{"id":5330,"date":"2014-06-17T15:33:50","date_gmt":"2014-06-17T13:33:50","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=5330"},"modified":"2015-09-21T19:46:14","modified_gmt":"2015-09-21T17:46:14","slug":"nischni-nowgorod-2014","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=5330","title":{"rendered":"Nischni Nowgorod (2014)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">8. Juni (Pfingstsonntag)<\/span><\/p>\n<p>F\u00fcr die Trierer Buchl\u00e4den \u2013 und die deutschen Reisebuchverlage \u2013 scheint Russland nur aus Moskau und Petersburg zu bestehen. \u00dcber Nischni Nowgorod ist jedenfalls nichts zu finden. Dabei scheint es sehr sch\u00f6n zu sein, hat historische Bedeutung als Festungsstadt, Handelsstadt und F\u00fcrstenresidenz und liegt an exponierter Stelle, am Zusammenfluss von Oka und Wolga. Und ist unter dem Namen Gorki, den es zur sowjetischen Zeit trug, auch einigerma\u00dfen bekannt.<\/p>\n<p>Ich selbst war aber auch \u00fcberrascht, als ich erfuhr, dass es Direktfl\u00fcge von Frankfurt nach Nischni Nowgorod gibt.<\/p>\n<p>Der Zusatz <em>nischi<\/em> bedeutet einfach \u201aniedrig\u2018 und unterscheidet Nischni Nowgorod von Weliki Nowgorod, dem \u201eGro\u00dfen\u201c Nowgorod. Das aber viel kleiner ist als Nischni, die eine Millionenstadt und die f\u00fcnftgr\u00f6\u00dfte in Russland ist. Zu ihren Partnerst\u00e4dten geh\u00f6ren Tampere, Essen, Minsk und Matanzas! Es gibt also immer noch russisch-kubanisch Verbindungen.<\/p>\n<p>In Nischni Nowgorod hei\u00dft Nischni Nowgorod nur Nischni. Wie M\u00fcnden in Hannoversch M\u00fcnden. Leuchtet ein. W\u00e4re sonst auch zu kompliziert. Dabei f\u00e4llt allerdings das eigentlich wichtigere Wort, das Wort, das Bezugswort, weg. Das Gegenst\u00fcck zu K\u00f6ln, wo nur das wenig aussagekr\u00e4ftige Bezugswort \u00fcbrig geblieben ist.<\/p>\n<p>Sprachlich ist Nowgorod die russische Schwester von Neustadt, Neuville, Newton, Neapel und Karthago. Alle bedeuten dasselbe.<\/p>\n<p>Wenn ich von meiner geplanten Reise nach Nischni erz\u00e4hle, l\u00f6st das \u00fcberall dieselbe Reaktion aus: Kalt! Tats\u00e4chlich ist heute in Nischni 29\u00b0!<\/p>\n<p>Wegen der schlechten Bahnverbindung geht es mit dem Fernbus nach Frankfurt. Das bedeutet eine lange Wartezeit am Flughafen. Trotz des relativ kurzen Flugs bin ich insgesamt \u00fcber zw\u00f6lf Stunden unterwegs und komme erst in den fr\u00fchen Morgenstunden an. Alexander, \u201emein Mann in Nischni\u201c, will es sich aber nicht nehmen lassen, mich am Flughafen abzuholen. Das machten sie immer so. Da hatte ich keinen Verhandlungsspielraum.<\/p>\n<p>An der Trierer Bushaltestelle warte ich in der Gesellschaft von zwei Eidechsen, die sich, von der Vormittagshitze angezogen, aus ihrem Versteck gekommen sind und sich in der Sonne baden. Sie umschlingen sich und reiben sich aneinander und f\u00fcgen der Hitze noch ein bisschen K\u00f6rperw\u00e4rme hinzu. Sch\u00f6n warm.<\/p>\n<p>Beim Fernbus stehen noch Passiergere ohne Fahrkarte. Keine Chance. Ab Kaiserslautern ist der Bus bis auf den letzten Platz gef\u00fcllt.<\/p>\n<p>Die Frau neben mir, eine Triererin aus Berlin, f\u00e4hrt bis nach Berlin. Sie war auf Heimaturlaub. Die Aussicht der langen Fahrt scheint sie nicht zu begeistern. Insgesamt zw\u00f6lf Stunden, sagt sie mir. Bis nach Frankfurt vergeht die Zeit dagegen mit Lekt\u00fcre wie im Flug.<\/p>\n<p>Die Lekt\u00fcre ist sogar mit Erkenntnisgewinn verbunden. Im Deutschen manipulieren wir unsere W\u00f6rter durch Endungen. Wir f\u00fcgen etwas hinzu und geben dem Wort seine grammatische Bestimmung. Aus Schritt wird Schritte, aus Singular wird Plural, aus macht wird machte, aus Gegenwart wird Vergangenheit. Manchmal machen wir es aber anders. Wir \u00e4ndern den Stammvokal. Aus Vogel wird V\u00f6gel, aus wachsen wird wuchsen. So funktioniert es, grob gesprochen, im Hebr\u00e4ischen. Der Konsonantenstamm ist immer gleich. Er gibt die Bedeutung an. So bedeutet s-b-t ausruhen. Die Vokalkombination a + a bedeutet \u201aVergangenheit\u2018. Er ruhte aus hei\u00dft also sabat &gt; Sabbat!<\/p>\n<p>Als wir in Frankfurt ankommen, sind wir bei 33\u00b0. Der hei\u00dfeste Tag des Jahres. Und wieder geht es in einen Bus. Den Shuttlebus zum anderen Terminal. Gott sei Dank kann man in Schatten warten. Es ist viel Betrieb am Flughafen. Autos und Menschen dr\u00e4ngen sich \u00fcberall nach vorne. Ich habe so viel Zeit, dass ich auf den g\u00fcnstigen Zeitpunkt warten kann.<\/p>\n<p>Im Shuttlebus gibt es dann durch die Lautsprecher die standardisierten H\u00f6flichkeitsfloskeln, die \u00fcberhaupt schon nicht viel bedeuten, aber am Flughafen besonders unpassend erscheinen: \u201eWir w\u00fcnschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt am Frankfurter Flughafen\u201c. Flugh\u00e4fen sind Orte, von denen man eigentlich nur eins will: weg.<\/p>\n<p>Mir steht aber noch ein echter Aufenthalt bevor. Mit Zeitung und Kaffee ziehe ich mich in den hintersten Winkel des Flughafens zur\u00fcck. Ich lese, dass in Amsterdam ein Restaurant er\u00f6ffnet worden ist, dass nur Einzeltische hat. Eigens f\u00fcr Alleinreisende. Damit die nicht immer an den Katzentisch m\u00fcssen. Pech gehabt, wenn man auch hier an den Katzentisch kommt.<\/p>\n<p>In der Forschung wird mehr Geld zur Bek\u00e4mpfung des Haarausfalls investiert als in die Bek\u00e4mpfung der Malaria. Weltweit. Alles der m\u00e4nnlichen Eitelkeit zuliebe.<\/p>\n<p>In jedem Zeitungsteil ist von Brasilien und der bevorstehenden WM die Rede. Von den Protesten gegen die WM, die die schlechte Infrastruktur beklagen und die hohen Kosten. Man solle besser f\u00fcr Schulen und Krankenh\u00e4user, f\u00fcr Stra\u00dfen und Schienen sorgen. Alles sehr berechtigte Anliegen, aber an einer Stelle hei\u00dft es auch: Daran w\u00fcrde ich auch nichts \u00e4ndern, wenn es die WM nicht g\u00e4be. Besonders beklagt wird der teure Stadionbau in Manaus, mitten im Regenwald. Was soll man da mit einem Stadion, dessen Erstellung teuer war und dessen Aufrechterhaltung auch teuer sein wird. Andererseits: Soll man ganze Teile des Landes ganz ausschlie\u00dfen? Was ist \u00fcberhaupt aus den Stadien in S\u00fcdafrika geworden? Bei denen wurden vor vier Jahren die gleichen Argumente gebraucht. Aber nach der WM scheint sich niemand mehr daf\u00fcr zu interessieren.<\/p>\n<p>In einem Interview erz\u00e4hlt ein ehemaliger deutscher Kindersoldat von seinen Erlebnissen im 2. Weltkrieg. Wie begeistert sie waren. Es gab Sammelbilder, eins pro Zigarettenpackung. Man bettelte bei den Erwachsenen, ob man die Bilder bekommen k\u00f6nnte. Man beobachtete abgeschossene Piloten im Fallschirm am Himmel. Man sammelte am n\u00e4chsten Morgen Und man hoffte, dass der Alarm in der Nacht l\u00e4nger als drei Sekunden dauern w\u00fcrde. Dann gab es am n\u00e4chsten Tag schulfrei.<\/p>\n<p>Dann habe ich noch Zeit f\u00fcr die Lekt\u00fcre einer Kurzgeschichte von Stevenson, die mir ein Freund vom Lauftreff vor einiger Zeit als \u201eHausaufgabe\u201c mitgegeben hat. Ich solle mir das doch mal ansehen. Er komme damit als Laie nicht zurecht. Das kann ich nach der Lekt\u00fcre allerdings verstehen. In der Geschichte geht es um einen alten schottischen Geistlichen, einen Presbyterianer, und ein geheimnisumwobenes, f\u00fcnfzig Jahre zur\u00fcckliegendes Ereignis aus der Zeit, als er als junger Geistlicher in diese gottverlorene Gegend in der schottischen Heide \u2013 so verstehe ich jedenfalls <em>moorland<\/em> hier \u2013 kommt. Einbildung und Wirklichkeit, Geschichte und Legende vermischen sich. Es geht u.a. um eine Frau, die er gegen die Vorw\u00fcrfe der Dorfbewohner, sie sei eine Hexe, tapfer verteidigt, um einen Schwarzen \u2013 eine nie dagewesen Erscheinung \u2013 die eines Nachts auf dem Friedhof des Ortes auftaucht und um den r\u00e4tselhaften Tod dieser Frau, die erst an einem einzigen Nagel und einem einzigen Faden aufgeh\u00e4ngt tot vorgefunden wird und dann pl\u00f6tzlich wieder zum Leben ersteht und schlie\u00dflich von dem mutigen Pfarrer in das Reich der Geister vertrieben wird. Nur ganz selten, wenn sie einen \u00fcber den Durst getrunken haben, erz\u00e4hlen die alten Dorfbewohner in der Dorfkneipe von damals. Und genau das ist das Problem, denn sie sprechen schottisches Englisch, oder das, was Stevensons Versuch ist, das mit den Mitteln der Standardsprache widerzugeben. Das bedeutet, dass typisch schottische W\u00f6rter auftauchen wie <em>bairn<\/em> f\u00fcr <em>child<\/em>, (schwedisch <em>barn<\/em>!), <em>kirk<\/em> f\u00fcr <em>church<\/em>, <em>aye<\/em> f\u00fcr <em>yes<\/em>, <em>ken<\/em> f\u00fcr <em>know<\/em> und das merkw\u00fcrdig regelm\u00e4\u00dfige <em>gaed<\/em> f\u00fcr <em>went<\/em>, aber auch die Umschreibung schottischer Aussprachevarianten durch <em>mair<\/em> f\u00fcr <em>more<\/em>, <em>sae<\/em> f\u00fcr <em>so<\/em>, <em>ain<\/em> f\u00fcr <em>own<\/em>, <em>een<\/em> f\u00fcr <em>eyes<\/em>, <em>guid<\/em> for <em>good<\/em>, <em>sic<\/em> f\u00fcr <em>such<\/em>. Ganz sch\u00f6n kompliziert, daran kann sich auch jemand die Z\u00e4hne ausbei\u00dfen, der regelm\u00e4\u00dfig englische Texte liest.<\/p>\n<p>Als der Flug endlich aufgerufen wird, hat sich der Flughafen weitgehend geleert. Das Flugzeug ist h\u00f6chstens zu einem Drittel besetzt. Beide Pl\u00e4tze zu meiner Seite sind frei. Es geht \u00fcber Berlin, Danzig, Kaunas, Vilnius, Minsk und Moskau nach Nischni. Der Flug dauert gut drei Stunden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des gesamten Flugs wird es nicht ganz dunkel, und lange haben wir einen permanenten Sonnenuntergang, einen l\u00e4nglichen feuerroten Streifen mit gelben Fransen unter einem hellblauen und \u00fcber einem schwarzen Streifen.<\/p>\n<p>Im Flugzeug werden sonst immer die Einreiseformulare verteilt, aber diesmal hat die Lufthansa keine bekommen von den russischen Beh\u00f6rden. Das m\u00fcsse man dann vor Ort machen.<\/p>\n<p>Als wir in Nischni ankommen, ist es immer noch 18\u00b0, und das, obwohl es schon drei Uhr in der Fr\u00fche ist.<\/p>\n<p>Wir sind nur ein paar Handvoll Passagiere, nur die von unserem Flug, aber auch so f\u00fcllen wir die kleine Wartehalle fast ganz aus. Schilder gibt es hier nur auf Russisch, und an der Wand h\u00e4ngen zehn dicht beschriebene Seiten mit Verordnungen. Aber in welche Schlange man sich stellen soll, ist kaum herauszufinden. Es geht nur langsam vorw\u00e4rts, und dann m\u00fcssen wir wieder aus der Schlange heraus, um die Einreiseformulare auszuf\u00fcllen. Davon gibt es aber keine mehr. Ein paar Passagiere haben noch eins erwischt, der Rest von uns steht rum wie Falschgeld. Es wird beratschlagt, was man machen kann. Einige zweisprachige \u00e4ltere russische Damen versuchen zu erkl\u00e4ren, aber eine L\u00f6sung haben sie auch nicht. Inzwischen wird eins der Kontrollh\u00e4uschen mit \u00a0Get\u00f6se wieder geschlossen und die Wartenden in eine andere Schlange verwiesen. Ich entscheide, mich einfach wieder in die Schlange zu stellen. Als ich fast dran bin, kommt eine uniformierte junge Frau mit den Formularen. Sie sehen aus die Relikte aus der Sowjetzeit, schlechtes Papier, winzige Schreibfelder, kaum lesbare Schrift.<\/p>\n<p>Dann kommt die \u00dcberpr\u00fcfung. Die Kontrollh\u00e4uschen gleichen denen auf Kuba eins zu eins.\u00a0 Oder umgekehrt. Wohl ein sowjetischer Exportartikel. Auch die \u00dcberpr\u00fcfung geht genauso anonym und umst\u00e4ndlich vor sich. Am Ender erh\u00e4lt man den einen Teil des Formulars wieder zur\u00fcck. Den muss man bei der Ausreise unbedingt wieder vorlegen. Auch genauso wie in Kuba.<\/p>\n<p>Dann kommt der sch\u00f6ne Moment, von man an unbekanntem Ort von einem Bekannten Empfang genommen wird. Alexander ist da, zusammen mit seiner Tochter Luba, der kleinen Schwester von Maria, die ich in Portland kennen gelernt habe, der \u201eitalienischen\u201c Tochter, deren Apartment verweist ist und das mir zur Verf\u00fcgung gestellt wird.