{"id":2763,"date":"2012-08-02T11:01:33","date_gmt":"2012-08-02T09:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=2763"},"modified":"2019-01-14T13:20:50","modified_gmt":"2019-01-14T12:20:50","slug":"krakau-2012","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=2763","title":{"rendered":"Krakau (2012)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">22. Juli (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Krakau: Weltkulturerbe, polnische K\u00f6nigsstadt, Sitz einer der \u00e4ltesten mitteleurop\u00e4ischen Universit\u00e4ten. Und was interessiert mich? Klot\u00fcren! Einem Reisef\u00fchrer zufolge sind die Klot\u00fcren in Polen mit einem Dreieck bzw. einem Kreis bezeichnet, und man muss entscheiden, welches f\u00fcr M\u00e4nner und welches f\u00fcr Frauen steht. Ich habe da keine klare Vorstellung, h\u00f6chstens eine Ahnung. Bevor ich die \u00fcberpr\u00fcfen kann, muss ich aber erst mal dahin kommen, nach Krakau. Mit Auto, Bus, Flugzeug, Zug.<\/p>\n<p>Die Autobahn ist voll. Halb Holland scheint unterwegs zu sein. Nat\u00fcrlich mit Wohnwagen oder Wohnmobil.<\/p>\n<p>Im Autoradio erfahre ich, dass das ostdeutsche Sandm\u00e4nnchen im Gegensatz zum westdeutschen einen Bart hat. Und dass das Sandkorn, das wir morgens im Auge finden, nicht aus Sand ist, sondern aus Kristall, und dass der Sandplatz im Tennis nicht aus Sand gemacht ist, sondern aus zermalmten und zerkleinerten Ziegelsteinen! Das Sandkorn bildet sich deshalb, weil die Tr\u00e4nenproduktion, die tags\u00fcber daf\u00fcr sorgt, dass das Auge feucht bleibt, nachts eingestellt wird. W\u00e4hrend dieser Zeit vertrocknet die \u00fcbrig gebliebene Fl\u00fcssigkeit und kristallisiert.<\/p>\n<p>Der vorgebuchte Parkplatz in Frankfurt liegt meilenweit vom Flughafengeb\u00e4ude entfernt, aber man wird mit einem Shuttlebus zum Terminal gebracht. \u00dcberall stehen Leute mit Kameras mit riesigen Objektiven herum. Kommt heute irgendeine Ber\u00fchmtheit hier an? Sieht so aus, denn die Zufahrt ist auch abgesperrt, genauso wie ein Teil des Flughafengeb\u00e4udes. Ich kann aber vorzeitig aus dem Bus aussteigen und zu Fu\u00df weitergehen, w\u00e4hrend die anderen, die zum Terminal 2 m\u00fcssen, vor der Absperrung warten. Gl\u00fcck gehabt!<\/p>\n<p>Ansonsten geht aber alles schnell und problemlos. Polen ist dem Schengen-Abkommen beigetreten, und es gibt keine Passkontrollen.<\/p>\n<p>Es kommen immer wieder Durchsagen, das Flugzeug sei vollbesetzt und man m\u00f6ge gro\u00dfes Handgep\u00e4ck vorher abgeben. Es wird auch streng darauf geachtet, dass man nur ein St\u00fcck Handgep\u00e4ck dabei hat. Es stellt sich aber nachher heraus, dass das in unserem Fall unbegr\u00fcndete Sorgen sind. Es ist reichlich Platz f\u00fcrs Handgep\u00e4ck.<\/p>\n<p>Der Flug nach Palermo ist \u00fcbergebucht, und es wird ein Freiwilliger gesucht, der sp\u00e4ter fliegt. Daf\u00fcr bekommt man 250 \u20ac bar auf die Hand. Bei Krakau gibt es das leider nicht.<\/p>\n<p>Das Flugzeug ist aber bis auf den letzten Platz besetzt. Die meisten Passagiere sind Amerikaner, die wie Amerikaner aussehen. Dem Reisef\u00fchrer zufolge stellen sie die gr\u00f6\u00dfte Touristengruppe in Krakau, nach den Engl\u00e4ndern. Englische Bildungsb\u00fcrger unterwegs? Nicht nur. Krakau ist auch beliebtes Ziel f\u00fcr Sauftouren.<\/p>\n<p>Es geht auf einem wie mit einem Lineal gezogenen Strich \u00fcber Prag nach Krakau. Frankfurt, Prag und Krakau scheinen auf demselben Breitengrad zu liegen.<\/p>\n<p>Der Flughafen in Krakau wirkt sehr klein. Er hei\u00dft Flughafen Jana Pawla II. Wie auch sonst. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass ich diesem Namen auf dieser Reise begegne.<\/p>\n<p>Es geht alles schnell und reibungslos, und an einem Geldautomaten gibt es polnische Z\u0142oty. Beim Wechselkurs macht sich der schw\u00e4chelnde Euro bemerkbar.<\/p>\n<p>Es gibt einen Shuttlebus zum Bahnhof, aber die 200 Meter kann man auch zu Fu\u00df gehen. Es ist warm, etwas w\u00e4rmer als in Deutschland, so um die 20\u00b0, und ein bisschen windig.<\/p>\n<p>Dann kommen schon die Gleise in Sicht. Aber kein Bahnhofsgeb\u00e4ude. Es gibt gar keins. Es gibt eine ganz einfache Haltestelle, mitten in der Landschaft. Und Gleise gibt es streng genommen auch nicht. Nur ein Gleis. Fahrkartenautomaten gibt es nicht, und die Informationen sind auf Polnisch. Der Zug f\u00e4hrt in Richtung Krak\u00f3w Gl\u00f3wny. Ob das der Bahnhof ist? Schwer zu sagen, aber an der Haltestelle stehen nur Menschen mit Koffern. Wird wohl richtig sein. Zur Sicherheit frage ich eine Italienerin, die wie eine Italienerin aussieht, ob sie Italienerin sei \u2013 Sie ist Italienerin \u00a0\u2013 und ob sie Bescheid wisse. Nein, sie vertraut auch irgendwie darauf, dass das schon seine Richtigkeit haben werde. Sie ist aus Turin und auch noch nie in Polen gewesen.<\/p>\n<p>Dann kommt der Zug, eigentlich ein Schienenbus, sehr modern. Neben mir sitzen zwei Spanier, die wie Spanier aussehen. Die Fahrkarten gibt es beim Schaffner. Zum ersten Mal bezahle ich mit polnischem Geld: 19 Z\u0142oty kostet die Fahrt, immerhin gut 5 \u20ac. Der Zug schaukelt in aller Ruhe vor sich hin, und nach einer Viertelstunde sind wir am Ziel.<\/p>\n<p>Es geht durch ein riesiges, hypermodernes Einkaufszentrum, das auch in jedem anderen europ\u00e4ischen Land stehen k\u00f6nnte. Hier gibt es <em>H&amp;M<\/em>, <em>Tchibo<\/em> und <em>Rossmann<\/em>. Als ich endlich herauskomme, stehe ich auf einmal vor der Fassade des Bahnhofs. Das h\u00e4tte man einfacher haben k\u00f6nnen. Der Bahnhof hei\u00dft wirklich Krak\u00f3w Gl\u00f3wny. Muss wohl so etwas wie \u201aHaupt\u2018 hei\u00dfen.<\/p>\n<p>Da es weiterhin sch\u00f6n ist, mache ich auch auf den Weg zum Hotel zu Fu\u00df. Es ist viel los auf den Stra\u00dfen, viele junge Leute in Gruppen, viele Familien auf ihrem Sonntagsspaziergang.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich verlaufe ich mich dabei, trotz Karte, und bin auf einmal in der Altstadt. Mitten in sch\u00f6nsten Kakanien. Man f\u00fchlt sich an Budapest und Prag erinnert. Mit \u201aOsteuropa\u2018 hat das hier nichts zu tun.<\/p>\n<p>Ich komme sogar an zwei Sehensw\u00fcrdigkeiten vorbei, die ich aus dem Reisef\u00fchrer kenne: Die Barbakane und das Florianstor, beide Teile der ehemaligen Stadtbefestigung. Vor allem die Barbakane, ein gro\u00dfer, m\u00e4chtiger Rundbau, ist nicht zu \u00fcbersehen und leicht zu identifizieren.<\/p>\n<p>Dann geht es weiter Richtung S\u00fcden. Einige Stra\u00dfennamen, wie <em>Szpitalna<\/em>, kann man verstehen, andere, wie <em>Westerplatte<\/em>, haben deutsche Namen, kombiniert mit dem \u201arussischen\u2018 Wort f\u00fcr \u201aStra\u00dfe\u2018, hei\u00dft sie <em>Uliza Westerplatte<\/em>. Immer wieder muss ich \u00fcber gro\u00dfe Stra\u00dfenkreuzungen. Die Polen bleiben, so steht es im Reisef\u00fchrer, an der roten Ampel brav stehen. Es gibt empfindliche Strafen bei Nichtbeachtung. Dennoch gibt es einige Verwegene, die kurz nach links und rechts sehen \u2013 mehr nach Polizisten als nach Autos \u2013 und dann schnell die Kreuzung bei Rot \u00fcberqueren. Vielleicht dadurch ermutigt, dass heute Sonntag ist.<\/p>\n<p>Das Hotel liegt in einem Viertel mit breiten Stra\u00dfen und hohen, teils historischen (aber etwas vergammelten), teils neueren Bauten, vermutlich eine Stadterweiterung des 19. Jahrhunderts, ein Viertel, das die Altstadt mit dem einst eigenst\u00e4ndigen, j\u00fcdischen Kazimierz verbindet.<\/p>\n<p>Das Hotel liegt an der Kreuzung von zwei breiten, mehrspurigen Stra\u00dfen mit einer doppelten Trasse f\u00fcr Stra\u00dfenbahnen in der Mitte. Mir schwant B\u00f6ses, was die Nachtruhe angeht, vor allem eingedenk einiger Kommentare auf dem Hotelportal, aber die Bef\u00fcrchtung bewahrheitet sich \u00fcberhaupt nicht.<\/p>\n<p>Das Hotel nennt sich <em>Blue Bells Apartments<\/em> und befindet sich in einem alten Wohnhaus. Ich habe sogar den Eindruck, dass hier auch ganz \u201anormale\u2018 Leute wohnen und das Hotel nur die meisten Wohnungen aufgekauft hat. Die junge Frau, die mich an der Rezeption in Empfang nimmt, ist ausgesprochen freundlich und spricht gutes Englisch.<\/p>\n<p>Mit einem kleinen, alten Aufzug, der klappert und surrt und knarrt, geht es in den vierten Stock. Man muss die zus\u00e4tzlichen Holzt\u00fcren innen verschlie\u00dfen, und wenn man den Aufzug besteigt, sackt er erst einmal ein St\u00fcck nach unten. Wunderbar.<\/p>\n<p>Das Zimmer hat einen Blick auf einen nichtssagenden Innenhof mit parkenden Autos, aber das ist die einzige Einschr\u00e4nkung. Die gleichzeitig ein Pluspunkt ist, weil man dem Verkehrsl\u00e4rm nicht ausgesetzt ist. Das Zimmer ist sogar vergleichsweise gro\u00df \u2013 allen, die moppern, sei empfohlen, mal ein preiswertes Hotel in London zu suchen \u2013 hat einen richtigen Schreibtisch, eine Kommode, einen sehr praktischen Eckschrank, ein modernes Bad und einen Wasserkocher. Kaffee und Tee werden zur Verf\u00fcgung gestellt, und sogar Geschirr und Besteck f\u00fcr die Selbstversorgung. Und es gibt Internetverbindung \u2013 kostenlos.<\/p>\n<p>Der Hunger treibt mich am Abend aber noch mal hinaus. Die Stra\u00dfen sind jetzt leer. Der Einfachheit halber gehe ich in ein thail\u00e4ndisches Restaurant ganz in der N\u00e4he des Hotels. Mein erster Abend in Polen, und ich lande in einem thail\u00e4ndischen Hotel! Das darf man keinem Polen sagen! Aber auch hier gibt es landestypisches zu entdecken: der leckere, s\u00fc\u00dfliche Krautsalat zu dem sehr scharfen H\u00e4hnchengericht ist vermutlich polnischer Provenienz, das Bier, ein etwas d\u00fcnnes, aber gut schmeckendes Bier der Marke <em>\u015aywiec<\/em>, ebenfalls. Au\u00dferdem merke ich, als andere G\u00e4ste hereinkommen, was ich falsch gemacht habe: Man geht zum Tresen, nimmt sich seine Speisekarte von einem bereitliegenden Stapel und sucht sich selbst einen Platz.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehe ich auf der anderen Stra\u00dfenseite eine Filiale von <em>Kefirik<\/em>, einer Kette kleiner Superm\u00e4rkte, bei der sich besonders gerne Touristen versorgen. Sonntags ist er zwar am Abend geschlossen, aber an anderen Tagen sind die \u00d6ffnungszeiten sehr gro\u00dfz\u00fcgig.<\/p>\n<p>Am Abend gibt es in der BBC kurze R\u00fcckblicke auf Olympische Spiele der Vergangenheit. Anlass sind die bevorstehenden Olympischen Spiele in London, der ersten Stadt, die die Spiele zum dritten Mal ausrichtet. Man erf\u00e4hrt, dass 1920 eigentlich Budapest an der Reihe sein sollte, aber nicht zum Zuge kam, da Ungarn einer der Verlierer des Kriegs war. Die Spiele wurden dann Antwerpen zugeschlagen, eine Geste an ein Land, das im Krieg besonders gelitten hatte. In Antwerpen wurde zum ersten Mal die Olympische Fahne gehisst. In Stockholm waren 1912 zum ersten Mal alle Erdteile vertreten. Japan war das erste asiatische Land, das teilnahm. Es wurden zum ersten Mal Zielphotos gemacht, und tats\u00e4chlich entschied ein Zielphoto \u00fcber eine Medaille in einem H\u00fcrdenlauf. Es gab auch Wettbewerbe in Kunst, und Stockholm hatte einen Teilnehmer, der sowohl als Athlet als auch als K\u00fcnstler eine Medaille gewann! Der Star der Spiele war ein gewisser Jim Thorpe, ein Amerikaner, der den F\u00fcnfkampf und den Zehnkampf gewann. Der schwedische K\u00f6nig\u00a0 gratulierte mit den Worten: \u201eYou are the greatest athlete\u201c. Thorpe antwortete, ohne falsche Bescheidenheit: \u201eThanks, King.\u201c Dummerweise wurden ihm sp\u00e4ter die Medaillen aberkannt, als sich herausstellte, dass er gleichzeitig professioneller Baseballspieler war.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">23. Juli (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Sonne, keine Wolke am hellblauen Himmel. Endlich Sommer. Krakau pr\u00e4sentiert sich von seiner besten Seite. Das gilt auch f\u00fcr das Hotelviertel, das mir heute sch\u00f6ner vorkommt als gestern. Die mehr als ansehnlichen H\u00e4user sind wohl Ergebnis einer systematischen Stadtplanung. Zwar sind alle verschieden und haben nicht genau die gleiche H\u00f6he, aber alle haben vier hohe Stockwerke, von denen das erste durch einen Fries von den anderen abgetrennt ist. Auff\u00e4llig, dass es kaum Balkone gibt. Wo es welche gibt, fallen sie auf.<\/p>\n<p>Ich merke jetzt auch, wie g\u00fcnstig das Hotel liegt. In wenigen Minuten bin ich am <em>Planty<\/em>, dem Gr\u00fcng\u00fcrtel, einem Pendant zu der <em>Promenade<\/em> in M\u00fcnster. Der <em>Planty<\/em> entstand, als die Stadtmauer unter den \u00d6sterreichern abgerissen wurde.<\/p>\n<p>Wenige Schritte weiter und ich bin in der Altstadt. Und die ist wirklich beeindruckend. Die Sch\u00f6nheit, Vielfalt und Zahl der historischen Bauten ist \u00fcberw\u00e4ltigend. Man wei\u00df kaum, wo man hinsehen soll.<\/p>\n<p>Au\u00dfer den sch\u00f6nen Bauten f\u00e4llt die Pr\u00e4senz von Ordensleuten auf: wei\u00dfe M\u00f6nche, schwarze Nonnen, braune M\u00f6nche begegnen mir. Und keine Autos. Die gesamte Altstadt scheint f\u00fcr Autos gesperrt zu sein.<\/p>\n<p>Ich mache mich zuerst auf die Suche nach dem <em>Collegium Maius<\/em>, dem historischen \u00a0Kern der Universit\u00e4t, das ich erst finde, als ich es zweimal umrundet habe. Hier habe ich einen Termin, aber heute will von der telephonischen Best\u00e4tigung, die man mir gegeben hat, niemand mehr etwas wissen. Macht nichts, ich bekomme eine Karte f\u00fcr eine F\u00fchrung um 12.20. Bis dahin kann ich Kaffee trinken und mich ein bisschen umsehen.<\/p>\n<p>Ich komme zu dem Marktplatz, dem Zentrum der Altstadt, wo man vor lauter Caf\u00e9s nicht wei\u00df, welches man ausw\u00e4hlen soll. Ich fl\u00fcchte in eine der Seitenstra\u00dfen, \u00fcber die ich gekommen bin und lande in einem Caf\u00e9 mit einer langgestreckten Terrasse unter einer Holzdecke. Man bestellt drinnen, an einer mit bunten Flaschenb\u00f6den dekorierten Theke. Die Gerichte sind mit bunter Kreide an die Wand hinter der Theke geschrieben, und an anderen W\u00e4nden gibt es Inschriften in verschiedenen Sprachen und Schriften, wahrscheinlich von Besuchern gemacht.<\/p>\n<p>Gleich gegen\u00fcber liegen das deutsche und das amerikanische Konsulat. Sie haben sich ein sch\u00f6nes St\u00fcckchen Krakau ausgesucht. Ich genie\u00dfe das Feriengef\u00fchl, bei Tee und Apfelkuchen und Sonnenschein ohne Zeitdruck in einer sch\u00f6nen Stadt zu sein.<\/p>\n<p>Neben dem Caf\u00e9, einen weiteren Teil der \u00fcberdachten Terrasse einnehmend, befinden sich ein Antiquariat, ein Buchladen und eine Reiseagentur.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Markt f\u00e4llt mir auf, dass es immer wieder Backsteinbauten gibt, vor allem Kirchen, die im Kontrast zu den anderen Geb\u00e4uden stehen. Vielleicht ist das einfach der Entstehungszeit geschuldet. Bei den Kirchen, vor allem denen mit Treppengiebel hat man das Gef\u00fchl, in Norddeutschland zu sein. Es ist so, als h\u00e4tte man ein St\u00fcck L\u00fcbeck nach Wien verschleppt.<\/p>\n<p>Am Markt empfiehlt eins der zahllosen Lokale \u201epolish food\u201c. Das nehme ich auf und meinen Studenten als Warnung mit. Aber es wird wohl nichts nutzen. Die Kleinschreibung setzt sich durch.<\/p>\n<p>Im Zentrum des Marktplatzes die langgestreckten Tuchhallen. An einer Seite ein Turm, der letzte Rest des unter den \u00d6sterreichern abgebrochenen Rathauses. Heute ist der Turm Teil des Historischen Museums, das sich \u00fcber verschiedene Geb\u00e4ude verteilt.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he eine moderne Skulptur, <em>Eros Bendato<\/em>, ein auf die Seite gest\u00fcrzter riesiger Kopf, in den man hineinkriechen und aus dessen Augen man nach au\u00dfen sehen kann \u2013 was Kinder gerne machen.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite der Tuchhalle die gotische Marienkirche mit ihren zwei ungleich hohen T\u00fcrmen.<\/p>\n<p>Zwischen Tuchhallen und Marienkirche steht auf einem Podest das Denkmal f\u00fcr Adam Mickiewicz, dem polnischen Nationaldichter. Jede polnische Stadt hat ein Denkmal f\u00fcr Mickiewicz, Krakau sogar, obwohl er nie hier war, jedenfalls zu Lebzeiten nicht. Jetzt ist er in der Kathedrale auf dem Wawel begraben.<\/p>\n<p>Und an einem Ende des Platzes die Adalbert-Kirche, eine der \u00e4ltesten Kirchen Krakaus, romanisch, wenn auch barock ver\u00e4ndert und ausgebaut. Den einfachen, fast quadratischen romanischen Kern aus dem 11. Jahrhundert mit seinen fast fensterlosen W\u00e4nden kann man aber noch gut erkennen. Der heutige Eingang liegt im Westen und auf dem Niveau des heutigen Platzes, der alte Eingang liegt im S\u00fcden und f\u00fcnf Meter tiefer, auf dem Niveau, den der Platz im Mittelalter hatte. Oben werden Karten f\u00fcr Touristenkonzerte verkauft, unten gibt es eine kleine Ausstellung. Von dort ruft mir ein Mann mit pathologisch starrem Blick und mechanischen Bewegungen, aber mit emphatischer Stimme entgegen, ich solle runterkommen, der Eintritt sei umsonst. Dem mag ich nicht widersprechen und klettere \u00fcber ein paar unregelm\u00e4\u00dfige Steinbl\u00f6cke hinunter. Der Mann dr\u00fcckt mir einen F\u00fchrer f\u00fcr 2 S\u0142oty in die Hand und z\u00e4hlt die 8 S\u0142oty Wechselgeld in meine Hand, wobei er es schafft, an mir vorbei zu sehen, so als m\u00fcsse er den Eingang im Auge halten. So ist es auch. Als n\u00e4chstes wird eine Engl\u00e4nderin, eine \u00e4ltere Dame, eingeladen, hereinzukommen, aber die traut sich nicht \u00fcber die Steinbl\u00f6cke am Eingang.