{"id":6770,"date":"2015-01-04T16:50:24","date_gmt":"2015-01-04T15:50:24","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=6770"},"modified":"2024-02-24T17:08:10","modified_gmt":"2024-02-24T16:08:10","slug":"kreta-2015","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=6770","title":{"rendered":"Kreta (2015)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1. Januar (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Der erste Tag des Jahres ist gleich voll im Einsatz. Er tr\u00e4gt gleich m\u00e4chtig dazu bei, dass die Statistik weiterhin stimmt, nach der der Januar der regenreichste Monat in Kreta ist. Dazu ist es kalt und windig. Die Fahrt von Chania nach Heraklion zieht sich drei Stunden hin und wird mir lang.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise brauche ich nur bis nach Heraklion. Das neue Jahr soll gleich mit einem Paukenschlag beginnen, dem Arch\u00e4ologischen Museum von Heraklion, einem der \u201eH\u00f6hepunkte jeder Kretareise\u201c, laut Reisef\u00fchrer. Und da die Hotelpreise g\u00fcnstiger sind als die Benzinpreise, ist ein Halt unterwegs angesagt.<\/p>\n<p>Dann alleine im Dunkeln in einer fremden Stadt im Regen nach dem Hotel suchen. Da fehlt nur noch: viel Verkehr. Den gibt es aber gl\u00fccklicherweise nicht. Ich lange auf gut Gl\u00fcck irgendwo im Zentrum. Eine freundliche junge Frau, die mein Griechisch aush\u00e4lt, sieht mich bedauernd an, als ich frage, ob ich von hier aus zum Hotel laufen kann. Also wieder ins Auto. Nach einigem Rumkurven finde ich am Hafen einen Parkplatz, mit Blick auf die gro\u00dfen F\u00e4hrschiffe. Hier bin ich vor drei Monaten angekommen.<\/p>\n<p>Ich atme einmal tief durch und rufe dann das Hotel an. Wieder ein sehr freundlicher Mann, wieder einer, der nicht gleich auf Englisch wechselt. Was ist denn hier los? Ich verstehe, dass ich von hier aus zu Fu\u00df gehen kann. Das Hotel liegt aber etwas versteckt.<\/p>\n<p>Ich packe meine Siebensachen und mache mich auf den Weg, vom Gro\u00dfen Hafen zum Alten Hafen. \u00dcbles Wetter, es f\u00fchlt sich wie an der Nordsee an. Erst als es in das Wohnviertel geht und man vom Wind gesch\u00fctzt ist, wird es besser. An einer Ecke stehe ich mit meinem Stadtplan und versuche im Schein der d\u00e4mmerigen Laterne etwas zu sehen. Ein Auto h\u00e4lt an. Ich lege mir die Worte zurecht, um ihm zu sagen, dass ich hier fremd sei. Aber er will gar keine Auskunft von mir, er will helfen. Toll. Die grobe Richtung kann er anzeigen. Das hilft.<\/p>\n<p>An der Rezeption ist der freundliche Mann vom Telefon. Er weist mich an, mit Fernbedienung f\u00fcr Fernseher \u2013 verzichtbar \u2013 und Fernbedienung f\u00fcr Klimaanlage \u2013 sehr willkommen. Zum ersten Mal seit Wochen kann ich mich mal wieder auf eine Nacht in einem warmen Zimmer freuen.<\/p>\n<p>Die Gegend um das Hotel ist ausgestorben. Alles geschlossen. Der Magen h\u00e4ngt auf halb drei. Aber dann komme ich an einen Platz, und hier ist trotz des bescheidenen Wetters richtig Leben. Lauter junge Leute in Caf\u00e9s und Tavernen. Also bekomme ich doch noch was zu essen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">2. Januar (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Auch heute mache ich wieder die Erfahrung, dass hier in der Stadt, entgegen den Erwartungen, die Chancen besser sind, Griechisch zu sprechen. Am besten macht es ein parkender Autofahrer, den ich nach dem (schlecht ausgeschilderten) Arch\u00e4ologischen Museum frage. Er fragt erst: Auf Griechisch? Wartet die Antwort ab und antwortet dann auf Griechisch. Perfekt!<\/p>\n<p>V\u00f6llig aus dem H\u00e4uschen bin ich von einer jungen Frau, die mir detaillierte Erkl\u00e4rungen gibt. Ich verstehe jede Silbe. Dann sagt sie, ihr Griechisch sei auch nicht so gut. Es ist eine Ausl\u00e4nderin! Wir Ausl\u00e4nder untereinander verstehen uns am besten.<\/p>\n<p>Als ich dann endlich vor dem Museum stehe, sehe ich, dass ich an dem Geb\u00e4ude vorher schon ein paarmal vorbeigekurvt bin.<\/p>\n<p>Normalerweise kommt man in Museum immer, wenn sie gerade renoviert werden oder die Renovierung bevorsteht. Diesmal ist es umgekehrt: Die Renovierung ist gerade abgeschlossen. Abgeschlossen hei\u00dft in Griechenland nat\u00fcrlich nicht perfekt: Einige Exponate stehen ohne Beschreibung in der Gegend herum, das Schild mit den \u00d6ffnungszeiten am Eingang ist schon wieder \u00fcberholt und notd\u00fcrftig mit einem Zettel \u00fcberklebt, das Museumsshop ist geschlossen, ohne Angabe von \u00d6ffnungszeiten, und der Ausgang ist da, wo steht: Kein Ausgang!<\/p>\n<p>Aber das Museum entsch\u00e4digt f\u00fcr alles. Es ist atemberaubend. Man verbeugt sich vor dem Gestaltungswillen und der Gestaltungskraft der Menschen. Und dann gehen sie hin und betr\u00fcgen einander und schlagen sich die K\u00f6pfe ein. Eine merkw\u00fcrdige Spezies.<\/p>\n<p>Schon bei den \u00e4ltesten Exponaten ist das zu sehen, so an zwei Schmuckdosen mit Deckel, deren Griffe als Hund gestaltet sind. Wer kommt auf so eine Idee? Die Datierung: 2600-2300 vor Christus! Doa legst di nieda. Dazu kommt noch, dass die beiden Dosen, fast identisch in der Gestaltung, an zwei verschiedenen Orten gefunden worden: Mochlos und Kato Zakros. Es muss also Beziehungen gegeben haben.<\/p>\n<p>Aus der gleichen Zeit Figurinen in allen m\u00f6glichen Abwandlungen, einige genau an die von den Kykladen erinnernd, wieder ein Beleg f\u00fcr Kontakt: flach, mit langer, schmaler Nase, ansonsten ohne Gesichtsz\u00fcge. Picasso war begeistert. Kein Wunder. Insgesamt geh\u00f6ren die Figurinen, die vermutlich Grabbeigaben waren, zu drei verschiedenen Typen: naturalistisch, abstrakt, mit Betonung eines einzigen K\u00f6rperteils. Wie eine Vorwegnahme verschiedener Ans\u00e4tze der Kunst im Laufe der Geschichte. Die meisten Figuren sind klein, es gibt aber auch einige wenige, die vielleicht so lang wie ein ausgestreckter Arm sind. Und noch eine grunds\u00e4tzliche Frage, die weit \u00fcber diese Figurinen hinausweist: Was stellen sie dar? Den Toten? Einen Ahnen? Einen Gott?<\/p>\n<p>Alle Exponate sind in Vitrinen ausgestellt, gut beleuchtet und meist gut beschriftet. Es gibt keine eigentlichen S\u00e4le, aber Abtrennungen durch querstehende Vitrinen. Man darf von den meisten Exponaten sogar Photos machen. Als ich einen W\u00e4rter danach frage, best\u00e4tigt er das und fragt mich: Deutscher? Ich sage ja und frage, ob man das am Akzent merke. Nein, sagt er, am Gesicht! Man wei\u00df kaum, was schlimmer ist.<\/p>\n<p>Ich frage mich gerade, ob es keine Tierdarstellungen gibt, da kommt mir gleich eine ganze Herde K\u00fche entgegen. Wir sind allerdings schon in einer sp\u00e4teren Zeit, im 2. Jahrtausend vor Christus, aber noch vor der Palastzeit. Es gibt auch Schweinek\u00f6pfe und einen schlafenden Hund!<\/p>\n<p>Auch kurios Tongef\u00e4\u00dfe, Schalen und Tassen, auf deren Boden sich Tonfiguren befinden, einmal ein Hund, einmal ein Vogel, einmal Brote (sie sind klein und rund mit einem Loch in der Mitte, wie Donuts) und einmal ein Sch\u00e4fer mit seiner Herde!<\/p>\n<p>Dann, schon aus der alten Palastzeit, kommt einer der H\u00f6hepunkte des Museums. Ich kann mich sogar noch von der letzten Kretareise daran erinnern und von vielen Abbildungen. Es ist ein Pektoral, vergoldet, klein, ganz fein gearbeitet. Es zeigt zwei Bienen im Profil, die K\u00f6pfe aneinander, die einen Tropfen Honig in der Honigwabe deponieren! Unglaublich! Auf ihren K\u00f6pfen ein K\u00e4fig, in dem wiederum eine goldene Perle zu sehen ist. An ihren Fl\u00fcgeln und an der Stelle, wo ihre Schw\u00e4nze zusammentreffen h\u00e4ngen Ketten, an denen wiederum Scheiben h\u00e4ngen. Da ist das Wort Hochkultur nicht zu hoch gegriffen.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt nicht in Erinnerung hatte ich die Kamares-Keramik. Sie kommt aus Phaistos und aus Knossos. Es muss Luxusware gewesen sein, und sie wurde auch exportiert: nach Zypern, nach \u00c4gypten, nach Pal\u00e4stina und in die Kykladen. Dabei sind sie so zierlich, dass man Angst h\u00e4tte, sie auch nur anzufassen, besonders die halbkugeligen, polychromen Tassen mit Verzierung. Wenn man von der Seite hinsieht, hat man das Gef\u00fchl, dass sie durchsichtig sind. Man spricht auch von Eierschalenkeramik. Eine Tasse hat gewundene R\u00e4nder, so wie gefaltetes Papier.<\/p>\n<p>Mitten im Raum in einer eigenen Vitrine dann der Diskos von Phaistos. 45 Charaktere, vielleicht Piktogramme, aber das wei\u00df man eben nicht. Man glaubt, einen Fisch, ein Rad, einen Vogel, einen Baum, eine Blume erkennen zu k\u00f6nnen, aber auch ein Y ist vertreten und eine Art Kreuz und menschliche K\u00f6pfe und Figuren. Wegen der vielen Wiederholungen vermutet man, dass es sich um eine Hymne handelt oder eine Beschw\u00f6rung.<\/p>\n<p>Wohl parallel dazu wurde Linear A als Schriftsystem gebraucht. Die \u00e4ltesten Belege stammen aus Archanes (1900), die meisten Funde aus Malia (1700). Es sind kleine Kl\u00f6tzchen oder W\u00fcrfel. Selbst wenn man genau hinsieht, w\u00fcrde man als Laie kaum darauf kommen, dass es sich um eine Schrift handelt. K\u00f6nnten genauso gut Verzierungen sein.<\/p>\n<p>Dann kommt die neue Palastzeit. Hier gibt es ein klobiges Holzmodell eines Palastes, vielleicht Knossos. Man sieht, dass das herausragende Prinzip die Asymmetrie war. Das f\u00e4ngt schon damit an, dass der zentrale, l\u00e4nglischeInnenhof nicht in der Mitte ist. Um ihn herum wie zuf\u00e4llig, mal l\u00e4ngs, mal quer stehende Geb\u00e4ude, von ein- bis dreist\u00f6ckig, mit G\u00e4ngen und Treppen. Sehr verwirrend. Kein Wunder, dass man hier den Ursprung des Labyrinths vermutet. Es ist aber alles streng rechtwinklig, es gibt keine Rundungen.<\/p>\n<p>Dann kommt das H\u00e4usermosaik, auch ber\u00fchmt. Es sind Einzelteile, wie bemalte Legosteine, aber aus Holz. Jedes zeigt eine H\u00e4userfassade, eine wunderbare Quelle f\u00fcr Informationen \u00fcber die Zeit. Die Fenster sind klein, die H\u00e4userd\u00e4cher flach, die W\u00e4nde sind aus quaderf\u00f6rmigem Naturstein, Werkstein, und oft gibt es keine T\u00fcr. Man muss wohl Zugang \u00fcber Au\u00dfentreppen oder \u00fcber andere H\u00e4user gehabt haben.<\/p>\n<p>Dann f\u00e4llt ein r\u00e4tselhaftes Exponat ins Auge, ein gro\u00dfes Spielbrett, mit drei kegelf\u00f6rmigen Spielfiguren. Das Brett selbst, aus Bergkristall und Feldspat, mit Einlegearbeiten in Gold und Silber, ist auch wieder unregelm\u00e4\u00dfig, mit runden Feldern auf der einen Seite und allen m\u00f6glichen Streifen und Stufen auf der anderen. Au\u00dferdem ist das Brett gewellt. Man wei\u00df nat\u00fcrlich nicht, ob das die urspr\u00fcngliche Form war.<\/p>\n<p>In einer Abteilung, wo es um Ern\u00e4hrung geht, fallen riesige, badewannenartige Bronzegef\u00e4\u00dfe f\u00fcr die Essenszubereitung bei Banketten auf, so gro\u00df, dass man sich locker reinlegen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Ganz f\u00fcr sich alleine ist ein Akrobat, eine schlanke Figur mit durchgedr\u00fccktem R\u00fccken und gespannten Schultern, gerade in dem Moment, wo er einen Handstand oder einen Salto macht. Der Kopf ist unten, aber erhoben, die Gliedma\u00dfen sind angewinkelt.<\/p>\n<p>Den Minoern gefielen die gef\u00e4hrlichen Sportarten.\u00a0 Am bekanntesten nat\u00fcrlich das Stierspringen. In einem nur in St\u00fccken erhaltenen, aber erg\u00e4nzten Fresko sieht man den Springer kopf\u00fcber auf den R\u00fccken des Stiers. Der mit weit nach hinten und vorne abstehenden Beinen, gesenktem Kopf und durchgedr\u00fccktem R\u00fccken. Hinter und vor dem Stier ein Helfer, vermutlich. Der K\u00f6rper des Springers ist braun, die der Helfer nicht. Ob der Springer nackt war?<\/p>\n<p>Gleich daneben drei Exemplare der Doppelaxt, gro\u00df, an langen Stielen (die nat\u00fcrlich nicht original sind) angebracht. Man vermutet, dass die Doppelaxt auf das eigentliche Werkzeug f\u00fcr das Schlachten von Tieren zur\u00fcckgeht und dann zum Symbol wurde, dem Symbol der minoischen Kultur \u00fcberhaupt. Ich hatte von der Doppelaxt nur Abbildungen in Erinnerung und wusste gar nicht mehr, dass sie auch in Objekten vorkam. Von der Vermutung, dass es sprachhistorisch eine Verbindung zu dem Wort <em>Labyrinth<\/em> gibt, ist hier nicht die Rede.<\/p>\n<p>Zum Komplex Religion gibt es eine ganze Reihe von feingliedrigen, kleinen Figuren aus Gournia, aus wohl aus Bronze, die mit nach hinten gebogenem R\u00fccken dargestellt werden. Das soll wohl die Spannung des Moments des Kontakts mit der Gottheit ausdr\u00fccken. Auch die beiden anderen Gesten sind uns vertraut, wenn auch aus anderen Zusammenh\u00e4ngen: salutieren und Hand aufs Herz!<\/p>\n<p>Zur Bestattung gibt es Funde aus zwei St\u00e4tten, Arkalochori und Archanes, dem neuen Star unter den Ausgrabungsst\u00e4tten, da ist in den letzten Jahren schon einiges zum Vorschein gekommen, und man erwartet noch viel mehr. Die Grabbeigaben sind v\u00f6llig verschieden. In Arkalochori gibt es nur Metallobjekte, in einer unglaublichen F\u00fclle. Es sind Modelle von Schwertern, Degen und Doppel\u00e4xten, aber keine Figuren. Die Objekte, vor allem die Doppel\u00e4xte, gibt es in sehr unterschiedlicher Ausf\u00fchrung, grob aus Bronze oder Kupfer, fein aus Silber oder Gold.<\/p>\n<p>Bei den Grabfunden aus Archanes erinnere ich mich an einen Vortrag \u00fcber die Minoer, den ich mal vor Jahrzehnten geh\u00f6rt habe. Da wurde deren Kultur in h\u00f6chsten T\u00f6nen gelobt. Das sei doch noch mal was: egalit\u00e4r, friedlich, gewaltfrei. Ich habe damals schon innere Zweifel angemeldet, aber nat\u00fcrlich nicht gewagt, die zu \u00e4u\u00dfern. Die Grabfunde aus Archanes best\u00e4tigen meine Skepsis. Hier wurden Figuren und Gef\u00e4\u00dfe und Schmuck gefunden, das \u00dcbliche, und vier Skelette und nur ein Schwert. Offensichtlich rituelle T\u00f6tungen.<\/p>\n<p>Aus der ganz sp\u00e4ten Palastperiode eine doppelte Doppelaxt. Man wollte offensichtlich die Vergangenheit \u00fcbertreffen. Die Doppelaxt hat an beiden Seiten zwei Klingen. Au\u00dferdem hat sie Dekoration in Form von einer Reihe von runden L\u00f6chern und von ziselierten Lilien.<\/p>\n<p>Dann kommt, auch aus dieser Zeit und ganz zu recht ganz f\u00fcr sich alleine in einer Vitrine ausgestellt, der ber\u00fchmte Stierkopf. Es handelt sich um ein Rhyton, also ein Gef\u00e4\u00df f\u00fcr Trankopfer. Darauf w\u00fcrde man bei der Pr\u00e4sentation hier gar nicht kommen. Sieht eher wie eine J\u00e4gertroph\u00e4e aus. Man trank wohl aus der Schnauze, und der Trank wurde durch den Hals eingef\u00fchrt. Der Stierkopf ist aus Stein, schwarz, die H\u00f6rner vergoldet, die Schnauze aus wei\u00dfer Muschel, die Augen aus Bernstein, mit rotem Jasper f\u00fcr die Iris. Gro\u00dfartig auch das gekr\u00e4uselte Haar auf dem Kopf und die faltige Haut am Hals. \u00a0Der Erhaltungszustand ist superb.<\/p>\n<p>Dann kommen die Schlangeng\u00f6ttinnen, auch sie zu den Klassikern z\u00e4hlend und in guter Erinnerung. Hocherotische Erscheinungen: Wespentaille, ausladenden H\u00fcften, stramme, entbl\u00f6\u00dfte Br\u00fcste, durch die gespannten Arme noch hervorgehoben. Gleichzeitig sehen sie bedrohlich aus. Die Kleidung ist elegant, lange, bis auf den Boden reichende R\u00fcschenr\u00f6cke, oben eng, unten weit, davor eine dekorierte \u201eSch\u00fcrze\u201c. Eine tr\u00e4gt in beiden Armen eine Schlange und auf dem Kopf ein katzenartiges Tier. Bei der anderen wickeln sich die Schlangen um die Arme und den Oberk\u00f6rper. Die Br\u00fcste stehen f\u00fcr die weibliche Fruchtbarkeit, die Katze auf dem Kopf f\u00fcr die Beherrschung der Natur, die Schlangen f\u00fcr die chthonische Natur der G\u00f6ttinnen.<\/p>\n<p>Dann gibt es Exponate zur Linear B, der einzigen entzifferten Schrift. Die geh\u00f6rt schon der Zeit nach der Zerst\u00f6rung der Pal\u00e4ste an. Es handelt sich um die fr\u00fchesten Texte auf Griechisch. Es geht meistens um Verwaltung, Palastbeamte, milit\u00e4rische Ausr\u00fcstung, Opfergaben, alles wurde dokumentiert. Tausende von gebrannten Tontafeln sind erhalten. Es gibt l\u00e4ngliche, stab\u00e4hnliche und breite, hohe, offensichtlich f\u00fcr unterschiedliche Funktionen. Es handelt sich um eine Silbenschrift, 89 Silbenzeichen, erg\u00e4nzt durch einige Logogramme. Die Namen geben Auskunft \u00fcber die Palasthierarchie: Die Palastbeamten haben griechische Namen, die armen Sch\u00e4fer nichtgriechische Namen!<\/p>\n<p>Es g\u00e4be noch eine ganze Menge mehr zu sehen, aber ich belasse es f\u00fcr heute dabei. Der Reisef\u00fchrer empfiehlt zwei Besuche des Museums, einen am Anfang und einen am Ende der Reise. Und das sogar f\u00fcr eine normale Reise.<\/p>\n<p>Dann laufe ich ein bisschen durch die Innenstadt, an einem zentralen Platz vorbei und \u00fcber eine Marktgasse. Ich verstehe gar nicht, warum Heraklion so einen schlechten Ruf hat. Es ist keine Sch\u00f6nheit, aber mehr als vorzeigbar, sogar bei dem miesen Wetter.<\/p>\n<p>Auf einem kleinen Platz steht ein seltsames Monument. Auf einem Pferd mit drei K\u00f6pfen und drei Schw\u00e4nzen und multiplen Beinen sitzen zwei Reiter. Auf dem Boden steht eine Frau und streckt dem absteigenden Reiter die Hand entgegen. Das Pferd ist keine Missgeburt und auch keine mythologische Figur. Es ist der Versuch des K\u00fcnstlers, Giannis Parmakelis, Bewegung darzustellen. Deshalb sind es auch nicht zwei Reiter, sondern ein und derselbe in zwei Momenten, dem Moment der Ankunft und dem Moment, wo er zu der Frau hinabsteigt. Oder ist es umgekehrt, der Moment des Abschieds? Der Name des Platzes, Kornaros, ist der Schl\u00fcssel zu der Szene. Kornaros, dessen seltsames Denkmal in Sitia ich noch in Erinnerung habe, in Sitia geboren aber in Heraklion aufgewachsen, ist <em>der<\/em> Dichter der griechischen Renaissance, Autor von <em>Erotokritos und Aretusa<\/em>, dem griechischen Gegenst\u00fcck zu\u00a0 <em>Romeo und Julia<\/em>.<\/p>\n<p>Auch hier haben die Venezianer ihre Spuren hinterlassen: eine Loggia, ein Brunnen, eine Kirche, man hat das Gef\u00fchl, in Italien zu sein.<\/p>\n<p>Eine beeindruckende Geschichte hat die Kirche St. Titus, immer wieder zerst\u00f6rt und neu aufgebaut. Sie liegt an einem freien Platz und ist fast quadratisch, mit einer sch\u00f6nen Fassade. Als die Sarazenen Kreta eroberten, musste Titus, als Bischof von Paulus in Gortyn eingesetzt, nach Norden umsiedeln, hierher, nach Heraklion. Die dann entstandene fr\u00fche Kirche wurde nach der ersten Kirchenspaltung orthodox, dann, unter den Venezianers, katholisch, dann, unter den Osmanan, Moschee und am Ende wieder orthodox.<\/p>\n<p>Ich lande auch noch in einer kleinen, einfachen katholischen Kirche. Aus Lautsprechern erklingt leise Vokalmusik, mit ganz hohen Stimmen. Lange kann ich nicht erkennen, ob es sich um weibliche Stimmen oder Kinderstimmen handelt und ob es eine oder mehrere sind, so sauber wird gesungen. Am Ende scheint es ein Knabenchor zu sein, der auf einen Solisten antwortet. Sehr sch\u00f6n.<\/p>\n<p>In der Kirche ist eine Krippe mit Felslandschaft aufgestellt. Neben dem gew\u00f6hnlichen Personal auch gemeines Volk, eine Frau mit einer Gans auf dem Arm und einem Korb voll Eiern, ein Mann mit Dudelsack und einer, der unter einem Baum schl\u00e4ft und das Ereignis verpennt!<\/p>\n<p>Zum Essen gehe ich ins Siga-Siga, was \u201aLangsam-Langsam\u2018 bedeutet, also so was wie immer mit der Ruhe. Es ist eine kleine, ausgesprochen gem\u00fctlich Taverne, versteckt in einem Wohnviertel liegend. Auch hier wird Griechisch gesprochen. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es wird auf Kosten des Hauses zum Nachtisch Geb\u00e4ck serviert und dazu Raki. Da kann ich nicht ablehnen. Der erste Alkohol seit fast genau drei Monaten. Schmeckt sehr gut zu dem Geb\u00e4ck. Obwohl Raki ist eine echte kretische Spezialit\u00e4t ist, ist das Wort t\u00fcrkisch. Aber der t\u00fcrkische Raki, ein Anisschnaps, hat gar nichts mit dem kretischen Raki zu tun, einem Trester. Die T\u00fcrken haben das Wort mitgebracht und auf den fremden Schnaps angewendet.<\/p>\n<p>Ich habe die ganze Zeit weiter gesucht nach einem Wort, in dem Lambda, Alpha und Delta vorkommen. Jetzt sto\u00dfe ich auf eine Kaffeesorte, <em>Dandalin<\/em>, schon nicht schlecht: \u0394\u0391\u039d\u0394\u0391\u039b\u0397. Ich mache ein Photo und gehe weiter. Und dann stehe ich vor einem Reiseb\u00fcro und sehe das einfachste, naheliegendste und beste Beispiel, das es geben kann. Das Wort hat nur einen anderen Buchstaben und die drei alle in Folge: Es ist Griechenland: \u0395\u039b\u039b\u0391\u0394\u0391.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">3. Januar (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Wilde Olivenb\u00e4ume m\u00fcssen gepfropft werden, damit sie ordentlich Frucht tragen. Als Alternative kann auch ein Zweig nach unten gebogen und in einen Topf gesteckt werden. Wenn der Zweig dann Wurzel schl\u00e4gt, wird er von der Mutterpflanze getrennt und gepflanzt. Um zu sichern, dass das Wasser nicht einfach abl\u00e4uft, sondern dem Olivenbaum zugutekommt, gr\u00e4bt man eine kleine Vertiefung um den Baum, in dem sich das Wasser sammeln kann.<\/p>\n<p>Um zu verstehen, welche Bedeutung der Olivenbaum in s\u00fcdlichen Kulturen hat, muss man sich die Vielfalt von Funktionen vergegenw\u00e4rtigen: Aus dem Holz machte man Werkzeuge, M\u00f6bel und Brennholz; die Oliven wurden gegessen; das Oliven\u00f6l wurde zum Kochen, zum Feuermachen, in der Kosmetik, f\u00fcr rituelle Zwecke und als Arzneimittel verwandt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">4. Januar (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Ein k\u00e4lterer Tag mit viel Sonnenschein. Ab morgen wird es ernst. Angesagte Zahl der Sonnenstunden f\u00fcr morgen: null.<\/p>\n<p>Das Waschmittel, das ich gekauft habe, hie\u00dft \u0395\u03c5\u03c1\u03b7\u03ba\u03b1 &#8211; Evrika. H\u00f6rt sich unschuldig an, aber die Schrift verr\u00e4t die Anspielung: Heureka! Eine absurde klassische Anspielung auf ein schn\u00f6des Waschmittel. Dabei hat das heute Griechenland herzlich wenig mit der klassischen Antike zu tun. Da k\u00f6nnen sie noch so viele Festivals machen und noch so oft betonen, welch gro\u00dfartige Kultur das war.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">5. Januar (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Giorgos, der Sohn der Besitzer des Mirtos, erkl\u00e4rt mir in seiner typischen Mischung aus unverst\u00e4ndlichem Griechisch und schlechtem Englisch, dass es sich bei dem Hund nicht um ihren, sondern um seinen Hund handelt. Er hei\u00dft \u039f\u03bc\u03b7\u03c1\u03bf\u03c2 \u2013 Homer. Giogios wundert sich, dass ich das witzig finde und frage, ob der Nachbarhund Hesiod hei\u00dft. Zu seiner Rechtfertigung sagt er, der Name komme von Homer Simpson.<\/p>\n<p>Seine Mutter hat derweil die H\u00e4nde im Teich. Sie macht <em>Vasilopita<\/em>, die \u201aK\u00f6nigspastete\u2018, benannt nach dem Dreik\u00f6nigstag. Es ist eine gro\u00dfe, s\u00fc\u00dfe, mit Puderzucker bestreute Pastete \u2013 wir w\u00fcrden wohl einfach Kuchen sagen \u2013 in der eine M\u00fcnze versteckt wird, ein typischer, aber nat\u00fcrlich nicht exklusiv griechischer Brauch, der hier mit dem Dreik\u00f6nigsfest verbunden ist.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">6. Januar (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Abend sind die Lichter ausgegangen, und das hat sich auch bis zum Morgen nicht ver\u00e4ndert. Kein Strom. Das hei\u00dft, meine letzten Waffen im Kampf gegen die K\u00e4lte werden stumpf. Ich erwische einen Nachbarn und erfahre, dass er auch keinen Strom hat. Scheint das ganze Dorf zu betreffen. Als ich weiterfrage, h\u00f6re ich zum ersten Mal \u03b4\u03b9\u03b1\u03ba\u03bf\u03c0\u03ae. Das kann der Singular von Ferien sein oder, weil es w\u00f6rtlich so wie \u201aUnterbrechung\u2018 hei\u00dft, auch \u201aStromausfall\u2018 bedeuten. Wenn er Stromausfall meint, dann sagt er nur, was offensichtlich ist, wenn er \u201aFeiertag\u2018 meint, k\u00f6nnte das bedeuten, dass sich heute nichts mehr tut. Was tun?<\/p>\n<p>Nach Ierapetra fahren und den ganzen Tag im Kaffee verbringen? Keine einladende Idee. Ich entscheide mich f\u00fcr die \u201egro\u00dfe\u201c L\u00f6sung: Heraklion. Im Auto ist es wenigstens warm. Ob das Museum ge\u00f6ffnet ist, kann ich auch nicht feststellen: kein Internet.<\/p>\n<p>Erst ist es noch trocken, dann f\u00e4ngt es an zu sch\u00fctten, dann Schnee, dann Hagel. Ich bin ziemlich bedient, als ich ankomme, ahne aber noch nicht, was mich auf dem R\u00fcckweg erwartet. Aquaplaning. Und das hat es wegen der schlechten Drainage hier wirklich in sich. Dazu platschen immer wieder Wasser von den entgegenkommenden Autos auf die Windschutzscheibe und macht einen f\u00fcr Sekunden blind. Als es dann weiter rauf geht, legt Schnee statt Wasser auf der Fahrbahn, und dann beginnt ein dichtes Schneetreiben. Es ist dunkel, obwohl es erst vier Uhr ist. Die Autos fahren mit provozierender Langsamkeit, und ich frage mich, ob ich jemals ankommen werde, aber zum \u00dcberholen ist mir auch nicht zumute. \u00dcberall liegen gebliebene Autos, Rettungsfahrzeuge, und sp\u00e4testens, als mit ein Schneepflug entgegenkommt, frage ich mich, wo ich bin.<\/p>\n<p>Im Radio werden M\u00e4rchen vorgelesen, und zu den wenigen Fetzen, die ich verstehe, geh\u00f6ren: \u201eEs ist Winter geworden\u201c, \u201eIch friere schrecklich\u201c und \u201eIch habe Hunger\u201c. Kann ich alles unterschreiben. Das Restaurant in Heraklion, das ich lange gesucht habe, <em>Geronimos<\/em>, existiert nicht mehr, und ich habe mich auf ohne Essen auf den Weg gemacht.<\/p>\n<p>Dann kommt auch noch ein Gewitter, und ich frage mich, ob ich die Verbindung Schnee und Donner \u00fcberhaupt schon mal erlebt hat. Auch in Agios Nikolaos, obwohl am Meer gelegen, liegt noch Schnee. Es ist 1\u00b0, 19\u00b0 k\u00e4lter als Weihnachten!<\/p>\n<p>Als ich in die kalte, dunkle Wohnung komme und feststelle, dass mir zum Anz\u00fcnden der Kerze die Streichh\u00f6lzer fehlen, lasse ich den Tag Revue passieren und kann mich freuen, dass nichts passiert ist. Und dass das Museum offen war. Und ich ein paar sch\u00f6ne Dinge gesehen habe, die ich dieser Tage \u00fcbersehen habe.<\/p>\n<p>Zuerst, aus der Vorpalastzeit, ein Gef\u00e4\u00df in Form eines Stiers, an dessen H\u00f6rner sich drei M\u00e4nner klammern, zwei in Schrittrichtung, der andere entgegengesetzt.<\/p>\n<p>Bei der Keramik finde ich diesmal die \u201eEinkaufstasche\u201c. Die hat ihren Namen wirklich verdient. Sie hat zwei Griffe, ist rechteckig, und die Fl\u00e4chen biegen sich nach innen. So als wenn die K\u00fcnstler eine moderne, schicke Einkaufstasche vor Augen gehabt h\u00e4tten. Verziert ist sie mit der Doppelaxt, in Schwarz, die sich in vier horizontalen Bahnen auf dem ockerfarbigen Grund um die Tasche winden.<\/p>\n<p>Dann kommt die Schnittervase aus schwarzem Stein. Darauf ist gleich eine ganze Prozession von Bauern dargestellt, daher der Name. Sie stammt aus Agia Triada, aus der letzten Phase der neuen Palastzeit. Man kann die Details allerdings schlecht erkennen, denn es handelt sich um ein Flachrelief, das farblich nicht abgehoben ist. Aber die Details sind beeindruckend. 27 M\u00e4nner, mit Sensen bewaffnet, folgen einem Anf\u00fchrer, vielleicht einem Priester, der einen langen Stab in der Hand und einen Ornamentumhang tr\u00e4gt, vermutlich ein Priester. Man denkt unwillk\u00fcrlich an unsere Erntedankprozessionen.<\/p>\n<p>Auch schlecht zu erkennen sind die Details auf dem sog. Ring des Minos. Das ist alles sehr gut gearbeitet, aber so klein, dass man hier eine Lupe br\u00e4uchte. Eine G\u00f6ttin erscheint drei Mal, einmal in der Luft schwebend, einmal auf einem Baumstamm sitzend, einmal in einem Boot. Und all das und viel mehr auf einem Ring! Es ist die Darstellung der Epiphanie dieser G\u00f6ttin, und die drei Darstellungen weisen ihr drei verschiedene Elemente zu, Luft, Wasser, Erde.<\/p>\n<p>Sehr gut gef\u00e4llt mir ein \u201eTeeservice\u201c, ein rundes Tablett mit sieben Auslassungen f\u00fcr die Tassen, sechs um eine zentrale herum gruppiert. In einer der Auslassung steht die eine erhaltene Tasse. Passt genau!<\/p>\n<p>Ein Hingucker ist eine Schaukel. Entspricht genau der modernen Schaukel, und darauf sitzt eine Frau, ohne Kopf. Der ist verloren gegangen. Auf den Pfosten, an denen die Schaukel befestigt ist, sitzen V\u00f6gel. Als Laie sieht man das als Freizeitszene an, aber die schaukelnde Dame ist eine G\u00f6ttin! Die Experten k\u00f6nnen das an verschiedenen Dingen ablesen, u.a. an den V\u00f6geln, die traditionelle Begleiter der G\u00f6ttinnen waren.<\/p>\n<p>Das sieht man auch den vielen G\u00f6ttinnen aus der Nachpalastzeit, merkw\u00fcrdige, in vielen Exemplaren vorhandene Figuren, mit sehr m\u00e4nnlichen Gesichtern ausgestattet, Doppelkinn und winzigen Kn\u00f6pfen auf der Brust, die sich als weibliche Gottheiten ausweisen. Sie alle haben die H\u00e4nde erhoben und erflehen damit Beistand f\u00fcr die Menschen. Auf dem Kopf tragen sie eine Art Krone, und auf der sind meist rundherum V\u00f6gel aufgereiht. Zusammen mit ihren anderen Insignien \u2013 Scheiben und Schlangen \u2013 stehen sie f\u00fcr Sonne, Luft und Erde.<\/p>\n<p>Von den Exponaten der Nachpalastzeit hei\u00dft es, sie seien weniger kunstvoll und weniger wertvoll als die der Palastzeit. Das stimmt, aber man sieht es nur im direkten Vergleich. Edelmetalle fehlen ganz, und die Grabbeigaben sind meist aus Keramik. Woran liegt so etwas? War die Expertise nicht mehr da? Fehlten die Materialien? Hatte man andere Sorgen? War die Gesellschaft anders strukturiert, anders orientiert? Eine andere Besonderheit der Nachpalastzeit ist, dass man die Toten verbrannte. Vorher begrub man sie.<\/p>\n<p>Ich sehe mir noch einmal die drei Schriftsysteme an, Hieroglyphen, Linear A und Linear B. Die Hieroglyphen gab es offensichtlich schon vor der Palastzeit. In der alten Palastzeit wurden sie weiter benutzt, und parallel dazu entstand Linear A, die die Hieroglyphen allm\u00e4hlich ersetzte. Linear B gab es offensichtlich erst nach Ende der neuen Palastzeit. Dann h\u00e4tte Linear A eine ordentliche Lebensdauer gehabt, etwas vom Sp\u00e4tmittelalter bis heute. Leicht \u00fcbersehen kann man eine Tasse, die an der Innenwand beschrieben ist. Wozu das wohl dient? Die Schrift wurde mit Tinte angebracht. Die stammt von einem Tier, das im Deutschen, und wohl nur im Deutschen, den geeigneten Namen daf\u00fcr tr\u00e4gt: Tintenfisch!<\/p>\n<p>Das letzte Exponat unten, das ich mir ansehe, ist der Steinsarkophag aus Agia Triada, ein Gl\u00fccksfund f\u00fcr die Wissenschaftler, da er eine Beerdigungsprozession darstellt, in einem ziemlich gut erhaltenen Fresko. Bemerkenswerte Idee, auf einem Sarg eine Beerdigung darzustellen. Die Darstellung ist farbenfroh, und man k\u00f6nnte leicht an einen fr\u00f6hlicheren Anlass denken. Man sieht einen Stier, der flach auf einer Trage liegend, als Opfer dargebracht wird, ein riesiges Tier. Dazu werden zwei K\u00e4lber und ein Schiff auf H\u00e4nden getragen. Das sind die Grabbeigaben, f\u00fcr Nahrung und Transport ist also gesorgt. Man sieht einen Musiker, vielleicht einen Fl\u00f6tenspieler, eine Priesterin mit einer Art Standarte, ein Baumheiligtum und eine Priesterin, die sich die H\u00e4nde w\u00e4scht.<\/p>\n<p>Dagegen sind die Freskos, die oben in einem eigenen Saal ausgestellt sind (und fast alle aus Knossos stammen) eine Entt\u00e4uschung, die einzige Entt\u00e4uschung des Museums bisher. Von allen sind nur ein paar unzusammenh\u00e4ngende Brocken erhalten, die aber malerisch erg\u00e4nzt sind zu kompletten Darstellungen. Ein Schweizer Architekt hat sich jahrelang dieser Aufgabe gewidmet, offensichtlich mit viel Studium und gro\u00dfer Akribie. Dennoch: Hier l\u00e4sst sich der Skeptiker nicht so leicht \u00fcberzeugen. Man wei\u00df bei vielen St\u00fccken noch nicht einmal, ob sie zum Arm oder zum Bein oder wo sonst hingeh\u00f6ren, und wie soll man dann etwas \u00fcber das Gesicht, die K\u00f6rperhaltung, die Bewegung wissen? Das gilt auch f\u00fcr die ber\u00fchmte \u201ePariserin\u201c, bei der immerhin der auff\u00e4llig stark geschminkte Mund erhalten ist und das Haar. Aber gerade diese Bezeichnung, \u201ePariserin\u201c, zeigt, wie leicht man sich in die Irre f\u00fchren lassen kann. Es handelt sich, und das wissen die Experten gerade aus der Haartracht, um eine Priesterin!<\/p>\n<p>Am Abend sehe ich Fu\u00dfball\u00fcbertragungen aus Vigo und Mailand. Strahlender Sonnenschein, Zuschauer ohne Jacken und M\u00fctzen. Das kann doch wohl nicht heute sein?<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">7. Januar (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>In Ierapetra bestelle ich in dem Buchladen mit der netten alten Dame einen neuen Roman, immer noch nicht den von ihr empfohlenen, obwohl der am interessantesten klingt. Ist noch zu schwer. Stattdessen eine Liebesgeschichte um ein blindes M\u00e4dchen. Au\u00dferdem einen Band mit griechischen Mythen, der von einem Lehrbuchverlag herausgegeben wird. Vorr\u00e4tig haben sie ein M\u00e4rchenbuch f\u00fcr Kinder mit CD: \u03a3\u03c4\u03b1\u03c7\u03c4\u03bf\u03c0\u03bf\u03cd\u03c4\u03b1 und \u039f \u03bb\u03cd\u03ba\u03bf\u03c2 \u03ba\u03b1\u03b9 \u03c4\u03b1 \u03b5\u03c0\u03c4\u03ac \u03ba\u03b1\u03c4\u03c3\u03b9\u03ba\u03ac\u03ba\u03b9\u03b1 \u2013 <em>Aschenputtel<\/em> und <em>Der Wolf und die Sieben Gei\u00dflein<\/em>.<\/p>\n<p>Auf einer deutschen Speisekarte gibt es <em>Salaten<\/em> und <em>Getr\u00e4nken<\/em>. Eine Kategorie hei\u00dft <em>Versiedene<\/em>. Im Salat sind Gurken, Tomaten, Schinken und <em>Kopf<\/em>. Wessen Kopf da wohl geopfert wird? Dazu gibt es <em>Houas-Wein<\/em>.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">8. Januar (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Nachdem ich am Morgen tapfer mit eiskaltem Wasser geduscht habe, begegne ich am Vormittag einem der Albaner. Ob sie warmes Wasser h\u00e4tten, will ich wissen. Nein, er habe seit drei Tagen nicht mehr geduscht. Daf\u00fcr habe ich gr\u00f6\u00dftes Verst\u00e4ndnis. Am Mittag erscheint die Tochter des Vermieters, ganz aus dem Blauen, wie vom Himmel geschickt. Sie sorgt daf\u00fcr, dass die Klimaanlage angestellt und irgendein Mechanismus get\u00e4tigt wird, der f\u00fcr warmes Wasser sorgt. In der Familie ist Nachwuchs angekommen, und die demente Oma und die Feiertage lenkten weiter von allem ab. Und meine Mails sind offensichtlich bei dem falschen Mann gelandet. Jetzt l\u00e4uft die Klimaanlage volle Pulle. Warm ist es nicht, aber jetzt kann man es aushalten.<\/p>\n<p>Am Nachmittag sehe ich auf dem Weg nach Ierapetra schneebedeckte Berge. In Ierapetra sind es +3\u00b0, gef\u00fchlte -3\u00b0. Vor allem der eisige Wind macht zu schaffen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">9. Januar (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Heute gibt es wieder richtig viel Sonnenschein, aber es ist immer noch kalt. Am Wochenende soll es dann endg\u00fcltig \u2013 oder vorl\u00e4ufig? \u2013 wieder w\u00e4rmer werden.<\/p>\n<p>Als ich dieser Tage in Chania mich vor dem Regen unterstellte, vor der Gem\u00e4ldegalerie, kam ein Ehepaar angelaufen, das auch vor dem Regen fl\u00fcchtete. Der Mann sprach mich an. Ob dies der Ort sei, an dem die El-Greco-Ausstellung l\u00e4uft. Ich konnte ihm sogar Bescheid geben. Ich hatte zuf\u00e4llig das Plakat gesehen und photographiert. Die Greco-Ausstellung ist l\u00e4ngst nach Athen gewandert und dauert nur noch bis morgen. El Greco ist 1614 gestorben. Das war wohl der Anlass f\u00fcr die Ausstellung. Der Mann sprach mich auf Englisch an, und sein erstes Wort war: &#8220;Please&#8221;. Da wusste man sofort, dass es kein Engl\u00e4nder sein konnte. Es war ein Franzose.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">10. Januar (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Die Wettervorhersage hat recht behalten, Gott sei Dank: Die schlimmste K\u00e4lte ist vorbei. Am Vormittag in Ierapetra, als einen Moment die Sonne rauskam, sa\u00dfen sogar schon wieder ein paar Leute drau\u00dfen vor dem Caf\u00e9 am Meeresufer: Engl\u00e4nder!<\/p>\n<p>Bei einer Bestellung in einer B\u00e4ckerei die W\u00f6rter \u03bb\u03b1\u03c7\u03b1\u03bd\u03b9\u03ba\u03cc und \u03bb\u03bf\u03c5\u03ba\u03ac\u03bd\u03b9\u03ba\u03bf verwechselt und statt einer Pita mit Gem\u00fcse eine mit Wurst bekommen. D\u00fcrfte einem Vegetarier nicht passieren.<\/p>\n<p>Noch zwei Wochen bis zu den Parlamentswahlen. In Griechenland besteht, wie ich auf Anfrage jetzt erfahren habe, Wahlpflicht. Der kommen aber nicht alle nach, und niemand kennt jemanden, der schon einmal deshalb belangt worden w\u00e4re. Man w\u00e4hlt in einem Wahllokal, genauso wie bei uns, und oft sind das, auch wie bei uns, Schulen. Auch in Myrtos wird es ein Wahllokal geben, die Bewohner von Myrtos brauchen nicht nach Ierapetra fahren. Briefwahl gibt es nicht. Im Wahllokal gibt es einen Rechtsanwalt und eine Sekret\u00e4rin. Die werden f\u00fcr ihre Arbeit bezahlt. Daneben gibt es noch gratis arbeitende Wahlhelfer.<\/p>\n<p>In einem Kommentar zu einem Zeitungsartikel im Internet liest man, dass etwas \u201eim Nahmen der griechischen Souver\u00e4nit\u00e4t\u201c, und in einem anderen, \u201edas viel auch nicht weiter auf\u201c.<\/p>\n<p>Gute Nachricht f\u00fcr bevorstehenden Besuch aus dem Mirtos: Es darf geraucht werden! An zwei, drei Tischen wird geraucht, und in einer Pause steckt sich auf Jana eine Zigarette an und sp\u00e4ter Despina. Das war mir bis dahin noch nie aufgefallen!<\/p>\n<p>Am Nebentisch sitzt eine f\u00fcllige Holl\u00e4nderin. Sie fragt mich, ob ich Holl\u00e4nder sei. Dann wechselt sie sofort zu Deutsch, das sie flie\u00dfend spricht, besser als Englisch. Sie ist wohl regelm\u00e4\u00dfig im Winter in Myrtos und bleibt bis Mai. W\u00e4hrend sie vern\u00fcnftigerweise Tee trinkt, erlaube ich mir zum ersten Mal ein Glas Wein, und gleich danach ein zweites.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">11. Januar (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Auf dem Bildschirm am PC erscheint immer wieder Werbung f\u00fcr Syriza, die neue Partei, um die sich bei den bevorstehenden Wahlen alles dreht. Die Sache ist gut gemacht, modern und ansprechend. Die Seite, in gro\u00dfen, bunt straffierten Buchstaben, bl\u00e4ttert sich langsam auf. Zuerst erscheint der Name der\u00a0 Partei, dann das Motto: <em>Die Hoffnung kommt<\/em>. Darunter der Zusatz: <em>Griechenland schreitet voran. Europa \u00e4ndert sich.<\/em> Das ist nat\u00fcrlich alles v\u00f6llig nichtssagend, aber man kann sich vorstellen, dass das ankommt.\u00a0 Dass Griechenland voranschreitet und Europa sich \u00e4ndert, w\u00fcnscht sich vermutlich die NA genauso, und die CDU vermutlich auch.<\/p>\n<p>Der Name Syriza ist ein Kurzwort, basierend auf <em>\u03a3\u03c5\u03bd\u03b1\u03c3\u03c0\u03b9\u03c3\u03bc\u03cc\u03c2<\/em> <em>\u03c4\u03b7\u03c2<\/em> <em>\u03a1\u03b9\u03b6\u03bf\u03c3\u03c0\u03b1\u03c3\u03c4\u03b9\u03ba\u03ae\u03c2<\/em> <em>\u0391\u03c1\u03b9\u03c3\u03c4<\/em>\u03b5\u03c1\u03ac\u03c2, \u201aKoalition der Radikalen Linken\u2018. Syriza ist erst seit letztem Jahr eine Partei. Vorher war sie ein B\u00fcndnis aus verschiedenen Bewegungen und Interessensgruppen. Das zeigt sich auch in dem Emblem der Partei: drei stilisierte Fahnen scheinen sich hintereinander im Wind zu bewegen: eine rot, eine gr\u00fcn, eine violett. Dar\u00fcber ein goldener Stern. Auf der Internetseite ist von Euro-Austritt oder von Austritt aus der EU nicht die Rede. Es wird auch gegen keinen der Verhandlungspartner polemisiert. Gefordert wird ein Schuldenschnitt (50%) und eine Kopplung der R\u00fcckzahlung an die wirtschaftliche Entwicklung. Verschmitzt erinnert man die \u201edeutschen Freunde\u201c daran, dass das auch Westdeutschland nach dem Krieg gew\u00e4hrt wurde, und dass Griechenland dem zugestimmt habe. Polemisiert wird aber gegen die \u201eNeoliberalen\u201c, genauso wie das bei uns die Gr\u00fcnen oder die Linke machen w\u00fcrden, aber auch Teile der SPD. Und es wird eher vorsichtig eine Neuordnung des Verteidigungspakts gefordert. Es ist zwar nicht von der Aufl\u00f6sung der NATO die Rede, aber es wird so etwas wie deren \u00dcberwindung gefordert. Mehr Kooperation mit den Balkanstaaten und dem Nahen Osten. Die Probleme sind Griechenland nat\u00fcrlich \u201en\u00e4her\u201c als uns.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">12. Januar (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Heute geht es nach Heraklion, auf Privatbesuch, sozusagen. Die Eltern unserer Griechischlehrerin haben, nachdem ich endlich den Anruf gewagt habe, keinen Moment gez\u00f6gert und mich eingeladen. Vorher geht es aber noch ins Museum.<\/p>\n<p>In den D\u00f6rfern am Wegesrand stehen \u00fcberall M\u00e4nner in kleineren Gruppen herum, Erntehelfer, die darauf warten, abgeholt zu werden. Das Wetter wird Richtung Heraklion immer besser, entgegen dem normalen Trend.<\/p>\n<p>Das Naturhistorische Museum liegt auch am Alten Hafen, aber noch ein bisschen weiter stadtausw\u00e4rts. Es f\u00e4llt durch sein gr\u00fcnes Dach auf, und das hilft mir auch bei der Lokalisierung und der Parkplatzsuche. Dass das Museum montags ge\u00f6ffnet ist, scheint sich nicht herumgesprochen zu haben. Ich bin den ganzen Vormittag f\u00fcr mich alleine. Alle sind hier ausgesprochen freundlich, ganz anders als sonst in den griechischen Museen.<\/p>\n<p>Im Untergeschoss kann man eine Erdbebensimulation miterleben. Man sitzt in einem Klassenzimmer \u2013 das Angebot wird sonst meist von Schulklassen angenommen \u2013 und bekommt ein Erdbeben mittlerer St\u00e4rke vorgef\u00fchrt. Der Globus f\u00e4ngt an zu wackeln, die Landkarte rutscht hin und her, an den Tischen wird ger\u00fcttelt. Dann bekommt man das gleiche nochmal, aber diesmal so, als w\u00e4re man im dritten Stock und nicht im Untergeschoss. Der Unterschied ist deutlich sp\u00fcrbar,\u00a0 vor allem in der Seitw\u00e4rtsbewegung. Man kann sich ausmalen, wie das im zehnten oder im vierzigsten Stock aussieht. Interessant ist die Wahrnehmung der Zeit. Ich habe zwar nicht genau drauf geachtet, aber es war vermutlich weniger als eine halbe Minute, und die zog sich ordentlich in die L\u00e4nge.<\/p>\n<p>Dann kommt die Simulation von einem Erdbeben in Taiwan und einem anderen in Japan, in Kobe. Die sind noch etwas st\u00e4rker. Aber hier wird etwas anderes illustriert: Das Erdbeben in Taiwan war st\u00e4rker und l\u00e4nger, aber die Auswirkungen geringer als in Kobe. Das hat wohl etwas mit dem \u201eEinfallswinkel\u201c zu tun. Tats\u00e4chlich empfindet man das schw\u00e4chere Beben als st\u00e4rker. Man wird zwar nicht gerade aus der Bank geworfen, aber Eindruck macht die Sache schon. Wenn einen das unerwartet und ohne die Gewissheit eines guten Ausgangs trifft, kann einem schon ganz anders werden.