{"id":3439,"date":"2013-03-24T17:43:49","date_gmt":"2013-03-24T16:43:49","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=3439"},"modified":"2015-12-16T13:10:36","modified_gmt":"2015-12-16T12:10:36","slug":"delhi-2013","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=3439","title":{"rendered":"Delhi (2013)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">17. Februar (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Kalkutta! Bombay! Das ist Indien. Man f\u00e4hrt zum Ganges oder in den Himalaya. Aber Delhi? H\u00f6rt sich staubtrocken und mausgrau an. Trotzdem: Die erste Reise ins neue Land geht in die Hauptstadt. Damit habe ich gute Erfahrungen gemacht, ob in Malaysia, in Mexiko oder in Malta. Und der Reisef\u00fchrer gibt mir recht: Delhi ist tats\u00e4chlich \u00e4lter als Kalkutta und Bombay, es hat au\u00dferdem Old Delhi und New Delhi, und Agra mit dem Taj Mahal ist nah genug f\u00fcr eine Tagestour. Ich kann mich noch erinnern, wann ich den Namen Taj Mahal zum ersten Mal geh\u00f6rt habe: Als ich Kind war, machte unsere Zeitung eine Umfrage bei den Lesern, um herauszufinden, welches die sieben Weltwunder der Moderne waren. Das Taj Mahal war dabei.<\/p>\n<p>Am interessantesten bei der Lekt\u00fcre zur Vorbereitung sind die Religionen: die Vielfalt, die Unterschiede, die Versuche, eine Synthese aus zwei alten Religionen zu machen, die Reformbewegungen innerhalb der Religionen, die historischen Wechself\u00e4lle. Zwei Beispiele: Der Buddhismus, der aus Indien kommt, hat hier nur noch einen kleinen Anteil an den Religionen. Und die beiden wichtigsten Religionen, der Hinduismus und der Islam, sind so verschieden, wie man es sich nur denken kann: Vielg\u00f6tterei gegen Monotheismus, bunte Bilderwelt gegen Bildverbot.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem gibt es auch im Hinduismus eine Dreifaltigkeit. Sie hei\u00dft hier Trimurti, und besteht aus Brahma, dem Sch\u00f6pfer, Vishnu, dem Erhalter, und Shiva, dem Zerst\u00f6rer und Erneuerer. Nach der christlichen Dreieinigkeit, der kapitolinischen Trias (Jupiter, Juno, Minerva) und den \u00e4gyptischen Isis, Osiris und Horus begegne ich schon zum vierten Mal einer Dreizahl an der Spitze der G\u00f6tterhierarchie. Zufall? Die Besonderheit der hinduistischen G\u00f6tter ist, dass sie, wie die Menschen, wiedergeboren werden und in immer neuen Inkarnationen auftreten. So sind Rama, Krishna und Buddha alle Inkarnationen ein und desselben Gottes, Vishnu.<\/p>\n<p>Auf der ganz praktischen Seite gibt es die Besonderheit, dass der Zeitunterschied zu Deutschland nicht vier oder f\u00fcnf Stunden, sondern viereinhalb Stunden betr\u00e4gt! Zeitzonen innerhalb von Indien scheint es nicht zu geben. Das Land ist riesig, aber eher lang als breit.<\/p>\n<p>Eher zuf\u00e4llig habe ich herausgefunden, dass man ein Visum braucht. Das kam \u00fcberraschend. Das indische Konsulat hat die Sache einer privaten Firma \u00fcbergeben, so dass au\u00dfer den Konsulatsgeb\u00fchren auch noch Geb\u00fchren f\u00fcr die Abwicklung anfallen. Daf\u00fcr geht es sehr effizient zu. Kaum ist der Antrag da, bekommt man schon die Nachricht, dass er angekommen ist und welche Daten noch fehlen. Auch als die vorliegen, bekommt man eine Nachricht dar\u00fcber, dann wird man informiert, dass die Sache in Bearbeitung ist und dann, dass sie abgeschlossen ist. Und am n\u00e4chsten Tag ist der Pass mit dem Visum da. Am Anfang steht allerdings ein umfangreiches Formular im Internet. Das schrumpft langsam zusammen, wenn man bestimmte Felder, die nicht zutreffen, negativ beantwortet hat. Man muss aber Namen und Beruf von Vater und Mutter angeben. Schwer zu verstehen, was das mit einem Visum zu tun hat, wenn Vater und Mutter seit 50 bzw. 20 Jahren tot sind.<\/p>\n<p>Am Flughafen in Frankfurt geht es bei India Air langsam zu. Eine Geduldsprobe. Vermutlich eine gute Vorbereitung auf das Land. Alle Daten werden auf vorsintflutlichen Computern per Hand eingegeben. Eine der Angestellten beklagt sich sogar laut dar\u00fcber. \u00dcberall stehen Ordner herum, die Unordnung in die herrschende Ordnung bringen. Es grenzt an ein Wunder, dass wir nur mit einer halben Stunde Versp\u00e4tung abfliegen.<\/p>\n<p>Das Flugzeug, bis auf den letzten Platz besetzt, hat auch ein paar Altersschw\u00e4chen: die Leselampe geht die ganze Nacht \u00fcber immer wieder von selbst an und aus, der Bildschirm bleibt schwarz, der Lautsprecher kr\u00e4chzt und dringt nicht bis zu uns auf den letzten Pl\u00e4tzen vor, der Sitz hat eine Feder, die herausspringt und sich mir in den R\u00fccken dr\u00fcckt, der Teppichboden ist voller Flecken und Risse, die notd\u00fcrftig geflickt sind. Die Plastikfassungen sind br\u00fcchig und in den Ritzen stecken noch die Servietten und Zahnstocher der letzten Passagiere.<\/p>\n<p>\u00dcber das Schwarze Meer und das Kaspische Meer geht es in einem sanften Bogen Richtung S\u00fcdost. Delhi liegt ungef\u00e4hr auf der H\u00f6he von Kairo und von New Orleans, etwas n\u00f6rdlich von Schanghai.<\/p>\n<p>Unter den Passagieren viele junge Rucksacktouristen, meistens Frauen, denen man ansieht, dass sie in Katmandu dem Sinn des Lebens auf den Grund gehen wollen, und \u00e4ltere Frauen mit strengen Frisuren und Nickelbrillen, denen man ihre \u00dcberzeugung ansieht, dass sie die Welt verbessern k\u00f6nnten, wenn man sie nur lie\u00dfe.<\/p>\n<p>Die Passagiere sind zur H\u00e4lfte Deutsche, zur H\u00e4lfte Inder. Die gibt es in dunkelh\u00e4utig und in hellh\u00e4utig. Das sind die Arier, die in der Vorzeit in Indien, vermutlich von Mittelasien kommend, eindrangen und sich die Draviden untertan machten. So jedenfalls eine Konstanze der indischen Geschichtsschreibung. Die aber jetzt ins Wanken ger\u00e4t. Es gibt Wissenschaftler, die behaupten, die Draviden seien damals noch gar nicht da gewesen. Dann muss die indische Geschichte umgeschrieben werden. Jedenfalls sind es die Arier, die ihre Sprache mitgebracht haben und die, wie das 19. Jahrhundert zu seinem Erstaunen entdeckte, mit unseren Sprachen verwandt ist. Eine Sensation, ausgerechnet von einem britischen Richter entdeckt, der hier nichts Besseres zu tun hatte als Sanskrit zu lernen, die alte Sprache der indischen Religion \u2013 so etwas wie das Latein Indiens \u2013 und auf einmal merkte, dass es da \u00c4hnlichkeiten mit Latein und Griechisch, aber auch den \u201egotischen\u201c Sprachen gab, die es eigentlich gar nicht geben d\u00fcrfte. Ich mache den Versuch mit Hindi, mit den paar W\u00f6rtern, die im Reisef\u00fchrer stehen. Kein Erfolg, bei keinem einzigen der W\u00f6rter kann ich irgendeine Verbindung mit unseren Sprachen herstellen \u2013 bis ich die Zahlen entdecke. Da geht es: <em>ek, do, tin, char, panch<\/em>. Die h\u00e4tte man identifizieren k\u00f6nnen, auch <em>sat<\/em> f\u00fcr sieben und <em>nau<\/em> f\u00fcr neun.<\/p>\n<p>Wieder mit den Gedanken im Flugzeug angelangt, sehe ich Saris, aber keine Turbane. Eine Frau tr\u00e4gt einen prachtvollen roten Sari, ihr Mann eine dicke, schwarze Lederjacke. Auch die Stewardessen tragen einen Sari, oder zumindest etwas in der Art.<\/p>\n<p>Neben mir sitzt ein indisches Ehepaar aus New York, das dort einen Importhandel f\u00fcr indische Waren betreibt. Offensichtlich ein lohnendes Gesch\u00e4ft. Sie reisen jedes Jahr in die alte Heimat und lassen sich Zeit dabei. Diesmal mit Zwischenaufenthalten in Singapur und Barcelona.<\/p>\n<p>Sie fragt mich nach meinen Pl\u00e4nen und ist \u00fcberrascht, dass ich so lange in Delhi bleiben will. Das passiert in den n\u00e4chsten Tagen immer wieder. Langsam kommen mir Zweifel. Sie ermahnt mich, vorsichtig zu sein. Wovor? Warum? Ich vermute, es sind die Schlepper, vor denen sie mich warnen will, aber sie kennt wohl kein richtiges englisches Wort daf\u00fcr und beschr\u00e4nkt sich aufs Gestikulieren. Statt mich artig zu bedanken, sage ich: <em>Das kenne ich aus anderen L\u00e4ndern<\/em>. Aber das l\u00e4sst sie nicht gelten: <em>The Indians are smart. Smarter than others.<\/em><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">18. Februar (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Am Gep\u00e4cklaufband treffe ich eine junge Frau wieder, die mir schon in Mainz am Bahnhof mit den versp\u00e4teten Z\u00fcgen geholfen und die ich dann beim Einchecken und dann beim Einsteigen wieder getroffen habe. Sie reist weiter, bleibt aber erst mal einen Tag in Delhi. Sie sagt, sie freue sich jetzt aufs Bett. Ich sage, ich auch, aber tats\u00e4chlich habe ich eher vor, bis zum Abend auszuhalten, um mich an den Zeitunterschied zu gew\u00f6hnen.<\/p>\n<p>Sie tauscht Geld um, ich versuche es an einem Geldautomaten. Nach mehrmaligen vergeblichen Versuchen geht mir auf, dass man erst die Geldkarte herauszieht, bevor man die Daten eingibt. Dann klappt es. Ich hebe 8.000 Rupien ab, ungef\u00e4hr 100 \u20ac. Alles kommt in Tausendern. Das wird sich als Problem erweisen. Wechselgeld ist in Indien knapp.<\/p>\n<p>Ich werde von einem Taxifahrer des Hotels abgeholt. Das hat den Vorteil, dass man dort wirklich ankommt und zu einem festen Preise f\u00e4hrt, den man sp\u00e4ter im Hotel begleicht und nicht bei den schlitzohrigen Taxifahrern. Die Hotels lassen sich das gut bezahlen. Aber eigentlich geschieht es in ihrem eigenen Interesse. Die Taxifahrer bringen die Passagiere, mit der Begr\u00fcndung, das Hotel sei geschlossen, ausgebucht oder abgebrannt, in ein teures Hotel in die Au\u00dfenbezirke und kassieren dort eine Kommission.<\/p>\n<p>Erst, als ich an der falschen Seite einsteigen will, merke ich: Linksverkehr! Nat\u00fcrlich, wir befinden uns im britischen Empire.<\/p>\n<p>Der erste Eindruck von Delhi ist alles anderes als berauschend: diesig, wolkig, viel Asphalt und Zement, alles Grau in Grau. Und warm ist es auch nicht, gerade einmal 11\u00b0.<\/p>\n<p>Nach einem kurzen St\u00fcck Schnellstra\u00dfe wird es bald indisch: dichtes Verkehrsgewimmel auf engen Stra\u00dfen. \u00dcberholt wird st\u00e4ndig und von allen Seiten, und gehupt auch, mit und ohne Grund. Es gibt drei Varianten: anhaltend, wiederholt und einfach. Das erste bedeutet so etwas wie \u201eVorsicht!\u201c, das zweite \u00a0\u201eWeg da!\u201c, das dritte macht man nur so aus Gewohnheit.<\/p>\n<p>An einer Stra\u00dfenecke warten ganze Reihen von Kleinbussen und gelben, motorisierten Rikschas, dem indischen \u00c4quivalent zu den <em>cocotaxis<\/em> in Havanna. Sie sind aber eckiger. Und entlang der Stra\u00dfe warten altersschwache Schulbusse auf das Ende des Unterrichts. Einer von ihnen hei\u00dft <em>Krishna<\/em>.<\/p>\n<p>Die Pension, ein Familienbetrieb, liegt in einer etwas ruhigeren Stra\u00dfe, von au\u00dfen praktisch nicht zu erkennen. Man wird sehr freundlich empfangen. Das Zimmer liegt oben am Rande einer Dachterrasse und ist winzig klein. Es hat nur ein niedriges Bett und eine niedrige Anrichte, die mit R\u00e4ucherst\u00e4bchen, Alt\u00e4ren und Heiligenbildern vollgestellt ist. Es gibt keinen Schrank, keinen Tisch, kein Waschbecken. Die Toilette ist drau\u00dfen und die Dusche auch. Um warmes Wasser zu bekommen, muss man eine Viertelstunde vorher einen Schalter bet\u00e4tigen.<\/p>\n<p>Bei dem Roman, den ich gerade begonnen habe, <em>The God of Smaller Things<\/em> \u2013 indische Autorin, indischer Schauplatz \u2013 bin ich anfangs verwirrt, bis sich herausstellt, dass Esta, eine der Hauptfiguren, ein Mann ist. Der Name klingt nach Frau. \u00c4hnlich geht es mir bei den hinduistischen G\u00f6ttern wie Shiva. Alles M\u00e4nner. Jetzt kann ich aber feststellen, dass Ushi tats\u00e4chlich eine Frau ist, obwohl es sich nach Frau anh\u00f6rt. Das ist die Eigent\u00fcmerin der Pension. Avnish ist ihr Mann.<\/p>\n<p>Ich bekomme gerade mit, wie sich eine der \u00fcberadaptierten\u00a0 Amerikanerinnen \u00fcberschw\u00e4nglich f\u00fcr das Zimmer bedankt. Sie tr\u00e4gt Plunderhosen \u2013 ich erinnere mich, dass <em>Pyjama<\/em> auf dem Umweg \u00fcber Persien zu uns gekommen, aber eigentlich ein indisches Wort ist \u2013 und bedankt sich auf indische Art, mit gefalteten H\u00e4nden vor dem Gesicht und einem Kopfnicken. Sie macht das mehrmals, damit auch jeder mitkriegt, wie gut sie das kann.<\/p>\n<p>Dann kommt eine d\u00e4nische Familie herein, die ich gleich als D\u00e4nen identifiziere. Die kleine Tochter fragt mich, ohne Scheu, woher ich denn k\u00e4me, nat\u00fcrlich in flie\u00dfendem Englisch.<\/p>\n<p>Mein Plan, mir als erstes den Lakshmi-Tempel anzusehen, einfach deshalb, weil er nicht weit weg ist, scheitert an der indischen Realit\u00e4t: Es gibt \u00fcberhaupt keine Beschilderung, auch keine Stra\u00dfennamen, und zu meiner \u00dcberraschung kaum jemanden, der Englisch spricht. Die wenigen, die Englisch sprechen, nutzen es dazu, einem etwas anzudrehen oder einen \u00fcbers Ohr zu hauen. Wenn man nach einem Ort fragt, wird man, statt eine Antwort zu bekommen, eingeladen, mitzukommen oder mitzufahren.<\/p>\n<p>Der Verkehr tut sein \u00fcbriges. Die bunte Vielfalt ist zwar sch\u00f6n anzusehen \u2013 Handkarren, Kleintransporter, Fahrr\u00e4der, Rikschas, motorisierte und nicht motorisierte, und vor allem Hunderte von Rollern \u2013 macht aber das \u00dcberqueren der Stra\u00dfe zu einem Abenteuer. Fu\u00dfg\u00e4ngerampeln gibt es nicht, und die paar Zebrastreifen, die ich sp\u00e4ter im Zentrum sehe, haben eher dekorative Zwecke. Als ich die erste Querstra\u00dfe erreiche, stehe ich erst ratlos davor und atme dann tief durch, als ich sie \u00fcberquert habe.<\/p>\n<p>Auf der anderen Stra\u00dfenseite entdecke ich das erste Hakenkreuz, an einem Monument, das aus aufgeschichteten Steinquadern besteht und vermutlich religi\u00f6se Bedeutung hat. Das Hakenkreuz &#8211; auch das haben die Arier mitgebracht \u2013 bekr\u00f6nt das Monument.<\/p>\n<p>Dann kommt das n\u00e4chste Problem: B\u00fcrgersteige sind Mangelware, und da, wo es sie gibt, vollgeparkt oder aufgerissen oder \u00fcberflutet. Da muss man sich auf der Fahrbahn durchschlagen, und da ist man ganz klar der Schw\u00e4chste, was die anderen einem auch zu verstehen geben. <em>Might is right<\/em>, lese ich sp\u00e4ter in einem alten Reisef\u00fchrer, der in der Pension herumliegt.<\/p>\n<p>Ich komme an einem riesigen Krankenhaus vorbei. Von dem Tempel ist weit und breit keine Spur. Ziellos gehe ich weiter. Ich sehe einen Fris\u00f6r, der seinen Betrieb im Freien hat. Der einzige Einrichtungsgegenstand ist ein Stuhl. Hier lassen sich Inder frisieren und vor allem rasieren.<\/p>\n<p>Dann sehe ich einen Park, der seinen Namen nicht so richtig verdient. Auf dem Rasen, der seinen Namen \u00fcberhaupt nicht verdient, spielen junge Leute mit gro\u00dfer Leidenschaft das englischste aller Spiele: Cricket. An dem Zaun, den das Spielfeld von der Stra\u00dfe abtrennt, h\u00e4ngen Bilder von hinduistischen G\u00f6ttern. Indien im Kleinformat.<\/p>\n<p>An einem verdorrten Baum am Stra\u00dfenrand h\u00e4ngen ein Rosenkranz und Devotionalien.<\/p>\n<p>Endlich entdecke ich ein passabel aussehendes Caf\u00e9. Dort gibt es einen guten Kaffee und vor allem einen wunderbaren, warmen Kuchen, eine Art Kaffeekuchen, der etwas wie englische <em>crumpies<\/em> schmeckt.<\/p>\n<p>Eine Touristin am Nebentisch, die ich nach dem Weg frage, ist eine Deutsche aus Stuttgart. Sie kenne zwar viele St\u00e4tten in Delhi, aber nicht, wie man dahin kommt. Sie fahre immer mit dem Auto mit ihrem Freund. Sie wei\u00df aber, dass in der Richtung, aus der ich komme, eine Metrostation ist. Die Untergrundbahn hei\u00dft hier wirklich, nicht sehr britisch, <em>Metro<\/em>. Aber bei der Ankunft an einer Station h\u00f6rt man <em>Mind the gap<\/em>. Sehr britisch.<\/p>\n<p>Am Eingang der Metrostation, zu der man rauf, nicht runter geht \u2013 es ist meist eine \u00dcbergrundbahn \u2013 f\u00e4llt mir als erstes ein Schild auf: <em>Spitting is Prohibited<\/em>.<\/p>\n<p>Es gibt keinen Einheitspreis. Gl\u00fccklicherweise gibt es richtige Fahrkartenverk\u00e4ufer, keine Automaten. F\u00fcr die Fahrt zum Connaught Place, der jetzt nach dem ehemaligen Premierminister Rajiv Chowk hei\u00dft, bezahlt man 12 Rupien, knapp 20 Cent. Man bekommt einen elektronischen Chip, den man beim Verlassen der Metro wieder einwerfen muss.<\/p>\n<p>Vor dem Betreten der Metro wird man durchleuchtet. Das muss f\u00fcr die Pendler ziemlich l\u00e4stig sein, die das jeden Tag \u00fcber sich ergehen lassen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die Metro ist erst zehn Jahre alt. Sie aber \u00e4lter aus. Die Wagen sind zwar einigerma\u00dfen modern, aber kein Vergleich mit Peking oder Medell\u00edn, die auch erst in den letzten Jahren eine U-Bahn bekommen haben.<\/p>\n<p>Als ich auf dem Bahnsteig bin, muss ich feststellen, dass der Metro-Plan dort nur auf Hindi ist. Da ist man ziemlich aufgeschmissen. Die Schrift hat oben eine einheitliche Linie, nur nach unten variieren die Zeichen in der L\u00e4nge. \u00dcber der Linie, die oft tats\u00e4chlich gezeichnet wird und an der die Zeichen herunterzuh\u00e4ngen scheinen, gibt es nur hier und da einen Bogen oder einen Strich, vermutlich Akzente oder diakritische Zeichen. Verstehen tut man nichts, au\u00dfer den Zahlen. Die haben wir schlie\u00dflich aus Indien, auch wenn wir sie <em>arabisch<\/em> nennen.<\/p>\n<p>Es gibt, wie in Kuala Lumpur, U-Bahn-Wagen f\u00fcr Frauen. Sie sind auf dem Boden rosa markiert.<\/p>\n<p>Ich fahre zum Connaught Place, dem Rajiv Chowk, dem Zentrum von Neu Delhi, dem britischen Delhi.<\/p>\n<p>Rajiv Chowk ist die zentrale Station \u00fcberhaupt, angeordnet um eine runde Halle, in der die Str\u00f6me der Passagiere in die verschiedenen Richtungen laufen. Es ist so voll, dass man sogar Schwierigkeiten hat, den Ausgang zu finden.<\/p>\n<p>In der Metro gibt es sogar Toiletten. Das gab es, wenn ich mich richtig erinnere, in London fr\u00fcher auch, aber man hat es dann aufgegeben. Kaum in Schuss zu halten. In anderen St\u00e4dten hat man gleich darauf verzichtet. Ein Mann weist mir den Weg, fragt mich, vorher ich komme und bezahlt dann die eine Rupie an den Toilettenmann f\u00fcr mich, da ich kein Kleingeld finde. Dann habe ich ihn am Hals. Ich versuche, ihn loszuwerden \u2013 vergeblich. Als wir zum Ausgang kommen, deute ich nach links und biege dann im letzten Moment nach rechts ab. Als ich die Treppe raufgehe, \u00fcberholt er mich auf der linken Spur, ohne mich zu erkennen. Ich drehe mich um und gehe doch links raus. Geschafft!<\/p>\n<p>Der Connaught Place sieht mit seinen regelm\u00e4\u00dfig um ein gro\u00dfes Oval angeordneten Stra\u00dfen sehr \u00fcbersichtlich aus. Hier herrscht westeurop\u00e4ische Ordnung. Jedenfalls auf dem Stadtplan. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Der Platz ist viel zu gro\u00df, um die \u00dcbersicht zu behalten, und au\u00dferdem wird an jeder Ecke gebaut.<\/p>\n<p>Der Connaught Place ist das Zentrum der Schlepper. An jeder Ecke wird man angesprochen. <em>You want guide, Sir? <\/em>&#8211; <em>What you lookin, Sir?<\/em> Ich will mich gerade auf die Suche nach der Touristeninformation machen, als mich einer anspricht: <em>Tourist Information?<\/em> Im letzten Moment besinne ich mich. Er weist auf ein Geb\u00e4ude gleich um die Ecke, die Touristeninformation ist aber auf der Janpath, einer Prachtstra\u00dfe, die vom Connaught Place ausgeht. Die Masche mit der Touristeninformation besteht darin, dass es sich vertrauensvoll anh\u00f6rt. Es sind aber private Organisationen, die einem teure Ausfl\u00fcge andrehen, statt zu informieren.<\/p>\n<p>Ich gehe die ganze Janpath rauf und runter, ohne etwas zu finden. Hier sieht man ein paar moderne Hochh\u00e4uer mit Elefantenf\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Ich sehe ein Verkehrsschild, auf dem es in drei verschiedenen Farben hei\u00dft: no halting, no parking, no stopping.<\/p>\n<p>An einer Ecke sehe ich einen Buchladen, der nur aus Reihen von horizontal \u00fcbereinandergestapelten B\u00fcchern besteht und ein ganzes Garagentor einnimmt. Was macht der blo\u00df, wenn man ein Buch aus der Mitte will?<\/p>\n<p>Wieder auf dem Connaught Place angelangt, setze ich mich ersch\u00f6pft auf einen Stein. Neben mir macht sich ein Hund an einem Beutel mit Fleischresten zu schaffen. Den bekommt er aber nicht auf. Man w\u00fcrde zu gerne helfen, aber Hunde sind gef\u00e4hrlich. Wegen der Tollwut. Man hat mich in Trier beim Gesundheitsamt ausdr\u00fccklich gewarnt.<\/p>\n<p>Ausgerechnet hier, in Neu-Delhi, der Vorhut der Zivilisation, sehe ich echte Misere. Eine Familie, die mitten in einem M\u00fcllberg sitzt und wohl auch hier lebt. Sonst gibt es viel Armut tu sehen, viele Bettler, die vermutlich nichts haben als das, was sie am K\u00f6rper tragen. Aber gew\u00f6hnlich sitzen sie an besseren Pl\u00e4tzen, zum Beispiel vor dem Gitter eines Parks.<\/p>\n<p>Als ich wieder zur\u00fcckfahre, will ich mich bei meiner Metrostation in einem Gesch\u00e4ft mit Keksen f\u00fcr den Notfall versorgen. Aber ein bewaffneter Soldat wehrt mich energisch ab, obwohl Kunden in dem Laden sind: <em>Closed<\/em>. Paradox. \u00dcber dem Eingang steht: <em>Open 24\/7<\/em>.<\/p>\n<p>Irgendwie gelange ich dann wieder in die Pension zur\u00fcck. Dort kann man jederzeit Snacks bestellen. Ich bekomme <em>paratha<\/em>, das, was man hier <em>Brot<\/em> nennt. Es entspricht aber eher unseren Pfannkuchen. Sie sind mit K\u00e4se gef\u00fcllt und werden mit Joghurt und mariniertem Mango serviert. Es gibt eine ganz ordentliche Auswahl einfacher Gerichte, und man kann \u00fcberall essen. Erst sp\u00e4ter merke ich, dass alle Gerichte vegetarisch sind.<\/p>\n<p>Auch wenn das Brot kein Brot in unserem Sinne ist, best\u00e4tigt es etwas, was ich vorher gelesen habe: Nicht Reis ist das Grundnahrungsmittel in Nordindien, sondern eben Brot. Im S\u00fcden ist das anders.