<\/p>\n<p>Allzu viel zu sehen gibt es nicht, aber man kann sich anhand von zwei Modellen eine gute Vorstellung von den Vorg\u00e4ngerbauten machen. Die Modelle stehen in Glask\u00e4sten, die man drehen kann, eine gute Erfindung. Auf diese Weise kann man sie von allen Seiten sehen. Der erste Bau war ein Holzbau, aus der Zeit, als es den heutigen Marktplatz noch nicht gab, nur ein paar H\u00e4user au\u00dferhalb der befestigten Stadt, auf sumpfigem Gel\u00e4nde, und einen Friedhof, alles um die Holzkirche herum gruppiert. Das zweite Modell zeigt die romanische Steinkirche ohne die Anbauten und sp\u00e4teren Ver\u00e4nderungen.<\/p>\n<p>Die Kirche ist dem Hl. Adalbert gewidmet, dem ersten slawischen M\u00e4rtyrer und Patron der polnischen Kirche.\u00a0 Den Job hat der polnische Papst noch nicht \u00fcbernommen. Adalbert war befreundet mit Otto III. und mit Stefan von Ungarn und gleichzeitig deren Lehrer.<\/p>\n<p>Man kann ein paar Reste der urspr\u00fcnglichen Kirche und Abbildungen des Platzes sehen, vor allem aber ein Skelett von dem alten Friedhof, eins von \u00fcber dreihundert, die hier gefunden wurden. Das Skelett, aus vielen unverbundenen Einzelteilen bestehend, sieht irgendwie falsch aus: Die Wirbel liegen vorne, so als trage man den R\u00fccken auf der Brust.<\/p>\n<p>Die Abbildungen zeigen, warum der Hauptmarkt so gro\u00df ist. Er war fr\u00fcher viel dichter bebaut. Unter anderem gab es einen Brunnen und eine Waage, aber auch alle m\u00f6glichen kleineren Geb\u00e4ude und St\u00e4nde.<\/p>\n<p>Dann geht es zum <em>Collegium Maius<\/em>. Durch einen unscheinbaren Durchgang gelangt man in einen sch\u00f6nen, zweist\u00f6ckigen Innenhof, mit Arkaden im Untergeschoss. Auch das <em>Collegium Maius<\/em> ist aus rotem Backstein. Es ist der \u00e4lteste Teil der Universit\u00e4t, sieht aber nicht so alt aus wie es ist.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich auf die F\u00fchrung warte, gehe ich in ein kleines Museum im Untergeschoss, das etwas verborgen daliegt. Man traut sich kaum hinein, und au\u00dfer mir ist auch keiner da. Man sieht das Modell einer Archimedischen Schraube. Keine Ahnung, was das ist, wahrscheinlich ein astronomisches Instrument. Au\u00dferdem eine Armillarsph\u00e4re, auch ein astronomisches Instrument, dessen Funktionsweise ich noch nie verstanden habe.\u00a0 Sie stammt von 1711, basiert aber immer noch auf dem geozentrischen Weltbild. Das sollte man bedenken, wenn von der \u201aKopernikanischen Wende\u2018 die Rede ist.<\/p>\n<p>In einer Vitrine liegt ein einfaches, altes, fast schmuckloses Zepter. Es hei\u00dft, es handele sich um das \u00e4lteste Universit\u00e4tszepter \u00fcberhaupt. Das Emblem des <em>Collegium Maius<\/em> besteht aus zwei sich kreuzenden Zeptern. Die sind allerdings vergoldet und verziert und haben einen Knauf. Bei dem hier handelt es sich vermutlich um das Original. Genau kann ich das aber nicht herausfinden, denn die englischen Erkl\u00e4rungen sind d\u00fcrftig. Hin und wieder hilft Russisch, ein einzelnes Wort zu verstehen \u2013 <em>nauki<\/em> Wissenschaften, <em>stare<\/em>, alt \u2013 aber nicht, einen durchgehenden Text zu verstehen, und gesprochene Sprache schon gar nicht.<\/p>\n<p>In mehreren Vitrinen gibt es pers\u00f6nliche Gegenst\u00e4nde eines gewissen Hugo Ko\u0142\u0142ataj. Er war Rektor der Universit\u00e4t und betrieb eine wichtige Reform. Diese Reform, zur Zeit der polnischen Teilung eingef\u00fchrt, war nicht nur f\u00fcr die Universit\u00e4t, sondern f\u00fcr das ganze Land von Bedeutung. Sie erlaubte letztlich der Mittelklasse die Beteiligung an der Macht. Man sieht u.a. Briefe und Dokumente von ihm und ein riesige Taschenuhr.<\/p>\n<p>In einer anderen Vitrine sieht man ein Verzeichnis der Handschriften der Universit\u00e4t in fein s\u00e4uberlicher Handschrift und eine sch\u00f6ne Zeichnung des Botanischen Gartens.<\/p>\n<p>Dann beginnt die F\u00fchrung. In einem Affenzahn werden wir von einem gut aufgelegten F\u00fchrer, der alle Nase lang eine witzige Bemerkung zu den Verh\u00e4ltnissen der Vergangenheit parat hat, durch die R\u00e4ume geschleust. Wir sind eine gro\u00dfe Gruppe und passen oft gar nicht alle zusammen in einen Raum. Wenn man dann drin ist, ist er schon l\u00e4ngst in den n\u00e4chsten Raum geeilt und macht dort seine Witzchen. Die bekommt man dann nicht mit und wenn doch, versteht man sie meistens nicht. Er spricht Stakkato und Englisch, das wie Polnisch klingt: \u201eHis father was bishop, his father was bishop.\u201c\u00a0 Immerhin erf\u00e4hrt man einiges \u00fcber die einzelnen Exponate, und von denen gibt es Tausende.<\/p>\n<p>Die Eile hat ihren Grund: Am Ende der Tour k\u00f6nnen wir, wenn wir es zur vollen Stunde geschafft haben, im Innenhof ein Glockenspiel sehen. Wir schaffen es tats\u00e4chlich, so gerade. Zum Klang von <em>Gaudeamus<\/em> <em>Igitur<\/em> treten verschiedene Figuren, die f\u00fcr die Universit\u00e4t von Bedeutung waren, K\u00f6nig und K\u00f6nigin, Rektor und Professor und angeblich auch der Hausmeister, aus der Wand im Obergeschoss hervor und ziehen vorbei. Das passiert aber erst ganz am Ende der F\u00fchrung.<\/p>\n<p>Gleich am Anfang der F\u00fchrung sieht man in einem Raum mit einer bemalten Kuppel ein historisches Gem\u00e4lde, das ein Ereignis von gr\u00f6\u00dfter Wichtigkeit f\u00fcr die Universit\u00e4t darstellt, die Hochzeit einer polnischen Prinzessin mit einem litauischen F\u00fcrsten. Das Paar war wesentlich f\u00fcr den Aufschwung der Universit\u00e4t Krakau verantwortlich.<\/p>\n<p>Wir befinden uns hier im <em>Collegium Maius<\/em>, dem Herzen der alten Universit\u00e4t. Es gab auch ein <em>Collegium Minus<\/em>. Dort wurde \u201anur\u2018 Philosophie betrieben, hier auch Theologie. Die Professoren waren unverheiratet und wohnten hier, im ersten Stock des Geb\u00e4udes. Die Vorlesungss\u00e4le waren unten. Das ist aber auch schon alles, was man zur Universit\u00e4t erf\u00e4hrt. Alles andere sind Details.<\/p>\n<p>Wir sehen ein dreieckiges Holzgestell, ein einfaches Ger\u00e4t, mit dem Kopernikus, der ber\u00fchmteste Sohn der Universit\u00e4t, seine Himmelsbeobachtungen machte, ohne Fernglas, nur mit einem verschiebbaren Messingknopf versehen, mit dem man wohl seine Position im Verh\u00e4ltnis zu\u00a0 den Sternen bestimmen konnte.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he steht eine B\u00fcste von Kopernikus aus dunklem Holz. Warum Kopernikus wohl braun w\u00e4re? Weil er in Italien am Strand gelegen habe! Tats\u00e4chlich studierte Kopernikus auch in Italien, in Bologna und Rom und Padua und Ferrara. In Padua hatte er Medizin studiert, in Ferrara den Doktorgrad in Kanonischem Recht erhalten. Die Urkunde ist in einem der R\u00e4ume ausgestellt. Astronom war er wohl nur in der Freizeit. Er wusste also, worauf er sich einlie\u00df, wenn er alte Weisheiten in Frage stellte. Das erkl\u00e4rt wohl auch seine Vorsicht. Er ver\u00f6ffentlichte seine entscheidenden Schriften erst sehr sp\u00e4t. Unserem F\u00fchrer zufolge war er einfach klug. Er hatte, so hei\u00dft es, in Italien die Verbrennung Savonarolas miterlebt, und das best\u00e4rkte ihn in seiner Vorsicht.<\/p>\n<p>Mich besch\u00e4ftigt weiterhin die Frage, welche Sprache er sprach und ob er, wenn man das entscheiden kann, Pole oder Deutscher war.<\/p>\n<p>Wir kommen durch einen Saal, in dem auch heute noch der Senat tagt \u2013 ansonsten hat das <em>Collegium Maius<\/em> nur noch repr\u00e4sentative Funktionen \u2013 und dann in das Refektorium, in dem allerdings wohl nur die Professoren speisten. Es ist aus dunklem Holz, mit einer gedrechselten Wendeltreppe an der hinteren Wand. In einer Ecke steht ein Kachelofen in der Form eines Minaretts mit arabischen Verzierungen. Das hat, so hei\u00dft es, seine Erkl\u00e4rung darin, dass Polen fr\u00fcher eine gro\u00dfe Ausdehnung hatte und auch muslimische Gebiete umfasste.<\/p>\n<p>In einem anderen Raum sehen wir ein winziges, sechseckiges Rauchertischchen, mit fest installierten Utensilien f\u00fcr den Raucher, vom Zigarrenschneider \u00fcber den Pfeifenhalter bis zum Aschenbecher.<\/p>\n<p>Man sieht auch die Liste der Studenten vom Jahrgang des Kopernikus. Er taucht unter den zahlenden Studenten auf. Es gab wohl auch Stipendiaten. Er ist aber mit dem Namen <em>Nikolai Nikolai<\/em> eingetragen. Warum, verstehe ich nicht.<\/p>\n<p>In einer ganz besonders gesch\u00fctzten Vitrine stehen hinter einem vergoldeten Gitter ganz besondere Sch\u00e4tze. Dazu geh\u00f6rt ein vergoldeter, \u201ahohler\u2018 Globus. Es ist angeblich der erste Globus, auf dem Amerika abgebildet ist. Es liegt im Indischen Ozean.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he eine Aufnahme der Erde aus dem All mit einer Widmung an Kopernikus, dem \u201eRiesen\u201c von Neil Armstrong, erstellt am 500. Geburtstag von Kopernikus.<\/p>\n<p>In einem anderen Raum sehen wir ein Silbertischchen. Es geh\u00f6rte Sobieski, dem Helden im Kampf um Wien gegen die T\u00fcrken, der hier als \u201eRetter Europas\u201c gefeiert wird. Der Tisch ist wohl ein Geschenk von ihm an die Universit\u00e4t. Ob er hier auch Absolvent war, verstehe ich nicht. Es gibt auch ein Portrait von ihm, uniformiert, auf dem Pferder\u00fccken, das \u2013 man mag es kaum glauben \u2013 nicht gemalt ist, sondern aus ganz feiner Seide gesponnen.<\/p>\n<p>In einer Vitrine sieht man andere Donationen ehemaliger Absolventen: eine olympische Goldmedaille (von einem Geher, der insgesamt f\u00fcnf gewann), einen Oscar, einen Goldenen B\u00e4ren, einen Goldenen L\u00f6wen und die Nobelpreismedaille einer polnischen Dichterin, Wis\u0142awa Szymborska. Trost f\u00fcr alle Studenten: Sie beendete ihr Studium nicht. Den Nobelpreis kann man trotzdem bekommen.<\/p>\n<p>In dem T\u00fcrsturz zu einem Saal ist eine Inschrift eingemei\u00dfelt, die der F\u00fchrer uns sehr ans Herz legt: <em>Plus Ration quam vis &#8211; Mehr Vernunft als Gewalt. <\/em><\/p>\n<p>In diesem Saal h\u00e4ngen Portraits ber\u00fchmter Absolventen der Universit\u00e4t, darunter ein gewisser Karol Wojty\u0142a. Er kam schon mit zehn Jahren zum ersten Mal hierher. Er besuchte seinen Bruder, der hier Medizin studierte. Als er selbst Student wurde, schrieb er sich f\u00fcr Literaturwissenschaften ein. Dann kam der Krieg, und damit ver\u00e4nderte sich sein Leben und er begann, Theologie zu studieren. Da kann man mal sehen, wie viel Unheil der Krieg anrichten kann.<\/p>\n<p>Am Ende sehen wir noch eine sch\u00f6ne T\u00fcr mit Einlegearbeiten. Sie stammt aus dem alten Rathaus. Es werden Asien und Afrika dargestellt, und dar\u00fcber Europa und dar\u00fcber, alles \u00fcberkr\u00f6nend, Krakau.<\/p>\n<p>Nach einer kurzen Pause in einem Caf\u00e9 geht es dann zur\u00fcck zum Hauptmarkt. Dort beginnt die Stadtf\u00fchrung. Au\u00dfer mir sind nur zwei Australier dabei.<\/p>\n<p>Wir erfahren, dass die Anlage des Platzes, seine Gr\u00f6\u00dfe und Ausrichtung, nach einem Masterplan erfolgte, der kurz nach der Stadtgr\u00fcndung oder, besser gesagt, der Verleihung der Stadtrechte entwickelt wurde. Krakau bekam die Stadtrechte 1257, und zwar von Magdeburg. Dieser Plan sah vor, dass der Platz 200&#215;200 Meter messen, also schon die heutige, riesige Dimension haben sollte. Er sah auch die regelm\u00e4\u00dfige Anlage der Stra\u00dfen vor, die auf den Platz m\u00fcnden. Es sollten drei an jeder Seite sein, und sie sollten schnurgerade auf den Platz zulaufen. Das ist ein f\u00fcr das Mittelalter ungew\u00f6hnlicher Plan, finde ich. Das wurde auch so ausgef\u00fchrt. R\u00fccksicht nehmen musste man nur auf die schon vorhandenen Bauten. Davon gab es nicht viele, denn praktischerweise war Krakau kurz zuvor von den Mongolen in Schutt und Asche gelegt worden. Man konnte also frei schalten und walten. Eine Ausnahme bildet die Grodzka, die spitz auf den Platz zul\u00e4uft und in der anderen Richtung direkt zum Wawel, dem Burgberg, f\u00fchrt. Das liegt einfach daran, dass sie schon vorher vorhanden war und nicht neu geplant wurde. Aus dem gleichen Grund steht die Marienkirche schr\u00e4g auf dem Platz und ordnet sich nicht in die ordentlichen H\u00e4userreihen ein. Sie war schon vorher da.<\/p>\n<p>Um die Marienkirche ranken sich zwei Legenden. Die eine betrifft die unterschiedlich hohen T\u00fcrme. Sie wurden angeblich von zwei Br\u00fcdern entworfen. Als der eine, dessen Turm etwas h\u00f6her war, sah, dass der andere ihn \u00fcbertreffen w\u00fcrde \u2013 sein Turm war etwas breiter \u2013 wurde er neidisch auf den Bruder und brachte ihn um. Dann \u00fcberkam ihn die Reue, und er st\u00fcrzte sich selbst von seinem Turm in den Tod.<\/p>\n<p>Die andere Legende bildet den Hintergrund zu einem immer noch praktizierten Ritual: Ein T\u00fcrmer bl\u00e4st jede Stunde vom Turm aus eine Melodie, h\u00f6rt dann aber unvermittelt auf, bevor er zu Ende gespielt hat. Daran sind die Mongolen schuld. Im Mittelalter waren die Trompetenst\u00f6\u00dfe Weckruf, aber auch Warnung vor Gefahren, vor allem vor Feuer und vor Angriffen. Als der T\u00fcrmer die Krakauer vor den heranst\u00fcrmenden Mongolen warnte, traf ihn ein Pfeil der Angreifer und er sank tot zu Boden. Er konnte die Melodie nicht zu Ende spielen. Wenn auch die Geschichte erfunden ist \u2013 und die ganze Tradition eigentlich aus dem 19. Jahrhundert und nicht aus dem Mittelalter stammt \u2013 ist das Motiv der Gefahrenerkennung durchaus von Belang: Noch heute sind die T\u00fcrmer im Hauptberuf Feuerwehrleute, und es sind immer zwei T\u00fcrmer gleichzeitig vertreten, damit der eine die Trompete blasen und der andere die Lage im Auge behalten kann.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu der gotischen Marienkirche sind die Tuchhallen im Stil der Renaissance. Man glaubt, in Italien zu sein, und der Architekt war tats\u00e4chlich Italiener. Und hie\u00df tats\u00e4chlich Gucci. Die Tuchhallen ersetzten die einzelnen St\u00e4nde, an denen bis dahin die Waren feilgeboten wurden. Das Geb\u00e4ude ist lang und nicht sehr breit, mit einer \u00fcberdeckten Passage zwischen den Verkaufsst\u00e4nden auf beiden Seiten. Heute werden kunsthandwerkliche Erzeugnisse verkauft. Die Touristen sind hier die wichtigste Zielgruppe. Das \u00fcberrascht nicht weiter. Oben aber gibt es ein Museum, mit polnischer Kunst aus dem 19. Jahrhundert. Damit w\u00fcrde man nicht unbedingt rechnen. Ganz oben gibt es auf der Dachterrasse ein Kaffee. Die Wasserspeier sind mit Fratzen verziert, die, je nach Interpretation, menschliche Laster darstellen oder die Ratsherren, die den Architekten nicht vern\u00fcnftig bezahlen wollten.<\/p>\n<p>Wir gehen vom Hauptmarkt aus die <em>Florianska<\/em> hinunter, einer der belebtesten Stra\u00dfen Krakaus, zum <em>Florianstor<\/em>. \u00dcber vielen Eing\u00e4ngen findet man Reliefs, die dem Haus einen Namen geben, zum Beispiel ein Eichh\u00f6rnchen. \u201eWo wohnst du? &#8211; \u00a0Unter dem Eichh\u00f6rnchen.\u201c So gab man seine Adresse an. Das soll Orientierungshilfe f\u00fcr Analphabeten gewesen sein. Aber nicht nur f\u00fcr die. Hausnummern gab es sicher noch nicht. Sp\u00e4ter sehen wir auch noch Glocken, einen goldenen L\u00f6wen und eine Weinrebe.<\/p>\n<p>Am Floriansturm ist stadtseitig eine Darstellung des Hl. Florian, der seiner Aufgabe als Brandhelfer gerecht wird und einen Eimer Wasser \u00fcber ein Feuer ausgie\u00dft. Florian wurde in Ermangelung eines polnischen Heiligen aus Rom importiert, und mit seinen Gebeinen erstarkten Handel und Tourismus. Heutzutage gibt es keinen Mangel an polnischen Heiligen mehr. Daf\u00fcr hat der polnische Papst gesorgt.<\/p>\n<p>Es gibt eine klare Aufgabenverteilung: Florian ist der Stadtheilige von Krakau, Stanislaw der polnische Nationalheilige, und Adalbert der Patron der polnischen Kirche. So habe ich es mir jedenfalls aus verschiedenen Quellen zusammengebastelt.<\/p>\n<p>Neben dem Florianstor ist ein Teil der Stadtmauer erhalten, zusammen mit zwei T\u00fcrmen. Da wird Kunstkitsch verkauft, wie man ihn in jeder touristischen Stadt findet.<\/p>\n<p>Kurz dahinter kommt ein sch\u00f6nes Haus, das das Czartoryski-Museum beheimatet, benannt nach der Stifter-Familie. Es gibt Masken, Waffen, erbeutete t\u00fcrkische Zelte und Porzellan, vor allem aber Malerei. All das ist zurzeit nicht zu sehen, denn das Museum wird renoviert. Sein bekanntestes Bild ist aber im Wawel ausgestellt: Leonardos <em>Dame mit dem Hermelin<\/em>.<\/p>\n<p>Irgendwie landen wir auf der parallel zur <em>Florianska<\/em> verlaufenden Stra\u00dfe. Sie ist ganz ruhig. Und dann biegen wir auf einmal zum <em>Collegium<\/em> <em>Maius<\/em> ab. Das auf einmal ganz in der N\u00e4he ist. Trotz des regelm\u00e4\u00dfigen Stadtplans bin ich orientierungslos.<\/p>\n<p>Dabei erfahre ich auch etwas von dem historischen Hintergrund der Universit\u00e4tsgr\u00fcndung. Der eigentliche Gr\u00fcnder ist Kasimir der Gro\u00dfe. Er ersuchte den Papst um die Erlaubnis zur Gr\u00fcndung einer Universit\u00e4t. Er bekam sie, durfte aber nur drei statt vier Fakult\u00e4ten gr\u00fcnden. Die wichtigste fehlte, die Theologie. Da kam Kasimirs Tochter ins Spiel, Jadwiga. Erst Tage sp\u00e4ter merke ich, dass es sich bei ihr um Hedwig handelt, um <em>die<\/em> Hedwig. Und auch um die Frau, die auf dem Gem\u00e4lde in der Universit\u00e4t bei ihrer Hochzeit mit einem litauischen F\u00fcrsten dargestellt wird. Der wurde dann als W\u0142adislaw II. K\u00f6nig und regierte die beiden L\u00e4nder, wenn ich das richtig verstanden habe, in Personalunion mit Hedwig. Die beiden begr\u00fcndeten die Dynastie der Jagellonen. Und erwirkten beim Papst die Erlaubnis, dass zuk\u00fcnftig auch Theologie gelehrt werden durfte.