{"id":4937,"date":"2014-03-02T16:07:33","date_gmt":"2014-03-02T15:07:33","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=4937"},"modified":"2015-09-21T19:47:21","modified_gmt":"2015-09-21T17:47:21","slug":"rom-2014","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=4937","title":{"rendered":"Rom (2014)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">9. Februar (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wusste ich, dass meine letzte Rom-Reise schon ein paar Jahre\u00a0 zur\u00fccklag, aber wie lange? Keine Ahnung. Reisenotizen aus der Zeit, wenn es denn jemals welche gab, sind nicht zu finden, h\u00f6chstens ein paar Notizen von einem VHS-Kurs, der sich ausschlie\u00dflich mit der Architektur Roms besch\u00e4ftigte. Also muss ich zum Tagebuch und dabei Band f\u00fcr Band zur\u00fcckgehen, bis ich auf Rom stie\u00df: 1994! Vor zwanzig Jahren! Eine Katastrophe. <em>Kinders, wie die Zeit vergeht!<\/em> ist ein viel zu lahmer Spruch, um das Entsetzen auszudr\u00fccken, das diese Entdeckung ausl\u00f6ste.<\/p>\n<p>Ganz allm\u00e4hlich kommen wieder Szenen in Erinnerung: die Unterbringung in einem kleinen Apartment auf der Dachterrasse eines Hause am Campo de\u2018 Fiori, ein Wirt, der nur bar kassierte und dicke B\u00fcndel von Geldscheinen \u2013 italienische Lire \u2013 aus der Tasche zog, die Hitze, \u00fcber die die R\u00f6mer fast mehr klagten als die Touristen \u2013 es war der hei\u00dfeste Sommer seit zwanzig Jahren \u2013 zwei benachbarte Kirchen der Konkurrenten und Kontrahenten Bernini und Borromini, der traumatische Aufstieg auf das Dach der Peterskirche, durch eine immer enger werdende Spirale, ein abendliches Konzert im Garten der Villa Giulia, mit den Anfeuerungsrufen der italienischen Fu\u00dfballanh\u00e4nger durch die ge\u00f6ffneten Fenster der H\u00e4user der Umgebung als Hintergrundger\u00e4usch, das nicht sehr prickelnde WM-Endspiel (mit italienischer Beteiligung) auf dem Campo de\u2018 Fiori, die entt\u00e4uschende Besichtigung des Tempietto von Bramante, dem Prototyp aller Renaissancearchitektur, auf dem Gianicolo, eine Zugfahrt mit Hindernissen nach Pompeji, ein fetter buddhistischer M\u00f6nch, gesehen in der N\u00e4he der Engelsburg, mit Sandalen und hypermoderner Filmkamera, begleitet von einem Diener, der einen Sonnenschirm \u00fcber ihm h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Das alles kommt mir allm\u00e4hlich wieder in den Sinn. Mangels Reisenotizen muss jetzt erst mal ein neuer Reisef\u00fchrer her. In dem finde ich gleich am ersten Tag ein paar nackte Daten, die mir neu waren:<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Italien wurde nach dem Krieg durch Volksabstimmung Republik<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Der Katholizismus als Staatsreligion wurde durch ein zweites Konkordat zwischen Kirche und Staat abgeschafft \u2013 aber erst 1984<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die r\u00f6mische Universit\u00e4t, <em>La Sapienza<\/em>, 1300 vom Papst gegr\u00fcndet, ist die gr\u00f6\u00dfte Europas<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Obwohl Lazio der \u00e4ltere Verein ist, gilt er eher als Vorstadtclub, w\u00e4hrend La Roma als der eigentliche r\u00f6mische Verein gilt<\/p>\n<p>Was ich schon mal wusste, aber jetzt nicht mehr wusste, ist, dass der Vatikan nicht zu den sieben H\u00fcgeln Roms geh\u00f6rt. Wahrscheinlich lag er zu weit au\u00dferhalb, und die P\u00e4pste residierten ja ohnehin erst im Lateran. Die sieben H\u00fcgel sind: Palatin, Kapitol, Aventin, Celio, Esquilin, Viminal, Quirinal. Davon sagt mir Viminal am wenigsten. Der Palatin ist die Keimzelle Roms. Er war das Wohnviertel von ber\u00fchmten R\u00f6mern wie Cicero, Crassus und Augustus und war seit Tiberius Kaiserresidenz. Der Name wurde zum Synonym f\u00fcr Kaiserresidenz: <em>palatium<\/em>. Das Wort haben wir im Deutschen gleich dreimal entlehnt: <em>Pfalz<\/em>, <em>Palast<\/em> und <em>Palais<\/em>. Ganz abgesehen von <em>Pfalzel<\/em>. Mit Diminutiv.<\/p>\n<p>In einer Biographie Michelangelos, die ich in den Tagen vor der Abfahrt lese, wird die Aufstellung seiner Piet\u00e0 im Petersdom kritisiert. Sie stand urspr\u00fcnglich niedriger und war nicht von allen Seiten ausgeleuchtet. Urspr\u00fcnglich stand sie in Alt St. Peter in der Kapelle der K\u00f6nige von Frankreich. Dort fiel ein steil von oben kommender Lichtstrahl auf Marias Stirn. Dieser Lichtstrahl war Teil von Michelangelos Konzept, denn er suggerierte einen d\u00fcnnen, transparenten Schleier. Das wurde durch eine Linie bewirkt, die in Marias Stirn eingeritzt ist!<\/p>\n<p>Die Piet\u00e0 ist das einzige von Michelangelo firmierte Werk. In einer Sch\u00e4rpe, die quer \u00fcber die Brust der Madonna verl\u00e4uft, steht: MICHEL.A[N]GELVS BONAROTVS FLORENT[INVS] FACIEBA[T]. Laut Vasari besteht der Grund f\u00fcr die Signatur darin, dass Michelangelo eines Tages h\u00f6rte, wie eine\u00a0 Gruppe von Besuchern aus der Lombardei die Statue einem K\u00fcnstler aus Mailand zuschrieben. Es kann aber auch sein, dass er einfach zufrieden war mit dem Ergebnis. Das konnte er auch sein. Er war gerade mal 25. Und hatte schon ein Meisterwerk geschaffen.<\/p>\n<p>Seine n\u00e4chste Piet\u00e0 schuf Michelangelo 50 Jahre sp\u00e4ter, f\u00fcr sein eigenes Grabmal. Er haute nicht zwei oder drei, sondern gleich vier Figuren aus einem Block. Das Werk ist eher eine Kreuzabnahme als eine Piet\u00e0. Nachdem er mehr als ein Jahr an der Statue gearbeitet hatte und sie fast fertig war, schlug er eines Tages in echtem Furor mit dem Hammer auf sie ein. Was ihn dazu bewogen hat, ist nicht klar. Vielleicht waren seine Ma\u00dfst\u00e4be so hoch geworden, dass selbst er sie nicht erf\u00fcllen konnte. Es wird einem ganz anders, wenn man das liest. Allerdings zerst\u00f6rte er die Statue nicht ganz, sondern schlug nur einzelne Teile ab. Er \u00fcbergab sie dann seinem Diener.<\/p>\n<p>Der Biographie ist es die Bewegung, das Transitorische, das als \u00fcbergreifende Charakteristik Michelangelos Werk ausmacht. Sowohl die Skulptur als auch die Malerei und die Architektur. In der Architektur kombinierte er bei dem Grundriss von San Giovanni dei Fiorentini ein griechisches Kreuz mit einem Andreaskreuz. Damit zieht er den Blickpunkt des Betrachters ein: Wenn man sich um 45\u00b0 weiter bewegt, wird das griechische Kreuz zum Andreaskreuz und das Andreaskreuz zum griechischen Kreuz. Es kommt Bewegung ins Spiel. Bei der Skulptur m\u00fcsste dann das gelten, was Goethe f\u00fcr den Laokoon postuliert: Wenn man hinsieht und dann die Augen schlie\u00dft und dann wieder hinsieht, glaubt man, dass sich etwas ver\u00e4ndert hat. Bei der Piet\u00e0 des Petersdoms, sagt man, habe man dann das Gef\u00fchl, der K\u00f6rper Jesu m\u00fcsse Maria jeden Augenblick entgleiten.