{"id":5572,"date":"2014-10-06T11:16:01","date_gmt":"2014-10-06T09:16:01","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=5572"},"modified":"2015-09-21T19:44:35","modified_gmt":"2015-09-21T17:44:35","slug":"kreta-2014","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=5572","title":{"rendered":"Kreta (2014)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1. Oktober (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Es geht nach S\u00fcden. Und wie! Ierapetra, die einzige Stadt in der N\u00e4he von Myrtos, meinem Zielort, gilt als die s\u00fcdlichste Stadt Europas. Wo immer ich das in den letzten Wochen gesagt habe, gab es Widerspruch: Zypern, Gibraltar, Azoren, Malta. In Ordnung, mit Superlativen sollte man vorsichtig sein. Also formuliere ich um: Ierapetra liegt ziemlich weit s\u00fcdlich in Europa. Die Reisedauer spricht jedenfalls daf\u00fcr: eine ganze Woche. Gut, man k\u00f6nnte es auch schneller haben, aber es eilt ja nicht.<\/p>\n<p>Im Moment bin ich allerdings von Kreta nach weit entfernt. Die Reise beginnt in Koblenz. Der erste berichtenswerte Vorfall ereignet sich nach knapp zwei Kilometern: Auf den absch\u00fcssigen Stra\u00dfe werde ich, 40 km\/h fahrend, von einem Radfahrer \u00fcberholt. Nach einer knappen Minute verschwindet sein R\u00fccklicht hinter einer Kurve. Es ist sieben Uhr und noch dunkel.<\/p>\n<p>Ich bin bestens eingewiesen worden und finde tats\u00e4chlich den Weg auf Anhieb, Richtung Innenstadt und dann \u00fcber Lahnstein, wo es eines ehemaligen Politikers zu gedenken gilt nach Hermeskeil, wo es einer italienischen Verbindung zu gedenken gilt. Dann geht es weiter Richtung Ludwigshafen. Als ich nach Baden-W\u00fcrttemberg komme, nach 150 Kilometern, sind schon mehr als zweieinhalb Stunden vorbei! Die letzte Ausfahrt vor der Grenze ist Schifferstadt, das mit dem Schifferst\u00e4dter H\u00fctchen wirbt (das ich einmal in einer Ausstellung in Speyer gesehen habe), die erste Ausfahrt nach der Grenze ist Hockenheim. Irgendwo unterwegs riecht es nach verbranntem Holz. Da ist von den ??? Kohleplatten die Rede.<\/p>\n<p>Der erste Stau kommt nach 60 Kilometern, der zweite nach 120, und zwischendurch gibt es Baustellen und Schmalspuren. Das Wetter ist ausgesprochen tr\u00fcb. Nach den vielen Hindernissen, die sich in den letzten Tagen noch eingestellt haben (und die nur mit fremder Hilfe \u00fcberwunden werden konnten), frage ich mich schon, ob die ganze Reise vielleicht unter einem schlechten Stern stehe. Das schlimmste Hindernis, und das sp\u00fcrbarste, ist die Folge eines dummen Sturzes, ausgerechnet am Tag vor der Abfahrt, ausgerechnet auf Schotter, mit zwei vollbepackten T\u00fcten, deren Inhalt sich auf den Boden ausbreitete, auf dem Weg zu einer Reinigung und mit einer Busfahrt, einer Zugfahrt und einer weiteren Busfahrt vor der Brust. Ein aufgesch\u00fcrftes Knie, zwei aufgesch\u00fcrfte H\u00e4nde und ein aufgesch\u00fcrfter Ellenbogen sind die Folge. Als ich blutend und verschmiert mit meinen Siebensachen zu einer Apotheke humpelte, verfluchte ich mich selbst und mein Schicksal, bevor ich mir klar machte, dass dazu \u00fcberhaupt kein Anlass bestand. Das meiste ist auch bald ausgestanden, nur die linke Hand bleibt ein Hindernis. Gl\u00fccklicherweise kann ich das Handgelenk problemlos bewegen, aber jede Bewegung der Finger schmerzt. Daran muss man denken, wenn man den Winker bet\u00e4tigt, wenn man eine Buchseite umschl\u00e4gt oder wenn man die Zahnb\u00fcrste benutzt. Am schlimmsten ist das H\u00e4ndewaschen.<\/p>\n<p>Gut, dass es das Radio gibt. Es lenkt von tr\u00fcben Gedanken ab. Zuerst h\u00f6re ich etwas \u00fcber das Finkenschlagen. Dabei werden keine Finken geschlagen, sondern Finken beim Schlagen, d.h. beim Anschlagen von T\u00f6nen, beobachtet, und zwar hinter vorh\u00e4ngen, um zu vermeiden, dass das Aussehen des Finken eine Rolle spielt. Es gibt den Kampfsport, bei dem es nur um Quantit\u00e4t geht, und die K\u00fcr, bei der es um die Sch\u00f6nheit der Stimmen geht. Das Finkenschlagen gibt es vorzugsweise im Harz. Der historische Hintergrund ist der, dass Buchfinken einst in die Bergwerk mitgenommen wurden, als Warnsignale: Solange die V\u00f6gel sangen, war die Welt noch in Ordnung, wenn sie aufh\u00f6rten zu singen, bestand Explosionsgefahr!<\/p>\n<p>Dann gibt es etwas zu den Meisters\u00e4ngern und deren Berufung auf die Minnes\u00e4nger, in deren Tradition sie sich verstanden. Es gab zw\u00f6lf Meisters\u00e4nger, und so schuf man auch nachtr\u00e4glich eine Mannschaft aus zw\u00f6lf Minnes\u00e4ngern, die es in dieser Form und mit dieser Zahl nie gegeben hatte, im Vertrauen auf die legend\u00e4re Aussagekraft der Zahl zw\u00f6lf.<\/p>\n<p>Dann kommt eine Nachricht zu Petar Radenkovic, ein untr\u00fcgliches Zeichen, dass es auf Bayern zugeht. Radenkovic war der erste Popstar unter den Fu\u00dfballspielern, mit seiner Selbstdarstellung, seinem Spitznamen und seiner Schallplatte, der wohl ersten eines Fu\u00dfballspielers in Deutschland. Er war ber\u00fchmt f\u00fcr seine Ausfl\u00fcge ins Spielfeld, geradezu ein Vorg\u00e4nger von Manuel Neuer darin, und auch als Elferkiller hatte er einen Namen. Was ich nicht mehr in Erinnerung hatte: Als einer der ersten Torh\u00fcter trug er Handschuhe! Stimmt, ich glaube nicht, dass Tillkowski 1966 im Endspiel schon Handschuhe trug. Da war Radis gro\u00dfe Zeit schon fast vorbei.<\/p>\n<p>Wieder geht es nur stockend weiter, und erst nach der Abbiegung nach Ulm flie\u00dft der Verkehr besser. Ich hatte vor, in Kempten Halt zu machen, aber gerade als ich da ankomme, brauen sich dunkle Wolken zusammen und ich verschiebe den Halt auf F\u00fcssen, die letzte Station auf der Autobahn.<\/p>\n<p>Da habe ich allerdings die Rechnung ohne die Wolken gemacht. Die begleiten mich treu, und als ich in F\u00fcssen aus dem Auto steige, beginnt es zu regnen.<\/p>\n<p>Die st\u00e4dtische Werbewirtschaft verspricht ein \u201eunvergessliches Erlebnis\u201c bei der Besichtigung der Stadt. Das ist dann aber doch wohl etwa zu hoch gegriffen. Ein sch\u00f6n herausgeputztes Zentrum und eine erh\u00f6ht gelegenes Schloss, das ist alles. Die Stadt wirbt mit dem zweideutigen Slogan <em>Ende der Romantischen Stra\u00dfe<\/em>, nicht unbedingt weitsichtig.<\/p>\n<p>Ich kaufe Ansichtskarten und, in einem Supermarkt, Briefmarken und gehe damit in ein Caf\u00e9. Dort bekomme ich <em>Brasselkuchen<\/em>. Das ist Streuselkuchen mit Bl\u00e4tterteig. Ich werde gefragt, ob ich eine Tasse wolle oder ein <em>Haferl<\/em>. Und man wird \u00fcberall mit <em>Gr\u00fc\u00df<\/em> <em>Gott!<\/em> begr\u00fc\u00dft.<\/p>\n<p>Dann gehe ich ein bisschen durch die Stadt. Ich sehe einen Brunnen mit einem lesenden M\u00e4dchen am Brunnenrand und einen anderen Brunnen mit einem untersetzten Mann mit Laute und Stimmgabel. Man w\u00fcrde ihn kaum f\u00fcr einen Musiker halten.<\/p>\n<p>Es gibt eine Kirche mit dem ungew\u00f6hnlichen Patrozinium St. Mang. An den H\u00e4usern stehen Schilder mit Lawinengefahr, ein Haus hat die Hausnummern 7 und 7\u00bd, und bei <em>Trachten-Werner<\/em> gibt es die rot-wei\u00df karierten Hemden, in denen sich immer die spanischen oder peruanischen oder franz\u00f6sischen Neuerwerbungen von Bayern M\u00fcnchen pr\u00e4sentieren m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Im ganzen Zentrum gibt es ehemalige F\u00e4rberh\u00e4user, zu erkennen an einem Lattenrost unter dem Dach\u00fcberstand, das zum Trocknen der Stoffe diente.<\/p>\n<p>Im Kornhaus, einem zentralen Haus \u00fcber zwei Ecken mit einem \u00fcberw\u00f6lbten Erdgeschoss, wurde fr\u00fcher zweimal pro Woche Korn zum Kauf angeboten. Das war zentral f\u00fcr die Ern\u00e4hrung, die Grundlage f\u00fcr Fladen und Brei.<\/p>\n<p>Auf dem Parkplatz gleich vor dem Eingang zum Zentrum, wo ich mein Auto mit einem etwas flauen Gef\u00fchl abgestellt habe, steht eine Plakatwand mit der Aufschrift <em>Miet me!<\/em> Ich habe das Auto dort mit einem etwas flauen Gef\u00fchl abgestellt, aber alles ist noch an Ort und Stelle, als ich zur\u00fcckkomme.<\/p>\n<p>Man wird durch den Ort und dann einmal herum geleitet und steht pl\u00f6tzlich in wilder Einsamkeit, am Lechfall, auf allen Seiten von Bergen umringt. Die Szenerie hat sich von einem Moment auf den anderen ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Von hier aus sind es nur noch 700 Meter nach \u00d6sterreich. Ich wusste nicht, dass F\u00fcssen so nahe an der Grenze liegt.<\/p>\n<p>Vom Lech habe ich im Zentrum nichts gesehen. Vielleicht flie\u00dft er um den Ort herum. Der Fu\u00dfweg zum Lechfall ist wegen Bauarbeiten gesperrt, und nach einem Photo fahre ich weiter. Und bin bald in \u00d6sterreich.<\/p>\n<p>Merkw\u00fcrdigerweise bin ich noch nie \u201erichtig\u201c in \u00d6sterreich gewesen: ein L\u00e4nderspiel in Wien in der Studentenzeit, ein verzechtes Wochenende am Mondsee, ebenfalls in der Studentenzeit, Osterferien in Leutasch, gleich hinter der Grenze, als Sch\u00fcler, ein Tagesausflug nach Salzburg von Reichenhall \u2013 irgendwie \u201ez\u00e4hlt\u201c das alles nicht. Nach Innsbruck wollte ich schon immer. Jetzt liegt es praktischerweise auf dem Weg.<\/p>\n<p>Allerdings ahne ich nicht, dass das schlimmste St\u00fcck des Weges noch vor mir liegt: Die Stra\u00dfe ist eng und kurvenreich und nass und f\u00fchrt oft dicht an der Felswand vorbei. In Wellen kommt dichter Gegenverkehr. Erst geht es steil nach oben, dann steil nach unten. Und es gibt nicht eine einzige Entfernungsangabe. Ich habe zwischendurch sogar das Gef\u00fchl, dass ich auf der falschen Stra\u00dfe bin. Bin ich aber nicht.<\/p>\n<p>Es geht sogar direkt an der Zugspitze vorbei, an deren \u00f6sterreichischer Seite. Es gibt einen Aussichtpunkt, wo man sich die Zugspitze ansehen kann. Es gibt aber nichts zu sehen, alles liegt in den Wolken. Die Touristen machen dennoch flei\u00dfig Photos.<\/p>\n<p>Dann kommen mehrere Tunnel. Ich f\u00fchle mich alles andere als wohl bei der Fahrt, und bin erleichtert, als es endlich auf die Autobahn geht. Das Radio habe ich inzwischen ausgestellt, und das, obwohl man daran seine Freude haben kann: In den Nachrichten ist von der <em>Bolizei<\/em> die Rede, die schon im <em>J\u00e4nner<\/em> die Fahndung aufgenommen habe, in den Verkehrsnachrichten ist von einer <em>Sp\u00e4hre<\/em> die Rede, und im Wetterbericht von den <em>Dagesh\u00f6chstwerten<\/em>. Es handelt sich um Radio Tirol, und in dem Wetterbericht kommt wie selbstverst\u00e4ndlich auch Bozen vor.<\/p>\n<p>Vor Innsbruck fahre ich auf einen Parkplatz. Da soll es eine Touristeninformation geben. Die ist aber geschlossen. Es gibt nur ein \u00fcbelriechendes WC, und als ich im Regen dahin gehe, habe ich eine Gruppe von M\u00e4nnern im Blick, die ich f\u00fcr verd\u00e4chtig halte. Dummes Zeug.<\/p>\n<p>Auf der Weiterfahrt wirbt Innsbruck mit den Olympischen Ringen f\u00fcr sich. Zu Recht. Es war sogar zweimal Ausrichter der Spiele, 1964 und 1976.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, dass ich auf dieser Seite des Inn bleiben muss, aber dazu ist es vermutlich schon zu sp\u00e4t. Dazu h\u00e4tte ich die Ausfahrt davor nehmen m\u00fcssen. Auf jeden Fall wei\u00df ich, dass ich nach H\u00f6tting muss. Nur ist H\u00f6tting nicht ausgeschildert. Ich fahre durch die abgrundtief h\u00e4sslichen Au\u00dfenbezirke, immer weiter Richtung Zentrum, und dann komme ich wirklich \u00fcber eine Br\u00fccke. Jetzt bin ich wohl auf der richtigen Seite. Dann komme ich aber zu weit aus dem Zentrum raus und versuche, trotz des dichten Berufsverkehrs, wieder in die andere Richtung zu kommen. Es gibt aber an allen Ecken Abbiegeverbote und Einbahnstra\u00dfen (die hier Einbahn hei\u00dfen), und die Sache gestaltet sich schwierig. Am Ende schaffe ich es und frage einen Studenten. Der schickt mich wieder in die andere Richtung. Er ist aber so unsicher, dass ich dem Braten nicht traue. Ich warte, bis eine andere Studentin kommt, und die wei\u00df bestens Bescheid. Ich folge ihren Instruktionen und komme bald, \u00fcber die H\u00f6ttinger Auffahrt, eine ganz enge, steile Stra\u00dfe, die sich den H\u00fcgel raufwindet, nach H\u00f6tting. Die Gegend erinnert mich an einen h\u00f6her gelegenen Teil von Heidelberg.<\/p>\n<p>Hier kennt aber keiner das Hotel. Und den Namen der Stra\u00dfe, an der es liegt, hat noch nie gemacht geh\u00f6rt. Wohl aber von der H\u00f6ttinger Gasse, die auch Teil der Adresse ist. Ich drehe mich immer im Kreis, ohne es zu merken, und dann komme ich immer wieder oben an der H\u00f6ttinger Auffahrt aus. Endlich erkl\u00e4rt mir dann jemand, dass ich wieder ganz runter muss, an den Inn, und von dort die H\u00f6ttinger Gasse rauf. Das klappt hervorragend, und nach ein paar Hundert Metern kommt ein Hinweis auf das Hotel. Die \u2026 ist eine winzige Stichstra\u00dfe. Daher kennt sie keiner. Und daher hat das Hotel vorsichtshalber die H\u00f6ttinger Gasse der Adresse zugef\u00fcgt, ein Umstand, \u00fcber den wir uns am Vorabend noch gewundert haben.<\/p>\n<p>Das Hotel ist ungemein altmodisch, mit richtigen Schl\u00fcsseln und ohne Aufzug und einer vorsintflutlichen Einrichtung. Die Dusche ist etwas schwach auf der Brust, und im Fernseher empf\u00e4ngt man bei Schneegest\u00f6ber die beiden ersten Staatsprogramme und RTL 2.<\/p>\n<p>Mir soll das alles gleich sein. Ich mache gleich einen Spaziergang in die Innenstadt. Dahin gelangt man in k\u00fcrzester Zeit \u00fcber einen ganz steilen Fu\u00dfpfad, der gleich am Hotel beginnt. Er f\u00fchrt vorbei am Immobiliengesch\u00e4ft Meilenstein, an der orthographisch bedenklichen Mass-Schneiderei und am Caf\u00e9 Bubi.<\/p>\n<p>Schon der Blick vom H\u00f6ttinger Ufer aus auf die Innenstadt ist sehr sch\u00f6n. Und er tr\u00fcgt nicht.<\/p>\n<p>Die Innenstadt ist, im Gegensatz zum anderen Flussufer, ganz flach. Das erinnert entfernt an Budapest.<\/p>\n<p>Man kommt \u00fcber die Innbr\u00fccke, von der Innsbruck seinen Namen hat. Der Inn ist, wie alle Fl\u00fcsse in dieser Gegend, gr\u00fcn, und hier ist er breit und hat eine starke Str\u00f6mung.<\/p>\n<p>Die Altstadt ist ein richtiges Schatzk\u00e4stchen, mit sch\u00f6nen H\u00e4usern, die irgendwie alle gleich und doch alle anders sind. \u00dcber eine kleine Stra\u00dfe kommt man an einen l\u00e4nglichen Platz, fast eine Stra\u00dfe, an dessen vorderem Ende das Goldene Dachl liegt, Innsbrucks Wahrzeichen. Am anderen Ende verbreitet sich die Stra\u00dfe, ist aber eigentlich eine Verl\u00e4ngerung des Platzes. Das ist die Neustadt. Die Neustadt ist allerdings fast so alt wie die Altstadt. Die Altstadt wurde von den Grafen von Andechs angelegt, den eigentlichen Stadtgr\u00fcndern. Als die ohne Nachfolger ausstarben, ging die Stadt an die Grafen von Tirol. Und die legten die Neustadt an. Die Grafen von Tirol folgten dann die Habsburger, und aus dieser Zeit stammt das Goldene Dachl. Man hat also hier, in gro\u00dfer Dichte, die drei Dynastien zusammen, die Innsbruck sein Gesicht verliehen. Seine Glanzzeit erlebte Innsbruck unter den Habsburgern, vor allem unter Maximilian, dem \u201eletzten Ritter\u201c.<\/p>\n<p>Die Innenstadt ist auch jetzt noch voll von Touristen, vor allem weit angereisten: Chinesen, Amerikaner, Inder. In den Erdgeschossen der H\u00e4user befinden sich fast nur Gastronomie und Souvenirl\u00e4den. In gehe in einen Souvenirladen, der von einem Inder betrieben wird, um einen Reisef\u00fchrer zu kaufen. Ich werde wie selbstverst\u00e4ndlich auf Englisch angesprochen, und als ich nach einem Reisef\u00fchrer auf Deutsch frage, muss man erst hinter einem Vorhang danach suchen.<\/p>\n<p>Ich gehe noch in die Neustadt, auf der Suche nach einer Drogerie, und da donnert pl\u00f6tzlich ein Flugzeug direkt \u00fcber uns hinweg. Es fliegt quer \u00fcber die Stra\u00dfe und ganz knapp \u00fcber den H\u00e4usern. Da der Spuk ganz schnell vorbei ist, wirkt das Ganze etwas unwirklich. Es sollte am n\u00e4chsten Tag aber noch seine Fortsetzung haben.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">2. Oktober (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Wenn ich nicht schon Fr\u00fchaufsteher w\u00e4re, Innsbruck w\u00fcrde einen aus mir machen: Als die Kirchenglocken um sieben Uhr l\u00e4uten, sind schon zwei Flugzeuge \u00fcber das Hotel geflogen.<\/p>\n<p>Ich vermisse meinen Rasierschaum. Das scheint tats\u00e4chlich das einzige zu sein, was ich in den verschiedenen Asylheimen, in denen ich in den letzten Wochen untergekommen bin, vergessen habe. Es l\u00e4sst sich Ersatz besorgen. Eine Frau, die in der Drogerie vor mir an der Kasse ist, bittet den Kassierer um <em>ein kleines Sackerl<\/em> und sagt <em>Servus!<\/em> zum Abschied. Im Allgemeinen befinden sich die typisch \u00f6sterreichischen Gr\u00fc\u00dfe und \u00e4hnliche Ausdr\u00fccke aber auf dem absteigenden Ast. Das ist dem Tourismus und den deutschen Fernsehserien geschuldet. Tats\u00e4chlich werde ich hier oft mit <em>Hallo!<\/em> oder sogar <em>Guten Tag!<\/em> begr\u00fc\u00dft.<\/p>\n<p>Am Morgen bietet die Innenstadt ein anderes Bild als am Abend: Gesch\u00e4ftsleute, Hausfrauen, Hundebesitzer, Schulkinder, Bauarbeiter statt Touristen. Aktentasche statt Kamera.<\/p>\n<p>Gleich am Eingang zur Altstadt f\u00e4llt mir ein Haus auf, allerdings nur wegen einer winzigen Sitzbank unter einem sehr niedrigen Holzdach neben dem Eingang. Keine Ahnung, wozu die dient. Das Haus ist die Ottoburg, ein sp\u00e4tmittelalterlicher Wohnturm. Wie kommt sie dazu, <em>Ottoburg<\/em> zu hei\u00dfen? Ottos Burg, ist doch klar. So stellten sich auch das die Menschen vor, als sie ihr diesen Namen gaben (XVIII). Der Otto, den sie meinten, war Herzog Otto von Andechs. Der galt als einer der Stadtgr\u00fcnder. So wurde aus der <em>\u00d6ttburg<\/em> (XVII) die <em>Ottoburg<\/em>. Die <em>\u00d6ttburg<\/em> hie\u00df vorher aber <em>\u00d6dburg<\/em> (XVI). Sie war \u00f6de, also \u201aleer\u2018. Sie wurde zwar noch bewohnt, aber, nach dem Tod von Rudolf von Anhalt, nicht mehr von Adeligen, nur noch von B\u00fcrgerlichen, und die \u201ez\u00e4hlten\u201c nicht. Also war die Burg leer. Mit Otto nichts zu tun. Die Burg m\u00fcsste also eher <em>Rudolfsburg<\/em> hei\u00dfen oder <em>Maximiliansburg<\/em>. Denn der hatte Rudolf die Burg vermacht. Womit wir bei dem wichtigsten Mann von Innsbruck w\u00e4ren, Maximilian I. von Habsburg, dem \u201eLetzten Ritter\u201c. Der wird mich noch den ganzen Tag verfolgen.<\/p>\n<p>Gleich anschlie\u00dfend an die Ottoburg, ohne Zwischenraum, weitere repr\u00e4sentative Geb\u00e4ude, ein barockes zwischen zwei gotischen. Das hat seinen Grund: Das barocke Geb\u00e4ude, urspr\u00fcnglich zusammen mit dem links davon das alte Regierungsgeb\u00e4ude, wurde bei einem Erdbeben (XVII) zerst\u00f6rt und dann barock wiederaufgebaut!<\/p>\n<p>In einem dieser Geb\u00e4ude die Piano-Bar und gegen\u00fcber die Goethe-Stube. Goethe war wohl auf dem Weg nach Italien hier. Der Ruf der R\u00f6sti der Piano-Bar ist bis nach Trier gedrungen.<\/p>\n<p>Gleich an der Ecke zum zentralen Platz der Altstadt \u2013 ob es eine Stra\u00dfe oder ein Platz ist, ist kaum zu entscheiden \u2013 liegt das\u00a0 H\u00f6blinghaus. Es fehlt in keinem Reisef\u00fchrer. Ein gotisches B\u00fcrgerhaus mit reichem barocken Stuck an der Fassade.<\/p>\n<p>Schr\u00e4g gegen\u00fcber das Goldene Dachl, Innsbrucks Wahrzeichen. Das Goldene Dachl steht metonymisch f\u00fcr den langen Erker, der einen Gro\u00dfteil der Fassade einnimmt und damit f\u00fcr das gesamte Haus, die Residenz der Tiroler Landesf\u00fcrsten. Das Goldene Dachl, mit mehreren Hundert vergoldeten Dachschindeln, wurde zur Hochzeit Maximilians mit seiner zweiten Frau errichtet.<\/p>\n<p>Am Katzunghaus, weiter den Platz hinunter, sieht man am Erker mittelalterliche Reliefs, die Musikanten, Spielleute und Turniere darstellen, die auf diesem Platz stattfanden.<\/p>\n<p>\u00dcberall sieht man Wirtshauszeichen, auch da, wo gar keine Wirtsh\u00e4user mehr sind. Zwischen denen auch ein dezentes gelbes M.<\/p>\n<p>Die Seilergasse ist nach den Seilern benannt, die hier residierten, und die Riesengasse gegen\u00fcber nach den \u2026 Nein, nach einer Kaufmannsfamilie namens Ryss.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he das Haus der Tiroler Landst\u00e4nde. Auch die kamen nach Innsbruck, nachdem die Grafen von Tirol es zu ihrer Residenz gemacht hatten.<\/p>\n<p>Dahinter ein Haus, indem Leopold Mozart mit seinem Vater residierte und Konzerte gab.<\/p>\n<p>Die Altstadt wird von der Neustadt durch den Burggraben abgetrennt, heute nur noch eine Stra\u00dfe dieses Namens. Hier befindet sich auch die Touristeninformation. Und da finde ich Ansichtskarten mit dem wunderbaren Werbespruch der \u00f6sterreichischen Tourismusindustrie: <em>No kangaroos in Austria<\/em>. Steht, zusammen mit dem Bild eines K\u00e4ngurus, auf einem schwarz-gelben Verkehrsschild, wie man sie in Australien hat.<\/p>\n<p>Die Neustadt ist der Altstadt \u00e4hnlich, hat aber viel breitere Geb\u00e4ude, die oben einen geraden Abschluss haben oder ein Tympanon oder eine Volute. Am Ausgang des Platzes werden die Fassadenfarben auch auff\u00e4lliger: Wei\u00df, Violett, Rosa.<\/p>\n<p>Im Zentrum der Neustadt steht die Annas\u00e4ule. Oben auf der Annas\u00e4ule steht \u2013 Maria. Ihre Mutter hat nur einen Platz unter den vier Heiligen auf dem Podest gefunden, zusammen mit Georg, Kaspian und Vigilius. Georg hat ein d\u00fcnnes verspieltes goldenes Schwert, mit dem man nie im Leben einen Drachen t\u00f6ten k\u00f6nnte. Die S\u00e4ule wurde errichtet zum Gedenken an den Abzug der Bayern (1703), am St.-Anna-Tag.<\/p>\n<p>Im Stra\u00dfenpflaster der Neustadt sind die Namen der Partnerst\u00e4dte von Innsbruck eingetragen, samt Entfernungen: Freiburg (379), Grenoble (494), Krakau (701), New Orleans (8471), Sarajewo (665) und Tiflis (2705). Grenoble und Freiburg leuchten ja ein, und an Krakau f\u00fchle ich mich auf dem hinteren Teil der Neustadt sogar erinnert, aber New Orleans? Kann man sich unterschiedlichere St\u00e4dte vorstellen?<\/p>\n<p>Die Neustadt weist auch das kleinste Haus Innsbrucks auf (2,11), gro\u00df genug, um jetzt <em>United Coffees<\/em> zu beherbergen. Hier war urspr\u00fcnglich der Durchgang zu dem dahinterliegenden Friedhof und die einzige Baul\u00fccke im geschlossenen Geb\u00e4udekomplex der Neustadt, aber als der Friedhof aufgegeben wurde, schloss man auch diese L\u00fccke. Mir f\u00e4llt allerdings auf, dass man zwischen den H\u00e4usern, im Gegensatz zur Altstadt, Lichtsch\u00e4chte gelassen hat, nur werden die vom Platz aus von Regenrinnen verdeckt.<\/p>\n<p>Von der Neustadt aus hat man einen hervorragenden Blick in die Altstadt. Leider liegen die Berge dahinter noch immer im Dunst. Die w\u00fcrden das Bild komplettieren.<\/p>\n<p>Ich gehe zur\u00fcck zur Altstadt und ins Goldene-Dachl-Museum. Die Bezeichnung ist irref\u00fchrend. Es ist ein Maximilian-Museum. Auf den Balkon unter dem Goldenen Dachl darf man nicht, so dass man von den Reliefs und Bemalungen oben genauso wenig sieht wie unten. Allerdings lohnt sich der Blick hinunter auf den Platz. Und im Museum ist zumindest ein zentrales Relief zu sehen, n\u00e4mlich das von Maximilian mit seinen beiden Frauen. Obwohl das Goldene Dachl aus Anlass der Hochzeit mit der zweiten Frau, Bianca Maria Sforza aus Mailand, errichtet wurde. Seine Witwe, Maria von Burgund, ist dennoch neben ihr zu sehen. Maria von Burgund war vom Pferd gefallen und get\u00f6tet worden. Es hei\u00dft, die erste Heirat sei eine Liebesheirat gewesen, die zweite nicht unbedingt.<\/p>\n<p>In der eigentlichen Ausstellung, einem runden Raum mit ged\u00e4mpftem Licht, gibt es au\u00dferdem Silberm\u00fcnzen aus der Zeit Maximilians zu sehen, Zahlungsmittel und Gedenkm\u00fcnzen. Maximilian, der Innsbruck zu der Hauptstadt seines Reiches machte, hatte Tirol vor allem so lieb, weil es reich war, und der Reichtum beruhte haupts\u00e4chlich auf den Silberminen. Am Ende, hei\u00dft es, war Maximilian in Tirol nicht mehr sehr beliebt. Auf seiner letzten Reise verweigerten die Wirte die Aufnahme. Er hatte einfach zu viele Schulden gemacht. Das soll der Hintergrund sein f\u00fcr das Lied <em>Innsbruck, ich muss dich lassen<\/em>.<\/p>\n<p>Dann sieht man ein Kinderspielzeug von Maximilian, ein Ritter auf einem Pferd. Das Reiten blieb, nach eigener Aussage, sein Leben lang seine Lieblingsbesch\u00e4ftigung.<\/p>\n<p>Dann eine schmiedeeiserne Ofent\u00fcr mit Jagdszenen im Relief. Die Jagd war Maximilians zweite Lieblingsbesch\u00e4ftigung. Und konnte vermutlich oft mit der ersten kombiniert werden. Am liebsten jagte er G\u00e4mse. Er lie\u00df genaue Aufzeichnungen \u00fcber das Vorkommen und die Lebensweise der G\u00e4mse machen und erfand selbst Ausr\u00fcstungsgegenst\u00e4nde f\u00fcr die Jagd, darunter eine \u201eHirnkappe\u201c. Bei der Jagd konnte jeder zu ihm kommen und Anliegen vortragen. Das trug entscheidend zu seiner Popularit\u00e4t bei.<\/p>\n<p>Man sieht auch zwei Portraits von Maximilian. Eins zeigt ihn als Privatmann, eins als \u00a0Monarch, mit Zepter, Schwert und Goldenem Vlies. Die unvorteilhafte Habsburger-Nase ist bei dem Staatsportrait abgeflacht.<\/p>\n<p>Au\u00dferhalb dieses Raums gibt es jede F\u00fclle von Karten, Tafeln, Reproduktionen zu Maximilian. Ein Teil steht unter der \u00dcberschrift <em>Tu, felix Austria nube<\/em>. Der erste Teil des Mottos, <em>Bella gerant alii<\/em>, ist vorsichtshalber ausgespart. Kriege wurden unentwegt gef\u00fchrt, aber die Heiratspolitik der Habsburger war wirklich \u00fcberw\u00e4ltigend. An einer mehrfarbigen Karte kann man hier gut sehen, wie das Reich sich immer weiter ausdehnte. Maximilian selbst war mit gutem Beispiel vorangegangen: Durch seine Heirat mit Maria von Burgund war Burgund zu den Stammlanden hinzugekommen. Sein Sohn Philip (der Sch\u00f6ne) heiratete dann Johanna (die Wahnsinnige). Dadurch kamen Kastilien und Aragon (auch gerade erst vereint), ganz S\u00fcditalien und das Riesenreich in Lateinamerika hinzu. Dann kam es zu der ber\u00fchmten Doppelhochzeit in Wien, bei der zwei Enkel Maximilians verheiratet wurden, wobei Maximilian f\u00fcr den einen, Ferdinand, einsprang. Der hatte gerade etwas Besseres zu tun als zu heiraten. Vermutlich Kriege f\u00fchren. Also heiratete Maximilian (56) stellvertretend Anna (12), und Maria (9) heiratete Ludwig (9). Habsburg verband sich mit den Jagellonen. So kamen auch B\u00f6hmen und Ungarn an Habsburg, die Grundlage der \u00d6sterreich-Ungarischen Doppelmonarchie. Dazu waren zwar noch ein paar gl\u00fcckliche Todesf\u00e4lle n\u00f6tig, aber die traten dann tats\u00e4chlich ein! Was Maximilian nicht wissen konnte: Seinem Enkel, Karl V., wuchs die Sache am Ende \u00fcber den Kopf. Er teilte das Riesenreich auf, zwischen seinem Bruder und seinem Sohn!<\/p>\n<p>Nebenbei wurde Maximilian auch noch Kaiser des R\u00f6mischen Reiches. Dazu wurde man vom Papst in Rom gekr\u00f6nt. Man brauchte dazu nat\u00fcrlich dessen Einverst\u00e4ndnis. Die hatte Maximilian noch nicht, machte sich aber trotzdem auf den Weg nach Rom. Dort wurde ihm vom Dogen von Venedig die Passage verweigert. Maximilian lie\u00df sich kurzerhand, statt sich kr\u00f6nen zu lassen, in Triest zum Kaiser ausrufen! Und machte sich damit unabh\u00e4ngig vom Papst.<\/p>\n<p>Interessant auch die Sektion zum Rechtswesen. Hier war Maximilian ein echter Erneuerer. Er schuf als erster ein einheitliches und kodifiziertes Recht im deutschsprachigen Raum, das den sch\u00f6nen Namen <em>Malefizordnung<\/em> (1499) tr\u00e4gt. Man macht sich nicht klar, wie es sein muss, wenn man f\u00fcr einen Diebstahl an einem Ort einen Tracht Pr\u00fcgel bekommt, an einem anderen die Hand abgehackt bekommt. Erfundene Beispiele, aber nicht ganz aus der Luft gegriffen. Es war ohnehin so, dass der Staat kein Rechtsmonopol hatte. Die Gerichtsbarkeit konnte auf Privatpersonen \u00fcbertragen werden. Man kann sich gut vorstellen, dass es dabei zu Problemen kam und oft auch zu Willk\u00fcr. In den Gerichtsverfahren gab es keine Verteidiger, nur den Richter und die Geschworenen. Eine Verurteilung war nur bei einem Gest\u00e4ndnis m\u00f6glich. Daher die \u201eNotwendigkeit\u201c der Folter!<\/p>\n<p>Maximilians Modernit\u00e4t wird am deutlichsten in der Weise, wie er den Buchdruck, noch ganz neu, f\u00fcr seine Zwecke ausnutzte. Wie die Baukunst setzte er ihn gezielt als Werbemittel ein, zur Erinnerung an seine Herrschaft und seine Person. Diese Schriften waren, im Gegensatz zu den gelehrten Schriften der Zeit, auf Deutsch verfasst! Man sieht hier ein Faksimilie des <em>Theuerdank<\/em>, einer quasi-autobiografischen Schrift, in der Maximilian in der Person des Ritters Theuerdank auftritt. Abenteuer, Minnedienst, Ehre, Treue, Jagd, all das zeichnet Theuerdank aus.<\/p>\n<p>In seinem Schlafgemach lie\u00df Maximilian einen Denkspruch anbringen, den ihn als Menschen zeigt, als nachdenklichen Menschen: <em>Ich leb und wei\u00df nit wie lang,\/Ich stirb und wei\u00df nit wann,\/Ich fahr und wei\u00df nit wohin,\/Mich wundert, dass ich fr\u00f6hlich bin<\/em>.<\/p>\n<p>Als ich aus dem Museum komme, kl\u00e4rt das Wetter auf, aber es f\u00e4ngt an zu regnen. Ich gehe durch ein Tor aus der Altstadt hinaus zur Hofkirche. Die sieht von au\u00dfen mit einem schlichten Renaissance-Portal einfach genug aus, aber wenn man reinkommt, trifft einen der Schlag! Man steht direkt vor einem monumentalen Grabmal, das so gro\u00df ist, dass man die Kirche kaum wahrnimmt. Und das kommt nicht von ungef\u00e4hr: Die Kirche wurde f\u00fcr das Grabmal gebaut!<\/p>\n<p>Bei n\u00e4herem Hinsehen gibt es dann doch noch ein paar Ausstattungsst\u00fccke aus der alten Renaissance-Kirche: die Orgel, die Uhr, die Holzempore im Chor.<\/p>\n<p>Hinten in der Kirche befindet sich das Grabmal f\u00fcr Andreas Hofer, den Tiroler Freiheitshelden, mit Gewehr und Fahne mit Trauerflor, einen breitkrempigen Hut zu F\u00fc\u00dfen, vor einer Felslandschaft. Sein Blick geht sehnsuchtsvoll in die Ferne, in das freie Tirol, will man meinen.<\/p>\n<p>Eine \u00fcberraschende Verbindung zu Schweden gibt es dann auch noch zu entdecken: Dies ist die Kirche, in der Christina, auf ihrem Weg nach Rom, zum katholischen Glauben \u00fcbertrat. Ein riesiger Affront gegen das protestantische Schweden.<\/p>\n<p>Das Grabmal \u2013 wen wundert es? \u2013 ist das Grabmal f\u00fcr Maximilian. Es ist geradezu paradox, dass es leer ist. Maximilian ist in Wiener Neustadt begraben!<\/p>\n<p>Um das eigentliche Grabmal herum stehen auf vier Seiten 28 (von 40 geplanten) lebensgro\u00dfen Figuren aus Eisen, einige ausgef\u00fchrt schon zu Maximilians Lebzeiten, andere erst zur Zeit Ferdinands, seines Enkels. Drei stammen von D\u00fcrer, zwei von Veith Sto\u00df. Unter den 28 sind immerhin 8 Frauen, viele davon mit einem Buch, das sie mit einem Finger aufgeschlagen halten. Sie tragen bestickte Gew\u00e4nder und Kronen und Hauben, von denen einige geradezu orientalisch aussehen. Die M\u00e4nner, Herz\u00f6ge und K\u00f6nige, in mittelalterlichen R\u00fcstungen oder in Renaissance-Outfit, mit Wams, tailliert und gepolstert, mit Kniehosen, Krause und Barett. Sieht irgendwie witzig aus. Und bequemer als die Mode anderer Zeiten.<\/p>\n<p>Bei einem der Ritter ist vorne eine deutliche Schwellung zu sehen, und die R\u00fcstung ist an dieser Stelle hell gestrichen durch die vielen Ber\u00fchrungen der Besucher.<\/p>\n<p>Die Gestaltung des Grabmals ist nat\u00fcrlich Programm: Die Statuen stellen (echte und imagin\u00e4re) Vorg\u00e4nger Maximilians da, darunter, trotz ihres Erscheinungsbildes, auch K\u00f6nig Artus und Dietrich von Bern, eine gro\u00dfe Verk\u00fcndung der Legitimation der Herrschaft der Habsburger.<\/p>\n<p>Im Zentrum steht das Kenotaph selbst, doppelst\u00f6ckig, mit Relief von Ereignissen aus dem Leben Maximilians, hinter einem schwarzen Gitter mit goldenem Laubwerk. Oben auf die kniende Statue Maximilians.<\/p>\n<p>Als ich aus der Kirche komme, ist es heller und w\u00e4rmer geworden und es regnet nicht mehr. Jetzt ist mein Sommer-Outfit passender als am Morgen. Ich setze mich auf eine Parkbank, zwischen eine Frau mit einer dicken Steppjacke und einem jungen Mann mit entbl\u00f6\u00dftem Oberk\u00f6rper, ein Zigarillo in der einen, eine Dose Bier in der anderen Hand.<\/p>\n<p>Von hier aus sieht man auf die breite, wei\u00dfe Fassade der klassizistischen Hofburg. Bei einem l\u00e4ngeren Aufenthalt w\u00e4re sie fast Pflicht. Im Zentrum des Platzes sieht man ein Reiterstandbild mit einer statischen Besonderheit und dahinter einen pr\u00e4chtigen Baum und durch den Baum das klassizistische Landestheater. Was es mit dem Reiterstandbild auf sich hat, erkl\u00e4rt mir der Reisef\u00fchrer: Das Pferd b\u00e4umt sich nach vorne auf, so dass die Hinterh\u00e4nde oben, \u201ein der Luft\u201c, sind. Trotzdem st\u00fctzt es sich nicht, wie man das sonst macht, mit dem Schweif auf dem Boden ab, als Bodenhaftung sozusagen.<\/p>\n<p>Der Dom liegt in der Pfarrgasse. Das hat seinen Grund: Bis zur Erhebung von Innsbruck zur Di\u00f6zese war er Pfarrkirche.<\/p>\n<p>In der Pfarrgasse liegt ein Caf\u00e9 mit dem nicht unproblematischen Namen CU und ein Gesch\u00e4ft mit dem Namen <em>Tiroler Wachszieher und Lebherzen<\/em>. Was das wohl ist?<\/p>\n<p>Im Dom dominiert die Ovale, in Fenstern, in Mosaiken, an der Decke, in Fresken, am Boden. Es gibt ein paar sch\u00f6ne Beispiele f\u00fcr die barocke Lust an der T\u00e4uschung. In den Zwickeln der Vierung sieht man die Evangelisten Johannes und Lukas mit ihren Symbolen. Man k\u00f6nnte schw\u00f6ren, dass die Hand mit der Feder, die Fl\u00fcgel des Adlers, das Pult von Lukas aus der Wand heraustreten, aber es ist alles gemalt.<\/p>\n<p>Das Gegenst\u00fcck dazu findet sich in der m\u00e4chtigen Orgel auf der Empore im Westen. Zwischen den gro\u00dfen Orgelpfeifen links und rechts sind in der Mitte die kleineren angebracht, nach innen hin immer kleiner werdend. Vor ihnen ein Weg, der sich nach hinten hin verj\u00fcngt. Es sieht so aus, als w\u00e4ren die Orgelpfeifen S\u00e4ulen, die einen Weg begrenzen. Man kann den Weg f\u00f6rmlich entlang gehen, meint man. So sieht es jedenfalls von der Vierung aus. Je n\u00e4her man der Orgel kommt, umso mehr verschwindet der Effekt. Am Ende ist alles flach.<\/p>\n<p>Nach dem Dom gehe ich dann in die Piano-Bar zu frischgemachten R\u00f6sti und einem \u00f6sterreichischen Wei\u00dfwein. Eine routinierte, souver\u00e4ne Kellnerin mit einer etwas schnodderigen Art, bei der Freundlichkeit sozusagen einprogrammiert ist, bedient mich.<\/p>\n<p>Als ich aufstehe, h\u00f6rt man zwei laute Knalle, wie bei einer Explosion, so pl\u00f6tzlich und so erschreckend, dass einige Kellnerinnen aus den umliegenden Wirtschaften herausgelaufen kommen. Die Touristen blicken kurz auf und sch\u00fctteln den Kopf.<\/p>\n<p>Als ich dann noch mal in der Neustadt bin, fliegt wieder ein Flugzeug direkt \u00fcber unseren K\u00f6pfen her, aber diesmal ist es sogar ein Starfighter. Ist das normal? Man hat den Eindruck, dass die Fenster klirren und die W\u00e4nde wackeln.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehe ich dann noch eingangs der Altstadt die Statue von Vater und Sohn, die ich am Morgen \u00fcbersehen habe, gleich vor der Ottoburg. In geb\u00fcckter Haltung sehen die beiden in die Ferne (hier auf die andere Innseite), mit forschendem, argw\u00f6hnischem Blick, nicht ganz frei von Angst. Ein Gewehr liegt zwischen ihnen auf dem Boden. Das Denkmal erinnert an den Tiroler Freiheitskampf. Nach der Niederlage gegen Napoleon musste \u00d6sterreich Tirol an Bayern abtreten. Von da an hie\u00df Tirol <em>S\u00fcdbayern<\/em>! Dagegen richtete sich der Freiheitskampf. Der blieb erfolglos, aber nach dem Wiener Kongress kam Tirol wieder zu \u00d6sterreich. Sieg der Diplomatie \u00fcber die Waffen.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg zu dem Hotel wird es merklich k\u00fchler, wenn man nach oben kommt. Komisch, dass die paar Meter etwas ausmachen. Eine Frau mit Stock und Kopftuch qu\u00e4lt sich den Berg hoch. Sie ist mit ihrer altmodischen Kleidung das Pendant zu den modisch gekleideten Musliminnen im Zentrum. Beide verbindet das Kopftuch.<\/p>\n<p>Als ich im Hotel den Fernseher anmache, hei\u00dft eine der Meldungen: Eurofighter in Innsbruck notgelandet.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">3. Oktober (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Von der Sonne vom Vortag ist nichts mehr \u00fcbrig. Dichte Wolken. Zeit zum Aufbruch.<\/p>\n<p>Damit ich \u00fcberhaupt aufbrechen kann, muss ein Angestellter des Hotels mehrere Autos in der engen Einfahrt des Hotels, die als Notbehelfsparkplatz dient, umrangieren.<\/p>\n<p>Es geht durch die engen Gassen H\u00f6ttings, am Salon Anny und an der Frau-Hitt-Stra\u00dfe vorbei. Dichter Berufsverkehr, aber ich schaffe es irgendwie, der komplizierten Beschreibung des M\u00e4dchens von der Rezeption zu folgen und ins Zentrum zu kommen. Dabei lande ich wieder an der H\u00f6ttinger Auffahrt, wo ich am Tag der Ankunft herumgekurvt bin auf der Suche nach dem Hotel.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite sieht man auf einer Erhebung eine Sprungschanze, und im Zentrum komme ich an dem Heizungsgesch\u00e4ft <em>Energiebig<\/em> vorbei.<\/p>\n<p>Es gilt immer wieder, abzubiegen, sich einzuordnen, und die letzte Abfahrt schaffe ich nur im letzten Moment, aber dann befinde ich mich auf der Stra\u00dfe, die Richtung Brenner f\u00fchrt, der auf Italienisch komischerweise Brennero hei\u00dft.<\/p>\n<p>Der Rio qu\u00e4lt sich mit 80 km\/h die Stra\u00dfe rauf. Sieht gar nicht so steil aus. Die Fahrt ist nicht gerade die reinste Freude: Baustellen, Mautstellen, dichter Verkehr, tr\u00fcbes Wetter. Lastwagen, Wohnwagen, Reisebusse, PKWs. Das \u00f6sterreichische Radio l\u00e4sst keinen Zweifel aufkommen: es ist viel mehr los als sonst, und das liegt am Feiertag in Deutschland. Den Staumeldungen zufolge habe ich noch Gl\u00fcck gehabt, dass ich nicht mehr auf dem Weg von F\u00fcssen nach Innsbruck bin.<\/p>\n<p>Nach nicht einmal vierzig Kilometern kommt die italienische Grenze. H\u00e4tte nicht gedacht, dass die so nahe bei Innsbruck ist. Der \u00dcbergang ist ganz anders, als ich ihn mir vorgestellt habe. Ich hatte gedacht: Man f\u00e4hrt in Nordeuropa in einen langen Tunnel rein und kommt am anderen Ende des Tunnels in S\u00fcdeuropa aus. Der Tunnel ist erstens gar nicht lang, und zweitens \u00e4ndern sich weder die Landschaft noch das Wetter schlagartig.<\/p>\n<p>Komischerweise bin ich noch nie mit dem Auto in Italien gewesen obwohl ich doch schon so oft hier war.<\/p>\n<p>In \u00d6sterreich 1 bekomme ich kurz vor neun gerade noch das Ende einer Sendung \u00fcber Papyrus mit. Schade, um jede Minute, die ich verpasst habe. Papyrus ist empfindlich gegen Sonne und Feuchtigkeit, aber wenn die beiden Faktoren wegfallen, so wie im W\u00fcstensand \u00c4gyptens, erh\u00e4lt er sich ausgezeichnet und verblasst h\u00f6chstens ein wenig. Papyrus wurde nicht, wie man meinen k\u00f6nnte, schlagartig von Pergament verdr\u00e4ngt, sondern beide bestanden jahrhundertelang nebeneinander. Erst das Papier verdr\u00e4ngte beide. Papier gab es in China schon im 2. Jahrhundert, aber seine Herstellung wurde wie ein Staatsgeheimnis geh\u00fctet. Erst nach einem arabisch-chinesischen Krieg gelang es den Arabern, mit Mitteln, die wir nicht kennen, den Chinesen das Geheimnis zu entlocken. Die Araber brachten die Technik mit nach Hause. Allerdings gab es ein Problem: Die Chinesen nutzten den Maulbeerbaum als Rohstofflieferer, und im Nahen Osten gab es schon damals nur noch wenige B\u00e4ume. Die Araber fanden eine andere L\u00f6sung: Als Rohstoff nutzten sei Kleiderstoffe! Muss man erst mal drauf kommen.<\/p>\n<p>Da die Entfernung nach Verona nicht so gro\u00df ist, kommt ein Halt unterwegs in Frage. Bozen, Brixen, Meran, Trient? Ich kenne keine der St\u00e4dte. Trient, das mich wegen des tridentinischen Konzils seit Studententagen verfolgt, ist eine Nummer zu gro\u00df f\u00fcr einen Zwischenstopp. Meran liegt etwas abseits des Weges. Bleiben Bozen und Brixen. Mit dem sicheren Gesp\u00fcr f\u00fcr die falsche Entscheidung w\u00e4hle ich Brixen, wegen des Cusanus.<\/p>\n<p>Das erste Problem gibt es bei der Ausfahrt, an der Mautstelle. Ich muss 2,90 bezahlen. Ich schiebe einen 5-Euro-Schein in das Fach. Der kommt wieder raus. Dann versuche ich es noch mal, dann noch mal anders herum. Immer wieder kommt er raus. Ich sch\u00e4tze mein Kleingeld ab. M\u00fcsste reichen. Reicht aber nicht. Ich habe aber schon angefangen, es einzuwerfen. Ich versuche es wieder mit dem Geldschein. Wieder nichts. Der Automat, der im \u00dcbrigen nur Italienisch spricht, fordert mich auf, das Fahrzeug zu verlassen. Ich versuche es vorher noch mal mit dem Geldschein, und jetzt klappt es pl\u00f6tzlich. Das Wechselgeld und die vorher eingeworfenen M\u00fcnzen kommen klimpernd hinaus. Es klingt wie an einem Spielautomaten. Ich greife in die Schale, um das Kleingeld zu fassen zu bekommen. Dabei fallen ein paar M\u00fcnzen auf den Boden. Ich lasse sie liegen. Hinter mir hat sich inzwischen eine Schlange gebildet.<\/p>\n<p>Dabei habe ich das Privileg, auf der ganzen Strecke mit Euros auszukommen. Vor gut zehn Jahren h\u00e4tte ich auf dieser Fahrt noch D-Mark, Schilling, Lira und Drachme ben\u00f6tigt.<\/p>\n<p>Nach kurzer Zeit kommt Brixen zum Vorschein. Vom Auto aus sieht es aus wie ein deutscher Kurort. Gepflegt, aber nichtssagend. Am Wegesrand werden \u00fcberall \u00c4pfel angeboten, zweisprachig: <em>\u00c4pfel \u2013 Mele<\/em>. Das deutsche Wort erscheint, etwas trotzig, immer zuerst. So auch bei den offiziellen Schildern: <em>Krankenhaus \u2013 Ospitale<\/em>.<\/p>\n<p>In Brixen, habe ich vorher gelesen, gilt auf bestimmten Strecken ein Fahrverbot f\u00fcr bestimmte Fahrzeuge. Ob meins dazuz\u00e4hlt, wei\u00df ich nicht. Auf jeden Fall ist alles hochkompliziert. Man muss sich durch einen dichten Schilderwald hindurchfinden und dabei Richtungsanzeigen beachten, die anderen Fahrzeuge nicht zu vergessen. Im Kreisverkehr gilt in Italien die Regel rechts vor links, aber nicht alle scheinen die Regel zu kennen oder sich daran zu halten.<\/p>\n<p>\u00dcberall gibt es Hinweisschilder zu Hotels, aber nirgends zu Parkpl\u00e4tzen, au\u00dfer zu einem f\u00fcr Busse. Da versuche ich trotzdem hinzukommen, vergebens. Das komplizierte System mit den vielen Sonderregeln bringt mich von Weg ab. Irgendwann finde ich an einem Seitenstreifen einen Platz auf einem markierten Feld. Ich steige aus und sehe mir an, welche Regeln hier gelten. Ist das vielleicht nur ein Parkplatz f\u00fcr Anlieger? Abschleppen kann ich wirklich nicht gebrauchen. Ein Autofahrer, der gleich hinter mir steht, sieht mich warnend an, und ich ziehe Leine. Wieder beginne ich, durch das Zentrum zu kreuzen. Als ich dann an einer Kreuzung ankomme, an der die Einfahrt in alle drei Stra\u00dfen verboten ist \u2013 Einbahnstra\u00dfe, Durchfahrtverbot, von 9-17 gesperrt \u2013 gebe ich auf und fahre zur Autobahn zur\u00fcck. Leichter gesagt als getan. Es ist nur der Brenner ausgeschildert, keine andere Richtung. Da Brenner aber auf jeden Fall falsch ist, fahre ich in eine andere Richtung und kommt nach zehn Minuten nach \u2013 Brixen. Ich versuche es wieder, und diesmal komme ich \u00fcber eine unendliche Landstra\u00dfe Richtung Bozen. Da stimmt wenigstens die Richtung. Ob ich nach Modena oder nach Bozen muss, ist mir nicht klar. Manchmal erscheint ein Schild <em>Autostrada<\/em>, einmal auch <em>Autostrade<\/em>, manchmal auch A22, aber wohin ich muss, ist mir lange nicht klar. Irgendwann erscheinen dann A22 und Modena zusammen. Das ist es.<\/p>\n<p>Verona liegt schon im Veneto. Das ist historisch ganz einleuchtend. Verona hat jahrhundertelang zur Republik Venedig geh\u00f6rt, bis zu deren Ende in den franz\u00f6sischen Revolutionskriegen, f\u00fcr mich schon eine kleine Vorblende auf Kreta, das auch jahrhundertelang zu Venedig geh\u00f6rte. Sogar die Zeitspanne ist ungef\u00e4hr gleich: etwa 400 Jahre. Es gab in dieser Zeit eine kleine Parenthese, ein paar Jahre, in den Verona den Besitzer wechselte. Da geh\u00f6rte es zu Habsburg, und zwar ausgerechnet unter Maximilian! Sp\u00e4ter geh\u00f6rte Verona dann abwechselnd zu Frankreich und zu \u00d6sterreich, und eine Zeitlang waren sogar das Westufer franz\u00f6sisch und das Ostufer \u00f6sterreichisch.<\/p>\n<p>Bei der Ausfahrt nach Verona werde ich wieder zur Kasse gebeten: 13\u20ac. Ich versuche es mit einem 10-Euro-Schein. Wird nicht akzeptiert. Dann mit einem 5-Euro-Schein. Wird nicht akzeptiert. Dann beide noch einmal. Nichts. Dann versuche ich es mit einem 50-Euro-Schein. Klappt auf Anhieb. Jetzt f\u00e4llt der Groschen (passendes Bild!): Die Automaten erkennen die neuen Scheine nicht! Der F\u00fcnfziger ist noch von der alten Sorte.<\/p>\n<p>Ich parke das Auto direkt hinter der Mautstelle. Hier ist alles laut, h\u00e4sslich, Grau in Grau. Und kein Sonnenstrahl zu sehen. Auf Umwegen komme ich zu einer Tankstelle mit einem Caf\u00e9. Das Caf\u00e9 ist schmuddelig und h\u00e4sslich. Bei der streng blickenden Frau hinter der Theke, mit m\u00e4nnlichen Gesichtsz\u00fcgen, athletischem K\u00f6rper und T\u00e4towierungen auf den Armen, bestelle ich einen Cappuccino. Und sofort merkt man, dass man in Italien ist: Der Cappuccino ist hervorragend, zwei Klassen besser als den, den ich in den letzten Tagen in F\u00fcssen und in Innsbruck bekommen habe.<\/p>\n<p>Ich frage die Frau nach Porta Palio, und sie verweist mich an zwei Fahrer, die neben mir stehen. Die wissen bestens Bescheid und erkl\u00e4ren mir den Weg.<\/p>\n<p>Italienisch klappt auf Anhieb, sprechen und verstehen. Auf Anhieb stimmt allerdings wohl nicht ganz. Ich habe Radio geh\u00f6rt, und das Gehirn steht seit ein paar Tagen auf Italienisch.<\/p>\n<p>Der Weg in die Stadt ist noch weit. Es geht durch das Messeviertel, und als ich im Zentrum ankomme, habe ich den \u00dcberblick \u00fcber die Ampeln verloren. Ich soll an der vierten abbiegen. Es sind alle m\u00f6glichen Hotels angek\u00fcndigt, aber meins ist nat\u00fcrlich nicht darunter. Au\u00dferdem ist die Arena ausgeschildert, ein Name, der nichts mit der Arena der deutschen St\u00e4dte zu tun hat, sondern das Amphitheater meint. Obwohl Arena metonymisch f\u00fcr das ganze Geb\u00e4ude steht, bezeichnet es urspr\u00fcnglich nur den Sand. Der Bezug ist aber nur noch im Spanischen zu erkennen, aber im Italienischen, das <em>arena<\/em> durch <em>sabbia<\/em> ersetzt hat, verlorengegangen.<\/p>\n<p>Je weiter ich ins Zentrum komme, umso sch\u00f6ner wird die Stadt und umso besser wird das Wetter. Ich lande auf einem engen, kleinen Parkplatz. Da ergattere sich den letzten freien Platz, genau an einer Stelle, die alle passieren m\u00fcssen, die raus wollen. Es ist so eng, dass mir Zweifel kommen, ob man hier \u00fcberhaupt parken kann, und ein Autofahrer in einem schwarzen Sportwagen macht ungeduldige Bewegungen. Ich fahre weg, und er stellt sich in die L\u00fccke. Neben diesem Parkplatz gibt es noch einen unterirdischen, und da sind mehr Pl\u00e4tze frei, aber wie man dahinkommt, ist mir ein R\u00e4tsel. Ich drehe ein paar Runden, bis ein anderer Platz frei wird.<\/p>\n<p>An dem Parkplatz gibt es auch ein WC. Ein spanisches Ehepaar steht davor und fragt sich, wie und wo man das Geld einwerfen muss. Ich versuche es kurzerhand mit M\u00fcnzen und es klappt. Als ich herauskomme, halte ich ihm dem Mann die T\u00fcr auf und sage: Gehen Sie rein, so ist es gratis. Er ist so \u00fcbert\u00f6lpelt von der Aktion und davon, dass ich es ihm auf Spanisch sage, dass er nur stammeln kann: <em>Oh, thank you<\/em>.<\/p>\n<p>Im Zentrum wimmelt es nur so von Touristen. Ich wusste nicht, dass Verona so ein Magnet ist. Ich hatte es eher f\u00fcr einen Geheimtipp gehalten. Aber es gibt die Arena, die Verbindung zu Romeo und Julia und die N\u00e4he des Gardasees.<\/p>\n<p>Bei der Touristeninformation erfahre ich, dass das Hotel Porta Palio nicht auf dem Corso Porta Palio ist, sondern auf einer gro\u00dfen Stra\u00dfe, die von dem Tor abgeht. Es liegt ein gutes St\u00fcck au\u00dferhalb des Zentrums. Bevor ich den Parkplatz verlasse, will ich mich orientieren, in welche Richtung ich fahren muss, aber die Stra\u00dfen haben entweder keine Stra\u00dfenschilder oder Namen, die nicht auf der Karte sind. Ich frage einen jungen Mann an einer Ampel, und der holt sofort sein Smartphone heraus und zeigt mir grob die Richtung.<\/p>\n<p>Beim Fahren muss man vor allem auf die wendigen Mopeds achten, die pl\u00f6tzlich auf allen Seiten erscheinen k\u00f6nnen. Dazu kommt, dass Stra\u00dfennamen vom Auto aus oft nicht gut zu lesen sind. Sie befinden sich h\u00e4ufig an H\u00e4usern und sind in Stein gemei\u00dfelt. Die Schrift ist oft verblasst.<\/p>\n<p>Trotzdem geht die Sache einigerma\u00dfen gut. Die Italiener fahren zwar manchmal etwas unberechenbar, fahren aber gar nicht so schnell und sind erstaunlich r\u00fccksichtsvoll. Noch zweimal muss ich fragen, einmal bei einer Gruppe von M\u00e4nnern, die gem\u00fctlich vor ihrem Haus sitzen, einmal an einer Bushaltestelle, dann finde ich die Stra\u00dfe, und da auch gleich einen gro\u00dfen Parkplatz, der, oh Wunder, sogar gratis ist.<\/p>\n<p>Das Hotel, das noch ein ganzes St\u00fcck entfernt liegt, ist ganz anders, als ich es mir vorgestellt habe, angesichts des Namens und angesichts des Wohnviertels: modern, auffallen, aus der Reihe fallend: Die vier Stockwerke sind mit Querstreifen in knalligen Farben markiert, die Ecke ist abgerundet, nach vorne gew\u00f6lbt, und geht mit Schwung in den Hauptteil \u00fcber, l\u00e4ngs der Stra\u00dfe, und zur anderen Seite in einen kleineren Teil mit Au\u00dfentreppen und Bullaugenfenstern.<\/p>\n<p>Bevor ich \u00fcberhaupt meinen Namen nenne, gibt mir die Frau an der Rezeption gleich den Umschlag von zuhause, mit dem Voucher f\u00fcr das Hotel in Patras, der nicht rechtzeitig angekommen, aber netterweise nachgesandt worden ist.<\/p>\n<p>Das Zimmer ist noch nicht fertig, aber ich kann mein Auto holen und es in die Tiefgarage stellen. Als ich komme, ist auch das Zimmer bereit. Es hat Doppelverglasung, und die braucht man auch, um den Verkehrsl\u00e4rm von der vielbefahrenen Stra\u00dfe in Grenzen zu halten.<\/p>\n<p>Es ist noch reichlich Zeit f\u00fcr einen Spaziergang in die Innenstadt. Ich gehe dahin, wo ich gerade herkomme, zur Piazza Bra, da, wo auch die Touristeninformation ist. Das Wort <em>bra<\/em> ist germanisch und hei\u00dft \u201abreit\u2018, eine sehr angemessene Bezeichnung. Der Platz ist so breit, dass ich vorher gar nicht gemerkt habe, dass hier auch die Arena ist. Sie liegt auf der anderen H\u00e4lfte des Platzes, hinter dem Park im Zentrum.<\/p>\n<p>Nicht zu \u00fcbersehen ist aber das Kunstmuseum. Da l\u00e4uft gerade eine gro\u00dfe Sonderausstellung zu Veronese. Sie l\u00e4uft unter dem Titel <em>Veronese is coming home<\/em>. Man macht sich als Ausl\u00e4nder nicht immer die w\u00f6rtliche Bedeutung klar, die hinter den Eigennamen stehen.<\/p>\n<p>Es gibt verschiedene andere Pal\u00e4ste und zwei gro\u00dfe Tore, die den Platz s\u00e4umen, und auf der anderen Seite eine ganze Zeile von H\u00e4usern mit Arkaden und einem breiten Weg f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger davor, der ber\u00fchmte <em>liston<\/em>. Das war der erste gepflasterte Weg Veronas. Die H\u00e4ndler in diesen H\u00e4usern hatten die Erlaubnis, hier auf dem Weg ihre Wagen auszustellen, vorausgesetzt, sie lie\u00dfen genug Raum f\u00fcr die Passanten. Heute ist die Lage ganz \u00e4hnlich, nur sind die H\u00e4ndler ausschlie\u00dflich Besitzer von Stra\u00dfencaf\u00e9s \u2013 und Restaurants und die Kunden Touristen.<\/p>\n<p>Ich besorge in einer winzigen Tabaccheria einen Reisef\u00fchrer, Ansichtskarten und Briefmarken und setze mich dann in ein Stra\u00dfencaf\u00e9 am Theaterplatz und bl\u00e4ttere bei Kaffee und Tiramisu ein bisschen in dem Reisef\u00fchrer. Der ist hervorragend. In der Touristeninformation hatten sie den Reisef\u00fchrer nicht, den ich haben wollte, und der Besitzer in der Tabaccheria hat mir freundlicherweise diesen hier ge\u00f6ffnet. Er hat nur 5 \u20ac gekostet und ist sehr informativ. Wie gut er ist, merke ich erst am n\u00e4chsten Tag.<\/p>\n<p>Kurzentschlossen gehe ich in die Arena. Interessant durch den noch frischen Vergleich mit dem Kolosseum im Fr\u00fchjahr. Die Arena ist f\u00fcnfzig Jahre \u00e4lter als das Kolosseum. Und das sieht man ihm auch an. Es ist gr\u00f6ber, mit einfacheren Formen. Daf\u00fcr ist es in einem besseren Zustand. Hier scheint nichts abzubr\u00f6ckeln oder gar zusammenzust\u00fcrzen.<\/p>\n<p>Von dem \u00e4u\u00dferen Ring ist noch weniger erhalten als in Rom, nur vier von insgesamt \u00fcber siebzig B\u00f6gen, dreist\u00f6ckig. Durch sie in den blauen Himmel zu sehen, ist aber beeindruckend, schon durch die schiere H\u00f6he. Der innere Ring ist nur zweist\u00f6ckig.<\/p>\n<p>Drinnen gibt es eigentlich nicht viel zu sehen. Ein guter Teil des Zuschauerraums ist abgesperrt, und die H\u00e4lfte ist mit modernen Sitzen f\u00fcr Auff\u00fchrungen versehen. Auch die B\u00fchne im Zentrum steht.<\/p>\n<p>Informationen gibt es \u00fcberhaupt keine, weder auf Schrifttafeln noch in Brosch\u00fcren, und es sind auch keine Funde ausgestellt wie im Kolosseum. Die Stufen sind offensichtlich zu einer sp\u00e4teren Zeit renoviert worden, vielleicht nach dem Erdbeben (XII), von dem in Verona immer wieder die Rede ist. Wie beim Kolosseum hat man seine liebe M\u00fche und Not, die Stufen heraufzukommen: Sie sind sehr hoch. Da macht man es uns heute viel einfacher.<\/p>\n<p>Sehr gut zu erkennen sind die unterschiedlichen Baumaterialien: au\u00dfen, f\u00fcr die tragenden Teile, gro\u00dfe Steinbl\u00f6cke, wie bei der Trierer Porta, aber nicht nachgedunkelt; f\u00fcr die Gew\u00f6lbe innen unbearbeitete Steine mit M\u00f6rtel; f\u00fcr die W\u00e4nde innen flache Ziegel in sauberen Reihen, mit M\u00f6rtel dazwischen, wie beim Trierer Dom.<\/p>\n<p>Die Arena fasste 30.000 Zuschauer, mehr als Verona Einwohner hatte. Das zeugt von der Bedeutung Veronas, aber auch von dem Entschlossenheit, Bedeutung zur Schau zu stellen. Die christlichen Kirchen des Mittelalters nahmen diese Tradition auf. Auch sie fassten mehr als alle Einwohner der St\u00e4dte.<\/p>\n<p>Nach dem Niedergang Roms wurden die Gew\u00f6lbe der Arena zu vorgeschriebenen (und mit Mietzahlungen verbundenen) R\u00fcckzugsorten f\u00fcr Frauen des leichten Gewerbes. Die Gew\u00f6lbe hei\u00dfen <em>fornici<\/em>, und daher kommt <em>fornicare<\/em>!<\/p>\n<p>Aus dem Jahre 1450 stammt ein Dekret, das es untersagt, die Arena als Steinbruch zu nutzen. Sie sei ein bewahrenswertes Monument. Das ist bemerkenswert fr\u00fch.<\/p>\n<p>Im Mittelalter predigten hier Franz von Assisi und Antonius von Padua. Auch Dante war hier. Die konzentrischen Ringe, hei\u00dft es, h\u00e4tten ihn zu der Vorstellung der Ringe im Inferno gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Interessant, was im Mittelalter aus der Arena wurde: Hier wurden Gottesurteile ausgef\u00fchrt, um Verd\u00e4chtige zu \u00fcberf\u00fchren, hier wurden Todesurteile vollstreckt und hier wurden Duelle abgehalten, mit denen Rechtsstreitigkeiten entschieden wurden.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg bleibe ich an einer Pizzeria stehen, einem kleinen Stehlokal, in der die Pizza, die es ohnehin nur in Streifen geschnitten gibt, nur eine Nebenrolle spielt. Daf\u00fcr gibt es hervorragende <em>arancini<\/em>, frittierte Reisb\u00e4llchen mit selbstgew\u00e4hlten Zutaten, und <em>panzerotti<\/em>, Teigtaschen mit selbstgew\u00e4hlten Zutaten. Davon nehme ich mir jeweils eine mit. Das Abendessen findet wegen \u00dcberm\u00fcdung im Hotelzimmer statt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">4. Oktober (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen geht pl\u00f6tzlich im WC das Licht aus. Ich hebe den Kopf, und es geht wieder an. Die Erkl\u00e4rung: Es gibt einen Sensor, der daf\u00fcr sorgt, dass das Licht angeht, wenn man das WC betritt. Wenn er keine Bewegung mehr wahrnimmt, schaltet er das Licht aus.<\/p>\n<p>Von all den Sehensw\u00fcrdigkeiten von Verona entscheide ich mich f\u00fcr San Zeno, etwas au\u00dferhalb des Zentrums und in der N\u00e4he des Hotels.<\/p>\n<p>Auf dem Weg dahin sehe ich an einer Kreuzung ein Schild nach Valpolicella. Hatte keine Ahnung, dass das hier in der N\u00e4he war. Valpolicella, Verona, Vicenza, Venedig. Zufall? Habe ich mich schon in den letzten Wochen gefragt bei Kempen, Kerpen, Krefeld, Kevelaer, Kleve, Kalkar und bei Mendig, Merzig, Mayen, Manderscheid, M\u00fcnstereifel, Mannebach.<\/p>\n<p>Fr\u00fchst\u00fcck gibt es in einem Caf\u00e9 gleich neben dem Eingang von San Zeno, einen guten Kaffee und ein Geb\u00e4ckst\u00fcck, das auf der Theke liegt, wieder was mit Reis, aber diesmal s\u00fc\u00dflich.<\/p>\n<p>Die Entscheidung f\u00fcr San Zeno war goldrichtig. Das Portal, der Kreuzgang, die Kirche, alles lohnt sich. Dabei sieht die Kirche au\u00dfen gar nicht spektakul\u00e4r aus, obwohl sie im S\u00fcden einen sch\u00f6nen, freistehenden Campanile hat.<\/p>\n<p>Die Kirche hat eine komplizierte Baugeschichte. Die heutige Kirche stammt zum gro\u00dfen Teil aus dem Hochmittelalter und wurde nach einem Erdbeben (XII) errichtet. Die Vorg\u00e4ngerkirche war unter den Karolingern gebaut und in Anwesenheit von Pipin geweiht worden, nachdem die Verehrung von San Zeno, einem der ersten Bisch\u00f6fe von Verona, und damit der Pilgerstrom zugenommen hatte.<\/p>\n<p>Die Fassade hat einen Vorbau, eine Art Vordach, auf S\u00e4ulen stehend, der auf Italienisch <em>protiro<\/em> hei\u00dft. Das Wort kenne ich nicht und kann auch keine deutsche Entsprechung finden, aber so was habe ich in Italien schon mal gesehen. Der hat es in sich. Eine franz\u00f6sische Besuchergruppe und zwei deutsche Einzelreisende verbringen bestimmt eine halbe Stunde davor. Der scheint auch aus der Bauzeit zu stammen, sieht aber viel moderner aus.<\/p>\n<p>Das Schmuckst\u00fcck der Fassade ist komischerweise gar nicht zu sehen. Es ist die m\u00e4chtige Bronzet\u00fcre, die sich hinter einer einfachen Holzt\u00fcr verbirgt, wohl aus konservatorischen Gr\u00fcnden. Die Bronzet\u00fcre sieht man aber nachher im Innern.<\/p>\n<p>Der Vorbau sch\u00fctzt die Reliefs und Malereien an der Wand, wirft aber auch einen Schatten auf sie, so dass nicht alles zu erkennen ist. Dabei ist das Bild in dem Halbkreis wichtig: Neben San Zeno im Zentrum erscheinen zur einen Seite die Adeligen, hoch zu Ross, und auf der anderen die freien B\u00fcrger! Eine Aufwertung des Dritten Standes, seine Nobilitierung sozusagen!<\/p>\n<p>Dar\u00fcber, in dem Bogen des protiro, weitere Malereien, die man nicht erkennen kann, und darunter in einem Fries Reliefs, die Wunder zeigen, die San Zeno vollbracht hat.<\/p>\n<p>Das protiro selbst hat an den Seiten die Darstellung der Monate, links und rechts und au\u00dfen und innen jeweils drei. Das ist ein beliebtes Motiv in dieser Gegend, ich habe es schon in Parma und in Modena gesehen. Hier kann man die Monate allerdings kaum identifizieren, und genauere Beschreibungen gibt es nicht.<\/p>\n<p>Vorne am protiro, an den Seiten, die Statuen von Johannes der T\u00e4ufer und Johannes der Evangelist, \u00a0zwischen ihnen ein Fries mit weiteren Reliefs und oben die Hand Gottes. Der obere Teil des protiro wird von menschen\u00e4hnlichen Figuren gest\u00fctzt. Der eine scheint laut aufzuschreien, die andere, eine Art Sphinx, tr\u00e4gt die Sache \u2013 im wahrsten Sinne des Wortes \u2013 mit einem L\u00e4cheln.<\/p>\n<p>Als wenn das noch nicht genug w\u00e4re, gibt es seitlich des protiro, ganz unten, auf Augenh\u00f6he, Reliefs an der Westwand der Kirche, die Szenen aus dem Alten und dem Neuen Testament, aber auch aus dem Alltag darstellen. Neben der Kreuzigung sieht man Jagdszenen oder Duelle. Wie sich das wohl theologisch begr\u00fcndet?<\/p>\n<p>Oben, \u00fcber dem protiro, eine sch\u00f6ne, eher einfache Fensterrose, die den Eindruck vermittelt, als bewege sie sich, vielleicht das Rad der Fortuna evozierend.<\/p>\n<p>Der Gang in die Kirche geht durch den Kreuzgang. Auch der ist, wie die Rose, eher einfach, mit nicht verzierten Kapitellen, aber gleichzeitig elegant und sch\u00f6n. Es gibt jeweils auf zwei Seiten Rundb\u00f6gen und auf zwei Seiten Spitzb\u00f6gen, aber auf allen vier Seiten sind es Doppels\u00e4ulen, niedrig, schlank. Das bringt von verschiedenen Seiten immer neue Bilder, und die optisch sich schr\u00e4g ineinander verschiebenden S\u00e4ulen sind ein phantastisches Photomotiv.<\/p>\n<p>Auch der Innenraum, viel l\u00e4nger als man glaubt, ist mit seinem halb erh\u00f6hten Chor und seiner halb erniedrigten Krypta, echt sehenswert. Die Ausstattung ist reich: Fresken, Alt\u00e4re, Kreuze. Besonders sch\u00f6n eine gro\u00dfe Sitzstatue von San Zeno im Chor. Er h\u00e4lt, mit vollem Bischofsornat, eine Angel mit Fisch in der Hand \u2013 er ist der Patron der S\u00fc\u00dfwasserfischer! \u2013 und scheint zu l\u00e4cheln.<\/p>\n<p>Zwei gro\u00dfe Becken, wohl noch aus vorchristlicher Zeit, stehen in den Seitenschiffen, vermutlich fr\u00fcher als Taufbecken benutzt. Eine hat eine Menge Kratzspuren. Man sagt, sie k\u00e4men von den Klauen des Teufels, der von San Zeno besiegt und veranlasst wurde, das Becken in die Kirche zu bringen.<\/p>\n<p>Zum Schluss, und am westlichen Abschluss der Kirche, dann die Bronzet\u00fcren, zwei m\u00e4chtige T\u00fcre mit jeweils 24 quadratischen Reliefs. Auch hier, wie drau\u00dfen, ist so ziemlich alles vertreten: Bibelszenen, Propheten, Monate, Duelle, Pflanzenornamente usw. In einem Relief sieht man Fischer mit zwei gefangenen Fischen in einem Boot und einem dritten Fisch, der \u00fcber ihnen schwebt. R\u00e4tselhaft. Der wichtigste Hingucker ist eins der beiden Reliefs, an denen die T\u00fcrgriffe befestigt sind: ein menschen\u00e4hnlicher Kopf, in den die b\u00f6sen Worte in Form von Schlangen durch die Ohren eindringen und in Form des Satans aus dem Mund herauskommen!<\/p>\n<p>Am Ende, entweder erm\u00fcdet oder \u00fcberw\u00e4ltigt, vergesse ich, in die Krypta zu gehen. Aber nach Verona muss man ohnehin noch mal kommen.<\/p>\n<p>Als ich aus der Kirche komme, ist es bew\u00f6lkt und 19\u00b0 warm. Durch das Viertel Sanz Zeno, ein ganz normales italienisches Wohnviertel, gehe ich zur Etsch. Als ich da ankomme und mich umdrehe, sehe ich ein den Platz hinter mir, ein Platz ohne jede Besonderheiten, aber wie er italienischer nicht sein k\u00f6nnte: Zwei Stra\u00dfen, die schr\u00e4g auf den Platz zulaufen, parkende Autos an der Schnittstelle der Stra\u00dfe, drei- bis vierst\u00f6ckige H\u00e4user, gr\u00fcne Blendl\u00e4den, Gitter vor den Fenstern, ein paar Blument\u00f6pfe, ein paar schmale Balkone, B\u00fcrgersteige mit gro\u00dfen, teils gebrochenen Steinen, Fassaden mit abbr\u00f6ckelnder Farbe und einige Pflastern, ein paar Jalousien \u00fcber den Eing\u00e4ngen der Erdgeschosse, ein Caf\u00e9, eine Bank, eine Tabaccheria mit dem wei\u00dfen T auf blauem Grund, alte Stra\u00dfenlaternen, die \u00fcber der Stra\u00dfe h\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Ich gehe an der Etsch entlang Richtung Kastell und dann \u00fcber den Corso Cavour Richtung Altstadt. Diese gerade verlaufende Stra\u00dfe wurde ab dem 16. Jahrhundert von den Adeligen benutzt, um hier ihre Stadtpal\u00e4ste zu errichten. Hier kann man sch\u00f6n die verschiedenen Stilarten beobachten, vor allem Barock und Klassizismus. Aber auch ein paar sp\u00e4tgotische Fassaden sieht man noch.<\/p>\n<p>Ich suche ein \u201eMartyrium\u201c, einen kleinen, noch aus der fr\u00fchchristlichen Zeit stammenden Sakralbau, in dem urspr\u00fcnglich Reliquien aufbewahrt wurden. Nachdem ich ein paar Mal hin und her gegangen bin, frage ich eine zierliche \u00e4ltere, elegant gekleidete Dame nach dem Weg. Wie war das noch mal? Sacello delle Sante Teuteria e Tosca. Hat sie noch nie geh\u00f6rt. Sie zieht aber ohne Z\u00f6gern ihr Smartphone hervor und lokalisiert es dort. Wir stehen fast davor. Sie zeigt auf eine Kirche hinter uns. Aber das ist Santi Apostoli, da war ich gerade schon. Sie guckt noch mal nach und deutet dann auf einen kleinen Backsteinbau neben der Kirche. Das ist er.