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">19. Februar (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Es gibt \u201eindisches\u201c oder \u201ekontinentales\u201c Fr\u00fchst\u00fcck. Ich nehme das indische. Das ist dasselbe wie das Abendessen. Der einzige Unterschied ist, dass die Pfannkuchen statt mit K\u00e4se mit Kartoffeln gef\u00fcllt sind.<\/p>\n<p>Den Raum verschlie\u00dft man mit einem riesigen Vorh\u00e4ngeschloss. Darauf steht: <em>Lock with Freedom<\/em>.<\/p>\n<p>Den Weg zur Metro finde ich heute ohne Probleme. Die Wagen sind so voll, dass ich zwei vorbeifahren lasse, bevor ich einsteige. Sie kommen aber praktisch im Minutentakt. Am Tag davor habe ich einen Bus gesehen, der so voll war, dass er mit offener T\u00fcr fuhr.<\/p>\n<p>Heute geht es in die Altstadt. (Warum h\u00f6rt sich <em>Alt-Delhi<\/em> komisch nicht, nicht aber <em>Neu-Delhi<\/em> und weder <em>Old Delhi<\/em> noch <em>New Delhi<\/em>?). Hier ist der Verkehr noch dichter, das Bild noch bunter, aber die Stra\u00dfen sind kleiner und irgendwie f\u00fchlt man sich besser.<\/p>\n<p>\u00dcberall sieht man, wie geschn\u00fcrte Ballen transportiert werden, auf Leiterwagen, auf Fahrr\u00e4dern, auf dem Kopf. Sie enthalten vermutlich Stoffe. Jedenfalls habe ich vor einem Stoffbasar besonders viele gesehen. Ein \u00a0Leiterwagen ist so schwer beladen, dass ein Mann zieht und zwei hinten schieben.<\/p>\n<p>Hier sieht man auch Dreir\u00e4der, wie ich sie noch aus meiner Kindheit kenne, kleine, wendige Fahrzeuge mit einem Aufbau f\u00fcr den Transport von Waren. Die sind hier alle gr\u00fcn, und irgendwie glaubt man unwillk\u00fcrlich, dass sie Obst und Gem\u00fcse transportieren. Am Stra\u00dfenrand \u00fcberall Gem\u00fcsekarren und Obstkarren und Gark\u00fcchen. \u00dcber ihnen kreisen Scharen von V\u00f6geln, die wie Kr\u00e4hen schreien und wie Adler aussehen.<\/p>\n<p>Fahrr\u00e4der sind hier grunds\u00e4tzlich Transportmittel. Man f\u00e4hrt nicht mal nur so zum Spa\u00df Rad. Meistens transportieren sie Gasflaschen oder Milchflaschen.<\/p>\n<p>Ein Mann \u00fcberquert in aller Ruhe die Stra\u00dfe, trotz der vielen Fahrzeuge, und putzt sich dabei die Z\u00e4hne.<\/p>\n<p>\u00dcber einer Kreuzung h\u00e4ngen ganze B\u00fcndel von Stromkabeln herunter. Die Elektriker nennen so was Affenschaukel. Ich sehe rauf und da ist tats\u00e4chlich ein Affe, der sich da schaukelt.<\/p>\n<p>Von der Metrostation kann ich mich auch ohne Stra\u00dfennamen zur Moschee, der Jamia Masjid, durchfinden.<\/p>\n<p>Die Jamia Masjid, die gr\u00f6\u00dfte Moschee in ganz Indien, liegt erh\u00f6ht. Eine breite, rote Freitreppe f\u00fchrt zu ihr hinauf. Man zieht seine Schuhe aus und steht dann auf einem gro\u00dfen, quadratischen Innenhof. Sehr sch\u00f6n. Rechts liegt die Moschee selbst. Nur kann ich den Eingang nicht finden. Erst gehe ich links herum, dann rechts, dann versuche ich es von vorne. Nichts. Kann doch nicht sein. Da h\u00f6re ich einen Fremdenf\u00fchrer Spanisch sprechen. Den frage ich. Die Antwort: Es gibt keinen Eingang. Das ist alles. Die Moschee hat kein Inneres. Deshalb sitzen auch Frauen und M\u00e4nner drau\u00dfen vor den Nischen und beten.<\/p>\n<p>Die Moschee wurde erbaut von Shah Jahan, einem der letzten Mogulherrscher gebaut. Dem Namen werde ich in den n\u00e4chsten Tagen immer wieder begegnen. Er war ein Architekturfanatiker und setzte sich mit monumentalen Werken ein Denkmal. Das ber\u00fchmteste ist das Taj Mahal in Agra. Das n\u00e4chstgelegene das Rote Fort von Delhi.<\/p>\n<p>Dahin gelange ich zu Fu\u00df, muss mich aber st\u00e4ndig der Rikschafahrer erwehren, von denen man alle paar Meter angesprochen wird und die nicht einfach loslassen, nur weil man nein sagt.<\/p>\n<p>Als ich dann am Fort ankomme, gebe ich nach. Das Fort ist so gro\u00df, dass es bis zum Eingang weiter ist als von der Moschee zum Fort. Also lasse ich mich zum ersten Mal von einer Fahrradrikscha kutschieren. Der Junge will am Ende wirklich nur 10 Rupien f\u00fcr seine Leistung, k\u00fcndigt aber an, auf mich zu warten, um mich danach durch die Altstadt zu fahren. Davon l\u00e4sst er sich nicht abbringen, ganz egal, was ich sage.<\/p>\n<p>Das Fort sieht von weitem wie der Moskauer Kreml aus und ist auch \u00e4hnlich gro\u00df, wie eine Stadt f\u00fcr sich, mehr als nur eine Festungsanlage.<\/p>\n<p>Durch das m\u00e4chtige Lahore-Tor geht man hinein, und dann durch <em>Chatta<\/em> <em>Chowk<\/em>, den ehemaligen Basar, in den Innenbereich. Da, wo sich fr\u00fcher der Basar befand, befinden sich heute Souvenirgesch\u00e4fte, die Tradition fortf\u00fchrend, sozusagen. Damals wurden hier Luxusg\u00fcter wie Seide, Brokat, Edelsteine und Samt angeboten, heute gibt es Krimskrams. Der Basar befindet sich in einer \u00fcberdachten Passage, mit Gesch\u00e4ften auf beiden Seiten. Damals war es ganz ungew\u00f6hnlich, im Fort einen Basar zu haben. Shah Jahan hatte das in Pakistan gesehen und die Idee mitgebracht.<\/p>\n<p>Dann kommt man an ein freistehendes Geb\u00e4ude, <em>Naubat Khana<\/em>, das \u201aTrommelhaus\u2018, so genannt, weil hier f\u00fcnfmal am Tag zur Begr\u00fc\u00dfung der G\u00e4ste aufgespielt wurde. Es ist das Eingangstor in den Innenbereich, und hier mussten die G\u00e4ste ihre Elefanten abgeben. Das Geb\u00e4ude hat auf der R\u00fcckseite, der Palastseite, sch\u00f6ne Blumenornamente.<\/p>\n<p>Dann erst kommt man in das eigentliche Innere. Auf dem Gel\u00e4nde laufen \u00fcberall kleine gestreifte Nagetiere herum, die ich wegen ihres gr\u00fcn-wei\u00dfen Fells erst nicht als das identifiziere, was sie sind: Eichh\u00f6rnchen! Sie werde mich in den n\u00e4chsten Tagen \u00fcberall verfolgen und viele Photos verursachen, auf denen man gar nichts sieht, weil die Biester im Moment der Aufnahme schon das Weite gesucht haben.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem stehen hier \u00fcberall W\u00fcrgefeigen mit ihren Luftwurzeln. Sie sind wie das botanische Leitmotiv meiner Reisen. Wo ich hinkomme, sind sie schon. Zum ersten Mal habe ich sie in Tansania gesehen, wenn ich mich richtig erinnere.<\/p>\n<p>Auf dem Gel\u00e4nde kommt man sich etwas verloren vor. Vielleicht h\u00e4tte ich doch einen der vielen F\u00fchrer, die sich am Eingang angeboten haben \u2013 <em>You want guide, Sir?<\/em> \u2013 nehmen sollen. Es gibt eine ganze Reihe niedriger, wei\u00dfer Marmorbauten mit unterschiedlichen Funktionen: Hammam, Empfangshalle, Moschee, Brunnenhaus und, am sch\u00f6nsten, der Privatpalast. Die Funktion sieht man den Geb\u00e4uden aber nicht an. Sie sehen alle \u00e4hnlich aus. Ausstattungen gibt es gar keine mehr, und richtige T\u00fcren und Fenster auch nicht. Ob nur noch der Rohbau vorhanden ist? Oder konnten sie bei dem milden Klima einfach offen sein?<\/p>\n<p>Man erf\u00e4hrt, dass vor dem Privatpalast, dem <em>Khas Mahal<\/em>, K\u00e4mpfe zwischen L\u00f6wen und Elefanten stattfanden. Wie hat man die nur dazu bekommen, sich zu bekriegen? In der freien Wildbahn lassen die sich doch gegenseitig in Ruhe.<\/p>\n<p>Hier stand fr\u00fcher tats\u00e4chlich der Pfauenthron, den man immer mit Persien in Verbindung bringt. Ich h\u00e4tte nie gedacht, dass der urspr\u00fcnglich aus Indien stammt. Kriegsbeute, vermutlich.<\/p>\n<p>Verbindungen zu Persien findet man immer wieder. Auch in dem Museum, das in der N\u00e4he, ebenfalls in einem alten Palastgeb\u00e4ude, untergebracht ist, sieht man Steintafeln mit persischen Inschriften. Die persische Verbindung hat zu tun mit Barbur, dem ersten Mogulherrscher Indiens. Der war von der persischen Kultur besonders angetan. Er eroberte diesen Teil Indiens eigentlich eher aus Verlegenheit, nachdem er in Samarkand eins auf die M\u00fctze gekriegt hatte. Da dachte er sich: Indien, auch nicht schlecht. Und besiegelte das Ende der Lodi-Dynastie. Der persische Einschlag ist sogar am Namen abzulesen, denn <em>Mogul<\/em> ist einfach persisch f\u00fcr <em>Mongole<\/em>, und so nannte die Perser das Volk, das urspr\u00fcnglich aus Zentralasien kam. Zu den Ahnen Barburs geh\u00f6rten Timur und Dschingis Khan.<\/p>\n<p>Neben den Marmortafeln mit den persischen Inschriften h\u00e4ngt eine ganz \u00e4hnliche Inschrift in arabischer Schrift. Es sind Anweisungen zum Bau einer Br\u00fccke in der Provinz.<\/p>\n<p>Daneben gibt es im Museum Gem\u00e4lde, Kalligraphien, B\u00fccher, astronomische Ger\u00e4te, Koranschriften, Dolche und dekorative Fliesen, aber auch ein mit Perlmutt besetztes K\u00e4stchen, das wie ein Schmuckk\u00e4stchen aussieht, aber sinnigerweise f\u00fcr Schie\u00dfpulver verwendet wurde. Dann, umgeben von Sitzkissen aus Samt, ein Schachspiel.<\/p>\n<p>Interessant die erste Seite einer Ausgabe der <em>Delhi Gazette<\/em> von 1848. Da verstand man unter <em>Zeitung<\/em> noch etwas ganz anderes als heute. Die ganze erste Seite ist voll von kleinen Anzeigen, in denen Hotels und H\u00e4user angeboten werden, Wein, So\u00dfen, Ketchup. Von Ereignissen oder gar Politik nicht die Rede.<\/p>\n<p>Ich verlasse das Fort und mache mich, nachdem ich den wartenden Rikschafahrer mit einem Trinkgeld abgewimmelt habe \u2013 er will mich jetzt f\u00fcr 250 Rupien durch die Altstadt fahren und mich zu verschiedenen Basaren bringen \u2013 daran, die Stra\u00dfe zu \u00fcberqueren, die das Fort von der Altstadt abtrennt. Erst im Laufe der Zeit lerne ich, dass man schon deshalb immer eine Rikscha nehmen muss, um \u00fcber die Stra\u00dfe zu kommen. Jetzt muss ich erst mal viel Zeit investieren und meine Gesundheit riskieren, um auf die andere Seite zu kommen.<\/p>\n<p>Gleich links befindet sich ein Jain-Tempel. Mit der typischen Unsicherheit des Fremden sehe ich ganz vorsichtig hinein, aber niemand h\u00e4lt mich davon ab, reinzugehen. Man muss nur sofort am Eingang die Schuhe ausziehen. Als es dann in den Tempel selbst geht, muss ich auch die Socken ausziehen, aber auch damit ist man noch nicht zufrieden. Noch irgendetwas st\u00f6rt, und erst nach mehrfachen Versuchen bekomme ich heraus, was es ist: der G\u00fcrtel! Darauf soll sich jemand einen Reim machen. Ich mache ihn mir: Die Jains empfinden ein besonderes Mitgef\u00fchl f\u00fcr alle Kreatur und legen gr\u00f6\u00dften Wert auf den Schutz alles Lebenden, einschlie\u00dflich der Insekten und Kriechtiere. Jetzt kommt mir das Bild der besonders konsequenten Jains in Erinnerung, die einen Mundschutz tragen und mit einem Stab den Weg vor ihnen freimachen, damit ihnen nicht versehentlich eine M\u00fccke in den Mund fliegt oder eine Spinne unter die F\u00fc\u00dfen kommt. Das k\u00f6nnte der Grund f\u00fcr den Ausschluss des G\u00fcrtels sein: Leder = aus Tierh\u00e4uten gemacht = verboten.<\/p>\n<p>Dazu passt auch, dass sich auf dem Gel\u00e4nde ein Hospital f\u00fcr V\u00f6gel befindet. Zu sp\u00e4t stelle ich fest, dass man das auch h\u00e4tte besichtigen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Den Tempel selbst kann man als Laie nicht von einem Hindu-Tempel unterscheiden. Unter einer Muschelkuppel befinden sich mehrere, auf einer L\u00e4ngsachse angebrachte Alt\u00e4re, alle mit bunten G\u00f6tterfiguren. Man geht von einem zum anderen und verneigt sich. Beim Betreten l\u00e4utet man eine Glocke, die \u00fcber einem h\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Der Jain-Tempel befindet sich am Anfang der <em>Chandni Chowk<\/em>, einer schnurgeraden Stra\u00dfe, die vom Fort wegf\u00fchrt und auf eine weitere Moschee, die <em>Fatehpuri Masjid<\/em>, zuf\u00fchrt. Links befindet sich ein Hindu-Tempel. Der Tempel ist geschlossen, wohl wegen der Tageszeit.<\/p>\n<p>Bis zu dem Tempel k\u00e4mpfe ich mich noch zu Fu\u00df vor. Dann gebe ich auf und nehme wieder eine Fahrradrikscha. Und es lohnt sich. Zum ersten Mal f\u00fchle ich mich wohl in Delhi und sehe mir das bewegte, ohrenbet\u00e4ubende, verwirrende Treiben von der sicheren Sitzbank der Rikscha an.<\/p>\n<p>Der Fahrer bringt mich ohne Tricks und ohne Probleme zu der Moschee, und ich bin so erleichtert, dass er mir auch keine weiteren Dienstleistungen aufschw\u00e4tzen will, dass ich ihm ein Trinkgeld gebe, das v\u00f6llig den Rahmen sprengt und ihn eher verwirrt als befriedigt.<\/p>\n<p>Kaum abgestiegen, gibt es aber neue Verst\u00e4ndigungsprobleme. Mehrmals mache ich vorsichtige Versuche, die Moschee zu betreten, aber ich verstehe bis zum Schluss nicht, was Sache ist: Ist die Moschee geschlossen? Soll ich warten, die Schuhe ausziehen, Eintritt zahlen, die Kamera wegstecken? Es geht nicht. Am Ende gebe ich auf.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he befindet sich, dem Stadtplan nach, der Mahatma Gandhi Park. Das h\u00f6rt sich doch gut an. Ich mache den verr\u00fcckten Versuch, dahin zu finden. Dabei lande ich unter anderem in der Old Delhi Railway Station auf der anderen Stra\u00dfenseite. Wieder auf meiner Stra\u00dfenseite, werde ich angelockt von rhythmischem Klatschen, Trommeln und Ges\u00e4ngen, so laut, dass es sogar den Stra\u00dfenl\u00e4rm \u00fcbert\u00f6nt. <em>F\u00fcr ein besseres Indien<\/em> wird hier getrommelt und gesungen. Das kann man einem Plakat entnehmen. Aber man kann die Ges\u00e4nge nur aus der Ferne verfolgen. Ein Gitter schlie\u00dft den Ort ab, wo gesungen wird. Der Mahatma Gandhi Park ist auch hier nicht. Am Ende, mit trockener Kehle, Blasen an den F\u00fc\u00dfen, entnervt und frustriert, komme ich zu der Vermutung, dass mit <em>Mahatma Gandhi Park <\/em>wohl einen dicht vollgestellter Motorradparkplatz gemeint sein muss, an dem ich immer wieder vorbeikomme. Wenn Gandhi das w\u00fcsste.<\/p>\n<p>Auf der unendlichen Suche nach der Metrostation sehe ich eine Art B\u00e4ckerei mit angeschlossener Snackbar. Da bestelle ich zwei Pasteten, eine runde und eine dreieckige, <em>pyaj kachori<\/em> und <em>samosa<\/em>, eine, laut Auskunft des Verk\u00e4ufers, des einzigen, der Englisch spricht, mit Zwiebeln, eine mit Kartoffeln. Man muss erst zur Kasse gehen und bezahlen und dann mit dem Beleg zur\u00fcck zur Theke. Die Pasteten werden aufgew\u00e4rmt und schmecken ganz gut. Der Inhalt ist aber bei beiden eine Paste, die sich haupts\u00e4chlich dadurch unterscheidet, dass die eine teuflisch scharf ist.<\/p>\n<p>Nach der R\u00fcckkehr setze ich mich mit einem Tee in den Gemeinschaftsraum. Dann h\u00f6rt man pl\u00f6tzlich ein Ger\u00e4usch, als wenn ein Vogel da w\u00e4re. Man sieht aber nichts. Und es gibt auch kein offenes Fenster, durch das er gekommen sein k\u00f6nnte. Immer wieder dasselbe Ger\u00e4usch. Sp\u00e4ter kommt einer der Jungen herein und kl\u00e4rt mich auf: kein Vogel, sondern ein Eichh\u00f6rnchen. Und es ist nicht sichtbar, weil es gar nicht im Raum ist, sondern \u00fcber die Decke l\u00e4uft.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter habe ich eine Unterredung mit Avnish, dem Eigent\u00fcmer. Oder, besser gesagt, er mit mir. Wortreich erkl\u00e4rt er mir, was ich zu tun und lassen h\u00e4tte und berichtet ohne jede Spur von falscher Bescheidenheit von seinem bunten Leben, seinen Errungenschaften und seinen Kenntnissen. Alles, was es zu sehen gibt, solle ich mir besser auf seinen F\u00fchrungen ansehen. Das Problem ist nur, dass keine davon terminiert ist und dass mindestens vier Teilnehmer ben\u00f6tigt werden. Die Teilnahme an den von karitativen Organisationen offerierten F\u00fchrungen durch versteckte Viertel Delhis lehnt er ab. Man k\u00f6nne nicht beides miteinander vereinbaren: Caritas und Kenntnisse.<\/p>\n<p>Andererseits organisiert er sofort die Zugfahrkarte nach Agra f\u00fcr mich. Oder, besser gesagt, l\u00e4sst sie organisieren. Einer der vielen Angestellten, die die Pension hat, und der besseres Englisch als die anderen spricht, Sanjiv, ist f\u00fcr solche Dinge zust\u00e4ndig.<\/p>\n<p>Als ich danach frage, wie ich zu Fu\u00df zu dem Hindu-Tempel kommen kann, den ich gestern verfehlt habe, sagt er mir: Gar nicht. Ich solle nirgendwohin zu Fu\u00df zu gehen. Das erweist sich als guter Tipp.<\/p>\n<p>Seine Lebensgeschichte ist wirklich interessant. Er hat an einem britischen Kolleg noch nach britischen Lehrpl\u00e4nen studiert und dann einen Abschluss in Wirtschaft gemacht und f\u00fcr verschiedene Konzerne gearbeitet. Er hat auch ein Radioprogramm zur Wirtschaft, in dem er zweimal w\u00f6chentlich auftritt. Er hat in Bombay, in Kalkutta und in Delhi gelebt. Seine Eltern sind noch in Rawalpindi geboren, heute Pakistan, und sind als Fl\u00fcchtlinge nach Indien gekommen. Sein Vater war bei einer Fluggesellschaft besch\u00e4ftigt und wechselte alle drei Monate den Standort. So hatte er mit 17 schon fast alle Teile der Welt gesehen.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu seiner schm\u00e4chtigen Frau ist Avnish ein rundlicher Mann, einer der wenigen in Indien. \u00dcbergewicht ist nicht gerade das dringendste Problem des Landes.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter kommt die d\u00e4nische Familie herein. Die beiden hellblonden T\u00f6chter sind der Renner in Indien. Man macht Photos von ihnen, so wie wir Photos von Turbantr\u00e4gern machen. 19 Photos, sagt die \u00e4ltere Tochter ganz stolz, habe man im Laufe des Tages von ihr gemacht. Sie haben die Affen im Zentrum nicht gesehen, wohl aber eine Schlange, eine Kobra, zwischen zwei Autos im Zentrum.<\/p>\n<p>Der gr\u00f6\u00dfte Keulenschlag kommt am Abend, als ich schon im Bett liege. Irgendein Hotelangestellter fragt den d\u00e4nischen Mann nach irgendetwas, vielleicht nach der Zugfahrt nach Agra. Nein, nein, sagt der, nicht er sei das, sondern <em>der Mann mit dem Laptop und dem wei\u00dfen Haar<\/em>. Gut zu wissen, wie andere einen sehen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">20. Februar (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>In der U-Bahn, wie \u00fcberhaupt im \u00f6ffentlichen Leben, sieht man fast nur M\u00e4nner. Das kann nicht alles mit dem Frauen-Wagen in der U-Bahn erkl\u00e4rt werden. Die Frauen sind einfach weniger pr\u00e4sent. Ich habe noch keine\u00a0 Verk\u00e4uferin gesehen, geschweige denn, eine Fahrerin.<\/p>\n<p>Die Turbantr\u00e4ger sind meistens auch Barttr\u00e4ger, aber nicht alle Barttr\u00e4ger sind auch Turbantr\u00e4ger. Die meisten, die keinen Turban tragen, haben einen Schn\u00e4uzer. Die Farbe der Turbane variiert, aber am h\u00e4ufigsten ist schwarz vertreten. Der Turban ist auch kompatibel mit Jeans und Sportschuhen.<\/p>\n<p>Ein wei\u00dfer Turbantr\u00e4ger hat mich schon in der U-Bahn auff\u00e4llig gemustert. Jetzt erscheint er pl\u00f6tzlich neben mir und fragt mich, wohin ich will. Bl\u00f6derweise gebe ich Auskunft: <em>Jantar Mantar<\/em>. Er zeigt mir den Ausgang, und dann sch\u00fcttele ich ihn auf bew\u00e4hrte Weise ab. Diesmal kommt mir der Connaught Place nicht ganz so chaotisch vor, aber die Orientierung dauert doch etwas. Es sind nur zehn Minuten von hier. Als ich dann die richtige Stra\u00dfe gefunden habe, taucht an der Ecke tats\u00e4chlich wieder der Turban auf. <em>Jantar Mantar<\/em> sei heute geschlossen: <em>Strike<\/em>. Nat\u00fcrlich lasse ich mich nicht darauf ein. Und nat\u00fcrlich gibt es keinen Streik.<\/p>\n<p><em>Jantar Mantar<\/em> ist eine astronomische Anlage, in einem Park gelegen. Sie besteht aus gro\u00dfen Konstruktionen aus rotem Sandstein, die teils an r\u00f6mische Thermen, teils an die Stufenpyramiden der Maya erinnern.<\/p>\n<p>Die genaue Funktionsweise ist kaum zu verstehen, aber der Wille um genaue Erfassung astronomischer Daten ist den Bauten anzusehen. Der an die Thermen erinnernde Rundbau ist durch Querst\u00e4be in 30 Sektoren unterteilt, die jeweils f\u00fcr 6\u00b0 stehen, also insgesamt 360\u00b0. Die W\u00e4nde sind ebenfalls in 30 Sektoren eingeteilt, so dass man einen horizontalen und eine vertikalen Wert f\u00fcr den Stand der Sonne hat.<\/p>\n<p>Das Herzst\u00fcck der Anlage, und das meist photographierte Objekt, besteht aus schr\u00e4g auf einem Wall angebrachten doppelten Halbkreisen, die wirklich wie ein Herz aussehen.<\/p>\n<p>Die ganze Anlage ist wie eine Enklave mitten in der Stadt, aber nicht davon unber\u00fchrt. Der nicht abbrechende L\u00e4rm kommt von allen Seiten herein, und die Anlage ist auf allen Seiten umstanden von Hochh\u00e4usern.<\/p>\n<p>Als ich wieder auf den <em>Connaught Place<\/em> komme, suche ich nach einer Motorrikscha. Keine zu sehen weit und breit. Sie treten sonst immer im Dutzend auf. Es gibt zum n\u00e4chsten Ziel keine vern\u00fcnftige Metrostation, glaube ich wenigstens. So mache ich mich auf die Suche. Die Dinger sind einfach verschwunden. Ob es an der Gegend liegt? Ich wei\u00df, dass der <em>Connaught Place<\/em> f\u00fcr Fahrradrikschas verboten ist, nicht aber f\u00fcr die motorisierten.<\/p>\n<p>Bei der Suche sehe ich einen Mann irgendwo in die Ecke pinkeln, kein seltener Anblick. Er steht gleich neben einem Schild. Auf dem steht <em>No litter please<\/em>.<\/p>\n<p>Nach langer Suche sehe ich in der Ferne eine Rikscha, aber ohne Fahrer. Dann entdecke ich ihm auf dem Boden liegend, auf der anderen Seite. Er repariert die Rikscha. Dann kommt eine, die nicht frei ist und dann eine, die 350 Rupien verlangt. Dazu bin ich zu stolz. Der n\u00e4chste, an der n\u00e4chsten Stra\u00dfenecke, geht auf 200 runter. Und dann komme ich zu zwei \u00e4lteren Fahrern, die gerade Kaffee trinken. Sie beratschlagen miteinander und sagen dann: 120. Angenommen. Tats\u00e4chlich ist es eine ganze Strecke, die wir zur\u00fccklegen. Sieht auf der Karte k\u00fcrzer aus.<\/p>\n<p>Der Fahrer bringt mich nach <em>Raj Ghat<\/em>, am Rande der Altstadt. Hier geht es zum ersten Mal um das Thema Gandhi. Dem haben wir die Vorstellung zu verdanken, bei Indien handele es sich um eine friedliche Kultur. Das Gegenteil ist der Fall. Schlie\u00dflich starb er selbst bei einem Attentat. Auch Indira Gandhi starb bei einem Attentat, auch Rajiv Gandhi. Ihr \u00e4lterer Sohn, der eigentlich ihr Nachfolger werden sollte, kam bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Die sp\u00e4ten Mogulherrscher, Jahandar Schah und Farruk Siyar (XVIII), wurden im Roten Fort ermordet. Von den Massakern nach der Teilung, nach der Erst\u00fcrmung des Goldenen Tempels und nach der Ermordung Indira Gandhis ganz zu schweigen. Gewalt hat also Tradition.