<\/p>\n<p>Am Flughafen in K\u00f6ln besch\u00e4ftigen uns erst einmal banalere Dinge. Ich werde angesichts eines Duty-Free-Shops herausfordert: Ich h\u00e4tte behauptet, innerhalb der EU lohne sich das Einkaufen nicht mehr. Das stimme nicht. Ich kann mich nicht einmal erinnern, das gesagt zu haben, aber wenn, dann bestimmt nicht so apodiktisch. Dazu wei\u00df ich zu gut, dass ich davon nichts verstehe.<\/p>\n<p>Im Duty-Free-Shop stellt eine K\u00e4uferin an der Kasse eine lange, komplizierte Frage zu einem Kosmetikum. Ob es das von der Firma Soundso auch als Pulver geben, so was. Der Mann hinter der Theke gibt an seine Kollegin weiter und \u00fcbernimmt stattdessen das Kassieren. Mit den Worten: \u201eIch bin da eher f\u00fcr Wein und Whisky zust\u00e4ndig.\u201c<\/p>\n<p>Im Bus zum Flugzeug spricht eine italienische Frau von ihrem Besuch bei ihrer Tochter in K\u00f6ln. Wo sie den zuk\u00fcnftigen Schwiegersohn kennen gelernt hat. Er sei freundlich und gebildet \u2013 er ist Anthropologe an der K\u00f6lner Uni \u2013 und verstehe sich bestens mit ihrer Tochter. Perfekt sei er aber keineswegs. Er sei Deutscher und Vegetarier. Nobody is perfect.<\/p>\n<p>In Rom ist es bew\u00f6lkt, aber trocken und nicht so kalt wie in Deutschland. Wir fahren zu v\u00f6llig \u00fcberh\u00f6hten Preisen \u2013 16 \u20ac per capita \u2013 mit dem \u00fcberf\u00fcllten Leonardo-Express nach Termini. Auf dem R\u00fcckweg nehmen wir den Bus: 4 \u20ac.<\/p>\n<p>Von Termini geht es mit der Metro weiter nach Bologna, der dem Hotel am n\u00e4chsten gelegenen Station, und von dort \u00fcber eine breite, aber heute, Sonntag, sehr ruhige Stra\u00dfe zu Fu\u00df zum Hotel. Am Stra\u00dfenrand Palmen und sehr hohe Pinien mit weit gef\u00e4cherten Kronen und Orangenb\u00e4ume mit dicken Fr\u00fcchten, jetzt, im Februar! Ob die essbar sind?<\/p>\n<p>Wir kommen an einer sehr sch\u00f6nen Villa vorbei und an Geb\u00e4uden, die sehr repr\u00e4sentativ aussehen, aber Kasernen sind.<\/p>\n<p>Das Hotel befindet sich gerade au\u00dferhalb der alten Stadtmauern, nicht gerade im Zentrum der Altstadt, aber in passabler Entfernung zu ihr. Das Hotel ist f\u00fcr den niedrigen Preis v\u00f6llig in Ordnung, aber es wird gerade renoviert. Das merkt man heute nur am Geruch nach Farbe.<\/p>\n<p>Wir machen uns gleich wieder auf, Richtung Innenstadt, diesmal mit dem Bus. Fahrkarten gibt es in der Bar nebenan, f\u00fcr 1,50 \u20ac. Das ist billiger als in Trier. Diesmal geht es mit dem Bus in die Innenstadt. Der f\u00e4hrt gleich vor dem Hotel ab, von der Via Nomentana<strong>, <\/strong>einer vielbefahrenen, breiten Stra\u00dfe, die schnurstracks aufs Kapitol zuf\u00fchrt. Im letzten Moment schaffen wir es, doch noch aus dem Bus auszusteigen, der uns in die falsche Richtung gebracht hat. Au\u00dferdem haben wir die falsche Linie erwischt, von den beiden, die in die Stadt fahren. Diese bringt uns wieder nach Termini. Als wir ankommen, d\u00e4mmert es, und der angestrahlte Bahnhof pr\u00e4sentiert sich besser als vorher. Man sieht die Makel nicht so deutlich. Im Hellen sieht er doch etwas heruntergekommen aus. Ich hatte in Erinnerung, dass der Bau irgendwie Architekturgeschichte geschrieben h\u00e4tte, aber vielleicht vertue ich mich da. Jedenfalls muss die Fassade, kurz nach dem Krieg gebaut, damals sensationell modern ausgesehen haben.<\/p>\n<p>\u00dcber die Via Cavour geht es zu Fu\u00df ins Zentrum. Unterwegs bekommen wir in einer einfachen Imbissbude ein paar Kleinigkeiten. Auf einem Kalender, der gleich vor uns an der Wand h\u00e4ngt, steht: \u201eD\u00e0mose da fa, semo romani\u201c, wohl r\u00f6mischer Dialekt, unter dem Bild des Polen-Papstes. Die Bedeutung kann man h\u00f6chstens erahnen.<\/p>\n<p>Dann geht es weiter Richtung Zentrum, und nach einer Abbiegung, taucht das Kolosseum auf, schwach erleuchtet, hundert Meter entfernt. Auf dem Weg dorthin kommen wir an einem Bauzaun vorbei, gleich vor der Bailika des Maxentius. Hier entsteht die dritte Metro-Linie.<\/p>\n<p>Das Kolosseum ist etwa zur H\u00e4lfte einger\u00fcstet. Wie n\u00f6tig die Renovierung ist, sieht man an den Teilen, wo kein Ger\u00fcst steht. Einzelne Steine haben sich gel\u00f6st und drohen, herunterzust\u00fcrzen.<\/p>\n<p>Das Ger\u00fcst verbirgt zum gro\u00dfen Teil die Schokoladenseite des Museums, aber am Rande kann man noch gerade die vier Stockwerke der Au\u00dfenmauer erkennen. Das vierte, nachtr\u00e4glich von Titus draufgesetzt, unterscheidet sich von den drei anderen dadurch, dass es rechteckige Fenster hat, keine B\u00f6gen. In den drei unteren Stockwerken werden die B\u00f6gen von Halbs\u00e4ulen getragen, mit unterschiedlichen Kapitellen in den drei Stockwerken: dorisch, ionisch, korinthisch.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg treffen wir auf der langen, ruhigen, zu dieser Zeit fast verlassenen Stra\u00dfe zum Hotel von der Metrostation auf einen Menschenauflauf. Wie h\u00f6ren die Stimmen schon von weitem. Erst, als wie da sind, sehen wir, dass sie vor dem Eingang eines Lokals stehen, einem Lokal\u00a0 mit gro\u00dfem Wintergarten. Das ist total \u00fcberf\u00fcllt. Ist es eher Wirtschaft oder eher Restaurant. Wahrscheinlich eine Art Bistro. Es werden eher Kleinigkeiten gegessen, soweit man das im Vorbeigehen sehen kann. Jedenfalls scheint es sich bei den R\u00f6mern, vor allem bei den jungen, gr\u00f6\u00dfter Beliebtheit zu erfreuen, wenn sie jetzt noch, sp\u00e4t am Sonntagabend, daf\u00fcr Schlange stehen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">10. Februar (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen \u00fcbernimmt der Verkehr an der vielbefahrenen Kreuzung die Funktion des Weckers. Das w\u00e4re nicht so schlimm, wenn der Blick aus dem Fenster nicht so ern\u00fcchtern w\u00e4re: d\u00fcster, verregnet, bew\u00f6lkt, windig. Das erinnert daran, dass es in Rom tats\u00e4chlich mehr regnet als in London. Allerdings hat London mehr Regentage.<\/p>\n<p>Das Wetter ist ein schlechtes Omen, und am Vormittag geht alles schief, was schief gehen kann. Am Mittag kommen wir frustriert und v\u00f6llig durchn\u00e4sst ins Hotel zur\u00fcck, um uns aufzuw\u00e4rmen und umzuziehen. In der Bar neben dem Hotel gibt es dann ein schmackhaftes, aber v\u00f6llig \u00fcberteuertes Essen, an dessen Ende uns dann auch noch ein Tagesticket f\u00fcr die Busse angedreht wird, das aber nur bis zum Abend, nicht, wie man uns gesagt hatte, bis zum n\u00e4chsten Tag gilt.<\/p>\n<p>Am Nachmittag sehen wir dann aber noch die Bocca della Verita, das Pantheon, die Fontana di Trevi, die Piazza di Spagna, die Piazza Navona. Trockenen Fu\u00dfes. Und am Abend bekommen wir dann auch noch die Bustickets wieder umgetauscht.<\/p>\n<p>An der Bocca della Verit\u00e0 muss man Schlange stehen. Meine Hoffnung, dass es zu dieser Zeit in Rom nicht so voll ist, war tr\u00fcgerisch. Ich hatte nicht bedacht, dass Rom jetzt auch Touristen aus Russland und China hat, und die machen, zusammen mit den Japanern, den Gro\u00dfteil aus. Auch viele Spanier sind da.