{"id":4113,"date":"2013-06-18T20:31:51","date_gmt":"2013-06-18T18:31:51","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=4113"},"modified":"2015-09-21T19:46:47","modified_gmt":"2015-09-21T17:46:47","slug":"portland-2013","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=4113","title":{"rendered":"Portland (2013)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">16. Juni (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>\u201eAchten Sie bei der Buchung Ihres Flugs darauf, dass Ihr Ziel Portland, Oregon ist, nicht Portland, Maine.\u201c So hei\u00dft es in einem der vielen Schreiben unserer Partneruniversit\u00e4t bei der Vorbereitung der Reise. Man stellt sich, halb belustigt, halb entsetzt vor, wie jemand angekommen ist und vergeblich nach Hotel, Uni und nach jemandem sucht, der ihn abholen soll. Und dann noch einmal ein paar Tausend Meilen vom Ziel entfernt ist. Portland an der Ostk\u00fcste statt Portland an der Westk\u00fcste.<\/p>\n<p>Dass Portland, Maine und Portland, Oregon denselben Namen haben, ist kein Zufall. Die beiden M\u00e4nner, die Portland, Oregon, wieder ger\u00fcndeten (eine vorherige Siedlung war aufgegeben worden) warfen das Los dar\u00fcber, wer das Recht haben sollte, die Siedlung zu benennen. Der, der aus Portlad Maine kam, gewann. Unmd benannte sie nach seiner Heimatstadt. H\u00e4tte der andere gewonnen, w\u00fcrde Portland heute Boston hei\u00dfen. Boston, Oregon. Der Penny, der damals bei dem Losentscheid benutzt wurde, ist noch heute in einem Museum in Portland zu sehen. Der steht bei mir ganz oben auf der Wunschliste f\u00fcr die Zeit in Oregon. Aber davor liegt erst noch eine lange Reise. Die Stationen hei\u00dfen Trier \u2013 Koblenz \u2013 Frankfurt \u2013 Philadelphia \u2013 Portland.<\/p>\n<p>Das Zugabteil teile ich mit einer Gro\u00dffamilie, die auf dem Weg ins Phantasialand sind. Sie tragen ihre Freizeitkleidung wie eine Uniform. Es wird auch schon mit Bier angesto\u00dfen. Man h\u00f6rt S\u00e4tze wie <em>Wo sind dann die annaren? und\u00a0 Isch hann e M\u00fcckest\u00fcsch<\/em> und\u00a0 <em>Isch bruch min Kaffee <\/em>und <em>Du gie\u00df mi uff de Eierst\u00f6ck.<\/em><\/p>\n<p>Das dient als Hintergrundger\u00e4usch zu meiner Zeitungslekt\u00fcre. Da geht es um Linksh\u00e4nder. Die sind unter Basketballern genauso h\u00e4ufig vertreten wie unter anderen Gruppen, aber alle, Rechtsh\u00e4nder wie Linksh\u00e4nder, benutzen die nicht dominante Hand umso h\u00e4ufiger, je besser sie sind: Profis benutzen sie , sowohl beim Dribbeln (nur etwas weniger als die dominante Hand) als auch beim Werfen (fast gleiche Verteilung). Das ist bei Amateuren anders. Die Verlassen sich weitgehend auf ihre dominante Hand, beim Werfen sogar zu fast 90%. Bei Musikern soll der Anteil von Linksh\u00e4ndern besonders hoch sein. Trotzdem werden fast alle \u201eumerzogen\u201c. Es gibt kaum Instrumente f\u00fcr Linksh\u00e4nder, und Umstellen sp\u00e4ter ist meistens zu aufw\u00e4ndig. Wenn auch nicht unm\u00f6glich. Ein Violinist, der zwei Finger seiner rechten Hand verlor, sattelte um \u2013 mit Erfolg! Wie ungew\u00f6hnlich ein linksh\u00e4ndiger Geiger ist, zeigt ein Photo von Chaplin, der den Bogen links und die Geige rechts h\u00e4lt. F\u00e4llt einem auf Anhieb auf. Passt nicht zu unseren Sehgewohnheiten.<\/p>\n<p>In Koblenz gibt es schon den ersten Aufenthalt, mehr als eine Stunde. In der Bahnhofshalle gibt es eine Ausstellung zu Meteoriten. Man erf\u00e4hrt, dass es Meteorite aus Stein gibt \u2013 die allermeisten \u2013 und welche aus Eisen und noch ganz seltene aus Pallasit. Das ist wertvoller als Gold.<\/p>\n<p>Lange Zeit waren Meteoriten die einzigen Rohstoffliferanten f\u00fcr Eisen! Die erste Erw\u00e4hnung findet sich bereits im 2. Jahrtausend vor Christus in einer \u00e4gyptischen Hieroglyphe<em>: Eisen vom<\/em> <em>Himmel<\/em>!<\/p>\n<p>Meteoriten, hei\u00dft es, k\u00e4men per Luftpost und gratis, w\u00e4hrend Gestein vom Mond m\u00fchsam von der Apollo-Mission auf die Erde gebracht werden musste.<\/p>\n<p>Die Herkunft der Meteoriten war lange unklar. Im Altertum und bei den nordamerikanischen Indianeren begegnete man ihnen mit viel Ehrfurcht. Man wei\u00df von einer feierlichen Prozession, bei der ein Meteorit von Phrygien nach Rom gebracht wurde. Im Mittelalter galten sie dagegen als Ungl\u00fccksboten: Sie brachen Siechtum, Krieg, Missernten.<\/p>\n<p>In der Ausstellung gibt es Meteoriten aus Wales, Marokko, Polen, Arizona und vielen anderen Orten zu sehen. Aus Middlesbrugh gibt es nicht nur den Meteoriten, sondern auch das Einschlagloch zu sehen. Und einen aus Neuschwanstein, der gefunden wurde, weil Photos von ihm gemacht wurden. Auf Grund derer konnte man die Flugbahn berechnen und den Fundort.<\/p>\n<p>Die Meteoriten kommen mit einer Geschwindigkeit von 40.000 \u2013 260.000 km\/h auf die Erde zu und werden dann von der Erdatmosph\u00e4re ausgebremst, so sehr, dass die meisten dabei ganz aufgerieben werden. Nur selten gelangen einzelne St\u00fccke auf die Erde.<\/p>\n<p>Vor Millionen Jahren ist auf Yucat\u00e1n ein Asteroid eingeschlagen, der schwerste Folgen hatte: Die Photosynthese war gest\u00f6rt, die Nahrungskette unterbrochen. Ein Massensterben setzte ein. Heute besteht kaum Gefahr von den bekannten Meteoriten, wohl aber von den noch nicht entdeckten. Sie sind klein und dunkel und deshalb schwer zu beobachten.<\/p>\n<p>In der Silvesternacht 1800 entdeckte ein italienischer M\u00f6nch einen Asteroiden zwischen Mars und Jupiter, Ceres. Dort schwirren, wie man inzwischen wei\u00df, mehrere Tausend umher. Fast alle Meteoriten, die auf die Erde prallen, kommen daher, nur wenige kommen vom Mars oder vom Mond.<\/p>\n<p>In Frankfurt bin ich erst etwas verloren, bis ich merke, dass ich American Airlines mit US Airways verwechselt habe. In deren Schlange gibt es dann einen Schreck in fr\u00fcher Morgenstund: Sie wollen bis Anfang August bleiben? Ihr Visum ist aber nur bis zum 21. Juli g\u00fcltig. Er zeigt es mir. Das stimmt. Ich habe mir das nie genau angesehen. Ich war so froh, nach all dem Theater das Visum bekommen zu haben, dass ich gar nicht auf die Idee gekommen war, das Datum k\u00f6nne nicht stimmen. Der junge Mann, ein Deutscher, ist sehr freundlich und sagt, er wolle mal sehen, ob man da nicht etwas machen kann. Er fragt seinen amerikanischen Kollegen. Der gibt Entwarnung: Visiting Scholars d\u00fcrfen nach Ablauf des Visums noch vier Wochen \u201edranh\u00e4ngen\u201c. Warum das Visum nicht sofort f\u00fcr den ganzen Zeitraum ausgestellt wird, ist mir nicht klar. Die Daten musste ich bei der Antragstellung ein Dutzendmal vorlegen.<\/p>\n<p>Die Frau am Schalter ist ganz angetan von meinem Reiseziel: Oregon? Da war ich auch. Das war so sch\u00f6n, ich bin damals fast ausgewandert. Wir waren innerhalb von 24 Stunden Skifahren und Wasserskifahren. Ob das heute auch noch so sei, wisse sie nicht. Ich glaube allerdings nicht, dass die Erde seitdem dramatische Ver\u00e4nderungen erfahren hat. Dazu ist sie doch wohl noch etwas jung.<\/p>\n<p>Der Flug nach Philadelphia dauert 9 Stunden, bei 6 Stunden Zeitunterschied. Es sind gut 6000 Kilometer. Der Flug von Philadelphia nach Portland dauert noch mal 5 Stunden, und noch mal 3 Stunden Zeitunterschied. Wegen des Zeitunterschieds kommt man noch am selben Tag an. Als ich in Portland ankomme, bin ich 24 Stunden unterwegs, und es ist die ganze Zeit hell gewesen. Und das Buch \u00fcber popul\u00e4re Irrt\u00fcmer \u00fcber Sprache, das ich im Zug begonnen habe, habe ich da auch schon l\u00e4ngst durch.<\/p>\n<p>Darin erf\u00e4hrt man aufgrund von zwei (allerdings nicht sehr gut dokumentierten) Umfragen, dass Sonnabend gegen\u00fcber Samstag auf der Verliererstra\u00dfe ist und immer mehr zu einem fast ausschlie\u00dflich ostdeutschen Ph\u00e4nomen wird.<\/p>\n<p>Vor allem aber erfahre ich etwas \u00fcber Hochdeutsch, das ich l\u00e4ngst wissen m\u00fcsste. Es ist so grundlegend, dass man sich wundert, dass es das nie irgendwo vorgekommen ist.<\/p>\n<p>Hochdeutsch war urspr\u00fcnglich eine ganz neutrale Bezeichnung, die nichts mit einer Hochsprache, mit einer \u00fcber den anderen Variet\u00e4ten stehenden Variet\u00e4t zu tun hatte. Es war einfach der Sammelbegriff f\u00fcr alle im S\u00fcden gebr\u00e4uchlichen Variet\u00e4ten, die sich von den niederdeutschen, dem Plattdeutsch, im Norden unterschieden. Alle diese Variet\u00e4ten standen bis zum Beginn der Neuzeit nebeneinander, und es gab kaum einen Austausch. Mit dem Buchdruck und der Verbreitung der Bibel ergab sich dann eine Notwendigkeit f\u00fcr eine Vereinheitlichung. Die folgte im Wesentlichen dem Ostmitteldeutschen, eine Variante des Hochdeutschen, weil dessen Kanzleien die h\u00f6chste Reputation genossen. Im Norden, im Niederdeutschen, begann man also anders zu schreiben, ganz anders, als man sprach. Als man sich dann allm\u00e4hlich auch in der gesprochenen Sprache anpassen wollte, blieb einem, mangels Kontakt, nicht viel anderes \u00fcbrig als so zu sprechen, wie man schreibt. Die Schriftsprache war die einzig verf\u00fcgbare Norm. Das Plattdeutsch verschwand allm\u00e4hlich aus der Sprache der Gebildeten und der Mittelschicht und war nur noch dem platten Land \u00fcberlassen. Im S\u00fcden, wo es keine Notwendigkeit gab, sich so anzupassen, blieb man mehr oder weniger bei der angestammten m\u00fcndlichen Sprache. Allm\u00e4hlich wurde also das Norddeutsche immer zum Standard, gerade deshalb, weil es sich von seinem Ursprung immer mehr entfernte. Daher noch heute die popul\u00e4re Vorstellung, dass man in Hannover das beste Deutsch spreche. Das plattdeutsche datt zeigt aber, dass das Niederdeutsche urspr\u00fcnglich ganz anders war als das Hochdeutsche. Kein Bayer, kein Schweizer, kein Alemanne sagt dat.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem lese ich in einem Buch mit Ausz\u00fcgen zu Amerika von den ersten Einwanderern und den drei religi\u00f6sen Ausrichtungen: den Presbyterianern \u201erechts\u201c, den Pilgrims \u201elinks\u201c \u00a0und den Puritanern in der Mitte. Die Presbyterianer wollten die Anglikanische Kirche reformieren und die Bisch\u00f6fe durch Presbyter ersetzen, so wie es nach ihrer Interpretation im Neuen Testament geschehen war. F\u00fcr die Pilgrims dagegen war die Kirche von \u00dcbel. Jeder weitere Kontakt mit ihr musste vermieden werden. Sie setzten sich in einzelnen Kongregationen ab, um nicht von der gro\u00dfen Masse korrumpiert zu werden. Deshalb hie\u00dfen sie auch Kongregationalisten. F\u00fcr sie war der Gro\u00dfteil der Menschen verloren. Deshalb mussten die Erw\u00e4hlten unter sich bleiben. Im Zentrum der Bewegung waren die eigentlichen Puritaner. Auch sie glaubten, dass nur die Erw\u00e4hlten der Kirche angeh\u00f6ren sollten. Sie praktizierten aber die Kindstaufe, die von den Pilgrims abgelehnt wurde, und waren daf\u00fcr, br\u00fcderliche Verbindungen mit anderen Konfessionen aufrechtzuerhalten, denn man konnte nie wissen: Auch unter denen k\u00f6nnte sich ein Auserw\u00e4hlter befinden. Die Puritans, die sich in der Massachusetts Bay niederlie\u00dfen, absorbierten allm\u00e4hlich, trotz der Glaubensunterschiede, die kleinere Gruppe der Pilgrims, die sich schon fr\u00fcher in Plymoth niedergelassen hatten. Entgegen der volkst\u00fcmlichen Vorstellung waren die ersten Siedler kein monolithischer Block, und entgegen dem popul\u00e4ren Mythos kamen sie nicht nach Amerika, um religi\u00f6se Freiheit zu erleben oder gar religi\u00f6se Toleranz auszu\u00fcben, sondern um ihre Religion frei von dem verderblichen Einfluss der Alten Welt praktizieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Flug geht \u00fcber Holland und England und Irland auf den Atlantik und dann \u00fcber Neufundland nach Maine. Wir fliegen tats\u00e4chlich \u00fcber Portland \u2013 Maine. Und \u00fcber Charlottesville, Charlottstown und Charlotte. Das war wohl ausgerechnet die Ehefrau von George III., dem \u201eTyrannen\u201c, gegen die sich die Amerikaner dann auflehnten und ihre Unabh\u00e4ngigkeit durchsetzten.<\/p>\n<p>Der Flughafen von Philadelphia sieht wie ein Parkhaus aus, jedenfalls der Teil, an dem wir ankommen. Etwas verloren steht in der Halle eine Kopie der Freiheitsglocke herum.<\/p>\n<p>Hier muss man erst durch die Passkontrolle, dann muss man sich idiotischeweise den Koffer abholen, dann durch den Zoll, dann den Koffer wieder abgeben, dann durch eine Kontrolle von Pass und Bordkarte und dann zum Durchleuchten und dann an einen anderen Terminal. Es grenzt an ein Wunder, dass das alles innerhalb der knapp zwei Stunden klappt, die ich zur Verf\u00fcgung habe. Bei der eigentlichen Einreise gibt es wieder die unerl\u00e4sslichen Fingerabdr\u00fccke, wie schon beim Konsulat, und merkw\u00fcrdige Fragen wie \u201eWarum haben Sie das Visum im April beantragt?\u201c. Wann h\u00e4tten Sie es denn gerne? W\u00e4ren M\u00e4rz oder Mai genehmer gewesen? Beim Zoll muss man best\u00e4tigen, dass man keine Erde und keine Schnecken mit sich f\u00fchrt. Und beim Durchleuchten muss man sich die Schuhe ausziehen und einen Ganzk\u00f6rperscan \u00fcber sich ergehen lassen.<\/p>\n<p>Bei der l\u00e4ngsten Schlange, der Kontrolle von Bordkarte und Pass, begegnet ein junges Paar vor mir einem anderen Paar, das uns auf der entgegengesetzten Schlange entgegen kommt, und die junge Frau tut mir den Gefallen, den Satz zu sagen, der f\u00fcr mich die Quintessenz des amerikanischen Englisch ist, und dazu noch, wie es sich geh\u00f6rt, aus dem Mund einer jungen Frau: <em>Oh, my God! <\/em><\/p>\n<p>Beim zweiten Flug gibt es kein Essen, jedenfalls nicht umsonst. Ich bestelle einen Salat und z\u00fccke meinen nagelneuen Zehndollarschein. Denkste. Nur mit Kreditkarte. Auch die anderen, die nur eine T\u00fcte Chips bestellen, zahlen mit Kreditkarte.<\/p>\n<p>Eine weitere kulturelle Erfahrung ist es, dass die Temperaturen am Zielort nur in Fahrenheit durchgegeben werden. Ich habe keine Ahnung, was zu erwarten ist.<\/p>\n<p>Gegen Ende des Flugs gibt es ein paar Turbulenzen. Wir kommen durch dicke, dunkle Wolken und dann sieht man auf einmal Natur unter sich: eine schwarze Gebirgslandschaft, die aber in Wirklichkeit gr\u00fcn ist, und mitten drin einen kegelf\u00f6rmigen, schneebedeckten Berg. Das ist der Mt Hood, wie ich sp\u00e4ter erfahre, der Hausberg Portlands.<\/p>\n<p>Und dann kommt schon ganz unverhofft eine Stadt in Sicht. Portland, Oregon:\u00a0<em>City of Roses<\/em>. Neuerdings allerdings auch\u00a0<em>City of Books, Beers, Bikes and Blooms<\/em>. H\u00f6rt sich vielversprechend an.<\/p>\n<p>Am Ende des Flugs w\u00fcnscht man uns einen sch\u00f6nen Abend und noch einen sch\u00f6nen Father\u2019s Day. Ob es das in England auch gibt? Noch nie geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Der Flughafen von Portland ist sch\u00f6n, eine lange, helle Halle, in die von beiden Seiten und von oben Licht str\u00f6mt. In der Halle h\u00e4ngt eine amerikanische Flagge und ein Plakat der Portland State University mit Werbung f\u00fcr ihre Abschl\u00fcsse.<\/p>\n<p>Vom Flughafen aus geht es mit der MAX in die Innenstadt. Das steht f\u00fcr Metropolitan Area Express. Eine hochmoderne Stra\u00dfenbahn. Eine Frau an einem Informationsstand erkl\u00e4rt mit in aller Ruhe \u2013 um halb zehn am Abend \u2013 wie ich am besten in die Stadt komme. Eine Haltestelle, die letzten der gr\u00fcnen Linie, hei\u00dft sogar PSU. Ich muss aber einmal umsteigen.<\/p>\n<p>Die Ansagen sind auf Englisch und auf Spanisch. Und ein Plakat der MAX macht ausdr\u00fccklich darauf aufmerksam, dass man an ihrer Gesch\u00e4ftsstelle auch Spanisch gesprochen wird. Amerika ist kein einsprachiges Land \u2013 und auch nie gewesen.<\/p>\n<p>Die Fahrt zieht sich in die L\u00e4nge, und beim Umsteigen muss ich ziemlich lange auf die gr\u00fcne Linie warten. Es ist inzwischen dunkel geworden, und ich verstehe nicht so recht, auf welchem Bahnsteig ich warten muss. Und bekomme unterschiedliche Antworten. Au\u00dferdem spricht mich einer an, der sagt, er habe mich in der vorigen Stra\u00dfenbahn gesehen, ich h\u00e4tte damit weiter fahren k\u00f6nnen. Stellt sich aber am Ende als Irrtum heraus. Aber das wei\u00df ich zu dem Zeitpunkt nicht, und ich bereue es fast, doch nicht das \u2013 viel teurere Taxi genommen zu haben. Die MAX kostest gerade mal 2,50 $ &#8211; weniger als 2 \u20ac. Das ist weniger als eine Busfahrt in Trier!<\/p>\n<p>Als ich bei der letzten Haltestelle ankomme, ist au\u00dfer mir keiner mehr in der Stra\u00dfenbahn. Ich werde in verschiedene Richtungen geschickt, und nach Universit\u00e4tscampus sieht das alles nicht aus, auch wenn ein paar Geb\u00e4ude Namen akademischer Institute haben. Ich gelange in ein dunkles Viertel mit einem Spielplatz und als ich dann zu einer Tankstelle und eine Baustelle komme, glaube ich endg\u00fcltig, falsch zu sein. Aber dann brauche ich nur noch \u00fcber eine Stra\u00dfe und bin da.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">17. Juni (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Um halb sechs ist es hell und ich bin wach. Passt. Wie nach einem langen Mittagschlaf. Zu Hause ist es jetzt halb drei.<\/p>\n<p>Gestern Abend war die Luft richtig mild, heute ist es richtig warm. Ein Sommertag. In den letzten Wochen habe ich die Wetterkarte f\u00fcr Trier und Portland verglichen. Das Wetter ist sich auf eine geradezu unheimliche Weise \u00e4hnlich, aber jetzt scheint Portland mich eines Besseren belehren zu wollen.<\/p>\n<p>Die Hotelr\u00e4ume befinden sich auf nur drei Stockwerken auf einer offenen Galerie um einen Innenhof mit Swimming Pool herum. Alles sehr sch\u00f6n, sehr gepflegt. Sieht wie eine Ferienanlage aus.<\/p>\n<p>Erst muss ich aber mal um technische Dinge k\u00fcmmern: das Handy funktioniert nicht, der Adapter f\u00fcr die Steckdose auch nicht, und ich bekomme keinen Internetzugang. Eine mittlere Katastrophe f\u00fcr den modernen Menschen.<\/p>\n<p>An der Rezeption wird mir erkl\u00e4rt, es gebe einen Wettbewerb zwischen der drahtlosen und der verdrahteten Verbindung, und ich m\u00fcsste eine ausschalten, damit die andere zum Zug kommt. F\u00fcr alles andere empfiehlt man mir Radio Shack.<\/p>\n<p>Also gehe ich erst mal zum Fr\u00fchst\u00fcck. Das gibt es in einem dunklen Raum. Alle starren wie gebannt auf den Fernseher. Der hat viel Wetter, viel Werbung, und ein paar Trivialit\u00e4ten wie ein umgekipptes Boot, ein Mann, der auf den R\u00fccken eines Hais klettert, ein Baseballspieler, der den vom Batsman gerade retournierten Ball voll ins Gesicht bekommt. Man fragt sich, warum das nicht \u00f6fter passiert.<\/p>\n<p>Gerade habe ich in einem Buch \u00fcber Amerika gelesen, dass Baseball eher auf der Verliererstra\u00dfe ist, w\u00e4hrend Football, ohnehin die popul\u00e4rste Sportart, noch weiter dazugewinnt. Es gibt auch eine soziale Verteilung: Football ist bei den Afroamerikanern beliebt, Baseball bei den Hispanics. Menschen mit einem Universit\u00e4tsabschluss stehen wenig auf Football und auf Autorennen. Die sind bei Menschen mit geringem Bildungsniveau ganz besonders beliebt und bei den ganz jungen, Baseball bei denen zwischen 18-17. Man erf\u00e4hrt auch, dass Eishockey in einer gemeinsamen kanadischen und amerikanischen Liga gespielt wird und dass im Motorsport nicht die Formel 1 an erster Stelle steht, sondern NASCAR. Diese Rennen werden mit f\u00fcr das Rennen modifizierten Serienwagen gefahren.<\/p>\n<p>Obwohl das Fr\u00fchst\u00fcck als\u00a0<em>continental breakfast<\/em> angek\u00fcndigt ist, gibt es Speck, R\u00fchrei, Kartoffeln, Wurst. Man isst mit Plastikbesteck. Zum ersten Mal in meinem Leben probiere ich Peanut Butter. Schon als Kind habe ich zum ersten Mal einen Exilamerikaner davon schw\u00e4rmen h\u00f6ren und von dem Leiden erfahren, das es bedeutet, in einem Land zu leben, wo es so etwas nicht gibt. Jetzt, nachdem ich sie probiert habe, finde ich das noch schwerer zu verstehen.<\/p>\n<p>An den W\u00e4nden sieht man Schwarz-Wei\u00df-Photos aus der Kriegszeit. Da fuhren bereits Stra\u00dfenbahnen durch Portland. Es ist dieselbe Geschichte wie immer: Erst baut man Stra\u00dfenbahnen, dann rei\u00dft man sie ab, dann baut man sie wieder.<\/p>\n<p>Danach geht es zu Radio Shack. Der Stadtplan ist schachbrettartig, die Avenues sind durchnummeriert, und die Stra\u00dfen haben Namen wie Broadway und Madison. Radio Shack befindet sich tats\u00e4chlich auf der 5th Avenue. \u00a0Das ist gerade au\u00dferhalb des Rechtecks, das vom Universit\u00e4tscampus eingenommen wird. Der hat den unsch\u00e4tzbaren Vorteil, ganz in der N\u00e4he des Zentrums zu liegen. Er ist praktisch ein Teil des Zentrums.<\/p>\n<p>Das Hotel liegt gerade au\u00dferhalb des Campus. Das erkl\u00e4rt die Tankstelle, die mich gestern aus dem Konzept gebracht hat.<\/p>\n<p>Die Fu\u00dfg\u00e4ngerampeln sind immer nur einen kurzen Moment wei\u00df (nicht gr\u00fcn) und dann erscheint eine erhobene rote Hand und z\u00e4hlt die Sekunden, die zum \u00dcberqueren der Stra\u00dfe verbleiben.<\/p>\n<p>Der Campus gruppiert sich ganz regelm\u00e4\u00dfig zu beiden Seiten eines breiten, gepflegten, baumbestandenen Boulevards, auf dem keine Autos verkehren. Bei dem sch\u00f6nen Wetter kann man das richig genie\u00dfen.<\/p>\n<p>Ich komme an einer Backsteinkirche und an der Historical Society of Oregon vorbei. In der Mitte des Boulevards steht eine Reiterstatue. Es ist Theodore Roosevelt. Ein Pr\u00e4sident auf einem Pferd. Etwas sp\u00e4ter die Statue Lincolns. Ohne Pferd. Irgendwie kann man sich ihn gar nicht mit Pferd vorstellen.<\/p>\n<p>Dann kommt ein dreieckiger Brunnen, aufgestellt von einem j\u00fcdischen, polnischen Einwanderer, Shemanski, als Dank an die Stadt, die ihn aufnahm. Er betrieb ein Kleidungsgesch\u00e4ft und begann, ganz amerikanisch, ganz klein. Er schlief hinten im Gesch\u00e4ft. Und besch\u00e4ftigte andere Einwanderer. Das war damals wohl un\u00fcblich. Er wurde zu einem erfolgreichen Gesch\u00e4fsmann. In der Mitte der Statue steht Rebecca. Warum, ist nicht klar. Vielleicht hie\u00df seine Frau Rebecca. Oder vielleicht steht sie einfach f\u00fcr Gastfreundschaft.<\/p>\n<p>Dann biege ich zur Fifth Avenue ab. Radio Shack hat noch geschlossen. Mein Tagesablauf ist noch von der europ\u00e4ischen Zeit gepr\u00e4gt. In der Zeit sehe ich mir die Wolkenkratzer an. So eine Skyline hat in Deutschland h\u00f6chstens Frankfurt. In Amerika ist das gang und g\u00e4be. Ein Wolkenkratzer, der Sitz der Standard Insurance Company, hat l\u00e4ngliche, schlitzartige Fenster, die ganze Fassade entlang. Das sieht erstaunlich gut aus. Seine Querseite spiegelt sich in der Glasfassade des danebenstehenden Wolkenkratzers, ein ph\u00e4nomenales Bild. Ein anderer steht auf Elefantenf\u00fc\u00dfen und hat lange, wei\u00dfe Betonstreben, die \u00fcber alle Stockwerke nach oben f\u00fchren.<\/p>\n<p>\u00dcberall stehen auch moderne Skulpturen. Vor einem Wolkenkrater steht eine dreigruppige, wei\u00dfe Steinskulptur, die ich vorher schon mal irgendwo in einem Faltblatt gesehen habe. Als ich ein Photo machen will, tritt ein Stra\u00dfenfeger h\u00f6flich zur Seite, damit ich ungehindert photographieren kann!<\/p>\n<p>Bei Radio Shack bekomme ich einen besseren Adapter und eine Erkl\u00e4rung, warum man Handy hier nicht funktioniert. Es passt irgendwie nicht in das amerikanische Broadband. Komisch: In Indien oder Kolumbien gab es keine Probleme damit.<\/p>\n<p>Ich kaufe ein neues Handy, das billigste, das es gibt. Dazu eine Karte, die f\u00fcr einen Monat gilt. F\u00fcr 50 $:\u00a0<em>Radio Shack likes paper and plastic.<\/em><\/p>\n<p>Der freundliche Verk\u00e4ufer, der Chad hei\u00dft und asiatisch aussieht, richtet mir das Handy vollst\u00e4ndig ein und erkl\u00e4rt mir das eine oder andere. Er sendet sogar eine Nachricht an sein eigenes Handy, um zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob alles funktioniert. Danke.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg ins Hotel sehe ich an der Wand einer Tiefgarage ein modernes Kunstwerk. Die ganze bunte Wand besteht aus \u00fcbereinanderliegenden Buchr\u00fccken:\u00a0<em>Das Kapital<\/em> von Marx, die\u00a0<em>Metamorphosen<\/em> von Ovid, Shakespeares\u00a0<em>Othello<\/em>, Vonneguts<em>Slaughterhouse Five<\/em>, Tony Morrisons\u00a0<em>Beloved<\/em>, eine Biography von Duchamp, ein Buch \u00fcber den Holocaust,\u00a0<em>Fundamentals of Anatomy<\/em> und viele andere. \u00dcber der Einfahrt eine<em>Introduction to Historical Linguistics<\/em>, die ich nicht kenne!<\/p>\n<p>Wieder im Hotel, versuche ich, die erste SMS zu schicken, aber sie geht in den Papierkorb. Dann versuche ich, die Internetverbindung herzustellen, aber nachdem ich WiFi gel\u00f6scht habe, werde ich immer wieder nach Zugangsdaten gefragt. Immerhin funktioniert der Adapter und ich kann anfangen, die Ger\u00e4te aufzuladen.<\/p>\n<p>Erst mal geht es zur\u00fcck zu Radio Shack. Es stellt sich heraus, dass man nicht 00 an den Beginn der Nummer stellen darf, sondern +. Das hatte ich auch versucht, aber es ist auf derselben Taste wie 0, und die erscheint automatisch, wenn man sie dr\u00fcckt. Ein anderer Kunde schaltet sich ein und sagt, man m\u00fcsse die Taste l\u00e4nger gedr\u00fcck halten. Das muss man wissen. Chad nimmt sich der Sache an, w\u00e4hlt aber eine andere Alternative. Als ich dankbar das Gesch\u00e4ft verlasse, versuche ich, eine SMS zu verschicken \u2013 mit demselben Resultat wie vorher: Papierkorb. Chad sieht sich die Sache noch einmal an und findet heraus, dass man 001 eingeben muss. Das ist die Entsprechung zu +. Jetzt klappt\u2019s.<\/p>\n<p>An der Rezeption erfahre ich, ich m\u00fcsse einfach den Laptop neu starten. Dann k\u00e4me ich ohne weiteres ins Internet. Ich versuche es, bekomme aber immer wieder eine Fehlermeldung \u2013 bis ich auf die Idee komme, mal den Stecker anders herum reinzustecken. Jetzt klappt\u2019s. Der Vormittag war eine Lehrstunde in moderner Technologie.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he der Tiefgarage mit den Buchr\u00fccken stehen, wie am Schn\u00fcrchen aufgezogen, kleine Buden, in denen Essen zum Mitnehmen angeboten wird. Hier zeigt sich Amerika von seiner multikulturellen Seite: Es gibt alles von vietnamesich bis salvadorenisch und t\u00fcrkisch. Und es gibt Gerichte mit Namen wie Pupusa, Chopollos, Pakura, Chwo Mein, Tamal, Banh Mi. Ich kaufe an einem Thai-Stand Reis mit H\u00fchnchenfleisch und Gem\u00fcse. F\u00fcr unschlagbare 5 $. Die esse ich am Swimmingpool im Hotel.<\/p>\n<p>Am Nachmittag schlafe ich bei der Lekt\u00fcre immer wieder ein, daf\u00fcr wache ich in der Nacht immer wieder auf und mache mich an die Lekt\u00fcre.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">18. Juni (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Vormittag holt mich Ann Marie, die Koordinatorin der PSU, am Hotel ab und zeigt mir die Gegend. Wir kommen an den Essst\u00e4nden von gestern vorbei. Es gibt mehrere davon im ganzen Zentrum, aber diese hier sind das Original. Sie haben sich in ganz Amerika inzwischen einen Namen gemacht.\u00a0 Ihr Ursprung liegt in einem Streit \u00fcber Grundst\u00fccksrechte, wenn ich das richtig verstehe.<\/p>\n<p>Wir sehen eine Stra\u00dfenbahn, die mir noch moderner als die von gestern vorkommt. Es ist nicht die MAX, sondern die eigentliche Stra\u00dfenbahn. Der Unterschied ist nicht so leicht zu sehen, und die Fahrkarten gelten auch f\u00fcr beide. Die Baustelle ganz in der N\u00e4he des Hotels hat mit der Verl\u00e4ngerun der Stra\u00dfenbahnlinie zu tun.<\/p>\n<p>Wir holen Ann Maries Tochter und deren Freundin von einer Art Ferienschule ab. Sie haben dort heute gekocht. Die Ferien haben gerade begonnen, und das macht bringt der Mutter einige Koordinationsaufgaben. Das Semester ist zwar auch schon zu Ende, aber es bleibt noch einiges an Pr\u00fcfungen und Sitzungen. Die j\u00fcngere Tochter ist im Kinderhort der Uni.<\/p>\n<p>Wir gehen in ein Caf\u00e9 direkt im Univiertel, und ich werde zum Lunch eingeladen. Das besteht aus einem aufgew\u00e4rmten Sandwich und einer winzigen Portion Salat. Dazu gibt es Kaffee in Badewannenportionen und ein gro\u00dfes Glas Wasser.<\/p>\n<p>Beim Essen macht eins der M\u00e4dchen einen Vorschlag f\u00fcr meine Freizeitgestaltung: Ich solle mit der Tram fahren. Ich will sie nicht entt\u00e4uschn und sagen, dass ich das schon l\u00e4ngst gemacht habe, aber dann stellt sich heraus, dass tram nicht wie in England, die Stra\u00dfenbahn ist, die hier streetcar hei\u00dft, sondern eine Art Seilbahn. Sie f\u00fchrt auf einen Berg am Rande der Innenstadt, und das Gel\u00e4nde dort oben ist von Ann Maries Ehemann, einem Landschaftsarchitekten, geplant worden.<\/p>\n<p>Auch hier wird mit Kreditkarte gezahlt. Ann Marie sagt, sie habe fast nie Bargeld dabei. Alles wird mit Kreditkarte gezahlt. Sie habe erst \u00fcberlegt, mich an den Essst\u00e4nden einzuladen, aber dann nicht gewusst, wo sie so schnell Bargeld herbekommen solle!<\/p>\n<p>Ann Maries Tochter war schon als Dreij\u00e4hrige in Deutschland und sp\u00e4ter noch mal. Sie hat dort im Kindergarten scheinbar m\u00fchelos Deutsch gelernt. Angeblich besser als die Mutter, deren Deutsch aber, so weit ich wei\u00df, auch sehr gut ist. Die beiden M\u00e4dchen sind ganz unglaublich brav. Und ziemlich still. Nach Tipps f\u00fcr meine Zeit in Portland gefragt, schl\u00e4gt eine die Tram vor. Das ist nicht die Stra\u00dfenbahn, sondern eine Art Schwebebahn, die einen auf den Hausberg Portlands bringt. Das Areal oben, wo die Tram ankommt, ist von Ann Maries Mann, einem Landschaftsarchitekten, geplant worden.<\/p>\n<p>St\u00e4ndig, vor dem Betreten des Caf\u00e9s, beim Betreten des Caf\u00e9s, beim Verlassen des Caf\u00e9s und nach dem Verlassen des Caf\u00e9s, sto\u00dfen wir auf Kollegen, denen ich vorgestellt werde, darunter mein Pendant von der PSU, der, zusammen mit seiner Frau, n\u00e4chste Woche nach Trier geht. Auch von den anderen waren schon welche in Trier. Alle scheinen sehr stolz auf Portland zu sein.<\/p>\n<p>Das Wetter soll in den n\u00e4chsten Tagen wieder schlechter werden. Aber nach dem 4. Juli wird es definitiv gut. Das sei immer so.<\/p>\n<p>Wir kommen an dem gro\u00dfen Bibliotheksgeb\u00e4ude vorbei. Es hat vorne einen Einschnitt. Der lockert die m\u00e4chtige Fassade auf. Seinen Grund hat er aber in einem davorstehenden alten Baum, der nicht dem Geb\u00e4ude geopfert werden sollte.<\/p>\n<p>Dann kommen wir an dem alten Zentralbau der Uni vorbei, einer ehemaligen Schule. Dorthin wurde die Uni verlegt, nachdem die alten Geb\u00e4ude unten am Fluss \u00fcberschwemmt worden waren. Von hier aus hat sich die Uni immer weiter ausgebreitet. Der Bau soll jetzt eine neue Glasfassade bekommen, denn er beherbergt jetzt die Fakult\u00e4t der Sch\u00f6nen K\u00fcnste. Und man soll demn\u00e4chst von Au\u00dfen die Kunstwerke und die tanzenden Ballerinas beobachten k\u00f6nnen. An Geld scheint es nirgens zu fehlen.<\/p>\n<p>Als Ann Marie von Portlands rep als Regenloch spricht, komme ich, nach kurzem Z\u00f6gern, noch drauf, dass das reputation ist, aber als sie mich auf das rec hinweist, muss sie erkl\u00e4ren, dass das das recreation center, eine Muckibude ist, nicht etwa das Rektorat.<\/p>\n<p>Dann kommen wir zu dem Honors Geb\u00e4ude, einem sch\u00f6nen, alten Ziegelbau mit Erkern, wo Ann Maries B\u00fcro ist und wo auch mein B\u00fcro sein wird. Hier werde ich Nora vorgestellt, mit der ich auch schon E-Mail-Kontakt hatte. Sie k\u00fcmmert sich um alles, von der Vertragsunterzeichnung bis zu Photokopien. Sie kann auch daf\u00fcr sorgen, dass die Artikel, die ich brauche, gescannt und den Studenten zur Verf\u00fcgung gestellt werden. Alles perfekt organisiert.<\/p>\n<p>Mir wird ein Raum gezeigt, der als Alternative zu dem eigentlich gebuchten Raum in einem anderen Geb\u00e4ude in Frage kommt. Ob der mir gefalle? Ja, sehr, sieht sehr passend aus, mit einem langen, ovalen Tisch und bequemen St\u00fchlen. Und nur ein paar Schritte von meinem B\u00fcro entfernt.<\/p>\n<p>Ich werde ein Seminar mit 12 Honors Studenten haben, also der Elite der Fakult\u00e4t. Sie studieren alle andere F\u00e4cher und machen Sprachwissenschaft als Teil ihres Studium Generale, in der besten deutschen, aber in Deutschland l\u00e4ngst abgestorbenen Tradition. Ann Marie war angetan von der lebendigen Mitarbeit der Studenten in Trier, aber auch wohl etwas entsetzt \u00fcber das fehlende Allgemeinwissen.<\/p>\n<p>Dann geht es noch zum Auslandsamt, da, wo morgen das Einf\u00fchrungsprogramm beginnt. Dort werde ich David Brandt vorgestellt, dem Koordinator, der alles bereit gestellt hat, damit ich das Visum bekomme.<\/p>\n<p>Ann Marie begleitet mich dann noch zum Willamette hinunter, Portlands Fluss. Der Name wird, gegen jede Erwartung, auf der zweiten Silbe betont. Darauf w\u00e4re ich nicht gekommen. Der Willamette m\u00fcndet in den Columbia, der die Grenze zwischen Oregon und Washington darstellt.<\/p>\n<p>Hier ist ein anderes Portland zu erleben. Hochstra\u00dfen, Br\u00fccken, L\u00e4rm. Ich gehe \u00fcber die Hawthorne-Br\u00fccke, eine Zugbr\u00fccke, die vor kurzem ihr hundertstes Jubil\u00e4um gefeiert hat. Auf der anderen Seite gibt es Bepflanzungen mit einheimischen Pflanzen, um gegen die wuchernde asiatische blueberry anzukommen. Eingangs der Br\u00fccke ein Schild mit einem Hinweis auf eine Beratungsstelle f\u00fcr Selbstmordkandidaten, und am Ende der Br\u00fccke eine elektronische Erfassung der Zahl von Fahrr\u00e4dern, die an diesem Tage und bisher im ganzen Jahr die Br\u00fccke passiert haben.<\/p>\n<p>Dann f\u00e4ngt es tats\u00e4chlich an zu regnen. Ich stelle mich kurz unter, aber bald ist es wieder vorbei.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg kaufe ich noch ein paar Fressalien und einen etwas \u00fcberteurten Ordner, passend f\u00fcr das merkw\u00fcrdige amerikanische Papierformat. Die Teebeutel, sehr amerikanisch, gibt es in einer Packung mit 110 Beuteln. Das ist die kleinste Packung.<\/p>\n<p>Als sp\u00e4ter die Putzfrau, eine Asiatin, vielleicht eine Vietnamesin, anklopft, um das Zimmer zu s\u00e4ubern, verstehe ich, warum es am Tag zuvor so schwer war, ihr klarzumachen, dass sie heute nicht das Zimmer nicht zu machen braucht: Sie versteht praktisch kein Wort Englisch.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">19. Juni (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Es gibt Tage, sagt man, an denen man besser im Bett bleibt. Und es gibt keinen Tag, an dem es eine gute Idee ist, um halb zwei aufzustehen und sich an die Arbeit f\u00fcr ein Seminar zu machen.<\/p>\n<p>Als ich am Ende eines langen Tages nach Hause zur\u00fcckgehe, bin ich frustriert, \u00a0deprimiert, lustlos, voller Sorge und v\u00f6llig durchn\u00e4sst.<\/p>\n<p>Irgendwann, mitten in der Nacht, f\u00e4ngt das Netbook, das sowieso schon seit Tagen sich immer wieder selbst runterf\u00e4hrt und alle m\u00f6glichen anderen B\u00f6cke schie\u00dft, vollends an, verr\u00fcckt zu spielen. Der Bildschirm wird schwarz, dann rasselt und summt es, es erscheinen ein paar geheimnisvolle Schriftzeichen, und dann ist nichts mehr da, auch keine Software mehr.<\/p>\n<p>Die Vorbereitungen aus der Nacht sind alle versch\u00fctt. Und ins Internet komme ich auch nicht. Ich gehe, sobald es Tag ist, zum Honors Geb\u00e4ude, klage dort mein Leid und frage, ob ich hier arbeiten k\u00f6nne. Klar. Ich bekomme das B\u00fcro eines Kollegen, der die PSU gerade verlassen hat. Trotzdem habe ich das Gef\u00fchl, dass ich gerade zum falschen Zeitpunkt komme. Und nachdem alles angeschlossen und eingerichtet ist und ich mit Noras Daten Zugang bekomme, muss ich immer wieder nach unten und immer wieder neue Fragen stellen. Alles ist anders. Ich komme kaum voran. Und am Ende vermasselt mir das komische amerikanische Format alles. Alles ist quer und schief.<\/p>\n<p>Es hilft aber nichts. Ich muss zum Auslandsamt, wo unsere Einf\u00fchrungswoche beginnt. Ich bin der erste, aber bald kommt ein chinesischer Kollege, Chen, ein von Ingenieur, der zum Wirtschaftswissenschaftler mutiert ist. Dann kommt Jaiwanti, eine \u00e4ltere, winzig kleine indische Kulturwissenschaftlerin, im langen Sari. Dann kommt ein Alexander, ein rundlicher Russe, Literaturwissenschaftler, der wie Egon Bahr aussieht. In seiner burschikosen Art ist er das Gegenteil zu der scheuen Jaiwanti. Dann kommt Olga, eine ukrainische Wirtschaftswissenschaftlerin, im kurzen Sommerr\u00f6ckchen. Sie wird sich in den n\u00e4chsten Tagen als die gro\u00dfe Querschie\u00dferin erweisen, mit unzusammenh\u00e4ngenden Bemerkungen und an den Haaren herbei gezogenen Problemen und lauter Fragen, die l\u00e4ngst beantwortet wurden. Sie guckt st\u00e4ndig in die Unterlagen des Nebenmanns und fragt, was man da und was man da ausf\u00fcllen muss und verbessert einen au\u00dferdem bereitwillig. Nur Jaiwanti und ich sind Neulinge. Alle anderen waren schon mal hier und haben auch schon in Deutschland unterrichtet, u.a. in Potsdam und in Berlin.<\/p>\n<p>Heute gibt es aber erst mal Obst und Limo und ein paar Kekse und einen H\u00e4ndedruck von David, der mit Krawatte erscheint. Die habe er fr\u00fcher, als er noch in Berkeley war, jeden Tag getragen. Das Programm, an dem wir teilnehmen, bestehe seit 20 Jahren, erkl\u00e4rt er uns.<\/p>\n<p>Meine Sorge um meine Vorbereitung wird immer gr\u00f6\u00dfer, und seit Tagen habe ich keine Nachrichten von zu Hause mehr. Ich bin froh, als wir entlassen werden und ich im Hotel nach einer M\u00f6glichkeit suchen kann, ins Internet zu kommen. Keine Chance, man bekommt zwar freien Zugang, aber seinen PC den muss man schon selbst mitbringen.<\/p>\n<p>Ich frage nach einem Internetcaf\u00e9. Die Frage wird erst mal gar nicht verstanden, und dann wei\u00df man keine Antwort. Man bittet um Aufschub. W\u00e4hrend der ganzen Zeit kommen immer neue G\u00e4ste, die einchecken. Als ich dann wieder an der Reihe bin, sagt mir der junge Mann, er werde seinen Chef fragen, sobald der wiederzur\u00fcck komme. Es scheint eine Unendlichkeit zu dauern, und ich werde immer nerv\u00f6ser. Dann gibt es eine Adresse.<\/p>\n<p>Ich mache mich sofort auf den Weg. Es f\u00e4ngt an zu regnen. Einen Schirm habe ich nicht, und die Regenjacke, die ich eingepackt habe, hat keine Kapuze.<\/p>\n<p>Unterwegs sehe ich eine Demonstration gegen Guant\u00e1namo. Einige Aufrechte lassen es sich durch das schlechte Wetter nicht nehmen, mit Plakaten und \u00dcbernachten im Freien auf den Skandal und Obamas gro\u00dfes Versprechen zu erinnern.<\/p>\n<p>Es geht immer weiter, immer die selbe Stra\u00dfe hinunter. Der Weg zieht sich. Als ich dann an der richtigen Stra\u00dfenecke stehe, sehe ich das Lokal immer noch nicht. Und keiner kennt es. Dann sehe ich es doch. An der Theke bekommt man Zugang f\u00fcr einen Computer. Ich werde allerdings darauf hingewiesen, dass in einer halben Stunde ein Livekonzert beginnt und dass es m\u00e4chtig laut werden wird. Macht nichts. Als erstes gehe ich ins Internet. Keine Nachricht. Gro\u00dfe Frustration. Da ist mit Sicherheit irgendetwas passiert. Und alle verschweigen es mir, um mich nicht unn\u00f6tig zu beunruhigen.<\/p>\n<p>Dann versuche ich es mit meinen Dateien. Auf dem ganzen PC scheint kein Word-Programm zu sein. Der PC scheint meinen Stick auch nicht zu erkennen. Nach einigem Suchen finde ich Word Pad. Damit kann ich meine Dateien zwar \u00f6ffnen, aber nicht bearbeiten, und alles erscheint wie Kraut und R\u00fcben. Ich gehe zur Theke und frage nach, aber erst, nachdem ich mir einen Ruck gegeben habe. Ich werde immer unsicherer, als er mich nicht versteht und ich ihn nicht. Er wei\u00df wohl gar nicht, was mein Anliegen ist, erkl\u00e4rt sich dann aber widerwillig bereit, sich die Sache anzusehen. In dem Moment f\u00e4ngt die Musik an. Wir gestikulieren ein bisschen vor dem PC herum und schreien und was ins Ohr, aber ohne Erfolg. Irgendwann gibt er es kopfsch\u00fcttelnd auf.<\/p>\n<p>Ich mache mich auf den R\u00fcckweg, mit Kopfschmerzen, Hunger und R\u00fcckenschmerzen. Im Hotel empfiehlt man mir, eine Telefonkarte zu kaufen. Es gebe ganz in der N\u00e4he ein Convenience Store. Als ich das endlich gefunden habe, bekomme ich eine billige Karte: 5 $. Ob man damit auch ins Ausland telefonieren kann? Irgendwie werde ich wieder nicht verstanden, entweder wegen meiner Aussprache oder weil meine Fragen zu bl\u00f6d erscheinen. Ich nehme die Karte und versuche die Instruktionen zu verstehen. Keine Chance. Nach Jahrzehnten Englisch in Schule und Uni und Ausland kann ich die Instruktionen auf einer schn\u00f6den Telefonkarte nicht verstehen. Meine Frustration wird immer kompletter. Aber ich w\u00fcsste auch gar nicht, wo ich sie verwenden k\u00f6nnte. Ein \u00f6ffentliches Telefon habe ich noch \u00fcberhaupt nicht gesehen. Das gab es fr\u00fcher mal. Und ausgerechnet morgen und \u00fcbermorgen kann ich auch nicht ins B\u00fcro und dort nachfragen.<\/p>\n<p>Jetzt bin ich nur ein elendes H\u00e4ufchen, glaube, dass die ganze Sache mit Portland unter einem schlechten Stern steht und falle sogar in Depressionen, wenn ich daran denke, dass ich meinen Kamm, die Kappe meines Sticks verloren habe und an einem Food Cart \u00fcber die Ohren gehauen worden bin.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">20. Juni (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Ich wache mit Kopfschmerzen und \u00dcberkeit auf, aber alles, nciht nur das, wird im Laufe des Tages ganz allm\u00e4hlich besser.<\/p>\n<p>Zum ersten Mal habe ich bis zum Morgen geschlafen, zw\u00f6lf Stunden, und habe auch dann noch keine Lust, aufzustehen.<\/p>\n<p>Ich tr\u00e4ume davon, dass ich einen langen Trainingslauf mache und erst nach einiger Distanz merke, dass ich mit freiem Oberk\u00f6rper und mit Stra\u00dfenschuhen laufe.<\/p>\n<p>Auch der Computer verfolgt mich im Schlaf. Eine Gruppe junger M\u00e4nner umringt mich und gibt mir Tipps, wie ich ihn wieder in Ordnung bringen kann. Einer von ihnen sagt immer wieder, ganz betont, \u201eJ\u00fclich\u201c, aber ich verstehe nicht, was damit gemeint ist.<\/p>\n<p>Im Reisef\u00fcher lese ich von einem Ort an der K\u00fcste Oregons, der Fort Ross hei\u00dft und tats\u00e4chlich nach Russland benannt ist. Die Gegend war \u00fcberhaupt nicht amerikanisch von Beginn an. Hier hatten Russen, Spanier, Briten und Franzosen ihre St\u00fctzpunkte und Handelsstationen, bevor die ersten amerikanischen Siedler kamen.<\/p>\n<p>Im Reisef\u00fchrer wird auch das ber\u00fchmte Felsskulptur von Mt. Rushmore beschrieben. Jeder Pr\u00e4sident, hei\u00dft es, sei wegen eines besonderen Verdienstes in die Riege aufgenommen worden.<\/p>\n<p>Ganz in der N\u00e4he entsteht als alternatives Denkmal, eine Felsskulptur, die Crazy Horse darstellt. Sie soll die vier zusammen noch an Gr\u00f6\u00dfe \u00fcbertreffen. Man verweigert die Annahme staatlicher Unterst\u00fctzung, und so zieht sich die Sache in die L\u00e4nge. Aber man bleibt am Ball.<\/p>\n<p>Dann lese ich noch von Astoria. Das scheint der sehenswerteste Ort an der K\u00fcste zu sein. Und wohl auch der \u00e4lteste. Es ist benannt nach Jakob Astor, der, in Deutschland geboren, ausgewanderte und durch Pelzhandel und Teehandel reich wurde, vor allem aber durch Bodenspekulation. Einer seiner S\u00f6hne baute ein Hotel, das er nach dem Geburtsort des Vaters nannte, Waldorf. Dann baute der andere Sohn auch ein Hotel und nannte es nach dem Nachnamen des Vaters Astoria.<\/p>\n<p>In Astoria gobt es eine S\u00e4ule, die der Trajanss\u00e4ule in Rom nachempfunden ist, aber mit all ihren bunten Zeichen irgendwie aztekisch aussieht.<\/p>\n<p>Dann hei\u00dft es Koffer packen, an der Rezeption abstellen und zur East Hall. Heute gibt es einen Haufen Papierkram zu erledigen. Wir haben teils identische, teils unterschiedliche Dokumente, und trotz all der geduldigen Erkl\u00e4rungen gibt es immer wieder Fragen und Verwirrung. Au\u00dferdem braucht man immer wieder Daten, die man auf die Schnelle gar nicht zur Verf\u00fcgung hat und Sparten, bei denen man nicht wei\u00df, was man da ausf\u00fcllen soll.<\/p>\n<p>Zwischendurch kommt die Vorsitzende des Auslandsamts und stellt sich vor und \u00fcberreicht uns eine Anstecknadel von der PSU. Die werden in China hergestellt.<\/p>\n<p>David betont, das J1 sei ein gutes Visum, denn es werde vom Au\u00dfenministerium erteilt und erlaube einem alle m\u00f6glichen Freiheiten. Man k\u00f6nne zum Beispiel bequem durch die Gegend reisen, in alle Teile der USA, einschlie\u00dflich Jamaika!<\/p>\n<p>Dann gibt es ein paar Instruktionen zum Unterricht. Die sind aber wohl eher an Vertreter anderer Kulturen gerichtet. Man solle nicht einfach dozieren, sondern die Studenten in die Diskussion einbeziehen. Das erwarteten die. Ich frage auch nach Noten, Kleidung, Anrede.<\/p>\n<p>Dann geht es einmal \u00fcber den Campus, aber der Orientierung dient dieser Gang nicht. Wir kommen an einer \u00dcberf\u00fchrung vorbei, an der in goldenen Lettern das Motto der PSU steht: Let knowledge serve the City. Ein sehr modernes und etwas utilitaristisches Motto, ganz anders als das der barocken deutschen Universit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Wir kommen ann auch am Institut f\u00fcr Urban Develpoment vorbei, dem Paradest\u00fcck der PSU, weit \u00fcber Portland hinaus bekannt. Das ist auch das beste Beispiel f\u00fcr die Verwirklichung des Mottos.<\/p>\n<p>Die Studentenzahl in den USA, erf\u00e4hrt man, ist in den letzten Jahren stabil geblieben, die in Portland weiter gestiegen. PSU hat jetzt 30,000 Studenten, fast doppelt so viele wie Trier.<\/p>\n<p>Dann gehen wir zu einer Verwaltungsabteilung, die hier Human Resources hei\u00dft, so etwas wie die Persoalabteilung. Hier werden unsere Antr\u00e4ge durchgesehen, und wir erhalten Instruktionen f\u00fcr das weitere Vorgehen.<\/p>\n<p>Dann geht es zur Verwaltung, um einen Ausweis zu bekommen. Man wird hier sehr freundlich bedient, und das Lichbtild wird gleich an Ort und Stelle gemacht. Das M\u00e4dchen, das meinen Ausweis macht, stammt aus Panama und ist ganz und gar zweisprachig.<\/p>\n<p>Als wir fertig sind, gehe ich dann alleine zum Helpdesk. Sie gucken sich mein Netbook an und schicken mich zum Computer Lab, helfen mir aber vorher noch, mich anzumelden im System.<\/p>\n<p>Beim Computer Lab, im Broadway Building, stellt sich heraus, dass ich schon das Internet benutzen kann, selbst auf dem defekten Netbook. Das ist ja schon mal was. Die Software kann man gleich auf diesem Wege beantragen, und sie helfen mir dabei, das zu tun.<\/p>\n<p>Ich sehe, dass es hier auch einen PC-Pool gibt. Das ist wohl mit Computer Lab gemeint, eher als die Reparaturwerkstatt. Ich frage ganz vorsichtig an, ob ich den benutzen k\u00f6nne. Ja, klar, ich h\u00e4tte ja einen Ausweis. Dann frage ich auch noch ganz vorsichtig, ob sie vielleicht auch samstags ge\u00f6ffnet h\u00e4tten. Samstags? Klar, 7 Tage die Woche, 24 Stunden! Gro\u00dfe Erleichterung. Dann kann ich am Wochenden hier meine Vorbereitung machen. Es ist ja auch immer jemand da, der einem hiflt.<\/p>\n<p>Dann gehe ich zum Housing, und als ich danach frage, wie ich da hinkomme, geht das M\u00e4dchen vom Computer Lab gleich mit mir auf den Gang und zeigt auf einen Raum am anderen Ende: Da ist es! Im gleichen Geb\u00e4ude. Wunderbar. Da gibt es dann erst mal ein bisschen Verwirrung, aber am Ende taucht mein Schl\u00fcssel auf. Das Zimmer ist auch im Broadway Building, in demselben Geb\u00e4ude, aber man benutzt einen anderen Eingang.<\/p>\n<p>Mit dem Schl\u00fcssel und der Inforamtion ausgerer\u00fcstet will ich mich auf den Weg zum Hotel machen. An dem Aufzug steht aber: This elevator does not work. Please use the elevator on the first floor. Was? Da bin ich doch! Nee, da bin ich nicht. Ich bin in Amerika, und da ist first floor unten!<\/p>\n<p>Als ich dann mit meinem Koffer zum Broadway Building zur\u00fcckkomme, will sich der Aufzug nicht in Bewegung setzen. Das Zimmer ist im 7. Stock, und eine Treppe ist nicht in Sicht. Dann geht mir, im wahrsten Sinne des Wortes, ein Licht auf: Man muss den Schl\u00fcssel vor ein kleines Licht an einer elektronischen Vorrichtung halten, um den Aufzug zu aktivieren.<\/p>\n<p>Das Zimmer ist eine positive \u00dcberraschung, jedenfalls auf den ersten Blick. Es ist sehr ger\u00e4umig, hat viel Stauplatz und einen richtigen Schreibtisch. Es gibt sogar, anders als angek\u00fcndigt, einen K\u00fchlschrank und einen Herd. Dass ich keine B\u00fcgel, keinen Kessel, nicht einmal einen Teller habe, f\u00e4llt erst mal nicht ins Gewicht. Und dass es etwas muffig riecht und man das Zimmer nicht verdunkeln kann, auch noch nicht. Auch nicht, dass es au\u00dfer am Eingang und im Bad kein Licht gibt.<\/p>\n<p>Nach dem Auspacken gehe ich dann wieder ins Computer Lab und mache mich daran, die Dokumente f\u00fcr Montag zu \u00fcberarbeiten. Zur Sicherheit schicke ich alle an meine eigene Mailadresse.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">21. Juni (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Wieder werde ich mitten in der Nacht wach. Da es kein Licht gibt, gehe ich in den PC-Pool, dann wieder ins Bett.<\/p>\n<p>Dann gibt es eine kalte Dusche. Ich drehe die Kurbel einmal komplett von Rot auf Blau und dann wieder langsam in die andere Richtung. Alles umsonst. Es bleibt kalt. Dann erst, als ich schon trocken bin, f\u00e4llt der Groschen: Man kann den Hebel mehr als einmal drehen. Erst nach zwei Runden f\u00e4ngt das Wasser an, warm zu werden. Sp\u00e4ter erz\u00e4hlt mir Gai, dass es ihr genauso gegangen ist.<\/p>\n<p>Der Ausflug heute, bei bedecktem, aber trockenem Wetter, f\u00fchrt zum Columbia River, und zwar zur Columbia River Gorge, einer Schlucht, die sich der Fluss durch die Berge geschaffen hat, zwischen dem Mt Adams und dem Mt Hood. Der Columbia hatte nach dem R\u00fcckzug des Eis nach der letzten Eiszeit so viel Wasser, dass es stark genug wurde, sich durch die Berge hindurchzuzwingen.<\/p>\n<p>Als wir vor der Abfahrt zusammestehen, gibt es Diskussionen \u00fcber Unterbringung und Preise. Die alten Hasen weisen darauf hin, wie viel teurer die Miete geworden sei. Aber auch darauf, dass der Preis jetzt wohl niedriger sein wird als angek\u00fcndigt. Und das, obwohl wir im Broadway und nicht, wie angek\u00fcndigt, in Ondine untergebracht sind. Gilt als besser und ist wohl dem Einfluss von Alexander zu verdanken, der in Mails an David immer und immer wieder darauf gedr\u00e4ngt hat. Alexander ist der Macher. Er fragt auch immer wieder danach, wie das denn mit der Bezahlung sei. Und bremst mich, als ich sage, ich wolle mir einen Wasserkocher und etwas Geschirr besorgen. Das m\u00fcssten die zur Verf\u00fcgung stellen. Er werde schon mit den zust\u00e4ndigen Leuten sprechen.<\/p>\n<p>Am besten angezogen ist Chen, modernste europ\u00e4ische Freizeitkleidung bester Qualit\u00e4t. Dagegen wirken wir anderen wie in Lumpen gekleidet.<\/p>\n<p>Wir fahren \u00fcber eine Stadtautobahn und \u00fcberqueren dann einen Fluss, den Sandy. Auf einmal hat man ein v\u00f6llig anderes Bild. Natur pur. Alles ist sehr gr\u00fcn und nicht so verschieden von Zuhause wie ich mir das gedacht habe. Bei unserem ersten Halt, wo man von einem etwas erh\u00f6hten Punkt auf den Columbia runterguckt, habe ich das Gef\u00fchl, am Rhein zu sein. Und es gibt tats\u00e4chlich hier in der N\u00e4he den Ort Bingen-on-the-Columbia.