<\/p>\n<p><em>Raj Ghat<\/em> ist eine Gedenkst\u00e4tte, die in einem weitl\u00e4ufigen Park liegt. Und dessen Ausdehnung ich erst am Schluss erkenne. Vom Eingang f\u00fchrt ein schnurgerader Weg zu einem durch einen Steinwall abgetrennten Quadrat, bei dessen Betreten man die Schuhe ausziehen muss. Im Zentrum dieses Quadrats liegt ein ebenfalls quadratischer Stein aus schwarzem Marmor. Hier wurde Gandhi bestattet. Auf dem Stein eine Kerze und Blumenbl\u00e4tter. Sonst gibt es nichts. Die Einfachheit passt zu Gandhi. Vorne an dem Stein sind ein paar Zeichen auf Hindi angebracht, die <em>Oh, mein Gott<\/em> bedeuten, Gandhis letzte Worte. Die Farben der Absperrb\u00e4nder sind passenderweise die Farben der indischen Flagge. Wenn man den Blick etwas umherschweifen l\u00e4sst, sieht man zur einen Seite den Schornstein eines Kernkraftwerks, zur anderen die Scheinwerfer des Indira-Gandhi-Stadions.<\/p>\n<p>Von hier aus geht es zu dem Ort, an dem Rajiv Gandhis Leiche verbrannt wurde. Das Monument besteht aus mehreren Teilen. An einer runden Mauer ist eine Inschrift angebracht. Sie betont Rajiv Gandhis Verdienste, seine fortschrittliche Einstellung. Er setzte auf F\u00f6rderung von Technik und Wissenschaft, auf die Bek\u00e4mpfung der Armut, auf die Verteilung der Macht von der Zentrale an die Regionen. Au\u00dfenpolitisch setzte er besonders auf die Neutralit\u00e4t Indiens, was ihn von einigen seiner Vorg\u00e4nger unterschied. Er trat das Amt nach dem Tod seiner Mutter 1984 an und wurde wenige Monate danach mit der gr\u00f6\u00dften Mehrheit in seinem Amt best\u00e4tigt, die je ein indischer Premierminister erhielt.<\/p>\n<p>Die Gedenkst\u00e4tte f\u00fcr Rajiv Gandhi war schwer zu finden. Die von Indira Gandhi ist fast unauffindbar. Es gibt kaum Hinweiszeichen, und wenn \u00fcberhaupt, dann nur auf Hindi. Oder mit Bezeichnungen, mit denen man nichts anfangen kann. Immer wieder kommen mir gute gekleidete Teenager in Schuluniformen entgegen. Nur wenige von ihnen k\u00f6nnen ein paar Worte Englisch. Die Frage nach der Gedenkst\u00e4tte kann keiner beantworten, manchmal verstehen sie noch nicht einmal. Im besten Falle bekomme ich eine weit ausholende Handbewegung, die mich in irgendeine Richtung schickt, meist in die entgegengesetzte von der, aus der ich gerade komme. Nur einmal winkt mich ein Ehepaar, mitten auf dem Gras sitzend, zu sich heran und bietet seine Hilfe und sogar einen Bissen von ihrem Picknick an, aber richtig weiter komme ich mit dessen Angaben auch nicht.<\/p>\n<p>Ohne zu wissen, wie, finde ich die Stelle dann doch. Die Suche hat sich kaum gelohnt. Indira Gandhis Gedenkst\u00e4tte besteht nur aus einer einfachen Mauer mit einem gro\u00dfen, bunten Photo von ihr mit dem ber\u00fchmten bunten Kopftuch und einem am Ende eines Weges befindlichen Monolithen. Es gibt keinerlei Inschrift. W\u00e4re interessant gewesen, zu sehen, wie sie dargestellt wird.<\/p>\n<p>Die Suche nach der Gedenkst\u00e4tte Nehrus lasse ich dann bleiben und gehe gleich ins <em>National Gandhi Museum<\/em>. Das liegt gleich gegen\u00fcber. Um dahin zu kommen, bedarf es nur einer waghalsigen \u00dcberquerung der riesigen Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Das Museum ist eine sehr altert\u00fcmliche Angelegenheit in einem alten Geb\u00e4ude. Es gibt W\u00e4nde \u00fcber und \u00fcber mit Photos aus Gandhis Leben, und im Zentrum alle Art von pers\u00f6nlichen Gegenst\u00e4nden: Federhalter, Taschenuhren, Sandalen, Buchst\u00fctzen, ein Spucknapf, die ber\u00fchmte runde Brille, zwei Z\u00e4hne und das Gebiss, das er von 1947 bis zu seinem Tod trug.<\/p>\n<p>Bei den Photos sind die \u00e4lteren interessanter: Gandhi als Teenager zusammen mit seinem Bruder, gestriegelt und herausgeputzt, mit s\u00e4uberlich getrimmtem Bart, Gandhi als Dandy in England, mit Stehkragen, Fliege und kerzengeradem Scheitel, Gandhi als Mitglied einer Fu\u00dfballmannschaft, Gandhi vor seinem Rechtsanwaltsb\u00fcro in S\u00fcdafrika, Gandhi auf dem Fahrrad auf dem Weg zu einer Gebetsst\u00e4tte. Dann gibt es Photos von Gandhi in Uniform bei dem Zulu-Aufstand in S\u00fcdafrika und von der Tolstoy-Farm in S\u00fcdafrika, die ein Modell f\u00fcr das zuk\u00fcnftige Zusammenleben der Menschen sein sollte. Das war, nachdem Gandhi sein Erweckungserlebnis gehabt hatte und in S\u00fcdafrika aus einem Zug verwiesen worden war, weil ein Wei\u00dfer seinen Wagen in der 1. Klasse nicht mit ihm teilen wollte. Alle sp\u00e4teren Entwicklungen lassen sich auf diese Erfahrung zur\u00fcckf\u00fchren. Teil dieses Prozesses ist auch die \u00c4nderung des Namens von <em>Mohandas<\/em> in <em>Mahatma<\/em>. Und der Wechsel der Kleidung.<\/p>\n<p>Dann gibt es die bekannteren Photos von dem Salzmarsch und die Photos von Gandhi bei der Konferenz in London, mit seinem einfachen wei\u00dfen Umhang inmitten von adrett gekleideten Politikern. Besonders sch\u00f6n Gandhi mit den Mountbattens, er im Zweireiher, sie in einem Seidenkleid, Gandhi wie ein Bettler dazwischen. Und ein Photo von Gandhi auf seinem Bett, mit strahlendem L\u00e4cheln, nach einem 21-t\u00e4gigen Hungerstreik. Sp\u00e4ter sollte eine indische Politikerin sagen: <em>Gandhis Armut kommt uns teuer zu stehen. <\/em>Aber das wird in diesem Museum nat\u00fcrlich nicht thematisiert.<\/p>\n<p>Hier gibt es auch den Stock zu sehen, den Gandhi bei dem ber\u00fchmten Salzmarsch trug. Das Motto war passiver Widerstand, und das Ziel des Widerstands waren das britische Salzmonopol und die als ungerecht angesehene Salzsteuer. Gandhi wurde in diesem Jahr, 1930, von <em>Time Magazine<\/em> zum <em>Man of the Year<\/em> gew\u00e4hlt. Die Konkurrenten waren Hitler und Stalin.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem gibt es einige Dokumente. Die Notizen sind teils auf Englisch. Seine Muttersprache war aber wohl Gujarati. Jedenfalls ist das die Sprache, in die er Ruskins <em>Unto this Last<\/em> \u00fcbersetzte oder besser paraphrasierte, ein Buch, das f\u00fcr ihn nach eigenem Bekunden eine Offenbarung war, im Kern eine Kritik an Nutzenmaximierung und Utilitarismus, eine Kritik an Adam Smith und John Stuart Mill.<\/p>\n<p>Am Ende des Raumes gibt es eine Nachbildung von Gandhis Arbeitszimmer. Alles sehr einfach, vor allem nur niedrige M\u00f6bel. Nur ein kleines Regal mit wenigen, ausgesuchten B\u00fcchern, auf dem Boden stehend. Eine Matratze mit einer R\u00fcckenst\u00fctze und davor ein kleines Schreibpult. Gandhi arbeitete im Liegen, sozusagen. Sieht bequem aus.<\/p>\n<p>Am Ende der Ausstellung gibt es dann noch Briefmarken mit Gandhis Konterfei aus allen Teilen der Welt: Uruguay, Madagaskar, beide Jemen, Kirgisistan, Obervolta, Panama, Mauritius und so weiter und so fort.<\/p>\n<p>Auch in Indien sollte es schon 1948 Gedenkmarken mit Gandhi geben. Hier sind einige Muster ausgestellt. Es gab aber Konflikte, erstens, weil die Briefmarken in einer ausl\u00e4ndischen Druckerei hergestellt werden sollten, zweitens, weil es einen Wert von 10 Rupien gab. Das, so wurde argumentiert, entsprach nicht Gandhis einfacher Lebensweise und seiner Bevorzugung der einfachsten Kommunikationsform, der Postkarte.<\/p>\n<p>Als ich aus dem Museum komme, gibt es kein Transportmittel weit und breit. Ich kann mich aber anhand des Stadtplans einigerma\u00dfen orientieren und gehe Richtung Zentrum.<\/p>\n<p>Am Ende finde ich drei Jungen, versteckt in einer Ecke, mit ihren Rikschas. Sie wollen mich tats\u00e4chlich zur Metro bringen. Zur Sicherheit will ich den Namen der Station wissen, aber es stellt sich heraus, dass sie den gar nicht kennen. Als ich den Preis und das Wort Metro zur Sicherheit auf ein Blatt Papier schreibe, stellt sich heraus, dass der eine das gar nicht lesen kann. Er muss seinen Kameraden fragen.<\/p>\n<p>Ich werde aber tats\u00e4chlich zur Metro gebracht. Es ist die <em>New Delhi Railway Station<\/em>. Auf dem Platz davor herrscht Hochbetrieb. Und unten auch. Die Schlangen der Fahrkartenk\u00e4ufer ziehen sich durch die ganze Halle. Alles ist so eng, dass man kaum ans Ende der Schlange kommt. Ich beschlie\u00dfe, es mit einer Motorrikscha zu versuchen. Aber oben gibt es keine, nur Hunderte von Fahrradrikschas, und f\u00fcr die ist der Weg zu weit.<\/p>\n<p>Also gehe ich doch wieder runter und stelle mich in die Schlange. Die bewegt sich kaum. Das ist kein Wunder, denn immer wieder dr\u00e4ngen sich ganze Gruppen nach vorn, f\u00fcr die ein K\u00e4ufer alle Karten kauft. So sieht es jedenfalls aus. Auch alte Frauen stellen sich nicht an. Das wird wohl geduldet. Dann kommen auch zwei M\u00e4dchen, die so tun, als wenn sie es eilig h\u00e4tten oder ein Spezialfall w\u00e4ren, und dann kommen auch noch K\u00e4ufer zur\u00fcck mit irgendwelchen Beschwerden. Die Briten waren doch wohl nicht lange genug in Indien, um den Indern Mores beizubringen.<\/p>\n<p>Dann geht es in die Metro. Hier wird geschubst, geschoben, gesto\u00dfen, gedr\u00e4ngelt. Ich habe wohl eine Hauptverkehrszeit erwischt. Als ich dann endlich wieder bei meiner Metrostation ankomme, kann ich richtig durchatmen.<\/p>\n<p>Beim Ausgang sehe ich, wie ein \u00e4lterer Mann zwei j\u00fcngere M\u00e4nner schl\u00e4gt. Er versetzt ihnen eine schallende Ohrfeige nach der anderen. So etwa habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen. Um die drei hat sich eine Traube Menschen gebildet. Die beiden Jungen wehren sich nicht und laufen auch nicht weg und lassen die Beschimpfungen des Mannes \u00fcber sich ergehen. Ob er sie bei dem Versuch, zu klauen, erwischt hat? Beim Weitergehen macht eine junge Frau, zu mir gewandt, l\u00e4chelnd ein paar Bemerkungen auf Englisch, aber ich werde nicht schlau aus dem, was sie sagt.<\/p>\n<p>Als ich mich nach einer Rikscha umsehe, macht ein Schuhputzer gleich zu meinen F\u00fc\u00dfen auf sich aufmerksam. Ich habe ihn \u00fcberhaupt nicht wahrgenommen, genauso wenig wie die anderen Schuhputzer, die hier in Reihe und Glied vor dem Bordstein hocken und auf Kundschaft warten. Er will mir f\u00fcr 10 Rupien die Schuhe putzen. Das nehme ich an. Er macht das ganz ordentlich und begleitet die rhythmischen Bewegungen der Arme durch entsprechend rhythmische Bewegungen des Kopfes. Ehe ich es mich versehe, nimmt sich ein anderer Schuhputzer meines zweiten Schuhs an. Er entdeckt eine lose Schuhsohle und macht sich daran, sie zu n\u00e4hen. Auf einmal n\u00e4ht auch der andere. Dann kommen noch verschiedene Ausbesserungsarbeiten an der Einlage dran. Am Ende betr\u00e4gt die Rechnung 350 Rupien. Ich zahle aber nur 50.<\/p>\n<p>Als ich wieder in der Pension bin, bin ich dankbar f\u00fcr den wunderbaren Tee, der mir serviert wird.<\/p>\n<p>Auch in der Nacht wird es nicht ganz ruhig. Dann \u00fcbernehmen heulende Hunde und kr\u00e4chzende Kr\u00e4hen die Versorgung mit L\u00e4rm.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"> <\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">21. Februar (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen beantwortet Ushi anderen G\u00e4sten, einem jungen Ehepaar aus London, eine Frage, die ich mir auch gestellt habe: Was f\u00fcr eine Wirkung hat eigentlich der Bau der Metro gehabt? Der Verkehr, sagt sie, sei nicht weniger, aber schneller geworden. Man kann sich kaum vorstellen, angesichts der Massen in der Metro, wie das fr\u00fcher gegangen ist. Andererseits hat die Metro selbst vermutlich auch mehr Menschen mobil gemacht und das Verkehrsaufkommen erh\u00f6ht. Die Londoner, die schon seit vier Wochen unterwegs sind, erz\u00e4hlen, in Bombay habe man mit Neid von dem schnellen Bau der Metro in Delhi gesprochen. Die da oben bekommen alles, bei uns wird alles verz\u00f6gert. Typische Perspektive aus der Provinz auf die Hauptstadt.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend macht Ushi f\u00fcr mich ein paar Telefongespr\u00e4che zu den Organisationen, die in Stadtteilen gef\u00fchrte Touren anbieten, mit bescheidenem Erfolg. Man muss abwarten.<\/p>\n<p>Heute habe ich einen Wagen f\u00fcr mich alleine, der mich zu den Sehensw\u00fcrdigkeiten bringt, die sonst schlecht zu erreichen sind. Alles von den Gastgebern organisiert. Der Preis ist bescheiden, und man quittiert dem Fahrer nur den Beleg und zahlt sp\u00e4ter in der Pension. Die Fahrziele werden vorher genau abgesprochen. Ich frage Ushi, ob der Fahrer Englisch spreche. <em>They all say they do<\/em>, sagt sie. Es reicht dann aber f\u00fcr die wichtigste Verst\u00e4ndigung.<\/p>\n<p>Als ich auf dem Weg nach drau\u00dfen bin, ruft Avnish mich mit strenger Stimme zu sich: <em>I want to talk to you<\/em>. H\u00f6rt sich omin\u00f6s an. Er k\u00fcndigt aber nur an, dass er am n\u00e4chsten Tag einen seiner ber\u00fchmten Rundg\u00e4nge anbietet. Ein Ehepaar und ich stehen auf der Liste, vielleicht kommen noch andere dazu. Von den Lodi-G\u00e4rten und von der Altstadt ist die Rede. H\u00f6rt sich gut an.<\/p>\n<p>Der Wagen ist ein Toyota mit minimalistischem Armaturenbrett: keine Tankanzeige, kein Drehzahlmesser, keine Temperaturanzeige, keine Uhr, ein Tacho.<\/p>\n<p>Davor steckt ein Andachtsbild. Ich frage, wer das sei: <em>Bolunat<\/em>. Und der andere? <em>Bolunat<\/em>. Es ist ein und derselbe Gott in unterschiedlichen Manifestationen.<\/p>\n<p>Der Bahai-Tempel, zu dem es zuerst geht, liegt im S\u00fcden Delhis. Die Entfernung ist wieder viel gr\u00f6\u00dfer als es auf dem Stadtplan aussieht. Immer wieder geht es an den m\u00e4chtigen Pfeilern der U-Bahn entlang.<\/p>\n<p>Der Bahai-Tempel ist ein beeindruckender Bau, vielleicht der beeindruckendste von ganz Delhi. Er erinnert mich an das Opernhaus in Sydney: beide sind wei\u00df, beide sehen organisch aus, wie eine Pflanze. Der Bahai-Tempel, so hei\u00dft es, stellt eine Lotusblume dar. Die Bl\u00e4tter, nach oben und nach innen zeigend, \u00fcberlappen sich.<\/p>\n<p>Die Bahai-Religion sieht sich als eine \u201efortschrittliche Religion\u201c an. Sie betont die Gleichheit aller Menschen, strebt nach Harmonie und Einigkeit, bek\u00e4mpft Aberglaube und Vorurteile. Sie tritt auch f\u00fcr verpflichtenden Schulbesuch ein, ein Prinzip, dem sich westliche Staaten schon seit dem 19. Jahrhundert verschrieben haben. Man ist auch f\u00fcr die Einf\u00fchrung einer weltweiten Hilfssprache.<\/p>\n<p>Der Tempel liegt in einer gepflegten Parklandschaft, mit kugelrund zugeschnittenen Str\u00e4uchern und schnurgeraden Pfaden. Au\u00dfen ist der Tempel von Wasser umgeben, einer Art modernem Wassergraben.<\/p>\n<p>Das Innere ist entt\u00e4uschend und erinnert ein bisschen an eine Halle. Es gibt nur Stuhlreihen, Blumen und ein Pult. Statt gl\u00e4nzend wei\u00df ist es hier matt grau. Der Bau formt ein Zehneck, und eine flache Kuppel \u00f6ffnet sich in Form eines Sterns nach oben.<\/p>\n<p>Die einfache Ausstattung hat etwas mit dem Konzept der Religion zu tun. Sie kennt keine Rituale, keine Gebete, nur Lesungen.<\/p>\n<p>Diese Einfachheit f\u00fchrt bei mir zu einer gro\u00dfen Sprachverwirrung, die sich erst zuhause am PC aufl\u00f6st: Warum sagt man wohl <em>Mach nicht so einen Baha, <\/em> wenn die Bahai doch gerade keinen Bahai machen? Des R\u00e4tsels L\u00f6sung: Man macht keinen <em>Bahai<\/em>, sondern <em>Bohei<\/em>. Da ist bei mir im Kopf etwas durcheinandergekommen. Jedenfalls schafft der Duden Aufkl\u00e4rung. Er kennt beide W\u00f6rter, und bei <em>Bohei<\/em> vermeldet er mit Stolz:\u00a0 <em>Dieses Wort stand 2004 erstmals im Rechtschreibduden<\/em>. Woher das Wort kommt, dar\u00fcber gibt es aber nur Spekulationen.<\/p>\n<p>Als ich aus dem Tempel durch eine offene T\u00fcre ins Freie trete und mich entschlie\u00dfe, noch mal reinzugehen, werde ich von den sonst sehr freundlichen M\u00e4dchen, die einen hier empfangen, sehr bestimmt zur\u00fcckgepfiffen: Anders herum! Es gibt keinen vern\u00fcnftigen sachlichen Grund daf\u00fcr. Die T\u00fcr steht offen, und es gibt kein Gedr\u00e4nge. Hier scheint eine unter der vern\u00fcnftigen Oberfl\u00e4che der Religion sich verbergenden Schicht von Magie zum Vorschein zu kommen: Man darf immer nur in einer bestimmten Richtung durch den Tempel gehen. Oder ist es \u00fcbertriebene Ordnungsliebe?<\/p>\n<p>Unvern\u00fcnftig ist jedenfalls auch die besondere Stellung der Zahl neun. Deshalb ist der Innenraum ein Zehneck \u2013 da hat man dann neun Wasserbecken, die den Tempel von der Au\u00dfenwelt abtrennen. Gleichzeitig sind die Wasserbecken aber auch vern\u00fcnftig: Sie dienen zur K\u00fchlung, sicher ein wichtiger Gesichtspunkt im Sommer. Auch jetzt, als ich wieder nach drau\u00dfen komme, scheint mir zum ersten Mal in diesen Tagen die Sonne auf den Pelz.<\/p>\n<p>Vor dem Bahai-Tempel steht auf einem abgetrennten St\u00fcck Sandboden ohne jeden Grashalm das Schild: <em>Please do not walk on the grass. <\/em>In der N\u00e4he stehen buddhistische M\u00f6nche, barfu\u00df und mit nichts als ihren einfachen Gew\u00e4ndern ausgestattet \u2013 und mit hochmodernen Filmkameras.<\/p>\n<p>In einem Museum lernt man etwas \u00fcber die Bahai-Religion kennen. Sie vertritt die Ansicht, dass alle Religionen der Welt g\u00f6ttlichen Ursprungs sind und Facetten derselben Wahrheit lehren. Dementsprechend gibt es hier auf gro\u00dfen, farbigen Tafeln Zitate, meist Harmonie und Einheit betonend, aus den heiligen B\u00fcchern verschiedener Religionen: Judentum, Hinduismus, Buddhismus, Christentum, Shik-Religion, Jain-Religion, Islam.<\/p>\n<p>Auch zum Ursprung der Bahai-Religion gibt es Aufkl\u00e4rung. Aber da komme ich mit den Namen durcheinander. Neben dem eigentlichen Religionsstifter, Bab, gab es zwei weitere, die sein Werk fortsetzten und die fast den gleichen Rang haben. Der eigentliche Religionsstifter gab sich den Namen <em>Bab<\/em>, \u201aEingangstor\u2018, und wollte alle Religionen der Welt miteinander vereinen. Er wurde in seiner Heimat, Persien, wegen seiner Lehre verfolgt, eingekerkert und schlie\u00dflich hingerichtet.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen erwartet mich der Fahrer. Es geht weiter nach <em>Qutb Minar<\/em>. Als wir im Stau stehen, klappt ein vorbeifahrender Radfahrer einfach unseren Au\u00dfenspiegel um, um vorbeizukommen.<\/p>\n<p>Auf einem Auto vor uns lese ich: <em>If you drive, do not drink. If you drink, do not drive<\/em>. Keine moralische Belehrung, sondern Werbung. Es handelt sich um ein Taxi. Die Rufnummer steht gleich daneben: 41414141.<\/p>\n<p>Es dauert eine Zeitlang, bis ich herausfinde, was dieses <em>Qutb Minar<\/em> eigentlich ist. Jedenfalls wird es im Reisef\u00fchrer als Geheimtipp genannt. Das scheint sich herumgesprochen zu haben. Es ist ganz sch\u00f6n voll.<\/p>\n<p>Kurz gesagt: <em>Qutb Minar<\/em> ist das erste Delhi. Im Laufe seiner Geschichte wurde Delhi mehrmals gegr\u00fcndet. Und zwischendurch verlor es immer wieder seinen Status als Hauptstadt und gewann ihn dann wieder, zuletzt unter den Briten, bei denen bis 1931 Kalkutta die Hauptstadt war. Die Verlegung der Hauptstadt hing meistens mit dem Versuch zusammen, Kontrolle \u00fcber das Riesenreich zu erlangen und das politische Zentrum Richtung geographisches Zentrum zu verlegen. Das scheiterte immer wieder. Das Reich l\u00f6ste sich in Teilreiche auf oder wurde kleiner, und wieder wurde Delhi zur Hauptstadt. Und musste eben manchmal regelrecht neu gegr\u00fcndet werden. Insgesamt, so sagt man, siebenmal.<\/p>\n<p><em>Qutb Minar<\/em> wurde errichtet von der sog. \u201eSklavendynastie\u201c, Untergebenen, die sich nach dem Tod des Herrschers selbst\u00e4ndig machten und das Sultanat Delhi begr\u00fcndeten. Diese Dynastie kam urspr\u00fcnglich aus Afghanistan. Wir befinden uns historisch in der Zeit vor den Mogulen, etwa im europ\u00e4ischen Hochmittelalter.<\/p>\n<p>Der Namensteil <em>Minar<\/em> bezieht sich auf den Turm, der alle Aufmerksamkeit auf sich lenkt, wobei <em>Minar<\/em> vermutlich mit <em>Minarett<\/em> zusammenh\u00e4ngt. Er wurde errichtet als Symbol des Sieges \u00fcber die Rajputen, die hier ans\u00e4ssig waren. Dieser Sieg markierte den Beginn der Herrschaft der \u201eSklaven\u201c.<\/p>\n<p>Der runde, sich nach oben verj\u00fcngende Turm aus rotem und beigem Sandstein, mit mehreren \u201eRingen\u201c aus Friesen und Balkonen zwischen den Stockwerken, ist ein beliebtes Photomotiv, zu Recht. Er ist ausgesprochen sch\u00f6n. Unten ist er gut 14 Meter breit und oben nur noch knapp 3.<\/p>\n<p>Sehenswert, obwohl alles andere als sch\u00f6n, ist auch ein Eisenpfeiler. Er wiegt unwahrscheinliche 6000 Kilo, obwohl er gar nicht so gro\u00df ist. Er tr\u00e4gt eine Inschrift, die man allerdings \u00fcbersehen w\u00fcrde, wenn man es nicht w\u00fcsste. Sie ist in Sanskrit, in der Brahmin-Schrift und ist an den Gott Vishnu gerichtet. Ber\u00fchmt ist der Pfeiler aber, weil er rostfrei ist. Das wird nat\u00fcrlich g\u00f6ttlichem Wirken zugeschrieben. Wissenschaftler erkl\u00e4ren es mit dem hohen Phosphorgehalt, der perfekter Rostschutz sein soll.<\/p>\n<p>Da, wo der Pfeiler in der Mitte steht, stehen am Rande die betr\u00e4chtlichen Reste eines Geb\u00e4udes. Wenn man zwischen den S\u00e4ulenreihen steht, hat man den Eindruck, in einem christlichen Kloster zu stehen. Tats\u00e4chlich ist es eine Moschee, aber die Skulpturen sind aus den eroberten hinduistischen Tempeln! Die hat man als Spolien einfach hier eingebaut, dem islamischen Bilderverbot zum Trotz. Der Blick durch die S\u00e4ulenreihen mit den einfallenden Sonnenstrahlen geh\u00f6rt zu den bleibenden Erinnerungen der Reise.