<\/p>\n<p>Luba \u00fcbernimmt das Chauffieren. Sie hat einen modernen Ford und f\u00e4hrt ganz souver\u00e4n. \u00dcber v\u00f6llig menschenleere Stra\u00dfen geht es \u00fcber eine breite, unendliche Stra\u00dfe, vorbei an Gesch\u00e4ften und Lokalen, die aus unerfindlichen Gr\u00fcnden 24 Stunden am Tag ge\u00f6ffnet sind, Richtung Zentrum. Die meisten haben internationale Unternehmen, au\u00dfer McDonalds u.a. Ikea und Obi.<\/p>\n<p>Als Nischni noch Gorki hie\u00df, war es eine geschlossene Stadt, d.h. eine v\u00f6llig abgeschlossene Stadt, in die Ausl\u00e4nder nicht rein und aus der sie vor allem nicht raus durften. Ausl\u00e4ndische Wissenschaftler und Lehrer wurden teils mit wilden Versprechungen angeworben, dann aber nicht mehr weggelassen. Alexander hat einige von ihnen noch als Student erlebt. Kompetente Kr\u00e4fte, die auch nicht unbedingt ungl\u00fccklich waren, sich aber nat\u00fcrlich eingeschlossen f\u00fchlten \u2013 und es auch waren.<\/p>\n<p>In das Haus geht es durch eine schwere Eisent\u00fcr, die wie der Zugang zu einem Warenhaus aussieht. Dann geht es \u00fcber eine dunkle Marmortreppe, an deren Rand nur schattenhaft zerbeulte Briefk\u00e4sten zu erkennen sind, und wieder stehen wir vor einer schweren Eisent\u00fcr, mit einer dicken Polsterung auf der Innenseite. Die f\u00fchrt in das Apartment. Das ist ger\u00e4umig, mit einem wilden Mischmasch aus M\u00f6bel, Einrichtungsgegenst\u00e4nden und Krimskrams vollgestopft. Schwere, rote Holzdielen und PVC, kitschige Souvenirs und Photos, wei\u00df bemalte Holzt\u00fcren, Schr\u00e4nke mit dem Schick der 50er Jahre, eine mit einer bestickten Decke ausgestattetem Sessel, der der Dekoration dient, und kaum ein Pl\u00e4tzchen, an dem man seine pers\u00f6nlichen Dinge parken kann, geschweige denn, wo man seine Koffer ausbreiten kann. Alexander weist mich in alles ein. Er hat eingekauft wie ein Weltmeister. Alles ist vorhanden, sogar Bier, obwohl er selbst gar keins trinkt, wie mir in Erinnerung geblieben ist. Er hat das Apartment sogar extra geputzt, ist allerdings zu der Erkenntnis gekommen, dass die Arbeit als Putzkraft nicht das Zeug hat, zu seinem Lieblingsberuf zu werden.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">9. Juni (Pfingstmontag)<\/span><\/p>\n<p>Der Verkehr von der Stra\u00dfe r\u00fcttelt an den schweren Fenstern der Wohnung, Doppelfenstern aus Holz, und der dr\u00f6hnende Autol\u00e4rm kommt durch die kleinen Oberlichter der Fenster. Dass ich trotzdem bisher geschlafen habe, zeigt, dass ich es n\u00f6tig hatte. Jedenfalls ist Pfingstmontag hier definitiv kein Feiertag. Das scheint mir ohnehin eine sehr deutsche Erfindung zu sein. Sehr russisch sind dagegen die Oberlichter. Die haben in jedem zweiten russischen Roman ihren Auftritt, auch im Winter, wenn sie die einzige M\u00f6glichkeit sind, f\u00fcr Frischluftzufuhr zu sorgen.<\/p>\n<p>Das erste, was ich beim Blick auf die Stra\u00dfe sehe, ist ein Trolleybus. Auch sehr russisch. Es ist stark bew\u00f6lkt, aber warm. Die Menschen laufen auffallend schnell in ganz sommerlicher, legere Kleidung \u00fcber den B\u00fcrgersteig. Die Privatwagen scheinen alle aus neuerer westlicher Produktion zu stammen, die Busse scheinen alle noch aus der Sowjetzeit zu stammen.<\/p>\n<p>Bei meiner ersten selbst\u00e4ndigen Aktion verbrenne ich mir gleich die Finger. Am Wasserkessel beim Teekochen. Daf\u00fcr bekomme ich das Wasser der Dusche nicht warm. Obwohl Alexander mich eingewiesen hat. \u00a0Dagegen bekomme ich den Gasherd im zweiten Versuch an.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich in der vollgestopften K\u00fcche sitze und mich umsehe, wird es immer schw\u00fcler. Dann wird es drau\u00dfen dunkler. Die ersten Regentropfen fallen, k\u00fchle Luftst\u00f6\u00dfe kommen in die Wohnung, und dann f\u00e4ngt es an zu donnern. Dann wird es dunkel, dunkler als in der Nacht, und dann geht es los. Heftiger, dichter Regen, mit schweren Regentropfen.<\/p>\n<p>Inzwischen habe ich mir die Schlappen geschnappt, die am Eingang stehen. Gestern habe ich gleich den Fauxpas begangen, die Wohnung mit Schuhen zu betreten. Das macht man in Russland nicht. Alexander hat gro\u00dfz\u00fcgig dar\u00fcber hinweggesehen.<\/p>\n<p>Als Alexander kommt, hat der Regen aufgeh\u00f6rt. Zur Orientierung erfahre ich gleich au\u00dferhalb des Hauses Folgendes: Es gibt drei gro\u00dfe Pl\u00e4tze: Svoboda, Minin und Gorkij. Sie bilden eine Art Dreieck. Svoboda, der Freiheitsplatz, ist gleich in unserer N\u00e4he. Von dort f\u00fchrt die Gorki Stra\u00dfe schnurstracks zum Gorki Platz, benannt nach dem Dichter, der hier geboren wurde. Von dort f\u00fchrt die Prokrovskaja ebenso schnurstracks zum Kreml und zu dem davorliegenden Minin Platz. Der erinnert an eine Legende, die Teil des kollektiven Bewusstseins von Nischni ist. Von der Legende habe ich schon in Portland geh\u00f6rt. Alexander zufolge spielte Graf ??? die entscheidende Rolle bei dme Ereignis, aber das zu sowjetischer Zeit nicht sein durfte, gab man einem einfachen Bauern, Minin, die Rolle des Protagonisten.<\/p>\n<p>Ich erfahre auch, dass Sacharow, bevor er ins Exil ging, hier in Nischni unter Hausarrest stand.<\/p>\n<p>Wir gehen \u00fcber die gesichtslose Gorki Street und betreten ein Postamt. Dort sitzen lauter alte Leute und warten darauf, dranzukommen. Sie zahlen hier ihre Miete und Strom und Wasser. Das geht auch bargeldlos, aber, Alexander zufolge, bevorzugen die alten Leute die traditionelle Form, erstens um des Kontakt willens und zweitens, um sich \u00fcber die umst\u00e4ndliche B\u00fcrokratie beschweren zu k\u00f6nnen. Das Ganze sieht wie kapitalistisch aufgepeppter Kommunismus aus, eine merkw\u00fcrdige Mischung. Alexander holt hier eine Sendung ab.<\/p>\n<p>Dann geht es zu einem zweiten Postamt, gr\u00f6\u00dfer und etwas moderner. Alexander erweist sich als Gro\u00dfmeister der Organisation. Es geht darum, dass Ausl\u00e4nder, die mit einem Touristenvisum einreisen, sich innerhalb von drei Tagen bei den Beh\u00f6rden melden m\u00fcssen. Fr\u00fcher musste man zur Einwanderungsstelle, eine zeitraubende und dem\u00fctigende Aktion. Heute gibt es Alternativen. Dazu geht die Post. Hier werden alle Unterlagen gepr\u00fcft, abgestempelt, in einen Umschlag gesteckt und der Einwanderungsbeh\u00f6rde zugeschickt. Alexander ist bestens vorbereitet, hat verschiedene Formulare ausgef\u00fcllt, Wertmarken besorgt, Kopien angefertigt. Nicht auszudenken, wenn ich alleine davor gestanden h\u00e4tte. Er wei\u00df au\u00dferdem die eher brummigen Beamtinnen gut zu nehmen, und die werden unter seinem Charme zu Wachs.<\/p>\n<p>Alle Beamtinnen sind jung, weiblich, gutaussehend und modisch gekleidet, sehr feminin. Man hat fast den Eindruck, das werde bei der Einstellung ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p>Wir verlassen triumphierend das Geb\u00e4ude und kommen auf die Pokrovskaja, benannt, wenn ich das richtig verstehe, nach Mariens Kleidern. An dieser Stra\u00dfe stand fr\u00fcher die Kirche dieses Namens. Die Pokrovskaja ist die zentrale Fu\u00dfg\u00e4ngerstra\u00dfe, eine breite, gerade verlaufende Stra\u00dfe mit historischen Geb\u00e4uden und Lokalen, internationale Ketten und einheimische Betriebe. Ich frage nach einer Kirche und es stellt sich heraus, dass das keine Kirche, sondern die Russische Staatsbank ist. Irgendwann kommen wir an einem aus der Sowjetzeit stammenden Geb\u00e4ude. Dort sa\u00df fr\u00fcher der KGB, heute von einer Organisation abgel\u00f6st, die einen weniger furchteinfl\u00f6\u00dfenden Namen tr\u00e4gt, aber sich im Prinzip derselben Aufgabe verschreibt.<\/p>\n<p>Am Stra\u00dfenrand liegt das Berjoska Caf\u00e8, benannt nach einem Tanz, bei dem man lange, traditionelle Kleider tr\u00e4gt und sich bewegt, indem man ganz kleine Schritte macht, so dass der Betrachter Bewegung sieht, nicht aber die sich bewegenden F\u00fc\u00dfe. Es muss so aussehen, als w\u00fcrden die Figuren von einer geheimnisvollen Kraft bewegt, ohne eigenen Antrieb. Hier zeigt sich Alexander wieder einmal genial: Er sieht das als Chiffre f\u00fcr Luba und Sascha. So bewegten die sich durchs Leben.<\/p>\n<p>Wir machen ein paar Versuche, Geld abzuheben, aber alle scheitern. Das besch\u00e4ftigt uns den Rest des Vormittags. Am Ende werde ich wohl etwas ungeduldig. Ich kann nicht verstehen, warum das, was in Marokko und in der Dominikanischen Republik geht, hier nicht gehen soll. Sobald man nach Geldabheben fragt, wird man argw\u00f6hnisch angesehen. Man muss Geldkarte und Pass vorzeigen, dann wird einem eine Nummer zugeteilt und man muss Schlange stehen. Am Ende bin ich es leid und tausche einfach mein bisschen Bargeld in Rubel ein. Das geht. Wir sind gerade in der hochmodernen Zentrale einer Bank, wo es \u00fcberall vor Elektronik nur so wimmelt. Trotzdem ist auch hier der Versuch gescheitert, den Automaten Geld zu entlocken. F\u00fcr\u00a0 200 Euro gibt es knapp 10.000 Rubel. Etwas genauer gerechnet, sind 45 Rubel ungef\u00e4hr ein Euro.<\/p>\n<p>Als wir in einer der Warteschlangen stehen, wird Alexander von einer eleganten Dame mittleren Alters angesprochen. Sp\u00e4ter erkl\u00e4rt er mir, das sei eine ehemalige Sekret\u00e4rin gewesen. Er hat sie aber nach all den Jahren nicht mehr erkannt. Sie ihn wohl.<\/p>\n<p>Die Jagd nach Geld wird unterbrochen von einem sehr guten Kaffee mit Eclair in einem \u00fcberdachten Lokal am Ende der Prokrasnaja. Ich bin sehr damit einverstanden, nur eine Kleinigkeit zu essen. Heute Abend gibt es ein gro\u00dfes Abendessen bei Alexander, mit zwei Kollegen, einen aus der Romanistik, einen aus der Germanistik als weiteren G\u00e4sten. Luba hat, wie ich zu meinem Entsetzen erfahre, extra frei genommen und es sich nicht nehmen lassen, selbst zu kochen. Auch ihr Ehemann wird dabei sein. Er ist Polizist, aber wohl bei der Kripo, wenn ich das richtig verstehe. Mitten im Leben. Alexander hat sich am Anfang gewundert, wenn der schon mal abends zwei Stunden unter der Dusche steht. Er reinigt sich von all dem Dreck des wirklichen Lebens, sozusagen. Er hat Jura studiert, aber keinen angemessenen Posten gefunden.<\/p>\n<p>Alexander erz\u00e4hlt mir, wie sie in einer Blitzaktion vor ein paar Jahren das Apartment gekauft haben, als die Preise im Keller waren. Er berichtet auch, dass die meisten Russen versuchen, mit 65 weiterzuarbeiten, da man als Rentner erstens nicht gut versorgt ist und zweitens wie der Abschaum der Gesellschaft behandelt wird. Man kann, je nach Arbeitsplatz, bis 70 arbeiten, aber dann ist endg\u00fcltig Schluss. Er selbst findet das Verh\u00e4ltnis zu den Studenten auch schwierig. Er werde immer kritischer. Die Neuordnung der Studieng\u00e4nge hat die Lage auch nicht einfacher gemacht. Da die Studenten hier Geb\u00fchren zahlen, haben sie\u00a0 an ihrer Universit\u00e4t nicht viele Master-Studenten. Das kommt als weiteres Problem hinzu.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehen wir am Stra\u00dfenrand B\u00e4uerinnen, die Erdbeeren verkaufen. Alexander erkundigt sich nach dem Preis. Die werden noch billiger, die Hochsaison steht noch bevor. Es gibt normale Erdbeeren, aber auch ganz kleine, vielleicht Walderdbeeren. Die B\u00e4uerinnen bessern sich mit dieser Arbeit die Kasse auf. Das scheint legal zu sein.<\/p>\n<p>Am Abend werde ich abgeholt zum Abendessen bei Alexander. Der hat zwei Kolleginnen eingeladen, eine \u201efranz\u00f6sische\u201c und eine \u201edeutsche\u201c. Beide sind f\u00fcllige russische Damen und hei\u00dfen beide Tatjana, Tatjana Petrowna, F und Tatjana Iwanowa (D). \u00a0Wenn man zwischen zwei Frauen gleichen Namens sitzt, hat man einen Wunsch frei, hei\u00dft es in Russland.