{"id":3486,"date":"2013-04-21T16:36:03","date_gmt":"2013-04-21T14:36:03","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=3486"},"modified":"2015-09-21T19:39:28","modified_gmt":"2015-09-21T17:39:28","slug":"athen-2013","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=3486","title":{"rendered":"Athen (2013)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13. April (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Das lange Warten am K\u00f6lner Flughafen verk\u00fcrze ich mir in der Buchhandlung. Die ist auf den zweiten Blick gar nicht so schlecht ausgestattet, aber die B\u00fccher liegen nur in Stapeln auf niedrigen Tischen und sind nur durch Zufall zu finden. Ich sto\u00dfe hier auf alle drei B\u00e4nde, die ich gestern in gro\u00dfer Hektik in der Innenstadt f\u00fcr die Kollegen aus der Germanistik an der Athener Universit\u00e4t gekauft habe:\u00a0<em>Tschick, In Zeiten des abnehmenden Lichts <\/em>und\u00a0<em>Verteidigung der Missionarsstellung<\/em>. Die h\u00e4tte ich alle in Ruhe hier kaufen k\u00f6nnen und h\u00e4tte sie au\u00dferdem als Taschenbuch bekommen. Andererseits macht sich die gebundene Ausgabe nat\u00fcrlich als Mitbringsel gut.<\/p>\n<p>Den Rest der Zeit verbringe ich mit der Lekt\u00fcre von Frank Meyers Erz\u00e4hlungen, genau gesagt mit der letzten des Buchs. Die spielt in Irland, dem Gegenteil von Griechenland. In der Erz\u00e4hlung, die in den Siebzigerjahren spielt, geht es um eine Schmuggelware, mit denen ein paar junge M\u00e4nner aus Deutschland echten Reibach machen. Die Identit\u00e4t der Schmuggelware bleibt lange ein Geheimnis. Sie wird in leichten Beuteln, die sich weich anf\u00fchlen, im Kofferraum des Autos versteckt. Es sind Kondome.<\/p>\n<p>In der Abflughalle unterhalten sich drei griechische M\u00e4dchen auf Deutsch. Zwei k\u00f6nnen perfekt Deutsch, die andere gut, aber nicht perfekt. Die beiden anderen helfen ihr in fl\u00fcssigem, unglaublich schnellem Griechisch, wenn sie mal irgendwo stecken bleibt. Und verbessern streng ihre Aussprache. Sie hat Schwierigkeiten mit dem Vokal in\u00a0<em>morgen<\/em>, das sich wie\u00a0<em>m\u00f6rgen<\/em> anh\u00f6rt. Das kommt wohl eher aus dem Deutschen selbst als aus dem Griechischen.<\/p>\n<p>Der Flug versp\u00e4tet sich aus einem verr\u00fcckten Grund: Es ist ein Koffer zu viel an Bord. Und da muss nat\u00fcrlich das gesamte Gep\u00e4ck durchsucht werden. Am Ende stellt sich alles als falscher Alarm heraus. Der Computer hatte eine falsche Zahl \u00fcbermittelt.<\/p>\n<p>Im Flugzeug sind wir halbe-halbe, Griechen und Deutsche, wobei die Griechen wohl alle Exilanten sind. Ich bekomme Gespr\u00e4chsfetzen mit, und wie durch Magie kommen immer mehr vergessen geglaubte W\u00f6rter zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Es ist Nacht, als wir in Athen landen. Und stockdunkel. Langsam kommen wieder Erinnerungen an meine letzte Reise nach Athen auf. Es ist fast ganz genau zehn Jahre her, im Fr\u00fchjahr 2003. Die Metro war schon fertig, der Flughafen auch, das Stadion noch nicht. Die Arch\u00e4ologische Boulevard um die Akropolis herum eine echte Sensation, f\u00fcr den vierspurige Stra\u00dfen weichen mussten, war ebenfalls fertig, das Akropolis-Museum noch nicht. Der Zubringer zum Flughafen war nur in dem Teil fertig, der stadtausw\u00e4rts liegt, und bei den vielen Baustellen in der anderen Richtung fragte man sich ernsthaft, ob das alles noch rechtzeitig fertig werden konnte. Die meisten Zweifel hatte ich aber bei der Ruderstrecke in der N\u00e4he von Marathon. Da sah man noch so gut wie gar nichts. Am Ende war alles p\u00fcnktlich fertig. Wenn auch auf den letzen Dr\u00fccker.<\/p>\n<p>Der neue Flughafen liegt nat\u00fcrlich auch entsprechend weit von der Innenstadt entfernt, ca. 35 Kilometer. Er ist auch an die Metro angebunden, aber um diese Zeit scheint keine Metro mehr zu fahren. Also muss der Bus ran. Auch nicht schlecht, da sieht man was. Das Viertel, in das ich muss, hei\u00dft Exarchia. Ich betone es auf der falschen Silbe. Das lassen die Griechen nicht durchgehen.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen ist es fr\u00fchlingshaft mild. Der missmutige Kerl am Kiosk \u2013 Griechen in offizieller Funktion sind das immer \u2013 verkauft mir f\u00fcr 5 \u20ac wortlos eine Fahrkarte und antwortet auch auf meine Frage nach dem Abfahrtsort wortlos.<\/p>\n<p>Die Fahrt dauert fast eine Stunde. Es geht z\u00fcgig voran, es ist kaum Verkehr. Die Stra\u00dfe ist gut ausgebaut, aber sehr uneben. Es ruckelt und zuckelt nur so. Vielleicht liegt das an dem Asphalt, der der griechischen Sommersonne nicht gewachsen ist. Jedenfalls sieht man auf der anderen Fahrbahn lauter Wellen im Asphalt.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg nehme ich eine Woche sp\u00e4ter die Metro. Die kostet 8 \u20ac, und es dauert wegen des Umsteigens noch l\u00e4nger!<\/p>\n<p>Unterwegs erkl\u00e4rt mir ein freundlicher Mann, ich solle bis zur Endstation fahren und dann ein Taxi nehmen. Exarchia sei\u00a0<em>a bit rough<\/em>. Angst br\u00e4uchte ich aber keine zu haben. Nur auf mein Portemonnaie solle ich aufpassen.<\/p>\n<p>Der Bus f\u00e4hrt bis zum Syntagma-Platz. Dort habe ich kaum ein Auge f\u00fcr das Parlament und die anderen repr\u00e4sentativen Geb\u00e4ude, da ich auf meine Klamotten aufpassen und ein Taxi finden muss. Das geht aber ganz einfach.<\/p>\n<p>Der freundliche Taxifahrer unterh\u00e4lt sich halb englisch, halb griechisch mit mir. Und fragt nach meinen Pl\u00e4nen und danach, was mir bisher in Griechenland am besten gefallen hat. Schwer zu sagen, und das sage ich ihm auch. Erst beim Rekapitulieren im Flugzeug habe ich gemerkt, dass es schon die siebte Reise nach Griechenland: Erst eine Rundreise in Attika, dann Kreta, dann Ikaria, dann ein Dorf irgendwo in Makedonien, dann Athen, dann Rhodos. Zum ersten Mal wiederholt sich jetzt ein Reiseziel.<\/p>\n<p>Der Taxifahrer tut mir gleich einen doppelten Gefallen und liefert mir einen sch\u00f6nen Aufmacher f\u00fcr einen der Vortr\u00e4ge: Erst best\u00e4tigt er mit sichtlichem Stolz, dass Griechisch schwer sei und dann liefert er noch eine umwerfende Erkl\u00e4rung hinzu: Die griechischen W\u00f6rter h\u00e4tten mehrere Bedeutungen. Eine Steilvorlage!<\/p>\n<p>In Exarchia ist noch richtig was los. Unheimlich viel Volks unterwegs, alle Kneipen und Bars ge\u00f6ffnet, buntes Leben auf dem Platz, ein paar Meter vom Hotel entfernt. Das Taxi muss mitten auf der Stra\u00dfe halten. Der ganze Verkehr wird aufgehalten, aber bis auf vereinzeltes Hupen gibt es keine Proteste.<\/p>\n<p>In der Rezeption erwartet man mich schon. Die erste Frage ist, wie viel ich f\u00fcr das Taxi bezahlt h\u00e4tte. 5 Euro. Absolut vertretbar. Finde ich auch.<\/p>\n<p>Der Mann an der Rezeption ist freundlich und erkl\u00e4rt mir anhand eines Stadtplans gleich die Gegend und sagt mir, welchen Weg ich morgen in die Innenstadt nehmen soll. Man k\u00f6nne alles zu Fu\u00df machen von hier aus.<\/p>\n<p>Das Zimmer ist einfach, aber hat alles, was man braucht. So ist es mir am liebsten. Es gibt sogar eine Art Schreibpult, wenn auch keinen richtigen Schreibtisch, aber gut genug f\u00fcr den Laptop.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">14. April (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Vom Hotelzimmer aus sieht man auf den Lykabettus, den H\u00fcgel, der die Athener Innenstadt zu einer Seite abschlie\u00dft, so wie die Akropolis zur anderen. Eigentlich sieht man aber nur seinen kahlen Kopf. Der Rest ist hinter hohen H\u00e4usern verborgen, mit den typischen langen, fast die ganz Front einnehmenden Balkonen.<\/p>\n<p>Gleich nach dem bescheidenen Fr\u00fchst\u00fcck mache ich einen Spaziergang, aus dem Haus gelockt durch die Sonne, aber auch durch meine Zahlenmanie. In der Innenstadt gibt es n\u00e4mlich die\u00a0<em>Odos Tripodos<\/em>, die \u201aDreifu\u00dfstra\u00dfe\u2018. Da will ich hin.<\/p>\n<p>Beim zweiten Versuch erwische ich zwar die richtige Stra\u00dfe ins Zentrum, aber die falsche Richtung. Als ich wieder zur\u00fcckkomme, mache ich einen Zwischenstopp auf dem Exarchia-Platz, gleich vor dem Hotel, und trinke einen Frapp\u00e9. Der Frapp\u00e9, cremig, schmeckt hervorragend, aber ich habe nicht genug umger\u00fchrt und er wird zum Ende immer st\u00e4rker. Schon bei der Bestellung muss man sagen, wie man ihn haben will, auch wie viel Zucker man haben will. Daf\u00fcr gibt es ein eigenes Vokabular, aber ich sage einfach\u00a0<em>Ja<\/em>, als ich gefragt werde, ob ich ihn s\u00fc\u00df wolle. Ein gro\u00dfes Glas Wasser wird, wie immer hier, gleich dazu serviert.<\/p>\n<p>Langsam f\u00fcllen sich das Caf\u00e9 und der Platz. Alle Griechen tragen Jacken, mit T-Shirt und kurzer Hose oute ich mich als Tourist.<\/p>\n<p>Der erste Versuch, in die Innenstadt zu kommen, hatte mich in genau die entgegengesetzte Richtung gef\u00fchrt, eine schmale Gasse hoch, wo mir alles irgendwie bekannt vorkam. Ich bin zum Streffi hinausgestiegen, einem H\u00fcgel unweit des Lykabettus, und diese Gegend kenne ich noch von damals. Es ist erstaunlich gr\u00fcn hier. Am auff\u00e4lligsten sind die beschnittenen, knorrigen B\u00e4ume, bei denen die Bl\u00e4tter direkt aus den St\u00e4mmen sprie\u00dfen. Hier ist die Natur weiter als in Deutschland, dieses Jahr sowieso. Sp\u00e4ter sehe ich im Zentrum B\u00e4ume, die schon ganz gr\u00fcn sind.<\/p>\n<p>Noch auff\u00e4lliger als die B\u00e4ume sind aber die Graffiti. Kein Haus ist frei davon. Von Schmierereien \u00fcber Mottos bis zu Kunst, alles vertreten. Sogar ein Graffiti auf Deutsch entdecke ich<em>: Leben, Freiheit, Anarchie<\/em>. Am Abend finde ich in dieser Gegend ein spanisches Graffiti:\u00a0<em>Tu indiferencia es complicidad<\/em>.<\/p>\n<p>Hier ist noch alles still. Nur einen Transvestiten sehe ich, der sich vor einem der H\u00e4user schminkt.<\/p>\n<p>Nach dem Frapp\u00e9 geht es dann in die andere Richtung weiter. Mit den verschmierten Gittern und K\u00e4sten, den stattlichen H\u00e4usern, den Sonnenterrassen, den Balkonen, dem Rost, den zerschlissenen B\u00fcrgersteigen, den Pflanzen in Terrakotta-T\u00f6pfen und der Sonne wirkt alles wie eine Mischung aus Madrid, Bologna und Delhi. Dieser Eindruck best\u00e4rkt sich in den n\u00e4chsten Tagen: der Krach, die vielen Bars und Caf\u00e9s, die Fressst\u00e4nde, die Motorr\u00e4der auf den B\u00fcrgersteigen, alles best\u00e4tigt den Eindruck.