskirche vorbei, <em>St. Paul\u2019s Shipwreck<\/em>. Die ist so in die H\u00e4userzeile eingebunden, dass man sie leicht \u00fcbersehen kann. Der Besuchereingang liegt in der Seitenstra\u00dfe, wo es noch weniger nach Kirche aussieht.<\/p>\n<p>Drinnen sind immer noch die letzten Umbauarbeiten von dem Patronatsfest am Freitag zugange. Aber der Innenraum nimmt sofort alle Aufmerksamkeit in Anspruch. Noch nie habe ich eine Kirche gesehen, bei der es so sehr nach Theater, nach Inszenierung aussieht. Das liegt vor allem an den drapierten Vorh\u00e4ngen, die \u00fcber allen Kapellen h\u00e4ngen, aber auch an den drapierten S\u00e4ulen und den vielen Bannern, die die Ecken verdecken und an dem mit einer Monumentalfigur bekr\u00f6nten Baldachin \u00fcber dem Altar. Dazu kommen all die bewegten Skulpturen. Eine Sinnesspektakel. Die barocken Baumeister w\u00e4ren zufrieden, auf uns wirkt es eher wie ein Zeugnis schlechten Geschmacks. In einer Seitenkapelle wird die S\u00e4ule aufbewahrt, an der der Hl. Paulus gefoltert wurde, jedenfalls die untere H\u00e4lfte der S\u00e4ule. Die obere ist in Rom. Zur Komplettierung hat man hier einen silbernen Kopf drauf gelegt.<\/p>\n<p>Danach geht es wieder ans Tageslicht. Gott sei Dank. Ich kehre auf einen Kaffee in ein altmodisches Caf\u00e9 mit einem v\u00f6llig uncharmanten Interieur ein, in dem nur alte M\u00e4nner sitzen. Sie sprechen auf Malti, aber das Thema kann man identifizieren, wegen der vielen Eigennamen: Autos. An der Theke stehend, trinke ich einen Kaffee, der kaum nach Kaffee schmeckt. \u00dcber der Theke h\u00e4ngt an zwei Bindf\u00e4den eine Sammlung von Kulis, eines der wenigen Schmuckst\u00fccke des Lokals. Als ich den Besitzer nach der Bewandtnis dieser Kollektion frage, sagt er: \u201eCollection.\u201c<\/p>\n<p>Gleich um die Ecke ist das Hospital der Johanniter, gegr\u00fcndet 1574 f\u00fcr Verwundete, Kranke und Pilger. Es war also Hospital und Hospiz in einem. Man wurde, und das war das Besondere, aufgenommen unabh\u00e4ngig von Glauben und sozialem Stand.<\/p>\n<p>Oben gelangt man gleich in den Hauptsaal, zu seiner Zeit, und auch jetzt noch, einer der l\u00e4ngsten S\u00e4le Europas (155 m), das Resultat der Verbindung zweier urspr\u00fcnglich kleinerer S\u00e4le, wie noch an den unterschiedlichen Fenstern zu sehen ist. Der Saal ist aber nur lang und hat au\u00dfer einer Kassettendecke nichts zu bieten.<\/p>\n<p>Die eigentliche Ausstellung ist unten, unter der Erde, wo sich das Magazin\u00a0 befand. Wie so oft in diesen Tagen, bin ich hier wieder der einzige Besucher.<\/p>\n<p>Die Ausstellung hebt vor allem darauf ab, wie modern alles war. Unter anderem hatte jeder Kranke ein eigenes Bett, keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit zu der Zeit. Die Betten hatten einen hohen Baldachin und zogen sich an der ganzen L\u00e4ngsseite des gro\u00dfen Krankensaals entlang.<\/p>\n<p>Das Personal wurde streng \u00fcberwacht: Essensausgabe, Sauberkeit, Arzneiausgabe, alles wurde st\u00e4ndig \u00fcberpr\u00fcft. Es gab getrennte S\u00e4le f\u00fcr Patienten mit Magen- und Darmerkrankungen. W\u00fcrfel-, Schach- und Kartenspiel waren verboten.<\/p>\n<p>Es gab Reis, Tauben, Wild, Eier, Milch, Brot und Rosinen, f\u00fcr Patienten wie f\u00fcrs Personal. Das muss purer Luxus gewesen sein. Findlinge bekamen, wenn keine Amme zur Verf\u00fcgung stand, Ziegen- oder Eselsmilch.<\/p>\n<p>Wie schon in der <em>Casa Rocca Piccola<\/em> gesehen, wurde Silbergeschirr benutzt, aus hygienischen Gr\u00fcnden. Nur die Straft\u00e4ter bekamen Zinngeschirr!