{"id":2738,"date":"2012-07-15T17:51:31","date_gmt":"2012-07-15T15:51:31","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=2738"},"modified":"2015-09-21T19:54:31","modified_gmt":"2015-09-21T17:54:31","slug":"colchester-2012","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=2738","title":{"rendered":"Colchester (2012)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">6. April (Karfreitag)<\/span><\/p>\n<p>Meine erste linguistische Offenbarung wird mir zuteil, als ich mich am Flughafen in Stansted nach der Weiterfahrt nach Colchester erkundige. \u201eAre there any trains to Colchester?\u201c\u00a0 \u2013 \u201eCoachester?\u201c hallt es zur\u00fcck, mit einem vokalisierten \/l\/. Sp\u00e4ter, als wir in Colchester ankommen, k\u00fcndigt der Busfahrer die Haltestelle an. Da h\u00f6rt es sich so an: \u201eCowchester\u201c.<\/p>\n<p>Ich habe Gl\u00fcck: Meine Bef\u00fcrchtung, bei der R\u00fcckreise nicht fr\u00fch genug zum Flughafen zu kommen, verfl\u00fcchtigt sich. Und das, obwohl der Flug schon um 7 Uhr geht. Der Bus f\u00e4hrt in Colchester um 4.10 ab.<\/p>\n<p>Ich bin noch nie in Stansted gewesen. Bei der Passkontrolle gibt es lange Schlangen. Die Schlangen f\u00fcr Personalausweise sind besonders lang. F\u00fcr biometrische P\u00e4sse gibt es eine eigene. Die ist k\u00fcrzer. Sp\u00e4ter lese ich in der Zeitung einen besorgten Artikel \u00fcber die langwierige Abfertigung der Passagiere angesichts der bevorstehenden Olympischen Spiele. Alles dauere zu lange. Es werden sogar Horrorszenarien gezeichnet, in denen sich Schlangen bilden, die wiederum nachr\u00fcckende Passagiere drau\u00dfen lassen, die wiederum ankommende Flugzeuge daran hindern, zu landen. So schlimm wird es wohl nicht kommen. Aber die Passagiere behalten vielleicht die langen Schlangen in Erinnerung.\u00a0 Beim R\u00fcckflug gibt es keine Passkontrolle, aber die Sicherheitskontrolle dauert unendlich. Und das, obwohl in einer Endlosschlange auf Englisch, Franz\u00f6sisch, Deutsch, Spanisch, Italienisch, Griechisch und Russisch Anweisungen gegeben werden, wie man sich vorzubereiten habe. Der Mann vor mir hat von all dem nichts mitbekommen und verz\u00f6gert die Abfertigung ganz erheblich.<\/p>\n<p>In den Fluren des Flughafens wirbt eine Bank mit Plakaten, auf denen steht: \u201eTokyo has three times more Michelin-starred restaurants than Paris\u201c oder \u201cThree quarters of people who have ever reached 65 are alive today.\u201c Aufmerksamkeit erzeugt das auf jeden Fall. \u00dcberall h\u00f6rt man Kommentare dazu.<\/p>\n<p>An einer Wand h\u00e4ngt ein meterlanges, aus der Luft aufgenommenes Photo einer mitteleurop\u00e4ischen Stadt, ohne jeden Kommentar. Man fragt sich, welche Stadt das sein k\u00f6nnte. Ich tippe auf Prag.<\/p>\n<p>Die Fahrt nach Colchester dauert nur eine Stunde. Es gibt mehr kahle B\u00e4ume als in Deutschland. Die Natur scheint ein bisschen hinterherzuhinken.<\/p>\n<p>Die Strecke durch flaches Land ist nichtssagend, aber man merkt sofort, dass man in England ist: Linksverkehr, Entfernungen und Geschwindigkeit in Meilen (in einer Einfahrt steht 5 mph), Kreisverkehr statt Ampel, H\u00e4user mit Giebeln und Erkern und asymetrischen Fassaden, niedrigen Stockwerken und vielen Kaminen; niedrige, \u201auntersetzte\u2018 anglikanische Pfarrkirchen mit m\u00e4chtigen Mauern, quadratischen T\u00fcrmen und geradem Abschluss im Osten, Kirchen aller m\u00f6glichen Konfessionen in einfachen H\u00e4usern; Pubs mit den typischen Namen &#8211; \u00a0<em>The White Swan<\/em>, <em>The King\u2019s Head<\/em> &#8211; in Gro\u00dfbuchstaben.<\/p>\n<p>Der Bus nach Colchester ist l\u00e4ngst nicht voll. Die meisten fahren nach London. Der Flughafen liegt aber schon in Essex, der Grafschaft der \u201aOstsachsen\u2018. Da liegt auch Colchester. Essex geh\u00f6rt streng genommen nicht zu East Anglia, wird aber jetzt meistens dazu gez\u00e4hlt. Der Bus f\u00e4hrt weiter nach Ipswich, aber da will keiner hin. In Colchester steigen alle aus.<\/p>\n<p>Am Busbahnhof und drum herum hat Colchester eher einen spr\u00f6den Charme. Ich ziehe auf gut Gl\u00fcck durch die fast menschenleeren Stra\u00dfen. Ich habe nur eine Adresse, keinen Stadtplan, aber die Roman Road muss ja wohl im Stadtzentrum liegen. Ich komme auch gleich an der Burg vorbei und \u00fcber die High Street und an der Touristeninformation vorbei. Dann taucht, auf der H\u00f6he einer m\u00e4chtigen Kirche, die Roman Road auf. Auch hier ist alles sehr englisch. H\u00e4user mit Namen, Haust\u00fcren mit d\u00fcnnen Briefkastenschlitzen und T\u00fcrklopfern. Vorg\u00e4rten, die alle ein bisschen vergammelt aussehen, und B\u00fcrgersteige mit zerbrochenen Platten.<\/p>\n<p>Die Pension hei\u00dft <em>The Old Manse<\/em>. Statt einer \u00e4ltlichen Matrone \u00f6ffnet eine gro\u00dfe, schlanke Frau mittleren Alters die T\u00fcr. Es geht \u00fcber eine verwinkelte Treppe in einen kleinen, mit M\u00f6beln vollgestopften Raum. Auch hier alles sehr englisch. Die (horizontal \u00f6ffnenden) Schiebefenster, der dicke Teppichboden, die Stecker, die getrennten Wasserh\u00e4hne f\u00fcr kaltes und warmes Wasser, das aber brennend hei\u00df ist und im Englischen nicht umsonst <em>hot<\/em> <em>water<\/em> hei\u00dft.<\/p>\n<p>Das Bad ist auf dem Flur, und das Zimmer ist voll mit wackligen M\u00f6beln, mit Lampenschirmen und Messingbeschl\u00e4gen, die wie aus der Vorkriegszeit wirken. Es ist kaum vorstellbar, dass eine deutsche Frau dieses Alters in einem Haus mit dieser Einrichtung leben w\u00fcrde. An der T\u00fcr ist ein kitschiges Schild mit dem Namen Moira angebracht, vermutlich der ehemalige Raum der erwachsenen Tochter. Bei all der biederen Einrichtung gibt es trotzdem einen Internetanschluss. Auf einem kleinen, in die Ecke eingezw\u00e4ngten B\u00fccherregal steht eine wilde Mixtur von B\u00fcchern, von den Bront\u00ebs \u00fcber Robert Goddard und Bill Bryson bis zu B\u00fcchern, die keiner lesen will \u2013 und auch wohl keiner liest. Als ich einen Band \u00fcber die neuere Geschichte von Gro\u00dfbritannien herausziehe, kommen mir dicke Staubflocken entgegen und ein Staubwolke, die die Nase reizt.<\/p>\n<p>Zur Begr\u00fc\u00dfung bekomme ich Tee serviert und ein kleines St\u00fcckchen wunderbaren Schokoladenkuchen.<\/p>\n<p>Das Fenster geht auf einen sehr gepflegten Garten hinter dem Haus mit bl\u00fchenden und sprie\u00dfenden B\u00e4umen, mit Nistk\u00e4sten, Laternen und Wasserschalen. An einer davon bedient sich ein graues Eichh\u00f6rnchen.<\/p>\n<p>Nach einigen Versuchen gelingt es mir, den Fernseher anzustellen, auf dem man auch Radioprogramme h\u00f6ren kann. Auf BBC 4 l\u00e4uft <em>Any questions?<\/em>, das ich seit Menschengedenken nicht mehr geh\u00f6rt habe. Immer noch der gleiche Ablauf, die gleiche Sendezeit, der gleiche Moderator.<\/p>\n<p>Im Fernsehen wird \u00fcber Unterwasserschwimmen und Hindernisschwimmen berichtet. Beide waren einmal olympische Sportarten. Die Spiele in London werfen ihre Schatten voraus.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"> <\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">7. April (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Die Wetteraussichten sind nicht allzu gut. Vor allem am Ostermontag soll es m\u00e4chtig regnen. Im Moment sieht es aber noch ganz passabel aus.<\/p>\n<p>Im Fernsehen werden Tipps f\u00fcr das Osterwochenende gegeben. Im Land bleiben: keine Schlangen, keine Passkontrollen, kein Euro!<\/p>\n<p>Bei der Lekt\u00fcre im Reisef\u00fchrer sto\u00dfe ich auf ein modernes Caf\u00e9, an dem ich gestern vorbeigekommen bin. Dort gibt es Erm\u00e4\u00dfigung f\u00fcr Studenten und Soldaten! Das spricht B\u00e4nde, denn Colchester ist beides: Universit\u00e4tsstadt und Garnisonsstadt. Von beidem ist nicht viel zu merken, jetzt \u00fcber die Ostertage ohnehin nicht. Die Universit\u00e4t, eine der aus der Zeit der Bildungseuphorie aus den Siebzigerjahren (den <em>red-brick-universities<\/em>), liegt au\u00dferhalb, und die Kasernen vermutlich auch. Jetzt ist Colchester in erster Linie als Einkaufsstadt und in zweiter Linie als Touristenstadt zu erleben. Lauter Parallelen zu Trier.<\/p>\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck erkl\u00e4rt mir die Dame des Hauses, dass <em>Old Manse<\/em> nichts mit <em>mansion<\/em> zu tun hat, wie ich dachte. Es war das Haus eines Geistlichen, eines Methodisten, und deren Geistliche lebten in einer <em>manse<\/em>, so wie anglikanische Geistliche in einer <em>rectory<\/em> lebten. Die Besitzerin hat das Haus in einem ziemlich desolaten Zustand gekauft und auf Vordermann gebracht.<\/p>\n<p>Es sind auch zwei Australierinnen hier einquartiert, von denen eine fr\u00fcher zwei Jahre lang in Colchester gelebt hat. Sie erz\u00e4hlt, wie schwer es war, ihre Begleiterin durch Colchester zu f\u00fchren. Ein neuer Einkaufskomplex im Zentrum lie\u00df sie die Orientierung verlieren. Die Australierinnen empfehlen einen, allerdings mit \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln schlecht zu erreichenden Ort namens Melford. Sie m\u00fcssen lachen, als ich Milford verstehe \u2013 das ewige britisch-australische Missverst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p>Das Fr\u00fchst\u00fcck gibt es nicht vor 9, und die Stadtf\u00fchrung ist erst um 11. Dazwischen bleibt nicht genug Zeit, um etwas zu unternehmen, und so bin ich sehr zeitig bei der Touristeninformation, um Erkundigungen f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage einzuholen. Sehr ergiebig ist das nicht. F\u00fcr Colchester gibt es noch nicht einmal ein Faltblatt mit den \u00d6ffnungszeiten der Sehensw\u00fcrdigkeiten, und auf das Naturgeschichtemuseum gleich gegen\u00fcber und ein hochmodernes Kunstzentrum, das ich sp\u00e4ter entdecke, wird nicht einmal hingewiesen. Man ist aber sehr freundlich und versucht mich, mit Informationen \u00fcber Busse und Z\u00fcge zu versorgen. Was Colchester angeht, h\u00e4tte ich ja die F\u00fchrung, und die w\u00e4re ausgezeichnet. Der F\u00fchrer, der heute an der Reihe sei, sei sowieso der beste. Und da ich bisher der einzige Gast w\u00e4re, der sich f\u00fcr die F\u00fchrung angemeldet h\u00e4tte, k\u00f6nnte ich da sicher auch Dinge au\u00dferhalb der normalen Route sehen. Dann kommen aber doch noch ein paar andere Interessierte. Nur der F\u00fchrer kommt nicht. Man entschuldigt sich und bittet um Aufschub, aber am Ende wird dann die F\u00fchrung einfach abgesagt.<\/p>\n<p>Als Alternative bietet Colchester Castle an, die Burg. Sie liegt gleich gegen\u00fcber, in einem gepflegten Park, der stark mit dem wehrhaften Charakter des Geb\u00e4udes kontrastiert.<\/p>\n<p>Die Burg ist die erste und gleichzeitig gr\u00f6\u00dfte Burg, die Wilhelm der Eroberer in England bauen lie\u00df, gleich nach der Eroberung, als erste einer ganzen Kette von Burgen, mit denen er sich die Kontrolle \u00fcber das Land sicherte. Man ist sofort an den White Tower in London erinnert, den Teil des Tower, der von den Normannen erbaut wurde, und tats\u00e4chlich sehen wir sp\u00e4ter bei der F\u00fchrung den Grundriss der beiden Burgen, und sie sind praktisch identisch.<\/p>\n<p>Als ich einmal um die Burg herum gehe, h\u00f6re ich, wie ein Mann zu seinem Sohn sagt: \u201eJust keep woaking.\u201c Es sind \u00fcberhaupt viele Kinder da, vor allem kleine. Einer hei\u00dft William, eine andere Catherine.<\/p>\n<p>Man kann der Burg auf das Dach steigen. Oben sieht man die Silhouette von Colchester. Weder sch\u00f6n noch h\u00e4sslich. Der Hingucker ist der allzu gro\u00dfe Viktorianische Rathausturm. Er passt nicht so richtig zum Stadtbild.