<\/p>\n<p>Die Bocca della Verit\u00e0 befindet sich vor Santa Maria in Cosmedin, in der Seitenwand der Vorhalle der Kirche, mit der sie aber nichts zu tun hat. Sie ist ein mittelalterlicher L\u00fcgendetektor, kein antiker. In der Antike war sie ein Schachtdeckel der Cloaca Maxima. Sie zeigt das Gesicht einer Flussgottheit. Man steckte die Hand in das Maul der Fratze, die in die Wand eingelassen ist, und wurde bestraft, wenn man gelogen hatte. Besonders, wenn man des Ehebruchs und des Meineids verd\u00e4chtigt war, wurde man hierher gef\u00fchrt. Dabei wurde ein wenig nachgeholfen: Hinter der Wand vollstreckte ein Bewaffneter mit einem Schwert das Gottesurteil.<\/p>\n<p>Auch heute steckt man seine Hand in die Fratze, aber die Strafe bleibt aus. Wenn man sein Photo gemacht hat, wird man von hier automatisch in die Kirche geleitet, ein richtiges Kleinod, das man ohne die Bocca della Verit\u00e0 vielleicht gar nicht zu sehen bek\u00e4me. Die Kirche stammt aus der Sp\u00e4tantike, erhielt aber ihr heutiges Aussehen im Fr\u00fchmittelalter, als sie vom Papst der byzantinischen Gemeinde \u00fcberlassen wurde. Die waren aus Konstantinopel vor den bilderfeindlichen Reformern geflohen. Sie hat einen sch\u00f6nen, mehrst\u00f6ckigen Glockenturm, wie die Kirche aus Backstein, der mich an die in Ravenna erinnert.<\/p>\n<p>Die Atmosph\u00e4re in der Kirche ist sehr sch\u00f6n: ruhig und andachtsvoll. Die Kirche wirkt schlicht, ist aber tats\u00e4chlich voller Kunsthandwerk, besonders der teppichartige kosmatische Fu\u00dfboden.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite des Platzes steht ein wundersch\u00f6ner antiker Rundtempel. Er ist so gut erhalten, dass man sich fragt, ob er tats\u00e4chlich aus der Antike stammt. Tut er. Er wurde auf dieselbe Weise wie viele andere antike Bauten vor dem Abbruch bewahrt: Er wurde im Mittelalter zu einer Kirche umgebaut. Wie man eine Kirche in einen antiken Tempel bekommt, ist mir allerdings r\u00e4tselhaft.<\/p>\n<p>Genauso verh\u00e4lt es sich mit dem Pantheon. Das war vermutlich \u201eallen G\u00f6ttern\u201c, wie der Name sagt, geweiht, und wurde zu einer Kirche, in der Maria und alle M\u00e4rtyrer verehrt wurden. Der Feiertag ist der 1. November: Allerheiligen!<\/p>\n<p>Das Pantheon gilt als das besterhaltene Bauwerk der Antike. Name und Zeitangabe \u00fcber dem Eingang sind irref\u00fchrend. Sie stammen aus dem alten Pantheon, das von Agrippa. Das wurde zerst\u00f6rt und an dessen Stelle entstand das jetzige Pantheon.<\/p>\n<p>An den Au\u00dfenseiten kann man sehen, dass das Stra\u00dfenniveau fr\u00fcher tiefer war. Urspr\u00fcnglich f\u00fchrte eine Treppe zur Vorhalle. Der Eindruck muss ganz anders gewesen sein.<\/p>\n<p>In der Renaissance nutzte man das Pantheon als Steinbruch, genauer gesagt als Bronzebruch. Die Bronzeverkleidung aus der Vorhalle wurde entfernt du f\u00fcr die XX im Petersdom verwendet. Das wurde veranlasst von Quod non fecerunt barbari, fecerunt \u2013 barberini<\/p>\n<p>Durch die gro\u00dfe Vorhalle betritt man den Innenraum. Der ist mit der heutigen Ausstattung nicht gerade sch\u00f6n, aber der durch das offene Loch im Dach einfallende Sonnenstrahl ist einfach \u2013 himmlisch! Man fragt sich, was mit dem Regenwasser passiert, wenn es von oben in den Innenraum kommt.<\/p>\n<p>Die Besonderheit des Pantheons ist nat\u00fcrlich die Kuppel. Ja, die R\u00f6mer konnten Kuppeln bauen. Dieses Wissen ging dann verloren. Es dauerte, wenn ich mich richtig erinnere, bis zu Brunelleschis Kuppel in Florenz, bis wieder eine Kuppel entstand, mehr als tausend Jahre! Die Kuppel des Pantheons wirkt allerdings flacher als die Brunellischis. Das liegt daran, dass sie nicht erh\u00f6ht auf einer Laterne aufbaut. Die Kuppel ist zweischalig, innen eine Halbkugel, au\u00dfen eine Kalotte. Und sie st\u00fctzt sich nur auf die W\u00e4nde \u2013 ohne S\u00e4ulen. Sie ist aus opus caementicium gemacht, dem antiken Beton!<\/p>\n<p>Die W\u00e4nde sind so dick, dass man in die Nischen Alt\u00e4re und Grabm\u00e4ler eingelassen hat. Hier sind Raffael und Vittorio Emmanuele und Umberto I bestattet.<\/p>\n<p>Im Pantheon ist es genauso voll wie davor. In der Kirche, der man kaum anmerkt, dass es eine Kirche ist, mahnt ein Aufseher in regelm\u00e4\u00dfigen Intervallen \u201eSilenzio\u201c, mit unmittelbarer Wirkung, die aber nach einer Minute wieder verpufft ist.<\/p>\n<p>Vor dem Pantheon findet eine lautstarke Demonstration steht. Es scheint um Abtreibung oder um Fl\u00fcchtlinge zu gehen. Die Parolen, die intoniert werden, sind zu unklar, die Spr\u00fcche auf den Bannern zu vage, um das feststellen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Noch im Hellen kommen wir zur Fontana di Trevi (XVIII). Woher wohl der Name kommt? Die von den Touristen nach genau festgelegten Regeln in den Brunnen geworfenen M\u00fcnzen gehen, wenn sie gro\u00df genug sind, an die Stadt Rom, wenn nicht, an eine karitative Organisation. K\u00f6nnte man auch umgekehrt machen. Zumal die Stadt Rom uns am Ende, mit der Hotelrechnung, noch eine Kurtaxe aufbrummt: zwei Euro pro Person und Tag. Gegenleistung: keine.<\/p>\n<p>Hier ist noch mehr Betrieb als am Pantheon. Der barocke Brunnen mit Neptun auf einem von Pferden gezogenen Wagen, umgeben von Muscheln und Tritonen und den vielen Felsen, \u00fcber die das Wasser l\u00e4uft, ist aber wirklich sehenswert. Im Unterschied zu den anderen Brunnen lehnt er sich an die Fassade des dahinter liegenden Platzes an, dem Palast der Herz\u00f6ge von Poli. Wie die Herz\u00f6ge wohl gestaunt haben, als die Front ihres Palastes pl\u00f6tzlich nicht mehr zu sehen war.<\/p>\n<p>Die Fontana di Trevi sehen wir noch bei Tageslicht. An der Spanischen Treppe d\u00e4mmert es bereits. Die m\u00fcsste eigentlich Franz\u00f6sische Treppe hei\u00dfen. Sie wurden von den Franzosen geplant als Verbindung zwischen dem Platz und der oberhalb des Platzes stehenden franz\u00f6sischen Nationalkirche Santa Maria die Monti. Vor der Kirche sollte ein Denkmal von Ludwig XIV. stehen. Das passte dem Papst aber nicht, und die Pl\u00e4ne wurden auf Eis gelegt. Erst sp\u00e4ter wurden sie wieder ausgegraben. Und vor der Kirche steht jetzt ein Obelisk, mit einem Kreuz oben drauf. Der Name Spanische Treppe (XVIII) resultiert aus der nahe gelegenen spanischen Botschaft. Unten, auf dem Platz vor der Treppe, steht der Barcaccia-Brunnen (XVII), leider auch einger\u00fcstet. Man hat aber eine L\u00fccke in der Umz\u00e4unung gelassen, so dass man das Boot sehen kann. Der Brunnen nimmt Bezug auf eine legend\u00e4re \u00dcberschwemmung, bei der das Boot hier liegen geblieben sein soll, als das Wasser wieder zur\u00fcckging. Das hat einen wahren historischen Kern: Es gab in Rom gro\u00dfe \u00dcberschwemmungen. In den n\u00e4chsten Tagen sehe ich immer wieder Marken an Geb\u00e4uden, die den Stand des Hochwassers anzeigen, genauso wie an der Mosel.