<\/p>\n<p>Im Laufe der Zeit wurde auch eine eigene Forschungsstation aufgebaut. Das Hospital hatte sogar einen eigenen Lehrstuhl f\u00fcr Anatomie. Einer der Lehrstuhlinhaber vermachte dem Hospital 15.000 B\u00fccher \u00fcber die Heilkunst und legte im Graben der Festung einen Kr\u00e4utergarten an, um seinen Studenten die Heilkraft der Kr\u00e4uter demonstrieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In der Chirurgie kam es, in den Tagen vor der An\u00e4sthesie, auch auf Schnelligkeit an. Ein Arzt des Hospitals, Mikiel d\u2019ang Grima, erwarb sich einen besonderen Ruf f\u00fcr die Schnelligkeit, mit der er operierte. Man sagte von ihm, er k\u00f6nne in zweieinhalb Minuten eine Harnblase \u00f6ffnen und die Steine entfernen.<\/p>\n<p>Schusswunden wurden lange mit kochend hei\u00dfem Holunder\u00f6l behandelt. Bei einer milit\u00e4rischen Kampagne in Turin (1537) ging das \u00d6l aus, zum Gl\u00fcck f\u00fcr sp\u00e4tere Generationen von Verwundeten. Man ersetzte es durch eine Mischung aus Rosen\u00f6l und Terpentin.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Pest brachte man die Patienten zuerst getrennt f\u00fcr drei Tage auf Probe unter. Wenn sich Symptome zeigten, wurden sie in einen eigenen Krankensaal im Fort. St. Elmo verlegt.<\/p>\n<p>Noch weiter unter der Erde gibt es verwinkelte G\u00e4nge, von denen einer eine Verbindung zum Fort St. Elmo herstellte und im 2. Weltkrieg als Geheimgang genutzt wurde.<\/p>\n<p>Ich mache mich auf den Weg zu den <em>Upper Barraca Gardens<\/em>. Im Vor\u00fcbergehen kaufe ich mir Foccaccia. Die Verk\u00e4uferin w\u00e4rmt sie f\u00fcr mich auf und fragt mich: \u201eI cut it for you?\u201c Maltesisches Englisch.<\/p>\n<p>P\u00fcnktlich komme ich an den <em>Upper Barraca Gardens<\/em> an. Hier soll es eine F\u00fchrung in der <em>Saluting Battery<\/em> geben. Ich werde von einem freundlichen Soldaten angesprochen, der mir meinen Wunsch von den Augen abliest und erkl\u00e4rt, man befinde sich in einer Phase der Renovierung und die Saluting Battery, von der aus um 12 Uhr eine Kanone abgeschossen wird, sei f\u00fcr zwei Monate geschlossen. Er spricht Englisch wie ein Engl\u00e4nder. Vielleicht zweisprachig aufgewachsen?<\/p>\n<p>Stattdessen kann ich die <em>Lascaris War Rooms<\/em> besichtigen. Die liegen ganz in der N\u00e4he. Sie sind aber schwer zu finden. Und das ist kein Zufall. Sie waren die geheime Kommandozentrale der Briten w\u00e4hrend des 2. Weltkriegs. Und geheime Kommandozentralen wollen gut versteckt sein. Sie liegen tief unter den <em>Upper Barraca Gardens<\/em>, in einem tief in den Felsen gehauenen Tunnel, und man erreicht sie nach mehreren Windungen und mehreren in den Felsen gehauenen Treppen \u00fcber ein Wohnviertel.<\/p>\n<p>Die F\u00fchrung hat schon angefangen, und das tr\u00e4gt wenig dazu bei, dass ich verstehe, wovon die Rede ist, genauso wenig wie der knorrige maltesische Akzent und die vielen milit\u00e4rischen Details. Vor allem komme ich nicht mit, als es um die unterschiedlichen Angriffsstrategien von Italienern und Deutschen geht. Die Italiener, das wird klar, flogen ihre Angriffe aus einer H\u00f6he von 12.000 Fu\u00df. Die Briten mussten sie also auf 10.000 Fu\u00df herunterbekommen, denn ihre beste Abwehrrakete, die hier in einer Vitrine ausgestellt ist, kam gerade so weit. Wie die Briten das bewerkstelligten und warum die Deutschen nicht auch so hoch flogen, verstehe ich nicht.<\/p>\n<p>Ganz entscheidend f\u00fcr den Verlauf des Kampfs ums Mittelmeer\u00a0 war wohl das Radar. Das war noch neu, in den Kinderschuhen, und man verweist hier mit Stolz darauf, dass man eine entscheidende Entdeckung machte. Die Reichweite des Radarsystems war gering, und hier verfiel man auf die Idee, die Radarsender auf erh\u00f6hten Punkten zu positionieren. Dadurch wurde die Reichweite viel gr\u00f6\u00dfer. Man sieht das auf einer gro\u00dfen Karte, auf die wir, wie damals die milit\u00e4rischen Kommandeure, von oben herabblicken, auf der der Radius der einzelnen Stationen eingezeichnet ist. Die gr\u00f6\u00dften reichten so gerade bis in den S\u00fcden Siziliens, und das muss strategisch wichtig gewesen sein.