<\/p>\n<p>Unterwegs sehe ich eine Apotheke. Die hei\u00dft hier nat\u00fcrlich nicht\u00a0<em>Apotheke<\/em>, auch wenn das ein griechisches Wort ist (das hier aber \u201aWarenlager\u2018, \u201aDepot\u2018 bedeutet). Eigent\u00fcmlicherweise steht an einer Seite der Apotheke\u00a0<em>Farmakio<\/em>, an der anderen<em>Farmakion<\/em>. Ob es da einen Unterschied gibt?<\/p>\n<p>Die Stra\u00dfe f\u00fchrt zum Omonia-Platz, einem Platz, der einfach nicht sch\u00f6n werden will. Obwohl er ein paar sch\u00f6ne H\u00e4userfassaden hat und man versucht hat, ihn mit einem Kunstwerk und B\u00e4umen aufzuh\u00fcbschen. Andererseits sieht er, zumindest an einem Sonntagmorgen, auch nicht so d\u00fcster und gef\u00e4hrlich aus, wie er angeblich ist.<\/p>\n<p>Dann geht es an der Nationalbank und einigen Ausgrabungen vorbei \u00fcber eine breite Stra\u00dfe Richtung Akropolis und die engen Gassen der Plaka. Ich komme von hinten an die Akropolis. Ein ungew\u00f6hnlicher Blick. Man sieht nur den Felsen, die Befestigungsmauer und die hintere Seite des Erechthion.<\/p>\n<p>Am Fu\u00dfe des H\u00fcgels liegt das r\u00f6mische Forum, das hier\u00a0<em>R\u00f6mische<\/em> <em>Agora<\/em> hei\u00dft. Was wohl auf dasselbe hinausl\u00e4uft. Schon vor der Zeitenwende hatten die R\u00f6mer Athen erobert. Eine ganze Reihe von Ruinen stehen auf dem Feld, vor allem aber steht hier der Turm der Winde, ein achteckiger Turm, der die acht Winde darstellt, und zwar in einem breiten Fries in der oberen H\u00e4lfte des Turms. Gar nicht so leicht, einen Wind darzustellen. Die Winde sind durch G\u00f6tter symbolisiert, aber man bekommt durchaus ein Gef\u00fchl von Bewegung, von Luft, von Dynamik \u2013 soweit man das von au\u00dfen erkennen kann.<\/p>\n<p>Der Turm diente als Wetterwarte und als Uhr. Au\u00dfen waren Sonnenuhren angebracht, auf dem Dach eine Wetterfahne, innen eine Wasseruhr, die das Messen von Wetter und Tageszeit \u00a0unabh\u00e4ngig machte.<\/p>\n<p>Weiter geht es durch die verwinkelten Gassen der Plaka. An einer H\u00e4userwand, ganz in der N\u00e4he der Akropolis, sehe ich eine Flamme mit der Inschrift:\u00a0<em>University of Indianapolis<\/em>. Was das wohl ist?<\/p>\n<p>Ganz in der N\u00e4he der Akropolis sehe ich zwei sch\u00f6ne, zweist\u00f6ckige Wohnh\u00e4user, eins in Gelb, das andere in Blaugrau, das erste mit Gittern, die eine Harfe abbilden. Ob das Wohnh\u00e4user sind?<\/p>\n<p>Auf jeden Fall Wohnh\u00e4user sind die kleinen H\u00e4user in der Anafiotika, einem kleinen Teil des Altstadtviertels. Hier gibt es keine Verk\u00e4ufer, keine Caf\u00e9s, keine Souvenirs.\u00a0 Hier scheinen ganz einfache Menschen zu wohnen. Ich erinnere mich, wie ich damals einmal durch das Viertel gegangen bin, \u00fcber Felsbrocken und unbefestigte Wege. Das, was ich heute von der Anafiotika sehe, ist anders. Hier ist die Stra\u00dfe befestigt. Aber man kommt sich wie in einem anderen Teil Griechenlands vor, wie auf einer Insel oder in einem Dorf. Die Bewohner der Anafiotika kamen urspr\u00fcnglich tats\u00e4chlich von einer Insel, von Anafi. Sie nutzten eine Regelung, die besagte, dass man hier auch ohne Baugenehmigung ein Haus bauen konnte, wenn es am ersten Tag schon ein Dach hatte. Das erkl\u00e4rt, warum die H\u00e4user so klein sind.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zur Dreifu\u00dfstra\u00dfe komme ich an dem in einem Wohnhaus untergebrachten Puppentheater vorbei, mit zwei h\u00f6lzernen Puppenfiguren an der Fassade. Auch daran kann ich mich jetzt wieder erinnern.<\/p>\n<p>Ich muss mich durchfragen und durchsuchen, bis ich die\u00a0<em>Odos<\/em> <em>Tripodos<\/em> finde, die Dreifu\u00dfstra\u00dfe. Und als ich sie dann gefunden habe, dauert es noch eine Weile, bis ich an das Monument komme, dem die Stra\u00dfe ihren Namen verdankt. Es ist das Denkmal des Lysikrates, ein tempelartiger Rundbau, der heute auf einem Kinderspielplatz steht! Die Kinder versuchen, an dem Monument hochzuklettern. Auf dem Dach des Turms sieht man ein dreieckiges Gebilde aus Marmor. Darauf stand urspr\u00fcnglich der Dreifu\u00df, von dem die Gegend ihren Namen hat. Dieser Dreifu\u00df war der Preis f\u00fcr den Choregen, den Produzenten des Theaterst\u00fccks, das bei dem Athener Theaterwettbewerb in der Antike den Sieg errang.<\/p>\n<p>Damit habe ich gesehen, was ich sehen wollte und kann mich wieder auf den R\u00fcckweg machen, um an den Vortr\u00e4gen zu arbeiten.<\/p>\n<p>Unterwegs sehe ich in einer Seitengasse einen kleinen Menschenauflauf. Ein Auto, das sich an einem stehenden Reinigungswagen vorbeizw\u00e4ngen wollte, hat sich mit diesem verhakt, und es geht weder vor noch zur\u00fcck. Dahinter hat sich schon eine ganze Schlange von Autos gebildet. Ein kurioses Bild: der elegante, niedrige Sportwagen in unfreiwilliger Partnerschaft mit dem klotzigen Riesen.<\/p>\n<p>In einer anderen Seitenstra\u00dfe stehen mehrere Taxis hintereinander vor der Ampel, alle ganz in Gelb. In einer anderen Seitenstra\u00dfe sieht man gleich einen ganzen Motorradpark.<\/p>\n<p>Einige Gesch\u00e4fte sind ge\u00f6ffnet, darunter ein Schuhgesch\u00e4ft und ein Gesch\u00e4ft f\u00fcr Bettw\u00e4sche. Es gibt einige wenige Ketten, aber die meisten Gesch\u00e4fte sind in privater Hand.<\/p>\n<p>\u00dcberall weht die griechische Flagge: \u00fcber der Akropolis, an einem Hotel, vor der Nationalbank.<\/p>\n<p>In einem Souvenirgesch\u00e4ft h\u00e4ngt ein T-Shirt mit der Aufschrift:\u00a0<em>Three reasons to be a teacher: June, July, August.<\/em> Auf einem anderen T-Shirt lese ich, wie jemand auf die Frage<em>Would you like some tea?<\/em> ein einfaches\u00a0<em>No<\/em> zur Antwort erh\u00e4lt. Darunter steht: \u00a0<em>Anarchy in the UK.<\/em><\/p>\n<p>Eine Bar f\u00fcr junge Leute hei\u00dft\u00a0<em>Bubbleicious<\/em>. Ein Gesch\u00e4ft gleich gegen\u00fcber dem Hotel hei\u00dft\u00a0<em>Buy or Die<\/em>.<\/p>\n<p>An einer Ecke spielt ein \u00e4lterer Herr mit zwei kleinen Schlegeln ein Instrument, das wie eine Zither aussieht. Sch\u00f6ne Musik. Nachdem ich ihm meinen Obolus gegeben habe, erlaubt er mir, ein Photo von ihm zu machen.<\/p>\n<p>Unterwegs esse ich eine Kolouria und eine Tiropita, einen Sesamkringel und eine K\u00e4sepastete, Dinge, die man hier alle paar Meter an einem Stand kaufen kann. Der Sesamkringel schmeckt nicht, er scheint nicht frisch zu sein, aber die Tiropita ist hervorragend, warm, mit halb zerlaufenem Schafsk\u00e4se. F\u00fcr 90 Cent.<\/p>\n<p>Als ich wieder am Hotel ankomme, sehe ich gleich daneben ein Neonschild mit der Aufschrift:\u00a0<em>Official Store. St. Pauli<\/em>. Mit Totenkopf und gekreuzten Knochen.<\/p>\n<p>Erst am Abend gehe ich wieder raus. Jetzt ist es erheblich k\u00e4lter geworden. Wieder gehe ich die steile Gasse rauf, die mich am Morgen in die falsche Richtung gebracht hat. Diesmal ist es richtig. Es geht ins\u00a0<em>Avli<\/em>, ein einfaches Lokal, das in einer menschenleeren, dunklen Stra\u00dfe in einem einst\u00f6ckigen Haus untergebracht ist, das wie ein Wohnhaus aussieht. Nur ein Schild \u00fcber dem Eingang weist auf das Lokal hin.<\/p>\n<p>Hier sind nur Griechen, und nur junge Leute. Das Lokal ist einfach, mit ganz kleinen Tischen und kleinen, quadratischen Korbst\u00fchlchen, die nicht gerade bequem sind. \u00dcberall h\u00e4ngen und liegen Dinge herum, meist Kitsch.<\/p>\n<p>Die Speisekarte ist teils handgeschrieben, teils aber sogar auf Englisch, und die Kellnerin spricht gut Englisch. Ich esse gebratene Auberginen und ein leckeres Beefsteak mit Minze und einer So\u00dfe aus Schimmelk\u00e4se. Dazu gibt es leckeren Rotwein.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">15. April (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Gestern musste ich sogar Sonnencreme auftragen. Und das, obwohl die Temperaturen nicht \u00fcber 20 \u00b0 lagen. Aber die Sonne ist irgendwie stark.<\/p>\n<p>Heute sieht es nicht nach Sonnencreme aus. Aber ich muss ohnehin erst an den Computer. Dann finde ich gleich in der N\u00e4he des Hotels ein Copy-Shop, wo ich Kopien f\u00fcr die Vortr\u00e4ge machen kann.<\/p>\n<p>So ger\u00fcstet, mache ich am Mittag einen kurzen Spaziergang Richtung Zentrum. Als erstes lande ich am Syntagma-Platz, dem zentralen Platz Athens mit dem erh\u00f6ht stehenden Parlamentsgeb\u00e4ude. Es war urspr\u00fcnglich, nach den Befreiungskriegen, der K\u00f6nigspalast. Der Syntagma-Platz ist nur unwesentlich sch\u00f6ner als der Omonia-Platz, mit zwei oder drei alten Geb\u00e4uden, in denen haupts\u00e4chlich vornehme Hotels untergebracht sind, und mit vielen gesichtslosen B\u00fcroh\u00e4usern. Als besonderen Service bietet die Stadt Athen hier, im Bereich des gesamten Platzes, kostenlosen Internet-Zugang an. Es fallen ein paar Tropfen, und ausgerechnet hier ist es schwer, Platz zu finden, um sich unterzustellen. Es ist au\u00dferdem ziemlich windig, und wenn die Windst\u00f6\u00dfe kommen, f\u00fchlt es sich fast kalt an.<\/p>\n<p>Mein n\u00e4chstes Ziel ist die Mitropolis, die orthodoxe Bischofskirche Athens. Sie ist auf allen Seiten einger\u00fcstet, und auch drinnen stehen \u00fcberall zugeh\u00e4ngte Bauger\u00fcste. Drau\u00dfen wird man noch darauf hingewiesen, es handele sich um ein Gotteshaus und man solle still sein, aber drinnen wird laut per Handy gesprochen und mit dem Schlagbohrer gearbeitet.<\/p>\n<p>Interessanter als die Kirche, zumindest in ihrem jetzigen Zustand, ist das, was ich im Reisef\u00fchrer \u00fcber orthodoxe Kirchen lese. Viele Dinge sind genormt, z.B. wo die Kanzel (klein) und wo der Bischofsthron (gro\u00df) zu stehen haben. Die Kirche ist eben staatstragend und kein Plauderverein. Auch festgelegt ist, auf welcher Ikone Christus und Johannes der T\u00e4ufer erscheinen (rechts von der Mitte) und auf welcher Maria und der Lokalheilige (links von der Mitte). Orgeln und Beichtst\u00fchle gibt es nicht, vor allem aber keine Skulpturen. Und das bei der griechischen Bildhauertradition aus der Antike! Skulpturen sind dreidimensional und w\u00fcrden dem orthodoxen Prinzip widersprechen, Wesen und Geist des Heiligen darzustellen, nicht aber seine K\u00f6rperlichkeit!