<\/p>\n<p>Die Wohnung ist unglaublich vollgestopft. Die B\u00fccher passen kaum in die Regale, aber \u00fcber, neben und vor ihnen stehen und h\u00e4ngen noch Porzellantiere, afrikanische Masken, Audiokassetten, Ikonen, k\u00fcnstliche Blumen, ein Staubwedel, eine US-Flagge, ein gl\u00e4serner Eifelturm, ein Gummiball.<\/p>\n<p>Es gibt leckeres Essen. Jede Speise wird im Detail erkl\u00e4rt. Die Portionen sind klein und die Gerichte werden auf winzigen Tellern serviert. Aber es gibt so viele Gerichte, dass man mehr als satt wird. Auch Getr\u00e4nke gibt es in Vielfalt, von Champagner (mit Ananas und einem literarischen Zitat serviert) \u00fcber Rotwein und einen Digestiv bis zu Orangensaft und einem selbstgemachten Saft mit Fr\u00fcchten aus der Datscha bis zu einem leckeren, milden Tee, der in einem Glasbeh\u00e4lter mit Kornblumen konserviert wird. Es wird aber m\u00e4\u00dfig getrunken. Vorauseilend hat man mir aber schon erkl\u00e4rt, dass mit der russischen S\u00e4uferei sei ein Vorurteil.<\/p>\n<p>Wie immer in Russland, muss st\u00e4ndig auf irgendwen und irgendwas angesto\u00dfen werden. F\u00fcr solche Gelegenheiten halte ich mir immer das neutrale Auf die Freundschaft parat, aber es ist schon vergeben und ich proste \u201eAuf Russland\u201c. Nach einer kleinen Verz\u00f6gerungspause wird das auch gerne angenommen.<\/p>\n<p>Die deutsche Tatjana hat ihre Doktorarbeit \u00fcber negativ besetzte Verben im Deutschen geschrieben. Davon gebe es viel mehr als positiv besetzte, und das sei wohl in allen Sprachen so. Das Deutsche habe aber viel weniger syntaktische M\u00f6glichkeiten der Differenzierung als das Russische, sagt sie. Ich frage mich, wie man so etwas nachweisen kann und ob ich einem Gast in einem vergleichbaren Fall die Defizite seiner eigenen Sprache vor Augen f\u00fchren w\u00fcrde, aber das Gespr\u00e4ch geht schon weiter. Alexander erkl\u00e4rt, dass eine k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichte Studie ergeben habe, in Telefongespr\u00e4chen w\u00fcrden zu 90% negative W\u00f6rter benutzt. Wie genau man das herausgefunden hat, bleibt allerdings offen. Vorstellen kann man sich das aber. Wir meckern eher als das wir loben.<\/p>\n<p>Die franz\u00f6sische Tatjana hat drei Jahre in Algerien gelebt, gerade zu einer Zeit, als sich das Land immer mehr kulturell von Frankreich abwandte. Da h\u00e4tten sie als Russen einen guten Stand gehabt, sagt sie.<\/p>\n<p>Die deutsche Tatjana hat keinerlei Kontakte zur DDR gehabt, hat jetzt aber Kontakte nach Essen, der Partnerstadt Nischnis, wo sie schon ein paar Mal gewesen ist. Von Oberhausen hat sie noch nie was geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Essens kommt auch Lubas Ehemann, der Mann von der Kripo, dazu. Er ist still und zur\u00fcckhaltend und der einzige, der keine Fremdsprache kann. Luba ist mit ihren Eltern als achtj\u00e4hriges M\u00e4dchen nach Washington gegangen, als Alexander dort das Fulbright-Stipendium hatte. Das fand sie wunderbar. Obwohl sie ins kalte Wasser geworfen wurde und von einem Tag auf den anderen, ohne Englischkenntnisse, in Amerika zur Schule ging. Heute ist sie Englischlehrerin.<\/p>\n<p>Ohne mein Zutun kommt die Rede dann doch noch auf Putin und die Krim. Die Aktion sei ein Meisterst\u00fcck gewesen, kurz entschlossen, erfolgreich, gewaltlos.<\/p>\n<p>Ohne direkt angesprochen zu werden, erfahre ich auch noch, was in den n\u00e4chsten Tagen noch auf mich zukommt: Ballett, Oper und Klavierabend. Mehr als ich sonst in einem ganzen Jahr \u00fcber mich ergehen lasse. Dazu kommt noch ein ganzes B\u00fcndel an Veranstaltungen am 12. Juni, dem russischen Nationalfeiertag und dem Stadtfest Nischni Nowgorods. Dabei darf ich mir auf keinen Fall das Feuerwerk entgehen lassen. Dass man Feuerwerk<\/p>\n<p>Was Aktivit\u00e4ten in Nischni angeht, ist von einer Seilbahnfahrt und einer Bootsfahrt die Rede. Auch das scheint Alexander schon auf der Rechnung zu haben.<\/p>\n<p>Als Luba die beiden Tatjanas nach Hause f\u00e4hrt, wird Alexander bei einem Absacker nachdenklich. Er werde immer mehr zum Eremiten. Nach der Devise: Seitdem ich die Menschen kenne, wei\u00df ich die Hunde zu sch\u00e4tzen. Ich empfinde gleichzeitig Bedauern und Verst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p>Dann muss die arme Luba auch noch mich nach Hause bringen. Ihr Mann f\u00e4hrt mit, und wir versuchen, mit Lubas Hilfe, ein paar S\u00e4tze Russisch miteinander auszutauschen. Das geht mehr schlecht als recht. Als ich USA sagen will, kommt Stati Uniti dabei raus. Er will wissen, ob die Stra\u00dfen in Deutschland besser seien als in Russland. Die beste Antwort, die mir darauf einf\u00e4llt, ist: Einige ja, andere nein. Aber diese Antwort f\u00e4llt mir erst zu Hause ein, als es l\u00e4ngst zu sp\u00e4t ist.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">10. Juni (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Der Tag ist davon \u00fcberschattet, dass ich am Abend ins Ballett muss. Beim Fr\u00fchst\u00fcck habe ich genug Zeit, um mir zu vergegenw\u00e4rtigen, wann das zum letzten Mal der Fall war: 1982! Und zwar in Moskau! Irgendwann habe ich mal am Fernsehen ein Interview mit einem jungen Mann gesehen, der berichtete, dass Ballettt\u00e4nzer zu werden schon als Kind sein Traum war. ER habe immer nur eins gewollt: Tanzen, Tanzen, Tanzen. Wie das in den Kopf eines Jungen kommen kann, ist mir ein R\u00e4tsel.<\/p>\n<p>Der Tag l\u00e4sst sich aber gut an. Es ist leicht bew\u00f6lkt und m\u00e4\u00dfig warm, so um die 20\u00b0, und gar nicht mehr schw\u00fcl. Ideales Wetter f\u00fcr eine Stadterkundung.<\/p>\n<p>In der Varvarskaja verlege ich mich darauf, fremde Eigennamen zu entziffern. Das macht immer Spa\u00df: Cafe Ramses, Ayurveda. Und dann die deutschen Lehnw\u00f6rter: Feuerwerk, Schlagbaum und Parickmacherskaja!<\/p>\n<p>Ich komme an einer kleinen Kirche vorbei, habe aber keinen Mut reinzugehen. Nur ein kleiner Spalt der winzigen T\u00fcr ist offen, und ich habe eine kurze Hose angezogen. Keine guten Bedingungen. \u00dcber dem Eingang ist eine Inschrift ins Mauerwerk eingebracht, in Altkirchenslawisch. Einzelne der darin verwendeten Buchstaben tauchen jetzt in moderner Werbung wieder auf, als Hingucker.<\/p>\n<p>An jeder Ecke gibt es die kleinen Kioske, an denen Blumen verkauft werden. Sehr russisch. Ich kann mich an die Spanier erinnern, die mit Befremden feststellten, dass in Russland M\u00e4nner mit einem Blumenstrau\u00df \u00fcber die Stra\u00dfe gingen.<\/p>\n<p>Die Varvarskaja f\u00fchrt direkt auf einen Eingang zum Kreml zu, einem breiten Turm aus Ziegeln mit einem Dreieck aus gr\u00fcnen, leuchtenden Ziegeln als Bekr\u00f6nung. An dem Turm h\u00e4ngt ein Banner, dass der bevorstehenden Feiertag ank\u00fcndigt, den 12. Juni: Tag Russlands, Tag der Stadt.<\/p>\n<p>Schr\u00e4g davor ein kleiner Park, mit einem Denkmal f\u00fcr Minin, den Helden Nischnis, im Zentrum. Er blickt in eine Richtung und weist mit der Hand in die andere Richtung. Au\u00dferdem tr\u00e4gt er einen langen Bauernrock. Ich halte ihn deshalb f\u00e4lschlicherweise f\u00fcr den Bauern, der, der Legende nach, die angreifenden polnischen und litauischen Truppen, die ihm nach den Weg fragten, in die falsche Richtung und in den tiefsten Wald schickte und so unter Aufopferung des eigenen Lebens die Stadt rettete. Das stellt sich aber als Irrtum heraus.<\/p>\n<p>Von hier aus f\u00fchrt eine breite, kaum befahrene, leicht ansteigende Stra\u00dfe auf ein anderes Monument zu, das am oberen Ende der Stra\u00dfe liegt. Es ist das Monument f\u00fcr einen Piloten, der wohl als erster den Nordpol auf dem Weg nach Amerika \u00fcberflog. Er tr\u00e4gt klobige Stiefel und eine Uniform, die dazu passt und sieht Richtung Himmel. Das Denkmal wurde 1940, zwei Jahre nach seinem Tod, errichtet. Am Pedestal ist die Karte des Flugs zu sehen. Durch ein Versehen oder einen Schaden landete Chkalow nicht in Vancouver, Kanada, sondern in Vancouver, Washington.<\/p>\n<p>Hinter dem Denkmal, man ahnt es schon aus der Ferne, kommt dann Wasser in Sicht, ein breiter Fluss. Aber: welcher? Wenn ich die Zeichnung in dem Skizzenbuch von Alexander richtig verstehe, ist es die Oka. Links von hier, hinter der Biegung und durch die Kremlmauern und den H\u00fcgel kaum einzusehen, kommt die Wolga zum Vorschein. Die flie\u00dft dann, mit der Oka vereinigt, nach links hin weiter. Am Flussufer sieht man gleichf\u00f6rmige Hochh\u00e4user, in der anderen Richtung Hafenkr\u00e4ne oder \u00d6lbeh\u00e4lter, und nach vorne hin eine gr\u00fcne, l\u00e4ngliche Insel und dahinter das andere Flussufer, ebenfalls gr\u00fcn.<\/p>\n<p>Hier oben zeigt sich Nischni zum ersten Mal als touristischer Ort. Reisef\u00fchrer laufen mit kleinen Gruppen umher, vor uns liegt ein Ausflugsschiff, Menschen posieren vor der Aussicht. Die Touristen sind ausschlie\u00dflich Russen. Eine touristische Infrastruktur scheint es nicht zu geben. Ich habe bisher noch nicht einmal einen Stadtplan ergattert.<\/p>\n<p>Es geht dann \u00fcber eine lange, breite, oben doppell\u00e4ufige Treppe runter ans Flussufer. Die Treppe sieht wie aus einem Barockschloss kommend aus, wurde aber erst zur Feier des Siegs von Stalingrad errichtet. Folgerichtig f\u00fchrt sie auf ein am Flussufer wie auf einem Podest pr\u00e4sentiertes Kriegsschiff zu, einen Cutter, der sowohl bei der Revolution als auch im 2. Weltkrieg zum Einsatz kam. Es hei\u00dft passenderweise Held.<\/p>\n<p>Dann geht es am Flussufer entlang. Die Sicht auf das Wasser ist leider durch einen langen Bauzaun verstellt. Auf dem Kai trifft man nur ganz vereinzelt auf jemanden. Daf\u00fcr gibt es kreischende M\u00f6wen in gro\u00dfer Zahl. Sie kommen manchmal gef\u00e4hrlich direkt auf einen zugeflogen, um dann abzubiegen und sich auf der breiten, wei\u00dfen Reling niederzulassen. Wenn man ein Photo machen will, fliegen sie wie auf Kommando weg.<\/p>\n<p>Auf der anderen Stra\u00dfenseite eine ganze Reihe alter Lagerh\u00e4user und Kontore, ein bisschen in die Jahre gekommen, aber ansehnlich. In einigen befinden sich im Erdgeschoss Luxusboutiquen. Ohne K\u00e4ufer. Wer soll sich auch hierher verirren, um sich St\u00f6ckelschuhe zu kaufen?<\/p>\n<p>Alexander hatte mich gewarnt: Dies ist nicht Amerika. Hier gebe es so gut wie keine \u00f6ffentlichen Toiletten. Das kann ich nicht best\u00e4tigen. Ich komme im Laufe des Vormittags an drei sehr ordentlich aussehenden Toilettenh\u00e4uschen der gleichen Machart vorbei. Man muss allerdings bezahlen.<\/p>\n<p>Ich gelange bis zu der modernen Boat Station. Von da aus geht es dann rauf bis zu der parallel zum Ufer verlaufenden Rozhdestvenka, einer der \u00e4ltesten Stra\u00dfen Nischnis und eine richtige Vorzeigestra\u00dfe.<\/p>\n<p>Als ich gerade dort ankomme, setzt ein Platzregen ein, aber ich kann mich noch gerade rechtzeitig in ein modernes Caf\u00e9 retten. Dort sitzt man unter einer festen Plane, halb drinnen, halb drau\u00dfen. Gut gesch\u00fctzt. Gott sei Dank. Es bricht ein richtiges Sommergewitter aus, es regnet in Str\u00f6men. F\u00fcnf Minuten fr\u00fcher h\u00e4tte ich mich noch nicht einmal irgendwo unterstellen k\u00f6nnen. So kann ich Kaffee und Kuchen bestellen und meine ersten Rubel ausgeben. Hier wird ordentlich abkassiert. Es ist teurer als in Deutschland.<\/p>\n<p>Die Rubelscheine haben heute ausschlie\u00dflich Monumente, auf beiden Seiten, nicht n\u00e4her bezeichnet, sie werden als bekannt vorausgesetzt. Ich erkenne kein einziges. Als der Kuchen auf ist, ist auch der Regen vorbei. Gl\u00fcck gehabt.