<\/p>\n<p>Eine andere maltesische Besonderheit war eine Strategie, die hier <em>Box barrage<\/em> genannt wird, wenn ich das richtig verstanden habe, eine Art konzertierter Aktion. Dabei wurden Abwehrraketen rund um den Grand Harbour aufgestellt und zielten alle gemeinsam auf Angreifer, in der Hoffnung, irgendwer werde schon treffen. Das war erfolgreicher als die herk\u00f6mmliche Strategie, und die Zahlen sprechen tats\u00e4chlich daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Malta und damit die <em>Lascari War Rooms<\/em> waren das britische Operationszentrum f\u00fcr die milit\u00e4rischen Aktionen der Briten im Mittelmeer, und sp\u00e4ter dienten sie Eisenhauer und Montgomery als Hauptquartier f\u00fcr die Operation <em>Husky<\/em>, die Invasion Siziliens.<\/p>\n<p>An einer Tafel an der gegen\u00fcberliegenden Wand wurden, wie in Fu\u00dfballstadien, die Zwischenergebnisse festgehalten, das hei\u00dft die Zahlen der getroffenen und abgeschossenen gegnerischen Flugzeuge und der get\u00f6teten und gefangenen Soldaten. Man bekam nur einen Eintrag, wenn der Treffer von mindestens einem anderen Piloten best\u00e4tigt wurde.<\/p>\n<p>Eine dramatische Geschichte erz\u00e4hlt man sich um den Tanker <em>Ohio<\/em>, der dringend ben\u00f6tigten Nachschub nach Malta bringen sollte. Ein abgeschossenes Flugzeug landete auf dem Tanker, und der fing Feuer. Die Besatzung suchte das Weite, aus Angst vor einer Explosion, aber der Tanker explodierte nicht. Die Besatzung kehrte zur\u00fcck, l\u00f6schte das Feuer und zog den nicht mehr man\u00f6vrierf\u00e4higen Tanker in weiteren zwei bangen Tagen in den Hafen. Das ist der Stoff, aus dem Nationalepen entstehen.<\/p>\n<p>Am Ende erfahre ich noch, dass auch der Name <em>Lascaris<\/em> von den Johannitern kommt. Jean Lascaris, einer der Gro\u00dfmeister des Ordens, hatte sich hier einen privaten Garten anlegen lassen, und auf diesem Grund bauten die Briten sp\u00e4ter das Fort Lascaris. Die War Rooms wurden 1940 angelegt, indem man einen aus der Ritterzeit vorhandenen Tunnel nutzte und erweiterte.<\/p>\n<p>Als ich wieder aus dem Tunnel komme, sehe ich an der gegen\u00fcberliegenden m\u00e4chtigen Felswand, wie sich ein einzelnes gr\u00fcnes Gew\u00e4chs trotz der unfruchtbaren Umgebung durchgesetzt hat.<\/p>\n<p>Danach kaufe ich Ansichtskarten, auf denen Valletta sch\u00f6ner aussieht, als ich es je gesehen habe, eine Luftaufnahme, die einen Teil von Valletta und Manoel Island und einen Teil von Sliema und das dazwischenliegende Meer zeigt.<\/p>\n<p>Dem Kioskbesitzer sind die Briefmarken ausgegangen. Also muss ich mich auf die Suche nach dem Postamt machen, und das versteckt sich fast so gut wie die Lascari War Rooms. Aber Ende finde ich es. Eine Briefmarke kostet 37 Cent. Die maltesische Post muss ihre Kosten genau berechnet haben. Oder es handelt sich noch um die Folge der Umstellung auf den Euro. Die Briefmarke zeigt ein Barockgem\u00e4lde mit Maria und zwei ganz unheilig herumspringenden Jungen, Jesus und \u2013 Johannes!<\/p>\n<p>Ich folge einem Tipp des Portiers und fahre mit dem Bus nach Marsaskala. Der Reisef\u00fchrer bevorzugt Marsaxlokk, aber das ist etwas weiter. Und in beiden gibt es nicht so schrecklich viel zu sehen, sie sind in erster Linie sch\u00f6n. Der gemeinsame Namensbestandteil, <em>marsa<\/em>, weist auf die Lage an der K\u00fcste hin. Es ist das maltesische Wort f\u00fcr \u201aHafen\u2018.<\/p>\n<p>Der gesamte Busbahnhof mit seinen 15 Bussteigen ist ein Modell von Organisation und Transparenz, aber beim Einsteigen benutzt man den Ellbogen. Die Briten waren nicht lange genug hier, um Schlangestehen popul\u00e4r zu machen.<\/p>\n<p>Die Fahrt dauert gerade mal eine gute halbe Stunde, wirkt aber l\u00e4nger. Schlie\u00dflich ist dies ein Linienbus, und der h\u00e4lt eben alle Nase lang.