<\/p>\n<p>Hedwig scheint eine ganz besondere Frau gewesen zu sein. Sie war vorher mit einem Habsburger Prinzen verlobt, der Liebe ihres Lebens, gab ihn aber auf, um aus Gr\u00fcnden der politischen \u201aVernunft\u2018 die Verbindung mit\u00a0 W\u0142adislaw einzugehen, der au\u00dferdem viel \u00e4lter war als sie. Danach setzte sie sich, auch materiell, sehr f\u00fcr die Belange der Universit\u00e4t ein. Als ihr Grab ge\u00f6ffnet wurde, fand man Insignien ihrer Herrschaft, die aus Holz gemacht waren. Sie hatte, wie es hei\u00dft, allen ihren Besitz f\u00fcr die Universit\u00e4t hergegeben.<\/p>\n<p>Wir h\u00f6ren das alles, w\u00e4hrend wir gem\u00fctlich im Sonnenschein im Innenhof der Universit\u00e4t sitzen. Der kommt mir weiterhin viel zu neu vor, aber auch auf Nachfrage wird mir best\u00e4tigt, dass er aus der Gr\u00fcndungszeit stammt. Vorne, an der Fassade mit ihren unregelm\u00e4\u00dfigen Steinen, glaubt man das eher. Die F\u00fchrerin macht uns aufmerksam auf schr\u00e4g abfallende Mauerverst\u00e4rkungen im Untergeschoss. Sie sind wohl sp\u00e4ter zur St\u00fctzung der Statik angef\u00fcgt worden. Wir machen sie darauf aufmerksam, dass das auch bei j\u00fcngeren Geb\u00e4uden, bei den Adelspal\u00e4sten der Neuzeit anzufinden ist. Hier scheint es aber von vornherein geplant zu sein. Vielleicht ist es hier Mode und statisch gar nicht notwendig.<\/p>\n<p>Die Universit\u00e4t hatte von vornherein gro\u00dfes Prestige und hat es auch weiterhin. Heute hat sie 50,000 Studenten. Daneben gibt es aber noch weitere Universit\u00e4ten in Krakau, und die Gesamtzahl der Studenten bel\u00e4uft sich auf \u00fcber 100,000. Jeder achte Einwohner ist Student. Jetzt sind Sommerferien, und die meisten Studenten sind nicht da. Dennoch wimmelt es in der Innenstadt immer von jungen Leuten.<\/p>\n<p>Wir machen uns auf den Weg und stehen pl\u00f6tzlich wieder ganz nahe am Hauptmarkt, aber von einer anderen Seite, genau zwischen Dominikanerkirche und Franziskanerkirche. Beide sind gotisch, beide aus Backstein, beide nicht un\u00e4hnlich und stammen vermutlich aus derselben Zeit, aber trotzdem hat man den Eindruck, dass die Architektur auch Teil des heimlichen Wettbewerbs zwischen den beiden Orden war.<\/p>\n<p>Dann fragt die Australierin, von Beruf Architektin, nach einem auffallenden Geb\u00e4ude. Es ist tats\u00e4chlich das einzige moderne Geb\u00e4ude in der Altstadt, sehr schmal, sehr hoch. Au\u00dfen hat es sehr passende rote Lamellen, vielleicht aus Ziegel. Das nimmt die Form der alten Ziegelbauten sehr sch\u00f6n auf und verhindert, dass der Bau wie ein Fremdk\u00f6rper wirkt. Er besteht eigentlich nur aus einem schmalen Gang, in dessen hinterem Teil sich das B\u00fcro der Touristeninformation befindet. An einer Seite sind oben drei l\u00e4ngliche, hochmoderne, verst\u00f6rende Glasfenster angebracht, jeweils eine Figur darstellend. Die in der Mitte scheint einen Totenkopf zu haben. Es sind Glasfenster eines polnischen K\u00fcnstlers, Wyspia\u0144ski, und sie sind schon hundert Jahre alt. Das kann man nicht glauben. Sie sehen, da sind wir uns alle einig, wie zeitgen\u00f6ssische Kunst aus. Wyspina\u0144ski machte sich mit dieser Kunst, wie man sich vorstellen kann, nicht nur Freunde, zumal es sich bei den abgebildeten Gestalten um polnische Heilige und K\u00f6nige handelt.<\/p>\n<p>Dann geht es auf die Grodzka, die Stra\u00dfe, die direkt vom Hauptmarkt zum Wawel f\u00fchrt. Hier stehen wir auf dem Grund einer ehemaligen Kirche, deren Grundriss in den Bodenfliesen eingef\u00fcgt ist, und blicken, in k\u00fcrzester Entfernung, auf zwei weitere, direkt nebeneinander liegende Kirchen, die barocke Peter-und Paul-Kirche und die romanische Andreas-Kirche. Vor der Peter-und Paul-Kirche stehen monumentale Skulpturen der zw\u00f6lf Apostel, und an der Fassade erscheint das Emblem der Jesuiten. Das alles ist mehr als logisch. Aber \u00fcber dem Jesuiten-Emblem erscheint das Wappen der Wasa, der schwedischen Dynastie. Was hat das hier zu suchen? Merkw\u00fcrdigerweise heirateten die Schweden bei den einst verfeindeten Polen ein und waren dann auch sp\u00e4ter, als das Wahlk\u00f6nigtum eingef\u00fchrt wurde, Herrscher von Polen.<\/p>\n<p>Die Australier fragen unsere F\u00fchrerin nach der Euro. Ob es w\u00e4hrend der Zeit hier von Touristen gewimmelt h\u00e4tte. Die \u00fcberraschende Antwort: \u00fcberhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Und nicht nur, weil es hier in Krakau keine Spiele gab. Alle glaubten, alle anderen w\u00fcrden zur Euro nach Polen fahren, also blieben alle zuhause. Leuchtet ein. Die erh\u00f6hten Preise taten ihr \u00dcbriges. Viele der regelm\u00e4\u00dfigen Tagungen und Treffen wurden sogar abgesagt oder verschoben. Die Ausrichtung so einer Gro\u00dfveranstaltung ist in erster Linie ein Prestigegewinn. Finanziell kommt nicht viel dabei rum, und Fu\u00dfballfans sind sowieso nicht die ausgabenfreudigsten Besucher. Die F\u00fchrerin fragt auch, was aus den Stadien werden solle. In Warschau gibt jetzt Madonna ein Konzert, aber das tut sie auch nicht alle Tage. Langfristig, glaube ich, wird man aber einfach bekannter. Viele Besucher brauchen vielleicht Jahre, bis sie mal kommen, aber dann kommen sie doch. Ich habe nur ein paar Monate gebraucht, aber das ist eine Ausnahme.<\/p>\n<p>Wir sind inzwischen auf der Kanoniker-Stra\u00dfe. Hier ist es ruhig und gediegen. Keine Gesch\u00e4fte, kein Rummel, keine Reklame. Hier haben sich die Kirchenoberen niedergelassen, in palastartigen Bauten. Hier sieht man auch einzelne in der Sgraffito-Technik bemalte Fassaden, wie man sie aus Prag kennt, mit schwarzen und wei\u00dfen Rechtecken, die ein Relief vort\u00e4uschen. Auch das teuerste Hotel Krakaus, das <em>Copernicus<\/em>, befindet sich hier. Nat\u00fcrlich fehlt auch ein Haus nicht, das im Zusammenhang mit der Karriere eines aufstrebenden polnischen Klerikers steht, der es sp\u00e4ter bis nach ganz oben bringen sollte.<\/p>\n<p>Die Kanoniker-Stra\u00dfe f\u00e4llt zur Mitte hin ab, wie im Mittelalter, als in dem hier flie\u00dfenden Wasserkanal der Unrat landete.<\/p>\n<p>Und dann sind wir am Wawel, dem Endpunkt unseres Rundgangs. Neben der Rampe, die den H\u00fcgel hinauf f\u00fchrt, steht ein Reiterdenkmal, und es gelingt der F\u00fchrerin, eine Verbindung mit Australien herzustellen. Wie hei\u00dft der h\u00f6chste Berg Australiens? Das soll der <em>Mount Kosciusko<\/em> sein, und der ist benannt nach Tadeusz K\u00f3sciuszko, dem polnischen Freiheitsk\u00e4mpfer und Nationalhelden, der hier abgebildet ist. Er ist in Polen und\u00a0 Amerika ein Held. Er k\u00e4mpfte im Amerikanischen Unabh\u00e4ngigkeitskrieg an der Seite Washingtons und sp\u00e4ter in Polen gegen die Russen.<\/p>\n<p>An ihm vorbei kommen wir zum Schloss selbst und zur Kathedrale. Das Schloss \u00fcberrascht mit einem Innenhof in reinster Renaissance. Das sieht man ihm nicht von au\u00dfen aus.<\/p>\n<p>Die Kathedrale ist ein Gemisch aus den verschiedensten Stilen, mit einer langen Baugeschichte. Am auff\u00e4lligsten sind die vielen sp\u00e4ter hinzugef\u00fcgten Kapellen.<\/p>\n<p>Die Bedeutung der Kathedrale liegt vor allem in ihrer Funktion als Kr\u00f6nungsort und als Grablege f\u00fcr die polnischen K\u00f6nige. An der Seite, an der wir sitzen, ist der Zugang zu einem ganz besonderen Grab, dem j\u00fcngsten der Kathedrale, dem von Lech Kaczy\u0144ski. Er hatte die Karte \u201eKattyn\u201c voll f\u00fcr seine populistischen Thesen ausgespielt. Das Massaker von Kattyn bleibt den Polen in Erinnerung, nicht nur wegen der Grausamkeit und dem gro\u00dfen Verlust, sondern auch wegen der Vertuschung der Ereignisse durch die Sowjetunion, durch die Volksrepublik Polen und durch den Westen.<\/p>\n<p>Die F\u00fchrerin erz\u00e4hlt uns von den Kontroversen, die ausbrachen, als diskutiert wurde, ob er hier, bei den K\u00f6nigen, beigesetzt werden solle. Sie selbst war verwundert, weil er zu Lebzeiten wohl eher Gegenstand des Spotts gewesen sein muss. Und die Tatsache, dass er Pr\u00e4sident und sein Zwillingsbruder gleichzeitig Ministerpr\u00e4sident war, war auch nie auf gro\u00dfe Begeisterung gesto\u00dfen. Nach seinem Tod trat dann aber die gro\u00dfe Heldenverehrung ein, beg\u00fcnstigt durch die Umst\u00e4nde des Todes. Unsere F\u00fchrerin sagt, es sei nie so richtig klar geworden, wer denn letztlich die Entscheidung getroffen habe, dass er hier begraben werden soll. Das allein spricht B\u00e4nde. Mit dieser Anmerkung zum modernen Polen in einem historischen Kontext endet die Tour.<\/p>\n<p>Nach der F\u00fchrung sehe ich kurz in herein bei <em>Krakowski Kredens<\/em>, einem alten (oder auf alt gemachten) Laden, in dem es polnische Delikatessen in traditioneller Verpackung gibt. Durch eine kleine Luke zur Stra\u00dfe hin werden <em>cieple bulki<\/em> verkauft, warme Baguettes. Ich esse eins mit Schweinfleisch, aber es ist nichts Besonderes.<\/p>\n<p>In einer Seitengasse sehe ich einen gr\u00fcn-wei\u00dfen K\u00e4fer. Sieht genauso aus wie die Taxis in Mexiko. Und deshalb steht er auch da. Er macht Werbung f\u00fcr eine mexikanische Tacos-Bar.<\/p>\n<p>Trotz aller Modernisierung sieht man immer wieder traditionelle Gesch\u00e4fte, die keiner Einkaufskette angeh\u00f6ren, auch im Zentrum. Sie sind in kleinen L\u00e4den untergebracht, mit winzigen Schaufenstern, wie ein Laden f\u00fcr Damenh\u00fcte, an dem ich vorbeikomme.<\/p>\n<p>Irgendwie gelange ich zum <em>Kleinen Markt<\/em>, auf der R\u00fcckseite des Hauptmarkts gelegen. Er ist auch sehr ansehnlich, kommt aber nicht so richtig zur Geltung, weil er den Vergleich mit dem Hauptmarkt bestehen muss.<\/p>\n<p>Kurz dahinter sehe ich eine Frau, die einen Schirm tr\u00e4gt. Es regnet nicht, und sie steht nicht im Schatten, also wundere ich mich. Es stellt sich heraus, dass sie Werbung macht, indem sie den Schirm spazieren f\u00fchrt. Der Name des Ladens, in dessen N\u00e4he sie sitzt, ist auf dem Schirm des Schirms aufgedruckt. In den n\u00e4chsten Tagen sehe ich sie immer wieder. Immer an der gleichen Stelle.<\/p>\n<p>Krakau soll an der Weichsel liegen. Davon habe ich bisher nichts bemerkt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">24. Juli (Dienstag) <\/span><\/p>\n<p>Das Wort <em>g\u0142owna<\/em> verfolgt mich inzwischen: Vorgestern tauchte es beim Hauptbahnhof auf, gestern beim Hauptmarkt, heute bei der Hauptpost.<\/p>\n<p>Dort, bei der Hauptpost, beginnt am fr\u00fchen Morgen, bei wunderbarem Sommerwetter und noch ein bisschen frischer Luft, mein Lauf \u00fcber den <em>Planty<\/em>. Man hat links die Altstadt und rechts die gro\u00dfen Ringstra\u00dfen, von denen man aber immer durch ein gutes St\u00fcck <em>Planty<\/em> getrennt ist. Ich komme am <em>Florianstor<\/em> und der <em>Barbakane<\/em> und Resten der Stadtmauer vorbei, am neugotischen <em>Collegium Novum<\/em>, auf das ich gestern bei der Suche nach dem <em>Collegium Maius<\/em> immer wieder gesto\u00dfen bin, am Wawel und an allen m\u00f6glichen Kirchen, barocken wie gotischen. Ich laufe den Weg zweimal und brauche f\u00fcr jede Runde genau 20 Minuten.<\/p>\n<p>Die Nachrichten vom Jahrestag des norwegischen Terroranschlags erinnern mich daran, dass ich vor genau einem Jahr in Stockholm war. Auch da hatte ich Gl\u00fcck mit dem Hotel. Auch da merkte ich im Laufe der Tage, wie g\u00fcnstig das Hotel lag. Paradoxerweise passiert auch jetzt wieder ein Terroranschlag, diesmal in einem Kino in Amerika. W\u00e4hrend sich alle noch fragen, wie so etwas passieren kann, frage ich mich immer noch, warum so etwas nicht \u00f6fter passiert.<\/p>\n<p>Heute geht es zum Schloss. Ich habe eine F\u00fchrerin ganz f\u00fcr mich alleine. Zum Wawel rauf geht es, anders als gestern, \u00fcber eine breite Rampe. Frank, der deutsche Nazi-Gouverneur, hat sie sich extra bauen lassen, damit er mit dem Auto zum Wawel, seinem Amtssitz, fahren konnte. An der Seite der Rampe sieht man eine lange Mauer, die von den \u00d6sterreichern und aus dem 19. Jahrhundert stammt, und dahinter einen Turm aus dem Mittelalter. Der Wawel hat eine lange und komplizierte Baugeschichte.<\/p>\n<p>Man betritt den Wawel durch ein Tor mit der Aufschrift <em>Si deus pro nobis, quis contra nos?<\/em> &#8211; <em>Wenn<\/em> <em>Gott mit uns ist, wer ist dann gegen uns?<\/em> Am Ende des Tordurchgangs macht mich die F\u00fchrerin auf drei Wappen aufmerksam, die ich garantiert \u00fcbersehen h\u00e4tte: eins mit einer Schlange, eins mit einem Reiter, eins mit einem Adler. Adler und Reiter stehen f\u00fcr Polen und Litauen. Mit Litauen rechne ich ja seit gestern. Aber mit der Schlange habe ich nicht gerechnet. Sie steht f\u00fcr die Sforza von Mailand, auch sie Teil der komplizierten polnischen K\u00f6nigsgeschichte und der Geschichte des Wawel.<\/p>\n<p>Die F\u00fchrerin schleust mich an den Schlangen an der Kasse vorbei zu einem Extraschalter. Dort wird umst\u00e4ndlich und auf veraltete Weise festgehalten, wer wann das Schloss betritt. Das System der Eintrittskarten mit den verschiedenen Ausstellungen des Museums ist kompliziert.<\/p>\n<p>Die R\u00e4ume befinden sich auf drei Stockwerken: unten die des Verwalters, in der Mitte die Privatr\u00e4ume der K\u00f6nige, oben die Repr\u00e4sentationsr\u00e4ume der K\u00f6nige. Die Privatr\u00e4ume k\u00f6nnen nicht besichtigt werden, aber es ist auch so mehr als genug.<\/p>\n<p>Nicht alles ist Original, viel ging durch Kriege und Dynastiewechsel, anderes bei einem schweren Brand verloren, aber das w\u00fcrde man gar nicht merken, wenn man es nicht w\u00fcsste. Es gibt zum Beispiel Portraits des B\u00fcrgermeisters von Braunschweig und seiner Ehefrau. Die waren nie hier und haben auch mit dem Wawel nichts zu tun. Aber sie tragen die Renaissancetracht, die auch der Verwalter getragen haben k\u00f6nnte. Auch bei einer <em>Auferstehung<\/em> <em>Christi<\/em> ist der Bezug zum Wawel kaum zu erkennen. Es gibt ihn aber. Christus steigt n\u00e4mlich vor der Kulisse von Krakau in den Himmel auf. Durch dieses Bild wei\u00df man zum Beispiel, wie das Schloss vor dem gro\u00dfen Brand aussah.<\/p>\n<p>Womit sich der Verwalter am meisten besch\u00e4ftigte, bleibt einem nicht verborgen: mit Geld. Das Thema taucht immer wieder auf, u.a. in der Form verschiedener Geldtruhen, auch beweglicher Geldtruhen, die man auf Reisen mitnahm. Die hatten eine leicht gew\u00f6lbte Form, so dass man auf ihnen auch schreiben und sie unter das Kopfkissen legen konnte.<\/p>\n<p>Am Ende des Rundgangs ist einem ganz schwindlig vor lauter Namen und Daten und Stilen, aber man erkennt in verschiedenen Bereichen ganz sch\u00f6n die Entwicklung. Das gilt zum Beispiel f\u00fcrs Heizen, einem wichtigen Thema in einem Land, wo es im Winter schon mal 30\u00b0 unter Null sein kann. Bei der primitivsten Form von Heizung kam die W\u00e4rme des offenen Feuers aus den Innenh\u00f6fen einfach durch die Fenster nach innen. Dann kamen offene Kamine, dann Kachel\u00f6fen. Feuer war nat\u00fcrlich ein Sicherheitsrisiko. Nicht umsonst wurde ein Teil des Schlosses bei einem Brand zerst\u00f6rt. Beim Rundgang merkt man das an einem Stilwechsel, der sich unter anderem an den Decken bemerkbar macht: statt Kassettendecken kommen jetzt Deckengem\u00e4lde. Und an der Wand erscheinen Ledertapeten.<\/p>\n<p>Bei den Kassettendecken gibt es in einem Raum eine Besonderheit, die vielleicht sogar einzigartig ist: in jeder Kassette h\u00e4ngt ein Kopf. Abgebildet sind vornehme Menschen wie einfache B\u00fcrger. Identifizierbar sind sie nicht, und es ist auch bis heute nicht gekl\u00e4rt, was Sinn und Zweck der Veranstaltung war. Es sind allerdings nur noch 30 von urspr\u00fcnglich 200 K\u00f6pfen erhalten. Schade, dass man keine Photos machen kann.<\/p>\n<p>Besonders bekannt sind die Tapisserien des Schlosses. Sie sind fast ausschlie\u00dflich in Br\u00fcssel hergestellt, oft auf Bestellung, und tragen das Br\u00fcsseler Qualit\u00e4tszeichen. Auch hier kann man deutlich eine Entwicklung ablesen. Die fr\u00fchen Tapisserien sind oft aus Wolle und fast ohne Farben, sp\u00e4ter kommen Seide und Silber und Gold hinzu. Die Motive sind zuerst meist aus den klassischen Mythen, sp\u00e4ter eher biblisch, alttestamentarisch. Auch die Perspektive und die Darstellung der Details werden immer kunstvoller. Bei einer Darstellung des Turmbaus zu Babel sieht man hervorragend dargestellte Werkzeuge und N\u00e4gel. Man kalkuliert, dass ein Weber etwa einen Monat f\u00fcr einen Quadratmeter brauchte. Es waren immer verschiedene Weber gleichzeitig am Werk. Wie das dann zusammengef\u00fcgt wurde, bleibt mir unverst\u00e4ndlich. N\u00e4hte kann man jedenfalls nicht erkennen. Unabh\u00e4ngig von der Epoche ist die Bord\u00fcre immer ohne jeden Bezug zum dargestellten Sujet. Man bekommt die Anbetung der Hl. Drei K\u00f6nige und auf der Bord\u00fcre Fasanen oder Grotesken. Die Kartons, nach denen die Tapisserien gefertigt wurden, konnte man auch aufkaufen, wenn man das Geld investieren wollte, eine Art fr\u00fcher Copyright-Schutz. Wenn man es nicht tat, gab es oft billige Nachahmungen. Auch davon h\u00e4ngen ein paar im Schloss.