<\/p>\n<p>Als wir am Ende zur Piazza Navona kommen, ist es dunkel. Die langgestreckte Form des Platzes geht auf das Stadion Domitians zur\u00fcck, das hier lag. Die Unterbauten sind an S\u00fcdseite noch sichtbar. Hier wurden sportliche Wettbewerbe abgehalten, aber es gab auch Gark\u00fcchen und Lasterh\u00f6hlen. Sp\u00e4ter verfiel der Platz, blieb aber Verg\u00fcgungsviertel. In den Sommermonaten wurde der Platz \u00fcberflutet, um Wasserspiele abzuhalten. Dann gab es, anl\u00e4sslich des Heiligen Jahres 1650 umfangreiche Umbauarbeiten: die Erweiterung des Palazzo Pamphilj, den Bau von Sant\u2019Agnese, den Bau der Brunnenanlage.<\/p>\n<p>Der Brunnen, die Fontana di fiumi, ist ein Meisterwerk Berninis: vier Kontinente (Afrika, Europa, Amerika, Asien) sind durch vier Fl\u00fcsse vertreten (Nil, Donau, Rio de la Plata, Ganges). Der Nil verh\u00fcllt die Augen. Das wird verstanden als Hinweis darauf, dass die Quellen des Nils noch nicht bekannt waren. Die R\u00f6mer deuten es anders: Der Nil verdeckt die Augen, damit er St. Agnese, diesen schrecklichen Bau, nicht zu sehen braucht, das Werk von Berninis Kontrahenten Borromini.<\/p>\n<p>An den vier Felsenecken sieht man L\u00f6we, Pferd, Drachen, Schlange, Palme usw. Sie gruppieren sich um einen Obelisken herum, der christlich umgedeutet wurde: oben steht eine Taube mit \u00d6lzweig, dem Wappen der Pamphilij.<\/p>\n<p>Hier wird photographiert auf Teufel komm raus. St\u00e4ndig wird man gebeten, f\u00fcr andere Touristen Photos zu machen. Die Japaner sind dabei f\u00fchrend und haben auch Kameras, die gut genug sind, um in der Dunkelheit gute Photos zu machen. Das kann man von unseren nicht sage.<\/p>\n<p>Adonays sieht, was ich nicht sehe, und entdeckt im Laufe der Tage die Orangenb\u00e4ume am Stra\u00dfenrand, Konfetti auf dem B\u00fcrgersteig, Pl\u00fcschtiere in einem Gesch\u00e4ft an der Ecke zur Piazza Navona, ein modernes Mosaik in unserer Metrostation, einen Stra\u00dfenh\u00e4ndler, der eine Altkleiderbox f\u00fcr Schuhe als Versteck f\u00fcr seine illegale Ware benutzt. Sie bemerkt auch, dass <em>or\u00f3scopo<\/em> ohne &lt;h&gt; geschrieben wird, genauso wie <em>ora<\/em>. Sie bemerkt auch, dass die Italiener besser gekleidet sind als die Deutschen und mehr Wert auf ihr \u00c4u\u00dferes legen. Auch die M\u00e4nner? Ja, auch die. Auch der da, auf der anderen Seite im Bus? Nein, der nicht, das ist bestimmt ein Deutscher.<\/p>\n<p>Am Abend im Hotel f\u00fchrt uns ein Wohlt\u00e4tigkeitsprogramm auf Televisi\u00f3n Espa\u00f1ola den Niedergang des spanischen staatlichen Fernsehens vor Augen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">11. Februar (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Warum hei\u00dft Rom eigentlich\u00a0<em>Rom<\/em>? Der Name ist mit\u00a0<em>Rheuma<\/em><em> <\/em>verwandt, dem griechischen Wort f\u00fcr \u201aStrom\u2018. Wo Strom ist, da flie\u00dft was, und wo Rom ist, da flie\u00dft auch was, n\u00e4mlich der Tiber. Und warum hei\u00dft das Kolosseum eigentlich\u00a0<em>Kolosseum<\/em>? Darauf gibt es keine verbindliche Antwort, aber vielleicht bezieht sich der Name auf eine Kolossalstatue Neros, die sich hier befand. Der Ort spricht jedenfalls daf\u00fcr, denn da, wo sp\u00e4ter das Kolosseum entstand, befand sich ein k\u00fcnstlicher See, Teil von Neros Domus Aurea. Das Kolosseum, offiziell\u00a0<em>Amphiteatrum Flavium<\/em>, wurde von Vespasian als Entsch\u00e4digung an das Volk f\u00fcr die neronische Tyrannei errichtet. Er wollte sich mit\u00a0<em>panem et circenses<\/em><em> <\/em>Freunde machen. Nicht weit vom Kolosseum entfernt befindet sich die Piazza Venezia, benannt nach dem Palazzo Venezia, errichtet von Pietro Barbo, dem aus Venedig stammenden Kardinal und sp\u00e4teren Papst Paul II. Der hatte eine Vorliebe f\u00fcr Pferderennen ohne Reiter. Die Pferde wurden an der Piazza del Popolo losgelassen und liefen dann auf das Ziel an der Piazza Venezia zu, \u00fcber eine Stra\u00dfe, \u00a0die noch heute\u00a0<em>Via del Corso<\/em> hei\u00dft. Ein ebenso bekannter Platz in Rom ist die Piazza Navona. Noch heute kann man an ihrer Form, einer l\u00e4nglichen Ellipse, ihre urspr\u00fcngliche Bestimmung erkennen. Sie war das Stadion Domitians, ein Ort der Spiele, der Wettk\u00e4mpfe. Die Reste der Bebauung kann man heute noch unter dem Platz besichtigen. Der Name\u00a0<em>Navona<\/em> wird von griechisch\u00a0<em>agon<\/em>, \u201aWettkampf\u2018, abgeleitet und hat sich \u00fcber\u00a0 <em>agone<\/em> &gt;\u00a0 <em>nagone<\/em> &gt;\u00a0<em>navona<\/em><em> <\/em>entwickelt.\u00a0 Unter den H\u00fcgeln Roms, die nicht zu den sieben H\u00fcgeln Roms geh\u00f6ren (aber oft besser als solche zu erkennen sind), befinden sich der Vatikan, der Gianicolo und der Testaccio. Der Testaccio ist kein nat\u00fcrlicher H\u00fcgel, sondern entstand durch das Anh\u00e4ufen von zerbrochenen antiken Amphoren, vor allem Amphoren, die mit \u00d6l gef\u00fcllt waren und deshalb nicht weiterverwendet werden konnten. Man sch\u00e4tzt die Zahl der Amphoren, die den Testaccio bildeten, auf \u00fcber 20 Millionen! Die Amphoren wurden, wenn sie auf der Schutthalde landeten, zerbrochen, und das Wort\u00a0<em>testae<\/em>, \u201aScherben\u2018, gab dem H\u00fcgel seinen Namen. Aus dem gleichen Wort rekrutierte das Italienische (wie das Franz\u00f6sische) sein Wort f\u00fcr Kopf, <em>testa<\/em>, zun\u00e4chst ein umgangssprachliches Wort (vgl. deutsch\u00a0<em>Birne<\/em>). Dagegen blieb das Spanische mit\u00a0<em>cabeza<\/em> dem klassischen lateinischen Wort,\u00a0<em>caput<\/em>, (einigerma\u00dfen) treu.<\/p>\n<p>Das Fr\u00fchst\u00fcck im Hotel ist keine Delikatesse, aber ganz passabel. Es gibt sogar, entgegen der italienischen Fr\u00fchst\u00fcckstradition, Schinken und K\u00e4se. Und\u00a0 leckeres Brot und eine gute Auswahl an s\u00fc\u00dfen Sachen. Warum es so viele negative Kommentare im Internet gibt, ist schwer zu verstehen.<\/p>\n<p>Der Fahrstuhl im Hotel ist sehr italienisch: klein und klapprig. Aber man kann auch ganz gut die Treppe benutzen. \u00dcberall stehen Leute mit gewichtigen Gesichtern und Clipboards herum und geben Anweisungen. Es wird renoviert. Auf den B\u00f6den liegen T\u00fccher, die wie Bettlaken aussehen. \u00dcber Tag wird geh\u00e4mmert und gebohrt, aber das bekommen wir nur am Rande mit. Die Arbeiter und die Angestellten sind nicht sehr freundlich, aber h\u00f6flich, vor allem, wenn man sie auf Italienisch anspricht. Man benutzt einen Notausgang, denn vorne an der Front wird im gro\u00dfen Stile renoviert. All das hat aber keine gro\u00dfen Auswirkungen.<\/p>\n<p>Heute geht es zum Petersdom. Es ist bew\u00f6lkt, und das Pflaster ist nass, aber es regnet wenigstens nicht.<\/p>\n<p>Zum ersten Mal m\u00fcssen wir in der Metro umsteigen, an dem einzigen Bahnhof, Stazione Termini, an dem beide Linien aufeinandertreffen. Die rote Linie bringt uns auf die andere Tiberseite.