<\/p>\n<p>Man kann auch in die Kellergew\u00f6lbe gehen. Hier sieht man Reste der Grundmauern eines r\u00f6mischen Tempels, des gr\u00f6\u00dften Geb\u00e4udes, das bis dahin in England erbaut worden war. Auf dieser Ruine steht die Burg. Das wusste man aber lange nicht. Besonders aufregend ist das, was man sieht, aber nicht.<\/p>\n<p>In der Burg selbst pr\u00e4sentiert ein Museum nach eigener Aussage \u201e2000 Jahre Geschichte\u201c. Mein erster Blick f\u00e4llt auf eine fast allt\u00e4gliche Erscheinung, <em>wattle and daub<\/em>, die fr\u00fcher \u00fcbliche Form der Konstruktion der H\u00e4userfassaden. Ich habe nie verstanden, ob es dasselbe ist die Fachwerk, aber es sieht so aus. Hier kann man sch\u00f6n sehen, wie es gemacht wird, da ein Streifen eines nachgebauten Hauses offen gelassen worden ist. Der erste Bestandteil, <em>wattle<\/em>, bezeichnet ein Flechtwerk aus d\u00fcnnen Holzleisten, der zweite Bestandteil, <em>daub<\/em>, bezeichnet eine Mischung aus Ton und Sand, der manchmal auch Stroh, Kalk oder Kuhdung beigemischt wird. Diese Masse wird auf das Flechtwerk aufgetragen und f\u00fcllt den Raum zwischen den Holzsparren. Man sollte es nicht glauben, aber die Frage nach der richtigen Mischung ist eine richtige Philosophie. Man riskiert Risse oder Br\u00fcchigkeit, wenn die Mischung nicht stimmt, und Luftdurchl\u00e4ssigkeit und W\u00e4rmeeigenschaften sind auch von der Mischung abh\u00e4ngig.<\/p>\n<p>Der Star des Museums ist aber Boudicca, die britische K\u00f6nigin und Anf\u00fchrerin des Aufstands gegen die R\u00f6mer. Sie erscheint hier als stolze Figur aufrecht auf ihrem Streitwagen stehend, so wie in der Skulptur an der Westminster Bridge. Sie hat in England etwa die Stellung wie Vercingetorix in Frankreich oder Arminius in Deutschland. Dabei war, genauso wie auf dem Kontinent, das Verh\u00e4ltnis von R\u00f6mern und Eroberten eigentlich nicht schlecht. Davon zeugen auch Exponate im Museum. Es wurde kr\u00e4ftig gehandelt: Luxusg\u00fcter und Wein gegen Getreide, Metalle und Jagdhunde! Die Briten bek\u00e4mpften sich eher untereinander, und schickten dann die Besiegten als Sklaven nach Rom. Ein weiteres Exportgut. Besonders gut waren die Beziehungen wohl unter Cunobelius, Shakespeares Cymbeline, der sich King of Britain nannte und andere St\u00e4mme unterworfen hatte. Er hatte ein Abkommen mit den R\u00f6mern geschlossen und hatte Frieden angeboten gegen die Respektierung von Status und Land. Das scheint sich unter Boudicca ge\u00e4ndert zu haben, die ihrem Mann auf den Thron folgte. Die R\u00f6mer, so hei\u00dft es, wollten keine Frau auf dem Thron akzeptieren. Boudicca wurde \u00f6ffentlich ausgepeitscht, ihre T\u00f6chter vergewaltigt, ihr Hab und Gut in Beschlag genommen. Daraufhin kam es zu dem Aufstand. Icener und Trinovanten griffen gemeinsam Colchester an. Boudicca verw\u00fcstete Colchester, zog dann nach London und St. Albans weiter, wurde aber am Ende besiegt.<\/p>\n<p>Colchester bot sich aus verschiedenen Gr\u00fcnden als erstes Ziel an: Es war fr\u00fcher die Hauptstadt der Trinovanten gewesen, aber inzwischen zu einer r\u00f6mischen Colonia geworden; es war nicht befestigt; es hatte keine aktiven Soldaten; und war Standort des Tempels, der den Briten gleich dreifach verhasst war: als Symbol der Fremdherrschaft, als von britischen Sklaven geschaffenes Bauwerk und als Ort der Verehrung eines Gottes, n\u00e4mlich Claudius, den sie nicht anerkannten.<\/p>\n<p>Colchester hatte deshalb keine aktiven Soldaten, weil es zum Ruhesitz f\u00fcr ausgediente Soldaten gemacht worden war. Nach 25 Jahren Dienst konnten sie sich hierher zur\u00fcckziehen und durften, als besonderes Privileg, heiraten!<\/p>\n<p>Von dem Tempel, der der Stein des Ansto\u00dfes war, gibt es im Museum ein pr\u00e4chtiges Modell. Man erahnt die Gr\u00f6\u00dfe und die Ehrfurcht, die ein solcher Bau bei den \u201eUreinwohnern\u201c ausgel\u00f6st haben muss, mit seinem Giebel, seinen S\u00e4ulen, seinem Ziegeldach, seiner Freitreppe und dem Altar am Fu\u00df der Treppe. Der Hintergrund zum Bau des Tempels ist die Eroberung Britanniens durch Claudius, einen schwachen Kaiser, der sich selbst durch die Eroberung aufwerten wollte. Alles war langfristig geplant und eingeleitet, und Claudius konnte mit Elefanten auf der Insel einreiten, als alles bereits gelaufen war. Nach seinem Tod wurde Claudius zum Gott bef\u00f6rdert.<\/p>\n<p>Colchester wurde zur ersten r\u00f6mischen Hauptstadt in England, bevor London mit der Themse als \u201ebesserem\u201c Fluss den Zuschlag bekam. C\u00e4sar hatte bereits Feldz\u00fcge gegen England unternommen, angezogen von den Metallvorkommen, vor allem Zinn, hatte aber von einer Eroberung abgesehen.<\/p>\n<p>Angesichts all der R\u00f6mergeschichten drohen die wichtigeren Exponate fast unterzugehen. Dazu geh\u00f6rt das Dagenham Idol, eine Steinzeitfigur, die 1000 Jahre \u00e4lter als Stonehenge ist und eine der \u00e4ltesten Darstellungen einer menschlichen Figur in England oder sogar \u00fcberhaupt sein soll. Mit ihren \u201eprimitiven\u201c Formen erinnert die Figur an moderne Kunstwerke. Gesichtsz\u00fcge sind kaum zu erkennen, der Kopf ist unwirklich oval, die Arme fehlen (aber die k\u00f6nnen nat\u00fcrlich verloren gegangen sein). Merkw\u00fcrdigerweise ist die Figur aus Holz, dunklem, r\u00f6tlich schimmerndem Holz. Man ist verbl\u00fcfft, dass sich so etwas so lange halten kann. Gefunden wurde die Figur in sumpfigem Gel\u00e4nde in der N\u00e4he von Dagenham.<\/p>\n<p>Es gibt auch einen gro\u00dfen, dreitausend Jahre alten Bronzekessel aus der Bronzezeit, den Sheepen Cauldron, einen der \u00e4ltesten erhaltenen \u00fcberhaupt. Man fragt sich, welchen Zweck er hatte. Vermutlich eher rituelle als praktische. Er wurde auch ganz absichtlich in einer Grube in Sheepen (bei Colchester) vergraben, vielleicht als Votivgabe.<\/p>\n<p>Aus der Jungsteinzeit stammt eine Axt. Mit ihr wurden B\u00e4ume gef\u00e4llt. Das war notwendig, um den Ackerbau, die neue, revolution\u00e4re Lebensform, aufzubauen, nachdem man jahrtausendelang von Fischen, Jagen und Sammeln gelebt hatte. Die ersten Getreidek\u00f6rner kamen vom Kontinent! Genauso wie sp\u00e4ter die T\u00f6pferscheibe, die von Fl\u00fcchtlingen vom Kontinent in England eingef\u00fchrt wurde und die Massenproduktion von Keramik erm\u00f6glichte, in einem Stil, der als <em>Belgian Style<\/em> bekannt ist. Was w\u00e4ren die Engl\u00e4nder ohne uns?<\/p>\n<p>Bald wird es mir im Museum zu voll. Man merkt, dass Ferienzeit ist. Ich mache mich auf die Suche nach St. Botolph\u2019s Priory und komme dabei in eine Gegend, wo man nichts Kirchliches erwartet, erst an einen gro\u00dfen, stark befahrenen Kreisverkehr, dann in eine dunkle Ecke, wo man vielleicht einen Schlachthof erwarten w\u00fcrde. Dann stehen pl\u00f6tzlich die Ruinen der Abtei auf freiem Feld vor mir. Es sind die \u00dcberbleibsel eines riesigen Augustinerklosters, des ersten von zweihundert in England, Teil einer gro\u00dfen innerkirchlichen Reformbewegung. Nur von der Kirche sind Reste erhalten, aber die sind ganz beeindruckend. Die Mauern und die runden Pfeiler sind teilweise mit wiederverwendeten r\u00f6mischen Backsteinen gebaut. Am Eingang sind sogar noch Kapitelle und Archivolten erhalten. Das Kloster wurde unter Heinrich VIII. aufgel\u00f6st, die Besitzt\u00fcmer gingen an seinen Kanzler. Die Kirche wurde dann noch weiter benutzt, aber im B\u00fcrgerkrieg weiter besch\u00e4digt. Das Dach fiel ein, und dabei blieb es dann.<\/p>\n<p>Die Trinity Church, dem Reisef\u00fchrer zufolge sehenswert, ist nicht leicht zu finden. Immer wieder steht man vor dem Einkaufszentrum. Das scheint einfach \u00fcberall zu sein. Ich werde an das erinnert, was die Australierin beim Fr\u00fchst\u00fcck gesagt.<\/p>\n<p>Dann taucht die Trinity Church doch noch auf. Auch sie hat als Kirche ausgedient, genauso wie die, in der das Naturkundemuseum ist und die, in der das Kunstzentrum ist. Die Trinity Church ist schon seit 1956 keine Kirche mehr! Hier betreiben jetzt einige Freiwillige ein einfaches Caf\u00e9, in dem es unter anderem <em>Babyccino<\/em> gibt. Keine Ahnung, was das ist. Das Caf\u00e9 ist nicht gerade so eingerichtet, dass die Kirche noch als solche zur Wirkung kommen k\u00f6nnte. Der Bau, Colchesters \u00e4ltestes Geb\u00e4ude, noch vor der Burg, ist eher klein, hat aber drei Schiffe, die aber so hoch sind, dass man das kaum wahrnimmt. Zwei Teile der Ausstattung sind interessant, zun\u00e4chst einmal sogenannte <em>hatchments<\/em>, Totenschilder, rautenf\u00f6rmige Tafeln aus Holz, die das Wappen der Familie tragen und fr\u00fcher nach dem Tod des Tr\u00e4gers ein Jahr \u00fcber dem Hauseingang hingen und dann in die Kirche transferiert wurden. Davon gibt es hier eine ganze Menge. Sehr ansehnlich. Der Hintergrund ist normalerweise schwarz, aber auf einem ist eine H\u00e4lfte wei\u00df, ein Hinweis darauf, dass der Mann beim Tod der Frau noch lebte.<\/p>\n<p>Der andere interessante Teil der Ausstattung sind kleine Figuren, K\u00f6pfe, wie man sie in katholischen Kirchen an Kapitellen finden k\u00f6nnte. Sie sind hier farbig gehalten. Darunter befinden sich eine blonde Frau, ein b\u00e4rtiger Mann, ein Schelm, ein rotes Eichh\u00f6rnchen \u2013 die grauen Eichh\u00f6rnchen, wie das, das ich im Garten der Pension gesehen habe, gab es damals noch nicht \u2013 und, vor allem, eine abessinische Katze mit einer Ratte, dem \u00dcbertr\u00e4ger der Pest. Die erlebte hier im 17. Jahrhundert noch einen sp\u00e4ten H\u00f6hepunkt. Das ist die Zeit, aus der die Figuren stammen.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem beherbergt die Kirche das Grabmal eines gewissen William Gilberd, Arzt Elisabeths I. und Entdecker des Elektromagnetismus.<\/p>\n<p>Als ich zur\u00fcckkehre, mache ich Photos von der Pfarrkirche, etwas erh\u00f6ht an der Ausfallstra\u00dfe gleich gegen\u00fcber dem Eingang zur Roman Road gelegen. Sie steht in keinem Reisef\u00fchrer und hat vermutlich nichts Besonderes aufzuweisen, aber sie ist typisch englisch: lang, niedrig, mit einem geraden Abschluss und einem quadratischen, niedrigen Turm. Leider ist sie geschlossen.<\/p>\n<p>Am Abend gehe ich in das <em>Playhouse<\/em>, einem zum Pub umgebauten Theater. Man sitzt auf der B\u00fchne und sieht in den Zuschauerraum. Dessen oberer Teil ist im Originalzustand erhalten, und dort sitzen und stehen Theaterbesucher, menschliche Puppen, die einem beim Biertrinken zuschauen. Es gibt eine gro\u00dfe Auswahl internationaler Biere, darunter San Miguel, Erdinger, Efes, Leffe und ein polnisches Bier namens Tyskie. Es ist laut und voll. Auch hier liegt \u00fcberall dicker Teppichboden, mit einer doppelten Maske als Motiv.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">8. April (Ostersonntag)<\/span><\/p>\n<p>Colchester hat zwei Bahnh\u00f6fe. Der gr\u00f6\u00dfere, die North Station, liegt ein ganzes St\u00fcck au\u00dferhalb der Innenstadt. Jetzt wei\u00df ich, warum ich am Flughafen gefragt worden bin, wohin genau in Colchester ich m\u00fcsse. Daraufhin wurde mir der Bus empfohlen statt des Zugs. Der brachte mich mitten ins Zentrum. Wie gut der Tipp war, merke ich erst heute, als sich der Weg zur North Station immer weiter hin zieht. Man \u00fcberquert dabei den Colne, Colchesters Fluss. Er sieht wie ein ruhendes Gew\u00e4sser aus und eher wie eine Freizeiteinrichtung als ein Wirtschaftsfaktor. Das war er fr\u00fcher, als Colchester noch einen Hafen hatte. Jetzt kommt mir an dem Flusspfad ein Jogger entgegen, der erster Passant \u00fcberhaupt, dem ich heute begegne.