<\/p>\n<p>Es gibt noch eine ganze Reihe anderer Geb\u00e4ude, vor allem die Begr\u00e4bnisst\u00e4tte des Sohns und Nachfolgers des Begr\u00fcnders der Dynastie, des ersten muslimischen Herrschers, der sich in Indien beisetzen lie\u00df. Das Mausoleum hat keine Kuppel, man sieht aber an den Ans\u00e4tzen, dass es urspr\u00fcnglich eine hatte. Sie soll eingest\u00fcrzt und wieder errichtet und wieder eingest\u00fcrzt sein. Zu Schadenfreude gibt es aber keinen Anlass: In Europa war die Kenntnis des Kuppelbaus zu der Zeit v\u00f6llig verloren gegangen.<\/p>\n<p>Statt Mittagessen gibt es dann auf dem Parkplatz eine T\u00fcte Chips und eine Dose Cola pro Person. Dann geht es weiter zum n\u00e4chsten Ziel, dem Grabmal Humayuns. Auf dem Weg dahin sehe ich, dass auf unserem Au\u00dfenspiegel: <em>Objects in the mirror are closer than they appear.<\/em><\/p>\n<p>Das Mausoleum Humayuns ist das Gegenst\u00fcck und der Vorl\u00e4ufer des Taj Mahal. Es wurde von der Frau Humayuns in Auftrag gegeben und von persischen Baumeistern errichtet, die eigens hierher gebracht und auf dem Gel\u00e4nde untergebracht wurden.<\/p>\n<p>Humayun war der zweite Mogulherrscher, der Sohn Baburs und Vater Akbars. Er konnte seine Herrschaft in Indien nicht konsolidieren und musste zwischenzeitlich nach Persien fl\u00fcchten. Das erkl\u00e4rt wohl zum Teil den gro\u00dfen persischen Einfluss, dem man hier immer wieder begegnet.<\/p>\n<p>Auch hier gibt es ein Tor, das in das Innere der Anlage f\u00fchrt. Es hat Balkone auf beiden Seiten und wird von sechseckigen Sternen flankiert, die den Mogulen als kosmisches Symbol galten.<\/p>\n<p>Au\u00dfen ist der Bau aus rotem Sandstein mit Einlegearbeiten aus wei\u00dfem Marmor f\u00fcr die dekorativen Teile. Das ist das Schnittmuster Nummer Eins f\u00fcr die Bauten hier in Delhi. Eine hohe Kuppel im Zentrum wird flankiert von zwei kleineren Kuppeln.<\/p>\n<p>Innen ist alles sehr schlicht, auch der schmale Kenotaph Humayuns, der im Zentrum steht und nur die Silhouette eines Bogens und einen Fries hat. Die eigentliche Grabst\u00e4tte ist, wie ich das in den n\u00e4chsten Tagen immer wieder sehe, unsichtbar unter der Erde. Das Kenotaph bezeichnet nur die Stelle, an der sich die eigentliche Grabst\u00e4tte befindet.<\/p>\n<p>Alles ist auf perfekte Symmetrie ausgerichtet. Von den acht Armen des Zentralraums haben vier vergitterte Fenster, durch die diffuses Licht hineinkommt. Von denen haben wiederum zwei dasselbe, von den beiden anderen abweichende Muster. Und die \u00fcbrigen vier Arme sind wiederum paarweise angeordnet: zwei sind geschlossen, zwei f\u00fchren in weitere Kammern, die wiederum achteckig angeordnet sind und viele weitere Sarkophage enthalten. Es scheint, dass im Islam die Zahl vier von besonderer Bedeutung ist. Auch der Garten ist durch zwei zentrale Pfade in vier Teile geteilt, und die wiederum durch Kan\u00e4le gitterm\u00e4\u00dfig in exakte Quadrate. Diese Art von Garten nennt man <em>Chahr Bagh<\/em>.<\/p>\n<p>Hinter dem Mausoleum flie\u00dft der Yamuna, wenn man hier \u00fcberhaupt von \u201eflie\u00dfen\u201c reden kann. Zur Zeit der Erbauung war er noch ein wilder Strom, der zur Monsunzeit geradezu zum Meer anschwoll und den Garten mit Wasser versorgte. Auf Farsi ist das Wort f\u00fcr einen eingez\u00e4unten Garten <em>pairi daeza<\/em>, und daher kommt unser <em>Paradies<\/em>! Denn das waren die G\u00e4rten f\u00fcr die Muslime, vor allem f\u00fcr die arabischen Muslime, die aus der W\u00fcste kamen.<\/p>\n<p>Zum Abschluss geht es ins Gandhi-Smriti-Museum. Das ist der Ort, an dem Gandhi ermordet wurde: friedlich, sch\u00f6n, harmonisch, still, ein kleiner Garten, um den sich niedrige Pavillons gruppieren. Sieht nicht gerade nach der Szene f\u00fcr ein Gewaltverbrechen aus.<\/p>\n<p>Im Zentrum ein kleiner, einfacher Gedenkstein, wieder mit den letzten Worten, die Gandhi gesprochen hat. Die Stelle, an der er 1948 umgebracht wurde, hei\u00dft hier \u201eOrt des Martyriums\u201c. Auf einem kleinen Pfad, der auf die Stelle zuf\u00fchrt, sind Gandhis letzte Schritte im Boden als Fu\u00dfspuren nachgebildet. Er war gerade von dem Raum, in dem er hier untergebracht war, auf dem Weg zum Gebet.<\/p>\n<p>Er kam gerade aus Kalkutta und wollte nach Bombay reisen, entschied sich dann aber aufgrund der immer schwieriger werdenden Situation dazu, in Delhi zu bleiben.<\/p>\n<p>Dass er in Gefahr war, wusste er, lehnte aber besonderen Schutz ab. Er vertraute auf Gott. Gleichzeitig ist ein Ausspruch \u00fcberliefert, der auf unheimliche Weise zeigt, dass er sein Schicksal erahnte: <em>Even if I am killed, I will not give up repeating the names of Rama and Rahin, which mean to me the same God, with these names on my lip I will die cheerfully.<\/em><\/p>\n<p>Gandhi war stolz darauf, Hindu zu sein. Der Hinduismus sei eine tolerante Religion und h\u00e4tte verfolgten Christen und Juden und Parsis Schutz geboten. Sein M\u00f6rder, ein Hindu, wollte davon allerdings nichts wissen.<\/p>\n<p>In einem der Pavillons sieht man Photos von Gandhi: Gandhi beim Geigen, Gandhi schert sich die Haare, Gandhi auf einem Elefanten, Gandhi bindet sich eine Krawatte um, Gandhi wird verpr\u00fcgelt. Dort befindet sich auch der Raum, in der er die letzte Unterredung hatte, bevor er zum Gebet ging, eine Unterredung mit Patel. Der Raum ist so belassen, wie er damals war.<\/p>\n<p>Im Garten ist in einem Laubengang die Geschichte des indischen \u201eFreiheitsmarsches\u201c dokumentiert. Der Ausdruck ist genauso Programm wie die Jahreszahlen: 1857-1947. Da reibt man sich die Augen: Was, so lange? Hier sieht die indische Geschichtsschreibung eine Kontinuit\u00e4t, die die europ\u00e4ische nicht sieht. In England spricht man von 1857 als dem <em>Sepoy-Aufstand<\/em>. Keine gro\u00dfe Sache, bald vergessen. F\u00fcr die Inder ist es der Anfang einer langen Entwicklung, die in die Unabh\u00e4ngigkeit m\u00fcndet.<\/p>\n<p>Es hei\u00dft, der Aufstand habe eine solche Wirkung auf die Inder gehabt, weil er Menschen sehr unterschiedlicher Herkunft und Stellung zusammenbrachte. Es begann mit einer Meuterei der Sepoy, indischer Infanterie, ausgel\u00f6st durch ein neues Gewehr, dessen Patronen mit Rinderschmalz behandelt werden und von den Soldaten aufgebissen werden mussten, was gegen hinduistische Regeln verstie\u00df. Aus der Meuterei wurde ein Aufstand, aus dem Aufstand ein Krieg, mit Massakern und Belagerungen. Am Ende siegten die Briten.<\/p>\n<p>Vor dem Museum esse ich ein Eis. Es ist zum ersten Mal so warm, dass ich das Gef\u00fchl habe, im Sommer unterwegs zu sein.<\/p>\n<p>Langsam werde ich zum Vegetarier. Nicht aus \u00dcberzeugung, sondern aus Mangel an Gelegenheit. Bisher hat es noch kein St\u00fcck Fleisch gegeben.<\/p>\n<p>Auf allen Geldscheinen ist auf der Vorderseite Gandhi. Auf der R\u00fcckseite Motive aus Indien, auf den niederen Werten Tiger und \u00c4hren, auf den h\u00f6heren Werten Computer und Bohrt\u00fcrme.<\/p>\n<p>Am Abend in der Pension hat Sanjiv die Zugfahrtkarten nach Agra f\u00fcr mich parat. Es sind zwei komplett bedruckte DIN-A-4-Seiten. Man muss den Pass dabei haben, sonst wird man so behandelt, als existiere das Ticket nicht und wird so zum Schwarzfahrer. Der Zug geht um 6 Uhr, und als ich frage, wie ich am besten zum Bahnhof komme, sagt er, daf\u00fcr habe er nat\u00fcrlich einen Fahrer organisiert. Der holt mich auch am Abend wieder ab. F\u00fcr alles gesorgt.<\/p>\n<p>Sanjiv spricht sehr gutes Englisch und hat in der Pension eine ganz andere Funktion als die anderen Jungen: eher Manager als Laufbursche. Er hat einen College-Abschluss und arbeitet schon seit zehn Jahren hier. Sein Englisch habe er vor allem durch die Kommunikation mit den G\u00e4sten gelernt. Die anderen Jungen kommen vom Lande und haben nie Englisch in der Schule gehabt und \u00fcberhaupt kaum eine Schulausbildung. Daf\u00fcr kommen sie hier gut zurecht. Sie verstehen, was sie verstehen m\u00fcssen. F\u00fcr sie muss die Stellung hier zwar vielleicht nicht die Erf\u00fcllung aller W\u00fcnsche, aber doch ein sozialer Aufstieg sein, der vor allem Sicherheit bietet.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">22. Februar (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>In der Nacht beginnt es zu donnern, und dann kommt ein ordentlicher Regenguss herunter.<\/p>\n<p>Am fr\u00fchen Morgen h\u00f6rt man in der Ferne die Rufe des Muezzins. W\u00e4hrend des Tages werden seine Rufe von Delhi verschluckt.<\/p>\n<p>Gem\u00fctliches Fr\u00fchst\u00fcck mit dem Londoner und einem australischen Ehepaar. Die Australier sind pensionierte Lehrer, die Engl\u00e4nder Journalisten, er bei Reuter, sie bei der BBC. Alle finden, dass es in Delhi nicht besonders hektisch zugeht, z.B. im Vergleich zu Bombay oder zu Bali. In Bombay, sagen die Engl\u00e4nder, gebe es kaum mal irgendwo einen Meter Raum, der ganz und gar frei ist, und der Verkehr flie\u00dfe viel langsamer. Delhi habe dagegen breite Stra\u00dfen und freie Pl\u00e4tze und sei sogar erstaunlich gr\u00fcn. Keine typisch indische Stadt. Erstaunlich!<\/p>\n<p>Die Engl\u00e4nder kennen sich besser mit indischer K\u00fcche aus und bestellen zum Fr\u00fchst\u00fcck <em>puris<\/em>, die edlere Version des indischen \u201eBrots\u201c, das in \u00d6l gebacken wird und dabei aufbl\u00e4ht und sich zu K\u00f6rbchen verformt, in die man dann praktischer weise die Marinade reintun kann. Am Abend esse ich im Hotel <em>chappatis<\/em>. Das ist die einfachste Version, d\u00fcnne, auf hei\u00dfer Herdplatte gebackene Fladen aus Mehl und Wasser. Dazwischen liegen die <em>paratha<\/em>, die Pfannkuchen, die ich dieser Tage gegessen habe.<\/p>\n<p>Von den Australiern erfahre ich zuf\u00e4llig, dass der Rundgang mit Avnish auf den Nachmittag verschoben worden ist. Also mache ich mich auf den Weg zum Lakshmi-Narayan Tempel, dem Hindu&#8211;Tempel, zu dem ich schon am ersten Tag wollte. Auch diesmal keine leichte Aufgabe. Ein Rikscha-Fahrer tut so, als wisse er Bescheid. Er kontaktiert dann aber einen anderen, der als Begleitschutz neben uns herf\u00e4hrt und mehrmals meine Nachfrage best\u00e4tigt, dass es zum Tempel gehe. Als wir an dem Krankenhaus links abbiegen, schwant mir B\u00f6ses. Wir kommen zur Metrostation, und dort werde ich mit unschuldiger Miene abgesetzt. Auf meinen Protest hin \u2013 die Metro ist weiter vom Tempel entfernt als das Hotel \u2013 kommt eine ganze Traube von Rikschafahrern zusammen und ich werde am Ende belehrt: <em>Not allowed<\/em>. Ich solle die Metro nehmen. Das h\u00e4tte ich nat\u00fcrlich ohnehin getan, wenn da eine Metrostation w\u00e4re.<\/p>\n<p>Eigentlich will ich zur\u00fcck zum Hotel gebracht werden, aber ich gebe den Versuch bald, auf, das deutlich zu machen und gehe zu Fu\u00df zur\u00fcck. Da ich gerade an einer Bank vorbeikomme, nutze ich die Gelegenheit, Geld abzuheben. Eigentlich noch nicht n\u00f6tig. Man hat hier seine liebe M\u00fch und Not, sein Geld auszugeben. Aber es mangelt immer an Kleingeld. Auf diese Art und Weise kommt vielleicht was rein. Denkste! Der Automat sagt mir, meine Karte sei ung\u00fcltig.<\/p>\n<p>Also weiter zum Hotel. Und wieder ist Sanjiv meine Rettung. Er schreibt mir den Namen des Tempels auf Hindi auf, sagt mir, wie ich am besten dorthin komme und gibt mir Instruktionen zum Geldtausch.<\/p>\n<p>In der Bank ist man sehr freundlich. Ein Angestellter geht mit mir raus zum Geldautomaten, und diesmal, wie durch Magie, klappt es. Ich habe vermutlich beim ersten Mal die Karte falsch reingeschoben. Das hat der Automat nicht gerne.<\/p>\n<p>Am Krankenhaus stehen Motorrikschas. Aber der erste Fahrer kann selbst auf Hindi mit dem Namen des Tempels nicht anfangen. Auch eine Karte und ein Photo nutzen nichts. Ich suche einen anderen. Der wei\u00df sofort, was Sache ist und bringt mich in zehn Minuten an den gew\u00fcnschten Ort.<\/p>\n<p>Der Tempel, aus rotem Sandstein mit Inkrustationen in wei\u00dfem Marmor, ist ein imposantes Geb\u00e4ude, vor dem sich Touristen und Gl\u00e4ubige dr\u00e4ngen. Ein hoher zentraler, oben konisch zulaufender Turm wird geflankt von zwei kleineren T\u00fcrmen und die wiederum von zwei kleineren. Die Grundform ist, wie bei Hindu-Heiligt\u00fcmern \u00fcblich, das Quadrat. Das gilt als perfekt, nicht, wie uns, der Kreis. Der kann nicht perfekt sein, weil er Bewegung suggeriert!<\/p>\n<p>Der Tempel wurde 1939 nach sechs Jahren Bauzeit von Gandhi eingeweiht und von der Finanziersfamilie Birla finanziert. Die stehen besonders auf Lakshmi, der G\u00f6ttin der Sch\u00f6nheit und Gattin Vishnus. Narayan ist eine der Verk\u00f6rperungen Vishnus.<\/p>\n<p>Handy und Kamera muss man abgeben, und nat\u00fcrlich die Schuhe ausziehen. F\u00fcr Touristen gibt es mal wieder eine gesonderte Aufbewahrungsstelle f\u00fcr die Schuhe.<\/p>\n<p>\u00dcber eine breite Freitreppe kommt man auf eine Plattform. Die Fratzen, die sich hier unter der Decke an dem Portikus am Eingang befinden und die das B\u00f6se abwehren sollen, erinnern an christliche Kirchen. Auch der breite Narthex, den man zuerst betritt, ist eine Parallele im Kirchenbau. Aber dann kommt kein Innenraum. Es gibt einfach verschiedene Nischen, in denen Alt\u00e4re stehen.<\/p>\n<p>Die Gl\u00e4ubigen falten die H\u00e4nde und verneigen sich, ganz wie bei uns. Nur bleibt man nicht an einem Altar stehen, sondern wandert von einem zum anderen, von einem Gott zum anderen. Vor den Alt\u00e4ren verstreut man Blumenbl\u00e4tter, die meisten orangefarben.<\/p>\n<p>Hinter den Alt\u00e4ren ist ein Rundgang, wie der Chorumgang in unseren Domen. Da stehen unter anderem eine gro\u00dfe Bronzeglocke und ein gro\u00dfer Globus. An den W\u00e4nden weitere G\u00f6tterbilder.<\/p>\n<p>Auf der Plattform vor dem Tempel sind zu beiden Seiten weitere Tempel angebracht. Auch die sucht man alle auf. \u00dcberall \u00fcppig verzierte, mit viel Schmuck und kostbaren Gew\u00e4ndern angetane, bunte G\u00f6tterstatuen. Sie erinnern ein bisschen an kitschige Marienstatuen in unseren Kirchen. Auf den Bildern und Reliefs kommen die G\u00f6tter schlichter daher. Einige erinnern, mit langen wei\u00dfen Gew\u00e4ndern und Sandalen angetan, an griechische G\u00f6ttinnen. Es gibt auch gleichnishafte Bilder wie das \u00fcber ein tosendes Meer voller Krokodile gleitende Boot. Die Krokodile sind Lust, Gier, Zorn. Das Boot, mit Weisheit und mit guten Rudern durch die Meeresgewalten gebracht, ist auf dem Weg in das Land der Freiheit \u2013 dem Nirwana.<\/p>\n<p>In einer Darstellung hei\u00dft es, diejenigen, die die Leidenschaften unterdr\u00fcckten, k\u00f6nnten ebenso gut zu Hause bleiben (<em>Karma-Yoga<\/em>) wie in den Dschungel gehen (<em>Jnana-Yoga<\/em>). Beides ist gleichwertig. Mit dem Dschungel ist vermutlich die Universit\u00e4t gemeint. Oder Delhi. Yoga ist neben Santi einer der beiden Regeln, die vom gro\u00dfen Vater f\u00fcr den Weg des Menschen festgelegt wurden. Sie stehen f\u00fcr Frieden und Einheit. Von seinem Namen soll das Wort <em>manava<\/em>, \u201aMensch\u2018, abgeleitet sein.<\/p>\n<p>Den Glauben an das Nirwana teilt der Hinduismus mit dem Buddhismus. Auch den Glauben an die Wiedergeburt haben sie gemeinsam. Nur kennt der Buddhismus keine Kasten.<\/p>\n<p>\u00dcberall pr\u00e4sent ist das Hakenkreuz, die Swastika. Nach einer Inschrift hier steht es symbolisch f\u00fcr das Gebet um Erfolg, Vollendung, Perfektion. Es soll schon in den Veden vorkommen, und auf die Swastika sollen alle indischen, aber auch andere asiatischen Schriftsysteme letztlich zur\u00fcckgehen.<\/p>\n<p>Hinter dem Tempel liegt noch ein gro\u00dfer Garten, der wiederum mehrere Tempel hat. Von hier aus hat man einen guten Blick auf den Tempelkomplex mit allen seinen T\u00fcrmen, Pyramiden, Fialen und anderen Aufbauten. Am Eingang zum Garten findet man auch einfache, im Schneidersitz dargestellte, fast unbekleidete Figuren mit dickem Bauch, die man sonst eher im Buddhismus erwarten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Beim Verlassen des Tempels lasse ich mir eine Elefantenfigur aufschwatzen, aber nicht ohne vorher gefragt zu haben, ob der H\u00e4ndler wechseln kann. Auch die Postkarten bezahle ich mit 1000 Rupien, und wieder gibt es Wechselgeld.<\/p>\n<p>Auf dem Boden hockt ein Junge mit einem merkw\u00fcrdigen Objekt vor sich. Es ist eine Waage. F\u00fcr zwei Rupien kann man sich wiegen lassen. Als ich mich auf die Waage stelle, kommen sofort mehrere der Umstehenden auf mich zu, sehen auf die Anzeige und teilen mir mit, wie viel ich wiege. F\u00fcr meinen Kommentar &#8211; <em>too much<\/em> &#8211; hat man wenig Verst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p>Der Schuhaufpasser dr\u00fcckt mir beim Verlassen des Tempels noch eine Brosch\u00fcre in die Hand, und ich will ihm den kleinen Nebenverdienst nicht verweigern. Der Brosch\u00fcre zufolge kennt der Hinduismus keinen Propheten, und auch sein Ursprung ist nicht bekannt. In den Veden soll es sogar hei\u00dfen, dass der Mensch den Ursprung des Glaubens nicht kenne.<\/p>\n<p>Die Brosch\u00fcre preist den Hinduismus f\u00fcr seine Toleranz, weil er alle anderen Religionen akzeptiere. Man kann Hindu und gleichzeitig Christ sein. Alle Religionen sind wahr! Allerdings sind alle anderen, nach dem Verst\u00e4ndnis des Hinduismus, aus dem Hinduismus erwachsen.<\/p>\n<p>Es hei\u00dft sogar, man vertrete den Monotheismus. Das w\u00e4re so ziemlich das Letzte, woran man beim Hinduismus mit seiner bunten G\u00f6tterwelt denkt. Aber alle G\u00f6tter sind eben nur Manifestationen des einen Sch\u00f6pfergottes. Das wiederum unterscheidet den Hinduismus vom Buddhismus, der eine gottlose Religion ist.<\/p>\n<p>Etwas versch\u00e4mt nimmt die Brosch\u00fcre auch zum Kastenwesen Stellung. Das sei menschengemacht, nicht g\u00f6ttlich, hei\u00dft es, und es bed\u00fcrfe der Reform. Urspr\u00fcnglich habe es der Disziplinierung gedient, aber es sei im Laufe der Jahrhunderte sehr entstellt worden. Auch wenn man sich vor schnellen Urteilen h\u00fcten sollte \u2013 Kasten gew\u00e4hren auch eine gewisse Sicherheit, einen gewissen Schutz &#8211; ist das Kastenwesen das h\u00e4ssliche Antlitz des Hinduismus, vor allem, was die \u00c4rmsten der Armen, die Unber\u00fchrbaren angeht. Der Glaube an die Kasten ist aber wohl so tief verwurzelt, dass man ihn nicht durch ein paar Verordnungen verbannen kann. Aberglaube ist st\u00e4rker als Gesetze. Vor allem sollte man sich vor \u00dcberheblichkeit h\u00fcten. Richtig durchl\u00e4ssig ist unsere Gesellschaft auch nicht, \u201eKasten\u201c haben wir auch, wenn wir sie auch nicht so nennen und wenn auch das System durchl\u00e4ssiger ist.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg setzt mich der Fahrer wegen einer Baustelle hinter der Pension ab und ich muss ein paar Schritte gehen. Ich habe tats\u00e4chlich Schwierigkeiten, die Pension zu finden. Der Eingang befindet sich in einer schmalen Passage zwischen zwei H\u00e4usern, und es gibt kein Hinweisschild und keine Hausnummer.<\/p>\n<p>In der Pension bitte ich die Jungen, insgesamt f\u00fcnf, mir ihren Namen aufzuschreiben. Einige tun es in unserem Alphabet, andere im Schriftsystem des Hindi. Dabei ziehen sie erst eine kerzengerade Linie, an die sie die Zeichen \u2013 Silbenzeichen, vermute ich \u2013 dranh\u00e4ngen. Sieht sehr ordentlich aus. Sie sind alle sehr gut, immer freundlich und immer sofort zur Stelle. An verschiedenen Stellen des verwinkelten Baus gibt eine Schelle, und es dauert nur Sekunden, bis sie da sind, um einen hinauszulassen oder eine Bestellung entgegenzunehmen.<\/p>\n<p>Dann geht es mit Avnish und drei anderen G\u00e4sten in seinem Auto zu den Lodi Gardens. Das ist alles, was von seiner gro\u00dfartig angek\u00fcndigten Stadtf\u00fchrung \u00fcbrig geblieben ist. Zu den Geb\u00e4uden kann er wenig sagen &#8211; l\u00e4sst sich dadurch aber nicht vom Reden abhalten \u2013 und die angek\u00fcndigten Schmetterlinge und V\u00f6gel sehen wir nur auf Bildtafeln, au\u00dfer zwei gr\u00fcnen Sittichen in den \u00c4sten eines hohen Baums.<\/p>\n<p>Am meisten lohnt sich die Fahrt zu den G\u00e4rten, die au\u00dferdem sehr bequem ist. Es geht \u00fcber breite, nicht sehr befahrene Stra\u00dfen. Delhi ist nicht wiederzuerkennen. Dies ist das europ\u00e4ische Delhi. Und man kommt sich wie in Europa vor: keine Rikschas, keine Handkarren, meist PKW und Busse. Der <em>Connaught Place<\/em> mit seinem Chaos geh\u00f6rt zwar auch zu New Delhi, aber er liegt am \u00e4u\u00dfersten Rand und z\u00e4hlt irgendwie nicht.<\/p>\n<p>Zuerst fahren wir an einer langen Steinmauer entlang, die f\u00fcr die Commonwealth Spiele erbaut wurde. Warum, bekomme ich nicht mit. Noch in der N\u00e4he der Pension sieht man einen Shik-Tempel mit einer goldenen Kuppel. Die ist bei den Shik-Tempeln die Regel, nicht die Ausnahme. Avnish erw\u00e4hnt den Goldenen Tempel von Amritsar. Den wertet er noch einen Tick h\u00f6her als das Taj Mahal.<\/p>\n<p>Dann ist von importierten, schnell wachsenden B\u00e4umen die Rede, die ihren Zweck erf\u00fcllen, gleichzeitig aber die einheimischen B\u00e4ume verdr\u00e4ngen, ein Problem, wie man es auch aus anderen L\u00e4ndern kennt.<\/p>\n<p>Wir fahren an dem unendlich langen Pr\u00e4sidentenpalast entlang, genauer gesagt an dessen niedriger, roter Mauer. Hier residierte fr\u00fcher der britische Vizek\u00f6nig. Der Pr\u00e4sident lebt also wirklich k\u00f6niglich.<\/p>\n<p>Den riesigen Palast mit seinen 340 R\u00e4umen in Schuss zu halten, war schon zu Lord Mountbattens Zeiten keine leichte Aufgabe. Der Palast besch\u00e4ftigte alleine 419 G\u00e4rtner, darunter 50 Jungen, die nur daf\u00fcr zust\u00e4ndig waren, V\u00f6gel zu verscheuchen.<\/p>\n<p>Der Pr\u00e4sident ist in Indien ein nicht politisches Amt und wurde auch zun\u00e4chst nicht politisch besetzt. Das hat sich in den letzten Jahren ge\u00e4ndert. Jetzt ist der ehemalige Finanzminister Pr\u00e4sident. Das findet Avnish nicht gut, und das kann man verstehen.<\/p>\n<p>Dann sieht man Ministerien, alle in sch\u00f6nen, wei\u00dfen Bungalows untergebracht. Dann eine Skulptur, die an den Salzmarsch erinnert, mehrere Figuren hintereinander, angef\u00fchrt von Gandhi, in der typischen, gebeugten K\u00f6rperhaltung, auf seinen Stock gest\u00fctzt.