<\/p>\n<p>Nach der Simulation, bei der eine junge Angestellte in charmantem Englisch Erkl\u00e4rungen abgibt, sehe ich mir noch ein paar Schautafeln an. Man sieht, dass Kreta in einer gef\u00e4hrdeten Zone liegt und dass das \u00f6stliche Mittelmeer viel st\u00e4rker betroffen ist als das westliche. Und man erf\u00e4hrt, dass die Auswirkungen ein und desselben Erdbebens in Afrika immer st\u00e4rker sind als in der \u00c4g\u00e4is.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich ist auch noch von horizontalen Verschiebungen die Rede. Der Westen Kretas wurde 365 durch ein Erdbeben um neun Meter angehoben! Das soll man heute dort noch an dem K\u00fcstenprofil erkennen k\u00f6nnen. Der Hafen von Phalassarna verlor dabei seinen Hafen. Die Landmasse wurde angehoben und der Hafen trocken gelegt!<\/p>\n<p>Im n\u00e4chsten Stock gibt es etwas \u00fcber B\u00e4ume. Interessant, aber davon hatte ich mir ein bisschen mehr erhofft. Das Museum, von der Universit\u00e4t betrieben, befindet sich noch im Ausbau. Man kann f\u00fcnf verschiedene Baumst\u00e4mme ber\u00fchren und dann raten, zu welchen f\u00fcnf B\u00e4umen sie geh\u00f6ren. Das schaffe ich nur beim Olivenbaum. Der hat die h\u00e4rteste und knorrigste Rinde. Das Gegenst\u00fcck dazu ist ein Baum mit einer ganz glatten, pechschwarzen Rinde, wie ich sie noch nie gesehen habe, auch hier nicht. Die Kiefer ist der Baum, aus dem Retsina gewonnen wird, und die Platane der h\u00e4ufigste Baum \u00fcberhaupt, immer in der N\u00e4he von Wasser stehend.<\/p>\n<p>Dann gibt es Fossilienfunde, u.a. von dem gr\u00f6\u00dften Tier, das je auf Kreta gelebt hat, ein Saurier, der aber mehr wie ein Elefant aussieht. Seine Sto\u00dfz\u00e4hne richten sich nach hinten und nach unten. Das sieht sehr unpraktisch aus. Was sich die Evolution wohl dabei gedacht hat? Das Tier war 4-5 Meter gro\u00df, lebte in W\u00e4ldern in der N\u00e4he von Sitia und ern\u00e4hrte sich von Laubwerk. Es lebte vor 8-9 Millionen Jahren.<\/p>\n<p>Der Hauptteil des Museums sind Dioramen, aber ich finde die etwas unscheinbare Abteilung mit lebenden Tieren in Terrarien interessanter. Es gibt viel Kriechtier. Aber zu allen etwas Interessantes. Eine giftgr\u00fcne Eidechse h\u00e4ngt wie leblos an einem Ast. Trotz des Eindrucks, den sie momentan hinterl\u00e4sst, ist sie ein schneller L\u00e4ufer und kann auch schwimmen.<\/p>\n<p>Dann gibt es eine weitere Echse, von der Gattung Uromastyx. Sie ern\u00e4hrt sich von Pflanzen, lebt aber in der W\u00fcste. Ein Lebensk\u00fcnstler. Sie hat sich so sehr an die Bedingungen angepasst, dass sie ein Jahr lang ohne Nahrung auskommen kann!<\/p>\n<p>Dann kommen Schlangen, die sich alle um sich selbst gekr\u00e4uselt haben und sich weiterbewegen, ohne dass man die Bewegung sieht. Sie haben verschiedene Farben, grau, schwarz, gescheckt, und diejenige, die am ungef\u00e4hrlichsten ist, sieht am gef\u00e4hrlichsten aus. Sie hat auch Gift, benutzt es aber nur zur eigenen Verdauung! Von einer grauen Natter hei\u00dft es, sie lege Eier, im Gegensatz zu den anderen. Und ich dachte immer, die w\u00fcrden alle Eier legen. Dann gibt es noch die putzige kretische Stachelmaus, kugelrund, mit stacheligen Haaren um das Hinterteil herum. Sie gr\u00e4bt nicht nach Futter und lebt deshalb in Felsen.<\/p>\n<p>In den Dioramen werden Tiere ausgestellt, die aber nicht sonderlich spektakul\u00e4r sind. Bei den Pflanzen gibt es Phrygana, Ginster, Wacholder und Gamander, alle sehr typisch f\u00fcr Kreta, aber es gibt nicht genug Anschauungsmaterial, um eine klare Vorstellung zu entwickeln. Lediglich die Gamander kann ich in Verbindung bringen mit etwas, das ich in der Natur gesehen habe.<\/p>\n<p>Nichts zu sehen ist leider von dem Mechanismus von Antikythera, einem erstaunlichen Ger\u00e4t, mit Zahnr\u00e4dern und Ziffernbl\u00e4tter ausgestatteten Ger\u00e4t aus der Antike, das man auch den \u201eersten Computer\u201c nennt. Das muss wohl das r\u00e4tselhafte Ding sein, das ich, als Nachbildung, in Sitia am Strand hinter einer Glaswand gesehen habe. Es soll einen Rechner, einen Sonnen- und Mondkalender, genaue Angaben \u00fcber Sonnen- und Mondfinsternis und die Angaben zu den Austragungsorten der Panhellenischen Spiele enthalten. Es wurde vor gut hundert Jahren von Tauchern vor Antikythera gefunden. Eigentlich soll das Ger\u00e4t hier ausgestellt sein, aber vielleicht wird es restauriert oder ist woandershin gewandert.<\/p>\n<p>Als ich aus dem Museum komme, ist es sonnig und warm. In dem Caf\u00e9, wo ich f\u00fcr 2 \u20ac Kaffee und eine leckere, warme Bugatsa bekomme \u2013 in Ierapetra hat dieser Tage nur f\u00fcr einen lauwarmen Kaffee 3 \u20ac bezahlt \u2013 sitzen Kunden mit Sonnenbrille! Und noch vor knapp einer Woche bis ich dem Schneepflug begegnet. Das griechische Wort daf\u00fcr \u2013 \u03b5\u03ba\u03c7\u03b9\u03bf\u03bd\u03b9\u03c3\u03c4\u03ae\u03c1\u03b1\u03c2 \u2013 habe ich als Erinnerung wenigstens mal nachgeschlagen. W\u00e4re sch\u00f6n, es in Erinnerung zu behalten, als Erinnerung sozusagen.<\/p>\n<p>Ich mache dann wieder Photos vom Morosini-Brunnen, von der Loggia und von St. Titus, diesmal bei besserem Wetter. Das zahlt sich vor allem bei St. Titus innen aus. Die Kirche, fast quadratisch und mit einer flachen Kuppel an die osmanische Zeit erinnernd, hat moderne Glasfenster, die zwar nicht gerade mystisch wirken, aber bei dem Licht gut zur Geltung kommen. Vor allem eine geschnitzte Sitzbank, auf die das gebrochene Licht f\u00e4llt, hat es mir angetan. Die Kirche hat einen sehr sch\u00f6nen, dreist\u00f6ckigen, flachen, geschnitzten Leuchter und auch eine geschnitzte Kanzel. Wusste gar nicht, dass es die bei den Orthodoxen gab. Ganz oben unter den Fenstern gro\u00dfformatige Gem\u00e4lde mit Szenen aus dem Leben Titus. Sch\u00f6n vor allem die Szene, in der er den Paulausbrief erh\u00e4lt. Kein Brief in unserem Sinne, sondern eine Schriftrolle, die er unter den ungl\u00e4ubigen Augen der Umstehenden entrollt. In einer kleinen Kapelle in der Vorhalle der Kirche wird in einem vergoldeten Gef\u00e4\u00df der Sch\u00e4del von Titus aufbewahrt. Man sieht durch die \u00d6ffnung oben einen Teil der braunen Sch\u00e4deldecke.<\/p>\n<p>Verabredungsgem\u00e4\u00df rufe ich dann bei dem Ehepaar an, merke aber gleich, dass ich da in eine kulturelle Falle getappt bin. Ich sollte \u201eam Mittag\u201c anrufen und habe gefolgert, dass das um zw\u00f6lf Uhr sein m\u00fcsste. Man merkt aber sofort, dass ich zu fr\u00fch da bin. Was soll\u2019s? Die beiden sind Rentner und werden es verkraften. Der Mann, Giorgos, k\u00fcndigt an, er werde zu Fu\u00df vorbeikommen und mich abholen. Als er mich fragt, woran er mich erkennen kann, sage ich, an meinem deutschen Gesicht. Damit gibt er sich zufrieden. Das Haus liegt gerade ein St\u00fcckchen au\u00dferhalb der Stadtmauern, wuchtige Mauern aus der venezianischen Zeit. Heraklion war die am besten befestigte Stadt Kretas und die letzte, die von den Osmanen, nach einer langen Belagerung, erobert wurde.<\/p>\n<p>Trotzdem dauert es, bis wir ankommen. Unterwegs trinken wir an dem Brunnen einen Kaffee, vermutlich um Zeit zu gewinnen. Er erz\u00e4hlt von den Reisen nach Trier, mit Ausfl\u00fcgen nach Mainz und Luxemburg \u2013 das ihm weniger gef\u00e4llt, \u00fcberall M\u00e4nner mit Anzug und Schlips \u2013 und von der K\u00e4lte und einer Odyssee bei einer Busfahrt zum Frankfurter Flughafen. Er selbst stammt aus Heraklion, seine Frau ist ein Nordlicht, und ich erinnere mich jetzt, dass Angeliki manchmal von einer sprachlichen Besonderheit erz\u00e4hlt, so was wie der Gebrauch des Dativ f\u00fcr den Akkusativ bei den Personalpronomina.<\/p>\n<p>Auf Schritt und Tritt begegnen wir jemandem, den er kennt. Lauter M\u00e4nner, alle klein, untersetzt, unrasiert und schnauzb\u00e4rtig, genauso wie er selbst. Das h\u00e4lt sie nicht davon ab, sich mit K\u00fcsschen auf die Backe zu begr\u00fc\u00dfen. Das steht auch mir noch bevor. Es sind zwei, und man beginnt, entgegen meiner Intuition, mit der linken Backe des Empf\u00e4ngers.<\/p>\n<p>Einer der M\u00e4nner, auf die wir sto\u00dfen, ist sein Bruder. Der betreibt ein kleines Kafeneion auf der langgestreckten Marktstra\u00dfe, wo ich schon \u00f6fter entlang gekommen bin. Den Raki, der hier angeboten wird, kann ich so gerade noch abwehren, mit Hinblick auf die R\u00fcckfahrt: \u201eBeim n\u00e4chsten Mal.\u201c Damit ist er dann zufrieden. Mir f\u00e4llt der Name des Kafeneion auf: \u03a4\u03bf \u03ba\u03b1\u03c6\u03b5\u03bd\u03b5\u03af\u03bf \u03c4\u03bf\u03c5 \u039a\u03b1\u03bb\u03cc\u03b3\u03b5\u03c1\u03bf\u03c5 \u2013 ein Wortspiel mit der vollen Form des Nachnamens, der das typisch kretische Diminutiv tr\u00e4g: <em>Das Caf\u00e9 des M\u00f6nchs<\/em>.<\/p>\n<p>Auf dem Weg kommen wir an einem Kinderspielplatz vorbei, der Kindheitserinnerungen an Angeliki weckt. Dahinter sieht man, in einiger Distanz, ganz oben auf dem Mauerwerk, das Grabmal von Kazantzakis. Mit der Besichtigung wird es heute nichts mehr. Das Mittagessen ist zu lange und zu \u00fcppig. Danach kann ich nur noch den R\u00fcckzug antreten.<\/p>\n<p>Die Wohnung ist wie die byzantinischen Kirchen \u2013 voll. \u00dcberall steht und h\u00e4ngt was rum, viel Kitsch, aber nicht h\u00e4sslich. \u00dcberall Teppiche, und man braucht trotzdem die Schuhe nicht auszuziehen. Das sei eine deutsche Sitte, sagt man mir. Da staune ich aber.<\/p>\n<p>Beide sind sehr freundlich und sehr aufmerksam. Mein Griechisch wird mit jedem Schluck Wein schlechter und ist am Ende, nachdem auch noch ein Raki dazukommt, kaum noch vorhanden. Aber immerhin, sie bleiben bei Griechisch und helfen mir aus der Patsche, wenn ich steckenbleibe.<\/p>\n<p>Ich habe seit Wochen nicht mehr so viel und erst recht nicht so gut gegessen. Es gibt Salat, (\u03c3\u03c4\u03b1\u03bc\u03bd\u03b1\u03b3\u03ba\u03ac\u03b8\u03b9), kleine ger\u00f6stete Brote mit K\u00e4se und Tomaten (\u03bd\u03c4\u03ac\u03ba\u03bf\u03c2), Frischk\u00e4se, der in einem Block auf dem Tisch steht (\u03bc\u03c5\u03b6\u03ae\u03b8\u03c1\u03b1), eine Art Schwartemagen (\u03c0\u03b7\u03c4\u03c7\u03ae), Spanferkel (\u03b3\u03bf\u03c5\u03c1\u03bf\u03c5\u03bd\u03cc\u03c0\u03bf\u03c5\u03bb\u03bf) und Wurst (\u03bb\u03bf\u03c5\u03ba\u03ac\u03bd\u03b9\u03ba\u03bf), dazu Kartoffeln. Ich werde st\u00e4ndig aufgefordert, zuzugreifen, auch wenn der Teller voll ist. Es gibt eine wunderbare Interferenz Griechisch-Spanisch, aber das wir mir erst auf dem R\u00fcckweg klar: Der Salat sieht ganz anders aus als g\u00e4ngige Salate, und immer wieder wird in dem Zusammenhang von der Nachbarin gesprochen. Der Salat sei \u03ac\u03b3\u03c1\u03b9\u03bf\u03c2. Also \u201abitter\u2018, denke ich mir, und das ist er auch. Aber was hat das mit der Nachbarin zu tun? Dann f\u00e4llt der Groschen: \u03ac\u03b3\u03c1\u03b9\u03bf\u03c2 hei\u00dft nicht \u201abitter\u2018, sondern \u201awild\u2018. Es ist ein wild wachsendes Kraut, und das besorgt die Nachbarin. Von weit her. Aus der N\u00e4he von Rethymnon. Ich wundere mich auch \u00fcber die kleinen St\u00fccke und Beeren, die in dem Salat sind: Es sind ganz klein geschnittene Artischokenst\u00fccke und die winzigen Fr\u00fcchte aus dem Granatapfel.<\/p>\n<p>Als wenn ich nicht ohnehin schon f\u00fcr eine halbe Woche gegessen h\u00e4tte, bekomme ich dann auch noch f\u00fcr eine halbe Woche Reste mit. Und noch ein paar Sachen f\u00fcr \u201eunterwegs\u201c. Unter anderem selbstgebrannten Raki, abgef\u00fcllt in einer Literflasche Coca-Cola. Na dann gute Fahrt!<\/p>\n<p>Am Ende muss der Sohn des Hauses, der gerade eingetroffen ist, mich auch noch zum Parkhaus fahren. Es nutzt nichts, dass ich mich mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen dagegen wehre. Er erz\u00e4hlt mir, dass er diese Saison bei einer seiner Eskapaden nach Deutschland schon ein Spiel des FC gesehen hat. Da geht er am liebsten hin, weil die die besten Anh\u00e4nger h\u00e4tten. Aber eigentlich sei er selbst Anh\u00e4nger der Fortuna. Da muss ich doch ein bisschen schmunzeln, angesichts des unvoreingenommenen Ausl\u00e4nders, der Dinge vereinbart, die f\u00fcr Einheimische nicht vereinbar sind.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13. Januar (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Kreta ist gr\u00f6\u00dfer als das Saarland, aber kleiner als alle anderen deutschen Bundesl\u00e4nder, die Stadtstaaten ausgenommen. Das h\u00e4tte ich nicht gedacht.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">14. Januar (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Wieder ein Regentag. Die Albaner beklagen ihr Schicksal: Seit zehn Tagen sind sie besch\u00e4ftigungslos und warten auf besseres Wetter. Und langweilen sich. Wenn sie mit der Ernte hier fertig sind, machen sie in Malles, bei einem anderen Bauern weiter. Ich wusste nicht, dass die Ernte sich so weit in den Februar hineinzieht.<\/p>\n<p>An einer Tankstelle h\u00e4ngt an beiden Zapfs\u00e4ulen ein handgeschriebenes Blatt. Ich kann auf die Schnelle nur ein paar vereinzelte W\u00f6rter erkennen und die \u00dcberschrift: \u03a0\u03af\u03c3\u03c4\u03c9\u03c3\u03b7. Ich frage den Tankwart. Der erkl\u00e4rt auf Englisch. Versteh nix. Dann erkl\u00e4rt er auf Griechisch. Verstehe. Kredit. Hier wird nicht auf Pump getankt, sondern gleich bezahlt. Jetzt wei\u00df ich auch, warum mir das Wort vertraut vorkam.\u00a0 Kommt von \u03c0\u03af\u03c3\u03c4\u03b7 \u201aGlaube\u2018, \u201aVertrauen\u2018. Genauso, wie <em>Kredit<\/em> mit <em>Credo<\/em> zusammenh\u00e4ngt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">15. Januar (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>In den Dorfkneipen bekommt man oft nur eine handgeschriebene Rechnung und oft noch nicht einmal die. Da wird mit einem Blick abgesch\u00e4tzt, was man da so aufgetischt hat und damit hat es sich. Da wandert vermutlich einiges in die schwarzen Kassen. Das sind aber die Ausnahmen. In den meisten Lokalen und in allen Gesch\u00e4ften bekommt man immer unaufgefordert sofort eine Quittung. Das war nicht immer so. In einem Museum stand einmal \u00fcber der Kasse: Bitte verlanden Sie Ihre Eintrittskarte. Da ist in der Vergangenheit so manches Eintrittsgeld gleich in die Tasche des Angestellten geflossen.<\/p>\n<p>In der griechischen Version von <em>Der Wolf und die 7 Gei\u00dflein<\/em> &#8211; \u039f \u03bb\u03cd\u03ba\u03bf\u03c2 \u03ba\u03b1\u03b9 \u03c4\u03b1 7 \u03ba\u03b1\u03c4\u03c3\u03b9\u03ba\u03ac\u03ba\u03b9\u03b1 \u2013 frisst der griechische Wolf Honig, um seine Stimme zu vers\u00fc\u00dfen (der deutsche frisst Kreide) und macht seine Pfoten mit Jogurt wei\u00df (der deutsche nimmt Mehl). Sch\u00f6ner kultureller Unterschied.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">16. Januar (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Die griechischen W\u00f6rter f\u00fcr \u201aLiteratur\u2018 und \u201aTechnologie\u2018 legen einen Zusammenhang zwischen beiden nahe. Sie haben die gleichen Bestandteilen, nur umgekehrt angeordnet: \u03bb\u03bf\u03b3\u03bf\u03c4\u03b5\u03c7\u03bd\u03af\u03b1 und \u03c4\u03b5\u03c7\u03bd\u03bf\u03bb\u03bf\u03b3\u03af\u03b1. Wir nehmen sie sonst eher als Gegens\u00e4tze wahr.<\/p>\n<p>Die Griechen verpassen keine Gelegenheit, einen daran zu erinnern, wie viele griechische W\u00f6rter wir haben. Stimmt. Viele davon sind in unseren Sprachen so einheimisch geworden, dass man sie kaum als fremd wahrnimmt: <em>Theater<\/em>, <em>Politik<\/em>, <em>Apotheke<\/em>, ganz zu schweigen von <em>Bischof<\/em>, <em>Engel<\/em> oder M\u00f6nch. Was die Griechen seltener betonen, ist, dass fast alle diese W\u00f6rter durch die Vermittlung des Lateinischen zu uns gekommen sind. Es gibt eine wichtige Ausnahme: <em>Kirche<\/em>. Es ist von \u03ba\u03c5\u03c1\u03af\u03b1\u03c1\u03ba\u03bf\u03c2 [kyriakos] abgeleitet, hat also etwas mit <em>Kyrie<\/em> zu tun. Das Wort gibt es im Lateinischen nicht. Wie es in die germanischen Sprachen kam (<em>Kirche<\/em>, <em>church<\/em>, <em>kirk<\/em>, <em>kyrka<\/em>) ist nicht klar. Auf jeden Fall ist die Assimilation hier so stark, dass auch das geschulte Ohr die griechische Herkunft kaum vernehmen wird.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">17. Januar (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Bei der Lekt\u00fcre immer wieder auf die Donauzivilisation gesto\u00dfen, ein Begriff, der mir nur ganz vage bekannt war. Die Donauzivilisation (auf Englisch eher <em>Old<\/em> <em>Europe<\/em> genannt) erstreckte sich ungef\u00e4hr auf das Gebiet des heutigen Serbien, Rum\u00e4nien, Bulgarien und der Ukraine. Der g\u00e4ngigen Theorie zufolge kamen sie aus Anatolien \u00fcber eine Landbr\u00fccke, die es heute nicht mehr gibt. Da ist jetzt der Bosporus. Die Entstehung des Bosporus w\u00e4re demnach die Grundlage f\u00fcr die Entstehung des Mythos von der Sintflut. Wenn es stimmt, was die Verfechter der Donauzivilisation sagen, dann handelt es sich um die erste Hochkultur der Welt, noch vor Mesopotamien oder \u00c4gypten, eine Sensation. Sie hatten Ackerbau, Viehzucht, Gro\u00dfsiedlungen, T\u00f6pferscheibe, Metallverarbeitung, Keramik\u00f6fen, Weinanbau und vielleicht, vielleicht auch ein Schriftsystem. Ihre Verfechter sprechen ohne Z\u00f6gern von einer Schrift, aber es gibt wenige Abbildungen der Funde, und was man dann sieht, Einkerbungen auf Kr\u00fcgen und anderen Gegenst\u00e4nden, l\u00e4sst doch auch Zweifel aufkommen. Sind das vielleicht Verzierungen? Oder Symbole? Ist das wirklich ein ausgewachsenes Schriftsystem wie in \u00c4gypten oder Mesopotamien?<\/p>\n<p>Einiges davon erinnert mich an die Minoer: keine Prestige- und Prachtbauten, kein zentraler Staat, relativ hohe Stellung der Frau, keine betonte Hierarchie. Ob es da einen Zusammenhang gibt? Kreta ist nicht weit vom Balkan.<\/p>\n<p>Bei der Recherche nach Literatur zur Donauzivilisation auf ein Buch gesto\u00dfen, dass von dem Autorenduo Hartmut G\u00fcnter und Otto Ludwig verfasst wurde. Oder, in anderer Darstellungsweise: G\u00fcnter, Harmut und Ludwig, Otto. Da wei\u00df man kaum, wo der Vorname ist und wo der Nachname.<\/p>\n<p>Sie sind auch Herausgeber eines internationalen, interdisziplin\u00e4ren Doppelbands zur Schrift. Da wird alles abgedeckt, was man sich denken kann: Schreibmaterialien, Funktion von Schriftlichkeit, Geschichte des Schreibens, Geschichte des Lesens, Geschichte des Buches, Blindenschrift, Abk\u00fcrzungen, Interpunktion, Arabisch, Japanisch, Spanisch, Leseunterricht, Aufsatzunterricht, Schreiben am Computer, Blickverhalten beim Lesen, Handschrift, mentale Prozesse beim Schreiben, Graphologie, forensische Handschriftenuntersuchung, Typologie von Schriftsystemen \u2026 Sagenhaft! Jeder Band hat mehr als 800 Seiten!<\/p>\n<p>Durch den R\u00fcckzug in die eigenen vier W\u00e4nde in den letzten Tagen \u00fcberhaupt kein Geld ausgegeben, nicht einen Cent. Das kommt in Trier so gut wie nie vor. Selbst an Tagen, wo man das glaubt, merkt man dann, dass irgendwo eine Zeitung, ein Kaffee, ein Brot oder Parkplatzgeb\u00fchren f\u00e4llig gewesen sind.<\/p>\n<p>Beim Laufen am Vormittag tiefblauer Himmel und strahlender Sonnenschein, bei ca. 14\u00b0. Und trotzdem f\u00fchlt es sich k\u00e4lter an als im Herbst, viel k\u00e4lter.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">18. Januar (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Seitdem ich wieder Wein trinke, werde ich wieder an die witzige griechische Gewohnheit erinnert, dessen Mengen in Kilos anzugeben: \u201eWie viel m\u00f6chten Sie? Halbes Kilo?\u201c<\/p>\n<p>Im Mirtos bekomme ich, sozusagen als Zugabe zu dem Wein, zartes Rindfleisch. Aber der eigentliche Hit sind die Zwiebeln in der So\u00dfe. Die h\u00e4tten es zusammen mit Brot und Wein auch getan. Ein vollst\u00e4ndige Mahlzeit. Alles andere ist eigentlich \u00fcberfl\u00fcssig.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich gen\u00fcsslich esse, wird auch die Familie versorgt. Sie fangen sp\u00e4ter als ich an und sind eher fertig. Das Essen ist eher ein Tagesordnungspunkt der abgehakt werden muss. Man isst mit weit \u00fcber die Teller gebeugten K\u00f6pfen. Jana hat nicht nur gekocht, sondern deckt auch den Tisch und r\u00e4umt ab. Unglaublich. Der Sohn hilft hin und wieder, Tochter und Vater tun keinen Handschlag, und der Mann sowieso nicht. Er beschr\u00e4nkt sich darauf, hin und wieder durch die Gegend zu br\u00fcllen.<\/p>\n<p>Ein Drittel der griechischen Muttersprachler lebt im Ausland, au\u00dferhalb Griechenlands und Zyperns, davon alleine mehr als zwei Millionen in den USA. Das ist ein gro\u00dfer Anteil, ungef\u00e4hr so, als w\u00fcrden 25 Millionen Deutsche au\u00dferhalb von Deutschland leben.<\/p>\n<p>Im Internet auf ein sch\u00f6nes Zitat von Polgar gesto\u00dfen: \u201eIch beherrsche die deutsche Sprache, aber sie gehorcht mir nicht immer.\u201c Das wird hier als Illustration der griechischen Syntax im Vergleich zum Deutschen benutzt:<\/p>\n<p>\u039a\u03b1\u03c4\u03ad\u03c7\u03c9 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u03c4\u03b7 \u00a0\u03b3\u03b5\u03c1\u03bc\u03b1\u03bd\u03b9\u03ba\u03ae\u00a0 \u03b3\u03bb\u03ce\u03c3\u03c3\u03b1\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u03b1\u03bb\u03bb\u03ac \u03b1\u03c5\u03c4\u03ae \u00a0 \u03b4\u03b5\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u03bc\u03b5\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u03c5\u03c0\u03b1\u03ba\u03bf\u03cd\u03b5\u03b9 \u00a0\u03c0\u03ac\u03bd\u03c4\u03b1.<\/p>\n<p>Beherrsche die \u00a0deutsche \u00a0 \u00a0 Sprache, \u00a0 \u00a0 \u00a0aber \u00a0 sie \u00a0 \u00a0nicht \u00a0 mich \u00a0 \u00a0gehorcht \u00a0immer.<\/p>\n<p>Verstehen kann man das, auch wenn das Deutsche der griechischen Syntax folgt, ganz gut. Am schwierigsten ist vielleicht das Wegfallen des Pronomens: Der Hauptsatz k\u00f6nnte ein Imperativ sein. Dass er das nicht ist, merkt man erst, wenn man beim Nebensatz ankommt. W\u00e4re mal interessant zu wissen, ob die Griechen den Satz verstehen, wenn er der deutschen Syntax folgt.<\/p>\n<p>Im Bewusstsein des Lerners sind W\u00f6rter, die auf <em>\u2013\u03bf\u03c2 <\/em>enden, Maskulinum, und das stimmt auch oft: \u03ac\u03bd\u03b8\u03c1\u03c9\u03c0\u03bf\u03c2, \u03bb\u03cd\u03ba\u03bf\u03c2, \u03ba\u03b1\u03b9\u03c1\u03cc\u03c2, \u201aMensch\u2018, \u201aWolf\u2018, \u201aWetter\u2018, sind alle Maskulinum. Aber es gibt mehr Ausnahmen, als man meint: \u03b4\u03ac\u03c3\u03bf\u03c2, \u03b3\u03b5\u03b3\u03bf\u03bd\u03cc\u03c2, \u03ba\u03c1\u03ac\u03c4\u03bf\u03c2, \u201aWald\u2018, \u201aTatsache\u2018, \u201aStaat\u2019 und viele andere sind Neutrum, und Femininum sind u.a alle von \u03bf\u03b4\u03cc\u03c2, \u201aStra\u00dfe\u2018, abgeleiteten W\u00f6rter: \u00a0\u03b5\u03af\u03c3\u03bf\u03b4\u03bf\u03c2, \u03ad\u03be\u03bf\u03b4\u03bf\u03c2, \u03c0\u03b5\u03c1\u03af\u03bf\u03b4\u03bf\u03c2, \u03c0\u03ac\u03c1\u03bf\u03b4\u03bf\u03c2, \u201aEingang\u2018, Ausgang\u2018, &#8216;Periode&#8217;, \u201aNebenstra\u00dfe\u2018. Das ist auch deshalb verwirrend, weil \u03b4\u03c1\u03cc\u03bc\u03bf\u03c2, mit der gleichen Bedeutung wie \u03bf\u03b4\u03cc\u03c2, Maskulinum ist.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">19. Januar (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Gestern ein klassisches griechisches Drama, <em>Die V\u00f6gel<\/em> von Aristophanes, als E-Book bestellt. Heute kam die Rechnung: $ 0.00. Inzwischen ist so viel Literatur frei und legal im Internet verf\u00fcgbar, dass die Verlage einige B\u00fccher aus Werbezwecken gratis anbieten.<\/p>\n<p>Am Morgen Sommer, am Nachmittag Herbst, am Abend Winter. Die Berge der Umgebung sind immer noch schneebedeckt.<\/p>\n<p>Einen kleinen Einkauf gemacht und \u00fcber 30 \u20ac bezahlt: Batterien, Shampoo, Honig und Kartoffeln kosten jeweils um die 5 \u20ac. Das ist der Rest schnell zusammen. Auch in der Buchhandlung 25 \u20ac bezahlt, f\u00fcr einen Roman und ein kleines Heft mit griechischen Mythen. Auch das ist teuer.<\/p>\n<p>In den eigenen Notizen ein sch\u00f6nes Zitat gefunden: \u201eEltern bringen ihren Kindern nicht die Sprache, sondern das Sprechen bei.\u201c<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">20. Januar (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Nach einiger Zeit mal wieder bei Giannis in Tertsa einen Kaffee getrunken. Freundliche Begr\u00fc\u00dfung. Seine Sprache ist aber immer wieder eine Herausforderung. Solange es um allt\u00e4gliche Dinge geht, komme ich mich \u2013 schlecht und recht. Aber wenn es dann um Anekdoten geht, bin ich v\u00f6llig verloren. Er merkt nat\u00fcrlich, dass ich es nicht verstehe und fragt sich vermutlich, warum. In einer Anekdote geht es um einen Ausl\u00e4nder, der Altgriechisch kann und dann vier W\u00f6rter so aneinanderreiht, dass dabei irgendwas Nettes auf Neugriechisch herauskommt.<\/p>\n<p>Seine Frau gibt ihm etwas, was mit der Post gekommen ist. Er zerrei\u00dft es bedeutungsvoll. Wahlpropaganda. \u039d\u03ad\u03b1 \u0394\u03b7\u03bc\u03bf\u03ba\u03c1\u03b1\u03c4\u03b5\u03af\u03b1. Die Regierungspartei, Nea Demokratia. Die ND gef\u00e4llt ihm nicht. Da er mir schon die Steilvorlage gibt, frage ich, was ihm denn gefalle. Etwas ausweichend sagt er: \u0391\u03c1\u03b9\u03c3\u03c4\u03b5\u03c1\u03ac \u2013 Links.<\/p>\n<p>Am Nachmittag darf ich mit ins Mirtos ins Hotel setzen, in den Empfang, und das Internet nutzen. Zuhause funktioniert es nicht. Auch im Mirtos in der Kneipe haben sie Probleme. Seit zwei Monaten haben sie dort keinen Empfang. Das w\u00e4re nat\u00fcrlich die einfachste L\u00f6sung.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">21. Januar (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Als es schon dunkel ist, wird es lebendig im Haus. Man h\u00f6rt Stimmen unten und oben, und dann klopft es an meiner T\u00fcr. Ein franz\u00f6sisches Ehepaar, das Unterkunft sucht. Wir kl\u00e4ren das notd\u00fcrftig auf Englisch, obwohl sie auch ein paar Brocken Griechisch k\u00f6nnen. Ich gebe ihnen die Telefonnummer, aber nach ein paar Minuten kommen sie zur\u00fcck. Sie konnten niemanden erreichen. Daraufhin rufe ich an. Zoe nimmt ab und sagt, in f\u00fcnf Minuten sei jemand da. Dann klopft es wieder bei mir. Es ist Apostolos. Er sucht die Mieter. Die stehen drau\u00dfen am Auto. Diesmal sprechen sie gleich Franz\u00f6sisch mit mir, und ich mache den Dolmetscher Franz\u00f6sisch-Griechisch. Gott sei Dank geht es nur um ein paar einfache Informationen. Sie kommen aus S\u00fcdfrankreich, aus einer Stadt, die eine St\u00e4dtepartnerschaft mit Ingolstadt hat. Sie kennen sogar Trier. Dann \u00fcberlasse ich ihnen Apostolos.<\/p>\n<p>Der kommt dann wieder bei mir vorbei, um sich zu bedanken. Er sagt, er sei froh, mich zu sehen. Sie h\u00e4tten nichts von mir gewusst und nur von Jana erfahren, dass ich unterwegs gewesen bin. Er l\u00e4dt mich ins Mirtos ein.<\/p>\n<p>Da ist es heute rappelvoll, und es geht hoch her. Eine Diskussion zwischen zwei M\u00e4nnern, einem stattlichen, eher urbanen aussehenden Mann mittleren Alters und einem kleinen Wurzelm\u00e4nnchen an entgegengesetzten Seiten der Kneipe verwandelt sich in einen ausgemachten Streit. Beide schreien sich gegenseitig an. Ich verstehe kein Wort, vermute aber, dass es um Politik geht. Nur noch ein paar Tage bis zu den Wahlen. Apostolos aber korrigiert mich. Er deutet mit dem Finger nach oben: Gott. Der eine sei \u201edaf\u00fcr\u201c, der andere \u201edagegen\u201c. Die Rollenverteilung ist anders, als man glauben k\u00f6nnte: Das Wurzelm\u00e4nnchen ist \u201edagegen\u201c. Ich w\u00fcsste nicht, dass ich irgendwo mal eine so offenen Streit \u00fcber Religion, besser gesagt, \u00fcber Gott miterlebt habe. Religion ist in unserer Gesellschaft eine Privatsache und beinahe ein Tabu.<\/p>\n<p>Apostolos l\u00e4sst Wein und leckere \u03bc\u03b5\u03b6\u03ad\u03b4\u03b5\u03c2 kommen. Wir trinken auf den Enkel und das Ende der Olivenernte. Gestern war der letzte Tag. Jetzt geht es darum, die B\u00e4ume zu beschneiden. Das macht er alleine. Die Albaner ziehen weiter zu einem Bauern in Males, wo sie auch wohnen werden.\u00a0 Die Oliven seien gut dieses Jahr. Daraus entwickelt sich ein ordentliches Missverst\u00e4ndnis. Er ist dabei, die Geduld mit mir zu verlieren. Ich will wissen, woran er das festmacht, dass die Oliven gut sind. Am Geschmack? Nein, am Geschmack nicht. Der ist jedes Jahr gleich. Woran denn dann? Wir drehen uns im Kreis, und endlich verstehe ich: der Preis. Die Olivenernte in Spanien und Italien ist dieses Jahr nicht gut, und davon profitieren die Kreter.<\/p>\n<p>Er k\u00fcndigt an, in ein paar Monaten Raki zu brennen. Auch hier gibt es Kommunikationsschwierigkeiten. Er sagt, Wein gebe es in allen Teilen Kretas, ich sage, ich h\u00e4tte hier in der Gegend noch keinen Wein gesehen. Er meint, wie sich dann herausstellt, dass \u00fcberall in Kreta Wein bzw. Raki hergestellt wird. Die Trauben holen sie sich von weiter her, aus der Gegend, wo ich selbst auch schon Weinfelder gesehen habe, auf dem Weg nach Heraklion durchs Inland.<\/p>\n<p>Es scheint ihm wirtschaftlich sehr gut zu gehen. Als ich das vorsichtig andeute, sagt er nicht nein, sondern nickt zufrieden. Allerdings geht die Fabrik nicht gut. Keine Nachfrage. Da zeigt sich die Krise. Die Arbeiter, die er in der Fabrik hat, stellt er aber nur nach Bedarf ein.<\/p>\n<p>Ich frage mich, was er mit dem Geld macht und frage bei passender Gelegenheit, ob er selbst denn auch reise. Nein, keine Zeit: die Oliven, die Fabrik, der Garten, die Pension, der Kiosk, die Familie, vor allem die Oma. Deren Zustand ist so schlimm, dass sie nur noch von seiner Frau einigerma\u00dfen betreut werden kann. Als die wegen der Geburt des Enkels nicht da war, ist Zoe fast verr\u00fcckt geworden.<\/p>\n<p>Was die Wahlen angeht, kann ich ihm nur entlocken, dass er skeptisch ist. Das ist vielleicht eine ziemlich repr\u00e4sentative Empfindung. Dass alles besser wird, glaubt keiner.<\/p>\n<p>Hoffnung gibt es aber: Kreta hat \u00d6l. Nicht nur Oliven\u00f6l, auch Erd\u00f6l. Es ist im Norden Kretas, vor der gesamten K\u00fcste. Griechische Unternehmen, die die Technologie und das Kapital h\u00e4tten, gibt es nicht. Die Bewerber stehen aber schon Schlange: Schweden, Japan, die USA.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">22. Januar (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Die griechischen Kinder freuen sich \u00fcber die Wahl: Der Tag davor und der Tag danach sind schulfrei. So lange braucht man, um die Wahlkabinen auf- und abzubauen. Erstaunlich, zumal am Sonntag \u2013 das ist immer von der Jahreszeit abh\u00e4ngig \u2013 schon um sechs Uhr Wahlschluss ist.<\/p>\n<p>Im Radio einen Wahlspot\u00a0 der Nea Demokratia geh\u00f6rt: \u201eAm Sonntag entscheiden wir, in welchem Griechenland wir leben wollen.\u201c Das ist so unverbindlich, dass jeder es unterschreiben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Es deutet immer mehr auf einen Sieg von Syriza hin. Dabei z\u00e4hlt vor allem, dass es etwas Neues ist. Das alte System ist vermutlich endg\u00fcltig am Ende. Jahrzehntelang ging es immer nur um ND oder PASOK. Nachdem sich der PASOK inzwischen selbst zugrunde gerichtet hat \u2013 liegt bei 5% &#8211; ist jetzt vermutlich auch die ND schlachtreif, einfach, weil sie mit dem alten System assoziiert wird. Das kann man sogar verstehen. Es k\u00f6nnte aber sein, dass Syriza mit Potami koalieren muss, einer weiteren neuen Partei, liberal, leicht links, eurofreundlich. Dann werden einige der gro\u00dfen Ank\u00fcndigungen sowieso weichgekocht. Aber auch alleine wird Syriza nicht alles \u00e4ndern k\u00f6nnen und auch nicht \u00e4ndern wollen. Auf jeden Fall ist f\u00fcr Sonntag st\u00fcrmisches Wetter angesagt. Deutet sich jetzt schon an.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">23. Januar (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Beim Laufen landeinw\u00e4rts zum ersten Mal den \u201eFluss\u201c gesehen. Er ist nicht gro\u00df genug f\u00fcr das breite Flussbett, aber mehr als ein Rinnsal. Dass er es nicht bis nach Myrtos, bis ans Meer schafft, sagt vermutlich viel \u00fcber die Bodenbeschaffenheit. Hier versackt sofort alles. Ob es mit der Schneeschmelze oder dem Regen im Fr\u00fchjahr noch zu einem richtigen Fluss reicht?<\/p>\n<p>Unterwegs knistert es \u00fcberall. Das abgeschnittene Astwerk der Olivenb\u00e4ume wird verbrannt. Angst vor Br\u00e4nden scheint es hier nicht zu geben.<\/p>\n<p>Statistik \u00fcber Tabakkonsum in 20 europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Ganz unten: Schweden. Ganz oben: Griechenland. Best\u00e4tigt den pers\u00f6nlichen Eindruck hinsichtlich des Rauchens, best\u00e4tigt aber auch das Gef\u00fchl, dass Schweden und Griechenland sehr unterschiedliche L\u00e4nder sind. In Griechenland gibt es keine Kampagnen gegen das Rauchen wie in Schweden, der Tabak ist einheimisch und die Tabakwaren billig.<\/p>\n<p>Insgesamt geht der Tabakkonsum in den Industriel\u00e4ndern jedes Jahr um 1% zur\u00fcck, in den Entwicklungsl\u00e4ndern steigt er. Da\u00a0 tritt in der Werbung ein wei\u00dfer Amerikaner auf, der raucht. Wenn ich rauche, werde ich so wie der Amerikaner, ist die Botschaft.<\/p>\n<p>Insgesamt rauchen immer noch mehr M\u00e4nner als Frauen. Au\u00dferdem rauchen untere Gesellschaftsklassen mehr als h\u00f6here und Erwachsene jungen und mittleren Alters mehr als andere.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">24. Januar (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Tagesausflug zum Kloster Kapsa. Unterwegs sehe ich zum ersten Mal Wahlplakate. Nicht viele und nur welche von Syriza. Die moderne Gestaltung hat kommt offensichtlich an: Der Vorsprung von Syriza bei den jungen W\u00e4hlern ist noch gr\u00f6\u00dfer als bei anderen. Typisch auch eine sehr erfolgreiche Aktion von Tsipras, die \u00fcber Twitter lief. Da sieht man das Gef\u00e4lle zu den Politikern der alten Parteien. Erinnert auch ein wenig an Obama und seine Wahlkampfstrategie, auch wenn die noch viel ausgekl\u00fcgelter war.<\/p>\n<p>Die Nea Dimokratia ist dagegen fast ausschlie\u00dflich eine Partie der Alten. Typisch ein Wahlspot: Ein paar Jungen auf dem Bolzplatz, Samaras kommt dazu, einer der Jungen sagt, sein Vater sage, Griechenland sei in einer schweren Situation. Samaras sagt den Jungen, sie sollen sich setzen und h\u00e4lt ihnen einen Vortrag. Die Jungs h\u00f6ren brav zu. Samaras sagt, der Vater habe recht, aber jetzt gebe es Licht am Ende des Tunnels. Man m\u00fcsse manchmal in einer schwierigen Situation unangenehme Dinge tun, damit es nachher wieder aufw\u00e4rts geht, aber man m\u00fcsse wissen, wohin die Reise gehe. Das w\u00fcssten sie, sie w\u00fcrden ein gutes Griechenland f\u00fcr die Jungen schaffen.<\/p>\n<p>Hinter Ierapetra kann man links landeinw\u00e4rts abbiegen und \u00fcber Serpentinen in einsamer Gegend eine landschaftlich sch\u00f6ne Strecke fahren. Imposant. Auf dem Weg stehen pl\u00f6tzlich Ziegen auf der Stra\u00dfe, eine ganze Herde. Sie sind die ersten, die sich durch Autos oder Menschen nicht aus der Ruhe bringen lassen.<\/p>\n<p>Zwei D\u00f6rfer, die wie an die Felswand geklebt aussehen. Im zweiten, Shinokapsala, mache ich in einem Kafeneion Halt. Es sieht drinnen aus wie in einer Bauernstube. Die Frau l\u00e4sst sich durch meine Gegenwart nicht aus der Ruhe bringen und fegt erstmal die Stube. Dann bringt sie mir den Kaffee. Auch sie erkennt sofort, dass ich Deutscher bin. An der Wand ein Photo der Hagia Sofia. Ich frage, ob sie schon mal da gewesen sei. Ja, ihr Mann stamme daher. Doch wohl kein T\u00fcrke? Aber das wage ich nicht zu fragen. Vermutlich einer der \u00fcbriggebliebenen Griechen. Sie spricht jedenfalls nicht von Istanbul, sondern von Konstantinopel.<\/p>\n<p>Dann fahre ich in eine falsche Stra\u00dfe und komme zu einer Olivenfabrik. S\u00e4ckeweise wird die neue Ernte hineingetragen. Die Arbeiter sehen mich staunend an, aber keiner kommt auf die Idee, mir zu zeigen, dass ich in einer Sackgasse gelandet bin.<\/p>\n<p>Man kommt dann wieder auf die Hauptstra\u00dfe nach Sitia zur\u00fcck, von der es kurz danach abgeht zum Kloster, diesmal auf einer streckenweise sch\u00f6nen Stra\u00dfe am Meeresufer entlang.<\/p>\n<p>Das Kloster, hoch oben, ist eine festungsartige Ansammlung verschiedener Geb\u00e4ude. Als ich den steilen Fu\u00dfweg raufgehe, kommen mir zwei Engl\u00e4nder im Auto entgegen. Sie haben keinen Erfolg gehabt. Das Tor, an dem die \u00d6ffnungszeiten stehen, ist verschlossen, obwohl jetzt offen sein sollte. Sie haben auch in Toplou schon dieselbe Erfahrung gemacht. Jetzt wollen sie durch die Schlucht gleich hier nebenan. Der Eingang zur Schlucht, von der Stra\u00dfe aus zu sehen, sieht eindrucksvoll aus.<\/p>\n<p>Ich gehe trotzdem rauf. Durch eine Luke in der Pforte kann man in den sch\u00f6nen Innenhof sehen. An der Pforte steht in verschiedenen Sprachen in sehr freier \u00dcbersetzung etwas zu der Kleiderordnung (auf Franz\u00f6sisch soll man <em>de cent<\/em> gekleidet sein). Die griechischen Regeln sind strenger als die der anderen. Ihnen zufolge werden Frauen in \u201eM\u00e4nnerkleidung\u201c nicht eingelassen.<\/p>\n<p>Dann geht es wieder zur\u00fcck zur Hauptstra\u00dfe und rauf nach Pefki. Dort soll es ein sch\u00f6nes Folkloremuseum geben. Es liegt vor dem Ort, oben am Ende eines Feldwegs und ist nat\u00fcrlich geschlossen. Da oben mache ich dann das schwierigste und gef\u00e4hrlichste Wendeman\u00f6ver seit meiner Ankunft, das ich erfolgreich, aber schwei\u00dfgebadet beende. Dann gehe ich noch ein bisschen durch den verlassen wirkenden Ort.<\/p>\n<p>Auf der R\u00fcckfahrt am Rand der eher unansehnlichen Stra\u00dfe immer wieder helle, leuchtende gelbe Blumen, unseren Butterblumen \u00e4hnlich.\u00a0 Je weiter von der Stadt entfernt, umso dichter die Reihen.<\/p>\n<p>Am Abend sitzt im Mirtos ein Waliser am Nebentisch. Wir bestellen genau das gleiche, im gleichen Moment. Nach dem Essen wird er gespr\u00e4chig. Er kommt schon seit 13 Jahren hierher. Dies ist der schlechteste Winter bisher.<\/p>\n<p>Er hat ein Haus zu Dauermiete.\u00a0 Er h\u00e4ngt meistens noch ein paar Wochen dran, wenn Frau und Tochter schon wieder nach Hause m\u00fcssen. Er selbst ist im Ruhestand, auch wenn er j\u00fcnger aussieht. Er ist ohne Auto hier und wischt meinen Einwand, das sei doch ziemlich kompliziert, vom Tisch. Es gebe ja schlie\u00dflich Busse. Ja, aber der letzte f\u00e4hrt um f\u00fcnf. Er erz\u00e4hlt dann selbst, wie er dieser Tage, mit Einkaufst\u00fcten beladen, in Gra Lygia, wo die ganzen Sch\u00fcler aussteigen, \u00a0rausgeworfen wurde. Er solle den n\u00e4chsten Bus nehmen. Der kam aber nicht.<\/p>\n<p>Er belehrt mich, dass Walisisch eine der \u00e4ltesten Sprachen der Welt sei, zusammen mit Aram\u00e4isch und Griechisch und einer vierten Sprache, auf die er im Moment nicht kommt. Wo stammt so ein Unsinn her? Wie k\u00f6nnen die Leute das glauben? Wird dieselbe Geschichte in anderen L\u00e4ndern mit anderen Sprachen erz\u00e4hlt? Irgendwie kommt mir das bekannt vor. Vielleicht im Baskenland mit Baskisch.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">25. Januar (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Wahltag. Das griechische Wort f\u00fcr \u201aWahlen\u2018, \u03b5\u03ba\u03bb\u03bf\u03b3\u03ad\u03c2, das f\u00e4llt mir jetzt erst auf, ist der Plural von \u03b5\u03ba\u03bb\u03bf\u03b3\u03ae, und das ist eben auch die <em>Ekloge<\/em>. Was hat eine Gedichtform, und dann auch noch die Hirtendichtung, mit der Politik zu tun? Resultiert aus einem Irrtum. Urspr\u00fcnglich waren Eklogen ausgew\u00e4hlte Ausz\u00fcge aus jeder Art von Text, ob Prosa oder Dichtung. Das Wort wurde dann aber immer mehr f\u00fcr die <em>Eklogen<\/em> des Vergil benutzt, f\u00fcr Ausz\u00fcge aus seiner Hirtendichtung, und sp\u00e4tere r\u00f6mische Dichter benutzten den Begriff f\u00fcr ihre eigene Hirtendichtung. Am Ende wurde im ein Gattungsbegriff daraus.<\/p>\n<p>Der griechischen Verfassung zufolge muss die Regierungsbildung innerhalb von drei Tagen geschehen. Das stammt noch aus der Zeit der absoluten Mehrheiten. Eine Koalition innerhalb von drei Tagen zu bilden, ist so gut wie unm\u00f6glich, zumal der Koalitionspartner noch nicht feststeht, sollte Syriza die Wahlen gewinnen \u2013 wonach es schwer aussieht. Der Auftrag zur Regierungsbildung w\u00fcrde nach drei Tagen an den F\u00fchrer der zweist\u00e4rksten Partei gehen.\u00a0 Auch der h\u00e4tte nur drei Tage Zeit. Angesichts der Schwierigkeiten k\u00f6nnte es Neuwahlen geben oder eine Minderheitsregierung.<\/p>\n<p>Auch mit einer absoluten Mehrheit w\u00fcrde Tsipras es schwer haben, die Wahlversprechen einzul\u00f6sen: Wiedereinstellung der entlassenen Staatsangestellten, Erh\u00f6hung von Mindestlohn und Renten usw. Woher soll er das Geld nehmen? Und was will er in den Verhandlungen mit der Troika erreichen? Griechenland zahlt ohnehin niedrige Zinsen, niedrigere als Portugal oder Irland zum Beispiel, und die Fristen sind sehr gro\u00dfz\u00fcgig. Griechenland hat 32 Jahre Zeit und noch gar nicht angefangen, das Geld zur\u00fcckzuzahlen. Selbst wenn es einen kompletten Schuldenschnitt g\u00e4be, w\u00fcrden sie kein Geld haben.<\/p>\n<p>Die Korruption soll bek\u00e4mpft werden, die Steuerflucht und die Vetternwirtschaft der alten Parteien. Das ist gut. Die haben ihre Leute, wenn sie abgew\u00e4hlt wurden, immer gro\u00dfz\u00fcgig versorgt, bis hin zu denen auf niedrigen Posten. Das Abzuschaffen ist gut, bringt aber kein Geld. Bei der Korruption und der Steuerflucht braucht man nicht nur den politischen Willen, sondern auch Zeit und Methoden. Ob das so schnell geht? Es geht nicht nur um die Korruption im Gro\u00dfen \u2013 der ist ohnehin schwer beizukommen \u2013 sondern auch der allt\u00e4glichen Korruption. Aber die bek\u00e4mpfen dauert, einem Politiker zufolge, eine ganze Generation. Kann ich mir vorstellen. Und der Prozess hat l\u00e4ngst begonnen. Beispiel: Eine in Deutschland aufgewachsene Griechin macht in Griechenland die Fahrpr\u00fcfung. Vor der Pr\u00fcfung fragt der Fahrlehrer, wo denn der \u03c6\u03b1\u03ba\u03b5\u03bb\u03ac\u03ba\u03b9 sei, das Umschl\u00e4gchen. Die Kandidatin sagt, sie habe keinen. Sie sei gut vorbereitet und zuversichtlich, dass sie bestehen werde. Bei der Pr\u00fcfung wird sie schikaniert und f\u00e4llt durch. Beim zweiten Versuch bringt sie den Umschlag mit \u2013 300 Euro \u2013 und besteht. So weit, so normal. Aber jetzt kommt das Neue: Sie bringt die Sache zur Anzeige. Und das geschieht jetzt immer h\u00e4ufiger. Die Leute sind es leid.