<\/p>\n<p>Der Bau ist zwar geschlossen, aber schon wegen dieser freundlichen Auskunft hat sich die Suche gelohnt. Die Legende hinter dem Bau ist diese: Teuteria, eine englische Adelsdame, wehrte sich gegen die Zudringlichkeiten des heidnischen Oswald und fl\u00fcchtete vor ihm an diesen Ort, in eine Grotte, wo Tosca, die Schwester des Bischofs von Verona, sich betend die Zeit vertrieb. Als Teuteria es gerade geschafft hatte, in die Grotte zu fl\u00fcchten, verschloss eine Schicksal spielende Spinne den Eingang mit einem dichten Spinnennetz. Die Meuchelm\u00e4nner von Oswald glaubten, die Grotte w\u00e4re vor langem verlassen worden und entdeckten Teuteria nicht. Die Heiden sind in diesen Legenden nicht immer gro\u00dfe intellektuelle Leuchten.<\/p>\n<p>Durch die <em>Porta Borsari<\/em> am Ende des Corso Cavour komme ich in die Altstadt. Der Name der Porta ist nicht r\u00f6misch, sondern kommt von den \u201eB\u00f6rsianern\u201c des Mittelalters. Die Porta ist ein wei\u00dfes, zweist\u00f6ckiges Tor mit zwei B\u00f6gen, von der nur der vordere Teil erhalten ist. Das Bodenniveau ist hier wegen der Porta abgesenkt, auf das urspr\u00fcngliche r\u00f6mische, und steigt Richtung Piazza delle Erbe auf das jetzige Niveau an. Verona steht, wie Trier, auf einer Kulturschicht von mehreren Metern.<\/p>\n<p>Die Piazza delle Erbe ist das Zentrum Veronas, ein langgestreckter Platz, das ehemalige Forum Romanum. Der jetzige Name kommt von den Kr\u00e4utern, die hier verkauft wurden.<\/p>\n<p>Hier ist m\u00e4chtig was los. An einem Stand kaufe ich eine Macedonia di fruta, einen Becher mit kleingeschnittenem Obst: Kiwi, Pfirsich, Trauben, Ananas, Melone, Erdbeere. Kostet<br \/>\n3 \u20ac und ersetzt eine komplette Mahlzeit.<\/p>\n<p>Hier findet man <em>La Berlina<\/em>, eine \u00c4dikula, ein \u201eTempelchen\u201c, in dem Verbrecher zur Schau gestellt und auch bestraft wurden, einen Brunnen mit der Madonna di Verona, eine S\u00e4ule mit dem Markusl\u00f6wen (w\u00e4hrend der Napoleonischen Herrschaft wurde die S\u00e4ule abgerissen, sp\u00e4ter wieder aufgebaut), die <em>Torre del Gardello<\/em>, einer der ersten T\u00fcrme \u00fcberhaupt, die eine Uhr hatten, und das <em>Domus Mercatorum<\/em>, eine Art Kaufmannsgilde, an dem, um den Erfordernissen des Marktes gerecht zu werden, Buchf\u00fchrung und Deutsch gelehrt wurde und das zum Nukleus der Universit\u00e4t von Verona wurde.<\/p>\n<p>Von hier aus k\u00e4mpfe ich mich zu der sogenannten <em>Casa di Giulietta<\/em> durch. Nirgendwo herrscht solches Gedr\u00e4nge wie hier. Shakespeare hat <em>Romeo und Juliet<\/em> in Verona spielen lassen, und Verona ist ihm heute noch dankbar daf\u00fcr. Es wird nicht nur Julias Haus, sondern auch ihr Grab pr\u00e4sentiert. Auch Statuen gibt es, die die angebliche Julia darstellen. Das Ganze ist nat\u00fcrlich eine Mogelpackung. Shakespeare hatte vermutlich nicht die geringste Ahnung, wie Verona aussah. Das St\u00fcck h\u00e4tte auch in Venedig oder Athen spielen k\u00f6nnen. Nat\u00fcrlich hat er Quellen benutzt, aber Julia ist eine Kunstfigur, keine historische Figur. Aber das interessiert die Tourismusindustrie nicht. Man hat tats\u00e4chlich ein Haus ausfindig gemacht, das aus der Zeit stammt und in dem eine Familie lebte, deren Nachnamen entfernt an Capulet erinnert. In der N\u00e4he werden die Bez\u00fcge nat\u00fcrlich kommerziell ausgenutzt, so in einem Gesch\u00e4ft gegen\u00fcber dem Haus, das mehr Shakespeare-Kitsch hat als ganz Stratford.<\/p>\n<p>Ich hatte gedacht, man k\u00f6nne das Haus von Stra\u00dfe aus sehen. Kann man auch, aber bei dem Gedr\u00e4nge sieht man kaum was, und der wichtigste Anziehungspunkt ist im Innenhof. Dahin k\u00e4mpfe ich mich durch.<\/p>\n<p>Es ist sogar ein ganz sch\u00f6ner Innenhof, aber das nimmt man bei dem Gedr\u00e4nge kaum wahr. Aller Augen richten sich auf den Balkon im zweiten Stock. Das ist der Balkon, auf dem Julia und unter dem Romeo stand. Es gibt nur ein Problem: In <em>Romeo and Juliet<\/em> gibt es keinen Balkon! Das Wort ist im Englischen zum ersten Mal 1613 attestiert, drei Jahre vor Shakespeares Tod. Da war <em>Romeo and Juliet<\/em> l\u00e4ngst geschrieben. Und selbst wenn das Wort vorher in Gebrauch war, Shakespeare kannte es vermutlich nicht und wusste wohl auch nicht, was ein Balkon ist. Der Balkon kommt in unsere K\u00f6pfe nur durch die Auff\u00fchrungspraxis. Ein sprechendes Beispiel f\u00fcr die Kraft der Bilder im Vergleich zum Wort. Ist ja auch einleuchtend. Im Theater macht es sich besser, wenn Julia auf dem Balkon steht statt am Fenster. Aber davon wissen die Besucher, die sich hier im Innenhof dr\u00e4ngeln, vermutlich nichts. Und wollen es vermutlich auch nicht wissen.<\/p>\n<p>Von hier aus gehe ich zur Piazza Bra, der, an der die Arena liegt. Da gibt es einiges zu sehen. Im Zentrum steht ein von der Stadt M\u00fcnchen, einer der Partnerst\u00e4dte Veronas, gestifteter Brunnen. In dessen Zentrum stellen Steinbl\u00f6cke die Alpen dar, und auf der einen Seite das Wappen M\u00fcnchens, auf der anderen das Wappen Veronas zu sehen. Am Brunnenrand Inschriften der anderen Partnerst\u00e4dte: Nimes, Salzburg, Pula, Albany, Naganame.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he des Brunnens eine Reiterstatue, die Vittorio Emmanuele II darstellt. Nichts Ungew\u00f6hnliches in Italien. Hier hat sie aber doch eine besondere Bedeutung. Sie steht n\u00e4mlich an der Stelle, an der zur Zeit der Venezianischen Herrschaft eine Statue stand, die die Ergebenheit Veronas gegen\u00fcber Venedig ausdr\u00fcckte. Schleimschei\u00dfer. Als es Venedig nicht mehr gab, war es auch mit der Ergebenheit vorbei.<\/p>\n<p>In einem weiten Kreis um den gro\u00dfen Platz gruppieren sich repr\u00e4sentative Geb\u00e4ude, die man kaum mit einem Blick wahrnimmt. Der Palazzo della Gran Guardia, der, in dem die Veronese-Ausstellung stattfindet, nimmt in seinen alternierenden Fensterformen \u2013 Halbkreis und Dreieck \u2013 Fensterformen der Arena auf. Der Palast hatte urspr\u00fcnglich keine Stufen, weil er keine brauchte. Jetzt braucht er sie. Als man im 19. Jahrhundert begann, den Platz um die Arena auszugraben, senkte man das Bodenniveau um zwei Meter. Auf einmal stand der Palast \u201ein der Luft\u201c!<\/p>\n<p>Am Rande des Platzes befindet sich das Museo Maffeiano, das vor allem Inschriften in allen m\u00f6glichen Sprachen des Altertums enth\u00e4lt. Das w\u00e4re was f\u00fcr einen l\u00e4ngeren Aufenthalt in Verona. Am Eingang ist ein Zitat \u00fcber Verona aus <em>Romeo<\/em> <em>and Juliet<\/em>: <em>There is no world without Verona walls\/But purgatory, torture, hell itself.\/Hence \u201cbanish\u00e8d\u201d is banished from the world,\/And world\u2019s exile is death.<\/em><\/p>\n<p>An Sant\u2018Anastasia vorbei, die bei einem l\u00e4ngeren Besuch auch auf dem Programm stehen w\u00fcrde, gehe ich an das andere Ufer der Etsch. Die Br\u00fccke, die in einem barbarischen Akt von den Nazis gesprengt und nach dem Krieg wiederaufgebaut wurde, stammt aus der R\u00f6merzeit und ist noch mal gut 200 Jahre \u00e4lter als die Trierer R\u00f6merbr\u00fccke. Auch hier sind nicht alle Pfeiler r\u00f6misch.<\/p>\n<p>Auf der Br\u00fccke gelingt mir ein sch\u00f6nes Photo von dem Uferpanorama. Es sieht fast wie ein Gem\u00e4lde aus. Sch\u00f6ner als die Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite der Etsch liegt das R\u00f6mische Theater, das aber wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist. Auch muss in dieser Gegend der Dom liegen, aber der scheint nicht die beachtenswerteste Kirche Veronas zu sein.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg suche ich noch nach der Piazza Signori. Die ist mir bis jetzt durch die Lappen gegangen. Nach einigem Suche stelle ich fest, dass sie direkt neben der Piazza delle Erbe liegt und mit ihr durch einen Durchgang mit Bogen verbunden ist. Ich bin aber nicht mehr aufnahmef\u00e4hig f\u00fcr all das, was es hier auch noch zu sehen gibt und begn\u00fcge mich mit zwei Details. An den H\u00e4userw\u00e4nden befinden sich an zwei Stellen \u201eL\u00f6wenm\u00e4ule\u201c. In die konnte man Zettel einwerfen, auf denen man Mitb\u00fcrger denunzierte, sauber getrennt nach Wucherei und Seidenschmuggel! Und im Zentrum steht erh\u00f6ht eine Statue von Dante. Der war hier am Platz bei seinen Freunden und F\u00f6rderern, Cangrande und Della Scala, zu Gast &#8211; die dann auch in der Commedia gut wegkamen. Wieder hat die Statue eine ideologische Bedeutung: sie wurde 1865 errichtet, zur Zeit der \u00f6sterreichischen Herrschaft, um die Italianit\u00e4t Veronas zu unterstreichen!<\/p>\n<p>V\u00f6llig ersch\u00f6pft gehe ich dann noch mal nach San Zeno zur\u00fcck und setze mich auf die Terrasse eines Lokals. Hier gibt es f\u00fcr wenig Geld einen riesigen Salat, eine kleine Portion Pasta, viel Bier und zum Nachtisch Profiterol. Es ist jetzt ein richtig sch\u00f6ner Sp\u00e4tsommertag.<\/p>\n<p>Als ich vor dem Dessert nach der Karte frage, sagt der Kellner, ein Junge, ganz erstaunt: \u201eAber Sie sprechen ja Italienisch!\u201c. Ja, bitte? In welcher Sprache haben wir uns denn bisher unterhalten? Muttersprachler sind merkw\u00fcrdige Wesen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">5. Oktober (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Die Fahrt nach Venedig, zur F\u00e4hre, ist genauso, wie ich sie mir vorgestellt habe: gr\u00e4sslich. Obwohl ich 5 Stunden f\u00fcr 100 Kilometer habe, kommen mir zwischendurch Zweifel, ob ich es schaffe. Am Ende bin ich dann aber doch mehr als rechtzeitig da, mehr als zwei Stunden vor Abfahrt, und als es dann, um 12 Uhr losgehen soll, wird angek\u00fcndigt, dass sich die Abfahrt um eine Stunde verschiebt. Der Grund: dichter Verkehr. Aber was ist damit gemeint? Dichter Verkehr auf dem Wasser? Da sollte genug Platz sein. Dichter Verkehr auf dem Land? Davon war auf der Stra\u00dfe nichts zu sehen. Vielleicht dichter Verkehr auf dem Schiff? Also viele Lastwagen? Als ich um 1 Uhr auf dem Deck stehe, werden jedenfalls noch jede Menge Lastwagen verladen. Einer nach dem anderen erscheinen sie oben an der Einfahrt, und jedes Mal glaubt man, dass es der letzte w\u00e4re \u2013 bis noch einer kommt. Dann kommt noch ein Sattelschlepper mit neuen Autos und zum Schluss noch ein PKW. Und dann kommen wieder Lastwagen. Einige von ihnen werden auf dem Oberdeck geparkt. Man kann vom Deck aus sehen, wie sie in ganz kleinen Abst\u00e4nden voneinander geparkt werden, und man fragt sich, wie die Fahrer \u00fcberhaupt aus der Kabine herauskommen.<\/p>\n<p>Man freut sich f\u00fcr jeden einzelnen, dass er es noch schafft, aber die Ungeduld w\u00e4chst trotzdem. Dann steigt schwarzer Rauch aus dem Schiffsschornstein auf und man h\u00f6rt die dumpfe Schiffssirene, und es geht los. Die Bewegung ist so unmerklich, dass man sich an irgendetwas an Land orientieren muss, um sie \u00fcberhaupt wahrzunehmen.<\/p>\n<p>Auf dem Schiff wird griechisch gesprochen, und die meisten Passagiere sind Lastwagenfahrer. Sie scheinen sich untereinander zu kennen. Sie sitzen zur H\u00e4lfte in der Cafeteria und essen, die meisten mit einem Bier, und zur H\u00e4lfte drau\u00dfen, im Schatten, mit einen Kaffee. Die Touristen sitzen in der Sonne. Obwohl sich alles an einem Deck abspielt, bleiben die meisten Sitze frei. Es scheint gerade mal ein paar Dutzend Passagiere zu geben. Wie sich das mit dem dichten Verkehr vertr\u00e4gt, versteht man nicht.<\/p>\n<p>Auch bei den Pullmannsitzen, einem abgetrennten Raum, ist nicht viel los. Man kann sie vermutlich auch benutzen, ohne sie gebucht zu haben. Jedenfalls wird nicht kontrolliert, und die Leute setzen sich dahin, wo es ihnen am besten gef\u00e4llt. Es gibt viele erfahrene Schiffsreisende. Sie haben Luftmatratzen oder Matten dabei und machen es sich auf dem Boden oder auf zwei Sitzen bequem. Wo \u00fcbernachten aber die, die nur eine Deckpassage, also weder Sitz noch Kabine gebucht haben?<\/p>\n<p>Ich laufe ein bisschen herum und gucke ab, wie man sich mit Strom versorgt. Man zieht den Stecker der Stehlampen raus! Keiner hat was dagegen, und ich habe einen ganzen Tisch, fast einen ganzen Raumteil, f\u00fcr mich alleine und lasse die Fahrt Revue passieren.<\/p>\n<p>Um 7 Uhr geht es schon los, nach 12 Stunden Schlaf, fast ohne Unterbrechung. Schon nach ein paar Hundert Metern kommt eine Anzeige Richtung Venedig. Die verschwindet dann aber wieder, und ich muss rechts ranfahren, um nachzusehen, ob Vicenza richtig ist. Ist es. Ich habe Gl\u00fcck, dass ich einen Sonntag erwischt habe. Es geht \u00fcber mehrere Zubringer, und dann kommt die Autobahn. Die Fahrt geht an Vicenza und an Padua vorbei, zwei St\u00e4dte, die ich nicht so nahe an Venedig vermutet habe.<\/p>\n<p>Die Sonne ist erst ein dunkelroter, riesiger Ball am Horizont, dann wird sie kleiner und ist nicht mehr so intensiv rot. Dann steigt sie auf und verliert ihre klaren Umrisse. Sie wird immer heller. All das geschieht in kurzer Zeit. Ein echtes Naturschauspiel.<\/p>\n<p>Diesmal macht die Sonne es richtig. Ich fahre nach Osten, die Sonne geht im Osten auf, und ich fahre der Sonne entgegen. In den letzten Tagen hatte ich manchmal Zweifel an der Zuverl\u00e4ssigkeit der Sonne.<\/p>\n<p>Kurz vor der Ausfahrt nach Venedig finde ich eine offene Tankstelle. Mit dem Tanken habe ich alles falsch gemacht. Obwohl ich es besser wusste, habe ich es verpasst, in \u00d6sterreich zu tanken, weil ich in Deutschland noch einmal vollgetankt hatte. Das Benzin ist in \u00d6sterreich billiger als in Deutschland und in Italien teurer als in Deutschland. Aber ich brauche Kleingeld \u2013 das Hotel hat mir die Tiefgarage nicht berechnet und damit meine Pl\u00e4ne durchkreuzt \u2013 und ich sehe mich schon ohne Benzin in irgendeiner verlorenen Ecke des Hafens von Venedig stranden. Jedenfalls habe ich jetzt die 7,90 klein, die ich an Mautgeb\u00fchren bezahlen muss.<\/p>\n<p>Der Tankwart hat auf meine Frage, wo es denn zum Hafen gehe, einfach \u201erechts\u201c gesagt. Die Wirklichkeit ist komplizierter. Die Beschilderung ist uneinheitlich, und es gibt einen Porto industriale und einen Porto turistico und einen Porto und einen Interporto. Au\u00dferdem kann man die Schilder wegen der Sonne oft schlecht erkennen. Einmal ziehe ich mir den Zorn eines Autofahrers zu, als ich im letzten Moment die Richtung \u00e4ndere, einmal bleibe ich auf einem Kreisverkehr stehen und lasse ein anderes Auto vorbei.<\/p>\n<p>Es geht durch ein verlassenes Industriegebiet, immer Richtung Porto. Irgendwann erscheint auch ein Schild mit Traghetto. F\u00e4hre. Dann kommt eine unendlich scheinende Fahrt auf einem Damm durch die Lagune von Venedig. Am Horizont sieht man wei\u00dfe Kreuzfahrtschiffe erscheinen. Das sind sicher die falschen.<\/p>\n<p>Man kommt dann \u00fcber verschiedene \u201ekrumme\u201c Wege in den Abfertigungsbereich und steht schlie\u00dflich vor einer Uniformierten an einer Schranke. Ich nenne mein Ziel, Patras. \u201eNon \u00e8 qui. E in Marghera\u201c. Als ob ich es geahnt h\u00e4tte. Ich folge den komplizierten Erkl\u00e4rungen und komme wieder auf den Damm \u00fcber die Lagune. Das Problem ist nur, dass Marghera nirgendwo ausgeschildert ist. Ich habe aber ein zweites Mal gefragt und erfahren, dass ich erst mal Richtung Autobahn fahren solle. Das tue ich auch, aber je l\u00e4nger es dauert, umso mulmiger wird mir. Es geht \u00fcber eine breite, mit Seitenplanken abgesperrte Stra\u00dfe, wo man nicht halten kann. Und selbst, wenn man es k\u00f6nnte, w\u00e4re keiner da, den man fragen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Dann kommt eine Bushaltestelle. Da steht ein Mann. Er wei\u00df Bescheid: Dritto. Tats\u00e4chlich erscheint nach ein paar Kilometern das Schild Marghera. Aber: Wohin in Marghera? Ich lande irgendwie im Zentrum. Von Schiffen nichts zu sehen. Von Meer auch nicht. Wieder versuche ich es an einer Bushaltestelle. Erst ein Paar, dann eine Frau. Keine Ahnung.<\/p>\n<p>Ich versuche es einfach in der anderen Richtung, immer geradeaus. Und f\u00fcr einen Moment sehe ich das Hinweisschild Anek Lines. Geradeaus. Gut. Dann kommt ein Schild Richtung Ferries, aber ich verpasse die Ausfahrt, wende und komme in ein abgelegenes Viertel, ohne jede Beschilderung. Ein alter Mann, der erst meine Frage nicht versteht, gibt mir unendliche Ausk\u00fcnfte, die mit den Schiffen nichts zu tun haben. Ich bedanke mich h\u00f6flich und versuche es auf gut Gl\u00fcck in derselben Richtung wie vorher. Rechts eine Tankstelle, und eine ganze Gruppe mittelalter M\u00e4nner, die Kanister f\u00fcllen. Genau meine Zielgruppe. Die Erkl\u00e4rungen sind messerscharf und ganz klar, mit kleinen Ged\u00e4chtnishilfen. Mille grazie. Tats\u00e4chlich komme ich jetzt, an einem Kreisverkehr und an gro\u00dfen \u00d6ltanks vorbei, zur Anlegestelle. Geschafft.<\/p>\n<p>Hier muss man erst einchecken. Rechts steht eine lange Schlange von Lastwagenfahrern, lauter Griechen. Vor mir ist in unserer Schlange nur ein Ehepaar aus Bayern dran. Hier geht alles schnell. Dann kann ich die Schranke passieren und werde in eine Spur eingewiesen. Links von uns die Lastwagen, rechts die Wohnwagen. Darunter ein \u00f6sterreichisches Paar, \u00e4lteres Semester, mit einem bunt bemalten Wohnwagen, mit Sonne und Palmenstrand und ganz lieben, etwas naiven Ausspr\u00fcchen, \u00dcbriggebliebene der Hippiegeneration.<\/p>\n<p>Nach all der Aufregung bedauere ich es jetzt fast, schon so fr\u00fch hier zu sein. Aber die Regeln besagen ohnehin, dass man zwei Stunden vor Abfahrt einchecken muss. Ist auch verst\u00e4ndlich. Wie viele Autos wohin kommen will gut kalkuliert sein. Aber der \u00a0Service hier ist nicht existent. Es gibt gerade mal Toiletten, aber keinen Kiosk, kein Gesch\u00e4ft, keine Informationstafeln oder sonst was. Nur Kaffee aus dem Automaten.<\/p>\n<p>Dann setzt sich die Schlange in Bewegung, anderthalb Stunden vor Abfahrt. Ich erinnere mich an Studentenzeiten, als ich auf solchen F\u00e4hren nach England gefahren bin. Es geht ganz nach unten. \u00dcberall stehen M\u00e4nner, die einen lautstark einweisen. Ist auch n\u00f6tig. Eine Kurve ist so eng, dass keiner sofort herum kommt. Alle m\u00fcssen zur\u00fccksetzen und es dann im zweiten Versuch machen. Am Schluss muss ich r\u00fcckw\u00e4rts in die allerletzte Ecke des untersten Decks einparken.<\/p>\n<p>Letzte Gelegenheit, zu \u00fcberlegen, was man mitnimmt und was man im Auto l\u00e4sst. Ich nehme nur das N\u00f6tigste mit. Dazu geh\u00f6rt aber eine Decke \u2013 ich bin vor der n\u00e4chtlichen K\u00e4lte gewarnt worden \u2013 und M\u00fcsliriegel und Tabletten, die einen in einen D\u00e4mmerzustand versetzen. Sp\u00e4ter stelle ich fest, dass die meisten anderen ganze Reisekoffer mit an Bord nehmen. Aber man muss auf das Zeug ja auch aufpassen.<\/p>\n<p>Hier wird ordentlich abkassiert. Aber das ist ja auch verst\u00e4ndlich. Das ganze Zeug muss erst an Bord geschafft werden, und es muss Personal da sein, das mit dem mobilen Arbeitsplatz einverstanden ist. Der Kaffee ist jedenfalls gut, und das Kuchenst\u00fcck, das es dazu gibt \u2013 eine Art Baklavas, sehr griechisch, sehr s\u00fc\u00df, etwas feucht \u2013 ist hervorragend.<\/p>\n<p>Nach ein bisschen Lekt\u00fcre und ein bisschen Internet \u2013 f\u00fcr 3 \u20ac bekommt man 2 Stunden Zugang \u2013 esse ich in dem Selbstbedienungsrestaurant zu Abend. Als ich aufstehe, ist es schon dunkel. Den Sonnenuntergang habe ich gar nicht mitbekommen.<\/p>\n<p>In dem Raum mit den Pullmannsitzen ist reichlich Platz. Ich mache es mir, dem Beispiel der anderen folgend, aus zwei Pullmannsitzen ein provisorisches Bett, mit dem Anorak als Kopfkissen. Das geht erstaunlich gut. Wieder schlafe ich fast einmal rund um die Uhr.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">5. Oktober (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Die Fahrt nach Venedig, zur F\u00e4hre, ist genauso, wie ich sie mir vorgestellt habe: gr\u00e4sslich. Obwohl ich 5 Stunden f\u00fcr 100 Kilometer habe, kommen mir zwischendurch Zweifel, ob ich es schaffe. Am Ende bin ich dann aber doch mehr als rechtzeitig da, mehr als zwei Stunden vor Abfahrt, und als es dann, um 12 Uhr losgehen soll, wird angek\u00fcndigt, dass sich die Abfahrt um eine Stunde verschiebt. Der Grund: dichter Verkehr. Aber was ist damit gemeint? Dichter Verkehr auf dem Wasser? Da sollte genug Platz sein. Dichter Verkehr auf dem Land? Davon war auf der Stra\u00dfe nichts zu sehen. Vielleicht dichter Verkehr auf dem Schiff? Also viele Lastwagen? Als ich um 1 Uhr auf dem Deck stehe, werden jedenfalls noch jede Menge Lastwagen verladen. Einer nach dem anderen erscheinen sie oben an der Einfahrt, und jedes Mal glaubt man, dass es der letzte w\u00e4re \u2013 bis noch einer kommt. Dann kommt noch ein Sattelschlepper mit neuen Autos und zum Schluss noch ein PKW. Und dann kommen wieder Lastwagen. Einige von ihnen werden auf dem Oberdeck geparkt. Man kann vom Deck aus sehen, wie sie in ganz kleinen Abst\u00e4nden voneinander geparkt werden, und man fragt sich, wie die Fahrer \u00fcberhaupt aus der Kabine herauskommen.<\/p>\n<p>Man freut sich f\u00fcr jeden einzelnen, dass er es noch schafft, aber die Ungeduld w\u00e4chst trotzdem. Dann steigt schwarzer Rauch aus dem Schiffsschornstein auf und man h\u00f6rt die dumpfe Schiffssirene, und es geht los. Die Bewegung ist so unmerklich, dass man sich an irgendetwas an Land orientieren muss, um sie \u00fcberhaupt wahrzunehmen.<\/p>\n<p>Auf dem Schiff wird griechisch gesprochen, und die meisten Passagiere sind Lastwagenfahrer. Sie scheinen sich untereinander zu kennen. Sie sitzen zur H\u00e4lfte in der Cafeteria und essen, die meisten mit einem Bier, und zur H\u00e4lfte drau\u00dfen, im Schatten, mit einen Kaffee. Die Touristen sitzen in der Sonne. Obwohl sich alles an einem Deck abspielt, bleiben die meisten Sitze frei. Es scheint gerade mal ein paar Dutzend Passagiere zu geben. Wie sich das mit dem dichten Verkehr vertr\u00e4gt, versteht man nicht.<\/p>\n<p>Auch bei den Pullmannsitzen, einem abgetrennten Raum, ist nicht viel los. Man kann sie vermutlich auch benutzen, ohne sie gebucht zu haben. Jedenfalls wird nicht kontrolliert, und die Leute setzen sich dahin, wo es ihnen am besten gef\u00e4llt. Es gibt viele erfahrene Schiffsreisende. Sie haben Luftmatratzen oder Matten dabei und machen es sich auf dem Boden oder auf zwei Sitzen bequem. Wo \u00fcbernachten aber die, die nur eine Deckpassage, also weder Sitz noch Kabine gebucht haben?<\/p>\n<p>Ich laufe ein bisschen herum und gucke ab, wie man sich mit Strom versorgt. Man zieht den Stecker der Stehlampen raus! Keiner hat was dagegen, und ich habe einen ganzen Tisch, fast einen ganzen Raumteil, f\u00fcr mich alleine und lasse die Fahrt Revue passieren.<\/p>\n<p>Um 7 Uhr geht es schon los, nach 12 Stunden Schlaf, fast ohne Unterbrechung. Schon nach ein paar Hundert Metern kommt eine Anzeige Richtung Venedig. Die verschwindet dann aber wieder, und ich muss rechts ranfahren, um nachzusehen, ob Vicenza richtig ist. Ist es. Ich habe Gl\u00fcck, dass ich einen Sonntag erwischt habe. Es geht \u00fcber mehrere Zubringer, und dann kommt die Autobahn. Die Fahrt geht an Vicenza und an Padua vorbei, zwei St\u00e4dte, die ich nicht so nahe an Venedig vermutet habe.<\/p>\n<p>Die Sonne ist erst ein dunkelroter, riesiger Ball am Horizont, dann wird sie kleiner und ist nicht mehr so intensiv rot. Dann steigt sie auf und verliert ihre klaren Umrisse. Sie wird immer heller. All das geschieht in kurzer Zeit. Ein echtes Naturschauspiel.<\/p>\n<p>Diesmal macht die Sonne es richtig. Ich fahre nach Osten, die Sonne geht im Osten auf, und ich fahre der Sonne entgegen. In den letzten Tagen hatte ich manchmal Zweifel an der Zuverl\u00e4ssigkeit der Sonne.<\/p>\n<p>Kurz vor der Ausfahrt nach Venedig finde ich eine offene Tankstelle. Mit dem Tanken habe ich alles falsch gemacht. Obwohl ich es besser wusste, habe ich es verpasst, in \u00d6sterreich zu tanken, weil ich in Deutschland noch einmal vollgetankt hatte. Das Benzin ist in \u00d6sterreich billiger als in Deutschland und in Italien teurer als in Deutschland. Aber ich brauche Kleingeld \u2013 das Hotel hat mir die Tiefgarage nicht berechnet und damit meine Pl\u00e4ne durchkreuzt \u2013 und ich sehe mich schon ohne Benzin in irgendeiner verlorenen Ecke des Hafens von Venedig stranden. Jedenfalls habe ich jetzt die 7,90 klein, die ich an Mautgeb\u00fchren bezahlen muss.<\/p>\n<p>Der Tankwart hat auf meine Frage, wo es denn zum Hafen gehe, einfach \u201erechts\u201c gesagt. Die Wirklichkeit ist komplizierter. Die Beschilderung ist uneinheitlich, und es gibt einen Porto industriale und einen Porto turistico und einen Porto und einen Interporto. Au\u00dferdem kann man die Schilder wegen der Sonne oft schlecht erkennen. Einmal ziehe ich mir den Zorn eines Autofahrers zu, als ich im letzten Moment die Richtung \u00e4ndere, einmal bleibe ich auf einem Kreisverkehr stehen und lasse ein anderes Auto vorbei.<\/p>\n<p>Es geht durch ein verlassenes Industriegebiet, immer Richtung Porto. Irgendwann erscheint auch ein Schild mit Traghetto. F\u00e4hre. Dann kommt eine unendlich scheinende Fahrt auf einem Damm durch die Lagune von Venedig. Am Horizont sieht man wei\u00dfe Kreuzfahrtschiffe erscheinen. Das sind sicher die falschen.<\/p>\n<p>Man kommt dann \u00fcber verschiedene \u201ekrumme\u201c Wege in den Abfertigungsbereich und steht schlie\u00dflich vor einer Uniformierten an einer Schranke. Ich nenne mein Ziel, Patras. \u201eNon \u00e8 qui. E in Marghera\u201c. Als ob ich es geahnt h\u00e4tte. Ich folge den komplizierten Erkl\u00e4rungen und komme wieder auf den Damm \u00fcber die Lagune. Das Problem ist nur, dass Marghera nirgendwo ausgeschildert ist. Ich habe aber ein zweites Mal gefragt und erfahren, dass ich erst mal Richtung Autobahn fahren solle. Das tue ich auch, aber je l\u00e4nger es dauert, umso mulmiger wird mir. Es geht \u00fcber eine breite, mit Seitenplanken abgesperrte Stra\u00dfe, wo man nicht halten kann. Und selbst, wenn man es k\u00f6nnte, w\u00e4re keiner da, den man fragen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Dann kommt eine Bushaltestelle. Da steht ein Mann. Er wei\u00df Bescheid: Dritto. Tats\u00e4chlich erscheint nach ein paar Kilometern das Schild Marghera. Aber: Wohin in Marghera? Ich lande irgendwie im Zentrum. Von Schiffen nichts zu sehen. Von Meer auch nicht. Wieder versuche ich es an einer Bushaltestelle. Erst ein Paar, dann eine Frau. Keine Ahnung.<\/p>\n<p>Ich versuche es einfach in der anderen Richtung, immer geradeaus. Und f\u00fcr einen Moment sehe ich das Hinweisschild Anek Lines. Geradeaus. Gut. Dann kommt ein Schild Richtung Ferries, aber ich verpasse die Ausfahrt, wende und komme in ein abgelegenes Viertel, ohne jede Beschilderung. Ein alter Mann, der erst meine Frage nicht versteht, gibt mir unendliche Ausk\u00fcnfte, die mit den Schiffen nichts zu tun haben. Ich bedanke mich h\u00f6flich und versuche es auf gut Gl\u00fcck in derselben Richtung wie vorher. Rechts eine Tankstelle, und eine ganze Gruppe mittelalter M\u00e4nner, die Kanister f\u00fcllen. Genau meine Zielgruppe. Die Erkl\u00e4rungen sind messerscharf und ganz klar, mit kleinen Ged\u00e4chtnishilfen. Mille grazie. Tats\u00e4chlich komme ich jetzt, an einem Kreisverkehr und an gro\u00dfen \u00d6ltanks vorbei, zur Anlegestelle. Geschafft.<\/p>\n<p>Hier muss man erst einchecken. Rechts steht eine lange Schlange von Lastwagenfahrern, lauter Griechen. Vor mir ist in unserer Schlange nur ein Ehepaar aus Bayern dran. Hier geht alles schnell. Dann kann ich die Schranke passieren und werde in eine Spur eingewiesen. Links von uns die Lastwagen, rechts die Wohnwagen. Darunter ein \u00f6sterreichisches Paar, \u00e4lteres Semester, mit einem bunt bemalten Wohnwagen, mit Sonne und Palmenstrand und ganz lieben, etwas naiven Ausspr\u00fcchen, \u00dcbriggebliebene der Hippiegeneration.<\/p>\n<p>Nach all der Aufregung bedauere ich es jetzt fast, schon so fr\u00fch hier zu sein. Aber die Regeln besagen ohnehin, dass man zwei Stunden vor Abfahrt einchecken muss. Ist auch verst\u00e4ndlich. Wie viele Autos wohin kommen will gut kalkuliert sein. Aber der \u00a0Service hier ist nicht existent. Es gibt gerade mal Toiletten, aber keinen Kiosk, kein Gesch\u00e4ft, keine Informationstafeln oder sonst was. Nur Kaffee aus dem Automaten.<\/p>\n<p>Dann setzt sich die Schlange in Bewegung, anderthalb Stunden vor Abfahrt. Ich erinnere mich an Studentenzeiten, als ich auf solchen F\u00e4hren nach England gefahren bin. Es geht ganz nach unten. \u00dcberall stehen M\u00e4nner, die einen lautstark einweisen. Ist auch n\u00f6tig. Eine Kurve ist so eng, dass keiner sofort herum kommt. Alle m\u00fcssen zur\u00fccksetzen und es dann im zweiten Versuch machen. Am Schluss muss ich r\u00fcckw\u00e4rts in die allerletzte Ecke des untersten Decks einparken.<\/p>\n<p>Letzte Gelegenheit, zu \u00fcberlegen, was man mitnimmt und was man im Auto l\u00e4sst. Ich nehme nur das N\u00f6tigste mit. Dazu geh\u00f6rt aber eine Decke \u2013 ich bin vor der n\u00e4chtlichen K\u00e4lte gewarnt worden \u2013 und M\u00fcsliriegel und Tabletten, die einen in einen D\u00e4mmerzustand versetzen. Sp\u00e4ter stelle ich fest, dass die meisten anderen ganze Reisekoffer mit an Bord nehmen. Aber man muss auf das Zeug ja auch aufpassen.<\/p>\n<p>Hier wird ordentlich abkassiert. Aber das ist ja auch verst\u00e4ndlich. Das ganze Zeug muss erst an Bord geschafft werden, und es muss Personal da sein, das mit dem mobilen Arbeitsplatz einverstanden ist. Der Kaffee ist jedenfalls gut, und das Kuchenst\u00fcck, das es dazu gibt \u2013 eine Art Baklavas, sehr griechisch, sehr s\u00fc\u00df, etwas feucht \u2013 ist hervorragend.<\/p>\n<p>Nach ein bisschen Lekt\u00fcre und ein bisschen Internet \u2013 f\u00fcr 3 \u20ac bekommt man 2 Stunden Zugang \u2013 esse ich in dem Selbstbedienungsrestaurant zu Abend. Als ich aufstehe, ist es schon dunkel. Den Sonnenuntergang habe ich gar nicht mitbekommen.<\/p>\n<p>In dem Raum mit den Pullmannsitzen ist reichlich Platz. Ich mache es mir, dem Beispiel der anderen folgend, aus zwei Pullmannsitzen ein provisorisches Bett, mit dem Anorak als Kopfkissen. Das geht erstaunlich gut. Wieder schlafe ich fast einmal rund um die Uhr.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">6. Oktober (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Als ich wach werde, ist es noch dunkel. Ich sehe ziemlich zerknautscht aus. Nach einer Katzenw\u00e4sche behelfe ich mir damit, dass ich meine Sachen in Ordnung bringe.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen ist jetzt keiner. Es ist windig und es regnet, aber es ist \u00fcberhaupt nicht kalt. Auf einer Seite sieht man am Horizont, dass es d\u00e4mmert.<\/p>\n<p>Drinnen saugt einer mit dem Staubsauger auf dem R\u00fccken, wie einen Rucksack. Eine wunderbare Erfindung. Sollte es auch f\u00fcr privat geben. Staubsauger haben eine bl\u00f6de Art, immer im Weg zu stehen.<\/p>\n<p>Die Bar ist schon auf. Ich bestelle einen Kaffee und sehe im Fernsehen, dass es \u00fcberall in Griechenland regnet \u2013 au\u00dfer in Kreta. In Patras regnet es auch. Es ist aber \u00fcberall ziemlich warm, so um die 20\u00b0.<\/p>\n<p>Es gibt eine unendlich lange Reportage, mit Reportern vor Ort und zwei Moderatoren im Studio, \u00fcber einen Massenunfall irgendwo in Griechenland, bei dem es 5 Tote und 10 Verletzte gegeben hat. Es sieht \u00fcbel aus. Mehrere Lastwagen haben sich ineinander verschoben, und man sieht, wie Autos aufgeschnitten werden, um die Insassen zu bergen.<\/p>\n<p>Ein Lastwagenfahrer setzt sich neben mich und fragt mich, ob ich Englisch spr\u00e4che. Ob ich ihm erkl\u00e4ren k\u00f6nne, was da passiert sei. Ich nenne ihm ein paar d\u00fcrre Fakten, aber damit gibt er sich nicht zufrieden. Er will die Unfallursache wissen. Irgendetwas mit einer Mauer. Da muss ich passen. Unser Gespr\u00e4ch kommt nicht richtig in Gang, auch nicht, als ich ein paar Brocken Griechisch versuche. Dann stellt sich heraus, dass er kein Grieche ist, sondern Rum\u00e4ne.<\/p>\n<p>Er beginnt, mir die Welt zu erkl\u00e4ren. Deutschland sei topp, starke Wirtschaft, Lokomotive, Autos, Merkel, 7:1 gegen Brasilien, deutsche Polizei streng, aber nicht bestechlich. Nur ein verstehe er nicht: Die Preise \u2013 dabei zeigt er auf das Bier, das vor ihm steht \u2013 seien dieselben in Deutschland und England wie in Rum\u00e4nien und Griechenland, aber die L\u00f6hne nicht. Das sei nicht richtig. Am F\u00fcr die Rum\u00e4nen in Deutschland, die klauen, entschuldigt er sich. Die k\u00e4men einfach, weil sie arm seien. Der Islam sei gef\u00e4hrlich, die fangen mitten am Tag an zu beten, habe er selbst gesehen. Und die h\u00e4tten auch die Twin Towers kaputt gemacht. Ich versuche ein paar Einw\u00e4nde zu machen und sage, wir h\u00e4tten ein paar Millionen Muslime in Deutschland, die ausgesprochen friedlich seien. Dann lenke ich das Gespr\u00e4ch auf seine Arbeit.<\/p>\n<p>Er hat im Lastwagen geschlafen. Er hat zwar eine Kabine hier auf dem Schiff, aber er muss unten irgendeine Batterie aufladen. Kopfsch\u00fcttelnd erz\u00e4hlt er mir, dass die \u00f6sterreichischen Hippies, die er f\u00fcr Deutsche h\u00e4lt, drau\u00dfen geschlafen h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Er f\u00e4hrt jetzt nach Athen. Und dann? Dann wei\u00df er noch nicht. Er bekommt an seinem Zielort immer erst Informationen, wohin es geht. Noch drei Wochen, dann hat er drei Wochen Urlaub. Er arbeitet f\u00fcr eine belgische Firma, die ihren Sitz in Br\u00fcssel und eine Niederlassung in Rum\u00e4nien hat. Ich will wissen, wie er wieder nach Hause kommt. In einem Bully, mit acht Mann, von Br\u00fcssel nach Bukarest. 24 Stunden. Das sei ganz sch\u00f6n hart, aber danach wartete ja die Heimat auf ihn. Trotz seiner verqueren Weltsicht bin ich irgendwie ger\u00fchrt, als ich mich von ihm verabschiede.<\/p>\n<p>Gerne w\u00fcrde ich mehr \u00fcber das Schiff erfahren: Wie viele Passagiere, wie viele Autos kann es mitnehmen? Es gibt eine Brosch\u00fcre, aber in der steht nicht einmal, wann wir in Igoumenitsa, der Zwischenstation, ankommen. Im Nachhinein wird mir aber klar, warum die Beschilderung der Anek Lines in Venedig so miserabel war: Die Brosch\u00fcre hat detaillierte Lagepl\u00e4ne f\u00fcr die H\u00e4fen von Patras, Heraklion, usw. aber nicht f\u00fcr Venedig. Stattdessen wird man darauf hingewiesen, sich vor der Abfahrt selbst zu erkundigen. Die italienischen Beh\u00f6rden \u00e4nderten st\u00e4ndig und kurzfristig die Anlegestelle.<\/p>\n<p>Inzwischen ist es hell geworden. Aber nicht so richtig. Das Meer ist grau, der Himmel ist grau. Die Lastwagenfahrer kommen noch nicht aus ihren L\u00f6chern, h\u00f6chstens ganz vereinzelt. Warum sollten sie auch? Es ist gespenstisch leer auf dem vollen Schiff. Zur Zeit meiner Buchung waren schon alle Kabinen ausgebucht.<\/p>\n<p>An der Theke sprechen mich zwei Syrer aus Dortmund an. Sie kommentieren den Preis der Zigaretten, die sie gerade gekauft haben: 2,70 \u20ac. Da spart man richtig Geld, wenn man ordentlich raucht. Ein Cappuccino kostet dagegen 3,20 \u20ac, und ist noch nicht einmal gut. In meinen Reisenotizen habe ich gerade gelesen, wie ich mich \u00fcber 2,90 \u20ac f\u00fcr einen Kaffee am Flughafen in Z\u00fcrich ge\u00e4rgert habe \u2013 vor elf Jahren, auf dem Weg nach Athen.<\/p>\n<p>Dies ist meine achte Reise nach Griechenland, meine zweite nach Kreta. Die erste liegt aber schon mehr als zwanzig Jahre zur\u00fcck. Da habe ich zum ersten Mal ein paar Notizen zu einer Reise gemacht, noch auf einer besseren Schreibmaschine mit einem kleinen Diskettenspeicher und einem Display, auf dem man sieben Zeilen sehen konnte. Ich war nach der Woche in Kreta mit den schwierigen Namen so durcheinander, dass ich durch die Notizen wenigstens festhalten wollte, in welchen Orten wir damals waren. Der alte Name von Heraklion war Candia, und das habe ich immer mit dem modernen Chania verwechselt. Au\u00dferdem, aber da schaffen auch die Notizen keine Abhilfe, verwechsle ich immer Chania und Rethymnon. Beide sind sch\u00f6ne St\u00e4dte, beide in der Westh\u00e4lfte Kretas.<\/p>\n<p>Aus Langeweile lese ich mir die Notizen jetzt noch mal durch. Wir waren damals fast ausschlie\u00dflich im Norden Kretas. Das ist auch einleuchtend f\u00fcr eine organisierte Reise: Die drei gr\u00f6\u00dften St\u00e4dte, Heraklion, Chania und Rethymnon, liegen im Norden, ebenso Knossos. Und die beste Stra\u00dfe, die <em>National Road<\/em>, f\u00fchrt auch im Norden von West nach Ost. Wir waren aber auch in Phaestos und Gortys. Die liegen beide im S\u00fcden, westlich von Myrtos. Und in Orten, an deren Namen mir jetzt b\u00f6hmische D\u00f6rfer sind: Aptera, Sitia, Toplou, Arkadi. Und wir haben, wie es sich f\u00fcr gute Touristen geh\u00f6rt, die Samaria-Schlucht durchwandert.<\/p>\n<p>Die Fahrt auf dem Meer ist inzwischen rauer geworden. Hin und wieder gibt es einen richtigen Knall, so, als ob das Schiff auf ein Hindernis stie\u00dfe. Aber es sind nur die Wellen. Au\u00dferdem gibt es keine Internetverbindung. Wir sind in einem Funkloch. Und vermutlich in Niemandsland. Wenn nicht, w\u00fcsste ich nicht, ob dies Italien oder Griechenland ist.<\/p>\n<p>Gegen Nachmittag kommt Bewegung in die Sache. Auf einmal sehe ich mehr Passagiere an Deck als w\u00e4hrend der gesamten Reise. Dann kommt Land in Sicht. Flache, langgestreckte, kahle Berge, ohne jede Spur von Zivilisation. Wir n\u00e4hern uns Igoumenitsa. Das befindet sich auf dem griechischen Festland, an einer Meerenge, genau zwischen dem unteren Ende der Adria und dem oberen Ende des ionischen Meers, gegen\u00fcber von Korfu, ziemlich am unteren, hinteren Ende des italienischen Stiefels. Die Strecke Ancona \u2013 Patras macht Zwischenstation in Korfu. K\u00f6nnte was f\u00fcr den R\u00fcckweg sein. Aber wer denkt jetzt schon an den R\u00fcckweg?<\/p>\n<p>Der ganze Pullmannraum leert sich schlagartig. M\u00e4nner von der Besatzung kommen und nehmen eine Schnellreinigung vor. Jetzt sind auch wieder die begehrten Steckdosen frei, und ich kann Handy und Notebook aufladen.<\/p>\n<p>Der Himmel ist immer noch grau, aber ganz hinten hellt es etwas auf. Und es regnet nicht mehr.<\/p>\n<p>Um f\u00fcnf Uhr sind wir wieder unterwegs. Ich gehe kurz raus und lasse mir den Wind um die Ohren blasen und mache ein paar Photos von dem Gischt auf dem grauen Meer, von den grauen, schwarzen und wei\u00dfen Wolken und dem hellen Streifen am Horizont. Das hat was. Aber dann f\u00e4ngt es aber wieder an zu regnen, und ich fl\u00fcchte nach innen. Dann kommt auch noch ein Gewitter, und bald ist es dunkel.<\/p>\n<p>Die Fahrt zieht sich in die L\u00e4nge. Und erinnert mich an Busreisen nach Spanien in der Studentenzeit. Die dauerten auch mehr als drei\u00dfig Stunden. Und dabei konnte man sich kaum bewegen. Da ist das Schiff die bessere Alternative. Die meisten waren genauso \u00fcberrascht wie ich, dass die Fahrt so lange dauert, aber man untersch\u00e4tzt die Entfernung: Es sind mehr als 1100 Kilometer Luftlinie von Venedig nach Patras! Mehr als ich bisher mit dem Auto zur\u00fcckgelegt habe.<\/p>\n<p>Die Fahrt zieht sich hin. Und zieht sich hin. Was immer ich auch tue, lesen, rausgehen, Photos ansehen, es kommt kein Land in Sicht.<\/p>\n<p>Die Griechen sitzen vor den drei Fernsehern, wo eine Seifenoper l\u00e4uft. Scheint witzig zu sein.<\/p>\n<p>Ich mache noch ein paar Photos drau\u00dfen. Das bestimmende Motiv sind die Wolken. Wie \u00fcberhaupt auf der ganzen Fahrt. Oft ganz ungewollt. Ich photographiere ein Monument, und es wird ein gutes Photos wegen der Wolken im Hintergrund. Auf die ich gar nicht geachtet habe.<\/p>\n<p>Die Lastwagenfahrer verschwinden allm\u00e4hlich zu ihren Fahrzeugen. Ich schleiche mich auch runter, aber das ist mein Deck nicht. Ich werde wieder nach oben geschickt. Da erkennt ein Paar aus Karlsruhe sieht mir meine Verwirrung an und erkl\u00e4rt, wo unsere Autos st\u00fcnden. Sie wissen sogar, dass ich direkt vor ihnen stehe. Es sei noch viel zu fr\u00fch zum Runtergehen.<\/p>\n<p>Sie sind alte Hasen und Griechenlandkenner. Sie kennen auch Myrtos, aber andere Orte auf Kreta noch besser. Ich lasse mir die Gelegenheit entgehen, mir noch ein paar Tipps zu holen. Sie haben wegen der Versp\u00e4tung beschlossen, heute am Strand zu schlafen. Hotel w\u00fcrde sich jetzt nicht mehr lohnen, f\u00fcr die paar Stunden. Ganz sch\u00f6n flexibel f\u00fcr solch \u00e4ltere Herrschaften.<\/p>\n<p>Als dann endlich Patras angek\u00fcndigt wird, hei\u00dft es, wir sollten zu unserer eigenen Sicherheit noch weiter oben in der Lounge warten. Wir sind inzwischen die einzigen Passagiere auf dem \u201eGold deck\u201c.<\/p>\n<p>Als wir dann endlich nach unten kommen, sind unsere Autos auch die einzigen auf Deck A, dem untersten Deck. Man hat uns vermutlich dahin verfrachtet, weil wir die einzigen waren, die bis nach Patras mitgefahren sind. Au\u00dfer Lastwagenfahrern und Fu\u00dfg\u00e4ngern.<\/p>\n<p>Beim Rausfahren gibt es ein ziemliches Durcheinander. Lastwagen setzen noch hin und zur\u00fcck und fahren aus verschiedenen Spuren raus. Sie scheinen einen einzuquetschen. Wer hier Vorfahrt hat, ist nicht klar.<\/p>\n<p>Es gibt keine Hinweisschilder. Also fahre ich einfach einem Lastwagen hinterher, der gerade vor mir f\u00e4hrt. Das erste, was ich auf griechischem Boden sehe, ist ein Lidl.<\/p>\n<p>Es ist genau zw\u00f6lf Uhr. Es waren anderthalb Tage auf der F\u00e4hre, 36 Stunden.<\/p>\n<p>Durch die Dunkelheit geht es aufs Geratewohl in eine Richtung. Nach ein paar Hundert Metern kommt ein Hinweisschild Richtung Zentrum. Gl\u00fcck gehabt. Die Luft ist lau. Man kann mit offenen Fenstern fahren. Und man sieht auch noch ein paar Menschen auf der Stra\u00dfe und ein paar ge\u00f6ffnete Lokale. Gepriesen sei der griechische Tagesrhythmus.<\/p>\n<p>Ich bleibe stehen und spreche einen Mann an, der gerade in einen H\u00e4userblock abbiegt. Signomi. Er geht weiter. Ob er mich nicht geh\u00f6rt hat? Ich versuche es nochmal. Jetzt dreht er sich um. Ich stelle brav meine Frage, die auch einigerma\u00dfen flie\u00dfend rauskommt. Er macht eine wegwerfende Handbewegung und geht weiter.<\/p>\n<p>Ich fahre etwas weiter und frage den n\u00e4chsten Passanten. Er scheint erst den Namen des Hotels, Achaia Beach, nicht zu verstehen. Dann aber erkl\u00e4rt er mir, wo es ist. Ich frage noch mal zur Sicherheit nach: Ja, an der zweiten Ampel rechts. Ich habe unaussprechliches Gl\u00fcck gehabt. Bei allen Wegen, die in Frage kommen, fast geradewegs zum Hotel!<\/p>\n<p>Die zweite Ampel ist eine Fu\u00dfg\u00e4ngerampel. Hier kann man nicht rechts abbiegen. Die n\u00e4chste f\u00fchrt in ein Wohnviertel. Von Beach nichts zu sehen. Aber vielleicht ist es ja nur der Name. Andererseits sah das Hotel im Internet wie ein gro\u00dfer, moderner Bau aus. Der w\u00fcrde hier gar nicht hinpassen.<\/p>\n<p>Ich komme an einen Platz, wo gerade ein junger Mann seinen Kiosk in der Mitte des Platzes schlie\u00dft. Er nimmt kurz R\u00fccksprache mit einer Frau, die noch in dem Kiosk sitzt und gibt mir dann genaue Auskunft.<\/p>\n<p>Das erste Wort, das ich verstehe, ist Rio. Da denkt man normalerweise an was anderes, aber ich frage mich, woher der mein Auto kennt. Das steht hinter dem Kiosk. Dann begreife ich, dass er mir sagt, das Hotel sei nicht in Patras, sondern in Rio. Wenn man Rio h\u00f6rt, denkt man nicht unbedingt an Griechenland, aber genau das meint er. Er erkl\u00e4rt mir seelenruhig, ich solle hier oben rechts fahren und dann Richtung Athen, durch einen Tunnel durch und dann rechts abbiegen. Da sei das Achaia Beach, in Rio. Er spricht so wunderbar klar und deutlich, dass kein Zweifel bestehen kann, aber er sieht wohl mein verzweifeltes Gesicht und f\u00fcgt beruhigend hinzu: Ist nicht weit, vielleicht zehn Minuten, fahren Sie ruhig. Besser kann man einem Fremden nicht helfen.<\/p>\n<p>Halb beunruhigt, halb beruhigt, mache ich mich auf den Weg. Ich komme tats\u00e4chlich Richtung Athen, aber von einem Tunnel ist nichts zu sehen. Es geht immer weiter geradeaus, ich bin l\u00e4ngst aus Patras raus. Das kann doch nicht richtig sein. Aber es besteht keine Wendem\u00f6glichkeit. Ich muss einfach weiter fahren. Dann bin ich pl\u00f6tzlich auf der Autobahn. Jetzt gibt es nur eins: n\u00e4chste Abfahrt ab. Aber es kommt keine Abfahrt. Und es kommt keine Abfahrt und es kommt keine Abfahrt. Dann kommt ein Tunnel. Doch richtig? Dann kommt eine Baustelle: zwei Kilometer nur eine Spur. Ein Lastwagen vor mir, ein anderer hinter mir, und er hat ziemlich liberale Vorstellungen von Abstandhalten. Dann ist die Baustelle zu Ende. Es kommt noch ein Tunnel. Und noch ein Tunnel. Und dann kommt die Abfahrt: Patras. Was? Jetzt bin ich wieder da, wo ich herkomme?<\/p>\n<p>Es geht auf einer einsamen, breiten Stra\u00dfe durch ein Industrieviertel. Dann kommen die ersten Anzeichen, dass es auf die Stadt zugeht. Eine Ampel ist rot. Zuf\u00e4llig sehe ich da ein Schild, auf dem Hotels steht. Rechts ab. Hat der Mann nicht gesagt, rechts ab? Ich biege rechts ab. Es ist eine kleine, unbeleuchtete Stra\u00dfe. Und dann kommt ein Schild: Achaia Beach. Ich folge dem Schild und es kommt \u2013 nichts. Ich muss ein weiteres Schild \u00fcbersehen haben. Habe ich aber nicht. Ich bin richtig. Bald kommt ein weiteres Schild Achaia Beach. Ich folge ihm. Die Stra\u00dfe ist nur noch ein Weg. Man sieht nichts. Aber irgendwie hat man ein Gef\u00fchl von Meer. Und dann stehe ich am Strand. Auf Sand. Weiter geht es nicht. Durch die B\u00fcsche sieht man rechts Lichter. Ich setze zur\u00fcck und fahre auf die Lichter zu: das Hotel! Achaia Beach!<\/p>\n<p>Ich stelle mich auf den ersten besten Platz und gehe zur Rezeption. Ein sehr freundlicher Mann weist mich ein und teilt mir mit, wann das Fr\u00fchst\u00fcck ist. Er ist ganz davon angetan, dass ich versuche, Griechisch zu lernen, spricht aber selbst viel besser Deutsch.<\/p>\n<p>Unter der Dusche zu stehen f\u00fchlt sich wie eine Erl\u00f6sung an. Ich lege mich ins Bett und glaube, viel zu aufgedreht zum Schlafen zu sein. Nach zwei Minuten bin ich weg.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">7. Oktober (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen werde ich vom Regen wach. Er prasselt nur so auf Balkon und Dach.<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchst\u00fccksraum sitzen zwei Griechen und eine ganze Herde von Leuten, die eine Sprache sprechen, die ich seit einer gef\u00fchlten Ewigkeit nicht mehr geh\u00f6rt habe: Deutsch. Dies ist ein reines Urlauberhotel, direkt am Strand.<\/p>\n<p>Obwohl ich reichlich Zeit habe, mache ich mich fr\u00fch auf den Weg nach Pir\u00e4us. Erstens will ich unliebsame \u00dcberraschungen vermeiden, und wer wei\u00df, wo sich die Anek Lines in Pir\u00e4us versteckt, zweitens sind die Wetteraussichten f\u00fcr Pir\u00e4us etwas besser.<\/p>\n<p>Ich fahre noch mal ganz kurz zu der Stelle, wo ich gestern gelandet bin. Es ist wirklich direkt der Strand. Ich habe auf dem Sand gestanden, vor einer Strohh\u00fctte und neben \u00fcbereinandergestapelten Liegest\u00fchlen.<\/p>\n<p>Dem Gef\u00fchl folgend, lande ich auf einer Hauptstra\u00dfe. Ich biege an einer Tankstelle ab. Das Benzin kostet etwa dasselbe wie in Deutschland. Aber es gibt einen Unterschied: Hier wird man bedient. Es soll ja Menschen geben, die so etwas sch\u00e4tzen. Man wird zu einer Zapfs\u00e4ule herangewinkt und gleich bedient. Die freundliche junge Frau will mir das teurere Benzin verkaufen, aber ich lehne dankend ab. Sie kassiert auch gleich. Einen dicken B\u00fcndel Geldscheinen tr\u00e4gt sie lose in der Tasche ihres Overalls. Ich frage nach dem Weg und erfahre, dass es die andere Richtung ist. Bald kommen auch die ersten Schilder Richtung Athen.<\/p>\n<p>Dann kommt eine Mautstelle. Hier in Griechenland wird vorher kassiert, und nicht von einem Automaten, sondern von einer Person: 2,50\u20ac. H\u00e4lt sich ja noch in Grenzen. Daf\u00fcr bekommt man aber auch nur eine einspurige Nationalstra\u00dfe. Der Seitenstreifen wird, da, wo er existiert, als zus\u00e4tzliche Spur genommen, und mir ist nicht immer wohl dabei, wenn ich \u00fcberholt werde. Der Seitenstreifen endet manchmal abrupt und ist oft nicht befestigt. Da, wo man 60 km\/h fahren muss, fahre ich 70 km\/m, und ein Lastwagen f\u00e4hrt Staub aufwirbelnd an mir vorbei. Dann kommen Baustellen, eine nach der anderen, f\u00fcr mich jetzt schon ein vertrautes Bild, in allen vier L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Bei Kilometer 999 endet die Baustelle, und bei Kilometer 1000 h\u00f6rt es auf zu regnen. Bei Kilometer 1001 beginnt die n\u00e4chste Baustelle. Dann kommt noch mal eine Maut. Und wieder folgen Baustellen.<\/p>\n<p>Bei uns baut man ja vielleicht mal ein paar Kilometer, hier will man gleich hundert Kilometer Autobahn bauen, wie es scheint. Man sieht Baufahrzeuge, Bagger und Lastwagen, aber wenige Bauarbeiter.<\/p>\n<p>Das Wetter ist weiterhin tr\u00fcbe. Die Vegetation ist ganz mediterran, mit Pinien, die sich b\u00fccken und biegen und Zypressen, die stocksteif und gerade dastehen. Dazu allerlei Kiefern und andere Nadelb\u00e4ume. Ich sehe auf der ganzen Strecke keinen Laubbaum. Es ist aber ziemlich gr\u00fcn. Hin und wieder taucht rechts ein majest\u00e4tischer Berg auf, mit gr\u00fcner Kuppe, und hin und wieder taucht links das Meer auf.<\/p>\n<p>Dann, auf der H\u00f6he von Tripolis, beginnt pl\u00f6tzlich die Autobahn. Dreispurig, mit ebener Fahrbahn und guter Beschilderung.<\/p>\n<p>Ich frage mich ob Tripoli, das ja vermutlich \u201eDreistadt\u2018 bedeutet, nach Tripolis im Nahen Osten abgeleitet ist oder umgekehrt, oder ob die Benennungen unabh\u00e4ngig voneinander entstanden sind.<\/p>\n<p>Dann wird das Wetter besser und die Landschaft \u00e4ndert sich. Die Berge sind schroffer und kahler, man sieht kaum noch einen Baum, nur noch Str\u00e4ucher.<\/p>\n<p>Bei Korinth kommt das Meer im Sonnenglanz voll zur Geltung. Man sieht sogar f\u00fcr einen Augenblick den ber\u00fchmten, schnurgerade verlaufenden Kanal. Die Autobahn f\u00fchrt direkt \u00fcber ihn her.<\/p>\n<p>Dann wird noch einmal Maut kassiert, und dann kommt die Abbiegung Richtung Pir\u00e4us. Jetzt wird es abenteuerlich. Die Beschilderung ist schlecht, auf kleinen Schildern, manchmal halb von Str\u00e4uchern verdeckt, und kommt oft erst im letzten Moment. Einmal lande ich an einer Tankstelle, weil ich zu fr\u00fch abgebogen bin. Es gibt keine Beschleunigungsspur, und es ist kaum wieder auf die Schnellstra\u00dfe zu kommen. Ich erinnere mich an eine \u00e4hnliche Situation in Deutschland vor ein paar Tagen. An der Ausfahrt von einer Rastst\u00e4tte, an der eine Baustelle war, stand ein Lastwagen und wartete darauf, dazwischen zu kommen. Hatte keine Chance. Beide Spuren waren voll. Es war \u00fcberhaupt nicht abzusehen, wann er mal da raus kommen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Dann bin ich pl\u00f6tzlich in einer Stadt, keine Ahnung, welche. Es geht meilenweit immer die kerzengerade Stra\u00dfe hinauf, zwischen parkenden Autos auf beiden Seiten. Dazwischen Mopeds, die rechts und links vorbeifahren, Autos, die einbiegen und Fu\u00dfg\u00e4nger, die die Stra\u00dfe \u00fcberqueren. An beiden Stra\u00dfenseiten sind Gesch\u00e4fte, die Stadt ist rappelvoll, und die Beschilderung ist ganz verschwunden. Das kann doch nicht richtig sein, sage ich mir. Ich kann mir aber nicht vorstellen, wo ich eine Abbiegung verpasst haben k\u00f6nnte. Es geht immer weiter den H\u00fcgel rauf, und als ich fast oben angekommen bin, kommt wieder so ein Schild im allerletzten Moment: Pir\u00e4us. Dabei sind wir doch vermutlich in Pir\u00e4us. Aber soll mir gleich sein. Die enge Stra\u00dfe f\u00fchrt auf eine gro\u00dfe, un\u00fcbersichtliche Kreuzung. In der Ferne sieht man Schiffe. Die sehen ein bisschen zu gut f\u00fcr unsere F\u00e4hre aus, aber ich versuche es einfach mal. Als ich n\u00e4her komme, steht auf einem der Schiffe tats\u00e4chlich ANEK. Irgendwie gelange ich in das Hafengebiet, habe aber das Gef\u00fchl, dass ich da gar nicht rein darf. Ich halte an dem Kiosk der Konkurrenz, Minoan Lines. Da zeigt man schroff auf das Schiff: Da hinten. Das h\u00e4tte ich mir auch denken k\u00f6nnen. Ich gehe weiter und komme dann tats\u00e4chlich zu dem Kiosk von ANEK. Ich bin richtig hier. Und kann das Auto hier hinstellen.<\/p>\n<p>Inzwischen ist es richtig sch\u00f6n. Ich packe die wichtigsten Dinge zusammen und gehe aus dem Hafengebiet hinaus. Dabei erwische ich ein wenig einladendes Viertel: heruntergelassene Eisenrollladen, leere Gesch\u00e4fte mit schmutzigen Schaufenstern, B\u00fcrgersteige mit parkenden Autos und zerbrochenen Steinen, zwischen denen Gras w\u00e4chst, einst\u00fcrzende D\u00e4cher. Lauter dunkle Werkst\u00e4tten und Verkaufshallen f\u00fcr Autozubeh\u00f6r, eine davon mit dem klingenden Namen Da Vinci. Dazwischen ein richtig gut aussehendes Fischgesch\u00e4ft, ohne Fenster oder T\u00fcr.<\/p>\n<p>Ich gehe an einer neobyzantinischen Kirche mit griechischer Flagge und gelber Flagge mit schwarzem Doppeladler zur\u00fcck zur Anlegestelle.<\/p>\n<p>Dort gibt es ein einfaches Lokal, mit ein paar einzelnen Tellern mit verschiedenen Gerichten, die aufgew\u00e4rmt werden. Ich bestelle Pastitsio und griechischen Salat und Wein und Wasser und setze mich nach drau\u00dfen auf die Terrasse, von einem gro\u00dfen Plane vor der Sonne gesch\u00fctzt.<\/p>\n<p>Dann zieht sich die Sonne zur\u00fcck, es wird k\u00fchler und es f\u00e4ngt an zu regnen. Und wie. Auch hier tut die Plane ihren Dienst. Zun\u00e4chst noch. Dann fl\u00fcchten alle nach Innen. Was jetzt runter kommt, ist die Sintflut. Ich erinnere mich unwillk\u00fcrlich an andere Gelegenheiten, bei denen es so stark geregnet hat: in Florenz, mit herrlichstem Sommerwetter vorher und nachher \u2013 ich habe immer noch den Schirm, den wir damals gekauft haben \u2013 in Havanna bei der Suche nach einer Bank, in Bielefeld auf der Autobahn, als die Autos auf der Fahrspur stehen blieben, in Kamerun, in einem verlassenen Haus, nachdem die Familie pl\u00f6tzlich aufgebrochen war, um ein schreiendes Kind zum Arzt zu bringen, in Konz beim Stadtlauf, in der Sexta bei einem Fu\u00dfballspiel, das 0:8 verloren ging, auf einem Zeltplatz in Barcelona, wo der Besitzer uns in der K\u00fcche \u00fcbernachten lie\u00df. Pir\u00e4us kann sich da jetzt einreihen. In der Heimat sch\u00fcttet es, nach einstimmigen Mitteilungen, ebenfalls. Schwacher Trost.<\/p>\n<p>Dann geht es auf die F\u00e4hre. Hier geht es ganz anders zu als in Venedig. Keine Spuren, keine Einweiser, kein Kommando, dass es losgeht. Man soll einfach auf das Schiff fahren, irgendwann zwischen sechs und acht. Nat\u00fcrlich bin ich schon um sechs dabei.<\/p>\n<p>Mit einem etwas flauen Gef\u00fchl fahre ich die steile Rampe auf das Schiff rauf. Es rumpelt unter dem Auto, von den vielen Metallmarkierungen auf dem Boden. Als ich oben ankomme, werde ich wieder zur\u00fcckgeschickt: falsches Schiff. Es war mir gleich eine Spur zu vornehm vorgekommen. Es steht zwar Chania drauf, aber das muss ja nicht bedeuten, dass es nach Chania f\u00e4hrt. Tut es aber wohl.<\/p>\n<p>Das Schiff nebenan ist richtig. Man wird erst rauf und dann runter geleitet. Ein Mann schreit unverst\u00e4ndliche W\u00f6rter in verschiedenen Sprachen und fuchtelt wild mit den Armen herum. Als er noch lauter schreit, steige ich aus und sage ihm, es gebe keinen Grund zum Schreien. Ich sei zum ersten Mal hier und h\u00e4tte keine Ahnung, wohin ich das Auto stellen m\u00fcsse. Danach wird er etwas friedlicher, geht dann aber kopfsch\u00fcttelnd von dannen, als er mich erledigt hat.<\/p>\n<p>Hier ist es anders als auf dem anderen Schiff. Es gibt keinen getrennten Aufgang. Man geht einfach zwischen den einfahrenden Lastwagen her und bahnt sich dann den Weg nach oben.<\/p>\n<p>Auf diesem Schiff ist alles anders. Es hat eine gediegenere Atmosph\u00e4re. Ein Heer von uniformierten Kellnern steht zur Begr\u00fc\u00dfung bereit, und einer leitet mich sogar zu meinem Liegesitz.<\/p>\n<p>Auf diesem Schiff gibt es weniger Lastwagen und mehr private Passagiere. Es ist auch voller. Hier kann man die Lehnen zwischen den Sitzen nicht runterklappen und sich so ein Ersatzbett schaffen. Daf\u00fcr wird von vielen der Boden als Schlafstelle genutzt.<\/p>\n<p>Eine Gro\u00dffamilie kommt rein und fragt mich nach meinem Sitz. Sie sprechen eine Sprache, die man hier eher nicht vermutet: T\u00fcrkisch. Dann kommt eine ganze Sippe, die ebenfalls eine Sprache spricht, von der man kein Wort versteht, vielleicht Albanisch. Die T\u00fcrken sind h\u00f6flich, leise und r\u00fccksichtsvoll, die Albaner laut und ordin\u00e4r.<\/p>\n<p>In der Lounge h\u00e4ngen alte Werbeplakate, darunter eins, das Amerikaner nach Havanna lockt, mit einem tanzenden, leicht bekleideten M\u00e4dchen und dem Argument, dass es nur wenige Meilen von Key West entfernt sei. Das ist aus der Zeit vor der Revolution.<\/p>\n<p>Im Gang h\u00e4ngt eine detaillierte Karte. Erst jetzt wird mir klar, warum man \u201eumsteigen\u201c muss und die Schiffe nicht direkt von Venedig nach Pir\u00e4us fahren: Man m\u00fcsste um den ganzen Peloponnes herum. Oder durch den Kanal von Korinth. Aber der ist zu eng f\u00fcr die modernen Schiffe.<\/p>\n<p>Schon in der Antike hat man versucht, dort einen Kanal zu graben, aber es ist bei Versuchen geblieben. Stattdessen hat man die Schiffe \u00fcber das Land geschleppt, um nicht den ganzen Peloponnes umfahren zu m\u00fcssen! Sagenhaft, wozu die Menschen damals schon in der Lage waren. Der Kanal macht den Peloponnes quasi zu einer Insel. Die Landenge hier war der einzige Landzugang vom Festland auf die Halbinsel. Daher die strategische Bedeutung von Korinth in der Antike.<\/p>\n<p>Noch stellt sich keine M\u00fcdigkeit ein. Also gehe ich in die Bar. Ich bestelle ein kleines Bier und bekomme ein gro\u00dfes. Daraufhin bestelle ich noch ein gro\u00dfes. Danach kann ich schlafen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">8. Oktober (Mittwoch) <\/span><\/p>\n<p>Bei einem Kaffee vor der Ankunft \u2013 wir haben eine knappe Stunde Versp\u00e4tung \u2013 h\u00f6re ich ein Gespr\u00e4ch zwischen einem englischen Paar, ein paar Tische weiter weg. Die beiden sprechen sehr leise, und ich verstehe kaum ein Wort. Trotzdem h\u00f6rt sich die Frau sehr englisch an. Da frage ich mich, ob man wohl aufgrund von stimmlichen Qualit\u00e4ten zumindest einige Sprecher einer bestimmten Sprache zuordnen k\u00f6nnte. Dieselbe Frage habe ich Aber dann verzerrt man die Stimme eben. Man m\u00fcsste es mit Sprachen machen, die man nicht kennt. Aber von deren Stimmen hat man dann auch keine Vorstellungen. Was wiederum daf\u00fcr spricht, dass alles Einbildung ist. Trotzdem. Dass die Engl\u00e4nderin leise, die Griechin laut spricht, entspricht jedenfalls dem Klischee.<\/p>\n<p>Die beiden sitzen vor einem Plakat des Benaki-Museums in Athen. Der Name des Museums erscheint in griechischer und lateinischer Schrift. Aber das moderne Griechisch hat keinen Buchstaben f\u00fcr \/b\/. Es ist frikatisiert worden: Aus dem klassischen <em>beta<\/em> ist ein <em>vita<\/em> geworden. Deshalb muss der Laut \/b\/ durch eine Buchstabenkombination wiedergegeben werden: \u03bc\u03c0. Das wirkt sich auch auf die Aussprache aus. Es klingt immer so, als wenn man \/mb\/ sagt, als M-Benaki.<\/p>\n<p>L\u00e4ngst sieht man die Lichter von Heraklion. Endlich kommt die Durchsage, dass man zu den Autos runtergehen sollte. Als ich vom Schiff fahre, um sieben Uhr, ist genau eine Woche seit dem Start in Koblenz vergangen. Ich bin in Kreta.<\/p>\n<p>Kreta ist anders, griechisch und doch nicht griechisch. Kreta geh\u00f6rte l\u00e4nger als Griechenland zum Osmanischen Reich, es war am Beginn des 20. Jahrhunderts eine kurze Zeit lang ein autonomer Staat,\u00a0 und unter den R\u00f6mern geh\u00f6rte es zur Provinz Libyen. Afrika. Und die erste Hochkultur in Kreta, die der Minoer, gab es, bevor die ersten Griechen nach Kreta kamen.<\/p>\n<p>In Heraklion weht ein laues L\u00fcftchen. Man kann auch um diese Zeit schon mit offenem Fenster fahren.<\/p>\n<p>Im Hafengebiet geht alles erstaunlich glatt. Es geht Richtung Agios Nikolaos. Das ist von Anfang an, vom ersten Kreisverkehr, an den man kommt, ausgeschildert. Es geht aus Heraklion heraus, auf eine gut ausgebaute Stra\u00dfe, und pl\u00f6tzlich ist Agios Nikolaos verschwunden. Unter den Alternativen sind Knossos und Archanes. Beides kommt mir falsch vor. Ich fahre rechts auf einen Feldweg, um in Ruhe die Karte zu studieren. Ausgerechnet in dem Moment kommt ein Auto hinter mir her und treibt mich weiter den Weg runter. Es gibt keinen Platz zum Wenden.<\/p>\n<p>Als ich ihn los bin, sehe ich auf der Karte, dass Archanes durchaus richtig ist. Aber das ist der k\u00fcrzere Weg, mit der schlechteren Stra\u00dfe. F\u00fcr den Anfang habe ich den Tipp bekommen, den weiteren Weg \u00fcber Ierapetra zu nehmen.<\/p>\n<p>Ich fahre zur\u00fcck und merke, dass ich wirklich eine Ausfahrt verpasst habe. Die Stra\u00dfe ist hervorragend. Es ist inzwischen hell geworden, die Sonne scheint, alles gut.<\/p>\n<p>Dann wird, eher allm\u00e4hlich, aus der Schnellstra\u00dfe eine Art besserer Landstra\u00dfe, und dann bildet sich eine lange Schlange hinter einem Lastwagen. Dann kommt auch noch ein Bagger. Es geht im Schritttempo weiter.<\/p>\n<p>Die Benzinpreise, merke ich am Rande, sind in Kreta noch h\u00f6her. Sogar noch h\u00f6her als in Italien.<\/p>\n<p>Dann macht der Bagger Platz, und irgendwann ist dann auch die Gelegenheit, den Lastwagen zu \u00fcberholen. Die Gegend ist sehr sch\u00f6n. Es ist erstaunlich gr\u00fcn.<\/p>\n<p>Dann, in Agios Nikolaos, kommt das Meer, in der Sonne schimmern. An der Stra\u00dfe kleine, ruhige Urlaubsorte mit Angeboten in verschiedenen Sprachen. Hin und wieder sieht man Gesch\u00e4fte, die Supermarkt hei\u00dfen, aber nicht viel mehr als Tante-Emma-L\u00e4den sind. Irgendwo taucht eine alte Frau ganz in Schwarz auf. Man sieht sie noch, aber sie sind eine aussterbende Spezies.<\/p>\n<p>Dann geht der Weg nach Ierapetra ab und f\u00fchrt vom Meer weg. Kurz vor Ierapetra kommt das erste Schild nach Myrtos, aber ich gerate irgendwie in den Ort hinein und muss nach dem Weg fragen. Kein Problem.<\/p>\n<p>Norbert, Kreta-Experte, Ratgeber und Vermittler bei der Planung der Reise, ist durch seinen Bruder nach Myrtos gekommen. Der war mit einem Freund auf Kreta unterwegs, und nach vielen Herumreisen entschlossen sie, am n\u00e4chsten Ort, der ihnen gefallen w\u00fcrde, zu bleiben: Myrtos.<\/p>\n<p>F\u00fcr die griechischen St\u00e4dtenamen gibt es keine einheitliche Umschreibung. Ist es jetzt Myrtos oder Mirtos? Oder sogar Myrthos? Spielt vielleicht keine gro\u00dfe Rolle, aber es kann schon mal passieren, dass man Ieraklion nicht findet, weil man es unter Heraklion sucht. Dazu kommt, dass sich die modernen Namen oft von den klassischen unterscheiden. Soll man denselben Namen benutzen, wenn man von antiken Tempeln spricht und wenn man von modernen Verkehrsproblemen spricht? Ich glaube, das erste Hinweisschild hatte Myrtos, aber sonst sieht man mehr Mirtos. Allerdings wird es auf Griechisch mit &lt;y&gt; geschrieben, \u039c\u03c5\u03c1\u03c4\u03bf\u03c2, also bleibe ich auch auf Deutsch bei Myrtos.<\/p>\n<p>Hinter Ierapetra geht es wieder ans Meer. Hier gibt es ganze Anlagen von Gew\u00e4chsh\u00e4usern, Gew\u00e4chsh\u00e4user aus Holzgestellen mit hellen, undurchsichtigen Planen. Sie sind nicht gerade ein Sch\u00f6nheit, aber nicht so schlimm wie ich sie mir vorgestellt habe. Der letzte Ort vor Myrtos ist New Myrtos.<\/p>\n<p>Es geht direkt am Meer entlang. Aus einer erh\u00f6hten Position sieht man auf die Bucht von Myrtos herunter. Ein sch\u00f6ner Anblick. Nicht nur deshalb mache ich noch einmal kurz Halt, sehe in Ruhe aufs Meer, atme durch und bin dankbar, dass alles gut gegangen ist. Eher zuf\u00e4llig entsteht dabei ein Photo, das dazu angetan ist, die arbeitende Bev\u00f6lkerung in h\u00f6heren Breiten neidisch zu machen.<\/p>\n<p>Dann kommt das Ortseingangsschild. Noch mal ein Halt f\u00fcr ein Photo. Geschafft! 1300 Kilometer. Den gr\u00f6\u00dferen Anteil, ca. 1400 Kilometer, haben die F\u00e4hren.<\/p>\n<p>Man kommt direkt in die engen Gassen des Ortes. Wohin jetzt? Irgendwo gibt es tats\u00e4chlich einen Hinweis auf einen Parkplatz. Damit ist wohl der Stra\u00dfenrand am Ortsrand gemeint. Da lasse ich mein Auto.