<\/p>\n<p>Rechts von dem Caf\u00e9 kommt man nach ein paar Hundert Metern, zu einer etwas erh\u00f6ht auf einem Abhang liegenden Kirche, dem Schmuckst\u00fcck der Rozhdestvenka. Sie hat sehr fein gearbeitetes, \u00fcppiges Steinmetzwerk um die Fenster herum und verschiedenen Kuppeln, kleine vergoldete und eine gro\u00dfe blaue, umgeben von mittelgro\u00dfen mit sehr sch\u00f6nen, schr\u00e4g angebrachten Kacheln in verschiedenen Farben, ein richtiger Hingucker. Ich gehe den Abhang rauf, und das lohnt sich. Erst von hinten hat man einen kompletten Blick auf die Kirche und sieht \u00fcberhaupt erst den Glockenturm, einen getreppten Turm mit einem goldenen Wetterhahn. Ein sehr sch\u00f6nes Ensemble. Ich versuche aus verschiedenen Positionen alles auf einem Photo einzufangen, aber das ist gar nicht so einfach. Aus einem offenen Fenster h\u00f6rt man Gesang. Gesangunterricht. Es wird immer dieselbe Passage gesungen, unterbrochen von Kommentaren der Lehrerin. F\u00fcr mich h\u00f6rt es sich immer gleich perfekt an.<\/p>\n<p>Dann geht es zur\u00fcck, an dem Caf\u00e9 vorbei und weiter auf der Rozhdestvenka. Hier reihen sich alte Bankh\u00e4user und Kaufh\u00e4user aneinander, alle verschieden, aber meist mit der gleichen Geschossh\u00f6he und oben gerade abschlie\u00dfend, ohne Giebel. Die H\u00e4user sind in Pastellfarben gehalten, meist gr\u00fcn, gelb oder blau. Das sieht ein bisschen wie Peterburg aus, aber heimeliger, nicht ganz so majest\u00e4tisch.<\/p>\n<p>Auf den B\u00fcrgersteigen sieht man in gr\u00f6\u00dferen Abst\u00e4nden Skulpturen auf Bodenniveau, die Typen aus dem alten Handelsstadt abbilden, u.a. einen B\u00e4ckerjungen, der eine Bauchladen mit Brot, Bretzeln und Geb\u00e4ck vor sich her tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Etwas weiter sto\u00dfe ich dann auf eine \u00e4hnliche moderne Skulptur, die an die Salzaff\u00e4re erinnert. Man sieht einen gro\u00dfen Sack Salz und zwei breite Holzschuhe oder etwas von der Art. Die Erkl\u00e4rung ist nur auf Russisch und ich verstehe sie nicht richtig. Es geht wohl darum, dass eines Tages eine Salzlieferung vom Erdboden verschwand, ohne dass man eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr hatte.<\/p>\n<p>Die vollst\u00e4ndige Erkl\u00e4rung liefert Alexander sp\u00e4ter nach, der aber selbst die Salzaff\u00e4re nicht kannte und auch die Skulptur nicht. Es ging darum, dass eines Tages nach einer \u00dcberschwemmung in Nischni, der Salzhauptstadt Russlands, alle Salzvorr\u00e4te verschwunden waren. Das lag aber nicht am Wasser, sondern daran, dass der Vorsitzende der Salzgesellschaft, Verederevsky, zusammen mit anderen f\u00fchrenden Familien, den Blinows und den Bugrows, den Salzbetrug organisiert hatten. Blinows Vater gab daraufhin seinem Sohn die eisernen Schuhe mit den Worten: &#8220;Trage sie einmal im Jahr und gedenke der Ehre unserer Familie.&#8221; Sp\u00e4ter sollen die Blinows und die Bugrows gro\u00dfe Philanthropen geworden sein.<\/p>\n<p>Zwischen Fahrbahn und B\u00fcrgersteig verlaufen breite Schienen, und ich frage mich, was die zu bedeuten haben. Sp\u00e4ter h\u00f6re ich dann tats\u00e4chlich eine Stra\u00dfenbahn heranrumpeln, alt, aus einem einzige Wagen bestehend.<\/p>\n<p>Am Ende der Stra\u00dfe hat man einen Blick auf die erh\u00f6ht liegende hintere Kremlmauer. Davor liegen zwei Kirchen, eine wei\u00dfe mit ausschlie\u00dflich goldenen Kuppeln und eine weitere, die Johanniskirche, mit goldenen und gr\u00fcnen Kuppeln. Dies ist der historische Ort, an dem die Gefahr durch die Polen und Litauer, die bereits Moskau erobert hatten, abgewendet wurde. Der russischen Sichtweise zufolge wurde dadurch das Vaterland gerettet. Der Tag ist praktischerweise der 4. November. Der Tag konnte also als Gedenktag den Tag der Oktoberrevolution abl\u00f6sen. Jedes Jahr kommt der Pr\u00e4sident oder der Ministerpr\u00e4sident nach Nischni und besucht diese historische Stelle. Genauer gesagt, das Denkmal, das man hier, gleich vor der Kirche, errichtet hat. Es stellt beide dar, Minnin und ???. Sie stellten sich, hei\u00dft es, der \u00fcberlegenen feindlichen Armee entgegen. Es scheint, dass die meisten Kulturen ohne so einen Mythos nicht auskommen. Keine Erfindung der Neuzeit: David gegen Goliath, Athen gegen die Perser,<\/p>\n<p>Auch hier sieht man photographierende und posierende russische Touristen, die aber bald fl\u00fcchten m\u00fcssen, genauso wie ich, denn neues Ungemach bahnt sich an. Der Himmel verdunkelt sich und es fallen die ersten Tropfen. Ich schaffe es noch gerade bis unter einen der m\u00e4chtigen Torb\u00f6gen der Kremlmauer. Dann geht es richtig los. Die Sache ist aber nicht nach f\u00fcnf Minuten erledigt, und auch nicht nach zehn. Ich muss mich entscheiden, ob ich nass werden und p\u00fcnktlich zur Verabredung mit Alexander kommen oder warten und mich versp\u00e4ten soll. Ich entscheide mich aufgrund der Sintflut f\u00fcrs Warten. Eine fatale Entscheidung. Am Ende bin ich sowohl nass als auch versp\u00e4tet. Zweimal und dann noch ein drittes Mal sieht es so aus, als w\u00fcrde der Regen aufh\u00f6ren, und am Horizont sieht man auch einen hellen Streifen, aber dann geht es mit unverminderter Kraft weiter. Schon als ich mich endg\u00fcltig entscheide, doch zu gehen, bin ich nass. Der Torbogen ist nicht breit genug, um vor dem Regen zu sch\u00fctzen, und auf dem Boden bilden sich Rinnsale, da das Wasser nicht abflie\u00dfen kann. Dann renne ich wie ein Berserker los, aber alles Rennen hat keinen Sinn und schon nach ein paar Metern bin ich klatschnass. Au\u00dferdem geht mir auf der Treppe die Puste aus. \u00a0Als ich endlich ankomme, ist alles verklebt vor N\u00e4sse: Notizblock, Geld, selbst Alexanders Buch, das ich unter das Hemd gesteckt habe.<\/p>\n<p>Alexander hat nicht nur Verst\u00e4ndnis, sondern bereitet mir auch gleich einen wunderbaren warmen Tee zu. Bei der Gelegenheit kann ich auch gleich abgucken, wie er den Tee zubereitet. Es geht ohne Netz und doppelten Boden. In einer kleinen Kanne wird eine ganz starke Br\u00fche als Grundsubstanz zubereitet. Davon bekommt man so viel oder so wenig wie erw\u00fcnscht in seine Tasse und dazu hei\u00dfes Wasser. Ich komme mir vor wie einem Roman von Tolstoi. Und der Tee ist wie ein Segen. Alexander r\u00fcgt mich daf\u00fcr, dass ich bisher immer nur Beuteltee getrunken habe, ohne zu ahnen, dass das nur deshalb der Fall ist, weil ich nicht wusste, wie ich mit dem losen Tee verfahren sollte.<\/p>\n<p>Passenderweise hat die Dekanin, mit der wir verabredet sind, selbst angerufen und das Mittagessen nach hinten verschoben. Ich bin ein echter Gl\u00fcckskerl.<\/p>\n<p>Ich habe immer noch keine Ansichtskarten gekauft, auch keine gesehen, von Briefmarken ganz zu schweigen. Die bek\u00e4me ich am besten bei der Post, meint Alexander. Das k\u00f6nne ich auch am Donnerstag noch erledigen. Aber am Donnerstag ist doch Feiertag. Ja, meinst du etwa, die w\u00fcrden sich die Gelegenheit entgehen lassen, am Feiertag Reibach zu machten? Ja, aber ist die Post denn nicht staatlich? Bei uns hat die Post an Feiertagen zu. Nein, nein, hier haben die auf. Darauf kannst du dich verlassen. Na, dann.<\/p>\n<p>Wir machen uns, mit Schirmen bewaffnet, auf den Weg zur Uni. Man kommt zu Fu\u00df dahin. Auf dem Weg bleiben wir an einem alten Holzhaus stehen. Das ist Gorkis Haus. Er ist in Nischni geboren und hat der Stadt zwischenzeitlich ihren Namen gegeben. Ich kenne nur Die Mutter von ihn und finde das Buch gr\u00e4sslich. Alexander auch. Er habe aber auch Besseres geschrieben. Obwohl er der Dichter des Regimes war, kam es sp\u00e4ter zu Konflikten, und die Ger\u00fcchte besagen, er w\u00e4re von Stalin mit einem Geschenk in Form von Schokolade aus dem Weg ger\u00e4umt worden. Irgendwann glaube ich nicht richtig zu verstehen und muss nachfragen. Verdi hat einen Stoff von Gorki verarbeitet? Da stimmt doch was mit der Chronologie nicht. Doch, stimmt, Gorki hat schon Ende des 19. Jahrhunderts begonnen, zu ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n<p>Auf dem weiteren Weg best\u00e4tigt mir Alexander noch einmal, dass er nicht der ganze gro\u00dfe Freund von Dostojewski ist. Das hat er mir schon in Portland gesagt. Seine Frau war eine Dostojewski-Expertin. Er findet, Dostojewski sei ein gro\u00dfer Schriftsteller, aber er habe die menschliche Seele von innen nach au\u00dfen gekehrt. Er wolle das nicht alles wissen. F\u00fcr ihn steht Tschechow ganz oben auf der Liste. Auch das finde ich schwer zu verstehen. Er habe eben mit Humor gemacht, was Dostojewski mit Innenschau gemacht habe. Ich bemerke, dass ich den <em>Kirschgarten <\/em>\u00fcberhaupt nicht komisch finde, aber das liegt vielleicht einfach an mir.<\/p>\n<p>Inzwischen sind wir an der Universit\u00e4t angekommen. Sie hei\u00dft Linguistische Universit\u00e4t. Es werden, wenn ich das richtig sehe, in erster Linie \u00dcbersetzer und Dolmetscher ausgebildet. Wie die Sache funktioniert und wer welcher Abteilung zugeordnet ist, versteh ich aber nicht.<\/p>\n<p>In Alexanders B\u00fcro habe ich ganz kurz Zugang zum Internet, aber das funktioniert sehr langsam und ich muss bald Schluss machen. Ich lerne auch die Sekret\u00e4rinnen oder Mitarbeiterinnen kennen, zwei blutjunge Frauen. Er sei die alten Weiber leid, sagt Alexander, sie s\u00e4\u00dfen immer nur den ganzen Tag herum und tr\u00e4nken Tee. Die jungen Dinger seien besser.<\/p>\n<p>Dann gehen wir zur Dekanin, Irina Jurjewna, einer bemerkenswerten, jungen Frau, die in der Germanistik arbeitet und es in kurzer Zeit, trotz zweier kleiner Kinder, es schon zur Dekanin gebracht habe. Wir haben sofort einen guten Draht zueinander. Die Unterhaltung ist locker und ich bin unbefangener als am Abend bei Alexander. Irina fragt nach den Studieng\u00e4ngen und berichtet auch von ihren Reisen nach Deutschland. Sie kennt auch Trier. Ihr Mann ist Ingenieur und handwerklich seht begabt. Er hat auch ihr Haus selbst gebaut oder in Stand gesetzt. Jetzt, im Sommer, leben sie auf der Datscha. Die ist nur 30 Kilometer von Nischni entfernt. Das ist keine lange Strecke, aber ihre Arbeitszeiten sind lang. 10 bis 5 im B\u00fcro ist das Minimum. Da haben wir es in Deutschland doch besser, vor allem, weil wir nicht st\u00e4ndig im B\u00fcro sein m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Dann geht es in den Kreml. Er liegt, aus Verteidigungszwecken, erh\u00f6ht, und ist stark befestigt. Er ist nicht nur die Keimzelle der Stadt, sondern war urspr\u00fcnglich die Stadt selbst. Heute gibt es hier nur repr\u00e4sentative Bauten. Sie erinnern ein bisschen an Petersburg. Auffallend ist ein l\u00e4nglicher Bau, bei dem die S\u00e4ulen nicht in der Mitte, sondern am \u00e4u\u00dfersten Rand stehen. Das sollte eigentlich die Mitte des Geb\u00e4udes sein, aber es konnte dann nicht weiter finanziert werden und blieb unvollendet. Als Verl\u00e4ngerung hat es jetzt einen Bau aus der Sowjetzeit.<\/p>\n<p>Vor dem Eingang zur Philharmonie begegnen wir dem Pr\u00e4sidenten der Universit\u00e4t und seiner Frau. Beide begr\u00fc\u00dfen mich sehr distanziert, fast etwas feindselig, und wenden sich dann sofort ab. Das Amt des Pr\u00e4sidenten ist rein repr\u00e4sentativ und gut dotiert, eine Sinekure f\u00fcr \u201everdiente\u201c Professoren. Der Pr\u00e4sident war fr\u00fcher jahrelang Dekan. Das Amt soll jetzt aber abgeschafft werden. Alexander scheint das sehr zu begr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Dann geht es ins Ballett. Der Raum, mit aufsteigenden Stuhlreihen, ist v\u00f6llig schmucklos und sieht aus wie eine Messehalle. Die Vorstellung ist Teil eines Festivals und bis auf den letzten Platz ausverkauft. Alexander hat die Karten schon im April gekauft Das Festival ist diesmal Ungarn gewidmet, und das Ballett stammt auch aus Ungarn. Vor Beginn sprechen der ungarische Botschafter und der B\u00fcrgermeister von Nischni. Ich versuche, herauszufinden, wer wer ist und tippe auf den Richtigen, aber nur, weil er langsamer spricht und vom Blatt abliest und weil der andere sich in Cowboypose mit breiten Beinen pr\u00e4sentiert. Dann kommt eine Frau, die ank\u00fcndigt, man werde zwei Teile sehen, einen modernen Einakter und dann T\u00e4nze zu franz\u00f6sischen Chansons.