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. Januar (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Klarer Wahlsieg von Syriza, aber knapp an der absoluten Mehrheit vorbei. Insgesamt sind sieben Parteien im Parlament, davon f\u00fcnf, die fast gleich stark sind, mit jeweils ungef\u00e4hr 15 Abgeordneten. In den einzelnen Wahlkreisen gibt es eine ganze Menge, in denen die ND gewonnen hat, aber meistens nur knapp, w\u00e4hrend da, wo Syriza gewonnen hat, der Vorsprung meist gro\u00df ist. Die ND ist vor allem im Norden und im Peloponnes erfolgreich. Syriza ist hier besonders stark, auf Kreta. Da haben sie fast \u00fcberall 40% und mehr. Die Gesamtzahl der Stimmen betr\u00e4gt gerade mal \u00fcber sechs Millionen. Es muss doch wohl mehr Wahlberechtigte geben.<\/p>\n<p>Irgendwo gelesen, dass Englisch sich in den letzten 600 Jahren st\u00e4rker ver\u00e4ndert habe als Griechisch in den letzten 2400. Kann das sein? Verstehen heutige Griechen Plato besser als heutige Engl\u00e4nder Chaucer? Man m\u00fcsste mal die alte und die moderne Version gegen\u00fcberstellen, f\u00fcr beide.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">27. Januar (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>In den USA nennt man es Mexican Car Wash, wenn man das Auto zum Waschen einfach in den Regen stellt. Das klappt hier relativ gut, das Auto ist nachher zwar nicht sauber, aber sauberer. Zu Hause wird es eher noch schmutziger.<\/p>\n<p>Bei Jannis in Tertsa auch dem Mann von Sofia begegnet, der alten Dame. Sie sind beide wirklich schon 85. Das sieht man ihnen nicht an. Sie haben sogar schon eine Tochter, die im Ruhestand ist. Sie lebt in Heraklion.<\/p>\n<p>Jetzt auch die Aufl\u00f6sung f\u00fcr den Witz mit dem Ausl\u00e4nder bekommen, der Altgriechisch spricht: Er reiht die W\u00f6rter \u03bc\u03c5\u03c2 + \u03bf\u03c4\u03b1 + \u03c3\u03b5\u03bb\u03b7\u03bd\u03b1 + \u03b4\u03b1\u03c2 aneinander, und daraus ergibt sich so etwas wie \u039c\u03b9\u03c3\u03ce \u03c4\u03b1\u03c2 \u0395\u03bb\u03bb\u03b7\u03bd\u03af\u03b4\u03b1\u03c2 \u2013 Ich hasse die Griechinnen. Es ist ziemlich an den Haaren herbeigezogen, und selbst als ich anderswo nachfrage, kommen die Griechen nicht sofort darauf.<\/p>\n<p>Die kretischen W\u00f6rter f\u00fcr Ziegen und H\u00fchner, \u03b1\u03af\u03b3\u03b5\u03c2 und \u03cc\u03c1\u03bd\u03b9\u03b8\u03b5\u03c2, kontrastieren mit den Standardw\u00f6rtern \u03ba\u03b1\u03c4\u03c3\u03af\u03ba\u03b5\u03c2 und \u03ba\u03cc\u03c4\u03b5\u03c2. Dabei ist \u00a0\u03cc\u03c1\u03bd\u03b9\u03b8\u03b5\u03c2 der interessantere Fall. Das sind ja eigentlich V\u00f6gel im Allgemeinen (vgl. Ornithologie), aber hier ist der Bedeutungsspielraum enger.<\/p>\n<p>Am Nachmittag in Ierapetra im Kleinen Caf\u00e9 \u2013 das hei\u00dft wirklich so \u2013 dessen freundlicher Besitzer mich auch im Vorbeigehen gr\u00fc\u00dft, einen Kaffee getrunken. Er hei\u00dft Manolis. Diesmal drinnen gesessen. Da h\u00e4ngen und stehen, zu einem Dreieck angeordnet, Medaillen und Pokale. Ich frage danach, und es stellt sich heraus: Er ist ein L\u00e4ufer! Und was f\u00fcr einer! Marathons zuhauf, darunter die von Rom, Enschede, Wien. Und den Marathon von Marathon, ihm selbst zufolge der schwerste von allen, ist er schon dreizehn Mal gelaufen! Ich zolle ihm meinen Respekt. Er spricht noch von weiteren Marathons in Griechenland, u.a. auf Rhodos und in Nauplion. Die hat er selbst aber noch nicht in Angriff genommen. Er selbst organisiert auch L\u00e4ufe hier in der Gegend. Gleich am 1. M\u00e4rz findet einer statt, ausgerechnet in Mithi, wo ich dieser Tage mal hergelaufen bin. Ein anderer findet Ende M\u00e4rz in der N\u00e4he von Heraklion statt. Die L\u00e4ufe haben es aber in sich: 1.300 H\u00f6henmeter Unterschied der eine (12 oder 26 Kilometer), 700 der andere (22 Kilometer). Da werde ich sicher die k\u00fcrzere Strecke laufen. Er fragt auch nach Schuhen f\u00fcr die Berge. Wir machen aus, dass ich beim n\u00e4chsten Mal meine Schuhe mitbringe und er sie begutachtet und ggf. beim Neukauf hilft. Die alten sind sowieso ziemlich abgelaufen.<\/p>\n<p>In einem Reiseb\u00fcro frage ich nach F\u00e4hren oder Fl\u00fcgen nach Santorini. Am Anfang klappt die Kommunikation ganz gut, am Ende bin ich nicht mehr sicher, ob wir jetzt \u00fcber F\u00e4hren oder Fl\u00fcge sprechen. Es ist jedenfalls noch etwas fr\u00fch. Am 9. April gibt es auf jeden Fall eine F\u00e4hre. Das ginge auch noch, es w\u00e4re jedenfalls noch vor Ostern.<\/p>\n<p>Am Abend dann endlich ins Giarakaki. Sehr sch\u00f6nes, rustikales Lokal, steht in keinem Reisef\u00fchrer. Unregelm\u00e4\u00dfige Natursteine an den W\u00e4nden, sch\u00f6ner, gefliester Fu\u00dfboden, schwere Holzbalkendecke, wenig Zeug an den W\u00e4nden, einfache Holztische. Von den modernen Lampen h\u00e4ngen Schneebesen, Sch\u00f6pfl\u00f6ffel und\u00a0 Pfannenwender\u00a0 hinunter, und auf dem Boden unter Glas Weinflaschen und Weinzubeh\u00f6r. Der Raum ist in zwei l\u00e4ngliche Teile unterteilt, und in jedem brennt ein Ofen mit offenem Feuer, aber das reicht nur so gerade, damit man nicht friert. Es ist noch fast leer, aber nach neun kommen doch noch ein paar G\u00e4ste.<\/p>\n<p>\u039can sitzt kaum, da werden schon unaufgefordert ein paar Appetith\u00e4ppchen hingestellt: ger\u00f6stetes Brot, Nudeln mit Mayonnaise, kleine Wurstst\u00fcckchen und Bohnenpaste. Ich nehme dann ein Gericht mit dem irref\u00fchrenden Namen \u03bc\u03b5\u03b6\u03b5\u03c3. Es ist ein Teller mit hellem und dunklem Fleisch, alles in so kleine St\u00fccke geschnitten, dass es kein Messer dazu gibt. Dazu gibt es Jogurt als So\u00dfe und Tomaten. Schmeckt sehr gut, und der Wein auch.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">28. Januar (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Tsipras legt ein unglaubliches Tempo vor. Schon gestern, zwei Tage nach der Wahl, hatte er die komplette Regierung zusammen, reduziert von 20 auf 10 Ministerien! Der Koalitionspartner, die Rechten, bekommen nur ein Ministerium, passenderweise das Verteidigungsministerium. Finanzminister wird ein Hardliner der Anti-Troika-Gruppe.<\/p>\n<p>Im Altgriechischen gab es in Attika, Delphi und Sparta unterschiedliche Monatsnamen, wobei Delphi und Sparta n\u00e4her beieinander liegen als beide zu Attika. In einigen Namen sind G\u00f6tter zu erkennen \u2013 Poseidon, Artemis, Dionysos \u2013 aber die meisten sagen uns nichts. Alle Monate hatten 29 oder 30 Tage. Das Jahr fing im Juli an, und jeder Monat in unserer Monatsmitte, am 16. Es gab aber \u00fcberall zw\u00f6lf Monate.<\/p>\n<p>\u0391uch die Wochentage hatten andere Namen, mit genauen Parallelen zu anderen modernen Sprachen, aber ohne jede Parallele zum heutigen Griechisch. Der Sonntag und der Montag hie\u00dfen genau so: \u0397\u03bc\u03ad\u03c1\u03b1 \u0397\u03bb\u03b9\u03bf\u03c5 \u0397\u03bc\u03ad\u03c1\u03b1 \u03a3\u03b5\u03bb\u03ae\u03bd\u03b7\u03c2, der Samstag war nach Kronos benannt, also dem \u00c4quivalent des r\u00f6mischen Saturn, wie in <em>Saturday<\/em>, und der Dienstag nach Ares, also Mars:\u00a0<em>martes, mardi<\/em>. Passt alles.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">29. Januar (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Die KKE, die Kommunistische Partei, hei\u00dft Kappa Kappa Epsilon. Das ist so, als wenn die SPD Sigma Pi Delta hie\u00dfe.<\/p>\n<p>Bei str\u00f6mendem Regen nehme ich eine Frau und ihren Sohn mit nach Ierapetra. Sie ist Albanerin, lebt aber schon seit \u00fcber 15 Jahren in Myrtos und spricht flie\u00dfend Griechisch. Ihr Sohn, noch im Kindergartenalter, spricht Albanisch mit ihr und dann mit mir, wie selbstverst\u00e4ndlich, Griechisch. Und erz\u00e4hlt mir, dass er auch schon ein bisschen Englisch kann.<\/p>\n<p>Sie fragt mich, ob ich Griechisch schreibe, und ich sage nein, keine Texte, h\u00f6chstens mal ein paar Notizen. Aber das meint sie mit Schreiben. Sie kann nicht schreiben. Sie ist nie zur Schule gegangen, aber Lesen hat sie gelernt. Wenn sie sich dann aber hinsetzt und die Zeichen machen will, dann geht es irgendwie immer in die falsche Richtung.<\/p>\n<p>Auch sie habe ich in Myrtos noch nie gesehen. Ich frage mich, wo die Leute sich verstecken. Dabei arbeitet sie in der B\u00e4ckerei, allerdings hinter der Szene, in der Backstube.<\/p>\n<p>Als sie aussteigt, fragt sie mich, was sie mir schulde. Ich bin mir nicht sicher, ob das ernst gemeint ist oder einfach eine H\u00f6flichkeitsfloskel.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">30. Januar (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Aus aktuellem Anlass sehe ich mir das Wort f\u00fcr \u201aSchwager\u2018 an. Es stellt sich heraus, dass meine Verwirrung nicht umsonst besteht. Die Sache hat zwei Haken. Erstens gibt es das Wort \u03b3\u03b1\u03bc\u03c0\u03c1\u03cc\u03c2. Das bedeutet \u201aSchwager\u2018. Aber es bedeutet nicht nur \u201aSchwager\u2018, sondern auch noch \u201aSchwiegersohn\u2018 und \u201aBr\u00e4utigam\u2018. Und dann gibt es ein zweites Wort f\u00fcr \u201aSchwager\u2018, n\u00e4mlich \u03ba\u03bf\u03c5\u03bd\u03b9\u03ac\u03b4\u03bf\u03c2 (fast wie Spanisch). Nur bezeichnet das einen anderen Schwager, n\u00e4mlich den Bruder des Ehepartners. Dagegen ist \u03b3\u03b1\u03bc\u03c0\u03c1\u03cc\u03c2 der Mann der Schwester! Da differenziert das Griechische, wo wir nur ein Wort verwenden. Im Russischen gibt es sogar noch ein weiteres Wort f\u00fcr \u201aSchwager\u2018. Au\u00dfer \u0434\u0435\u0432\u0435\u0440\u044c, \u201aBruder des Ehemannes\u2018 gibt es noch \u0448\u0443\u0440\u0438\u043d, \u201aBruder der Ehefrau\u2018\u00a0 und \u0437\u044f\u0442\u044c, \u201aEhemann der Schwester\u2018! Es gibt sogar noch \u0441\u0432\u043e\u044f\u0341\u043a, \u201aEhemann der Schwester der Ehefrau\u2018, aber daf\u00fcr haben wir den \u201aSchwippschwager\u2018.<\/p>\n<p>Das Die Holl\u00e4nderin, die offensichtlich sehr gut Griechisch spricht, erz\u00e4hlt eine r\u00fchrende Geschichte. Sie war dieser Tage als Anhalterin unterwegs, und im Auto lief die CD eines S\u00e4ngers, den sie aus ihrer Zeit in Saloniki kannte, wo sie als Studentin ein Stipendium hatte. Sie machte ein paar Kommentare, und dann kam das sch\u00f6nste Lied dieses S\u00e4ngers. Beide h\u00f6rten still zu. Als sie ausstieg, hielt der Fahrer, der bis dahin kaum etwas gesagt hatte, die CD an, nahm sie raus und dr\u00fcckte sie ihr in die Hand.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">31. Januar (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>An der Bushaltestelle die Holl\u00e4nderin aufgegriffen und mit nach Ierapetra genommen. Als wir dann da waren, stellte es sich heraus, dass sie gar nicht vorhatte, nach Ierapetra zu fahren. Sie hatte nur so an der Bushaltestelle rumgesessen. Aber wollte sich dann wohl doch die Gelegenheit nicht entgehen lassen.<\/p>\n<p>Vor dem Besuch des Fris\u00f6rs h\u00f6chste Konzentration. Es geht darum, \u03bc\u03b1\u03bb\u03bb\u03b9\u03ac nicht mit \u03bc\u03ac\u03c4\u03b9\u03b1 zu verwechseln. \u201eK\u00f6nnen Sie mir bitte die Augen schneiden?\u201c. H\u00f6rt sich irgendwie falsch an.<\/p>\n<p>Die junge Friseuse in dem hochmodernen Friseursalon geht ganz bed\u00e4chtig vor. Sie scheint jedes Haar einzeln behandeln zu wollen. Es dauert unendlich lange, und sie verharrt manchmal in tiefer Reflexion, bevor das n\u00e4chste Haar f\u00e4llt. Der totale Kontrast zu dem Friseur in Myrtos, der nicht viel Federlesens machte und in f\u00fcnf Minuten fertig war, und das zu einem h\u00f6heren Preis. Diese Friseuse macht ihre Sache gut, auch wenn ich am Anfang den Eindruck habe, dass ich den Salon mit Glatze verlassen werde.<\/p>\n<p>Dann bei Manolis, der gleich um die Ecke ist, meine Laufschuhe pr\u00e4sentiert. Die seien in Ordnung f\u00fcr den Lauf, meinte er. Er selbst kauft sich 3-4 Paar Schuhe pro Jahre, l\u00e4uft aber auch mehr als ich. Er macht aber kein Dogma daraus. Die Schuhe bestellt er im Internet. Mit gesenkter Stimme sagt er: Halb so teuer wie hier.<\/p>\n<p>Nach dem Einkauf fahre ich dann zum Klio, einem Lokal au\u00dferhalb von Ierapetra, das im Reisef\u00fchrer empfohlen wird. Zu recht!<\/p>\n<p>Ich fahre erst dran vorbei, weil ich mir \u039a\u03bb\u03af\u03bf notiert hatte, mit zweieinhalb Rechtschreibfehlern. Es ist aber \u039a\u03bb\u03b5\u03b9\u03ce, und das sieht ganz anders aus.<\/p>\n<p>Es liegt direkt am Strand, und man blickt auf die aufgew\u00fchlte See, die Tamarisken, die im Wind schaukeln und die Sonne, die sich im Wasser bricht.<\/p>\n<p>Die junge Frau, die mich bedient, ist \u039a\u03bb\u03b5\u03b9\u03ce. Die Namensgeberin ist aber ihre Oma, die das Lokal gegr\u00fcndet hatte. Jetzt macht der Papa die K\u00fcche und die Tochter die Bedienung. Klassischer Familienbetrieb.<\/p>\n<p>Sie ist freundlich, spricht langsam und deutlich, erkl\u00e4rt, hilft, fragt. Was will man mehr? Und das Essen ist erste Sahne. Schon ganz zu Anfang wird kr\u00fcmeliges Brot mit einer Joghurtpaste und einer Olivenpaste aufgefahren, dann ein ganzer Teller mit \u03c0\u03bf\u03b9\u03ba\u03b9\u03bb\u03af\u03b1, dann die Hauptspeise, eine Art gef\u00fcllter Rollbraten, dazu Wein, und dann noch Obst, Kuchen und Kaffee auf Kosten des Hauses, das alles f\u00fcr 14 \u20ac.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1. Februar (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Denkw\u00fcrdige Szene am Stra\u00dfenrand: Neben einer \u00fcberfahrenen Katze zwei lebendige Katzen, mit gesenkten K\u00f6pfen auf den ausgestreckten Pfoten in gewisser Distanz auf dem Boden liegend. Dann ver\u00e4ndern sie ihre Position immer wieder. Mal stehen sie mit gesenkten K\u00f6pfen vor ihr, so als trauerten sie, dann springen sie auf sie zu, wobei die eine die andere verjagt, dann aber sofort wieder zur\u00fcckweicht. Dann schnuppern sie an der toten Katze und zerren an ihr herum, dann kommt wieder die lauernde Stellung vom Anfang. Sie wissen wahrscheinlich nicht, was sie da vor sich haben.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">2. Februar (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Zur Autow\u00e4sche, die per Hand gemacht wird, macht man vorher einen Termin aus. Die Waschanlage ist mitten in einer Gesch\u00e4ftsstra\u00dfe im Zentrum von Ierapetra. Der sehr freundliche junge Mann sagt mir, am Vormittag sei er ausgelastet, aber am Nachmittag gehe es, nach der Mittagspause. \u2013 Nach der Mittagspause, so um zwei? \u2013 Nein, so um f\u00fcnf<\/p>\n<p>Punkt f\u00fcnf Uhr kommt er angeradelt und nimmt das Auto entgegen. Ich solle in gut einer Stunde wiederkommen. Das tue ich, und er ist tats\u00e4chlich gerade bei den letzten Handgriffen. Das Auto ist kaum wiederzuerkennen. Der Schmutz von drei Monaten und Tausenden Kilometern ist spurlos verschwunden, innen und au\u00dfen. Der Mann will das Trinkgeld erst nicht annehmen, und meine Begr\u00fcndung geht ins Leere: Schlie\u00dflich sei das Auto ja richtig schmutzig gewesen. Schmutzig? W\u00e4re sch\u00f6n, meint er, wenn alle Autos so sauber w\u00e4ren.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">3. Februar (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Sch\u00f6nes Missverst\u00e4ndnis bei der Vorbereitung einer Besichtigung: Ein Mann schreibt mir zur\u00fcck, er verstehe nicht, was ich wolle, ich solle ihn anrufen, er spreche gut Deutsch, dann k\u00f6nnten wir das kl\u00e4ren. Aber auch am Telefon, und auch auf Deutsch, reden wir eine Zeitlang aneinander vorbei. Ich frage mich, warum er immer wieder von Kreta spricht, auch schon in der Mail. Dann stellt sich heraus, dass er gar nicht auf Kreta ist, sondern irgendwo an der albanischen Grenze. Ich hatte eine falsche Adresse.<\/p>\n<p>In dem Mythos um Ikarios, dem ersten Winzer der Menschheit, ein interessantes Detail entdeckt: Drei M\u00e4nner, die er bewirtet, sehen doppelt, beginnen zu wanken, verlieren den Verstand, und glauben, dass er sie vergiftet hat. Und der Mythos erkl\u00e4rt auch, warum ihnen das geschieht: Sie haben den Wein unvermischt getrunken, ohne Wasser. Ganz offensichtlich machte man das nicht.<\/p>\n<p>Jana erz\u00e4hlt mir, ihr Sohn sei jetzt beim Milit\u00e4r. Ich glaube, ich h\u00f6re nicht richtig. Ich kann mir das Kind kaum beim Milit\u00e4r vorstellen. Ob er hier in der N\u00e4he sei, will ich wissen. Nein, das weist sie weit von sich. In der N\u00e4he von Athen. Sie wird demn\u00e4chst hinfahren, um zu sehen, wie es ihm geht. Der Anfang muss wohl ziemlich schockierend gewesen sein. Jedenfalls gibt es in Griechenland weiterhin die Wehrpflicht, zw\u00f6lf Monate. Ich hatte davon in Zusammenhang mit der doppelten Staatsb\u00fcrgerschaft gelesen. Wenn man die hat, bedeutet das theoretisch auch doppelte Wehrpflicht. Das wird aber in der Praxis nicht eingefordert. Es reicht, wenn man in einem Land den Wehrdienst ableistet. In der Regel kann man w\u00e4hlen, in welchem. Aber wenn es, wie in Deutschland, keine Wehrpflicht mehr gibt, f\u00e4llt die Wahl flach. Ein Grieche, der in Deutschland aufgewachsen ist, muss nach Griechenland!<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">4. Februar (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Wieder ein komisches Missverst\u00e4ndnis. In Pachia Ammos, auf dem Weg nach Heraklion, suche ich die Werkstatt eines Mannes, der Musikinstrumente repariert, ein Ein-Mann-Laden. Man kann die Werkstatt besichtigen. Bei der Frage nach der Werkstatt von Erikkos werde ich immer nach oben und dann wieder nach unten geschickt. Dann stelle ich die Frage gleich vor einem hallenartigen Bau, und man deutet mit dem Finger auf den Eingang: Da. Ich gehe rein. \u00dcberall Eisen und Gummi. Ich frage, ob man einen Blick hinein werfen kann. Auf was? Auf die Werkstatt von Erikkos. Ja, aber auf was? Auf die Musikinstrumente. Ah, das ist was ganz anderes. Es gibt zwei Erikkos. Beide haben eine Werkstatt. Der eine repariert Musikinstrumente, der andere Motorr\u00e4der.<\/p>\n<p>Dann nehme ich einen Engl\u00e4nder mit. Er lebt seit zwanzig Jahren hier und kann kein bisschen Griechisch. Es macht ihm nichts aus, dass ich seinetwegen ein ganzes St\u00fcck von der Hauptstra\u00dfe abfahren muss. Als ich mich dann dem Ort n\u00e4here, in dem er aussteigen will, macht er noch ein paar abf\u00e4llige Bemerkungen \u00fcber griechische Autofahrer. Ich bin froh, als ich ihn wieder los bin.<\/p>\n<p>Dann kommt ein fr\u00f6hlicher Bulgare. Den kann ich gleich bis nach Heraklion mitnehmen. Er erz\u00e4hlt mir seine halbe Lebensgeschichte, einschl. einer bevorstehenden Operation am Bein. Er spricht fl\u00fcssiges, aber schwer verst\u00e4ndliches Griechisch mit englischen und deutschen Brocken. Von Putin h\u00e4lt er wenig, von Merkel viel. Und die Griechen sollten mal sch\u00f6n ihr Geld zur\u00fcckzahlen. Sie h\u00e4tten es ja auch ausgegeben. Bei Deutschland denkt er in erster Linie an Bier. Das sei das beste, Amstel, zum Beispiel. Ich bin froh, dass kein Holl\u00e4nder in der N\u00e4he ist. Er schiebt dann aber noch Radeberger nach. Geht doch.<\/p>\n<p>Im Parkhaus frage ich nach dem Weg zum Historischen Museum. Einer der M\u00e4nner erkl\u00e4rt ihn, wird aber von den anderen korrigiert: Historisches Museum, nicht Arch\u00e4ologisches Museum. Aber auch die zweite Erkl\u00e4rung ist falsch. Sie schicken mich zum Naturhistorischen Museum. Zum Gl\u00fcck ist das Historische Museum ganz in der N\u00e4he.<\/p>\n<p>Das Historische Museum beginnt da, wo das Arch\u00e4ologische aufh\u00f6rt: in der R\u00f6merzeit. Im ersten Raum werden die danach folgenden Epochen in Glask\u00e4sten mit jeweils ein paar kleinen Funden aus der Zeit dargestellt: die Byzantinische Epoche ab 395), die Zeit der Sarazenen (ab 827), die zweite Byzantinische Epoche (ab 961), Venedig (ab 1204), die Osmanen (ab 1645).<\/p>\n<p>Die Fund stammen alle aus Heraklion und Umgebung, aber bei dem Museum ist nicht ganz klar, ob es sich um ein Stadtmuseum handelt oder nicht. Unten steht jedenfalls ein gro\u00dfes Holzmodell der Stadt, aus der sp\u00e4ten venezianischen Zeit. Man kann gut eine Dreiteilung der Stadt erkennen, die beiden damals schon getrennten H\u00e4fen und ein weiteres landeinw\u00e4rts liegendes Viertel. Die Stadt ist sehr unregelm\u00e4\u00dfig angelegt. Auff\u00e4llig sind die vielen Bastionen und die vielen Kirchen. Die Kirchen haben alle italienische Namen und waren vermutlich katholisch. So viele Kirchen waren allein f\u00fcr die Besatzer sicher nicht n\u00f6tig. Mussten die orthodoxen Kreter alle konvertieren? Oder zumindest katholische Gottesdienste besuchen? Es hei\u00dft jedenfalls immer, dass die Glaubensfreiheit unter den Osmanen gr\u00f6\u00dfer war als unter den Venezianern.<\/p>\n<p>Der Name der Stadt hat sich von Heraklion \u00fcber Chandax und Candia zu Iraklion ver\u00e4ndert, zur\u00fcck zu den Wurzeln. Der alte Name erinnert an Herakles, der hier seine siebte Tat vollbrachte, die Bezwingung des kretischen Stiers.<\/p>\n<p>Dann gibt es einen Saal mit Einzelteilenaus der venezianischen und der osmanischen Zeit. Besonders sch\u00f6n ein venezianischer Brunnen, in der Wand verankert, mit kleinen, kreuzf\u00f6rmig angebrachten Wasserschalen von oben nach unten. Als ich gerade davor stehe, beginnt tats\u00e4chlich Wasser zu laufen.<\/p>\n<p>Ein junger Aufseher erkl\u00e4rt mir, was es mit den Loch in einem L\u00f6wen auf sich hat, der hier an der Wand h\u00e4ngt: Zweitverwertung. Er war urspr\u00fcnglich Teil eines Adelswappens und wurde dann f\u00fcr einen Brunnen verwendet. Das Loch ist ein Bohrloch.<\/p>\n<p>In der venezianischen Zeit gab es Juden, die es in den Adelsstand brachten. Davon hatte ich noch nie geh\u00f6rt. Daf\u00fcr steht hier ein Adelswappen, das den venezianischen L\u00f6wen zeigt und eine Inschrift auf Hebr\u00e4isch hat!<\/p>\n<p>Oben befindet sich in einem abgedunkelten Saal eine M\u00fcnzsammlung. M\u00fcnzen kamen relativ sp\u00e4t nach Kreta. Sie kamen erst mit Soldaten, die im Heer Alexanders dienten, vom Ausland nach Kreta und wurden dann auch hier gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Die meisten fr\u00fchen M\u00fcnzen sind aus Silber und Gold. Die allererste zeigt gleich das Labyrinth, die anderen Adler, Stier, Hirsch. Profile von Herrschern kommen erst sp\u00e4ter. Die meisten dieser M\u00fcnzen sind verschwindend klein. Im Laufe der Epochen werden sie dann immer gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n<p>Bei den byzantinischen M\u00fcnzen f\u00e4llt mir auf, dass sie zuerst nur Herrscherk\u00f6pfe zeigen, erst sp\u00e4ter kommen christliche Insignien wie Kreuz oder Kelch. Die Erkl\u00e4rung: Die ersten stammen aus der ersten byzantinischen Zeit, die anderen aus der zweiten.<\/p>\n<p>Aus der Neuzeit sind auch von der Kretischen Bank gepr\u00e4gte M\u00fcnzen und Geldscheine zu sehen. Das ist die Zeit der Unabh\u00e4ngigkeit Kretas. Macht man sich gar keine Gedanken dar\u00fcber, dass staatliche Unabh\u00e4ngigkeit all das mit sich bringt. Das Geld konnten sie dann nach f\u00fcnfzehn Jahren vermutlich wieder einstampfen.<\/p>\n<p>Oben hat man mit Freskenfragmenten aus unterschiedlichen byzantinischen Kirchen einen Altarraum nachgebildet. Einerseits wirkt die Darstellung ganz unbeholfen, aber dann auch wieder ganz gelungen, vor allem in den Farben und in den Faltenw\u00fcrfen, in denen man die Bewegung erahnen kann.<\/p>\n<p>Dann kommt ein Raum zu den kretischen Rebellionen, mit S\u00e4beln, Gewehren und Pistolen mit beschlagenen L\u00e4ufen. Leider gibt es dazu so gut wie keine Informationen. Am besten ist eine Portraitreihe kretischer Rebellen, alle finster dreinblickend, mit Schn\u00e4uzer oder Vollbart, einer typischen Kopfbedeckung und dem vor der Brust gekreuzten Messer! Das volle Programm. Es k\u00f6nnten genauso gut Albaner oder T\u00fcrken sein. Aber das sagt man hier lieber nicht laut.<\/p>\n<p>Als ich aus dem Museum komme, hat das Wetter sich weiter verbessert. Es ist sonnig und warm, der bisher sch\u00f6nste Tag des Jahres. Und ausgerechnet den haben meine Besucher verpasst.<\/p>\n<p>Scheinbar zuf\u00e4llig, aber wie von Geisterhand durch meinen leeren Magen gelenkt, komme ich am <em>Siga Siga<\/em> vorbei. Die Gelegenheit lasse ich mir nicht entgehen, einschlie\u00dflich, entgegen der Vors\u00e4tze, des Weins zum Essen und des Raki zum Nachtisch. Schlie\u00dflich gibt es den auf Kosten des Hauses.<\/p>\n<p>Von da gehe ich in die Innenstadt, an einem althergebrachten Laden mit der Bezeichnung <em>Herrenfris\u00f6r<\/em> vorbei und an einem althergebrachten Laden, in dem es \u03ba\u03ac\u03bb\u03c4\u03c3\u03b5\u03c2 und \u03ba\u03b1\u03bb\u03c4\u03c3\u03cc\u03bd gibt, <em>kaltses<\/em> und <em>kaltson<\/em>. Ich wei\u00df nur, dass das irgendwas mit F\u00fc\u00dfen zu tun hat. Es sind Socken und Strumpfhosen, laut Auskunft des Lexikons. Sp\u00e4ter sehe ich dann in einem modernen Laden Schaufensterpuppen mit Eselskopf. Ob die Kunden die Botschaft verstehen?<\/p>\n<p>Mehr als rechtzeitig mache ich mich auf den Weg zum Flughafen. Der verdient sich durch und durch schlechte Noten. Geparkt wird zu beiden Seiten des absch\u00fcssigen Stra\u00dfenrands, aber da finde ich keinen Platz und lande vor einer Schranke auf dem schlecht beleuchteten Platz vor der Abflughalle: milit\u00e4rischer Sperrbezirk. Die Offiziere \u00f6ffnen die Schranken und lassen mich zur\u00fcckfahren. Ich lande auf dem Parkplatz einer Autovermietung.<\/p>\n<p>Die Abflughalle ist leer, ohne jeden Charme, es gibt keinen Kaffee, keine Verkaufsst\u00e4nde, kaum Sitzgelegenheiten, und der Weg zur Ankunftshallte ist nicht gekennzeichnet. Es ist eine winzige Halle ganz am Ende, ohne jede Information \u00fcber Ankunftszeiten. Erst kurz vor der Ankunft des Fluges geht dann ein winziger Fernsehbildschirm an.<\/p>\n<p>Man kann sich aber ins Internet einw\u00e4hlen und telefonieren. Das mache ich als eine Art Zeitvertreib. Und dann ist es so weit: der erste Besuch aus Deutschland. Schwester und Schwager, trotz der umst\u00e4ndlichen Reise, mit Umstieg in Saloniki, gut drauf. Sie haben zwei Koffer dabei, einen mit Kleidung, einen mit Mitbringseln.<\/p>\n<p>Als erstes erleben sie den griechischen Wind auf dem Weg zum Parkplatz. Ich bedauere es, dass sie ausgerechnet den bisher sch\u00f6nsten Tag des Jahres verpasst haben. Aber sie lassen sich ihren Optimismus nicht nehmen und freuen sich auf sonnige Tage auf Kreta. Die Ahnungslosen!<\/p>\n<p>Das Landschaftsprofil ist in der Dunkelheit kaum zu erkennen, aber Berge und Meer sind zumindest zu erahnen, und die Tunnel und die Durchbr\u00fcche durch die Felsenw\u00e4nde geben eine Vorstellung davon. Sofort k\u00f6nnen sie Bekanntschaft machen mit der griechischen Fahrweise, bei der der Seitenstreifen, sofern vorhanden, als Fahrbahn mitbenutzt wird und bei der auch der durchgezogene Mittelstreifen \u00fcberfahren wird.<\/p>\n<p>Wir kommen wohlbehalten in Ierapetra an. Der erste Eindruck: gr\u00f6\u00dfer als erwartet. Es stimmt, die Stadt zieht sich ziemlich hin und macht im Innern mit den erleuchteten Stra\u00dfen fast ein bisschen einen gro\u00dfst\u00e4dtischen Eindruck. Das war mir selbst noch nicht aufgefallen.<\/p>\n<p>Das Astron, direkt an der Strandpromenade gelegen, macht von vornherein einen guten Eindruck. Der wird sich in den n\u00e4chsten Tagen best\u00e4tigen. Es ist auch, jahreszeitlich bedingt, ganz preisg\u00fcnstig. Die meisten Hotels an der Strandpromenade sind geschlossen.<\/p>\n<p>Auch das hoteleigene Restaurant ist im Winter geschlossen, aber in der Pizzeria an der Strandpromenade gleich hinter dem Hotel bekommen wir trotz der fortgeschrittenen Stunde noch problemlos was zu essen. Zum Nachtisch gibt es Raki und Geb\u00e4ck, eine Art Baklava, auf Kosten des Hauses, aber ich muss erst mal kl\u00e4ren, dass der griechische Raki nichts mit dem t\u00fcrkischen Raki gemeinsam hat au\u00dfer dem Namen. Dann schmeckt er auch.<\/p>\n<p>Es darf geraucht werden. Und das ist f\u00fcr mich die Gelegenheit, das Wort f\u00fcr Aschenbecher zu lernen: \u03c4\u03b1\u03c3\u03ac\u03ba\u03b9. Ich hatte an irgendetwas mit Asche gedacht, und so ein Wort gibt es auch, \u03c3\u03c4\u03b1\u03c7\u03c4\u03bf\u03b4\u03bf\u03c7\u03b5\u03af\u03bf, aber \u03c4\u03b1\u03c3\u03ac\u03ba\u03b9 ist, wie die freundliche Bedienung erkl\u00e4rt, das g\u00e4ngigere Wort.<\/p>\n<p>Sie versteht nicht, was mit <em>dry wine<\/em> gemeint ist, und als ich es auf Griechisch versuche, klappt es auch nicht. Vermutlich benutze ich das falsche Wort f\u00fcr \u201atrocken\u2018. Beim Wein ist es \u03be\u03b7\u03c1\u03cc\u03c2.<\/p>\n<p>Wieder zu Hause angekommen, lese ich in der aus der Heimat \u00fcber eine d\u00e4nische Studie, die vor exzessivem Jogging warnt. Jogging sei auf lange Sicht nur dann gut f\u00fcr die Gesundheit, wenn moderat gelaufen werde. Optimal sind demnach eine bis zweieinhalb Stunden pro Woche, verteilt auf nicht mehr als drei Einheiten. Auch soll man nicht so schnell laufen. Daran halte ich mich sowieso \u2013 unfreiwillig.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">5. Februar (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Vier Augen sehen mehr als zwei (und sechs erst recht). Ein Gemeinplatz, aber in den n\u00e4chsten Tagen erweist er sich immer wieder als wahr. Ich sehe Dinge, die ich nie gesehen habe, auch wenn ich Dutzende Male an ihnen vorbeigegangen bin, ich werde auf Dinge gesto\u00dfen, die ich gesehen und nicht beachtet habe. Den Anfang machte gestern ein erleuchtetes Gipfelkreuz auf der H\u00f6he von Agios Nikolaos.<\/p>\n<p>Heute geht es weiter mit einer \u201ePillendeponie\u201c, einer gr\u00fcnen Box vor einer Apotheke, in der man gebrauchte Medikamente entsorgen kann, mit Bauarbeitern, die v\u00f6llig ungesch\u00fctzt auf einem Mauervorsprung im zweiten Stock eines Hauses arbeiten \u2013 in den n\u00e4chsten Tagen sehen wir dann eine vorbildlich abgesicherte Stelle &#8211;\u00a0 mit Motorradfahrern mit und ohne Helm. Und angesichts des vollen Parkplatzes am Meer kommt die Frage auf, wie das denn im Sommer gehen kann, wenn die Autos der Touristen dazukommen. Die Antwort wei\u00df ich nicht, und als ich sp\u00e4ter nachfrage, wird best\u00e4tigt: Tohuwabohu.<\/p>\n<p>Das Hotel bekommt gute Noten, und die von mir gef\u00fcrchteten Motorradfahrer haben sich nicht bemerkbar gemacht. Wohl aber das Meer, aber nicht st\u00f6rend.<\/p>\n<p>Wir machen einen Spaziergang, immer an der Strandpromenade entlang, bis zur Festung. Da gucke ich auch zum ersten Mal kurz rein. Viel zu sehen ist nicht. Dann geht es durch die Gassen der Altstadt und wieder zur\u00fcck in ein Caf\u00e9 an der Strandpromenade.<\/p>\n<p>In der Mittagszeit folgt dann ein Spaziergang in die zwei, drei betriebsamen Stra\u00dfen der Neustadt, deren Gesch\u00e4fte, wie die Eisenwarengesch\u00e4fte, Erinnerungen an weit zur\u00fcckliegende Zeiten in der Heimat aufkommen lassen. In einem markt\u00e4hnlichen Gesch\u00e4ft ohne Schaufenster sehen wir sch\u00f6n pr\u00e4sentiertes, frisches Obst und Gem\u00fcse in allen Variationen. Wir kaufen ein paar Mandarinen mit einer Unzahl von Kernen. In einem Sack liegt etwas, was wir f\u00fcr Knoblauch halten, es sind aber Zwiebeln. Wir kommen auch an der Autow\u00e4sche vorbei, wo ich von den guten Erfahrungen dort berichten kann.<\/p>\n<p>Nach der Mittagspause trinken wir im Veterano (dessen Namen man ganz gut entziffern kann), drau\u00dfen sitzend, einen Kaffee und probieren die drei kretischen Geb\u00e4ckarten. Den Zuschlag bekommen die Kalitsunia.<\/p>\n<p>Dann machen wir eine kleine Panoramafahrt, um einen Eindruck von der Gegend zu bekommen, erst am Meer entlang Richtung Osten, dann in die Thripti-Berge, oder zumindest deren Ausl\u00e4ufer. Der Eindruck: So stellt man sich Kreta nicht vor. Wir kommen nach Orino und erfahren: Hier geht es nicht weiter. H\u00f6chstens f\u00fcr Jeeps, sagt der freundliche Mann und blickt mitleidsvoll auf mein Auto. Wir m\u00fcssen zur\u00fcck. Ich bin wieder genau an demselben Wegweiser vorbeigefahren wie damals, als ich alleine unterwegs war.<\/p>\n<p>Auch unterwegs werde ich auf zwei neue Dinge gesto\u00dfen, in den Bergen auf die Olivenb\u00e4ume, am Meer auf die H\u00e4userskeletts. Die Olivenb\u00e4ume stehen wirklich meist in Reih und Glied. Das sieht man aber am besten aus der Distanz. Am Stra\u00dfenrand hat man den Eindruck, dass sie unregelm\u00e4\u00dfig, \u201enat\u00fcrlich\u201c verteilt sind, und so wirkte es auch bei der Olivenernte.<\/p>\n<p>Unten am Meer wird meine Aufmerksamkeit auf die unvollendeten H\u00e4user gelenkt. Die habe ich gesehen, aber nicht registriert, wie viele es sind. \u00dcberall, sobald man aus den Orten herauskommt, stehen sie, oft leicht erh\u00f6ht, immer zweist\u00f6ckig, irgendwie wie \u00fcberdimensionale Regale aussehend, immer in demselben Zustand: Der Rohbau ist fertig, mit St\u00fctzen und Decken, aber sonst ist nichts gemacht. Unsere Erkl\u00e4rung ist, wie sich sp\u00e4ter herausstellt, richtig: Es ist die Folge der Finanzkrise. Die H\u00e4uslebauer haben keine Arbeit mehr oder haben weniger Einnahmen, k\u00f6nnen die Kredite nicht zur\u00fcckzahlen und die H\u00e4user nicht vollenden.<\/p>\n<p>Da es f\u00fcr das Abendessen noch zu fr\u00fch ist, kommt erst ein Aperitif in Ierapetra. Gar nicht so leicht, zu dieser untypischen Stunde etwas ge\u00f6ffnet zu finden. Dann klappt es aber doch: Ein moderne Caf\u00e9-Bar, mit Eingang von der Stra\u00dfe und Blick von hinten aufs Meer. Wir sind die einzigen G\u00e4ste und werden freundlich bedient. Auch hier darf geraucht werden. Es gibt erst Chips und N\u00fcsse dazu, und dann auch noch Apfelscheiben mit Zimt. Die Toiletten f\u00fcr Frauen und M\u00e4nner sind mit Kussmund und Schn\u00e4uzer gekennzeichnet.<\/p>\n<p>Dann geht es, zu einer f\u00fcr Griechenland unverzeihlich fr\u00fchen Zeit, ins Klio. Wir haben vorher auf dem Weg schon angefragt, ob wir hier ankommen k\u00f6nnen. Ja, ab sechs ist ge\u00f6ffnet. Geraucht werden darf nicht, hei\u00dft es, aber als wir dann drin sitzen, gilt das nicht mehr.<\/p>\n<p>Wir werden neben den Ofen platziert, der jetzt angez\u00fcndet wird, was im zweiten Anlauf auch klappt. Das erste richtige griechische Essen schmeckt allen. Wir bestellen Wei\u00dfwein, das habe ich bisher verpasst, und der schmeckt richtig gut.<\/p>\n<p>Irgendwie kommt die Rede auf ein Fleischgericht. Wir wissen alle drei, was gemeint ist, kommen aber nicht auf das Wort. Und dann kommt es doch: <em>Carpaccio<\/em>. Und wer kommt drauf? Der \u00c4lteste in der Runde, derjenige, der sich st\u00e4ndig \u00fcber sein nachlassendes Ged\u00e4chtnis beschwert.<\/p>\n<p>Als es ans Bezahlen geht, mache ich noch mal einen hilflosen Versuch, gegen unsere \u201eVerabredung\u201c zu protestieren. Man sollte meinen, dass ich als Gastgeber zahle oder dass wir uns auf Fifty- Fifty einigen oder auf zwei Drittel-ein Drittel, aber bei all dem liege ich falsch, wie mir erkl\u00e4rt worden ist. Die \u201eVerabredung\u201c hei\u00dft: Ich zahle nichts, die beiden alles. Vom ersten bis zum letzten Tag. Wohl dem, der solche Verwandte hat!<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">6. Februar (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Im Fr\u00fchst\u00fccksraum des Astron stehen zwei Palmen. Es macht beinahe den Eindruck, als w\u00e4re das Haus um die Palmen herum gebaut worden. Wir fragen uns, ob die Palmen durch die Decke gehen und oben \u00fcber dem Dach sichtbar sind. Dabei k\u00f6nnen wir uns nicht einigen, ob es \u00fcberhaupt so gro\u00dfe Palmen gibt. Andererseits fragen wir uns, ob die B\u00e4ume nicht Luft und Licht brauchen, um zu \u00fcberleben. Es stellt sich dann aber heraus, dass man sie einfach irgendwo abgeschnitten und den Stamm hat stehen lassen.<\/p>\n<p>Eine sehr freundliche, etwas kindlich wirkende Angestellte, die sich uns als Maria vorstellt, gibt mir einen Teel\u00f6ffel, \u03ba\u03bf\u03c5\u03c4\u03b1\u03bb\u03ac\u03ba\u03b9. Ich glaube, es handele sich um den typisch kretischen Diminutiv, von der Grundform \u03ba\u03bf\u03c5\u03c4\u03ac\u03bb\u03b9 abgeleitet, aber sie korrigiert mich. Hier sei es die Standardform. Sie hat recht. Es ist nur formal ein Diminutiv, der aber nicht als solcher wahrgenommen wird, so wie <em>M\u00e4dchen<\/em> im Deutschen. Ich erw\u00e4hne die typische kretische Endung der Nachnamen und frage nach ihrem: Papadakis. Passt!<\/p>\n<p>Wir fahren zum Weingut Minos, nach Peza, \u00fcber die landesinnere Strecke Richtung Heraklion. Der Weg f\u00fchrt zwischen den beiden hohen Gebirgen her, dem Psiloritis im Westen und dem Dikti im Osten. Auf der kurzen Strecke von gut einer Stunde Fahrt bekommen wir die ganze Palette zu sehen: Meer, schroffe Felsen, hohe, teils schneebedeckte Berge, eine Hochebene, Olivenplantagen und\u00a0 Weinfelder. Nein, so stelle man sich Kreta in Deutschland nicht vor, lautet der Kommentar. Stimmt. Ich bin vor der Abreise immer wieder auf Erstaunen gesto\u00dfen, wenn ich \u00fcberhaupt von Bergen gesprochen habe.<\/p>\n<p>Wir machen Halt am Denkmal in Ano Viannos. Die Frage, ob die hingerichteten Rebellen hier tats\u00e4chlich begraben sind, wie das Gedicht nahelegt, kann ich nicht beantworten.<\/p>\n<p>Am Rande des Platzes ein Relief, das ich auch bisher nie beachtet habe. Teils ist schwer zu erkennen, was \u00fcberhaupt abgebildet ist \u2013 das Relief ist in sehr dunklem Grau gehalten. Und was man erkennt, scheint keinen Sinn zu ergeben: eine thronende Christusfigur im Zentrum und k\u00e4mpfende Athleten daneben. Was soll das? Aber dann komme ich doch irgendwie auf die L\u00f6sung: Es ist ein Abriss der Geschichte Kretas. Ganz links ein Stier, der steht f\u00fcr die minoische Zeit. Dann die k\u00e4mpfenden Athleten. Die stehen f\u00fcr das klassische Griechenland. Dann die Christusfigur. Die steht f\u00fcr die r\u00f6mische Zeit und die Einf\u00fchrung des Christentums. Dann das Dach einer byzantinischen Kirche. Die steht f\u00fcr die byzantinische Epoche nach der Teilung von Westrom und Ostrom. Und dann ein Mann mit Messer. Der steht f\u00fcr die kretischen Rebellen aus der osmanischen Zeit.<\/p>\n<p>Am Rande bl\u00fchen \u00fcberall blaue Blumen, auf die ich hingewiesen werde und die, wie ich erfahre, Herbstzeitlose hei\u00dfen. Trotzdem bl\u00fchen sie hier im Winter.<\/p>\n<p>Am Aufgang zum Platz eine Agave. Auch hier bekomme ich botanischen Nachhilfeunterricht. Die sterbende Pflanze oben ist die Mutterpflanze, ihre Bl\u00e4tter sind blass und ausgefranst, und unter ihr wachsen die jungen Pflanzen, klein, mit satten, gr\u00fcnen Bl\u00e4ttern. Die Agaven bl\u00fchen nur einmal und sterben dann ab. Und geben das Leben an die n\u00e4chste Generation weiter. Eine pflanzliche Metapher auf das Leben.<\/p>\n<p>Als wir abgefahren sind, war es tr\u00fcb und dann, beim Aufstieg in die Berge, diesig, aber weiter oben lichtet sich die Sache und wir k\u00f6nnen ein sch\u00f6nes Photo von dem schneebedeckten Berg machen, mit gr\u00fcnen und kahlen Bergen davor und einer gelben Blumenwiese im Vordergrund. Der Berg geh\u00f6rt zum Dikti-Gebirge, nicht zum Psiloritis, wie ich erst vermute. Der ist weiter von uns entfernt.<\/p>\n<p>Wieder kommen reihenweise, im wahrsten Sinne des Wortes, Olivenfelder in Sicht, und dann auch Weinfelder. Wir kommen fast p\u00fcnktlich in Peza an.<\/p>\n<p>Dort werden wir von einer freundlichen jungen Frau empfangen, Teil des Familienclans. Sie geh\u00f6rt zur vierten Generation und k\u00fcmmert sich in erster Linie um die Verwaltung und die Besucher, 35.000 pro Jahr! Wo sonst ganze Busladungen ankommen, werden wir aber genauso gut zu dritt bedient.<\/p>\n<p>Wir bekommen in einem gro\u00dfen Vorf\u00fchrraum einen Film zu sehen zu Weinanbau, Olivenanbau und Herstellung von Raki. Dieses Gebiet ist das \u00e4lteste Weinanbaugebiet Europas \u2013 und der Wein ist ja auch Thema der antiken griechischen Mythen. Der Wein kam vor 4.000 Jahren aus \u00c4gypten hierher. Das ist mir ganz neu.<\/p>\n<p>Bei der Herstellung von Oliven\u00f6l wird der R\u00fcckschnitt verbrannt, und die dabei gewonnene Energie wird zum Antrieb der Maschinen benutzt. Entspricht ganz der modernen Vorstellungen von Recycling.<\/p>\n<p>Der Raki, der hier fast immer mit dem einheimischen Namen Tsikoudia benannt wird, wird traditionellerweise in einem geschlossenen Kupferkessel gekocht, auf offenem Feuer. Auf den Boden des Kessels werden Olivenholzzweige gelegt. Es hei\u00dft, f\u00fcr den Raki ben\u00f6tige man eine Lizenz, die immer wieder erneuert werden m\u00fcsse. Deren Erteilung wird sehr restriktiv gehandhabt, und so gibt es nur wenige Familien, die den Raki brennen d\u00fcrfen. Die vielen privaten Schwarzbrenner wie mein Vermieter werden verst\u00e4ndlicherweise nicht erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>Es erscheinen schnauzb\u00e4rtige Musiker und volkst\u00fcmliche Typen mit langen, traditionellen Gew\u00e4ndern, die ein Loblied auf den Raki singen. Nur zwei Dinge br\u00e4chten die Menschen zusammen: die Liebe und der Raki. Auch die medizinischen Qualit\u00e4ten des Raki werden ger\u00fchmt. Er hilft bei Erk\u00e4ltungen, Gliederscherzen, Verdauungsst\u00f6rungen, Infektionen, einfach bei allem, einschl. Kopfschmerzen. Dass er auch Kopfschmerzen verursachen kann, wird nicht erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>Raki wird kalt getrunken, und eine Einladung zum Raki darf man nicht ausschlagen. Das gilt als Beleidigung. Danach habe ich schon mehrmals Menschen beleidigt, ohne es zu wollen.<\/p>\n<p>Nach dem Film bekommen wir Weine zu probieren, aber nur vier statt der angebotenen sieben, zwei wei\u00dfe und zwei rote, jeweils einen trockenen und einen lieblichen. Die wichtigste Rebsorte ist Villana. Der erste Wein ist ganz aus dieser Rebsorte. Zu den anderen Rebsorten geh\u00f6ren Kotsifali und Mandilari, die h\u00e4ufig miteinander und manchmal auch mit Syrah gemischt werden. Ein Wein hat den kuriosen Namen 35\/25. Das sind die geographischen Koordinaten von Peza.<\/p>\n<p>Der Wein hat, wird konstatiert, einen eigenen Charakter und unterscheidet sich von spanischen oder italienischen Weinen.<\/p>\n<p>Eiswein gibt es keinen, und es gibt auch keine gro\u00dfen Unterschiede zwischen den Jahrg\u00e4ngen. Das Wetter ist ziemlich stabil.<\/p>\n<p>Auf einer Weinanbaukarte sieht man, dass diese Gegend das wichtigste Anbaugebiet Kretas ist. Peza liegt ziemlich genau in der Mitte dieses Gebietes. Weitere, viel kleinere Anbaugebiete liegen im Westen Kretas. Die Weinberge von Minos sind 5-6 Kilometer von hier entfernt.<\/p>\n<p>Zum Wein gibt es Paximadi, die knochentrockenen, zweifach gebackenen Brotst\u00fcckchen, mit Oliven\u00f6l und Salz. Die werden, erfahren wir jetzt, weich gemacht, indem man sie kurz unter Wasser h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Hier, bei Minos, machen sie nur Wein, verkaufen aber auch Raki und Oliven\u00f6l. Die benachbarte Genossenschaft produziert alle drei.<\/p>\n<p>Die junge Frau spricht Englisch und Franz\u00f6sisch, beides hat sie in der Schule gelernt, und auch etwas Deutsch. Das hat sie ein Jahr lang nach der Schule gelernt und dann im Kontakt mit den Kunden verbessert. Jetzt kann sie auch ein paar Brocken Russisch. Das sei n\u00f6tig, meint sie, die Russen spr\u00e4chen keine anderen Sprachen. Die Italiener auch nicht.<\/p>\n<p>Wir fragen nach Weinbergen und Weinfeldern. Sie sagt, Weinfelder gebe es auf Kreta nicht. Alles w\u00e4chst an H\u00e4ngen. Das ist aber eine Frage der Definition. Im Vergleich zu den Steillagen an der Mosel ist es hier an manchen Orten geradezu gem\u00fctlich flach.