<\/p>\n<p>Der Petersdom ist, wie andere Papstbasiliken, gewestet. Er wurde gebaut, bevor die Ostausrichtung, als Mittel zur Bek\u00e4mpfung der heidnischen Sonnenverehrung, zur Norm wurde. Das gilt nat\u00fcrlich nicht f\u00fcr den modernen Petersdom, sondern f\u00fcr den Vorg\u00e4ngerbau, von Konstantin errichtet. Der wurde irgendwann einfach abgerissen, weil man etwas Repr\u00e4sentatives wollte. Der Neubau wurde 1506, unter dem bauw\u00fctigen Julius II., begonnen, und zog sich lange hin. Kein Wunder, bei der Gr\u00f6\u00dfe (11.500 Sitzpl\u00e4tze oder 90.000 Stehpl\u00e4tze) und der Ausstattung. Beteiligt waren u.a. Bramante, Rafael, Sangallo, Michelangelo, Maderno,\u00a0 Bernini. Sangallos Holzmodell f\u00fcr seinen Neubau, der dann nicht zur Ausf\u00fchrung kam, war die teuerste Miniatur aller Zeiten. Allein daran wurde sieben Jahre gearbeitet.<\/p>\n<p>Zuerst kommt man zu Berninis Platz mit den Kolonnaden. Typisch barock: kein Kreis, sondern eine Ellipse. In der Mitte der ber\u00fchmte Obelisk, bei dessen Errichtung ein Arbeiter entgegen der p\u00e4pstlichen Anordnung sprach, weil ein Seil zu rei\u00dfen drohte, und daneben die beiden Brunnenanlagen mit riesigen Granitschalen. Neben denen, genau an den Brennpunkten der Ellipse, ist ein Kreis in den Boden eingelassen. Von dort aus sieht man die Viererreihe der Kolonnaden als eine einheitliche Reihe. Der Platz ist au\u00dferdem durch Steinstreifen in Sektoren eingeteilt. Die sind heute eine gro\u00dfe Hilfe bei der Organisation von Gro\u00dfveranstaltungen, aber das ist wohl eher ein unbeabsichtigter Nebeneffekt.<\/p>\n<p>Wir haben Gl\u00fcck. Heute gibt es keine langen Schlangen. Man wird aber durchleuchtet. Die sommerliche Kleiderkontrolle entf\u00e4llt. Bei diesem Wetter kommt keiner in Shorts oder mit nackten Schultern.<\/p>\n<p>An der Fassade steht der Name Pauls V. Unter ihm wurde die Kirche selbst, noch ohne den Vorplatz, vollendet, nachdem die lange Diskussion \u00fcber die Form der Kirche zugunsten des lateinischen Kreuzes ausgegangen war. Das hatte rein praktische Gr\u00fcnde. Es mussten viele Gl\u00e4ubige reinpassen. Der urspr\u00fcngliche Entwurf, sp\u00e4ter von Michelangelo wieder aufgenommen, sah ein griechisches Kreuz vor. Bei der ganzen Planung muss man daran denken, dass die P\u00e4pste alt waren, als sie ins Amt kamen und auf Schnelligkeit dr\u00e4ngten, aber meistens starben, bevor ihre Pl\u00e4ne ausgef\u00fchrt wurden. Der Nachfolger hatte dann oft neue Pl\u00e4ne. W\u00e4re interessant, zu wissen, wie viele P\u00e4pste Michelangelo in seinem langen Leben kommen jund gehen sah<\/p>\n<p>Die meisten dr\u00e4ngen nach der Kontrolle sofort in die Kirche. Aber es lohnt sich, erst einmal in der Vorhalle stehen zu bleiben. Auch an der kann man die Ausma\u00dfe des Baus erahnen.<\/p>\n<p>Im Zentrum befindet sich eine T\u00fcr aus dem alten Petersdom. Wenn man dort steht, kann man die beiden Reiterstatuen an den \u00e4u\u00dferen Enden der Vorhalle kaum erkennen. So breit ist sie. An der einen Seite ein antikes Reiterstandbild, an der anderen ein mittelalterliches: Konstantin und Karl der Gro\u00dfe.<\/p>\n<p>\u00dcber der Mittelt\u00fcr ein Mosaik von Giotto, auch aus dem alten Petersdom. Es zeigt die Navicella, das schwankende Boot auf dem See Genezareth mit den \u00e4ngstlichen Aposteln.<\/p>\n<p>Die rechte Pforte ist die Heilige Pforte, zugemauert. Sie wird nur im Heiligen Jahr, d.h. alle 25 Jahre, ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Der Innenraum selbst hat viel Pracht, aber wenig Atmosph\u00e4re. \u00a0Sie ist zwar die wichtigste, aber nicht die sch\u00f6nste Kirche der Christenheit. Und auch nicht mehr die gr\u00f6\u00dfte, nachdem man irgendwo in Afrika ein gr\u00f6\u00dfenwahnsinniger Herrscher einen gr\u00f6\u00dferen Bau geschaffen hat. Dennoch demonstriert man Gr\u00f6\u00dfe. Im Zentrum des Mittelschiffs sind die Punkte in den Boden eingelassen, wo die gr\u00f6\u00dften Kirchen der Welt enden w\u00fcrden, wenn man sie hier hinein stellte. Sevilla und K\u00f6ln geh\u00f6ren zu den gr\u00f6\u00dften, aber eine amerikanische Kirche und St. Paul\u2019s sind noch gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n<p>Wenn man an diesen Punkten entlangeht, kommt man zum Papstaltar mit Berninis Bronzebaldachin unter der Vierung. Vor dem Bronzealtar ein Gel\u00e4nder, \u00fcber das man in die Gruft mit dem Petrusgrab hinabsehen kann.<\/p>\n<p>Der Bronzebaldachin wurde mit dem Bronze aus dem Pantheon gebaut und tr\u00e4gt das Wappen der Barbaren, die daf\u00fcr verantwortlich waren, der Barberini.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber sieht man in Michelangelos Kuppel, vielleicht der sch\u00f6nste Augenblick der Besichtigung. Die Kuppel ist zweischalig, wie ich aus der Besichtigung vor zwanzig Jahren wei\u00df, einer klaustrophobischen Erfahrung.<\/p>\n<p>Die Kuppel kommt au\u00dfen durch den langgezogenen Bau nicht so zur Wirkung, wie Michelangelo sich das vermutlich vorgestellt hatte.<\/p>\n<p>\u00dcber dem ersten Stock verl\u00e4uft durch die ganze Kirche ein Spruchband mit riesigen Lettern, mit dem Zitat der Berufung Petrus\u2018, auf Griechisch und auf Latein.<\/p>\n<p>Die Kuppel wird von gewaltigen Pfeilern getragen. Es hei\u00dft, dass eine in einen jeden Pfeiler eine ganze Kirche Borrominis reinpassen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>In den Nischen stehen riesige Figuren von Helena, Andreas, Longinus, Veronika, alle mit der Passion Christi verbunden.<\/p>\n<p>Die Apsis ist abgesperrt. Man sieht nur von weitem die Cathedra Petri. Sie ist aber nicht antik, sondern karolingisch. Bernini hat sie so in Szene gesetzt, dass man den Eindruck hat, sie schwebe. Durch die Alabasterfenster f\u00e4llt das Licht des Heiligen Geistes ein. Heute ist der Heilige Geist allerdings nicht in Bestform und erleuchtet uns nur schwach.<\/p>\n<p>Am Ende sehen wir uns noch Michelangelos Piet\u00e0 an, das Kunstwerk, das die meiste Aufmerksamkeit auf sich zieht. Leider ist sie hinter Glas, was die Sichtbarkeit und die Wirkung noch weiter beeintr\u00e4chtigt.<\/p>\n<p>Vom Petersdom geht zu dem zweiten r\u00f6mischen Muss, dem Kolosseum. Hier muss man lange Schlange stehen. Das Kolosseum gilt zwar als eins der besterhaltenen antiken Baudenkm\u00e4ler, aber man braucht schon einige Phantasie, um es sich als fertiges Bauwerk vorzustellen. Das wird an den Bildern deutlich, die versuchen, das antike Aussehen zu rekonstruieren. Ich finde es in Nizza einfacher, sich vorzustellen, dass man als Zuschauer bei den K\u00e4mpfen ist, vor allem, weil die Sitzfl\u00e4chen viel besser erhalten sind. Man denkt bei Amphitheater meist an Gladiatorenk\u00e4mpfe, aber es gab auch Wettk\u00e4mpfe, Zirkus, Festspiele, Theater.<\/p>\n<p>Man macht eine Runde unten und eine oben und hat immerhin sehr verschiedene Ansichten. Man sieht in den nur teils durch Bretterb\u00f6den abgedeckten Untergrund. Dort waren \u00dcbungsr\u00e4ume, Tierk\u00e4fige, Ankleider\u00e4ume, technische Vorrichtungen usw. Es waren entwickelte technische Vorrichtungen, vor allem aber auch viel Menschenkraft n\u00f6tig, um die Tiere oder die K\u00e4mpfer aus dem Untergrund auf die B\u00fchne zu hieven.