{"id":5475,"date":"2014-08-26T08:48:04","date_gmt":"2014-08-26T06:48:04","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=5475"},"modified":"2015-09-21T19:48:10","modified_gmt":"2015-09-21T17:48:10","slug":"uppsala-2014","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=5475","title":{"rendered":"Uppsala (2014)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">27. Juli (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Im Schwedischen bedeutet <em>frisk<\/em> nicht frisch, sondern gesund, <em>sn\u00e4ll<\/em> bedeutet nett, <em>ledig<\/em> bedeutet frei, <em>vacker<\/em> bedeutet sch\u00f6n, <em>sk\u00f6n<\/em> bedeutet gem\u00fctlich, <em>stund<\/em> bedeutet Moment, <em>under<\/em> bedeutet \u201aw\u00e4hrend\u2018, <em>semester<\/em> bedeutet \u201aUrlaub\u2018, <em>termin<\/em> bedeutet \u201aSemester\u2018. Wer es sich antut, so eine Sprache zu lernen, ist selber schuld.<\/p>\n<p>Noch nicht genug? Also dann: <em>v\u00e5ning<\/em> bedeutet \u201aEtage\u2018, <em>kind<\/em> bedeutet \u201aKinn\u2018, <em>middag<\/em> bedeutet \u201aAbendessen\u2018, <em>springa<\/em> bedeutet \u201alaufen\u2018, <em>villkor<\/em> bedeutet \u201aBedingung\u2018, <em>kostym<\/em> bedeutet \u201aAnzug\u2018, <em>fartyg<\/em> bedeutet \u201aSchiff\u2018, <em>motvillig<\/em> bedeutet \u201awiderwillig\u2018, <em>lapp<\/em> bedeutet \u201aZettel\u2018, <em>ansikt<\/em> bedeutet \u201aGesicht\u2018, <em>bio<\/em> bedeutet \u201aKino\u2018 und <em>\u00f6l<\/em> bedeutet \u201aBier\u2018.<\/p>\n<p>Ich tue es mir trotzdem an und reise zum zweiten Mal nach Uppsala. Erstens, um all das zu sehen, was ich damals im Winter nicht sehen konnte \u2013 die Sehensw\u00fcrdigkeiten befanden sich im Winterschlaf \u2013 zweitens, um einen Sprachkurs zu machen. Nur<\/p>\n<p>Bei den letzten Reisevorbereitungen ein Interview mit einem Risikoforscher geh\u00f6rt. Alles sehr \u00fcberzeugend. Er sagt, dass wir zu Hysterie neigen, weil wir so oft Nachrichten \u00fcber Unf\u00e4lle h\u00f6ren und deren Bedeutung dann \u00fcbersch\u00e4tzen, w\u00e4hrend wir die Alltagsgefahren untersch\u00e4tzen. So m\u00fcsste man, um einen t\u00f6dlichen Flugzeugabsturz zu erleben, statistisch gesehen, t\u00e4glich fliegen und das 6000 Jahre lang. Trotzdem steigen die Menschen bei der Nachricht von einem Ungl\u00fcck auf das Auto um, obwohl das viel gef\u00e4hrlicher ist. Nach 9\/11 sind 1500 Amerikaner mehr als sonst auf den Stra\u00dfen umgekommen, weil sie mit dem Auto statt mit dem Flugzeug reisten.<\/p>\n<p>Diesen Gedanken nachh\u00e4ngend, setze ich mich erst einmal ins Auto. Es geht nach Luxemburg. Ich komme aber heil an. Der Flug von Luxemburg war notwendig, weil das strenge Regime in Uppsala die Ankunft an einem ganz bestimmten Tag zu einer bestimmten Tageszeit vorsieht. Nicht fr\u00fcher, nicht sp\u00e4ter. Und das, obwohl in Luxemburg der Flug und die Parkgeb\u00fchren teuer sind. Die Alternative w\u00e4re ein Hotel in Uppsala gewesen, und das ist dann insgesamt ein Nullsummenspiel.<\/p>\n<p>Auf dem Weg fallen mir zwei Dinge ein: Regenjacke vergessen und keine Kreditkarte mitgenommen. Die Kreditkarte werde ich in Uppsala nicht brauchen, aber vielleicht sp\u00e4ter hier, um die Parkgeb\u00fchren zu bezahlen. Aber darum kann ich mich k\u00fcmmern, wenn es soweit ist.<\/p>\n<p>Der am weitesten vom Flughafen entfernte Parkplatz erweist sich als gute L\u00f6sung. Man findet sofort einen Platz und wird vom Shuttlebus gleich zum Flughafen gebracht.<\/p>\n<p>Das Flugzeug ist winzig klein, und die Essenportionen sind dem angepasst. Ich sehe mir die Leute an und frage mich, ob es typische Nordreisende sind. Die sind etwas \u00e4lter, etwas reicher und viel gebildeter als S\u00fcdreisende und kommen in erster Linie aus den n\u00f6rdlichen Bundesl\u00e4ndern. Die wenigsten kommen aus Rheinland-Pfalz. Es gibt nat\u00fcrlich viel mehr S\u00fcdreisende als Nordreisende, beinahe ein exklusiver Club. Zum dem ich nur vor\u00fcbergehend geh\u00f6re. Der S\u00fcden ist einfach interessanter. Aber der Norden hat im Sommer mehr Sonnenstunden. Davon hatte ich jedenfalls vor zwei Jahren in Stockholm auch reichlich.<\/p>\n<p>Da das Essen nicht viel Zeit in Anspruch nimmt, bleibt Zeit zum Lesen. Mit zunehmendem Alter, erf\u00e4hrt man, geht die Fruchtbarkeit zur\u00fcck und der Anteil der Zwillingsgeburten nimmt zu. Und zwar ganz unabh\u00e4ngig von k\u00fcnstlicher Befruchtung. Es gibt allerdings einen Unterschied: Bei den eineiigen Zwillingen ist die Zahl \u00fcber alle Altersgruppen konstant, etwa 4 bei 1000 Geburten. Bei den zweieinigen Zwillingen steigt der Anteil der Zwillingsgeburten dagegen mit dem Alter stark an. Frauen \u00fcber 35 bekommen doppelt so oft Zwillinge wie Frauen um die 20.<\/p>\n<p>So wie sich Hitler (was schon Goebbels wusste) an Friedrich dem Gro\u00dfen orientierte, so orientierte sich Alexander der Gro\u00dfe an Xerxes, Friedrich II. an Alexander, Napoleon an C\u00e4sar. Es ging ihnen nicht darum, zu \u00fcberleben, sondern sich zu \u00fcberleben.<\/p>\n<p>Die Beatles waren die netten Jungs von nebenan, die Stones die schlimmen Jungs, deren Umgang man seinen Kindern nicht zumuten wollte. Das ist die g\u00e4ngige Vorstellung heute. Ich habe mich schon immer gefragt, wo diese Vorstellung herkommt. Wer die Zeit miterlebt hat, sieht das anders. Damals verbreiteten beide Furcht und Schrecken, jedenfalls beim Establishment, die Beatles genauso wie die Stones. Das finde ich jetzt in einem Zeitungsartikel best\u00e4tigt. Es geht um den Beginn der Beatlemania vor f\u00fcnfzig Jahren. Die britische Presse sprach damals von einer mittelalterlichen Seuche, die deutsche von der K\u00e4ferplage, in den USA sprach man von einer atavistischen Krankheit. In Israel wurde den Beatles die Auftrittserlaubnis entzogen, weil man negative Einfl\u00fcsse auf die Jugend f\u00fcrchtete. Christliche Aktivisten in den USA verbrannten vor laufenden Kameras Platten, Pilzkopfper\u00fccken und Bilder der Beatles auf einem Scheiterhaufen. In Japan wurde die Reise der Beatles von einem tropischen Sturm begleitet, der als\u00a0<em>Beatles-Taifun<\/em> bezeichnet wurde, und Traditionalisten erkl\u00e4rten sich bereit, unter Einsatz von Kampfk\u00fcnsten den Auftritt der Beatles im Budokan zu verhindern, der Halle, die der Vorf\u00fchrung traditioneller Kampfk\u00fcnste vorbehalten war. Weltweit gaben Ordenstr\u00e4ger ihre Medaille zur\u00fcck, als die Beatles den<em>Order of the British Empire<\/em> bekamen.<\/p>\n<p>Ich finde den Weg vom Bahnhof zur Schule ohne Schwierigkeiten und erinnere mich daran, wie ich in einer Winternacht hier mit dem Koffer durch die Gegend geirrt bin. Wenn mich nicht alles t\u00e4uscht, war das Hotel damals in derselben Stra\u00dfe, Kungs\u00e4ngsgatan, in der auch die Schule liegt.<\/p>\n<p>Eins ist klar: Uppsala ist im Sommer anders als im Winter. Manchmal nicht wiederzuerkennen.<\/p>\n<p>Vor der Schule renne ich fast eine der Assistentinnen um, die hier mit T-Shirt mit dem Aufdruck UISS durch die Gegend laufen und allen helfen. Sie zeigt mir gleich den Weg rauf und bittet mich zu warten. In der Zwischenzeit kann man sich bei Kaffee und Keksen bedienen.<\/p>\n<p>Zusammen mit mir warten noch eine Deutsche aus Stuttgart, die in Southampton ihren Uniabschluss gemacht hat und ein Grieche, Eleftherios, der sp\u00e4ter in demselben Kurs landet wie ich.<\/p>\n<p>Dann wird man reingerufen, zuerst zu Emma, die einem sagt, wo man untergebracht ist. Ich hatte Unterbringung gleich neben der Schule in der Universit\u00e4t erwartet, aber dies scheint eher ein bisschen weiter zu sein. Die Stra\u00dfe ist nur noch mit halben Namen ganz am Rande des Stadtplans zu sehen, und sie kritzelt den schwierigen Namen daneben.<\/p>\n<p>Dann geht es zu Nelleke, der Chefin, einer Holl\u00e4nderin. Die muss in ihrem fr\u00fcheren Leben Feldwebel gewesen sein. Schon der Ton bei den E-Mail-Nachrichten lie\u00df das vermuten. Jetzt ist es nicht anders. Es bleibt nicht viel Zeit, ich solle Ruud, der mich zu der Wohnung bringt, sagen, er solle mich gleich wieder mit zur\u00fcckbringen.<\/p>\n<p>Das Zimmer ist ein typisches Jungenzimmer. Kahle W\u00e4nde au\u00dfer drei aufwendigen Spiegeln mit Reklame f\u00fcr Coca-Cola, Codorniu und J\u00e4germeister, einem Eishockeytrikot und einem Dalarna-Pferd. Auf dem Schreibtisch ein Computer, eine moderne Lampe, moderne Lautsprecher und eine k\u00fcnstliche Blume. Aber daf\u00fcr habe ich jetzt kaum Zeit. Es geht alles sehr schnell. Der Junge l\u00e4sst mich alleine mit dem Auftrag, bald aufzubrechen und sich auf den Weg zur Schule zu machen. Ich packe auch erst gar nicht aus, sondern lasse nur ein paar Dinge hier und wasche mich. Im Herausgehen sehe ich, dass der Junge einen zerkn\u00fcllten Zettel auf dem Schreibtisch hat liegen lassen.<\/p>\n<p>Ich mache mich auf den Weg, grob in die Richtung gehend, aber ich sehe weder eine Gruppe von Studenten noch das ICA. Ich muss zwei- dreimal fragen, und dann sehe ich sie schon aus der Ferne, eine ganze Heerschar, alle gemeinsam von Studentv\u00e4gen kommend, wo die meisten untergebracht sind.<\/p>\n<p>Wir werden in der Aula zusammengetrommelt. Nelleke, die Chefin, zieht eine One-Man-Show ab. Eine Mischung aus Domina, Stand-up-Comedian und Volkschulrektorin. Die Assistenten und Praktikanten, aus Griechenland, Holland, Schweden und den USA, sind nur Statisten. Viele von ihnen, auch Nelleke selbst, sind fr\u00fchere Studenten der UISS.<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich war dies eine rein amerikanische Einrichtung, und das merkt man weiterhin, wie ich in den n\u00e4chsten Wochen noch leidvoll erfahren soll. Das amerikanische Element hat jetzt einen starken holl\u00e4ndischen Einschlag. Was die Einrichtung mit der Universit\u00e4t zu tun hat, kann man nicht erkennen. Sie scheint nur im Namen aufzutauchen. Jedenfalls erscheint in den drei Wochen kein Vertreter der Universit\u00e4t, und wir gehen auch nie zur Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>Ganz besonders streng wird auf P\u00fcnktlichkeit gepocht. Damit sei in Schweden nicht zu scherzen. Der Unterricht beginne um halb neun, und nicht etwa um eine Minute nach halb neun. Schweden betrachteten das als einen pers\u00f6nlichen Affront, wenn man nicht p\u00fcnktlich sei. In der Vergangenheit sei es zu ein paar echten Konfrontationen zwischen einigen Lehrern und Sch\u00fclern gekommen. Komisch, das habe ich mir gar nicht so vorgestellt. Ich h\u00e4tte eher gedacht, dass man es hier eher etwas gelassener sieht.<\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit der Vorstellung des Programms spricht sie von der Bedeutung der Musik in Schweden. Schweden sei das Chor-Land \u00fcberhaupt (das habe ich auch schon mal von einem deutschen Dirigenten geh\u00f6rt), und die Musik die drittgr\u00f6\u00dfte Industriesparte Schwedens. Vieles werde in Schweden produziert, aber nicht als schwedisch erkannt, weil Englisch gesungen wird.<\/p>\n<p>Dann geht es zum Abendessen in ein Lokal direkt am Fluss, wo man auf einer geschlossenen Terrasse sitzen kann. Wunderbar. Wie fast immer in Schweden, steht man wie in einer Kantine mit einem Tablett an der Essensausgabe an und bedient sich dann bei einem bescheidenen Salatbuffet. Es gibt H\u00fchnchen und Lachs zur Auswahl. Damit ist das Leitmotiv f\u00fcr die n\u00e4chsten Wochen angeschlagen: H\u00e4hnchen oder Lachs, Lachs oder H\u00e4hnchen. Einmal gibt es ein Gericht, das so \u00e4hnlich klingt wie eins, das am gleichen Morgen im Lehrbuch vorkam, und ich bestelle es voller Vorfreude. Aber es ist ausgegangen. Was gibt es denn? H\u00e4hnchen oder Lachs.<\/p>\n<p>Ich spreche mit Chris, einem Engl\u00e4nder aus Durham, der sp\u00e4ter in meinem Kurs landet, mit einer Japanerin, einer Chinesin, einer Ungarin und einer Serbin. Bis auf die Japanerin verliere ich sie in den n\u00e4chsten Tagen aus den Augen. Wir sind zu viele, ca. 110.<\/p>\n<p>Dann mache ich mich auf den Heimweg. Irgendwie finde ich den Weg in das Viertel zur\u00fcck, aber auf einmal wird mir klar, dass ich gar keine Adresse habe. Nur einen Schl\u00fcssel. Und den auf den Rand des Stadtplans gekritzelten, nicht genau identifizierbaren Namen der Stra\u00dfe. Es scheint Rackarbergsgatan zu sein. Als ich in die Gegend komme, versuche ich es auf gut Gl\u00fcck an mehreren Haust\u00fcren in dem Wohnblock gleich hinter dem ICA. Der kommt mir vertraut vor. Aber nichts will passen. Dann gehe ich weiter und komme zu einen anderen, etwas moderner aussehenden Wohnkomplex mit lauter gleichen, wei\u00dfen Wohnt\u00fcrmen, dahinter ein riesiges, breites Geb\u00e4ude. Das kommt mir bekannt vor, aber die Wohnt\u00fcrme scheinen mir zu neu, mit sehr offenen, von weitem einsehbaren Eingangsbereichen. Nee, so sah das nicht aus. Mein Hauseingang war eher versteckt. Gl\u00fccklicherweise ist es noch hell, aber ich trage eine Flasche Wasser und eine T\u00fcte Milch mit mir herum, die das Hantieren mit dem Stadtplan erschweren. Das Handy liegt in der Wohnung.<\/p>\n<p>Es sind noch viele Leute unterwegs, meist Studenten, oft Paare. Ich spreche welche an, aber was soll man fragen: K\u00f6nnen Sie mir sagen, wo ich wohne? Ich versuche zumindest, mit Hilfe der Passanten den Namen der Stra\u00dfe ausfindig zu machen. Ja, es muss wohl Rackarbergsgatan sein. Auf dem Stadtplan kann man so gerade ein paar Buchstaben erkennen. Das spricht f\u00fcr meine Intuition, dass es in dem ersten Wohnblock sein muss. Wieder versuche ich es an verschiedenen Haust\u00fcren. Wieder ohne Erfolg.<\/p>\n<p>Dann gehe ich wieder in die andere Richtung. Ich sehe mich schon im Stadtpark \u00fcbernachten. Wir haben aber auch den Code f\u00fcr den Eingang zur Schule bekommen. Das w\u00e4re eine Ausweichl\u00f6sung.<\/p>\n<p>Ein Student kommt auf mich zu, und im letzten Augenblick entscheide ich mich, ihn anzusprechen. Er reagiert nicht auf meine Frage, auf Schwedisch gestellt, und dann erkennen wir uns: Es ist Martin, der \u00d6sterreicher. Er ist hilfsbereit, hat aber wenig Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass ich mich so dumm angestellt habe. Am wenigsten kann er verstehen, dass ich mein Handy nicht dabei habe. Ich kann seins benutzen. Die Nummer haben wir ja. Aber was ist die Vorwahl von Schweden? Nicht n\u00f6tig, sagt er, ich habe ein \u00f6sterreichisches und ein schwedisches Handy. W\u00e4hrend er noch von dem Schn\u00e4ppchen erz\u00e4hlt, das er mit dem Kauf gemacht hat, habe ich am anderen Ende Emma am Telefon, die f\u00fcr die Unterbringung Verantwortliche. Sie ist zuhause und hat die Unterlagen nicht dabei, kann aber anrufen und die Adresse erfahren. Nicht nur das, sie kommt dann auch gleich raus nd hilft uns bei der Suche. Sie wohnt selbst im Rackarbergsgatan. Keine zwei Minuten sp\u00e4ter kommt sie angeradelt. Es stellt sich heraus, dass die Adresse gar nicht Rackarbergsgatan ist, sondern Lufthageesplanaden. Das sind doch die neuen H\u00e4user, und das ist auch die Gegend, wo Martin wohnt. Sie bringen mich noch zum Eingang und gehen dann ihrer Wege.<\/p>\n<p>Ich fahre in den dritten Stock, nicht ahnend, dass das Drama noch nicht zu Ende ist. Im dritten Stock gibt es nur ganz wenige Wohnungen. Das kann eigentlich nicht sein. Und der Name, Liss, steht auf keiner dieser Wohnungen. Einige haben gar keinen Namen, einige T\u00fcren sind einfach verschlossen, und hinter einer verbergen sich Leitungen. Und keine einzige Wohnung hat eine Nummer. Ich such am Schloss und neben dem Schloss, neben, \u00fcber und unter dem Namen, nichts. Ich versuche es im vierten Stock, dann im zweiten, dann wieder im dritten. Keine Chance. An den T\u00fcren ohne Namen versuche ich, mit ungutem Gef\u00fchl,\u00a0 einfach meinen Schl\u00fcssel, aber er passt nirgends. Als ich gerade wieder runter gehen will, h\u00f6re ich, wie sich hinter mir eine T\u00fcr \u00f6ffnet. Ich widerstehe dem ersten Impuls, die Flucht zu ergreifen und drehe mich um und gehe die paar Stufen hoch. In der T\u00fcr steht ein Mann, der wie ein Grieche aussieht und ein Grieche ist. Ich berichte ihm von meinem Dilemma. Er zeigt mir, wo die Nummern stehen: ganz oben, auf einem winzigen Schild, \u00fcber der T\u00fcrleiste. Aber, schickt er sofort hinterher, es gebe jetzt eine neue Nummerierung. Auf seiner T\u00fcr steht eine viel l\u00e4ngere Nummer, und die Zahl drei erscheint da gar nicht. Er begleitet mich zu einer T\u00fcr, die wie eine Wohnungst\u00fcr aussieht, und \u00f6ffnet sie. Dahinter kommt ein ganzer Flur mit weiteren Zimmern zum Vorschein. Er begleitet mich zu der letzten T\u00fcr auf der rechten Seite, und tats\u00e4chlich: Dort steht der Name Liss, der Name des Studenten, bei dem ich zur Untermiete bin.<\/p>\n<p>Ich packe meine Sachen aus, und als ich gerade fertig bin, geht die Wohnungst\u00fcr auf. Ich vermute, dass das mein schwedischer Mitbewohner ist, ein junger Student. Stattdessen steht ein untersetzter \u00e4lterer Herr vor mir, ein Belgier namens Eric, der ebenfalls in dem Sprachkurs ist. Nach einer kurzen Begr\u00fc\u00dfung aus Schwedisch geht er sofort auf Deutsch \u00fcber und erz\u00e4hlt, dass er in Gent als Stadtf\u00fchrer arbeitet und dort auch F\u00fchrungen auf Deutsch macht. Sein Deutsch ist sicher mehr als gut genug.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">28. Juli (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Erik zeigt mir den Weg zu Studentv\u00e4gen. Da werden wir heute noch einmal abgeholt und gehen gemeinsam zur Schule. Es ist ein ganz ordentlicher Weg, eine knappe halbe Stunde. Der Schulweg alleine wird in den n\u00e4chsten drei Wochen f\u00fcr regelm\u00e4\u00dfige Bewegung sorgen. Trotz der fr\u00fchen Morgenstunde ist es schon richtig hei\u00df.<\/p>\n<p>Ich treffe auch auf meinen Retter, Martin, und sage noch einmal ein paar lahme Worte des Dankes. Er will davon nichts wissen.<\/p>\n<p>In der Schule werden die Lehrer kurz vorgestellt, und dann geht es gleich los. Wir sind zu zw\u00f6lft: England, Holland, Belgien, Deutschland, Ukraine, Singapur, USA. Gute Mischung. Wir sind eine klare m\u00e4nnliche Mehrheit, ganz ungew\u00f6hnlich f\u00fcr Sprachkurse und auch hier bei der UISS.<\/p>\n<p>Die Lehrerin ist Jenny, eine freundliche, junge Schwedin, mit kurzem Haar, mittelblond. Sie sieht aus wie eine Vegetarierin und ist auch eine.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich muss noch schnell die Lehrb\u00fccher kaufen. Gestern hatte ich nicht genug Bargeld. Sie kosten 520 Kronen, ein Haufen Geld.<\/p>\n<p>Gleich zu Anfang interviewen wir uns zu zweit und berichten dann, was wir \u00fcber den anderen erfahren haben. Ich habe es mit Brad zu tun, einem von vier Amerikanern. Er hat eine schwedische Mutter und will irgendwann in Schweden studieren. Nat\u00fcrlich kommt er aus Minnesota, dem Hort der amerikanischen Schweden.<\/p>\n<p>Einige Studenten bekommen f\u00fcr den Kurs auch universit\u00e4re Credits. Bei uns ist das eine Holl\u00e4nderin, die Skandinavistik studiert. F\u00fcr die Credit-Studenten gelten eigene Regeln, aber welche das sind, erf\u00e4hrt man nicht. Hat wohl eher was mit der Abschlusspr\u00fcfung zu tun.<\/p>\n<p>Die Amerikaner bestehen auf den Kurzformen ihrer Namen: Brdley ist Brad, David ist Dave. Nur bei Patrick bin ich mir das nicht sicher. Als Eleftherios sich vorstellt, kommt auch gleich die Frage, ob es da keine Kurzform gebe. Doch Leftheris. Das finden sie sehr lustig.<\/p>\n<p>Der Unterricht ist gut. Lesen, Schreiben, H\u00f6ren und Sprechen, alles kommt gleich am ersten Tag vor. Alles geht ganz gut, au\u00dfer dem H\u00f6rverstehen. Drei Schweden sprechen von ihrer <em>smultronst\u00e4lle<\/em>, ihrem Lieblingsplatz. Einer zieht sich in den Wald zur\u00fcck, einer geht an den Strand und was der dritte macht, bleibt ein Geheimnis.<\/p>\n<p>Von dem Thema bin ich aber uneingeschr\u00e4nkt begeistert. Dem wunderbaren Wort <em>smultronst\u00e4lle<\/em> war ich schon mal begegnet, habe es aber immer wieder vergessen und wusste nicht, woher es kommt. Im Buch wird alles erkl\u00e4rt. Das Wort <em>smultron<\/em> bedeutet \u201aWalderdbeere\u2018. Die sind in Schweden so popul\u00e4r, dass sie gar nicht erst in den Verkauf kommen. Wenn man sie irgendwo erwischt, schl\u00e4gt man zu. Sie stehen f\u00fcr \u201aSommer\u2018 und werden in Liedern besungen und wurden von Linn\u00e9 als Medizin empfohlen. Die anderen Erdbeeren kamen erst im 18. Jahrhundert als Import nach Schweden.<\/p>\n<p>Das Suffix \u2013on gibt es auch bei anderen W\u00f6rtern f\u00fcr Beeren, die, ich grunds\u00e4tzlich vergesse, auch wenn sie schon Dutzende Male vorgekommen sind, eigentlich immer, wenn es um die Natur in Schweden geht: <em>lingon<\/em>, \u201aPreiselbeere\u2018, <em>hallon<\/em>, \u201aHimbeere\u2018 und <em>hjortron<\/em>, \u201aMultebeere\u2018. Die ist ganz besonders wichtig in Schweden.<\/p>\n<p>Im Vorbeigehen lernen wir auch einen neuen Ausdruck f\u00fcr Wie geht\u2019s? Hur star det till? Genauso wie Hur mar du? Ist es eine Einladung, eine ausf\u00fchrliche und ehrliche Antwort zu geben, im Gegensatz zu Hur \u00e4r l\u00e4get? Das ist eher ein Gru\u00df.<\/p>\n<p>Dann kommt ein kurzer Text \u00fcber Ingmar Bergman. Sehr gut geschrieben. Seine Filme werden so beschrieben: \u201eEin Mann, eine Frau, ein Raum und ein messerscharfer Dialog.\u201c Genauso ist es. Die immer wiederkehrenden Themen seien Familie, Kunst und Religion, hei\u00dft es. Der Mensch frage nach Gott, bekomme aber keine Antwort. Aus seinem Leben erf\u00e4hrt man von der Insel, auf die er sich in den letzten Jahren zur\u00fcckgezogen hat, mit komplettem Filmstudio. Ich habe dar\u00fcber mal eine Dokumentation im Fernsehen gesehen. Am liebsten sah er sich seine Filme noch mal ganz alleine an, ohne andere, um ganz unbeeindruckt beurteilen zu k\u00f6nnen, was gut und was schlecht war. \u00dcber Mangel an Frauen beklagte er sich ein Leben lang. Dabei war er viermal verheiratet und hatte verschiedene Geliebte. Aber das z\u00e4hlte alles nicht. Die anderen bekamen immer das Beste ab. Von seinen neun Kindern wurden alle, mit einer Ausnahme, Schauspieler, Regisseure oder Schriftsteller.<\/p>\n<p>Der Stadtrundgang am Nachmittag ist eine Entt\u00e4uschung. Die F\u00fchrerin, eine \u00e4ltere Dame mit einem d\u00fcnnen Stimmchen, kann sich kaum Geh\u00f6r verschaffen. Im Laufe der Tour wird das besser, weil wir immer weniger werden. Kein Wunder.<\/p>\n<p>Am h\u00e4ufigsten ist von den <em>nationes<\/em> die Rede. Das sind studentische Clubs, eigentlich Landsmannschaften, die bei den jungen Austauschstudenten vor allem wegen ihrer Partys beliebt sind. Sie sind in hochherrschaftlich aussehenden gro\u00dfen Geb\u00e4uden im Zentrum untergebracht. Jede gr\u00f6\u00dfere Region hat ihre eigene <em>nation<\/em>, als Anlaufstelle f\u00fcr die Studenten, die in den fr\u00fchen Zeiten der Universit\u00e4t von dort nach Uppsala kamen.<\/p>\n<p>Von der Stadtgeschichte erf\u00e4hrt man herzlich wenig. Der verheerende Brand wird erw\u00e4hnt, der zum Neuaufbau der halben Stadt f\u00fchrte, und auch ein fr\u00fcheres Ungl\u00fcck, auch ein Brand, glaube ich, der zur Verlegung der Stadt hierher f\u00fchrte. Das alte Uppsala hei\u00dft jetzt Gamla Uppsala und steht bei mir auf der Aktivit\u00e4tenliste ganz oben.<\/p>\n<p>Immer wieder spricht die F\u00fchrerin von <em>biografer<\/em>. Das ergibt \u00fcberhaupt keinen Sinn, bis ich merke, dass das die Kurzform von bio ist, Kino. Wir sehen vor allem ein ganz kurioses, winziges Kino in der N\u00e4he des Doms. Es ist in dem niedrigen Untergeschoss eines normalen Wohnhauses untergebracht und zeigt vor allem unzeitgem\u00e4\u00dfe Filme.<\/p>\n<p>Beim Erzbisch\u00f6flichen Palast erfahren wir, dass der jetzige Erzbischof eine Frau ist.<\/p>\n<p>Vom Dom erf\u00e4hrt man nicht viel mehr als die Ma\u00dfe: 118 Meter hoch, 118 Meter lang.<\/p>\n<p>Es gibt aber eine sch\u00f6ne Verbindung mit dem Text aus dem Lehrbuch: Ingmar Bergman. Er ist in Uppsala aufgewachsen. Aus einer kleinen Distanz sehen wir ein sch\u00f6nes, rot-graues Haus. Dort ist er aufgewachsen, bei seiner Gro\u00dfmutter. Verschiedene Szenen aus Fanny und Alexander spielen auch in Uppsala.<\/p>\n<p>Hier in der N\u00e4he ist auch von Pelle Svansl\u00f6s die Rede, einer Figur aus einem Kinderbuch oder aus einer Sage. Was es mit ihm auf sich hat, verstehe ich nicht.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">29. Juli (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Immer noch todm\u00fcde. Deshalb gleich nach dem Mittagessen nach Hause gegangen und eine kurze Siesta eingelegt.<\/p>\n<p>Unterwegs an einem Stand an einer Stra\u00dfenecke Erdbeeren gekauft. Das M\u00e4dchen, das die Erdbeeren verkauft, muss den ganzen Tag stehen und die Hitze aushalten, jetzt in der Mittagszeit besonders l\u00e4stig. Man kann ihr kaum ver\u00fcbeln, dass sie nicht sehr freundlich ist. Will ich schwedische oder belgische Erdbeeren? Ohne weiter nachzudenken, sage ich, schwedische. Die, stellt sich heraus, kosten 35, die belgischen nur 20. Klingt absurd, best\u00e4tigt aber, was das Lehrbuch \u00fcber die Erdbeeren sagt. Die sind erst im 18. Jahrhundert nach Schweden gekommen, also keine einheimischen Gew\u00e4chse, im Gegensatz zu den Walderdbeeren, den ber\u00fchmten <em>smultron<\/em>. Vielleicht wirkt sich das bis heute auf den Preis aus.<\/p>\n<p>Beim Mittagessen kommt die Rede auf typische Gerichte aus den verschiedenen L\u00e4ndern, und das M\u00e4dchen aus Jena sagt f\u00fcr Deutschland: Spargel. Volltreffer! Denkt man nicht so einfach dran.