<\/p>\n<p>Der Mann am Schalter ist \u00e4u\u00dferst freundlich und hilfsbereit und schreibt mir gleich die R\u00fcckfahrzeiten auf einen Zettel. Ich muss nach Manningtree. Das ist gleich die n\u00e4chste Station. Als der Mann das h\u00f6rt, fragt er, ob Constable Country mein Ziel sei. Als ich ja sage, reckt er den Daumen in die H\u00f6he. Es geht in die Heimat Constables, dem Ort, der ihm ein Leben lang Motive f\u00fcr seine Bilder lieferte.<\/p>\n<p>Ich stehe am Bahnsteig und warte auf den einfahrenden Zug. Als der Zug h\u00e4lt, kommt aus dem offenen Fenster von innen eine Hand hervor und bet\u00e4tigt den T\u00fcrgriff von au\u00dfen. Muss wohl eine defekte T\u00fcr sein, denke ich. Dann wiederholt sich die Szene bei der Ankunft in Manningtree, diesmal an einer anderen T\u00fcr. Kein Defekt. Das hat System. Man kann die T\u00fcren nur von au\u00dfen \u00f6ffnen. Erst auf der R\u00fcckfahrt sehe ich dann im Zug ein Schild, das entsprechende Anweisungen zum \u00d6ffnen der T\u00fcren gibt. Warum das so ist, bleibt ein Geheimnis.<\/p>\n<p>Als ich durch ein Abteil zum Ausstieg gehe, h\u00f6re ich einen Mann zu seinem Sohn sagen <em>four spides<\/em>. Erst als ich sehe, dass sie Karten spielen, merke ich, was gemeint ist: <em>four spades<\/em>\u201a \u201avier Pik\u2018.<\/p>\n<p>Wenn man in Manningtree aussteigt, ist man gleich auf dem platten Land, bl\u00f6kende Schafe inklusive, gleich hinter dem Bahnhof.<\/p>\n<p>Von hier aus geht es nur noch zu Fu\u00df weiter. Alte, verwitterte, h\u00f6lzerne Wegweiser zeigen die Richtung an: Flatford.<\/p>\n<p>Der Pfad ist erst schmal und \u00f6ffnet sich dann in eine weite, heideartige Landschaft. Sie ist auch flach wie die Heide. Kein H\u00fcgel weit und breit. Am Wegrand wei\u00dfe und gelbe Str\u00e4ucher, in der Mitte binsenartiges, vertrocknetes Gew\u00e4chs.<\/p>\n<p>Immer wieder geht es durch Pforten. Die sind so konstruiert, dass sie von selbst wieder zufallen, wenn man durch ist. Eine gute Waffe gegen vergessliche Spazierg\u00e4nger.<\/p>\n<p>Nur ein paar vereinzelte Jogger kommen mir entgegen. Sonst ist noch niemand unterwegs.<\/p>\n<p>In der Stille steigt auf einmal laut kreischend ein Vogel auf, ein Auerhahn oder ein Rebhuhn. Ich frage mich, ob deren jeweiliger Partner <em>Auerhuhn<\/em> und <em>Rebhahn<\/em> hei\u00dft.<\/p>\n<p>Dann stellt sich ein bl\u00f6kendes Mutterschaf photogen in den Weg, und zwei L\u00e4mmer, durch das Bl\u00f6ken angelockt, kommen hinzu und vervollst\u00e4ndigen das Bild, indem sie sich an die Muttermilch ranmachen.<\/p>\n<p>Dann watscheln mir auf einmal Enten entgegen. Da muss doch Wasser in der N\u00e4he sein. Es l\u00e4sst auch nicht lange auf sich warten. Das ist der Stour, streng genommen kein Fluss, sondern ein Kanal, wie ich sp\u00e4ter erfahre, aber das sieht man ihm nicht an. Ich bin in Flatford angekommen, einem Weiler, aus kaum einem halben Dutzend H\u00e4usern und einer M\u00fchle bestehend.<\/p>\n<p>In zwei oder drei bilderbuchm\u00e4\u00dfigen wei\u00dfen H\u00e4uschen mit schwarzen Rietd\u00e4chern betreibt der <em>National Trust<\/em> ein Caf\u00e9, ein Souvenirshop und eine kleine Ausstellung. Es gibt Reproduktionen der Bilder, die hier entstanden sind, und ein paar interessante Zitate des Malers. Constable erkl\u00e4rt, wie er die Wirklichkeit ver\u00e4ndert, um den gew\u00fcnschten Effekt zu erzielen. Mit Bezug auf <em>View<\/em> <em>of the Stour near Dedham<\/em> sagt er, er habe ein Segel hinzugef\u00fcgt, die Baumgruppe ver\u00e4ndert, die Br\u00fccke vervollst\u00e4ndigt. Es geht nicht darum, die Wirklichkeit abzubilden, sondern zu formen. Der ber\u00fchmte <em>Hay Wain<\/em>, Prototyp der Landschaftsmalerei, entstand nicht einmal hier, sondern in der Gro\u00dfstadt, in London. Da er dort keinen Heuwagen hatte, bat Constable einen Freund, ihm eine Skizze zu schicken, und die war seine Vorlage. All das ist meilenweit entfernt von einem naiven Realismus. Unter den Techniken hebt Constable besonders die Rolle des <em>chiaroscuro<\/em>, des Hell-Dunkel-Kontrasts, hervor. \u00a0Deutlich wird auch, in einem Brief angesichts eines Angebots aus Paris, wie er um das \u00dcberleben zu k\u00e4mpfen hatte. Es ist nicht die Rede davon, wie viel ihm ein Bild eingebracht, sondern wie viel es ihn gekostet hat!<\/p>\n<p>Nach Tee und <em>Apple Pie<\/em> im Caf\u00e9 und dem erfolglosen Versuch, in dem Souvenirshop irgendetwas Interessantes zu entdecken, schlie\u00dfe ich mich einer kleinen F\u00fchrung durch den Ort an. Der F\u00fchrer hat Reproduktionen der Bilder bei sich, und man macht Halt an den Stellen, wo der Maler stand, als das Bild entstand. Man ist erstaunt, wie wenig sich ver\u00e4ndert hat, in fast 200 Jahren.<\/p>\n<p>Constable wurde 1776 geboren, als Sohn eines Bauern, der aber auch Kaufmann war. Er besa\u00df nicht nur die M\u00fchle, sondern fertigte auch seine eigenen Boote und verdiente Geld mit dem Transport von Getreide und Kohle. Ein Unternehmer, durchaus erfolgreich. Constable war der zweite Sohn und, da der erste geistig verwirrt war, auch der pr\u00e4destinierte Nachfolger. Er interessierte sich aber nicht f\u00fcrs Gesch\u00e4ft, sondern nur f\u00fcrs Malen. Professionellen Unterricht hatte er nicht. In Flatford hatte er immerhin einen Freund, der sein Hobby teilte. Das war derjenige, der sp\u00e4ter die Skizze des <em>Hay Wain <\/em>nach London sandte. Man stellt sich vor, wie viel M\u00fche und \u00c4rger es bereitet haben muss, sich dem vorherbestimmten Schicksal als Nachfolger im Unternehmen zu entziehen, und dann auch noch als Maler, und zwar als erfolgloser Maler. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich mit Portraitzeichnungen, von Verwandten, Freunden, Freunden von Freunden. Einen Namen machte er sich damit nicht, aber noch weniger mit den Bildern, f\u00fcr die er heute ber\u00fchmt ist. Er profitierte aber von den Erfahrungen seiner Kindheit f\u00fcr die Malerei. Als Sohn eines M\u00fcllers war er sensibilisiert f\u00fcr das Wetter: den Himmel, den Wind und die Wolken. Das alles findet seinen Niederschlag in den Bildern. Und der Schulweg nach Dedham f\u00fchrte ihn jeden Tag mehrere Meilen zu Fu\u00df durch weitgehend unber\u00fchrte Natur.<\/p>\n<p>Wir stehen zuerst vor dem Dock des Vaters, wo die Boote ausgebessert wurden, dann vor der M\u00fchle, wo der <em>Hay<\/em> <em>Wain<\/em> entstand, dann auf einer Br\u00fccke und dann noch mal von einer anderen Seite vor der M\u00fchle. Es sind immer wieder die gleichen Motive zu erkennen: Boote, Pferde, Wasser, Wolken, B\u00e4ume, die Kirche von Dedham weit im Hintergrund \u2013 Als das Wetter ein bisschen aufklart, k\u00f6nnen wir sie am Ende auch sehen. Auch kann man die kleinen Ver\u00e4nderungen sehen, und kleine rote Flecken in Kleidung oder Zaumzeug \u2013 auch vermutlich ein malerischer Effekt, keine Abbildung. Verbl\u00fcffend ist, wie viele Menschen auf den Bildern zu sehen sind, die doch als prototypische Landschaftsmalerei gilt. Man kann sie leicht \u00fcbersehen. Auch auf dem <em>Hay<\/em> <em>Wain<\/em> sind acht oder neun Menschen im Hintergrund auf dem Feld bei der Arbeit zu sehen. Es sind vor allem Menschen bei der Arbeit, und zwar ganz normale Menschen. Das war, auch wenn die Bilder heute fast bieder wirken, geradezu revolution\u00e4r \u2013 und verkaufte sich nicht. Die Einordnung von Constable als Landschaftsmaler ist fast irref\u00fchrend. Auch die Pferde geh\u00f6ren zur Arbeitswelt. Sie zogen die Boote, mussten aber immer wieder ausgespannt werden, wenn es galt, die Flussseite zu wechseln oder wenn eine Br\u00fccke im Weg stand. Deshalb ist auf den Bildern auch Werkzeug zu sehen. Auch das kann man leicht \u00fcbersehen.<\/p>\n<p>Diese Bilder verkauften sich nicht nur nicht, sie wurden auch in professionellen Kreisen nicht gesch\u00e4tzt. Constable musste warten, bis er 53 war, um in die Akademie aufgenommen zu werden. Turner wurde schon mit 23 aufgenommen. Und das, obwohl dessen Bilder heute moderner, revolution\u00e4rer wirken. Aber Constable war ein Bauernjunge, unkultiviert. Das kam in London nicht gut an.<\/p>\n<p>Auch privat musste er k\u00e4mpfen. Er hatte, schon seit er 12 war, ein Auge auf ein M\u00e4dchen aus dem Dorf geworfen, aber deren Vater und vor allem deren Gro\u00dfvater, ein Geistlicher, waren lange gegen die Verbindung. Constables Vater war zwar nicht arm, aber er war eben Kaufmann, nicht gebildet. Und das wollten die gebildeten Snobs nicht. Am Ende kam die Verbindung dann doch zustande. Sie bekamen in kurzen Abst\u00e4nden sieben Kinder. Dann erkrankte Maria, seine Frau, an Schwindsucht, <em>consumption<\/em>, der Universalkrankheit des 19. Jahrhunderts, vermutlich ein Name f\u00fcr alles, was man nicht erkl\u00e4ren konnte. Man zog nach Hampsted Heath, au\u00dferhalb Londons, wegen des Klimas, aber es nutzte nichts. Maria starb und hinterlie\u00df Constable die sieben Kinder, das j\u00fcngste gerade mal ein Jahr alt. \u00dcberall Widerst\u00e4nde und Widrigkeiten, wenig Unterst\u00fctzung, keine Anerkennung bis an das Lebensende.\u00a0 Ob er ahnte, dass er eines Tages ber\u00fchmt sein und Flatford Ziel der Kulturpilger sein w\u00fcrde?<\/p>\n<p>Auf dem Weg von dem Dock zur M\u00fchle sehen wir ein wundersch\u00f6nes <em>Manor House<\/em>, gr\u00f6\u00dfer als die anderen H\u00e4user des Ortes. Die W\u00e4nde sind gek\u00e4lkt worden, die ganze Fassade ist wei\u00df, auch die Balken. Das gibt dem Haus einen ganz anderen Charakter. Das ist aber nicht aus \u00e4sthetischen, sondern aus Konservierungsgr\u00fcnden gemacht worden. Der Kalk soll die W\u00e4nde besser sch\u00fctzen. Das Haus, das eleganter und vornehmer aussieht als die anderen des Ortes, taucht in Constables Bildern nie auf. Man spekuliert \u00fcber die Gr\u00fcnde. Es wird gesagt, er habe sich mit den Besitzern\u00a0 \u00fcberworfen. Aber es k\u00f6nnte auch einfach k\u00fcnstlerische Gr\u00fcnde haben: Das Haus steht abseits des Flusses, abseits der offenen Landschaft, und hat mit der Arbeitswelt nichts zu tun. Nicht Constables Welt.<\/p>\n<p>Am Wegesrand liegt ein M\u00fchlstein. Er ist nicht aus einem St\u00fcck \u2013 wieder merkt man das Fehlen von Stein in der Gegend \u2013 sondern aus mehreren Brocken zusammengesetzt und wird von einem Eisenreifen zusammengehalten.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zur M\u00fchle, wo es noch nicht einmal einen Fu\u00dfpfad gibt, steht ein Schild mit der Aufschrift: <em>Take care on the path to avoid slips and trips<\/em>.<\/p>\n<p>Als die F\u00fchrung vorbei ist, mache ich das, was Constable jeden Tag machte: Ich gehe zu Fu\u00df nach Dedham. Es geht immer den Fluss entlang. Jetzt, am Nachmittag, ist hier viel mehr los, Familien mit Kindern und Hunden vor allem.<\/p>\n<p>Am Wegesrand stehen knorrige, kahle B\u00e4ume mit bizarren Formen. An einer Stelle sehe ich zwei B\u00e4ume, die ineinander gewachsen sind. Ihre krummen St\u00e4mme treffen sich in der Mitte und formen eine Art Torbogen, ein wirklich merkw\u00fcrdiges Bild. Dann merke ich, zwei Schritte weiter gehend, dass es zwei B\u00e4ume sind. Die Perspektive hat mich fehlgeleitet. Das gibt mir f\u00fcr den Rest des Wegs nach Dedham Stoff zum Denken \u00fcber unsere Wahrnehmung und wie die uns fehlleiten kann. Ich erinnere mich an irgendein Seminar am Beginn des Studiums, in dem von zwei Rittern eines mittelalterlichen Epos die Rede war, die sich an einem Baum gegen\u00fcberstehen und in heftigen Streit dar\u00fcber geraten, ob der Apfel, der an dem Baum h\u00e4ngt, rot oder gr\u00fcn ist. Der Streit eskaliert und sie greifen zu den Waffen. Der eine t\u00f6tet den anderen und muss dann feststellen, dass der Apfel von einer Seite rot und von der anderen gr\u00fcn ist.