<\/p>\n<p>Bei den Gem\u00e4lden gibt es eins mit der Darstellung der Seeschlacht von Lepanto, die gleichzeitig die in Rom gleichzeitig stattfindende Rosenkranzprozession abbildet, zwei Szenen in einem Bild.<\/p>\n<p>Unter den Portraits befinden sich die von zwei Monarchen, Jan Sobiecki, einem starken, beliebten Monarchen, der in Polen als \u201eRetter Europas\u201c gilt, und Michael Wi\u015bniowiecki, einem ungeliebten, schwachen Monarchen, von dem gesagt wurde, er k\u00f6nne sieben Sprachen und k\u00f6nne in keiner etwas Gescheites sagen.<\/p>\n<p>Als Warschau 1608 Hauptstadt von Polen wurde \u2013 vor Krakau war es Gnesen gewesen \u2013 kamen die K\u00f6nige nur noch zur Hochzeit, zur Kr\u00f6nung und zur Bestattung auf den Wawel, und das Schloss wurde vernachl\u00e4ssigt. Es wurde dann von den \u00d6sterreichern als Kaserne genutzt und von den Polen, als sie wieder selbst\u00e4ndig waren, notd\u00fcrftig instandgesetzt. Es diente sogar als Amtssitz des Pr\u00e4sidenten. Sp\u00e4ter machte der deutsche Generalgouverneur Frank, der \u201eSchl\u00e4chter von Krakau\u201c, den Wawel zu seinem Amtssitz.<\/p>\n<p>Au\u00dfer der Reihe ist momentan wegen der Renovierung des Czartoryski-Museums Leonardos <em>Dame mit dem Hermelin <\/em>im Schloss zu sehen, in einer eigenen Abteilung, in einem eigenen Raum und mit zus\u00e4tzlicher Eintrittskarte.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Bookman Old Style, serif;\"><span style=\"font-size: x-small;\">Das Bild ist erstaunlich klein. Man sieht eine junge Dame, <\/span><\/span><span style=\"font-family: Bookman Old Style, serif;\"><span style=\"font-size: x-small;\">Cecilia Gallerani, <\/span><\/span><span style=\"font-family: Bookman Old Style, serif;\"><span style=\"font-size: x-small;\">die ein Hermelin auf dem Arm h\u00e4lt. Das soll eine Anspielung darauf gewesen sein, dass sie schwanger war. Sie war die Geliebte Ludovico Sforzas, Leonardos Auftraggeber. <\/span><\/span><span style=\"font-family: Bookman Old Style, serif;\"><span style=\"font-size: x-small;\">Sie blickt aus einem dunklen, unbestimmbaren Raum heraus in Richtung einer hellen Lichtquelle. Sie reagiert, ebenso wie das Hermelin auf ihrem Arm, das sich gegen den Arm Cecilias stemmt, auf ein Ger\u00e4usch oder eine Bewegung au\u00dferhalb des Bildes. Das ist kunstvoll dargestellt, dadurch, dass Kopf und Schulter in gegenl\u00e4ufigen Bewegungsrichtungen dargestellt werden. Das Hermelin sieht gespannt, geradezu neugierig aus. Cecilia tr\u00e4gt ein doppelt um den Hals geschlungenes Band. Sie hat h<\/span><\/span><span style=\"font-family: Bookman Old Style, serif;\"><span style=\"font-size: x-small;\">at klare, sch\u00f6ne Gesichtsz\u00fcge und ein auff\u00e4lliges, d\u00fcnnes Band an der Stirn. Der Vergleich mit der Mona Lisa dr\u00e4ngt sich auf, aber dieses Bild ist ganz klar besser.<\/span><\/span><span style=\"font-family: Bookman Old Style, serif;\"><span style=\"font-size: x-small;\"> <\/span><\/span><\/p>\n<p>Aus diesem besonders abgedunkelten Raum geht es dann wieder ans Tageslicht. Man tritt direkt auf den sch\u00f6nen Innenhof. Das ist Renaissance pur. Der Innenhof hat drei Stockwerke, zwei mit Arkaden, von denen der dritte, der mit den Repr\u00e4sentationsr\u00e4umen, der h\u00f6chste ist. Die S\u00e4ulen haben hier einen Knoten in der Mitte. Eine Kuriosit\u00e4t ist das Dach. Man w\u00fcrde bei dieser Konstruktion ein Flachdach erwarten, aber das Dach ist ein stark geneigtes Pultdach aus roten Ziegeln. Die italienischen Konstrukteure mussten diese Konzession an das polnische Wetter machen.<\/p>\n<p>Gleich neben dem Schloss liegt die Kathedrale. Die hatte ich ja schon gestern gesehen, mit ihren verr\u00fcckten Stilmisch. Jeder scheint zu jeder Zeit etwas angebaut zu haben, vor allem Kapellen. Dabei ist die Kathedrale eigentlich gotisch, was man im Westen und innen immerhin noch erkennen kann, aber \u00fcberall hat der Barock seine Finger drin gehabt.<\/p>\n<p>\u00dcber dem Eingang h\u00e4ngen merkw\u00fcrdigerweise einige riesige Tierknochen, von Nashorn und Wal unter anderem. Sie wurden hier ganz in der N\u00e4he gefunden. Der Legende zufolge bleibt die Kathedrale, oder sogar die Welt, bestehen, solange die Knochen dort h\u00e4ngen. Wenn das stimmt, dann h\u00e4ngt die Welt an einem seidenen Faden.<\/p>\n<p>Die heutige Kathedrale ist die dritte, nachdem die erste durch Feineinwirkung, die zweite durch Brand zerst\u00f6rt wurde.<\/p>\n<p>Die erste Kr\u00f6nung fand 1320 statt, nachdem Krakau von Gnesen die Funktion als Hauptstadt \u00fcbernommen hatte. Seitdem wurden die meisten polnischen K\u00f6nige hier gekr\u00f6nt und die meisten auch hier begraben. Die Sarkophage sind auf die ganze Kirche verteilt, die Gr\u00e4ber selbst sind wohl in der Krypta.<\/p>\n<p>Auch bei den Sarkophagen kann man wieder sch\u00f6n eine Entwicklung sehen. Die mittelalterlichen K\u00f6nige sind immer liegend und gerade ausgestreckt dargestellt, ab der Renaissance liegen sie dann l\u00e4ssig auf der Seite, so als w\u00e4ren sie nicht tot.<\/p>\n<p>Auch die Figuren am Sockel der Sarkophage \u00e4ndern sich. Bei Wladislaw Jagiello, einem K\u00f6nig, der \u00fcber 80 Jahre wurde, sind unten auf dem Sockel die k\u00f6niglichen R\u00e4te dargestellt. Der Sarkophag, aus rotem Marmor, wurde noch zu Lebzeiten gemacht, der K\u00f6nig hatte also ein Mitspracherecht. Bei dem Sohn Kasimirs sind trauernde Frauen dargestellt, und bei Kasimir selbst, dem Gr\u00fcnder der Universit\u00e4t, sind es Professoren.<\/p>\n<p>In einer Kapelle befindet sich ein riesiges schwarzes Kreuz. Es ist das Kreuz, vor der Hedwig gebetet haben soll, die K\u00f6nigin von dem Bild im <em>Collegium Maius<\/em>, die aus Staatsr\u00e4son den litauischen F\u00fcrsten heiratete. Am Fu\u00df des Christus h\u00e4ngt der in einer Schlacht eroberte Steigb\u00fcgel des t\u00fcrkischen Gro\u00dfvisiers!<\/p>\n<p>Als Hedwig heiliggesprochen wurde, wurde ihr Sarg ge\u00f6ffnet, und die Grabbeigaben sind auch hier in der Kathedrale ausgestellt, ein Zepter und ein Reichsapfel. Sie sind tats\u00e4chlich aus Holz, wenn auch vergoldet.<\/p>\n<p>Der k\u00fcnstlerische H\u00f6hepunkt der Kathedrale soll die Kapelle der Jagellonen sein, eine Renaissancekapelle, die in aller Welt nachgeahmt worden sein soll, unter anderem gleich hier, in der Kathedrale, denn die Kapelle gleich daneben, obwohl viel sp\u00e4ter gebaut, ist von derselben Machart. Au\u00dfen ist eine der Kuppeln vergoldet, die andere nicht.<\/p>\n<p>Der H\u00f6hepunkt der Kathedrale im Sinne der polnischen Volksfr\u00f6mmigkeit ist der silberne Sarkophag des Hl. Stanislaus, des ersten echten polnischen Heiligen nach dem \u201eimportierten\u201c Florian. Der Sarkophag steht erh\u00f6ht auf einem Altar und stellt Szenen aus dem Leben, dem Martyrium und den Wundern des Heiligen dar.<\/p>\n<p>In der ganzen Kathedrale dr\u00e4ngt man sich, und ich bin froh, als es auch hier wieder ans Tageslicht geht, zumal an so einem sch\u00f6nen Sommertag.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg geht es den anderen Weg vom Wawel hinunter. Zwischen zwei Baumreihen auf der <em>Planty<\/em> ergibt sich ein kurzer Blick auf den K\u00f3sciuszko-H\u00fcgel, einen k\u00fcnstlich aufgesch\u00fctteten H\u00fcgel zur Verehrung des Nationalhelden. Er wurde vor ein paar Jahren von einer \u00dcberschwemmung fast weggeflutet, aber wieder aufgebaut.<\/p>\n<p>Kurz darauf kommen wir zur Franziskaner-Kirche. Sie vor allem eins: lang. Sie ist gotisch, mit Ver\u00e4nderungen im Jugendstil. F\u00fcr die ist Wyspia\u0144ski zust\u00e4ndig, der von den atemberaubend modernen Glasfenstern der Touristeninformation im Zentrum. Auch hier hat er das Westfenster gestaltet, in hellen Farben und flie\u00dfenden Formen. Gott wird bei der Erschaffung der Welt und der Trennung von Gut und B\u00f6se dargestellt. Er sieht fast zornig aus, jedenfalls agiert er vehement, mit einer hoch in die Luft gehobenen Hand scheint er auf etwas eindreschen zu wollen. Es hei\u00dft, Wyspia\u0144ski habe seinen Onkel als Modell f\u00fcr die Figur genommen. Der war Anf\u00fchrer einer patriotischen Bewegung und soll st\u00e4ndig schlecht gelaunt durch Krakau gelaufen zu sein, um Anh\u00e4nger zu rekrutieren.<\/p>\n<p>Die W\u00e4nde der Kirche hat Wyspia\u0144ski mit Tapeten ausgestattet, dunklen Tapeten, die Motive der polnischen Volkskunst zeigen oder der polnischen Natur oder dem, was daf\u00fcr gehalten wird.<\/p>\n<p>Das Franziskaner-Kloster hier war die Heimat von Maximilian Kolbe, der auf einem Portrait im Mittelschiff dargestellt ist.<\/p>\n<p>In einer Seitenkapelle steht hinter Glas eine k\u00fcnstlerisch vermutlich nicht wertvolle Christusfigur, deren Motiv aber ungew\u00f6hnlich oder sogar einzigartig ist: Christus irgendwann zwischen Dornenkr\u00f6nung und Kreuzigung, in sitzender Position, mit einem Gewirr von Seilen \u00fcber der Schulter. Sind es die Seile, mit denen das Kreuz nach oben gezogen wird?<\/p>\n<p>In der N\u00e4he der Franziskaner-Kirche befindet sich der Bischofspalast mit dem \u201ePapstfenster\u201c \u00fcber dem Balkon. Das ist das Fenster, von dem aus der polnische Papst zu den Krakauern gesprochen hat, wenn er zu Besuch war.<\/p>\n<p>Ich erfahre unterwegs, dass Krakau bis zum 2. Weltkrieg 250.000 Einwohner hatte und heute mehr als dreimal so viel. Wo die denn alle wohnen w\u00fcrden, will ich wissen. Es werde \u00fcberall gebaut, sagt die F\u00fchrerin. Bei ihr, in Nova Huta, der sozialistischen Modellsiedlung, werde gleich vor ihrem Fenster gebaut. Das Problem sei, dass all das viel zu teuer sei und viele neue Wohnungen leer st\u00fcnden.<\/p>\n<p>An einer Karte von Krakau zeigt mir die F\u00fchrerin, dass Kazimierz, der j\u00fcdische Stadtteil, fr\u00fcher eine Insel war, abgetrennt vom Rest durch einen Nebenarm der Weichsel, der dann sp\u00e4ter zugesch\u00fcttet wurde. Auf dieser Trasse verlaufen einige der gro\u00dfen Ringstra\u00dfen, darunter die meines Hotels: Starowi\u015blna. Das bedeutet ganz einfach \u201aAlte Weichsel\u2018.<\/p>\n<p>Und dann kommt noch ein Nachtrag zur Kathedrale. Das \u00e4lteste K\u00f6nigsgrab der Kathedrale ist das von W\u0142adys\u0142aw I., \u201eW\u0142adys\u0142aw Ellenlang\u201c. Der erfand schon zu seiner Zeit einen Sprachtest zur Identifizierung der ungeliebten Ausl\u00e4nder: Man musste die polnischen W\u00f6rter f\u00fcr \u201aLinse\u2018, \u201aRad\u2018, \u201amahlt\u2018 und \u201aM\u00fchle\u2018 aussprechen, <em>soczewica<\/em>, <em>kolo<\/em>, <em>miele<\/em>, <em>m\u0142yn<\/em>. Das, so glaubte man, k\u00f6nne kein Ausl\u00e4nder. Ich versuche mich trotzdem daran, und das Urteil der F\u00fchrerin ist eindeutig: hoffnungslos. Das lernen sie nie, das kann kein Deutscher. Danke f\u00fcr die Ermutigung! Das sei eben das Besondere. Sie, die Polen, h\u00e4tten keinen Akzent, deshalb seien sie so gut im Fremdsprachenlernen. Sie muss wohl meinen skeptischen Gesichtsausdruck gesehen haben \u2013 ich erinnere mich, wie sie <em>Weissenheim<\/em>, <em>geborren<\/em> und <em>V\u00e4tter<\/em> sagt \u2013 und sorgt f\u00fcr Klarheit: \u201eSo ist das.\u201c<\/p>\n<p>Die F\u00fchrerin will mir noch die St.-Anna-Kirche zeigen, die \u201esch\u00f6nste Barockkirche der Welt\u201c, aber die ist geschlossen, also gehen wir zum Hauptmarkt, dem \u201esch\u00f6nsten Platz der Welt\u201c. Dann schiebt sie noch hinterher, sie kenne aber nicht viele Pl\u00e4tze. Was die Behauptung nicht besser macht.<\/p>\n<p>Da ich nun schon einmal da bin, leiste ich mir anschlie\u00dfend in einem der Caf\u00e9s gleich neben der Elisabethkirche auf dem mal wieder voll besetzten Hauptmarkt eine Schokolade. Es ist kein Kakao, sondern wirklich zerlassene Schokolade, so z\u00e4hfl\u00fcssig, dass man sie mit dem L\u00f6ffel essen muss. Zuf\u00e4llig erwische ich auch gerade eine volle Stunde und den T\u00fcrmer. Es \u00f6ffnet sich ein Fenster in einem der oberen Turmgeschosse, und man sieht die Trompete hervorschauen.<\/p>\n<p>Dann gehe ich zu der nur ein paar Schritte entfernten Stadtmauer. Es gibt nicht viel zu sehen, aber einige interessante Informationstafeln. Man macht zuerst eine Runde durch die Barbakane, deren gleichm\u00e4\u00dfige, rote Ziegel nach Rekonstruktion aussehen, aber original sein sollen, und dann \u00fcber die erhaltene Stadtmauer, zwischen den beiden erhaltenen T\u00fcrmen. Alle 50 Meter gab es fr\u00fcher einen Turm, und f\u00fcr deren Aufrechterhaltung und Versorgung mit Personal war jeweils eine andere Zunft zust\u00e4ndig. Den Abbildungen an der Wand kann man entnehmen, dass die T\u00fcrme sehr unterschiedlich waren: rund, rund mit hohem, spitz zulaufendem Dach, quadratisch mit achteckigem Aufbau, rechteckig mit Walmdach, eckig mit spitzem Turm (sieht wie eine Kirche aus).<\/p>\n<p>An der Barbakane begann einst die <em>Via Regia<\/em>, der Weg, den die K\u00f6nige zur Kr\u00f6nung im Wawel zur\u00fccklegten, und dann sp\u00e4ter ein zweites Mal \u2013 im Sarg.<\/p>\n<p>Woher das Wort <em>Barbakane<\/em> kommt ist umstritten: Arabisch? Keltisch? Latein? Wenn es aus dem Arabischen kommt, bedeutet es \u201aKuhtor\u2018, wenn es aus dem Keltischen kommt, bedeutet es \u201aBollwerk\u2018, wenn es aus dem Lateinischen kommt, ist es von <em>barba<\/em> abgeleitet, das eigentlich \u201aBart\u2018 hei\u00dft, aber auch eine zus\u00e4tzliche, der Stadtmauer hinzugef\u00fcgte Verteidigungsanlage bezeichnet.<\/p>\n<p>Die Barbakane, wird stolz verk\u00fcndet, verhinderte die Eroberung der Stadt durch Maximilian von Habsburg (XVI), der es auf die polnische Krone abgesehen hatte. Auch Gustav Adolf sei an ihr gescheitert, hei\u00dft es. Aber dann wird versch\u00e4mt hinzugef\u00fcgt, er habe die Stadt trotzdem erobert: Den Einwohnern waren nach der langen Belagerung Proviant und Munition ausgegangen.<\/p>\n<p>In einer der Schlachten machte sich ein gewisser Marcin Orancewicz einen Namen. Er soll den russischen General Iwan Panin get\u00f6tet haben, und das, obwohl ihm die Munition ausgegangen war. Statt einer Kugel soll er einen Knopf benutzt haben.<\/p>\n<p>Auch einen Namen machte sich ein gewisser Feliks Radwa\u0144ski. Er setzte sich f\u00fcr den Erhalt der Mauer ein. Als ihm die Argumente ausgingen, behauptete er, der Abriss w\u00fcrde die gef\u00fcrchteten Nordwinde ohne Hindernis in die Stadt eindringen lassen. Das hatte Wirkung. Der Nordteil der Stadtmauer und die Barbakane blieben erhalten.<\/p>\n<p>Von hier aus sind es nur ein paar Hundertmeter bis nach Kleparz, dem n\u00f6rdlichen Vorort Krakaus. Aber man kommt in eine andere Welt: Kaum ein Auto ist zu sehen oder zu h\u00f6ren, die etwas sch\u00e4bigen Fassaden der hohen H\u00e4user haben noch nie etwas von Renovierung geh\u00f6rt, und mit Englisch geht hier fast gar nichts mehr. Das soll sich bald r\u00e4chen. Auf dem Markt, dem eigentlichen und einzigen Ziel der Exkursion, werde ich von K\u00e4severk\u00e4uferinnen und vom K\u00e4se angelockt. Ich m\u00f6chte herausfinden, ob es hier den <em>oscypek<\/em> gibt, den ber\u00fchmten Schafsk\u00e4se, den man unbedingt probieren soll. Vorher bin ich auf der Florianska keiner der B\u00e4uerinnen begegnet, die hier sonst stehen und den selbst gemachten K\u00e4se verkaufen. Dieser hier ist auch unverpackt und wahrscheinlich \u201eaus eigener Herstellung\u201c. Ich bekomme von zwei Bergen etwas zu probieren. Beide schmecken nicht nach viel, aber der H\u00f6flichkeit halber will ich von dem zweiten etwas nehmen. Zu meinem Entsetzen sehe ich, dass die Frau mir den ganzen Berg andrehen will und gestikuliere wild, um meinen Protest kundzutun. Freudestrahlend redet sie auf mich ein, und ich glaube, sie habe mich verstanden. Dann packt sie trotzdem den ganzen Berg ein und dr\u00fcckt mir einen S\u0142oty in die Hand. Sonderpreis. Sie dachte, ich wolle feilschen.<\/p>\n<p>Da ich nun schon auf dem K\u00e4se sitzen geblieben bin, kaufe ich gleich auch noch Tomaten und Brot f\u00fcr eine \u201eBrotzeit\u201c dazu. Alles in gro\u00dfen Mengen zu kleinen Preisen. Der Markt lohnt auf jeden Fall einen Besuch. Es ist voll und trotzdem ruhig. Die St\u00e4nde stehen eng beieinander, und die G\u00e4nge sind schmal. Alle St\u00e4nde sind vollgepackt mit Artikeln, vor allem im vorderen Teil, wo es Kleidung und Haushaltswaren gibt. Zwischen den St\u00e4nden, alle unter Wellblechd\u00e4chern, gibt es vereinzelte kleine H\u00e4uschen, in denen sich ganze \u201eL\u00e4den\u201c befinden. Die Leute sind freundlich und lassen sich gerne darauf ein, sich mit Hand und Fu\u00df zu verst\u00e4ndigen. Die Tomaten sind riesig und fest, ganz anders als bei uns. Auch die ber\u00fchmten polnischen Gurken, kurz und dick, gibt es an jedem Stand. An einem Kiosk sehe ich eine Aufforderung, den Markt im Internet zu entdecken, und zwar <em>na Facebooku. <\/em><\/p>\n<p>Auf dem Markt l\u00f6st sich auch endlich das R\u00e4tsel mit den Klot\u00fcren, allerdings auf unspektakul\u00e4re Weise. Neben dem Dreieck steht <em>Menski<\/em> und daneben ist eine Figur abgebildet, die eindeutig einen Mann darstellt. Das Dreieck zeigt nach unten. Das h\u00e4tte man durchaus f\u00fcr ein Symbol f\u00fcr Frau ansehen k\u00f6nnen, den Kreis aber auch. Ich h\u00e4tte jedenfalls mal wieder falsch gelegen.<\/p>\n<p>Am Abend gehe ich ins <em>Cechowa<\/em>, ein traditionelles polnisches Restaurant in der Altstadt. Der Name ist abgeleitet von <em>cech<\/em>, dem polnischen Wort f\u00fcr \u201aZunft\u2018, denn hier war einst der Sitz einer Gilde. Noch heute ist das Haus ebenfalls Sitz der Handwerkskammer, und der heutige Besitzer hat die Gilde der Kaufleute wiederbelebt und ist deren Vorsitzender. An der Wand sind Embleme der verschiedenen Z\u00fcnfte angebracht.