<\/p>\n<p>Die Fahrt lohnt sich aber schon f\u00fcr den kurzen Blick aus dem Bus heraus auf Marsaskala. Das ist Idylle pur. Die niedlichen bunten Boote zwischen den bunten Bojen im blauen Meer unter der hellen Sonne, das ist wie im Bilderbuch. Danach k\u00f6nnte man eigentlich wieder zur\u00fcckfahren.<\/p>\n<p>Zu sehen gibt es, wie gesagt, nicht viel, aber ich mache einen langen Spaziergang an der breiten Uferpromenade entlang, Richtung offenes Meer. Um diese Zeit ist hier fast nichts los, aber im Sommer ist das bestimmt anders.<\/p>\n<p>Der erste Eindruck purer Idylle relativiert sich dabei. Die gesamte K\u00fcste ist dicht und nicht immer sch\u00f6n bebaut.<\/p>\n<p>Der Spaziergang f\u00fchrt bis zu einem Turm, dem St. Thomas Tower, in alten Zeiten einer der wenigen Schutzorte f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung. Bei der muss panische Angst geherrscht haben, sobald ein Schiff am Horizont erschien. Nicht nur, dass man an ihr Hab und Gut wollte, man wollte auch sie selbst \u2013 als Galeerensklaven. Also fl\u00fcchtete man sich mit ein paar Habseligkeiten in den Turm oder eine Wehrkirche, um wenigstens das zu verhindern.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zu dem Turm sehe ich, wie schon an anderen Stellen, Fahrradst\u00e4nder in Form von Fahrr\u00e4dern. Sieht lustig aus, aber ein Fahrrad habe ich in der ganzen Zeit noch \u00fcberhaupt nicht gesehen.<\/p>\n<p>Der Wind, der auch hier kr\u00e4ftig bl\u00e4st, hat einen Ast von einer Palme geweht. Und gibt mir einen Fingerzeig in die Geschichte der Zivilisation. So etwas muss irgendwann irgendwer irgendwo gesehen und dabei gedacht haben: Damit kann man ja den Boden sauber machen. Der Besen brauchte nicht erfunden, nur entdeckt zu werden.<\/p>\n<p>Die moderne Zivilisation stellt hier Abfalltonnen zur Verf\u00fcgung. Auf denen steht ausdr\u00fccklich, dass sie nur f\u00fcr die Boxen aus Fast-Food-Restaurants verwendet werden sollen!<\/p>\n<p>Fast noch rechtzeitig vor dem einsetzenden Regen kann ich mich in ein Lokal an der Bucht retten. Dort bekomme ich einen sehr hei\u00dfen, sehr dunklen, sehr z\u00e4hfl\u00fcssigen Kakao. Dabei lese ich, dass Marsaskala eigentlich \u201aHafen der Sizilianer\u2018 hei\u00dft, denn hier wurden sizilianische Soldaten angesiedelt. Italienisch sieht auch der Kirchturm aus, der auch fast wie ein Campanile getrennt von der Kirche dasteht.<\/p>\n<p>Am Abend leiste ich mir ein Essen in einem \u201erichtigen\u201c, vom Reisef\u00fchrer empfohlenen Restaurant in der Merchant Street in Valletta. Ich zahle am Ende 20 \u20ac, das teuerste Essen dieser Woche.<\/p>\n<p>Als man mir den Platz anweist, den schlechtesten im ganzen Lokal, ist mir schon fast wieder danach, zu gehen. Warum bekommt man als einzelner Gast immer den Katzentisch? Selbst die Paare kommen nicht viel besser weg. Alle drei Paare hat man an winzige Tischchen verbannt, w\u00e4hrend alle anderen Tische, die ganz normalen, leer sind. Man hat nicht den Eindruck, dass der gro\u00dfe Kundenansturm noch bevorsteht.<\/p>\n<p>Ich bekomme einen etwas besseren Tisch, aber da zieht es. Auch hier steht die T\u00fcr auf. Erst auf die Bitte einer Touristin schlie\u00dft man sie dann doch. Aber man hat die Rechnung ohne den Wind gemacht. Der schl\u00e4gt sich auf die Seite der Malteser und weht die T\u00fcr wieder auf, und zwar gleich beide Fl\u00fcgel.<\/p>\n<p>Nachdem ich zuerst eine vegetarische Vorspeise gew\u00e4hlt habe, diese aber ausgegangen ist, bestelle ich das genaue Gegenteil: eine gef\u00fcllte Wurst, und zwar mit Schweinefleisch und Rindfleisch gef\u00fcllt! Au\u00dferdem mit Reisk\u00f6rnern und Kr\u00e4utern. Schmeckt sehr w\u00fcrzig.