<\/p>\n<p>Dann geht es an dem riesigen, runden Hotel vorbei (wo Avnishs bemerkenswerte Karriere begann) und an einem staatlichen Radiosender (wo Avnish zweimal w\u00f6chentlich sein Radioprogramm zur modernen Wirtschaft hat) und an dem Finanzministerium (dessen Amtsinhaber Avnish pers\u00f6nlich kennt).<\/p>\n<p>Dann ist die Rede von Wellington und Lady Wellington und einem deutschen Landschaftsarchitekten, Joseph Stein, der in ihrem Auftrag die Lodi Garten angelegt hat, indem er die Reste der teils verfallenen Mausoleen in den neu anzulegenden Park integrierte.<\/p>\n<p>Es handelt sich um die Mausoleen der Herrscher der Dynastien der Lodi und der Sayyid, den Vorg\u00e4ngern der ebenfalls islamischen Mogulherrscher.<\/p>\n<p>Die Bauten in den G\u00e4rten sind das Gegenst\u00fcck zu <em>Qutb Minar<\/em>. Das j\u00fcngste Mausoleum ist oktogonal, im Gegensatz zu den anderen, die rechteckig sind. Die Moschee, die einem der Mausoleen angeschlossen ist, ist gewestet. Mekka liegt westlich von Delhi.<\/p>\n<p>Interessant die unterschiedlichen Materialien, der Kontrast zwischen dem hellen, nicht dekorierten, weil zu hartem und dem r\u00f6tlichen, reich verzierten Stein und dem reichlich verwendeten Stuck mit vielen dekorativen Inschriften aus dem Koran.<\/p>\n<p>Am Schluss m\u00fcssen wir noch ein bisschen Yoga machen, was mir einerseits peinlich ist, mich andererseits schmunzeln l\u00e4sst, denn wir machen nichts anderes als bei den Aufw\u00e4rm\u00fcbungen beim Lauftreff, nur dass die Sache spirituell aufgeblasen wird: Energie ablassen, Vibrationen sp\u00fcren. Dann m\u00fcssen wir noch schweigend\u00a0 &#8211; nicht \u201ewertend\u201c, nur \u201eaufnehmend\u201c &#8211; an einer Reihe von Palmen entlang laufen. Ganz wertfrei \u00fcberlege ich mir, dass die Palmen hier <em>Royal Palm<\/em>, in Kuba, wegen ihrer in der Mitte aufgebl\u00e4hten Stammes, <em>Schwangere Palmen<\/em> hei\u00dfen. Die St\u00e4mme haben Ringe, an denen man ihr Alter ablesen kann.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg, als es wieder am Gandhi-Denkmal vorbeigeht, gibt es noch ein interessantes Gespr\u00e4ch. Jemand fragt nach dem M\u00f6rder Gandhis. Avnish erkl\u00e4rt, es habe sich um einen Hindu gehandelt, f\u00fcr den Gandhi ein Verr\u00e4ter war. Es gebe ein Buch mit dem Titel <em>Why I Killed Mahatma Gandhi<\/em>, beruhend auf den Prozessakten. Komisch, dar\u00fcber hat man sich nie Gedanken gemacht. Auch der M\u00f6rder Gandhis muss seine Motive gehabt haben. Und seine Tat als gerecht empfunden haben. Avnish zufolge ist die Tat deshalb erfolgt, weil sich Gandhi \u00fcber einen klaren Mehrheitsbeschluss hinweggesetzt und Nehru statt Patel als Premierminister durchgesetzt habe.\u00a0 F\u00fcr den hatten tats\u00e4chlich 13 von 16 Staaten gestimmt. Deshalb bringt man jemanden nicht gleich um, aber man kann sich vorstellen, dass auch ein friedfertiger Mann wie Gandhi Aggressionen hervorruft, vielleicht gerade durch seine friedfertige Art. Besonders dann, wenn er seinen Einfluss ausnutzt, um eigene Vorlieben durchzusetzen, die andere nur mit Gewalt durchsetzen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Der M\u00f6rder wurde zum Tode verurteilt. Und das Todesurteil wurde auch vollstreckt, obwohl Gandhis S\u00f6hne und Nehru dagegen waren. Es ist merkw\u00fcrdig, dass ein Friedensapostel gewaltsam umkommt und sein gewaltsamer Tod einen weiteren gewaltsamen Tod verursacht.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">23. Februar (Samstag)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">I<\/span>ndien hat drei Jahreszeiten: hei\u00df, nass, k\u00fchl. Wir sind jetzt am Ende der k\u00fchlen Jahreszeit und kurz vor dem Beginn der hei\u00dfen. Hier in der Ebene wird es schon bald unertr\u00e4glich hei\u00df, und dann kommt der Monsun und bringt Regen aus K\u00fcbeln. Ein Segen f\u00fcr die Landwirtschaft, ein Fluch f\u00fcr den Verkehr und eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr viele Menschen. Einen Vorgeschmack darauf gab es heute Nacht, mit heftigem Regen, der auf das flache Dach des Zimmers prasselte und das Gef\u00fchl vermittelte, es regne hinein.<\/p>\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck lese ich in einem Reisef\u00fchrer von den Irula, einem Volk im S\u00fcden Indiens. Die haben sich, nachdem das Fangen von Schlangen verboten worden ist, auf Ratten spezialisiert und eine Kooperative gebildet, die systematisch auf Rattenfang geht (und rats hei\u00dft). Unterst\u00fctzt werden sie von einem Regierungsprogramm, das der Rattenplage auf den Leib r\u00fccken will, ohne Pestizide einzusetzen. Die Irula bekommen 2 Rupien pro Ratte, bei 100.000 Ratten pro Jahr ein lukratives Gesch\u00e4ft. Das Rattenfleisch wird dann au\u00dferdem an Krokodilfarmen verkauft. Die Ratten haben es inzwischen aber auch auf den Speiseplan der Irula gebracht. Sie beteuern, das Rattenfleisch, mit Reis serviert, sei eine Delikatesse.<\/p>\n<p>Ich bekomme mit, wie Avnish einem Gast erz\u00e4hlt, dass er seinen Sohn morgens mit dem Auto zur Schule bringt: 30 Minuten Fahrzeit. Unterrichtsbeginn: 7.30. Um 7.20 muss man da sein, sonst kommt man in die <em>Late Lane<\/em>, was immer das sein mag. Da um diese Zeit dichter Verkehr ist, verl\u00e4ngert sich die Fahrtzeit sogar. Das ist die indische Mittelschicht. Die bekommt man als Tourist kaum zu sehen. Da, wo man ist, sind sie nicht. Sie wohnen in ihren eigenen Vierteln und fahren mit dem eigenen PKW.<\/p>\n<p>Wieder gibt es den ganzen Tag \u00c4rger mit Rikscha-Fahrern, so sehr, dass ich am Ende richtig \u00e4rgerlich werde. Ich f\u00fchle mich wie ein alter Kolonialherr, der kein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr diese bl\u00f6den Inder hat. Den ganzen Tag \u00fcber habe ich nur einen gehabt, der mir einen \u00fcberh\u00f6hten, aber reellen Preis genannt und mich wirklich dahin gebracht hat, wo ich hinwollte: zum <em>National Museum<\/em>.<\/p>\n<p>Vor dem Museum steht, vermutlich als Nachbildung, ein Felsblock, unscheinbar, aber von allergr\u00f6\u00dfter Bedeutung f\u00fcr die indische Geschichte. Der nach hinten sich erh\u00f6hende, aber abgeflachte Felsbrocken ist \u00fcber und \u00fcber mit Schriftzeichen versehen. Und um die geht es. Es sind Anweisungen des Kaisers Ashoka an sein Volk, Regeln f\u00fcr das Zusammenleben, eine Art Moralkodex. Es wird unter anderem dekretiert, dass keine Menschenopfer gebracht werden d\u00fcrfen. Es hei\u00dft auch, dass der Kaiser alle f\u00fcnf Jahre Kundschafter durch sein Land schicken will, die \u00fcberpr\u00fcfen sollen, ob die Regeln eingehalten werden. Und dass sich die Untertanen an den Kaiser wenden k\u00f6nnen, wenn die Regeln verletzt werden. Wie das praktisch funktionieren soll, ist dabei vermutlich egal. Immerhin ist es eine Geste des Kaisers, die zum Ausdruck bringt, dass er sich um sein Volk k\u00fcmmert.<\/p>\n<p>Die Ma\u00dfnahmen und die systematische Verbreitung der Regeln erinnern mich an den ersten chinesischen Kaiser, und man k\u00f6nnte Ashoka als den ersten indischen Kaiser bezeichnen, der erste jedenfalls, der das ganze Riesenreich beherrschte.<\/p>\n<p>Ashoka bekehrte sich zum Buddhismus und leitete die Hochzeit des Buddhismus in Indien ein. Verbl\u00fcffender als der Erfolg des Buddhismus ist sein Niedergang, ausgerechnet hier, in seinem Stammland, im Gegensatz zu den anderen L\u00e4ndern S\u00fcdostasiens und im Gegensatz zu Japan, wohin er exportiert wurde und wo er weiterhin von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung ist. Von den Indern sind weniger als ein Prozent Buddhisten.<\/p>\n<p>Am Eingang des etwas verstaubt wirkenden Museums h\u00e4ngt eine gro\u00dfe Schautafel, die in verschiedenen Farben die Entwicklung der verschiedenen Hochkulturen schematisch darstellt: \u00c4gypten, Mesopotamien, Indien, China.\u00a0 Auch Indien hatte also eine fr\u00fche Hochkultur, aber die ist weniger bekannt als die anderen. Erstaunlich die gro\u00dfen Parallelen. Das Aufkommen der Schrift und das Aufkommen der Bronze sind, ganz grob gesprochen, gleichzeitig! Und keine davon ist in Europa oder in Amerika!<\/p>\n<p>Im ersten Saal gibt Exponate \u00fcber die erste indische Hochkultur, paradoxerweise heute in Pakistan gelegen, im Industal! Wof\u00fcr es keine Erkl\u00e4rung gibt, ist der Untergang dieser ersten indischen Hochkultur. Sie ist einfach verschwunden und wurde von b\u00e4uerlichen Gemeinschaften abgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Dies, so hei\u00dft es, sei eine st\u00e4dtische Kultur gewesen \u2013 was man sich vorstellen kann. Aber im Gegensatz zu den \u00c4gyptern und den anderen seien hier die Errungenschaften, wie die Steinarchitektur, allen zugutegekommen, nicht nur der Oberschicht \u2013 was man sich nicht so gut vorstellen kann.<\/p>\n<p>Einige der Exponate erinnern an die anderen Hochkulturen, und man ist verbl\u00fcfft, dass es das damals (ca. 2700-2500 v. Chr.) schon gab: ein zweir\u00e4driges Fahrzeug, die Bronzefigur eines Wagenlenkers. Daneben gibt es Spindeln, modern wirkende Halsb\u00e4nder aus Lapislazuli und Agathe und eine gro\u00dfe Anzahl von Siegelringen, die hier, im Gegensatz zu Mesopotamien, nicht rund oder zylindrisch, sondern rechteckig sind. Sie enthalten Schriftzeichen, aber \u00fcber die Schrift ist nichts zu erfahren. Ob sie entziffert worden ist? Sieht nicht so aus.<\/p>\n<p>In einer Vitrine ein sehr gut erhaltenes Skelett. Ein Armreif am linken Handgelenk bedeutet, dass die Frau verheiratet war. Grabbeigaben zeigen, dass man an ein Leben nach dem Tod glaubte.<\/p>\n<p>Es gibt auch alle m\u00f6glichen Tierfiguren aus Terrakotta, die fast alle zwei K\u00f6pfe haben. Was das wohl zu bedeuten hat? Man ist versucht, einen Bezug herzustellen zu den hinduistischen G\u00f6ttern, die auch oft mehr K\u00f6pfe oder Arme als n\u00f6tig haben. Ebenso h\u00e4lt man die Figuren im Schneidersitz unwillk\u00fcrlich f\u00fcr Vorl\u00e4ufer der Buddha-Figuren in Meditationshaltung.<\/p>\n<p>Zum n\u00e4chsten Saal gibt es einen Sprung von 2000 Jahren. In dieser Zeit sind die Arier nach Indien eingedrungen.<\/p>\n<p>Hier kommen die Maurya und der wichtigste Vertreter der Dynastie, Ashoka, ins Spiel. Unter ihm erreichte das Reich eine solch gro\u00dfe Ausdehnung wie erst wieder unter den Mogulen und unter den Briten.<\/p>\n<p>Hier gibt es Steins\u00e4ulen mit den Inschriften Ashokas und gro\u00dfe Steinplatten mit Reliefs, die ein bisschen an die r\u00f6mischen Grabm\u00e4ler in Trier erinnern. Bei dieser und der folgenden Dynastie sind die Skulpturen meistens f\u00fcr die buddhistischen Stupas bestimmt und enthalten Legenden aus dem Leben des Buddhas. Dabei geht es sehr phantasievoll zu, und wenn es offensichtlich nichts mit dem \u00fcberlieferten Lebensgeschichte Buddhas zu tun hat: Macht nichts! Ist aus einem fr\u00fcheren Leben! Daneben gibt es r\u00e4tselhafte Steinplatten, bei denen sich das Volk dicht um eine Figur im Zentrum dr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Dann kommt der Sprung in die Zeit, als der Buddhismus wieder von Hinduismus verdr\u00e4ngt worden war. Vishnu und Ganesha erscheinen h\u00e4ufig, und Paruati, eine G\u00f6ttin mit strammen Br\u00fcsten, die lasziv ein Bein hebt und den K\u00f6rper im Tanz windet, mit einem ganz d\u00fcnnen H\u00f6schen angetan und Schmuck an Ohren, Beinen und Armen und mit kunstvoll gebundenem Haar. Da denkt man nicht so unbedingt an Religion.<\/p>\n<p>Neben ihr befindet sich dann tats\u00e4chlich eine G\u00f6ttin mit 3 K\u00f6pfen und 4 Armen, Marichi, mit einem Schmuckreifen an jedem Oberarm. Viele Arme erh\u00f6hen das Schmuckbudget.<\/p>\n<p>Alle diese Figuren haben keine Farbe, und es sind auch keine Farbreste zu erkennen. Ob sie fr\u00fcher farbig waren?<\/p>\n<p>Dann h\u00f6rt man pl\u00f6tzlich laute Stimmen. Ganze Schulklassen werden durch das Museum geschleust. Das geht so: Man geht schnellen Schritts, ohne stehenzubleiben, im G\u00e4nsemarsch, die beiden benachbarten Sch\u00fcler an der Hand haltend, durch das Museum.<\/p>\n<p>Die beiden wichtigsten Abteilungen, die f\u00fcr Manuskripte und die Cafeteria, sind geschlossen. Also sehe ich mir oben, in der Folklore-Abteilung, noch die Musikinstrumente an. Als Laie denkt man bei indischer Musik an die Sitar, und die Instrumente, die hier ausgestellt sind, sehen auch so aus, hei\u00dfen aber anders, meistens Sarod. Diese Saiteninstrumente gibt es in einer Unzahl von Variationen, mit breiten und schmalen und langen und kurzen Stegen und mit vier Saiten und Dutzenden von Saiten. Meistens haben sie sehr bauchige Resonanzk\u00f6rper. Einige sind so gro\u00df, dass man sie gar nicht halten kann, sondern wie eine Zither spielt.<\/p>\n<p>Die Sarangi, ein Saiteninstrument mit breitem Steg und einem Hals ohne Stege, wurde von Yehudi Menuhin als <em>Seele der indischen Musik<\/em> bezeichnet. Sie soll das Musikinstrument sein, das der menschlichen Stimme am n\u00e4chsten kommt. Sie wird senkrecht gespielt, im Sitzen. Sieht unbequem aus. Paradoxerweise ist gerade sie jetzt auf der Verliererstra\u00dfe, weil sie immer mehr von dem Harmonium verdr\u00e4ngt wird.<\/p>\n<p>Alle Instrumente gruppieren sich um eine gro\u00dfe Statue. Das ist Saraswati, die G\u00f6ttin der Weisheit, des Wissens und der Musik, die Gattin Brahmas. Sie h\u00e4lt in der Hand eine Rolle aus Palmenbl\u00e4ttern, dem Zeichen des Wissens. Sie hei\u00dft auch Vak Deu und ist als solche die G\u00f6ttin der Sprache.<\/p>\n<p>Es regnet, als ich aus dem Museum komme, und ich bin unschl\u00fcssig, was zu tun ist. Nachdem mich ein Rikscha-Fahrer zu einer Metrostation gebracht hat, zu der ich nicht wollte\u00a0 &#8211; er hat \u00fcberdies einen Aufpreis f\u00fcr Regen verlangt \u2013 fahre ich einfach in die Altstadt. Von dem Platz, an dem die Metrostation ist, f\u00fchren mehrere Stra\u00dfen weg, und ich gehe aufs Geratewohl drei von ihnen rauf.<\/p>\n<p>Die erste ist die beste. Es ist die Stra\u00dfe der Gem\u00fcseh\u00e4ndler. In kleinen L\u00e4den, auf Karren und auf dem Boden sitzend, bieten sie ihre Ware an. Es ist kaum etwas \u201eExotisches\u201c dabei, und ich kann fast alles identifizieren, au\u00dfer kleinen gelblichen B\u00e4llchen. K\u00f6nnten Mirabellen sein oder auch Limetten.<\/p>\n<p>Ansonsten gibt es Kartoffeln, Zwiebeln, Ingwer, Knoblauch, und vor allem Bohnen, Bohnen, Bohnen. Am besten sehen die Tomaten aus. Es gibt bei jedem Gem\u00fcse, und auch beim Obst, keine gro\u00dfe Variation, ein Zeichen daf\u00fcr, dass alles aus der Gegend stammt. Beim Obst gibt es \u00c4pfel, Bananen, Apfelsinen, Papaya, Granat\u00e4pfel, Ananas, Melonen. Alles gibt es nat\u00fcrlich lose, nur Erdbeeren werden, wie bei uns, in Plastiksch\u00e4lchen verkauft.<\/p>\n<p>An einem Getr\u00e4nkestand bestelle ich eine hervorragende Bananenmilch. Die Kommunikation geschieht ausschlie\u00dflich \u00fcber Gesten. Ich bin hier weit und breit der einzige Europ\u00e4er. Wie auch fast immer in der Metro. Oft wird man argw\u00f6hnisch, manchmal fast feindselig angesehen. An dem Stand wird auch Gem\u00fcsesaft zubereitet, aus M\u00f6hren\u00a0 &#8211; wenn es denn welche sind &#8211;\u00a0 und einer Art Rote Beete. Bei den Gem\u00fcses\u00e4ften wird erst ein Kraut in den Mixer gestopft, mit langen Bl\u00e4ttern. F\u00fcr die Gem\u00fcses\u00e4fte ist der Sohn zust\u00e4ndig. Er sieht mich aus Augen an, die traurig sind, auch wenn er l\u00e4chelt. Der Vater wischt st\u00e4ndig die Theke ab. Seine Fingern\u00e4gel sind schwarz. Meine auch. Jeden Abend. Ganz Gesch\u00e4ftsmann, f\u00fcllt er mir mit einer h\u00f6flichen Geste noch einmal nach und bedankt sich f\u00fcr mein Lob.<\/p>\n<p>An einem anderen Stand bekomme ich wieder eine der ausgezeichneten Pasteten. Der Verk\u00e4ufer kann zwei entscheidende W\u00f6rter: <em>sweet<\/em> und <em>spicy<\/em>. Ich nehme <em>spicy<\/em>. Die sehen nach einem Snack aus, f\u00fcllen aber den Magen ordentlich. Oder mein Magen ist inzwischen geschrumpft. Dann deute ich noch auf r\u00f6tliche B\u00e4llchen, die in einer So\u00dfe schwimmen: <em>sweet<\/em> oder <em>spicy<\/em>? Die sind <em>sweet<\/em>. Ich nehme zwei. Sie hei\u00dfen <em>Gulab Jamun<\/em>, kleine B\u00e4llchen aus Dickmilch, Zucker und Mehl, gew\u00fcrzt mit Kardamom und Rosenwasser. Eine Delikatesse.<\/p>\n<p>Irgendwo sitzt am Boden ein Mann, der Bl\u00e4tter zu runden Einheiten formt und \u00fcbereinanderschichtet, bis eine ganze Rolle fertig ist. Die Rollen warten neben ihm auf den Abtransport. Ich versuche, mit Gesten herauszubekommen, ob es ich um Tabak handelt: Nein. Erst sp\u00e4ter f\u00e4llt mir die L\u00f6sung ein: Betel! Dar\u00fcber habe ich doch im Reisef\u00fchrer gelesen. Das erkl\u00e4rt auch die st\u00e4ndige Spuckerei und die Verbotsschilder.<\/p>\n<p>Dann gehe ich noch eine Stra\u00dfe runter, die der Eisenwarenh\u00e4ndler. Die meisten winzigen L\u00e4den scheinen nur ein einziges Ersatzteil zu haben, und das in allen Gr\u00f6\u00dfen und Formen. In dieser Stra\u00dfe ist \u00fcberhaupt kein Durchkommen, und ich wende mich wieder um.<\/p>\n<p>Dann kommt die dritte, und die wird am Ende, da, wo der Asphalt aufh\u00f6rt, noch \u00e4rmlicher. Von dieser Stra\u00dfe gehen wiederum kleine, oft \u00fcberdachte d\u00fcstere Passagen weg, in die man sich noch nicht einmal bei Tag hinein trauen w\u00fcrde. Vielleicht zu Unrecht.<\/p>\n<p>Die Stra\u00dfe zieht sich unendlich hin. Immer wieder fahren Motorr\u00e4der mit ganz verschleierten Frauen hinten drauf an mir vorbei. Man muss aufpassen, dass einem niemand \u00fcber die F\u00fc\u00dfe f\u00e4hrt, dass man niemanden umrennt, dass man nicht in ein Loch im B\u00fcrgersteig f\u00e4llt, dass man nicht in einer der gro\u00dfen Lachen baden geht, dass man nicht in Hundekot tritt, dass man nicht umknickt, dass man nicht beklaut wird. Und man muss die Schlepper abwimmeln. Wenn man sich dann noch umsehen und photographieren will, ohne allzu sehr aufzufallen, ist man rundherum besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Ganz am Ende komme ich dann auf einen Platz, auf dem Obstverk\u00e4ufer\u00a0 stehen. Schlie\u00dflich nehme ich dann eine Motorrikscha nach Hause. Keine gute Idee. Jetzt erlebe ich, was in Delhi Stau hei\u00dft. Und dann kommt nat\u00fcrlich das unweigerliche Problem mit dem Fahrer, der mich, statt zum Hotel, zur Metrostation bringt.<\/p>\n<p>Beim Tee am sp\u00e4ten Nachmittag in der Pension frage ich den Jungen, der mich bedient, ob er auch samstags arbeite. Ja. Jeden Samstag? Ja. Und sonntags auch? Ja. Jeden Sonntag? Ja. Da bekommt der Name <em>Master<\/em> <em>Guesthouse<\/em> einen ganz neuen Klang. Sie wohnen, finde ich weiter heraus, alle zusammen in der N\u00e4he der Pension, in Fu\u00dfentfernung. Er kommt aus den Bergen, und da ist auch seine ganze Familie: drei Stunden mit dem Zug, vier Stunden mit dem Bus.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">24. Februar (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Bei blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein Fr\u00fchst\u00fcck auf der Terrasse der Pension. Ich nehme die <em>puris<\/em>, die die Engl\u00e4nder vorgestern hatten. Keine Offenbarung, im Laufe der Zeit wird das ewige indische Curry doch etwas langweilig. Curry ist hier nat\u00fcrlich kein Gew\u00fcrz, sondern einfach das Wort f\u00fcr \u201aSo\u00dfe\u2018, und davon gibt es unendlich viele Variationen.<\/p>\n<p>Man isst die <em>puris<\/em> mit der Hand, wobei ich immer wieder vergesse, dass man mit der rechten Hand isst. Mit der linken geht es bei mir einfach besser. Ein echter Fauxpas in Indien. Dazu gibt es ausgezeichnete Papaya.<\/p>\n<p>Die ganze Pension ist vollgestellt mit Statuen, Spiegeln, Schnitzarbeiten, Bildern, Glocken und Lampions, die Avnish von seinen Reisen mitgebracht hat. Durchaus geschmackvoll, aber zu viel. Auf der Terrasse steht eine Statue von Ganesha, dem bekannten Gott mit dem Elefantengesicht. \u00dcber den Ursprung des Gesichts gibt es mehrere Legenden. Eine besagt, er sei von seinem Vater, Shiva, nach langer Abwesenheit f\u00fcr einen Liebhaber seiner Gattin, Parvatis, gehalten worden. Der habe ihm daraufhin den Kopf abgeschlagen. Als er seinen Fehler bemerkte, habe er geschworen, den Kopf zu ersetzen durch den Kopf des ersten Lebewesens, das ihm \u00fcber den Weg laufen w\u00fcrde. Das war ein Elefant. Mit dem armen Elefanten hat kein Mensch Mitleid. Ganesha ist einer der popul\u00e4rsten G\u00f6tter. Er hat einen abgebrochenen Zahn. Mit dem hat er, der Patron der Schreiber, die Mahabharata geschrieben, einen der heiligen Texte des Hinduismus.<\/p>\n<p>Von der Stra\u00dfe her kommen die Stimmen der ambulanten Verk\u00e4ufer herauf, eines der allgegenw\u00e4rtigen Ger\u00e4usche dieses Landes.<\/p>\n<p>Die Stra\u00dfen sind leer, aber die Metro ist voll wie eh und je. Die Wagen haben keine Sitze, sondern B\u00e4nke, auf denen man mit dem R\u00fccken zum Fenster sitzt, eine Variante, die sich jetzt in vielen modernen U-Bahnen durchgesetzt hat und die sich sehr vom alten System unterscheidet, bei dem man wohl annahm, dass man normalerweise sitzend reist und nur in Ausnahmef\u00e4llen stehend. Heute ist es umgekehrt. In Delhi gibt es nicht nur den Waggon f\u00fcr Frauen, sondern auch Frauensitze in den anderen Waggons, und man wird aufgefordert, seinen Platz f\u00fcr Alte, Behinderte und Frauen frei zu machen. Dazu habe ich in der ganzen Zeit noch keine Gelegenheit gehabt. Ich habe bisher in all den Tagen \u00fcberhaupt nur eine Station lang einen Sitzplatz gehabt. Als ob er meine Gedanken lesen k\u00f6nnte,\u00a0 bietet mir in diesem Moment ein junger Mann, der sich so gerade mit seinem Sohn auf dem Scho\u00df ein kleines St\u00fcckchen Bank erobert hat, seinen Platz an. Um Gottes willen. So war es ja nun auch nicht gemeint. Das alles w\u00e4re ohnehin nicht so wichtig, wenn man sich drau\u00dfen mal irgendwo hinsetzen k\u00f6nnte. Aber selbst in Parks gibt es kaum einmal eine Bank, und es gibt auch kaum ein Lokal mit Sitzpl\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Auf einer Ansichtskarte habe ich einen sehr sch\u00f6nen Tempel gesehen, besser gesagt einen Tempelkomplex, der wie aus dem Bilderbuch aussieht, von dem aber in keinem Reisef\u00fchrer was steht: Akshardam. Er ist in Delhi. Da will ich hin.