<\/p>\n<p>Der Anlass f\u00fcr das Gespr\u00e4ch war, dass es auch ein Thema im Unterricht war: schwedische Hausmannskost. Man musste W\u00f6rter aus deren Einzelteilen bilden wie Fr\u00fchlings-Suppe oder Kohl-Rouladen. Ich hatte nicht die geringste Ahnung. Konnte kein einziges Wort bilden. Dass <em>isterband<\/em> oder <em>kalvdans<\/em> Gerichte sind.<\/p>\n<p>Selbst der Text dazu ist schwer zu verstehen. Aber wenigstens ein kurioses Detail: Ein Gericht aus Norrland, palt oder pitepalt, hat dem Schwedischen ein Wort gegeben: paltkoma. Das ist das Gef\u00fchl der Ersch\u00f6pfung, die davon kommt, dass man zu viel gegessen hat. In Norrland ist palt so beliebt, dass es sogar Paltzerias gibt.<\/p>\n<p>Im Buch werden sieben schwedische Regionen vorgestellt: Sk\u00e5ne (ganz im S\u00fcden, an D\u00e4nemark grenzend, mit Malm\u00f6 und Lund), Sm\u00e5land (daran im Norden angrenzend und die klassische Gegend f\u00fcr rote Ferienh\u00e4user am See), Gotland (die geschichtstr\u00e4chtige Insel mit ihrem mittelalterlichen Erbe), Dalarna (in der Mitte, mit traditioneller Handwerkskunst und Lebensweise verbunden und mit einer Vielzahl von Dialekten), J\u00e4mtland im Norden (mit wilder, oft rauer Natur) und Lappland ganz im Norden (mit dem Kebnekaise als h\u00f6chstem Berg Schwedens, mit Jagd und Fischfang und der Kultur der Samis). Die Region von Henning Mankells B\u00fcchern ist Sk\u00e5ne, die von Astrid Lindgren ist Sm\u00e5land.<\/p>\n<p>Als bekanntestes Gericht von Gotland wird saffranspannkaka vorgestellt, und die vielen exotischen Ingredienzien \u2013 Mandeln, Rosinen, Safran usw. &#8211; f\u00fchrt man darauf zur\u00fcck, dass Gotland im Mittelalter das wichtigste Handelszentrum in der Ostsee war und man mit Gew\u00fcrzen und Luxuswaren aus aller Welt handelte.<\/p>\n<p>Es ist die Region, landskap, mit der sich Schweden identifizieren, aber sie ist keine Verwaltungseinheit, wenn ich das richtig verstehe. Es scheint so um die zwanzig zu geben.<\/p>\n<p>Ansonsten gab es Grammatik, erst Relativs\u00e4tze (einfach), dann Partizip und Supinum (schwer). F\u00fcr die Amerikaner sind auch die Relativs\u00e4tze schwer. Das Englische differenziert nicht so sehr wie das Deutsche.<\/p>\n<p>Trotzdem gibt es auch in der Grammatik was Neues: Das Relativpronomen vilket, das sich auf den ganzen Satz bezieht: Filmen visade m\u00e4nniskor utan kl\u00e4der vilket var en skandal p\u00e5 den tiden. Au\u00dferdem gibt es eine kuriose Regel zur Wortstellung: Die Verneinung, inte, steht im Nebensatz nicht an derselben Stelle wie im Hauptsatz: Han tycker inte om kattor, aber: Jag har en bror som inte tycker om kattor.<\/p>\n<p>Nebenbei begegnen wir noch einem modernen Word: Was fr\u00fcher <em>styvfar<\/em> hie\u00df, \u201aStiefvater\u2018, hei\u00dft heute <em>bonusfar<\/em>.<\/p>\n<p>Der Text, den ich gestern \u00fcber meine <em>smultronst\u00e4lle<\/em> geschrieben habe, hat Jenny schon korrigiert. Viel weniger Fehler, als ich gedacht habe.<\/p>\n<p>Am Ende schreiben wir einen Text \u00fcber einen Film, den wir besonders gut oder besonders schlecht finden. Ich nehme <em>Amanece que no es poco<\/em>, den abstrusen Film \u00fcber ein ganz normales Dorf in der spanischen Provinz, wo die Leute, meist ganz einfache Bauern, statt \u00fcber das Wetter oder die Preise \u00fcber die neusten Entwicklungen der Existentialphilosophie oder den Plagiatsvorwurf gegen einen s\u00fcdamerikanischen Erfolgsschriftsteller reden, so als w\u00e4re das ganz normal.<\/p>\n<p>Im Unterricht f\u00e4llt mir auf, dass die jungen M\u00e4nner alle keine Uhren mehr tragen. Ihr Smartphone ist ihre Uhr. Die Frauen tragen meist noch Uhren, auff\u00e4llige, gro\u00dfe, runde Uhren, aber sie sind eher Schmuck als Werkzeug. Auch Vokabeln schl\u00e4gt man nicht im W\u00f6rterbuch nach, sondern im Phone.<\/p>\n<p>Langsam d\u00e4mmert mir, warum Erik und Luc, die beide nicht gerade flie\u00dfend sprechen, auf der gleichen Stufe sind: Sie sind Grammatikjunkies. Beide legen h\u00f6chsten Wert darauf und haben in Gent einen Lehrer, der das auch tut. Sie haben viel im Kopf, und was sie nicht im Kopf haben, finden sie sofort in ihren umfangreichen Unterlagen. Ich wei\u00df bei meinem Lehrbuch noch nicht einmal, wo der Grammatikteil ist. Am Abend hilft mir Erik dann auch wirklich bei den Aufgaben mit dem Partizip auf die Spr\u00fcnge.<\/p>\n<p>Auch Kirschen sind dem Wortlaut nach Beeren: <em>k\u00f6rsb\u00e4r<\/em>. Ich kann mich nicht erinnern, das Wort schon mal geh\u00f6rt zu haben. Komisch. Anders ist es bei <em>persika<\/em>, das seine urspr\u00fcngliche Bedeutung deutlicher zur Schau stellt als <em>Pfirsich<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">30. Juli (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Im Unterricht machen wir einen Kinderreim. Damit wird dann systematisch Aussprache ge\u00fcbt:<\/p>\n<p>Det var en g\u00e5ng ein ko och en kalv.<\/p>\n<p>Och nu ar sagan halv.<\/p>\n<p>Och sen gick kon och kalven ut<\/p>\n<p>Och nu \u00e4r sagan slut.<\/p>\n<p>Es gibt Erkl\u00e4rungen, \u00fcber im Chor und individuell. Wunderbar! Das ist guter Sprachunterricht. Es gibt riesige Unterschiede zwischen uns, aber keiner bekommt alles richtig hin. Die meisten sprechen det zu kurz, ebenso slut und ut und kon. Au\u00dferdem gibt es bei uns viel zu wenig Elision, und den ganz spezifisch schwedischen Singsang bei sagan bekommt keiner hin. Weil man es nicht richtig ausspricht, versteht man es auch nicht richtig. Wie ich am Nachmittag an der Kasse im Supermarkt feststellen muss, wo ich 74 bezahlen soll, aber 44 verstehe. Erst als die Kassiererin mich fragend ansieht, als ich ihr einen 50-Kronen-Schein hinhalte, merke ich, dass was nicht stimmt.<\/p>\n<p>Nicht alles ist so gut, wie der Kinderreim. Wir h\u00f6ren ein Lied von einer S\u00e4ngerin aus Uppsala \u00fcber Uppsala, einmal ohne, einmal mit Text, aber ohne jede Aufgabe. Es gibt ein paar Erkl\u00e4rungen, aber das ist alles. Auf dem Blatt mit dem Text stehen noch nicht einmal der Titel und der Name der S\u00e4ngerin. Eine verpasste Gelegenheit. Dabei hat der Text einiges zu bieten: Der Fyris\u00e5 kommt vor, sogar Rackarberget, das Studentenviertel, wo wir wohnen, und au\u00dferdem ein vattenfestival und ein Ereignis, das Valborgskaos hei\u00dft. Was das ist, wird nicht klar.<\/p>\n<p>Dann geht es um schwedische Geschichte. Es gibt einen kurzen Text f\u00fcr jedes Jahrzehnt der 20. Jahrhunderts und ein paar Karikaturen, die \u00e4ltere Epochen vertreten: Schweden unter einer geschlossenen, dicken Eisschicht, Schweden vom Eis befreit, mit Delfinen im Hafen und Weinreben auf den Bergen, die Wikinger auf Erkundungsfahrt mit ihren Langbooten, Gustav Wasa, der strenge Papa der Nation, wie ein Charakter aus einem Shakespeare-Drama aussehend, mit Skiern (Wasa-Lauf), Schwert und einem Grenzstein, auf dem <em>Svea Rike<\/em> steht; Gustav Adolf II. mit Schwert im Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg in Deutschland; Christina, die sich selbst die Krone abnimmt und nach Rom, zum Petersdom schaut. Gustav III, mit der Maske, und den Revolverhelden, die beim Maskenball ein Attentat auf ihn aus\u00fcbten (das aber eigentlich nicht t\u00f6dlich war, er starb durch die falsche Behandlung der Wunde). Karl Johann Bernadotte, mit einer schwedisch-franz\u00f6sischen Fahne.<\/p>\n<p>Um die m\u00e4nnliche Dominanz ein bisschen zu relativieren, gibt es dann vier Erfahrungsberichte von Frauen aus k\u00f6niglichem Hause: Margareta, Kristina, Ulrika Elonora, Victoria. Starke Pers\u00f6nlichkeiten, interessante Gestalten (au\u00dfer der Kronprinzessin, die wohl nur als Konzession an die Moderne oder aus dekorativen Gr\u00fcnden dabei ist), nur: Die Texte sind in einer unertr\u00e4glich naiven Sprache geschrieben, so wie von Schulm\u00e4dchen. Damit tut man den Frauen keinen Gefallen. Da will man ihre Ehre retten, indem man ihnen Pr\u00e4senz verleiht, und macht alles nur noch schlimmer.<\/p>\n<p>Im Unterricht gibt es noch mehr zur Aussprache. Die Eingangslaute von <em>ljus<\/em>, <em>hj\u00e4rta<\/em> und <em>djur<\/em> sind alle stumm. Ebenso das \/r\/ von <em>barn<\/em>, au\u00dfer in Finnland und in Malm\u00f6. Da wird es gesprochen.<\/p>\n<p>Es wird regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr neue Paare und neue Kleingruppen im Unterricht gesorgt. Heute sind Erin, das M\u00e4dchen aus New York, und ich an der Reihe, als es an die Verbesserung des Textes \u00fcber den Film geht. Wir sollen die Fehler, die jeweils nur unterstrichen sind, bei dem jeweils anderen korrigieren. Wir haben beide einen ausf\u00fchrlichen Text geschrieben und wenige Fehler. Wir haben aber beide den gleichen Fehler bei der Stellung von inte, der Verneinungspartikel, gemacht, bei ihr verzeihlicher als bei mir. Sp\u00e4ter sehe ich aber in einem Text, dass es da doch manchmal Unterschiede zwischen Schwedisch und Deutsch gibt: \u2026 men riksdagen inte accepterade det &#8211; \u2026 aber der Reichstag nicht akzeptierte das.<\/p>\n<p>Als wir vom Mittagessen nach drau\u00dfen kommen, ist der Himmel bedeckt und es fallen die ersten Tropfen. Dann geht es richtig los. Ich schaffe es so gerade noch, mich in die Schule zu fl\u00fcchten. Ich bleibe einfach so lange, bis der Regen vorbei ist.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg staut sich an vielen Stra\u00dfenecken das Wasser auf der Stra\u00dfe. Verwunderlich. Man glaubt, in Schweden g\u00e4be es so was nicht.<\/p>\n<p>Zuhause mache ich mich auf die Suche nach den Abfalleimern. Sie stehen in einem eigenen, abgeschlossenen, einst\u00f6ckigen Geb\u00e4ude zwischen den Apartmentblocks. Keine gute Idee. Drinnen stinkt es bestialisch. An die eigentlich vorgesehene Trennung halten sich nat\u00fcrlich nicht alle. Manchmal ist es auch gar nicht so leicht zu unterscheiden.<\/p>\n<p>Dann mache ich mich auf die Suche nach dem Waschraum. Er ist im Keller, aber abgeschlossen. Ich versuche eine andere T\u00fcre, und die ist auf. Und f\u00fchrt in einen Gang, der wiederum in einen anderen Gang f\u00fchrt, von dem man wirklich Zugang zu dem Waschraum hat. Alle Maschinen sind von Miele, die meisten sind im Gange, aber hier unten ist kein Mensch. Etwas mulmig ist mir bei der Aktion schon, so als ob ich mich hier nicht erwischen lassen d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Als ich wieder nach oben komme, steht Eric kopfsch\u00fcttelnd vor dem Herd. Er will sich zwei von den Eiern, die uns die Vorbewohner gro\u00dfz\u00fcgig \u00fcberlassen haben, in die Pfanne hauen. In der Pfanne ein St\u00fcck Butter, und die Herdplatte auf 6, dem h\u00f6chsten Grad. Aber es tut sich nichts. Ob ich da helfen k\u00f6nnte. Eine andere Herdplatte probieren? Hat es schon. Sind alle kaputt. Kann doch nicht sein. Dann stehen wir beide kopfsch\u00fcttelnd vor dem Herd. Und brechen den Versuch ab.<\/p>\n<p>Dann schwant mir was. Der Herd ist kaputt, und deshalb ist auch noch ein komplettes Dutzend Eier im K\u00fchlschrank. Die Vorbewohner haben die Eier gekauft, dann festgestellt, dass der Herd nicht funktioniert.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag frage ich Emma. Nein, das k\u00f6nne nicht sein, meint sie, bisher habe sich noch niemand beschwert. Ich solle mal nach einem Timer gucken. An der Wand.<\/p>\n<p>Wieder zuhause, suche ich s\u00e4mtliche K\u00fcchenw\u00e4nde ab. Kein Erfolg. Dann f\u00e4llt mein Blick auf einen zus\u00e4tzlichen Schalter am Herd, ganz links. Der zeigt Minuten an. Ich schalte ihn an, und die Platte wird warm. Triumphierend berichte ich Eric von meiner Entdeckung, als er nach Hause kommt. Heute gibt es Omelette.<\/p>\n<p>Eric und ich suchen nach dem Wort f\u00fcr \u201akreuzen\u2018, als wir \u00fcber den Weg zur Schule sprechen. Mein Minilexikon hat\u00a0 Kreuzschmerzen, Kreuzschl\u00fcssel, Kreuzband, Kreuzfahrt und Kreuzotter. Aber nicht kreuzen. Es kommt noch schlimmer: Sp\u00e4ter stelle ich fest dass auch <em>unter<\/em> fehlt. Zu seiner Ehrenrettung muss man sagen, dass es <em>\u00fcberqueren<\/em> hat: <em>korsa<\/em>. Und das ist ja auch das g\u00e4ngigere Wort. Trotzdem: Das Prinzip gilt, dass immer die falschen W\u00f6rter auftauchen. Und dass man immer die gleichen vermisst. Dazu geh\u00f6ren die Kirschen noch nicht einmal. Wie oft spricht man \u00fcber Kirschen? Vielleicht monatelang kein einziges Mal. Dagegen habe ich gleich am zweiten Tag Ausnahme und Gegenteil nachgeschlagen, <em>undantag<\/em> und <em>motsats<\/em>. Die braucht man viel \u00f6fter. Und die fehlen immer.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">31. Juli (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Eric schreibt heute einen Test. Einige Lehrer machen jede Woche einen, andere nur einen Abschlusstest. Er nimmt die Sache sehr ernst und berichtet am Nachmittag nicht ohne Stolz, dass er die Sache gut hinbekommen hat. Er hat sogar im gesamten Grammatikteil keinen Fehler, nur im Vokabelteil. Da musste genau das spezifische Wort angegeben werden, das im Unterricht gelernt wurde. Er hatte immer ein etwas weniger spezifisches Synonym, kommunikativ genau das Richtige. Der Test testet nur, ob man gelernt hat, was im Unterricht vorkam. Das ist als Testform nicht ganz unproblematisch.<\/p>\n<p>Im Unterricht frage ich einfach nach Pelle Svansl\u00f6s. Keiner wei\u00df Bescheid, auch die nicht, die schon l\u00e4nger hier sind. Pelle Svansl\u00f6s ist tats\u00e4chlich eine Figur aus einem Kinderbuch, ein Kater ohne Schwanz. Weil er keinen Schwanz hat, wird er von den anderen Katzen geh\u00e4nselt. Eine Ratte hat ihm als Kind den Schwanz abgebissen. Er kommt urspr\u00fcnglich aus einer anderen Gegend, ist dann aber nach Uppsala gekommen. Die Geschichten enthalten auch Anspielungen auf Orte und Geb\u00e4ude in Uppsala, erkl\u00e4rt Jenny. Sie habe als Kind diese Geschichten gelesen, ihre Kinder aber nicht mehr. Die Stadt Uppsala nutzt die Figur jetzt aus als Symbolfigur f\u00fcr Aktionen f\u00fcr Kinder. Es soll zum Beispiel ein gro\u00dfer, neuer Spielplatz nach ihm benannt werden. In dem Zusammenhang bin ich dem Namen zum ersten Mal begegnet, in einer Brosch\u00fcre der Touristeninformation. Und dann tauchte er bei der Stadtf\u00fchrung auf.<\/p>\n<p>Im Buch lesen wir einen richtig guten Text zu den nordischen Sprachen. Es gibt einen kurzen historischen Abriss mit Karten, die die wechselnde geopolitische Situation widerspiegeln. Dann geht es auch um gegenseitige Verst\u00e4ndlichkeit. Der Text bezieht sich auf eine Studie, der zufolge die Norweger die anderen am besten verstehen, die D\u00e4nen die anderen am schlechtesten. Am schlechtesten von allen verstehen die Kopenhagener die Schweden, trotz der geographischen N\u00e4he. Jenny erz\u00e4hlt, auch das deutet der Text an, dass sie mit D\u00e4nen Englisch spricht. Die gegenseitige Verst\u00e4ndigungsf\u00e4higkeit geht damit vermutlich weiter verloren. Sprachgeschichtlich ganz, ganz bedeutsam. Wieder wird der Text sehr oberfl\u00e4chlich besprochen. Schade.<\/p>\n<p>Es gibt auch falsche Freunde zwischen den Sprachen: <em>rolig<\/em> ist \u201aruhig\u2018 auf D\u00e4nisch und Norwegisch, \u201awitzig\u2018 auf Schwedisch, <em>by<\/em> ist \u201aStadt\u2018 auf D\u00e4nisch und Norwegisch und \u201aDorf\u2018 auf Schwedisch.<\/p>\n<p>Dann kommt eine H\u00f6rverstehens\u00fcbung mit Zeitausdr\u00fccken. Man h\u00f6rt eine ganze Anzahl von kurzen Dialogen und soll so viele Zeitausdr\u00fccke identifizieren wie m\u00f6glich. Die werden dann gesammelt. Und dann kommt das Beste: Das Buch hat eine \u00dcbersicht \u00fcber alle Zeitausdr\u00fccke, in vier Kolumnen: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft und eine weitere Kategorie f\u00fcr Regelm\u00e4\u00dfig. Volle Punktzahl! Ich habe mehrmals m\u00fchsam versucht, mir so etwas zusammenzustellen, und jetzt wird es auf dem Silbertablett serviert. Da haben wir i somras, \u201aletzten Sommer\u2018, i sommar, diesen Sommer, i sommar, n\u00e4chsten Sommer und p\u00e5 sommaren oder p\u00e5 somrarna f\u00fcr jden Sommer, im Sommer. Oder in mandags, lezten Montag, p\u00e5 mondag, n\u00e4chsten Montag, p\u00e5 mandagar oder p\u00e5 mandagarna f\u00fcr montags. Toll! Volle Punktzahl f\u00fcr die Verfasser. Nur: Wie bekomme ich das in den Kopf?<\/p>\n<p>Es liegen Welten zwischen all den amerikanisierten, jungen Leuten und mir. Das ist mir in den ganzen Tagen vor Augen gef\u00fchrt worden. Besonders deutlich wird es heute. Wir sollen ein Paket f\u00fcr unsere Zeit schn\u00fcren, dass den Menschen in 100oder 200 Jahren Auskunft \u00fcber uns gibt: ein Lied, ein Film, ein Buch, ein Ger\u00e4t, ein Geruch, eine Speise usw. Mit mir zusammen sind Patrick und Eleftherios.\u00a0 Die Filme und Lieder, die sie nennen, kenne ich noch nicht einmal. Und was ich vorschlage, muss f\u00fcr sie hoffnungslos veraltet klingen. Nachher im Plenum einigt man sich dann auf das, was ziemlich naheliegend ist: T-Shirt, Pizza, I-Pod, Harry Potter usw. Chris macht einen interessanten Vorschlag zum Geruch: frische Luft. Die werde es demn\u00e4chst nicht mehr geben. Ich hatte eine \u00e4hnliche Idee, aber komischerweise ganz umgekehrt: den Gestank von Abfall. Er denkt an eine Welt, in der Autos, Industrie, Haushalt usw. die Luft endg\u00fcltig unertr\u00e4glich gemacht hat. Ich denke an eine klinisch saubere Welt, die so weit fortgeschritten ist, dass es gar keinen Abfall mehr gibt \u2013 und \u00fcberhaupt keine fiesen Ger\u00fcche.<\/p>\n<p>Nach dem Mittagessen gehe ich in die Buchhandlung und finde auch tats\u00e4chlich etwas zu Pelle Svansl\u00f6s. Allerdings ist es eine Ausgabe f\u00fcr Kinder bis zu drei Jahren, und jede konkrete Anspielung auf Uppsala fehlt. Das scheint nicht die Originalausgabe zu sein.<\/p>\n<p>Dann gehe ich zur Touristeninformation. Es ist wenig Betrieb, und ich warte, bis ein franz\u00f6sisches Paar und ein Schwede fertig sind und leite dann das Gespr\u00e4ch so ein: K\u00f6nnen wir Schwedisch sprechen? \u2013 Ja- Kannst Du auch auf Schwedisch antworten: Ja. Kannst du auch auf Schwedisch weitermachen, wenn ich nicht verstehe? \u2013 Ja. Das funktioniert tats\u00e4chlich. Ich bekomme alle Informationen \u00fcber Linn\u00e8 und \u00fcber Gamla Uppsala. Kein Wort Englisch in einer ca. f\u00fcnfzehnmin\u00fctigen Konversation. Es ist das erste Mal, dass ich au\u00dferhalb der Schule mit einem Schweden Schwedisch spreche.<\/p>\n<p>Nachdem ich mich in den letzten Tagen immer verirrt und die F\u00fc\u00dfe wund gelaufen habe, finde ich heute eine gute Alternative: direkt durch den Friedhof. Es scheint sogar etwas k\u00fcrzer zu sein. Ich sehe Kreuze, die die keltische Form haben und Grabsteine mit keltisch aussehenden Motiven, wie Runensteine aussehend. Die Menschen, die hier begraben sind, hei\u00dfen Lindstr\u00f6m, Ekberg und Lund, vor allem aber Petersson, Karlsson, Gustavsson, Larsson, Jansson, Nilsson und Eriksson. An der Grabkapelle sehe ich sogar eine Information, die auf begleitete G\u00e4nge \u00fcber den Friedhof hinweisen: jeden Mittwoch um zwei in den Sommermonaten. Passt. Am n\u00e4chsten Tag sehe ich allerdings einen kleinen Zusatz: au\u00dfer in den Wochen 29-32. Wie ich mich kenne, wird das genau jetzt sein.<\/p>\n<p>\u201eNein, Mr. Epstein, ich glaube nicht, dass ich mit diesen Jungs eine Platte machen kann. Sie klingen zu sehr wie die Shadows.\u201c So begr\u00fcndete Dick Rowe von Decca 1962, warum er den Beatles keinen Schallplattenvertrag geben wollte. Einer von 101 historischen Fehlern, von denen das Buch handelt, das ich heute in der Buchhandlung gekauft habe: <em>101 historisk misstag<\/em>.\u00a0 Das kann man gut lesen, denn die Kapitel sind ganz kurz und offensichtlich ganz willk\u00fcrlich angeordnet, so dass man immer das lesen kann, wonach es einem gerade ist: der nicht vergebenen Friedensnobelpreis an Gandhi, die Erfindung der Worcestersauce, die Erfindung der Mikrowelle durch einen Schokoriegel in der Tasche des Forschers, die Prophezeiung Klaus Manns, dass aus dem Mann am Nebentisch, der ein St\u00fcck Kuchen mit Sahne nach dem anderen verschlang, nie etwas werden k\u00f6nne, und ein f\u00fchrender Politiker schon gar nicht. Es war Hitler. Am besten der Import von Wildkaninchen nach Australien, der noch ein paar Jahre sp\u00e4ter, als man bei einer Jagd 40.000 erledigte, gefeiert wurde. Dann erst kam die Einsicht, dass es vielleicht doch zu viele gab. Aus den 24 von 1860 waren f\u00fcnfzig Jahre sp\u00e4ter ca. zehn Milliarden geworden! Da baute man dann den Zaun durchs ganze Land. Den die Kaninchen einfach unterwanderten. Und dann kam die Wunderwaffe: ein Virus. Ein durchschlagender Erfolg. Die Kaninchen starben wie die Fliegen. Nur: Bei allen Virusinfektionen, ob Menschen oder Tiere betroffen sind, gibt es eine Minderheit, die immun gegen den Virus ist. Als Faustregel nimmt man 10% an. Und die vermehrten sich nicht nur wie die Kaninchen, sondern waren sogar besonders widerstandsf\u00e4hig. Man hatte ungewollt eine Selektion vorgenommen. Die australischen Experten antworten auf die Frage, wie lange es dauere, bis die Kaninchen wieder ihre alte Zahl erreichen, antworten deprimiert: ein Jahr.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1. August (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Fast eine Woche hat es gedauert, bis ich mich endlich zum Laufen durchringe. Heute gibt es keine Entschuldigung mehr. Gleich am Morgen geht es auf die Piste, noch vor sechs Uhr.<\/p>\n<p>Es geht stracks runter in die Innenstadt. Schon in acht Minuten, schneller als gedacht, bin ich am Dom. Dann geht es, auf der anderen Seite, den Fyris\u00e5n entlang, teils \u00fcber die Hauptstra\u00dfe, teils \u00fcber einen h\u00f6lzernen Steg mit wunderbarem Blick auf dem Dom. Es geht an verschiedenen Br\u00fccken vorbei und an winzigen Motorbooten und h\u00f6lzernen Hausbooten. Es geht immer weiter stadtausw\u00e4rts.<\/p>\n<p>Dann kommt ein Feldweg, der wischen den Fluss und dem Kungs\u00e4ng, der \u201aK\u00f6nigswiese\u2018. Die wurde, nachdem das Schloss gebaut wurde, den normalen Leuten \u00fcberlassen, u.a. als Heuwiese, gegen eine Abgabe, versteht sich.<\/p>\n<p>Ich muss den richtigen Moment verpasst haben, den Fluss zu \u00fcberqueren, aber endlich kommt doch eine Br\u00fccke in Sicht, etwas versteckt hinter den Str\u00e4uchern. Nur: Die Br\u00fccke kann man nicht \u00fcberqueren. Der Mittelteil fehlt. Keine Ahnung, warum. Auf einem Schild ist die Rede von einem Unfall, der sich hier ereignetet, im Zusammenhang mit der gepachteten K\u00f6nigswiese, aber ich verstehe nicht, was es damit auf sich hat.<\/p>\n<p>Die Atmosph\u00e4re ist ein bisschen unheimlich, so wie in dem Film, wo einer merkt, dass er der einzige \u00dcberlebende auf der Erde ist. Es ist taghell, ich stehe vor der kaputten Br\u00fccke, man sieht keinen Menschen und h\u00f6rt kein menschliches Ger\u00e4usch, nicht einmal ein Vogel piept. Dann h\u00f6rt man in der Ferne einen Hahn kr\u00e4hen. Und auf der anderen Seite steigt aus einem Fabrikschornstein Qualm auf, als Zeichen menschlicher Pr\u00e4senz.<\/p>\n<p>Ich mache mich auf den R\u00fcckweg, und als ich der Stadt n\u00e4her komme, kommt tats\u00e4chlich Leben in die Bude. Hundebesitzer, die M\u00fcllabfuhr, Jogger und vor allem, Radfahrer. An der Br\u00fccke, die in den Stadtpark f\u00fchrt, werden, wie in Portland, in einer elektronischen Anzeige die Zahl der Radfahrer angezeigt, die heute die Br\u00fccke schon \u00fcberquert haben: 112.<\/p>\n<p>Dann geht es, wieder \u00fcber die S:t Johannesgatan, zur\u00fcck zur Wohnung, bergauf. Deshalb war ich so schnell in der Stadt auf dem Hinweg: Es ging bergab.<\/p>\n<p>Als ich ankomme, kommt Eric auf der Dusche. Er macht heute die Exkursion in ein Silberbergwerk mit. Ich habe erst gez\u00f6gert, mich dann aber dagegen entschieden. In Uppsala gibt es genug zu sehen.<\/p>\n<p>Auch die Bettlerin am ICA hat geregelte Arbeitszeiten. Zu dieser fr\u00fchen Morgenstunde ist sie noch nicht im Einsatz. Ich finde endlich Taschent\u00fccher \u2013 <em>n\u00e4sdukar<\/em>.<\/p>\n<p>Dann nutze ich Erics Abwesenheit f\u00fcr eine Waschaktion. Alles per Hand, nachdem ich irgendwo gelesen habe, dass man sich f\u00fcr den Waschraum irgendwo elektronisch anmelden muss. Was nicht per Hand geht, kommt sp\u00e4ter in die Reinigung.<\/p>\n<p>Die Reinigung wird von einer Immigrantin betrieben, mit Kopftuch und flie\u00dfendem Schwedisch. Hier wird ordentlich abkassiert: 160 Krn. Davon 110 f\u00fcr die Hose, f\u00fcr Shorts! Das ist v\u00f6llig \u00fcbertrieben und steht in keinem Verh\u00e4ltnis zu dem Preis f\u00fcr ein Hemd: 25 Krn.<\/p>\n<p>Im Caf\u00e9 Linn\u00e9 gegen\u00fcber trinke ich noch einen Kaffee. Auch der kostet 32 Kronen, eine Menge Geld f\u00fcr einen Kaffee mit Selbstbedienung. Es gibt allerdings, wie immer, Wasser umsonst, und man kann nachnehmen. Das erinnert mich an einen klassischen schwedischen Alltagssatz, der dieser Tage im Unterricht vorkam: <em>Ing\u00e5r p\u00e5t\u00e5r?<\/em> Das fragt man, wenn man wissen will, ob man nachnehmen kann. Ich hatte den Satz immer missverstanden und geglaubt, <em>ing\u00e5r<\/em> w\u00e4re ein Pronomen. Es ist ein Verb und hei\u00dft so was wie einbegriffen sein, w\u00f6rtlich eingehen.<\/p>\n<p>Das Caf\u00e9 ist in einem Eckhaus untergebracht, im Erdgeschoss. Es hat niedrige Decken und alte M\u00f6bel, so eine Art Biedermeier-Verschnitt. Mit niedrigen Sofas an verschiedenen Stellen, und mit alten schwarz-wei\u00df-Photos von der Gegend an den W\u00e4nden. Man sieht, dass in diesem Geb\u00e4ude urspr\u00fcnglich eine B\u00e4ckerei untergebracht war, <em>Lindgrens Bageri<\/em>.<\/p>\n<p>Durch das Fenster des Caf\u00e9 kann ich die vorbeifahrenden Radler beobachten. Nur ganz wenige tragen einen Helm. Das ist mir sehr sympathisch, aber verwundert in diesem Land, in dem es f\u00fcr alles eine Regel gibt.