<\/p>\n<p>Ich frage mich nach dem Kiosk durch. Es ist ein ganz kleiner Laden an einer Stra\u00dfenecke, nur mit einem Schlitz, durch den ich eine Frau sehe. Das muss Dhespina, einer der beiden T\u00f6chter von Apostolos, dem <em>Pater familias<\/em>. Ich sage, wer ich bin und frage nach Villa Mare. Als er das h\u00f6rt, kommt einer der M\u00e4nner, die am Kiosk stehen, auf mich zu und begr\u00fc\u00dft mich ganz herzlich: Apostolos. Trifft sich gut. Er bietet mir einen Kaffee an und geht in das gegen\u00fcberliegende Lokal, um ihn zu besorgen. Der Kaffee wird serviert von Jana, aus dem Mirtos gegen\u00fcber. Die wird mir bei der Gelegenheit auch gleich vorgestellt. Inzwischen ist auch Maria eingetroffen, die Ehefrau von Apostolos. Sie spricht auch etwas Englisch. Apostolos spricht nur Griechisch, und das sagt er nicht ohne Stolz. Kommt mir gut zupass. Er ist Schreiner, aber auch Landwirt: Bananen, Rosinen, Oliven. Ich k\u00f6nne gerne mal zur Olivenernte mitkommen. Davon hat mir Norbert schon erz\u00e4hlt. Der ist gerade heute abgereist und ist jetzt gerade, wie Apostolos mir sagt, auf dem Flughafen in Chania. Er wird aber im Laufe der Zeit sicher hier noch auftauchen. Im Moment, erfahre ich, seien noch drei Freunde von Norbert hier: Monika, Barbara und Kunde. Ich frage noch mal nach, aber es bleibt bei Kunde. Das muss G\u00fcnther sein.<\/p>\n<p>Apostolos will wissen, wie lange ich bleibe. Ich antworte etwas ausweichend: Mal sehen, kommt drauf an. Ich will mich nicht allzu sehr festlegen.<\/p>\n<p>Apostolos muss wegen eines Auftrags nach Ierapetra und bietet mir an, vorzufahren und mir den Weg nach Villa Mare zu zeigen. Wie alle Einsprachigen, hat er wenig Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Schwierigkeiten von Ausl\u00e4ndern mit der Sprache, und als ich ihm an einer Ecke folgen will, steigt er aus und zeigt fast verzweifelt nach oben: Da rauf!<\/p>\n<p>Die kleine Stra\u00dfe mit Fahrrinnen f\u00fchrt ganz steil nach oben. Als ich halb oben bin, kommt schon ein sehr freundlicher junger Mann auf mich zugelaufen und weist mich ein \u2013 auf Deutsch. Ich bin auf halber H\u00f6he zum Stehen gekommen, und jetzt tut der Rio sich schwer damit, wieder in Gang zu kommen. Die R\u00e4der drehen auf dem Sand durch, das Gewicht zieht den Wagen nach hinten. Dann geht es doch aufw\u00e4rts. Ich soll bis ganz nach oben fahren, dort wenden und dann wieder herunterkommen. Dann kann ich gleich vor dem Haus parken. Als das auch bew\u00e4ltigt ist, gibt es noch eine Korrektur. R\u00e4der nach rechts. So machen es alle hier. Wenn ein Wagen sich l\u00f6st, rollt er gegen die Mauer und nicht nach unten.<\/p>\n<p>Der junge Mann bietet seine Hilfe beim Ausladen an. Das Zimmer ist noch nicht fertig. Aber wir k\u00f6nnen die Sachen schon mal in den kleinen Innenhof schaffen, eigentlich eher ein Vorhof. Der ist sehr sch\u00f6n, mit einer Pergola mit dichtem Bewuchs als Schattenspender \u00fcber uns. Dann kommt Zoe, die zweite Tochter von Apostolos. Sie k\u00fcmmert sich um Villa Mare, zusammen mit ihrem Freund. Der hat in Deutschland gelebt, in Wuppertal, und hat noch Verwandte in Velbert. Er spricht flie\u00dfend Deutsch. Auch die kleinere der beiden T\u00f6chter lernt in der Schule jetzt Deutsch.<\/p>\n<p>Dann schaffen wir die Sachen hoch. Wie in Patras ist die Dusche wieder wie ein Geschenk des Himmels. Das Zimmer ist winzig und sehr einfach. Allerdings soll ich noch das danebenliegende Zimmer dazu bekommen, sobald es frei ist.<\/p>\n<p>Danach sehe ich mir den Ort an. Der ist wirklich sehr h\u00fcbsch, sehr gr\u00fcn. Er besteht eigentlich nur aus den anderthalb Stra\u00dfen des Ortes und der Strandpromenade. Da reiht sich ein Lokal ans andere, vielleicht sieben oder acht. Vereinzelt sitzen G\u00e4ste in den Lokalen, einige schon beim Bier. In einem Caf\u00e9 sitzen auch ein paar griechische M\u00e4nner, mit kurzen Hosen! Ob es Einheimische sind? Oder griechische Touristen? Das typische, meist dunkle Kafeneion, wo M\u00e4nner, meist ausschlie\u00dflich M\u00e4nner, stundenlang sitzen und diskutieren und Tafli spielen, gibt es hier an der Strandpromenade sowieso nicht, aber auch im Zentrum sehe ich h\u00f6chstens eins, das diesem Typ entsprechen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Myrtos ist zwar ein touristischer Ort, aber keiner f\u00fcr die gro\u00dfen Reiseunternehmer. Der Flughafen ist zu weit, und f\u00fcr gro\u00dfe Hotels ist einfach kein Platz. Die meisten Urlauber sind Paare oder Einzelreisende, meist Deutsche, Holl\u00e4nder, Franzosen, Engl\u00e4nder. Die bleiben aber, wie Maria mir erkl\u00e4rt hat, nur bis Ende Oktober. Dann ist die Reisesaison zu Ende.<\/p>\n<p>Auf der Hauptstra\u00dfe gibt es auch Lokale, aber auch ein paar Gesch\u00e4fte f\u00fcr die Einheimischen und zwei sogenannte Superm\u00e4rkte f\u00fcr Einheimische und Touristen. Die haben vollgepfropfte Regale mit ganz engen G\u00e4ngen dazwischen. Ich kaufe ein paar Sachen und gehe dann noch, vom Geruch angelockt, in die B\u00e4ckerei. Man sieht auf den ersten Blick nur Pl\u00e4tzchen, aber in einer anderen Vitrine gibt es auch <em>pita<\/em>, die griechischen Pasteten, und auf die habe ich es abgesehen. Ich nehme eine <em>tiropita<\/em> und dann auf Empfehlung noch eine <em>spanakotiropita<\/em>, mit K\u00e4se und Spinat.<\/p>\n<p>Als ich von einem ganz kurzen Mittagsschlaf aufwache, bin ich v\u00f6llig orientierungslos. Ich wei\u00df nicht, in welchem Land ich bin, nur, dass ich in einem Zug bin.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">9. Oktober (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Als ich wach werde, h\u00f6re ich fr\u00f6hlich kreischende Kinder. Die Stimmen kommen von einer Grundschule, die sich genau unterhalb der Wohnung befindet. Sp\u00e4ter h\u00f6re ich die Kinder beten und sp\u00e4ter, als ich in den Ort runtergehe, auf dem kleinen Schulhof herumtoben.<\/p>\n<p>Ich ziehe die Laufschuhe an und versuche, eine Strecke zu finden. Gar nicht so einfach. W\u00e4lder gibt es nicht, und eine Stra\u00dfe, die von der Wohnung aus ortsausw\u00e4rts f\u00fchrt, ist nach ein paar Metern zu Ende. Ich laufe ein bisschen durch den Ort. Das bringt es nicht. Es findet sich keine Strecke, und die Einheimischen gucken einem verst\u00e4ndnislos nach. So was ist nur was f\u00fcr die verr\u00fcckten Touristen. Auch die Strandpromenade ist keine gute Alternative. Dann entdecke ich eine Stra\u00dfe, zwischen Wohnung und Meer, die aus dem Ort herausf\u00fchrt. Der Beschilderung zufolge f\u00fchrt sich zu einer arch\u00e4ologischen Ausgrabungsst\u00e4tte.<\/p>\n<p>Der B\u00fcrgersteig endet am Ortsende. Von da an geht es am Rande der unbefestigten Stra\u00dfe entlang. Mir begegnen in der ganzen Zeit aber nur wenige Autos. Und die fahren ganz vorsichtig.<\/p>\n<p>Eine Radfahrerin f\u00e4hrt an mir vorbei, auf einem Mountainbike, mit Helm. Das ist angesichts der Stra\u00dfe wirklich angesagt. Sp\u00e4ter kommen zwei M\u00e4nner, ohne Helm. Die teilen meine Aversion gegen das Helmtragen. Offensichtlich sind alle drei Urlauber. Das Fahrrad ist kein Verkehrsmittel hier. Den Reisef\u00fchrern zufolge ist Kreta kein gutes Terrain f\u00fcrs Radfahren. Zu gef\u00e4hrlich. Unter Motorradfahrern gilt es als Geheimtipp.<\/p>\n<p>Ich \u00fcberhole eine junge Frau, die offensichtlich auf dem Weg zu einem Strand ist. Sie will vermutlich einen f\u00fcr sich alleine haben. \u00dcber zu viel Andrang kann man sich in Myrtos nicht beklagen. Am Ortsausgang gibt es ein paar Str\u00e4nde mit Liegest\u00fchlen, aber das ist alles sehr bescheiden. Auf der Strecke sehe ich dann noch ein paar einsame Buchten, aber ich kann mir nicht vorstellen, wie man \u00fcber die steilen Felsen da \u00fcberhaupt hinkommen kann.<\/p>\n<p>Der Sand ist dunkel, anthrazit, manchmal br\u00e4unlich, an einigen Stellen richtig schwarz. Ist das vulkanisch?<\/p>\n<p>Ich bin erst um halb neun losgelaufen, und es ist fast schon zu warm zum Laufen. Schatten gibt es \u00fcberhaupt keinen. Die Vegetation ist sehr karg, kaum einmal ein Baum. Ein paar dornige Str\u00e4ucher, ein paar Gr\u00e4ser, das ist alles. Es sieht auch alles sehr ausgetrocknet aus. Wenn der Regen kommt, und der kommt im Winter ganz ordentlich, nutzt das auch nicht viel. Durch die Erosion kann der Boden das Wasser nicht aufnehmen, und es l\u00e4uft einfach wieder ins Meer. Hier hat man, wie woanders auch, jahrhundertelang die B\u00e4ume abgeholzt. Holz brauchte man f\u00fcr alles: H\u00e4user, Schiffe, Brennmaterial, Kriegsger\u00e4t. Im Nord- und Osteuropa waren die W\u00e4lder vermutlich so gro\u00df, dass ihnen das nichts anhaben konnte, und in Deutschland hat es schon im 18. Jahrhundert ein gro\u00dfes Programm zur Wiederaufforstung gegeben. Sehr weitsichtig. Dem verdanken wir unsere W\u00e4lder.<\/p>\n<p>Entsch\u00e4digt wird man hier durch das Meer auf der einen Seite, in dem die Sonne glitzert, und die hohen Berge auf der anderen Seite, h\u00e4ufig mit quer in Schichten aufgeteilten Felsen. Wunderbar. Und wenn man genau hinsieht, kann man auch in einen kr\u00e4ftigen Dornenbusch Sch\u00f6nheit entdecken. Oder in einem Baum, der einsam oben auf einer gerade geschnittenen Felskante steht.<\/p>\n<p>Nach einer Kurve h\u00f6rt die Asphaltierung der Stra\u00dfe auf. Sie wird zu einem Schotterweg. Jetzt blo\u00df nicht fallen! Dann kommt aber wieder Asphalt.<\/p>\n<p>Dann komme ich tats\u00e4chlich zu einem Ort: Tertsa. Am Ortsschild mache ich kehrt. Mehr als genug f\u00fcr den ersten Tag.<\/p>\n<p>Nach dem Laufen spreche ich kurz mit Zoes Mann. Ich habe seinen Namen nicht aufgeschnappt. Kein Wunder, ist auch nicht gerade ein Nikos oder ein Kostas. Er hei\u00dft Charalampos, \u201aFreude ausstrahlend\u2018, ein sehr passender Name.<\/p>\n<p>Dann gehe ich in den Ort. Oberster Punkt auf der Einkaufsliste: Wasser. Au\u00dferdem gehe ich noch mal in die B\u00e4ckerei und lasse mir noch zwei weitere pita empfehlen, eine mit K\u00e4se, eine mit H\u00e4hnchen. Als ob sie mir die Frage von den Augen abliest, empfiehlt mir die junge Frau ein Lokal, weiter unten. Es hei\u00dft Akti. In dem Moment kommt ein junger Mann in die B\u00e4ckerei, ein moderner Adonis, und wechselt ein paar Worte mit dem M\u00e4dchen.<\/p>\n<p>Ich mache mich gleich auf die Suche nach dem Akti, aber ich kann es nicht finden. Es soll das letzte Lokal auf der Stra\u00dfe sein, aber das ist das Platanos, \u00fcber das ich auch schon in verschiedenen Foren gelesen habe. Genau in dem Moment kommt mir der Adonis entgegen, auf dem Rad. Ich halte ihn an und frage ihn nach dem Akti. Das sei am Strand, sagt er mir, das letzte Lokal auf der Strandpromenade.<\/p>\n<p>Ich gehe hin und erinnere mich, dass mir das Lokal schon beim Laufen aufgefallen war. Es ist modern und sieht weniger einladend aus als die anderen, hat aber viel g\u00fcnstigere Preise. Es ist kein Mensch da. In dem Moment kommt eine geb\u00fcckte alte Frau, ganz in Schwarz, aus dem Lokal. Ich frage sie, ob ge\u00f6ffnet ist, und sie sagt, sehr freundlich, ja, der junge Mann komme gleich. Und der kommt dann wirklich. Und wer ist es? Adonis! Jetzt sehe ich die Verbindung.<\/p>\n<p>Ich bestelle einen Frapp\u00e9 und bekomme eine Flasche Wasser dazu und dann noch ein sehr leckeres, kleines Geb\u00e4ck, auch aus der B\u00e4ckerei, alles inklusive. Es ist s\u00fc\u00dflich, hat einen schwierigen Namen, den ich schon wieder vergessen habe, als er ihn ausgesprochen hat, und ist besonders typisch f\u00fcr Ostern. Davon sind wir allerdings weit entfernt.<\/p>\n<p>Der junge Mann hei\u00dft Manos. Er ist der Besitzer des Akti. Am Morgen macht er so gegen halb elf auf. Er hat in erster Linie Getr\u00e4nke. Auch den Winter \u00fcber hat er ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg gehe ich noch einmal ganz langsam durch den Ort bis zum Ortseingang. Da stehen Schilder mit der Beschreibung von Wanderwegen von Myrtos aus. Es gibt auch gef\u00fchrte Wanderungen.<\/p>\n<p>\u00dcberall laufen herrenlose Hunde herum, und die Katzen liegen wie tot im Schatten von Autos und M\u00fclleimern.<\/p>\n<p>Im Zentrum, gleich unterhalb von Villa Mare, gibt es einen einsamen, baumbestandenen Platz mit einer kleinen, alten Kirche und dem Museum des Ortes, mit eingeschr\u00e4nkten Besichtigungszeiten. Ein dicht bewachsener, gro\u00dfer Baum hat herunterh\u00e4ngende, gelbe Bl\u00fcten. Am anderen Ende steht das Gegenst\u00fcck dazu, ein Kr\u00fcppel, der sich aber tapfer h\u00e4lt. Aus dem geraden Baumstamm biegt ein einziger lebendiger Ast nach schr\u00e4g nach oben ab. Ein anderer Baum hat kleine gelbe, kugelartige Fr\u00fcchte, und ein anderer hat herunterh\u00e4ngende Zweige, wie eine Trauerweide. Der Ort ist wirklich erstaunlich gr\u00fcn, und das macht einen Teil seines Scharms aus. Im Zentrum sind es meist Bougainvillea, die die Fassaden schm\u00fccken, die meisten rot bl\u00fchend.<\/p>\n<p>Vom Balkon aus sehe \u00fcber einige Dachterrassen mit Zisternen und Antennen auf das Meer. Davor das dicht bewachsenen Dach der Pergola von Villa Mare und \u2013 als Erinnerung daran, wo ich bin \u2013 die griechische Flagge von der Schule.<\/p>\n<p>Am Nachmittag habe ich kurz Gelegenheit, in das andere Zimmer zu gucken. Da sind im Moment noch die Freundinnen von Norbert untergebracht, aber die reisen heute ab. Ich sehe zu meiner Erleichterung, dass es hier auch Kochgelegenheiten gibt, erfahre aber von ihnen, dass es die auch oben, im obersten Stockwerk, vor der Terrasse, gibt. Das ist eine Gemeinschaftsk\u00fcche. Und die Terrasse oben ist auch f\u00fcr alle. Gut zu wissen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">10. Oktober (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Als ich wach werde, ist es noch dunkel. Die Tage sind relativ kurz. Es wird erst nach sieben hell, und abends um sieben wird es wieder dunkel. Im Moment ist der Unterschied zu Deutschland und Kuba relativ klein, aber die Tage sind jetzt schon wieder ein bisschen l\u00e4nger als in Deutschland und ein bisschen k\u00fcrzer als in Kuba.<\/p>\n<p>Im Internet lande ich auf einer Seite, auf der eine Reiseagentur Reisen nach Kairo, Tel Aviv, Amman usw. anbietet. Unter den Reisezielen befindet sich auch ein Ort namens \u0392\u03b7\u03c1\u03c5\u03c4\u03bf\u03c2 \u2013 Viritos. Ich muss auf die englische Seite gehen, um herauszufinden, was das ist: Beirut.<\/p>\n<p>Ebenfalls im Internet suche ich nach Spetses, einer Insel unter einem \u00f6stlichen Zipfel des Peloponnes, gar nicht weit von Athen. Spetses ist wohl ein klassisches Urlaubsziel f\u00fcr Griechen und kommt in jedem Lehrbuch vor. Und dort spielt eine der Geschichten f\u00fcr griechische Lerner, durch die ich mich in diesen Tagen hindurchk\u00e4mpfe, eine am Tag. Der Name Spetses kommt aus der Zeit, als die Insel von Venedig kontrolliert wurde und ist die korrumpierte Form von Isola delle spezie, \u201aGew\u00fcrzinsel\u2018.<\/p>\n<p>Dann geht es zum Strand, oder vielmehr ins Wasser. Es verlieren sich vier, f\u00fcnf Personen am Strand und zwei, drei im Wasser. Etwas abseits macht eine elastische junge Frau Gymnastik, jedenfalls sieht es so aus. Aber es scheinen eher spirituelle \u00dcbungen zu sein. Sie stellt sich aufrecht, mit gefalteten H\u00e4nden und blickt aufs Meer. Dann setzt sie sich, ebenso stockgerade, mit \u00fcbereinandergeschlagenen Beinen, in Buddha-Haltung, auf den Boden und bleibt unbeweglich so sitzen. Sp\u00e4ter sehe ich sie schwimmen, mit starken, athletischen Armbewegungen.<\/p>\n<p>Das Wasser ist klar, absolut durchsichtig, man sieht jeden Stein. Am Anfang ist es, wie immer, ein bisschen kalt, aber das l\u00e4sst bald nach.<\/p>\n<p>Am Strand stehen ein paar Umkleidekabinen einer Privatpension. Statt der \u00fcblichen Verbote steht dran: Beach Caf\u00e9. Changing rooms. Free for every body. Mit vermutlich unbeabsichtigtem Wortspiel.<\/p>\n<p>Etwas oberhalb ist ein Schild, das darauf aufmerksam macht, dass im Sommer Caretta Caretta, Meeresschildkr\u00f6ten, hierher kommen, um ihre Eier zu legen. Wenn man welche entdeckt, soll man sich an die Gemeinde wenden, damit sie gesch\u00fctzt werden.<\/p>\n<p>Ganz oben, oberhalb des Ortes, auf dem Berg, zum Meer ausgerichtet, sieht man eine Apartmentanlage. Das muss Mitropolis sein. Ich habe mich dieser Tage einmal in diese Richtung verirrt. So lernt man Orte kennen.<\/p>\n<p>Ich gehe zum Akti, um einen Frapp\u00e9 zu trinken und dann zum Kiosk von Despina. Sie begr\u00fc\u00dft mich \u00fcberaus freundlich und fragt als erstes, ob ich schon am Strand war. Gl\u00fcck gehabt, ich kann bejahen. Im Wasser? Ja, im Wasser. Ich will zwei Ansichtskarten kaufen, aber sie besteht darauf, dass ich nicht bezahle. Eine sehr sch\u00f6ne Geste.<\/p>\n<p>Ich muss mir \u00fcberlegen, was ich dieser Tage mal hier kaufen kann. Briefmarken gibt es gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Mein zweites Zimmer ist inzwischen fertig. Es ist ger\u00e4umiger als das andere. Zoe und Charalambos bem\u00fchen sich r\u00fchrend, mir zu helfen und alle meine W\u00fcnsche zu erf\u00fcllen. Nur f\u00fcr das W\u00e4schewaschen gibt es keine einfache L\u00f6sung. Ein Waschsalon in Ierapetra hat k\u00fcrzlich geschlossen. Und Reinigungen scheint es nicht zu geben. Die Antwort hei\u00dft: Mit der Hand waschen. Elegant braucht man ja hier nicht zu erscheinen.<\/p>\n<p>Dann fahre ich nach Ierapetra. Ich fahre einfach so drauf los und habe mir keine Gedanken dar\u00fcber gemacht, wie ich aus dem Ort raus und wie ich wieder rein komme. Beides klappt nicht auf Anhieb. Besonders bei der R\u00fcckkehr gibt es ein paar Situationen, wo Zentimeterarbeit erforderlich ist, wenn sich zwei Autos begegnen. Gott sei Dank sind alle sehr r\u00fccksichtvoll.<\/p>\n<p>Auf dem Weg nach Ierapetra sehe ich einen Afrikaner am Wegesrand, mit langer Kutte, Fahrrad und Handy. Er schiebt das Fahrrad \u2013 die Stra\u00dfe steigt unabl\u00e4ssig an \u2013 und hat das Handy unter die Schulter geklemmt, da er beide H\u00e4nde zum Schieben braucht. Sch\u00f6nes Bild.<\/p>\n<p>Ich frage mich, warum Kreta nicht, wie Sizilien, Anlaufpunkt f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge aus Afrika ist. Liegt vielleicht nicht so g\u00fcnstig.<\/p>\n<p>In Ierapetra stellen sich keifende Hunde mitten auf die Stra\u00dfe und weichen auch nicht aus, wenn Autos kommen. Sie scheinen nicht zu ahnen, dass im Zweifelsfall das Auto der St\u00e4rkere ist.<\/p>\n<p>Ich gehe zuerst zu Lidl. Das mit den Einkaufswagen funktioniert hier ohne M\u00fcnzen. Das Resultat: Die Einkaufswagen stehen auf dem ganzen Gel\u00e4nde rum. Den Menschen ist nicht zu helfen.<\/p>\n<p>Bei Lidl finde ich l\u00e4ngst nicht alles, was ich suche. Sahne scheint es nicht zu geben, und saure Sahne auch nicht. Macht nichts. Dann wird eben gegessen, was hier gegessen wird. Aber auch die Sachen f\u00fcr die Wohnung finde ich nicht.<\/p>\n<p>Ich bezahle mit Geldkarte. Das ist hier nicht so g\u00e4ngig, wird aber akzeptiert. Und klappt dann auch im zweiten Anlauf. Es ist ein Experiment. Ob es sich rentiert? Oder ob es besser ist, einen gr\u00f6\u00dferen Betrag abzuheben und dann bar zu bezahlen?<\/p>\n<p>Ich gehe in ein Caf\u00e9 und schaue mich ein bisschen im Zentrum um. Das Zentrum des Zentrums ist gar nicht so leicht zu finden. An der Uferpromenade ist alles eine Nummer gr\u00f6\u00dfer als in Myrtos. Es gibt Caf\u00e9s mit gro\u00dfen Terrassen und Souvenirgesch\u00e4fte, in denen es alles gibt, was man nicht braucht \u2013 zu \u00fcberh\u00f6hten Preisen.<\/p>\n<p>Hier gibt es auch eine ganze Reihe von Banken sowie Reiseagenturen, vor allem Agenturen f\u00fcr die F\u00e4hren, in alle m\u00f6glichen Richtungen. Auch auf einer s\u00fcdlich von Kreta liegende Insel, Chrissi, geht es von hier aus. Dahin kann man sich im Winter fl\u00fcchten, wenn es einem hier zu kalt wird.<\/p>\n<p>Die griechischen W\u00f6rter f\u00fcr Bank und Tisch, \u03c4\u03c1\u03b1\u03c0\u03b5\u03b6\u03b1 und \u03c4\u03c1\u03b1\u03c0\u03b5\u03b6\u03b9, \u00e4hneln sich, beide scheinen etwas mit Trapez zu tun zu haben (was fr\u00fcher vielleicht einfach \u201aRechteck\u2018 bedeutete). Wie bei uns also eine Verbindung zwischen M\u00f6belst\u00fcck und Kreditinstitut. An den Tischen und B\u00e4nken wurden fr\u00fcher die Gesch\u00e4fte gemacht.<\/p>\n<p>In Ierapetra begegne ich auch meinen ersten Chinesen auf Kreta. Was betreiben sie? Nat\u00fcrlich ein Gesch\u00e4ft. Dort gibt es allerhand Ramsch. Aber auch hier finde ich nicht, was ich suche.<\/p>\n<p>Ich setze mich wieder ins Auto und trete die R\u00fcckfahrt an. Dann komme ich an einem Spar vorbei. Hier finde ich alles, was ich gesucht habe, von Streichh\u00f6lzern bis zur W\u00e4scheleine. Dabei sind auch entsetzlich h\u00e4ssliche Sitzkissen f\u00fcr die St\u00fchle auf dem Balkon \u2013 die letzten vier. Es stellt sich aber heraus, dass sie einen guten Verschlussmechanismus haben, besser als alle anderen, die ich kenne.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg f\u00e4llt mir der Unrat am Wegesrand mehr auf als vorgestern. Vor allem all das Plastikzeug f\u00e4llt unangenehm auf, von Flaschen \u00fcber T\u00fcten bis zu abgerissenen Teilen der Planen der Gew\u00e4chsh\u00e4user. Der Blick hinunter auf die Bucht von Myrtos ist aber wieder die reinste Wonne.<\/p>\n<p>Zuhause sp\u00fcle ich dann ein paar Sachen durch und bet\u00e4tige den Wasserkocher. Der hat schon bessere Zeiten gesehen, funktioniert aber. Dann kann ich mir zum ersten Mal eine Tasse Tee machen.<\/p>\n<p>Als ich bei dem spartanischen Abendessen kurz aufstehe und in das andere Zimmer gehe, sto\u00dfe ich dort auf eine Katze. Vermutlich vom Essen angelockt. Ich verscheuche sie, und sie zieht Leine. Katzen haben es gut. Sie k\u00f6nnen, auf leisen Pfoten, \u00fcberall auftauchen, ohne bemerkt zu werden, und k\u00f6nnen ebenso gut verschwinden, ohne, dass man ihnen was anhaben kann. Und sie kommen \u00fcberall hin. Nat\u00fcrliche Feinde scheinen sie nicht zu haben. Iltisse und F\u00fcchse fressen H\u00fchner, aber wohl keine Katzen. Und die Hunde machen viel Aufsehen, sind aber keine echte Gefahr.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">11. Oktober (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen sehe ich, dass ich \u00fcber Nacht Besuch bekommen habe: Auf einem Balkonstuhl haben es sich auf dem h\u00e4sslichen Sitzkissen gleich drei Katzen bequem gemacht.<\/p>\n<p>Ich verschicke meine ersten beiden Ansichtskarten, eine davon an das Reiseb\u00fcro, das alles organisiert und gebucht hat. Das Porto betr\u00e4gt 60 Cent, viel mehr als bei uns. Die Briefmarken sind sch\u00f6n und ansehnlich. Der Briefkasten sieht nicht sehr vertrauenerweckend aus. Er ist verbeult, und es gibt keine Zeitangaben zur Leerung.<\/p>\n<p>Die M\u00fcllabfuhr kommt nicht zu den einzelnen H\u00e4usern im Ort. Daf\u00fcr w\u00e4re es vermutlich auch viel zu eng. Man wirft den M\u00fcll einfach in die am Ortsrand stehenden, gro\u00dfen M\u00fclleimer.<\/p>\n<p>Ein Gesch\u00e4ft, vor dem es besonders viele Bougainvillea gibt, hei\u00dft auch gleich so: \u0392\u03bf\u03c5\u03ba\u03b1\u03bc\u03b2\u03b9\u03bb\u03b9\u03b1. Hier gibt es Oliven\u00f6l, Kosmetik, Schmuck, Honig usw. Alles auf nat\u00fcrlich gemacht. Der typische Laden einer nordischen Auswanderin, die den Urlaubern ihren teuren selbstgemachten Kram andreht.<\/p>\n<p>Wieder zuhause auf dem Balkon h\u00f6re ich einen Lautsprecherwagen durch den Ort fahren, einen Verk\u00e4ufer. Ich verstehe nur einzelne W\u00f6rter: \u0395\u03bb\u03b1\u03c4\u03b5, \u201aKommen Sie\u2018, \u03ad\u03c7\u03c9, \u201aich habe\u2018, \u03c6\u03c1\u03ad\u03c3\u03ba\u03bf, \u201afrisch\u2018. Aber was er hat, verstehe ich nicht. Das erinnert mich an die Lotterieverk\u00e4ufer in Madrid. Pl\u00f6tzlich, eines Tages, verstand ich alles, was sie riefen. Jede Silbe. Bis dahin war alles Kauderwelsch gewesen. Es ging \u00fcbergangslos, von einem Tag auf den anderen, und ohne fremde Hilfe.<\/p>\n<p>Am Abend zuvor habe ich bei dem Versuch, die W\u00e4scheleine zu entkn\u00e4ueln, Schiffbruch erlitten und am Ende aufgegeben. Statt einer Leine hatte ich ein Kn\u00e4uel, das noch unl\u00f6sbarer war als urspr\u00fcnglich. Jetzt versuche ich mich nochmal daran. Eins ist sicher: Wenn Deutschland lauter Techniker wie mich h\u00e4tte, w\u00e4ren wir ein Entwicklungsland. Nachdem das Kn\u00e4uel zu einer Leine geworden ist, kommt die n\u00e4chste Herausforderung: Die Leine zu einer W\u00e4scheleine zu machen, mit den beiden Stangen der Markise als Fixpunkte. Am Ende h\u00e4ngen einige Str\u00e4nge straff, andere schlaff kreuz und quer in der Gegend herum.<\/p>\n<p>Dann kann ich mich der W\u00e4sche widmen. Handw\u00e4sche. Da wei\u00df man die gute, alte Waschmaschine zu sch\u00e4tzen. In der W\u00e4sche befinden sich auch Socken. Die werden hier vorerst wohl nicht zum Einsatz kommen. Weniger W\u00e4sche. Das ist tr\u00f6stlich. Das Beste ist der Trockner, die griechische Sonne \u2013 gratis und effektiv.<\/p>\n<p>In der griechischen Kurzgeschichte lese ich von einem Detektiv, dem nach einem ereignisreichen Tag <em>tausendundzwei Bilder, <\/em><em>\u03c7\u03af\u03bb\u03b9\u03b5\u03c2<\/em><em> <\/em><em>\u03b4\u03c5\u03bf<\/em><em> <\/em><em>\u03b5\u03b9\u03ba\u03cc\u03bd\u03b5\u03c2<\/em>, durch den Kopf gehen, offensichtlich eine Zahl, die einfach f\u00fcr \u201aviel\u2018 steht.<\/p>\n<p>An die griechische Tastatur muss man sich erst gew\u00f6hnen, aber man sieht auch, wie viele Gemeinsamkeiten es gibt. Schlie\u00dflich ist das lateinische Alphabet vom griechischen abgeleitet. Eine Schwierigkeit l\u00f6st der Computer von alleine: Es gibt nur eine Taste f\u00fcr den Buchstaben, der unserem &lt;s&gt; entspricht, obwohl der im Griechischen zwei verschiedene Formen hat: &lt;\u03c3&gt; &lt;\u03c2&gt;. Wenn der Buchstabe am Wortende erscheint, \u00e4ndert der Computer ihn automatisch in die zweite Form um!<\/p>\n<p>Die Kurzgeschichte von heute hei\u00dft <em>\u03a4\u03bf<\/em><em> <\/em><em>\u03bc\u03bf\u03bd\u03c4\u03b5\u03bb\u03bf<\/em><em> <\/em><em>\u03c0\u03bf\u03c5<\/em><em> <\/em><em>\u03b7\u03be\u03b5\u03c1\u03b5<\/em><em> <\/em><em>\u03c0\u03bf\u03bb\u03bb\u03b1<\/em><em> \u2013 Das Model, das viel wusste<\/em>. Das hat man das Gef\u00fchl: Da fehlt was. Im Deutschen. Es m\u00fcsste hei\u00dfen: <em>Das Model, das zu viel wusste<\/em>. Und so m\u00fcsste man es auch \u00fcbersetzen. Im Griechischen gibt es kein richtige Entsprechung f\u00fcr zu. Man sagt viel oder sehr viel und impliziert damit, in bestimmten Zusammenh\u00e4ngen, zu viel.<\/p>\n<p>Nach der Lekt\u00fcre widme ich mich der K\u00fcche. Da ist alles von einer leichten Schmutz- und Fettschicht \u00fcberzogen. Jede Schublade, jeder Griff, jeder L\u00f6ffel, jedes Glas ist f\u00e4llig. Danach ist es zwar immer noch nicht gut, aber auf jeden Fall besser.<\/p>\n<p>Bei der Putzaktion h\u00f6re ich \u201eEine Halligfahrt\u201c, eine Kurzgeschichte von Storm. Eine Frau, die zum ersten Mal von ihrer Hallig herunterkommt, wundert sich: \u201eMein Gott, ist die Welt doch groat. Und es jifft uck noch en Holland!\u201c Am Anfange der Erz\u00e4hlung sagt Storm, fr\u00fcher sei die K\u00fcste so dicht von Eichenw\u00e4ldern besetzt gewesen, dass ein Eichh\u00f6rnchen ohne M\u00fche von Ast zu Ast springen konnte, ohne den Boden zu ber\u00fchren. Ist das romantische Verkl\u00e4rung der Vergangenheit oder stimmt das? Es ist jedenfalls, bis in den Vergleich zu den Eichh\u00f6rnchen, genau das, was man \u00fcber das mittelalterliche Spanien sagt \u2013 in Spanien.<\/p>\n<p>Inzwischen habe ich herausgefunden, dass es nicht nur einen, sondern gleich drei kretische Vereine gibt, die in der h\u00f6chsten griechischen Klasse spielen, einer aus Chania, zwei aus Heraklion. Sie k\u00e4mpfen allerdings alle gegen den Abstieg. Der Club aus Chania ist ein Neuling, die beiden anderen, traditionelle Rivalen, sind schon l\u00e4nger oben mit dabei. Die Rivalit\u00e4t hat politische Hintergr\u00fcnde: W\u00e4hrend der Milit\u00e4rdiktatur wurde bestimmt, jede Stadt d\u00fcrfe nur noch einen Verein in der h\u00f6chsten Liga haben. Da OFI in der Spielzeit h\u00f6her stand, musste Ergatelis absteigen \u2013 und OFI konnte sich gleich bei Ergatelis bedienen und dessen beste Spieler verpflichten!<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">12. Oktober (Sonntag) <\/span><\/p>\n<p>Erster Sonntag in Myrtos. Diesmal wache ich fr\u00fcher auf. Es ist noch k\u00fchl. Man h\u00f6rt V\u00f6gel gleich in der N\u00e4he singen, und in der Ferne kr\u00e4hen H\u00e4hne. Die Katzen haben es sich wieder auf dem Stuhl bequem gemacht. Ich lasse sie, wo sie sind und gehe auf den anderen Balkon. Wohl dem, der\u2019s hat.<\/p>\n<p>Wo war ich eigentlich letzten Sonntag? Ich muss erst \u00fcberlegen: Auf dem Weg von Verona nach Venedig, zur F\u00e4hre.<\/p>\n<p>Heute ist ein historisches Datum, Tag der Entdeckung Amerikas. Ich habe dieser Tage noch gelesen, bei Garc\u00eda M\u00e1rquez, dass der Name Kolumbus \u2013 im Spanischen Col\u00f3n \u2013 ganz unmittelbar <em>colonialismo<\/em> assoziiert. War mir bis jetzt nie bewusst geworden. F\u00fcr Garc\u00eda M\u00e1rquez ist Kolumbus einer der M\u00e4nner, die er am meisten verachtet. Ich bewundere ihn eher. Trotz allem.<\/p>\n<p>Charalampos hat mich auf seine Website aufmerksam gemacht, schon mehrmals. Jetzt habe ich endlich mal Gelegenheit, reinzusehen. Sie ist sehr professionell gemacht, in mehreren Sprachen, darunter Russisch und Arabisch! Sie scheint eine religi\u00f6s-philosophische Orientierung zu haben. Sie hei\u00dft auf Griechisch \u03a0\u03b5\u03bc\u03c0\u03c4\u03bf\u03c5\u03c3\u03b9\u03b1. Das kenne ich nicht, und er kann sich nicht erinnern, was es auf Deutsch hei\u00dft: <em>Quintessenz<\/em>. \u00a0Erst jetzt, wo ich es schriftlich habe und die Bedeutung kenne, erschlie\u00dft sich mir das Wort: \u03c0\u03b5\u03bc\u03c0\u03c4, \u201af\u00fcnf\u2018, und \u03bf\u03c5\u03c3\u03b9\u03b1, \u201aWesen\u2018. Die Website erkl\u00e4rt das Wort: Die griechischen Naturphilosophen hatten vier Elemente als grundlegend f\u00fcr alles in der Welt herausgearbeitet: Feuer, Wasser, Luft und Erde. Aristoteles f\u00fcgte dem ein f\u00fcnftes hinzu (das er \u00c4ther nannte), das wesentliche Element, das v\u00f6llig andere Eigenschaften hatte als die vier irdischen Elemente. Dieses f\u00fcnfte Element wurde zum Synonym f\u00fcr das Wesen, den Kern einer Sache.<\/p>\n<p>Am Morgen gehe ich wieder auf die Piste, eine halbe Stunde eher und mit M\u00fctze. Die halbe Stunde wirkt sich kaum aus, aber die M\u00fctze ist Gold wert. Diesmal sehe ich unterwegs nur ein Auto, daf\u00fcr vier L\u00e4ufer zwei Angler und eine tote Katze, mitten auf der Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Allm\u00e4hlich m\u00fcsste ich mich mal an den Koffer mit den B\u00fcchern machen. Der steht schweigend und vorwurfsvoll in der Gegend herum. Um den Platzmangel zu mildern, wandern ein paar Sachen erst mal wieder in den Koffer: Pullover, Trainingsanzug, Anorak. Zu optimistisch? Die kleinsten M\u00f6bel in der ohnehin kleinen Wohnung sind die B\u00fccherregale, und da liegen noch Hinterlassenschaften von fr\u00fcheren G\u00e4sten drin. Die werden irgendwo anders zwischengeparkt, und dann erweisen sich die kleinen Regale als besser als der Schein.<\/p>\n<p>Charalampos, der f\u00fcr seine Website ein Interview mit mir machen will, erkl\u00e4rt mir die Einzelheiten. Er scheint sich sehr f\u00fcr die Sache zu engagieren.<\/p>\n<p>Das Villa Mare scheint gut zu gehen. Immer wieder kommen neue G\u00e4ste, auch unangemeldet. Die Haust\u00fcr unten steht immer auf \u2013 ob das auch im Winter so bleibt \u2013 und da gibt es eine Telefonnummer, und man sich meldet, ist Charalampos im Umdrehen da.<\/p>\n<p>Im Ort gibt es keine Post, aber man kann die Post einfach am Kiosk abgeben. Die k\u00fcmmern sich darum. Das scheint auch f\u00fcr Einschreiben zu gelten. Toller Service.<\/p>\n<p>Am Nachmittag sehe ich mitten im Ort eine Bananenstaude, mit einem B\u00fcschel Bananen, noch fast gr\u00fcn.<\/p>\n<p>Vor dem Kiosk sitzt Maria mit einer anderen Frau. Sie fragt, ob ich mich nicht setzen wolle und l\u00e4dt mich zu einem Kaffee von gegen\u00fcber, aus dem <em>Mirtos<\/em> ein. Sie spricht sehr deutlich, man k\u00f6nnte sie als Lehrerin verpflichten. Sie hilft mir auf die Spr\u00fcnge, als ich nicht auf \u03b5\u03b3\u03b3\u03bf\u03bd\u03bf\u03c2 komme, das Wort f\u00fcr \u201aEnkel\u2018, und sie erkl\u00e4rt mir, was mit \u03c3\u03b5\u03bd\u03c4\u03bf\u03bd\u03b9\u03b1 gemeint ist, Bettlaken. Nur das Wort f\u00fcr \u201aInterview\u2018, \u03c3\u03c5\u03bd\u03b5\u03bd\u03c4\u03b5\u03c5\u03be\u03b7, bekomme ich nicht \u03b1\u03b8\u03c2 \u03b9\u03b7\u03c1 heraus. Es ist das erste koh\u00e4rente Gespr\u00e4ch, das ich zustande bringe.<\/p>\n<p>Ich erfahre, dass Despina schwanger ist. Im Dezember kommt schon das Kind. Ich habe sie bisher nur durch den Sehschlitz des Kiosks gesehen und hatte keine Ahnung. I Dezember kommt schon das Kind. Ich frage, ob es ihr drittes Enkelkind ist. Nein, ihr viertes Despina hat schon eine Tochter, und die geht schon zur Uni, in Chania. Sie studiert Geologie. Maria ist noch nie in Deutschland gewesen, \u00fcberhaupt noch nie im Ausland. Sie betont aber, dass Norbert sie immer wieder eingeladen habe. Im Moment hat sie aber noch ihre neunzigj\u00e4hrige Mutter zur Pflege zu Hause. Sie hat Alzheimer. Alle wohnen zusammen in einem Doppelhaus, auch Zoe und Jaralambos, obwohl die mit dem Auto zur Villa Mare kommen. Aber nur deshalb, weil sie immer viel zu transportieren haben.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13. Oktober (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Beginn der ersten \u201eArbeitswoche\u201c in Myrtos. Um der Bezeichnung gerecht zu werden, mache ich mich endlich an das Gutachten einer Bachelorarbeit, dem einzigen \u201e\u00dcberhang\u201c von der Uni.<\/p>\n<p>Zum Fr\u00fchst\u00fcck leiste ich mir ein Croissant. Die sind hier \u00fcberdimensional und passen kaum auf einen gro\u00dfen Teller.<\/p>\n<p>Dann aber geht es hinunter zum Strand. Ein f\u00fclliger Grieche mit blo\u00dfem Oberk\u00f6rper kommt aus Richtung Tertsa den Strand entlang, mit einer Angel in einer und einer Handvoll silberner Fische in der anderen Hand. Lautstark wird er von einer griechischen Familie f\u00fcr seinen Fang gefeiert.<\/p>\n<p>Der letzte Roman, den ich gelesen habe, <em>Life of Pi<\/em>, handelt von Tieren, von Tieren auf einem Schiff, um genauer zu sein. Es geht um das \u00dcberleben eines Jungen nach einem Schiffbruch in der Pr\u00e4senz einer Hy\u00e4ne, eines Zebras und eines Tigers auf einem Schiff im Pazifik. Der neue Roman, den ich jetzt anfange, <em>A History of the World in 10\u00bd Chapters<\/em>, handelt wieder von Tieren, und wieder von Tieren auf einem Schiff. Gleich zu Anfang geht es um so praktische Dinge wie den Gestank, das F\u00fcttern und das Ausmisten \u2013 auf dem Schiff sind Nash\u00f6rner, Nilpferde und Elefanten. Langsam schwant es einem, um welches Schiff es sich handelt \u2013 die Arche! Mit viel Witz werden die praktischen Aspekte behandelt, die, die der Mythos ausl\u00e4sst: Wie werden Feinde getrennt? Was passiert w\u00e4hrend der Brunft? Wie wurde die Auswahl vorgenommen? Wie reagierten die Tiere, die zur\u00fcckgewiesen wurden? Und wie ern\u00e4hren sich Noah und seine Familie? Indem sie Tiere schlachten nat\u00fcrlich. Und das, und nicht die Evolution, erkl\u00e4rt die L\u00fccken im System. Mit viel Zynismus ist von Noah die Rede\u2013 Trunkenbold, Schleimer, schlechter Seefahrer \u2013 aber auch von seinem Gott und vor allem von den Menschen. So langsam schwant einem, dass der Erz\u00e4hler ein Tier ist. Aber welches? Keins der gro\u00dfen Tiere, das wird klar, aber erst das letzte Wort des Kapitels liefert die Antwort: der Holzwurm!<\/p>\n<p>Beim Abendessen liegen Edamer und Feta auf dem Tisch. Auf der Packung des Feta steht \u03c6\u03b5\u03c4\u03b1 (feta), auf\u00a0 der Packung des Edamer steht \u03c3\u03b5 \u03c6\u03b5\u03c4\u03b5\u03c2 (se fetes), Das bedeutet \u201ain Scheiben\u2018. Daher kommt <em>Feta<\/em>! Es hei\u00dft einfach \u201aScheibe\u2018! Dass die Kl\u00f6tze, in denen Feta verkauft wird, auch als Scheiben angesehen werden k\u00f6nnen, muss man sich erst klar machen, bei den d\u00fcnnen Scheiben, in die wir heute den K\u00e4se schneiden, aber so ist es. Um die Bezeichnung <em>Feta<\/em> hat es Auseinandersetzungen gegeben, aber jetzt ist es klar: Der Begriff ist gesch\u00fctzt. Nur in Griechenland, und selbst da nicht in allen Regionen, kann der Begriff <em>Feta<\/em> benutzt werden.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">14. Oktober (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Obwohl ich ausgeruht und ausgeschlafen bin (und seit einer Woche \u201egesund\u201c lebe), geht es mit dem Laufen immer noch eher schlecht als recht. Von der Leichtigkeit von einst ist jedenfalls nichts zu sp\u00fcren. Diesmal begegne ich fast niemandem. Meistens h\u00f6rt man nur das Rauschen der Wellen. Ein Blickfang sind die schwarzen Felsen im Meer und die kretischen Ziegen an den Felsw\u00e4nden \u2013 brau, schwarz, schwarz-wei\u00df.<\/p>\n<p>Erst jetzt f\u00e4llt mir auf, dass es zwischen Myrtos und Tertsa noch einen Ort gibt, \u0392\u03b1\u03c4\u03bf\u03c2\/Vatos, nicht mehr als eine Ansammlung von H\u00e4usern, mit dem Ortsschild schr\u00e4g zur Stra\u00dfe. Ein griechisches L\u00fctzelau, ohne Wald, daf\u00fcr mit Meer.<\/p>\n<p>Diesmal geht es gleich ins Meer, mit den Laufklamotten. Diesmal ist niemand am Strand. Wirklich keiner? Kann das sein? Dann kommt aber doch ein Ehepaar, das mir Gesellschaft leistet, und dann entdecke ich zwei auf den Liegen ausgestreckt, und zwei ein wenig weiter am Strand ausgestreckt und zwei K\u00f6pfe im Wasser, ein gutes St\u00fcck vom Strand entfernt. Dann kommt einer aus der Umkleidekabine und einer hinter einem Baum hervor. Doch nicht ganz allein.<\/p>\n<p>Zuhause ist eine neue Matratze eingetroffen. Die ist ohne mein Zutun gekommen. Und ein Tisch, der als Schreibtisch fungieren soll. Darum hatte ich gebeten. Es ist gar nicht so leicht, die Matratze \u00fcber die enge Treppe hinauf zu bugsieren, und der Tisch passt nicht durch die T\u00fcr und muss \u00fcber den\u00a0 Balkon des anderen Zimmers gehen. Unglaublich, wie die Leute es geschafft haben, dieses Haus \u00fcberhaupt mit allem auszustatten.<\/p>\n<p>Die griechischen Eier werden in den K\u00fchlschrank gelegt, nicht gestellt. Und in ihre nat\u00fcrliche Position gebracht, sozusagen.<\/p>\n<p>Kreter essen im Durchschnitt 200 kg Gem\u00fcse pro Jahr, Deutsche nur 80 kg, ein gewaltiger Unterschied. Das liegt an den Gegebenheiten. Wegen der rauen und bergigen Landschaft hat es in Kreta nie Rinderzucht gegeben, und bis heute halten sich wenige Bauern Schweine. Da war man auf Ziegen angewiesen, und die konnte man sich nur an Festtagen leisten.<\/p>\n<p>Am Abend gehe ich zum ersten Mal zum Essen in ein Lokal, das Akti. Sieben Uhr, nicht gerade eine kretische Essenszeit, aber jetzt kann man noch am Meer sitzen. Die Sonne ist schon hinter den Bergen verschwunden, die sich scharf vor ihr abzeichnen. Am Horizont ein grau-r\u00f6tlicher Streifen, und am Himmel vereinzelte dunkle Wolken.<\/p>\n<p>Ich bestelle \u03c3\u03bf\u03c5\u03c4\u03b6\u03bf\u03c5\u03ba\u03b1\u03ba\u03b9\u03b1\/Soutsoukakia, ein Gericht, das urspr\u00fcnglich aus Kleinasien stammt und dessen Namen von einem t\u00fcrkischen Wort abgeleitet sein soll: Hackfleischr\u00f6llchen in einer Tomatenso\u00dfe mit vielen Kr\u00e4utern, leicht pikant und auch leicht s\u00fc\u00dflich. Schmeckt sehr gut. Dazu gibt es Pommes frites und frisches Wei\u00dfbrot. Die Portion ist klein und passt auf einen Fr\u00fchst\u00fccksteller, aber satt ist man am Ende trotzdem. Zum Nachtisch gibt es auf Kosten des Hauses einen kleinen Teller Joghurt mit s\u00fc\u00dfen Beeren, vielleicht Preiselbeeren.<\/p>\n<p>Zuhause finde ich in der Dusche eine Kakerlake. Sie ist ziemlich gro\u00df und hat weit ausgreifende Beine und F\u00fchler, so dass ich sp\u00e4ter erst einmal im Internet nachsehen muss, ob es wirklich eine Kakerlake ist. Irgendwie gelingt es mir, sie in ein Gef\u00e4\u00df zu locken und auf dem Balkon in die Natur zu entlassen. Die der ihr zustehende Raum ist. Komischer Zufall: Am Nachmittag habe ich gerade eine Geschichte gelesen, die auf Protokollen von fr\u00fchneuzeitlichen Gerichtsverhandlungen aus Besan\u00e7on beruht und bei denen es um Holzw\u00fcrmer geht. Sie sind angeklagt worden, in die Kirche eingedrungen zu sein und den Bischofssitz angeknabbert zu haben, mit dem Ergebnis, dass der Bischof einen b\u00f6sen Sturz erlitt und seitdem nicht mehr zurechnungsf\u00e4hig ist. Sie sollen exkommuniziert werden. Es gibt ein gelehrtes Hin und Her von Anklage und Verteidigung, mit vielen Bez\u00fcgen auf die Bibel und auf die Geschichte der Kirche. Dabei geht es unter anderem darum, ob die Holzw\u00fcrmer \u00fcberhaupt Gottes Gesch\u00f6pfe waren. Sie waren nicht auf der Arche, argumentiert die eine Seite, und sind eine Sch\u00f6pfung des Satans. Am Ende werden die Holzw\u00fcrmer exkommuniziert und aufgefordert, das ihnen nicht zustehend Terrain zu verlassen. Ich fordere hiermit die Kakerlaken auf, dem Beispiel der Holzw\u00fcrmer von Besancon Folge zu leisten. Exkommunizieren kann ich sie nicht.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">15. Oktober (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Erste Woche in Kreta vor\u00fcber. Die ersten allt\u00e4glichen Handhabungen werden zur Routine: Lichtschalter finden, Sp\u00fclsch\u00fcssel wegstellen, Bett machen. Das Leben noch keine Routine.<\/p>\n<p>Neben dem englischen Roman kommt jetzt auch die Bibel zur Lekt\u00fcre hinzu. Immer noch Paulus. Der Erste Brief an die Thessalonicher, der \u00e4lteste Text des Neuen Testaments.<\/p>\n<p>Obwohl die letzten griechischen Erz\u00e4hlungen f\u00fcr Fremdsprachenlerner, die schwereren, nicht mehr richtig verstanden habe, lege ich sie jetzt alle zur Seite. Sie kommen in ein paar Monaten wieder dran. Jetzt krame ich erst mal die Bleistiftfabrik raus, die deutsche und die griechische Version. Ich stelle verwundert fest, dass ich eine ausf\u00fchrliche Inhaltsangabe und eine ganze Menge Notizen zu dem Roman habe. In einer der ersten Szenen beginnt die Braut w\u00e4hrend der Hochzeitsnacht an zu schluchzen und gesteht ihrem Ehemann, man habe ihn belogen. Der denkt an fr\u00fchere Beziehungen oder an Erbkrankheiten. Es ist aber nur das Alter: Sie ist 29, nicht 21.<\/p>\n<p>Von einem Freund bekomme ich eine wunderbare chinesische Erz\u00e4hlung geschickt. Sie stammt aus der Zeit um 400 vor Christus. Ein Wahrsager in Nordchina, nahe der Grenze, hat mehrere Pferde. Eines Tages rennt eins weg. Die Dorfbewohner kommen und bemitleiden ihn, aber er fragt: \u201eWoher wisst ihr, dass das nicht ein gutes\u00a0 Omen ist?\u201c. \u00a0Etwas sp\u00e4ter kommt das Pferd zusammen mit einem sch\u00f6nen, starken Pferd von jenseits der Grenze zur\u00fcck. Die Dorfbewohner gratulieren dem Wahrsager, aber er fragt: \u201eWoher wisst ihr, dass das nicht ein schlechtes Omen ist?\u201c Einer seiner S\u00f6hne reitet das Pferd, st\u00fcrzt und bricht sich das Bein. Die Dorfbewohner bemitleiden den Wahrsager, aber er fragt: \u201eWoher wisst ihr, dass das nicht ein gutes Omen ist?\u201c Ein Jahr sp\u00e4ter fallen die Barbaren aus dem Norden ein. Alle S\u00f6hne des Wahrsagers greifen zu den Waffen und fallen im Kampf. Nur der nicht, der sich das Bein gebrochen hat.<\/p>\n<p>Zum Strand geht es heute erst am Nachmittag. Da ist es richtig voll. Aber im Meer ist doch noch genug Platz. Von Gezeiten ist hier, im gesch\u00fctzten Teil des Mittelmeers, gar nichts zu merken.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"> <\/span><\/p>\n<p>Am Abend gehe ich ins Mirtos, das einzige Unternehmen, das hier ein richtiges <em>Hotel<\/em> betreibt. Das Lokal geh\u00f6rt dazu. Es liegt an der Hauptstra\u00dfe, nicht an der Strandpromenade \u2013 da liegt das Hotel \u2013 nutzt aber am Abend auch den Platz in einer Stichstra\u00dfe, die zum Meer hinunterf\u00fchrt, und stellt dort die typischen, kleinen, quadratischen Tische auf, die man \u00fcberall in Griechenland sieht. Da setze ich mich hin.<\/p>\n<p>Es ist m\u00e4chtig was los hier, und Jana, die Besitzerin, die ich gleich am ersten Tag kennen gelernt habe, eine couragierte Frau, leistet tolle Arbeit, genauso wie ein schm\u00e4chtiger Kellner, der ihr zur Seite steht: unerm\u00fcdlich, schnell, effektiv. Der Hausherr l\u00e4sst es dagegen langsam angehen. Er spielt mit seinem Smartphone herum, spricht mit einem Gast und beschr\u00e4nkt sich darauf, <em>Jana!<\/em> zu rufen, wenn man die Rechnung verlangt. Jana dagegen findet Zeit, mir zur Begr\u00fc\u00dfung und zum Abschied ein paar freundliche Worte zu sagen und sorgt auch daf\u00fcr, dass ich zum Nachtisch ein kleines St\u00fcck Zitronentorte auf Kosten des Hauses bekomme.<\/p>\n<p>Ich bestelle \u03c0\u03b1\u03c0\u03bf\u03c5\u03c4\u03c3a\u03ba\u03b9\u03b1\/papoutsakia, \u201aSch\u00fchchen\u2018. Das sind gef\u00fcllte Auberginen. Zur der F\u00fcllung geh\u00f6ren Hackfleisch, Zwiebeln und Tomaten, aber diese hier haben auch Kartoffelp\u00fcree. Schmeckt gut, muss eine aufwendige Vorbereitung sein. Ich habe den Eindruck, dass die drei, die ich bekomme, unterschiedliche schmecken. Ich erwische die beste zuletzt. Der Name \u00a0\u03c0\u03b1\u03c0\u03bf\u03c5\u03c4\u03c3a\u03ba\u03b9\u03b1 erschlie\u00dft sich nicht, wenn man sie so serviert wie hier, aber wenn die Auberginen l\u00e4ngs aufgeschnitten werden, sehen sie wirklich wie Sch\u00fchchen aus.<\/p>\n<p>An der Fensterscheibe h\u00e4ngt eine Anzeige f\u00fcr einen organisierten Ausflug nach Spinalonga, die \u201eLeprainsel\u201c. Dort wurden seit 1903 die Leprakranken, die \u201eAuss\u00e4tzigen\u201c, von denen die Bibel wei\u00df, isoliert, und zwar bis 1957. Dass es sich um die Leprainsel handelt, wird auf dem Plakat allerdings nicht erw\u00e4hnt. Der Ausflug kostet 38 \u20ac, ziemlich teuer, und man wei\u00df nat\u00fcrlich nicht, wie gut die Erkl\u00e4rungen sind. Andererseits muss man ohnehin das Schiff und den Eintritt auf die Insel bezahlen und nat\u00fcrlich nach Agios Nikolaos kommen, den Abfahrtshafen. Mal sehen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">16. Oktober (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen wei\u00df ich nicht, ob heute Donnerstag oder Freitag ist. Sicheres Indiz von \u201aFeriengef\u00fchl\u2018. So m\u00fcssen die Maler und Schriftsteller leben, die sich irgendwo ein sch\u00f6nes Pl\u00e4tzchen suchen und sich ihrer Kunst widmen. Nur mit dem Unterschied, dass sie dann auch manchmal was produzieren.<\/p>\n<p>Wenn Autos beim Laufen \u00fcberholen, hupen sie manchmal. Was bedeutet das: Warnung, Gru\u00df, Dank? F\u00fcr eine Warnung kommt das Hupen oft zu sp\u00e4t, ein Gru\u00df passt nicht zur griechischen Mentalit\u00e4t, und Dank: wof\u00fcr? Dass man nicht gerade mitten \u00fcber die Stra\u00dfe l\u00e4uft, aus eigenem Interesse?<\/p>\n<p>Als ich zum Einkaufen in den Ort gehe, h\u00f6re ich wunderbare Vokalmusik aus einem\u00a0 der H\u00e4user am Ende der Stra\u00dfe. Muss wohl eine Aufnahme sein. Als ich n\u00e4her komme, sehe ich durch die schmutzigen Fenster des gro\u00dfen, unm\u00f6blierten Raums im Erdgeschoss \u2013 einen Chor! Was machen die hier? Wo kommen die her? Um diese Zeit?<\/p>\n<p>Griechisch hat eine schwere Formenlehre, und viele der allt\u00e4glichen W\u00f6rter\u00a0 &#8211; begr\u00fc\u00dfen, Teller, heute \u2013 sind nicht abzuleiten oder mit einer der g\u00e4ngigen europ\u00e4ischen Sprachen verwandt. Sch\u00f6n aber ist es, wenn man ganz allt\u00e4gliche W\u00f6rter antrifft wie \u03b3\u03b1\u03bb\u03b1\/gala, die bei uns nur in gelehrten W\u00f6rtern wie <em>Galaxie<\/em> vorkommen. \u00c4hnlich ist es mit \u0395\u03be\u03bf\u03b4\u03bf\u03c2\/Exodus, das f\u00fcr uns biblische Kl\u00e4nge hat, aber hier einfach \u201aAusgang\u2018 hei\u00dft und an jedem Supermarkt steht. Davon gibt es Hunderte.<\/p>\n<p>Die Ausdr\u00fccke <em>letztes Jahr<\/em> und <em>dieses Jahr<\/em> fasst das Griechische jeweils in einem einzigen Wort zusammen: \u03c0\u03b5\u03c1\u03c5\u03c3\u03b9 und \u03b5\u03c6\u03b5\u03c4\u03bf\u03c2. Ich kenne sie beide, aber: Was ist was? Beide werden in der Alltagssprache auf zwei Silben verk\u00fcrzt: \u03c0\u03b5\u03c1\u03c3\u03b9 und \u03c6\u03b5\u03c4\u03bf\u03c2.<\/p>\n<p>Es ist immer noch warm, richtig sommerlich warm, aber es wird immer windiger. In den n\u00e4chsten Tagen soll es sogar noch windiger werden. Der Wind zerrt an den Jalousien und die fahren mit einem quietschenden Ger\u00e4usch rauf und runter. Es sind die R\u00e4der, die an den Stangen befestigt sind. Ich versuche es mit \u00d6l, und f\u00fcr zwei Minuten ist Ruhe. Dann geht es wieder los, aber ged\u00e4mpft. Zusammen mit den tropfenden Wasserh\u00e4hnen und den schlagenden T\u00fcren eine ordentliche Ger\u00e4uschkulisse, durch die man sich mehr als n\u00f6tig ablenken l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Abbuchung f\u00fcr den Einkauf bei Lidl bekommen. Keine extra Kosten. Das Zahlen mit der EC-Karte scheint gratis zu sein.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">17. Oktober (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Irgendwo habe ich mal gelesen, dass Schwimmen, im Gegensatz zu Fu\u00dfball, Radfahren, Gymnastik oder Wandern, nicht zum Abnehmen taucht. Kann das sein?<\/p>\n<p>Warum in die Ferne schweifen? Die erste Sehensw\u00fcrdigkeit in Kreta ist nur hundert Meter entfernt, das Museum von Myrtos. Es ist, wie ich schon im Internet vermutete, haupts\u00e4chlich das Werk eines Engl\u00e4nders, John Atkinson, der schon fast drei\u00dfig Jahre hier lebt. Er macht auch an den Stunden, an denen das Museum ge\u00f6ffnet ist, die Aufsicht.<\/p>\n<p>Der Eintritt ist frei. Ich bin der einzige Besucher, bis eine Franz\u00f6sin kommt, die die gleichen Fragen wie ich stellt und die er ebenso geduldig beantwortet. Bis dahin bekomme ich eine kleine private Einf\u00fchrung. Ich entdecke einen n\u00f6rdlichen Einschlag an seinem Englisch \u2013 <em>passage<\/em>, <em>blunder<\/em>, <em>so<\/em> \u2013 und liege da nicht ganz falsch: Lancashire. Die Geschichte der Ausgrabungen hier in der Gegend begann erst in den Sechzigerjahren, als eine Schulklasse irgendwo Scherben fand und die zu Gef\u00e4\u00dfen zusammensetzte. Der Lehrer war klug genug, zu sehen, dass sie da einen Schatz hatten und wand sich an die staatlichen arch\u00e4ologischen Stellen. Die hatten kein Geld, wohl aber die Briten, und die \u00fcbernahmen die Ausgrabungen. Ergebnis: eine minoische Siedlung, Fournou Korifi. Sp\u00e4ter kam dann noch eine weitere hinzu: Pyrgos.<\/p>\n<p>Oben an der Wand haben sie eine sch\u00f6ne Leiste, an der mit Bildern und Farben die verschiedenen Zivilisationen in Kreta dargestellt werden. Auch das ist das Werk Johns. Und unten ein haargenaues Modell von Fournou Koryphi, das er mit viel Liebe zum Detail und nicht ohne Stolz erkl\u00e4rt. Auch das ist sein Werk &#8211; und das seiner Frau, wenn ich das richtig verstehe. Er selbst ist kein Historiker und kein Arch\u00e4ologe, sondern Experte f\u00fcr Keramikherstellung, und da ist er hier nat\u00fcrlich genau richtig.<\/p>\n<p>Besonders interessant an dem Modell ist ein kreisrunder Schacht. Oder besser gesagt, die Diskussion dar\u00fcber, worum es sich handelt. Er, der Keramiker, sah den Schacht und sagte: Klar, Brennofen. Dann kam ein Historiker, und der sagte: Quatsch, ein Brunnen. Und dann kam einer, der sagte: Quatsch, ein \u00d6lbeh\u00e4lter. Und dann kam einer, der sagte: Quatsch, ein Getreidespeicher.<\/p>\n<p>Fournou Koryphi ist zwei Kilometer von Myrtos entfernt und ist eine fr\u00fche minoische Siedlung (2600-2200) mit neunzig R\u00e4umen und einer Umfassungsmauer. Wie so viele antike Siedlungen hier in Kreta wurde es zerst\u00f6rt, vermutlich durch ein Feuer, und dann aufgegeben. Das ist immer wieder r\u00e4tselhaft, auch bei den gro\u00dfen St\u00e4tten wie Knossos. Manche glauben, dass das Feuer Folge eines Erdbebens ist, aber das ist immer noch kein Grund, die Siedlung gleich ganz zu verlassen. Es ist aber ein wiederkehrendes Thema bei den alten minoischen Zivilisationen. Es wurde eine T\u00f6pferscheibe gefunden, und es gab offensichtlich Werkst\u00e4tten, ein Indiz f\u00fcr berufliche Spezialisierung.<\/p>\n<p>Die Ausstellung ist klein, aber sehr beeindruckend. Es wurden Hunderte von Gef\u00e4\u00dfe gefunden, davon 72 Pithoi mit einem Fassungsverm\u00f6gen von 89 Litern! Der ber\u00fchmteste Fund ist die G\u00f6ttin von Myrtos, aber die ist nicht hier ausgestellt.<\/p>\n<p>Hier sind man eine gute Schau von Gef\u00e4\u00dfen, kleine und gro\u00dfe, sehr sch\u00f6n, sehr eben, viele mit Ausg\u00fcssen. Sie sehen aus wie Teekannen oder Teetassen. Auch verbrannte Getreidek\u00f6rner sieht man.<\/p>\n<p>Pyrgos ist ganz \u00e4hnlich, jedenfalls f\u00fcr den Laien, stammt aber aus einer sp\u00e4teren Zeit (2200-1400). Man identifiziert sechs verschiedene Perioden. Dreimal wurde es durch Feuer zerst\u00f6rt, allerdings nicht gleich aufgegeben. Man hat hier auch einen palastartigen Raum gefunden, vielleicht ein Indiz f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere soziale Differenzierung.<\/p>\n<p>Im hinteren Teil des Museums sind landwirtschaftliche und h\u00e4usliche Ger\u00e4te ausgestellt, die museumsreif sind aber noch bis vor kurzem tagt\u00e4glich benutzt wurden. Liebevoll ist bei den meisten vermerkt, von wem das Exponat zur Verf\u00fcgung gestellt wurde.<\/p>\n<p>Es gibt auch noch eine Sektion mit M\u00fcnzen und Geldscheinen (1911-1955). Auf den Geldscheinen sieht man sowohl Staatsm\u00e4nner als auch antike Helden und Philosophen als auch Landfrauen. Die fr\u00fchen Werte sind 10 oder 25 Drachmen, die sp\u00e4teren 10,000 oder 25,000 Drachmen. Und irgendwann lie\u00df man die Tausend einfach beiseite und schrieb wieder 10 und 25 und Tausend als Wort darunter. Es gibt auch einen Geldschein aus der Zeit der deutschen Besatzung: 5 Reichspfennig.<\/p>\n<p>Eine Frage der Franz\u00f6sin bez\u00fcglich der Stockwerkh\u00f6he \u2013 man geht von einst\u00f6ckigen Bauten aus, aber John meldet leise Zweifel an \u2013 zu der Frage, warum die Kreter ihre H\u00e4user an den Fels bauen. Verteidigungszwecke, hei\u00dft es meistens. John hat seine eigene Theorie: Regen. Im Winter regen es hier wie wild, manchmal drei Tage ohne Unterbrechung, und dann k\u00f6nne der Regen an den Felsen abflie\u00dfen und die H\u00e4user blieben im Trockenen. Wie dem auch sei, der Anorak muss irgendwann wieder aus dem Koffer raus.<\/p>\n<p>Als ich nach Hause kam, sitzen Zoe und Jaralambos im Innenhof, beide rauchend. Sie laden mich ein, mich dazuzusetzen, und es kommt eine kuriose dreisprachige Unterhaltung dabei raus, die von H\u00f6lzchen auf St\u00f6ckchen kommt. Sie war noch nie im Ausland, aber er m\u00f6chte ihr gerne mal seine zweite Heimat zeigen. Im Moment scheitert es noch an den Finanzen. Das Villa Mare geht zwar gut, aber es m\u00fcssen viele Steuern bezahlt und die Familie ern\u00e4hrt werden. Jaralambos verdient jetzt mit seiner Internetseite. Er hat Tausende von Usern und Abertausende von Abrufen, jeden Tag, 17,000 alleine durch einen k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichten Artikel. Es scheint um so etwas wie Lebensberatung zu gehen. Einige Artikel werden dann auch von Pemptousia \u00fcbernommen. F\u00fcr die macht er haupts\u00e4chlich die Werbung.<\/p>\n<p>Er ist ganz angetan davon, dass Oberhausen meine Heimatstadt ist. Soviel Begeisterung sieht man selten. Sie fragen nach den Entfernungen und wollen wissen, wie weit es von Trier nach Paris ist. Bei engem Budget empfehle ich eine organisierte Busreise, aber f\u00fcr die Kinder m\u00fcsste auch Disneyland dabei sein.<\/p>\n<p>Jaralambos ist ein \u03c0\u03cc\u03bd\u03c4\u03bf\u03c2, ein Pontosgrieche, ein Pontier, ein griechischer Ostfriese sozusagen, ein Abkomme der Griechen, die bis 1923 an der t\u00fcrkischen Schwarzmeerk\u00fcste lebten. Der pontische Dialekt hat noch gewisse Merkmale des Altgriechischen, und er erz\u00e4hlt, dass seine Altgriechischlehrerin, obwohl sie nicht aus der Gegend war, seinen Dialekt besser verstehen konnte als die anderen. Das pontische Wort f\u00fcr <em>zerrei\u00dfen<\/em>, sagt er, klinge dem deutschen Wort sehr \u00e4hnlich. Kann ich nur best\u00e4tigen. Zufall oder eine tief in der Sprachgeschichte begr\u00fcndete Verwandtschaft?<\/p>\n<p>Zum Schluss zeigen sie mir noch ein wunderbares Photo mit Rahmen, das im B\u00fcro h\u00e4ngt. Es ist ein Geschenk von Norbert. Der war mit seiner ganzen Sippe hier, 15-16 Mann. Sie haben vermutlich das ganze Haus gemietet. F\u00fcr das Photo, das das Villa Mare von vorne zeigt, haben sie sich auf verschiedene Etagen verteilt und stehen auf Balkonen und an Fenstern. Ganz, ganz oben, auf einem Vorsprung unter dem Dach, sitzt Norbert. Unten auf dem Photo steht \u0395\u03c5\u03c7\u03b1\u03c1\u03b9\u03c3\u03c4\u03ce.<\/p>\n<p>Am Nachmittag im Akti weht der Wind mir fast das Buch aus der Hand. Gehe ich doch lieber an den Strand. Auch hier herrscht heute ein anderes \u201eKlima\u201c. Es geht rauer zu. Statt Schwimmen ist Wellenreiten angesagt. Ich werde ein gutes St\u00fcck von der Stelle abgetrieben, an der ich ins Wasser gegangen bin. Ich versuche, zur\u00fcckzuschwimmen. Keine Chance.<\/p>\n<p>Am Strand sehe ich immer wieder drei Engl\u00e4nder, von denen einer, mit Bart und dunklem Haar, wie ein Grieche aussieht, die beiden anderen dagegen sehr englisch, einschlie\u00dflich des Sonnenbrands auf Schulter und R\u00fccken. Sie spielen mit B\u00e4llen im Wasser und haben einen Riesenspa\u00df dabei. Immer wieder h\u00f6rt man sie laut lachen.<\/p>\n<p>Am Computer sto\u00dfe ich ungewollt auf eine M\u00f6glichkeit, Griechisch zu lernen. Ich habe bei der Suche nach griechischen Gerichten auf ein Video gesto\u00dfen, in der eine Frau die Zubereitung von Spanakotiropita zeigt. Der Vorteil: Man brauch sich nur auf eine Sprecherin zu konzentrieren, es gibt keine \u00dcberlappungen und Unterbrechungen; man sieht, was passiert und h\u00f6rt gleichzeitig, was passiert; man sieht die Ingredienzien am Anfang und dann, wenn sie zum Einsatz kommen; es wird immer die erste Person Plural im Pr\u00e4sens gebrauch: wir nehmen, wir vermischen usw.; viele Handhabungen wiederholen sich: mit \u00d6l bestreichen, ausbreiten usw. Man muss nur die Geduld haben, das Video immer wieder anzusehen. Eins ist aber klar: Selbst machen werde ich die Spanakotiropita nie. Viel zu kompliziert.<\/p>\n<p>Ich sollte, bevor es zu sp\u00e4t ist, mal anfangen, mir die W\u00f6rter aufzuschreiben, die mir fehlen. Nicht alle, sondern nur die, die man immer wieder braucht. Mein Lieblingsbeispiel ist <em>dieser Tage<\/em>. Wie oft ich das in den letzten Tagen schon vermisst habe. Dagegen ist <em>Enkel<\/em> ein unwichtiges Wort. Das habe ich nur einmal vermisst.<\/p>\n<p>In <em>A History of the World in 10\u00bd Chapters<\/em> streiten sich zwei englische Frauen, die den Berg besteigen wollen, auf dem Noahs Arche gelandet ist \u2013 durchaus umstritten, welcher \u2013 dar\u00fcber, wie die Arche auf der Bergspitze gelandet sein k\u00f6nne. Die eine, die Skeptikerin, wendet ein, der Berggipfel m\u00fcsse doch einen Riss in den Kiel der Arche getrieben haben, wenn sie dort aufgelaufen ist. Und sie m\u00fcsste doch, als das Wasser sich zur\u00fcckzog, nach hinten oder nach vorne gekippt sein. Ich erinnere mich an ein Bild aus meiner ersten Sch\u00fclerbibel. Da balancierte die Arche elegant oben auf der Spitze, und man hat sich schon damals gefragt, wie sie denn dann aussteigen konnten. Die andere Frau in dem Roman, die Dogmatikerin, findet die Frage nicht sehr originell. Die h\u00e4tten schon andere gestellt. Die Antwort sei ganz einfach die, dass die Arche nicht auf der Bergspitze gelandet sei \u2013 die Bibel behaupte das auch nicht \u2013 sondern in einer fruchtbaren Ebene unterhalb.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">18. Oktober (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Zu der t\u00e4glichen Lekt\u00fcre ist jetzt auch der italienische Roman hinzugekommen, den ich schon zweimal begonnen und nie beendet habe, <em>L\u2019amore quando tutto crolla<\/em>. Den habe ich auf dem Kindle. Das hat den Vorteil, dass man auch bei schlechten Lichtverh\u00e4ltnissen gut lesen kann, mit vergr\u00f6\u00dferten Buchstaben. Man muss nur st\u00e4ndig umbl\u00e4ttern.<\/p>\n<p>Mit der Hilfe von Jaralambos habe ich jetzt endlich herausgefunden, wie man die Akzente im Griechischen schreibt. Es ist ganz einfach, wie bei uns, nur eine andere Taste: \u00f6. \u201aAkzent\u2018 hei\u00dft auch Griechisch \u03c4\u03cc\u03bd\u03bf\u03c2\/tonos, sowohl der geschriebene als auch der gesprochene.<\/p>\n<p>Im Griechischen gibt es zwei W\u00f6rter f\u00fcr \u201aComputer\u2018, das lateinische \u03ba\u03bf\u03bc\u03c0\u03b9\u03bf\u03cd\u03c4\u03b5\u03c1\/kompjuter und das griechische \u03c5\u03c0\u03bf\u03bb\u03bf\u03b3\u03b9\u03c3\u03c4\u03ae\u03c2\/ypologistes. Ich benutze immer\u00a0 \u03ba\u03bf\u03bc\u03c0\u03b9\u03bf\u03cd\u03c4\u03b5\u03c1, obwohl ich das nicht unbedingt will und obwohl ich beide kenne. Anders ist es bei \u03af\u03bd\u03c4\u03b5\u03c1\u03bd\u03b5\u03c4\/internet. Da fehlt mir das griechische Wort, obwohl unsere Griechischlehrerin es immer benutzt. \u00c4hnlich ist es bei dem Wort f\u00fcr \u201aKino\u2018. Da bevorzugt sie \u03ba\u03b9\u03bd\u03b7\u03bc\u03b1\u03c4\u03bf\u03b3\u03c1\u03ac\u03c6\u03bf\u03c2\/kinematografos gegen\u00fcber dem internationalen \u03c3\u03b9\u03bd\u03b5\u03bc\u03ac\/sinema.<\/p>\n<p>Am Morgen ist es, wie immer, fast windstill. Komisch. Aber der Wind wird kommen. Das, was wir gestern hatten, wird <em>leichte Brise<\/em> genannt, das von vorgestern <em>leichter Zug<\/em>, heute kommt <em>frische Brise<\/em>.<\/p>\n<p>Heute komme ich fr\u00fcher in die Puschen und ein St\u00fcck \u00fcber Tertsa hinaus. In Myrtos sehe ich um diese Zeit nur einen alten Mann und eine nicht so alte Frau, die immer vor ihrem Haus sitzen. Sonst ist nur die M\u00fcllabfuhr unterwegs. Hier wandert alles zusammen in den M\u00fclleimer. Statt sich aller Besserwessi dar\u00fcber zu ereifern, sollte man froh sein, dass der M\u00fcll \u00fcberhaupt gesammelt wird. Das war bis vor kurzem keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Ich bekomme das kurze Zeit sp\u00e4ter selbst vor Augen gef\u00fchrt: Am Eingang zu einem \u201eWaldweg\u201c, einer Art Piste, die einen Berg hinauff\u00fchrt, hat man vor einer verlassenen Holzh\u00fctte alles M\u00f6gliche entsorgt, Tische, Teile von Gew\u00e4chsh\u00e4usern, Toilettensitze.<\/p>\n<p>Zum ersten Mal komme ich durch Tertsa, einen noch kleineren, ganz gem\u00fctlichen Ort. Hinter Tertsa biegt die Stra\u00dfe vom Meer ab und f\u00fchrt die Berge rauf, unerbittlich. Es geht zwischen hohen Bergen hindurch. Hier ist es gr\u00fcner. Dann kommen Bananenplantagen. Die Bananenbl\u00e4tter sind manchmal ganz, manchmal eingerissen. Sind da Insekten am Werk? Oder sind das verschiedene Arten? Oder verschiedene Wachstumsperioden? Dann kommen Olivenb\u00e4ume, mit winzig kleinen Oliven, kein Vergleich mit dem, was man bei uns im Supermarkt in der Konserve kauft. Die Olivenernte ist im November oder Dezember, das ist nicht mehr so lange hin. Die Plantagen werden bew\u00e4ssert. Die Schl\u00e4uche machen wilde, schwarze Muster auf den braunen Bergen. Manchmal kreuzen sie wie Elektroleitungen oben die Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Hin und wieder gibt die Stra\u00dfe den Blick frei aufs Meer weiter unten \u2013 und auf die Gew\u00e4chsh\u00e4user. Ohne, dass ich an einen weiteren Ort gelangt bin, mache ich kehrt. Auf dem R\u00fcckweg, kurz vor Myrtos, kommt ein Hund ziemlich aggressiv auf mich zu. Kurz bevor er mich zu fassen kriegt, kommt ein Grieche und wirft einen Stein nach ihm \u2013 der Hund verschwindet. Ob der Mann der Besitzer ist oder nicht, wei\u00df ich nicht. Jedenfalls bin ich ihm dankbar.<\/p>\n<p>Bei der Suche nach einem uralten griechischen Lied, einem nicht allzu sentimentalen Liebeslied, sto\u00dfe ich auf diesen deutschen Text, der unkommentiert im Internet steht, aber zu der Melodie gesungen werden kann: <em>Alle kleine Schweinchen haben rosa Beinchen und nen Ringelschwanz\/Haben rosa \u00d6hrchen, essen gerne M\u00f6hrchen, tanz den Schweinetanz. <\/em><\/p>\n<p>Am Nachmittag geht es nach Ierapetra. Auf dem Weg f\u00e4llt mir wieder ein Schild auf, auf dem \u039a\u03c9\u03c4\u03c3\u03bf\u03b2\u03bf\u03bb\u03bf\u03c2 steht. Keine Ahnung, was das ist, eine Firma, eine Marke, ein Ort. Jedenfalls kommt in dem Wort viermal derselbe Laut vor, aber es gibt zwei Schreibweisen, mit Omega und mit Omikron. H\u00f6ren tut man den Unterschied nicht. Das muss ein unendliches Problem f\u00fcr griechische Schulkinder, aber auch f\u00fcr Erwachsene sein. F\u00fcr Ausl\u00e4nder sowieso.