<\/p>\n<p>Die Einrichtung ist eine Mischung aus vornehm und z\u00fcnftig: Seidentapeten und Kronleuchter, Holzbalken und Gildezeichen. Hier kann ich gleich zwei typische polnische Gerichte probieren, <em>zurek<\/em> und <em>bigos<\/em>, eine s\u00e4uerlich schmeckende Mehlsuppe mit Kartoffel- und Wurstscheiben und eine Art Auflauf aus Kohl, Pflaumen, \u00c4pfeln und verschiedenen Fleischst\u00fccken. Beides schmeckt hervorragend, und auch das Bier, wieder von der Marke <em>\u015aywiec<\/em>, schmeckt gut, besser als dieser Tage im Thail\u00e4ndischen Restaurant.<\/p>\n<p>Als ich um halb zehn das Restaurant verlasse, bin ich schon der letzte Gast. Au\u00dfer mir hat sich vielleicht ein halbes Dutzend G\u00e4ste hierher verirrt. Das Restaurant liegt zwar in der Innenstadt, aber nicht direkt am Markt, und dann hat man es schwer. Das tut einem leid, denn die Schnellimbissl\u00e4den im Zentrum sind noch voll. Ich sehe mir aus Neugier die Preise an. Eine Pizza Salami kostet 24 S\u0142oty, einen S\u0142oty weniger als mein gesamtes Essen.<\/p>\n<p>Ich kann dann noch ein paar Photos des n\u00e4chtlichen Krakau machen und entdecke, halb zuf\u00e4llig, eine Kneipe, die schon wegen ihres Namens im Reisef\u00fchrer erw\u00e4hnt wird: <em>Pierwszy lokal na Stolarskiej po lewej stronie id\u0105c od Malego Rynku \u2013 Das erste Lokal auf der linken Seite in der Stolarska-Stra\u00dfe, wenn man vom Kleinen Markt kommt. <\/em><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">25. Juli (Mittwoch) <\/span><\/p>\n<p>Die Klamotten sind schon trocken, also beginnt der Tag wie gestern: mit Laufen. Es ist aber heute nicht so sonnig und etwas dr\u00fcckend.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg bringe ich mir einen Kringel mit, <em>obwarzanki<\/em>, ein Backwerk, das an jeder Stra\u00dfenecke von \u201eEinzelunternehmern\u201c in kleinen Karren verkauft und in jedem Reisef\u00fchrer erw\u00e4hnt wird. Es gibt sie neuerdings wohl auch mit Sesam und mit K\u00e4se, aber der Klassiker ist der mit Mohn. Schmeckt gut, etwas s\u00fc\u00dflich, aber auch kein Anw\u00e4rter auf das kulinarische Weltkulturerbe.<\/p>\n<p>Auf den polnischen Geldscheinen sind polnische K\u00f6nige abgebildet. Fr\u00fcher waren es polnische Sozialisten. Die M\u00fcnzen wirken etwas veraltet. Sie haben alle den polnischen Adler auf der R\u00fcckseite, und vorne die Zahl. Die kleinere Einheit sind <em>Groschen<\/em> \u2013 so h\u00f6rt es sich jedenfalls an &#8211; und es gibt tats\u00e4chlich M\u00fcnzen von einem Groschen. Das entspricht ungef\u00e4hr einem Viertel Cent. Die Deklination der M\u00fcnzeinheit h\u00e4ngt von der Zahl ab: 1 S\u0142oty, 2 S\u0142ote, 5 S\u0142otych.<\/p>\n<p>Gleich unten am Hotel gibt es einen kleinen Verkaufsstand, in die H\u00e4userwand eingelassen. Da gibt es Schirme. Das kommt gut zu Pass. Es regnet, und ich habe in einem Anfall von Wahnsinn meinen Schirm im letzten Moment im Auto gelassen. Ich kaufe einen, und den ganzen Tag lang geht er auf und zu, auf und zu. Das Wetter ist wie ausgewechselt. Schade.<\/p>\n<p>Heute geht es nach Kazimierz. Wieder bin ich begeistert \u00fcber die Lage des Hotels, als ich nach wenigen Minuten schon da bin.<\/p>\n<p>Die Krakauer Juden lebten urspr\u00fcnglich in dem heutigen Universit\u00e4tsviertel. Als die Universit\u00e4t sich immer weiter ausdehnte und die H\u00e4user der Anwohner aufkaufte, breiteten die Juden sich \u00fcber die ganze Stadt aus. Es kam zu gelegentlichen Streitereien und dann zu einem Pogrom, in dessen Gefolge der K\u00f6nig entschied, die Juden alle in dem alten christlichen Viertel Kazimierz unterzubringen und direkt unter seinen Schutz zu stellen.<\/p>\n<p>Man kommt zuerst zu einer Synagoge, die sp\u00e4ter um ein Stockwerk erh\u00f6ht wurde, und zwar von Gucci, dem Erbauer der Tuchhallen. Urspr\u00fcnglich durften die j\u00fcdischen H\u00e4user nicht h\u00f6her sein als die christlichen. Neben der Synagoge sieht man Reste einer Mauer, die fr\u00fcher das j\u00fcdische Viertel vom christlichen abtrennte.<\/p>\n<p>Die Juden legten, dem Vernehmen nach, nicht viel Wert auf Sauberkeit in den Stra\u00dfen und pflegten ihre H\u00e4user und Synagogen auch kaum. Man f\u00fchlt sich an das orthodoxe j\u00fcdische Viertel in Jerusalem erinnert. Wenn das so war, war es sicher guter N\u00e4hrboden f\u00fcr Vorurteile (\u201eDreckige Juden\u201c). Auch jetzt kann man sich noch ein Bild davon machen. Teile des Viertels wirken ein bisschen vernachl\u00e4ssigt, jedenfalls nicht so herausgeputzt wie das Zentrum.<\/p>\n<p>Das Verh\u00e4ltnis zwischen Christen und Juden war passabel, auch wenn es Pr\u00fcgeleien und Erpressungen gab.<\/p>\n<p>Dann kommt man zu der Breiten Stra\u00dfe. Sie ist eher ein Platz als eine Stra\u00dfe. An der Ostseite des Platzes reiht sich ein Restaurant an das andere, alle mit gro\u00dfen Terrassen. Mehrere der Restaurants bieten am Abend Klezmer-Musik und j\u00fcdische K\u00fcche. Jedenfalls wird nach j\u00fcdischen Rezepten, nicht aber unbedingt nach j\u00fcdischen Vorschriften gekocht. Heute leben nur noch gut Hundert Juden in Krakau.<\/p>\n<p>An Restaurants, Bars und Caf\u00e9s herrscht kein Mangel in Kazimierz. Eins hei\u00dft <em>Szalom<\/em> und gew\u00e4hrt damit einen kleinen Einblick in die polnische Orthographie. Ein anderes hat das Wort f\u00fcr \u201aKaffee\u2018 in mehr als einem Dutzend Sprachen an seiner Fassade angebracht: <em>coffee<\/em>, <em>caf\u00e9<\/em>, <em>kawa<\/em>, <em>cafea<\/em>, <em>k\u00e1v\u00e9<\/em>, <em>c\u00e0 ph\u00e9<\/em> und W\u00f6rter in Kyrillisch, Arabisch, Chinesisch und anderen Schriften.<\/p>\n<p>An dem Breiten Platz liegt auch das <em>Caf\u00e9 Rubinstein<\/em>. Es befindet sich in dem Geburtshaus von Helena Rubinstein. Sie emigrierte nach einem abgebrochenen Medizinstudium nach Australien, mit ein paar von ihrer Gro\u00dfmutter geerbten Pflegecremes. Das kam in Australien gut an, und sie entschied, eigene Cremes herzustellen. Die Kosmetik war in Australien noch nicht sehr entwickelt, und sie war mit ihrem wei\u00dfen Teint der beste Werbetr\u00e4ger f\u00fcr ihre eigenen Produkte. Am Ende stand ein Kosmetik-Imperium.<\/p>\n<p>Dann kommt man zum Neuen Platz, dem Zentrum von Kazimierz, mit den Markthallen im Zentrum, einem niedrigen, runden Geb\u00e4ude. Hier befand sich fr\u00fcher die j\u00fcdische Gefl\u00fcgelschl\u00e4chterei. Heute sind die kleinen Luken in den niedrigen Ziegelbau Imbissbuden, an denen vor allem die ber\u00fchmten <em>zapiekanka<\/em> verkauft werden, warme Baguettes, die hier in Kazimierz besonders gut sein sollen.<\/p>\n<p>Die privaten H\u00e4user befanden sich oft etwas zur\u00fcckgezogen von der Stra\u00dfe, um einen Innenhof gruppiert. Das hatte wohl finanzielle Gr\u00fcnde. In dem ber\u00fchmtesten dieser Innenh\u00f6fe wurden Teile aus <em>Schindlers Liste<\/em> gedreht. Der Innenhof ist ausgesprochen sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Auf das Viertel verteilen sich verschiedene Synagogen, die Isaak-Synagoge, die Kupa-Synagoge, die Hohe Synagoge und andere. Die Hohe Synagoge hei\u00dft so, weil sie sich im ersten Obergeschoss des Hauses befand. Da war man vor den Bel\u00e4stigungen durch die Christen besser gesch\u00fctzt.<\/p>\n<p>Die Synagoge, die Touristen normalerweise besuchen, ist die Remuh-Synagoge. Innen wird momentan renoviert, aber man kann trotzdem rein. Hier kann ich endlich meine in Jerusalem gekaufte <em>Kippa<\/em> aufsetzen, die in Jerusalem nie zum Einsatz kam.<\/p>\n<p>Der ungew\u00f6hnliche Name der Synagoge geht auf die Initialen eines Rabbi zur\u00fcck, des Rabbi Moses Isserles. Um das ganz zu begreifen, muss man wahrscheinlich Hebr\u00e4isch k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der kleine Gebetsraum hat eine Bima mit einem sch\u00f6nen Gitter und sch\u00f6n bemalten bzw. skulptierten T\u00fcren.<\/p>\n<p>Es ist \u00fcberraschend, wie viel Gemeinsamkeiten man entdeckt: Wie Kirchen haben Synagogen ein ewiges Licht, einen Opferstock und ein Lesepult.<\/p>\n<p>Unter dem Lesepult ist der Boden etwas vertieft. Das steht symbolisch f\u00fcr die Lage des Betenden, der \u201eaus der Tiefe\u201c Gott anfleht.<\/p>\n<p>Gleich neben der Synagoge liegt der alte j\u00fcdische Friedhof, mit einer bewegten Geschichte. Die Grabsteine wurden von den deutschen Besatzern umgest\u00fcrzt und zugesch\u00fcttet. Erst viel sp\u00e4ter hat man sie wieder aufgestellt, allerdings ohne die urspr\u00fcngliche Lage beachten zu k\u00f6nnen. Aus den Resten von zerbrochenen Grabsteinen ist die Au\u00dfenmauer des Friedhofs gemacht, die \u201eKrakauer Klagemauer\u201c. Drei Grabsteine sind von besonderer Bedeutung und durch ein einfaches Gitter vom Rest abgetrennt. Man sagt, die Nazis h\u00e4tten es nicht vermocht, sie umzust\u00fcrzen. Und diejenigen, die es versucht h\u00e4tten, seien auf der Stelle umgefallen. Diese Grabsteine erfahren viel Beachtung von Juden aus aller Welt. In den Ritzen stecken die kleinen, wei\u00dfen Bittzettel.<\/p>\n<p>Von Kazimierz geht es nach Podg\u00f3rze. Auf dem Weg steht an einer gro\u00dfen Felswand <em>Cracovia<\/em>, in dicken Pinselstrichen. Das ist eine der beiden, in herzlicher Feindschaft miteinander verbundenen Fu\u00dfballmannschaften Krakaus. Die andere ist Wis\u0142a. Die Rivalit\u00e4t, die als \u201eHeiliger Krieg\u201c etikettiert wird, f\u00fchrt nicht nur verbal zu Konflikten. Bei den Derbys kommt es h\u00e4ufig zu Schl\u00e4gereien. Es gibt auch ideologische Untert\u00f6ne: Wis\u0142a-Anh\u00e4nger diskreditieren Anh\u00e4nger von <em>Cracovia<\/em>, indem sie auf deren j\u00fcdische Wurzeln verweisen, und die antworten auf die gleiche Art zur\u00fcck. In der Vergangenheit gab es auch politische Unterschiede. W\u00e4hrend der Zeit der Teilung Polens trat Cracovia dem \u00d6sterreichischen Fu\u00dfballbund bei und wurde daf\u00fcr von Wis\u0142a attackiert, das aber am Ende selbst auch dem \u00d6sterreichischen Fu\u00dfballbund beitrat.<\/p>\n<p>Dabei komme ich endlich an die Weichsel. Und \u00fcber die Weichsel. Sie ist hier ein breiter, ruhiger Fluss. Alle Br\u00fccken, die man sehen kann, sind modern. Alle alten Br\u00fccken wurden im 2. Weltkrieg zerst\u00f6rt. Ansonsten blieb Krakau fast v\u00f6llig verschont.<\/p>\n<p>Ganz zum Schluss der Reise, am Tage der Abreise, sollte ich sp\u00e4ter noch einmal an die Weichsel kommen, in der N\u00e4he des Wawel. Dort gibt es Ausflugsschiffe, aber die Uferpromenade ist nicht sonderlich verlockend. Hier hat man das Gef\u00fchl, noch im sozialistischen Polen zu sein. Ansonsten bekomme ich die Weichsel nicht mehr zu sehen. Die Stadt kehrt ihr den R\u00fccken zu.<\/p>\n<p>In Podg\u00f3rze befand sich das Krakauer Ghetto, und man gelangt auch sofort auf den <em>Platz der Ghetto-Helden<\/em>. Der Platz ist einfach und gro\u00df und leer, bis auf eine ganze Anzahl von \u00fcbergro\u00dfen St\u00fchlen, die wiederum leer und unregelm\u00e4\u00dfig \u00fcber den Platz verteilt sind. Die Skulptur erinnert an die hier exekutierten Krakauer Juden und die Leere nach der Aufl\u00f6sung des Ghettos. Das Ghetto bestand nur zwei Jahre lang.<\/p>\n<p>An der Ecke des Platzes befindet sich die ber\u00fchmte <em>Adler-Apotheke<\/em>, benannt nach einem Adler, der hinter der Theke stand, nicht \u00fcber dem Hauseingang, wo ich lange vergeblich nach ihm suche. Die Apotheke, zur Zeit des Ghettos gef\u00fchrt von einem gewissen Tadeusz Pankiewicz, beherbergt heute eine kleine Ausstellung zum Krakauer Ghetto.<\/p>\n<p>Pankiewicz war der einzige polnische Arier, der im Ghetto wohnte. Er half den Juden, wo er nur konnte, indem er kleine Dienste verrichtete: Post aus der Stadt mitbringen, Lebensmittel zustecken, Nachrichten \u00fcbermitteln, pers\u00f6nliche Gegenst\u00e4nde heimlich aufbewahren. So wurde er zu einem kleinen Schindler (dessen Fabrik hier ganz in der N\u00e4he war). Er versteckte sogar vier Thora-Rollen, die den Krieg \u00fcberlebten und dann auf mysteri\u00f6se Weise verschwanden. Pankiewicz hielt nach dem Krieg seine Erfahrungen f\u00fcr die Nachwelt fest. Er bezeichnete die Apotheke als eine Art Botschaft der freien Welt im Ghetto.<\/p>\n<p>In der Apotheke sieht man Photos und Dokumente aus der Zeit und sogar einen Film, der zeigt, wie normal die Pr\u00e4senz der Juden im Zentrum von Krakau bis zum Ausbruch des Kriegs war. Man sieht, mit welcher Effizienz Deutschland vorging: Schon am 6. September waren die Nazis in Krakau einmarschiert, schon am 8. September erging die Order, dass alle Juden einen Stern zu tragen h\u00e4tten. Sie galt vom 9. September an, ab 17 Uhr. Die Gr\u00f6\u00dfe der Binde und der Abstand des Sterns vom Rand waren genau festgelegt.<\/p>\n<p>Anfangs gab es viele Einschr\u00e4nkungen f\u00fcr die Juden, aber noch keine Drangsalierung. Juden mussten den Stern tragen, ihre Gesch\u00e4fte kennzeichnen, durften nicht in die Tuchhallen, in Caf\u00e9s, in Kinos oder in die Tuchhallen. Man wollte sie \u201esanft\u201c zur freiwilligen Auswanderung dr\u00e4ngen. Das gelang auch zum Teil, und viele Juden wanderten in die Tschechei aus. Die Mehrheit aber vertraute darauf, dass man sich nur an die Regeln halten m\u00fcsse und ansonsten ein normales Leben w\u00fcrde f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dann wurden die Ma\u00dfnahmen drastischer und dann, 1941, wurde das Ghetto eingerichtet. Das bedeutete, dass f\u00fcnfmal so weil Menschen wie fr\u00fcher in Podg\u00f3rze leben mussten, aber auch, dass die Polen, die in Podg\u00f3rze gewohnt hatten, umgesiedelt wurden. Auf Photos sieht man, wie polnische Hinweisschilder durch Hinweisschilder auf Jiddisch ersetzt werden.<\/p>\n<p>Anfangs konnte man sich noch relativ frei bewegen, aber dann wurde das Verlassen des Ghettos streng verboten. Man sieht in der Ausstellung zwei \u201ePassagierscheine\u201c, einen f\u00fcr Juden, einen f\u00fcr Arier, die die Ausreise erlaubte, aber das waren Ausnahmen. Die Stra\u00dfenbahn fuhr mitten durch das Ghetto, hielt aber nicht. Anfangs steckten die Fahrg\u00e4ste den Ghettobewohnern Kleinigkeiten durch die Fenster zu, aber dann wurden die Fenster zugeklebt und verschlossen.<\/p>\n<p>Dann wurde das Ghetto in zwei Teile aufgeteilt, Ghetto A f\u00fcr Arbeitsf\u00e4hige, Ghetto B f\u00fcr Alte, Kranke, Gebrechliche. Als das Ghetto aufgel\u00f6st wurde, kamen die Arbeitsf\u00e4higen in Arbeitslager, die nicht Arbeitsf\u00e4higen in Vernichtungslager. Die Besichtigung von Kazimierz und Podg\u00f3rze ist eine Art Einf\u00fchrung auf die Besichtigung von Auschwitz am n\u00e4chsten Tag.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg entdecke ich eine unscheinbare, etwas veraltet aussehende Eisdiele. Von allen Seiten wird sie empfohlen. Man kann sie leicht \u00fcbersehen, jedenfalls heute. Sonst stehen hier immer Schlangen von Menschen f\u00fcr ein Eis an, sagt man. Heute nicht. Das Eis schmeckt wirklich sehr gut.<\/p>\n<p>Nach einer Pause im Hotel gehe ich ins Zentrum, um Informationen \u00fcber die Fahrt nach Auschwitz zu bekommen. Bei der Gelegenheit esse ich eine <em>zapiekanka<\/em>. Soll das ein H\u00f6hepunkt der polnischen K\u00fcche sein? Wenn ja, habe ich wohl den falschen Stand erwischt. Das Baguette, mit Pilzen und K\u00e4se belegt, ist trocken und hat wenig Geschmack. Am Vormittag habe ich in Kazimierz, wo es \u201edie besten der Welt\u201c gibt, die Gelegenheit verpasst, eine zu essen.<\/p>\n<p>Ganz in der N\u00e4he sehe ich auch wieder die Frau, die Werbung mit dem Schirm macht. Was macht sie wohl all die Stunden? Leute gucken? Das d\u00fcrfte die einzige Bet\u00e4tigung sein, der man nachgehen kann. Man hat ja nicht einmal die H\u00e4nde frei. Musikh\u00f6ren k\u00e4me vielleicht noch in Frage.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber von ihr sehe ich an einem Hauseingang ein Schild, das auf eine dort beheimatete Institution hinweist: <em>Klub inteligencji Katolickiej<\/em>. Ja, sind denn nicht alle Katholiken intelligent? Oder habe ich da was missverstanden?<\/p>\n<p>Im selben Haus tagt der \u201eEnglische Stammtisch\u201c, jeden Mittwoch, und zwar seit zwanzig Jahren. Der Treffpunkt ist im dritten Stock, <em>on the second floor<\/em>. Und, um Verwechslungen zu vermeiden, f\u00fcgt man zur Sicherheit hinzu <em>two floors above the ground floor<\/em>.<\/p>\n<p>Sowohl vor dem Untergrundmuseum als auch vor der Marienkirche stehen lange Schlangen. Als Alternative gehe ich zum <em>Hipolit-Haus<\/em> und erwische zuf\u00e4llig sogar einen Tag, an dem der Eintritt frei ist, schon zum zweiten Mal innerhalb von drei Tagen. Es ist eins der weniger bekannten Museen Krakaus, und es versteckt sich hinter einem Torbogen.<\/p>\n<p>Es handelt sich um das Haus eines reichen Kaufmanns, das man auf zwei Etagen mit Mobiliar und Accessoires aus verschiedenen Zeiten best\u00fcckt hat. Man bekommt einen Eindruck, wie die reichen Krakauer vergangener Zeiten lebten.<\/p>\n<p>\u00dcber sehr steile Treppen geht es nach oben. Zuerst gibt es zwei Arbeitszimmer aus der fr\u00fchen Neuzeit, mit Renaissance-Friesen und einem in die Wand eingelassenen, von einem verzierten Fenster verschlossenen Raum, einem <em>closet<\/em>, f\u00fcr besonders wertvolle Dinge, eine typisch Krakauer Einrichtung. Eine schwer zu identifizierender Messingsch\u00fcssel erweist sich als Vorrichtung zum Weink\u00fchlen. Damit es bei der Arbeit nicht allzu streng zugeht.