<\/p>\n<p>Der ruhige Wasserlauf ist das Resultat von zwei Schleusen, beide gebaut w\u00e4hrend der Roosevelt-Zeit als Teil des New Deal, als Arbeitsbeschaffungsma\u00dfnahem. Der Fluss muss fr\u00fcher viel wilder gewesen sein und viele Stromschnellen gehabt haben. Die ersten Siedler, die hier durchkamen, mussten den Fluss nicht mit Booten befahren. Sie verluden ihr Hab und Gut und umrundeten den Mt Hood auf dem Landweg.<\/p>\n<p>Mit dem Blick auf den Fluss hinunter bekommen wir von David eine interessante Erkl\u00e4rung der geologischen Verh\u00e4ltnisse: Hier oben schiebt sich eine Platte unter die andere, dr\u00fcckt diese nach oben und setzt das hei\u00dfe, geschmolzene Material des Erdinnerns frei. Weiter unten, in Kalifornien und Mexiko, dr\u00fcckt eine Platte gegen die andere. Und bringt die Erde zum Wackeln. Daher gibt es dort Erdbeben, hier Vulkanausbr\u00fcche.<\/p>\n<p>Er selbst kann sich noch an einen Vulkanausbruch aus seiner Kindheit erinnern. Dabei war der Ort, in dem er lebte, mehr als 300 Kilometer von dem Vulkan, dem Mount St. Helens, entfernt. Aber dennoch verf\u00e4rbte sich auch da auf einmal der Himmel. Der Eindruck, wie der eine Teil des Himmels blau und der andere schwarz war, ist ihm sichtlich heute noch pr\u00e4sent. Die anderen Amerikaner konnten den Vulkanausbruch am Fernseher verfolgen!<\/p>\n<p>Durch die Schlucht, die viel weiter ist als das Wort <em>Schlucht<\/em> nahelegt, f\u00fchrte fr\u00fcher nur ein besserer Eselspfad. Dann betrat Mr Benson die B\u00fchne, eine Industrieller, der sehr auf seine Au\u00dfendarstellung bedacht war, und propagierte &#8211; und finanzierte, wenn ich das richtig verstehe &#8211; den Ausbau des Pfades zu einer richtigen Stra\u00dfe, f\u00fcr das neu aufkommende Automobil. Diese Stra\u00dfe ist jetzt ziemlich genau einhundert Jahre alt. An unserer Stelle war ein Rastplatz. Hier konnten Fahrer und die Autos eine Pause machen. Der Platz ist markiert durch einen achteckigen, tempelartigen, mit einer Laterne versehenen Pavillion im Nouveaux Art Stil. Da drin befindet sich jetzt eine kleine Informationsstelle. Drinnen gibt es B\u00fcsten von Indianern, oben, am Beginn der Laterne. Die Indianer blicken unverwandt in die Weite. Diese B\u00fcsten stammen aus der Zeit, als die Indianer in ihre Reservate vertrieben waren und sich das Bild des Indianers pl\u00f6tzlich wandelte. Der war jetzt auf einmal nobel und mysteri\u00f6s, nicht mehr wild und gemeingef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>Dann kommt der erste Wasserfall, sehr sch\u00f6n anzusehen. Man genie\u00dft den Blick und das Rauschen und die Gischt.<\/p>\n<p>Dann wiederholen sich die Wasserf\u00e4lle, und es geht einem ein bisschen so, wie ich mir eine Fahrt durch die Fjorde vorstellte: Nach dem vierten wei\u00df man nicht mehr, wie der dritte war.\u00a0 Der letzte Wasserfall, die Multnomah Falls, ist der gr\u00f6\u00dfte, aber die anderen, wie der Bridal Veil Falls, sind genauso sch\u00f6n. Der soll so aussehen wie ein Brautschleier. Der kleine Ort an dem Wasserfall unterh\u00e4lt eine eigene Poststation, da die Leute eigens hierher kommen und ihre Hochzeitseinladungen von hier aus verschicken, mit dem &#8220;passenden&#8221; Poststempel <em>Bridal Veils<\/em>.<\/p>\n<p>Zwischen den Wasserf\u00e4llen, bei einem Schild mit der Aufschrift <em>Shepperd\u2019s Dell<\/em>, kommt die Rede auf Nachnamen. Die anderen haben erkannt, dass das meinem Nachnamem \u00e4hnelt. Auf Russisch bedeutet Sch\u00e4fer so etwas wie Brautf\u00fcher, oder eher einer, der die ganze Hochzeitsgesellschaft anf\u00fchrt. Eine wichtige Aufgabe. Aber schwerer als das mit den Schafen.<\/p>\n<p>Wir sprechen ein bisschen \u00fcber die verschiedenen und doch dann wieder sehr gleichen Traditionen in der verschiedenen Sprachen. Alexanders Nachname ist von Hahn abgeleitet, und ich erw\u00e4hne unseren Nachnamen Hahn. Sein Nachname ist aber eine Verkleinerungsform. Eigentlich hei\u00dft er H\u00e4hnchen. Aber Hahn passt besser zu ihm. Und Olgas Nachname hat was mit Nase zu tun. So was wie Naseweis vielleicht.<\/p>\n<p>Beim Aufstieg zu einem der Wasserf\u00e4lle macht Jaiwanti die Bemerkung, die Natur sei \u00fcberall gleich. Ich will sofort widersprechen, aber sie zeigt auf Farn und Distel und sagt, die gebe es in Indien auch und sie s\u00e4hen genauso aus. Da muss ich klein beigeben. Auch die B\u00e4ume wirken nicht exotisch.<\/p>\n<p>Bei einem anderen Aufstieg erz\u00e4hlt er mir von den Tropfsteinh\u00f6hlen in China. Auch dort machen die F\u00fchrer den Besuchern klar, dass eine Formation wie ein Drache oder wie ein Kerzenst\u00e4nder oder wie ein Totenkopf aussehen. Aber nur bis zur Kulturellen Revolution. Danach gab es \u00fcberall nur noch Rote Garden und revolution\u00e4re Banner zu sehen.<\/p>\n<p>Die Gegend lebte fr\u00fcher in erster Linie von der Forstwirtschaft. Das war eben das, was da war. Die Baumst\u00e4mme wurden oben gef\u00e4llt und dann die Stromschnellen herunter gelassen, um m\u00fchsamen Transport zu ersparen. Die Gegend war zu einem Zeitpunkt praktisch abgeholzt, aber es wurde dann wieder systematisch aufgeforstet.<\/p>\n<p>An einem der Wasserf\u00e4lle machen wir ein Picknick. Alexander, der gerissene Stratege, hat auch schon Lehraufenthalte in Washington und in Alabama gemacht. Er schw\u00e4rmt vor allem von Alabama, wo er auch zu einer Hochzeit eingeladen war. Die Leute h\u00e4tten zwar merkw\u00fcrdige Vorstellungen von Russland &#8211; \u00fcberall laufen B\u00e4ren herum &#8211; aber das Essen&#8230;!<\/p>\n<p>In einer stillen Minute mache ich den Vorschlag, f\u00fcr David ein gemeinsames Geschenk zu besorgen und bekomme als Belohnung gleich den Auftrag, das zu erledigen. Dann aber kommt die Quertreiberin Olga. Ein Buch? Keinesfalls. Das sei viel zu pers\u00f6nlich. Damit habe sie schlechte Erfahrungen gemacht. Zum jetzigen Zeitpunkt? Viel zu fr\u00fch. Damit sollten wir bis zu unserer Abreise warten. Alexander schreitet ein und spricht ein Machtwort: Lass ihn machen.<\/p>\n<p>Dann geht es noch zu einem Wasserfall, und es wird deutlich, dass David nach Hause will, und alle merken es &#8211; au\u00dfer Olga. Die besteht darauf, dass man auch hier nach oben kraxeln soll, wo man auf einer Br\u00fccke auf halber H\u00f6he des Wasserfalls steht. David macht gute Miene zum b\u00f6sen Spiel.<\/p>\n<p>Als wir wieder in Portland sind, f\u00fchrt uns Alexander dann noch zu Safeway zum Einkaufen. Ein riesiger Einkaufsmarkt. Im Grunde aber nicht viel anders als bei uns. Auch hier packt man das Obst in Plastikbeutel, die an der Theke gewogen werden. Mitten im Supermarkt ist auch eine Apotheke. An einem Fenster mit der Aufschrift <em>Prescriptions <\/em>stehen Leute Schlange.<\/p>\n<p>Organisch, findet Alexander, solle man nicht kaufen. Das sei nur dazu da, die Preise in die H\u00f6he zu treiben. Und auch Truthahn nicht. Das sei immer Pressfleisch. H\u00e4hnchen sei besser. Er hat auch schon eine Paybackcard von Safeway, die er uns hiemlich beim Bezahlen zuschiebt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">22. Juni (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Als ich um kurz nach f\u00fcnf in Laufschuhen vor dem Geb\u00e4ude stehe, ist es schon hell. Gott sei Dank. Ich nehme zur Sicherheit Stadtplan und M\u00fcnzen mit. Es geht zum Willamette hinunter, dann am Fluss entlang, \u00fcber die Steel Bridge, an der anderen Seite entlang und \u00fcber die\u00a0 Hawthorne Bridge zur\u00fcck. Nach 50 Minuten stehe ich wieder vor dem Wohnheim. Dasselbe dann noch zweimal. Geht ganh ordentlich, aber: Ob es f\u00fcr einen Marathon reicht?<\/p>\n<p>Unten am Fluss, auf einem kleinen St\u00fcck Gras unter einem Baum zeigt sich die andere Seite des American Dream. Hier \u00fcbernachten Obdachlose, in einer gr\u00f6\u00dferen Gruppe, mit Decken oder Schlafs\u00e4cken. Auch auf den B\u00e4nken unten am Fluss schlafen welche. Als ich beim dritten Mal vorbeikomme, werden sie langsam wach.<\/p>\n<p>Die Stadt ist noch still, es gibt kaum Bewegung, nur die Stra\u00dfenbahnen und andere L\u00e4ufer sind schon unterwegs. Alle laufen schneller als ich. Ohne Ausnahme. Auch dies eine der amerikanischen Widerspr\u00fcche: All diese durchtrainierten Menschen, und dann all die, denen man das ungesunde Leben im Exzess ansieht. An der K\u00f6rperf\u00fclle, um es vornehm auszudr\u00fccken.<\/p>\n<p>Wieder im Wohnheim, sehe ich vom Fenster des Zimmers, wie auf dem Dach des benachbarten Hauses ein Auto umherkurvt. Erst auf den zweiten Blick merke ich, dass es ein Parkhaus ist.<\/p>\n<p>Danach gehe ich ins Stadtzentrum hinunter. Auch jetzt ist es noch unheimlich ruhig. Alle scheinen sich einig zu sein, dass der Tag um 10 Uhr beginnt: Museen, Gesch\u00e4fte, M\u00e4rkte. Auch der Stadtrundgang, zu dem ich will.<\/p>\n<p>Die Caf\u00e9s haben allerdings schon lange auf. Mangels Alternative gehe ich zu dem ungeliebten Starbucks. Zu dem nicht sonderlich guten Kaffee gibt es ein wunderbares, warmes Geb\u00e4ck, ein <em>morning bun<\/em>. Die Sonne ist herausgekommen, und einige sitzen sogar drau\u00dfen. Es soll der bisher sch\u00f6nste Tag in Portland werden.<\/p>\n<p>Bei der Stadtf\u00fchrung sind Amerikaner aus verschiedenen Teilen der Westk\u00fcste, von San Francisco bis Newport, vertreten und ein junges englisches Paar. Eine schlanke, kurzhaarige Frau, die wie eine Lehrerin aussieht, \u00fcbernimmt die F\u00fchrung. Sie kommt allerdings mit den Modalit\u00e4ten des Laptops nicht zurecht, mit dem die Zahlung notiert wird. Das \u00fcbernimmt eine kr\u00e4ftiger Mann mit rotem Bart. Ich hatte gehofft, er werde die F\u00fchrung \u00fcbernehmen. Souver\u00e4n bedient er das Ger\u00e4t und sagt salopp: <em>Twenny bucks<\/em>. Man kann bar bezahlen!<\/p>\n<p>Ich habe inzwischen die Erfahrung gemacht, dass ich die Amerikaner verstehe, aber sie mich nicht. In England ist das umgekehrt! Wo es genau hapert, wei\u00df ich noch nicht, aber es hat irgendetwas mit den Hintervokalen zu tun. Bei <em>coffee <\/em>und <em>hall <\/em>gibt es jedenfalls Schwierigkeiten. W\u00e4hrend der F\u00fchrung ist es aber einmal umgekehrt: Ich verstehe die F\u00fchrerin nicht. Ich werde auf eine deutsche Firma angesprochen, deren Namen ich noch nie geh\u00f6rt habe. Dann macht es klick: Adidas. Das wird hier auf der zweiten Silbe betont und klingt wie <em>adeedus<\/em>. Mir rutscht raus: <em>Ach so, Adidas<\/em>. Und die Engl\u00e4nderin nickt zustimmend. <em>Ja, Adidas. so sagen wir das auch. <\/em><\/p>\n<p>Die F\u00fchrung ist interessant, aber auch eine Propagandaveranstaltung f\u00fcr Portland. Ich habe l\u00e4ngst gemerkt, dass der Nationalismus hier durch Lokalpatriotismus ersetzt wird. Das gilt vor allem f\u00fcr alles, was mit Umwelt zu tun hat: W\u00f6rter wie <em>green<\/em>, <em>sustainablility<\/em>, <em>organic<\/em>, <em>environmentally friendly<\/em> werden einem st\u00e4ndig um die Ohren gehauen. Wegen dieses Ticks gelten die Portlander als etwas verschroben, und eine Fernsehsendung, Portlandia, macht sich lustig dar\u00fcber.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich hat man in Portland einiges bewirkt, das kann man nicht abstreiten. Dennoch fragt man sich, wie das vereinbar ist mit all den Wolkenkratzern, den dicken Autos und den allgegenw\u00e4rtigen gro\u00dfen Plastiktassen, in denen Kaffee serviert wird und die man die Stra\u00dfe rauf und runter paradiert. Und einige der gefeirten Errungenschaften sind in Mitteleuropa l\u00e4ngst Standard. Was ich allerdings noch nirgends gesehen habe, ist ein solarbetriebener Abfallbeh\u00e4lter: Der steht einfach am Stra\u00dfenrand herum und nimmt Plastikzeug auf. Und sogar im verregneten Portland schafft es die Sonne, 100% M\u00fcll auf 20% runterzufahren, und kann dann wieder 80% aufnehmen und die Gesamtmenge auf 40% reduzieren. Eine andere Kuriosit\u00e4t sind die st\u00e4dtischen Busse, die die Fahrr\u00e4der der Passierige vorne vor sich her kutschieren. Das vermeidet, dass sie den Innenraum versperren.<\/p>\n<p>Der Ausgangspunkt der Umweltbewegung war keine Ideologie, sondern Notwendigkeit: Portland war v\u00f6llig verschmutzt war und wurde von irgendeiner Beh\u00f6rde immer wieder zu Strafzahlungen verurteilt wurde, so sehr, dass angeblich sogar der Bankrott drohte. Da legte man den Hebel um und entwickelte den Downtown Plan. Erst einmal ging es darum, die Menschen aus den Vororten wieder in die Stadt zu locken. Die vielen Pendler verursachten die meiste Verschmutzung. Dann ging es darum, ein gutes Stra\u00dfenbahn- und Busnetz zu schaffen. Und Radwege anzulegen. Und dann darum, den v\u00f6llig versifften Willamette wiederzubeleben. Dazu wurde u.a. eine sechsspurige Schnellstra\u00dfe beseitigt, die den Fluss von der Stadt trennte. All das wurde mit Bravour bew\u00e4ltigt.<\/p>\n<p>Unser erster Halt ist der Pioneer Square, eigentlich Pioneer Courthouse Square. Das Gericht ist in einem alten, mit einer viereckigen Laterne bekr\u00f6nten Geb\u00e4ude untergebracht &#8211; eine Dependenz der entsprechenden Instanz in San Francisco &#8211; und ist bekannt f\u00fcr seine liberalen Urteile, aber auch bekannt daf\u00fcr, dass die immer wieder von h\u00f6heren Instanzen aufgehoben werden. Das Geb\u00e4ude hat in seiner Geschichte verschiedene Funktionen gehabt, u.a. Postamt und Schiffsbeh\u00f6rde. Aus der Zeit stammt die Laterne, von der aus man Sicht auf alle vier Seiten hat, vor allem eben auch auf den Willamette.<\/p>\n<p>Der Pioneer Square, der auf den ersten Blick nicht sondernlich spektaku\u00e4r ist, gewinnt durch die Erkl\u00e4rungen, die Dinge sichtbar machen, die vorher unsichtbar waren. Dazu geh\u00f6ren die roten Ziegelsteine, die den Boden pflastern. Jeder tr\u00e4gt einen Namen. Als man sich an die Neugestaltung des Platzes machte und Geldquellen suchte, bot man den B\u00fcrgern an, einen Ziegelstein zu kaufen. Davon machten 50.000 Leute Gebrauch, und es kam eine knappe Million Dollar zusammen. Man kann seinen eigenen Namen verwenden, aber auch einen Phantasiennamen. Deshalb sind hier auch Gott, Elvis und Mickey Mouse vertreten.<\/p>\n<p>Die Neugestaltung des Platzes war auch ein Teil des Downtown Plan. Hier stand urspr\u00fcnglich das vornehmste Hotel Portlands, das dann aber abgerissen und durch ein Parkhaus ersetzt wurde! Das vertrug sich nicht so gut mit dem neuen Ansatz. Statt den Autos sollte der Platz jetzt den Menschen dienen. Er ist jetzt Treffpunkt und Ort f\u00fcr Veranstaltungen. An mehr als 300 Tagen im Jahr ist hier etwas los, vom Bauernmarkt bis zum Popkonzert. Dazu dienen die Sitzreihen, die etwa wie in einem Amphitheater angeordnet, auf drei Seiten die niedrige Plattform umgeben, alles aus denselben Ziegelsteinen wie der ganze Platz.<\/p>\n<p>An einem Ende des Platzes ragt ein blauer Reiher aus einer S\u00e4ule heraus. Es ist eine Art Wetterfahne. Der blaue Reiher steht f\u00fcr freundlich, aber bew\u00f6lkt. Seine Kontrahenten, die bei entsprechendem Wetter zum Vorschein kommen, sind die Sonne und ein Drachen.<\/p>\n<p>Am anderen Ende des Platzes die typische Wegetafel mit Entfernungsangaben in Orte in aller Welt. Es sind entweder Partnerst\u00e4dte von Portland wie Sapporo oder Lillehammer oder Orte mit kuriosen Namen in Oregon wie Remote. Es soll in Oregon auch ein Boring geben. Das hat in Schottland eine geeignete Partnerstadt gefunden: Dull.<\/p>\n<p>Die auff\u00e4lligste Figur am Pioneer Square ist eine Bronzefigur, den typischen Portlander seiner Zeit darstellend, mit dreiteiligen Anzug und, vor allem, mit Regenschirm.<\/p>\n<p>Wir gehen runter Richtung City Hall. Auf zwei parallelen Stra\u00dfen sind in oder am Wasserbecken die typischen Tiere der Region dargestellt, darunter Schwarzb\u00e4ren und Otter.<\/p>\n<p>Dann machen wir Bekanntschaft mit den <em>Benson Bubblers<\/em>. Das sind die sch\u00f6nen, kleinen Brunnen, die ich schon am ersten Tag gesehen habe. In einer Messingschale sprudelt aus vier kleinen, wie Kerzenhalter aussehenden R\u00f6hrchen Wasser nach oben. Bestes reinstes, nicht behandeltes Trinkwasser, aus dem Columbia River Gorge kommend, wie man uns versichert. Diese Brunnen wurden auch von Benson, ebendem Unternehmer, der auch die Stra\u00dfe an die Wasserf\u00e4lle finanziert hat, bereitgestellt, mehr als zwanzig. Sie sind inzwischen hundert Jahre alt. Die Stadt hat weitere drei\u00dfig Brunnen finanziert. Man findet sie \u00fcber das ganze Stadtzentrum verteilt.<\/p>\n<p>Die City Hall befindet sich in einem alten, viktorianisch aussehenden Geb\u00e4ude, dessen einer Teil stehen blieb und dessen anderer Teil abgerissen wurde und einem modernen, genauer gesagt postmodernen Hochhaus wich, da nicht genug Platz f\u00fcr all die Verwaltungseinheiten war. Der Bau ist ein Gegenentwurf zu den modernen, meist aus Stahl und Glas bestehenden Wolkenkratzern und ist \u00e4u\u00dferst umstritten. Er hat viele Gegner und viele Bef\u00fcrworter. Vor der Fassade, etwas erh\u00f6ht, steht Portlandia, der nach der Freiheitsstatue gr\u00f6\u00dften Kupferskulptur der Welt. Die Kupferschicht ist allerdings nur so d\u00fcnn wie ein Cent, darunter ist ein Stahlk\u00f6rper. Damit die Figur nicht gr\u00fcn anl\u00e4uft, wird sie alle paar Jahre abgenommen und einer Wachskur unterzogen. Das Ergebnis ist allerdings fragw\u00fcrdig: Was fr\u00fcher goldgelb gl\u00e4nzte, ist jetzt dunkel und matt.<\/p>\n<p>Wir kommen dann auf den Broadway, der eigentlich 7th Avenue hei\u00dfen m\u00fcsste, aber in Erinnerung an alte Zeiten seinen Namen behalten hat. Eine 7th Avenue gibt es nicht. Der Name geht wohl zur\u00fcck auf eine Konzerthalle, die fr\u00fcher so hie\u00df. Heute hei\u00dft sie einfach Portland, und das gro\u00dfe, lange Neonzeichen, das wie aus den Vorkriegszeiten aussieht, zieht von weither die Blicke auf sich. Dieses Geb\u00e4ude hei\u00dft volkst\u00fcmlich The Schnitz, nach einer M\u00e4zenin, Arlene Schnitzler benannt.<\/p>\n<p>Wir gehen in ein hochmodernes Geb\u00e4ude gleich gegen\u00fcber, einem Annex des alten Theaters, das mit dem zusammen das PCPA, das Portland Center for the Performing Arts, bildet. Das Geb\u00e4ude sieht nicht\u00a0 sehr einladend aus, wartet aber mit einer spektakul\u00e4ren\u00a0 Eingangshalle auf: Die ganze, vielwinklige Wand ist mit alten Theaterlogen in moderner Ausf\u00fchrung, aus beigem Holz mit roten Einfassungen besetzt, so als w\u00fcrde man auf den gerade eintretenden Besucher herabsehen, der sozusagen auf der B\u00fchne steht. Die Halle ist bekr\u00f6nt von einer flachen Glaskuppel, in der sich das Sonnenlicht, je nach St\u00e4rke und Einfallswinkel, bricht und blaue und gelbe Streifen produziert. Sensastionell. Erst jetzt verstehe ich, dass ein Schild drau\u00dfen, das Theaterf\u00fchrungen ank\u00fcndigt, sich auf dieses Geb\u00e4ude bezeiht und nicht auf das Broadway!<\/p>\n<p>Wir kommen dann in das vertraute Universit\u00e4tsviertel. Hier, ganz in der N\u00e4he der Oregon Historical Society, in der der Portland Penny aufbewahrt wird, gibt es eine Erkl\u00e4rung zur Gr\u00fcndung und Entwicklung von Portland. Der beste Teil der F\u00fchrung.<\/p>\n<p>Portland liegt auf halber Strecke zwischen Oregon City im S\u00fcden und dem St\u00fctzpunkt der Hudson\u2018s Bay Company im Norden, an der Grenze zu Washington. Man gelangte vom einen zum anderen mit dem Boot und legte hier auf halbem Weg eine Pause ein. F\u00fcr diesen Ruheposten mitten in der Wildnis wurden ein paar B\u00e4ume gef\u00e4llt, und der Ort erhielt den Namen Clearing. Sp\u00e4ter wurden zwei Siedler, William Overturn und Asa Lovejoy, auf den Punkt aufmerksam und steckten hier ihren <em>claim <\/em>ab. Man brauchte das Land noch nicht einmal kaufen, sondern nur eine Art Verwaltungsgeb\u00fchr entrichten. Die betrug damals 25 &#8211; Cent! Daf\u00fcr bekamen sie\u00a0 knapp die H\u00e4fte der heutigen Innenstadt, s\u00fcdlich der Burnside Bridge und ihrer Verl\u00e4ngerung. Sie nannten den Ort Stumptown wegen der abgeholzten B\u00e4ume. Die gesamte Summe wurde von Lovejoy bezahlt, und Overturn zahlte seine 12,5 Cent nie zur\u00fcck. Er wurde dann aber durch den Goldrausch nach Kalifornien gelockt und verkaufte seinen Anteil &#8211; f\u00fcr 50$. Ein gutes Gesch\u00e4ft. Der K\u00e4ufer war F. W. Pettygrove, aus Portland, Maine, stammend, und der war derjenige, der mit Lovejoy, aus Boston, die M\u00fcnze warf, um den Namen der neuen Stadt festzulegen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter betrat dann ein gewisser Couch die Szene, den man, wenn man hier was gelten will, nicht wie <em>couch <\/em>ausspricht, sondern mit dem u: aus boot. Der steckte seinen Claim in Norden der Linie ab und erweiterte die Stadt um alles, was heute n\u00f6rdlich der Burnside Street liegt. Lovejoy und Pettygrove hatten ihre Stadt nach Norden ausgerichtet, und das tat auch Couch, aber statt des magnetischen Nordens entschied er, ein alter Seeb\u00e4r, sich f\u00fcr den an Sternen ausgerichteten Norden. Oder so \u00e4hnlich. Das erkl\u00e4rt, dass der Stadtplan n\u00f6rdlich der Burnside Street einen Knick hat. Die Stra\u00dfen verl\u00e4ngern sich nicht gerade nach oben, sondern stehen in einem Winkel zu denen im S\u00fcden.<\/p>\n<p>Im n\u00f6rdlichen Teil haben alle drei auch Stra\u00dfen, die nach ihnen benannt sind. Die F\u00fchrerin nennt noch ein paar weitere Stra\u00dfennamen und fragt, ob die jemandem bekannt vork\u00e4men. Nur eine kleine Chinesin aus San Francisco, die auch vorher schon alle Fragen beantworten konnte, wei\u00df die Antwort: leicht verfremdete Namen von Charakteren aus The Simpsons. Der Erfinder oder einer der Manuskriptschreiber der Serie kommt aus Portland!<\/p>\n<p>Wir gehen dann zum Fluss runter und durchqueren einen kleinen Park, in dem eine Skulptur steht, die eine dreik\u00f6pfige Familie darstellt: fr\u00fche Siedler. Der Gesichtsausdruck ist bei allen anders: der Mann hoffnungsfroh, die Frau besorgt, der Junge verwirrt. Irgendwie stellt man sich das wirklich so vor. Viele Frauen haben vermutlich ihre M\u00e4nner f\u00fcr verr\u00fcckt gehalten, sich auf so etwas einzulassen. Sp\u00e4ter lese ich in einem Museum, dass immerhin 40% der Siedler Frauen waren, mehr als ich vermutete. Die Aufstellung der Skulptur f\u00fchrte zu einer \u00f6ffentlichen Diskussion: Der Junge hat eine Bibel in der Hand. Und sofort f\u00fchlte sich wieder jemand diskriminiert. Dann sprachen die Historiker der PSU ein Machtwort: historisch glaubw\u00fcrdig. Darum geht es doch, nicht um Propaganda.<\/p>\n<p>Weiter unten kommen wir an dem hypermodernen World Trade Center vorbei. Viele bekannte Firmen, darunter Microsoft, Apple und Tiffany&#8217;s haben hier ihren Sitz oder einen Vorposten, da es in Oregon keine Sales Tax gibt. Was das genau ist, wei\u00df ich nicht. H\u00f6rt sich nach Mehrwertsteuer an, aber soll wohl noch etwas anderes sein. Au\u00dferdem ist hier das Basislager von Nike, dessen Gr\u00fcnder auch aus Portaland kommt und auf das gleiche College wie die F\u00fchrerin gegangen ist. Die meisten japanischen Autos, die in die USA eingef\u00fchrt werden, kommen \u00fcber Portland. Wenn man nach hinten auf das moderne Glasbau des World Trade Center sieht und dann nach vorne, sieht man ein Kontrastprogramm: Hier gibt es noch einige Jugendstilh\u00e4user, denen man nicht auf den ersten Blick ansieht, aus welchem Material sie gemacht sind. Wenn man aber auf den &#8220;Stein&#8221; klopft oder einen Magneten dranh\u00e4lt, wird es klar: Sie sind aus Eisen. Dann geht es runter zum Fluss, wo die Tour endet.<\/p>\n<p>Ich gehe zu Macy&#8217;s, an einer Ecke des Pioneer Square gelegen, um ein paar Besorgungen zu machen: B\u00fcgel, Lampe, Kessel, Becher stehen ganz oben auf der Liste, aber ich verlasse das Gesch\u00e4ft mit leeren H\u00e4nden. Irgendwie komme ich nicht zurecht, und die Artikel scheinen mir alle ein bisschen zu teuer. Ich w\u00fcrde jetzt so eine Art Woolworth oder Kaufhalle brauchen, um mich mit dem n\u00f6tigsten auszustatten. Macy&#8217;s, sein Hauptquartier in New York, The biggest department store in the world, ist als einer der Orte eines ber\u00fchmten Sprachexperiments bekannt. Dort wird es als Mittelklassekaufhaus eingestuft. Mir kommt es etwas besser vor.<\/p>\n<p>Am Ende habe ich Schwierigkeiten, rauszukommen. Wieder dauert es eine Weile, bis ich merke, dass ich im Aufzug First Floor dr\u00fccken muss, um wieder rauszukommen.<\/p>\n<p>Ich gehe zur\u00fcck und noch kurz \u00fcber den Farmers&#8217; Market, der gleich vor der Haust\u00fcr stattfindet. Es stellt sich allerdings heraus, dass das nicht der Markt ist, den ich gesucht habe. Das ist der Portland Saturday Market, wo es auch Kunst und Ramsch gibt. Der findet unten am Fluss statt, und am Morgen habe ich schon Leute beim Aufbauen gesehen. Aber dahin zur\u00fcck schaffe ich es nicht mehr. Also bleibe ich bei dem Bauernmarkt.<\/p>\n<p>Die St\u00e4nde sammeln sich um eine Wiese herum, mitten im Univiertel. Im Zentrum gibt es eine kleine B\u00fchne mit ein paar wenigen Sitplt\u00e4zen. In der kleinen Musikgruppe ist auch das Instrument vertreten, das als einziges dem Dudelsack den letzten Platz auf der Liste der sch\u00f6nsten Musikinstrumente streitig machen kann: das Alphorn.<\/p>\n<p>Auch hier hei\u00dft es: Go green. Es gibt Gartenprodukte, alles nat\u00fcrlich, biologisch, aus eigenem Anbau. Viel Gem\u00fcse, auch K\u00e4se und Brot und Honig, wenig Obst. Allerdings sind viele St\u00e4nde mit Beeren vertreten. Darunter die f\u00fcr die Gegend typischen Jostaberries. Sehen wie gr\u00f6\u00dfere Johannisbeeren aus. Ich nehme aber Brombeeren. Schmecken nach Westerwald und Kindheit. Und ich habe seitdem auch vermutlich keine mehr gegessen.<\/p>\n<p>Auch hier scheint mir der Anspruch ein bisschen zu hoch geh\u00e4ngt. Das Brot, das es hier gibt, gibt es in Deutschland in jeder zweiten B\u00e4ckerei. Aber f\u00fcr Amerika ist es wohl etwas Besonderes. Und trotz all der nat\u00fcrlichen Produkte und der einfachen St\u00e4nde ist die moderne Welt auch vertreten: Unter einem gr\u00fcnen Zeltdach befindet sich ein Geldautomat.<\/p>\n<p>Als ich wieder zu Hause bin, kommt eine SMS von Ann Marie mit der Frage, ob ich die Einladung ihres Mannes bekommen h\u00e4tte. Nein, habe ich nicht. Ich gehe ins Computer Lab und lese eine sehr freundliche, in ironisch antiquiertem, \u00fcbertrieben h\u00f6flichem Englisch geschriebene Mail. Der mir v\u00f6llig unbekannte Mann, bietet mir an, mich morgen unter seine Fittiche zu nehmen und mir etwas von Portland zu zeigen. Dazu sollen auch Kneipenbesuche geh\u00f6ren. Ob das das richtige ist am Tag vor dem Beginn des Seminars?<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">23. Juni (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Als ich mitten in der Nacht ins Computer Lab gehe und schnurstracks auf die Computer zu, h\u00e4lt mich das M\u00e4dchen an der Rezeption an und verlangt meinen Ausweis zu sehen. Verst\u00e4ndlich. Ich bin der einzige in dem ganzen Raum.<\/p>\n<p>Nachdem ich zwei Stunden am Computer verbracht habe, gehe ich auf das Zimmer zur\u00fcck, aber es ist noch zu dunkel zum Lesen. Das Zimmer hat nur im Eingangsbereich eine Deckenlampe, und die einzige Tischlampe, die existiert, ist defekt.<\/p>\n<p>Also gehe ich raus, aber mein Spaziergang wird gestoppt, denn in dem Moment f\u00e4ngt es an zu regnen. Ich will einen Kaffee trinken gehen, aber alles ist noch geschlossen. Also gehe ich auf das Zimmer und warte ab, bis es halb sieben ist. Dann gehe ich den begehrten Kaffee trinken.<\/p>\n<p>Am Vormittag breche ich dann zum Japanese Garden auf. Als ich schon unterwegs bin, merke ich, dass ich die Kamera vergessen habe. Als ich wieder am Aufzug stehe und den Schl\u00fcssel heraushole, f\u00e4llt sie mir aus der Tasche.<\/p>\n<p>Jetzt bleiben nur noch 45 Minuten bis zum Beginn der F\u00fchrung in dem Japanischen Garten. Alexander hatte mich gewarnt: Das ist zu weit. Dahin kann man nicht zu Fu\u00df. Aber auf der Karte sah es nicht so schlimm aus. Es geht nach Westen, und je l\u00e4nger der Weg, umso steiler geht es bergauf.<\/p>\n<p>Die ganze Gegend ist f\u00fcr die oberen Zehntausend. Gro\u00dfe Einfamilienh\u00e4user in pseudoviktorianischem Stil oder gro\u00dfe Wohnanlagen mit langen Balkonen. Ein bisschen wie die Parkallee in Monopoly.<\/p>\n<p>Es f\u00e4ngt an, zu fisseln, und langsam wird der Regen immer st\u00e4rker. Dann komme ich an den Eingang des Parks, aber hier ist der Rosengarten, nicht der Japanische Garten. Ich lege noch einmal etwas an Tempo zu, und irgendwann kommt auch ein Schild in Sicht. Das dann aber wieder verschwindet. Zwei Joggerinnen schicken mich eine steile, in Zickzackbewegungen sich hochwindende Stra\u00dfe rauf, und ich entschlie\u00dfe mich viel zu sp\u00e4t, zur\u00fcckzukehren. Die F\u00fchrung ist l\u00e4ngst gelaufen, aber ich kann mir den Garten ja immer noch selbst ansehen. Als ich wieder unten ankomme, sehe ich ein Schild und schaffe es tats\u00e4chlich bis zu dem Parkplatz des Gartens, aber der Garten selbst ist immer noch nicht in Sicht. Jetzt ist es zu sp\u00e4t, und ich muss zur\u00fcckkehren, um meine Verabredung nicht zu verpassen. Die Schilder schicken mich \u00fcber eine Schnellstra\u00dfe, auf der sogar die Amerikaner schnell fahren, in die Innenstadt zur\u00fcck, und durch Viertel, durch die ich noch nie gekommen bin. Ich sehe ein mexikanisches Restaurant mit dem Namen Mazatl\u00e1n, das sch\u00f6ne Erinnerungen weckt, und eine Arena, in der die Portland Timbers spielen. Es kommen mir auch ein paar Fans mit Schals entgegen. Spater erfahre ich, dass das die Fusballmannschaft ist. Auch hier ist die Tradition der Holzfaller im Namen bewahrt.<\/p>\n<p>Als ich wieder zu Hause bin, bin ich zwei Stunden unterwegs gewesen, v\u00f6llig durchn\u00e4sst und habe Blasen an den F\u00fc\u00dfen. Langsam habe ich den Eindruck, dass die Reise nach Portland unter einem schlechten Stern steht.<\/p>\n<p>Kurz darauf treffe ich Justin, Ann Maries Ehemann, vor dem Ondine Building. Als ich ankomme, wartet er schon. Er hat sich selbst als einen &#8220;untersetzten, aber mit einigem Wohlwollen als gutaussehend zu beschreibenden Mann&#8221; angek\u00fcndigt. K\u00f6nnte hinkommen. Er hat eine kuriose Locke, die ihm auf die Stirn f\u00e4llt. Er ist ein ganzes St\u00fcck j\u00fcnger als ich.<\/p>\n<p>Ich mache einen zaghaften Versuch, ihn zu einem Ausflug mit der Tram zu bewegen, aber er besteht auf der Kneipentour. Erstens f\u00e4hrt die Tram sonntags nicht, zweitens spricht das Wetter dagegen. Mir schwant B\u00f6ses. Mein letztes Bier habe ich vor zwei Wochen getrunken, und es ist Wochen her, dass ich zuletzt mehr als ein Fl\u00e4schchen getrunken habe. Was ich morgen nicht gebrauchen kann, ist ein Kater.<\/p>\n<p>Wir fahren in den Norden Portlands. Justin f\u00e4hrt einen Honda und tr\u00e4gt sich mit der \u00dcberlegung, einen Kia zu kaufen. Auch der Honda hat, wie Davids Dodge dieser Tage, die Schaltung am Lenkrad. Das erinnert an die Kindheit und unseren alten Isabella.<\/p>\n<p>Justin hat lange f\u00fcr die Stadt als Landschaftsarchitekt gearbeitet und arbeitet jetzt f\u00fcr die Schulbeh\u00f6rde, wenn ich das richtig verstehe. Er ist f\u00fcr Kinderg\u00e4rten und Schulen zust\u00e4ndig.<\/p>\n<p>Wir kommen in ein Viertel mit vielen, sch\u00f6nen, in einem italianisierten Stil gebauten H\u00e4usern, mit offenen s\u00e4ulenbestandene Galerien vorne. Die meisten sind aus Holz. Holz habe es hier eben immer gegeben, erkl\u00e4rt er. Im Gegensatz zu Deutschland. Gibt es in Deutschland wirklich kein Holz?<\/p>\n<p>Am Ende der Tour kommen wir auch in das Viertel, in dem er selbst wohnt, mit ganz \u00e4hnlichen H\u00e4usern. Die reihen sich auf der einen Seite der Stra\u00dfe auf. Auf der anderen Seite war urspr\u00fcnglich alles Land. Das wurde dann von der Kirche aufgekauft, von der Katholischen Kirche. Dies ist ein Katholikenviertel.<\/p>\n<p>Wir gehen insgesamt in drei Kneipen. Alle sind sich eher \u00e4hnlich, sehen irgendwie europ\u00e4isch aus. Man sitzt auf Barhockern an der Theke. Hinter der Theke und an den W\u00e4nden\u00a0 stehen Bierflaschen verschiedenster Marken oder Gl\u00e4ser aufgereiht, und am Tresen gibt es bis zu zehn Zapfh\u00e4hne, lauter Biere, die hier an Ort und Stelle gebraut werden. Da wundert man sich, dass sich das rentiert. Der Reiz besteht wohl darin, dass alles anders ist als bei den gro\u00dfen amerikanischen Marken und den Nullachtf\u00fcnfzehn-Kneipen.<\/p>\n<p>Man kann verschiedene Sorten erst in einem Probierglas testen und sich dann entscheiden. Wir probieren in der ersten Kneipe, der sch\u00f6nsten von allen, gleich drei. Alles dunklere oder dunkle Biere, und alle drei unterscheiden sich in erster Linie dadurch, dass sie mehr oder weniger an Guinness erinnern.<\/p>\n<p>In den anderen Kneipen lasse ich das mit dem Probieren dann und gehe gleich auf eine Sorte los: ein Bier mit Kaffee und ein r\u00f6tliches, das mit Roggen gebraut wird. An Originalit\u00e4t l\u00e4sst das nicht zu w\u00fcnschen \u00fcbrig. Den Kaffee schmecke ich allerdings nicht durch, das Roggenbier hat dagegen eine sehr eigenen Geschmack &#8211; nicht schlecht.<\/p>\n<p>Das Bier wird komischerweise in Unzen gemessen. Die Entscheidung f\u00e4llt mir nicht schwer: 10 Unzen, keine 20. Ich hau mir also 280 Gramm rein. Mit jedem Glas.<\/p>\n<p>In der dritten Kneipe gibt es dann noch etwas zu essen: mexikanische Nachos, auf amerikanische Essgewohnheiten abgestimmt. Es wird in einer Keramikschale serviert, und man benutzt die Nachos als Geschirr und l\u00f6ffelt sich mit denen die mit viel saurer Sahne versehene Gem\u00fcsepotpourrie in den Mund. Schmeckt gut. Und h\u00f6chste Zeit, dass ich etwas in den Magen bekomme.<\/p>\n<p>Wir unterhalten uns \u00fcber Gott und die Welt, \u00fcber italienische Z\u00fcge, amerikanisches Englisch, sein Leben an der Ostk\u00fcste, die Trierer Landesgartenschau, die Nachkriegszeit, das Zahlen mit Kreditkarte.<\/p>\n<p>Er fragt auch nach der Unterbringung im Broadway und bietet freundlicherweise an, mich mit ein paar auf dem Speicher herumliegenden Sachen wie Kessel und Becher zu versorgen. Sehr nett.<\/p>\n<p>Ich mache noch zwei interessante kulturelle Erfahrungen: In der zweiten Kneipe lege ich 10$ auf den Tresen. Die Rechnung bel\u00e4uft sich auf 7,50$. Mit einem vorschnellen Thank you gibt er den Rest, gewollt oder ungewollt, als Trinkgeld frei. Das finde ich ziemlich gro\u00dfz\u00fcgig. In Deutschland, findet er, sei man mit dem Trinkgeld immer sehr kniepig. Dass das vielleicht daran liegt, dass die Kellner vern\u00fcnftig bezahlt werden, sagt er nicht.<\/p>\n<p>Beim Bezahlen lerne ich dann auch die M\u00fcnzen kennen. Das Besondere an Ihnen ist, und das habe ich auch schon mehr als einmal zum Unterrichtsgegenstand gemacht, wenn es um Schreibsysteme geht: Sie haben keine Zahlen. Der Wert ist in Zahlw\u00f6rtern angegeben: one cent, five cent, one dime, quarter dollar. Dazu muss man erstens lesen k\u00f6nnen, zweitens Englisch und drittens dann auch noch wissen, was ein <em>dime <\/em>ist, denn so steht es auf der M\u00fcnze. Es sind zehn Cent. Die Eselsbr\u00fccke ist hier wohl, dass es etwas mit <em>Dezimal <\/em>zu tun hat. Der Cent heist umgangssprachlich <em>penny<\/em>, die F\u00fcnfcentm\u00fcnze hei\u00dft <em>nickel<\/em>. Der war fr\u00fcher aus Nickel. Die Ausnahme bei den Zahlen ist die Dollarm\u00fcnze. Auf der steht tatsachlich $1. Ebenso auf den Scheinen. Der Dollarschein ist viel verbreiteter als die Dollarm\u00fcnze. Ein Schein mit relativ geringem Geldwert, weniger als ein Euro.<\/p>\n<p>In der dritten Kneipe zahlt mein Gastgeber. Als ich gerade alleine bin, fragt mich das M\u00e4dchen hinter dem Tresen, f\u00fcr welche soziale Einrichtung wir zahlen wollten. Nicht etwa ob, sondern f\u00fcr welche. Die verschiedenen Organisationen sind hinter dem Tresen mit Firmenlogo aufgelistet. Als Justin zur\u00fcckkommt, entscheidet er sich f\u00fcr einen Kinderhilfsfonds. Die Sache ist so, dass ein Prozentsatz des Umsatzes automatisch an eine Organisation geht, und der Gast entscheidet, an welche. Saufen f\u00fcr die Kinder, sozusagen. Ob das Kunden anzieht? Schwer zu sagen, jedenfalls ist diese dritte Kneipe die am schlechtesten besuchte.<\/p>\n<p>An einem langgezogenen Geb\u00e4ude, auf das ich von meinem Zimmer heruntersehe, wird kr\u00e4ftig gearbeitet, und das Ger\u00e4usch von H\u00e4mmern dringt bis nach oben. Und das an einem hochheiligen Sonntag! Den Sonntag nicht zu ehren, ist eher eine katholische als eine protestantische Tradition. In England gibt es bis heute sonntags kein Theater und keinen Fu\u00dfball. Das scheinen die Amerikaner anders zu sehen.<\/p>\n<p>Am Abend sehe ich noch mal die Materialien f\u00fcr morgen durch und lege mir einen Schlachtplan zurecht. Und f\u00fclle noch ein Formular aus. Morgen soll auch die Social Security Card beantragt werden.<\/p>\n<p>Die Wetteraussichten f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage sind wechselhaft: mal Regen, mal Schauer. Na, wunderbar.<\/p>\n<p>Jetzt bin ich schon eine Woche hier. Ich habe das Gef\u00fchl, noch nichts gesehen oder getan zu haben.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">24. Juni (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Als ich um vier Uhr wache werde, sind es noch \u00fcber f\u00fcnf Stunden bis zum Beginn des Seminars.<\/p>\n<p>Am Morgen zeigt es sich dann, wie riskant es ist, Dinge bis zum letzten Moment warten zu lassen. Dabei geht es nur noch um das Drucken. Als ich ankomme, ist die Au\u00dfent\u00fcr noch verschlossen. Gl\u00fccklicherweise ist ein Kollege, der mir dieser Tage vorgestellt wurde, sofort zur Stelle und \u00f6ffnet mir. Es geht damit los, dass ich den Einschaltknopf am Computer nicht finde. Dann braucht der Computer gef\u00fchlte Stunden, um sich warmzulaufen und alle m\u00f6glichen Anpassungen auszuf\u00fchren. Dann erscheinen meine Dateien v\u00f6llig verunstaltet auf dem Bildschirm. Ich muss sie erst auf den PC transferieren und dann erneut \u00f6ffnen. Jetzt kann es ans Drucken gehen. Aber es tut sich nichts. Ich untersuche den Drucker, verfolge das Kabel durch den ganzen Raum und krieche unter den Schreibtisch, um die Verbindung zu pr\u00fcfen. Alles in Ordnung. Dann f\u00e4llt mir ein, dass der PC vielleicht f\u00fcr einen anderen Drucker programmiert ist. Das ist die L\u00f6sung. Jetzt kann es losgehen, erst vorsichtig mit einer Kopie, dann f\u00fcr die ganze Gruppe. Es sind insgesamt zehn Kopien. Bei einigen streikt der Drucker, weil die R\u00e4nder \u00fcberschritten sind. Das muss passiert sein, als ich die Dateien dieser Tag auf das Format Letter umgestellt habe. Dann ist auf einmal Schicht. Der Drucker druckt nicht mehr. Kein Papier mehr. In einer Schublade finde ich noch einen Restbestand. Es geht weiter. Ich bringe schon mal die ersten Stapel in den Semiarraum. Ein Gl\u00fcck, dass das Seminar hier stattfindet. Dann ist wieder Schicht. Kein Papier mehr, und unten ist noch niemand. Dann kommen schon die ersten Studenten. Wir machen uns miteinander bekannt und unterhalten uns, und als die anderen eintrudeln, kann ich noch mal schnell nach unten gehen und Papier besorgen. Gerade noch mal davon gekommen.<\/p>\n<p>Von den eigentlich vorgesehenen 12 Studenten sind nur noch 11 \u00fcbrig geblieben und es kommen dann nur 10. Die sind alle sehr helle und sehr kommunikativ. Es sind Studenten im Honours Programm, also die Besten, alle von anderen Fakult\u00e4ten: Philiosphie, Psychologie, Geographie, Englisch, Mathematik, Wirtschaftswissenschaften. Sie kennen sich auch untereinander nicht alle.<\/p>\n<p>Eine Pause wird nicht gew\u00fcnscht. Alle arbeiten konzentriert die zweieinhalb Stunden durch, obwohl ich den einen oder anderen, als es um organisatorische Fragen geht, g\u00e4hnen sehe. Kein Wunder. Bis auf einen scheinen alle auch sehr willens und sehr kooperativ zu sein. Sie stehen die ganze Zeit auch ohne Kaffee und Wasser durch. Bei uns t\u00fcrmen sich ganze Versorgungseinheiten bei einer mickrigen Klausur oder einer halbst\u00fcndigen Pr\u00fcfung.<\/p>\n<p>Am Ende wei\u00df ich nicht, ob ich erleichtert oder zufrieden sein soll. Schwer zu sagen. Der Hauptgegenstand der Diskussion sind Haltungen zur Sprache. Es geht um Sean Connery, der Gordon Brown anklagte, seiner schottischen Identit\u00e4t untreu geworden zu sein und sich sprachlich der englischen Mehrheit angepasst zu haben. Und um Sean Connery selbst, der in einem Film K\u00f6nig Richard I. mit schottischem Akzent interpretierte. Die Studenten kommen selbst darauf, dass die Anschuldigung an Gordon Brown problematisch ist, aber auch die Forderung der Gegner des Films, denenzufolge\u00a0 Richard, den sie korrekterweise als Richard L\u00f6wenherz identifizieren, im BBC-Englisch der Gegenwart sprechen sollte. Er konnte vermutlich gar kein Englisch!<\/p>\n<p>Eine Studentin berichtet, wie sie als Kellnerin in North Carolina gearbeitet hat und nach ein paar Monaten auf einmal bemerkte, wie die Sprache der Gegend auf sie abf\u00e4rbte &#8211; unwillk\u00fcrlich &#8211; und sie begann, mit einem S\u00fcdstaatenakzent zu sprechen.<\/p>\n<p>Dann gehe ich schnurstracks zum Auslandsamt der Uni, wo noch eine Unterschrift zu leisten ist. Nat\u00fcrlich stellt sich heraus, dass mal wieder ein Dokument fehlt. Auf der Flugbest\u00e4tigung fehlt die Angabe des Rechnungsdatum, auf der Rechnung wiederum fehlt die Angabe der Reisedaten. Was f\u00fcr ein Theater.<\/p>\n<p>Als das erledigt ist, mache ich mich auf den Weg zur Social Security. Es geht darum, die Social Security Card zu beantragen. Unterwegs \u00fcberf\u00e4llt mich der Hunger und ich kaufe eine Pizzazunge. 3,27. Ich z\u00e4hle m\u00fchsam mein Kleingeld zusammen und bringe es unter. Die Verk\u00e4uferin beantwortet meine Frage nach dem Geb\u00e4ude, indem sie ihr I-Phone hervorholt und in Windeseile die richtige Richtung und den Standort herausfindet.<\/p>\n<p>Dort angekommen, wird man erst mal durchleuchtet: Alles aus den Taschen nehmen. Ja, auch die Taschent\u00fccher. Alles.<\/p>\n<p>In einem langen Raum mit vielen Sitzreihen warten Dutzende von Antragstellern, ein sehr gemischtes Publikum, darunter ein Bekiffter und eine Verr\u00fcckte, die laute, unverst\u00e4ndliche Monologe h\u00e4lt und sich dann an uns wendet, um Best\u00e4tigung zu bekommen. Aber keiner protestiert oder wird ungeduldig mit ihr. Eine Frau nimmt sogar das Gespr\u00e4ch mit ihr auf. Keine Ahnung, worum es geht.<\/p>\n<p>Man hat eine Nummer gezogen, nach Kategorien geordnet, und wird dann \u00fcber Anzeige und Durchsage an einen der Schalter gerufen. Inzwischen taucht mein chinesischer Kollege auf. Er berichtet, die indische Kollegin sei wieder nach Hause geschickt worden. Es fehlte ein Dokument.<\/p>\n<p>Wir unterhalten uns \u00fcber unsere Vortr\u00e4ge und er erz\u00e4hlt mir noch, dass au\u00dfer der 8 auch die 4 eine Gl\u00fcckszahl in China ist. Wenn man kleine Portionen mit Essen serviert, macht man das oft in 4 Sch\u00e4lchen. Kurioser Kontrast zu Japan, wo die 4 eine Ungl\u00fcckszahl ist. Er best\u00e4tigt das und sagt, er habe in seiner Firma, die damals japanische Ersatzteile importierte, einen Japanischkurs gemacht. Er scheint sehr an all dem interessiert zu sein.<\/p>\n<p>Die Kontrolle ist strikt und die Wartezeit lange, aber wenn man einmal dran ist, geht alles ganz fix, genauso wie beim Konsulat in Frankfurt. Auch hier will man wieder sogar den Geburtsnamen der Mutter wissen! Der Mann am Schalter, ein in den USA geborener Chicano, ist sehr, sehr freundlich. Er fragt nach dem Kurs, zeigt sich sehr an Sprache interessiert und fragt auch, wie denn Oberhausen sei. Ich best\u00e4tige ihm, dass es eine der sch\u00f6nsten St\u00e4dte des Landes sei. Auch er macht Werbung: Der Nordwesten sei das Beste an den USA. Ich habe die eine oder andere Schwierigkeit, ihn zu verstehen, als er sich \u00fcber die Ethnien und Sprachen der Region ausl\u00e4sst. Jedenfalls glaubt ich zu verstehen, dass hinter den Bergen &#8211; ganz w\u00f6rtlich &#8211; viel mehr Schwarze und Hispanos leben als vor den Bergen. Dann merke ich, dass er, wenn es spelling sagt, Aussprache meint! Da kann man schon mal aneinander vorbeireden.<\/p>\n<p>So nennt plaudernd, hat er alle meine Unterlagen durchgesehen, und es fehlt nichts!<\/p>\n<p>Ich mache noch einmal einen Versuch bei Macy&#8217;s, ein paar Dinge f\u00fcr das Apartment zu kaufen, gebe aber auf, als ich merke, dass der billigste Becher 15$ kostet. Wer kauft das? In der ganzen Abteilung ist au\u00dfer mir kein Mensch.<\/p>\n<p>Ich laufe noch mal durch die Stra\u00dfen und versuche, eine Art Woolworth oder Kaufhalle zu finden &#8211; vergebens. \u00dcberall gibt es nur Kleidung und Essen. Irgendwie lande ich dann doch wieder bei Safeway, und da entdecke ich dann, selbst \u00fcberrascht, ein paar billige Teller und Becher und Messer und L\u00f6ffel. Sie sind spottbillig, und so verpackt, dass sie wie Keramik aussehen, sind aber aus Plastik. Macht nichts. Einen Kessel finde ich aber auch hier nicht. Wohl aber eine gro\u00dfe Keramiktasse, die tauglich f\u00fcr Backofen und Microwelle ist. Ob man die auch auf Herdplatten stellen kann? Der ersten Verk\u00e4ufer, den ich frage, sagt ganz klar ja, der zweite ich sich nicht sicher, der dritte sagt ganz klar nein. Besser nicht.<\/p>\n<p>Jedenfalls mache ich einen Gro\u00dfeinkauf. Der hat seinen Namen verdient. Den K\u00e4se, Cheddar, gibt es in einem Block von einem ganzen Kilo. Und die Butter in einem von zwei (amerikanischen) Pfund, das sind gut 900 Gramm.<\/p>\n<p>La vache qui rit hei\u00dft hier tats\u00e4chlich The laughing cow, und Meister Proper hei\u00dft Mr Clean.<\/p>\n<p>Mit einem voll bepackten Rucksack, einer der typisch amerikanischen braunen Papiert\u00fcten ohne Henkel, einem Baguette und dem Geschirr bepackt, mache ich mich auf den Weg. Alle Nase lang muss ich anhalten und alles auf den Boden stellen. Mir rutscht die Hose runter. Ausgerechnet in Amerika habe ich es geschafft, abzunehmen!<\/p>\n<p>Der Hungerkur wird dann aber zu Hause sofort ein Ende gemacht. Neben Baguette mir Butter und K\u00e4se und Salami gibt es ein burrito von dem mexikanischen Food Cart, an sich schon ein vollst\u00e4ndige Mahlzeit, eine Art mexikanische Gyros, aber ganz verpackt, mit Reis, Bohnen, Paprika, Zwiebeln drinnen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">25. Juni (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen bei der Arbeit am Computer f\u00e4llt mir auf, dass man in Deutschland bei der Suche nach einem Wort die Funktion <em>Suche<\/em> aktiviert, in Amerika <em>Find<\/em>!<\/p>\n<p>Im Unterricht geht es um englische Rechtschreibung. Die Diskussion ist eine wilde Mischung aus guten Ideen, scharfen Beobachtungen und wilden Spekulationen und allerhand Missverst\u00e4ndnissen. Das f\u00fchrt dazu, dass ich sp\u00e4ter eingreifen und eine ganze Reihe von Dingen richtigstellen muss. Das zieht sich hin, und ich sehe, wie der eine oder andere anf\u00e4ngt zu g\u00e4hnen.<\/p>\n<p>Es geht um Rechtschreibung und die Unregelm\u00e4\u00dfikeiten, aber auch Regelm\u00e4\u00dfigkeiten, der englischen Rechtschreibung. Die Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten finden sie schneller. Ich bin \u00fcberrascht, dass sie von Websters Rechtschreibreform noch nie geh\u00f6rt haben, obwohl sie den Namen nat\u00fcrlich kennen. Sie glauben, die Unterschiede in der amerikanischen Rechtschreibung w\u00e4ren darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass die Siedler es nicht so genau damit nahmen. Und das meiste nach der langen \u00dcberfahrt vergessen hatten! Oder glauben, es liege einfach an den vielen Sprachen, die sich hier vermischt haben. Wenn sie Webster nicht kennen, wissen sie nat\u00fcrlich erst recht nichts von Shaw, und Darwin und Theodore Roosevelt, die alle Rechtschreibreformen vorantreiben wollten. Wohl aber von Carnegie. Da machen sie sogar das gute Argument, dass hier die Motive wohl kaum philanthropisch waren, sondern eher vom dem Zielt der Effiziensteigerung getrieben waren.<\/p>\n<p>Mein besonderer Freund setzt sich heute in einen Sessel an der Wand statt am Tisch. Da bleibt er auch, trotz meiner freundlichen Aufforderung, sich doch zu uns zu setzen. Zwischendurch ruft er mit seinem heiseren Bass die anderen Studenten zur Ordnung. Sie sollten doch beim Thema bleiben. Er spricht mir dabei aus der Seele. Aber die Form ist nat\u00fcrlich ziemlich unangemessen. Sp\u00e4ter steht er dann unvermittelt auf und schreibt, w\u00e4hrend die Diskussion weiterl\u00e4uft, ein deutsches \u00df an die Tafel. Ich ignoriere das erst einmal und spreche ihn sp\u00e4ter darauf an, damit er erkl\u00e4ren kann, welche Bewandtnis das hat.<\/p>\n<p>Nach dem Unterricht finde ich in meinem B\u00fcro eine Lampe und einen Wasserkessel, von Ann Marie zur Verf\u00fcgung gestellt. Wunderbar! Dazu ein Auswahl an Teebeuteln. Als ich mich bedanke, fragt sie kurz nach dem Seminar, aber irgendwie kommen wir auf ihre &#8220;spanischen&#8221; Erfahrungen zu sprechen. Sie spricht, wie ich von ihrem Ehemann wei\u00df, flie\u00dfend Spanisch und hat ein Jahr in Mexiko gelebt. Jetzt erz\u00e4hlt sie mir von einer Aktion der Uni in Nicaragua, wo sie mit einer Studentengruppe geholfen haben, eine Schule aufzubauen &#8211; ganz w\u00f6rtlich, mit den H\u00e4nden, im Schwei\u00dfe ihres Angesichts.<\/p>\n<p>Am Anfang jeder Stunde bitte ich die Studenten um eine Erkl\u00e4rung einer amerikanischen Einrichtung. Das l\u00e4uft unter dem Motto &#8220;kultureller Austausch&#8221; und bringt sie zum Sprechen. Heute haben sie mir erkl\u00e4rt, wie die Summer School funktioniert. Im Grunde eine M\u00f6glichkeit, Kreditpunkte in einem kompakt angebotenen Seminar zu erwerben. Man kann das auch w\u00e4hrend des Semesters machen. Man hat, innerhalb gewisser Grenzen, die Freiheit der Wahl. Das sollten wir bei uns auch wieder einf\u00fchren. Was sie nicht erw\u00e4hnen, ist, dass sie f\u00fcr den Kurs auch eine ordentliche Summe Geld hinblechen m\u00fcssen. Das wird mir im Gespr\u00e4ch mit Ann Marie klar. Es hat sich n\u00e4mlich herausgestellt, dass nicht eine, sondern zwei Studentinnen, die auf der Liste standen, nicht gekommen sind, daf\u00fcr aber eine, die nicht auf der Liste stand. Ganz nebenbei sagt Ann Marie, das sei komisch. Schlie\u00dflich h\u00e4tten sie daf\u00fcr bezahlt.<\/p>\n<p>Die Texte, die bereit gestellt werden sollten, sind immer noch nicht verf\u00fcgbar, aber eine Studentin bietet an, den Text f\u00fcr morgen zu scannen und den anderen zu schicken. Die Kommentare, die dabei gemacht werden, lassen erkennen, dass nicht alles Gold ist, was gl\u00e4nzt. Hier scheinen ebenso viele Dinge schief zu gehen, auch bei den elektronischen Medien, wie bei uns.<\/p>\n<p>Heute geht es nach dem Unterricht zur Univeraltung. Da muss die Best\u00e4tigung von der Social Security abgegeben werden, dass man eine Social Security Card beantragt hat. Als das erledigt ist, atme ich einmal tief durch, in der Gewissheit, den letzten\u00a0 Verwaltungsakt get\u00e4tigt zu haben. Als ich nach Hause komme, habe ich Post vom Auslandsamt: Die Verwaltung habe darauf hingewiesen, dass doch noch ein weiteres Formular fehle. Wir sollten doch bitte noch mal vorbeikommen.<\/p>\n<p>Im Flur treffe ich Jaiwnati und Alexander. Es stellt sich heraus, dass sowohl Chen als auch Jaiwanti bei der Social Security unverrichteter Dinge zur\u00fcckgeschickt worden sind. Es sei noch zu fr\u00fch f\u00fcr eine Antragstellung. Da habe ich riesiges Gl\u00fcck gehabt. Eigentlich war uns gesagt worden, wir sollten zehn Tage warten bis zur Antragsstellung, dann war das zur\u00fcckgenommen worden. Bei der Verwaltung scheint es noch nicht \u00fcberall angekommen zu sein, dass man das jetzt auch sofort machen kann.