<\/p>\n<p>Auf dem Platz der Kirche gegen\u00fcber steht die Statue eines Bischofs, der hier w\u00e4hrend der deutschen Okkupation im Amt war. Er wird zitiert mit einer Aufforderung an die Besatzer: Die griechischen Kleriker seien bitte nicht zu erschie\u00dfen, sondern zu h\u00e4ngen. Das gebiete die Tradition.<\/p>\n<p>Dann komme ich zu der kleinen byzantinischen Kirche mitten im der Haupteinkaufsstra\u00dfe, dem Ermou. Sie steht auf etwas niedrigerem Niveau auf einem unregelm\u00e4\u00dfigen Platz an der Kreuzung zweier Stra\u00dfen, mit\u00a0<em>Soho<\/em> auf der einen und\u00a0<em>H&amp;M<\/em> auf der anderen Seite. Der Grundriss ist unregelm\u00e4\u00dfig, durch verschiedene Anbauten, aber urspr\u00fcnglich war es wohl eine quadratische Kirche, und man wei\u00df nicht so recht, wo hinten und vorne ist. Eing\u00e4nge gibt es verschiedene, aber sie sind alle verschlossen.<\/p>\n<p>Dabei komme ich zum Rathaus und dem Denkmal f\u00fcr die letzte Drachme. Es ist eine \u00fcberdimensionale Drachme, die in einen rechteckigen Stein eingelassen ist. Die Drachme war die \u00e4lteste W\u00e4hrung Europas, und schon deshalb ist die Nostalgie hier besonders gro\u00df.<\/p>\n<p>Ganz in der N\u00e4he befinden sich die Markthallen, mit einer Halle f\u00fcr Fischverk\u00e4ufer, wie ich sie noch nie gesehen habe, auch in Spanien nicht. Alles sehr ordentlich pr\u00e4sentiert, die Fischk\u00f6pfe sehen alle in dieselbe Richtung, und die Fische liegen in regelm\u00e4\u00dfigen Reihen. Alles wird frisch gehalten, indem immer wieder frisches Wasser \u00fcber die Auslagen gespr\u00fcht wird. Von den vielen Sorten kann ich Lachs, Aal, Sardellen, Tintenfisch, Langosten und Tunfisch erkennen, aber es gibt nat\u00fcrlich viel mehr.\u00a0 An Farben \u00fcberwiegen Blaugrau und Rosa. Mit den kr\u00e4ftigen Stimmen der ausschlie\u00dflich m\u00e4nnlichen Verk\u00e4ufer werden die Fische feilgeboten. In der benachbarten Halle gibt es das gleiche noch einmal f\u00fcr Fleisch. Und au\u00dfen um die zentrale Markthalle herum gruppieren sich kleine Hallen und St\u00e4nde f\u00fcr Kr\u00e4uter und Gew\u00fcrze.<\/p>\n<p>Am Abend lande ich in einem Lokal, das ich dieser Tage auf dem Weg zum Abendessen entdeckt habe,\u00a0<em>Efimera<\/em>. Man geht eine Kellertreppe runter und traut sich kaum, die T\u00fcr zu \u00f6ffnen. Es ist zwar erleuchtet, aber man h\u00f6rt und sieht nichts. Erst stehe ich etwas verlassen im Vorraum, dann schaue ich mich etwas um und schlie\u00dflich erscheint eine gr\u00e4sslich aufgedonnerte uralte Frau mit rot gef\u00e4rbten Haaren. Auf meine Frage, ob es etwas zu essen gebe, sagt sie z\u00f6gerlich ja und schleppt Wasser und Brot ran. Ob es nicht noch etwas zu fr\u00fch ist, frage ich. Sie sagt ja und gibt mir eine gute Entschuldigung, das Weite zu suchen.<\/p>\n<p>Eine gl\u00fcckliche Wendung, denn in einer Seitenstra\u00dfe ganz in der N\u00e4he des Exarchia-Platzes finde ich eine sehr gute Alternative, das Rosalia. Ich habe das unbestimmte Gef\u00fchl, hier schon einmal gewesen zu sein, und zwar in einem jetzt durch eine Glaswand geschlossenen Raum hinter der Theke. Das Lokal ist auch so sehr ger\u00e4umig. Der rundliche Wirt kommt mit einem riesigen Tablett mit einer Auswahl an kalten Vorspeisen an, alle in sch\u00f6nen Keramikschalen serviert. Davon kann man sich eine aussuchen oder aber sogar mehrere als vollst\u00e4ndige Mahlzeit. Ich nehme die schwarz\u00e4ugigen Bohnen, gelbbraune Bohnen mit einem schwarzen P\u00fcnktchen drauf, in einer Art Essigso\u00dfe mit vielen Kr\u00e4utern. \u00a0Dazu gibt es leckeres, frisches Brot und guten Rotwein.<\/p>\n<p>Bei der Bestellung der Hauptspeise gibt es ein sch\u00f6nes Missverst\u00e4ndnis. Ich bestelle\u00a0<em>Pork filets with four peppers<\/em>, in der Erwartung, bei den\u00a0<em>peppers<\/em> handele es sich um Paprika. Es ist aber Pfeffer gemeint. Auf Deutsch w\u00e4re das nicht passiert, und wohl auf Griechisch auch nicht, wenn ich das gut genug k\u00f6nnte. Entsprechend scharf ist das Gericht.<\/p>\n<p>An zwei Nebentischen wird geraucht, und auch der Kellner z\u00fcndet sich zwischendurch immer wieder mal eine Zigarette an.<\/p>\n<p>In kurzen Abst\u00e4nden kommen Motorradkuriere, die mit kleinen gef\u00fcllten Plastikt\u00fcten. Sie bringen vermutlich Bestellungen in Privath\u00e4user, aber verwirren mich damit, dass sie hin und wieder auch mit vollen T\u00fcten hier ankommen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">16. April (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Gleich am Morgen mache ich mich auf den Weg zur Universit\u00e4t. Zur Bushaltestelle kommt man zu Fu\u00df. Fahrkarten bekommt man an einem Kiosk.<\/p>\n<p>Die Fahrt in dem vollen und immer voller werdenden Gelenkbus dauert fast eine Stunde, so dass ich kein bisschen zu fr\u00fch an der Uni bin. Bald erscheint schon der Koordinator des Erasmus-Programms, mein \u201eMann in Athen\u201c, ein rundlicher, rotk\u00f6pfiger Westfale, der seine Herkunft nicht verleugnen kann. Seine junge Frau, selbst Kollegin in der Germanistik, wartet im Auto, einem Gel\u00e4ndewagen, und bringt uns die kurze Strecke auf den Campus.<\/p>\n<p>Der ist gro\u00df und unmodern und etwas vergammelt, mit riesigen Hallen und hohen Decken. Die Zahlen sprechen f\u00fcr sich: Allein in der Philosophischen Fakult\u00e4t sind 30,000 Studenten eingeschrieben, in der Germanistik sind es 3,000 und insgesamt 100,000.<\/p>\n<p>Wir gehen ein paar Treppen hoch und er zeigt mir sein B\u00fcro und die Bibliothek der Germanistik sowie die R\u00e4ume, in denen die Vortr\u00e4ge sind. Er hat auch einen Aushang vorbereitet, in denen die Vortr\u00e4ge angek\u00fcndigt werden.<\/p>\n<p>Zuerst aber kommen die beiden Erasmus-Studenten, die im n\u00e4chsten Jahr in Trier studieren. Sie haben Fragen zu allem, wozu man Fragen haben kann. Immer wieder fragen sie nach der Unterbringung und den Wohnheimen, aber ich gebe wohl keine befriedigende Antwort, bis sie mit der Wahrheit rausr\u00fccken: Sie sind ein Paar und m\u00f6chten gerne einen Platz in demselben Wohnheim bekommen. Das kann ich ihnen nat\u00fcrlich nicht gew\u00e4hrleisten, verspreche aber, bei unserem Auslandsamt nachzufragen.\u00a0 Zu zweit geht man das Abenteuer Ausland nat\u00fcrlich leichter an, und es spricht einiges daf\u00fcr, dass sie das zusammen machen. Noch mehr w\u00fcrde aber daf\u00fcr sprechen, dass sie in zwei verschiedene St\u00e4dte gehen, aber das sage ich ihnen nicht, zumal es daf\u00fcr ohnehin zu sp\u00e4t ist.<\/p>\n<p>Dann kommt der erste Vortrag, vor einer vorwiegend weiblichen Publikum, und dann der zweite, vor einem ausschlie\u00dflich weiblichen Publikum. Das Niveau, vor allem bei der zweiten Gruppe, den Postgraduierten, ist hoch, und man kann ohne Verst\u00e4ndigungsschwierigkeiten \u00fcber abstrakte Inhalte sprechen. Die erste Gruppe ist ziemlich gro\u00df, die andere eher klein. Es geht um popul\u00e4re Missverst\u00e4ndnisse und dann um Sprachvergleich. Bei beiden Vortr\u00e4gen habe ich den Eindruck, dass sie gut, aber nicht sehr gut \u00fcber die B\u00fchne gegangen sind. Wenigstens aber m\u00fcssten die meisten irgendetwas mitgenommen haben, was bei den ausw\u00e4rtigen Vortr\u00e4gen bei uns, die meistens Forschungsberichte und viel zu spezialisiert sind, oft nicht der Fall ist.<\/p>\n<p>Bei dem Vortrag lerne ich auch selbst etwas dazu: Im Griechischen nennt man den Nachnamen zuerst, dann den Vornamen. So sagt es jedenfalls eine Studentin, ohne dass ihr jemand widerspricht, auf meine im Nachhinein etwas d\u00e4mliche Frage, ob sie eine Kultur kennen, in der das so ist. Bei dem anderen Vortrag gibt es unterschiedliche Meinungen dazu, um welche Uhrzeit man im Griechischen von\u00a0<em>Kalimera<\/em> zu\u00a0<em>Kalispera<\/em>, von\u00a0<em>Guten Tag<\/em>zu\u00a0<em>Guten Abend<\/em>, wechselt. Mit der Auskunft bin ich aber sehr zufrieden. Nicht nur ist das nicht klar, es w\u00e4re auch noch auszuprobieren, ob die Leute wirklich so sprechen, wie sie glauben.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend ergibt sich ein Problem: Ich finde nicht mehr aus dem Geb\u00e4ude heraus. Die Beschilderung ist nicht allzu gut. Ich erfahre au\u00dferdem, dass es zwei Bushaltestellen gibt. Ich habe aber noch keine Fahrkarte, versuche also mein Gl\u00fcck an dem Kiosk in der Uni, aber da gibt es die nicht. Auf einigen Umwegen finde ich dann doch noch die alte Haltestelle. Hier kostet die Fahrkarte 1,40 (wie in der Metro), im Zentrum habe ich am Morgen 1,20 bezahlt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">17. April (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Heute ist der Vortrag in der Anglistik an der Reihe. Die Kollegin hat sich sehr bem\u00fcht, alles vorzubereiten und hat vor allem daf\u00fcr gesorgt, dass \u00fcberhaupt Studenten da sind. Heute ist n\u00e4mlich Streik. Es geht um den Protest der Studenten gegen die \u00c4nderung der Inhalte \u2013 Spezialisierung soll unterbunden oder eingeschr\u00e4nkt werden \u2013 und gegen die Zusammenlegung von Fachbereichen. Der Erasmus-Koordinator hat mich sogar davor gewarnt, die Universit\u00e4t \u00fcberhaupt zu betreten, erst recht als Deutscher in der Anglistik. Ich m\u00fcsse mit dem Schlimmsten rechnen. Dazu kommt jetzt auch noch, dass die Studenten herbeizitiert wurden, obwohl sie heute wegen des Streiks unterrichtsfrei h\u00e4tten. Das d\u00fcrfte meine Beliebtheit auch nicht vergr\u00f6\u00dfern. Trotzdem bleibe ich gelassen und lege mir ein paar Worte zurecht f\u00fcr den Fall, dass es zu Auseinandersetzungen kommt.<\/p>\n<p>Als ich ankomme, ist es erstaunlich ruhig. Es gibt auch keine Streikposten, wie angek\u00fcndigt, die einem den Zugang in das Geb\u00e4ude versperren. Alles ist vollgeh\u00e4ngt mit Plakaten, an ein oder zwei Ecken sitzen vereinzelt Studenten herum, aber das ist alles. Komisch ist allenfalls die unpassende Leere in diesen riesigen Hallen. Auch in der Bibliothek der Germanistik ist niemand au\u00dfer dem Aufpasser. Ich kann mich also in Ruhe hinsetzen und mir die Vortr\u00e4ge noch einmal ansehen. Auf die Austauschstudenten warte ich vergeblich. Sp\u00e4ter tauchen sie dann bei dem Vortrag auf.