<\/p>\n<p>Wieder einmal werde ich das Opfer der Entfernungen oder, besser gesagt, meiner falschen Einsch\u00e4tzung der Entfernungen. Der Tempel hat eine eigene Metrostation, und die liegt gleich hinter dem Yamuna, dem Fluss Delhis. Da kann ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und den Tempel und gleich den Fluss sehen, der zu Indiens sieben heiligen Fl\u00fcssen z\u00e4hlt, zusammen mit Sarasvati, Narmada, Godavari, Cauvery, Indus und Ganges. Ich stelle mir vor, dass der Tempel sch\u00f6n am Ufer des Flusses steht. Weit gefehlt. Es sind nach l\u00e4ngerer Fahrt, noch mehrere Kilometer bis zu der Metrostation, nachdem wir den Yamuna, einen breiten, tr\u00e4gen, fast still stehenden Fluss mit sandigem, flachem Ufer \u00fcberquert haben.<\/p>\n<p>Als ich mich dann zum Tempel fahren lasse, ist der gar nicht zu sehen. Es sieht so aus, als w\u00e4re man auf dem Parkplatz eines gro\u00dfen Fu\u00dfballstadions gelandet. Auch wenn man sich Richtung Eingang vorarbeitet, bleibt der Tempel teils hinter Mauern, teils hinter Absperrungen verborgen. Vor der Kasse dr\u00e4ngeln sich die Leute. Hier gibt es einen Park, und es werden Ruderfahrten und Elefantenritte angeboten. Jetzt schwant mir was. Dies ist kein Tempel an sich, sondern eine Art hinduistisches Disneyland. Das wird auch der Grund sein, warum in keinem Reisef\u00fchrer davon die Rede ist. Der Tempel ist, einer Inschrift am Eingang zufolge, noch ganz neu, und von einem Industriellen finanziert und initiiert worden. Ich mache unter vielen Verrenkungen ein paar Photos und ziehe dann wieder ab.<\/p>\n<p>Als ich wieder in der Metro bin und mich f\u00fcr meine Karte anstelle, weist eine ganz junge Frau hinter dem Schalter freundlich, aber bestimmt, zwei Jungen zur\u00fcck, die sich vorgedr\u00e4ngt haben und bittet einen anderen, der ganz gem\u00fctlich vor dem Schalter stehen geblieben ist, Platz zu machen, damit ich auch meine Fahrkarte kaufen kann.<\/p>\n<p>Mit der Metro geht es ein paar Stationen zur\u00fcck. Die Stationen haben teils englische Namen, teils Namen auf Hindi. Diese schwierigen Namen entschl\u00fcsseln sich manchmal, wenn man bestimmte Wortteile kennt: <em>bagh<\/em> wie in <em>Karol Bagh<\/em>, meiner Metrostation, hei\u00dft \u201aMarkt\u2018; <em>marg<\/em> wie in <em>Rama Krishna<\/em> <em>Ashram Marg<\/em>, der n\u00e4chsten Metrostation, hei\u00dft \u201aStra\u00dfe\u2018; <em>chowk<\/em>, wie in <em>Rajiv Chowk<\/em>, dem <em>Connaught Place<\/em>, hei\u00dft \u201aPlatz\u2018. Das hilft auch au\u00dferhalb der Metro: <em>desh<\/em>, wie in <em>Bangladesch<\/em>, hei\u00dft \u201aLand\u2018; <em>pur<\/em> wie in <em>Jaipur<\/em> (und in <em>Singapur<\/em>?) hei\u00dft \u201aStadt\u2018.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Fahrt sehe ich einen altmodisch gekleideten, unscheinbaren Mann, der in einer deutschen Beamtenstube aus den 50er Jahren sitzen k\u00f6nnte, nur, dass er r\u00f6tlich gef\u00e4rbtes Haar hat. Mode oder Religion? Sp\u00e4ter sehe ich das noch ein paar Mal.<\/p>\n<p>Von der Metro geht es mit der Motorrikscha zum India Gate. Das ist ein Tor, das sein Vorbild nicht verleugnen kann: den Arc de Triomphe in Paris.<\/p>\n<p>Das India Gate ist dicht von Polizisten abgesperrt, und man kann es nur aus der Ferne sehen und photographieren. Das hat seinen Grund. In den letzten Tagen ist in Hyderabad eine Bombe explodiert, die mehrere Menschen das Leben gekostet hat, vermutlich ein Vergeltungsanschlag. Vor ein paar Jahren ist auf das Parlament in Delhi ein Bombenanschlag ver\u00fcbt worden, und der wichtigste T\u00e4ter ist vor ein paar Monaten hingerichtet worden. Ein perfektes Beispiel daf\u00fcr, wie eine Gewaltspirale funktioniert.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich verpasst man nicht schrecklich viel, wenn man das India Gate nicht aus n\u00e4chster N\u00e4he sieht, aber es w\u00e4re interessant gewesen, die vielen Inschriften zu sehen. Das India Gate ist n\u00e4mlich kein Triumphbogen, sondern ein Kriegsdenkmal und enth\u00e4lt die Namen von 85.000 indischen Soldaten, die im 1. Weltkrieg gefallen sind. Wer h\u00e4tte das gedacht! Wer denkt schon an Indien beim 1. Weltkrieg?<\/p>\n<p>Als ich weiter gehen will, werde ich geradezu gewaltsam von drei M\u00e4dchen festgehalten und muss mir mit einer Art Schokoladenso\u00dfe ein Muster auf die Hand malen lassen, das sich nach einer Stunde r\u00f6tlich verf\u00e4rben soll. Die M\u00e4dchen haben ungeahnte Kr\u00e4fte. Jetzt habe ich zwei Probleme am Hals: die M\u00e4dchen loszuwerden und die Bemalung. Aus der Umklammerung kaufe ich mich frei, und dann muss ein Reinigungstuch aus dem Flugzeug die gr\u00f6bsten Spuren an der Hand beseitigen.<\/p>\n<p>Dann geht es, wieder mit einer Motorrikscha, zum Indira Gandhi Memorial. Es geht \u00fcber breite, fast menschenleere Stra\u00dfen, die zweimal von einem Kreisverkehr unterbrochen werden, und an gepflegten Parks vorbei. Delhi ist nicht wiederzuerkennen. Und wieder habe ich die Entfernung untersch\u00e4tzt. Ich wollte eigentlich zu Fu\u00df hierhin kommen.<\/p>\n<p>Die Ampeln springen direkt von Rot auf Gr\u00fcn um, und es gibt Ampeln, an denen die Sekunden gez\u00e4hlt werden, die noch verbleiben, bis es wieder Rot oder bis es wieder Gr\u00fcn wird. Das kenne ich sonst nur von Fu\u00dfg\u00e4ngerampeln.<\/p>\n<p>Leider ist der Eintritt kostenlos. Der Mangel an Kleingeld wird allm\u00e4hlich zu einem Problem.<\/p>\n<p>Die Ged\u00e4chtnisst\u00e4tte ist in dem Haus untergebracht, in dem Indira Gandhi lebte und vor dem sie get\u00f6tet wurde. Es ist ein in einem sch\u00f6nen Garten gelegener wei\u00dfer, weitverzweigter Bungalow. Hier ist man nicht bei armen Leuten zu Besuch.<\/p>\n<p><em>Do you smoke?<\/em> Mit der Frage werde ich bei der Eingangskontrolle \u00fcberrascht. <em>No. Should I?<\/em> Daraufhin der Mann. <em>No, never<\/em>. Was der Sinn der Frage ist, wei\u00df ich immer noch nicht. Rauchen, f\u00e4llt mir bei der Gelegenheit auf, ist aus dem gesamten \u00f6ffentlichen Leben verschwunden. Es wurde schon vor Jahrzehnten untersagt. Und zwar zu einer Zeit, als das Einatmen der Abgase einem t\u00e4glichen Konsum von 20 Zigaretten (im dichten Verkehr 40 Zigaretten) entsprach! Das wird sich wohl verbessert haben. Jedenfalls habe ich nicht den Eindruck, in einer der verpestetsten St\u00e4dte der Welt zu sein. Komischerweise sehe ich gerade heute beim Essen am Nachbartisch zwei junge Europ\u00e4er, die beide rauchen, inzwischen auch bei uns ein seltener Anblick.<\/p>\n<p>Durch die Gedenkst\u00e4tte wird man, wie das in Indien wohl Sitte ist, in einer endlosen, sich st\u00e4ndig\u00a0 bewegenden Schlange geschleust, durch die einzelnen R\u00e4ume und von Raum zu Raum. Es geht entlang an einer ganzen Galerie von Tageszeitungen und Photos, alles in Schwarz-Wei\u00df, was gut zu dem wei\u00dfen Bau passt und ganz nebenbei auch gut zu Indira Gandhis Haarschopf, der\u00a0 im mittleren Alter halb schwarz, halb wei\u00df war.<\/p>\n<p>Dazwischen gibt es Schauk\u00e4sten mit pers\u00f6nlichen Gegenst\u00e4nden, Gastgeschenken von Politikern und Auszeichnungen. Es ist kaum Zeit, sich etwas n\u00e4her anzusehen, denn von hinten wird gedr\u00e4ngt. Ich kann aber schnell einen Blick auf eine Tafel werfen, auf der unter ihren Verdiensten u.a. die Unterst\u00fctzung Bangladeschs, das Abkommen mit der Sowjetunion (und damit die Aufgabe der Neutralit\u00e4t Indiens nach dem amerikanischen Liebesaff\u00e4re mit Pakistan) und die Ausrufung des Notzustandes aufgef\u00fchrt werden. Na ja, das kann man wohl auch alles anders sehen.<\/p>\n<p>Auf einer Karikatur sieht man einen niedergeschlagenen Politiker neben dem Siegerpodest sehen und zu einem anderen sagen: Ich dacht, ich w\u00fcrde erster, du zweiter und sie dritter. Auf dem Podest steht Indira Gandhi. Auf Platz 1, auf Platz 2 und auf Platz 3.<\/p>\n<p>Bei den privaten Bildern sieht man sie mit Nehru, ihrem Vater (mit der charakteristischen wei\u00dfen Kappe) und mit ihren S\u00f6hnen, Sanjay und Rajiv.\u00a0 Nirgendwo taucht aber ein Ehemann auf. Wo war der?<\/p>\n<p>Dann kommen noch ihr Ankleidezimmer mit ihrem Spinnrad und ihrem Strickbeutel, mit den handgewebten Saris und den Holzschuhen, die sie trug, und mit Bildern, gemalt von einfachen Frauen, die sie protegierte. Dann kommt ihr gro\u00dfz\u00fcgiges Arbeitszimmer mit ganzen W\u00e4nden voller B\u00fccher, aber auch gen\u00fcgend Ruhem\u00f6glichkeiten und dem Telefon, an dem sie die Nachricht von der Unabh\u00e4ngigkeit Bangladeschs erhielt.<\/p>\n<p>Dann kommt, etwas makaber, der Sari, den sie am Tag ihrer Ermordung trug, mit verblassten Blutspuren.<\/p>\n<p>Dann kommen die R\u00e4ume von Rajiv Gandhi. Man sieht ihn bei der Beerdigung seines Bruders zusammen mit seiner Mutter und mit Sonia und ihren Kindern.\u00a0 Er stand immer im Schatten Sanjays und hatte sich, zum Pilot ausgebildet, sicher ein anderes Leben vorgestellt. Dann lie\u00df er sich aber vor den politischen Karren spannen und \u00fcbernahm das Parlamentsmandat seines Bruders. Kann man das so einfach? Wie einen Betrieb \u00fcbernehmen?<\/p>\n<p>Auch seine R\u00e4ume sind zu besichtigen, sehr gro\u00dfz\u00fcgig und sehr geschmackvoll eingerichtet, und dann auch bei ihm die Montur, die er trug, als er get\u00f6tet wurde, ein Anzug, der hier als <em>Pyjama<\/em> bezeichnet wird, und ziemlich alte Socken und Turnschuhe.<\/p>\n<p>Ich hatte zuerst verstanden, dass er auch nach dem Tod der Mutter noch hier gelebt hat und mir vorgestellt, wie es ist, in einem Haus zu leben, in dem die eigenen Mutter ermordet worden ist, aber dann hei\u00dft es doch, dass er, sobald er Premierminister wurde, in das Haus umgezogen ist, in dem seitdem alle indischen Premierminister leben.<\/p>\n<p>Dann geht es in den Garten und zu der Stelle, an der Indira Gandhi get\u00f6tet wurde. Wie bei Mahatma, sind die letzten Schritte gekennzeichnet, aber, um den Unterschied zu respektieren, anders. Sie ging diese Strecke jeden Morgen zu Fu\u00df, um am Ausgang mit Menschen aus aller Herren L\u00e4nder zu sprechen. An dem Tag war ein Interview mit der BBC vorgesehen. Als sie fast an der Stra\u00dfe angekommen war, wurde sie von einem ihrer Leibw\u00e4chter erschossen. Wenn man den Kopf verreckt, kann man unter der Glasplatte noch die Blutstropfen sehen.<\/p>\n<p>Obwohl Indira Gandhi noch heute sehr verehrt wird und hier, wie bei Mahatma Gandhi, von ihrem \u201eMartyrium\u201c die Rede ist, hatte sie auch alles daf\u00fcr getan, sich Feinde zu schaffen. Kompromisslose H\u00e4rte, Skandale, umstrittene Programme wie das der Zwangssterilisation forderten Widerstand hervor, die Erst\u00fcrmung des Goldenen Tempels in Amritsa, dem spirituellen Zentrum der Shiks, war eine Provokation, jedenfalls f\u00fcr die Shiks. Fast alle 3.000 Besetzer kamen ums Leben. Und da traf es sich gut, dass die meisten ihrer Leibw\u00e4chter Shiks waren.<\/p>\n<p>Die Shiks sind die gro\u00dfen Verlierer der Teilung Indiens. Irgendwann wurde es klar, dass die Teilung nicht mehr zu vermeiden war. Und da musste man eben eine Linie ziehen. Und die ging mitten durch den Punjab, dem \u201eVaterland\u201c der Shiks. Die sich im Goldenen Tempel versteckt hatten, waren Nationalisten, und die forderten ihren eigenen Staat, Khalistan.<\/p>\n<p>Die Religion der Shiks ist der verr\u00fcckte Versuch, eine Synthese aus Hinduismus und Islam zu schaffen: Seelenwanderung, Brahman und Karma, aber keine Vielg\u00f6tterei und keine Kasten. Die Gleichheit aller wurde besonders betont. Daher tragen alle Shik einen Turban \u2013 vorher Zeichen einer Elite \u2013 und tragen allen den Nachnamen Singh. Letztlich ist der Shikismus eine Gegenbewegung zum Hinduismus, genauso wie der Buddhismus und der Jainismus, nur j\u00fcnger. Er geht auf den Hinduprediger Guru Nanak (XVI) zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Die Shiks, besonders streng mit sich selbst und stets auf ein musterg\u00fcltiges \u00c4u\u00dferes bedacht \u2013 gepflegter Bart, frisch geb\u00fcgeltes wei\u00dfes Hemd, silberner Armreif, kunstvoll gebundener Turban &#8211; pr\u00e4gen wie kein anderer unser Bild vom Inder. Dabei wollen sie sich selbst gerade von den anderen Indern unterscheiden.<\/p>\n<p>Dann finde ich, ist es mal Zeit f\u00fcr ein ordentliches Essen, mit Fleisch und Wein, im Lodi Garden Restaurant. \u00dcber einen mit Bl\u00fcten bestreuten Fu\u00dfweg wird man in einen halboffenen, von G\u00e4rten umgebenen Holzpavillon gef\u00fchrt. Erst erschrecke ich \u00fcber die Preise, aber dann merke ich, dass es ganz normale europ\u00e4ische Preise sind. Zu Kebab mit Knoblauchdip und leckerem ger\u00f6steten Brot, gef\u00fcllter H\u00e4hnchenbrust und Mousse au Chocolat gibt es erstaunlich guten indischen Wein. Das Wasser kommt aus dem Himalaya.<\/p>\n<p>Das war heute eine ausgesprochen erholsame Angelegenheit. Wurde auch Zeit. Die Orientierungslosigkeit, die Sprachlosigkeit, die Ohnmacht, die Hektik, die Enge, der Schmutz, der Gestank, der st\u00e4ndige Mangel an Bequemlichkeit und die Jagd nach Kleingeld fordern ihren Tribut. Im Reisef\u00fchrer steht, dass Indien viele Menschen gefangen nimmt, andere nach ein paar Tagen am liebsten wieder abreisen w\u00fcrden. Es ist ihnen einfach zu anstrengend.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">25. Februar (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Der Sprachenvielfalt bin ich bis jetzt noch \u00fcberhaupt nicht begegnet. Hier sprechen alle Hindi. Jedenfalls sind alle Beschriftungen in Hindi, und ich habe es noch nicht erlebt, dass ein Inder mit einem anderen Inder Englisch spricht, mit einer Ausnahme: Im Lodi Garden Restaurant sprachen die Kellner mit einer indischen Familie, angef\u00fchrt von einem Mann mit m\u00e4chtigem blauen Turban, Englisch. Die Sprachen verteilen sich wohl eher geographisch.<\/p>\n<p>Auf den Geldscheinen bekommt man aber eine Ahnung von der Sprachenvielfalt: Auf der R\u00fcckseite sind in einem Kasten in vertikaler Anordnung 15 Sprachen zu erkennen, in sehr unterschiedlichen Schriften. 18 Sprachen sind von der Verfassung offiziell anerkannt, darunter Hindi, Urdu, Kannada, Kaschmir, Bengalisch, Tamil, Telugu, Punjabi, Marathi, Malayalam und auch Sanskrit (was so ist, als st\u00e4nde es bei uns auf Latein). Sie zerfallen im Groben in zwei Gruppen: den dravidischen Sprachen des S\u00fcdens und den indischen, also indoeurop\u00e4ischen Sprachen des Nordens, die auf die alten arischen Einwanderer zur\u00fcckgehen. Die einen haben mit den anderen nichts zu tun: Hindi <em>dudh<\/em> gegen Tamil <em>paal<\/em> f\u00fcr \u201aMilch\u2018, Hindi <em>aanda<\/em> und Tamil <em>muttai<\/em> f\u00fcr \u201aEi\u2018, Hindi <em>din<\/em> und Tamil <em>pagal<\/em> f\u00fcr \u201aTag\u2018, Hindi <em>bherra<\/em> und Tamil <em>periyadhu<\/em> f\u00fcr \u201agro\u00df\u2018.<\/p>\n<p>In <em>The God of Small Things<\/em> spricht man Malayalam, aber die Kinder der gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Familie werden angehalten, Englisch zu sprechen, was wiederum die K\u00f6chin kaum versteht. Die verd\u00e4chtigt die Kinder, schlecht \u00fcber sie zu reden oder unfl\u00e4tige Ausdr\u00fccke zu verwenden, wenn sie Englisch sprechen oder sogar, wenn sie was Lateinisches zitieren. (Gibt es eigentlich auch <em>fl\u00e4tige<\/em> Ausdr\u00fccke?)<\/p>\n<p>Montags haben die Museen geschlossen. Zeit f\u00fcr einen Marktbesuch und daf\u00fcr, eine ruhige Kugel zu schieben. Sofern man das in Delhi kann.<\/p>\n<p>Vorher gehe ich aber noch in den Shik-Tempel ganz in der N\u00e4he der Pension. Auf dem Weg dahin kommt mir ein ambulanter K\u00e4ufer auf dem Rad entgegen, und es kommt mir so vor, als wenn ich in Kuba w\u00e4re: <em>qu\u00e9pan<\/em>. Das ist weder Hindi noch Spanisch, aber das ist es, was ich in beiden L\u00e4ndern verstehe. \u00dcberhaupt habe ich manchmal den Eindruck, Spanisch zu h\u00f6ren, und dann drehe mich um und es ist Hindi.<\/p>\n<p>Der Tempel ist so nah, dass es mir gegen\u00fcber dem Rikscha-Fahrer fast peinlich ist, ihn gefragt zu haben. Vor dem Tempel fragt mich ein alter Mann mit Bart und Turban, ob\u00a0 ich eine Zigarette f\u00fcr ihn habe. Das hat mich hier noch niemand gefragt.<\/p>\n<p>Der Tempel ist ausgesprochen sch\u00f6n, mit wei\u00dfen Mauern und einem blauen, verzierten Fries aus glasierten Kacheln oben und an den vereinzelten T\u00fcrmchen. Dar\u00fcber thront die goldene Kuppel. Das Ensemble ist einfacher und \u00fcbersichtlicher als bei dem Hindu-Tempel dieser Tage.<\/p>\n<p>Man betritt den Ort durch ein ornamentiertes Gitter. Man muss die Schuhe ausziehen und, anders als bei den Hindu-Tempeln, den Kopf bedecken. Bei den buddhistischen Stupas muss man die Kopfbedeckung sogar abnehmen.<\/p>\n<p>Der Gebetsraum, eine einfache, einschiffige, fast schmucklose Halle, erinnert an eine Moschee. F\u00fcr einen Moment frage ich mich, ob das wirklich ein Shik-Tempel ist. Allerdings gibt es keine der \u00fcblichen Ausstattungen einer Moschee.<\/p>\n<p>An der Decke h\u00e4ngen in mehreren Doppelreihen Ventilatoren, mehr als sechzig. Die stehen zwar im Moment still, haben aber sicher ihre Daseinsberechtigung. Durch einen Durchbruch in der Wand sieht man auf das, was hier vermutlich die Entsprechung zu unserem Allerheiligsten ist.<\/p>\n<p>Von Hof aus erreicht man noch eine zweite Halle. Ich bleibe auf der Schwelle stehen, weil ich nicht wei\u00df, was das ist. Ein Mann deutet mit einer Geste an: Essen? Aber ich sage nein, weil ich nicht wei\u00df, ob das eine sakrale Sache oder eine Armenspeisung ist.<\/p>\n<p>Auf dem Hof auff\u00e4llig viele Turbantr\u00e4ger, einige in wei\u00dfen, weiten Hosen und einem langen, wei\u00dfen Hemd dar\u00fcber. Zur anderen Seite hat der Tempel noch einen Eingang, der von zwei Elefanten mit goldenem Kopfschmuck bewacht wird.<\/p>\n<p>Dann fahre ich zum <em>Khan Market<\/em>. Wenn der einen besonderen Charme hat, verr\u00e4t er das auf den ersten Blick jedenfalls nicht. Es ist auch eigentlich kein Markt, sondern eher ein Ensemble kleiner L\u00e4den in mehreren Gassen und Passagen. In einem Laden sehe ich ein T-Shirt mit der Aufschrift <em>My dad is an ATM<\/em>, in einem anderen eins mit der Aufschrift <em>Keep calm and trust Ganesha. <\/em><\/p>\n<p>Auf einem winzig kleinen Laden mit schmaler Eingangst\u00fcr steht<em>: Don\u2019t blink. You\u2018 ll miss our Store. <\/em><\/p>\n<p>Au\u00dfen herum gruppieren sich die teuren L\u00e4den \u2013 Schmuck, Porzellan, Schuhe \u2013 anderswo ist es ein wildes Nebeneinander unterschiedlicher Dinge. Ich brauche ziemlich lange, um mich zu entscheiden, was ich hier tun und wie ich mich orientieren soll. Dann gehe ich in ein Caf\u00e9, dann in einen Ramschladen, dann in zwei Buchl\u00e4den und dann in ein Restaurant.<\/p>\n<p>Die Buchl\u00e4den sind vom Boden bis zur Decke mit B\u00fcchern vollgestopft, auf Regalen, Tischchen, Anrichten. Das hat etwas. Die meisten B\u00fccher sind englische Belletristik \u00fcber Indien und englische Kinderb\u00fccher. Irgendwo entdecke ich ein Buch mit dem wunderbaren Titel: <em>The Book of Lies. A Novel.<\/em> Ich kaufe, wieder mit der Absicht, an Kleingeld zu kommen, einen d\u00fcnnen Band \u00fcber Darwin.<\/p>\n<p>Eins der Buchl\u00e4den war im Reisef\u00fchrer empfohlen, <em>The Circle Book Store<\/em>. Als ich auf der Stra\u00dfe danach frage, sagt man, das kenne man nicht. Ich \u00f6ffne den Reisef\u00fchrer und zeige auf den Namen. Nein, das gebe es hier nicht. Diesmal lasse ich nicht locker, und die beiden M\u00e4nner fragen einen anderen, und der zeigt auf ein Schild: <em>Circle Book Store<\/em>. Keine f\u00fcnfzig Meter von uns entfernt.<\/p>\n<p>Ich gehe nach den Buchl\u00e4den noch ein bisschen durch die Gassen: An den H\u00e4userw\u00e4nden abbr\u00f6ckelnder Putz, K\u00fchlaggregate von Klimaanlagen, Zisternen, Stromz\u00e4hler, Leitern an der Regenrinne, mit einem Schloss daran befestigt, Plastikrollen, Pflasterscheine, Rohre, S\u00e4cke, und dazwischen ganz moderne L\u00e4den. Hin und wieder uniformierte Wachleute, gelangweilt auf einem Stein. Zwischendurch immer wieder mal eine T\u00fcrgitter, das fr\u00fcher einmal sch\u00f6n gewesen sein muss. Hunde haben sich zum Schlafen in die Einkaufspassage zur\u00fcckgezogen und liegen dort ordentlich aufgereiht hintereinander.<\/p>\n<p>Etwas weiter wird die Stra\u00dfe gepflastert. Eine verschleierte Frau schleppt Pflastersteine heran, ein Junge Sand auf einer Hacke. Ein anderer Junge bringt den Arbeitern auf einem Tablett Kaffee in kleinen Gl\u00e4sern.<\/p>\n<p>Irgendwo sehe ich dann tats\u00e4chlich ein Stra\u00dfenschild. Das ist so ungew\u00f6hnlich, dass es mir gleich auff\u00e4llt. Aber dann merke ich, dass es gar keins ist: <em>Urinal Block<\/em> steht darauf.<\/p>\n<p>Nachdem ich keins der im Reisef\u00fchrer empfohlenen Restaurants finden konnte\u00a0 &#8211; sind alle woanders, bankrott, abgebrannt \u2013 lande ich in <em>The Big Chill<\/em>. Man muss drau\u00dfen warten, bis man dran ist. Es ist aber sch\u00f6n warm und heute war kein anstrengender Tag. Also warte ich. Das Lokal ist einfach, mit wenigen kleinen Tischen, die Speisekarte umso gr\u00f6\u00dfer, und zwar ganz wortw\u00f6rtlich. Sie nimmt den halben Tisch ein.<\/p>\n<p>An den Seitenw\u00e4nden Filmplakate aus allen Epochen. Ich sitze zwischen <em>Lord of the Rings<\/em> und <em>Pirates of the Caribbean<\/em>. Auf der letzten Seite der Speisekarte ein k\u00fcssendes Paar aus einem Hollywoodschinken und darunter: <em>The End<\/em>.