<\/p>\n<p>Alexander, der nat\u00fcrlich l\u00e4ngst eine Social Security Card hat, empfiehlt uns dringend, ein Bankkonto zu er\u00f6ffnen. Sonst bek\u00e4men wir kein Geld. Bei den Unterlagen war tats\u00e4chlich ein entsprechendes Formular, aber es ist uns gesagt worden, ein Bankkonto sei nicht n\u00f6tig. Soviel zu amerikanischer Perfektion.<\/p>\n<p>Ich mache mich auf Davids Rat hin auf den Weg in ein Gesch\u00e4ft mit dem Namen Ross Dress for Less, aber es f\u00e4ngt an zu regnen und ich lande wieder einmal bei Safeway. Diesmal stelle ich mich erst bei der Information an und frage nach den Artikeln, die man hier kaufen kann. Ja, Regenschirme h\u00e4tten sie. Nein, Kleiderb\u00fcgel gebe es nicht. Als ich mit meinem Regenschirm und ein paar anderen Dingen an der Kasse stehe, sagt die Verk\u00e4uferin, die mich pudelnass vor ihr stehen sieht, der k\u00e4me wohl zu sp\u00e4t. Aber sie w\u00fcrde nicht garantieren, dass ich ihn in den n\u00e4chsten Tagen doch nicht wieder gebrauchen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Als ich dann an der Kasse durch bin, sehe ich vor mir einen Wagen mit einem Riesenangebot an &#8211; Kleiderb\u00fcgeln. Ich mache einen Gro\u00dfeinkauf.<\/p>\n<p>Zu Hause gibt es dann den ersten Tee in Portland und eine Gro\u00dfkation in Um- und Aufr\u00e4umen.<\/p>\n<p>Am Abend kommt ich, jetzt mit der Lampe ausgestattet, zum ersten Mal dazu, in Ruhe am Schreibtisch etwas zu lesen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. Juni (Mittwoch) <\/span><\/p>\n<p>Heute laufe ich den ganzen Tag mit dem neu erworbenen Regenschirm durch die Gegend. Es f\u00e4llt den ganzen Tag \u00fcber kein Tropfen.<\/p>\n<p>Ich habe inzwischen eine sehr kurzen Weg, sozusagen hintenrum, zum Honors Geb\u00e4ude gefunden. Es dauert keine zehn Minuten, bis ich da bin. Auf dem Weg passiere ich ein Sportfeld mit vielen Linien und Markierungen. Keine Ahnung, was das ist.<\/p>\n<p>Ich frage die Studenten danach und erfahre, dass es ein Feld f\u00fcr American Football ist &#8211; daf\u00fcr sind die Markierungen &#8211; aber das es f\u00fcr verschiedene Zwecke, auch Fu\u00dfball, genutzt werden kann.<\/p>\n<p>Heute geht es im Seminar um die Eskimo-W\u00f6rter f\u00fcr Schnee, die Mutter aller Legenden. Gl\u00fccklicherweise hat eine Studentin den Text f\u00fcr alle anderen gescannt und verschickt. Das System ist immer noch nicht aktiviert. Die Studenten erfassen die Sache ziemlich gut, vor allem die Geschichte des Mythos, die ein akademisches Armutszeugnis ist. Einer hat einen anderen falsch interpretiert, auf Grund nicht verifizierter Daten eine Geschichte erfunden, und alle anderen haben von ihm abgeschrieben. Nicht ganz so klar ist, jedenfalls meines Erachtens, wie man das vermeiden kann. Das meiste Wissen hat man eben aus B\u00fcchern und nicht aus eigenen Studien oder Erfahrungen, und das muss man wohl oder \u00fcbel akzeptieren. Wie soll ich \u00fcberpr\u00fcfen, wie bestimmte Dinge bei den Tarahumara versprachlicht werden? Wenn mehrere Autoren mir dasselbe sagen, bin ich geneigt, es zu glauben.<\/p>\n<p>Schwieriger f\u00fcr die Studenten ist es da schon, die Problematik des Wortes Wort zu erfassen. Aber am Ende schaffen sie es mit etwas Hilfe doch.<\/p>\n<p>Nach dem Seminar geht es dann noch mal zum Auslandsamt, um das noch fehlende Formular auszuf\u00fcllen. Ist aber keine gro\u00dfe Aktion mehr.<\/p>\n<p>Auf dem Weg sehe ich, wie ich auf Sportfeld Sportunterricht stattfindet und tats\u00e4chlich gleichzeitig Fu\u00dfballtraining und Footballtraining. Beim Fu\u00dfball gibt es ein paar Latinos mehr, und es wird sehr gepflegt gespielt, mit vielen kurzen, eleganten P\u00e4ssen. Keine Bolzerei. Der Rasen scheint Kunstrasen zu sein.<\/p>\n<p>Und dann ziehe ich los, um ein Geschenk f\u00fcr David zu besorgen. Zielgerichtet zu einem Gesch\u00e4ft mit belgischer Schokolade. Sieht im Schaufenster sehr verlockend aus. Aber die Preise sind nicht ausgezeichnet. Warum nicht, wei\u00df man, wenn man reingeht. Unbezahlbar. Das kann ich den anderen nicht zumuten.<\/p>\n<p>Also laufe ich durch die Gegend und versuche, etwas Passendes zu finden. F\u00fcr den Anfang finde ich Pralinen, aber nicht mehr. Als ich schon fast wieder zu Hause bin, komme ich an der Oregon Historical Society vorbei. Da gibt es ein paar sch\u00f6ne Mitbringsel. Und das passt auch gut zu dem Ausflug.<\/p>\n<p>Als ich zu Chens Vortrag komme und den anderen die Karte f\u00fcr David zum Unterschreiben gebe, hat Olga sofort wieder Einw\u00e4nde: Karten mit Photos von Oregon? Da lebt er doch. Da h\u00e4tte ich doch lieber welche mit Photos von Deutschland nehmen sollen. Als sie dann die Karte sieht, mit Sonnenblumen, ist das auch nicht recht: Typisch deutsch!<\/p>\n<p>Chens Vortrag ist nicht einfach zu verstehen, manchmal akustisch, manchmal inhaltlich, manchmal sprachlich. Das scheint allerdings nur mir zu gehen. Jedenfalls, wenn man die rege Beteiligung bei den Fragen nach den Vortrag zum Ma\u00dfstab nimmt. Der erste, der aufsteht und gleich zwei Fragen stellt, mit seiner hellen, lauten Stimme, ist nat\u00fcrlich Alexander. Die Karte hat er mit Alexander der Gro\u00dfe unterschrieben. Das w\u00fcrde man jedem anderen ver\u00fcbeln. Ihm nicht.<\/p>\n<p>Im Publikum sitzen viele Chinesen und Chinesischst\u00e4mmige. Der Vortrag handelt nur von Wirtschaft. Komisch, Chen war uns als Ingenieur vorgestellt worden. Jedenfalls scheint er eine interessante Karriere hinter sich zu haben. Er habe, wie er es selbst sagt, die Farben gewechselt: von Rot &#8211; Arbeiter &#8211; zu Gelb &#8211; Wirtschaftler &#8211; zu Schwarz &#8211; Akademiker.<\/p>\n<p>Anhand des Big Mac Index vergleicht er relative Preise in China und den USA. Der Big Mac selbst und viele Gebrauchsg\u00fcter sind in China billiger, Luxusg\u00fcter und Hightech teuer.<\/p>\n<p>Ein kurioses Detail steht f\u00fcr einen generellen Trend: Die Vuvuzela der WM in Afrika wurden in China produziert, aber konnten dort nicht gekauft werden. Insgesamt konstatiert er, und kritisiert es, dass die ausl\u00e4ndischen Firmen China als Produktionsst\u00e4tte und nicht als Markt nutzen.<\/p>\n<p>Die beste Figur macht er bei der Beantwortung der Fragen: gelassen, vorsichtig, kompetent. Auch bei zu erwartenden Fragen \u00fcber die Zukunft &#8211; Wo soll das alles hinf\u00fchren? &#8211; und zur sozialen Kontrolle. Er verteidigt ausdr\u00fccklich das zentralisierte System, pl\u00e4diert aber f\u00fcr eine Lockerung.<\/p>\n<p>Eine Frau fragt nach einem Kanal, den China in Nicaragua baut. Was f\u00fcr eine Funktion der habe? Den Transport von \u00d6l aus dem Nahen Osten nach China? Davon habe ich noch nie etwas geh\u00f6rt. Chen auch nicht.<\/p>\n<p>Eine andere Frau fragt sehr kritisch, warum er Hong Kong in einer Liste gesondert aufgef\u00fchrt habe. Das geh\u00f6re doch zu China. Ja, sagt er, nach chinesischer Auffassung geh\u00f6re auch Taiwan zu China, aber beide seien \u00f6konomisch autark und m\u00fcssten hier gesondert erfasst werden. Bei der Gelegenheit erfahre ich, dass Hongkong nicht den RMB benutzt, sondern den Hongkong-Dollar!<\/p>\n<p>Nach dem Vortrag stehen wir noch eine Zeitlang zusammen und sprechen \u00fcber Reiseziele. Alexander macht Werbung f\u00fcr Seattle und f\u00fcr San Francisco. Das seien die beiden St\u00e4dte hier im Westen, die man gesehen haben m\u00fcsste. Seattle k\u00f6nne man gut mit dem Zug erreichen.<\/p>\n<p>Ich gehe mit Jaiwanti zum Wohnheim zur\u00fcck. Sie wundert sich, dass es so lange hell ist. Ich wundere mich, dass sie das wundert. Ob das in Deutschland auch so sei, will sie wissen. Ja, lange Tage im Sommer, kurze im Winter. In Indien gebe es das nicht, sagt sie. Da sei es um sieben Uhr stockdunkel. Das kann ich best\u00e4tigen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">27. Juni (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Beim Laufen ist nach einer halben Runde schon Pause: Auf der Hawthorne Br\u00fccke ist eine Schranke runter, und eine lange Schlange von Radfahrern wartet darauf, dass sie wieder hoch geht. Das passiert dann auch bald. Vielleicht habe ich den Moment verpasst, wo die Br\u00fccke hochgezogen wird.<\/p>\n<p>Bei der n\u00e4chsten Runde kommt mir dann ein Radfahrer entgegen, dessen Gesicht mir irgendwie bekannt vorkommt: David. Mit Bart, Brille, kurzer Hose und Helm und einem Rucksack, in dem er vermutlich seine Berufskleidung einschlie\u00dflich Fliege transportiert.<\/p>\n<p>Zum ersten Mal achte ich auf die brav in einer Reihe den Fluss herunterschwimmenden Enten. Ihre Pr\u00e4senz scheint zu best\u00e4tigen, dass es dem Willamette besser geht.<\/p>\n<p>Heute l\u00e4uft es im Seminar etwas besser. Die Studenten sind sehr aktiv. Und es wird auch weniger geg\u00e4hnt. Ich kann einen Punkt dadurch landen, dass ich ein Wort erkl\u00e4ren kann, das sonst keiner so richtig versteht: <em>wrought<\/em>. Nicht ganz \u00fcberzeugend finden sie meinen Begriff Analogie als Motiv zum Sprachwandel und meine Erkl\u00e4rung f\u00fcr den Wandel bei like: fr\u00fcher wie jemandem gefallen, heute wie etwas m\u00f6gen, von It liked me zu I liked it.<\/p>\n<p>Nach dem Unterricht gehe ich noch mal zu Safeway. Auf dem Weg komme ich zuf\u00e4llig an einem kleinen Markt auf dem Campus vorbei. Ich gehe rein und sehe fast als erstes einen Kessel. Jetzt habe ich einen. Ich frage nach Sp\u00fclmittel, aber das ist ausgegangen. Man empfielt mir &#8211; Safeway.<\/p>\n<p>Das langsame Gehen tut mir nach der Rennerei am morgen sichtlich gut. Das Wetter wird immer besser. Es ist zwar noch sehr bew\u00f6lkt, aber warm, etwas schw\u00fcl sogar.<\/p>\n<p>Als ich bei Safeway einer Frau zeige, wo sie eine Geburtstagskarte f\u00fcr ihren Enkel finden kann, sagt sie mir: You are wonderful. Endlich mal einer, der es begreift!<\/p>\n<p>An der Kasse am Supermarkt wird man gefragt, ob man f\u00fcr eine charity aufrunden will. Da kann man schlecht nein sagen.<\/p>\n<p>Als ich dann nach Hause komme, mache ich mich erst mal ans Aufr\u00e4umen und bringe den M\u00fcll runter. Der muss getrennt werden, und es hat sich einiges angesammelt. Man muss ihn nach unten bringen, wo es verschiedene F\u00e4cher f\u00fcr verschiedene Stoffe gibt. Dort liegen auch immer wieder \u00dcberbleibsel der Einrichtung eines Ausgezogenen herum, meist in sich wild t\u00fcrmenden Bergen. Heute liegen hier zwei fast nagelneuer Koffer.<\/p>\n<p>Dann macht sich der Hunger bemerkbar. Ich habe au\u00dfer einer Apfelsine noch nichts gegessen, und jetzt merke ich, dass ich das Brot bei Safeway habe liegen lassen. Also gehe ich wieder zu einem Food Cart, diesmal zu dem indischen. Als ich vor dem Schild mit den vielen Gerichten stehe, spricht mich eine Kundin, eine junge Frau indischer Abstammung, an und fragt mich, ob sie mir etwas empfehlen k\u00f6nne. Ja, gerne. Sehr freundlich. Das nehme ich dann auch. Ein Gericht mit Fleisch, Bohnen, Kartoffeln und Reis. Man f\u00fchlt sich wie in Kuba. Dazu gibt es einen Fladen Brot. Also bin ich doch noch zu meinem Brot gekommen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">28.Juni (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Bis sieben Uhr geschlafen. Endlich den Dreh gekriegt, was die Zeitumstellung angeht. Hat tats\u00e4chlich einen Tag pro Stunde gedauert &#8211; und einen Tag als Zugabe.<\/p>\n<p>Vor dem Aufzug treffe ich Alexander mit seiner Tochter. Die ist zu Besuch. Er hat sie cleverweise schon bei seinem ersten Aufenthalt in Portland \u2013 damals hatte seine Frau, Dostojewski-Expertin, den Lehrauftrag und er reiste als Ehemann mit \u2013 hierher nachkommen und sie dann in Washington studieren lassen. Jetzt hat sie auch noch einen Abschluss von einer italienischen Universit\u00e4t. Sie sind unterwegs, weil das M\u00e4dchen nicht gut schlafen kann. Die Matratze ist zu weich. Ich finde sie auch nicht sehr bequem, aber eher zu hart. Er will ihr kurzerhand ein neues Bett kaufen \u2013 bei IKEA. Die haben eine Filiale gleich am Flughafen.<\/p>\n<p>Wir gehen ein St\u00fcck die Stra\u00dfe hinunter. Alexander bemerkt, dass die Fu\u00dfg\u00e4nger hier\u00a0 manchmal einfach die Ampel bei Rot \u00fcberqueren. Ich sage, ich t\u00e4te das auch. Blo\u00df nicht, warnt er mich. Die Polizei lauere \u00fcberall. Das sei streng verboten, und es werde \u00fcbel bestraft.<\/p>\n<p>Er dirigiert mich noch zum Service Building. Ich war von Nora ohnehin mit Adresse, Wegbeschreibung und Stadtplan ausger\u00fcstet worden, aber: umso besser. Er emphiehlt mir noch schnell den besten Eingang und geht dann seines Weges.<\/p>\n<p>Bei der Schl\u00fcsselausgabe herrscht ein f\u00fcr amerikanische Verh\u00e4ltnisse eher trockene Atmosph\u00e4re, aber ich bekomme nach einer kurzen Belehrung \u00fcber die Konsequenzen eines Verlusts die Schl\u00fcssel ausgeh\u00e4ndigt, und darauf kommts an.<\/p>\n<p>Dann fasse ich allen Mut zusammen und gehe noch mal zum Helpdesk. Mit dem Netbook und, wie ich hoffe, allen Daten ausgestattet. Dort ist man wieder ausgesucht freundlich. Ein junger Mann, der wie ein Nachkomme irischer Einwanderer aussieht, h\u00f6rt sich meine Litanei geduldig an und ist sofort bereit, die Sache direkt vor Ort in Angriff zu nehmen. Ich habe einen Ausdruck der Mail der Verwaltung mitgebracht, die mir Zugang zu neuer Software erlaubt.<\/p>\n<p>Als ich ihn frage, ob er die Maus haben will, sagt er, wie alle PC-Experten, nein. Es ist eine Finger\u00fcbung f\u00fcr ihn. Seit seinem siebten Lebensjahr habe er Umgang mit Computern. Er nimmt auch die meisten Eingaben gleich selbst vor.<\/p>\n<p>Ich bin froh, das alles hier gemacht zu haben. Alleine w\u00e4re ich an mehreren Stellen stecken geblieben. Es ist schlimm genug, dass man alle m\u00f6glichen Daten zur Verf\u00fcgung haben muss: Tefonnummer, Adresse, Code, Postleitzahl, Kreditkartendetails, Webadresse. Verschiedene davon sind bei mir ganz neu. Schlimmer ist, dass manchmal Fragen kommen, die man gar nicht versteht. Da kann er aber helfen. Als ich dann die eigenen Daten eingeben muss, wei\u00df ich nicht, welche Adresse, die deutsche oder die amerikanische. Er schl\u00e4gt die deutsche vor. Dann soll man aber beim n\u00e4chsten Schritt den Staat angeben, und es stehen nur amerikanische Bundesstaaten zur Auswahl. Also wohl doch eine amerikanische Adresse. Die vom B\u00fcro wei\u00df ich nicht, also gebe ich einfach eine ungef\u00e4hre Adresse des Wohnheims an. Das System akzeptiert sie. Dann steht auch er auf dem Schlauch. Beim Eingeben der Webadresse will das @-Zeichen nicht erscheinen. Das Problem hatte ich dieser Tage auch. Da habe ich es schon mal zuhause probiert. Die amerikanische Tastenkombination ist anders: Das @ ist an der falschen Stelle und wird mit Shift statt mit Steuerung aktiviert. Ich komme auf die erl\u00f6sende Idee, die Rechtschreibstandards zu ver\u00e4ndern, von Englisch auf Deutsch. Jetzt klappt es.<\/p>\n<p>Als ich dann meine Kreditkartenangaben gemacht habe, kann der Download beginnen. Ich frage, ob ich bis zum Ende hier warten k\u00f6nne. Kein Problem. Das dauert seine Zeit, aber die ist es mir wert. Irgendwann ist es dann soweit. Hurrah! Zur Sicherheit \u00f6ffne ich noch eine Datei von dem USB-Stick, und prompt kommt noch eine der Fragen, die man nicht versteht. Auch das erledigt er noch f\u00fcr mich. Ich k\u00f6nnte ihm um den Hals fallen!<\/p>\n<p>Ich gehe kurz am B\u00fcro vorbei und probiere die Schl\u00fcssel aus. Haust\u00fcr funktioniert, aber B\u00fcrot\u00fcr nicht. Macht nichts. Das kann mir meine gute Stimmung nicht mehr verderben. Und der wunderbare, warme Tag mit hellblauem Himmel tr\u00e4gt das seine dazu bei.<\/p>\n<p>Als ich Richtung Stadt gehe, sehe ich an einer elektronischen Anzeige 78\u00b0. Das sind 26\u00b0. Und es ist gerade mal halb elf.<\/p>\n<p>Ich beschlie\u00dfe mir, zur Feier des Tages mir etwas anzusehen. Den Chinesischen Garten. Nachdem es mit dem Japanischen Garten dieser Tage nicht geklappt hat. Aus dem Internet wei\u00df ich, dass es regelm\u00e4\u00dfig F\u00fchrungen gibt und dass der Garten in Chinatown liegt gerade au\u00dferhalb der alten, von Lovejoy und Overturn markierten Stadt liegt, in der Zone von Couch, da, wo das Stra\u00dfenraster einen Knick macht.<\/p>\n<p>Man merkt an den Laternen, dass man die Grenzen zu Chinatown erreicht hat. Der Garten liegt hinter einer geschlossenen, wei\u00dfen, nicht allzu hohen Umfassungsmauer.<\/p>\n<p>Hier ist alles sehr gediegen, sehr gepflegt. Und nicht ganz billig. Nach Eintritt und Tee mit Geb\u00e4ck im Teehaus bin ich 20$ los.<\/p>\n<p>Auf den Beginn der F\u00fchrung warte ich im Teehaus, einem der verschiedenen, niedrigen Pavilions mit den typisch geschwungenen D\u00e4chern, die man an verschiedenen Stellen des Gartens findet. Der Begriff Garten ist eher irref\u00fchrend. Es handelt sich eher um ein Haus, das Anwesen eines Aristokraten, das auch einen Garten hat.<\/p>\n<p>Zum Tee gibt es ein Geb\u00e4ck mit einer dicken Schicht aus roten Bohnen! S\u00fc\u00df. Es ist ein rundes St\u00fcck Geb\u00e4ck, das in vier gleichen Teilen serviert wird. Den Tee trinkt man aus einem winzigen, henkellosen Sch\u00e4lchen. Besteck gibt es weder zum Tee noch zum Geb\u00e4ck.<\/p>\n<p>Ich lese, dass der Name des Gartens, Lan Su Garden, eine Anspielung auf Port<span style=\"text-decoration: underline;\">lan<\/span>d und seine chinesische Partnerstadt <span style=\"text-decoration: underline;\">Su<\/span>zhou ist, wobei lan gleichzeitig das chinesische Wort f\u00fcr \u201aOrchidee\u2018 ist und su f\u00fcr \u201aErscheinen\u2018, \u201aAufkommen\u2018. Suzhou war jahrhundertelang die bl\u00fchendste, reichste und vornehmste Stadt Chinas. Sie verwendete viel Geld auf die Anlage von G\u00e4rten, von denen heute mehrere zum Weltkulturerbe der UNESCO geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Der Garten ist dem Anwesen eines reichen Chinesen und seiner Familie aus der Zeit der Ming-Dynastie nachempfunden. Er wurde mit Materialien, die zum gro\u00dfen Teil aus China eingef\u00fchrt wurden \u2013 Stein, Holz, Ziegel, Pflanzen \u2013 gebaut und im Jahre 2000 er\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Als ich mich auf den Weg zum Eingang mache, begegne ich einer Gruppe fern\u00f6stlich inspirierter amerikanischer Frauen, die, mit langsamen schwingenden Bewegungen der Arme durch den Garten wandeln. Im G\u00e4nsemarsch. Sp\u00e4ter h\u00f6re ich zwei von ihnen miteinander sprechen und erwische nur ein Wort, das Unwort aller dieser esoterischen Bewegungen: Energien. In dem Moment sendet ein \u00fcber dem Garten kreisender Hubschrauber ein Hintergrundger\u00e4usch aus der wirklichen Welt.<\/p>\n<p>Zur F\u00fchrung begr\u00fc\u00dft uns dann eine winzige, unglaublich geschmacklos gekleidete Chinesin, die zehn Minuten zu sp\u00e4t kommt \u2013 eine Amerikanerin sagt ziemlich bestimmt, es sei zehn nach zw\u00f6lf, ten after hei\u00dft das hier \u2013 was sie aber nicht zu st\u00f6ren scheint. Mit einer uns\u00e4glichen Stimme und mit einem uns\u00e4glichen Akzent redet sie eine Stunde lang ununterbrochen auf uns ein, eine einzige Werbeveranstaltung f\u00fcr China und den Lan Su Garten. Wenn wir mal wieder in einem Pavilion Halt machen, verdr\u00fccken sich immer ein paar Besucher und wir werden immer weniger.<\/p>\n<p>Es ist zwar nervt\u00f6tend, aber nicht langweilig. Immer wieder verbl\u00fcffend die chinesische Neigung zum Aberglauben. Kein Stein, keine Pflanze, keine Zahl, hinter der sich nicht irgendeine geheime Botschaft versteckt. Gleich der erste Pavilion bietet ein Beispiel. Sein Dach ist bekr\u00f6nt von zwei Drachenfischen, die die b\u00f6sen Geister drau\u00dfen halten. Etwas tiefer ein Granatapfel \u2013 der steht f\u00fcr Fruchtbarkeit \u2013 und ein Pfirsich \u2013 der steht f\u00fcr Langlebigkeit. Die Dachziegel laufen in Figuren aus, die Flederm\u00e4use darstellen sollen. Jeweils f\u00fcnf. Die stehen f\u00fcr die f\u00fcnf Segnungen: ein langes Leben, Gl\u00fcck, Gesundheit, Liebe zur Tugend, ein schmerzloser Tod. Au\u00dferdem ist <em>flu<\/em>, das chinesische Wort f\u00fcr \u201aFledermaus\u2018, gleichklingend mit dem Wort f\u00fcr \u201aGl\u00fcck\u2018. Und in der geschnitzten Paneele des Pavilions \u00fcberkreuzen sich <em>Die drei Winterfreuden<\/em>: Pflaume, Bambus, Kiefer. Die Pflaume fordert den Winter heraus und erbl\u00fcht w\u00e4hrend dieser Jahreszeit, die Kiefer bleibt den ganzen Winter \u00fcber gr\u00fcn, der Bambus beugt sich im Wintersturm, aber knickt nicht um.<\/p>\n<p>Was bei der F\u00fchrung deutlich wird, ist, dass das Konzept ganz anders ist als das des europ\u00e4ischen Gartens mit seinen geraden Pfaden. Besser gesagt, den Gartens, den sie f\u00fcr den europ\u00e4ischen Garten h\u00e4lt, des Barockgartens. Hier verlaufen die vielen Stege und Wege unregelm\u00e4\u00dfig. Man kann sich verlaufen, aber man kommt von \u00fcberall \u00fcberall hin, ganz egal, in welche Richtung man geht. Alles ist um den zentralen Teich angelegt, der kleiner ist, als er wirkt. Wchtig sind auch die Durchblicke, die es \u00fcberall gibt. Alle W\u00e4nde sind durchbrochen, die Mauern und die W\u00e4nde. Vermutlich herrscht in Suzhou ein sehr gem\u00e4\u00dfigtes Klima. In Deutschland ginge das vermutlich nicht. Man kann an jeder Stelle in alle Richtungen sehen und bekommt so den Eindruck eines unendlichen Raums.<\/p>\n<p>Jeder Pavilion ist etwas anders als jeder andere und jeder Hof auch wieder etwas anders als jeder andere. Die Pflanzen scheinen immer nur einmal vertreten zu sein. Aber das scheint nur so. Eine Regelm\u00e4\u00dfigkeit ist jedenfalls nicht zu erkennen. Es gibt Magnolien, Bambus, Gingko, Iris, Kamelien und viele andere. Alle bl\u00fchen zu unterschiedlichen Zeiten. Besonders stolz ist man auf eine gelbe Magnolie. Das ist das Nonplusultra. Bl\u00fcht leider jetzt gerade nicht. Ganz besonders ist auch ein Zitronenbaum. Auch er bl\u00fcht gelb, auch er bl\u00fcht jetzt gerade nicht, aber er unterscheidet sich von allen anderen B\u00e4umen, indem an jedem Zweig immer zwei Bl\u00e4tter, eins hinter dem anderen, wachsen.<\/p>\n<p>In einem Pavilion, der Schreibstube des Hausherrn, herrscht das Motiv des Pflaumenbaums vor. Man sieht es auf Stickereien, in der Paneele, an den Laternen und in der Inschrift an den beiden Pfeilern, einem Gedicht auf den Pflaumenbaum. Er bezieht seine besondere Bedeutung daher, dass er der erste Vorbote des Fr\u00fchlings ist und zwar, wenn ich das richtig verstehe, schon im November. Er wird oft von Eisschollen umgeben dargestellt.<\/p>\n<p>Als von der Ming-Dynastie die Rede ist, macht die F\u00fchrerin eine verr\u00e4terische Bemerkung, die gut zu dem Seminarthema von Anfang dieser Woche gepasst h\u00e4tte. Old, very old, America was not there. Na ja, das sehen die Amerikaner sicher anders. Und dann sprechen wir von Eurozentrismus.<\/p>\n<p>In einem Innenhof stehen ein paar Bonsai-Pflanzen. Die F\u00fchrerin l\u00e4sst sich die Gelegenheit nicht entgehen, darauf hinzuweisen, dass sie nat\u00fcrlich eine chinesische Erfindung sind und die Japaner nur schlappe Nachahmer. Sie f\u00fcgt g\u00f6nnerhaft hinzu: But it\u2019s okay. Es gibt einen Unterschied in der Konzeption: Die japanischen Bonsai haben ein eher k\u00fcnstliches, regelm\u00e4\u00dfiges, eindeutig von Menschenhand geformtes Aussehen, die chinesischen sehen eher nat\u00fcrlich aus \u2013 nat\u00fcrlich, ohne es zu sein. Sie imitieren B\u00e4ume, Felsen oder sogar Wasserf\u00e4lle. Die F\u00fcherin l\u00e4sst keinen Zweifel daran, welcher der beiden Konzeptionen sie den Vorzug gibt.<\/p>\n<p>Dann l\u00e4sst sie uns genauso unvermittelt stehen wie sie aufgetaucht ist, und man kann aufatmen.<\/p>\n<p>Als ich wieder in die Stadt zur\u00fcckgehe, sind wir schon bei 87\u00b0. Also bei etwas \u00fcber 30\u00b0. Ein Eselsbr\u00fccke f\u00fcr die Temperaturen ist: 61\u00b0=16\u00b0. Aber trotzdem ist man bei den meisten Angaben doch ziemlich ratlos. Ich erinnere mich, dass es fr\u00fcher eine Umrechnungsformel gab, aber die war zu kompliziert, um gut zu sein. Heute guckt man das schnell auf dem I-Phone nach \u2013 wenn man eins hat.<\/p>\n<p>Die Sache bei Herrn Fahrenheit war ein bisschen subjektiver als bei Herrn Celsius, der den Gefrierpunkt und den Siedepunkt als Referenzpunkte annahm. Das ist ganz einleuchtend. Bei Fahrenheit war es einfach ein ganz kalter Wintertag. Das war eben das untere Ende der Skala. Dadurch glaubte er, nicht unter Null gehen zu m\u00fcssen. Er war noch nie in Sibirien gewesen, denn null Grad sind gerade mal -17\u00b0. F\u00fcr das andere Ende der Skala nahm er seine K\u00f6rpertemperatur. Er muss an dem Tag aber etwas Fieber gehabt haben. Denn das sind 37,8\u00b0. Jedenfalls wei\u00df man: Wenn es 100\u00b0 ist, ist es zu hei\u00df.<\/p>\n<p>Auf dem Weg sehe ich ein ein Cafe namens Potbelly, ein Kleidungsgesch\u00e4ft namens Mens Wearhouse, das Voodoo Doughnut und ein Theater mit europ\u00e4ischer Schreibweise: Theatre. Und schlie\u00dflich ein Fischrestaurant, an einer Stra\u00dfenecke gelegen, aus dessen einer Wand die Hinterflosse herausguckt, aus der anderen der Kopf eines Fisches.<\/p>\n<p>Dann geht es noch mal ins B\u00fcro, wo ich wieder eine kulturelle Erfahrung mache: Man muss den Schl\u00fcssel nach rechts drehen, um die T\u00fcr zu \u00f6ffnen. Das ist gegen alle unsere Erwartungen. Mir ist das ein bisschen peinlich, aber sp\u00e4ter frage ich mich, warum ich dann unten zur Haust\u00fcr reingekommen bin. Ann Marie weist mich noch in ein paar technische Dinge bei der Dokumentenverwaltung und bei der Notengebung ein und sagt, sie werde in den n\u00e4chsten zwei Wochen nur sporadisch da sein: zwei Tage lang als Sch\u00f6ffin am Gericht, dann eine knappe Woche Urlaub an der K\u00fcste, mit der Familie, im Ferienhaus von Freunden.<\/p>\n<p>Dann geht es noch mal zu Safeway. Ich kaufe mir, wo schon so viel davon die Rede war, ein paar Pflaumen und leiste mir ein Sixpack mit amerikanischem Bier. Und bezahle diesmal das Brot nicht nur, sondern nehme es auch mit. Das M\u00e4dchen an der Kasse kommentiert: Das Bier der G\u00f6tter. Da habe ich ja wohl die richtige Wahl getroffen. Sie fragt mich, vorher ich k\u00e4me. Ich h\u00e4tte so einen ausl\u00e4ndischen Akzent.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">29. Juni (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Bei der Korrektur der Hausaufgaben der Trierer Studenten begegne ich am Morgen diesem Zitat: Which death is preferable to any other? The unexpected! Und wer hat das gesagt? C\u00e4sar! Er bekam, was er wollte.<\/p>\n<p>Heute steht die Besichtigung des Portland Center for the Performing Arts auf dem Programm, wo ich letzte Woche bei der Stadtf\u00fchrung gesehen habe, dass es samstags F\u00fchrungen gibt. Die beziehen sowohl das alte als auch die neuen Theater ein. Wunderbar. Zur Sicherheit noch mal im Internet nachgesehen. Ja, jeden Samstag. Als ich ankomme, hei\u00dft es: Oh nein, alle unsere F\u00fchrer sind in einer Besprechung. Heute gibt es keine F\u00fchrung. Kommen Sie am Mittwoch. Am Mittwoch habe ich Unterricht.<\/p>\n<p>Etwas unschl\u00fcssig, gehe ich zum Willamette runter. In der Innenstadt ist es merkw\u00fcrdig ruhig, unten am Fluss ist etwas mehr Bewegung. Es ist ein hei\u00dfer Tag. Trotzdem begegnen mir viele L\u00e4ufer. Alle athletisch, viele mit freiem Oberk\u00f6rper.<\/p>\n<p>Zuf\u00e4llig sehe ich das Maritime Museum, ein irref\u00fchrender Begriff f\u00fcr ein Museumsschiff, die Portland. Als ich wieder rauskomme, ist mir richtig mulmig. Dabei liegt das Schiff fest und schaukelt nur ganz leicht hin und her.<\/p>\n<p>Die Portland sieht entfernt aus, wie man sich einen Dampfer auf dem Mississippi vorstellt. Jedenfalls hat sie ein riesiges, h\u00f6lzernes Schaufelruder vorne. Holz wurde absichtlich verwendet, nicht obwohl, sondern weil es brach, wenn es auf einen Widerstand stie\u00df. Stahl h\u00e4tte ich verzogen und die anderen Schaufel beeintr\u00e4chtigt.<\/p>\n<p>Das Schiff wurde tats\u00e4chlich mit Dampf betrieben, obwohl das zu der Zeit, kurz nach dem 2. Weltkrieg, schon eine veraltete Technik war. Das Schiff diente ausschlie\u00dflich als Schleppschiff. Es brachte Frachtschiffe, aber auch Schiffe der Kriegsmarine, in den Hafen und aus dem Hafen heraus. Wenn Maritime Museum eine \u00dcbertreibung ist, scheint es mir eine Untertreibung, dass hier st\u00e4ndig von <em>boat<\/em> die Rede ist, vor allem, wenn man den Maschinenraum sieht. Die Erkl\u00e4rungen hier verstehe ich \u00fcberhaupt nicht. \u00dcberall ist von Kurbeln, Kolben und Konvertierern die Rede, aber was die alle tun, bleibt mir ein R\u00e4tsel.<\/p>\n<p>Eine interessante Entdeckung kann man aber machen. An irgendeiner Ecke h\u00e4ngt ein Gewicht, das man mittels einer Winde mit einer Hand hochziehen kann. Nicht unm\u00f6glich, aber eher schwer. Man kann das Gewicht aber auch mit einer anderen Winde hochziehen, bei der das Seil dreimal, irgendwie verwickelt, durch verschiedene Schlaufen l\u00e4uft, und es ist kinderleicht! Da ist man bass erstaunt angesichts der menschlichen Erfindergeists.<\/p>\n<p>Auf einem Photo sieht man, wie die Portland ein anderes Schiff im Schlepptau hat, nicht etwa vorne weg ziehend, wie man das bei einem Auto, sondern halb schr\u00e4g seitlich an den K\u00f6rper des Schiffs angelehnt.<\/p>\n<p>Die Begriffe verwirren etwas, denn es ist von pilot und captain die Rede. Das ist nicht dasselbe. Dann komme ich darauf, dass pilot wohl Lotse hei\u00dfen muss.<\/p>\n<p>Oben in der Kommandozentrale ist ein riesiges, rundes Ruder, wie man es aus Filmen kennt. Es w\u00fcrden zwei oder drei Mann ben\u00f6tigt, um das Ruder zu bewegen. Es diente aber hier nur als Ersatz f\u00fcr die eigentliche Lenkvorrichtung, einen metallenen Schalter.<\/p>\n<p>Oben in der Decke befindet sich eine Art Fallt\u00fcr, die beim \u00d6ffnen zu einer Art Bord wird und alle m\u00f6glichen Karten enth\u00e4lt. Fast alle anderen Vorrichtungen hier dienen der Kommunikation mit der Besatzung, auch eine ganze Menge Schalter, die aussehen, als w\u00fcrde man mit ihnen etwas in Bewegung setzen.<\/p>\n<p>Zum Abschluss sieht man Bilder aus zwei Filmen, in denen die Portland auftrat. Unglaublich, wie sie sie zurechtgemacht haben! In einem tr\u00e4gt sie ein komplettes, wei\u00dfes Ger\u00fcst aus Holzgittern au\u00dfen und hat einen weiteren Schornstein. In dem anderen Film tritt sie zu einem Rennen gegen ein anderes Schiff an.<\/p>\n<p>Wieder an Land, gehe ich am Flussufer weiter. Hinten, an der Burnside Bridge, ist der Portland Saturday Market, der auch sonntags stattfindet. Es soll einer der H\u00f6hepunkte Portlands sein. Hier ist wirklich viel Gedr\u00e4nge. Es gibt Kunsthandwerk: Keramik, Holz, Leder, Schmuck. Alles sehr geschmackvoll, aber nicht sonderlich interessant. Und es gibt nat\u00fcrlich eine Fressmeile. An deren Anfang steht wieder ein Geldautomat unter einem Minizelt. Und ein Schild mit der Aufschrift, dass hinter diesem Punkt kein Alkohol konsumiert werden darf.<\/p>\n<p>Der Markt zieht sich \u00fcber die Stra\u00dfe hin ein bisschen Richtung Innenstadt hin. Hier gibt es Accessoires wie Handtaschen und andere Dinge, die keiner braucht. Au\u00dferdem kitschige Gem\u00e4lde.<\/p>\n<p>Ich gehe etwas lustlos wieder Richtung Wohnheim und komme wieder bei Voodoo Doughnut vorbei, wo wieder eine lange Schlange steht. Was ist daran nur so verlockend?<\/p>\n<p>Bei dem sch\u00f6nen Wetter w\u00e4re der Japanische Garten eine gute Alternative, aber ich gehe stattdessen in das Oregon History Museum.<\/p>\n<p>Auf verschiedenen Etagen gibt es was zur Geschichte des Staates. Die authentischen Exponate sind meist aus der Zeit nach dem 2. Weltkrieg, der typische vorsintflutliche Fernseher, den man jetzt in allen Volkskundemuseen sieht.<\/p>\n<p>Am Eingang sieht man ein Gem\u00e4lde, auf der Staffel eines Malers, das die Landschaft Oregons, v\u00f6llig menschenleer, darstellt und daneben ein Zitat, dessen Zusammenhang mit dem Bild mir nicht klar wird, das ich mir aber trotzdem hinter die Ohren schreibe: A lazy person should never think of going to Oregon.<\/p>\n<p>Daneben gibt es Darstellungen des Emblems von Oregon, das immer wieder ver\u00e4ndert wurde und jetzt eine Mischung aus allen m\u00f6glichen Elementen ist, Adler und Zedern und Weizengarben und aufgehende Sonne und Planwagen und ankommende und auslaufende Schiffe.<\/p>\n<p>Es gibt wenige Originalexponate, das meiste sind Nachbildungen oder Darstellungen. Es geht um die Indianer und die ersten Siedler.<\/p>\n<p>Man sieht, dass, entgegen der Chinesin aus dem Chinesischen Garten, Amerika sehr wohl existierte, als in China die Ming-Dynastie regierte. Und sogar schon viel l\u00e4nger. Die ersten Besiedlungsspuren stammen aus der Eiszeit. Als die ersten europ\u00e4ischen Siedler kamen, lebten 50,000 bis 100,000 Indinaner hier, verschiedene St\u00e4mme mit verschiedenen Sprachen, die teils sogar verschiedenen Sprachfamilien angeh\u00f6rten. Die wichtigste Einheit war die Dorfgemeinschaft, obwohl es auch dar\u00fcber hinaus auch ein, meist sprachlich bedingtes, Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl gab.<\/p>\n<p>Die Indianer machten das, was alle machen. Sie bekriegten sich und trieben Handel miteinander. Die hiesigen Indianer handelten vor allem mit Lachs, Weichtieren und Obsidian, daf\u00fcr bekamen sie Projektile und Schneiden von anderen St\u00e4mmen und B\u00fcffelfell und Pferde aus dem Osten \u2013 ich dachte immer, hier h\u00e4tte es keine Pferde gegeben.<\/p>\n<p>Was hier ganz deutlich wird, ist, dass die ersten Europ\u00e4er, die nach Westen aufbrachen, keine Abenteurer waren, sondern Forscher! Es war eine von Jefferson initiierte Expedition unter der F\u00fchrung von Lewis und Clark. Was sie im Gep\u00e4ck hatten, sieht man hier: B\u00fccher \u00fcber Mineralogie, Geologie und Botanik. Jefferson hatte gehofft, dass sie einen Wasserweg finden w\u00fcrden, und er erhoffte sich von der Erschlie\u00dfung der K\u00fcste vor allem eine Aktivierung des Handels mit Japan! Wer h\u00e4tte das gedacht!<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Zug gen Westen setzte dann ein paar Jahrzehnte sp\u00e4ter ein. Jetzt kamen H\u00e4ndler, Abenteurer, Trapper, Missionare, Holzf\u00e4ller, Viehz\u00fcchter, Bergleute. Die lebten meistens vom Optimismus, von der Hoffnung auf das schnelle Geld. Meistens wurde aber sehr wenig gefunden, und da, wo viel gefunden wurde, ging das meiste nicht an die Bergleute, sondern an die Unternehmer. Man sieht hier die Ausr\u00fcstung dieser Bergleute. Sie unterscheidet sich nicht richtig von der unserer Bergleute im Kohlerevier. Es gibt aber wohl das Modell einer Maschine, die merkw\u00fcrdig aussieht. Es ist eine Maschine zum Zerstampfen des Eisenerzes. Das musste man machen, wenn man Nickel gewinnen wollte. Und davon gab es reichlich. Es gibt hier in Oregon sogar einen Berg, der Nickel Mountain hei\u00dft.<\/p>\n<p>Zwischen 1825 und 1855 kamen vier Millionen Siedler hierher in den Westen. In Zeitungen und Anleitungen wurden Ratschl\u00e4ge ver\u00f6fftentlicht, was man mitnehmen solle, vor allem Werkzeug, Waffen, Bohnen, getrocknete Fr\u00fcchte und gute Schuhe. Man f\u00fchlt bei all den Ausstellungsgegenst\u00e4nden \u2013 es gibt Nachbildungen der typischen geschlossenen Pferdekarren und des Habs und Guts \u2013 fast ein bisschen die Aufbruchstimmung miterleben. Und sieht die kleineren und mittleren Katastrophen. Einer reiste mit zwei Bienenk\u00f6rben, und die fielen beim \u00dcberqueren eines Flusses ins Wasser! Viele nahmen auch H\u00fchner mit, die in der ersten Zeit Eier legen sollten und dann irgendwann gebraten wurden. Wie muss es sich angef\u00fchlt haben, wenn die auf einmal weg waren und man das Ziel noch nicht erreicht hatte!<\/p>\n<p>Am Ausgang des Museums gibt es dann den ber\u00fchmten Portland Penny. Wenn er es denn wirklich ist, aber das will man gerne glauben. Es ist nat\u00fcrlich nur ein mickriger Penny, sonst nichts. Auf der Vorderseite sieht man das Abbild einer Frau mit Zopf. Keine Ahnung, wen sie darstellt. Sie wurde 1835 gepr\u00e4gt und spielte dann in dem Losentscheid 1843 die Hauptrolle.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">30. Juni (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Letzte Gelegenheit f\u00fcr ein \u201eernsthaftes\u201c Training vor dem Marathon am Donnerstag. Wieder drehe ich drei Runden am Fluss entlang, dazu geht drei mal die Park Avenue rauf und runter. Um sieben Uhr sind es schon 20\u00b0, um acht Uhr schon 22\u00b0. Ich bin Herrn Benson wirklich dankbar f\u00fcr die Benson Bubblers, denn es ist, trotz des fr\u00fchen Starts, warm und trocken, und am Ende richte ich die Route so aus, dass ich m\u00f6glichst oft an einem der Brunnen vorbei komme. Als am Ende das nichts sehr einnehmend aussehende Wohnheim in Sicht kommt, erscheint es mir wie eine Erl\u00f6sung.<\/p>\n<p>Diesmal bleibe ich an den roten Ampeln immer brav stehen. Man muss sich bremsen, nicht r\u00fcberzugehen, wenn weit und breit kein Auto da ist, aber versteckt sieht man immer wieder, auch um sieben Uhr schon, Polizisten in ihren eleganten, wei\u00dfen Autos an Stra\u00dfenecken stehen, und hin und wieder tauchen sie heimlich, still und leise hinter einem auf.<\/p>\n<p>Danach versuche ich, im Internet einen Waschsalon ausfindig zu machen, aber die sind alle au\u00dferhalb des Zentrums. Erst dann f\u00e4llt es mir ein, mal hier im Wohnheim nachzufragen. Da gibt es eine Anlaufstelle, die auch sonntags ge\u00f6ffnet hat. Es gibt nicht nur einen, es gibt sogar einen auf der gleichen Etage! Man muss sich erst eine Karte besorgen, die gibt es nebenan, im Ondine, und wie das mit dem Waschpulver ist, wei\u00df die junge Frau auch nicht. Da sehe ich erst mal nach. Das Waschpulver muss man mitbringen. Also geht es auf zum Minimarkt, aber dem ist das Zeug mal wieder ausgegangen. Also geht es wieder zu Safeway, die nat\u00fcrlich auch am Sonntag ge\u00f6ffnet haben. Es gibt sogar ungew\u00f6hnlich lange Schlangen, und ich stehe mit meinem riesigen Waschmittelbeh\u00e4lter als einzigem Artikel ziemlich verloren da.<\/p>\n<p>Danach geht es zum Ondine, um die Karte zu kaufen. Alles geht automatisch. Hier muss man ausnahmsweise Bargeld haben, Geldscheine, aber nur ab 5$. Da hab ich Gl\u00fcck, die Maschine erkl\u00e4rt mir auf einem kleinen Display jeden Schritt.<\/p>\n<p>Im Waschsalon gilt es auch, die Instruktionen zu verstehen. Auch das ist nicht schwer, nur finde ich es etwas komisch, dass man das Waschmittel direkt in die Trommel f\u00fcllt. Aber wird schon richtig sein.<\/p>\n<p>Danach muss ich mich ernsthaft an die Unterrichtsvorbereitung machen. Es ist eine Sache offen, die die Studenten nicht verstanden haben. Aber ich gebe mich noch nicht geschlagen.<\/p>\n<p>Ich finde es immer noch in Portland erstaunlich ruhig. Die Stadt hat immerhin mehr als 500,000 Einwohner. Wo sind die alle? Krach machen nur die Polizeiwagen mit Martinshorn.<\/p>\n<p>Jetzt bin ich schon zwei Wochen hier. Und immer noch nicht in Powell\u2019s World of Books gewesen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1. Juli (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Das Warten an der Fu\u00dfg\u00e4ngerampel wird einem hier leicht gemacht: Es dauert nie lange. Heute morgen ist es aber ganz anders. Ich bin auf dem Weg zu einer Reinigung. Die Adresse habe ich im Internet gefunden. Die Reinigung ist nicht weit vom Broadway Building, aber liegt gerade au\u00dferhalb der Innenstadt, und man muss eine Schnellstra\u00dfe \u00fcberqueren. Nachdem ich Gott wei\u00df wie lange an der Ampel stehe und immer wieder neue Kolonnen von Autos aus verschiedenen Richtungen an mir vor\u00fcberfahren, merke ich, dass es hier ausnahmsweise einen Schaltknopf gibt, den man bet\u00e4tigen muss, ganz wie zu Hause. In den ersten Tagen hier habe ich den immer vergeblich gesucht.<\/p>\n<p>Die Reinigung ist von 6.30 bis 6.30 ge\u00f6ffnet, und auch hier ist man wieder sehr freundlich.<\/p>\n<p>Wegen des fr\u00fchen Aufbruchs bin ich fast zwei Stunden vor Seminarbeginn im B\u00fcro. Heute kommt ein Gasth\u00f6rer, um sich den Unterricht anzusehen.<\/p>\n<p>Nach dem Seminar geht es zur Post. Da bin ich schon mal vorbeigekommen, aber ich wei\u00df nicht mehr, wann. Als ich sie dann finde, wei\u00df ich wieder, wann: auf dem Weg zum Chinesischen Garten. Sie ist gleich vor Chinatown.<\/p>\n<p>Hier sieht alles sehr altmodisch aus. Und man muss sich in eine lange Schlange stellen. Aber der Mann hinter dem Schalter, der wie eine Mischung aus Zuh\u00e4lter und Zweitligaprofi aussieht, ist ein Wunder an Effizienz und Freundlichkeit. Er erledigt jeden Auftrag in Windeseile, dabei haben die meisten nicht nur Briefmarken im Sinn, wie ich. Und dann bedankt er sich auch noch bei jedem f\u00fcr die Geduld.<\/p>\n<p>Die Briefmarken haben keine Wertangabe, k\u00f6nnen also unabh\u00e4ngig von Preissteigerungen weiter benutzt werden. Und sie sind rund. Sie stellen den Erdball dar. Das ist wohl der Hinweis daf\u00fcr, dass sie f\u00fcr alle L\u00e4nder gelten. Eine kostet 1,10 $. Das das ist ungef\u00e4hr wie bei uns.<\/p>\n<p>Von dem Schild US Postal Service wird sofort ein Photo gemacht. Das geh\u00f6rt zu der Kuriosit\u00e4tensammlung beim Thema Britisches und Amerikanisches Englisch: Der Mailman bring die mail und arbeitet f\u00fcr den US Post Service, der postman bringt die post und arbeitet f\u00fcr die Royal Mail.<\/p>\n<p>Ich mache dann noch einen Versuch, den Japanischen Garten zu besichtigen. Da ich jetzt schon einmal hier unten bin, gehe ich sozusagen au\u00dfen rum. Diesmal habe ich viel mehr Zeit, aber dann wird es doch noch knapp, durch die vielen Steigungen und den riesigen Park bedingt. Und dann geht es ganz zum Schluss noch einen steilen, gewundenen Pfad hoch. Vom Parkplatz aus gibt es dahin sogar einen Pendelbus. Jetzt verstehe ich, warum ich dieser Tage den Parkplatz, aber nicht den Garten gefunden habe. Als ich endlich ankomme, bin ich richtig ersch\u00f6pft und total durchgeschwitzt.<\/p>\n<p>Der Chinesische Garten von Portlands ist \u201eder authentischste Chinesische Garten au\u00dferhalb Chinas\u201c. Der eigenen Beschreibung zufolge. Das lassen sich die Japaner nicht lumpen. Der Japanische Garten Portlands, hei\u00dft es, sei \u201eder authentischste Japanische Garten au\u00dferhalb Japans\u201c.<\/p>\n<p>Die spindeld\u00fcrre, stark geschminkte Japanerin, die uns durch den Garten f\u00fchrt, ist eine \u00dcberzeugungst\u00e4terin. Sie ist zwar zu h\u00f6flich, das zu sagen, aber zwischen den Zeilen merkt man auch hier, wie wenig wir Europ\u00e4er doch von Gartenkunst verstehen. Sie gibt aber zwischendurch zu, dass man einiges der chinesischen Tradition verdankt. Die Interpretation ist aber manchmal an den Haaren herbeigezogen. Den Japanischen Garten lese man, wie eine Bildrolle, die man langsam entfaltet, von einer Seite zur anderen. Gerade hier, wo wir stehen, will mir nicht einleuchten, ob man das nicht auch von der anderen Seite aus lesen k\u00f6nnte. Und ob diese Lesart tats\u00e4chlich zwingend ist. Und ob man diese Lesart nicht auch f\u00fcr einen europ\u00e4ischen Garten anwenden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Erst glaube ich, falsch verstanden zu haben, aber dann wird es deutlich, dass sie ernsthaft behauptet, Japanische G\u00e4rten reflektierten den Wandel der Jahreszeiten, w\u00e4hrend europ\u00e4ische immer gleich auss\u00e4hen. Erst hatte ich geglaubt, sie meine es umgekehrt.<\/p>\n<p>Ganz besonders betont werden immer wieder die Asymmetrie und das Bestreben, die Natur zu beschneiden und sie trotzdem nat\u00fcrlich aussehen zu lassen. Wir sehen gleich am Eingang verschiedene B\u00e4ume, die 30 Meter hoch w\u00e4ren, wenn man sie wachsen lie\u00dfe, aber nur mannshoch sind. Die Pfosten einer Laube, die aus Eisen sind, sehen dagegen so aus, als w\u00e4ren sie Baumst\u00e4mme.<\/p>\n<p>Der Garten ist 50 Jahre alt und enth\u00e4lt wiederum f\u00fcnf G\u00e4rten, die die japanische Gartentradition verschiedener Epochen wiederspiegeln.<\/p>\n<p>Auch hier regiert die Zahlenmagie und die Symbolik. Eine steinernde Pagode hat f\u00fcnf Stufen und das, so hei\u00dft es, stehe f\u00fcr die 5 Sinne, f\u00fcr die 5 Prim\u00e4rfarben und f\u00fcr die 5 Himmelsrichtungen. Bei denen ist das Zentrum die f\u00fcnfte. Bei den Prim\u00e4rfarben bin ich mir nicht sicher. Ob Schwarz und Wei\u00df dazugez\u00e4hlt werden?<\/p>\n<p>Die Pagode wurde in Sapporo, Portlands Partnerstadt, gefertigt. Sie steht auf einem Stein, der die Insel Hokkaido darstellt. Ein roter Stein steht f\u00fcr Sapporo.<\/p>\n<p>Eine interessante Symbolik vertritt ein Garten, in dem geb\u00e4ndigte Str\u00e4ucher und B\u00fcsche eine chinesische Landschaft en miniature darstellen. Dieser Garten stammt aus der Zeit des Langen Friedens, die auch eine Zeit der Immobilit\u00e4t und des mangelnden Wohlstands war. Man holte sich deshalb andere Landschaften, auch andere Landschaften Japans, nach Hause.<\/p>\n<p>Zwischen den G\u00e4rten steht ein Stein mit einem Haiku, der bei einem japanischen Dichter in Auftrag gegeben wurde. Statt, wie erwartet, ein Blatt Papier zu schicken, schickte der einen Stein.<\/p>\n<p>Der Stein ist das wichtigste Grundelement des Japanischen Gartens, erf\u00e4hrt man. Wenn man es beengt hat, kann man zur Not auch einen Garten anlegen, der nur aus zwei Steinen besteht. Die beiden anderen Grundelemente sind Wasser und Pflanzen. Das Wasser ist auch bei den typischen Kieselsteing\u00e4rten vertreten, obwohl man weit und breit kein Wasser sieht. Es sind die Furchen in den Kieselsteinen, die die Wellen des Wassers darstellen.<\/p>\n<p>Der Japanische Garten befindet sich auf einem Teil des ehemaligen Zoo-Gel\u00e4ndes und ist ganz von dem sch\u00f6nen, amerikanischen Park eingefasst mit seinen hohen B\u00e4umen und seiner unkontrollierten Vegetation, ein sch\u00f6ner Kontrast. Den Japanern macht das nichts, im Gegenteil, die geborgte Landschaft ist Teil des Konzepts.<\/p>\n<p>Auch hier verschwinden w\u00e4hrend der F\u00fchrung immer mehr der G\u00e4ste, und am Ende sind wir nur noch eine Handvoll. Von dem letzten Garten aus hat man einen direkten Blick auf den schneebedeckten Mt. Hood. Wirklich bemerkenswert bei diesen Temperaturen. Auch den haben die Japaner sich ausgeliehen.<\/p>\n<p>Dann steht mir noch der erm\u00fcdende R\u00fcckweg bevor, diesmal innen rum. Ich komme an der Korean Church vorbei, an der Lutheran Church, an der Sixth Church of Christ Scientist (Was mag das nur sein?) und an der Congregational Church. Deren Motto ist: <em>Our faith is 2,000 years old but our thinking is not!<\/em> Irgendwo habe ich in einer Statistik gelesen, dass zwar 51% der Amerikaner Protestanten sind, aber nur 5% Lutheraner.<\/p>\n<p>Wie soll man sich in den letzten Tagen vor dem Marathon ern\u00e4hren? Die einen sagen Pasta, die anderen Kartoffeln, wieder andere Steaks. Letztlich wahrscheinlich nicht so wichtig. Ich esse eine Pizza aus dem Pizzaladen hier in der N\u00e4he.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">2. Juli (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Nach dem Seminar geht es zu Foot Traffic, zum Abholen der Unterlagen f\u00fcr den Lauf. Der Pendelbus f\u00e4hrt am Morgen ab 5 Uhr von einer Stelle am entegegengesetzten Ende der Innenstadt ab und bringt uns auf die Insel, Sauvie Island. Ich werde also ein Taxi nehmen m\u00fcssen, um zu dem Bus zu kommen, der mich dahin bringt, wo ich laufen soll. Absurd. Wir Menschen sind verr\u00fcckt. Duschen gibt es auf der Insel nicht, aber ein Aufpassservice f\u00fcr die Klamotten.<\/p>\n<p>Jetzt m\u00fcsste eigentlich die Vernunft sprechen und mir eindringlich sagen, ich solle nach Hause gehen und die Beine hochlegen. Aber nein, statt dessen mache ich mich auf den Weg zur Aerial Tram, der Gondelbahn, die einen auf irgendeinen Berg bringt. Eine in jeder Beziehung bekloppte Entscheidung. Ich lande zwar zuerst an einem sch\u00f6nen Jachthafen mit einer Promenade mit Stra\u00dfencafes und Kneipen, aber das ist die Aerial Tram nicht. Statt dessen werde ich in eine unwirtliche Gegend mit riesigen Baustellen und einem Spaghettiknoten von drei Ebenen geschickt. Hier wird gerade die vierte Ebene gebaut, und etwas weiter eine Halle, die wie eine Flugzeughalle aussieht. Nichts ist zu finden, nichts ist ausgeschildert, nichts ist zu sehen, und die Leute aus der Nachbarschaft kennen das Ding auch nicht, jedenfalls nicht unter dem Namen Aerial Tram. Dabei m\u00fcsste man die ja einfach sehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Als ich dann doch noch hinkomme, stellt sich heraus, dass die Fahrt vielleicht zwei Minuten dauert, absolut unspektakul\u00e4r ist und nicht zu einer sch\u00f6nen Aussichtsplattform f\u00fchrt, sondern mitten in ein \u2013 Krankenhaus.<\/p>\n<p>Da will ich nur noch raus. Auf dem anderen Weg geht es zur\u00fcck, bis ich erm\u00fcdet an einer Bushaltestelle warte, um in die Innenstadt zur\u00fcckzukommen. Der Bus f\u00e4hrt direkt am Broadway Building vorbei, aber ich bin nicht schnell genug, um den Halt anzufordern und muss dann noch ein gutes St\u00fcck zur\u00fccklaufen. Am Ende belohne ich mich mit Pasta, die einem Brotring serviert wird. Noch nie probiert.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">3. Juli (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Die M\u00fcllabfuhr kommt um vier Uhr morgens, dem Anschein nach jeden Tag, und macht nachts den Krach, den die anderen tags\u00fcber nicht machen. Das gibt es nur die Polizei mit ihrem uns\u00e4glichen Martinshorn. Die aber daf\u00fcr umso \u00f6fter.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Seminar h\u00f6re ich ein lautes, anhaltendes Hupen. Irgendein Autofahrer hat sich \u00fcber einen anderen aufgeregt. Das ist das erste Mal in den ganzen zwei Wochen, dass ich so etwas h\u00f6re, vielleicht sogar das erste Hupen \u00fcberhaupt. Die Autofahrer sind so r\u00fccksichtsvoll, dass es einem schon fast peinlich ist. Man braucht nur so zu gucken, als wolle man in absehrbarer Zeit die Stra\u00dfe \u00fcberqueren, und schon bleiben ganze Kolonnen von Autos stehen.<\/p>\n<p>Nach dem Seminar gehe ich zur Reinigung, wo man sich wieder an Freundlichkeit \u00fcbertrifft. First-time customer? Und schon bekommt man etwas abgezogen. Aus 22 $ werden 15,50 $. Das nenne ich einen Diskount. Eine freundliche und gleichzeitig clevere Geste. Ich habe jedenfalls keinen Anlass, eine andere Reinigung zu suchen.<\/p>\n<p>Dann gehe ich noch nach Safeway. Der Einkauf ist ganz auf morgen ausgerichtet. Wenn ich vom Lauf wieder zur\u00fcck bin. Da soll es an nichts fehlen.<\/p>\n<p>Bei Safeway gibt es rot-wei\u00df-blaue Blumenstr\u00e4u\u00dfe in patriotischem Papier. Bei den blauen Blumen hat man allerdings gekniept. Die sind wohl teurer als die anderen. Hat nicht mal jemand gesagt, Blau komme in der Natur so gut wie nicht vor?<\/p>\n<p>Auch, wenn ich heute gar nichts mache, habe ich immer noch schwere Beine von der ganzen Rennerei der letzten Tage. Keine kluge Strategie. Der Muskelkater d\u00fcrfte aber bis morgen fr\u00fch ganz verschwunden sein.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">4. Juli (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Ist er aber nicht. In den Oberschenkeln ist er immer noch da. Ich habe dieser Tage wohl ordentlich trainiert.<\/p>\n<p>Was isst man vor einem Lauf, der um 6.30 startet? Man braucht ordentlich was f\u00fcr den Lauf, aber es darf auch nicht schwer im Magen liegen. Und um 4.30 hat man auch nicht so richtig Lust auf eine volle Mahlzeit. Also gibt es doch nur ein bisschen Obst.