{"id":2853,"date":"2012-10-11T09:33:19","date_gmt":"2012-10-11T07:33:19","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=2853"},"modified":"2015-09-21T19:39:53","modified_gmt":"2015-09-21T17:39:53","slug":"bologna-2012","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=2853","title":{"rendered":"Bologna (2012)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">7. September (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Bologna ist die Stadt, in der, einer Umfrage zufolge, die meisten Italiener gerne leben w\u00fcrden. Sie wissen, was gut ist. Im Ausland ist der Stellenwert Bolognas viel geringer: Rom, Florenz, Venedig stehen ganz oben, und auch Mailand, Neapel, Verona, Rimini sind beliebter oder zumindest bekannter als Bologna.<\/p>\n<p>Spaghetti Bolognese gibt es Bologna nicht. Aber sonst fast alles, was das Herz begehrt. Na gut, es gibt auch kein Meer.<\/p>\n<p>Es ist sonnig und warm, als ich in K\u00f6ln abfliege. Als ich in Bologna ankomme, ist es sonnig und hei\u00df.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist dies eine Nostalgiereise, zur\u00fcck zu den Wurzeln, sozusagen. Hier, in Bologna, habe ich vor vielen Jahren meinen ersten Italienisch-Kurs gemacht. Ich habe mich sogar an derselben Schule wieder angemeldet, die allerdings jetzt eine andere Lokalit\u00e4t und wohl auch einen anderen Namen hat. Wie lange das alles her ist, merke ich zu meinem Entsetzen noch am selben Abend, als ich in einem Reisef\u00fchrer ein altes Zugticket entdecke, f\u00fcr eine Fahrt von Bologna nach Modena. Der Preis: 5400 Lire. Es war vor der Einf\u00fchrung des Euro, und zwar weit davor: 1993!<\/p>\n<p>Erinnern kann ich mich noch an die drei Attribute, die sich Bologna verliehen hat: <em>la dotta, la rossa, la grassa<\/em>. Anspielungen auf Gelehrsamkeit, Architektur, K\u00fcche.<\/p>\n<p>Der Flughafen von Bologna ist nach Marconi benannt, dem \u201eErfinder des Telefons\u201c. So lese ich es in einem (italienischen) Reisef\u00fchrer. Letztes Jahr in Stockholm war Ericsson der \u201eErfinder des Telefons\u201c, einem schwedischen Reisef\u00fchrer zufolge. In Deutschland ist es Philipp Reis, in Amerika Graham Bell.<\/p>\n<p>Zu den anderen bekannten Bolognesen geh\u00f6ren Correggio und Guido Reni, Carracci und Papst Gregor XIII und Galvani (<em>galvanisieren<\/em>) und Cardano (<em>Kardanwelle<\/em>).<\/p>\n<p>Am Flughafen geht es etwas unordentlich und hektisch zu, so, als wolle man uns demonstrieren, dass wir in Italien sind.<\/p>\n<p>Mit einem vollgestopften Bus, der schon bessere Tage gesehen hat, kommt man f\u00fcr stolze sechs Euro ins Zentrum. Der Weg f\u00fchrt durch nichtssagende Gegend und \u00fcber einen Fluss. Einen Fluss? Liegt Bologna an einem Fluss?<\/p>\n<p>Es gibt mehrere Haltestellen im Zentrum, und ich versuche mich auf Italienisch an dem neben mir stehenden jungen Mann. Es geht alles wie geschmiert, so als h\u00e4tte ich nie etwas anderes gesprochen. Sp\u00e4ter, auf dem Weg durch die Stadt, kommt dann die gro\u00dfe Unsicherheit. Ich verwechsle alles, sogar <em>dritto<\/em> und <em>destra<\/em>, und gebe offensichtlich Anlass, dass man mir auf Englisch antwortet! Eine neue italienische Erfahrung. Als ich mich bei dem Mann im Bus bedanke, antwortet er: <em>Ma di ch\u00e8?<\/em><strong> <\/strong>Beim Aussteigen, bei dem man \u00fcber Taschen klettern und sich zwischen Passagieren durchzw\u00e4ngen muss, habe ich das Gef\u00fchl, dass jemand nach meinem Portemonnaie greift, aber es geht gut. Vielleicht habe ich mir das alles nur eingebildet.<\/p>\n<p>Es ist das erste Mal \u00fcberhaupt, dass ich eine Stadt zum zweiten Mal l\u00e4nger besuche. Aber es ist wie das erste Mal: Ich erkenne nichts wieder. In meiner Erinnerung hat sich Bologna auf ein halbes Dutzend Stra\u00dfenszenen oder Sehensw\u00fcrdigkeiten reduziert, und nichts davon hat etwas mit dem zu tun, was ich jetzt sehe. Dass man in Bologna ist, kann man dennoch nicht \u00fcbersehen. Das liegt einmal an den Kolonnaden und dann an den vielen Vespas und Fahrr\u00e4dern.<\/p>\n<p>Es ist nicht weit bis zum Hotel, aber ich tue mich schwer damit, die richtige Stra\u00dfe zu finden, San Vitale, eine unendlich lange Stra\u00dfe, mit dem Hotel fast an ihrem Endpunkt, dem \u00f6stlichen Ausgang aus der Stadt.<\/p>\n<p>Das Hotel ist sehr, sehr einfach, hat aber einen sch\u00f6nen, kleinen Innenhof f\u00fcr seine G\u00e4ste. Fr\u00fchst\u00fcck gibt es nicht, hier wird nur geschlafen. Dass das Zimmer nach innen liegt und nicht zu der lauten, vielbefahrenen Stra\u00dfe hin, stelle ich sofort zufrieden fest, auch, dass es immerhin einen Schreibtisch hat. Dass es auch einen Ventilator hat, merke ich erst am n\u00e4chsten Morgen, nach einer Nacht, in der ich ins Schwitzen komme.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen kurzen Spaziergang ins Zentrum ist es noch fr\u00fch genug. Bologna kommt mir anders vor, als ich es in Erinnerung hatte: lauter, voller, schmuddeliger. Risse und Spalten in den eigentlich sehr sch\u00f6nen B\u00fcrgersteigen, die nur notd\u00fcrftig ausgebessert sind, bemalte, beschmierte und mit Parolen versehene Briefk\u00e4sten, Stromk\u00e4sten, Ladengitter, Haust\u00fcren, vergilbte Plakate und halb abgerissene Aufkleber \u00fcberall, verru\u00dfte S\u00e4ulen, schmutzige Fassaden. Dabei ist es ausgesprochen sauber: kein Papierschnitzelchen auf dem Boden, geschweige denn Hundekot. Und zwischen den etwas heruntergekommenen H\u00e4usern dann pl\u00f6tzlich zwischendurch ein Palazzo wie aus dem Bilderbuch.<\/p>\n<p>Am Ende der Via San Vitale stehen die beiden bekannten Wohnt\u00fcrme von Bologna, <em>Asinelli<\/em> und <em>Garisenda<\/em>, die ersten Sehensw\u00fcrdigkeiten \u00fcberhaupt, die ich wiedererkenne, aber dann bin ich wieder wie in einer unbekannten Stadt.<\/p>\n<p>Dann aber kommt die Piazza Maggiore, mit dem Neptun-Brunnen, San Petronio und den vielen repr\u00e4sentativen Geb\u00e4uden. Die Fassade von San Petronio ist einger\u00fcstet. Gut so. Sie hat mir noch nie gefallen, mit der Marmorverkleidung, die auf halber H\u00f6he aufh\u00f6rt und dann den nackten Ziegelsteinen Platz macht. Damals war schlicht das Geld ausgegangen. Ob man die Marmorverkleidung jetzt tats\u00e4chlich komplettieren will?<\/p>\n<p>Irgendwie werde ich in die richtige Richtung gezogen und stehe pl\u00f6tzlich in einer Gasse, die mir bekannt vorkommt. War hier nicht fr\u00fcher die Schule? Der Name der Gasse stimmt aber irgendwie nicht. Ich biege um die Ecke und komme an einer Enothek vorbei, die ich ganz sicher wiedererkenne und dann an einem Caf\u00e9, das ich meine, wiederzuerkennen, und dann stehe ich auf einmal vor dem richtigen Stra\u00dfenschild: <em>Via Caduti de Cefalonia<\/em>. Das war\u2019s! Warum ich mich dar\u00fcber so freue, den Ort wiedergefunden zu haben, wei\u00df ich selbst nicht genau. Was ich aber noch wei\u00df, ist die Verwirrung, die die zus\u00e4tzlichen Angaben zu den Stra\u00dfennamen in diesem Viertel bei mir ausgel\u00f6st haben. Unter <em>Via Caduti de Cefalonia<\/em> steht: <em>gi\u00e0 Via Venezia<\/em>. Da ergibt \u00fcberhaupt keinen Sinn: <em>gi\u00e0<\/em> hei\u00dft \u201aschon\u2018, hier ist aber doch wohl genau das Gegenteil gemeint, \u201anicht mehr\u2018, n\u00e4mlich \u201afr\u00fcher\u2018. Und genauso ist es: <em>gi\u00e0<\/em> geh\u00f6rt, wie ich damals entdeckte, zu den sog. Kontronymen, W\u00f6rtern, die (mehr oder weniger) das Gegenteil von sich selbst bedeuten (k\u00f6nnen), wie span. <em>salir<\/em>, engl. <em>cleave<\/em> oder dt. <em>aufheben<\/em>.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg gehe ich in eine kleine Bar in der N\u00e4he des Hotels. F\u00fcr ein Sandwich und ein kleines Bier muss ich sieben Euro bezahlen.<\/p>\n<p>Am Abend mache ich dann noch eine Erfahrung, die ich, mit etwas schlechtem Gewissen, als typisch italienisch einordne. Es geht darum, den Internetanschluss des Hotels zu nutzen. Man kann sich da selbst einw\u00e4hlen. Nur hat die Sache einen Haken: Die Erkennung ist WPA-PSK: pgkGkc8X9HbqWp9MH5FKfpjs. Das ist kein Scherz. Um die Sache etwas zu erschweren, hat man die Liste mit dem Code an der Heizung festgeh\u00e4ngt. Die Liste muss man, jedes Mal, wenn man die andere Hand f\u00fcr einen Gro\u00dfbuchstaben braucht, loslassen. Wenn man sich dann wieder ans Werk macht, muss man in der Brosch\u00fcre erst die richtige Seite finden, bevor man weiterschreiben kann. Und als ich endlich fertig bin, werde ich aufgefordert, die Eingabe zu wiederholen! Als auch das vollbracht ist, bin ich froh, dass es zumindest mit der Zahl der Stellen hat: Beide Eingaben sind gleich lang. Als ich mich dann einw\u00e4hlen will, bekomme ich aber eine Absage: Die erste Eingabe stimmt mit der zweiten nicht \u00fcberein. Ich suche Zuflucht an der Rezeption. Der nicht sonderlich freundliche, aber sehr hilfsbereite Mann bietet an, selbst die Eingabe zu machen. Ich solle meinen Laptop einfach zur Rezeption bringen. Das mache ich gerne. Jetzt gibt er die Daten ein, aber als er am Ende der Wiederholung ankommt, fehlt ihm eine Stelle. Er l\u00e4sst sich aber nicht einsch\u00fcchtern und versucht es noch einmal. Und diesmal klappt\u2019s! Ich \u00fcbersch\u00fctte ihn mit Dank und Lob und ziehe aufs Zimmer. Aber hier funktioniert die Verbindung nicht. Ich gehe wieder zur Rezeption. Der Mann sagt mir, na ja, die Verbindung zu den Zimmern sei nicht allzu gut. Ich solle es im Innenhof versuchen. Da sei die Verbindung gut.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">8. September (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Als ich am Morgen an der Rezeption nach dem <em>Archiginnasio<\/em> frage, versteht man mich nicht. Als es dann doch irgendwie klappt, merke ich, dass ich vier Aussprachefehler in einem einzigen Wort gemacht habe!<\/p>\n<p>San Petronio gilt als die gr\u00f6\u00dfte Pfarrkirche der Welt. Sie ist 132 Meter lang, aber das merkt man gar nicht, wenn man drinnen ist, weil sie auch sehr breit ist. Au\u00dferdem ist der Chorumgang geschlossen, sodass innen wohl etwas \u201efehlt\u201c. Wenn man au\u00dfen an der Kirche entlang geht, werden die Dimensionen deutlicher.<\/p>\n<p>Da die Fassade einger\u00fcstet ist, geht es gleich hinein. Man betritt einen hellen, gro\u00dfen Raum, der gar nicht mittelalterlich wirkt, eher barock. Er ist aber unverkennbar mittelalterlich. Das Gew\u00f6lbe und die Spitzbogenfenster belegen das. Der riesige Raum ruht auf gerade mal sechs S\u00e4ulen. Das pr\u00e4gt den Raumeindruck. Wie viele italienische Kirchen, hat auch San Petronio keinen Turm. Es ist eine ganz andere Gotik als die in Frankreich und Deutschland.<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig eine riesengro\u00dfe, ganz einfache, rechteckige Kanzel aus dunklem Holz, ohne jeden Dekor, eine Kanzel, wie ich sie noch nie gesehen habe.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick ist die Ausstattung nicht sehr reichlich, aber das t\u00e4uscht. Viel ist in den Seitenkapellen versteckt, \u00fcber zwanzig an der Zahl!<\/p>\n<p>Zuerst sehe ich ganz am Ende des n\u00f6rdlichen Seitenschiffs zwei Holztafeln, die fr\u00fcher zum Verschluss der Orgel dienten. Sie h\u00e4ngen jetzt einfach dekorativ an der Wand, als Kunstwerke, sind aber wegen ihrer Position nicht sonderlich gut zu sehen. Es werden vier Szenen aus dem Leben Petronios dargestellt: die Bischofweihe, der Einzug in Bologna, die wundersame Rettung eines Handwerkers, eine Predigt. Es ist das sp\u00e4tmittelalterliche, aber gar nicht mittelalterlich aussehende Werk eines Amico Aspertini, einem K\u00fcnstler, der, wie auch von Vasari notiert, f\u00fcr seine schnelle Arbeitsweise bekannt war, direkt, ohne Vorzeichnung und, wenn ich das richtig verstehe, mit den Fingern auf das Holz. Beim Einzug in Bologna sieht man dicht gedr\u00e4ngtes Volk. Hier k\u00f6nnte Aspertini seine Erfahrung bei der Kaiserkr\u00f6nung Karls V. (mehr als tausend Jahre sp\u00e4ter) verwandt haben, bei der einen Auftrag hatte. Die Kaiserkr\u00f6nung fand hier, in San Petronio, statt.<\/p>\n<p>Petronio war kein M\u00e4rtyrer. Das macht ihn durchaus sympathisch. Eher war ein \u201eK\u00fcmmerer\u201c, der sich durch Selbstverleugnung und N\u00e4chstenliebe auszeichnete. Wie stark die Wirklichkeit dem Bild entspricht, mag dahingestellt sein, aber er war zur Stelle, wenn es um etwas ging: Frieden stiften zwischen den B\u00fcrgern, sich um die Stadtmauer k\u00fcmmern, mit marodierenden Horden verhandeln usw. Und, wenn es um pers\u00f6nliche Seelsorge ging.<\/p>\n<p>Es gibt einen zweiten Bezug der Ausstattung zu Petronio: An den Seitenw\u00e4nden stehen Feldkreuze, antike, von einem Kreuz bekr\u00f6nte S\u00e4ulen, die angeblich von Petronio selbst als Wegmarkierung errichtet wurden.<\/p>\n<p>Quer durch das n\u00f6rdliche Seitenschiff verl\u00e4uft eine Linie mit Tierkreiszeichen, Zahlen und Emblemen. Das ist der Meridian von Bologna. Genau um zw\u00f6lf Uhr mittags f\u00e4llt ein Strahl der Sonne durch eine \u00d6ffnung im Gew\u00f6lbe genau auf eine Stelle des Meridians und zeigt an, wo die Sonne an diesem Tag steht. Der Meridian wurde bereits im 16. Jahrhundert angelegt. Das wissenschaftliche Bem\u00fchen um eine exakte Erfassung der Zeit hat in Bologna Tradition. Der bekannteste Name in diesem Zusammenhang ist Gregor XIII., der Begr\u00fcnder des Gregorianischen Kalenders. Er stammte aus Bologna.<\/p>\n<p>Der k\u00fcnstlerische H\u00f6hepunkt von San Petronio ist vermutlich die Kapelle der Heiligen Drei K\u00f6nige, auch Capella Bolognini benannt, nach dem Stifter, dessen Grabmonument auf dem Boden der Kapelle zu sehen ist. Die Kapelle ist ein Gesamtkunstwerk aus Glasfenstern, Schnitzaltar und Fresken und einer sehr sch\u00f6nen Marmorbalustrade mit gedrechselten S\u00e4ulen, die allerdings auch den Zugang versperrt und die Sicht erheblich erschwert. Oben abgeschlossen wird die Kapelle von einer Decke mit einem sternen\u00fcbers\u00e4ten Himmel. Sch\u00f6ner geht\u2019s nimmer.<\/p>\n<p>Die Glasfenster zeigen die Apostel mit ihren Symbolen: Petrus mit Schl\u00fcssel, Paulus mit Schwert, Simon mit S\u00e4ge, Thomas mit Winkelma\u00df, Jakobus mit Wanderstab, Johannes mit Schriftenrolle (\u201eIn Principio\u201c).<\/p>\n<p>Alle W\u00e4nde der Kapelle sind komplett mit gro\u00dffl\u00e4chigen Fresken ausgemalt. An der rechten Seite Szenen aus der Legende der Hl. Drei K\u00f6nige, darunter ihre R\u00fcckkehr \u00fcber das Wasser in einem eleganten Schiff! An der Stirnseite Szenen aus dem Leben Petronios. Er wird nach Konstantinopel geschickt, um eine Botschaft des r\u00f6mischen Papstes zu \u00fcbergeben, und er entfernt einen Stein aus dem Mund eines S\u00fcnders, den dieser als Strafe f\u00fcr ein Vergehen im Mund tragen musste.<\/p>\n<p>Links die fantastische Darstellung von Paradies, Fegefeuer und H\u00f6lle. Eine Szene sieht aus wie ein Konzil, aber es ist wohl ein himmlisches Konzil, auch wenn die M\u00e4nner in dichten Reihen sitzen und Bischofsm\u00fctzen tragen.<\/p>\n<p>Unten die Darstellung der H\u00f6lle mit genau unterschiedenen Abteilungen, in denen, Dante folgend, jeder seine \u201egerechte\u201c Strafe bekommt. Im Zentrum ein monstr\u00f6ser Luzifer, eine Mischung aus B\u00e4r und Mensch, der sich durch seine Gr\u00f6\u00dfe und seine graue Haut von den S\u00fcndern abhebt, die er mit seinen zwei M\u00fcndern, oben und unten, verschlingt. Wunderbar!<\/p>\n<p>Zum <em>Archiginnasio<\/em> laufe ich einfach einer Schweizer Lehrerin hinterher, die gerade auf der Piazza Maggiore ank\u00fcndigt, dass sie ihre Sch\u00fcler jetzt dahin f\u00fchren werde.<\/p>\n<p>Das <em>Archiginnasio<\/em> ist der \u00e4lteste erhaltene Teil einer der \u00e4ltesten Universit\u00e4ten Europas oder, wie es hier hei\u00dft, der \u00e4ltesten Universit\u00e4t der Welt. Es sieht wie geplant aus, ist aber Zufall: In diesem Jahr bin ich schon in Uppsala, in Cambridge und in Krakau gewesen. Da f\u00fcgt sich Bologna perfekt ein.<\/p>\n<p>Der Bau des <em>Archiginnasio<\/em> wurden gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe getroffen: Erstens wurde der Universit\u00e4t ein w\u00fcrdiger Rahmen gegeben; zweitens konnten die alten, sich nicht mehr im besten Zustand befindlichen Geb\u00e4ude aufgegeben werden; drittens stoppte man dadurch den Ausbreitungsdrang von San Petronio und stellte sich Pl\u00e4nen in den Weg, ein Querhaus anzuf\u00fcgen (womit die Kirche vielleicht Sankt Peter in Rom \u00fcbertroffen h\u00e4tte); viertens konnte man so alles einfach unter p\u00e4pstliche Kontrolle bringen: Der Name weist auf den Einfluss des Erzbischofs hin! Wir befinden uns im 16. Jahrhundert und damit in der Zeit, als die Stadt ihre Selbstst\u00e4ndigkeit gerade verloren hatte und zum Kirchenstaat gekommen war.<\/p>\n<p>Das <em>Archiginnasio<\/em> ist ein wundervolles Geb\u00e4ude. Man betritt einen sch\u00f6nen, quadratischen Innenhof mit Arkaden im Untergeschoss und gro\u00dfen, runden Fenstern im Obergeschoss. Hunderte von Wappen von Studenten und Professoren schm\u00fccken G\u00e4nge und W\u00e4nde, besonders sch\u00f6n an der Decke einer der Treppen, die ins Obergeschoss f\u00fchren. Dazwischen allerhand Fresken, deren Bedeutung sich aber nicht ohne weiteres erschlie\u00dft. Jeder Student hatte sein eigenes Wappen und ist namentlich, in latinisierter Form, mit seinem Ursprungsort genannt. Bologna war wahrhaft international. Schon fr\u00fch wurden Immatrikulationslisten gef\u00fchrt, und die zeigen, dass in den ersten Jahrhunderten alleine fast 5.000 Studenten aus Deutschland hier waren.<\/p>\n<p>Im Obergeschoss befindet sich der ber\u00fchmteste Saal des <em>Archiginnasio<\/em>, der Anatomische Saal, ein ganz aus Holz geschnitzter Saal. Hier wurde gelehrt, aber hier wurden auch die umstrittenen Autopsien durchgef\u00fchrt, wie der von einem Gitter eingez\u00e4unte Tisch im Zentrum zeigt.<\/p>\n<p>Man vergleicht unwillk\u00fcrlich mit Uppsala. Dessen Besonderheit, die hoch ansteigenden R\u00e4nge, fehlen hier; dort fehlen die Schnitzarbeiten, die diesen Raum so besonders machen. An den Seiten stehen die Statuen ber\u00fchmter Mediziner der Antike \u2013 Hippokrates und Galen und anderen \u2013 aber auch von Medizinern, die hier lehrten.<\/p>\n<p>An der Stirnwand ist die Kathedra des Professors, unter einem geschnitzten Baldachin, der gest\u00fctzt wird von den Statuen zweier enth\u00e4uteter M\u00e4nner, einer zum Publikum gewandt, der andere abgewandt, so dass alle Partien der m\u00e4nnlichen Anatomie sichtbar waren. Die weibliche Anatomie war offensichtlich nicht von Interesse.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber der Kathedra befindet sich eine Geheimt\u00fcr. Hinter der sa\u00df ein Vertreter der Kirche und h\u00f6rte zu, was der Professor zu erz\u00e4hlen hatte.<\/p>\n<p>Die weiteren S\u00e4le scheinen geschlossen. \u00dcber dem Eingang zu einem Saal steht <em>S.P.Q.B<\/em>. Eine \u00e4hnliche Inschrift habe ich auch schon mal in Bremen gesehen. Man kann das lesen als eine Behauptung st\u00e4dtischen Stolzes, st\u00e4dtischer Unabh\u00e4ngigkeit. Vielleicht hat man hier der Kirche getrotzt.<\/p>\n<p>Da die mittelalterlichen Wohnt\u00fcrme ohnehin auf dem Weg liegen, nehme ich die Besteigung in Angriff. Es ist der gr\u00f6\u00dfere der T\u00fcrme, die <em>Torre<\/em> <em>Asinelli<\/em>, den man besteigen kann. Der andere ist doch arg schief dazu. Goethe vermutete, er sei mit Absicht so gebaut worden. Angesichts der vielen geraden T\u00fcrme h\u00e4tten sich die Eigent\u00fcmer der <em>Garisenda<\/em> entschlossen, schief zu bauen, um sich von den anderen zu unterscheiden. Da irrte der Meister. Man hatte einfach zu schnell gebaut und sich verkalkuliert, den weichen Grund nicht gen\u00fcgend ber\u00fccksichtigt. Die oberen Etagen mussten schon bald nach der Fertigstellung abgetragen werden.<\/p>\n<p>Der Aufstieg kostet drei Euro. Die Frage, wie viele Stufen es sind, die ich mich nicht zu stellen traue, nimmt mir eine Spanierin ab. Es sind 498. Einspurig und mit Gegenverkehr geht es nach oben.<\/p>\n<p>Oben angekommen, wei\u00df man, warum Bologna <em>La rossa <\/em>hei\u00dft: Man blickt auf ein Meer von roten Ziegeln. Diese Attribuierung bezieht sich tats\u00e4chlich auf die Bebauung, nicht auf die Politik, was auch manchmal vermutet wird und was gar nicht so weit hergeholt ist.<\/p>\n<p>Der Ausblick ist wirklich sch\u00f6n, vor allem wegen der roten D\u00e4cher, die einheitlich, aber dann doch wieder ganz anders sind.<\/p>\n<p>Gut erkennen kann man San Petronio, ganz in der N\u00e4he, und eine schnurgerade verlaufende Stra\u00dfe. Die Anlage der Stadt ist r\u00f6misch, auch wenn die heutige Innenstadt eher ein unregelm\u00e4\u00dfiges F\u00fcnfeck oder Sechseck bildet. Der Kern aber ist rechteckig und schachbrettartig, typisch r\u00f6misch eben.<\/p>\n<p>Man sieht auch ein paar andere T\u00fcrme, nur die <em>Garisenda<\/em> sieht man nicht. Das liegt daran, dass sie so dicht an der <em>Asinelli<\/em> liegt. Erst beim dritten Rundgang sehe ich sie, wobei ich mich aber m\u00e4chtig nach unten beugen muss.<\/p>\n<p>In der Ferne sieht man meist flaches Land, mit der Ausnahme des H\u00fcgels, auf dem San Luca liegt, die Wallfahrtskirche, die mit der Stadt durch einen auf ganzer L\u00e4nge von einem Portikus flankierten Weg verbunden ist, mit 666 B\u00f6gen. Ich bin damals den Weg zweimal gegangen.<\/p>\n<p>Wenn der Aufstieg m\u00fchsam war, ist der Abstieg regelrecht schwierig, bei den ungleichen und oft sehr kurzen Stufen.<\/p>\n<p>Unten angekommen, sehe ich mir die auf einem erh\u00f6hten Sockel stehende Statue des Hl. Petronius an, mit Stab und Hut und fliehenden, weiten Gew\u00e4ndern, mit einer Hand die Stadt segnend. Ganz egal, wie gut das ist, \u00fcber eins kann man sich sicher sein: So ausgesehen hat er nicht.<\/p>\n<p>Ich gehe kurz bei der Touristeninformation vorbei und dann zu <em>Santa Maria della Vita<\/em>. Dort steht eine Skulpturengruppe, die zu dem wenigen geh\u00f6rt, an das ich mich noch erinnern kann.<\/p>\n<p>Auf dem Weg sehe ich Aufschriften wie diese an den Gesch\u00e4ften: <em>Back to school<\/em>; <em>New collection<\/em>; <em>Take your time<\/em>. Italien ist amerikanischer geworden.<\/p>\n<p><em>Santa Maria della Vita<\/em> ist eine, im Vergleich zu dem, was ich in den n\u00e4chsten Tagen zu sehen bekomme, kleine Barockkirche. Der Name ist halb trotzig, halb tr\u00f6stlich, denn die Kirche war eigentlich Teil eines Hospizes f\u00fcr Sterbenskranke. Auch wenn man sich M\u00fche gibt, den Rest nicht zu ignorieren: Die Hauptattraktion ist die <em>Beweinung Christi<\/em> von Niccol\u00f2 dell\u2019Arca. Sie steht in einer Nische im Seitenschiff. Als ich davor stehe, wendet sich eine Italienerin an mich mit der Frage, ob das aus Ton sei. Ja, ist es, kann ich ihr versichern.