<\/p>\n<p>Die meisten bestellen Pasta, aber ich bestelle libanesische Vorspeisen, die hier, wie in Griechenland, <em>mezedes<\/em> hei\u00dfen, und H\u00e4hnchen in einer Wodka- und Brandy-So\u00dfe und ein Bier und frage nach der Toilette. Bier gibt es nicht. Keinen Alkohol. Nur im H\u00e4hnchen. Wie w\u00e4r\u2018s mit Mangosaft? Gibt es auch nicht. <em>Not the season<\/em>. Toiletten gibt es auch nicht.<\/p>\n<p>Die Vorspeise ist gut, eigentlich nicht mehr als ein Salat aus ganz klein geschnittenen Bestandteilen mit zwei So\u00dfen und ger\u00f6steten Brotst\u00fcckchen. Das Hauptgericht ist sehr gut, mit einer leckeren So\u00dfe und ged\u00fcnstetem Gem\u00fcse, von allem etwas, aber jeweils sehr wenig, und mit \u00fcberbackenen Kartoffeln. Am besten schmecken die Tomaten.<\/p>\n<p>Die Rechnung ist dann wieder ein ganzes St\u00fcck h\u00f6her als erwartet, da Steuer und Bedienung drauf kommen. Insgesamt etwas zu teuer, aber die Bedienung ist freundlich und schnell. Das k\u00f6nnen keine Inder sein.<\/p>\n<p>In der Metro h\u00f6rt liest man auf einem elektronischen Spruchband: <em>Passengers are requested not to sit on the floor of the train<\/em>.<\/p>\n<p>Als ich in der Metro-Station ein Photo von den Passagieren machen will, die vor der Einfahrt des Zuges ordentlich in Reihe und Glied stehen &#8211; um dann nachher umso ungest\u00fcmer und v\u00f6llig ungeordnet auf die T\u00fcren zuzust\u00fcrzen \u2013 kommt ein uniformierter Aufpasser auf mich zu und sagt mit Bestimmtheit: <em>No<\/em>. Hatte ich vergessen. Auch das Photographieren ist in der Metro verboten.<\/p>\n<p>In der Metro steht mir dann ein richtiger Shik gegen\u00fcber, wie er im Buche steht. Er hat eine silberne Klammer, die seinen Turban zusammenh\u00e4lt und er hei\u00dft tats\u00e4chlich Singh, wie ein Namensschild an seiner Brust verr\u00e4t: <em>Poohman Singh<\/em>.<\/p>\n<p>Beim Tee auf der Terrasse der Pension h\u00f6rt man Hunde bellen, knurren, kl\u00e4ffen und heulen, alle um die Wette.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. Februar (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Der Zug geht um 5 Uhr, im Hotel ist Abfahrt um 4 Uhr. Der Fahrer weigert sich, die Scheibenwischer zu bet\u00e4tigen, und dann, als er es doch tut, die Scheibenwischanlage zu bet\u00e4tigen. So lavieren wir uns zwischen schemenhaft erkennbaren Rikschas, Radfahrern, Hunden und Baggern ohne Licht durch die Gegend.<\/p>\n<p>In der Vorhalle der <em>New Delhi Railway<\/em> Station liegen \u00fcberall auf dem Boden in dicke Decken eingepackte Menschen, dazwischen Hunde.<\/p>\n<p>Als ich durch die Sperre gehe, werde ich von einem Mann mit Kugelschreiber gestoppt. Er will meine Fahrkarte sehen. Das sei eine Touristenkarte. Die m\u00fcsse erst im Touristenb\u00fcro abgestempelt werden. Ich solle ihm folgen. Das tue ich. Er geht eine Treppe rauf, und jetzt schwant mir etwas. Ich bleibe zur\u00fcck, er ruft mir hinterher, ich wende mich ab und brumme zwischen den Z\u00e4hnen irgendwas von <em>I don\u2019t trust you<\/em>. Das h\u00f6rt ein amerikanisches Ehepaar. Sie fragen mich, worum es gehe. Als sie h\u00f6ren, dass es um den Zug nach Agra geht, sagen sie, der falle aus. Jetzt werde ich endg\u00fcltig skeptisch. Ich gehe einfach durch die Sperre und komme ungehindert auf den Bahnsteig. Dort spreche ich eine kleine Gruppe von Touristen an. Sie kommen aus der italienischen Schweiz. Sie fahren auch nach Agra. Ja, sagen sie, der Zug fahre hier ab. Dann sehe ich mich ein bisschen um und entdecke an einem Schwarzen Brett sogar die komplette Passagierliste. Kurz darauf f\u00e4hrt der Zug ein.<\/p>\n<p>Agra ist 200 Kilometer entfernt. Es liegt in der Provinz Uttar Pradesh, \u201aNordprovinz\u2018, wo auch vier der sieben heiligen Fl\u00fcsse des Hinduismus liegen, darunter der Ganges, und Varanesi, das sakrale Zentrum des Hinduismus. Uttar Pradesh hat so viele Einwohner wie Brasilien! Das muss man erst mal sacken lassen. Und gleichzeitig ist Brasilien doppelt so gro\u00df wie ganz Indien!<\/p>\n<p>Agra wurde zur Hauptstadt des Mogulreiches, nachdem Babur den letzten Herrscher der Lodi besiegt hatte. Sp\u00e4ter verlegte dann ausgerechnet Shah Jahan, der Erbauer des Taj Mahal, die Hauptstadt nach Delhi.<\/p>\n<p>Die Fahrt dauert gut zwei Stunden. Der einzige Halt ist Mathura. Unterwegs werden ein Fr\u00fchst\u00fcck und ein Imbiss am Platz serviert. An Personal sollte es nicht mangeln: <em>Indian Railway<\/em> ist der gr\u00f6\u00dfte Arbeitgeber der Welt!<\/p>\n<p>Im Zug sitzen meist ausl\u00e4ndische Touristen und indische M\u00e4nner mit den typischen langen, engsitzenden Westen mit gerade nach oben zulaufender Knopfleiste.<\/p>\n<p>Die Landschaft ist flach, das Wetter diesig. Als es auf Agra zugeht, kommen \u00e4rmliche Wohnviertel in Sicht, keine Slums. Die H\u00e4user sind meistens aus Stein. In den Pf\u00fctzen und auf den sandigen Wege Kleinkinder, Ziegen, Hunde. Viel Ger\u00f6ll, aber kein M\u00fcll.<\/p>\n<p>Der entgegenkommende Zug hat keine Scheiben und Gitter statt Fenster. Nicht wie bei uns in der edlen ersten Klasse.<\/p>\n<p>Als wir in Agra ankommen, um kurz nach sieben, ist es schon hell. Man wird sofort von Rikschafahrern in Beschlag genommen, die behaupten, zum Taj seien es neun Kilometer. Wieder glaube ich, dass man mich \u00fcbers Ohr hauen will, aber es stimmt: Es sind wirklich neun Kilometer. Also nehme ich eine Rikscha. Und werde \u00fcber die breite Stra\u00dfe von einem netten Fahrer zum Osttor gebracht. Ich habe gelesen, da m\u00fcsse man nicht so lange Schlange stehen. Stimmt. Aber da gibt es keine Eintrittskarten. Die gibt es an einem anderen Ort, und um dahin zu kommen, muss ich noch eine Rikscha nehmen.<\/p>\n<p>Hier wird ordentlich abkassiert. Und man muss alle Lebensmittel abgeben und bekommt \u00dcberzieher f\u00fcr die Schuhe. Zur\u00fcck geht es mit demselben Rikschafahrer, der freundlicherweise gewartet hat. Vom Taj hat man bisher noch nichts gesehen.<\/p>\n<p>Dann wird man gr\u00fcndlich kontrolliert und geht \u00fcber einen breiten Weg Richtung Taj. Schon das Eingangstor, in bew\u00e4hrtem Rot-Wei\u00df mit Kalligraphien am Torbogen, ein Geb\u00e4ude f\u00fcr sich, hat etwas Majest\u00e4tisches. Durch den Torbogen hat man einen ersten Blick auf das Taj. Mit jedem Schritt unter dem Torbogen sieht man etwas mehr, und wenn man genau am Ende des Torbogens steht, sieht man den ganzen Bau, ganz in Wei\u00df, mit Kuppel und Minaretten und Moscheen. Trotz der vielen Touristen hat man einen v\u00f6llig ungest\u00f6rten Blick auf das in gerader Achse am Ende des Gartens etwas erh\u00f6ht liegende Taj. Shah Jahan hat an alles gedacht.<\/p>\n<p>Die meisten Besucher gehen gleich die Hauptachse hinunter, aber von den Nebenachsen her hat man auch einen sch\u00f6nen Blick durch die B\u00e4ume auf das Taj und ist au\u00dferdem ganz allein. Vor einem der bekanntesten Bauwerke der Welt! Unglaublich. Nur ein paar G\u00e4rtner arbeiten in den G\u00e4rten. Sie legen gestochen genaue kreisrunde Baumeinfassungen in dem Rasen an. Und rufen in mir, ohne es zu wissen, Kindheitserinnerungen wach.<\/p>\n<p>Der Garten wird eingefasst von einer hohen, roten Begrenzungsmauer. Davor liegt auf der linken Seite das Museum. Darin befinden sich Miniaturen wie aus Tausendundeiner Nacht und Anordnungen Shah Jahans an Provinzf\u00fcrsten zur Beschaffung und zur Lieferung von Marmor f\u00fcr das Taj. Und \u00dcbernahme der Kosten.<\/p>\n<p>Ich setze mich unter B\u00e4ume auf eine Parkbank und lasse das Spiel von Licht und Schatten und die Vogelstimmen auf mich wirken und sehe den gestreiften Eichh\u00f6rnchen und den gr\u00fcnen Sittichen zu. Dann bewegt sich ein Schatten \u00fcber dem Schatten der Begrenzungsmauer. Sieht wie eine Katze aus. Ich drehe mich um. Es ist ein Affe.<\/p>\n<p>Kurz darauf bietet sich ein weiteres Photomotiv mit besonderem Clou: Taj mit Schuh. Der h\u00e4ngt in den Zweigen eines Baums, durch die man auf das Taj blickt.<\/p>\n<p>Das Mausoleum selbst liegt auf einer etwas erh\u00f6hten Plattform. Die misst 100 x 100 Meter. Auf Symmetrie wird geachtet. Das kann man am besten an den zwei Moscheen sehen, die zu beiden Seiten der Plattform stehen. Nur eine fungiert als Moschee, bei der anderen geht das gar nicht, weil sie die falsche Ausrichtung hat. Sie wurde nur der Symmetrie halber dazugestellt.<\/p>\n<p>An allen vier Seiten der Plattform stehen Minarette, die deutlichste Hervorhebung der Bedeutung der Zahl vier. Die Minarette sind eigentlich gar nicht n\u00f6tig. Es handelt sich ja nicht um ein Mausoleum, nicht um eine Moschee.<\/p>\n<p>Erst aus der N\u00e4he sieht man, dass das Taj Mahal Verzierungen hat: schwarze Kalligraphie mit einzelnen roten P\u00fcnktchen und verschiedene Schmuckfriese. Auch die Minarette haben diese Friese, und zwar auf der gleichen H\u00f6he wie das Mausoleum. Einen der Friese, der in drei Reihen um das ganze Geb\u00e4ude heruml\u00e4uft, bemerke ich erst, als ich schon einmal um das ganze Mausoleum herumgegangen bin.<\/p>\n<p>Hinter dem Mausoleum flie\u00dft der Yamuna. Es bietet sich allerdings keine sonderlich sch\u00f6ne Aussicht auf das Ufer und die andere Seite. Dort sollte urspr\u00fcnglich, so hei\u00dft es, das schwarze Gegenst\u00fcck zum Taj Mahal entstehen. Dort sollte Shah Jahan selbst begraben werden. H\u00f6rt sich gut an, ist aber eine Legende. Dass sich die Legende hartn\u00e4ckig h\u00e4lt, kann man verstehen: Es w\u00e4re die Kr\u00f6nung gewesen.<\/p>\n<p>Das Taj hie\u00df urspr\u00fcnglich <em>Rauza-i-Munanvara<\/em>, \u201aBeleuchtetes Grab\u2018. Die Bezeichnung <em>Taj Mahal<\/em> bekam es von den Europ\u00e4ern, und der neue Begriff wurde mit so viel Erfolg eingef\u00fchrt, dass er jetzt auch von den Einheimischen benutzt wird.<\/p>\n<p>Der Bau des Mausoleums dauerte f\u00fcnf Jahre, der Bau der Moscheen und die Anlage des Gartens dauerte weitere f\u00fcnfzehn Jahre. Der Rohbau ist aus Ziegeln, der Marmor wurde aus 300 Kilometern Entfernung herangekarrt.\u00a0 Esel, Kamele, Ochsen und Elefanten kamen beim Bau zum Einsatz. Was f\u00fcr ein Aufwand! Die mussten ja auch alle versorgt werden, und ihr Einsatz musste koordiniert werden. An Festtagen gab es kostenloses Essen f\u00fcr das Volk. H\u00f6rt sich nett an, aber tats\u00e4chlich gab Shah Jahan damit nur einen kleinen Teil der Sondersteuer zur\u00fcck, die er f\u00fcr den Bau eintreiben lie\u00df.<\/p>\n<p>Innen sieht man klar das Vorbild von Humayans Grab. Die ganze Aufteilung ist gleich. Auch das bescheidene, schmale Kenotaph k\u00f6nnte genauso gut bei Humayan stehen. Hier \u2013 genauer gesagt: hier unten \u2013 liegt Muntaz Mahal begraben, die \u201aErw\u00e4hlte des Palastes\u2018. Eigentlich hie\u00df sie Arjumand Bano. Sie starb bei der Geburt ihres 14. Kindes! Sie war eine von vielen Frauen Shah Jahans \u2013 man spricht von 72 \u2013 aber nicht alle bekamen ein Taj.<\/p>\n<p>Das Kenotaph Mahals steht genau im Zentrum. Daneben steht ein zweites Kenotaph. Es ist das Kenotaph Shah Jahans. Und es st\u00f6rt die Symmetrie! \u00a0Ausgerechnet das Kenotaph des Auftraggebers ist es, was die sonst perfekte, von ihm selbst geplante Symmetrie st\u00f6rt!<\/p>\n<p>Dann gehe ich \u00fcber die Mittelachse zur\u00fcck. Es ist inzwischen voller und w\u00e4rmer geworden. Die Mittelachse ist bezeichnet durch einen Kanal, der genau auf das Taj zul\u00e4uft. Genau auf halber Distanz wird er unterbrochen von einer quadratischen Plattform aus Marmor, um das sich vier Becken gruppieren. Das Wasser flie\u00dft durch sie und dann als Kanal weiter auf das Taj zu.<\/p>\n<p>Hinaus geht es durch das S\u00fcdtor. Dahinter kommt gleich eine schmale Gasse, die die Mittelachse des Gartens fortf\u00fchrt. Hier gibt es auf beiden Seiten nur Souvenirgesch\u00e4fte. Und es gibt keine Fahrzeuge. Meine erste indische Fu\u00dfg\u00e4ngerzone!<\/p>\n<p>Das \u00e4ndert sich aber bald, und auf der Querstra\u00dfe ist wieder ordentlich was los. Hier sind, zum Teil sehr versteckt, ein paar Caf\u00e9s f\u00fcr Rucksacktouristen. Dazu geh\u00f6rt, trotz seins klingenden Namens, das <em>Sanya Palace Hotel<\/em>. Es ist eine einfache Absteige, in einem Privathaus untergebracht, \u00fcber dessen Flure und Treppen man zu einer kleinen Dachterrasse kommt, mit perfektem Blick auf das Taj Mahal! Unglaublich. Es ist ganz ruhig, die Preise sind f\u00fcr den Geldbeutel von Rucksacktouristen. Man sieht nicht nur das Taj, sondern auch auf die D\u00e4cher der davor liegenden Privath\u00e4user. Ich sehe eine Frau, die einen gro\u00dfen Teppich \u00fcber das Gel\u00e4nder h\u00e4ngt. Eine Alltagsszene, die sich vor einem Weltkulturerbe abspielt.<\/p>\n<p>Dann f\u00e4hrt mich ein sehr netter Rikschafahrer zum Roten Fort. Er macht f\u00fcr sich selbst Werbung, indem er die Fahrg\u00e4ste bittet, einen Eintrag in eine Kladde zu machen. Die ist voller netter Kommentare anderer Kunden in verschiedenen Sprachen. Da trage ich gerne meinen Teil dazu bei.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich stehen wir vor den gewaltigen Au\u00dfenmauern des Roten Forts. Die sind noch h\u00f6her als die des Roten Forts in Delhi.<\/p>\n<p>Das Fort war eine eigene, in sich abgeschlossene k\u00f6nigliche Stadt, mit mehr als 500 Geb\u00e4uden! Je weiter man in die Anlage hineinkommt, umso mehr hat man den Eindruck, in einem Palast zu sein. Das hat seinen Grund: Das Fort wurde angelegt unter Akhbar, als die Herrschaft der Mogule noch auf wackligen Beinen stand. Der blieb f\u00fcnfzig Jahre auf dem Thron, und in dieser Zeit stiegen die Staatseinnahmen, und die Herrschaft wurde ausgedehnt und gesichert. Seine Nachfolger konnten sich also mehr Luxus leisten. Darunter nat\u00fcrlich wieder Shah Jahan, Akhbars Enkel, der dessen Geb\u00e4ude durch Marmorpal\u00e4ste ersetzen lie\u00df.<\/p>\n<p>Seine Erfahrungen mit dem Fort waren allerdings gemischter Natur. Hier wurde er n\u00e4mlich eingesperrt, von seinem eigenen Sohn, der gegen seinen Vater rebellierte, und die Rebellion so begr\u00fcndete: Vergeudung von Staatsfinanzen. Da war was dran. Shah Jahan wurde hier, auf einer vorspringenden achteckigen Bastion eingesperrt, mit Blick \u00fcber den Fluss auf das auf der anderen Seite liegende Taj Mahal, dem Grabmal seiner Lieblingsfrau. Als er starb, wurde seine Leiche \u00fcber den Fluss von hier aus auf die andere Seite geschafft.<\/p>\n<p>Von allen Geb\u00e4uden, die es hier zu sehen gibt, gef\u00e4llt mir eine versteckt liegende, kleine Moschee am besten, auch sie ganz und gar aus wei\u00dfem Marmor, mit drei Kuppeln. Wie in Delhi gibt es auch hier keinen Innenraum, sondern einen \u00fcberdachten Bereich vor den Nischen an der Hinterwand, vor dem man betete. Das Dach st\u00fctzt sich auf sch\u00f6nen arabischen Hufeisenb\u00f6gen.<\/p>\n<p>Hier, im Roten Fort, wurde der ber\u00fchmte Koh-i-Noor aufbewahrt, der gr\u00f6\u00dfte Diamant der Welt. Was ist nur aus ihm geworden? Ist er in Persien, in Indien, in Arabien gelandet? Denkste! Er ist in London, im Tower. Teil der britischen Kronjuwelen.<\/p>\n<p>Dann geht es wieder mit einer Motorrikscha weiter. Der Preis: 100 Rupien. Die Begr\u00fcndung: <em>Local price<\/em>. Da ist was dran. Man scheint das hier vereinheitlicht zu haben. Gar nicht so schlecht. \u00dcberhaupt sind die Verk\u00e4ufer, Schlepper und Fahrer hier nicht so schlecht wie ihr Ruf und nicht so schlecht wie ihre Kollegen in Delhi.<\/p>\n<p>Die Fahrt ist wieder ein echtes Erlebnis: \u00fcberf\u00fcllte Rikschas, mit Ziegelsteinen beladene Esel, Frau mit Schador auf dem R\u00fccksitz eines Motorrads, Fahrrad mit Stapel aus zwanzig Paketen, Ziegen an einer Wasserpumpe. Und hier, in Agra, gibt es auch die ber\u00fchmten K\u00fche auf der Stra\u00dfe. In Delhi scheint man die aus dem Weg ger\u00e4umt zu haben. Hier wandern sie in aller Ruhe \u00fcber die Stra\u00dfe, unbeeindruckt von dem Verkehr. \u00a0Uns erscheint die Verehrung der Kuh etwas fremd, aber historisch gesehen ist sie v\u00f6llig einleuchtend: Der traditionelle Bauer konnte nur \u00fcberleben, wenn er seine Kuh behielt statt sie zu schlachten. Aus der sozialen Notwendigkeit wurde ein religi\u00f6ses Gebot.<\/p>\n<p>Der Fahrer bringt mich zu <em>Itimad-ud-Davla<\/em>, noch einem Mausoleum. Es ist das kleinere Gegenst\u00fcck und gleichzeitig der Probelauf f\u00fcr das Taj, \u00fcbertrifft dieses aber noch in seiner k\u00fcnstlerischen Ausgestaltung. Und ist im Ausland so gut wie unbekannt. Es ist auch insofern das Gegenst\u00fcck zum Taj, als es von einer Frau f\u00fcr einen Mann geplant wurde, n\u00e4mlich der Frau des Mogulherrschers Jehangir, die es f\u00fcr ihren Vater errichten lie\u00df, der am Hof ihres Mannes Karriere gemacht hatte.<\/p>\n<p>Auch hier ist der Grundplan quadratisch, und auch hier gibt es vier T\u00fcrme, unten polygonal, oben rund. Die stehen aber nicht isoliert, sondern sind Teil des Geb\u00e4udes und markieren die vier Ecken des Quadrats. Statt einer Kuppel hat das Mausoleum ein Bengal-Dach. Auch hier ist der Garten quadratisch, mit vier identischen Toren in der Mitte der vier Seiten.<\/p>\n<p>Das ganze Geb\u00e4ude ist ausgestattet mit filigranen Marmorintarsien, und die konstituieren den wichtigsten Unterschied zum Taj. Die Schmuckelemente sind klein und scheinbar einfach, aber wenn man genau hinsieht, merkt man eine unglaubliche Vielfalt. Alles ist farbig, aber die Farben sind so dezent, dass der Bau in der hellen Sonne fast einfarbig aussieht. Dabei ist kein Quadratmeter von der Dekoration ausgespart.<\/p>\n<p>Innen gibt es nur sehr dezentes Licht, das durch die durchbrochenen Fenster f\u00e4llt. Erst sieht man gar nichts, und auch, wenn man sich an das Licht gew\u00f6hnt hat, sieht man nicht den ganzen Reichtum der Verzierungen. Da hilft die Kamera. Das Blitzlicht zeigt, wie die Steine in den Zwickeln alle bunt bemalt sind.<\/p>\n<p>Das Kenotaph sieht aus, als wenn es aus Holz w\u00e4re. Ist es aber nicht, wie einer der F\u00fchrer einem Besucher gerade mit einer M\u00fcnze demonstriert. Es ist Metall. Untertreibung.<\/p>\n<p>Ich gehe noch ein bisschen herum und versuche, auf der anderen Seite des Flusses, der auch hier wieder hinter dem Geb\u00e4ude verl\u00e4uft, das Taj zu entdecken, sehe aber nur Fabrikschornsteine.<\/p>\n<p>Ich setze mich auf eine Parkbank, da die Sonne jetzt so stark ist, dass man Sonnencreme auftragen muss. Als ich da voll konzentriert sitze und mich der Arbeit widme, sehe ich, als ich aufblicke, auf einmal zwei Jungen vor mir stehen, die mich wortlos und unverwandt anstarren. Was macht der Mann da wohl? Vielleicht haben sie das noch nie gesehen, und in dem Moment bin ich vermutlich wirklich ein Wei\u00dfer. Die starren Blicke sind mir etwas unangenehm, aber Kommunikation ist unm\u00f6glich und mitten in der Operation weggehen, w\u00e4re wie ein Affront. In dem Moment erscheinen aber die beiden V\u00e4ter. Die werden sicher die Jungen zu sich rufen. Denkste! Sie postieren sich neben sie und gucken genauso interessiert dem Schauspiel zu.<\/p>\n<p>Ich denke an die Briten und daran, dass sie uns daf\u00fcr tadeln, dass wir die Leute anstarren. Wie muss es den Briten erst in Indien ergangen sein! Sp\u00e4ter lese ich in einem Buch den Bericht einer Inderin, deren Eltern nach Australien auswanderten, als sie noch ein Baby war, und die als junge Frau nach Indien reiste, zu ihren Wurzeln, sozusagen. Das, woran sie sich nie gew\u00f6hnen konnte, sagt sie, sei das st\u00e4ndige Anstarren gewesen. Sie erkl\u00e4rt das mit ihrer r\u00e4tselhaften Identit\u00e4t, Inderin und doch nicht Inderin, Ausl\u00e4nderin und doch nicht Ausl\u00e4nderin. Sie wusste vermutlich nicht, dass auch einfache Sonnencreme gen\u00fcgt.<\/p>\n<p>Mein Rikschafahrer wartet drau\u00dfen und f\u00e4hrt mich wieder zur\u00fcck. Es steht nur noch Essen und Trinken und Sonne genie\u00dfen auf dem Programm. Erst esse ich in einer etwas verstaubt aussehenden Gastst\u00e4tte, dem <em>Yash Caf\u00e9<\/em>, in der ich der einzige Gast bin, Reis mit Curry.<\/p>\n<p>Der Kellner sagt mir, ich m\u00fcsse irgendetwas auf den Boden stellen, aber ich verstehe nicht, was. Meine Tasche? Meine Kamera? Meine M\u00fctze? Meine Schuhe? Irgendwie schaffen wir es nicht, uns zu verst\u00e4ndigen. Als dann die Bestellung kommt, zeigt er auf das, was auf den Boden muss: das Bier! Hier wird nur heimlich Bier ausgeschenkt, vermutlich ohne Lizenz. Das Bier, <em>King Fisher<\/em>, gibt es in Halbliterflaschen, und da mir die Sache mit dem Boden so gut gef\u00e4llt, bestelle ich gleich noch eine.<\/p>\n<p>Damit hat sich endg\u00fcltig jeder Gedanke an weitere Besichtigungen er\u00fcbrigt. Also gehe ich in noch ein Rucksacktouristenhotel mit Dachterrasse, die <em>Shanti Lodge<\/em>. Wieder so ein guter Blick aufs Taj. Und das sieht nach dem n\u00e4chsten Bier noch besser aus. Ich sehe die Photos durch und frage mich, was ein Schild bedeutet, das ich am Morgen photographiert habe: <em>No vendering. <\/em><\/p>\n<p>Als es d\u00e4mmert, gehe ich noch ein bisschen durch die Gassen. Auf der Stra\u00dfe, wo die Caf\u00e9s sind, zielt alles auf Rucksacktouristen ab. Die Schilder sprechen B\u00e4nde: <em>Internet Caf\u00e9, Train Tickets, Camera Batteries, USB Pen Drives, Memory Cards, Taxi on Hire.<\/em><\/p>\n<p>In den Gassen sieht es ganz anders aus: Gesch\u00e4fte in winzigen garagen\u00e4hnlichen R\u00e4umen, alle ohne Fenster. Am Abend wird einfach das Gitter heruntergelassen. Es gibt Schneiderwerkst\u00e4tten, Friseure, Schreibwarenl\u00e4den, an den Ecken Obstst\u00e4nde und Essst\u00e4nde, an denen es m\u00e4chtig qualmt.