<\/p>\n<p>Der Taxifahrer ist \u00fcberp\u00fcnktlich. Er nimmt die Stadtautobahn, und ich f\u00fcrchte schon, dass er mich zu der falschen Silver Crown Inn bringt, dem Punkt, wo die Busse abfahren. Tut er aber nicht.<\/p>\n<p>An der Silver Crown Inn warten schon die Busse, wunderbare, alte Schulbusse, riesenlange Kisten, die uns zu Sauvie Island bringen. Neben mir sitzt eine junge Frau aus Illinois. Als wir auf die Br\u00fccke zukommen, die auf die Insel f\u00fchrt und ich eine entsprechende Bemerkung mache, wundert sie sich: Is that the island. \u2013 Yes, I think so, it is a river island, isn\u2019t it? Sie kennt sich noch schlechter aus als ich, ist aber das Opfer derselben sprachlichen Verwirrung wie ich es war: Bei Insel denkt man automatisch an Meer. Aber das kann es hier nicht sein, weil das Meer nicht in 15 Minuten von Portland aus zu erreichen ist. Trotzdem habe ich erst geschaltet, als ich den Begriff river island dann auch tats\u00e4chlich geh\u00f6rt habe.<\/p>\n<p>Die Frau l\u00e4uft, zusammen mit ihrer Schwester, den Halbmarathon. F\u00fcr den gibt es 2,500 Anmeldungen, f\u00fcr den Marathon 550.<\/p>\n<p>Unterwegs sehe ich ein Schild, das den Ort angibt, zu dem man kommt, wenn man links abbiegt: Germantown. Ist ja vielleicht ein gutes Zeichen.<\/p>\n<p>Wir kommen an ein paar abgem\u00e4hten Heufeldern vorbei. Das Heu wird hier in l\u00e4nglichen Stapeln, die wie die Sockel von Monumenten aussehen, zum Trocknen ausgelegt.<\/p>\n<p>Auf einem Feld stehen schon ganze Reihe von parkenden Autos. Dann kommen wir auf einen Platz, auf dem verschiedene Scheunen stehen, die zu Gesch\u00e4ften und St\u00e4nden umfunktioniert worden sind, heute ganz auf den den Foot Traffic Flat ausgerichtet. Dazwischen alle m\u00f6glichen St\u00e4nde mit Informationen und Verkauf zum Laufsport.<\/p>\n<p>Es bleibt noch eine Stunde bis zum Start, und es ist ganz sch\u00f6n kalt. Damit hatte ich nicht gerechnet. Es ist etwa die Zeit, wo ich dieser Tage losgelaufen bin, aber vielleicht ist es auf der Insel einfach k\u00e4lter.<\/p>\n<p>Vor dem Start habe ich, wie immer, das Gef\u00fchl, dass alle anderen schlanker, sportlicher und j\u00fcnger sind, einmal pro Woche in die Muckibude gehen, sich gesund ern\u00e4hren und sich seit Monaten systematisch auf den Marathon vorbereiten. Gott sei Dank t\u00e4uscht der Eindruck.<\/p>\n<p>Es gibt sogar extra einen Sockel, auf dem man sich die Schub\u00e4nder zubinden kann: Before the races, check your laces.<\/p>\n<p>Alles geht sehr dezent zu. Vor dem Start singt ein elfj\u00e4hriges M\u00e4dchen eine patriotische Hymne, der alle ganz gebannt lauschen. Ziemlich kitschig, aber besser als das Lautsprechergepl\u00e4rre bei uns.<\/p>\n<p>Die meisten sind auch ganz normal gekleidet. Nur hin und wieder eine amerikanische Laufhose oder einer der albernen Zylinder.<\/p>\n<p>Vor uns startet ein mehrfacher Weltrekordler, David Shipley, der hier besonders angek\u00fcndigt wird, vermutlich zusammen mit ein paar anderen L\u00e4ufern. Warum, verstehe ich nicht. Er w\u00fcrde doch ohnehin vorne weg laufen. Von uns w\u00fcrde ihn schon keiner \u00fcberholen.<\/p>\n<p>Dann geht es los, und zwar, bei uns hinten wenigstens, ganz langsam. F\u00fcr mich fast zu langsam. Ich laufe einfach meinen eigenen Rhythmus, und nach kurzer Zeit finde ich mich in der Mitte zwischen einem ganzen Pulk vor mir, den mittelm\u00e4\u00dfigen, und einem kleineren hinter mir, den langsamen L\u00e4ufern.<\/p>\n<p>Dann \u00fcberhole ich Miss Joy, eine \u00e4ltere Frau, die in Intervallen l\u00e4uft. Jedesmal, wenn ihr Pulsz\u00e4hler piept, verf\u00e4llt sie ins Gehen. Dann l\u00e4ift sie wieder. Kurz darauf sehe ich einen Mann, dann eine Frau, die, der Auskunft auf ihrem Trikot zufolge, schon in allen 50 Staaten einen Marathon gelaufen sind.<\/p>\n<p>Links am Fluss sehr sch\u00f6ne Holzh\u00e4user, vermutlich Ferienh\u00e4user, die auf Stegen mitten im Wasser liegen, wie an einer Kette aufgereiht, aber alle anders, eingen mit gro\u00dfen offenen Portikos, andere mit Balkonen, ein- oder zweist\u00f6ckig, in unterschiedlichen Farben.<\/p>\n<p>Dann tauchen zwei L\u00e4ufer auf, ein Mann und eine Frau, die genau meinen Rhythmus laufen. Eine ganze Zeitlang laufe ich neben ihnen her. Der Mann, eine Mischung aus Koreaner und Kubaner, hat ganz kurz geschorenes Haar, einen struppigen, langen Kinnbart und tr\u00e4gt schwarze Kniestr\u00fcmpfe und giftgr\u00fcne Schuhe.<\/p>\n<p>Gemessen wird in Meilen. Das ist gut. Da braucht man nicht so viele. Ich mache meine Kalkulationen. M\u00fcssten etwas 27 Meilen sein. Ich nehme mir vor, bis Meile 20 durchzulaufen, also 32 Kilometer. Naja, vielleicht auch nur 18.<\/p>\n<p>Dann werden wir von der Hauptstrecke weggeleitet, damit wir unsere Meilen\u00a0 zusammenbekommen. Inzwischen habe ich die beiden aus den Augen verloren. Daf\u00fcr laufe ich jetzt hinter einer Frau mit rotem Trikot und Pferdeschwanz her. Der baumelt bei ihren Schritten hin und her und verschafft ihr Ventilation. Es ist inzwischen sehr warm. Manchmal ist sie nur ein paar Schritte vor mir, dann ein ganzes St\u00fcck, und dann bin ich wieder nur ein paar Schritte hinter ihr. Wer von uns beiden den unregelm\u00e4\u00dfigen Rhythmus hat, wei\u00df ich nicht. Erst nach langer Zeit verliere ich sie bei einem der Trinkst\u00e4nde aus den Augen. Daf\u00fcr tauchen jetzt immer wieder ein Mann mit nacktem Oberk\u00f6rper, der ohnehin schon einen Sonnenbrand hat, auf, und eine Frau, die For Mum and Dad l\u00e4uft.<\/p>\n<p>Auf der Gegengerade kommen uns jetzt die schnellen L\u00e4ufer entgegen und dann, nach der Kehre, die langsamen. So langsam sind die aber gar nicht. Wenn man nicht konsequent weiterl\u00e4uft, haben die einen schnell ein. Aber andererseits gehen einige von ihnen schon, und sie werden ja auch nicht alle eine Leistungsexplosion erleben. Ich erinnere mich an Thomas Devise, erstes Ziel ankommen, zweites Ziel nicht Letzter werden, drittes Ziel unter &#8230; Ja, unter was denn bleiben? Bei 10 km-Lauf sind ist es 60 Minuten, aber was ist beim Marathon ein realistisches Ziel? Unter 5 Stunden vielleicht.<\/p>\n<p>Bei Meile 14 sehe ich zum ersten Mal auf die Uhr \u2013 und stelle fest, dass ich sehr langsam bin. Ich warte sehns\u00fcchtig auf die Markierung der halben Distanz, und jetzt kommen mir Zweifel an meiner Kalkulation: Was, wenn eine Meile nicht 1,6, sondern 1,4 Kilometer ist. Dann fehlt noch mehr.<\/p>\n<p>Versorgungsstationen gibt es reichlich, aber es gibt nur Wasser und Elektrolyd und so ein komisches Gel. Ich esse es trotzdem, vielleicht hiflt es ja was. Ich bin ansonsten aber sehr vern\u00fcnftig und bleibe an jeder Versorgungsstation stehen und trinke. Keine Hetze. Alle Helfer sind unwahrscheinlich nett und unterst\u00fctzen jeden einzelnen nach Kr\u00e4ften. Auch vorbeifahrende Radfahrer und Autos \u2013 die Strecke ist f\u00fcr die Inselbewohner nicht gesperrt \u2013 lassen sich keine Gelegenheit entgehen, Mut zu machen.<\/p>\n<p>An einer weiteren Kehre frage ich den Aufpasser, wieviel Meilen ein Marathon denn hat. Er wei\u00df es nicht, aber For Mom and Dad h\u00f6rt die Frage aus der Ferne mit und ruft zur\u00fcck: 26,2 und wir sind jetzt bei 17,5. H\u00f6rt sich doch machbar an.<\/p>\n<p>Bei Meile 18 werde ich dennoch schwach und gehe ein paar Meter, unwillk\u00fcrlich. Aber ich nehme mich zusammen und versuche es doch noch, bis 20 zu kommen. Das klappt, aber dann ist Schluss. Jetzt z\u00e4hlt nur noch der Wille, der K\u00f6rper will nicht mehr. Inzwischen sind die Schmerzen aus den Oberschenkeln in die H\u00fcfte und den R\u00fccken gezogen, und jetzt machen sich auch die F\u00fc\u00dfe bemerkbar. Aber es ist einfach die Anstrengung. Nichts ist richtig kaputt oder blutet. Ich habe mich an allen empfindlichen Stellen ordentlich zugeplastert.<\/p>\n<p>Bei Meile 21 l\u00e4uft eine \u00e4ltere Frau an mir vorbei und sieht, wie ich mich m\u00fchselig voranschleppe. Sie macht mir Mut: \u201cWe\u2019re almost there. Only 5 miles to go.\u201c Dann zieht sie an mir vorbei und l\u00e4sst, wie zur Best\u00e4tigung, vier gleichm\u00e4\u00dfige, rythmisierte F\u00fcrze los. Ich denke erst noch, es ist vielleicht das Wasser, das in ihren Flaschen hin und her schaukelt, aber dann sagt sie \u201eForgive me\u201c, und ich bin die Illusion los.<\/p>\n<p>Immer weiter geht es die Stra\u00dfe entlang. Von dem Fluss ist l\u00e4ngst nichts mehr zu sehen. Ein paar Felder auf der einen, ein paar B\u00e4ume au der anderen Seite, und am Rande der Ebene H\u00fcgel. Das ist alles. Der Lauf h\u00e4tte beste Chancen, zur langweiligsten Strecke der Welt gew\u00e4hlt zu werden. Es geht immer die Landstra\u00dfe entlang, 42 endlose Kilometer. Bei Sauvie Island hatte ich an ein paar Waldpfade, an B\u00e4chen und Seen gedacht, vielleicht an ein paar Bauernh\u00e4user. Davon weit und breit nichts. Das macht das Weiterkommen auch nicht einfacher. Zumindest kommt jetz aber ein k\u00fchler Wind auf.<\/p>\n<p>Dann taucht der rote Pferdeschwanz auf. Und l\u00e4uft locker an mir vorbei. Dann der nackte Oberk\u00f6rper. Wir laufen eine Zeitlang nebeneinander her und ermutigen uns gegenseitig, jetzt nicht mehr aufzugeben und ins Ziel zu kommen, und sei es auf allen Vieren. Dann lasse ich ihn hinter mir und \u00fcberhole auch wieder den roten Pferdeschwanz. Es geht jetzt wieder etwas besser. Aber man achtet jetzt wirklich nur noch auf die Meilenmarkierungen.<\/p>\n<p>Wieder verfalle ich ins Gehen, und der nackte Oberk\u00f6rper l\u00e4uft an mir vorbei. Der rote Pferdeschwanz auch, und das geht noch ein paar Mal hin und her.<\/p>\n<p>Dann kommt pl\u00f6tzlich das Ziel in Sicht. Der rote Pferdeschwanz l\u00e4uft nochmal an mir vorbei und wird kurz vor dem Ziel von seinen beiden Kindern in Empfang genommen, die die letzten Meter mitlaufen. Das nimmt alle Aufmerksamkeit in Anspruch.<\/p>\n<p>Als ich im Ziel bin, muss ich einen Moment lang mit den Tr\u00e4nen k\u00e4mpfen. Geschafft! Und zwar mit dem eisernen Vorsatz: Nie wieder!<\/p>\n<p>Es gibt eine Medaille und ganz viel Wasser. Ein Taiwanese spricht mich an und will wissen, woher ich k\u00e4me: Germany? Da bin ich schon ein paar Marathons gelaufen: Dresden, D\u00fcsseldorf, Hamburg, Mainau &#8230; K\u00f6ln &#8230; M\u00fcnster &#8230; und &#8230; der erste war in Wolfsburg, dann auch in Holland, in Eindhoven, und in Luxemburg, wie hie\u00df der nochmal? \u2013 Echternach? \u2013 Ja, Echternach. Ich frage, wie das k\u00e4me und er erz\u00e4hlt mir, dass heute sein 97. Marathon gewesen sei. Ich lasse mich ja durch nichts mehr \u00fcberraschen, aber dann verstehe ich erst allm\u00e4hlich, was er meint: 97 konsekutive Marathons, jede Woche einen, in 97 Wochen. Und Oregon ist es schon sein zweiter. N\u00e4chste Woche ist Missouri dran, und dann macht er mit zwei L\u00e4ufen in Australien die hundert voll. Danach will er es langsamer angehen lassen, nur noch einen pro Monat. Er hat nat\u00fcrlich auch seine eigene Website und seinen eigenen Laufverband, und erz\u00e4hlt mit Stolz von der Zahl der Klicks und der Zahl der Mitglieder. Er habe sein Leben lang hart gearbeitet, und jetzt reise er laufend durch die Welt. Es gehe beim Laufen nicht nur ums Laufen. Er ist noch ein paar Jahre \u00e4lter als ich und trotzdem ein paar Minuten eher im Ziel. Schlie\u00dflich fragt er auch noch, wo ich denn lebte in Deutschland. Trier? Ja, das kenne er. Sch\u00f6ner Fluss. Da habe er f\u00fcr Echternach trainiert. Ich m\u00fcsste unbedingt nach Asien reisen. Da seien die Marathons viel billiger, und es gebe mehr zu essen.<\/p>\n<p>Hier gibt es auf Kosten des Hauses immerhin einen Erdbeerkuchen. Daf\u00fcr ist viel Propaganda gemacht worden. Ich war eher skeptisch, aber er schmeckt wirklich ganz hervorragend. Vermutlich sind es tats\u00e4chlich die Erdbeeren, die das ausmachen. Sie schmecken irgenwie voll, und sind gerade s\u00fc\u00df genug. Die Frau, die sie mir serviert, will wissen, woher ich k\u00e4me: Germany? Oh, ich bin in Deutschland geboren, in M\u00fcnchen. Wunderbarer Zufall. Ich bin irgendwie ger\u00fchrt.<\/p>\n<p>Ich bleibe nicht mehr lange und setze mich in den Bus f\u00fcr die R\u00fcckfahrt. Als wir wieder an der Silver Crown Inn abgesetzt werden, stehe ich eine Zeitlang etwas verloren an der Stra\u00dfenecke herum. Kein Taxi und keine Bushaltestelle weit und breit, und au\u00dferdem stinke ich bestialisch nach Schwei\u00df. Also gehe ich zu Fu\u00df. Ich erinnere mich an K\u00f6ln und wie ich da vom Ziel zum Hotel musste, die l\u00e4ngsten 500 Meter meines Lebens. Ich konnte nur ganz langsam einen Fu\u00df vor den anderen setzen und habe mich sogar auf eine Treppe gesetzt, von der ich gar nicht mehr aufstehen wollte. Heute geht es gut. Ich bin zwar m\u00fcde, kann aber einigerma\u00dfen normal gehen. Wenn mir bei Kilometer 38 jemand gesagt h\u00e4tte, ich w\u00fcrde zu Fu\u00df nach Hause gehen, h\u00e4tte ich den f\u00fcr verr\u00fcckt erkl\u00e4rt. Es m\u00fcssen also doch noch Kr\u00e4fte da gewesen sein. Warum kann man die beim Laufen dann nicht mobilisieren?<\/p>\n<p>Es geht durch ein Viertel mit sehr sch\u00f6nen H\u00e4usern, so \u00e4hnlich wie bei dem Kneipenbesuch mit Justin. Dann kommen Reihenh\u00e4user, die in einer alten Fabrik untergebracht zu sein scheinen, oder einer Arbeitersiedlung, alle aus rotem Ziegelstein, aber vom Feinsten. Ich gehe eine ganze Zeit die Overturn entlang, die Stra\u00dfe, die nach einem der Stadtgr\u00fcnder benannt ist. Dann kommt nach etwas Hin und Her der Broadway in Sicht. Eine Frau, die mit ihrem Kind auf dem Scho\u00df vor einem Caf\u00e9 sitzt, ruft mir Gl\u00fcckw\u00fcnsche zu, so, als w\u00fcrden wir uns kennen. Sie ist auch dem Marathon gelaufen, sitzt aber schon frisch geduscht und umgezogen hier und genie\u00dft ihren Kaffee.<\/p>\n<p>Als ich dann wieder zu Hause bin, freue ich mich auch auf Dusche und Bett, auf Wasser und Obst, auf Bier und H\u00e4hnchen, auf Tee mit Keks, auf Brot und K\u00e4se. Am besten von allem so viel wie m\u00f6glich und so schnell wie m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Es ist erst zwei Uhr, als ich schon wieder zuhause bin. Der Vorteil eines fr\u00fchen Starts. Da kann man am Abend noch zum Fluss runter gehen. Dort steigt die gro\u00dfe Party. Der Bereich ist aber abgesperrt, und es wird niemand mehr reingelassen: voll. Von den Br\u00fccke aus kann man aber runter gucken. Alle m\u00f6glichen Buden und St\u00e4nde und viel Live-Musik. Direkt vor uns ist ein Stand mit Musikvideos und Disketten. Er l\u00e4uft unter dem Label: Keep Portland Weird. Vor uns spielt eine Band namens Crossroads. Wunderbarer, fetziger Sound, wie aus den guten, alten Zeiten, etwas an Led Zeppelin und Uriah Heep erinnernd, mit vielen Rhythmuswechseln und Instrumentalpartien. Es sind nur drei Instrumente, Bass, Gitarre, Schlagzeug, aber sie machen einen Heidenl\u00e4rm und spielen einfach mitrei\u00dfend. Der Musik-Event ist angek\u00fcndigt als Blues-Festival. Das hat aber mit dem, was ich unter Blues verstehe, nichts zu tun.<\/p>\n<p>Unten k\u00f6nnen sich die Leute recht frei bewegen. Es ist ja nicht so voll. Die Begrenzung ist, laut Schuld, den Sicherheitsbestimmungen zuzuschreiben. Gar keine schlechte Sache. Es herrscht kein Gedr\u00e4nge. Ich halte es dann aber nicht mehr bis zum Feuerwerk aus. Das erlebe ich zuhause nur noch akustisch.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">5. Juli (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Nachdem ich mich seit den fr\u00fchen Morgenstunden mal wieder mit dem Computer herumgeplagt habe und der sich mehrmals abgemeldet, eine Fehlermeldung produziert und meine Texte schwarz \u00fcberschrieben hat, lasse ich es einfach sein und gehe in die Stadt zur Touristeninformation.<\/p>\n<p>Als ich gerade unterwegs bin und mir meine Fragen zurechtlege, sehe ich in einiger Distanz vor mir irgendeine ruckartige Bewegung, merke aber dann erst, dass es eine Radfahrerin ist, die in hohem Bogen von ihrem Rad gest\u00fcrzt ist. Ich laufe hin. Sie reagiert nicht, als ich sie anspreche. Sie sieht aber unverletzt aus, kein Blut, keine Sch\u00fcrfwunden. Entweder ist es ganz schlimm oder ganz harmlos. In der N\u00e4he ist nur eine alte Dame, die kein Handy hat und genauso hilflos ist wie ich. Ich habe zwar ein Handy, aber keine Nummer. Dann kommen gl\u00fccklicherweise zwei junge Frauen, die zwar auch nicht aus Portland sind, aber wissen, wie man sich verh\u00e4lt. Die Frau l\u00e4sst sich inzwischen auch wieder ansprechen. Sie will, dass man ihren Ehemann anruft. Und will sich aufrichten. Die beiden sagen ihr, sie solle liegen bleiben und rufen den Notdienst.<\/p>\n<p>Als sie sich \u00fcber den Anruf verst\u00e4ndigen und die Nummer nennen, kommt es mir wieder in den Sinn: 991 in the US, 999 in the UK. Die Nummer war sogar mal Gegenstand eines Seminars, in dem eine amerkanische Studentin war und in dem ich aus der 991 eine 911 gemacht habe!<\/p>\n<p>Bei der Touristeninformation hilft mir eine sehr freundliche, sehr elegant gekleidete Frau weiter. Es geht vor allem darum, wie man wo hin kommt. Nach Oregon City, das ich auf meiner Liste habe, k\u00f6nne man auch mit dem Bus fahren. Fahrkarten gibt es gleich nebenan, am Schalter von TriMet. Das lass ich mir nicht zweimal sagen. Es ist zwar kein sch\u00f6ner Tag, aber die Gelegenheit ist gut, und in Oregon City ist am Wochenend einiges geschlossen.<\/p>\n<p>Die Fahrt dauert fast eine Stunde. Unterwegs ist alles gro\u00df: Big Lots, Big 5, Megastore. In habe die Kamera nicht schnell genug zur Hand, wohl aber, als wir vor Shear Perfection stehen, einem Friseursalon. Wieder was f\u00fcr meine Sammlung von Shop Signs. In Oregon City scheint sich das Thema Gro\u00df fortzusetzen, aber hier spielt jemand, der Eigent\u00fcmer von The Wheel, mit dem Konzept: The Biggest Little Bar in Town.<\/p>\n<p>Hier, in Oregon City, taucht \u00fcberall der Name Clackamas auf. Das ist der Bezirk, dessen Hauptstadt Oregon City ist. Das hei\u00dft hier County. Portland liegt in Multnomah. Die Indianer lassen gr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Das ganze Zentrum sieht nicht sehr historisch aus, und, kaum angekommen, werde ich schon wieder weg geschickt. Ich soll durch einen Autotunnel und dann einen Fu\u00dfpfad entlang, zu The Falls. Das tue ich auch brav, aber nicht mit gro\u00dfer \u00dcberzeugung. Es zieht sich ganz sch\u00f6n. Dann kommt irgendein Museum in Sicht, ober auf einem Felsvorsprung gelegen, aber nicht eins von denen, das auf meiner Liste stand. Gegen\u00fcber ist der Wasserfall, angeblich der zweitgr\u00f6\u00dfte der USA. Daf\u00fcr sieht er wirklich mickrig aus. Es muss wohl nach Volumen gehen. Nicht jedenfalls nach H\u00f6he. Es ist eher ein Ensemble von verschiedenen kleinen Wasserf\u00e4llen, die ihren Namen kaum verdienen, und zwischen denen Teile alter Fabriken stehen. Oder so was.<\/p>\n<p>An einem Wegstein wird das historische Erbe von Oregon City beschworen: Es war die erste selbst\u00e4ndige Gemeinde westlich der Rocky Mountains, war die erste Hauptstadt Oregons, hatte die erste protestantische Kirche, die erste Paper Lodge, das erste Freimauererzentrum. Das alles hatte sie einem gewissen John McLoughlin zu verdanken, dem Gr\u00fcnder von Oregon City, um den sich hier alles dreht und dessen B\u00fcste gleich daneben steht.<\/p>\n<p>Im Museum werden alle m\u00f6glichen fr\u00fchen Industriezweige von Oregon City in kleinen Abteilungen dargestellt: S\u00e4gem\u00fchle, Dammbau, Eisen, Holzf\u00e4llerei, Bergbau. Jetzt erahne ich, was es mit dem Wasserfall auf sich hat: Alle diese Industriezweige verdankten sich irgendwie der Wasserkraft oder profitieren davon.<\/p>\n<p>Zu den Exportschlagern von Oregon City geh\u00f6rten auch Wolle und Biberfell. Man sieht eine kofferartige Truhe, in der die Wolle transportiert wurde und einen Eimer voller Rohwolle: Pure Virgin Wool. Und man sieht Zylinder, die aus Biberfell gefertigt wurden!<\/p>\n<p>Erst Tage sp\u00e4ter komme ich einmal darauf, nach dem inoffiziellen Namen von Oregon zu suchen: Beaver State!<\/p>\n<p>Dazwischen steht eine alte Pferdekutsche, die kurioserweise Buggy hei\u00dft. Sie hat riesige R\u00e4der und wenig Sitzplatz. Es war die typische Kutsche, mit der ein Arzt durch die Gegend fuhr, zu seinen Patienten. Auf dem Sitz liegt seine Ger\u00e4tetasche, und daneben passt dann nur noch eine Person.<\/p>\n<p>Auf einem Fernsehschirm erscheinen die Bilder von Gr\u00fcndern von Orten in Oregon, darunter der Gr\u00fcnder von Boring, ein gewisser Mr Boring!<\/p>\n<p>Man sieht auch das Modell einer gut gekleideten Frau der Zeit um 1860. Acht verschiedene Lagen mussten die anlegen: chemise, drawers, corsett, petticoat, crinoline, over- the hood- petticoat, undersleves, dress. Und dann nahm man den Schirm zur Hand und ging Tee trinken.<\/p>\n<p>Und dann sto\u00dfe ich zum zweiten Mal auf der Reise auf die Meteoriten. Nach Koblenz jetzt Oregon City. Hier sieht man n\u00e4mlich Teilst\u00fccke des Willamette Meteor, des gr\u00f6\u00dften Meteoriten, der jemals in Nordamerika eingeschlagen ist, von einem Nickel-Eisen Planeten kommend. Die Indianer nannten ihn Tomanowos, Himmlicher Besucher. Es gab kein Einschlagloch dort, wo der Meteorit gefunden wurde, und man vermutet, dass er tats\u00e4chlich in Kanada oder Montana eingeschlagen ist und dann in einer Flutwelle nach Oregon geschwemmt wurde, vor 12.000 Jahren. Es wird berichtet, dass einer der fr\u00fchen Siedler ihn in einer Nacht- und Nebelaktion mit einem Pferdefuhrwerk auf sein eigenes Grundst\u00fcck schaffte und ihn vermarkten wollte. Er wurde aber erwischt und angeklagt, und am Ende landete der Meteor im Naturwissenschaftlichen Museum in New York.<\/p>\n<p>Ich mache mich wieder auf den Weg ins Zentrum und laufe dort verloren herum, auf der Suche nach etwas Historischem. Dann merke ich, dass es hier eine Oberstadt gibt. Es f\u00fchrt ein Aufzug rauf. Dort gibt es noch mal eine richtige Stadt mit allen Finessen, und auch hier muss man die historischen H\u00e4user erst mal finden. Am Ende finde ich zwei, eins neben dem anderen, Zwillinge, elegante, wei\u00dfe, zweist\u00f6ckige Holzh\u00e4user.<\/p>\n<p>Die sind aber nur mit F\u00fchrung zu besichtigen. Man erf\u00e4hrt erst einmal allerhand \u00fcber die finanzielle Notsituation des Museums. Es h\u00f6rt sich alles sehr vertraut an. Bei der nationalen Beh\u00f6rde hat man vier T\u00f6pfe, von denen drei voll, aber einer leer ist. Und es darf kein Geld von einem Topf in den anderen transferiert werden. Deshalb gibt es im Moment zwar Geld f\u00fcr die Konservierung des Museums, nicht aber f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeitsarbeit. Das Museum m\u00fcsste eigentlich geschlossen sein, aber ein paar freiwillige Helfer sind eingesprungen und machen gelegentlich F\u00fchrungen.<\/p>\n<p>Wir gehen durch das zweite Haus, das Wohnhaus von McLoughlin. Es stand urspr\u00fcnglich, genauso wie sein Zwilling, unten im Ort und sollte eigentlich abgerissen werden, wurde dann aber aus irgendwelchen Gr\u00fcnden hierher verlegt, und zwar mit einer von einem einzigen Pferd angetriebenen Vorrichtung. Es geh\u00f6rte einem schottischen Arzt, der von der Hudon\u2019s Bay Company nach Fort Vancouver geschickt wurde und sich sp\u00e4ter hierher zur\u00fcckzog. Er baute das Haus kurz vor seiner Pensionierung f\u00fcr 17.000 $, eine enorme Summe, die sich aus dem Mangel an Arbeitskr\u00e4ften erkl\u00e4rt: Alle waren weg nach Kalifornien, hinter dem Gold her.<\/p>\n<p>Es ist jetzt mit erstaunlich vielen Einrichtungsgegenst\u00e4nden aus der Zeit, meist sogar aus dem Haushalt McLoughlins, ausgestattet. Dessen ganze Geschichte verstehe ich immer noch nicht, aber jedenfalls war er ein in Kanada geborener Brite, der f\u00fcr die Hudson\u2018s Bay Company ein riesiges Territorium hier im Westen verwaltete und auch amerikanische Siedler anwarb, vermutlich im eigenen Interesse, denn er, ausgebildeter Arzt, war auf Pelzh\u00e4ndler umgestiegen und brauchte daf\u00fcr vermutlich Arbeitskr\u00e4fte. Es sprach sich herum, dass man hier gut behandelt wurde, und es kamen immer mehr amerikanische Siedler. Die Details entgehen mir leider, denn das muss von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung f\u00fcr die Geschichte gewesen sein. Es hat wohl letztlich dazu gef\u00fchrt, dass Oregon jetzt amerikanisch, nicht britisch ist. Sonst h\u00e4tten wir mit der PSU eine britische Partneruniversit\u00e4t in Amerika! Auf jeden Fall will ich dar\u00fcber noch mehr erfahren.<\/p>\n<p>Vorl\u00e4ufig sehen wir ein geschackvoll eingerichtetes, sehr europ\u00e4isch aussehendes Haus, unter anderem eine gedeckte Tafel, an der in Schichten gespeist wurde, denn MsLoughlin, so hei\u00dft es, nahm auch die Witwen der M\u00e4nner auf, die auf dem Track ums Leben gekommen waren und denen kein Land zustand. Sie lebten hier, bis sie bei einem anderen Mann untergebracht waren. Es gibt im ganzen Haus keine K\u00fcche. Gekocht wurde in einem Nebengeb\u00e4ude, vielleicht auch eine Vorsichtsma\u00dfnahme angesichts des Feuers, und dann wurde das Essen durch den Hintereingang in die Vorratskammer gebracht und durch den Butler serviert.<\/p>\n<p>Man sieht auch einen silbernen Samovar und edles Teegeschirr. Das war das Modegetr\u00e4nk der Zeit, das Getr\u00e4nk der vornehmen Leute. Daneben ein brikettartiges, dunkles St\u00fcck, das von weitem wie Schokolade aussieht, aber keine ist. Was ist das nur? Tee! Der kam aus Asien. F\u00fcr den Transport wurden die Teebl\u00e4tter gepresst und mittels Honig zu diesem Brikett geformt. Am Ort des Konsums wurde dann das Brikett mittels einer Schleifscheibe wieder \u201ezerlegt\u201c. Davon hatte der Haushalt McLoughlins zwei.<\/p>\n<p>Es werden auch verschiedene Photographien von McLoughlin gezeigt, aus der Steinzeit der Photographie. Das f\u00fchrt unter anderem dazu, dass er auf einigen Photos ein geradezu geisterhaftes Aussehen hatte. Das lag daran, dass die fr\u00fchen Photographien keine hellblauen Augen abbilden konnten. McLoughlin scheint einen aus leeren Augenh\u00f6hlen anzusehen.<\/p>\n<p>Nach dem Ende der F\u00fchrung kommt dann mein Irrgang durch das Zentrum, Dritter Teil. Ich suche das End-of-the-Trail-Museum. Das kennt hier niemand. Komisch. Erst als ich anfange, etwas von drei \u00fcberdimensionalen Planwagen zu faseln, in denen es untergebracht sein soll, f\u00e4llt der Groschen. Ach das. Jetzt werde ich ganz weit rausgeschickt, in die entgegengesetzte Richtung von heute morgen.<\/p>\n<p>Die Planwagen kommen schon von weitem in Sicht. Aber sie haben keine Planen. Planlose Planwagen. Was wie ein schlechtes Omen aussieht, bewahrheitet sich: Museum geschlossen bis 2015. Keine Chance, herauszubekommen, was es mit dem Trail auf sich hatte, wo der begann, warum er hier endete. Da muss ich vielleicht doch noch mal nach Ford Vancouver fahren, der anderen Station, von der im Zusammenhang mit McLoughlin immer die Rede ist.<\/p>\n<p>Zur Entsch\u00e4digung finde ich in dem Souvenirladen eine wunderbare Auflistung von Regeln f\u00fcr Lehrer von 1872. Da hei\u00dft es u.a.: After ten hours in school, the teachers may spend the remaining time reading the Bible and other good books. Oder: Men teachers may take one evening each week for courting purposes, or two evenings a week if they go to church regularly.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem wird hier die r\u00fchrende Geschichte eines M\u00e4dchens erz\u00e4hlt, das mit vier Jahren hierherkam. Sie hatte eine Schulfreundin, die eine china doll hatte und mit der sie spielen durfte. Als sie aber einmal alleine mit der Puppe war, biss sie ihren Kopf ab. Da sie sich sch\u00e4mte, verpackte sie die Puppe und gab sie so ihrer Freundin zur\u00fcck. Nach einiger Zeit fragte sie, warum sie nicht mehr mit der Puppe spiele, und die Freundin sagte, eine Ratte habe der Puppe den Kopf abgebissen. Dabei blieb es, bis beide erwachsen waren. Da beichtete die Frau irgendwann ihr Geheimnis. Und erhielt nachtr\u00e4glich die Absolution.<\/p>\n<p>In den Boden vor dem Museum sind Zitate \u00fcber Oregon eingelassen, u.a.: <em>Don\u2019t live and die in sight of your father\u2019s house, but take a trip to Oregon<\/em>. [T.D. Wood, 1844]<\/p>\n<p>Dann geht es wieder die Landstra\u00dfe entlang auf den R\u00fcckweg. Jetzt macht sich Muskelkater bemerkbar. Kein Wunder. Unterwegs sehe ich noch ein handgeschriebenes Schild, auf dem <em>Yard Sale<\/em> steht. Wunderbar. Kann ich gleich am Montag im Seminar verwenden.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">6. Juli (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Diesmal klappt es mit der Theaterf\u00fchrung. Ich bin der einzige Besucher, aber die F\u00fchrerin, eine Freiwillige, will nichts davon h\u00f6ren, die Sache zu verschieben. Sie wirkt manchmal etwas unsicher, wei\u00df aber gut Bescheid. Am Ende soll man eine Bewertung ausf\u00fcllen, und ich schreibe bei allen Punkten <em>excellent<\/em>. Da macht sich schon jemand die M\u00fche.<\/p>\n<p>Sie fragt mich, woher ich k\u00e4me, und es stellt sich heraus, dass sie ein bisschen Deutsch kann. Sie kennt M\u00fcnchen und Regensburg, wei\u00df aber mit Trier nichts anzufangen, auch mit der generellen Himmelsrichtung nicht. Sp\u00e4ter erw\u00e4hnt sie dann, dass ihre Gro\u00dfeltern aus Deutschland kamen. Der Ort, aus dem sie kamen, hei\u00dfe Bitburg. Mit Hilfe von Bitte ein Bit k\u00f6nnen wir dann eine Reihe von Verbindungen herstellen.<\/p>\n<p>In dem neuen Geb\u00e4ude gibt es drei Theater zu sehen, von denen das dritte, Brunish Hall \u2013 alle sind, sehr amerkanisch, nach Sponsoren benannt \u2013 mehr wie ein besserer Seminarraum aussieht. Es befindet sich auf einer oberen Etage. Hier finden kleinere Konzerte, aber auch Theaterst\u00fccke statt, als B\u00fchne gibt es nur ein kleines Podium. Da muss man experimentieren, aber das kann ja gut sein. Der Raum hat aber eine kleine Besonderheit. Man geht durch eine Seitent\u00fcr und steht pl\u00f6tzlich vor einem Kirchenfenster, und zwar ganz oben. Der Grund daf\u00fcr ist, dass der Grund, auf dem das Theater steht, der Kirchengemeinde geh\u00f6rt! Das Theater hat eine 99-j\u00e4hrigen Pachtvertrag, und als es gebaut wurde, hatte die Kirche ein Mitspracherecht und bestand darauf, dass das Theater der Kirche nicht das Licht f\u00fcr die Fenster nehme d\u00fcrfe. Deshalb gibt es hier diesen kleinen Hof, der sonst keine weitere Funktion hat.<\/p>\n<p>Die beiden anderen Theater sind die reinsten Schatzk\u00e4stchen. Das kleinere ist einem elisabethanischen Theater nachempfunden, das gr\u00f6\u00dfere einem aus der Zeit Edwards VII. Das kleine, Winningstad, ist rechteckig, mit roten, gu\u00dfeisernen R\u00e4ngen, die sich auf drei Seiten um den schwarzen Innenraum gruppieren. Der kann jederzeit ver\u00e4ndert werden, so dass aus B\u00fchne Zuschauerraum werden kann. Au\u00dferdem kann die B\u00fchne hinten, vorne oder in der Mitte sein. Das andere, Newmark, ist sehr elegant, mit einer dunklenblauen, sternen\u00fcbers\u00e4ten Kuppel, hellblauen Sitzen und einer r\u00f6tlichen Holzpanele aus Kirsch. Die B\u00fchne ist riesig, gr\u00f6\u00dfer als der gesamte Zuschaueraum, aber das sieht man erst, wenn man auf ihr steht. Hier gibt es einen halbrunden Vorbau, der zum Spielen benutzt werden, aber bei Konzerten auch aufgeklappt werden kann und dann zum Orchestergraben wird.<\/p>\n<p>Auf dem Weg durch das Theater kommen wir \u2013 wie sollte es in Portland anders sein? \u2013 an verschiedenen Kunstwerken vorbei, unter anderem an einem l\u00e4nglichen Wandgem\u00e4lde eines holl\u00e4ndischen K\u00fcnstlers, das Musiker darstellt. Wenn man an ihnen vorbeigeht, wird man von ihren Augen begleitet. Sie scheinen sogar die K\u00f6pfe nach dem Besucher zu drehen.<\/p>\n<p>Wir gehen auch in das wunderbare Foyer und blicken von oben auf die Eintretenden hinunter. Es ist tats\u00e4chlich so, als w\u00e4re man Zuschauer und als w\u00e4ren die Eintretenden die Schauspieler, die die B\u00fchne betreten. Man sieht auch, dass die gl\u00e4serne Kuppel nicht farbig ist. Es ist wirklich nur der Effekt des Lichts. Hier oben sind die Farben dann auch anders.<\/p>\n<p>Von oben sieht man auch auf das ber\u00fchmte Portland-Schild, das l\u00e4ngliche Neonschild am alten Theater, das man in vielen Bildern sieht. Fr\u00fcher stand da Paramount drauf, denn das Geb\u00e4ude war urspr\u00fcnglich ein Kino! Als die Kinokultur sich dann wandelte, wurde die Funktion ver\u00e4ndert und auch der Name. Beim Abnehmen des Schildes hatte man aber untersch\u00e4tzt, wie viel Wasser und Rost sich in den Jahren angesammelt hatten, und das ganze Schild fiel mit Krachen von dem Kran herunter, der es sicher auf den Boden bringen sollte. Da musste ein neues Schild her, dem alten nachempfunden, aber jetzt eben mit dem Namen Portland. Es soll 6.000 Gl\u00fchbirnen haben.<\/p>\n<p>Wir gehen ins alte Geb\u00e4ude r\u00fcber und sehen beim \u00dcbergang an den niedrigen Pfosten, die die Stra\u00dfe begrenzen, bronzene K\u00f6pfe von Schelmenfiguren aus verschiedenen Ecken der Erde. Erstaunlich, wie unterschiedlich die aussehen. Der europ\u00e4ische, mit spitzer Schellenkappe, ist sofort als Narr zu identfizieren, die anderen nicht so leicht.<\/p>\n<p>Als das \u201eSchnitz\u201c noch Kino war, verbrachte man hier ganze Tage und kam auch nicht unbedingt zu Beginn des Films. Alles, Vorfilm, Wochenschau, erster Hauptfilm, zweiter Hauptfilm, Werbung, Vorschau, wurde ohnehin in einer Art Endlosschleife pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Als die Sache dem Ende zuging, verramschte der Besitzer die gesamte Einrichtung, nicht jedoch die festen Teile. Die waren denkmalgesch\u00fctzt. Von den beweglichen Teilen hat aber eins \u00fcberlebt, weil es voller Russ und Schmutz war und keiner seinen Wert sch\u00e4tzte. Heute gl\u00e4nzt es wieder. Es ist eine Messingapparatur, die auf zwei F\u00fc\u00dfen steht und ein bisschen wie eine alte Telefonzentrale aussieht. Es gibt gleichm\u00e4\u00dfig angeordenete Reihen von schmalen L\u00f6chern, in die man einen St\u00f6psel einf\u00fcgen kann. Diese Apparatur diente zur Kommunikation mit dem Saal. Derjenige, der sie bediente, wusste immer, welcher Platz zu welcher Zeit besetzt war und konnte den Ank\u00f6mmlingen von hier oben, ohne in den Saal zu sehen, einen Platz anweisen und das au\u00dferdem den Platzanweisern im Saal mitteilen.<\/p>\n<p>In den k\u00f6nnen wir nicht rein, da dort noch geprobt wird. Wir k\u00f6nnen uns aber die Einganghalle ansehen, in einem Stilmix aus nachgemachtem Rokoko und Art Deco. Die F\u00fchrerin zeigt mir eine Marmorwand und einen Sockel davor. Ich wei\u00df nicht so recht, was ich damit anfangen soll, aber dann stellt sich heraus, dass nur der Sockel aus Marmor ist, die Wand hat eine aufgemalte Marmorfaserung. Wie bekommt man das heraus? Man legt die Hand drauf. Der Sockel ist kalt, die Wand ist warm!<\/p>\n<p>Nach der F\u00fchrung schaffe ich es endlich zu Powell\u2019s. Von au\u00dfen sieht es eher wie ein Matratzengro\u00dfhandel als wie eine Buchhandlung aus, und auch innen hat es etwas lagerhallenartiges. Aber es ist rappelvoll \u2013 mit B\u00fcchern und Kunden.<\/p>\n<p>Die Orientierung in dem gro\u00dfen Geb\u00e4ude wird einem erleichtert dadurch, dass die einzelnen, klar voneinander getrennten R\u00e4umen nach Farben bezeichnet werden: Blue Room, Purple Room, Red Room. Und Schilder verweisen darauf, welches Thema in welchem Raum zu finden ist.<\/p>\n<p>Alle R\u00e4ume sehen \u00e4hnlich aus, mit hohem, etwas nach hinten geneigten Regalen, die das Rausfallen der B\u00fccher verhindern. Vor dem Kopf jeder Reihe ist dann noch einmal ein Regal mit einer etwas anderen Aufteilung, in der besonders gro\u00dfe B\u00e4nde stehen.<\/p>\n<p>Die Besonderheit und der Garant des einmaligen Erfolgs von Powell\u2019s ist die Verbindung von Neu und Alt. Das hei\u00dft, gebrauchte B\u00fccher stehen Seite an Seite mit den neuen, und man kann B\u00fccher finden, bei denen man ein gebrauchtes Exemplar neben einem neuen findet.<\/p>\n<p>In den R\u00e4umen, in denen ich mich bewege, gibt es aber meistens gebrauchte B\u00fccher. Die Bandbreite ist wirklich erstaunlich, vor allem bei Geschichte und bei Sprachen. Es gibt M\u00e1rquez auf Schwedisch, Eco auf Polnisch, Dostojewski auf Deutsch und einen Bildband \u00fcber Danzig auf Baskisch! Es gibt Lehrb\u00fccher zu Kishuaheli und amerikanischen Eingeborensprachen und einen Englischkurs f\u00fcr chinesische Gesch\u00e4ftsfrauen.<\/p>\n<p>Die Abteilung zur Sprachwissenschaft ist allerdings erstaunlich d\u00fcnn. Eine Menge Chomsky und wenig dar\u00fcber hinaus. Trotzdem verlasse ich das Gesch\u00e4ft mit einem Buch zur Sprachgeschichte, von einem Mann aus New Jersey, Jack Lynch, der sich auf Johnson spezialisiert hat und sehr unterhaltsam schreibt. Das Buch gibt es gebraucht f\u00fcr 7,99.<\/p>\n<p>Oben ist eine Abteilung, in der Ungeheuer von Maschinen herumstehen, wie man sie heute fast gar nicht mehr sieht. Sie sehen wie vorsintflutliche Computer aus oder Kopierer. Es sind Maschinen f\u00fcr den Buchdruck. Hier kann man sich ein Buch drucken lassen, das als Book on Demand publiziert wird!<\/p>\n<p>Statt nach Hause zur\u00fcckzugehen, mache ich mich noch auf den Weg zur Pittock Mansion. In der Touristeninformation hat man mir eine Brosch\u00fcre gegeben, die einen sch\u00f6nen Fu\u00dfweg beschreibt. Er h\u00f6rt sich harmlos an, ein paar Meilen, aber er hat es in sich.<\/p>\n<p>Als ich irgendwann mit meinem Stadtplan an einer Stra\u00dfenecke stehe, spricht mich ein Ehepaar an: You are lost? Ja, ich suche die Kearney Street. Sie betonen irgendwie, dass Kearney mit K anf\u00e4ngt. Kommt mir komisch vor. Und dann kommt die Erkl\u00e4rung: Die Stra\u00dfen sind alphabetisch angeordet, von Burnside und Couch bis zu Quimby und Raleigh! Das ist allerdings nur hier oben, im Norden, so, in Couchs Portland. Im Zentrum ist das anders.<\/p>\n<p>Als ich von erz\u00e4hle, ich wolle zur Pittock Mansion, k\u00f6nnen sie ihre \u00dcberraschung kaum verbergen. Da oben rauf? Zu Fu\u00df? Na ja, die Touristeninformation hat mir diese Beschreibung gegeben und den Weg empfohlen. H\u00f6rt sich harmlos an, ein paar Meilen.<\/p>\n<p>F\u00e4ngt auch ganz normal an. Es geht durch ein besseres Wohnviertel mit vielen sch\u00f6nen Holzh\u00e4usern. Ich komme an einem Lokal mit dem Namen Title Nine vorbei und an dem J\u00fcdischen Museum und an einem Laden, der Comedy Sportz hei\u00dft. Keine Ahnung, was das bedeutet.<\/p>\n<p>Dann beginnt der Austieg. Es geht unendlich lange rauf, immer weiter rauf, und es wird immer w\u00e4rmer. Es ist nicht nur die k\u00f6rperliche Anstrengung, sondern auch das Gef\u00fchl, immer noch nicht und immer noch nicht und immer noch nicht da zu sein. Immer kommt noch mal ein neuer Gipfel.<\/p>\n<p>Irgendwann sehe ich mich verstohlen nach einer M\u00f6glichkeit um, hinter einem Baum zu verschwinden, und in dem Moment taucht an einer Ecke ein Dixie-Klo auf. Die Amerikaner denken einfach an alles!<\/p>\n<p>Ganz zum Schluss gibt es dann noch Verwirrung mit den Stra\u00dfennamen, und dann stehe ich pl\u00f6tzlich vor einem Gitter, quer \u00fcber die Stra\u00dfe. Auf einem Schild steht, hier gebe es keinen Zugang zu Pittock Mansion. Man m\u00f6ge zur Burnside Street zur\u00fcckkehren und dort einen anderen Weg nehmen. Dann geht mir ein Licht auf: Das ist nur f\u00fcr Autofahrer gedacht. Links von dem Gitter gibt es ein Schlupfloch f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger.<\/p>\n<p>Henry Pittock war ein Mann, der \u00fcber den Trail nach Portland kam, 1850, zu einem Zeitpunkt, als Portland ein verschlammtes Dorf war, hier eine Stelle als Setzer bei The Oregonian fand, seinen Weg machte und am Ende Eigent\u00fcmer der Zeitung und einer der einflussreichsten \u2013 und reichsten \u2013 M\u00e4nner Portlands wurde. Ein amerikanischer Traum. Pittock Mansion ist die Materialisierung dieses Traums, eine Verbindung von europ\u00e4ischer Tradition und amerikanischer Moderne, eine Verbindung von Eleganz und Komfort, majest\u00e4tisch ganz oben auf einem Felsvorsprung thronend und auf die Stadt hinunter blickend.<\/p>\n<p>Auch hier wird ordentlich abkassiert, und man wird gefragt, ob man das Wechselgeld nicht spenden m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Man kommt in das Foyer, halbrund, mit einer doppell\u00e4ufigen Marmortreppe nach unten und nach oben. Dort sitzt ein Besucher mit einer T\u00e4towierung, die die ganze Wade herauf (oder herunter) l\u00e4uft, lauter chinesische Schriftzeichen.<\/p>\n<p>Das Haus, 1914 vollendet, hat bereits einen begehbaren K\u00fchlschrank und einen Aufzug, einen der ersten Personenaufz\u00fcge \u00fcberhaupt in dieser Gegend, und eine Dusche mit riesengro\u00dfen Wasserstrahlern von allen Seiten, die wie ein industrielles Ger\u00e4tschaft aussieht, aber in allem der modernen Dusche entspricht.<\/p>\n<p>Man kommt sich wirklich wie in Europa vor, wenn man durch die R\u00e4ume geht. Tats\u00e4chlich kommen viele der M\u00f6bel und Accessoires aus Europa, meist aus Italien und Frankreich.<\/p>\n<p>Es gibt ein Raucherzimmer, in \u201et\u00fcrkischem\u201c Stil, ein Musikzimmer, eine Bibliothek, einen Raum f\u00fcr den Butler, einen halbrunden Wohnruam, von dem man aus durch flache Fenster auf die f\u00fcnf Berge der Umgebung sehen kann, hei\u00dft es. Jetzt, im Sommer, ist das allerdings nicht so einfach. Vom Garten aus hat man aber einen guten Blick auf den Mt. Hood.<\/p>\n<p>Der Sandstein, aus dem das Haus gebaut ist, kommt aus Washington und hat den Vorteil, in der Natur weich zu sein und sich sp\u00e4ter zu erh\u00e4rten, wie gemacht f\u00fcrs Bauen.<\/p>\n<p>Auf einem Gem\u00e4lde sieht man Pittock Mansion, wie es eigentlich aussehen sollte, dem urspr\u00fcnglichen, noch viel grandioseren Plan zufolge. Im Hintergrund sieht man, als Kuriosit\u00e4t, den Mt. Helens noch mit seiner Kuppe, vor dem Vulkanausbruch.<\/p>\n<p>Der urspr\u00fcngliche Plan wurde nie ausgef\u00fchrt, warum, wei\u00df man nicht. Vielleicht wollte der Hausherr es doch eine Nummer kleiner. Er war eher ein Naturmensch, trotz allem, und bis zu seinem Lebensende ein begeisterter Radfahrer. Das erinnert mich an einen Radfahrer, der mich auf dem Weg hierher \u00fcberholte und keuchend, gerade noch sagen konnte: \u201ePerfect day today.\u201c<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg gerate ich wieder auf eine der gef\u00fcrchteten Schnellstra\u00dfen, die f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger so ungeeignet sind wie es nur geht, und sowieso f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger, die mit Espadrillas unterwegs sind. Mir wird angst und bange, und ich bin froh, als ich an eine Bushaltestelle komme, an der zwei Frauen warten, Mutter und Tochter, wie sich herausstellt. Ja, der Bus f\u00e4hrt in die Innenstadt und ja, er kommt bald. Gro\u00dfes Aufatmen. Die beiden kommen aus Los Angeles, und die Tochter, die die Gegend kennt, macht die Reisef\u00fcherin f\u00fcr ihre Mutter. F\u00fcr sie geht es demn\u00e4chst, erfahre ich noch, auf Hochzeitsreise nach Europa: Wien, Budapest, Bratislava, Zagreb, Graz. Gute Reise!<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">7. Juli (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Morgen ist Halbzeit im Seminar, und zur Feier des Tages bekommen die Studenten einen Test. Der heutige Tag dient weitgehend der Vorbereitung des Tests und des Seminars und des Vortrags, an dem ich in den letzten Tagen immer wieder herumgebastelt habe und der langsam Form annimmt. Im Laufe des Tages mache ich immer wieder ein paar kleine Erg\u00e4nzungen und Ver\u00e4nderungen, und am Abend steht der Vortrag praktisch. Es geht um Zahlen. Ich habe absichtlich ein paar deutsche Verweise mit aufgenommen \u2013 den Dreik\u00e4sehoch, die dreizehnte Fee, die Paderborner Hasen \u2013 um es international zu machen. Es kommen aber auch China und Spanien und Amerika vor.<\/p>\n<p>Als ich am Vormittag kurz ins B\u00fcro gehe, um ein paar Dinge vorzubereiten, ist die T\u00fcr offen. Der Kollege, der morgens schon immer vor mir da ist, ist auch heute, Sonntag, im B\u00fcro.<\/p>\n<p>Als ich fertig bin, halte ich auf einmal einen leeren USB-Stick in der Hand. Nur die H\u00fclse. Dann merke ich, dass der Rest noch im Computer steckt. Gott sei Dank sind die Dateien noch drauf. Ich mache aber eine Kopie des gesamten Inhalts auf den Computer, bevor ich gehe.<\/p>\n<p>Mein Aktionsradius heute bel\u00e4uft sich auf wenige Meter. Ich sehe mir die verschiedenen Kirchen an, nur von au\u00dfen. Erstaunlich, wie viele sich da auf engstem Raum dr\u00e4ngen, machmal Seite an Seite, manchmal gegen\u00fcber. Ich sehe die Old Church, die Sixth Church of Christ Scientist, St. James, die First Christian Church, die First Congregational United Church of Christ, die First Unitarian Church, die First Baptist Church, St. Stephen und die First Presbyterian Church. Alle sind historische Kirchen, vom Ende des 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts. Komisch, dass sie alle First im Namen haben. Auch auff\u00e4llig ist, dass die Lutheranische Kirche einen Patron hat, St. James. Gibt es das bei uns auch?<\/p>\n<p>Die Old Church ist tats\u00e4chlich die \u00e4lteste und die einzige, die aus Holz ist: hellgrau, neugotisch, mit Erkern und T\u00fcrmchen. Ganz sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Viele der Kirche gleichen sich und erinnern ein bisschen an England: dunkler Basaltstein, untersetzte, niedrige T\u00fcrme, eher lang als hoch. Andere, vorwiegend die mit gotischen T\u00fcrmen, k\u00f6nnten so auch in Deutschland stehen. Wieder andere sehen mit ihren \u201evenezianischen\u201c, etwas zu gro\u00df geratenen Aufs\u00e4tzen auf dem Turm irgenwie \u201eamerikanisch\u201c aus. Ganz anders ist die Sixth Church of Christ Scientist. Sie hat von weitem ein etwas bunkerartiges Aussehen, aber aus der N\u00e4he sieht man ein sch\u00f6nes, variantenreiches Muster, aus Ziegelsteinen gebildet. Es hei\u00dft, man habe das absichtlich so kompliziert angelegt, um den Menschen Arbeit zu geben. Die Kirche entstand in der Zeit der Depression, 1932.<\/p>\n<p>Die First Baptist Church (?), die letzte auf meinem Streifzug, hat ein besonderes Leckerbissen f\u00fcr die Gl\u00e4ubigen, das in gro\u00dfen Lettern an der Kirche angepriesen wird: Public Parking. Sehr amerikanisch.<\/p>\n<p>Ich bin jetzt gerade \u00fcber das eigentliche Univiertel hinaus geraten. Hier ist viel mehr Betrieb. Sonntagsausfl\u00fcgler \u00fcberall. Wie immer in der vergangenen Woche hat der Tag tr\u00fcb begonnen und ist dann immer sch\u00f6ner geworden.<\/p>\n<p>Hier unten gibt es auch Food Carts, und unter denen entdecke ich dann El Cubo de Cuba. Der ist aber geschlossen und ich bestelle nebenan ein Bento, eins der typischen Reisgerichte, mit viel Gem\u00fcse und Fleisch, hier von zwei Amerikanern serviert, die sich wiederum an Freundlichkeit \u00fcbertreffen. Auf dem R\u00fcckweg sehe ich dann, als Erg\u00e4nzung zu dem kubanischen Stand, noch einen deutschen Bratwurststand.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">8. Juli (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Im Seminar kommt die Sprache auf den Ursprung von Oregon. Ein Student schl\u00e4gt die folgende, ebenso ingeni\u00f6se wie falsche Deutung vor: Er sagt, es komme von <em>ore gone<\/em>, \u201aEisen weg\u2018, ein Schlagwort, das man benutzt habe, um zu verhindern, dass noch mehr Siedler nach Oregon k\u00e4men.<\/p>\n<p>Endlich frage ich die Studenten, woher sie kommen. Die meisten kommen aus der Gegend, entweder aus Oregon selbst oder aus Nordkalifornien. Keiner kommt von der Ostk\u00fcste oder auch nur aus nicht benachbarten Staaten. Eine ist in Hawaii geboren, lebt aber schon lange hier, einer hat in Georgia gelebt, ist aber urspr\u00fcnglich aus Portland. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Wahl von Portland sind meist ganz praktischer Natur. Auch nicht anders als in Trier. Die Studenten erz\u00e4hlen mir, dass PSU von Ausw\u00e4rtigen eher wegen der Stadt als wegen der Uni gew\u00e4hlt wird.<\/p>\n<p>Nach dem Seminar gehe ich zum ersten Mal zu Subway. In Deutschland kann man heute nicht mehr einfach einen Kaffee bestellen, man muss spezifizieren. Bei den Sanwiches in Amerika wird das System auf die Spitze getrieben: Zuerst wahlt man die Lange \u2013 Footlon doer 4.5 inches \u2013 dann die Brotsorte, dann die Kasesorte, dann die Gemusebeilagen, dann, ob man Fleisch haben will und wenn ja, welches, dann, ob man das Brot getoastet haben will, dann die verschiedenen Sosen und dann noch, ob man Salz und Pfeffer drauf haben wil. Und nach all der komplizierten Prozedur bekommt man dann ein durchschnittliches Sandwich.<\/p>\n<p>Dann fange ich an, den Test zu korrigieren und muss wegen einiger technischer Dinge in das Computer Lab, aber nach einiger Zeit finde ich, dass der Tag viel zu sch\u00f6n ist, um in einem fensterlosen Raum verbracht zu werden und mache mich auf den Weg zum Bahnhof. Der liegt ganz oben, am anderen Ende der Stadt, aber man kommt gut hin. Er ist in einem ganz ahnsehnlichen, historisierenden Geb\u00e4ude untergebracht, mit einem Turm, der funktionslos ist und nur ein architektonisches Zitat. Die Mauern sind aus dunklem Ziegelstein, durchzogen mit roten Zierstreifen, die wiederum mit dem roten Ziegeldach korrespondieren.<\/p>\n<p>Drinnen ist es ganz ruhig, und man wird schnell und wiederum sehr freundlich bedient. Ein Traum. Ja, man kann nach Seattle fahren und die Fahrt in Tacoma unterbrechen, nur braucht man daf\u00fcr verschiedene Fahrkarten. Jetzt sei keine gute Zeit, sagt die Verk\u00e4uferin, alles ziemlich teuer, und au\u00dferdem k\u00f6nne man eher billige Karten ergattern, wenn man lange vorher reserviere. Ich mache mich aufs Schlimmste gefasst und muss dann mickrige 93 $ &#8211; f\u00fcr eine R\u00fcckfahrkarte mit Reservierung in eine 280 km entfernte Stadt.<\/p>\n<p>Die Idee mit Tacoma kommt von einer Kollegin aus Trier, die allerdings voreingenommen ist: Sie kommt aus Tacoma. Das war fr\u00fcher eine reine Industriestadt, die sich aber gemausert haben soll und vor allem wegen ihrer Glaswerkstatt bekannt ist.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich an Theo\u2019s vorbei. Es hat ge\u00f6ffnet, aber nicht das, was ich jetzt gebrauchen k\u00f6nnte, n\u00e4mlich Kaffee. Da muss ein anderes Mal wiederkommen.<\/p>\n<p>Dann sehe ich ein Lokal, Mary\u2019s, mit einem Schild, das wiederum gleich morgen im Seminar verwurstet werden kann: <em>Eat, drink and be &#8230; Mary. <\/em><\/p>\n<p>Ich sehe, dass die Klappe an den Bussen, die heruntergelassen wird, wenn ein Fahrrad transportiert wird, Werbung haben. Wenn kein Fahrrad transportiert wird, wird sie hochgeklappt. Sehr amerikanisch.<\/p>\n<p>Ich gehe am Fluss entlang und dann in die Uni-Buchhandlung. Man glaubt, im falschen Laden zu sein: kein Buch weit und breit. \u00dcberall T-Shirts, Karten, Geschenkartikel. Die B\u00fccher sind im Keller und im Obergeschoss. Ich sehe mir ein paar Regale an, aber die Auswahl ist begrenzt. Man spezialisiert sich hier vermutlich auf Lehrb\u00fccher, die ganz gezielt f\u00fcr die Seminare geordert werden. Genauso wie in Trier.<\/p>\n<p>Als ich wieder zu Hause bin, sehe ich den Rest des Tests durch, damit er morgen gleich zur\u00fcckgegeben werden kann.