<\/p>\n<p>Dedham ist eine kleine Stadt mit einer f\u00fcr diesen Ort viel zu gro\u00dfen Kirche, Resultat des Reichtums durch den Wollhandel. Vor allem der m\u00e4chtige Turm ist beeindruckend. Das ist der Turm, der in Constables Bildern auftaucht. Im Unterschied zu seiner Zeit tr\u00e4gt er heute eine Fahne. Die englische, nicht die britische.<\/p>\n<p>Die Kirche ist sehr englisch, mit gro\u00dfen, breiten Fenstern, einer Holzbalkendecke und allen m\u00f6glichen Epitaphen an den W\u00e4nden, darunter eins f\u00fcr eine bedauernswerte Frau, die starb, weil sie eine Nadel verschluckte.<\/p>\n<p>Die Stadt besteht haupts\u00e4chlich aus einer Stra\u00dfe, mit vielen sch\u00f6nen H\u00e4usern, niedrig, in verschiedenen Farben, vermutlich mittelalterlich, obwohl einigen eine klassische Fassade verpasst wurde, die sie aussehen lassen, als w\u00e4ren sie <em>Georgian Houses<\/em>, mit klassischen Giebeln \u00fcber dem Eingang.<\/p>\n<p>An Ende der Stra\u00dfe sto\u00dfe ich auch hier auf eine Kirche, die keine mehr ist. Sie ist jetzt ein Zentrum f\u00fcr Kunsthandwerk, das aber seinen Namen kaum verdient. Es gibt nicht viel mehr als teure Souvenirs. Und ein Caf\u00e9, das rappelvoll ist.<\/p>\n<p>Ich wandere noch ein bisschen durch den Ort und sehe ein Schild, das ein Witzbold an einem Baum in seinem Vorgarten aufgeh\u00e4ngt hat: <em>Request Bus Stop<\/em>.<\/p>\n<p>An einer anderen Stelle sehe ich ein Feld voller Osterglocken. Es ist genau der richtige Tag daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Dann beschlie\u00dfe ich aber bald, den R\u00fcckweg anzutreten. Als ich wieder in Manningtree ankomme, habe ich m\u00fcde Beine. Es sind gar nicht so lange Distanzen gewesen, aber ich war fast den ganzen Tag auf den Beinen. Am Bahnhof versuche ich, aus den Zugfahrpl\u00e4nen schlau zu werden, vergebens.<\/p>\n<p>Ich sehe ein Schild, das darauf hinweist, dass man hier \u00fcberwacht wird, 24 Stunden am Tag.<\/p>\n<p>Beim Aussteigen sehe ich zu, dass ich hinter jemandem aussteige, so dass der die T\u00fcr \u00f6ffnen muss. Er tut es, als w\u00e4re es das Selbstverst\u00e4ndlichste auf der Welt, dass T\u00fcrgriffe drau\u00dfen angebracht sind.<\/p>\n<p>In Colchester erschreckt mich ein schnarrendes Ger\u00e4usch, als ich einen kleinen Supermarkt betrete. So als h\u00e4tte ich etwas falsch gemacht. Aber keiner achtet darauf. Es ist normal und ert\u00f6nt jedes Mal, wenn jemand hinein- oder hinausgeht. Beim Bezahlen komme ich mit den britischen M\u00fcnzen durcheinander, deren Gr\u00f6\u00dfe und Form ziemlich verwirrend sind. Au\u00dferdem hat sich unter die vielen M\u00fcnzen ein ungarischer Florint gemischt. Unter den britischen M\u00fcnzen befindet sich eine 2-Pfund-M\u00fcnze. Der war ich noch nie begegnet. Es ist zudem eine \u00a0Sonderpr\u00e4gung, in Erinnerung an die Abschaffung der Sklavenhaltung 1807. Auf der M\u00fcnze steht nur das Zahlwort <em>zwei<\/em>, nicht die Zahl 2. Man muss Englisch k\u00f6nnen, um zu wissen, wie viel sie wert ist.<\/p>\n<p>Im Fernsehen h\u00f6re ich am Abend eine h\u00f6chst peinliche \u201eDebatte\u201c im Parlament, eine Serie von Elogen von Sprechern aller Parteien auf die K\u00f6nigin anl\u00e4sslich eines Jubil\u00e4ums. Nicht auszuhalten. Alle loben, was die K\u00f6nigin f\u00fcr das Land getan haben soll. Nat\u00fcrlich kann sich keiner leisten, etwas anderes zu sagen. Und da es keine Alternative gibt, sind die Lobeshymnen letztlich nichtig.<\/p>\n<p>Ich habe Schwierigkeiten, eine der Rednerinnen zu verstehen. Sie spricht dar\u00fcber, wie die K\u00f6nigin ihren Wahlkreis besucht hat, und benutzt ein Wort das wie <em>visted<\/em> klingt. Sie meint <em>visited<\/em>.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">9. April (Ostermontag) <\/span><\/p>\n<p>Ostermontag ist Feiertag in England, Bank Holiday, und fast alle Museen sind geschlossen. Die Ausnahme ist <em>Firstsite<\/em>, ein hochmodernes Museum in einem hochmodernen Geb\u00e4ude, das in Colchester seinesgleichen sucht. Es ist aus einer gold gl\u00e4nzenden Kupferlegierung und hat eine gro\u00dfe Glasfassade. Es erinnert mich entfernt an eine Auster. Austern gelten das typische Gericht von Colchester, seit alter Zeit, und in den Fundamenten des r\u00f6mischen Tempels haben wurde uns dieser Tage eine fossilisierte Auster gezeigt. Ist das eine gewollte Anspielung?<\/p>\n<p>Auster oder nicht, alles hier ist darauf angelegt, den Besucher zu verunsichern, von den Titeln der Kunstwerke bis zum Fu\u00dfboden. Der ist schr\u00e4g, genauso wie die W\u00e4nde und die Decke. Wenn man in das Museum geht, scheint man den Boden unter den F\u00fc\u00dfen zu verlieren.\u00a0 Zu den verst\u00f6renden Titeln der Kunstwerke z\u00e4hlen <em>Confections in Orbit<\/em>, <em>Who Conjured You Out Of the Clay? <\/em>und <em>The Darkling Inventor of Thingly Space<\/em>. Zu den verst\u00f6renden Exponaten geh\u00f6rt <em>Carrier<\/em>, eine alte Glocke, bei der der Prengel durch ein Mikrophon ersetzt worden ist, das Ger\u00e4usche des Museums aufnimmt, die als formloses Brummen durch einen Lautsprecher ausgestrahlt werden. Je mehr Besucher in der N\u00e4he sind und je n\u00e4her man an dem Exponat steht, umso lauter wird das Brummen. Daneben gibt es Videoinstallationen, f\u00fcr mich die unzug\u00e4nglichste aller Kunstgattungen.<\/p>\n<p>\u00dcberraschenderweise findet man in einem Raum inmitten der modernen Skulpturen ein paar Wolkenskizzen von Constable. Auf diese Art, isoliert, sieht man, wie modern seine Malerei ist. Vor den Skizzen ist eine amerikanische Skulptur ausgestellt, 120 Ziegelsteine, in vier gleichen Reihen auf zwei Ebenen angeordnet. Das ist bestenfalls provokativ. Allerdings besagt eine Inschrift, dass diese Skulptur urspr\u00fcnglich Teil einer Serie von Skulpturen war, die alle die gleiche Anzahl von Ziegelsteinen in anderen Arrangements zeigten. Mit viel Anstrengung kann man darin einen Sinn sehen und auch die Verwandtschaft mit Constables Skizzen erkennen, die auch immer dasselbe, Wolken, in unterschiedlicher Form darstellen. Dennoch bleibt Skepsis.<\/p>\n<p>In einem Raum sind lateinamerikanische K\u00fcnstler ausgestellt. Die University of Essex hat ein Forschungsprogramm namens <em>Escala<\/em>, das sich mit lateinamerikanischer Kunst besch\u00e4ftigt und mit lateinamerikanischen K\u00fcnstlern zusammenarbeitet. Hier gibt es einen Raum mit Werken, die sich auf die eine oder andere Art mit Textilien besch\u00e4ftigen. Dazu geh\u00f6rt ein gewebtes Tuch aus der Volkskunst der Anden, in das mit vielen orthographischen Fehlern dieser Spruch eingewoben ist: <em>Ase saven tejir los campesinas volevianas<\/em> \u2013 <em>So k\u00f6nnen die bolivianischen B\u00e4uerinnen weben<\/em>. Zu den eigentlichen Kunstwerken z\u00e4hlt ein Poncho, der an der Wand h\u00e4ngt, mit drei L\u00f6chern statt einem. Das scheint ziemlich nichtssagend, aber offensichtlich ist dies eine Anspielung auf ein bekanntes minimalistisches Kunstwerk, das genau diese Form hat. Erst wenn man die Anspielung versteht, kann man mit dem Kunstwerk etwas anfangen. Ein Bild reproduziert den Text von Borges <em>Elogio de la Sombra<\/em>, das auf seine Blindheit anspielt. Der Text ist so angeordnet, dass man ihn nicht lesen kann, sondern dass er bestimmte Formen abbildet. Etwas einleuchtender ist eine Skulptur mit Geldscheinen, in die typische Webmuster eingewoben sind, die ihre textile Struktur wieder zum Vorschein bringt. Ein anderes Kunstwerk ist ein einfaches Schwarz-Wei\u00df-Photo, bei dem man den Bezug zu dem Thema nicht sofort erkennt. Drei Frauen, Gro\u00dfmutter, Mutter und Tochter, sind dargestellt, mit unbeweglichen Gesichtern. Gro\u00dfmutter und Mutter sind durch eine Kordel, deren Ende sie im Mund halten, verbunden, ebenso wie Mutter und Tochter. Die Kordel ist das Textil. Die Kordel erinnert wohl an die Nabelschnur und bedeutet hier wohl Verbindung, aber auch Beschr\u00e4nkung. Die Kordel im Mund macht das Sprechen unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>In einer offenen Halle im Museum ist ein r\u00f6misches Mosaik ausgestellt, unter einer Glasplatte im Boden. Es ist hier, weil es an dieser Stelle urspr\u00fcnglich gefunden wurde. Es hing dann im Burgmuseum, bis das <em>Firstsite<\/em> entstand. Es war Teil des Bodens eines vornehmen r\u00f6mischen Hauses, des Speisesaals, der nur zu besonderen Zwecken bei festlichen Gelegenheiten benutzt wurde und dazu diente, Reichtum und Status des Besitzers vorzuzeigen. Das Mosaik zeigt jagende Delphine, ein Motiv, das man in sehr \u00e4hnlicher Form in allen m\u00f6glichen Teilen des R\u00f6mischen Reichs wiederfindet. Das gibt Anlass zu der Vermutung, dass es Skizzenb\u00fccher f\u00fcr diese Mosaike gab. Als das Mosaik gefunden wurde, lag daneben ein Skelett. Dessen Bedeutung ist unklar. Bestattungen innerhalb der Stadtmauern waren nicht erlaubt, und aus der Zeit der Zerst\u00f6rung Colchesters durch Boudicca kann es nicht stammen, da das Skelett nicht auf schwarzer Erde gefunden wurde.<\/p>\n<p>Beim Hinausgehen begegne ich noch einmal der umstrittenen Skulptur mit den Ziegelsteinen, und zwar in Form eines polemischen Zeitungsartikels aus dem <em>Express<\/em>. Der Artikel nimmt Bezug auf den Aufkauf der Skulptur durch die <em>Tate Gallery<\/em> und beklagt die Verschleuderung von Steuergeldern f\u00fcr so einen Unfug. Mit Lust wird aufgef\u00fchrt, wie viele solcher Ziegelsteine man f\u00fcr 50,000 \u00a3, der Summe, die das Kunstwerk gekostet haben soll, in einer Ziegelei bekommen w\u00fcrde, und wie der K\u00fcnstler, der in Amerika mit seiner Skulptur nicht landen konnte und die Ziegelsteine l\u00e4ngst entsorgt hatte, nach der Anfrage der <em>Tate<\/em> neue Ziegelsteine besorgte.<\/p>\n<p>Dann gibt es die am Samstag abgesagte Stadtf\u00fchrung. Sie beginnt am <em>Firstsite<\/em>. Wo ich gerade herkomme. Die meisten Orte, die wir sehen, kenne ich l\u00e4ngst, aber es gibt noch ein paar neue Dinge zu erfahren.<\/p>\n<p>Vom <em>Firstsite<\/em> geht es zu den Ruinen von St. Botolph. Die Augustiner, erf\u00e4hrt man, waren ein Gegenmodell zu den eher nach innen gekehrten Benediktinern. Das Augustinerkloster in Colchester lag au\u00dferhalb der Stadtmauern, und die Augustiner k\u00fcmmerten sich vor allem um Reisende. Denen gew\u00e4hrten sie auch Unterkunft im Kloster. Das erkl\u00e4rt auch das Patrozinium: St. Botolph ist der Patron der Reisenden!<\/p>\n<p>Dann geht es ins Zentrum. Wir stehen vor einem achteckigen Bekleidungsgesch\u00e4ft, an dem ich schon \u00f6fter vorbeigekommen bin. Mit ist aber nicht aufgefallen, dass auf dem Dach ein Kreuz ist. Es ist eine Kirche, und zwar eine Methodistenkirche, und die Kirche hat die untere Etage an ein Gesch\u00e4ft verpachtet und sich selbst nach oben zur\u00fcckgezogen. Bei Beerdigungen wird der Sarg per Aufzug in die Kirche geschafft. Hinter dem Dach sieht man einen alten Kirchturm. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist der aber gar nicht tats\u00e4chlich hinter dem Dach, sondern in das neue Geb\u00e4ude integriert. Das muss ich mir aber in den n\u00e4chsten Tagen noch mal ansehen. Wir befinden uns hier im Viertel der Nonkonformisten. Gleich daneben ist eine Kirche des Baptisten.<\/p>\n<p>Dann stehen wir an einem Durchlass durch die H\u00e4userzeile der Innenstadt. Auch hier bin ich schon mehrmals vorbeigekommen, habe aber nicht darauf geachtet, dass dies ein Durchbruch durch die Stadtmauer ist, die mittelalterliche, vermute ich. Die H\u00e4user stehen auf der schr\u00e4g ansteigenden Stadtmauer und sind zur Stadtseite hin niedriger als zur Landseite.