<\/p>\n<p>Zur vereinbarten Zeit gehe ich in das B\u00fcro der Kollegin aus der Anglistik, einer elegant in Grau gekleideten Dame mit grauem Haar. Sie begr\u00fc\u00dft mich sehr freundlich. Statt eines Buches habe ich ihr Pralinen mitgebracht, was sich als Volltreffer erweist, denn sie ist auf einer strengen Di\u00e4t, da sie, nachdem sie das Rauchen aufgegeben hat \u2013 aus finanziellen Gr\u00fcnden, nach der Lohnk\u00fcrzung \u2013 angeblich zugenommen hat.<\/p>\n<p>Sie hat einen eigenen Raum reserviert, und da sind auch schon ein paar Studenten, und ein Laptop steht bereit. Allerdings ist er noch nicht an den Projektor angeschlossen, und mir wird angst und bange, meine Pr\u00e4sentation nicht benutzen zu k\u00f6nnen. Das w\u00e4re in diesem Fall wirklich schlecht wegen der vielen Photos und der Diagramme, die ich benutze. Mein Gef\u00fchl wird nicht besser, als der Techniker kommt und mit einer Fernbedienung versucht, den Projektor zu starten. Gibt es keinen Schalter, mit dem man den Projektor anschalten kann? Nein. Er verschwindet und kommt mit einer zweiten Fernbedienung zur\u00fcck. Funktioniert auch nicht. Ich \u00fcberlege mir in der Zwischenzeit schon mal, wie ich improvisieren kann. Dabei f\u00fcllt sich der Saal mehr und mehr. Es sind jetzt wohl an die 50 Studenten da. Dann tut sich etwas auf dem Bildschirm, aber es ist ein Strohfeuer. Der Projektor ist eingeschaltet, aber es kommt keine Verbindung zu dem Laptop zustande.<\/p>\n<p>Die Kollegin schl\u00e4gt jetzt vor, in den angestammten Raum zur\u00fcckzukehren. Den hatte man eigentlich nur vermieden, um den Streiks aus dem Wege zu gehen. Es k\u00f6nnte sogar sein, dass die St\u00fchle aus dem Raum entfernt wurden. Das wird gepr\u00fcft. Alles ist in Ordnung, und wir ziehen um. Dass die Studenten das ohne Murren mitmachen, wundert mich schon nicht mehr. In dem eigentlichen Raum wiederholt sich dann das technische Drama, aber am Ende gelingt es dem Techniker, unter allgemeinem Applaus, die Sache auf den Weg zu bringen. Alles geht gut \u00fcber die B\u00fchne, und die Studenten sind konzentriert und aktiv bei der Sache. Gro\u00dfes Aufatmen. Die Kollegin, selbst nicht sehr technikaffin, sagt mir anschlie\u00dfend, in diesem Falle sei mein Beharren auf der Pr\u00e4sentation berechtigt gewesen. Der Vortrag w\u00e4re sonst nur halb so gut gewesen. Sie l\u00e4dt mich ein, mit ihr zum Mittagessen nach Kifisia, ihr Viertel zu fahren. Das nehme ich gerne an, aber jetzt muss ich mich erst um die beiden Austauschstudenten k\u00fcmmern. Sie haben unendlich viele Frage, die ich nur teils beantworten kann. Und sind besorgt. Was verst\u00e4ndlich ist. Da kann ich sie aber etwas beruhigen. Sp\u00e4ter stellt sich heraus, dass sie auch teils falsch informiert waren, was die Bedingungen der Anerkennung angeht. Wir verbleiben so, dass sie mich f\u00fcr alle weiteren Fragen kontaktieren k\u00f6nnen. Am Ende sind ihre Gesichter doch etwas entspannter. Am sch\u00f6nsten ist ihre Frage, ob sie denn am Flughafen von einem Empfangskomitee begr\u00fc\u00dft w\u00fcrden. Den Zahn muss ich ihnen leider ziehen.<\/p>\n<p>Ich bin wegen der langen Wartezeit schon etwas beunruhigt, aber die Kollegin nimmt das gelassen hin. Wir fahren nach Kifisia und setzen uns drau\u00dfen zum Essen hin, obwohl es nicht gerade warm ist. Sie besteht darauf, dass ich etwas \u201eRichtiges\u201c esse, obwohl sie nur einen kleinen Salat nimmt, von dem sie mir auch noch etwas abgibt. Ich bekomme auch mein erstes griechisches Bier, Alpha. Es ist sehr gut. Bei der Bestellung verhandelt sie eine ganze Zeit mit der Kellnerin. Das liegt daran, dass man hier, zur Betonung der Tradition, nicht das moderne, sondern ein altes Wort f\u00fcr Bier benutzt:\u00a0<em>zythos<\/em> (\u03b6\u03cd\u03b8\u03bf\u03c2) statt<em> <\/em><em>bira<\/em>(\u03bc\u03c0\u03af\u03c1\u03b1).<\/p>\n<p>Es ist eine reine Freude, ihr zuzuh\u00f6ren. Sie ist gebildet, unabh\u00e4ngig, intelligent und hat einen scharfen, analytischen Verstand. Sie gibt mir aber nicht das Gef\u00fchl, minderwertig zu sein.<\/p>\n<p>Sie hat in Cambridge studiert und in London ihren Ph.D. gemacht, und das, obwohl sie mit der Anglistik urspr\u00fcnglich nichts am Hut hatte. Ihr erster Abschluss ist in klassischer Philologie. Sie bezeichnet sich selbst als Nerd. Schon als Kind h\u00e4tte sie nicht nur alle Hausaufgaben immer gemacht, sondern so viel f\u00fcr die Schule gearbeitet, dass ihr Vater, wenn die Eltern abends ausgingen, die Sicherung herausdrehte, damit sie nicht mehr arbeiten k\u00f6nnte.\u00a0 Was sie wiederum mit einer Taschenlampe torpedierte.<\/p>\n<p>Sie konnte auch gut Deutsch, hat aber, wie sie behauptet, das meiste vergessen, was sie wiederum sehr bedauert. Sie versteht aber jedes Wort, wenn ich Deutsch mit ihr spreche.<\/p>\n<p>Sie unterrichtet nie vor drei Uhr nachmittags, denn sie ist eine Nachteule und geht meist erst um vier Uhr ins Bett. Die Universit\u00e4t erm\u00f6glicht das. Dumm ist es nur, wenn sie etwas auf dem Amt oder der Bank erledigen muss oder einen Arzttermin hat. Dann bleibt sie gleich auf. Zur Uni f\u00e4hrt sie nur zweimal pro Woche.<\/p>\n<p>Ihr Lieblingsautor \u2013 obwohl das wohl kaum das richtige Wort ist \u2013 ist Proust. Sie liest gerade\u00a0<em>A la recherche du temps perdu<\/em> zum f\u00fcnften Mal. Proust habe einfach alles \u00fcber die menschliche Seele gewusst. Alles. Das beste Beispiel sei Eifersucht, sowohl in Beziehung auf einen Partner wie auf andere.<\/p>\n<p>Nachrichten sieht oder h\u00f6rt sie grunds\u00e4tzlich nicht. Das deprimiere sie nur. Als sie dann auf einmal am Bankautomaten sah, dass sie 800 \u20ac weniger auf dem Konto hatte als in anderen Monaten, glaubte sie an einen Irrtum. Sie hatte von den Gehaltsk\u00fcrzungen nichts geh\u00f6rt. Die Klage \u00fcber eine Gehaltsk\u00fcrzung von 800 \u20ac ist nur zu verst\u00e4ndlich, aber von wie viel die gek\u00fcrzt wurden, verr\u00e4t sie nat\u00fcrlich nicht.<\/p>\n<p>In Griechenland werde alles bald zusammenbrechen. Das sei aber weiter keine \u00dcberraschung. Die griechische Mittelklasse habe nie in Griechenland investiert. Es gebe keine Industrie und habe nie, wie in England oder Deutschland, eine industrielle Revolution\u00a0 gegeben. Die Griechen h\u00e4tten einfach immer geglaubt, alles im Ausland kaufen zu k\u00f6nnen. Im Grunde sei Griechenland aber ein Balkanland und nicht anders als Bulgarien oder Rum\u00e4nien. Nur der Zufall der Entscheidungen in Potsdam habe es der westlichen Welt zugeschlagen. Sonst h\u00e4tte man schon seit 50 Jahren wie in den anderen Balkanl\u00e4ndern leben m\u00fcssen. Mit dieser Meinung, sagt sie, sei sie allerdings in ihrem Freundeskreis allein. Spricht f\u00fcr sie, dass sie sich ihre Unabh\u00e4ngigkeit bewahrt.<\/p>\n<p>Wir machen nachher noch einen kurzen Spaziergang durch Kifisia, vorbei an den teuren Modeboutiquen und vornehmen Lokalen. Viele sind schon geschlossen, in den anderen ist \u00fcberhaupt keine Kundschaft. Das Ganze ist wie eine Best\u00e4tigung ihrer d\u00fcsteren Prophezeiung.<\/p>\n<p>Angetan von diesem stimulierenden Gespr\u00e4ch setze ich mich in den Bus zur\u00fcck ins Zentrum. Es dauert fast eine Stunde. Zu beiden Seiten sieht man hypermoderne Glaspal\u00e4ste ausl\u00e4ndischer Firmen wie Toyota. Die scheinen von Krise nichts wissen zu wollen.<\/p>\n<p>An einem Haus sehe ich das Wort\u00a0<em>Reuma<\/em>. Keine Klinik, sondern\u00a0 ein Stromversorger:<em>reuma<\/em> (\u03c1\u03b5\u03cd\u03bc\u03b1) hei\u00dft ganz einfach \u201aStrom\u2018. Das ist immer wieder eine Entdeckung, wenn die griechischen W\u00f6rter im Griechischen etwas anderes bedeuten wie bei Apotheke. Auch sch\u00f6n, wenn alte W\u00f6rter f\u00fcr ganz allt\u00e4gliche, banale Gegenst\u00e4nde benutzt werden:<em>periptero<\/em> (\u03c0\u03b5\u03c1\u03af\u03c0\u03c4\u03b5\u03c1\u03bf) war in der Antike eine S\u00e4ulenhalle und ist heute ein Kiosk.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">18. April (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Mit der Metro geht es gleich am Morgen zum Akropolis-Museum, w\u00e4rmstens empfohlen von dem Kollegen aus der Germanistik und erst nach meiner letzten Reise nach Athen er\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>In der Metro sind die Umgangsformen auch etwas rau. Dazu geh\u00f6rt, dass man in den Wagen st\u00fcrzt, bevor alle ausgestiegen sind. Andererseits werden sehr alten Menschen und Eltern mit kleinen Kindern sofort Pl\u00e4tze angeboten.<\/p>\n<p>Bettler gibt es in den Z\u00fcgen gar keine, und nur einmal kommt ein musizierendes Bruderpaar aus dem Balkan durch den Zug. Auf einmal laufen sie wie von der Tarantel gestochen los und aus dem Wagen. In dem Moment kommt der Zugfahrer. Freundlich l\u00e4chelnd, aber er ist eigens ausgestiegen, um die Jungen aus dem Zug zu weisen. Und die wissen, woran sie sind.<\/p>\n<p>An der Metrostation Akropolis gibt es Kopien eines Teils der Metopen des Parthenon, Reliefs, die Reiter bei der Prozession oder bei der Vorbereitung der Prozession zeigen. Pferde, die gesattelt werden, Pferde, die sich aufb\u00e4umen, Pferde, die an etwas auf dem Boden herumschnuppern, wehende Gew\u00e4nder.<\/p>\n<p>Das Museum liegt am Hang der Akropolis, aber zur anderen Seite, und die Struktur des Museums bildet diesen Hang nach: Auf einer Rampe geht es in den ersten Stock, und gleich zu beiden Seiten der Rampe sind Dinge ausgestellt, die auf den H\u00e4ngen der Akropolis gefunden wurden. Sehr gut gemacht. Da finden sich vor allem Votivgaben aus einem dem Asklepios geweihten Tempel. Wie sp\u00e4ter in den christlichen Kirchen legten die Geheilten Abbildungen der K\u00f6rperteile am Heiligtum nieder, deren Heilung sie dem Gott zuschrieben. Man verbrachte hier auch ganze N\u00e4chte in der Hoffnung, im Traum geheilt zu werden. Die Vorstellung war die, dass man hoffte, der Gott werde einem im Schlaf erscheinen und man werde dadurch geheilt. Der Kult des Asklepios wurde von Telemachos im f\u00fcnften vorchristlichen Jahrhundert von Epidaurus nach Athen gebracht.