<\/p>\n<p>Dann kommen sechs Frauen in Wei\u00df und sechs M\u00e4nner in Schwarz. Zwischendurch h\u00e4ngen sie reglos aneinander und sehen aus wie Christus am Kreuz. Dann beginnen sie, unmotiviert auf der Stelle zu trippeln, die Arme in die Luft zu werden, Aufw\u00e4rm\u00fcbungen mit dem Kopf zu machen, dem Publikum zuzuwinken, Freudenspr\u00fcnge oder Kniebeugen zu machen. Eine Handlung ist nicht zu erkennen. Sp\u00e4ter wird Qualm auf die B\u00fchne geblasen, erst schwarzer, dann blauer. Die Musik kommt vom Band. Sie erinnert manchmal an Fallas <em>Dreispitz<\/em>, manchmal an Griegs <em>Morgenerwachen<\/em>. Ich finde das alles profund langweilig. Meine Position als Kulturbanause ist gest\u00e4rkt.<\/p>\n<p>In der zweiten H\u00e4lfte gibt es franz\u00f6sische Chansons. Lauter Klassiker: <em>Je ne regrette rien, Ne me quitte pas, Nathalie, Paris<\/em> <em>s\u2019\u00e9veille<\/em>. Sie geben den einzelnen T\u00e4nzern ein wenig Protagonismus, denn sie werden einzeln oder zu zweit betanzt. Ich frage mich immer, was peinlicher ist: Wenn man \u00fcber die B\u00fchne stolziert oder wenn man sich b\u00e4uchlings auf die B\u00fchne wirft. Das Publikum scheint das nicht zu st\u00f6ren. Es gibt herzlichen Applaus. Alexander gibt einen professionellen Kommentar ab: Es seien gute, talentierte T\u00e4nzer, die Koordination sei gut gewesen, aber die Choreographie nicht. Die T\u00e4nze seien f\u00fcr die Chansons zu dynamisch, zu athletisch gewesen. Man habe ja schon die Stimme und die Musik, da m\u00fcsse der Tanz sich darauf beschr\u00e4nken, die Musik zur Geltung kommen zu lassen.<\/p>\n<p>Am Ausgang steht an der Garderobe eine lange Schlange. Wir haben nur Alexanders Tasche, und er schafft es, sie in Sekundenschnelle vor allen anderen zu ergattern. Er ist einfach ein altes Schlitzohr. Ich h\u00e4tte mich nat\u00fcrlich hinten angestellt.<\/p>\n<p>Er besteht darauf, mich noch nach Hause zu begleiten. Es regnet in Str\u00f6men, und, obwohl wir Schirme dabei haben \u2013 Alexander sei Dank \u2013 werden wir wieder nass. Der Regen kommt von der Seite, manchmal von beiden Seiten gleichzeitig, hat man den Eindruck, die Autos spritzen und auf den B\u00fcrgersteigen und am Stra\u00dfenrand bilden sich, da die Dr\u00e4nage nicht funktioniert, tiefe Pf\u00fctzen. Als ich zu Hause ankomme, habe ich das Gef\u00fchl, dass ich Regen genug f\u00fcr eine ganze Woche gehabt habe. Alexander ruft mich am Abend noch an und teilt mir mit, dass wir morgen um zehn die Bootstour machen, Regen oder nicht. Er hat noch eine halbe Stunde auf den Bus warten m\u00fcssen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">11. Juni (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Die Bootstour ist auf 12 Uhr verschoben. Dann werde das Wetter besser. Jetzt sei es doch ziemlich dunstig.<\/p>\n<p>Wir fahren mit einem der kleinen, alten, wendigen Busse zur Boat Station. Diese Busse werden privat betrieben. In den Bussen ist eine \u201eSchaffnerin\u201c. Sie sitzt bequem hinter dem Fahrer und nimmt das Fahrgeld entgegen, etwas 50 Cent.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend wir an der Boat Station im Regen auf Einlass in das Schiff warten, erz\u00e4hlt Alexander von Washington. Luba war sch\u00fcchtern und besuchte in der Anfangszeit nur in Begleitung ihrer Mutter den Unterricht. Maria war \u00fcberhaupt nicht sch\u00fcchtern und gleich in einer Vielzahl von Projekten organisiert. Vor allem beim Sport, in der Leichtathletik, war sie voll dabei. Sie spezialisierte ich auf den H\u00fcrdenlauf, und das war nach der R\u00fcckkehr ein Problem: In ganz Nischni waren keine H\u00fcrden aufzutreiben. Aber Alexander lie\u00df sich nat\u00fcrlich nicht klein kriegen und trieb am Ende am anderen Ende der Stadt welche auf. Maria war auf in verschiedenen biologischen Projekten involviert und wurde dann ausgew\u00e4hlt, als eine von vier Sch\u00fclerinnen ein Projekt bei Al Gore vorzustellen. Das traf bei den amerikanischen Eltern nicht nur auf Zustimmung. Als ihre Eltern sie fragten, was denn das Sch\u00f6nste bei Al Gore gewesen sei, sagte sie: Die Kekse.<\/p>\n<p>Die Schule, auf die die M\u00e4dchen gingen, war nicht die, die ihnen zugeteilt war, aber Alexander wollte seine T\u00f6chter auf jeden Fall in dieser Schule unterbringen. Er wurde bei dem Direktor vorstellig, und es stellte sich heraus, dass das ein reicher Exilrusse war, der am Ende des Gespr\u00e4chs der Aufnahme der M\u00e4dchen zustimmte.<\/p>\n<p>Das geht es auf das Boot. Statt Erkl\u00e4rungen gibt es nur laute Musik aus gro\u00dfen Lautsprecherboxen. Es ist alles grau in grau du man kann kaum etwas erkennen. Die Fahrt geht die Oka runter und dann wieder rauf und dann die Wolga runter und wieder rauf. Der Zusammenfluss der Fl\u00fcsse ist nicht richtig zu erkennen. Die Bootsfahrt ist praktisch \u00fcberfl\u00fcssig, aber Alexander l\u00e4sst sich davon nicht beeindrucken und konstatiert a Ende, es sei doch sch\u00f6n, die Stadt vom Fluss aus zu sehen. Nach meiner Meinung fragt er gl\u00fccklicherweise nicht.<\/p>\n<p>Wir kommen unter mehreren Br\u00fccken hindurch, darunter einer Metro-Br\u00fccke. Um Photos zu machen, gehen wir zwischendurch immer wieder aufs Deck, aber es ist windig und kalt. Man sieht schon kurz nach der Abfahrt das Blago-Veschenksi-Kloster und dann die Alexander-Newski-Kathedrale, gelb gefasst erh\u00f6ht gelegen, um vom Fluss aus gut gesehen zu werden. Eine richtig gute Sicht hat man aber lediglich, und das gleich zweimal, auf die Stalingradtreppe mit dem Cutter davor und dem Kreml im Hintergrund.<\/p>\n<p>Die Wolga flie\u00dft nach S\u00fcden und m\u00fcndet in das Kaspische Meer. Andere bekannte St\u00e4dte an der Wolga sind XXX und nat\u00fcrlich Stalingrad, also Wolgograd. Ich erfahre, dass es fr\u00fcher Zarstadt hie\u00df. Den Namen Stalingrad bekam es noch zu Stalins Lebzeiten. Dagegen bekam Leningrad seinen Namen erst nach Lenins Tod. Bis dahin hie\u00df es Petrograd, seit der Revolution.<\/p>\n<p>Es gibt eine Bewegung, die den Namen Stalingrad wiederherstellen will. Stalin, sagt Alexander, sei immer noch popul\u00e4r, einer Umfrage nach der gr\u00f6\u00dfte Russe aller Zeiten. Wenn die Leute auch nur einen Gulag zu sehen bek\u00e4men, w\u00fcrden sie ihre Meinung \u00e4ndern, meint er. F\u00fcr sie stehe Stalin einfach f\u00fcr Ruhe, Ordnung, Sicherheit. Wenn sie sich f\u00fcr Stalin ausspr\u00e4chen, protestierten sie damit gegen ihre Armut. Das leuchtet mir ein.<\/p>\n<p>Irgendwie kommen wir aus Jeltsin zu sprechen. F\u00fcr den sch\u00e4mt sich Alexander besonders. Er war ausgerechnet zu der Zeit an der Macht, als Alexander in Washington war. Er sei st\u00e4ndig betrunken gewesen und habe das Land ausverkauft. Peinlich. Von Jeltsin kommt dann die Rede auf Bush und dessen Verwechslung von Austria und Australia, als er zu Besuch in \u00d6sterreich war, ws die Produktion des popul\u00e4ren Stickers anregte: \u201eThere are no cangaross in Austria\u201c.<\/p>\n<p>Wir teilen das Schiff mit einer Schulklasse, offensichtlich Abiturienten, obwohl sie sehr jung aussehen. Am Vortag sind die letzten Pr\u00fcfungen gewesen. Die werden landesweit abgehalten, und die Pr\u00fcfer sind nie die eigenen Lehrer, sondern kommen aus ganz unterschiedlichen Landesteilen. Die Aufgaben waren bisher immer landeseinheitlich, wurden aber oft vom Osten aus per Internet unter Ausnutzung der Zeitverschiebung, in den Westen \u00fcbermittelt. Die Regierung hat immer wieder neue Anstrengungen unternommen, das zu unterbinden, hat jetzt aber ein Einsehen gehabt und zum ersten Mal unterschiedliche Aufgaben gestellt.<\/p>\n<p>Jeder Sch\u00fcler wird in Mathematik und Russisch gepr\u00fcft, dazu kommen f\u00fcr zuk\u00fcnftige Universit\u00e4tsabsolventen zwei Wahlf\u00e4cher, je nach angestrebtem Studienfach.<\/p>\n<p>Die Universit\u00e4ten entscheiden selbst \u00fcber Aufnahme, sowohl bei den staatlichen als auch bei den privaten Bewerbern. Staatliche Bewerber studieren umsonst, die anderen zahlen. An Alexanders Universit\u00e4t zahlt der Staat f\u00fcr 100 Pl\u00e4tze. Der Rest wird von privaten Studenten eingenommen. Nicht alle werden angenommen, da die Universit\u00e4t auf ihre eigenen Kapazit\u00e4ten R\u00fccksicht nehmen muss, aber private Bewerber k\u00f6nnen mit schlechteren Noten reinrutschen als staatliche Bewerber.<\/p>\n<p>Die Sch\u00fcler machen allerlei faxen und sind st\u00e4ndig unterwegs, betragen sich aber gut, unter den Augen der etwas abseits sitzenden Lehrer, die dem Treiben l\u00e4chelnd zusehen. Einige sind ganz extravagant auffallend gekleidet, andere ganz normal. Nicht alle sind mit Smartphones ausgestattet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Alexanders Tochter Maria hat schon zwei B\u00fccher ver\u00f6ffentlicht, eins \u00fcber College Slang, auf Russisch, ein anderes auf Englisch. F\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung h\u00e4tten die Universit\u00e4ten gesorgt. Damit w\u00fcrden besonders gute Abschlussarbeiten pr\u00e4miert. Gl\u00fccklich die Absolventen, die an einer solchen Uni studieren!<\/p>\n<p>Alexanders Ehefrau, Natalia Zhivolupola, die vor zwei Jahren ganz pl\u00f6tzlich gestorben ist, hat eine 800-seitige Monographie \u00fcber Dostojewskijs <em>Notizen aus<\/em> <em>dem<\/em> <em>Untergrund<\/em> hinterlassen. Die Arbeit nimmt die gesamte Geschichte des Genres, der Bekenntnisliteratur, auf, von Augustinus \u00fcber Rousseau bis Confessions of an Opium Eater. Alexander hat die ersten 700 Seiten editiert, jetzt bleiben noch 100 Seiten, die wohl nicht ganz fertig geworden sind. Er ist im Zweifel, wie er weiter verfahren soll, will aber mit aller Macht das Buch in nicht allzu gro\u00dfer Ferne herausbringen. Von Anfang Juli bis Mitte August hat er frei und wird sich nur dem Buch widmen. Nach dem Tod seiner Frau hat er innerhalb weniger Monate einen Sammelband zu ihrem Ged\u00e4chtnis herausgebracht, mit Beitr\u00e4gen von Forschern aus Australien, den USA und verschiedenen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Alle h\u00e4tten sofort und bereitwillig ihren Beitrag geleistet. Seine Frau muss eine ungew\u00f6hnliche Koryph\u00e4e gewesen sein.<\/p>\n<p>Auf dem Schiff gibt es nur Verpflegung aus dem Automaten, und davon machen wir keinen Gebrauch. Als wir um halb drei wieder zu Hause sind, halte ich es vor Hunger kaum noch aus. Ich habe den ganzen Tag noch gar nichts gegessen. Aber Alexander hat vorgesorgt und schon am Morgen gekocht! Beim Kochen sch\u00f6rt er auf Oliven\u00f6l, auch beim Braten, obwohl andere sagen, Oliven\u00f6l solle man nur f\u00fcr Salate verwenden. Als Alternative gebrauche man in Russland Mais\u00f6l. Ich wei\u00df nicht, was das ist. Daf\u00fcr versteht er nicht, was mit Raps\u00f6l gemeint ist und kennt auch das englische Wort nicht. Das kommt selten vor.<\/p>\n<p>Es gibt H\u00e4hnchenschenkel mit gebratenen Auberginen und Champions. Ich werde nach allen Regeln der Kunst umsorgt. Einen eigenen Beitrag kann ich nicht leisten. Zu allem \u00dcbel erfahre ich auch noch, dass er eine Woche unbezahlten Urlaub genommen hat, eigens f\u00fcr meinen Besuch.<\/p>\n<p>Zur Vorbeugung gegen Erk\u00e4ltung serviert mir auch einen Kr\u00e4utertee aus Aserbaidschan. Der schmeckt allerdings nicht sonderlich gut.<\/p>\n<p>Schon w\u00e4hrend ich noch esse\u00a0 &#8211; nat\u00fcrlich habe ich die gr\u00f6\u00dfere Portion bekommen \u2013 hat er mit dem Abwasch begonnen. Das sei eine Obsession aus seiner Zeit in Baku. Dort habe es fr\u00fcher oft Wasserknappheit gegeben. Das ist auch heute noch so, aber nicht mehr so stark. .<\/p>\n<p>Bei der Gelegenheit erz\u00e4hlt er, dass die Ukraine der Krim das Wasser abgedreht hat. Die gesamte Ernte sei zunichte gegangen. Was w\u00fcrde wohl passieren, wenn Russland der Ukraine das Gas abdreht, will er wissen.