<\/p>\n<p>Die weiteren R\u00e4ume dieser Etage repr\u00e4sentieren das 18. Jahrhundert. Es ist wie eine andere Welt, komfortabler, reichhaltiger, moderner. Das Mobiliar ist im Chippendale-Stil. Es gibt unendlich viele Gegenst\u00e4nde, die das t\u00e4gliche Leben angenehmer machen. Dabei herrscht vor allem Zinn vor: Teller und Kannen, Humpen und Vasen, eine Zuckerdose und sogar ein Kreuz: alles aus Zinn. Im Salon h\u00e4ngen Portraits und historische Gem\u00e4lde, oft mit patriotischen Motiven. Nat\u00fcrlich erscheint auf denen aus Tadeusz Ko\u015bciuszko, der Namensgeber des h\u00f6chsten Bergs Australiens.<\/p>\n<p>Im oberen Stockwerk ist das 19. Jahrhundert repr\u00e4sentiert, unter anderem durch das elterliche Schlafzimmer, ein verbotener Raum f\u00fcr den Rest der Familie. Au\u00dfer f\u00fcr die ganz kleinen Kinder, die in einem Bettchen neben dem der Eltern schliefen, gesch\u00fctzt durch ein Netz, das sich \u00fcber das Bett spannte und das Herausfallen verhinderte. Neben dem Bett der Eltern steht der unvermeidliche Nachttopf.<\/p>\n<p>Der Salon ist ausgesprochen repr\u00e4sentativ, mit einem Klavier, das jetzt die Stelle des Spinetts aus der unteren Etage einnimmt, und einer gro\u00dfen Palme, deren Bl\u00e4tter sich \u00fcber das Klavier und das B\u00fccherbord w\u00f6lben. Anstelle von Chippendale sind jetzt Neurokoko und Biedermeier an der Reihe.<\/p>\n<p>Im Esszimmer steht ein B\u00fccherbord. Nach dem Essen wurde vorgelesen, und alle h\u00f6rten zu. Das war der Vorg\u00e4nger der Familienprogramme im Fernsehen der Nachkriegszeit. Es gibt auch ein Telefon und einen vorsintflutlichen, damals hochmodernen Schallplattenspieler mit einem riesigen, sich \u00f6ffnenden Schallrohr \u2013 auch das aus Zinn.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich gibt es noch das Gro\u00dfmutterzimmer, vollgestopft mit allem m\u00f6glichen Kleinkram. Hier kam es weniger auf Wert als auf Gem\u00fctlichkeit und Sentimentalit\u00e4ten an. Es werden auch viele nicht genutzte und halb besch\u00e4digte Dinge aufbewahrt. Der Hingucker des Zimmers ist aber ein Spinett, das sich, wenn man es \u00f6ffnet, als N\u00e4hk\u00e4stchen erweist.<\/p>\n<p>Am Abend lande ich in einem der ungew\u00f6hnlichsten Lokale, in denen ich je gewesen bin, <em>U Babci Maliny<\/em>, einer Mischung aus Gro\u00dfmutters K\u00fcche, der Kantine des Arbeitsamtes und der Bar eines Sportvereins. An die Gro\u00dfmutter erinnert die Einrichtung, an die Kantine die Selbstbedienung, die Schlange, die Geschirrr\u00fcckgabe und die rote, elektronische Nummer, die aufblinkt, wenn das Gericht fertig zur Abholung ist, an die Vereinsbar die Pokale und die Photos von Sportsgr\u00f6\u00dfen. Witalij Klitschkow scheint hier Stammgast zu sein, und auch andere posieren in Boxerpose. An die Gro\u00dfmutter erinnert auch der Name, <em>U Babci Maliny<\/em>, was, jedenfalls in meiner Interpretation, \u201aZur Kleinen Gro\u00dfmutter\u2018 hei\u00dfen muss.<\/p>\n<p>Die Kleine Gro\u00dfmutter steht auch in Form einer Statue auf der Theke und h\u00e4lt eine Speisekarte in der Hand. Sie tr\u00e4gt ein kn\u00f6chellanges Kleid, eine gro\u00dfe Sch\u00fcrze und hat einen Dutt. Die Bedienung hinter der Theke ist jung und tr\u00e4gt einen Minirock und eine enge Bluse und reichlich Schmuck. Sie macht fast alles selbst: Bestellung aufnehmen, Bestellung eingeben, Bier zapfen, kassieren, Essen ausgeben, Nummer \u00fcberpr\u00fcfen. Das ist gleichzeitig gesundheitsf\u00f6rdernd und gesch\u00e4ftssch\u00e4digend: Als mein Bier zu Ende ist, verzichte ich darauf, ein zweites zu bestellen, um nicht wieder in der Schlange stehen zu m\u00fcssen und mein Essen kalt werden zu lassen.<\/p>\n<p>Das Essen ist sehr schmackhaft, auch wenn ich nicht wei\u00df, welches Gericht ich ausgew\u00e4hlt habe. Das habe ich auf Anraten der Wirtin genommen, konnte aber in der Schnelle bei dem schummrigen Licht nicht lesen, was ich bekomme. Ich wei\u00df nur meine Nummer. Es sind jedenfalls kleingeschnittene St\u00fccke verschiedener Fleischsorten mit Kartoffelst\u00fcckchen, Bohnen und einem sehr gut dazu passenden, wieder etwas s\u00fc\u00dflichen Salat, aus Kohl und M\u00f6hren. Das Gericht hat den stolzen Namen <em>Przysmak Gospodarza Zestaw Sur\u00f3wek<\/em>.<em> <\/em><\/p>\n<p>W\u00e4hrend man wartet, hat man gen\u00fcgend Zeit, sich die verr\u00fcckte Einrichtung anzusehen: lange Holzb\u00e4nke an langen Holztischen, ein Reetdach \u00fcber der Theke, geh\u00e4kelte Gardinen und handbemalte L\u00e4den an den \u201eFenstern\u201c des fensterlosen Kellerraums, traditionelles Geschirr auf Regalen an der Wand, Puppen, und ein Kinderbett.<\/p>\n<p>Die Kunden sind fast ausschlie\u00dflich Polen. Das Lokal ist allerdings auch nicht ganz einfach zu finden und befindet sich, so unpassend, dass es zu der Gesamtidee passt, in dem neoklassizistischen Geb\u00e4ude einer polnischen Akademie!<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. Juli (Donnerstag) <\/span><\/p>\n<p>Soll man nach Auschwitz fahren? Muss man nach Auschwitz fahren? Immer wieder mache ich mir Gedanken dar\u00fcber und komme zu keinem Schluss. Und wenn man sich entscheidet, nach Auschwitz zu fahren, dann wie? Alleine? Oder etwa mit einer organisierten Exkursion? Die werden hier angeboten, als es wenn es dasselbe wie eine Exkursion nach Sakopane oder in das Salzbergwerk nach Wieliczka w\u00e4re. Das alleine macht einen skeptisch.<\/p>\n<p>Im letzten Moment, am Vorabend, entscheide ich mich dann doch f\u00fcr eine organisierte Fahrt. Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellt. Das liegt in erster Linie an der F\u00fchrung in Auschwitz. Aber der Grund f\u00fcr die Entscheidung ist praktischer Art. Man braucht sich um nichts zu k\u00fcmmern, und wird sogar vom Hotel abgeholt. Der Fahrer f\u00e4hrt allerdings so, als wolle er, dass wir Auschwitz nicht mehr erleben.<\/p>\n<p>Das Wetter scheint sich dem Anlass angepasst zu haben. Nieselregen und dunkle Wolken. Wir kommen an einem Fu\u00dfballstadion vorbei, sehen einen verwegenen Anstreicher ohne jede Absicherung und fr\u00f6hlich quatschend auf dem Fenstersims im zweiten Obergeschoss eines Hauses, kommen an einem Gesch\u00e4ft vorbei, das <em>Natur House<\/em> hei\u00dft und dann an einem Porzellanladen, dessen Namen einem zeigt, dass man mit den Normen der polnischen Rechtschreibung nicht vertraut ist: <em>Szk\u0142o<\/em>. Die letzten Mitfahrer werden direkt neben einer Polizeiwache abgeholt. Der Fahrer h\u00e4lt im absoluten Halteverbot, bleibt aber im Auto sitzen, da in dem Moment ein Polizeiauto vorf\u00e4hrt. Die Polizisten sehen einmal fragend in unsere Richtung, gehen dann aber in die Wache, und der Fahrer steigt aus und holt seine Kundschaft.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Fahrt wird ein Film \u00fcber Auschwitz gezeigt, auf Englisch. Es ist aber, wie man im Abspann sehen kann, ein deutscher Film. Im Zentrum des Films steht der sowjetische Kameramann, der Bilder von der Befreiung von Auschwitz gemacht hat, damals ein junger Mann und, wie er berichtet, ohne jeden konkreten Auftrag, was zu photographieren sei. Was ihm besonders in Erinnerung geblieben sei, sagt er, sei die Abwesenheit von Freude in den Gesichtern der Befreiten.<\/p>\n<p>Als wir ans Ziel kommen, erinnere ich mich an einen Zeitungsartikel \u00fcber Auschwitz. \u00dcber Auschwitz. Nicht \u00fcber das Konzentrationslager. \u00dcber Auschwitz, die Stadt. \u00dcber das Verlangen der Bewohner, nicht immer mit dem KZ in Verbindung gebracht zu werden. Und \u00fcber die Vergeblichkeit dieses Wunsches. Wo immer man nach der Herkunft gefragt wird, dieselben Reaktionen. Und \u00fcber die Proteste gegen die Er\u00f6ffnung einer Disko im Ort, von den Jugendlichen so sehr ersehnt. Als wir in die Stadt fahren, stehen ein Kreisverkehr und ein <em>Lidl<\/em> am Rande des Kreisverkehrs f\u00fcr die herbeigesehnte \u201eNormalit\u00e4t\u201c. Auf Polnisch hei\u00dft Auschwitz O\u015bwi\u0119cim.<\/p>\n<p>Das Konzentrationslager hei\u00dft heute <em>Museum Auschwitz<\/em>. Der Parkplatz steht voller Reisebusse.<\/p>\n<p>Unter dem ber\u00fchmten Torbogen <em>Arbeit macht frei<\/em>, der sich nicht gleich am Eingang befindet, jedenfalls heute nicht mehr, werden wir von der F\u00fchrerin in Empfang genommen, einer couragierten Frau mittleren Alters. Sie macht alles richtig. Die F\u00fchrung ist von gro\u00dfer Intensit\u00e4t. Die F\u00fchrerin schildert alles genau und eindringlich und ohne falsches Pathos. Sie macht es ihren Zuh\u00f6rern nicht einfach und arbeitet gegen falsche Selbstzufriedenheit: \u201eWas w\u00e4re wenn \u2026?\u201c, \u201eWas w\u00fcrden sie tun, wenn..?\u201c, \u201eWie verhalten wir uns heute?\u201c. Gleichzeitig ist die F\u00fchrung informativ, und sie r\u00e4umt mit einigen Klischeevorstellungen auf.<\/p>\n<p>Es herrscht absolute Stille. Alle h\u00f6ren gebannt zu, keiner stellt Fragen, es wird nicht untereinander getuschelt. Erst am Ende, als wir schon in Birkenau sind, l\u00f6st sich auf dem offenen Gel\u00e4nde die Spannung ein bisschen, und es werden Kommentare gemacht und Fragen gestellt.<\/p>\n<p>Ein paar Norweger fragen die F\u00fchrerin, wie lange sie das schon mache. Zwanzig Jahre. Muss eine merkw\u00fcrdige Erfahrung sein, in einem Konzentrationslager zu arbeiten, auch wenn es jetzt <em>Museum<\/em> hei\u00dft. Was sagt man auf die Frage \u201eWo arbeiten Sie?\u201c. Welche Reaktionen l\u00f6st die Antwort aus?<\/p>\n<p>Gleich zu Anfang m\u00fcssen wir eine unserer \u00fcberkommenen Vorstellung korrigieren. Wo sind die Holzbaracken? Es gibt keine. Das Konzentrationslager hatte keine, jedenfalls bis kurz vor Schluss nicht. Hier sind alle H\u00e4userbl\u00f6cke aus Backstein. Das hat seinen Grund. Es sind die Geb\u00e4ude der polnischen Kaserne, die sich hier befand, als Polen \u00fcberfallen wurde. Das war auch der Grund f\u00fcr die Wahl des Standortes.<\/p>\n<p>Es geht zun\u00e4chst durch ein paar Ausstellungsr\u00e4ume, die allgemeine Informationen bieten. Ganz grundlegend ist erst einmal die Unterscheidung zwischen Konzentrationslagern und Vernichtungslagern. Auschwitz war beides. Das Vorhandensein von Konzentrationslagern war hinl\u00e4nglich bekannt. Sie wurde auch gar nicht geheim gehalten. Es waren \u201eUmerziehungslager\u201c, und um die Sache zu rechtfertigen, waren die Gefangenen im Grunde \u201epolitische Gefangene\u201c. Zu ihnen geh\u00f6rten Homosexuelle, Huren, Bettler, Zigeuner, Priester, Kommunisten und Sozialisten. Die wurden auch durchaus wieder freigelassen, auch das aus Motiven der politischen Propaganda. Eine Warnung an alle anderen.<\/p>\n<p>Es gab um die tausend Konzentrationslager, viele davon in Deutschland, auf dem Boden des Deutschlands der Weimarer Republik. Es gab aber nur sechs Vernichtungslager, alle auf dem Territorium des eroberten Polen: Auschwitz, Majdanek, Sobibor, Bergen-Belsen, Treblinka, Kulmhof. Beide stehen auch in einem anderen zeitlichen Rahmen. Konzentrationslager bestanden schon seit 1933, Vernichtungslager erst seit 1941, und deren Existenz wurde streng geheim gehalten. Sie wurden ebenfalls als <em>Konzentrationslager<\/em> bezeichnet, und selbst im internen Schriftverkehr ist lediglich von <em>Sonderbehandlung<\/em>, <em>S\u00e4uberung<\/em>, <em>Umsiedlung<\/em>, <em>Evakuierung<\/em> die Rede.<\/p>\n<p>Es gab in Europa nach der nationalsozialistischen Interpretation etwa 11 Millionen Juden, davon 9 in der Sowjetunion, Polen und Ungarn. Die meisten der in Auschwitz umgebrachten Juden waren Ungarn. In Gro\u00dfbritannien lebten nur 300,000 Juden. Die wurden gerettet, weil Gro\u00dfbritannien nicht erobert wurde, genauso wie die in Schweden lebenden Juden, w\u00e4hrend die d\u00e4nischen Juden gerettet wurden, weil Schweden sie aufnahm.<\/p>\n<p>Die Juden in den eroberten Gebieten wurden ausgewiesen. Ihnen wurde eine neue Heimat, ein neues Land versprochen. Die kollaborierenden L\u00e4nder sorgten selbst f\u00fcr den Transport der Juden in die Vernichtungslager. Oder \u00fcbertrugen das den Juden selbst. Man sieht in einer Vitrine Zugfahrkarten, die von griechischen Juden gel\u00f6st wurden: von Athen nach Auschwitz.<\/p>\n<p>Auschwitz bestand, wie man auf einer Karte gut sehen kann, aus drei Lagern, mit einiger Distanz zueinander: Auschwitz I, das Konzentrationslager, Auschwitz II, das Vernichtungslager Birkenau, und Auschwitz III. Wir besuchen Auschwitz I und Auschwitz II. Auschwitz III wurde von den Alliierten bombardiert und zerst\u00f6rt. Es ist fast nichts \u00fcbriggeblieben. Hier waren die Arbeitslager von IG Farben und Buna. Man sieht Luftaufnahmen, die die Alliierten gemacht haben, die alles ganz klar sehen lassen. Die F\u00fchrerin macht ganz klar, dass das Interesse der Alliierten in der Zerst\u00f6rung der deutschen Industrie lag. Es ging darum, den Krieg zu gewinnen, nicht darum, Juden zu befreien.<\/p>\n<p>In der durch Filme und Erz\u00e4hlungen gepr\u00e4gten Vorstellung str\u00f6mte das Gas von oben in die Krematorien ein. Stimmt nicht. Das Gas befand sich in Pellets, pillenf\u00f6rmigen, wei\u00dfen Kapseln, von denen hier Tausende pr\u00e4sentiert werden. Die Pellets l\u00f6sten sich, wenn die T\u00fcren geschlossen wurden, durch die Einwirkung der menschlichen K\u00f6rperw\u00e4rme langsam auf.<\/p>\n<p>Das T\u00f6ten dauerte nicht lange. Wohl aber das Verbrennen. Das \u00fcberlie\u00df man den Gefangenen. Die Deutschen machten sich nicht die H\u00e4nde schmutzig bei dieser Arbeit. Es waren Gefangene, die die Leichen aus den Gaskammern ziehen mussten.<\/p>\n<p>Man wird durch verschiedene Bl\u00f6cke gef\u00fchrt, von denen sich jedes einem zentralen Thema widmet. In einem sieht man eine unendliche Reihe gleichf\u00f6rmiger Photos, mit genauen Angaben \u00fcber die Person: Name, Geburtsdatum, Beruf, Zivilstand und Nummer. Die Frauen sind mit ihren kurzgeschorenen Haaren oft kaum als Frauen zu erkennen. Einige wenige tragen das Haar lang. Warum, bleibt unklar.<\/p>\n<p>Es wurden 40,000 solcher Photos gemacht. Im Konzentrationslager ging es um genaue Erfassung aller Daten, im Vernichtungslager z\u00e4hlten nur Zahlen.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang stellt die F\u00fchrerin zwei unbequeme Fragen: Wie h\u00e4tten Sie sich verhalten, wenn Sie an der Stelle des Photographen gewesen w\u00e4ren? Sein Vater war \u00d6sterreicher, seine Mutter Polin, seine Gro\u00dfmutter Russin. Er stellte sich auf die Seite des Regimes, kollaborierte. H\u00e4tten wir das nicht auch gemacht? Von dem Photographen wird erz\u00e4hlt, er habe nach dem Krieg nie wieder ein Photo gemacht.<\/p>\n<p>Die andere unbequeme Frage, deren Antwort offen bleibt, ist die: Warum hinterlie\u00dfen die Deutschen so viele Dokumente? Warum wurde nicht alles vernichtet? Fast alles, was \u00fcber Auschwitz bekannt ist, wei\u00df man aus deutschen Dokumenten.<\/p>\n<p>Die Gefangenen wurden alle in die bekannte Einheitskleidung gesteckt. Juden wurden durch einen Stern, alle anderen durch ein Dreieck gekennzeichnet. Alle Kleidungsst\u00fccke wurden mit der Identifikationsnummer gekennzeichnet. Und in Auschwitz, aber nur in Auschwitz, wurde sie auch in den Arm t\u00e4towiert. Die F\u00fchrerin erz\u00e4hlt von einem \u00dcberlebenden, der seinen Enkeln, wenn sie ihn als fragten, erz\u00e4hlte, das sei seine Telephonnummer. Er wollte ihnen die Wahrheit nicht zumuten, solange sie Kinder waren.<\/p>\n<p>In einem anderen Block sieht man pers\u00f6nliche Gegenst\u00e4nde, alle in Unzahl auf einen Haufen geworfen, ungeordnet. Das gibt ein sehr eindringliches Bild. In einer die ganze L\u00e4ngsseite des Raumes einnehmenden Vitrine sieht man nur Koffer, in einer anderen nur Haare, in einer anderen nur Schuhe. Dann B\u00fcrsten, K\u00e4mme, Prothesen.<\/p>\n<p>Die Haare wurden desinfiziert und an die deutsche Industrie verkauft, die daraus unter anderem Socken herstellte. Und Z\u00f6pfen und Per\u00fccken, von denen eine ganze Menge hier ausgestellt ist.<\/p>\n<p>Dann sieht man Gef\u00e4ngniszellen, alle durch ihre Enge und Kargheit charakterisiert. Jedes kleinste Vergehen, jede kleinste Abweichung von der Norm wurde geahndet. Auch hier ging es um Abschreckung. Besonders pr\u00e4gt sich mir ein Stehzelle ein, ein kleines, von Ziegelsteinen geformtes Quadrat. Hier musste man stundenlang stehen. Einfach stehen.<\/p>\n<p>Block 11, der letzte in der Reihe, wurde <em>Todesblock<\/em> genannt. Hier sa\u00dfen Saboteure ein, von au\u00dfen und von innen. Wer hier einsa\u00df, kam selten mit dem Leben davon. Der Exekutionshof befand sich zwischen diesem und dem davor stehenden Block.\u00a0 Dessen Fenster sind verbarrikadiert. Die anderen Gefangenen sollten nicht Zeuge der Hinrichtungen werden, der F\u00fchrerin zufolge deshalb nicht, weil sich viele Verurteilte weigerten, sich nach hinten zu drehen und stattdessen dem Tod mutig und singend oder betend ins Auge sahen.<\/p>\n<p>Dann geht es an den K\u00fcchengeb\u00e4uden vorbei. \u00dcberleben konnten, der F\u00fchrerin zufolge, nur die physisch und psychisch Starken und die, die sich zus\u00e4tzliches Essen besorgen konnten. Von der normalen Ration \u2013 mittags eine Suppe mit einer Kartoffel und abends ein St\u00fcck Brot \u2013 konnte man bei der harten Arbeit nicht \u00fcberleben. Auch wenn die Ration minimal war, mussten immerhin 20,000 St\u00fcck Brot gebacken und geschnitten werden, und 20,000 Kartoffeln und Suppe f\u00fcr 20,000 gekocht werden. Wenn man kollaborierte und in der K\u00fcche zum Einsatz kam, hatte man eine bessere M\u00f6glichkeit, etwas abzuzweigen. Auch hier die unbequeme Frage: Was h\u00e4tten Sie gemacht? Kollaboriert, auch wenn es auf Kosten der Mitgefangenen gegangen w\u00e4re?