<\/p>\n<p>Sie findet, dass die Weinernte vergn\u00fcglicher sei als die Olivenernte. Man ist auf Augenh\u00f6he mit den Reben und kann mit den anderen kommunizieren. Bei der Olivenernte ist der Blick immer nach oben gerichtet, und die Arme sind gespannt. Leuchtet ein.<\/p>\n<p>Wir machen einen Gro\u00dfeinkauf, Wein und \u00d6l. Der Preis wird nach unten abgerundet, und es gibt zwei Flaschen umsonst dazu. Ich bekomme einen ganzen Karton Wein, selbstverst\u00e4ndlich ohne zu bezahlen.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg landen wir bei der Suche nach einer kleinen Mahlzeit in einem langgestreckten Stra\u00dfendorf. Erst als wir auf einen Platz kommen, wird mir klar: Hier war ich schon mal. Arkalochori. Damals an einem tr\u00fcben Sonntag, als die Stadt wie leergefegt war und ich unverrichteter Dinge wieder abziehen musste. Auch heute sieht es nicht viel besser aus, aber auf dem Platz finden wir doch ein ge\u00f6ffnetes Lokal, ein modernes, nur von der Dorfjugend besuchtes Lokal, mit moderner Musik, Club Sandwich und nicht sehr griechischen Pikilia (Gouda) auf modernen Tellern. Die Portionen sind eher zu gro\u00df f\u00fcr die kleine Zwischenmahlzeit, die wir haben wollten.<\/p>\n<p>Von unserem Sitzplatz aus sieht man auf das Stra\u00dfenschild der Seitenstra\u00dfe: \u039f\u03b4\u03cc\u03c2 28 \u03b7 \u039f\u03ba\u03c4\u03c9\u03b2\u03c1\u03af\u03bf\u03c5. Mal wieder nationales Gedenken. Der Platz, an dem das Caf\u00e9 liegt, bietet ein Kontrastprogramm: \u0393\u03c9\u03bd\u03af\u03b1 \u039c\u03c0\u03b1\u03ba\u03bb\u03b1\u03b2\u03ac\u03c2. Ein nach Baklava benannter Platz? Das ist so, als wenn es bei uns eine <em>Bienenstichecke<\/em> g\u00e4be.<\/p>\n<p>Am Stra\u00dfenrand bleiben wir vor einer der Plakatw\u00e4nde stehen, auf der Sterbef\u00e4lle angezeigt werden. Dabei taucht immer wieder die Zahl 40 auf. Das ist einer der traditionellen Gedenktage: 40 Tage nach dem Todestag wird des Toten noch mal besonders gedacht, ebenso 3 Tage und 9 Tage nach dem Todestag.<\/p>\n<p>Bei der Weiterfahrt machen wir im richtigen Moment Halt an einer Stelle, wo noch Oliven geerntet werden. Man sieht uns erst etwas skeptisch an, aber als ich meine Litanei aufgesagt habe, werden wir von dem Sohn des Besitzers freundlich eingeladen, uns alles anzusehen. Die Arbeit ist in vollem Gange. Die Oliven spritzen nur so durch die Luft. Das ganze Feld ist mit den gr\u00fcnen T\u00fcchern ausgelegt.<\/p>\n<p>Weiter hinten kniet eine auf einem der T\u00fccher. Mit einer Harke trennt sie \u00c4ste von Oliven. Auch sie reagiert sehr freundlich. Ja, die Arbeit sei hart, sagt sie, und die wirtschaftliche Lage alles andere als verhei\u00dfungsvoll. Ob die Oliven nur f\u00fcr \u00d6l verwendet w\u00fcrden, wollen wir wissen. Nein, sie werden auch gegessen. Daraufhin probieren wir eine der heruntergefallenen Oliven: schrecklich, bitter, ungenie\u00dfbar. Die Frau kann sich ein L\u00e4cheln nicht verkneifen. Die Oliven werden nach Ernte zwei Monate lang in Salzwasser eingelegt, erst dann sind sie genie\u00dfbar. Diese Szene, so nebens\u00e4chlich sie war, bleibt mir im Ged\u00e4chtnis haften, noch lange.<\/p>\n<p>Die Bienenk\u00f6rbe, die wir auf dem Hinweg im Vorbeifahren gesehen haben,\u00a0 scheinen verschwunden zu sein. Aber dann kommen sie doch, viel sp\u00e4ter, als wir alle meinten. Auch hier machen wir Halt. Es sind lauter wei\u00dfe K\u00e4sten, die man hier sieht. Unmittelbar vor uns auf einem ziemlich ebenen Feld, aber weiter hinten auf einer absch\u00fcssigen Ebene, die au\u00dferdem vom Weg abgeschnitten ist. Ein paar Bienen sind zu sehen, nur wenige sind zu h\u00f6ren. Auch hier wieder Herbstzeitlose, vor allem aber wieder die gelben Blumen zuhauf. Interessante Vermutung: Die Bienen sind da, wo die Blumen sind. Sie sind der Hauptlieferant des Nektars.<\/p>\n<p>Dann kommen wir nach Myrtos. Die Str\u00e4ucher vor dem Haus sind zur\u00fcckgeschnitten, sehr stark, nur ein einzelner Hibiskus ist noch \u00fcbrig geblieben.<\/p>\n<p>Am Treppenaufgang stehen Sansevierien, ein Wort, das Kindheitserinnerungen weckt. Ich bin bisher immer achtlos an ihnen vorbeigegangen.<\/p>\n<p>Meine Bude l\u00f6st keine Begeisterungsst\u00fcrme aus. Verst\u00e4ndlicherweise. Solange das Wetter schlecht ist und man nicht drau\u00dfen sitzen kann, kann man Besuchern nicht einmal einen Platz anbieten.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr wird mein Fernseher gesichtet und gerichtet. Er ist bisher noch kein einziges Mal eingeschaltet worden. Jetzt sehe ich, dass ich zwei Programme empfangen kann. Au\u00dferdem erfahre ich, dass es auch hier \u201eWer wird Million\u00e4r?\u201c gibt. Aber ob es auf einem der beiden Programme l\u00e4uft, muss noch herausgefunden werden. Der griechische Titel ist eine w\u00f6rtliche \u00dcbersetzung des englischen Originals: \u03a0\u03bf\u03b9\u03cc\u03c2 \u0398\u03ad\u03bb\u03b5\u03b9 \u03bd\u03b1 \u0393\u03af\u03bd\u03b5\u03b9 \u0395\u03ba\u03b1\u03c4\u03bf\u03bc\u03bc\u03c5\u03c1\u03b9\u03bf\u03cd\u03c7\u03bf\u03c2;<\/p>\n<p>Da es zu fr\u00fch zum Essen ist, fahren wir nach Ierapetra. Ein Optiker muss her f\u00fcr eine kleine Brillenreparatur. Wir finden einen, aber der hat noch geschlossen. Im Gesch\u00e4ft nebenan bekommen wir Auskunft: so gegen sechs. Bis dahin k\u00f6nnen wir drau\u00dfen auf der Bank sitzen, so warm ist es. Dann, \u201eso gegen sechs\u201c, macht der Optiker tats\u00e4chlich auf und erledigt unsere Bitte in Windeseile.<\/p>\n<p>Ganz in der N\u00e4he des Optikers, bei dem Kriegsdenkmal mit den rostigen Kanonen, wachsen Strelitzien. Wieder eine Neuentdeckung f\u00fcr mich, sowohl, was die Sache als auch, was das Wort angeht. Dabei kenne ich sie von den Reisen, aus Kuba und aus Mexiko.<\/p>\n<p>Und noch eine entwaffnende Frage: Warum h\u00f6rt und sieht man nie Rettungswagen oder Feuerwehrwagen? Stimmt, habe in der ganzen Zeit noch keinen einzigen gesehen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">7. Februar (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen sitzt hinter dem Hotel an der Strandpromenade ein Mann mit nacktem Oberk\u00f6rper in der Sonne! Gleichzeitig werden Kies, Sand und Ger\u00f6ll, die das wilde Meer in der Nacht angesp\u00fclt hat, beseitigt. Alles direkt wieder ins Meer hinein!<\/p>\n<p>Direkt nach dem Fr\u00fchst\u00fcck Termin in Myrtos: Apostolos bittet zum Rundgang. Beginn in der Fabrik. Als wir kommen, ist er gerade an einer der S\u00e4ge besch\u00e4ftigt. Er bittet um einen Moment Geduld.<\/p>\n<p>Gleich sehr angetan ist er von den Namen: Maria und Theodoros. Wie seine Frau und der Patron des Heimatdorfes. Das ist doch was. Besser als diese uns\u00e4glichen deutschen Namen wie Norbert und Werner.<\/p>\n<p>Die Fabrik, die mir bisher eher wie eine gro\u00dfe Lagerhalle vorgekommen ist, findet viel Beifall. Die verschiedenen S\u00e4gen sagen mir nicht so viel, aber die Absauganlage f\u00fcr die Sp\u00e4ne kann auch einen Laien beeindrucken: Die Sp\u00e4ne werden abgesaugt und durch breite Rohre nach oben und dann nach drau\u00dfen geleitet. Dort gibt es eine Vorrichtung, mittels derer sie direkt auf den Lastwagen f\u00fcr den Abtransport geleitet werden. Die Sp\u00e4ne werden als Streu f\u00fcr das Vieh weiterverwertet.<\/p>\n<p>Stolz zeigt er uns die Einzelteile f\u00fcr die Betten, die er gerade bastelt. Woher denn das Holz komme, wollen wir wissen. Darauf gibt es eine \u00fcberraschende Antwort: Schweden und Russland! Das kretische Holz tauge nichts f\u00fcr M\u00f6bel, hier sei es zu sonnig und zu trocken. Ich denke an all die Importeure von kretischem Holz in der Vergangenheit, von den alten \u00c4gyptern angefangen. Haben die sich so get\u00e4uscht? Oder hat das Holz sich ver\u00e4ndert? Fr\u00fcher gab es hier viel mehr Zedern.<\/p>\n<p>Das Holz, was er meistens verarbeitet, ist Kiefer, aber auch Nussbaum und Eiche (\u03b4\u03c1\u03c5\u03c2). Bei dem Wort muss ich passen, aber er erkl\u00e4rt, es sei besonders hart. Welches Holz er f\u00fcr welche M\u00f6bel verwende, wird gefragt. Ganz nach Kundenw\u00fcnschen.<\/p>\n<p>Apostolos f\u00fchrt uns ins B\u00fcro und pr\u00e4sentiert stolz einen Katalog, in dem M\u00f6bel von ihm vertreten sind und die von seiner Tochter am PC entworfenen K\u00fcchen. Im Katalog erscheint auch eine sch\u00f6ne, r\u00f6tliche T\u00fcr mit einer schlichten Intarsienarbeit.<\/p>\n<p>In der Halle liegen Bananen zum Probieren bereit. Er sch\u00e4lt sie vorsichtig mit einem Taschenmesser und bietet eine nach der anderen an. Sie schmecken gut, aber nicht so gut wie die auf den Kanaren, ist das Urteil, das aber vorsichtshalber auf Deutsch ausgesprochen wird.<\/p>\n<p>Am Ende der Halle liegen die Netze von der Olivenernte. Die werden jetzt hier gereinigt und drau\u00dfen in die Sonne zum Trocknen gelegt.<\/p>\n<p>Am Rande der Fabrik sehen wir auch wieder ein paar von den gelben Blumen. Die hei\u00dfen \u03be\u03c5\u03bd\u03af\u03b4\u03b1, und das hei\u00dft laut W\u00f6rterbuch \u2018Butterblume\u2018. Sie sehen aber nicht so aus wie unsere Butterblumen, aber das kann daran liegen, dass Butterblume einfach ein sehr vager, volkst\u00fcmlicher Begriff, der verschiedene Arten (Hahnenfu\u00df, Dotterblume usw.) erfasst.<\/p>\n<p>Und dann bekommen wir eine Antwort auf die Frage, die uns schon seit Tagen qu\u00e4lt: Bl\u00fchen Olivenb\u00e4ume eigentlich? Ja, wir bekommen sie sogar zu sehen. Gleich neben der Fabrik stehen ein paar Olivenb\u00e4ume, und sind tats\u00e4chlich schon die ersten Bl\u00fcten zu sehen, rispenartige, hellgr\u00fcne Bl\u00fcten. Dabei ist die Ernte gerade erst vorbei. Ja, die fingen sofort nach dem R\u00fcckschnitt wieder an zu bl\u00fchen. Bevor sie in voller Bl\u00fcte stehen, k\u00f6nnen noch ein paar Wochen vergehen.<\/p>\n<p>Dann fahren wir zu dem Olivenfeld. Auf dem Weg erf\u00fcllt er uns gleich, als ob er es wisse, noch einen Wunsch: Er f\u00fchrt uns in ein Gew\u00e4chshaus. Ich lerne bei der Gelegenheit das griechische Wort: \u03b8\u03b5\u03c1\u03bc\u03bf\u03ba\u03ae\u03c0\u03b9\u03bf. F\u00e4ngt so wie <em>W\u00e4rmflasche<\/em> an und h\u00f6rt mit <em>Garten<\/em> auf.<\/p>\n<p>Ein Nachbar baut hier Auberginen an. Die Pflanzen, akkurat und gleichm\u00e4\u00dfig hintereinander gesetzt, h\u00e4ngen an F\u00e4den und wachsen bis etwa auf halbe H\u00f6he. Wenn sie die ganze H\u00f6he erreicht haben, werden sie zur\u00fcckgeschnitten. \u00dcberall h\u00e4ngen dicke, pralle Auberginen, manchmal vereinzelt, manchmal in B\u00fcndeln, von den Pflanzen herab. Ja, die Gew\u00e4chsh\u00e4user bleiben immer geschlossen, auch im Sommer. Nur kann bei gutem Wetter das Dach etwas ausgefahren werden, so dass Luft reinkommt. Und an Seiten werden nachts \u201eJalousien\u201c heruntergelassen!<\/p>\n<p>Dann geht es auf den Olivenhain. Zwischen den Olivenb\u00e4umen stehen auch Mandarinenb\u00e4ume und Zitronenb\u00e4ume, aber es gelingt mir nicht, herauszufinden, ob die einen Zweck haben oder nur zuf\u00e4llig da stehen. Die Olivenb\u00e4ume sind alle abgeerntet, aber Apostolos kommt, nachdem er kurz verschwindet, mit einer Handvoll dicker Oliven zur\u00fcck, von denen, die f\u00fcr den Verzehr, nicht f\u00fcr \u00d6l gebraucht werden. \u00a0Auf dem Nachbargrundst\u00fcck sind Verwandte an der Arbeit. Sie schneiden und verbrennen das abgeholzte Zeug. Angst vor Br\u00e4nden gibt es nicht, jedenfalls nicht auf griechischer Seite.<\/p>\n<p>Wir fahren dann \u00fcber die alte Br\u00fccke zum Garten. Bei der Gelegenheit kann ich nach dem Wasser fragen. Ein echtes Aha-Erlebnis. Der Fluss ist nicht deshalb so mickrig, weil das Wasser versickert, sondern es weil es abgezweigt wird, und zwar f\u00fcr die Bew\u00e4sserung der Olivenhaine, von hier bis nach Ierapetra. Das ist jedenfalls das, was ich am Ende verstehe, nachdem ich erst etwas von Energiegewinnung gequasselt habe.<\/p>\n<p>Dann geht es in den Garten. Wir bekommen Salat, Pampelmusen, Artischocken, Apfelsinen, dicke Bohnen und anderes zu sehen, und reichlich Bananen. Die kommen hinter blauen Plastikh\u00fcllen zum Vorschein.<\/p>\n<p>Wir k\u00e4mpfen uns zwischen den dicht stehenden Bananenstauden in den hinteren Teil des Gartens durch und wundern uns, wie viel Obst achtlos am Boden liegen gelassen wird. Es ist einfach die \u00dcberf\u00fclle. Hinten steht ein Trog mit H\u00fchnerdung. Kein Wunder, dass hier alles so sprie\u00dft: gutes Boden, Sonne, Wasser, nat\u00fcrlicher D\u00fcnger.<\/p>\n<p>Der H\u00f6hepunkt ist bis zum Schluss aufgespart geblieben: der H\u00fchnerstall. Unser Kennerauge identifiziert eine H\u00fchnerrasse sofort: Hybriden. Da klappt sogar die griechisch-deutsche Verst\u00e4ndigung ohne Vermittlung. Die hei\u00dfen genauso. Hybriden, erfahre ich bei der Gelegenheit, sind diejenigen, die daf\u00fcr sorgen, dass so viele Eier gelegt werden. Die anderen H\u00fchner hei\u00dfen kurioserweise Italiener, und au\u00dferdem gibt es einen Hahn und eine Pute. Bei der Frage, ob die H\u00fchner selbst gez\u00fcchtet werden, muss ich ein paar sprachliche Verrenkungen machen. Die Antwort lautet: ja.<\/p>\n<p>Um eine interessante Erfahrung reicher und vollbepackt mit Apfelsinen, Bananen, Pampelmusen, an denen ich noch wochenlang zu knabbern haben werde, verlassen wir den Garten.<\/p>\n<p>Auf dem Weg nach Ierapetra kommt das Thema H\u00fchner gleich noch mal vor: Was macht der mit H\u00fchnern vollbeladene Leiterwagen am Stra\u00dfenrand? Ich wei\u00df es nicht, finde es aber sp\u00e4ter heraus: Die werden verkauft, nicht zum Verzehr, sondern als Haustiere. Es sind lauter Hennen.<\/p>\n<p>In Ierapetra versuche ich vergeblich, mit dem Auto den Weg zum Wochenmarkt zu finden. In immer neuen Drehungen bewege ich mich um ihn herum. Als wir dann irgendwo nachfragen, m\u00fcssen wir drehen, und als wir das getan haben, streife ich auf der engen Stra\u00dfe den Spiegel eines parkenden Autos. In dem Moment kommt der Mann, der uns den Weg erkl\u00e4rt hat entgegen und fordert uns auf, stehenzubleiben. Ich bef\u00fcrchte Schlimmes, aber er will nur noch eine weitere Erkl\u00e4rung hinzuf\u00fcgen. Gl\u00fcck gehabt. Keine Spiegelaff\u00e4re. Am Ende gebe ich auf. Der Weg zum Markt wird zu Fu\u00df angetreten.<\/p>\n<p>Der wichtigste Eindruck vom Markt: kaum \u201ekommerziellen Verk\u00e4ufer\u201c. Meistens sind es Menschen, die einfach das anbieten, was im eigenen Garten w\u00e4chst. Eine alte Frau hat nur Apfelsinen und Mandarinen.<\/p>\n<p>Bei immer sch\u00f6ner werdendem Wetter geht es Richtung Agios Nikolaos. Der Blick auf das tief unten liegende, in der Sonne glitzernde Meer mit seinen Farbschattierungen und den Felsbrocken und Inselchen in der Bucht ist so sch\u00f6n, dass wir ein paarmal Halt machen, um die Szenerie zu bewundern und Photos zu machen.<\/p>\n<p>Wir fahren nach Kritsa. Gleich unten am Parkplatz sehen wir Kaktusfeigen mit Fr\u00fcchten, deren Reifezustand durch die immer dunkler werdenden roten Fr\u00fcchte angezeigt wird. Wieder was dazugelernt.<\/p>\n<p>Gleich in der N\u00e4he einer der wei\u00dfbl\u00fchenden B\u00e4ume, die wir immer wieder am Stra\u00dfenrand gesehen haben. Jetzt kann er aus n\u00e4chster N\u00e4he inspiziert werden. Bei dem hier k\u00f6nnte es sich doch um Kirsche handeln. Bei denen, die wir in den letzten Tagen gesehen habe, bleibt die Frage offen: Mandel oder Kirsch?<\/p>\n<p>Auf dem Weg ins Dorf sehen wir dann Hyazinthen. Auch die kenne ich nicht, obwohl ich die Geschichte dazu kenne. Hyazinth war der Spielgef\u00e4hrte Apollons. Deren inniges Verh\u00e4ltnis rief die Eifersucht von Zephyr hervor, dem Westwind, dem ehemaligen Gef\u00e4hrten von Hyazinth. Als Apollon zum Diskuswerfen im Stadion war, blies er den Diskus gegen einen Felsen, von wo er die Stirn von Hyazinth traf und ihn t\u00f6dlich verwundete. Aus dem Blut, das aus der Stirn rann, wuchs eine blauviolette Pflanze: die Hyazinthe.<\/p>\n<p>Kritsa ist wie ausgestorben, erscheint mir aber heute etwas sch\u00f6ner als beim ersten Besuch. Gesch\u00e4fte und Lokale sind geschlossen. Wir versuchen es dennoch an dem sch\u00f6nen Lokal an der m\u00e4chtigen Platane, aber ohne Erfolg. Erst am Nachmittag wird ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>In den Gesch\u00e4ften sind \u00fcberall H\u00e4kelarbeiten ausgestellt, und an der Stra\u00dfe steht die Skulptur einer h\u00e4kelnden Frau. Diese Tradition ist uralt und geht letztlich noch auf den \u00dcberfluss an Wolle zur\u00fcck, der schon das minoische Kreta auszeichnete, auch wenn damals vermutlich gewebt statt geh\u00e4kelt wurde. Die Produktion von Webarbeiten wurde auch dadurch beg\u00fcnstigt, dass nat\u00fcrlich Farbstoffe vorhanden waren, vor allem die begehrte Purpurschnecke.<\/p>\n<p>Wir fahren zur Panagia Kera und kommen gerade noch rechtzeitig. Hier scheitert ein weiterer Versuch von mir kl\u00e4glich, einmal einen symbolischen Beitrag zu der Deckung der Kosten zu leisten. Ich will den Eintritt zahlen, aber die Kassiererin kann meinen Zwanziger nicht wechseln und ich ziehe wieder den k\u00fcrzeren. Es scheint vom Schicksal so gewollt zu sein.<\/p>\n<p>Wir haben genug Zeit, uns wenigstens einige der Fresken in Ruhe anzusehen. Es gibt verschiedene Motive, die ich nicht identifizieren kann, darunter eine von drei b\u00e4rtigen M\u00e4nnern flankierte Muttergottes, die je eine Schale mit drei kleinen K\u00f6pfen auf dem Scho\u00df haben. An einer anderen Stelle repr\u00e4sentieren die K\u00f6pfe die Seelen der Verstorbenen, aber ob das hier auch der Fall ist? Und wer\u00a0 sind die drei? Und warum erscheinen sie neben der Muttergottes?<\/p>\n<p>Bei der Identifizierung der vier ganzfig\u00fcrigen Heiligen mit den ausdrucksstarken Gesichtern im Nordschiff hilft uns die Aufpasserin. Es sind lauter orthodoxe Heilige, deren Namen uns wenig sagen.<\/p>\n<p>Wir entscheiden uns, nach Agios Nikolaos weiterzufahren. Eine gute Entscheidung. Auch hier ist es zwar unheimlich still, aber bei dem guten Wetter kommt die Stadt gut zur Geltung \u2013 und wir bekommen gleich am Hafen etwas zu essen. Die Palette k\u00f6nnte gr\u00f6\u00dfer nicht sein: Jogurt mit Honig, Hamburger, Apfelkuchen. Wieder wird Wasser ungefragt aufgetragen, als wir kaum sitzen.<\/p>\n<p>Wir gehen einmal am Hafenbecken entlang bis zur Schiffsanlegestelle und sehen die Ausflugsziele, die von hier aus angelaufen werden. Auf dem R\u00fcckweg gehen wir dann in die Kirche an der Fu\u00dfg\u00e4ngerstra\u00dfe, an der ich bisher immer achtlos vorbeigelaufen bin. Lohnt sich. Es ist alles sehr byzantinisch \u00fcberladen, dunkel und k\u00fcnstlerisch wertlos, aber die Atmosph\u00e4re hat etwas: Malereien, Ikonen, L\u00fcster, Alt\u00e4re, Fenster, alles erscheint in dem mysteri\u00f6sen Licht der Kerzen und des gebrochenen \u00a0Sonnenlichts.<\/p>\n<p>Vor der Kirche ein in die Wand eingelassener Brunnen mit der ausdr\u00fccklichen Information in verschiedenen Sprachen, dass es sich nicht um Trinkwasser handele. Es ist geweihtes Wasser. Man bedient sich hier, um die heimischen Weihwasserf\u00e4sser zu f\u00fcllen. Das hat es in unserer Kindheit auch gegeben, erfahre ich jetzt. Ganz vage kommt die Erinnerung zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Angesichts der Kirchenbesichtigung kommen wir auf das Abendl\u00e4ndische Schisma zu sprechen und die Trennung der westlichen von der \u00f6stlichen Kirche, das eher kirchenpolitische als ideologische Gr\u00fcnde hatte. Beim Nachlesen sto\u00dfe ich dann auch auf die Rolle der Sprache: Im Westen wurde es immer un\u00fcblicher, Griechisch\u00a0 zu sprechen. Schon Augustinus und Gregor der Gro\u00dfe sprachen, im Gegensatz zu Hieronymus und Ambrosius, kein Griechisch! Die Messe wurde ab dem 4. Jahrhundert auf Latein gelesen, bis dahin auf Griechisch. Umgekehrt konnten die meisten Patriarchen in Konstantinopel kein Latein. Das galt als barbarische Sprache. Man war immer mehr auf \u00dcbersetzer und Sekret\u00e4re angewiesen. Am Anfang der Entfremdung stand also die Sprache. Auch bestimmte Haltungen gingen damit einher: Die Griechen sahen die R\u00f6mer als ungebildet und barbarisch an, die R\u00f6mer die Griechen als hochn\u00e4sig und spitzfindig.<\/p>\n<p>Wieder im Auto schiebt von hinten jemand die Armlehne des Fahrersitzes hinunter. Ist das nicht bequemer? Ja. Aber ich wusste bisher nicht, dass das Auto eine Armlehne hat!<\/p>\n<p>Wir hatten uns vorgenommen, auf dem R\u00fcckweg mal die Old Road zu nehmen, und das klappt auch, aber unfreiwillig. Ich biege da ab, wo ich immer abgebogen bin, ohne aber jemals zu merken, dass das die Old Road ist. Ich muss an der etwas un\u00fcbersichtlichen Kreuzung, an der weiter gebaut wird, weiter fahren. Auf dem Hinweg bin ich dagegen immer die New Road entlang gefahren.<\/p>\n<p>Bei der Gelegenheit lerne ich sogar ein englisches Wort: <em>Interchange<\/em>. An dem Hinweisschild bin ich schon oft vorbeigekommen, habe aber immer verpasst, das Wort nachzuschlagen. Es hei\u00dft \u201aAnschlusspunkt\u2018, \u201aZufahrtsstelle\u2018, eigentlich \u201aAutobahnkreuz\u2018. Aber davon kann man hier kaum sprechen.<\/p>\n<p>Wie ist es eigentlich mit den Autokennzeichen? Ich habe ein paar Regelm\u00e4\u00dfigkeiten entdeckt, aber keine Erkl\u00e4rung gefunden. Die muss ich sp\u00e4ter einholen. Es stellt sich heraus, dass von der dreifachen Buchstabenkombination am Anfang nur die beiden ersten \u201ez\u00e4hlen\u201c, jedenfalls, was den Ort angeht. Deshalb haben hier und auch in Ierapetra, das dazugeh\u00f6rt, die Autos die Anfangsbuchstaben AN: Agios Nikolaos.<\/p>\n<p>In Ierapetra geht es zu Lidl. Ich muss meinen Eindruck korrigieren, dass er ganz griechisch ausgerichtet ist. Es gibt doch einige sehr deutsche Produkte, angefangen von den Zierblumen am Eingang. Auch das Angebot an Schokolade ist deutsch und das an Aufschnitt und K\u00e4se. Die Preise sind, mit wenigen Ausnahmen, eher hoch.<\/p>\n<p>An der Kasse werden wir gleich zweifach vorgelassen. Das ist mir in der ganzen Zeit noch nicht passiert. Als wir zahlen, spricht uns ein Junge in der Schlange an: Sprechen Sie Deutsch? Er ist in Deutschland geboren, genauso wie seine Mutter, die mit einem Baby vor der Brust neben ihm steht, in Hannover. Jetzt leben sie seit einiger Zeit hier in Ierapetra.<\/p>\n<p>Noch eine Kleinigkeit gibt es auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt zu entdecken: \u00dcber den Parkpl\u00e4tzen ist ein Netz als Sonnenschutz angebracht.<\/p>\n<p>Am Abend gehen wir dann ins Mirtos zum Essen. Es ist ziemlich voll, und Jana macht die ganze Bedienung, souver\u00e4n und freundlich wie immer. Ich bestelle viel zu viel Salat und muss erst einen verbalen Fu\u00dftritt bekommen, damit ich das Angebot annehme, den Rest mit nach Hause zu nehmen.<\/p>\n<p>Ich frage Jana, wie es denn komme, dass Giorgos bei Milit\u00e4r ist. Wie alt ist er denn? Achtzehn! Das haut einen um. Ich sage: \u201eEr wirkt j\u00fcnger.\u201c Sie sagt: \u201eEr ist j\u00fcnger.\u201c<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">8. Fe<\/span><span style=\"text-decoration: underline;\">bruar (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Am Vormittag gehen wir ins Museum in Ierapetra. Wieder wird ein schwacher Versuch von mir torpediert, mal einmal irgendwo etwas zu zahlen: Heute ist der Eintritt frei.<\/p>\n<p>Auch hier werde ich wieder auf zwei Dinge gesto\u00dfen, die ich nie gesehen habe: An einem der Larnakas ist einer der Griffe als Schweinsk\u00f6pfchen ausgebildet. Eine erstaunliche, f\u00fcr uns undenkbare Verbindung von Tod und Haustier. Und in einer Vitrine liegt ein \u201eTelefon\u201c, eine flache Platte aus wei\u00dfem Stein mit einem quer darauf angebrachten Bogen, der den alten Telefonh\u00f6rern verbl\u00fcffend \u00e4hnlich sieht. Was das wohl f\u00fcr eine Funktion gehabt haben k\u00f6nnte? Wir k\u00f6nnen uns nicht einigen, und eine Beschriftung gibt es nicht.<\/p>\n<p>Auch auf dem Platz vor dem Museum, der gerade neu gepflastert wird, gibt es Neues zu entdecken, das ich l\u00e4ngst kennen m\u00fcsste: Wasserleitungen. Die B\u00e4ume der Innenstadt werden \u201eunterirdisch\u201c bew\u00e4ssert! Das erkl\u00e4rt, warum die Birkenfeigen hier so saftig gr\u00fcn sind.<\/p>\n<p>Als wir aus dem Museum kommen, hat der Himmel sich aufgeklart. Wir gehen zum Kleinen Caf\u00e9, aber es ist geschlossen. Die St\u00fchle stehen aber trotzdem davor. Wir nutzen sie f\u00fcr eine der seltenen Zigarettenpausen.<\/p>\n<p>Dabei kommt die Rede auf vielen ramponiert aussehenden Autos (meins passt sich da gut ein) und darauf, dass die Autos im Schnitt ein paar Jahre \u00e4lter sind als bei uns. Und auf die Zisternen auf den D\u00e4chern, die man wirklich \u00fcberall sieht, manchmal mit Sonnenkollektoren daneben. Vermutlich wird so f\u00fcr warmes Wasser gesorgt. Das w\u00fcrde auch erkl\u00e4ren, dass ich im Winter so wenig davon bekommen habe.<\/p>\n<p>Nach dem Lidl von gestern wollen wir auch einen \u201erichtigen\u201c griechischen Supermarkt besuchen, aber ich habe die Rechnung ohne den Sonntag gemacht. In anderen Orten sind die Gesch\u00e4fte am Sonntag ge\u00f6ffnet. Und es gibt selbst hier keine Hinweise auf \u00d6ffnungszeiten. V\u00f6llig unverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Am Ende finden wir aber noch eine Alternative. Ein Markt, an dem ich oft vorbeigefahren bin und der von au\u00dfen wie eine Autoreifenwerkstatt aussieht, hat ge\u00f6ffnet. Der Besitzer ist alleine und sitzt gelangweilt auf einem Stuhl neben der Kasse. Ierapetra ist noch nicht zum Leben erwacht. Es gibt allerlei Krimskrams und das Angebot ist tats\u00e4chlich griechischer als bei Lidl. Hinten an der Theke liegt in gro\u00dfen Holzkisten Fisch, unter anderem Kabeljau, tiefgefroren, wie wir erst meinen. Aber er ist nicht gefroren, sondern gesalzen.<\/p>\n<p>Bei weiterhin besser werdendem Wetter fahren wir Richtung Kloster Kapsa. Ich glaube, falsch zu sein. Nichts von der Strecke kommt mir bekannt vor. Aber wir sind richtig, obwohl wir uns immer wieder vom Meer entfernen. Und warum? Sofort bekomme ich eine Erkl\u00e4rung: Wegen der Buchten! Und dann noch eine sch\u00f6ne Beobachtung hinterher: An den Buchten befinden sich die Sandstr\u00e4nde, an den Geraden Steilk\u00fcsten!<\/p>\n<p>Wir wollen zwischendurch irgendwo eine Pause machen, aber alles scheint geschlossen. Schon kurz vor dem Kloster kommt dann an einer Stra\u00dfenbiegung die \u201eOase\u201c in Sicht. Hier k\u00f6nnen wir tats\u00e4chlich etwas bekommen. Die Frau, die vor dem Fernseher im Wohnzimmer sa\u00df, bringt uns drei verschiedene Sorten Kaffee auf die Terrasse. Und dann, entgegen den Erwartungen, doch etwas S\u00fc\u00dfes dazu. Das sind vermutlich private Vorr\u00e4te. Staubtrockenes Geb\u00e4ckst\u00fcck mit Sesamk\u00f6rnern und ein ganz leckeres Hefeteiggeb\u00e4ckst\u00fcck. Kostenpunkt f\u00fcr alles zusammen: sechs Euro!<\/p>\n<p>In den Kurven vor dem Kloster sehen wir immer wieder H\u00f6hlen und \u00e4hnliche Durchbr\u00fcche im Felsgestein, spektakul\u00e4r aussehend. Auch die hatte ich trotz der Gr\u00f6\u00dfe bisher immer \u00fcbersehen. Besonders auff\u00e4llig eine H\u00f6hle, die einen durch einen L\u00e4ngspfeiler zweigeteilten Eingang zu haben scheint. Sieht wie Menschenwerk aus. Zum Abschluss kommt dann der ebenso sehenswerte Eingang zur Schlucht.<\/p>\n<p>Das Kloster ist wieder geschlossen, aber diesmal sind wir au\u00dferhalb der \u00d6ffnungszeiten da. Es regt sich auch nirgendwo etwas, au\u00dfer dem bellenden Wachhund. Die Frage, welcher Orden hier das Kloster betreibt, kann ich nicht beantworten. Gibt es in der orthodoxen Kirche \u00fcberhaupt Orden? Der Reisef\u00fchrer hat aber dies zu sagen: Das Kloster wird seit Jahren von einer einzigen alten, sehr ruppigen Nonne bewohnt. Seit einigen Jahren steht ihr ein r\u00fcstiger M\u00f6nch zur Seite, der die Besucher freundlich empf\u00e4ngt. Allerdings nicht immer, sollte dabeistehen.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehen wir einen Kartoffelacker mit sattem, dunkelbraunen Boden, dem man selbst als Laie f\u00f6rmlich ansieht, wie fruchtbar er ist. Hinten auf einem Traktor sitzen zwei Jungen, die, wie ich erfahre, in zwei Reihen gleichzeitig Kartoffeln setzen. Das erkl\u00e4rt, warum der Traktor so langsam f\u00e4hrt. Der Mann, der mit einem Eimer \u00fcber den Acker geht und etwas auf den Boden streut, s\u00e4t nicht etwa, sondern streut Kunstd\u00fcnger.<\/p>\n<p>Wir versuchen, ganz nah am Meer zu bleiben, auf einer \u00e4lteren Stra\u00dfe, um irgendwo an einen Strand zu kommen. Das klappt. In der Bucht von Axlia machen wir Halt. Ein gepflasterter Weg f\u00fchrt hinunter zum Strand. Sandstrand, etwas heller als anderswo. Wir halten kurz die Hand ins Wasser: kalt. Wir sind ganz alleine hier unten.<\/p>\n<p>Hier, direkt am Strand, sind ein paar Sommerapartments f\u00fcr Ferieng\u00e4ste. Aber der Strand ist auch f\u00fcr die, die oben auf der anderen Seite der Stra\u00dfe unterkommen. Jetzt ist alles geschlossen. Die Sonnenschirme liegen aufgeschichtet \u00fcbereinander, und die St\u00e4nder stehen davor in Reih und Glied.<\/p>\n<p>Der Felsen zu einer Seite des Weges zum Strand ist br\u00fcchig, es sind erste Spalten sichtbar, auch hier k\u00f6nnen irgendwann H\u00f6hlen entstehen. Und wieder bekomme ich eine gute Erkl\u00e4rung: Wer ist der Verursacher der Risse? Die Wurzeln! Hier kann man es perfekt sehen, wie sie erste Risse in das br\u00fcchige Gestein f\u00fcgen.<\/p>\n<p>Am Abend essen wir im \u039a\u03b9\u03b2\u03c9\u03c4\u03cc\u03c2, in der \u201eArche\u201c. Jeder von uns nimmt eine andere\u00a0 Fleischspezialit\u00e4t vom Holzkohlegrill, nachdem die Option Fisch doch vom Tisch war: H\u00e4hnchen, Schwein, Lamm, alles schmackhaft und mit zartem Fleisch. Jetzt hat auch endlich mal der Dill seinen Auftritt, den ich die ganzen Tage schon lauthals angek\u00fcndigt habe. Der Tsatsiki ist mit Dill gew\u00fcrzt.<\/p>\n<p>Im Hotel sind an Photowand Ausflugsziele von Ierapetra dargestellt, darunter Chrisi, einer Kreta vorgelagerten Insel. Ich finde diese zwanghaften Inselfahrten f\u00fcr Touristen immer merkw\u00fcrdig, muss mich aber dem Argument beugen, dass der Sandstrand hier wirklich besser aussieht als hier an der S\u00fcdk\u00fcste. Sp\u00e4ter erfahre ich, dass Chrisi au\u00dferdem \u00fcber pr\u00e4chtige D\u00fcnen verf\u00fcgt \u2013 die habe ich hier noch nie gesehen \u2013 \u00fcber ein gro\u00dfes Aufkommen von Muscheln und \u00fcber den einzigen in ganz Europa erhaltenen Zedernwald. Die Insel ist nur im Sommer bewohnt. Es gibt einfache \u00dcbernachtungsm\u00f6glichkeiten in Holzh\u00fctten, und die meisten Ausfl\u00fcgler bleiben eine Nacht dort.<\/p>\n<p>An der Rezeption steht ein Pokal, einer der typischen h\u00e4sslichen Dinger, die es bei Sportwettbewerben gibt. Ich kann nur entziffern, dass es sich um eine Art Firmensportwettbewerb handelt, aber die wichtigste Frage bleibt unbeantwortet: welche Sportart?<\/p>\n<p>Auf dem Nachhauseweg wird mit beim Revuepassieren der letzten Tage klar, dass das Wasser gleich in dreifacher Weise Eindruck gemacht hat: das klare Wasser des Meeres, durch das man auf den Meeresgrund sehen kann, das Wasser, das in den Lokalen serviert wird, meist unaufgefordert und gratis (\u201ewie in keinem anderen Land\u201c) und das Wasser, das \u00fcber die langen, verschlungenen Wasserleitungen den Pflanzen zugef\u00fchrt wird, auch in entlegene Bergregionen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">9. Februar (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Am Ende einer kurzen Nacht bl\u00e4ttere ich in dem neuen Buch \u00fcber das antike Kreta, einem weiteren Mitbringsel aus der Heimat. Sehr, sehr vielversprechend. Einige Besonderheiten der kretischen Geschichte werden aus der geographischen Lage abgleitet: Insel steht f\u00fcr Einheit, Bergkette steht f\u00fcr Zersplitterung, strategisch wichtige Lage steht f\u00fcr Bedeutung, Kontakt, Handel, Lage am Rand der \u00c4g\u00e4is steht f\u00fcr Isolation. Von den wichtigsten Ereignissen der griechischen Geschichte \u2013 Perserkriege, Peloponnesischer Krieg, Feldz\u00fcge Alexanders \u2013 hielt sich Kreta fern. So ist Kreta mal kosmopolitisch, mal isoliert, mal die gr\u00f6\u00dfte Macht in der \u00c4g\u00e4is, mal vergessen an der Peripherie.<\/p>\n<p>Im Regen und im Dunkeln geht es los nach Ierapetra, aber als ich am Hotel ankomme, ist es hell und hat aufgeh\u00f6rt zu regnen. Unglaublich, wie das gute Wetter die beiden begleitet, auch noch am Abreisetag.<\/p>\n<p>Im Hotel bekomme ich die Chance zum Duschen unter hei\u00dfem Wasser. Eine Wohltat. Ich erfahre bei der Gelegenheit, dass meine Schwester eine Diebin ist. Sie entwendet Shampoo und Duschgel aus den Hotels, was, wie ich jetzt erfahre, Diebstahl ist. Verbrauchen darf man es.<\/p>\n<p>Auch am letzten Tag werden mir wieder die Augen ge\u00f6ffnet: Starenk\u00e4sten. Wir sehen bestimmt drei oder vier w\u00e4hrend der einen Fahrt, ich habe bisher in den ganzen Monaten keinen einzigen gesehen. Ich habe aber, wird befunden, kaum ein Chance, ein richtig sch\u00f6nes griechisches Kn\u00f6llchen zu bekommen \u2013 bei meiner Fahrweise.<\/p>\n<p>Als wir am Flughafen ankommen, ist die Sonne soweit rausgekommen, dass wir uns nach drau\u00dfen setzen k\u00f6nnen. Und dar\u00fcber diskutieren, wie es zu einem ordentlichen Batzen Nachzahlung beim Gep\u00e4ck kommen konnte. Dann trinken wir noch einen Kaffee und m\u00fcssen konstatieren, dass hier keine \u201egriechischen\u201c Preise mehr gelten. Was es sonst umsonst gibt, das Wasser zum Kaffee, kostet hier ein Heidengeld. Beim Abschied geht es nicht ganz ohne Tr\u00e4nen, auf beiden Seiten.<\/p>\n<p>Der Himmel verd\u00fcstert sich, sobald das Flugzeug in der Luft ist, aber ich fahre trotzdem nach Knossos. Es liegt auf dem Weg, und es regnet wenigstens nicht. Es gibt Reisende, die nur wegen Knossos nach Kreta kommen. Ich habe es in vier Monaten noch nicht dahin geschafft.<\/p>\n<p>Schon bei der Anfahrt wird einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr die Wahl des Standortes klar: die fruchtbare Umgebung. Hier mussten viele Menschen ern\u00e4hrt werden: Die zum Palast geh\u00f6rige Stadt soll zur Bl\u00fctezeit ca. 80.000 Bewohner gehabt haben, fast so viele wie das heutige Heraklion! Dazu kam die N\u00e4he des Meeres und die N\u00e4he zum Hafen. Strategische Gr\u00fcnde hatte die Wahl des Ortes nicht: Das Areal liegt zwar leicht erh\u00f6ht auf einem H\u00fcgel, ist aber umgeben von ansteigendem Gel\u00e4nde, und der Palast ist v\u00f6llig unbefestigt. Das wird immer als Zeichen f\u00fcr die v\u00f6llig ungef\u00e4hrdete Stellung der Minoer gedeutet. Ich habe zwar keine bessere Erkl\u00e4rung, aber irgendwie will mir das nicht einleuchten. Man sch\u00fctzt sich doch auch gegen potentielle Feinde und man rechnet doch auch damit, dass Konkurrenten aufr\u00fcsten. Und warum liegt es dann doch etwas erh\u00f6ht und warum liegt es nicht unmittelbar am Meer?<\/p>\n<p>Als ich auf den Parkplatz komme, meine ich falsch zu sein. Gratis parken auf einem freien Parkplatz gleich vor dem Ausgrabungsgel\u00e4nde von Knossos? Wo gibt es das denn? Aber es stimmt, hier ist Knossos.<\/p>\n<p>Ich mache das, was der Reisef\u00fchrer empfiehlt und lasse mich einfach treiben. Der unregelm\u00e4\u00dfige Charakter des Palasts wird so besonders deutlich. Aber auch Rekonstruktionen und Grundrisse vermitteln den Eindruck. Allein eine Auflistung der verschiedenen Geb\u00e4udetypen gibt einen Eindruck: S\u00e4le, Tore, Pforten, Magazine, Werkst\u00e4tten, Korridore, Bastionen, Hallen, Krypten, alle ineinander verschachtelt, unterschiedlich hoch und ohne jede Symmetrie und Axialit\u00e4t. Da wei\u00df man nicht, wo man ist. Kein Wunder, dass Evans hier das Labyrinth vermutete.<\/p>\n<p>Dessen Bronzekopf begegnet man als erstes, gleich hinter dem Eingang. Reisef\u00fchrer, Menschen wie B\u00fccher, \u00fcberh\u00e4ufen ihn gerne mit Spott, und auch die Schrifttafeln hier lassen Skepsis durchblicken: Seine Interpretationen waren sehr subjektiv, es gab oft keine ausreichenden Belege f\u00fcr seine Deutungen, er unterschied bei der Rekonstruktion nicht zwischen Echt und Unecht, er gebrauchte\u00a0 Beton bei der Rekonstruktion und lie\u00df Dinge einfach verschwinden, die nicht in sein Konzept passten. Aber vielleicht macht man es sich damit zu leicht. Sein Wiederaufbau galt der Sicherung des Erhaltenen, er hatte keine ausgefeilten wissenschaftlichen Methoden und keine ausgefeilten technischen Hilfsmittel und er war unerm\u00fcdlich in seinem Einsatz, investierte Geld, Zeit, M\u00fche. \u00dcber drei\u00dfig Jahre grub er in Knossos. Und die grunds\u00e4tzliche Problematik bleibt ohnehin bestehen: Jede Ausgrabung f\u00f6rdert etwas zutage, l\u00e4sst aber auch anderes verschwinden.<\/p>\n<p>Mich pers\u00f6nlich st\u00f6ren die nachgemachten Fresken, vor allem, nachdem ich im Museum gesehen habe, wie wenig von ihnen erhalten ist. Am auff\u00e4lligsten sind die Runds\u00e4ulen, farbig gefasst, entweder dunkelblau mit rot abgesetzten Basen und Kapitellen oder umgekehrt. Die Farben sind durch Reste der Bemalungen in den Fresken und Fayencen gesichert. Die S\u00e4ulen waren urspr\u00fcnglich aus Holz, Zypressenst\u00e4mme, mit der Wurzel nach oben. Deshalb verj\u00fcngen sich auch die heutigen S\u00e4ulen nach unten.<\/p>\n<p>Zu den original erhaltenen Teilen geh\u00f6rt ein Alabaster-Sitz, den Evans als Thron interpretierte. Hier soll der legend\u00e4re K\u00f6nig Minos Recht gesprochen haben. Doch was hier stattfand, wei\u00df man nicht. Die erhaltenen Darstellungen zeigen Greifen und Pflanzen und Tiere, die eher in Verbindung mit G\u00f6ttinnen und Priesterinnen stehen.<\/p>\n<p>Auch original erhalten ist eine sehr sch\u00f6ne, modern wirkende Treppe, auf die man von oben hinunterschaut, mit breiten, flachen Stufen, sowie ein paar riesige Pithoi mit reichlich Dekoration und vor allem mit einer Unzahl von Griffen.<\/p>\n<p>Trotz allem kann man sich kaum ein Bild von dem realen Leben in dem Palast machen. Selbst wenn man sich eine Prozession vorstellen kann, f\u00e4llt es schwer, sich den Alltag hier vorzustellen. Da helfen auch Rekonstruktionen nicht. Und der \u00fcberw\u00e4ltigende Eindruck, den die Exponate im Museum hinterlassen, l\u00e4sst das hier weit hinter sich.<\/p>\n<p>Noch auf dem Gel\u00e4nde bietet sich einmal, an der Stelle, wo das Fresko des \u201eLilienprinzes\u201c h\u00e4ngt, ein sehr sch\u00f6ner Blick in die Landschaft, auf gr\u00fcne H\u00fcgel mit der Kuppe eines kahlen Berges dahinter. Auf der R\u00fcckfahrt kommt dann ein H\u00f6hepunkt nach dem anderen, mit Ausblicken auf das weite, fruchtbare H\u00fcgelland mit Olivenb\u00e4umen, Weinreben und Blumenwiesen. Ich habe Kreta noch nie so gr\u00fcn gesehen.<\/p>\n<p>Ich komme direkt am Minos in Peza vorbei und dann nach Arkalochori. Der Ort ist wie ausgetauscht. Bewegung und Ger\u00e4usche \u00fcberall, ein lebendiger Ort, der nichts mit dem ausgestorbenen Kaff von vorgestern zu tun hat: dichter Verkehr, gesch\u00e4ftiges Treiben. Taxifahrer stehen gestikulierend am Stra\u00dfenrand, Hausfrauen kommen schwer beladen aus M\u00e4rkten, M\u00e4dchen laufen aus einer Boutique \u00fcber die Stra\u00dfe in die gegen\u00fcberliegende Boutique, M\u00e4nner sitzen kaffeetrinkend vor den H\u00e4usern. Ich gehe kurz in eine B\u00e4ckerei und ein Lebensmittelgesch\u00e4ft mit gut gef\u00fcllten Regalen, wo alles einen Eindruck von Frische vermittelt. Zum ersten Mal bemerke ich auch, dass am Stra\u00dfenrand \u201eFahrradskulpturen\u201c stehen, alte Fahrr\u00e4der mit platten Reifen, die, jedes in einer anderen Farbe komplett bemalt, Speichen und Reifen und alles, am Rande des B\u00fcrgersteigs befestigt sind.<\/p>\n<p>Hinter Arkalochori greife ich eine ganze rum\u00e4nische Familie auf. Wir k\u00f6nnen uns \u00fcber das Fahrtziel nicht richtig verst\u00e4ndigen, also steigen sie einfach auf gut Gl\u00fcck ein. Der junge Mann macht sich vorne breit, w\u00e4hrend sich Frau, Mutter, Vater und Kind hinten reinquetschen. Aber nicht lange. Als es nach wenigen Minuten nach Viannos abgeht, merken sie, dass das nicht ihre Richtung ist und steigen kichernd und freundlich gr\u00fc\u00dfend aus.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">10. Februar (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Heute regnet es in Str\u00f6men, der Himmel ist verhangen, das Grau des Himmels trifft am Horizont auf das Grau des Meeres, und die Temperaturen sind im Keller. Verr\u00fcckt!<\/p>\n<p>Zu allem \u00dcbel f\u00e4llt st\u00e4ndig der Strom aus. Erst am sp\u00e4ten Vormittag, dann immer wieder im Laufe des Tages. Kein Kaffee, keine Musik, keine Heizung, kein Licht. F\u00fcr ein bisschen Lekt\u00fcre ist es so gerade noch hell genug, wenn man sich in die richtige Position bringt. Bei dem griechischen Roman habe ich richtige Anlaufschwierigkeiten. Die Pause macht sich bemerkbar, so kurz sie auch war.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr entsch\u00e4digt das Buch \u00fcber das antike Kreta. Heute ist hier von dem sprachlichen Erbe Kretas die Rede. Drei Schl\u00fcsselw\u00f6rter werden genannt: <em>Minze<\/em> (\u03bc\u03ad\u03bd\u03c4\u03b1), <em>Hyazinthe<\/em> (\u03c5\u03ac\u03ba\u03b9\u03bd\u03b8\u03bf\u03c2), <em>Labyrinth<\/em> (\u03bb\u03b1\u03b2\u03cd\u03c1\u03b9\u03bd\u03b8\u03bf\u03c2). Alle sind vorindoeurop\u00e4isch, alle stammen aus Kreta, von den Minoern. Es sind die \u00e4ltesten erkennbaren europ\u00e4ischen W\u00f6rter. Sprachliche Relikte, die f\u00fcr die Vorstellung von Kreta als Wiege Europas stehen.<\/p>\n<p>Das Labyrinth, das hier seinen Ursprung hat, erscheint dann sp\u00e4ter in christlichen Kirchen. Ich habe mal eins in Chartre gesehen und eins irgendwo in England und vor kurzem eins in Maastricht. Hier bekam das Labyrinth als Symbol esoterische Bedeutung. Mit dem Finger den Linien folgend oder am Boden das Muster von au\u00dfen nach innen abschreitend traten die Gl\u00e4ubigen, statt einer realen Reise, eine symbolische Reise nach Jerusalem an, ins Zentrum des Labyrinths.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">11. Februar (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Weiterhin Dauerregen und wieder Stromausfall. Der scheint immer zur falschen Zeit zu kommen.<\/p>\n<p>Interessanter Aspekt in der aktuellen Griechenland-Diskussion. Es soll, hei\u00dft es immer, den Reedern an den Kragen gehen. Das findet im Inland und im Ausland Zuspruch. Die f\u00fchrten ein Lotterleben und zahlten wenig Steuern. Was vermutlich stimmt. Und deren Klagen \u00fcber die bevorstehende Steuererh\u00f6hung k\u00f6nne man nicht erst nehmen. Tats\u00e4chlich geht es bei den Reedern bei der Steuer nicht nach Einkommen, sondern nach Gr\u00f6\u00dfe der Schiffe. Die Tonnage z\u00e4hlt. Nur: Das ist bei den deutschen Reedern auch so. Die Regelung ist sogar in Deutschland erst vor ein paar Jahren eingef\u00fchrt und den internationalen Gepflogenheiten angepasst worden. Soll man jetzt in Griechenland die Regelung umkehren? Und die Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Reeder schw\u00e4chen? Wem ist damit geholfen?