<\/p>\n<p>Dann geht es in das Linn\u00e9museum. Ich sage, ich wolle die F\u00fchrung um halb zw\u00f6lf mitmachen, und keiner sagt was, obwohl die F\u00fchrung auf Schwedisch ist. Wir sind nur eine kleine Gruppe, aber zum Gl\u00fcck wird nicht gefragt, woher wir kommen, und ich kann einfach die Klappe halten und versuchen, was mitzubekommen. Es geht nicht gut, aber auch nicht schlecht. Viele Details verpasse ich, und manchmal schalte ich einfach ab und h\u00e4nge meinen Gedanken nach. Aber das Gro\u00dfe und Ganze wird klar. Auch deshalb, weil ich drau\u00dfen am Zaun schon vorher was gelesen habe.<\/p>\n<p>Obwohl der Garten Linn\u00e9garten hei\u00dft, geht er auf Olof Rudbeck zur\u00fcck, den etwas abgedrehten, unglaublichen vielseitigen Renaissancemenschen, dessen Nachruhm v\u00f6llig zu Unrecht auf der verr\u00fcckten Theorie beruht, dass es sich bei dem verschwundenen Atlantis der Antike um Schweden handelte und dass im Paradies Schwedisch gesprochen wurde. Das sagt allerdings die F\u00fchrerin nicht.<\/p>\n<p>Rudbeck legte hier den ersten schwedischen Botanischen Garten \u00fcberhaupt an. Der ging zum gro\u00dfen Teil bei dem verheerenden Stadtbrand von 1702 verloren. Der wurde dann von Linn\u00e9 wiederbelebt, der hier auch wohnte. Als dann der neue Botanische Garten angelegt wurde, wurde dieser geschlossen. Die Pflanzen wanderten hin\u00fcber. Erst sp\u00e4ter entschied man sich, die Sache nach den Originalpl\u00e4nen wieder aufzubauen. Heute ist der Garten Museum, wird aber auch von den Medizinstudenten der Universit\u00e4t benutzt.<\/p>\n<p>Linn\u00e9 war nicht etwa Biologe, sondern Mediziner. Biologie als solche gab er vermutlich noch gar nicht. Die medizinische Ausrichtung schl\u00e4gt sich aber auch im Garten nieder, bei dem es oft um die Heilwirkung der Pflanzen geht.<\/p>\n<p>Irgendwann f\u00e4llt der Name Celsius. Es h\u00f6rt sich so an, als w\u00e4re Linn\u00e9, der Mediziner, von dem Theologen Celsius auf die Spur mit der Botanik gebracht worden, aber vielleicht habe ich das nicht richtig verstanden.<\/p>\n<p>Der Garten ist im Geschmack des Barock gehalten, symmetrisch angelegt, mit zwei Rechtecken, die durch einen Weg getrennt sind, an dessen Ende eine Art T\u00fcmpel liegt, der wiederum zu beiden Seiten kleinere T\u00fcmpel hat.<\/p>\n<p>Quer vor dem eigentlichen Garten liegt eine Art Vorgarten, mit dem Wohnhaus von Linn\u00e9 auf der rechten Seite. In der Mitte wurden urspr\u00fcnglich die Pferde gehalten.<\/p>\n<p>Wenn man den eigentlichen Garten betritt, ist man erst etwas erstaunt. Er sieht eher wie ein Kr\u00e4utergarten aus. Die beiden Rechtecke sind mit einer beschnittenen Buchsbaumhecke umfasst. Das hat seinen Grund. Wir befinden uns an der n\u00f6rdlichen Buchsbaumgrenze Europas, und Linn\u00e9 wollte zeigen, dass man ihn hier anpflanzen kann.<\/p>\n<p>Dann gibt es in schmalen Beeten, die an den Kr\u00e4utergarten eines mittelalterlichen Klosters erinnern, Pflanzen aus aller Welt. Es ist wie ein lebendes Kompendium. Darum ging es auch wohl. Man sieht Tabak aus Virginia, Kartoffeln aus Peru, sogar Auberginen und Mais und auch Tomaten, alles neues Zeugs zu der Zeit. Man mag kaum glauben, dass das alles hier den Winter \u00fcberdauert. Aber vielleicht werden da Schutzma\u00dfnahmen getroffen. Aus Erfahrung wei\u00df ich ja, dass der Garten im Winter geschlossen ist.<\/p>\n<p>Linn\u00e9 selbst war kein Freund der Kartoffel. Jedenfalls weigerte er sich, sie zu essen. Sie wurde aber als Pferdefutter verwandt und, wenn ich das richtig verstanden habe, auch den Dienern zum Essen gegeben. Die erste Kartoffel wurde, entgegen der schwedischen volkst\u00fcmlichen Vorstellung, schon von Rudbeck in Schweden angebaut, und zwar schon 1658, mehr als ein halbes Jahrhundert, bevor Alstr\u00f6mer die B\u00fchne betrat, dem der Import der Kartoffel zugeschrieben wird und dem daf\u00fcr in G\u00f6teborg\u00a0 ein Denkmal errichtet wurde.<\/p>\n<p>Am \u00e4u\u00dfersten vorderen Ende des Gartens zeigt uns die F\u00fchrerin eine besondere, aber unscheinbar aussehende Pflanze, die jetzt leider nicht bl\u00fcht. Es ist Linn\u00e9s Lieblingsblume, und da er die Oberhoheit \u00fcber die Benennungen hatte, bekam sie seinen eigenen Namen: Linnea Borealis.<\/p>\n<p>Gleich daneben eine Staude mit kleinen Beeren: smultron. Da haben wir sie wieder. Auch das Caf\u00e9 des Linn\u00e9gartens hei\u00dft Smultron.<\/p>\n<p>Ganz am Ende der F\u00fchrung ist noch von h\u00f6stbr\u00f6d die Rede, Pferdebrot. Das wurde wohl eigens f\u00fcr die Pferde gebacken. Die F\u00fchrerin erz\u00e4hlt davon, als wir vor einer Bohnenstaude stehen. Die Bohne scheint die Grundlage f\u00fcr das Pferdebrot gewesen zu sein.<\/p>\n<p>Am Ende des Gartens, quer \u00fcber die ganze Breite des Gartens, befindet sich die Orangerie. Besser gesagt: befand sich. Sie war, nach dem Vorbild der r\u00f6mischen B\u00e4der, eingeteilt in Frigidarium Tepidarium und Caldarium, so dass man Pflanzen aus allen Zonen anbauen konnte. Dabei kamen Linn\u00e8 seine Kontakte in alle Welt zugute, vor allem nach Holland, wo er sein Opus Magnus ver\u00f6ffentlicht hatte, und Amerika. Es gab einen internationalen Austausch von Pflanzen. Auch daf\u00fcr war sein eigenes Benennungssytem hilfreich. Man wusste, wovon man sprach, nur auf der Grundlage der beiden lateinischen Namen, f\u00fcr Gattung und Art. Das System war aber noch nicht so ausgereift, dass es keine Missverst\u00e4ndnisse gab. Das habe ich vorher in dem Caf\u00e9 gelesen. Manchmal kamen Pflanzen unter falschem Namen, und erst im Laufe der Zeit stellte sich der Irrtum heraus. Ich frage mich die ganze Zeit, wie man die Pflanzen austauschte. Das muss mir bei den Erkl\u00e4rungen entgangen sein. Man kann eigentlich nur Samen ausgetauscht haben. Muss richtig spannend gewesen sein, darauf zu warten, was dann bei denen herauskam, und ob \u00fcberhaupt etwas herauskam.<\/p>\n<p>In der Orangerie gibt es eine kleine Ausstellung. In die werden wir jetzt entlassen.<\/p>\n<p>Vor dem Eingang in gro\u00dfen Holzk\u00fcbeln ein paar weitere Pflanzen, darunter ein Mandelbaum, im Kleinformat. Der gibt sich am Ende des Winters durch seine rosa Bl\u00fcten zu erkennen. Aber ob die \u00fcberhaupt Fr\u00fcchte tragen? Um die geht es hier. Es gibt zwei Sorten, s\u00fc\u00dfe und saure Mandeln, und aus den sauren gewinnt man Blaus\u00e4ure. In der K\u00fcche, hei\u00dft es hier ganz trocken, werde sie nur sehr sp\u00e4rlich eingesetzt. Je nach Gast, k\u00f6nnte man hinzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>In der Orangerie erf\u00e4hrt man etwas \u00fcber die wissenschaftlichen Arbeiten Linn\u00e9s. Der medizinische Fokus ist gut zu erkennen. Er hat Abhandlungen \u00fcber Kaffee, Tee, Schokolade und Branntwein geschrieben, und bei allen ging es um deren heilende Wirkung.<\/p>\n<p>Dasselbe gilt f\u00fcr die smultron. Linn\u00e9 war an Gicht erkrankt, und er konnte nicht essen, nicht schlafen und sich nicht bewegen. Am 14. Tag bekam er einen skal mit smultron, und siehe da: Sein Zustand verbesserte sich! Von da an a\u00df er jedes Jahr prophylaktisch smultron und bekam nie wieder die Gicht.<\/p>\n<p>Ein Gew\u00e4chs namens Kinabark, Cichona Officialis, empfahl er gegen Fieberkrankheiten, sogar gegen Malaria.<\/p>\n<p>Es gibt Abbildungen von Rudbeck und Linn\u00e9 und deren S\u00f6hne, die beide die Medizinprofessur von ihrem Vater \u00fcbernahmen! Rudbeck der J\u00fcngere wandte sich nach dem Brand von der Botanik ab und anderen Wissenschaften zu. Man kann sich vorstellen, was f\u00fcr eine Entt\u00e4uschung das gewesen sein muss. 7000 Pflanzen verbrannten. Von den \u00fcbrig gebliebenen 130 wurden 90 an die Linn\u00e9-Gesellschaft in London abgegeben. Der junge Rudbeck tat sich dann in der Sprachwissenschaft durch eine abenteuerliche, aber interessante These hervor. Derzufolge sollten L\u00e4ppisch, Gotisch und Hebr\u00e4isch miteinander verwandt sein. Man kann sich vorstellen, das William Jones\u2018 These, wonach Gotisch, Griechisch und Sanskrit miteinander verwandt sein sollten, genauso abenteuerlich klang.<\/p>\n<p>Der Brand bedeutete auch das Ende eines monumentalen Projekts seines Vaters. Er wollte ein Werk verfassen, in dem alle Pflanzen der Welt im Querschnitt abgebildet sind, jede auf einer eigenen Seite. Eine Seite aus einem der ersten beiden B\u00e4nde, die er noch beenden konnte, ist hier ausgestellt.<\/p>\n<p>Zu Linn\u00e9 selbst hei\u00dft es, dass er sich nach dem gro\u00dfen Coup mit der Benennung der Pflanzen vor allem f\u00fcr deren Entwicklung zu interessieren begann, und zwar einerseits f\u00fcr den Wuchs der Pflanze von klein nach gro\u00df, andererseits f\u00fcr die geographische Entwicklung, f\u00fcr die jeweilige Adaptation an die herrschenden Verh\u00e4ltnisse. Das leuchtet mir v\u00f6llig ein. Von Statisch zu dynamisch sozusagen. Dann wird es erst richtig interessant \u2013 und richtig kompliziert. Vermutlich geht es bei allen Themen so. Man braucht nur an so etwas wie die gotischen Kathedralen denken.<\/p>\n<p>Zum Schluss geht es dann in das Wohnhaus, einem zweist\u00f6ckigen Bau mit einer gelb gefassten Fassade. Man hat der Symmetrie halber zus\u00e4tzliche Fenster, neben den wirklichen Fenstern, eingemalt.<\/p>\n<p>Man kommt gleich, fast \u00fcbergangslos, nach einem schmalen Flur, in das Speisezimmer. An den W\u00e4nden bemalte Tapeten. Man merkt, dass man es mit einer farbverliebten Epoche zu tun hat: apfelgr\u00fcn, rosa, blau, grau, rot. Dargestellt sind, wen w\u00fcrde das \u00fcberraschen, Pflanzen. Allerdings habe ich irgendwo gelesen, dass Linn\u00e9s System sich keinesfalls nur auf Pflanzen, sondenr auch auf Tiere und auf Mineralien erstreckte.<\/p>\n<p>Dann geht ins Porzellanzimmer. Ob das auch eine praktische Funktion hatte, ist nicht zu erkennen. Vielleicht ging es nur um das Zurschaustellen des eigenen Besitzes. Dass man nicht bei armen Leute zuhause ist, merkt man sofort. Alles ist vom Feinsten. Linn\u00e9 lie\u00df das Porzellan tats\u00e4chlich \u00fcber die East India Company aus China einf\u00fchren, in Form und Motiv an europ\u00e4ische Bed\u00fcrfnisse angepasst. Es gibt sogar Teller mit der Linnea Borealis. Linn\u00e9 muss die Entw\u00fcrfe wohl mit nach China geschickt haben!<\/p>\n<p>Dann gibt es Silberbesteck und Tischger\u00e4te wie So\u00dfekannen aus Silber. Alles ist sehr geschmackvoll, mit einfachen, rundlichen Formen. Die Gabeln, mit einem L\u00e4ngsstrich als einzigem Schmuck, sehen supermodern aus. W\u00fcrde ich mir sofort kaufen, wenn ich das n\u00f6tige Kleingeld h\u00e4tte.<\/p>\n<p>In einem Nebenraum sieht man andere Ger\u00e4tschaften wie einen Spazierstock mit Elfenbeinknauf und St\u00f6ckelschuhe mit bemaltem Tuch.<\/p>\n<p>Ganz anders sieht der Ger\u00e4teraum aus. Hier sind h\u00f6lzerne Spinnr\u00e4der und Webst\u00fchle ausgestellt. Frau Linn\u00e9, eine kunstfertige Weberin, unterwies ihre T\u00f6chter hier im Weben. Der Arbeitstag begann um vier Uhr morgens. Sie soll eine sehr strenge Frau gewesen sein. Eine der T\u00f6chter interessierte sich auch f\u00fcr Botanik, aber das musste Hobby bleiben. F\u00fcr die Frauen kam eine akademische Laufbahn nicht in Frage, nicht einmal die Position der Assistentin des Vaters.<\/p>\n<p>Die Linn\u00e9s hatten sieben Kinder, von denen f\u00fcnf das Erwachsenenalter erreichten. Eins der Kinder \u00fcberlebte, weil Linn\u00e9 rechtzeitig zum Mittel der Mund-zu-Mund-Beatmung griff. Ein richtiger Doktor eben.<\/p>\n<p>Im Obergeschoss waren Linn\u00e9s Forschungs- und Demonstrationsr\u00e4ume. Man sieht sch\u00f6ne, kleine M\u00f6belst\u00fccke, teils aus unterschiedlichen Holzarten: ein Sekret\u00e4r, einen Arbeitstisch und einen eigenen Wandkasten f\u00fcr die Schl\u00fcssel.<\/p>\n<p>Linn\u00e9 war ein sehr flei\u00dfiger, systematisch vorgehender Mann, und hatte einen harten Arbeitstag, mit Unterricht an der Universit\u00e4t, Lektionen und Demonstrationen hier im Garten, der \u00dcberwachung der Pflanzen und nat\u00fcrlich dem riesigen Publikationswerk. Er hatte eine bemerkenswerte Angewohnheit: Wenn er m\u00fcde wurde, legte er sich sofort hin. Und stand nach einer Viertelstunde wieder auf.<\/p>\n<p>Sein wissenschaftliches Motto war: Om Du inte k\u00e4nner namnet, f\u00f6rlorar Du kunskapen om tingen. \u2013 Wenn Du den Namen nicht kennst, verlierst Du das Wissen von den Dingen. Kein Wunder, bei seiner Arbeit. Kann man aber auch in vielen anderen Bereichen anwenden.<\/p>\n<p>Am Schluss sieht man dann noch das Bett Linn\u00e9s, auch das Bett, in dem er gestorben ist. Es ist ganz kurz. Linn\u00e9 war nur 1,54 gro\u00df.<\/p>\n<p>Als ich aus dem Linn\u00e9garten komme, hat sich die Sonne verzogen, und es ist windig. Am Abend ist es dann aber wieder sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Ich mache es jetzt wie Linn\u00e9 und gehe nach Hause und lege mich hin. Nach einer Viertelstunde stehe ich wieder auf. Guter Tipp. Danke, Herr Linn\u00e9.<\/p>\n<p>Dann geht es zum dritten Mal in die Innenstadt, zur Schule. Man kommt jederzeit hinein, auch am Wochenende und nachts. Dazu braucht man unten und oben der Zahlencode, aber der ist uns ganz offen mitgeteilt worden und sogar auf den Informationsbl\u00e4ttern zu finden. Komisch, man scheint keine Angst vor Dieben zu haben. Dabei stehen hier auch allerhand Ger\u00e4tschaften rum, und die B\u00fcros der Angestellten haben nur Glast\u00fcren. Auch unser Raum steht offen, und da steht auch der Kassettenrekorder, das Objekt meiner Begierde. Ich h\u00f6re mir ein paar Texte an, vor allem die drei Berichte \u00fcber die smultronst\u00e4lle. Allm\u00e4hlich wird es klarer.<\/p>\n<p>Im Internet finde ich dann noch was zu Pelle Svansl\u00f6s. Der Verfasser hei\u00dft G\u00f6sta Knutsson. Die Geschichten erschienen \u00fcber einen langen Zeitraum, 1939-1972. Sie wurden auch als Kritik an der zunehmenden Kooperation der Schweden mit den Nazis gelesen. Wie kann man die wohl in einer Kindergeschichte \u00fcber einen Kater unterbringen?<\/p>\n<p>Dann finde ich noch etwas \u00fcber Pitepalt, ein Gericht, das im Lehrbuch beschrieben wird. Es ist benannt nach der Stadt Pitea, aus der es stammen soll. Pitepalt ist entweder der Prototyp oder eine besondere Spielart von Palt, einem traditionellen schwedischen Gericht, gef\u00fcllten dumplings, im Falle der Pitepalt\u00a0 aus rohen Kartoffeln und Gerstenmehl gemacht.<\/p>\n<p>Am Abend berichtet Eric von der Fahrt in die Silbermine. Der bleibende Eindruck: kalt. Niemand hatte vorgewarnt, dass man 120 Meter unter der Erde sein w\u00fcrde, bei 2\u00b0. Es gab eine F\u00fchrung auf Schwedisch, die er mitmachte, und eine auf Englisch. Die hat ihm gefallen, aber inhaltlich berichtet er nicht viel, au\u00dfer, dass die Arbeit unter Tage anstrengend gewesen sein muss. Anschlie\u00dfend sind sie dann noch zu einem Elchpark gefahren, wo man von Traktoren auf langen Wegen an den Gattern entlang fuhr und die Elche streicheln konnte. Ich glaube, ich habe nicht viel verpasst. Eric erz\u00e4hlt, dass zur Brunftzeit die m\u00e4nnlichen Elche ausgelagert und irgendwo in V\u00e4rmland zwischengeparkt werden. Sonst w\u00fcrde es hier Mord und Totschlag geben.<\/p>\n<p>Dann wechselt er pl\u00f6tzlich von Schwedisch auf Deutsch und berichtet, wie er dazu kam, Deutsch zu lernen. Seine Eltern hatten \u00fcber den Krieg hinaus Kontakt mit den Soldaten, die sich w\u00e4hrend der Besatzungszeit bei ihnen zu Hause eingenistet hatten, ohne jede feindliche Gesinnung. Als \u201ejunger Bursche\u201c fuhr er mit seiner Familie nach Ungarn, trotz der Reisebeschr\u00e4nkungen, und unterwegs machten sie Halt in Bas Mergentheim und in Ambach, um die beiden Soldaten zu besuchen. Da h\u00f6rte er zum ersten Mal Deutsch. Er konnte zwar noch nicht viel verstehen, aber doch das eine oder andere Wort aufschnappen. Am meisten beeindruckte ihn das Wort eine. Genauso hie\u00df sein Heimatort Das, fand er, stellte eine Verbindung zwischen der Sprache und seinem Leben her. So sei das eben mit Kindern. Solche Details seien die entscheidenden.<\/p>\n<p>Sein Vater konnte es sich zu der Zeit schon leisten, mit dem Auto zu verreisen. Er war ein Selfmademan, ehemals Gehilfe in einer Weberei, wo er die ersten drei Monate ohne Lohn arbeiten musste. Er brachte es dann durch Flei\u00df und Entschlusskraft zu seiner eigenen Weberei. Man merkt ihm an, dass er die Werte seines Vaters \u00fcbernommen hat. Hartn\u00e4ckigkeit, Gewissenhaftigkeit, Flei\u00df. Die gelten f\u00fcr ihn sogar beim Schwedischlernen.<\/p>\n<p>Dann erz\u00e4hlt er noch von den Stadtf\u00fchrungen, die er sowohl in Gent als auch in Br\u00fcgge als auch in einer Brauerei namens Limmans macht. Er macht sie vor allem auf Deutsch, aber auch auf Englisch. Sein Wunsch ist es, sie demn\u00e4chst auch auf Schwedisch machen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Man ist dabei sehr flexibel. Wenn man mal drei Wochen nicht da ist, kein Problem. Man nimmt einfach w\u00e4hrend der Zeit kein Angebot an. Es gibt immer Ersatz. Gent hat eine riesige Zahl von Stadtf\u00fchrern, \u00fcber einhundert, und davon ein gutes Dutzend, die auch Deutsch im Angebot haben. Von den Westdeutschen bek\u00e4me er immer Trinkgeld, von den Ostdeutschen selten.<\/p>\n<p>Bei all den Erz\u00e4hlungen haut er sich eine Stulle nach der anderen rein. Er isst sie als Dubbel und stippt sie dann in den Kaffee, auch die mit K\u00e4se. Sein Bauch ist kein Bierbauch, sondern ein Stullenbauch.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">2. August (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen fragen wir uns, was <em>nass<\/em> auf Schwedisch hei\u00dft. Wieder wei\u00df es keiner von uns beiden. Es hei\u00dft <em>v\u00e5t<\/em>. Ich hatte auf <em>mjuk<\/em> getippt, lag aber daneben, und Eric wusste es: <em>mjuk<\/em> hei\u00dft weich. Vokale k\u00f6nnen <em>mjuk<\/em> oder <em>h\u00e5rd<\/em> sein. Gut gebr\u00fcllt, L\u00f6we.<\/p>\n<p>Die viele Bewegung von gestern hat m\u00fcde Beine bewirkt. Laufen f\u00e4llt aus. Das heutige Ziel hei\u00dft Gamla Uppsala. Dahin kommt man mit dem Bus.<\/p>\n<p>Im Zentrum komme ich an einem Fris\u00f6rsalon vorbei der best\u00e4tigt, dass Fris\u00f6re mehr als andere Gesch\u00e4fte immer auf der Suche nach originellen Namen sind. Der hier hei\u00dft <em>Hairmony<\/em>.<\/p>\n<p>Im Pressbyr\u00e5 bitte ich um eine Fahrkarte nach Gamla Uppsala und zur\u00fcck. Der freundliche Mann antwortet: Da gibt es ein Problem. Die Karte ist nur 90 Minuten g\u00fcltig. Man muss f\u00fcr die R\u00fcckfahrt die Karte vor der R\u00fcckfahrt kaufen. Direkt beim Fahrer. Aber nicht mit Bargeld. Nur per Karte. Dann bekomme ich meine Karte f\u00fcr den Hinweg. Alles auf Schwedisch erledigt, kein Versuch des Verk\u00e4ufers, auf Englisch umzusteigen.<\/p>\n<p>An der Haltestelle der Linie, die mir im Turistbyr\u00e5 genannt wurde, ist von Gamla Uppsala nicht die Rede. Ich frage einen Wartenden, ob man mit dieser Linie nach Gamla Uppsala komme. Nein, dieser Bus fahre nach Danmark. Was, nach D\u00e4nemark? Kann das sein? Oder ist das ein anderes Danmark? Ich traue aber dem Danmark-Menschen nicht so recht und frage eine Busfahrerin: Linie 2. Die ist tats\u00e4chlich an demselben Bahnsteig wie die 102. Aber der Fahrplan ist fast leer. Nur morgens um 6 und halb sieben f\u00e4hrt ein Bus. Ich frage ein P\u00e4rchen, dass an der Bushaltestelle steht: falsche Richtung. Ich muss zu einer ganz anderen Anfahtstelle, au\u00dferhalb des Busbahnhofs. Und es stimmt. Dort f\u00e4hrt die 2 ab, und die kommt dann auch sofort.<\/p>\n<p>Wir kommen an einer Moschee vorbei, ganz sch\u00f6n, ein quadratischer Bau mit einer Kuppel und daneben ein zierliches Minarett, das die Kuppel nur knapp \u00fcberragt. Auf beiden der Halbmond.<\/p>\n<p>Die Fahrt geht Richtung Nyby. Schon wieder eine neue Version von Neustadt.<\/p>\n<p>Gamla Uppsala besteht aus einer Reihe von gleich hohen, k\u00fcnstlich aufgesch\u00fctteten, mit d\u00fcrrem Gras bewachsenen H\u00fcgeln. Man hat mehrere ausgegraben und wei\u00df, dass es sich um Grabst\u00e4tten handelt. Alles andere ist weitgehend ungekl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Man kann zwischen den H\u00fcgeln umhergehen und auf die H\u00fcgel raufklettern und auf eine flache, unspektakul\u00e4re, gr\u00fcne Landschaft blicken.<\/p>\n<p>Zwischen den H\u00fcgeln steht eine Kirche, romanisch, festungsartig. Sie ist ganz beeindruckend, aber v\u00f6llig unproportional, mit einem klotzigen, breiten f\u00fcr die H\u00f6he viel zu m\u00e4chtigen Turm. Sp\u00e4ter, an einem Holzmodell im Museum, das ich im letzten Moment sehe, kl\u00e4rt sich die Sache auf: Was man heute sieht, sind die Reste der m\u00e4chtigen Vorg\u00e4ngerkirche, der Bischofskirche. Das, was heute die eigentliche Kirche ist, war nur deren Chor, und der Turm war die Vierung. Alles andere ist bei dem Brand zerst\u00f6rt (1245) worden, der der Anlass zur Verlegung der Stadt nach \u00d6stra Aros, also ins heutige Uppsala, war.<\/p>\n<p>Vor der Kirche stehen Gl\u00e4ubige, die gerade aus dem Gottesdienst kommen. Eine ungew\u00f6hnliche Zeit, samstags um elf Uhr. Drinnen r\u00e4umt eine K\u00fcsterin auf.<\/p>\n<p>Die einschiffige Kirche hat ein gotisches Gew\u00f6lbe, ganz mit floralen Motiven ausgemalt. Die sind besser erhalten und vermutlich neuer als die fig\u00fcrlichen Ausmalungen im Gew\u00f6lbebogen, der die Kirche vom Turm trennt.<\/p>\n<p>In der Apsis ein vergoldeter Schnitzaltar, den man allerdings nicht aus der N\u00e4he sehen kann. Am Eingang zur Apsis h\u00e4ngt, hoch oben auf einem Balken, ein Kreuz. Mir kommt das so vor, als h\u00e4tte ich so was \u00f6fter in England gesehen, nicht aber bei uns.<\/p>\n<p>Die Sitzreihen der B\u00e4nke sind abgeschlossen durch eine kleine T\u00fcr, so dass sich eine einheitliche, bemalte Fl\u00e4che ergibt. Auch das sieht englisch aus, auf jeden Fall protestantisch.<\/p>\n<p>Im Mittelgang befindet sich das Familiengrab der Familie Celsius.<\/p>\n<p>Um die Kirche herum zu allen Seiten der Friedhof. Unter den Toten befindet sich ein Werner Petersson, mit deutscher Schreibweise.<\/p>\n<p>Auf einem Schild vor der Kirche wird die Legende von S:t Erik erz\u00e4hlt. Er befand sich in der Kirche, als ein d\u00e4nisches Heer anr\u00fcckte. Als er aus der Kirche kam, kam es zu einem Gemetzel, bei dem er enthauptet wurde. Sein Kopf rollte den H\u00fcgel hinunter, und da, wo er liegen blieb, entsprang eine Quelle.<\/p>\n<p>Er wurde bald zu einem Heiligen und wurde hoch verehrt. Seine Reliquien wurden hier, in der Vorg\u00e4ngerkirche, aufbewahrt. Sie wurden nach dem Brand dann in den Dom von Uppsala \u00fcberf\u00fchrt. Jedes Jahr am Festtag des Heiligen wurden seine \u00dcberreste in einer Prozession nach Gamla Uppsala gebracht und dann wieder zur\u00fcck nach Uppsala. Diese Tradition dauerte bis ins 16. Jahrhundert an.<\/p>\n<p>Auf dem Weg vor der Kirche gibt es ein Hinweisschild zum Sockenmuseum. Was das wohl ist? Bestimmt nicht das, was es zu bedeuten scheint. Ist es auch nicht: <em>socken<\/em> bedeutet Pfarrgemeinde.<\/p>\n<p>Im Museum gibt es erst auf Schautafeln etwas zur \u00a0Geschichte des Ortes in den letzten Jahrzehnten. Nat\u00fcrlich war der Papst hier (1989) und hielt eine Messe auf dem H\u00fcgel. Dann gab es (1954) eine gro\u00dfe Versammlung nordischer Sozialdemokraten, mit drei Premierministern und 15000 Delegierten. Und es gab eine gro\u00dfe Protestaktion, als ein Restaurant, Matsg\u00e5rden, abgerissen wurde, weil es den Blick auf die H\u00fcgel beeintr\u00e4chtigte.<\/p>\n<p>Oben gibt es eine Reihe von Nachbildungen, aber auch Grabfunde, in kleinen Vitrinen. Es ist alles sehr fragmentarisch, au\u00dfer in einer Vitrine, wo Grabfunde aus Valsg\u00e4rde, n\u00f6rdlich von Gamla Uppsala, ausgestellt sind, ein pr\u00e4chtiger Helm, der fast einer Krone gleicht, ein Schwert (mit einer Schneide), ein Kessel und einem Habicht. Dort wurden die Toten in einem Schiff begraben und wurden nicht verbrannt. In Uppsala wurden die Toten verbrannt, und offensichtlich die Grabbeigaben mit ihnen. Das w\u00fcrde den fragmentarischen Zustand erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Bei denen muss man schon genau hinsehen. Es gibt eine Vogelfigur aus Knochen, einen Spielstein, im ganz w\u00f6rtlichen Sinne, denn er ist wirklich aus Stein, B\u00e4renklauen von einem Fell.<\/p>\n<p>Man hat, zumindest in einem H\u00fcgel, menschliche und tierische Knochen gefunden, Fragmente von K\u00e4mmen, Fibeln, Spangen, aber keine Waffen. Das hat zu der Vermutung gef\u00fchrt, dass hier eine Frau bestattet wurde. Die Sache ist aber umstritten.<\/p>\n<p>Die Gr\u00e4ber stammen aus der Zeit um 500, aber man vermutet, dass dies schon viel eher, ein wichtiger Kultort der Svear war, 2000 vor Christus. Die k\u00f6nigliche Dynastie, die man hier ansiedelte, ist in Schweden unter dem Namen Ynglingar bekannt. Drei von diesen K\u00f6nigen, Aul, Egin und Adils, assoziierte man mit drei der H\u00fcgel.<\/p>\n<p>Der Ort findet Erw\u00e4hnung in <em>Beowolf<\/em> und in einem norwegischen Gedicht und in einem Bericht von Adam von Bremen. Der erz\u00e4hlt, dies sei eine heidnische Kultst\u00e4tte gewesen, mit einem Tempel, ganz in Gold. Dort habe man alle neun Jahre ein pan-schwedisches Fest abgehalten, bei dem neun m\u00e4nnliche Exemplare aller Lebewesen, einschl. des Menschen, get\u00f6tet wurden. Ihre K\u00f6pfe seien in dem Tempel zur Schau gestellt worden. Adam von Bremen war allerdings nie hier. Es k\u00f6nnte sich um eine pure Legende handeln, vielleicht um christliche Propaganda.