<\/p>\n<p>Auch an der <em>Trinity Church<\/em> bleiben wir stehen, und zwar an ihrem Turm. Er ist der \u00e4lteste Teil der Kirche und seinetwegen kann sich <em>Trinity<\/em>, etwas irref\u00fchrend, als das \u00e4lteste erhaltene Geb\u00e4ude Colchesters bezeichnen. Er ist s\u00e4chsisch, was man unter anderem an dem Torbogen sehen kann, der nicht rund, sondern eckig \u2013 und damit eigentlich auch kein Bogen \u2013 ist. Die Sachsen konnten keine Rundb\u00f6gen bauen, obwohl man weiter oben in zwei Fenster\u00f6ffnungen einen etwas tolpatschigen Versuch sehen kann, so etwas hinzubekommen.<\/p>\n<p>Dann werden wir in eine ganz versteckte Ecke mitten in der Innenstadt gef\u00fchrt. Hier befindet sich <em>Timberly<\/em>, ein sehr sch\u00f6nes, authentisch aussehendes Fachwerkhaus aus der Elisabethanischen Zeit. Es war das Wohnhaus Gilberds, des Arztes von Elisabeth, dem Erfinder des Elektromagnetismus. Es ist leider nicht zug\u00e4nglich. Man kann nur, vor einem Gitter stehend, die Seite und einen Teil der Fassade sehen. Fr\u00fcher war hier ein Uhrenmuseum. Jetzt \u00fcberlegt man, es zu einem Caf\u00e9 umzubauen.<\/p>\n<p>Dann kommen wir zu der r\u00f6mischen Stadtmauer. Auch da bin ich dieser Tage schon vorbeigekommen. Sie zieht sich an einer stark befahrenen Stra\u00dfe entlang. Am Ende kommt man zu den Resten eines r\u00f6mischen Stadttors. Auch das ist mit Ziegelsteinen gebaut. Auf einer Abbildung sieht man, wie es urspr\u00fcnglich aussah. Was erhalten ist, sind die beiden Durchg\u00e4nge f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger. Es gab auch zwei f\u00fcr Fahrzeuge. Dies war ein zeremonielles Tor, das im Alltag kaum genutzt wurde.<\/p>\n<p>Gleich hinter dem Tor befindet sich ein Pub mit dem Namen <em>The Hole in the Wall<\/em>. Es hat aber mit dem Loch in der Stadtmauer nichts zu tun, sondern mit einem Loch, das in die Wand des Pubs eingelassen wurde, damit die Taxifahrer auf den naheliegenden Bahnhof sehen und am Dampf feststellen konnten, ob ein Zug und damit Kundschaft ankam.<\/p>\n<p>Gleich in der N\u00e4he befindet sich eine Kirche mit einem zerst\u00f6rten Turmgeschoss, das Ergebnis der Belagerung der Stadt im B\u00fcrgerkrieg, dem schlimmsten Ereignis in der Geschichte Colchesters. Nach der Abschaffung der Monarchie und dem Tod des K\u00f6nigs gab es 1648 einen Aufstand, eine Konterrevolution sozusagen, und die Monarchisten wollten die alten Zust\u00e4nde wieder herstellen. In diesem Zusammenhang wurde Colchester Gegenstand einer wochenlangen Belagerung durch die Parlamentarier unter Lord Fairfax. W\u00e4hrend dieser Zeit a\u00dfen die Leute alles, was ihnen in die H\u00e4nde fiel, auch Hunde und Ratten. Nach Wochen der Belagerung ergab sich die Stadt, und die Rebellen wurden exekutiert.<\/p>\n<p>Wir kommen dann an dem Viktorianischen Wasserturm und am Rathaus vorbei. Da gibt es ein paar Erkl\u00e4rungen zu den Farben der Wappen und den Figuren in den Nischen, aber das ist nicht sonderlich interessant.<\/p>\n<p>Von dort geht es in das <em>Dutch Quarter<\/em>, benannt nach den Einwanderern, die einen wichtigen Beitrag zum Wirtschaftsaufschwung der Region machten. Das lag unter anderem daran, dass sie feineres Tuch einf\u00fchrten und neue Techniken. Das Viertel liegt etwas abseits, mit vielen niedrigen, gut erhaltenen H\u00e4uschen, und hat seinen eigenen Charme. Auf dem Friedhof stehen wir vor dem Grab eines der Einwanderer, einem Jakob Ringer. Das h\u00f6rt sich nicht sonderlich holl\u00e4ndisch an. Als mir das gerade durch den Kopf geht, sagt die Stadtf\u00fchrerin, dass <em>Dutch<\/em> zu der Zeit nicht unbedingt \u201aholl\u00e4ndisch\u2018, sondern genauso gut \u201adeutsch\u2018 gehei\u00dfen haben kann (was ja auch etymologisch nahe liegt) oder einfach eine breitere Bedeutung gehabt haben kann.<\/p>\n<p>Einige der Eingangst\u00fcren des Viertels sind in Gr\u00fcn und Rot gehalten. Das sind die Farben des City Council, der Stadtverwaltung. Man k\u00f6nne also an den Farben sehen, welche H\u00e4user Mieth\u00e4user seien, sagt die Stadtf\u00fchrerin. Das w\u00fcrde implizieren, dass alle anderen H\u00e4user Eigentum sind und dass es keine privaten Eigent\u00fcmer gibt, die H\u00e4user vermieten. Kann das sein?<\/p>\n<p>In diesem Viertel kann man auch &#8211; in einem normalen Wohnhaus \u2013 die, allerdings bescheidenen, Reste des r\u00f6mischen Theaters sehen.<\/p>\n<p>Und in der N\u00e4he befindet sich das Haus, in dem zwei Schwestern, Amateurdichterinnen, wohnten, und die der (englischen) Nachwelt durch <em>Twinkle, twinkle little star<\/em> bekannt sind, neben <em>Old King Cole<\/em> der zweite Kinderreim, den Colchester zur englischen Volksliteratur beigetragen hat.<\/p>\n<p>Dann kommen wir auf die High Street und sehen uns das imposante, s\u00e4ulenbestandene Geb\u00e4ude des ehemaligen Getreideb\u00f6rse, <em>Corn<\/em> <em>Exchange<\/em>, an. Die Fassade zeigt die Embleme von Essex und von Colchester.<\/p>\n<p>In dem Zusammenhang ist von einer Kirche die Rede, <em>St. Peter\u0384s<\/em>. Die befindet sich wohl in der N\u00e4he. Es hei\u00dft, es sei eine von zwei noch als Kirche fungierenden (anglikanischen) Kirchen, von urspr\u00fcnglich acht.<\/p>\n<p>Wir kommen zur Burg und sehen in dem Park der Burg eine S\u00e4ule, die den Ort markiert, an dem die Anf\u00fchrer des Aufstands im B\u00fcrgerkrieg hingerichtet wurden. Allerdings erwischte es nur zwei. Einer konnte entkommen, der andere war, wie sich herausstellte, Italiener, und das Commonwealth wollte sich diplomatische Zerw\u00fcrfnisse mit Italien ersparen. Die Offiziere konnten sich freikaufen, die gemeinen Soldaten aber traf es. Sie wurden in die Kolonien verschifft.<\/p>\n<p>Nach der Stadtf\u00fchrung suche ich lange eine Buchhandlung, die aus dem Augenwinkel bei der F\u00fchrung gesehen habe. Nach langer Suche werde ich f\u00fcndig. Ich verbringe unendlich lange Zeit in der Buchhandlung. Dabei sto\u00dfe ich auf einen Reisef\u00fchrer, in dem die Autorin von ihrem Besuch in dem ber\u00fchmten <em>Fitzwilliam Museum<\/em> in Cambridge erz\u00e4hlt. Ein Aufpasser machte sie auf ihre lose Schuhsenkel aufmerksam, und sie sagt, sie habe sich wie ein Schulm\u00e4dchen gef\u00fchlt, das getadelt wird. Es ist in der Tat umstritten, ob das eine erlaubte \u00c4u\u00dferung ist. In diesem Falle hat es allerdings einen triftigen Grund: Ein Besucher des <em>Fitzwilliam Museums<\/em> stolperte \u00fcber seine losen Schuhriemen, st\u00fcrzte und warf eine wertvolle antike Vase um.<\/p>\n<p>Am Ende komme ich mit zwei B\u00fcchern heraus, <em>Through the Language Glass<\/em>, einem Buch \u00fcber Unterschiede in Sprachen von Guy Deutscher, von dem ich vor kurzem ein anderes unterhaltsames Buch \u00fcber die Entstehung von Sprache gelesen habe, und <em>Why don\u2019t Penguins\u2018 Feet Freeze?<\/em>, ein Buch zu Alltagsfragen, die wissenschaftlich erkl\u00e4rt werden. Da erfahre ich, dass die meisten Menschen unwillk\u00fcrlich, wenn sie keinen Anhaltspunkt haben, einen leichten Linkdrall haben. Der wird zur\u00fcckgef\u00fchrt darauf, dass der K\u00f6rper nie absolut symmetrisch und das rechte Bein bei den meisten etwas st\u00e4rker ist. Deshalb schwanken wir, wenn wir abends aus der Kneipe nach Hause kommen, eher nach links. Wegen der ungleichen St\u00e4rke der beiden K\u00f6rperh\u00e4lften folgen Menschen, die in der W\u00fcste glauben, immer geradeaus zu gehen, doch einer leichten Kurve und drehen sich im Kreis.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">10. April (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>In den Bahnhof kommt man in England in der Regel nur mit einer Fahrkarte. So auch in Colchester. Hier geht man durch eine Sperre, in die man die Fahrkarte einf\u00fchrt, so wie sonst bei U-Bahnen. Ich komme aber nicht durch. Mir wird der Eintritt verweigert. Ich habe keine Ahnung, warum. Schon ist ein freundliche Mann zur Stelle und erkl\u00e4rt mir, es sei noch zu fr\u00fch. Meine Fahrkarte sei noch nicht g\u00fcltig. Also muss ich drau\u00dfen warten. Auch zum Kiosk und in die Cafeteria kommt man nicht, denn sie liegen innerhalb des Bahnhofgeb\u00e4udes. Der Mann sieht meine umherirrenden Blicke und liest mir den Wunsch von den Augen ab: F\u00fcr einen Kaffee k\u00f6nne ich ruhig hereinkommen.<\/p>\n<p>Nach Norwich kann man von Colchester aus durchfahren. Die Fahrt dauert gerade mal eine Stunde. Der erst Eindruck von Norwich ist positiv. Vom Bahnhof, einem Viktorianischen Geb\u00e4ude, f\u00fchrt eine sch\u00f6ne Br\u00fccke \u00fcber einen Fluss mit Trauerweiden am Ufer. Das Idyllische verliert sich bald, aber man ist doch in einer sehr ansehnlichen, wenn auch nicht berauschend sch\u00f6nen Stadt. Vor allem aber in einer gro\u00dfen Stadt, eine Klasse gr\u00f6\u00dfer als Colchester. Jahrhundertelang war Norwich tats\u00e4chlich eine der gr\u00f6\u00dften St\u00e4dte Englands. Oft hei\u00dft es sogar, die zweitgr\u00f6\u00dfte. Das \u00e4nderte sich erst mit dem Aufkommen der gro\u00dfen Industriest\u00e4dte wie Manchester, Liverpool und Birmingham im 19. Jahrhundert.<\/p>\n<p>Der Weg in die Innenstadt ist ein Vorzeichen f\u00fcr das, was mich den ganzen Tag erwartet: Es geht st\u00e4ndig rauf und runter. Da ich immer wieder von einem Stadtviertel in das andere wechsle, komme ich am Abend mit wunden F\u00fc\u00dfen zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Es geht zun\u00e4chst auf den Marktplatz. Der Weg f\u00fchrt an vielen Juweliergesch\u00e4ften und ebenso vielen Eisverk\u00e4ufern vorbei.<\/p>\n<p>Auf dem Marktplatz ist tats\u00e4chlich Markt, und was f\u00fcr einer. Lange Reihen von gleichen St\u00e4nden unter Markisen ziehen sich den ganzen Platz entlang, bis zu dem hypermodernen <em>Forum<\/em>, einem Bau mit einer riesigen Glasfassade, in dem die Touristeninformation untergebracht ist. Hier gibt es einen Stadtplan und Informationen, die mir die Sprache verschlagen. Die Sehensw\u00fcrdigkeiten muss man auf dem Stadtplan mit der Lupe suchen. Es ist fast nur von Einkaufsm\u00f6glichkeiten die Rede. \u00c4hnlich bei der pers\u00f6nlichen Information: Burg und Kathedrale werden abgehakt, und dann folgt gleich das <em>Riverside<\/em>, ein Einkaufszentrum. Dann folgen weitere Einkaufsm\u00f6glichkeiten. Stadtf\u00fchrungen gebe es nicht. Ich verkneife mir die Bemerkung, dass auf der Homepage f\u00fcr heute eine F\u00fchrung angek\u00fcndigt ist.<\/p>\n<p>An der Seite des Marktplatzes eine gro\u00dfe Kirche. Es k\u00f6nnte die Kathedrale sein, ist aber nur eine Pfarrkirche. Die schiere Gr\u00f6\u00dfe zeugt vom einstigen Reichtum von Norwich. Die B\u00fcrger investierten in ihre B\u00fcrgerkirchen. Die Kathedrale lie\u00dfen sie abseits liegen.<\/p>\n<p>Als ich nach der Kathedrale frage, fragt die freundliche junge Frau auf dem Marktplatz zur\u00fcck: \u201eWelche?\u201c Es gibt zwei, eine katholische und eine anglikanische. Eher der Gewohnheit halber entscheide ich mich f\u00fcr die anglikanische.<\/p>\n<p>Die liegt ein ganzes St\u00fcck au\u00dferhalb, und das hat seinen Grund. Die Normannen errichteten sie dort, wo Norwich urspr\u00fcnglich lag, auf einem H\u00fcgel. Grundst\u00fccke wurden enteignet und H\u00e4user abgerissen, um Platz f\u00fcr die Kathedrale zu machen, und die Stadt zog um, dahin, wo sie jetzt ist und wo ich gerade her komme.<\/p>\n<p>Man betritt den Bering der Kathedrale durch einen gro\u00dfen Torbogen. Es ist wie eine Stadt in der Stadt. Der Bau, mit einem einzigen, gro\u00dfen, quadratischen Turm mit einer steilen Spitze, ist romanisch. Der Stein ist hell und wurde tats\u00e4chlich aus Caen hierhergebracht. Die Kathedrale beeindruckt schon durch ihre schieren Dimensionen, sowohl au\u00dfen als auch innen.