<\/p>\n<p>Um den nur leicht toten, nur leicht bekleideten Christus herum, dessen Kopf auf einem feinen Kissen mit Bord\u00fcre ruht, stehen sechs Figuren, zwei M\u00e4nner und vier Frauen. Die M\u00e4nner sind Joseph von Arimath\u00e4a und Johannes. Man fragt sich, wo Josef ist. Vielleicht ist der zu der Zeit von Jesus\u2018 Tod selbst schon tot. Die Frauen hei\u00dfen vermutlich alle Maria. Eine von ihnen ist die Muttergottes. Alle Frauen haben den Mund offen, beide M\u00e4nner haben den Mund geschlossen. Die Figuren sind gro\u00df und vollrund und sehr expressiv und erinnern mich an die von Veit Sto\u00df in der Krakauer Marienkirche. Das kommt auch zeitlich hin. Der Vorteil hier ist, dass man viel n\u00e4her ran kann. Alle Figuren tragen zeitgen\u00f6ssische Kleidung und sind auch in dieser Hinsicht das Gegenprogramm zu Christus. Die Frauen zeigen sehr unterschiedliche Formen von Trauer, nach innen gekehrt, still bis zu laut und emphatisch. Dabei scheint sich eine auf den Leichnam st\u00fcrzen zu wollen, w\u00e4hrend die andere entsetzt zur\u00fcckweicht, mit der entsprechenden Handbewegung, so als wolle sie sagen: Damit will ich nichts zu tun haben. Aber auch die M\u00e4nner sind in ihrer Gegens\u00e4tzlichkeit interessant. Johannes ist schlank, Joseph von Arimath\u00e4a vollschlank, Johannes steht, Joseph von Arimath\u00e4a kniet, Johannes blickt auf den Leichnam, Joseph von Arimath\u00e4a blickt in die Ferne, Johannes ist hutlos, Joseph von Arimath\u00e4a tr\u00e4gt eine Kappe, Johannes hat keine weiteren Zeichen, Joseph von Arimath\u00e4a hat einen Zange und einen Hammer umgebunden. Er sieht aus wie ein Handwerksmeister aus der Zeit Niccol\u00f2s.<\/p>\n<p>Die akademische und die klassische Kritik haben dieses Kunstwerk als unangemessen, \u00fcberzogen, unsch\u00f6n abgelehnt, aber beim Volk ist es immer beliebt gewesen. Die Kunstkritik hat sp\u00e4ter ihre Wertungen revidiert.<\/p>\n<p>Es ist ganz merkw\u00fcrdig: Gestern habe ich in <em>San Petronio<\/em> eine ganz \u00e4hnliche, etwas versteckt in einer Nische stehende Skulpturengruppe gesehen, ebenfalls eine Beweinung von Christus, ebenfalls mit sechs um ihn stehenden Figuren, mit ganz \u00e4hnlichem Ausdruck. Ich hatte einen Moment gedacht, die Skulptur von Niccol\u00f2 dell\u2019Arca vor mir zu haben, aber sie war von einem gewissen Vicenzo Onofri. In welcher Beziehung stehen wohl die beiden zueinander? Und warum ist die eine so viel ber\u00fchmter als die andere?<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter komme ich auf der Suche nach dem genauen Standort der Sprachschule durch eine Stra\u00dfe, in der ein Art Stadtteilfest stattfindet. Die Leute sitzen an langen Tischen drau\u00dfen und essen. Es herrscht ein sehr internationales Flair. Dann gehe ich noch nach <em>Santo Stefano<\/em>, wo es morgen mit der Besichtigung weitergehen soll. Auf dem Platz vor der Kirche findet ein Flohmarkt statt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">9. September (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Auf dem Weg nach Santo Stefano komme ich an dem Reiseb\u00fcro <em>Felsina<\/em> vorbei. Das ist der alte, etruskische Name Bolognas. Die Kultur davor nennt man nach dem Fundort <em>Villanova<\/em>. Danach kamen noch die keltischen Bojer. Die haben die wenigsten Spuren hinterlassen, daf\u00fcr aber der Stadt ihren Namen gegeben: Das keltische Wort <em>bona<\/em> bezeichnete eine befestigte Stadt. Daraus wurde im Laufe der Zeit <em>Bologna<\/em>.<\/p>\n<p>Santo Stefano ist einer der merkw\u00fcrdigsten Kirchenbauten, die es \u00fcberhaupt gibt, ein Konglomerat aus Kirchen, Kapellen, Krypten und Kreuzg\u00e4ngen. Es ist typisch, dass keiner der Einzelteile Stephanus gewidmet ist oder auch nur etwas mit ihm zu tun hat und das Ensemble doch so hei\u00dft.<\/p>\n<p>Santo Stefano schlie\u00dft einen sch\u00f6nen dreieckigen Platz ab. Von au\u00dfen erkennt man drei Geb\u00e4ude: in der Mitte <em>Santo Sepolcro<\/em>, einen Zentralbau, rechts <em>Santo Crocifisso<\/em>, links <em>San Vitale e Agricola<\/em>. Drinnen gibt es aber noch mehr. Als ich wieder herauskomme, bin ich nicht sicher, alles gesehen zu haben.<\/p>\n<p>Der Ausgangspunkt ist das Jahr 393, ein wichtiger Punkt in der Kirchengeschichte Bolognas. Damals fand Bischof Eusebius auf einem j\u00fcdischen Friedhof, an dieser Stelle, die Gebeine der M\u00e4rtyrer Vitale und Agricola und lie\u00df sie ausgraben und in einfacher Form ausstellen. Sp\u00e4ter veranlasste Petronius dann die Erweiterung des Baus. Das war eine politische Ma\u00dfnahme, die Bologna die Unabh\u00e4ngigkeit von Mailand und Ravenna geben sollte.<\/p>\n<p><em>Santo Crocifisso<\/em>, durch das man den Komplex betritt, hat au\u00dfen einen runden Erker. Das hat seinen Grund. Von hier aus wurden dem Volk die Reliquien gezeigt.<\/p>\n<p>Innen beherrscht ein gro\u00dfes, breites Kreuz aus dunklem Holz die Szenerie. Es h\u00e4ngt zwischen dem Hauptschiff und dem Chor. In diesem Chor liegen, in einem Doppelschrein unter dem Altar, die Gebeine der Heiligen Vitale und Agricola.<\/p>\n<p>Die Besonderheit der Konstruktion besteht darin, dass der Chor ganz hoch und deshalb die Krypta darunter fast auf dem Niveau des Hauptschiffs liegt. Man geht in die Krypta hinein statt hinunter.<\/p>\n<p>Links f\u00fchrt eine T\u00fcr nach <em>Santo Sepolcro<\/em>, einem h\u00f6chst wunderlichen Raum mit zw\u00f6lf S\u00e4ulen und Doppels\u00e4ulen, die einen Kreis bilden. In dem Kreis steht ein hoher Aufbau, eine Mischung aus Altar und Kanzel. Eine Treppe f\u00fchrt nach oben, obwohl man sich nicht vorstellen kann, was jemand hier machen sollte. Abseits des S\u00e4ulenkreises steht isoliert eine weitere S\u00e4ule. Sie steht nach popul\u00e4rer Vorstellung f\u00fcr Judas. Es ist aber wahrscheinlicher, dass sie f\u00fcr die S\u00e4ule steht, an der die Gei\u00dfelung stattfand. In dem Sinne ist wohl auch der Aufbau als eine imagin\u00e4re Nachbildung der Grabeskirche von Jerusalem zu sehen. Unten in dem Aufbau &#8211; man muss sich b\u00fccken, um hineinsehen zu k\u00f6nnen \u2013 ist eine leere Kammer. Die sollte, nach Petronius\u2018 Wille, leer bleiben. Sp\u00e4ter aber, so hei\u00dft es, wurde er selbst darin bestattet. Ich kann jedoch nichts erkennen. Die Kammer scheint leer zu sein und damit an die leere Grabeskirche zu erinnern. Der Aufbau hat sch\u00f6ne, gro\u00dfe Reliefs, unter anderem Evangelistensymbole.<\/p>\n<p>Von hier aus geht es in den \u201eHof des Pilatus\u201c, so im Volksmund wegen der Brunnenschale im Zentrum genannt, die daran erinnern soll, wie Pilatus sich die H\u00e4nde in Unschuld wusch. An einer Seite die Skulptur eines Hahns, der an Petrus Verrat erinnert. Die S\u00e4ulen dieses Hofs haben Kapitelle, die als typisch langobardisch gelten. Die Langobarden machten <em>Santo Stefano<\/em> zu ihrem wichtigsten Heiligtum.<\/p>\n<p>In die W\u00e4nde sind Grabplatten eingelassen, einige davon mit Emblemen, die f\u00fcr den Beruf des Toten stehen, darunter eine Schere f\u00fcr einen Schneider.<\/p>\n<p>Am oberen Ende wird dieser Innenhof abgeschlossen von einer merkw\u00fcrdigen Kirche, die f\u00fcnf Schiffe, aber nur zwei Joche hat, als \u201equer\u201c steht. Im \u201eChor\u201c steht ganz im Norden eine geschnitzte, farbige Gruppe der Heiligen Drei K\u00f6nige.<\/p>\n<p>Dieser Innenhof grenzt an einen Kreuzgang. Der stammt aus der Zeit der Benediktiner, denen die meisten der Bauten zu verdanken sind. Der Kreuzgang ist zweist\u00f6ckig und sieht oben, wo es feine Doppels\u00e4ulen und, an einer Seite, fantastische Kapitelle gibt, ganz anders aus als unten.<\/p>\n<p>Am Ende geht es in <em>Santo Vitale und Agricola<\/em>. Die hei\u00dft weiterhin so, obwohl die Reliquien der M\u00e4rtyrer gar nicht mehr hier sind. Es ist der vielleicht suggestivste Raum von allen, obwohl sich in meiner Erinnerung eher <em>Santo Sepolcro<\/em> festgesetzt hat. Es ist eine einfache Kirche praktisch ohne Ausstattung, in die durch kleine, farbige Alabasterfenster Licht f\u00e4llt. Unter Glas sieht man Reste r\u00f6mischer Mosaiken. Eine S\u00e4ule tr\u00e4gt ein sch\u00f6n gearbeitetes antikes Kapitell, ein korinthisches Kapitell, aus der vorchristlichen Zeit. Und nicht nur das: Es gibt sogar, dem Reisef\u00fchrer zufolge, eine Steinplatte mit einer Widmung an Isis, der <em>Herrin und Siegerin<\/em>. Der Isis-Kult verbreitete sich in der Kaiserzeit im ganzen R\u00f6mischen Reich. Und wurde sp\u00e4ter von den Christen geschickt adaptiert: Aus Isis wurde die Unbefleckte Jungfrau Maria. Diese Steinplatte suche ich in den n\u00e4chsten Tagen immer wieder. Erfolglos.<\/p>\n<p>Als ich wieder nach drau\u00dfen komme, sto\u00dfe ich auf dem Platz vor <em>Santo Stefano<\/em> sto\u00dfe auf die <em>Corte Isolani<\/em>, einer Reihe von G\u00e4ngen und Innenh\u00f6fen, die diese Stra\u00dfe, <em>Via Santo Stefano<\/em>, mit der <em>Strada Maggiore<\/em> verbindet. Am Ausgang auf der <em>Strada Maggiore<\/em> befindet sich ein riesiges, neun Meter hohes Portikus aus dunklem Holz, durch das man die <em>Corte Isolani<\/em> betritt. Mit dem Haus ist eine Legende verbunden: Ein geh\u00f6rnter Ehemann beauftragte drei M\u00e4nner, seine Frau als Rache f\u00fcr den Ehebruch zu t\u00f6ten. Sie hatten ihre Pfeile schon in Stellung gebracht, als die Ehefrau erschien. Und zwar nackt, in all ihrer Sch\u00f6nheit. Die M\u00e4nner waren so verwirrt, dass sie danebenschossen und die Pfeile in der Decke landeten. Diese Pfeile sind angeblich noch zu sehen, aber ich kann sie nicht entdecken.<\/p>\n<p>Von da aus geht es nach einem Kaffee zum Arch\u00e4ologischen Museum, nur ein paar Schritte vom <em>Archiginnasio<\/em> entfernt. Hier bin ich allerdings \u00fcberfordert, nicht nur aufgrund der F\u00fclle der Exponate, selbst wenn man die bedeutende \u00e4gyptische Sammlung im Untergeschoss wegl\u00e4sst. Auch die Orientierung ist schwierig. Was ist Import aus Rom oder Griechenland, was ist einheimisch, was ist Villanova, was ist etruskisch? Die Informationen sind entweder zu d\u00fcrftig oder zu detailliert, und au\u00dferdem nur auf Italienisch. Jedenfalls verstehe ich die Ausstellung als Pl\u00e4doyer daf\u00fcr, keinen Unterschied zwischen Villanova und Etruskern zu machen.<\/p>\n<p>Die meisten Exponate stammen aus Gr\u00e4bern. Die Toten wurden zuerst einge\u00e4schert, sp\u00e4ter gab es Ganzk\u00f6rperbestattungen. Auff\u00e4llig sind die Formen der Urnen, die aus zwei Teilen bestehen, der eigentlichen Urne und einem Verschluss, der wie ein umgedrehter Napf aussieht. Zusammen sehen die beiden Teile wie ein Pilz aus. Davon gibt es Dutzende. Ganz anders sehen runde, gr\u00fcne Gef\u00e4\u00dfe mit zwei Henkeln aus, die man in vielen Gr\u00e4bern sieht. Man glaubt, einen modernen Eimer zum Zementanr\u00fchren vor sich zu haben.<\/p>\n<p>Wieder ganz anders, aber ebenfalls auff\u00e4llig sind die Trinkgef\u00e4\u00dfe in Tiergestalt, <em>Askos<\/em> genannt. Das Maul des Tiers, das auf vier winzigen, gedrungenen F\u00fc\u00dfen steht, dient als Ausguss. Das Tier k\u00f6nnte ein Pferd sein, obwohl es eher wie ein Lama aussieht. Der eigentliche Clou ist aber der Handgriff. Der hat die Form eines Reiters, der wiederum auf einem Pferd sitzt, das auf dem Pferd steht. Dass es sich um reine Trinkgef\u00e4\u00dfe handelt, ist unwahrscheinlich. Wohl eher handelt es sich um Ritualgef\u00e4\u00dfe.<\/p>\n<p>Ebenfalls von besonderem Wert, obwohl man daran vorbei laufen k\u00f6nnte, wenn man es nicht w\u00fcsste, ist eine sog. <em>Situla<\/em>, ein Bronzegef\u00e4\u00df, das sich nach oben hin vergr\u00f6\u00dfert und in vier Ringe unterteilt ist, von denen jeder eine Dekoration mit einem bestimmten Motiv hat: Wappen, eine Prozession, ein Bankett, Tiere. Diese Gef\u00e4\u00dfe waren wohl besonders hochgestellten Toten vorbehalten.<\/p>\n<p>Ebenfalls leicht zu \u00fcbersehen ist eine winzige Vase, auf der eine l\u00e4ngere Inschrift in etruskischer Schrift angebracht ist. Die Vase spricht \u00fcber sich selbst: Ich bin die kleine Vase aus Sowieso, von der Familie der Sowieso, Sowieso hat mich Sowieso geschenkt und Sowieso hat mich gemacht. Es gibt viele Leerstellen, aber immerhin hat man einen l\u00e4ngeren Text, den man grob entschl\u00fcsselt hat. Die Etrusker \u00fcbernahmen ihre Buchstaben von den Griechen, adaptierten sie aber und f\u00fcgten eigene hinzu. Aber selbst die griechischen\u00a0 Buchstaben sind vielfach fremd und entsprechen nicht dem klassischen griechischen Alphabet. Nur A, M, T, X und Y sind gleich, viele sind spiegelverkehrt und H ist wie das chinesische Zeichen \u65e5.Es scheint nur Gro\u00dfbuchstaben zu geben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine ganze Seite eines langgezogenen Saals wird eingenommen von riesigen Grabstelen mit Reliefs, viele etwas verwittert, aber doch grob zu erkennen. Es erscheinen Fabeltiere, Wettk\u00e4mpfe, Schlachtszenen, aber auch stillende K\u00fche und Bestien.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich, wie ich hier im Museum zum ersten Mal \u00fcberhaupt eine F\u00fchrung auf Italienisch geh\u00f6rt und \u00fcberraschend viel verstanden habe. Damals ging es unter anderem um die griechischen Vasen, die hier in F\u00fclle und Qualit\u00e4t vertreten sind, und den \u00dcbergang von den schwarzfigurigen zu den rotfigurigen Vasen, die viel mehr Gestaltungsm\u00f6glichkeiten zulie\u00dfen. Das kann ich auch jetzt wieder best\u00e4tigen, obwohl ich den Grund immer noch nicht genau verstanden habe.<\/p>\n<p>Jedenfalls lasse ich es erst einmal dabei bewenden und gehe \u00fcber eine gro\u00dfe Treppe an der Neptun-Statue vorbei \u2013 Ob es sich um das Original handelt? \u2013 in den Innenhof hinunter und dann auf die sonnenbeschienene Stra\u00dfe hinaus.<\/p>\n<p>Ich komme an den T\u00fcrmen vorbei und entdecke erst jetzt, dass die <em>Torre Asinelli<\/em> einen mit vielen Emblemen geschm\u00fcckten Torbogen hat: Helm, Adler, K\u00f6cher, Fass und zwei H\u00e4nde, eine nach innen, die andere nach au\u00dfen gekehrt. Dar\u00fcber befindet sich eine Balustrade, und ganz oben am Turm befinden sich Schie\u00dfscharten. Nur: Wer will von da aus, aus 97 Meter H\u00f6he, auf wen oder was schie\u00dfen? Hier ist der einstige milit\u00e4rische Zweck der Wohnt\u00fcrme wohl l\u00e4ngst von dem Zweck abgel\u00f6st worden, seine Konkurrenten zu \u00fcbertreffen.<\/p>\n<p>Am Nachmittag verschaffe ich mir einen \u00dcberblick \u00fcber die <em>Piazza Maggiore<\/em> und ihre Geb\u00e4ude. Wenn man mit dem R\u00fccken zur Kirche vor <em>San Petronio<\/em> steht, hat man gleich zur linken das einfachste und dem Aussehen nach \u00e4lteste Geb\u00e4ude des Platzes, ein gotischer Quadratbau, mit Zinnen auf dem Dach, gr\u00f6\u00dferen Spitzbogenfenstern im Obergeschoss und kleineren Fenstern unten. Es ist der <em>Palazzo dei Notai<\/em>. S\u00fcdlich der Alpen gab es schon l\u00e4nger eine Notariatskultur als bei uns.<\/p>\n<p>An der rechten Seite des Platzes hat man das Gegenst\u00fcck dazu, einen langgestreckten Renaissancebau auf Arkaden mit zwei riesigen Durchg\u00e4ngen, dem vermutlich j\u00fcngsten Bau des Platzes. Er hei\u00dft so, weil hier die ganz fr\u00fchen Banker ihre B\u00e4nke aufgestellt hatten, an denen sie Geldhandel betrieben.<\/p>\n<p>Er wurde errichtet, um diese Seite des Platzes, an der sich bis dahin einfache Verkaufsst\u00e4nde, Buden, L\u00e4den und Lokale befanden, architektonisch aufzuwerten. Heute befinden sich in den Arkaden elegante Gesch\u00e4fte, meistens Juweliere. Die beiden Durchg\u00e4nge verbinden den Platz mit dem Gewirr von Gassen im Osten der Innenstadt, in dem es auch heute noch von Stra\u00dfencaf\u00e9s und Restaurants wimmelt. Durch dieses Viertel komme ich auch, wie ich jetzt entdeckt habe, auf verk\u00fcrztem Weg in die Stadt und zum Hotel zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Besonders sch\u00f6n ist das zweist\u00f6ckige, direkt der Basilika gegen\u00fcberliegende Renaissancegeb\u00e4ude, der <em>Palazzo del Podest\u00e0<\/em>, dessen neun gro\u00dfe, runde Fenster im Obergeschoss neun Arkaden im Erdgeschoss entsprechen, die das Geb\u00e4ude zum Platz hin offen machen. Durch die mittlere Arkade kommt man auf die andere Seite des Platzes. In der Mitte, wo sich dieser \u00fcberdachte Weg mit einem anderen kreuzt, stehen erh\u00f6ht auf einem Sockel zu vier Seiten vier Patrone Bolognas. Darunter wurde Wache geschoben. Das Geb\u00e4ude lieferte den Wachthabenden einen besonderen Service: Es \u00fcbertr\u00e4gt mittels des Gew\u00f6lbes auch leise gesprochene Worte bestens von einem Wachposten zum n\u00e4chsten, ohne dass sie von anderen verstanden wurden. Zwei Touristen probieren es gerade aus, als ich dort ankomme. Anscheinend f\u00e4llt die Probe zu ihrer Zufriedenheit aus.<\/p>\n<p>Eigentlich ist der <em>Palazzo del Podest\u00e0<\/em> \u00e4lter, als es seine Fassade erwarten l\u00e4sst. Darauf weist schon der einfache Turm hin, dessen oberen Teil man \u00fcber dem Dach sehen kann und der gar nicht zu der Fassade passen will.<\/p>\n<p>Auf der linken Platzseite liegt der <em>Palazzo Comunale<\/em>, ein riesiges, langgestrecktes sp\u00e4tgotisches Geb\u00e4ude mit einem sp\u00e4teren Uhrenturm an der linken Seite. Schon der Name verr\u00e4t, dass das Geb\u00e4ude eine kommunale Funktion hat, aber das scheint auch der <em>Palazzo del Podest\u00e0<\/em> zu haben. Wie die beiden miteinander in Beziehung stehen, verstehe ich nicht. An der unregelm\u00e4\u00dfigen Fassade befindet sich eine Riesenstatue Gregors XIII., des Kalenderreformers. Er stammte aus Bologna. Die Pr\u00e4senz der Statue ist aber wohl nicht aus Nostalgie zu erkl\u00e4ren, sondern als Zeichen des Siegs des Papsttums \u00fcber die Stadt. Die Statue ist so beherrschend, dass man die anderen Details der Fassade leicht \u00fcbersieht: eine Madonna, ein gro\u00dfes, vergittertes Fenster mit zwei sch\u00f6nen Adlerfiguren und die alten Ma\u00dfe Bolognas, die unten in die Fassade eingelassen sind. Das ohnehin schon gro\u00dfe Geb\u00e4ude verl\u00e4ngert sich zur Hauptstra\u00dfe hin und beherbergt hier die B\u00f6rse. An deren Fassade h\u00e4ngen Bilder von gefallenen Soldaten.<\/p>\n<p>Vor der B\u00f6rse steht der Brunnen mit der gewaltigen Neptun-Statue, dem Zentrum der Aufmerksamkeit, aber nicht dem Zentrum des Platzes. Sie stammt von Giambologna. Der Name hat allerdings mit Bologna nichts zu tun, sondern bezeichnet Boulogne, die Heimat des fl\u00e4mischen K\u00fcnstlers. Neptun hat einen Fu\u00df auf einem Delphin und h\u00e4lt in einer Hand den Dreizack. Dieses Symbol wurde von Maserati als Firmenlogo \u00fcbernommen. Maserati stammt aus Bologna. Unter Neptun vier f\u00fcllige Putten und darunter vier f\u00fcllige Meerjungfrauen, aus deren Br\u00fcsten kein Wasser quillt, obwohl sie die Vorrichtungen daf\u00fcr haben.<\/p>\n<p>Warum ausgerechnet Neptun in einer Stadt, die nicht am Meer liegt? Die Antwort findet sich in den Wangen des Brunnens: das Papstwappen. Neptun ist der Papst! Er ist gro\u00df, stark und bewaffnet und beruhigt die Wasser unter sich, d.h. die aufst\u00e4ndischen Bolognesen. Der Brunnen stammt nicht umsonst genau aus der Zeit, als die st\u00e4dtische Selbst\u00e4ndigkeit zu Ende gegangen war und der Papst die Oberherrschaft \u00fcber Bologna gewonnen hatte.<\/p>\n<p>Verk\u00fcrzt gesagt, hat Bologna den Kampf gegen den Kaiser gewonnen und den Kampf gegen den Papst verloren und in der Zeit dazwischen st\u00e4dtische Autonomie genossen. Vom gewonnen Kampf gegen den Kaiser zeugt der letzte Palast des Platzes, der <em>Palazzo del Re Enzo<\/em>. Hier wurde Enzo (etwa \u2018Heinz\u2018), der Sohn Friedrichs II., festgehalten. Immerhin warf man ihn nicht in ein dunkles Verlies, sondern stellte ihm einen eigenen Palast zur Verf\u00fcgung. Hier residierte er 23 Jahre lang, bis zu seinem Tod 1272. Man bestattete ihn mit allen Ehren in <em>San Domenico<\/em>.<\/p>\n<p>Auf der <em>Piazza Maggiore<\/em> ist richtig viel los. Ebenso auf der <em>Via dell\u2018 Indipendenza<\/em>, die ich jetzt entlang gehe, eine breite, schnurgerade Stra\u00dfe, die zum Bahnhof f\u00fchrt, nicht etwa von den R\u00f6mern, sondern im 19. Jahrhundert angelegt.<\/p>\n<p>Auf dem Weg sehe ich eine Unterschriftensammlung gegen die staatliche Unterst\u00fctzung von Privatschulen. Man verl\u00e4sst die Innenstadt hinter der <em>Porta<\/em> <em>Galliera<\/em>, einem der Stadttore, die erhalten geblieben sind. Die Porta hat eine freundlicher aussehende Stadtseite und eine bedrohlicher aussehende Landseite, um den defensiven Charakter des Tors deutlich zu machen. Das heutige Tor ersetzte ein \u00e4lteres, mittelalterliches, das ziemlich verfallen war. Sp\u00e4ter wurde dann, wie bei allen anderen Stadttoren, die Zugbr\u00fccke durch eine Steinbr\u00fccke ersetzt. Die <em>Porta Galliera<\/em> war dann (1848) der Ort der Rebellion Bolognas gegen die \u00d6sterreicher und wurde zu einem Zeichen patriotischer Gesinnung. Deshalb ist sie auch erhalten geblieben. Dieser Aufstand gibt auch der <em>Via dell\u2019Independenza<\/em> ihren Namen. Aus der gegen\u00fcberliegenden Stra\u00dfenseite sieht man Ruinen, aber ob die was mit der Achtundvierziger-Revolution zu tun hat, ist nicht zu ersehen.<\/p>\n<p>Am Bahnhof von Bologna bin ich vor vielen Jahren bei meiner ersten Reise nach Italien angekommen, an einem verschlafenen Sonntagmorgen, als kein Mensch auf der Stra\u00dfe war. Heute ist alles anders. Es ist viel Betrieb, vor allem in den Vorhallen und vor dem Geb\u00e4ude.<\/p>\n<p>Der \u00e4ltere Teil des Bahnhofs ist ein Sackbahnhof, der neuere nicht. Beides ist offensichtlich miteinander zu verbinden. Es gehen Z\u00fcge nach Venedig, Ancona, Mailand, Rom, Piacenza, Ravenna und Turin und gleich mehrere nach Neapel, alle direkt und alle innerhalb von einer Stunde!<\/p>\n<p>Als ich \u00fcber einen Bahnsteig gehe, kommt aus dem Lautsprecher der Hinweis, dass es verboten ist, die gelbe Linie zu \u00fcbertreten, die den Abstand zu den Gleisen markiert. In dem Moment merke ich, dass ich es bin, der die gelbe Linie \u00fcbertreten und die Durchsage ausgel\u00f6st hat.<\/p>\n<p>Vergeblich suche ich nach einer Gedenktafel f\u00fcr den Bombenanschlag der Roten Brigaden. Ich meine, so etwas h\u00e4tte es damals gegeben. Allerdings ist der Bahnhof und gro\u00df und vielteilig und befindet sich gegenw\u00e4rtig in Renovierung, und ich kann das einfach \u00fcbersehen haben. Ich habe ja noch fast zwei Wochen, das herauszufinden.