<\/p>\n<p>Adam von Bremen war nie hier, aber Olof Rudbeck war nat\u00fcrlich hier. Er verma\u00df die Stelle und kam zu dem Ergebnis, der alte Tempel habe genau die Ausma\u00dfe gehabt wie der Apollo-Tempel aus Atlantis. Er argumentierte auch mit der Verwandtschaft gewisser G\u00f6tternamen in verschiedenen Sprachen: Thor \u2013 Tys \u2013 Dys \u2013 Zeus &#8211; Deus \u2013 Dis. Oder Oden \u2013 Auden \u2013 Aides \u2013 Hades. Das h\u00f6rt sich gar nicht so an den Haaren herbeigezogen an.<\/p>\n<p>Zum Schluss gibt es noch eine Schautafel zur Eisenherstellung in Schweden. Die hatte ihren Ursprung hier, in Uppland. In Russland und in S\u00fcdosteuropa gibt es noch \u00e4ltere Zeugnisse, aber in den anderen Teilen Europas war Eisen noch unbekannt. Hier wurde Eisen schon mitten in der Bronzezeit hergestellt, um 1000 v.Chr. Man hat sowohl Stellen als auch Ger\u00e4te aus der Zeit gefunden, und wei\u00df, dass man bl\u00e5stugnar und myrmalm und bergmalm verwendete. Leider wird nicht klar, wie die Sache sich zu den Exponaten hier im Museum verh\u00e4lt. Die scheinen aus Bronze, nicht aus Eisen zu sein.<\/p>\n<p>Bei der R\u00fcckfahrt steigen vor mir im Bus drei Amerikanerinnen ein. Die erste will mit ihrer Karte bezahlen, aber es funktioniert nicht. Dann versucht sie es mit einer zweiten und dann mit einer dritten Karte. Wieder nichts. Dann versucht es die zweite Amerikanerin. Es klappt. Sie zahlt gleich f\u00fcr alle drei. Dann komme ich an die Reihe. Ich muss sogar meine PIN eingeben und wei\u00df am Ende nicht, ob die Sache funktioniert hat oder nicht. Ich bekomme jedenfalls eine Fahrkarte und eine Abrechnung, aber dem Anschein nach ist nicht abgebucht worden. Warum man in diesen Notf\u00e4llen nicht einfach auf Bargeld zur\u00fcckgreift und sich nicht ganz von den elektronischen Ger\u00e4ten abh\u00e4ngig macht, verstehe ich nicht.<\/p>\n<p>Als ich wieder in Uppsala bin, im neuen Uppsala, starte ich noch eine von den Aktionen, die schwei\u00dftreibend und zeitaufw\u00e4ndig sind und v\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssig. Nur aus Dickk\u00f6pfigkeit. Ich will unbedingt ein Photo von einer Marx-Skulptur machen, die ich auf dem Umschlag eines Buchs \u00fcber Kunstwerke in Uppsala gesehen habe.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr muss ich eigens fr\u00fcher aussteigen und nochmal zur Touristeninformation gehen. Das M\u00e4dchen hinter der Theke wei\u00df sofort Bescheid und zeichnet mir die Stelle im Stadtplan ein. Gar nicht so schlecht. Nicht so weit von der Wohnung entfernt, im Studentenviertel.<\/p>\n<p>Der Weg wird mir aber doch lang. Es ist hei\u00df, und der Magen macht sich bemerkbar. Er hat bisher au\u00dfer zwei Becher Tee und zwei Keksen nichts bekommen.<\/p>\n<p>Als ich an die bezeichnete Stelle komme, ist nichts zu sehen. Ich gehe einmal um das Geb\u00e4ude rum und wundere mich, dass ausgerechnet hier eine Marxstatue aufgestellt worden sein soll. Es handelt sich um die Domschule.<\/p>\n<p>Ich mache einen weiteren Versuch und habe zweimal das Gef\u00fchl, als ich an eine Ecke komme, dass jetzt, gleich nach der Ecke, die Skulptur auftauchen muss. Nichts. Ich \u00fcberlege mir, ob die Skulptur vielleicht im Innenhof aufgestellt ist. Aber das will nicht so recht passen. Dazu ist sie zu gro\u00df.<\/p>\n<p>Als ich schon aufgeben will, sehe ich hinter ein paar \u00c4sten pl\u00f6tzlich eine in die Hand gestreckte Faust. Und dann die Skulptur, von hinten. L\u00e4ngst nicht so gro\u00df, wie gedacht, l\u00e4ngst nicht so gro\u00df, wie auf dem Photo, aber macht nichts. Ich stelle mich vor die Skulptur und lese die Inschrift. Da steht ein Name, Angelbrekt (?), vermutlich der des Bildhauers. Darunter noch ein Name: Bror Hjorth. Und dann geht mir ein Licht auf: ES ist gar nicht Marx. Sieht nur so aus. Bror Hjorth ist eine K\u00fcnstler. Ich bin dem Namen in einer Brosch\u00fcre begegnet. Er hat irgendwo in Uppsala ein kleines Museum.<\/p>\n<p>Unverrichteter Dinge, aber fest entschlossen, mir das Museum dieser Tag mal anzusehen, mache ich mich auf den R\u00fcckweg. Unterwegs kaufe ich wieder an demselben Stand Erdbeeren. Diesmal die belgischen. Die sind unschlagbar billig. Eigentlich wollte ich Kirschen kaufen, aber die sind unversch\u00e4mt teuer: 50 Kronen f\u00fcr ein K\u00f6rbchen. Zuhause muss ich feststellen, dass die schwedischen Erdbeeren ihr Geld wert waren. Sie schmeckten viel besser als die belgischen.<\/p>\n<p>Im ICA kann man sich auch Salat selbst zusammenstellen. Eine junge Frau ist gerade dabei, als ich vorbeigehe. Dabei f\u00e4llt ihr die Schale auf den Boden, und mit ihr der gesamte Inhalt. Ich will ihr die Peinlichkeit vermeiden und tue so, als h\u00e4tte ich nichts gesehen. Sp\u00e4ter sehe ich, dass sie alles so auf dem Boden hat liegen lassen. Die Anonymit\u00e4t als Deckmantel.<\/p>\n<p>Ich kaufe ein Bier, das Norrland hei\u00dft und mit den Attributen wirbt, die man mit dem Norden verbindet: Echtheit, Frische usw. Auf der Dose zwei Elche, zwei Fische und eine gefrorene Landschaft mit einem baumlosen Berg im Hintergrund. Nur: Was ist eigentlich Norrland? Auf der Karte mit den Landschaften im Buch kommt es nicht vor. Es muss eine andere Einheit sein.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">3. August (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Der Grund ist nass, es muss in der Nacht geregnet haben. Der Himmel ist bew\u00f6lkt, aber es gibt auch ein paar L\u00fccken, die hoffen lassen.<\/p>\n<p>Als ich zum Laufen nach drau\u00dfen gehe, fieselt es aber. Allm\u00e4hlich wird der Regen immer st\u00e4rker, und als ich an der kaputten Br\u00fccke ankomme, ist er richtig heftig. In der Ferne grollt der Donner, und auf den Schindeln der Hausboote prasselt der Regen so laut, dass man unwillk\u00fcrlich hinsieht. Ich komme v\u00f6llig durchn\u00e4sst zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Am Anfang geht es aber noch. Auf der Wiese vor dem Haus zwei Hasen, die sich durch meine Pr\u00e4senz nicht weiter st\u00f6ren lassen und nur ein paar Schritte weiter hoppeln. Wann habe ich zum letzten Mal Hasen gesehen?<\/p>\n<p>Am Fluss, schon au\u00dferhalb der Innenstadt, hat jemand an einem Drahtzaun ein Fahrrad aufgeh\u00e4ngt, in leicht geneigter Position. Sieht wie ein Kunstwerk aus.<\/p>\n<p>Der Zaun geh\u00f6rt zu einem der Bootsvereine, die hier ihr Revier haben. Auf dem Gel\u00e4nde sieht es unschwedisch unaufger\u00e4ut aus: Gestelle, Leitern, R\u00e4der, ein paar abgedeckte Boote, alles in tiefem Gras.<\/p>\n<p>Auf dem Schotterweg \u00fcberall fette Schnecken mit braunen und grauen gedrechselten H\u00e4usern, auf dem Weg zu noch mehr Futter auf der anderen Seite des Weges. Wenn sie sich bewegen, sieht es so aus, als w\u00fcrde sich nur das Schneckenhaus bewegen.<\/p>\n<p>Auf einem Zaunpfahl sitzt ein Raubvogel, vielleicht ein Bussard. Auch er l\u00e4sst sich durch mich nicht erschrecken und bleibt seelenruhig sitzen.<\/p>\n<p>Die kaputte Br\u00fccke hei\u00dft Vindbro und liegt tats\u00e4chlich an einer Wanderstrecke, die Danmarkvandringen hei\u00dft. Auf einem Schild lese ich, dass man das Heu der vom K\u00f6nig \u00fcberlassenen Wiesen bis zum Winter hier in Schuppen aufbewahrte und erst dann transportierte. Das ging auf gefrorenem Boden besser!<\/p>\n<p>Irgendwann kam es hier zu einem Ungl\u00fcck, dessen Verlauf und Ursache ich aber nicht ganz verstehe. Es ging offensichtlich um Einkaufen. Dabei dr\u00e4ngte man sich fr\u00fcher genauso wie heute. Der K\u00f6nig forderte als Abgabe f\u00fcr die \u00dcberlassung der Wiese bestimmte Produkte, und die wurden immer beliebter und hier verkauft. Bei dem Gedr\u00e4nge kam es zu dem Ungl\u00fcck, bei dem mehrere Menschen ertranken.\u00a0 Es werden eine Zugbr\u00fccke und eine F\u00e4hre genannt, aber was es mit denen auf sich hat und was sie mit der kaputten Br\u00fccke zu tun haben, verstehe ich nicht.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg durch den Stadtpark laufe ich zwischen Rasenfl\u00e4chen her, die gerade aus vollem Rohr gesprengt werden \u2013 bei dem Regen!<\/p>\n<p>Zuhause ist der Blick aus dem Fenster auf den anhaltenden Regen zwar triste, aber der warme Kaffee ist ein Segen.<\/p>\n<p>Zu den W\u00f6rtern, die man leicht verwechselt, geh\u00f6ren <em>gata<\/em> und <em>g\u00e5ta<\/em>, \u201aStra\u00dfe\u2018 und \u201aR\u00e4tsel\u2018, <em>utan<\/em> und <em>utom<\/em>, \u201aohne\u2018 und \u201aau\u00dfer\u2018, <em>l\u00e5ng<\/em> und <em>l\u00e4nge<\/em>, \u201aweit\u2018 und \u201alange\u2018, <em>r\u00f6ka<\/em> und <em>raka<\/em>, \u201arauchen\u2018 und \u201arasieren\u2018. Aber den Vogel schie\u00dfen die hier ab: <em>f\u00f6rr<\/em>, <em>f\u00f6rut<\/em>, <em>f\u00f6re<\/em>, <em>f\u00f6rr\u00e4n<\/em>. Nat\u00fcrlich gibt es auch noch <em>f\u00f6r<\/em>, aber das ist eine andere Geschichte. Die ersten beiden kommen in der Tabelle mit den Zeitausdr\u00fccken vor und sind Synonyme: \u201afr\u00fcher\u2018. Es sind Adverbien. Dagegen ist f\u00f6re, auf das die Lehrerin hinweist, eine Pr\u00e4position: \u201avor\u2018. Ist f\u00f6rr\u00e4n, auf das ich bei der morgendlichen Lekt\u00fcre sto\u00dfe, dann eine Konjunktion? Und bedeutet \u201abevor\u2018? Ich muss auf Beispiele achten.<\/p>\n<p>In <em>101 historiska misstag<\/em> lese ich, dass der Verkauf von Alaska durch Alexander II. zu seiner Zeit nicht so verr\u00fcckt war, wie er in der Nachschau aussieht. Auch in den USA war der Kauf sehr umstritten. 7,2 Millionen Dollar f\u00fcr nichts und wieder nichts, f\u00fcr eine Ein\u00f6de, in der es nichts als ein paar Pelztiere gebe, von denen die meisten l\u00e4ngst ausgerottet seien. William Seward, der Mann, der den Kauf f\u00fcr die USA aushandelte, blieb bis zum Ende seines Lebens \u00fcberzeugt, dass er einen Coup gelandet hatte. Es werde einfach eine Generation dauern, bis die Leute das begreifen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Im Laufe des Vormittags klart es auf, und als ich die Wohnung verlasse, ist es wieder richtig warm. Aber ziemlich windig und nicht mehr so klar wie in den letzten Tagen. Irgendwie habe ich das Gef\u00fchl, dass das Sch\u00f6nste vorbei ist. Die erste Jahresh\u00e4lfte ist vorbei, und der August tr\u00e4gt schon die Vorboten des Herbsts in sich.<\/p>\n<p>Eigentlich will ich ins Vasaborgen, die unterirdischen Ruinen des alten Schlosses, aber das scheint mehr Spektakel f\u00fcr Kinder zu sein und ich lasse es. Ich gehe einmal ganz ums Schloss herum und lese die Erkl\u00e4rungen an verschiedenen Stellen. Lohnt sich.<\/p>\n<p>Oben auf einer der Bastionen steht die Gunillaklockan, eine Glocke, die eigentlich zu der Kapelle geh\u00f6rte, aber nach dem Brand des Schlosses zur v\u00e5rdklocka wurde. Wenn sie abends gel\u00e4utet wurde, musste man ins Haus gehen und Fenster und T\u00fcren schlie\u00dfen. Jetzt spielt sie eine Rolle im Studentenleben von Uppsala, am Abend der Walpurgisnacht.<\/p>\n<p>Die Gunillaklockan steht auf einer der beiden m\u00e4chtigen Bastionen. Warum hier, so weit von der Landesgrenze entfernt, so eine Festung? Die Antwort ist einfach. Der Feind war im Land. Gustav Wasa hatte den Protestantismus eingef\u00fchrt und kirchliche G\u00fcter beschlagnahmt und kirchliches Verm\u00f6gen eingezogen. Das gefiel nicht allen. Die Kanonen auf dieser Bastion sind auf den Dom gerichtet! Die Bastion hei\u00dft Styrbiskop.<\/p>\n<p>Auf der anderen Bastion, Gr\u00e4sg\u00e5rden, auch Mitte des 16. Jh. errichtet, erf\u00e4hrt man, was es mit den Bastionen auf sich hat. Im Mittelalter hatte man hohe und d\u00fcnne Mauern. Die konnten den modernen Waffen nicht mehr widerstehen. Jetzt brauchte man niedrigere und dickere Mauern. Die au\u00dferdem so angelegt sind, dass man den Feind auch dann beschie\u00dfen kann, wenn der schon bis zur Mauer vorgedrungen ist. Man kann sozusagen die Mauer entlang schlie\u00dfen. Bei den mittelalterlichen Mauern musste man sich oben auf den Zinnen zeigen und wurde so zum Ziel der Angreifer.<\/p>\n<p>Etwas weiter blickt man pl\u00f6tzlich auf einen symmetrisch angelegten Garten mit Terrassen und einem barocken Bau als Abschluss in der Distanz. Das will nicht so richtig zu den kriegerischen Bastionen passen. Dieser Garten wurde zum 100. Geburtstag von Linn\u00e9 angelegt. Der Bau hinten ist das Linneanum, eine Orangerie.<\/p>\n<p>Auf einer Rasenfl\u00e4che gleich vor der Schlossmauer steht ein Gem\u00e4lde. Es zeigt K\u00f6nigin Christina und enth\u00e4lt eine Reihe von heimlichen Botschaften. Christina ist hoch zu Ross und reitet gegen S\u00fcden. Sie war eine Bewunderin Alexanders des Gro\u00dfen, der seinen Bukefalos gez\u00e4hmt hatte, indem er ihn der Sonne entgegen reiten lie\u00df, so dass er seinen eigenen Schatten nicht sah. Bei Christina hei\u00dft S\u00fcden aber auch Rom, eine Anspielung darauf, dass sie vorhatte, die Krone abzugeben und nach Rom zu gehen. Sie tr\u00e4gt keine Adelskleider, im Gegensatz zu dem sie begleitenden Falkner, auch das eine Anspielung auf die bevorstehende Abdankung. Der Falke galt in der Zeit als ein Symbol der Hoffnung, vielleicht Hoffnung darauf, in Rom eine weitere Karriere als Monarchin machen zu k\u00f6nnen. Sie schielte auf die Krone von Neapel. Dem Falken hat man gerade seine Haube abgenommen \u2013 er ist also bereit zur Jagd! Das Gem\u00e4lde, von S\u00e9bastein Boudon, war ein Geschenk f\u00fcr Philipp IV. Das Original h\u00e4ngt heute im Prado. Christina ist hier, im Schloss von Uppsala, abgedankt.<\/p>\n<p>Am anderen Ende des Schlosses sieht man den wiederhergestellten urspr\u00fcnglichen Haupteingang, den Haupteingang des Schlosses, das von Johann III. gebaut wurde, eine prunkvolle Sache, mit der er sich auf eine Stufe mit anderen europ\u00e4ischen Herrschern stellen wollte. Das Schloss war ganz in Wei\u00df gehalten, wie auch dieser Eingang. Er besteht aus kvader rustik rusticated ashlar, gro\u00dfen, wei\u00dfen Steinbl\u00f6cken, die den Eindruck erwecken sollten, das ganze Schloss bestehe aus solchen Steinen. In Wirklichkeit waren das meiste Backsteine!<\/p>\n<p>Von hier aus f\u00fchrt ein schnurgerader Weg weg vom Schloss. Das ist der alte Weg von Uppsala nach Stockholm, der also hier seinen Ausgang nahm. Noch heute verlaufen die ersten sieben Kilometer schnurgerade.<\/p>\n<p>Oben vom Schloss hat man einen guten Blick auf die Stadt, aus der das erstaunlich hohe Kongresszentrum mit seiner phantastischen modernen Fassade herausragt. Ich habe gestern aus dem Bus heraus ein Photo davon machen k\u00f6nnen. Aber man sollte sich das noch mal aus der N\u00e4he ansehen.<\/p>\n<p>Von dort aus mache ich mich auf den Weg zu Bror Hjorths Haus. Es ist doch ein ganzes St\u00fcck weit drau\u00dfen. Unterwegs komme ich, gerade als ich daran dachte, an einem Caf\u00e9 vorbei, in dem ich damals im Winter eine wunderbare warme Suppe bekommen habe. Nach Suppe ist mir zwar nicht zumute, aber ein Kaffee w\u00e4re nicht schlecht. Aber das Caf\u00e9 hat sonntags Ruhetag.<\/p>\n<p>Ich komme an ein paar doppelst\u00f6ckigen Holzh\u00e4usern vorbei, die sehr an die von Nischni Nowgorod erinnern, aber in viel besserem Zustand sind.<\/p>\n<p>Bror Hjorths Hus ist ein sch\u00f6nes, altes, etwas unregelm\u00e4\u00dfiges rotes Holzhaus mit gro\u00dfen Fensterfl\u00e4chen. Die sorgen f\u00fcr das n\u00f6tige Licht.<\/p>\n<p>In einem kleinen Raum gibt es eine Ausstellung zu den Werken eines zeitgen\u00f6ssischen K\u00fcnstlers, Tommy \u00d6stmar. Der hat zwei Themen: Frau und Roboter. An der Stirnseite h\u00e4ngen vier farbige moderne \u00d6lgem\u00e4lde von Frauen in Frontstellung.\u00a0 Alles andere ist nicht farbig. Es gibt Frauen auch als Kohle- und Tuschezeichnungen und als Skulpturen. Den Roboter, immer stilisiert, immer in ganz einfachen Formen, gibt es als Gem\u00e4lde in immer neuen Variationen und auch als Skulptur, aus wenigen Kl\u00f6tzen bestehend. Der Unterschied zwischen den stilisierten Frauen und den stilisierten Robotern ist der, dass bei den Robotern nur gerade Linien verwendet werden, bei den Frauen auch B\u00f6gen, f\u00fcr das Gesicht und den Ausschnitt.<\/p>\n<p>Am besten gef\u00e4llt mir eine Tuschezeichnung, auf der man erst gar nichts erkennen kann au\u00dfer einem ziemlich wirren Nebeneinander von dicken und d\u00fcnnen schwarzen Strichen. Erst als ich irgendwo ein Blatt entdecke, auf dem die Titel (und die Preise) der Werke verzeichnet sind, verstehe ich durch den Titel, Ko, den Gegenstand des Bildes und jetzt kann ich ihn auch erkennen: Man sieht die Kuh in Bewegung, die K\u00f6rperpartien angespannt, den Kopf leicht geneigt.<\/p>\n<p>Dann geht es in Bror Hjorths Haus. Durch das Atelier, das schon mit Kunstwerken vollgestopft ist, kommt man in die Wohnung des K\u00fcnstlers. Man kann nur das Erdgeschoss besuchen. Auch hier wimmelt es von Kunstwerken. Sie h\u00e4ngen an der Wand und stehen auf Bl\u00f6cken, Tischchen, Fenstersimsen, Regalen, Truhen, Sockeln und Stafetten. Man scheint es mit einem Allesk\u00f6nner zu tun zu haben. Er arbeitet in allen Materialien und allen Stilen: Holz, ein grauer, rauer und ein wei\u00dfer, glatter Stein (Marmor?), Gips, Bronze. Und realistisch, kubistisch, naiv, impressionistisch. Man wei\u00df kaum, wo man hinsehen soll.<\/p>\n<p>Auch er hat zwei Themen: Frau und Christus. Daneben sind auch Musiker stark vertreten, vor allem Geigenspieler.<\/p>\n<p>Mir f\u00e4llt eine sehr realistische Skulptur eines jungen Mannes auf, mit ganz genau in Str\u00e4hnen gek\u00e4mmtem Haar. Was daran so besonders ist, wei\u00df ich selbst nicht, vielleicht der Blick des Mannes, bei dem es sich um einen Spr\u00f6ssling aus gutem Hause handeln muss, vielleicht einer, der gerade von der Uni kommt oder der das Gesch\u00e4ft des Vaters \u00fcbernimmt.<\/p>\n<p>Ganz in der N\u00e4he steht eine Standuhr, mit ganz volkst\u00fcmlichen Blumenverzierungen unten und am Rand, alles auf grauem Grund. In der Mitte eine Kreuzigungsszene, bei der ein Mann mit Frack und Zylinder die Lanze in Jesu Seite bohrt.<\/p>\n<p>\u00dcber einem Durchgang der Einzug Jesu in Jerusalem, inmitten von tanzenden, jubelnden, singenden, teils halbnackten Menschen, die aussehen wie die Angeh\u00f6rigen eines Eingeborenenstammes aus Afrika oder der S\u00fcdsee. Jesus selbst ist ganz kirre vor Begeisterung.<\/p>\n<p>Irgendwo h\u00e4ngt eine bunte Landschaft mit unnat\u00fcrlichen Farben, bei der die Objekte schon auf kubische Formen reduziert sind. K\u00f6nnte von C\u00e9zanne sein.<\/p>\n<p>Eine Skulptur stellt eine Frau und einen Mann dar, die so eng aneinander verschlungen sind, dass sie schon zusammengewachsen sind, wie siamesische Zwillinge.<\/p>\n<p>Zwischen verschiedenen B\u00fcsten steht ein menschlicher Torso aus Holz. Scheint aus einem einzigen Baumstamm geschlagen, ohne jede Verzierung. Erinnert an einen ber\u00fchmten Torso aus der Antike.<\/p>\n<p>Zwischen den Gem\u00e4lden an der Wand h\u00e4ngt dann pl\u00f6tzlich eine Marionette, die Chaplin darstellt.<\/p>\n<p>Leider erf\u00e4hrt man in dem Haus nichts \u00fcber Bror Hjorth und sein Leben. Schade.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg kaufe ich im ICA ein paar Sachen f\u00fcrs Abendessen. Die Bettlerin am ICA sagt jedes Mal, wenn ich ihr meine 5 Kronen gebe: Thank you. Woher wei\u00df sie, dass ich kein Schwede bin?<\/p>\n<p>Am Nachmittag h\u00f6re ich pl\u00f6tzlich eine weibliche Stimme in der Wohnung. Ich mache die Zimmert\u00fcr auf und in dem Moment sehe ich, wie sich die Wohnungst\u00fcr schlie\u00dft. Ich mache auf und stehe einem Ausl\u00e4nderpaar, vermutlich Arabern, gegen\u00fcber. Sie sprechen mich gleich auf Englisch an. Genauer gesagt: Sie spricht mich auf Englisch an. Er h\u00e4lt sich die ganze Zeit zur\u00fcck. Ob ich ihnen mit ihrer Waschmaschine helfen k\u00f6nne? Oh je, da haben sie den richtigen erwischt. Sie haben die Waschmaschine gleich in der Wohnung. Das Problem: Die t\u00fcr geht ncht auf. Ich versuche mich daran, erfolglos. Die W\u00e4sche sei drei Stunden lang in der Waschmaschine gewesen, und da habe sie die Geduld verloren und das Programm beendet. Wir versuchen, ein neues Programm zu starten, dann zu stoppen und dann die T\u00fcr zu \u00f6ffnen. Hat alles keinen Zweck. Etwas kleinlaut sage ich, sie m\u00fcsse wohl einfach warten, bis das Programm zu Ende sei. An der Anzeige steht tats\u00e4chlich 3 Stunden, 6 Stunden, 9 Stunden. Gibt es Waschmaschinen, die neun Stunden waschen. Das kann doch wohl nicht sein.<\/p>\n<p>Ich bin jetzt eine Woche hier. Die sprachliche Bilanz f\u00e4llt gemischt aus. Den meisten Fortschritt gibt es beim Sprachfluss. Ich bin manchmal selbst \u00fcberrascht, wie gut das geht. Auch sind viele W\u00f6rter, die sonst bestenfalls passiv vorhanden waren, jetzt locker verf\u00fcgbar, ohne gr\u00f6\u00dfere Anstrengung. Au\u00dferdem schalten nicht mehr alle Schweden sofort auf Englisch um, sobald ich Hej sage. Andererseits ist das Gef\u00fchl der Ohnmacht allgegenw\u00e4rtig. Immer wieder fehlen ganz allt\u00e4gliche W\u00f6rter: <em>Kirsche<\/em>, <em>Regenschirm<\/em>, <em>Keller<\/em>, <em>sp\u00fclen<\/em>, <em>unten<\/em>, <em>rasieren<\/em>, <em>nass<\/em>, <em>L\u00f6ffel<\/em>, das ganz allt\u00e4gliche Zeug. Sogar <em>rechts<\/em> f\u00e4llt mir nicht ein. Und das Verstehen ist weiterhin unterirdisch schlecht. Ich habe immer noch kein einziges Mal den Preis an der Kasse im Supermarkt richtig verstanden. Gestern habe ich 77 verstanden, und es waren 91. Deprimierend.<\/p>\n<p>Am Abend lese ich noch eine Kuriosit\u00e4t \u00fcber Linn\u00e9. Es gab heftige Widerst\u00e4nde gegen sein \u201eSexualsystem\u201c, das vielen als \u201eunmoralisch\u201c galt. Einer der \u00e4rgsten Kritiker, Johann Siegesbeck, sprach von \u201eabscheulicher Hurerei\u201c. Linn\u00e9 reagierte auf seine Art: Er benannte eine Pflanze nach ihm. Nicht gerade eine der sch\u00f6nsten Pflanzen der Sch\u00f6pfung.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">4. August (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Von wegen, der Sommer ist vorbei. Meine Vorahnung ist v\u00f6llig daneben. Heute ist wieder ein richtig hei\u00dfer, fast wolkenloser Sommertag. Man kommt so schnell ins Schwitzen, dass man mit dem Waschen gar nicht nachkommt.<\/p>\n<p>Das Lehrbuch liest mir meine W\u00fcnsche von den Augen ab: tro, t\u00e4nka und tycka sind heute an der Reihe. Wie immer, gibt es einen Haufen Erkl\u00e4rungen und ein paar \u00dcbungen, aber nichts zieht so wie ein Beispiel, eins, das Jenny eher im Vor\u00fcbergenen nennt: Jag tycker att alla skulle g\u00f6ra l\u00e4xa. Ich finde, alle sollten Hausaufgaben machen. Dagegen: Jag tror att n\u00e4chstan alla har ghjort l\u00e4xa. Ich glaube, die meisten haben sie gemacht. Also ist tro nichts als eine Vermutung, man wei\u00df es nicht. Dagegen dr\u00fcckt tycka eine Ansicht aus. Jag tror att svenka grammatiken \u00e4r sv\u00e5rt kann man nur sagen, wenn man kein Schwedisch kann. Es ist eine Vermutung. Wenn man Schwedisch lernt, kann man sagen Jag tycker att svenska grammatiken \u00e4r sv\u00e5rt. Die anderen F\u00e4lle, einschlie\u00dflich t\u00e4nka, das eher den Denkvorgang selbst bezeichnet, sind sowieso nicht so schwer.<\/p>\n<p>Wieder ist die Aussprache eine echte Verst\u00e4ndigungsbarriere. Ich habe in einem Dialog den Ausdruck helt fel identifiziert, aber Jenny hat nicht die geringste Ahnung, was ich damit meine. Als ich buchstabiere, sagt sie: Ach so, heelt feel.<\/p>\n<p>Am meisten lernt man, wenn man der Lehrerin zuh\u00f6rt. Am liebsten w\u00fcrde ich alle Naselang unterbrechen und sie bitten, den Ausdruck oder den Satz an die Tafel zu schreiben: Bra f\u00f6rs\u00f6k. Vad vet jag? N\u00e5got helt annat. Orkar ni en fr\u00e5ga till? S\u00e5 fort ni kan.<\/p>\n<p>Zu den vielen Merkw\u00fcrdigkeiten von Luc z\u00e4hlt sein unorthodoxer Humor. Wir sitzen zu dritt zusammen, Titus, er und ich, und berichten einander \u00fcber das Leben einer ber\u00fchmten Person. Er hat Martin Luther King ausgew\u00e4hlt und berichtet von dessen Protestaktionen. Titus fragt ihn, ob er damals schon gelebt habe, ob er eigene Erinnerungen daran habe. Daraufhin bricht er in minutenlanges, lautes, wieherndes, einsames Lachen aus und l\u00e4sst sich auch durch meinen verst\u00f6rten Blick nicht davon abhalten.. Das muss f\u00fcr ihn der Witz des Jahres gewesen sein. Nein, nein, nein, das habe er nicht selbst erlebt. Er habe die Steinzeit nicht mehr pers\u00f6nlich miterlebt. Dabei war die Frage, glaube ich, ganz ernst gemeint. Ich kann mich selbst noch dran erinnern, und so viel j\u00fcnger wird er wohl auch nicht sein. Oder zumindest aussehen. Gut, dass ich ihn nicht als Mitbewohner erwischt habe, sondern den biederen, sehr umg\u00e4nglichen Eric.<\/p>\n<p>Bei Mittagessen lande ich an der Seite von Dave und Titus. Der studiert in Berkeley Psychologie und m\u00f6chte sp\u00e4ter in Schweden weiterstudieren. Beide wundern sich, als ich sage, dass ich f\u00fcr Schwedisch keine Verwendung habe und es nur zum Spa\u00df lerne \u2013 p\u00e5 skoj.<\/p>\n<p>Gestern habe ich mich noch gewundert, dass ich noch gar kein H&amp;M hier gesehen habe, heute sehe ich eins, und zwar in zentraler Lage, in paar Meter abseits des Stora Torget. Schweden hat f\u00fcr ein kleines Land viele bekannte Unternehmen: Elektrolux, Ericsson, Ahrens, Kapp Ahl, H&amp;M, SKF, ABB, Volvo und nat\u00fcrlich IKEA.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg mache ich ein Photo von Lady Wu, einem Bekleidungsgesch\u00e4ft, das im doppelten Sinne die schwedische Gegenwart widerspiegelt, den Einfluss des Englischen und den der Immigranten.<\/p>\n<p>Ich mache auch ein Photo von <em>Se &amp; Synas<\/em>, noch Ein Bekleidungsgesch\u00e4ft, und von einem Lokal, das auf einer Tafel Lunch und Middag anbietet.<\/p>\n<p>Am Nachmittag verstehe ich zum ersten Mal den Preis an der Kasse von ICA, und das, obwohl es sich um 70 Krn. handelt.