<\/p>\n<p>In Ierapetra laufe ich in der Neustadt von einem zum anderen Gesch\u00e4ft wegen einer Gl\u00fchbirne. Nirgendwo zu bekommen. Sehr hilfsbereit sind die Verk\u00e4ufer auch nicht gerade. Am Ende laufe ich dann den Bauarbeitern fast noch \u00fcber die frisch verlegten Platten an dem kleinen Platz, der so etwas wie das Zentrum der Neustadt ist. An dem Platz steht ein kleines Schild mit einer Warnung: \u03a0\u03a1\u039f\u03a3\u039f\u03a7\u0397 \u0395\u03a1\u0393\u0391 \u0394\u0395\u039d \u2013 VORSICHT ARBEITEN NICHT. Was man nicht tun soll, kann man selbst entscheiden.<\/p>\n<p>Eins der Gesch\u00e4fte, in denen ich mein Gl\u00fcck versuche, hei\u00dft \u0393\u03b5\u03c1\u03bc\u03b1\u03bd\u03cc\u03c2\/Germanos. Da ist wohl ein Deutscher unter den Urahnen. Sp\u00e4ter sehe ich eine Art S\u00fc\u00dfwarengesch\u00e4ft mit dem Namen \u03a0\u03b1\u03c0\u03b1\u03b4\u03ac\u03ba\u03b9\u03c3, ein Nachname mit einer typischen kretischen Endung.<\/p>\n<p>Dann sehe ich noch das Spielwarengesch\u00e4ft Mickey House, und zwei Gesch\u00e4fte, deren Namen auf Griechisch gehalten und erst auf den zweiten Blick verst\u00e4ndlich sind: \u03a0\u039f\u03a0\u0391\u0407 und \u039a\u039f\u03a5 \u039a\u039f\u03a5 \u2013 POPEYE und KUKU.<\/p>\n<p>An verschiedenen Stellen wird die Temperatur angezeigt. Das schwankt von 24\u00b0 bis 32\u00b0. Gef\u00fchlt sind es eher 24\u00b0.<\/p>\n<p>An einem etwas abgelegenen Platz trinke ich einen Kaffee, der wirklich wieder nur genau die H\u00e4lfte von dem kostet, was man an der Strandpromenade zahlt. In einer Konditorei nebenan esse ich auf der Hand ein kleines Bl\u00e4tterteiggeb\u00e4ck. Die freundliche Verk\u00e4uferin sagt mir, dass es Bugatsa (\u03bc\u03c0\u03bf\u03c5\u03b3\u03ac\u03c4\u03c3\u03b1) hei\u00dft. Merken.<\/p>\n<p>An einer Bank bekomme ich mit meiner Sparcard problemlos Geld. Man hat ja immer die Bef\u00fcrchtung, dass irgendwas nicht klappt, zumal ich einen gro\u00dfen Betrag eingebe, f\u00fcr die n\u00e4chste Monatsmiete. Die Bank zuhause nimmt hierf\u00fcr keine Geb\u00fchren. Vermutlich aber die griechische Bank. Wird man sehen.<\/p>\n<p>Um in die Altstadt zu kommen, muss man ein ganzes St\u00fcck die lange Strandpromenade entlang gehen. Viele der Lokale hier und auch einige Souvenirgesch\u00e4fte werben auf Russisch f\u00fcr sich.<\/p>\n<p>An Ende der Promenade steht ein venezianisches Kastell. Ierapetra war schon immer ein strategisch wichtiger Punkt. Das hat einen ganz einfachen Grund: Es liegt an der Stelle, an der Kreta am schmalsten ist. Der k\u00fcrzeste Weg, wenn man vom Festland \u00fcber Kreta nach Afrika wollte, f\u00fchrte also \u00fcber Ierapetra.<\/p>\n<p>Vom Kastell aus kommt man in die engen Stra\u00dfen der Altstadt. Hier ist es ganz anders als in der Neustadt, sehr ruhig, sehr verwinkelt, sehr griechisch. Es gibt ein paar gut aussehende Fischgesch\u00e4fte, aber auch verlassene Ladenlokale und dunkle Gesch\u00e4fte, bei denen man r\u00e4tselt, was hier eigentlich verkauft wird. Die H\u00e4user aber sind freundlich und hell, meist klein. Vor Armut ist hier nichts zu sp\u00fcren. Vielleicht liegt es an der Landwirtschaft. Ierapetra liegt in einer sehr fruchtbaren Zone. Und die Gew\u00e4chsh\u00e4user haben die Produktion noch erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Irgendwo steht eine der kleinen byzantinischen Kirchen mit dem typisch abgesenkten Bodenniveau, wie man sie auch mitten in Athen, in der Einkaufsstra\u00dfe sieht. Dann stehe ich pl\u00f6tzlich vor einer Moschee. Sie ist eine der wenigen \u00dcberbleibsel aus der Osmanischen Zeit. Sie wird heute f\u00fcr Auff\u00fchrungen genutzt, ist jetzt aber verschlossen. Davor ein sch\u00f6nes, polygonales Brunnenh\u00e4uschen, wie die Muslime sie f\u00fcr die Ablutionen benutzen, und dahinter ein sch\u00f6ner, unten an dem dichten Laubwerk gerade beschnittener Baum.<\/p>\n<p>Das Napoleon-Haus finde ich nicht, suche es aber auch nicht gezielt. Napoleon soll hier auf seinem \u00c4gypten-Feldzug Halt gemacht haben, aber Belege gibt es daf\u00fcr nicht. Daf\u00fcr aber jede Menge Anekdoten und eben das Haus, das als Napoleon-Haus ausgegeben wird.<\/p>\n<p>Ich suche das Arch\u00e4ologische Museum, und die Frau, die ich danach frage, sieht mich wie einen Verirrten an und zeigt auf das Haus, vor dem ich stehe. Das ist wohl so etwas wie eine ehemalige Schule oder ein ehemaliges Amtsgeb\u00e4ude, einst\u00f6ckig, das die Stadt zur Verf\u00fcgung stellt.<\/p>\n<p>Es ist ein kleines Museum, eigentlich nur ein einziger, langgestreckter Raum, durch zwei Nischen in der Mitte in zwei Teile geteilt. Der hintere Teil hat r\u00f6mische Exponate, der vordere alles, was zeitlich fr\u00fcher liegt.<\/p>\n<p>Es geht gleich mit Funden aus Fournou Koryphi los, den \u00e4ltesten des Museums, und damit ist die Verbindung mit Myrtos gleich hergestellt. Wieder gibt es Keramik in der Art der Teekannen, aber auch ein gro\u00dfes Pithos, eins von denen, von denen in Myrtos die Rede waren, die mit einem gro\u00dfen Fassungsverm\u00f6gen. Sie wurden f\u00fcr \u00d6l, Wein, Getreide, aber auch f\u00fcr Kleider benutzt und entweder mit einer Holzplatte oder mit Tuch verschlossen, das wiederum mit einer Kordel festgehalten wurde.<\/p>\n<p>Vor allem aber gibt es zwei Verzierungsformen und auch die Erkl\u00e4rungen daf\u00fcr. Einige Gef\u00e4\u00dfe haben \u201eKordeln\u201c, Wulste aus Ton, die genau das darstellen sollen: die Kordeln, mit denen die Gef\u00e4\u00dfe festgebunden wurden. Bei anderen benutzte man Farbe. Die legte man oben an und lie\u00df sie dann einfach den Bauch des Pithos runterlaufen \u2013 das imitierte die Fl\u00fcssigkeit, den Wein oder das \u00d6l, die an dem Gef\u00e4\u00df herunterliefen. Moderne Kunst!<\/p>\n<p>Aus anderen Fundorten hat man dann Exponate aus sp\u00e4teren minoischen Zeiten, darunter zwei stattliche minoische G\u00f6ttinnen mit erhobenen Armen, schon ganz an die ber\u00fchmten Exemplare aus Knossos erinnernd.<\/p>\n<p>Das Museum hat zwei Prunkst\u00fccke, aus unterschiedlichen Zeiten. Eins ist eine r\u00f6mische Statue, erst vor kurzer Zeit von einem Bauern beim Pfl\u00fcgen gefunden und ist unglaublich gut erhalten. Sie hat ein Gewand schr\u00e4g \u00fcber den K\u00f6rper geschlungen und tr\u00e4gt darunter ein Untergewand. Kopf und F\u00fc\u00dfe sind blankgeputzt. Alle Finger und Zehen \u2013 die Finger der rechten Hand sind wohl nachtr\u00e4glich hinzugef\u00fcgt worden &#8211; und das sorgf\u00e4ltig gebundene Haar mit zwei auf die Schulter fallenden Str\u00e4hnen sind genau gestaltet. In der Hand h\u00e4lt sie eine \u00c4hre \u2013 und auf dem Kopf ein Diadem mit Schlangen. Und auf ihr Gesicht f\u00e4llt ein Schatten von dem Schleier! Sie als Persephone identifiziert worden \u2013 daher die \u00c4hre \u2013 und stammt aus dem 2. Jahrhundert. Sie steht an der Spitze einer ganzen Reihe von stattlichen r\u00f6mischen Statuen, alle kopflos.<\/p>\n<p>Das zweite Prunkst\u00fcck ist ein Larnax, ein Totenbeh\u00e4ltnis aus Ton. Davon gibt es hier eine ganze Reihe. Es gibt zwei Typen, beide aus zwei Teilen bestehend. Der erste Typ ist rechteckig und steht auf F\u00fc\u00dfen, und der Deckel hat die Form eines Satteldachs. Der zweite Typ steht direkt auf der Erde, ist abgerundet und hat auch einen abgerundeten Deckel. Der erste Typ erinnert an eine Truhe, der zweite an eine Badewanne.\u00a0Die Toten wurden gebeugt in das Larnax gelegt, mit den Knien an die Brust gezogen<\/p>\n<p>Die Larnakes sind unterschiedlich gro\u00df und unterschiedlich dekoriert. Die meisten haben Dreiecke, Kringel, Schleifen und Schachbrettmuster, einige haben auch Zweige mit Bl\u00e4ttern. Das Prachtst\u00fcck, das aus Episkopi stammt (XIII), hat fig\u00fcrliche Darstellungen, Tiere, Menschen und Ger\u00e4te. Man sieht ein Wagenrennen, mit drei M\u00e4nnern auf einem Wagen und drei Zuschauern mit erhobenen H\u00e4nden, Ausdruck der Begeisterung oder Anfeuerungsgeste. Das Tier, das den Wagen zieht &#8211; nicht zu identifizieren &#8211; ist, wie alle Tiere, im Profil dargestellt, mit einem einzigen, riesigen, runden Auge. In einer anderen Szene sieht man eine Kuh, vielleicht eine Hirschkuh, ihr Junges s\u00e4ugen. In den anderen Szenen scheinen die Jungen auf dem R\u00fccken der Mutter zu reiten. Das ist aber ein Missverst\u00e4ndnis. Die vermeintlichen Jungen sind tats\u00e4chlich Hunde, die in der Jagd verwendet werden. M\u00e4nner mit Lanzen stehen daneben. Die gejagten Tiere sind wohl Steinb\u00f6cke.<\/p>\n<p>Ich bin die ganze Zeit allein im Museum, zusammen mit dem W\u00e4rter, der brummig am Eingang sitzt und Kreuzwortr\u00e4tsel l\u00f6st und sich ger\u00e4uschvoll die Nase hochzieht. Als ich gehe, geht er erleichtert vor die T\u00fcr, vielleicht um zu rauchen, vielleicht, weil er Besucher nicht ausstehen kann.<\/p>\n<p>Ich kann mir aufgrund einer g\u00f6nnerhaften Spende aus der Heimat einen Gro\u00dfeinkauf leisten. Den will ich bei Spar machen, und mache ihn auch, aber erst, als ich im Gesch\u00e4ft bin, merke ich, dass ich im falschen Spar bin, nicht dem gro\u00dfen, lichten, modernen, in dem ich letzte Woche gelandet bin. Macht nichts. Ich bekomme alles M\u00f6gliche f\u00fcr den Haushalt, von Handtuchhaken bis zur Bratpfanne. Am Ende bleiben noch 2,13 \u20ac \u00fcbrig. Davon kaufe ich mir in Myrtos eine Melapita. Kostet 2 \u20ac. Was mache ich nur mit den 13 Cent?<\/p>\n<p>Am Abend gehe ich ins Akti, weil ich den ganzen Tag \u00fcber nichts Substantielles gegessen habe: einen Keks, ein Geb\u00e4ck, eine Pita. Trotzdem habe ich keinen Hunger. Komisch.<\/p>\n<p>Im Akti bestelle ich \u03a3\u03c0\u03b5\u03c4\u03c3\u03bf\u03c6\u03ac\u03b9\/Spetsofai. Davon hatte ich mir eigentlich mehr versprochen. Statt eines Wursteintopfs mit Reis, Zwiebeln, Tomaten und Paprika bekomme ich eine paar Scheiben gebratener Wurst mit etwas Tomatenso\u00dfe. Eine Entt\u00e4uschung. Das Brot hier schmeckt wieder gut. Ich frage, woher sie das bekommen. Aus der B\u00e4ckerei. Da haben sie mir dieser Tage ein anderes Brot verkauft. Das hat mir gar nicht geschmeckt.<\/p>\n<p>Als ich nach Hause zur\u00fcckgehe, so um halb zehn, sind an einem erleuchteten Platz immer noch Kinder. Sie spielen nach Herzenslust, um diese Zeit. Kein Wunder: Es ist hell, der Platz ist gesch\u00fctzt, und es ist warm.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">19. Oktober (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Der Wind macht nicht, was von ihm erwartet wird. Gestern Abend hielt er sich zur\u00fcck, heute Morgen macht er sich bemerkbar. Aus dem Weg zum M\u00fclleimer bl\u00e4st er mir den Sand in die Augen. Auf dem R\u00fcckweg wird ein Plastikstuhl auf einem Balkon durch die Gegend gesto\u00dfen und fliegt fast runter. Dann bleibt er aber mit zwei Beinen am Gel\u00e4nder h\u00e4ngen.<\/p>\n<p>In der B\u00e4ckerei kaufe ich das Wei\u00dfbrot, das sie im Akti haben. Und das mir so gut geschmeckt hat, im Gegensatz zu dem labbrigen hier aus der B\u00e4ckerei dieser Tage. Schmeckt auch nicht. Einzige Erkl\u00e4rung: Sonntags wird nicht gebacken.<\/p>\n<p>Unter den Blumen auf der Pergola in der Wohnung entdecke ich eine einzelne blaue Bl\u00fcte. Bisher habe ich sei noch nie gesehen. Blau kommt in der Natur nicht so oft vor. Eigentlich komisch.<\/p>\n<p>Da ich mich jetzt doch noch auf ein Gutachten f\u00fcr eine Bewerbung eingelassen habe, ist die heute dran. So was will man immer schnell vom Tisch haben.<\/p>\n<p>In der Wohnung liegen kleine paketartige Ger\u00e4te mit Steckern, offensichtlich dazu da, in die Steckdose gesteckt zu werden. Ich dachte, sie w\u00e4ren f\u00fcr das Aroma, aber tats\u00e4chlich sind sie gegen M\u00fccken. Ob sie auch gegen Fliegen helfen? Ich versuch\u2018s mal.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">20. Oktober (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Ich suche mal eine andere Route zum Laufen, die Stra\u00dfe nach Vianos, aber das ist eine vielbefahrene Stra\u00dfe, und ich lasse das bald sein. Zuf\u00e4llig sehe ich einen kleinen asphaltierten Weg, der davon abgeht: ideal zum Laufen. Wie zu Hause im Tiergarten, nur dass es hier keinen Wein gibt, sondern Apfelsinen, Oliven und Granat\u00e4pfel. Die Granat\u00e4pfel sind teilweise angeknabbert. Sie scheinen bei V\u00f6geln beliebt zu sein.<\/p>\n<p>Nach einer Abbiegung ist man pl\u00f6tzlich in der Wildnis. Hohe Berge im Hintergrund. Pl\u00f6tzlich kommt links, ganz f\u00fcr sich allein, eine kleine quadratische Kirche in Sicht, ganz in Wei\u00df. Sie besteht fast nur aus dem Raum unter der Kuppel.<\/p>\n<p>Rechts steht ein Boot auf einer Art Trockendeck, woanders ein Anh\u00e4nger mit Kanistern und B\u00fcndeln daneben. Auch das sieht merkw\u00fcrdig aus vor den hohen Bergen, hier in der Wildnis.<\/p>\n<p>Dann kommt ein gr\u00f6\u00dferes Geb\u00e4ude in Sicht. In gro\u00dfen Lettern stehen vier W\u00f6rter dran. Davon verstehe ich nur \u03b5\u03c1\u03b3\u03b1\u03c3\u03c4\u03ac\u03c3\u03b9\u03bf, \u201aFabrik\u2018. Dann kann ich in einem anderen Wort den Wortteil \u2018Holz\u2018 identifizieren, \u03be\u03c5\u03bb\u03cc. Und dann d\u00e4mmert es mir: es ist die Holzfabrik von Apostolos, und die beiden anderen W\u00f6rter sind einfach \u0392\u03b5\u03bb\u03b7\u03b2\u03b1\u03c3\u03ac\u03ba\u03b7\u03c2 \u0391\u03c0\u03cc\u03c3\u03c4\u03bf\u03bb\u03bf\u03c2 \u2013 Velivasakis Apostolos. Wieder ein typisch kretischer Nachname, genauso wie gestern in Ierapetra, genauso wie der des B\u00fcrgermeisters auf dem Begr\u00fc\u00dfungsschild am Eingang des Ortes: \u03a0\u03c1\u03b1\u03c4\u03b9\u03ba\u03ac\u03ba\u03b7\u03c2 \u2013 Pratikakis.<\/p>\n<p>Dann kommen Gew\u00e4chsh\u00e4user. An einem steht schr\u00e4g \u00fcber dem Eingang ein Kreuz: Dank f\u00fcr reiche Ernte? Bitte um gutes Gedeihen? Abschreckung von b\u00f6sen Geister? Abschreckung von Dieben? Alles gleichzeitig?<\/p>\n<p>Bald f\u00fchrt der Weg auf eine Stra\u00dfe, und ich kehre einfach um. An einem Feld, wo es auch Granat\u00e4pfel gibt, ist hoch an einem einzelnen, schr\u00e4g nach oben wachsenden Ast irgendetwas festgebunden. Es k\u00f6nnte genauso gut eine Kartoffel wie eine tote Ratte sein. Abschreckung f\u00fcr die V\u00f6gel?<\/p>\n<p>Danach gehe ich gleich zum Strand runter. Da ist heute wirklich nur ein einziges Ehepaar, und die gehen gerade. Ich habe das Meer wirklich f\u00fcr mich alleine. Die K\u00f6pfe, die hinten im Wasser gelegentlich auftauchen, sind Bojen.<\/p>\n<p>Zuhause sitzen Zoe und Jaralampos im Innenhof. Ich setze mich zu ihnen. Ich frage nach einer Pflanze, die sie mir dieser Tage mit einer Blume in ein Glas gestellt hat. Sie wei\u00df, was ich meine. Es w\u00e4chst gleich hier, vor unseren Augen. Man benutzt es beim Kochen. Auf Griechisch hei\u00dft es \u03b4\u03b5\u03bd\u03b4\u03c1\u03bf\u03bb\u03af\u03b2\u03b1\u03bd\u03bf, aber sie kennen das deutsche oder englische Wort nicht. Erst durch eine zweite Bezeichnung im Griechischen wird es klar: Rosmarin.<\/p>\n<p>Sie erkl\u00e4ren mir, wie das mit den Kirchen hier geht. Es gibt eine ganze Reihe f\u00fcr so einen kleinen Ort. Es gibt nur eine Pfarrei, und die Gottesdienste werden immer nach Gelegenheit in der einen oder der anderen Kirche abgehalten, oft abh\u00e4ngig vom Patrozinium der Kirche.<\/p>\n<p>Dann widme ich mich der Lekt\u00fcre. Im Vorwort zu <em>Relato de un n\u00e1ufrago<\/em> berichtet Garc\u00eda M\u00e1rquez, wie es zu der Erz\u00e4hlung kam. Als junger Journalist wurde er, gegen seinen Willen, von der Redaktion seiner Zeitung aufgefordert, ein Interview mit Luis Alejandro Velasco zu f\u00fchren, einem Seemann, dem einzigen \u00dcberlebenden eines Schiffsungl\u00fccks. Er hatte sich eine ganze Woche ohne Nahrung an einem Flo\u00df festgeklammert und hatte \u00fcberlebt. In Kolumbien hatte er einige Ber\u00fchmtheit erlangt und war in Fernsehshows aufgetreten und hatte in Werbefilmen mitgemacht. Die Sache war <em>refrito<\/em>, \u201aausgekocht\u2018 sozusagen, sie bot nichts Neues mehr, dachte M\u00e1rquez. Au\u00dferdem hatte sich Velasco selbst der Redaktion angeboten und gefragt, wie viel Geld er f\u00fcr ein Interview bekommen w\u00fcrde. Als M\u00e1rquez dann mit dem jungen Mann sprach \u2013 der war gerade mal zwanzig \u2013 war er \u00fcberrascht von der Distanz, mit der er \u00fcber seine Erlebnisse sprach und die Selbstironie, zu der er f\u00e4hig war. Noch \u00fcberraschter war er, als er ihn bat, den Sturm zu beschreiben, der das Schiff zum Kentern gebracht hatte. Die Antwort war: Es gab keinen Sturm. Wie, es gab keinen Sturm, das Schiff ist doch gekentert? Ja, aber es gab keinen Sturm. Dabei war das die offizielle und bis dahin einzige Version der Geschichte gewesen. M\u00e1rquez stellte Nachforschungen an und bekam Best\u00e4tigung von den meteorlogischen Stationen: Februar, karibischer Fr\u00fchling, alles ruhig, kein Sturm. Es stellte sich heraus, dass das Schiff nicht wegen eines Sturms gekentert war, sondern weil das Schiff \u00fcberladen und die Ladung falsch verteilt war, ein grober Versto\u00df gegen die Regeln. Au\u00dferdem hatte das Schiff Handelsware an Bord \u2013 K\u00fchlschr\u00e4nke, Radio usw. \u2013 und das h\u00e4tte es als Zerst\u00f6rer, als Schiff der kolumbianischen Marine nicht haben d\u00fcrfen. Und au\u00dferdem handelte es sich um Schmuggelware \u2013 das Schiff war zur Reparatur in den USA gewesen. Drei gravierende Verst\u00f6\u00dfe zusammen. Kein Wunder, dass die Regierung alles daran tat, dass die Wahrheit nicht an den Tag kam.<\/p>\n<p>Am fr\u00fchen Nachmittag gehe ich zum Periptero, um Maria guten Tag zu sagen. Sie l\u00e4dt mich zu einem Granatapfel ein. Man isst nur die Kerne, sonst nichts. Die werden hier einfach mit den Fingern aus dem Fruchtfleisch gepuhlt. Schmecken gut, sehr s\u00fc\u00df. Ich lerne bei der Gelegenheit das Wort f\u00fcr Granatapfel: \u03c1\u03cc\u03b4\u03b9 \u2013 rodi.<\/p>\n<p>Als ich gerade davon erz\u00e4hle, wie ich am Morgen an der Fabrik vorbeigekommen bin, erscheint Apostolos selbst. Er habe mich vermisst, jeden Abend sitze er hier von acht bis elf und schw\u00e4tze mit den Leuten. Ob ich denn nur arbeite?<\/p>\n<p>Ich erz\u00e4hle, dass ich gerade einen Granatapfel gegessen habe, und ein besseres Stichwort konnte es f\u00fcr ihn nicht geben. Er erz\u00e4hlt stolz, was er alles anbaut, wie viele Tage er wie viele Stunden mit der Ernte verbringe, dass er auch in Vianos Oliven habe, dass er keine Chemikalien verwende, dass seine Bananen kleiner als die von Chiquita seien, aber leckerer. An Selbstbewusstsein fehlt es ihm nicht. Ich erfahre bei der Gelegenheit, dass die zerrissenen Bananenbl\u00e4tter, \u00fcber die ich mich so gewundert habe, vom Wind zerrissen werden. Und dass es dieses Jahr eine reiche Olivenernte gebe, w\u00e4hrend letztes Jahr ein Schuss in den Ofen war. Wenn ich nicht verstehe oder er Zweifel hat, ob ich verstehe, setzt er seine Englischkenntnisse ein: Understand? Big! Bananas!<\/p>\n<p>Am Ende wird beschlossen, dass ich ihn gleich begleite, mit dem Auto, und dann zu Fu\u00df zur\u00fcckgehe, weil er noch im Garten zu tun hat. Gesagt, getan. Der Garten liegt tats\u00e4chlich genau an dem Weg, den ich heute Morgen beim Laufen entdeckt habe. Hinter einem einfachen Drahtverhau findet sich das, was man perfekt mit Kraut und R\u00fcben beschreiben kann. Von \u201eBeeten\u201c kann keine Rede sein, alles scheint da zu wachsen, wo es zuf\u00e4llig w\u00e4chst, und dazwischen gibt es ein paar staubige Trampelpfade \u2013 die man als Fremder aber kaum erkennt. Aber es ist erstaunlich, was da alles zum Vorschein kommt: Bohnen, Salat, Gurken, Paprika \u2013 ich mache gro\u00dfe Augen, als er die irgendwo unter einem Blatt auf der Erde hervorzieht \u2013 Melonen, Apfelsinen, Zitronen, K\u00fcrbisse, Auberginen. Die Apfelsinen, das hat er schon vorher angek\u00fcndigt, sind noch in einem fr\u00fchen Reifestadium, aber jetzt schmeckten sie am besten. Er pfl\u00fcckt eine, sch\u00e4lt sie und gibt mir ein St\u00fcck. Sie schmeckt wirklich nicht schlecht, aber etwas reifer ist mir doch lieber.<\/p>\n<p>Dann kommen die Bananen. Er hebt ein riesiges Bananenblatt zur Seite und es kommt ein dickes, gro\u00dfes B\u00fcndel von Bananen zum Vorschein. Und davon gibt es dann bestimmt ein Dutzend an unterschiedlichen Stellen, alle in einem unterschiedlichen Reifezustand, alle ziemlich klein. Er gibt mir eine zum Probieren. Schmeckt gut, aber anders als die bei uns.<\/p>\n<p>Er nimmt einen Schlauch und w\u00e4ssert die Bananen. Wie h\u00e4ufig sie denn Wasser br\u00e4uchten, will ich wissen. Jeden Tag. Das Wasser kommt aus einem gro\u00dfen Plastikkanister, einer Art Zisterne, die man vermutlich auf einen Anh\u00e4nger laden kann.<\/p>\n<p>Zum Schluss kommt noch der H\u00fchnerk\u00e4fig. Da sind auch ein paar ganz ungew\u00f6hnliche Exemplare, vielleicht Truth\u00e4hne. Er f\u00fcttert sie alle mit K\u00f6rnern und mit Salat. Proteine, sagt er. Ob ich wisse, was Proteine sind. Er gibt mir noch Eier mit auf den Weg nach Hause. Ohne Chemikalien! Alles nat\u00fcrlich!<\/p>\n<p>Zu all dem, was ich aufgelistet habe, kommt noch das hinzu, was ich nicht erkenne und auch nicht verstehe. Dann wird er schnell ungeduldig. Diese merkw\u00fcrdigen Fremden, die die einfachsten W\u00f6rter nicht verstehen. Kennt doch jedes Kind. Als wir vor einem Beet stehen, greift er entnervt zu seinen Englischkenntnissen und erkl\u00e4rt mir, was da angepflanzt wird. Ich h\u00f6re so etwas wie <em>Schieps<\/em>. Keine Ahnung, was das sein soll. Dann f\u00e4llt der Groschen: <em>Chips<\/em>. Er meint Kartoffeln! Wunderbar. Ich glaube nicht, dass er versteht, warum ich das zum Lachen finde. Ohne es zu wollen, hat er mir den Rest des Tages aufgehellt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">21. Oktober (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>F\u00fcr heute ist besonders gutes Wetter angesagt, f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage nicht. Ist das ein Grund f\u00fcrs Wegfahren oder f\u00fcrs Hierbleiben? Ich nehme es als Grund f\u00fcrs Wegfahren. Es geht nach Spinalonga.<\/p>\n<p>F\u00fcr die 50 Kilometer bis Agios Nikolaos brauche ich mit dem Auto eine Stunde. Das geht. Und die Fahrt, hoch und runter, mit den gr\u00fcnen H\u00fcgeln im Vordergrund, dem blauen Meer dahinter, den fast schwarzen Bergen im Hintergrund, den Br\u00fccken und Schluchten, und das alles bei strahlendem Sonnenschein, ist ein Genuss. Vorsichtig muss man bei den vielen Kurven trotzdem sein.<\/p>\n<p>In Agios Nikolaos folge ich den Hinweisschildern zum \u00d6ffentlichen Parkplatz, aber aus der engen Stra\u00dfe setzt eine deutsche Touristin ihren Leihwagen r\u00fcckw\u00e4rts heraus, ziemlich ungeschickt, und mit den H\u00e4nden fuchtelnd, um mir zu sagen, dass man da nicht durchkommt. Ich lasse sie raus und fahre dann trotzdem rein. Keine f\u00fcnfzig Meter weiter steht ein Tankwagen, der durch ein Kellerfenster \u00d6l einf\u00fchrt. Ich stelle mich seelenruhig dahinter und schalte den Motor aus. Das Warten hat sich gelohnt. Als der Tankwagen fertig ist, finde ich sofort eine Parkplatz, direkt am Meer, und gratis.<\/p>\n<p>Agios Nikolaos hat keine historischen Sehensw\u00fcrdigkeiten und ist trotzdem ein Touristenmagnet. Das liegt in erster Linie an seiner sch\u00f6nen Lage an einer durch einen felsigen Landvorsprung in zwei Teile geteilten Bucht. Die kann man vermutlich eher von weiter oben genie\u00dfen, aber hier unten merkt man auch sofort, was den Ort ausmacht: \u00dcberall st\u00f6\u00dft man auf Wasser. Da, wo man Auto steht, ist der Strand. Agios Nikolaos hat einen Strand mitten in der Stadt! Etwas weiter davon, aber abgetrennt, ist der Yachthafen. Wenn man dann durch die Innenstadt geht, st\u00f6\u00dft man am anderen Ende wieder auf Wasser: der Hafen. Und daneben befindet sich ein See! Das ist der r\u00e4tselhafte Voulismeni-See. Er soll angeblich keinen Grund haben, und es wird kolportiert, Cousteau habe vergeblich versucht, bis auf den Grund vorzusto\u00dfen. Deutsche Panzer sollen im Zweiten Weltkrieg im See auf Nimmerwiedersehen verschwunden sein, genauso wie ein Lastwagen, der von ein paar Jahren in dem See landete. Es gibt Spekulationen, dass er unterirdisch mit dem Meer verbunden ist. Nach dem Vulkanausbruch auf Santorini tauchten in dem See pl\u00f6tzlich tote Hochseefische auf. Seine Farbe ist aber deutlich anders, eher t\u00fcrkis, als das blaue Wasser im Hafen. Heute ist der See mit dem Hafenbecken durch einen Kanal verbunden, der von den T\u00fcrken gebaut wurde. Er dient als Fischerhafen.<\/p>\n<p>Das Schiff, eine Kreuzung aus F\u00e4hre und Ausflugsboot, liegt im Hafen, direkt vor zwei gro\u00dfen, wei\u00dfen Kreuzfahrtschiffen. An Bord herrscht ein gro\u00dfes Sprachengemisch. Mir gegen\u00fcber sitzt erst eine Familie, die man Russisch, mal Franz\u00f6sisch miteinander spricht. Sie werden abgel\u00f6st von drei Frauen, die Schwedisch sprechen. Am Rand sitzt ein Ehepaar, das mal Franz\u00f6sisch, mal Griechisch miteinander spricht. \u00dcberhaupt scheinen die Griechen, die unter den Passgieren sind, Auswanderer zu sein.<\/p>\n<p>Unterwegs nach Spinalonga macht das Schiff kreisende Bewegungen, und auf einmal wird der Anker geworfen. Es war zwar die Rede davon, dass es einen Zwischenhalt zum Baden geben w\u00fcrde, aber auf den Felsinseln der Umgebung ist nicht ein Meter zu entdecken, der als Badestrand benutzt werden kann. Als ich es kapiere, sind die ersten schon im Wasser. Es wird nicht an Land, sondern hier, mitten in der Bucht geschwommen. Die meisten bleiben an Bord und beobachten die Schwimmer. Am meisten am\u00fcsiert sich ein kleines holl\u00e4ndisches M\u00e4dchen, das auf dem R\u00fccken des Vaters schwimmt und sich hin und wieder l\u00f6st und sich mit zappelnden Bewegungen \u00fcber Wasser h\u00e4lt und dabei vor Vergn\u00fcgen kreischt.<\/p>\n<p>Auf Spinalonga gibt es keinen Kiosk, kein WC, kein Caf\u00e9. Da freut sich der Wirt des Schiffes. Nach dieser Ank\u00fcndigung formiert sich dort sofort eine Schlange. Ich bin dabei und esse zur Abwechslung einen Burger. Schmeckt gar nicht schlecht.<\/p>\n<p>Dann kommen wir nach Spinalonga, der Leprainsel. Die Insel ist kleiner, als ich sie mir vorgestellt habe. Wir fahren einmal um die Insel rum. Die Seite zum offenen Meer hin ist anders als die Seite zum Festland hin, wo es kaum Zeichen von Bebauung gibt. An der Spitze der Insel, hoch oben, die Reste des venezianischen Kastells, mit einer runden Bastion zum Meer hin.<\/p>\n<p>Der Name <em>Spinalonga<\/em> bezeichnet sowohl die Insel, um die wir gerade geschifft sind, als auch die (viel gr\u00f6\u00dfere) Halbinsel, an deren Spitze sie liegt. Streng genommen ist die Halbinsel auch keine Halbinsel mehr, seitdem franz\u00f6sische Ingenieure einen Kanal durch die Landenge stie\u00dfen, unten, wo sie mit dem Festland verbunden war.<\/p>\n<p>Die Terminologie f\u00fchrt manchmal zu Verwechslungen. Zu allem \u00dcbel ist der offizielle Name heute nicht mehr Spinalonga<strong> <\/strong>(\u03a3\u03c0\u03b9\u03bd\u03b1\u03bb\u03cc\u03b3\u03ba\u03b1),<strong> <\/strong>sondern Kalydon (\u039a\u03b1\u03bb\u03c5\u03b4\u03ce\u03bd), und das war auch der alte, antike Name. Der Name Spinalonga, \u201alanger Dorn\u2018, kommt von den Venezianern. Der lange Dorn verl\u00e4uft parallel zum Festland, nur durch eine schmale Passage von ihm getrennt. Oben, als Fortsetzung des Dorns, liegt die Insel. An der musste man vorbei, wenn man nach Elounda wollte, auf dem Festland auf H\u00f6he des unteren Ende des Dorns gelegen. Die Insel bewachte also die Einfahrt in diese schmale Meerespassage. Das erkl\u00e4rt die Pr\u00e4senz des m\u00e4chtigen Kastells.<\/p>\n<p>Der Name <em>Spinalonga<\/em> soll auf ein Missverst\u00e4ndnis zur\u00fcckgehen, n\u00e4mlich volksetymologisch abgeleitet von <em>stin Elounda<\/em> (\u03c3\u03c4\u03b7\u03bd \u0395\u03bb\u03bf\u03cd\u03bd\u03c4\u03b1), \u201anach\u00a0<a title=\"Elounda\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Elounda\">Elounda<\/a>\u2018.<\/p>\n<p>Bevor wir an Land gehen, bekommen wir noch ein paar Erkl\u00e4rungen, nach Sprachen getrennt. Bei uns macht das eine Griechin, die mit dem Rhythmus eines Maschinengewehrs auf uns einredet, in phantastischem Deutsch. Alles sehr informativ, aber zu viel auf einmal. Am Ende sagt sie: Ich h\u00f6r jetzt auf mit meinem Geschreie. Weg mit Ihnen!<\/p>\n<p>Am Eingang der Insel zahlt man 2 \u20ac Eintritt und geht dann einmal um die Insel herum. Viel zu sehen gibt es nicht \u2013 ein paar Grundmauern, ein paar Treppen, die ins Nichts f\u00fchren, ein paar verschlossene Kirchen, einen Friedhof, Reste der Bastionen, ein Tor. Es geht hier mehr um die Atmosph\u00e4re und um die Geschichte. Auf der dem Meer zugewandten Seite sind ein paar H\u00e4user erhalten bzw. renoviert worden. Hier gibt es allerhand Erkl\u00e4rungen an Tafeln, aber kaum Ausstellungst\u00fccke. Dass so wenig erhalten blieb, hat zwei Gr\u00fcnde: Die Leprakranken rissen Teile der venezianischen Mauer ab, um f\u00fcr sich bessere Lebensbedingungen zu schaffen, und als man die Leprakolonie aufl\u00f6ste, wollte man von dieser Vergangenheit nichts mehr wissen und beseitigte viele Zeugnisse aus der Zeit.<\/p>\n<p>Als Kreta selbst\u00e4ndig wurde, sammelte man hier alle Leprakranken aus ganz Kreta ein. Die entsch\u00e4digte \u00a0und \u201esperrte\u201c sie auf der Insel ein. Sie durften sie nie verlassen. Das h\u00f6rt sich grausam an, aber das Schicksal der Leprakranken vorher war sicher nicht besser. Die meisten waren \u201eAusgesto\u00dfene\u201c und vegetierten in W\u00e4ldern und am Rande von Orten vor sich her. Hier wurden sie allerdings auch sich selbst \u00fcberlassen. Und die v\u00f6llige Isolierung beruhte auf einer Reihe von Missverst\u00e4ndnissen \u00fcber die Krankheit: Inkubationszeit, Vererbbarkeit, Ansteckungsgefahr. Aber man wusste es schlicht nicht besser.<\/p>\n<p>Als dann Kreta zu Griechenland kam, wurden auch aus anderen Teilen Griechenlands Leprakranke hierher gebracht, darunter ein junger Athener Jurastudent, der sich dann hier daran machte, durch Eingaben und Streiks und durch Organisation das Leben hier ertr\u00e4glicher zu machen. Er gr\u00fcndete eine Bruderschaft und setzte auf die Solidarit\u00e4t unter den Kranken. Mit durchschlagendem Erfolg. Den Leprakranken wurde eine Art Sozialhilfe bewilligt, und zwar eine relativ gro\u00dfz\u00fcgige. Das machte sie f\u00fcr die Kaufleute der Umgebung pl\u00f6tzlich interessant. Gute Kundschaft. Die Kaufleute waren clever genug, zu erkennen, dass sie zwar von den Leprakranken profitierten, dass aber die Leprakranken von ihnen abh\u00e4ngig waren und verkauften ihre Waren zu v\u00f6llig \u00fcberh\u00f6hten Preisen. Die Waren wurden per Schiff hierher gebracht, und dann durch eine L\u00fccke in der Mauer auf die Insel geschafft. Die H\u00e4ndler betraten die Insel nicht. Das Geld, das sei einnahmen, wurde\u00a0 desinfiziert. Der Kessel f\u00fcr das Desinfizierungsmittel heute noch heute in einem Raum neben der gut erhaltenen Pforte am alten Hafen. Sp\u00e4ter, als auch Verwandte die Leprakranken besuchen konnte, wurden auch sie desinfiziert, wenn sie die Insel wieder verlie\u00dfen. Heute wei\u00df man, dass die ganze Desinfizierung Bl\u00f6dsinn war. Sie beruhigte aber.<\/p>\n<p>Durch die Initiativen des jungen Mannes wurde aus dem Ghetto allm\u00e4hlich ein Dorf mit allem Anschein von Normalit\u00e4t. Es gab Werkst\u00e4tten, B\u00e4ckereien (in einigen H\u00e4usern sieht man noch Back\u00f6fen), Gem\u00fcseg\u00e4rten, Tavernen und auch eine erste medizinische Versorgung. Auch die alten Zisternen wurden erneuert. Die stammten noch von den Venezianern. Es gibt n\u00e4mlich auf der ganzen Insel kein Wasser. Die Venezianer hatten bereits ein ausgekl\u00fcgeltes System von miteinander verbundenen Zisternen, durch die jedes Haus mit Regenwasser versorgt wurde!<\/p>\n<p>Einen besonderen Ruf erwarb sich ein Arzt, Dr. Grammatikakis, der die Kranken 25 Jahre lang behandelte, ohne selbst zu erkranken. Ebenfalls einen besonderen Ruf erwarb sich ein Pope, der Eheschlie\u00dfungen unter den Kranken vornahm, was eigentlich verboten war. Viele Paare bekamen Kinder. Keins von denen war je von Lepra befallen. Sie durften zuerst nicht auf der Insel bleiben, sondern kamen nach Athen. Das \u00e4nderte sich sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Verschiedene Konfessionen lebten zusammen und teilten sich dabei eine der Kirche. Die war zweischiffig. Ein Schiff wurde von den Orthodoxen, das andere von den Katholiken benutzt!<\/p>\n<p>Der Friedhof liegt ganz oben, nahe der venezianischen Bastion. Man sieht eine Reihe von gleichen Steinplatten, eine an die andere gereiht, unter der die Toten begraben wurden. Nach einer gewissen Zeit wurden die Gebeine, der orthodoxen Tradition folgend \u2013 die das Verbrennen von Leichen verbietet \u2013 entnommen, in Wein gewaschen und ins Beinhaus gebracht.<\/p>\n<p>Dann geht es wieder zum Boot. Auf dem R\u00fcckweg sehen wir noch, vom Schiff aus, den Eingang zu einer H\u00f6hle, angeblich die H\u00f6hle eines ber\u00fcchtigten Piraten, und eine Insel, auf der eine gesch\u00fctzte Ziegenart, die Kri Kri lebt, von denen aber nichts zu sehen ist. Die beiden Punkte sind wohl eher f\u00fcr die Brosch\u00fcren.<\/p>\n<p>In und um Agios Nikolaos gibt es noch einiges zu sehen, aber daf\u00fcr muss man nochmal wiederkommen. Ich will noch nach Myrtos kommen, bevor es dunkel wird.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg verfahre ich mich an der gleichen Stelle wie bei der Ankunft auf Kreta, vor zwei Wochen, an einer Baustelle, und drehe auch an der gleichen Stelle um. Da steht vor mir ein Umzugswagen mit der Aufschrift \u039c\u03b5\u03c4\u03b1\u03c6\u03bf\u03c1\u03ad\u03c2. Die Kamera ist gl\u00fccklicherweise zur Hand.<\/p>\n<p>Man sieht auf dieser Strecke immer auff\u00e4llig viele Pickups. Die scheinen f\u00fcr die kleinen Landwirte und Bauunternehmer besonders geeignet. Heute habe ich einen von VW vor mir. Wusste gar nicht, dass die sowas herstellen. Sonst sieht man meistens Ford oder Toyota. Au\u00dfer Pickups sieht man auch viele Kleintransporter und motorisierte Leiterwagen.<\/p>\n<p>Nicht zu \u00fcbersehen: Zwischen Ierapetra und Myrtos gibt es, unerwartet wegen der N\u00e4he des Meeres und dem d\u00f6rflichen Charakter von Myrtos, jede Menge Autoh\u00e4ndler, Werkst\u00e4tten, Tankstellen, Waschanlagen, Ersatzteillager. Ich brauche mein Auto dann doch nicht, wenn mal was dran sein sollte, nach Athen zu bringen.<\/p>\n<p>Zoe verdient sich ein kleines Extra, indem sie meine Hosen und Hemden w\u00e4scht. Alles andere mache ich per Hand. Als ich nach Hause komme, liegt die W\u00e4sche frisch gewaschen und geb\u00fcgelt auf dem Bett. Die Wohnung ist geputzt, das Bett neu bezogen, die Vase mit frischen Blumen aufgef\u00fcllt. Die Handt\u00fccher und Bettdecken sind so kunstvoll arrangiert, wie man es in einem Vier-Sterne-Hotel erwarten w\u00fcrde. Das ist ein Photo wert.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">22. Oktober (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>F\u00fcr heute ist der erste Regen angesagt, aber am Morgen sieht es noch nicht danach aus. Beim Laufen ist auch noch nichts von sinkenden Temperaturen zu sp\u00fcren, aber dann sp\u00e4ter beim Einkauf doch. Jetzt f\u00fchlt es sich richtig k\u00fchl an. Beginnt jetzt der kretische Herbst?<\/p>\n<p>Wei\u00df get\u00fcnchte H\u00e4user mit blauen T\u00fcren, Balkonen und Fensterl\u00e4den: <em>das<\/em> Griechenlandklischee. Manchmal gibt es so etwas wirklich, aber dann ist da oft ein Souvenirgesch\u00e4ft drin. Ich finde zwei andere Dinge eher typisch: den einzelnen, oft verlassen, manchmal kaputten Stuhl, der vor H\u00e4usern oder am Wegesrand steht und die schmalen Au\u00dfentreppen, \u00fcber die man in das obere Stockwerk gelangt. Bei den Treppen sehe ich sogar eine Verbindung zu den alten minoischen Traditionen, auch wenn das etwas weit hergeholt erscheint: Die zweist\u00f6ckigen minoischen Geb\u00e4ude hatten \u00fcberhaupt keinen Zugang im Untergeschoss. Man gelangte \u00fcber eine Leiter nach oben und von dort nach unten!<\/p>\n<p>Charalampos erkl\u00e4rt mir, als ich ihn nach einer Karte f\u00fcr das Handy frage, diesen Unterschied: \u03b7 \u03ba\u03ac\u03c1\u03c4\u03b1 hei\u00dft \u201aTelefonkarte\u2018, \u201aGeldkarte\u2018, oder \u201aAnsichtskarte\u2018, \u03c4\u03bf \u03c7\u03ac\u03c1\u03c4\u03b9 \u201aPapier\u2018, \u201aDokument\u2018 oder \u201aSpielkarte\u2018), \u03bf \u03c7\u03ac\u03c1\u03c4\u03b7\u03c2 \u201aLandkarte\u2018. Drei verschiedene Genera, um die Sache noch komplizierter zu machen! Alle diese W\u00f6rter sind urspr\u00fcnglich abgeleitet von \u03c7\u03ac\u03c1\u03c4\u03b7\u03c2, das dann \u00fcber das Lateinische und das Franz\u00f6sische in die europ\u00e4ischen Sprachen kam und als \u03ba\u03ac\u03c1\u03c4\u03b1 wieder zur\u00fcckkam! Aber auch \u03c7\u03ac\u03c1\u03c4\u03b7\u03c2 ist nicht origin\u00e4r. Es ist abgeleitet von einem \u00e4gyptischen Wort, und das bezeichnete das Blatt der Papyrusstaude!<\/p>\n<p>Man sieht auch, wie flexibel das deutsche Wort <em>Karte<\/em> ist. Aber auch, wie kompliziert die Relation zwischen den Sprachen ist. Die Karte im Lokal, die Speisekarte, hei\u00dft auf Griechisch \u03ba\u03b1\u03c4\u03ac\u03bb\u03bf\u03b3\u03bf\u03c2! Und die Karte f\u00fcrs Konzert, die Eintrittskarte, hei\u00dft \u03b5\u03b9\u03c3\u03b9\u03c4\u03ae\u03c1\u03b9\u03bf!<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">23. Oktober (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Gestern hat es tats\u00e4chlich zum ersten Mal geregnet, aber so undramatisch, dass ich es erst nachher an der nassen Stra\u00dfe gemerkt habe. Heute sieht die Sache anders aus: Noch als es dunkel ist, werde ich vom Regen geweckt, und als er hell wird, sieht es aus wie an der Nordsee. Als ich dann aber die Fenster aufmache, ist es immer noch angenehm warm. Die Temperatur scheint gar nicht zu dem Bild zu passen.<\/p>\n<p>Streng genommen hat die Wohnung gar keine Fenster, sondern T\u00fcren, T\u00fcren, die auf den Balkon f\u00fchren. Trotzdem spreche ich intuitiv davon als Fenster. Auf Englisch hei\u00dfen sie <em>French Windows<\/em>!<\/p>\n<p>Beim B\u00e4cker erwische ich endlich das richtige Brot: \u03c7\u03c9\u03c1\u03b9\u03ac\u03c4\u03b9\u03ba\u03bf \u03c8\u03c9\u03bc\u03af, frei mit Landbrot zu \u00fcbersetzen. Das w\u00fcrde sogar trocken schmecken.<\/p>\n<p>Ich gehe kurz zum Meer runter. Eine Handvoll Menschen, aber keiner traut sich ins Wasser. Wohl zu gef\u00e4hrlich. Es sieht gleichzeitig verlockend und furchterregend aus.<\/p>\n<p>Am Abend am Kiosk sehe ich dann am Fernsehen, wie es in ganz Europa regnet, auch in ganz Griechenland, au\u00dfer in Kreta, und dass es in Deutschland und England Sturmfluten gegeben hat. Da sind wir ja noch gut weggekommen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">24. Oktober (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Manchmal flackert in der Wohnung das Licht, und dann flackert auch das Licht. Manchmal geht es auch kurz aus. Wie heute. Ich merke gar nicht, dass es gar nicht mehr wieder kommt, bis ich an den K\u00fchlschrank gehe. Strom aus. Ich fummele ein bisschen an den Sicherungen herum. Nichts. In dem Zusammenhang f\u00e4llt mir das wunderbare griechische Wort f\u00fcr \u201aStrom\u2018 ein: \u03c1\u03b5\u03cd\u03bc\u03b1 [revma], also <em>Rheuma<\/em> sozusagen. Als ich zum Laufen gehe, kommen mir Zoe und Charalampos entgegen. Sie wissen l\u00e4ngst Bescheid: Der Strom ist \u00fcberall ausgefallen. Ich bin aber zur richtigen Zeit weg. Als ich wiederkomme, haben wir wieder Rheuma.<\/p>\n<p>In den Uni-Mitteilungen wird zur Teilnahme an einer wissenschaftlichen Studie aufgerufen. Es werden Gutscheine unter den Teilnehmern verlost. Das Thema: Die Nutzung von Kaffeemaschinen.<\/p>\n<p>Der italienische Roman ist nicht unbedingt einer, den man weiterempfehlen muss. Sehr sch\u00f6n das Ambiente, das der Reichen und Sch\u00f6nen Mailands, und auch ein paar authentisch klingende Dialoge. Auch die unbekannte Topographie Mailands Aber sehr flache Charaktere, eine unn\u00f6tige Nebenhandlung (manchmal hatte ich den Eindruck, beim Kindle auf die falsche Stelle gedr\u00fcckt zu haben, so willk\u00fcrlich kam die daher), eine klischeehafte Geschichte (reiches T\u00f6chterlein verliebt sich in armen Studenten), ein abruptes Ende (wieder habe ich am Kindle herumgefummelt, um zu sehen, ob da noch was kommt). Dabei hat der Roman lauter vielversprechende Themen, aber irgendwie enden sie alle im Nichts.<\/p>\n<p>Im Laufe des Tages mache ich ein paar Versuche, in einem \u201eReiseb\u00fcro\u201c, das hier von einer Deutschen und einer \u00d6sterreicherin gef\u00fchrt wird, Informationen zu bekommen. Das haben mir die Griechen empfohlen. Erst am Abend habe ich Erfolg. Die \u00d6sterreicherin bietet gef\u00fchrte Wanderungen an, jede Woche dasselbe Programm, aber jetzt ist es daf\u00fcr schon etwas zu sp\u00e4t, sie improvisiert, und die Wanderung, die ich mir ausgeguckt hatte, f\u00e4llt aus. N\u00e4chste Woche soll sich aber das Wetter wieder beruhigen, und dann soll ich nochmal nachfragen. Ob es mit einer Wanderung durch die Schlucht noch klappt, ist offen.<\/p>\n<p>Am Ende bekomme ich auch die Brosch\u00fcre mit den Wanderungen in der Gegend um Myrtos. Die \u00d6sterreicherin hat selbst die Wege markiert.<\/p>\n<p>Ich gehe zum Essen ins Mirtos, zu Jana. Es ist alles anders als noch vor gut einer Woche, als ich zum ersten Mal da war. Keiner sitzt mehr drau\u00dfen, es nicht sehr voll und es gibt keine Speisekarte mehr. Jetzt geht es nach klassischer griechischer Sitte: Man guckt in die T\u00f6pfe. Ich entscheide mich f\u00fcr Schweinefleisch, eine Art Schweinhaxe, das beste Fleisch, das ich seit langem gegessen habe: au\u00dfen kross gebraten, innen weich.<\/p>\n<p>Es ist st\u00fcrmisch, aber noch trocken. Das Meer w\u00fctet, und der Wind hat einen kleinen Teppich vom Balkon in die \u00c4ste eines Baumes geweht. Als ich dann zu Hause bin, f\u00e4ngt es w\u00fcst an zu regnen. Sogar die Katzen haben woanders Unterschlupf gesucht.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">25. Oktober (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Im Internet sto\u00dfe ich auf ein Photo von dem Strand von Myrtos vom Februar 2008: ganz und gar mit Schnee bedeckt!<\/p>\n<p>Da ich sowieso wegen des Handys nach Ierapetra muss, gehe ich gleich noch mal ins Museum. Diesmal ist statt des grimmigen Mannes eine freundliche Frau da.<\/p>\n<p>Aus der \u00e4ltesten Periode gibt es, neben der T\u00f6pferware, die ich beim ersten Mal schon gesehen habe, auch Artikel aus Stein, teils aus weichem Material \u2013 Chlorite, Steatite \u2013 teils aus hartem \u2013 Marmor, Alabaster. Die Ger\u00e4te wurden sowohl f\u00fcr rituelle als auch f\u00fcr praktische Zwecke genutzt. Es gibt \u00d6llampen, M\u00f6rser, St\u00f6\u00dfel, Gie\u00dfformen, Stehlampen, die Schneiden einer Axt und den Kopf eines Hammers.<\/p>\n<p>Als Gegenst\u00fcck zu den Terrakotta-S\u00e4rgen aus Episkopi, den Larnakes, gibt es aus einer sp\u00e4teren Epoche (ab dem 8. Jh.) Grabst\u00e4tten aus Vrona, in denen die Toten verbrannt wurden. Manchmal flackert in der Wohnung das Licht, und dann flackert auch das Licht. Das geschah an Ort und Stelle, also in dem von Steinmauern begrenzten Grab. In dem hier ausgestellten wurden ein Erwachsener und ein Kind verbrannt. Unter den Grabbeigaben befindet sich eine Fibel aus Bronze und Perlen aus Terrakotta, aber auch Trinkgef\u00e4\u00dfe. Es k\u00f6nnte sein, dass die in den Beerdigungsritualen selbst benutzt und dann den Toten mit auf den Weg gegeben wurden.<\/p>\n<p>Aus der sp\u00e4teren Zeit (4. Jh. v. Chr.) sieht man eine sehr gut erhaltene Amphore, auf der ein Mann dargestellt wird, der sich zum Krieg r\u00fcstet. Das w\u00fcrde man ohne Erkl\u00e4rung allerdings nicht erkennen. Die Schulter ist von Palmetten geschm\u00fcckt. Er wird flankiert von einem alten Mann, vielleicht seinem Lehrer, und einer Frau, vielleicht einer G\u00f6ttin.<\/p>\n<p>Ganz in der N\u00e4he eine plastische Tonvase. Sie stellt einen alten Mann dar. Der Ausguss ist oben, \u00fcber seinem Kopf, und seine angewinkelten Arme dienen als Griffe. Der Mann hat einen pr\u00e4chtigen Schmerbauch, einen wilden Bart, kurze Beine, aber einen \u00fcberdimensionalen Kopf. Antike Witzfigur.<\/p>\n<p>Aus der r\u00f6mischen Zeit stammt eine unscheinbare Steins\u00e4ule, oder die Rest davon, aus dunklem Titan. Man sieht gar nicht, dass sie beschriftet ist, und zwar zu beiden Seiten. Sie belegt aber die damalige Bedeutung von Ierapetra, denn der Text ist eine Vereinbarung der Stadt mit dem K\u00f6nig Antigono von Mazedonien.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber eine Steintafel, ebenfalls r\u00f6misch, die ebenfalls einen Text enth\u00e4lt, ebenfalls auf Griechisch. Es ist eine Inschrift, die Titus Claudius Aristagoras ehrt, der daf\u00fcr gesorgt hat, dass zerst\u00f6rte Geb\u00e4ude in Ierapetra wiederaufgebaut wurden, und zwar aus der eigenen Schatulle, auch ein Zeichen f\u00fcr die Bedeutung von Ierapetra.<\/p>\n<p>Obwohl die Wettervorhersage f\u00fcr heute nicht so doll war, f\u00fchlt es sich jetzt wieder richtig warm an. Es ist auch am Morgen sehr windstill, obwohl sich das im Laufe des Tages wieder \u00e4ndert.<\/p>\n<p>Ich versuche wegen des Handys mein Gl\u00fcck bei \u0393\u03b5\u03c1\u03bc\u03b1\u03bd\u03cc\u03c2, dem \u201eDeutschen\u201c, aber da werde ich schon wieder weggeschickt, als ich meine Frage noch nicht zu Ende gestellt habe. Mit Windows geben die sich erst gar nicht ab. Ich werde zu Wind geschickt, nicht weit entfernt, auch in der Innenstadt. Da bedienen zwei sehr freundliche junge M\u00e4nner eine sehr gemischte Kundschaft. Sie zeigen sich sehr geduldig mit mir und richten mir den \u201egriechischen\u201c Teil des Handys ein.<\/p>\n<p>Auch in einem ziemlich vollgestopften, aber hellen Schreibwarenladen, der auch B\u00fccher f\u00fchrt, werde ich gut bedient, diesmal von einer \u00e4lteren Dame. Sie macht alles richtig. Sie antwortet auf Griechisch, holt mir Briefpapier und Umschl\u00e4ge aus einer Schublade und versteht sogar meine unbeholfene Frage, ob sie Linienpapier habe. Nein, hat sie nicht, aber sie trennt einfach ein Blatt von einem liniierten Block ab und legt ihn unter das Briefpapier. Geht. Ich kaufe dann auch noch zwei ziemlich kitschige Geburtstagskarten.<\/p>\n<p>Im Supermarkt \u2013 wo man sich \u00e4hnlich hilfsbereite Verk\u00e4uferinnen w\u00fcnscht \u2013 mache ich eine Art Wochenendeinkauf. Gem\u00fcse und Obst sind spottbillig, K\u00e4se, wenn es kein griechischer K\u00e4se ist, auff\u00e4llig teuer.<\/p>\n<p>Kuriose Erfahrung auch: Die Kartoffeln sind hier dreckig, d.h. sie haben Erde an der Schale, wie fr\u00fcher bei uns. Und au\u00dferdem sind sie h\u00e4rter!<\/p>\n<p>Als ob das griechische Wort f\u00fcr <em>Zucchini<\/em>, \u03ba\u03bf\u03bb\u03bf\u03ba\u03c5\u03b8\u03ac\u03ba\u03b9\u03b1, nicht schon schlimm genug w\u00e4re, hier haben die Zucchini auch noch solche Formen, was es ist. Das Wort ist von ital. <em>zucco<\/em>, \u201aK\u00fcrbis\u2018, abgeleitet, eine Diminutivform, und das Wort ist ein Hinweis darauf, dass es sich bei den Zucchini um K\u00fcrbisfr\u00fcchte handelt!<\/p>\n<p>An der Gem\u00fcseabteilung frage ich eine Verk\u00e4uferin auf Griechisch, ob ich ihr das Gem\u00fcse zum Wiegen geben soll Sie versteht meine Frage und antwortet: <em>Yes<\/em>.<\/p>\n<p>Es soll ja Menschen geben, die ihrem Verein die Treue halten, auch wenn er irgendwo in den Niederungen der Vierten Liga herum d\u00fcmpelt. Und auch dann noch mitzittern, wenn es um nichts mehr geht. Wenn diese Menschen dann eine Reise tun, k\u00f6nnen sie heute auch aus der Ferne das Geschehen mitverfolgen und sich \u00fcber den aktuellen Spielstand unterrichten lassen. Das war fr\u00fcher anders. R\u00fcckblende: Deutschland spielt in der EM-Qualifikation in Albanien. Das Spiel wird nicht im Fernsehen \u00fcbertragen. (Auch sp\u00e4ter gibt es meines Wissens keine Fernsehbilder von dem Spiel.) Das Spiel wird auch nicht im Radio \u00fcbertragen. Aber nicht nur das: Es gibt auch keine Zwischenergebnisse. Und als das Spiel aus ist, gibt es immer noch kein Ergebnis. Wir sitzen gespannt vor dem Radio und warten auf Neuigkeiten. Es gibt Nachrichten, Musik, ein bisschen Hockey, ein bisschen Pferdesport. Immer noch nichts aus Tirana. Dann kommen die ersten Nachrichten, aber nicht best\u00e4tigt: Einer Meldung zufolge hat Deutschland 8:1 gewonnen, einer anderen Meldung zufolge ist das Spiel 0:0 ausgegangen. Wir k\u00f6nnen beides nicht so recht glauben. Vielleicht stimmen ja beide nicht. 2:0 oder 3:1 oder so was waren unsere Tipps. Dann verdichten sich die Ger\u00fcchte langsam: Das 0:0 soll stimmen. Dann kommt die Best\u00e4tigung, Stunden nach dem Spiel: 0:0. Deutschland ist ausgeschieden.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. Oktober (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>\u00dcberall holt einen die Geschichte ein, auch hier. Im Zweiten Weltkrieg, 1944, ordneten die deutschen Besatzer von Myrtos an, alle Einwohner m\u00fcssten den Ort verlassen. Viele weigerten sich, und das f\u00fchrte zu einem Massaker, bei dem achtzehn Menschen umkamen und das Dorf zerst\u00f6rt wurde. Im Zentrum des Ortes soll ein Denkmal daran erinnern. Das habe ich bisher noch nicht gesehen. Bezeichnenderweise findet sich diese Information auf der englischen, nicht aber auf der deutschen Version von Wikipedia. So konstruieren wir unsere Geschichte.<\/p>\n<p>Obwohl die Gegend schon in der minoischen Periode besiedelt war, ist das jetzige Myrtos ein relativ junger Ort, aus der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts. Vorher gab es hier einen Hafen, von dem aus die Bewohner der h\u00f6her gelegenen Zonen ihre Waren nach Ierapetra verschifften. Ansiedeln wollte man sich hier unten aber nicht, aus einem ganz einfachen, einleuchtenden Grund: Piratenangriffe!<\/p>\n<p>Heute das Laufen immer weiter hinausgez\u00f6gert. Die Strafe folgt auf dem Fu\u00dfe: zum ersten Mal nass geworden, und gleich so richtig. Und Vorsicht: Rutschgefahr! Der Regen schlemmt Schlamm auf die Stra\u00dfe, und da bieten Turnschuhe keinen guten Halt. Und werden au\u00dferdem immer schwerer.<\/p>\n<p>Unterwegs l\u00e4uft eine Ziege vor mir quer \u00fcber den Weg. F\u00fcr die Besucher sind sie ein guter Anblick, aber f\u00fcr die Natur sind sie eher sch\u00e4dlich. Sie sind sehr gefr\u00e4\u00dfig, und das vernichtet dann auch den Rest der ohnehin durch Rodung, Brandung und Erosion in Mitleidenschaft genommenen Vegetation.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg habe ich auf dem nicht asphaltierten Teilst\u00fcck pl\u00f6tzlich den Eindruck, mich verlaufen zu haben. Alles sieht so verlassen und trostlos aus. Dann erinnere ich mich an das, was mir die bayerische Frau in dem kleinen Touristenb\u00fcro dieser Tag gesagt hat: Nicht auf die Berge gucken, immer am Meer orientieren. Myrtos liegt am Meer. Und das Meer ist an meiner Seite. Gott sei Dank!<\/p>\n<p>Paulus besteht in dem Brief an Timotheus darauf, dass diejenigen, die die Gemeinde leiten, nur eine Frau haben d\u00fcrfen. Das l\u00e4sst viele Deutungen zu: D\u00fcrfen sie nicht in Polygamie leben? D\u00fcrfen sie keine Konkubinen haben? M\u00fcssen sie ihrer Frau treu sein? Oder d\u00fcrfen Sie sich als Witwer nicht wiederverheiraten? Und was bedeutet das f\u00fcr die anderen, die nicht Leiter der Gemeinde sind?<\/p>\n<p>Am Abend gehe ich zu Jana ins Mirtos. Im Fernsehen l\u00e4uft Fu\u00dfball. Wobei laufen das falsche Bild ist. Die Spieler stehen auf dem Rasen herum und frieren. Das ganze Spielfeld ist in Nebel geh\u00fcllt, und das Spiel unterbrochen. Die Fans haben bengalische Feuer gez\u00fcndet.<\/p>\n<p>Der Kellner sagt etwas von \u03ba\u03b1\u03bb\u03cc \u03b4\u03c1\u03cc\u03bc\u03bf, und ich verstehe ihn nicht. Dabei ist es ganz einfach. Es bedeutet \u201aguter Weg\u2018. Beide W\u00f6rter sind hinl\u00e4nglich bekannt. Nur: Ich merke nicht, dass es zwei W\u00f6rter sind. Die W\u00f6rter verschmelzen ineinander, und der zweite Akzent scheint wegzufallen. Genug, um mich zu t\u00e4uschen. Als ich sp\u00e4ter Apostolos davon erz\u00e4hle, versteht er nicht, was ich meine. Er glaubt, er m\u00fcsse mir erkl\u00e4ren, was \u03ba\u03b1\u03bb\u03cc \u03b4\u03c1\u03cc\u03bc\u03bf bedeutet.<\/p>\n<p>Irgendwann komme ich dann auf dem Nachhauseweg auf <em>Dromedar<\/em>. Ob das was damit zu tun hat? Ja, es ist griechisch und kommt von \u201alaufen\u2018, \u201arennen\u2018. Das Dromedar ist das \u201aRennkamel\u2018.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">27. Oktober (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Heute stehen die beiden Ausgrabungsst\u00e4tten gleich hier in der N\u00e4he auf dem Programm. Zuerst geht es nach Pyrgos, gleich hier vor dem Ortseingang. Es geht steil auf den H\u00fcgel rauf, \u00fcber einen Pfad, zwischen Olivenb\u00e4umen und vertrockneten Gr\u00e4sern. In einer Viertelstunde ist man oben. Kommt aber verschwitzt an. Auf halber H\u00f6he haben sie noch mal ein gro\u00dfes Hinweisschild angebracht. Alle Achtung. Aber was ist das erst gegen die Minoer, die hier oben schon vor 4000 Jahren Steine hochgeschleppt haben.<\/p>\n<p>Oben hat man einen sch\u00f6nen Blick, auf das Tal mit den Bergen im Hintergrund auf der einen und das Meer auf der anderen Seite, aber von den minoischen Resten nimmt man erst mal kaum was wahr. Steine liegen hier sowieso \u00fcberall rum. Langsam aber profiliert sich dann doch einiges heraus: Grundmauern, eine Art gepflasterter Hof, S\u00e4ulenst\u00fcmpfe, eine Art Treppe. Die f\u00fchrt allerdings von der anderen Seite den H\u00fcgel rauf. Die Minoer kamen anders hier an als die modernen Besucher. Der gepflasterte Hof geh\u00f6rt zu einem Landhaus, aus der sp\u00e4teren Epoche, und das befand sich ganz weit vorne auf dem Felsplateau, dem Meer zugewandt. Die anderen Geb\u00e4ude stammen aus einer fr\u00fcheren Zeit und waren wohl nach hinten ausgerichtet. Irgendwo liegt da vernachl\u00e4ssigt eine S\u00e4ule auf dem Boden. Ob die mit Bedacht da liegen gelassen wurde? Man w\u00fcrde sie auf Anhieb eher f\u00fcr r\u00f6misch halten, aber ob die R\u00f6mer sich \u00fcberhaupt um Myrtos gek\u00fcmmert haben?<\/p>\n<p>In der Ferne, landeinw\u00e4rts, sieht man einen Bagger und einen Lastwagen. Was hier wohl gebaut wird? Erst denke ich an eine Stra\u00dfe, aber: wof\u00fcr? Und warum so weit oben? Wohnungen? Eine Ferienanlage?<\/p>\n<p>Runter geht es auf dem gleichen Weg. Unten steht eine der kleinen, auf Stelzen stehenden Kapellen, die man hier oft am Wegesrand sieht. Und gegen\u00fcber der Wegweiser zu der Ausgrabungsstelle, der nach unten statt nach oben zeigt.<\/p>\n<p>Jetzt geht es auf einem bequemen, erst sch\u00f6nen, dann immer sch\u00e4biger werdenden Feldweg in einem gro\u00dfen Bogen zur Hauptstra\u00dfe zur\u00fcck. Die Beschilderung ist alles andere als eindeutig, und die Beschreibung in der Brosch\u00fcre der \u00d6sterreicherin viel zu knapp. Ich scheine immer weiter ins Gebirge hineinzukommen, und auch der Tipp der Bayerin, sich immer am Meer zu orientieren, nutzt hier nicht so viel, weil die Sicht von den Bergen zu allen Seiten verstellt ist. Dann kommen in einem Tal Gew\u00e4chsh\u00e4user in Sicht und ein Verbotsschild an einem Abhang: keinen M\u00fcll hinunterwerfen. Man h\u00f6rt ein quietschendes Ger\u00e4usch. Das kommt von den Gew\u00e4chsh\u00e4usern. Die k\u00f6nnen wohl oben einen Spalt ge\u00f6ffnet werden. Und das geschieht in diesem Moment.<\/p>\n<p>Mutig setze ich dann meinen Weg zwischen dumpf bellenden Hunden und schrill schreienden G\u00e4nsen fort und komme schlie\u00dflich auf die Landstra\u00dfe. Ich muss beide Richtungen ausprobieren, um zu finden, wo die Ausgrabungsst\u00e4tte ist. Dann kommen riesige Schilder, aber kein Weg. Ich kehre wieder um und merke dann, dass die Schilder einen hier direkt den Berg raufschicken. Aus der Wanderung wird eine Kraxelei. Dann schl\u00e4gt man sich durch stacheliges Geb\u00fcsch. Da trifft es sich gut, dass ich die Sandalen gegen Wanderschuhe getauscht habe.<\/p>\n<p>Das eigentliche Gel\u00e4nde, ebenfalls auf einem vorspringenden H\u00fcgel gelegen, ist mit einem Drahtzaun umgeben, und man wird aufgefordert, das Tor wieder hinter sich zu schlie\u00dfen. Sagt sich so leicht. Ich kann den Riegel zwar \u00f6ffnen, aber nicht mehr schlie\u00dfen. Er sitzt fest. Erst versuche ich es mit Drehen, dann mit Schlagen, erst mit der blo\u00dfen Faust, dann mit Taschent\u00fcchern als D\u00e4mpfer. Kein Erfolg. Die Werkzeuge, die ich dabei habe, taugen alle nichts: Kamera, Kuli, Kamm. Und dann f\u00e4llt es mir siedend ein, hier, an einer pr\u00e4historischen Ausgrabungsst\u00e4tte. Das\u00a0 \u00e4lteste Werkzeug der Menschheit liegt hier in hundertfacher Ausf\u00fchrung frei herum: ein Stein. Funktioniert sofort.<\/p>\n<p>Hier ist die Aussicht vielleicht noch majest\u00e4tischer, aber man kann noch weniger mit den alten Steinen anfangen. Man kann h\u00f6chstens an den Grundmauern ablesen, wie beengt man hier gelebt haben muss, oben auf dem Felsplateau. Immerhin gab es hier eine ganze Siedlung. Neben den R\u00e4umen f\u00fcr die Sippe gab es auch Gemeinschaftsr\u00e4ume, die auch kultisch genutzt wurden. Hier wurde die ber\u00fchmte G\u00f6ttin von Myrtos gefunden, die jetzt im Museum in Agios Nikolaos ist.<\/p>\n<p>Kurioses Photomotiv beim Blick nach unten: das winzige byzantinische Kirchlein, ganz einsam, dahinter das Meer, davor die Gew\u00e4chsh\u00e4user.<\/p>\n<p>Von hier oben erkennt man auch den Weg, den John mir im Museum in Myrtos gezeigt hat. Der ist viel bequemer, und den nehme ich f\u00fcr den R\u00fcckweg. Warum die Hinweisschilder nicht hier stehen, wei\u00df der Kuckuck. Ich muss auf der Landstra\u00dfe zur\u00fcck, und auf dem Weg komme ich dann an der Stelle vorbei, an der ich eigentlich h\u00e4tte ankommen m\u00fcssen. Ich muss einen Umweg gegangen sein.<\/p>\n<p>Am Ortseingang von Myrtos f\u00e4llt mir wieder ein eisernes Schwarzes Brett auf, vor dem ich dieser Tage einen Rollerfahrer gesehen habe, der davor abstieg und in Windeseile ein einziges Blatt auf das Schwarze Brett klebte: eine Traueranzeige. Das ist griechischer Usus.<\/p>\n<p>In der B\u00e4ckerei sagt mir die Verk\u00e4uferin, dass morgen geschlossen ist: Feiertag. Es ist der Tag des Nein, ein nationaler Gedenktag. Dieser Tage hatten mir Charalampos und Zoe gesagt, die Gesch\u00e4fte seien ge\u00f6ffnet. Aber das gilt vielleicht nur f\u00fcr die M\u00e4rkte.<\/p>\n<p>Als ich ihre Erkl\u00e4rung nicht sofort verstehe, sagt die Verk\u00e4uferin, in v\u00f6lliger Fehleinsch\u00e4tzung der Schwierigkeiten: <em>closed<\/em>. Es ist nicht so, dass ich das griechische Wort nicht kenne, ich habe es nicht verstanden! Und selbst wenn ich es verstanden h\u00e4tte, h\u00e4tte ich vielleicht nicht verstanden, was wann geschlossen ist.<\/p>\n<p>Das Monument an das Massaker durch die deutsche Wehrmacht steht, so habe ich es mir erkl\u00e4ren lassen, an dem Platz mit dem Museum. Es besteht nur aus einer Steinplatte. Daneben eine griechische Fahne. In die Steinplatte sind die Namen der von den Deutschen get\u00f6teten Bewohner von Myrtos eingemei\u00dfelt. Als Datum wird der 15. September 1943. Ob sich hier noch jemand daran erinnern kann? Es handelte sich offensichtlich um Repressalien, nachdem kretische Partisanen deutsche Soldaten get\u00f6tet hatten.<\/p>\n<p>Als ich zuhause ankomme, viel sp\u00e4ter als ich dachte, bin ich verschwitzt und ger\u00e4dert. Die Wanderung sind laut Beschreibung gerade mal sieben Kilometer, und der Gro\u00dfteil der Strecke war flach. Warum ist das so anstrengend?<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">28. Oktober (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Heute ist Feiertag, nationaler Gedenktag, man w\u00fcrde sagen griechischer Nationalfeiertag, aber da gibt es noch einen anderen, im M\u00e4rz. Heute \u0395\u03c0\u03ad\u03c4\u03b5\u03b9\u03bf\u03c2 \u03c4\u03bf\u03c5 \u00ab\u039f\u03c7\u03b9\u00bb [Epetios tou Ochi], der \u201aJahrestag des Nein\u2018. Das Nein galt Mussolini. Der wollte, nachdem er schon l\u00e4nger versucht hatte, das neutrale Griechenland zu provozieren, endlich die Erlaubnis, griechisches Territorium zu betreten St\u00fctzpunkte zu errichten. Das h\u00e4tte das Ende der griechischen Neutralit\u00e4t bedeutet. Metaxas sagte \u201eNein\u201c. In dieser verk\u00fcrzten Form ist jedenfalls das Gespr\u00e4ch, auch durch die Schlagzeile einer Zeitung bef\u00f6rdert, in das kollektive Bewusstsein der Griechen eingegangen. Das Ultimatum wurde Metaxas am 28. Oktober 1940 um drei Uhr morgens in seiner Villa \u00fcberbracht. Schon am n\u00e4chsten Tag (oder sogar am selben Tag) gab es \u00fcberall in Griechenland Demonstrationen, die Metaxas, der bis dahin nicht \u00fcberall beliebt war, in seinem Nein zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Heute wird der Tag mit Paraden gefeiert. Ich fahre am Vormittag nach Ano Vianos, auf gut Gl\u00fcck. Die Fahrt ist ganz anders als die nach Ierapetra. Es gibt keine D\u00f6rfer, keine Caf\u00e9s am Stra\u00dfenrand, keine Unternehmen. Die Strommasten sind die einzigen Zeichen der Zivilisation. Es geht immer nur bergauf, in Serpentinen, in die einsame kretische Bergwelt. Dies ist das Dikti-Gebirge, das Gebirge, das daf\u00fcr verantwortlich ist, dass es in Myrtos und Umgebung trockener und w\u00e4rmer ist als n\u00f6rdlich des Gebirges.<\/p>\n<p>Unterwegs steht an einer Mauer \u03a1\u0399\u0396\u0391. Das kann denjenigen, der lateinische Buchstaben gew\u00f6hnt ist, verwirren. Es sind griechische Buchstaben und die stehen f\u00fcr RISA, ein Dorf.<\/p>\n<p>Die Fahrt ist weiter als ich dachte, viel weiter als nach Ierapetra, und pl\u00f6tzlich wird mir bei dem Blick auf die Benzinnadel ganz mulmig. Ich habe die ganze Zeit in Kreta noch nicht ein einziges Mal getankt, und jetzt wird es Zeit. Der Gedanke, hier oben in der Einsamkeit liegen ohne Benzin liegen zu bleiben, ist nicht so verlockend. Und dann kommt pl\u00f6tzlich, mitten auf dem Weg \u2013 eine Tankstelle! Keine Fata Morgana. Es ist wirklich eine Tankstelle. Aber die ist stillgelegt, was ich erst merke, als ich schon vor der Zapfs\u00e4ule stehe.<\/p>\n<p>Dann sieht man in der Ferne Ano Vianos. Es ist ein ganz normales Dorf, vielleicht so gro\u00df wie Myrtos, aber der erste Eindruck ist sehr positiv. Vielleicht liegt es einfach an der Fahrt durch die Einsamkeit. Am Ende des Ortes finde ich einen Parkplatz.<\/p>\n<p>Ich gehe zur\u00fcck \u00fcber die Hauptstra\u00dfe. Zu beiden Seiten der Stra\u00dfe sitzen die Menschen vor den H\u00e4usern und Caf\u00e9s und warten auf die Parade. Die Stra\u00dfe ist mit griechischen Fahnen und griechischen Wimpeln geschm\u00fcckt. Aus den Lautsprechern, die ganze Stra\u00dfe runter verteilt, erklingt Marschmusik. Die kommt aus der Kirche.<\/p>\n<p>Die meisten sind ganz normal gekleidet, einige aber auch im Sonntagsstaat. Die \u00e4lteren Frauen ganz in Schwarz, die jungen Frauen aufgemotzt, als wollten sie auf die Piste gehen. In jedem Fall bin ich der einzige in kurzer Hose.<\/p>\n<p>Einige der ganz kleinen Kinder tragen die traditionellen Uniformen der griechischen Wachsoldaten mit dem wei\u00dfen Rock, der Sch\u00fcrze und den Schnabelschuhen mit Quasten. Bei den Kindern sieht die Sache nicht so l\u00e4cherlich aus wie bei den Soldaten.<\/p>\n<p>Am Anfang des Dorfes steht eine riesige Platane mit dickem, ausgeh\u00f6hltem Baumstamm, eine Sehensw\u00fcrdigkeit f\u00fcr sich. Rundherum die St\u00fchle der Caf\u00e9s, alle besetzt.<\/p>\n<p>Ich gehe ein bisschen durch den Ort, abseits der Stra\u00dfe. Hier ist jetzt keiner, alle sind unten. Es gibt ein paar verlassene H\u00e4user \u2013 Landflucht ist auch hier ein Thema \u2013 aber nicht viele. Hier gibt es viel Wasser und daher eine gut gehende Landwirtschaft.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber der Kirche finde ich einen Platz in einem Caf\u00e9, und bald schon beginnt die Parade. Keine gro\u00dfe Angelegenheit. Es sind ausschlie\u00dflich Schulkinder, die paradieren, sehr zu Freude der Zuschauer und zum Stolz der Eltern. Die Schulkinder sind alle uniformiert, aber nur insofern, als sie alle ein wei\u00dfes Hemd oder eine wei\u00dfe Bluse und eine blaue Hose tragen, manchmal eine Jeans. Sie versuchen, mit der Marschmusik im Schritt zu gehen, aber vergebens. Sie verschwinden dann in der Kirche.