<\/p>\n<p>Innen f\u00e4llt sofort das sch\u00f6ne, gotische Gew\u00f6lbe ins Auge, die <em>fan vaults<\/em>. Erst auf den zweiten Blick w\u00fcrdigt man die Pracht der Schlusssteine. Es sind nicht einfach willk\u00fcrlich gew\u00e4hlte Abbildungen, sondern erz\u00e4hlen die gesamte biblische Geschichte, von Osten nach Westen, mit 7 Jochen f\u00fcr das Alte und 7 Jochen f\u00fcr das Neue Testament. Allerdings sind die Schlusssteine so hoch, dass man sie nur schwer lesen kann. Das ist besser im Kreuzgang, wo die Story weitererz\u00e4hlt wird. Auch der ist ausgesprochen sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Im Mittelschiff steht ein merkw\u00fcrdiges Taufbecken herum, das nicht wie ein Taufbecken aussieht: ein runder, bauchiger Beh\u00e4lter mit glatter, rotbr\u00e4unlich schimmernder Oberfl\u00e4che, entweder aus Bronze oder aus Messing. Die un\u00fcbliche Form hat ihren Grund: Es handelt sich um ein Geschenk von <em>Caley\u0384s,<\/em> der in Norwich ans\u00e4ssigen, in ganz England bekannten Schokoladenfabrik. Tats\u00e4chlich wurde in diesem Kessel fr\u00fcher Schokolade anger\u00fchrt.<\/p>\n<p>Sch\u00f6n zu sehen ist auch das Chorgest\u00fchl, an das man ganz nah herangehen kann. An einer Miserikordie ist ein Junge mit entbl\u00f6\u00dftem Hosenboden abgebildet, dem eine Tracht Pr\u00fcgel verabreicht wird.<\/p>\n<p>Viele Skulpturen und Steinalt\u00e4re wurden in der Reformation entfernt, ebenso die <em>Lady Chapel<\/em> im Osten, die aber in der Viktorianischen Zeit wieder erg\u00e4nzt wurde. Ein mittelalterliches Altarbild \u00fcberlebte die Reformation, weil es, auf die Seite gedreht, als Tisch Verwendung fand. Es landete dann irgendwann unbemerkt in den Lagerr\u00e4umen der Kathedrale, wo sich jahrhundertelang niemand darum k\u00fcmmerte.<\/p>\n<p>Als ich die Kathedrale verlasse, f\u00e4llt mir ein Berg von Plastik- und Papiert\u00fcten vor einem der herrschaftlichen H\u00e4user des Domplatzes auf. Komisch, passt gar nicht zu der gepflegten Atmosph\u00e4re. Dann merke ich, dass inmitten all des M\u00fclls \u2013 oder primitiven Hausrats \u2013 eine Frau sitzt, eine Obdachlose. Immerhin scheint sie hier geduldet zu werden.<\/p>\n<p>Dann geht es zu einer Sehensw\u00fcrdigkeit mit dem merkw\u00fcrdigen Namen <em>Dragon\u2019s Hall<\/em>. Das sagt mir erst mal gar nichts. In Empfang genommen werde ich von einer sehr freundlichen jungen Frau, die mir r\u00e4t, bis zur F\u00fchrung zu warten und in der Zwischenzeit <em>St. Julian\u0384s<\/em> zu besichtigen, eine kleine Kirche ganz in der N\u00e4he. Das Patrozinium ist ungew\u00f6hnlich, und tats\u00e4chlich wei\u00df man gar nicht, um welchen Julian es sich handelt. Aber das ist hier egal, denn bei <em>St. Julian\u2019s<\/em> denkt in Colchester sowieso keiner an einen Heiligen, sondern an Lady Julian, eine Mystikerin, die in eine Zelle direkt neben der Kirche zur\u00fcckzogen lebte. Sie gilt als die Verfasserin des ersten von einer englischen Frau geschriebenen Buchs, <em>Revelations of Divine Love<\/em>. Es ist die sp\u00e4tere Verarbeitung von Offenbarungen, die sie 20 Jahre fr\u00fcher gehabt hatte, als sie glaubte, auf dem Sterbebett zu liegen. Schon damals hatte sie sie niedergeschrieben, die sp\u00e4tere Version ist die \u201e\u00fcberarbeitete\u201c Version, durch die aus den Notizen Literatur wurde. Lady Julian lebte in einer schwierigen Zeit, aber sie erhielt sich trotz vieler pers\u00f6nlicher Leiden und trotz der Pest, trotz des Hundertj\u00e4hrigen Kriegs, trotz des religi\u00f6sen Zwists ihrer Zeit ihre Zuversicht. Ihr Motto war <em>To be sorrowful yet always rejoicing<\/em>.<\/p>\n<p>Wenn man in die kleine Kapelle geht, die mit ihr in Verbindung gebracht wird, ist man allerdings entt\u00e4uscht. Hier gibt es eigentlich nichts zu sehen, und die Kapelle sieht auch ziemlich neu aus.<\/p>\n<p>Die Kirche ist \u00e4lter und ein richtiges Kleinod. Ihr Schmuckst\u00fcck ist ein Taufbecken mit Figuren aus dem Neuen Testament, in Paaren angebracht: Jakobus der \u00c4ltere und Jakobus der J\u00fcngere, Petrus und Paulus, Andreas und Johannes. Johannes taucht gleich dreimal auf: Apostel, T\u00e4ufer, Evangelist. Ob das historisch wirklich drei verschiedene Figuren waren, ist mir nicht klar.<\/p>\n<p>Die Kirche wurde zweimal zerst\u00f6rt, in gro\u00dfem zeitlichen Abstand: von den Wikingern und von den Deutschen. Im Krieg wurde sie sogar fast v\u00f6llig zerst\u00f6rt, bis auf die Nordseite, deren angels\u00e4chsische Fenster erhalten sind. Der runde Turm im Westen, der gar nicht wie ein Kirchturm aussieht, wurde nur bis zur halben H\u00f6he wiederaufgebaut.<\/p>\n<p>Der Altar \u00fcberlebte erstaunlicherweise das deutsche Bombardement. Auf dem Altartisch stehen Kerzen und davor ein Schild, das mahnt: <em>Please do not light the candles on the altar. <\/em><\/p>\n<p>Als ich wieder zur Dragon Hall komme, ist die freundliche junge Frau durch einen freundlichen jungen Mann ersetzt worden, der sich detailliert nach mir erkundigt und zu allem eine witzige Bemerkung parat hat. Er lacht auch \u00fcber meine Beobachtungen zu den modernen Tendenzen in der Aussprache des Englischen.<\/p>\n<p>Jetzt kommt ein dritter freundlicher Mann und macht die F\u00fchrung, ganz f\u00fcr mich allein. Er f\u00fchrt mich zuerst hinter das Haus, an den Fluss, den kleinen, aber f\u00fcr die Geschichte von Norwich wichtigen Wensum. Der Wensum m\u00fcndet in den Yare, der in Yarmouth in die Nordsee m\u00fcndet. Damit war er die Grundlage f\u00fcr die Handelsstadt Norwich und seinen Reichtum.<\/p>\n<p>Gerade durch den Vorrang des Tuchhandels war der Absturz in der Industriellen Revolution, die Norwich verschlief, besonders dramatisch. Es blieb dann noch eine Zeitlang die Schuhindustrie \u2013 vor allem Schuhe f\u00fcr Frauen und Kinder aus Norwich waren begehrt &#8211; bis auch die verschwand, und es blieben vier Brauereien, von denen jetzt auch nur noch eine \u00fcbriggeblieben ist.<\/p>\n<p>Ausgehend vom Thema Bier wird aus der F\u00fchrung dann ein lebhaftes Gespr\u00e4ch \u00fcber Gott und die Welt zwischen uns beiden.<\/p>\n<p>Dann gehen wir auf die <em>Dragon Hall<\/em> zu, errichtet von dem Kaufmann Robert Toppes, ein sp\u00e4tmittelalterliches Lagerhaus, gleich am Fluss. Die Ware konnte gleich vom Schiff aus verladen werden. Toppes handelte mit Wolle, Tuch, Holz, Gew\u00fcrzen, Keramik, allem, was Geld einbrachte, und all das wurde hier gelagert und den Kunden pr\u00e4sentiert. Das passierte in der gro\u00dfen Halle im Obergescho\u00df, der eigentlichen <em>Dragon Hall<\/em>, benannt nach einem Emblem, das sich an dessen Stirnwand befand. Statt <em>Lagerhaus<\/em> k\u00f6nnte sollte man vielleicht eher <em>Warenhaus<\/em> oder <em>Kaufhaus<\/em> sagen.<\/p>\n<p>Toppes war nicht nur reich und erfolgreich, sondern auch eine wichtige Figur in der Stadt. Er war lange Stadtratsmitglied und viermal B\u00fcrgermeister. Er war Vertreter der Kaufmannselite und lie\u00df <em>Dragon Hall<\/em> nicht nur als Handelsplatz, sondern auch als Repr\u00e4sentationsbau herrichten.<\/p>\n<p>Dass das Haus, ein langgestrecktes, \u00e4u\u00dferst sch\u00f6nes Fachwerkhaus, erhalten blieb, gleicht einem Wunder. Das Geb\u00e4ude entkam nach dem Krieg nur durch eine B\u00fcrgerinitiative dem Abriss und wurde in der Vergangenheit immer wieder aus- und umgebaut, und, der Not gehorchend, in viele kleine Einheiten aufgeteilt, weil dringend Wohnraum notwendig war, als die Bev\u00f6lkerungszahlen immer weiter stiegen. Das Zentrum des Handels von Norwich hatte sich inzwischen nach oben, die <em>King Street<\/em> hinauf, verschoben. Im Untergeschoss kann man noch gut die Dreiteilung erkennen, wo ein Metzger, ein Priester und ein Braumeister wohnten: <em>Butcher, Bible, Beer<\/em>. Ich bekomme noch alle m\u00f6glichen Erkl\u00e4rungen \u00fcber die Bauweise und die Eingriffe und die Restaurierung, aber die Details verfl\u00fcchtigen sich bald. Aber die F\u00fchrung hat einen wunderbaren Einblick in die Logik dieses Baus gegeben, vor dem ich sonst etwas ratlos gestanden h\u00e4tte. Der Abschied ist von meinem F\u00fchrer f\u00e4llt geradezu herzlich aus.<\/p>\n<p>Zwischen verschiedenen Besichtigungen lande ich gleich zweimal bei <em>Coleman\u0384s<\/em>, dem repr\u00e4sentativen Laden der ber\u00fchmten Senffabrik, ganz im Zentrum, in einer Einkaufspassage, gelegen. Es gibt allerlei Geschenkpackungen, alle in dem charakteristischen Gelb und den charakteristischen Zinndosen. Viele enthalten keinen \u201erichtigen\u201c Senf, sondern Senfpulver. Das muss man dann zu Hause vermutlich erst weiter verarbeiten.<\/p>\n<p><em>Coleman\u0384s<\/em> war f\u00fcr seine Arbeiterf\u00fcrsorge bekannt. Es gab H\u00e4user f\u00fcr Rentner und f\u00fcr Waisen und Unterst\u00fctzung f\u00fcr Arbeitslose, die nach Kanada oder Australien auswandern wollten.<\/p>\n<p>Die Fabrik geht zur\u00fcck auf den Kauf einer Windm\u00fchle durch Jeremiah Coleman in Norwich im Jahre 1804. Dann kam eine Wasserm\u00fchle dazu. Die Bauern der Umgebung wurden in die Produktion einbezogen: Sie bauten den Senf an, ernteten und trockneten ihn und verkauften ihn dann im <em>Manor House<\/em> an die Familie. Die Samen mussten dann zermalmt und zersto\u00dfen werden. Dann wurde gesiebt, um die Schale abzusondern. Feines Pulver wurde f\u00fcr Senf verwandt, aus dem Rest wurde \u00d6l gemacht.<\/p>\n<p>Richtig bekannt wurde <em>Coleman\u0384s<\/em> sp\u00e4testens durch eine Werbekampagne, deren Slogans von Dorothy Sayers geschrieben wurden.<\/p>\n<p>Zu einem nationalen Ereignis wurde eine Werbekampage, bei der auf den Londoner Bussen ein enigmatischer Ausspruch erschien, den keiner verstand: \u201eHas father joined the mustard club?\u201c Das sprach die \u00f6ffentliche Phantasie an. Es gab Hunderte von Bewerbungen f\u00fcr die Aufnahme in den <em>Mustard Club<\/em>, aber den gab es gar nicht! Sp\u00e4ter wurde er dann wirklich gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Den ganzen Tag komme ich immer wieder von einem Stadtviertel zum anderen und muss dabei ordentliche Strecken zur\u00fccklegen. Richtung Kathedrale geht es ganz zum Schluss erst wieder, um das sch\u00f6ne, alte Viertel um die Kathedrale zu sehen. Das unregelm\u00e4\u00dfige Kopfsteinpflaster macht mir zu schaffen.<\/p>\n<p>Wieder im Zentrum angelangt, zum x-ten Mal heute, f\u00e4llt mir die <em>Guildhall<\/em> auf, das Rathaus, aus Flintstein gebaut. Davon war auch vorher in der <em>Dragon Hall<\/em> die Rede. Der dunkle Flintstein wird mit dem helleren Ashlar Stone, \u201aWerkstein\u2018, einem maschinell gefertigten Kunststein, kombiniert, und das gibt der Fassade ein gemustertes Aussehen. Das Geb\u00e4ude fungierte in seiner Geschichte als Gericht, Gef\u00e4ngnis, Kapelle, Stadtregierung, Finanzbeh\u00f6rde, Lagerraum f\u00fcr \u00f6ffentliche Dokumente und Ordensinsignien und st\u00e4dtische Geldreserven. Damals gab es noch welche.<\/p>\n<p>Vor der R\u00fcckfahrt komme ich in der N\u00e4he des Bahnhofs auf die <em>Koblenz Avenue<\/em>, eine Ringstra\u00dfe ohne jeden Charakter, die typische Stra\u00dfe, die man f\u00fcr seine \u00a0Partnerstadt \u201e\u00fcbrig\u201c hat. Es ist gar nicht so einfach, auf der vielbefahrenen Stra\u00dfe ein Stra\u00dfenschild zu photographieren.<\/p>\n<p>Bei den Z\u00fcgen gibt es eine mir bisher unbekannte Regelung: <em>Doors close 30 seconds before departure to promote punctuality<\/em>. Wie das genau umgesetzt wird, wei\u00df ich nicht. Aber heute gibt es keine Probleme. Alle sind rechtzeitig im Zug, und ich genie\u00dfe eine britische Besonderheit und setze mich in den <em>Quiet Coach<\/em>.<\/p>\n<p>Am Abend h\u00f6re ich im Fernsehen, wie ein Sprecher wiederholt ein zus\u00e4tzliches \/r\/ in <em>drawing<\/em> einf\u00fcgt. Das war mir schon gestern in einer anderen Sendung aufgefallen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">11. April (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Der erste Eindruck von Cambridge, wenn man sich der Stadt von Bahnhof n\u00e4hert, ist, dass es eine ganz normale Stadt ist.