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">10. September (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Heute ist der erste Tag des Sprachkurses. Wir sind nur zu viert in dem Fortgeschrittenenkurs, lauter Alte: ein belgischer Apotheker, ein holl\u00e4ndische Gesch\u00e4ftsfrau, die Nahrungsmittel aus Fernost einf\u00fchrt, eine israelische Linguistin, die in Tel Aviv Hebr\u00e4isch lehrt, und ich. Alle anderen sind sehr auf Italien fokussiert und st\u00e4ndig hier. Die Lehrerin ist eine junge Frau aus Florenz, die die Liebe nach Bologna verschlagen hat. Sie hat ihre Examensarbeit \u00fcber das Englische in Trinidad und Tobago geschrieben.<\/p>\n<p>Im Unterricht machen wir alle m\u00f6glichen Einsatz- und Umformungs\u00fcbungen, die mehr oder weniger sinnlos sind, aber keinen Schaden anrichten. Besser ist das, was so nebenher in den Gespr\u00e4chen und in der Pause aufkommt. Am meisten gef\u00e4llt mir, dass die Lehrerin fr\u00fcher immer gedacht hat, Israel w\u00e4re eine Stadt. Das hat seinen Grund in der Sprache. Im Italienischen haben alle L\u00e4nder einen Artikel, au\u00dfer Israel. Die Schlussfolgerung war also ganz logisch.<\/p>\n<p>Die Frau aus Israel erz\u00e4hlt auch von Besonderheiten des florentinischen Italienisch: Der Anfangslaut von <em>gente<\/em> wird zu \/sch\/, \/k\/ wird aspiriert, und \/t\/ wird dental, wie im Englischen! Lauter Ph\u00e4nomene, die es irgendwann in der Entwicklung anderer Sprachen auch schon gegeben hat.<\/p>\n<p>Die anderen, die teilweise schon l\u00e4nger hier sind, erz\u00e4hlen, dass sowohl in Modena als auch in Ferrara wichtige Monumente nicht zu sehen sind, entweder wegen des Erdbebens oder um sie vor der Erdbebengefahr zu schonen. Das erkl\u00e4rt wohl auch das Eisenger\u00fcst, das in Santa Maria della Vita die Decke \u00fcber der Beweinungsgruppe abst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Schon in der Pause sagt mir die Lehrerin auf die Nase zu, dass ich Spanisch k\u00f6nnen muss. Die leidigen Interferenzen. Ich habe nat\u00fcrlich nichts davon gemerkt.<\/p>\n<p>Am Nachmittag gehe ich nach San Domenico. Als ich das Hotel verlasse, sagt der Mann an der Rezeption <em>Buona sera<\/em>. Es ist halb vier!<\/p>\n<p>Auf dem Weg dahin f\u00e4llt mir unter den Wappen in den sch\u00f6nen Mosaiken unter den Arkaden wieder das Malteserkreuz auf. Warum es hier erscheint, wei\u00df ich nicht.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he des Gerichtsgeb\u00e4udes, das in einem pr\u00e4chtigen Palast untergebrach ist, treffen die Via Garibaldi und die Piazza Cavour aufeinander. Die beiden Helden der italienischen Stra\u00dfennamen in unmittelbarer Nachbarschaft.<\/p>\n<p>Der Vorplatz von San Domenico ist noch mit Kieselsteinen aus dem Fluss belegt, nach mittelalterlicher Tradition. Auf dem Platz stehen zwei hohe S\u00e4ulen mit Statuen, eine davon, nach Pl\u00e4nen von Guido Reni errichtet als Dank f\u00fcr das Ende der Pest. Au\u00dferdem stehen auf dem Vorplatz, erh\u00f6ht in einem altarartigen Aufbau, die Sarkophage zweier Rechtsgelehrter, Zeichen der langen und noblen Rechtstradition Bolognas.<\/p>\n<p>Der Hl. Dominikus, Santo Domingo, ist in Bologna gestorben und liegt hier, in San Domenico, begraben! Wer hatte das gedacht? Er war in Bologna vorbeigekommen und war von der Vitalit\u00e4t der Stadt und von den vielen Jurastudenten begeistert! Und schon hatte er einen neuen Standort f\u00fcr seinen soeben gegr\u00fcndeten Orden. So kann\u2019s gehen.<\/p>\n<p>Dominikus hatte sich und seinem Orden zwei Dinge auf die Fahne geschrieben: Armut und Wissen. Beide waren dazu da, der Kirche, die sich in einer Krise befand, zu helfen: Die Armut sollte sie glaubw\u00fcrdiger machen, das Wissen sollte die Abtr\u00fcnnigen \u00fcberzeugen. Dass aus den engagierten Glaubensverfechtern dann fanatische Verfolger aller Abweichler wurden, steht auf einem anderen Blatt. Ob Dominikus das gewollt hat? Oder zumindest zugelassen oder in die Wege geleitet hat?<\/p>\n<p>Hier in Bologna wurde das erste Generalkapitel der Dominikaner abgehalten (1220), hier starb Dominikus ein Jahr sp\u00e4ter. Dreizehn Jahre nach seinem Tod wurde er heiliggesprochen, siebzehn Jahre sp\u00e4ter wurde die Kirche geweiht, und nochmal\u00a0 sechzehn Jahre sp\u00e4ter wurde er hier beigesetzt.<\/p>\n<p>Mit dem Mittelalter hat die heutige Kirche allerdings wenig zu tun. Der Bau wurde im Barock v\u00f6llig umgebaut. Das hat seinen Grund.<\/p>\n<p>Die Kirche ist riesengro\u00df. Sie wirkt noch l\u00e4nger als San Petronio. Die Dominikaner hatten unglaublichen Zulauf, vor allem von Seiten der Rechtsstudenten. Deshalb baute man eine solch gro\u00dfe Kirche, bei der die beiden Teile f\u00fcr Klerus und Volk durch eine Querwand getrennt waren. Als man die dann abriss, wirkte die Kirche einfach zu lang. Deshalb beauftragte man den Umbau. Die Kuppel in der Mitte, die die Kuppel im Chor erg\u00e4nzt, erinnert noch an die alte Schnittstelle. Im Laufe der Zeit wurden immer mehr Seitenkapellen eingebaut, von denen einige so gro\u00df wie eigene Kirchen sind.<\/p>\n<p>In einer dieser prachtvoll ausgemalten Seitenkapellen, auf halber H\u00f6he des s\u00fcdlichen Seitenschiffs, befindet sich das Grab des Dominikus. Das zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Die Besucherzahlen hier sind allerdings relativ gering.<\/p>\n<p>Der Sarkophag steht etwas erh\u00f6ht unter einem Gem\u00e4lde von Guido Reni, das die Apotheose des Heiligen zeigt und flankiert wird von vier weiteren riesigen Gem\u00e4lden, die Szenen aus dem Leben Dominikus darstellen.<\/p>\n<p>Der vierst\u00f6ckige Marmorsarkophag ist im Laufe mehrerer Jahrhunderte entstanden. Das hat einen etwas paradoxen Grund: Erst war die Kapelle, in der der Sarkophag stand, zu klein, wegen der vielen Pilger, dann baute man eine gr\u00f6\u00dfere Kapelle, und da war der Sarg zu klein f\u00fcr die Kapelle!<\/p>\n<p>Die genaue Chronologie verstehe ich bis zum Schluss nicht. Das Faltbl\u00e4ttchen, das man hier erwerben kann, ist eher eine Propagandaschrift zur Verherrlichung des Heiligen.<\/p>\n<p>Der \u00e4lteste Teil stammt von Nicol\u00e0 Pisano oder aus seiner Werkstatt. Gut zu erkennen ist er an den dichtgedr\u00e4ngten Figuren, meist Zuschauer bei den Szenen aus dem Leben des Dominikus: Im Kloster soll gegessen werden und Dominikus l\u00e4sst das Essen auftragen, aber es gibt nichts. Da sendet er ein Gebet zum Himmel und es erscheinen zwei Engel mit zwei K\u00f6rben: Brot und Feigen! Diese Szene spielt sich der Legende zufolge in Bologna ab. Eine andere spielt sich in Rom ab: Der Sohn eines befreundeten Adeligen, der sich auf einen gewagten Reiterwettkampf eingelassen hat, st\u00fcrzt und f\u00e4llt unter das Pferd. Dominikus zieht den tot Geglaubten lebendig unter dem Pferd hervor! Sehr plastisch dargestellt: der geschwungene Pferdek\u00f6rper und der halb unter dem Pferdek\u00f6rper zum Vorschein kommende K\u00f6rper des Jungen, zwei \u00fcber dem Jungen kniende Gestalten und eine, die sich \u00fcber ihn beugt. Die im Sinne der Ordensphilosophie wichtigste Szene, auch Gegenstand eines der Bilder, ist die, in der nach einem religi\u00f6sen Disput, zur Wahrheitsfindung, ein Buch der Albigenser und die Bibel ins Feuer geworfen werden. Das Buch der Albigenser verbrennt. Die Bibel verbrennt nicht nur nicht, sondern wird von dem Feuer zur\u00fcckgeworfen, auch bei wiederholten Versuchen. Man sieht das Buch fr\u00f6hlich in die H\u00e4nde des Ordensgr\u00fcnders zur\u00fcckspringen.<\/p>\n<p>Andere Szenen in dem Fries darunter, wegen der Gr\u00f6\u00dfe viel schlechter zu erkennen, stellen Visionen der Mutter und der Amme des Dominikus dar, die beide schon wussten, dass er eine gro\u00dfe Karriere vor sich hatte. Bei der Mutter manifestiert sich das komischerweise in der Vorstellung, sie habe ein H\u00fcndchen zur Welt gebracht, das der Welt das Feuer bringt!<\/p>\n<p>Die k\u00fcnstlerisch die meiste Aufmerksamkeit beanspruchenden Teile sind die in der Renaissance von einem K\u00fcnstler aus Bari hinzugef\u00fcgten, Niccol\u00f2 da Bari, der wegen seiner Arbeiten an dem Sarkophag so ber\u00fchmt wurde, dass er sp\u00e4ter Niccol\u00f2 dell\u2019Arca genannt wurde. Er f\u00fcgte unter\u00a0 anderem die Figuren verschiedener Stadtpatrone hinzu sowie die der Evangelisten (in orientalischen Gew\u00e4ndern) und kerzenhaltende Engel. Er entschied sich aber, nicht alles selbst zu machen, sondern einen Teil der Arbeit einem jungen, unbekannten K\u00fcnstler zu \u00fcbertragen, der gerade auf der Flucht aus Florenz war: Michelangelo Buonarotti. Die Figuren Michelangelos an dem Sarkophag werden in Hinsicht auf seine sp\u00e4tere Gr\u00f6\u00dfe interpretiert, aber wenn man unbefangen urteilt, w\u00fcrde man den Engel Niccol\u00f2s vermutlich besser finden als den Michelangelos. Der ist eher Athlet als Engel, w\u00e4hrend der Engel Niccol\u00f2s ganz durchgeistigt wirkt. Der Vergleich bietet sich an, da beide die beiden Enden des Sarkophags zieren.<\/p>\n<p>Niccol\u00f2 muss aber gewusst haben, was er an Michelangelos hatte, denn er beauftragte ihn auch mit der Statue eines der Patrone von Bologna, einer wichtigen Arbeit. Die ist auf der R\u00fcckseite des Sarkophags.<\/p>\n<p>Der Sarkophag hat dort unten eine Auslassung, in der ein Reliquiar in Form eines spitz zulaufenden gotischen T\u00fcrmchens steht. Ob die \u201aeigentlichen\u2018 Gebeine des Dominikus zus\u00e4tzlich noch im Sarkophag liegen, bekomme ich nicht heraus, und die W\u00e4rter werden auch schon bald ungeduldig, denn um f\u00fcnf wird geschlossen.<\/p>\n<p>Nach der Besichtigung gehe ich noch einmal ins <em>Archiginnasio<\/em>. Ich habe das Gef\u00fchl, am Sonntag wichtige S\u00e4le nicht gesehen zu haben.<\/p>\n<p>Auf dem Weg komme ich an einem <em>tabaccaio<\/em> vorbei. Dass man da nicht nur Tabakwaren bekommt, wei\u00df jeder Anf\u00e4nger. Urspr\u00fcnglich kaufte man dort auch Salz, und zwar nur dort. Noch heute steht auf vielen Schildern <em>Sali e Tabacchi<\/em>. Mir geht es aber um Briefmarken. Auch die bekommt man hier. Aber die Frau, die diesen Laden betreibt, scheint es mit dem Tabak sehr ernst zu nehmen. Erst versteckt sie sich hinter den hoch aufgeschichteten Feuerzeugen auf der Theke des kleinen Ladens, dann macht sie sich durch H\u00fcsteln bemerkbar und schlie\u00dflich kommt sie gru\u00dflos, aber rauchend zum Vorschein. Von meiner Absicht, Briefmarken zu kaufen, scheint sie \u00fcberhaupt nicht angetan. Dann macht sie sich doch ans Werk, aber die Zahl 10 macht ihr das Leben schwer. 10 x 75 ist ein keine leichte Aufgabe, und dann muss man die Briefmarken auch noch z\u00e4hlen. Am Ende geht das Gesch\u00e4ft dann aber doch noch \u00fcber die B\u00fchne. Beim Hinausgehen begleite ich meinen Gru\u00df aus Solidarit\u00e4t auch mit einem H\u00fcsteln.<\/p>\n<p>Das <em>Archiginnasio<\/em> ist immer noch ge\u00f6ffnet, aber es ist kaum ein Besucher mehr da. Eine Frau im Anatomischen Theater erteilt freundliche Auskunft: nachmittags geschlossen, bis 14 Uhr ge\u00f6ffnet. Ich mache ein paar Photos von den Wappen an den W\u00e4nden. Jeder einzelne Student scheint mit eigenem Namen und Wappen verzeichnet zu sein. Zwischen einem Gaspar Lizzard Brixiensis und einem D.I. Gregorius \u00e0 Bolan Alemanus (damit ist vermutlich alemannisch, vielleicht schweizerisch gemeint, nicht deutsch) finde ich einen D. Petrus Claren Treviren. Das k\u00f6nnte Trier sein!<\/p>\n<p>Im Hotel setze ich mich in den Innenhof. Wieder treffe ich auf eine englische Frau mit ihrer Tochter. Sie sind immer hier. Die Mutter macht immer nichts, die Tochter hat immer ihren Laptop auf dem Scho\u00df, von dem sie nicht aufschaut. Die Mutter erwidert, wie immer, meinen Gru\u00df mit einem Kopfnicken. Dann kommt eine \u00e4ltere Spanierin in den Innenhof. Wortlos setzt sie sich an meinen Tisch und versucht, mit einem altert\u00fcmlichen Feuerzeug eine Zigarette anzuz\u00fcnden. Als das nicht funktioniert, fragt sie mich auf Spanisch, ob ich Feuer h\u00e4tte und reagiert \u00fcberhaupt nicht darauf, dass ich ihr aus Spanisch antworte. Sie glaubt wohl, das w\u00e4re Italienisch.<\/p>\n<p>Am Abend gehe ich ins Regina Margherita, einem der von der Schule empfohlenen Lokale. Es ist zuf\u00e4llig eins, an dem ich schon mehrmals vorbeigekommen bin. Die Bedienung machen vier junge, uniformierte Inder, ihr Aufseher ist ein junger, nicht uniformierter Italiener. Der behandelt sie freundlich, aber die Arbeit machen sie.<\/p>\n<p>Die Pizza ist, wie oft in Italien, d\u00fcnn und gro\u00df. Sie schmeckt ganz passabel. Die Vorspeise ist dagegen erste Klasse: eine Platte mit verschiedenen eingelegten Gem\u00fcsen: Auberginen, Paprika und <em>friarelli<\/em>, eine Art Kohl.<strong> <\/strong><\/p>\n<p>Nach dem ersten Gang lasse ich das Besteck zur\u00fcckgehen, nach deutscher Art. Das tun man hier nicht. Als ich die Rechnung bekomme, werde ich noch einmal daran erinnert: Ich muss zweimal f\u00fcr <em>coperto<\/em> zahlen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">11. September (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen trinke ich meinen Cappuccino in der <em>Bar Nuovo<\/em>, einer Bar, die ganz mit alten Radioempf\u00e4ngern als Dekoration ausgestattet ist. Der Wirt rattert herunter, welche Formen von <em>brioche<\/em> es gibt, und als ich mich f\u00fcr eine mit Aprikosen entscheide, begr\u00fc\u00dft er emphatisch meine Wahl. Ich w\u00fcrde jetzt eines der besten Aprikosenteilchen bekommen, die ich je gegessen habe.<\/p>\n<p>Viele Italienerinnen sind geradezu schm\u00e4chtig, und auch die meisten M\u00e4nner sind schlank, und das in Bologna! Wie sie das machen, ist mir ein R\u00e4tsel. An jeder Ecke gibt es eine Bar, und an einigen Stra\u00dfen reihen sie sich wie die Perlen einer Kette aneinander. Flankiert werden sie von St\u00e4nden und L\u00e4den mit Pasta, Schinken und K\u00e4se. Alles sieht qualit\u00e4tsvoll aus und riecht verf\u00fchrerisch. Und dann kommen noch die Eisdielen dazu.<\/p>\n<p>Im Unterricht machen wir wieder allerlei unn\u00fctzes Zeug, alles viel zu kompliziert, viel zu subtil. Es ist aber trotzdem unterhaltsam, nicht wegen der \u00dcbungen, sondern weil wir immer wieder von ihnen abweichen. Eine Abweichung, ausgel\u00f6st durch das Wort <em>elicottero<\/em>, dauert fast eine halbe Stunde, in der wir von H\u00f6lzchen auf St\u00f6ckchen kommen. Ich habe meine helle Freude daran, dass die anderen <em>elicottero<\/em> nicht erkennen, weil es mir mit anderen W\u00f6rtern \u00e4hnlich gegangen ist. Das fehlende &lt;h&gt; im Italienischen verfremdet das Wort, ebenso wie in <em>Amburgo<\/em>.<\/p>\n<p>Die Lehrerin macht sich gro\u00dfe M\u00fche, Dinge zu Hause nachzuschlagen, nach denen gefragt wird. Dazu geh\u00f6ren so lebenswichtige Dinge wie die Frage, ob der Plural von Kirsche <em>ciliegie<\/em> oder <em>ciliege<\/em> ist, eine Feinheit, die in ein philologisches Seminar geh\u00f6rt, nicht in einen Sprachkurs.<\/p>\n<p>Im Italienischen sind m\u00e4nnliche Nomen manchmal weiblich im Plural. Manchmal haben aber diese Nomen dann doch noch eine m\u00e4nnliche Pluralform neben der weiblichen, mit unterschiedlicher Bedeutung. Wir sehen es bei <em>braccio<\/em> und <em>le braccie<\/em> bzw. <em>i bracci<\/em>.<\/p>\n<p>Der Name der Israeli, Ora, veranlasst die Lehrerin zu einem Kommentar zu einem Unterschied im Italienischen, den ich nie verstanden, geschweige denn beachtet habe: die unterschiedliche Aussprache von <em>ora<\/em>, \u201aStunde\u2018 und <em>ora<\/em>, \u201abete\u2018, ein offenes und ein geschlossenes \/o\/.<\/p>\n<p>Ich entdecke zu meiner \u00dcberraschung, dass <em>comunica<\/em> auf der zweiten Silbe betont wird. Das habe ich noch nie richtig ausgesprochen.<\/p>\n<p>Der Belgier ist von seinem Dasein als Pension\u00e4r ganz und gar begeistert, und nimmt mir alle Sorge angesichts der Vorstellung, im Rentenalter nichts mehr zu tun zu haben. Was zu tun gebe es immer. Er selbst macht das ganze Jahr \u00fcber einen Italienisch-Kurs an der Universit\u00e4t L\u00f6wen, nur eine knappe halbe Stunde von Mechelen entfernt. Ansonsten k\u00fcmmert er sich um seine Enkel und f\u00e4hrt alle Nase lang nach Italien, sei es auch nur f\u00fcr eine Woche, wie jetzt.<\/p>\n<p>In der Pause bringe ich die Frage auf, ab wann man <em>Buona sera<\/em> sage. Der Belgier wei\u00df sofort die Antwort: ab ein Uhr! Die Lehrerin best\u00e4tigt das im Grunde, sagt aber, dass es individuelle Unterschiede gebe. Sie sagt, viele entz\u00f6gen sich heute der Problematik, indem sie <em>Salve<\/em> oder <em>Salute<\/em> sagten, die beide unabh\u00e4ngig von der Tageszeit sind. Darauf entspinnt sich ein Gespr\u00e4ch \u00fcber die Standardbegr\u00fc\u00dfungen in verschiedenen Sprachen, das zeigt, wie kompliziert die Sache ist. Das schl\u00e4gt sich u.a. darin nieder, dass man im Italienischen <em>Buona Notte<\/em> nicht als Begr\u00fc\u00dfung sagen kann, wohl aber <em>Buenas Noches<\/em> im Spanischen.<\/p>\n<p>Als ich am Nachmittag ins Hotel zur\u00fcckkomme, sagt die Frau an der Rezeption: <em>Buon giorno<\/em>. Es ist zwei Uhr. Als ich das Hotel am Nachmittag wieder verlasse, frage ich den Mann an der Rezeption, ab wann er <em>Buona sera<\/em> sage, und er sagt: So ab f\u00fcnf!<\/p>\n<p>Nach dem Unterricht laufen wir alle vier gemeinsam schnellen Schritts zum Zentrum. Es hat sich ergeben, dass wir alle den Saal des <em>Archiginnasio<\/em> sehen wollen, der nachmittags geschlossen ist. Wir kommen rechtzeitig an. Eine etwas unbeholfene junge Frau schlie\u00dft den Saal f\u00fcr uns auf. Er ist eine wirkliche Pracht, \u00fcber und \u00fcber farbenfroh dekoriert mit Fresken, Wappen, Kartuschen und Tafeln.<\/p>\n<p>Der Saal ist einer von insgesamt zehn urspr\u00fcnglichen Vorlesungss\u00e4len. Hier wurde Rechtswissenschaft gelehrt. Wie das vor sich ging, ist nicht klar. Eigentlich d\u00fcrfte der Saal f\u00fcr die relativ kleinen Studentenzahlen zu gro\u00df gewesen sein, und Katheder und Sitzpl\u00e4tze sind, wenn es sie je gab, nicht erhalten. Heute wird der Saal nur f\u00fcr feierliche Anl\u00e4se genutzt.<\/p>\n<p>Der Saal hei\u00dft inoffiziell <em>Stabat Mater<\/em>, weil hier das Stabat Mater f\u00fcr Rossini aufgef\u00fchrt wurde, und zwar unter der Leitung von Donizetti.<\/p>\n<p>An den W\u00e4nden h\u00e4lt der doppelk\u00f6pfige Adler des alten Reichs Wappen von Akademikern in seinen Klauen und F\u00e4ngen, an einer anderen Seite sind Wappen unter dem Emblem des Erzbischofs ausgestellt. An einer Stirnseite thront die Madonna in einem Fresko \u00fcber den Saal.<\/p>\n<p>Rundherum befinden sich Buchk\u00e4sten mit Drahtgitter, lauter edel gebundene, meist vielb\u00e4ndige Werke aus Astronomie, Mathematik, Zoologie, Geologie, Hydraulik. Dazu eine ganze Reihe von W\u00f6rterb\u00fcchern.<\/p>\n<p>In ganz italienisch salopper Weise hat man einige riesige Folianten \u00fcbereinandergestapelt, die als St\u00fctzte f\u00fcr ein Mikrophon dienen.<\/p>\n<p>Beim Verlassen des Geb\u00e4udes bemerken wir unten nahe dem Ausgang ein sch\u00f6nes Hinweisschild mit einer verzierten Kartusche, das sich vollendet in das Ensemble einf\u00fcgt. Darauf steht in fein ziselierten Buchstaben: e\u2018 vietato introdvrre biciclette. Fahrr\u00e4der mitbringen verboten.<\/p>\n<p>Dann trennen wir uns und ich mache mich auf den Weg, den Kanal zu finden. Nach einigem Hin und Her gelingt es mir auch. Es ist keine gro\u00dfe Sehensw\u00fcrdigkeit. Von einer kleinen Passage aus sieht man zwischen zwei Stra\u00dfenz\u00fcgen einen Kanal flie\u00dfen. Nicht gerade Venedig. Aber die st\u00e4dtebaugeschichtliche Bedeutung ist nicht zu verleugnen. Bologna hatte fr\u00fcher eine gro\u00dfe Anzahl von Kan\u00e4len, die, wenn ich das richtig verstanden habe, auch der Energiegewinnung dienten. Die meisten sind zugesch\u00fcttet worden oder verlaufen jetzt unterirdisch. Die letzte gro\u00dfe Aktion dieser Art erm\u00f6glichte die Errichtung der <em>Via Riva de Reno<\/em>, deren Namen noch an die Vergangenheit erinnert. Reno ist der Name des Flusses.<\/p>\n<p>In einer Bar, in der ich unterwegs Halt mache, der <em>Paninoteca<\/em>, f\u00e4llt mir ein Kalender auf, in dem die Wochentage <em>Vener<\/em>, <em>Sadet<\/em>, <em>Mercuel<\/em> oder <em>Dmangda<\/em> hei\u00dfen. Ich frage den Mann hinter der Theke, welche Sprache das sei, und er antwortet, so als ob das jeder w\u00fcsste: Bolognese. Der Kalender hat auch alte Ansichten von Bologna, ein paar historische Reminiszenzen und ein paar Zitate, die aber \u00fcbersetzt sind: <em>Chi arriva prem al mul\u00e9n, m\u00e8sma <\/em>\u2013 <em>Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. <\/em>Als ich das am n\u00e4chsten Tag im Unterricht zum besten gebe, f\u00fcgt die Lehrerin ein Beispiel hinzu, das keiner von uns entschl\u00fcsseln kann, auch dann nicht, als sie sagt, dass man es oft in Eisdielen findet: <em>Al zl\u00e8 al fag me \u2013 Das Eis habe ich gemacht. <\/em><\/p>\n<p>Dann genehmige ich mir auch noch ein Eis. Ich will nur eine Kugel, aber was f\u00fcr eine ich bekomme! Sie entspricht locker drei normalen Kugeln, und kostet stolze 2.50\u20ac!<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg mache ich Halt bei Feltrinelli. Es ist nicht so leicht, B\u00fccher \u00fcber Bologna zu finden, und man ist auch nicht sonderlich freundlich. Unter <em>Turismo<\/em> stehen sie jedenfalls nicht. Am Ende finde ich sie unter <em>Scienze Umane<\/em>. Ich kaufe einen Band, der, anders als die klassischen Reisef\u00fchrer, nur Kleinigkeiten erz\u00e4hlt, die man leicht \u00fcbersehen kann, geschrieben von einem Bologneser Architekten.<\/p>\n<p>Die sch\u00f6nste Entdeckung des Tages mache ich aber erst, als ich in der Abteilung f\u00fcr Sprache eine italienische Sprachgeschichte kaufe. Gleich daneben entdecke ich ein Buch mit dem Titel<em> Ciliegie<\/em> <em>o ciliege?<\/em><\/p>\n<p>Der Laden, in dem ich mich auf dem R\u00fcckweg mit Obst und Wasser ausstatte, wird, wie viele L\u00e4den dieser Art, von einem Inder gef\u00fchrt. Sie scheinen dieses Segment schlicht \u00fcbernommen zu haben.<\/p>\n<p>Kurz darauf sehe ich ein modernes Gesch\u00e4ft, das nur ein einziges Produkt anbietet: elektronische Zigaretten. Der Laden ist leer.<\/p>\n<p>Am fr\u00fchen Abend mache ich dann noch einen Versuch, bei einem Schuhmachergesch\u00e4ft zu landen, das bisher immer geschlossen war. Es ist im Reisef\u00fchrer hoch gelobt worden und befindet sich in <em>Via San Vitale<\/em>, f\u00fcnf Minuten vom Hotel entfernt. Hier werden Schuhe nach Ma\u00df gemacht. Ich lasse mich von einer jungen Dame aufkl\u00e4ren. Die Zeit ist kein Problem. Man kann Ma\u00df nehmen, und dann alles andere per Post und Internet regeln. Die Sache hat allerdings drei Haken: Die Schuhe sind altmodisch, schwer und teuer. Das Modell, das sie mir zeigt, kostet \u00fcber 500 \u20ac, und zus\u00e4tzliche 100 \u20ac, wenn sie nach Ma\u00df angefertigt werden. Also lassen wir das lieber.