<\/p>\n<p>Als sie wieder herauskommen, versammeln sie sich um ein Podest, vor dem mehrere Popen stehen, in festlichem Wei\u00df, einige mit schwarzen Umh\u00e4ngen. Es sind viel zu viele f\u00fcr so ein kleines Dorf, aber ich habe am Eingang des Dorfes ein paar alte Busse gesehen, mit denen Kinder und vielleicht auch Popen aus anderen D\u00f6rfern angekarrt worden sein m\u00fcssen. Die Popen tragen in einem Singsang Gebete vor. Ich finde, dass ich genug gesehen habe, und, da die Stra\u00dfe wieder frei ist, gehe ich zum Auto, um zur\u00fcckzufahren. Als ich das Auto aufschlie\u00dfe, f\u00e4llt mein Blick zuf\u00e4llig nach unten, auf eine Tankstelle! Da geht es als erstes hin. Nur notd\u00fcrftig auftanken, hier ist das Benzin noch teurer als in Ierapetra, fast 2 \u20ac!<\/p>\n<p>Als ich dann zur\u00fcck durch das Dorf fahre, erheben sich pl\u00f6tzlich alle zu beiden Seiten der Stra\u00dfe und stehen stramm. Es erklingt gerade die Nationalhymne!<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehe ich, was ich auf dem Hinweg nicht gesehen habe, gleich am Rande der Stra\u00dfe auf einem vorspringenden Platz, das Mahnmal von Ano Vianos. Es erinnert an ein Massaker der deutschen Wehrmacht, \u00e4hnlich dem von Myrtos, aber noch schlimmer, auch eine Vergeltungsaktion gegen die Partisanen. Erh\u00f6ht, auf einer S\u00e4ule, ein Gefangener mit gesenktem Kopf, vor oder nach der Exekution. \u00dcber ihm schwebt ein Engel, der aussieht wie die Nike der griechischen Klassik. Aus dem Siegesengel ist ein Todesengel geworden. An der Seite, vor der S\u00e4ule, die Silhouetten mehrerer M\u00e4nner in unterschiedlicher Haltung, auf denen die Namen der Toten eingraviert sind. Sie sehen aus, als w\u00fcrden sie zur Exekution abgef\u00fchrt. Und wiederum vor diesen eine Steintafel, auf der in drei Sprachen, auch Deutsch, ein bewegendes Gedicht eingraviert ist, das uns ermahnt, der Toten zu gedenken und ihnen dankbar zu sein, wenn wir hier das Lichte genie\u00dfen und ohne Angst umherlaufen k\u00f6nnen. Auch wegen der Lage auf dem erh\u00f6hten Felsvorsprung und dem Blick in die tiefen T\u00e4ler ein beeindruckendes Mahnmal.<\/p>\n<p>Weiter unten, auf dem Weg nach Myrtos, fahre ich noch \u00fcber eine holprige Stra\u00dfe bergauf nach Ano Symi, ein Dorf, das bei dem Massaker zerst\u00f6rt und nicht wiederaufgebaut wurde. Man kann die Mauerreste von der Stra\u00dfe aus sehen, aber kann nicht zwischen ihnen umhergehen. Sie sind mit einem Maschendrahtzaun gesch\u00fctzt. Besonders merkw\u00fcrdig wirken, auf der anderen Seite des einstigen Dorfes, vier oder f\u00fcnf nebeneinander an einem Hang liegende H\u00e4user, die alle baugleich sind und alle die gleiche Form als Ruine haben. Man hat nicht den Eindruck von zerst\u00f6rerischer Wut, sondern von planvollem Vorgehen.<\/p>\n<p><span style=\"line-height: 24px;\">Als ich auf einem der Feldwege irgendwann wenden muss, stehe ich auf einmal vor einem Feld mit lauter wei\u00dfen K\u00e4sten mit Schl\u00f6ssern und Luftl\u00f6chern. Ein Moment R\u00e4tselraten, was das ist, aber dann best\u00e4tigt das Summen den Verdacht: Bienenk\u00f6rbe.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 24px;\"> <\/span>In Myrtos sehe ich von oben aus dem Auto noch einige Unentwegte im Wasser, aber mir ist nicht danach.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">29. Oktober (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Der Himmel ist halb bedeckt, aber es ist noch ziemlich warm. Ich kann nicht widerstehen und gehe noch mal ins Meer. Der Strand ist um die Mittagszeit sogar ziemlich voll, drei\u00dfig-vierzig Leute, die sich auf verschiedene Stellen verteilen, aber im Wasser ist keiner. Es ist aber noch nicht zu kalt.<\/p>\n<p>Am Strand sind immer nur Ausl\u00e4nder. Ich habe mal Zoe und Charalampos gefragt, ob sie auch mal zum Strand gehen. Antwort: keine Zeit. Das scheint mir aber eine Ausflucht zu sein. Sie sind so nah dran, und au\u00dferhalb der Hochsaison auch nicht so sehr mit der Villa Mare besch\u00e4ftigt. Ich habe eher den Verdacht: Man tut das nicht. Vielleicht aus Scham, vielleicht aus Ablehnung dieser nutzlosen Sinnenfreude. Ich wei\u00df auch nicht, ob die Kinder schwimmen k\u00f6nnen, aber Kinder k\u00f6nnen sich ja auch am Strand vergn\u00fcgen, ohne ins Wasser zu gehen. Oben auf der Kippe \u00fcber dem Strand steht immer ein \u00e4lterer Grieche mit langem Bart, der aufs Meer zu schauen scheint. Stundenlang. Sieht es sich wirklich das Meer an? Oder die halbnackten Touristen?<\/p>\n<p>An der Strandpromenade ist es schon sehr ruhig. Nur noch wenige Lokale haben G\u00e4ste, einige r\u00e4umen schon Tische und St\u00fchle weg und wickeln Plastikt\u00fcten um die Lampen. Das Akti ist zu. Ich bestelle meinen Kaffee bei Jana und setze mich an den Kiosk zu Maria und den zwei \u00e4lteren Frauen, die immer bei ihr sitzen. Ich erfahre, dass vorgestern Apostolos\u2018 Geburtstag war und dass Norbert angerufen hat, wie jedes Jahr. Wir sprechen \u00fcber den Heimatort von Apostolos, dessen Namen ich mir nicht merken kann: Keratokampos. Eine der Frauen hilft mir, mit Gesten: <em>kampos<\/em>, \u201aFeld, <em>kerato<\/em>, \u201aHorn\u2018. Der Ort, wo Ziegen weideten.<\/p>\n<p>Die beiden ziehen sich bald zum Mittagessen bzw. Mittagschlaf zur\u00fcck. Ich frage Maria, was man w\u00fcnschen kann, wenn sich jemand hinlegt. Ganz einfach: \u03ba\u03b1\u03bb\u03cc \u03cd\u03c0\u03bd\u03bf \u2013 \u201aGuten Schlaf!\u2018<\/p>\n<p>Ich frage nach dem Kiosk und was am meisten verkauft wird: Zigaretten. Es ist der einzige Ort in Myrtos, wo man Zigaretten kaufen kann. Sie haben ein Monopol. Die Griechen rauchen, und die Ausl\u00e4nder nehmen gleich ganze Stangen mit, weil der Tabak hier billiger ist.<\/p>\n<p>Der Kiosk ist, wenn ich das richtig verstehe, im Besitz der Mutter, die ihn als eine Art Entsch\u00e4digung bekommen hat, weil ihr Mann im Krieg war. Die Lizenz f\u00fcr den Kiosk l\u00e4uft aus, wenn die Mutter stirbt.<\/p>\n<p>Ich erz\u00e4hle von der Fahrt nach Ano Vianos und komme nicht auf das Wort f\u00fcr \u201aKurve\u2018. Maria hilft mir auf die Spr\u00fcnge: \u03c3\u03c4\u03c1\u03bf\u03c6\u03ae, \u201aStrophe\u2018. Das Gedicht macht eine Wendung, eine Kurve, wenn eine neue Strophe anf\u00e4ngt!<\/p>\n<p>Als ich mir am Abend mein Essen brutzele, steht pl\u00f6tzlich die Katze hinter mir. Schlimm genug, dass sie mir mein Essen wegnehmen will. Noch schlimmer der Schrecken, den sie mir einjagt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">30. Oktober (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Beim Laufen diesmal eine andere Strecke gew\u00e4hlt, landeinw\u00e4rts statt am Meer entlang. Irgendwo sehe ich ein Pappschild Richtung <em>Sarakini Gorge<\/em>, eine der Schluchten, die man jetzt, bei dem \u201eschlechten\u201c Wetter, nicht durchwandern soll, aber an der n\u00e4chsten Kreuzung steht nur noch ein Holzpfahl, ohne Schild. Ich irre ein bisschen in der Gegend herum und komme dann \u00fcber die Landstra\u00dfe nach Myrtos zur\u00fcck. Da muss es bessere Wege geben.<\/p>\n<p>Irgendwo habe ich mal gelesen, dass 12\u00b0 eine gute Temperatur zum Laufen ist. Bei jedem Grad mehr wird man etwas langsamer. Es wurde aber nicht erkl\u00e4rt, ob das auch in der umgekehrten Richtung gilt. Ist 12\u00b0 die ideale Mitte und zu beiden Seiten geht es bergab? Oder geht wird man bei unter 12\u00b0 sogar noch schneller?<\/p>\n<p>Kreta ist gro\u00df, jedenfalls gr\u00f6\u00dfer, als man meinen k\u00f6nnte. Ich bin bisher aus Lassithi, unserem Bezirk, noch nicht hinausgekommen. Lassithi ist einer von vier Bezirken. Alle anderen sind nach einer Stadt benannt, Heraklion, Rethymnon und Chania, alle an der Nordk\u00fcste. Nur Lassithi, der \u00f6stlichste Bezirk, ist nicht nach einer Stadt benannt, sondern nach einer Hochebene. Vorl\u00e4ufig will ich mich auch weiter in dieser Gegend umsehen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">31. Oktober (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Beim Laufen an der Holzfabrik vorbeigekommen und dort reingeschaut. Vorne verschlossen, hinten eine kleine T\u00fcr. Ein Arbeiter ist an einer S\u00e4gemaschine und schneidet Holzplatten. Apostolos ist in Ierapetra.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehe ich von hinten eine alte Frau mit langem Rock, wie sie sich den Berg raufm\u00fcht, eine Holzkiste in der Hand, einen Leinenbeutel auf dem R\u00fccken und einen riesiges B\u00fcndel gr\u00fcner \u00c4ste auf der Schulter. Ein St\u00fcck des alten Griechenlands, das man ohne Bedauern verschwinden sieht.<\/p>\n<p>Danach noch mal kurz ins Meer. Es ist immer noch warm genug, aber wirkt bei dem bedeckten Himmel nicht mehr gr\u00fcn oder blau, sondern grau. Als ich nach Hause gehe, f\u00e4ngt es an, zu regnen. Macht nichts. Bin sowieso nass.<\/p>\n<p>In <em>White Teeth<\/em>, das im multiethnischen London spielt, versucht Alsana, eine Bengalin, eine in der Tradition verankerte Frau, ihre (nur zwei Jahre j\u00fcngere) Nichte Neena, eine junge, moderne Frau, von den Vorteilen der bengalischen Heiratssitten zu \u00fcberzeugen: Als ich ihn heiratete, kannte ich ihn nicht, ich hatte ihn noch nie gesehen. Aber ich mochte ihn. Er hatte ein h\u00fcbsches Gesicht, eine angenehme Stimme, war gro\u00df und gut gebaut f\u00fcr einen Mann seines Alters. Und er f\u00e4cherte mir mit der Zeitung zu. Er gefiel mir. Jetzt, wo ich mehr \u00fcber ihn wei\u00df, gef\u00e4llt er mir immer weniger. Also: Was ist besser? Ihn zu kennen oder ihn nicht zu kennen?\u201c Jahre zuvor hatte dieser Samad, Asanas sp\u00e4terer Ehemann, eine Unterhaltung mit seinem Kriegskameraden Adam. \u00dcber seine Ehefrau. Im Laufe des Gespr\u00e4chs erst merkt Adam, dass diese Ehefrau noch gar nicht geboren ist. Aber der Ehevertrag steht. Er ist entsetzt: \u201eBei uns ist es Sitte, dass man die Frau kennt, die man heiratet\u201c. \u2013 \u201eJa\u201c, sagt Samad, \u201ebei euch ist es auch Sitte, dass Gem\u00fcse zu kochen, bis es auseinanderf\u00e4llt. Das hei\u00dft nicht, dass es eine gute Idee ist\u201c.<\/p>\n<p>In der <em>Bleistiftfabrik<\/em> fragt sich Markos, warum er Sofia geheiratet hat. Sie ist eine Sch\u00f6nheit, aber sie gef\u00e4llt ihm nicht. Und er liebt sie nicht. Wegen des Geldes hat er sie auch nicht geheiratet. Das hat er selbst. Er wei\u00df wirklich nicht, warum er sie geheiratet hat. Vielleicht war sein Gedanke: Ich heirate, dann ist auch das erledigt.<\/p>\n<p>Manchmal gibt es vom Zimmer aus sch\u00f6ne Sonnenunterg\u00e4nge zu sehen, aber sie passieren jetzt, nach der R\u00fcckkehr zur Winterzeit, be\u00e4ngstigend fr\u00fch, so um sechs.<\/p>\n<p>Am Abend spreche ich bei Jana mit Apostolos. Ich gratuliere nachtr\u00e4glich zum Geburtstag und frage ihn, ob in Griechenland der Namenstag nicht wichtiger ist. Ja, sagt er, Geburtstag ist was f\u00fcr kleine Kinder.<\/p>\n<p>Es stellt sich heraus, dass er auch Wein macht. Und zwar aus eigenen Trauben! Der Groschen f\u00e4llt langsam bei mir. Erstens habe ich seine Trauben noch nicht gesehen \u2013 und auch sonst noch keine \u2013 aber selbst dann kann ich mir gar nicht vorstellen, dass man das auch noch im Nebenberuf macht. Doch, sagt er stolz, ich bin Chemiker!<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1. November (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Vor einem Monat ging die Reise los. Innsbruck, Verona, die F\u00e4hre, Patras, die Ankunft in Myrtos, scheint eine Ewigkeit her zu sein.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">2. November (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Zum ersten Mal eine lange Hose aus dem Schrank geholt. Wegen des Wetters, aber auch, weil die Besichtigung einer Kirche auf dem Programm steht, der Panagia Kera, bekannt f\u00fcr ihre Ausmalung.<\/p>\n<p>Gleich am Ortsausgang von Myrtos kann ich ein Paar aus Hamburg mitnehmen. Sie wollen nach Ierapetra, aber als sie erfahren, dass ich weiter fahre, fahren sie gleich nach Agios Nikolaos mit. Sie sind seit drei Wochen auf Kreta unterwegs, per Anhalter und mit dem Bus. Sie sind Rucksacktouristen und haben viele Wanderungen gemacht. \u00dcberall h\u00e4tten sie daf\u00fcr beif\u00e4llige Kommentare bekommen. Das sei anders gewesen, sagt sie, als sie vor ein paar Jahrzehnten mit dem Rucksack in Kreta unterwegs war.<\/p>\n<p>Sie sind gestern noch durch die Sarakina Schlucht gewandert. Das sei trotz des Regens kein Problem finden sie. Auch ihnen sind die v\u00f6llig isoliert in der Gegend rumstehenden kleinen Kirchen ins Auge gefallen und auch sei fragen sich, wer die wohl dahin gestellt hat und wer sich um sie k\u00fcmmert.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem ist ihnen am Ausgang von Myrtos eine merkw\u00fcrdige Felsformation aufgefallen. Sie sehe wie eine Uhr aus. Ob ich was davon w\u00fcsste. Nee, keine Ahnung.<\/p>\n<p>Unterwegs entdecken sie auf einmal den Eingang zu einer Schlucht. Ich bin hier schon ein paar Mal hergefahren, aber habe ihn\u00a0 bisher immer \u00fcbersehen. Sieht gro\u00dfartig aus. Ein senkrechter, hoher Schlitz, der eine Felswand in zwei Teile teilt.<\/p>\n<p>Als ich unterwegs tanke, macht der Tankwart ein sehr erfreutes Gesicht, als ich ihm das Trinkgeld gebe. Er hat das Wechselgeld in meiner Hand gesehen und geglaubt, er w\u00fcrde f\u00fcnf Euro bekommen. Und dann bekommt er nur einen.<\/p>\n<p>In Agios Nikolaos lasse ich die beiden raus und fahre Richtung Kritsa weiter. Bald kommt die Kirche in Sicht. Kleine Kirche mit Kuppel, davor Zypressen, im Hintergrund eine wilde Berglandschaft: Kreta-Klischee.<\/p>\n<p>Der erste Eindruck ist etwas entt\u00e4uschend. Ich hatte mir die Kirche gr\u00f6\u00dfer und die Ausmalungen heller vorgestellt und besser erhalten. Aber es lohnt sich, genauer hinzusehen.<\/p>\n<p>Au\u00dfen sind die m\u00e4chtigen St\u00fctzpfeiler bis auf den Boden hinuntergezogen. Das gibt der Kirche etwas Gedrungenes, Bodenst\u00e4ndiges, fast etwas Plumpes, obwohl sie drei Schiffe hat. Die Mauern sind nicht wei\u00df, sondern gelb-br\u00e4unlich.\u00a0 Ob die Schiffe sp\u00e4ter angebaut wurden, wei\u00df man nicht, aber man hat nicht den Eindruck.<\/p>\n<p>Trotz des kleinen Raums gibt es viel zu sehen, weil praktisch die ganze Kirche ausgemalt ist, Apsis, Kuppel, Gew\u00f6lbe, W\u00e4nde. Einige Fresken sind schlecht erhalten, andere kann man wegen des Lichts nicht gut erkennen. Das Licht dringt nur durch ein paar kleine Schlitze vorne und hinten und durch die offen stehenden T\u00fcren ein.<\/p>\n<p>Die Kunsthistoriker sagen: Mittelschiff traditionell, mit konventionellen, hieratischen Figuren, Seitenschiffe moderner, mit st\u00e4rker individualisierten Figuren. Da muss man schon genau hinsehen. Die Details machen den Scharm der Sache aus.<\/p>\n<p>In der Apsis sieht man eine Auferstehung. Die J\u00fcnger stehen unter B\u00e4umen, eins, wie es hei\u00dft, f\u00fcr die byzantinische Malerei ungew\u00f6hnliches Motiv. Ist aber wohl auch in der westlichen Welt nicht so g\u00e4ngig.<\/p>\n<p>In der Kuppel vier Szenen aus dem Leben Jesu, mit einer besonders sch\u00f6nen Taufe. Jesus steht nackt und etwas hilflos im Jordan herum. Und harret der Dinge, die da kommen werden.<\/p>\n<p>An der Wand im Westen das J\u00fcngste Gericht, schlecht zu erkennen. Aber man sieht S\u00fcnder, die wie in einer H\u00e4ngematte aufgeh\u00e4ngt werden, mit zusammengebundenen Beinen.<\/p>\n<p>An den Seiten des Mittelschiffs, in Rechtecken eingefasst, verschiedene Szenen aus der Bibel. Gut zu erkennen das Abendmahl, bei dem Judas in die Schale mit dem Fisch greift. Greift er nach Jesus? Auf dem Abendmahltisch liegen auch M\u00f6hren! Der Tisch ist perspektivisch etwas hilflos dargestellt. Er scheint senkrecht zu stehen.<\/p>\n<p>Darunter ein Portrait des Hl. Georg, das genauso viel Raum einnimmt wie oben eine ganze Szene und deshalb besonders zur Wirkung kommt. Daneben, an einem Pfeiler, auch das f\u00fcr eine orthodoxe Kirche ungew\u00f6hnlich, ein Portrait von Franz von Assisi, mit Tonsur und Franziskanerkutte.<\/p>\n<p>Genauso der Tisch auf dem Fresko daneben, der von Herodes Gelage. Man sieht Salome mit dem Kopf des Johannes oben rechts ins Bild kommen und gleichzeitig unten rechts, wie der Kopf abgeschlagen wird.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber eine sch\u00f6ne Geburtsszene mit einem nachdenklichen Josef am unteren Bildrand, abseits des Geschehens. Es sieht aus, als ob er eine Sonnenbrille tr\u00e4ge. Maria liegt ersch\u00f6pft im Zentrum des Bildes, und unten macht sich irgendwer daran, in einem Bottich das Kind zu waschen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber der Kindesmord, mit Kinderleiben auf den Lanzen der Soldaten aufgespie\u00dft.<\/p>\n<p>Das n\u00f6rdliche Seitenschiff\u00a0 ist dem Hl. Antonius geweiht. Aber hier sieht man in erster Linie ganze Apostelfiguren, eine neben der anderen. Dar\u00fcber eine witzige Szene. Petrus mit dem Schl\u00fcssel in der Hand, in voller Bewegung, mit fliegendem Kleid, auf dem Weg, die Himmelspforte aufzuschlie\u00dfen. Dar\u00fcber eine Reihe von Heiligen, die die Seelen der Verstorbenen auf dem Scho\u00df haben.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber, schon an die Westwand anschlie\u00dfend, ganz ungew\u00f6hnlich, die Darstellung des Stifterehepaars, mit Z\u00f6gling in der Mitte, die einzigen wirklichen weltlichen Figuren in der Kirche. Sie sind nach der Mode der Zeit gekleidet.<\/p>\n<p>Das s\u00fcdliche Seitenschiff ist Anna geweiht. Hier gibt es eine sch\u00f6ne Verk\u00fcndigungsszene. Maria ist in sich zusammengesackt, sie wei\u00df, dass sie schwanger ist, aber nicht, wie sie es Josef beibringen soll. Der sitzt abseits und hat ihr den R\u00fccken zugewandt. Gr\u00fcblerisch. Er sieht noch nicht, dass von hinten der Engel auf ihn zukommt und ihm die Nachricht bringen wird: Alles in Ordnung. Ist nur der Heilige Geist gewesen.<\/p>\n<p>Als ich wieder aus der Kirche hinausgehe, ist immer noch kein Mensch zu sehen. Der Aufseher liest ein Buch. Hier kommen im Sommer Busladungen voll Touristen her.<\/p>\n<p>Ich fahre nach Kritsa, nur einen Kilometer weiter, ein Dorf, das zu den sch\u00f6nsten in Kreta z\u00e4hlen soll. Eine ziemliche Entt\u00e4uschung. Eine sich langsam hochschl\u00e4ngelnde Stra\u00dfe mit lauter Souvenirgesch\u00e4ften (ohne Kunden), in denen es vor allem gestickte Decken gibt. Ein paar Gassen, die von dieser Stra\u00dfe abgehen, das ist alles. Ich sehe keine besonders sch\u00f6nen H\u00e4user und empfinde keine besonders sch\u00f6ne Atmosph\u00e4re. Die Lage des Ortes an dem Berghang ist noch das Beste.<\/p>\n<p>Auch hier, wie in Vianos, eine alte Platane im Zentrum des Dorfes. Die hier hat sogar ein Schild, das besagt, dass sie 1880 von dem Schuster des Ortes gepflanzt wurde.<\/p>\n<p>Ein kleiner Platz nahe dem Ortseingang ist nach Melina Mercouri benannt. Sie spielte die Hauptrolle in einem Film, der hier, in Kritsa gedreht wurde. Der Schauplatz des Films war Kleinasien, aber Kritsa war mit seinen alten H\u00e4usern und kleinen Gassen ein sehr geeigneter Drehort. Fast alle Bewohner des Ortes spielten in dem Film mit. Melina Mercouri war der einzige Star unter ihnen. In dem Film geht es um die \u201eKleinasiatische Trag\u00f6die\u201c, eine schmerzhafte Erinnerung im kollektiven Ged\u00e4chtnis der Griechen.<\/p>\n<p>Ich fahre weiter nach Lato, den Ruinen einer antiken Stadt, ganz oben auf dem Berg gelegen. Hier oben weht ein frischer Wind. Es f\u00fchlt sich herbstlich an.<\/p>\n<p>Hier ist viel mehr erhalten als in den arch\u00e4ologischen St\u00e4dten rund um Myrtos, aber das ist auch keine \u00dcberraschung. Es ist viel j\u00fcnger. Auch hier hat man zwar Keramik aus der Zeit der Minoer gefunden, aber die Stadt ist j\u00fcnger, aus dem 4. Jahrhundert vor Christus.<\/p>\n<p>Selbst mit dem Auto ist es m\u00fchsam, hier hochzukommen, und man fragt sich, warum man hier, so weit weg vom Meer und so hoch oben eine Stadt errichtet hat. Wegen der sch\u00f6nen Aussicht? Nein, es gibt wirklich eine Erkl\u00e4rung: Verteidigung! Die nat\u00fcrliche Schutzfunktion wurde durch Verteidigungsanlagen noch verst\u00e4rkt. Hier oben war man sicher, und von hier oben konnte man die Passage von Zentralkreta nach Ostkreta kontrollieren.<\/p>\n<p>Es sind zum Teil mannshohe Mauern erhalten, aus unbearbeiteten, teils riesigen Steinbl\u00f6cken, die so miteinander verbunden wurden, dass sie eine gerade Fl\u00e4che ergaben.<\/p>\n<p>Bei dem Aufstieg zur Agora kommt man an ehemaligen Werkst\u00e4tten vorbei. Bei den Ausgrabungen hat man die genau identifizieren k\u00f6nnen: B\u00e4ckereien, T\u00f6pfereien usw.<\/p>\n<p>Die Agora, der zentrale Platz, liegt zwischen zwei Bergr\u00fccken. Auf der Agora befanden sich zentrale Einrichtungen, darunter eine tiefe Zisterne, die man noch gut sehen kann. Zur Agora geh\u00f6rte auch eine Treppe. Die diente nicht nur als Zugang zu den Wohnvierteln auf dem einen Bergr\u00fccken, sondern auch als Versammlungsort. Auch von der Treppe ist noch einiges \u00fcbriggeblieben.<\/p>\n<p>Bei den H\u00e4usern gab es noch eine besondere Form des Zugangs. Wegen des steil ansteigenden Gel\u00e4ndes konnte man die h\u00f6her gelegenen H\u00e4user nur \u00fcber das Dach der darunter gelegenen erreichen!<\/p>\n<p>Auf dem anderen Bergr\u00fccken sieht man die Reste eines quadratischen Tempels mit einer rechteckigen Vorhalle und verschiedene andere Strukturen, die ich nicht identifizieren kann. Es gab auch ein Theater, aber das kann ich nicht lokalisieren. Leider. Es gibt eine Plattform, direkt am Abgrund, mit grandioser Aussicht, aber hier passten keine 350 Zuschauer hin. Vielleicht war das die Spielst\u00e4tte selbst. Gef\u00e4hrlicher Arbeitsplatz f\u00fcr die Schauspieler!<\/p>\n<p>Es sieht so aus, als w\u00e4re Lato nicht zerst\u00f6rt, sondern aufgegeben worden. Man wei\u00df aber nicht warum. Vielleicht wurde ihnen das st\u00e4ndige Raufkraxeln dann doch zu dumm. Sie siedelten sich dann dort an, wo urspr\u00fcnglich Latos Hafen lag: im heutigen Agios Nikolaos.<\/p>\n<p>Die Dorer, die hier in Lato ihre Stadt errichteten, waren von einem anderen Schlag als die Minoer \u2013 oder die Gegebenheiten waren einfach anders. Jedenfalls ist es bis heute noch nicht gekl\u00e4rt, warum man bei den Minoern keine Verteidigungsanlagen gefunden hat. Und warum sie ihre St\u00e4dte, jedenfalls die bedeutenden, einfach in die Ebene gebaut haben, wo sie schutzlos waren.<\/p>\n<p>Hab ich was zum Nachdenken f\u00fcr den R\u00fcckweg. Der f\u00fchrt an Lidl vorbei. Auch Agios Nikolaos hat einen Lidl. Der Parkplatz vor dem Gesch\u00e4ft ist voll besetzt. Auch sonntags ist ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Wenn man sich dem Meer n\u00e4hert, wird es immer w\u00e4rmer, und als es auf Myrtos zugeht, ist es fast wieder sommerlich warm.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">4. November (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Immer wieder verbl\u00fcffend: die Regelm\u00e4\u00dfigkeit, mit der das Wetter im Laufe des Tages schlechter wird. Morgens ist es sonnenklar, mittags bew\u00f6lkt, abends tr\u00fcb, und wenn es dunkel ist, regnet es dann meistens. Wenn man morgens wie W\u00e4sche aufh\u00e4ngt, ist sie mittags trocken.<\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Vormittag fahre ich nach Ierapetra, f\u00fcr ein paar Besorgungen. Dort sehe ich in der Einkaufsstra\u00dfe eine Skulptur, die mir bisher noch nicht aufgefallen ist, eine Lesende darstellend, so wie die in F\u00fcssen, aber nicht ganz so nixenhaft. Sie ist ganz d\u00fcnn, hat das dichte Haar streng zu einem Zopf zusammengebunden und ist tief in das Buch versenkt, das sie auf dem Scho\u00df h\u00e4lt. Ihre Kniekehlen sind wie angeschwollen. Wenn ich das Schild richtig verstehe, stellt sie die Tochter des Bildhauers dar.<\/p>\n<p>Auf der Suche nach einem Internetcaf\u00e9 komme ich am Hafen vorbei und am Kastell. Auf der einer Internetseite, die von einem schon lange hier lebenden deutschen Ehepaar betriebenen wird, habe ich gelesen, dass Ierapetra nach dem Abzug der Venezianer strategisch an Bedeutung verlor. Die Osmanen hatten andere Schwerpunkte. Im Laufe der Zeit verlandete dann der Hafen. Das erkl\u00e4rt wohl auch, dass von dem Kastell nur noch der Rohbau erhalten ist.<\/p>\n<p>Gleich an der Strandpromenade gibt es Internetcaf\u00e9. Es ist duster und menschenleer. Ich versuche, zwei Briefe auszudrucken, aber es kommen immer unterschiedliche Befehle aus dem PC. Schlie\u00dflich frage ich eine junge Frau, was das los ist. Nein, Drucker haben wir nicht, sagt sie mir. Der Mann, der mich erst bedient hat, hat ja gesagt.<\/p>\n<p>In einem zweiten Internetcaf\u00e9 geht es auch nicht, aber die verweisen mich wenigstens an den Buchladen nebenan. Das ist der Buchladen, in dem mich dieser Tage eine \u00e4ltere Frau so freundlich bedient hat. Sie ist jetzt wieder da, bittet mich, zu warten, kommt nach zwei Minuten zur\u00fcck und f\u00fchrt mich zu einem Grafikb\u00fcro in der N\u00e4he. Dort lassen sie mich die drei Seiten drucken.<\/p>\n<p>Ich gehe dann wieder in den Buchladen und kaufe eine Gl\u00fcckwunschkarte. Gestern habe ich zuf\u00e4llig mitbekommen, dass Despina, die Betreiberin der Kiosk in Myrtos, die \u00e4ltere Schwester von Zoe, heute heiratet, standesamtlich.<\/p>\n<p>Ich mache mich dann auf den Weg zur Post. Die ist au\u00dfen gro\u00df und modern, drinnen klein und eher sch\u00e4big, eine merkw\u00fcrdige Mischung aus neu und alt. Moderne Schalter und Schilder, aber alte Aktenschr\u00e4nke und Ordner, Stapel von Kartons und kleine Postf\u00e4cher aus Eisen, die wie aus der Nachkriegszeit aussehen.<\/p>\n<p>Es sind genauso viele Angestellte wie Kunden da, aber es geht langsam vorw\u00e4rts. Eine Angestellte sitzt tief versunken an ihrem Arbeitsplatz und vermeidet, hochzusehen, eine geht hin und her und verschwindet immer wieder in einem Kab\u00fcffchen, eine packt ger\u00e4uschvoll und umst\u00e4ndlich ein Paket f\u00fcr eine Kundin, und nur die letzte k\u00fcmmert sich um die Kunden. Das Warten lohnt sich aber. Ich habe die Briefe falsch frankiert. In einem Kiosk in Myrtos, wo ich die Briefmarken gekauft habe, hat man mir gesagt, Briefe und Karten kosteten dasselbe. Stimmt nicht.<\/p>\n<p>Als ich dann nach einigem Suchen endlich die im Reisef\u00fchrer genannte Konditorei finde und reingehe, um etwas Geb\u00e4ck f\u00fcr Despina zu kaufen, treffe ich auf \u2013 Despina. Zusammen mit Zoe und Charalampos. Ich wei\u00df nicht so recht, was ich sagen und wie ich mich verhalten soll und wei\u00df nicht, ob der frischgebackene Ehemann auch dabei ist, also verdr\u00fccke ich mich bald wieder und suche eine andere Konditorei. Die finde ich auch. Auch die ist sehr gut ausgestattet, nur nicht so zentral gelegen. Erst bin ich \u00fcber die Preise etwas irritiert, aber dann stellt sich heraus, dass es immer Kilo-Preise sind. Ich bekomme ein kleines Geschenk und frage dann, umst\u00e4ndlich nach meinen Notizen kramend, nach drei Spezialit\u00e4ten, von denen ich auf der Internetseite des deutschen Ehepaars gelesen habe. Er hat alle drei. Ich frage, ob ich jeweils nur eins bekommen k\u00f6nnte. Ja, kein Problem.<\/p>\n<p>Zuhause verputze ich dann eins nach dem anderen. Als erstes ein St\u00fcck Kalitsounia [\u03ba\u03b1\u03bb\u03b9\u03c4\u03c3\u03bf\u03cd\u03bd\u03b9\u03b1], runde, mit Mizithra, kretischem K\u00e4se gef\u00fcllte, s\u00fc\u00dfe T\u00f6rtchen, die im Backofen zubereitet werden. Der K\u00e4se schmeckt nach Quark. Die Kalitsounia habe ich schon oft gesehen, auch in der B\u00e4ckerei in Myrtos, hatte aber keine Ahnung, was das ist. Sie hie\u00dfen auch Lychnaraki [\u03bb\u03c5\u03c7\u03bd\u03b1\u03c1\u03ac\u03ba\u03b9], \u201aL\u00e4mpchen\u2018, und sie sehen tats\u00e4chlich wie die \u00d6ll\u00e4mpchen aus dem Arch\u00e4ologischen Museum aus. Dann gibt es Xerotigana [\u03be\u03b5\u03c1\u03bf\u03c4\u03ae\u03b3\u03b1\u03bd\u03b1], in \u00d6l gebackene, ganz lockere Kringel mit Honig und Zimt. Und zum Schluss Stafithota, ein hartes Geb\u00e4ck mit einer F\u00fcllung. Alle schmecken gut, ich habe keinen Favoriten, aber es war keine gute Idee, alle drei hintereinander zu essen.<\/p>\n<p>Gestern hat mir Charalampos eine kleine Unterweisung in das Handy gegeben, mit dem zweiten Chip. Alles stellte sich als sehr kompliziert heraus, man muss erst festlegen, f\u00fcr was man das Guthaben verwenden will, und als es ans Internet geht, ist nicht mehr genug da und ich muss erst mal aufladen. Als wir dann am Ende der Erkl\u00e4rungen sind, habe ich noch nicht einmal meine erste Frage gestellt. Schei\u00df Technik.<\/p>\n<p>Ich frage nach der genauen Bedeutung eines Ausdrucks, der aus drei W\u00f6rtern besteht, vertue mich aber mit einem Vokal in einem der W\u00f6rter. Er kann das Wort beim besten Willen nicht verstehen. Wie kann das sein? Frustrierende Lernerfahrung, eine von vielen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">5. November (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Das Leben in Griechenland ist nicht unbedingt billig. Produkte aus dem Land, vor allem Obst und Gem\u00fcse, sind sehr g\u00fcnstig, aber alles, was eingef\u00fchrt werden muss, ist eher teuer. Vor allem K\u00e4se aus anderen L\u00e4ndern ist teuer.<\/p>\n<p>Was man hier \u00fcberhaupt nicht findet, sind Drogerien. Man kauft die Artikel, die wir in Drogerien kaufen, vermutlich in der Apotheke oder im Supermarkt. Vermutlich geh\u00f6ren viele Artikel, die wir in der Drogerie kaufen, eher zur Kategorie \u201eLuxus\u201c. Die Regale im Supermarkt sind wirklich ganz gut best\u00fcckt, aber so etwas wie Salbe f\u00fcr Verletzungen oder Absch\u00fcrfungen ist da nicht zu finden.<\/p>\n<p>Ein sch\u00f6nes Wort ist \u03b3\u03c5\u03bc\u03bd\u03cc\u03c2 [jimnos]. Es hei\u00dft \u201anackt\u2018. Wenn man in der Antike Gymnastik trieb (und damit war Sport ganz allgemein gemeint), dann war man nackt. Das war, der Legende zufolge, nicht immer so. Eines Tages hatte sich eine Frau als Mann verkleidet und Zugang zu den Spielen verschafft \u2013 als Kampfrichterin. Frauen war die Teilnahme nicht erlaubt. Als die Sache aufflog, beschloss man, dass k\u00fcnftig alle, Sportler wie Kampfrichter, nackt antreten sollten. W\u00e4re kurios, sich das heute vorzustellen, z.B. bei einem Fu\u00dfballspiel: 22 Spieler, ein Dutzend Ersatzspieler, Trainer und Betreuer, Zuschauer, das Polizeimusikcorps, der Oberb\u00fcrgermeister und der Sparkassenvorsitzende auf der Ehrentrib\u00fcne \u2013 alle nackt!<\/p>\n<p>Das alte und das neue Griechenland in einem: Die alte Frau sitzt immer noch auf dem einsamen Stuhl vor ihrem Haus. Aber sie telefoniert, mit dem Handy nat\u00fcrlich!<\/p>\n<p>Am Abend im Mirtos ist im Salat eine Pflanze, die ich noch nie gesehen habe, sieht er wie ein Kraut aus. Sie hei\u00dft \u03b3\u03bb\u03b9\u03c3\u03c4\u03c1\u03af\u03b4\u03b1 [glistrida], lasse ich mir sagen, auf Deutsch <em>Portulak<\/em>, was mir genauso wenig sagt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">6. November (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Paulus empfiehlt Timotheus, da der oft Magenschmerzen hat, er solle nicht nur Wasser, sondern hin und wieder auch Wein trinken! Guter Tipp.<\/p>\n<p>Ein tr\u00fcber Tag, und zwar von Beginn an. Die Wolken sind allerdings wei\u00df, und am Mittag kommt wenigstens die eine oder andere L\u00fccke in das Wolkenfeld.<\/p>\n<p>Am Abend sehe ich mir noch mal das Video mit der Zubereitung der Spanakotiropita an. Ich verstehe immer noch herzlich wenig, aber doch jedes Mal ein ganz klein bisschen mehr. M\u00fchsam. Ganz am Ende kommt eine kurze Passage, wo ich gar nichts verstehe, kein einziges Wort. Das liegt nicht an den W\u00f6rtern, daran, dass ich die W\u00f6rter nicht kenne. Das ist das kleinere Problem. Wenn ich den Text gedruckt s\u00e4he, w\u00fcrde ich das meiste verstehen. Ich kann einfach kein einziges Wort identifizieren, eine ununterbrochene Folge von Lauten st\u00fcrzt auf mich ein. Dabei ist eigentlich klar, was der Inhalt ist \u2013 grob gesprochen. Man sieht die fertige, aber noch nicht gebackene Spanakotiropita, und der n\u00e4chsten Sequenz sieht man sie, nachdem sie aus dem Ofen herausgeholt worden ist. Es handelt sich also vermutlich um die Instruktionen, bei welchen Temperaturen man die Spanakotiropita wie lange im Ofen backen muss. Ich spiele die Passage immer wieder. Als erstes begreife ich, dass das erste Wort ein Verb sein muss, das erkennt man an der Endung: 1. Person Plural. Das Verb kenne ich wirklich nicht, aber die Frau spricht so deutlich, dass ich es identifizieren und nachschlagen kann: \u03c8\u03ae\u03bd\u03c9 [psino]. Das hei\u00dft \u201abraten\u2018, \u201agrillen\u2018, \u201akochen\u2018. Dann konzentriere ich mich auf die Zeit. Ich verstehe \u03ce\u03c1\u03b1 [ora], \u201aStunde\u2018. Dann, beim nochmaligen H\u00f6ren, f\u00e4llt der Groschen: eine bis anderthalb Stunden. Die ungenaue Angabe macht das Verstehen schwer, und auch meine falsche Vorstellung: Ich habe nicht gedacht, dass es so\u00a0 lange dauert. Dann verstehe ich \u03c6\u03bf\u03cd\u03c1\u03bd\u03bf\u03c2, \u201aOfen\u2018, und merke, das davor ein Adjektiv steht. Ich kenne es zwar nicht, aber es muss \u201avorgew\u00e4rmt\u2018 hei\u00dfen. Dann kommt noch ein Zusatz, den ich nicht verstehe, irgendwas mit \u201avon oben\u2018. Und bis zum Schluss verstehe ich die Temperatur nicht. Was nach <em>hundert<\/em> kommt, bleibt ein R\u00e4tsel. Dann sehe ich auf der Website nach: 180-200\u00b0. Noch mal h\u00f6ren. Immer noch schwer zu verstehen. Obwohl ich wei\u00df, was gesagt wird!<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">7. November (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Vor dem Unterrichtsbeginn wird in der Schule unter der Villa Mare gebetet. Das Gebet kommt hier oben nur als ein amorphes Gemurmel an. Ich kann kein Wort verstehen, keine Silbe. Und trotzdem wei\u00df man, was es ist: das <em>Vaterunser<\/em>. Es ist vermutlich der Rhythmus, der in allen Sprachen irgendwie gleich ist.<\/p>\n<p>Mitten auf der Stra\u00dfe von Myrtos nach Tertsa liegt ein Stein, ein Felsbrocken. Das nennt man wohl Steinschlag. Das kann man nur von Gl\u00fcck sagen, dass man im entscheidenden Moment nicht gerade an der Stelle war. Schutzengel. Als ich zur\u00fcck komme, ist der Stein weg. Das besorgen hier die Menschen selbst. Alle Achtung.<\/p>\n<p>War mir bisher noch nicht aufgefallen. Auf dem ganzen Weg ganz leise, aber an einer Stelle, wo die Felsen dicht an der Stra\u00dfe hoch aufragen, wird das Rauschen der Wellen als Echo zur\u00fcckgeschlagen. Es h\u00f6rt sich so an, als wenn das Meer an der andere Seite w\u00e4re, hinter den Felsen!<\/p>\n<p>Immer noch ist der eine oder andere Tourist zu sehen, aber jetzt hat auch das Lokal am Ende der Strandpromenade seine St\u00fchle und Tische reingeholt. Nebenan stehen sie noch, aber da ist kein einziger Gast. Auch die Liegest\u00fchle sind hereingeholt. Am Strand liegt noch ein Einziger.<\/p>\n<p>Nachdem das Akti zum wiederholten Mal zu ist, gehe ich ins Mirtos auf einen Kaffee. Als ich bezahlen will, wird das abgeschlagen: auf Kosten des Hauses. So ein guter Kunde bin ich gar nicht.<\/p>\n<p>Der Kiosk ist wieder zu. Dieser Tage war er schon tags\u00fcber zu, aber dann am Abend ge\u00f6ffnet, aber mit dem Schild \u0395\u03bd\u03bf\u03b9\u03ba\u03b9\u03ac\u03b6\u03b5\u03c4\u03b1\u03b9 \u2013 Zu Vermieten. Man hat niemanden mehr, der auf den Kiosk aufpasst. Die Familie ist zu sehr in anderen Dingen eingespannt.<\/p>\n<p>Als ich einen Pflaumenkern vom Balkon aus mit Schwung wegwerfen will, prallt er gegen den Eisenpfahl der Markise und f\u00e4llt wieder auf den Balkon zur\u00fcck. Ich versuche es ein zweites Mal, diesmal in eine andere Richtung. Der Pflaumenkern schl\u00e4gt mit Wucht gegen einen Gegenstand: mein Auto.<\/p>\n<p>Unten in der Villa Mare, wo vorher eine Italienerin wohnte, die wohl hier in Myrtos lebt \u2013 vielleicht nur saisonbedingt \u2013 und in einer Pizzeria arbeitet, wohnt jetzt ein Grieche, offensichtlich ein Tourist. Er ist au\u00dfer mir jetzt der einzige in dem ganzen Haus. Ich habe mich mal oben auf der Terrasse und in der Gemeinschaftsk\u00fcche umgeschaut, aber auch da ist alles zusammenger\u00e4umt.<\/p>\n<p>Bei der Durchsicht der Photos der letzten Tage bleibe ich bei einem aus Kritsa h\u00e4ngen. Ein unscheinbares Motiv, ein eher zuf\u00e4llig gemachtes Photos. Und ausgerechnet das ist das allerbeste. Es ist einfach ein Fenster mit zugeklappten Blendl\u00e4den, mattgr\u00fcn. Das ist alles. An der Wand um das Fenster herum Risse, abgebl\u00e4tterter Putz und einige notd\u00fcrftige mit grauem Spachtel ausgebesserte Stellen. Sieht aus wie ein Gem\u00e4lde. Die Farbe scheint mit groben Pinselstrichen aufgetragen, fast impressionistisch, und die Blendl\u00e4den und die rostigen Haken scheinen aus der Oberfl\u00e4che hervorzutreten.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">8. November (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Das Ausgrabungsfeld von Gournia kann man von der Stra\u00dfe aus sehen, sehr gut sogar, denn aus irgendwelchen Gr\u00fcnden haben die Minoer entschieden, ihre Stadt auf den Hang eines H\u00fcgels zu legen. Obwohl l\u00e4ngst nicht die ganze Stadt ausgegraben worden ist, hei\u00dft es, es gebe keinen besseren Ort, um sich ein Bild von einer minoischen Stadt zu machen. Da ist was dran. Die Mauern sind zwar meist nur kniehoch und bestenfalls mal schulterhoch erhalten, aber man kann durch die \u201eStra\u00dfen\u201c von Gournia gehen und sich ein Bild von der Lage, der Gr\u00f6\u00dfe und der Aufteilung der Stadt machen. Hier hei\u00dft \u201eStra\u00dfe\u201c aber nicht mehr als eine Passage zwischen zwei Mauern, auf der gerade mal zwei Menschen nebeneinander passen.<\/p>\n<p>Alles ist sehr irgendwie rechtwinklig angelegt, die H\u00e4user genauso wie die Stra\u00dfen. Die H\u00e4user sind winzig klein, aber es gibt unendlich viele davon. Hier sollen eintausend Menschen gelebt haben, eine ganze Menge.<\/p>\n<p>Die Beschriftungen sind sehr gut und man erf\u00e4hrt, was in den H\u00e4usern gefunden worden ist. Vor Ort ist allerdings nichts. Alles in Museen verschwunden. In einem Haus wurden Werkzeuge gefunden \u2013 S\u00e4ge, Axt, Mei\u00dfel, Waage, Schwert \u2013 sowie ein steinerner Schmelzofen, was zu der Annahme f\u00fchrt, dass hier Bronze hergestellt wurde.<\/p>\n<p>In einem Haus wurde eine Weinpresse gefunden, mit Platz f\u00fcr ein Gef\u00e4\u00df darunter, das die Fl\u00fcssigkeit der aus dem Ausguss der Presse kommenden Fl\u00fcssigkeit der zerdr\u00fcckten Trauben auffing, ein 3500 Jahre alter Vorl\u00e4ufer einer Weinpresse, wie sie bis vor kurzem noch in den kretischen D\u00f6rfern benutzt wurden.<\/p>\n<p>In einem Haus mit einer Bank am hinteren Ende des Raums hat man drei Statuetten von G\u00f6ttinnen gefunden, mit Schlangen und V\u00f6geln als Beiwerk, mit erhobenen Armen, wie um die Gl\u00e4ubigen zu segnen. Es soll sich um einen Fruchtbarkeitsritus gehandelt haben. Im Boden unter der Bank gab es eine Vertiefung, in der die Opfergaben dargebracht \u2013 vermutlich verbrannt \u2013 wurden.<\/p>\n<p>Irgendwo steht mitten auf der Stra\u00dfe aufrecht ein fest verankerter Stein, senkrecht. Auch das war ein sakraler Stein, wie man aus der Position und aus vergleichbaren Steinen in anderen minoischen St\u00e4dten wei\u00df.<\/p>\n<p>Oben ist der H\u00fcgel ganz flach, und hier befand sich der Palast. Der Begriff \u201ePalast\u201c ist in der ganzen minoischen Zivilisation problematisch. Tats\u00e4chlich wei\u00df man nicht, welchen Zweck diese Bauten hatten, f\u00fcr die sich der Begriff \u201ePalast\u201c eingeb\u00fcrgert hat. Die Vorstellung vom Palast kommt von Evans, dem britischen Arch\u00e4ologen, der Knossos ausgegraben hat. Er nahm einfach an, dass das, was er das gefunden hatte, der Palast des K\u00f6nigs Minos war. Seitdem nennt man den zentralen \u00f6ffentlichen Bau der minoischen St\u00e4dte <em>Palast<\/em>.<\/p>\n<p>Der Palast hier war doppelst\u00f6ckig, wie \u00fcbrigens alle H\u00e4user, und hatte unten Lagerr\u00e4ume und Bader\u00e4ume und oben Werkst\u00e4tten, Archive und Wohnr\u00e4ume. Schon das h\u00f6rt sich nicht sehr nach Palast an.<\/p>\n<p>Was hier gefunden wurde, kann auf sakrale Zwecke hindeuten, ist aber eher ein Mischmasch: Gef\u00e4\u00dfe f\u00fcr Waschungen, eingravierte Siegel, eine bronzene Doppelaxt \u2013 eins <em>der<\/em> Symbole der minoischen Kultur &#8211; \u00a0und steinerne Stierh\u00f6rner, auch ein Motiv, dem man immer wieder begegnet.<\/p>\n<p>Der Name Gournia ist abgeleitet von den Wasserbassins, die man hier \u00fcberall gefunden hat zum Sammeln von Regenwasser. Der eigentliche Name der Stadt ist unbekannt.<\/p>\n<p>Auch, wenn hier von Fundst\u00fccken noch nichts zu sehen ist und man es aufgrund der Ruinen kaum annehmen w\u00fcrde, hier bin ich zum ersten Mal mitten in der minoischen Hochkultur. Die Stadt wurde 1600-1500 gebaut und geh\u00f6rt damit zu der Glanzzeit der minoischen Kultur, der Sp\u00e4ten Palastzeit. Die Fr\u00fche Palastzeit endete mit einer Katastrophe, vermutlich einem Erdbeben, um 1700. Danach wurden alle Pal\u00e4ste wieder aufgebaut, pr\u00e4chtiger als zuvor.<\/p>\n<p>Und auch diese Zeit ging mit einer Katastrophe zu Ende, um 1450. Dabei wurde auch Gournia zerst\u00f6rt. Aber was f\u00fchrte zu dieser Katastrophe? Fr\u00fcher hatte man meist den Vulkanausbruch von Santorini als Ursache vermutet. Er muss wirklich von unvorstellbaren Ausma\u00dfen gewesen sein, einer der st\u00e4rksten, von denen man Kenntnis hat. Santorini liegt einhundert Kilometer von Kreta entfernt. Diese Erkl\u00e4rung ist aber umstritten. Auch hier k\u00f6nnte ein Erdbeben der Grund gewesen sein, oder ein durch ein Erdbeben ausgel\u00f6stes Feuer.<\/p>\n<p>Aber hier kommt auch noch ein ganz anderer Faktor ins Spiel: die Mykener. Ich komme selbst bei der Lekt\u00fcre immer durcheinander, aber das liegt wohl daran, dass so viel ungekl\u00e4rt ist. Jedenfalls sind die Mykener die ersten Ausl\u00e4nder, die in Kreta eine Rolle spielten (vorausgesetzt, die Minoer waren Einheimische). Die Mykener kamen vom griechischen Festland und eroberten Kreta und \u00fcbernahmen die Macht. Und zerst\u00f6rten die minoischen St\u00e4dte. So jedenfalls die traditionelle Annahme. Aber vielleicht war es gar keine gewaltsame Eroberung, sondern eher eine massive Einwanderung und eine Vermischung mit der einheimischen Bev\u00f6lkerung. Vielleicht waren die Mykener die Katastrophe von 1450, vielleicht waren sie aber schon da und selbst Opfer der Katastrophe.<\/p>\n<p>Als ich noch einmal eine kleine Runde \u00fcber den H\u00fcgel mache, fallen mir die Pflanzen auf, die sich hier auf dem trockenen, sandigen Boden ihre karge Existenz verdienen: Kakteen, Olivenb\u00e4ume, Dorngeb\u00fcsch und winzig kleine violette Blumen, die es an verschiedenen Stellen zu Hunderten gibt.<\/p>\n<p>Die ganze Zeit bin ich alleine in dem Ausgrabungsfeld gewesen, aber als ich wieder zum Ausgang zur\u00fcckgehe, h\u00f6re ich Stimmen. H\u00f6rt sich Spanisch an. Als ich n\u00e4her komme, bin ich sicher, dass es Spanisch ist, aber erst als ich an zwei von ihnen vorbeikomme, verstehe ich das erste Wort, gleich ein ordentlicher Kraftausdruck, von denen, die sich ganz negativ anh\u00f6ren, aber ganz positiv gemeint sein k\u00f6nnen, wie hier. Und wovon sprechen sie? Von den Minoern? Von den Ausgrabungen? Von der Endlichkeit alles Irdischen? Vom Essen!<\/p>\n<p>Ich fahre nach Agios Nikolaos weiter, um dort ins Arch\u00e4ologische Museum zu gehen. Aber es ist geschlossen. Einfach so, ohne weitere Begr\u00fcndung: Heute geschlossen. Na ja, l\u00e4uft nicht weg, und jetzt wei\u00df ich wenigstens, wo es ist. War gar nicht so einfach zu finden. Keine Beschilderung, und die Touristeninformation ist auch geschlossen.<\/p>\n<p>Es ist wirklich eher Museumswetter, auch wenn es, der Anzeige am Stadteingang zufolge, 22\u00b0 warm ist. F\u00fchlt sich k\u00e4lter an. Und nicht einmal die Touristen tragen kurz\u00e4rmlige Hemden. Feiglinge. Ich bin der einzige.<\/p>\n<p>Die Stadt macht einen ganz anderen Eindruck als vor zwei Wochen bei der Fahrt nach Spinalonga. Tr\u00fcber Himmel, kaum jemand unterwegs, viele Gesch\u00e4fte geschlossen, einige Souvenirgesch\u00e4fte ge\u00f6ffnet mit gelangweilten Verk\u00e4ufern davor, die selbst nicht mehr glauben, noch was verkaufen zu k\u00f6nnen, riesige Stra\u00dfencaf\u00e9s mit Plastik\u00fcberdachung, in denen sich drei, vier Griechen verlieren.<\/p>\n<p>Aber wieder fallen mir die vielen russischen Schilder auf, die jetzt gar keinen Adressaten mehr haben. Exkursionen, Souvenirs, Essen, Reisef\u00fchrer: alles wird auf Russisch angeboten. Manchmal muss man zweimal hinsehen, ob es Griechisch oder Russisch ist. Die Alphabete sind sich doch ziemlich \u00e4hnlich, vor allem, wenn Gro\u00dfbuchstaben verwendet werden oder fremde Namen wiedergegeben werden.<\/p>\n<p>In der Fu\u00dfg\u00e4ngerstra\u00dfe, mit Sicht auf den See, steht die Statue eines Roussos Koundouros \u2013 tolle Kombination von Vokalen. Die Statue zeigt einen modernen, schlanken, vergeistigten Mann in merkw\u00fcrdig weiten Kleidern und klobigen Schuhen. Ich habe den Namen noch nie geh\u00f6rt, aber das Internet wei\u00df Bescheid: Er ist ein kretischer Filmregisseur, der erste in Griechenland, der sich ganz auf Dokumentarfilme konzentrierte. Einige der Filme, zum Beispiel einer, der zeigt, wie Menschen \u00fcber gluthei\u00dfe Asche gehen, kommen ohne Schauspieler aus. Roussos war ausgebildeter Arzt, gab aber den Beruf f\u00fcr das Filmemachen auf. Als die Junta an die Macht kam, ging er ins Ausland, aber nicht dahin, wo die meisten seiner Kollegen hingingen, sondern nach Kamerun! Er half dort bei dem Aufbau einer Medienlandschaft.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg verpasse ich die Gelegenheit, einen Pickup zu \u00fcberholen und habe ihn dann eine ganze Zeitlang vor mir. In regelm\u00e4\u00dfigen Intervallen spuckt er dicke, schwarze Abgaswolken aus dem Auspuff heraus. Das kommt bei uns so gut wie nicht mehr vor.<\/p>\n<p>Ich frage mich, wie ich vorher immer den Eingang zu der Schlucht \u00fcbersehen haben kann, den die Hamburger mir gezeigt haben. Gerade auf dem R\u00fcckweg ist er nicht zu \u00fcbersehen, man hat ihn minutenlang vor Augen. Die Schlucht hat den sonderbaren Namen Xa. Am Morgen habe ich versucht, ein Photo davon zu machen, aber der Eindruck schwindet doch m\u00e4chtig auf dem Photo. Es ist zu dunkel, zu tr\u00fcb.<\/p>\n<p>In Ierapetra mache ich dann aber doch noch ein gutes Photo: zwei Richtungshinweise, nur ein paar Schritte voneinander entfernt. Auf dem einen steht <em>Mirtos<\/em>, auf dem anderen <em>Myrtos<\/em>. Heute vor genau einem Monat bin ich auch hierhergefahren, zum ersten Mal.<\/p>\n<p>Das Meer ist heute ganz sch\u00f6n aufgew\u00fchlt. So habe ich es auf dem Weg Richtung Myrtos noch nicht gesehen. In der Nacht hat sich das schon mit einem manchmal etwas unheimlichen Rauschen angek\u00fcndigt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">9. November (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>9. November \u2013 immer ein besonderes Datum in Deutschland, politisch und privat. Hier nicht.<\/p>\n<p>Am Morgen habe ich die Gelegenheit, mit dem Mann zu sprechen, der unten eingezogen ist. Er sitzt vor seiner Wohnung und nimmt sein Fr\u00fchst\u00fcck ein \u2013 Kaffee und Zigarette. Er ist aus Saloniki und bleibt, wenn ich das richtig verstanden habe, den ganzen Winter hier. Ich dachte, er w\u00e4re Tourist. Ich habe gesehen, wie er morgens in sein knallgelbes Auto steigt, eine Karte rausholt und losf\u00e4hrt. Aber er ist wegen der Arbeit hier. Ich bin aber nicht sicher, was er macht. Irgendwas mit H\u00e4usern. Ob er Architekt ist? Oder Zimmermann? Dann denke ich mir, dass er vielleicht einfach technisch begabt ist und an seinem eigenen Ferienhaus hier arbeitet, aber ich glaube, er hat von H\u00e4usern gesprochen, nicht von Haus.<\/p>\n<p>Gestern im Supermarkt etwas f\u00fcr den Haushalt aufger\u00fcstet, Besteck und Geschirr , und dabei eine kleine kulturelle Erfahrung gemacht. Die Teller waren in einem Karton verpackt, ohne jede Aufschrift. Auf dem Preisschild stand, au\u00dfer dem Preis, nur die Zahl 7. Als ich den Karton auspacke, finde ich sechs kleine und einen gro\u00dfen Teller. Kurios. Man isst vermutlich eher von kleinen Tellern und benutzt den gro\u00dfen zum Auftragen von Speisen. Auch das mit der 7 ist wohl eine typisch griechische Einrichtung.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">10. November (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Erst dieser Tage, als ich durch die Gegend gefahren bin, ist mir aufgefallen, dass es hier keine Laubverf\u00e4rbung gibt, jedenfalls so gut wie keine. Es gibt so gut wie keine Laubb\u00e4ume. Man wei\u00df nicht, ob man das vermissen soll oder nicht.<\/p>\n<p>Die Fahrt zu dem Museum in Agios Nikolaos h\u00e4tte ich mir sparen k\u00f6nnen. In einem Internetforum gibt es schon ein paar \u00e4ltere Beitr\u00e4ge, die sich dar\u00fcber beschweren, dass man vor verschlossenen T\u00fcren stand, und auf einer guten Internetseite zu Kreta steht, das Museum sei vor\u00fcbergehend wegen Renovierung geschlossen. Das erkl\u00e4rt aber nicht, dass auf der Internetseite des Museums nichts steht und auch nichts an der Touristeninformation von Agios Nikolaos. Und noch weniger, dass auf dem Schild an dem Museum steht: <em>Closed today<\/em>. Wenn man am n\u00e4chsten Tag wiederkommt, stimmt es nat\u00fcrlich wieder \u2013 das ist die alte Kamelle mit Morgen Freibier \u2013 aber man\u00a0 f\u00fchlt sich doch auf den Arm genommen. Was den n\u00e4chsten Museumbesuch angeht, habe ich jetzt erst mal im Internet nachgesehen. Gott sei Dank \u2013 im Winter nur sonntags ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Ein Brite erw\u00e4hnt auf seiner Internetseite, ein Freund habe noch am 15. November in Myrtos im Meer gebadet, und auf der Internetseite des deutschen Ehepaars aus Ierapetra steht, das gehe noch bin Dezember. Heute, richtig sch\u00f6ner, sonniger, windstiller Sommertag, riskiere ich es auch noch mal. Inzwischen ist sogar die Umkleidekabine abgebaut. Wusste gar nicht, dass die mobil war. Schlechtes Omen? Au\u00dferdem: kein Mensch zu sehen. Ich versuche es trotzdem, heldenhaft. Erster Eindruck ziemlich \u00fcbel, aber dann geht es. Man muss sich nur mehr bewegen. Im Laufe der Zeit kommen dann noch drei weitere, die sich die Tapferkeitsmedaille verdienen. Lauter M\u00e4nner nat\u00fcrlich. Einer wird von seiner Frau gefilmt, als Beleg f\u00fcr die Heimat, ein anderer kommt von den Dauerurlaubern, die mit ihren Wohnwagen, insgesamt drei, oben \u00fcber dem Meer am Ortsausgang stehen.<\/p>\n<p>Als ich nachher am Museum vorbeikomme, steht die T\u00fcr offen, und ich gehe kurz rein, um John zu begr\u00fc\u00dfen und von meinen bisherigen Besichtigungen zu berichten. Er ist \u00fcberrascht, dass ich das Museum in Ierapetra gut fand. Ist aber lange nicht mehr drin gewesen. Dass die Mykener in Gournia waren, ist f\u00fcr ihn klar. Er sagt sogar erst, es w\u00e4re eine mykenische Gr\u00fcndung, macht dann aber, bei meinem langen Gesicht, einen halben R\u00fcckzieher. Er erw\u00e4hnt dann Knossos und wie wenig es ihm gef\u00e4llt mit seinen Besucherhorden \u2013 im Sommer \u2013 und den erh\u00f6hten Wegen, die man eingebaut hat und die die Sicht auf wichtige Dinge nehmen. Trotz aller Kritik verteidigt er Evans und seine Ausgrabungen. Es sei leicht, ihn zu kritisieren, aber man m\u00fcsse ihn von seiner Zeit her verstehen und seine Verdienste sehen. Volle Zustimmung.<\/p>\n<p>Zadie Smith, die sich in White Teeth \u00fcber Gegner und Bef\u00fcrworter eines wissenschaftlichen Zukunftsprogramms lustig macht \u2013 \u00fcber die Zeugen Jehovas, \u00fcber eine militante Tierschutzgruppe, \u00fcber eine fundamentalistische muslimische Aktionsgruppe, aber auch \u00fcber die Forscher und ihren fundamentalistischen Rationalismus \u2013 \u201everteidigt\u201c alle die in einem Interview. Sie empfinde keine Verachtung f\u00fcr sie. Sie sei eher von ihnen beeindruckt, davon, dass sie zwischen der Leere zur einen und der Leere zur anderen Seite etwas finden, das sinnstiftend ist. Sie seien von ihrer Sache \u00fcberzeugt. Wenn man das konsequent zu Ende d\u00e4chte, m\u00fcsse man allen unterstellen, dass sie sich selbst nicht f\u00fcr schlecht halten, auch Massenm\u00f6rder oder Kriegsverbrecher nicht. Es hilft nicht, sagt sie, von ihnen als b\u00f6se Menschen zu denken. Es gehe darum, zu verstehen, wie sie ihr\u00a0 Verhalten rationalisieren.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">11. November (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>In B\u00fcchern \u00fcber Kreta ist immer wieder von der Tamariske die Rede. Es gibt sie in so vielen Varianten, als Strauch aber auch als Baum, dass ich sie trotz der Photos im Internet, in der Natur nicht identifizieren kann, zumal sie jetzt nicht in Bl\u00fcte stehen. Ich habe erst die vereinzelt ganz allein auf der Bergkuppe stehenden B\u00e4ume in Verdacht, aber das sind wohl eher Akazien. Die Tamarisken finden sich eher in Meeresn\u00e4he. Sie k\u00f6nnen salzhaltigen Boden gut vertragen. Manchmal stehen sie auf einem H\u00fcgel, und zwar einem H\u00fcgel, den sie selbst geschaffen haben. Wenn sie ihre Bl\u00e4tter abwerfen \u2013 es sind Bl\u00e4tter, auch wenn es nicht danach aussieht \u2013 sammeln die Sand und Schmutz um sich und formen den H\u00fcgel. Die Tamariske muss dann tunlichst darauf achten, dass sie schneller w\u00e4chst als der H\u00fcgel.<\/p>\n<p>Unterwegs ein Photomotiv, aber keine Kamera: ein verdorrter Baum auf einer Wiese st\u00fctzt eine alte, rostige Antenne. Kurz darauf noch eins: Ein Baum beugt sich von einem Felsvorsprung ganz tief zum Wasser runter.<\/p>\n<p>In der griechischen Mythologie kommen die Olympier erst an die Macht, nachdem sie die Titanen, das \u00e4ltere G\u00f6ttergeschlecht entmachtet haben. Vielleicht verdichtet der Mythos hier die historische Wirklichkeit: die Macht\u00fcbernahme durch die Mykener um 1500 oder durch die Dorier um 1000. Schlie\u00dflich nahm die Geschichte der Olympischen G\u00f6tter in Kreta ihren Anfang.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">12. November (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Am Abend im Mirtos sitzt am Nebentisch ein Holl\u00e4nder, der schon seit zwanzig Jahren hier lebt und flie\u00dfend Griechisch spricht. Er ist sehr schlank, hat langes Haar und einen Bart und extrem starke Brillengl\u00e4ser. Man sieht ihn oft schon vormittags mit einer Flasche Bier im Ort. Jetzt hat er zwei Flaschen Bier auf dem Tisch stehen, unterschiedliche Marken, aus denen er abwechselnd trinkt, allerdings sehr bed\u00e4chtig. Er ist auch ein guter Kunde von Apostolos am Kiosk: Zigaretten. Er hat ein griechisches Pendant, auch b\u00e4rtig und langhaarig, mit dem er oft im Ort sitzt und der auch jetzt ihm gegen\u00fcber sitzt. Beide rauchen auch hier, im Restaurant, aber nicht viel, und es st\u00f6rt \u00fcberhaupt nicht. Die T\u00fcr steht auf, daf\u00fcr ist es noch warm genug, und der Rauch verzieht sich.<\/p>\n<p>Zum Nachtisch gibt ein Geb\u00e4ck, dessen Name ich nicht ganz mitbekomme, Kornos oder so. Selbstverst\u00e4ndlich selbst gemacht, nicht gekauft, dumme Frage. Es erinnert mich ein bisschen an den Hundekuchen aus Kindertagen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13. November (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Fieses Wetter, der bisher unsch\u00f6nste Tag in Myrtos. Am Morgen dunkle Wolken, die dann aber im Laufe des Vormittags aufhellen. Aber nur ab und zu einen Sonnenstrahl durchlassen. Trotzdem noch 20\u00b0 H\u00f6chsttemperatur.<\/p>\n<p>95% der Landmasse Kretas sind Gebirge! Und davon sind zwei Drittel mindestens 700 Meter. Die drei gr\u00f6\u00dften Gebirge sind die Lefka Ori, die \u201aWei\u00dfen Berge\u2018 im Westen, das Psiloritis-Gebirge im Zentrum (das fr\u00fcher Ida-Gebirge hie\u00df) und das Dikti-Gebirge im Osten. Alle haben Berge, die \u00fcber 2000 Meter hoch sind. Von uns aus liegen sie alle im Westen, und ich habe bisher nur bei der Fahrt Nach Ano Vianos durch das Dikti-Gebirge einen Vorgeschmack von ihnen bekommen.<\/p>\n<p>Kreta war fr\u00fche keine Insel. Es war mit dem Peloponnes und durch die Inseln am \u00e4u\u00dfersten s\u00fcdlichen Rand der \u00c4g\u00e4is wie Karpathos und Rhodos mit Kleinasien verbunden. Man kann den virtuellen Bogen noch heute auf der Landkarte gut nachvollziehen. Dann geschah ein weltbewegendes Ereignis: Das Mittelmeer kam. Und begrub alles unter sich, was nicht hoch genug war. Kreta war hoch genug.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">14. November (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Heute ist es wieder sch\u00f6ner. Am Vormittag setze ich mich eine Zeitlang auf eine Bank \u2013 die Bank \u2013 an der Uferpromenade. Wind, Sonne, Wellen, Weite \u2013 da kann man ganz drin versinken. F\u00fcr viele ist das Meer ja ein Sehnsuchtsort, vor allem f\u00fcr die, die weit weg davon leben. Die, die n\u00e4her dran sind, bewahren eher eine respektvolle Distanz. Auf mich wirkt die unendliche Weite auch immer etwas bedr\u00fcckend. Es erinnert mich an eine Passage aus dem <em>Oblomow<\/em>, in der der Erz\u00e4hler \u00fcber das Meer nachsinnt. \u201eEs macht den Menschen nur traurig; wenn man es anblickt, m\u00f6chte man weinen. Das Herz wird unruhig und zaghaft angesichts der un\u00fcbersehbaren Wasserfl\u00e4che; der durch die Einf\u00f6rmigkeit des endlosen Bildes erm\u00fcdete Blick findet keine Stelle, wo er ausruhen k\u00f6nnte. Das Brausen und das w\u00fctende Gebr\u00fcll der Wogen sind einem empfindsamen Ohre nicht angenehm: die Wogen wiederholen immer ihr vom Anfange der Welt sich gleichbleibendes Lied, das einen d\u00fcsteren, r\u00e4tselhaften Inhalt hat; und immer h\u00f6rt man in diesem Liede dasselbe St\u00f6hnen, dieselben Klagen, die wie die eines zur Qual verdammten Ungeheuers klingen, und durchdringende, unheilverk\u00fcndende Stimmen.\u201c<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">15. November (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Heute beim Laufen fr\u00fch am Morgen zum ersten Mal auf eine ganze Herde von Ziegen gesto\u00dfen. Sie wechseln im Laufe des Tages wohl den Standort. Ob sie morgens zum Trinken ans Wasser runter kommen? Hab aber noch keine am Ufer gesehen. Als ich auf sei zukommen, stieben sie auseinander und laufen in alle Richtungen davon. Wenn die w\u00fcssten! Wenn die w\u00fcssten, wie ich vor ihnen davonlaufen w\u00fcrde!<\/p>\n<p>In <em>What Is the What<\/em> konvertiert der Held, ein junger Sudanese, zum Christentum, vor allem unter Anleitung eines j\u00fcngeren Onkels. Der Vater ist gegen das Christentum, aus zwei Gr\u00fcnden: Erstens erlaubt es die Polygamie nicht und zweitens, und jetzt kommt es \u2013 hat es eine Schrift. Das ist ihm suspekt: \u201eGeh du nur zu Deiner Buchreligion, du wirst schon wieder Verstand annehmen und zur\u00fcckkommen.\u201c<\/p>\n<p>Zum ersten Mal an der K\u00e4setheke kretischen K\u00e4se gekauft, aber den Namen schon auf dem Weg zur\u00fcck wieder vergessen. Schmeckt gut, sehr w\u00fcrzig, aber nicht gerade billig. Ganz allm\u00e4hlich lassen sich die Verk\u00e4ufer darauf ein, Griechisch mit mir zu sprechen und manchmal korrigieren sie sich selbst, wenn ihnen Englisch rausrutscht.<\/p>\n<p>Statt\u00a0 \u03b5\u03b4\u03ce [edo], \u201ahier\u2018, sagt man oft \u03b1\u03c0\u03cc \u03b5\u03b4\u03ce [apo edo]. Der Bedeutungsunterschied ist schwer zu fassen, es macht das ganze etwas vager, wie \u201ahier vorne irgendwo\u2018. Im der verbundenen Rede wachsen die beiden zusammen und dabei entf\u00e4llt ein Vokal, damit nicht zwei zusammensto\u00dfen: \u03b1\u03c0\u2018 \u03b5\u03b4\u03ce. Man h\u00f6rt das als ein Wort <em>apodo<\/em>. Genauso bei der Abschiedsformel \u03bd\u03b1 \u03b5\u03af\u03c3\u03c4\u03b5 \u03ba\u03b1\u03bb\u03ac [na iste kala]. Auch hier f\u00e4llt ein Vokal weg, und man h\u00f6rt \u03bd\u03b1\u2018\u03c3\u03c4\u03b5 \u03ba\u03b1\u03bb\u03ac [naste kala]. Ich erinnere mich, dass ich irgendwann mal gefragt habe, was wohl <em>naste<\/em> hei\u00dft.<\/p>\n<p>Im Internet sto\u00dfe ich auf einen Beitrag, in dem von <em>Internett<\/em> die Rede ist. Na ja, manchmal stimmt\u2019s ja. Komischerweise korrigiert mein Rechtschreibprogramm das nicht.<\/p>\n<p>Auch im Internet sto\u00dfe ich auf das Kreta-Forum und stelle auch gleich eine Frage. Nach wenigen Stunden schon mehrere Antworten. Unglaublich, welche Experten sich hier t\u00fcmmeln. Sie schicken sich gegenseitig Photos von den hinterletzten Winkeln der Insel, als Bilderr\u00e4tsel, und fast immer finden sie die Antwort, manchmal mit ein paar Hilfen. Auch sonst, ob es um praktische Dinge geht \u2013 vom Telefonieren bis zum K\u00e4se \u2013 lauter Experten. Es gibt aber auch Seiten zu Geschichte und Kunst und dabei eine sehr kontroverse Debatte \u00fcber die Minoer und die Zerst\u00f6rungen und alle die sp\u00e4teren Invasionen \u2013 wenn es denn welche war. Das Wort Besatzung, \u03ba\u03b1\u03c4\u03bf\u03c7\u03ae [katochi], wird wohl nur f\u00fcr die deutsche Besatzung angewandt. Nur die wird von den Kretern als solche angesehen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">16. November (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Nach Myrtia, dem Standort des Museum Kazantzakis, s\u00fcdlich von Heraklion, gibt es einen k\u00fcrzeren und einen l\u00e4ngeren Weg. Ich w\u00e4hle den k\u00fcrzeren, durch die Berge.<\/p>\n<p>Das Museum, viel ger\u00fchmt, sehr modern, ist in seinem Elternhaus in Myrtia. Der Ort hie\u00df allerdings zeit seines Lebens gar nicht <em>Myrtia<\/em>, sondern <em>Varvari<\/em>. Das klang der Milit\u00e4rjunta zu \u201eunhellenisch\u201c und erinnerte zu sehr an <em>Barbaren<\/em>, und so setzten sie die \u00c4nderung des Namens durch. Jetzt soll es Bewegungen geben, den alten Namen wiederherzustellen.<\/p>\n<p>Kazantzakis ist im Ausland in erster Linie durch <em>Alexis Sorbas<\/em> bekannt, aber hier gilt er als <em>der<\/em> kretische Dichter \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p>Hier haben wir wieder einen kretischen Nachnamen mit der typischen Endung \u2013 <em>akis<\/em>. Es ist ein Diminutiv, mit einer Bedeutung wie \u201ader Kleine von\u2018, entspricht also ungef\u00e4hr der Endung \u2013<em>son<\/em> in <em>Andersson<\/em> oder <em>Thomson<\/em>. Der popul\u00e4ren kretischen Vorstellung zufolge wurden den Kretern diese Namen als Spottnamen von den Osmanen gegeben. Die Kreter stellten die Sache dann auf den Kopf und nannten sich selbst voller Stolz so. Das ist aber ziemlich sicher eine Legende \u2013 und wohl auch chronologisch falsch. (Im Internet werden allerdings Ausl\u00e4nder, die eine n\u00fcchternere Deutung vorschlagen, von Kretern w\u00fctend beschimpft). Diese Namen sind einfach Patronyme wie so viele andere auf der Welt \u2013 und in Griechenland \u2013 nur eben mit der spezifisch kretischen Endung.<\/p>\n<p>Noch hier in Myrtos h\u00f6re ich den Singsang der orthodoxen Priester, \u00fcber Lautsprecher aus der Kirche, dann folgt die Fortsetzung im Autoradio und dann in Ano Vianos, an dem Denkmal, wo die Stimmen von ganz unten den Berg hochkommen.<\/p>\n<p>Die Fahrt geht die schon bekannten Serpentinen nach Ano Vianos rauf, aber die Stra\u00dfe ist passabel und hat nur ganz gelegentlich Schlagl\u00f6cher. Danach kommt man auf eine Ebene, und die Stra\u00dfe wird immer besser, streckenweise richtig gut ausgebaut, mit Seitenstreifen und manchmal sogar \u00dcberholspur! Es ist gar nicht mehr so weit Richtung Heraklion, als es rechts abgeht \u2013 gute Beschilderung! \u2013 und in das\u00a0 abgelegene Myrtia.<\/p>\n<p>Es ist \u00fcberall sehr gr\u00fcn, und die Fahrt lohnt sich auch wegen einiger wunderbarer Ausblicke in die weiten, fruchtbaren T\u00e4ler und auf die H\u00e4nge. Hier sehe ich auch zum ersten Mal Wein, teils auf Feldern, aber meist an H\u00e4ngen. Die Landschaft erfordert es. Die H\u00e4nge sind allerdings nicht so steil wie an der Mosel, und die Parzellen sind kleiner. Komischerweise ist das Laub noch nicht abgefallen und auch nicht entfernt worden, ist aber gelb und braun.<\/p>\n<p>Als ich in Myrtia ankomme, frage ich mich, wie aus einem so abgelegenen Kaff so ein kosmopolitischer Mann erwachsen kann, aber die Frage beantwortet sich bald von selbst: Er stammt gar nicht von hier. Er ist hier gar nicht geboren, sondern in Heraklion. Dies ist eigentlich nicht sein Elternhaus, sondern das seines Vaters.