<\/p>\n<p>Am Nachbartisch hat ein Mann zwei Bier bestellt. Ich vermute, dass seine Begleitung noch kommt, aber er ist allein. Dann vermute ich, dass er heftigen Durst hat und sich ein Bier reinsch\u00fctten und das zweite in Ruhe genie\u00dfen wird. Aber auch das tut er nicht. Er genie\u00dft beide in Ruhe, und schenkt sich immer aus beiden Flaschen ein. Also vermute ich, dass er zwei Arten Bier vermischt, Hell und Dunkel oder so. Ich versuche, unauff\u00e4llig zu seinem Tisch hin\u00fcber zu sehen, aber es ist ein und dasselbe Bier. Ich habe noch ein halbes Abendessen Zeit und komme endlich auf die einzig logische Erkl\u00e4rung, und die lasse ich mir von ihm, als ich das Lokal, verlasse, nur noch best\u00e4tigen: \u201eOne cold, one warm.\u201c<\/p>\n<p>Im italienischen Fernsehen gibt es am Abend <em>Tempest\u00e0 d\u2019amore \u2013 Sturm der Liebe<\/em>!<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">16. Februar (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Das Photographieren auf dieser Reise ist ein einziger Reinfall. In der <em>Casa Rocca Piccola <\/em>stellec ich mich so bl\u00f6d an, dass gleich beim ersten Bild, tortz ausdr\u00fccklichen Verbots, der Blitz ausgel\u00f6st wird. Alle schauen mich vorwurfsvoll an, und ich stecke die Kamera versch\u00e4mt in die Tasche. In der Kathedrale geling es mir dann, die Blitzlichtfunktion abzustellen, aber dabei habe ich ungewollt eine andere Funktion aktiviert, und alle Bilder haben einen Gelbschimmer. Und als ich au\u00dferhalb von Valletta bin, l\u00e4sst mich gleich zweimal die Batterie im Stich. Nur die Bilder im n\u00e4chtlichen Valletta sind gut geworden.<\/p>\n<p>Von den Alternativen, die sich f\u00fcr den letzten Tag anbieten, favorisiere ich Mdina, die alte Hauptstadt Maltas, im Zentrum der Insel gelegen. Aber am Ende entscheide ich mich dagegen und bleibe einfach hier. Die F\u00fc\u00dfe streiken, und der Kopf auch. Er ist voll. Oder leer. Und das nach nur einer Woche. Wie machen das Menschen, die auf Weltreise gehen und ein ganzes Jahr unterwegs sind?<\/p>\n<p>Ich gehe ganz gem\u00e4chlich durch die Stra\u00dfen und mache Photos von Balkonen und T\u00fcrklopfern. Die Balkone nehmen manchmal fast die gesamte Fassade ein, hinter- und \u00fcbereinander angebracht, manchmal ist nur ein einziger an der ganzen Fassade. Die klassischen maltesischen Balkone sind die geschlossenen, meistens aus Holz, aber es gibt auch ganz herk\u00f6mmliche. Die haben meistens verzierte Gitter aus Gusseisen, entweder gerade abschlie\u00dfend oder bauchig. Die bauchigen Gitter sieht man auch vor Fenstern im Erdgeschoss. Sie schaffen Platz f\u00fcr Blument\u00f6pfe.<\/p>\n<p>Die T\u00fcrklopfer sind h\u00e4ufig einfach, manchmal auch fig\u00fcrlich. Da gibt es den klassischen L\u00f6wenkopf, aus dem der Ring herausguckt, aber auch Fische, eine beliebtes Motiv hier. Bei den Fischen ist der Fisch selbst der Klopfer, anders als bei den L\u00f6wen. Als ich gerade \u00fcberlege, dass ich noch keinen T\u00fcrklopfer mit Malteserkreuz gesehen habe, sehe ich einen. Verr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Im Hotel zu fr\u00fchst\u00fccken, habe ich l\u00e4ngst aufgegeben. Es ist viel interessanter, unterwegs etwas zu bestellen. Das bew\u00e4hrt sich auch heute, schon wegen des Lokals, in dem ich Kaffee und Mandelgeb\u00e4ck bekomme. Es ist eine perfekte Kombination von Caf\u00e9 und Laden, das einen Preis f\u00fcr optimale Raumnutzung verdient hat. Regale an drei Seiten: Keksdosen und Geb\u00e4ckt\u00fcten, Bonbonieren, Schokoriegel, Pasta, an der Stirnseite oben sogar eine betr\u00e4chtliche Reihe von Weinflaschen, alles Produkte, die nicht selbst hergestellt werden. Hier ist der Laden ganz Laden. Die vierte Seite nimmt das Schaufenster ein: Teilchen und Geb\u00e4ck. Hier ist der Laden B\u00e4ckerei. In der \u00e4u\u00dfersten Ecke ein runder Stehtisch. Hier ist der Laden Caf\u00e9. Und das alles auf h\u00f6chstens 12m<sup>2<\/sup>. Als noch weitere vier Kunden kommen, ist der Laden voll. Sie stehen in einer Reihe l\u00e4ngs der Theke. F\u00fcr zwei nebeneinander ist kein Platz. Die Theke hat rechts Pasteten und andere deftige Waren und links die Ingredienzien zur Zubereitung von belegten Broten. Zwischen Theke und Durchgang steht noch ein kleiner runder Tisch mit Chipst\u00fcten. An der Stirnwand ein hoher K\u00fchlschrank und ein hoher Gefrierschrank. An der Wand hinter dem Verk\u00e4ufer eine Kaffee- und eine Espressomaschine, eine Waage und sogar zwei kleine Sp\u00fclbecken. Es ist wirklich an alles gedacht. An einem Fleckchen Wand ohne Regal eine Uhr, ein Kreuz und zwei Photos. Trotzdem f\u00fchlt man keine bedrohliche Enge, und alles sieht qualit\u00e4ts- und stilvoll aus.