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">12. September (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>\u201eWenn in Italien etwas nicht l\u00e4uft, liegt\u2019s an der Maffia; wenn in Italien etwas l\u00e4uft, liegt\u2019s an Bologna.\u201c Zu den Dingen, die in Bologna laufen, geh\u00f6rt der Verkehr. Auch den hat man in den Griff bekommen. Als alles zusammenzubrechen drohte, hat man nicht nur die Alarmglocken gel\u00e4utet, sondern etwas getan: Ein deutscher Stadtplaner wurde beauftragt, einen Entwurf vorzulegen. Der war radikal, f\u00fcr seine Zeit jedenfalls: Entlastung des Zentrums durch Reduzierung bzw. Verbannung des Autoverkehrs, Verbesserung des Busfahrplans, Modernisierung der Busse, Anlage von Trassen f\u00fcr Fahrr\u00e4der und Vespas. Die Stadt nahm an. Und es funktioniert. Elegant gekleidete, geschminkte Frauen, die bei uns in einen schwarzen Polo einsteigen, steigen hier auf ihre Vespa.<\/p>\n<p>Beim morgendlichen Joggen kann ich die Zweiteilung gut erkennen. Auf der <em>Via San Vitale <\/em>ist noch so gut wie nichts los, auf den vielspurigen Stra\u00dfen um das Zentrum herum ist schon viel los.<\/p>\n<p>Es geht ein ganzes St\u00fcck an der Hauptstra\u00dfe entlang, bis zur Porta Santo Stefano, dem \u00e4u\u00dfersten s\u00fcd\u00f6stlichen Teil der Innenstadt. Dort liegen die <em>Giardini Margherita<\/em>. Auf breiten Alleen geht es um den ganzen Park herum. Er ist ideal zum Joggen, und um diese Tageszeit begegnet man auch nur Joggern. Die B\u00e4ume verwelken schon, einige sind schon fast kahl, und die anderen habe nicht mehr das satte Gr\u00fcn des Fr\u00fchsommers. Auf der anderen, vermutlich gesch\u00fctzteren Seite, sieht es etwas besser aus. An einem Ende des Parks liegt ein sch\u00f6n gestalteter Weiher mit kleinen, runden Font\u00e4nen in der Mitte.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg laufe ich durch die Innenstadt und komme dabei fast an der Schule und direkt an dem Lokal von vorgestern vorbei. Klar, das hie\u00df doch <em>Reina<\/em> <em>Margherita<\/em>. Als ich wieder auf der <em>Via San Vitale<\/em> bin, sehe ich vor der <em>Clinica<\/em> <em>Odontoiatrica<\/em><strong> <\/strong>der Universit\u00e4t einen Mann in Anzug und Krawatte, den Herrn Professor pers\u00f6nlich vermutlich, den B\u00fcrgersteig fegen.<\/p>\n<p>Als ich wieder ins Hotel komme, fragt der freundliche Mann an der Rezeption, wie es gewesen sei. Er ist selbst fr\u00fcher gelaufen und erkundigt sich genau nach Strecke und Zeit. Und ist nicht allzu traurig, als er feststellt, dass er fr\u00fcher schneller war als ich.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zur Schule sehe ich ein Plakat mit einem Esel in der Mitte, auf dem steht: <em>Reserved Parking. Mules only. <\/em><\/p>\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck in der Bar f\u00e4llt mir die v\u00f6llig gemischte Kleidung einer Gruppe von f\u00fcnf M\u00e4nnern auf, die das Lokal betreten. Vom eleganten Anzug mit Krawatte bis ganz leger. In der Mitte einer, der zu einem strahlend wei\u00dfen Hemd eine merkw\u00fcrdig braune Cordhose und klobige Turnschuhe tr\u00e4gt. Im Allgemeinen habe ich den Eindruck, dass die M\u00e4nner weniger Wert auf formale Kleidung legen als fr\u00fcher. Oder liegt es einfach an Bologna?<\/p>\n<p>Mehrmals habe ich das Kommunikationsverhalten der Italiener beobachtet, und ich kann keinen besonderen Hang zum Unterbrechen feststellen, wie im Unterricht behauptet wurde.<\/p>\n<p>Heute behandeln wir wieder Dinge, die sprachphilosophisch interessant, aber fremdsprachendidaktisch uninteressant sind. Dazu geh\u00f6rt der Gebrauch von <em>non<\/em> in S\u00e4tzen, die gar nicht negativ sind. In diesen F\u00e4llen bedeutet ein Satz mit <em>non<\/em> dasselbe wie derselbe Satz ohne <em>non<\/em>: <em>Io rester\u00f2 sveglio finch\u00e8 (non) torner\u00e0 a casa. <\/em><\/p>\n<p>Die Lehrerin hei\u00dft genauso wie eine bekannte italienische Modesch\u00f6pferin: Chiara Boni. Das gibt Anlass zu Kommentaren, und hat auch schon einmal Anlass zu einer Verwechslung gegeben.<\/p>\n<p>In Florenz, lerne ich heute, gibt es rote und blaue Hausnummern, blaue f\u00fcr private, rote f\u00fcr gesch\u00e4ftlich genutzte Geb\u00e4ude. Obwohl die Hausnummern eindeutig blau sind, sagt man: <em>Io abito a 18 nero<\/em>. Aus blau wird schwarz.<\/p>\n<p>In Bologna sind alle Hausnummern blau. Es gibt manchmal den Zusatz A oder B, aber nur f\u00fcr Gesch\u00e4fte, nicht f\u00fcr Privath\u00e4user.<\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit popul\u00e4ren Verwechslungen wie <em>pallone<\/em> <em>di Achille<\/em> f\u00fcr <em>tallone di Achille<\/em> erz\u00e4hlt die Holl\u00e4nderin von <em>bagni termali<\/em>, aus denen <em>bagni<\/em> <em>terminali<\/em> wurden.<\/p>\n<p>Am Nachmittag gehe ich zum Museum der Stadt Bologna, das gerade dieses Jahr erst er\u00f6ffnet wurde und von der Israeli sehr empfohlen wurde.<\/p>\n<p>Auf dem Weg bleibe ich kurz vor dem Eingang von Feltrinelli stehen und sehe mir den sch\u00f6nen, mit Emblemen versehenen Renaissancebogen an. Da bin ich gestern achtlos vorbeigegangen, aber der kleine F\u00fchrer mit den Spazierg\u00e4ngen durch Bologna hat mich darauf aufmerksam gemacht.<\/p>\n<p>Ganz in der N\u00e4he ist der <em>Palazzo della Mercanzia<\/em>. An dem bin ich schon mehrmals vorbeigekommen. Die Loggia erinnert vage an die Feldherrenhalle in M\u00fcnchen, die aber nat\u00fcrlich viel j\u00fcnger ist. Hier handelt es sich um das mittelalterliche Zollhaus. Und deshalb hat es die Loggia. Hier wurden die Waren zur Schau gestellt. An der Fassade ein kleiner Balkon und, in Medaillons, die Justitia und die Stadtpatrone.<\/p>\n<p>Wenn man an dem St\u00e4dtischen Museum irgendetwas auszusetzen hat, dann ist es die unendliche F\u00fclle von S\u00e4len und Informationen. Am Ende bin ich nicht mehr aufnahmef\u00e4hig.<\/p>\n<p>Ganz besonders effektvoll ist die virtuelle Nachahmung des unterirdischen Kanalsystems. Man glaubt wirklich, unter der Erde zu sein, man glaubt, in dem Halbdunkel das sich bewegende Wasser zu sehen, man glaubt, in die Ferne zu sehen, man glaubt Arkaden zu sehen, man glaubt, andere Besucher zu sehen. Dabei ist der Raum kurz und schmal und enth\u00e4lt nichts.<\/p>\n<p>Eine ganz besondere Entdeckung, die ich mache, ist die: Das Konzil von Trient fand zwei Jahre lang in Bologna statt. Aus Trient war man wegen einer Seuche abgezogen. Die Entscheidung f\u00fcr Bologna konnte als Teilerfolg des Papstes gegen\u00fcber dem Kaiser gelten: Bologna lag, im Gegensatz zu Trient, im Kirchenstaat und war dessen zweiwichtigste Stadt! Nach zwei Jahren kehrte das Konzil allerdings wieder nach Trient zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Die zweite Entdeckung betrifft den Namen Werner, der in Italien nat\u00fcrlich v\u00f6llig unbekannt ist. Hier erscheint er aber. Ein gewisser Wernerius Boniensis war einer der ganz fr\u00fchen Rechtsgelehrten Bolognas und Begr\u00fcnder der Glossatorenschule von Bologna. Entweder von \u00a0K\u00f6nigin Mathilde oder von Heinrich V. hatte er den Auftrag erhalten, das Justinianische Recht wiederherzustellen und zu aktualisieren. In Bologna hei\u00dft er <em>Irnerio<\/em>.<\/p>\n<p>Ausf\u00fchrlich berichtet wird von der Kaiserkr\u00f6nung Karls V. Sie war ein ganz besonderes Ereignis der Stadtgeschichte. Auf einem Gem\u00e4lde sieht man, wie eigens eine h\u00f6lzerner Steg gebaut worden war, \u00fcber den man vom <em>Palazzo Comunale<\/em> nach <em>San Petronio<\/em> zog. Damit wurde einerseits das Volk ferngehalten, andererseits wurde eine gute Sicht auf das Spektakel erm\u00f6glicht. Bologna war sich der Weltgeltung des Ereignisses bewusst, aber die b\u00f6se \u00dcberraschung kam, als man die Rechnung begleiten musste: mehrere Monate Unterkunft und Verpflegung f\u00fcr zwei riesige Delegationen, Papst und Kaiser. Das ging ins Geld.<\/p>\n<p>Auch gut dokumentiert ist die Wallfahrt der Madonna von San Luca in die Stadt. Der Anlass war sintflutartiger Regen, der gar nicht mehr aufh\u00f6ren wollte. Also beschloss man, dass Madonnenbild von der Wallfahrtskirche in einer feierlichen Prozession in die Stadt zu f\u00fchren, und siehe da: Kaum war man am Stadttor angekommen, h\u00f6rte es auf zu regnen. Damit war die Tradition begr\u00fcndet. Die Prozession findet jedes Jahr statt und markiert Anfang und Ende der Feierlichkeiten, denn die Madonna muss ja am Schluss in ihre Kirche zur\u00fcckkehren.<\/p>\n<p>Am Ende kann man Tonaufnahmen von bekannten Personen h\u00f6ren, die \u00fcber Bologna sprechen. Ich h\u00f6re Romano Prodi, Umberto Eco und Ettore Messina, einen Basketballtrainer, alle als Fremde nach Bologna gekommen. Prodi kann ich am besten verstehen, Eco am schlechtesten. Bei Messina f\u00e4llt mir auf, dass er h\u00e4ufig mit den Fingerspitzen beider H\u00e4nde gleichzeitig schnelle, kreisende Bewegungen macht. Ansonsten ist die Gestik bei allen sp\u00e4rlich. Eco berichtet, wie er morgens um f\u00fcnf einen Anruf bekam mit einer Anfrage von der Universit\u00e4t Bologna und in aller Ruhe darum bat, man solle es um zehn Uhr nochmal versuchen. Er berichtet auch von einem fast kameradschaftlichen Verh\u00e4ltnis zu den Studenten am Anfang seiner Zeit als Professor, das im Laufe der Zeit distanzierter wurde, schon wegen des gr\u00f6\u00dfer werdenden Altersunterschieds. Er erz\u00e4hlt auch, wie man angesichts der Streiks in andere R\u00e4ume wie Hotelfoyers ausgewichen ist. Er erw\u00e4hnt auch Schwierigkeiten, auf die er als \u201eAusl\u00e4nder\u201c bei der sehr homogenen Gruppe von Professoren stie\u00df \u2013 die alle Nachnamen hatte, die sich wie Stra\u00dfennamen von Bologna anh\u00f6rten. Prodi erz\u00e4hlt, wie Bologna ihm anfangs wie die ganz gro\u00dfe Metropole erschienen war. Er sagt, f\u00fcr ihn bedeute Bologna nicht Tortellini oder Torri, sondern Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>Viele andere Dinge sieht man nur im Vorbeigehen: den gr\u00f6\u00dften Stadtplan von Bologna, den es je gegeben hat, in Auftrag gegeben von Gregor XIII., ein Gem\u00e4lde, auf dem noch im 19. Jahrhundert drei weitere Wohnt\u00fcrme gleich neben <em>Asinelli<\/em> und <em>Garisenda<\/em> sieht, Handwerkszeichen, unter denen sich wieder das Malteserkreuz befindet, einen \u00fcber den modernen Stadtplan gelegten Stadtplan aus der Etruskerzeit, der zeigt, dass die Etruskerstadt genau zwischen Reno und Aposa lag und zur H\u00e4lfte mit dem mittelalterlichen Bologna \u00fcbereinstimmte. Von der Universit\u00e4t hei\u00dft es, sie sei in Landsmannschaften eingeteilt gewesen, <em>Nationes<\/em>, und der Begriff <em>Universitas<\/em> war gerade der Gegenbegriff dazu und bezeichnete das, was die <em>Nationes<\/em> vereinte.<\/p>\n<p>Man verl\u00e4sst das Museum mit dem Gef\u00fchl, immer wieder hierher zur\u00fcckkommen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Am Morgen hatte ich das Gef\u00fchl, dass es nicht mehr so hei\u00df ist. Und in den letzten Tagen haben sich am Himmel einzelne schwache W\u00f6lkchen gezeigt, die immer dichter und dunkler geworden sind, und als ich aus dem Museum komme, fallen die ersten Tropfen. Dann wird es st\u00e4rker, und in der Nacht regnet es ohne Unterbrechung.<\/p>\n<p>Wieder bew\u00e4hren sich die Arkaden Bolognas: Bisher haben sie gut gegen die Sonne gesch\u00fctzt, jetzt sch\u00fctzen sie gegen Regen. Bis zur <em>Piazza della Mercanzia<\/em> muss ich mich retten, dann komme ich praktisch trockenen Fu\u00dfes bis zum Hotel. Es hei\u00dft, die Arkaden seien urspr\u00fcnglich f\u00fcr die Pilger gebaut worden, die auf dem Weg nach Rom in Bologna Station machten. So hat es uns damals jedenfalls eine junge Kunstlehrerin erkl\u00e4rt. Das w\u00e4re ein sehr nobles Motiv. Was auch immer der Grund ist, bis heute profitiert man davon, und die Arkaden geben Bologna seine ganz besondere Charakteristik. Es sollen insgesamt \u00fcber drei\u00dfig Kilometer sein.<\/p>\n<p>Am Abend gehe ich in die <em>Osteria dell\u2019Orsa<\/em>,\u00a0 dem Belgier von der Lehrerin und mir von dem Belgier empfohlen. Wunderbar. Das ist genau das, was man als Fremder kennen lernen will \u2013 und wo man aus eigenen St\u00fccken nicht gelandet w\u00e4re.<\/p>\n<p>Auf dem Weg komme ich an der <em>Piazza G. Verdi<\/em> vorbei, nicht zum ersten Mal. Sie ist Teil und vielleicht Zentrum des Universit\u00e4tsviertels. Es sind schon viele Studenten unterwegs. Ob das Semester schon begonnen hat? Es sieht so aus.<\/p>\n<p>Die <em>Osteria dell\u2019Orsa<\/em> ist ein ganz einfaches Lokal. Als ich ankomme, ist es noch fast leer. Als ich gehe, merke ich, dass es noch einen zweiten Raum gibt und auch drau\u00dfen noch Pl\u00e4tze. Jetzt sind fast alle besetzt.<\/p>\n<p>Es gibt es gro\u00dfe Speisekarte, ganz ohne Pizza und Pasta. Die Speisekarte zu lesen, ist gar nicht so einfach. Ein Abschnitt hei\u00dft zum Beispiel <em>Pietanze<\/em>. Keine Ahnung, was sich dahinter verbirgt. Sp\u00e4ter finde ich heraus, dass es Kleinigkeiten sind, nicht richtige Vorspeisen, sondern eher Speisen aus der Kategorie \u201ef\u00fcr den kleinen Hunger\u201c. Auf der Speisekarte erscheinen auch <em>Olive Ascolane<\/em>. Die stammen aus Triers Partnerstadt Ascoli und haben einen besonders guten Ruf.<\/p>\n<p>Es gibt Warsteiner vom Fass! Aus Flaschen gibt es deutsches Weizenbier, Ceres aus Polen (das es hier fast \u00fcberall gibt) und Corona aus Mexiko, aber kein italienisches Bier. Auch das ist mir schon vorher mehrmals passiert.<\/p>\n<p>Ich nehme Wein: <em>Vino Sfuso<\/em>. So nennt man hier den offenen Wein, <em>Vino della Casa<\/em>.<\/p>\n<p>Ich esse Schweinefleisch mit Balsamico-So\u00dfe. Sieht wie Schokolade aus. Dazu ged\u00fcnstete Bohnen, und zum Nachtisch hausgemachtes <em>Tiramis\u00f9<\/em>.<\/p>\n<p>Dann merke ich, dass doch wohl Pasta auf der Speisekarte sein muss. Sie verbergen sich unter dem Namen <em>fusilli<\/em>, auf der Tageskarte. Am anderen Ende des Raumes sitzt eine Gruppe italienischer Studenten. Sie haben fast alle <em>fusilli<\/em> bestellt und essen sie so, wie man nach traditionellen Regeln der deutschen Mittelschicht nicht essen sollte: tief \u00fcber den Teller gebeugt, mit der Gabel die Nudel stapelnd und dabei die Gabel unten am Griff haltend.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg \u00fcber die <em>Piazza Maggiore<\/em> mache ich Photos vom n\u00e4chtlichen Bologna.<\/p>\n<p>Am Abend lese ich zuf\u00e4llig in der Obdachlosenzeitung, <em>Piazza Grande<\/em>, von der K\u00f6chin <em>der Osteria dell\u2019Ors<\/em>a. Sie hat im Juli bei einer Gro\u00dfveranstaltung den Obdachlosen beim Kochen geholfen und ihnen die Fertigung hausgemachter Nudeln beigebracht. Die Speisen wurden dann auf einem riesigen Tisch im Zentrum verkauft. Der Erl\u00f6s ging in die Obdachlosenkasse.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13. September (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen hat es aufgeh\u00f6rt, zu regnen, aber es ist deutlich k\u00fchler und au\u00dferdem wolkig und windig. Richtig herbstlich.<\/p>\n<p>Zum Wetter passen die Umformungs\u00fcbungen, die wir im Unterricht machen. Die Lehrerin erz\u00e4hlt in diesem Zusammenhang von einem Wortgefecht zwischen einem Deutschen und einer Schweizerin \u00fcber die Frage, ob es im Deutschen einen Konjunktiv gebe. Die Schweizerin habe das bestritten. Nat\u00fcrlich, m\u00f6chte man ihr entgegnen, \u201egibt\u201c es im Deutschen einen Konjunktiv. Das l\u00e4sst sich doch wohl nicht bestreiten. Und man macht sich Gedanken dar\u00fcber, wie jemand zu so einer Aussage kommen kann. Eine Antwort lautet: pure Unkenntnis. Eine andere Erkl\u00e4rung w\u00e4re, dass die Schweizerin dies im Zusammenhang mit dem italienischen Konjunktiv gesehen hat und sagen wollte, dass es im Deutschen nichts Vergleichbares gebe. Da h\u00e4tte sie nicht v\u00f6llig unrecht. Von der Funktion her unterscheiden sich die beiden Strukturen so sehr, dass man sagen k\u00f6nnte, das eine gebe es nicht.<\/p>\n<p>Ganz nebenbei erfahre ich, dass man in Italien weiterhin <em>Signorita<\/em> sagen darf, dass eine neapolitanische Pizza dick ist im Gegensatz zur r\u00f6mischen und was eine <em>Piadina<\/em> ist.<\/p>\n<p>Davon probiere ich dann gleich eine nach dem Unterricht. Es ist eine Spezialit\u00e4t der Region, eine Mischung aus Pizza und D\u00f6ner, bei der die Zutaten auch bunt gemischt werden k\u00f6nnen. Sch\u00f6n, das mal probiert zu haben, aber kaum eine Wiederholung wert.<\/p>\n<p>Am Nachmittag will ich <em>San Franceso<\/em> besichtigen, aber die Kirche ist weiterhin geschlossen wegen des Erdbebens vor drei Monaten. Ob Menschen oder Kunstwerke gesch\u00fctzt werden sollen oder ob es noch Aufr\u00e4umarbeiten gibt, ist nicht zu erfahren.<\/p>\n<p>Auch hier stehen, ganz \u00e4hnlich wie auf dem Vorplatz von <em>San Domenico<\/em>, zwei Steinsarkophage in altar\u00e4hnlichen Aufbauten, ganz erh\u00f6ht, vor der Kirche. Der Kirchenbau ist aber anders und erinnert mit seinen Strebepfeilern eher an unsere Gotik.<\/p>\n<p>Ich laufe noch etwas in der Gegend herum, auf der Suche nach meiner ehemaligen Absteige, die ich hier in der Gegend vermute, aber weder die Gegend noch der Weg nach <em>San Francesco<\/em> kommen mir bekannt vor.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehe ich an einem Gesch\u00e4ft die Aufschrift, dass durchgehend ge\u00f6ffnet ist. Das ist alles andere als selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Es gibt immer noch viele kleine Gesch\u00e4fte in Privatbesitz, und oft treten sie in ganzen Reihen auf, unterbrochen von dem einen oder anderen Hauseingang oder einer Kirche. Ganz oft sieht man Uhrengesch\u00e4fte und Schuhgesch\u00e4fte, aber auch M\u00f6bel und Ramsch, und am h\u00e4ufigsten Lebensmittelgesch\u00e4fte. Dazwischen immer wieder eine Bar und ein Tabakwarenladen. Ketten gibt es kaum, bis auf die eine oder andere Lebensmittelkette. In dem Zusammenhang erinnere ich mich daran, dass die Lehrerin von einer Studentin erz\u00e4hlt hat, die sich nach <em>Starbucks<\/em> erkundigt hat. Gibt es nicht. Gl\u00fcckliches Bologna!<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg gehe ich in die B\u00f6rse an der <em>Piazza Maggiore<\/em>, einfach, um herauszufinden, was das eigentlich ist. Die Antwort ist banal und gleichzeitig einleuchtend: eine Sparkasse. Die hat vor einigen Jahren das Geb\u00e4ude von der B\u00f6rse gekauft. Im Zentrum sieht man noch einen Raum, der einer Markthallte \u00e4hnelt. Die B\u00f6rse ist um 1880 entstanden und wenige Jahre sp\u00e4ter Ziel eines Bombenanschlags gewesen. Es wurden Anarchisten festgenommen, die des Attentats verd\u00e4chtigt wurden. Es wurde auch auf Initiative eines lokalen Politikers ein Speiselokal eingerichtet, das f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich war und Essen f\u00fcr einen Einheitspreis anbot: 3,50. Lire.<\/p>\n<p>Unten kann man Ausgrabungen besichtigen, die die Geschichte des Platzes dokumentieren. Man sieht ein original r\u00f6misches Stra\u00dfenpflaster, das keine Fahrspuren aufweist und damit zeigt, dass es das Pflaster einer Fu\u00dfg\u00e4ngerzone war. Daneben sieht man Reste einer Basilika, die durchaus keine religi\u00f6sen, sondern rechtliche Funktionen hatte. Gleich daneben eine Zisterne aus einer viel sp\u00e4teren Epoche: Als die Basilika verfallen war, richtete man hier einen halb abgeschlossenen Obstgarten an, mitten in der Stadt. Und zu dessen Bew\u00e4sserung diente die Zisterne. Damit geht der bisher am wenigsten unterhaltsame Tag in Bologna zu Ende.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">14. September (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Diesmal treffe ich beim morgendlichen Lauf sogar schon auf eine Gruppe von Jungen mit dem Fu\u00dfball. Was machen die um diese Zeit schon hier?<\/p>\n<p>Im Unterricht habe ich einen kleinen Triumph: Ich habe eine Wette gegen die Lehrerin gewonnen! Bei einer Einsatz\u00fcbung, die auf einem Text von Umberto Eco basierte, gab es in einer L\u00fccke zwei M\u00f6glichkeiten, eine einfache und eine komplizierte. Ich hatte gewettet, dass im Original die einfachere Version st\u00fcnde. Die Lehrerin hat nachgesehen, und es stimmt! Das tr\u00f6stet mich \u00fcber die anderen Fehler hinweg. Heute gab es in einer der vermaledeiten Umformungs\u00fcbungen drei richtige M\u00f6glichkeiten, und ich habe die einzige falsche gew\u00e4hlt!<\/p>\n<p>Was mir fehlt, ist ganz einfaches Vokabular, aber das kommt so gut wie gar nicht vor. Dieser Tage bin ich beim Erz\u00e4hlen an W\u00f6rtern wie <em>behalten<\/em> und <em>zur\u00fcckgeben<\/em> h\u00e4ngengeblieben, heute an <em>vorbeigehen<\/em>. Und wie sagt man <em>eine d\u00fcnne Pizza<\/em>, <em>weicher Boden<\/em> oder <em>von wann an?<\/em><\/p>\n<p>Wir lesen einen Text \u00fcber die Mafia, der einige interessante Einblicke in deren Geschichte gew\u00e4hrt: Den schwersten Stand hatte sie ausgerechnet unter den Faschisten. Die duldeten keinen anderen neben sich. Es gab eine radikale \u201eS\u00e4uberungsaktion\u201c, deren Radikalit\u00e4t aber alles andere als popul\u00e4r war und der Mafia paradoxerweise Sympathie einbrachte. Andererseits f\u00fchrte sie zur Auswanderung vieler Mafiamitglieder nach Amerika und zur Gr\u00fcndung der amerikanischen Mafia. Die Mafia profitierte dann von dem Einmarsch der Alliierten in Sizilien. Die Amerikaner waren viel \u201ehilfreicher\u201c als die Faschisten und verhalfen Mafiamitgliedern zu hohen \u00c4mtern. Der andere interessante Aspekt betrifft die relative Flexibilit\u00e4t der Mafia: Nach dem Ende des Kriegs und dem Niedergang der Landwirtschaft verschaffte sie sich neue Bet\u00e4tigungsfelder im Bauwesen, Handel und dem terti\u00e4ren Sektor.<\/p>\n<p>Der Text spricht auch \u00fcber Erkl\u00e4rungen f\u00fcr den Ursprung des Wortes <em>Mafia<\/em>: Es sei, wird behauptet, ein Kurzwort, abgeleitet von <em>Morte Alla Francia Italia Anela<\/em>, dem Motto der Widerstandsk\u00e4mpfer, als es darum ging, die Franzosen im Hochmittelalter aus Sizilien zu vertreiben. Alle anderen Erkl\u00e4rungen sind wenigstens einleuchtender: eine arabischer Stamm, der sich in Sizilien niederlie\u00df, hie\u00df <em>ma-afir<\/em>, ein toskanisches Wort f\u00fcr \u201aMisere\u2018 ist <em>maffia<\/em>, und ein gleichlautendes Wort aus dem Argot der Gegend um Palermo bedeutet \u201aVerfrorenheit\u2018. Nichts Genaues wei\u00df man nicht. Kann durchaus sein, dass keins von allen stimmt.<\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit dem Wort <em>dirotta<\/em>, das \u201aEntf\u00fchrung\u2018 hei\u00dft, erz\u00e4hlt die Lehrerin von einer italienischen Musikgruppe, die <em>Dirotta su Cuba<\/em> hei\u00dft.