<\/p>\n<p>In einer der schmalen Stra\u00dfen, durch die man ohnehin kaum durchkommt, steht ein Lieferwagen, mit Lautsprecherdurchsagen. Als ich sp\u00e4ter zu Fu\u00df vorbeikomme, sehe ich, dass der Plastikbeh\u00e4lter verkauft. Griechische Tupperparty.<\/p>\n<p>Neben dem Museum, gleich am zentralen Dorfplatz gelegen, ist ein Kafeneion, aber ich traue mich nicht hinein. Man kann durch die Glasscheiben sehen. Lauter alte M\u00e4nner, die v\u00f6llig reglos herumsitzen, keine T\u00fcr steht offen, und man sieht auch keine Kellner oder irgendwen, der etwas trinkt.<\/p>\n<p>Also gehe ich in das moderne Museumscaf\u00e9. Hier ist man sehr freundlich, und ich bin noch der einzige Gast. Zu dem Kaffee gibt es \u03ba\u03bf\u03c5\u03bb\u03bf\u03c5\u03c0\u03ac\u03ba\u03b9\u03b1. Ich bestelle sie, obwohl ich keine Ahnung habe, was es ist. Es sind ganz einfach Kekse, verschiedener Machart. Erst sp\u00e4ter f\u00e4llt mir auf, dass es wieder dieselbe Verkleinerungsform ist. Die Grundform, \u03ba\u03bf\u03c5\u03bb\u03bf\u03cd\u03c1\u03b9, bezeichnet die Sesamkringel, die es sonst in Griechenland immer am Stra\u00dfenrand zu kaufen gibt. Hab ich hier noch gar nicht gesehen.<\/p>\n<p>Das Museum ist gut, aber so gut nun auch wieder nicht. Ich hatte nach all den Lobeshymnen Gott wei\u00df was erwartet. Aber die Form der Pr\u00e4sentation wiederholt sich doch stark, und die Ausstellungsst\u00fccke sind zwar interessant, aber auch nicht ungew\u00f6hnlich.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr entsch\u00e4digt Kazantzakis. Leben und Werk, beides beeindruckend, vor allem die Vielfalt. In einem Raum sind an einer ganzen Wand Bilder von den Figuren angebracht, mit denen er sich auseinandergesetzt hat. Darunter sind Nietzsche, Jesus, Dante, Lenin, Homer, Buddha, El Greco! Die Ausstellung beweist, dass das kein leeres Gerede ist. Besonders angetan hatte es ihm der Hl. Franziskus. Vor dem Museum steht eine moderne Skulptur eines deutschen Bildhauers, die Franziskus spindeld\u00fcrr mit weit nach vorne gebeugtem K\u00f6rper und \u00fcbergro\u00dfem Kopf zeigt. An den F\u00fc\u00dfen \u2013 und durch die Waden hindurch! \u2013 verlaufen irgendwelche Str\u00e4nge. Man fragt sich, was die darstellen: Wurzeln? Fesseln?<\/p>\n<p>In den Vitrinen hinter dem Eingang gibt es pers\u00f6nliche Objekte: eine Postkarte aus Samarkand an seine Schwester, eine sehr ordentlich gef\u00fchrte, l\u00e4ngliche Kladde aus der Schulzeit, Photos der ersten und der zweiten Frau \u2013 die erste ist eindeutig sch\u00f6ner \u2013 eine Schale f\u00fcr N\u00fcsse, die er beim Schreiben immer neben sich hatte und eine falsche Annonce, in der seine Hochzeit mit Galatea verk\u00fcndet wird, mit dem Zweck ver\u00f6ffentlicht, die Zungen zum Schweigen zu bringen, die sich \u00fcber die beiden auslie\u00dfen.<\/p>\n<p>Kazantzakis studierte in Athen und Paris, aber das Fach, was man angesichts seiner sp\u00e4teren Karriere am wenigsten erwarten w\u00fcrde: Jura. Er scheint allerdings auch zu Studentenzeiten schon fremd gegangen zu sein, denn in Paris studierte er bei Bergson und schrieb seine Abschlussarbeit \u00fcber Nietzsche. Beide nichts f\u00fcr Juristen. Bergsons Philosophie kann man sp\u00e4ter in dem ungest\u00fcmen und naturhaften Alexis Sorbas wiederfinden.<\/p>\n<p>Zumindest in der ersten Lebensh\u00e4lfte mischte er \u00fcberall mit: als Freiwilliger in den Balkankriegen, in einer Mission, Griechen aus dem Kaukasus wieder in die Heimat zu bringen, im Kampf gegen die t\u00fcrkische Besatzung, sp\u00e4ter als Minister in der griechischen Regierung und als Mitglied der Sozialistischen Partei. Oben ist dann ein Brief an den Vorsitzenden dieser Partei ausgestellt (1947), in dem er mitteilt, dass er fortan das Leben eines Intellektuellen f\u00fchren wolle.<\/p>\n<p>Den Nobelpreis hat er nicht bekommen, obwohl er vorgeschlagen worden war. In dem Jahr ging der Preis an Camus, und Kazantzakis sagte, der habe ihn hundertmal mehr verdient als er selbst.<\/p>\n<p>Der Rest des Erdgeschosses ist einem einzigen Werk gewidmet, der <em>Odyssee<\/em>, dem Werk, das er selbst als sein Opus magnum ansah und das diesen Namen wirklich verdiente: 33333 Zeilen! Ein Epos, das sich als die moderne Fortsetzung von Homers <em>Odyssee<\/em> versteht, eine Reise ohne Wiederkehr, ein Epos \u00fcber Migration und Flucht. Der dramatische Ausgangspunkt ist der, dass Odysseus sich nach ein paar Jahren in Ithaka bei der trauten Familie langweilt und sich wieder auf die Reise macht. Einige k\u00f6nnen es einfach nicht lassen!<\/p>\n<p>Wie viel ihm selbst das Werk bedeutet, sieht man an zwei Briefen. In einem sagt er, er habe nichts erreicht, wenn die Odyssee nichts tauge, in dem anderen sagt er, die Odyssee sei sein gr\u00f6\u00dfter Versuch, seine Seele zu retten.<\/p>\n<p>Die Erstausgabe ist zu sehen, ein Buch wie ein Klotz, nur in kleiner Auflage erschienen, dann aber auch andere Ausgaben und \u00dcbersetzungen in Englisch, Franz\u00f6sisch und Deutsch.<\/p>\n<p>Auf dem Weg ins Obergeschoss drei B\u00fcsten von drei verschiedenen K\u00fcnstlern, aber alle \u00e4hneln sich sehr. Er sieht immer ernst aus, mit dem streng nach hinten gek\u00e4mmtem Haar und tiefen Furchen auf der Stirn. Ein Adonis war er nicht.<\/p>\n<p>Oben gibt es ein bisschen Sorbas-Kitsch \u2013 Zigaretten, Biergl\u00e4ser, Wei\u00dfwein \u2013 aber auch interessante Informationen. Es gab wirklich einen Zorbas, und der hie\u00df auch so. Kazantzakis und Sorbas sind sich zum ersten Mal auf dem Athos begegnet! Und sie hatten tats\u00e4chlich, genauso wie in dem Roman, ein gemeinsames Projekt f\u00fcr eine Mine, das v\u00f6llig scheiterte. Hier ist ein Brief von Zorbas ausgestellt, in dem er aus seinem Leben berichtet.<\/p>\n<p>Ich wusste nicht, dass es so ein direktes Vorbild f\u00fcr den Romanhelden gab. Auch wusste ich nicht, dass die Musik zu dem Film von Theodorakis ist.<\/p>\n<p>Interessant die Titel der \u00dcbersetzungen. Man sollte meinen, dass es gar nicht so viel Spielraum gibt, aber der Originaltitel ist \u0392\u03af\u03bf\u03c2 \u03ba\u03b1\u03b9 \u03c0\u03bf\u03bb\u03b9\u03c4\u03b5\u03af\u03b1 \u03c4\u03bf\u03c5 \u0391\u03bb\u03ad\u03be\u03b7 \u0396\u03bf\u03c1\u03bc\u03c0\u03ac, was gar nicht so leicht zu \u00fcbersetzen ist: Leben und Lebensart des Alexis Sorbas. Klingt f\u00fcrchterlich. Daher ist h\u00e4ufig nur der Name \u00fcbrig geblieben, manchmal mit einem Zusatz: Zorbas the Greek, Alexis el griego. Auch nicht so toll. Die portugiesische Ausgabe hei\u00dft <em>O Bom Dem\u00f3nio \u2013 Der gute Teufel<\/em>.<\/p>\n<p>Auch interessant der englische Titel <em>Greek Passion<\/em>, ein Buch \u00fcber Passionsspiele in einem griechischen Dorf, noch unter der Herrschaft der Osmanen. Der griechische Titel geht aber ans Eingemachte: \u039f \u03a7\u03c1\u03b9\u03c3\u03c4\u03cc\u03c2 \u039e\u03b1\u03bd\u03b1\u03c3\u03c4\u03b1\u03c5\u03c1\u03ce\u03bd\u03b5\u03c4\u03b1\u03b9, \u201aChristus nochmal gekreuzigt\u2018! Das Buch wurde auch zum Film und zur Oper umgearbeitet. Kazantzakis sah keine Auff\u00fchrung des St\u00fccks, wohl aber den Film von Jules Dessin in Cannes.<\/p>\n<p>Auch unglaublich herausfordernd das Thema von \u039f \u03c4\u03b5\u03bb\u03b5\u03c5\u03c4\u03b1\u03af\u03bf\u03c2 \u03c0\u03b5\u03b9\u03c1\u03b1\u03c3\u03bc\u03cc\u03c2 \u2013 <em>Die letzte Versuchung<\/em>. Am Kreuz h\u00e4ngend, sinnt Jesus dar\u00fcber nach, wie die Welt, wie sein Leben gewesen w\u00e4re, wenn Gottvater es ihm erspart h\u00e4tte, zu sterben. Hier werden g\u00e4ngige Vorstellungen aufgebrochen, und das Buch hat Kazantzakis nicht viele neue Freunde in der orthodoxen Kirche gemacht.<\/p>\n<p>Es gibt dann eine eigene Abteilung zu den \u00dcbersetzungen. \u00dcberw\u00e4ltigend! Dante, Swift, Pirandello, Nietzsche, Plato, Goethe, Darwin, Bergson, Shakespeare, Jules Verne. Kazantzakis war der Meinung, eine w\u00f6rtliche \u00dcbersetzung zerst\u00f6re den Rhythmus des Originals.<\/p>\n<p>Irgendwo hei\u00dft es, seine gro\u00dfe Liebe habe Kreta gegolten. Vielleicht. Aber da war er fast nie. Ein l\u00e4ngeres Zuhause hatte er in Antibes, aber meist war er auf Reisen: Frankreich, Italien, Schweiz, \u00d6sterreich, Deutschland, Kaukasus, Sinai, China, Japan, \u00c4gypten, Tschechoslowakei, Spanien, Naher Osten, Zypern, Sowjetunion, England, Holland. Er finanzierte seine Reisen mit Reiseberichten f\u00fcr eine Athener Zeitung. Der Gl\u00fcckliche!<\/p>\n<p>Dazu kamen l\u00e4ngere Aufenthalte in England, Frankreich, Italien, Sowjetunion, Schweiz und Deutschland, wo er auch starb, in Freiburg. Beigesetzt wurde er in Heraklion.<\/p>\n<p>Kazantzakis war zeit seines Lebens ruhelos, auch spirituell, immer auf der Suche, und wurde am Ende immer illusionsloser. Sein ber\u00fchmtestes Zitat ist als Epitaph auf seinem Grabstein zu finden: \u0394\u03b5\u03bd \u03b5\u03bb\u03c0\u03af\u03b6\u03c9 \u03c4\u03af\u03c0\u03bf\u03c4\u03b1. \u0394\u03b5 \u03c6\u03bf\u03b2\u03bf\u03cd\u03bc\u03b1\u03b9 \u03c4\u03af\u03c0\u03bf\u03c4\u03b1. \u0395\u03af\u03bc\u03b1\u03b9 \u03bb\u03ad\u03c6\u03c4\u03b5\u03c1\u03bf\u03c2 \u2013 <em>Ich hoffe nichts. Ich f\u00fcrchte nichts. Ich bin frei.<\/em><\/p>\n<p>Als ich aus dem Museum herauskomme, ist es richtig warm geworden. Ich setze mich ein bisschen auf den Platz vor dem Museum und laufe durch das Dorf. Dabei entziffere ich einen Stra\u00dfennamen, Buchstabe f\u00fcr Buchstabe: \u039f\u03b4\u03bf\u03c2 \u03b4\u03bf\u03bd \u03ba\u03b9\u03c7\u03c9\u03c4\u03b7. Der Groschen f\u00e4llt pfennigweise: Stra\u00dfe des Don Quijote. Man ist hier im Dorf dazu \u00fcbergegangen, alte Stra\u00dfennamen auszutauschen gegen solche, die irgendeinen Bezug zu Kazantzakis haben.<\/p>\n<p>Bei der Runde durch das Dorf sehe ich mich umzingelt von W\u00f6rtern, die ich nicht kenne und von denen ich das Gef\u00fchl habe, dass ich sie kennen m\u00fcsste.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">17. November (Montag)<\/span><\/p>\n<p>In einem uralten Sketch aus dem griechischen Schattentheater erf\u00e4hrt Karagiosis, der sympathische Schurke des Schattentheaters, dass Chatziavatis, sein Freund und Gegenspieler, einen Griechischlehrer sucht. Sofort bietet Karagiosis, immer auf der Suche nach Geld, seine Dienste an. Er k\u00f6nne ihm Griechisch beibringe. Chatziavatis sagt, nein, nicht f\u00fcr ihn. Er wollte eine Schule er\u00f6ffnen. B\u00e4nke, Tafel, Kreide habe er bereits, nur noch keinen Lehrer. Ja, wer denn aber die Sch\u00fcler seien, will Karagiosis wissen. Deutsche Touristen. Was die denn mit Griechisch anfangen wollten, will Karagiosis wissen. H\u00e4tten die denn keine eigene Sprache. Doch, erh\u00e4lt er zur Antwort, aber eine reiche ihnen anscheinend nicht aus.<\/p>\n<p>Zu den wenigen Dingen, die ich \u201eauf der Stra\u00dfe\u201c aufgeschnappt habe, geh\u00f6rt \u03bc\u03b9\u03c3\u03cc \u03bb\u03b5\u03c0\u03c4\u03cc [miso lepto], der Ausdruck, den die Griechen gebrauchen, wenn sie einen bitten, zu warten. W\u00f6rtlich bedeutet es \u201aeine halbe Minute\u2018, eine ungew\u00f6hnlich pr\u00e4zise Angabe. Das erinnert mich daran, dass ich mich als Kind immer gewundert habe, wenn die Erwachsenen am Telefon <em>Eine Sekunde<\/em> sagten, und dann nach einer Sekunde immer noch nicht zur\u00fcck waren.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">18. November (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p><em>Ein Schiff wird kommen<\/em>, in der deutschen Version von Lale Andersson gesungen, wird im griechischen Original von Melina Mercouri gesungen, und zwar in \u03a0\u03bf\u03c4\u03ad \u03a4\u03b7\u03bd \u039a\u03c5\u03c1\u03b9\u03b1\u03ba\u03ae &#8211;<em>Sonntags<\/em><em> <\/em><em>nie!<\/em>, einem Film von Jules Dassin, ihrem damaligen Ehemann. Das Lied, das ich immer als Sehnsuchtslied einer Frau verstanden habe, die auf ihren Mann wartet, also einem ganz <em>bestimmten<\/em> Mann, ist im Film das Lied einer Prostituierten, die auf <em>irgendeinen<\/em> Mann wartet, einen Mann, der sie heiratet und mit ihr Kinder zeugt \u2013 vier. Das d\u00fcrfte aus dem Text, weder dem griechischen noch dem deutschen, hervorgehen, sondern nur aus dem Kontext des Films.<\/p>\n<p>Melinas Mercouris Name wird im Griechischen auf der zweiten Silbe betont. Man ist so sehr die deutsche Betonung auf der ersten Silbe gewohnt, dass einem die griechische Aussprache fremd vorkommt. Ein gutes Beispiel f\u00fcr die Anpassung fremder W\u00f6rter an die Betonungsmuster der eigenen Sprache.<\/p>\n<p>Melina Merkouris ber\u00fchmtestes Zitat \u2013 <em>Ich bin als Griechin geboren<\/em> \u2013 ist auch der Titel ihrer Autobiographie. Das vollst\u00e4ndige Zitat lautet: \u0393\u03b5\u03bd\u03bd\u03ae\u03b8\u03b7\u03ba\u03b1 \u0395\u03bb\u03bb\u03b7\u03bd\u03af\u03b4\u03b1 \u03ba\u03b1\u03b9 \u03b8\u03b1 \u03c0\u03b5\u03b8\u03ac\u03bd\u03c9 \u0395\u03bb\u03bb\u03b7\u03bd\u03af\u03b4\u03b1. \u039f \u03a0\u03b1\u03c4\u03c4\u03b1\u03ba\u03cc\u03c2 \u03b3\u03b5\u03bd\u03bd\u03ae\u03b8\u03b7\u03ba\u03b5 \u03c6\u03b1\u03c3\u03af\u03c3\u03c4\u03b1\u03c2 \u03ba\u03b1\u03b9 \u03b8\u03b1 \u03c0\u03b5\u03b8\u03ac\u03bd\u03b5\u03b9 \u03c6\u03b1\u03c3\u03af\u03c3\u03c4\u03b1\u03c2<em> <\/em>&#8211; <em>Ich bin als Griechin geboren und werde als Griechin sterben. <\/em><em>Herr <\/em><em><a title=\"Stylianos Pattakos\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Stylianos_Pattakos\">Pattakos<\/a> <\/em><em>ist als Faschist geboren. Er wird als Faschist sterben<\/em>. Der Anlass daf\u00fcr war die Aberkennung ihrer griechischen Staatsb\u00fcrgerschaft durch die griechische Regierung in der Zeit der Milit\u00e4rjunta. Pattakos war der griechische Innenminister. Merkouri lebte damals im Exil in Frankreich und hatte keine g\u00fcltigen Papiere mehr, was ihr gro\u00dfe Schwierigkeiten bei internationalen Reisen eintrug.<\/p>\n<p>Obwohl das Griechentum schon im Titel der Autobiographie in den Vordergrund gestellt wird, wurde sie, soweit ich das herausfinden konnte, nicht auf Griechisch geschrieben, sondern auf Englisch! Das erinnert an\u00a0 die Aufrufe der irischen Nationalisten zur Verwendung des G\u00e4lischen, auf Englisch geschrieben!<\/p>\n<p>So warm wie heute wird es dieses Jahr wohl nicht mehr. Es haben sich sogar noch ein paar Sonnenanbeter am Strand eingefunden \u2013 wo die wohl herkommen? \u2013 und einer hat sich ins Wasser gewagt. Inzwischen sind auch die Wohnwagen verschwunden, und die Umzugskabine ist abgebaut worden. Wusste gar nicht, dass die mobil war. Im Mirtos erfahre ich, dass es tats\u00e4chlich im Winter kein anderes Lokal hier gibt, dass Essen anbietet. Die meisten haben ganz geschlossen, in den anderen gibt es Kaffee und bestenfalls ein paar <em>mezedes<\/em>. Die Besitzer des Mirtos sind auf Reise, in Costa Rica! Dhespina hat das Regime \u00fcbernommen. Sie best\u00e4tigt mir, was ich im Internet gelesen habe: Das Lokal wurde erst von kurzer Zeit von den Besitzern wieder \u00fcbernommen, nachdem es vier Jahre lang verpachtet war und den Bach heruntergegangen ist. Im Internet ist man voll des Lobes \u00fcber diese Neuerung. Die K\u00fcche wird in h\u00f6chsten T\u00f6nen gelobt, vor allem im Vergleich zu den Jahren zuvor.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">19. November (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Griechenland hat wenige gro\u00dfe St\u00e4dte, und die einzige Millionenstadt ist Athen. Es gibt viele St\u00e4dte, die 50,000 &#8211; 60,000 Einwohner haben, aber nicht so viele, die um die 200,000 Einwohner haben, wie bei uns. Heraklion ist mit 160,000 schon die viertgr\u00f6\u00dfte Stadt, Patras die drittgr\u00f6\u00dfte. Die kleinste griechische Gemeinde ist nicht weit von hier, die Gemeinde auf der Insel Gavdos, s\u00fcdlich von Kreta.<\/p>\n<p>Der \u201eSchreibtischstuhl\u201c, den sie mir hier gegeben haben, ist eine einzige Absage an die Bequemlichkeitskultur. \u00dcberhaupt sind kretische St\u00fchle merkw\u00fcrdig unbequem, wie die mit den kleinen, quadratischen Sitzfl\u00e4chen, die vor den Kneipen und H\u00e4usern stehen. Komisch, dabei sitzen sie doch den ganzen Tag (in der Gegend) herum. Es hei\u00dft immer, die Kreter w\u00fcrden so alt wegen der guten Ern\u00e4hrung. Ich glaube, sie werden so alt, weil sie die Frauen die ganze Arbeit tun lassen.<\/p>\n<p>Ob es auch an dem kretischen Akzent liegt, dass ich so wenig verstehe, habe ich noch nicht herausgefunden. Es gibt kaum vern\u00fcnftige Beschreibungen, und beim H\u00f6ren kann ich die Unterschiede nicht identifizieren. Auch die ausgezeichneten Reisef\u00fchrer haben nichts dar\u00fcber.<\/p>\n<p>Ich versuche, mir vorzustellen, ob es einem Ausl\u00e4nder etwas n\u00fctzt, zu wissen, dass im Rheinland <em>ich<\/em> wie <em>isch<\/em> klingt. Kann man dann \u201er\u00fcckw\u00e4rts\u201c denken? Zu den wenigen Details, die ich bisher erfahren (aber nur im Sinne von \u201ageh\u00f6rt\u2018) habe, geh\u00f6rt eine andere Aussprache von \u03cc\u03c7\u03b9, \u2018nicht\u2018. Das m\u00fcsste man doch heraush\u00f6ren k\u00f6nnen, es muss doch oft isoliert vorkommen.<\/p>\n<p>Ich habe aus den ziemlich vagen Kommentaren im Internet den Verdacht, dass es sich in erster Linie um einen zus\u00e4tzlichen Laut handelt, wie der, der bei uns durch <em>sch<\/em> wiedergegeben wird. Den gibt es in den anderen Versionen des Griechischen nicht. Und der w\u00fcrde dann an die Stelle von <em>ch<\/em> treten, in beiden Versionen, <em>ich<\/em> und <em>ach<\/em>. Eventuell gibt es noch einen weiteren kretischen Laut, entweder wie der in <em>tsch<\/em> oder wie der in <em>tz<\/em>. Aber das ist nat\u00fcrlich alles viel zu vage, um hilfreich zu sein.<\/p>\n<p>Meine ewige Feindschaft zur Technik bekommt heute wieder neue Nahrung: Ich soll ein Video drehen, gehe zur Bedienungsanleitung auf die Homepage der Marke und finde Bedienungsanleitungen f\u00fcr alle Typen \u2013 au\u00dfer f\u00fcr meins. Dann merke ich, dass man die Seite runterscrollen muss, aber auch da ist meins nicht dabei. Und da soll man nicht an Verschw\u00f6rungen glauben.<\/p>\n<p>Nachdem ich bisher jeden Tag die Milch f\u00fcr den Milchkaffee versch\u00fcttet habe, frage ich mich, ob es an mir oder an den griechischen T\u00f6pfen liegt. Ich entscheide mich f\u00fcr die griechischen T\u00f6pfe.<\/p>\n<p>Als ich den B\u00e4cker frage, ob er keine Spanakotiropita mehr habe, antwortet er: \u039f\u03c7\u03b9, \u03b4\u03b5\u03bd \u03b2\u03b3\u03ac\u03b6\u03c9, mit einem Verb, das ich hier nicht erwartet h\u00e4tte und das so etwas wie \u201aherausnehmen\u2018 hei\u00dft. Es taucht aber in allen m\u00f6glichen Kontexten auf und bedeutet auch (Geld) \u201averdienen\u2018\u201a (Kleidung) \u201aausziehen\u2018, (Hund) ausf\u00fchren\u201a (Zeitung) \u201aherausgeben\u2018, (Vorsitzenden) \u201aw\u00e4hlen\u2018, (Zahn) \u201aziehen\u2018, (Rede) \u201ahalten\u2018 und vieles andere bedeutet. Man m\u00fcsste sich so ein Verb in allen Einzelheiten einverleiben, vielleicht w\u00e4re das effektiver als von allem etwas. Bl\u00f6derweise ist es nat\u00fcrlich so unregelm\u00e4\u00dfig, wie man sich ein Verb nur vorstellen kann. Die Spanakotiropita, das war ja der Anlass der ganzen Sache, gibt es im Winter nicht. Auch hier wird das Angebot immer d\u00fcnner.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">20. November (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Im Internet ein bisschen nach griechischer Musik gesucht und dabei auf zwei Lieder aus einem Konzert mit Theodorakis gesto\u00dfen: gro\u00dfes Orchester, gro\u00dfer Chor, junger Solist und Theodorakis als Dirigent. Keine leichte Kost, aber sehr beeindruckend, getragene, majest\u00e4tische Musik, von Theodorakis komponiert. Es geht immer um die Heimat, um Sch\u00f6pfung, Natur, aber auch Verderben. W\u00f6rter wie <em>Abgrund, Tod, Blut<\/em> kommen genauso vor wie <em>Vulkan, Myrte, Adler<\/em>.<\/p>\n<p>Die Texte stammen in beiden F\u00e4llen von Odysseas Elytis. Elytis ist einer von zwei griechischen Nobelpreistr\u00e4gern, in erster Linie durch seine Lyrik bekannt. Er stammte auch aus Kreta. Auch das glaubt man an den Texten durchzuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Theodorakis muss inzwischen steinalt sein. Unglaublich, was der alles mitgemacht hat: Exil, Krieg, Folter, Besatzung, Haft. Er musste nach dem Krieg im Griechischen B\u00fcrgerkrieg bei der Hinrichtung seiner Kameraden zusehen. Im Krieg hatte er als Partisan gegen die deutsche Besatzung gek\u00e4mpft und war auch da schon inhaftiert und gefoltert worden.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">21. November (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Millionen von Menschen schicken sich tagt\u00e4glich Bilder, Videos, Nachrichten, mit ein paar Clicks ist es in der Regel getan. \u201eGanz einfach\u201c hei\u00dft es, wenn man danach fragt, wie es geht \u2013 meine absolute Lieblingsantwort. Nichts ist einfach. Jedenfalls nicht f\u00fcr mich. Heute genauso wenig wie jemals zuvor. Nachdem das bestellte Geburtstagvideo endlich \u2013 eher schlecht als recht und nach unendlichen Umwegen \u2013 im Kasten war, begann erst die eigentliche Tortur. Das Handy weigerte sich, das Video zu verschicken. Zu lang. Anderthalb Minuten. Andere Leute schicken sich Videos, die Stunden dauern. Dann kam das gro\u00dfe R\u00e4tselraten bei der \u00dcbertragung des Videos vom Handy aufs Notebook und von Handy bzw. Notebook auf den Laptop. \u201eDiese Datei wird von dem System nicht unterst\u00fctzt\u201c. (Welches System?) \u201eStellen Sie sicher, dass der bei dem Kauf mitgelieferte Datentr\u00e4ger eingelegt wird\u201c. (Beim Kauf wurde kein Datentr\u00e4ger mitgeliefert). \u201eThe custom error module does not recognize this error.\u201c (Der Irrtum erkennt den Irrtum nicht?). \u201cDie Anfrage an e-mail 2010 konnte wegen Zeit\u00fcberschreitung nicht gesendet werden\u201d (Wer hat die Zeit \u00fcberschritten?) Irgendwann war dann die Datei auf Netbook und auf Laptop, konnte aber von denen entweder nicht gelesen oder nicht versendet werden. Auch der Versuch, die Datei als Zip-Datei zu versenden, schlug elend fehl. Ich habe andere Menschen dabei beobachtet, wie sie eine Zip-Datei an eine Mail anh\u00e4ngten. In Sekundenschnelle war die raus. Bei mir dreht sich das R\u00e4dchen und dreht sich und dreht sich und dreht sich und dreht sich. Ich lasse es sich weiter drehen und mache mir einen Kaffee und komme zur\u00fcck \u2013 und es dreht sich immer noch.<\/p>\n<p>Am Vormittag bei strahlendem Sonnenschein nach Tertsa gefahren, in die Taverne am Ortseingang, dort, wo ich beim Laufen kehrt mache. Die Taverne hat den kuriosen Namen \u0392\u03c1\u03ad\u03be\u03b5\u03b9 &#8211; \u039b\u03b9\u03ac\u03b6\u03b5\u03b9. Zwei ganz einfache, in die Holztafel eingeritzte Bilder erkl\u00e4ren die Bedeutung: \u201aEs regnet &#8211; Die Sonne scheint\u2018. Der Wirt sitzt zusammen mit einer Gruppe von M\u00e4nnern drau\u00dfen und serviert mir einen Kaffee auf der Terrasse. Ich lasse mir die Sonne auf die Nase scheinen. Ob es denn hier abends auch was zu essen gibt, will ich wissen. Ja, keine gro\u00dfe Auswahl, aber irgendetwas haben sie immer, auch im Winter.<\/p>\n<p>Ich gehe dann noch in das Dorf, das wirklich nur aus den H\u00e4usern an dieser Stra\u00dfe besteht. Auf der Stra\u00dfe spielen ein paar Erwachsene mit einem Jungen, am Stra\u00dfenrand sitzen M\u00e4nner und tun, was sie immer tun \u2013 nichts. Sie sind aber hier nicht so stur wie in Myrtos. Alle gr\u00fc\u00dfen freundlich. Am Stra\u00dfenrand ein kleines Cafe namens \u039b\u03b1\u03bc\u03c0\u03c1\u03cc\u03c2. Ich dachte, das hie\u00dfe \u2018Blitz\u2018. Dann w\u00e4re es eine kuriose Erg\u00e4nzung zu der Taverne am Ortseingang. Es hei\u00dft aber so etwas wie \u201agl\u00e4nzend\u2018, \u201aleuchtend\u2018. Mit der \u00dcbersetzung erschlie\u00dft sich aber der Name nicht.<\/p>\n<p>Als ich daran vorbeikomme, bietet mir ein Mann freundlich einen Stuhl an. Da kann ich nicht nein sagen und trinke noch einen Kaffee. Eine Frau fragt, ob ich hier Ferien mache. Ich erz\u00e4hle, dass ich den ganzen Winter bleibe. Man kennt die Villa Mare nat\u00fcrlich und die Vermieter. Der Mann erz\u00e4hlt, dass er Giorgos hei\u00dfe und aus Patras stamme. Er bittet mich hinein, weil er mir etwas zeigen will. Ein Photoalbum. Eine erstaunliche Angelegenheit. Erst glaube ich, er w\u00e4re Koch, aber das ist nur ein Hobby, eine Nebenbesch\u00e4ftigung. Eigentlich ist er, oder war er, Chauffeur, und ist dabei richtig herumgekommen: Kiew, London, Mailand. Er hat Photos mit dem aktuellen griechischen Ministerpr\u00e4sidenten und mit Kohl und George Bush. Wie es zu den Begegnungen gekommen ist, verstehe ich nicht ganz, aber er muss wohl irgendwelche griechischen Prominenten chauffiert haben. Bei dem Photo mit Kohl erscheint er allerdings als Koch \u2013 Kohl schaut nicht ihn an, sondern an ihm vorbei auf das Spanferkel hinter ihm.<\/p>\n<p>Als ich meine Kaffee auf habe, f\u00fchrt er mich noch auf den keine zehn Meter entfernten Strand. Hier stehen Tische und St\u00fchle unter einer gro\u00dfen Plastikplane, die \u201eTerrasse\u201c des Caf\u00e9s. Das muss im Sommer eine Goldgrube sein.<\/p>\n<p>In Myrtos gibt es in der B\u00e4ckerei heute die leckeren Kalitsounia. Man bestellt nach Gewicht, und um eine Vorstellung zu bekommen, kaufe ich auf gut Gl\u00fcck ein halbes Kilo. Das sind sieben St\u00fcck. Etwas viel, aber jetzt wei\u00df ich Bescheid f\u00fcr sp\u00e4tere Bestellungen. Im Internet steht irgendwo, dass die Kalitsounia unter Auslandsgriechen <em>das<\/em> Mitbringsel \u00fcberhaupt ist.<\/p>\n<p>In dem Supermarkt frage ich nach dem kretischen Schnittk\u00e4se von dieser Tage, und obwohl eine andere Verk\u00e4uferin da ist, kann sie mir helfen: Der K\u00e4se, den ich gekauft habe, ist aus Schafs- und Ziegenmilch! Es handelt sich um Graviera, einem K\u00e4se, der in ganz Griechenland hergestellt wird, aber besonders in Kreta. \u00c4u\u00dferlich kann man ihn gut an den sich kreuzenden Einkerbungen auf der Schale erkennen, die ein Muster bilden.<\/p>\n<p>Im Mirtos nehme ich mir zum ersten Mal Zeit, die wirklich garstige Einrichtung anzusehen. Ein paar sch\u00f6ne bemalte Holztafeln an den W\u00e4nden \u2013 alles andere ist Schrott. Und ein uns\u00e4gliches Durcheinander. Dorfkneipenatmosph\u00e4re. Aber die Touristen sitzen in den Monaten, wo sie hier sind, ohnehin drau\u00dfen. Auf den Tischen steht aber immer eine kleine, ganz d\u00fcnne Vase mit einem frischen Kraut als Dekoration, heute Basilikum.<\/p>\n<p>Dhespina fragt mich, ob ich Wasser trinken wolle, und ich muss sie die Frage wiederholen lassen. Dann verstehe ich auf einmal, warum ich nicht verstanden habe: Auch das Wasser bekommt die Diminutivendung: statt \u03bd\u03b5\u03c1\u03cc ist es \u03bd\u03b5\u03c1\u03ac\u03ba\u03b9, statt <em>Wasser<\/em> ist es <em>W\u00e4sserchen<\/em>, und so steht es auch auf der Rechnung! Dazu kommt die Aussprache. Zum ersten Mal kann ich in einem einzelnen Wort deutlich die kretische Aussprache oder besser die Abweichung von der Standardsprache erkennen: Das \/k\/ ist keins. Wie genau der Laut beschaffen ist, der es ersetzt, ist mir aber immer noch nicht klar, vermutlich ein Affrikat, entweder \/ts\/ oder \/tS\/ &#8211; oder eine Mischung davon, wenn es so etwas gibt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">22. November (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Ich brauche eine neue Mine f\u00fcr meinen Kuli, und bevor ich mich auf den Weg nach Ierapetra mache, sehe ich schnell das Wort im Internet nach, einem frei zug\u00e4nglichen W\u00f6rterbuch, das mir schon sehr gute Dienste geleistet hat. Sofort werde ich f\u00fcndig: \u03bd\u03ac\u03c1\u03ba\u03b7. Ich habe das Wort schon notiert, als ich mir einf\u00e4llt, vielleicht die Seite weiter runter zu scrollen. Da kommt dann noch mal Mine und noch mal Mine, und erst die dritte ist die richtige, die Kulimine: \u03b1\u03bd\u03c4\u03b1\u03bb\u03bb\u03b1\u03ba\u03c4\u03b9\u03ba\u03cc. Fast h\u00e4tte ich im Schreibwarengesch\u00e4ft gefragt, ob sie eine Sprengladung f\u00fcr meinen Kuli haben.<\/p>\n<p>Die unansehnlichen Orte zwischen Myrtos und Ierapetra liegen alle direkt am Meer. Trotzdem wird hier nichts touristisch genutzt. Statt Strandk\u00f6rben Zapfs\u00e4ulen. Warum das so ist, keine Ahnung. Vielleicht gibt es auf dieser Strecke einfach keinen Strand. Komisch, dass so ein zuf\u00e4lliges Detail dann den ganzen Charakter eines Ortes bestimmt.<\/p>\n<p>Immer wieder vergesse ich es, wenn ich zuhause bin, immer wieder unterwegs werde ich dran erinnert: zwei fast identische W\u00f6rter auf zwei Firmenschildern auf der einen und auf der anderen Seite der Stra\u00dfe: \u03b5\u03bc\u03c0\u03cc\u03c1\u03b9\u03bf und \u03b5\u03bc\u03c0\u03cc\u03c1eia. Scheinen aber beide dasselbe zu bedeuten: \u201aHandel\u2018. Alle Aufregung umsonst.<\/p>\n<p>In der Schreibwarenhandlung bekomme ich meinen Sprengstoff f\u00fcr 50 Cent. Fahrt hat sich gelohnt. Wieder ist man hier freundlich und hilfsbereit. Als ich mich bei den B\u00fcchern nach neuem Lesestoff umsehe, kommt die \u00e4ltere Dame auf mich zu und fragt, ob sie mir helfen k\u00f6nne. Ich erkl\u00e4re ihr etwas umst\u00e4ndlich, dass es nicht gut sein muss, nur verst\u00e4ndlich. Sie empfiehlt mir zwei B\u00fccher, einen Erz\u00e4hlband von einer kretischen Schriftstellerin und einen Roman \u00fcber die Ausgrabungen in Knossos. H\u00f6rt sich beides gut an, aber ich entscheide mich dann doch f\u00fcr das, das ich zuf\u00e4llig in der Hand halte. Das scheint leichter zu sein. Es ist von einer jungen Schriftstellerin aus Athen, \u0399\u03c6\u03b9\u03b3\u03b5\u03bd\u03b5\u03b9\u03b1-\u0395\u03b9\u03c1\u03b7\u03bd\u03b7 \u03a4\u03b5\u03ba\u03bf\u03c5. Es ist ihr erster Roman. Er erz\u00e4hlt von zwei Schwestern, die in im kosmopolitischen Smyrna aufwachsen, aber durch politische Umst\u00e4nde getrennt werden. Zuhause versuche ich, im Internet was \u00fcber die Autorin zu finden, aber es gibt viele Formen, den Namen lateinisch zu transkribieren. Ich finde nichts. Unter dem griechischen Namen ist sie aber vertreten, und es gibt eine Reihe sehr guter Rezensionen auf den Buchseiten.<\/p>\n<p>Dann komme ich endlich mal auf den Samstagsmarkt von Ierapetra. Ist in aller Munde, lohnt sich aber kaum. Ein Stra\u00dfenmarkt, im vorderen Teil Obst und Gem\u00fcse, aber auch Honig, Rosinen und N\u00fcsse, offensichtlich alles hier aus der Gegend, im hinteren Teil Klamotten und Kleinkram. Hier sieht alles nach Ramsch aus. Alles ist unglaublich billig. Die teuersten Schuhe kosten 25\u20ac, und viele Kleidungsst\u00fccke gibt es schon f\u00fcr 2\u20ac oder 3\u20ac. Kurios, wie schlecht die Griechen sich kleiden, vor allem die Frauen, vor allem im Vergleich zu Italien und Spanien. Alles sieht nach Freizeitkleidung schlechter Qualit\u00e4t aus. Aber vielleicht \u201ez\u00e4hlt\u201c die Stra\u00dfe einfach nicht. Fein macht man sich nur, wenn man in die Kirche geht oder eingeladen wird. Ganz abgesehen von dem finanziellen Aspekt.<\/p>\n<p>Ich kaufe haufenweise Obst und Gem\u00fcse, alles lecker, alles g\u00fcnstig. Die Apfelsinen darf man nicht nach ihrem \u00c4u\u00dferen beurteilen. Sie sind fast gelb, fast wie Zitronen, aber schmecken phantastisch.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg bremst ein Auto vor mir ziemlich pl\u00f6tzlich ab. Der Fahrer l\u00e4sst ein winziges K\u00e4tzchen die Stra\u00dfe passieren. Katzen wie Hunde laufen hier meistens frei\u00a0 herum, wahrscheinlich sind die meisten herrenlos. Im Internet habe ich eine gro\u00dfe Aktion gesehen, in der dazu aufgefordert wird, Katzen und Hunde einzufangen und kastrieren zu lassen. Zu ihrem Wohl. Na ja, das w\u00fcrden die Hunde und Katzen vielleicht anders sehen. Typischerweise ist dies eine Initiative von Ausl\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Ich entscheide spontan, an einer Abbiegung Richtung Anatoliki zu fahren, einem verlassenen Dorf, das jetzt wieder bewohnt wird und inzwischen zu einem Ausflugsziel geworden ist. Nach ein paar Minuten ist man in der griechischen Berglandschaft. Dann kommt eine Abzweigung, ohne Beschilderung, und bald darauf noch eine. Ich gebe auf und fahre zur\u00fcck. Demn\u00e4chst noch mal mit Karte.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">23. November (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Der neue griechische Roman spielt in Istanbul. Erst hatte ich bei der Lekt\u00fcre Zweifel, da ich im Internet irgendwas von Smyrna gelesen hatte. Das auch vorkommt, aber nicht der Schauplatz ist. Aber sozusagen der Ausgangspunkt. Geschichtlich gesehen jedenfalls. Die Sache ist so: Bei der \u201ekleinasiatischen Katastrophe\u201c war der \u201eAustausch\u201c der Bev\u00f6lkerung zwar durchgreifend, aber nicht komplett. In Istanbul blieben die Griechen, und auf den Inseln auch, und die T\u00fcrken blieben auch in einem bestimmten Teil von Griechenland. Dann ereignete sich in den 50er Jahren das, was in dem Roman der Katalysator der Geschichte der beiden Schwestern ist und ihre Trennung zur Folge hat: In Istanbul gibt es Angriffe auf Griechen, auf griechische Wohnungen, vor allem aber auf griechische Gesch\u00e4fte und Einrichtungen. Es gab zwar nicht sehr viele Tote, aber Einsch\u00fcchterung, Terrorisierung, Verw\u00fcstung. Es h\u00f6rt sich ein bisschen wie die Kristallnacht an. Und das war der Anlass, dass der drei\u00dfig Jahre zuvor begonnene Bev\u00f6lkerungsaustausch in einem zweiten Schritt komplettiert wurde: Alleine aus Istanbul wanderten 100,000 Griechen aus und lie\u00dfen sich in Griechenland nieder. Eine kleine Gro\u00dfstadt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">24. November (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Im Russischen gibt es einen sch\u00f6nen Ausdruck, den man gebraucht, wenn man jemanden loben will: \u043c\u043e\u043b\u043e\u0434\u0435\u0341\u0446 [maladez]. Manchmal mit \u201aPrachtkerl\u2018 \u00fcbersetzt, aber das gibt eher die w\u00f6rtliche Bedeutung wieder als die Funktion. Im Deutschen w\u00fcrde man vielleicht so etwas wie <em>Gut gemacht!<\/em> sagen oder <em>Respekt!<\/em> Schwer, eine Entsprechung zu finden. Im Griechischen gibt es ein ganz \u00e4hnliches Wort, auf das ich jetzt wieder gesto\u00dfen bin: \u03c0\u03b1\u03bb\u03b9\u03ba\u03ac\u03c1\u03b9 [palikari]. Die w\u00f6rtliche Bedeutung ist dieselbe, und der Gebrauch ist wohl auch \u00e4hnlich. Kuriose Parallele. Die mich daran erinnert, wie einmal zwei M\u00fctter, die mit ihren kleinen Kindern zu Besuch waren, \u00fcberrascht feststellten, dass das Wort f\u00fcr \u201aPuppe\u2018 gleich ist auf Russisch und auf Griechisch: \u043a\u0443\u0341\u043a\u043b\u0430 und \u03ba\u03bf\u03cd\u03ba\u03bb\u03b1 [kukla]. Sehen sogar \u00e4hnlich aus.<\/p>\n<p>Trotz \u00dcbersetzung auf Englisch und auf Deutsch will eine Zeile aus einem der von Theodorakis vertonten Gedichte von Elytis keinen Sinn ergeben. Bis ich auf die Idee komme, das Wort \u03ba\u03bb\u03ae\u03bc\u03b1 [klima] nachzuschlagen. Es hei\u00dft \u201aWeinrebe\u2018. Jetzt wird die Sache langsam klarer. \u201aWeinrebe\u2018 und \u201aKlima\u2018 sind im Griechischen Homophone, unterscheiden sich aber in der Schreibung: \u03ba\u03bb\u03af\u03bc\u03b1 bzw. \u03ba\u03bb\u03ae\u03bc\u03b1.<\/p>\n<p>Eine schwierige, aber tief bewegende Analyse von Kazantzakis Buch \u00fcber Christus am Kreuz beginnt so: \u201eAs the wheel of life turns, sometimes one finds oneself at the very bottom. These are moments in one&#8217;s life when emptiness engulfs it. As it devours the flesh, it plunges one&#8217;s existence into an abysmal darkness, weakening the already wounded BODY thereby propelling the SPIRIT to awaken from its deep slumber. Usually prompted by such inevitable events in life like an incurable disease, an excruciating physical or emotional pain, an utter loneliness or a self-imposed isolation, it immerses the BODY in a deeply rooted SUFFERING, tingling the SPIRIT and enabling its possibility to flap its wings. As the BODY succumbs, the SPIRIT struggles to come out, as it seeks the LIGHT\u201d. Dieser Analyse zufolge stellte Kazantzakis die offizielle kirchliche Lehre des Fleisch gewordenen Geistes auf den Kopf und machte daraus das Geist gewordene Fleisch. Christus musste als Mensch, wie alle Menschen, Angst und Schmerz erleiden. Jesus ist der beispielhafte Mensch, der seine k\u00f6rperliche Schw\u00e4che \u00fcberwindet, indem er Abstand nimmt von weltlichem Gl\u00fcck und seinen Geist so formt, dass er eins mit Gott wird. Das kam bei der Kirche nicht gut an.<\/p>\n<p>So schlecht wie angek\u00fcndigt ist das Wetter nun auch wieder nicht. Man kann auf dem Balkon und an der Strandpromenade sitzen. Da unten kommt ein Engl\u00e4nder vorbei und berichtet, er sei im Wasser gewesen. Kalt? Ein bisschen kalt.<\/p>\n<p>Unter den Photos ist eins, das ich dieser Tage von einem Plakat in Ierapetra gemacht habe. Es wirbt f\u00fcr eine Auff\u00fchrung von Aschenputtel. Die hei\u00dft auf Griechisch \u03a3\u03c4\u03b1\u03c7\u03c4\u03bf\u03c0\u03bf\u03cd\u03c4\u03b1. F\u00fcr einen Spanier muss das klingen wie <em>Aschenhure<\/em>.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">25. November (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>\u201eMeine Br\u00fcder\u201c, hei\u00dft es im Jakobusbrief, \u201enicht so viele von euch sollten Lehrer werden, ihr wisst ja, dass wir Lehrer vor Gottes Gericht strenger beurteilt werden als die anderen\u201c. Die Warnung kommt zu sp\u00e4t f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>Ungem\u00fctlicher Tag: graues Meer, graue Wolken, frischer Wind, ein paar Tropfen Regen. Trotzdem: kein Vergleich mit einem tr\u00fcben Herbsttag bei uns. Der Himmel hat blaue Stellen, es gibt auch wei\u00dfe Wolken, und hinter denen k\u00e4mpft die Sonne ums Durchkommen. Und ganz hinten, am Horizont, ein schnurgerade wei\u00dfer Streifen auf dem Meer, vom Sonnenlicht. Geht doch noch.<\/p>\n<p>Am Abend muss ich tats\u00e4chlich zum ersten Mal einen Pullover herausholen. Vor allem der Wind ist kalt.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Mirtos h\u00f6re ich Basketball spielende Jungen. Ein Wort, das man dabei alle paar Sekunden h\u00f6rt, ist \u03bc\u03b1\u03bb\u03ac\u03ba\u03b1. Das ist mit \u201aBl\u00f6dmann\u2018 ziemlich harmlos \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p>Im Mirtos gibt es Bohnen. Ganz einfaches Gericht, aber sehr, sehr lecker. Mit ganz winzigen St\u00fcckchen Zwiebeln und Paprika und mit Tomaten. Zum Nachtisch gibt es den leckeren griechischen Jogurt mit (vermutlich) Sultaninen. Sie sind nicht so trocken wie bei uns die Rosinen und passen gut zum Jogurt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. November (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Durch eine weitergeleitete Nachricht \u00fcber den gesundheitlichen Nutzen von Schokolade auf Statistiken gesto\u00dfen, die den Schokoladenkonsum der verschiedenen L\u00e4nder vergleicht. In einer Statistik liegt Deutschland an zweiter, Griechenland an zweiletzter Stelle. Entspricht auch meinen Beobachtungen hier. Die Superm\u00e4rkte sind knapp mit Schokolade ausgestattet, man sieht sie kaum in den Einkaufswagen, und eine Schokoriegelkultur wie bei uns gibt es \u00fcberhaupt nicht. Auch bei dem Nachtisch, den ich regelm\u00e4\u00dfig im Mirtos bekomme, war Schokolade bisher noch nicht vertreten, und auch nicht in dem Geb\u00e4ck, das ich in der B\u00e4ckerei gekauft habe (da gibt es allerdings Schokoladenpl\u00e4tzchen). In der Statistik stehen Norwegen, England, Estland auch weit oben, Spanien, Italien und Bulgarien weit unten. Es scheint wirklich ein Nord-S\u00fcd-Gef\u00e4lle zu geben. Leider gibt es keine vollst\u00e4ndigen (kaum Osteuropa) noch zuverl\u00e4ssige Statistiken \u2013 irgendwo ist Deutschland \u201enur\u201c im oberen Mittelfeld. Aber die Tendenz stimmt. Allerdings k\u00f6nnen auch diese Statistiken l\u00fcgen: Die Schweiz steht ganz oben, aber da kaufen auch Ausl\u00e4nder ihre Schokolade.<\/p>\n<p>Man soll nie auf die Wettermeldungen achten. Nachdem f\u00fcr heute nur eine Stunde Sonnenschein angek\u00fcndigt war, habe ich alle Ausflugspl\u00e4ne verschoben. Als wir dann um zehn Uhr schon drei Stunden Sonnenschein hinter uns hatten, habe ich mich dann noch auf den Weg gemacht, auf den Weg nach Selakano, wo es einen der wenigen erhaltenen W\u00e4lder auf Kreta gibt.<\/p>\n<p>Der einzige Hinweis auf den Wanderweg ist ein Hinweisschild ohne Hinweis. Ist dennoch ein Hinweis, wenn man den Reisef\u00fchrer hat.<\/p>\n<p>Hier oben ist es sonnig, aber frisch, und je h\u00f6her ich komme, umso k\u00e4lter wird es. Vor allem bl\u00e4st ein Wind, der oben fast eisig ist. Auch als ich auf die Sonnenseite des Berges komme, wird es nicht viel w\u00e4rmer.<\/p>\n<p>Es handelt sich zwar laut Reisef\u00fchrer um eine \u201ebequeme Rundwanderung\u201c, aber der Weg ist nicht gerade eben und vor allem steinig. Wanderschuhe w\u00e4ren besser gewesen als Turnschuhe.<\/p>\n<p>Der Wald hat fast ausschlie\u00dflich Nadelb\u00e4ume, und entsprechend ruhig ist es hier. Keine Singv\u00f6gel. Irgendwo h\u00f6re ich ein Kr\u00e4chzen, das von Kr\u00e4hen stammen k\u00f6nnte, aber von viel kleineren, grauen V\u00f6geln kommt. Dann fliegen Elster quer \u00fcber den Weg, erst paarweise, dann scharenweise.<\/p>\n<p>Wieder nehmen die Ziegen, deren Glocken man schon von weit her h\u00f6rt, vor mir Rei\u00dfaus. Tu euch doch gar nichts. Auch die wilden Ziegen sp\u00e4ter, pechschwarz, laufen aufgeregt davon. Die Schafe lassen es etwas gem\u00e4chlicher angehen, aber auch sie r\u00e4umen den Weg. Sie sehen gut gen\u00e4hrt aus, obwohl es hier fast nichts zu knabbern gibt.<\/p>\n<p>Der Wald ist l\u00e4ngst nicht so dicht wie bei uns, und auch nicht so sch\u00f6n. Der Boden ist entweder dicht mit Nadeln bedeckt \u2013 da w\u00e4chst gar nichts \u2013 oder felsig. Trotzdem wachsen die B\u00e4ume um die Felsen herum oder, was gro\u00dfartig aussieht, aus den Felsen heraus.<\/p>\n<p>Mit meinem botanischen Kleingehirn w\u00fcrde ich das hier alles unter \u201eKiefern\u201c und \u201ePinien\u201c fassen, aber daf\u00fcr ist die Vielfalt eigentlich zu gro\u00df. Der Klassiker ist ein Nadelbaum mit langen, d\u00fcnnen Nadeln, die nur nach oben wachsen. Es gibt aber auch ganz andere, darunter einen, wo die dicht zusammenstehenden, dunklen Nadeln wie Spinat aussehen oder Gr\u00fcnkohl. Es gibt auch einen Laubbaum, mit ganz kleinen, fetten, dunklen Bl\u00e4ttern.<\/p>\n<p>Manchmal sieht man Baumskelette. Eins davon, etwas vom Wegrand entfernt, da, wo die davorstehenden B\u00e4ume Durchblick gew\u00e4hren, sieht aus wie ein riesiges Tierskelett, wie das einer Giraffe.<\/p>\n<p>Dies ist zwar ein Rundweg und der m\u00fcsste mich also an den Ausgangspunkt zur\u00fcckbringen, aber es hat ein paar Abzweigungen gegeben, bei denen ich mich auf gut Gl\u00fcck entschieden habe. Die Beschreibungen im Reisef\u00fchrer scheinen mit meiner Strecke nicht \u00fcbereinzustimmen. Allerdings sehe ich wohl die vielen bunten Bienenk\u00e4sten am Rande.<\/p>\n<p>Schilder gibt es so gut wie keine, h\u00f6chstens mal eins zu einer Quelle, und dann ein fast unleserliches zu einem Ort, den ich nicht kenne. Hin und wieder erscheint ein roter Punkt an einem Felsen, und hin und wieder gibt es kleine Holzschilder mit einem Pfeil \u2013 aber der zeigt immer in die entgegengesetzte Richtung.<\/p>\n<p>Die Orientierung habe ich l\u00e4ngst verloren, und unterwegs begegne ich niemandem und sehe kein Anzeichen von Zivilisation. Ich habe aber einen Anhaltspunkt: die Zeit. Laut Reisef\u00fchrer sind es zehn Kilometer und zweieinhalb Stunden. Es ist also immer noch genug Zeit, den Weg einfach zur\u00fcckzugehen. Trotzdem wird mir etwas mulmig. Dann habe ich aber noch einen Anhaltspunkt: Irgendwann geht es wieder bergab.<\/p>\n<p>An einer Biegung kommt man endg\u00fcltig aus dem ohnehin nicht sehr dichten Wald heraus und blickt auf ein tief unten liegendes Tal. An dessen Ende glaubt man H\u00e4user zu entdecken. Der Weg wird breiter, und es wird wieder w\u00e4rmer. Und dann stehe ich ziemlich pl\u00f6tzlich vor dem Auto.<\/p>\n<p>Ich will \u00fcber Males zur\u00fcckfahren, um nach Anatoli zu kommen, das ich dieser Tage vergeblich gesucht habe, aber ich lande wieder in Mythi. Das ist ein winziger Ort, aber er sieht irgendwie einladend aus, mit Dorfbrunnen und Platane. Hier geht die Wanderung durch die Schlucht von Mythi los und auch ein anderer Wanderweg, der Minoan Trail. Der Legende nach soll hier Minos seinen Leuten Geschichten erz\u00e4hlt haben, daher der Name des Ortes. Tats\u00e4chlich wei\u00df man von Minos nicht einmal, ob er existiert hat. Es wird angenommen, dass es vielleicht eher ein Titel als ein Eigenname war.<\/p>\n<p>In einer Taverne erkl\u00e4rt mir ein etwas verwirrt wirkender junger Mann, Mama sei nicht da. Das ist die Antwort auf meine Frage, ob es etwas zu essen gebe. Ich versuche es nebenan, und da ist eine junge Frau, die auch erst nein sagt, aber dann hinzuf\u00fcgt, ob ich auch mit \u00a0\u03bc\u03b1\u03ba\u03b1\u03c1\u03cc\u03bd\u03b9\u03b1 [makaronia] zufrieden w\u00e4re. Das sind nicht etwa Makkaroni, sondern Nudeln ganz allgemein, meistens aber Spaghetti. So ist es auch hier. In Windeseile hat sie Brot, Wasser und einen Teller Spaghetti aufgetragen, drau\u00dfen auf der Terrasse, unter einer Plane. Hier unten ist es wieder richtig sch\u00f6n warm.<\/p>\n<p>Ich fahre dann wieder zur\u00fcck, um doch noch nach Males zu kommen. Die Fahrt an den hohen, schroffen Felsen direkt an der Stra\u00dfe vorbei ist wirklich spektakul\u00e4r, und man bereut nicht, sie ein zweites Mal zu fahren. Ich mache jetzt auch ein paarmal Halt und mache Photos.<\/p>\n<p>Dann kommt man wieder in den Ort, der tats\u00e4chlich Christos hei\u00dft und von wo die Schotterpiste nach Selakano abbiegt, bei der ich am Morgen ein paarmal \u00fcberlegt habe, umzukehren: Das kann doch nicht richtig sein. War es aber.<\/p>\n<p>Diesmal erwische ich aber die Abbiegung nach Males, und auch auf dieser Fahrt gibt es wunderbare Ansichten von Bergen und Felsen und T\u00e4lern, alles im hellen Sonnenschein. \u00dcber Males komme ich dann nach Anatoli. Ich parke am Ortsausgang, und als ich an einem Caf\u00e9 stehenbleibe, kommt sofort eine Frau auf mich zu und schlie\u00dft eigens f\u00fcr mich auf. Drinnen riecht es muffig, aber es gibt einen guten, starken Kaffee, der bis zum Abend nachwirkt.<\/p>\n<p>Ich gehe dann in den Ort. Den besichtigt man als \u201eGeisterstadt\u201c. Hier wohnt bzw. wohnte fast keiner mehr, aber es tut sich was. An einigen Stellen wird sogar gebaut. Der Ort erlebt wohl eine Art Renaissance. Dennoch: Der obere, den Bergen zugewandte Teil, vom unterem, dem Meer zugewandten durch die Dorfstra\u00dfe abgetrennt, ist praktisch leer. Alle H\u00e4user sind verlassen. Unten bietet sich in den unregelm\u00e4\u00dfigen, schmalen Gassen ein ganz merkw\u00fcrdiges Bild: Zwischen aufgegebenen H\u00e4usern stehen ganz schmucke bewohnte H\u00e4user. Muss ein komisches Gef\u00fchl f\u00fcr die Bewohner sein. Etwas \u00fcber 100 sind es noch, fr\u00fcher waren es mal fast 2,000.<\/p>\n<p>Ein Hund, der mich vorher aufgeregt aus einer Gasse verscheucht hat, folgt mir dann ganz brav bis zum Auto. Auf dem R\u00fcckweg mache ich noch kurz Halt in Kalamafka, vor allem wegen eines hohen Felsvorsprungs mit einer Kapelle oben drauf. Ich will eigentlich nur ein Photo machen. Als ich gerade das Fenster runter lasse, steht auf einmal ein Mann neben mir und sagt: Yes, please. Ich wei\u00df nicht, ob ich das als freundlich oder als aufdringlich einordnen soll. Ich sage ihm, ich wolle nur einen Blick auf den Ort werfen, mache mein Photo und fahre nach Hause. Rechtzeitig, um vor der Dunkelheit anzukommen. Mit mehr als einer Sonnenstunde im Gep\u00e4ck.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">27. November (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Paradox: Durch eine Mail aus Deutschland erfahren, dass ein havariertes Fl\u00fcchtlingsschiff vor der K\u00fcste Kretas von einem Schiff der griechischen Marine abgeschleppt wird, nach Ierapetra, vor meiner Haust\u00fcr! Es sieht so aus, als bestehe keine Gefahr, dass das Schiff kentern k\u00f6nne, aber es ist sehr windig und deshalb schwierig, die Fl\u00fcchtlinge an Bord zu nehmen.<\/p>\n<p>In Ierapetra ist von all dem aber nichts zu sehen. Man sieht keinen Menschenauflauf, keine Rettungswagen, keine Journalisten, kein Aufnahmelager. Ich gehe einmal ganz an der K\u00fcste entlang und dann den Kai bis zum Ende, nichts zu sehen. Auf der Kaimauer stehen ein paar Schuljungen und zeigen in die Ferne, nach au\u00dferhalb des Ortes. Und verpassen keine Gelegenheit, sich gegenseitig als malaka zu verunglimpfen. Sp\u00e4ter h\u00f6re ich dann doch ein paar Rettungswagen. Auch die fahren stadtausw\u00e4rts. Aber wo ist das Schiff? Sp\u00e4ter im Autoradio ist in den Nachrichten von der Havarie die Rede und in einem anschlie\u00dfenden Interview auch, aber das geht alles zu schnell f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>Es ist wieder ein richtiger Sommertag, geeignet f\u00fcr T-Shirt und Sandalen. Man kann sich sogar auf eine Bank am Hafen in die Sonne setzen. Die Temperatur wird irgendwo mit 15\u00b0, woanders mit 22\u00b0 angegeben. Es f\u00fchlt sich eher nach 22\u00b0 an.<\/p>\n<p>Danach gehe ich dann ein bisschen durch die Stadt. Mir f\u00e4llt auf, wie unendliche viele Apotheken es gibt. An einer Stelle in der Hauptstra\u00dfe sind zwei nur durch ein anderes Gesch\u00e4ft getrennt. \u00dcberall blinkt das gr\u00fcne Kreuz. Die vielen Apotheken bedingen vermutlich die fehlenden Drogerien, oder umgekehrt.<\/p>\n<p>Ich gehe ins Veterano, das zentrale Stadtcaf\u00e9, und besorge mir das typische kretische Geb\u00e4ck. Die Frau, die mich da bedient, macht alles richtig. Sie bleibt bei Griechisch, spricht sehr deutlich, stellt Fragen, erkl\u00e4rt. Unter anderem erkl\u00e4rt sie stolz, dass die Stafithota (die ich jetzt von den Xerotigana unterscheiden kann) ohne Ei und Butter gemacht werden. Wusste gar nicht, dass man so Geb\u00e4ck machen kann.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">28. November (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Heute geht es nach Sitia, noch weiter \u00f6stlich, aber an der Nordk\u00fcste gelegen. Von dem Namen der Stadt ist vielleicht der der Region, Lassithi, abgeleitet, mit italienischem Artikel.<\/p>\n<p>Es geht erst ein ganzes St\u00fcck an der K\u00fcste entlang, und dann landeinw\u00e4rts in die Berge. Die Stra\u00dfe an der K\u00fcste ist manchmal nur durch den Strand vom Meer entfernt. Man k\u00f6nnte durch eine L\u00fccke zwischen den B\u00e4umen direkt ins Meer fahren. Hier sieht man Schilder mit dem Aufdruck Spring Paradise, Hotel Blue Sky, Autovermietung. Alles f\u00fcr die Sommerg\u00e4ste. Alles jetzt geschlossen.<\/p>\n<p>Dann kommt die Einsamkeit der Berge, wie so oft v\u00f6llig \u00fcbergangslos, sobald man die K\u00fcste verl\u00e4sst. Man sieht kaum einen Menschen, kaum ein Haus. In dieser Wildnis ist in einen Felsen s\u00e4uberlich in gro\u00dfen Lettern PASOK eingeritzt, der Name der sozialistischen Partei. Etwas weiter sehe ich zum ersten Mal Menschen bei der Olivenernte. Ein M\u00e4dchen steht unter einem Baum, auf einem breiten, auf den Boden ausgebreiteten Netz, ein Mann f\u00e4hrt mit der Schublade eine Ladung weg. Es ist echte Handarbeit.<\/p>\n<p>Dann kommt Sitia in Sicht, etwas irref\u00fchrend die \u201eWei\u00dfe Stadt\u201c genannt. Die H\u00e4user sind eher pastellfarben, und reihen sich dekorativ am Berghang hintereinander auf.<\/p>\n<p>Mit der weiten Bucht erinnert die Stadt etwas an Agios Nikolaos, sehr sch\u00f6n, mit kleinen Ausflugs- und Fischerbooten im Hafen, st\u00e4mmigen Palmen, mit dem Berg mit den vom venezianischen Kastell \u00fcberragten H\u00e4usern auf der einen und dem nackten Berg auf der gegen\u00fcberliegenden Seite der Bucht.<\/p>\n<p>Es hei\u00dft, dies sei keine touristische Stadt, aber am Hafen reiht sich ein Lokal an das andere, alle jetzt mit einer Winterterrasse, die im Sommer offen ist und mit mehrsprachigen Speisekarten.<\/p>\n<p>Die Touristeninformation am Hafen ist geschlossen, wie immer in Griechenland ohne jedes Hinweisschild auf \u00d6ffnungszeiten. Ein \u00e4lterer Mann spricht mich an und bringt mich zum Arch\u00e4ologischen Museum. Unterwegs l\u00e4sst er sich \u00fcber Griechische und \u00fcber andere Sprachen aus, ohne die Gelegenheit zu verpassen, mich noch einmal daran zu erinnern, wie viele griechische Lehnw\u00f6rter wir in unseren Sprachen haben. Das darf nie fehlen. Er ist aber sehr gebildet und erkl\u00e4rt die Herkunft einiger W\u00f6rter wie Pal\u00e4stina, Apotheke, Humor. Pal\u00e4stina soll von pali, \u201awieder\u2018 und einer altgriechischem Form von <em>sein<\/em> kommen und so etwas wie \u201aich bin wieder da\u2018 bedeuten (was mir etwas weit hergeholt erscheint), Humor ist urspr\u00fcnglich Saft (das moderne griechische Wort, klingt noch \u00e4hnlich, ist mir nie aufgefallen) und Apotheke soll von Gift kommen (was mir total einleuchtet).<\/p>\n<p>Als er h\u00f6rt, dass ich in Myrtos bin, sagt er mir, ich m\u00fcsse unbedingt in das Lokal ganz in der Mitte gehen, da, wo auch die Einheimischen hingingen. Er kommt nicht auf den Namen. Mirtos, sage ich. Nein, so hie\u00dfe das nicht. Es geht eine ganze Zeit hin und her und ich versuche ihm begreiflich zu machen, dass es hier nur diese eine richtige Dorfkneipe gebe. Nein, das Lokal habe den Namen einer Frau. Katerina, sage ich. Nein, auch nicht. Dann f\u00e4llt es ihm ein: \u03a6\u03c9\u03c4\u03b5\u03b9\u03bd\u03ae! Ich sage, wohl etwas zu heftig, das gebe es nicht, das k\u00f6nne nicht in Myrtos sein. Doch, er sei oft da gewesen. Irgendwann lassen wir es dann dabei bleiben und ich verspreche, mich zu erkundigen.<\/p>\n<p>Als wir dann fast am Arch\u00e4ologischen Museum angekommen sind, wechselt er auf Deutsch. Er spricht tats\u00e4chlich sehr gut Deutsch und es ist mir jetzt etwas peinlich, dass ich so auf Griechisch beharrt habe. Er kennt Trier, wei\u00df, dass Saarbr\u00fccken nicht weit ist und wei\u00df sogar von dem alten Trierer Postulat, \u00e4lter als Rom zu sein. Damit entl\u00e4sst er mich ins Museum.<\/p>\n<p>Das Museum ist in einem Bungalow untergebracht, fast am Ortsausgang, umgeben von Autowerkst\u00e4tten. Es ist hell und hat gute Beschreibungen, aber man muss Geduld haben. Ich bin die ganze Zeit der einzige Besucher, und man l\u00e4sst mich auch alleine, da alles in Vitrinen ist.<\/p>\n<p>Das wertvollste St\u00fcck des Museums \u2013 das ich aber nicht als solches erkannt h\u00e4tte \u2013 steht gleich am Anfang, abgesondert von dem Rest. Es ist eine J\u00fcnglingsstatuette. Sie ist sehr gro\u00df und sehr schlank, mit langen, feinen Zehen und Fingern, vermutlich das Sch\u00f6nheitsideal der Zeit abbildend. Die Statue ist aus Nashornelfenbein und sehr fein gearbeitet, mit genau modellierten Muskeln und Sehnen und einem l\u00e4nglichen, geflochtenen Zopf am Kopf. Die Augen sind aus Felskristall, und an den F\u00fc\u00dfen sieht man Reste von Sandalen aus ganz feinem Gold. Die Figur stammt aus der sp\u00e4tminoischen Zeit und wurde, wie alle Exponate hier, hier im Osten Kretas gefunden, in diesem Fall in Palekastro.<\/p>\n<p>Schon ganz fr\u00fch, in vorgeschichtlicher Zeit, gab es Kontakte nach au\u00dferhalb von Kreta, vor allem zu den Kykladen. Bei der Keramik ist unter den ganz fr\u00fchen Funden ist ein winziges Modell eines Schiffs, wirklich wie eine Nussschale aussehend. Sollten sie wirklich mit solchen Schiffen \u00fcber das Meer gefahren sein? Unglaublich. Aus den Kykladen wurde schon in der Jungsteinzeit Obsidian eingef\u00fchrt, aus dem Schneiden gefertigt wurden, und die Gr\u00e4ber eines fr\u00fchminoischen Friedhofs in Hagia Photia, ganz hier in der N\u00e4he, sind wie die auf den Kykladen: ein Vorraum trennte das eigentlich Grab ab, das mit einer Mauer verschlossen wurde. Unter den Grabfunden sind Dutzende von Weihrauchbrennern, mit sch\u00f6n eingeritzten Mustern an der Oberfl\u00e4che. Der Friedhof wurde schon 2,500 v. Chr. aufgegeben!<\/p>\n<p>Auch toll die Funde aus einem Schiffswrack. Das Schiff fuhr von Kreta nach Kreta, von einem Ort an einen anderen. So wurde der Kontakt zwischen den Pal\u00e4sten gepflegt. Es gibt eine gro\u00dfe Menge von riesigen Amphoren, die hier gefunden wurden. Mit deren Hilfe betrieb man Warenaustausch. Auf einem Bild sieht man, wie die Amphoren, in Reihen \u00fcbereinander, an der Schiffswand befestigt waren, mit Schn\u00fcren oder Lederb\u00e4ndern an der Wand befestigt und untereinander verbunden!<\/p>\n<p>An der Keramik aus der Vorpalastzeit kann man sch\u00f6n die Entwicklung ablesen: Im Laufe der Zeit werden die Gef\u00e4\u00dfe immer unterschiedlicher in Form und Gr\u00f6\u00dfe, Zeichen der Spezialisierung und der sozialen Distinktion. Die ersten Gef\u00e4\u00dfe haben keinen Griff, dann gibt es einen Griff, dann zwei, dann Schnabel, dann Deckel. Die Dekorationen sind erst geometrisch, dann floral, und die Farben \u00e4ndern sich aus: von schwarz und hellbraun \u00fcber gemasert bis zu wei\u00dfer Farbe auf dunklem Grund.<\/p>\n<p>H\u00e4user bestanden schon damals aus Stein. Nur das Dach und die Zwischenw\u00e4nde waren aus Riet.<\/p>\n<p>Beeindruckend auch die Sammlung von Siegeln, gefunden in dem Friedhof von Petras. Auch hier gro\u00dfe Bandbreite. Erst einfache Zylinder aus Nashorn, dann Siegel aus weichen Materialien wie Steatite, dann aus harten Materialien wie Agate oder Amethyst und dann aus Edelmetall und sp\u00e4ter, nach der zweiten Katastrophe, wieder zur\u00fcck zu den weichen Materialien! Man sieht Siegel mit Darstellungen von Hunden, L\u00f6wen und hybriden Wesen, aber auch mit Hieroglyphen. Das Gold wurde importiert, aber in Kreta verarbeitet! Auch die Funktionen waren unterschiedlich: Eigentum markieren ist wohl die zentrale: \u201eDas geh\u00f6rt mir, lass die Finger davon!\u201c.\u00a0 Es galt aber auch als Garantie f\u00fcr Qualit\u00e4t, Gewicht, Herkunft \u2013 ganz \u201emoderne\u201c Konzepte. Man will schlie\u00dflich wissen, was man sich da einhandelt. Und dann konnten Siegel auch eine Autorisierung bedeuten, Zugang zu Orten oder Dienstleistungen gew\u00e4hren, wie ein moderner Ausweis. Und neben all den praktischen Funktionen entwickelten sie dann auch magische Funktionen und wurden als Gl\u00fccksbringen getragen, teils zu Armreifen oder Halsketten aneinandergereiht. Daher auch die Funde in den Gr\u00e4bern.<\/p>\n<p>Auch bei den Kochutensilien kann man sch\u00f6n die Verschiedenheit sehen: flache, offene Tonschalen und hohe, nach oben sich verengende T\u00f6pfe dienten unterschiedlichen Zubereitungsformen. Besonders sch\u00f6n sind zwei \u201eGrills\u201c, die Formen des modernen Grills um Jahrtausende vorwegnehmend. Woher wei\u00df man, dass diese Vorrichtungen zum Kochen dienten? \u00dcberall wurden Speisereste gefunden. Auf einem der Grills sogar ein Kaninchenkopf.<\/p>\n<p>Viele der Funde aus der Palastzeit stammen aus Zakros, einem der vier gro\u00dfen minoischen Zentren, ganz im Osten. Er hatte den gleichen Grundriss wie die anderen Zentren, aber im Gegensatz zu denen war der nicht gepl\u00fcndert worden, als man ihn entdeckte.<\/p>\n<p>Ein weiteres Schmuckst\u00fcck der Ausstellung ist eine Pyxis, eine Art Schatulle, die vermutlich einer Priesterin geh\u00f6rte und zum Aufbewahren von rituellen Objekten diente. Die Pyxis ist ziemlich klein, wei\u00df, es sieht wie Elfenbein aus, aber ich bin nicht sicher. Auf der Oberseite, nicht ganz erhalten, sieht man eine Gottheit, auch weiblich, und zwar deren Epiphanie. Deshalb taucht sie zweimal auf, einmal von Himmel herabsteigend, einmal auf der Erde angekommen. Vier Menschen treten auf sie zu.<\/p>\n<p>Auch die Votivfiguren stellen fast ausschlie\u00dflich weibliche Gottheiten dar, meistens mit \u00fcber der Brust gekreuzten H\u00e4nden. Viele der Figuren \u00e4hneln sich. Das liegt daran, dass man inzwischen Gussformen hatte und so in die Massenproduktion eintreten konnte.<\/p>\n<p>Aus Zakros und Petras gibt es schlie\u00dflich Dutzende von Schriftt\u00e4felchen mit Zeichen der Linear A-Schrift, aus der Bronzezeit. Sie ist nicht entziffert, aber man hat das Zeicheninventar ungef\u00e4hr beschreiben k\u00f6nnen. Es gibt ca. 100 unterschiedliche Zeichen, und es handelte sich vermutlich um eine Silbenschrift. Einige der Zeichen sind identisch mit denen von Linear B (entziffert), aber sie k\u00f6nnen v\u00f6llig andere Bedeutungen gehabt haben. Es k\u00f6nnten sogar zwei verschiedene Sprachen sein, die mit den verschiedenen Schriften wiedergegeben wurden. Man kann einige Zeichen \u201eerkennen\u201c, aber ob sie wirklich darstellen, was sie zeigen, wei\u00df man nat\u00fcrlich nicht. Einige Zeichenkombinationen, glaubt man, stehen f\u00fcr Wein Vieh, Getreide. Immer wieder kann man Zahlen erkennen, oft ganz primitiv: IIII. Und die Anordnung l\u00e4sst wirklich so etwas wie Listen vermuten, f\u00fcr Handel oder Inventar.<\/p>\n<p>Als ich wieder aus dem Museum komme, ist es richtig sch\u00f6n sonnig und warm. Man kann sich auf die Steinb\u00e4nke am Hafen in die Sonne setzen. Im T-Shirt. Ende November. Nicht schlecht.<\/p>\n<p>Hier, am Hafen, gibt es eine seltsame Installation, in einem gro\u00dfen, begehbaren, aber jetzt verschlossenen Glaskasten mit seltsamen hieroglyphenartigen Zeichen au\u00dfen. Drinnen liegt eine runde Steinplatte. Und drau\u00dfen steht, dass es sich um einen \u201eminoischen Rechner\u201c handele.<\/p>\n<p>Ganz in der N\u00e4he das Denkmal f\u00fcr Kornaros, einen Renaissancedichter, der als einer der wichtigsten Kretas gilt. Er wird immer als der Verfasser des <em>Erotokritos<\/em> genannt, heute Schulstoff, mit Zeilen, die jedes kretische Kind auswendig kennt. Das Denkmal ist eine bizarre Installation aus verschiedenen Elementen: dem Kopf des schlafenden (oder toten) Dichters (oder des Helden eines Werkes) im Relief auf einer Marmorplatte, Bronzeplatten, die Szenen aus einem Werk darstellen (sieht eher mittelalterlich aus, mit fahrenden Rittern und Minnes\u00e4ngern), einem eisernen, flachen Modell des Kastells von Sitia und einer modernen Skulptur mit einem vergoldeten, zum Himmel zeigenden Pfeil. Da m\u00fcsste man das Werk kennen, um einen Zusammenhang zu entdecken.<\/p>\n<p>Ich klettere dann die steilen Stra\u00dfen zum Kastell hoch, das hier nicht, wie in Ierapetra, direkt am Meer liegt. Was die strategische \u00dcberlegung dabei war, kann\u00a0 ich mir nicht erkl\u00e4ren. Sitia ist eine ganz und ganz venezianische Stadt. Die Venezianer wollten hier ihr viertes Standbein auf Kreta errichten, aber das scheiterte an Erdbeben und Br\u00e4nden. Die Stadt verfiel dann und wurde erst von den T\u00fcrken wieder aufgebaut. Auch die hatten gro\u00dfe Pl\u00e4ne mit Sitia, aber die scheiterten an der kretischen Unabh\u00e4ngigkeit.<\/p>\n<p>Verwirrung bei der Bezeichnung des Kastells: Ich frage nach \u03ba\u03ac\u03c3\u03c4\u03c1\u03bf, die Leute sagen \u03c6\u03c1\u03bf\u03cd\u03c1\u03b9\u03bf, und oben steht \u039a\u03b1\u03b6\u03ac\u03c1\u03bc\u03b1. Das scheint aber hier als Eigenname verwendet zu werden, obwohl es wie <em>Kaserne<\/em> klingt und wohl von italienisch <em>caserma<\/em> abgeleitet ist.<\/p>\n<p>Viel zu sehen gibt es nicht. Selbst die 2 \u20ac Eintritt scheinen noch zu viel. Man sieht, dass es sich noch um ein durch und durch mittelalterliches Kastell handelt, rechteckig, mit geraden Mauern. Das Tor f\u00fchrt in den Innenhof, und erst hinten im Innenhof befinden sich die eigentlichen R\u00e4ume, auf zwei Stockwerken. Von oben hat man einen sch\u00f6nen Blick auf die Stadt und den Hafen. Im Innenhof gibt es eine Wiese voller G\u00e4nsebl\u00fcmchen und zwei sehr sch\u00f6ne B\u00e4ume. Das ist fast sehenswerter als die Mauern.<\/p>\n<p>Mit der Frau, die hier den Eintritt kassiert \u2013 man fragt sich, was sie den ganzen Tag macht \u2013 habe ich wieder eins der obligatorischen Gespr\u00e4che, bei der die Griechen ganz ihre Verwirrung zeigen angesichts von Fremden, die Griechisch sprechen wollen. Ich gr\u00fc\u00dfe, ich frage, ob man das Kastell besichtigen kann, ich sage, dass ich eine Eintrittskarte haben will und frage nach dem Preis, alles auf Griechisch, und sie sagt. <em>Two euros<\/em>. Als ich dann sage, ich verst\u00fcnde nicht, wiederholt sie <em>Two euros<\/em>. Als ich dann sage, ich spr\u00e4che kein Englisch, f\u00e4llt ihr Gesicht zusammen: Was macht man mit einem Fremden, der kein Englisch spricht? Sie sieht regelrecht hilflos aus. Ich sehe sie an und sage dann in fragendem Ton: \u0395\u03bb\u03bb\u03b7\u03bd\u03b9\u03ba\u03ac. Worauf hin sie sagt, Ach, Sie sprechen Griechisch. Auf Englisch.