<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">12. Februar (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Der Regen hat etwas nachgelassen, aber es ist noch k\u00e4lter geworden. Kaum vorzustellen, dass wir vor ein paar Tagen noch manchmal drau\u00dfen gesessen haben.<\/p>\n<p>Im Dorf treffe ich Giorgos. Der sollte eigentlich in Athen beim Milit\u00e4r sein. Irgendwie muss die Mutter ihn da wohl losgeeist haben. In zwei Jahren muss er wieder antreten, sagt er.<\/p>\n<p>Beim Laufen durch den Regen auf der Landstra\u00dfe f\u00e4hrt ein ziemlich betagtes Auto an mir vorbei, h\u00e4lt und setzt zur\u00fcck. Durch das geschlossene Seitenfenster schreit der b\u00e4rtige Fahrer, Typ Alt-Achtundsechziger, mir zu, ob er mich mitnehmen k\u00f6nne. Eigentlich zu schade, um abzulehnen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13. Februar (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Ein paar zarte Sonnenstrahlen am Morgen, die die V\u00f6gel dazu animieren, zu zwitschern. Und mich, W\u00e4sche zu waschen und drau\u00dfen aufzuh\u00e4ngen. Hoffentlich sind wir beide nicht zu optimistisch.<\/p>\n<p>Sch\u00f6ne Erkl\u00e4rung f\u00fcr die Entstehung der minoischen Pal\u00e4ste. Kleine Gemeinschaften, die auf Subsistenzwirtschaft angewiesen sind, werden von st\u00e4ndigen Gefahren bedroht: Wetter, Krieg, Epidemien, Bev\u00f6lkerungswachstum, Naturkatastrophen. Die kleinen Gemeinden sind dann von der Unterst\u00fctzung durch einen Nachbarn angewiesen, der von dieser Katastrophe nicht betroffen und bereit ist, Nahrung gegen eine andere Leistung abzugeben. Diese Erfahrung muss man auf Kreta mehrmals gemacht haben. Das f\u00fchrte zu der Einsicht, dass eine bessere Organisation der Wirtschaft die Existenz sicherte. Daraus resultierten die Pal\u00e4ste als St\u00e4tten der zentralen Organisation.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">14. Februar (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Sch\u00f6ner, sonniger Morgen, aber warm ist es nicht gerade, und der Wind macht sich auch bemerkbar. Als ich aber am Mittag in Ierapetra wieder ins Auto steige, hat es sich aufgeheizt wie bei uns nur im Sommer. Komisch.<\/p>\n<p>Ich tanke kurz vor Ierapetra an der Tankstelle mit dem freundlichen jungen Mann, der mich schon kennt. Ich frage nach seinen Arbeitszeiten, da er immer da ist, wenn ich komme. Die Antwort ist unglaublich: Jeden Tag, sieben Tage in der Woche von morgens sieben bis abends halb elf. Das kann doch nicht sein. Dass die Griechen alle Faulenzer sind, ist nat\u00fcrlich Unsinn, und auch im Dorf bin ich immer wieder \u00fcberrascht, wie lange die Verk\u00e4ufer arbeiten. Die durchschnittliche Arbeitszeit liegt tats\u00e4chlich in Griechenland h\u00f6her als in Deutschland. Die Effektivit\u00e4t ist vermutlich viel geringer. Die lange arbeitenden Verk\u00e4ufer kontrastieren mit den M\u00e4nnern, die den halben Tag im Kafeneion und den anderen halben Tag auf dem Stuhl vor dem Haus sitzen.<\/p>\n<p>Nach dem Unterricht gehe ich zu Manolis, der mich vorher schon beim Vor\u00fcbergehen freundlich begr\u00fc\u00dft hat. Er meldet mich zum Lauf am 1. M\u00e4rz an. Der Lauf hei\u00dft \u039c\u03b9\u03bd\u03c9\u03b9\u03ba\u03cc \u039c\u03bf\u03bd\u03bf\u03c0\u03ac\u03c4\u03b9 \u039c\u03cd\u03b8\u03c9\u03bd, mit Stabreim. Es ist ein Gebirgslauf. Manolis zeigt mir Bilder vom letzten Jahr. Es sieht alles ganz professionell aus, aber die Strecke hat es in sich. Er hat gerade in den letzten Tagen die lange Strecke mit ein paar Kollegen abgelaufen: f\u00fcnf Stunden f\u00fcr sechsundzwanzig Kilometer!<\/p>\n<p>Er registriert mich f\u00fcr den Lauf, aber f\u00fcr die kurze Strecke, dabei gibt es ein unglaubliches Durcheinander. Ein weiterer Gast schaltet sich mit hilfsbereit ein, aber es scheitert alles an mir und meiner schlechten Organisation. Am Ende nehmen wir die Telefonnummer von Manolis.<\/p>\n<p>Zwischendurch bedient er seine zahlreichen G\u00e4ste. Als eine Frau Tee bestellt, fragt er nach: \u03c4\u03c3\u03ac\u03b9 \u03c4\u03c3\u03ac\u03b9. Wortwiederholung, um zu benennen, dass es sich um \u201erichtigen\u201c Tee handelt, nicht um Fr\u00fcchtetee oder \u00e4hnliches. So wie <em>caf\u00e9 caf\u00e9<\/em> in Spanien.<\/p>\n<p>Im dem kleinen Laden am Platz am Ausgang der Innenstadt, der dann innen gar nicht so klein ist, erkennt die Frau mich wieder. Sie fragt, wo ich wohne. Wie immer, ruft Myrtos positive Reaktionen hervor. Ich mildere das Lob etwas ab, indem ich auf die verlassene Atmosph\u00e4re im Winter verweise. Da stimmt sie zu. Auch sie spricht von einem schlechten Winter. Aber in einem Monat, sagt sie, k\u00f6nne ich Kreta noch mal ganz neu erleben. Dann fing alles an zu bl\u00fchen und, vor allem, zu riechen. So \u00e4hnlich sagt es der Reisef\u00fchrer auch.<\/p>\n<p>\u201eDie wichtigste Entscheidung, wo ich in meinem Leben getroffen habe\u201c, sagt ein deutscher Fu\u00dfballspieler in einem Interview. Entspricht genau dem Griechischen.<\/p>\n<p>Bei den bl\u00fchenden B\u00e4umen handelt es sich entweder um Mandel- oder um Pfirsichb\u00e4ume. Kirschb\u00e4ume, hei\u00dft es, seien hier nicht so oft vertreten.<\/p>\n<p>Gestern war \u03a4\u03c3\u03b9\u03ba\u03bd\u03bf\u03c0\u03ad\u03bc\u03c0\u03c4\u03b7, der \u201aRauchdonnerstag\u2018, eigentlich der Tag, wo es nach Angebranntem riecht! Und von wo erfahre ich das? Aus Deutschland! Von treuen Reisebegleitern aus der Heimat. Habe hier wieder nichts mitbekommen.<\/p>\n<p>Gelegenheit, sich mit den Karnevalstraditionen zu besch\u00e4ftigen. An \u03a4\u03c3\u03b9\u03ba\u03bd\u03bf\u03c0\u03ad\u03bc\u03c0\u03c4\u03b7 wird traditionellerweise gegrillt, eine Art vorweggenommener Abschied vom Fleisch. Bei besserem Wetter findet das Grillen auch drau\u00dfen statt, aber dieses Jahr nicht.<\/p>\n<p>Der \u201aAbschied vom Fleisch\u2018 ist auch dem griechischen Wort f\u00fcr \u201aKarneval\u2018 eingeschrieben: \u0391\u03c0\u03bf\u03ba\u03c1\u03b9\u03ad\u03c2. Es setzt sich zusammen aus \u03b1\u03c0\u03cc und \u03ba\u03c1\u03ad\u03b1\u03c2, \u201aweg\u2018 und \u201aFleisch\u2018, also ganz \u00e4hnlich wie <em>Karneval<\/em>.<\/p>\n<p>Der \u201aRosenmontag\u2018 hei\u00dft \u039a\u03b1\u03b8\u03b1\u03c1\u03ac \u0394\u03b5\u03c5\u03c4\u03ad\u03c1\u03b1, so etwas wie \u201aSauberer Montag\u2018, \u201aReiner Montag\u2018. Der hat aber mit unserem Rosenmontag nichts zu tun, sondern ist der erste Tag der Fastenzeit! \u00a0Der Tag ist offizieller Feiertag in Griechenland. Man verbringt ihn am liebsten drau\u00dfen. Dabei gibt es eine ganze Menge an leckeren Spezialit\u00e4ten, aber gleichzeitig sind Fleisch, Fisch und Milchprodukte nicht erlaubt \u2013 wohl aber gegrillter Tintenfisch!<\/p>\n<p>Als ich dann lese, dass Kinder an dem Tag Drachen steigen lassen, kommt mir eine Szene aus Athen in den Sinn, die viele Jahre zur\u00fcckliegt. Da habe ich auf dem Lykabettus Jungen gesehen, die genau das machten. Ich hatte aber keine Ahnung, dass es sich dabei um eine Karnevalstradition handelte. Ich dachte, es w\u00e4re ein normales Freizeitvergn\u00fcgen. Die Drachen hei\u00dfen auf Griechisch \u03c7\u03b1\u03c1\u03c4\u03b1\u03b5\u03c4\u03cc\u03c2, \u201aPapieradler\u2018.<\/p>\n<p>An den beiden Sonntagen zuvor ist erst \u201aKleiner Karneval\u2018 und dann \u201aGro\u00dfer Karneval\u2018, \u039c\u03b9\u03ba\u03c1\u03ad\u03c2 \u0391\u03c0\u03bf\u03ba\u03c1\u03b9\u03ad\u03c2 und \u039c\u03b5\u03b3\u03ac\u03bb\u03b5\u03c2 \u0391\u03c0\u03bf\u03ba\u03c1\u03b9\u03ad\u03c2, und zwischendurch gibt es auch Umz\u00fcge. Was an den Karnevalssonntagen passiert, davon bekomme ich am Morgen in der Stadt einen Eindruck. Da wimmelt es von Kindern und Eltern. Einige Kinder haben das Gesicht bemalt, aber Verkleidungen sieht man nicht. Sie haben verschiedenfarbige B\u00e4nder um den Hals. Die Farbe weist sie einer Gruppe zu. Es geht darum, ein irgendwo in der Stadt verstecktes Kiste zu finden. Den Weg dorthin findet man durch die L\u00f6sung von R\u00e4tselfragen. Diese Aktion findet am Samstag f\u00fcr die Kleinen, am Sonntag f\u00fcr die Gro\u00dfen statt. Die ganze Stadt kann teilnehmen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">15. Februar (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Syriza tritt in Europa forsch auf, beim Treffer der Finanzminister und der Ministerpr\u00e4sidenten, aber was genau die Vorhaben sind, scheint niemand zu wissen. Jetzt ist von einer \u201eBr\u00fccke\u201c die Rede statt von einer \u201eVerl\u00e4ngerung\u201c des Abkommens. Ob das mehr als Wortkosmetik ist?<\/p>\n<p>Es ist st\u00e4ndig von Investitionen statt von Sparen die Rede, aber andererseits werden private Investitionen nicht gef\u00f6rdert. Die \u00dcbernahme einiger regionaler Flugh\u00e4fen durch Fraport soll r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden.<\/p>\n<p>Auch die chinesischen Pl\u00e4ne werden nicht weiter verfolgt. China hat bereits seinen Fu\u00df im Hafen von Pir\u00e4us und wollte den zu einem ganz wichtigen St\u00fctzpunkt ausbauen. Die Schiffe brauchen eine Woche weniger als nach Hamburg oder Rotterdam. Pir\u00e4us sollte der Umschlagplatz f\u00fcr chinesische Waren in S\u00fcdosteuropa oder in ganz Europa werden. Daraus wird jetzt nichts.<\/p>\n<p>Ganz wichtig im Selbstverst\u00e4ndnis von Syriza und f\u00fcr den Wahlerfolg ist das Vorhaben, zu Hause auszumisten. Die alten Eliten sollen ihre Privilegien verlieren. Das ist auch Volkes Willen. Aber andererseits haben sie sich einen Teil der alten Eliten mit ins Boot geholt: Viele Syriza-Mitglieder sind ehemalige Mitglieder der PASOK, und der rechte Koalitionspartner ist eine Abspaltung der ND. Die Frau von Kammenos, dem F\u00fchrer der ANEL, ist Reederin! Auch mit der Wiedereinstellung der entlassenen Staatsbeamten wird die alte Klientel bedient. Insgesamt ist das alles noch sehr unausgegoren, oder so wirkt es jedenfalls.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">16. Februar (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Post aus der Heimat, mit dem Kreuzwortr\u00e4tsel aus der Zeit. Einige Leute wissen einfach, was der Mann braucht.<\/p>\n<p>\u00dcberraschende Entdeckung beim Vergleich von Statistiken: Der regen\u00e4rmste Monat in Deutschland ist\u00a0 &#8211; Februar! Wer h\u00e4tte das gedacht. Dann kommen eine ganze Reihe von Monaten mit fast denselben Werten: Oktober, M\u00e4rz usw. Am meisten regnet es im Juni. In Griechenland ist das Bild anders: Die Regenmenge nimmt vom Winter auf den Sommer hin kontinuierlich ab. Am wenigsten regnet es im Juni, am meisten in Dezember.<\/p>\n<p>Sehr kommunikativer Vormittag mit Stationen in Ierapetra, Tertsa und Sidonia. Gespr\u00e4chsm\u00f6glichkeiten beim Aufladen des Handys, beim Ausdrucken von Dokumenten, beim Kaffee bei Manolis, beim Besuch in dem Musikgesch\u00e4ft (Flasche Wein als Dank f\u00fcr die CD hingebracht), beim Einkauf in dem kleinen, gro\u00dfen, gro\u00dfen, kleinen Markt in Ierapetra, beim Kaffee bei Jannis und beim Essen in Sidonia. Au\u00dferdem ein Telefongespr\u00e4ch, ein Gespr\u00e4ch mit einer Anhalterin und ein Gespr\u00e4ch mit Zoe, als sie zum Putzen kommt.<\/p>\n<p>Bei Manolis einen Physiklehrer kennen gelernt. Er unterrichtet in einem \u03c6\u03c1\u03bf\u03bd\u03c4\u03b9\u03c3\u03c4\u03ae\u03c1\u03b9\u03bf, einer Mischung aus Volkshochschule und Nachhilfeinstitut. Er fragt, woher ich die grammatischen Termini kenne \u2013 Plural, Aorist, Pronomen \u2013 und Manolis erkl\u00e4rt, dass es beruflich bedingt ist.<\/p>\n<p>Mit Zoe spreche ich \u00fcber B\u00fccher. Auch sie liest viel, am liebsten Thriller (\u03bc\u03c5\u03c3\u03c4\u03ae\u03c1\u03b9\u03bf), vor allem Dan Brown. Sie hat mir ein Buch mitgebracht, ein Geschenk, einfach so: Alexis Sorbas!<\/p>\n<p>Als ich bei den Eltern von Angeliki anrufe und ank\u00fcndige, dass ich demn\u00e4chst mal wieder nach Heraklion kommen wolle, sage ich gleich, diesmal wolle ich zum Essen einladen. Das wird mit lautem Gel\u00e4chter quittiert. Die Botschaft hei\u00dft: \u201eDas kannst du dir abschmieren. Wir sind in Griechenland. Kommt nicht in Frage. Das kannst du in Deutschland machen.\u201c Nur der letzte Satz wird explizit gesagt. Den Rest muss man sich denken.<\/p>\n<p>Bei Jannis frage ich nach der neuen Regierung, ganz unverhohlen. Sehr \u00fcberzeugt ist er auch nicht, aber es sei wichtig, dass sie k\u00e4mpfe. Das habe die andere nicht getan.<\/p>\n<p>Wir sitzen drau\u00dfen in der Sonne, aber als ich meine Begeisterung dar\u00fcber kundtue, warnt er: Geduld. Tats\u00e4chlich sagt die Wettervorhersage neues Ungemach voraus.<\/p>\n<p>Er zeigt mir einen Stein, der auf der Terrasse liegt. Ich frage mich, was das soll, bis er auf eine bestimmte Stelle deutet: Schnecken. Es ist ein Fossil mit dem Abdruck von Schnecken. Er hat den Stein irgendwo in den Bergen gefunden. Ob das bedeutet, dass fr\u00fcher das Meer so weit ging?<\/p>\n<p>Als ich nach dem Essen von Sidonia zur\u00fcckkomme, begegnet mir auf der einsamen Bergstra\u00dfe eine Fu\u00dfg\u00e4ngerin. Ich traue meinen Augen nicht: Es ist dieselbe Frau, die ich am Morgen nach Ierapetra mitgenommen habe! Ich drehe um und fahre sie in ihr Dorf. Sie h\u00e4tte noch ein paar Kilometer Fu\u00dfmarsch vor sich gehabt, immer bergauf.<\/p>\n<p>Statt gelber gibt es hier oben wei\u00dfe Bl\u00fctenpracht am Stra\u00dfenrand: G\u00e4nsebl\u00fcmchen. Ganz normale, ordin\u00e4re G\u00e4nsebl\u00fcmchen, aber in riesigen Mengen.<\/p>\n<p>Dann l\u00f6st sich ein langanhaltender Irrtum auf, ganz von selbst. In den Gespr\u00e4chen mit Jannis ist immer wieder von einem Psychologen die Rede. Ich habe nie herausbekommen, wer dieser Psychologe ist. Und er kommt immer ganz unerwartet vor, ohne Bezug zu dem Gesagten. Und er deutet dabei immer nach oben, in die Berge. Jetzt d\u00e4mmert es mir. Ganz zuf\u00e4llig sehe ich ein Hinweisschild: <em>Sikologos 6 km.<\/em> Sikologos ist ein Ort!<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">17. Februar (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Im Internet eine Szene aus <em>Wer wird Million\u00e4r?<\/em> Gefunden, die Aufzeichnung des ersten Millionengewinns. Es ging darum, wie L\u00f6ffel, Gabel, Messer in Restaurants platziert werden. H\u00f6rte sich leichter an als es dann war, angesichts der Alternativen. Der Kandidat, ein junger Mann, wirkte ziemlich gefasst, auch als er als Gewinner feststand. Auffallend war, wie gute alle gekleidet waren, auch die Kandidaten. Bei der Auswahlfrage musste man vier Athener Sehensw\u00fcrdigkeiten dem Alter nach ordnen. Da habe ich sogar richtig geraten, aber lange gebraucht.<\/p>\n<p>Dann im Fernsehen, auf der Suche nach Nachrichten, ganz zuf\u00e4llig auf eine Sendung \u00fcber Sprache gesto\u00dfen: \u039f\u03b9 \u039b\u03ad\u03c7\u03b5\u03b9\u03c2 \u03a6\u03c4\u03b1\u03af\u03bd\u03b5 \u2013 Die W\u00f6rter sind schuld. Toller Titel. Ganz unaufgeregte Sendung, ganz anders als alles, was ich bisher gesehen habe. Es ging unter anderem um das Wort \u03ba\u03b1\u03c4\u03ac\u03c6\u03c9\u03c1\u03bf\u03c2. Auf der Stra\u00dfe werden Menschen gefragt, was es bedeutet. Eine junge Frau wei\u00df sofort Bescheid und antwortet mit einem Synonym: \u03b1\u03bd\u03c5\u03c0\u03cc\u03ba\u03c1\u03b9\u03c4\u03bf\u03c2. Es bedeutet \u201aunverhohlen\u2018, \u201aaufrichtig\u2018. Alle anderen drucken herum, wie man das in solchen Situationen macht. Kaum einer gibt einfach zu, dass er es nicht wei\u00df. Die meisten versuchen, die Bedeutung aus den beiden Teilen \u03ba\u03b1\u03c4\u03ac und \u03c6\u03c9\u03c1\u03bf\u03c2 abzuleiten, aber das klappt nicht. Und zwar, weil alle an \u03c6\u03c9\u03c1\u03bf\u03c2 mit Omikron denken. Es wird aber mit Omega geschrieben und hat eine ganz andere Bedeutung.<\/p>\n<p>Es kommt auch um den Reimport von \u201egriechischen\u201c W\u00f6rtern, einem meiner Lieblingsthemen, bei den Griechen ein praktisch unbekanntes Ph\u00e4nomen. Ist unter anderem von Phosphor (\u03c6\u03c9\u03c3\u03c6\u03cc\u03c1\u03bf\u03c2) und Cholesterin (\u03c7\u03bf\u03bb\u03b7\u03c3\u03c4\u03b5\u03c1\u03af\u03bd\u03b7), W\u00f6rter, die von ausl\u00e4ndischen Wissenschaftlern, im Falle von Phosphor von einem deutschen Wissenschaftler, gepr\u00e4gt und dann in Griechenland eingef\u00fchrt worden.<\/p>\n<p>Und dann geht es noch um eine Frage, auf die ich seit einiger Zeit eine Antwort suche, aber nicht finde. Und bl\u00f6derweise verstehe ich die Erkl\u00e4rung hier nicht. Es geht darum, ob \u03c4\u03ac\u03be\u03b7 und \u03c4\u03b1\u03be\u03af miteinander zusammenh\u00e4ngen \u2013 \u00e4hnliche Aussprache, \u00e4hnliche Schreibung. Auf das Deutsche \u00fcbertragen: Kommt unser <em>Taxi<\/em> letztlich von \u03c4\u03ac\u03be\u03b7, dem griechischen Wort f\u00fcr \u201aKlasse\u2018? Oder sind das zwei ganz unterschiedliche Wurzeln?<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">18. Februar (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Gestern waren es noch sieben Sonnenstunden, heute sollen es nur zwei sein. Die kurze Zeit am Morgen schnell genutzt, um auf die Piste zu gehen. Dabei ein eiskalter Wind vom Meer. In B\u00f6en stellt er sich wie eine Wand in den Weg, dann dreht er aber gn\u00e4dig bei und schiebt einen von hinten an. Zwischen den Felsbrocken pfeift es und heult es und jault es, dass man an den \u201eErlk\u00f6nig\u201c denkt. Aber wenn der Wind sich dann mal einen Moment legt, ist es still und \u2013 warm!<\/p>\n<p>Gestern im Fernsehen eine \u00dcbertragung aus dem Parlament gesehen, mit einer Rede von Tsipras. Der Vouli wirkt ziemlich klein. Dabei gibt es immerhin 350 Abgeordnete. Es gibt keine Zuschauertrib\u00fcnen und auch keine Saaldiener. Vor einer der Ausgangst\u00fcren steht eine Traube Menschen herum. Es herrscht strenge Disziplin: keine Zwischenrufe, kaum Nebenger\u00e4usche. Wenn geklatscht wird, dann entschieden und alle zusammen. Auffallend ist auch die legere Kleidung. Da hat Syriza stilbildend gewirkt.<\/p>\n<p>Das h\u00e4ufigste Wort in der Rede ist \u03bb\u03ac\u03bf\u03c2, \u2018Volk\u2018. Vom griechischen Volk ist viel die Rede, aber auch von den V\u00f6lkern Europas. Auch sonst gibt es viel Rhetorik, die das neue Selbstbewusstsein widerspiegelt, aber letztlich nichtssagend ist: \u201eGriechenland steht aufrecht, Griechenland zeigt Pr\u00e4senz.\u201c Andere W\u00f6rter, die h\u00e4ufig fallen, sind <em>Troika<\/em> und <em>Fehler<\/em>. Es hei\u00dft, Griechenland habe eine historische Kehrtwende gemacht. Es hei\u00dft aber auch, dass die Arbeitslosen weiter arbeitslos sind.<\/p>\n<p><em>Smaragd, Cannabis, Alabaster, Sesam, Charakter, Talent<\/em>. Alle diese W\u00f6rter wurden, wie ich jetzt in dem Buch \u00fcber das antike Kreta lese, zusammen mit dem Alphabet von den Ph\u00f6niziern \u00fcbernommen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">19. Februar (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Jetzt verstanden, warum ich das mit dem Fasten nie verstanden habe: Das Fasten beginnt schon vor der Fastenzeit! Man nimmt quasi Anlauf, um dann, am Sauberen Montag, voll in Fahrt zu sein. Zuerst werden Fisch und Fleisch abgesetzt \u2013 das gilt jetzt schon \u2013 dann Eier und Milchprodukte. In der Fastenzeit gibt es dann nur noch Gem\u00fcse. Gesoffen wird aber weiterhin. Wein und Raki unterliegen nicht den Fastengeboten. Diese Regeln sind zwar religi\u00f6s verbr\u00e4mt, haben aber vermutlich andere Wurzeln: schonender Umgang mit nat\u00fcrlichen Ressourcen, gemeinschaftsstiftende Rituale, Schonung des K\u00f6rpers. Die Fastenzeit f\u00e4llt auch mit der Laichzeit der Fische zusammen.<\/p>\n<p>Es ist weiterhin unertr\u00e4glich kalt, k\u00e4lter als in Deutschland. In der Nacht sind die Temperaturen auf 2\u00b0 gefallen. Selbst die Kleidung, in die man steigt, ist kalt. Vom Wasser ganz zu schweigen. In den n\u00e4chsten Tagen steigen die Temperaturen zwar, aber die Aussichten sind tr\u00fcb.<\/p>\n<p>Im Mirtos erfahre ich, wie Jana ihren Sohn vom Milit\u00e4r losgeeist hat, jedenfalls vorl\u00e4ufig. Sie hat ihn veranlasst, auf Selbstmordgef\u00e4hrdung zu pl\u00e4dieren. Daraufhin hat er eine Karenzzeit von einem Jahr bekommen. Dann muss er wieder ran. Der Dienst beim Heer dauert neun Monate, der bei Marine und Luftwaffe zw\u00f6lf Monate. Man kann sich f\u00fcr jede der drei Sparten bewerben, wird aber nicht unbedingt genommen.<\/p>\n<p>Im Internet Leserkommentare zu dem soeben beendeten Roman von Maria Tsirita gelesen: Fast durchgehend 5 Punkte, die H\u00f6chstzahl, meist undifferenziertes Lob wie \u201etoll\u201c, \u201ewunderbar\u201c, \u201ebegeisternd von Anfang bis Ende\u201c. Dabei ist es ein h\u00f6chst durchschnittlicher Roman mit schematischen Handlungsstr\u00e4ngen, kaum einem nennenswerten Gedanken, herk\u00f6mmlichen Motiven, wenig stimulierenden Dialogen, profillosen Charakteren und ohne Spur von Humor. Da (ver)zweifelt man an der Urteilsf\u00e4higkeit der Leute.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">20. Februar (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>In der T\u00fcrkei die st\u00e4rksten Schneef\u00e4lle seit 28 Jahren, der erste Schnee in Zypern seit 1998. Und hier ist es auch nicht viel besser. Ich habe wirklich einen schlimmen Winter erwischt.<\/p>\n<p>Ich fahre nach Ierapetra, um dort die gro\u00df angek\u00fcndigte Schatzsuche f\u00fcr Erwachsene zu erleben. In einem Gesch\u00e4ft erfahre ich aber, es sei l\u00e4ngst alles vorbei. Jetzt komme nur noch der Umzug am Sonntag. Vorsichtshalber haben sie inzwischen auch das gro\u00dfe Banner neben der Moschee abgenommen, auf dem das heutige Datum stand. War wahrscheinlich noch vom Vorjahr.<\/p>\n<p>Ich gehe endlich in ein Bekleidungsgesch\u00e4ft, das seit Wochen im Schaufenster sch\u00f6ne, im Preis reduzierte Hemden hat. Auch hier bin ich fast zu sp\u00e4t. Es sind nur noch Reste da. Die erste und die zweite Wahl sind in meiner Gr\u00f6\u00dfe nicht mehr da, aber die dritte. Passt wie angegossen, obwohl ich nur nach Kragengr\u00f6\u00dfe gekauft habe.<\/p>\n<p>An einem Kiosk f\u00e4llt mein Blick auf die Schlagzeilen der Zeitungen: Die Mutter der Schlachten\u201c, \u201eSch\u00e4uble durstet es nach Blut\u201c, \u201eEinigkeit gefordert\u201c, \u201eWarum Berlin ja sagen muss\u201c. Darunter die Sportzeitungen. Sie verk\u00fcnden den Untergang: \u201eSchwarzer Tag\u201c, \u201eNein, nicht auch das noch\u201c, \u201eWaterloo\u201c. Dabei hat Olympiakos nur 2:0 verloren, ausw\u00e4rts. Das ist noch alles drin. Allerdings sind sie der letzte griechische Vertreter auf der europ\u00e4ischen Ebene.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg mache ich an einer Konditorei an der vielbefahrenen Stra\u00dfe Halt, eine moderne Konditorei in einem ganz modernen Geb\u00e4ude. Hier gibt es ein St\u00fcck Baklava, das ein halbes Mittagessen ersetzt, zu passablen Preisen. Ich nehme gleich auch noch ein Schachtel mit \u00e4hnlichem Zeug mit, als Gastgeschenk f\u00fcr den morgigen Besuch in Heraklion. Das wird ganz professionell eingepackt.<\/p>\n<p>Zuhause probiere ich dann den frisch gekauften Rohreiniger aus. Ich muss mich durch die griechischen Instruktionen k\u00e4mpfen. Kaum zu glauben: Man macht das hier mit hei\u00dfem Wasser, und zwar einer Riesenmenge. Es qualmt und dampft wie in einer Hexenk\u00fcche. Ob es wirkt?<\/p>\n<p>Gewisse Motive wiederholen sich in der griechischen Mythologie, wie mir jetzt bei der Lekt\u00fcre des kleinen Bandes wieder auff\u00e4llt: Ikarus f\u00e4llt ins Meer und Helle f\u00e4llt ins Meer. Kinder m\u00fcssen geopfert werden, um Schaden vom Land abzuwenden: Phryxos und Helle, Andromeda, Ifigenia. Und V\u00e4ter sind in der Regel bereit, das zu tun, wie Abraham im Alten Testament. Aber die Kinder werden gerettet, auf wundersame Weise, wie Isaak im Alten Testament. Aus Menschen werden Pflanzen: Aus den Haaren der vor Apollo fliehenden Daphne wird der Lorbeer (griechisch \u03b4\u03ac\u03c6\u03bd\u03b7), aus dem krausen Haar des t\u00f6dlich verwundeten Ampelos erwachsen, als Trost f\u00fcr Dionysos, die ersten Weintrauben (griechisch \u03b1\u03bc\u03c0\u03ad\u03bb\u03b9, \u201aWeinberg\u2018), an der Stelle, wo der tote K\u00f6rper von Narziss lag, wachsen die ersten Narzissen, aus dem Blut des vom Diskus an der Stirn getroffen Hyazinth w\u00e4chst die erste Hyazinthe. Ikaria und der Hellespont haben ihren Namen von Ikarus und Helle, die an diesen Orten ins Meer gefallen sind, das \u00c4g\u00e4ische Meer von \u00c4geus, der sich aus Verzweiflung \u00fcber den vermeintlichen Misserfolg der Expedition seines Sohnes hier ins Meer st\u00fcrzt. Io, die Geliebte des Zeus, von Zeus zur Sicherheit in eine Kuh verwandelt, die auf der Flucht vor einer von der chronisch eifers\u00fcchtigen Hera gesandten Fliege durch die halbe Welt zieht, hat als Namenspatronin gleich zweimal zugeschlagen: Sie \u00fcberquert ein Meer, das \u00a0Ionische Meer, und durchschreitet eine Furt, den Bosporus, die \u201aKuhfurt\u2018.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">21. Februar (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Fr\u00fcher Aufbruch nach Heraklion. Als ich in Knossos ankomme, ist von dem angek\u00fcndigten sch\u00f6nen Wetter noch nichts zu sehen.<\/p>\n<p>Erst treibt es mich aber nicht zu den Minoern, sondern in die Cafeteria. Dort gibt es ein neues Geb\u00e4ck zu entdecken, \u03c1\u03b1\u03c6\u03b9\u03cc\u03bb\u03b7, etwas, was es nach der freundlichden Auskunft des jungen Mannes hinter der Theke nur in Kreta gibt, nicht in Restgriechenland. Es ist, wie immer, ein sehr festes, trockenes, erstaunlich schweres Geb\u00e4ckst\u00fcckchen, mit einer geleeartigen F\u00fcllung, vielleicht aus Weintrauben gemacht. Im Internet ist schwer Information zu beschaffen, da der Name so \u00e4hnlich wie Ravioli klingt.<\/p>\n<p>Das Gel\u00e4nde l\u00f6st bei mir weiterhin keine Begeisterungsst\u00fcrme aus, aber es gibt viele interessante Details zu beobachten. Die Westfassade zum Beispiel, die zum Teil wiederaufgebaut ist und an der noch Brandspuren zu erkennen sind, hatte keinen Eingang. Sie war ganz geschlossen. Hinein in den Palast ging man an der Seite rechts vorbei an der Fassade.<\/p>\n<p>Vor der Westfassade verlaufen auf dem Westhof unregelm\u00e4\u00dfige Prozessionswege, genau wie in Ph\u00e4stos, und davor befinden sich die Kolouri, gro\u00dfe, runde L\u00f6cher, deren Funktion umstritten ist. Einer Quelle zufolge wurden die Reste von Opferungen dort deponiert. Sie stammen noch aus dem Alten Palast. Aber gleichzeitig sind am Boden der Kolouri noch Mauerreste von H\u00e4usern zu erkennen. Das finde ich alles ziemlich verwirrend.<\/p>\n<p>Der Weg in den Palast ist mit unregelm\u00e4\u00dfigen Alabasterplatten, grau, rosa, gedeckt, nach dem mutma\u00dflichen Aussehen wieder an Ort und Stelle gebracht. Die sehen<\/p>\n<p>An der Seite steht auf einer Mauerkrone ein gro\u00dfes Doppelhorn aus Stein, eins der heiligen Symbole der Minoer. Wie kann es sein, dass ich daran schon mal vorbeigelaufen bin, ohne es zu sehen? Es ist gleich auf Augenh\u00f6he.<\/p>\n<p>Bei einigen der halb wiederausgebauten R\u00e4ume oder Geb\u00e4udeteile hat Evans betonierte L\u00e4ngs- und Querbalken eingezogen. Die wirken v\u00f6llig deplatziert, wenn man nicht wei\u00df, welchen Zweck sie haben: Sie imitieren die alten Holzbalken, die fachwerkartig in die W\u00e4nde eingezogen waren. Sie gaben dem Bauwerk Elastizit\u00e4t \u2013 Erdbeben!<\/p>\n<p>Von oben sieht man in ein gro\u00dfes, abgesperrtes Vorratslager hinunter. Dort stehen immer noch <em>in situ<\/em> gefundene Pithoi. In denen wurden Korn, \u00d6l, Wein usw. gelagert. Nur wof\u00fcr? Wenn es f\u00fcr sakrale Zwecke war, ist es m\u00e4chtig viel, wenn es f\u00fcr die Versorgung der ganzen Stadt war, ist es vermutlich zu wenig. Darunter gibt es kastenf\u00f6rmige Versenkungen im Boden. Die dienten als eine Art Tresor f\u00fcr besonders wertvolle Artikel.<\/p>\n<p>Von da aus geht man auf den gro\u00dfen Zentralplatz hinunter. Dort liegt der \u201eThronsaal\u201c. Man sieht drinnen einen auf eine durchlaufende Bank eingearbeiteten Alabastersitz, Evans zufolge der \u00e4lteste Thron Europas. Vor dem Thronsaal ist auch noch ein h\u00f6lzerner Thron, dessen Funktion mir nicht klar wird. Es ist nicht mehr als ein Stuhl, aber der ist perfekt der K\u00f6rperform angepasst und hat eine sch\u00f6ne, die Lehne umlaufenden Dekoration. Drinnen sind an den W\u00e4nden Fabelwesen angebracht. Wie viel davon original ist, kann man nicht erkennen. Man darf den Raum nicht betrachten. Unter den Fabelwesen befinden sich Greifen, mit Adlerkopf, L\u00f6wenk\u00f6rper und Schlangenschwanz. Die Greifen repr\u00e4sentieren die Macht des K\u00f6nigs in der Luft, im irdischen und im unterirdischen Bereich. Das Problem ist nur, dass man nat\u00fcrlich gar nicht wei\u00df, ob hier ein K\u00f6nig auf dem Thron sa\u00df. Vielleicht war es eine Priesterin. Auch auf deren Macht w\u00fcrde die Symbolik der Greifen nat\u00fcrlich zutreffen.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite des Zentralhofs liegt der Eingang zu der gro\u00dfen Treppe, leider versperrt. Deshalb bleibt mir etwas verborgen, was ich gerne gesehen h\u00e4tte (und, wie ich mir jetzt einbilde, damals auch schon mal gesehen habe): Schilde in Form der Acht. Die Schilde der K\u00f6niglichen Wache, die hier untergebracht war, waren nicht oval, sondern hatten die Form einer 8. Und hier ist eine ganze Wand mit diesen Schilden dekoriert. Die Schilde waren so ber\u00fchmt, dass noch Homer sie Jahrhunderte sp\u00e4ter erw\u00e4hnt! Der Sinn der Form war eine Verringerung des Gewichts!<\/p>\n<p>In das Megaron der K\u00f6nigin und das Megaron des K\u00f6nigs kann man auch nur von au\u00dfen hineinsehen. Im Megaron der K\u00f6nigin sind die ber\u00fchmten Delphine an der Kopfseite angebracht. Der Raum hat, das kann man jedenfalls erahnen, etwas Spielerisches. Im Megaron des K\u00f6nigs gab es eine technische Besonderheit, die staunen l\u00e4sst. Die Holzt\u00fcren des Raums konnten ganz in der Wand verschwinden. Bei gutem Wetter muss der Raum dann sehr luftig gewesen sein und gewirkt haben, als w\u00e4re er nur von S\u00e4ulen umstanden!<\/p>\n<p>Wenn man sich auf verschlungenen Wegen wieder zur\u00fcckarbeitet, st\u00f6\u00dft man immer wieder auf Spuren der Kanalisation. Auch die muss technisch anspruchsvoll gewesen sein. Es hei\u00dft, die Kanalisation war so angelegt, dass Senkgruben das mitgef\u00fchrte Erdreich entsorgten und dass das Wasser nur halb so schnell floss, wie es bei einer nat\u00fcrlichen Bewegung flie\u00dfen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Ich finde den Ausgang aus dem Labyrinth und mache mich auf den Weg nach Heraklion. Erst stelle ich das Auto, in einer Reihe mit einem Dutzend anderen, in das absolute Halteverbot am Stra\u00dfenrand am Hafen, aber als ich dann auf dem Weg zur Stadt an einem preisg\u00fcnstigen Parkplatz vorbeikomme, eine Art Privatgesch\u00e4ft auf einem Hinterhof, \u00fcberlege ich es mir noch mal und hole das Auto aus der Gefahrenzone.<\/p>\n<p>Dann geht es direkt zum Hotel und von dort zur Agia Ekaterini. Das ist nicht weit, aber ich finde es trotzdem nicht. Die Frage nach dem Weg l\u00f6st zwei unterschiedliche Reaktionen aus: \u201eKeine Ahnung, nie geh\u00f6rt\u201c sagen die einen. Die anderen sind regelrecht angetan von der Frage, so nach dem Muster: Wow, Agia Ekaterini, ein Ausl\u00e4nder, der sich f\u00fcr unsere ureigene Kultur interessiert. Eine Frage nach dem Arch\u00e4ologischen Museum l\u00f6st nicht solche Reaktionen aus.<\/p>\n<p>Die Kirche ist die Kirche des ehemaligen Katherinenklosters. Wo hier, am Rande eines Platzes im Zentrum, Platz f\u00fcr ein Kloster war, kann man sich gar nicht vorstellen. In der Mitte des Platzes steht die Kathedrale, Agios Minas. Vielleicht ist die neueren Datums und steht da, wo einst das Kloster war.<\/p>\n<p>Jedenfalls ist die Kirche der ideale Ort f\u00fcr das Ikonenmuseum. Einige der ausgestellten Ikonen wurden vielleicht sogar hier im Kloster gemalt.<\/p>\n<p>Die ersten und \u00e4ltesten Ikonen entsprechen dem, was man sich unter Ikonen vorstellt: Heiliger vor Goldhintergrund. Dann aber mischt sich diese \u00f6stliche Tradition mit der westlichen und vereint sich manchmal mit ihr in einem einzigen Bild. Das liegt am Einfluss der Venezianer. Heraklion wurde von den Venezianern als erstes erobert und als letztes verlassen. Aus dem kleinen Hafen wurde in dieser Zeit ein internationaler Umschlagplatz, vielleicht der wichtigste des Mittelmeers. Der Einfluss der Venezianer brachte es auch mit sich, dass Marmor als Untergrund f\u00fcr die Ikonen durch Holz ersetzt wurde.<\/p>\n<p>Gleich die erste Ikone ist ein Klassiker. Ein Pantokrator, mit eindringlichem Blick und leicht orientalischem Aussehen: dunkler Teint, kleiner Mund und ein \u00fcber die Mundwinkel zu beiden Seiten abfallenden Schn\u00e4uzer. So stellt man sich eine Ikone vor.<\/p>\n<p>Eine ganze Reihe von Ikonen wurden von einem gewissen Angelos firmiert, darunter ein Heiliger Georg, der zwar eine R\u00fcstung tr\u00e4gt, aber ganz unmilit\u00e4risch aussieht, mit einem jungenhaften Gesicht und einer kaum sichtbaren Lanze. Dieser Angelos wirkte stilbildend und wurde richtig ber\u00fchmt. Seine Bilder gelangten sogar bis in das Kloster auf dem Sinai. Von seinem Leben wei\u00df man wenig, aber er machte ein Testament, als er sich auf einer gef\u00e4hrlichen Reise nach Konstantinopel befand. Ob er jemals dort angekommen ist, wei\u00df man nicht, aber man kennt den Grund der Reise: Farben kaufen!<\/p>\n<p>Es bildete sich im Laufe der Zeit eine kretische Malschule heraus. Es gab (XV) bis zu 100 Ikonenmaler in Heraklion alleine! Die Nachfrage muss riesig gewesen sein. Die Maler waren Sie waren in Verbindungen von der Art einer Art Gilde organisiert. Als Heraklion an die Osmanen fiel, flohen viele von ihnen auf die Ionischen Inseln, machten dort aber weiter. Ein wichtiger fr\u00fcher Vertreter dieser Schule ist ein gewisser Ritzos.<\/p>\n<p>Die Ikonen aus dieser Zeit sehen ganz anders aus, mit vielen Figuren, konkreten Szenen, Handlungen. Gut gef\u00e4llt mir eine Geburt des Johannes des T\u00e4ufers. Im Zentrum Elisabeth unter einer dicken bestickten Decke, davor das in Windeln gewickelte Kind in den Armen der Amme, am Rand Zacharias, der den Namen des Neugeborenen aufschreibt, unten eine \u201eMohrin\u201c als Magd, oben eine Magd mit einem W\u00e4schekorb auf dem Kopf, darunter werden auf Tabletts H\u00e4hnchen und Wein herangeschafft. Im Zentrum ein gedeckter Tisch, mit Besteck, auch mit Gabeln, dreizackig. Die m\u00fcssen damals noch ziemlich neu gewesen sein.<\/p>\n<p>Richtig Action kommt in einer Enthauptung des Johannes ins Spiel. Verschiedene Szenen vereinen sich in einem Bild. Vorne wird der Kopf abgeschlagen, hinten wird er auf einem Tablett pr\u00e4sentiert. Drei junge Frauen sehen interessiert zu.<\/p>\n<p>Sch\u00f6n auch ein St. Minas auf dem Pferd, mit nackten Waden und Zehen, die unter den Gamaschen hervor lugen. Er h\u00e4lt ein Kreuz und eine Schriftrolle in der Hand.<\/p>\n<p>Aus der sp\u00e4teren Epoche ragt ein gewisser Damaskenos hervor. Er ist mit mehreren wuchtigen, figurenreichen Bildern vertreten. Dabei ist auch eine Heilige Liturgie, was hier ein g\u00e4ngiges Motiv zu sein scheint. In einem Oval sind Priester und Heilige um die Mitte angeordnet, in der Christus und Gottvater und zwischen ihnen der Geist dargestellt sind. Die Figuren tragen Kerzen, Kreuze, Kelche, Waffen, B\u00fccher. Alle, einschlie\u00dflich Christus, sind schr\u00e4g angeordnet, au\u00dfer Gottvater. Der sitzt schnurgerade auf seinem Thron, ein Fels in der Brandung. Zwischen all den Figuren auf dem wenigen freien Platz rundliche K\u00f6pfe von Putten, die wie ein genauer Vorl\u00e4ufer der Putten von Raffael in der Sixtinischen Madonna aussehen.<\/p>\n<p>Dann kommt noch ein Bild, das auf den ersten Blick nicht verst\u00e4ndlich ist. Es stellt das Erste \u00d6kumenische Konzil, das Konzil von Nic\u00e4a. Es ist gemaltes Dogma. Bisch\u00f6fe und Herrscher sind versammelt, wohl auch Papst und Kaiser\u00a0 &#8211; historisch fragw\u00fcrdig \u2013 um Thron und Evangelium herum, w\u00e4hrend der Ketzer Arius in einer dunklen H\u00f6hle traurig auf seinen B\u00fcchern lagert!<\/p>\n<p>Neben Ikonen sind auch liturgische Ger\u00e4te und Gew\u00e4nder und eine Ikonostase ausgestellt, aber auch Ausstattungsteile aus Holz: ein Bischofsthron, ein Baldachin, ein Ambo und kleinere Teile wie Buchhalter. Es wurde alles aus kretischem Holz gemacht, und zwar vorwiegend aus Zedern und Zypressen. Die gibt es heute kaum noch. F\u00fcr die kleineren Teile wurde auch das weichere Holz von Zitrusb\u00e4umen und Mispeln verwandt.<\/p>\n<p>Das Verh\u00e4ltnis von Kretern und Venezianern war anfangs konfliktreich, wurde dann aber immer friedlicher. Als dann Konstantinopel in die H\u00e4nde der Osmanen fiel, stellte sich pl\u00f6tzlich Einigkeit ein: Man hatte einen gemeinsamen Feind. In der Zeit davor war die Uneinigkeit vor allem dadurch bedingt, dass die Venezianer eine Vereinigung der orthodoxen und der katholischen Kirche anstrebten! \u00d6kumene! Aber das scheiterte an den Kretern, die sich durch Sprache, Dogma und Herkunft anders f\u00fchlten.<\/p>\n<p>Dann mache ich mich auf den Weg zu der Einladung, zu den Eltern von Angeliki. Ich werde empfangen wie der verlorene Sohn. Und es ist wieder ordentlich aufgetischt worden. Am besten ist ein mit Reis gef\u00fclltes H\u00e4hnchen. Sowohl das Fleisch als auch die F\u00fcllung: eine Delikatesse. Die Frau des Hauses feuert mich an, auch solange der Teller noch randvoll ist: \u201eNimm!\u201c, \u201eBedien dich!\u201c \u201eIss!\u201c. Und wenn ich dann nachlege, wird das mit \u201eBravo!\u201c quittiert.<\/p>\n<p>Ganz umsonst bekommt man das aber nicht. Man wird immer wieder dazu aufgefordert, die Einmaligkeit der griechischen Gastfreundschaft zu best\u00e4tigen. Dabei hilft mir, dass ich ordentlich dem Wein und Raki zuspreche.<\/p>\n<p>Es wird kurz nach meinen Besichtigungen am Vormittag gefragt, aber ohne echtes Interesse. Als ich vom Ikonenmuseum berichte, sagt sie Frau des Hauses, auch sie liebe Ikonen, und zeigt auf eine kitschige, silbrige Ikonensammlung an der Wand, die alle Patrone der Familie darstellen.<\/p>\n<p>Im Gespr\u00e4ch kommt dann immer wieder \u201eWir Griechen\u201c und \u201eWir sind so\u201c und dann ein paar abf\u00e4llige Bemerkungen \u00fcber Einladungen in Deutschland, bei denen sie anwesend waren. Sie imitiert, wie an einem Kindergeburtstag ein Mann aufstand und sich aus einer Schale ein paar Erdn\u00fcsse nahm, um sich dann wieder hinzusetzen. Sie h\u00e4tten dann die Geburtstagsfeier der Enkelin ausgerichtet, drei\u00dfig Erwachsene, ein Dutzend Kinder, um denen mal zu zeigen, wie man so was macht. Die Tochter im fernen Ausland ist ein Dorn, aber sie reden sich ein, dass es schlie\u00dflich um das Wohl der Tochter gehe und ihnen das wichtiger sei als alles andere. Und dann kommt pl\u00f6tzlich: Ja, aber die H\u00e4user in Deutschland! Und die B\u00fcrgersteige! Und die Parks! Und diese wunderbaren D\u00f6rfer an der Mosel!<\/p>\n<p>Sie ist eine Klucke, und das f\u00e4llt mir jetzt beim zweiten Besuch erst auf. Er ist kl\u00fcger, versucht, zu argumentieren, zu verstehen. Das wird besonders deutlich, als es um P\u00fcnktlichkeit und Planung geht. Ich versuche zu argumentieren, dass das wohl eher soziologische Faktoren sind als Merkmale eines Nationalcharakters, die da zum Ausdruck kommen. Jedenfalls finden sie es sehr vergn\u00fcglich, dass ich am Montag angerufen h\u00e4tte und erst am Samstag gekommen bin. Irgendein anderer Freund von Angeliki h\u00e4tte am gleichen Tag angerufen und sein Kommen angek\u00fcndigt.<\/p>\n<p>Es kommt die Rede auch ohne mein Dazutun auf die politische Lage, aber wir lavieren uns da ganz gut durch. Wenig Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Deutschlands harte Haltung und seine Weigerung, sich die Vorschl\u00e4ge wenigstens anzuh\u00f6ren, aber auch wenig Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das Auftreten der griechischen Regierung, bei der man sich fragen m\u00fcsse, was die denn eigentlich wolle. Darauf k\u00f6nnen wir uns gut verst\u00e4ndigen.<\/p>\n<p>Interessant dann der Kommentar zum \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbild. Das gehe doch nicht, ohne Krawatte, gut, wenn es denn sein m\u00fcsse, aber das Hemd \u00fcber der Hose, das gehe doch nicht. Noch am Tag davor hat eine deutsche Freundin mir gesagt, wie sie das unkonventionelle Auftreten der griechischen Regierung begeistere. Beiden ist vermutlich nicht klarzumachen, dass ihre Urteile ziemlich willk\u00fcrlich sind.<\/p>\n<p>Als ich schon glaube, diesmal verschont zu bleiben, kommt dann die Rede doch noch auf die Sprache. Und mein Martyrium beginnt. Ich werde in die Beweisf\u00fchrung mit einbezogen: \u201eWie hei\u00dft das auf Deutsch?\u201c \u2013 \u201eGlas.\u201c \u2013 \u201eWie hei\u00dft das auf Englisch?\u201c \u2013 \u201eGlass.\u201c \u2013 \u201eSiehst du, so ist das, ihr habt immer nur ein Wort, im Griechischen gibt es mindestens vier verschiedene W\u00f6rter daf\u00fcr. Griechisch ist einfach die reichere Sprache.\u201c Wie soll man damit umgehen?<\/p>\n<p>Nach dem Essen bekomme ich dann noch Bilder vom \u201eDorf\u201c zu sehen. Mit Dorf ist ein Garten gemeint, den er sich au\u00dferhalb Heraklions angelegt hat. Beeindruckend, er hat sich mit der Hilfe eines Freundes nach der Pensionierung darin eingearbeitet, ohne jede Vorkenntnisse, und baut Obst, Gem\u00fcse und Wein an, vor allem Wein. Gut, wenn sich Leute eine Aufgabe suchen. Er geht jedenfalls ganz darin auf. Beim n\u00e4chsten Besuch steht das \u201eDorf\u201c auf dem Programm.<\/p>\n<p>Es ist sechs Uhr, als das Mittagessen beendet ist. Es ist noch hell, und ich nutze die Gelegenheit, zum Grab von Kazantzakis zu gehen, gar nicht weit von hier. Es ist ganz oben auf einer Bastion der venezianischen Stadtmauer gelegen. Die kommt in Heraklion, obwohl sie genauso gut erhalten ist wie die von Chania, gar nicht richtig zur Geltung. Sie kommt im Stadtbild kaum vor, und wenn, dann lenken Baustellen oder h\u00e4ssliche Betonkl\u00f6tze von ihr ab.<\/p>\n<p>Das Grabmal besticht durch seine Schlichtheit. Man mag kaum glauben, dass er wirklich hier begraben liegt. Es sind ein paar l\u00e4ngliche Steinplatten, die hinter- und \u00fcbereinandergeschichtet sind und davor ein einfaches Holzkreuz. Auf den Steinplatten kein Name, keine Daten, nur das ber\u00fchmte Zitat: \u0394\u03b5\u03bd \u03b5\u03bb\u03c0\u03af\u03b6\u03c9 \u03c4\u03af\u03c0\u03bf\u03c4\u03b1, \u03b4\u03b5\u03bd \u03c6\u03bf\u03b2\u03bf\u03cd\u03bc\u03b1\u03b9 \u03c4\u03af\u03c0\u03bf\u03c4\u03b1, \u03b5\u03af\u03bc\u03b1\u03b9 \u03bb\u03ad\u03c6\u03c4\u03b5\u03c1\u03bf\u03c2. \u2013 Ich hoffe nichts, ich f\u00fcrchte nichts, ich bin frei.