<\/p>\n<p>Die zw\u00f6lf Olympischen G\u00f6tter und die weiteren Gottheiten, Helden, D\u00e4monen waren ein System zur Erkl\u00e4rung der Welt. Der popul\u00e4rste Gott war Dionysos, die wichtigste G\u00f6ttin in Athen war Athene, die schlie\u00dflich der Stadt ihren Namen gab.<\/p>\n<p>Oben im ersten Geschoss sieht man sehr sch\u00f6n, h\u00e4ufig frei stehende Figuren und au\u00dferdem Reliefs aus der Zeit vor der Zerst\u00f6rung der Akropolis durch die Perser. Die Athener nahmen all die zerst\u00f6rten Skulpturen und Inschriften und Geb\u00e4udeteile und begruben sie, um sie der G\u00f6ttin zu erhalten. Dadurch wurden sie jedenfalls der Menschheit erhalten. Es gibt hier erstaunliche Dinge wie ein Giebelfeld, das schon an das sp\u00e4tere des Parthenon erinnert. In der rechten Ecke ist ein dreik\u00f6pfiger D\u00e4mon mit verschmitzten Gesichtern, die die drei Elemente, Wasser, Feuer und Luft in der Hand h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Einigen der Figuren hat man eine Kopie mit dem urspr\u00fcnglichen Farbauftrag zur Seite gestellt. Das grenzt f\u00fcr uns fast an Kitsch.<\/p>\n<p>Viele der Skulpturen wirken sehr modern, vor allem die von Tieren, wie einem Jagdhund mit angespannten Muskeln.<\/p>\n<p>Eine riesige Statue zeigt Athene im Kampf gegen die Giganten, in diesem Fall gegen Engelados, den Giganten, der der Menschheit Erdbeben schickte. Die G\u00f6tter waren also auf Seiten der Menschen. Die Giganten wurden besiegt und verbannt, aber l\u00f6sen in anderen Teilen der Erde weiterhin Erdbeben aus!<\/p>\n<p>In einem Zwischengeschoss sind die Karyatiden des Erechtheion ausgestellt, Frauenfiguren, die an die Stelle der S\u00e4ulen treten. Was das genau zu bedeuten hat, wei\u00df man nicht, aber der Name<\/p>\n<p>Dann kommt der H\u00f6hepunkt, im Obergeschoss, in das man \u00fcber durchsichtige B\u00f6den gelangt, durch die man auf die Ausgrabungen nach darunter sieht. \u00dcberhaupt tr\u00e4gt das ganze Geb\u00e4ude der Tatsache Rechnung, dass man beim Bau wiederum Funde gemacht hat. Deshalb steht das ganze Geb\u00e4ude auf Pfeilern. Darunter befindet sich ein arch\u00e4ologisches Grabungsfeld.<\/p>\n<p>Oben hat man durch die viele Verglasung einen Blick auf die Umgebung und, vor allem, auf die Akropolis. Hier hat man mit einer modernen Struktur den Parthenon-Tempel in Originalma\u00dfen nachgebildet und die Skulpturen daran geh\u00e4ngt, so dass man sich genau vorstellen kann, was wo war. Toll gemacht. Die leeren Stellen sind die, wo Material im Laufe der Zeit verloren gegangen ist, in wei\u00dfen Kopien sind die Materialien vertreten, die in Paris oder, gr\u00f6\u00dftenteils, in London sind.<\/p>\n<p>In der christlichen Zeit wurde einige Teile als heidnisch unerw\u00fcnscht entfernt, einige Teile wurden durch einen Brand zerst\u00f6rt, aber im Grunde war das Parthenon noch bis ins 17. Jahrhundert, unter den T\u00fcrken, als es zu einer Moschee wurde, noch gut erhalten. In einer Belagerung durch die Venezianer traf dann eine Kanonenkugel genau das Lager, in dem der t\u00fcrkische Kommandant das Schie\u00dfpulver gelagert hatte. Das war der gr\u00f6\u00dfte Schaden, den das Parthenon jemals erlitt. Aber auch nach der Befreiung, der griechischen Unabh\u00e4ngigkeit, begegnete man der ganzen Antike weitgehend mit Gleichg\u00fcltigkeit und lie\u00df Zeit und Wetter an dem Tempeln nagen. Die Wiederentdeckung der Antike war gr\u00f6\u00dftenteils das Wirken von Ausl\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Die Skulpturen des Parthenon fallen in drei Teile: die Giebelfelder im Osten und Westen, die Metopen auf allen vier Seiten, und der Fries um die Cella, ebenfalls auf allen vier Seiten. Die Cella war der Innenraum des Tempels, zweigeteilt. In dem gr\u00f6\u00dferen stand die ber\u00fchmte Athene-Statue. Die ist verloren gegangen.<\/p>\n<p>Die Metopen sind die ersten Skulpturen des Parthenon. Es werden der Kampf gegen die Zentauren und der Kampf gegen die Giganten dargestellt. Jede Metope ist ein Bild f\u00fcr sich, von den benachbarten durch Triglyphen, dreifache senkrechte \u201eRillen\u201c. Meistens enthalten die Metopen zwei Figuren. Auf einer sieht man den Kampf eines Atheners gegen den k\u00f6rperlich \u00fcberlegenen Zentaur. Der Zentaur scheint auf der Siegerstra\u00dfe zu sein, aber der Athener hat ihm mit seinem Speer eine Wunde in der Flanke beigebracht, und die k\u00f6nnte t\u00f6dlich sein. Die Menschen k\u00f6nnen die Gewalten und die barbarischen Kr\u00e4fte besiegen.<\/p>\n<p>In den Giebelfeldern ist im Osten die Geburt der Athene, im Westen der Wettstreit zwischen Athene und Poseidon dargestellt. Poseidon schleudert seinen Tridenten und bringt Salzwasser zum Sprudeln, Athene bietet den Athenern den \u00d6lbaum und gewinnt den Wettstreit. Athen wird nach Athene benannt. Und kann sich in der Zukunft der Feindschaft Poseidons sicher sein!<\/p>\n<p>Geboren wird Athene aus dem Kopf des Zeus. Eine jungfr\u00e4uliche Geburt! An der Seite des Zeus steht Hephaistos, der seinen Kopf mit einem Hammer spaltet, so dass Athene \u201eschl\u00fcpfen\u201c kann. Zeus hatte m\u00e4chtig Kopfschmerzen gehabt, denn er hatte die von ihm mit Zwillingen schwangere Metis verspeist, da nach einer Prophezeiung eins der beiden Kinder ihn entthronen sollte.<\/p>\n<p>Die Figuren zu den beiden Seiten der beiden Giebelfelder liegen oder hocken, so dass sie in das Giebelfeld reinpassen. \u00c4hnlich ist es bei den Metopen. Wenn ein Pferd den Kopf senkt, richtet es den nicht nach vorn, sondern zur Seite, damit die ganze Darstellung in die Ausma\u00dfe der Metope passt!<\/p>\n<p>Im Fries der Cella wird schlie\u00dflich die Prozession zur Ehren der G\u00f6ttin Athene dargestellt. Sie war der H\u00f6hepunkt der Feierlichkeiten, die alle vier Jahre stattfanden. Bei der Prozession sind insgesamt ca. 360 Menschen und mehr als 200 Tiere dargestellt, meistens Pferde, aber auch Ochsen und Widder.<\/p>\n<p>Die neue Akropolis wurde nach dem Sieg von Marathon \u00fcber die Perser errichtet, unter Perikles. Athen ging es aufgrund eines verbesserten Handels und der versch\u00e4rften Ausbeutung der Silberminen besser. Man feierte sich selber. Allerdings war der Kern des Niedergangs darin schon angelegt: Die Athener hatten die Vorherrschaft \u00fcber die anderen Griechen errungen und damit deren Widerstand und deren Streitsucht heraufbeschworen. So kam es zu den Peloponnesischen Kriegen, an deren Ende Sparta als der Sieger, eigentlich aber alle als Verlierer dastanden. Perikles selbst starb noch w\u00e4hrend der Peloponnesischen Kriege, an der Pest! Die Schw\u00e4che der Griechen wurde dann von Philipp von Mazedonien und vor allem von Alexander ausgenutzt, die sich alle griechischen Staaten einverleibten.<\/p>\n<p>Der Parthenon wurde sp\u00e4ter zu einer christlichen Kirche, der G\u00f6ttlichen Weisheit geweiht. Die Weisheit war eines der Attribute Athenes! Sp\u00e4ter wurde sie dann als lateinische Kirche der Jungfrau Maria geweiht. Die Jungfr\u00e4ulichkeit war eins der Attribute Athenes! Die Feierlichkeiten zu Ehren Athenes fanden Mitte August statt, genau dem Datum des Fests Mari\u00e4 Empf\u00e4ngnis! Die Prozession auf dem Fries der Cella verl\u00e4uft in zwei Richtungen. Der Treffpunkt ist der Osten, da, wo in den christlichen Kirchen der Altar steht!<\/p>\n<p>So belehrt verlasse ich das Museum und begebe mich noch auf den Arch\u00e4ologischen Pfad um die Akropolis herum. Gleich an dessen Anfang, gegen\u00fcber dem Akropolis-Museum, liegt das Dionysos-Theater, am Abhang der Akropolis. Der Ort war schon zu vorgeschichtlicher Zeit bewohnt, und zwar wegen der Quellen. Sp\u00e4ter wurde es dann zum Heiligtum f\u00fcr Dionysos und zu einer Art Kulturst\u00e4tte.<\/p>\n<p>Dionysos war der popul\u00e4rster der griechischen G\u00f6tter. Kein Wunder, er war der Gott des Weins und der Ekstase. Aus den Feiern zu seinen Ehren entstand das Theater. Das Dionysos-Theater ist zwar nicht perfekt erhalten, aber auf den zweiten Blick gibt es mehr, als man auf den ersten glaubt.<\/p>\n<p>Mehrere Sitzreihen sind erhalten. Urspr\u00fcnglich nutze man den nat\u00fcrlichen Hang f\u00fcr die Zuschauersitze, dann gab es Holzsitze, und die wurden dann bei einer Erneuerung durch Lykurg durch Steinsitze ersetzt. Dabei gab es herausgehobene Sitze mit R\u00fccklehne f\u00fcr die Prominenz. Auch davon sind noch verschiedene erhalten.<\/p>\n<p>Unter Lykurg wurden auch Statuen der drei ber\u00fchmtesten Athener Trag\u00f6diendichter in dem Theater aufgestellt: Aischylos, Euripides, Sophokles. Sie sind nicht erhalten. Sp\u00e4ter kam eine Statue des ber\u00fchmtesten Kom\u00f6diendichters hinzu, Menander. \u00a0Menander schrieb \u00fcber 100 Kom\u00f6dien, war aber nur selten bei den Theaterwettbewerben erfolgreich. Menander war aber in Rom besonders popul\u00e4r, und deshalb hat wei\u00df man durch r\u00f6mische Kopien, wie seine Statue ausgesehen hat. Am Eingang zum Theater steht eine solche Kopie. Menander sieht sehr ernst aus. Komik ist eben ein sehr ernsthaftes Gesch\u00e4ft. Im Gegensatz zu den Trag\u00f6diendichtern ist er bartlos, die Mode widerspiegelnd, die sich in der Zeit unter dem Beispiel Alexanders des Gro\u00dfen durchsetzte!<\/p>\n<p>Das Dionysos-Theater hat seinen besonderen Charme darin, dass es einfach so in der Landschaft herumsteht. Es ist nicht abgeschlossen, und man bezahlt auch keinen Eintritt. \u00dcberall liegen noch ein paar Steinbrocken herum, und \u00fcberall sieht man Grasb\u00fcschel, Kletterpflanzen, Kriechpflanzen und sogar Butterblumen und Mohnblumen.<\/p>\n<p>Ganz anders das Odeon, etwas weiter hinauf. Es ist mal wieder geschlossen. Es scheint st\u00e4ndig renoviert zu werden, obwohl hier im Sommer Konzerte stattfinden sollen. Es ist ein riesiges Halbrund mit steil aufsteigenden Sitzreihen, aus Marmor, vermute ich. Das was so etwas wie der griechische Konzertsaal.<\/p>\n<p>Wieder zur\u00fcck auf dem Boulevard pr\u00e4sentieren sich in Lautabstand voneinander Stra\u00dfenmusiker und spielen so passende Lieder wie Kalinka. Einer schlechter als der andere. Und das in H\u00f6rweite des klassischen Odeon!