<\/p>\n<p>In meinem schwedischen Portemonnaie finde ich 5 britische Pence, 1 Euro-Cent und \u00bd Shequel.<\/p>\n<p>Am Abend, als ich durch die Innenstadt gehe, kommen mir die beiden Araber mit der Waschmaschine radelnd entgegen, aber sie erkennen mich nicht.<\/p>\n<p>Da vor dem Beginn des Vortrags noch etwas Zeit bleibt, gehe ich die Kungs\u00e4ngsgatan rauf und runter und versuche die Gegend zu identifizieren, wo ich damals im Winter war. Aber nichts kommt mir bekannt vor.<\/p>\n<p>In der Ank\u00fcndigung f\u00fcr den Vortrag ist von einer <em>f\u00f6rel\u00e4sning<\/em> die Rede. Das h\u00f6rt sich f\u00fcr uns eher nach universit\u00e4rem Vortrag an. Eric, der selbst am Morgen einen Vortrag \u00fcber gehalten hat \u2013 \u00fcber die schottische Unabh\u00e4ngigkeit \u2013 weist mich auf ein anderes Wort hin: <em>f\u00f6redrag<\/em>. Nicht zu verwechseln mit <em>f\u00f6retag<\/em>, \u201aUnternehmen\u2018.<\/p>\n<p>Der Vortrag hei\u00dft: <em>Hur 17 blev de s\u00e5na? Varf\u00f6r svenskar \u00e4r som de \u00e4r \u2013 ett historiskt perspektiv.<\/em> Bei so einem Titel mischen sich Vorfreude und Skepsis. Und die Frage, was es mit der 17 auf sich hat.<\/p>\n<p>Man hat es mit jemandem zu tun, der gerne redet und gut redet und sich gerne reden h\u00f6rt \u2013 der barocke Titel h\u00e4tte Hinweis genug sein m\u00fcssen. Es ist aber mehr Fassade als Substanz, und am Ende kommen lauter Dinge, die entweder Gemeinpl\u00e4tze oder Stereotypen sind. Und die mit dem Thema, der Besonderheit der Schweden, wenig zu tun haben. Hier geht es eher um Schwedisch als Fremdsprache. Das hat was mit der Biographie des Vortragenden zu tun, der irgendwas mit Einwanderern zu tun hat, und zwar schon lange.<\/p>\n<p>Es f\u00e4ngt interessant an: In den sp\u00e4ten Sechzigerjahren habe man hier in Schweden (im ganzen Land?) nur ca. 500 Immigranten gehabt, und die seien alle aus demselben Land gekommen. Im Publikum wird kr\u00e4ftig geraten: Tschechoslowakei? Ungarn? Chile? Alles falsch. USA! Es waren amerikanische Deserteure, die aus Vietnam kamen!<\/p>\n<p>Dann gibt es das ganz sch\u00f6ne Bild vom Eisberg. Dessen Spitze habe sich ver\u00e4ndert. Das sehe man vor allem bei den Speisen. Fr\u00fcher habe es immer nur <em>k\u00f6tbullar med potatis<\/em> gegeben, heute k\u00f6nne man in Uppsala Speisen aus aller Welt bekommen.<\/p>\n<p>Aber es sei eben nur die Spitze des Eisbergs, die sich ver\u00e4ndert habe.\u00a0 Darunter sei alles beim Alten geblieben. Das wird anhand der Distanz zwischen den Gespr\u00e4chspartnern illustriert: Zwischen Schweden h\u00e4lt man Abstand, man dringt nicht in das Territorium des anderen ein. Dieser Abstand ist in der arabischen Welt viel kleiner. Dort w\u00fcrde der Abstand auch bildlich als das verstanden, was er ist: Distanz.<\/p>\n<p>Das ist ein klassisches Beispiel aus der Pragmatik. Nur ist da meistens von Amerikanern und Arabern die Rede. So kommen immer wieder Behauptungen vor, etwas sei typisch schwedisch, ohne dass es das wirklich sein muss. Da m\u00fcssen \u00fcbergreifende Kategorien her.<\/p>\n<p>Dann kommt eine kuriose Karte, auch die allerdings alles andere als originell. Eine Karte, die die Welt auf dem Kopf darstellt. Wer hat eigentlich entschieden, dass Schweden \u201eoben\u201c ist. Man kann die Sache genauso gut umkehren.<\/p>\n<p>Hier verstehe ich allerdings die Verbindung mit dem Thema nicht. Ob das an mir oder an dem Redner liegt, ist schwer zu sagen. Im Laufe des Abends verstehe ich immer mehr. Das kann auch an den Themen liegen. Der Mann spricht in normalem Tempo, aber sehr deutlich. Nur die Witze verstehe ich nicht.<\/p>\n<p>Jetzt geht es um das kollektive Ged\u00e4chtnis und wie weit das zur\u00fcckreicht. Es geht immer weiter zur\u00fcck: vom Folkhemmet (1940-79) \u00fcber die Wirtschaftskrise (Drei\u00dfigerjahre) \u00fcber den Generalstreik (1909), die Industrialisierung (XIX), die Gro\u00dfmacht Schweden (XVII), die Reformation und Gustav Wasa (XVI), die Einf\u00fchrung des Christentums (X), die Wikingerzeit (VIII-IX) und die Eiszeit (vor 10000 Jahren). Das ist an sich interessant, das kollektive Ged\u00e4chtnis ist schon an sich ein Teil der Identit\u00e4t, aber hat es dar\u00fcber hinaus noch eine Bedeutung? Schweden lag, als es in Afrika schon die ersten menschlichen Zivilisationen gab, noch unter einer drei Kilometer dicken Eisschicht (als deren Folge Schweden heute 100,000 Seen hat). Erkl\u00e4rt das die Liebe der Schweden zur Natur? Oder ist die selbst nur ein Mythos? Hat ein Schwede, der in Malm\u00f6 oder in Uppsala lebt, wirklich ein anderes Verh\u00e4ltnis zur Natur, als ein Italiener aus Genua oder Neapel?<\/p>\n<p>Dann geht es ziemlich \u00fcbergangslos zur schwedischen Gesellschaft \u00fcber. Schweden sei ein sehr homogenes Land, kulturell, religi\u00f6s, sprachlich, ethnisch. Das habe die Kultur der \u00dcbereinstimmung gef\u00f6rdert. Kein anderes Land der Welt habe so lange ohne Unterbrechung die gleiche politische F\u00fchrung gehabt. Damit ist die Herrschaft der Sozialdemokraten von 1936- 1976 gemeint.\u00a0 In der Zeit wurde das Folkhem geschaffen: Man zahlt viele Steuern, gibt sie dem Staat, und der sorgt f\u00fcr alles: Schulen, Krankenh\u00e4user, Polizei, Rente usw. Das wird mit dem amerikanischen Modell kontrastiert. Da ist es leicht, Unterschiede zu sehen. Aber was ist mit anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern? Gilt in Deutschland oder in Frankreich nicht die gleiche \u00dcbereinkunft?<\/p>\n<p>Dazu kamen 200 Jahre Frieden, und die h\u00e4tten f\u00fcr den Aufbau von Verm\u00f6gen und die Schaffung von Wohlstand gesorgt. Das ist wirklich ein Unterschied zu uns und zu anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, wo immer wieder von vorne angefangen werden musste.<\/p>\n<p>Im Umgang miteinander seien die v\u00e4nliga men otydliga, freundlich aber undeutlich. Das f\u00fchre immer wieder zu Missverst\u00e4ndnissen mit Immigranten. Hier taucht dann immer wieder die Karikatur des armen Muhammad auf. Der versteht es einfach nicht, wenn der Chef ihn h\u00f6flich fragt, ob er mal den Hammer holen k\u00f6nne. Der Chef ist der Chef, und wenn der etwas von mir will, dann wird der das schon geradeheraus sagen. Also holt er den Hammer nicht. Aber: Ist die Welt wirklich so einfach? Sind die Araber wirklich so kindlich naiv, dass sie solche kommunikative Strategien nicht durchschauen? Sind das nicht gr\u00e4ssliche Stereotypen?<\/p>\n<p>Dann geht es eigentlich nur noch um die Schwierigkeiten der Einwanderer mit der schwedischen Sprache. Das sind aber keine spezifische Schwierigkeiten mit dem Schwedischen, sondern ganz allgemeine Schwierigkeiten mit Fremdsprachen. Der Chef bittet den unvermeidlichen Mohammad, den Hammer zu holen, und als der das nicht tut, wiederholt er die Frage und als er es immer noch nicht tut, tut er es selbst und fragt sich, wie man schon so lange im Land sein und immer noch nicht das Wort Hammer kennen kann. Aber Mohammad versteht nat\u00fcrlich Hammer, vielleicht ist Hammer sogar das einzige Wort, was er versteht. Er wei\u00df nur nicht, was er mit dem Hammer tun soll und ob er \u00fcberhaupt etwas tun soll oder ob es nur allgemeine Instruktionen zu den Werkzeugen sind.<\/p>\n<p>Dann geht es noch um die Aussprache. Man hat mit bestimmten Akzenten eher Vorteile, mit anderen eher Nachteile. Englisch ist besser als deutsch, russisch ist besser als polnisch, und persisch ist besser als arabisch. Das l\u00e4sst tief blicken, und gibt uns eine Ahnung davon, wie Sprache unbewusst wirkt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">5. August (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Doch das Ende des Sommers? Heute ist es nicht mehr so hei\u00df, aber schw\u00fcl und stark bew\u00f6lkt, und am Mittag setzt der Regen ein. Zeit, das Geld zu investieren und einen Schirm zu kaufen. Als ich aus dem Gesch\u00e4ft komme, hat es aufgeh\u00f6rt zu regnen.<\/p>\n<p>Im Unterricht sollen wir vier S\u00e4tze \u00fcber uns schreiben, von denen einige wahr, andere unwahr sind. Wir sind zu dritt, haben also zw\u00f6lf S\u00e4tze, und wir identifizieren alle richtig als wahr oder unwahr. Allerdings wissen wir vorher, wie viele S\u00e4tze wahr sind. Danach \u00fcberlegen wir uns, woran man das erkennt. Erstens haben die wahren S\u00e4tze eher Details, zweitens sind sie eher originell. Isabell, die Medizinerin aus dem Osten sagt zum Beispiel, dass ihre Heimatstadt fr\u00fcher zu Schweden geh\u00f6rte. Oder ist sie Mitglied bei den Gr\u00fcnen. Das scheidet dann wegen mangelnder Originalit\u00e4t aus. Volle Punktzahl.<\/p>\n<p>Isabell fragt mich, ob ich ein deutsches Wort f\u00fcr <em>skr\u00f6ma<\/em> wisse. Nee, keine Ahnung. Wir haben das Wort am Vortag gelernt. Es ist eine von den Geschichten, die weitererz\u00e4hlt und im Laufe der Zeit immer mehr ausgeschm\u00fcckt werden. Oder bei denen immer mehr \u00fcbertrieben wird. Uns f\u00e4llt keine deutsche Entsprechung ein.<\/p>\n<p>Wir erfahren, was die 17 in dem Titel des gestrigen Vortrags bedeutet: Sie ersetzt ein Schimpfwort, kein bestimmtes, jedes beliebige. Es muss immer die 17 sein. Warum, wei\u00df auch Jenny nicht.<\/p>\n<p>Sch\u00f6ner Fehler in meinem Text \u00fcber das Wochenende. Ich wollte schreiben, dass die Gr\u00e4ber in Gamla Uppsala vielleicht Frauengr\u00e4ber sind, weil man dort keine Wappen gefunden hat. Am Rande ein riesiges Fragezeichen. Ich versuche zu erkl\u00e4ren. V\u00f6lliges Unverst\u00e4ndnis. Dann weichen wir aufs Englische aus, und das Missverst\u00e4ndnis kl\u00e4rt sich auf: Ich wollte sagen <em>inga<\/em> <em>vapnar (?),<\/em> habe aber geschrieben <em>inga armar <\/em>\u2013 keine Arme!<\/p>\n<p>In jeder Gruppe, und sowieso in jeder Lerngruppe, gibt es jemanden, der die Rolle des Sonderlings einnimmt. Die nimmt bei uns Luc ein. Wenn jemand eine Frage stellt und die Frage beantwortet wird, beantwortet er sie nochmal. Er fragt immer nach, hat immer einen Kommentar. Zu allem und jedem. Instruktionen versteht er grunds\u00e4tzlich nicht, fragt dann bei den anderen oder bei Jenny nach und f\u00e4ngt dann an, auch wenn sie glasklar sind, sie zu diskutieren. Wenn man antwortet, f\u00e4llt er einem ins Wort und setzt sich mit erh\u00f6hter Lautst\u00e4rke durch. Er verbessert mich auch ungefragt: Das sei nicht Schwedisch, das sei Deutsch. Womit er bl\u00f6derweise auch noch recht hat. Trotzdem sucht er dann meine N\u00e4he, wenn es um das Vergleichen von Arbeitsergebnissen geht: \u201eWas kommt bei 5 hin?\u201c. Keine Ahnung ich habe skulle f\u00e5.\u201c \u2013 \u201eSkulle h\u00e4mta?\u201c \u2013 \u201eIch wei\u00df es nicht, ich glaube, es ist skulle f\u00e5.\u201c- \u201eSkulle h\u00e4mta?\u201c- \u201eKann sein.\u201c \u2013 Also h\u00e4mta.\u201c \u2013 Ich bin mir nicht sicher, ich finde f\u00e5a paast besser.\u201c \u2013 \u201eKann es h\u00e4mta sein?\u201c. Er nimmt h\u00e4mta. Es ist f\u00e5.<\/p>\n<p>Oft wiederholt er im Gespr\u00e4ch ein und dasselbe Wort mehrmals. Einmal sagt er ibland auf eine Bemerkung von Eric, f\u00fcnfmal in Folge. Da ich ihm selten zuh\u00f6re, fallen mir sein schlecht rasiertes Kinn und seine aus den Ohren herauswachsenden Haare auf.<\/p>\n<p>Irgendwie schafft er es sogar, mitten im Unterricht die Rede auf <em>Tomorrowland <\/em>zu bringen. Ein paar der anderen kennen es auch, vor allem die Holl\u00e4nderin, die erkl\u00e4rt das sei das gr\u00f6\u00dfte Festival dieser Art, das zweitgr\u00f6\u00dfte sei in Deutschland und das drittgr\u00f6\u00dfte in Holland. Sie kennt nat\u00fcrlich auch die Namen. Jenny hat noch nie davon geh\u00f6rt. Als die Rede auf die Eintrittspreise kommt, kann ich meine Insiderkenntnisse an den Mann bringen: 400 Euro.<\/p>\n<p>Den Nachmittag verbringe ich mit Hausmannsarbeiten: saugen, waschen, sp\u00fclen, M\u00fcll entsorgen. Dabei wird das Waschen eine richtige Schau. Da so viel Kleidung verschwitzt ist, entscheide ich mich doch, es mit der Waschmaschine zu probieren. Ich lege die W\u00e4sche in die Maschine, f\u00fclle Waschmittel ein, schlie\u00dfe die T\u00fcr und dr\u00fccke Start. Und \u2013 nichts. Keine Bewegung, keine Anzeige. Ich versuche alle Kn\u00f6pfe und Kombinationen. Nichts. Dann mache ich mich an die Sicherungen, dann an einen Schalter hinter der Maschine. Nichts. Also doch Handw\u00e4sche. Aber jetzt geht die T\u00fcr nicht auf. Ich versuche es sanft, dann mit Gewalt. Nichts. Vielleicht ist die Maschine kaputt. Ich schlie\u00dfe die T\u00fcr an der Maschine daneben, um den Mechanismus zu erproben. Resultat: Jetzt ist auch diese T\u00fcr zu und geht nicht mehr auf. Ich hoffe, dass niemand kommt und mich erwischt und ich hoffe, dass jemand kommt und mir hilft. Beides passiert nicht. Irgendwo finde ich eine Adresse, an die man sich bei Schwierigkeiten wenden kann, aber daf\u00fcr muss man ins Netz.<\/p>\n<p>Beim Rausgehen sehe ich eine elektronische Tafel. Ohne Anzeige. Ich versuche es mit meinem Schl\u00fcssel in verschiedenen Positionen, und auf einmal leuchtet das Feld auf. Es gibt verschiedene Optionen, darunter so was wie buchen. Das mache ich. Geht ganz einfach. Ich habe eine Maschine f\u00fcr heute gebucht, zwischen 2-4. Also jetzt. Ich gehe in den Waschraum zur\u00fcck und starte die Maschine. Nichts.<\/p>\n<p>Dann wieder zu dem elektronischen Schalter. Irgendwann kommt etwas mit visa, dann etwas mit \u00f6ppna. Und es funktioniert. Die Maschine ist an! Nur: Es ist die falsche. Und ich kann mit meine W\u00e4sche immer noch nicht aus meiner Maschine herausholen. Ich wiederhole den Vorgang, und jetzt startet die n\u00e4chste Maschine. Und dann mache ich es im Zweierpack, und schlie\u00dflich startet auch meine Maschine. Jetzt hoffe ich auf jeden Fall, dass niemand kommt.<\/p>\n<p>Kommt auch keiner. Irgendwo habe ich gelesen, dass die Maschine verschlossen bleibt, wenn man zu sp\u00e4t kommt. Das k\u00f6nnte das Problem bei den Arabern gewesen sein. Ich gehe nach oben, aber dann rechtzeitig wieder runter. Als ich in den Waschraum komme, steht die T\u00fcr der Maschine offen. Bitte schlie\u00dfen. Ich schlie\u00dfe die T\u00fcr, und der Waschgang f\u00e4ngt beinahe wieder von vorne an.<\/p>\n<p>Ich gehe schnell zum Staubsaugen rauf, und als ich runter komme, ist die Fl\u00e4che vor der Maschine voller Wasser. Die T\u00fcr ist zwar nicht wieder aufgegangen, schlie\u00dft aber nicht richtig. Den Rest der Zeit verbringe ich damit, vor der Maschine zu stehen und die T\u00fcr anzudr\u00fccken. Als die letzten beiden Minuten geschleudert wird, gehe ich aber doch lieber einen Schritt zur\u00fcck. Sonst, habe ich das Gef\u00fchl, werde ich selbst durch die Gegend geschleudert. Und dann ist alles \u00fcberstanden. Die W\u00e4sche ist sauber.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">6. August (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Auf dem Weg zur Schule frage ich Eric, ob er auch ein schwedisch-schwedisches W\u00f6rterbuch habe. Ja, gestern gekauft. Ich k\u00f6nne mir das am Abend ansehen.<\/p>\n<p>Er hat ein sehr gutes niederl\u00e4ndisch-schwedisches W\u00f6rterbuch, ein von der Klasse, wie ich noch kein deutsch-schwedisches gesehen habe, mit Formen und Beispielen zu allen Eintr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Auf dem Weg kommen wir an einem Caf\u00e9 vorbei, dass <em>Konditori &amp; Schweizeri<\/em> hei\u00dft. Wir wissen beide nicht, was das bedeutet. Es steht noch nicht einmal in Erics Lexikon. Sp\u00e4ter lese ich wenigstens eine Erkl\u00e4rung zu dem historischen Hintergrund. Nach dem Ende der gro\u00dfen Kriege des 17. Jahrhunderts brachten die Schweden aus Deutschland und der Schweiz Zuckerb\u00e4cker mit nach Hause. Dort war der Zucker damals gerade heimisch geworden. Der Zucker kam urspr\u00fcnglich aus Indien und China und war \u00fcber den Nahen Osten in die Mittelmeerl\u00e4nder gekommen, vor allem nach Spanien, und von dort in die \u00fcbrigen europ\u00e4ischen L\u00e4nder. Mit den Zuckerb\u00e4ckern stieg in Schweden die Nachfrage nach S\u00fc\u00dfigkeiten und die Notwenigkeit, Zucker zu importieren. Das ging so weit, dass man von staatlicher Seite einschritt und den Zuckerimport begrenzte. Es gingen einfach zu viele Devisen ins Ausland. Urspr\u00fcnglich wurde Konfekt in Schweden von den Apothekern verkauft. Konfekt war praktisch gleichbedeutend mit Medizin. Zucker und S\u00fc\u00dfigkeiten, war man \u00fcberzeugt, waren gut f\u00fcr den K\u00f6rper.<\/p>\n<p>In der Pause laufe ich schnell zur Reinigung, um die Sachen abzuholen. Nein, die seien noch nicht fertig, sagt die Kopftuchfrau. Montag, habe sie mir gesagt, sage ich, heute sei Mittwoch. Ja, ja, sagt sie, n\u00e4chsten Montag. Zehn Tage und mehr f\u00fcr zwei kurz\u00e4rmlige Hemden und Shorts.<\/p>\n<p>Bei den Zeitausdr\u00fccken f\u00e4llt mir noch eine Besonderheit auf: Man sagt <em>f\u00f6rra m\u00e5naden<\/em> (mit Artikel), aber <em>n\u00e4sta m\u00e5nad <\/em>(ohne Artikel). Keine Ahnung, warum. Au\u00dferdem f\u00e4llt mir auf, dass in der ganzen Tabelle vecka \u00fcberhaupt nicht vorkommt. Das haben sie vermutlich schlichtweg vergessen.<\/p>\n<p>Im Unterricht kommt mal wieder ein Wortpaar vor, dass man besser nicht verwechseln sollte: <em>kyssa<\/em> und <em>kissa<\/em>, \u201ak\u00fcssen\u2018 und \u201apinkeln\u2018. Eleftherios will wissen, ob denn die schwedischen Kinder das nicht verwechseln. Nein, das komme nicht vor. F\u00fcr den Muttersprachler ist ein Laut genug, um ein Wort von dem anderen zu unterscheiden. F\u00fcr den Ausl\u00e4nder sieht das ganz anders aus. Ich wei\u00df jetzt schon nicht mehr, was was ist. Sp\u00e4ter erfahre ich von einer aufmerksamen Leserin, dass \u043f\u0438\u0441\u0430\u0442\u044c\u00a0im Russischen, je nach Betonung, &#8216;schreiben&#8217; oder &#8216;pinkeln&#8217; hei\u00dfen kann.<\/p>\n<p>Patrick, der Amerikaner aus Austin, ist jetzt schon in der achten Woche hier, immer mit Vormittags- und Nachmittagskurs. Es hat keine Wahl, denn er ist mittels eines Stipendiums hier. Er ist es inzwischen richtig leid. Das kann man verstehen.<\/p>\n<p>Beim Mittagessen lerne ich Jos\u00e9, einen netten Spanier aus Sevilla kennen. Er lebt jetzt in Schweden und hat vorher in Deutschland gelebt, in Bad Honnef. Er sieht das mit den n\u00f6rdlichen L\u00e4ndern ganz entspannt, keine weinerliche Sehnsucht nach dem Essen, dem Wetter und den Leben drau\u00dfen in der Heimat. Erlebe ich auch bei unseren spanischen Studenten in letzter Zeit. Die sind viel eher bereit, Unterschiede einfach zu akzeptieren. Eleftherios will wissen, wie es denn im Winter sei. Nicht so toll, sagt er, solange die kurzen, tr\u00fcben Tage anhielten. Aber dann komme der Schnee, und die sich im Schnee spiegelnde Sonne sorge f\u00fcr eine Helligkeit, die f\u00fcr die kurzen Tage entsch\u00e4dige.<\/p>\n<p>Ich bewundere die jungen Leute f\u00fcr ihre Energie. Nach dem Vormittagskurs besuchen sie auch noch den Nachmittagskurs, danach spielen sie Fu\u00dfball und dann gehen sie aus, oft bis in die fr\u00fchen Morgenstunden. Und sind am n\u00e4chsten Tag p\u00fcnktlich zum Unterricht da, mit erledigten Hausaufgaben. Chris sagt, er wisse selbst nicht, wie er das anstelle.<\/p>\n<p>Nach dem Essen gehe ich schnurstracks ins Evolutionsmuseum, wegen der merkw\u00fcrdigen \u00d6ffnungszeiten. Es ist ein altmodisches Museum, das mich an meine Kindheitstage erinnert, aber auch im 19. Jahrhundert nicht viel anders ausgesehen haben kann. Was bei den modernen interaktiven Museen mit Bildschirmen und Projektionen oft zu viel ist, ist hier zu wenig. Es gibt kaum Beschriftungen, geschweige denn Beschreibungen, und was es gibt ist ausschlie\u00dflich auf Schwedisch. Dazu kommt, dass ich nur den Zoologie-Teil finde. Es gibt auch noch Botanik und Pal\u00e4ontologie, aber die sind vielleicht in einem anderen Geb\u00e4ude.<\/p>\n<p>Im Untergeschoss gibt es lauter ausgestopfte Tiere, links Schweden, rechts Rest der Welt, nach Kontinenten geordnet. Man sieht riesige V\u00f6gel aus Eurasien, Hy\u00e4nen aus der afrikanischen Savanne, Krokodile aus Amerika, und aus Schweden Seel\u00f6wen, B\u00e4ren und Elche. Die Frage, die sich bei einer \u00dcbung im Unterricht dieser Tag kurz stellte, welches Tier bis zu 800 Kilo wiegt, Elch oder B\u00e4r, beantwortet sich bei der Betrachtung der Tiere hier: Der Elche. Der B\u00e4r wiegt bis zu 350 Kilo. Die Zahl 800 klingt allerdings wirklich fast unglaublich. Ein Stier wiegt gerade mal 500 Kilo.<\/p>\n<p>Man sieht eine ganze Reihe von Darwinfinken (die keine Finken sind), und man kann tats\u00e4chlich, obwohl sie sich sonst sehr \u00e4hnlich sind, gro\u00dfe Unterschiede beim Schnabel entdecken, von kurz und dick bis lang und d\u00fcnn, ein klassisches Beispiel f\u00fcr Anpassung.<\/p>\n<p>Ein besonders extremes Beispiel f\u00fcr Anpassung ist das Fingertier (Aye-Aye) aus Madagaskar. Es hat Finger, die aussehen wie die vom Struwwelpeter. Damit kratzt es die Rinde von B\u00e4umen ab und holt Insekten aus dem Baumstamm.<\/p>\n<p>Ein Tier, das Darwin nicht besonders gefiel, ist das Havs\u00f6dla, eine Leguanart, die es nur auf den Galapagos-Inseln gibt. Ganz ungewohnt subjektiv sprach er von dessen ekligen, klumpigen \u00f6dlar. Es ist der einzige Leguan, der auch im Wasser lebt. Dort ern\u00e4hrt es sich von den Algen. Da es sich um einen Kaltbl\u00fcter handelt, muss er zwischendurch immer wieder ans Land, in die Sonne, um aufzutanken, bevor er die n\u00e4chste Runde im Meer dreht.<\/p>\n<p>Um einen einheimischen Vogel herum, vielleicht einen Star \u2013 aber daf\u00fcr hat er einen langen Schnabel und ist sehr gro\u00df \u2013 stehen verschiedene W\u00f6rter, die in verschiedenen Gegenden Schwedens f\u00fcr ein und denselben Vogel gebraucht werden: hasselorre, rossgucku, sp\u00e5nk\u00e4rling, morkulla, kurremurrepist.<\/p>\n<p>Oben geht es um Krustentiere und Insekten und anderes Getier. Sie werden in speziell pr\u00e4parierten Glasbeh\u00e4ltern pr\u00e4sentiert. Man kann nur \u00fcber die Vielfalt staunen.<\/p>\n<p>In einer Ecke gibt es dann eine Sammlung von so ausgestellten Sexualorganen. Es gibt Eierst\u00f6cke und livmoder und \u00e4ggledare und Penisse und Hoden. Man wei\u00df oft nicht, was was ist, und w\u00fcrde auch wohl kaum darauf kommen, worum es sich handelt. Einige sehen aus die Kunstwerke. Der Walrosspenis sieht wie ein Knochen aus. Und das meiste sieht nicht gerade einladend aus. Was sich dabei die Evolution wohl gedacht hat? Man erinnert sich an Schopenhauer, der gesagt hat, die Natur sei listig, indem sie uns vorgaukelt, dass der Sexualakt Freude macht, das aber nur zu ihrem Nutzen sei.<\/p>\n<p>Bei den Tieren hat sie jedenfalls zwei Wege gew\u00e4hlt, um f\u00fcr Nachwuchs zu sorgen: entweder die Eltern, die wenige Nachfahren haben und sich intensiv um sie k\u00fcmmern oder die Eltern, die es einfach auf Menge setzen. Der Elch hat ein oder bestenfalls zwei Junge, ein Tier mit dem Namen torskhona legt 15 Millionen Eier und ist dann nicht allzu traurig, wenn 99,9% davon absterben.<\/p>\n<p>Eine Etage h\u00f6her gibt es dann Skelette von gro\u00dfen Tieren, von der Giraffe \u00fcber den Elefanten bis zum Wal.<\/p>\n<p>Warum ist die Erde nicht von einer un\u00fcbersehbaren F\u00fclle von Individuen bev\u00f6lkert? Die Frage hat sich Darwin gestellt und die mit dem Kampf um die Existenz beantwortet. Dazu gibt es hier ein Rechenbeispiel, das zeigt, dass die Elefanten die Erde \u00fcbernehmen k\u00f6nnten. Elefanten werden ab 12-14 Jahren tr\u00e4chtig und bekommen jedes 2. Bis 4. Jahr Nachwuchs. Danach w\u00fcrden aus einem Elefantenpaar innerhalb von 500 Jahren 15 Millionen Elefanten! Aber da schiebt die Evolution einen Riegel vor: Raubtiere, Krankheiten und Nahrungsmangel sorgen daf\u00fcr, dass es nicht so viele gibt.<\/p>\n<p>Der Wal stellte die Zoologen lange vor Schwierigkeiten, bis die ersten Skelette vorhanden waren. Heute kennt man die Verwandtschaft der Wale mit Landtieren: Sie atmen, sie geben den Jungen di, sie bewegen den R\u00fccken im Wasser auf und ab (anders als die Fische, die seitw\u00e4rts schwimmen), und die Knochen in ihren fenor sind den Knochen der F\u00fc\u00dfe der Landtiere \u00e4hnlich. Ihre n\u00e4chsten Verwandten die Kuh, das Schwein und das Kamel. Wer h\u00e4tte das gedacht?<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">7. August (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Am fr\u00fchen Morgen vom Regen aufgewacht. Dann l\u00e4sst der Regen nach, aber als wir uns auf den Weg machen legt er wieder richtig zu. Ich habe mich selbst besser gesch\u00fctzt als den Rucksack. Resultat: aufgeweichte B\u00fccher und Hefte.<\/p>\n<p>Der Name des amtierenden schwedischen K\u00f6nigs ist Carl XVI Gustav. Dabei hat es noch gar keine f\u00fcnfzehn K\u00f6nige gegeben, die Carl hie\u00dfen, h\u00f6chstens neun. Zumindest sechs sind erfunden. Das geht zur\u00fcck auf ein Werk von Johannes Magnus, dem letzten katholischen Bischof Schwedens, der eine Geschichte seines Landes schrieb, als er im Exil in Italien war. Die Geschichte beginnt mit Magog, dem Enkel Noahs, der 88 Jahre nach der Landung der Arche das nun trockene Skandinavien erreichte. Sein \u00e4ltester Sohn Sven gr\u00fcndete Schweden, dessen Bruder Ubbe gr\u00fcndete Uppsala und dessen \u00e4ttling Sigge gr\u00fcndete Sigtuna. Und so weiter. In dieser Chronik tauchen vor dem ersten historisch belegten schwedischen K\u00f6nig sechs K\u00f6nige namens Carl auf.