<\/p>\n<p>Der Standort ist bestimmt gut gew\u00e4hlt, mit Blick auf Stadt und Meer und Berge, aber Kazantzakis hatte vermutlich nicht auf der Rechnung, dass gleich nebenan ein Sportstadion mit Flutlichtmasten stehen w\u00fcrde. Und f\u00fcr mich ist es zu kalt, um die Aussicht zu genie\u00dfen. Man sollte aber an einem w\u00e4rmeren Tag noch mal wiederkommen, um das nachzuholen.<\/p>\n<p>Im Zentrum muss wohl gerade der Karnevalszug zu Ende gegangen sein: Kost\u00fcmierte und \u2013 die Mehrzahl \u2013 nicht Kost\u00fcmierte stehen unter dem Dach der Loggia, stehen um eine B\u00fchne herum, auf der Livemusik gespielt wird \u2013 modern, keine Karnevalsmusik \u2013 und sitzen in Caf\u00e9s und Bars. Es gibt kein Gegr\u00f6le und keine Alkoholleichen. Bei den Kost\u00fcmen immer wieder Andalusierinnen und Mexikaner. Es gibt aber auch eine \u201egriechische\u201c Verkleidung: antike Priesterinnen in langen Gew\u00e4ndern. Sehr sch\u00f6n. Als ich eine der Priesterinnen aus dem Augenwinkel aus der Ferne beobachte, um zu sehen, ob ich ein Photo machen kann, sehe ich, wie sie ein Handy aus der Tasche zieht.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">22. Februar (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Das Hotel ist auf der Stra\u00dfe 1812, eine der zentralen Stra\u00dfen der Innenstadt. Eine andere wichtige Stra\u00dfe, die Verl\u00e4ngerung des Markts, hei\u00dft 1866. Und dann komme ich auf dem Weg zum Parkplatz noch \u00fcber 1770. Nicht zu vergessen der 25. August.<\/p>\n<p>Fast ohne es zu wollen lande ich, durch das helle Bimmeln einer Kirchenglocke aufmerksam gemacht, in einem orthodoxen Gottesdienst. Die Kirche ist klein, obwohl dreischiffig, breit, aber sehr kurz und sehr niedrig. Es kommt fast kein nat\u00fcrliches Licht ins Innere, das aber von Kerzen, Leuchtern und sogar modernen Scheinwerfern ausgeleuchtet ist. Wie immer, ist jeder Quadratmeter ausgemalt.<\/p>\n<p>Der Pope, mit einem schweren, goldbestickten roten Gewand, ist durch eine \u00d6ffnung in der Ikonostase zu sehen, mit dem R\u00fccken zum Volk. Einmal tr\u00e4gt er das kostbar gebundene Evangelikar durch die Kirche. Und dann erscheint er pl\u00f6tzlich mit der langen, schwarzen Kopfbedeckung der orthodoxen Priester.<\/p>\n<p>Die Liturgie ist ein unendlicher Wechselgesang zwischen dem Popen und einer kleinen Schola aus stimmgewaltigen alten M\u00e4nnern. Es ist ein Singsang, orientalisch klingend, etwas leierhaft. An ein paar Stellen werde ich aber auch an traurige galicische Volkslieder erinnert, aber das kann Zufall sein. Der Wechselgesang besteht aus unendlichen Wiederholungen, z.B. beim Kyrie Eleison. Gesprochen wird nie, auch das Evangelium wird \u201egesungen\u201c. Das Thema des Evangeliums ist das Fasten.<\/p>\n<p>Die Gl\u00e4ubigen verneigen sich und bekreuzigen sich, Hunderte von Malen. Und stehen immer wieder auf, um sich dann wieder hinzusetzen.<\/p>\n<p>Zwischendurch kommen immer wieder Einzelne nach vorne, um Kerzen anzuz\u00fcnden, die Ikonen zu k\u00fcssen und sich zu verneigen. Eine Frau in der ersten Reihe ist f\u00fcr die Kerzen zust\u00e4ndig. Sie r\u00e4umt regelm\u00e4\u00dfig ab, l\u00f6scht die halb abgebrannten Kerzen und deponiert sie in einer Box. Die werden wohl recycelt. Das kommt mir ziemlich knausrig vor, schlie\u00dflich muss man f\u00fcr die Kerzen bezahlen.<\/p>\n<p>Ich hatte erwartet, dass mich irgendwie ergriffen sein w\u00fcrde, von der Atmosph\u00e4re und den Ritualen, den Lichtern, Bildern, dem Geruch von Kerzen und Weihrauch, aber ich sitze eher dabei wie ein Ethnograph, der das Treiben der Eingeborenen beobachtet und sich seine Gedanken dazu macht. Immer wieder geht mir durch den Kopf, dass gleichzeitig Millionen anderer Menschen vor dem Computer sitzen und sich Kurzfilme auf U-Tube ansehen, andere sich bei einem Fr\u00fchschoppen die Hucke vollhauen, andere sich die K\u00f6pfe einschlagen und andere unter erb\u00e4rmlichen Umst\u00e4nden schuften, um \u00fcberleben zu k\u00f6nnen. Jede eine Welt f\u00fcr sich, in der globalisierten Welt?<\/p>\n<p>Am Morgen ist in der Innenstadt \u201eAuskehr\u201c. Vor der Lokalen werden mit den breiten Rutenbesen Konfetti und Girlanden aufgefegt. Ansonsten ist die Stadt aber wie ausgestorben.<\/p>\n<p>In einem Bekleidungsgesch\u00e4ft sehe ich ein Schild, auf dem \u03a4\u03b6\u03b9\u03bd steht. Das m\u00fcssen wohl Jeans sein.<\/p>\n<p>Das Historische Museum hat sonntags geschlossen. Schade. Aber es hat Informationen \u00fcber \u00d6ffnungszeiten.<\/p>\n<p>Also gehe ich nochmal ins Arch\u00e4ologische Museum. Diesmal sehe ich mir die Skulpturen an. Die sind in einem eigenen Saal untergebracht. Hier ist in der Regel niemand, so auch heute.<\/p>\n<p>Man kann gut zwei Perioden unterscheiden, die r\u00f6mische Periode, die hier in Griechenland schon fr\u00fch beginnt, und die Periode davor, die Geometrische Periode. Davon gibt es ein paar beeindruckende Exemplare gleich hinter dem Eingang, darunter ein l\u00e4nglicher Reiterfries mit f\u00fcnf ziemlich stereotyp dargestellten Reitern. Die sind unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig klein im Vergleich zu den Pferden. Alle haben eine Lanze, hoch erhoben, in gerader Linie in der Luft gehalten, und ein Schild. Die Pferde haben kein volles Zaumzeug, aber einfache Z\u00fcgel. Alle Reiter wenden sich gegen die Laufrichtung des Pferdes um und sehen den Betrachter an. Man konnte oder wollte die Figuren wohl nicht im Profil darstellen. Die Gesichter sind unterschiedlich, aber nicht individualisiert. Sie sehen nicht wie die Gesichter von Menschen aus. Auffallend ist die Kopfbedeckung. Die sieht regelrecht \u00e4gyptisch aus. Immer wieder sto\u00dfe ich bei der Lekt\u00fcre auf die Verbindung nach \u00c4gypten im Kreta der Antike, schon bei den Minoern. H\u00f6rt sich \u00fcberraschend an, aber so weit ist es ja nicht.<\/p>\n<p>Auch zwei G\u00f6ttinnen, die sich gegen\u00fcbersitzen, haben diesen \u00e4gyptischen Kopfschmuck, und auch ihre Beine sind wie bei alten \u00e4gyptischen Skulpturen dargestellt, in der Form eines W\u00fcrfels.<\/p>\n<p>Eine der nicht endg\u00fcltig erkl\u00e4rten Besonderheiten Kretas ist das Fehlen von Monumentalit\u00e4t. Es gibt keine gro\u00dfen Tempelanlagen, keine \u00fcberdimensionale Skulpturen, auch dann nicht, als sie \u00fcberall in der restlichen griechischen Welt entstehen. Das ist auch hier der Fall. Zwei Erkl\u00e4rungen werden hier geboten: die minoische Tradition \u2013 es gibt mehr Interesse am Detail \u2013 und das Material. Die Skulpturen hier sind aus Poros, por\u00f6sem Sandstein. Der Unterschied zu den r\u00f6mischen Skulpturen ist gut zu erkennen. Da sind die Skulpturen aus Marmor. Es gibt einen gewissen Zeitsprung zwischen den geometrischen und den r\u00f6mischen Skulpturen. Das ist gerade die Zeit, vom 6. vorchristlichen Jahrhundert an, wo Griechenland seinem H\u00f6hepunkt entgegengeht. Da geht es in Kreta bergab.<\/p>\n<p>Die Skulpturen aus der R\u00f6merzeit sind absolut sehenswert. Zuerst sehe ich eine Abschiedsszene. Ein Mann neigt sich seiner Frau und seinem zwischen ihnen stehenden Sohn zu. Der tr\u00e4gt einen Griffelkasten, sie tr\u00e4gt ein Schmuckk\u00e4stchen. Das ist ein Grabdenkmal! Der Mann, der Abschied nimmt, ist der Tote! Die Grabplatte ist aus dem 4. vorchristlichen Jahrhundert, sieht aber viel j\u00fcnger aus.<\/p>\n<p>Dann gibt es ein sch\u00f6nes, kleines Relief mit einem Ringkampf zwischen zwei gefl\u00fcgelten Wesen. Man sieht gut die Bewegung und die Anstrengung. Der eine ist Eros, der andere Anteros, sein Bruder. Der steht f\u00fcr homosexuelle Liebe oder f\u00fcr unerwiderte Liebe. Der Ringkampf ist also ein symbolischer Ringkampf zwischen zwei Auffassungen von Liebe.<\/p>\n<p>Dann kommt eine sch\u00f6ne sitzende Demeter mit dem F\u00fcllhorn. Sie hat den Kopf geneigt und sieht fast nachdenklich aus. Ein \u00fcppiges Gewand legt sich \u00fcber ihre Schultern, ihr gebeugtes Knie und ihren gebeugten Arm.<\/p>\n<p>Davor eine kleinere Doppelskulptur, die den Niobe-Mythos darstellt. Niobe hatte die Kleinigkeit von vierzehn Kindern auf die Welt gebracht, sieben Jungen und sieben M\u00e4dchen. Das machte sie so stolz, dass sie sich br\u00fcstete, mehr wert zu sein als Leto. Die hatte nur zwei Kinder, Artemis und Appolon. Leto lie\u00df sich das nicht gefallen und beauftragte ihre Kinder, alle Kinder Niobes zu t\u00f6ten. Artemis nahm sich der T\u00f6chter an. Hier sieht man, wie sie mit einem Pfeil auf eins der Kinder schie\u00dft, w\u00e4hrend Niobe versucht, sich sch\u00fctzend \u00fcber das Kind zu beugen. Man ahnt aber schon, dass sie zu sp\u00e4t kommt.<\/p>\n<p>An der Stirnwand des Saals zieht eine gro\u00dfe Doppelskulptur die Aufmerksamkeit auf sich, eine m\u00e4nnliche und eine weibliche Figur, mit einem dreik\u00f6pfigen Hund. Das ist Kerberos, der H\u00f6llenhund. Die Figuren sind Pluto und Persephone, aber sie werden, in einem typischen Beispiel von Synkretismus, mit den \u00e4gyptischen G\u00f6ttern Serapis und Isis identifiziert. Die wurden seit der Hellenistischen Periode auch in Griechenland verehrt. Wieder \u00c4gypten! Persephone hat neben Mondsichel und Sonnenscheibe auch ein Sistrum, ein \u00e4gyptisches Musikinstrument, als Kennzeichen.<\/p>\n<p>Dann sehe ich mir noch die B\u00fcsten an, in einer langen Reihe pr\u00e4sentiert. Besonders auff\u00e4llig, wie genau der weibliche Kopfschmuck ausgearbeitet sind. Man kann verschiedene modische Frisuren beobachten. Unglaublich, welcher Aufwand da getrieben wurde, nicht anders als heute. Alle Frisuren sind kunstvoll angelegt. Und an Variation mangelt es nicht: hinten zu einem Pferdeschwanz, zu einem Dutt, zu einem Zopf zusammengef\u00fcgt. Oft vertreten ist eine Frisur, die <em>melon coiffure<\/em> genannt wird. Bei der werden die Haare in streng geformten, eng anliegenden Str\u00e4ngen parallel nach hinten gebunden. Daneben gibt es den <em>honeycomb<\/em>. Da werden die Haare vorne \u00fcber der Stirn hochgesteckt, so dass man den Eindruck hat, es handele sich um eine Krone. Und dann gibt es K\u00f6pfe, bei denen drei verschiedene Frisuren kombiniert sind, vorne, hinten und in der Mitte jeweils eine andere!<\/p>\n<p>Obwohl es noch relativ fr\u00fch ist, mache ich mich auf den Weg aus der an diesem Morgen trostlos wirkenden Stadt. Als ich nach Ierapetra komme, ist es noch zu fr\u00fch f\u00fcr den Karnevalsumzug und zu sp\u00e4t, um noch nach Myrtos und wieder zur\u00fcckzufahren. Aus Verlegenheit sozusagen gehe ich in die Arche. Trotz der fr\u00fchen Zeit ist es dort ziemlich voll. Ich werde freundlich begr\u00fc\u00dft, so als ob man sich an mich erinnerte. Wieder nehme ich was vom Holzkohlegrill, ein Gericht mit dem nicht sehr einladenden Namen Kotsi. Es schmeckt aber hervorragend, vielleicht das beste Fleischgericht, das ich bisher gegessen habe, zart und w\u00fcrzig. Was genau das ist, bleibt offen. In den W\u00f6rterb\u00fcchern erscheint es nicht, und im Internet sto\u00dfe ich nur auf eine Stelle, in der ein Reisender fragt: Was ist Kotsi? Ich w\u00fcrde sagen, eine magere Version von Schweinshaxe.<\/p>\n<p>Dann beginnt der Karnevalszug. Es ist eine bescheidene Angelegenheit. Nicht mehr als vielleicht zehn Gruppen ziehen einmal durch die Stra\u00dfe entlang. Nach weniger als einer Stunde ist alles vorbei. Es wird Konfetti geworfen, sonst nichts, und alle haben Trillerpfeifen. Karnevalsmusik gibt es nicht. Unter den Gruppen, alle einheitlich kost\u00fcmiert hinter einem Wagen hergehend, befinden sich Froschmenschen, W\u00fcrfelm\u00e4nnchen, Enten, Chinesen, \u00c4rzte (mit Verletzten) und katholische Kardin\u00e4le.<\/p>\n<p>Die Zuschauer sind meist nicht verkleidet, ich brauche mich also nicht zu verstecken. Andere tragen alberne Per\u00fccken, alberne Krawatten, alberne H\u00fcte, alberne Brillen und, am schlimmsten von allem, aufblinkende Hasenohren. Pappnasen gibt es gl\u00fccklicherweise nicht. Unter den verkleideten Zuschauern befinden sich Hexen, Teufel, Cowboys, amerikanische Polizisten, Flamenco-T\u00e4nzerinnen, Japanerinnen (aufwendig in Kimonos gekleidet) und der Sensenmann. Eine Krankenschwester steht gleich neben den Erste-Hilfe-Leuten, und erst auf den zweiten Blick sehe ich, dass sie falsch und die echt sind. Und erst auf den dritten Blick sehe ich, dass sie ein Mann ist. Das ist bei einer m\u00e4nnlichen Baucht\u00e4nzerin einfacher. Auch hier spielt Alkohol praktisch gar keine Rolle.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">23. Februar (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Neuer Tiefpunkt beim Wetter. Das Meer ist nicht mehr grau, sondern braun. Wer h\u00e4tte gedacht, dass es noch schlechter werden w\u00fcrde? Dabei ist heute \u039a\u03b1\u03b8\u03b1\u03c1\u03ac \u0394\u03b5\u03c5\u03c4\u03ad\u03c1\u03b1, und den verbringt man sonst drau\u00dfen mit Picknick und Drachensteigen. Genug Wind ist sicher da, aber der w\u00fcrde einem den Drachen aus der Hand rei\u00dfen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">24. Februar (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Bei der Suche nach einer trockenen Strecke komme ich \u00fcber die Br\u00fccke und traue meinen Augen nicht: Myrtos hat einen Fluss! Einen breiten, wasserreichen Fluss mit starker Str\u00f6mung. Und etwas weiter landeinw\u00e4rts gibt es sogar einen Wasserfall, einen breiten, rei\u00dfenden Wasserfall. Und dann werde ich Zeuge von Erosion <em>in action<\/em>. Es grummelt und kracht, ich drehe mich um, und ein ganzer Uferstreifen f\u00e4llt krachend ins Wasser. Jetzt wei\u00df ich, warum das Meer neuerdings braun ist!<\/p>\n<p>Unterwegs begegne ich Apostolos, und der fordert mich auf, auf dem R\u00fcckweg in der Fabrik auf einen Kaffee vorbeizukommen. Zum Kaffee gibt es dann nicht nur das obligate Wasser, sondern auch selbstgemachten Wein. Sieht aus wie Sherry, schmeckt auch \u00e4hnlich, aber wie ziemlich trockener Sherry. Auch er best\u00e4tigt, dass Getr\u00e4nke nicht unter das Fastengebot fallen. Er findet die Frage sogar eher erheiternd. Genauso wie sein Mitarbeiter, der mit uns Kaffee trinkt. Er selbst fastet nur in der ersten und letzten Woche der Fastenzeit, dann aber streng, also auch ohne K\u00e4se und Eier.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">25. Februar (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Kretas wichtigstes Ausfuhrprodukt w\u00e4hrend der r\u00f6mischen Zeit war der Wein. Der wird immer wieder erw\u00e4hnt. Und f\u00fcr seine Qualit\u00e4t gelobt. Unter anderem auf einer in Pompeji gefundenen Amphore. Am h\u00e4ufigsten wird der wegen seines s\u00fc\u00dfen Geschmacks beliebte, aus Rosinen hergestellte <em>passum<\/em> erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>Erstaunlich, wie viele Informationen man aus den kurzen, meist auf Amphoren angebrachten Kommentaren abgeleitet hat, und verbl\u00fcffend, was da alles zutage kommt: Aus einem Heiligtum des Asklepios in S\u00fcdkreta wei\u00df man, dass der Gott der Heilkunst den Kranken Wein mit Pfeffer empfahl!\u00a0 Man kennt Anbaugebiete wie das von Lyttos, dem Zentrum des Weinexports nach Italien. Man kann sogar die Herkunft des Weins durch die Form der Amphoren bestimmen, so wie man heute aufgrund der Flaschenform Riesling von Chianti oder Bordeaux unterscheiden kann. Und wir erfahren, dass es einen Wein gibt, von dem eigens behauptet wird, er werde <em>nicht<\/em> aus Meerwasser gemacht!<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. Februar (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Frustrierter und frustrierender Versuch, die Strecke vom Sonntag abzugehen. Nahc zwei Kilometern den Versuch ersch\u00f6pft und verschwitzt abgebrochen. Da kann man nicht laufen! Ob das alles ein Missverst\u00e4ndnis ist? Es geht \u00fcber steinige, verwinkelte Pfade steil bergauf, man kann nur gehen, nicht einmal wandern, geschweige denn laufen. Aber die Strecke ist als Laufstrecke ausgeschildert! Kein Wunder, dass sie f\u00fcr die 26 km f\u00fcnf Stunden gebraucht haben. Oder vielmehr doch ein Wunder, dass sie es so schnell geschafft haben.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">27. Februar (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Also doch: \u03c4\u03ac\u03be\u03b7 und \u03c4\u03b1\u03be\u03af sind etymologisch verwandt. Dimitra hat ganze Arbeit geleistet und die komplizierte Geschichte erkl\u00e4rt. Unser Wort <em>Taxi<\/em> ist eine Kurzform von <em>Taximeter<\/em> (das wiederum metonymisch f\u00fcr das Auto steht). Und \u03c4\u03ac\u03be\u03b7 schrieb man im Altgriechischen auch mit Jota! Der Diminutiv davon war \u03c4\u03b1\u03be\u03af\u03b4\u03b9\u03bf\u03bd, und davon kommt das heutige \u03c4\u03b1\u03be\u03af\u03b4\u03b9 f\u00fcr \u2018Reise\u2018. Aber was hat das mit \u03c4\u03ac\u03be\u03b7 zu tun? Komplizierte Angelegenheit. Die Bedeutung von \u03c4\u03ac\u03be\u03b7 ist \u201aKlasse\u2018, \u201aOrdnung\u2018, \u201aRang\u2018, und das ist abgeleitet von \u03c4\u03ac\u03c3\u03c3\u03c9, \u201afestlegen\u2018. Und was \u201efestgelegt\u201c wurde, das war im mittelalterlichen Heer die Verlegung einer Einheit von einem Ort zu einem weiter entfernten Ort. Das Milit\u00e4r hat uns also die Reise beschert.<\/p>\n<p>Am Mittag kommt pl\u00f6tzlich, im wahrsten Sinne des Wortes aus heiterem Himmel, ein Sturm auf, wie ich ihn hier die ganze Zeit noch nicht erlebt habe. Obwohl die Fensterl\u00e4den geschlossen sind, \u00f6ffnen sich die Fenster durch den Druck, den der Wind aus\u00fcbt. Es regnet herein. Ich muss mich mit dem ganzen K\u00f6rper gegen die Fenster stemmen, um sie zu schlie\u00dfen und geschlossen zu halten. Nach einer Viertelstunde ist der Spuk vorbei. Unglaublich!<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich hier das Gr\u00e4uelwetter ertrage und sehns\u00fcchtig auf Besserung warte, ist es im ganzen westlichen Mittelmeer wunderbar, sonnig und warm, ob Andalusien, Algarve oder Mallorca. Aber auch in Jerusalem, wo ich im Februar Herbstst\u00fcrme erlebt habe, ist es genauso sch\u00f6n. In den anderen Teilen Israels sowieso. Selbst auf dem griechischen Festland war dieser Tage Traumwetter, w\u00e4hrend es hier sch\u00fcttete.<\/p>\n<p>Am Abend im Mirtos fordert mich Apostolos auf, mich neben ihn zu setzen. Ich nehme das gerne an, und es entspinnt sich ein anregendes Gespr\u00e4ch. Nur habe ich nicht bedacht \u2013 und er vielleicht auch nicht \u2013 dass er fastet und ich vor seiner Nase Lamm mit Kartoffeln verdr\u00fccke.<\/p>\n<p>Er spricht mich sofort auf den Sturm vom Mittag an. So etwas habe er in vierzig Jahren noch nicht erlebt. Er war in der Fabrik, und auch da hat es hineingeregnet.<\/p>\n<p>Ich erz\u00e4hle vom Lauf am Sonntag und dem Gel\u00e4nde, und er sagt, das m\u00fcsse ein Missverst\u00e4ndnis sein. Da k\u00f6nne kein Lauf stattfinden, h\u00f6chstens eine Wanderung. Ich solle Wanderschuhe statt Laufschuhe anziehen. Hoffentlich hat er recht.<\/p>\n<p>Die Rede kommt auf Literatur und auf den <em>Zorbas<\/em>, den Zoe mir geschenkt hat. Er spricht in h\u00f6chsten T\u00f6nen von dem Buch. Als ich frage, ob er es gelesen habe, sagt er halbherzig ja. Und bringt die Rede auf den <em>Erotokritos<\/em>. Das sei Literatur. Das solle ich mal lesen. Ich antworte, dazu sei mein Griechisch bestimmt nicht ausreichend. Wieder frage ich, vom Satan angetrieben, ob er es gelesen habe. Erst sagt er ja, dann gibt er zwischen den Zeilen zu verstehen, dass er es von den Liedern kenne. Das h\u00f6rt sich wahrscheinlicher an. Und bezieht sich auf einige wenige Passagen. Es gebe Leute, die den ganzen Text auswendig k\u00f6nnten. Den ganzen Text, wiederholt er, als ich darauf nicht mit genug Verwunderung reagiere.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">28. Februar (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Gro\u00dfer interkulturelle Herausforderung: Wo bekommt man hier einen Kamm? Drogerien gibt es nicht. Apotheke? Supermarkt! Da gibt es wirklich welche, aber keiner eignet sich als Taschenkamm, und die Qualit\u00e4t ist grottenschlecht.<\/p>\n<p>Im <em>Zorbas<\/em> ist der Raki Femininum. Das ist durchaus \u00fcblich, aber das Neutrum, das ich bisher meist geh\u00f6rt habe, ist auch \u00fcblich. In dem Roman wird der Raki noch warm angeboten, frisch aus dem Kessel.<\/p>\n<p>Im Reiseb\u00fcro gibt es immer noch keine Informationen \u00fcber die F\u00e4hren. Sie werden aber erwartet. Sie m\u00fcssten \u201ejeden Tag\u201c kommen. Preislich tun sich F\u00e4hre und Flugzeug nichts, Auto bei der F\u00e4hre eingerechnet.<\/p>\n<p>Manolis versichert mir, dass es sich um einen Lauf handele morgen. Keine Wanderschuhe, Laufschuhe. Am Anfang sei es ein bisschen hart, aber sp\u00e4ter komme eine ebene Strecke. Sie mussten wegen des vielen Regens die Strecke ab\u00e4ndern!<\/p>\n<p>Mal wieder bei Lidl gewesen, und da aus Nostalgie Sandringe gekauft. Das Gesch\u00e4ft l\u00e4uft gut, hat man den Eindruck. Vor allem die W\u00fchltischen in der Mitte sind begehrt: Freizeitschuhe, Taucherbrillen, Motorradhelme.<\/p>\n<p>Raus aus der NATO! Raus aus der EG! Zusammenarbeit mit Russland und den arabischen Staaten! Abbau der amerikanischen Milit\u00e4rbasen in Griechenland! Das waren einige der Parolen, mit denen Papandreou in den siebziger Jahren die Wahlen gewann. Aus all dem wurde nachher nichts. Lautstarke Ank\u00fcndigungen haben offensichtlich Tradition. Nachdem Syriza jetzt einerseits eingeknickt ist (so sehen es jedenfalls viele), andererseits nach der Einigung mit der Troika (die nicht mehr so hei\u00dfen darf) wieder die alten Forderungen aufgreift, hoffen einige und f\u00fcrchten andere, dass es Tsipras genauso ergeht wie Papandreou.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1. M\u00e4rz (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Bei dem Lauf in Mithi \u2013 dem \u039c\u03b9\u03bd\u03c9\u03b9\u03ba\u03cc \u039c\u03bf\u03bd\u03bf\u03c0\u03ac\u03c4\u03b9 \u039c\u03cd\u03b8\u03c9\u03bd \u2013 ist alles wie bei uns: parkende Autos am Stra\u00dfenrand, Musik aus Lautsprechern, Moderator mit Mikrophon, Startnummern, bedrucktes Laufshirt zur Erinnerung, ein gro\u00dfer, halbkreisf\u00f6rmiger Bogen, der Start und Ziel markiert. Und das in diesem kleinen, verlassenen Nest, in dem ich bisher noch nie auch nur einen Ausw\u00e4rtigen gesehen habe.<\/p>\n<p>Auch die Vorstellung von angemessener Laufkleidung ist, wie immer, uneinheitlich: kurze und lange Hosen, mit und ohne Jacke, mit und ohne M\u00fctze, einfache Sportklamotten oder kompletter Outfit aus dem Sportfachgesch\u00e4ft. Manolis hat das komplette Outfit. Er hat auch eine Kamera dabei und macht ein Photo von uns vor dem Start. Au\u00dferdem stellt er mich dem Mann am Mikrophon vor, der auch beruhigend auf mich einredet: langsam gehen lassen, es ist keine reine Laufstrecke.<\/p>\n<p>Es ist warm, der bisher w\u00e4rmste Tag des Jahres, fast zu warm zum Laufen, aber es geht in die Berge.<\/p>\n<p>Die ganze Organisation ist perfekt. Nur eins ist typisch griechisch: Wir starten mit einer halben Stunde Versp\u00e4tung.<\/p>\n<p>Meine Sorge, von vornherein hoffnungslos abgeh\u00e4ngt zu werden, verfl\u00fcchtigt sich sofort. Die meisten lassen es langsam angehen. Dabei kann man den ersten Kilometer noch ganz gut laufen, aber auch da gehen viele schon einfach die steile Stra\u00dfe hinauf.<\/p>\n<p>Dann kommt der Pfad, auf dem man \u00fcberhaupt nicht laufen kann, es sei denn, man legt es darauf an, sich die Haxen zu brechen. Der Pfad ist so eng, dass wir im G\u00e4nsemarsch raufgehen.<\/p>\n<p>Dann kommt eine Strecke mit weicherem Boden, die nicht mehr so steil ist, aber immer noch steinig. Hier laufen viele ganz locker an mir vorbei. Irgendwann fragt ein L\u00e4ufer einen anderen, der mit GPS ausgestattet ist: \u00abWie viel haben wir?\u201c \u2013 \u201e3,3 Kilometer.\u201c\u00a0 Die Reaktion ist bezeichnend: \u201e\u039c\u03cc\u03bd\u03bf; &#8211; Erst?\u201c<\/p>\n<p>Es geht an einer Felswand vorbei, unter einem \u00fcberragenden Felsbrocken durch, an einem rauschenden Gebirgsbach entlang und dann \u00fcber den Bach. Da stehen tats\u00e4chlich Sanit\u00e4ter, die aufpassen, dass wir alle unbeschadet r\u00fcberkommen.<\/p>\n<p>Die Strecke ist markiert, mit roten Punkten auf Steinen, alle Naselang. Unglaublich! Hier muss jemand mit einem Farbtopf entlanggegangen sein.<\/p>\n<p>Erst nach vier Kilometern kommen wir oben an. Da ist die erste Verpflegungsstation: Bananen, Apfelsinen, N\u00fcsse, Pl\u00e4tzchen, Wasser, Saft. Sagenhaft! Sie m\u00fcssen auf einem anderen Weg hier rauf gekommen sein, denn neben dem Stand steht ein Auto.<\/p>\n<p>Hier oben ist es kalt. Jetzt sind die mit den Jacken im Vorteil. Hier oben kann man ein bisschen laufen, aber man ist irgendwie gar nicht in den Rhythmus gekommen. Und bald wird die Strecke auch wieder schwerer.<\/p>\n<p>Wir kommen an einer gro\u00dfen Schafherde vorbei. Die bl\u00f6ken vor Freude, denn es ist Futterzeit. Die Schafe dr\u00e4ngen sich dicht an dicht an den Futterstellen.<\/p>\n<p>Dann, etwa bei der H\u00e4lfte der Strecke, kann man ein paar Kilometer lang richtig laufen. Wunderbar. Wie beschwingt, die Kilometer vergehen im Nu. Ich komme mit einem Athener ins Gespr\u00e4ch, der schon seit zwanzig Jahren auf Kreta lebt. Dann mit einem, der mich immer mit Friend anspricht und mir, nachdem er umst\u00e4ndlich in seinem Beutel herumgew\u00fchlt hat, einen Kraftriegel anbietet.\u00a0 Der bleibt dann aber zur\u00fcck. Dann kommen zwei junge Frauen, die immer wieder zur\u00fcckgefallen sind und mich dann immer wieder \u00fcberholt haben. Jetzt laufen wir eine Zeitlang zusammen. Sie sprechen ununterbrochen, und jedes dritte Wort ist <em>Facebook<\/em>. Dann kommt das Gegenst\u00fcck zum Anfang. Jetzt geht es steil bergab. Ich klage den beiden mein Leid, aber davon wollen sie nichts wissen. Sie spielten Squash und h\u00e4tten damit keine Probleme. Ich mache irgendwann Platz, da ich das Gef\u00fchlt habe, sie aufzuhalten, und tats\u00e4chlich laufen sie locker den steinigen Pfad runter, und ich verliere sie aus den Augen.<\/p>\n<p>Bald h\u00f6rt man die Musik vom Ziel, und dann ist es auch nicht mehr weit. Aber wir haben f\u00fcr die 12,5 km \u00fcber zwei Stunden gebraucht!<\/p>\n<p>Am Ziel steht jemand mit einer Medaille und jemand mit einer Flasche Wasser. Der Moderator fragt mich, wie die Organisation gewesen sei, und ich kann nur mit einem Wort sagen: \u201ePerfekt!\u201c<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">2. M\u00e4rz (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Ein sch\u00f6ner, warmer, sonniger Fr\u00fchlingstag. Wenn die ersten Januartage das Schlimmste f\u00fcr den Rest des Monats ank\u00fcndigten, k\u00fcndigen hoffentlich die ersten M\u00e4rztage das Beste f\u00fcr den Rest des Monats an.<\/p>\n<p>Ausgerechnet heute meinen dicken Anorak aus der Reinigung abgeholt. Man hat das Gef\u00fchl, man werde ich gar nicht mehr brauchen. Der Reinigungsmann hatte mir gesagt, reinigen k\u00f6nne man den Anorak nicht, aber es werde sich schon eine L\u00f6sung finden. Ich solle ihn mal dalassen. Und tats\u00e4chlich. Sieht wie neu aus und ist \u00fcbers Wochenende fertig geworden.<\/p>\n<p>Auf dem Weg nach Ierapetra sieht man am Stra\u00dfenrand den \u201eGartenabfall\u201c liegen. Die Tamarisken sind beschnitten worden, und wie! Es ist mehr abgeschnitten worden als stehen geblieben. Nur noch Baumskelette sind zu sehen, die St\u00e4mme und die St\u00fcmpfe der \u00c4ste, aber kein Zweig und kein Blatt mehr.<\/p>\n<p>Ich frage den Tankwart, ob er der Besitzer der Tankstelle ist. Ein Hinweis von Dimitra, die gesagt hat, dass er, wenn er so viel arbeite, eigentlich kein Angestellter sein k\u00f6nne. Recht hat sie. Er hat die Tankstelle \u00fcbernommen.<\/p>\n<p>Auf gewohnt umst\u00e4ndliche Art druckt die Frau in dem kleinen Copyshop in einer Seitenstra\u00dfe ein paar Texte aus. Mit denen setze ich mich dann in ein Caf\u00e9. Bei Kaffee und Loukoumades, die frittierten Hefeteigb\u00e4llchen. Die habe ich in der ganzen Zeit erst einmal probiert, aber das war nicht der wahre Jakob. Diese hier aber wohl. Sie sind noch warm und schwimmen in einer So\u00dfe aus Honig und gekackten N\u00fcssen und Zimt. Eine Portion ist eigentlich zu viel f\u00fcr eine Person und ersetzt dicke eine komplette Mahlzeit. Aber ich verdr\u00fccke sie trotzdem alle. Die\u00a0 reinste Verf\u00fchrung. Was Adam im Paradies angeboten wurde, m\u00fcssen Loukoumades gewesen sein, nicht ein schn\u00f6der Apfel.<\/p>\n<p>Am Ausgang von Ierapetra steht eine Gruppe von Sch\u00fclern. Einer hebt den Daumen, so, als wenn er mitgenommen werden wollte. Er hat aber nicht damit gerechnet, dass ich anhalte. Als er das merkt, versteckt er sich schnellstens hinter einem Auto. Die anderen sind ganz verwirrt und antworten auf meine Frage, ob ich sie mitnehmen solle, ganz verlegen nein.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">3. M\u00e4rz (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Das Meer ist st\u00fcrmisch, man wird unten an der Uferpromenade fast weggeweht, aber es ist wieder blau, und die Sonne scheint drauf. Mein Optimismus, was das Wetter angeht, wird aber von dem M\u00e4dchen in der B\u00e4ckerei gebremst: Der gro\u00dfe Regen komme noch. Dabei hat es dieses Jahr sowieso schon mehr geregnet als sonst, sagt sie selbst. So viel Fluss h\u00e4tten sie sonst nie.<\/p>\n<p>Orpheus, Eurydike, Leto, Niobe, Narziss, Perseus, Andromeda, Theseus, Hippolyte und Herakles: Alle werden im Griechischen auf einer anderen Silbe betont. Typischerweise ist der Ton im Deutschen nach vorne verschoben, in der Regel um eine Silbe. Die einzige Ausnahme ist <em>Narziss<\/em>, der im Griechischen auf der ersten Silbe betont wird. Dass Betonung, die meist als nebens\u00e4chlich abgetan wird, den W\u00f6rtern einen ganz anderen Klang gibt, ist dieser Tage gerade noch im interfamili\u00e4ren Kontakt zur Rede gekommen, mit Bezug auf vertraute Namen wie Oberhausen und Sterkrade, die in Z\u00fcgen oder Verkehrsnachrichten schon mal anders betont werden. In Fremdsprachen kann das dazu f\u00fchren, dass man das Wort nicht versteht.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">4. M\u00e4rz (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Bei Sonnenschein geht es an die Nordk\u00fcste, nach Chersonisos. Zum ersten Mal wird mir die Fahrt lang, und sie dauert auch wirklich l\u00e4nger als sonst, obwohl es noch vor Heraklion liegt. Chersonisos (\u03c7\u03b5\u03c1\u03c3\u03cc\u03bd\u03b7\u03c3\u03bf\u03c2) bedeutet eigentlich \u201aHalbinsel\u2018, und mit etwas Phantasie kann man auch ein halbinself\u00f6rmiges Dreieck erkennen, an dessen Spitze es liegt.<\/p>\n<p>Chersonisos, das fr\u00fchere Fischerdorf, ist eins der Zentren des Massentourismus auf Kreta, mit wildw\u00fcchsigen Hotel- und Apartmentbauten, mit allem, was sich der Tourist w\u00fcnscht: Diskos, Bars, Leuchtreklamen, Souvenirgesch\u00e4fte, Karussells, Swimmingpools. Es soll 30.000 Hotelbetten haben.<\/p>\n<p>Streng genommen ist das alles allerdings gar nicht Chersonisos, sondern Limenas Chersonisou, also der Hafen von Chersonisos. Chersonisos selbst ist ein kleiner Ort ein paar Kilometer landeinw\u00e4rts. Das erinnert an Mallorca mit den typischen Doppelorten wie Pollen\u00e7a und Port de Pollen\u00e7a, Alc\u00fadia und Port d\u2018Alc\u00fadia. Die Menschen waren klug genug, ihre Orte nicht an der K\u00fcste zu errichten, Meer und Angreifern ausgeliefert. Am Meer lag allenfalls der Fischerhafen. Und so war da reichlich Platz, damit sich der Tourismus ungest\u00f6rt ausbreiten konnte.<\/p>\n<p>Eine unendlich lange, an H\u00e4sslichkeit kaum zu \u00fcberbietende breite Stra\u00dfe f\u00fchrt parallel zur Uferpromenade durch den Ort. Nach vorne, zum Strand hin, befindet sich die Schauseite.<\/p>\n<p>Ich suche nach Hinweisen auf Lychnostatis, aber die sind rar. Am Ortsende sehe ich einen T\u00f6pfer, der vor seiner Werkstatt sitzt, steige aus und frage nach dem Weg. Er fragt mich, woher ich komme und antwortet dann auf Deutsch. Woher er Deutch k\u00f6nne, will ich wissen. \u201eEine lange Geschichte\u201c. Auch gut.<\/p>\n<p>Lychnostatis ist ein Freilichtmuseum, das sich traditionellem kretischen Leben widmet. Es ist ganz in der N\u00e4he, an einer Seitenstra\u00dfe, die sich am Ortsende zum Strand hinunter schl\u00e4ngelt. Das Museum ist nat\u00fcrlich geschlossen, und es gibt nat\u00fcrlich keine Hinweise auf \u00d6ffnungszeiten.<\/p>\n<p>Ich gehe einmal herum und sehe es mir von der Strandseite aus an. Man sieht eine kleine Kirche und ein Windrad. Hier ist es ganz ruhig. Man sieht auf die Hotelburgen in der Bucht, aber die scheinen weit entfernt zu sein, obwohl es nur ein paar hundert Meter sind. Der Blick aufs Meer ist sch\u00f6n wie immer, und hier kann man auch gut sehen, wem Chersonisos seine Beliebtheit bei den Touristen verdankt: feinster, heller Sandstrand.<\/p>\n<p>Eine Alternative zu Lychnostatis w\u00e4re das Aquarium (auf den Hinweisschildern steht <em>Cretaquarium<\/em>, und ich lese immer <em>Krematorium<\/em>), aber die teilen auf ihrer Internetseite mit, dass sie erst am 1. April \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Ich fahre nach Chersonisos rauf, in das eigentliche Dorf. Ein schmuckes, adrettes Dorf, fast so, als w\u00e4re es Teil des Freilichtmuseums. An den Hinweisen kann man erkennen, dass im Sommer hier alles auf touristische Nachfrage eingestellt ist. Um den ovalen Dorfplatz ziehen sich Caf\u00e9s und Tavernen. Eins ist voll mit laut diskutierenden M\u00e4nnern aus dem Ort. Als Fremder f\u00fchlt man sich da ausgeschlossen. Ich gehe in das Caf\u00e9 nebenan. Da ist kein Gast. Es ist warm genug, damit man drau\u00dfen sitzen kann.<\/p>\n<p>Das Caf\u00e9 wird betrieben von einer Belgierin. Ich frage ganz unverhohlen neugierig nach. Sie lebt seit sieben Jahren hier, spricht aber kaum Griechisch, obwohl sie eine Menge versteht. Sie hat erst nur saisonal hier gearbeitet, bei einer Autovermietung. Da hatte sie es nur mit Fremden zu tun. Dann hat sie, zusammen mit ihrem Freund, folgenden Beschluss gefasst: Wir sind in Belgien geboren, aber das bedeutet nicht, dass wir in Belgien sterben m\u00fcssen. Und ist dann ganz hierhergekommen. Auch hier im Caf\u00e9 sind ihre Kunden vorwiegend ausl\u00e4ndische Touristen.<\/p>\n<p>Dann kommt ein Mann auf einen Kaffee rein. Er kommt aus Stuttgart, auch er lebt seit sieben Jahren hier. Unser Gespr\u00e4ch wird unterbrochen von einem Telefongespr\u00e4ch: mein Sohn. Mit dem spricht er flie\u00dfend Griechisch. F\u00fcr sieben Jahre klingt das wirklich gut, obwohl ich mir einbilde, dass er anders klingt als die Einheimischen. Vor allem kann ich ihn viel besser verstehen. Es stellt sich heraus, dass er Sohn von Gastarbeitern ist, beide Eltern Griechen, zweisprachig aufgewachsen. Deutsch spricht er mit deutlich erkennbarem schw\u00e4bischem Akzent.<\/p>\n<p>Als ich ein bisschen \u00fcber die provinzielle Enge von Myrtos klage, macht er eine interessante Bemerkung: Kommen Sie in den Norden! Der Norden ist offener als der S\u00fcden. Das ist, wenn es so ist, historisch nat\u00fcrlich v\u00f6llig einleuchtend. Der S\u00fcden hatte kaum H\u00e4fen und war durch die Berge von dem Rest Kretas abgeschnitten. Es deckt sich komischerweise auch mit meinen Eindr\u00fccken von den kurzen Aufenthalten in den St\u00e4dten an der Nordk\u00fcste.<\/p>\n<p>Dann erz\u00e4hlt er, wie es eine Bewegung in Griechenland gibt, die das Altgriechische wieder aufwertet. Es ginge dabei darum, wieder mehr an die antike Tradition anzukn\u00fcpfen, an ein aufgekl\u00e4rtes, weltoffenes Griechenland, und weniger an die vorherrschende byzantinische Tradition. Die beiden verabschieden mich sehr freundlich. Ich verspreche, wiederzukommen, wenn ich noch mal in der Gegend bin. Zum Essen statt zum Kaffee.<\/p>\n<p>Ich fahre zur\u00fcck und mache einen Abstecher nach Neapolis, das fast an der Strecke liegt. Es ist nichts Besonderes, h\u00f6chstens insofern, als es ein \u201eunverf\u00e4lschtes\u201c kretisches St\u00e4dtchen ist, das Gegenteil von Chersonisos. Hierher verliert sich nie ein Fremder. Es scheint auch keinen zu st\u00f6ren, dass die Buchstaben auf den Hinweisschildern in die n\u00e4chstgelegen Orte fast komplett abgebl\u00e4ttert sind. Wer hier durch die Gegend f\u00e4hrt, wei\u00df sowieso, wo es lang geht.<\/p>\n<p>Der Ort hat eine \u00fcberdimensionale Kirche und einen rechteckigen, langgestreckten Platz um einen Park herum. Im Zentrum sieht man Schwarz-Wei\u00df-Bilder, die dokumentieren, wie fr\u00fcher Oliven\u00f6l produziert wurde. Man sieht auch Pferde, die die Presse bewegen.<\/p>\n<p>Am Rande des Parks das unvermeidliche wei\u00dfe Denkmal f\u00fcr die \u201eHelden\u201c. In zwei Reihen sind die Namen der Gefallenen aufgelistet. Links 1941-1945, rechts 1946-1949. Das muss der B\u00fcrgerkrieg sein.<\/p>\n<p>Ich fahre weiter nach Vrachasi, einem Bergdorf, das im Reisef\u00fchrer unpassend als \u201eGebirgsnest\u201c bezeichnet wird. Dazu ist es zu gro\u00df. Auf dem Weg dahin sieht man bl\u00fchende Mandelb\u00e4ume, auch, als es immer weiter bergauf geht. Einige bl\u00fchen wei\u00df, andere rosa, aber ich wei\u00df nicht, ob beides Mandelb\u00e4ume sind.<\/p>\n<p>Vrachasi steht in seiner Gesamtheit unter Denkmalschutz. Das liegt allerdings vermutlich weniger an der \u201eSch\u00f6nheit\u201c des Ortes als an seiner Struktur: die in den Berghang, dem Bodenniveau angepassten, niedrigen H\u00e4user, die aus Natursteinen gemachten, steilen Wege, die prek\u00e4re Lage zwischen Berg und Schlucht. Unten, an der Durchgangsstra\u00dfe, steht eine gr\u00f6\u00dfere Kirche, und ich komme bei meinem Gang durch das Dorf noch an drei weiteren vorbei! Unten, an der Stra\u00dfe, an der einzigen Stelle, wo der Berg sich ein bisschen zur\u00fcckzieht und etwas Platz bietet, ein Brunnen, ein Denkmal und zwei Tavernen. Bei dem Rundgang sch\u00f6ne Photomotive: ein ganz oben in eine winzige L\u00fccke eingezw\u00e4ngtes, rot-gelbes Auto, eine blauer Stuhl mit einem bunten Blumenkorb, eine steil aufsteigende Gasse mit breiten Stufen, eine au\u00dfen an einem Haus angebrachte, schmiedeeiserne Wendeltreppe, der Blick von oben auf den Dorfplatz. Und dann, am Ortsausgang, ein Lieferwagen, auf dem vorne in gro\u00dfen Buchstaben <em>Getr\u00e4nke<\/em> steht und an der Seite <em>Krombacher<\/em>.<\/p>\n<p>Ich komme wieder nach Neapolis, aber in den Lokalen an dem zentralen Platz gibt es nichts zu essen au\u00dfer einem Sandwich. Die Einheimischen gehen nicht zum Essen aus. Die Lokale sind aber fast alle voll besetzt.<\/p>\n<p>Von der Sonne des fr\u00fchen Vormittags ist nichts mehr zu sehen. Der Himmel ist schwarz-wei\u00df-blau und voller schwerer, niedriger Wolken. Es ist aber warm, so um die 17\u00b0, und ich bin mit meinem kurz\u00e4rmligen Hemd zwar auff\u00e4llig, aber nicht unpassend gekleidet.<\/p>\n<p>Ich fahre nach Agios Nikolaos. Da ich von der anderen Seite in den Ort komme, finde ich meinen angestammten Parkplatz nicht und muss zum ersten Mal f\u00fcr das Parken bezahlen. Der Ort ist noch lebendig und laut, aber das hat sich komplett ge\u00e4ndert, als ich vom Essen zur\u00fcckkomme. Es wirkt wie ein anderer Ort.<\/p>\n<p>Zum Essen gehe ich ins Itanos, etwas versteckt in einer Gasse neben dem zentralen Platz gelegen. Das ist ein Lokal f\u00fcr Einheimische. Es sind alles Einzelg\u00e4ste, die da sind, lauter M\u00e4nner, an getrennten Tischen sitzend. Da passe ich ja gut ins Bild. Eine Karte gibt es nicht, man w\u00e4hlt in der K\u00fcche aus. Alles ist sehr einfach und das Lokal eher unansehnlich, aber das Essen ist gut. Das zweite Glas Wein gibt es auf Kosten des Hauses, \u201eauf das Gesch\u00e4ft\u201c, wie die Bedienung sagt.<\/p>\n<p>Um den Wein wieder abzubauen, gehe ich die Stra\u00dfe zum Arch\u00e4ologischen Museum hoch. Da steht immer noch \u201eClosed Today\u201c, wie vor Monaten. An der Touristeninformation sind die \u00d6ffnungszeiten jetzt nicht mehr \u00fcberklebt. Es ist ge\u00f6ffnet von 8-22 Uhr. Es ist nat\u00fcrlich geschlossen.<\/p>\n<p>Der Supermarkt, wo ich ein paar Kleinigkeiten besorge, ist dagegen nicht nur ge\u00f6ffnet, sondern hat sogar \u00d6ffnungszeiten. Es ist dieselbe Kette wie die, die verschiedene M\u00e4rkte in Ierapetra betreibt. Die haben keine \u00d6ffnungszeiten.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg mache ich an der Abbiegung nach Ierapetra an der K\u00fcste Halt an einer sch\u00f6nen Szenerie: Kirchlein im Vordergrund, im Hintergrund Wasser, Felsen, Wolken.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">5. M\u00e4rz (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Passables Wetter, aber mehr Wolken als Sonne. Von dem wolkenlosen Himmel und dem strahlenden Sonnenschein der Wettervorhersage nichts zu sehen.<\/p>\n<p>Beim Reiseb\u00fcro immer noch keine Informationen zu den F\u00e4hren. Es gibt auch keine Fahrpl\u00e4ne. Auch im Internet nicht. Da muss sich erst Seite f\u00fcr Seite durch das Programm arbeiten, bis man an einem Punkt kommt, an dem man aufgefordert wird, ein K\u00e4stchen zu aktivieren, das sich nicht aktivieren l\u00e4sst. Das hei\u00dft dann wohl, dass es an dem Tag keine F\u00e4hre gibt. Irgendwo im Netz l\u00e4stert ein Brite dar\u00fcber, dass sich die griechischen F\u00e4hren immer bis zwei Wochen vor dem Termin Zeit lassen, aber einen Fr\u00fchbuchertarif anbieten!<\/p>\n<p>Ich versuche es auf Englisch und mache dabei die Entdeckung, dass der englische Kalender anders strukturiert ist als der griechische und der deutsche. Bei denen f\u00e4ngt die Woche am Montag an, in der englischen Version am Sonntag.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">6. M\u00e4rz (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Griechische Regierung bringt die ersten Gesetzesvorlagen ein. Haushalte, die ihre Stromrechnungen nicht bezahlen k\u00f6nnen, werden wieder ans Netz angeschlossen und bekommen ein Guthaben an Strom. Das reicht allerdings nur f\u00fcr ungef\u00e4hr einen Monat. Au\u00dferdem soll es Mietzusch\u00fcsse und Lebensmittelkarten geben, und denjenigen, die mit der Bezahlung von Schulden im R\u00fcckstand sind, sollen die Strafgelder erlassen werden, wenn sie bald zahlen. Das sind sicher alles Ma\u00dfnahmen, die unter dem Gesichtspunkt der sozialen Gerechtigkeit vertretbar sind. Wirtschaftlich d\u00fcrfte es aber unerheblich sein. Und die Aktion soll nur 220 Millionen kosten. Das ist ein Klacks im Vergleich zu den griechischen Schulden. Aber wie sollen sie die Schulden zur\u00fcckzahlen? Nach den neuesten Kalkulationen sind die Steuereinnahmen in den letzten beiden Monaten zur\u00fcckgegangen und liegen hinter den Erwartungen. Kein Land in Sicht. Zwei deutsche Abgeordnete schlagen vor, Reisen nach Griechenland solle man in Deutschland von der Steuer abziehen k\u00f6nnen. Sch\u00f6n und gut, aber was sagen Spanien, Italien, die T\u00fcrkei oder Tunesien dazu?