<\/p>\n<p>Dann verlaufe ich mich und komme auf eine H\u00f6he, von der man einen ungew\u00f6hnlichen Blick auf die Akropolis hat.<\/p>\n<p>Auf dem Weg dorthin komme ich an einer kleinen byzantinischen Kirche aus dem 12. Jahrhundert vorbei, Agios Demetrius. Sie hie\u00dft auch Kanonenkirche. Das erkl\u00e4rt sich daher, dass sie von den T\u00fcrken vom Parthenon aus beschossen, aber verfehlt wurde. Am n\u00e4chsten Tag traf dann ein Blitz das Parthenon und t\u00f6tete den t\u00fcrkischen Oberkommandanten Yusuf und seine ganze Familie. Geschieht ihm recht, so scheint es der Name der Kirche zu sagen.<\/p>\n<p>Als ich wieder unten ankomme, frage ich an einem Kiosk nach einem Eis. Einem ganz gew\u00f6hnlichen Eis in einem Pappbecher. Man verlangt 4,20 \u20ac! Ich lehne dankend ab.<\/p>\n<p>Dann mache ich mich auf die Suche nach einem im Reisef\u00fchrer empfohlenen Restaurant. Ich muss dran vorbei gelaufen sein, denn beim zweiten Versuch, wieder bergauf, finde ich es. Es ist geschlossen, und sieht auch nicht so aus, als w\u00fcrde es bald \u00f6ffnen. Schilder zu \u00d6ffnungszeiten gibt es nicht.<\/p>\n<p>Ich gehe wieder zur\u00fcck und entdecke eine gute Alternative in dem Viertel am Ende des Arch\u00e4ologischen Boulevards, in Psirri. Das Viertel ist ein Wohnviertel mit semitischem Einschlag. Es gibt zwei Synagogen und ein Islamisches Zentrum und auch ein Holocaust-Denkmal, das ich aber nur nach langer Suche finde und auch nur deshalb als solches identifiziere, weil ich dar\u00fcber gelesen habe. Es handelt sich um einen Steinblock in der Mitte und verschiedene weitere, in etwas Abstand davon platzierte kleinere Steine. Es soll einen zerbrochenen Davidstern darstellen.<\/p>\n<p>Das Viertel ist aber vor allem ein ganz normales Wohn- und Handwerkerviertel. Vor allem kleine Schreinereien, M\u00f6belreparaturgesch\u00e4fte gibt es an jeder Ecke. St\u00fchle stehen in einer Reihe auf der Stra\u00dfe oder h\u00e4ngen an W\u00e4nden.<\/p>\n<p>In dem Lokal, das ich hier finde, bin ich der einzige Gast. Wahrscheinlich ist es noch etwas fr\u00fch. Entsprechend unfreundlich ist der Kellner. Dann taut er aber langsam auf. Umso freundlicher ist eine Frau, die sich vielmals f\u00fcr ihren bellenden Hund entschuldigt, alles auf Griechisch. Sie scheint die Eigent\u00fcmerin zu sein. Und erz\u00e4hlt mir, dass sie D\u00fcsseldorf und M\u00fcnchen kennt. Sp\u00e4ter kommt ihr Mann auf einem Roller und bringt frisches Brot.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter sehe ich wieder, wie dieser Tage im Zentrum, ein Motorrad mit zwei R\u00e4dern vorne. Ich bin aber nicht schnell genug, ein Photo zu machen.<\/p>\n<p>Das Lokal,\u00a0<em>Oineas<\/em>, macht ganz auf Nostalgie, mit amerikanischer Musik aus den F\u00fcnfzigern und mit alten, mit alten Kaffeeschachteln gef\u00fcllten K\u00fcchenschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Besonderen Wert legt man hier auf Wein. Und in der Speisekarte wird der Name des Lokals erkl\u00e4rt. Oineas war der K\u00f6nig von Aitolien. Sein Sklave Staphylos war f\u00fcr die Herde zust\u00e4ndig. Eines Tages bemerkte er, dass sich ein Tier immer wieder von der Herde entfernte und sich an einer Pflanze zu schaffen machte. Dem Tier ging es im Laufe der Zeit immer besser. Der Sklave brachte seinem Herrn dann die Frucht, die an dieser Pflanze hing. Der presste sie aus und nahm den Saft zu sich und f\u00fchlte sich danach ausgesprochen wohl. Er nannte die Pflanze nach seinem Sklaven und den Saft nach sich selbst:\u00a0<em>staphily<\/em>(\u03c3\u03c4\u03b1\u03c6\u03cd\u03bb\u03b9) hei\u00dft \u00a0\u201aWeintraube\u2018 und\u00a0<em>oinos<\/em> (\u03bf\u03af\u03bd\u03bf\u03c2) hei\u00dft \u201aWein\u2018.<\/p>\n<p>Der Kellner nimmt meine Bestellung entgegen, was die Vorspeise und den Wein angeht: frittierte Auberginenr\u00f6llchen und Rotwein. Bei der Hauptspeise aber protestiert er: Ich solle das Schweinefleisch in Zitronenso\u00dfe nehme. Das sei origineller und leckerer. Wenn es mir nicht schmeckt, will er es mir bezahlen. Ich lasse mich drauf ein, und er gewinnt die Wette. Das Fleisch ist zart und schmeckt bestens, allerdings nicht nach Zitrone, sondern nach Kr\u00e4utern. Es ist mit einer ganzen Mischung von Kr\u00e4utern versehen, bei deren Benennung sein Englisch versagt.<\/p>\n<p>Die Preise in der Speisekarte sind handschriftlich korrigiert, und zwar nach unten! Auch fordert die Krise ihren Tribut.<\/p>\n<p>Danach gehe ich noch etwas \u00fcber die sehr lebendigen Stra\u00dfen dieses Viertels. Und dann mache ich mich auf den Weg zu dem Panathen\u00e4ischen Stadion. Da gibt es keine Metrostation in der N\u00e4he, also gehe ich zu Fu\u00df. M\u00fchsam frage ich mich durch und mache dabei eine sch\u00f6ne sprachliche Erfahrung. Eigentlich sogar zwei. Zuerst erlebe ich den GAU des Fremdsprachenlerners: Ich frage auf Griechisch:\u00a0<em>Wo geht es zum Panathen\u00e4ischen Stadion?<\/em> Und bekomme zur Antwort:\u00a0<em>Ich spreche kein Englisch<\/em>. Bei dem n\u00e4chsten jungen Mann bin ich erfolgreicher. Er wei\u00df den Weg und erkl\u00e4rt ihn auch gut, halb auf Griechisch, halb auf Englisch. Als er bei Englisch angelangt ist, sagt er mir ich m\u00fcsse erst\u00a0<em>rechts<\/em> und dann\u00a0<em>links<\/em> gehen und dann \u2026 Wei\u00df er nicht, was\u00a0<em>geradeaus<\/em> hei\u00dft. Das ist das Schicksal des durchschnittlichen Sprachenlerners:\u00a0<em>links<\/em> und\u00a0<em>rechts<\/em> wei\u00df man, aber\u00a0<em>geradeaus<\/em> ist schwer!<\/p>\n<p>Fr\u00fcher konnte man das Stadion so betreten, heute gibt es Eintrittskarten und Audioguides. Es lohnt sich aber auf jeden Fall. Schlie\u00dflich war dies das Ziel des Marathonlaufs 1896 und 2004. Start: Marathon.<\/p>\n<p>Schon die merkw\u00fcrdige Form der langgestreckten Laufbahn \u2013 die fast wie ein U aussieht &#8211; zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Die Laufbahn ist gut 200 Meter lang und eignet sich nicht mehr f\u00fcr moderne Leichtathletikwettbewerbe. Die Sprinter w\u00fcrden vermutlich sogar aus der Kurve fliegen.<\/p>\n<p>Man untersch\u00e4tzt die Gr\u00f6\u00dfe des Stadions. Es fasst \u00fcber 50,000 Zuschauer. Heute finden hier Konzerte und Zeremonien statt.<\/p>\n<p>Der Sieger von 1896, Spiros Louis, nahm nur deshalb am Marathon teil, weil seine Freunde ihn dazu aufforderten. Er habe doch eine gute Konstitution. Er gewann mit mehr als sieben Minuten Vorsprung. Er nahm sonst nie, weder vorher noch nachher, an einem sportlichen Wettkampf teil. F\u00fcr den Sieg gab es die Silbermedaille. Gold gab es damals noch nicht. Der Zweite bekam Bronze, der Dritte nichts.<\/p>\n<p>Das Stadion hat antike Urspr\u00fcnge, war aber verfallen und wurde f\u00fcr die ersten Spiele der Neuzeit renoviert. Alle Sitzreihen wurden aus pentelischem Marmor gefertigt. Das dauerte, und da man nicht rechtzeitig fertig wurde, machte man die fehlenden Sitzreihen aus Holz und strich sie wei\u00df. Urspr\u00fcnglich, unter Lykurg, nutzte man das nat\u00fcrliche Gef\u00e4lle der H\u00e4nge f\u00fcr die Zuschauerpl\u00e4tze. Eigene Sitze gab es nicht. Das erinnert an das Dionysos-Theater. Sp\u00e4ter, in der r\u00f6mischen Zeit, unter Herodes Atticus (in Marathon geboren!) wurde das Stadion ausgebaut und mit Marmorsitzen ausgestattet.<\/p>\n<p>In der Antike war das Stadion mit zahlreichen Statuen ausgestattet. Eine davon steht noch in Kopie neben der Laufbahn, n\u00e4mlich die Statue des doppelk\u00f6pfigen Janus, auf der einen Seite b\u00e4rtig, auf der anderen bartlos, den alten und den jungen Wettk\u00e4mpfer verk\u00f6rpernd.<\/p>\n<p>Hier hei\u00dft es, die Idee, die Spiele wiederzubeleben, sei in Griechenland mit Begeisterung aufgenommen worden. Stimmt nicht. Es gab eine massive Pressekampagne gegen die Spiele, vor allem wegen der damit verbundenen Ausgaben. Die n\u00e4chsten beiden Spiele in Paris und St. Louis waren dann kein gro\u00dfer Erfolg, aber dann, 1906, gaben die Zwischenspiele in Athen der Sache einen gro\u00dfen Auftrieb. So sagt man wenigstens hier.<\/p>\n<p>Nach dem Stadion habe ich noch einen Punkt auf meinem Notizzettel: Great. Nach dem gestrigen Vortrag, bei dem es um Shop Signs ging, hat mich eine Studentin auf ein besonderes Shop Sign im Zentrum von Athen aufmerksam gemacht, \u201eam Ende der Panepistimiou\u201c. Wo eine Stra\u00dfen anf\u00e4ngt und wo sie aufh\u00f6rt, ist allerdings nicht so eindeutig, und die Panespistimiou ist eine lange Stra\u00dfe (die au\u00dferdem offiziell gar nicht so hei\u00dft). Ich gehe sie einmal ganz entlang \u2013 vergeblich. Aber als ich gerade den R\u00fcckweg auf der anderen Seite antrete, sehe ich das Lokal auf der anderen Seite. Ich bin dran vorbeigelaufen. Das Lokal hei\u00dft gr|eat. Das hei\u00dft also einerseits\u00a0<em>great<\/em> und\u00a0<em>eat<\/em> aber auch<em>Greek<\/em> und\u00a0<em>eat<\/em>.<\/p>\n<p>In Exarchia, und das f\u00e4llt mir erst jetzt auf, gibt es w\u00fctende Plakate gegen den Euro, bei denen oxi, das griechische nein, mit Hilfe eines Totensch\u00e4dels und gekreuzter Knochen gebildet ist.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">19. April (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen registriere ich mit leicht schlechtem Gewissen, dass ich den Griechen Unrecht getan habe: Auf der Quittung des Akropolis-Museums steht 2 Euro, und ich habe 5 Euro Eintritt bezahlt. Haben die sich die 3 Euro eingesteckt? So genau kontrolliert man das ja nicht. Und die haben mich ohnehin so merkw\u00fcrdig angesehen, als ich antwortete, ich k\u00e4me aus Deutschland. Jetzt habe ich aber gemerkt, dass ich die falsche Quittung hatte! Es war die vom Laden des Museums, und auf der Eintrittskarte steht 5 Euro!