<\/p>\n<p>Heute sehe ich mich zum ersten Mal ein wenig auf der <em>Via San Vitale<\/em> um, der Stra\u00dfe, an der das Hotel liegt. Sie hie\u00df fr\u00fcher <em>Via Salaria<\/em>, \u201aSalzstra\u00dfe\u2018. Sie war Teil des Weges, auf dem Salz von Ravenna nach Bologna transportiert wurde.<\/p>\n<p>V\u00f6llig aus der Reihe f\u00e4llt in der <em>Via San Vitale<\/em> der <em>Palazzo Fantuzzi<\/em>, ein riesiger, sehr langgezogener Renaissancebau mit einer sch\u00f6nen Fassade mit halbrunden S\u00e4ulen und Elefanten als Schmuckwerk. Die nehmen wohl Bezug auf das Wappen der Besitzer. Der Bau f\u00e4llt gleich doppelt aus der Reihe: Er steht auf einer sehr engen Stra\u00dfe und kontrastiert mit den vielen kleinen H\u00e4usern auf der gegen\u00fcberliegenden Stra\u00dfenseite. Er nimmt so viel Platz ein wie zehn Einheiten auf der anderen Seite, Privath\u00e4user, Gesch\u00e4fte und eine Kirche.<\/p>\n<p>Bei der Kirche handelt es sich um <em>San Vitale e Agricola<\/em>. Au\u00dfen an der Kirche ist ein altes Relief in die Wand eingelassen, das an Lucio und Mondino de\u2019Liuzzi erinnert, ber\u00fchmte Mediziner der alten Universit\u00e4t, die hier, in dieser Kirche, begraben sind. Dargestellt ist eine Szene aus der universit\u00e4ren Lehre: Rechts sitzt der Lehrer auf seinem, von einem Baldachin bekr\u00f6nten Lehrstuhl, links sitzen sechs Studenten, ein jeder an seinem eigenen Pult, \u00fcber ein Buch gebeugt. Und siehe da: Einer passt nicht auf! Er dreht sich um und schw\u00e4tzt mit seinem Nachbarn. Dies scheint eine der ersten Szenen zu sein, in denen die Medizin Gegenstand der Darstellung ist, statt der Rechtswissenschaft. Bedeutend ist in jedem Fall, dass hier zu einer Zeit, wo sonst Ritter, Heilige und Adelige Gegenstand der Kunst sind, bereits Akademiker zur Geltung kommen.<\/p>\n<p>Unter dem Relief finden sich drei sehr verschiedene Inschriften, alle nat\u00fcrlich auf Latein. In einer werden in dichtgedr\u00e4ngten Buchstaben die Tugenden des Verstorbenen gew\u00fcrdigt, der mit Hippokrates verglichen wird. Daneben, wie in ein aufgeschlagenes Buch gemei\u00dfelt, das alte Motto <em>Vita brevis, ars vero longa<\/em>. Und darunter, ganz bemerkenswert, die Autorenschaft des Reliefs: <em>Maestro Roso da Parma scolp\u00ec questo sepolcro. <\/em><\/p>\n<p>Wenn man die relativ kleine Kirche betritt, \u00fcberrascht eine gro\u00dfe Kapelle links des Eingangs. Sie f\u00e4llt irgendwie aus dem Rahmen. Sie ist ein \u00dcberbleibsel aus der Zeit, als die Kirche l\u00e4ngs der Stra\u00dfe verlief und geostet war. Das wurde sp\u00e4ter ge\u00e4ndert. Jetzt ist der Altar an der dem Eingang gegen\u00fcberliegenden Seite, und die Kirche damit genordet. Ganz au\u00dfergew\u00f6hnlich. Die Kapelle war urspr\u00fcnglich der Chor.<\/p>\n<p>Die Kirche hat eine sch\u00f6ne, niedrige, alte Krypta aus der Vorg\u00e4ngerkirche, in die nur durch ganz d\u00fcnne Fensterschlitze Licht f\u00e4llt. F\u00fcr einen Euro kann man die Krypta kurz erhellen.<\/p>\n<p>Zwischen vier breiten B\u00fcndelpfeilern stehen zehn oder zw\u00f6lf schlanke S\u00e4ulen, die das Gew\u00f6lbe tragen und die Krypta in drei Schiffe einteilen. In jeder Apsis steht ein Altar. Sehr sch\u00f6n, und ein totaler Kontrast zu der Oberkirche.<\/p>\n<p>Nach einem Kaffee in der Innenstadt komme ich auf dem R\u00fcckweg an der <em>Piazza Santo Stefano <\/em>vorbei. Hier ist es immer wohltuend ruhig. Das ist nicht \u00fcberall so. Trotz der Einschr\u00e4nkung des Autoverkehrs im Zentrum ist es woanders meistens laut. Die Autos sind eben nicht aus der Stadt verbannt worden, jedenfalls nicht aus der ganzen Innenstadt, und die Vespas und Mopeds machen fast mehr Krach als Autos. Au\u00dferdem wird an vielen Stellen gebaut.<\/p>\n<p>Was die Reform des Verkehrssystems auch mit sich bringt, ist, dass man h\u00f6llisch aufpassen muss vor Fahrr\u00e4dern. Die kommen hinter jeder H\u00e4userecke pl\u00f6tzlich zum Vorschein.<\/p>\n<p>Die Arkaden des Platzes vor <em>Santo Stefano<\/em> geh\u00f6ren zu den sch\u00f6nsten, \u00e4ltesten und variationsreichsten der ganzen Stadt. So muss das alles einmal ausgesehen haben, stellt man sich vor. An einer langgestreckten Fassade blicken aus Medaillons \u00fcber den Arkaden alle m\u00f6glichen K\u00f6pfe hervor. Es sollen mythologische Gestalten sein, aber so aussehen tun sie nicht. Eher wie alte Bologneser. Au\u00dferdem ist da ein T\u00fcrke mit Turban. Was das soll, ist schwer zu sagen, vielleicht ist es reine Phantasie. Zur Zeit der Erbauung des Hauses war Europa zwar von der Angst vor der T\u00fcrkengefahr gepr\u00e4gt, aber mir sieht das alles eher nach Folklore aus.<\/p>\n<p>Ganz in der N\u00e4he sto\u00dfe ich rein zuf\u00e4llig auf das Haus von Rossini. Er hat hier viele Jahre gelebt. Besichtigen kann man das Haus wohl nicht. An der Fassade sind Musikinstrumente und lateinische Inschriften, darunter: obloquitur numeris septem discrimina vocum odorantum lauri nemus. Als ich das im Internet nachsehe, bekomme ich einen Staubsaugerservice.<\/p>\n<p>Am Abend gehe ich in die <em>Pizzeria da Pino<\/em>, auch in der Schule empfohlen. Nichts Besonderes. Die Pizza (obwohl napoletanisch, immer noch d\u00fcnn) ist durchschnittlich, die Bedienung unfreundlich und das Bier, <em>Staropramen<\/em>, ein tschechisches Bier, zu herb f\u00fcr meinen Geschmack.<\/p>\n<p>Kaum habe ich mich gesetzt, kommen drei Italienerinnen mit voll bepackten T\u00fcten von <em>H&amp;M<\/em> hinein. Auf dem R\u00fcckweg sehe ich dann das Gesch\u00e4ft, ganz in der N\u00e4he, am Anfang der <em>Via dell\u2019Indepdenza<\/em>. Immerhin hat sich die Firma in einem sch\u00f6nen Jugendstilhaus niedergelassen.<\/p>\n<p>Erst dann f\u00e4llt mir gegen\u00fcber eine Kirche von geradezu unmenschlichen Ausma\u00dfen auf. Allein die riesigen, schmucklosen T\u00fcren sind geradezu erdr\u00fcckend, wenn man davor steht. Der ganze Bau ist dazu angetan, dass man sich winzig klein f\u00fchlt. Hier l\u00e4sst das 19. Jahrhundert, so vermute ich, seine Muskeln spielen. Weit gefehlt!\u00a0 Die Kirche, mit einer klassizistischen Fassade, ist \u00e4lter. Und es ist, wie ich erst jetzt durch eine Tafel an der Fassade erfahre, <em>San Pietro<\/em>, die Kathedrale von Bologna! Sie spielt im Ensemble der Kirchen Bolognas eher eine untergeordnete Rolle.<\/p>\n<p>Am Abend lese ich in dem neu erworbenen Reisef\u00fchrer, dass man in Bologna nicht von <em>calcio<\/em>, sondern von <em>pallone<\/em> spricht. Das liegt daran, dass die Italiener seit Jahrhunderten ein anderes Ballspiel, eben <em>pallone<\/em>, spielten, als im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert der Fu\u00dfball aus England importiert wurde. Der neue Sport, der immer erfolgreicher wurde, nahm einfach den des alten Sport an, der langsam, in der Praxis wie in der Erinnerung, in Vergessenheit geriet, so sehr, dass heute kaum noch jemand wei\u00df, worum es sich beim <em>pallone<\/em> handelte. Die Beschreibung erinnert ein bisschen an Baseball und ein bisschen mehr an die \u00a0baskische <em>Pelota<\/em>, bei der ein Ball gegen eine Wand geschleudert wird und dann zur\u00fcckprallt. In dem alten Stadion von Bologna ist (oder war) noch eben diese Mauer erhalten, die nat\u00fcrlich l\u00e4ngst ihre alte Funktion verloren hat.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">15. September (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Chemische Fabriken und Petroleumraffinerien, zwei leistungsf\u00e4hige Industrieh\u00e4fen, ein gewaltiges Elektrizit\u00e4tswerk, eine doppelspurige Ringstra\u00dfe, \u00fcber die Tag und Nacht Laster rollen, das ist Ravenna.<\/p>\n<p>Das ist die Realit\u00e4t Ravennas, die wenig zu tun hat mit dem Bild, das wir von Ravenna haben. Das ist bestimmt von antiker Kunst und ganz zuvorderst antiken Mosaiken. Die waren lange gar nicht so hoch angesehen, und viele Durchreisende machten eher abf\u00e4llige Kommentare \u00fcber den Wert der Mosaike, bei denen man allenfalls das Material lobte. Heute ist das anders, und wir alle pilgern wegen der Mosaike nach Ravenna.<\/p>\n<p>Alles, was man heute in Ravenna ansieht, stammt aus der Sp\u00e4tantike, ungef\u00e4hr aus der Zeit zwischen 400 und 600. Vorher und nachher: Fehlanzeige. Was es aus der Sp\u00e4tantike gibt, ist so viel und auf so viele Bauten verteilt, dass man leicht durcheinander kommt.<\/p>\n<p>Ravenna lag, so unglaublich sich das anh\u00f6rt, urspr\u00fcnglich am Meer. Das ist jetzt sieben Kilometer entfernt. Es lag jedenfalls, wenn ich das richtig verstanden habe, noch am Meer, als Honorius die Kaiserresidenz hierher verlegte, so wie andere vor ihm ihre Residenz nach Mailand oder Trier verlegt hatten \u2013 ohne dabei offiziell Rom den Anspruch als \u201eHauptstadt\u201c streitig zu machen. Von all den Bauten, die er errichten lie\u00df, ist so gut wie nichts erhalten.<\/p>\n<p>Diese Vormachtstellung bewahrte sich Ravenna auch nach dem Ende des Westr\u00f6mischen Reiches. Als Odoaker 476 Romulus, den letzten Kaiser, in Rente schickte, machte er Ravenna zu seiner Residenz. Auch er scheint architektonisch keine Spuren hinterlassen zu haben. Das \u00e4ndert sich mit seinem Nachfolger, Theoderich, dem Ostgotenk\u00f6nig. Der kam auf ziemlich fiese Art an die Macht, hat aber hier aufgrund seiner sp\u00e4teren Herrschaft einen guten Ruf. Theoderich wird oft identifiziert mit Dietrich von Bern, wobei <em>Bern<\/em> im doppelten Sinne irref\u00fchrend ist. Es ist gar nicht Bern, sondern Verona gemeint, und tats\u00e4chlich h\u00e4tte er besser <em>Dietrich von Ravenna<\/em> gehei\u00dfen. Theoderich war Arianer. Das ist f\u00fcr Ravenna und f\u00fcr die Kunstwerke, die wir besichtigen, von Bedeutung.<\/p>\n<p>Der zweite wichtige Name im Zusammenhang mit Ravenna ist Justinian. Er verleibte, von Byzanz aus, Ravenna und Italien wieder in das R\u00f6mische Reich ein. Theoderichs Nachfolger konnten seine Tradition nicht fortf\u00fchren. Als Arianer waren sie bei den Romanen, die katholisch waren, nicht beliebt, und als Arianer hatte sie die r\u00f6mische Kirche nicht auf ihrer Seite und waren auf sich alleine gestellt. Ravenna wurde zu dem Ort, an dem der Exarch als Vertreter des byzantinischen Kaisers residierte. Das dauerte noch eine Zeit, bis dann schlie\u00dflich die Langobarden kamen und ganz Oberitalien eroberten.<\/p>\n<p>Ravenna war also Interimshauptstadt des Westr\u00f6mischen Reichs, Hauptstadt des Ostgotenreichs, Residenz des Ostr\u00f6mischen Exarchen.<\/p>\n<p>Jetzt aber erst mal auf nach Ravenna. Auf dem Weg zum Bahnhof gehe ich hinter einem Italiener mit einer losen Schuhsohle her. Es macht Klack bei jedem zweiten Schritt. Trotzdem, und obwohl er kleiner ist als ich, h\u00e4lt er dasselbe Tempo aufrecht.<\/p>\n<p>Ich habe mich mit den beiden Frauen aus dem Kurs am Bahnhof verabredet. Meine Warnungen \u2013 sich eher treffen, einen genauen Treffpunkt ausmachen \u2013 werden in den Wind geschlagen. Aber alles geht gut. Ich finde durch das Gedr\u00e4nge, und irgendwie spuckt der Automat am Ende doch eine Fahrkarte aus. Einen normalen Fahrkartenschalter gibt es nicht. Die Fahrt ist ausgesprochen g\u00fcnstig: 6,80 \u20ac. Als dann die Israeli kommt, kauft sie die Karte einfach an dem Zeitungskiosk. Wieder was dazugelernt.<\/p>\n<p>Die Fahrt dauert knapp anderthalb Stunden und f\u00fchrt durch flache, gesichtslose Gegend. Ab und zu Weinfelder, ab und zu Stoppelfelder, ab und zu frisch gepfl\u00fcgte Ecker mit schwarzer Erde, der man geradezu ansieht, dass sie fruchtbar sein muss. Als es auf Ravenna zugeht, kommen dann tats\u00e4chlich Industrieanlagen.<\/p>\n<p>Der Zug h\u00e4lt oft. An den meisten Stationen steigt keiner ein und schon gar nicht aus. Die Stationen haben Namen wie Godo, Lugo und Russi. In Russi steht\u00a0 auf dem Bahnstein, unbeweglich, ein pechschwarzer Mann in einer hellblauen Toga, die bis zu den Kn\u00f6cheln geht. Es sieht wie ein Gem\u00e4lde aus.<\/p>\n<p>Der Zug ist sauber, bequem und p\u00fcnktlich, und die Schaffner sind freundlich. Hinter uns sitzen amerikanische Obersch\u00fclerinnen. Sie sprechen unentwegt, meistens \u00fcber andere. Alle Nase lang kommt <em>awesome<\/em> und in jedem zweiten Satz kommt <em>like<\/em> als Einf\u00fchrung einer direkten Rede vor: <em>And she was like &#8230;<\/em><\/p>\n<p>Kaum sind wir in Ravenna angekommen, fahren wir schon wieder weg. Nach Classe. Ich h\u00e4tte mir das nicht angetan, denn in Ravenna gibt es genug im Zentrum zu sehen, aber die Israeli l\u00e4sst sich nicht beirren: <em>Sant\u2019Appolinare in Classe<\/em> muss sein.<\/p>\n<p>Schon aus einiger Entfernung ist die Kirche zu sehen. Sie ist erstaunlich gro\u00df, ein langgestreckter Ziegelbau mit einem sch\u00f6nen Rundturm daneben, dessen \u00d6ffnungen nach oben hin immer mehr B\u00f6gen haben.<\/p>\n<p>Innen f\u00e4llt der Blick sofort auf das Mosaik in der Apsis. Im Zentrum einer gr\u00fcnen Landschaft steht ein Mann mit Bischofstalar und Heiligenschein, mit erhobenen H\u00e4nden. Das ist Sankt Appolinaris, Erfinder des gleichnamigen Sprudels. Eine solch zentrale Stelle nimmt sonst nur Christus ein. Es ist an sich schon bedeutend, dass diese Stelle hier von dem Heiligen eingenommen wird. Es gibt wunderbare, etwas naive und in bester Ordnung aufgestellte B\u00e4ume und Str\u00e4ucher und dazwischen wei\u00dfe Blumen. Auf den Heiligen kommen von beiden Seiten je sechs Schafe zu. Dar\u00fcber eine Sternenkugel und dar\u00fcber in etwas zerkratztem Gold eine Szene, die die Verkl\u00e4rung Christi darstellen soll. Darunter drei Schafe, zwei nebeneinander, eins getrennt davon. Das sind die Apostel, Jakob und Johannes \u00a0einerseits, Petrus, ganz auf sich alleine gestellt, andererseits. In dem Bogen der Apsis Christus, umgeben von den Evangelisten, dargestellt durch ihre Symbole. Auch zu Christus steigen von beiden Seiten sechs Schafe hinauf.<\/p>\n<p>An der Seite weitere Mosaike, die u.a. die Opfer des Abel (Lamm), des Abraham (Isaak) und des Melchisedech (Brot und Wein) zeigen.<\/p>\n<p>Die Mosaike sind nicht aus Stein, sondern aus Glas gemacht. Die verschiedenen Farben erzielte man durch Beimischung von Metallen und Mineralien. F\u00fcr braun benutzte man zum Beispiel Eisen.<\/p>\n<p>Die Kirche ist wirklich sch\u00f6n, mit sehr sch\u00f6nen marmorierten S\u00e4ulen mit gro\u00dfen Kapitellen, die die Seitenschiffe abtrennen, und einfachen, transparenten Rundfenstern im Obergaden, in den Seitenschiffen und in der Apsis, die das Mosaik ganz zur Geltung kommen lassen. Zwischen S\u00e4ulen und Obergaden verl\u00e4uft die ganze L\u00e4nge des Mittelschiffs hinunter ein Fries, auf dem in Medaillons alle Bisch\u00f6fe Ravennas dargestellt sind, eine sp\u00e4tere Hinzuf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Auf die ganze Kirche verteilt sind gro\u00dfe antike Sarkophage, mit teils sehr unbeholfenen Darstellungen. Ein Lamm sieht wie ein Pferd aus. Die Deckel scheinen auch nicht immer zu den Sarkophagen zu passen. Da kann im Laufe der Jahrhunderte schon mal was durcheinander gekommen sein.<\/p>\n<p>Hier soll fr\u00fcher Appolinaris bestattet gewesen sein, aber, da die Kirche au\u00dferhalb der Stadtmauern lag, musste man seine Gebeine sp\u00e4ter, als Gefahr von au\u00dfen drohte, in die Stadt verlegen.<\/p>\n<p>Als wir wieder nach drau\u00dfen gehen und in der Mittagssonne auf den Bus warten, sehe ich in der N\u00e4he der Haltestelle eine <em>Pescheria ambulante<\/em>, ein Wagen, aus dem heraus, wie auf dem Wochenmarkt, Fisch verkauft wird. Gegen\u00fcber macht sich die <em>Pizzeria Santo<\/em> sich die Lage zu eigen und schreibt ihren Namen in alten, antik anmutenden Lettern. Darunter steht dann, als Gegenprogramm, in ganz moderner Schrift <em>Dinner and Drinks<\/em>. \u00a0An der Bushaltestelle h\u00e4ngen an einem rostigen St\u00e4nder Plakate. Auf den ersten Blick nicht ganz klar, was das ist. Es sind Gedenkplakate f\u00fcr Verstorbene.<\/p>\n<p>Jetzt geht es zur\u00fcck in die Stadt, nach <em>Sant\u2019Appolinare Nuovo<\/em>. Ravenna hatte fr\u00fcher auch einen antiken Dom, aber den hat man, mit etwas schlechtem Gewissen, in der Zeit des Barock abgebrochen. Er war aber stilbildend. Die meisten seiner Charakteristika finden sich auch in den sp\u00e4teren Geb\u00e4uden: flache Decke, S\u00e4ulen statt Pfeiler, Ziegelsteine und, dort, wo es einen gibt, einen runden Campanile.<\/p>\n<p>Man ist erstaunt, wie viel die beiden Bauten gemeinsam haben. Vor allem der Campanile sieht wie eine Kopie aus. Allerdings liegt <em>Sant\u2019Appolinare in Classe<\/em> viel sch\u00f6ner, w\u00e4hrend <em>Sant\u2019Appolinare Nuovo<\/em> zwischen H\u00e4user eingezw\u00e4ngt ist.<\/p>\n<p>Der Name <em>Sant\u2019Appolinare Nuovo<\/em> ist irref\u00fchrend. Der Bau ist nur \u201eneu\u201c im Verh\u00e4ltnis zu einem \u00e4lteren, nicht mehr existierenden Bau, ist aber \u00e4lter als <em>Sant\u2019Appolinare in Classe<\/em>.<\/p>\n<p>Wenn man die Kirche betritt, ist man erst entt\u00e4uscht. Wegen der vielen barocken Umbauten hat sie nicht die Einheitlichkeit von <em>Sant\u2019Appolinare in Classe<\/em>. Sie sieht etwas verbaut aus. Ist aber hochinteressant.<\/p>\n<p>Im 16. Jahrhundert wurde hier eine erstaunliche Ingenieursleistung vollbracht: Die S\u00e4ulen wurden angehoben. Man kann sich kaum vorstellen, wie die das geschafft haben. Zuerst musste der Obergaden gest\u00fctzt und dann wieder auf die S\u00e4ulen aufgesetzt werden, nachdem ein Teil des Mauerstreifens entfernt worden war! Unglaublich! Ob das aus \u00e4sthetischen Gr\u00fcnden geschah oder wegen des Absinken des Terrains \u2013 ein verbreitetes Problem in Ravenna &#8211; kann ich nicht herausbekommen.<\/p>\n<p>Statt in der Apsis sind die Mosaiken hier im Obergaden, in drei Streifen auf beiden Seiten. In dem unteren und gr\u00f6\u00dften Streifen jeweils eine Prozession, auf der einen Seite eine Prozession von Jungfrauen, auf der anderen eine Prozession von M\u00e4rtyrern. Die Jungfrauen kommen aus dem Palast in Classe, die M\u00e4rtyrer aus dem Stadtpalast. In Classe sieht man die Stadtmauer und den Hafen, mit drei wunderbar \u201e\u00fcbereinander\u201c geschichteten Schiffen. Die M\u00e4rtyrer gehen auf Christus zu, die Jungfrauen auf Maria. Die M\u00e4rtyrer werden von Sankt Martin angef\u00fchrt, der, im Unterschied zu allen anderen, rot gewandet ist. Die Jungfrauen werden angef\u00fchrt von den Heiligen Drei K\u00f6nigen in fliehenden roten Gew\u00e4ndern und orientalischen roten M\u00fctzen. Sie trugen urspr\u00fcnglich Kronen. Die wurden ihnen bei einer Renovierung abgenommen und durch die M\u00fctzen ersetzt. Der K\u00fcnstler argumentierte, sie seien schlie\u00dflich keine K\u00f6nige gewesen. Richtig. Aber solche M\u00fctzen haben sie wohl auch nicht getragen.<\/p>\n<p>Mit der Renovierung sind wir am zentralen Punkt angekommen. Die Kirche war urspr\u00fcnglich die Kirche des Theoderich, des K\u00f6nigs der Ostgoten, und die waren Arianer. Der Unterschied zu den Katholiken lief im Grunde auf die Frage hinaus, ob Jesus g\u00f6ttlicher Natur oder nur gott\u00e4hnlich sei. Die beiden W\u00f6rter, die das Wesen bezeichneten (<em>homoousios<\/em>, \u201awesensgleich\u2018 und <em>homoiousios<\/em> , \u201awesens\u00e4hnlich\u2018), unterschieden sich nur durch ein Jota, und keine der beiden Seiten gab auch nur ein Jota nach. Als das Ostgotenreich nach dem Tode Theoderichs zusammenbrach, wurde damit auch der Arianismus zur\u00fcckgedr\u00e4ngt, und in diesem Zusammenhang wurden die Mosaiken in <em>Sant\u2019Appolinare Nuovo<\/em> \u201e\u00fcberarbeitet\u201c. Dabei wurden unter anderem die Figuren des Ostgotenk\u00f6nigs und seiner Gefolgschaft entfernt. Der Stadtpalast ist mit T\u00fcchern verhangen, so dass man keine Personen mehr sehen kann. Irgendwie ist man dabei aber nachl\u00e4ssig vorgegangen: An den Pfeilern des Stadtpalasts in den Mosaiken sind noch Arme zu sehen!<\/p>\n<p>Der Erneuerung der Mosaiken ist auch die Figur des St. Martin zu verdanken, der als konsequenter Gegner aller \u201eAbtr\u00fcnniger\u201c galt. Seine Figur gab es vorher hier gar nicht. Das erkl\u00e4rt auch, warum er durch sein rotes Gewand hervorgehoben ist. Und warum die Kirche nach der Niederlage der Arianer ihm gewidmet wurde! Eine h\u00f6chst politische Entscheidung!<\/p>\n<p>Auch kunsthistorisch ist die Renovierung von Bedeutung, aber ich kann die Mosaike teils schlecht erkennen, teils nicht so einordnen, wie es die g\u00e4ngige Meinung ist: Es hei\u00dft, die sp\u00e4ten Mosaike lie\u00dfen den byzantinischen Stil erkennen, einen verhaltenen, w\u00fcrdigeren Stil, w\u00e4hrend die \u00e4lteren Mosaike eine lebendigere, lebensn\u00e4here Gestaltung erkennen lie\u00dfen. Das gilt vor allem f\u00fcr den Kontrast zwischen den beiden anderen Mosaikstreifen, den Szenen aus dem Leben und der Passion Jesu (bei denen die Kreuzigung nicht vertreten ist!) oben und den geradeaus blickenden, wohl nicht identifizierbaren Figuren in der Mitte. Das m\u00fcsste man sich noch mal zuhause im Detail ansehen.<\/p>\n<p>Es ist schon relativ sp\u00e4t, als wir aus der Kirche kommen und uns auf die Suche nach einem Lokal f\u00fcr eine Pause machen. Die Israeli hat einen Tipp: <em>Ca\u2018 de Vin<\/em>. H\u00f6rt sich venezianisch oder mallorquinisch an. Die Suche lohnt sich. Es ist ein wunderbarer, etwas an einen alten Weinkeller erinnernder Raum mit gef\u00fcllten Weinregalen an der Wand.<\/p>\n<p>Es gibt nur <em>piadine<\/em>. Sie schmecken zwar besser als die in Bologna, aber sind auch nicht so, dass man zum Anh\u00e4nger wird.<\/p>\n<p>Erst als wir essen, macht uns die Israeli, die eine <em>piadina<\/em> mit Schinken und K\u00e4se bestellt hat, darauf aufmerksam, dass sie gleich zwei Gebote der j\u00fcdischen Esskultur gleichzeitig missachtet: Sie ist Schweinefleisch und sie vermischt Fleisch und Milch. Als Laizistin h\u00e4lt sie sich nicht an die religi\u00f6sen Gebote. Ich frage nach, wie es ist, wenn man orthodoxe Juden zu Besuch habe. Das, erkl\u00e4rt sie mir, komme einfach nicht vor. Man habe als Laizistin laizistische Freunde. Sie habe kein Interesse an orthodoxen Juden, und die nicht an ihr. Wenn man sich das gut \u00fcberlegt, ist das ganz einleuchtend. Wir haben auch kaum islamische Freunde.<\/p>\n<p>Sie ereifert sich dann ordentlich und beklagt sich \u00fcber die vielen Privilegien, die die orthodoxen Juden genie\u00dfen: \u201eWir zahlen f\u00fcr sie mit\u201c. Sie hat auch keine gro\u00dfe Hoffnung, dass die Entscheidung des Obersten Gerichts, auch die orthodoxen Juden zum Milit\u00e4rdienst heranzuziehen, tats\u00e4chlich umgesetzt werde.