<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">7. M\u00e4rz (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Zum ersten Mal auf die Mehrwertsteuer geachtet, rein zuf\u00e4llig, beim Blick auf die Quittung, die gerade in den Abfall wandern sollte. Es gibt zwei Werte, 13% und 23%. Nur kann ich nicht mehr herausfinden, auf welche Artikel es 23% gibt. Ich habe au\u00dfer Zahnpasta nur Lebensmittel gekauft, und trotzdem sind 5 Artikel mit 23% markiert.<\/p>\n<p>Bei Manolis, der mich gewohnt \u00fcberschw\u00e4nglich begr\u00fc\u00dft, ist noch ein anderer L\u00e4ufer vom letzten Sonntag. Ich kann ihnen nicht folgen, als sie vom Lauf berichten, aber der andere L\u00e4ufer zeigt auf seine kunterbunten Schuhe, als ich davon berichte, dass ein L\u00e4ufer im Wald auf der unebenen Strecke geradezu an uns vorbeigeflogen ist. Es scheinen Spezialschuhe f\u00fcr so ein Gel\u00e4nde zu sein.<\/p>\n<p>Als ich mich drau\u00dfen zum Kaffee\u00a0 hinsetze, kommt ein \u00e4lterer Mann vorbei, der mich fragt, ob ich auf Griechisch lese. Ich sage vorsichtig ja. Er dr\u00fcckt mir ein kleines Faltblatt in die Hand. Auf den ersten Blick ist kaum zu erkennen, worum es geht. Es ist eine Einladung zu einem Vortrag oder einer Feier. Der Herausgeber ist eine Organisation, die JW.ORG hei\u00dft. Dann geht mir ein Licht auf: Jehovah&#8217;s Witnesses. Im Impressum steht ganz klein: <em>Druck und Verlag: Wachturm. Selters Ts. Printed in Germany. <\/em>Die frisch gef\u00f6hnten, blassen jungen M\u00e4nner mit den sauber gestutzten B\u00e4rten auf dem Bild sind Jesus und seine J\u00fcnger.<\/p>\n<p>Dimitras Mann spielt Tuba. Jedenfalls einigen wir uns nach einigem Hin und Her darauf, dass die Tuba gemeint sein muss. Passt auch zu seiner Statur. Er ist Mitglied von dem, was man im Deutschen einen <em>Spielmannszug<\/em> nennt (oder nannte). Am 25. M\u00e4rz bei der Parade k\u00f6nne ich sie h\u00f6ren, sagt er. Erst auf dem R\u00fcckweg, Stunden sp\u00e4ter, geht mir auf: 25. M\u00e4rz = Nationalfeiertag!<\/p>\n<p>Die Tamarisken an der Strandpromenade von Ierapetra, bis vor kurzem nach dem radikalen R\u00fcckschnitt noch kahl, schlagen aus, und wie! Sie sehen ganz merkw\u00fcrdig aus, so als wenn sie einen Wuschelkopf h\u00e4tten. Ganz viel dichtes Gr\u00fcn direkt oben am Ende des Stammes, ansatzlos.<\/p>\n<p>Man macht ein Photo, verspricht sich viel davon und ist entt\u00e4uscht. Und dann macht man ein Photo, hat keine gro\u00dfen Erwartungen und ist begeistert. Passiert mir jetzt immer wieder. Bei den Naturaufnahmen liegt es meistens an den Wolken. Beim Photographieren nimmt man sie kaum wahr, auf dem Photo machen sie den Unterschied. Heute wieder passiert bei den Photos von den Tamarisken. Diesmal keine schweren, dicken Wolken und auch keine geschlossene Wolkendecke, sondern unz\u00e4hlig viele kleine, leichte Wolken, beinahe regelm\u00e4\u00dfig am Himmel verteilt, mit gleichm\u00e4\u00dfigen L\u00fccken dazwischen. Bei den Aufnahmen, die Gegenst\u00e4nde darstellen, ist es anders. Schwer zu sagen, was genau. Vielleicht geben die Photos den einfachen, allt\u00e4glichen Dingen einen Wert, den sie sonst nicht haben.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">8. M\u00e4rz (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Am Abend nach Agios Nikolaos zu einer Lesung. Meine Bef\u00fcrchtung, zu sp\u00e4t zu kommen, ist gegenstandslos. Ich komme f\u00fcnf Minuten zu sp\u00e4t, die Veranstaltung f\u00e4ngt eine halbe Stunde sp\u00e4ter an.<\/p>\n<p>Dimitra ist auch da und stellt mich einem Mann vor, mit dem ich ein bisschen Small Talk betreibe. Sein Vater ist elf Jahre in K\u00f6ln gewesen.<\/p>\n<p>Sie selbst ist mit Mann und Tochter hier. Von denen ist aber nichts zu sehen. Sie sind in die Stadt gegangen, um etwas zu essen. Ob es nicht ein bisschen sp\u00e4t f\u00fcr die Tochter sei, will ich wissen. Ja, das ist es, sagt sie, aber nicht sp\u00e4ter als sonst. Wann die Kinder denn ins Bett gehen, will ich wissen. So um elf. Das haut mich um. Die Kinder sind noch nicht einmal in der Schule. Ja, sagt sie, es sei ihre eigene\u00a0 Schuld. Das habe sich so eingeb\u00fcrgert. Sie h\u00e4tten sich jetzt dran gew\u00f6hnt. Die Kinder schlafen allerdings mittags.<\/p>\n<p>Die Lesung findet in einem abgetrennten Raum einer Caf\u00e9-Bar statt. Sehr sch\u00f6n eingerichtet, aber wenig geeignet f\u00fcr so eine Veranstaltung. Aus dem Nebenraum kommen Leute r\u00fcber, die nicht wissen, dass hier etwas stattfindet, ebenso kommen von drau\u00dfen Leute rein, da dies der einzige Zugang ist. Man h\u00f6rt das Klinken der Gl\u00e4ser und der Eisw\u00fcrfel, die Bestellungen der G\u00e4ste, das Rauschen der Toilette. Au\u00dferdem sind drei junge M\u00e4nner da, die einfach ihre Konversation weiterf\u00fchren und zwischendurch Telefonate machen.<\/p>\n<p>Erstaunlich, wie wenig sich die beiden Darsteller davon beeindrucken lassen. Sie bringen die Sache ganz souver\u00e4n vor. Es ist keine Lesung im eigentlichen Sinne, sondern eine Rezitation mit Gitarrenbegleitung. Eigentlich wechseln sich Gitarre und Rezitation ab, aber hin und wieder kommen sie auch zusammen. Die Rezensentin ist gleichzeitig die Autorin der Texte.<\/p>\n<p>Ich verstehe nur Bahnhof. Dabei sind die Bedingungen erstklassig. Die Rezensentin spricht glasklar, sie hat ein gut funktionierendes Mikrophon, und die Erz\u00e4hlungen haben einen m\u00e4rchenhaften Charakter, so etwas wie M\u00e4rchen f\u00fcr Erwachsene. Die meisten W\u00f6rter sind ganz allt\u00e4glich, aber ich bekomme einfach den Zusammenhang nicht hin.<\/p>\n<p>Das Wort, das am h\u00e4ufigsten vorkommt, ist \u03b3\u03c5\u03bd\u03b1\u03af\u03ba\u03b5\u03c2, \u2018Frauen\u2018. Passt gut. Heute ist ja Weltfrauentag. Am Anfang begr\u00fc\u00dft die Rezensentin alle und begl\u00fcckw\u00fcnscht die anwesenden Frauen mit \u03a7\u03c1\u03cc\u03bd\u03b9\u03b1 \u03c0\u03bf\u03bb\u03bb\u03ac! Das kommt mir aufgrund seiner w\u00f6rtlichen Bedeutung, \u201aViele Jahre!\u2018, ganz unangemessen vor, aber es ist wirklich hier der Ausdruck f\u00fcr alle Gelegenheiten.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">9. M\u00e4rz (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Ganz komisch: Ich kenne Maria, die Vermieterin, als eine umg\u00e4ngliche, freundliche Frau. Ich habe nie auf ihre Stimme geachtet. H\u00e4tte man mich gefragt, h\u00e4tte ich gesagt, dass sie eine warme, angenehme Stimme hat. Jetzt h\u00f6re ich sie immer wieder in heftigen, langen Diskussionen mit den Albanern hier unten. Ihre Stimme ist nicht wiederzuerkennen. Sie ist schrill, unnat\u00fcrlich hoch, \u00fcberschl\u00e4gt sich. Es ist ein einziges Gekreische.<\/p>\n<p>Verr\u00fcckte Gedankenverbindung. Unterwegs \u00fcberlege ich, was wohl \u201aZone\u2018 auf Griechisch hei\u00dft. Es gibt \u03b6\u03ce\u03bd\u03b7, von dem unsere <em>Zone<\/em> abgeleitet ist, aber das hei\u00dft \u201aG\u00fcrtel\u2018. Die Antwort: Es hei\u00dft \u201aZone\u2018 und \u201aG\u00fcrtel\u2018. Von da auf die Frage gekommen, ob ein G\u00fcrtel ein Kleidungsst\u00fcck ist. Eher ja, aber nicht gerade prototypisch. Wenn man jemanden auffordert, ein Kleidungsst\u00fcck zu nennen, spontan, wer sagt dann <em>G\u00fcrtel<\/em>? Hose, Hemd und (bei Frauen) Schuhe sind vermutlich die ersten Anw\u00e4rter. Ist ein Helm ein Kleidungsst\u00fcck? Ein Armband? Ein Kopftuch?<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">10. M\u00e4rz (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Zoe, die Tochter des Hauses, schleppt immer neue B\u00fccher an, die ich lesen soll. Sie hat keine Vorstellung davon, in welchem Schneckentempo ich lese. Interessant aber, dass sie liest und was sie liest, n\u00e4mlich querbeet: Kazantzakis, George Sand, Rosamunde Pilcher, Coelho, Jules Verne, Arundhathi Roy.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">11. M\u00e4rz (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Nachdem sich letzte Woche das gute Wetter der Vorhersage nicht eingestellt hat, stellt sich diese Woche das schlechte Wetter der Vorhersage nicht ein. Noch kein Tropfen Regen, und heute strahlender Sonnenschein.<\/p>\n<p>Gestern den Einkauf bei Lidl gemacht und da f\u00fcr alles nur 13% Mehrwertsteuer bezahlt. Bei Lidl muss man, im Plastikt\u00fcten-Paradies Griechenland, f\u00fcr die Plastikt\u00fcten bezahlen. Warum nicht? Die meisten tun das, einige behelfen sich mit den \u00fcberall herumliegenden Kartons.<\/p>\n<p>Im Zentrum wird einer der gro\u00dfen h\u00f6lzernen Strommasten von einem Bagger mit einem riesigen Greifer zurechtger\u00fcckt oder gest\u00fctzt. Was immer da passiert sein mag: Es sieht nicht sehr vertrauenserregend aus, die Strommasten stehen direkt vor den H\u00e4usern.<\/p>\n<p>In einem Caf\u00e9 im Zentrum einen Artikel \u00fcber Lagos auf Papier gelesen, den ich vorher am Bildschirm gelesen hatte. Dabei gemerkt, dass ich eine zentrale Sache missverstanden und eine andere \u00fcbersehen hatte. Wie kommt das? Warum liest man den gedruckten Text besser als den am Bildschirm? Ist es wirklich einfacher? Oder ist man nur Gefangener alter Lesegewohnheiten? Oder bildet man sich das alles nur ein? H\u00e4tte ich am Bildschirm vielleicht bei der zweiten Lekt\u00fcre dieselben Fehler gefunden? Auf jeden Fall fand ich es praktisch, bei dem gedruckten Text die Zeichnung im Text einfach neben den Text zu legen und immer wieder zu konsultieren, wenn eine weitere Beschreibung kam. Das war hilfreich bei all den\u00a0 (im doppelten Sinne) fremden Namen.<\/p>\n<p>Bei der R\u00fcckkehr nach Hause wieder eine Polizeistreife gesehen. Die steht immer an derselben Stelle, am Stra\u00dfenrand in einem der Durchgangsd\u00f6rfer. Auf dem Polizeiwagen steht <em>Police<\/em>. Das griechische Wort, \u03b1\u03c3\u03c4\u03c5\u03bd\u03bf\u03bc\u03af\u03b1, taucht nirgendwo auf.<\/p>\n<p>Wunderbares Experiment: Eine Linguistin beim Bundeskriminalamt l\u00e4sst ihre Studenten Erpresserbriefe schreiben. Die Sprache soll so sein, dass der Erpresser ungebildet oder wie ein Ausl\u00e4nder klingt. Oder beides. Das machen n\u00e4mlich viele tats\u00e4chliche Erpresser, um ihre Identit\u00e4t zu verbergen. Resultat: kl\u00e4gliches Scheitern! Die Studenten schreiben nicht so, wie Ausl\u00e4nder oder Ungebildete schreiben, sondern so, wie sie glauben, dass sie schreiben. Es wird zu sehr auf Rechtschreibung fokussiert, und die ist dann unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig schlecht im Vergleich zur allgemeinen guten Sprachkompetenz. Es wird viel zu wenig auf Satzbau geachtet, und wenn doch, dann werden elementare Dinge falsch gemacht und gleichzeitig viel schwere richtig. Es wird nicht genug Wert auf den Plural der Substantive gelegt. Da gibt es in den Briefen der Studenten kaum Fehler.\u00a0 Die Muttersprachler haben keine Ahnung von der eigenen Sprache und noch weniger Ahnung davon, welche Schwierigkeiten sie Ausl\u00e4ndern bereitet. Eine Erfahrung, die ich hier jeden Tag mache.<\/p>\n<p>Sp\u00e4t am Abend Interview mit evangelischem Theologen geh\u00f6rt, Friedrich Wilhelm Graf. Ein paar gute Einblicke in die Besonderheiten Griechenlands: Im Gro\u00dfraum von Athen leben ca. 800.000 Muslime, und es gibt keine einzige offizielle Moschee. Es gibt private Beth\u00e4user und moscheeartige Gebilde, aber die haben alle keinen legalen Status. Die griechisch-orthodoxe Kirche ist in Griechenland in vielen Belangen privilegiert (gewesen), sie musste bis vor kurzem keine Abgaben zahlen, obwohl ihr ein Drittel des griechischen Bodens geh\u00f6rt. Junge Griechen wurden bei den jugoslawischen Sezessionskriegen von orthodoxen Geistlichen aufgefordert, f\u00fcr die orthodoxe Sache in den Heiligen Krieg zu ziehen. Die orthodoxen Kirchen kennen keine religionsinternen Aufkl\u00e4rungstraditionen, w\u00e4hrend die lateinischen Kirchen durch die Aufkl\u00e4rungsbewegung des 17. und 18. Jahrhunderts ver\u00e4ndert wurden. Soziologisch gesehen ist au\u00dferdem die orthodoxe Kirche weithin eine Ethnoreligion, mit einem engen Zusammenhang zwischen Heiligkeit der Nation und religi\u00f6sem Kultus.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">12. M\u00e4rz (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Die See ist wieder blau, aber auch st\u00fcrmisch. Es ist eine merkw\u00fcrdige Mischung aus Fr\u00fchling und Herbst. Die Temperaturen sind stabil, mit geringen Unterschieden zwischen Tiefsttemperaturen und H\u00f6chsttemperaturen (10\u00b0-15\u00b0), und das soll sich auch in n\u00e4chster Zukunft nicht \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Gestern Abend blies der Wind die Wolken in einer solchen Geschwindigkeit am Nachthimmel vor sich her, dass es aussah, als wenn der Mond sich bewegte und die Wolken stillstanden.<\/p>\n<p>Sch\u00f6ne Verbindung, die mir nie aufgefallen war und auf die ich jetzt gesto\u00dfen wurde: <em>Anemone<\/em> klingt nach \u03ac\u03bd\u03b5\u03bc\u03bf\u03c2, \u201aWind\u2018. Der alte Plinius hat die Verbindung gesehen und sie so erkl\u00e4rt: Anemone war eine Nymphe, in die sich Zephyr, der Gott des Windes, verliebt hatte. Seine eifers\u00fcchtige Gattin verwandelte Anemone in eine Blume. Das deutsche Wort <em>Windr\u00f6schen<\/em> nimmt die Vorstellung auf.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13. M\u00e4rz (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Schon wieder Freitag, der 13. Den gibt es dieses Jahr dreimal, \u00fcberdurchschnittlich oft. Und nicht nur dieses Jahr. Im kompletten Zyklus von 400 Jahren f\u00e4llt der 13. auf keinen Wochentag so h\u00e4ufig wie auf den Freitag. Auch Freitage fallen auf keinen Monatstag h\u00e4ufiger als auf den 13. (zusammen mit den davon abh\u00e4ngigen 6., 20., und 27.)<\/p>\n<p>Im Dauerregen sitze ich in Caf\u00e9s in Ierapetra herum und widme mich der einzigen noch anstehenden Arbeit von der Uni. Den Versuch, die umfangreiche Arbeit am Bildschirm zu lesen, habe ich nach zehn Seiten aufgegeben und habe die Arbeit in Ierapetra ausdrucken lassen.<\/p>\n<p>Im zweiten Caf\u00e9 hindert mich ein Mann an der Weiterarbeit. Daf\u00fcr ist man ja immer dankbar. Er steht neben meinem Tisch und deutet auf den str\u00f6menden Regen. Ein Wort ergibt das andere und, eher wir uns versehen, sind wir im Gespr\u00e4ch. Ich verstehe zwar nur die H\u00e4lfte, aber er ist auf jeden Fall ein interessanter Gespr\u00e4chspartner. Es geht u.a. um Westkreta und Ostkreta. Er sagt, im Westen, das seien die Dorier. Historisch stimmt das, und man soll das sogar an den Nachnamen erkennen k\u00f6nnen. Ich werde nur nicht schlau daraus, ob er die gut oder schlecht findet. Auf jeden Fall anders.<\/p>\n<p>Es knarrt und quietscht an allen Ecken und Enden, mir fehlen die Worte und ich bekomme meine S\u00e4tze nicht zu Ende, aber er hat Geduld und versteht am Ende auch, was schlecht ausgedr\u00fcckt ist. Es geht um Altgriechisch und die Sprache der orthodoxen Kirche. Ich wende ein, das sei doch wohl nicht dasselbe, aber er besteht zuerst darauf, versteht dann aber, als ich sage, das sei doch wohl nicht die Sprache Platons. Nein, das nicht, da gibt er mir recht. Es geht um Katharevusa und Domitiki. Er hat die Termini vermieden, um es mir nicht zu schwer zu machen, und genau das hat das Missverst\u00e4ndnis heraufbeschworen. Dann wiederholt sich die Sache, als ich die Rede auf Norwegen bringe. Das habe mit Griechisch nichts zu tun, wendet er ein. Ich mache einen zweiten Anlauf, und es klappt. Er ist sogar bestens informiert: Bokm\u00e5l und Nynorsk. Er kennt die Termini und kennt den ganzen Hintergrund. Irgendwo taucht in seinen Erz\u00e4hlungen eine norwegische Frau auf, aber welche Rolle sie genau in seinem Leben spielt, vielleicht Ex-Frau, versteh ich wieder nicht. Er kann auch etwas Norwegisch und findet eine schmeichelhafte Erkl\u00e4rung f\u00fcr meinen Namen, die aber etymologisch nicht standh\u00e4lt. Wieder kommt ein Kommentar, diesmal zu Griechen und Norwegern, offensichtlich einordnend oder wertend, aber wieder verstehe ich nicht, was er an beiden gut und was er nicht so gut findet. Auf jeden Fall sind die anders, die Norweger \u201eruhiger\u201c.<\/p>\n<p>Er l\u00e4sst sich sogar auf meine Argumentation ein, als mal wieder das Argument von dem besonderen Reichtum des Griechischen kommt. Ich bezeichne das als Mythos und, man mag es kaum glauben, er gibt mir am Ende recht. Er meinte wohl in erster Linie, dass Griechisch in alle europ\u00e4ischen Sprachen viele W\u00f6rter exportiert hat. Klar, bezweifelt ja keiner.<\/p>\n<p>Er zitiert hin und wieder was auf Englisch und kann auch ein bisschen Deutsch. Vorbehalte sp\u00fcre ich keine, obwohl er auch von der Politik spricht. Nochmal Gl\u00fcck gehabt. Oder nicht genug verstanden. Was er auf jeden Fall gut findet, ist der Soli, jedenfalls, dass Westdeutschland bei der Vereinigung Ostdeutschland auf die Beine geholfen hat.<\/p>\n<p>Er zitiert, erst auf Griechisch, dann auf Englisch: Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht \u00e4ndern kann, den Mut, Dinge zu \u00e4ndern, die ich \u00e4ndern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Wir einigen uns darauf, dass der dritte Teil der wichtige ist. Das Zitat soll angeblich von Kazantzakis sein. Wirklich? Ja, die norwegische Frau habe das auch nicht geglaubt, aber er habe es ihr gezeigt, in einem Buch von Kazantzakis. Ja, aber das hei\u00dft nat\u00fcrlich nicht, dass es von Kazantzakis stammt. Aber das sage ich nicht mehr. Habe genug widersprochen.<\/p>\n<p>Als unser Gespr\u00e4ch zu Ende ist, hat es aufgeh\u00f6rt zu regnen, die Loukoumades sind kalt, und die Arbeit liegt halb ungelesen daneben.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">14. M\u00e4rz (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Der Regen hat sich verzogen, und es ist fast keine Wolke am Himmel. Es sieht w\u00e4rmer aus als es tats\u00e4chlich ist.<\/p>\n<p>Gestern war man im Reiseb\u00fcro man mein st\u00e4ndiges Nachfragen leid und machte einen Telefonanruf. Ergebnis: keine F\u00e4hre vor dem 9. April. Das ist aber das Datum, was ich schon seit Wochen kenne. Vielleicht hat es gar keine neuen Fahrpl\u00e4ne gegeben, und die Auskunft im Reiseb\u00fcro war einfach falsch. Daraufhin am PC versucht, einen Flug zu buchen. Schrecklich. Probleme mit fehlenden H\u00e4kchen, mit dem Umlaut, mit immer neuen Seiten, auf denen man Autos und Hotels und Versicherungen buchen soll \u2013 die Griechen sind lernf\u00e4hig, sie machen es den Iren nach \u2013 und mit immer wieder zur\u00fcckgesetzten Eingaben. Nach drei Anl\u00e4ufen endlich bis ans Ende des Prozesses gekommen, und dann wurde die Zahlung nicht akzeptiert. Also wieder ins Reiseb\u00fcro. Im ersten wurde mir gesagt, es gebe keine Fl\u00fcge an dem Tag. Katastrophe. Im zweiten klappte es dann. Mit dem Flugzeug hin, mit der F\u00e4hre zur\u00fcck. Die ist viel billiger. Ich hole die Karte raus zu bezahlen. Nein, geht nicht. Keine Kartenzahlung. Ja, wie denn dann? \u00dcberweisung? Nein, alles bar!<\/p>\n<p>Der Nachname <em>Prokop<\/em> kommt in Deutschland ungef\u00e4hr 2000 Mal vor. Ich kenne mindestens zwei der Namenstr\u00e4ger. In einem Text jetzt auf \u03c0\u03c1\u03bf\u03ba\u03bf\u03c0\u03ae gesto\u00dfen, \u201aflei\u00dfig\u2018. Da kann es durchaus einen Zusammenhang geben. Die Prokops sind flei\u00dfige Leute. Aber wie wird ein griechisches Wort zu einem deutschen Nachnamen? \u00dcber einen Heiligen, einen der ersten M\u00e4rtyrer der Christenverfolgungen unter Diocletian. Der wiederum war der Namenspatron eines sp\u00e4teren Heiligen, St. Prokop, dem Patron B\u00f6hmens. Durch ihn wurde der Name in der orthodoxen Kirche, vor allem in Tschechien, Polen, Wei\u00dfrussland und der Ukraine popul\u00e4r. Die Bestandteile des Namens sind pro und kope, \u201avor\u2018 und \u201aschneiden\u2018, und ergeben an sich nicht viel Sinn. Urspr\u00fcnglich war es ein Omen und stand f\u00fcr \u201eErfolg\u201c und \u201eWohlstand\u201c. Christlich wurde das dann als Pionier verstanden und auf den ersten M\u00e4rtyrer angewandt.<\/p>\n<p>Frauen zu verstehen ist schwer genug. Jugendliche zu verstehen auch.\u00a0 F\u00fcnfzehnj\u00e4hrige M\u00e4dchen sind die Potenzierung der Schwierigkeit. Um die geht es in einem der B\u00fccher, die mir Zoe gegeben hat, ein Roman f\u00fcr M\u00e4dchen, ein Buch aus ihrer eigenen Zeit als Teenager. Es klingt alles etwas veraltet, und die Jugendlichen sprechen ein bisschen zu sehr wie Erwachsene. Aber die Konstellation ist interessant: M\u00e4dchen zieht zusammen mit ihrer Mutter von Thessaloniki nach Athen um, nachdem der Vater ins Ausland gegangen ist, wohin ihn die Mutter nicht folgen wollte. Die muss sich irgendwie in der neuen Stadt durchschlagen. Das M\u00e4dchen sch\u00e4mt sich, \u201ekeinen\u201c Vater zu haben und arm zu sein und erfindet einen Handelsvertreter, der st\u00e4ndig unterwegs ist. Ihrer Mutter gibt sie Schuld daran, dass der Vater gegangen ist. Und l\u00e4sst sie das sp\u00fcren. In der Schule wollen alle immer h\u00f6ren, wie toll Athen ist, aber das findet sie \u00fcberhaupt nicht und antwortet ziemlich schroff auf die Fragen. \u00dcberhaupt zeigt sie sich ziemlich kratzb\u00fcrstig und bringt sich selbst immer mehr in eine Au\u00dfenseiterposition, ohne das zu wollen. Konfliktreiche Situation. Keine gro\u00dfe Literatur, aber man kann sich gut in die Lage des M\u00e4dchens versetzen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">15. M\u00e4rz (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Auf dem Weg nach Ierapetra nehme ich einen jungen Franzosen mit, sehr netter Mensch. Es stellt sich heraus, dass auch er eine Art Auszeit genommen hat, obwohl er erst seit drei Jahren arbeitet. Er ist aber noch nicht lange hier und hat sich also die kalte Jahreszeit erspart. Er stammt aus dem Massif Central und hat in Montpellier Literatur studiert. Jetzt erwandert er Griechenland. Er f\u00e4ngt mit Kreta an und macht dann auf dem Festland weiter. Er wandert den ganzen Tag, vom morgens bis abends, mit einer langen Mittagspause. Wir sind fast sofort ein Herz und eine Seele und verst\u00e4ndigen uns schnell \u00fcber unsere Erfahrungen mit Griechenland und den Griechen. In Ierapetra schnallt er seinen riesigen Rucksack um und macht sie daran, die Stadt zu erkunden.<\/p>\n<p>In der Arche wieder dieselbe freundliche Begr\u00fc\u00dfung. Man hat das Gef\u00fchl, ein alter Bekannter zu sein. Bald stellen sich auch Dimitra und Nikos ein. Sie haben ihre kleine Tochter mitgebracht. Sie hat den blassen Teint von Dimitra, aber sonst das Aussehen von Nikos und, wie ich erfahre, auch seinen Charakter. Bei dem Sohn ist die Sache genau umgekehrt verteilt. Das M\u00e4dchen ist ruhig und besch\u00e4ftigt sich selbst mit Malstiften und ein paar Spielsteinchen und sucht dann das Weite mit ein paar anderen Kindern. Es gibt einen Spielplatz in der N\u00e4he, und es fahren hier praktisch keine Autos her. Bis zum Ende des Mittagessens, um sechs Uhr (!), sehen wir sie nicht wieder. Nur die Mutter guckt hin und wieder besorgt nach drau\u00dfen, setzt sich dann aber wieder hin, nachdem sie die spielenden Kinder in der Ferne gesehen hat.<\/p>\n<p>Die beiden kennen die Wirte, gut sogar. Nikos ist mit der Wirtin zur Schule gegangen, und sein Elternhaus ist nur ein Steinwurf entfernt.<\/p>\n<p>Wein oder Bier? Erst sage ich egal, aber dann habe ich das Gef\u00fchl, dass er lieber Bier trinken w\u00fcrde und sage Bier. Ein Volltreffer! Er ist ein passionierter Biertrinker mit gro\u00dfer Expertise und einigem Durchhalteverm\u00f6gen. Er spricht \u00fcber verschiedene Brauprozesse, \u00fcber starkes Bier und \u00fcber alle m\u00f6glichen Marken. Die drei g\u00e4ngigen Marken hier, Mythos, Alpha und Fix, seien alle gleich, sagt er. Dasselbe Bier mit anderem Etikett. Das widerspricht allem, was ich bisher dar\u00fcber gelesen habe. Da wird Alpha als alternatives Bier und Fix als besonders an die deutsche Brautradition angelehntes Bier beschrieben. Alles Quatsch, wie es scheint. Sein Lieblingsbier ist Erdinger. Davon hat er immer eine Flasche im K\u00fchlschrank, obwohl die hier \u00fcber drei Euro kostet. Wie viel kostet eine Flasche Erdinger in Deutschland? Keine Ahnung. Ich verspreche aber, nachzufragen. Sein anderes Lieblingsbier ist Chimay. Das h\u00e4lt der auch f\u00fcr deutsches Bier. Klingt nicht sehr deutsch, sage ich. Er sieht nach, es ist belgisch. Da stimme ich gleich in den Lobgesang \u00fcber belgisches Bier ein und erw\u00e4hne Leffe. Auch das kennt er. Am liebsten trinkt er starkes Bier. Hat schon mal eins mit 30% Alkohol getrunken.<\/p>\n<p>Und was essen wir? Auch alles, solange es kein Fisch ist. Damit renne ich offene T\u00fcren ein. Sein Vater ist Fischer, und der steht im bis dahin. Dimitra ist auch nicht allzu hei\u00df darauf. Ich \u00fcberlasse ihnen die Bestellung, und sie machen genau das, was ich erhofft hatte: Pikilia. Von allem f\u00fcr alle etwas. Wunderbar. Da sind dann auch Dinge darunter, die ich alleine nie bestellt h\u00e4tte, darunter zwei K\u00e4se, \u03be\u03cd\u03b3\u03b1\u03bb\u03b1 und \u03c3\u03c4\u03ac\u03ba\u03b1, beides kretische Spezialit\u00e4ten, beide als Vorspeise. Der erste ist eine wei\u00dfe Masse, von der Konsistenz her wie Tsatsiki, aber milder, das andere sieht aus wie ein Omelett und schmeckt hervorragend. Dann wird gefragt, ob ich etwas gegen Innereien h\u00e4tte. Nee, immer her damit. Es stellt sich als ganz harmlos heraus. Es sind \u03bf\u03bc\u03b1\u03b4\u03b9\u03ad\u03c2, ist eine Art Wurst, die mit Reis mit winzigen Feigen und Rosinen gef\u00fcllt ist. Wo die Innereien sind, ist nicht zu erkennen. Vermutlich ist nur der Darm der Wurst daraus gemacht. Dann werden noch Salat, Kartoffeln und eine riesige Fleischplatte aufgetragen, mehr als wir essen k\u00f6nnen. Der Rest wird mit nach Hause genommen, f\u00fcr den Hund.<\/p>\n<p>Die Konversation ist eine Mischung aus Griechisch und Englisch. Nikos genie\u00dft es, Englisch sprechen zu k\u00f6nnen. Im Laufe der Zeit unterscheidet sich mein Englisch ohnehin nicht mehr sehr von meinem Griechisch. Dimitra spricht durchgehend Griechisch, versteht aber alles, was wir auf Englisch sagen.<\/p>\n<p>Es entwickelt sich ein unterhaltsames Gespr\u00e4ch, es kommt in keinem Moment Langeweile auf oder auch nur die krampfhafte Suche nach Themen. Wir sprechen \u00fcber Gott und die Welt: Kinder, Bier, Frauen, Bulgarien, Preise, Arbeit, Medien, Sprache, Autos. Ganz nebenbei bekomme ich ein paar interessante Einblicke ins Land.<\/p>\n<p>Nikos erinnert mich, auf sympathische Weise, an Lord Melbournes Kommentar \u00fcber Macaulay: \u201eIch w\u00fcnschte, ich w\u00e4re in einer einzigen Sache so sicher wie Macaulay in allen\u201c.<\/p>\n<p>Seine zweite Leidenschaft au\u00dfer dem Bier sind die Autos. Er hat ein, das wie ein Tourenwagen aussieht, nur ohne Reklame, einen Renault. Von dieser Art gibt es nur zwei in ganz Griechenland und keinen weiteren auf Kreta. Er hat 450 PS. Die hatte er nicht beim Kauf, er hat ihn mit Hilfe eines Freundes aufgemotzt.<\/p>\n<p>Voller Begeisterung erz\u00e4hlt er, wie er einmal, von Haust\u00fcr bis Check-in, Ierapetra nach Heraklion in 35 Minuten geschafft hat. Ich brauche das Doppelte, mindestens. Was er denn mit der Zeit machen k\u00f6nne, die er eher als ich da ist, frage ich ketzerisch. Einen Kaffee trinken.<\/p>\n<p>Ob er keine Angst vor den Geschwindigkeitskontrollen habe, will ich wissen. Die Strafen sollen ganz sch\u00f6n heftig sein. Ja, sind sie, aber er kennt die Starenk\u00e4sten und reduziert dort die Geschwindigkeit. Und die Polizeistreifen? Gibt es so gut wie nicht. Die Polizei ist einfach personell so schlecht ausgestattet, dass es kaum Streifen gibt. Das erkl\u00e4rt, warum ich bisher kaum mal ein Polizeiauto gesehen habe.<\/p>\n<p>Wie teuer die Abgaben f\u00fcr ein Auto in Deutschland sind, will er wissen. Steuern? Nein, nicht Steuern. Versicherung? Nein, nicht Versicherung. Ja, was denn dann? Es scheint hier irgendeine Art von Maut zu geben, die jeder dar\u00fcber hinaus bezahlen muss. Er zahlt 600 \u20ac pro Jahr. Und fragt sich, wo all das Geld bleibt.<\/p>\n<p>Ich frage nach seiner Praxis. Ja, l\u00e4uft gut. Aber die Abgaben. Er zahlt 56% Steuern. Ein halbes Jahr lang arbeite ich f\u00fcr den Staat, sagt er. Und die Krise? Ja, die merkt er. Kassenpatienten gibt es genauso viele wie vorher. Nur gibt es einen Unterschied. Die kommen nur noch f\u00fcr die Kassenleistungen zu ihm bzw. gehen zu den anderen physiotherapeutischen Praxen, sieben insgesamt in Ierapetra. F\u00fcr die zus\u00e4tzlichen Leistungen gehen sie zu denen, die schwarz arbeiten. Sie sch\u00e4tzen, dass es davon noch mal f\u00fcnf bis sechs gibt. Die zahlen keine Steuern und bieten die Leistungen billiger an. Und er musste in den ersten Jahren erst mal seine Lizenz f\u00fcr die Berufsaus\u00fcbung und die Lizenz f\u00fcr die Praxis erwerben.<\/p>\n<p>Er hat seine Ausbildung in Bulgarien gemacht, in Plovdiv, jedenfalls einen Teil der Ausbildung, den Rest dann in Athen. Bulgarien sei ein wunderbares Land. Es sei wie Griechenland. Dabei wollte er am Anfang gar nicht dahin. Seine Mutter begleitete ihn bei der ersten Fahrt nach Plovdid. Er sagte ihr unverbl\u00fcmt, da wolle nicht bleiben. Die Mutter, offensichtlich eine kluge Frau, sagte, in Ordnung, dann fahren wir morgen wieder zur\u00fcck. Aber heute sehen wir uns erst mal die Stadt an. Dann seien sie aus dem Haus gegangen, und kaum aus dem Haus habe er gewusst: Hier will ich bleiben! Er muss mir auf die Spr\u00fcnge helfen. Ganz einfach, sagt er mit einem entschuldigenden Blick auf Dimitra: die Frauen! So was habe die Welt noch nicht gesehen. Er sei eben ein J\u00e4ger.<\/p>\n<p>Bei einer der Grenzkontrollen habe man ihn gefragt, wohin er wolle. Nach \u03a6\u03b9\u03bb\u03b9\u03c0\u03c0\u03bf\u03cd\u03c0\u03bf\u03bb\u03b7, habe er gesagt. Er sei eben Grieche, hundert Prozent Grieche. Und das sei ja alles griechisch (gewesen). Also k\u00f6nne die Stadt auch \u03a6\u03b9\u03bb\u03b9\u03c0\u03c0\u03bf\u03cd\u03c0\u03bf\u03bb\u03b7 nennen, \u2018Philippstadt\u2019. Der Grenzer fand das aber nicht so toll und warf ihn raus. Er musste zehn Stunden bei eisiger K\u00e4lte auf den n\u00e4chsten Bus warten. Dann kam derselbe Grenzer mit derselben Frage, und er habe wieder \u03a6\u03b9\u03bb\u03b9\u03c0\u03c0\u03bf\u03cd\u03c0\u03bf\u03bb\u03b7 gesagt. Da habe der Grenzer gemerkt, dass er es mit einem Verr\u00fcckten zu tun habe und habe ihn fahren lassen.<\/p>\n<p>Ich frage nach den Namen der Kinder. Die sind gem\u00e4\u00df der griechischen Tradition vergeben, die Tochter nach der m\u00fctterlichen Gro\u00dfmutter, der Sohn nach dem v\u00e4terlichen Gro\u00dfvater. Ob es so etwas in Deutschland auch gebe. Nein. Darauf ernte ich, wie immer, Blicke voller Mitleid.<\/p>\n<p>Dann setze ich mich fast in die Brennnesseln, als ich nach einem weiteren Kind frage. Das ist wohl Gegenstand eines internen Streits. Wir kommen aber wieder aus der Sache raus, indem das Gespr\u00e4ch auf Dimitras Arbeit kommt. Sie arbeitet nicht wegen der Kinder nicht, sondern weil sie keine Stelle findet. An Gymnasien hier in der Gegend werden seit f\u00fcnf Jahren keine Stellen mehr ausgeschrieben. Und es gibt immer mehr Bewerber als Stellen. Es gibt dann ein strenges Auswahlverfahren. Sie habe es falsch gemacht, findet er. Sie h\u00e4tte Grundschullehrerin werden sollen. Die w\u00fcrden h\u00e4nderingend gesucht. Und jetzt w\u00fcrde man sogar Hausfrauen mit einem Notdiplom einstellen. Warum sie denn nicht die arbeitslosen Gymnasiallehrer einstellen, will ich wissen. Das ginge nicht, sie m\u00fcssten ja alles unterrichten. Ja, aber das kann man doch lernen. Wenn die Hausfrauen das k\u00f6nnen, k\u00f6nnen das doch auch die ausgebildeten Lehrer. H\u00f6rt sich nach einer Verschwendung von Ressourcen an.<\/p>\n<p>Was die Krise angeht, findet er, man solle einfach mehr Geld drucken. Das h\u00e4tten sie in Amerika gemacht, und schon w\u00e4ren sie aus der Krise raus gewesen. Aber da sei Deutschland dagegen. Darauf gibt es bestimmt eine gute Antwort, aber mir f\u00e4llt keine ein. Ich sage nur, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass es so einfache L\u00f6sungen gebe und dass ein Veto von Deutschland reichen w\u00fcrde, wenn alle daf\u00fcr w\u00e4ren. Sie finden aber auch, dass die Griechen selbst verschuldet haben, nicht die anderen.<\/p>\n<p>In dem Zusammenhang kommt die Rede auf Varoufakis. Der hei\u00dfe Jannis. Das schreibe man mit zwei &lt;n&gt;. Aber dessen Name s\u00e4he man jetzt immer mit einem &lt;n&gt;. Nikos wendet sich an seine Frau, und zwar w\u00f6rtlich, er wendet sich zu ihr um und fragt: Was ist denn jetzt richtig? Das solle sie ihm mal sagen. Ich muss lachen. Hier vereinigen sich alle volkst\u00fcmlichen Irrungen und Wirrungen \u00fcber Sprache: Es gibt richtig und falsch, es kann immer nur eine richtige L\u00f6sung geben, und die Expertin muss die Antwort wissen. Wei\u00df sie nat\u00fcrlich nicht.<\/p>\n<p>Als wir dann die Rechnung bestellen, ist das Lokal leer. Mein hilfloser Versuch, die Rechnung zu \u00fcbernehmen, wird gar nicht richtig ernst genommen. Man zieht die Brauen hoch und legt den Kopf leicht nach hinten. Das hei\u00dft nein. Das n\u00e4chste Mal, schlagen sie vor, sollen wir nach Monastiraki fahren. In Ordnung, da werde ich dann zahlen. Mal sehen, sagen sie. Das hei\u00dft nein.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">16. M\u00e4rz (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Servicew\u00fcste Griechenland. Heute gehe ich mit meinem Bargeld zum Reiseb\u00fcro, um meine Fahrkarten abzuholen. Ich rechne mit einer Abfertigungszeit von zwei Minuten, aber denkste. Die Fahrkarten sind noch nicht ausgedruckt, und jetzt muss erst mal der Computer hochgefahren werden. Um zw\u00f6lf Uhr! Das dauert so lange, dass ich aufgefordert werde, erst noch ein paar Besorgungen zu machen und dann wiederzukommen. Vorher muss ich aber zahlen. Das geht alles sehr umst\u00e4ndlich, und dann wir auf einem der alten Quittungsbl\u00f6cke, wie man sie in den sechziger Jahren in deutschen Kontoren hatte, per Hand der Betrag best\u00e4tigt. Da ich keine Besorgungen zu machen habe, gehe ich zu Manolis auf einen Kaffee.<\/p>\n<p>Der ist wie immer bester Dinge, macht mir seinen wunderbaren hei\u00dfen Kaffee und erz\u00e4hlt von diesem und jenem. Er zeigt mir Photos vom Lauf. Start und Ziel und Siegerehrungen in den verschiedenen Kategorien sind vertreten, aber auch Photos von der Strecke. Er hat tats\u00e4chlich die Kamera unterwegs mitgehabt und beim Laufen photographiert. Gut sogar. Jetzt hat er Knieschmerzen, ist schon damit beim Arzt gewesen. Aber er klagt nicht. In unserem Alter \u2026 Ich soll sch\u00e4tzen, wie alt er ist, immer eine delikate Sache, aber diesmal geht es gut. Ich sage 50, er ist 57 und sieht wirklich j\u00fcnger aus.<\/p>\n<p>Als ich wieder zum Reiseb\u00fcro komme, ist die Sache immer noch nicht fertig und werde noch mal weggeschickt. Kurz vor zwei \u2013 um zwei Uhr wird f\u00fcr den Rest des Tages geschlossen \u2013 soll ich wiederkommen. Als ich komme, hei\u00dft es, jetzt werde das Flugticket gleich fertig sein. Das Ticket f\u00fcr die F\u00e4hre dauert noch ein bisschen. Zwischendurch kommt eine Frau rein, dr\u00e4ngt sich ohne ein Wort der Entschuldigung vor und spricht mit dem M\u00e4dchen hinter der Theke, so als wenn ich Luft w\u00e4re. Als sie wieder geht, ist das Flugticket fertig. Das Warten wird dann begleitet von ein paar hilflosen Versuchen, ein Gespr\u00e4ch zu f\u00fchren und peinlichem Schweigen. Dann ist es endlich soweit.<\/p>\n<p>Als ich den Berg zur Villa Mare rauffahre, hangelt sich eine kleine alte Frau, gebeugt gehend, den Hang rauf, mit dem Stock in der einen und einer T\u00fcte in der anderen Hand. Gleichzeitig will sie sich an dem Gel\u00e4nder, das ein St\u00fcck lang an den H\u00e4usern entlang l\u00e4uft, festhalten. Sie kommt kaum weiter. Ich h\u00e4tte sie gleich das St\u00fcckchen im Auto mitnehmen sollen. Oben angekommen, frage ich, ob ich ihr helfen kann und zeige auf das Auto. Sie zeigt auf die T\u00fcte. Die soll ich ihr abnehmen. Ich nehme die T\u00fcte, gehe voraus, und sie dirigiert mich von unten zu dem Eingang, wo ich die T\u00fcte hinlegen soll. Als ich wieder zur\u00fcckkomme, zeigt sie mit der Hand erst auf ihr Herz, dann zum Himmel.<\/p>\n<p>Am Abend gibt es im Mirtos, wo ich mich lange nicht habe blicken lassen, H\u00e4hnchen mit Jogurt. Noch nie probiert. Schmeckt phantastisch. Man sieht vom Jogurt nichts, er ist in die So\u00dfe eingemischt. Es gibt nur ein paar kleine St\u00fccke\u00a0 H\u00e4hnchenfleisch, aber das ist zwar und schmeckt in der So\u00dfe wunderbar. Dazu ganz d\u00fcnn geschnittene M\u00f6hren und ganz d\u00fcnn geschnittene Kartoffelscheiben.<\/p>\n<p>Zum ersten Mal ist wieder eins der Lokale f\u00fcr den Sommer ge\u00f6ffnet, Katerina, im Dorf gelegen. Drau\u00dfen auf der Gasse stehen gedeckte Tische unter bunten Lampen. Es verspr\u00fcht etwas von mediterranem Sommer. Allerdings ist es eigentlich noch zu kalt daf\u00fcr, aber ein Tisch ist tats\u00e4chlich besetzt. Unterwegs habe ich heute auch eine Handvoll Touristen gesehen.<\/p>\n<p>Worauf ich selbst noch nie geachtet habe und erst durch eine Frage gesto\u00dfen worden bin: Man sieht kaum Licht hinter den Fenstern. Aber die H\u00e4user haben keine Rollladen, sondern h\u00f6chstens Fensterl\u00e4den. Die k\u00f6nnen nicht so dicht schlie\u00dfen, und hinter dem einen oder anderen schummert etwas Licht. Entweder sind die H\u00e4user unbewohnt oder es hat etwas mit der Konstruktion der H\u00e4user zu tun: Der Wohnbereich k\u00f6nnte hinter dem Atrium nach innen liegen. Zur Stra\u00dfe hin w\u00e4ren dann nur Flure. Da die Stra\u00dfenbeleuchtung schwach ist, ist es insgesamt doch ziemlich schummrig. Vielleicht tr\u00e4gt das unbewusst auch dazu bei, dass ich abends oft lieber zuhause bleibe.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">17. M\u00e4rz (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Beim Laufen Jannis begegnet. Ganz entgegen seiner Gewohnheit wirkt er ganz bedr\u00f6ppelt. H\u00f6rt sich m\u00e4chtig erk\u00e4ltet an.<\/p>\n<p>Dann hier vor dem Haus Maria mit einem Pinsel in der Hand. Sie streicht die Au\u00dfenmauer. Sie wollen alle Zimmer streichen, sagt sie. Da haben sie sich aber einiges vorgenommen. Ich sehe mir daraufhin mal mein eigenes Zimmer hat. Das hat es definitiv nicht n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Keinen Ehrgeiz zu haben, aber wie ein Hund zu arbeiten, so als ob man Ehrgeiz h\u00e4tte, das sei Gl\u00fcck, meint Sorbas.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">18. M\u00e4rz (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Manolis gefragt, wo ich Erdinger bekommen kann. Er will seine Lieferanten fragen. Gute Idee. Um sicher zu gehen, beschreibt er das Bier und freut sich wie ein Kind, als es sich herausstellt, dass ich ein Wort nicht kenne: \u03bc\u03b1\u03b3\u03b9\u03ac. Das findet er witzig. Er gibt es im Internet ein, aber irgendwie gibt es Probleme mit der Orthographie. Im zweiten Anlauf klappt es dann: Hefe.<\/p>\n<p>Dimitra gibt mir eine Ausgabe einer Regionalzeitung mit, \u0391\u03bd\u03b1\u03c4\u03bf\u03bb\u03b9\u03ba\u03ae \u039a\u03c1\u03ae\u03c4\u03b7, \u2018Ostkreta\u2018. Da ist ein Bericht \u00fcber den Lauf drin, mit der Auflistung aller Teilnehmer. Die Namen der Ausl\u00e4nder sind in lateinischen Buchstaben aufgelistet. Es waren mindestens noch zwei deutsche Frauen am Start.<\/p>\n<p>Ein anderer Artikel ist \u00fcber den Gebrauch der griechischen Buchstaben in der Wissenschaft. Es scheint, dass tats\u00e4chlich jeder Buchstabe irgendetwas bezeichnet. Am bekanntesten ist Pi, aber es gibt zum Beispiel auch einen Stern, der Kappa hei\u00dft.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">19. M\u00e4rz (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Das Wetter ist gut. Im Wetterbericht. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Wind und Wolken. Wolken, Wolken, Wolken, wei\u00dfe, graue, schwarze Wolken, schwere, tiefe\u00a0 Wolken, die hin und wieder sch\u00f6n anzusehen sind, aber bedr\u00fcckend wirken. Und es ist kalt, Wetter f\u00fcr Wollm\u00fctze und Handschuhe. Ich mache mich trotzdem auf den Weg.<\/p>\n<p>Unterwegs \u00a0gibt es in den hintersten D\u00f6rfern manchmal eine elektronische Temperaturanzeige: 6\u00b0. Angek\u00fcndigt waren 20\u00b0. Ich frage mich inzwischen, wie die Wettervorhersagen immer so danebenliegen k\u00f6nnen. Eine Seite ist die von einem Reiseveranstalter. Da k\u00f6nnte man auf die Idee kommen, dass die das aus Werbegr\u00fcnden besch\u00f6nigen. Aber die anderen?<\/p>\n<p>In Gra Ligya, dem Bulgarendorf, halte ich an einem Zebrastreifen, weil eine Frau mit Kind auf dem Arm die Stra\u00dfe passieren will. Keine gute Idee. Das macht man nicht. Ein Auto f\u00e4hrt links an mir vorbei und f\u00e4hrt einfach \u00fcber den Zebrastreifen. Gut, dass die Frau vorsichtig war. Das Auto hat ein bulgarisches Kennzeichen. Mit einem Aufkleber von \u00d6sterreich. Ob der da auch so f\u00e4hrt?<\/p>\n<p>Ich fahre in die Lasithi-Hochebene. Die hat unserem Bezirk seinen Namen gegeben. Nach vielen Kurven kommt Mochos, ein Ort mit einem sch\u00f6nen Dorfplatz mit Plantanen. An einer Seite eine Kirche, sonst \u00fcberall Lokale. Ich gehe in eins, um einen Kaffee zu trinken. Hier brennt der Ofen.<\/p>\n<p>Die Kirche ist geschlossen. Das Patronatsfest ist der 25. M\u00e4rz: Mari\u00e4 Verk\u00fcndigung! Das trifft sich ja gut. Das ist der griechische Nationalfeiertag. Perfektes Symbol f\u00fcr die Verbindung von Staat und Kirche.<\/p>\n<p>Es geht immer weiter bergauf. Ich habe Gl\u00fcck, als ich zum Kloster Kera komme. Da beendet gerade eine Reisegruppe ihre Besichtigung. Vermutlich ist die Kirche nur deshalb ge\u00f6ffnet. Die nette, redefreudige Schwester nimmt mich in Empfang und f\u00fchrt mich durch die kleine Kirche. Ich verstehe l\u00e4ngst nicht alles, aber sie spricht viel von Wundern. Und um die geht es hier auch. Die Bedeutung der Kirche liegt vor allem in einer Ikone, die gar nicht hier ist. Sie ist auf Kreta im 14. Jahrhundert entstanden und hing hier, bis sie von den Venezianern nach Rom entf\u00fchrt wurde, nach San Alfonso. Hier h\u00e4ngt jetzt an einem Pfeiler eine Kopie. Es ist ein wunderbares Bild, mit einer traurigen Gottesmutter, die die Hand des Kindes liebevoll h\u00e4lt. Der Blick des Kindes geht in eine andere Richtung, in die Ferne, der Dinge harrend, die da kommen werden. \u00a0In einer Beschreibung habe ich dieser Tage etwas \u00fcber die ikonographische Bedeutung der Farben gelesen: der braune Umhang steht f\u00fcr Erdverbundenheit, die gr\u00fcne Tunika darunter f\u00fcr Hoffnung, der rote G\u00fcrtel f\u00fcr Leiden. \u00dcber den beiden schweben Engel, die die Leidenswerkzeuge tragen. Ein besonderes Detail, das einem leicht entgehen kann, sind die F\u00fc\u00dfe des Kindes. Sie sind \u00fcbereinander geschlagen, und von einem Fu\u00df hat sich die Sandale gel\u00f6st und f\u00e4llt hinunter.