<\/p>\n<p>Ganz in der N\u00e4he sehe ich einen mit Schl\u00e4uchen, Besen, Eimern und Leitern vollgepfropften Laden. Auch die Lebensmittel kauft man in solchen L\u00e4den. Superm\u00e4rkte gibt es keine. Viele der L\u00e4den sind in \u00e4hnlich kleinen, l\u00e4nglichen R\u00e4umen untergebracht. Die Namen der Gesch\u00e4fte sind auf Englisch, manchmal auf Italienisch, aber nie auf Malti.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Abends werden die L\u00e4den fr\u00fch hochgeklappt, oder besser: die Gitter runtergelassen. Die Innenstadt ist dann, sobald es dunkel wird, so gut wie ausgestorben. Das maltesische Nachtleben findet woanders statt.<\/p>\n<p>An einer etwas vergammelten H\u00e4userfassade sehe ich in einem winzigen Drahtk\u00e4fig einen Wellensittig, der unruhig hin und her h\u00fcpft. Dem ist es vielleicht nicht nur zu eng, sondern auch zu kalt.<\/p>\n<p>In einer Seitenstra\u00dfe sehe ich ein altmodisches Schreibwarengesch\u00e4ft mit einer altmodischen Auslage und einem altmodischen Schriftzug. Es hei\u00dft <em>Hollywood<\/em>. \u00dcber einer schiefen T\u00fcr an einer vergammelten Fassade prangt ein Schild mit der Aufschrift <em>Movie Busters<\/em>. Auch typisch das Nebeneinander von Gegens\u00e4tzen: Neben einem eleganten Juweliergesch\u00e4ft ein l\u00e4ngst aufgegebenes Gesch\u00e4ft mit verbeulten Planken, einer kaputten Neonreklame und einem zerkratztem Gitter, \u00fcberklebt mit halb abgekratztem, nicht mehr lesbaren Aush\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Unten, in der N\u00e4he des Forts St. Elmo, haben sich\u00a0 Fu\u00dfabdr\u00fccke in den Stein der B\u00fcrgersteige eingegraben. Im Sommer muss der weiche Sandstein bei Hitze zu Lehm werden.<\/p>\n<p>Da ich ohnehin schon ganz unten angekommen bin, gehe ich spontan in das Kriegsmuseum im Fort St. Elmo. Da gibt es zu sehen, was man in einem Kriegsmuseum erwartet: Bomben, Gasmasken, Uniformen, Gewehre. Es gibt aber auch Dinge, die man nicht erwartet. Dazu geh\u00f6ren Tr\u00fcmmerteile von der Fassade des Opernhauses und die \u2013 handschriftlichen \u2013 Noten des Dirigenten der letzten aufgef\u00fchrten Oper vor der Zerst\u00f6rung, Donizettis <em>L\u2018elisir<\/em> <em>d\u2019amore. <\/em><\/p>\n<p>Der Star des Museums ist <em>Faith<\/em>, ein Kriegsveteran. Es handelt sich um ein Flugzeug, ein kleines Propellerflugzeug, ein Gladiator der Marke <em>Gloster<\/em>. Dieses Flugzeug ist eine nationale Ikone. Als Italien 1940 den Krieg erkl\u00e4rte, hatte Malta nur drei Flugzeuge zur Abwehr: <em>Faith<\/em>, <em>Hope<\/em> und <em>Charity<\/em>. Man leistete trotzdem erbitterten Widerstand, und der ist die Grundlage der Verkl\u00e4rung der Geschichte, der Abwehr des Feindes im 2. Weltkrieg, als Parallele zum Widerstand w\u00e4hrend der t\u00fcrkischen Belagerung zur Zeit der Kreuzritter gedeutet. 1941 war von den drei Flugzeugen nur noch <em>Faith<\/em> im Einsatz. Die wurde sp\u00e4ter auch m\u00e4chtig l\u00e4diert, aber nach dem Krieg wieder weitgehend zusammengeflickt und ins Museum gestellt.<\/p>\n<p>Von den \u00fcber Malta abgeschossenen deutschen Flugzeugen sieht man eine Messerschmitt und eine Stuka. Die schwerste Zeit f\u00fcr Malta war der April 1942, als es f\u00fcr zw\u00f6lf Tage unter Dauerbeschuss war und als 2.100 Bomber 6.700 Tonnen Bombenmaterial abwarfen, fast so viel wie w\u00e4hrend der gesamten <em>Battle of Britain<\/em> \u00fcber London.