\u00a0 Meine Erinnerung hatte Cambridge sich auf das <em>King\u2019s Colleges<\/em> und die Punts auf dem <em>Cam<\/em> reduziert.<\/p>\n<p>Wieder ist es, w\u00f6rtlich gesprochen, meilenweit bis ins Zentrum. Erst kommt ein normales Wohnviertel, dann wird es, auf der langgezogenen Stra\u00dfe, die ins Zentrum f\u00fchrt, bald \u201eakademisch\u201c: exotische L\u00e4den, internationale K\u00fcche, alternative Organisationen, ein Fahrradladen, ein Gitarrenladen, bemalte Mauern und W\u00e4nde.<\/p>\n<p>Ich frage eine entgegenkommende Frau, ob dies der Weg ins Zentrum sei. Sie sagt \u201eYes\u201c und geht weiter. Das muss eine Ausl\u00e4nderin sein, denke ich mir. Das ist im Englischen keine kommunikativ akzeptable Antwort. Danach stellt sich auch noch heraus, dass es nicht stimmt. Es ist nicht der Weg ins Zentrum. Dann frage ich einen Bauarbeiter am Wegesrand. Der zeigt mir den richtigen Weg.<\/p>\n<p>Auch im Zentrum verliere ich mich zuerst in Seitenstra\u00dfen mit gro\u00dfen M\u00fclltonnen und Hinterh\u00f6fen. Dann gelange ich aber auf die <em>King\u0384s Parade<\/em>, der zentralen Achse durch die Innenstadt, mit dem imposanten <em>King\u0384s College<\/em> an einer Seite und einer ganzen Heerschar franz\u00f6sischer Schulkinder, die auf der niedrigen Mauer vor dem College wie auf einer H\u00fchnerleiter sitzen und Sandwiches essen.<\/p>\n<p>Ich beginne mit der <em>Round Church<\/em>, einer der Geburtskirche in Jerusalem nachempfundenen Kirche aus der Normannenzeit, einer der \u00e4ltesten Kirchen von Cambridge, allerdings mit vielen viktorianischen Ver\u00e4nderungen im Innern. Dennoch ist die Kirche, schon wegen ihren ungew\u00f6hnlichen Form und des homogenen \u00c4u\u00dferen, sehenswert.<\/p>\n<p>Es geht an <em>John\u2019s College<\/em> vorbei zum <em>Trinity College<\/em>, dem College mit dem gr\u00f6\u00dften Innenhof aller Colleges, bekannt f\u00fcr den j\u00e4hrlichen Wettlauf, wie er aus <em>Chariots of Fire<\/em> bekannt ist. Das College ist eine Vereinigung mehrerer \u00e4lterer Colleges und geht auf Henry VIII zur\u00fcck, dessen Statue \u00fcber dem imposanten Eingangsportal thront. Er h\u00e4lt in einer Hand einen Apfel und in der anderen ein Stuhlbein. Urspr\u00fcnglich war es ein Zepter, aber das wurde von den Studenten immer wieder durch ein Stuhlbein ersetzt. Schlie\u00dflich gab man nach und lie\u00df es dabei. Hier, am <em>Trinity College<\/em>, studierte Byron, von dem erz\u00e4hlt wird, er habe einen B\u00e4ren als Haustier gehalten, da das Halten von Hunden und Katzen verboten war.<\/p>\n<p>Cambridge hat 31 Colleges, mit insgesamt 18.000 Studenten. Nur 18.000, muss man sagen, nur wenig mehr als Trier. Alle Colleges sind unabh\u00e4ngig, und man bewirbt sich bei einem College, nicht bei der Universit\u00e4t. Ausgew\u00e4hlt wird aufgrund der Schulnoten, vor allem aber aufgrund des Bewerbungsgespr\u00e4chs. Man sucht vor allem Pers\u00f6nlichkeiten, keine Streber.<\/p>\n<p>Man besucht Vorlesungen, die \u00fcber die einzelnen Colleges hinaus angeboten werden, hat aber jede Woche ein Einzelgespr\u00e4ch mit seinem eigenen Tutor an seinem College. Das ist der Kern der Ausbildung und erkl\u00e4rt, mehr als alles andere, die Qualit\u00e4t der Lehre. Das Trimester dauert gerade mal acht Wochen, d.h. man hat nur 24 Wochen pro Jahr Unterricht.<\/p>\n<p>Eine Verbindung zur Universit\u00e4t hat auch <em>The Eagle<\/em>, das \u00e4lteste Pub von Cambridge, etwas versteckt hinter einem Durchgang in einer kleineren Stra\u00dfen gelegen, gegen\u00fcber <em>St. Benet\u0384s<\/em>, der \u00e4ltesten Pfarrkirche von Cambridge. Hier, im <em>Eagle<\/em>, feierten Crick und Watson ihre Entdeckung der DNA. Das war schon 1957. Heute kennt jedes Schulkind den Begriff, aber es dauerte Jahrzehnte, bis er allgemein bekannt wurde.<\/p>\n<p><em>The Eagle<\/em> war urspr\u00fcnglich eine Postkutschenstation. Man konnte hier absteigen und sogar ein Bad nehmen. Ein kleines Fenster im Obergeschoss steht auf. Es steht immer auf, zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter. Das geht zur\u00fcck auf ein Feuer, bei dem hier mehrere Kinder umkamen. Danach wurde dekretiert, dass ein Fenster immer aufzustehen habe, damit im Zweifelsfalls die Seelen das Haus verlassen k\u00f6nnten. Es wird berichtet, dass der Wirt in einem harten Winter k\u00fcrzlich beschloss, das Fenster zu schlie\u00dfen und dass tats\u00e4chlich in der folgenden Nacht ein Feuer ausbrach.<\/p>\n<p>Im 2. Weltkrieg waren hier amerikanische Soldaten stationiert. Sie hinterlie\u00dfen \u201eRauchzeichen\u201c an der Decke, alle m\u00f6glichen, mit Zigarettenrauch produzierte Initialen, Embleme und Skizzen.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he ist das <em>Cavendish Laboratory<\/em>, Ort vieler wissenschaftlicher Gro\u00dftaten. Unter anderem gelang es hier Rutherford, das Atom zu spalten. Cavendish stammte aus den Midlands und ist mit <em>Chatsworth Hall<\/em> verbunden. Ihm gelang es, die Zusammensetzung von Wasser zu bestimmen und zu berechnen, wie viel die Erde wiegt.<\/p>\n<p>Dem <em>Cavendish Laboratory<\/em> gegen\u00fcber liegt die R\u00fcckseite des <em>Corpus Christi College<\/em>. Dessen Mauer ist aus Backsteinmaterial. Das sieht ganz anders aus als die Fassade des <em>Cavendish Laboratory<\/em>. Das t\u00e4uscht allerdings. Sie sieht nur anders aus, ist aber ebenfalls aus Backsteinen, aber mit einer Zementschicht \u00fcberzogen und mit Fugenlinien, was sie aussehen l\u00e4sst, als wenn sie aus Naturstein w\u00e4re. Eine L\u00f6sung angesichts des fehlenden Steins in der Gegend. Die Fenster des Corpus Christi College sind sehr niedrig, niedriger als sie eigentlich sein d\u00fcrften. Das liegt an dem gewachsenen Stra\u00dfenniveau. Cambridge liegt, wie andere alte St\u00e4dte, auf historischem Bauschutt. Auch <em>St. Benet<\/em> und die <em>Round Church<\/em> liegen, wie man deutlich sehen kann, unter dem Stra\u00dfenniveau.<\/p>\n<p>\u00dcber dem Eingang zu einem naturwissenschaftlichen Museum sieht man das Wappen der Universit\u00e4t Cambridge, mit einem geschlossenen Buch in der Mitte statt, wie in Oxford, einem offenen Buch.<\/p>\n<p>Auch hier in Cambridge begegne ich wieder dem Patrozinium <em>St. Botolph\u0384s<\/em>, wie in Colchester. Hier ist es der Name einer Pfarrkirche. Die befindet sich ebenfalls au\u00dferhalb der Innenstadt. Genauer gesagt, war sie urspr\u00fcnglich Teil der Stadtmauern. Auch hier konnten also Reisende, Pilger aufgenommen werden, was wiederum das Patrozinium erkl\u00e4rt. Der Name hat aber, wie ich jetzt erfahre, noch eine weitere Bedeutung: N\u00f6rdlich von Cambridge gibt es eine Stadt, deren Namen sich, wie man glaubt, auf <em>Botolph<\/em> bezieht: <em>Boston<\/em>. Und die ist wiederum die Namensgeberin des amerikanischen <em>Boston<\/em>!<\/p>\n<p>Kurz dahinter liegt das <em>Queens\u0384 College<\/em>. Der Pfarrer von <em>St. Botolph\u0384s<\/em> war auch Abt des Klosters. Er wollte aus seinem Kloster eine Universit\u00e4t machen, und fragte um Unterst\u00fctzung bei der K\u00f6nigin, Margaret von Anjou, nach. Sie sagte zu, \u201eto enhance the honour of the feminine sex\u201c. Damit war allerdings nur die G\u00f6nnerin gemeint sein, Studentinnen oder gar Professorinnen gab es nat\u00fcrlich nicht. Als Margaret starb, f\u00f6rderte auch ihre Nachfolgerin, Elizabeth Woodville, das Projekt, und das erkl\u00e4rt den Plural in <em>Queens\u2018 College<\/em> im Gegensatz zum <em>King\u2019s College<\/em>.\u00a0 Das sieht man am Ende der Stra\u00dfe. Die Fassade des <em>Queens\u0384 College<\/em>, die den gro\u00dfen Teil der einen Stra\u00dfenseite einnimmt, ist v\u00f6llig in ihrem Originalzustand erhalten.<\/p>\n<p>Im Innenhof kann man sch\u00f6n die typische Anlage der Colleges sehen, mit Kapelle, Speisesaal, Schlafsaal, Vorlesungss\u00e4len, immer in der gleichen Anordnung. Die Innenh\u00f6fe hei\u00dfen in Cambridge <em>Court<\/em>, in Oxford <em>Squad<\/em>. Das gesamte College-Areal ist ein Ensemble verschiedener Innenh\u00f6fe, auch hier, wo eine geschwungene Holzbr\u00fccke, die <em>Mathematical Bridge<\/em>, zu den neueren Innenh\u00f6fen f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Dann geht es auf die <em>King\u0384s Parade<\/em>, die Hauptstra\u00dfe von Cambridge. An einer Ecke befindet sich in einem Schaufenster die neueste, immer von einem Pulk Menschen umstandene Attraktion von Cambridge, eine Uhr in Form einer goldene Scheibe mit Pendel. Das Pendel bleibt ab und zu stehen und setzt sich dann wieder in Bewegung, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer. Oben auf der Scheibe sitzt eine Heuschrecke.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he die Universit\u00e4tskirche. Sie hat den Glockenschlag von <em>Big Ben<\/em>, oder eher umgekehrt, <em>Big<\/em> <em>Ben<\/em> hat ihren Glockenschlag.<\/p>\n<p>Ziemlich genau gegen\u00fcber zwei Geb\u00e4uden, die die einzigen eigentlichen Universit\u00e4tsgeb\u00e4ude sind und zu keinem der Colleges geh\u00f6ren. Eins der beiden ist der Senat. Hier werden die Ergebnisse der Abschlusspr\u00fcfungen durch Anschlag bekanntgegeben. Die Universit\u00e4t verleiht das Abschlusszeugnis, nicht das einzelne College. Es wird erz\u00e4hlt, dass Prinz Edward an dem Tag, an dem die Ergebnisse ver\u00f6ffentlicht wurden, feststellen musste, das seine beiden Leibw\u00e4chter, die mehr aus Langeweile ebenfalls ein Studium aufgenommen hatten, wo sie schon drei Jahre zum Schutz des Prinzen in Cambridge sein w\u00fcrden, ein besseres Examen abgelegt hatten als er.<\/p>\n<p>Dann geht es in zum <em>King\u0384s College<\/em> selbst und in seine ber\u00fchmte Kapelle. Das <em>King\u0384s College<\/em> wurde von Heinrich VI. gegr\u00fcndet. Er lie\u00df daf\u00fcr einen ganzen Stra\u00dfenzug einschlie\u00dflich einer Kirche abbrechen. Der Bau zog sich \u00fcber mehrere Generationen hin und wurde erst unter Heinrich VIII. abgeschlossen, von sp\u00e4teren Umbauten ganz abgesehen. Heinrich VI. hatte auch seine eigene Schule, n\u00e4mlich Eton, und lange Zeit war das Studium am <em>King\u0384s College<\/em> nur den Absolventen von Eton erlaubt.<\/p>\n<p>Besichtigen kann man nur die Kapelle. Das Wort <em>Kapelle<\/em> scheint hier eher unpassend. Sie hat die Ausma\u00dfe einer Kirche, vor allem in der L\u00e4nge. Dabei wirkt sie k\u00fcrzer als sie tats\u00e4chlich ist, da der Blick nach Osten durch eine Chorschranke mit einer gro\u00dfen Orgel versperrt ist.<\/p>\n<p>Die Kapelle ist ein Prachtbau, und der Eindruck ist vom ersten Augenblick an \u00fcberw\u00e4ltigend. Das hat vor allem zwei Gr\u00fcnde: die Fenster und das Gew\u00f6lbe. Die hohen Fenster sollen das gr\u00f6\u00dfte erhaltene mittelalterliche Fensterensemble sein, wobei mittelalterlich nur <em>cum grano salis<\/em> gilt. Das Gew\u00f6lbe ist nach der Art des typisch englischen und exklusiv englischen <em>fan-vaulting<\/em>, und das ist in der Tat sowohl sch\u00f6n als auch beeindruckend.<\/p>\n<p>Die Fenster, ebenso wie die Steinmetzarbeiten, kann man \u201elesen\u201c \u2013 wenn man es kann, und zwar nicht nur hinsichtlich der Heilsgeschichte, sondern auch hinsichtlich der Herrschergeschichte. Es erscheinen alle m\u00f6glichen Herrschersymbole wie die franz\u00f6sische Lilie, die Rosen von Lancaster und York und die Initialen von Heinrich VIII und einer seiner Frauen, als Nachweis \u00fcber die T\u00e4tigkeit der verschiedenen Herrscher beim Bau der Kapelle.