<\/p>\n<p>Wir kommen auf die Arbeiter an der Fassade des gegen\u00fcberliegenden Hauses zu sprechen. Ich beobachte sie die ganzen Tage schon. Sie sind unglaublich wendig, immer in Bewegung und arbeiten ohne Unterbrechung. Das seien Gastarbeiter, sagt er, aus den ehemaligen zentralasiatischen Staaten der Sowjetunion: Kasachstan, Tadschikistan, Usbekistan. Sie w\u00fcrden schonungslos ausgenutzt, mit schlechter Bezahlung und schlechter Unterkunft. Sie brauchen, wenn ich das richtig verstehe, keine Arbeits- oder Aufenthaltserlaubnis, oder wenigstens wird es ihnen leicht gemacht, hier zu arbeiten. Sie kommen in Scharen.<\/p>\n<p>Das habe es zu Zeit des Sozialismus nicht gegeben. Und der sei soweiso nicht so schlecht gewesen: medizinische Versorgung, Bildung, Nahrung, Transport, f\u00fcr alles gesorgt. Nur h\u00e4tten sie eben das ewige politische Mantra des Sozialismus runterbeten m\u00fcssen, aber daran habe man sich gew\u00f6hnt und das mit einem ironischen L\u00e4cheln abgetan. Das leuchtet mir alles ein. Aber: Reisen ins Ausland, freier Zugang zu Informationen, ideologiefreie Forschung und ein bisschen Luxus wie Bananen und Deos und vern\u00fcnftige Autos? Z\u00e4hlt das nicht?<\/p>\n<p>Alexanders Englisch ist von allererster Klasse, vor allem in Phraseologie und Vokabular ist er so gut wie unschlagbar. Irgendetwas ist aber komisch, au\u00dfer der etwas unorthodoxen Aussprache, und erst bei Mittagessen f\u00e4llt es mir auf: Er braucht nicht modifizierte Imperative, und das ist pragmatisch nat\u00fcrlich nicht erlaubt. Eat! Sit down!\u00a0 Bei der Aussprache f\u00fchrt zu keinen Missverst\u00e4ndnissen, aber hat kuriose russische Z\u00fcge, vor allem die fehlende Unterscheidung von \/i:\/ und \/i\/. Beim Besteigen des Boots warnte er mich heute: Be careful, it is sleepery.<\/p>\n<p>Am Abend geht es in die Oper. Es gibt <em>Carmen<\/em>, leider wieder in der Philharmonie im Kreml, nicht in der Oper. Carmen ist, Alexander zufolge, die meistgespielte Oper der Welt und wird jeden Tag auf irgendeiner B\u00fchne der Welt aufgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Hinter dem Kreml-Tor sind Waffen und Fahrzeuge aus dem 2. Weltkrieg ausgestellt, darunter ein Lastwagen mit einem harmlos aussehenden Dachgep\u00e4cktr\u00e4ger. Erst wenn man n\u00e4her herangeht, sieht man, dass der Dachgep\u00e4cktr\u00e4ger mehrere Lagen abschussbereiter Projektile hat. Das Fahrzeug ist in Russland seht bekannt.<\/p>\n<p>Wir kommen auf den Krieg und dessen Folgen zu sprechen. Alexander sagt, es gebe keine Ressentiments gegen\u00fcber Deutschen mehr. Meine Erfahrungen best\u00e4tigen das. Ich erinnere mich, wie ich auf der ersten Reise immer wieder gefragt wurde: Bist du f\u00fcr den Krieg? Wenn man mit nein antwortete, war alles in Ordnung.<\/p>\n<p>Was die politische Situation angeht, sagt Alexander, die Russen h\u00e4tten jahrelang darauf gewartet, dass der Westen auf sie zukomme. Jetzt sei man es leid. Man h\u00e4tte keine Erwartungen mehr, und man gebe auch, ehrlich gesagt, nichts mehr darum. Die Russen h\u00e4tten von den Amerikanern gelernt. Was die Russen mit der Krim gemacht h\u00e4tten sei dasselbe, was die Amerikaner mit dem Kosovo gemacht h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Wir sind eine halbe Stunde vor Beginn schon auf unseren Pl\u00e4tzen. Ich habe Zeit genug, mich f\u00fcr die bevorstehende Tortur zu st\u00e4hlern. Es gibt ein Programm mit eng beschriebenem Text, in den ich mich einstweilen vertiefe.<\/p>\n<p>Nebenbei erz\u00e4hlt Alexander, wie er in San Francisco zusammen mit Maria in letzter Minute Karten f\u00fcr die Oper bekam. Maria, die sich mit amerikanischen Sitten auskannte, erw\u00e4hnte noch, dass ihr Vater an der Portland State University unterrichte, woraufhin es besonders gute Pl\u00e4tze gab. Allerdings war keine Zeit zum Umkleiden mehr, und so sa\u00df Alexander mit T-Shirt inmitten von Amerikanern mit Abendkleidung. Er r\u00fchrte sich vier Stunden lang nicht und wagte nicht, nach links und rechts zu sehen. Aber die Oper genoss er in vollen Z\u00fcgen.<\/p>\n<p>Die Auff\u00fchrung sei konzertant, sagt Alexander, und der gro\u00dfe Teil der B\u00fchne ist tats\u00e4chlich von den Sitzen f\u00fcr das Orchester eingenommen. Die Musiker erscheinen, alle in elegantem Schwarz und Wei\u00df, fast nur Frauen. Das sei so schlecht bezahlt, dass sich das heutzutage nur noch Frauen antun w\u00fcrden, sagt Alexander. Die Verteilung auf die Instrumente ist allerdings sehr ungleich: Die Streicher sind fast nur Frauen, nicht aber die Kontrab\u00e4sse, und bei Bl\u00e4sern und Perkussion gibt es mehr M\u00e4nner. Auffallend ist, wie jung alle sind.<\/p>\n<p>Die Ouvert\u00fcre beginnt mit einem Knall, mit einem Tusch des Beckens, und dann geht es sofort rasant los.<\/p>\n<p>Dann kommen die S\u00e4nger auf die B\u00fchne. Sie sind kost\u00fcmiert und spielen auch, wenn auch ohne B\u00fchnenbild, fast ohne Requisiten und nur auf dem vorderen Streifen der B\u00fchne. Das ist ziemlich gut gemacht. Die Requisiten kann man gut durch Gesten ersetzen, und Gesten kommen in der ganzen Auff\u00fchrung immer wieder zur Geltung.<\/p>\n<p>Es wird auf Franz\u00f6sisch gesungen. Fr\u00fcher wurden alle Opern grunds\u00e4tzlich auf Russisch gesungen, sagt Alexander. Jetzt meist in der Originalsprache. Verstehen kann man allerdings herzlich wenig, h\u00f6chstens mal <em>encore<\/em> und <em>moi foi<\/em> und nat\u00fcrlich <em>amour<\/em>.<\/p>\n<p>Es sind mehr als zwei Dutzend S\u00e4nger auf der B\u00fchne, alle mit kr\u00e4ftigen, vollen Stimmen. Von den Solisten gef\u00e4llt mir Micaela am besten, die Verlobte Jos\u00e9s, und Jos\u00e9 am schlechtesten. Es kr\u00e4chzt und quiekt bei ihm immer wieder. Ich stelle mir aber vor, dass ein Kenner auf meine Kommentare mit Grausen reagieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die S\u00e4nger sind alle, aber wirklich alle,\u00a0 blutjung, vielleicht um die 30, und das scheint irgendwie zu dem St\u00fcck zu passen.\u00a0 Die Kost\u00fcme sind ausgesprochen sch\u00f6n, und die S\u00e4ngerinnen auch, eine wie die andere.<\/p>\n<p>Die bekannten Passagen sind wirklich mitrei\u00dfend, aber die Oper hat auch viele L\u00e4ngen, und die Handlung ist unertr\u00e4glich. Dass so ein Schwachsinn zum Gegenstand einer gro\u00dfen Oper wurde, kann man vermutlich nur mit Zeitgeist begr\u00fcnden. Es wird mir l\u00e4nger und l\u00e4nger, und ich sehe immer wieder auf die Uhr. Nach einem Fu\u00dfballspiel ist noch nicht mal der erste Teil vorbei. Und die harten Sitze werden auch nicht bequemer.\u00a0 Meine Erl\u00f6sung finde ich mit Carmens Tod.<\/p>\n<p>Alexander ist, wie nicht anders zu erwarten, ganz hingerissen. Er hat viele Details beobachtet, die mir entgangen sind. Dann gehen wir schweigend und jeder seinen eigenen Gedanken nachh\u00e4ngend durch den Regen nach Hause.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">12. Juni (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Es ist Feiertag, und es r\u00fcttelt nicht an den Fenstern und h\u00e4mmert, klopft und ruft nicht von dem gegen\u00fcberliegenden Ger\u00fcst. Aber auch heute regnet es. Ab Samstag, meinem Abreisetag, soll es wieder besser werden!<\/p>\n<p>Am Vormittag gehe ich durch den Regen ins Zentrum. Der Platz um den Kreml ist abgesperrt und man muss eine Kontrolle passieren. Erst sp\u00e4ter, am Abend, sehe ich, was der Grund daf\u00fcr ist: Alle Flaschen, auch Plastikflaschen, werden einkassiert. Es herrscht absolutes Alkoholverbot auf dem Gel\u00e4nde.<\/p>\n<p>Auf einer B\u00fchne gibt es laute Popmusik, und an einer Ecke steht ein Auto, das man gewinnen kann. Und es ist voll von Menschen, die offensichtlich zum Feiern hier sind. Aber die Feier ist wohl noch nicht richtig in Gang gekommen.<\/p>\n<p>Ich gehe die Prokravskaja runter Richtung Gorki-Platz. Ich will eine Flasche Wein f\u00fcr Alexander kaufen, finde aber \u00fcberhaupt keinen Ort, wo Alkohol verkauft wird.<\/p>\n<p>Von der Stra\u00dfe biegt nach links ein Markt ab. Das ist ein Ensemble von kleinen Buden und St\u00e4nden um eine feste Markthalle herum.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen sieht alles ziemlich \u00e4rmlich aus, drinnen etwas besser. Es gibt eine abgetrennte Kabine f\u00fcr Raucher. Auch hier weit und breit kein Wein. Sp\u00e4ter erfahre ich, dass die H\u00e4ndler, oder wenigstens die M\u00e4nner im Hintergrund, alle aus Aserbaidschan sind. Das ist eine Art Mafia, die sich diesen Erwerbszweig gesichert hat. Die Qualit\u00e4t sei aber gut. Und alles garantiert immer frisch.<\/p>\n<p>Unverrichteter Dinge kehre ich auf die Hauptstra\u00dfe zur\u00fcck. An der Fassade eines Theaters sind ein paar Tierfiguren angebracht. Deren Sinn ist mir nicht klar.<\/p>\n<p>\u00dcber die Stra\u00dfe f\u00e4hrt ein B\u00e4hnchen, wie es das jetzt auch in unseren Innenst\u00e4dten gibt, aber es richtet sich wohl eher an Kinder. Auf der K\u00fchlerhaube und auf dem Dach sind lauter gro\u00dfe M\u00e4rchenfiguren angebracht.<\/p>\n<p>Heute ist es nicht nur regnerisch, sondern auch k\u00fchl: 11\u00b0. Auf einem Schild vor einem Caf\u00e9 steht: \u201eEin hei\u00dfer Kaffee an einem kalten Tag\u201c.<\/p>\n<p>Ich mache mich auf die Suche nach der Post und komme dabei auf den Gorki-Platz. Der ist so gro\u00df, dass er mit einem Blick gar nicht einzufangen ist. Die B\u00fcrgersteige sind breit, aber in einem beklagenswerten Zustand: Risse und L\u00f6cher und Gef\u00e4lle im Asphalt, und Sand, Erde und Wasser an den aufgebrochenen Stellen. Im Kontrast dazu steht an jeder zweiten Ecke ein modernes Bankgeb\u00e4ude,<\/p>\n<p>Nachdem ich eine Runde gemacht und nichts gefunden habe, spreche ich kurzentschlossen zwei junge M\u00e4nner an. Die wissen nicht, wo die Post ist, z\u00fccken aber sofort ihre Smartphones und sehen nach. Als sie auch da nichts finden, rufen sie jemanden an und begleiten mich. Sehr freundlich. Fast wird mir das ein bisschen suspekt, als sie mich in eine Metrostation f\u00fchren, aber dann verstehe ich, dass es nur darum geht, die Stra\u00dfe zu unterqueren. Da wir ziemlich lange unterwegs sind, f\u00fchrt kein Weg daran vorbei, ein paar Worte zu wechseln. Sie wollen wissen, woher ich komme, warum ich hier bin und wie lange. Irgendwie bekomme ich das alles hin, auch die Erkl\u00e4rung, dass Trier die Stadt ist, in der Marx geboren wurde, aber dass das nur die \u00e4lteren Russen w\u00fcssten. Sie selbst k\u00f6nnen kein Englisch, haben aber in der Schule Deutsch gelernt. Davon machen sie aber nur sehr sp\u00e4rlich Gebrauch. Als wir am anderen Ende des Platzes angelangt sind, stehen wir pl\u00f6tzlich vor der Post. Ich muss vorher daran vorbeigelaufen sein. Ich will ihnen zum Dank 50 Rubel f\u00fcr einen Kaffee geben, aber das nehmen sie nicht an. Also versuche ich mich an einem etwas emphatischen Dankesch\u00f6n auf Russisch. Die Post ist nat\u00fcrlich geschlossen, aber es war trotzdem keine schlechte Erfahrung.<\/p>\n<p>Ich komme am Burger King vorbei und sehe zuf\u00e4llig, dass es sich Restaurant nennt. Am Ende eines kleinen Parks auf der gegen\u00fcberliegenden Seite liegt das Restaurant des Aquariums, mit uniformierten Kellnern und wei\u00dfen Tischdecken. Es hei\u00dft Caf\u00e9.<\/p>\n<p>Durch die Gehversuche im Russischen ermuntert spreche ich ein M\u00fctterchen am Stra\u00dfenrand an, das Schmuck verkauft. Ich erstehe ein Paar rote Ohrringe. Was Ohrringe hei\u00dft, wei\u00df ich nicht mehr, aber Ohr wohl. Das reicht. Ansonsten geht es noch um den Preis und die Farbe, aber das meiste ist auch mit Hand und Fu\u00df zu bewerkstelligen.<\/p>\n<p>Dann fallen mir noch ein Kwas-Stand und ein Eis-Stand auf. Die sehen noch genauso aus wie zu seligen Sowjetzeiten.<\/p>\n<p>An der Oktoberskaja biege ich quer ab und frage mich, ob der Name noch der Revolution geschuldet ist. In der Hauptstra\u00dfe habe ich vorher einen ziemlich verwahrlosten Eingang zu einem Caf\u00e9 gesehen, an dem noch CCCP stand.<\/p>\n<p>An der n\u00e4chsten Stra\u00dfenecke steht ein auff\u00e4lliges modernes Geb\u00e4ude mit schr\u00e4g nach vorne herausragenden Quadern an der Fassade und einem extravaganten Eingangsteil. Ich habe den Bau in dem F\u00fchrer gesehen, finde ihn aber jetzt nicht mehr.