<\/p>\n<p>Und nochmal schwedische Geschichte. Diesmal geht es um Krebse. Seit dem 19. Jahrhundert gab es einen Parasitenpilz, der die schwedischen Flusskrebse, eine gro\u00dfe Delikatesse in Schweden, angriff. Man importierte deshalb Krebse aus den USA. Die hatten an jeder Kralle einen wei\u00dfen Fleck und bekamen deshalb bald den Namen Signalkrebse. Sie wurden zwar auch angesteckt, waren aber immun gegen den Pilz. Und schienen in Schweden gut zurechtzukommen. Nach dem Import der ersten 26 Signalkrebse in den Sechzigerjahren, importierte man deshalbe mehr und mehr. In den Siebzigerjahren war es eine Million, die man in zweihundert schwedischen Seen aussetzte, meist in Mittel- und S\u00fcdschweden.<\/p>\n<p>Was man nicht beachtete: Mit den Signalkrebsen garantierte man auch ddann as \u00dcberleben des Pilzes. Der braucht Krebse. Wenn alle Flusskrebse in einem See ausgestorben w\u00e4ren, w\u00e4re auch der Pilz verschwunden und man h\u00e4tte neue aussetzen k\u00f6nnen. Jetzt sind alle Seen in S\u00fcd- und Mittelschweden verseucht. Keine Chance, sie leer zu fischen.<\/p>\n<p>Da wir jetzt zeitversetzt anfangen, vermutlich um allzu gro\u00dfen Andrang beim Kaffeetrinken und beim Mittagessen zu vermeiden, habe ich eine Viertelstunde vor Unterrichtsbeginn, um im Internet zu recherchieren. Es geht um die Verwaltungseinheiten. Man muss zwischen Provinz (<em>l\u00e4n<\/em>) und Region (<em>landskap<\/em>) unterscheiden, den modernen und den alten Verwaltungseinheiten, die bis 1634 galten. Die jetzigen Provinzen, insgesamt 21, lehnen sich an die alten Regionen an, sind aber nicht identisch mit ihnen, mit wenigen Ausnahmen wie Sk\u00e5ne, Dalarna, J\u00e4mtland, V\u00e4rmland usw., die fast identisch sind. In anderen F\u00e4llen ist eine historische Landschaft (Sm\u00e5land) in mehrere Provinzen aufgeteilt, in anderen sind mehrere historische Landschaften in einer Provinz (V\u00e4stra Gotland) zusammengefasst.<\/p>\n<p>Als ich in den Klassenraum komme, bringt Jenny den anderen gerade ein paar W\u00f6rter auf Finnisch bei. Ihre Mutter ist Finnin, hat aber mit ihr immer Schwedisch gesprochen, aber die Oma und die Tanten in Finnland konnten weder Englisch noch Schwedisch, so dass die Mutter anfangs immer \u00fcbersetzte, bis das Kind allm\u00e4hlich die neue Sprache annahm. Ihr Name, Jenny, endet auf einem Laut, der wie das deutsche y klingt. Aber den gibt es im Finnischen nicht. Ihre Mutter spricht ihren Namen deshalb Jenni aus statt Jenn\u00fc.<\/p>\n<p>Im Unterricht kommen Wortpaare vor, die sich in der Aussprache so gering unterscheiden, dass ich den Unterschied kaum h\u00f6ren, geschweige denn wiedergeben kann. Dazu geh\u00f6ren auch die gleich geschriebenen <em>kort<\/em> und <em>kort<\/em>, \u201akurz\u2018 und \u201aKarte\u2018. Auf Schwedisch kurze Karte zu sagen, ist was f\u00fcr K\u00f6nner.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem gibt es immer wieder F\u00e4lle, die zeigen, dass der schwedische und der deutsche Satzbau doch nicht so deckungsgleich sind wie ich immer geglaubt habe. Auch bei ganz einfachen S\u00e4tzen: <em>Vi hade inte det \u2013 Wir hatten nicht das<\/em>.<\/p>\n<p>In einer der Gruppen werden die Heimatst\u00e4dte vorgestellt. Die Rede kommt auf Minnesota und warum dort so viele Schweden leben. Die Antwort des Amerikaners aus Minneapolis ist: Die Landschaft ist so \u00e4hnlich. Zumindest die Landschaft im Norden Minnesotas. Ob das wirklich ein Grund f\u00fcr die fr\u00fchen Auswanderer gewesen ist? Kann sein, vielleicht f\u00fchlten sie sich da heimisch.<\/p>\n<p>Nach dem Mittagessen gehe ich zum Akademibokhandeln und st\u00f6bere herum, eine ganze Zeit. Und kaufe am Ende eine schwedische Sprachgeschichte, eine Geschichte Schwedens, ein Buch \u00fcber Fu\u00dfball, ein Buch \u00fcber einen gesellschaftlichen Skandal in Schweden und ein Kinderbuch.<\/p>\n<p>Als ich zur Kasse komme und gerade \u2013 noch schockiert von dem vielen Geld, das ich ausgegeben habe \u2013 \u00fcberlege, wie man wohl einpacken auf Schwedisch sagt, fragt mich die Verk\u00e4uferin, ob etwas eingepackt werden soll. Da brauche ich nur noch ja zu sagen und auf das Kinderbuch zeigen. Quer \u00fcber das Buch klebt die Verk\u00e4uferin ein Band mit dem Motto der Buchhandlung: <em>Att l\u00e4sa \u00e4r att resa \u2013 Lesen ist Reisen. <\/em><\/p>\n<p>Als eine Verk\u00e4uferin auf Englisch antwortet, bitte ich darum, dass wir weiter auf Schwedisch reden. Daf\u00fcr bekomme ich einen nicht sehr freundlichen Blick. Es ist besser, mit einem verbalen Augenzwinkern, so zu tun, als w\u00fcrde man kein Englisch verstehen. Aber daran muss man erst mal im richtigen Moment denken.<\/p>\n<p>Die Sprachgeschichte sieht nicht sehr einladend aus, schon vom Layout nicht. Sie wirkt wie eine der alten Ausgaben, die man in Seminarbibliotheken sieht, aber ich habe sie bei Tore Janson empfohlen gesehen, und dem traue ich.<\/p>\n<p>Die Geschichte Schwedens sieht dagegen sehr einladend aus, ein kurzes, leichtes und nicht allzu teures Buch. Die Geschichte f\u00e4ngt allerdings erst mit Gustav Wasa an.<\/p>\n<p>\u00dcber das Buch, das von dem Gesellschaftsskandal handelt, habe ich in Deutschland eine Rezension gelesen. Ein Mann, Sture Bergwall, geht zur Polizei und gesteht, mehrere Morde begangen zu haben, lauter unaufgekl\u00e4rte F\u00e4lle der letzten Jahre. Der Prozess wird er\u00f6ffnet, und Bergwall wird f\u00fcr schuldig befunden. Der Fall erregt gro\u00dfes \u00f6ffentliches Interesse. Sp\u00e4ter bringt ein Journalist, Dan Josefsson, der Autor der Buches, den Fall wieder ins Rollen. Er bekommt dabei vor allem Unterst\u00fctzung von dem einzigen Juristen, der von vornherein Zweifel an der Schuld Bergwalls ge\u00e4u\u00dfert hatte, aber in der allgemeinen Hysterie kein Geh\u00f6r fand. Am Ende muss die Justiz den Prozess wieder aufnehmen, und es stellt sich heraus, dass Bergwall alles frei erfunden hatte. Er wollte nur ber\u00fchmt werden. Josefsson zeigt in seiner Dokumentation, was alles falsch gelaufen ist, vor allem schlampige Recherchen, die einfach von der Hoffnung getragen wurden, einen Schuldigen zu haben. Ein Fall, der viel \u00fcber eine Gesellschaft aussagt.<\/p>\n<p>Als ich schon im Herausgehen bin, f\u00e4llt mein Blick auf ein dickes Buch \u00fcber Fu\u00dfball. Es geht um alle m\u00f6glichen Randerscheinungen des Fu\u00dfballs, und die vielen kleinen Kapitel haben Namen wie \u201eIch bin ein \u00d6sterreicher\u201c, \u201eFotbol efter d\u00f6den\u201c, \u201eNo one likes \u201aEm, That Ain\u2019t Fair\u201c, \u201ePilgrimsvandringen\u201c, \u201eUna partita infinita\u201c, \u201eEl Efecto Chicharrito\u201c und \u201eWir sind alle Dortmunder Jungs\u201c. Das muss ich haben.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg \u2013 das Wetter hat sich inzwischen beruhigt, wenigstens regnet es nicht mehr \u2013 lese ich an einer Tafel etwas \u00fcber den Stora Torget. Er ist das Resultat einer gr\u00f6\u00dferen stadtplanerischen Aktion, die aus dem mittelalterlichen Uppsala mit seine verwinkelten Gassen eine gro\u00dfst\u00e4dtisch anmutendes Gebilde machen sollte, mit breiten, geraden, rechtwinklig angeordneten Stra\u00dfen und dem quadratischen Stora Torget als Mittelpunkt. An ihm laufen zwei wichtige Stra\u00dfen zusammen, die Drottningsgatan und die Kungs\u00e4ngsgatan. Der Platz ist aber, der Beschreibung zufolge, insofern etwas Besonderes, als er von Geb\u00e4uden, nicht von Stra\u00dfen umgeben ist. Was damit genau gemeint ist, wird mir nicht klar, aber es gibt neben diesen Typ Platz sonst nur noch in Pitea. Jedenfalls hat man, da alle Geb\u00e4ude zwei Fl\u00fcgel haben, insgesamt acht Fassaden auf dem Platz, eine Mischung von Alt und Neu.<\/p>\n<p>In das R\u00e5dhuset sind Reste eines alten Privathauses eingegangen, das zur Zeit der Anlage des Platzes umgebaut wurde. Es ist klassizistisch, mit einer wei\u00dfen Fassade, und fungierte von 1710 bis 1974 als Rathaus.<\/p>\n<p>Dieser Tage fuhr der Bus nach Gamla Uppsala von Stadhuset ab. Ob das das neue Rathaus ist? Oder etwas ganz anderes?<\/p>\n<p>Wenn man Eric fragt, wie es ihm geht sagt er ja, wenn man ihn fragt, wie der Unterricht war, sagt er auch ja. Jetzt frage ich, ob es ihm gut geht und ob der Unterricht gut war, dann stimmt die Antwort.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">8. August (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Etwas sp\u00e4terer Aufbruch zum Laufen. Diesmal wieder gutes Wetter, fast schon zu warm zum Laufen. An der kaputten Br\u00fccke fliegt ein gro\u00dfer Vogel vor mir auf, so gro\u00df, dass es ein Raubvogel sein muss. Ich schleiche hinter ihm her, aber in dem dichten Geb\u00fcsch ist der nicht zu sehen. Als ich noch einen Schritt weiter gehe, fliegt er wieder auf und ist in Windeseile auf der anderen Flussseite, so dass ich ihn kaum zu sehen bekommen.<\/p>\n<p>In der Stadt sehe ich auf einem Plakat einen Mann, den ich aus dem Lehrbuch kenne, Roine Wigman. Er ist der Vorsitzende einer neuen Partei: Fiskpartiet. Was er im Interview in dem Lehrbuch sagt, ist so unausgegoren, dass ich glaube, dass w\u00e4re eine Erfindung. Jetzt sieht er mir auf dem Plakat entgegen, hinter dem Slogan: Feminismus utan Sozialismus.<\/p>\n<p>Das schwedische Parteiensystem ist unglaublich stabil, mit f\u00fcnf Parteien, die den Kern bilden: V\u00e4nsterpartiet, Socialdemokraterna, Centern, Folkpartiet liberalerna und Moderaterna. Die sind alle seit 1920 im Reichstag vertreten und waren bis 1988 auch die einzigen. Dann kam eine neue dazu: \u00a0<em>Milj\u00f6partiert<\/em>. Und jetzt zwei weitere: <em>Kristdemokraterna<\/em> und Ny Demokrati. Au\u00dferhalb des Reichstag findet man dann noch diese: Kungpartiet, Familja Partiet, Klimapartiet, Frihetspartiet und meine Lieblingspartei: R\u00f6kpartiet.<\/p>\n<p>Auf dem Weg ins Zentrum komme ich an einem Haus vorbei, einem kleinen Wohnhaus, dessen h\u00f6lzerne Eingangst\u00fcr eine interkulturelle Herausforderung darstellt: In ihren oberen Teil ist ein Herzchen eingelassen. Die Assoziationen, die das in Deutschland hervorruft, sind hier vermutlich nicht erw\u00fcnscht.<\/p>\n<p>Vor dem Bahnhof steht auf einer l\u00e4nglichen, schwarzen S\u00e4ule der Slogan Uppsalas, von dem Jenny dieser Tage erz\u00e4hlte: <em>V\u00e4lkommen hit. V\u00e4lkommen hem.<\/em><\/p>\n<p>Im Bahnhof k\u00fcndigt eine elektronische Anzeige das Wetter f\u00fcr den heutigen Tag so an: 20\u00b0 &#8211; 24\u00b0 &#8211; 25\u00b0 &#8211; 24\u00b0, Sonne und Wolken. Allerdings f\u00fchlt es sich w\u00e4rmer an, und die paar Wolken k\u00f6nnen der Sonne nichts anhaben.<\/p>\n<p>Es geht nach Linn\u00e9s Hammarby, au\u00dferhalb Uppsalas. Im Pressbyr\u00e5 halte ich meine 25 Kr. schon bereit, und das ist auch der Preis, den der Mann mir nennt. Dann merkt er, dass er sich vertan hat. Es sind 50 Kronen \u2013 zwei Zonen. Er entschuldigt sich vielmals und fragt mich freundlich, ob ich schon bei der Touristeninformation gewesen sei. Dort k\u00f6nne man mir auch viele Tipps geben. Ich bedanke mich artig, obwohl mir dort gesagt wurde, dass f\u00fcr die Busse Einheitspreise gelten.<\/p>\n<p>Der Bus, die 102, f\u00e4hrt tats\u00e4chlich \u00fcber Danmark. Das ist eine Gemeinde, in der, wie ich sp\u00e4ter erfahre, Linn\u00e9 zum Gottesdienst ging, wenn er in Hammarby war.<\/p>\n<p>Ich bin fast w\u00e4hrend der ganzen Fahrt der einzige Fahrgast. Zwischendurch kommt eine junge Mutter, heftig t\u00e4towiert, mit ihrem Kind hinzu. Sie hat ein sehr modernes Problem: Wie kann man gleichzeitig telefonieren und ein ungezogenes Kind b\u00e4ndigen?<\/p>\n<p>Die Fahrt zieht sich hin. Die Landschaft ist abgrundtief langweilig.<\/p>\n<p>An einer Haltestelle dreht der Fahrer sich nach mir um und fragt mich, wohin ich denn wolle. Er fragt mich, wo ich denn hinwollte. F\u00fcr Linn\u00e9s Hammarby sei ich viel zu weit gefahren. Ich erkl\u00e4re ihm, bei der Touristeninformation habe man mir gesagt: bis zur letzten Haltestelle, Knivsta Kyrka. Ja, das sei hier, aber da sei ich ganz falsch. Dann schaltet er den Wagen aus. Er hat jetzt eien Viertelstunde Pause. Er erkl\u00e4rt mir, was ich machen soll: Ich kann hier mit ihm warten und dann bis nach zum Bahnhof nach Knivsta zur\u00fcckfahren. Da soll ich dann auf die 102 Richtung Uppsala warten, eine gute halbe Stunde. Und mit dem bis Linn\u00e9s Hammarby. Er f\u00e4hrt \u00fcber eine andere Strecke zur\u00fcck nach Uppsala. Wir quatschen noch ein Weilchen und er fragt mich, woher ich komme. Deutschland? Er ist sichtlich \u00fcberrascht. Er hat vielleicht mit so was wie D\u00e4nemark gerechnet. Ob ich denn in Schweden wohnen w\u00fcrde? Nee, nur zum Urlaub hier. Daf\u00fcr gehe das aber gut mit dem Schwedischen. Da hat sich der Umweg ja gelohnt.<\/p>\n<p>In Knivsta gibt es, da wo die Haltstelle \u201eBahnhof\u201c hei\u00dft, gar keinen Bahnhof. Kein Mensch ist auf der Stra\u00dfe. Zwischen zwei Baustellen, wo Hochh\u00e4user entstehen, finde ich die Kommunalverwaltung. Da gibt es ein Caf\u00e9. Gott sei Dank.<\/p>\n<p>Als der 102 kommt, versuche ich es, schon aus \u00dcbungsgr\u00fcnden, mit dem Irrtum und der Fahrkarte, die ich schon habe. Keine Chance. Die Fahrkarte gilt nicht mehr. Ich muss eine neue kaufen: 30 Kronen.<\/p>\n<p>Linn\u00e9s Hammarby erscheint dann tats\u00e4chlich auf der elektronischen Anzeige im Bus. Von der Haltestelle sind es noch einmal zwei Kilometer zu Fu\u00df, \u00fcber eine offene, baumlose Landstra\u00dfe. Es ist aber wirklich nicht mehr so hei\u00df. Der Himmel ist blau, mit vielen wei\u00dfen Wolken, die aber gleichm\u00e4\u00dfig in\u00a0 gr\u00f6\u00dferen Abst\u00e4nden \u00fcber den Himmel verteilt sind und der Sonne nichts anhaben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Stra\u00dfe f\u00fchrt durch einen Ort, Edeby, in dem alles rot ist: rote H\u00e4user, rote Z\u00e4une, rote Schuppen. Dann kommt Linn\u00e9s Hammarby. Der Name hat offensichtlich nichts mit Hammer zu tun, sondern mit einer Gesteinsart, die man in dieser Gegend trifft\u00a0 und die eben hammar hei\u00dft.<\/p>\n<p>Das besteht nur aus Linn\u00e9s ehemaligem Besitz, ist aber ein ganzes Anwesen, mit Wohnhaus, Nebengeb\u00e4uden, Wiesen, G\u00e4rten, Wegen.<\/p>\n<p>Vorne hat man einen Barockgarten mit Zierpflanzen angelegt. Den hat man sp\u00e4ter angelegt, um zu zeigen, wie so ein Garten ausgesehen h\u00e4tte, wenn es ihn gegeben h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Eins der Nebengeb\u00e4ude hat Strohdach, genauer gesagt ein Grasdach. Es sieht aus wie Haus mit Wiese. Es hei\u00dft, Linn\u00e9 habe aus seiner Kindheit in Sk\u00e5ne \u00e4hnliche D\u00e4cher gekannt, bei denen die Bepflanzung Feuerschutz war. Was hier der Zweck ist, wird mir nicht klar, aber als Feuerschutz scheint das reichlich ungeeignet. Ganz im Gegenteil.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite des Wohnhauses hat man eine Obstwiese angelegt, mit kleinen, st\u00e4mmigen Apfel- und Birnb\u00e4umen, die irgendwie altmodisch aussehen. Das scheint auch wohl der Zweck zu sein. Es geht darum, alte Apfel- und Birnenarten anzubauen, die zu ihrem Erhalt \u00fcber viele Jahre kontinuierlich wachsen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>An einer etwas erh\u00f6hten Stelle liegt der Beginn des Linn\u00e9-Pfades. Der f\u00fchrt bis nach Uppsala. Die Distanz betr\u00e4gt 15 km. Das ist der Pfad, der in Uppsala an der kaputten Br\u00fccke vorbeif\u00fchrt, die ich beim Laufen gesehen habe. Linn\u00e9 benutzte ihn in den w\u00e4rmeren Jahreszeiten f\u00fcr botanische Wanderungen mit seinen Studenten.<\/p>\n<p>Der Pfad f\u00fchrt \u00fcber Danmark. So hei\u00dft der n\u00e4chste Ort mit Kirche. Dort machte Linn\u00e9 seinen sonnt\u00e4glichen Kirchbesuch, zusammen mit seinem Hund, der mit in die Kirche ging und sich unter Linn\u00e9s Kirchstuhl legte. Einer oft erz\u00e4hlten Legende zufolge, ging der Hund auch dann zur Kirche, wenn der Herr mal nicht konnte.<\/p>\n<p>In eine andere Richtung f\u00fchrt der Sibirische Pfad. Hier legte Linn\u00e9 Pflanzen aus der Tundra und der Taiga an. Das war klimatisch sicher einfacher als viele der anderen Experimente, auf die er sich einlie\u00df.<\/p>\n<p>In den Nebengeb\u00e4uden gibt es Information zu Linn\u00e9s Leben und Werk, mit Abbildungen und Erkl\u00e4rungen. Da erf\u00e4hrt man, dass Linn\u00e9 ein obsessiver Briefschreiber war. Allein 2000 seiner Briefe sind erhalten, und 3000, die er bekommen hat. Und er war ein flei\u00dfiger Akademiker. Er ver\u00f6ffentlichte 72 B\u00fccher und 186 Abhandlungen.<\/p>\n<p>Seine Vorlesungen hielt er um zehn Uhr morgens im Gustvianum. Danach gab er Einzelunterricht, gegen Bezahlung. Und am Nachmittag f\u00fchrte er seine Wanderungen durch, auch gegen Bezahlung. Entweder war er geldgierig oder die Bezahlung der Professoren war unterirdisch schlecht. Es gibt eine Auflistung von Betr\u00e4gen, die von den Privatstudenten bezahlt wurden. Es hei\u00dft, dass er von armen Studenten wenig nahm, aber bei reichen ordentlich abkassierte. Die ausl\u00e4ndischen Studenten wohnten entweder hier bei ihm oder in Gasth\u00e4usern in der Umgebung.<\/p>\n<p>Ein ordentliches Medizinstudium dauerte acht bis zehn Jahre! Dabei besuchten die Studenten die H\u00e4lfte der Vorlesungen bei ihm, die andere H\u00e4lfte bei seinem Kollegen Nils Ros\u00e9n, der den zweiten Lehrstuhl f\u00fcr Medizin innehatte.<\/p>\n<p>An einer Zeichnung von Linn\u00e9 sieht man, dass er den Wal bereits richtig als S\u00e4ugetier identifiziert hatte. Und nicht nur das: Er stellte Menschenaffen und Menschen in die gleiche Gattung, die Gattung homo. Was ich nicht verstehe: Warum bekam er keinen \u00c4rger mit der Kirche? Von Evolution war noch nicht die Rede, ganz im Gegenteil: Die Welt war, wie sie war, Ergebnis von Gottes Sch\u00f6pfung. Innerhalb dieses festen Systems scheint die Kirche keine Schwierigkeiten gehabt zu haben mit der N\u00e4he von Mensch und Menschenaffe.<\/p>\n<p>Den Blick auf sich zieht eine Wand, an der eine rot bl\u00fchende Kletterpflanze nachgebildet ist, der Beschreibung zufolge eine Kresse. Ich habe mir Kressen immer anders, unscheinbarer vorgestellt, aber vielleicht ist es ein \u00dcbersetzungsfehler. Es geht hier um die \u00e4lteste Tochter Linn\u00e9s, die in der D\u00e4mmerung am Abend ein merkw\u00fcrdiges Ph\u00e4nomen beobachtete, das etwas mit dem farblichen Erscheinungsbild der Pflanze zu tun hatte. Man konnte es nur bei D\u00e4mmerung beobachten. Sie schrieb dar\u00fcber eine Abhandlung, die auch ver\u00f6ffentlicht wurde, eine der ersten botanischen Ver\u00f6ffentlichungen einer Frau \u00fcberhaupt. Die Wissenschaft zerbrach sich \u00fcber dieses Ph\u00e4nomen, das Elisabeth-Linn\u00e9-Ph\u00e4nomen, 150 Jahre lang den Kopf, bis sie eine Erkl\u00e4rung fand.<\/p>\n<p>Als Gutsbesitzer kamen auch Pflichten auf Linn\u00e9 zu. Unter anderem musste er Hopfen anbauen! Das sah ein Gesetz von 1442 vor. Man sieht die gar nicht zu \u00fcbersch\u00e4tzende Bedeutung von Bier als Nahrungsmittel.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem musste er zwei Soldaten halten. F\u00fcr eine Art schnelle Eingreiftruppe. Er musste die Soldaten ausr\u00fcsten und verpflegen. Sie waren Ritter und geh\u00f6rten zu Upplands Kavallerie.<\/p>\n<p>Ins Wohnhaus, das einzige doppelst\u00f6ckige Haus des Anwesens, kommt man nur mit F\u00fchrung. Die ist auf Englisch, obwohl man mir in der Touristeninformation gesagt hatte, zu dieser Zeit sei Schwedisch dran. Macht nichts.<\/p>\n<p>Man erf\u00e4hrt, dass Linn\u00e9 das Anwesen auch aus finanziellen Gr\u00fcnden kaufte. Es war so gro\u00df, dass insgesamt 40 Bauern hier arbeiteten. Linn\u00e9 konnte sich 10 Diener leisten.<\/p>\n<p>Von dem von ihm angelegten Arten sind noch 40 erhalten, und es sind sogar noch einige von ihm angelegte Pflanzen erhalten, u.a. ein Apfelbaum.<\/p>\n<p>Es ist l\u00e4ngst nicht alles original erhalten, aber man kann sich gut ein Bild machen. Die Kachel\u00f6fen sind original erhalten. Sie sind sch\u00f6n, waren aber nicht sehr effektiv. Was nicht so sehr st\u00f6rte, denn hier wohnte man nur in den Sommermonaten.<\/p>\n<p>In fast allen R\u00e4umen h\u00e4ngen Seidentapeten, fast immer mit botanischen Motiven. Die Tapeten wurden an der Wand festgenagelt, so dass man sie bei Bedarf an einen anderen Ort mitnehmen konnte. Man kann die Leiste mit den N\u00e4geln deutlich erkennen.<\/p>\n<p>Unten h\u00e4ngen Portraits der Familie. Der Vater in Ornat und mit Gebetbuch. Er war Geistlicher, und das sollte auch Linn\u00e9 werden. Als es sich dann, zur gro\u00dfen Entt\u00e4uschung der Mutter, anders ergab, wurde der Bruder Geistlicher. Auch der ist auf einem Gem\u00e4lde mit Ornat und Gebetsbuch dargestellt.<\/p>\n<p>Der Vater hatte einen Garten und interessierte sich sehr f\u00fcr Pflanzen. Er unterrichtete Linn\u00e9 von klein auf. Seine Methode bestand darin, den Namen einer Pflanze, meist eine umst\u00e4ndliche lateinische Bezeichnung, nur einmal zu nennen. Danach musste die \u201esitzen\u201c.<\/p>\n<p>In einer Vitrine sind Kleidungsst\u00fccke der Familie ausgestellt, Linn\u00e9s Gehrock, aus Seide, ein Kleid seiner Frau, auch aus Seide, und die Schuhe der T\u00f6chter. Bei denen kann man gut die Mode der Zeit erkennen. Sie werden im Laufe der Zeit einfacher und eleganter und weniger bunt. Bei allen gibt es keine Unterscheidung zwischen rechtem und linkem Schuh.<\/p>\n<p>Als Linn\u00e9 aus Holland zur\u00fcckkam, hatte er sich im Ausland bereits einen Namen gemacht, war aber hier noch v\u00f6llig unbekannt und musste sich erst einmal eine Arbeit suchen. Er wurde dann als Arzt beim K\u00f6nigshof angestellt, und zwar als Arzt f\u00fcr Strafgefangene. Dabei ging es meistens um die Behandlung von Keuchhusten und Syphilis, bei denen die Behandlung nicht viel besser war als die Krankheit selbst.<\/p>\n<p>In einer anderen Vitrine sind Haushaltsgegenst\u00e4nde ausgestellt, vor allem Porzellan. Auch eine sch\u00f6ne, verzierte chinesische Teedose ist dabei. Linn\u00e9 bem\u00fchte sich lange, eine Teestaude aus dem Ausland zu bekommen, aber es dauerte zehn Jahre, bis die erste heil bei ihm eintraf. Die ging dann aber nach zwei Jahren auch ein. Er konnte nie seinen eigenen Tee anbauen.<\/p>\n<p>Oben sieht man in einem Raum Portraits von Linn\u00e9. Eins zeigt ihn in Rot, und daneben h\u00e4ngt das Portrait seiner Frau, auch in Rot. Es ist das Hochzeitsphoto. Die Verbindung zwischen den beiden ist angezeigt durch die Twin Flower. Er h\u00e4lt sie in der Hand, sie tr\u00e4gt sie im Haar.<\/p>\n<p>Daneben zwei weitere Portraits von ihn. Er selbst mochte das Altersportrait am liebsten, zwei Jahre vor dem Tod entstanden. Das kann man verstehen. Es sieht am nat\u00fcrlichsten aus. Er sieht etwas wie Bach aus, aber das mag auch an der Per\u00fccken liegen. Sein Gesicht ist voller als auf den anderen Portraits, und auf den Schultern des schwarzen Rocks sieht man eine feine Schicht aus Staub. Anspielung auf die Arbeit mit den Pflanzen.<\/p>\n<p>In einem anderen Raum sieht man die Portraits der vier T\u00f6chter. Sie sehen alle gleich aus.<\/p>\n<p>Linn\u00e9s Schlafzimmer ist in zwei Teile geteilt durch eine in der Mitte offene Wand. An den W\u00e4nden statt Tapeten lauter gleich gro\u00dfe, rechteckige Tafeln mit Zeichnungen von Pflanzen, mit Stamm, Frucht, Bl\u00fcte, usw. Das sieht sehr dekorativ aus. Ganz in der N\u00e4he des Bettes die Banane. Die mochte er besonders, weil es ihm gelungen war, in Holland in einem Gew\u00e4chshause eine Bananenstaude zum Wachsen zu bringen, die schlie\u00dflich Fr\u00fcchte trug. Das lockte Besucher aus ganz Europa an. Kann man sich vorstellen. Sonst hatte man allenfalls Beschreibungen oder wenig zuverl\u00e4ssige Zeichnungen.<\/p>\n<p>In dem abgetrennten Teil des Schlafzimmers ein offener Schrank mit 24 unterschiedliche gro\u00dfen, mit Zahlen versehenen F\u00e4chern. Darin stapeln sich Bl\u00e4tter. Das war Linn\u00e9s wichtigstes Unterrichtmaterial jedenfalls f\u00fcr die Botanik. Die Pflanzen wurden nach der Zahl der ??? eingeteilt und eingef\u00fchrt.<\/p>\n<p>\u00dcber dem Eingang zum Schlafzimmer h\u00e4ngt eine Art Familienwappen. Linn\u00e9 war zwar nicht adelig, bekam aber den Titel einen Ehrentitel als Arkiaster, als k\u00f6niglicher Leibarzt. Das erlaubte ihm vermutlich das F\u00fchren des Wappens. Es ist in drei Teile mit unterschiedlichen Farben eingeteilt, die die Flora und die Fauna und die Mineralien vertreten. Zur Seite h\u00e4ngen zwei Insekten herunter, vermutlich Motten, die aber aus der Ferne wie Troddeln aussehen. Und oben nat\u00fcrlich die Twin Flower.<\/p>\n<p>Statt drau\u00dfen unter den Obstb\u00e4umen noch einen Kaffee zu trinken und es langsam gehen zu lassen, zieht es mich wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Wieder geht es auf der baumlosen Landstra\u00dfe zur\u00fcck. Als ich mich der Hauptstra\u00dfe n\u00e4here und mir Gedanken dar\u00fcber mache, wie lange ich denn wohl warten muss auf den Bus, sehe ich ihn, gerade mal hundert Meter von der Stra\u00dfe entfernt, vorbeifahren. Pech gehabt. Eine Stunde an einer h\u00e4sslichen, vielbefahrenen Landstra\u00dfe warten, an einer Haltstelle, die nur eine kleine Einbuchtung ist, wirkt nicht so prickelnd. Also gehe ich einfach Richtung Uppsala.<\/p>\n<p>Nach einiger Zeit komme ich an eine Haltestelle, die ein Warteh\u00e4uschen hat und Platz und Schatten bietet. Besser. Allerdings wird aus dem Sitzen nicht so viel, da ich Angst habe, der Bus k\u00f6nne vorbeifahren. Der Fahrplan f\u00fchrt diese Haltstelle nicht auf, und ich wei\u00df nicht, wann der Bus kommt.<\/p>\n<p>Kurz vor der Haltestelle ist ein Wegweiser. Links geht es nach Nyby. Jetzt kann ich in Ruhe ein Photo machen. Das hatte dieser Tage aus dem Bus nicht geklappt. Das trifft es sich gut, dass es hier geradeaus nach S\u00f6derby geht.<\/p>\n<p>Hinter dem Warth\u00e4uschen liegt ein unabgeschlossenes Fahrrad, eine gro\u00dfe Verf\u00fchrung, aber der nachzugeben w\u00e4re wohl nicht im Sinne des Pendlers, der es hier deponiert hat.