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">9. Juli (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Vor dem Seminar kommt die Sprache aufs Laufen und die beiden sportlichen Jungs, Charles und Nicolas, laden mich ein, am n\u00e4chsten Tag mit ihnen zu laufen. Sie wollen, zusammen mit Freunden, zum Fluss runter, gleich nach dem Seminar. Ich sage vorschnell zu. Es ist nicht die Entfernung, sondern die Schnelligkeit, die mir Angst macht. Seit dem Marathon habe ich die Laufschuhe nicht mehr ausgepackt.<\/p>\n<p>Das erste, <em>Salmon Cycle Marker<\/em> (2005), steht sozusagen gleich vor der Haust\u00fcr, am Native American Student and Community Center. Es ist ein baumstammartige, aber irgendwie auch an einen indianischen Marterpfahl erinnernde S\u00e4ule, an deren Spitze zwei silberne Lachse in entgegengesetzter Richtung angebracht sind, den Lebenszyklus der Lachse markierend, der eine mit offenem, der andere mit geschlossenem Mund. An der S\u00e4ule ziehen sich silberne B\u00e4nder hoch, die Fl\u00fcsse und Lebenswege markierend, und daneben befinden sich auch indianische K\u00f6pfe und stellen damit die Verbindung zur Lebenswelt der Indianer her.<\/p>\n<p>Etwas weiter runter, schon auf der Park Avenue, ist an der ganzen Front der Neuberger Hall entlang, ganz unten, fast ebenerdig, das vieleteilige Kunstwerk Oregon Country angebracht, vor den Fenstern des Untergeschosses, fast ebenerdig. Es stellt Szenen der Natur Oregons dar, aber auch Schiffe und Br\u00fccken. Es erinnert mich an zwei Darstellungen an der Alleeschule aus meiner Kindheit und tats\u00e4chlich stammt Oregon City von 1962. Es ist aus Bronze, ist aber schwarz und sieht eher wie ganz d\u00fcnnes Eisen aus.<\/p>\n<p>In der ganzen Park Avenue gibt es kleine, nichtgegenst\u00e4ndliche Skulpturen. Sie sind manchmal gar nicht so leicht zu finden und, wenn man sie gefunden hat, auch nicht so leicht zu identifizieren. Eine Gruppe von drei, teils gegl\u00e4tteten, teils groben Granitsteinen, teils liegend, teils stehend, hei\u00dft Peace Chants. Das wei\u00df ich aber nur deshalb, weil es dransteht. Sonst h\u00e4tte auch jedes andere als Peace Chants in Frage kommen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Leichter zu erkennen sind da schon Roosevelt auf seinem Pferd und Lincoln. Der macht einen Schritt nach vorne, hat aber den Kopf gebeugt, was beides vielleicht symbolisch verstanden werden will. In der Inschrift hei\u00dft es, dieses Kunstwerk sei aus einer Spende der B\u00fcrger Oregons zu Lincolns 200. Geburtstag errichtet worden. Man wolle damit seinen Verdienst um die Abschaffung der Sklaverei und die Erhaltung der Union w\u00fcrdigen. Beides wird immer in einem Atemzug genannt, aber es ist weniger bekannt, dass die Union f\u00fcr Lincoln das eigentliche Ziel war. Er wollte die Union nicht f\u00fcr die Abschaffung der Sklaverei opfern, und h\u00e4tte sich auch mit einer Union unter Beibehaltung der Sklaverei abgefunden. Gew\u00fcrdigt wird hier auch sein Einsatz f\u00fcr Oregon und sein Eintreten f\u00fcr eine transatlantische Eisenbahn.<\/p>\n<p>Vor dem Oregon History Museum, das eine Wandmalerei hat, die sich dem Laien nicht erschlie\u00dft \u2013 es scheint um Figuren unter den Siedlern zu gehen \u2013 l\u00e4uft eine Gruppe junger Spanier herum. Bei ihnen klingt Portland wie Porlan.<\/p>\n<p>Etwa auf dieser H\u00f6he befindet sich das Kunstmuseum, und an dessen Rand und in dessen Innenhof gibt es eine ganze Ansammlung von Skulpturen, einige davon zu modern, um in der Karte vermerkt zu sein, andere nicht zu finden.<\/p>\n<p>Da steht zum Beispiel die Skulptur einer rundlichen Indianerfrau mit langem Rock und geflochtenen Z\u00f6pfen, <em>Madrina<\/em> (2001). Man sieht sie von hinten. Immer. Wenn man einmal um die Skulptur herumgeht, sieht man immer ihren R\u00fccken. Ein Gesicht hat sie nicht.<\/p>\n<p>\u00dcber dem Eingang zum Kunstmuseum ist eine bunte Skulptur, die ich dieser Tage schon mal im Vorbeigehen gesehen habe, ohne aber zu merken, woraus sie besteht: Es sind lauter Helme. Vermutlich Helme, wie sie im American Football getragen werden, denn einige haben Nummern und au\u00dferdem haben sie Luftl\u00f6cher. Die Helme sind bunt und bilden in regelm\u00e4\u00dfigen Reihen angebracht, ein l\u00e4ngliches Viereck. Die \u00e4u\u00dferen Helme sind eher gr\u00fcn, dann gibt es eine Fl\u00e4che mit vorwiegend blauen. Die im Zentrum sind rot und bilden ein gro\u00dfes P, mitten in dem Viereck. Das P sieht man aber nur, wenn man sich die Sache aus der Distanz ansieht. Sp\u00e4ter sehe ich dieses dicke P immer wieder in Schildern und Anzeigen der Stadt. Ob sie es von dem Kunstwerk oder das Kunstwerk es von ihnen hat?<\/p>\n<p>Daneben sieht man den <em>Tale Teller<\/em> (2012), eine aus einzelnen Buchstaben und anderen Schriftzeichen \u201ezusammengeflickte\u201c Figur im Schneidersitz. Der Mensch als erz\u00e4hlendes Wesen. Sehr sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Die Skulptur, die einem zuerst auffallt, wenn man den Innenhof des Museums betritt, ist eine Pferdegerippe. Es sieht aus, als ware es aus Holz, ist aber aus Bronze. Es heist Dance Horse.<\/p>\n<p>Weiter unten, in der Innenstadt, in der N\u00e4he des Pioneer Platzes, steht eine Skulptur mit schwedischem Namen, <em>Kvinneakt<\/em> (1975), Frauenakt, eine niedrige, gl\u00e4nzende Bronzefigur, eine \u00fcppige Frau mit einem Ganzk\u00f6rperumhang darstellend, dessen sie sich gerade entledigt und ihre Kurven zeigt. Die Skulptur war das Titelbild zu einer Aktion mit dem beziehungsreichen Namen Expose yourself to Art und ist seit jeher sehr umstritten. Dem K\u00fcnstler zufolge geht es nciht um Sex, sondern um Bewegung und Grazie, aber dem k\u00f6nnen nicht alle folgen. In den Zeitungen ist sie als eine der schlechtesten Kunstwerke Portlands bezeichnet worden, nicht w\u00fcrdig, hier im Zentrum einen Platz zu finden. Es hat einen gescheiterten Versuch gegeben, sie zu stehlen, der aber Besch\u00e4digungen an der Skulptur hinterlassen hat. Sie ist mit einem \u00fcberdimensionalen BH ausgestattet und mit mit dem Slogan Jesus Saves bemalt worden. Sie ist an dem Tag einer B\u00fcrgermeisterwahl mit einer Sch\u00e4rpe mit der Aufschrift Congratulations versehen worden. Und ein Bild von ihr erschien auf der Website einer Wodka-Herstellers, der sie, als Protest gegen vermeintliche Zensur, ohne Brustwarzen darstellte. Auf unz\u00e4hligen Photos steht sie gegen\u00fcber einem Mann, der, von hinten gesehen, seinen Mantel ausfaltet und sich \u201eentbl\u00f6\u00dft\u201c.<\/p>\n<p>Am Pioneer Square lese ich, das dies auch der Standort der ersten Public School von Portland war. Die stand da noch vor dem Hotel. Wieder was f\u00fcrs Seminar.<\/p>\n<p>Lange suche ich nach einem Kunstwerk, das <em>Electronic Poet<\/em> hei\u00dft (1984). Daran, oder darunter, k\u00f6nnte man tats\u00e4chlich beliebig oft vorbeilaufen, ohne es als Kunstwerk zu erkennen. Es k\u00f6nnte auch Werbung sein. Es handelt sich um eine Leuchschriftanzeige, die oben an einem \u00fcberdachten Durchgang f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger angebracht ist. Auf ihr erscheinen, in gro\u00dfen, roten Lettern, in schneller Abfolge Gedichtzeilen, so schnell, dass man nur so gerade mitlesen kann. Es gibt wohl f\u00fcr jeden Tag des Jahres ein Gedicht. Wir sind gerade bei 296. Man kann gerade eine paar Zeilen aufschnappen: <em>The spider\u2019s web, the drunken birds<\/em>. Wenn man dann wieder aufsieht, ist schon ein anderer Tag dran: <em>The young girl plays with the gynocide doll, her mother<\/em>.<\/p>\n<p>Dann sehe ich noch irgendwo eine Skulptur die Pile heist und auch aus Bronze ist, aber aussieht, als ware sie aus Holz, ganz in Schwarz. Es ist ein merkwurdiger Stapel: auf einer Holzkiste liegen zwei Kissen, darauf zwei Bucher und auf denen stehen zwei Raben, auch die einer auf dem Rucken des anderen.<\/p>\n<p>Nach der Kultur kommt dann das Fressen. Der kubanische Stand ist immer noch geschlossen, also nehme ich diesmal einfach einen ordin\u00e4ren Gyros vom Griechen. Schmeckt ganz anders als bei uns. Das Fleisch, Lammfleisch, kommt in kleinen, gebratenen Klumpen statt in geschmorenen Streifen. Hier unten gibt es bei den Food Carts noch mehr Auswahl. Sie gruppieren sich um einen ganzen Platz herum. Es gibt auch \u00e4gyptische, georgische und hawaiianische K\u00fcche und Fish and Chips. Die gibt es bei <em>The Frying Scotsman<\/em>.<\/p>\n<p>Als ich am Abend zu Safeway gehe, um meinen Wasser- und Biervorrat aufzuf\u00fcllen, merke ich, warum ich eine der Skulpturen in der Park Avenue nicht gefunden habe: Man kann \u00fcber sie dr\u00fcber gehen, ohne sie zu bemerken. Es handelt sich um das mittels hellerer Platten in den Boden eingelassene Profil einer Ulme, deren Schatten auf dem Boden sozusagen. Am Abend, in der D\u00e4mmerung, kommen die hellen Platten besser zum Vorschein. Der Titel der Arbeit ist <em>In the Shadows of the Elm<\/em> (1984).<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">10. Juli (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen sehe ich in der Park Avenue Eichornchen, grau mit rotem Schwanz, wie eine kuriose Kreuzung der zwei Arten. Sie sind Menschen gewohnt und halbzahm, aber rennen sofort weg, sobald man sich irgendwie auf sie zu bewegt, zum Beispiel, um ein Photo zu machen.<\/p>\n<p>Im Unterricht geht es, wenigstens am Rande, um das Wort <em>earworm<\/em>, das jetzt im OED Aufnahme gefunden hat. Nur zwei der Studenten haben es schon mal geh\u00f6rt und keiner von ihnen gebracht es.<\/p>\n<p>Nach dem Seminar geht es dann schnell zur Bude zum Umziehen und runter zum Pioneer Square zum Laufen. Der Aufzug und die Ampeln scheinen zu wissen, dass ich es eilig habe und tun alles, um mich aufzuhalten. Als ich ankomme, stehen die Jungs aber ganz gelassen bei dem Mann mit dem Regenschirm, einem guten Treffpunkt.<\/p>\n<p>Sie laufen tats\u00e4chlich ein sehr gem\u00fctliches Tempo. Wir laufen eine Runde am Fluss, und als die zu Ende ist, fragen sie, ob wir noch eine drauflegen sollen. Tun wir. Geht, aber danach bin ich kaputt. Es war der erste Lauf nach dem Marathon, und dies war die bester Art und Weise, das zu tun. Einer der Jungs macht einen Doppelabschluss in zwei auf die Gesch\u00e4ftswelt ausgerichteten Disziplinen und will nach dem Abschluss n\u00e4chstes Jahr sofort in die Wirtschaft und Geld verdienen. Der andere plant eine Promotion. Er fragt auch nach dem Austausch und scheint scheint sich f\u00fcr einen begrenzten Lehrauftrag bei uns zu interessieren.<\/p>\n<p>Beide empfehlen mir, unabh\u00e4ngig voneinander, nach San Franciso zu reisen. Wenn sie die Wahl h\u00e4tten zwischen der K\u00fcste von Oregon und San Francisco, w\u00fcrden sie San Francisco nehmen.<\/p>\n<p>Nach dem Laufen gehe ich zum Helpdesk, um endlich die Sache mit dem Netbook zu kl\u00e4ren. Es stellt sich heraus, dass alle Probleme etwas mit der Hardware zu tun haben. Das ist eine Sache f\u00fcr den Hersteller. Da werde ich mich zuhause noch mit herumzuschlagen haben.<\/p>\n<p>Dann kommt die b\u00f6se \u00dcberraschung, als es darum geht, ein Hotel in Seattle zu buchen. Viele sind ausgebucht, und die noch freien haben satte Preise. Ich h\u00e4tte besser in Tacoma \u00fcbernachten und am n\u00e4chsten Morgen nach Seattle fahren sollen, aber daf\u00fcr ist es jetzt zu sp\u00e4t. Oder doch nicht? Ich gucke ein bisschen hin und her, aber das, was man auf der einen Seite spart, gibt man f\u00fcr die Zugfahrt wieder aus. Ich nehme das billigste der Hotels \u2013 keine Buchungsgeb\u00fchr \u2013 und werde nach der Buchung erst informiert, dass noch 15% Steuern und ein Touristenzuschlag draufkommen.<\/p>\n<p>Als ich mir wegen des Vortrags noch mal die amerikanischen M\u00fcnzen ansehe, die f\u00fcr den Vortrag von Belang sind, merke ich, dass beim\u00a0 Quarter Dollar eine Seite oft einen bestimmten Staat darstellt, so wie wir das beim Euro auch haben, vermutlich von den Amerikanern abgeguckt. Ich habe immerhin M\u00fcnzen aus Washington, Kalifornien, Colorado, New Mexico, Vermont und Rhode Island im Portemonnaie, aber keine aus Oregon.<\/p>\n<p>Am Abend ist der Vortrag von Jaiwanti. Die erste Frage nach dem Vortrag stellt Alexander, die zweite stellt Alexander, die dritte stellt Alexander. Dann sind die anderen dran, und dann wieder Alexander.<\/p>\n<p>Nach dem Vortrag stehen wir noch eine Zeitlang zusammen und sprechen \u00fcber unsere Pl\u00e4ne. Alexander, stellt sich heraus, ist schon in San Francisco gewesen und gibt uns detallierte Ratschl\u00e4ge zum Besichtigungsprogramm und den Esslokalen.<\/p>\n<p>Der Vortrag handelt vom Dorftrottel, einer Figur in neueren indischen B\u00fcchern und Filmen. Der Dorftrottel \u2013 The Village Idiot \u2013 ist der einfache, einf\u00e4ltige Dorfjunge, der in die gro\u00dfe Stadt kommt. Er erlebt dort dieselben Schwierigkeiten wie andere Migranten, auch wenn er innerhalb des eigenen Landes bleibt: sich nicht dazugeh\u00f6rig f\u00fchlen, Langeweile, Fremdheit, Heimatlosigkeit, Heimweh. Er Er erlebt einen Kulturschock und eine Identit\u00e4tskrise und wird zu dann zu einem Hybriden, der zwischen beiden Welten steht. Literatur behandelt ihn, genauso wie der Film, auf zwei Arten: als Ausgebeuteten oder als Exoten. Am besten wird das Thema von Bollywood bew\u00e4ltigt. Da verliebt sich das reiche M\u00e4dchen in den ehrlichen Burschen vom Dorf und heiratet ihn.<\/p>\n<p>Die meisten machen die Entdeckung, dass es fr\u00fcher viele G\u00f6tter gab, jetzt nur noch einen, das Geld, und dass es fr\u00fcher viele Kasten gab, und jetzt nur noch zwei: die mit und die ohne Bauch.<\/p>\n<p>Jaiwanti stellt die modernen Migranten, auch die gebildeten Migranten, die in den Westen gehen, um sich ein besseres Leben zu suchen, in den Kontext der historischen Migration in Indien, beginnend mit den Juden und den Ariern, die nach Indien kamen.<\/p>\n<p>Am Anfang des Vortrags steht ein Zitat aus einem Film: <em>I\u2019ve been looking for the keys for years, but the door was always open. <\/em>Der Film hei\u00dft <em>The White Tiger<\/em>. Der wei\u00dfe Tiger, der dem Film den Titel gibt, ist gleichzeitig die Metapher f\u00fcr den Dorftrottel.<\/p>\n<p>Jaiwanti spricht frei, in lockerem Englisch, mit dem wunderbaren indischen Akzent, den ich in Indien so wenig geh\u00f6rt habe. Vielleicht eher typisch f\u00fcr den S\u00fcden. Von den Briten spricht sie immer nur als <em>Britishers<\/em>. Zwischendurch benutzt sie das Wort <em>Kuli<\/em>, das wir auch \u00fcbernommen haben. Sie macht das alles sehr souver\u00e4n, ganz in sich ruhend, ohne Spur von Nervosit\u00e4t. Sie best\u00e4tigt uns das sp\u00e4ter. Sie sei nie nerv\u00f6s. Alexander dagegen ist nach eigenem Bekunden ein reines Nervenb\u00fcndel und bekommt jetzt schon weiche Knie, wenn er an den Vortrag denkt. Genauso wie ich.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">11. Juli (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Schon wieder ist das Ende der Seminarwoche da, und es ist schon das Ende der vorletzten Woche.<\/p>\n<p>Ein unangehmer Charakterzug der amerikanischen Studenten ist ihre Notenbesessenheit. Heute morgen standen schon wieder zwei vor dem B\u00fcro, um in Verhandlungen \u00fcber Noten von Hausaufgaben und Test einzutreten. Man kommt sich vor wie auf einem orientalischen Basar. Sie w\u00fcrden nie Konzessionen daran machen, dass man selbst in einigen Fragen vielleicht kulant gewesen ist, sondern sprechen nur von dem, wo man noch was rausholen kann.<\/p>\n<p>Heute sind Photos vom Marathon gekommen. Sie sind allerdings s\u00fcndhaft teuer und schwer zu bestellen.<\/p>\n<p>Am Nachmittag sehe ich im Laden des Kunstmuseums eine Karte, auf der eine elegant gekleidete Frau einen Kinderwagen vor sich herschiebt, sich zu dem Kind hinunterbeugt und mit ihm spricht: Gucci, Gucci, Gucci. Und auf einer anderen sieht man zwei Steinzeitmenschen, Mann und Frau, die sich zerstritten haben, R\u00fccken an R\u00fccken an einem Pfahl sitzen. Sie sagt: We have to talk. Er sagt: Uh? Eh?<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">12. Juli (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Auch die Stra\u00dfenbahn f\u00e4hrt langsam, merke ich, als ich am fr\u00fchen Morgen zum Bahnhof fahre. Es ist noch kaum jemand unterwegs.<\/p>\n<p>Vor dem Bahnhof steht eine verzogene Steins\u00e4ule, Cairns. Skulpturen dieser Form sieht man hier \u00f6fter.<\/p>\n<p>Am Bahnhof ist es ganz ruhig. W\u00e4hrend der Stunde, die ich noch warten muss, kommt nur ein Zug an und keiner f\u00e4hrt ab. Nach unserem f\u00e4hrt dann vier Stunden lang keiner mehr ab. Da haben die Amerikaner es leicht, mit ihren sauberen Z\u00fcgen anzugeben. Z\u00fcge sind hier kein Verkehrsmittel f\u00fcr den Alltag, sondern Verkehrsmittel f\u00fcr Reisen. Das merkt man auch an dem ganze Theater, das gemacht wird. Eine halbe Stunde vor Abfahrt kommt der Zug, und man muss \u201eeinchecken\u201c und bekommt eine Platznummer. F\u00fcnf Minuten vor Abfahrt wird die Sache dicht gemacht. Wer dann nicht da ist, verpasst den Zug. Auch sp\u00e4ter, als wir in Seattle ankommen, gibt es vorher mehrere Hinweise, wie wahnsinnig hektisch das alles werden w\u00fcrde, man solle doch bitte Platz behalten, um die G\u00e4nge nicht zu versperren. Als wir dann aussteigen, ist alles ganz harmlos. Wir sind vielleicht hundert Passagiere in einem langen Zug.<\/p>\n<p>Am Bahnhof kaufe ich mir dann endlich mal eine Zeitung, The Oregonian nat\u00fcrlich. Auff\u00e4llig ist das Format, d\u00fcnn und lang, und noch d\u00fcnner und l\u00e4nger, wenn man sie aufschl\u00e4gt, wie eine chinesische Tintenzeichnung. Beim Umbl\u00e4ttern eher hinderlich.<\/p>\n<p>The Oregonian ist nicht gerade die New York Times. Man muss schon suchen, um was Interessantes zu finden. Die beste Nachricht ist, dass es eine weiter Woche lang gutes Wetter geben soll.<\/p>\n<p>Ein Artikel ist \u00fcber die uns\u00e4glich komplizierte M\u00fclltrennung. Es kommen Leute drin vor, die es ernst meinen und \u00fcber die Komplikationen klagen. Beim Plastik muss man auf die Nummerierung achten. Das meiste davon kann man nicht recyceln, zum Beispiel all die Verpackungen von Lebensmitteln in den Superm\u00e4rkten, gro\u00dfe, durchsichtige Plastikschachteln, die viel Platz einnehmen. Ist mir auch im Wohnheim schon aufgefallen. F\u00fcr die ist, trotz aller Differenzierung, kein Platz im System, genauso wenig wie f\u00fcr die ganzen Plastikbecher der Plastikcaf\u00e9s. Jetzt wird die Sache f\u00fcr die Amerikaner schwieriger, da China, bisher der M\u00fcllablageplatz der USA, sich jetzt weigert, bestimmte Sorten von Plastik einzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Auch mit Japan gibt es \u00c4rger. Japan f\u00fchrt riesige Mengen amerikanischen Weizen ein. F\u00fcr die Nudeln! Jetzt hat man irgendwo genetisch modifizierten Weizen entdeckt und gleich die Bremse gezogen.<\/p>\n<p>Dann erf\u00e4hrt man, dass Microsoft seine Gesch\u00e4ftsstrategie umkrempeln will. Man ger\u00e4t immer mehr ins Hintertreffen gegen\u00fcber Apple und Google. Der Grund: Computer sind nicht mehr in. Die neue Generation macht alles mit Smartphones. Der PC ist von gestern! Zu der neuen Strategie geh\u00f6rt auch die Er\u00f6ffnung eigener Gesch\u00e4fte, wie in Portland bereits geschehe.<\/p>\n<p>Es ist auch von dem Unfall auf dem Flughafen in San Francisco die Rede. Davo hat Alexander dieser Tage erz\u00e4hlt. Der Unfall war kurz vor seinem Ablfug passiert. Ein Flugzeug hatte nach der Landung in eine Mauer gefahren. Die Stewardessen wurden aus dem Flugzeug herausgeschleudert, \u00fcberlebten aber! Zwei chinesische Frauen kamen um, aber, wenn ich das richtig verstanden habe, auf der Landepiste, nachdem sie das Flugzeug verlassen hatten.<\/p>\n<p>Bei dem Titel eines Artikels bin ich v\u00f6llig verwirrt: Handful shift bras to Salem. Erst wenn man den Artikel liest und feststellt, dass Handful eine Firma ist, wird die Sache klar.<\/p>\n<p>Dann geht es noch um die Nachnamen spanischer Einwanderer, die ihre beiden angestammten Namen, den des Vaters und der der Mutter, hier, entgegen der spanischen Tradition, mit Bindestrich schreiben, damit keiner verloren geht! (<em>The Oregonian<\/em>, 12\/07\/2013: C1)<\/p>\n<p>Dann, nach dem zeremoniellen Gang \u00fcber den Bahnsteig, im G\u00e4nsemarsch, geht die Fahrt los. Wir kommen gleich zu Beginn \u00fcber zwei gro\u00dfe Fl\u00fcsse, den Willamette und den Columbia, und schon sind wir in Washington. Nach Tacome sind es gut drei Stunden. Je weiter nach Norden wir kommen, umso schlechter wird das Wetter. Die Wolken werden immer dichter.<\/p>\n<p>Kurz vor Tacoma kommt links eine gro\u00dfe Wasserfl\u00e4che in Sicht, und das erinnert mich an eine andere sprachliche Kuriosit\u00e4t. Im Reisef\u00fchrer war immer vom Puget Sound die Rede, und ich dachte, es handele sich um eine Musikrichtung. Es ist aber Sund gemeint. Dies ist aber nicht der Puget Sound. Dies sind die Tacoma Narrows. \u00dcber die f\u00fchrt eine beeindruckende, inzwischen renovierte oder erneuerte Br\u00fccke, die fr\u00fcher Galloping Gertie hie\u00df.<\/p>\n<p>Der Taxifahrer, der mich zum Museum of Glass bringt, stammt aus Tansania. Er ist seit zehn Jahren hier. It\u2019s home now. Hakuna matata.<\/p>\n<p>Im Internet gibt es widersprechende Eindr\u00fccke von Tacoma, von Drecksloch bis Sehensw\u00fcrdigkeit. Es ist eigentlich keins von beiden, jedenfalls kein Drecksloch. Aber es ist ziemlich kalt, mindestens zehn Grad weniger als in den letzten Tagen in Portland. Es regnet aber nicht, und das teile ich auch, als bemerkenswerte Nachricht, meiner Kollegin aus Tacoma auf einer Ansichtskarte mit. Nachdem ich eindlich eine gefunden habe mit einem Motiv von Tacoma. Als ich sie in den Briefkasten geworfen habe, dauert es noch f\u00fcnf Minuten, und es f\u00e4ngt an zu regnen. Klar, mein Regenschirm ist zuhause. Die Regenwahrscheinlichkeit f\u00fcr heute war laut Zeitung 0%.<\/p>\n<p>Zuerst gehe ich aber ins Museum of Glass. Das ist das Vorzeigest\u00fcck von Tacoma. F\u00fcr mich eine Entt\u00e4uschung. Ich kann weder mit der Vorf\u00fchrung noch mit der Ausstellung viel anfangen. Man sieht, wie sich unten unter der Trib\u00fcne, verschiedene Akteure an einer gro\u00dfen, mangoartigen Sache zu schaffen machen, die, am Ende eines Stabs h\u00e4ngend, immer wieder in den Ofen geschoben und dann bearbeitet wird, aber was genau geschieht und was daraus werden soll, kann man nicht erkennen. Der eigentliche K\u00fcnstler, ein Australier, der sich wie ein K\u00fcnstler durch den Raum bewegt, ist an einer kleinen Sache dran, deren Sinn man noch weniger verstehen kann. Die Halle selbst sieht aus wie ein moderner Gasometer. Den sieht man von weitem schon, silbrig gl\u00e4nzend, schr\u00e4g, und er w\u00fcrde im Sonnenschein vermutlich besser zur Geltung kommen. Ebenso die gl\u00e4sernen Kraniche und Seerosen auf einem Weiher vor dem Museum.<\/p>\n<p>In der Ausstellung, auch die ist Australien gewidmet, gibt es meist nichtfig\u00fcrliche Objekte, bei denen am besten ist, wie sie anderes Material imitieren: Keramik, Marmor, Leinwand, sogar Bl\u00e4tter und Papier (es gibt d\u00fcnne hellgr\u00fcne Papierschiffchen), aber meine Begeisterung h\u00e4lt sich in Grenzen, auch, nachdem ich ein zweites Mal durchgegangen bin in der Vermutung, irgenetwas \u00fcbersehen zu haben.<\/p>\n<p>Ich mache mich dann auf die Suche nach der Glass Bridge. Auch die h\u00e4lt nicht, was sie verspricht. Es ist keine gl\u00e4serne Br\u00fccke, sondern eine ganz Fu\u00dfg\u00e4nger\u00fcberf\u00fchrung \u00fcber eine Schnellstra\u00dfe, deren Br\u00fcstung zu einer Art Museum ausbegaut ist. In regelm\u00e4\u00dfigen, gl\u00e4sernen K\u00e4sten stehen Ausstellungsst\u00fccke des ber\u00fchmten K\u00fcnstlers, meist vasenartig, sehr bunt, mit allen m\u00f6glichen Figuren, die aus ihnen herauswachsen.<\/p>\n<p>Am anderen Ende der Br\u00fccke ist ein Caf\u00e9. Dort bekomme ich den bisher besten Kaffee in Amerika und zum ersten Mal eine richtige Tasse!<\/p>\n<p>Gleich daneben ist der Eingang zu dem Museum of the History of Washington, dem zweiten Tipp, den ich bekommen habe, und das macht die Entt\u00e4uschung \u00fcber das Glasmuseum wett.<\/p>\n<p>Hier ist alles m\u00f6gliche nachgestellt und nachgebaut: ein Treffen zwischen Siedler und Indianerh\u00e4uptling, ein Planwagen, ein Kolonialwarenladen, eine Potlatch, das Versammlungshaus der Indianer. An einem aus Holz gefertigten Baum im Zentrum h\u00e4ngen ebenfalls aus Holz gefertigt, die Fr\u00fcchte der Zivilisation herab, eine Schreibmaschine zum Beispiel. Als Ausstellungsst\u00fccke sieht alles vom indianischen Korb bis zum ersten Auto der Siedler.<\/p>\n<p>Anhand eines vollbepackten Planwagens sieht man, was die Siedler alles mitschleppten, vom Gem\u00fcsesamen bis zum Klavier. Als Grundversorgung wurden 200 Pfund Mehl und 75 Pfund Bacon empfohlen, pro Person, dazu kamen Werkzeuge und Ersatzteile. Als Folge davon liefen sie meistens neben dem Planwagen her, auch um die Ochsen zu schonen, die auch so schon genug Last hatten.<\/p>\n<p>Man kann die Figuren zum \u201eSprechen\u201c bringen und etwas \u00fcber ihren Weg erfahren. Viele kamen auf eigene Faust, wie ein Bergmannssohn mit seinem Vater, andere reisten bequem in Karawanen.<\/p>\n<p>Man kann auch einer \u201eVerhandlung\u201c zwischen einem Anf\u00fchrer der Siedler, Isaac Stevens, und einem Indianer zuh\u00f6ren. Spokan Garry, einem der ersten, die Englisch gelernt hatten. Er war zu seinem Stamm zur\u00fcckgekehrt und war nach einiger Zeit zu den alten Traditionen zur\u00fcckgekehrt, nachdem er zun\u00e4chst einige Missionierungsversuche unternommen hatten. Hier fordert er Stevens heraus. Er meldet Zweifel an dessen Motiven und an der Ehrlichkeit der Siedler an.<\/p>\n<p>Sonst wurden die Verhandlungen meist in Chinook gef\u00fchrt, einer Hilfssprache mit wenigen hundert W\u00f6rtern, einer Mischung aus Englisch, Franz\u00f6sisch und Indianersprachen. Die gr\u00f6\u00dfte Vertrag kam in Walla Walla zustande. Da \u00fcberlie\u00dfen die Indianer den Siedlern ca. 70,000 km2 Land.<\/p>\n<p>An einer Leine sieht man die Nachbildungen indianischer Totenmasken durch moderne K\u00fcnstler, darunter eine schwarze mit Federn, kriegerisch aussehend, eine bunt bemalte mit genau ausgebildeten Gesichtsz\u00fcgen, karnevalesk aussehend, eine braune mit langen, zotteligen Haaren und nur schemenhaft ausgebildeten Gesichtsz\u00fcgen, geisterhaft aussehend. Dazu erf\u00e4hrt man etwas \u00fcber das Leben der modernen Indianer. Ihre Lebenserwartung liegt nur bei Mitte 40. Die magischen Zahlen sind 19, das klassische Alter f\u00fcr den Selbstmord, und 45, das klassische Alter f\u00fcr den Tod durch exzessiven Alkoholkonsum. Die Selbstmordrate liegt 45 mal h\u00f6her als bei der Durchschnittsbev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Auch in diesem Museum ist der Biber allgegenw\u00e4rtig. Es wird deutlich, dass man \u201egute\u201c Gr\u00fcnde hatte, ihn zu jagen: Die Population der Bieber in Skandinavien und Russland war im R\u00fcckzug, und die Nachfrage war weiterhin gro\u00df, denn Zylinder waren in Mode! So einfach ist das. Ebenso hatten die Indianer, in diesem Falle die Nez Perce, vertreten durch ihren H\u00e4uptling Twisted Hair, \u201egute\u201c Gr\u00fcnde, sich auf die Gesch\u00e4fte mit den Wei\u00dfen, in diesem Fall Lewis und Clark, einzulassen: \u00a0Ihre Feinde, die Blackfeet, waren schon von den Wei\u00dfen mit Munition und Waffen ausger\u00fcstet worden, und da sollten die Nez Perce nicht hinten an stehen.<\/p>\n<p>Die Dezimierung der Indianer erfolgte aber letztlich nicht durch Kriege oder Ausrottung, sondern durch Krankheiten. Poken und Malaria vor allem. Paradoxerweise \u00fcberlebten gerade die Alten und Schwachen, denn die legten sich ins Bett und gaben dem K\u00f6rper die M\u00f6glichkeit, zu regenerieren. Die Jungen und Starken taten das nicht und wurden zum Opfer. Man kann sich allerdings vorstellen, dass das wiederum zu Depressionen und Mutlosigkeit bei den Alten und Schwachen gef\u00fchrt haben muss.<\/p>\n<p>Bei den Siedlern stellte die sich in der Zeit der wirtschaftlichen Schwierigkeiten ein, die ungewollt, diesen Effekt in ihrem Namen tr\u00e4gt: Depression. Hier, in Washington, gab es ganz besondere Selbsthilfeinitiativen. Der Staat hatte sich, mit den sehr amerikanischen Worten von Pr\u00e4sident Hoover, seine Position klar gemacht: &lt;it is not the function of the government to relieve individuals of their responsibilites to their neighbors. Daraufhin bildete sich hier ein Verband, dem Arbeitslose und Arbeitende beitraten und zu seiner besten Zeit 40,000 Mitglieder hatte. Die Arbeitenden traten zwei Tagesl\u00f6hne pro Woche an den Verband ab, und man inititierte einen Tauschhandel unter den Arbeitslosen. Auf lange Sicht aber zerbrach die Sache an den typischen internen Streitereien und der Entmutigung angesichts der Gr\u00f6\u00dfe der Aufgabe.<\/p>\n<p>Dann geht es wieder zu den Indianern und in eine geradezu furchterrgend echt nachgebaute Indianerh\u00fctte. Es ist so dunkel, dass man nichts sieht, und bekommt dann einen geh\u00f6rigen Schrecken, als man Figuren sieht, die am Feuer sitzen und pl\u00f6tzlich zu sprechen anfangen.<\/p>\n<p>Eine Frau erkl\u00e4rt einem jungen M\u00e4dchen, wie man K\u00f6rbe flechtet, zwei Frauen sitzen zusammen und tratschen, ein Mann flickt ein Netz. Am Rande stehen K\u00f6rbe mit Wurzeln und N\u00fcssen, und an der Decke h\u00e4ngen Fische zum Trocknen.<\/p>\n<p>Der alte Mann erz\u00e4hlt, dass man den Fluss sauber halten m\u00fcsse, damit die Lachse im n\u00e4chsten Jahr wiederk\u00e4men. Deshalb werfe man nichts in den Fluss. Wenn die Lachse kommen, erz\u00e4hlt er weiter, wird der erste Lachs, der H\u00e4uptling der Lachsleute, feierlich von dem Fluss ins Dorf getragen, und jeder bekommt einen Bissen davon. Dann tr\u00e4gt man das Skelett wieder zum Fluss hinunter und setzt es in die Richtung, aus der der Lachs gekommen ist.<\/p>\n<p>Dann erz\u00e4hlt er die Geschichte von der Entstehung der Welt. The Great Changer, der Sch\u00f6pfer der Welt, habe im Osten begonnen und im Westen seine Arbeit beendet. Als er anfing, hatte er eine Tasche voller Sprachen bei sich und gab jedem Volk seine Sprache. Als er dann nach Puget Sound kam, hatte er noch jede Menge Sprachen \u00fcbrig und verstreute sich einfach. Deshalb gibt es in dieser Gegend so viele Sprachen!<\/p>\n<p>Die Menschen waren allerdings nicht zufrieden mit der Arbeit des Great Changer, denn der Himmel war zu niedrig, und die gro\u00dfen Menschen konnten sich daran den Kopf sto\u00dfen. Also beschloss man, etwas dagegen zu tun, wusste aber nicht, wie man das anstellen sollte, ohne gemeinsame Sprache. Dann verfiel einer der Weisen auf das Wort Yehaw (h\u00f6rt sich die Jacha an), \u201aproceed\u2018, und langsam verbreitete sich das Wort Yehaw als Zeichen daf\u00fcr, den Himmel nach oben zu schieben. Am Ende versammelte sich eine Unzahl von Menschen mit St\u00f6cken, und auf das Signal Yehaw hin, schubsten alle gemeinsam den Himmel ein St\u00fcckchen h\u00f6her. Er war immer noch niedrig, und man brauchte drei weitere Versuche, um ihn in die heutige Position zu bringen. Ungl\u00fccklicherweise waren genau zu dem Zeitpunkt drei Fischer genau da, wo der Himmel die Erde trifft, mit ihrem Kanu unterwegs. Sie wurden mit dem Himmel nach oben geschoben und konnten nicht mehr zur\u00fcckkehren. Desahlb sieht man heute in einer klaren Winternacht das Sternbild von drei Fischern, die an ihrem Kanu h\u00e4ngen!<\/p>\n<p>Aus der H\u00fctte in die Moderne zur\u00fcckgekehrt, voller Dankbarkeit an den Indianer, der mir Material f\u00fcr den Unterricht am Montag mit auf den Weg gegeben hat, h\u00f6re ich mir noch an einem Bildschirm Begr\u00fc\u00dfungen in verschiedenen Inidianersprachen an. Die haben klangvolle Namen wie Lummi, Quileute, Spokane, Nez Perce, Walla Walla und Puyallup. Die Begr\u00fc\u00dfungen sind vor allem sehr unterschiedlich, in L\u00e4nge und Form. Auch die englischen Entsprechungen sind sehr unterschiedlich. In einer Sprache ist es ein schn\u00f6des Good Day, in einer anderen Give me your hand, in wieder einer anderen ein zeremonielles Glad you come to my poor house, do as you please. Dazu gibt es auch Oh, is that you? Und What is in your heart und das wunderbare What do you want? Ein sch\u00f6ner Abschluss der Besichtigung.<\/p>\n<p>Danach laufe ich etwas verloren die Pacific Avenue, die gro\u00dfe Stra\u00dfe, die parallel zum Wasser verl\u00e4uft, auf und ab, kann aber zu keiner Seite so etwas wie ein Stadtviertel finden. Das \u00e4ndert sich erst, als ich im zweiten Versuch doch noch eine Ansichtskarte finde. Die freundliche Verk\u00e4uferin gibt mir einen Stadtplan und weist mir die Richtung. Diesmal werde ich gefragt, ob ich aus Schottland k\u00e4me.<\/p>\n<p>An einer Ampel stehend, sehe ich einen vorbeifahrenden Bus mit der Aufschrift: <em>No nickeling, no diming, no dollaring<\/em>.<\/p>\n<p>Im Zentrum gibt es das Rathaus mit einem hohen Uhrenturm und ein von weitem sehr sch\u00f6n aussehendes wei\u00dfes, palastartiges Geb\u00e4ude, das sich bei n\u00e4herem Hinsehen aber als ziemlich heruntergekommen erweist. Renovierungsbed\u00fcrftig, um es vorsichtig zu sagen. Ich kommen in den Theaterbezirk und an ein paar sch\u00f6nen Gesch\u00e4ften und Lokalen vorbei. Irgedwo dort sehe ich die Werbung <em>Berry, berry tasty<\/em>. Ob da jemand die Spanier auf die Sch\u00fcppe nimmt? Ein Konfektionsgesch\u00e4ft f\u00fcr die reifere Frau hei\u00dft Anew thyme.<\/p>\n<p>Dann muss ich mich auf den Weg zum Bahnhof machen. Die Fahrt von Tacoma nach Seattle ist sehr kurz.<\/p>\n<p>Der Taxifahrer in Seattle kommt aus Somalia. Die Afrikaner scheinen sich dieses Terrain unter sich aufgeteilt zu haben. Er erkl\u00e4rt mir ein paar Geb\u00e4ude, und dabei f\u00e4llt immer wieder das Wort <em>bike<\/em>. Keine Ahnung, was er damit meint. Dann d\u00e4mmert\u2019s mir: Er meint <em>Pike<\/em>. In Seattle gibt es den <em>Pike District<\/em>, bekannt f\u00fcr seinen Markt. Die Araber haben auch Schwierigkeiten mit dem \/p\/, und das k\u00f6nnte hier sogar arabischer Einfluss sein.<\/p>\n<p>Das Wahrzeichen von Seattle ist die Space Needle, ein Fernsehturm, ein eleganter Fernsehturm, aber eben doch \u201enur\u201c ein Fernsehturm, den man von \u00fcberall aus sieht. Auch vom Hotelzimmer aus. Er ist sogar in der N\u00e4he. Am sch\u00f6nsten ist er aber, wenn man ihn freistehend erwischt, vor allem jetzt bei dem blauen Himmel als Hintergrund.<\/p>\n<p>Dass Seattle etwas Besonderes ist, merkt man erst, wenn man an der Waterfront ist. Sonst ist es eher wie eine Mischung aus Portland und Tacoma. Unten, an der Waterfront, hat man einen weiten Blick auf die Bucht, Wasser \u00fcberall, meint man, mit einer gr\u00fcnen Insel, vermutlich einem Arm der Bucht, im Vordergrund, Wolken oder Bergen im Hintergrund, der tiefstehenden Sonne rechts und wei\u00dfen Segelschiffen dazwischen. Es riecht nach Meer, und an einigen Stellen sieht der Strand auch wie Meeresstrand aus. Hier sind viele Spazierg\u00e4nger unterwegs. Weiter links ist ein Skulpturenpark, der Olympic Park hei\u00dft, aber wohl nichts mit Olympischen Spielen zu tun hat, sondern mit Olympic, der Hauptstadt Washingtons.<\/p>\n<p>Weiter oben ist die Stadt wie ausgestorben, und man l\u00e4uft etwas verloren zwischen den Wolkenkratzern her. Dann kommt eine Drogerie was gut zu Pass kommt. Die sind hier nicht so breit ges\u00e4t wie bei uns. Man bekommt zwar auch in den Apotheken Drogerieartikel, aber selbst wenn man die mitrechnet, sind es noch nicht so viele.<\/p>\n<p>Als es dunkel wird, komme ich dann doch noch in ein belebteres und, f\u00fcr amerikanische Verh\u00e4ltnisse, gem\u00fctliches Kneipenviertel. Es gibt sogar ein paar Pl\u00e4tze drau\u00dfen. Vor einem Rundell steht ein Pappschild mit der Aufschrift: Bet you 5 dollars you read this. Und an dem Fenster eines Lokals steht in Neonbuchstaben: we cheat tourists-n-drunks since 1929. Da l\u00e4sst man wegen der Originalit\u00e4t die Grammatik gerne durchgehen.<\/p>\n<p>Ich gehe in ein Thai-Lokal an der Ecke, das einfach aussieht und wo man auch als Einzelner einen guten Platz bekommt. Ich frage die Bedienung, ob ich zu meinem Orange Beef braunen oder wei\u00dfen Reis nehmen soll: \u201eWhite rice is tasty, brown rice is healthy. Da nehme ich wei\u00dfen, und dann gleich noch ein Bier aus Thailand dazu, Shinga, hergestellt in der USA! Shinga ist ein Fabelwesen, eine Mischung aus Drachen und L\u00f6we.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13. Juli (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck stehe ich vor verschlossener T\u00fcr und einem vollen Fr\u00fchst\u00fccksraum. Dann merke ich, dass man sich hier mit dem Zimmerschl\u00fcssel selbst aufschlie\u00dfen muss. Das erspart die Kontrolle. F\u00fcr das Fr\u00fchst\u00fcck lohnt sich allerdings der Aufwand nicht.<\/p>\n<p>Entsch\u00e4digt wird man durch das sch\u00f6ne Wetter. Bei hellem Sonneschein gehe ich zur Waterfront runter. Das ist ein Gl\u00fccksfall, denn Seattle gilt als Regenloch und hat 260 Regentage pro Jahr. Trotzdem ist die Regenmenge geringer als in Washington D.C. oder in New York. Es fisselt meistens nur.<\/p>\n<p>Seattle hat noch mehr Wolkenkratzer als Portland, und sie stehen noch dichter beeinander. Sie sind rechteckig und quadratisch und rund und getreppt und habe versetzte Teile oder abgeflachte Fronten. Von allem etwas. Und einer hat einen Turm, der wie ein Kirchturm aussieht. Das ist der Smith Tower, erbaut von Lyman Cornelius Smith, einem Industriemagnaten und Schreibmaschinenhersteller (Smith Corona). Er baute den Wolkenkratzer auf Anraten seines Sohnes, aus Gr\u00fcnden der Publicity. Es sollte etwas wirklich Besonderes her, um die Aufmerksamkeit auf die Firma zu ziehen. Der Smith Tower, 1914 erbaut, war damals der h\u00f6chte Bau westlich des Mississippi und \u00fcberragte alles in Seattle. Er wurde erst von der Space Needle \u00fcbertroffen.<\/p>\n<p>Wie gro\u00df er war, merkt man im Vergleich zu dem Uhrenturm des Bahnhofs, der King Street Station, der bis dahin das h\u00f6chste Geb\u00e4ude war. Ein Turm, der dem Turm von San Marco in Venedig nachempfunden ist. Man baute um diese Zeit repr\u00e4sentative Bahnh\u00f6fe, genauso wie in Europa, und das war auch hier der Fall. Drinnen ist alles in Stuck und Goldverzierung, wie bei den russischen Bahnh\u00f6fen.<\/p>\n<p>Auf der anderen Stra\u00dfenseite steht gleich noch ein Bahnhof, und die Geb\u00e4ude spiegeln die Geschichte um den Anschluss Seattles an die Eisenbahn. Man muss sich vorstellen, wie umst\u00e4ndlich und teuer jeder Warenverkehr vorher war, entweder \u00fcber den beschwerlichen Landweg einmal quer durch den Kontinent oder auf dem langen Seeweg einmal um den Kontinent herum. Als dann die Eisenbahn nach Westen kam, erhielt Tacoma, der ewige Rivale Seattles, den Zuschlag, und Seattle war der gro\u00dfe Verlierer. Dann trat ein Industrietycoon, James Hill, auf den Plan, der eine eigene Strecke baute, ganz privat finanziert, die Great Nothern Railway. Jetzt hatte Seattle seinen Eisenbahnanschluss, und sp\u00e4ter kam dann noch der Anschluss an die Great Pacific Railway dazu. Jetzt hatte man die Eisenbahn im Doppelpack. Und zwei Bahnh\u00f6fe.<\/p>\n<p>Seattle ist die Heimat von Boeing, und die Boeing-Werke kann man auch besichtigen. Aber sie liegen ein ganzes St\u00fcck au\u00dferhalb, zu weit f\u00fcr den kurzen Besuch. Das gilt auch f\u00fcr andere Sehensw\u00fcrdigkeiten. Davon hat Seattle eine ganze Menge.<\/p>\n<p>Aber auch in der Innenstadt gibt es was zu sehen. Zuerst geht es in den Pike District, von dem der Taxifaher gestern erz\u00e4hlte. An der Waterfront, ein anderer Abschnitt als gestern, ist jetzt schon ordentlich Betrieb. Es herrscht eine lebendige Atmosph\u00e4re. Es gibt einen kleinen Park mit B\u00e4nken und einem indianischen Totempfahl vor der Bucht. Da liegt ein gro\u00dfes Kreuzfahrtschiff vor Anker. Links sieht man ein Riesenrad, die rostigen Kr\u00e4ne des Hafens, eine sch\u00f6ne, wei\u00dfe Br\u00fccke mit doppeltem Bogen, und am Horizont kann man heute auch die Berge erkennen.<\/p>\n<p>Der Pike District mit seinem ber\u00fchmten Markt ist ein eigener Bezirk innerhalb der Innenstadt. Es gibt 600 St\u00e4nde und auch ein paar Hundert Bewohner und 10 Millionen Besucher pro Jahr!<\/p>\n<p>Markst\u00e4nde befinden sich unten (Down Under) und oben, und die sind \u00fcberdacht oder offen. Ein \u00fcberdachter kostet 30 $ pro Tag, ein offener 12 $. Die St\u00e4nde werden jeden Tag neu vergeben, und es geht nach Seniorit\u00e4t: Wer am l\u00e4ngsten da ist, darf als erster seinen Stand w\u00e4hlen. Man kann also von einem auf den anderen Tag eine andere Verteilung finden. Die Markthalle ist verwinkelt und lang, die meisten St\u00e4nde sind aus Holz. Es ist schon jetzt rappelvoll. Der Teil, durch den ich mich bewegen, hat Blumen und Gew\u00fcrze, und dann sp\u00e4ter Fisch. Dort werfen sich die Verk\u00e4ufer zur Belustigung des Publikums und kreischender Teenager die Fische gegenseitig zu.<\/p>\n<p>Die St\u00e4nde rechts werden durch eine schmale Stra\u00dfe mit Kopfsteinpflaster von einer Ladenzeile auf der anderen Seite getrennt. Hier ist die \u00e4lteste Filiale von Starbucks. Der Gr\u00fcnder von Starbucks ist Seattelite, genauso wie Jimi Hendrix und Bill Gates. Er war ausgebildeter Englischlehrer und wollte seine Kette nach einer Figur aus Mobby Dick benennen, entschied sich dann aber f\u00fcr Starbucks, des Klangs wegen. Vor dem Caf\u00e9, das die Hausnummer 1912 hat \u2013 die jetzt h\u00e4ufig f\u00fcr das Gr\u00fcndungsdatum gehalten wird \u2013 steht jetzt schon eine Schlange. So wird aus der Gegenwart Geschichte. Diese Filiale, die tats\u00e4chlich \u00e4lter aussieht und einen wenig auff\u00e4lligen, grauen Schriftzug tr\u00e4gt, wurde 1971 er\u00f6ffnet. Streng genommen ist es die zweite, die erste, in der Innenstadt, brannte ab, aber das verschweigt man hier aus Piet\u00e4tsgr\u00fcnden.<\/p>\n<p>An der Ecke Pike Street und Pike Square biegt die Stra\u00dfe links ab und der Markt rechts. Hier ist der eigentliche Eingang, mit einer Uhr aus der Zeit der Gr\u00fcndung und einer Neonanzeige, die die \u00e4lteste in den USA sein soll: Pike Center Market.<\/p>\n<p>Der Markt selbst, nach europ\u00e4ischem Vorbild geplant, ist auch der \u00e4lteste der USA. Er entstand als Resultat der Preissteigerungen Anfang des 20. Jahrhunderts, als der Preis f\u00fcr ein Pfund Zwiebeln auf einen Dollar stieg, das Gegenst\u00fcck zu 25 Dollar heute. Der Grund daf\u00fcr waren die Zwischenh\u00e4ndler, die ihr Gesch\u00e4ft machten, die Bauern schlecht bezahlten und den Konsumenten das Geld abkn\u00f6pften. Daraufhin gr\u00fcndete sich eine Initiative, die die Bauern einlud, doch selbst zu kommen und ihre Ware zu verkaufen. Beim ersten Mal kamen ganze acht Bauern. Durch ein System von Drohungen und dissuasion hatten sich die anderen abhalten lassen. Es kamen aber Tausend Kunden, und den Bauern wurde, wie man auf alten Photos sieht, die Waren geradez uaus der Hand oder gleich vom Pferdefuhrwerk gerissen. Das spach sich herum, und beim n\u00e4chsten Mal kamen vierzig Bauern. Der Erfolg des Markts war nicht mehr aufzuhalten. Dann kam die Errichtung von St\u00e4nden, eine zentrale Organisation, gro\u00dfe Pouplaru\u00e4t. Dann kamen der unvermeidliche Niedergang und schlie\u00dflich die Rettung des Marktes durch eine Volksbewegung, von einem der Architekten der Space Needle angeregt.<\/p>\n<p>An verschiedenen Stellen des Markts stehen unterschiedlich bemalte, bronzene Schweine herum, Resultat einer Kunstaktion, Publikumsmagneten f\u00fcr Besucher und Orientierungspunkte f\u00fcr Einheimische.<\/p>\n<p>Am Rand des Marktes steht das Hotel Lasalle, das seine eigene Geschichte hat. Es war urspr\u00fcnglich ein Bordell, wir sind gleich am Hafen, und wurde von einer sehr dynamischen Frau betrieben, die sich f\u00fcr die Belange ihrer Kunden, aber auch f\u00fcr alle m\u00f6glichen Projekte einsetzte und allseits beliebt war. Als sie das Hotel verkaufte, ging es an ein ausl\u00e4ndisches, nicht eingeweihtes Ehepaar, das nach ein paar Jahren merkte, dass ihr Erwartungen, was den Umsatz anging, nicht ann\u00e4hernd erf\u00fcllt wurden. Sie kamen hinter die Sache und verklagten die Verk\u00e4uferin wegen T\u00e4uschung. Die Klage wurde abgewiesen, aber in dem Zusammenhang kam es ans Tageslicht, dass die Frau jahrelang Steuern hinterzogen hatte. Sie wurde verurteilt und musste tats\u00e4chlich ins Gef\u00e4ngnis. Lehre: immer sch\u00f6n brav deine Steuern bezahlen. Sie kommen dahinter.<\/p>\n<p>Eine Etage tiefer kommt man an ein ganz eigenes \u201eKunstwerk\u201c, die Gum Wall, eine bunte, etwas kitschige Wand, aus vielen kleinen St\u00fccken bestehend. Man fragt sich, was das ist, und erst, wenn man davor steht, merkt man, was es ist: Kaugummi. Nichts als Kaugummi. Die Wand geh\u00f6rt zu einem Kino, das, nachdem eine neue Bestuhlung eingebaut worden war, seine jugendlichen Besucher heftigst darauf aufmerksam machte, doch bitte keine Kaugummis mit ins Kino zu nehmen. Die Jugendlichen klebten daraufhin vor dem Betreten des Kinos ihre halb gegessenen Kaugummis an die Wand. Die war nach einiger Zeit fast ganz mit Kaugummis voll. Man reinigte sie, und das Spielchen fing von vorne an. Nach dem dritten Versuch gab man sich geschlagen, und hat jetzt The Gum Wall als Volkskunstwerk an seiner Seite. Inzwischen werden die bunten Streifen nicht mehr ganz wahllos an die Wand geklebt, und man sieht bestimmte Formen erscheinen, darunter die schwedische Flagge!<\/p>\n<p>Auf dem Weg vom Markt zum Pioneer Square, dem Herzen des alten Seattle, komme ich an dem Kunstmuseum vorbei und dem davor stehenden Hammering Man, einer riesigen, schwarzen Figur, die in regelm\u00e4\u00dfigen Intervallen langsam einen Hammer auf und ab bewegt, eine Figur, die f\u00fcr den flei\u00dfigen Handwerker steht und nur nachts und am Tag der Arbeit Pause macht.<\/p>\n<p>Da lese ich, dass es die gleiche Figur an anderen Orten gibt, unter anderem in Frankfurt! Das ist was f\u00fcr diejenigen, die immer sagen, man solle nicht so in der Weltgeschichte herumreisen. Da ist man am anderen Ende der Welt und sieht sich etwas an, das man vor der Haust\u00fcr und nie gesehen hat!<\/p>\n<p>Der Pioneer Square ist ein f\u00fcr amerikanische Verh\u00e4ltnisse sch\u00f6ner Platz, mit einer gusseisernen Pergola, viktorianischen Geb\u00e4uden, vielen B\u00e4umen und wieder einem indianischen Totempfahl. Er ist die Keimzelle der Stadt, und hier startet die Underground Tour.<\/p>\n<p>Die Touren wurden urspr\u00fcnglich gestartet, um das historische Viertel zu erhalten und zu renovieren, sind jetzt aber eine Gelddruckmaschine. Wir sind 200 und sehen den Untergrund, nach einer witzigen, aber uninformativen Einf\u00fchrung, in vier Gruppen. Der Eintritt kostet satte 17 $. Das lohnt sich eigentlich nicht. Man sieht nicht viel, aber die Geschichte selbst in brennend interessant.<\/p>\n<p>Ein entscheidendes Jahr f\u00fcr die Geschichte Seattles war 1889. Da brannte die gesamte Stadt, ganz aus Holz errichtet, ab. Das Feuer entstand in einer Schreinerwerkstatt und wurde von einem Lehrling ausgel\u00f6st. Der musste Leim herstellen. Das machte man, indem man gro\u00dfe Brocken Tierfett \u00fcber dem offenen Feuer fl\u00fcssig machte. Der Arme verlor die Sache im entscheidenden Moment aus den Augen, der Topf lief \u00fcber, das Fett fing Feuer. Der Junge versuchte, es mit Wasser zu l\u00f6schen, was, wie man erf\u00e4hrt, den gegenteiligen Effekt hat. Das Feuer n\u00e4hrte sich von den S\u00e4gesp\u00e4nen und dem Terpentin und den Holzdielen der Schreinerwerkstatt und griff auf das Untergeschoss \u00fcber, wo ein Eisenwarenhandel war. Dort wurde damals auch Schie\u00dfpulver aufbewahrt, und das war der Anfang des Endes von Seattle, wie man es bis dahin kannte, innerhalb von zw\u00f6lf Stunden.<\/p>\n<p>Die Seattlites, bekannt f\u00fcr ihren Durchhaltewillen, beschlossen, aus der Not eine Tugend zu machen und beim Neubau einen Geburtsfehler der Stadt zu beseitigen: Sie lag zu niedrig, auf Meeresh\u00f6he, und das Wasser trat zweimal pro Tag bei Flut in die Stra\u00dfen. Was das f\u00fcr Konsequenzen f\u00fcr das Abwasser hatte, das dabei von der Flut zur\u00fcckgesp\u00fclt wurde und die WCs hinaufstieg, wurde bei der Einf\u00fchrung plastisch und drastisch beschrieben.<\/p>\n<p>Jedenfalls sollte die neue Stadt aus Stein gebaut werden und zehn Meter h\u00f6her als die alte liegen. Der Stadtrat entwarf einen Plan, jeden Block mit Umfassungsmauern zu umgeben, die Sch\u00e4chste zuzusch\u00fctten und die neue Stadt darauf entstehen zu lassen. So lange aber wollten die B\u00fcrger und die Gesch\u00e4ftsleute nicht warten. Sie begannen sofort mit dem Bau, mussten dann aber feststellen, dass sie nicht heraus kamen. Sie traten aus dem Haus und befanden sich vor der Umfassungsmauer. Man musste also \u00fcber Leitern auf die neue Ebene, und auch \u00fcber Leitern alle G\u00fcter herein- und hinaustransportieren. Als dann die Stadt vollendet war, war das eigenen Erdgeschoss zum Keller geworden. Diese Keller werden heute noch h\u00e4uifg als Lagerr\u00e4ume genutzt. In einem Spielwarengesch\u00e4ft kann man durch einen Graben nach unten und in die Kellerr\u00e4ume hinein sehen. Die nicht genutzten Teile sieht man w\u00e4hrend der F\u00fchrung. Aber da so gut wie alles abgebrannt ist, sieht man nicht viel, und statt dessen gibt es allerhand Anekd\u00f6tchen. An einer Stelle sieht man noch die erhaltenen Wohnzimmerwand eines Hauses. Es f\u00e4llt schwer, sich vorzustellen, was fr\u00fcher Haus und was Stra\u00dfe war, denn jetzt ist alles \u00fcberdeckt.<\/p>\n<p>Damit unten Licht reinkommt, hat man an einigen Stellen Oberlichter angebracht. Die sieht man auch oben im Pflaster. Heute ist es so, dass die Passagen unter den Stra\u00dfen aufgef\u00fcllt, die unter den B\u00fcrgersteigen hohl sind.<\/p>\n<p>Nach der F\u00fchrung gehe ich noch ein bisschen durch die Gegend und komme \u00fcber einige sch\u00f6ne Pl\u00e4tze und dann noch einmal an die Waterfront. An verschiedenen Stellen sind Tafeln aufgestellt, die etwas zur Geschichte Seattles sagen. Es kommen immer wieder die drei zentralen Ereignisse vor: Foundation (1851), Fire (1889), Fever (1897). Mit dem Fieber ist das Goldfieber gemeint.<\/p>\n<p>Dem widmet sich das Klondike Museum, benannt nach einem Fluss (und einer Region) in Nordwestkanada, an der Grenze zu Alaska. 1897 landete ein Schiff, aus Klondike kommend, in Seattle. Es hatte eine Tonne Gold an Bord. Einige wenige hatten den gro\u00dfen Fund und das gro\u00dfe Gesch\u00e4ft gemacht. Sofort verbreitete sich die Nachricht und erschien in Zeitungen an der Ostk\u00fcste und in anderen L\u00e4ndern. Und zog unz\u00e4hlige Abenteuerer an. Hier kann man die Geschichte von einigen von ihnen verfolgen. Die meisten gingen v\u00f6llig leer aus, andere machten einen Gewinn. Dazu geh\u00f6rte Nordst\u00f6m, ein Einwanderer aus Schweden, der nach seiner R\u00fcckkehr nach Seattle von dem Gewinn ein Schuhgesch\u00e4ft gr\u00fcndete, die Keimzelle f\u00fcr das heutige Imperium. Er war an der Ostk\u00fcste, als er am Morgen in der Zeitung von dem Goldfund las, entschied sich auf der Stelle, hin zu fahren, fragte seinen Freund, ob der mitkomme, erhielt eine Absage und sa\u00df am Nachmittag im Zug nach Westen.<\/p>\n<p>Die meisten erlebten eine harte Zeit und machten keinen Profit. Die Arbeit war lang und m\u00fchselig, die Lebensbedingungen hart, Krankheiten grassierten, die Frustration war gro\u00df. Eine Stadt wie Dawson in dem Goldgr\u00e4berbezirk wuchs innerhalb eines Jahres von 1,500 Einwohnern auf 30,000. Da kann man sich die Schwierigkeiten leicht ausmalen.