<\/p>\n<p>In einem gem\u00fctlichen Caf\u00e9 ganz nahe der Wohnung trinke ich einen Kaffee. Mutig, fast \u00fcberm\u00fctig, bitte ich um die Speisekarte und erkl\u00e4re, dass ich jetzt nichts essen m\u00f6chte, vielleicht aber sp\u00e4ter oder morgen. Klappt. Speisekarte sieht gut aus.<\/p>\n<p>Als ich Alexander nur wenig sp\u00e4ter vorschlage, ihn am n\u00e4chsten Tag dorthin zum Essen einzuladen, sagt er zum ersten Mal nicht von vornherein nein. Den Rest des Tages \u00fcber habe ich aber wieder keine Chance, auch nur einmal eine Busfahrkarte zu bezahlen. Er hat aber irgendwie gemerkt, dass mir die Rundumversorgung nicht ganz recht ist und erkl\u00e4rt, er habe mir eine Mail geschrieben, die ich dann in Deutschland lesen k\u00f6nne. Es handele sich wohl um einen kulturellen Unterschied. Ein russisches Sprichwort besage, wenn man etwas m\u00f6ge, lasse man es nicht mit dem Leben davonkommen.<\/p>\n<p>Konzessionen, was das Programm angeht, werden allerdings nicht gemacht. Das Feuerwerk am Abend muss ich mir ansehen. Darauf habe auch Luba bestanden. Dabei habe ich hier in aller Deutlichkeit gesagt, dass ich Feuerwerk nicht mag und finde, wenn man eins gesehen habe, habe man alle gesehen. Ja, aber ich h\u00e4tte noch kein russisches gesehen. Und das m\u00fcsse man sehen, weil das Publikum anders reagiere. Widerrede sinnlos.<\/p>\n<p>Erst einmal fahren wir aber zum Blago-Veschenksi-Kloster. Auf dem Svoboda-Platz steht ein gro\u00dfer Bauzaun. Hier entsteht ein Einkaufszentrum. Fr\u00fcher gab es hier eine Reihe kleinerer Gesch\u00e4fte. Bei dem Graben nach dem Fundament stie\u00df man auf Wasserleitungen. Die wurden zerst\u00f6rt und die gesamte Gegend \u00fcberschwemmt. Das sind alte, vor geraumer Zeit unterirdisch verlegte Fl\u00fcsse. Nischni ist da nicht die einzige Stadt, die fr\u00fcher ein bisschen was von Venedig gehabt haben muss.<\/p>\n<p>Dann kommen wir durch einen kleinen Park mit dem Denkmal f\u00fcr die Gefallenen der ersten russischen Revolution. An die erinnere sich heute kein Mensch mehr, meint Alexander.<\/p>\n<p>Den Bus f\u00e4hrt von der Oper ab. Die ist nach Puschkin benannt und hat eine Puschkin-B\u00fcste vor dem Eingang. Puschkin besa\u00df ein Gut, besser gesagt, ein Dorf in der Umgebung von Nischni. Er schrieb dort auch seine bedeutendsten Werke, allerdings unfreiwillig. Der gesamte Bezirk war abgesperrt wegen des Ausbruchs von Malaria.<\/p>\n<p>Russland ist in gut 50 Bezirke eingeteilt, und in einem von denen, einem oblast, lag Puschkins Dorf.<\/p>\n<p>Nach wenigen Stationen kommen wir an dem Kloster an. Ein langer, gewundener Weg f\u00fchrt zum Kloster hinunter. Wenn man n\u00e4her kommt, merkt man, wie gro\u00df das Kloster ist. Man geht unter einem Torbogen her und betritt das gepflegte, fast menschenleere Gel\u00e4nde. Hier regiert die Farbe Gr\u00fcn \u00fcber den wei\u00dfen Mauern: Die T\u00fcren, die Blendl\u00e4den, die Eing\u00e4nge vor den Toren, die D\u00e4cher, die Kuppeln, alles gr\u00fcn. Wir gelangen vor verschiedene verschlossene T\u00fcren. Auf einer Tafel liest man, dass das Kloster im 13. Jahrhundert gegr\u00fcndet wurde. Die jetzigen Bauten stammen aus dem 17. Jahrhundert. Besonders bekannt ist das Kloster als Grablege. Sie ber\u00fchmten Toten sind chronologisch aufgelistet. Die ersten sind alle Priester h\u00f6heren Ranges, dann kommt aber auch ein Schriftsteller, und schlie\u00dflich sogar ein Lehrer.<\/p>\n<p>In einem L\u00e4dchen ergattert Alexander ein paar Kerzen und die Information, wie man in die Kirche gelangt. Am \u00e4u\u00dfersten Ende, als wir es schon fast aufgeben wollten, ist eine Seitent\u00fcr ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Der Innenraum ist niedrig, gew\u00f6lbt, mit drei Schiffen und drei ???, und ziemlich dunkel. Die Decke und die W\u00e4nde sind blau gefasst, darauf Darstellungen von Heiligen. Von der Decke h\u00e4ngen schwere, eiserne L\u00fcster in Form eines Rads, von dem wiederum reihenweise Kreuze hinabh\u00e4ngen. Vorne im Gemeinderaum steht die wichtigste Ikone der Kirche, eine Gottesmutter. Sie ist hinter Glas. An der Ikone h\u00e4ngt Schmuck als Votivgabe. Davor z\u00fcndet man die Kerzen an.<\/p>\n<p>Die pr\u00e4chtige Ikonostase, ganz in Silber, ist hinter einem eigens durch ein Gel\u00e4nder abgesperrten Raum. All das ist orthodox wie aus dem Lehrbuch.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen erz\u00e4hlt Alexander von einem Bekannten, der Million\u00e4r geworden ist, ganz schnell, nach dem Zerfall der Sowjetunion, dann aber in Schwierigkeiten geriet, sein ganzes Geld zusammenraffte und in das Kloster auf dem Berg Athos ging.<\/p>\n<p>Heute h\u00e4tten die Kl\u00f6ster in Russland wieder starken Zulauf. In der Sowjetzeit wurden die meisten Kl\u00f6ster aufgel\u00f6st, auch dieses hier. Es h\u00e4tte als Lager gedient und ziemlich vernachl\u00e4ssigt ausgesehen.<\/p>\n<p>Jetzt geht es noch zur Seilbahn. Sie f\u00fchrt auf die andere Wolga-Seite, nach Bor. Sie ist in erster Linie als Transportmittel, nicht als Freizeitangebot zu verstehen. Die Menschen aus Bor fahren mit ihr zur Arbeit nach Nischni.<\/p>\n<p>Die Seilbahn ist brandneu und stammt aus franz\u00f6sischer Fertigung. Auf jedem der modernen, quadratischen Wagen gibt es Werbung f\u00fcr eine Automarke: Ford, Kia, VW. Eine wirbt mit dem Werbespruch: Immer auf der H\u00f6he.<\/p>\n<p>Weder bei der \u00dcberfahrt noch in Bor gibt es etwas zu sehen. Dort ist das Stadtfest in vollem Gange. Kinder stehen mit der russischen Fahne auf einem offenen Lieferwagen und lassen sich photographieren. Andere stehen mit Farbt\u00f6pfen vor Milit\u00e4rfahrzeugen und malen sie an. Eine gute Idee. Auf dem zentralen Platz steht eine lebensgro\u00dfe, silbern gl\u00e4nzende Skulptur Lenins, vor dem alten Kulturzentrum. Das wird immer noch genutzt aber nicht mehr so viel wie zur Sowjetzeit. Hier gibt es Tanzgruppen, Ch\u00f6re, Literaturzirkel, Bastelgruppen usw.<\/p>\n<p>An einem Stand der Schriftzug von Coca-Cola. Ich erinnere mich, dass es zur Sowjetzeit immer nur Pepsi gab. Warum, wei\u00df ich nicht. Der Stand nennt sich Bistro. Das Wort soll angeblich von boistro kommen, schnell, aber ob das stimmt, habe ich bis heute nicht rausbekommen. Es gibt hier auch Hot Dogs. Die werden mit einem russischen Plural versehen und hei\u00dfen hot dogi.<\/p>\n<p>Nach Hause geht es, um das Transportprogramm zu vervollst\u00e4ndigen, mit der Stra\u00dfenbahn. Sie ist leidlich modern, besteht nur aus einem Wagen und f\u00e4hrt \u00fcber eine Trasse in der Stra\u00dfenmitte. Da hat sie freie Fahrt und h\u00e4lt den Verkehr nicht auf, da die Stra\u00dfe sehr breit ist. Wir sind jetzt schon mit dem Auto, mit dem Bus, mit dem Schiff, mit der Seilbahn und mit der Stra\u00dfenbahn gefahren.<\/p>\n<p>Am Abend werden wir von Luba und ihrem Mann abgeholt. Es geht zuerst \u00fcber eine der gro\u00dfen Wolgabr\u00fccken auf die andere Seite, auf das Gebiet der Messe. Viel ist nicht mehr zu sehen aus Nischnis gro\u00dfer Zeit als Handelsstadt, die hier ihr Zentrum hatte. Sie machte Nischni zur \u201edritten Hauptstadt Russlands\u201c.<\/p>\n<p>Nachdem die Messe in der Sowjetzeit zun\u00e4chst abgeschafft wurde, wurde sie danach wiederbelebt, als eine neue Wirtschaftspolitik eingel\u00e4utet wurde. Das zentrale, langgezogene zweist\u00f6ckige Messegeb\u00e4ude mit einer hohen Arkade im hervorgehobenen Mittelteil hat Gesch\u00e4fte im Untergeschoss und B\u00fcros im Obergeschoss. Es stammt vom Ende des 19. Jahrhunderts und ist in historistischem Stil gehalten, mit traditionellem Dekor aus Backstein und M\u00f6rtel. Wir sehen es aber nur vom Auto aus. \u00a0Wir parken am Rande des Platzes. Dort gibt es Musik auf einer B\u00fchne und dann ein Feuerwerk, obwohl es noch taghell ist. Man will dem gro\u00dfen Feuerwerk auf der anderen Seite zuvorkommen.<\/p>\n<p>In dem Mitte des Platzes ein gro\u00dfes Lenin-Monument. Wir posieren davor und lassen uns photographieren. Wie wir von Lenin auf\u00a0 Alexanders Zahnarztbesuch zu sprechen kommen, ist ein Geheimnis der Dynamik einer Konversation, aber jedenfalls ist es so. Der Zahnarzt sagte ihm, da m\u00fcsse einiges gemacht werden, und Alexander antwortete, er br\u00e4uchte nur die Vorderz\u00e4hne, f\u00fcr das th.<\/p>\n<p>Wir fahren dann zur Alexander-Newski-Kathedrale. Wie schon vom Fluss aus kann man sie auch von Land aus schon aus der Entfernung sehen. Die D\u00e4mmerung setzt ein.<\/p>\n<p>Die Kirche ist, wie zu erwarten war, um diese Zeit geschlossen, aber sie ist auch von au\u00dfen interessant. Ganz in dunklem Gelb gefasst, unterscheidet sie sich deutlich von den anderen orthodoxen Kirchen. Sie hat keine prominenten Kuppeln, und wenn man den oberen Teil ausblendet, k\u00f6nnte man meinen, vor einer katholischen Kirche zu stehen.<\/p>\n<p>Irgendwie ist die Rede davon gewesen, dass ein Freund Saschas einen anderen Ort als den Minin-Platz f\u00fcr das Feuerwerk vorgeschlagen hat, aber am Ende landen wir doch dort.<\/p>\n<p>Auf einer B\u00fchne singt ein S\u00e4nger aus Moskau, dessen Gro\u00dfvater schon eine Ber\u00fchmtheit war. Das Feuerwerk wartet auf ihn und das Ende des Konzerts und beginnt mit Versp\u00e4tung, so um halb zw\u00f6lf.<\/p>\n<p>Das Feuerwerk ist technisch perfekt und wird von Musik untermalt, aber mich l\u00e4sst es kalt. Es wiederholt sich auch sehr stark. Weniger w\u00e4re mehr gewesen. Die Russen schauen and\u00e4chtig zu, viele V\u00e4ter mit Kindern auf den Schultern. Die ber\u00fchmten russischen Reaktionen, derentwegen man laut Alexander das Feuerwerk sehen muss, bleiben aus. Die Zeiten \u00e4nderten sich, meint er. In der Sowjetzeit w\u00e4ren die Leute richtig mitgegangen. Das ist aber jetzt schon 25 Jahre her.<\/p>\n<p>Ich will mich zu Fu\u00df auf den Weg nach Hause machen, aber das wird entschieden unterbunden. Ich unterdr\u00fccke meine Wut, zeige mich aber auf dem Weg einsilbig. Zu Hause wird dann die Ver\u00e4rgerung mit einem kalten Bier gel\u00f6scht.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13. Juni (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Heute f\u00e4ngt der Tag zumindest nicht mit Regen an. Es sind sogar ein paar blaue Flecken am Himmel zu erkennen. Und dann kommen sogar die ersten Sonnenstrahlen seit Montag zum Vorschein.<\/p>\n<p>Ich gehe zuerst zur Post. Nachdem die Sache mit den Ansichtskarten nicht geklappt hat, ist Alexander mit zwei riesigen Ansichtskarten aufgetaucht, nebst beschrifteten und frankierten Umschl\u00e4gen. Auf die Art und Weise sollen wenigstens die Russinnen in Deutschland Nachricht von der Reise bekommen.<\/p>\n<p>Dann sehe ich mir das Gorki-Denkmal an. Gorki steht erh\u00f6ht auf einem Podest, das aus nat\u00fcrlichem Felsen zu wachsen scheint. Er blickt wie ein Vision\u00e4r in die Ferne. Seine Rocksch\u00f6\u00dfe wehen im Wind. Das liegt daran, dass die Statue eigentlich unten am Flussufer aufgestellt werden sollte.<\/p>\n<p>Die Procharskaja ist noch wie ausgestorben. Von der gestrigen Feier ist nichts mehr zu sehen. Ich mache mich auf die Suche nach der Synagoge. Als ich das gestern Alexander gegen\u00fcber erw\u00e4hnte, holt er zu einem Rundumschlag aus, bei dem die Juden nicht allzu gut wegkommen. Luba habe an einer j\u00fcdischen Schule hier in Nischni gearbeitet und sei froh gewesen, als sie eine andere Stelle gefunden h\u00e4tte. In Alabama sei er bei den Schwarzen auf gro\u00dfe Vorbehalte gegen\u00fcber den Juden gesto\u00dfen. Die h\u00e4tten sogar behauptet, der Sklavenhandel in Amerika sei gr\u00f6\u00dftenteils von Juden betrieben worden. In der Sowjetunion habe es erhebliche Vorbehalte gegen\u00fcber Juden gegeben, und die ausgewanderten russischen Juden f\u00fchlten sich in Israel als Juden zweiter Klasse. Er selbst hat aber die Synagoge in Nischni zusammen mit einer Kollegin, einer ausgewanderten J\u00fcdin, die aus Amerika zu Besuch gekommen sei, besucht. Da habe man sie sehr zuvorkommend behandelt. Na also, geht doch. Ich will mir ja nur das Geb\u00e4ude ansehen.