<\/p>\n<p>Wir haben reichlich Zeit f\u00fcr Gespr\u00e4che, denn sie selbst, die spindeld\u00fcrr ist, braucht f\u00fcr so eine <em>piadina<\/em>, die ich in zehn Minuten verdr\u00fccke, ihre Zeit. Danach ist sie satt, und lehnt sogar am Ende der Besichtigung, als wir auf den Zug warten, einen Kaffee dankend ab. Der passe jetzt nicht mehr rein.<\/p>\n<p>Nach dem Mittagessen gehen wir zu Dantes Grab. Der Zugang dazu ist durch <em>San<\/em> <em>Francesco<\/em>, aber das Grab befindet sich nicht in der Kirche, obwohl sich da vor einer Grotte eine lange Schlange befindet.<\/p>\n<p>Um zum Grab zu kommen, verl\u00e4sst man die Kirche wieder durch den Haupteingang. In einem park\u00e4hnlichen Innenhof steht, an die Kirche angebaut, eine kleine, klassizistische Kapelle. Das ist das Denkmal. Es erscheint mir unpassend und nichtssagend. Man sp\u00fcrt f\u00f6rmlich, dass das Denkmal leer ist. Tats\u00e4chlich galten Dantes Gebeine zur Zeit der Errichtung des Denkmals als verschollen.<\/p>\n<p>Man kann nur einen kurzen Blick hineinwerfen, da immer nur zwei oder drei gleichzeitig in die Kapelle k\u00f6nnen. An der Stirnseite ist ein Relief, das Dante in der typischsten aller Positionen darstellt, mit einer Hand an der Backe, so wie man in Karikaturen Hausfrauen darstellte, die sagen: \u201eMensch, ich hab den Ofen nicht ausgestellt\u201c.<\/p>\n<p>Dantes Gebeine kamen dann, als sie doch wieder auftauchten, doch noch nach Ravenna. Sie liegen in einem kleinen, wei\u00dfen Sarkophag im Garten neben dem Denkmal, durch ein sch\u00f6nes Gitter abgetrennt. Die Inschrift kann ich aus der Entfernung nicht lesen. Dante war aus Florenz verbannt, aber wie genau er nach Ravenna kam und warum, wei\u00df ich nicht. Jedes Jahr kommt am Todestag Dantes eine Abordnung aus Florenz nach Ravenna und bittet um die R\u00fcckgabe der Gebeine. Die Bitte wird jedes Mal abgelehnt. Wahrscheinlich in Dantes Sinne.<\/p>\n<p>Dann kommt <em>San Vitale<\/em>, das ber\u00fchmteste Bauwerk Ravennas. Der Raum ist achteckig, zweist\u00f6ckig. Die etwas vorgeschobene Apsis im Osten, mit Arkaden in beiden Geschossen und durch und durch mit Mosaikschmuck versehen, lenkt alle Aufmerksamkeit auf sich.<\/p>\n<p>Christus erscheint zweimal, einmal jugendlich und bartlos, einmal b\u00e4rtig mit Mittelscheitel, der Tradition der Ikonen folgend. Der jugendliche Christus sitzt auf einer t\u00fcrkisfarbenen Erdkugel und reicht San Vitale die Krone. An seiner anderen Seite ein Bischof, der ein Modell der Kirche tr\u00e4gt. All das in einer Landschaft, die der von <em>Sant\u2019Appolinare in Classe<\/em> \u00e4hnelt.<\/p>\n<p>Bekannter noch sind die Mosaike zu beiden Seiten des Altars. Sie zeigen Justinian und Theodora, beide mit ihrem Hofstaat. Beide halten eine Opferschale in der Hand, und auf Theodoras Gewand sieht man die Heiligen Drei K\u00f6nige, die ebenfalls ihre Opfergaben pr\u00e4sentieren. Justinian hat ein ausgesprochen sch\u00f6nes Gesicht, mit gro\u00dfen, braunen Augen und einem ernsten, durchdringenden Blick. Er erinnert mich an den Christus in <em>Sant\u2019Appolinare Nuovo<\/em>. Tats\u00e4chlich tr\u00e4gt Justinian, genauso wie Theodora, einen Nimbus. F\u00fcr Theodora, von der es hei\u00dft, sie sei ein einfaches K\u00fcchenm\u00e4dchen gewesen (was manche als sanfte Umschreibung f\u00fcr Prostituierte verstehen), bedeutet das eine doppelte Aufwertung. Theodoras Hofdamen haben alle individuell gestaltete, bis auf den Boden fallende Gew\u00e4nder. Zu ihrer Linken schl\u00e4gt jemand den Vorhang des Palasts zur\u00fcck, und man hat trotz der Starre das Gef\u00fchl, dass Theodora sich gleich umdreht und wieder den Palast betritt.<\/p>\n<p>Wie San Vitale, der ja eigentlich aus Bologna stammt, nach Ravenna und dort zu so hohen Ehren kam, wei\u00df man nicht.<\/p>\n<p>Zum Schluss geht es noch in das Mausoleum der Gallia Placidia, nur ein paar Meter entfernt, auf dem Grundst\u00fcck von <em>San Vitale<\/em>. Es ist ein wunderbares, kleines\u00a0 Geb\u00e4ude, ein gut erhaltener, schlichter Zentralbau, das intimste und in gewisser Weise \u201esch\u00f6nste\u201c der vier Geb\u00e4ude, die wir gesehen haben. Auch hier, wie in den anderen Kirchen, wunderbare Alabasterfenster, die in der Sonne gelb-braun scheinen. Wunderbar. Der Raum ist viel dunkler als <em>San Vitale<\/em>, das gro\u00dfformatige, helle Fenster hat, aber das Fehlen von Tageslicht macht die Besonderheit des Raums aus. Das Mausoleum ist der \u00e4lteste der erhaltenen Bauten Ravennas.<\/p>\n<p>Der heutige Eindruck ist allerdings etwas verf\u00e4lschend, denn der Bau liegt fast zwei Meter unter dem alten Bodenniveau. Der feuchte Boden gab nach. Das kann man auch bei den anderen Geb\u00e4uden sehen, und bei <em>San Vitale<\/em> gibt es ein paar nachtr\u00e4glich angebaute, grobe St\u00fctzpfeiler, um den Bau abzusichern.<\/p>\n<p>Auch hier gibt es wieder Mosaike. In der Eingangst\u00fcr ein irgendwie modern wirkender, jugendlicher Christus, der sich in Schr\u00e4glage auf seinen Stab st\u00fctzt und mit einer Hand das Maul eines Schafes streichelt. Ganz wunderbar zwei Tauben, die auf einer Wasserschale sitzen, eine trinkend mit gebeugtem Kopf, die andere nach hinten blickend. Am sch\u00f6nsten finde ich aber die Darstellung des Hl. Laurentius mit dem Rost, auf dem er gebraten wurde, und einen B\u00fccherschrank an seiner Seite. Er ist ge\u00f6ffnet und enth\u00e4lt die vier Evangelien. Es sieht so aus, als habe man sich um Herstellung der Perspektive bem\u00fcht, es aber nicht geschafft. Die Kr\u00f6nung der Mosaiken ist der blaue, \u00fcber und \u00fcber mit Sternen bes\u00e4te Himmel in der Kuppel.<\/p>\n<p>Galla Placidia war eine bemerkenswerte Frau: Kaisertochter, Kaiserschwester, Kaisermutter. V\u00f6lkerwanderung und das Ende des Westr\u00f6mischen Reiches bildeten den Hintergrund zu ihrem Leben. Sie war die Tochter des westr\u00f6mischen Kaisers Theodosius. Sie war au\u00dferdem eine Zeitlang Regentin f\u00fcr ihren Sohn, und sie war zweimal verheiratet, einmal mit einem Heerf\u00fchrer der Gegner, nachdem die Westgoten in Italien eingedrungen waren und sie als Geisel genommen hatten. Sie lie\u00df das Mausoleum schon zu Lebzeiten errichten, wurde aber vermutlich nicht hier, sondern in Rom begraben.<\/p>\n<p>Als wir in Bologna ankommen, ist es fast dunkel. Es ist aber immer noch 21\u00b0 warm, am Abend um acht. Vielleicht ist es in Bologna heute sch\u00f6ner gewesen. In Ravenna ist nur ab und zu die Sonne durchgekommen.<\/p>\n<p>Die beiden Frauen zeigen mir noch die Gedenkstelle f\u00fcr das Attentat von 1980. Es besteht einerseits ganz einfach aus einer der beiden Bahnhofsuhren. Eine der Uhren, die an den beiden Flanken des Geb\u00e4udes au\u00dfen angebracht sind, ist damals stehen geblieben und steht immer noch: f\u00fcnf vor halb elf. Die andere geht weiter.<\/p>\n<p>Die eigentliche Gedenkstelle befindet sich in einer Wartehalle. An der Wand zum Bahnsteig ist eine Delle im Boden. Dar\u00fcber ist eine einfache Tafel mit den Namen und dem Alter der Opfer angebracht, wohl \u00fcber f\u00fcnfzig insgesamt. Daneben ist eine breite L\u00fccke in der Wand, die L\u00fccke, die die Bombe gerissen hat. Ein einfaches, w\u00fcrdiges Denkmal. \u00dcber den Namen steht, dass es sich um Opfer eines \u201efaschistischen\u201c Attentats handele. Das ist nat\u00fcrlich eine Stellungnahme. Die Attent\u00e4ter sahen sich sicher nicht so, sondern glaubten selbst, gegen ein \u201efaschistisches\u201c System zu agieren.<\/p>\n<p>Der Gang durch die Innenstadt ist ein wahres Erlebnis. Die Stra\u00dfen sind proppenvoll, an allen Ecken Musik und Artisten, die Caf\u00e9s voll besetzt, lauwarme Luft, weiches Licht an den Fassaden der historischen Geb\u00e4ude.<\/p>\n<p>Ich bleibe in einem Lokal ganz in der N\u00e4he des Hotels h\u00e4ngen: <em>Brace<\/em>. An den W\u00e4nden gro\u00dfe Schwarz-Wei\u00df-Photos von Bob Dylan, Mick Jagger, James Dean, Brigitte Bardot und anderen Gr\u00f6\u00dfen der Vergangenheit. Unter der Decke ein ganzes Ensemble von Fu\u00dfballtrikots, alle von anderen italienischen Vereinen, alle nat\u00fcrlich mit Namen: Totti, Nedved, Del Piero, Nesta usw.<\/p>\n<p>Am Nachbartisch ein Mann, der ein geradezu indezent gro\u00dfes St\u00fcck Fleisch verdr\u00fcckt, w\u00e4hrend sich seine Freundin mit Pasta mit Muscheln begn\u00fcgt. Als er aufsteht, sieht man, dass er kr\u00e4ftige Nahrung braucht. Er ist zwei Meter gro\u00df.<\/p>\n<p>Kaum habe ich ein Wort gesagt, fragt der Kellner: <em>Deutsch?<\/em>. Von da an wird kein Wort Italienisch mehr gesprochen. Seine Freundin ist Deutsche, seine Chefin \u00d6sterreicherin. Das Essen ist gut, und man wird zuvorkommend behandelt.<\/p>\n<p>Ich komme auch endlich, nach der ganz atypischen Pizza, zu meiner ersten Pasta in Bologna: <em>Tagliatelle al rag\u00f9<\/em>, die hier, als Konzession an die Touristen, <em>Tagliatelle Bolognese<\/em> hei\u00dfen.<\/p>\n<p>Die Rechnung zahlt man, wie das jetzt h\u00e4ufig der Fall ist, nicht am Tisch, sondern an der Theke, auch in guten Restaurants. Auch am Mittag in der <em>Ca\u2018 de Vin<\/em> war das schon so.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">16. September (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Noch einmal strahlender Sonnenschein. Der Schatten der <em>Grisenda<\/em> teilt die Fassade des gegen\u00fcberliegenden Palazzo in drei Teile.<\/p>\n<p>Laute Rockmusik am Rande der Stra\u00dfe. Gar nicht sonnt\u00e4glich. Dann komme ich an Stra\u00dfen, die mit Banderolen abgesperrt sind, und auf denen steht: <em>Mezza Maratona<\/em>. Heute ist der Stadtlauf von Bologna. Was f\u00fcr eine verpasste Gelegenheit!<\/p>\n<p>In der <em>Via Goito<\/em> suche ich nach dem <em>Palazzo Bocchi<\/em>. An dessen Fassade sollen \u201emerkw\u00fcrdige\u201c Inschriften in Hebr\u00e4isch stehen. Ich laufe die ganze Stra\u00dfe ab \u2013 vergebens. Beim zweiten Durchgang merke ich dann, dass sich das Geb\u00e4ude hinter einem Ger\u00fcst versteckt. Es wird renoviert. Von der Fassade ist nichts zu sehen.<\/p>\n<p>Ich wollte aber sowieso in diese Ecke, wegen des Mittelaltermuseums. Vorher bestelle ich noch schnell ein Fr\u00fchst\u00fcck in einem Caf\u00e9 nebenan. Das gibt mir einen guten Eindruck davon, was man in Italien unter Fr\u00fchst\u00fcck versteht: ein kleiner Cappuccino, ein winziges Teilchen, nicht viel gr\u00f6\u00dfer als ein Keks, und ein kleines Glas Wasser.<\/p>\n<p>Das Mittelaltermuseum entstand aus der Zusammenlegung verschiedener Sammlungen. Das erkl\u00e4rt die sehr bunte Mischung. Es erkl\u00e4rt vielleicht auch, dass man <em>Mittelalter<\/em> sehr gro\u00dfz\u00fcgig interpretiert: Es geht bis mindestens ins 17. Jahrhundert.<\/p>\n<p>Als Auftakt gibt es St\u00fccke aus einem Kuriosit\u00e4tenkabinett, darunter zwei Strau\u00dfeneier, eins davon mit einer feinen Gartenszene, in der ein Galan und seine Geliebte sich, unter Einhaltung des geb\u00fchrenden Abstands, die Hand reichen. Strau\u00dfeneier, hei\u00dft es, wurden h\u00e4ufig in Kapellen in erh\u00f6hter Position ausgestellt und sollten an das Licht Gottes erinnern. Da staunt man Kl\u00f6tze.<\/p>\n<p>Aus der Neuen Welt sind Kokosn\u00fcsse und Trinkschalen aus Kokosnuss vertreten sowie drei blasebalgartige, lederne Ger\u00e4tschaften, von denen man annimmt, dass sie zum Inhalieren von Tabak dienten.<\/p>\n<p>Aus Deutschland gibt es sch\u00f6n verzierte, breite K\u00e4mme aus Holz, die bei aller Kunstfertigkeit die praktische Seite nicht vergessen: unten breite, oben enge Z\u00e4hne. Sie tragen eine Inschrift, die auf Deutsch sein soll, aber wie Hebr\u00e4isch aussieht.<\/p>\n<p>Aus China sind Pantoffeln aller Art vertreten. Auch \u00d6llampen gab es in Form von Pantoffeln.<\/p>\n<p>Das ist aber gar nichts gegen ein Paar sogenannter <em>zoccoli<\/em> aus Venedig, Frauenschuhe aus Korkeiche, den heutigen hochhakigen Holzsandalen nicht un\u00e4hnlich, aber mit einem wichtigen Unterschied: Sie sind viel h\u00f6her. Man fragt sich, wie man auf so hohen Abs\u00e4tzen \u00fcberhaupt laufen kann, und bekommt prompt die Antwort: auf zwei Diener gest\u00fctzt.<\/p>\n<p>Vermutlich unbekannter Herkunft sind zwei W\u00fcrfel, die man erst gar nicht als solche erkennt. Sie sind zwar sechseckig, aber l\u00e4nglich, und k\u00f6nnen nicht gew\u00fcrfelt, sondern m\u00fcssen gerollt werden. In jeder der sechs Seiten ist die entsprechende Zahl von L\u00f6chern gedrillt.<\/p>\n<p>In die Haupts\u00e4le des Museums gelangt man durch den Innenhof. Jetzt r\u00fcckt auch Bologna ins Zentrum des Interesses, vor allem mit den vielen, vielen Grabplatten, meist aus Marmor, f\u00fcr die Universit\u00e4tslehrer, meist Rechtswissenschaftler. Die Szene ist immer die gleiche: Lehrende auf dem Katheder im Zentrum, Studierende rechts und links davon, sitzend oder stehend. Auf den ersten Blick sehen die alle gleich aus, aber im Detail unterscheiden sie sich doch. Die Kleidung ist lang, mit langen Knopfreihen am Hals und am Arm. Die meisten haben haubenartige Kopfbedeckungen, aber vereinzelt gibt es auch welche ohne Kopfbedeckung. Die meisten sind bartlos, aber dann entdecke ich doch einen mit einem sauber geschnittenen Schnauzbart und einen mit einem Kinnbart. Einige sind mit B\u00fcchern ausgestattet, was damals ein Luxus gewesen sein muss, und bl\u00e4ttern in den B\u00fcchern herum oder lesen in den B\u00fcchern. Andere halten einfach einen Finger in die Seite. Schreiben sieht man niemand. Auf fast jeder Darstellung ist jemand, der nicht zuh\u00f6rt, zur Seite sieht, den Kopf gelangweilt auf die Hand st\u00fctzt, und einer scheint zu schlafen. Einige sehen wie Frauen aus, aber das wird t\u00e4uschen. Diese Marmorplatten sind meist aus dem Mittelalter, tauchen aber auch sp\u00e4ter noch auf, mit einer ver\u00e4nderten Darstellung: mehr Perspektive, weniger Figuren. Die sitzen und stehen bei den mittelalterlichen Darstellungen immer dicht gedr\u00e4ngt nebeneinander.<\/p>\n<p>Auf einer kleineren, sp\u00e4teren Grabplatte sieht man den Lehrer nicht mehr bei der Arbeit, sondern als Toter. Er liegt auf der Seite, den Kopf auf ein Kissen gest\u00fctzt, das wiederum auf zwei B\u00fcchern aufliegt. Auch unten, an den F\u00fc\u00dfen, liegen B\u00fccher, alle mit einem dicken Metallverschluss zusammengehalten. Zu F\u00fc\u00dfen des Lehrers sitzt ein untr\u00f6stlicher Student mit gesenktem Kopf. Wie sch\u00f6n!<\/p>\n<p>Bei der religi\u00f6sen Kunst f\u00e4llt vor allem ein Reliquiar auf, das wie eine Damenhandtasche aussieht. Es hat auch eine Kette zum Umh\u00e4ngen und eine Schnalle zum \u00d6ffnen. So schm\u00fcckte sich die Dame von Welt, wenn sie ausging oder auf Reisen ging, vermutet man. Das Reliquiar, aus ziselierter Bronze, vergoldet, mit Korallen besetzt, stammt aus der karolingischen Zeit. Dieser Typ war damals weit verbreitet.<\/p>\n<p>In der Halle der Skulpturen sieht man einen Abguss in klein des Neptun von Giambologna. Daneben eine andere Figur von ihm, ein Merkur, das Ergebnis eines Auftrags, den er noch w\u00e4hrend seiner Arbeit am Neptun aus Florenz erhielt. Man vermutet, dass Giambologna an dieser Figur Dinge ausprobierte, die er dann beim Neptun zur Vollendung brachte. Tats\u00e4chlich sieht man auch beim Merkur eine ganz \u00e4hnliche, aufw\u00e4rts zeigende Bewegung und eine \u00e4hnliche Handhaltung und Beinstellung.<\/p>\n<p>Daneben ein Abguss des Kopfs der Statue Gregors XIII. Hier hat man ihn gleich vor sich und kann die Details sehen, die man an der <em>Piazza Maggiore<\/em> wegen der H\u00f6he des Balkons nicht sehen kann: die Adlernase, die zerfurchte Stirn, die zusammengekniffenen Lippen, den entschlossenen, aber nicht aggressiven Blick, den Schmuck auf der Tiara und auf dem Gewand.<\/p>\n<p>Es gibt noch eine weitere Papstfigur, eine, die merkw\u00fcrdig modern wirkt, fast abstrakt, mit ganz glatten Formen. Sie ist aus Bronze und mehr als menschengro\u00df. Sie stellt Bonifatius VIII. dar, einen Papst, der Philipp den Sch\u00f6nen von Frankreich zum Erzfeind hatte. Leider kann ich nicht herausfinden, was es mit der Statue auf sich hat. Es hei\u00dft, sie sei vielleicht die erste Statue Bolognas \u00fcberhaupt gewesen. Aber warum sie aus der \u00d6ffentlichkeit verschwand, von wann und von wem sie ist, bleibt mir unklar.<\/p>\n<p>Ich lese aber am Abend zuf\u00e4llig, dass noch eine weitere Papststatue in Bologna verschwand, aber f\u00fcr immer, vermutlich in einem Augenblick des Wiedergewinns der st\u00e4dtischen Selbst\u00e4ndigkeit, als man den Papst ganz w\u00f6rtlich loswerden wollte und die Statue zerst\u00f6rte, indem man sie von <em>San Petronio<\/em> hinunterkugelte. Bei der \u00a0Statue, die Julius II. darstellte und so verschwand, handelte es sich um ein Werk Michelangelos. Seine einzige Bronzestatue.<\/p>\n<p>In dem Innenhof sind Stelen aus dem j\u00fcdischen Friedhof von Bologna ausgestellt. Sie wurden, nach einer p\u00e4pstlichen Bulle, die alle Juden aus dem Kirchenstaat verbannte, mit Ausnahme von Rom und Ancona, den M\u00f6nchen \u00fcbergeben, die damit machen konnten, was sie wollten. Die M\u00f6nche entschieden, die Stelen zu recyceln und christlichen Zwecken zuzuf\u00fchren. Es ist wohl so gewesen, dass die j\u00fcdischen Inschriften \u00fcberschreiben und die Stelen auf christliche Gr\u00e4ber gestellt wurden. So legt es zumindest eine Zeichnung nahe. Die urspr\u00fcnglichen Inschriften sind jetzt aber wieder sichtbar gemacht worden. Sie haben allerdings einen Rahmen, der zwar keine eindeutigen Symbole wie das Kreuz aufweist, aber doch engelartige Figuren zeigt und vermutlich christlich ist.<\/p>\n<p>Nach dem Museum gehe ich nach <em>San Petronio<\/em>. Es ist genau zw\u00f6lf. Jetzt m\u00fcsste man den Sonnenstrahl auf dem Meridian sehen. Aber da ist nichts. Ich habe die Rechnung ohne die Sommerzeit gemacht.<\/p>\n<p>Also warte ich eine Stunde und sehe die letzten L\u00e4ufer des Halbmarathons ins Ziel kommen, gleich vor der Kirche, auf der <em>Piazza Maggiore<\/em>. Es ist schon ziemlich warm zum Laufen. Die Strecke sieht vielversprechend aus. Es geht die s\u00fcdliche H\u00e4lfte der alten Stadtmauer entlang und vorher und nachher auf zwei unterschiedlichen Strecken durch die Innenstadt.<\/p>\n<p>Dann geht es wieder nach <em>San Petronio<\/em>. Ich sehe lauter Leute, die etwas verloren herumstehen und alle offensichtlich den Sonnenstrahl suchen. Die \u00d6ffnung oben im Gew\u00f6lbe haben wir inzwischen entdeckt, aber die Sonnenflecken, die sich auf dem Boden abzeichnen, kommen alle aus Fenstern. Dann h\u00f6ren wir zuf\u00e4llig, wie eine Stadtf\u00fchrerin auf ein paar zusammengeklappte St\u00fchle zeigt. Da ist er. Immer noch ein gutes St\u00fcck vom Meridian entfernt, aber doch eindeutig auf dem Weg zu ihm und zu dem richtigen Weg im September. Offensichtlich liegt der Berechnung eine andere Zeit zugrunde, noch eine Stunde sp\u00e4ter. Zu dieser Zeit ist die Kirche allerdings geschlossen.<\/p>\n<p>Nachher setze ich mich in eine Pizzeria, in der man eigentlich nur Pizza essen kann, was ich nat\u00fcrlich nicht tue und was ich herzhaft bereue. Es ist das schlechteste Essen, das ich bisher bekommen habe. Ich h\u00e4tte sp\u00e4testens dann skeptisch werden m\u00fcssen, als ich auf der Speisekarte die <em>Pizza mit Nutella und Grand Marnier<\/em> als Spezialit\u00e4t des Hauses entdeckte.<\/p>\n<p>Auf der Toilette begegne ich wieder einer italienischen Spezialit\u00e4t: dem Pedal unter dem Waschbecken, mit dem man das Wasser bet\u00e4tigt. Die zweite Spezialit\u00e4t ist der H\u00e4ndetrockner, der garantiert jede Hand feuchter macht als es Wasser je k\u00f6nnte. Auch allgegenw\u00e4rtig.<\/p>\n<p>Am Nachmittag entdecke ich bei einem Spaziergang eine Maske, der eine legend\u00e4re Bedeutung zukommt. Sie h\u00e4ngt \u00fcber einem Tor beim <em>Palazzo Malvasia<\/em>. Es ist eher eine Fratze als eine Maske, mit H\u00f6rnern, einem struwweligen Bart und weit ge\u00f6ffnetem Mund. Auf den Mund kommt es an. Denn daraus floss, der Legende nach, nach jeder Neuwahl eines <em>gonfaloniere<\/em>, des B\u00fcrgermeisters sozusagen, Wein f\u00fcr das Volk, damit es den Neugew\u00e4hlten feiere. Den <em>gonfaloniere<\/em>, der nicht viel zu sagen hatte, stellte im Turnus eine der vierzig adeligen Familien. Wer wirklich die Macht hatte, war der p\u00e4pstliche Legat. Einen neuen <em>gonfaloniere<\/em> gab es alle zwei Monate. Ebenso h\u00e4ufig floss also der Gratis-Wein.<\/p>\n<p>Etwas ziellos gehe ich durch eben dieses Tor und komme ins J\u00fcdische Viertel. Auf einer Tafel hei\u00dft es, einer p\u00e4pstlichen Bulle zufolge habe jedes J\u00fcdische Viertel nur eine Synagoge haben d\u00fcrfen, und die durfte durch keinerlei Symbole gekennzeichnet sein. Unwillk\u00fcrlich f\u00e4llt mein Blick auf den Stra\u00dfennamen dar\u00fcber: <em>Via dell\u2019Inferno<\/em>. Das war wohl ein christlicher Seitenhieb.<\/p>\n<p>Irgendwo sehe ich ein Speiselokal, das nicht wie ein Speiselokal aussieht. Die Gerichte sind auf lauter Pappschachtel verzeichnet, die an der Fassade h\u00e4ngen und an allerlei Kleinkunstgegenst\u00e4nden haften, die vor dem Lokal stehen. Es wird typische K\u00fcche aus Bologna angeboten. Sollte ich in den n\u00e4chsten Tagen probieren.<\/p>\n<p>Ich komme dann wieder auf eine gr\u00f6\u00dfere Stra\u00dfe. In mehreren Kneipen, die bis an den Rand gef\u00fcllt sind, l\u00e4uft die \u00dcbertragung eines Fu\u00dfballspiels. Man h\u00f6rt laute Anfeuerungsrufe. Und dann, gerade als ich vor einer der Kneipen stehe, einen Torschrei. Nat\u00fcrlich vermutet man, dass der FC Bologna gerade getroffen hat, aber weit gefehlt: Es ist Juventus gegen Genua, und Juve hat gerade zum 3:1 getroffen. Dabei spielt gleichzeitig Bologna in Rom und gewinnt. Aber das scheint keinen zu interessieren. Am n\u00e4chsten Tag in der Zeitung wird der Erfolg dann aber doch angemessen gew\u00fcrdigt.<\/p>\n<p>An einer Kneipe finde ich ein Stellenangebot, auf Deutsch: Man sucht einen Deutschen zur Er\u00f6ffnung einer deutschen Brauerei.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg probiere ich mal wieder ein neues Caf\u00e9. Hier gibt es kuriose Kaffeevariationen. Ich probiere einen <em>caff\u00e8 montato<\/em> und bekomme von dem freundlichen Wirt gleich noch einen <em>caff\u00e8 del nonno <\/em>zu probieren. Der <em>caff\u00e8 montato<\/em> ist ein schwer definierbarer Kaffee mit aufgesch\u00e4umter Sahne, der in einem gro\u00dfen Glas serviert wird. Der<em> caff\u00e8 del nonno<\/em> schmeckt ungleich besser. Es ist ein sehr s\u00fc\u00dfer, sehr dickfl\u00fcssiger Kaffee mit Mokkageschmack.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">17. September (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Beim Laufen heute fast alleine unterwegs gewesen. Die anderen haben sich vom Halbmarathon ausgeruht.