<\/p>\n<p>Am meisten profitierte Seattle, das zum begehrtesten Ausgangspunkt f\u00fcr die Reise wurde. Hier deckte man sich mit Proviant und Werkzeug ein. \u00a0Insgesamt 70,000 kamen \u00fcber Seattle, und der Umsatz der Stadt wuchs von einem Jahr zum anderen von 325,000 $ auf 25,000,000 $! Das Gesch\u00e4ft wurde weiter angetrieben, als die kanadische Regierung, die sich nicht mit all den unterern\u00e4hrten und schlecht ausger\u00fcsteten Abenteueren herumschlagen wollte, dekretierte, jeder m\u00fcsse genug dabei haben, um sich f\u00fcr ein Jahr selbst versorgen zu k\u00f6nnen. Sonst w\u00fcrde die Einreise verweigert. Die Seattelites trugen das ihre dazu bei, indem sie phantastische Geschichten \u00fcber Gold verbreiteten, das auf den Stra\u00dfen lag und nur aufgehoben zu werden brauchte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann ist nur noch Zeit f\u00fcr einen Tee im Caf\u00e9 <em>Zeitgeist<\/em>, bevor es zur\u00fcck geht, zur\u00fcck nach Portland. Im Bahnhof steht ein Plakat von Amtrak, das die Passagiere um Mitarbeit bei der Identifizierung auff\u00e4lliger Personen oder Objekte bittet. Man sieht einen voll besetzten Eisenbahnwaggon und die Aufschrift: We\u2019re all in this together. Literally. Hier spielt jemand mit der Bedeutung von <em>literally<\/em>, das, wie die Studenten dieser Tage kommentierten, immer mehr im nicht w\u00f6rtlichen benutzt wird und damit fast ins Absurde geht, indem er es betont im traditionellen Sinne benutzt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der R\u00fcckfahrt im Zug gestern erinnere ich mich aus gegebenem Anlass daran dass dieser Tage im Seminar einmal die Zahl 2500 vorkam, im Zusammenhang mit der Diskussion um die Entstehung von Sprache. Der Student sagte es aber auf Amerikanisch, und ich musste einen Moment nachdenken, was gemeint ist: Twenty-five hundred.<\/p>\n<p>Nach der R\u00fcckkehr verpasse ich zwei Stra\u00dfenbahnen. Alles eine Geldfrage. An der ersten Haltestelle ist der Automat kaputt, und ich traue mich nicht, ohne Fahrkarte einzusteigen. An der n\u00e4chsten nimmt der Automat keine Scheine an und ich muss mir erst M\u00fcnzen besorgen. Man braucht mindestens zehn, wenn man so viele Quarter auftreiben kann. Das ist ung\u00fcnstig. Der Wert der h\u00f6chsten M\u00fcnze ist zu gering. Ein Quarter ist gerade mal 20 Cent. Da haben wir mit der 2-Euro-M\u00fcnze eine, die zehnmal so viel wert ist. Die Amerikaner m\u00fcssten wenigstens 1-Dollar-M\u00fcnzen haben. Die gibt es zwar, aber sie sind rar ges\u00e4t. Ich habe bisher nur einmal eine gehabt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">14. Juli (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Nach einem Vormittag am Computer geht es zum ersten Mal ins Portland Art Museum, keine zehn Minuten vom Wohnheit entfernt. Dessen Gr\u00f6\u00dfe und Vielfalt habe ich untersch\u00e4tzt. Es besteht nicht nur aus dem Eingangsgeb\u00e4ude, sondern aus einem weiteren Geb\u00e4ude auf der anderen Stra\u00dfenseite, das man unterirdisch erreicht und das weitere vier Stockwerke hat. Angesichts der F\u00fclle sehe ich mir alles, vom Mittelalter bis zur konzeptuellen Kunst, nur fl\u00fcchtig und nur wenige Werke genauer an.<\/p>\n<p>Auch hier ist der Mt. Hood vertreten, und zwar in dem Gem\u00e4lde eines deutschst\u00e4mmigen Malers namens Albert Bierstadt (1869). Irgendwie kommt mir der Berg gr\u00f6\u00dfer und spitzer als in Wirklichkeit vor, und dann erf\u00e4hrt man auch noch, dass es diese Perspektive, mit dem Berg im Hintergrund und dem Muntnomah Wasserfall im Vordergrund, gar nicht \u201egibt\u201c. Das ist kein Zufall. Bierstadt lebte an der Ostk\u00fcste und malte seine Bilder dort, nach Skizzen, die er hier vor Ort angefertigt hatte. Er war begeistert vom amerikanischen Westen und wollte f\u00fcr ihn werben. Dabei waren Monumentit\u00e4t und Dramatik der Landschaften wichtiger als die photographische Abbildung.<\/p>\n<p>Ein kurioses, ein wenig aus den Fugen geratenes Bild ist <em>Portrait of a Young<\/em> <em>Woman<\/em> (1830) eines Malers namens Erastus Field, eines Allesk\u00f6nners, der am Ende zum Wandermaler wurde. Er fuhr aufs Land um bot seine Dienste bei den reichen Bauern an. Mit Erfolg. Hier gab es eine soziale Gruppe, die sich nach oben bewegte, der aber die h\u00f6heren Weihen fehlte. Field reiste bereits mit halbfertigen B\u00fcsten an, auf die er dann den Kopf der Frau, die sich portraitieren lie\u00df, draufsetzte. Das sieht man dem sonst ganz gelungenen Portrait an. Auf den mitgebrachten Teilen waren bereits die Insignien der Mittelklasse angebracht: ein paar B\u00fccher und Schmuck.<\/p>\n<p>Dann gibt es noch ein Portrait von Washington von Rembrandt Peale. Der war einer der wenigen, der Washington schon zu Lebzeiten portraitiert hatte. Er nahm sich vor, jetzt das verbindliche Bild von Washington zu malen, das Bild, das zur Ikone taugte. Er benutzte dabei als Vorlage eine ganze Reihe verschiedener Portraits und ermittelte aus ihnen sozusagen die ideale Mitte. Unter den Portrais Washingtons war auch eines, das sein Vater, ebenfalls Maler, gefertigt hatte. Der hatte ihm den sinnstiftenden Namen Rembrandt gegeben. Peale orientierte sich bei seinem Portrait an klassischen r\u00f6mischen Vorbildern und gab dem Bild auch einen klassischen Rahmen. Washington erscheint in Dreiviertelansicht, mit einer eleganten Uniform angetan, vor einem mystisch leuchtenden Schimmer im Hintergrung. Tats\u00e4chlich hat man von weitem das Gef\u00fchl, einen Heiligenschein zu sehen, eine Deutung, die Peale vermutlich gefallen h\u00e4tten. Das Gem\u00e4lde hatte so viel Erfolg, dass es verschiedene Nachfolgegem\u00e4le gab. Eins davon ist dies im Portland Art Museum.<\/p>\n<p>Interessant, wie alle drei Gem\u00e4lde, die sonst so verschieden sind, konzeptionell etwas miteinander gemeinsam haben: Sie formen Wirklichkeit, bilden sie nicht ab.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">15. Juli (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Beginn der letzten Seminarwoche mit einer guten Sitzung. Die Studenten erkl\u00e4ren mir einen Werbeslogan f\u00fcr eine Kreditkartenfirma, den ich auf einem Bus in Tacoma gesehen haben: No nickeling, no diming, no dollaring. Hatte ich nur so aus Interesse photographiert. Wegen der Namen der M\u00fcnzen. Hat aber noch einen anderen Hintergrund: nickeling and diming hei\u00dft auch so was wie \u201a\u00fcbers Ohr hauen\u2018, besonders dann, wenn man auf den Nettopreis noch alle m\u00f6glichen Sonderchargen draufschl\u00e4gt. Wie es mir jetzt gerade bei dem Hotel in Seattle passiert ist.<\/p>\n<p>Ich frage auch nach cab und taxi, nachdem ich am Bahnhof am Samstag beide W\u00f6rter auf Taxen gesehen habe. Alle sind sich einig: Wir benutzen beide. Dann kommen wir noch etwas weiter: Wenn ich ein Taxi rufen will, sage ich I\u2019m gonna hail a cab, und wenn ich dann das herbeifahrende Taxi sehe, sage ich \u201eTaxi!\u201c. Leuchtet ein.<\/p>\n<p>Nach dem Seminar mache ich mich pflichtschuldig daran, eine Befragung unserer Uni und eine Befragung der PSU auszuf\u00fcllen. Man fragt sich, was das alles soll. Gibt es eigentlich Daten dar\u00fcber, ob solche Befragungen jemals etwas bringen?<\/p>\n<p>Ann Marie ist von ihrem Urlaub an der K\u00fcste wieder da. Ganz begeistert. Und braun. Sie ist in Cannon Beach gewesen, dem feineren Pendant von Seaside. Im Wasser ist sie nicht gewesen, heutztage sei ihr das zu kalt, als sie j\u00fcnger war, habe ihr das nichts ausgemacht. Die Studenten finden, dass das mit dem kalten Meer in Oregon ein kalifornischer Mythos sei. Man k\u00f6nne ohne weiteres ins Meer, auch wenn es nicht so warm wie in Palm Springs ist.<\/p>\n<p>Ann Marie empfiehlt mir dringend, an die K\u00fcste zu fahren, und als ich sage, das mit San Francisco habe ich mir inzwischen fast aus dem Kopf geschlagen, sagt sie, ich k\u00f6nne doch beides verbinden. Wie, mit dem Auto? Ja, mit dem Auto. 500 Meilen. Da bringt sie mich auf eine Idee. Das h\u00e4tte den Vorteil, dass man flexible w\u00e4re. Genug zu sehen an der K\u00fcste, kein San Francisco. Langweilig an der K\u00fcste, auf nach San Francisco.<\/p>\n<p>Also mache ich mich gleich am Nachmittag auf nach einer Autovermietung. Es gibt eine gleich um die Ecke, in dem Hotel der Uni, wo ich vorher untergebracht war. Da bekommt man allerdings nur sehr knappe und unwillige Auskunft. Es stehe alles im Internet. Vielleicht bin ich inzwischen durch amerikanische Freundlichkeit verh\u00e4tschelt, aber ich h\u00e4tte dem was um die Ohren hauen k\u00f6nnen. Da mache ich mich zu einer weiteren Adresse auf. Lincoln Street. Habe ich noch nie geh\u00f6rt, aber wird ja wohl in der N\u00e4he von Washington und Jefferson und Madison sein. Erst da unten gucke ich dann mal auf die Karte. Ist wohl weiter oben, eine schr\u00e4ge Stra\u00dfe, die vom geraden Muster abweicht. Auf einem gro\u00dfen Bogen komme ich auf die Stra\u00dfe und stehe \u2013 wieder vor der gleichen Autovermietung. Die war in der Lincoln Street.<\/p>\n<p>Ich mache einen Spaziergang durch die Stadt. Sch\u00f6nstes Sommerwetter. Irgendwo komme ich an einer Apotheke vorbei: Rite Aid. Muss wohl eine Kette sein, den Namen habe ich schon \u00f6fter gesehen. Was Apotheke hei\u00dft, ist eine Drogerie \u2013 mit angeschlossener Apotheke. Hier gibt es alles, nur wieder keine Messer, jedenfalls keine richtigen, alles Plastik. Immer noch breche ich alle Naselang eins der Plastikmesser beim Schneiden von Brot oder K\u00e4se ab. Ich besorge eine Salbe und eine Creme und stelle mich in die Schlange. Das M\u00e4dchen an der Kasse fragt mich a) ob ich alles gut gefunden h\u00e4tte (Ja, danke), b) ob ich eine Paybackcard h\u00e4tte (Nein), c) ob ich eine wolle (Nein, danke), d) ob ich eine T\u00fcte wolle (Nein, danke), e) ob ich meine zwei Cent Wechselgeld wolle (Nein, danke) und f) ob ich den Bon haben wolle (Ja, bitte).<\/p>\n<p>Der Bettler vor der Apotheke freut sich wie ein Scheek\u00f6nig \u00fcber den einen Dollar, den ich ihm gebe. Die amerikanischen Bettler sind wirklich nicht anspruchsvoll.<\/p>\n<p>Wieder komme ich am Electronic Poet vorbei. Diesmal lese ich: The purple ways, the catway, the ginger. H\u00f6rt sich wirklich nach Lyrik an. Das muss wohl am Rhythmus liegen.<\/p>\n<p>Ich komme an einer Art verschlie\u00dfbarem Briefkasten vorbei. Hier k\u00f6nnen geliehene B\u00fccher aus der B\u00fccherei zur\u00fcckgegeben werden. Nicht schlecht. Macht unabh\u00e4ngig von \u00d6ffnungszeiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">16. Juli (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Bei dem Versuch, Mineralwasser zu kaufen, habe ich Wasser mit Geschmackszusatz erwischt: <em>Black Cherry Essence<\/em>. Schmeckt widerlich. Bei dem Versuch, es beim n\u00e4chsten Mal besser zu machen, erwische ich <em>Mandarin\/Orange<\/em>.<\/p>\n<p>Nachts h\u00f6re ich aus der Distanz die Durchsage der Stra\u00dfenbahn, wenn sie an der Endstation ankommt. Man kann nicht jedes Wort verstehen, aber man h\u00f6rt ohne weiteres, dass die Durchsage auf Englisch und auf Spanisch gemacht wird.<\/p>\n<p>Vor dem Seminar kommt die Rede aus irgendwelchen Gr\u00fcnden auf die Obdachlosen in Portland. Hier, und in Oregon \u00fcberhaupt, gebe es davon mehr als in allen anderen Teilen Amerikas, hei\u00dft es. Man f\u00fchrt das auf den Niedergang der Holzindustrie und die schwierige Wirtschaftsituation zur\u00fcck. Wichtiger ist aber ein anderer Aspekt: Man sieht die Obdachlosen. Sie d\u00fcrfen im Park und an der Waterfront schlafen. Das ist durchaus keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Die Stadt habe versucht, das zu verhindern, aber das Gericht des Bundesstaates habe das unm\u00f6glich gemacht.<\/p>\n<p>Nach dem Seminar gebe ich dem kubanischen Food Cart noch mal eine Chande, aber diesmal ist er nicht nur geschlossen, sondern verschwunden! Ich sehe mich um, ob ich an der richtigen Stelle bin. Ja, kein Zweifel. An der Stelle des kubanischen steht jetzt irakischer. Also nehme ich etwas von nebenan, polnische K\u00fcche: Bigos, das hier auch unter Hunter\u2019s Stew l\u00e4uft, im Wesentlichen Fleisch mit Sauerkraut, wobei man hier mit dem Fleisch sehr sparsam umgeht. Das ist klassische Hausmannskost, und es gibt es gute Gr\u00fcnde, warum es zum Nationalgericht wurde: nicht aufw\u00e4ndig, kann lange vor sich hin k\u00f6cheln, ben\u00f6tigt keine verfeinerten So\u00dfen, erlaubt Resterverwertung, kann einfach variiert werden. Schmeckt gut, aber nicht berauschend. Als ich mich auf den Weg mache, sehe ich einen Hinweis auf den verschwundenen kubanischen Food Cart: ist verzogen, macht an anderer Stelle Anfang August wieder auf. Zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p>In der Reinigung werde ich heute schon beim Reinkommen mit Namen begr\u00fc\u00dft. Unglaublich, die Amerikaner! Oder liegt es daran, dass ich so ein guter Kunde bin?<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg merke ich, dass die moderne, halbrunde Konstruktion, die den Abschluss der Stra\u00dfenbahnstrecke markiert, aus Sonnenkollektoren besteht.<\/p>\n<p>Was ich noch nicht herausbekommen habe, ist, wie das System mit den Hausnummern passiert. Die sind immer sehr hoch, aber das liegt nicht an den langen Stra\u00dfen, sondern am System. Hier um die Ecke, am Broadway, folgen 1948, 1962, 1968, 1974, 1988 aufeinander. Das sind zwar lauter Lokale, aber bei den Privath\u00e4usern ist es nicht viel anders.<\/p>\n<p>Heute bin ich seit genau einem Monat in Portland. Am Nachmittag ist es immer noch richtig hei\u00df, aber es wird auch schw\u00fcl und der Himmel ist bew\u00f6lkt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">17. Juli (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Zur Beruhigung der Nerven gehe ich am Morgen zum Laufen raus, diesmal auf den H\u00fcgel gleich am Ende der Park Avenue, stadtausw\u00e4rts sozusagen. Den hatten die Studenten mir empfohlen.<\/p>\n<p>Im Seminar erkl\u00e4ren die Studenten mir das mit den Hausummern. Es wird nicht einfach abgez\u00e4hlt, sondern es gibt 1000 Hausnummern, die auf einen Block (oder eine \u00e4hnliche Einheit) verteilt werden. Das hat zur Folge, dass man an den Hausnummern die Lage erkennen kann. Einer der Studenten, der im Nebenberuf Pizzafahrer ist, erkl\u00e4rt das. Wenn eine Hausnummer mit 35 anfange, k\u00f6nne er das Ziel ziemlich gut lokalisieren. Gutes System. Haut allerdings wohl in erster Linie bei den zentralen, geraden Bl\u00f6cken hin.<\/p>\n<p>Die Studenten schlagen f\u00fcr das Bierchen morgen zum Abschluss des Seminars ein Lokal vor, Rogue Hall. Als ich frage, wo das sei, bekomme ich zur Antwort: zwischen Starbucks and Subway. Sehr amerikanisch.<\/p>\n<p>Neues Ungemach droht: Nach dem Seminar kommt eine mir unbekannte, freundlich l\u00e4chelnde Studentin auf mich zu, mit der Information, die Sitzung morgen (oder ein Teil davon) solle gefilmt werden. Z\u00e4hneknirschend stimme ich zu, und schweren Herzens mache ich mich auf den Weg zu Radio Shack. Mein Handy muss aufgeladen werden, die erste Rate galt nur f\u00fcr einen Monat. Dann gehe ich zu einem Photokopiegesch\u00e4ft, um ein paar Farbphotokopien zu machen. Eine Kollage von Photos, die ich f\u00fcr die Studenten gemacht und an der ich in den letzten Tagen herumgebastelt habe.<\/p>\n<p>Dann gehe ich noch am Auslandsamt vorbei. Im letzten Moment habe ich noch einen Fehler auf der Datei f\u00fcr den Vortrag gefunden, ausgerechnet auf der ersten Seite. Dort, im Auslandsamt, ist aber niemand zu erreichen.<\/p>\n<p>Am Abend geht dann der Vortrag gut \u00fcber die B\u00fchne, aber der Aufwand hat sich insgesamt nicht gelohnt. Mit einem anderen Thema w\u00e4re ich genauso gut und mit weniger Vorbereitung dabei gewesen.<\/p>\n<p>Vor dem Vortrag kommt die neue franz\u00f6sische Kollegin und stellt sich vor. Sie ist Spezialistin in amerikansicher Geschichte, macht aber hier etwas \u00fcber franzs\u00f6ische Geschichte. Die Frau in der franz\u00f6sischen Geschichte. Schon in dem zweiten Satz, den sie mit mir spricht, kommt das Wort m\u00e4nnlicher Chauvinismus vor. Die ideologischen Grenzen sind gezogen.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend mit Ann Marie in den Laughing Planet, einem Lokal, wo man drau\u00dfen sitzen kann. Hier gibt es Entsch\u00e4digung f\u00fcr den verpassten kubanischen Food Cart in Form eines Gerichts, das Cuban Bowl hei\u00dft: \u201ePlantains and sweet potatoes on a bed of brown rice and black beans topped with fresh pico de gallo\u201c. Ann Marie erz\u00e4hlt von ihren Kindern und der Wahl der Schule und davon, dass sie in Deutschland die soziale Sicherheit gesch\u00e4tzt habe und das weniger kompetitive Leben. Vor allem gab es viel mehr Feiertage als in den USA. Ihr Mann habe hier nur zwei Wochen pro Jahr.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">18. Juli (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Die Studenten m\u00fcssen alle erst ihr schriftliches Einverst\u00e4ndnis geben, dass im Unterricht gefilmt wird. Man merkt die Pr\u00e4senz der Kamera deutlich, die Kommunikation ist nicht so dynamisch wie sonst. Paradoxerweise diskutieren wir ausgerechnet das Observer\u2019s Paradox der Linguisten, das besagt, dass man Menschen nicht beobachten kann, wenn sie nicht beobachtet werden und deshalb kaum nat\u00fcrliche Daten bekommt.<\/p>\n<p>Nach dem Seminar geht es dann in gel\u00f6sterer Stimmung in die Rogue Hall, ein f\u00fcr amerikanische Verh\u00e4ltnisse gem\u00fctliches Lokal, wo man drau\u00dfen sitzen kann, unter B\u00e4umen zwar, aber an der Stra\u00dfe. Zu meiner \u00dcberraschung z\u00fccken alle gleich zu Anfang ihre Personalausweise. Es wird strikt kontrolliert, und die, die keine 21 sind, d\u00fcrfen kein Bier bestellen. Nachdem sie in einem Seminar im Honors Degree vier Wochen lang intellektuelle Reife bewiesen haben. Sie bestellen auch nichts anderes. Schwer zu sagen, warum.<\/p>\n<p>Es gibt alle m\u00f6glichen verr\u00fcckten Biere, unter anderem welche mit Schokoladengeschmack. Die \u00fcberlasse ich allerdings den Studenten. Ich probiere drei verschiedene, die alle ein bisschen wie englische Bitter schmecken.<\/p>\n<p>Bei Toilette hat man die Wahl zwischen Hops und Barley, eine schwierige Entscheidung. Ich nehme Hops und liege richtig. Von den Studenten sagen einige, sie h\u00e4tte beim ersten Mal die falsche Wahl getroffen, aber das ist wohl nur die Minderheit. Gibt es etwas, das Hops als m\u00e4nnlich auszeichnet? Die Diskussion passt perfekt zu einer, die wir am Tag zuvor im Seminar gef\u00fchrt haben.<\/p>\n<p>Die Studenten erz\u00e4hlen von ihren Nebenjobs, als Pizzafahrer und auf dem Farmers\u2018 Market. Die Bezahlung ist miserabel und man ist weitgehend auf Trinkgeld angewiesen. Davon gibt es aber reichlich. Sie sprechen \u00fcber erstaunlich anspruchsvolle, w\u00e4hlerische Kunden und wie sie damit umgehen . Und wie sie die immer gleichen Fragen beantworten m\u00fcssen. Am besten diese: \u201eWhat is on your mozarella and tomato pizza?\u201c Und es gibt Kunden, die von der neuen Mode, dass alles gluten-free sein muss, angesteckt, fragen: \u201cDo you have it with that gluten?\u201c<\/p>\n<p>Und \u00fcber das Honors Programme und die Seminare, die sie gew\u00e4hlt haben. \u00dcber die weiteren Studien erfahre ich, dass ich einige gleich in das Doktorandenprogramm einsteigen und den Master unterwegs \u201emitnehmen\u201c k\u00f6nnen, falls sie zu dem Programm zugelassen werden. Und dass die meisten, genauso wie bei uns, sich nicht mit einem Bachelor-Abschluss begn\u00fcgen.<\/p>\n<p>Sie fragen auch nach der Evaluation des Seminars. Ich habe keine Ahnung, ob es eine gibt und ob ich das veranlassen muss.<\/p>\n<p>Als ich bezahlen will, merke ich, dass die Studenten schon ein paar Portionen der Pommes, die wir gemeinsam verzehrt haben, bezahlt haben.<\/p>\n<p>Nach einer kurzen Siesta zur Erholung vom Bier geht es dann zum Autoverleih. Der sauert\u00f6pfische Mann taut etwas auf, als er feststellt, dass wir fast auf den Tag gleich alt sind. Nat\u00fcrlich fehlen mir mal wieder alle m\u00f6glichen Daten wie die Adresse des Wohnheims, aber die kann ich am Montag beim Abholen des Autos nachreichen.<\/p>\n<p>Am Abend geht es dann zum Empfang der Uni (oder des Auslandsamtes). Eine kleine Gesellschaft in dem sch\u00f6nsten Geb\u00e4ude der Universit\u00e4t, dem Simon Benson House, dem eigentlichen Wohnhaus des Industriellen und Philanthropen. An einer Tafel drau\u00dfen am Haus hei\u00dft es, Benson sei mit 30 nach Portland gekommen, mit 40 reich gewesen und habe sich mit 60 aus dem \u201eoperativen Gesch\u00e4ft\u201c, wie es heute hei\u00dfen w\u00fcrde, zur\u00fcckgezogen und sich ganz seinen Pl\u00e4nen f\u00fcr Portland gewidmet. Dieses Haus vermachte er nach seinem Tod der Uni.<\/p>\n<p>Nach dem Bier vom Vormittag gibt es jetzt Wein, sehr guten Pinot Noir, von einem eigenen Sommelier serviert, und dazu ganz elegant, auf einem Aufbau mit wei\u00dfen Tischdecken servierte H\u00e4ppchen. Alles sehr stilvoll. Dazu gibt es die unvermeidlichen Plastikteller!<\/p>\n<p>Ich spreche mit einem Franz\u00f6isch-Professor, der sich angetan davon zeigt, dass wir alles auf Englisch unterrichten und Englisch auch au\u00dferhalb des Unterrichts benutzen. Ich spreche ihn auf das erfolgreiche Russischprogramm hier an der PSU an, und er best\u00e4tigt, dass das wirklich das Flagschiff der PSU ist, was Fremdsprachendidaktik angeht. Sie selbst gehen mit Franz\u00f6sisch einen Mittelweg und benutzen, je nach Unterrichtsgegenstand, Franz\u00f6sisch oder Englisch als Unterrichtssprache. Guter Kompromiss.<\/p>\n<p>Dann spreche ich mit einem Ehepaar, bei dem die neue franz\u00f6sische Kollegin untergebracht ist. Sie kennen die Mosel, da ihr Sohn in Ramstein stationiert war, und erz\u00e4hlen ganz angetan von Weinfesten und Weihnachtsm\u00e4rkten und wie sie sich einmal verfahren haben und pl\u00f6tzlich, ohne es zu merken, die Grenze nach Frankreich passiert hatten.<\/p>\n<p>Dann wird uns Davids Partner vorgestellt, ein viel gereister, der mir noch ein paar Tipps f\u00fcr die K\u00fcste mit auf den Weg gibt, kleinere Orte, die ihre Authetizit\u00e4t bewahrt haben und abseits der touristischen Route liegen. Die beiden nehmen sich auf ihren Reisen Zeit \u2013 in Paris waren sie einen ganzen Monat &#8211; und besch\u00e4figen sich vorher immer mit der Sprache des Landes, auch wenn sie nur ein paar Brocken lernen. Er spricht Spanisch, David Franz\u00f6sisch.<\/p>\n<p>Dann erfahren wir, dass David auch zwei Jahre lang in Japan, in Yokohama, gelebt hat und auch Japanisch kann. Er berichtet genau dasselbe wie J\u00f6rn: Wenn er Japaner auf Japanisch anspricht, weichen sie sofort zur\u00fcck und betonen, sie k\u00f6nnten kein Englisch. Man erwartet einfach nicht, dass eine Langnase Japanisch kann.<\/p>\n<p>Am l\u00e4ngsten halten es die Russen aus. Sie sind ganz entt\u00e4uscht, als ich vorsichtg zum Aufbruch mahne, da sonst alle gegangen sind. Von Alexander erfahre ich, dass er drei Jahre lang in Afrika gelebt und gearbeitet hat, in Uganda, noch unter Idi Amin. Er ist ganz und gar begeistert, und hat auch Ruanda und Tansania besucht. Von all den Ungeheuerlichkeiten in Uganda habe er nichts mitbekommen. Das kann ich mir gut vorstellen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">19. Juli (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Der zweite Familienausflug steht auf dem Programm, mit den International Scholars unter der Leitung von David Brandt. Diesmal geht es zum Mt. Hood. Als wir auf dem Weg zum Parkplatz sind und an einem kleinen, verlassenen Platz zwischen einer Reihe von nichtssagenden Verwaltungsgeb\u00e4uden vorbeikomme, merke ich auf einmal, dass dies die Gegend ist, an der ich mich am ersten Abend, nach der Ankunft mit der MAX, verirrt habe. Der Parkplatz ist gleich hinter dem Hotel der Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>Die Tochter von Alexander ist mit von der Partie, und sie ist au\u00dfer mir die einzige, die sich f\u00fcr die Version kurze Hose entschieden hat. Das wirkt am Morgen sehr gewagt, aber das Wetter sollte uns recht geben. Es wird immer heller und w\u00e4rmer im Laufe des Tages, wie schon in den letzten Tagen.<\/p>\n<p>Als wir in die Gegend kommen, wird es bald einsam, wenn man von den Autos absieht. Links und rechts Berge und T\u00e4ler, alle mit dichten und hohen Fichten- und Tannenw\u00e4ldern bedeckt. Bei der Anfahrt zu dem eigentlichen Gel\u00e4nde muss man eine Art Geb\u00fchr bezahlen, damit man dort picknicken darf, und an dieser Stelle warten die Amerikaner wieder mit tadellosen Toiletten auf, genau, wenn man sie braucht, blitzsauber, mit allem ausgestattet. Alexander ist angetan: Ich Russland gebe es bei solchen Fahrten nach ein paar Hundert Kilometern mal eine Gr\u00fcne Pause: Alles ab in die B\u00fcsche, Frauen links, M\u00e4nner rechts.<\/p>\n<p>Ich habe das Gl\u00fcck, gerade vorne zu sitzen, als der Mt Hood in Sicht kommt. Der Blick ist wirklich majest\u00e4tisch. Er steht mit seiner schneebedeckten Spitze ganz alleine, mit den gr\u00fcnen W\u00e4ldern als Kulisse.<\/p>\n<p>Da wir vorher getankt haben, habe ich so auch die Gelegenheit, Fragen dazu los zu werden. In Oregon wird man immer bedient, in Washington und in Kalifornien tankt man selbst. Am besten gibt man dem Tankwart eine Kreditkarte und verlangt nach Regular. Gut zu wissen.<\/p>\n<p>Als es dann weiter hoch geht, ist auf einmal Schluss mit der Vegetation. Jetzt steht nur noch der graue Vulkanberg mit seiner wei\u00dfen Spitze vor uns. Das Blockhaus, zu dem wir fahren, hat den bezeichnenden Namen Timberline Lodge. Es ist eine Art Skifahrerh\u00fctte und bezieht seine Bedeutung vor allem daher, dass sie auch als Besch\u00e4ftigungsma\u00dfnahme unter Roosevelt entstanden ist.<\/p>\n<p>Wir werden durch die H\u00fctte von einer sehr jungen, haspeligen Frau gef\u00fchrt, die mit gro\u00dfer Naivit\u00e4t ihr Unwissen zu erkennen gibt und ihre Sprache mit st\u00e4ndig wiederkehrenden Floskeln wie basically, yeah, like, , kind of nice, you guys und vor allem kind of cool durchsetzt.<\/p>\n<p>Der Bau entstand in gerade mal achtzehn Monaten und gab vielen Leuten aus der Gegend Arbeit. Man achtete bei dem Bau darauf, nur Materialien aus der Gegend zu verwenden, Stein wie Holz, oder alten Materialien eine neue Funktion zu geben. So sieht man Schneeketten von Autos als Schirm vor dem Kamin, alte Telefonmasten, die, mit Schnitzarbeiten versehen, als Ornamente in die Eingangshalle integriert wurden, Teile von Eisenbahngleisen als Schuhabtreter f\u00fcr die Skifahrer, alte Uniformen, aus denen sch\u00f6n verzierte Decken wurden.<\/p>\n<p>Immer wieder taucht das Motiv des Sechsecks auf. Die Halle selbst ist ein Sechseck, aber auch Einrichtungsgegenst\u00e4nde wie Tische und Ornamente an den Pfeilern.<\/p>\n<p>Als der Bau fertig war, 1937, kam der gro\u00dfe Roosevelt selbst zur Einweihung, machte aber von dem eigens f\u00fcr ihn eingerichteten Zimmer mit einem eigens f\u00fcr ihn gezimmerten Sessel keinen Gebrauch. Zwei Jahre sp\u00e4ter kam dann der Skilift dazu, der zweite in ganz Nordamerika. Mit dem kann man auf den Gipfel fahren.<\/p>\n<p>David kommentiert den Ruf Oregons als Regenloch. Der halte sich hartn\u00e4ckig, obwohl zwei Drittel des Staates, n\u00e4mlich dieses Gebiet, das, vom Meer aus gesehen, hinter den Bergen liegt, ausgesprochen trocken sei.<\/p>\n<p>Wir sehen den Berg von verschiedenen Seiten und fahren dann an einen See, um Picknick zu machen. Der See hei\u00dft Trillium Lake, nach einer kleinen, dreibl\u00e4ttrigen Pflanze, die aber nichts, wie wir meinen, mit dem Kleeblatt zu tun hat. Wir finden ein einziges Exemplar und sehen, dass sie tats\u00e4chlich gr\u00f6\u00dfer als das Kleeblatt ist und l\u00e4ngere, spitzere Bl\u00e4tter hat.<\/p>\n<p>Bei dem Picknick erfahren wir, dass die PSU im Laufe eines Jahres ca. 200 Visiting Scholars hat, von denen jeweils ca. 50 gleichzeitig da sind. Er betreut zwar nicht alle so intensiv wie uns, da f\u00fcr das Rahmenprogramm teilweise von den Fakult\u00e4ten selbst gesorgt wird, muss aber mit allen das immer gleiche Programm mit Visabeantragung, Unterbringung und Besorgung der Social Security Card absolvieren. Wie man denn da den \u00dcberblick behalten k\u00f6nne, fragen wir uns \u2013 und ihn.<\/p>\n<p>Wir gehen einmal ganz um den See herum. Von hier hat man noch mal sch\u00f6ne Ausblicke auf den See. Ich erfahre, dass Alexanders Tochter einen russischen, einen amerikanischen und einen italienischen Abschluss hat. Unglaublich. Mit ihrem italienischen Freund spreche sie nur Italienisch, aber in Italien wohnen, das habe sie sich abgeschminkt. Die Vorstellung sei am Anfang sehr verlockend gewesen, habe aber zunehmend ihren Charme verloren, je weiter sie hinter die Kulissen geblickt habe.<\/p>\n<p>Alexander wehrt sich mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen dagegen, photographiert zu werden, erfolglos nat\u00fcrlich. Er meldet auch grunds\u00e4tzliche Zweifel an der ganzen Photographiererei an. Er k\u00e4me ohnehin nie dazu, sich die Photos anzusehen, abgesehen von dem ganzen Aufwand bei der Auswahl und Bearbeitung. Da ist was dran.<\/p>\n<p>Er bedauert es, dass ich schon bald wieder abreise. Ich m\u00fcsse ihn unbedingt in Nischni Nowgorod besuchen. Es gebe eine direkte Verbindung von Frankfurt. Mach ich glatt.<\/p>\n<p>Dann geht es zur\u00fcck nach Portland. Ich hole am Ende noch im Auslandsamt meinen Scheck f\u00fcr den Flug und meine Social Security Card ab, die gerade eingetroffen ist. Die muss ich noch am Montag vor der Abfahrt an der richtigen Stelle abgeben.<\/p>\n<p>Heute ist der erste Tag der Reise, an dem ich kein Geld ausgegeben habe. Keinen Dollar, keinen Dime, keinen Nickel.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">20. Juli (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Als ich vor einem Monat hier zum ersten Mal gelaufen bin, war es um f\u00fcnf Uhr hell. Heute ist es um f\u00fcnf Uhr stockdunkel, und ich muss meinen Turnus abwarten. Als es dann hell ist, geht es, statt zum Fluss runter, zum Rose Garden rauf. In der Park Avenue wird schon f\u00fcr den Bauernmarkt aufgebaut, aber nachdem ich abbiege, herrscht \u00fcberall absolute Stille. Erst auf dem R\u00fcckweg kommen mir Radfahrer entgegen, f\u00fcr die der Aufstieg genauso hart sein muss wie f\u00fcr L\u00e4ufer.<\/p>\n<p>Durch den Rose Garden geht es weiter rauf zum Hoyt Arboretum. Immer wieder h\u00f6rt man einen Specht am Werk, so laut und deutlich, wie ich es noch nie geh\u00f6rt habe.<\/p>\n<p>Das Hoyt Arboretum ist ein gro\u00dfes Areal mit \u00fcber 1000 Baumarten, davon einigen, die nur noch hier \u00fcberleben. Raufzufinden ist einfach, reinzufinden schon schwieriger, rauszufinden fast unm\u00f6glich, und als ich es dann doch geschafft habe, bin ich v\u00f6llig verloren. Ich komme am Zoo vorbei, am Children\u2019s Museum, am Forestry Discovery Center, an einem Denkmal f\u00fcr die in Vietnam gefallenen Soldaten und immer wieder \u00fcber einen gro\u00dfen Parkplatz.<\/p>\n<p>Unterwegs erinnere ich mich an eine einschl\u00e4gige Sprachlernerfahrung, die ich dieser Tage bei Starbucks gemacht habe. Ich hatte meinen kleinen Kaffee bestellt und schon die Frage vorweggenommen, ob Platz f\u00fcr Milch gelassen werden sollte. Dennoch kam eine Gegenfrage. Die ich aber nicht verstand. Ich verstand nur, dass es eine Alternative war, denn or war das einzige Wort, das ich verstanden hatte. Auch die Wiederholung brachte nichts. Der erste Teil der Frage klang wie Adams, und ich versuchte krampfhaft, dem irgendeinen Sinn abzugewinnen. Vergebens. Dann zeigte das M\u00e4dchen einen Becher \u2013 kleiner als der, den ich normalerweise bekomme \u2013 und wiederholte die Frage. Jetzt fiel der Groschen: eight ounce. Die Alternative war vermutlich twelve ounce oder so etwas. Warum habe ich das nicht verstanden? Erstens, weil ich die Frage nicht erwartete. Ich hatte inzwischen genug Starbucks Erfahrung, um zu wissen, welche Fragen gestellt werden, und bisher hatte ich immer die gr\u00f6\u00dfere der beiden Varianten bekommen, ohne Nachfrage, wenn ich einen kleinen Kaffee bestellt hatte. Zweitens rechnete ich nicht mit dem Ma\u00df ounces im Zusammenhang mit Getr\u00e4nken. Drittens konnte ich phonetisch die Trennlinie zwischen eight und ounce nicht ausmachen. Das erste endet auf einen Konsonanten, das zweite beginnt mit einem Vokal, also werden die beiden verbunden. Mein Adams beinhaltet sowohl <em>eight<\/em> als auch <em>ounce<\/em>. Viertens k\u00f6nnte auch der Gebrauch des Singular eine Rolle spielen, der hier zwar idiomatisch richtig, aber vermutlich schwerer zu verstehen ist als der Plural. Und schlie\u00dflich, f\u00fcnftens, ist es die amerikanische Realisierung des \/t\/ als flap, die das Verstehen erschwerte. Eine wunderbare Erfahrung, f\u00fcr die alleine ich nach Portland gefahren w\u00e4re. Und ein schlagendes Argument gegen den Anspruch von Situational Language Teaching, man k\u00f6nne den Lerner auf kommunikative Situationen im Ausland vorbereiten. Hier haben Jahrzehnte Englisch in Schule und Universit\u00e4t nicht den Effekt gehabt, eine ganz banale Alltagssituation zu bew\u00e4ltigen.<\/p>\n<p>So in Gedanken verloren, finde ich dann doch irgendwann eher zuf\u00e4llig den Weg zur\u00fcck.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Wochenende stehen nur unliebsame Arbeiten an: Listen und Anerkennungen f\u00fcr Trier, Korrekturen und Bewertungen f\u00fcr Portland. Ich fange mit Portland an und dem, was ich in den letzten beiden Tagen, auf den letzten Dr\u00fccker \u2013 nicht anders als zu Hause \u2013 von den Studenten bekommen habe. Einer der Studenten schreit einen packenden Bericht \u00fcber seinen Einsatz als Leutnant in Afghanistan und den Versuch, sich mit der Bev\u00f6lkerung zu verst\u00e4ndigen. Er musste mit seinen Leuten eine Tankstelle sichern und Autos, die sich n\u00e4herten, anhalten lassen. Und alle wussten, dass kurz zuvor ein Fahrer mit zwei Kindern an Bord an einer Patrouille gehalten hatte und sich mitsamt den Soldaten und den Kindern in die Luft gesprengt hatte!<\/p>\n<p>Als ich zwischendurch schnell auf den Farmers\u2018 Market gehe, um ein paar Mitbringsel f\u00fcr die Gastgeber zu kaufen, werde ich am Honigstand gefragt, woher ich komme, und als ich Deutschland sage, ist man \u00fcberrascht. Man h\u00e4tte auf England getippt. Es stellt sich heraus, dass der Besitzer f\u00fcnf Jahre lang auf der American Air Base in Hahn gearbeitet hat und Trier kennt. Auch seine Frau, die ihn dort mehrmals besucht hat, habe er immer wieder nach Trier gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Bei der Suche nach geeigneten Mitbringseln sehe ich auf dem Markt auch einen Stand, der einfach <em>Meat Here<\/em> hei\u00dft.<\/p>\n<p>In dem Buch mit Texten \u00fcber Amerika lese ich, dass 65% der Amerikaner glauben, Erfolg im Leben liege in der Hand des Einzelnen, doppelt so viele wie in Italien oder Deutschland, dreimal so viele wie in der T\u00fcrkei oder Indien. 81% der amerkianischen College-Studenten glauben, sie werden reicher als ihre Eltern sein, und 59% glauben, dass sie zu Million\u00e4ren werden. Es gibt nicht genug soziale Mobilit\u00e4t wie der Mythos es nahelegt, aber gerade genug, damit er weiterbestehen kann. Der Kulturhistoriker Jackson Lears f\u00fchrt das zur\u00fcck auf die zwei Archetypen der amerikanischen Geschichte, den Gl\u00fccksritter (the gambler) und den Selfmademan. Der eine glaubt, das Gl\u00fccksrad werde sich im n\u00e4chsten Moment drehen, der andere glaubt, harte Arbeit werde sich auszahlen. In der Ausdehnung nach Westen haben beide Typen Form angenommen.<\/p>\n<p>Am Abend dann die Einladung bei dem Ehepaar von der PSU, das auch an dem Austausch beteiligt ist. Sie ist Anthropologin, er ist Literaturwissenschaftler, sie US-Amerikanerin, er Kanadier. Sie sind sehr international. Er hat in Brasilien und in Kuba geforscht, sie hat in Kolumbien promoviert, in Bogot\u00e1. Sie haben eine kleine, sehr freundliche Tochter, und leben in einem modernen, mit schlichter Eleganz eingerichteten Haus in Mooreland, einem Vorort von Portland. Sie sind gerade alle drei in Trier gewesen, wo er ein Blockseminar gegeben hat, und sind dann anschlie\u00dfend noch in England gewesen. Er ist angetan von dem Niveau unserer Studenten. Der ganze Abend ist sehr erfreulich, gutes Essen, guter Wein, lockere und ernste Gespr\u00e4che \u00fcber Gott und die Welt. Amerikanische regionale Akzente werden nachgemacht, Anekdoten \u00fcber Missverst\u00e4ndnisse werden erz\u00e4hlt, Weinkultur und Pr\u00e4sidentenwahlen und Universit\u00e4tsstrukturen werden diskutiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">21. Juli (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>In dem Buch \u00fcber Amerika lese ich, dass man bis heute nicht so recht wei\u00df, wie es zu dem Krieg zwischen den USA und Gro\u00dfbritannien kam und dass der Friedensvertrag von Ghent (1815) schon geschlossen war, als die letzte Schlacht geschlagen wurde, in New Orleans.<\/p>\n<p>Zwischen Korrekturen am Vormittag und Korrekturen am Nachmittag gehe ich noch einmal zu Powell\u2019s City of Books. Gute Gelegenheit heute, wo f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Unternehmungen keine Zeit ist. Am Ende komme ich mit 6 B\u00e4nden raus, ein Buch (neu) \u00fcber Geschichtenerz\u00e4hlen und lauter Triviales (gebraucht) \u00fcber kuriose W\u00f6rter, dumme Zitate, Alltagsfragen und tragische und merkw\u00fcrdige Todesarten.<\/p>\n<p>Vor dem Eingang von Powell\u2019s sind Fahrradst\u00e4nder. Sie sind gekennzeichnet mit Buchtiteln, die was mit dem Radfahren zu tun haben: Metal Cowboy, Round Ireland in Low Gear, Three Men on Wheels, It\u2019s not About the Bike (Lance Armstrong!).<\/p>\n<p>Auf dem Weg dahin mache ich ein Photo von einer modernen Skulptur, die an der Wand eines Amtsgeb\u00e4udes angebracht ist. Sie stellt, mit mehreren l\u00e4ngs angeordneten Aluminiumplatten, eine modern Kommunikationsform dar, Internet oder Telefon, und f\u00e4ngt links mit einer Sprechblase an und endet rechts mit einer Gedankenblase. Dazwischen befinden sich die Innenteile technischer Ger\u00e4te, aber auch ein Haus, eine Kerze, ein Satellit.<\/p>\n<p>Auf dem Pioneer Square gibt es Sand in the City (mit leichtem Anklang an Sex in the City), einer Veranstaltung mit Jazzmusik und Essensst\u00e4nden und\u00a0 Figuren aus Sand in der Mitte des Platzes. Ein Gef\u00fchl von Meer kommt aber nicht auf.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich an Pita Pit vorbei, einer Imbissbude, die mit Fresh Thinking, Healthy Eating wirbt. Darunter tut man es in Portland nicht. Da geht ein Food Cart gegen\u00fcber ganz anders zur Sache und bietet unverholen Euro Trash an!<\/p>\n<p>Am Abend f\u00e4\u00e4t mir zum ersten Mal auf, dass auf den Computern der Uni steht: Welcome to the Portland State University. Merkw\u00fcrdiger Artikel.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">22. Juli (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen der vorl\u00e4ufig letzte Schritt mit der Social Security Card. Nach Ausf\u00fcllung des Antrags, Einreichen des Antrags, \u00dcberbringung der Antragsbest\u00e4tigung an Human Resources und Abholung der Karte beim Auslandsamt jetzt \u00dcberbringung der Karte an Human Resources.<\/p>\n<p>Dann wieder so eine der amerikanischen Widerspr\u00fcche. In der US Bank l\u00f6se ich den Scheck ein, mit dem die H\u00e4lfte unseres Flugs finanziert wird. Alles sehr modern, und neben dem Ausweis wird ein Daumenabdruck ben\u00f6tigt. Das Geld aber wird in einer uralten Holzschublade aufbewahrt, in B\u00fcndeln, die mit Clips zusammengehalten werden. Wieder eine Verbindung zur Heimat: Die Schwester der Kassierin studiert in Bonn!<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehe ich ein Schild, mit dem <em>Porklandia<\/em> f\u00fcr seine Produkte wirbt: <em>We be Wieners.<\/em><\/p>\n<p>Bei dem Autoverleih wird kein Versuch gemacht, mir irgendetwas zu erkl\u00e4ren oder mich gar bis zum Auto zu begleiten. Also plage ich mich den ganze Tag mit Fragen herum: Wie geht der Kofferraum auf? Wo ist der Schlitz f\u00fcr den Anlasser? Wie geht das Licht aus? Und wer hat das \u00fcberhaupt angemacht? Warum wird der Sitz so hei\u00df? Wo stellt man das Radio an? Warum geht die Alarmanlage an, wenn ich den Wagen abschlie\u00dfe? Das Armaturenbrett sieht aus wie das eines mittleren Raumschiffs, mit Schaltern, Kn\u00f6pfen, Hebeln und verschiedenen Menus.<\/p>\n<p>Die vorsichtige Fahrweise der Amerikaner hilft mir, nicht v\u00f6llig den Kopf zu verlieren. Ich muss ja schlie\u00dflich auch noch den Weg finden. Und das klappt nat\u00fcrlich erst mal nicht. Ich gelange, bei dem Versuch, die 30 zu finden, nach Beaverton und kehre von da wieder zur\u00fcck. Nach einer halben Stunde bin ich wieder in Portland. Dann gelange ich ein langes Industrieviertel, ohne jedes Hinweisschild. Und da geht die Stra\u00dfe irgendwann einfach zuende.<\/p>\n<p>Dann geht es wieder zur\u00fcck, und ich versuche, auf die parallel laufende Stra\u00dfe zu kommen, und dann kommt auf einmal das gl\u00fcckverhei\u00dfende Schild Astoria. Ich bin auf der 30. Und dann merke ich auf einmal, dass ich hier schon einmal war: links geht es nach Germantown und rechts nach Sauvie Island. Dahin ging es am 4. Juli mit dem Bus.<\/p>\n<p>Die Strecke zieht sich hin, obwohl es noch nicht eimal hundert Meilen sind. Die Gegend ist eher normal. Auff\u00e4llig sind nur wieder die ganz dichten W\u00e4lder.<\/p>\n<p>Dann kommt Astoria, gegr\u00fcndet 1811, die \u00e4lteste Stadt westlich der Rocky Mountains, ein Attribut, das hier st\u00e4ndig ausgeschlachtet wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich parke irgendwo auf dem Marine Drive, der parallel zum Wasser veraufenden Hauptstra\u00dfe. Sieht ganz vorzeigbar aus, ohne dass man unbedingt ins Schw\u00e4rmen ger\u00e4t.<\/p>\n<p>Es ist warm, aber sehr wolkig. Ich gehe einfach auf ein Hotel zu, dass man vom Marine Drive aus sieht: The Elliott Hotel. Sieht von Au\u00dfen fast zu vornehm aus, aber das relativiert sich schnell, wenn man reinkommt. Ausgebucht. Aber man gibt mir eine Karte mit und die Information, wo ich die Touristeninformation finden kann. Bevor ich da ankomme, sehe ich zuf\u00e4llig ein anderes Hotel, das Columbia hei\u00dft, wie alles hier. Sieht ein bisschen wie das Motel in Psycho aus, und scheint auch ebenso verlassen. Die kleine, dicke Frau, die dann kommt, sieht aber nicht aus wie Antony Perkins. Es gibt aber freie Zimmer, allerdings nur smoking. Soll mir recht sein. Der Preis ist passabel und das Zimmer auch, und es gibt Parkpl\u00e4tze direkt vor dem Zimmer. Der Duschvorhang passt dann wieder zu Psycho. Und in der Nacht habe ich wilde Tr\u00e4ume von Giftmischerei. Als ich am Abend ins Hotel zur\u00fcckkomme, ist der Parkplatz voll besetzt.<\/p>\n<p>Ich fahre durch ein paar Wohngebiete zur Astoria Column, dem Wahrzeichen Astorias. Die liegt nicht hier unten an der Waterfront, sondern erh\u00f6ht auf einem H\u00fcgel, und man sieht sie von hier unten. Auf dem Weg dahin komme ich an dem Stadion vorbei. Hier spielen die Fighting Fishermen.<\/p>\n<p>Die Astoria Column wurde von einem Enkel Astors gestiftet und stellt die Geschichte Astorias bis zur Ankunft der Eisenbahn dar. Sie soll der Trajanss\u00e4ule in Rom nachempfunden sein, sieht aber aufgrund ihrer Farbigkeit nicht so aus. Die Farben sind erdig-dunkel, und kommen nur durch den Einsatz verschiedener Verputze zustande. Wie an der Trajanss\u00e4ule zieht sich ein Spruchband wie eine Wendeltreppe die S\u00e4ule entlang nach oben.<\/p>\n<p>Man kann nach oben steigen und hat hier einen noch gro\u00dfartigeren Ausblick als von unten. Der breite Fluss, das offene Meer, auf der anderen Seite von Inseln markierte Bucht und die Br\u00fccke, die das Ufer mit dem anderen Flussufer und damit mit Washington verbindet. Die Wolken machen die Aussicht sogar noch sch\u00f6ner.<\/p>\n<p>Zu einer Seite hin liegt in der Ferne der Saddle Mountain, Gegenstand eines indianischen Sch\u00f6pfungsmythos. Hier hat der Thunderbird auf der Spitze Eier abgelegt. Die wurden dann von einer Riesin aus dem Nest gesto\u00dfen und fielen auf die Erde und gingen zu Bruch. Und heraus kamen die ersten Indianer! Man vermutet, dass der Thunderbird sein Vorbild in dem Condor hat, der in dieser Gegend zu Hause ist.<\/p>\n<p>Der ganz besondere Clou ist die Br\u00fccke, eine meilenlange Br\u00fccke, die dieses Flussufer mit dem anderen, dem von Washington, verbindet. Sie scheint aus zwei ganz unterschiedlichen Teilen zu bestehen. An unserer Seite die eigentliche Br\u00fccke, mit zwei geschwungenen Gel\u00e4ndern, auf hohen Pfeilern stehend, und deren Verl\u00e4ngerung zum anderen Flussufer hin, die wie ein Steg aussieht und immer n\u00e4her aufs Wasser hinabf\u00fchrt, so dass man von hier aus den Eindruck hat, die Br\u00fccke liege direkt auf der Wasseroberfl\u00e4che.<\/p>\n<p>Die Br\u00fccke wurde, wie immer bei solchen Projekten, gegen heftigsten Widerstand gebaut (The bridge that leads to nowhere). Sie wurde dann 1962 in Angriff genommen und 1966 fertig gestellt. Nach dem Verkehr zu urteilen, der heute hier herrscht, wollen viele nach Nowhere.<\/p>\n<p>Es gibt ein Souvenirgesch\u00e4ft, dessen Verkaufsschlager kleine Sperrholzflugzeuge sind, die man von oben fliegen lassen kann. An der Au\u00dfent\u00fcr des Souvenirgesch\u00e4fts werden ein paar Mythen richtiggestellt, darunter die, dass Jakob Astor auf der Titanic ums Leben kam. Genau das ist mir dieser Tage beim Abendessen noch erz\u00e4hlt worden. Er war \u00fcbrigens auch nie in Astoria.<\/p>\n<p>Johann Jakob Astor, in Deutschland geboren, wurde durch den Pelzhandel in Amerika reich. Er schaffte es, fast den gesamten Pelzhandel an sich zu ziehen und gr\u00fcndete einen Vorposten am Pazifik, das Fort Astoria. Noch reicher wurde er aber durch Grundst\u00fcckspekulationen in Manhattan. Als er 1848 starb, war er der reichste Mann Amerikas. Die Astors wurden zu einer einflussreichen Familie. Ein Spross der Familie gr\u00fcndete ein Hotel, das er nach dem Stammvater benannte: Astor. Ein anderer gr\u00fcndete ein Hotel, das er nach dessen Geburtsort benannte: Waldord. So entstand das Waldorf Astoria.<\/p>\n<p>Was es hier oben nicht gibt, ist ein Caf\u00e9. Warum um Himmels willen nicht? Sonst gibt es doch alles in diesem Land. Und es ist eine Gesch\u00e4ftsidee. Das lassen sich die Amerikaner doch sonst nicht zweimal sagen. In jedem europ\u00e4ischen Land w\u00fcrde man sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr gibt es aber Schautafeln, die auf die Expedition Bezug nehmen, die Lewis und Clark mit 40 Soldaten unternahmen. Sie entdeckten damit den Landweg zum Pazifik, und dies war 1805 die lang ersehnte Endstation ihres Abenteuers. F\u00fcr die letzten 16 Meilen brauchten sie alleine, wegen des schlechten Wetters, 10 Tage. Lewis war 1803 in Washington aufgebrochen und war in Kentucky mit Clark zusammengetroffen. 1804 waren sie gemeinsam von ihrem Winterquartier in der N\u00e4he von St. Louis aufgebrochen. Ocean in view! O! The joy! ist eine viel zitierte Passage aus ihrem Tagebuch.<\/p>\n<p>Dann geht es wieder in die Stadt runter. Ich entscheide mich gegen Museen und f\u00fcr die Waterfront. Dies ist noch der Fluss, noch nicht das Meer, aber es riecht schon nach Meer.<\/p>\n<p>Man kann von der Innenstadt aus ein paar Meilen stadtausw\u00e4rts gehen, parallel, aber getrennt von der Stra\u00dfe, zum Teil auf Bohlen, die die alte Stadt nachahmen. Die brannte 1887 v\u00f6llig ab. Sie war praktisch auf dem Wasser gebaut, auf Pf\u00e4hlen. Auf alten Bildern sieht man Kirchen, Kneipen und sogar die Stra\u00dfenbahn, alle auf diesen Holzplanken errichtet. Man konnte, w\u00e4hrend man auf die Stra\u00dfenbahn wartete, zwischen den Bohlen angeln.<\/p>\n<p>Nach einem weiteren Brand zwanzig Jahre sp\u00e4ter errichtete man dann die heutige Innenstadt, auf Land, das dem Wasser abgerungen war, denn das ging urspr\u00fcnlich bis an die H\u00fcgel. Die H\u00e4user auf den H\u00fcgeln, in skandinavischem Stil errichtet, sind deshalb \u00e4lter. Sie wurden vom Brand verschont. Die Innenstadt hat dagegen das Aussehen einer amerikanischen Stadt der Zwanziger Jahre.<\/p>\n<p>An der Waterfront wird auf Schautafeln etwas vom alten Astoria erz\u00e4hlt, von Salmon Derby, einen popul\u00e4ren Angelfesttag, bei dem Lachse von bis zu 60 Pfund gefangen wurden, von der Konservenfabrik, die als die gr\u00f6\u00dfte der Welt galt, und von den vielen, vielen Schiffen, die bei der Einfahrt in den Columbia untergingen. Die Stelle gilt als Schiffswrack und als eine der gef\u00e4hrlichsten der Welt. St\u00fcrme, Nebel und Sandb\u00e4nke, die sich durch das Aufeinandertreffen der beiden Wassermassen immer wieder verschieben, machen die Stelle besonders gef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>Man sieht auch die Stelle bezeichnet, an der fr\u00fcher die F\u00e4hren abfuhren. Ein Steg f\u00fchrt etwas weiter aufs Wasser raus. Er ist zweigeteilt, links Private Drive (?), rechts steht Public Viewing. Dabei erz\u00e4hlen uns die besserwisserische Amerikaner immer, das w\u00e4re eine Leichenschau.<\/p>\n<p>Etwas weiter sehe ich an einer Schaufensterscheibe diese merkw\u00fcrdige Inschrift: Come try what we\u2019ve been smoking. Es handelt sich um ein Fischlokal.<\/p>\n<p>Am Ende des Weges, auf der H\u00f6he der Br\u00fccke, gibt es ein Denkmal f\u00fcr die an dieser Stelle ums Leben Gekommenen, auch in letzter Zeit noch. Auf mehreren schwarzen Marmorw\u00e4nden werden die Toten namentlich genannt, oft mit dem Zusatz ihres Berufs: Skipper, Cannery Worker, Shipwright, Carpenter. Manchmal erscheint statt des Berufs ein Attribut, das hier unheimlich wirkt: Served Proudly, Master of the Chance, Loved to Hike Along the River. Bei einem steht Jesus, Savior, Pilot me und bei einem anderen They Called him Do-Do.<\/p>\n<p>Mit einem alten Stra\u00dfenbahnwagen kann man von hier in die Innenstadt zur\u00fcckfahren. Ich gehe ein bisschen durch die Stra\u00dfen und sehe ein Bekleidungsgesch\u00e4ft namens Klearance Kloset, eine Schreibweise, an der Webster seine Freude gehabt h\u00e4tte. Gegen\u00fcber ist Mixed Marriage, ein Restaurant. An der leeren Schaufensterscheibe steht For Rent.<\/p>\n<p>Ich lande in einem italienischen Restaurant. Das sieht aus wie eine Wartehalle, die man durch Dekoration einen gewissen Charme geben wollte, nur bedingt erfolgreich. Schwarz gekleidete Frauen mit nackten, t\u00e4towierten Oberarmen eilen die Halle rauf und runter und fragen einen st\u00e4ndig, ob man zufrieden sei, eine professionelle Freundlichkeit, die einem im Laufe der Zeit auf die Nerven gehen kann. Es gibt Brot mit Oliven\u00f6l, Salat und hervorragende Rigatoni mit einer Kr\u00e4uter-und-Senf-So\u00dfe. Eine willkommene Abwechslung nach all dem Reis der letzten Wochen.<\/p>\n<p>Sogar in meinem Touristenoutfit bin ich hier der best gekleidete Gast, gefolgt von einem r\u00fcstigen M\u00e4nnertrio, alle mit gepflegten B\u00e4rten und gepflegten B\u00e4uchen, die Jeans und Polohemden tragen. Ansonsten Kapuzenpullover, bollige Hosen, klobige Schuhe, Baseballkappen. Der Chef des Hauses selbst, der einen Gast ber\u00e4t, erscheint in gemusterten, weiten Hosen, die man f\u00fcr Schlafanzugshosen halten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Als ich ins Hotel komme, merke ich, dass ich mir einen ordentlichen Sonnenbrand eingefangen habe.