<\/p>\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck bin ich fast immer allein. Ob es an der fr\u00fchen Stunde liegt? Es ist \u00fcberall eingedeckt, aber das muss nichts zu besagen haben. Viele Leute sieht man nicht kommen und gehen. Aus dem Zimmer nebenan h\u00f6rt man immer bis in die fr\u00fchen Morgenstunden Stimmen, aber auf dem Flur und auf den Treppen begegne ich kaum mal jemandem. Man gew\u00e4hrt mir auch anstandslos und ohne Auflagen, morgen wegen des sp\u00e4ten Abflugs das Zimmer l\u00e4nger behalten zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck sehe ich meist nur die K\u00fcchenfrauen, zwei Frauen mittleren Alters. Aus der K\u00fcche kommen hin und wieder ihre Stimmen bis in den Fr\u00fchst\u00fccksraum, deutlich genug, damit man merkt, dass sie nicht Griechisch sprechen. Am Ende habe ich dann Gelegenheit, eine von ihnen zu fragen: Sie kommen aus Russland. Da bekommt das Wort<em>griechischer Gastarbeiter<\/em> eine neue Bedeutung.<\/p>\n<p>Heute geht es zum Nationalmuseum, nach dem Motto: Warum in die Ferne schweifen? Es ist keine 10 Minuten Fu\u00dfweg vom Hotel entfernt. Das Nationalmuseum war damals geschlossen, wenn ich mich richtig erinnere.<\/p>\n<p>Es beginnt gleich mit einem Paukenschlag: Die ber\u00fchmte goldene Gesichtsmaske des Agamemnon ist\u00a0 das erste Ausstellungsst\u00fcck \u00fcberhaupt, das man sieht, aus der Mykene, von Schliemann gefunden. Sie ist eine Totenmaske und wurde vermutlich auf dem Gesicht des Toten befestigt. Jedenfalls entnimmt man das aus zwei kleinen L\u00f6chern neben den Ohren. Die Maske ist hauchd\u00fcnn, wie fast alle anderen Exponate hier auch. Bart, Augen und Ohren sind eingraviert. Daneben h\u00e4ngt eine andere, einfachere Totenmaske zum Vergleich. Sie imitiert grob die Gesichtsform, hat aber keine Gravuren.<\/p>\n<p>Auch die anderen Exponate, z.B. eine zweischalige Waage, sind Grabbeigaben auch wenn man es ihnen kaum ansieht. Die Waage steht, wie im Christentum, symbolisch f\u00fcr das Abwiegen von guten und b\u00f6sen Taten im Diesseits. Man steht mit offenem Mund davor. Vitrinen \u00fcber Vitrinen voller Gold. Und das alles stammt aus einer Zeit, dem 2. Jahrtausend vor Christus, als es noch gar keine Griechen gab!<\/p>\n<p>Neben dem Goldschmuck gibt es auch Wandmalereien mit sehr gut erhaltenen Farben. Unglaublich. Sie sind auch k\u00fcnstlerisch sehr, sehr entwickelt. Man sieht zum Beispiel eine Jagdszene, in der sich eine Meute von Jagdhunden auf ein Wildschwein st\u00fcrzt: angespannte Muskeln, gefletschte Z\u00e4hne, heftige Bewegung. Die Szene wird von zwei Frauen beobachtet, die nebeneinander auf einem Chariot stehen.<\/p>\n<p>Dann gibt es noch fein gearbeitete Alltagsgegenst\u00e4nde wie einen Kamm aus Elfenbein oder einen Silberl\u00f6ffel mit langem, schmalem Griff. Der L\u00f6ffel sieht eher wie eine Kelle aus und diente vielleicht zum Sch\u00f6pfen statt zum Umr\u00fchren.<\/p>\n<p>Dann gibt es eine Unzahl von Siegelringen, alle winzig klein mit feinen Abbildungen, meist mit religi\u00f6sen Motiven wie Prozessionen. Die Siegelringe sind aus Halbedelsteinen wie Amethyst, Agate, Jasper, und waren ein Zeichen von Macht und Prestige. Gl\u00fccklicherweise hat das Museum neben das Original eine vergr\u00f6\u00dferte Abbildung der Abbildung aus Papier postiert.\u00a0 Auf den zweiten Blick kann man dabei die Originalabbildungen verstehen.<\/p>\n<p>Dann kommen, aus der gleichen Zeit, aber einer anderen Kultur, die ber\u00fchmten kykladischen Figuren, auch sie in Mengen vertreten. Der Prototyp ist die frontale Darstellung einer weiblichen Figur, schlank, mit ovalem Kopf, flacher Nase, ganz flacher, kaum merklich herausgearbeiteter Brust und langem, \u201edickem\u201c Hals. Sie sind in allen Gr\u00f6\u00dfen vertreten, und die kleineren und weniger bearbeiteten sehen wie Cellos aus. Wenn man den Vergleich zu den anderen nicht h\u00e4tte, k\u00e4me man kaum auf den Gedanken, dass es sich um menschliche Figuren handelt. Besonders auff\u00e4llig ist eine in einer eigenen Vitrine ausgestellte Figur, die 1, 52 gro\u00df ist und auf Zehenspitzen steht. Das Ges\u00e4\u00df ist zur Erhaltung des Gleichgewichts leicht nach hinten gedr\u00fcckt! Man wundert sich nicht, dass diese auf das Grundmuster reduzierte Figuren K\u00fcnstler wie Picasso, Moore und di Chirico beeindruckt (und beeinflusst) haben.<\/p>\n<p>Dann geht es mit einem Zeitsprung von vielen Hundert Jahren in den Hauptbereich des Museums, ins 7. Jahrhundert vor Christus. Aus der Zeit dazwischen gibt es nichts. Wieder eine der merkw\u00fcrdigen Parallelen zu anderen L\u00e4ndern: Etwas ganz \u00c4hnliches habe ich noch vor ein paar Wochen in Delhi gesehen. Auch da gab es nach der ersten Hochkultur, der Induskultur, erst mal eine ganze Zeit gar nichts.<\/p>\n<p>Man kommt jetzt in den Bereich, wo man es mit den ersten \u201eGriechen\u201c zu tun hat. Hier gibt es archaische Gro\u00dfskulpturen \u2013 sp\u00e4ter sehe ich in der R\u00f6merzeit noch Kollosalskulpturen, die noch mal eine Klasse gr\u00f6\u00dfer sind \u2013 mit langen Gew\u00e4ndern, unter denen nur die Zehen herausgucken. Die ersten sind noch ziemlich schematisch.<\/p>\n<p>Aber dann kommen schon die wunderbaren Koren und Kouroi, Frontalstatuen von jungen Frauen und M\u00e4nnern, nackten M\u00e4nnern und bekleideten Frauen. In einem Saal stehen zwei Prachtexemplare gleich nebeneinander. Sie sind im Gegensatz zu den Skulpturen aus den ersten R\u00e4umen schon deutlich in Bewegung. Das ist vor allem bei dem Mann zu erkennen, der ein Bein vorgestellt hat.<\/p>\n<p>Eine italienische Reisef\u00fchrerin, die eine Gruppe ganz junger, erstaunlich aufmerksamer Besucher herumf\u00fchrt, erkl\u00e4rt, das ber\u00fchmte archaische L\u00e4cheln sei ein Trauerl\u00e4cheln. So s\u00e4hen es jedenfalls einige Arch\u00e4ologen.<\/p>\n<p>Der Kouros hat eine Hand zur Faust geballt, riesige, stilisierte Ohren, die wie Schmuckst\u00fccke und nicht wie K\u00f6rperorgane aussehen, und geflochtenes Haar, wie man es heute bei manchen Jugendlichen sieht. Die Kniescheiben sind fast quadratisch und ganz deutlich herausgearbeitet. Es hei\u00dft, diese Figuren repr\u00e4sentierten ewige Jugend. Die Statue ist fast drei Meter hoch und stand auf einem Grabmal. Ob es den Toten oder den Gott darstellt?<\/p>\n<p>Noch sch\u00f6ner ist die Kore zu seiner Seite. Die K\u00f6rperformen bilden sich auf dem langen Gewand ab, und unten sieht man die sehr sch\u00f6n gearbeiteten Zehen und Sandalen. Mit der rechten Hand h\u00e4lt sie den Saum ihres Gewandes, in der linken Hand h\u00e4lt sie einen Gegenstand, vielleicht eine Blume, aber eher wie ein Pinienzapfen in Miniatur aussehend. Auf ihrem Gewand sieht man, aber nur, wenn man ganz genau hinsieht, Verzierungen in Form von Rosen, Friesen und Swastika. Alles hat noch ganz zarte Farbspuren. Man kann sich die bunt bemalten Skulpturen heute kaum noch vorstellen.<\/p>\n<p>Dann geht es in die Klassische Zeit und hier gleich zu einem der Schaust\u00fccke des Museums, der Statue des Zeus (oder Poseidon). Sie ist aus Bronze, w\u00e4hrend das meiste andere hier aus Marmor ist. Zeus steht quer zum Betrachter \u2013 eine ganz andere Darstellungsart als bei den archaischen Skulpturen. Seine Muskeln sind gespannt, ein Fu\u00df steht fest auf dem Boden, der andere st\u00fctzt sich vorne auf und ist nach hinten erh\u00f6ht. Seine Arme sind zu beiden Seiten weit ausgebreitet. Urspr\u00fcnglich hielt er in seinen Armen einen Donnerkeil (dann ist es Zeus) oder einen Trident (dann ist es Poseidon).\u00a0 Diese Skulptur w\u00fcrde sofort aller Augen auf sich ziehen, auch wenn sie nicht in der Mitte des Raumes st\u00fcnde.<\/p>\n<p>Einen speziellen Platz hat auch die beste erhaltene Kopie der Athene-Statue des Parthenons, gut hundert Jahre j\u00fcnger als das Original und zw\u00f6lfmal kleiner. F\u00fcr mich ist die Statue schrecklich \u00fcberladen. Athene tr\u00e4gt ein langes Gewand und dar\u00fcber eine Stola, auf der eine Vielzahl von Schlangen skulptiert ist. Auf dem Kopf tr\u00e4gt sie ein wahres Unget\u00fcm von Helm, mit Statuen besetzt, in der rechten Hand h\u00e4lt sie eine gefl\u00fcgelte Statue, in der linken einen Schild mit einer Schlange nach innen und mit dem Medusenhaupt nach au\u00dfen. Die Originalstatue war nicht, wie es immer hei\u00dft, aus Gold. Die K\u00f6rperteile waren aus Elfenbein, die anderen Teile waren mit Gold \u00fcberzogen.<\/p>\n<p>Dann geht es schon weiter in die R\u00f6mische Zeit. Hier gibt es vor allem Grabstelen, die man aber gar nicht als solche erkennen w\u00fcrde, denn sie stellen meist Alltagsszenen dar: eine Mutter umarmt ihren Sohn, der einen Ball in der Hand h\u00e4lt; eine Frau l\u00e4sst sich von einer Sklavin, die vor ihr kniet, ihre Sandalen anziehen und st\u00fctzt sich dabei ganz leicht auf dem Kopf der Sklavin ab; eine Mutter nimmt aus der Hand ihrer Sklavin ihr Kind entgegen. All das ist sehr realistisch gemacht. Sp\u00e4ter wird es dann fast kitschig: Junge mit Hund, Junge mit Ente. Der eine tr\u00e4gt eine lange Kappe und h\u00e4lt den Hund fest in seinen Armen, der andere, unbekleidet, h\u00e4lt seine Hand fest auf der Ente, die auf einem Balken sitzt, so als wolle er sie f\u00fcr den Schnappschuss gefangen halten.<\/p>\n<p>Auch aus der R\u00f6merzeit stammt die ziemlich verst\u00f6rende Bronzeskulptur eines Kinder-Jockeys. Das Pferd, viel zu gro\u00df f\u00fcr das kleine Kind, ist in vollem Galopp. Der kleine K\u00f6rper des Jungen ist nach vorne gebeugt, so als werde er von der Bewegung nach vorne geschleudert. Sein Gesicht ist das eines Alten, mit tiefen Furchen auf der Stirn und einem Blick, der h\u00f6chste Anspannung, vielleicht sogar Angst ausdr\u00fcckt. Der Mund ist ge\u00f6ffnet. Urspr\u00fcnglich hielt er in einer Hand die Z\u00fcgel, in der anderen die Peitsche. Die Skulptur, aus dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert, stammt aus einem Schiffwrack, das am Kap Artemison in Eub\u00f6a gefunden wurde.<\/p>\n<p>Sch\u00f6ner eine Dreierstatue mit Aphrodite, Pan und Eros. Pan, mit Bocksgesicht, H\u00f6rnern, Bocksf\u00fc\u00dfen, Fell an den Oberschenkeln, Schwanz, macht sich an Aphrodite ran. Eros kommt zum Schutz seiner Herrin herbeigeflogen und trennt ihn von ihr. Die selbst wei\u00df sich aber auch zu helfen und h\u00e4lt drohend eine Sandale hoch. Schrecklich bel\u00e4stigt scheint sie sich aber nicht zu f\u00fchlen. Ihr L\u00e4cheln dr\u00fcckt eher Gelassenheit aus. Man sieht, dass die christliche Ikonographie f\u00fcr die Darstellung des Teufels Anleihen bei der Antike gemacht hat. Einige dieser Merkmale waren aber in der Antike nicht unbedingt negativ.