<\/p>\n<p>Ganz unscheinbar sieht aus, was in den Vitrinen ausgestellt ist, aber es entpuppt sich als hochinteressant: Oliven, Feigen, Datteln, Pinienkerne, Kirschen, Pflaumen, Schweineknochen gefunden und Zahnstocher, mit dem man Muscheln a\u00df.<\/p>\n<p>In das Kolosseum passten 50,000 Zuschauer: Staatsbeamte, Priester, Kaiserhof\u00a0 im 1. Rang, Patrizier im 2. Rang, oben das gew\u00f6hnliche Volk. \u00a0Es wurde mit hundertt\u00e4gigen Festspielen er\u00f6ffnet. In Rom wurde geklotzt, nicht geklettert.<\/p>\n<p>Nach der Abschaffung der Spiele wurde das Kolosseum zum Steinbruch und nachtr\u00e4glich christlich umgedeutet, als Ort der christlichen M\u00e4rtyrer, die von den R\u00f6mern in den Spielen geopfert wurden. Das d\u00fcrfte ein Fall von Geschichtsklitterung sein.<\/p>\n<p>Da wir ohnehin in der N\u00e4he sind, gehen wir noch nach St. Pietro in Vincoli, um die Moses-Statue Michelangelos zu sehen. Das mit der N\u00e4he sagt sich leicht. Die Kirche, die wir in Verdacht hatten, stellt sich als die falsche heraus. Wir suchen eine ganze Zeit, es ist windig, der Stadtplan wird aus der Hand geblasen, und wir m\u00fcssen eine steile Stra\u00dfe rauf, wobei es immer k\u00e4lter wird. Wir befinden uns, obwohl in Fu\u00dfentfernung vom Kolosseum, in einem richtigen r\u00f6mischen Wohnviertel. Es ist ganz ruhig um diese Zeit, am fr\u00fchen Nachmittag. Touristen verlieren sich hierher ohnehin nicht. Schlie\u00dflich kommen wir von hinten an die Kirche heran und merken, was f\u00fcr einen Umweg wir genommen haben. Au\u00dferdem ist die Kirche noch geschlossen. Nach alter mediterraner Tradition macht man eine Mittagpause. Bis drei Uhr. Es gibt B\u00e4nke, aber es ist kalt, und es gibt kein Caf\u00e9 weit und breit.<\/p>\n<p>Allm\u00e4hlich kommen immer mehr Besucher, und wir sind eine ganze Menge, als die Kirche \u00f6ffnet. Der Name San Pietro in Vincoli bezieht sich auf die Fesseln, die hier aufbewahrt werden, eiserne Ketten, mit denen der Tradition zufolge Petrus gefangen genommen wurde. Sie sind vor dem Altar, am Eingang zur Krypta ausgestellt.<\/p>\n<p>Anziehungspunkt Nummer Eins ist aber Michelangelos Moses, eine gewaltige Statue, die Teil eines riesigen Grabmonuments f\u00fcr Julius II. werden sollte. Aus dem urspr\u00fcnglichen Plan wurde durch einen Sinneswandel des Papstes erst nichts, und nach seinem Tod wurde der Plan nicht weiter verfolgt. Jetzt ist der Moses \u201enur\u201c von vier Statuen umstellt, die aus der Werkstatt Michelangelos stammen.<\/p>\n<p>Sofort fallen die H\u00f6rner am Kopf Moses\u2018 auf. Die sind ein Resultat eines \u00dcbersetzungsfehlers. Im hebr\u00e4ischen Original war wohl von Strahlen die Rede, aber das Wort wurde mit dem f\u00fcr H\u00f6rner verwechselt.\u00a0 Es passt aber ganz gut, denn die Besonderheit von Michelangelos Statue ist der Moment, der dargestellt wird. Moses kommt mit den Gesetzestafeln in der Hand vom Berg Sinai hinunter und sieht, wie das Volk das Goldene Kalb umtanzt. Sein Gesicht dr\u00fcckt Zorn, Entsetzen, Aggressivit\u00e4t aus. Dazu passen die H\u00f6rner ganz gut.<\/p>\n<p>Am Abend verlieren wir uns in den Stra\u00dfen Roms und haben Schwierigkeiten, den richtigen Bus zum Hotel zu finden. Es gibt zwar viele Busse, aber keine direkte Verbindung von diesem westlicheren Teil der Stadt in den \u00f6stlichen, wo sich unser Hotel befindet. Neben Metro und Bussen gibt es auch Trolleybusse und eine Stra\u00dfenbahn. Aber beide scheinen in anderen Vierteln zu verkehren. Jedenfalls ist der \u00f6ffentliche Verkehr gar nicht schlecht. Schreckliche Staus haben wir in diesen Tagen nicht gesehen. Und die Preise sind niedrig.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">12. Februar (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Die Katakomben an der Via Appia liegen f\u00fcr einen Kurzbesuch ein bisschen zu weit au\u00dferhalb, aber es gibt eine Alternative gleich in der N\u00e4he des Hotels. Erst glauben wir, es w\u00e4ren zwei Alternativen, aber der ganze Komplex ist, wie man uns im Hotel versichert, eine Sache: Sant\u2019Agnese, \u00a0Santa Costanza Mausoleum, Katakomben.<\/p>\n<p>Es sind wirklich nur ein paar Minuten zu Fu\u00df. Es ist fr\u00fcher Vormittag und an der Kreuzung herrscht m\u00e4chtig Verkehr. Vor allem eine lange Reihe von Motorr\u00e4dern, alle gleich, alle in Schwarz gekleidet, so dass wir erst glauben, es handele sich um eine uniformierte Gruppe. Es sind aber Individuen, freiwillig uniformiert.<\/p>\n<p>Der ganze Komplex ist sehr sch\u00f6n gelegen, um einen Garten herum gruppiert. Zuerst kommt man einen langen Gang hinunter, an dessen Seiten kleinere Fundst\u00fccke ausgestellt sind, allerdings ohne Beschreibung. Man wei\u00df nicht einmal, welchem Ort und welcher Zeit sie entstammen.<\/p>\n<p>Der Eingang zu den Katakomben ist geschlossen. Also sehen wir uns zun\u00e4chst die Kirche an, Sant\u2019Agnese, eine fr\u00fchmittelalterliche Kirche mit einem gro\u00dfen Apsismosaik, das an die in Sizilien erinnert. Die Vorg\u00e4ngerkirche wurde von Constanza, einer Tochter Konstantins, gebaut, und die lie\u00df gleich dazu ihr eigenes Mausoleum bauen lie\u00df. Daher der Doppelname.<\/p>\n<p>Jetzt ist die T\u00fcr zu den Katakomben ge\u00f6ffnet, aber die Besichtigung beginnt erst in einer halben Stunde. Man hofft offensichtlich, dass noch mehr Besucher kommen. Die Erwartung sollte sich nicht erf\u00fcllen. Es wird aber schon einmal kr\u00e4ftig abkassiert. Bis zum Beginn der F\u00fchrung gehen wir noch in das Mausoleum.<\/p>\n<p>Das ist ein Rundbau, ganz anders als die Kirche, auf den ersten Blick etwas grau aussehend. Im Zentrum steht der Porphyrsarg der Constanzas, eine Nachbildung. Der steht in der Mitte eines von S\u00e4ulen gebildeten Kreises, und au\u00dferhalb dieser S\u00e4ulenumfassung zieht sich einmal ganz um den Raum ein Deckenmosaik, und das ist das Highlight des Mausoleums. Dargestellt sind V\u00f6gel, Putten, Wein, lauter heidnische Motive, die sp\u00e4ter christlich umgedeutet wurden.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte sich das noch lange ansehen, aber jetzt beginnt die F\u00fchrung. Die sollte sich als der H\u00f6hepunkt der Romreise erweisen.<\/p>\n<p>Man wird durch unendlich lange, schmale unterirdische G\u00e4nge gef\u00fchrt, ein Labyrinth. Das allein lohnt schon die Besichtigung.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen zwischen Italienisch und Englisch w\u00e4hlen und entscheiden uns f\u00fcr Italienisch, eine gute Wahl. Die F\u00fchrerin hat eine gute Diktion, und man versteht jedes Wort, jede Silbe.<\/p>\n<p>Gleich im Anfang wird klargestellt, dass die Katakomben kein Zufluchtsort f\u00fcr verfolgte Christen waren. Das ist ein Mythos. Sie waren einfach Grabst\u00e4tten. Der Grund daf\u00fcr, dass sie unterirdisch sind, ist ganz einfach: Geld. Die meisten Christen geh\u00f6rten nicht zu den wohlhabenden R\u00f6mern und h\u00e4tten sich gro\u00dfe Grundst\u00fccke nicht leisten k\u00f6nnen. Hier unterirdisch konnte man au\u00dferdem immer tiefer in den Boden gehen. Ohne Zusatzkosten. Als Resultat wurden hier 30,000 Grabst\u00e4tten geschaffen, einige davon f\u00fcr mehr als einen Toten.