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">23. Juli (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Im Columbia River Maritime Museum, einem modernen, einst\u00f6ckigen Glasbau gleich an der Waterfront, geht es auch gleich mit den Ungl\u00fccksf\u00e4llen los, die sich hier an der M\u00fcndung des Columbia im Laufe der Jahrhunderte ereignet haben. Insgesamt 2000 Schiffe sind hier untergegangen, darunter Schiffe, von denen keine Spur \u00fcbriggeblieben ist, wie der Schoner <em>Americana<\/em> 1918. F\u00fcr eine Landratte ist das kaum vorstellbar. Von dem Fischerboot Electra, das 1944 unterging, war ein Jahr sp\u00e4ter immer noch ein Mast zu sehen, der aus dem Wasser herausragte. Das bekannteste Schiff, das hier unterging, ist die Peter Iredale, eins der gr\u00f6\u00dften und feinsten Schiffe seiner Zeit, deren Wrack immer noch im Fort Stevens zu sehen ist.<\/p>\n<p>Im Museum sieht man auch das keel timber eines gesunkenen Schiffs, einen Felsbrocken, der an der Waterfront stand und auf dem Seeleute ihr Ungl\u00fcck festgehalten haben (1848) und ein dekoratives Offiziersschwert, das 131 Jahre lang im Wasser lag, bis es von einem Anwohner im Fluss entdeckt wurde! Seine Spitze ragte aus dem Wasser!<\/p>\n<p>Im Museum wird auch noch mal an verschiedenen Stellen erkl\u00e4rt, warum die Passage so schwer ist. Man sieht eindrucksvolle Aufnahmen von Schiffen, die mit den Wellen k\u00e4mpfen. Die k\u00f6nnen bis zu 40 Fu\u00df hoch werden. Das zentrale Problem sind der Unrat und der silt, die der Fluss mit sich schleppt und die hier auf die Wassermassens des Ozeans sto\u00dfen und nicht weiterkommen und daher die teuflisch gef\u00e4hrlichen Sandb\u00e4nke bilden. Die gesamte Gefahrenzone misst 17 Meilen. Auf Englisch nennt man die <em>bar<\/em>, schon wieder eine neue Bedeutung dieses flexiblen Wortes.<\/p>\n<p>Das Museum hat Schiffsmodelle zu Hauf, aber auch Schiffsgegenst\u00e4nde: einen Anker, ein Steuerrad, ein Rettungsboot, Netze, Glocken, F\u00e4sser, Lampen.<\/p>\n<p>Ein Fass diente zur Reinigung. Das gep\u00f6kelte Fleisch musste, um seinen Salzgehalt zu reduzieren und es essbar zu machen, in Wasser gebadet werden. Das geschah in diesem doppelb\u00f6digen Fass. Schon deshalb musste man gro\u00dfe Mengen an Frischwasser mit sich schleppen.<\/p>\n<p>Daneben h\u00e4ngt eine smoking lamp. Das war die Lampe, an der die Seeleute, bevor der Erfindung von Streichh\u00f6lzern, ihre Pfeifen anz\u00fcndeten. Rauchen war gestattet, aber streng reglementiert. Nur zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten. Die Sache war einfach zu gef\u00e4hrlich. Wie h\u00e4lt man das heute wohl auf Schiffen? Ich muss daran denken, wie militant hier die Kampagne gegen das Rauchen gef\u00fchrt wird. Wenn man im Mietauto raucht, muss man 250 $ bezahlen. In vielen Geb\u00e4uden ist das Rauchen nicht nur drinnen verboten sondern auch im Umkreis. Die genaue Entfernung, etwas 25 Yard, wird auf Schildern angegeben.<\/p>\n<p>Auf ganz kuriose Weise wird die Seekrankheit behandelt. <em>Why don\u2019t I feel well?<\/em> hei\u00dft es in verzerrten Lettern, bei deren Anblick einem schon ganz mulmig wird. Seekrankheit komme im Wesentlichen von der Erfahrung, Bewegung zu erleben, die man nicht sehen kann. Die einzig wirksame Methode, Seekrankheit zu bek\u00e4mpfen sei es, kein Schiff zu besteigen. Medikamente bek\u00e4mpften nur die Symptome wie \u00dcbelkeit. Kurioserweise hat ein fest um die wrist gewickeltes Band bei manchen Menschen Wirkung. Es gibt keine vern\u00fcnftige medizinische Erkl\u00e4rung f\u00fcr diese Wirkung. Vielleicht ist es ein psychologischer Effekt, der die Konzentration auf etwas anderes lenkt. Neben der Erkl\u00e4rung stehen Ausdr\u00fccke in verschiedenen Sprachen, die das Brechen auf dem Schiff beschreiben, darunter Fische f\u00fcttern.<\/p>\n<p>Dann gibt es eine Abteilung zum Columbia. Der ist heute ein gez\u00e4hmter Strom, den Lewis und Clark kaum wiedererkennen w\u00fcrden. Fr\u00fcher hatte der Stromschnellen, \u00dcberschwemmungen und Sandb\u00e4nke und zwei praktisch unpassierbare Stellen, an denen man \u00fcber den Landweg weiter musste, die Cascades und eine Flussenge mit Felsen zu beiden Seiten, die Celili Falls. Heute hat der Columbia alleine auf den letzten 800 Meilen 14 D\u00e4mme.<\/p>\n<p>Heceta, Cook und Vancouver fuhren alle an der M\u00fcndung des Columbia vorbei. Dann findet John Meares den Fluss, schafft es aber nicht, reinzukommen und f\u00e4hrt entt\u00e4sucht weiter, \u00fcberzeugt, dass es eine Bucht und kein Fluss ist: There is no river (1788). Von ihm stammen die Namen Deception Bay und ??? of Disappointment. Erst Robert Gray, der neun Tage auf gutes Wetter wartete, um hineinzukommen, identifizierte die Stelle als Flussm\u00fcndung (1792). Er gab dem Fluss den Namen seines Schiffs: Columbia.<\/p>\n<p>Lewis und Clark schafften es dann \u00fcber den Landweg. Schon 60 Jahre nach ihnen waren 100 Dampfschiffe auf dem Columbia unterwegs. Sie brachten Dienstleistungen, Post, \u00c4rzte, Verwandte, sogar die Teile der ersten Eisenbahn in den Westen.<\/p>\n<p>Die wichtigste Energiequelle der Dampfschiffe war Holz. Man verbrauchte 40 cords pro Tag. Heute braucht man f\u00fcr ein komplettes Haus 20 cords.<\/p>\n<p>In einer Vitrine sieht man Felle, mit den gehandelt wurde, erstaunlich gro\u00df, das dunklere eines Seeotters und das hellere eines Bibers. Der Pelzhandel wurde richtig attraktiv, nachdem Seeleute von Cooks dritter Expedition (begonnen 1776), die ihn u.a. nach Hawaii f\u00fchrte, erfahren hatten, dass es in China gro\u00dfe Nachfrage nach Pelzen gab! Die cleveren Gesch\u00e4ftsleute kauften daf\u00fcr chinesisches Porzellan, das sie hier teuer verkauften. Auch davon sind hier Beispiele ausgestellt. Ebenso von chinesischen M\u00fcnzen mit einem quadratischen Loch in der Mitte, die bei den Indianern beliebt waren und als Zahlmittel eingesetzt wurden. Und eine blaue russische (faceted glass) Glaskette. Blau war die beliebteste Farbe bei den Indianern.<\/p>\n<p>Davor ein Kanu der Indianer, aus einem einzigen Stamm Zedernholz gefertigt. Das Holz wurde durch kontrolliertes Anbrennen bearbeitet und mit Wal\u00f6l.<\/p>\n<p>Sehr sch\u00f6n zu sehen sind auch die fr\u00fchen Karten. Sie sind nicht nur Dokumentation, sondern auch Schmuck. Zwischen den Erdteilen t\u00fcmmerln sich auf dem Meer alle Arten von Ungeheuern. Meistens kann man eine \u00c4hnlichkeit mit tats\u00e4chlich existierenden Tieren erkennen: Delphine, Tintenfische, Flusspferde. Die Vorstellungen kamen nicht aus dem Nichts.<\/p>\n<p>Man sieht einen alten Taucheranzug (1944) mit einem schweren Helm mit Ventilen, Schrauben, Gittern, Fenstern. Sieht nicht sehr bequem aus.<\/p>\n<p>Einige Wale haben balfen statt Z\u00e4hne. Davon ist auch ein Exemplar ausgestellt. Es sieht wie eine ganz d\u00fcnne S\u00e4ge aus. Meterlang. Daraus wurden Angeln, Schirme und Korsettstangen gemacht!<\/p>\n<p>Dann kann man Signale kennen lernen, die in der Schifffahrt gebraucht werden, um bestimmte Nachrichten zu \u00fcbermitteln: Rot und Wei\u00df vertikal bedeutet Lotse an Bord, Blau-Gelb in abwechselnden vertikalen Streifen bedeutet \u201aLotse gebraucht\u2018, Rot-Gelb diagonal bedeutet \u201aMann \u00fcber Bord\u2018. Gut gemacht. Die Signale sind so verschieden, dass es kaum Verwechslungen geben kann.<\/p>\n<p>Darunter kann man verschiedene Arten von Tauen bef\u00fchlen und lernen, wie wichtig es ist, da keinen Fehler zu machen. Es war das erste, was Seeleute lernten und ist der Ursprung von learning the ropes!<\/p>\n<p>Zum Museum geh\u00f6rt auch ein Schiff, die Columbia, die vor dem Museum vor Anker liegt. Hier habe ich mich durch die Sprache t\u00e4uschen lassen. Das Schiff ist ein Lightship, und das hat nichts mit leicht, sondern mit Licht zu tun! Es ist ganz einfach ein mobiler Leuchtturm, von 1951 bis 1979 an der M\u00fcndung des Columbia im Einsatz. Seine Vorg\u00e4nger waren schon seit 1892 hier im Einsatz. Es war der erste Leuchtturm an dieser Seite des Pazifik.<\/p>\n<p>Der Leuchtturm hat neben dem Licht ein Nebelhorn, mit dem nachts auf die Gefahr aufmerksam gemacht wurde.<\/p>\n<p>Das Leben an Bord muss eine Mischung aus Monotonie und Langeweile einerseits und Aufregung bei St\u00fcrmen andererseits gewesen sein. Wegen seienr Verankerung bewegt sich ein Leuchtschiff nicht hin und her, sondern auf und nieder, und Seekrankheit war hier auch bei erfahrenen Seeleuten an der Tagesordnung.<\/p>\n<p>Man war gerade mal f\u00fcnf Meilen von der K\u00fcste entfernt, und bildete doch ein eigenens Dorf. Im Winter konnte oft kein Nachschub kommen, und man hatte 12 Tonnen Nahrungsmittel und unvorstellbare 13000 Gallonen Frischwasser an Bord.<\/p>\n<p>Die Crew bestand aus 17 Leuten, und man arbeitete zwei Wochen am St\u00fcck und hatte dann eine Woche frei.<\/p>\n<p>Das Leuchtschiff war auch Gegenstand einer der gl\u00fccklichen Errettungen an der M\u00fcndung des Columbia. Eines Tages l\u00f6ste es sich aus seiner Verankerung, trieb auf das Ufer zu und stie\u00df am Morgen auf Land. Das Leuchtschiff blieb unversehrt und keiner erlitt Schaden.<\/p>\n<p>Astoria hat viel zu bieten, aber jetzt soll es endg\u00fcltig an die K\u00fcste gehen. Der Weg f\u00fchrt tats\u00e4chlich \u00fcber die Br\u00fccke. Die ist allerdings beim \u00dcberfahren weniger spektakul\u00e4r als in der Ansicht. Daf\u00fcr entlohnt die fast mystische, in Nebelschwaden geh\u00fcllte Landschaft mit den Bergen im Hintergrund.<\/p>\n<p>Ich komme auf den Highway 101, den Highway der Oregon Coast, aber von K\u00fcste ist erst mal nichts zu sehen. Unterwegs wird immer wieder an das Anlegen des Gurts erinnert: Click it or tick it. Es kostet 97 $ Strafe, es zu unterlassen.<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Ort ist aber wegen seines Namens schon vielversprechend: Seaside. Er h\u00e4lt, was er verspricht: Die K\u00fcste. Die rechteckig vom Highway abbigende Broadway f\u00fchrt geradewegs auf den Strand zu. Es tummeln sich unten viele Leute, aber im Wasser ist keiner.<\/p>\n<p>Seaside ist ein richtiger Touristenort f\u00fcr die Familie, mit viel Karussels, Klamauk und Buden aller Art. Erinnert etwas an die Orte an der englischen S\u00fcdk\u00fcste, nur fehlen die Spielh\u00f6llen.<\/p>\n<p>Am Ende des Broadway ist auf einem halbrunden Platz mit direktem Blick aufs Meer eine sch\u00f6ne Bronzestatue von Lewis und Clark zu sehen. Auf dem Sockel Szenen aus der Expedition, oben die beiden, dargestellt nach dem Prinzip Gleichheit in der Vielfalt. Der eine hat den Hut auf, der andere h\u00e4lt ihn in der Hand, der eine st\u00fctzt sich auf das Gewehr, der andere tr\u00e4gt es auf dem R\u00fccken, der eine steht, der andere setzt einen Fuss nach vorne, (nach monatelanger Expedition!), der eine ist glatt rasiert der andere hat einen gepflegten Backenbart, und beide schauen in unterschiedliche Richtungen. Einer hat Feder und Buch in der Hand und macht Notizen. Aber beide sind fest aneinandergeschwei\u00dft und tragen das gleiche Outfit, unter anderem Lederhosen mit Riemen und dreieckige H\u00fcte. Auch haben beide scharf geschnittete Gesichter. Einer von beiden sieht aus wie Uli Stein.<\/p>\n<p>Um das Denkmal herum stehen B\u00e4nke, aber es ist zu kalt, um lange sitzen zu bleiben. Vor den B\u00e4nken Gedenktafel f\u00fcr Tote. Erst glaube ich, dass es sich um Ertrunkene handelt, aber es sind vielleicht nur Tafeln, mit denen Angeh\u00f6rige an die gemeinsame verbrachte Zeit in Seaside erinnern.<\/p>\n<p>Der Ort hat eine kleine Buchhandlung, aber ich finde nichts \u00fcber Lewis und Clark, und die Caf\u00e9s sehen nicht sehr einladend aus. Also mache ich mich wieder auf den Weg. Auf dem Broadway sehe ich noch Werbung f\u00fcr Shaved Icecream. Was das wohl ist?<\/p>\n<p>Dann geht die Fahrt auf dem Highway 101 weiter nach Ecola Park. Man biegt in den Park ein und befindet sich von einem Moment auf den anderen in der allersch\u00f6nsten Umgebung. Wilde W\u00e4lder mit gro\u00dfen B\u00e4umen, in die die Sonnenstrahlen fallen. Der Weg windet sich langsam weiter und f\u00fchrt dann irgendwann wieder aus dem Wald heraus. Pl\u00f6tzlich steht man am View Point und ist \u00fcberrascht, hier einen voll besetzten Parkplatz vorzufinden. Nicht umsonst. Die Aussicht ist atemberaubend. Es ist das Sch\u00f6nste, das ich auf der Reise bisher gesehen haben: Das Meer mit dunklen Felsbrocken, in der Ferne die Berge im Nebel, links ein Sandstrand, von einem gr\u00fcnen Abhang begrenzt, und die Sonne, die sich gerade rechtzeitig zeigt, um das Alles ins rechte Licht zu setzen. Die Leute schauen meist in and\u00e4chtiger Stille aufs Meer.<\/p>\n<p>Auch hier haben die Amerikaner aber f\u00fcr die rein praktischen Bed\u00fcrfnisse vorgesorgt und ein adrettes, h\u00f6lznernes Toilettenh\u00e4uschen installiert.<\/p>\n<p>Zum Indian Beach kann man von hier aus mit dem Auto fahren oder zu Fu\u00df gehen. Es sind gerade einmal anderthalb Meilen und ich entscheide mich f\u00fcr den Fu\u00dfweg, kaum vermutend, worauf ich mich einlasse. Es ist ein Wurzelweg, der immer unregelm\u00e4\u00dfiger wird und auf dem man sich manchmal nur kraxelnd weiterbewegen kann, vor allem, wenn man mit Sandalen nicht gut ausger\u00fcstet ist. Au\u00dferdem schleppe ich den ganzen Tag meinen Rucksack mit Computer mit mir herum. Es lohnt sich aber auf alle F\u00e4lle. Man hat fast ein bisschen Gef\u00fchl von Urwald. Man l\u00e4sst den Wald hier so wachsen, wie er will. \u00dcberall liegen abgestorbene \u00c4ste und Stemme herum, die B\u00e4ume wachsen quer und schief und sich ganz unterschiedlich hoch. Besonders sch\u00f6n sind die abgestorbenen Teile, die von den neuen Pflanzen als Boden genutzt werden. Denen geht es gut. Das hat etwas Vers\u00f6hnendnes.<\/p>\n<p>Zwischendurch wird man immer wieder mit einem Blick auf das Meer \u00fcberrascht. Wie vorher, aber von ganz oben. Es geht rauf und runter, aber runter erst ganz zum Ende, und dann m\u00e4chtig, und pl\u00f6tzlich steht man am Indian Beach. Hier sieht man viele im Wasser, aber auf den zweiten Blick sieht man, dass es keine Schwimmer sind, sondern Surfer.<\/p>\n<p>Ich gehe fast postwendend zur\u00fcck, da es etwas sp\u00e4t geworden ist. Ganz in der N\u00e4he des Ecola Park liegt Cannon Beach, ein fein herausgeputztes \u00d6rtchen mit grauen Holzh\u00e4uschen. Ferienwohnnung, Caf\u00e9s, Hotels, Souvenirgesch\u00e4fte, eine Klasse besser als Seaside, aber auch etwas gediegen, mehr f\u00fcr \u00e4ltere Herrschaften mit dem n\u00f6tigen Kleingeld.<\/p>\n<p>Hier ist \u00fcberall von dem Leuchtturm die Rede, aber ich finde ihn nicht. Das liegt daran, dass ich ihn auf dem Felsen vermute, der hier das Photomotiv Nr. 1 ist. Dahin kommt man \u00fcber den Strand. Eine knappe halbe Stunde lang geht man den breiten Strand entlang. Purer Sand, kein Steine, keine H\u00f6lzer, keine Tiere, nur hier und wieder eine kleine Muschel, die herausguckt. Aber der Sand ist fest gebacken, so sehr, dass er gar keine Fu\u00dfabfr\u00fccke hinterl\u00e4sst. Es f\u00fchlt sich an, als laufe man \u00fcber Asphalt. Nur kurz halte ich die F\u00fc\u00dfe ins Wasser. W\u00e4re mir zu kalt zum Schwimmen.<\/p>\n<p>Der Felsen, auf dem ich den Leuchtturm vermutete (oder auf dem er fr\u00fcher war), ist ganz und gar mit Moos bewachsen, eine riesiges Ding, das, umgeben von einem Ensemble kleinerer Felsen, am Strand steht, an drei Seiten vom Wasser umgeben. Ganze Heerscharen von V\u00f6geln, Kormorane, M\u00f6wen und Puffins, sitzen auf ihm und fliegen um ihn herum. Sie haben sich ihr Terrain wiedererobert, hei\u00dft es, seitdem der Leuchtturm nicht mehr da oder nicht mehr in Betrieb ist.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich geht es weiter auf dem Highway 101, der jetzt oft direkt an der K\u00fcste entlang f\u00fchrt und weitere sch\u00f6ne Ausblicke bietet. Man kommt durch einen kleinen, gepflegt, aber wie verlassen aussehenden Ort names Wheeler und dann durch Garibaldi. Die Stra\u00dfen sind mit italienischen Flaggen geschm\u00fcckt!<\/p>\n<p>Ich komme nach Tillamook und lande dort im Red Apple Inn. Die Frau des Besitzers ist Koreanerin und hat eine Schwester, die in Hamburg lebt.<\/p>\n<p>Jetzt geht es nur noch darum, etwas zu essen. Als ich um sieben Uhr endlich im Rodeo sitze, einem mexikanisch angehauchten Lokal, das sich selbst f\u00fcnf Sterne verleiht, habe ich den ganzen Tag mit zwei Tassen Kaffee und einem Keks \u00fcberstanden, eher unfreiwillig. Irgendwie schien es nie eine gute Gelegenheit zu geben.<\/p>\n<p>Ein Feinschmeckerlokal ist das nicht gerade, aber das Bier, mexikansich mit Salz und Zitrone serviert, schmeckt gut, und satt wird man auch. Sobald man sich setzt, wird ein kleiner Eimer mit Erdn\u00fcssen serviert, die amn sich knachen kann. Der gnaze Boden ist voller Erdnussschalen. Der junge Mann, der mich bedient, spricht Englisch und Spanisch.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">24. Juli (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen fahre ich Richtung Stadtmitte, zur Tillamook Cheese Factory. Ein Lastwagen kommt mir entgegen und ein PKW auf gleicher H\u00f6he auf meiner Spur. Will der jetzt noch \u00fcberholen? Dann f\u00e4llt mir pl\u00f6tzlich auf, dass ich in einer Einbahnstra\u00dfe bin. Es kommt gerade rechtzeitig eine Kreuzung, an der ich abbiegen kann.<\/p>\n<p>Vor der Cheese Factory steht ein Schiff, und ein Schiff ist auch in dem Logo der Fabrik vertreten. Der Zusammenhang erkl\u00e4rt sich nicht von selbst.<\/p>\n<p>Aus hygienischen Gr\u00fcnden darf man nicht in die eigentliche Produktionshalle, aber man kann von oben hineinsehen. Es ist wirklich wie eine Fabrik. Hier k\u00f6nnten genauso gut W\u00fcrste oder Baukl\u00f6tze hergestellt werden. Alles Flie\u00dfbandarbeit. Milch sieht man \u00fcberhaupt nicht, die lagert in riesigen Kesseln links. In der anderen Halle ist mehr Betrieb. Hier kommt der K\u00e4se in paketgro\u00dfen Einheiten an, 40 Pfund jedes St\u00fcck! Die kommen auf eine Abzweigung und gehen abwechselnd in die eine oder die andere Richtung, um entweder geviertelt oder in kleinere Teile geteil zu werden. Auch die kleineren sind noch ganz sch\u00f6ne Kawenzm\u00e4nner. Neben mir wird diskutiert, warum die Arbeiter dem einen oder anderen St\u00fcck einen ganz leichten Schubs geben und es so am Weiterlaufen verhindern. Diese St\u00fccke landen in einer Schachtel am Rande des Flie\u00dfbands. Keiner wei\u00df eine Antwort. Sp\u00e4ter lese ich dann die Antwort: Das sind die untergewichtigen und die \u00fcbergewichtigen St\u00fccke.<\/p>\n<p>Die K\u00e4sest\u00fccke verlassen fertig verpackt die Halle. Daf\u00fcr sorgt eine Maschine im Zentrum, die wie ein Tintenfisch aussieht und ihre F\u00fc\u00dfe (?) nach den St\u00fccken ausstreckt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alle Arbeiter tragen eine Uniform und ein Haarnetz. Sp\u00e4ter sehe ich das Photo eines b\u00e4rtigen Mannes, der au\u00dferdem ein Bartnetz tr\u00e4gt. Das ist Rabbi , der regelm\u00e4\u00dfig hierher kommt, um die koshere Produktion von K\u00e4se f\u00fcr die j\u00fcdische Gemeinde zu \u00fcberwachen und eine Substanz (microbial rennet) hinzuzuf\u00fcgen. Die Tillamook Cheese Factory h\u00e4lt etwas darauf, die erste gro\u00dfe K\u00e4serei zu sein, die koshere K\u00e4seproduktion erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>An den Schautafeln erf\u00e4hrt man, dass zehn Pfund Milch f\u00fcr ein Pfund K\u00e4se ben\u00f6tigt werden und dass die Fabrik pro Woche eine Million St\u00fccke produziert!<\/p>\n<p>Unten gibt es dann Information zu der Milchproduktion. F\u00fcr die sorgen die Bauern der Umgebung, viele als Familienbetrieb organisiert, insgesamt 120 Betriebe mit 28,000 K\u00fchen. Die Betriebe haben zwischen 30 und 1,400 K\u00fche. Unterschiedliche Farmer bevorzugen unterschiedliche Rassen. Gut vertreten ist die Holsteiner Kuh. Die Flecken auf ihrer Haut sind wie ein Fingerabdruck. Jede hat ihr individuelles Muster. K\u00fche gibt es in Amerika seit 1611. Im Westen gab es die ersten K\u00fche 1838.<\/p>\n<p>Eine ausgewachsene Kuh produziert hundert Glas Milch am Tag! Dazu brauchen sie hundert Pfund Futter am Tag: Heu, Getreide, Silage. Und f\u00fcnfzig Gallonen Wasser! Die H\u00e4lfte des Einkommens der Bauern geht f\u00fcr das Futter drauf!<\/p>\n<p>Dann kommt man auch noch der Sache mit dem Schiff auf die Schliche. Ganz einleuchtend. Es ist das Schiff, das von der K\u00e4serei selbst gebaut wurde, 1855, um die eigenen Produkte in Portland und Astoria verkaufen zu k\u00f6nnen! Teil der Strategie der Markterweiterung.<\/p>\n<p>Dann stellt man sich in eine Schlange und bekommt K\u00e4sest\u00fcckchen zu probieren. Zuerst ein etwas salziges, wei\u00dfliches curd, dann ein kr\u00e4ftig schmeckendes St\u00fcck reifen K\u00e4se und dann den Habanero, mit scharfem Gew\u00fcrz versetzt. Es scheint also doch verschiedene Sorten zu geben. Oben war immer nur von Cheddar die Rede. Vielleicht werden unterschiedliche Sorten zu unterschiedlichen Tageszeiten produziert. Wovon hier \u00fcberhaupt nicht die Rede ist, ist die Reifezeit. Scheint vereinheitlicht zu sein.<\/p>\n<p>In einer viel l\u00e4ngeren Schlange stellt man sich f\u00fcr Eis an, eine andere Spezialit\u00e4t der Tillamook Cheese Factory. Hier wird allerdings kassiert, aber es lohnt sich: 2,35 $ zahle ich f\u00fcr die kleinste Waffel, aber es ist das beste Eis, das ich je gegessen habe. Wenn man mal von der Kindheit absieht, in der jedes Eis die reinste Glorie war. Aber geschmacklich ist dies praktisch nicht zu \u00fcbertreffen. Danach d\u00fcrfte man eigentlich nie mehr Eis essen.<\/p>\n<p>Dann geht es von der 101 ab auf eine kleine K\u00fcstenstra\u00dfe. Zuerst erreiche ich Netarts. Es ist eine kleine Bucht in einer Gegend, die f\u00fcr clamming, Muschelsuche, bekannt ist. \u00dcberall sieht man Tafeln mit Vorschriften. Auf der Weiterfahrt sehe ich dann Menschen am Strand und in kleinen Booten auf der Muschelsuche. Der Strand ist hier etwas gr\u00fcnlich, und das Wasser hat sich gerade zur\u00fcckgezogen. Am Rande w\u00e4chst Seegras.<\/p>\n<p>Als ich an der Bucht gerade in eine Information vertieft bin, meine ich einen Autoalarm zu h\u00f6ren, aber es ist \u2013 falscher Alarm. Ich sehe aber einen Mann mit Photoapparat vor meinem Auto stehen. Ich laufe hin und erkl\u00e4re die Sache. Es geht einfach um Parkgeb\u00fchr. Ganz freundlich und ohne Ver\u00e4gerung erkl\u00e4rt er mir, wie es geht. Man nimmt einen der bereitgestellten Umschl\u00e4ge, tut seine drei Dollar rein und wirft ihn in einen daf\u00fcr bereitgesellten Kasten. Er hat sogar schon so einen Umschlag hinter meinen Scheibenwischer geklemmt.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zur\u00fcck zu den Informationstafeln werde ich von einem kleinen, alten Mann angesprochen. Der hat zwei Jahre in Deutschland gedient, in der N\u00e4he von Frankfurt. Lang ist\u2019s her. Der Name der Stadt, Baumholder, sei in keiner Karte verzeichnet gewesen. Das liege daran, dass das Hitlers Versteck gewesen sei. Ich bekenne meine Unwissenheit. Trier kennt er nicht, verst\u00e4ndlicherweise, aber auch von Ramstein hat er noch nie etwas geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Auf den Tafeln kann man etwas \u00fcber die New Zealand Snail und \u00fcber eine Pflanze erfahren, knotweed, Staudenkn\u00f6terich, beide ungern gesehene G\u00e4ste. Der Staudenkn\u00f6terich wurde aus Japan eingef\u00fchrt, weil er dem Bambus \u00e4hnelt, ist aber eine invasive Pflanze, die \u00fcberall w\u00e4chst und schwer zu kontrollieren ist anderen Pflanzen die Lebensgrundlage nimmt. Und damit den Tieren auch wichtige Nahrung entzieht. Die Schnecke ist ein winziges Tierchen, das sich gerne in Kleidung festsetzt. Die Muschelsucher werden deshalb aufgefordert, mehrere Ausr\u00fcstungen zu haben. Warum das besser ist, ist schwer zu sagen. Die Schnecke lebt in tr\u00fcbem und klarem Wasser und in Salzwasser und S\u00fc\u00dfwasser und ern\u00e4hrt sich von Pflanzenresten, die die anderen Tiere nicht essen. Beste Voraussetzungen f\u00fcr die Vermehrung. Auf einem Square Yard soll es bis zu 500,000 von ihnen geben!<\/p>\n<p>Dann geht es zu Cape Lookout, hoch gelegen, wieder mit tollem Blick aufs Meer. Hier ist es sehr einsam und ganz sch\u00f6n kalt. Am Meeresrand gibt es Warntafeln f\u00fcr Tsunami. Im Laufe der Tage sehe ich immer mehr davon. Die ganze K\u00fcste von Washington und Oregon, in diesem Zusammenhang Cascades genannt, ist gef\u00e4hrdet, als Folge der vulkanischen Aktivit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Dann kommen Kreuzungen, an denen es nicht klar ist, wo es weiter geht, und irgendwie gelange ich wieder auf die 101. Sie f\u00fchrt durch eine ziemlich abgelegene Gegend. Auf einmal geht es nicht mehr weiter. Ein Transporter vor mir steht mitten auf der Stra\u00dfe, scheinbar mit Motorschaden. Aber tats\u00e4chlich steht er am Ende eines Staus, hier, in dieser gottverlassenen Gegend. Es tut sich nichts, aber auch gar nichts. Auch aus der entgegengesetzten Richtung kommt nichts. Es ist unheimlich ruhig. Einige der Autos hinter mir geben es auf und wenden. Ich bin lange unentschieden und hole dann ein Buch aus dem Rucksack. Das tut Wirkung, sofort kommt Bewegung in die Sache. Aber wir kommen nur ein St\u00fcck weiter, dann ist wieder Stillstand. Dann tut sich endlich etwas in der entgegengesetzten Richtung, und der Strom der Autos will gar nicht mehr abrei\u00dfen. Muss wohl eine Baustelle sein. Die Kolonne wird angef\u00fchrt von einem Wagen mit Blaulicht. Aus Langeweile beginne ich die Autos zu z\u00e4hlen und auf die Marken zu achten. Am besten sind Chevrolets und Toyota vertreten, dann Hyundai und Kia. Deutsche Autos gibt es nur ganz selten, und franz\u00f6sische und italienische \u00fcberhaupt nicht. Vielleicht haben die Europ\u00e4er an der Ostk\u00fcste bessere M\u00f6glichkeiten. Dann nimmt der Wagen mit Blaulicht uns ins Schlepptau und begleitet uns an einer kilometerlangen Baustelle vorbei.<\/p>\n<p>Dann kommt wieder eine belebtere Gegend mit den typisch amerikanischen Abfolge von Motels, Superm\u00e4rkten, Restaurants, alle mit hohen, am Stra\u00dfenrand stehenden Leuchtschildern gekennzeichnet, wie bei uns die Tankstellen. Hier hei\u00dft alles 101: Deli 101, Roadhouse 101, Mall 101.<\/p>\n<p>Es geht durch Lincoln City, einer gr\u00f6\u00dferen Stadt, in der alles im Zeichen der Wale steht. Und die mich au\u00dferdem um ein weiteres Shop Sign bereichert, das ich im Vorbeifahren photographiere: Fuddy Duddy Fudge.<\/p>\n<p>Die Wolken werden immer dicker, die Menschen laufen mit Windjacken und Kapuzen durch die Gegend. Und es wird fast dunkel.<\/p>\n<p>Die Stra\u00dfe f\u00fchrt immer weiter nach oben, und dann kommt man zu Cape Foulweather. Das wird seinem Namen ganz und gar gerecht. Und das an einem sch\u00f6nen Sommertag. Den Namen hat das Kap von Cook, aus dessen Tagebuch hier zitiert wird und der das Kap entdeckte (1778). Es ist die erste Benennung eines Kaps am Pazifik. Die Winde sind hier besonders st\u00fcrmisch und k\u00f6nnen 100 Meilen pro Stunde haben. Man steht auf einem festen Felsen aus Basaltstein, der das Meer \u00fcber all die Jahrtausende ausgehalten hat und blickt auf eine dramatische, unregelm\u00e4\u00dfige K\u00fcstenlinien hinunter, mit sedimentary rock, den das Wasser im Laufe der Zeit angenagt hat. Die braune, t\u00f6nige Innere des Felsens kommt zum Vorschein.<\/p>\n<p>Lange h\u00e4lt man es hier wegen des st\u00fcrmischen Winds aber nicht aus. Im Auto ist es sch\u00f6n warm, da es mir in all den Tagen noch nicht gelungen ist, die Sitzheizung auszuschalten.<\/p>\n<p>Trotz der sch\u00f6nen Natur ist die Fahrt doch etwas einsam, und das Radioprogramm hilft auch nicht viel, obwohl ich einen guten Sender finde, Fresh Air. Aber der kommt und geht und wenn er kommt, ist die Qualit\u00e4t auch nicht gut. In den letzten drei Tagen habe ich Brocken, alle interessant, von Interviews mit einem Mith\u00e4ftling von Nelson Mandela, mit einem amerikanischen Schriftstellter, David Gilbert, Autor von <em>&amp; Sons<\/em> und mit einem britischen Historiker, Keith Low, der \u00fcber das Europa der Nachkriegszeit geschrieben hat: <em>Savage Continent<\/em>. Sonst gibt es nur Werbung, meistens schrill, und Musik, von der ich aber gar nichts kenne, mit einer Ausnahme. Und bei der Ausnahme handelt es sich dann ausgerechnet um die Stones: Satisfaction. Das vers\u00f6hnt.<\/p>\n<p>So komme ich nach Newport und fahre gleich zu seiner Sehensw\u00fcrdigkeit Nummer Eins, dem Aquarium. Der Weg f\u00fchrt einen zuf\u00e4llig gleich \u00fcber die Sehensw\u00fcrdigkeit Nummer Zwei, die Yaquina Bridge, einer Br\u00fccke, die aus der Ferne nicht ganz mit der von Astoria mithalten kann, aber sch\u00f6ner zu \u00fcberfahren ist. Gleich dahinter liegt das Aquarium.<\/p>\n<p>Das Aquarium ist viel mehr als ein Aquarium. Und so lande ich auch als erstes an einer Voliere mit Geiern, turkey vultures. Zwei von ihnen, schwarz gefiedert, sitzen reglos auf einer Stange im Hintergrund. Aber man erf\u00e4hrt etwas von ihrer Lebensweise. Wenn sie sich durch die Luft gleiten lassen, dient das auch der Reinigung: Die ultravioletten Strahlen t\u00f6ten Bakterien ab, die sich beim letzten Fra\u00df in das Gefieder gesetzt haben. Aus \u00e4hnlichen Gr\u00fcnden befeuchten sie ihre F\u00fc\u00dfe und Beine mit dem eigenen Urin. Und auch die Abwehrtaktik gegen Feinde ist nicht gerade fein, aber wirksam: Sie w\u00fcrgen heruntergeschlungene Nahrung wieder aus und schlagen ihre Feinde durch den Gestank in die Flucht!<\/p>\n<p>Das eigentliche Aquarium f\u00fchrt in drei r\u00f6hren\u00e4hnlichen G\u00e4ngen durch drei Landschaften: das offene Meer, die Halibut Flats, das Reef. Im offenen Meer sind die Fische meist silbrig oder gr\u00e4ulich: Thunfisch, Mackarelen, Lachse, Haie und der platte Bat Ray. Sie ern\u00e4hren sich vor allem durch Plankton und fressen sich erstaunlicherweise nicht gegenseitig, jedenfalls hier nicht.<\/p>\n<p>In den Halibut Flats wird der sandige Meeresboden durch die Bewegung des Meers aufgew\u00fchlt. Hier sieht man sehr realistisch aussehnde Teile untergegangener Schiffe. Es gibt wenige Pflanzen.<\/p>\n<p>Im Reef sind die Fische bunter. Hier ist das Wasser ruhig. Die Wellenbewegung kommt nicht bis hierher runter. Man sieht Anemonen und rockfish.<\/p>\n<p>Wieder drau\u00dfen, sieht man ein Gehege mit Seel\u00f6wen. Einer reckt sich unbeweglich in der Sonne, mitten auf einem kleinen Felsen. Er sieht wie eine moderne Skulptur aus. In der Wildnis fressen die Seel\u00f6wen auch Krustentiere. Hier sind sie auf Di\u00e4t gesetzt und bekommen nur Fisch und squid.<\/p>\n<p>Nebenan sind die Seeotter, bewegliche Tiere, die aber, wenn sie sich nicht bewegen, wie ein Holzstamm aussehen. Die W\u00e4rterin erz\u00e4hlt mir, dass alle drei M\u00e4nnchen seien. Mit Weibchen w\u00fcrde es wohl zu viel Aufregung geben. Der \u00e4ltere k\u00fcmmert sich um die beiden j\u00fcngeren, nachdem ein noch \u00e4lterer, der sich eigentlich dieser Aufgabe verschrieben hatte, gestorben ist.<\/p>\n<p>Dann gibt es noch ein Haus mit vielen kleinen Aquarien und sogar einem Streichelzoo: Man kann die Anemonen (?) sanft an den R\u00e4ndern ber\u00fchren, aber vorsichtig! Nicht in der Mitte. Es sind fleischfressende Wesen, und sie verachten auch einen menschlichen Finger nicht.<\/p>\n<p>In einem eigenen, zylinderf\u00f6rmigen Becken schwimmen wei\u00dfe Quallen, moon jelly, die wie eine Kreuzung aus Hut und Schirm aussehen. Mit langsamen, eleganten Bewegungen klappen sie sich auf und zu.<\/p>\n<p>Am Boden eines ganz dunklen Beckens sieht man zwei Exemplare der Japanese Spider Crab, der gr\u00f6\u00dften Krabbe der Welt. Sie hat eine Spanne von dreizehn Fu\u00df und ern\u00e4hrt sich von toten Fischen. Bleibt auch gar nichts anderes \u00fcbrig. Sonst gibt es hier nichts.<\/p>\n<p>Bei Tageslicht gibt es dann noch ein richtiges Highlight, das gar nicht besonders aussieht: Alkenv\u00f6gel. Sie sehen wirklich Pinguinen erstaunlich \u00e4hnlich, sind aber nicht mit ihnen verwandt! Sie kommen nur auf der Nordhalbkugel vor, Pinguine nur auf der S\u00fcdhalbkugel. Sie f\u00fcttern ihre Jungen mit ganzen Fischen, w\u00e4hrend Pinguine heruntergeschlungenes Futter raufw\u00fcrgen. Die Alkenv\u00f6gel nutzen ihre Fl\u00fcgel zum Schwimmen und zum Fliegen, Pinguine nur zum Schwimmen. \u00a0Alkenv\u00f6gel sind durch Federn gegen die K\u00e4lte gesch\u00fctzt, Pinguine durch Federn und blubber. Bei all den Unterschieden ist die Gemeinsamkeiten aber viel offensichtlicher: Farbe, Gr\u00f6\u00dfe, Gang, Kopfform, Schnabel. Als Laie k\u00f6nnte man sie ohne Weiteres f\u00fcr Pinguine halten, und sie tun mir auch noch den Gefallen, ganz nach Pinguinart dicht versammelt auf einem Felsen zu stehen.<\/p>\n<p>Form follows function, hei\u00dft es, sei hier die Leitlinie. Ja, das leuchtet ein. Das erkl\u00e4rt, dass sie so \u00e4hnlich sind, obwohl sie nicht verwandt sind. Aber was genau ist damit gemeint? Erkl\u00e4rt die Funktion die Gemeinsamkeiten oder die Unterschiede? Oder beides? Und: Warum k\u00f6nnen die Pinguine nicht fliegen? K\u00f6nnte doch nicht schaden. Und warum k\u00f6nnen es die Alkenv\u00f6gel?<\/p>\n<p>Im dem Gehege gibt es noch weitere Meeresv\u00f6gel: Murre, Guillemot, puffin, Auklet. Alle mausern sich zweimal pro Jahr, einmal (partiell) im Fr\u00fchling, einmal (komplett) im Herbst. Der Auklet verliert sein \u201aHorn\u2018, der Kopf des Puffins wird schwarz.<\/p>\n<p>Als ich schon zum Ausgang gehe, merke ich in einem Bassin am Rande noch den Riesenoktopus. Ob das Exemplar, das man sieht, wirklich der Riesenoktopus ist, dar\u00fcber wird spekuliert. Einige sagen, der verstecke sich unter einem Stein. Der, den man sieht, ist jedenfalls nicht so gro\u00df. Auch hier verbl\u00fcffende Informationen \u00fcber die Lebensweise. Trotz seines Rufs als furchterregendem Tier ist der Oktopus ein sehr scheues Tier. Er ist tags\u00fcber unt\u00e4tig und holt sich nachts eine \u201eHandvoll\u201c Beute, mit der er in seiner H\u00f6hle verschwindet. Bei Angriffen verteidigt er sich durch die \u00c4nderung der Farbe und, in gravierenden F\u00e4llen, dadurch, dass er Tinte verspritzt und sich dann in dem schwarz gewordenen Wasser versteckt. Er bewegt sich ganz langsam vor, und nur wenns schnell gehen soll, auf eine raffinierte Art: Er verspritzt eine Wasserfont\u00e4ne und l\u00e4sst sich von der in die entegegengesetzte Richtung treiben. Er hat, was man ihm nicht ansieht, scharfe Z\u00e4hne. Mit denen bricht er die Schalen der Krustentiere auf und bet\u00e4ubt sie dann mit einem Gift, bevor er sie verzehrt. Die harten Reste ordnet er um seine H\u00f6hle herum: The Octopus\u2019s Garden. M\u00e4nnchen und Weibchen treffen sich nur zur Paarung. Die kann Stunden dauern. Das M\u00e4nnchen hat im dritten Arm rechts ein Spermapaket. Diesen Schatz \u00fcberl\u00e4sst er dem Weibchen und verabschiedet sich dann. Das Weibchen legt die Eier und h\u00e4ngt sie an die Decke ihrer H\u00f6hle. Die Eier sind reiskorngro\u00df, und z\u00e4hlen bis zu 80,000! Von den dann geschl\u00fcpften Jungen erreichen nur zwei das Erwachsenenalter! Das Weibchen isst in diesen Monaten fast nichts und stirbt kurz danach.<\/p>\n<p>\u00dcber diese merkw\u00fcrdigen Vorrichtungen der Natur nachsinnend fahre ich zur Bayfront zur\u00fcck. Hier ist m\u00e4chtig was los. Die Bayfront hat links Lokale und L\u00e4den, rechts Anlegestellen f\u00fcr Ausflugsboote und f\u00fcr Fischf\u00e4nger. Hier unten gibt es aber keine Hotels. Ich gehe den ganz steilen Berg zum 101 rauf, und da ist eins nach dem anderen.<\/p>\n<p>Auch diesmal ist der Wirt Asiat, vermutlich Chinese. Erst als ich ihn nach dem Weg frage, merke ich durch ein Missverst\u00e4ndnis, wie die Sache hier liegt: Die Br\u00fccke \u00fcberspannt die Bucht, und zu anderen Seite der hoch gelegenen 101 und des Stadtzentrums liegt das offene Meer. Dort ist die Atmosph\u00e4hre ganz anders als an der Bayfront. Keine L\u00e4den, keine Lokale, nur eine lange Reihe von Ferienwohnungen direkt am Strand.<\/p>\n<p>Der Hunger treibt mich in die Rogue Brewery, auch fast eine Sehensw\u00fcrdigkeit von Newport. Hier wird auf klassische Art Bier gebraut. Man bekommt gleich zu Anfang ein Probierglas hingestellt, um eine der Varianten zu testen. Ich trinke zum Essen erst ein anderes und dann das ber\u00fchmte Dead Guy\u2019s Ale. Dessen Logo sieht man hier \u00fcberall, ein Skelett mit einem Honig hive auf dem Kopf, ein Zitat eines Mythos der Maya.<\/p>\n<p>Es gibt eine dickfl\u00fcssige Suppe, in der auch gleich Bier ist und dann Hummus mit sehr leckerem, warmem Fladenbrot und dann Tacos mit Tillamook Cheese. Der Tag endet, womit er angefangen hat.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">25. Juli (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen sieht es sehr ungem\u00fctlich aus, und das kleine Museum gleich beim Hotel ist noch geschlossen. Also fahre ich zum Yaquina Leuchturm, etwas au\u00dferhalb Newports. Der steht nicht einfach in der Gegend herum, sondern liegt in einem Park, dem Yaquina Head Park. Je weiter ich in den Park hineinkomme, umso dunkler, diesiger und k\u00e4lter wird es. Der Leuchtturm liegt am Ende eines promontories Felsvorsprungs, der eine ganze Meile ins Meer hinausragt. Und das merkt man: Als ich aus dem Auto aussteige, kann ich die T\u00fcr kaum schlie\u00dfen, und die Kamera wird mir fast aus der Hand geweht. Die Aussicht entsch\u00e4digt einen daf\u00fcr, aber ich froh, als die Tour beginnt. Ich habe in dem Visitors Center Gl\u00fcck gehabt und noch eine Karte f\u00fcr die erste Tour bekommen. Vor dem Eingang zum Leuchtturm steht noch einmal ausdr\u00fccklich, dass man ihn nur besichtigen kann, wenn man sich vorher angemeldet hat. Und es geht, wie das Schild vermeldet, nach dem Prinzip First come, first serve. Ich f\u00fchle mich im Nachhinein best\u00e4tigt in einer Diskussion, die wir in dieser Sache einmal an der Uni hatten.<\/p>\n<p>Der Leuchtturm selbst hat einen kleinen rechteckigen Vorbau mit zwei R\u00e4umen. Rechts wird \u00d6l gelagert, in 100-Liter-F\u00e4ssern. Bis zur Einf\u00fchrung der Elektrizit\u00e4t, die die Aufgabe f\u00fcr den Leuchturmw\u00e4rter m\u00e4chtig vereinfachte, lagerte man 800 Liter \u00d6l hier, am Anfang lard oil, sp\u00e4ter Kerosin. Das \u00d6l musste in einer Kanne die ganze Treppe hinaufgetragen werden, etwa viermal pro Tag. Das \u00d6l war teuer und musste teils auch dem Mittleren Westen importiert werden. Sein Verbrauch musste minuti\u00f6s festgehalten werden. Zur \u00dcberpr\u00fcfung des Leuchtturms kam viermal pro Jahr unangemeldet ein Inspektor. Der beste Leuchturm des Jahres wurde ausgezeichnet und bekam ein Banner, das er oben anbringen konnte. So eins bekommen wir noch zu sehen.<\/p>\n<p>Die Inspektoren waren allerdings auch sehr willkommen, denn sie brachten Nachschub und vor allem ein begehrtes Gut, das in einem eigens abschlie\u00dfbaren Holzschr\u00e4nkchen, das man hier sieht, aufbewahrt wurde: B\u00fccher! Die wurden bei jedem Inspektorenbesuch komplett ausgetauscht. Es bestand hoher Bedarf nach Abwechslung, denn man lebte hier praktisch isoliert. Man konnte zwar \u00fcber den Strand nach Newport laufen, aber nur bei gutem Wetter. Und Newport war ein ziemlich verschlafenes Nest mit gerade mal 250 Einwohnern. Wir sehen ein altes Photo von der Bayfront mit gerade mal einem Haus!<\/p>\n<p>Anonsten liegt hier allerhand Werkzeug herum. Die Reparatur- und Instandsetzungsarbeiten wurden weitgehend von dem Second Assistant oder von dem First Assistant durchgef\u00fchrt. Dazu geh\u00f6rte auch das Anstreichen. Das war immer wieder n\u00f6tig, drinnen und drau\u00dfen. Der Second Assistant verdiente 600 $ pro Jahr, der First Assistant 800 $ und der Leuchturmw\u00e4rter 1000 $. Das war ein gutes Gehalt f\u00fcr die Zeit, zumal man keine Miete zahlen musste.<\/p>\n<p>In dem Leuchtturm selbst wohnte keiner. Auf alten Photographien sehen wir kleine H\u00e4user, die urspr\u00fcnglich vor dem Leuchtturm standen, einschlie\u00dflich Gem\u00fcsegarten und St\u00e4llen. Man konnte sich also weitgehend selbst versorgen. F\u00fcr die Arbeit in Haus und Stall waren die Kinder zust\u00e4ndig.<\/p>\n<p>Dann geht es die sch\u00f6ne, schwarze, gusseiserne Wendeltreppe hoch, die sich vor den wei\u00df get\u00fcnchten W\u00e4nden besonders gut macht. Sie war gut in Schuss, als der Leuchtturm Museum wurde und musste fast gar nicht behandelt werden. Man brachte aber ein paar Verankerungen an den W\u00e4nden an. Bis dahin war die Treppe freischwebend!<\/p>\n<p>Oben kommt man in den Warteraum. Der ist nat\u00fcrlich sehr klein. Er befindet sich an der engsten Stelle des Leuchtturms. Es gibt einen kleines Schreibbord und ein paar Haken f\u00fcr die Kleidung. Die Leuchturmw\u00e4chter trugen Uniformen und bei schmutzigen Arbeiten eine Jacke, die dar\u00fcber gezogen wurde. Die h\u00e4ngt hier, mit \u00d6l- und Russflecken.<\/p>\n<p>Eine winzige Treppe, die wir nur einzeln betreten k\u00f6nnen, l\u00e4sst in das Innere des eigentlich Leuchtturm blicken. Der hat nur eine ganz kleine Lampe. Der helle Schein, den man bis zu zwanzig Meilen weit sehen kann, wird durch Prismen erzeugt. Als Laie stellt man sich ja vor, dass die da eben ein Feuerchen gemacht haben, aber die Sache ist technisch hochkompliziert. Der gesamte Leuchtk\u00f6rper, dessen zentraler Teil eine Fresnel-Linse ist, wurde aus Paris eingef\u00fchrt! Dort gebaut, dann in Teile zerlegt f\u00fcr dne Transport, nach New York verschifft, dort zusammengebaut, um zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob auch alles da ist, dann wieder in seine Teile zerlegt, dann nach Panama verschifft, dann mit dem Zug ans andere Ende Panamas \u2013 den Kanal gab es noch nicht \u2013 dann mit dem Schiff nach San Fransiso, und von dort hierher, um hier zusammengebaut zu werden! Man stelle sich nur vor, die Sache funktioniert dann nicht! Es m\u00fcssen ja nicht nur alle Einzelteile da sein, sondern auch Techniker und Mechaniker, die genug von der Sache verstehen und sich irgendwie mit den Erbauern der Leuchte verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen \u2013 vermutlich mittels \u00dcbersetzer.<\/p>\n<p>Eine Besucherin stellt dann die alles entscheidende Frage: Drehte sich der Leuchtturm? Die \u00fcberraschende Antwort lautet: Nein. Das war, wenn ich es richtig verstanden habe, gerade das Kennzeichen des Leuchtturms von Yaquina Head: Er sendete ein gleichm\u00e4\u00dfiges wei\u00dfes Licht aus und war damit zu identifizieren. Die anderen Leuchtt\u00fcrme \u2013 auf einer Karte sieht man, wie sie sich an der ganzen K\u00fcste entlangreihen \u2013 sendeten auch alle individuelle Zeichen aus, je nach Geschwindigkeit und Zahl der Bullaugen, durch die das Licht f\u00e4llt. Dar\u00fcber hatte ich mir noch nie Gedanken gemacht.<\/p>\n<p>Es ist mir zu ungem\u00fctlich in Yaquina Head, obwohl die meisten Familien wohl den ganzen Tag hier verbringen wollen, und ich fahre nach Newport zur\u00fcck, um mich aufzuw\u00e4rmen, bei Kaffee und Pfannkuchen in Pig\u2019n\u2019Pancake, auch einer Kette, die ich schon \u00f6fter gesehen habe. Es ist schon um diese Zeit hier rappelvoll, meist Familien oder Cliquen. Alle sehen sehr wohlgen\u00e4hrt aus. Kein Wunder bei den Portionen. Ich bestelle die einfachste Variante, Buttermilchpfannkuchen, runde, dicke Dinger. Davon gibt es gleich sechs.<\/p>\n<p>Inzwischen hat das Burroughs Museum, das kleine Museum, das nur ein paar Schritte entfernt ist, ge\u00f6ffnet, und da ich schon einmal hier bin, gehe ich auch gleich rein. Es ist ein bescheidenes, aber sehenswertes Museum \u00fcber Newport und Lincoln County. Deren Entstehung ist dem Bedarf nach besseren Stra\u00dfen geschuldet, vor allem nach der Einf\u00fchrung des Autos. Bis dahin fuhr man, wie man auf wunderbaren alten Photos sieht, \u00fcber den Strand. Das sieht man bis nach oben mit Schlamm bedeckte Pferdefuhrwerke und solche, die nur halb aus dem Wasser herausragen. Flut und Ebbe richten sich nicht nach dem Fahrplan der Reisenden. Dann mussten sich die Pferdefuhrwerke auch noch den Strand mit den Autos teilen. \u00a0Als dann ein Vertreter von Newport in Corvallis vorst\u00e4ndig wurde, der Hauptstadt von Benton, und um Materialien f\u00fcr den Stra\u00dfenbau bat, wurde ihm gesagt, die Muschelgr\u00e4ber von dort unten, die clamdiggers, br\u00e4uchten so etwas nicht. Das wirkte. Es f\u00fchrte zu Protesten und schlie\u00dflich zur Abspaltung von Benton und der Entstehung von Lincoln!<\/p>\n<p>Man sieht eine komplette alte K\u00fccheneinrichtung mit gu\u00dfeisernem Ofen und Ger\u00e4tschaften. Davor steht eine h\u00f6lzerne Kinderwiege, aus Einzelteilen eines Fuhrwerks gefertigt. Und am Rande tats\u00e4chlich eine \u201eWaschmaschine\u201c! Die gab es hier schon 1894! Sie hat eine m\u00e4chtige, eiserne Trommel und Hebel und Kurbel aus Holz und in der Trommel drei N\u00e4pfe, mit denen die W\u00e4sche bewegt und gedr\u00fcckt wurde. Tats\u00e4chlich ging alles mechanisch, die W\u00e4sche brauchte nicht mehr mit der Hand gewaschen zu werden! Dazu gibt es auch Erkl\u00e4rungen zu ungeschriebenen gesellschaftlichen Regeln: Montags und dienstags kam man nicht zu Besuch. Da waren Waschen und B\u00fcgeln angesagt.<\/p>\n<p>Man bekommt ein Photo von einem offenen, voll mit Koffern beladenen Auto zu sehen, bei dem man sich fragt, wie die sicher an ihr Ziel kommen konnten, und gleich davor einen Koffer aus der Zeit, genauso wie die auf dem Auto.<\/p>\n<p>Und dann gibt es noch die Einrichtung einer Anwaltskanzlei. Ein Mann namens Lichfield mit einem Rechtsdiplom aus Benton fand keine Arbeit und verdingte sich als Lehrer, bis die einzige Rechtskanzlei von ganz Newport zum Kauf anstand. Er langte zu: 150 $ einschlie\u00dflich der gesamten hier zu sehenden B\u00fcroeinrichtung, mit Radio, Schreibmaschine und einem wunderbaren h\u00f6lzernen Schreibtisch mit vielen f\u00e4chern und Schubladen. Er eerwarb sich einen Ruf als Spezialist f\u00fcr Testamente und verfasste 7000 davon im Laufe seines Berufslebens. Besonders bekannt wurde er f\u00fcr seine Abneigung von Gerichtsverfahren. Die kosteten nur Geld und Nerven. Wie wahr!<\/p>\n<p>Zum Abschluss f\u00e4llt mir noch ein merkw\u00fcrdiges Photo auf, das Photo einer Frau mit merkw\u00fcrdiger Kleidung. Sie tr\u00e4gt eine lange Schnur \u00fcber quer \u00fcber den ganzen K\u00f6rper, hat einen riesigen Hut auf und h\u00e4lt einen Stab mit einer Art Banner in der Hand. Dann sieht man, dass alle diese Teile voller Gl\u00fchbirnen sind. Es handelt sich um eine stadtbekannte Frau mit dem passenden Namen Lulu, ber\u00fchmt f\u00fcr ihren lockeren Lebensstil, die sich hier zur <em>Miss Electricity<\/em> w\u00e4hlen lie\u00df. Den Leuten sollte die Angst vor der Elektrizit\u00e4t genommen werden.<\/p>\n<p>Jetzt geht es ins Auto und weiter den Highway 101 runter. Kurz Halt mache ich in Waldorf. Am Ortseingang wird die Einwohnerzahl mit nichts zu w\u00fcnschen \u00fcbrig lassender Genauigkeit mit 2050 beziffert. Gleich hinter dem Ortseingangsschild liegt die Touristeninformation. Die hei\u00dft, wie \u00fcberall in der Gegend, <em>Interpretative Center<\/em>. Die \u00e4ltere Dame sagt mir ganz offen, hier gebe es nichts zu sehen, best\u00e4tigt mir aber, dass ich nach ein paar Meilen zu den Sea Lion Caves kommen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Das ist dann auch so. Hier ist richtig Rummel. Die Caves sind einer der Haupanziehungspunkte der Gegend. Man kann die Seel\u00f6wen sozusagen in freier Wildbahn beobachten. Das ist ungew\u00f6hnlich, denn normalerweise leben sie auf Felsen mitten im Meer, nur hier eben an der K\u00fcste. Man geht auf den Felsvorsprung und sieht, weit unten, auf dem Felsen, eine ganze Kolonie von Seel\u00f6wen, mit braunem Fell, dicht gedr\u00e4ngt. Ihr heiseres Br\u00fcllen dringt bis hier oben. Als wir am Gel\u00e4nder stehen, erblickt ein Vater mit guten Augen ein Reh auf dem Abhang.<\/p>\n<p>Hier kommen auch Wale vorbei, Grauwale, auf ihrer Wanderung, und zwar gleich zweimal im Jahr, von Februar bis Mai auf ihrem Weg nach Alaska, von November bis Januar auf ihrem Weg nach Kalifornien. Sie legen die gr\u00f6\u00dfte Strecke zur\u00fcck, die S\u00e4ugetiere zur\u00fccklegen, 6000 Meilen! Einige bleiben auch hier in der Gegend, aber sie haben keine Absicht, sich zu zeigen.<\/p>\n<p>In die H\u00f6hle selbst hinunter geht es mit einem Fahrstuhl, 200 Fu\u00df tief. Wie drau\u00dfen, steht man hier erh\u00f6ht auf einem Felsvorsprung und sieht auf eine andere Kolonie von Seel\u00f6wen hinunter. Deren Felsen befindet sich eben nicht unter freiem Himmel, sondern in der 125 Fu\u00df hohen und zwei acres gro\u00dfen H\u00f6hle. Auch hier liegen die meisten unt\u00e4tig herum, ein paar umschwimmen den Felsen und ein paar sind auf einen Nachbarfelsen ausgewichen.<\/p>\n<p>Interessanter als der Anblick selbst sind die Informationen, die man bekommt, vor allem, was den Unterschied zwischen Robben und Seel\u00f6wen angeht. Bei den Seel\u00f6wen sind die Ohren sichtbar, bei den Robben nicht, Seel\u00f6wen schwimmen mit den Vorderflossen, Robben mit den Hinterflossen, Seel\u00f6wen k\u00f6nnen gehen, Robben m\u00fcssen kriechen, Seel\u00f6wen sind polygam, Robben entweder polygam oder monogam, Seel\u00f6wen stillen ihre Jungen bis zu drei Jahre lang, Robben entw\u00f6hnen sie nach wenigen Wochen, Seel\u00f6wen wiegen bis zu 2400 Pfund, Robben bis zu 5900 Pfund!<\/p>\n<p>Der Felsen ist durch vulkanische Aktivit\u00e4t entstanden und hat dann zwei Risse bekommen. Einen davon kann man noch deutlich an der Decke erkennen. Das Wasser hat diese Risse als Schwachstelle entdeckt und im Laufe der Zeit die H\u00f6hle geschaffen, in Tausenden von Jahren. Die H\u00f6hle wurde 1880 von einem Captain Cox entdeckt. Dann muss eine tolle Empfindung gewesen sein.<\/p>\n<p>Am anderen Ende der H\u00f6hle ist, etwas erh\u00f6ht gelegen, auch ein Durchblick durch den Felsen, direkt aufs Meer hinaus. Von dort f\u00e4llt helles Licht ein. Hier weht ein eiskalter Wind. Angeblich kann man von hier aus das Heceta Lighthouse sehen, den meistphotographierten Leuchttum der Welt. Aber der versteckt sich heute im Dunst.<\/p>\n<p>Im Souvenirladen entdecke ich dann ein Buch mit einem kuriosen Titel: Fifty Animals that Changed the Course of History. Die Auswahl ist ganz und gar einleuchtend. Es geht nicht nur um Haustiere wie das Schaf oder die Kuh, sondern auch um Tiere, die Epidemien bringen wie die Ratte oder die Tse-Tse-Fliege, um Tiere, die f\u00fcr die Forschung wichtig waren wie Darwins Finken und die Fruchtfliege, und um Tiere, die wegen ihren symbolischen Werts f\u00fcr Bedeutung sind wie der Skarab\u00e4us oder der Adler. Da bin ich dabei, mit 29,95 $.<\/p>\n<p>Danach geht die Fahrt weiter nach Florence. Hier fahre ich an die K\u00fcste, wo es aber nicht viel zu sehen gibt, und dann in das sehr sch\u00f6ne historische Zentrum, einem restaurierten Fischereiviertel. Das liegt nicht am Meer, sondern an einem Fluss, dem Siuslaw, \u00fcber den wieder eine sch\u00f6ne Br\u00fccke f\u00fchrt. An den H\u00e4usern, die jetzt touristischen Zwecken dienen, steht, welche Funktionen sie fr\u00fcher hatten. Eins war sogar ein Theater, das am l\u00e4ngsten im Betrieb gebliebene lokale Theater Amerikas. Ich trinke einen Kaffee mit Blick auf Fluss und Br\u00fccke und gehe noch einmal die Promenade entlang. Es ist sp\u00e4t geworden, aber es ist noch hell und warm und ich entscheide mich dummerweise, noch zur\u00fcckzufahren. Bei der Fahrt nach Florence habe ich festgestellt, dass ich am Nachmittag nicht mehr wusste, was ich am Morgen gesehen habe. Der Kopf ist voll und m\u00fcde von all dem Suchen.