<\/p>\n<p>Dann kommt der Bronzekopf eines Mannes mit gekr\u00e4useltem, dichtem Bart. Es ist ein Sportler, und die Beschilderung sagt, Experten h\u00e4tten aus gewissen Merkmalen gefolgert, dass es sich um einen Boxer handelt. Da m\u00f6chte man doch gerne wissen, welche Merkmale das waren. Er hat zwar eine abgebrochene Nasenspitze, aber das ist wohl eher der Zahn der Zeit, der sie abgebrochen hat. Und ob man aus dem gefurchten Gesicht die Sportart ablesen kann, m\u00f6chte man doch bezweifeln.<\/p>\n<p>Das Museum hat auch eine gute \u00c4gyptische Abteilung. Es ist schade, dass man daf\u00fcr dann keine Zeit hat. Ich sehe mir nur noch ein paar der merkw\u00fcrdigen G\u00f6tterstatuen mit Tiergesichtern an: Hund, Katze, Falke, Widder, Pavian, alles vertreten.<\/p>\n<p>Dann wird es Zeit f\u00fcr mein Treffen mit dem Erasmus-Koordinator. Wir haben uns diesmal an der alten Universit\u00e4t verabredet, im Zentrum.<\/p>\n<p>An Ort und Stelle sehe ich mir vorher noch die Athener Trilogie an, die drei klassizistischen Geb\u00e4ude, die hintereinander an der Panepistimiou stehen: Nationalbibliothek, Universit\u00e4t, Akademie der Wissenschaften. Alle drei sind von d\u00e4nischen Architekten gebaut worden, zwei Br\u00fcdern, und die haben hier Elemente der Bauten auf der Akropolis verarbeitet. Die repr\u00e4sentativen Bauten stammen aus einer Zeit, in der aus dem Dorf Athen wieder eine Gro\u00dfstadt wurde. Alle Bauten sind pr\u00e4chtiger als das Parlament, das ehemalige K\u00f6nigsschloss, bei dem auf Schlichtheit geachtet wurde.<\/p>\n<p>Am besten gef\u00e4llt mir die Akademie der Wissenschaften. Die gro\u00dfe Freitreppe wird flankiert von zwei Philosophen, aber wer Sokrates und Aristoteles vermutet, hat sich geirrt. Es sind Sokrates und Platon. Oben auf dem Dach die Statuen Athenes und Apolls.<\/p>\n<p>Die Universit\u00e4t ist das Geb\u00e4ude in der Mitte. Vor dem Geb\u00e4ude steht die Statue von Gladstone, einen Fu\u00df auf einem Buch. Die britischen Philhellenen sind \u00fcberall in Athen vertreten, auch in Platznamen, wie ich am Mittwoch feststellen konnte, als ich den Namen des Platzes, an dem mein Bus aus Kifisia ankommen sollte, Plateia Kanningos, nicht behalten konnte. Woraufhin mir die Kollegin aus der Anglistik auf die Spr\u00fcnge half:\u00a0<em>Wie der britische Premierminister. <\/em>\u2013<em>Ach so, Canning!<\/em> In dem Moment fiel mir die Statue von Gladstone wieder ein, und ich fragte mich: Was machen die alle hier? Bis ich mir klar wurde, dass ich Gladstone damit bitter Unrecht tat. Auf einmal fiel es mir wieder ein: Der hat dicke W\u00e4lzer \u00fcber Homer geschrieben und als erster gemerkt, dass es sich ganz merkw\u00fcrdig mit den Farben bei Homer verh\u00e4lt: Er spricht selten \u00fcber Farben, er gebraucht eine sehr kleine Farbpalette, und er gebraucht die Farben \u201efalsch\u201c, d.h. da, wo wir sie nicht benutzen w\u00fcrden: das weinfarbene Meer, ein violettes Pferd usw. Besonders komisch das v\u00f6llige Fehlen von Blau in der gesamten Odyssee und der gesamten Ilias! Er hat sich also hier seinen Platz redlich verdient.<\/p>\n<p>Auf der Freitreppe der Universit\u00e4t werde ich schon erwartet. Ich werde in die Aula gef\u00fchrt, wo offizielle Feiern stattfinden, darunter die Abschlusszeremonien der graduierten Studenten \u2013 auch in Griechenland lange in der Versenkung verschwunden, jetzt wiederbelebt. Hier hat auch Habermas vor vollem Haus gesprochen, auf Einladung meines Kollegen. Dann werde ich sogar dem Rektor und seiner Beauftragten f\u00fcr internationale Fragen, einem kleinen Energieb\u00fcndel, vorgestellt. Die haben nat\u00fcrlich Besseres zu tun, als irgendeinen Erasmus-Austauschdozenten aus Deutschland zu begr\u00fc\u00dfen, sind aber sehr freundlich.<\/p>\n<p>Dann gehen wir in die Kantine der Universit\u00e4t, die aber ein vollwertiges Restaurant von eher nobler Art ist. Ich erfahre, dass mein Kollege durch ein DAAD-Lektorat nach Athen gekommen und hier h\u00e4ngen geblieben ist. Er hat inzwischen den gr\u00f6\u00dferen Teil seines Lebens in Griechenland verbracht.\u00a0 Durch seine zweisprachig aufwachsenden Kinder und seine Frau, die selbst auch Germanistin ist \u2013 und in Deutschland eine Geschichte der griechischen Literatur ver\u00f6ffentlicht hat \u2013 hat er allerdings immer Kontakt zu Deutschland gehalten, nicht zuletzt nat\u00fcrlich auch durch seine Arbeit in der Germanistik und seine Arbeit mit den Austauschprogrammen. Er ist wirklich Grieche geworden, ohne aufzuh\u00f6ren, Deutscher zu sein.<\/p>\n<p>Er habe fr\u00fcher, erz\u00e4hlt er, in einer Mietwohnung am Meer gewohnt, was dann aber, als die Kinder kamen, zu unpraktisch, da zu weit von der Universit\u00e4t und der Deutschen Schule entfernt wurde. Jetzt hat er ein Haus im Norden Athens. Von da aus kann er bei g\u00fcnstigen Umst\u00e4nden in einer Viertelstunde an der Schule und an der Universit\u00e4t sein. Sein Sohn geht in den universit\u00e4ren Kindergarten.<\/p>\n<p>Die Tageskarte des Lokals, wo man sehr zuvorkommend bedient wird \u2013 es ist allerdings auch so gut wie leer \u2013 enth\u00e4lt nur Fisch. Es ist Fastenzeit. Das griechische Osterfest kommt erst noch. Und die Universit\u00e4t versucht die Traditionen aufrechtzuerhalten. Es gibt aber noch eine zweite Karte, und da gibt es dann auch Fleischspeisen.<\/p>\n<p>Er fragt mich etwas besorgt, wie ich denn in meinem Viertel, der Exarchia, zurechtk\u00e4me. Er scheint Bef\u00fcrchtungen zu haben, dass man da unter die R\u00e4der komme und in Schl\u00e4gereien, P\u00f6beleien und Demonstrationen verwickelt zu werden. Davon habe ich bis jetzt nichts mitbekommen.<\/p>\n<p>Er fragt mich nach dem Akropolis-Museum und teilt meine positive Einsch\u00e4tzung. Es sei jahrelang der Renner und der Anziehungspunkt \u00fcberhaupt f\u00fcr Touristen gewesen. In Athen werde es oft als zu wuchtig kritisiert. Das gelte f\u00fcr den Eingangsbereich und auch die Vorhalle. Die m\u00e4chtigen S\u00e4ulen lenkten von den Exponaten ab. Kann ich nicht sagen. Bei mir war es eher das Gegenteil. Ich habe die Architektur nur am Rande wahrgenommen. Gest\u00f6rt haben mich nur die Rolltreppen. Als ich am Abend noch mal an dem Museum vorbeigehe, muss ich im Nachhinein den Kritikern doch etwas Recht geben. Man h\u00e4tte die Sache auch etwas weniger bombastisch gestalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Den \u201et\u00fcrkischen\u201c Kaffee zum Abschluss nimmt er zum Anlass, etwas zum Verh\u00e4ltnis von Griechen und T\u00fcrken zu sagen. Das habe sich gebessert, und er selbst reise gerne in die T\u00fcrkei, aber in der politischen Auseinandersetzung seien es die T\u00fcrken, die Aggressivit\u00e4t in die Sache br\u00e4chten und die Verhandlungen erschwerten.<\/p>\n<p>Dann verabschiedet er sich zu einem Mittagschlaf. Er ist eine Lerche, ein Fr\u00fchaufsteher. Es gibt Tage, sagt er, wo er schon um vier Uhr aufsteht. Soll es ja geben. Das ist die Zeit, wo die Kollegin aus der Anglistik ins Bett geht.<\/p>\n<p>Ich mache einen Versuch, die Sprachschule von damals wiederzufinden. Ich habe aber kaum noch Angaben, und auch im Internet werde ich nicht so richtig f\u00fcndig. Ich glaube aber, den Namen der Stra\u00dfe zu wissen. Die gehe ich einmal auf und ab, aber nichts kommt mir bekannt vor, und ich finde auch kein Hinweisschild. Damals sah es so aus, als wolle die Schule sich ganz nach Ikaria verlegen, wo sie urspr\u00fcnglich eine Filiale f\u00fcr Sommerkurse hatte.<\/p>\n<p>Ich gehe noch einmal durch die Plaka, ganz langsam, ohne auf der Suche nach irgendetwas zu sein. \u00dcberall sieht man die Schilder\u00a0<em>Zu Verkaufen<\/em> und vor allem\u00a0<em>Zu Vermieten<\/em>. Die Krise ist sp\u00fcrbar. Selbst an dem ber\u00fchmtem Cine Paris, dem Freilichtkino, steht\u00a0<em>Zu Vermieten<\/em>. Ob sich das auf das Kino bezieht oder den Posterladen unten, kann ich nicht herausfinden.<\/p>\n<p>Ich komme noch einmal an der Odos Tripodos vorbei und dem Choregen-Denkmal. Jetzt lese ich, dass er erhalten blieb, weil es in ein christliches Kloster integriert wurde. Da wohnten unter anderem Byron und Chateaubriand.<\/p>\n<p>Dann treibt mich der k\u00fchle Wind aber wieder nach Hause. In Deutschland soll sch\u00f6nstes Fr\u00fchlingswetter sein.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr bew\u00e4ltige ich noch eine sprachliche Aufgabe, die vor einer Woche noch viel zu schwer gewesen w\u00e4re. Ich m\u00f6chte ein paar S\u00fc\u00dfigkeiten mit nach Hause nehmen und gehe dazu in eine Konditorei in Exarchia, die mir am Tag zuvor aufgefallen ist. Die Verk\u00e4uferin spricht kein Englisch. Gl\u00fccklicherweise habe ich mir f\u00fcr diesen Notfall ein paar W\u00f6rter zurechtgelegt. Ich m\u00f6chte die Sachen in zwei unterschiedlich gro\u00dfen Schachteln haben, und zwar gemischt, und so verpackt, dass sie die Reise \u00fcberstehen. Es stellt sich dann heraus, dass die Verk\u00e4uferin selbst keine Griechin, sondern Albanerin ist, aber schon seit 18 Jahren in Griechenland lebt. Einen Unterschied zwischen ihrem Griechisch und dem der Griechen kann ich allerdings nicht h\u00f6ren. Soweit bin ich noch nicht gekommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>13. April (Samstag) Das lange Warten am K\u00f6lner Flughafen verk\u00fcrze ich mir in der Buchhandlung. Die ist auf den zweiten Blick gar nicht so schlecht ausgestattet, aber die B\u00fccher liegen nur in Stapeln auf niedrigen Tischen und sind nur durch &hellip; <a href=\"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=3486\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":1155,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3486"}],"collection":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3486"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3486\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7719,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/3486\/revisions\/7719"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1155"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3486"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}