<\/p>\n<p>Nach dem Kastell frage ich mich nach dem Folkloremuseum durch, aber als ich dort ankomme, ist es geschlossen. Wieder keine Information zu \u00d6ffnungszeiten.<\/p>\n<p>Also mache ich mich auf den Weg zum Kloster Toplou, dem zweiten Ziel, ber\u00fchmt f\u00fcr seine Ikonen. Die Landschaft wird immer dramatischer und die H\u00f6henunterschieden zwischen Tal und Berg immer gr\u00f6\u00dfer. Mitten in der Einsamkeit taucht dann auf einmal Toplou auf. Auf der einen Seite der Stra\u00dfe eine kleine Kapelle, auf der anderen ein Ensemble von Geb\u00e4uden: eine renovierte Windm\u00fchle, Wirtschaftsgeb\u00e4ude, Kloster, Kirche mit Turm und Museum. Alles ziemlich klein und festungsartig aussehend. Die Atmosph\u00e4re ist ganz unwirklich. Alles sieht wie ausgestorben aus. Ich traue mich kaum durchs erste Tor. Kein Mensch, kein Laut. Man kommt in einen gepflegten Innenhof. Man hat das Gef\u00fchl, im Mittelalter zu sein, obwohl das Geb\u00e4ude j\u00fcnger ist. Es geht dann durch noch ein Tor. Da ist ein Schild mit \u00d6ffnungszeiten. Denen zufolge m\u00fcsste jetzt ge\u00f6ffnet sein. Es gibt einen ganz schmalen, aber stockfinsteren Gang, und da traue ich mich nicht rein. Vielleicht ist besser, nach der Mittagspause wiederzukommen.<\/p>\n<p>Also geht es erst weiter nach Vai. Schon der Name ist ungew\u00f6hnlich f\u00fcr griechische Verh\u00e4ltnisse. Ich kenne sonst gar keinen Ort mit einem einsilbigen Namen. Die griechische Schreibweise sieht noch komischer aus: \u0392\u03ac\u03b9. Eigentlich ist dies kein Ort, sondern nur der Name des Strands, eines Palmenstrands, eines der ganz wenigen in Kreta. Der Palmenwald selbst ist abgesperrt. Nachdem Hippies und wilde Camper hier ihr Unwesen getrieben hatten, griffen die Beh\u00f6rden einfach ein und zogen einen Zaun um den Wald. Der Strand ist aber, mit seinen Palmen, frei zug\u00e4nglich. Es gibt einen Parkplatz mit markierten Stellfl\u00e4chen. Aber kein Auto. Ich muss selbst lachen, als ich mich genau in eine der markierten Fl\u00e4chen stelle. Hier gibt es Erfrischungsst\u00e4nde, Duschen, Toiletten, Imbissbuden. Alles geschlossen. Am Strand ist dann aber tats\u00e4chlich jemand: eine junge Frau mit drei jungen M\u00e4nnern, alle sonnengebr\u00e4unt, wei\u00df gekleidet und mit Astralk\u00f6rpern. Der Strand \u00a0ist wirklich wunderbar: ganz, ganz klares, durchsichtiges Wasser, ganz feiner, heller Sand, sehr dekorative Palmen auf der einen und Felsen auf der anderen Seite der Bucht. Man kann zwischen den Felsen auf eine Aussichtsplattform hinaufkraxeln. Zum ersten Mal habe ich eine ganz schwache Erinnerung, zum ersten Mal kommt mir etwas bekannt vor. Ich m\u00fcsste all dies kennen von der ersten Kretareise, vor vielen Jahren. Wir haben vermutlich sogar in Sitia \u00fcbernachtet, da am selben Tag auch noch Kato Zakros auf dem Programm stand und das alles von Heraklion kaum zu machen ist. Aber es nichts, nicht mehr da, bis auf einen Kletterweg zwischen Felsen am Meer.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg nach Toplou mache ich an einem Restaurant Halt, aber auch das ist geschlossen. In Toplou steht jetzt vor der Einfahrt ein Auto, das vorher nicht da war, und aus einem Raum in ersten Stock kommt Musik \u2013 sehr profane Musik. Aber wieder kann ich niemanden erreichen, auch mit den T\u00fcrklopfern und meinen Rufen nicht. Ich fahre in die Weinkellerei auf der anderen Seite der Stra\u00dfe. Auch die geh\u00f6rt dem Kloster, genauso wie der Palmenstrand von Vai und weite Anbaufl\u00e4chen der Umgebung. Hier schelle ich bei der Weinprobe. Es wird sogar ge\u00f6ffnet. Ich beschreibe mein Anliegen, und der Mann greift sofort zum Handy. Nach einem kurzen Gespr\u00e4ch sagt er mir, in triumphierenden Ton: Geschlossen. Auf meine Frage, wann denn ge\u00f6ffnet sei, sagt er: \u03c4\u03bf \u03ba\u03b1\u03bb\u03bf\u03ba\u03b1\u03af\u03c1\u03b9 \u2013 im Sommer.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg lande ich unfreiwillig in Palekastro, ein stiller Ort, der aber auch viele Individualtouristen anzieht. Er liegt zwar nicht am Meer, aber nicht weit von Vai und hat au\u00dferdem eine gro\u00dfe Ausgrabungsst\u00e4tte. Von all dem ist aber jetzt nichts zu merken. Von den vier im Reisef\u00fchrer empfohlenen Lokalen sind die ersten drei geschlossen, aber im vierten bekomme ich etwas zu essen. Trotz eines Missverst\u00e4ndnisses: Die Wirtin will wissen, welches Souvlaki ich will, ob Schwein oder H\u00e4hnchen, und ich meine, sie will wissen, ob ich Souvlaki oder H\u00e4hnchen will. Klappt aber irgendwie doch.<\/p>\n<p>Ich bin der erste Gast, aber dann kommt eine Frau und fragt mit unverkennbar italienischem Akzent, ob es etwas zu essen gebe. Dann holt sie ihre Begleiter, den Freund und die Nonna, die nicht mehr so gut zu Fu\u00df ist und kein Englisch kann. Sie k\u00fcmmern sich liebevoll um sie, helfen ihr die Treppen rauf, r\u00fccken ihr den Stuhl zurecht, erkl\u00e4ren, welche Speisen es gibt und bestellen f\u00fcr sie eigens Brot ohne Sesam.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Auto sehe ich am Ortsrand einen blauen Metallkasten mit vielen kleinen Schlie\u00dff\u00e4chern und der Aufschrift \u0395\u03bb\u03bb\u03b7\u03bd\u03b9\u03ba\u03ac \u03a4\u03b1\u03c7\u03c5\u03b4\u03c1\u03bf\u03bc\u03b5\u03af\u03b1 \u2013 <em>Griechische<\/em> <em>Post<\/em>. Kann eigentlich nur bedeuten, dass der Brieftr\u00e4ger nicht in jedes Haus geht, sondern die Post hier deponiert, wo sie von den Adressaten abgeholt werden kann.<\/p>\n<p>Ierapetra sieht wie ausgestorben aus. Und es ist schon merkw\u00fcrdig dunkel. Dabei ist es gerade f\u00fcnf Uhr, als ich hier durch komme. Auch in dem Supermarkt, wo sonst immer viel Betrieb ist, ist es sehr ruhig. Als ich raus komme, beginnt es zu regnen. Und das ist der Moment, in dem ich mich an die W\u00e4sche erinnere, die ich drau\u00dfen h\u00e4ngen habe. Und das ist das Zeichen f\u00fcr den Himmel, die Schleusen so richtig zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">29. November (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Das Wort des Tages ist \u03bb\u03ac\u03c3\u03c0\u03b7, \u201aSchlamm\u2018. Der gestrige Regen hat Steine und Schlamm auf die Stra\u00dfe gesp\u00fclt, und ich muss beim Laufen aufpassen, dass ich nicht einsacke oder ausrutsche. Sagenhaft, und das auf einer normalen Stra\u00dfe. Ich muss mir f\u00fcr die Zukunft alternative Strecken ausdenken, sage ich mir, aber siehe da: Auf dem R\u00fcckweg kommt mir ein Bulldozer entgegen. Der beseitigt den Schlamm. Das letzte St\u00fcck ist schon wieder frei. Trotzdem komme ich mit schweren, klumpigen, verdreckten Schuhen nach Hause.<\/p>\n<p>Der Kaffee im Mirtos wird heute wieder von Jana serviert. Sie ist von der Reise zur\u00fcck. Costa Rica habe ihr gut gefallen: gr\u00fcn, nicht gef\u00e4hrlich. Sie haben eine Rundreise gemacht, selbst organisiert, alle zwei Tage an einem anderen Ort. Sie kann Italienisch und deshalb viele spanische W\u00f6rter ableiten, aber keinen Zusammenhang verstehen. Wir kommen auf Fremdsprachen zu sprechen und sie sagt, wie alle, dass das schelle Sprechen ein Hindernis sei f\u00fcr Ausl\u00e4nder. Und die Dialekte. Ich lasse mich auf keine Diskussion ein, erfahre aber zum ersten Mal eine lexikalische Variante des kretischen Griechisch: aus \u03b5\u03b4\u03ce [edo] wird \u03b5\u03c0\u03ac\u03b5 [epe] oder \u03b5\u03c0\u03ac [epa]. Der kleine Mann, der immer im Mirtos ist, schaltet sich ein und sagt, was alle Griechen sagen, alle, wenn es um Fremdsprachen geht: dass es unz\u00e4hlige griechische W\u00f6rter in allen anderen Sprachen gibt. Man versucht sich dann gegenseitig zu \u00fcbertreffen: <em>Tausende! \u2013 Zehntausende! <\/em><\/p>\n<p>Ich frage, wie das Mirtos fr\u00fcher gehei\u00dfen habe. Genauso. Dann erz\u00e4hle ich, etwas umst\u00e4ndlich, von dem Fremden in Sitia, der mir ein Lokal in Myrtos empfohlen habe, in das ich unbedingt gehen solle. Sie z\u00e4hlt ein paar Lokale auf, das gesuchte ist nicht dabei. Ich sage, dass es sich wie ein weiblicher Vorname anh\u00f6rte. Katerina? Nein, auch nicht. Eher klassisch. Dann f\u00e4llt es ihr wie Schuppen von den Augen: \u03a6\u03c9\u03c4\u03b5\u03b9\u03bd\u03ae! Ja, so hie\u00df es. Hab ich aber noch nie geh\u00f6rt. Des R\u00e4tsels L\u00f6sung: Photini ist der Name von Janas Mutter. Die hat fr\u00fcher das Mirtos betrieben, und die Dorfbewohner nannten es nat\u00fcrlich nicht Mirtos, sondern nach der Wirtin: Wir gehen zu Photini.<\/p>\n<p>Jana nutzt die Gelegenheit, anhand der Bilder hinter der Theke die griechische Namenstradition zu erkl\u00e4ren: Auch ihre Tochter hei\u00dft Photini, wie ihre Mutter; ihr Sohn hei\u00df Giorgos, wie der Vater des Mannes.<\/p>\n<p>Jana hat mir den Mund w\u00e4ssrig gemacht mit der Ank\u00fcndigung, heute gebe es Stifado. Der stammt aus der Zeit, als man noch zu Hause das Brot backte und den Stifado gleich mit in den Ofen setzen konnte. Der braucht eine lange Garzeit. Eigentlich ist es ein Schmortopf, hier im Mirtos gibt es eine abgespeckte Version davon, nur Fleisch und Zwiebelgem\u00fcse, zu gleichen Teilen. Wein, Lorbeer und verschiedene Kr\u00e4uter geh\u00f6ren dazu. Die Kartoffeln gibt es hier als Beilage \u2013 als Pommes frites &#8211; eigentlich geh\u00f6ren sie in den Schmortopf. Man macht den Stifado aus verschiedenen Fleischsorten, Jana macht ihn mit Kaninchenfleisch. Das Fleisch ist ganz zart, die So\u00dfe sehr lecker. Nur das mit den Pommes frites als Beilage gef\u00e4llt mir nicht.<\/p>\n<p>In der letzten Zeit h\u00f6rt man hier im Haus laute Stimmen, fr\u00fchmorgens und sp\u00e4tabends. Da ich noch weniger als sonst verstehe, nehme ich an, dass es ein griechischer Dialekt ist, aber nein, es muss eine andere Sprache sein. Am Abend klopft es dann laut an meiner T\u00fcr, so energisch, dass ich glaube, die Polizei stehe vor der T\u00fcr. Ich mache auf. Es sind drei oder vier verdutzt aussehende M\u00e4nner, die nur Sorry \u00fcber die Lippen bringen. Sie suchten vermutlich nach ihren Kumpeln, die hier in einem anderen Zimmer untergebracht sind. Albanische Gastarbeiter?<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">30. November (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Zwei neue, ganz einfache Ausdr\u00fccke gelernt in den letzten beiden Tagen, n\u00fctzlich: \u03ad\u03c4\u03c3\u03b9 als Antwort auf eine Frage, warum man etwas gemacht habe, \u201anur so\u2018, und \u03b5\u03b3\u03ce, \u201aich\u2018 als Antwort auf <em>danke<\/em>.<\/p>\n<p>Die Wetterlage verschlechtert sich. Den ganzen November ist es allm\u00e4hlich bergab gegangen, und im Dezember wird es hin und wieder einstellige Temperaturen geben. Die durchschnittliche Tiefsttemperatur ist dann aber immer noch 10\u00b0. Heute ist es warm, aber sehr windig, erst sp\u00e4ter kommt die Sonne raus. Morgen soll vorerst der sch\u00f6nste Tag sein, vielleicht noch mal eine Gelegenheit f\u00fcr einen Ausflug. Wenn man den Daten trauen kann, ist die Wassertemperatur im Dezember immer noch 18\u00b0.<\/p>\n<p>Heute auf das Wort \u03b1\u03c0\u03bf\u03c3\u03c4\u03c1\u03bf\u03c6\u03ae gesto\u00dfen und gelernt, dass es \u201aAbscheu\u2018 bedeutet. Was hat der arme Apostroph getan, solch eine Bedeutung zu erlangen? Auf Griechisch hei\u00dft es \u03b1\u03c0\u03cc\u03c3\u03c4\u03c1\u03bf\u03c6\u03bf\u03c2 \u2013 andere Betonung, andere Endung.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1. Dezember (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Im Autoradio erwische ich immer nur lokale Sender. Die haben meistens Musik, dazwischen H\u00f6reranrufe und Werbung, kaum Nachrichten. Die Musik ist praktisch immer griechisch. Soll mir recht sein. In der Werbung verstehe ich immer wiederkehrende W\u00f6rter wie <em>Angebot<\/em>, <em>Produkte<\/em>, <em>Preise<\/em>, aber nie den gesamten Werbespot. Oft bleibe ich an einem Wort h\u00e4ngen, und dann verpasse ich den Rest. So geht es mir heute bei \u03b1\u03bd\u03c4\u03b1\u03bb\u03bb\u03b1\u03ba\u03c4\u03b9\u03ba\u03ac.Das kommt so oft vor, dass ich es behalte und sp\u00e4ter nachschlagen kann. Es bedeutet \u201aErsatzteile\u2018.<\/p>\n<p>Ein besonderes Ph\u00e4nomen sind Zahlen. Die sind \u00fcberall pr\u00e4sent. Ich verstehe sie alle, brauche aber zu lange, um sie zu verarbeiten, und schon habe ich wieder den Rest verpasst. Zahlen gibt es f\u00fcr Ma\u00dfe, Preise, Telefonnummern, Einheiten.<\/p>\n<p>Als ich bei den H\u00f6reranrufen \u03ba\u03b1\u03bb\u03cc \u03bc\u03ae\u03bd\u03b1 h\u00f6re, \u201aguten Monat\u2018, merke ich, dass heute der 1. Dezember ist. Ein ungew\u00f6hnlicher Gru\u00df. Ich kenne keine Sprache, in der man sich einen guten Monat w\u00fcnscht. Hier im Radio h\u00f6re ich es aber ein paarmal. Scheint nicht ungew\u00f6hnlich zu sein.<\/p>\n<p>Unterwegs sieht man immer wieder alte M\u00e4nner, immer alleine, oft mit Spazierstock, am Rande der Stra\u00dfe in der kretischen Wildnis. Was machen die hier? Sind es Spazierg\u00e4nge? Warum suchen sie sich dann keine sch\u00f6neren Wege aus? Oder gehen sie wirklich bis zum n\u00e4chsten Ort?<\/p>\n<p>Wieder komme ich heute an mehreren geschlossenen Tankstellen vorbei. Noch \u00f6fter aber an ge\u00f6ffneten. Alle Naselang gibt es eine. Das erkl\u00e4rt wohl auch, dass so viele geschlossen sind. Es gibt einfach zu viele. Ist das schlechte Planung oder Folge der Wirtschaftskrise? Ausgerechnet in dem Ort, wo ich eine suche, in Pyrgos, gibt es keine. Ich muss umkehren und lerne dabei das Wort \u03bc\u03bf\u03bd\u03cc\u03b4\u03c1\u03bf\u03bc\u03bf\u03c2, \u201aEinbahnstra\u00dfe\u2018. V\u00f6llig einleuchtend.<\/p>\n<p>Wieder auf der Hauptstra\u00dfe finde ich dann aber sofort eine, in der N\u00e4he eines Kreisverkehrs. Ich brauche dringend eine, nicht weil das Benzin knapp ist, sondern weil ich nur noch einen Hunderter habe, einen \u03b5\u03ba\u03b1\u03c4\u03bf\u03c3\u03c4\u03ac\u03c1\u03b9\u03ba\u03bf, und den bekommt man sonst kaum gewechselt. Gr\u00f6\u00dfere Scheine gewechselt zu bekommen ist weiterhin ein Problem, wenn auch nicht mehr so akut wie zu Zeiten der Drachme. Oft gehen Verk\u00e4ufer nach nebenan, um zu wechseln oder greifen in ihre Privatschatulle. Aber einen Kaffee mit einem Hunderter zu bezahlen, das traut man sich doch nicht. An der Tankstelle klappt es dann problemlos. Als ich feststelle, dass ich keinen Kuli bei mir habe, gehe ich in die Tankstelle und frage, ob sie Kulis verkaufen. Nein, tun sie nicht, sie haben nur \u03b1\u03bd\u03c4\u03b1\u03bb\u03bb\u03b1\u03ba\u03c4\u03b9\u03ba\u03ac. Der Mann sucht auf irgendeinen Schreibtisch herum, fischt irgendwo einen Kuli raus und dr\u00fcckt ihm mir in die Hand. Einfach so. Ohne Bezahlung.<\/p>\n<p>An der Tankstelle steht auf einem Schild: \u03ba\u03c5\u03c1\u03b9\u03b1\u03ba\u03ae \u03b1\u03bd\u03bf\u03b9\u03ba\u03c4\u03ac \u2013 sonntags ge\u00f6ffnet. Auf den ersten Blick nichts Besonderes, aber jetzt f\u00e4llt mir auf, das \u039a\u03c5\u03c1\u03b9\u03b1\u03ba\u03ae auch ein Wort ist, dass drei verschiedene Buchstaben f\u00fcr \/i\/ benutzt: Ypsilon, Jota, Eta. Ein besseres Beispiel als Z\u00fcrich. Dann frage ich mich, warum das Adjektiv im Plural steht, Neutrum Plural. Oder ist es das Adverb? Und dann f\u00e4llt mir noch die Variation bei \u03b1\u03bd\u03bf\u03b9\u03c7\u03c4\u03ac auf: Es kann wahlweise &lt;k&gt; oder &lt;x&gt; haben, und entsprechend gibt es auch zwei Formen der Aussprache: \/k\/ und \/x\/. Das kommt in einer ganzen Reihe von W\u00f6rtern vor. Dazu geh\u00f6ren auch gestern und au\u00dfer. Eigentlich ist das weiter kein Problem, aber ich bin beim Zuh\u00f6ren schon mal \u00fcber\u00a0 \u03b1\u03bd\u03bf\u03b9\u03ba\u03c4\u03cc gestolpert, weil ich \u03b1\u03bd\u03bf\u03b9\u03c7\u03c4\u03cc erwartet hatte. Und die neue Form kam mir wie ein unbekanntes Wort vor.<\/p>\n<p>Bei der Weiterfahrt passiere ich ein Schild, das einen Bezug zu den Stra\u00dfenbauma\u00dfnahmen zu tun hat, die hier von Seite des Staates durchgef\u00fchrt werden. Oben auf dem Schild steht \u0395\u03bb\u03bb\u03b7\u03bd\u03b9\u03ba\u03ae \u0394\u03b7\u03bc\u03bf\u03ba\u03c1\u03b1\u03c4\u03af\u03b1 \u2013 Griechische Republik. Das hei\u00dft also, dass <em>Demokratie<\/em> das griechische Wort f\u00fcr \u201aRepublik\u2018 ist und gleichzeitig auch noch \u201aDemokratie\u2018 bedeutet! Und wie benennt man Demokratien, die keine Republiken sind?<\/p>\n<p>Die Fahr geht heute, unter Ausnutzung des letzten sch\u00f6nen Sonnentages, Richtung Westen, nach Gortyn (bzw. Gortys bzw. Gortyna) und Phaistos (bzw. Festos). Die Fahrt zieht sich hin, obwohl es bis zum ersten Ziel gerade mal achtzig Kilometer sind.<\/p>\n<p>In Gortyn sind statt Touristen die G\u00e4rtner pr\u00e4sent, mit Rasenm\u00e4her und Heckenscheren. Was den beiden zum Opfer f\u00e4llt, wird verbrannt. Mitten auf dem arch\u00e4ologischen Ausgrabungsfeld. Als Tourist bin ich da eher st\u00f6rend.<\/p>\n<p>Gortyn war <em>die<\/em> r\u00f6mische Stadt auf Kreta. Die R\u00f6mer bauten sie gro\u00df aus und machten sie am Ende zur Hauptstadt einer Gro\u00dfprovinz, zu der Kreta und Libyen geh\u00f6rten! Wie kam Gortyn zu der Ehre? Ganz einfach, sie hatten die R\u00f6mer bei der Eroberung Kretas unterst\u00fctzt!<\/p>\n<p>Gortyn war vorher schon wichtig, aber ausnahmsweise waren die Minoer hier nicht mit von der Partie. Es gibt zwar steinzeitliche Funde, aber zur Stadt wurde Gortyn erst bei den Dorern. Zur r\u00f6mischen Zeit hatte es dann 300.000 Einwohner \u2013 eine Weltstadt!<\/p>\n<p>\u00dcberall auf dem Grabungsfeld sind Bereiche abgesperrt, mit wei\u00df-roten B\u00e4ndern. Das gilt leider, leider auch f\u00fcr die Titus-Basilika. Man kann sie nur durch den Bauzaun sehen. Von hier aus kann man die Mauertechnik nur erahnen \u2013 gro\u00dfe Quader, die zusammengef\u00fcgt werden und nur durch ihre Position die Statik erhalten, auch bei Rundungen und Gew\u00f6lben. Wahrscheinlich war die Basilika au\u00dfen flach gedeckt. Erst innen sah man dann die Gew\u00f6lbe. Der Eindruck muss umso gr\u00f6\u00dfer gewesen sein.<\/p>\n<p>Von der Kirche ist nur noch die Apsis erhalten, und wohl ein kleines Teil des Mittelschiffs. Auf dem Hof davor liegen S\u00e4ulen und Kapitelle in der Gegend herum. Diese Kirche ist gar nicht r\u00f6misch, sondern ein Nachfolgerbau, schon aus der byzantinischen Zeit. Es gab hier aber einen Vorg\u00e4ngerbau, und der begr\u00fcndet die historische Bedeutung des Geb\u00e4udes. Paulus war hier und lie\u00df Titus hier als Bischof zur\u00fcck. Daher der Name. Was allerdings mit Bischof gemeint ist, ist alles andere als klar. Hat nichts mit dem heutigen Konzept zu tun. Jedenfalls begann vor hier, also schon im 1. Jahrhundert, die Christianisierung Kretas.<\/p>\n<p>Das zweite Schmuckst\u00fcck von Gortyn ist das Odeon, nur ein paar Schritte entfernt, ein Saal f\u00fcr musikalische Auff\u00fchrungen. Irgendwo lese ich in diesem Zusammenhang etwas von einem Dach. Ich dachte immer, Odeon und Theater, sowohl bei den Griechen wie bei den R\u00f6mern, w\u00e4ren Freilufteinrichtungen gewesen, aber das ist wohl ein Irrtum. Es ist einiges erhalten: Sitzreihen, B\u00fchnenaufbau und Orchestra, mit farbigen Marmorplatten.<\/p>\n<p>Ich frage mich, wie die beiden Veranstaltungsr\u00e4ume, Kirche und Odeon, sich miteinander vertragen haben. Das Odeon ist zwar \u00e4lter, aber bestimmt haben die beiden nebeneinander existiert. Ging man dann erst zur Messe und war fromm und dann nach nebenan und h\u00f6rte sich zotige heidnische Lieder an? Oder war man in zwei Lager geteilt?<\/p>\n<p>Das wichtigste Teilst\u00fcck des Odeons haben die R\u00f6mer aber unfreiwillig hinterlassen. Ganz hinten, die Quader, die die St\u00fctzmauer des Odeons bilden. Leider ist die durch Gitter abgesperrt und man kann die Quader nur durch die Gitter ansehen und photographieren. Gar nicht so einfach. An der einen Seite ist es zu hell \u2013 die Sonne scheint direkt darauf \u2013 an der anderen zu dunkel. Ich habe aber Gl\u00fcck, und zumindest eins der Photos ist so gut, dass man die Schrift gut erkennen kann.<\/p>\n<p>Die Quader tragen n\u00e4mlich Inschriften, und die sind sowohl wegen ihrer Form als auch wegen ihres Inhalts ganz besonders. In ihnen ist der Rechtskodex von Gortyn eingemei\u00dfelt, in dichten Buchstabenfolgen und eng zusammenstehenden Linien. Die Schrift ist so angeordnet, wie der Ochse das Feld pfl\u00fcgt, n\u00e4mlich von links nach rechts und dann von rechts nach links! Bustrophedon! Folgerichtig zeigen die Buchstaben in jeder zweiten Zeile in die andere Richtung, sind also spiegelbildlich ausgerichtet: aus \u0404 wird \u042d. Der Text, einem dorischen Dialekt, wurde Jahrhunderte vor den R\u00f6mern verfasst. Und die konnten ihn vermutlich nicht lesen. Und dachten sich: Was sollen wir mit dem ollen Zeug? Nehmen wir f\u00fcr die Mauer, bevor wir das Zeug auch noch wegr\u00e4umen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Der Gesetzestext regelt Ehe, Scheidung, Verm\u00f6gensangelegenheiten, Erbschaft, also Fragen, die auch in einem modernen Rechtskodex geregelt werden. Dazu das Verh\u00e4ltnis von Freien und Sklaven, einschl. der Frage der \u201eMischehen\u201c. Dabei sind die Regelungen sehr pr\u00e4zise: Eine Vergewaltigung kostet etwa 1.200 Obolen. Aber nur, wenn der Vergewaltiger ein Freier ist. Wenn der Vergewaltiger ein Sklave ist, kostet sie 2.400. Wir haben es mit einer patriarchalischen Gesellschaft zu tun, aber immerhin: Im Gegensatz zu den griechischen Stadtstaaten wir Athen hatte hier Frauen und Sklaven wenigstens Rechte!<\/p>\n<p>Beeindruckt gehe ich noch ein bisschen \u00fcber das Gel\u00e4nde. Leider ist auch der Bereich abgesperrt, wo die immergr\u00fcne Platane steht. Unter der soll Zeus mit Europa den Minos gezeugt haben!<\/p>\n<p>Vorne am Eingang gibt es eine Reihe von gro\u00dfen, qualit\u00e4tsvollen r\u00f6mischen Statuen, leider auch hinter Gitter und meist kopflos. Bei einer Frauenstatue sieht man, wie eine Kordel unter der Brust vorne einen Doppelknoten bildet und das Gewand zusammenschn\u00fcrt, so dass es sich zusammenzieht.<\/p>\n<p>Frei zug\u00e4nglich steht vor diesem \u201eMuseum\u201c die Sitzstatue eines b\u00e4rtigen Mannes, der wie ein Philosoph aussieht, aber einen Kaiser darstellt, Antoninus Pius.<\/p>\n<p>In der Cafeteria bekomme ich einen grauenvoll schlechten Kaffee f\u00fcr 2 \u20ac und 8 Ansichtskarten f\u00fcr 2,40 \u20ac. Das ist so wenig, dass ich glaube, falsch verstanden zu haben und zur Sicherheit einen Zehner bereit halte.<\/p>\n<p>Wie gro\u00df Gortyn war, erschlie\u00dft sich einem, wenn man das eigentliche Museum verl\u00e4sst und die Durchgangsstra\u00dfe \u00fcberquert. Jenseits davon streckte sich die r\u00f6mische Stadt bis in das heutige n\u00e4chste Dorf hin. Die moderne Stra\u00dfe f\u00fchrt mitten durch die antike Stadt! Hier liegen zwischen Olivenb\u00e4umen r\u00f6mische Steine in der Gegend herum. Die Orientierung ist aber schwer, und als ich von einem Bauarbeiter barsch zur\u00fcckgepfiffen werde, als ich durch ein offenes Tor auf einen Grabungsplatz gehe, gebe ich auf.<\/p>\n<p>Wieder fast an der Stra\u00dfe finde ich dann durch Zufall noch eine ganz andere Kuriosit\u00e4t. Einer der Olivenb\u00e4ume enth\u00e4lt einen r\u00f6mischen Stein, Teil einer S\u00e4ule vermutlich. Der Stein muss irgendwie in die N\u00e4he der Olive geraten sein, vielleicht durch ein Erdbeben, und der Olivenbaum hat sich dadurch nicht einsch\u00fcchtern lassen und ist um den Stein herum gewachsen. Man sch\u00e4tzt den Baum auf 1,600 Jahre!<\/p>\n<p>Weiter geht die Fahrt nach Phaistos, praktischerweise ganz in der N\u00e4he gelegen, aber ganz erh\u00f6ht. Das widerspricht der minoischen Gewohnheit. Es wird ja sonst immer betont, dass die Minoer keine Feinde hatten und ihre Pal\u00e4ste ungesch\u00fctzt in die Ebene bauten. Wie dem auch sei, Phaistos ist einer der <em>Big Four<\/em>.<\/p>\n<p>Oben angelangt, bin ich mal wieder der einzige Besucher auf dem ganzen Gel\u00e4nde. Auf den ersten Blick sieht man nicht so viel, aber das t\u00e4uscht etwas. Die Orientierung f\u00e4llt schwer. Nicht umsonst wurden die minoischen Pal\u00e4ste mit dem Labyrinth in Verbindung gebracht. Nicht, dass man sich hier zwischen den kniehohen Mauern verirren k\u00f6nnte, aber was wo war, ist schwer nachzuvollziehen. Es gibt H\u00f6fe, Vorratskammern, sakrale Orte, Treppen und den eigentlichen Palast, alles irgendwie willk\u00fcrlich angeordnet und heute meist nur durch die Beschriftungen als solche zu identifizieren. Wenn schon der Begriff Palast problematisch ist, dann sind es noch mehr solche Benennungen wie Megaron des K\u00f6nigs oder Megaron der K\u00f6nigin. Hier gibt es sogar einen des Prinzen. Man hat einfach gesagt: der gr\u00f6\u00dfte f\u00fcr den K\u00f6nig, der zweite f\u00fcr die K\u00f6nigin, der dritte f\u00fcr den Prinzen.<\/p>\n<p>Zur Verwirrung kommt hier noch hinzu, dass man zwischen altem und neuem Palast unterscheiden muss und der neue nicht einfach auf dem Mauern des alten errichtet wurde. Die wichtigsten Funde stammen aber alle aus dem alten Palast, so dass man spekuliert, dass sich bei dem neuen Palast die zentralen Einrichtungen gar nicht mehr hier, sondern in Agia Triada, hier ganz in der N\u00e4he, befanden.<\/p>\n<p>Es dauert eine Zeit, bis ich \u00fcberhaupt den zentralen Hof entdeckt habe, ein gro\u00dfer, rechteckiger Platz mit S\u00e4ulenst\u00fcmpfen zu beiden Seiten. Das Ende ist regelm\u00e4\u00dfig, auch wenn es hinten nicht so aussieht. Das liegt daran, dass das hintere Ende irgendwann den Berghang heruntergest\u00fcrzt ist. Dieser zentrale Platz hat eine Nord-S\u00fcdausrichtung, wie die von allen minoischen Pal\u00e4sten. Also doch etwas Orientierung.<\/p>\n<p>Im Megaron des K\u00f6nigs und im Megaron der K\u00f6nigin kann man noch etwas von der alten Pracht erahnen, aber beide kann man nicht betreten. Dahinter liegen kleine, abgetrennte Vorratsr\u00e4ume. In einem von ihnen wurde der ber\u00fchmte Diskos von Phaistos gefunden, das r\u00e4tselhafteste Schriftst\u00fcck der alten minoinschen Zeit.<\/p>\n<p>Er ist nat\u00fcrlich nicht hier. Wie fast alles ist er ins Museum gewandert. Hier ist man richtig froh, als man in einem kleinen Raum drei riesige, sch\u00f6n dekorierte Pithoi f\u00fcr Wein und \u00d6l entdeckt, in situ gefunden, in einem Magazinraum zwischen Zentralhof und Westhof. Nicht hier geblieben sind die 7,000 Tont\u00e4felchen, die man auch hier gefunden hat.<\/p>\n<p>Der Westhof hat zwei monumentale Treppen, aber sie hatten ganz unterschiedliche Funktionen. Die eine war eine Art Zuschauerb\u00fchne. Von hier aus verfolgte man die Prozessionen. Der gepflasterte Prozessionsweg verl\u00e4uft quer \u00fcber den gesamten Westhof und f\u00fchrt dann in den Palast. Die andere Treppe war der Aufgang zum neuen Palast. Den betrat man durch eine Vorhalle, die von einem Pfeiler gest\u00fctzt wurde. Davon ist nur noch der flache Sockel erhalten. Das gibt eine Ahnung davon, wie wenig man tats\u00e4chlich sieht und wie viel von der Phantasie erg\u00e4nzt werden muss. Die bautechnische Qualit\u00e4t kann man aber daran ablesen, dass die Stufen der Treppe zum besseren Ablauf des Regenwassers gew\u00f6lbt sind!<\/p>\n<p>Am Rande des Westhofs befinden sich vier gro\u00dfe Sch\u00e4chte, wie Brunnen aussehend. Deren Funktion ist nicht bekannt.<\/p>\n<p>Vor der Mauer des alten Palastes befindet sich ein heiliger Schrein, in drei kleine R\u00e4ume geteilt durch Begrenzungsmauern. Dort befindet sich eine Bank. Die diente zum Mahlen. Und was wurde da gemahlen? Das heilige Brot! Das Christentum l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Von hier oben sieht man zu einer Seite auf die weite, fruchtbare Messara-Ebene, zur anderen Seite auf die kargen Berge des Psiloritis-Gebirges, dem antiken Ida-Gebirge. Hier soll in einer H\u00f6hle Zeus geboren worden sein. Die Aussicht ist jedenfalls pr\u00e4chtig, zumal an einem klaren, sonnigen Tag wie heute. Die Minoer wussten, wo es sch\u00f6n war.<\/p>\n<p>Toll, wie die Arch\u00e4ologen Phaistos lokalisiert haben. Es wird bei Homer erw\u00e4hnt, deshalb wusste man von seiner Existenz. Strabo gibt dann die Entfernung nach Gortys, die Entfernung nach Matala und die Entfernung zum Meer an. Und mit diesen Koordinaten machten sie sich an die Arbeit und fanden es!<\/p>\n<p>Die Mittagszeit ist vorbei, der Hunger meldet sich. Auf dem R\u00fcckweg mache ich an einem Lokal am Rande der Landstra\u00dfe halt. Es hei\u00dft \u039c\u03cd\u03bb\u03bf\u03c2, und so steht auf dem Gel\u00e4nde auch eine M\u00fchle. Drau\u00dfen steht auf einer Schiefertafel, dass es das Lokal ge\u00f6ffnet ist und dass es hier traditionelle griechische Kost gibt. Darunter ein Schild, das auf den Parkplatz hinweist: Open. Ich will reinfahren. Beides ist geschlossen, Lokal und Parkplatz.<\/p>\n<p>Da die Fahrt ohnehin durch Agii Deka f\u00fchrt, mache ich da auch noch kurz Halt. Ein unscheinbares Dorf, aber unterhalb der Stra\u00dfe gibt es um die Kirche herum einen ganz sch\u00f6nen Platz. Agii Deka, man kann es sich kaum vorstellen, war fr\u00fcher Bischofssitz. Dann muss die Dorfkirche also quasi die Kathedrale gewesen sein. Sie ist leider verschlossen. Ich w\u00fcrde sie gerne wegen der antiken Spolien besichtigen. Hier hat man Granits\u00e4ulen aus dem r\u00f6mischen Gortyn geklaut und sie falsch herum aufgestellt, so dass aus ihren Basen Kapitelle wurden!<\/p>\n<p>Es gibt aber noch eine Kapelle am Ortsrand, und die ist ge\u00f6ffnet. Die Kapelle hei\u00dft wie der Ort, Agii Deka, also die \u201aZehn Heiligen\u2018. Die sind hier \u2013 angeblich \u2013 begraben. Die Kapelle wurde 1927 gebaut, nachdem man einen Teich umgegraben und tats\u00e4chlich die Knochen von zehn Menschen gefunden hatte, samt einer Marmorplatte. Der Fund schien die Legende zu best\u00e4tigen, nach der hier zehn fr\u00fcher kretische M\u00e4rtyrer enthauptet worden waren. Die Steinplatte, so interpretierte man, war die Platte, auf der die M\u00e4rtyrer knien mussten, bevor sie enthauptet wurden. In der Gruft unter der Kapelle sieht man einige der schlichten Gr\u00e4ber der zehn Heiligen. In der Kapelle sieht man eine Ikone, mit den M\u00e4rtyrern in drei Reihen, den Namen im Nimbus tragend: Agathopus, Basilides, Gelasius, Evaristus, Eunician, Euporus, Zoticus, Theodulus, Saturninus, Pompeius.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich durch ein nie enden wollendes, lebendiges Stra\u00dfendorf, Kappariana. Ich mache einfach Halt und gehe in die n\u00e4chstbeste Gastst\u00e4tte. Sieht von au\u00dfen gut aus, von innen eher wie eine Imbissbude. Es gibt aber eine richtige Speisekarte und sogar nach hinten hin eine Terrasse, mit sch\u00f6nem Blick auf die gr\u00fcne Messara-Ebene. Obwohl ich der einzige Gast bin, kann ich frei von der Karte w\u00e4hlen. Ich bestelle Saganaki, panierten, gebratenen K\u00e4se als Vorspeise und danach Kaninchen. Schmeckt gut, auch wenn das Kaninchenessen etwas m\u00fchsam ist. Beide Wirtsleute sprechen, wie \u00fcberhaupt alle heute, Griechisch mit mir. Kein Wort Englisch am ganzen Tag!<\/p>\n<p>Im Radio h\u00f6re ich ein Lied, in dem immer wieder <em>Madame, Madame, Madame<\/em> vorkommt, aber auf Griechisch. Das reimt sich dann mit aller Macht mit <em>Tram, Islam, Tamtam, Imam, Adam, Vietnam, van Damme. <\/em><\/p>\n<p>Als ich schon ein gutes St\u00fcck Richtung Myrtos bin, biege ich kurz von der Hauptstra\u00dfe ab, um ein Photo zu machen. Da ich irgendwo ein Schild sehe, fahre ich einfach weiter, einen immer schlechter werdenden, steil abfallenden Schotterweg entlang, die Felsen links und den Abgrund rechts von mir. Das letzte St\u00fcck ist eigentlich nur was f\u00fcr Jeeps. Ich habe st\u00e4ndig das Gef\u00fchl, das gleich die Achse bricht. Die Fahrt zieht sich hin, und ich vertraue nur darauf, dass es hier Richtung Meer geht. M\u00fcsste also grob richtig sein. Und irgendwann kommt das Meer dann auch in Sicht. Trotzdem ist mir nicht wohl dabei. Schwei\u00dfgebadet erreichte ich schlie\u00dflich Vatos, ganz in der N\u00e4he von Myrtos, ein Weiher, auf meiner Laufstrecke. Das St\u00fcck auf der Stra\u00dfe nach Myrtos kommt mir jetzt wie eine Rennstrecke vor.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">2. Dezember (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Als ich dieser Tage in Sitia einen Fremden nach dem Weg fragte, l\u00e4chelte der freundlich, legte seine Hand auf meine Schulter und drehte mich in die richtige Richtung. Ich hatte nach dem Denkmal f\u00fcr einen kretischen Dichter gefragt, und vermutlich freute er sich einfach, dass ein Ausl\u00e4nder sich daf\u00fcr interessierte. Der leichte k\u00f6rperliche Kontakt, Hand auf die Schulter oder Hand auf den Oberarm, ist Teil der griechischen nonverbalen Kommunikation, und v\u00f6llig akzeptabel, auch bei Fremden, wie hier. Im Mirtos legt Jana beim Abschied oft die Hand auf meinen Oberarm, wenn ich das Lokal verlasse und w\u00fcnscht eine gute Nacht.<\/p>\n<p>Eine andere Besonderheit der nonverbalen Kommunikation ist die Form der Kopfbewegung, wenn man zustimmt. Manchmal hei\u00dft es, bei den Griechen (und bei den Bulgaren!) signalisiere man Zustimmung, indem man den Kopf sch\u00fcttelt. Das ist meines Erachtens bl\u00fchender Unsinn. Mit Kopfsch\u00fctteln hat die Bewegung nichts zu tun. Es handelt sich eher um eine ganz leichte seitliche Bewegung des Kopfes, so als wollte der Richtung Schulter. Das ist tats\u00e4chlich nicht so eindeutig f\u00fcr uns, und es hat Situationen gegeben, wo ich einen Moment lang auf der falschen F\u00e4hrte war.<\/p>\n<p>Bei den letzten beiden Ausfl\u00fcgen habe ich alternative Energieformen gesehen, einmal Windr\u00e4der, sehr sch\u00f6n in einer langen Reihe auf einer Bergkuppe in der Einsamkeit der Thripti-Berge thronend. Und dann Sonnenkollektoren, irgendwo im S\u00fcden Zentralkretas. Von beidem, Wind und Sonne, haben sie reichlich.<\/p>\n<p>Als mir die Doppelbedeutung von \u03b4\u03b7\u03bc\u03bf\u03ba\u03c1\u03b1\u03c4\u03af\u03b1, \u2018Demokratie\u2018 und \u201aRepublik\u2018 nochmal durch den Kopf ging, habe ich mich gefragt, wie denn wohl die DDR auf Griechisch hei\u00dft. Demokratische Deutsche Demokratie? Nee, da haben sie einen anderen Terminus eingebaut, von \u03bb\u03b1\u03cc\u03c2, also von \u2018Volk\u2018. Das ergab die \u039b\u03b1\u03bf\u03ba\u03c1\u03b1\u03c4\u03b9\u03ba\u03ae \u0394\u03b7\u03bc\u03bf\u03ba\u03c1\u03b1\u03c4\u03af\u03b1 \u03c4\u03b7\u03c2 \u0393\u03b5\u03c1\u03bc\u03b1\u03bd\u03af\u03b1\u03c2. Die DDR hie\u00df auf Griechisch also \u039b\u0394\u0393 \u2013 LDG.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">3. Dezember (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Eine neue Erfahrung: beim griechischen Fris\u00f6r. Ich wundere mich, dass es \u00fcberhaupt in Myrtos einen Fris\u00f6r gibt. Aber nicht nur das, er nennt sich sogar Coiffeur. Es ist offensichtlich ein Ein-Mann-Betrieb. Es gibt nur einen \u201eBehandlungsstuhl\u201c.\u00a0 Im Moment ist es aber \u00fcberhaupt kein Betrieb. Die T\u00fcr steht sperrangelweit auf, aber es ist keiner da \u2013 weder Fris\u00f6r noch Kunden. Ich rufe irgendetwas \u2013 was ruft man bei solchen Gelegenheiten? \u2013 aber es meldet sich keiner. Der Holl\u00e4nder kommt an dem Laden vorbei und holt auf meine Frage hin h\u00f6chstpers\u00f6nlich den Coiffeur.<\/p>\n<p>Ich bekommt ihn mit viel M\u00fche dahin, Griechisch mit mir zu reden, jedenfalls teilweise, aber wenn er das tut, brabbelt er in einem fort und ich muss die Ohren spitzen, um wenigstens ein paar W\u00f6rter zu verstehen und zu raten, was er meint. Er stammt jedenfalls aus Myrtos und hat auch noch nie woanders gelebt. Es sei gut hier, meint er. Kalt sei es nie. Na hoffentlich. Ob er denn Kunden habe, will ich wissen. Ja, klar, haufenweise. Sie k\u00e4men sogar aus Ierapetra. Und die Touristen, im Sommer, kommen die auch? Ja, klar, das seien die besten Kunden. Die w\u00fcrden nicht reden. Da ist er bei mir an der falschen Adresse. Was f\u00fcr ein Auto ich h\u00e4tte, will er wissen. Ein koreanisches. Er wei\u00df nicht, was das ist. Daraufhin sage ich, ein asiatisches. Ach so, sagt er, ein japanisches. Ja, so etwa, sage ich. Das Argument, dass die billiger seien als die deutschen Autos, nimmt er zwar irgendwie hin, aber ganz \u00fcberzeugt ist er nicht. Die deutschen Autos \u2026 Er selbst hat einen Fiat. Die Operation ist in Windeseile beendet. 12 \u20ac. Das sind bestimmt Ausl\u00e4nderpreise. Aber er hat die Sache gut gemacht.<\/p>\n<p>Heute ist es richtig duster, von Beginn an. Fast unheimlich. Der bisher unsch\u00f6nste Tag. Ich fahre zur Bank nach Ierapetra und suche bei der Gelegenheit die Touristeninformation. Ich habe etwas von einem Theater gelesen und will wissen, was f\u00fcr ein Programm es da gibt. Die Touristeninformation, direkt am Ufer gelegen, ist nat\u00fcrlich geschlossen. Das Meer ist st\u00fcrmisch, die Wellen brechen an der Kaimauer, und das Wasser spritzt den ganzen Kai entlang.<\/p>\n<p>Ich frage mich zum Theater durch. Am Ende gerate ich an zwei Schulm\u00e4dchen, die mir sagen, ich sei gerade dran vorbeigelaufen. Sie begleiten mich, und nach ein paar Schritten sind wir da. Das ist das Theater? Ach nee, das ist das Kino, meinen sie. Sie f\u00fchren mich aber noch um die Ecke und zeigen dann auf ein modernes Geb\u00e4ude mit dicken, schr\u00e4g zulaufenden Pfeilern. Das ist das Theater. Praktisch nicht als solches zu erkennen. Unten gibt es ein paar moderne Skulpturen, aber keine Kasse, keine Schilder. Ich gehe rauf, ein Stockwerk nach dem anderen.\u00a0 Ganz oben sind B\u00fcror\u00e4ume. Ich gehe vorsichtig rein und frage, ob es hier Karten f\u00fcr das Theater gebe. F\u00fcr welches Theater, werde ich gefragt. Ich glaub ich spinne, wo sind wir denn hier? Oder gibt es hier ein Problem mit dem Wort Theater? Gl\u00fccklicherweise wei\u00df ich den Namen: Melina Mercouri. Ja, die Karten gibt es hier, aber nicht im Vorverkauf, nur am Tag der Vorstellung.<\/p>\n<p>Ich sehe mir dann noch das Kino an. Da ist nur ein Film angek\u00fcndigt, vermutlich amerikanisch, und der l\u00e4uft nur von Freitag bis Montag. Es gibt noch eine Art Puppentheater am Sonntag, aber es ist nicht rauszufinden, ob das hier ist.<\/p>\n<p>Wo ich schon einmal da bin, gehe ich wieder in die Pizzeria an der Moschee. Diesmal schmei\u00dft der Sohn den Betrieb. Wieder bin ich alleine, und wieder wird f\u00fcr mich die \u201eTerrasse\u201c auf dem Platz aufgeschlossen. Man sitzt hier, wie an vielen Stellen in Griechenland, unter einer festen Plane, die Licht und Sonne durchl\u00e4sst. Und tats\u00e4chlich stellt sich f\u00fcr kurze Zeit die Sonne ein.<\/p>\n<p>Zweimal geht eine junge Frau an dem Lokal vorbei, nicht sehr schlank, mit ganz eng anliegenden Klamotten, einer Stretchhose und einem Kapuzenpulli, der Pulli in Rot, die Hose in Lila. Das erinnert mich an eine kleine Begebenheit aus der Jugendzeit. Der Vater eines Freundes, der bei uns allen beliebt war, sch\u00fcttelte einmal den Kopf, als er mich sah. Was das denn f\u00fcr ein Aufzug w\u00e4re? Ich hatte keine Ahnung, was er meinte. Ich trug eine Hose und einen Pulli. Gr\u00fcn und Blau! Gr\u00fcn und Blau! Man kann alles miteinander kombinieren, aber doch nicht Gr\u00fcn und Blau! Und ausgerechnet das sucht ihr euch aus. So als h\u00e4tten wir es darauf abgesehen, alle Normen zu verletzen. Dabei steckte da gar keine Absicht dahinter. Ein paar Jahre sp\u00e4ter las ich dann in der Zeitung, welche die Modefarben des Jahres werden w\u00fcrden: Gr\u00fcn und Blau. So w\u00fcrde es vermutlich auch mit Rot und Lila gehen. W\u00fcrde ich sagen, das tr\u00e4gt man doch nicht, w\u00fcrde mir das M\u00e4dchen wahrscheinlich sagen, dass das die Modefarben des Jahres seien.<\/p>\n<p>Als ich aus Ierapetra herausfahre, sehe ich sie noch ein drittes Mal. Es ist w\u00e4rmer geworden. Sie hat den Kapuzenpulli ausgezogen. Jetzt ist die Kombination Grau und Lila.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">4. Dezember (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Ich fahre noch mal zu dem netten Wirt in Tertsas, aber der ist nicht da. Seine Tochter erz\u00e4hlt, er sei bei der Olivenernte. Nur heute? Nein, das dauere noch eine ganze Weile. Sie macht ein Gesicht, so als wolle sie sagen: Gut, wenn das vorbei ist.<\/p>\n<p>Ich fahre einfach weiter, immer Richtung Westen. Die Stra\u00dfe an der K\u00fcste ist zu schlecht, also fahre ich in die Berge. Jetzt sieht man, dass die Olivenernte voll im Gange ist. \u00dcberall stehen Pickups und Autos mit Anh\u00e4ngern mit prall gef\u00fcllten S\u00e4cken. Irgendwo habe ich gelesen, dass die Olivenb\u00e4ume ein Viertel der Fl\u00e4che Kretas einnehmen. Eine unglaubliche Zahl.<\/p>\n<p>Weiter oben wachsen aber keine Olivenb\u00e4ume mehr. Hier ist wieder v\u00f6llige Einsamkeit, und dann wieder, mitten in dieser Einsamkeit, eine wei\u00dfe Kirche am Berghang.<\/p>\n<p>Ich will eigentlich nach Arvi, lande aber in Kalami. Das sieht von Ferne aus, als wenn eine Bombe draufgefallen w\u00e4re. Lauter verfallene oder nicht fertig gebaute H\u00e4user. Der Ort liegt am Berghang, aber das ist auch das einzige, was mit der Beschreibung in dem Reisef\u00fchrer \u00fcbereinstimmt. Das ist mir ein R\u00e4tsel. Dann merke ich, dass der Reisef\u00fchrer von Kalami in Westkreta spricht, einem ganz anderen Ort.<\/p>\n<p>Ich fahre zur K\u00fcste runter, nach Sidonia. Es liegt direkt am Meer. Der Strand, breit und mit Sand und feinen Kieseln, ist eigentlich richtig gut, aber man st\u00f6rt sich, v\u00f6llig irrational, an der schwarzen Farbe. Es ist heute wieder ein richtig sch\u00f6ner Tag, hell, warm, mit viel Sonnenschein, und die Sonne l\u00e4sst das Meer glitzern.<\/p>\n<p>Ich versuche mein Gl\u00fcck in einer Taverne, und da gibt es tats\u00e4chlich etwas zu essen. Man kann auf der Terrasse drau\u00dfen sitzen und sich die Sonne ins Gesicht scheinen lassen. Es ist wirklich so warm wie an einem Sommertag.<\/p>\n<p>Nach dem Essen spreche ich noch ein bisschen mit der K\u00f6chin. Sie fragt ganz interessiert nach Myrtos und ob es da Touristen gebe. Nee, jetzt auch nicht, aber im Sommer ist es voll. Es liegt einfach besser, Sidonia liegt abseits, ist schwerer zu erreichen. Hier kommen wohl eher griechische Ausfl\u00fcgler hin.<\/p>\n<p>Es stellt sich heraus, dass sie Bulgarin ist. Sie spricht flie\u00dfend Griechisch, obwohl ich mir einbilde, eine slawische Intonation herauszuh\u00f6ren. Sie ist schon lange hier, wie lange genau, verstehe ich nicht, bei ihrem Redefluss. Sie spricht viel von Preisen und will mir, glaube ich, sagen, dass man in Bulgarien viel mehr f\u00fcr sein Geld bekommt als hier.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg h\u00f6re ich im Radio, was ich am Morgen gelesen habe: \u039a\u03b1\u03bb\u03cc \u03bc\u03b5\u03c3\u03b7\u03bc\u03ad\u03c1\u03b9. W\u00f6rtlich \u00fcbersetzt: \u201aGuten Mittag\u2018. Das kommt im Lehrbuch nicht vor. Ist aber hilfreich, wenn man das Gef\u00fchl hat, dass es f\u00fcr \u039a\u03b1\u03bb\u03b7\u03bc\u03ad\u03c1\u03b1 zu sp\u00e4t und f\u00fcr \u039a\u03b1\u03bb\u03b7\u03c3\u03c0\u03ad\u03c1\u03b1 zu fr\u00fch ist.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">5. Dezember (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Bellende Hunde \u2013 das ist f\u00fcr mich ein anderes Kennzeichen Kretas. Sie wissen, wie schreckhaft ich bin und lauern mir an allen Ecken auf.<\/p>\n<p>Bettelnde Hunde (und bettelnde Katzen) sind die andere Seite der Medaille. Sie sehen dich aus treuen Augen an und hoffen, etwas von Essen abzubekommen. F\u00fcr sie bedeutet der Winter Fastenzeit. Im Sommer bekommen sie von den Tellern der Touristen sicher \u00f6fter etwas ab.<\/p>\n<p>Ein bettelnder Hund steht auch heute w\u00e4hrend der gesamten Mahlzeit in Tertsa vor mir. Ich versuche, ihn zu ignorieren. Die Tochter des Hauses, die gekocht hat, steht rauchend in der Sonne und sagt: Sommer! Ja, das sei wirklich ungew\u00f6hnlich, diese Temperaturen um diese Zeit.<\/p>\n<p>Zum Kaffee gehe ich nach nebenan. Der Wirt, mit Bartstoppeln, Knollennase und Z\u00e4hnen, die meiner Zahn\u00e4rztin Alptr\u00e4ume bescheren w\u00fcrden, setzt sich neben mich, als ich nach dem Baum frage, unter dem ich sitze. Nein, nat\u00fcrlich sei das keine Platane. Komische Idee. Auf so was k\u00f6nnen nur St\u00e4dter kommen. Das sei ein Benjamin, eine Art Feigenbaum, wenn ich das richtig verstehe. Wir sprechen \u00fcber die \u00fcblichen Sachen, Essen, Dialekte, Touristen. Er ist sehr freundlich, sehr gespr\u00e4chig und baut in das Gespr\u00e4ch immer kleine Versatzst\u00fccke von Deutsch ein \u2013 <em>Keine Ahnung!<\/em> <em>Alles klar!<\/em> &#8211; alle in perfekter Aussprache. Dabei kann er nur einzelne Ausdr\u00fccke, die er von den Kunden gelernt hat.<\/p>\n<p>Kretisch, das habe ich jetzt auch schon ein paarmal geh\u00f6rt, sei dem Altgriechischen \u00e4hnlich. Als Beispiel nennt er <em>Huhn<\/em>. Das hei\u00dfe hier nicht \u03ba\u03cc\u03c4\u03b1, sondern \u03cc\u03c1\u03bd\u03b9\u03b8\u03b1. Das ist das Wort, was unserer <em>Ornithologie<\/em> zugrunde liegt.<\/p>\n<p>Als ich von dem sch\u00f6nen Wetter in Myrtos spreche, muss er schnell noch darauf hinweisen, dass es im Tertsa noch sch\u00f6ner ist. Myrtos gut, Tertsa besser. Herrlich, wie der Lokalpatriotismus sich auch noch in diesen hintersten Winkel seinen Weg bahnt.<\/p>\n<p>Er ist ein echter Einheimischer. Tertsa, erkl\u00e4rt er mir, sei kein richtiges Dorf, es sei ein Weiher und geh\u00f6re zu Gdochia, weiter hinten, landeinw\u00e4rts. Da wohnt er. Er betreibt die Taverne zusammen mit seiner Frau, im Sommer haben sie zus\u00e4tzlich einen Kellner und eine Frau in der K\u00fcche.<\/p>\n<p>Was bei ihnen auf den Teller k\u00e4me, sei alles traditionelle kretische Kost. Darunter ist auch ein Gericht, das \u03c4\u03c1\u03b1\u03c7\u03b1\u03bd\u03ac hei\u00dft. Keine Ahnung, was das ist, ist aber notiert. Dann spricht er von einem Gem\u00fcse, das er \u03ba\u03bf\u03c5\u03c4\u03c3\u03ac nennt oder so \u00e4hnlich. Nachdem ich hartn\u00e4ckig dabei bleibe, dass das Bohnen seien, stellt er resigniert das Reden ein und holte einfach welche. Sehen f\u00fcr mich wie Bohnen aus. Man k\u00f6nne sie einweichen und dann zu einer Paste machen. Die M\u00fche wolle er jetzt seiner Frau aber nicht zumuten. Bei einer anderen Gelegenheit k\u00f6nne ich sie gerne probieren. Abgemacht!<\/p>\n<p>Unter Entzugserscheinungen leidend \u2013 kein Internet \u2013 fahre ich am Nachmittag nach Ierapetra und suche lange vergeblich ein Internetcaf\u00e9. Ich bin da schon mal gewesen und habe nur eine Frage gestellt. Sie waren sehr nett. Als ich es endlich finde, stellt sich heraus, dass es gar kein Internetcaf\u00e9 ist. Meine Erinnerung hat mich in die Irre gef\u00fchrt. Dann gehe ich doch noch in das andere Internetcaf\u00e9, an dem ich heute schon ein paarmal vorbeigelaufen bin, dem, wo sie beim letzten Mal so unfreundliche waren. Diesmal ist es besser, aber die Tastatur ist so schlecht und die Beleuchtung so unzureichend, dass ich bald die Geduld verliere.<\/p>\n<p>Es ist erstaunlich viel los auf den Stra\u00dfen und in den Lokalen, auch in denen an der Strandpromenade, aber noch mehr in denen im Zentrum. Die Bars, in denen vor allem die jungen Leute sind, sehen ganz \u201eungriechisch\u201c aus: hell, viel Glas und Aluminium und Licht. Unsere Vorstellung von einer gem\u00fctlichen griechischen Taverne ist f\u00fcr sie vermutlich eine Horrorvorstellung.<\/p>\n<p>Als ich an einem Mann vorbeikomme, der am Stra\u00dfenrand auf einer Kiste sitzt und auf etwas wartet, f\u00e4llt mir auf, dass ich hier noch keinen Bettler gesehen habe \u2013 keinen einzigen. Woran liegt das?<\/p>\n<p>In der Stadt gibt es etwas Weihnachtsbeleuchtung und etwas Weihnachtskitsch, einen aufblasbaren Schneemann und einen mechanischen Weihnachtsmann, der nickt, wenn man vorbeigeht. Irgendwie passt das alles nicht. Bilden wir uns jedenfalls ein. Andererseits ist es in Pal\u00e4stina auch nicht so kalt gewesen wie bei uns, Schnee hat keinen gegeben und auch kein Alpenpanorama.<\/p>\n<p>Im Theater ist noch nichts los, und da die Vorstellung erst um 9.30 beginnt, gehe ich aus Verlegenheit noch mal essen, in eine Pizzeria an der Strandpromenade. Auch hier gibt es den Bauernsalat. Er sieht, ganz egal ob Pizzeria oder Taverne, ob d\u00f6rflich oder st\u00e4dtisch, immer gleich aus, so als w\u00e4re er genormt: kleine Sch\u00fcssel mit ganz grob geschnittenem Gem\u00fcse, vor allem Tomaten und Gurken, und oben drauf eine Scheibe Schafsk\u00e4se mit Oregano. Dazu gibt es Pizzabrot. Dann Pasta und Kaffee, und das alles f\u00fcr 14,50 \u20ac.<\/p>\n<p>Dann wird es Zeit f\u00fcr das Theater. Es ist ein moderner Raum, m\u00e4\u00dfig gro\u00df, ganz in Rot, mit sehr bequemen, breiten Sitzen. Das Parkett, in zwei Teile geteilt, ist am Ende ungef\u00e4hr halb voll. Fast nur junge Leute. Bei uns ist Theater eine Seniorenveranstaltung. Aber vielleicht ist dies so etwas wie die alternative Szene. Viele Schauspieler begr\u00fc\u00dfen vorher Zuschauer, die Schauspieler bewegen selbst die Requisiten, und das St\u00fcck wird wohl auch nur heute aufgef\u00fchrt. Au\u00dferdem braucht man keinen Eintritt zu bezahlen. Nur um eine kleine Spende wird gebeten.<\/p>\n<p>Wenn es eine Laientruppe ist, dann machen sie das hervorragend. Sehr gut einstudiert, sehr gut gespielt, sehr gute Sprechtechnik, keine H\u00e4nger, kein Durcheinander bei den vielen Szenenwechseln, perfekte Koordination zwischen Licht und Ton und Schauspiel. Es ist eigentlich zu gut f\u00fcr eine Laientruppe.<\/p>\n<p>Es gibt Brechts <em>Furcht und Elend des Dritten Reiches<\/em>. Es ist eine lose Folge von Szenen, nur verbunden durch den zeitgeschichtlichen Hintergrund. Es gibt Trommelwirbel, Lieder, Musik im Hintergrund, Tanzeinlagen, Pantomimen, Slapstickeinlagen, Ausschnitte aus Hitlerreden im Volksempf\u00e4nger, Filmszenen von Nazikundgebungen. Eine Pantomime ist besonders gelungen, wo zwei Nazi-Schl\u00e4ger jemanden verpr\u00fcgeln und die Szene in Zeitlupe dargestellt wird.<\/p>\n<p>Ich verstehe so gut wie gar nichts. Nicht einmal erraten kann ich, worum es in den einzelnen Szenen geht, au\u00dfer in einer, wo ein paranoides Ehepaar Angst hat, ihr Sohn, der ausgegangen ist, werde sie anzeigen. Dann kommt er zur\u00fcck. Er hat sich nur ein Br\u00f6tchen gekauft.<\/p>\n<p>Als ich zum ersten Mal in Griechenland im Theater war, habe ich nur einen Satz verstanden: \u0394\u03b5\u03bd \u03ba\u03b1\u03c4\u03b1\u03bb\u03b1\u03b2\u03ac\u03b9\u03bd\u03c9 \u03c4\u03af\u03c0\u03bf\u03c4\u03b1. \u2013 <em>Ich verstehe nichts<\/em>. Das kann ich diesmal locker verdoppeln, selbst wenn man die un\u00fcbersetzt bleibenden Ausdr\u00fccke nicht mitz\u00e4hlt: <em>Heil Hitler! Achtung! Eins, zwei, drei!<\/em> Auch das Dritte Reich, \u03c4\u03bf \u03a4\u03c1\u03af\u03c4\u03bf \u03a1\u03ac\u03b9\u03c7, kann man verstehen, und\u00a0 <em>Mein Kampf<\/em>, \u039f \u0391\u03b3\u03ce\u03bd \u03bc\u03bf\u03c5. Sonst ist die Ausbeute gering. Aber macht nichts.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">6. Dezember (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen mache ich mich auf den Weg zur Olivenernte. Ich kurve an der Fabrik herum, finde aber niemanden. Dann sto\u00dfe ich doch auf einen anderen Bauern, sehr jung, den ich fragen kann. Als ich nochmal absichern will, ob ich richtig verstanden habe, f\u00e4llt mir jenseits nicht ein. Ich will wissen, ob ich die Stra\u00dfe noch \u00fcberqueren muss. Sobald ich im Auto sitze, f\u00e4llt mir auf der anderen Seite ein. Das h\u00e4tte genauso gut gegolten. Wir verstehen uns aber auch mit abgebrochenen S\u00e4tzen und ein paar Gesten.<\/p>\n<p>Apostolos begr\u00fc\u00dft mich wieder sehr freundlich. Kommt auf mich zu und sch\u00fcttelt mir die Hand. Er l\u00e4sst auch sofort von der Arbeit ab und erkl\u00e4rt mir, wie die Sache funktioniert. Wenn ich nicht auf Anhieb verstehe, wird er ungeduldig, aber wenn ich so tue, als h\u00e4tte ich verstanden, merkt er das. Im Laufe des Vormittags wundere ich mich immer wieder dar\u00fcber, wie er glaubt, mir helfen zu k\u00f6nnen, n\u00e4mlich indem er in sein Griechisch die W\u00f6rter <em>water<\/em> und <em>kaputt<\/em> einflie\u00dfen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Gleich am Anfang habe ich m\u00e4chtige Schwierigkeiten, als es um einen surrenden Motor geht, der die ganze Zeit l\u00e4uft. Am Ende aber verstehe ich: Das ist eine Art Transformator, der die Stromst\u00e4rke regelt, n\u00e4mlich reduziert. Wenn die Ger\u00e4te, mit denen die Oliven gepfl\u00fcckt werden, zu stark sind, tut das den Oliven nicht gut.<\/p>\n<p>Dann bekomme ich gleich so ein Ger\u00e4t in die Hand gedr\u00fcckt. Es ist wie ein langstieliger Besen, dessen unterer Teil, der ein paar Widerhaken hat, sich dreht. Den zieht man durch die \u00c4ste, und die Oliven fallen runter, und wie! Bei den vollen B\u00e4umen wie dichter Hagel, und man muss aufpassen, dass man sie nicht ins Auge bekommt.<\/p>\n<p>Die fallen auf die gr\u00fcnen Matten, die hier \u00fcberall \u00fcbergangslos ausgelegt sind. Die ersten Erm\u00fcdungserscheinungen zeige ich schon nach zwei Minuten, aber ich lasse mir nichts anmerken. Das Ger\u00e4t ist nicht ganz leicht, und man muss es eben immer nach oben halten. Die Oliven ganz oben am Baum erreicht man auch so kaum, aber ich habe da einen kleinen Vorteil gegen\u00fcber den anderen, weil ich gr\u00f6\u00dfer bin. Ich denke an Lewin und wie er den russischen Bauern beim Heum\u00e4hen hilft und sich nicht abh\u00e4ngen lassen will und so, literarisch gest\u00e4rkt, schaffe ich es bis zur Fr\u00fchst\u00fcckspause.<\/p>\n<p>Die beiden Helfer sprechen \u00fcberhaupt nicht mit mir, sondern dirigieren mich mit Pfiffen und Zeichen, die meist nur eins bedeuten: Weg da! Sp\u00e4ter stellt sich heraus, dass sie Albaner sind. Sie kommen, ebenso wie viele Bulgaren, zur Olivenernte hierher, um ordentlich Geld zu machen. Sie sprechen aber ganz ordentlich Griechisch, genug jedenfalls, um die lauten Anweisungen des Chefs zu verstehen.<\/p>\n<p>Langsam lichtet sich der erste Baum. Dann steigen die beiden Albaner mit einer S\u00e4ge in den Baum und schneiden die leeren \u00c4ste ab, nicht alle, aber so, dass genug Luft und Licht dran kommt. Dann, so erfahre ich, k\u00f6nnen die Olivenb\u00e4ume jedes Jahr Frucht tragen, wenn nicht, nur jedes zweite Jahr.<\/p>\n<p>Dann gibt es eine Fr\u00fchst\u00fcckspause. Wie sp\u00e4t sie morgens anfangen, will ich wissen. So gegen acht, fr\u00fcher geht nicht, weil es trocken sein muss. Die Olivenernte dauert ca. anderthalb Monate, genau vierzig Tage \u2013 solange es nicht regnet. Bei Regen f\u00e4llt die Veranstaltung aus. Sonst wird jeden Tag gearbeitet, auch sonntags: Die Olivenernte vertr\u00e4gt keine Pause. Ob auch Weihnachten gearbeitet wird, wage ich gar nicht zu fragen.<\/p>\n<p>Die modernen Ger\u00e4te gibt es seit 10-15 Jahren. Vorher wurden die Oliven mit St\u00f6cken von den B\u00e4umen heruntergeschlagen. Das kann nur bedeutet haben: weniger Olivenb\u00e4ume oder mehr Arbeiter. Vermutlich war die ganze Familie beteiligt.<\/p>\n<p>Nach der Pause zeigt mir Apostolos sein Revier. Hinten den Olivenb\u00e4umen ist eine dicht bewachsene Wiese mit Obstb\u00e4umen, und f\u00fcr einen fl\u00fcchtigen Moment habe ich das Gef\u00fchl, im Garten Eden zu sein. Hier stehen Orangenb\u00e4umen, dicht mit Fr\u00fcchten besetzt. Sie tragen von jetzt bis Mai Frucht, eine verdammt lange Zeit. Dann kommen Mandarinen- und Zitronenb\u00e4ume, und dann Granat\u00e4pfelb\u00e4ume. Wir essen eine Mandarine, aber die ist mir noch viel zu sauer. Lieber bis Mai warten.<\/p>\n<p>Dann kommen andere Olivenb\u00e4ume. Erst welche mit kleinen, dunklen Oliven. Die wir ernten, sind klein und hell. Diese, die dunkleren, seien die besseren, erkl\u00e4rt er mir. Weniger Wasser. Das soll gut sein?<\/p>\n<p>Dann kommen gro\u00dfe Oliven. Hab ich in der ganzen Zeit hier noch nicht gesehen. Die werden gegessen und nicht zu \u00d6l verarbeitet. Sie sind auch dunkel und sehen genauso aus wie die bei uns im Supermarkt in Gl\u00e4sern.<\/p>\n<p>Dann zeigt er mir noch eine Schnecke. Er lockt sie aus ihrem Haus, indem er sie am Bauch kitzelt \u2013 falls das der Bauch der Schnecke ist. Jetzt noch zu fr\u00fch, aber im M\u00e4rz sind die reif. Dann kommen sie auf den Teller.<\/p>\n<p>Dann zeigt er mir etwas, was er von einem Olivenbaum gepfl\u00fcckt hat und fragt mich, was das sei. Ein Stein? Falsch. Eine Frucht? Falsch. Er wirft die unidentifizierte Sache auf den Boden und klopft sie auf. Zum Vorschein kommen zwei winzige Tierchen. Raupen. Schmetterlingslarven. Oder das, was die Raupen sind, bevor sie Raupen werden. Noch nicht l\u00e4nglich, sondern eher wie kleine Fliegen aussehend. Sie schl\u00fcpfen im Mai. Und was ist mit den beiden? Kaputt. Drinnen warm, drau\u00dfen kalt, bedeutet er mir in bestem Ausl\u00e4ndergriechisch.<\/p>\n<p>Dann kommt der zweite Arbeitsschritt, derweil die Albaner sich an die n\u00e4chsten B\u00e4ume machen. Jetzt geht es darum, die Oliven aus den abgeschnittenen \u00c4sten zu klopfen. Das erinnert mich daran, wie fr\u00fcher bei uns zuhause Teppiche geklopft wurden, und so \u00e4hnlich sieht das Werkzeug auch aus, nur aus Plastik. Selbst da kommen noch mal Hunderte und Hunderte von Oliven zum Vorschein.<\/p>\n<p>Ich habe zwar nicht, wie Lewin, einen ganzen Tag durchgehalten, sondern nur einen Vormittag, aber das war ein Erlebnis. \u00a0Was mir fehlt, ist das Sichten und Verpacken der Oliven.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">7. Dezember (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Heute geht es ins Puppentheater. Ich bin das einzige Kind, das ohne seine Eltern gekommen ist. Die Sache wird auf einer improvisierten B\u00fchne in einem Kino gezeigt, gleich gegen\u00fcber dem Theater von gestern. Auch das ist sehr, sehr gut gemacht, absolut professionell: gro\u00dfe, originelle Figuren, tolle Szenenwechsel, gute Sprechtechnik, ein paar Requisiten \u2013 Burg, Baum, Obstschale- durch die Gegend fliegende Zahlen, Buchstaben und Gegenst\u00e4nde, magische Schleier, wechselnde Beleuchtung.\u00a0 Das ist meilenweit von dem Kasperletheater unserer Kindertage entfernt. Nur die Reaktionen der Kinder sind noch genauso wie fr\u00fcher, trotz der elektronischen Revolution. Sie begeistern sich am meisten f\u00fcr die Slapstickeinlagen und f\u00fcr verzerrte Sprache. Allerdings interessieren sie sich vermutlich weniger f\u00fcr die Geschichte. Die hat einen ideologischen Einschlag. Es wird indoktriniert. Es geht um irgendein altes Kastell, das fr\u00fcher zwischen T\u00fcrken und Griechen umstritten war und jetzt von irgendwelchen b\u00f6sen Ausl\u00e4ndern \u2013 die Figuren tragen Anzug und Zylinder und sind gesichtslos \u2013 gekauft werden soll. Aber die standhaften Griechen sind nicht k\u00e4uflich. Sie weisen das Geld zur\u00fcck und bewahren ihr Erbe. Soviel kann man erraten auch wenn man wenig versteht. Aus den paar Brocken, die ich verstehe, reime ich mir zusammen, dass die Ausl\u00e4nder auch noch gleich Land und Meer kaufen und Tante-Emma-L\u00e4den durch Superm\u00e4rkte ersetzen wollen.<\/p>\n<p>Am besten verstehe ich die Passagen, wo das Kind mit dem Burggeist spricht, sch\u00f6n langsam, Wort f\u00fcr Wort. F\u00fcr den gro\u00dfen Zusammenhang reicht es aber nicht. Ich habe auch den durchgehenden L\u00e4rmpegel im Zuschauerraum bei einer Kindervorstellung untersch\u00e4tzt. Trotzdem ging es schon besser als vorgestern im Theater. Bei einzelnen W\u00f6rtern wird immer deutlicher, dass das kretische Griechisch ganz einfache W\u00f6rter \u201everzerrt\u201c, meist durch einen Laut, den die anderen Varianten nicht haben: \/t\u0283\/. Dadurch kling <em>kai<\/em> wie <em>tsai<\/em> und, wie ich dieser Tage bei der Olivenernte h\u00f6rte, als mir gesagt worden, wo die Apfelsinen l\u00e4gen (\u201eDa hinten\u201c) <em>eki<\/em> wie <em>etsi<\/em>.<\/p>\n<p>Erst sp\u00e4ter merke ich, dass das St\u00fcck einen historischen und einen folkloristischen Hintergrund hat. Ohne den ist es ohnehin schwer zu verstehen. Es geht um das Kastell in Frangokastello hier auf Kreta, das einmal heldenhaft von Griechen gegen \u00fcberm\u00e4chtige t\u00fcrkische Angreifer verteidigt wurde. Die Griechen leisteten so lange Widerstand, bis die zahlenm\u00e4\u00dfig weit \u00fcberlegenen T\u00fcrken ihnen freien Abzug gew\u00e4hrten. So die griechische Darstellung. Diese Verherrlichung der eigenen Geschichte hat eine lange Tradition. Auch die Perser waren immer viel mehr und viel besser ausger\u00fcstet und kriegten doch st\u00e4ndig eins auf die M\u00fctze. Ein moderner Historiker hat mal das Schlachtfeld von einer dieser Schlachten nachgemessen und festgestellt, dass so viele persische Soldaten, wie die Geschichte erz\u00e4hlt, da gar nicht drauf gepasst h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Der andere, folkloristische Aspekt des Theaters ist eine Erscheinung, bei der man am Jahrestag der Schlacht im Morgengrauen die toten kretischen Soldaten an den Ort des Geschehens zur\u00fcckkehren sieht, wie in einem Schleier. Sie hei\u00dfen <em>\u0394\u03c1\u03bf\u03c3\u03bf\u03c5\u03bb\u03af\u03c4\u03b5\u03c2<\/em>, \u201aTau-Schatten\u2018. Und das ist auch der Titel des St\u00fccks. Ihr Erscheinen wird als spezielles meteorologisches Ph\u00e4nomen erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">8. Dezember (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlicher Wetterumschwung, der sich schon in der Nacht ank\u00fcndigt, als der Wind die T\u00fcr zum Balkon aufst\u00f6\u00dft.<\/p>\n<p>Ich muss nach Ierapetra und fahre auf dem R\u00fcckweg nach Kalamafka rauf, einem gro\u00dfen Dorf in den Bergen. Unterwegs gibt es eine empfohlene Taverne, die aber geschlossen ist. In Kalamafka gibt es eine Kapelle in einer Grotte ganz oben in einem Fels. 144 wei\u00dfe Stufen f\u00fchren hinauf. Alles Training nutzt nichts: Als ich oben ankomme, bin ich au\u00dfer Atem. Die Kapelle ist nichts Besonderes, ein kleiner Raum ohne Altar, den man kaum als Kapelle erkennen w\u00fcrde, wenn es nicht dran st\u00fcnde. Im Vorraum herrscht ein unglaubliches Durcheinander: Ikonen, Kerzenhalter und Votivgaben neben einem Besen, Sp\u00fclmittel und mit \u00d6l gef\u00fcllten Plastikflaschen. Drau\u00dfen hat man, selbst an diesem grauen Tag, einen sch\u00f6nen Blick auf die erodierten Felsen, das Dorf und die Lehmpfade, die sich durch das Tal winden.<\/p>\n<p>Ich fahre auf einer Stra\u00dfe, die besser ist als sie sein sollte, durch Berg und Tal, und pl\u00f6tzlich lande ich in einem Ort, der mir bekannt vorkommt: Ierapetra. Immer noch keine offene Taverne gefunden. Also fahre ich nach Tertsa ins Vrexi Liasi und versuche dort mein Gl\u00fcck. Jannis, der Mann mi der Knollennase, hatte mir gesagt, irgendetwas h\u00e4tten sie immer. So ist es auch. Seine Frau wird in die K\u00fcche geschickt. Bei diesem Wetter spielt sich nichts mehr drau\u00dfen ab. In der Taverne herrscht ein unglaubliches Durcheinander, von sch\u00f6nen Holzskulpturen \u00fcber Stapel von Kisten mit leeren Flaschen bis zu einem supermodernen Flachbildschirm. Auf dem zeigt Jannis Photos. Darunter eins, auf dem ich nur einen Totenkopf mit riesigen Z\u00e4hnen erkenne. Die M\u00e4nner, Jannis und zwei Kunden, haben gro\u00dfen Spa\u00df an meiner Verwirrung. Ob das etwas mit der kretischen Vorgeschichte zu tun hat? Erst dann f\u00e4llt der Groschen. Es ist eine Photomontage, und die Z\u00e4hne sind tats\u00e4chlich Frauenk\u00f6rper, auf die man von hinten sieht.<\/p>\n<p>Jannis zeigt mir ein paar Dekorationen in einer Ecke, darunter ein paar Figuren, die er selbst geschnitzt hat. Sie sind aus Olivenbaumholz. Das ist erstaunlich hell, ganz leicht r\u00f6tlich. Daneben ein Netz, an dem in vielen Reihen unterschiedliche Muscheln aufgeh\u00e4ngt sind. Sehr sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Die beiden M\u00e4nner sind auch bei der Olivenernte und machen gerade Pause. Ich zeige ihnen ein paar der Photos von B\u00e4umen, die ich gemacht habe und erfahre jetzt, wie die merkw\u00fcrdigen Nadelb\u00e4ume hei\u00dfen, die man hier immer wieder sieht: Araukarien. Auf Griechisch hei\u00dfen sie ganz \u00e4hnlich. Eigentlich d\u00fcrfte es sie hier gar nicht geben. Sie \u201egeh\u00f6ren\u201c auf die S\u00fcdh\u00e4lfte der Erde, und da habe ich sie auch zum ersten Mal gesehen: in Australien. Ich zeige ihnen auch den deutschen Reisef\u00fchrer, in dem die Taverne erw\u00e4hnt wird, ebenso wie Jannis selbst.