<\/p>\n<p>Das ist allerdings gar nicht so einfach. In der Grusinkaja, wo sie sein soll, ist sie nicht zu finden, und keiner wei\u00df Bescheid. Dann frage ich eine \u00e4ltere Dame, und die gibt eine genaue und verst\u00e4ndliche Erkl\u00e4rung, bei der mir das Schl\u00fcsselwort Arkoi, Bogen, hilft. Ich uss zur\u00fcck, die Procharskaja \u00fcberqueren und durch einen Bogen durch gehen auf die Verl\u00e4ngerung der Grusinskaja zur anderen Seite hin.<\/p>\n<p>Auch da werde ich lange nicht f\u00fcndig. Es gibt hier aber ein paar sch\u00f6ne, einigerma\u00dfen passabel erhaltene Holzh\u00e4user.<\/p>\n<p>Schon fast am Ende der Stra\u00dfe sehe ich ein pr\u00e4chtiges Geb\u00e4ude und davor ein kleines W\u00e4rterh\u00e4uschen, auf dem Polizei steht. Die Polizei scheint sich hier nur mit dem Besten zufriedenzugeben. Aber keine Synagoge. Ich frage einen alten Mann, der gerade rechtzeitig auf dem Innenhof erscheint und deutet auf das pr\u00e4chtige Geb\u00e4ude hinter mir: Synagoge. Ich habe mich von dem W\u00e4rterh\u00e4uschen davor verwirren\u00a0 lassen. Vermutlich steht es nicht zuf\u00e4llig da, sondern gew\u00e4hrt der Synagoge Schutz.<\/p>\n<p>Erst jetzt sehe ich, wie blind ich war: Vor dem Geb\u00e4ude steht ein riesiger, neunarmiger Leuchter, und das durchbrochene Gitter des Vorplatzes zeigt \u00fcberall den Davidstern. Das Geb\u00e4ude ist von seiner Architektur her aber genauso gut ein Palast sein. Allerdings hei\u00dft es, die Fassade repr\u00e4sentiere die Thora-Rolle und die beiden T\u00fcrme die cases der Thora. Darauf muss man erst mal kommen.<\/p>\n<p>Bei der Suche nach der Synagoge bin ich vorher zuf\u00e4llig auf ein besonderes au\u00dfergew\u00f6hnliches Geb\u00e4ude gesto\u00dfen, das ohnehin auf meinem Programm stand. Es ist eine architektonische Besonderheit, ein modernes Geb\u00e4ude, von dem es hei\u00dft, es sei eine Ansammlung von Zitaten, Anspielungen und Motiven verschiedener der Architektur der Avantgarde des 20. Jahrhunderts, eine Art Reliquiar der modernen Architektur. Die Fassade ist jedenfalls ganz und gar unregelm\u00e4\u00dfig und hat immer etwas anderes zu bieten, sobald man den Blick weiter wandern l\u00e4sst. Betont wird die Besonderheit dieses Geb\u00e4udes dadurch, dass seine Nachbarn zwei Stile in Reinkultur vertreten, den Jugendstil zur Linken und den Konstruktivismus zur Rechten.<\/p>\n<p>Bevor ich wieder auf die Prokrasnaja komme, f\u00e4llt mein Blick auf die Seitenansicht des wirklich ehrw\u00fcrdig aussehenden Baus der Russischen Zentralbank, den ich dieser Tage f\u00fcr eine Kirche gehalten habe. Tats\u00e4chlich kann man das auch glauben, wenn man hier von der Seite auf den spitz zulaufenden Turm sieht. An dessen Ende m\u00fcsste eigentlich ein Kreuz stehen, aber stattdessen steht dort ein Stern. Mir f\u00e4llt auch neben der russischen Fahne eine Fahne mit einem Hirsch im Zentrum auf, vermutlich der Fahne von Nischni und eine weitere Fahne, die der Sowjetunion. Was hat die wohl hier an diesem offiziellen Geb\u00e4ude zu suchen?<\/p>\n<p>Suchen ist \u00fcberhaupt das Stichwort des Vormittags. Auf einer Seitenstra\u00dfe, der Malaja Prokrowskaja, suche ich das Dynamo-Stadion. Es soll auch eine architektonische Besonderheit sein, aber die finde ich nicht. Ich treffe aber irgendwann auf das Stadion. Dort findet gerade Universit\u00e4tssport statt. Es wird so etwas wie Rugby mit Frisbee-Scheiben gespielt. Ich gehe durch das Stadion durch und am anderen Ende wieder raus und finde mich pl\u00f6tzlich auf der Prokraskaja. Unglaublich. Das Stadion grenzt direkt an die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone an!<\/p>\n<p>Am Rande des Stadions steht das Pile House, so genannt, weil hier einfach eine Schicht auf die andere aufgeschichtet wurde. Das sieht aber in der Wirklichkeit nicht so verlockend aus wie in der Zeichnung im Buch.<\/p>\n<p>Dann entdecke ich auch endlich die Fassade des Marionettentheaters. Eher zuf\u00e4llig. Das Theater wendet der Prokraskaja ihre Seite zu und man sieht die Fassade nur, wenn man etwas abzweigt. Die Fassade schlie\u00dft oben ab mit T\u00fcrmchen und Fialen aus Eisen und darunter, vor einer Art Balkon auf H\u00f6he der Mitte der Fassade, erscheinen, ebenfalls aus Eisen, bekannte Figuren des Marionettentheaters, darunter der Rattenf\u00e4nger von Hameln. Das sieht wie die B\u00fchne des Marionettentheaters aus.<\/p>\n<p>Dann finde ich noch die Garantija-Bank, auch abseits der Hauptstra\u00dfe gelegen. Als ich sie gefunden habe, bin ich nicht sicher, ob es wirklich die Bank ist, so ungew\u00f6hnlich ist die Architektur. Es sieht aus wie eine moderne Flugzeughalle. Es ist aber wirklich die Bank. Die andere Seite der Bank ist ein neoklassischer Bau. Der Kontrast macht\u2019s.<\/p>\n<p>Zwischendurch habe ich einen Kaffee getrunken und ein Profiterol gegessen, das allerdings eher wie aus der Retorte schmeckt. Zum ersten Mal \u00fcberhaupt bekomme ich M\u00fcnzen zur\u00fcck. Sie sehen ziemlich sch\u00e4big aus und sind sehr d\u00fcnn und leicht. F\u00fchlt sich ein bisschen wie Blech an.<\/p>\n<p>Dann kaufe ich an der Prokovskaja noch einen Kaffeebecher von Nischni Nowgorod, f\u00fcr die Sammlung zuhause. Ich mache noch ein Photo von einer der vielen Skulpturen, die Figuren aus dem ehemaligen Alltag von Nischni darstellen, diesmal eine Frau mit langem Kleid vor dem Eingang zum Kino, die sich in einem Spiegel betrachtet. Dann bitte ich noch eine sch\u00fcchterne junge Frau, ein Photo von mir auf einer Parkbank zu machen, an der Seite einer Frau, die es sich dort bequem gemacht hat. Das ist nicht sehr originell. Sp\u00e4ter sehe ich immer wieder, wie andere Besucher dasselbe Motiv w\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Mir ist aufgefallen, dass ich in der ganzen Zeit auf der Stra\u00dfe nicht einmal eine andere Sprache als Russisch geh\u00f6rt habe. Als ich das Alexander erz\u00e4hle, weist er das entr\u00fcstet zur\u00fcck: Nischni sei eine sehr internationale Stadt.<\/p>\n<p>Erstaunlicherweise hat Alexander mein Angebot angenommen, ihn am letzten Tag zum Essen auszuf\u00fchren, und zwar in das kleine Caf\u00e9 in der N\u00e4he der Wohnung, in dem ich dieser Tage einen Kaffee getrunken habe. Auch Luba und Sascha haben zugesagt, was wiederum Alexander erstaunte. Der hatte gesagt, die seien beide viel zu sch\u00fcchtern.<\/p>\n<p>Es l\u00e4uft wegen unseres Konzerts am Abend und den Arbeitszeiten der anderen auf ein Mittagessen um vier Uhr nachmittags hinaus. In bester Tradition also, wie in die Aristokraten in den alten russischen Romanen.<\/p>\n<p>Das Lokal ist gem\u00fctlich, mit niedrigen Decken, schwarzen Holztischen und schwarzen Holzbalken unter der Decke. Das Essen ist allerdings nicht berauschend und eher teuer.<\/p>\n<p>Bei der Unterhaltung habe ich mal wieder keine Antwort auf die Frage, was typisch deutsches Essen ist und welches das sch\u00f6nste Land ist, das ich besucht habe. Auf die Gegenfrage erfahre ich, was typisch russisches Essen ist: Suppe. Borschtsch und Soljanka werden nat\u00fcrlich genannt. Die Gesellschaft ist ausgesprochen angenehm, und die jungen Leute scheinen ernsthaft interessiert zu sein. Auch meine eher verhaltenen Kommentare zum Feuerwerk am gestrigen Abend werden ohne Gram akzeptiert.<\/p>\n<p>Nischni ist einer der Austragungsorte der WM 2018. Es wird ein neues Stadion gebaut, und zwar in der N\u00e4he der Alexander-Newski-Kathedrale am anderen Flussufer.<\/p>\n<p>Sascha und Luba hatten geplant, nach Italien zu reisen, um Maria zu besuchen, aber pl\u00f6tzlich bekam Sascha Bescheid, er d\u00fcrfe bis auf Weiteres keine Auslandsreise antreten. Das geschah v\u00f6llig willk\u00fcrlich und ohne Begr\u00fcndung. Es ist auch nicht klar, wie lange die Regelung gilt. Luba sollte nun alleine reisen, will aber Sascha nicht alleine zuhause lassen. Ich sp\u00fcre, dass das nicht in Alexanders Sinn ist und empfehle, sich die Chance nicht entgehen zu lassen.<\/p>\n<p>Lieber w\u00fcrde ich noch sitzen bleiben und weiter \u00fcber Gott und die Welt reden, aber ich muss noch einmal auf die harten St\u00fchle der Philharmonie, und zwar ausgerechnet zu einem Klavierkonzert.<\/p>\n<p>Es best\u00e4tigt die schlimmsten Bef\u00fcrchtungen. In der ersten Halbzeit gibt es <em>Petruschka<\/em> von Strawinsky. Es ist eine Musik, die man wohl als \u201emodern\u201c einordnen w\u00fcrde. Es lebe die Disharmonie. Es gibt st\u00e4ndige abrupte Wechsel in Volumen, Tonh\u00f6he, Rhythmus, und es wird ordentlich in die Tasten geh\u00e4mmert. Es ist eine Musik, der ich zuhause nicht f\u00fcnf Minuten lang zuh\u00f6ren w\u00fcrde. Das Ballett gibt es auf der Leinwand dazu, teils in Form von Marionetten, teils in Form von T\u00e4nzern, die sich t\u00e4uschend \u00e4hnlich wie Marionetten bewegen.<\/p>\n<p>In der Pause erz\u00e4hlt Alexander eine typische Anekdote von seiner Hochzeit. Alexander und Nathalia erschienen beim Standesamt. Dort wurde ihnen gesagt, sie m\u00fcssten das Aufgebot bestellen und k\u00f6nnten dann nach zwei Monaten heiraten. Sie wollten aber sofort heiraten. Die Standesbeamtin sagte aber, das k\u00e4me nicht in Frage, so seien die Regeln nun einmal. Eine Bekannte kam ihnen zu Hilfe. Sie erschien am folgenden Tag bei der Standesbeamtin mit einer Flasche Wodka, die sich in Rubel-Scheine eingepackt hatte. Am n\u00e4chsten Tag erschienen Alexander und Nathalia wieder auf dem Standesamt. Die Standesbeamtin begr\u00fc\u00dfte sie herzlich und sagte: \u201eWarum haben Sie mir denn nicht gesagt, dass sie verliebt sind?\u201c Und schloss die Ehe auf der Stelle.<\/p>\n<p>In der zweiten Halbzeit gibt es kurze St\u00fccke aus verschiedenen Epochen, von Gluck bis Ravel. Alles klingt sehr modern. Gluck klingt nicht nach Gluck, Mozart nicht nach Mozart, Wagner nicht nach Wagner. Alles klingt wie 20. Jahrhundert. Keine Ahnung, woran das liegt.<\/p>\n<p>Dazu gibt es bewegte Bilder von Chagall, ausgerechnet Chagall, noch einer meiner speziellen Vorlieben. Warum alle Leute sofort ins Schw\u00e4rmen geraten, wenn sie den Namen h\u00f6ren, habe ich noch nie verstanden. Auch nicht bei den euphorischen Erkl\u00e4rungen der Kirchenfenster in Metz, Mainz und Z\u00fcrich.<\/p>\n<p>Die Bilder begleiten die Musik. Bei Gluck bewegen sich Orpheus und Eurydike ganz langsam aufeinander zu und sind sich am Ende ganz, ganz nah. Bei den anderen St\u00fccken ist die Beziehung eher abstrakt. Kreise bewegen sich wie wild um einander, eine roter Fleck dehnt sich immer mehr aus und nimmt am Ende die gesamt Fl\u00e4che ein. Nicht sonderlich originell, aber wenigstens etwas, was von der Musik ablenkt.<\/p>\n<p>Als die letzten Ravel-T\u00f6ne verklungen sind, beginnt das Publikum mit dem d\u00e4mlichen rhythmischen Klatschen und bringt den eitlen Pianisten sofort wieder auf die B\u00fchne. Und das kommt das Unvermeidliche: eine Zugabe. Statt jetzt wenigstens zur Erholung etwas Leichteres zu spielen, wiederholt er das St\u00fcck von Gluck. Und dann gibt es noch eine zweite Zugabe.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen ist es immer noch taghell. Dort werden wir von einem russischen Radiosender interviewt. Alexander muss meine blassen Bemerkungen ins Russische \u00fcbersetzen.<\/p>\n<p>Und dann hei\u00dft es: Auf Wiedersehen. Nach dieser geballten Ladung Kultur, freue ich mich auf drei Wochen Fu\u00dfball statt Ballett.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>8. Juni (Pfingstsonntag) F\u00fcr die Trierer Buchl\u00e4den \u2013 und die deutschen Reisebuchverlage \u2013 scheint Russland nur aus Moskau und Petersburg zu bestehen. \u00dcber Nischni Nowgorod ist jedenfalls nichts zu finden. 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