<\/p>\n<p>Die Toten wurden in einfache Leinent\u00fccher eingeschlagen und dann in die Sch\u00e4chte entlang der G\u00e4nge gelegt. Die wurden mit gestampfter Erde verschlossen. Davor gibt es kleine Einbuchtungen. Die waren f\u00fcr die \u00d6llampen bestimmt. Davon sind hier Tausende gefunden worden.<\/p>\n<p>Einige Gr\u00e4ber wurden mit Marmorplatten verschlossen, und besonders Wohlhabende hatten so etwas wie eine Gruft, genauer gesagt eine abgetrennte Kammer, in die man an drei Seiten Tote bestatten konnte. Hier hingen die Lampen als Zeichen der besonderen Distinktion, von der Decke herab.<\/p>\n<p>Besonders interessant sind die Inschriften, auf kleinen Stein- oder Marmortafeln. Die Inschriften werden f\u00fcr uns ausbuchstabiert. Alleine k\u00e4me man nicht auf die L\u00f6sung. Es werden Name und das (ungef\u00e4hre) Alter angegeben, wobei ausdr\u00fccklich betont wird, dass es sich um das ungef\u00e4hre Alter handelt. Der christliche Bezug wird durch einen Fisch (\u1f30\u03c7\u03b8\u03cd\u03c2 = <em>ichthos<\/em>, die Anfangsbuchstaben von Jesus \u2013 Christus &#8211; Gottes \u2013 Sohn &#8211; Erl\u00f6ser), das Christogramm hergestellt, nie aber durch das Kreuz. Beim Christogramm ist das P manchmal falsch herum. Man sieht, dass man die Bedeutung der griechischen Buchstaben nicht mehr kannte.<\/p>\n<p>Die Seele wird immer als Frau dargestellt, immer mit Kopfbedeckung, und immer mit erhobenen Armen. Dies gibt vermutlich eine Vorstellung davon, wie die fr\u00fchen Christen beteten. Das Bild der Seele steht meist nicht isoliert, sondern ist, zusammen mit einen Christuszeichen und den anderen Daten, Teil einer \u00c4u\u00dferung: XY ist dann und dann verstorben, und seine Seele ist durch Christus gerettet worden.<\/p>\n<p>Als wir aus dem Untergrund wieder ans Tageslicht kommen, scheint tats\u00e4chlich die Sonne! Es geht zum Bahnhof, da Adonays eine Freundin in Civitavecchia besuchen will. Die Fahrkarten haben wir nach einigem Hin und Her am Tag davor am Fahrkartenautomaten bekommen. Wir sind mehr als rechtzeitig da, haben aber untersch\u00e4tzt, wie kompliziert die Sache ist. Erst ist das Abfahrgleis noch nicht angezeigt und wir warten mit Heerscharen anderer Passagiere vor einer hohen elektronischen Anzeigetafel in der Eingangshalle. Dann wird endlich das Gleis angezeigt. Es befindet sich am \u00e4u\u00dfersten anderen Ende des Bahnhofs. Immer wieder neue Pfeile und Richtungs\u00e4nderungen, immer wieder Treppen, G\u00e4nge, Laufb\u00e4nder, und bald haben wir den Eindruck, dass wir es nicht schaffen. Als wir dann endlich ankommen, gehen die T\u00fcren zu, aber der Zug f\u00e4hrt noch nicht ab. Alles in Ordnung.<\/p>\n<p>Bei ganz sch\u00f6nem Wetter mache ich einen Spaziergang durch das historische Zentrum, der mich \u00fcberall und nirgends hinbringt. Oft komme ich zuf\u00e4llig irgendwo vorbei, z.B. am Parlament, oft finde ich nicht, was ich suche. Fragen ist gar nicht so einfach. Die meisten Passanten sind Touristen, und mehr als einmal k\u00f6nnen mir auch R\u00f6mer nicht weiterhelfen. Am besten geht es meistens mit Polizisten oder W\u00e4chtern.<\/p>\n<p>Immer wieder lande ich an der Piazza Navona, die auch wirklich mein erstes Ziel ist. Ich sehe mir die unterirdischen Ausgrabungen des Zirkus an, aber meine Vorstellungskraft reicht nicht.<\/p>\n<p>Dann geht es Richtung Campo de\u2018 Fiori. Auf dem Weg komme ich an Santa Maria sopra Minerva vorbei. Vor der Kirche steht ein von Bernini entworfener Elefant, dem man einen Obelisk auf den R\u00fccken gepackt hat. Was der Elefant bedeutet, ist unklar, und auch, warum er einen \u00fcberproportional langen R\u00fcssel hat. An einer Seite des Platzes steht das Generalhaus der Dominikaner. Dem kehrt der Elefant den Hintern zu. Das soll Bernini getan haben, weil die Dominikaner sich immer wieder in seine Umgestaltung der Kirche eingemischt haben.<\/p>\n<p>Als ich den Campo de\u2018 Fiori endlich gefunden habe, habe ich Hunger, Durst und R\u00fcckenschmerzen. Abseits des Platzes, wo richtiger Nepp herrscht, bekomme ich einen Kaffee und ein riesiges Teilchen.<\/p>\n<p>Interessant ist der Kontrast zwischen den beiden benachbarten Pl\u00e4tzen, Campo de\u2018 Fiori und Piazza Farnese. Der Kontrast k\u00f6nnte nicht gr\u00f6\u00dfer sein. Campo de\u2018 Fiori hat schmale, unregelm\u00e4\u00dfige, h\u00f6he H\u00e4user, eins anders als das andere. In der Mitte ein Markt, der sowohl Einheimische als auch Touristen anlockt. Zu allen Seiten kleine Restaurants und Caf\u00e8s. Der Platz ist voll, voller Menschen, voller Dinge.<\/p>\n<p>Die Piazza Farnese ist das Gegenteil: ruhig, elegant, symmetrisch, mit breiten Pal\u00e4sten zu drei Seiten und Brunnen im Zentrum, ein im Barock angelegten, nicht gewachsenen Platz. Hier verlieren sich zwei, drei elegant gekleidete Gesch\u00e4ftsleute.<\/p>\n<p>Am Campo de\u2018 Fiori suche ich das alte Hotel, kann es aber nicht finden. Ich wei\u00df auch nicht mehr, wie es hei\u00dft. In der Mitte des Platzes steht die Statue von Giordano Bruno, der hier auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Die Statue konnte erst im 19. Jahrhundert errichtet werden, als der Platz nicht mehr zum Kirchenstaat geh\u00f6rte.<\/p>\n<p>Ich mache noch ein paar Schritte, und abseits des Platzes, an einer unregelm\u00e4\u00dfigen Ecke mit unregelm\u00e4\u00dfigen Bauten, und pl\u00f6tzlich f\u00e4llt mein Blick auf das Albergo del Sole. Das war\u2019s. Da ganz oben haben wir gewohnt. Eine Inschrift an der Fassade sagt, dass der Bau urspr\u00fcnglich aus antikem Material gebaut wurde. Aber das war der Vorg\u00e4ngerbau. Der wurde dann irgendwann abgerissen, und es wurde neu gebaut.<\/p>\n<p>Wieder \u00fcber die Piazza Farnese geht es zum Palazzo Spada. Dort gibt es eine Kunstsammlung, aber ich habe nicht die Energie, mir die im Detail anzusehen. Zumal ich der einzige Besucher in der etwas verstaubten Ausstellung ist. Interessant sind vier verschiedene Darstellungen, aus verschiedenen Lebensphasen, des Kardinal Spada. Auf drei Bildern erscheint er mit dem Kardinalsoutfit einschlie\u00dflich Birett, in der Skulptur ohne Birett. Dadurch sieht man, dass er eine aufw\u00e4ndig gestylte Frisur trug, die damals sehr modisch gewesen sein muss. Der Herr Kardinal war nicht gerade uneitel.