<\/p>\n<p>Viele Autos fahren in hohem Tempo vorbei, und dann ein Skifahrer auf Sommerskiern, mit R\u00e4dern. Seine Bewegungen sind aber genau die eines Langl\u00e4ufers. Ob er sich auf den Winter freut?<\/p>\n<p>In den <em>101 historiska misstag<\/em> lese ich, ganz und gar zuf\u00e4llig, ausgerechnet etwas \u00fcber einen Sch\u00fcler von Linn\u00e9, Carl Peter Thunberg. Dessen Traumziel war immer Japan. Linn\u00e9 organisierte eine Forschungsreise f\u00fcr ihn. \u00a0Daraus wurde eine gr\u00f6\u00dfere Sache. Die Reise f\u00fchrte ihn nach Java und nach S\u00fcdafrika, und in Japan blieb er geschlagene drei Jahre. Er beschrieb und klassifizierte Hunderte von japanischen Pflanzen, die bis dahin in Europa unbekannt waren. Und er brachte auch ein paar mit, darunter die Rosa Rugosa, die vresros, mit dem Argument, man d\u00fcrfe annehmen, die werde auch in Europa wachsen. Das war eine Untertreibung. Sie wuchs wie keine andere Pflanze, und machte allen anderen Pflanzen das Leben schwer. Sie ist anspruchslos, verbreitet sich schnell, ist bis zu drei Metern hoch, und eine Pflanze kann einhundert Quadratmeter einnehmen. Thunberg sah die Gefahr nicht. Das dauerte Jahre, Jahrzehnte. Heute wird sie in Schweden, Finnland, Deutschland und England bek\u00e4mpft. Aber es ist ein ungleicher Kampf. Viele Pflanzenschulen verkaufen sie weiterhin als wohlduftend, dekorativ, pflegeleicht.<\/p>\n<p>Das Warten wird mir lang, und als ich die Hoffnung schon fast aufgegeben habe, kommt der Bus doch noch. Wieder muss ich bezahlen. Diesmal sogar 60 Kronen. F\u00fcr die Fahrt nach Hammarby habe ich insgesamt 140 Kronen bezahlt, 14 Euro. Das wenige Geld, das noch verbleibt, lasse ich dann beim Einkauf im ICA.<\/p>\n<p>Beim Durchbl\u00e4ttern der Sprachgeschichte sehe ich am Abend, dass auch das Schwedische fr\u00fcher drei grammatische Geschlechter hatte, mit den Endungen <em>\u2013in<\/em> (Maskulinum), <em>-in<\/em> (Femininum) und <em>\u2013it<\/em> (Neutrum), jedenfalls in der Standardklasse. Durch die \u00dcbereinstimmung der Form m\u00fcssen Maskulinum und Femininum irgendwann zusammengefallen sein und das Utrum gebildet haben. Das erkl\u00e4rt auch, warum es so viel mehr W\u00f6rter im Utrum als im Neutrum gibt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">9. August (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen lese ich etwas \u00fcber eine Aff\u00e4re, die auch in jedem anderen westeurop\u00e4ischen Land h\u00e4tte abspielen k\u00f6nnen. Hier ist sie unter dem Namen Tobleroneaff\u00e4re bekannt. Gestern im Akademibokhandel habe ich ein Buch dar\u00fcber gesehen, mit einer Tafel Toblerone auf dem Umschlag.<\/p>\n<p>Es ging um eine Politikerin, Mona Sahin, damals stellvertretende Parteivorsitzende der Sozialdemokraten und hei\u00dfeste Anw\u00e4rterin auf die Nachfolge von Ingvar Carlsson im folgenden Jahr (1996). Irgendwie hatte der Expressen spitz gekriegt, dass sie f\u00fcr ihre privaten Eink\u00e4ufe ihre dienstliche Kreditkarte statt ihrer privaten Kreditkarte benutz hatte. Der Expressen wusste nichts Genaues, brachte den Fall aber in die \u00d6ffentlichkeit und forderte Aufkl\u00e4rung. Mona Sahin machte dann alles falsch. So sieht es jedenfalls ein Journalist, der \u00fcber den Fall gearbeitet hat. Statt sofort alles zuzugeben und um Entschuldigung zu bitten, suchte sie Ausfl\u00fcchte. Es sei eine Verwechslung gewesen. Ja, aber siebenmal? Sie habe immer alles zur\u00fcckgezahlt \u2013 was stimmte \u2013 und habe sich einfach einen Vorschuss genommen, wie das jeder andere Arbeitnehmer auch k\u00f6nne. Nein, sagten die Journalisten, das k\u00f6nne nicht jeder. Dann versuchte sie, den Fall zu bagatellisieren, und dann suchte sie die Schuld bei den Regelungen. Die seien einfach unklar und au\u00dferdem widerspr\u00fcchlich. Jetzt hatte sie sich hereingeritten und musste zur\u00fccktreten. Dabei handelte es sich wirklich um eine Bagatelle. Aber das kann man einfach nicht so f\u00fcr sich in Anspruch nehmen, als Entschuldigung.<\/p>\n<p>Beim Lesen kommt es oft vor, dass man ein zusammengesetztes Wort auf den ersten Blick nicht versteht, auf den zweiten dann aber doch, wenn man merkt, dass man die Wortgrenzen falsch verstanden hat. Da <em>egen<\/em> ein eigenes Wort ist, trennt man es unwillk\u00fcrlich von <em>bilkortegen<\/em> ab und fragt sich, was <em>bilkort<\/em> ist: \u201aAuto-Bild\u2018? Erst auf den zweiten Blick wird bil-kortegen daraus,\u00a0 \u201aAuto-Korso\u2018. Aus <em>rest-iden<\/em> wird beim zweiten Hinsehen <em>res-tiden<\/em>, aus <em>urin-v\u00e5nare<\/em>, wird <em>ur-inv\u00e5nare<\/em>.<\/p>\n<p>Das Wort <em>bakis<\/em>, \u201averkatert\u2018, kam im Laufe der Woche im Unterricht vor, als Chris berichtete, dass er trotz eines Katers Laufen war. Es ist eine Kurzform von <em>bakfull<\/em>.<\/p>\n<p>In einer \u00dcbung kommt das Wort <em>realisationer<\/em> vor, und keiner wei\u00df, was es hei\u00dft. Und doch kennen wir es alle, in seiner Kurzform: <em>rea<\/em>. Das hei\u00dft \u201aSchlussverkauf\u2018 und ist in keiner schwedischen Einkaufsstra\u00dfe zu \u00fcbersehen. Ich habe hier sogar ein Schild gesehen, dass <em>halv rea<\/em> ank\u00fcndigt, was immer damit gemeint sein mag.<\/p>\n<p>Am Morgen gehe ich durch die ruhige, sonnige Innenstadt, als erstes schnurstracks zur Reinigung, um zu sehen, ob die W\u00e4sche inzwischen angekommen ist. Samstags geschlossen.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he f\u00e4llt mir ein Haus mit einer gelben Fassade auf, das schr\u00e4g zur H\u00e4userflucht steht. Es ist ein altes Haus aus der Zeit vor dem Stadtbrand. Es wurde 1643 gebaut. Hier errichtete Celsius hundert Jahre sp\u00e4ter sein Observatorium. Das Haus hatte einen achteckigen Aufsatz mit hohen, schmalen Fenstern, in die man die Fernrohre stellen konnte. Celsius konnte von hier aus die Monde des Jupiters beobachten und machte Aussagen zur Abflachung der Erde an den Polen, zur Schwerkraft und zur Leuchtst\u00e4rke der Sterne. Von wegen Fieberthermometer. Ein Allroundwissenschaftler.<\/p>\n<p>Ich gehe zu \u00c5hlens, einem schwedischen Kaufhaus, einer Kette, mit einer Fassade, die etwas an die von Horten erinnert. Es ist ein schreckliches Gesch\u00e4ft, durcheinander wie bei Woolworth und Preise wie bei Macy\u2019s. Ich bei\u00dfe in den sauren Apfel und kaufe hier einen Milchtopf, nachdem ich den in der Wohnung so habe anbrennen lassen, dass er nicht mehr zu retten war. Eigentlich ist der viel zu gut, aber ich sage mir: Wer wei\u00df, wof\u00fcr es gut ist. Vielleicht tut der Topf dem Mann gute Dienste und er erinnert sich noch in Jahren daran, dass er den einmal von einem Untermieter bekommen hat, den er nie gesehen hat.<\/p>\n<p>Bei einer sehr freundlichen Frau im Pressbyr\u00e5 bekomme ich Briefmarken. Sie kosten f\u00fcr alle L\u00e4nder gleich viel, 14 Kr. Eine teure Angelegenheit.<\/p>\n<p>Von da aus gehe ich zum Kongress- und Konzerthaus. Es ist ein moderner Bau aus zwei Quadern, mit einer silbergl\u00e4nzenden Fassade. Der obere Quader scheint frei in der Luft zu schweben. Er ruft auf dem unteren, aber zwischen den beiden ist eine horizontale Glasfl\u00e4che, die aus der Distanz gegen die Sonne nicht zu sehen ist. Die horizontalen silbernen Streifen, die die ganze Fassade bedecken, mal nach unten, mal nach oben schr\u00e4g aus der Fassade ausbrechend, wechseln sich mit ebenso l\u00e4nglichen, schmalen Fenstern ab. Ein echter Hingucker.<\/p>\n<p>Vor dem Haus sind in das wei\u00dfe Kopfsteinpflaster die Figuren von verschiedenen Musikern eingelassen, ebenfalls aus Kopfsteinen, in Schwarz, Braun und Wei\u00df. Sie sind um einen Kreis in der Mitte herum angeordnet.<\/p>\n<p>Hinter dem Konzerthaus ist Flohmarkt. Hier geht es international zu. Man h\u00f6rt Arabisch und afrikanische Sprachen und auch Englisch, aber kaum Schwedisch. Die Verk\u00e4ufer sch\u00fctzen sich mit Strohh\u00fcten und Sonnenschirmen vor der Sonne. An einem Stand hei\u00dft es, der Erl\u00f6s sei f\u00fcr Gaza bestimmt.<\/p>\n<p>\u201aFlohmarkt\u2018 hei\u00dft <em>loppmarknad<\/em> auf Schwedisch, eine w\u00f6rtliche Entsprechung.<\/p>\n<p>Hier k\u00f6nnte ich alte Bierflaschen mit B\u00fcgelverschluss kaufen, einen goldenen Frosch, ein Telefon mit Wahlscheibe, ein menschliches Skelett mit hervortretenden roten Augen, eine Teekanne mit Griff statt Henkel, ein Dalarna-Pferd, einen Flachmann, ein Schiffssteuerrad, eine Kaffeem\u00fchle oder eine Kasse, wie sie fr\u00fcher die Schaffner in der Stra\u00dfenbahn hatten. Alles sehr reizvoll, aber es scheitert am \u00dcbergewicht beim R\u00fcckflug.<\/p>\n<p>Am Rande des Platzes ist ein runder Brunnen mit einer Wasserfont\u00e4ne in der Mitte. In der Rundung sind Figuren, etwas an den Handwerkerbrunnen in Trier erinnernd, aber horizontal angeordnet. Auch die Themenpalette ist breiter. Man sieht einen T\u00f6pfer und einen B\u00f6ttcher und auch einen Lehrer und einen Musiker (mit Ziehharmonika), aber auch Haustiere, einen Mann, der Kopfstand macht, zwei Jungen, die Bocksprung machen, einen Clown und ein tanzendes Paar. Einem T\u00e4nzer hat man ein afrikanisches R\u00f6ckchen umgeh\u00e4ngt. Schwer zu sagen, aus welchem Material die Figuren sind. Sieht wie Stein aus, ist aber wohl Metall, in Blaugrau.<\/p>\n<p>Dann setze ich mich ins Caf\u00e9 Linn\u00e9, wohl wissend, dass man da einen freien Internetzugang bekommt. Als ich mich hinsetze, habe ich das Passwort schon wieder vergessen und muss noch mal vorne an die Theke gehen. Es ist Linn\u00e9bulle. Es funktioniert aber nicht, weder mit noch ohne Akzent. Ich gehe noch mal nach vorne, und diesmal guckt die Verk\u00e4uferin mich fragend an. Ich sage ihr, dass es um das Passwort geht. Ja, das stehe doch da. Ja, aber es klappt nicht. Dann f\u00e4llt bei mir der Groschen: Alles in Gro\u00dfbuchstaben? Ja!<\/p>\n<p>Ich gehe noch ein bisschen durch die Stadt und den Schosspark und mache Photos. Ich komme dabei an einem Restaurant vorbei, das Sjuhelvets Gluggar hei\u00dft. Was das wohl bedeutet?<\/p>\n<p>Dabei komme ich an einer Pizzeria mit dem Namen Di Papa Sisto vorbei. Noch nie eine Pizzeria gesehen, die nach einem Papst benannt ist, weder in Deutschland noch in Italien.<\/p>\n<p>In derselben Stra\u00dfe f\u00e4llt mir die Fassade eines Hauses auf, die sch\u00f6n wirkt, obwohl sie ganz n\u00fcchtern ist, im Stil der Nachkriegszeit, mit Reihen gleichartiger, kleiner Fenster. Die haben aber alle Markisen, und die sind alle ausgefahren und werden unterschiedlich lange Schatten. Sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Dann mache ich mich nochmal in die entgegengesetzte Richtung auf. Ich will partout das Haus sehen, in dem ich damals untergebracht war. Und diesmal finde ich es. Ich war dieser Tage in der richtigen Richtung, bin aber nicht weit genug gegangen. Es liegt am Kugs\u00e4ngstorg und ist von der Kungs\u00e4ngsgatan aus schwer zu finden, da es von drei Seiten umgeben ist von viel gr\u00f6\u00dferen, modernen H\u00e4usern. Dieses kleine, zweist\u00f6ckige Haus hat eine lange Baugeschichte, die hier im Detail erkl\u00e4rt wird. Zu einer Zeit geh\u00f6rte sie der Frau, die auch die Samariterstiftung begr\u00fcndete, die hier ganz in der N\u00e4he ist. Die betrieb eins der Krankenh\u00e4user ihrer Zeit. Die Frau war die Schwester des damaligen schwedischen Premierministers. Sie stiftete auch das Haus der Stiftung. Nach ihrem Tod lebten hier vorwiegend Geistliche. Daher kannte man das Haus auch als Pr\u00e4stg\u00e5rd.<\/p>\n<p>Am Abend schreibe ich einen Text als Hausaufgabe. Man kann zwischen zwei Themen w\u00e4hlen: \u201eMeine sch\u00f6nsten Reiseerinnerungen\u201c und \u201eMeine schlimmsten Reiseerinnerungen\u201c. Ich nehme die schlimmsten.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">10. August (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Der Start zum Laufen verschiebt sich immer weiter nach hinten. Der Boden ist nass, aber die Sonne scheint, und es ist ein wunderbarer Sommermorgen.<\/p>\n<p>Auf der Suche nach etwas, was ich nicht finde, finde ich in der Sprachgeschichte einer Erkl\u00e4rung f\u00fcr die merkw\u00fcrdige schwedische Passiv-Bildung. Urspr\u00fcnglich wurde dem Verb ein Reflexivpronomen, <em>ser,<\/em> nachgestellt, das dann mit dem Verb selbst verschmolz. So wurde aus <em>kalla ser<\/em>, \u201anennen sich\u2018, <em>kallas<\/em>, und schwupps war das Passiv da: sich nennen &gt; genannt werden. Im Isl\u00e4ndischen und im Norwegischen gab es eine alternative Form: sk statt \u2013s, also <em>kallask<\/em>. Das kann man noch am englischen Verb <em>bask<\/em> erkennen, das eigentlich \u201asich baden\u2018 bedeutet!<\/p>\n<p>Bei sch\u00f6nstem Sommerwetter geht es ins Biotopia, gleich um die Ecke. Das Museum beginnt schon au\u00dferhalb des Museums, in einem kleinen Park, der das Museum umgibt. Hier stehen einheimische B\u00e4ume, jeweils nur ein Exemplar, in geh\u00f6rigem Abstand voneinander, mit Erkl\u00e4rungen. Der Baum, der gleich vor dem Eingang zum Museum steht, ein sch\u00f6ner Baum mit geradewachsendem Stamm und Bl\u00e4ttern fast den ganzen Stamm entlang, ist der Baum, der im Fr\u00fchjahr als letzter ausschl\u00e4gt und im Herbst als erster seine Bl\u00e4tter verliert: die Esche (ask). Au\u00dferdem gibt es eine L\u00e4rche, eine Linde, einen Kirschbaum, eine Apfelbaum, eine Fichte, einen r\u00f6nn und einen l\u00f6nn. Besonders auffallend ist die Linde, deren schwere \u00c4ste von Ger\u00fcsten abgest\u00fctzt werden und meterweise zur Seite wachsen, bis sie wie ein eigener Baum aussehen. Ich traue meinen Augen nicht, als ich lese, dass der Apfelbaum urspr\u00fcnglich aus China kommt, aus den Tian-Shan-Bergen. Es gibt f\u00fcr mich kaum etwas \u201edeutscheres\u201c als den Apfelbaum. Die Beschriftung verr\u00e4t noch etwas zu den B\u00e4ren, die dort die \u00c4pfel essen, aber das verstehe ich nicht (s. Photo).<\/p>\n<p>Im Museum gibt es Dioramen, in denen die Natur Upplands dargestellt wird. Das ist f\u00fcr Kinder gemacht, aber ich bin beeindruckt wie ein Kind. Man sitzt vor einer t\u00e4uschend echt nachgebildeten Winterlandschaft, es wird dunkel und man h\u00f6rt die Eule rufen. Eulen, hei\u00dft es, k\u00f6nnen leise fliegen und laut rufen. Man h\u00f6rt verschiedene Rufe, hohe und tiefe, gleichm\u00e4\u00dfige und solche mit fallenden und steigenden T\u00f6nen. Es sind Eulen und K\u00e4uze und Uhus vertreten. Man kann sich gut vorstellen, warum der Rufe des Kauzes als Todesnachricht gedeutet wurde. Es klingt alles unheimlich.<\/p>\n<p>Dann h\u00f6rt man W\u00f6lfe heulen, erst den gleichm\u00e4\u00dfigen, langgezogenen Ruf des Leitwolfs, dann die ganze Meute. Die jungen Tiere h\u00f6ren sich ganz anders an und gleichen viel mehr den Hunden.<\/p>\n<p>In einer Strandlandschaft mit Felsen sieht man V\u00f6gel fliegen, nisten und schwimmen. Ganz links ein Vogel, ejder (?), der man wirklich suchen muss, so gut hat er sein Nest auf dem Boden mit \u00c4sten versteckt und so gut ist er an die Landschaft angepasst. Das Nest hat er mit seinen eigenen Federn ausgebaut. Die sehen sehr weich und gem\u00fctlich aus.<\/p>\n<p>Eine M\u00f6we, die sich von musslor ern\u00e4hrt, hat eine clevere Methode gefunden, die hartschaligen musslor zu knacken. Sie l\u00e4sst sie aus gro\u00dfer H\u00f6he auf die Klippen fallen!<\/p>\n<p>Die Fr\u00f6sche sind nach Schweden gekommen, als es hier noch viel w\u00e4rmer war, vor ca. 5000 Jahren. Das wirkt sich bis heute auf ihre Lebensweise aus. Im Winter verkriechen sie sich in ein unterirdisches Versteck, aus dem sie erst im April wieder hervorkriechen.<\/p>\n<p>Im Untergeschoss geht es statt um Uppland gleich um die ganze Erde. Hier wird in gro\u00dfen Dimensionen gedacht, auch zeitlich. Auf einer gro\u00dfen Erdkugel kann man die tektonischen Platten sehen und die Stellen, an denen zwei aufeinandertreffen. Uppsala ist ein ganzes St\u00fcck von der n\u00e4chsten Stelle entfernt. Die ist in Island und verl\u00e4uft mitten durch die Insel. Auch zwischen Indien und Asien verl\u00e4uft so eine Linie, an der zwei Platten aufeinandertreffen. Indien bewegt sich gleichm\u00e4\u00dfig auf Asien zu, mit einer Geschwindigkeit von ein paar Zentimetern pro Jahr. Das macht an sich nichts, aber Indien tut das schon seit 50 Millionen Jahren, und das ist nicht folgenlos geblieben: So entstand der Himalaya!<\/p>\n<p>Vom Biotopia gehe ich, wo wir schon einmal bei Natur sind, zum Botanischen Garten. Das ist der neue, der Nachfolger von Rudbecks und Linn\u00e9s Garten. Zu beiden Seiten der geraden Mittelachse stehen Pflanzen, die zu kleinen, st\u00e4mmigen Pyramiden zurechtgeschnitten sind, eine wie die andere. Was f\u00fcr Pflanzen es sind, wei\u00df ich nicht, aber es sieht wie ein Nadelbaum aus, wie eine Kiefer. Ob man die so beschneiden kann?<\/p>\n<p>Zu den Seiten der Pyramiden sind dreieckige und runde Rasenfl\u00e4chen angelegt, und zu deren Seiten wiederum Wege, die von ebenfalls ganz gleichm\u00e4\u00dfig beschnittenen B\u00e4umen ges\u00e4umt werden. Ganz am Anfang der Mittelachse steht eine Statue, ohne Sockel, gleich auf dem Boden, die grob die Form und die H\u00f6he der Pyramiden hat und wie eine aztekische Gottheit aussieht. Es ist aber ein modernes, gerade ein paar Jahre altes Kunstwerk. Vielleicht eine Anspielung auf die aztekischen Pyramiden? Ganz am Ende der Mittelachse eine Wasserfont\u00e4ne.<\/p>\n<p>In einem Innenhof sind in verschiedenen K\u00fcbeln Pflanzen ausgestellt. Die erste ist eine noch von Linn\u00e9 selbst gepflanzte Lagertr\u00e4d, 250 Jahre alt. Warum sie dann so klein ist, vielleicht gerade mal zwei drei Meter, leuchtet nicht ein.<\/p>\n<p>Daneben der Ableger einer Kamelie, die Thunberg aus Japan mitgebracht hat. Sie ist auf Umwegen hierhergekommen. Er hatte alle vier Kamelien, die er mitgebracht hat, nach Kew Gardens gegeben. Davon kamen drei im Laufe der Zeit nach Hannover, Wien und Pillnitz. Man sieht, dass die deutsch-englischen Beziehungen damals noch freundschaftlich waren. Die in Pillnitz ist die Vorzeige-Kamelia. Sie tr\u00e4gt jedes Jahr 35000 Bl\u00fcten, und wird im Winter von einem 13 Meter hohen und 54 Tonnen schweren Gew\u00e4chshaus gesch\u00fctzt.<\/p>\n<p>Auch aus Japan gibt es eine Mispel. Sie hat pflaumengro\u00dfe, gelbe Fr\u00fcchte, die laut Thunberg im Mund schmilzt und hervorragend schmeckt. Sie wird aber kaum importiert, da sie sehr anf\u00e4llig f\u00fcr Reisen ist und nicht lange haltbar.<\/p>\n<p>Das Gel\u00e4nde des Botanischen Gartens wurde von Gustav III. der Universit\u00e4t vermacht. Er selbst \u00fcberwachte die Errichtung des Botanischen Gartens und legte Wert auf Details. Die Pl\u00e4ne des ersten Architekten, Tempelmann, verwarf er teils und beauftragte einen anderen, Jean Desprez, die zu \u00fcberarbeiten. Der nahm viele Details heraus und vereinfachte die Anlage.<\/p>\n<p>Ins Gew\u00e4chshaus, vor dem ich damals im Winter vor verschlossenen T\u00fcren gestanden habe, komme ich diesmal rein. Es lohnt sich. Es gibt verschiedene Abteilungen, von trocken und warm \u00fcber feucht und warm bis schw\u00fcl und warm und trocken und lauwarm. Man sieht Aloen, Agaven und Kakteen aus Mexiko und Madagaskar, alles in gro\u00dfer Vielfalt, Veilchen und Orchideen aus Tanzania, vor deren Bl\u00fcten die Leute stehen bleiben und Photos machen, eine Zuckerpalme, die so hoch ist, dass sie das Dach des Gew\u00e4chshauses erreicht hat und demn\u00e4chst beschnitten werden muss, die Solandra, ein Baum, der von Solander, der mit Cook in Australien war, von der Reise mitgebracht wurde, ein hochgewachsener Baum, der merkw\u00fcrdigerweise mit der Kartoffel verwandt ist und hoch in den \u00c4sten auch solche Fr\u00fcchte tragen soll (die, wie viele Kartoffelpflanzen, hochgiftig sind) und den Baum mit den gr\u00f6\u00dften Bl\u00e4ttern und den schwersten Fr\u00fcchten der Welt: 10 Meter und 30 Kilo. Er kommt von den Seychellen. Es dauert 7 Jahre, bis so eine Frucht reif ist. Hier liegt eine am Boden, am Baum kann ich keine entdecken. Sie gilt als Symbol der Fruchtbarkeit, sieht aber eher wie eine Niere aus.<\/p>\n<p>Den Abschluss des Gew\u00e4chshauses bildet der runde Viktoriasaal. Hier ist ein Teich, der von riesigen Seerosen (nymphaea) bedeckt sind. Sie sehen wie riesige Paella-Pfannen aus. Am Rand des Teichs wachsen Papaya, Papyrus und Ananas. Die sieht erstaunlich unspektakul\u00e4r ist. Fr\u00fcchte sind keine zu sehen.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen, vor dem Gew\u00e4chshaus, hat man in Beeten Nutzpflanzen gewachsen. Man sieht in einem einzigen Beet, Seite an Seite, verschiedene Kohlarten, und ist \u00fcberrascht, wie viele es davon gibt: Gr\u00fcnkohl, Wei\u00dfkohl, Rotkohl, Spitzkohl, Rosenkohl, Kohlrabi, Broccoli und eine Art, die Savojkohl hei\u00dft.<\/p>\n<p>Auch hier einige \u00dcberraschungen, was die Herkunft angeht: Die Zwiebel kommt aus dem \u00f6stlichen Mittelmeerraum, Bohnen (bei uns erst seit XV heimisch) aus S\u00fcdwesteuropa, und den Rhabarber gibt es bei uns erst seit dem 17. Jahrhundert. Vorher wurde er aus China eingef\u00fchrt, ausschlie\u00dflich zu medizinischen Zwecken. Dabei h\u00e4tte es meines Erachtens auch bleiben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Neben dem einheimischen Pflanzen oder denen, die es geworden sind, gibt es auch ein paar exotische. Dazu geh\u00f6ren essbare Bl\u00e4tter aus Japan, die Mitsuba hei\u00dfen, \u201aDreiblatt\u2018, und mit der Sellerie und der Petersilie verwandt sind!<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg gehe ich beim ICA vorbei. Diesmal frage ich die Bettlerin geradeheraus, woher sie wisse, dass ich kein Schwede bin. Sie zuckt nur mit den Achseln.<\/p>\n<p>Im Aufzug wundere ich mich, was ich im 5. Stock mache. Da bin ich aber gar nicht. Ich bin im 2. Stock und habe die Anzeige im Spiegel gesehen. Als ich dann im 3. Stock ankomme, glaube ich, in Stock E zu sein.<\/p>\n<p>Unser Lehrbuch gibt auch ganz praktische Lebenshilfe. Es erkl\u00e4rt, wie man sich verhalten soll, wenn man B\u00e4ren oder\u00a0 W\u00f6lfen begegnet. Man kann ja nie wissen. Also: Weglaufen ist ein beiden F\u00e4llen schlecht. In die H\u00e4nde klatschen oder Singen dagegen gut. Wohl dem, der in der Situation die Nerven hat, das zu tun. Es geht darum, dass man sich bemerkbar machen, Pr\u00e4senz zeigen muss, beim B\u00e4ren sogar ganz w\u00f6rtlich, denn der h\u00f6rt schlecht. Dann soll man sich ganz langsam entfernen. Wenn der B\u00e4r hinterherkommt, soll man einzelne Kleidungsst\u00fccke wegwerfen. Mit denen besch\u00e4ftigt er sich dann eine Zeitlang. Man Wolf soll man mit der Kleidung oder mit einer Tasche wehen oder einen Schritt auf ihn zugehen. Wenn der B\u00e4r attackiert, soll man sich auf den Boden legen und den Kopf mit den H\u00e4nden sch\u00fctzen. Wenn der B\u00e4r sieht, wer das Sagen hat, zieht er Leine. So steht es jedenfalls im Lehrbuch. Jetzt muss man sich nur noch an all diese Anweisungen im rechten Moment erinnern. Es gibt aber Entwarnung: Der Mensch steht weder auf dem Speiseplan des B\u00e4ren noch auf dem des Wolfs. W\u00f6lfe haben in den letzten 60 Jahren in ganz Europa nur 5 Menschen get\u00f6tet. Das w\u00fcrde den Risikoforscher aus dem Radio freuen. Hunderte sind in der Zeit von Hunden get\u00f6tet worden. Allerdings hat man in der Regel auch mehr Umgang mit Hunden als mit W\u00f6lfen. Und au\u00dferdem fallen in der Statistik die W\u00f6lfe mit Tollwut raus. B\u00e4ren haben in ganz Skandinavien 27 Menschen get\u00f6tet, in der Zeit von 1750 bis 1962. Dagegen sterben jedes Jahr 10 Menschen durch Unf\u00e4lle mit Elchen.<\/p>\n<p>Auch sprachlich sind die Tiere von Interesse. Das Buch erz\u00e4hlt etwas von dem Wolf, was es in ganz \u00e4hnlicher Weise auch f\u00fcr den B\u00e4ren gilt: Der Wolf hie\u00df auf Schwedisch fr\u00fcher ulv, aber es galt als schlechtes Omen, das Wort zu benutzen. Damit beschwor man die Pr\u00e4senz des Wolfs herauf. Das erkl\u00e4rt das moderne Wort varg, was so viel bedeutet wie \u201ader, der Gewalt anwendet\u2018. Wie das immer bei Euphemismen ist, war dann auch irgendwann varg infiziert und man musste stattdessen gr\u00e4ben oder tasse sagen. Das hat sich in der Allgemeinsprache aber nicht durchgesetzt. Obwohl tasse f\u00fcr Wolf irgendwie auch cool w\u00e4re.<\/p>\n<p>Eric bleibt noch zwei Tage nach dem Kurs. Sein Flug geht erst am Sonntag. Er sucht ein Hotel, und ich empfehle ihm das kleine Hotel, eigentlich ein <em>vandrarhem<\/em>, wo ich beim letzten Mal war. Er geht hin und bucht es tats\u00e4chlich. Es ist auf jeden Fall billiger als das gro\u00dfe Hotel, in dem er vor Beginn des Kurses war.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">11. August (Montag)<\/span><\/p>\n<p>In der Nacht ein kleiner, heller Vollmond ganz oben am Himmel. Warum steht der so hoch, und warum ist er so klein?<\/p>\n<p>Auf dem Weg zur Schule kommen wir an Svenska Kyrkan vorbei. Eric will wissen, ob das Lutheraner sind. Ja, das wei\u00df ich. Alles weitere wei\u00df das Internet. Bis vor nicht allzu langer Zeit waren noch drei Viertel aller Schweden Mitglieder der Svenska Kyrkan, aber die Zahlen sind deutlich r\u00fcckl\u00e4ufig. Freikirchliche Christen gibt es sehr konzentriert in einigen Gegenden, aber insgesamt ist es eine kleine Zahl. Die zweitgr\u00f6\u00dfte Religionsgruppe sind inzwischen die Muslime.