<\/p>\n<p>Immer wieder kommen wir an Mauern mit Stacheldraht innerhalb des Lagers vorbei. Auschwitz war in zehn voneinander abgetrennte Lager aufgeteilt. In denen herrschten teils andere Bedingungen vor. Das erkl\u00e4rt, warum \u00dcberlebende von Auschwitz teils widerspr\u00fcchliche Berichte hinterlassen haben: M\u00e4nner und Frauen gemeinsam, M\u00e4nner und Frauen getrennt; harte Arbeit, \u00fcberhaupt keine Arbeit; Juden unter den H\u00e4ftlingen, keine Juden unter den H\u00e4ftlingen.<\/p>\n<p>Dann kommen wir zum Krematorium. Dass ein Krematorium auf dem Gel\u00e4nde des Konzentrationslagers stand, das, erf\u00e4hrt man, gab es nur in Auschwitz. Hier wurde mit Zyklon B experimentiert. Als dann das Vernichtungslager eingerichtet wurde, wurde das Krematorium nicht abgerissen, sondern zu einem Luftschutzbunker umfunktioniert. Deshalb ist es stehen geblieben.<\/p>\n<p>Die Gefangenen mussten sich au\u00dferhalb des Krematoriums ausziehen. Daf\u00fcr gab es noch keine Vorrichtungen wie sp\u00e4ter in Birkenau. Die F\u00fchrerin sagt, die Verurteilten h\u00e4tten vermutlich mehr Scham als Furcht empfunden.<\/p>\n<p>Gleich gegen\u00fcber dem Krematorium ist das Quartier des Kommandanten von Auschwitz, Rudolf H\u00f6\u00df. Er lebte mit seiner ganzen Familie hier. Nach dem Krieg und den N\u00fcrnberger Prozessen wurde er an Polen ausgeliefert, vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. Er wurde genau hier, vor dem Krematorium, geh\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Dann endet die Besichtigung von Auschwitz I. Mit den Bussen werden wir nach Auschwitz II gebracht, nach Birkenau, dem Vernichtungslager. Auf dem Weg dahin liegt l\u00e4ngs der Stra\u00dfe ein stillgelegtes Bahngleis.<\/p>\n<p>Birkenau wurde, im Gegensatz zu Auschwitz I, wo die Kasernenbauten bereits vorhanden waren, eigens errichtet. Die Bewohner des Ortes wurden evakuiert. Sie mussten einfach Platz machen.<\/p>\n<p>Hier sind die meisten Geb\u00e4ude zerst\u00f6rt worden, ein Krematorium noch einen Tag vor der Befreiung von Auschwitz. Wir gehen einen langen, schnurgeraden Weg entlang. Rechts davon verl\u00e4uft wieder ein Eisenbahngleis, auf dem ein einzelner Waggon steht. Auch hier muss mit \u00fcberkommenen Vorstellungen aufger\u00e4umt werden: Die meisten Gefangenen kamen nicht in Waggons, sondern auf Lastwagen. Erst ganz zum Schluss, als immer mehr Menschen hierher gebracht wurden, wurde das Eisenbahngleis angelegt.<\/p>\n<p>Am Ende des Weges steht ein Monument f\u00fcr die Ermordeten. Darum herum gruppieren sich 21 Gedenkplatten, in allen in Auschwitz gesprochenen Sprachen und auf Englisch, alle mit dem gleichen Text. Spanisch ist nicht vertreten, aber eine dem Spanischen nah verwandte Sprache oder ein Dialekt des Spanischen, vielleicht Asturianisch. Ob das etwas mit der besonderen politischen Ausrichtung von Asturien als Bergbaugebiet und Arbeiterregion zu tun hat? Jedenfalls machen die Gedenksteine klar, dass sich die Gefangenen nicht ohne Weiteres miteinander verst\u00e4ndigen konnten.<\/p>\n<p>Kurz vor der Befreiung von Auschwitz gab es einen Aufstand im Lager, aber der fand keine Unterst\u00fctzung. Zum einen, weil durch die Ankunft der Gefangenen aus den inzwischen von der Sowjetunion eroberten Gebieten Nachrichten aus dem Osten hierher drangen, Nachrichten von der Niederschlagung des Aufstands im Warschauer Ghetto und Nachrichten von der Befreiung von Majdanek durch die Sowjetunion. Man hoffte auf die baldige Befreiung von Auschwitz. Ein Aufstand jetzt h\u00e4tte noch mehr Opfer gefordert. Zum anderen scheiterte der Aufstand, weil die Russen auf sich warten lie\u00dfen und den Aufstand nicht unterst\u00fctzten. Dabei klingt in den Worten der F\u00fchrerin deutlich ein Vorwurf Richtung Sowjetunion mit. Andererseits betont sie immer wieder, die ersten Konzentrationslager seien von der Sowjetunion, nicht von den USA befreit worden.<\/p>\n<p>An der Seite des Monuments die zusammengest\u00fcrzten Reste eines Krematoriums. Hier gab es einen langen Gang, in dem man sich auskleidete, um dann zu den \u201eDuschen\u201c gef\u00fchrt zu werden. Unserer F\u00fchrerin zufolge muss es den Gefangenen eingeleuchtet haben, gleich nach der Ankunft im Lager nach der Zugfahrt unter verheerenden Bedingungen in die Dusche gef\u00fchrt zu werden. Als sie merkten, dass sie in den Tod gingen, war es zu sp\u00e4t, um zu agieren. Sie standen unbekleidet den uniformierten und bewaffneten SS-Leuten gegen\u00fcber. Und die meisten von ihnen waren Frauen und Kinder. M\u00e4nner hatten eine bessere Chance, f\u00fcr den Arbeitsdienst ausgew\u00e4hlt zu werden. Die Frauen gingen vermutlich singend und betend und ihre Kinder beruhigend in den Tod.<\/p>\n<p>Hinter dem Krematorium befindet sich ein riesiges \u201earch\u00e4ologisches\u201c Gel\u00e4nde, das man aus Piet\u00e4tsgr\u00fcnden bisher weitgehend unerforscht gelassen hat. Hier m\u00fcssen sich Tausende von Leichen befinden. Man hat exemplarisch ein paar Ausgrabungen gemacht und dabei noch einige pers\u00f6nliche Gegenst\u00e4nde gefunden, vor allem Tageb\u00fccher. Die F\u00fchrerin sagt, viele \u00dcberlebende h\u00e4tten \u00fcber Auschwitz geschrieben oder gesprochen, aber kaum jemand von denen, die f\u00fcr die Entsorgung der Leichen ihrer Mitgefangenen zust\u00e4ndig waren. Das sei vermutlich eine zu gro\u00dfe B\u00fcrde. In dem Zusammenhang erinnere ich mich an eine Besprechung des Buchs eines polnischen H\u00e4ftlings, Tadeusz Borowski, der als politischer Gefangener nach Auschwitz kam und an der Rampe in Einsatz war. Er schildert, dass er kein Mitleid empfindet. Er ist \u00fcber sich selbst entsetzt. Ein erfahrener Kollege versichert, das sei normal. Die Rampe gehe dir auf die Nerven, man bekomme Wut auf die Menschen, die in den Tod gingen \u2013 weil sie es langsam tun, zu laut klagen, weil sie die unangenehme Arbeit in die L\u00e4nge ziehen. Borowski selbst wird mit seinen Gef\u00fchlen nicht fertig und nimmt sich das Leben.<\/p>\n<p>Auschwitz insgesamt sollte auf das doppelte seiner Kapazit\u00e4t erweitert werden. Diese Pl\u00e4ne bestanden noch bis kurz vor der Aufl\u00f6sung des Lagers. H\u00f6\u00df, der Lagerkommandant, gab nach dem Krieg Auskunft \u00fcber die Vorz\u00fcge des Standorts: mitten in Europa und dennoch abgelegen und damit gut f\u00fcr die Geheimhaltung, vorhandene Eisenbahnlinien, das nahegelegene Kohlerevier.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich mit einem mexikanischen Studenten ins Gespr\u00e4ch, der gerade ein Auslandssemester in Hohenheim hinter sich hat und begierig Deutsch spricht. Das hilft mir, ins normale Leben zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p>Der Besuch von Auschwitz, furchterregend und gleichzeitig tief bewegend, hinterl\u00e4sst ein schwer beschreibbares, auf paradoxe Weise fast vers\u00f6hnliches Gef\u00fchl. Vielleicht liegt es an dem w\u00fcrdevollen Rahmen, vielleicht daran, dass man sich einfach mit dem Schrecken auseinandergesetzt hat.<\/p>\n<p>Die F\u00fchrerin sagt, viele k\u00e4men ein zweites Mal. Erst dann k\u00f6nne man die ungeheure Menge an Eindr\u00fccken und Informationen bew\u00e4ltigen.<\/p>\n<p>Am Abend gehe ich dann noch einmal nach Kazimierz, dem ehemaligen j\u00fcdischen Viertel. Irgendwie kommt mir das angemessen vor. Es wirkt heute viel freundlicher als gestern. Das Wetter ist besser und \u00fcberall sitzen oder flanieren Leute.<\/p>\n<p>Das Klezmer-Lokal, das mir empfohlen worden war, ist ausgebucht, und die gro\u00dfen Lokale an der Breiten Stra\u00dfe sind in ihren Werbemethoden etwas aufdringlich und au\u00dferdem teuer. Am Ende lande ich in einem Restaurant mit einem merkw\u00fcrdigen Namen: <em>Dawno Temu Na Kazimierzu \u2013 Vor langer Zeit in Kasimir. <\/em>Es ist genauso vollgestopft mit Dingen wie das Gro\u00dfmutter-Lokal gestern, scheinbar ohne jedes Prinzip ausgew\u00e4hlt: ein Kachelofen, eine N\u00e4hmaschine, ein Spiegel, eine Presse, ein Akkordeon, ein Brautkleid, ein Siebenarmiger Leuchter, Kaftane. Vermutlich stehen sie alle irgendwie in Verbindung mit j\u00fcdischen Traditionen.<\/p>\n<p>Es gibt Live-Musik: ein Akkordeon und eine Gitarre, gespielt von zwei jungen M\u00e4nnern mit ganz kurz geschorenen Haaren. Da bleiben Assoziationen nicht aus. Die Musik ist sch\u00f6n, mit schnellen, dynamischen Rhythmen.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen zieht ein Gewitter auf und drinnen gibt es nur einen schummrigen Leuchter und ein paar Kerzen. Man kann die Eintr\u00e4ge auf der Speisekarte kaum erkennen.<\/p>\n<p>Es gibt Weine aus Israel und aus einem Land namens <em>W\u0142ochy<\/em>. Das ist Italien! Ich bleibe aber beim Bier, denn hier gibt es <em>Tyskie<\/em>, das ich schon immer mal probieren wollte. Irgendwie klingt der Name verhei\u00dfungsvoll. Es schmeckt aber nicht so gut wie <em>\u015aywiec<\/em>.<\/p>\n<p>Ich esse als Vorspeise ein Gericht, das <em>J\u00fcdischer Kaviar<\/em> hei\u00dft. Das ist kleingehackte H\u00fchnerleber mit Ei. Das isst man mit Brot und Butter. Anschlie\u00dfend gibt es <em>Tschulent<\/em>, ein Rindfleischgericht mit drei verschiedenen Arten von Bohnen.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg bekomme ich noch die letzten Fl\u00fcgelschl\u00e4ge des Gewitters mit, aber dann kl\u00e4rt es auf, und ich kann noch einen Spaziergang machen, am Wawel und am Hauptmarkt vorbei und \u00fcber die <em>Josefa Dietla<\/em>. Jetzt erst schwant mir, dass <em>Josefa<\/em> keine Frau ist, sondern der Genitiv von <em>Josef<\/em>. Und <em>Jana<\/em> auch keine Frau ist, sondern der Genitiv von <em>Johannes<\/em>.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he des Wawel werden die Entfernungen zu allen m\u00f6glichen St\u00e4dten angegeben: Nach Budapest sind es nur 295 Kilometer, aber nach Dublin stolze 2230 Kilometer. H\u00e4tte ich nicht gedacht. N\u00fcrnberg hei\u00dft <em>Norymberga<\/em>, und <em>Rzym<\/em> ist Rom.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">27. Juli (Freitag) <\/span><\/p>\n<p>Beim Laufen einen kleinen Schlenker gemacht, um herauszufinden, um was es sich bei dem riesigen, blassgelb gefassten, neoklassizistischen Bau handelt, der stadtw\u00e4rts gleich neben einer gotischen Kirche liegt. Steht nicht dran, aber der Stadtplan wei\u00df Rat: Es ist das <em>Slowaki-Theater<\/em>. Hat nichts mit der Slowakei zu tun, sondern mit einem polnischen Romantiker. Hier werden vor allem polnische Klassiker gespielt.<\/p>\n<p>Auf dem Weg ins Zentrum f\u00e4llt mir wieder die unglaubliche Sauberkeit der Stadt auf. \u00dcberall stehen Abfallk\u00f6rbe herum, und auf dem Boden liegt kein Schnitzelchen Papier.<\/p>\n<p>Heute gibt es die Tuchhallen im Gesamtpaket. In vier Durchg\u00e4ngen, und auf vier Etagen.<\/p>\n<p>Es beginnt im Keller. Der Tuchhallen erster Teil. Hier befindet sich das neueste und modernste Museum Krakaus. Es zeigt, was genau hier, an Ort und Stelle, gefunden wurde. Die Ausgrabungen sind noch neueren Datums. Auf Photos sieht man, wie noch vor kurzem der gesamte Bereich an den Seiten der Tuchhallen aufgew\u00fchlt war. Was gefunden wurde, sind die Kellerr\u00e4ume der alten Tuchhallen. Und darin alle Art von Gegenst\u00e4nden, die Auskunft \u00fcber das mittelalterliche Leben geben. All das wird in allermodernster Form hier pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Man betritt das Museum durch einen virtuellen Schleier. Das ist so lebensecht gemacht, dass man sich kaum traut, hindurchzugehen.<\/p>\n<p>Dann kommt man auf einen virtuellen Marktplatz, mit Pferdegetrampel, Marktschreiern und Unterhaltungen auf Polnisch, Deutsch und Italienisch.<\/p>\n<p>Zur Erg\u00e4nzung des virtuellen Markts gibt es reale Gegenst\u00e4nde, darunter eine gro\u00dfe Waage, auf der man sich wiegen lassen kann. Ich wiege 1 Cetnar, 1 Kamien, 23 Funt, 2 Wiardunek, 1 Uncja, 1 \u0141ut Kratkowski, 1 Skoljec, 1 Obol. Geht noch.<\/p>\n<p>Alle Waren mussten gewogen werden, und man musste daf\u00fcr bezahlen! Daf\u00fcr hatte man die Gew\u00e4hr, dass richtig gewogen wurde. Private Waagen waren verboten!<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang gibt es Informationen und Anschauungsmaterial zu Ma\u00dfen und Gewichten. Eine Sache, die ich nicht richtig verstehe bezieht sich auf die L\u00e4ngenma\u00dfe. Es hei\u00dft, es habe unterschiedliche Einheiten f\u00fcr Distanzen und L\u00e4ngen gegeben. Den Menschen im Mittelalter w\u00e4re es unsinnig erschienen, die Entfernung nach Kazimierz genauso anzugeben wie die L\u00e4nge eines Feldes. Meilen wurden als Einheit von Landvermessern genutzt. Eine Meile war etwa 8 Kilometer.<\/p>\n<p>Das Dezimalsystem w\u00e4re den Menschen im Mittelalter zu kompliziert erschienen. In Dutzend konnte man besser rechnen: 12 l\u00e4sst sich durch 2, 3, 4 und 6 teilen, 10 nur durch 2 und 5. Au\u00dferdem konnte man sich in das Zwanzigersystem gut einklinken, wenn man 12 x 5 nahm.<\/p>\n<p>Neben der Waage steht ein Fuhrwerk. Der Transport war f\u00fcr den Handel nat\u00fcrlich von zentraler Bedeutung. Das Fuhrwerk ist zweir\u00e4drig. Damit war man auf den unebenen Stra\u00dfen beweglicher. Das vierr\u00e4drige Fuhrwerk setzte sich erst im 14. Jahrhundert durch, nachdem man ein bewegliches Vorderteil konstruiert hatte.<\/p>\n<p>Und auf den Boden kam es an. Lehmb\u00f6den konnten Regen und Tauwetter nicht gut vertragen. Deshalb fand der Handel meist im Sommer und im Winter statt. Im Winter wurden die Fuhrwerke oft durch Schlitten ersetzt.<\/p>\n<p>Wasserl\u00e4ufe bedeuteten immer ein Hindernis. Es ist verbl\u00fcffend, wie viele Alternativen zu deren \u00dcberwindung es gab: Br\u00fccken, Stege, Deiche, F\u00e4hren, Furten. Diese waren am wichtigsten. Wenn man einen\u00a0 Flusslauf \u00fcberquerte, bedeutete das oft auch Zollabgaben. Krakau hatte fast von Beginn an das Privileg, dass alle Waren, die hier durchkamen, drei Tage lang zum Kauf angeboten und verzollt werden mussten.<\/p>\n<p>An einer Messwand kann man sehen, wie gro\u00df die Menschen waren. Im 11.-12. Jahrhundert war der durchschnittliche Mann 1,71, die durchschnittliche Frau 1,56 gro\u00df. Wie sie das blo\u00df rausgefunden haben?<\/p>\n<p>Dann kommt ein Stadtmodell, ganz einfach gehalten, mit braunen Kl\u00f6tzchen f\u00fcr die H\u00e4user. Fast alles ist innerhalb der Stadtmauern. Au\u00dferhalb nur ein paar vereinzelte Bauernh\u00e4user und ein paar Kirchen. Waren die au\u00dferhalb, um Pilger oder Reisende aufzunehmen? Oder weil es Kl\u00f6ster waren und man die Einsamkeit suchte? Es m\u00fcssen aber nur wenige Minuten Fu\u00dfweg bis zu der Stadt gewesen sein.<\/p>\n<p>Man sieht noch die alten Tuchhallen, viel niedriger als die heutigen, aber einen gr\u00f6\u00dferen Teil des Platzes einnehmend. Sie sehen eher aus wie die Hamburger Dammtorhallen. Das Rathaus ist noch komplett, und die Marienkirche hat viel niedrigere T\u00fcrme, die aber auch zu dieser Zeit schon ungleich hoch waren.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dften arch\u00e4ologischen Funde waren die Begr\u00e4bnisst\u00e4tten. Dabei wurden einige \u00fcberraschende Entdeckungen gemacht. Zum Beispiel wurden schon vereinzelt S\u00e4rge benutzt (neben Leichent\u00fcchern), zu einer Zeit, als es sie in Mitteleuropa noch nicht gab \u2013 dachte man jedenfalls.<\/p>\n<p>Auch wurden einige Menschen mit den H\u00e4nden \u00fcber Kreuz begraben. Das war die byzantinische Tradition, aber in Mitteleuropa dem Klerus und der Elite vorbehalten. Einige der Bisch\u00f6fe auf dem Wawel wurden aber nicht mit \u00fcberkreuzenden H\u00e4nden begraben. Das gibt den Arch\u00e4ologen R\u00e4tsel auf.<\/p>\n<p>Zu den Grabbeigaben z\u00e4hlen sehr bunte, modern aussehende Halsketten. Die k\u00f6nnten ohne weiteres heute oben in dem Gew\u00f6lbe der Tuchhallen verkauft werden.<\/p>\n<p>Einige Leichen wurden in merkw\u00fcrdigen Positionen gefunden: auf dem Bauch liegend, auf der Seite liegend, mit an den Brustkorb gedr\u00fcckten Beinen, so als h\u00e4tte man sie gefesselt. Bei einigen war der Kopf abgetrennt und fand sich woanders, teilweise auf dem Sarg. Man vermutet, dass es Menschen waren, die des Vampirismus verd\u00e4chtigt wurden. Durch die besondere Lage und das Fesseln sollte verhindert werden, dass sie den Lebenden nachstellen.<\/p>\n<p>Auch ein Pferdekopf wurde entdeckt und die K\u00f6pfe zweier M\u00e4nner, die Besonderheiten aufwiesen. Der eine wurde vermutlich exekutiert, durch einen gezielten Schlag, der andere unterzog sich einer Sch\u00e4deltrepanation, die er \u00fcberlebte und die sein Leben verl\u00e4ngerte. Man sieht deutlich das Loch im Kopf! Wahrscheinlich wurde die Trepanation zu therapeutischen Zwecken durchgef\u00fchrt. Es gab auch Sch\u00e4deltrepanationen zu magischen Zwecken. Dieser Patient scheint aber eine Verletzung gehabt zu haben, vermutlich durch einen Kampf, bei dem ein St\u00fcck Metall in seinen Kopf geriet.<\/p>\n<p>Dann wird man an den Grundmauern der Keller entlang gef\u00fchrt, und alle paar Meter wartet eine Station auf einen, wo es Ausgrabungsobjekte und Informationen zu einem Thema gibt. Das ist erstklassig gemacht, aber zu viel.