<\/p>\n<p>Zum Abschluss gehe ich noch in den Buchladen der ber\u00fchmten <em>Cambridge University Press<\/em>, dem angeblich \u00e4ltesten Buchgesch\u00e4ft der Welt. Die Cambridge University Press selbst ist l\u00e4ngst nicht mehr hier, im Stadtzentrum, untergebracht, und auch das Geb\u00e4ude ist neueren Datums. Hier gibt es nur B\u00fccher von <em>Cambridge University Press<\/em> zu kaufen. Ich erwische eins von Kate Burrigde, die so sch\u00f6n lebendig und h\u00f6chst subjektiv \u00fcber gegenw\u00e4rtige und vergangene Entwicklungen in der Sprache schreibt.<\/p>\n<p>Vor dem R\u00fcckweg nach Colchester lege ich noch einen Halt im <em>Eagle<\/em> ein, um die \u201eRauchzeichen\u201c der amerikanischen Soldaten zu sehen. Ich bin zu ersch\u00f6pft f\u00fcr ein Bier, aber hier gibt es auch Kuchen, und zwar exzellenten, und den lasse ich mir nicht entgehen.<\/p>\n<p>Am Abend h\u00f6re ich im Radio, wie drei verschiedene Sprecher, der Interviewer und die Interviewten,\u00a0 hintereinander in drei \u00c4u\u00dferungen <em>literally<\/em> sagen, ohne wirklich <em>literally<\/em> zu meinen. Es verliert mehr und mehr an Bedeutung und wird zu einem reinen Diskursmarker.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">12. April (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck gehe ich einmal in umgekehrter Richtung, stadtausw\u00e4rts, den langen H\u00fcgel hinunter. Auch hier, im Osten, kommt man, wie im Norden, \u00fcber den Colne, der Colchester, das wie ein flaches Rechteck aussieht, an zwei Seiten umflie\u00dft. Den ganzen Weg entlang gibt es alte H\u00e4user mit niedrigen Stockwerken und Eingangst\u00fcren mit T\u00fcrklopfern.<\/p>\n<p>Kurz hinter dem Fluss steht links das pr\u00e4chtige <em>Old Siege House<\/em>, ein altes Fachwerkhaus, an dessen Fassade noch Einschussl\u00f6cher aus der Belagerung im B\u00fcrgerkrieg zu sehen sind. Man hat sie mit roten Kreisen markiert.<\/p>\n<p>Noch etwas weiter stadtausw\u00e4rts liegt ein weiteres, langgestrecktes Fachwerkhaus aus der gleichen Bauzeit (XV), heute ein Pub mit Hotel mit dem Namen <em>Rose and Crown.<\/em> Es ist ganz in Schwarz und Wei\u00df, w\u00e4hrend das <em>Old Siege House<\/em> auch Fl\u00e4chen mit Ziegelsteinen hat.<\/p>\n<p>Dann geht es wieder in die Innenstadt und in das kleine Naturwissenschaftliche Museum, auch in einer ehemaligen Kirche untergebracht, gleich gegen\u00fcber der Touristeninformation. Es ist klein und bescheiden und etwas altmodisch und pr\u00e4sentiert vern\u00fcnftigerweise meist Dinge mit Bezug zur Region.<\/p>\n<p>Es gibt eine Ecke mit ausgestopften Insekten. Besonders h\u00e4ufig ist der Hirschk\u00e4fer vertreten, der <em>stag beetle<\/em>, dem ein Lehrer aus Colchester kleinere Forschungsarbeiten gewidmet hat. Im Mittelalter wurde er \u2013 der K\u00e4fer, nicht der Lehrer &#8211; verd\u00e4chtigt, Kohlenst\u00fccke zwischen den F\u00fchlern zu transportieren und Feuer zu legen. Aus den K\u00e4fern wurden andererseits aber auch Amulette gemacht, die vor allem gegen Kr\u00e4mpfe sch\u00fctzen sollten. In der Viktorianischen Zeit wurde der Verzehr des Hirschk\u00e4fers\u00a0 propagiert. Das sollte Versorgungsengp\u00e4sse entsch\u00e4rfen und f\u00fcr eine proteinreiche Ern\u00e4hrung sorgen. In Japan sind Insekten wie der Hirschk\u00e4fer Haustiere. Und werden zu Schmuck verarbeitet. Man sieht die Nachbildung eines Armbands, f\u00fcr das 70.000 \u00a3 bezahlt wurde.<\/p>\n<p>Man kann an einem Baumstamm mit L\u00f6chern riechen, so wie der Hirschk\u00e4fer, der, so wird vermutet, zu bestimmten Baumst\u00e4mmen durch den Geruch von Pilzen hingezogen wird.<\/p>\n<p>Weibchen, erf\u00e4hrt man, werden zweimal so h\u00e4ufig wie M\u00e4nnchen \u00fcberfahren. Erstens ziehen sie es vor, zu gehen statt zu fliegen, zweitens m\u00f6gen sie den warmen Stra\u00dfenasphalt.<\/p>\n<p>Gefressen wird der Hirschk\u00e4fer vor allem von Elstern. Er ist deren Lieblingsspeise. Sie fressen aber nur das weiche Hinterteil und werfen die knackigen F\u00fc\u00dfe und K\u00f6pfe weg.<\/p>\n<p>Hauskatzen spielen mit dem Hirschk\u00e4fer und hinterlassen unger\u00fchrt Einstiche auf deren K\u00f6rper.<\/p>\n<p>Ganz in der N\u00e4he der Insekten, aber ohne Bezug zu ihnen, gibt es ein altes interaktives Schaubild, mit dem die Temperaturen in englischen H\u00e4usern thematisiert werden. Die Durchschnittstemperatur ist von sagenhaften 13\u00b0 in den Siebzigerjahren auf heute 20\u00b0 gestiegen.<\/p>\n<p>In Diaramen sind Tiere der Gegend, vor allem aus dem M\u00fcndungsdelta des Colne zu sehen, darunter <em>brent<\/em> <em>geese<\/em>, Ringelg\u00e4nse. Sie sehen wie gro\u00dfe Enten aus. Sie kommen aus Russland und \u00fcberwintern in England. Ihre Zahl fluktuiert ziemlich stark. Das wiederum h\u00e4ngt mit der Zahl der Lemminge zusammen. Die sind die Leibspeise des Polarfuchses. Wenn es viele Lemminge gibt, gibt es auch viele Ringelg\u00e4nse. Wenn es weniger Lemminge gibt, begn\u00fcgen sich die Polarf\u00fcchse mit den Ringelg\u00e4nsen.<\/p>\n<p>Auch sprachlich gibt es hier eine Falle: Wer (oder was) entscheidet, ob ein Tier als Ente oder Gans gilt? Aussehen? Verbreitungsgebiet? Paarungsverhalten? Gene?<\/p>\n<p>In ganz Essex ist die Kreide vertreten, allerdings meistens unterirdisch. Nur im Norden und im S\u00fcden der Grafschaft tritt sie an die Oberfl\u00e4che. Es handelt sich um einen weichen Kalkstein. Was man daraus machen kann, ist durch Exponate belegt: Tafelkreide, Zahnpasta, Zement!<\/p>\n<p>An einigen Stellen durchziehen Schichten aus Feuerstein die Kreide. Was heute Feuerstein ist, waren fr\u00fcher Schw\u00e4mme, was heute Kreide ist, waren fr\u00fcher Algen. Auch hier kann man sehen, wozu man das Material verwendet: Faustkeil, Amulett, Hausbau, Pistole! Bei der wird der Feuerstein gegen ein Eisen geschossen und damit ein Funke ausgel\u00f6st. Als Stein f\u00fcr den Hausbau wird der Feuerstein an einer Seite ganz glatt und blank gerieben. So k\u00f6nnen sehr regelm\u00e4\u00dfige, sch\u00f6ne Mauern entstehen.<\/p>\n<p>Es gibt noch Informationen \u00fcber Naturkatastrophen in Colchester, einem Erdbeben (1884), einer \u00dcberschwemmung (1953) und einem Hurrikan (1987). Es gibt Augenzeugenberichte, die erkennen lassen, dass es durchaus keine Spa\u00dfveranstaltungen waren, wenn auch die Verw\u00fcstungen sich in Grenzen hielten.<\/p>\n<p>Um die Mittagszeit breche ich auf und setze mich in einen Bus nach Coggeshall, dem, wie es hei\u00dft, sch\u00f6nsten Ort in der unmittelbaren N\u00e4he von Colchester. Bekannter sind Milford und Lavenham, aber die liegen in Suffolk und sind mit \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln schwer zu erreichen. Die Wahl von Colchester als Standort war vielleicht keine gute Idee.<\/p>\n<p>Die Fahrt dauert immerhin eine dreiviertel Stunde, obwohl es gerade einmal neun Meilen sind. Coggeshall hat au\u00dfer einer Stra\u00dfenkreuzung kein richtiges Zentrum und h\u00e4lt nicht ganz, was es verspricht. Es gibt aber zwei Dinge zu sehen, Grange Farm und Paycock House. Au\u00dferdem kann ich meine Sammlung kurioser Shop Names erweitern: <em>Fork \u2018Andles<\/em>, ein Haushaltswarengesch\u00e4ft, und <em>Do Dah\u2019s<\/em>, ein Gesch\u00e4ft mit Nichtigkeiten.<\/p>\n<p>Auch die Liste der W\u00f6rter f\u00fcr Stra\u00dfen wird immer l\u00e4nger: <em>street, road, avenue, drive, lane<\/em>, <em>way<\/em>, <em>walk<\/em>, <em>close<\/em>, <em>crescent<\/em>, <em>hill<\/em>, <em>gate<\/em>, <em>grove<\/em>, <em>drive<\/em>, <em>mews<\/em>, <em>cury<\/em>.<\/p>\n<p><em>Grange Farm<\/em> liegt etwas au\u00dferhalb des Zentrums an einem Waldrand. Als ich mich f\u00fcr einen Moment suchend umsehe, sprechen mich sofort zwei Wanderer an, ziehen ihre Karte hervor und weisen mir den Weg. Wunderbar!<\/p>\n<p>Am Eingang zu dem Gel\u00e4nde sehe ich ein Schild mit dem zweideutigen Hinweis: slow walkers on track.<\/p>\n<p><em>Grange Farm<\/em> ist eine Scheune aus dem Hochmittelalter, die wundersamerweise \u00fcberlebt hat. Sie geh\u00f6rte zu einem Zisterzienserkloster, das einen gro\u00dfen Teil des Ortes aufgekauft hatte und nun Platz f\u00fcr sein Getreide brauchte. Neben der Scheune bauten die Zisterzienser eine Kapelle am Fluss und leiteten den Fluss um. Neben der praktischen Funktion hatte die Scheune, die auf dem H\u00fcgel liegend auch aus der Distanz gut sichtbar war, auch eine repr\u00e4sentative Funktion.<\/p>\n<p>Nach der Aufl\u00f6sung der Kl\u00f6ster gingen dessen Besitzt\u00fcmer und damit auch die Scheune an Thomas Seymour, den Bruder der dritten Frau von Heinrich VIII. So sorgte man damals f\u00fcr die Familie.<\/p>\n<p>Bevor die Scheune zum Museum wurde, war sie so verfallen, dass Passolini sie f\u00fcr seine Verfilmung von <em>The Canterbury Tales <\/em>benutzte. Viele Bewohner des Ortes kamen in kleinen Rollen und als Statisten zum Einsatz und k\u00f6nnen noch heute davon berichten.<\/p>\n<p>Die Scheune ist aus Eichenholzst\u00e4mmen, die das Fachwerk bilden, und roten Ziegelsteinen. Die sind das Resultat eines Umbaus aus der Zeit um 1381. Da wurde auch das Strohdach durch Dachziegel ersetzt. Die Scheune besteht aus einem einzigen, langgezogenen Raum mit zwei gr\u00f6\u00dferen Toren im S\u00fcden und zwei kleineren im Norden. Durch die gro\u00dfen fuhren die voll beladenen Wagen hinein, durch die kleinen die leeren hinaus.<\/p>\n<p>Das Getreide, Weizen und Gerste, wurde hier nicht nur gelagert, sondern auch behandelt. Auch daf\u00fcr wurden die Tore eingesetzt. Sie wurden zu beiden Seiten ge\u00f6ffnet. Der Durchzug sorgte daf\u00fcr, dass das Getreide trocknete. Davor wurde das Getreide mit Dreschflegeln vom Stroh getrennt und dann durch Hochwerfen in gro\u00dfen, flachen Siebk\u00e4sten von der Streu getrennt, die leichter war und hinausflog.<\/p>\n<p>Die zweite Sehensw\u00fcrdigkeit des Ortes, <em>Paycock House<\/em>, liegt am anderen Ende des Ortes, und f\u00fcr einen Moment \u00fcberlege ich, ob ich mir das noch antun soll. Die vielen Fu\u00dfwege der letzten Tage fordern ihren Tribut. Aber wenn ich schon einmal da bin. Der wieder sehr freundliche Empfang entsch\u00e4digt schon fast f\u00fcr den Weg. <em>Paycock House<\/em> ist das Haus eines reichen Tuchh\u00e4ndlers aus der Tudor-Zeit, Thomas Paycock. Dessen erste Frau war kinderlos gestorben. Dann hatte er wieder geheiratet. Seine Frau war schwanger, und er hoffte auf einen m\u00e4nnlichen Nachkommen. Er erlebte aber die Geburt nicht mehr. Er starb selbst kurz davor. Seine Frau bekam dann ein M\u00e4dchen. Das M\u00e4dchen erbte 500 Mark, ein Verm\u00f6gen zu der Zeit. Sie konnte aber nicht den Besitz erben. Das konnten nur m\u00e4nnliche Nachkommen. So gingen das Haus und der Handel in andere H\u00e4nde \u00fcber.<\/p>\n<p>Man hat das Haus unter gro\u00dfem Aufwand wiederhergestellt, nachdem es zwischendurch in drei getrennte H\u00e4user aufgeteilt war, ganz wie <em>Dragon Hall<\/em> in Norwich. Es gibt bleiverglaste Fenster, Holzpaneele, gedrechselte St\u00fchle, Holzbalkendecken, Truhen. Au\u00dfen ist das Haus, einschlie\u00dflich der Schnitzereien, wei\u00dflich \u00fcbert\u00fcncht, dazwischen die rotbraunen Streifen der Ziegelsteine.<\/p>\n<p>Dann geht es zur\u00fcck nach Colchester und zum Kofferpacken. Ab morgen soll das Wetter wieder besser werden. <em>Just my luck!<\/em> Allerdings habe ich noch Gl\u00fcck gehabt. In einer Woche mit schlechtem Wetter habe ich immerhin noch den besten Teil des Landes erwischt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>6. April (Karfreitag) Meine erste linguistische Offenbarung wird mir zuteil, als ich mich am Flughafen in Stansted nach der Weiterfahrt nach Colchester erkundige. \u201eAre there any trains to Colchester?\u201c\u00a0 \u2013 \u201eCoachester?\u201c hallt es zur\u00fcck, mit einem vokalisierten \/l\/. 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