<\/p>\n<p>Heute kommen viele neue Sch\u00fcler an, darunter eine dick eingepackte Mexikanerin. Ich habe dagegen wieder meine kurze Hose ausgepackt.<\/p>\n<p>Die Lehrerin erz\u00e4hlt, dass es in Bologna fast jedes Jahr schneit, in Florenz dagegen, das gerade einmal hundert Kilometer weiter s\u00fcdlich liegt, so gut wie nie.<\/p>\n<p>In der Pause erfahren wir von anderen Zubereitungsarten des Kaffees: <em>caff\u00e8 senegalese, caff\u00e8 marocchino, caff\u00e8 corretto<\/em>. Eine gute Alternative f\u00fcr Zeiten, in denen der Cappuccino nicht erlaubt ist, ist der <em>caff\u00e9 machiato<\/em>. Am Nachmittag probiere ich das gleich aus. Die Lehrerin selbst trinkt allerdings auch am Nachmittag, um vier oder f\u00fcnf, Cappuccino. Das sei durchaus akzeptabel, sagt sie.<\/p>\n<p>Zu dem Standardprogramm einer Reise nach Bologna geh\u00f6rt der Besuch des <em>Santuario della Madonna di San Luca<\/em> auf dem <em>Monte della Guardia<\/em>, einem H\u00fcgel au\u00dferhalb der Stadt. Dabei geht es weniger um den Besuch des Heiligtums als um den Weg dorthin. Der l\u00e4ngste Arkadengang \u00fcberhaupt f\u00fchrt unter 666 B\u00f6gen nach oben.<\/p>\n<p>Ich schlage den Rat meiner Kolleginnen aus dem Wind, den Bus zu nehmen, und mache alles zu Fu\u00df. Schlie\u00dflich machen das die Pilger bei der allj\u00e4hrlichen Prozession ja auch. Einige machen es sogar, wie ich sp\u00e4ter sehe, barfu\u00df, andere laufen statt zu gehen. Und Guido Reni soll den Weg jeden Tag gegangen sein. Am Ende muss ich aber einsehen, dass es doch ein gutes St\u00fcck Arbeit ist.<\/p>\n<p>Es geht los an der <em>Porta Saragozza<\/em>. Da muss man aber erst mal hinkommen, und die liegt ziemlich genau am anderen Ende der Innenstadt. Unterwegs sehe ich ein Caf\u00e9 mit den Namen <em>Officina di Caff\u00e8<\/em> und eine Werbung f\u00fcr <em>Et\u00e0 Glaciare 4<\/em>, ein gr\u00e4sslicher Film, der mich schon seit der ersten Folge, die ich mal in Dublin gesehen habe, verfolgt.<\/p>\n<p>Die <em>Porta Saragozza<\/em>, ein sehr ansehnliches Tor in einem Stil, der etwas Arabisches hat, enth\u00e4lt ein Museum des Wallfahrtsortes. Aber das ist geschlossen, und mich interessiert ohnehin der Weg mehr. Die B\u00f6gen sind nummeriert, aber leider nicht alle, und es fehlen ausgerechnet die letzten Nummern, aber hier prangt die Nummer 1.<\/p>\n<p>Der erste Teil des Weges ist flach, dann kreuzt der Weg die Stra\u00dfe und es geht bergauf. Treppen wechseln sich mit Rampen ab, so dass es nicht zu beschwerlich ist, und der H\u00f6henunterschied ist nicht allzu gro\u00df, etwa zweihundert Meter.<\/p>\n<p>Es ist jetzt, um die Mittagszeit, sehr ruhig, und es sind wenige unterwegs. Zwei Italienerinnen nehmen immer zwei Stufen auf einmal und sind bald an mir vorbei.<\/p>\n<p>Man hat zu einer Seite die Wand und zu der anderen den Durchblick durch die Arkaden. Die Sicht ist allerdings nicht spektakul\u00e4r. Man sieht nicht in die Ferne. In der Wand sind regelm\u00e4\u00dfig Nischen eingelassen mit Madonnenbildern oder Passionsbildern. Hin und wieder kommt man sogar an einer Wohnungst\u00fcr vorbei. Hier leben wirklich ganz normale Menschen.<\/p>\n<p>Oben angekommen, steht man auf einer Art Balkon mit Fl\u00fcgeln zu beiden Seiten. Aber die Aussicht ist von den meisten Stellen aus versperrt, mit zwei Ausnahmen. An einer sieht man in die H\u00fcgellandschaft der Apenninen, an der anderen sieht man auf die Stadt und den Ring von Hochh\u00e4usern, der die Altstadt umgibt.<\/p>\n<p>Den sch\u00f6nsten Blick hat man, r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt, auf die Basilika selbst, mit ihren geschwungenen B\u00f6gen, ihrer geschwungenen Fassade und ihrer kreisrunden, geraden Kuppel. Der Au\u00dfenbau, aus rotem Stein, ist relativ schlicht.<\/p>\n<p>Neben dem Eingang stehen in Nischen zwei gewaltige, beeindruckende Skulpturen, Markus und Lukas, Lukas als Maler, mit Palette. Der Bezug zu der Basilika besteht darin, dass man das Madonnenbild dem Evangelisten selbst zuschrieb. Es soll von einem Pilger von Byzanz nach Italien gebracht worden sein. Er hatte den Auftrag, das Bild auf den <em>Monte della Guardia<\/em> zu bringen, konnte den aber nicht finden, bis ein M\u00f6nch in Rom ihm bei einer zuf\u00e4lligen Begegnung verriet, das sei in der N\u00e4he seiner Heimatstadt Bologna. Dort habe eine Frau, die sich dem religi\u00f6sen Leben verschreiben wollte, ein Monasterium errichten lassen. Der M\u00f6nch brachte das Bild dorthin, und damit begann die Tradition Die erlebte dann (XV) den entscheidenden Schub, als wegen des Unwetters die erste Wallfahrt stattfand. Sp\u00e4ter (XVII) wurde dann zum Bew\u00e4ltigung der Pilgerstr\u00f6me (und nebenher zu deren Schutz vor Sonne und Regen) der Arkadengang gebaut. Noch sp\u00e4ter (XVIII) entstand die Basilika.<\/p>\n<p>Der Innenraum ist der totale Kontrast dazu. Hier herrscht barocke F\u00fclle. \u00dcberall riesige Tafelgem\u00e4lde, Skulpturen, S\u00e4ulen, alles sehr bewegt. In den Querarmen des griechischen Kreuzes befinden sich sogar Balkone mit Vorh\u00e4ngen. Man glaubt, in einem Theater zu sein.<\/p>\n<p>Das Madonnenbild selbst h\u00e4ngt \u00fcber dem Altar, aber in traue mich wegen meiner legeren Kleidung nicht ganz nahe heran. In den B\u00e4nken sitzen betende und meditierende Besucher.<\/p>\n<p>Ich setze mich auf eine Bank vor der Basilika und genie\u00dfe die Sonne. So einen warmen Tag werde ich dieses Jahr vielleicht nicht mehr erleben. In den n\u00e4chsten Tagen soll das Wetter in Bologna schlechter werden. Als ich wieder im Hotel ankomme, sind insgesamt gut drei Stunden vergangen, seitdem ich aufgebrochen bin.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sieht man von dem Arkadengang aus in das Stadion des FC Bologna hinein. Der FC Bologna geh\u00f6rt zu den guten, aber nicht zu den besten italienischen Vereinen. Internationale Erfolge gab es wenige, und die meisten italienischen Titel liegen schon eine Weile zur\u00fcck. Der Verein ist aber fast ohne Unterbrechung in der Serie A gewesen. Die dramatischste Auseinandersetzung gab es in einer Art Halbfinale vor dem ersten Titelgewinn 1925. Man spielte zu Hause gegen Genua und verlor 1:2. Dann gewann man das R\u00fcckspiel in Genua 2:1. Es kam zu einem Entscheidungsspiel in Mailand. Das endete 2:2 nach Verl\u00e4ngerung. Es kam zu einem weiteren Entscheidungsspiel in Turin. Das endete 1:1 nach Verl\u00e4ngerung. Daraufhin \u2013 es waren inzwischen zehn Wochen seit dem ersten Spiel vergangen \u2013 setzte der Verband ein weiteres Entscheidungsspiel an, wieder in Mailand, aber es wurde vor leeren R\u00e4ngen und um sieben Uhr morgens gespielt. Das half. Bologna gewann 2:0.<\/p>\n<p>Am fr\u00fchen Abend bietet die Schule einen Stadtrundgang zur Einf\u00fchrung an. Trotz der Warnung der Lehrerin, dabei gebe es f\u00fcr mich nichts mehr zu entdecken, nehme ich teil. Und entdecke dabei eine ganze Menge. Allein die Gelegenheit, die Fl\u00fcstergalerie im <em>Palazzo del Podest\u00e0<\/em> selbst auszuprobieren, macht die Teilnahme lohnenswert. Es ist wirklich verbl\u00fcffend. Man steht an gegen\u00fcberliegenden Seiten der Vierung unter dem Palast, mit dem R\u00fccken zum Publikum, und\u00a0 spricht in normaler Lautst\u00e4rke in eine Rille, die in die Wand eingelassen ist. Man kann, trotz der vorbeigehenden Leute und des Verkehrs von der Stra\u00dfe am Ende des Platzes, jedes Wort des Partners am anderen Ende verstehen.<\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit dem nackten Neptun f\u00e4llt mir auf, dass <em>nudo<\/em> (italienisch) dasselbe hei\u00dft wie <em>desnudo<\/em> (spanisch), obwohl das eine das Gegenteil des anderen zu bedeuten scheint.<\/p>\n<p>Wir sehen auch eine Inschrift an der Garisenda mit einem Zitat aus Dantes <em>Inferno<\/em>, in dem der Turm erw\u00e4hnt wird. Dante sagt, dass der Turm sich zu der anderen Seite zu neigen scheint, wenn schnelle Wolken vorbeiziehen: <em>Qual pare a riguardar la Carisenda\/sotto &#8216;l chinato, quando un nuvol vada\/sovr&#8217;essa s\u00ec ch\u00e8 ella incontro penda.<\/em><\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen auch einen Saal im <em>Palazzo della Mercanzia<\/em> sehen, der mit sehr sch\u00f6nen Fresken ausgemalt ist, die die unterschiedlichen Gilden darstellen. Das Geb\u00e4ude wurde im Krieg von einer Bombe getroffen, die eine H\u00e4lfte erheblich in Mitleidenschaft zog. Diese eine, die linke H\u00e4lfte, ist wieder aufgebaut worden.<\/p>\n<p>In der Krypta von <em>Santo Stefano<\/em> sehen wir eine S\u00e4ule, die sich von allen anderen unterscheidet. Es hei\u00dft, sie habe lange als verbindliches Ma\u00df f\u00fcr Darstellungen von Jesus gegolten, da ihre H\u00f6he seiner Gr\u00f6\u00dfe entsprach.<\/p>\n<p>Der Rundgang endet vor <em>San Domenico<\/em>. Wir entschlie\u00dfen uns, noch in die <em>Osteria dell\u2019Orsa <\/em>zu gehen, die eine Deutsche bereits am Vortag gesucht und nicht gefunden hat. Wir laufen die ganze <em>Via Marsala<\/em> rauf und runter und merken dann, dass wir in der falschen Stra\u00dfe sind. Als wir dann in dem Lokal ankommen, bekommen wir gerade noch Platz im Keller. Oben und drau\u00dfen sind alle Pl\u00e4tze besetzt. Die beiden Kellner leisten eine fantastische Arbeit.<\/p>\n<p>An allen Tischen wird laut und viel gesprochen, aber der L\u00e4rmpegel ist nicht unangenehm, ganz im Gegenteil. Das Stimmengewirr tr\u00e4gt zu der besonderen Atmosph\u00e4re bei.<\/p>\n<p>Wir versuchen, das Gespr\u00e4ch auf Italienisch zu f\u00fchren. Es geht irgendwie, auch wenn wir immer wieder ins Stocken kommen. Es ist aber alles sehr angenehm. Am Schluss entschlie\u00dfe ich mich, die Rechnung zu begleichen, f\u00fcrchte aber, mit dem Geld nicht auszukommen. Dann reicht es aber so gerade, und erst zuhause merke ich, dass es nur deshalb reichte, weil sie eine Flasche Wasser nicht berechnet haben.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">18. September (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen versuche ich, Geld abzuheben. Das ist gar nicht mal so einfach. Immer wieder kommen neue Fragen, bis man die Geheimzahl eingibt, und dann kommt die Anweisung, eine Taste zu dr\u00fccken, die es nicht gibt und der Vorgang wird abgebrochen. Ich versuche es an einem anderen Automaten noch mal, diesmal mit Englisch als Sprache der Instruktionen. Vorher hatte ich es mit Deutsch versucht. Diesmal klappt es. Es erscheint die merkw\u00fcrdige Anweisung, erst die Karte, dann die Quittung und das Geld innerhalb von drei\u00dfig Sekunden entgegenzunehmen. Ich lasse es nicht darauf ankommen, zu probieren, was geschieht, wenn man das nicht macht.<\/p>\n<p>Im Unterricht kommen, allerdings eher zuf\u00e4llig, ein paar sehr n\u00fctzliche Ausdr\u00fccke vor wie <em>ci ho rimesso \u2013 ich habe es in den Sand gesetzt<\/em>, <em>mi butto &#8211; ich gebe es auf <\/em>und<em> c\u2019e la abbiamo fatto \u2013 wir haben es geschafft<\/em>. In der Pause rasselt eine andere Lehrerin eine ganze Reihe von Ausdr\u00fccken herunter, die sie st\u00e4ndig im Unterricht gebraucht, darunter <em>Cavolo! \u2013 Verdammt!<\/em><\/p>\n<p>Auf Nachfrage lerne ich, wie man <em>Das sieht gut aus<\/em> und <em>Das h\u00f6rt sich gut an<\/em> sagt: <em>Sembra buono<\/em> und <em>Suona bene<\/em>. Das wurde ich gestern in der <em>Osteria dell\u2019Orsa<\/em> von einer russischen Sch\u00fclerin gefragt und konnte es nicht beantworten.<\/p>\n<p>Bologna hat auch einen Literaturnobelpreistr\u00e4ger, Carducci. Dem ist ein Museum gewidmet, nicht weit von den <em>Giardini Margherita<\/em>. Das will ich mir nach dem Unterricht ansehen. Es ist eine Zone, in der ich sonst noch nicht gelandet bin, und in der Mittagszeit wirkt sie wie ausgestorben. Das Museum schlie\u00dft aber um eins. Bleibt als Alternative das Universit\u00e4tsmuseum, im <em>Palazzo Poggi<\/em>, ein gutes St\u00fcck in die andere Richtung. Als ich es endlich ausfindig mache, stellt sich heraus, dass es auch um ein Uhr schlie\u00dft. Ganz in der N\u00e4he ist das Kunstmuseum, die <em>Pinacoteca Nazionale<\/em>. Sie ist bis zum Abend ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Man m\u00f6chte irgendwie, dass einem das alles besser gef\u00e4llt, aber irgendwie gelingt es nicht. \u00dcberall gez\u00fcckte Messer, entr\u00fcckte Blicke, rauschende B\u00e4rte, wehende Kleider, Engel im Sturzflug. Alles ist st\u00e4ndig in Bewegung, alles ist Drama, alles ist Ekstase. Und zwar nicht erst im Barock, auch schon im Mittelalter. Gleich am Anfang h\u00e4ngt ein Sankt Georg, der mit entschlossenem Blick dem Drachen seine Lanze ins Maul st\u00f6\u00dft. Der Drache windet sich, das Pferd dreht sich nach hinten, der Ritter hat sich tief nach unten gebeugt.<\/p>\n<p>Die Thematik ist, unabh\u00e4ngig von der Epoche, fast durchgehend religi\u00f6s, so sehr, dass die Ausnahmen sofort ins Auge fallen. Das beste Beispiel des Gegenprogramms ist Renis Portraits seiner Mutter, gro\u00dfartig, aber wie ein Fremdk\u00f6rper in dem Saal. Auch dadurch, dass es ertr\u00e4gliche Ma\u00dfe hat. Die anderen Gem\u00e4lde nehmen oft die ganze H\u00f6he der Wand ein und messen manchmal \u00fcber vier Meter. Auch die Farbenpalette ist hier stark reduziert. Die Mutter erscheint in einem schwarzen Kleid mit wei\u00dfer Haube und wei\u00dfem, zur\u00fcckgeschlagenen Schleier. Sie hat herbe, fast m\u00e4nnliche Z\u00fcge. Der Blick ist entschlossen, fast herausfordernd. Ein Auge ist leicht zugekniffen. Was sie wohl selbst zu dem Portrait gesagt hat?<\/p>\n<p>Ansonsten noch bemerkenswert ein Gem\u00e4lde, auf dem ein reicher Mann seine Familie zur Schau stellt, zwei neben ihm sitzende Frauen und zwei hinter diesen stehende M\u00e4nner. Beide tragen Renaissancekleidung, ein schwarzes Wams mit wei\u00dfem R\u00fcschenkragen. Der eine zeigt eine Schriftrolle her, der andere st\u00fctzt einen Arm auf ein fein gearbeitetes Schwert. Beides sind vermutlich Insignien ihrer beruflichen Laufbahn. Sie stehen aber wortw\u00f6rtlich im Hintergrund. Im Vordergrund die beiden Frauen, beide mit schweren, bunten Brokatkleidern versehen, mit feinen Ringen, Ketten und Ohrringen, eine auch mit einem langen, auff\u00e4lligen Pelz. Zwischen ihnen auf dem Tisch ein gr\u00e4ssliches Scho\u00dfh\u00fcndchen, mit einer mit Edelsteinen besetzten Halskette und langen Ohrgeh\u00e4ngen! Das Bild stammt von einer Frau, Lavinia Fontana.<\/p>\n<p>Ich sehe mich nachher noch ein bisschen im Universit\u00e4tsviertel um und trinke zur Erholung einen <em>caff\u00e8 macchiato<\/em>.<\/p>\n<p>Irgendwann stehe ich vor dem <em>Teatro Comunale<\/em>. Es steht auf dem Grundst\u00fcck des alten <em>Palazzo Bentivolgio<\/em>, dem Palast einer Adelsfamilie, von der in der Geschichte Bolognas immer wieder die Rede ist. Ganz verstehe ich deren\u00a0 Bedeutung bis zum Schluss nicht, aber es sieht so aus, als h\u00e4tten sie sich am Ende sowohl den Papst als auch das Volk zum Feind gemacht. Der Palast, ein Renaissancepalast wie er im Buche steht, wurde jedenfalls Ziel des Volkszorns und 1507 v\u00f6llig zerst\u00f6rt. Wie das geht, kann man sich kaum vorstellen. Der Palast war 140 Meter lang und hatte drei Stockwerke. Da reicht es nicht, wenn man ein bisschen w\u00fctend auf den \u201eTyrannen\u201c ist, um den Palast dem Erdboden gleichzumachen.<\/p>\n<p>Besichtigen kann man das Theater nicht. Das habe ich bei der Touristeninformation erfahren. Dort war man ausgesprochen kurz angebunden und ziemlich unfreundlich. Diese Erfahrung blieb eine von wenigen Ausnahmen. Ansonsten sind die Leute freundlich und zuvorkommend.<\/p>\n<p>Im Vorbeigehen habe ich um die Mittagszeit eine kleine Galerie gesehen, die aber geschlossen war. Jetzt geht es wieder dahin zur\u00fcck. Dort gibt es sehr sch\u00f6ne Ansichtskarten, sozusagen als Abfallprodukt der Kunstwerke, die hier verkauft werden. Es sind Ansichten von Bologna, in erdigen Farben, einerseits mit bekannten Motiven, andererseits mit allt\u00e4glichen Dingen wie Hauseing\u00e4ngen und Fahrr\u00e4dern, immer ohne Menschen. Der Stil ist immer derselbe, auch auf den Bildern, die teilweise ein Relief haben. Keine gro\u00dfe Kunst, aber sch\u00f6n anzusehen. In dem Gesch\u00e4ft geht gerade ein Verkaufsgespr\u00e4ch vonstatten. Es geht um die Entscheidung zwischen zwei Bildern, eins mit den Arkaden, ein anderes, mit einem weniger klaren Bezug zu Bologna. Ich werfe einen kurzen Blick auf die Preise. Sie bewegen sich zwischen 500 und 1500 \u20ac.<\/p>\n<p>Am Abend f\u00e4llt mein Blick in der N\u00e4he der Kathedrale zuf\u00e4llig auf eine Skulpturengruppe, eine Beweinung Christi \u00fcber einem Hauseingang. Dem Christus fehlt der Kopf. Das Geb\u00e4ude ist das alte st\u00e4dtische Pfandleihhaus. Es hat fast etwas von einem Wortspiel im Italienischen: eine <em>Piet\u00e0<\/em> am <em>Monte de Piet\u00e0<\/em>. Ob da Absicht dahinter steht?<\/p>\n<p>Als ich kurz vor dem Hotel bin, spricht mich ein Mann an, der eine <em>tessera<\/em> haben will, einen Ausweis f\u00fcr den Zigarettenautomaten. Ich denke sofort an einen Trick, um irgendwie an die Kreditkarte zu kommen und lasse ihn abblitzen. Im Nachhinein denke ich mir, dass das vielleicht vorschnell war. Vielleicht brauchte er einfach einen Ausweis, um an Zigaretten zu kommen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">19. September (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>In einem Text \u00fcber B\u00e4rte, den wir zuhause lesen sollen, fragt sich der Autor, ob es mehr Zeit erfordert, einen Bart oder keinen zu haben, einen gepflegten Bart, versteht sich. Zum Spa\u00df messe ich am Morgen mal die Zeit, die ich zum Rasieren ben\u00f6tige: acht Minuten. Wenn das repr\u00e4sentativ ist, w\u00fcrde man alle Zeit der Welt haben, um seinen Bart zu pflegen.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Unterricht sehe ich dann beim Fr\u00fchst\u00fcck rein zuf\u00e4llig auf der Theke in der Bar einen Ausspruch, in Bolognese, in dem das Wort <em>Bart<\/em> vorkommt: <em>Cuand la barba f\u00e1 al stup\u00e9n, l\u00e2sa la d\u00f4na e t\u00e9nt al v\u00e9n.<\/em> Der freundliche Wirt \u00fcbersetzt f\u00fcr mich: <em>Wenn der Bart alt und struwwelig wird, lass die Frau und versuch\u2018s mit dem Wein. <\/em><\/p>\n<p>Im Unterricht lernen wir, dass man in Italien, wenn man Sekt versch\u00fcttet, die Zeigefinger in die Sektpf\u00fctze taucht und sich damit den Hals benetzt, um Ungl\u00fcck abzuwenden.<\/p>\n<p>Auf dem Flur h\u00f6re ich, wie eine Lehrerin etwas erkl\u00e4rt und dabei <em>internet<\/em>, <em>blogg<\/em> und <em>zoom<\/em> gebraucht, alle mit einem Vokal am Ende.<\/p>\n<p>Wir sprechen eine ganze Zeit \u00fcber ein sch\u00f6nes Zitat \u00fcber das Reisen, aber am Ende habe ich das Gef\u00fchl, dass ich es \u00fcberbewertet oder missverstanden habe. Die Diskussion dar\u00fcber verl\u00e4uft sich irgendwie, und der Kontext, in dem das Zitat urspr\u00fcnglich vorkam, bleibt unbekannt: <em>Viaggiando si diventa ancora di pi\u00f9 ci\u00f2 che se \u00e8<\/em> \u2013 <em>Beim Reisen wird man noch mehr so, wie man ist.<\/em><\/p>\n<p>Nach dem Unterricht wird mir in einer B\u00e4ckerei ein St\u00fcck Pizza aufgew\u00e4rmt. Dabei kommt die Pizza gleich mit der Verpackung, dem Papier, in die Mikrowelle.<\/p>\n<p>Am Nachmittag sehe ich in der Kathedrale ein paar romanische Reste aus der Vorg\u00e4ngerkirche. Zwei L\u00f6wen mit auff\u00e4llig runden K\u00f6pfen bewachen den Eingang. Sch\u00fctzend legen sie ihre Klauen um ein L\u00f6wenjunges vor ihnen. Heute dienen sie als St\u00fctzen f\u00fcr das Weihwasserbecken. Urspr\u00fcnglich trugen sie S\u00e4ulen. Ganz in ihrer N\u00e4he, in der ersten Seitenkapelle, stellt eine Skulptur einen Mann dar, der eine S\u00e4ule tr\u00e4gt. Er ist in die Hocke gegangen und hat den R\u00fccken fast durchgedr\u00fcckt. Er stemmt sich gegen die Last, die ihn zu erdr\u00fccken droht. Eine eindrucksvolle, symboltr\u00e4chtige Skulptur.<\/p>\n<p>Au\u00dfer der Kathedrale stehen noch drei andere Dinge auf meinem Zettel, aber ich finde keine davon. Vor lauter Frust gehe ich laufen. Dabei komme ich ordentlich ins Schwitzen. Es ist viel schw\u00fcler als an den Tagen zuvor. Ich komme in andere Ecken des Parks und sehe dabei auch einen Kinderspielplatz und ein Herrenhaus und schlie\u00dflich, rein zuf\u00e4llig, das etruskische Grab, von dem man mir erz\u00e4hlt hat. Genau genommen sind es zwei, die daf\u00fcr in Frage kommen. Ich entscheide mich f\u00fcr das erste. Es ist aus gro\u00dfen, nur grob behauenen Steinen und hat die Form einer kleinen Kirche mit Satteldach. Es gibt keinerlei Verzierungen. Das andere Grab ist noch einfacher, mit einzelnen Steinen, die in eine M\u00f6rtelmasse eingelassen sind.<\/p>\n<p>Am Abend gibt es eine von der Schule organisierte Weinprobe. Nach einem Gewaltmarsch, der uns in unbekannte Regionen der Stadt bringt, kommen wir in eine Art Weinstube. An einem langen Tisch stehen bereits Gl\u00e4ser f\u00fcr uns bereit. Wir sind etwa zwanzig. Am ganzen Abend ist kein anderer Gast zu sehen.<\/p>\n<p>Es gibt drei Weine, alle irgendwie etwas exzentrisch, von etwas exzentrischen Winzern. Der erste ist ein bisschen pedantisch und verzeichnet auf seinen dicht bedruckten Etiketten alle Inhaltsstoffe des Weins, so geringf\u00fcgig sie auch sein m\u00f6gen. Die zweite, eine Bio-Weinbauerin, ist freiwillig aus dem D.O.C. ausgestiegen, eine mutige Entscheidung, wie es hei\u00dft, und verkauft ihren Qualit\u00e4tswein jetzt als Tafelwein. Der dritte ist ein Sizilianer, der zuerst in der Finanzwelt Karriere gemacht und dann alles aufgegeben hat und in sein 1000-Seelen-Dorf am \u00c4tna zur\u00fcckgekehrt ist. Es baut seinen Wein auf 800 Meter H\u00f6he an.<\/p>\n<p>Die Weine werden, wie das so \u00fcblich ist, wortreich erkl\u00e4rt. Manchmal ist einem zum Lachen zumute, z.B. als die Sommelier sagt, wie sie im Armgelenk merke, dass der eine Wein schwerer als der andere sei. Manchmal ist man aber auch verbl\u00fcfft, wenn sie Ger\u00fcche und Geschm\u00e4cke entdeckt, die man auf einmal auch wahrnimmt, auch wenn man sie vorher nicht wahrgenommen hat. Aus der Sicht des Laien ist es verbl\u00fcffend, dass \u00fcberhaupt nicht von Jahrg\u00e4ngen die Rede ist. Keine Ahnung, wie das einzusch\u00e4tzen ist.<\/p>\n<p>Es wird kein Versuch gemacht, die komplizierten Erkl\u00e4rungen den Lernenden irgendwie zug\u00e4nglich zu machen. Auf der einen Seite gibt es die obligatorischen hilflosen Forderungen \u201eLangsamer\u201c und \u201eLauter\u201c, auf der anderen Seite die ebenso hilflose Aufforderung, man solle ruhig nachfragen, wenn man etwas nicht verst\u00fcnde. Die beiden Damen, die die Pr\u00e4sentation machen, haben, wie das fast immer der Fall bei Muttersprachlern ist, kein Gef\u00fchl f\u00fcr die Schwierigkeiten und erst recht keine Handhabe, die Sache zu vereinfachen. Man m\u00f6chte sie am liebsten in eine \u00e4hnliche Situation ins Ausland versetzen.