<\/p>\n<p>In dem Jahr stand Malta kurz vor der Aufgabe. Das war das Jahr der legend\u00e4ren <em>Ohio<\/em>. Von der sieht man hier das Steuerruder, ein Bullauge, das Namensschild und ein Modell. Der Konvoi umfasste neben dem Tanker dreizehn Handelsschiffe, von denen nur vier ankamen. Und insgesamt 32.000 Tonnen an G\u00fctern, von urspr\u00fcnglich 85.000 Tonnen, nach Malta brachten. Der Rest landete auf dem Meeresboden.<\/p>\n<p>An einer Ecke stehen zwei Meilensteine. Orts- und Namensangabe sind bei einem unkenntlich gemacht. Das tat man, um dem Feind im Falle einer Invasion das Leben schwerer zu machen. Aber manchmal wurde eben der eine oder andere \u00fcbersehen.<\/p>\n<p>Es gibt auch eine komplette Sammlung der Geldscheine und M\u00fcnzen aus der britischen Zeit, eigene Geldscheine mit dem Aufdruck <em>The Government of Malta<\/em>, aber der B\u00fcste des K\u00f6nigs. Der h\u00f6chste Wert \u00fcberhaupt ist ein Pfund.<\/p>\n<p>Man sieht einen nachgebildeten Luftschutzbunker, mit Schemeln, Hockern und Liegest\u00fchlen, Paraffinlampen, Madonnen und Boxen mit Wertgegenst\u00e4nden. Den gr\u00f6\u00dften Luftschutzbunker gab es in Floriana, f\u00fcr 3.000 Menschen. Die Luftschutzbunker boten normalerweise nicht genug Platz f\u00fcr Betten und hatten im Allgemeinen kein elektrisches Licht. Die W\u00e4nde waren feucht, und die hygienischen Verh\u00e4ltnisse bescheiden. Die gr\u00f6\u00dfte Gefahr war der Ausbruch einer Epidemie. Das geschah nicht, aber Furunkel, Kr\u00e4tze, Rachitis waren weit verbreitet.<\/p>\n<p>Man sieht in verschiedenen Vitrinen auch von deutschen Kriegsgefangenen hergestellte Artikel, eine Lederhandtasche, ein Aquarellgem\u00e4lde, vor allem aber Zigarettenhalter und Bilderrahmen aus maltesischem Stein, mit sch\u00f6nen, eingeritzten Verzierungen. Man ist ganz angetan von der Kunstfertigkeit. In einer anderen Vitrine sieht man Sandalen, die ein englischer Kriegsgefangener in Japan aus Autoreifen gebastelt hat. Irgendwie ber\u00fchren einen diese Alltagsgegenst\u00e4nde, von menschlicher Hand geschaffen, inmitten all der Kriegsmaschinerie.<\/p>\n<p>Schon gegen Ende der Ausstellung sieht man <em>Husky<\/em>, den Jeep, den Eisenhauer in Malta vor der Invasion Siziliens benutzte, einer von 600.000 von Ford eigens f\u00fcr den Krieg produzierten Willys. Derselbe Jeep diente auch Roosevelt bei seinem Besuch auf Malta. An Devotionalien gibt es den Spazierstock von Eisenhauer und den Zigarrenhalter von Churchill.<\/p>\n<p>Als die Alliierten 1943 Sizilien einnahmen, war der Krieg f\u00fcr Malta praktisch beendet. Das endg\u00fcltige Kriegsende bedeutete dann auch den Wegfall vieler Arbeitsstellen, und es kam zu einer erheblichen Emigration, gemessen an der Gesamtbev\u00f6lkerung. 100.000 wanderten aus, vor allem in britische Kolonien.<\/p>\n<p>Zu denken gibt, dass Malta vor der Unabh\u00e4ngigkeit ein Gesuch auf Aufnahme in das Vereinigte K\u00f6nigreich stellte. Das wurde abgelehnt. Die Gr\u00fcnde werden nicht genannt, und die ganze Geschichte wird heute eher unter den Teppich gekehrt.<\/p>\n<p>Zum Mittagessen gehe ich in die <em>Bar Sicilia<\/em>, vom Reisef\u00fchrer ausdr\u00fccklich empfohlen. Aber ihren Reiz bezieht die Bar wohl in erster Linie durch die Terrasse, von der aus man einen sch\u00f6nen Blick \u00fcber den Hafen hat. Daf\u00fcr ist es mir zu kalt, obwohl dort ein paar G\u00e4ste sitzen. F\u00fcr das Essen w\u00fcrde sich ein Umweg nicht lohnen. Als ich auf das Essen warte, h\u00f6re ich, wie die Bedienung einen anderen Gast fragt \u201eSomething else?\u201c Maltesisches Englisch.