<\/p>\n<p>Die protestantische Ausrichtung hatte einen merkw\u00fcrdigen Effekt, als der Gregorianische Kalender eingef\u00fchrt wurde. Das protestantische Schweden wollte aber keine katholische Reform, auch wenn sie noch so sinnvoll war. Das stiftete eine Menge Verwirrung, weil in Europa zwei Kalender g\u00fcltig waren. Als dann endlich, 1753, auch in Schweden der Gregorianische Kalender eingef\u00fchrt wurde und auf den 17. Februar der 1. M\u00e4rz folgte, gab es \u00fcberall Proteste. Die Leute f\u00fchlten sich um elf Tage ihres Lebens betrogen!<\/p>\n<p>Beim Mittagessen, als die Rede auf die kleine Abschiedsfeier f\u00fcr Jenny am n\u00e4chsten Tag kommt, l\u00e4uft Luc wieder zu H\u00f6chstform auf. Und reicht seine Bewerbung f\u00fcr den Titel Brain of Belgium ein: Kaffeetrinken? Das machen wir doch am Donnerstag. \u2013 Ja, aber auch morgen mit Jenny. \u2013 Aber am Donnerstag ist der letzte Tag. \u2013 Ja, aber morgen ist Jennys letzter Tag. \u2013 Ja, aber am Donnerstag trinken wir Kaffee. \u2013 Ja, aber nicht mit Jenny. \u2013 Nicht mit Jenny. Warum? \u2013 Jenny ist am Donnerstag nicht da. \u2013 Wie, Jenny ist nicht da? \u2013 Nein. \u2013 Warum nicht? \u2013 Sie fliegt nach Gran Canaria. \u2013 Was macht sie da? \u2013 Urlaub. \u2013 Wenn der Kurs vorbei ist. \u2013 Nein, Mittwoch. \u2013 Mittwoch. \u2013 Ja. Mittwoch. Morgen ist ihr letzter Tag. Deshalb trinken wir morgen Kaffee mit ihr, in der letzten Stunde. \u2013 Und der Kurs? &#8211; Wir bekommen eine andere Lehrerin. \u2013 Eine andere Lehrerin? Wie hei\u00dft die? \u2013 Sabina. \u2013 Kennst du sie? \u2013 Nein.- Woher wei\u00dft du, wie sie hei\u00dft? \u2013 Hat Jenny gesagt. \u2013 Wann? \u2013 Heute. \u2013 Was ist mit dem Test? \u2013 Macht Sabina. \u2013 Aber Sabina wei\u00df doch gar nicht, was wir gemacht haben. \u2013 Jenny sagt es ihr. \u2013 Wann hat Jenny gesagt, dass morgen ihr letzter Tag ist? \u2013 Heute. Gestern. Vorgestern. Vorige Woche. Vorvorige Woche. Wir trinken morgen Kaffee mit ihr. Die anderen backen einen Kuchen. Ich kaufe eine Karte. Man kann auch was zu trinken mitbringen. Hat Isabell heute erkl\u00e4rt. Sie hat dich gefragt, ob du auch Kuchen backen willst. \u2013 Kuchen backen? Kann ich nicht. Ich muss Hausaufgaben machen.<\/p>\n<p>Dave sitzt die ganze Zeit schweigend dabei und denkt sich seinen Teil. Aber so kommt er nicht davon. Luc l\u00f6chert ihn, bis er herausbekommt, dass Dave irgendwann eine schwedische Freundin hatte. Jetzt nicht mehr? Nein, jetzt nicht mehr. \u2013 Kein Sex? \u2013 Nein, kein Sex. \u2013 Was ist besser? Sex oder Schwedisch lernen?<\/p>\n<p>Gut, dass jedes Mittagessen mal ein Ende hat. Ich gehe schnurstracks rauf und kaufe eine Karte, dann eine Flasche Wein. Am Bahnhof versuche ich, eine Zugfahrkarte f\u00fcr Freitag zu kaufen. Geht nicht, kann man immer nur am gleichen Tag. Bl\u00f6des System.<\/p>\n<p>Als das Christentum nach Schweden kam, gab es bei denen Vornamen einen Paradigmenwechsel. Bis dahin hie\u00dfen die Kinder Sven, Thorsten, Ulv, Asa, Inga und Gylla usw., jetzt hie\u00dfen sie Johannes, Martinus, Laurentius, Kristina, Margareta, Cecilia usw. Nur ein Name kam so gut wie gar nicht vor: Maria. Der bekam erst mit der Reformation Konjunktur. Anscheinend hatte man Bedenken, das Kind nach der heiligsten aller Frauen zu benennen, genauso wie Jesus \u00fcberhaupt nicht in Frage kam.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">12. August (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Gestern sind am Nachmittag ein paar Tropfen gefallen und f\u00fcr heute ist Regen angesagt, aber am Morgen beim Laufen ist es noch richtig sch\u00f6n. Ein Sommermorgen, wie er im Buche steht, nur schon ein bisschen k\u00fchler als vorher.<\/p>\n<p>Unterwegs h\u00f6re ich etwas Metallisches hinter mir auf den Boden fallen: mein Schl\u00fcssel. Gl\u00fcck gehabt. Ich h\u00e4tte nicht gewusst, wie ich in die Wohnung h\u00e4tte reinkommen sollen, ganz abgesehen von dem \u00c4rger mit der Schule. Die droht f\u00fcr den Fall eine ordentliche Geldstrafe an.<\/p>\n<p>Eric ist ein Mann alter Schule. Haushalt ist nichts f\u00fcr ihn. Sp\u00fclen kann er, aber bei der Handw\u00e4sche muss er mich schon um Rat fragen, und am Staubsauger schraubt er ergebnislos rum bei dem Versuch, das Verl\u00e4ngerungsst\u00fcck anzusetzen. Wo der Abfall entsorgt wird, hat er bis heute nicht rausgekriegt. Und dass ich das Bad geputzt habe, sieht er nicht.<\/p>\n<p>Am Vormittag stellt sich Sabina vor, unsere Notlehrerin f\u00fcr die letzten beiden Tage. Sie hat mit Jenny viel gemeinsam und ist fast gleich alt. Sie kennen sich sehr gut. Warum, fragt jemand, entweder sehr naiv oder sehr durchtrieben, h\u00f6ren sie sich so unterschiedlich an? Die Antwort ist ganz simple: Jenny hat eine Ausbildung als Fremdsprachenlehrerin und ist darauf eingestellt, ihre Sprache so zu m\u00e4\u00dfigen, dass wir sie verstehen k\u00f6nnen. Sabina spricht, als ob sie mit Schweden spr\u00e4che. Ergebnis: Kein Mensch versteht was.<\/p>\n<p>Beim dem kleinen Abschied von Jenny sch\u00fctte ich Rotwein \u00fcber die frisch aus der teuren Reinigung geholte Hose. Rotweinflecken. Toll. Ich k\u00f6nnte die Hose gleich wieder in die Reinigung. Da k\u00f6nnte ich sie dann n\u00e4chstes Jahr abholen.<\/p>\n<p>Nach dem Mittagessen laufe ich zum Dom. Gestern habe ich gesehen, dass da um zwei eine F\u00fchrung ist. Eine junge Theologiestudentin, Priesteramtskandidatin, f\u00fchrt durch die Kirche. Sie hat au\u00dfer guten Willen nichts zu bieten. Sogar das d\u00fcnne Faltblatt, was man am Eingang kaufen kann, hat mehr zu bieten als sie.<\/p>\n<p>Als ich zur\u00fcckgehe, h\u00e4ngen dicke, wei\u00dfe Wolken am Himmel, aber die Sonne dringt noch durch. Von Regen keine Spur.<\/p>\n<p>Am Nachmittag mache ich anstandshalber ein paar \u00dcbungen f\u00fcr den morgigen Abschlusstest. Es geht nur um Grammatik, obwohl wir im Kurs auch viel Vokabular gemacht (wenn auch nicht sehr systematisch) und Aussprache ge\u00fcbt und die ganze Zeit \u00fcber geschrieben, geh\u00f6rt, gesprochen und gelesen haben. Woher kommt das Vertrauen darauf, dass Grammatik eine verl\u00e4ssliche Richtschnur ist? Oder ist es einfach deshalb, weil man es so leicht korrigieren kann?<\/p>\n<p>Heute war der billigste Tag in Uppsala: ein Kaffee in der Schule, ein Kaffee in Caf\u00e9, ein Faltblatt in der Kirche und ein Br\u00f6tchen. So kann man sogar in Schweden \u00fcberleben, ohne Bankrott anzumelden.<\/p>\n<p>Jenny hat im Unterricht eine Rechtschreibreform erw\u00e4hnt, die es in Schweden gegeben hat, Anfang des 20. Jahrhunderts, fast zeitgleich mit der in Deutschland. Es war im Grunde eine Vereinfachung. Formen wie &lt;fv&gt; oder &lt;hv&gt; wurden zu &lt;v&gt; reduziert. Damit verschwanden Formen wie hufvud, die ich manchmal noch in alten Texten sehe. Auch &lt;f&gt; wurde jetzt konsequent zu &lt;v&gt;, wenn es den Laut \/v\/ vertrat. Au\u00dferdem wurde dt zu t oder tt, auch n\u00e4her am Laut. Das ist alles ganz plausibel. Dennoch gab es Diskussionen. Es gab innersprachliche und au\u00dfersprachliche Gr\u00fcnde gegen die Reform. Es wurde argumentiert, die sichtbare Verbindung von <em>god<\/em> und <em>godt<\/em> gehe verloren, wenn man sich nach der Aussprache richte. Und es wurde argumentiert, der skandinavische Gemeinsamkeit gehe weiter verloren: D\u00e4nisch und Norwegisch blieben bei hv und dt. Es war gerade nach der Spaltung Norwegens von Schweden.<\/p>\n<p>Das finde ich in der Sprachgeschichte. Die spricht auch von einer weiteren Reform, vom Volksschullehrerverband 1943 initiiert und dem K\u00f6nig vorgelegt. Auch hier sind die Vorschl\u00e4ge einleuchtend. Stumme Buchstaben fallen weg: aus hj\u00e4rta wird j\u00e4rta und aus ljus wird jus. Au\u00dferdem wird immer j verwandt, wenn es sich um denselben Laut handelt: aus \u00e4lg wird \u00e4lj, aus ge wird je. Au\u00dferdem werden Fremdw\u00f6rter der schwedischen Orthographie noch st\u00e4rker angepasst: aus nation wird nasjon, aus centimeter wird sentimeter. Und unn\u00f6tige Buchstaben (c, x, z) fallen, wenn ich das richtig verstehe, ganz weg: aus yxa wird yksa, aus backe wird bakke, aus zink wird sink. Muss man noch erw\u00e4hnen, dass die Reform scheiterte? Vern\u00fcnftige Vorschl\u00e4ge haben es schwer.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13. August (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Laut der Umfrage einer schwedischen Zeitung sind die sieben Weltwunder in Schweden (in aufsteigender Reihenfolge): die Globe-Arena, die \u00d6resundbr\u00fccke, der Turning Torso in Malm\u00f6 (ein Wolkenkratzer), das Eishotel in Jukkasj\u00e4rvi, die Vasa, die Ringmauer von Wisby und der G\u00f6takanal.<\/p>\n<p>Der h\u00e4ufigste Nachname in Schweden ist Andersson. Etwa 400,000 Schweden hei\u00dfen so. Allein in dem Telefonverzeichnis von Stockholm tauchen 12,000 Teilnehmer mit dem Namen Andersson auf, darunter 405 Taxifahrer oder Chauffeure und 44 Besitzer von Taxiunternehmen.<\/p>\n<p>Nach Andersson kommen Johansson, Karlsson, Nilsson, Eriksson, Larsson, Olsson, Pettersson, Svensson und Persson. Und dann folgen weitere Namen auf \u2013son. Erst auf Platz 20 folgt Lindberg, der erste, der nicht auf \u2013son endet!<\/p>\n<p>Das mit dem Test wird hier sehr ernst genommen. Die Tische sind umgebaut, und jeder hat einen einzelnen Tisch. Alles muss wegger\u00e4umt werden. Obwohl es um nichts geht, ist es f\u00fcr mich ein komisches Gef\u00fchl, einen Test mal wieder aus dieser Perspektive zu erleben. Der Test ist alles andere als leicht, aber absolut fair. Wenn ich systematischer gearbeitet h\u00e4tte, w\u00fcrde ich ihn besser hinbekommen. So bin ich in vielen F\u00e4llen aufs Raten angewiesen.<\/p>\n<p>Wie bei den Klausuren in der Uni geben sind einige schon nach ganz kurzer Zeit fertig. Da habe ich kaum angefangen zu schreiben. Andere nutzen die Zeit bis zur letzten Minute.<\/p>\n<p>Nach der Pause werden wir in kleinen Gruppen nach drau\u00dfen geschickt, um nach bestimmten Stellen zu fragen und dann vor Ort irgendeine Information zu finden. Das ist offensichtlich darauf angelegt, Sabina das Leben leicht zu machen. Es erf\u00fcllt aber in einer Hinsicht seinen Zweck: Alle drei bekommen wir bei allen Fragen immer Antworten auf Schwedisch. Das muss an unserem Auftreten liegen. Man kann zwar nicht viel mehr als vor drei Wochen, ist aber nicht mehr so unsicher. Das m\u00fcssen die Leute irgendwie registrieren.<\/p>\n<p>Unterwegs kommen wir an diesem Gesch\u00e4ft vorbei: Silber &amp; Sant. Wir \u00fcberlegen, was das bedeuten kann, und kommen dann zu der Vermutung: sant ist kurz f\u00fcr s\u00e5dant, \u201aderartiges\u2018. Das Gesch\u00e4ft hei\u00dft also so was wie Silber und so ein Zeug.<\/p>\n<p>Beim Mittagessen sitzt eine freundliche Deutsche bei uns am Tisch, die in Kiruna lebt. Sie hat den Kurs genutzt, um sich eine Basis im Schwedischen zu schaffen. Sie erz\u00e4hlt von einer Gelegenheit, als ein schwedischer Gast in der (vermutlich deutschen) Firma war. Es stellte sich heraus, dass der Schwede ganz l\u00e4ssig gekleidet war, zu l\u00e4ssig f\u00fcr den deutschen Geschmack in der Gesch\u00e4ftswelt. Abends gab es dann eine Einladung, und da war es genau umgekehrt: Die Deutschen waren sehr l\u00e4ssig gekleidet, zu l\u00e4ssig f\u00fcr den schwedischen Geschmack bei einer Einladung.<\/p>\n<p>Nach dem Essen gehe ich zu dem Friedhof, in der Hoffnung, die F\u00fchrung mitmachen zu k\u00f6nnen. An der Kapelle ist ein gro\u00dfer Auflauf. Lauter fein gekleidete Leute und Studenten, M\u00e4nner und Frauen, in traditioneller Studentenornat und mit Fahnen und Wimpeln. Auch ein paar Photographen sind dabei. Es stehen aber, eine sichere Distanz wahrend, ein paar Leute herum, die nicht dazugeh\u00f6ren. Die Prozession setzt sich dann in Gang, und wir werden von einem Mann der Svenska Kyrkan begr\u00fc\u00dft, der uns erkl\u00e4rt, heute sei ein Jahrestag eines ber\u00fchmten Verstorbenen einer der studentischen Vereinigungen, und das sei der Grund f\u00fcr die Prozession. Wir machen aber jetzt den Rundgang \u00fcber den Friedhof.<\/p>\n<p>Es gibt relativ wenig zu der Geschichte des Friedhofs und zu der Gestaltung der Gr\u00e4ber. Daf\u00fcr geht es zwischendurch, wie immer bei solchen Gelegenheit, um Fragen, die gar nichts mit dem vorliegenden Friedhof zu tun haben. Diese Fragen kommen alle aus dem Publikum: Wie viele Kremationen gibt es? Wie lange ist eine Grabstelle g\u00fcltig? Wie viel kostet das?<\/p>\n<p>Der F\u00fchrer spricht mit einem ganz merkw\u00fcrdigen Tonfall, wie ich ihn noch nicht geh\u00f6rt habe. So kommt mir das jedenfalls vor. Ich verstehe nur die H\u00e4lfte, und auch die manchmal nicht, aber das liegt nicht an den sprachlichen Besonderheiten des F\u00fchrers. Daf\u00fcr verstehe ich wiederum zu viel.<\/p>\n<p>Der Friedhof lag urspr\u00fcnglich au\u00dferhalb der Stadt. Das erkl\u00e4rt wohl auch den schnurgeraden Verlauf der Kyrkog\u00e5rdsgatan, die den Friedhof nach Westen von der Stadt abtrennt. Hier war fr\u00fcher vermutlich die Stadtmauer.<\/p>\n<p>Das ganze Areal wurde dann von einem Mann namens Werelius aufgekauft, der bestimmte, auch er selbst solle hier begraben werden. Das war vor vierhundert Jahren. Seine Grabstelle ist markiert durch einen H\u00fcgel und eine Felsbrocken, in denen man Spuren von alten Inschriften in der Art der Runensteine sieht. Hier war mal wieder Olof Rudbeck am Werk. Der sorgte ein halbes Jahrhundert sp\u00e4ter so f\u00fcr die Erinnerung an Werelius.<\/p>\n<p>Der Friedhof hat insgesamt 14000 Grabst\u00e4tten. Es f\u00e4llt auf, dass die allermeisten keine Blumen haben, allenfalls ein paar immergr\u00fcne Pflanzen um den Grabstein herum. Der Rest ist Erde, und die ist auf allen Gr\u00e4bern ganz ordentlich in Streifen gehakt, ein einfaches Muster bildend.<\/p>\n<p>Bei der F\u00fchrung geht es fast ausschlie\u00dflich um lokale (und einige nationale) Gr\u00f6\u00dfen, deren Namen mir nicht bekannt sind, wohl aber dem Publikum. Ich kenne nur Dag Hammarskj\u00f6ld und Geijer. Der F\u00fchrer sagt, viele schwedische Studenten w\u00fcssten nicht, wer Dag Hammarskj\u00f6ld war, aber ausl\u00e4ndische Studenten k\u00e4men und fragten nach seinem Grab. Ich finde weder das eine noch das andere \u00fcberraschend.<\/p>\n<p>Geijer war eins von den schwedischen Allroundtalenten, Bekannt ist er aber in erster Linie als Historiker. Marx hielt viel von ihm, aber auch K\u00f6nig Karl XIV Johann.<\/p>\n<p>Wir sehen das Grab der ersten schwedischen Doktorin in Rechtswissenschaften \u2013 sie bekam keinen Lehrstuhl, sondern musste mehr oder weniger heimlich f\u00fcr einen Professor arbeiten; das Grabmal der Begr\u00fcnderin des Allsongs in Skansen, des allj\u00e4hrlichen Mitsingtreffens; das Grab eines Konteradmirals, der f\u00fcr die britische Marine arbeitete, aber an der Hinterseite seines Grabs ein Emblem mit den drei schwedischen Kronen angebracht hat; das Grab eines schwedischen Industriemagnaten, dessen Grabstein aus Eisen ist, mit einer Kette im Relief und einem eisernen Medaillon mit seinem Portrait; das Grab des Gr\u00fcnders der Fahrradfabrik von Uppsala, die zu seiner Zeit mehr als tausend Besch\u00e4ftigte hatte und 150,000 Fahrr\u00e4der pro Jahr herstellte; das Grab einer Schriftstellerin und fr\u00fchen Feministin; das Grab eines Arztes mit einem morbiden Grabstein, auf dem man ihn mit einer Patientin auf einer und dem Todesengel auf der anderen Seite sieht; das Grab einer K\u00fcnstlerin mit einer kleinen Bronzefigur auf einem kleinen Fels, die eine Nagelfeile in der Hand zu halten scheint; das Grab eines Mannes namens Eriksson, den alle nur unter dem Namen Mottas kennen und der sich, ohne Scheu vor dem Wortspiel auf dem Grabstein, als <em>L\u00e4karen &amp; Lekaren<\/em> der Nachwelt erh\u00e4lt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">14. August (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen noch einmal gelaufen. Die Strecke ist mir inzwischen richtig vertraut.<\/p>\n<p>Auch im Schwedischen gab es fr\u00fcher den dentalen Frikativ, wie das englische &lt;th&gt;. Auch hier wurde es zuerst mit Buchstaben aus dem Runenalphabet wiedergegeben. Die wurden dann sp\u00e4ter durch &lt;th&gt; und &lt;dh&gt; ersetzt, aber im Schwedischen ging der Laut dann verloren, der stimmhafte sp\u00e4ter als der stimmlose.<\/p>\n<p>Viele schwedische und deutsche W\u00f6rter sind sich nicht deshalb \u00e4hnlich, weil sie dieselbe Wurzel haben, sondern weil sie als deutsche Lehnw\u00f6rter ins Schwedische kamen: <em>bevisa, bevara, bekv\u00e4m, smaka, sk\u00f6n, ber\u00e4tta, sakta, arbeta, skomakere, skr\u00e4ddare <\/em>usw. Alle kamen urspr\u00fcnglich in anderer Schreibweise. Der Einfluss des Deutschen war eine Zeitlang, vor allem im Hoch- und Sp\u00e4tmittelalter, regelrecht \u00fcberm\u00e4chtig,\u00a0 wie heute der des Englischen. Vor dem Deutschen kamen die Lehnw\u00f6rter aus dem Griechischen und dem Lateinischen, danach aus dem Franz\u00f6sischen.<\/p>\n<p>In dem Buch \u00fcber Sture Bergwall, den schwedischen Massenm\u00f6rder, der keiner war, erz\u00e4hlt, wie er sich einer der in den Fall involvierten Psychologinnen, Margit Norell, ann\u00e4herte, ohne zu sagen, dass er sich f\u00fcr den Fall interessierte. Sein Vorgehen sein ein klein bisschen diabolisch gewesen, sagt er: \u201eMen jag t\u00e4nkte prova att wallraffa.\u201c. Hier ist der Erfinder der Methode sogar in einem Verb verewigt.<\/p>\n<p>In der Schule sieht man nur ausl\u00e4ndische Putzfrauen, vermutlich Asiatinnen. Bei den Bauarbeitern auf der Stra\u00dfe habe ich dagegen bisher nur Schweden gesehen.<\/p>\n<p>Zuerst besprechen wir den Test. Alle sind wohl gut damit zurechtgekommen. Ausgerechnet in dem Teil, der am schwersten gewesen ist, Sabina zufolge, habe ich volle Punktzahl. Da ging es um Betonung. Die meisten Fehler habe ich bei der Wortreihenfolge, zwei davon deshalb, weil ich vom Deutschen abgewichen bin, statt dabei zu bleiben. Dann kommen ein oder zwei Fl\u00fcchtigkeitsfehler. Eine Stelle ist umstritten. Wir glauben, dass unsere L\u00f6sung akzeptabel ist. Typisches Testproblem: Der Lehrer will eine ganz bestimmte L\u00f6sung h\u00f6ren, die Sch\u00fcler liefern die nicht, und da gilt dann auf einmal nicht mehr, was kommunikativ richtig w\u00e4re.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend versucht die arme Sabina, uns nach Kr\u00e4ften zu animieren, aber es nutzt nichts. Die Luft ist raus.<\/p>\n<p>Wir sollen sagen, was wir als tun werden, sobald wir wieder zuhause sind. Einige sagen \u201eSchlafen\u201c. Ein Amerikaner sagt, \u201eZu Wendys gehen\u201c. Um dort einen Hamburger zu essen. McDonald\u2019s ist out, Wendy\u2019s ist in.<\/p>\n<p>Am Nachmittag gebe ich dem Evolutionsmuseum noch mal eine Chance, diesmal der Abteilung Paleontologie.<\/p>\n<p>Zuerst geht es um die Erdgeschichte. In einzelnen Vitrinen werden Schaust\u00fccke aus den einzelnen Perioden ausgestellt, Kadmium, Jura, Karbon, Kreide usw. Am auff\u00e4lligsten ist, dass die St\u00fccke aus dem Karbon tats\u00e4chlich schwarz und die aus der Kreide tats\u00e4chlich wei\u00df sind. Zweitens ist st\u00e4ndig vom Fallen und Steigen des Meeresspiegels die Rede und von Eiszeiten, alleine 20 in einer der Perioden (2,6 Mill. Jahre), die letzte vor ca. 20,000 Jahren.<\/p>\n<p>Man sieht Mineralien mit erstaunlich kompletten und klaren Abdr\u00fccken von Insekten, Bl\u00e4ttern, Ammoniten und anderen Tieren, darunter einen wunderbaren Triglobiter aus Marokko aus dem Kambrium. Auch sehr sch\u00f6n, geradezu dekorativ, ein Mineral mit den Abdr\u00fccken von Ammoniten, aufgeh\u00e4uft und wie ineinander verwachsen. Sie erlebten eine gro\u00dfe Renaissance im Jura, obwohl sie im Trias fast ausgestorben waren. Ihr Name ist von Ammon abgeleitet, genauso wie das Ammoniak.<\/p>\n<p>Die Erde ist 635 Millionen Jahre alt, die ersten Fossilien sind 350 Millionen Jahre alt, unvorstellbar gro\u00dfe Zahlen. Da hatte man es bis zu den gro\u00dfen Durchbr\u00fcchen der Geologie im 19. Jahrhundert leichter. Da kalkulierte man ein paar 4000 Jahre zur\u00fcck bis zum Garten Eden.<\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit den dramatischen Ver\u00e4nderungen der Zeit spricht man von der \u201ekambrischen Revolution\u201c. Die Erde, vorher ein einziger Brocken, Rodinia, spaltete sich in verschiedene Kontinente auf. Schweden geh\u00f6rte zu dem, der interessanterweise Baltikum hie\u00df.<\/p>\n<p>In der Kreidezeit trennte sich dann S\u00fcdamerika von Afrika. Damals sind die Dinosaurier ausgestorben und die ersten bl\u00fchenden Pflanzen entstanden.<\/p>\n<p>Im Kvart\u00e4r ??? hat die Erde die Form die heute. Aus dieser Zeit gibt es einen riesigen Mammutzahn zu sehen. Die meisten der gro\u00dfen Tiere aus dieser Zeit sind durch die Verbreitung des Menschen ausgestorben.<\/p>\n<p>Dann gibt es eine Abteilung zum Menschen. Die beginnt mit der immer wieder n\u00f6tigen Erinnerung: Der Mensch stammt nicht vom Affen ab!<\/p>\n<p>Dann wird die Frage gestellt, was uns zu Menschen macht: Hirn? Kultur? Sprache? K\u00f6rper? Kunst? Die Antwort wird hier offen gelassen, aber es gibt nat\u00fcrlich nur eine schl\u00fcssige Antwort: Sprache. Alles andere sind entweder Konsequenzen oder Vorbedingungen von Sprache. Nur: Wie kommt die Sprache zum Menschen?<\/p>\n<p>Zur Illustrierung des typisch Menschlichen sind hier eine Sandale, eine Rakete, eine Kaffeetasse, ein Handy, eine Trompete und ein W\u00fcrfel ausgestellt.<\/p>\n<p>Zu der Entwicklungsgeschichte des Menschen werden der Kiefer eines Menschen und der eines Affen gegen\u00fcbergestellt. Der des Affen ist rechteckig, der des Menschen rundlich. Der eckige l\u00e4sst mehr Platz f\u00fcr die gro\u00dfen Eckz\u00e4hne. Die brauchen wir nicht.<\/p>\n<p>Und dann kommt die Haut. Und damit die Frage, warum wir nackt sind. Darauf gibt es \u00fcberraschenderweise keine Antwort. Ohne Fell kann man die K\u00f6rpertemperatur besser senken, und ohne Fell hat man weniger Das Fell macht es schwerer, die Temperatur zu senken und ist ein willkommener Aufenthaltsort f\u00fcr L\u00e4use und Fl\u00f6he. Also, dachte sich der Mensch, besser ohne. So jedenfalls spekulieren einige moderne Wissenschaftler.<\/p>\n<p>Bei der verschiedenen Funden der fr\u00fchen Menschen und deren Vorg\u00e4ngern begegne ich hier mal wieder dem Peking Man und nat\u00fcrlich Lucy. Der Peking Man wurde von einem schwedischen Wissenschaftler aus Uppsala entdeckt. Was man Peking Man nennt, bestand aber lediglich aus einem einzigen Zahn. Der steckte er sich in die Tasche und verriet niemandem etwas davon. Er schickte ihn dann zusammen mit Teilen eines Schweineskeletts nach Schweden. Dort entdeckt er dann mittendrin einen weiteren Zahn. Schlie\u00dflich machte er seinen Fund \u00f6ffentlich. Im Laufe der Zeit kamen dann mehr und mehr Z\u00e4hne zum Vorschein, und dann auch Teile von Skeletts, auch mehrere Sch\u00e4del, von insgesamt 55 Individuen. Als der ganze Kram dann zu wissenschaftlichen Zwecken von China nach Amerika geschickt wurde, ging alles unterwegs verloren. Keiner wei\u00df, wo und wie. Ich habe in Peking mal einen ganzen Tagesausflug an den Fundort gemacht, nur um zu entdecken, dass vom Peking Man nichts mehr da ist.<\/p>\n<p>Drei der Z\u00e4hne sind hier pr\u00e4sentiert. Alle ganz unterschiedlich in Aussehen und vor allem in Gr\u00f6\u00dfe. Und ganz anders als unsere.<\/p>\n<p>Die anderen vorzeitlichen \u201eSkelette\u201c sind auch meistens nur Ansammlungen von einzelnen Knochen. Das gilt auch f\u00fcr Lucy. Sie ist nur eine von vielen Individuen des Typs <em>Australopithecus<\/em> <em>Africanus<\/em>. Die sind 1-4 Millionen Jahre alt.<\/p>\n<p>Das bisher kompletteste Skelett ist das von Ardi, in \u00c4thiopien gefunden. Man wei\u00df, dass er (oder sie?) 1,20 gro\u00df und 50 kg schwer war. Er ging aufrecht, jedenfalls teilweise. Er hatte kleine Eckz\u00e4hne, woraus man schlie\u00dft, dass er nicht aggressiv war. Aus dem Gebiss kann man ebenfalls schlie\u00dfen, dass er Pflanzen und Fleisch a\u00df, nicht aber h\u00e4rtere Dinge wie Wurzeln und N\u00fcsse. Unglaublich!<\/p>\n<p>Oben gibt es Skelette von gro\u00dfen Tieren. Gleich am Eingang steht man einem Nashorn mit f\u00fcnf H\u00f6rnern gegen\u00fcber, einem fast komplett erhaltenen Skelett, mit zwei seitlichen H\u00f6rnern neben dem nach oben zeigenden in der Mitte und zwei kleineren, nach hinten gebogenen am unteren Ende des Sch\u00e4dels. Das Nashorn hat gro\u00dfe L\u00f6cher im Sch\u00e4del, deren Funktion ich nicht verstehe. Sie offensichtlich nicht das Resultat von Unf\u00e4llen, sondern von der Natur so vorgesehen.<\/p>\n<p>Es gibt auch eine riesige, 300 Millionen Jahre alte Kr\u00f6te. Die F\u00fc\u00dfe sind, wie bei den modernen Echsen, nicht unter dem K\u00f6rper, sondern seitlich davon. Das macht einen Eindruck von Tollpatschigkeit, ganz anders als bei Tieren, deren F\u00fc\u00dfe unter dem K\u00f6rper sind (wie das schon bei den Dinosauriern war). Das war mir noch nie aufgefallen.<\/p>\n<p>In einem anderen Raum steht ein Muranosaurus ??. Der ist acht Meter lang. Die H\u00e4lfte der L\u00e4nge nimmt alleine der Hals ein. Er hat 44 Wirbel. Man vermutet, dass Nessie ein Muranosaurus war. Wenn er denn existiert h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Zum Abschluss mache ich noch einen abendlichen Spaziergang durch die Innenstadt. Ich schaffe es aber nicht, so lange auszuhalten, bis es dunkel ist. Ich habe die Stadt im den drei Wochen immer nur bei Tageslicht gesehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>27. Juli (Sonntag) Im Schwedischen bedeutet frisk nicht frisch, sondern gesund, sn\u00e4ll bedeutet nett, ledig bedeutet frei, vacker bedeutet sch\u00f6n, sk\u00f6n bedeutet gem\u00fctlich, stund bedeutet Moment, under bedeutet \u201aw\u00e4hrend\u2018, semester bedeutet \u201aUrlaub\u2018, termin bedeutet \u201aSemester\u2018. 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