<\/p>\n<p>In meiner N\u00e4he sitzt eine australische Winzerin, deren Kommentare ich gerne geh\u00f6rt h\u00e4tte, aber ich bekomme nur mit, dass es sich um junge Weine handele und dass sie die erst einmal liegen lassen w\u00fcrde.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">20. September (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Nachdem ich jetzt <em>marinare<\/em> gelernt habe, \u201ablaumachen\u2018, setzte ich es auch gleich in die Tat um und schw\u00e4nze die Schule. Nach einigem Z\u00f6gern entscheide ich mich, einen Ausflug zu machen, obwohl in Bologna viel auf der Strecke geblieben ist. Die Frage ist, wohin: Ferrara, Parma, Modena? Alle drei sind gut zu erreichen. Parma und Modena liegen wie Bologna an der antiken <em>Via Emilia<\/em>, der Bologna seine verkehrsg\u00fcnstige Lage zu verdanken hat. Die <em>Via Emilia<\/em>, von Piacenza nach Rimini, zieht sich wie ein schr\u00e4g abfallender Strich durch die Emilia-Romagna.<\/p>\n<p>Am Ende entscheide ich mich f\u00fcr Parma. Die Entscheidung ist rein intuitiv. Dazu kommt aber, dass es in Parma weniger Einschr\u00e4nkungen aufgrund des Erdbebens zu geben scheint.<\/p>\n<p>Als ich aus dem Haus gehe, ist es fast noch dunkel. Und es sind gerade einmal 17\u00b0. Im Laufe des Tages kommt allerdings die Sonne raus und es wird noch einmal richtig sommerlich warm. Ein sch\u00f6nes Abschiedsgeschenk von Italien.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Bahnhof sehe ich in einem Schaufenster eine Sch\u00fcrze mit der Aufschrift: <em>Non sono un uomo di spectaccolo, ma sono uno spectaccolo di uomo.<\/em><\/p>\n<p>In dem Caf\u00e9, wo ich fr\u00fchst\u00fccke, wird auf einem Schild darauf hingewiesen, dass es keine Toilette gibt: <em>Questo locale non \u00e8 dotato di toilette<\/em>. Dabei\u00a0 hat das Caf\u00e9 eine ansehnliche Gr\u00f6\u00dfe.<\/p>\n<p>Der Zug, ein Nahverkehrszug, braucht eine gute Stunde nach Parma und eine weitere Stunde zur Endstation, Mailand. Die meisten steigen schon in Modena aus.<\/p>\n<p>Vom Bahnhof in Parma aus f\u00fchrt eine schnurgerade Stra\u00dfe mit einer Mischung von alten und neuen H\u00e4usern direkt in die Altstadt. An dem Zaun vor einem der alten H\u00e4user h\u00e4ngen vier sch\u00f6n gestaltete, rote Briefk\u00e4sten.<\/p>\n<p>Man hat irgendwie das Gef\u00fchl, an einem Fluss entlang zu sehen, und tats\u00e4chlich gibt es rechts des Weges ein Flussbett, das aber um diese Jahreszeit fast ganz ausgetrocknet ist.<\/p>\n<p>Vor der Besichtigung trinke ich noch einen Kaffee. Gerade vorher in Bologna habe ich mich noch gefragt, ob die Preise in den Caf\u00e9s festgesetzt sind. Ich zahle immer 2,80 f\u00fcr Kaffee, Geb\u00e4ck und Wasser, 2,30 ohne Wasser. Jetzt in Parma zahle ich gleich 2,00 \u20ac f\u00fcr den Kaffee.<\/p>\n<p>Parma hat etwas, das Bologna nicht hat, n\u00e4mlich ein einziges, alles andere \u00fcbertreffendes Bauwerk, das Baptisterium. Der Baumeister selbst, Benedetto Antelami, der wichtigste mittelalterliche Baumeister, den Parma hatte, war so stolz auf sein Werk, dass er \u2013 v\u00f6llig ungew\u00f6hnlich f\u00fcr die Zeit \u2013 \u00fcber dem Eingang seinen Namen und das Jahr der Erbauung eingemei\u00dfelt hat: <em>Bis binis demptis \u2013 annis de mille ducentis \u2013 incepit dictus <\/em>&#8211; <em>opus hoc sculptor Benedictus<\/em>. Kurz gesagt: Benedikt 1196 (=1200 \u2013 2 x 2).<em> <\/em><\/p>\n<p>Das Baptisterium steht zwischen Dom und Bischofspalast auf der <em>Piazza del Duomo<\/em>. Der Bischofspalast, mit sehr unterschiedlich gestalteten drei Ebenen an der Fassade, wurde sp\u00e4ter zum Sitz der Farnese, die sp\u00e4ter aus Ferrara fl\u00fcchten mussten. Sie sollen einen ziemlichen Einfluss auf Parma gehabt haben.<\/p>\n<p>Das Baptisterium ist achteckig und ganz mit wei\u00dfem Marmor verkleidet. Ein Fries mit Skulpturen zieht sich etwas \u00fcber Augenh\u00f6he einmal fast vollst\u00e4ndig um den Bau. Man sieht gefl\u00fcgelte L\u00f6wen, Sphingen, Zentauren und Tierkreiszeichen.<\/p>\n<p>An allen drei Portalen gibt es Skulpturen und Reliefs, eins interessanter als das andere. \u00dcber dem Eingang, an der <em>Porta<\/em> <em>della Vergine<\/em>, zeigt der Architrav Motive um Johannes den T\u00e4ufer. Schlie\u00dflich handelt es sich ja um eine Taufkirche. Bei der Taufe im Jordan links halten Engel elegant geformte Badet\u00fccher bereit, bei dem Bankett des Herodes erkennt man genau das Muster der Tischdecken \u2013 vermutlich ein Anachronismus \u2013 und rechts wird Johannes mit einem beherzten Schlag der Kopf abgehauen, aber ein Engel fliegt schon herbei, um seine Seele aufzufangen.<\/p>\n<p>Am Westportal wird zum ersten Mal \u00fcberhaupt in Italien das J\u00fcngste Gericht dargestellt, genauer die Auferstehung der Toten. Von links und rechts klettern nackte Menschen einer nach dem anderen aus einem Sarg und laufen auf zwei Posaune spielende Engel in der Mitte zu. Dar\u00fcber Christus, der seine Wundmale herzeigt, und daneben das Kreuz, auf das Engel zufliegen. Sie bringen die Marterwerkzeuge mit. Am Rand der T\u00fcr werden die Werke der Barmherzigkeit und das Gleichnis mit dem Weinberg dargestellt. Die ganze Szene ist eingerahmt von feinen S\u00e4ulen und Halbs\u00e4ulen in r\u00f6tlichem Veroneser Marmor.<\/p>\n<p>Am S\u00fcdportal ist nur eine, aber eine h\u00f6chst merkw\u00fcrdige Szene dargestellt: Ein Mann ist auf einen Baum geklettert, um sich an einem Honigkorb zu bedienen, aber unten an dem Baum nagen Tieren an den Wurzeln und oben bedroht ihn ein Drache: Wer sich nur den s\u00fc\u00dfen Dingen des Lebens widmet, l\u00e4uft Gefahr, verloren zu gehen. Der Hintergrund dazu ist ein orientalisches M\u00e4rchen: Der verw\u00f6hnte K\u00f6nigssohn Josaphat wird durch die Begegnung mit Armut, Krankheit und Tod zu innerer Einsicht gebracht und durch den christlichen Asketen Balaam zum Glauben gef\u00fchrt. In diesen Kontext passen auch die Figuren, die die Szene umgeben, Sonne und Mond und die \u201edahinjagende\u201c Zeit.<\/p>\n<p>Der Eindruck, wenn man das Baptisterium betritt, ist atemberaubend. Es ist ganz und gar ausgemalt. Die steil aufsteigende Kuppel ist durch Archivolten in sechzehn vertikale Streifen geteilt. Horizontal gibt es vier Gem\u00e4ldestreifen, und dar\u00fcber, ganz oben in der Kuppel, Sonnen und Sterne. Die Gem\u00e4ldestreifen zeigen biblische Figuren und biblische Szenen. Auch unter der Kuppel sind die W\u00e4nde ausgemalt. Statt sich in Details zu verlieren, l\u00e4sst man einfach den Kopf kreisen und sieht sich all diese Pracht an. Es wird einem fast schwindlig dabei.<\/p>\n<p>Unten stehen zwei Taufbecken, ein gro\u00dfes (f\u00fcr die Ganzk\u00f6rpertaufe) in der Mitte, ein kleines am Rande. Das hat wieder die L\u00f6wenfiguren, auf die ich in diesen Tagen so oft sto\u00dfe, aber hier wird eine andere Interpretation angeboten: Der L\u00f6we h\u00e4lt nicht etwa ein L\u00f6wenjunges, sondern einen Hasen, die menschliche Seele, in den Klauen, aber der L\u00f6we wird von dem \u00fcber ihm lastenden Taufbecken erdr\u00fcckt, so wie der Satan von der Macht des Sakraments erdr\u00fcckt wird.<\/p>\n<p>Unter der Kuppel, etwa auf der H\u00f6he, wo die Kuppel ansetzt, sind in Kammern zwei Reihen von Statuen eingestellt. Wenn sie mal farbig waren, sind sie es nicht mehr. Es sind gro\u00dfdimensionierte Allegorien der Monate und der Jahreszeiten: im Juni wird geerntet, im Juli gedroschen, im Oktober ges\u00e4t. \u00c4hnlichen Darstellungen werde ich im Laufe des Tages noch dreimal begegnen. Au\u00dferdem gibt es eine Frauenfigur und eine M\u00e4nnerfigur, die die Jahreszeiten symbolisieren. Der Mann hat einen Umhang umgeworfen, der eine H\u00e4lfte des K\u00f6rpers bedeckt und die andere frei l\u00e4sst und tr\u00e4gt auch nur einen Schuh. Er symbolisiert vermutlich Herbst und Winter gleichzeitig. Zu seiner Seite ein kahler und ein bewachsener Ast.<\/p>\n<p>Im Vergleich zum Baptisterium ist der Dom fast entt\u00e4uschend. Das liegt auch daran, dass sich die Sonne gerade versteckt und im dem ohnehin dunkleren Raum die Details, zum Beispiel die romanischen Kapitelle, kaum erkennen l\u00e4sst. Dabei ist auch der Dom ganz und gar ausgemalt. Die meisten Malereien sind vermutlich aus dem Barock und haben einen anderen Charakter als die des Baptisteriums.<\/p>\n<p>Das ganze gro\u00dfe Glanzlicht des Doms ist Correggios Ausmalung der Kuppel. Sie zeigt die Himmelfahrt. Auch hier ist wegen der H\u00f6he und der Dunkelheit nicht viel zu erkennen, und das ist schade, denn das Werk ist hoch umstritten und es immer gewesen. Schon nach der Enth\u00fcllung wurden vielfach die vielen nackten K\u00f6rperstellen, die ungest\u00fcme Auffassung des Themas und die Profanit\u00e4t der Malerei kritisiert. Tats\u00e4chlich sieht Maria aus, als w\u00e4re sie von einer Rampe in die Erdumlaufbahn geschossen worden. Nachdem das Werk enth\u00fcllt worden war, wurde Correggio der Auftrag zum Ausmalen des Doms entzogen.<\/p>\n<p>Ich sehe mir ein Steinrelief (XII) n\u00e4her an, eine Kreuzabnahme, die im Querschiff steht. Sie kann man aus allern\u00e4chster N\u00e4he betrachten, und ganz ungest\u00f6rt. Es gibt eine l\u00e4ngere Erkl\u00e4rung auf Italienisch, die einen mehr Details sehen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Sie stammt auch von Antelemi, und auch hier gibt es eine Inschrift, die seine Autorschaft verr\u00e4t. Das Kreuz hat zwei Edelsteine, ein symbolischer Verweis darauf, dass es Leben, nicht Tod bedeutet. Die Darstellung ist sehr lebendig: Jesus h\u00e4ngt noch mit einer Hand am Kreuz. Sein Leichnam wird, kr\u00e4ftig und gleichzeitig liebevoll, von Joseph von Arimath\u00e4a gest\u00fctzt, w\u00e4hrend Nikodemus auf eine Leiter gestiegen ist und den letzten Nagel entfernt. Rechts sitzen die Soldaten und teilen Christi Gewand unter sich auf, mit sehr unterschiedlichen Mienen, von indifferent bis peinlich ber\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die Fassade des Doms, ganz in Marmor, ist allerdings ausgesprochen sch\u00f6n. Hier, am Hautportal, begegnet man wieder Monatsdarstellungen, diesmal als Relief. Man kann sie besser erkennen als die weit oben stehenden Skulpturen des Baptisteriums. Die Z\u00e4hlung f\u00e4ngt mit M\u00e4rz an, dem Monat der Empf\u00e4ngnis. Dieser Monat wird durch einen J\u00fcngling symbolisiert, der sich einen Dorn aus dem Fu\u00df zieht. Im August, September und Oktober gibt es Motive aus der Weinlese, im November wird ein Schwein geschlachtet.<\/p>\n<p>Obwohl Baptisterium und Dom mit Marmor verkleidet sind, sind Ziegel aus eigener Herstellung das wichtigste Baumaterial in Parma. Das sieht man, wenn man um den Dom herumgeht. Die waren ein wichtiger Exportartikel Parmas, und nach einiger Suche finde ich, im <em>Palazzo del Governatore<\/em>, in der Wand das amtlich approbierte Muster eines solchen Ziegelsteins. Ich bin jetzt mitten in der Stadt angekommen. Es herrscht reger Betrieb, ein denkbar gro\u00dfer Kontrast zu meinem ersten Besuch in Parma vor Jahren, als ich an einem Sonntagmittag hier war.<\/p>\n<p>Die Suche nach dem Stein bringt mich zur Touristeninformation. Von der werde ich zum <em>Teatro Regio<\/em> geschickt. Ich wei\u00df auch nicht, warum. Ich habe nach dem <em>Teatro Farnese g<\/em>efragt, und das macht in einer Stunde zu. Als ich zum <em>Teatro Regio<\/em> komme, stellt sich heraus, dass alle Besichtigungen heute ausfallen. Das <em>Teatro Regio<\/em> sieht aber wenigstens wie ein Theater aus und ist nicht so schwer zu finden. Das kann man von dem <em>Teatro Farnese<\/em> nicht sagen, und viele wissen nicht, wo es ist. Am Ende komme ich an einen riesigen, grauen, schmucklosen Bau, der eher wie ein Bunker aussieht und nicht wie ein Palazzo. Darin ist tats\u00e4chlich, im ersten Obergeschoss, das <em>Teatro Farnese<\/em>. Der Bau beherbergt auch verschiedene Museen.<\/p>\n<p>Gerade wegen des n\u00fcchternen \u00c4u\u00dferen ist der Eindruck beim Betreten des Theaters \u00fcberw\u00e4ltigend. Man betritt eine gro\u00dfe, sehr hohe Halle, die erst einmal gar nicht wie f\u00fcr ein Theater gemacht aussieht. Und es war anfangs auch gar kein Theater, sondern eine Halle f\u00fcr Ritterturniere! Ein kunstsinniger Farnese-F\u00fcrst, Ranuccio I., lie\u00df die Halle zum Theater umbauen. Sein Wappen h\u00e4ngt \u00fcber der B\u00fchne, und an der Seite, zwischen B\u00fchne und Zuschauerr\u00e4ngen, sind zwei gro\u00dfe Reiterstatuen, hoch oben an der Wand angebracht, die vermutlich auch Farnese-F\u00fcrsten darstellen.<\/p>\n<p>Die B\u00fchne ist oben und zu beiden Seiten von einer gro\u00dfen Holzstruktur mit riesigen Halbpfeilern eingefasst. Dahinter verbergen sich die technischen Apparaturen, die ganz neue Ma\u00dfst\u00e4be setzten.<\/p>\n<p>Man kann die B\u00fchne betreten. Sie hat eine Tiefe von vierzig Metern! Von dort hat man einen guten Blick auf die Zuschauerr\u00e4nge, die erstmals nicht mehr im Halbkreis, sondern in Hufeisenform angeordnet sind. Auch diese Neuerung wirkte als Vorbild f\u00fcr sp\u00e4tere Theaterbauten. Man fragt sich allerdings, wie gut man von den \u00e4u\u00dferen Enden der R\u00e4nge auf die B\u00fchne sehen konnte, ohne Nackenstarre zu bekommen.<\/p>\n<p>Die besondere \u00c4sthetik des Raumes wird durch eine doppelte Loggia hinter den Zuschauersitzen erreicht, die Durchblick gew\u00e4hrt auf die illusionistische Malerei dahinter. Einfach wunderbar!<\/p>\n<p>Da es noch relativ fr\u00fch am Tag ist, beschlie\u00dfe ich, statt in Parma zu bleiben, auf dem R\u00fcckweg in Modena Halt zu machen. Der Zugahrplan spielt mit. Die Z\u00fcge sind wieder alle sauber, p\u00fcnktlich und bequem. Vor allem in dem Zug von Parma nach Modena gibt es wunderbar breite, weiche Sitze. Die reinste Erholung. Auch die Durchsagen sind pr\u00e4zise und verst\u00e4ndlich. Ich erinnere mich noch an die scheppernden Lautsprecherddurchsagen meines ersten Aufenthalts in Bologna. Da konnte man meistens allenfalls den einen oder anderen Ortsnamen erahnen. Jetzt versteht man jedes Wort.<\/p>\n<p>Eins der wichtigsten historischen Objekte in Modena ist ein Eimer. Ein gar nicht besonders ansehnlicher Eimer. Er wurde als Kriegsbeute nach der Schlacht von Zappolino (1325) nach Modena gebracht, einer Schlacht gegen den Erzfeind: Bologna. Der Eimer ist heute hinter Glas im <em>Palazzo Communale<\/em> zu besichtigen.<\/p>\n<p>Wenn man dieser Rivalit\u00e4t auf den Grund geht, landet man tief in der Geschichte, bei der Pippinschen Schenkung (bzw. deren Erneuerung durch Karl den Gro\u00dfen). Pippin hatte die Langobarden in Norditalien besiegt und einen Teil des eroberten Gebiets dem Papst vermacht, aber eben nur einen Teil, und den Rest f\u00fcr sich behalten. Die Grenze zwischen den beiden Teilen bildete der Panaro, und der verl\u00e4uft genau zwischen Modena und Bologna. Insofern verstand sich der \u00f6stliche Teil als zu Rom geh\u00f6rend, also als Romagna im engeren Sinne, w\u00e4hrend der westliche Teil, mit Modena, zumindest formal zum Frankenreich geh\u00f6rte. Ob man so weit in die Geschichte zur\u00fcckgehen muss, um solche Rivalit\u00e4ten zu erkl\u00e4ren, ist fraglich, aber irgendwo m\u00fcssen sie ja herkommen. Dass die Rivalit\u00e4t, sogar Abneigung, auch heute noch besteht, wurde auch in einem Artikel \u00fcber die Neuordnung der Provinzen in Italien deutlich, den wir dieser Tage gelesen haben. Die Zusammenlegung von Modena und Bologna wurde da als Paradebeispiel f\u00fcr etwas zitiert, was, der popul\u00e4ren Vorstellung zufolge, gar nicht geht. Nat\u00fcrlich gab es auch Rivalit\u00e4ten \u201enormalen\u201c Zuschnitts zwischen den anderen St\u00e4dten. Man stand allenfalls zusammen, wenn es um die st\u00e4dtische Selbst\u00e4ndigkeit ging. Ansonsten herrschte Kirchturmpolitik, <em>campanilismo<\/em>, und es war letztlich gar nicht so wichtig, ob man zum Kaiser oder zum Papst geh\u00f6rte.<\/p>\n<p>Jedenfalls hat der Eimer in Modena eine hohe Bedeutung. Fr\u00fcher hing er in der <em>Ghirlandina<\/em>, dem mit wei\u00dfem Marmor verkleideten Turm, der von \u00fcberall zu sehen ist. Sagt man. Vom Bahnhof aus kann ich ihn aber nicht sehen. Daf\u00fcr ist er nicht hoch genug. Er erinnert entfernt an das Baptisterium von Parma, ist aber viereckig und schmucklos.<\/p>\n<p>Vor der <em>Ghirlandina<\/em> steht die Statue eines Dichters aus Modena, dessen Ruhm vor allem auf einem Gedicht beruht, und das hei\u00dft \u201eLa secchia rapita \u2013 Der geraubte Eimer\u201c!<\/p>\n<p>Die <em>Ghirlandina<\/em> ist durch B\u00f6gen mit dem Dom verbunden, und der ist eins der drei gro\u00dfen Geb\u00e4ude auf der <em>Piazza Grande<\/em>. Dass der Platz nicht mehr, wie fr\u00fcher, <em>Piazza del Duomo<\/em> hei\u00dft, betont seinen b\u00fcrgerlichen Charakter. Schlie\u00dflich ist hier auch der erw\u00e4hnte <em>Palazzo Communale<\/em>. Er dient als ganz normales Rathaus, aber man l\u00e4sst mich auch drei reich ausgemalte repr\u00e4sentative R\u00e4ume besichtigen. In einem davon, <em>La sala del fuoco<\/em>, h\u00e4ngt ein Bilderzyklus, der auf den ersten Blick ganz friedlich, fast idyllisch aussieht, aber den B\u00fcrgerkrieg nach C\u00e4sars Tod zum Thema hat: \u201eLa Guerra di Modena\u201c (1546) von Niccol\u00f2 dell\u2019Abate. Auch damals war Modena heftig umk\u00e4mpft und wurde stark zerst\u00f6rt, nicht das einzige Mal in seiner Geschichte. Das hatte sogar zur Folge, dass die Stadt einst ganz verlassen und an einen anderen Ort verlegt wurde. Als man dort aber kein Gl\u00fcck hatte, kehrte man zur\u00fcck. Hier waren schlie\u00dflich die Reliquien des Heiligen, San Giminiano, der der Stadt am Ende doch zu Gl\u00fcck verhalf. Modena ist heute eine der erfolgreichsten und wohlhabendsten St\u00e4dte Italiens.<\/p>\n<p>An einer Ecke des <em>Palazzo Communale<\/em> steht auf einer Konsole die wei\u00dfe Figur einer jungen Frau, der <em>Bonisima<\/em>, ein Emblem Modenas. Man wei\u00df nicht, wen sie darstellt, aber man glaubt, es handele sich um eine reiche Modeneserin. Das w\u00e4re ungew\u00f6hnlich, eine profane Figur, und vielleicht handelt es sich doch um eine Heilige, aber sie sieht tats\u00e4chlich eher \u201eb\u00fcrgerlich\u201c aus.<\/p>\n<p>Vor dem <em>Palazzo Communale<\/em> steht, oder liegt, ein dicker, breiter Steinblock auf niedrigen St\u00fctzen. Man kann sich kaum vorstellen, was das ist, aber eine Inschrift verr\u00e4t es: Es ist die <em>Pietra Ringadora<\/em>, ein Rednerstein. Auf dem Stein stehend, wand man sich, wenn man etwas zu sagen hatte, an seine Mitb\u00fcrger. Der Stein wurde auch bei der \u00f6ffentlichen Bestrafung von Verbrechern und zur Ausstellung nicht identifizierter Leichen benutzt.<\/p>\n<p>Der Dom ist geschlossen und au\u00dferdem einger\u00fcstet, aber nicht ganz. Wenn man herum geht, bekommt man doch einiges zu sehen, vor allem den Reliefschmuck an den drei Portalen.<\/p>\n<p>Der Dom von Modena ist ein Schmuckst\u00fcck und hat romanische Skulpturen, die zu den \u00e4ltesten \u00fcberhaupt z\u00e4hlen. Auf den ersten Blick wirken sie etwas naiv, aber die Erz\u00e4hlungen sind sehr interessant. Im Norden, zur <em>Ghirlandina<\/em> hin, mit der der Dom durch ein paar B\u00f6gen verbunden ist \u2013 der schmale Durchgang zwischen Dom und Turm ist an sich schon sehenswert \u2013 befindet sich die <em>Porta della Pescheria<\/em>, nach dem Fischmarkt benannt, der auf dieser Seite beheimatet war. Da sieht man in den B\u00f6gen w\u00fctende Ritter eine Burg best\u00fcrmen und eine Gefangene befreien.<\/p>\n<p>Am Abend in Bologna komme ich in der <em>Osteria dell\u2019Orsa<\/em> ins Gespr\u00e4ch mit einem Mann, der Italienisch spricht, aber nicht italienisch aussieht. Ich glaube erst, er hat sie nicht alle. Erst bestellt er, ohne es zu wollen, gleich einen halben Liter Wein und ist dann \u00fcberrascht, wie viel das ist, dann fragt er mich, ob das, was ich auf dem Teller h\u00e4tte &#8211; H\u00e4hnchenschnitzel mit Bohnen &#8211; eine Pizza sei, und dann wei\u00df er nicht, was <em>Tiramis\u00f9<\/em> ist. Andererseits hat er mich schon nach zwei W\u00f6rtern als Ausl\u00e4nder identifiziert, und sein Italienisch h\u00f6rt sich perfekt an. Ein R\u00e4tsel. Am Ende stellt sich heraus, dass er Schwede ist, ein schwedischer Musiker, ein Violinist, der mit italienischen Musikern zusammen auftritt oder zusammenarbeitet. Er lebt, wenn ich das richtig verstehe, in Neapel, und ist nur auf Stippvisite in Bologna. Deutsch habe er nur ein Jahr lang gelernt, dann habe er zu Italienisch gewechselt, habe aber durch die Musik Kontakt mit Deutsch. Er kennt auch St\u00e4dte wie Heilbronn, die im Ausland nicht jeder kennt. Er kommt auf die deutsche Philosophie zu sprechen, auf Fichte und Nietzsche. Das <em>Archiginnasio<\/em> von Bologna kennt er nicht, und auch nicht das Anatomische Theater in Uppsala. Merkw\u00fcrdig. Er fragt mich, ob ich denn Schwedisch k\u00f6nne, und ich gebe kleinlaut zu, dass ich das gerade lerne. Daraufhin beginnt die ganz gro\u00dfe Sprachverwirrung und wir vermischen Italienisch, Deutsch und Schwedisch. Die Italiener am Nebentisch gucken her\u00fcber \u2013 man kann das aus den Augenwinkeln sehen \u2013 und fragen sich wohl, was das f\u00fcr ein merkw\u00fcrdiges Gespann sein mag.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg verirre ich mich ein letztes Mal in den Stra\u00dfen von Bologna und f\u00fchre, angeregt von den Eindr\u00fccken des Tages und dem halben Liter Wein, den ich verdr\u00fcckt habe, Selbstgespr\u00e4che in einem babylonischen Sprachgemisch, das an Salvatore aus <em>Der Name der Rose<\/em> erinnert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>7. September (Freitag) Bologna ist die Stadt, in der, einer Umfrage zufolge, die meisten Italiener gerne leben w\u00fcrden. Sie wissen, was gut ist. Im Ausland ist der Stellenwert Bolognas viel geringer: Rom, Florenz, Venedig stehen ganz oben, und auch Mailand, &hellip; <a href=\"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=2853\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":1155,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/2853"}],"collection":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2853"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/2853\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7720,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/2853\/revisions\/7720"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1155"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2853"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}