<\/p>\n<p>Ich bleibe bei den D\u00fcften, bei der Frauenkleidung, bei der M\u00e4nnerkleidung und beim Spiel stehen. Spiele wurden von der Kirche nur ungern geduldet und manchmal gar nicht. Karten und Spielfiguren landeten h\u00e4ufig im Feuer. Geduldet wurde nur Schach, da es als intelligenzf\u00f6rdernd galt. Hier sieht man das, was dem Feuer entging: winzige W\u00fcrfel, Spielsteine, Spielfiguren, auch Holzpferdchen.<\/p>\n<p>Unter \u201eKrakauer\u201c verstand man damals einen Herrenschuh. Der lief so spitz zu, dass er das Gehen erschwerte, ein Tribut, den die Dandys der Zeit an die Mode zollen mussten. Man sieht einige Exemplare, meistens mit einem vulg\u00e4ren Motiv an der Spitze.<\/p>\n<p>G\u00fcrtel waren ein unerl\u00e4sslicher Teil der M\u00e4nnerkleidung. Sie hatten schon L\u00f6cher und eine Schnalle. Am G\u00fcrtel hing dann auch der Beutel, in dem man die pers\u00f6nlichen Dinge wie Handy und Kreditkarte mit sich herum trug. Das war n\u00f6tig, denn es gab noch keine Taschen in der Kleidung!<\/p>\n<p>Frauenkleider waren zun\u00e4chst lang und weit. Alle Kurven wurden unter der Kleidung verborgen. Das \u00e4nderte sich im Sp\u00e4tmittelalter, als ein neue Erfindung sich durchzusetzen begann: der Knopf!<\/p>\n<p>Das Sch\u00f6nheitsideal war unumstritten: blondes Haar, schlanke Figur, blasser Teint, allenfalls mit roten Backen. Auch damals taten die Frauen schon alles, um der Natur nachzuhelfen: Die Haare wurden mit Sp\u00fclwasser behandelt, die Haut mit den Exkrementen gez\u00fcchteter Igel. Die Augenbrauen wurden grunds\u00e4tzlich g\u00e4nzlich beseitigt.<\/p>\n<p>D\u00fcfte waren auch schon immer wichtig. Man benutzte eine Mischung aus \u00d6l, Rosmarin, Lavendel und Alkohol. Der gro\u00dfe Durchbruch der D\u00fcfte und ihre Entwicklung zum Parf\u00fcm war den M\u00e4nnern zu verdanken, den Kreuzrittern. Sie \u00a0hatten aus dem Orient Duftstoffe mitgebracht. Die sollten dazu dienen, die Rosenkr\u00e4nze zu parf\u00fcmieren. Es blieb den Frauen \u00fcberlassen, diese heilige Sitte zu profanieren. Um diese Erkenntnis bereichert, verlasse ich das Museum.<\/p>\n<p>Es geht weiter zwei Etagen h\u00f6her. Der Tuchhallen zweiter Teil. Hier befindet sich die vornehme Dachterrasse des vornehmen Caf\u00e9s der Tuchhallen, mit astronomischen Preisen, f\u00fcr polnische Verh\u00e4ltnisse. Ich g\u00f6nne mir einen Eiskaffee. Das Wetter l\u00e4dt dazu ein. Heute ist wieder Sommer.<\/p>\n<p>Jetzt geht es noch eine Etage weiter rauf. Der Tuchhallen dritter Teil. Hier befindet sich das Kunstmuseum, in vier S\u00e4len, zwei kleinen und zwei gro\u00dfen: Aufkl\u00e4rung, Romantik, Akademiestil und ein Saal, der einfach \u201e19. Jahrhundert\u201c hei\u00dft und von allem etwas hat.<\/p>\n<p>Beim Akademiestil treibt es einen gleich wieder hinaus, angesichts der riesigen Gem\u00e4lde von Schlachten und anderen historischen Ereignissen. Ein einziges Bild nimmt die gesamte Stirnwand des Saals ein. Leider werden keine Ma\u00dfe genannt. Die Pferde, die aus dem Bild hervor zu preschen scheinen, sind dennoch beeindruckend.<\/p>\n<p>Bei der Aufkl\u00e4rung herrschen klare Linien und elegante Formen vor. Der Stil wurde ausdr\u00fccklich vom K\u00f6nig gef\u00f6rdert. Die Bilder sollten \u201eguten Geschmack\u201c beweisen und sich von den Vorg\u00e4ngern, den Malern der Z\u00fcnfte, abheben. Es war vermutlich so etwas wie eine Professionalisierung der polnischen Malerei. Die meisten Maler stammten aus dem Westen, aus Italien und Frankreich, und malten vornehmlich Portraits und mythologische Szenen. Alles wirkt sehr einheitlich.<\/p>\n<p>Ganz anders im 19. Jahrhundert. Hier sind die Maler fast ausschlie\u00dflich Polen und die meisten Bilder aus einer Zeit, als Polen als Staat nicht existierte. Es ist eine Selbstvergewisserung der polnischen Malerei, und es kommen auch viele einheimische Sujets zur Geltung. Es gibt wirklich von allem etwas: ein Schlachtengem\u00e4lde, ein Waldweg mit zwei Ochsenkarren, ein Dorfm\u00e4dchen in Trachtenkleidern, ein Totenbett, eine nackte Frau, die st\u00fcrmisch ein riesiges Pferd umhalst (und die Ekstase darstellt), eine Talmudschule, ein weiblicher Akt, ein musizierender Hirte, Pferde im Schneematsch vor einer Bauernkate.<\/p>\n<p>Sehr sch\u00f6n ein gro\u00dfes, leuchtendes Bild von einem Malerjungen, der alleine auf einer einfachen Bank am Wegesrand sitzt und Pause macht. Er blickt nachdenklich den Weg hinunter, aus dem Bild hinaus. Alles kommt sehr sch\u00f6n zur Wirkung: die vereinzelten braunen und gelben Bl\u00e4tter zu seinen F\u00fc\u00dfen, die Farbklekse auf seiner Kleidung, die Schatten, die seine Schuhe auf den Weg werfen, der dunkle, kahle Baum mitten in dem dichten Gr\u00fcn des Hintergrunds, die Kappe, die ein Auge verdeckt, die \u201eNasen\u201c an den Farbt\u00f6pfen und Kannen, die in einem h\u00f6lzernen K\u00fcbel an der Seite stehen, die einzelnen, etwas abgebl\u00e4tterten Birkenst\u00e4mme, aus denen die Bank gemacht ist, der Rost am Ring des Fasses. Der Junge ist ganz allein mit sich und der Natur. Der merkw\u00fcrdige Titel des Bildes, <em>Introduction<\/em>, gibt einem R\u00e4tsel auf. Leider gibt es zu den Bildern \u00fcberhaupt keine Informationen. Das Bild, gemalt von einem gewissen Jacek<strong> <\/strong>Malczewski (1890), ist in einem Stil gemalt, den man als vorsichtigen Impressionismus bezeichnen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Ebenso eindr\u00fccklich das Bild einer Sterbeszene von Stanis\u0142aw Grocholski, <em>Tod<\/em> <em>einer Waisen<\/em> (1884). Hier hat alles klare Konturen und alle Farben sind Abstufungen von Schwarz, Wei\u00df und Braun. Es gibt lediglich einen roten Streifen auf der einfachen Wolldecke und ein paar Farbklekse in einem Malbuch, das auf dem Tisch neben dem Bett steht.<\/p>\n<p>Eine junge Frau, ganz in Schwarz, sitzt auf dem Bett eines toten M\u00e4dchens, bekleidet mit einem blasswei\u00dfen Nachthemd. Die junge Frau h\u00e4lt die H\u00e4nde zusammen und blickt ernst und nachdenklich nach unten. Sie ist sehr ordentlich gekleidet, mit s\u00e4uberlich gescheiteltem und s\u00e4uberlich hochgestecktem Haar. Das Haar der Toten f\u00e4llt dagegen in unregelm\u00e4\u00dfigen Str\u00e4hnen \u00fcber Hals und Gesicht. Aus der Matratze stechen an verschiedenen Stellen Strohhalme hervor.<\/p>\n<p>Die junge Frau h\u00e4lt ihre H\u00e4nde zusammen, die Arme der Toten liegen weit auseinander. Auf dem Nachttisch steht eine Kerze, die gerade ausgegangen ist. Der letzte Qualm der verloschenen Kerze steigt senkrecht nach oben. Daneben liegen ein paar gebrauchte Streichh\u00f6lzer. All das ist mit gro\u00dfer Pr\u00e4zision wiedergegeben. Die Atmosph\u00e4re des Bildes ist traurig, ernst und friedlich.<\/p>\n<p>Im Saal der Romantik sehe ich mir nur noch ein Bild an, <em>Abendgebet eines Bauern<\/em>. Das ist Romantik pur. Ein Bauernjunge steht, mit dem R\u00fccken zum Betrachter, auf einem Felsvorsprung und blickt in die Ferne, in Richtung des roten und gelben Streifens, der den dunklen Himmel noch erhellt. Die Figur des Bauernjungen ist nur als Silhouette zu erkennen, die sich von dem hellen Hintergrund abhebt. Auch nur schemenhaft erkennt man den umgekippten Karren zu seiner Seite, dessen F\u00fc\u00dfe in die Luft ragen. In der Ferne kann man im Dunkeln die Konturen einer Stadt erahnen. Auf dem ganzen Bild ist kaum ein Objekt klar zu erkennen, kein Strauch, keine Wolke, auch die Sonne nicht.<\/p>\n<p>Der Tuchhallen vierter Teil findet ebenerdig statt, bei den Verkaufsst\u00e4nden, die sich auf beiden Seiten des Geb\u00e4udes den Mittelgang entlang ziehen. \u00dcber den Verkaufsst\u00e4nden die Wappen polnischer St\u00e4dte, die von Krakau und Warschau hervorgehoben, indem sie genau in der Mitte einander gegen\u00fcber erscheinen, da, wo die Seiteneing\u00e4nge sind. Es gibt insgesamt 52 St\u00e4nde, alle gleich gro\u00df, und sie sind nummeriert wie im Mittelalter.<\/p>\n<p>Hier gibt es unn\u00fctze, wertlose, sch\u00f6ne Dinge zu kaufen. Ich kaufe tats\u00e4chlich, zu einem erschwinglichen Preis, eine kleine bemalte Holzschachtel. An vielen St\u00e4nden gibt es Bernsteinschmuck. Das muss wohl eine Besonderheit der Gegend sein.<\/p>\n<p>Danach gehe ich noch kurz zur Peter-und Paulkirche. Es geht mir eigentlich nur um das Pendel von Foucault, das hier h\u00e4ngen soll, aber bevor ich es entdecke, wird mir, in freundlichster Manier, ein Audioguide aufgezwungen, der einem anhand eines uns\u00e4glichen Dialogs auf Englisch mit schwerem Akzent und merkw\u00fcrdigen Formen (<em>Feeling comfortably<\/em>?) durch die Kirche f\u00fchrt.<\/p>\n<p>In dieser Kirche feiert der Barock fr\u00f6hliche Urst\u00e4nd. Es ist ein Gegenprogramm zum Ernst und der N\u00fcchternheit der protestantischen Kirchen, mit Gold, Marmor, Hell-Dunkel-Kontrasten und bewegten Figuren. Die Kirche scheint aus lauter Ausrufezeichen zu bestehen, darunter die Kanzel, deren h\u00f6lzerner Schalldeckel zweist\u00f6ckig ist und einen weiteren, dreist\u00f6ckigen Aufbau aus Gold hat, der in einer Krone endet.<\/p>\n<p>Die Kirche, 1635 geweiht, folgt ganz dem Vorbild von <em>Il Ges\u00f9<\/em> in Rom, der Stammkirche der Jesuiten. Was ausgerechnet die Wasa-K\u00f6nige, \u00fcberzeugte Protestanten, dazu bewogen haben mag, die Jesuiten nach Polen zu holen und den Katholizismus zu retten, bleibt mir ein R\u00e4tsel.<\/p>\n<p>Die Entt\u00e4uschung kommt ganz zum Schluss. Die letzte Bemerkung des Audiof\u00fchrers bezieht sich auf das Foucaultsche Pendel. Da werde nur am Donnerstag gezeigt. Mir wird es also vorl\u00e4ufig ein R\u00e4tsel bleiben.<\/p>\n<p>Bei der anschlie\u00dfenden Suche nach Ansichtskarten komme ich in eine Seitenstra\u00dfe. An einem Gel\u00e4nder steht ein schwarzes Fahrrad mit gelben Punkten. Was will der Besitzer uns damit wohl sagen? So k\u00f6nnten einige auch ihr Auto markieren.<\/p>\n<p>Dann geht es zur\u00fcck. Diesmal mache ich eine Pause auf dem Kleinen Markt. Auf der Teetasse steht ein Zitat von Konfuzius: <em>Tea tempers the spirit and harmonises the mind, dispels lassitude and relieves fatigue, awakens thought and prevents drowsiness, lightens or refreshes the body and clears the perceptive faculties<\/em>. Der Tee hier tut alles, um diesem hohen Anspruch gerecht zu werden. Er ist wirklich erster Klasse, und ich f\u00fchle mich danach wirklich wacher. Kann aber auch an Konfuzius liegen.<\/p>\n<p>Wenn man in die Marienkirche kommt, ist man erst mal ganz geblendet von all dem Glanz. Alles ist farbig, die W\u00e4nde, die Pfeiler, die Fenster, die Decke. Die ist himmelblau und \u00fcber und \u00fcber mit goldenen, gl\u00e4nzenden Sternen best\u00fcckt. Vergoldet sind auch die Figuren des Hauptaltars, des Stars der Kirche, einem sp\u00e4tmittelalterlichen Altar von Veit Sto\u00df. Um den zu sehen, muss man Eintritt bezahlen.<\/p>\n<p>Die Marienkirche ist gotisch, aber auch hier hat der Barock in Form von Alt\u00e4ren, B\u00fcsten, Orgeln, Epitaphen seine Spur hinterlassen. Leider verdecken die Alt\u00e4re auch einen Teil der m\u00e4chtigen Pfeiler, die sehr sch\u00f6n bemalt sind. Ob die Bemalung original ist, ist nicht festzustellen \u2013 die Information ist sehr knapp gehalten \u2013 aber so muss man sich wohl eine mittelalterliche Kirche vorstellen. Inspiriert von dem <em>horror vacui<\/em> hat man keinen Quadratmeter frei gelassen, ohne Dekoration.<\/p>\n<p>Die Kirche hat einen langen, einschiffigen Chor, der von einer hohen Chorschranke vom dreischiffigen Rest der Kirche abgetrennt ist. \u00dcber der Chorschranke h\u00e4ngt ganz oben ein riesiges Kruzifix.<\/p>\n<p>Die Glasfenster hinter dem Hauptaltar sind in kleine, deutlich abgesetzte Rechtecke aufgeteilt, von denen jedes seine eigene Darstellung enth\u00e4lt. Jedes Fenster besteht aus drei Bahnen mit jeweils zw\u00f6lf Einzelfenstern. Das bedeutet, dass man aus der Entfernung, aus der man sie sieht, praktisch nichts erkennen kann.<\/p>\n<p>Ganz anders kommt der Altar von Veit Sto\u00df daher. Riesige, vollrunde Figuren beherrschen die Szene, vor allem in dem zentralen Bild, der Entschlafung Mariens in der Pr\u00e4senz der Apostel. Die Figuren sind mehr als zwei Meter gro\u00df, aus Lindenholz, w\u00e4hrend der Altar selbst aus Eichenholz geschnitzt ist. Veit Sto\u00df hat f\u00fcr den Altar zw\u00f6lf Jahre gebraucht, vermutlich unter tatkr\u00e4ftiger Mithilfe seiner Werkstatt.<\/p>\n<p>Zuerst sucht man Maria vergebens. Wo ist das Bett? Es gibt keins. Das ist wohl einmal eine k\u00fcnstlerische Entscheidung, weil es Schwierigkeiten mit der Perspektive und wohl auch Platzprobleme verursacht h\u00e4tte. Vielleicht war es aber auch eine Anspielung darauf, dass Maria keinen Tod gestorben, sondern entschlafen ist. Sie bricht einfach, \u201emitten auf der Stra\u00dfe\u201c sozusagen, gest\u00fctzt von einem der Apostel, zusammen. Die riesigen Apostel passen nur deshalb in den Rahmen, weil sie gestaffelt stehen und sich teils gegenseitig verdecken.<\/p>\n<p>Die Apostelfiguren sind sehr stark individualisiert, in Gesichtern, Gesten und Gestalt. Einige blicken in die Ferne, andere auf Maria, andere nach oben. Einige sind entsetzt, andere nachdenklich.<\/p>\n<p>Diese zentrale Szene ist umrahmt von zehn weiteren Altarteilen, einer Predella mit dem Stammbaum Jesse, Aufbauten mit den Lokalheiligen Adalbert und Stanislaus und Abbildungen in den Fl\u00fcgelt\u00fcren. Wenn der Altar offen ist, sieht man die sechs Freuden Mariens, wenn er geschlossen ist, die zw\u00f6lf Leiden Mariens. Veit Sto\u00df verstand das Leben. Es gibt mehr Leid als Freud.<\/p>\n<p>Am Abend geht es ins <em>Ch\u0142opskie Jad\u0142o<\/em>, in der Grodzka, unweit des Marktplatzes, etwas versteckt in einem Innenhof liegend. Diesmal beuge ich mich dem Diktat des Wetters und setze mich drau\u00dfen hin.<\/p>\n<p>Hier geht es deftig zu, rustikal. An den Pf\u00e4hlen h\u00e4ngt Pferdezaumzeug, die Kellner tragen bestickte Blusen, aus dem Hintergrund gibt es Volksmusik.<\/p>\n<p>Wieder gibt es ein neues Bier zu probieren: <em>Okocim<\/em>. Schmeckt gut. Am Nebentisch bestellen die Amerikaner 1,5 Liter. Ich fange erst mal mit einem kleinen an. Das Bier gibt es auch warm mit Marmelade!<\/p>\n<p>Zum Auftakt gibt es auf Kosten des Hauses Brote mit Schmalz und H\u00fcttenk\u00e4se. Danach kann ich, da es sich um ein traditionelles Lokal handelt, noch zwei weitere traditionelle Gerichte probieren, die auf meinem Merkzettel stehen: <em>go\u0142abki<\/em>, Kohlrouladen, als Hauptspeise, und <em>nale\u015bhniki<\/em>, Pfannkuchen, als Nachtisch. Die <em>go\u0142abki<\/em> sind so sehr Teil der polnischen K\u00fcche, dass mit ihnen eine Legende verbunden ist: Kasimir IV. soll sie seinen Soldaten vor der Schlacht von Malbork gegen den Deutschen Orden gegeben haben. Den Sieg schrieb man dem N\u00e4hrwert der <em>go\u0142abki<\/em> zu.<\/p>\n<p>Die <em>go\u0142abki<\/em>, mit Reis gef\u00fcllt und mit Tomatenso\u00dfe serviert, schmecken gut, aber die Pfannkuchen schmecken besser, glorreich geradezu. Am Ende sind es eigentlich doch nicht <em>nale\u015bhniki<\/em>, sondern eine \u00e4hnliche Sache, die die Kellnerin empfiehlt, <em>racychy<\/em>, Apfelpfannkuchen mit Puderzucker und Honig. Sie sind au\u00dfen ganz kross gebraten und schmecken nach Apfel, aber nicht zu sehr. Davon gibt es gleich drei, und das ist als dritter Gang eindeutig zu viel. Aber da kommt mir gerade ein passendes Zitat von Karl Kraus unter: \u201eGesund ist man erst, wenn man wieder alles tun kann, was einem schadet.\u201c<\/p>\n<p>Die wahren <em>nale\u015bhniki <\/em>sollte ich am n\u00e4chsten Tag dann noch bekommen, kurz vor der Abreise, in einer Milchbar. Das sind die ehemals staatlich subventionierten Betriebe, die jetzt eine Renaissance erleben. Dort ist alles einfach, einschlie\u00dflich der Speisekarte, die, aus verschiebbaren Tafeln bestehend, an der Wand h\u00e4ngt. Es gibt zwei Reihen von Gerichten. Links ist Fr\u00fchst\u00fcck. Dazu geh\u00f6ren Suppen, Kn\u00f6del, Piroggen und eben die Pfannkuchen, die <em>nale\u015bhniki<\/em>.<\/p>\n<p>Es wird langsam dunkel, als ich aufbreche. Ich gehe noch ein bisschen durch die Altstadt. Da bin ich nicht der einzige, der auf die Idee gekommen ist.<\/p>\n<p>Obwohl die Altstadt autofrei ist, muss man aufpassen, auf Pferdekutschen, Stra\u00dfenbahnen, Fahrr\u00e4der und die Elektroautos, mit denen Stadtf\u00fchrungen gemacht werden. Die kommen manchmal auf leisen Sohlen daher.<\/p>\n<p>Erst jetzt f\u00e4llt mir auf, dass ich in Krakau kaum Schwarze, Araber und Asiaten gesehen habe. Polen ist noch nicht als gelobtes Land entdeckt worden.<\/p>\n<p>In der Grodzka sehe ich eine Eisdiele, die wirklich einem Mario Balotelli geh\u00f6rt. Da kaufe ich nichts.<\/p>\n<p>Als ich zum Wawel komme, habe ich eine Vision. Vielleicht bin ich von den ganzen polnischen Entr\u00fcckten angesteckt, aber ich nehme ganz deutlich am Himmel, unter einem blassen Halbmond, eine straffierte, riesige Kugel wahr. Es reicht nicht f\u00fcr ein beweistaugliches Photo. Die Kugel ist verschwunden, bevor ich die Kamera herausgeholt habe.<\/p>\n<p>Mit dieser denkw\u00fcrdigen Begebenheit endet die Reise in diese sch\u00f6ne Stadt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>22. Juli (Sonntag) Krakau: Weltkulturerbe, polnische K\u00f6nigsstadt, Sitz einer der \u00e4ltesten mitteleurop\u00e4ischen Universit\u00e4ten. Und was interessiert mich? Klot\u00fcren! 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