<\/p>\n<p>Beim Verlassen der Bar bekomme ich dann zum Ausgleich einen \u00e4sthetischen Genuss in der Schaufensterauslage der Bar: ein Photo vom Papst und ein Photo von einem Kardinal gleich neben <em>Chivas Regal<\/em> und <em>Jack<\/em> <em>Daniel\u2019s<\/em>, eine uralte Coca-Cola-Leuchtreklame, ein alter Vorhang, eine alte Jacke, kitschige sizilianische Miniaturpferdekutschen, ein Weinfass, ein kitschiges silbernes Kreuz vor einer Muschel, das Modell eines Kriegsschiffs, und zwischen all dem verschiedene Kabel, die von einer Steckdose zu dem Coca-Cola-Schild f\u00fchren und es erleuchten!<\/p>\n<p>Ganz oben in der Stadt identifiziere ich zum ersten Mal ein Geb\u00e4ude, an dem ich schon mehrmals vorbeigekommen bin. Es ist die <em>Auberge de Castille<\/em>, der prachtvollste aller Pal\u00e4ste der Ritter. Heute ist er der Sitz des Ministerpr\u00e4sidenten.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber, im Zentrum eines Kreisverkehrs, ein kleiner, runder Park mit einer modernen Statue. Der Mann scheint in Bewegung zu sein. Er hat einen Fu\u00df vorgestellt, und seine Krawatte weht ihm um die Schulter. Die Kleidung ist gut, aber nicht elegant. Die Hose sieht eher wie eine traditionelle Arbeiterhose aus. In einer Hand h\u00e4lt er seinen Hut, in der anderen vermutlich eine Schriftrolle. Es scheint, als habe er etwas zu sagen, eine Nachricht zu \u00fcberbringen. Die Skulptur stellt einen gewissen Manwel Dimech dar. Dimech, ein fr\u00fcher Sozialist, wurde ganz in der N\u00e4he, in der St. John\u2019s Street, geboren, und in St. Paul\u2019s Shipwreck getauft. Er wurde trotz widrigster Umst\u00e4nde eine au\u00dfergew\u00f6hnliche \u00f6ffentliche Figur, als die er gegen die Macht der Kirche und gegen die Macht der britischen Besatzer agierte, vor allem aber das Maltesische f\u00f6rderte und zur Ausbildung einer politischen Klasse beitrug, die sich nicht aus den traditionellen Bildungsschichten rekrutierte. Er wurde in eine bettelarme Familie geboren, die in einer Wohnung lebte, die nur aus einem Zimmer bestand. Nach dem fr\u00fchen Tod des Vaters wurde er f\u00fcr einen Diebstahl ins Gef\u00e4ngnis gesperrt. Die erst noch harmlosen Straftaten wurden immer schlimmer, und Dimech verbrachte insgesamt zwanzig Jahre im Gef\u00e4ngnis. Dort begann er sich zu bilden und begann zu schreiben.<\/p>\n<p>Ganz in der N\u00e4he sehe ich einen r\u00e4tselhaften Eingang in den Felsen, ein beleuchteter, ansteigender Gang \u00fcber gut ausgebaute Stufen mit d\u00fcnnen Eisenpfeilern, die die Intervalle markieren. Man sieht nicht, wohin der Gang f\u00fchrt. Das will ich wissen. Am Ende des Gangs befindet sich eine moderne Kunstgalerie. Perfekt untergebracht in dem alten Gem\u00e4uer. Obwohl es nur ein kurzes St\u00fcck ist, sp\u00fcre ich jetzt Muskelkater in den Waden. Die steilen Stra\u00dfen von Valletta fordern ihren Tribut.<\/p>\n<p>Gleich daneben befindet sich ein kleines Wachh\u00e4uschen f\u00fcr die Polizei. Die hei\u00dft auf Malti <em>Pulizija<\/em>. Das muss sich f\u00fcr Italiener wie \u201aReinigungsdienst\u2018 anh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Als ich am Abend noch einmal, eine <em>ftira<\/em>, ger\u00f6stetes maltesisches Brot mit Putenfleisch und einer leckeres Paste aus Kapern, Oliven und Tomaten auf der Hand, durch die Stadt gehe, f\u00e4llt mir auf, dass ich in der ganzen Woche keinen einzigen Bettler gesehen habe.<\/p>\n<p>Auch f\u00e4llt mir auf, dass ich st\u00e4ndig auf den Spuren der Johanniter, der Briten und der Steinzeitmenschen gewesen bin, aber dass von Rom, von Byzanz und von den Arabern und von wem sonst noch nie die Rede war. Vielleicht war ich an den falschen Orten, vielleicht haben die weniger Spuren hinterlassen. Was in Erinnerung bleibt, sind die Festungen und die Fassaden, aber auch die offen stehenden T\u00fcren, die Puppenstube aus Stein, der Mann mit den zwei Bier, die tragbare Kapelle und Ninu Cremon<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>10. Februar (Freitag) Malta hat eine eigene Fluglinie. 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