<\/p>\n<p>Die Fahrt zieht sich aber in die L\u00e4nge, und in Eugene, einer richtigen Gro\u00dfstadt, suche ich lange den Weg nach Portland, das nicht ausgeschildert ist. Dann geht es zum ersten Mal auf eine Autobahn. Bisher habe ich immer gedacht, das Highway die amerikanische Entsprechung zu unserer Autobahn w\u00e4re, aber der Highway 101 ist eher wie eine Bundesstra\u00dfe. Die Stra\u00dfe von Eugene nach Portland hei\u00dft Interstate.<\/p>\n<p>Richtung Portland wird der Verkehr immer dichter, und es wird langsam dunkel. Gut, dass die Amerikaner so gesittet fahren. Dann fahre ich an Portland haarscharf am Wohnheim vorbei und komme jetzt in die Bedrouille, weil ich nicht mit dem Einbahnstra\u00dfensystem gerechnet habe. Als ich dann abbiegen will, habe ich links vor mir einen Radfahrer und rechts von mir die Stra\u00dfenbahn, beide zur Unzeit erscheinend. Ich lande am anderen Ende der Innenstadt und erst nach vielem Hin und Her auf dem Parkplatz. Aber dann kommt erst die b\u00f6se \u00dcberraschung: Hier braucht man eine Genehmigung zum Parken. Reserviert f\u00fcr Unifahrzeuge. Also mache ich mich in der Dunkelheit auf die Suche nach einem anderen Parkplatz. Unten an der Waterfront finde ich einen. Man muss mit Kreditkarte bezahlen, und bei der ganzeb Aktion ist mir nicht sehr wohl, zumal am anderen Ende des Parkplatzes eine unheimliche Gestalt auf und ab geht. Man kann f\u00fcr den ganzen Tag zahlen, aber das Dumme ist, dass der Tag um vier Uhr morgens endet!<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. Juli (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen um vier schleiche ich durch die dunklen Stra\u00dfen und sehe mich nach verd\u00e4chtigen Gestalten um, aber es gibt keine. Als ich zu dem etwas abseits gelegenen Parkplatz komme und meine Kreditkarte heraushole, f\u00fchle ich mich dennoch nicht ganz wohl in meiner Haut. Als ich dann den Parkzettel in der Hand halte, merke ich, dass ich den Autoschl\u00fcssel zu Hause vergessen habe!<\/p>\n<p>Als ich dann wieder aufwache, merke ich, dass der Photoapparat noch im Auto ist. Es geht zum dritten Mal zum Parkplatz.<\/p>\n<p>Als ich am Vormittag zu einer vorher im Internet lokalisierten Drogerie gehe, gibt mir der freundliche Mann an der Theke, als er h\u00f6rt, dass ich an der PSU bin, ungefragt und ohne Nachweis einen Preisnachlass. Den bek\u00e4men die Studenten auch. Die zwei Dollar teile ich mit einem Bettler, der vor der Drogerie steht und der sich artig bedankt und ein sch\u00f6nes Wochenende w\u00fcnscht. Sogar die Bettler sind hier h\u00f6flich.<\/p>\n<p>Als ich am Nachmittag zum Art Museum gehe, f\u00e4llt mir der Name der Kneipe auf, in die ich zum Seminarabschluss mit den Studenten gegangen bin: Rogue Hall. Das h\u00f6rt sich genau wie der Name der Kneipe in Newport an. Bin ich in die Ferne gefahren, um etwas zu sehen, was vor der Haust\u00fcr liegt? Sieht so aus. Dann erinnere ich mich an den Namen des Pommesgerichts, das wir hier bestellt haben. Genauso stand es auf der Speisekarte in Newport!<\/p>\n<p>Alexander, immer im Bilde, hat uns informiert, dass das Art Museum heute nach f\u00fcnf keinen Eintritt verlangt. Das lassen sich die Portlander nicht zweimal sagen, und vor dem Museum steht eine lange Schlange, die sich drinnen fortsetzt. Hinter mir in der Schlange steht eine Frau, die bei mir alle denkbaren Vorurteile ausl\u00f6st: \u00e4lteres Semester, d\u00fcnn, mit gr\u00e4ulichen Haaren, die zu Z\u00f6pfen gebunden sind! Dazu schlabbrige Kleidung und eine altmodische Brille. Das sind die Frauen, die Kunstausstellungen besuchen und f\u00fcr moderne Kunst, die keiner versteht, schw\u00e4rmen und f\u00fcr primitive Kunst, die keine ist.<\/p>\n<p>Die Schlange kommt nur langsam vorw\u00e4rts. Das liegt daran, dass man seinen Namen und andere Angaben an einem Tablet eingeben muss, bei dem man f\u00fcr jedes Sonderzeichen die Seite wechseln muss. Wenn man einmal drin ist, verteilen sich die Massen ganz gut auf die vielen Abteilungen, und bald sto\u00dfe ich auch auf die anderen, die alle Alexanders Ruf gefolgt sind.<\/p>\n<p>Bei der modernen Kunst bleibe ich unbeeindruckt, auch von einem Stapel Wolldecken, der hier ausgestellt ist. Bei einem anderen, einer Videoinstallation von Susie Lee (2010), habe ich das Gef\u00fchl, dass es sich um ein Plagiat handelt. Man sieht drei Frauen, Mutter, Tochter, gro\u00dfmutter, mit der Mutter in der Mitte, die durch eine Band, eine Kordel, verbunden sind. Das habe ich in gleicher Form als Photo von einer mexikanischen K\u00fcnstlerin in Colchester gesehen.<\/p>\n<p>Auch die Abteilung f\u00fcr Native American Art, die alle so sehr empfehlen, haut mich nicht um. Alles ganz sch\u00f6n anzusehen, aber man muss den Kunstbegriff schon ganz sch\u00f6n strecken, wenn man die Mokassins, Ponchos und K\u00f6rbe darunter fassen will. Interessanter sind da schon die Masken. Da gibt es auch regionale Unterschiede. Die der Cherokee sind einfacher, die der Tingit kunstfertiger und bunter, haben aber auch etwas karnevaleskes. Die anderen sind eindr\u00fccklicher, eine schwarze mit Kuhgestalt, eine schwarze mit B\u00e4rengestalt und ein braune mit menschlicher Gestalt, mit Schlitzaugen, eine Reihe gleichm\u00e4\u00dfiger Z\u00e4hne, die wie die einer S\u00e4ge aussehen, und einer langen, stilisierten Nase.<\/p>\n<p>Interessant sind auch die Statuetten, <em>kachinas<\/em> darstellend, \u00fcberirdische Lebewesen, die zwischen Himmel und Erde vermitteln. Hier gibt es zwei Traditionen, und das ist an sich schon interessant: Bei den Pueblo sind die individuellen <em>kachinas<\/em> zu identifizieren, bei den anderen nicht, da das ein Sakrilieg w\u00e4re! Die Gestalten sind sehr vielf\u00e4ltig, mit schlitzartigen und kreisrunden Augen und Augen, die nur als Punkt angedeutet sind. Alle sind bunt, aber in ganz unterschiedlichen Farben bemalt, und zu den Materilien geh\u00f6ren neben Holz auch Stoffe, Haare und Birke. Sie sehen aus wie Mischungen aus Roboter, Osterhase, Seer\u00e4uber und Superman.<\/p>\n<p>Bei der Northwest Art herrscht in erster Linie Landschaftsmalerei vor. Besonders der Mt. Hood und andere Berge erscheinen auf den Bildern.<\/p>\n<p>Also geht es zur guten alten europ\u00e4ischen Kunst. Meist keine gro\u00dfen Namen, aber eindr\u00fcckliche Bilder. Darunter <em>Portrait of a Man<\/em>, ein Gem\u00e4lde einer Malerin, Marianne Loir (1750), das Portrait eines gebildeten Mannes, an dem Folianten zu erkennen, auf den er sich, an seinem Schreibtisch sitzend, halb aufst\u00fctzt. Man kann die Zeilen gut erkennen, nicht aber die einzelnen Buchstaben, genauso, wie es in der Wirklichkeit w\u00e4re. Zwei Buchseiten sind leicht nach oben gew\u00f6lbt, und der Pelz wirft einen Halbschatten auf das Buch. Die elegante Kleidung ist kunstfertig dargestellt, vor allem die hauchd\u00fcnnen Enden des seidenen Hemdes, die unter dem Rock hervorgucken. Der Mann sieht den Betrachter direkt an, mit einem freundlichen Blick und einem ganz zarten L\u00e4cheln auf den Lippen. Das war ungew\u00f6hnlich, denn die Portraitierten erschienen zu dieser Zeit meistens in strenger Ernsthaftigkeit. Vielleicht hat die Malerin hier dem Portrait einen weiblichen Zug verliehen. Sie konnte aber in Paris trotz ihrer Fertigkeiten nichts werden und siedelte sp\u00e4ter nach S\u00fcdfrankreich \u00fcber.<\/p>\n<p>Sehr gelungen auch die Darstellung von einer Familie von Stra\u00dfenh\u00e4ndlern in Paris, <strong><em>Peasant Family<\/em><\/strong> (1650) einer Darstellung des st\u00e4dtischen Proletariats sozusagen, Mann und Frau und zwei S\u00f6hne, mit ihren K\u00f6rben mit Fasanen oder H\u00fchnern, die sie zum Kauf anbieten und ihren zerrissenen, zusammengeflickten Kleidern. Ganz genaue Beobachtung, man sieht die verschiedenen N\u00e4hte und die L\u00f6cher und Fransen. Es ist eine Alltagsszene, aber nicht folkoristisch ausgeschlachtet. Ein tiefer Ernst liegt \u00fcber der Szene. Mann und Frau haben tiefe Furchen in den Gesichtern. Nicht eine Andeutung von L\u00e4cheln ist auf den Gesichtern zu erkennen, alle Blicken stumm und direkt, aber nicht effektheischersisch den Betrachter an. Interessant auch die drei H\u00fcte, einer auf dem Kopf, zwei in der Hand, der eine nach au\u00dfen, der andere nach innen gekehrt, wie eine Studie der verschiednene Erscheinungsformen des Hutes. Kurioserweise wei\u00df man den Namen des Malers, Jean Michelin, kann ihn aber nicht identifizieren, denn es gab mehrere des gleichen Namens in Paris und sie waren alle protestantisch und alle miteinander verwandt!<\/p>\n<p>Dann gibt es eine Beschneidungsszene eines fl\u00e4mischen Malers, Van Oostsanen (1517). Die Beschneidung ist hier als aristokratische Zeremonie dargestellt, mit lauter Honoratioren, in schwere Brokatkleider geh\u00fcllt oder feine Seident\u00fccher. Und mit goldenen, verzierten Gef\u00e4\u00dfen und Ger\u00e4ten. Der Mann, der die Beschneidung vornimmt, sitzt auf einem goldenen Sessel. Das Christuskind, nackt und kreidebleich, alles andere als sch\u00f6n, mit dem Gesicht eines Erwachsenen, hebt sich durch seine Bl\u00e4sse von dem Hintergrund ab. Es kr\u00fcmmt sich und verziert schmerzverzerrt das Gesicht. Genau in diesem Moment wird das Messer angesetzt, und Bluttropfen werden sichtbar. Diese j\u00fcdische Zeremonie erh\u00e4lt hier eine christliche Deutung, denn im Hintergrund erscheint die Szene am Getsemaneh mit den schlafenden J\u00fcngern. Die Beschneidung wird als Beginn des Leidens verstanden. Auch kurios: Zwei M\u00e4nner, einer davon kurzsichtig, sehen nicht der Operation zu, sondern lesen in einem dicken Buch, das einer der M\u00e4nner in der Hand h\u00e4lt, in einer Szene, die Hunderte von Jahren vor der Erfindung der ersten B\u00fccher spielt.<\/p>\n<p>Ich werfe auch noch einen Blick in die asiatische Abteilung. Ganz zu Anfang steht eine Statue von Ganesha, dem elefantenk\u00f6pfigen Gott, Sohn Shivas. Die Statue ist aus grauem Stein, nicht genauer identifiizierbar. Ganeshas Gewand ist in ganz fein ziselierten Einkerbungen in den Stein markiert. Er ist, wie immer, dickb\u00e4uchig, was eher gem\u00fctlich aussieht, zumal er l\u00e4ssig dasitzt,\u00a0 mit einem hoch gezogenen und einem auf dem Boden liegenden Bein, aber, wie man hier erf\u00e4hrt, eine andere Bedeutung hat: Es ist die komplette, dreifache Weisheit, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umfasst. Hier erf\u00e4hrt man auch den Grund f\u00fcr die Maus, die man immer im Zusammenhang mit Ganesha sieht und die hier am Sockel erscheint: Die Maus fri\u00dft sich durch alles durch und kennt keine Hindernisse und ist damit ein perfekter Begleiter f\u00fcr Ganesha, der f\u00fcr den Erfolg im Leben steht. Die Maus ist Ganeshas Vahana, sein Vehikel, so wie jede Gottheit ihr eigenes vahana hat.<\/p>\n<p>Daneben steht die Skulptur des vierarmigen Shiva, dem Zerst\u00f6rer und Sch\u00f6pfer, die ich schon f\u00fcr den Vortrag genutzt habe. Er vollf\u00fchrt den kosmischen Tanz, in dem der T\u00e4nzer ganz in der Welt aufgeht. Diese Statue ist aus Bronze und war deshalb vermutlich f\u00fcr Prozessionen bestimmt, die anderen, aus Stein, waren in der Regel f\u00fcr die Tempel bestimmt.<\/p>\n<p>Dann kommt eine Statue des Sambhava, aus Sandstein (XII), ganz anders als die anderen. Sambhava ist nackt dargestellt, was vermuten l\u00e4sst, dass die Statue einer bestimmten Sekte angeh\u00f6rte, die irdischen Besitztum ganz ablehnte. Sambhava steht steif und gerade, mit heruntergestreckten Armen, die nicht am K\u00f6rper anliegen, ganz in Meditation versunken.<\/p>\n<p>Am Ende des Ganges eine gro\u00dfe Holzstatue eines Bodishattva, aus China. Langes Haar, Schmuck und lange Gew\u00e4nder zeichnen ihn als einen Prinzen aus, eine Erinnerung an Buddhas urspr\u00fcngliche Position. Die Statue war urspr\u00fcnglich ganz bunte und hat noch deutliche Farbreste. Hinten gibt es drei Einlassungen. Die waren f\u00fcr Schriftrollen bestimmt, die man dort aufbewahrte.<\/p>\n<p>Aus Japan gibt es Wandschirme. Einige stellen farblich kaum markierte, strenge Landschaften dar, andere bunte Abbildungen von Flora und Fauna. Die waren f\u00fcr die G\u00e4stezimmer gedacht, die anderen f\u00fcr den Hausherrn. Einige dieser Schirme sind das Resultat einer wichtigen Neuerung (XV), Najio Gami. Die Wanschirme bestehen jetzt aus mit Lehm verst\u00e4rktem Papier. Dass lies nicht nur die Farben besser zur Geltung kommen, sondern hielt auch M\u00e4use und Insekten ab!<\/p>\n<p>Es geht auf acht Uhr zu, es wird langsam Zeit, das Museum macht gleich zu und leert sich. Vor dem Ausgang treffe ich Alexander, aber die anderen sind verschwunden. Ich schlage vor, noch irgendwo hinzugehen, und Alexander \u00fcbernimmt sofort die F\u00fchrung. Wir gehen in einen eher feinen Tempel, Louisiana oder so \u00e4hnlich, wo ziemlich laute Musik gespielt wird und nur an der Bar Platz ist. Er bestellt einen Gin &amp; Tonic. Er trinkt weder Bier noch Wodka! Ich bekomme ein sehr gutes, dunkles lokales Bier.<\/p>\n<p>Er tut sich auch schwer mit Dostojewski und hat eine gro\u00dfe Vorliebe f\u00fcr Tschechow. Hier macht er moderne russische Kurgeschichten. Er nennt die Autoren, aber ich kenne keinen einzigen, nicht einmal vom Namen her.<\/p>\n<p>Die ganze amerikanische Kunst k\u00f6nne nicht mit der europ\u00e4ischen mithalten, sagt er. Das habe er auch in Washington gesehen, im Nationalmuseum, wo alle amerikanische Kunst versammelt sei, die man sich nur denken kann und die dennoch neben der dort ausgestellten europ\u00e4ischen verblasse. Die Museen in Washington seien alle frei, das sei eine Entscheidung der Bundesregierung, die die Kultur allen Einwohnern \u00f6ffnen wolle. Er sei nach Washington mit einem Fulbright-Stipendium gekommen. Er sagt das sehr bescheiden, aber als ich nach dem Prozedere frage, merkt man, dass das keine leichte Sache war und er unter vielen Kandidaten gew\u00e4hlt wurde. Er musste zu dem Interview sogar eigens nach Moskau reisen. Er beantragte ein reines Forschungsstipendium, mit dem Thema amerikanischer \u00dcbersetzungen russischer Autoren. Das k\u00f6nnte man eigentlich auch zu Hause am Schreibtisch erledigen. Wie er die Kommission \u00fcberzeugt hat, dass er daf\u00fcr nach Amerika musste, w\u00e4re interessant zu wissen. Die Kollegen in Washington seien sehr hochn\u00e4sig gewesen, er h\u00e4tte insofern besser eine der anderen Universit\u00e4ten nehmen sollen, aber Washington sei als Stadt nat\u00fcrlich gro\u00dfartig. Es gibt dann noch eine Runde, und dann geht es nach Hause. F\u00fcr mich ist um vier Uhr wieder Tag.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">27. Juli (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Vormittag fahre ich mit dem Auto zum Hoyt Arboretum, wo um zw\u00f6lf eine F\u00fchrung stattfindet. Darauf freue ich mich besonders. Ich habe aber wieder Schwierigkeiten mit den Einbahnstra\u00dfen und anderen Einschr\u00e4nkungen und verzettele mich so sehr, dass ich glaube, es nicht mehr zu schaffen. Dann stehe ich zwei Minuten vor zw\u00f6lf auf dem Parkplatz des Hoyt Arboretum. Sp\u00e4ter sollte ich bereuen, nicht doch zu sp\u00e4t gekommen zu sein.<\/p>\n<p>Ich werde st\u00fcrmisch von einem laut sprechenden Mann begr\u00fc\u00dft, der nicht ganz richtig in der Birne zu sein scheint. Er kann seine Stimme nicht kontrollieren und reagiert auf jede, aber wirklich jede Bemerkung, die irgendwer macht, mit einem lauten, langgezogenen Yeaaaaah. Es ist kaum auszuhalten. Sp\u00e4ter stellt sich heraus, dass er irgendwas mit Biologie macht und einen Universit\u00e4tsabschluss in Theologie hat. Sein Pendant ist ein Mann mit Hut, der ganz bei Trost zu sein scheint, es aber nicht ist. Er f\u00e4ngt, bevor die F\u00fchrung \u00fcberhaupt angefangen hat, zu pontifizieren an und gibt ungefragt philosophische Sentenzen von sich: \u201eEvery man is a scientist.\u201c Als wir dann unterwegs sind, faselt er st\u00e4ndig was von mother earth, energy und gibt Empfehlungen wie Listen to your body. Wir werden komplementiert von einer Mutter mit Tochter aus San Diego. Nur der F\u00fchrer kommt nicht. Wir warten eine Viertelstunde, aber es tut sich nichts. Dann wird eine freiwillige Helferin gebeten, uns zu begleiten. Die f\u00fchlt sich offenbar geschmeichelt und nimmt an. Sie hat aber keine Ahnung und macht auch gar nicht den Versuch, irgendwas zu erkl\u00e4ren. Wenn \u00fcberhaupt, spricht sie davon, wie sie hier Unkraut j\u00e4ten. Sie f\u00e4ngt dann an, mit der Mutter und der Tochter \u00fcber belanglose Dinge zu reden, und man sieht sich Photos von den Reisen der Mutter und der Tochter an. Stehen bleiben wir nur, um zu sagen, wie sch\u00f6n es hier sei und ab und zu, um eine Beere zu kommentieren, als w\u00e4re sie das sichere Zeichen, wir bef\u00e4nden uns im Garten Eden. Eine Katastrophe. Ich kann das Ende kaum abwarten, auch wenn wir dann doch noch an den Sequoias und an den Redwoods vorbeikommen, den Stars des Arboretum. Warum wir ausgerechnet den Fichtenpfad genommen haben unter allen, die zur Auswahl stehen, ist mir unerkl\u00e4rlich.<\/p>\n<p>Als die Tortur dann endlich vor\u00fcber ist, fl\u00fcchte ich in mein Auto und will so schnell wie m\u00f6glich zur\u00fcck. Leichter gesagt als getan. Ich komme \u00fcber eine Schnellstra\u00dfe mit sehr viel Verkehr nach Portland rein, aber zu weit n\u00f6rdlich und kann von hier aus nicht zum Parkplatz kommen. Ich nehme einen neuen Anlauf und gerate dabei auf die Busspur. Dann komme ich gleich am Parkplatz vorbei, kann aber von meiner Spur aus nicht abbiegen und muss ihn links liegen lassen. Jetzt ist das Unheil perfekt. Ich komme auf den Barbur Boulevard, und hier sind meine beiden Spuren durch Steine von den beiden anderen getrennt. Es gibt keine Wendem\u00f6glichkeit. Ich komme in einen Tunnel und dann nach Beaverton und kann nur durch ein unerlaubtes Wendeman\u00f6ver an der n\u00e4chsten Ampel verhindern, dass ich nicht auf eine Interstate Highway gelange.<\/p>\n<p>Als ich dann endlich auf den Parkplatz komme, habe ich den Kaffee auf. Ich gehe zur Entsch\u00e4digung in das Baal, ein thail\u00e4ndisches Restaurant, das ich vom Fenster meines Zimmers sehen kann und an dem fast jeden Tag vorbeikomme. Nur ein Gast ist in dem Lokal, ein Amerikaner, der laut gesch\u00e4ftliche Telephonate f\u00fchrt. Zwischen den Telephonaten dr\u00e4ngt ihm der Besitzer ein Gespr\u00e4ch auf. Er ist schwer zu verstehen, auch f\u00fcr den Amerikaner. Aber der macht das sehr geschickt. Nachdem er zweimal eine Bemerkung zu der Ex-Ehefrau des Thais nicht verstanden hat, fragt er einfach: \u201eAnd how many children do you have?\u201c<\/p>\n<p>Ich bestelle ein chinesisches Bier und eine hervorragendes Curry Chicken, mit einer s\u00e4hmigen, gr\u00fcnen So\u00dfe und sehr leckerem Gem\u00fcse. Und nat\u00fcrlich Reis.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am Abend, als es schon dunkel ist, mache ich noch einen Spaziergang durch die Gegend. Die Strasen sind wie ausgestorben. Wenn Portland ein Nachtleben hat, hier findet es nicht statt. Auf dem Ruckweg sehe ich, dass man auf dem Parkplatz gleich neben dem Wohnheim sonntags nicht zu zahlen braucht. Davon sollte man Gebrauch machen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">28. Juli (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Um vier Uhr bin ich wieder an meinem Parkplatz. Ich fahre gleich auf den Parkplatz zu, alles kein problem dismal. Dann stehe ich gleich an einer Seite des Parkplatzes, aber hier ist keine Einfahrt. Ich muss einmal den Parkplatz rumfahren. Dann kann ich aber da, wo der Eingang ist, nicht rein: Einbahnstrase. Also geht es einmal um den Block. Aber hier ist eine Baustelle, man wird in eine Sackgasse direkt hinter dem Parkplatz geleitet. Also wenden. Aber mir schwant schon Boses. Und das trifft auch ein. Diesmal lande ich wirklich auf der Interstate 5. Es gibt weder Hinweise noch Abfahrten, und als eine kommt, bringt die mich in ein Industrieviertel, das ich kilometerweit entlang fahre, in Dunkelheit und Einsamkeit. Der Weg endet irgendwann vor einem Zaun. Ich wende und komme in eine hell erleuchtete Gegend, mit Neonreklamen an Kinos und Lokalen und heller Strasenbeleuchtung. Es sieht aus, als ware es eine eigene Stadt, aber welche, bleibt unklar. Und Wegweiser nach Portland gibt es auch nicht. Zu meiner Erlosung sehe ich dann eine Tankstelle. Der Tankwart weist mich in die richtige Richtung.<\/p>\n<p>Um elf habe ich mich mit Alexander und seiner Tochter verabredet, um nach Fort Vancouver zu fahren, gerade auf der anderen Seite des Columbia, in Washington. Ich gebe Instruktionen, wie wir fahren mussen, aber Alexander ist noch hoffnungsloser als ich. Wir landen auf der richtigen Interstate, aber in der falschen Richtung. Dann schaffen wir es irgendwann, zu wenden und kommen schon bald ans Ziel.<\/p>\n<p>Unterwegs, als wir auf dem Irrweg waren, erz\u00e4hlt Alexander passend von einem russischen Volkshelden, Iwan Susanin, dessen Name sprichw\u00f6rtlich geworden ist f\u00fcr jemanden, der sich verirrt hat. In der Zeit der Wirren, als es noch viele polnische detachments in Russland gab und polnische Truppen den jungen Zar, Michael, nach dem Leben trachteten, bat den Polen an, ihnen eine Abk\u00fcrzung zu zeigen. Dabei f\u00fchrte er sie in die tiefsten W\u00e4lder, aus denen sie nie wieder herausfanden. Gleichzeitig wurde sein Enkel in das Kloster geschickt, in dem sich Michael aufhielt, um vor den polnischen Invasoren zu warnen. Er wurde von M\u00f6nchen versteckt gehalten und wurde sp\u00e4ter zum Begr\u00fcnder der Romanov-Dynastie.<\/p>\n<p>Alexander erz\u00e4hlt, wie bei seinem letzten Portland-Aufenthalt eine Kollegin um zwei Uhr morgens an einem Sonntag ihr Auto auf einem Parkplatz abgestellt habe, um es um acht Uhr morgens abzuholen. Und prompt ein Kn\u00f6llchen hatte.<\/p>\n<p>Bevor wir ankommen, erz\u00e4hle ich eine Anekdote, die ich in einem der B\u00fccher gelesen habe, die ich dieser Tage von Powell\u2019s weggeschleppt habe. Die Amerikaner, hei\u00dft es da, investierten eine Million Dollar, um einen Kuli zu entwickeln, der im Weltraum funktionieren w\u00fcrde. Die Russen l\u00f6sten das Problem, indem sie ihren Astronauten Bleistifte gaben.<\/p>\n<p>Das Fort liegt inmitten einer Kaserne, aber das Wort ist hier irrefuhrend. Man hat das Gefuhli, in einem besseren Wohnviertel zu sein. Am Rande, hinter einem hohen Palisadenzaun, befindet sich das Fort Vancouver, besser gesagt eine Nachbildung davon, wenn auch keine komplette.<\/p>\n<p>Das Fort war das Hauptquartier der Hudson\u2019s Bay Company, also britisch, und so ist auch in die Flagge der Organisation, die uber dem Fort gehisst ist, der Union Jack integriert.\u00a0 Dies war eine Stadt im Kleinen, eine Handelsstation, mit 600 Angestellten, die ein Territorium von 700,000 Quadratmeilen kontrollierte und 24 Forts, vom russischen Alaska bis zum spanischen Mexiko. Allein die Verwaltung des Territorium erforderte so viel Papierkram, das die Dokumente jedes Jahr per Ochsenkarren zum Fluss transporiert warden mussten, um nach Europa verschifft zu warden.<\/p>\n<p>In einer Barracke sind Tauschgegenstande ausgestellt. Es wurde nicht mit Geld gehandelt, sondern mit Waren. Ohne Pelze hatte man keine Chance, und die Richtwahrung war der Biberpelz. Dafur gab ees 2 Silberfuchs, 10 Waschbaren oder 4 Wolfspelze.<\/p>\n<p>Man sieht auch Werkzeug und Schmuck und Decken. Die Decken wurden in England gefertigt und hier verkauft. Sie haben farbige Streifen am Rand, die den Preis benennen.\u00a0 Die Axte wurden hier hergestellt, aber mit Eisen, das auch England eingefuhrt wurde!<\/p>\n<p>In einer anderen Baracke sind Teile der Wohnungen nachgebaut, mit einem interessatnen alten Toilettentisch. Man sieht einen Wasserkrug, einen Rasierpinsel, eine Zahnburste und eine schone, runde, verschliesbare Dose aus Keramik. Was das wohl ist? Zahnpasta, vor der Erfingung der Tube. Die wurde in Manchester hergestellt und eigens eingefuhrt!<\/p>\n<p>In der Schreinerei sieht man, wie viel Arbeit allein hier anfiel. Turen, Fensterahmen, Wagen, sashes, aber auch die holzernen Teile der Werkzeuge wurden hier gemacht. Es gab drei bis vier Schreiner und dazu Lehrlinge.<\/p>\n<p>In der Resindenz des hochsten Offiziers ging es sehr vornehm zu, mit echtem Porzellan, Gemalden, weisen Tischdecken.\u00a0 Lange war hier McLoughlin der erste Offizier, bis er von den Briten in Rente geschickt wurde und nach Oregon City zog.<\/p>\n<p>Die Briten sandten, als es zunehmend Konflikte gab, ein Kriegsschiff hierher, und dessen Kapitan, Baillie, machte sich einen guten namen, indem er nicht angriff, sondern vermittelte. Das Land gehorte noch keinem, jedenfalls keiner der europaischen Machte, und es ist bezeichnend, dass die Briten sich dann darauf einliesen, den 47. Breitengrad als Grenze anzunehmen und damit dieses Territorium den Amerikanern uberliesen.<\/p>\n<p>Interessant ist auch das Gefangnis. Es ist zwar nur eine einfache Baracke, aber das allein sagt schon etwas. Man wurde nicht mehr in ein Verlies geworfen, obwohl es auch hier nachts dunkel war. Die Behandlung der Gefangenen verbesserte sich im Laufe der Zeit. Sie mussten wenigstens vernuntig ernahrt und behandelt werden. In den Anfangsjahren gab es noch korperliche Zuchtigung, aber das war spater untersagt. Ausnahmen gab e saber trotzdem. Es wird von einem Fall berichtet, in dem McLoughlin nach mehreren Fallen von Ungehorsam zwolf Peitschenhiebe anordnete. Man konnte zwar danach dagegen eine Eingabe an die Regierung verfassen, aber die war weit weg und es gab sicher Mittel und Wege, die Gefangenen davon abzuhalten. Auserdem ware es sowieso zu spat gewesen. Die Prugel konnte nicht mehr ruckgangig gemacht warden.<\/p>\n<p>Die Unterhaltung mit Marie und Alexander ist immer interessant. Wir fragen uns, wie wir die Bemerkung des freundlichen Mannes im Vistors\u2019 cnter verstehen sollen, die Briten hatten sich mit den Indianern vermischt , die Amerikaner aber nicht. Warum gibt es dann keine Mischlinge? Und was konnte den Unterschied erklaren, wenn er den Tatsachen entspricht? Alexander findet, heute habe sich das Rad gedreht. Es sei jetzt angesagt, indianische Wurzeln zu haben. Das ist meines Erachtens Vorurteil von ausen nach innen gedreht.<\/p>\n<p>Es gibt immer wieder Parallelen zwischen Russland und Deutschland, auch bei solchen Kleinigkeiten wie dem Entfernen von Preisen an Geschenken, was ich tue, nachdem ich in dem Laden noch ein paar Mitbringsel gekauft habe. Das mache man nicht uberall so. Auch das schwierige Verhaltnis zur eigenen Nation und den trockenen Umgangston auf der Strase, bei Behorden und in Geschaften teilen wir miteinander.\u00a0 Und die Uberraschung daruber, dass es be i dem Begrussungstrunk der PSU und den Ausflugen keinen Alkohol gab. Das sei sehr amerikanisch, sagt Alexande. Zu Hause werde ordentlich gesoffen, aber an der Uni gelte das ungeschriebene Gesetz: keinen Alkohol. Schon mehr al seine Universitatskarriere sei daran gescheitert, dass dieses Gesetz nicht beachtet wurde. Auch bei der Hochzeit in Alabama, die ihm so gefallen hat, habe es keinen Alkohol gegeben. Sie hat ihm aber nicht deshalb, sondern trotzdem gefallen.<\/p>\n<p>Auch sie geniesen die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Amerikaner, kritisieren aber auch die \u201cUnehrlichkeit\u201d\u2019 die dahinter steht. Das sehe ich etwas gelassener. Alexander erz\u00e4hlt, wie er einem allzu freundlichen\u00a0 Verk\u00e4ufer dieser Tage antwortete, als der ihn noch einmal fragte, ob es etwas f\u00fcr ihn tun k\u00f6nne: \u201eCould you make me young and slim and tall?\u201c<\/p>\n<p>Am Nachmittag gehe ich noch mal zu Powell\u2019s. Dort komme ich mit allen m\u00f6glichen Mitbringseln raus, vom T-Shirt bis zum Ohrring. Und finde, nach langer Suche, einen Band zur Expedition von Lewis &amp; Clark, der nicht zu detalliert ist. Er ist geschrieben von einer Frau, die eine Nachfahrin einer der beiden ist und den Trail nachgelaufen ist. Beim Durchbl\u00e4ttern sto\u00dfe ich auf eine Passage, in der Lewis\u2018 r\u00e4tselhaftes Wesen diskutiert wird, seine Einzelg\u00e4ngerei und einige merkw\u00fcrdige Reaktionen. Der Autorin zufolge leidete er an Asperger.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">29. Juli (Montag)<\/span><\/p>\n<p>In einem der B\u00fccher, die ich bei Powell\u2019s gekauft habe, wird die Frage gestellt, warum man in Amerika rechts f\u00e4hrt. Oder warum man in England links f\u00e4hrt. Es gibt keine klare Antwort. Gelegentlich wird behauptet, das sei eine bewusste Entscheidung der Amerikaner nach dem Unabh\u00e4ngigkeitskrieg gewesen, um sich von den Briten zu unterscheiden, aber es gibt noch Bilder aus dem B\u00fcrgerkrieg, wo weiter links gefahren wird. Auch die ersten Autos in Deutschland h\u00e4tten noch das Steuer rechts gehabt. Das habe ich erst mit Fords T-Model ge\u00e4ndert. Links ist man, einigen Anzeichen zufolge, schon im r\u00f6mischen Reich gefahren.<\/p>\n<p>Eine andere Frage, die mich schon seit Jahren besch\u00e4ftigt, wird auch diskutiert: Warum wird in der Leichtathletik gegen den Uhrzeigersinn gelaufen? Die Antwort: Es gibt keine! Ein Mann, der zehn Jahre lang Technischer Direktor der IAAF war, Mike Gee, berichtet, wie er alle m\u00f6glichen Quellen und alle m\u00f6glichen Autorit\u00e4ten konsutliert habe, um eine Antwort auf diese Frage zu finden, die ihm immer wieder gestellt wurde. Vergebens. Es ist so einfach so, und zwar nicht nur in der Leichtathletik, sondern auch bei den Bahnfahrern, den Eisschnelll\u00e4ufern und den Greyhounds! Und gilt, heute jedenfalls, ohne Ausnahme. Im 19. Jahrhundert, in den Anfangszeiten der Leichtathletik, wurde es noch unterschiedlich gehandhabt. Die Tradition des Laufs gegen den Uhrzeigersinn ist aber uralt: Schon auf vorchristlieinfach griechischen Amphoren soll es Belege daf\u00fcr geben, dass gegen den Uhrzeigersinn gelaufen wird!<\/p>\n<p>Am Morgen muss ich dann noch einmal ins Auto, um den Tank aufzufullen. Diesmal finde ich den Weg an der Baustelle vorbei und zur Tankstelle und zuruck. Dann gebe ich das Auto ohne weitere Komplikationen, aber immer noch mit Verargerung uber die unfreundliche Behandlung und den absurd hohen Betrag fur die Versicherung ab.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Buro sehe ich einen Studenten im Schneidersitz, in Meditationshaltung, auf dem Fussballfeld sitzen und beten. Ob er um gute Prufungsergebnisse oder um gute Fusballergebnisse betet?<\/p>\n<p>Nach den Korrekturen gehe ich zur Bank, um mein Gehalt abzuholen. Diesmal ist es ein junger Mann, der mich bedient,nicht die mit der studierenden Schwester in Bonn. Auf dem Schalter steht ein Schild, das das pers\u00f6nliche Profil des jeweiligen Angestellten angibt. Lieblingsfarbe: Gr\u00fcn. Lieblingsfilm: Atlantic. Lieblingsgericht: Mac\u2019n\u2019Cheese. Hobby: Hah! As if I had the time! Ich spreche ihn darauf an. Es stellt sich heraus, dass er nebenbei studiert. Psychologie im 5. Studienjahr. Demn\u00e4chst abgeschlossen. Und seit zweieinhalb Jahren dazu in der Bank arbeitet. Alle Achtung! Es sei anstrengend, aber gut. Er k\u00f6nne evening classes belegen, und alles sei ganz in der N\u00e4he. Das w\u00e4re in Deutschland nicht zu machen.<\/p>\n<p>Dann gehe ich zu Housing, um die Miete zu zahlen und, schwupps, ist die H\u00e4lfte des Gehalts wieder weg. Aber na ja, man tut es ja nicht um des Geldes willen.<\/p>\n<p>Dann raffe ich mich endlich mal wieder zum Laufen auf. In der Nachmittagshitze. Gro\u00dfer Schwei\u00dffaktor.<\/p>\n<p>Spater geht es ins Kino. Der Vorschlag kommt, wie sollte es anders sein, von Alexander. Er weis, dass es montags Sonderpreise gibt. Die Alternative ist ein Film uber eine psychodelische Erfahrungen einer Gruppe junger Leute auf einer Reise nach Chile und einer Adaptation von Shakespeares Mucho Ado About Nothing, der 120. Nicht gerade eine Auswahl, die einen vor Freude auf den Stuhl springen lasst, aber die Gelegenheit, hier einmal ins Kino zu gehen, sollte man sich nicht entgehen lassen.<\/p>\n<p>Als ich das Wohnheim verlasse, um neun Uhr, ist es noch hell, aber es fangt dann bald an zu dunkeln. Ich bin jetzt schon sieben Wochen hier und die Tage werden kurzer.<\/p>\n<p>Am Kino sind dann nur Alexander und seine Tochter. Die anderen haben sich wohl fur die psychodelische Sache entschieden, die fruher los geht. Alexander besteht darauf, fur mich zu bezahlen, und als wir dann im Kino sind, geben sie mir sogar auch noch ein Geschenk, ein Buch&gt; Bulgakovs Master and Margerita. Mit sicherem Gespur fur das Richtige ausgesucht. Seit Jahren will ich das Buch lesen. Alle, die es kennen, schwarmen davon. Ich kenne Bulgakovs Hundeherz, und es stellt sich heraus, dass er Schauspieler, der in der Verfilmung den Professor spielt, aus Nischni stammt.<\/p>\n<p>Das Kino heist Living Room, und das ist sehr passend. Man sitzt in sehr, sehr bequemen, breiten Polstersesseln mit breiten Armlehnen und so viel Raum nach vorne, dass man die Beine ganz ausstrecken kann. Es wird sogar, vorausgesetzt, man hat das rechtzeitig bestellt, Essen und Trinken serviert. Der ganze Raum hat vielleicht 25-30 Platze, mehr nicht.<\/p>\n<p>Der Film ist in Schwarz-Weis, mit moderner Ausstattung und modernen Kostumen, aber Shakespeares Sprache. Man hat also Krawatten, I-Pods und Whisky-Glaser und hort dazu elisabethanische Sprache: Nay, by my trooth, good morrow. Ist gewohnungsbedurftig, aber man gewohnt sich tatsachlich daran. Wenn man das Stuck nicht gut, ist es aufgrund der Sprache und des grosen ??? nicht so einfach, zu folgen.<\/p>\n<p>Es gibt ein paar schone Sentenzen zur Liebe und auch zu Barten: \u201eWhat should I do with him\u2014dress him in my apparel and make him my waiting gentlewoman? He that hath a beard is more than a youth, and he that hath no beard is less than a man; and he that is more than a youth is not for me, and he that is less than a man, I am not for him. \u00a0(II.i.28\u201332)<\/p>\n<p>Man is a giddy thing, Film in 12 Tagen im Haus des Direktors gedreht, Benedikt und<br \/>\nBeatrice sind, eine einzige Zeile des Stucks ausschlachtend, als ehemaliges Liebespaar<br \/>\ndargestellt, das nicht wieder zusammenkommen will. Shakespeare spielt mit dem, was man unter romantischer Liebe versteht, es bedarf nur der Impulse von ausen, um aus<br \/>\nangeblichen Feinden und eheuntauglichen Einzelgangern ein Liebes &#8211; und Ehepaar zu machen.<\/p>\n<p>Insgesamt sind wir nicht sonderlich begeistert. Alexander findet die Polizisten am besten. Die werden ein bisschen Slapstickartig und parodistisch behandelt. Er findet, fur das Stuck benotige man einen Palast, kein Privathaus.<\/p>\n<p>Alexander bleiben noch zwei Wochen, und er sagt, er habe das Gefuhl, dass es schon langsam reiche. Es stellt sich heraus, dass er sich mit schriftlichen Aufgaben viel weniger Arbeit gemacht hat, aber am Ende mit jedem einzelnen Studenten ein Einzelgesrpach fuhren wird, um die Note zu begrunden. Diskussionen lasst er nciht zu. Das hat er auch von vornherein klar gemacht. Wir wurden auch evaluiert, meint er, wurden aber von dem Resultat nichts erfahren. In russland gebe es auch Evaluationen, aber keiner interessiere sich dafur oder nehme grosartig Notiz davon. In Russland gilt im Allgemeinen, was der Professor sagt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">30. Juli (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen packe ich Kessel und Lampe ein, die wieder zuruck mussen. Ich habe tatsachlich meine 110 Teebeutel aufgebraucht. Fur die letzten Tage muss noch mal Starbucks her.\u00a0 Im Buro mache ich mich an die letzten Feinheiten bei den Bewertungen und mache die Endnoten fertig.\u00a0 Und bringe dann den Buroschlussel weg. Moglichst wenig fur morgen lassen.<\/p>\n<p>Danach geht es zum OMSI. Ich nehme die Strasenbahn, aber das bringt nicht viel, da sie zwar zur Waterfront runter, aber nicht uber die Brucke fahrt. Da hatte ich gleich zu Fus gehen konnen.<\/p>\n<p>Vor der OMSIsthene ganze Reihe der alten, gelben Schulbusse mit groser Schnauze und entsprechen laut geht es drinnen zu, aber auch ganz gesittet. Leider sind verschiedene Abteilungen geschlossen, um Platz zu machen fur eine grose Mumienausstellung, die gerade stattfindet. Es gibt aber dennoch genug zu sehen.<\/p>\n<p>Als allererstes sehe ich eine Autokarrosserie. Komisch, da fahrt man seit Jahrzehnten Auto und so etwas noch nie gesehen. Sie ist aus einem Stuck und erstaunlich dunn. Sieht fast wie blech aus. Dass sie aus einem Stuck ist, macht sie leichter, heist es. Das war wohl nicht immer so.<\/p>\n<p>Nebenan spielen Kinder an einer Vorrichtung, bei der Wasserflaschen aus Plastik in die Luft geschossen werden, mit erstaunlichem Druck und so schnell, dass man mit den Augen nicht folgen kann. Das illustriert das dritte Newtonsche Gesetz, demzufolge jede Aktion eine entsprechende, entgegengesetzte Reaktion auslost. Wie das genau auf dieses Phanomen Anwendung findet, wird mir nicht ganz klar, aber die Aktion ist wohl die, dass der Flasche das Wasser, das in ihr ist, entzogen wird, und die Reaktion ist die, dass die Flasche nach oben schnellt. Nach diesem Prinzip sollen auch Raketen fliegen.<\/p>\n<p>In einem Versuchsfeld wird HAL vorgestellt, ein Roboteranzug, mit dem menschlichen Fertigkeiten verbessert werden. Man wird starker und schneller. Das wird hier auf einer Leinwand illustriert. Der Anzug empfangt Signale des Gehirns und kann darauf reagieren. Hort sich nach Science Fiction an, ist aber wohl ernsthaft in der Entwicklung. Vielleicht gibt es dann auch bald einen HAL, der auf Signale in meinem Gehirn reagiert und die Kopfhaare nachwachsen lasst.<\/p>\n<p>Dann gibt es ein Erdbebenhaus. Sieht nicht so dramatisch aus, ist aber eine richtige Erfahrung. In dem Haus wird ein Erdbeben aus dem Jahr 1993 nachempfunden, dessen Zentrum in Oregon war und das die Halfte aller Bewohner gefuhlt haben. Es erreichte die Starke 5,6. Das geht noch. Und hier hat man naturlich die Gewissheit, dass es nur ein Versuch ist und man ist darauf vorbereitet. Dennoch wird es einen ganz anders. So wie in einer Strasenbahn, die plotzlich zu wanken anfangt und zu entgleisen droht.\u00a0 Wie sich ein Erdbeben anfuhlt, ist nicht nur von der Starke, sondern auch von der Beschaffenheit des Bodens und des Baus abhangig, von der genauen Lokalisierung und von der Tiefe des Bebens. Das Erdbeben von 1993 ereignete sich wahrend der Schulferien. Vermutlich ein Segen.<\/p>\n<p>Am Rande sieht man eine kleine Sache, die man leicht ubersehen kann, die aber auf den zweiten Blick richtig wichtig ist. Es ist eine Plastiktrommel, die man mittels eines langeren Griffs bewegen kann, entweder schieben oder ziehen. Eine Nichtigkeit, sollte man denken, aber von allergroster Bedeutung. Es ist eine Vorrichtung, mit der das Wasserholen in armeren Landern erleichtert wird. Man braucht die schweren Kruge nicht mehr zu tragen, kann grosere Mengen leichter transportieren und erspart sich Wege. Groses Kompliment an den, der sich das ausgedacht hat. Uber der Vorrichtung sind Zitate von Menschen angebracht, deren ganz normales Alltagsleben davon betroffen ist: Kinder haben mehr Zeit zum Spielen und Lernen, Mutter haben mehr Zeit fur Haushalt und Kinder.<\/p>\n<p>Oben auf einer Galerie, wo es viel ruhiger ist, gibt es eine Photoausstellung. Die Photos sind atemberaubend. Schon und unkonventionell.\u00a0 Alle Photographien bilden Muster dar, die Mensch oder Natur irgendwo geformt haben, von<br \/>\nSanddunen an der Pazifikkuste uber Flamingos, die vor dem schwazen Hintergrund dessen,<br \/>\nwas das Meer sein konnte, ein Muster zu bilden scheinen, als hatten sie sich eigens dafur<br \/>\ndort aufgestellt, ebenso wie Touristen in einem israelischen Swimmingpool bis zu den<br \/>\nGrundmauern einer Wustenstadt aus dem 12. Jahrhundert, die langsam im Sand verschwindet.<br \/>\nAlle Aufnahmen sind on oben gemacht, und erst beim Verlassen der Ausstellung lese ich,<br \/>\nwie das kommt: Der Photograph, Steinmetz, benutzt ein motorisiertes Paraglider. Seine<br \/>\nZiele sind entfernte, abgelegene Kulturen und Gegenden. Die Aufnahmen kommen aus dem<br \/>\nTschad, aus Algerien, aus Athiopien, ausdem Iran, aus Jordanien, aus Bolivien, aus China.<br \/>\nEuropa ist uberhaupt nicht vertreten.<br \/>\nDann geht es ans andere Ende des Museums, wo es Skelette ehemaliger Tiere aus dieser<br \/>\nGegend zu sehen gibt, Wolfen, Sabelzahntiger, Mastodont (mit dem Mammut verwadnt). Man<br \/>\nerfahrt, warum Zahne immer so gut erhalten sind: Das in ihnen erhaltene Enamel ist die<br \/>\nhartste Substanz im Korper eines Vertrebras und schutzt vor Wetter und decay.<\/p>\n<p>Dann gibt es eine schone Mineraliensammlung. Mineralien sind nicht organisch, da sie aus<br \/>\nSubstanzen bestehen, die nie lebendig waren. In diesem Sinne ist die Kohle, obwohl sie<br \/>\nmanchmal dazu geahlt wird, kein Mineral.<br \/>\nEinige Minerale wie Gold bestehen aus einem Element, andere wie Quarz aus zwei, in diesem Fall aus Silikon und Sauerstoff. Die ausgestellten Quarze sind sehr, sehr verschieden. Das liegt daran, dass sie impropieties aufweisen, zum Beispiel mit Spuren von Eisen durchsetzt sind und dann violett werden, zu einem Ametyst. Es ist schon zu sehen, dass ausgerechnet ein Fehler diese Besonderheit hervorbringt.<\/p>\n<p>Den Ruckweg lege ich dann zu fus zuruck, und das geht gut. Wieder komme ich an dem Geb\u00e4ude vorbei, das sich im Bau befindet und wie eine Flughafenhalle aussieht. Es ist das neue Universit\u00e4tsgeb\u00e4ude. Einige Fakult\u00e4ten werden\u00a0 hierher ausgelagert, Biologie und Chemie und vielleicht auch Physik. Es gibt durchaus\u00a0 Uneinigkeiten in dieser Hinsicht.<\/p>\n<p>Gestern, als ich gerade vom Laufen zuruck kam, erhielt ich eine Nachrihct von eiem Student, der mich zum Laufen fur heute einlud. Da muss ich dann wohl wieder ran. Als ich am Nachmittag zum Treffpunkt furs Laufen erscheine, bin ich vollig verwirrt. Es ist ein ganz anderer Student da, als den, den ich erwartet habe, einer, der nur bei dem Vortrag war. Es hadurch eine Namenskollision ein mussverstandnis gegeben, und ich habe mit einer ganzanderen Person korrespondiert, als ich dachte. Was muss der sich nur gedacht haben, als ich auf einmal vom Laufen zu reden anfing! Er hat eine wirklich unorthodoxe Strecke ausgesucht, die standig uber Treppen fuhrt. Er bleibt an jeder zweiten Strasenecke stehen und fragt sich, ob wir jetzt besser abbiegen oder geradeaus laufen. Wir kommen dann oben ans Krankenhaus, gehen quer durch die riesige Anlage, uber eine Fusgangertunnel, fahren mit der Tram runter und laufen dann durch einen Park zuruck. Selten bin ich so froh gewesen, als eine Laufstrecke zu Ende geht.<\/p>\n<p>Als ich mich am Abend dann mit einem italienischen Essen belohnen will, stehe ich vor verschlossenen T\u00fcren: um neun wird dicht gemacht! Also geht es wiederr zuruck. Unterwegs sagt eine Frau, die auf dem Gehweg steht, Excuse me, und ich will schon stehen bleiben, um eine Frage von ihre zu beantworten, aber Excuse me heist hier einfach das, was in England Sorry heist.<\/p>\n<p>Ich lande ich in einem weiteren Thai-Restaurant in der N\u00e4he des Wohnheims. Das hat im Internet sehr gute Kritiken bekommen. Das gleich nebenan, bei dem ich dieser Tage schlecht bedient worden bin aber ein gutes Curry bekommen hat, teilt die Thai-Gemeinde. Es gibt nur Verrisse oder Lobges\u00e4nge. Aus den Kommentaren kann man entnehmen, dass die\u00a0 Amerikaner mit der thail\u00e4ndischen K\u00fcche vertraut sind. Was sie selbst essen, wenn sie nicht ausw\u00e4rts essen, habe ich noch nicht herausbekommen. Es scheint \u00fcber all nur Sandwiches und Burger z ugeben. Dieser Tage bin ich an einem Restaurant vorbeigekommen,\u00a0 das Mummys Kitchen hei\u00dft. Und was gibt es da zu essen? Sandwiches und Burger!<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Ausnahme ist der Truthahn an Thanksgiving. Aber er scheint wirklich die<br \/>\nAusnahme zu sein. viele behaupten, der Brauch stamme aus dem B\u00fcrgerkrieg, andere, wie\u00a0 Alexander, behaupten, er stamme aus der Zeit der ersten Siedler. Das sei das Essen, das denen von den Indianern angeboten worden sei. F\u00fcr mich h\u00f6rt sich das eine so unwahrscheinlich wie das andre an. Der Brauch ist vermutlich viel j\u00fcnger.<\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit Palindromen lese ich, dass es auch ein musikalisches Palindrom gibt, eine Symphonie von Haydn, die man vorwarts und ruckwarts spielen kann und die sich dadurch nicht andert. Unglaublich. Das merkt man als Laie naturlich nicht. Und vielleicht merkt das auch ein Musiker nur dann, wenn er die Partitur liest.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">31. Juli (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>In einem der Bucher von Powell\u2019s lese ich, dass Der Pr\u00e4sident der USA muss nach der Verfassung 35 Jahre alt sein und mindestens 14 Jahre<br \/>\nResident der USA sein. Das war Washington nicht, als er gew\u00e4hlt wurde, 1788. Das<br \/>\nexistierte die USA erst gut zw\u00f6lf Jahre.<\/p>\n<p>Auch lese ich, dass man, schon in den 80er Jahren, den Versuch gemacht hat, Dollarmunzen einzufuhren, und auch eine grose anzahl pragen lies. Die seien aber, heist es, nicht angenommen worden. Kann das sein? Wie kann man Munzen, wenn sie im Umlauf sind, veweigern? Da mussten ja praktisch alle mitmachen.<\/p>\n<p>Am Morgen geht es ins Buro, zum Verabschieden. Am Kunst Museum steht, wie auch gestern am Pioneer Square, ein Klavier in der Gegend herum, an dem man sich probieren kann. Die Leute scheinen keine falsche Scheu zu haben. Der von heute spielt genauso schlecht wie der von gestern.<\/p>\n<p>Am Pioneer Square stehen an der Haltestelle zwei Frauen mit vierfachkinderwagen. Sie sind auf dem Weg zum Zoo. In die Richtung will ich auch, zur Forestry Experience. \u00a0Nach drei, vier Stationen geht es unterirdsich weiter, und am Zoo befindet sich der Bahnhof weit, 450 Fus, unter der Erde. Deshalb habe ich damals beim Laufen hier die Schienen vergeblich gesucht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Museum ist nur ein paar Schritte von der Bahnstation entfernt. Es\u00a0 ist nur an drei Tagen pro Jahr geschlossen: Thanksgiving, Christmas\u00a0 Day, New Year&#8217;s Eve. Das war mir auch bei anderen Museen schon\u00a0 aufgefallen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier geht es viel ruhiger zu als im OMSI. Aber es ist mindestens so\u00a0 interessant. Gleich zu Anfang sieht man einen wunderbaren\u00a0 versteinerten Holzstamm, quer liegend. Er sieht von Au\u00dfen noch ganz\u00a0 nach Baum aus, man w\u00fcrde sich t\u00e4uschen lassen. Drinnen sieht es aber\u00a0 ganz anders aus, da hat er eine sch\u00f6ne, glatte, gemaserte Fl\u00e4che aus\u00a0 Stein. Das Wasser tr\u00e4gt Mineralien herbei, und die ersetzen im Laufe der Zeit die Zellen des Baums. So entstehen diese Werke der Natur.<\/p>\n<p>Dann gibt es drei Baumscheiben, versetzt hintereinander prasentiert, eine grose, eine sehr grose und eine sehr, sehr grose, 60 Jahre alt, 240 Jahre alt, 635 Jahre alt. Die erste, die aus einem Wald stammt, der fur Holzproduktion aufgeforstet wurde, hat breitere Ringe als die beiden anderen. Der Wald wird ausgedunnt und so kommt Sonne dran! Bei der zweiten kann man sehen, wie die Ringe im Laufe der Jahre kleiner werden. Das Wachstum hat sich verlangsamt. Bei der dritten kann man besonders gut sehen, dass es abwechselnd breitere, helle und dunklere, feinere Ringe gibt. Es werden namlich zwei Ringe pro Jahr ausgebildet, einer im Fruhling, einer im Herbst.<\/p>\n<p>Dann gibt es etwas zu Waldbranden. Die hat es schon immer gegeben, in Oregon seltenere und grosere im Westen und kleinere und haufigere im Osten. Heute werden alle Waldbrande geloscht, aber es gibt auch Stimmen, die das nicht gutheisen. Sie sagen, dass durch das Loschen brush und andere fuels entstehen.<\/p>\n<p>Auf einer Karte sieht man, dass fast der gesaamte Westen Oregons Waldgebiet ist, mit der Ausnahme eines Streifens von Eugene nach Portland. Da verlauft auch genau die Autobahn her, uber die ich dieser\u00a0 Tage gekommen bin. Der Osten hat nur gut ein Drittel Wald.<\/p>\n<p>In einem Fenster sieht man Produkte aus Holz, unter anderem eine Bluse, Rayon, aus<br \/>\nBaum-Zellulose gemacht, in Frankreich entwickelt als Alternative zu den teuren Seidenblusen. Sieht wie eine Baumwollbluse aus. Sie fangt aber leicht Feuer! Und wird in der hier prasentierten Form nicht mehr produziert. Es sind auch Tahnpasta, Medikamente, Terpentin, Cellophan, Reifen, Farbe und Eis zu sehen. Alle enthalten Elemente, Zucker, Ol, Chemikalien, Rosinen usw. Die aus Holz gewonnen werden.<\/p>\n<p>Dann kann man fund Holzer zum Vergleich heben. Das Gewicht ist erstaunlich unterschiedlich. Fichte ist das leichteste, Cocobolo das schwerste.<\/p>\n<p>Im Obergeschoss gibt es dann noch etwas zu Waldern in anderen Teilen der Welt. Auf dem Weg dahin sieht man einen nachgebauten Kakaobaum. Er ist erstaunlich klein. Er wachst unter anderen Baumen, und nur am Aquator in einer Entfernung von nicht mehr als 20$ davon. Es muss warm, feucht, schattig und regenreich sein. Wenn nur eine dieser Bedingungen fehlt, wachsen keine oder keine nennenswerten Fruchte.<\/p>\n<p>Oben kann man in einem Waggon der Transibirischen Eisenbahn, in einem chinesischen Schiff, in einem Jeep des Kruger National Park und in einem Baumaufzug aus dem Regenwald sitzen und eine virtuelle Fahrt durch die Walder russlands, Chinas, Sudafrikas und Brasiliens antreten. Sibirien hat ein Funftel des gesamten Waldbestands der Erde und die Halfte des Gesamtbestands an Nadelbaumen. Dennoch gibt es Probleme, vor allem fur die Holzfaller. Die Gebiete sind entweder abgeholzt oder geschutzt. Es gibt aber ein groses Aufforstungsprogramm.<\/p>\n<p>Dasselbe gilt fur China. Da wird der Tag des Baumes dargesellt, an dem jeder Chineses drei bis funf Baume pflanzen soll. Da kommt schon ordentlich was zusammen: 50 Billionen Baume sind gepflanzt worden. Das ist deshalb notig, weil durch den wachsenden Bedarf der wachsenden chinesischen Mittelklasse China inzwischen Holz importiert und sich nicht mehr selbst versorgen kann.<\/p>\n<p>In Sudafrika sieht man, wie die Einheimischen, wie ich das auch in Tansania gesehen habe, die Aste der Baume abtrennen und dann grose Ladungen auf dem Kopf wegtragen. Man brauchte das Holz tradionellerweise furs Bauen und Kochen und Heizen, wie in allen Gegenden der Welt. In anderen Gegenden kam dann noch der Schiffbau hinzu.<\/p>\n<p>Im regenbogenwald kann man einer Forscherin oben auf die Kuppe der Baume folgen. Hier spielt sich das richtige Leben im Urwald ab, nicht unten. Es gibt Tiere, und naturlich Pflanzen, die sich nur hier oben finden. Dies ist auch die ursprungliche Heimat der Orchideen.<\/p>\n<p>Zum Schluss gibt es noch ein Zuckerstuckchen. Man sieht den Stamm einer Weide, die auf den ersten Blick nichts Besonderes ist. Dann sieht man aber, wie an einem Ende ein Stuck Eisen herausguckt. Es ist das Ende des Laufs eines Gewehrs. Das wurde irgendwann in einem crotch in dem Baum vergessen, und der Baum hat es jetzt, bis auf die Spitze, ganz in sich aufgenommen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>16. Juni (Sonntag) \u201eAchten Sie bei der Buchung Ihres Flugs darauf, dass Ihr Ziel Portland, Oregon ist, nicht Portland, Maine.\u201c So hei\u00dft es in einem der vielen Schreiben unserer Partneruniversit\u00e4t bei der Vorbereitung der Reise. 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