<\/p>\n<p>Dann gehe ich nach unten und werde in den Innenhof gef\u00fchrt. \u00a0Dort befindet sich das eigentliche Ziel meines Besuchs, Borrominis <em>Perspettiva<\/em>. Borromini hat sie als Verbindung zweier Innenh\u00f6fe angelegt. Es ist ein mit S\u00e4ulen best\u00fcckter Gang mit gew\u00f6lbter Decke, der eine nicht vorhandene L\u00e4nge vort\u00e4uscht und an dessen Ende eine gro\u00dfe Skulptur zu stehen scheint. Tats\u00e4chlich ist der Gang nur neun Meter lang und die Skulptur nur 80 cm hoch. Die optische T\u00e4uschung wird dadurch erzeugt, dass der Boden ansteigt, das Gew\u00f6lbe sinkt, die Abst\u00e4nde zwischen den S\u00e4ulen kleiner werden (was aber nicht so aussieht) und die S\u00e4ulen kleiner werden, von 5,68 bis 2,47. Der Auftraggeber, Kardinal Spada selbst, war begeistert und konnte dem eine philosophische Dimension abgewinnen: Die Dinge sind gro\u00df nur der Erscheinung nach, klein f\u00fcr den, der sie aus der N\u00e4he betrachtet. Das Gro\u00dfe auf der Welt ist nichts anderes als Illusion.<\/p>\n<p>So philosophisch aufgebaut, aber k\u00f6rperlich angegriffen verbringe ich den Rest des Nachmittags auf den Stra\u00dfen des Zentrums, mit der Kamera bewaffnet. Das Wetter ist zun\u00e4chst ganz gut, aber dann kommen wieder so heftige Regenschauer, dass ich mich mit den R\u00f6mern in Hauseing\u00e4nge und unter Arkaden fl\u00fcchten muss.<\/p>\n<p>Als es Abend wird, gehe ich Richtung Hotel, mit dem Vorsatz, utnerwegs irgendwo etwas zu essen. Ich kann mich aber nicht entscheiden und bin auf einmal am Hotel angelangt. Einen Moment lang \u00fcberlege ich, trotz der schlechten Erfahrung wieder in das Caf\u00e9 nebenan zu gehen, entscheide mich aber dagegen und gehe wieder zur\u00fcck. Als ich fast wieder an der Metrostation bin und immer noch kein richtiges Lokal gefunden habe, gehe ich in ein Delikatessengesch\u00e4ft. Dort wird man gut bedient, auch wenn die Atmosph\u00e4re des Ortes nicht gerade einladend ist. Das Essen ist aber gut. Ich trinke auch noch zwei Bier dazu, was die M\u00fcdigkeit perfekt macht. Ich mache mich wieder auf den Weg zum Hotel, und als ich gerade kurz davor bin, sehe ich eine SMS von Adonays, dass sie in einer guten halben Stunde ankommt. Also mache ich mich wieder auf den Weg durch den Regen zum Bahnhof.<\/p>\n<p>Nachdem ich mich tags\u00fcber schon oft genug verlaufen habe, passiert mir das dann noch mal am Bahnhof. Als ich meinen Euro f\u00fcr die Benutzung der Toilette schon eingeworfen habe und durch die Schranke gegangen bin, wird mit durch wildes Winken bedeutet, dass ich hier nichts zu suchen habe: Ich bin auf der Damentoilette gelandet. Bei den M\u00e4nnern muss ich dann nicht nur nochmal bezahlen, sondern auch eine unhygienischere Toilette benutzen.<\/p>\n<p>Zum dem abgelegenen Bahnsteig gelange ich diesmal auf einem ganz anderen Weg. Ich bin v\u00f6llig ersch\u00f6pft, muss aber warten. Und es gibt weit und breit keine Bank. Das ist mir schon im Laufe des Tages aufgefallen, z.B. an der Piazza di Spagna, dass man in Rom damit sparsam umgeht.<\/p>\n<p>Auf dem angek\u00fcndigten Gleis kommt ein Zug, aber es ist nicht der richtige. Wie am Morgen die Motorradfahrer alle uniformiert aussahen, so tun es jetzt die Passagiere. Alle Schwarz in Schwarz.<\/p>\n<p>Dann kommt aber Adonays, gerade in dem Moment, als ich mal wieder den Fahrplan studiere. Sie ist sehr zufrieden mit ihrem Ausflug. Der Weg im Zug nach Civittavecchia, mit Wiesen und K\u00fchen am Wegesrand, hat sie an Kuba erinnert, und bei den Freunden ist sowieso alles wie in Kuba gewesen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13. Februar (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Wie zu erwarten war, ist es am Tag der Abreise sonnig und warm. Es bleibt noch Zeit, zum Gianicolo zu fahren und sich Rom von oben anzusehen. Dem Portier im Hotel zufolge ist es \u201eil posto pi\u00f9 bello di Roma\u201c. Es ist aber m\u00fchsam, dorthin zu gelangen. Jedenfalls braucht man vom Hotel aus drei Busse. Wir m\u00fcssen aber ohnehin vorher unser Gep\u00e4ck am Bahnhof lassen und damit eine andere Route nehmen.<\/p>\n<p>Das Gep\u00e4ck wird durchleuchtet, bevor man es zur Aufbewahrung geben kann. Dann zahlt man f\u00fcnf Euro pro St\u00fcck, ein stolzer Preis.<\/p>\n<p>Vom Bahnhof aus fahren wir mit einem Bus eine ganze Strecke bis auf die andere Tiberseite. Lange sind wir unschl\u00fcssig, wo wir aussteigen m\u00fcssen, und die Stationen werden weder angezeigt noch angesagt, aber dann merken wir, dass der Tiber ohnehin die beste Orientierung ist. An der ersten Haltestelle danach steigen wir aus.<\/p>\n<p>Obwohl man hier noch mal einen Bus nehmen soll, machen wir es einfach zu Fu\u00df. Es ist ein sehr bequemer Weg, den man in kurzer Zeit hinter sich bringt. Man kommt an einer Aussichtsplattform vorbei und dann auf eine noch h\u00f6here Ebene. Die Aussicht ist gut, aber nicht sonderlich sch\u00f6n, jedenfalls nicht so berauschend, wie von verschiedenen Seiten angek\u00fcndigt. Adonays findet den Blick auf Trier vom Petrisberg sch\u00f6ner!<\/p>\n<p>Man kann das Pantheon und die Piazza Navona erkennen. Ansonsten wird das Panorama in erster Linie durch Kuppeln bestimmt. Leider gibt es hier noch nicht einmal irgendwelche Tafeln oder Hinweise, was man so alles vor sich hat. Wir beginnen dann aber mit uns selbst zu hadern, weil wir nicht einmal die Kuppel von St. Peter identifizieren k\u00f6nnen. Verschiedene der Kuppeln kommen in Frage. Das allein zeigt die ungeheure Wirkungskraft, die Michelangelos Kuppel hatte. Erst, als wir schon aufbrechen wollen, merken wir, dass keine der Kuppeln vor uns die von St. Peter ist. Es liegt auf dieser Seite des Tiber und ist nicht Teil des Panoramas. Man kann die Kuppel nur seitlich ein ganz klein wenig durch die B\u00e4ume sehen.<\/p>\n<p>Der Weg, der zum Gianicolo rauff\u00fchrt, hei\u00dft Rampa della Queria, \u201aEichenweg\u2018, aber es gibt keine Eiche weit und breit. Wieder hat man die Schirmakazien vor sich \u2013 wenn es denn welche sind \u2013 die wir auch auf dem Weg zum Hotel gesehen haben.<\/p>\n<p>Der Gianicolo selbst w\u00e4re einen ganzen Tag wert, aber das Flugzeug wartet nicht. F\u00fcr den Weg zum Flughafen nehmen wir diesmal nicht den Zug, sondern den Bus. Und sparen dabei 28 \u20ac! Dann geht es nach Hause, am Ende einer Reise mit einigen Hindernissen, die doch einige Erwartungen offen lie\u00df.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>9. Februar (Sonntag) Nat\u00fcrlich wusste ich, dass meine letzte Rom-Reise schon ein paar Jahre\u00a0 zur\u00fccklag, aber wie lange? Keine Ahnung. Reisenotizen aus der Zeit, wenn es denn jemals welche gab, sind nicht zu finden, h\u00f6chstens ein paar Notizen von einem &hellip; <a href=\"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=4937\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":1155,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4937"}],"collection":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4937"}],"version-history":[{"count":8,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4937\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7735,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/4937\/revisions\/7735"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1155"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4937"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}