<\/p>\n<p>Beim Bezahlen wird, wie jetzt fast \u00fcberall, \u00fcber den Daumen gepeilt. Fest Preise gibt es nicht. Als ich nach der Rechnung frage, sieht er sich kurz an, was da auf dem Tisch steht und nennt den Preis: 10 \u20ac.<\/p>\n<p>Im Autoradio habe ich unterwegs einmal <em>Edeka<\/em> geh\u00f6rt. Jedenfalls klang es so. Es war aber keine Werbung. Sondern eine Zahl. Genauso klingt \u03ad\u03bd\u03c4\u03b5\u03ba\u03b1, \u201aelf\u2018, jedenfalls in fl\u00fcchtiger Aussprache in verbundener Rede. Wir Ausl\u00e4nder sprechen es immer \u201ezu richtig\u201c aus, mit \/n\/.<\/p>\n<p>In Ierapetra gibt es die \u039f\u03b4\u03cc\u03c2 \u0394\u03b7\u03bc\u03bf\u03ba\u03c1\u03b1\u03c4\u03af\u03b1\u03c2. Da wei\u00df man dann wirklich nicht, ob es \u201aStra\u00dfe der Demokratie\u2018 oder \u201aStra\u00dfe der Republik\u2018 hei\u00dft.<\/p>\n<p>Die Konditorei an dem zentralen Platz in Ierapetra hei\u00dft \u03b2\u03b5\u03c4\u03b5\u03c1\u03b1\u03bd\u03bf. So, in Gro\u00dfbuchstaben, ein idealer Name f\u00fcr einen Anf\u00e4ngerkurs in Griechisch, wenn man die Buchstaben einf\u00fchrt.<\/p>\n<p><em>Elend und Furcht des Dritten Reichs<\/em> kann auf zwei verschiedene Weisen wiedergegeben werden: \u03a4\u03c1\u03cc\u03bc\u03bf\u03c2 \u03ba\u03b1\u03b9 \u03b1\u03b8\u03bb\u03b9\u03cc\u03c4\u03b7\u03c4\u03b1 \u03c4\u03bf\u03c5 \u03a4\u03c1\u03af\u03c4\u03bf\u03c5 \u03a1\u03ac\u03b9\u03c7 oder \u03a4\u03c1\u03cc\u03bc\u03bf\u03c2 \u03ba\u03b1\u03b9 \u03b1\u03b8\u03bb\u03b9\u03cc\u03c4\u03b7\u03c4\u03b1 \u03c4\u03bf\u03c5 \u0393&#8217; \u03a1\u03ac\u03b9\u03c7. Die Zahl kann also als Zahlwort erscheinen oder als Ziffer. Die Ziffer ist aber keine arabische Ziffer, sondern ein Buchstabe, hier der Buchstabe Gamma, der 3. Buchstabe des Alphabets! Im Altgriechischen wurden alle Zahlen so geschrieben. Arabische Zahlen gab es noch nicht.<\/p>\n<p>Zwei Beobachtungen zu griechischen Lokalen, die ich immer wieder mache: Der 2. Gang wird serviert, wenn die K\u00fcche so weit ist, nicht, wenn der Gast so weit ist. Und wenn man Bekannte am anderen Ende des Lokals sieht, dann geht man nicht etwa zu ihnen r\u00fcber, sondern macht es einfach mit Lautst\u00e4rke. Laut und vernehmlich, so dass alle G\u00e4ste alles mitbekommen, werden Gr\u00fc\u00dfe und Informationen ausgetauscht.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">9. Dezember (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Nachdem es die ganze Nacht gest\u00fcrmt und geregnet hat, hat es sich am Morgen wieder etwas beruhigt. Ein merkw\u00fcrdiges Ger\u00e4usch, das die ganze Nacht durch zu h\u00f6ren war, h\u00f6rt man immer noch, aber nicht mehr so stark. Es kommt aus einem Waschbecken. Es ist so, als pfeife der Wind von au\u00dfen in die Leitung.<\/p>\n<p>Hier im Zimmer bekomme ich am Radio nur einen einzigen Sender. Merkw\u00fcrdig. Die ganze Situation der Medien scheint im Aufbruch zu sein. Oder auch nicht. Ob es etwas damit zu tun hat oder mit der Randlage Kretas? Keine Ahnung. Im Autoradio gleich au\u00dferhalb bekomme ich wenigstens zwei-drei Sender.<\/p>\n<p>Die staatliche Rundfunkanstalt, ERT, ist jedenfalls von ein paar Jahren schlagartig aufgel\u00f6st worden, komplett, unter Entlassung aller Mitarbeiter. Die wurden \u00fcber Nacht arbeitslos. Die Ma\u00dfnahme wurde begr\u00fcndet mit Sparzw\u00e4ngen, aber auch, um Verschwendung und Vetternwirtschaft zu beenden. Es gab dann eine \u00dcbergangsl\u00f6sung, und dann wurde eine neue Rundfunkanstalt gegr\u00fcndet, NERIT. Die Kritiker behaupten, das sei lediglich eine Neuauflage der alten Sendeanstalt mit neuem Etikett. Die ersten Sendungen waren Produktionen des alten Senders, mit einem neuen Vorspann. Au\u00dferdem erwies sich die alte ERT als z\u00e4h. Viele Gerichtsverfahren laufen, bei denen die Mitarbeiter auf die Ung\u00fcltigkeit der Aufl\u00f6sung der Vertr\u00e4ge klagen, einige Sendeorte sind oder wurden von Mitarbeitern besetzt, andere Mitarbeiter produzieren von aus Privatwohnungen ihre Sendungen weiter\u00a0 &#8211; ohne Gehalt, ohne Lizenz \u2013 und die Gewerkschaften leisten hartn\u00e4ckigen Widerstand gegen alle diese Ma\u00dfnahmen, zumal alle Mitarbeiter nur Zeitvertr\u00e4ge haben, die alle zwei Monate verl\u00e4ngert werden.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">10. Dezember (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Hier spukt es. Einen Tag und eine Nacht lang kommt aus dem Badezimmer ein merkw\u00fcrdiges Ger\u00e4usch. Das Ger\u00e4usch h\u00e4lt an, auch als der Wind nachl\u00e4sst. Manchmal wird es leiser, dann verschwindet es f\u00fcr einen Moment ganz, dann kommt es wieder mit voller Wucht. Es scheint irgendetwas mit dem Waschbecken zu tun zu haben. Aber aus der Wasserleitung kommt es nicht, und das \u00d6ffnen und Schlie\u00dfen der Wasserkr\u00e4ne nutzt auch nichts. Ich will schon ins Nebenzimmer umziehen und den Besitzer benachrichtigen, sehe dann aber noch einmal nach. Gott sei Dank! Es ist die Zahnb\u00fcrste! Eine neue Zahnb\u00fcrste, die ich gekauft habe, nicht ahnend, dass sie eine Batterie enth\u00e4lt. Die Zahnb\u00fcrste macht sich selbstst\u00e4ndig, setzt sich in Bewegung und hat die ohnehin sehr unstabile Ablage durch das st\u00e4ndige R\u00fctteln nach unten gezogen, sodass die jetzt auch mit vibriert. Dann hat sie durch das R\u00fctteln auch noch eine Rasierklinge in Gang gesetzt, die ebenfalls mitmacht und die Ablage in Bewegung h\u00e4lt. Unglaublich. Ich schalte Rasierklinge und Zahnb\u00fcrste aus, schiebe die Ablage wieder in ihre Position und lege mich hin. Nach einer halben Stunde geht es wieder los. Der Mechanismus der Zahnb\u00fcrste muss defekt sein. Die Batterie l\u00e4sst sich nicht entfernen, aber man kann dran drehe und sie so au\u00dfer Funktion setzen. Ja, denkste, nach einiger Zeit geht es wieder los. Ich k\u00f6nnte die Batterie nat\u00fcrlich einfach rausrei\u00dfen oder die Zahnb\u00fcrste wegwerfen, aber jetzt m\u00f6chte ich doch wissen, was es damit auf sich hat. Im Laufe des Tages lege ich sie in verschiedenen Positionen an verschiedene Orte und warte ab, ob sie wieder t\u00e4tig wird. Das wird sie immer. Nur, wenn man sich mit ihr die Z\u00e4hne putzen will und sie einschaltet, bleibt sie stumm.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">11. Dezember (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Heute \u00fcber Tertas hinaus gelaufen, einen Schotterweg entlang, auf dem kein Auto fahren kann. Nach kurzer Distanz ist der ohnehin zu Ende und f\u00fchrt auf den Strand. Das muss die Strandwanderung sein, von der im Reisef\u00fchrer die Rede ist. Zum Laufen nicht so geeignet, aber macht nichts. Hier kommen die kantigen Sandsteinfelsen direkt bis an dem Strand oder stehen als Monolithen halb im Wasser. An einer Stelle kann man nur durch eine kleine Unterh\u00f6hlung in einem Felsen weiter, fast kriechend. Das sieht phantastisch aus. Dann kommt aber die Stelle, an der kein Platz zwischen Felsen und Wasser ist. Das ist etwas f\u00fcr den Sommer, wenn man ein St\u00fcck durchs Wasser gehen und die F\u00fc\u00dfe trocknen lassen kann. Jetzt nicht so angesagt, zumal das Meer st\u00fcrmisch ist. Der Reisef\u00fchrer mahnt ausdr\u00fccklich zur Vorsicht. Etwas h\u00f6her gibt es noch einen schmalen Pfad, an einem St\u00fcck zu beiden Seiten von Binsen bestanden. Habe ich bisher hier noch nicht gesehen. Dann endet dieser Pfad pl\u00f6tzlich im Nichts. Man steht vor einem Abgrund.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg mache ich Halt bei Jannis auf einen Kaffee. Dabei stelle ich mir das Entsetzen meiner Kollegen vom Lauftreff vor, wenn die das w\u00fcssten. Jannis l\u00e4sst mich wieder an seinen Deutschkenntnissen teilhaben: <em>So ist es. Ein Leben ohne Liebe ist kein Leben.<\/em> Wieder mit perfekter Aussprache vorgebracht. Ich bin fast beruhigt, als er dann mit dem Wort K\u00fchlschrank doch seine Probleme hat. Er hat die Sprachfetzen von Kunden, vor allem aber von einem Cousin aufgeschnappt, der in Deutschland gearbeitet und ein Restaurant betrieben hat. Er zeigt mir eine durchgeschnittene Frucht und kann sich wieder herrlich \u00fcber meine Unkenntnis echauffieren: <em>Nein, kein Granatapfel. Passionsfrucht<\/em>.\u00a0 Er gebraucht das englische Wort, passion fruit, aber es gibt eine griechischen Lehn\u00fcbersetzung, mit derselben Bedeutung: \u03c6\u03c1\u03bf\u03cd\u03c4\u03bf \u03c4\u03bf\u03c5 \u03c0\u03ac\u03b8\u03bf\u03c5\u03c2. Erst sp\u00e4ter finde ich im Internet zuf\u00e4llig, dass <em>Maracuja<\/em> dieselbe Frucht bezeichnet. Erstaunlich, dass sie das alles hier anbauen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Um mir Gesellschaft zu leisten, trinkt er auch einen Kaffee, einen griechischen Kaffee. Nein, belehrt er mich, der sei nicht stark. Er trinke viel Kaffee und deshalb keinen starken Kaffee. Mein Nescaf\u00e9 sei st\u00e4rker. Ich muss mich zwar immer noch m\u00e4chtig anstrengen, aber ich verstehe ihn allm\u00e4hlich ein bisschen besser. Und er beantwortet mit viel Geduld meine Fragen zur Sprache.<\/p>\n<p>Im Laufe des Tages wird das Wetter immer schlechter, und in den Nachrichten ist von einem Unwetter in Saloniki die Rede, bei dem schon vier Menschen ums Leben gekommen sind. Am Abend erlebe ich dann selbst, was so ein richtiger kretischer Regen ist. Keine reine Freude, weder f\u00fcr Autofahrer noch f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger. Die Dr\u00e4nage funktioniert schlecht, und auf den schlecht erleuchteten Stra\u00dfen gehen Fu\u00dfg\u00e4nger, zum Teil alte M\u00e4nner mit Stock, seelenruhig \u00fcber die Fahrbahn. Oft sieht man sie erst im letzten Moment. Als Autofahrer kann man kaum vermeiden, Fu\u00dfg\u00e4nger nass zu spritzen, und als Fu\u00dfg\u00e4nger wird man von Autos nass gespritzt. Die kn\u00f6cheltiefen Pf\u00fctzen sorgen daf\u00fcr, dass man unten nass wird, der Wind daf\u00fcr, dass man oben nass wird.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">12. Dezember (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Der Roman der jungen griechischen Autorin, den ich in der Buchhandlung aufgegriffen habe, ist nicht gerade ein literarisches Meisterwerk. Ganz im Gegenteil. Er taugt eigentlich nur als gutes Beispiel f\u00fcr einen schlechten Roman: voller Klischees, mit einer an den Haaren herbeigezogenen Handlung, flachen, profillosen, unglaubw\u00fcrdigen Charakteren. Gut und B\u00f6se sind klar verteilt: Die Griechen sind die Guten, die T\u00fcrken die B\u00f6sen. Die t\u00fcrkische Schwiegermutter \u2013 ausgerechnet die Schwiegermutter \u2013 ist eine Despotin und hat ihren Ehemann heimlich um die Ecke gebracht. Ihr t\u00fcrkischer Ehemann, den sie nur aus Liebe zu ihrer Familie heiratet, aber am Hochzeitstag mit einem Engl\u00e4nder betr\u00fcgt \u2013 aber das geschieht nat\u00fcrlich \u201eaus Liebe\u201c \u2013 erweist sich als Vergewaltiger und trachtet ihr am Ende nach dem Leben. Es gibt ein paar Alibi-T\u00fcrken, die den Griechen helfen, aber das sind Nebenfiguren. Ihre heroische Schwester \u2013 von ihrem Vater hat sie gelernt, dass Griechen einschreiten, auch, wenn sie dabei selbst in Gefahr kommen \u2013 vertreibt mit einem Steinwurf zehn t\u00fcrkische M\u00e4nner, die sich \u00fcber eine schwangere Frau hermachen. Sie erleidet dann einen Ged\u00e4chtnisverlust und wei\u00df noch nicht einmal mehr, wie sie hei\u00dft, hat aber sonst alles im Griff: Sie wei\u00df, wie man sich kleidet und schminkt, wie man sich benimmt, wie man spricht, wie man Geld verdient, sie wei\u00df alles, nur nichts von der Vergangenheit, und ist auch keinen Moment lang unsicher oder gar verst\u00f6rt. Und sie wei\u00df, wie man Karriere macht. Und das klappt wie im M\u00e4rchen: Nach ihrem ersten Auftritt in einem Club bekommt sie gleich einen Plattenvertrag und wird dann an der Oper engagiert. Alle sind bedingungslos begeistert von ihr, es gibt keinen Neid, keine Konkurrenz, keine Eifers\u00fcchteleien. Nat\u00fcrlich spannt sie einer Frau dann auch noch den Mann aus, auf den sie es abgesehen hat. Trotz aller Beteuerung, dass sie keinen Tag verlieren werde, nach ihrer Familie zu suchen, schert sie sich einen Dreck darum und verfolgt ihre Karriere. Auch die Schwester, die ihr ewige Treue geschworen hat, gibt nach ein paar halbherzigen Versuchen schnell auf, die Schwester zu finden. Wenn Griechen gut und T\u00fcrken b\u00f6se sind, so ist Istanbul \u2013 das nur \u03b7 \u03c0\u03cc\u03bb\u03b7, \u201adie Stadt\u2018, genannt wird \u2013 das Paradies. London ist h\u00e4sslich, und die Engl\u00e4nder haben einfach nicht diesen herzlichen Charakter der Menschen in Istanbul &#8211; wo doch gerade das schlimme Pogrom \u00fcber die B\u00fchne gegangen ist. Aber das haben ja die b\u00f6sen T\u00fcrken gemacht. Als am Ende die wiedervereinte Familie \u2013 von den ungeliebten angeheirateten T\u00fcrken durch gut zu Pass kommende Unf\u00e4lle befreit \u2013 von London nach Istanbul zur\u00fcckgeht, bedarf es nur eine Wortes: Ja, zur\u00fcck zur Stadt. Da ist kein einziger, auch der Engl\u00e4nder der Familie nicht, der vielleicht in London in all den Jahren Wurzeln geschlagen hat, der Freunde, Beruf, Wohnung, Vertrautheit, Partner vielleicht nicht aufgeben will. Das Argument \u03b7 \u03c0\u03cc\u03bb\u03b7 sticht alles andere aus. In dieser, eigentlich interessanten kosmopolitischen Welt des Istanbuls der Nachkriegszeit gibt es merkw\u00fcrdigerweise nie Verst\u00e4ndigungsprobleme. Man fragt sich: Sprechen alle T\u00fcrken Griechisch oder alle Griechen T\u00fcrkisch? Und selbst wenn, hakt es da nicht irgendwann einmal bei der Kommunikation? Nie. In einer dramatischen Szene taucht der Engl\u00e4nder auf, der erst seit ein paar Tagen in Istanbul ist. Er spricht fl\u00fcssig mit dem griechischen Opfer der Vergewaltigung und mit ihrem t\u00fcrkischen Nachbarn. Wie geht das? Das ist mehr als genug, um einen Roman schlecht zu machen, aber das \u00c4rgste kommt noch: die Sprache. Alle sprechen gleich, in wohl gesetzten, langen Sentenzen mit vielen untergeordneten S\u00e4tzen, ganz gleich, ob sie gerade aus dem Meer gefischt worden oder vergewaltigt worden sind oder ihre tot geglaubte Tochter nach Jahren wiedersehen. Es gibt keine Unterbrechungen, keine Ausrufe, keine Ellipsen, keine Umgangssprache. Alle sprechen wie ein Buch, die Charaktere genauso wie der Erz\u00e4hler. Und der zieht alle Register der Sprache des Tagebuchs eines Teenagers: Wenn jemand \u00fcberrascht ist, l\u00e4sst er etwas fallen, wenn jemand bewegt ist, vergie\u00dft er Tr\u00e4nen, und wenn auch das nicht geht, dann ist das Gef\u00fchl \u201eunbeschreiblich\u201c, was einer literarischen Kapitulationserkl\u00e4rung gleichkommt. Das wird erg\u00e4nzt durch blutleere, nichtssagende Phrasen wie <em>mit ihrem ganzen Herzen<\/em>, <em>mit all ihrer Kraft<\/em>, <em>dem sch\u00f6nsten Tag ihres Lebens<\/em> und den beiden Lieblingsw\u00f6rtern der Autorin, <em>wirklich<\/em> und <em>wunderbar<\/em>, manchmal in einem Trommelwirbel der Nichtigkeit zusammengef\u00fcgt zu <em>wirklich wunderbar<\/em>. Man bekommt das kalte Grausen. Man kann der Autorin ihr junges Alter zugutehalten, aber sie hat Philologie studiert, unter anderem in Paris. Offensichtlich folgenlos. Und wenn sie schon so schlecht schreibt, warum greift dann der Lektor nicht ein? Der Verlag muss doch jemanden haben, der etwas von Literatur versteht. Und daf\u00fcr habe ich Geld ausgegeben. Und trotzdem: Jetzt lese ich das Buch ein zweites Mal. Es ist schlecht f\u00fcr meine Seele, aber gut f\u00fcr mein Griechisch. Ich werde eine Strichliste machen, auf der jedes <em>wunderbar<\/em> vermerkt wird.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13. Dezember (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Immer wieder komme ich durcheinander bei dem Plural von \u03c7\u03c1\u03cc\u03bd\u03bf\u03c2, \u201aJahr\u2018. Man gebraucht zwei unterschiedliche Formen in den S\u00e4tzen <em>Er ist drei\u00dfig Jahre alt<\/em> und <em>Er ist schon zw\u00f6lf Jahre in der Firma<\/em>. Im ersten Satz ist es \u03c7\u03c1\u03bf\u03bd\u03ce\u03bd, der Genetiv Plural. Das kommt mir russisch vor. Im zweiten Satz ist es \u03c7\u03c1\u03cc\u03bd\u03b9\u03b1, der Akkusativ Plural. Trotzdem hei\u00dft der Geburtstagsgl\u00fcckwunsch \u03c7\u03c1\u03cc\u03bd\u03b9\u03b1 \u03c0\u03bf\u03bb\u03bb\u03ac, aber da geht es wohl eher um die Jahre, die noch kommen. Zu allem \u00dcbel gibt es auch noch \u03c7\u03c1\u03bf\u03bd\u03b9\u03ac, mit anderer Betonung. Hier geht es um Jahr im Sinne von \u201aJahrgang\u2018.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">14. Dezember (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Einbiegen auf die Zielgerade bei der Bibellekt\u00fcre: Es fehlt nur noch die Geheime Offenbarung. Das Wort Apokalypse verwende ich in diesen Tagen manchmal. Es hei\u00dft auch \u201aEntdecken\u2018, kommt also in Frage, wenn man eine Entdeckung gemacht hat, sei sie auch noch so banal. Klingt schrecklich \u00fcbertrieben.<\/p>\n<p>Am Mittag esse ich bei Jana H\u00fchnchen aus dem Backofen. Schmeckt und riecht lecker, vor allem wegen der Kr\u00e4uter. Ich muss wieder nachfragen, was es ist: Rosmarin. Das kretische Wort \u00e4hnelt unserem, aber das eigentliche griechische Wort ist ganz anders: \u03b4\u03b5\u03bd\u03c4\u03c1\u03bf\u03bb\u03af\u03b2\u03b1\u03bd\u03bf. Jana hat die Kr\u00e4uter aus dem eigenen Garten oder, noch h\u00e4ufiger, von Maria. Die ist, zusammen mit ihrem Mann, die Versorgerin des Dorfes mit allem, was man essen und selbst anbauen kann.<\/p>\n<p>Jana gibt mir Obst mit nach Hause. Diesmal liege ich bei dem Ratespiel gleich zweimal daneben: Granatapfel? Nein! Passionsfrucht? Nein! Lotus! Auf Griechisch\u00a0 \u03bb\u03c9\u03c4\u03cc\u03c2. Gibt es auf Deutsch nicht auch Lotos? Oder sind Lotus und Lotos zwei verschiedene Dinge? Jedenfalls sind Granatapfel, Passionsfrucht und Lotusfrucht in Form und Gr\u00f6\u00dfe \u00e4hnlich, Granatapfel und Lotusfrucht auch in der r\u00f6tlichen Farbe. Drinnen sieht es aber ganz anders aus. Die Lotusfrucht hat sieht innen ein bisschen wie ein Kiwi aus, aber mit weniger Kernen, und ist von der Konsistenz her wie eine Banane. Und beim Geschmack, da gibt es das alte Problem: Wie kann man Geschmack in Worte fassen? Man kann eigentlich nur vergleichen, und auch da wei\u00df ich nicht so recht: Banane, Mandarine, Kiwi. So eine Mischung.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">15. Dezember (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Das leckere Brot gibt es zurzeit nur samstags. Ich frage nach einem anderen, und der B\u00e4cker nennt ein Wort, um es zu beschreiben. Nie geh\u00f6rt. Ich nehme es trotzdem. Dann aber will mir das Wort nicht aus dem Kopf, und pl\u00f6tzlich kommt die Erleuchtung: \u03c7\u03b5\u03b9\u03c1\u03bf\u03c0\u03bf\u03af\u03b7\u03c4\u03bf. Das steckt der <em>Chiropraktiker<\/em> drin, der mit den H\u00e4nden arbeitet, und die <em>Poesie<\/em>, bei der etwas verfertigt, gemacht wird: \u201ahandgemacht\u2018!<\/p>\n<p>Jetzt wei\u00df ich endlich, was Tamarisken sind. Ich habe sie nat\u00fcrlich schon dutzendfach gesehen und sogar photographiert, aber nie identifizieren k\u00f6nnen. Sie haben einen rauen, oft krummen Stamm, der sich schon bald verzweigt, und sehr weiche Nadeln, so weich, dass man sich fragt, ob es \u00fcberhaupt Nadeln sind. F\u00fchlt sich an, als wenn man durch d\u00fcnnes Haar f\u00e4hrt. Die Tamarisken wachsen direkt am Strand. Sie k\u00f6nnen Salz aufnehmen und verarbeiten. Der griechische Name soll etwas mit Salz zu tun haben, aber der Zusammenhang bleibt mir verschlossen.<\/p>\n<p>Immer wieder sieht man am Stra\u00dfenrand, meistens auf Steine gepinselt, die Buchstaben \u0395.\u03a0\u0391.\u039c. Das ist eine zur politischen Partei mutierte ehemalige B\u00fcrgerbewegung, die sich gegen die ganze Entwicklung in der Finanzkrise wendet. Sie fordert neue Verhandlungen, neue Bedingungen, Autonomie und Austritt aus dem Euro. Ob das sinnvoll ist, ist schwer zu sagen, aber verst\u00e4ndlich ist es alle Male. Jetzt habe ich ein Photo gemacht, wo diese Buchstaben, ziemlich aufw\u00e4ndig, in eine Felswand zwischen Myrtos und Ierapetra eingelassen sind, nicht wie sonst in roter Schmierschrift, sondern Wei\u00df auf Schwarz in Druckbuchstaben. Es musss ein ziemlicher Aufwand gewesen sein, dass dahin zu bekommen. Jetzt habe ich endlich ein Photo davon.<\/p>\n<p>Zentralen von politischen Parteien habe ich bisher nur in Sitia gesehen, und zwar sowohl die der PASOK als auch die der ND. Und au\u00dferdem die der KNE, einer kommunistischen Partei, deren Zentrale direkt \u00fcber einem modernen Modegesch\u00e4ft ist.<\/p>\n<p>Am Abend ins Kino gegangen. Merkw\u00fcrdige Erfahrung: Als ich in den Vorf\u00fchrraum komme, ist noch kein Zuschauer da, und das bleibt auch so. Die drei M\u00e4nner, die unten den \u201eBetrieb\u201c, d.h. Kasse und Imbissstand am Laufen halten, tun mir fast leid, aber was soll man machen? Es wird jede Woche ein Film gezeigt, jeweils zwei Vorstellungen von Freitag bis Montag. Man kann nur hoffen, dass es am Wochenende voller ist. Aber andererseits: Warum soll man ins Kino gehen? Alles ist st\u00e4ndig und leicht zu Hause zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Der Film f\u00e4ngt p\u00fcnktlich an. Werbung gibt es nur vorher, fast ausschlie\u00dflich lokale Gesch\u00e4fte. Der Film, Magic in the Moonlight, ist auf Englisch mit griechischen Untertiteln. Am Anfang sehr verwirrend, dann einfach Konzentration auf die Sprache und Ignorieren der Untertitel, dann allm\u00e4hlich auch mal einen Blick auf die Untertitel. Geht ganz gut, weil das Englisch britischer Standard ist und der Film in den besten Gesellschaftsschichten angesiedelt ist.<\/p>\n<p>Der Film ist eine leichtf\u00fc\u00dfige, nicht unsympathische Kom\u00f6die mit ernstem Hintergrund, der aber, typisch Hollywood, vor einer individuellen Liebesbeziehung immer mehr zur\u00fccktritt. Ein etwas herablassend wirkender, etwas pomp\u00f6s auftretender englischer Vernunftmensch wird in seiner Selbstsicherheit ersch\u00fcttert durch eine junge Amerikanerin, die \u00fcbersinnliche Kr\u00e4fte zu haben scheint und ihre ganze Umgebung damit beeindruckt. Das, was wie Hokuspokus aussieht, beeindruckt ihn, weil er keine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr findet, stellt sich am Ende aber als ein blo\u00dfer Trick, eben als Hokuspokus heraus, Gott sei Dank. Seine Bekehrung, auch das typisch Hollywood, geschieht viel zu schnell, und die inneren K\u00e4mpfe werden auf ein bisschen Stirnrunzeln ratlose Gesichter reduziert. Er l\u00e4sst sich auch viel zu einfach bekehren durch das, was sie kann, ohne nach dem zu sehen, was sie nicht kann. Und verf\u00fchren l\u00e4sst er sich schlie\u00dflich durch ihr L\u00e4cheln und ihre sch\u00f6nen Augen. Am Ende also doch ziemlich seicht.<\/p>\n<p>Der Film spielt in den Zwanzigerjahren, und, damit man auch ein paar sch\u00f6ne Au\u00dfenszenen drehen kann, praktischerweise in S\u00fcdfrankreich. Daf\u00fcr gibt es keinen inhaltlichen Grund. Man f\u00e4hrt mit offenen Limousinen durch die Gegend, tr\u00e4gt wei\u00dfe Hosen, lange, luftige Kleider, die Frauen Stirnb\u00e4nder und die M\u00e4nner wollene M\u00fctzen. Man spielt Tennis, tanzt Charleston und h\u00f6rt Swing. Genauso stellt man sich die Zeit vor.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">16. Dezember (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>An der Bushaltestelle greife ich einen jungen Mann auf, der nach Ierapetra will. Es ist einer der Albaner, die hier bei der Olivenernte helfen. Er spricht fl\u00fcssig Griechisch und hat sogar ein paar kretische Eigent\u00fcmlichkeiten \u00fcbernommen. Seit zehn Jahren kommt er hierher, zusammen mit seinem Vater. Der ist jetzt bei der Ernte, er selbst ist nach Ierapetra geschickt worden, um ein paar Beh\u00f6rdeng\u00e4nge zu erledigen. Im Winter arbeitet er bei der Olivenernte, im Sommer in einem Hotel am Ortseingang von Myrtos. Die Zeit dazwischen verbringt er in Albanien. Myrtos im Winter ist f\u00fcr ihn ein bisschen langweilig. Im Sommer sei mehr los, das w\u00e4re besser.<\/p>\n<p>Ich habe auch ein paar Erledigungen in Ierapetra zu machen. Eine Seite ausdrucken, eine einzige Seite. Daf\u00fcr laufe ich eine ganze Zeit durch die Gegend. Die Bank, die man mir als Orientierungspunkt genannt hat, hat den Namen gewechselt und so bin ich nicht in die Stra\u00dfe abgebogen. Dann finde ich das Gesch\u00e4ft aber doch. Es ist mir etwas peinlich, den Aufwand f\u00fcr die eine Seite zu betreiben, aber es l\u00e4sst sich nicht \u00e4ndern. Die Frau in dem Gesch\u00e4ft ist aber freundlich. Das Gespr\u00e4ch spielt sich auf Griechisch und Englisch ab. Ich bleibe bei Griechisch, sie bleibt bei Englisch. Beide in einer Fremdsprache. Verr\u00fcckt. Ich versuche auch gar nicht, sie vom Englischen abzubringen, frage aber am Ende, ob sie auch Griechisch spreche.<\/p>\n<p>Es gibt zwei Arten Laubb\u00e4ume in der Stra\u00dfen der Innenstadt, die mir gefallen, besonders die in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, mit dichtem Blattwerk in sattem Gr\u00fcn. Die B\u00e4ume scheinen die Bl\u00e4tter nicht zu verlieren. Oder sie tauschen die alten fliegend gegen die neuen aus. Daf\u00fcr spricht, dass einige heller, andere dunkler sind.<\/p>\n<p>In Ierapetra hat man ein interessantes Nebeneinander von ganz modernen Gesch\u00e4ften \u2013 vor allem Elektronik und Konditoreien \u2013 leer stehenden Gesch\u00e4ften und traditionellen Gesch\u00e4ften, vollgestopft mit Ware \u2013 vor allem Haushaltswaren und Schreibwaren. Teilweise steht die Ware auch vor der T\u00fcr, wie bei einem Haushaltswarengesch\u00e4ft: Besen, Beile, Heckenscheren, Eimer (aus Zinn, nicht aus Plastik), Schl\u00e4uche.<\/p>\n<p>Ich finde endlich auch das Gesch\u00e4ft, in dem es CDs gibt. Es ist aber nicht so, dass man in Ruhe aussuchen kann, sondern man muss sagen, was man will. Aber genau das wei\u00df ich nicht. Als ich stotternd meine W\u00fcnsche vortrage, sagt der Mann: \u201eK\u00f6nnen wir machen.\u201c Das meint er ganz w\u00f6rtlich. Sie machen eine CD, also vermutlich eine Raubkopie, f\u00fcr mich. Kann morgen abgeholt werden. Als ich dann noch mal wiederkomme und Sonderw\u00fcnsche \u00e4u\u00dfere, ist er nicht gerade begeistert, nimmt die Sache aber hin. Ich bin froh, dass ich den Mut gehabt habe.<\/p>\n<p>In einer als Pizzeria getarnten Taverne am Kai esse ich Pastitsio und Salat. Dann kommt eine Familie rein und gr\u00fc\u00dft mit \u039a\u03b1\u03bb\u03b7\u03c3\u03c0\u03ad\u03c1\u03b1. Das wird offensichtlich als angemessen angesehen, obwohl es das Wort Abend beinhaltet. Und zwar um zehn nach zwei. Das glaubt mir wieder niemand. Aber es ist eine exakte Parallele zum Italienischen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">17. Dezember (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Einbiegen auf die Zielgerade bei der Bibellekt\u00fcre: Es fehlt nur noch die Geheime Offenbarung, die Apokalypse. Auch hier eine merkw\u00fcrdige Vertrautheit mit dem Wort. Zumindest das Verb, \u03b1\u03bd\u03b1\u03ba\u03b1\u03bb\u03cd\u03c0\u03c4\u03c9, das auch \u201aentdecken\u2018 hei\u00dft, habe ich in den letzten Wochen schon ein paarmal benutzt.<\/p>\n<p>Das Griechische liegt daneben, wenn es um die Benennung der Null geht. Die europ\u00e4ischen Kultursprachen speisen sich aus zwei Quellen: lat. <em>nulla<\/em> (eigentlich nulla figura) und arab. <em>sifr<\/em>. (das wiederum aus dem Sanskrit stammt). Zu der ersten Gruppe geh\u00f6ren Deutsch, Schwedisch, Russisch, zu der zweiten Englisch, Franz\u00f6sisch, Spanisch. Die haben sich am Italienischen als Modesprache der Mathematik orientiert. Aus sifr wurde cephirum, daraus zefiro und daraus die Kurzform zero, zum ersten Mal im 15. Jahrhundert belegt. Andere Sprachen, die in direkterem Kontakt mit der arabischen Welt lebten, haben ihre Benennung direkt von sifr abgeleitet: T\u00fcrkisch, Persisch, Suaheli. Und dann kommt auf einmal Griechisch mit \u03bc\u03b7\u03b4\u03ad\u03bd [miden]. Das f\u00e4llt v\u00f6llig raus. Ist mir immer ein R\u00e4tsel gewesen, aber jetzt habe ich gelesen, dass es w\u00f6rtlich \u201anicht eins\u2018 bedeutet(e) und damit <em>nulla figura<\/em> entspricht. Kann man, wenn man es wei\u00df, noch erahnen.<\/p>\n<p>Heute nehme ich ein junges franz\u00f6sisches Paar mit nach Ierapetra. Sie sind schon seit einem ganzen Jahr unterwegs, durch ganz Europa. Kreta ist die letzte Station. Sie kennen den Westen schon sehr gut und wollen sich jetzt auch noch diesen Teil ansehen. Sie haben ein Zelt dabei, gehen aber alle paar Tage in ein Hotel, um sich mal wieder richtig zu pflegen. Sie machen es alles genau richtig.<\/p>\n<p>Ierapetra, das sonst so einladend wirkt, wirkt heute wie ausgestorben. Der tr\u00fcbe Tag verst\u00e4rkt die Wirkung noch. Dann, als ich vor einem geschlossenen Gesch\u00e4ft stehe, f\u00e4llt mir ein: Mittwoch! In Griechenland sind montags und mittwochs nachmittags die Gesch\u00e4fte traditionellerweise geschlossen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">18. Dezember (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Bei Jannis begegne ich einem Mann, der wie ein \u00dcbriggebliebener der 68er Generation aussieht, Basilius. Sehr nett, sehr kommunikativ. Er kommt aus dem Norden, lebt aber schon eine Ewigkeit hier. Auch er kann ein paar Brocken Deutsch. Aus seiner Zeit in Berlin. Seine Frau ist Italienerin. Sie spricht angeblich auch nicht viel besser als ich, obwohl sie schon zwanzig Jahre hier ist. Genau das ist das Problem. Man kommt mit ein paar Brocken ganz gut zurecht. Der Rest wird auf Englisch erledigt.<\/p>\n<p>Da er gut auf meine Sprache reagiert und mir an den richtigen Stellen hilft oder mich korrigiert, spreche ich mal das Problem mit Duzen und Siezen an. Darauf gibt es ein langes Hin und Her, weil sie meine Frage nicht verstehen. Sie erkl\u00e4ren, dass man Sie Plural und du Singular ist, verstehen aber nicht, dass es mir um den Gebrauch geht. Irgendwie landen wir dann doch noch dabei. Es ist teils eine Frage der Generation, also des Sprachwandels, andererseits, und das ist anders als bei uns, eine Frage des Alters. Es ist normal, dass \u00c4ltere J\u00fcngere duzen, von denen aber gesiezt werden. Das ist wohl auch der Fall bei Jana vom Mirtos, die mich best\u00e4ndig weiterhin siezt. Sie meinen, ich k\u00f6nne ruhig beim du bleiben. Das sei nicht unh\u00f6flich. Und mit ihnen ist es auf jeden Fall du.<\/p>\n<p>Ich erfahre auch noch, dass die sch\u00f6nen B\u00e4ume aus der Innenstadt von Ierapetra mit den dichten, breiten Baumkronen und den sch\u00f6nen Bl\u00e4ttern Feigen sind. Auf Griechisch hei\u00dfen sie merkw\u00fcrdigerweise Benjamin: \u03bc\u03c0\u03b5\u03bd\u03b6\u03b1\u03bc\u03af\u03bd\u03b7. Die genaue deutsche Bezeichnung ist Birkenfeige. Sie ist tats\u00e4chlich immergr\u00fcn. Ob sie auch Fr\u00fcchte tr\u00e4gt, wei\u00df ich nicht.<\/p>\n<p>Als ich am Nachmittag nach Ierapetra komme, sind die Gesch\u00e4fte schon wieder zu. Komisch, denke ich mir. Aber ist gar nicht komisch. Das sind nur die griechischen \u00d6ffnungszeiten. Die sind zwar gener\u00f6s, aber auch gener\u00f6s, was die Mittagsstunde betrifft, die auch schon mal, wie bei der Buchhandlung, vor der ich stehe, dreieinhalb Stunden dauern und erst um halb sechs enden kann.<\/p>\n<p>Als dann ge\u00f6ffnet wird, kaufe ich nach langer Suche doch noch ein Buch. Und zwar Hardcore, als Reaktion auf die seichte Lekt\u00fcre der letzten Wochen: das Buch eines Philosophieprofessors, der schon mehr als f\u00fcnfzig B\u00fccher ver\u00f6ffentlicht hat.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">19. Dezember (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Bei Jannis treffe ich nicht auf Jannis, daf\u00fcr aber auf eine alte Frau, zierlich, klein, mit Stock und Kopftuch. Ich setze mich zu ihr auf die Bank vor der Taverne und wir kommen ins Gespr\u00e4ch. Sie artikuliert deutlich, macht kaum merkliche Pausen zwischen den Satzteilen, gebraucht Gesten, die mir das Verst\u00e4ndnis erleichtern. Wunderbar. Sie sagt, indem sie auf Jannis Frau deutet: \u201eSie hei\u00dft Sophia.\u201c Dann zeigt sie auf sich und sagt: \u201eIch hei\u00dfe auch Sophia.\u201c Und f\u00fcgt hinzu: \u201eIch habe eine Schwester. Sophia ist die Tochter meiner Schwester.\u201c \u2013 \u201eAch so\u201c, sage ich, \u201eihre Nichte.\u201c \u2013 \u201eJa, meine Nichte!\u201c Die geborene Lehrerin. Ich habe in der ganzen Zeit noch niemanden getroffen, der sich mit so viel Sensibilit\u00e4t und Verstand auf den Fremden eingelassen hat. Aufmerksam ist sie auch. Sie bemerkt, dass ich ins Schwitzen gekommen bin und will sogar aufstehen, um der \u201ekleinen\u201c Sophia zu sagen, sie solle mir eine Serviette geben. Was auch sofort geschieht. Dann will sie sogar meinen Kaffee bezahlen. Ich nehme nicht an, frage mich aber nachher, ob ich das nicht doch h\u00e4tte tun sollen. Dann erz\u00e4hlt sie die Geschichte \u2013 die am Ende tragisch, mit einem t\u00f6dlichen Autounfall des Jungen endende Geschichte &#8211; von einem Jungen aus dem Dorf, der in Deutschland gearbeitet hat, eine Deutsche kennen gelernt und geheiratet und mit ihr zwei Kinder bekommen hat. Sie kamen regelm\u00e4\u00dfig mit den Kindern zu Besuch nach Kreta. Sie findet, und noch einmal verbl\u00fcfft sie mich, das sei doch eine gute Sache. Zwei verschiedene L\u00e4nder, zwei verschiedene Sprachen, zwei verschiedene Kulturen. Die Kinder k\u00f6nnten das Beste von beiden Welten erleben. Eine Frau, die ihren Namen verdient.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">20. Dezember (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Ich kenne das Wort f\u00fcr \u201adunkel\u2018, \u03c3\u03ba\u03bf\u03cd\u03c1\u03bf\u03c2, aber das f\u00fcr \u201ahell\u2018 will mir einfach nicht einfallen. Es geht um die Bl\u00e4tter der B\u00e4ume. Ich durchkrame verschiedene Schubladen: <em>Licht<\/em>, <em>Sonne<\/em>, <em>Morgen<\/em>, <em>Tag<\/em>, aber es will sich nichts einstellen. Von denen kann man kein geeignetes Adjektiv ableiten. Ich muss nachfragen: \u03b1\u03bd\u03bf\u03b9\u03c7\u03c4\u03cc\u03c2. Das hei\u00dft \u201aoffen\u2018 und \u201ahell\u2018 gleichzeitig! Allerdings nur f\u00fcr Augen, Haut, Farbe. Es gibt, wie ich im Lexikon feststelle, noch ein anderes Wort f\u00fcr hell: \u03c6\u03c9\u03c4\u03b5\u03b9\u03bd\u03cc\u03c2. Ich h\u00e4tte noch ein paar mehr Schubladen durchkramen sollen. Es hat was mit \u201aFeuer\u2018 zu tun, und mit \u201aPhoto\u2018.<\/p>\n<p>In <em>Le rouge et le noir<\/em> zeichnet Mathilde gedankenverloren ein Portrait. Erst als es fertig ist, merkt sie, dass es das Portrait von Julien, ihrem heimlichen Liebhaber,\u00a0 ist. Dann versucht sie, weitere Portraits von ihm anzufertigen, aber keins wird so gut wie das erste. Eine Szene, die als Metapher auf viele andere Bereiche des Lebens \u00fcbertragen werden kann.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">21. Dezember (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>\u201eM\u00e4nner, man h\u00e4tte auf mich h\u00f6ren und von Kreta nicht abfahren sollen, um so dieses Ungemach und diesen Schaden zu ersparen\u201c. So Paulus in der Apostelgeschichte. Ich schlage die Warnung in den Wind und mache mich davon. Aber mit Zwischenstation in Chania.<\/p>\n<p>Ich mache mich fr\u00fch auf den Weg. Kurz vor acht sieht man die ersten Bauern auf dem Weg zur Olivenernte. Die Fahrt geht gut. Nach 75 Minuten habe ich die 75 Kilometer nach Heraklion hinter mir. Das ist ordentlich f\u00fcr kretische Verh\u00e4ltnisse. Als es auf Heraklion zugeht, kommt viel Gegenverkehr, vielleicht Ausfl\u00fcgler, die Weihnachten im S\u00fcden verbringen.<\/p>\n<p>Je weiter es nach Westen geht, umso gr\u00fcner wird es. Jedenfalls ist die Vegetation viel dichter, und ganz nackte Felsen wie in der Umgebung von Myrtos findet man nicht. Hier wachsen auch die Zypressen, die fr\u00fcher mal halb Kreta bedeckt haben sollen.<\/p>\n<p>Nach Heraklion geht es auf die New Road, die einzige richtige Fernstra\u00dfe Kretas. Die ist gut ausgebaut, aber in diesem Bereich auch sehr kurvenreich. Und es sind Motorradfahrer und Radfahrer unterwegs, Rennradfahrer in gro\u00dfen Gruppen, alle in meiner Richtung. Die Motorradfahrer kommen komischerweise alle aus der anderen Richtung. Sie sind mit H\u00f6chstgeschwindigkeit unterwegs und kommen in den Kurven bis an den Rand der anderen Spur. Die dr\u00f6hnenden Motoren und das pl\u00f6tzliche Erscheinen k\u00f6nnen einen schreckhaften Autofahrer schon beeindrucken, vor allem wenn der gerade eine Gruppe von Radfahrern vor sich hat.<\/p>\n<p>Im mache Halt in Rethymnon. Pause und kurze Besichtigung. Die Stadt macht von vornherein einen tollen Eindruck: ein m\u00e4chtiges, hoch gelegenes Kastell, zwei H\u00e4fen, eine Mole mit einem Leuchtturm am Ende, eine breite Strandpromenade mit Palmen auf beiden Seiten, enge Gassen, venezianische H\u00e4user mit t\u00fcrkischen Holzerkern, und das alles bei strahlendem Sonnenschein. Ich finde das venezianische Loggia nicht, wohl aber den venezianischen Brunnen, den Rimondi-Brunnen, dessen Name, aber nur der Name, mir von damals noch bekannt vorkommt.<\/p>\n<p>Es ist noch ruhig, an einem Sonntag um zehn ist die Stadt noch nicht erwacht. Im Sommer w\u00e4re mir hier zu viel Trubel. Die Gesch\u00e4fte, Schmuck, Waffeln, Schiffsausfl\u00fcge, Internetcaf\u00e9s, bedruckte T-Shirts, sind auf die Bed\u00fcrfnisse von Ausl\u00e4ndern ausgerichtet. Auch die Lokale am Hafen sind zu elegant und aufw\u00e4ndig f\u00fcr ein ausschlie\u00dflich einheimisches Publikum.<\/p>\n<p>Aber siehe da: Je weiter ich mich in den Gassen verliere, umso authentischer wird es: l\u00e4rmende Kinder, Obstgesch\u00e4fte, ein Pope, der von allen gegr\u00fc\u00dft wird, M\u00e4nner auf dem obligaten Stuhl vor dem Haus. Und dann \u00f6ffnen sich die Gassen pl\u00f6tzlich auf einen weiten, leeren Platz, an dessen einer ein gro\u00dfes Verwaltungsgeb\u00e4ude steht. An der gegen\u00fcberliegenden Seite reiht sich ein Kafeneion an das andere, das Gegenst\u00fcck zu den eleganten Caf\u00e9s am Hafen, mit einfachen, quadratischen Tischen und einfachen Korbst\u00fchlen, und lauter einheimischen Kunden.<\/p>\n<p>Von der zweitsch\u00f6nsten Stadt Kretas geht es dann in die sch\u00f6nste Stadt Kretas. Oder ist es doch umgekehrt? Der erste Eindruck ist jedenfalls ern\u00fcchternd: L\u00e4rm, stockender Verkehr, Motorr\u00e4der und Fu\u00dfg\u00e4nger, die sich zwischen den Autos durchwinden, die sich wiederum durch die zu beiden Seiten zugeparkten Stra\u00dfen winden, riesige Hotelkl\u00f6tze und graue B\u00fcrobauten, wie man sie in Athen vermuten w\u00fcrde, und p\u00fcnktlich zur Einfahrt in Chania f\u00e4ngt es auch noch zu regnen an. Unterwegs ist es seit Rethymnon st\u00e4ndig k\u00e4lter und dunkler geworden.<\/p>\n<p>Dann geht es irgendwie in die Altstadt. Hier eine ganz andere Atmosph\u00e4re. Kein Mensch auf den Stra\u00dfen, alle Caf\u00e9s geschlossen. \u00dcber ein Einbahnstra\u00dfensystem \u2013 hier passt gerade mal ein Auto auf den Fahrweg \u2013 wird man immer wieder rund geleitet. Ich kurve so lange herum, bis ich einen Parkplatz finde \u2013 f\u00fcr Anlieger. Ich bleibe trotzdem da stehen, packe meine Siebensachen und mache mich auf die Suche nach der Pension. Die liegt am anderen Ende der Altstadt, in einem kleinen G\u00e4sschen. Die Besitzerin, eine energische Hamburgerin, an deren Umgangston man sich erst gew\u00f6hnen muss, ist doch da. Eigentlich wollte sie mir nur eine Nachricht hinterlassen. Sie hat aber eine gute Nachricht: Das Auto kann ich stehen lassen. Im Winter alles kein Problem. Sie f\u00fchrt mich in das winzige Zimmerchen im ersten Stock. Das ist frisch renoviert, und sie legt gleich noch Hand an und bohrt zwei L\u00f6cher in den Boden f\u00fcr die T\u00fcrverriegelung. Sie macht das mit der Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit der wir den Knopf einer Kaffeemaschine bedienen.<\/p>\n<p>Es ist unglaublich, wie sie das alles in dem winzigen Zimmer untergebracht hat: Bett, Schrank, eine kleine Anrichte, einen K\u00fchlschrank, ein B\u00fccherregal, einen Fernseher, einen Safe, eine Kaffeemaschine, ein B\u00fccherregal und das ganz neue, moderne Bad.<\/p>\n<p>Ich mache mich gleich auf den Weg, um die Sonnenstunden zu nutzen. Die Pension liegt am \u00e4u\u00dfersten Ende des Hafenbeckens, etwas vom Ufer zur\u00fcckgezogen. Dort steht das Handdenkmal. Es erinnert an ein Schiffsungl\u00fcck, bei dem mehr als 200 Passagiere, die von hier nach Pir\u00e4us unterwegs waren, ums Leben kamen. Ist noch gar nicht so lange her. Daraufhin wurde die ANEK gegr\u00fcndet, die Schiffslinie, mit der ich nach Kreta gekommen bin. Wie genau der Zusammenhang ist, wei\u00df ich nicht. Das Denkmal, von einer Bildhauerin gestaltet, zeigt die Kanten des versinkenden Schiffes und eine aus dem Wasser herausragende Hand, der letzte Rettungsversuch eines Ertrinkenden. Hinter dem Schiff erscheinen zwei Pfeiler, jeder mit einem Leuchtturm obendrauf, vielleicht Start- und Zielhafen.<\/p>\n<p>Ich gehe einmal am Hafen entlang. Der ist etwas zackig angelegt, so dass man mehrmals eine neue Perspektive hat, wenn man einen Zacken hinter sich l\u00e4sst. Das Ensemble mit der langgestreckten Mole auf der einen Seite, mit einem Leuchtturm am Ende, und der Hafenpromenade auf der anderen Seite ist ausgesprochen sch\u00f6n. Und kommt mir bekannt vor. Als ich dann sp\u00e4ter die gleiche Sicht noch mal von der anderen Seite habe, bin ich sicher: Das ist eine der wenigen \u201eAufnahmen\u201c, die noch von der ersten Kretareise da sind. Genau dieses Bild.<\/p>\n<p>Ein Blickfang an der Uferpromenade ist die Moschee, oft Janitscharen-Moschee genannt. Es ist ein niedriges, rechteckiges Geb\u00e4ude, das f\u00fcr seine Gr\u00f6\u00dfe eine v\u00f6llig \u00fcberdimensionierte Kuppel hat. Vor der gro\u00dfen Kuppel sieben weitere kleinere Kuppeln. An einer Seite sieht man noch Marmorplatten mit arabischen Inschriften. Ob fr\u00fcher das ganze Geb\u00e4ude verkleidet war? Ist das hier nur der Rohbau?<\/p>\n<p>Dann kommt das Arsenal, das eher wie eine Loggia aussieht. Ein rechteckiges Geb\u00e4ude, dessen Untergeschoss venezianisch und dessen Obergeschoss t\u00fcrkisch ist. Gerade das sieht mit einem gro\u00dfen gotischen Fenster an der Front venezianisch aus.<\/p>\n<p>Dann kommen einige Lagerhallen, halbrund, sehr langgezogen, mit einer Giebelfassade zum Hafen, die meisten in schlechtem Zustand, aber trotzdem sch\u00f6n, entfernt an Barcelona erinnernd.<\/p>\n<p>Sonst \u00fcberall pastellfarbene H\u00e4user, jedes etwas anders als das andere, praktisch alle in der Hand von Gastronomen. Dazwischen zwei moderne H\u00e4user, die sich erstaunlich gut einpassen.<\/p>\n<p>Am Ende dann noch einmal Lagerhallen, gr\u00f6\u00dfer als die anderen. In einer soll die <em>Minoa<\/em> zu sehen sein, die Rekonstruktion eines minoischen Schiffs, das anl\u00e4sslich der Olympischen Spiele gebaut wurde und tats\u00e4chlich\u00a0 nach Athen fuhr. Aber die Halle ist geschlossen, und es gibt wie immer keine Information. Am n\u00e4chsten Tag erfahre ich, dass sie im Winter geschlossen ist. Schade.<\/p>\n<p>Nach einem Schwenker lande ich in der Neustadt. Fu\u00dfg\u00e4ngerzone mit lauter, englischer Musik und Fressst\u00e4nden, gerammelt voll. Am Rande liegt die Markthalle, ein ungew\u00f6hnliche Einrichtung f\u00fcr Griechenland. Sie wurde, liest man, nach dem Vorbild der Markthalle von Marseille gebaut. Quadratisch, relativ klein, einst\u00f6ckig, heutzutage stark auf touristischen Bedarf ausgerichtet, aber heute voller Einheimischer, die sich an den kleinen Imbissbuden der Fischst\u00e4nde versorgen. Alles ist sehr sauber, sehr adrett, hat aber wenig Atmosph\u00e4re. Und ich habe auch nie verstanden, was daran so reizvoll ist, in einer Markthalle zu essen. Aber den Leuten gef\u00e4llt\u2019s.<\/p>\n<p>Ich lande zum Essen in einem kleinen, versteckt liegenden Lokal hinter den Lagerhallen, <em>Doloma<\/em>. Man sitzt unter einem Vordach, durch einen Platz mit B\u00e4umen von der Stra\u00dfe getrennt. Es gibt Bureki, einen Kartoffelauflauf, vegetarisch. Schmeckt ganz gut, ist aber nichts Besonderes, gemessen an der Propaganda, die in der griechischen K\u00fcche daf\u00fcr gemacht wird. Und die Portion ist winzig, so klein, dass ich erst denke, dass ist nur der Beilagenteller. Das w\u00e4re in meinen besten Zeiten nicht mehr als ein Appetithappen gewesen, und auch heute ist es wie eine Vorspeise.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">22. Dezember (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Ein trostloser Morgen: grau, kalt, st\u00fcrmische See, kein Mensch auf den Stra\u00dfen, alle Caf\u00e9s geschlossen. An der Strandpromenade weht der Wind, die Wellen werden auf den Gehsteig gesp\u00fclt, und irgendwo h\u00f6rt man als einziges Zeichen menschlicher Zivilisation eine Betonmischmaschine. Ich muss in ein anderes Stadtviertel gehen, um einen Kaffee zu bekommen. Ein kleines Eckgesch\u00e4ft, ein Stehcaf\u00e9. Ich mache einen Kommentar zum Wetter, aber der Wirt sagt: Nur heute. F\u00fcr Weihnachten sind 20\u00b0 angesagt.<\/p>\n<p>Ich gehe ins Schifffahrtsmuseum, im alten Kastell untergebracht, direkt am Hafen, nur ein paar Schritte von der Unterkunft entfernt.<\/p>\n<p>Gleich hinter dem Eingang gibt es ein sch\u00f6nes Modell vom venezianischen Chania. Man sieht die beiden gleichzeitig existierenden Stadtmauern, eine runde, um das Stadtviertel Kastelli herum, und eine rechteckige, um die ganze Stadt herum.\u00a0 Die erste ist vermutlich \u00e4lter und wurde stehen gelassen, als die neue hinzukam. Sie hat gerade Mauern, die neue schr\u00e4g abfallende Mauern. Der neuen Mauer fehlt eine Seite. Da ist das Meer. Darum haben sie da die Hafenmole hingebaut, mit dem Leuchtturm, zur Kontrolle der Einfahrt in den Hafen. Heute fehlt der Mauer auch das Gegenst\u00fcck zur Stadt hin. Das ist abgerissen worden bei der Stadterweiterung. An ihrer Stelle ist jetzt eine vielbefahrene Stra\u00dfe. Aber die beiden anderen Fl\u00fcgel, im Osten und im Westen, sind vollst\u00e4ndig erhalten.<\/p>\n<p>Neben dem Stadtmodell ein Kommentar zu der venezianischen Epoche, in dem typisch pathetischen Ton, in dem das hier gemacht wird. Von der \u201eunendlichen und brutalen Sklaverei\u201c ist die Rede, von der \u201eunerm\u00fcdlichen Durchhalteverm\u00f6gen\u201c und von der \u201enicht auszul\u00f6schenden Flamme des kretischen Freiheitswillens\u201c ist die Rede. Es habe 27 Rebellionen gegeben w\u00e4hrend dieser Zeit. Was damit gemeint ist, wird nicht genau ausgef\u00fchrt, aber kleinlaut wird hinzugef\u00fcgt, dass die fast alle in den ersten 150 Jahren stattfanden. Nat\u00fcrlich. Niemand rebelliert 450 Jahre lang. Die Menschen richten sich ein, viele profitieren von der Herrschaft, und die Venezianer haben hier einiges aufgebaut. Au\u00dferdem waren sie vermutlich klar in der Minderheit. Die meisten Kreter haben wahrscheinlich gar nicht gemerkt, dass es neue Herrscher gibt. Die haben auf dem Land gearbeitet und ihre Steuern bezahlt. An wen, war denen vermutlich ziemlich egal.<\/p>\n<p>An einer anderen Stelle ist von den Epidemien, Erdbeben und Pirateneinf\u00e4llen der Zeit die Rede. Darunter hat die Bev\u00f6lkerung vermutlich viel mehr gelitten als unter den Venezianern.<\/p>\n<p>Sehr gut, aber etwas ungl\u00fccklich an einer Wand angebracht, eine ganze Auswahl von Karten Kretas. Man sieht, dass es von Ptolem\u00e4us bis zum Sp\u00e4tmittelalter immer gleich bleibt, gar nicht schlecht, aber ungenau. Dann wird es in kleinen Schritten immer besser, immer genauer. Und wer hat die Karten gemacht? Holl\u00e4nder, Deutsche und Italiener. Von Kretern keine Spur. Auf mehreren Karten ist die Bezeichnung <em>Insula Candia<\/em>, nicht Kreta. Der alte Name von Chania wurde f\u00fcr die ganze Insel gebraucht. Eine andere Karte setzt sich damals schon mit der Vielfalt der St\u00e4dtenamen auseinander: Griechisch und Latein, alt und neu, offiziell und volkst\u00fcmlich. Auf dieser Karte sind rings um die Insel herum St\u00e4dtenamen angebracht, die alternative Bezeichnungen der St\u00e4dte auf der Karte sind. Es gibt auch eine Karte, die auf die Hekatompolis Kreta verweist, das Kreta der Hundert St\u00e4dte, ein Name, der f\u00fcr die \u201edunklen Jahrhunderte\u201c gebraucht wird, f\u00fcr die Epoche nach der Palastzeit, eine Epoche der politischen Fragmentierung, Resultat der St\u00e4rkung regionaler Zentren und der Einwanderung neuer St\u00e4mme.<\/p>\n<p>Bei dem Freiheitskampf gegen das Osmanische Reich wurde die Handelsflotte in eine Kriegsflotte umgewandelt, hei\u00dft es. Aber wessen Handelsflotte? Hatte Kreta w\u00e4hrend der Osmanischen Herrschaft eine eigene, von den Osmanen unabh\u00e4ngige Flotte? Das w\u00e4re nicht gerade ein Zeichen von Unterdr\u00fcckung. Wie dem auch sei, der Freiheitskampf Griechenlands, bei dem Kreta ja sowieso mit Verz\u00f6gerung dran war, wurde nat\u00fcrlich nicht von Griechen, sondern von den europ\u00e4ischen M\u00e4chten gef\u00fchrt: England, Frankreich, Russland. Ohne die w\u00e4re das hier alles heute noch t\u00fcrkisch. Die werden aber hier nur am Rande erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>Im n\u00e4chsten Raum eine Sammlung von Schiffsmodellen aus den verschiedenen Jahrhunderten. Komisch: F\u00fcr den Laien sehen sie gar nicht so anders aus, obwohl teils mehr als tausend Jahre zwischen ihnen liegen. Man sieht Schiffe mit spitzem und mit rundem Bug mit flachem und mit tiefem Kiel, aber sie wechseln sich in den Zeiten ab und sind wohl eher von der Funktion des Schiffes abh\u00e4ngig. Zu einem Schiff hei\u00dft es, die wichtigste Neuerung sei die K\u00fcche gewesen! Darauf muss man erst mal kommen. Das bedeutet Komfort, aber auch Gefahr. Nichts ist gef\u00e4hrlicher f\u00fcr ein Schiff als Feuer. Also musste die K\u00fcche mit besonderen Planken eigens abgesichert werden. Das \u00e4lteste Modell ist das eines minoischen Schiffs. Das hatte, wenn ich das richtig verstanden habe, zum ersten Mal einen Mast und zum ersten Mal ein viereckiges Segel. Kann man auch ohne Mast segeln? Vermutlich habe alle Schiffe neben den Segeln auch Ruder, aber nur bei einem Modell kann man die sehen: 50 auf jeder Seite! In drei Reihen \u00fcbereinander. Die L\u00f6cher sind gerade gro\u00df genug f\u00fcr die Ruder, die Ruderer konnten vermutlich nichts sehen. Muss ein komisches Gef\u00fchl gewesen sein.<\/p>\n<p>Dann kommt die Abbildung byzantinischer Herrscher. Die Gem\u00e4lde sehen wie Ikonen aus, au\u00dfer der letzten, bei der der Goldhintergrund fehlt und die Darstellung weniger hieratisch ist. Als wichtigster byzantinischer Herrscher gilt ein gewisser Nikiforos Fokas (IX), der erst die Sarazenen und dann die Piraten aus Kreta vertrieb und dann auch aus Zypern. Nomen est omen: Nikiforos hei\u00dft \u201aSiegbringer\u2018.<\/p>\n<p>Dann kommt eine Briefmarkensammlung, aus aller Welt. Motive sind Schiffe, Kapit\u00e4ne, Erforscher, H\u00e4fen. Erstaunlich, wie oft es das auf Briefmarken gibt.<\/p>\n<p>Dann kommt ein Raum, in dem antiken Seeschlachten mit kleinen Schiffsfig\u00fcrchen dargestellt werden. Man sieht jeweils verschiedene Phasen und erkennt, auch wenn man die Details nicht versteht, wie viel von der Taktik abh\u00e4ngig ist. Bei Salamis sind die griechischen Schiffe in der Unterzahl, aber die persischen werden an den Landstreifen abgedr\u00e4ngt und sitzen in der Falle. Bei einer anderen Schlacht wird die Mehrheit von der Minderheit umzingelt.<\/p>\n<p>Der letzte Raum unten ist Meerestieren gewidmet, meist Mollusken. Bei den Schw\u00e4mmen steht ausdr\u00fccklich dran \u201eBitte nicht ber\u00fchren\u201c. Kann man verstehen, man will unwillk\u00fcrlich zugreifen. Sie sehen wirklich wie Schw\u00e4mme aus. Und das sind tats\u00e4chlich Tiere. Wer entscheidet das eigentlich?<\/p>\n<p>Muscheln gibt es in allen Variet\u00e4ten. Allein die Unterschiede in der Gr\u00f6\u00dfe sind verbl\u00fcffend. Die gr\u00f6\u00dfte, die Riesenmuschel, aus zwei \u201eaufklappbaren\u201c H\u00e4lften bestehend, kann bis zu 200 kg wiegen! Die kleinsten sind so klein, dass sie nicht einzeln pr\u00e4sentiert werden, sondern in einem Glasr\u00f6hrchen, wie Minierdn\u00fcsse aneinandergereiht. Einige sehen aus wie Schalen, andere wie Kegel, andere wie Sterne, andere wie Schnecken, andere wie die weibliche \u201eMuschel\u201c, wieder andere wie Fibeln, einige sind matt, andere gl\u00e4nzend.<\/p>\n<p>Auf dem Weg nach oben h\u00e4ngt an der Wand die Pfeife eines Schiffsjungen: gebogen, versilbert, erstaunlich zierlich, mit einer Kette. Sie kann nur zwei T\u00f6ne produzieren, hoch und tief, aber durch die Kombinationen der beiden eine Vielzahl von Signalen senden. Erinnert ein bisschen an das digitale System. Diese Signale wurden auf Schiffen intensiv \u201ege\u00fcbt\u201c. Man kann sich das Durcheinander gut vorstellen, wenn nicht alle dasselbe verstanden. Es gib Signale f\u00fcr Segel hissen, Licht an, Weitermachen und, das sch\u00f6nste von allen (tief \u2013 hoch \u2013tief): Abendessen!<\/p>\n<p>Oben l\u00e4uft ein Video, in dem man sieht, wie eine <em>Lloyd St<\/em>. in <em>Chania St.<\/em> umbenannt wird. Ich frage mich die ganze Zeit, wo das ist. Hier auf Kreta? Es ist zwar sonnig und warm in dem Video, aber die Landschaft sieht nicht nach Kreta aus. Es ist Australien! Australien hat jede Menge griechischer Auswanderer, mit ganzen Stadtvierteln, die heute noch \u201egriechisch\u201c sind.<\/p>\n<p>Oben geht es um den Kampf um Kreta im 2. Weltkrieg. Anhand von Karten sieht man, wie sich die Sache entwickelte. Der Angriff der Nazis, am 21.5.1941 begonnen, basierte auf den Fallschirmspringern einerseits und auf Bombardierung aus der Luft andererseits. Die Alliierten \u2013 in diesem Fall Griechenland, England, Australien und Neuseeland \u2013 hatten dem nichts entgegenzusetzen. Sie verfolgten eine Doppelstrategie, um das Schlimmste zu verhindern: Versorgung des Landes und Verhinderung weiterer Landungen der Nazis einerseits und Evakuierung der eigenen Truppen nach \u00c4gypten andererseits. Die Evakuierung erfolgte von zwei Punkten: Heraklion im Norden und Sfakia im S\u00fcden.<\/p>\n<p>Warum war Kreta eigentlich so wichtig? Wenn die Deutschen es kontrollierten, kamen sie \u00c4gypten und Pal\u00e4stina n\u00e4her und konnten den Engl\u00e4ndern auf die Pelle r\u00fccken. Wenn die Alliierten es kontrollierten, konnten sie von hier aus das griechische Festland angreifen. Das wurde zum gro\u00dfen Teil von Italien, zum kleineren Teil von Deutschland kontrolliert.<\/p>\n<p>Man sieht Schaufensterpuppen mit britischer, australischer und neuseel\u00e4ndischer Uniform. Der britische Soldat tr\u00e4gt ein Schiffchen und Krawatte, die beiden anderen einen breitkrempigen Hut. Sie sehen legerer aus, eher wie Ranger.<\/p>\n<p>Zum Abschluss gibt es noch eine Vitrine mit Objekten von der deutschen Wehrmacht: eine Gasmaske, Reinigungsmittel f\u00fcr die Gasmaske mit genauen Gebrauchsanweisungen, eine Brosch\u00fcre zur Erkennung von britischen Kriegsschiffen, Fallschirmseide, ein verrostetes Bajonett,\u00a0 Maschinengewehrreiniger und \u2013 als H\u00f6hepunkt \u2013 eine als unscheinbarer Kugelschreiber getarntes Schusswaffe. Wie aus James Bond.<\/p>\n<p>Danach mache ich mich daran, dass Auto zu versetzen. Es ist fast zum Lachen, wie kompliziert das ist, von einem Ende der Altstadt zum anderen, mit all den Staus und Einbahnstra\u00dfen und schlechten Beschilderungen. Am Ende klappt es aber, und das Auto steht jetzt direkt am Handdenkmal. Das lange Herumgurken hat auch sein Gutes: Inzwischen ist das Wetter besser geworden.<\/p>\n<p>Auf dem Weg in die Stadt komme ich wieder an dem Museum vorbei. Jetzt kann ich mir auch die Sachen vor dem Museum ansehen: ein riesiger Anker, ein riesiger Propeller, eine Sonnenuhr. Die besteht aus einem Kupferstab, der einen Schatten wirft. Der Schatten f\u00e4llt auf ein f\u00e4cherartiges Feld, das die Stunden anzeigt. Aber die Angabe stimmt nicht. Dann entdecke ich eine Tafel, auf der genau angegeben ist, wie viele Minuten zu welcher Jahreszeit abgezogen oder addiert werden m\u00fcssen, Jetzt stimmt es! Hinten an der Wand zwei Bomben, in der typischen Form dicker Zigarren. Wenn sie etwas gr\u00f6\u00dfer w\u00e4ren, k\u00f6nnte man meinen, es w\u00e4ren U-Boote.<\/p>\n<p>In der Stadt fallen mir jetzt wieder die drei Lokale auf, an denen ich gestern der Reihe nach vorbeigekommen bin: \u03a4\u03bf \u039c\u03b1\u03cd\u03c1\u03bf \u03a0\u03c1\u03cc\u03b2\u03b1\u03c4\u03bf, \u039a \u03a0\u03c1\u03ac\u03c3\u03c3\u03b5\u03b9\u03bd \u0391\u03bb\u03bf\u03b3\u03b1, \u039c\u03b1\u03cd\u03c1\u03bf\u03c2 \u03a0\u03ad\u03c4\u03b5\u03b9\u03bd\u03bf\u03c2 &#8211; <em>Das Schwarze Schaf, Zum Gr\u00fcnen Pferd, Der Schwarze Hahn<\/em>.<\/p>\n<p>Dann komme ich an <em>Doctor Fish<\/em> vorbei, Fu\u00dfpflege durch Fische, wie ich sie aus Malaysia kenne: <em>For<\/em> <em>once, you\u2019re the food for the fish<\/em>. Aber kein Vergleich zu Malaysia. Die Becken sind kleiner und schwach besetzt, und der Ort hat keinerlei Atmosph\u00e4re.<\/p>\n<p>Auffallend sind hier in Chania die vielen Messergesch\u00e4fte, Relikte aus der Zeit, als noch jeder Kreter ein Messer unterm Strumpf trug, f\u00fcr die n\u00e4chste Vergeltungsaktion.<\/p>\n<p>In der Neustadt haben sie eine Schaufensterpuppe vor das Gesch\u00e4ft gestellt, in traditioneller kretischer Kleidung, aber mit einem ganz modisch geschnittenen, grauen Anzug.<\/p>\n<p>Im j\u00fcdischen Viertel, in den engen Gassen hinter der Unterkunft, wo jedes zweite Haus Lokal oder Hotel ist, wird der Name El Greco voll ausgeschlachtet: Es gibt das Hotel <em>El Greco<\/em>, das Hotel <em>Domenico<\/em> und das Hotel<em> Theotokopoulou<\/em>. El Greco wurde vermutlich in Fodele, einem Ort zwischen Heraklion und Chania geboren. F\u00fcr die Griechen ist er Grieche, f\u00fcr die Spanier, trotz des Namens, Spanier. Genauso wichtig war aber seine Zwischenstation, Italien. Dort arbeitete er immerhin in der Werkstatt von Tizian.<\/p>\n<p>Ganz in der N\u00e4he gibt es in einer Seitengasse einen Torbogen mit einem schwer zu entziffernden Zitat von Horaz. Ohne den Reisef\u00fchrer h\u00e4tte ich noch nicht einmal den Torbogen gesehen. Die Schwierigkeit des Zitats beruht nicht nur darauf, dass es auf Latein ist, sondern auch auf der Anordnung. Es gibt zwei Zeilen \u00fcbereinander, die beide durch einen Mittelstein in zwei Teile geteilt sind. Man hat also vier Teile und wei\u00df nicht, wie man lesen muss, ganz wie bei den fr\u00fchen nichtentschl\u00fcsselten Schriften. Man muss \u00fcber den Mittelstein hinweglesen, und das tun die meisten nicht. Die zweite Schwierigkeit ist das am Ende ein in ein O eingeschriebenes verschn\u00f6rkeltes s steht. Der Steinmetz hatte sich mit dem Platz versch\u00e4tzt und musste jetzt zwei Buchstaben unterbringen, wo kaum Platz f\u00fcr einen war. Man kann das Zeichen leicht ganz \u00fcbersehen. Ganz sch\u00f6n vertrackt.<\/p>\n<p>Im J\u00fcdischen Viertel ist die Synagoge erhalten, eine der wenigen Kretas. Hier leisteten die Deutschen in der Nazizeit ganze Arbeit. Die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung wurde durch die Deportationen auf ein Minimum reduziert. Die war vorher, wie man an diesem, sehr zentral gelegenen Viertel sehen kann, von erheblicher Bedeutung.<\/p>\n<p>An einer Stra\u00dfenkreuzung raschelt es irgendwo. H\u00f6rt sich fast rhythmisch an, so als wenn L\u00e4ufer im Gleichschritt durch trockenes Laub laufen. Keine Ahnung, wo das herkommt. Dann sehe ich es: von oben. Es sind Johannisbrotb\u00e4ume. Die sind kahl, haben aber noch ihre Schoten, und wenn der Wind durch sie\u00a0 durchgeht, raschelt es.<\/p>\n<p>Ich gehe zu der Bastion am anderen Ende der Altstadt. Hier hat man eine sch\u00f6ne Sicht aufs Meer, aber die kann man im Sommer besser genie\u00dfen als jetzt. Auch hier oben wachsen Tamarisken. Man sieht hier, dass es Nadelb\u00e4ume sein m\u00fcssen: Der ganze Boden ist voller Nadeln, sieht aus wie bei uns im Fichtenwald.<\/p>\n<p>Zum Essen gehe ich in ein Lokal am Rande der Neustadt. Die Stra\u00dfe ist nach Daskalojannis benannt. Der ist hier der gro\u00dfe Held, auch der Flughafen ist nach ihm benannt. Er ist ein fr\u00fcher kretischer Freiheitsk\u00e4mpfer. Gestern bin ich an dem Lokal vorbeigekommen. Es war rappelvoll, lauter Einheimische. Heute ist es leer, ganz leer. Ich werde aber freundlich bedient und bekommt gutes Essen. Und eine gr\u00f6\u00dfere Portion als gestern.<\/p>\n<p>Die Stadtmauer um Kastelli verbirgt sich jetzt teils hinter einem Bauzaun. Auch \u00fcber den Bauzaun hinweg kann man noch sehen, wie die Venezianer altes Zeug, S\u00e4ulentrommeln aus der Antike zum Beispiel, in die Stadtmauer eingebaut haben, ohne falsche Reverenz vor der Antike. Die S\u00e4ulentrommeln setzen sich in Form und Farbe von den anderen Steinen ab. Dieser Teil ist die\u00a0 Keimzelle von Chania, des minoischen Vorl\u00e4ufers der Stadt. Hier wird ordentlich gegraben, man hofft noch auf sensationelle Funde. Es gibt schon Anzeichen daf\u00fcr, dass hier ein weiterer minoischer Palast stand.<\/p>\n<p>In Splantzia, dem ehemaligen T\u00fcrkenviertel, dem Viertel mit der angenehmsten Atmosph\u00e4re, steht die Agios Nikolaos, die Kirche mit dem sch\u00f6nsten Photomotiv in Chania, trotz Hafen und Leuchtturm: Sie hat im Norden einen Campanile und im Osten ein Minarett. Beide friedlich vereint, Zeichen der wechselvollen Geschichte des Viertels und des Geb\u00e4udes. Davor h\u00e4ngt aber, wie zum Trotz, eine Leine mit Wimpeln, immer abwechselnd die griechische Flagge und die Fahne der orthodoxen Kirche.<\/p>\n<p>Gleich in der N\u00e4he h\u00e4ngt an einer Buchhandlung eine Weltkarte, auf der Schriftsteller eingetragen sind, jeder an seinem Ort. Die Auswahl ist nat\u00fcrlich problematisch. Deutschland hat Brecht und Kafka, aber nicht Goethe und Schiller, aber Griechenland hat nicht Kazantzakis, sondern Homer. Aber sch\u00f6ne Idee, ein echter Hingucker.<\/p>\n<p>Am Eingang zur Altstadt gibt es tats\u00e4chlich Starbucks. Wer braucht in Griechenland Starbucks? Wer braucht \u00fcberhaupt Starbucks? Selbstbedienung, Wartehallenatmosph\u00e4re, Plastikbecher, hohe Preise und schlechter Kaffee. Der Sieg der Werbung \u00fcber den gesunden Menschenverstand.<\/p>\n<p>In der Neustadt sehe an einem Imbissstand ein Schild, auf dem angeboten werden: <em>Coffee, Cold Drinks, Shnacks. <\/em><\/p>\n<p>Am Nachmittag gehe ich dann noch in ein Caf\u00e9 im Stadtpark. Der Weg f\u00fchrt am Fu\u00dfballstadion vorbei, dessen Masten ich immer wieder gesehen ab, schon vom Auto aus. Das Caf\u00e9 ist wie ein klassisches Caf\u00e9haus. Als ich die Bestellung aufgeben will, nimmt mir der Kellner, der meinen Reisef\u00fchrer gesehen hat, das Wort aus dem Mund: Hanoum Borek. Ein Geb\u00e4ck t\u00fcrkischen Ursprungs, wie so viel in Griechenland, Bl\u00e4tterteich mit zerhackten Mandeln und N\u00fcssen und einer Creme, nicht so ganz anders als Baklava.<\/p>\n<p>Immer wieder sto\u00dfe ich auf unterschiedliche Kennzeichnungen von Toilettent\u00fcren. Irgendwo heute oder gestern waren es Mickey Mouse und Minny Mouse und dieser Tage Slip und Unterhose.<\/p>\n<p>Delta, Alpha und Lambda sind als Gro\u00dfbuchstaben oft nicht so einfach zu unterscheiden, je nach Schriftart. Manchmal stehe ich wie ein I-D\u00f6tzchen vor einem Wort und versuche, es zu entziffern. Ich suche W\u00f6rter, wo alle drei vorkommen, m\u00f6glichst auf einem Schild mit Gro\u00dfbuchstaben, finde aber erst mal keins. Als Wort k\u00e4me Ladi in Frage, \u00d6l: \u039b\u0391\u0394\u0399.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Oktober (Mittwoch) Es geht nach S\u00fcden. Und wie! Ierapetra, die einzige Stadt in der N\u00e4he von Myrtos, meinem Zielort, gilt als die s\u00fcdlichste Stadt Europas. Wo immer ich das in den letzten Wochen gesagt habe, gab es Widerspruch: Zypern, &hellip; <a href=\"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=5572\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1022,"parent":1155,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5572"}],"collection":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5572"}],"version-history":[{"count":71,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5572\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7726,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5572\/revisions\/7726"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1155"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1022"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5572"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}