<\/p>\n<p>Dann ist es Zeit f\u00fcr den R\u00fcckweg zum Bahnhof. Ich spreche zwei miteinander plaudernde Rikschafahrer an. Da wei\u00df man nie, mit wem man es eigentlich zu tun hat. Und \u00fcber Preis und Ziel verhandelt. Das wird jetzt noch dadurch erschwert, dass es zwei Bahnh\u00f6fe gibt. Als wir uns einig sind und ich eingestiegen bin, steigen sie beide vorne ein. Und es geht los. Durch die Dunkelheit. Das ist das einzige Mal, dass es mir in Indien etwas mulmig wird. Abenteuerliche Gedanken gehen mir durch den Kopf: Ich bin alleine, sie sind zu zweit. Sie kennen die Stadt, ich kenne sie nicht. Wohin bringen sie mich wohl? Was tun, wenn sie auf krumme Gedanken kommen und einen Touristen mal so richtig ausnehmen oder ihm an den Kragen wollen? Immer wieder versuche ich, etwas zu erkennen und zu erraten, ob wir tats\u00e4chlich auf dem Weg zum Bahnhof sind, aber ich erkenne nichts. Alle Sorge ist aber unberechtigt: Sie bringen mich auf direktem Weg zum Bahnhof \u2013 dem richtigen.<\/p>\n<p>Da gibt es erst mal keine Auskunft. Unter den Z\u00fcgen auf den elektronischen Tafeln ist meiner nicht. Und normale Fahrpl\u00e4ne gibt es nicht. Ein Schlepper kommt auf mich zu und will mich mit dem Auto nach Delhi bringen. Ich suche weiter und finde einen Fahrkartenschalter: Der Zug hat zwei Stunden Versp\u00e4tung. Mindestens. Am Ende sind es drei. Es macht mir aber nichts. Die Zeit wird mir nicht lang. Und bei den lauen Temperaturen kann man es auf dem Bahnsteig gut aushalten.<\/p>\n<p>Es gibt auch einiges zu sehen: Auf dem Boden sitzen oder liegen Reisende, meist in Gruppen, mit Kisten und Kartons statt Koffern. Die meisten M\u00e4nner tragen europ\u00e4ische Kleidung, aber viele tragen dazu einen Turban oder ein in Piratenmanier um den Kopf geschlungenes Tuch. Die meisten Frauen tragen traditionelle Kleidung, lange, bunte Kleider, mit und ohne Kopftuch.<\/p>\n<p>Es gibt zwei Wartes\u00e4le, erster und zweiter Klasse, und als ich das gerade merkw\u00fcrdig finden will, f\u00e4llt mir ein, dass das bei uns auf den Flugh\u00e4fen auch so ist.<\/p>\n<p>Eine alte Bahnsteigglocke, das Pfeifen der Lokomotiven, ein Schreibwarengesch\u00e4ft mit einem Schriftzug aus der Kolonialzeit und der Zug nach Bombay mit Wappen und goldenen Zierleisten versetzen einen ins 19. Jahrhundert, die Werbung und die elektronischen Zuganzeigen ins 21. Jahrhundert, die Besen und M\u00fclleimer in die Dritte Welt, und die computergesteuerte Durchsage mit k\u00fcnstlicher Stimme und Durchsagen in Endlosschleife in einen Science-Fiction-Film. Bei jeder Durchsage hei\u00dft es: <em>May I have your attention, please?<\/em> Einmal z\u00e4hle ich es viermal pro Minute. Wo immer man sich hin fl\u00fcchtet, verfolgt einen die Durchsage.<\/p>\n<p>Manchmal kommt Bewegung in das Volk, wenn ein Zug einf\u00e4hrt. Dabei wird manchmal in letzter Minute ein Gleiswechsel angesagt. Einmal glaube ich schon, meinen eigenen Zug verpasst zu haben, aber der l\u00e4sst auf sich warten.<\/p>\n<p>Ich sehe, wie eine junge Mutter ihrer kleinen Tochter eindr\u00fccklich einredet, sie m\u00f6ge da stehenbleiben, wo sie ist. Dann verdr\u00fcckt sich die Mutter, klettert auf die Gleise und kommt nach kurzer Zeit wieder zur\u00fcck. Da war das Not-WC.<\/p>\n<p>Auch hier gibt es nat\u00fcrlich Bettler. Wie geht man damit um? Schwierige Frage. Wie die meisten, entscheide ich mich f\u00fcr einen Mittelweg: hin und wieder etwas geben. Aber wem? Der Ratschlag, den ich im Reisef\u00fchrer lese: \u00a0denen etwas geben, die keine Chance haben, Alten und Kranken. Aggressiv Bettelnden, denen, die dich ansto\u00dfen und pausenlos auf dich einreden, gebe ich dagegen meistens nichts. Sie lassen, wenn man ihnen etwas gibt, ohnehin immer noch nicht los und wollen mehr und ziehen auch noch andere an. Hier gebe ich einem Mann etwas, der sich ohne Beine \u00fcber den Boden des Bahnsteigs schiebt. Und einem Jungen, der mich freundlich auf Hindi anspricht und immer wieder <em>gari gari<\/em> sagt und mir anschlie\u00dfend l\u00e4chelnd die Hand gibt, obwohl ich ihm nichts gegeben habe. Anderen, die mit einer Geste \u201eEssen\u201c andeuten, kaufe ich etwas an einem der vielen St\u00e4nde. Da kommt man sogar ins \u201eGespr\u00e4ch\u201c. Man deutet ihnen an, mitzukommen, deutet auf die Auslagen und sie k\u00f6nnen selbst entscheiden, was sie wollen. Das ist alles so spottbillig, dass man sich fast sch\u00e4mt. Und morgen haben sie wieder Hunger. Dennoch leuchtet mir die politische Devise <em>Nichts geben, weil sich so nichts \u00e4ndert<\/em> nicht ein. Das macht nicht satt.<\/p>\n<p>Dann habe ich noch eine etwas unheimliche Begegnung: Auf dem Bahnsteig kommt mir ein Bettler mit langem Umhang entgegen. Er bettelt nicht, aber sieht mich mit einem stechenden Blick an. So, als wollte er mir etwas mitteilen. Als er vorbei gegangen ist, tritt es mir pl\u00f6tzlich vor Augen, was sein Blick bedeutet: Im n\u00e4chsten Leben tauschen wir die Rolle. Du wirst auf der Suche nach einem Bissen durch Indien streifen, ich werde als reicher Westler durch Indien reisen. Ich drehe mich um, um ihn etwas zu geben, aber er ist verschwunden. Und l\u00e4sst mich in Erinnerung an seinen durchdringenden Blick zur\u00fcck. Ohne mir die Chance zu geben, mein Kharma zu verbessern.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">27. Februar (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Im Hotel muss bar bezahlt werden. Das hat zur Folge, dass ich zur Bank muss und den ganzen Tag \u00fcber mit zwei prall mit Geldscheinen gef\u00fcllten Taschen durch die Gegend laufe. Es geht aber gut, und ich habe, wie \u00fcberhaupt in all diesen Tagen, kein einziges Mal auch nur das Gef\u00fchl, dass man mir an die Taschen will. Sp\u00e4ter, als ich an einem Stand etwas zu essen kaufe, gibt man mit sogar Geld zur\u00fcck, als ich zu viel bezahlt habe \u2013 was mir gar nicht aufgefallen w\u00e4re. Das kontrastiert v\u00f6llig mit den sonst allgegenw\u00e4rtigen Versuchen, einen \u00fcbers Ohr zu hauen.<\/p>\n<p>Die Rechnung bel\u00e4uft sich auf 23.300 Rupien \u2013 ca. 320 \u20ac. Darin sind \u00dcbernachtung, Fr\u00fchst\u00fcck, Transport vom Flughafen und zum Flughafen, Zugfahrkarte erster Klasse nach Agra, Transport zum Bahnhof und Abholen vom Bahnhof (mit drei Stunden Versp\u00e4tung) und fast t\u00e4glich auf der Terrasse servierter Tee mit Keksen oder Kuchen und ein paar kleinere Mahlzeiten enthalten!<\/p>\n<p>Heute soll es zum <em>National Railway Museum<\/em> gehen. Passt gut zu der Zugfahrt von gestern. Aber erst mal muss man dahin kommen.<\/p>\n<p>An der Metrostation <em>Racecourse<\/em> mit langen Hallen und steilen Rolltreppen steigt nur ein Mann mit Aktentasche aus. Hier herrscht vornehme Ruhe.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Rikscha habe ich mir, durch Erfahrung klug, den Namen des Museums auf Hindi aufschreiben lassen. Den Zettel zeige ich dem Fahrer, nachdem ich <em>National Railway Museum<\/em> gesagt, Zugger\u00e4usche imitiert und auf dem Stadtplan die Lage des Museums und unseren Standort gezeigt habe. Alles klar. In kurzer Zeit sind wir da. Er setzt mich auf der anderen Stra\u00dfenseite ab und f\u00e4hrt weg. Ich \u00fcberquere die Stra\u00dfe &#8211; und stehe vor dem falschen Museum!<\/p>\n<p>Ein anderer Rikscha-Fahrer erbarmt sich meiner. Er spricht Englisch und wei\u00df auf Anhieb Beschied und bringt mich zu dem richtigen Museum.<\/p>\n<p>Es geht \u00fcber eine lange, vierspurige, kaum befahrene Stra\u00dfe, an der sich die Botschaften aufreihen: Norwegen, Serbien, Sudan, Deutschland, Japan, Portugal. Und der Sitz des High Commissioner von Australien, und sp\u00e4ter der von Neuseeland. Die scheinen hier die Botschafter zu ersetzten, wohl ein Merkmal des Commonwealth.<\/p>\n<p>Der Rikscha-Fahrer ist Shik und will vor dem Museum auf mich warten und mich weiter durch die Gegend fahren und mich zu einem Shik-Tempel bringen. Ich lasse mich nicht darauf ein, was mir sp\u00e4ter leid tut.<\/p>\n<p>Am National Railway Museum ist es laut. Das liegt an den Z\u00fcgen, sondern an den Kindergartenkindern, die hier vor allem mit lautem Gekreische die Fahrt mit einer Miniatureisenbahn genie\u00dfen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Erwachsene stehen auf dem offenen Gel\u00e4nde Lokomotiven und Waggons herum und ein paar Exponate nebst Erkl\u00e4rungen in einer kleinen, verstaubten Halle.<\/p>\n<p>Vor dem Eingang steht eine kleine, schwarze Dampflokomotive mit \u00fcbergro\u00dfem Schornstein. Sieht wie die von Jim Knopf aus, ganz unwirklich.<\/p>\n<p>Auf den Gleisen stehen dann Exponate aus verschiedenen Zeiten, Dampf- und Diesellokomotiven und einfache und vornehme Waggons. Man kann allerdings nicht rein und meistens auch nicht reinsehen. H\u00f6chstens auf die Rampe steigen. Es geht ganz sch\u00f6n hoch. Die R\u00e4der sind riesig, und man fragt sich, wie die Passagiere fr\u00fcher \u00fcberhaupt einsteigen konnten. Vielleicht \u00fcber kleine Treppen, die auch hier hilfsweise bereitgestellt werden.<\/p>\n<p>Man sieht gro\u00dfe, schwere Lokomotiven, aber auch kleine, die wie aus Pappmach\u00e9 aussehen. Eine erreichte nur eine H\u00f6chstgeschwindigkeit von 21 km\/h und wurde erst 1986 in Rente geschickt.<\/p>\n<p>Es gibt auch Lokomotiven f\u00fcr die Gleisinspekteure. Eine davon wurde noch 1941 aus Gro\u00dfbritannien importiert.<\/p>\n<p>Man sieht aber auch die erste Lokomotive, die \u00fcberhaupt in Indien hergestellt wurde, noch w\u00e4hrend der britischen Kolonialherrschaft. Bis dahin wurden die Einzelteile aus dem Mutterland importiert und in Indien zusammengesetzt.<\/p>\n<p>Die Diesellokomotiven wurden zun\u00e4chst in w\u00fcsten\u00e4hnlichen Zonen eingesetzt, wo das Wasser knapp war, das man f\u00fcr die Dampflokomotiven brauchte<\/p>\n<p>Es gibt verschiedene Spurbreiten. Ich hatte gestern schon das Gef\u00fchl, dass die Spuren breiter als bei uns sind \u2013 im Waggon war auch ein Platz mehr pro Reihe. Das scheint eine Zeitlang der Standard gewesen zu sein. Dann kamen britische Kolonialbeamte auf die Idee, dass f\u00fcr bestimmte Strecken eine schmalere Spur geeigneter war.<\/p>\n<p>Man sieht einen Waggon, der, bei einem Wechsel der Spurbreite, vom Gestell abgenommen und auf ein anderes gesetzt werden konnte, ohne dass die Passagiere aussteigen mussten, und zwar schon 1899! Der Waggon ist allerdings sehr edel, und solche Sonderbehandlung erfuhren vornehmlich hochgestellte Kolonialbeamte und britische Adelige.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Kronprinzen, den sp\u00e4teren Edward VII., wurde sogar ein eigener Waggon mit Emblem und Sonnenblenden und Platz f\u00fcr Leibw\u00e4chter gebaut!<\/p>\n<p>Im Museum selbst sieht man eine Nachbildung von Stephensons Lokomotive mit einem Anh\u00e4nger mit gro\u00dfem Fass. Was da wohl transportiert wurde? Bei der ber\u00fchmten Probefahrt waren jedenfalls schon Passagiere an Bord.<\/p>\n<p>Auch zum Bestand des Museums geh\u00f6rt ein Elefantensch\u00e4del. Der geh\u00f6rte einem Elefanten, der in der Dunkelheit gegen einen Zug lief und sieben Waggons zum Entgleisen brachte. Er selbst musste allerdings dran glauben. Als Erinnerung an das Ereignis bewahrt das Museum den Sch\u00e4del auf, bis auf die beiden Z\u00e4hne. Einer ist in einem Londoner Museum, den anderen bekam der Lokomotivf\u00fchrer. Als Jagdtroph\u00e4e.<\/p>\n<p>Zum Abschluss geht es noch nach Nizamuddin, dem Viertel, durch das mich eigentlich die Stra\u00dfenjungen f\u00fchren sollten. Leider haben sich beide Organisationen nicht mehr gemeldet, weder auf Anruf noch auf Mail. Also muss ich mich alleine durchschlagen.<\/p>\n<p>Das Viertel ist ein islamisches Viertel mit engen Gassen, in dem ich der einzige Ausl\u00e4nder bin. An einem Stand probiere ich eine der lecker aussehenden arabischen S\u00fc\u00dfigkeiten.<\/p>\n<p>Bettler kommen von allen Seiten. Einem alten Mann biete ich wieder an einem Stand etwas zu essen an, eine junge Frau lehnt das ab. Sie will Geld. Sp\u00e4ter taucht sie dann doch an dem Stand auf, nachdem sie gemerkt hat, dass der alte Mann ganz zufrieden ist. Alles geht mit Hand und Fu\u00df. Hier spricht kein Mensch auch nur ein paar Brocken Englisch.<\/p>\n<p>Ich sehe meine erste Metzgerei \u00fcberhaupt in Indien, und dann auch gleich die zweite. Muslime sind keine Kostver\u00e4chter, und auch keine Vegetarier. Ansonsten wird in Indien mit dem Etikett \u201evegetarisch\u201c geworben.<\/p>\n<p>Ich sehe einen Jungen mit einem T-Shirt mit dem Aufdruck <em>Pakistan<\/em>, einen Stand, an dem Chips und Pampers nebeneinander h\u00e4ngen \u2013 ob da ein Zusammenhang suggeriert wird? \u2013 St\u00e4nde mit sehr sch\u00f6nen Kopft\u00fcchern mit muslimischen Motiven, meist den Silhouetten von Moscheen, ein Fahrrad mit Anh\u00e4nger, das Bauschutt transportiert, eine Ziege, die sich ger\u00e4uschvoll den Kopf an einem Rollladen reibt, einen steinernen Bogen \u00fcber einem Eingang zu einer obskuren Passage, auf dem <em>Beauty Parlour. Only for Ladies <\/em>steht und aus der nur M\u00e4nner kommen, einen Jungen, der mit kr\u00e4ftigen Schl\u00e4gen in die Seite eine Ziege verscheucht, der ich eher aus dem Weg gehen w\u00fcrde, eine Mauer mit bunten Plakaten in arabischer Schrift, ger\u00e4uschvoll auf den Boden spuckende M\u00e4nner.<\/p>\n<p>Die St\u00e4nde mit den Kopft\u00fcchern gruppieren sich um das Heiligtum des Viertels herum, das Grab des muslimischen Heiligen Shaik Nizam-ud-din-Chisti, der hier 1365 verstarb. Ich wusste gar nicht, dass Muslime Heilige haben.<\/p>\n<p>Ich traue mich kaum hinein, aber gebe mir dann einen Ruck. Man dr\u00fcckt mir eine Kappe auf den Kopf und zwei Blumenkr\u00e4nze in die Hand \u2013 f\u00fcr beides wird auf dem R\u00fcckweg kassiert \u2013 und l\u00e4sst mich die Schuhe ausziehen. Dann geht es in einen Eingang und \u00fcber ganz schmale G\u00e4nge, auf deren Boden Frauen und M\u00e4nner zu beiden Seiten sitzen, meist bettelnd die Hand aufhaltend. Es wird mir etwas mulmig, und ein australisches Ehepaar, mit dem ich am Nachmittag in der Pension spreche, sagt mir, sie h\u00e4tten regelrecht Angst gehabt.<\/p>\n<p>Die stellt sich aber als unberechtigt heraus. Pl\u00f6tzlich gelangt man auf einen ummauerten Platz, in dessen Zentrum das Heiligtum steht. Drumherum dichtes Gewimmel an K\u00f6rpern und Stimmen. Ich stehe immer noch etwas hilflos mit meinen Blumenbl\u00e4ttern und der Kappe in der Gegend herum, folge dann aber einfach denen, die in das Heiligtum gehen.<\/p>\n<p>Man geht einmal um das Grabmal herum, \u00fcber einen engen Gang, in dem kaum zwei nebeneinander passen.<\/p>\n<p>Von dem Grab selbst ist nichts zu sehen. Es ist ganz bedeckt mit einer bunt bestickten Seidendecke und den Blumen, die man darauf deponiert. Dem Beispiel folge ich. Die M\u00e4nner k\u00fcssen die Pfeiler, das Messinggel\u00e4nder und die Decke und ber\u00fchren sie dann mit Hand und Stirn, um sich dann selbst mit der so geweihten Hand an Mund und Herz zu ber\u00fchren. An den Seiten stehen einzelne M\u00e4nner mit den typischen wei\u00dfen Gew\u00e4ndern und Kappen still im Gebet. Man muss sich an ihnen vorbeizw\u00e4ngen, was etwas unangenehm ist. Aber sonst kommt man nicht wieder raus.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen, vor allem hinter dem Heiligtum, sitzen Frauen in gro\u00dfen Gruppen. Sie d\u00fcrfen selbstredend nicht rein. Einige stehen auf und ber\u00fchren die vergoldete Wand des Heiligtums oder die sch\u00f6nen, niedrigen Marmors\u00e4ulen mit goldenen Kapitellen, die das Grabmal st\u00fctzen.<\/p>\n<p>Vor dem Eingang, auf roten Teppichen und unter bunten B\u00e4ndern, sitzen junge M\u00e4nner und singen leiernde Ges\u00e4nge, von einer einzigen Trommel begleitet.<\/p>\n<p>Ich lasse das noch eine Zeitlang auf mich wirken und frage mich, was man davon halten soll: Aberglauben, religi\u00f6se Inbrunst, Jahrmarkt? Wohl von allem etwas.<\/p>\n<p>In der Pension komme ich mit einem australischen Ehepaar aus Tasmanien ins Gespr\u00e4ch, meinen Nachbarn, Indienkennern. Ich m\u00fcsse unbedingt wiederkommen und vor allem aufs Land gehen. Als ich erw\u00e4hne, dass man mit Englisch nicht so gut zurechtkomme, sagen sie, in Delhi sei das doch ganz gut. Auf dem Land spiele sich da gar nichts ab. Aber dann werde es erst interessant. Die Leute seien sehr kommunikativ und meist freundlich. Das mit den Schleppern sei woanders auch nicht so schlimm, sagt die Frau. Aber da hakt er ein und sagt: <em>Na ja, Kalkutta, Jaipur, Agra &#8230; <\/em><\/p>\n<p>Ich werde nach Deutschland und dem Problem der EU mit den Griechen gefragt. Da ist alles, was man sagt, sowieso falsch, also versuche ich, das Gespr\u00e4ch auf Australien zu bringen. Der Mann klagt \u00fcber die k\u00fcrzlich eingef\u00fchrte Kohlensteuer. Kohlensteuer? Steuer auf Kohlen? Nein, Steuer auf alles, auf ein Hemd genauso wie auf ein Pfund Butter. Das sei eine widersinnige Erfindung der australischen Gr\u00fcnen. Das Geld lande aber dann auf Umwegen in Entwicklungsl\u00e4ndern, die damit dann ihre eigenen Dreckschleudern subventionierten statt, wie vorgesehen, f\u00fcr die Bewahrung der Natur einzusetzen.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch kommt auf Zuwanderung. Ich sage, ich glaubte sowieso nicht an die Idee vom Schmelztiegel. Doch, meint er, in Australien sei das wirklich ein Schmelztiegel. In der dritten Generation sei nicht mehr viel von der Herkunft der Einwanderer zu merken. Ja, ja, aber so ist es ja nicht gemeint. Assimilation. Das ist etwas ganz anderes. Aber ich bestehe nicht darauf.<\/p>\n<p>Dann kommen wir auf indische Geschichte und Religion zu sprechen. Ich bin in der Erwartung nach Indien gekommen, immer und \u00fcberall auf den Hinduismus zu sto\u00dfen. Tats\u00e4chlich bin ich immer und \u00fcberall auf den Islam gesto\u00dfen. Ja, ja, sagen sie, hier im Norden sei das so, im S\u00fcden sei das ganz anders. Leuchtet ein. Und noch etwas Merkw\u00fcrdiges: Der Islam hat trotz 800-j\u00e4hriger Herrschaft nur 20% der Inder zu Muslimen gemacht. Das ist wenig, auch wenn es in absoluten Zahlen immer noch viel ist. Die Australier sagen sogar, dass Indien auch heute noch, nach der Spaltung, das gr\u00f6\u00dfte islamische Land der Welt sei. Das habe ich anders in Erinnerung. War das nicht Indonesien? Oder Pakistan? Aber vielleicht haben sie sogar recht. Bei der riesigen Bev\u00f6lkerungszahl Indiens ist alles drin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">28. Februar (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Flughafen wird bei der Passkontrolle ein Brite, der nicht rechts, sondern links vom Beamten durchgegangen ist, zur\u00fcckgerufen. Andere Seite. Der Mann daraufhin: <em>I always follow my wife. After 41 years of marriage \u2026 <\/em><\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Abfluggate kommt mir auf dem entgegengesetzten Laufband ein Guru entgegen oder jedenfalls einer, der so gekleidet ist. Er steht nicht auf dem Laufband, sondern sitzt darauf. Kurz danach erscheint hinter ihm ein Flughafenangestellter mit einem Rollstuhl, und ich vermute einen Zusammenhang. Am Ende des Laufbands steht der Mann aber in aller Seelenruhe auf und geht weiter.<\/p>\n<p>Im Flugzeug sitzt neben mir eine Frau mit einer Uhr mit zwei Zifferbl\u00e4ttern. Ich vermute, sie ist Russin, aber sie telefoniert noch kurz vor dem Abflug in einer Sprache, die ich nicht erkennen kann. Es ist Farsi. Sie ist Iranerin.<\/p>\n<p>Sie ist zum zweiten Mal in Indien gewesen, beide Male in Delhi, beim ersten Mal, vor drei Jahren, drei Monate lang wegen einer Augenoperation ihrer Mutter. Diesmal hat sie Delhi erheblich verbessert vorgefunden: Es seien keine K\u00fche mehr auf der Stra\u00dfe, es l\u00e4ge weniger Kot herum und es werde nicht mehr so viel gespuckt.<\/p>\n<p>Welches das beste Land der Welt sei, fragt sie mich. Ich wei\u00df es nicht, werde aber von ihr gerne belehrt: Iran. Nur das mit der jetzigen politischen F\u00fchrung sei es nicht so das Gelbe vom Ei. Sie selbst hat aber dem besten Land der Welt den R\u00fccken gekehrt und lebt in Kanada.<\/p>\n<p>Sie bestellt Fleisch und Rotwein, sagt aber, das sei eine Ausnahme. Normalerweise sei sie Vegetarierin und vermeide Alkohol. Nur ab und zu mal ein Glas Rotwein. Als ich danach frage, welchen Rotwein man denn im Iran trinke, sagt sie, als w\u00e4re das eine bl\u00f6de Frage: <em>Shiraz<\/em>. Und dann verstehe ich, was sie meint: Shiraz hei\u00dft <em>Shiraz<\/em>, weil er aus Shiraz kommt? Eine persische Traube? Kann das sein? In der Vergangenheit wurde im Mittleren Osten tats\u00e4chlich kr\u00e4ftig Wein getrunken, aber die Verbindung kommt mir doch etwas abenteuerlich vor.<\/p>\n<p>Irgendwie kommen wir auf 9\/11 zu sprechen. Sie nimmt eine vorsichtige Bemerkung von mir auf und sagt ungeschminkt: <em>Alles halb so wild, kaum was passiert. <\/em><\/p>\n<p>Ihre Mutter hat afghanische Wurzeln, und ihr Sohn lebt in Kabul. Er ist Manager eines Krankenhauses. Sie ist selbst auch schon da gewesen und zeigt stolz Photos von einer Feier, bei der der Sohn im Zentrum steht. In Kabul sei es gar nicht so schlimm, wie es immer in den Nachrichten hie\u00dfe.<\/p>\n<p>So endet die Indienreise sozusagen in Afghanistan, der Gegend, aus der die Arier vor ein paar tausend Jahren nach Indien kamen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>17. Februar (Sonntag) Kalkutta! Bombay! Das ist Indien. Man f\u00e4hrt zum Ganges oder in den Himalaya. Aber Delhi? H\u00f6rt sich staubtrocken und mausgrau an. Trotzdem: Die erste Reise ins neue Land geht in die Hauptstadt. Damit habe ich gute Erfahrungen &hellip; <a href=\"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=3439\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":1155,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3439"}],"collection":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3439"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3439\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8119,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3439\/revisions\/8119"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1155"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3439"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}