<\/p>\n<p>Die Nonne f\u00fchrt mich vor die Ikonenwand. Hier h\u00e4ngt das Madonnenbild, das das geklaute abl\u00f6ste. Leider ist es hier vorne sehr dunkel, man kann kaum etwas erkennen. Um diese Ikone rankt sich die Legende, noch eine, die die griechische Identit\u00e4t mitgestaltet. Die T\u00fcrken haben das Bild geklaut, es ist dann von selbst zur\u00fcckgekommen, dann haben sie es nochmal geklaut,\u00a0 und es ist wieder zur\u00fcckgekommen, und beim dritten Mal haben sie es geklaut und mit einer Kette an einer S\u00e4ule befestigt. Da ist das Bild mit Kette und S\u00e4ule zur\u00fcckgekehrt. Die Kette h\u00e4ngt unter dem Bild, die S\u00e4ule steht im Innenhof. Vor dem Bild h\u00e4ngen d\u00fcnne, silberne Votivpl\u00e4ttchen, auf denen einzelne K\u00f6rperteile abgebildet sind, in dankbarer Verehrung f\u00fcr Heilung.<\/p>\n<p>Ich frage nach dem Wort f\u00fcr Kette auf Griechisch \u2013 hatte ich dieser Tage noch im Zusammenhang mit Lidl nachgeschlagen \u2013 und die Nonne kennt auch das deutsche Wort: Kette.<\/p>\n<p>Die Kirche ist schlicht, aber sch\u00f6n, ein bisschen wie die andere Panagia Kera. Diese hier hei\u00dft auch so, aber mit vollem Namen Panagia Kera Kardiotisa. Auch hier lauter Fresken, aber die sind vermutlich irgendwann \u00fcbermalt und dann wieder freigelegt worden, und die Dunkelheit tr\u00e4gt ihren Teil dazu bei, dass man kaum was erkennen kann. Die Nonne sagt mir, im Sommer werde die T\u00fcr ge\u00f6ffnet, da k\u00f6nne man besser sehen. Das tut man verst\u00e4ndlicherweise jetzt nicht. Immer wieder deutet die Nonne auf Szenen und sagt \u201eParadies\u201c und H\u00f6lle\u201c. Das ist offensichtlich die zentrale Botschaft.<\/p>\n<p>Ein bisschen sagt sie auch noch zur Architektur. Der Altarraum war der erste Teil. Das muss ein winziges Kirchlein gewesen sein. Dann kam eine Nebenkapelle. Mit Emphase weist sie darauf hin, dass die dem Hl. Charalampos gewidmet sei. Dann kamen Hauptraum und Narthex.<\/p>\n<p>Nachdem ich ihrer Aufforderung Folge leiste, eine Kerze anzuz\u00fcnden, sehe ich mir noch kurz den stilvollen Innenhof mit einer Reihe riesiger, schlanker Zypressen an \u00a0und den anderen Bauteilen, wie die Kirche aus Bruchstein gebaut. Dann fl\u00fcchte ich ins warme Auto.<\/p>\n<p>Es geht immer noch weiter bergauf. An einer Kurve ein Museum und davor ein paar wieder hergerichtete alte Windr\u00e4der. Mit denen pumpte man fr\u00fcher das Wasser, das in die Ebene geflossen war, wieder rauf. Jetzt werden Elektropumpen benutzt. Auf der Ebene steht oder liegt hier und da noch eins der alten Windr\u00e4der herum. Irgendwo absurd: Windr\u00e4der sind out, aber jetzt sind sie wieder in.<\/p>\n<p>Dann kommt nach einer Kurve pl\u00f6tzlich die Ebene in Sicht. Die hat ihren Namen wirklich verdient. Platter geht\u2019s nimmer. Flach und fruchtbar, Holland l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen. Die Ebene ist au\u00dferdem kreisrund. Das sieht man aber leider auf der Karte besser als in Wirklichkeit. F\u00fcr die Schafe, die hier grasen, muss das das Paradies sein.<\/p>\n<p>Ich fahre halb um die Ebene rum, und dann geht es wieder ein St\u00fcck aufw\u00e4rts, nach Psychro. Hier wird ordentlich mit Zeus geworben. Psychro hat die ber\u00fchmteste H\u00f6hle von Kreta. In der wurde Zeus geboren. Da es noch eine andere H\u00f6hle gibt, die mit Zeus in Verbindung gebracht wird, haben die gesch\u00e4ftst\u00fcchtigen Kreter einen Kompromiss gefunden: hier geboren, dort aufgewachsen. Also muss man sich zwei H\u00f6hlen ansehen.<\/p>\n<p>Diese hier, Dikteon Andron, liegt allerdings nur ganz am Rande des Psiloritis, des antiken Ida-Gebirges, das mit Zeus in Verbindung gebracht wird. Aber was soll\u2019s? Man glaubt es eben. Was machte Zeus in einer H\u00f6hle auf Kreta? Seine Mutter hatte ihn vor seinem Vater, Kronos, versteckt, der die unangenehme Angewohnheit hatte, seine Kinder zu fressen. Also landete er hier, zusammen mit einer Amme (oder einer Ziege), die ihn stillte. Und au\u00dferdem wurden irgendwelche Bauern oder andere Wesen engagiert, die mit Trommeln Krach machten, damit Kronos die Schreie des Kindes nicht h\u00f6rte.<\/p>\n<p>Wie dem auch sei, die H\u00f6hle, die seit Jahrtausenden den Hirten der Gegend bekannt war, wurde Ende des 19. Jahrhunderts f\u00fcr die Arch\u00e4ologie entdeckt, und zwar auch durch einen Hirten, der hier ein paar gl\u00e4nzende Gegenst\u00e4nde fand. Es stellte sich heraus, dass es ein minoischer Kultort war. Und da war die Verbindung mit der Legende naheliegen<\/p>\n<p>Die H\u00f6hle selbst findet im Internet alle Kommentare von Begeisterung in h\u00f6chsten T\u00f6nen und tiefster Entt\u00e4uschung. Ich finde sie ganz sch\u00f6n. Der Anstieg \u00fcber die flachen Steinplatten ist ganz sch\u00f6n anstrengend. Es ist steiler als es aussieht. Im Sommer bringen hier Esel die Touristen f\u00fcr gesalzene Preise nach oben.<\/p>\n<p>Oben kommt gerade die Reisegruppe aus der H\u00f6hle, dieselbe von der Pangia Kera. Ich frage, welche Sprache sie sprechen und werde an die Fremdenf\u00fchrerin verwiesen: Polnisch und Tschechisch. Die Reisef\u00fchrerin wechselt sofort ins Deutsche. Sie macht Reisef\u00fchrungen auf Deutsch. Wir sprechen auch \u00fcber das Wetter. Sie fragt sich, wann der Fr\u00fchling kommt. Ich auch.<\/p>\n<p>In der H\u00f6hle bin ich dann ganz alleine. Da kommt die Atmosph\u00e4re mit dem schummrigen Licht, dem leise tropfenden Wasser, der feuchten Luft und den schemenhaften Stalaktiten und Stalagmiten \u00a0nat\u00fcrlich voll zur Wirkung. Es ist nur ein Raum, aber der ist ganz eindrucksvoll. Man geht einmal bis ganz unten und dann wieder hinauf.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehe ich am Stra\u00dfenrand eine alte Frau, klein, ganz in schwarz gekleidet, \u00fcber etwas geb\u00fcckt. Sie wechselt dann die Stra\u00dfenseite und macht dort weiter. Ich steige aus, in der Hoffnung, heimlich ein Photo von ihr machen zu k\u00f6nnen, gehe dann aber einfach auf sie zu und frage, was sie denn da sammle: \u03c7\u03cc\u03c1\u03c4\u03b1. Ein Wort, das meist mit \u201aGem\u00fcse\u2018 \u00fcbersetzt wird, aber in Konkurrenz zu \u03bb\u03b1\u03c7\u03b1\u03bd\u03b9\u03ba\u03cc steht, was auch \u201aGem\u00fcse\u2018 hei\u00dft. Sie \u00f6ffnet die Ledertasche, die sie an einem Gurt um die H\u00fcfte tr\u00e4gt und zeigt mir ihre Funde: \u201eZum Essen\u201c, sagt sie. Was das alles genau ist, kann ich nicht erkennen, eine Sache sieht wie Lauch aus, in ganz d\u00fcnnen Stangen, anderes eher wie Kr\u00e4uter. Sie bittet mich um eine kleine Spende. Das kommt sehr gelegen, denn im Gegenzug bitte ich sie um ein Photo. Gew\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Irgendwo verpasse ich die richtige Abfahrt und komme ungeplant auf einem anderen Weg zur\u00fcck, direkt nach Agios Nikolaos. Dieser Weg ist der einfachere, aber auch weniger spektakul\u00e4re.<\/p>\n<p>Ich fahre nach Monasteraki, dem Dorf, f\u00fcr das Dimitra und Nikos so schw\u00e4rmen. Es ist wirklich sch\u00f6n, aber v\u00f6llig ausgestorben, und am Ortsende ist der Weg zu Ende. Das zwingt mich zu einem unliebsamen R\u00fcckfahrtman\u00f6ver. Bei der Ausfahr aus dem Ort bekomme ich aber noch unerwartet \u00a0einen Blick auf den Eingang der Cha-Schlucht aus n\u00e4chster N\u00e4he.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">20. M\u00e4rz (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>In einem Paket aus der Heimat ist auch ein ganzer Stapel Photos. Sch\u00f6ne Erinnerungen. Das beste Photo ist vom Wochenmarkt. Da war ich gar nicht dabei. Auf dem Photo sind Tomaten, nichts als Tomaten, gro\u00dfe, runde, knallrote Tomaten. Man hat den Eindruck, dass sie aus dem Bild herauskullern werden, wenn man es nicht bald wieder hinlegt. Wie ein barockes Stillleben.<\/p>\n<p>In dem M\u00e4dchenroman, der in den siebziger oder den achtziger Jahren spielt, wird eine Party gefeiert. Es wird Musik gemacht, es werden Platten aufgelegt, eine davon von einer Gruppe, auf die der Gastgeber besonders steht: \u03a1\u03cc\u03bb\u03b9\u03bd\u03b3\u03ba \u03a3\u03c4\u03cc\u03bf\u03c5\u03bd\u03c2. Wie ein I-D\u00f6tzchen fahre ich \u00fcber die Buchstaben und \u00fcbersetze sie in Laute, erst dann kommt die Erleuchtung: Rolling Stones.<\/p>\n<p>Die ersten Touristen kommen. Im Dorf zwei Paare gesehen, und hier im Hause eine Nachricht f\u00fcr jemanden, der heute ankommt. Die kommen in der Erwartung des Fr\u00fchlings. Der f\u00e4ngt heute offiziell an. Die werden ihr blaues Wunder erleben. Die B\u00e4ckersfrau sagt aber, dass es vom 25. M\u00e4rz an besser werden soll. Wer\u2019s glaubt, wird selig.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">21. M\u00e4rz (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Wieder nur durch einen Ansto\u00df von au\u00dfen auf einen wichtigen Aspekt der griechischen Alltagskultur aufmerksam geworden: die Nachnamen. S\u00f6hne und T\u00f6chter, M\u00e4nner und Frauen haben unterschiedliche Nachnamen oder, genauer gesagt, ihre Nachnamen eine unterschiedliche Form. Die m\u00e4nnlichen Nachnamen stehen im Nominativ, die weiblichen im Genitiv: Karamanlis (\u039a\u03b1\u03c1\u03b1\u03bc\u03b1\u03bd\u03bb\u03ae\u03c2) bzw. \u00a0Karamanli (\u039a\u03b1\u03c1\u03b1\u03bc\u03b1\u03bd\u03bb\u03ae), Theotokopoulos (\u0398\u03b5\u03bf\u03c4\u03bf\u03ba\u03cc\u03c0\u03bf\u03c5\u03bb\u03bf\u03c2) bzw. Theotokopoulou (\u0398\u03b5\u03bf\u03c4\u03bf\u03ba\u03cc\u03c0\u03bf\u03c5\u03bb\u03bf\u03c2). So ist es im Prinzip. Das Rumsuchen im Internet wirft aber weitere Fragen auf: Nehmen verheiratete Frauen den Namen ihres Mannes an und ist der dann auch im Genitiv? Bekommen S\u00f6hne den Nachnamen des Vaters und T\u00f6chter den der Mutter? Dimitra wei\u00df die Antwort, aber wir drehen uns bei der Kl\u00e4rung der Sache lange im Kreis. Langer Rede kurzer Sinn: kommt drauf an. Man hat die Wahl. Sie hat zum Beispiel ihren Nachnamen behalten. So steht er im Personalausweis. Die Kinder haben den Nachnamen des Vaters erhalten, aber auch das war eine pers\u00f6nliche Entscheidung der beiden.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">22. M\u00e4rz (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Typisch griechische Verabredung: Wo treffen wir uns? An der kaputten Ampel. Die kaputte Ampel steht in Kato Chorio, einem Dorf bei der Cha-Schlucht. P\u00fcnktlich zur verabredeten Zeit steht Dimitra an der kaputten Ampel, vor dem Haus ihres Onkels. Der, ein pensionierter Lehrer, macht den Reisef\u00fchrer. Gleich zur Begr\u00fc\u00dfung bekomme ich zwei B\u00fccher geschenkt, die er selbst geschrieben hat, \u00fcber die Alltagskultur dieser D\u00f6rfer. Er f\u00e4hrt mit uns ins Nachbardorf. Dort empf\u00e4ngt uns ein kleiner, drahtiger, fast zahnloser Mann mit unrasiertem Kinn. Der wird als die Seele des Museum vorgestellt (griechisch die \u201ePsyche des Museums\u201c). Das Museum ist ein Sammelsurium, von dem Mann in Eigenarbeit und ohne Mittel zusammengestellt, nichts Aufsehenerregendes, aber wert, beachtet zu werden. Beide reden mit Nachdruck auf mich ein, wobei der Museumsmann immer wieder \u201eAlt! Alt!\u201c sagt, w\u00e4hrend der Lehrer sagt \u201eDas hat alles Geschichte! Geschichte!\u201c Er erw\u00e4hnt in jedem zweiten Satz Deutschland. In Deutschland widmeten sich solche Museen dem Handwerk, hier sei alles Landwirtschaft. Alles Landwirtschaft. Leuchtet irgendwie ein. Auch der andere spricht von Deutschland. Er hat deutsche Freunde, die hier in der N\u00e4he wohnen, aber: \u201ekaputt\u201c. Hodenkrebs. Ich bin irgendwie ganz ger\u00fchrt, dass sie beide st\u00e4ndig von Deutschland reden und dabei kein Wort \u00fcber die Krise verlieren oder auch nur andeutungsweise Zur\u00fcckhaltung mir gegen\u00fcber \u00fcben.<\/p>\n<p>Dimitri hat Sophia mitgebracht. Die schnappt sich sofort eins der alten Schulb\u00fccher und beginnt darin zu lesen. Als gute Tochter ihrer Mutter hat sie sich die ersten Schritte beim Lesen schon beigebracht, obwohl sie noch nicht zur Schule geht.<\/p>\n<p>Den Lehrer verstehe ich zur H\u00e4lfte, den Museumsmacher \u00fcberhaupt nicht. Aber er agiert geschickt mit Gesten und Ausrufen, um mir die Funktion bestimmter Gegenst\u00e4nde zu erkl\u00e4ren. Mit heftigen Bewegungen f\u00fchrt er vor, wie man mittels eines Stabs auf einem Stein mit einer Aush\u00f6hlung Mehl mahlte.<\/p>\n<p>Es gibt Dreschflegel, Wollk\u00e4mme, B\u00fcgeleisen \u2013 mit Kohle und elektrisch \u2013, einen Webstuhl, Werkzeug zur Bearbeitung von Leinen, eine Kinderwiege, eine Waage, Ziegenh\u00f6rner, Tonkr\u00fcge, S\u00e4gen, Lampen (mit \u00d6l und mit Petroleum) und Schulb\u00fccher. Dazwischen zwei Kanister, die hier als typisch deutsch gelten, eine italienische Granate und Bordinstrumente eines abgest\u00fcrzten Flugzeugs. Eine ganze Wand ist sehr dekorativ mit landwirtschaftlichen Ger\u00e4ten beh\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Ich mache ein Photo von den dreien und heimlich eins von Sophia, und dann ziehen wir weiter, nach Monasteraki. Die dortige Taverne, ein Geheimtipp, dessen kleiner Raum selbst wie ein Museum aussieht, ist heute ge\u00f6ffnet. Bei besserem Wetter sitzt man hier auf der breiten Terrasse mit Blick auf Agios Nikolaos und das Meer. Der Wirt, der aussieht, als h\u00e4tte sein Sch\u00f6pfer den Versuch gemacht, einen typischen Griechen zu schaffen, begleitet uns zur Fabrika. Das sprechen sie hier, griechischen Aussprachegewohnheiten gem\u00e4\u00df, wie <em>Fambrika<\/em> aus. Bei der Fabrika handelt es sich um eine alte \u00d6lpresse. Sie besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil ist ein M\u00fchlstein, von einem im Kreis laufenden Pferd in Bewegung gehalten, unter dem die Oliven zu einer Olivenpaste gemahlen werden. Die wird dann im zweiten Durchgang unter einem Stein mit einem Schraubstock ausgepresst. Unten l\u00e4uft das \u00d6l heraus. Hier ist Muskelkraft gefragt, menschliche. Ich frage, was man mit dem Ausschuss machte, und erhalte eine einleuchtende Antwort: Brennstoff. Ob er sich selbst noch daran erinnere, dass diese \u00d6lpresse benutzt wurde, will ich wissen. Nein, das war zu Gro\u00dfvaters Zeiten.<\/p>\n<p>Wir gehen dann wieder zur Taverne rauf und trinken einen Kaffee. Der Lehrer erz\u00e4hlt von seinen Projekten. Jeder Satz erh\u00e4lt eine besondere Emphase, so als ob es genau auf den ank\u00e4me. Irgendein anerkennendes Adjektiv, das ich in der \u00d6lpresse benutzt habe, hat es ihm angetan. Es freut ihn sehr, dass ich das gesagt h\u00e4tte. Immer wieder zitiert er es. Dann sagt er, er wolle mir etwas erkl\u00e4ren: Das, was f\u00fcr uns heute ein gro\u00dfes Problem sei, das sei f\u00fcr die Leute fr\u00fcher gar kein Problem gewesen. Das sei der Lauf der Welt. Das andere, was er immer wieder betont, ist die Kontinuit\u00e4t, von der minoischen Zeit bis zur der Zeit unserer Gro\u00dfeltern. Da ist was dran. Da hat sich in manchen Abl\u00e4ufen in Jahrtausenden nicht viel ge\u00e4ndert. Allerdings l\u00e4sst das au\u00dfer Acht, dass es wohl einiges an Auf und Ab gegeben haben d\u00fcrfte. Was er noch wissen wolle: Warum die Deutschen Kreta so lieben? Ich sage das Naheliegende: Natur, Kultur, Meer. Etwas z\u00f6gernd sage ich dann auch noch Sonne. Er sagt, letzte Woche sei das erste Charterflugzeug in Heraklion angekommen, mehr als hundert Deutsche an Bord, alle mit kretischen Musikinstrumenten ausgestattet. Liebhaber kretischer Musik. Au\u00dferdem berichtet er von deutschen Historikern und Arch\u00e4ologen, die extra hierhergekommen seien. W\u00e4hrend wir die Vergangenheit beschw\u00f6ren und sagen, wie wichtig es sei, seine Wurzeln zu kennen, spielt Sophia, die uns gar nicht zur Kenntnis nimmt, auf dem Handy Computerspiele.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">23. M\u00e4rz (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Griechenland hat ca. 900.000 staatliche Angestellte, Deutschland ca. 1,7 Millionen. Bei Zahlen muss man vorsichtig sein, man wei\u00df nie, wie sie zustande kamen, was wie gez\u00e4hlt wurde, aber wenn die auch nur ann\u00e4hernd stimmen, dann stimmt wirklich etwas nicht im Staate Griechenland. Dann h\u00e4tte Deutschland siebenmal so viele Einwohner und nur doppelt so viele staatliche Angestellte.<\/p>\n<p>Das Wetter ist zwar nicht besser, aber die Wettervorhersage verbessert sich. Jetzt sind wenigstens die Prognosen so schlecht wie die Wirklichkeit. Ich muss ein ernstes Wort mit der B\u00e4ckersfrau sprechen. Regen und Wolken sind angesagt f\u00fcr den 25. &#8211; und dar\u00fcber hinaus.<\/p>\n<p>Sch\u00f6nen Link zu einer Seite des Dudens bekommen. Er f\u00fchrt zu einer sprachlichen Zeitreise durch die Nachkriegszeit, von den f\u00fcnfziger Jahren bis zum Jahrhundertwechsel. Da trifft man viele alte Bekannte. Einige davon hatte man schon aus den Augen verloren: Kaugummi, Motortoller, Petticoat, Raumfahrt, Hitparade, Jo-Jo, Farbfernsehen, Trimm-Dich-Pfad, Gastarbeiter, Pilzkopf, Friedensbewegung, Chaot, Videoclip, D\u00f6ner, La Ola, Inliner, Handy, geil, Wessi, Ossi.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">24. M\u00e4rz (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Dem Wetterbericht, der mal wieder f\u00fcr Donnerstag, wie jede Woche, gutes Wetter vorhersagt, begegne ich inzwischen mit einer Mischung aus Resignation, Wut und Sarkasmus. In welchem Teil der Welt heute die zehn Stunden Sonnenschein zu sehen sein sollen, fragt man sich. Hier jedenfalls nicht. \u00dcberall schwere, dicke Wolken, graue, wei\u00dfe, schwarze, die tief am Himmel h\u00e4ngen. Manchmal ist das f\u00fcr einen Moment, f\u00fcr ein Photo ganz sehenswert, aber der Effekt ist eher erdr\u00fcckend. Zumindest ist es warm, und in der Ferne sieht man manchmal Teile der weiten T\u00e4ler im Sonnenlicht.<\/p>\n<p>Auf dem Weg durch die Berge sieht man am Wegesrand B\u00e4ume mit watteartigen B\u00fcschen an den Enden der \u00c4ste. Keine Ahnung, was das ist. Wenn man es nicht besser w\u00fcsste, w\u00fcrde man Baumwolle sagen.<\/p>\n<p>Im Radio erregte Diskussionen \u00fcber den Besuch von Tsipras bei Merkel gestern. Ein Zuh\u00f6rer schreit nur in den H\u00f6rer, ein anderer wird von dem Moderator, der selbst kr\u00e4ftig mitdiskutiert, zurechtgewiesen. Das geh\u00f6re nicht zum Thema, er solle am Donnerstag anrufen. Liebend gerne w\u00fcrde ich mehr verstehen. Es wird nur deutlich, dass viel von den Flugh\u00e4fen die Rede ist, und viele sprechen vom Tourismus. Nur einer spricht auch von Industrie. Das f\u00e4nde ich besonders interessant. Er nennt die Zahl vier. Vier griechische Industrien, die ausbauf\u00e4hig sind? W\u00e4r ja schon mal was.<\/p>\n<p>Bald kommt Archanes. Erst geht es durch das unscheinbare Kato Archanes, dann kommt Pano Archanes, das oben gelegene. Der Ort macht einen guten Eindruck, und der wird bei genauerem Hinsehen eher noch besser: sehr gepflegt, aber nicht so rausgeputzt, ganz authentisch. Es gibt auch praktisch keine leer stehenden H\u00e4user, ein voll funktionierendes Dorf.<\/p>\n<p>Am Ortseingang die ehemalige Grundschule, ein klassizistisches Geb\u00e4ude, das jetzt umgebaut wird. Schubkarren fahren rein und raus, Handarbeit im wahrsten Sinne des Wortes. Die Schule ist von historischer Bedeutung. Hier hat im Krieg die waghalsige Entf\u00fchrung eines NS-Kommandanten stattgefunden.<\/p>\n<p>Etwas weiter die Kirche des Ortes, eine der vielen Panagia. Eine alte Frau, die den Vorhof kehrt, keift mich an, als ich auf die T\u00fcr zugehe. Ich muss ihre Antwort auf meine Frage, ob ge\u00f6ffnet ist, wohl missverstanden haben. Aber auch deshalb, weil die \u00d6ffnungszeiten neben der T\u00fcr stehen. Danach m\u00fcsste jetzt offen sein. Sie kriegt sich gar nicht mehr ein und schreit sich die Seele aus dem Leib. Doofe Alte.<\/p>\n<p>Die Kirche, ganz in wei\u00df get\u00fcncht, ganz niedrig, hat einen Glockenturm und dazu noch einen freistehenden Uhrenturm und sehr sch\u00f6ne Durchbruchfenster in den Apsiden.<\/p>\n<p>Die freundliche Frau in dem Caf\u00e9 nebenan l\u00e4sst mich den \u00c4rger \u00fcber die Alte wieder vergessen. Sie ist ganz verdutzt, als ich ihr den Reisef\u00fchrer zeige, in dem steht, dass es hier guten Kaffee gebe. Es stimmt au\u00dferdem. Das Caf\u00e9 hat den merkw\u00fcrdigen Namen \u03a0\u03c1\u03bf\u03b5\u03b4\u03c1\u03b5\u03af\u03bf, was so etwas wie \u201aVorstand\u2018 bedeutet. Aber vielleicht ist die deutsche \u00dcbersetzung einfach unzureichend.<\/p>\n<p>Ich gehe dann die Stra\u00dfe entlang, die einen zu einem sehr sch\u00f6nen Platz am anderen Ende des Ortes f\u00fchrt. Unterwegs \u00fcberall sch\u00f6n gestaltete Ladenschilder, alle individuell: \u03a6\u03b9\u03bb\u03cc\u03c3\u03bf\u03c6\u03bf\u03c2 [Filosofos], ein Caf\u00e9, \u0391\u03bc\u03c0\u03b5\u03bb\u03bf\u03c3 [Ambelos], eine Taverne, benannt nach einer Gestalt in den Mythen, die mit dem ersten Weinanbau in Verbindung steht, \u039f\u03bd\u03b5\u03b9\u03c1\u03bf\u03c7\u03ce\u03c1\u03b1, \u201aTraumland\u2018, ein Gesch\u00e4ft f\u00fcr Kinderwaren, \u0391\u03bb\u03c6\u03b1\u03b2\u03b7\u03c4\u03ac\u03c1\u03b9\u03bf [Alfabitario], eine Buchhandlung, \u03a3\u03c0\u03b9\u03c4\u03b9\u03bc\u03cc, eine weitere Taverne, deren Name was mit \u201aHaus\u2018 zu tun hat, den ich aber nicht verstehe. Au\u00dferdem gibt es ein \u039a\u03b1\u03c0\u03bd\u03bf\u03c0\u03bf\u03bb\u03b5\u03af\u03bf, eine Gesch\u00e4ftsbezeichnung, die ich noch nie geh\u00f6rt habe, w\u00f6rtlich \u201aRauchgesch\u00e4ft\u2018.\u00a0 Und der Besitzer der Fahrschule hei\u00dft passenderweise \u039a\u03b1\u03c0\u03b5\u03c4\u03b1\u03bd\u03ac\u03ba\u03b9\u03c2 [Kapetanakis].<\/p>\n<p>Auf dem sehr sch\u00f6nen, baumbestandenen Platz mit gusseisernen Laternen spielen Kinder, die in B\u00e4ume klettern, w\u00e4hrend die Eltern sich auf die verschiedenen Terrassencaf\u00e9s verteilen. Es hat fast eine sommerliche Atmosph\u00e4re, jedenfalls kann man sich gut vorstellen, wie es im Sommer hier ist. Passenderweise kommt in diesem Moment auch die Sonne raus. Von hier aus sieht man besonders gut den Jouchtas, den m\u00e4chtigen Berg, an dessen Fu\u00df der Ort liegt.<\/p>\n<p>Auch die Stra\u00dfen innerhalb des Dorfes sind sch\u00f6n. Sowohl das Arch\u00e4ologische Museum als auch das Volkskundemuseum, in dem im Wesentlichen die Zimmer eines traditionellen Hauses ausgestellt sind, sind in sehr sch\u00f6nen, farbig gefassten H\u00e4usern untergebracht. Nat\u00fcrlich sind beide geschlossen. Bei der Frage nach beiden bekomme ich freundliche Hilfe. Wobei mir mal wieder auff\u00e4llt, wie sehr die Griechen die W\u00f6rter <em>links<\/em> und <em>rechts<\/em> vermeiden. Es ist fast immer <em>runter<\/em> und <em>rauf<\/em>. Genauso wie in Spanien. Eine Frau err\u00f6tet sogar, als ich ihr bl\u00f6derweise das Wort links aus dem Mund nehme.<\/p>\n<p>Vor dem Arch\u00e4ologischen Museum stehen zwei bl\u00fchende Mandelb\u00e4ume, an denen Bienen aktiv sind. Gegen das Licht kommt dabei ein gutes Photo heraus.<\/p>\n<p>Eigentlich wollte ich wegen der Ausgrabungen nach Archanes. Die Funde werden als \u201esensationell\u201c bezeichnet. Vor allem die, die aus Menschenopfer bei den Minoern zu verweisen scheinen. Es liegt hier noch viel unter der Erde. Aber ich muss unverrichteter Dinge wieder zur\u00fcckfahren. Hier kann ich nichts finden, und das gr\u00f6\u00dfere Gel\u00e4nde in Kato Archanes ist abgesperrt.<\/p>\n<p>Ich fahre nach Choudetsi, ein ganz sch\u00f6ner Umweg, und auch den mache ich umsonst. Aber die sensationell sch\u00f6ne Landschaft mit weiten, welligen, fruchtbaren T\u00e4lern mit einzelnen herausragenden kegelf\u00f6rmigen Bergen und dem dichten gelben Bl\u00fctenteppich unter den Weinreben entsch\u00e4digt daf\u00fcr.<\/p>\n<p>In Choudetsi befindet sich das <em>Labyrinth<\/em>. Hier h\u00e4lt Ross Daley, ein irischer Musiker, der sich ein Leben lang mit kretischer Musik besch\u00e4ftigt, Musikseminare ab und stellt kretische Musikinstrumente aus. Aber mich begr\u00fc\u00dfen nur die Hunde, erst hinter einer eisernen T\u00fcr, dann auf der anderen Seite am Haupteingang.<\/p>\n<p>Auf dem Weg weiter geht es wieder durch Archanes. Ein Lastwagen qu\u00e4lt sich durch die engen Stra\u00dfen und muss sich alle paar Meter an einem Ladenschild, an einem Auto, an einer Laterne entlang lavieren. Als der Lastwagen vor einer Metzgerei h\u00e4lt, f\u00e4llt mein Blick auf zwei W\u00f6rter, die ich immer f\u00fcr eins und dasselbe gehalten habe: \u03bb\u03bf\u03c5\u03ba\u03ac\u03bd\u03b9\u03ba\u03bf und \u03b1\u03bb\u03bb\u03b1\u03bd\u03c4\u03b9\u03ba\u03ac. Das eine hei\u00dft Wurst im Sinne von \u201aBratwurst\u2018, das andere hei\u00dft Wurst im Sinne von \u201aAufschnitt\u2018.<\/p>\n<p>Erst am Ende von Archanes merke ich, dass ich falsch bin und wieder nach Choudetsi muss! Schlie\u00dflich komme ich nach Thrapsano, einem gesichtslosen Ort mit einer \u00fcberdimensionalen Kirche, das ganz zu Unrecht den Titel \u201eT\u00f6pferdorf\u201c tr\u00e4gt. Es sind nicht nur keine T\u00f6pfer zu sehen, sondern so gut wie \u00fcberhaupt niemand. Irgendwie finde ich dann aber doch ein Lokal, eine Art bessere D\u00f6nerbude. Mein Magen h\u00e4ngt auf halb acht. Der Mann hinter der Theke, der erst etwas schroff ist, sich dann aber als freundlich erweist, hat einen ordentlichen Schmerbauch. Sp\u00e4ter, als ich seine Mutter sehe, wei\u00df ich, woher er es hat. Als ich Rotwein bestelle, setzt er mit einer Erkl\u00e4rung an, winkt dann ab und bringt mir zwei Probiergl\u00e4schen, eins mit Rotwein, eins mit Ros\u00e9. Ich nehme den Roten, trotz der unausgesprochenen Warnung. Es gibt ein reichhaltiges Essen mit Brot, Fladen, Pommes, Hacksteak und einem riesigen Salat, alles f\u00fcr elf Euro.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zu der D\u00f6nerbude schrecke ich zusammen: dumpfes Hundegebell, das ganz pl\u00f6tzlich aus dem Nichts kommt. Die Quelle ist nicht zu sehen. Auf dem R\u00fcckweg dann das gleiche Spiel. Jetzt sehe ich den Hund, einen gro\u00dfen Sch\u00e4ferhund: Er steht auf dem Haus, ganz oben, auf dem Flachdach.<\/p>\n<p>Eine T\u00f6pferwerkstatt finde ich dann am Ortsausgang. Nicht so, wie man sich das vorstellt in einem T\u00f6pferdorf. Es hat eher etwas Fabrik\u00e4hnliches. Auf dem langgestreckten Vorhof stehen ganze Reihen von Pithoi in allen Variationen herum. Die Kundschaft reicht hier in alle Welt, bis nach China.<\/p>\n<p>Drinnen ist es sehr ruhig. Dies gilt in Griechenland noch als Mittagszeit. Auch hier stehen die Pithoi, aber in Grau. Ein Mann macht sich mit einer Brennschere an einigen zu schaffen. Dabei werden sie dunkelgrau. In der anderen Halle sehe ich dann wirklich einen T\u00f6pfer. Mit dem Fu\u00df bewegt er die T\u00f6pferscheibe, mit der linken Hand formt er die Vase von innen und mit der rechten tr\u00e4gt er weiteren Lehm auf und kreiert dann mit rasend schnellen Fingerbewegungen einen horizontalen Schmuckfries, wie mit der Schnur gemacht. Handarbeit wie zur Zeit der Minoer. Ist schwer, sieht aber leicht aus.<\/p>\n<p>Das best\u00e4tigt er. Es hat sich nichts ge\u00e4ndert. Wir kommen ins Gespr\u00e4ch. Er ist ein paar Mal in Deutschland gewesen, immer auf Gesch\u00e4ftsreise. Er kennt M\u00fcnchen und Frankfurt und sogar Saarbr\u00fccken.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich ungewollt \u00fcber Chersonisos. Ich fahre ins Dorf rauf, um bei der Belgierin einen Kaffee zu trinken. Sie erkennt mich sofort wieder. Unter den anderen G\u00e4sten ist ein Brite mit breitem schottischem Akzent. Er ist der Betreiber des \u00f6rtlichen Golfkurses. Passt doch. Neben ihm sitzt eine Griechin, die die sch\u00f6nen Schilder des Caf\u00e9s gemalt hat.<\/p>\n<p>Bald kommen wir alle ins Gespr\u00e4ch, auch zwei unrasierte M\u00e4nner in verschlissenen Jeans, zwei Holl\u00e4nder, wie sich herausstellt, zwei unterschiedliche \u201eBr\u00fcder\u201c, der eine aus Amsterdam, der andere aus Rotterdam. Sie nehmen es mir nicht nur nicht \u00fcbel, dass ich sie f\u00fcr Belgier gehalten haben, sondern stellen sich mit lang anhaltendem, festem H\u00e4ndedruck vor, so als h\u00e4tten sie die ganze Zeit auf mich und keinen anderen gewartet. Sie sind ganz begeistert, Deutsch sprechen zu k\u00f6nnen. Eine wohltuende Begegnung.<\/p>\n<p>In Ierapetra mache ich Termine bei Fris\u00f6r und Autow\u00e4sche und trinke einen Kaffee bei Manolis. Der humpelt. Immer noch das Knie? Nein, schon wieder. Er ist am Wochenende, trotz Knie, in Chania einen Halbmarathon gelaufen, einen von der kretischen Sorte, mit riesigen H\u00f6henunterschieden. Am Wochenende kommt der n\u00e4chste.<\/p>\n<p>Auch er spricht von einem Flugzeugabsturz. Habe ich am Rand schon in Chersonisos geh\u00f6rt. Ich brauche f\u00fcr jedes Detail zwei Anl\u00e4ufe, bis ich verstehe: deutsche Maschine, aus Spanien kommend, Alpen, keine \u00dcberlebenden.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">25. M\u00e4rz (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Nationalfeiertag: Marschmusik, Parade, Gebete, patriotische Ansagen, Flaggen, Kriegerdenkmal. Schwer, dem was abzugewinnen. Und bei Nieselregen und geschlossener Wolkendecke schon gar nicht. Die mit Wimpeln und Fahnen geschm\u00fcckte Stra\u00dfe sieht aber ganz sch\u00f6n aus.<\/p>\n<p>Es ist noch sehr ruhig, als ich am Vormittag in die Stadt komme, und brechend voll wird es auch nicht. Eher so wie Karneval. \u00dcberhaupt ist es ein bisschen wie Karneval. Auch die gleichen \u201elustigen\u201c Luftballons werden verkauft und allerlei Kleinzeug. Vor mir ein rundlicher Junge, der mit einer Hand die Fahne schwenkt und sich mit der anderen Chips in den Mund stopft.<\/p>\n<p>Bald h\u00f6rt man schon die Blaskapelle. Am Kriegerdenkmal wird Halt gemacht. Da gibt es Gebete und Ges\u00e4nge. Dann stehen pl\u00f6tzlich alle auf. Die Nationalhymne? Es ist ein sehr sch\u00f6nes, leises, melancholisches St\u00fcck, ganz kurz. Klingt allerdings \u00fcberhaupt nicht griechisch. Kurz danach stehen dann wieder alle auf. Diesmal wird die Nationalhymne angek\u00fcndigt. Auch die klingt nicht griechisch, ist aber nicht so sch\u00f6n. Auch wenn alle aufstehen, gesungen wird nicht.<\/p>\n<p>Dann kommt die eigentliche Parade. Die Blaskapelle, in ganz sch\u00f6nen blau-roten Uniformen, steht am Stra\u00dfenrand. \u00dcber die K\u00f6pfe der Zuschauer hinweg kann ich ein Bild machen. Es ist gar nicht so leicht, Nikos mit drauf zu bekommen. Die Tuba verdeckt ihn fast. Nikos tr\u00e4gt eine Sonnenbrille. Warum, ist schwer zu erraten. Er ist der einzige in der ganzen Stadt. Vor ihm steht Sophia, etwas lustlos dreischauend, in der Hand eine griechische Fahne, die schlapp nach unten zeigt und den Boden ber\u00fchrt.\u00a0 Sch\u00f6nes Bild.<\/p>\n<p>Vor der Blaskapelle ziehen jetzt Schulkinder, getrennt nach Geschlecht, in Gruppen vorbei und machen so etwas wie Marschbewegungen, mit weit ausgreifenden Armen. Sie tragen keine Uniform, sind aber uniform gekleidet, fast alles in Blau und Wei\u00df. Eine Frau gibt Erkl\u00e4rungen, welche Gruppe jetzt kommt. Begeisterung ist nicht gerade zu sp\u00fcren. H\u00f6chstens ein bisschen Beifall, wenn die Gruppe vorbeikommt.<\/p>\n<p>Typisch griechisch, dass auch dieser Tag \u201enegativ\u201c definiert ist: Am 28. Oktober geht es \u201egegen\u201c die Italiener (und, per Implikation, gegen Deutsche und Bulgaren), am 25. M\u00e4rz \u201egegen\u201c die T\u00fcrken. Und es ist eine Menge Geschichtsklitterung dabei. Der Aufstand wird als Beginn des griechischen Freiheitskampfs dargestellt, dabei war der Aufstand ein totaler Reinfall und der Freiheitskampf war erst erfolgreich, als sich die internationalen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse \u00e4nderten. Erst mal tat sich jahrelang gar nichts: Russland f\u00fcrchtete ein B\u00fcndnis von Griechenland und England, England f\u00fcrchtete ein Erstarken Russlands durch eine Schw\u00e4chung des Osmanischen Reichs. Der heldenhafte Kampf ist ein griechischer Mythos, gar nicht un\u00e4hnlich dem deutschen Mythos, nach dem die Einheit dem Mut und dem Friedenswillen der Deutschen zu verdanken ist.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. M\u00e4rz (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Tag f\u00fcr dicken Anorak mit Kapuze: unabl\u00e4ssiger Regen, b\u00f6iger Wind, keine Sonnenstrahl am ganzen Tag. Die Frau in dem Gem\u00fcsehandel in Ierapetra kommentiert das Wetter. Dabei wechselt sie pl\u00f6tzlich ins Englische. Sie hat wohl den Eindruck, dass das auf Griechisch nicht emphatisch genug klingt f\u00fcr meine ausl\u00e4ndischen Ohren. Sie habe das noch nie erlebt, in ihrem ganzen Leben nicht. Aber: Sie sei froh, der Regen sei gut, Kreta brauche Regen. Ohne Regen s\u00e4he es schlecht f\u00fcr die Ernte n\u00e4chstes Jahr aus. Sie f\u00fchle sich immer unwohl, wenn die Sonne scheint. Ich sage, dass ich Kreta ja den Regen g\u00f6nne, dass es jetzt aber langsam reicht. Ja, sagt sie, nur noch bis Sonntag.\u00a0 Am Sonntag regnet es noch mal. Dann wird es besser. Wie oft habe ich das schon geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Beim Fris\u00f6r wieder bei dem M\u00e4dchen vom letzten Mal gelandet. Sie macht es wieder sehr gut, sehr langsam, sehr bed\u00e4chtig, sehr vorsichtig. Und benutzt dann am Ende auch noch mein griechisches Lieblingswort: \u03c0\u03b9\u03c3\u03c4\u03bf\u03bb\u03ac\u03ba\u03b9 [pistolaki]. Das hei\u00dft \u201aF\u00f6n\u2018.<\/p>\n<p>Zum ersten Mal, mit Dimitras Hilfe, richtig systematisch Grammatik gemacht: Verben. Halb gegen die eigene \u00dcberzeugung, aber ich habe gemerkt, dass ich bei bestimmten Verbformen nicht nur drauf komme, sondern dass ich sie nicht kenne. Dimitra macht sich sehr viel M\u00fche und arbeitet einen \u00dcberblick \u00fcber die verschiedenen Verbgruppen aus. Das ist aber eher was f\u00fcr jemanden, der die Grammatik schon kann. Ich mache eine Liste von den Verben, die ich im Laufe von 2-3 Tagen tats\u00e4chlich verwende. Erst glaube ich, mit 25-30 hinzukommen, dann werden es eher 60-70, und jetzt sind es fast 100. Kein Luxus dabei, nur ganz allt\u00e4gliches Zeug: <em>vergessen, trinken, lesen, holen, helfen<\/em> usw. Die Sache wird durch die Aspekte besonders knifflig. Das Griechische hat durch die Bank eine Aspektunterscheidung, nur im Pr\u00e4sens nicht. Da scheint alles immer unvollendet zu sein. Aber sonst \u00fcberall, sogar beim Imperativ: \u201eFrag mal Deine Kollegen.\u201c Ist das vollendet oder unvollendet? Mein Gef\u00fchl war, vollendet, Dimitra sagt, eher unvollendet. Aber bevor man das \u00fcberhaupt benutzen kann, muss man beide Formen kennen: Frage! bzw. Frage! Und die unterscheiden sich oft nur minimal, oft nur durch einen Laut, manchmal nur durch stimmhaften bzw. stimmlosen Konsonanten. Ein echtes Durcheinander.<\/p>\n<p>Die Nachbarstochter hat ein Auto bekommen, bestimmt das erste ihres Lebens, funkelnagelneu, feuerrot. Auf dem R\u00fcckweg von Ierapetra habe ich sie vor mir. Sie hat es gleich doppelt schwer. Erst muss sie diese bl\u00f6de, schlecht beleuchtete Strecke entlang fahren und dann den H\u00fcgel rauf und oben am Abhang wenden. Eine echte Herausforderung f\u00fcr eine Anf\u00e4ngerin<\/p>\n<p>Griechenland hat \u00fcber 6.000 Inseln, das ist mehr als vier F\u00fcnftel aller Insel im Mittelmeer. Aber sie nehmen nur ein Viertel der Fl\u00e4che der Inseln des Mittelmeers ein und nur ein F\u00fcnftel der Fl\u00e4che Griechenlands. Man kann schnell den \u00dcberblick verlieren, aber die wichtigste Unterscheidung ist die zwischen den Ionischen Inseln im Westen (grob gesprochen zwischen Griechenland und Italien) und den \u00c4g\u00e4ischen Inseln im Osten (grob gesprochen zwischen Griechenland und der T\u00fcrkei). Bei den \u00c4g\u00e4ischen Inseln gibt es dann die Unterscheidung zwischen den Sporaden (die wirklich eher sporadisch \u00fcber das Wasser verteilt sind) und den Kykladen (die wirklich so etwas wie einen Kreis bilden). Die Sporaden liegen n\u00e4her an der T\u00fcrkei, die Kykladen n\u00e4her an Griechenland. Zu den Ionischen Inseln geh\u00f6rt Korfu, zu den Sporaden Rhodos, zu den Kykladen Santorini. Unter den \u00c4g\u00e4ischen Inseln bildet Kreta (mit seinen Satelliteninseln) eine eigene Gruppe.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">27. M\u00e4rz (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Regen, Dunst, Wolken. Die Sonnencreme steht auf der Ablage im Bad und lacht mich aus.<\/p>\n<p>Als ich aus dem Haus komme, traue ich meinen Augen nicht. Das Auto sieht aus, als wenn es an einer Rallye im Outback teilgenommen h\u00e4tte: Scheiben verstaubt, Karosserie voller Schlamm. Ich habe es gestern Abend um sieben, auf Hochglanz gebracht, aus der Waschanlage abgeholt.<\/p>\n<p>Der zweite Besuch aus der Heimat kommt. Es geht nach Heraklion und dort ins Naturhistorische Museum. Da mache ich noch einmal die Erdbebensimulation mit, diesmal mit Erkl\u00e4rungen auf Griechisch. Au\u00dfer mir ist noch eine Mutter mit Tochter dabei. Diesmal wirkt die Simulation st\u00e4rker als beim ersten Mal. Keine Ahnung, woran das liegt.<\/p>\n<p>In der Ausstellung sieht man eine elektronische Karte, in der im Zeitraffer Vulkanausbr\u00fcche und Erdbeben auf der Erde dargestellt werden, jedes mit einem Licht, \u00fcber zehn Jahre. Man sieht ganz deutlich eine Kette, die sich an der Westk\u00fcste Amerikas hinaufzieht, von Argentinien bis Alaska, und dann \u00fcbers Meer Richtung Australien wandert. Bei uns ist es eher ein Haufen Lichter, zwischen Europa und Afrika, und dann noch mal ein Haufen in Ostafrika. In anderen Teilen der Welt ist so gut wie gar nichts. Es gibt auch noch mythologische Erkl\u00e4rungen f\u00fcr Erdbeben aus aller Welt. Bei den Griechen war es Atlas, der das Himmelsgew\u00f6lbe trug und der hin und wieder unter der Last seine Position etwas ver\u00e4nderte. Damit l\u00f6ste er Erdbeben aus. Oder es war ein von den G\u00f6ttern im Meer unter Sizilien eingesperrter Gigant. Der versuchte hin und wieder, die Insel hochzudr\u00fccken, um sich zu befreien.<\/p>\n<p>Oben ist eine Ausstellung \u00fcber optische Ph\u00e4nomene. Man blickt durch eine kleine Rundung in einen Kasten und sieht nichts. Alles schwarz. Dann macht man den Kasten auf, und er ist drinnen wei\u00df, \u00fcberall. Dann stellt man sich vor eine Abbildung griechischer Tempel. Zwischen den Tempeln sind Landschaften zu sehen, die aus dem Bild nach vorne herausgucken. Wenn man zur\u00fccktritt, treten die Landschaften immer mehr nach hinten und bilden auf einmal den Hintergrund statt den Vordergrund. Und wenn man nach links und rechts geht, wandern die S\u00e4ulen, und auf einmal sieht man die ganze Breite der S\u00e4ulenfront, w\u00e4hrend man vorher auf eine im spitzen Winkel nach vorne zeigende S\u00e4ule sah. Dann kommt ein \u201eechter\u201c Spiegel. In dem sieht man sich so, wie einen andere sehen, also \u201eseitenverkehrt\u201c. Man hebt einen Arm, und im Spiegel hebt sich der \u201efalsche\u201c Arm, man zupft sich ans Ohr, und es ist das \u201efalsche\u201c Ohr. Und dann kommt eine viereckige Spiegelbox. Wenn sich jemand halb versteckt hinter eine Ecke stellt, wird im Spiegel eine H\u00e4lfte des K\u00f6rpers reflektiert. Dann pl\u00f6tzlich sieht man auch die andere H\u00e4lfte und die Person f\u00e4ngt an, in der Luft zu schweben und mit den Armen und Beinen zu schwingen. Es ist einfach unglaublich. Tats\u00e4chlich steht die Person mit einem Bein auf einem Trittbrett hinter dem Glaskasten. Nur eine H\u00e4lfte des K\u00f6rpers ist \u201eecht\u201c, die andere ist eine Spiegelung. Aber das ist nicht zu erkennen.<\/p>\n<p>Dann gibt es noch t\u00e4uschend echte Hologramme, eine ganze Sammlung, von Schw\u00e4mmen und Muscheln im Meer, die aus dem Bild, das gar keins ist, herauszutreten scheinen bis zu Figuren aus der minoischen Kultur bis zu einer Schreibmaschine. Das ist alles sehr beeindruckend, aber auf die Dauer auch etwas erm\u00fcdend.<\/p>\n<p>Ich gehe zu einem kleinen Lokal hinter der Tituskirche, wo ich schon Karneval mal war. Da sind heute die Chefin und eine K\u00f6chin anwesend. Sie haben nichts zu tun, und wir kommen ins Gespr\u00e4ch. Sie haben das Lokal erst vor kurzem er\u00f6ffnet und setzen auf griechische Hausmannskost. Das gebe es hier im Stadtzentrum sonst nicht. Stimmt. War mir noch gar nicht aufgefallen. Sie schw\u00e4rmen vor allem von der Schweinepfotensuppe, die Poppy macht, die K\u00f6chin, die abends dran ist. Die kommt um f\u00fcnf und l\u00f6st sie ab. So sp\u00e4t, denn sie m\u00fcsse ja bis in die Morgenstunden bleiben. Der Grund daf\u00fcr ist, wie ich erfahre, dass die Gesch\u00e4fte freitags und samstags bis in die Puppen ge\u00f6ffnet sind. Jeden Freitag und jeden Samstag! Wie alle, machen auch sie erst positive Kommentare zu Myrtos, sagen dann aber auch, die Leute da unten im S\u00fcden seien ziemlich verschlossen. Aber wenn man sie richtig kennen lernte, dann w\u00e4ren sie die zuverl\u00e4ssigsten Freunde. Eine Vorstellung, die man auch woanders kennt. Bei uns sagt man das unter anderem \u00fcber die Sauerl\u00e4nder. Zum Nachtisch wird eine ganz s\u00fc\u00dfe Frucht serviert, deren Name so \u00e4hnlich wie Pergamon klingt.<\/p>\n<p>Danach in einem Stra\u00dfencaf\u00e9 vor der Kirche den ersten Frapp\u00e9 des Jahres. Es ist w\u00e4rmer geworden, und tats\u00e4chlich kommt die Sonne raus.<\/p>\n<p>Dann weiter zum Flughafen. Gar kein Problem, aber wieder finde ich keine Parkplatz. Entweder nur f\u00fcr Milit\u00e4r oder nur f\u00fcr Bedienstete oder nur f\u00fcr Autoverleiher oder gesperrt. Dann finde ich eine Einfahrt zwischen Maschendraht. Keine Hinweisschilder. Ich fahre rein. Es gibt nur eine schmale Schneise zwischen den Autos. Die zieht sich immer weiter in den Parkplatz hinein. Dann merke ich, dass die Autos keine Nummernschilder haben. Am Ende der Schneise geht es nicht mehr weiter, weder geradeaus noch rechts noch links. Ich muss mich irgendwie wieder zur\u00fcck man\u00f6vrieren, um aus dem Parkplatz hinauszukommen. Dann werde durch das Einbahnstra\u00dfensystem nach links geschickt und gerate dann immer weiter vom Flughafen weg. Durch Au\u00dfenviertel geht es Richtung Zentrum und pl\u00f6tzlich befinde ich mich wieder am Hafen. Da war ich hergekommen. Im zweiten Anlauf klappt es aber. Ich parke am Stra\u00dfenrand und suche den \u00f6ffentlichen Parkplatz zu Fu\u00df. Und finde ihn auf Anhieb. Wie ich ihn \u00fcbersehen konnte, kann ich mir nicht erkl\u00e4ren. Auf jeden Fall wei\u00df ich jetzt Bescheid f\u00fcr sp\u00e4tere Gelegenheiten.<\/p>\n<p>Dann kommt Xia, mit dem Flug von D\u00fcsseldorf \u00fcber Thessaloniki, ein langer Reisetag. Auch sie kommt gut gelaunt und mit einem gro\u00dfen Koffer, in dem mehr Mitbringsel als eigene Sachen sind, darunter ein \u201eTrip Book, in den man Reiseerinnerungen sammeln kann, mit extra F\u00e4chern f\u00fcr M\u00fcnzen, Briefmarken, Eintrittskarten und mit Platz f\u00fcr Notizen.<\/p>\n<p>Als wir uns auf den Weg machen, wird es gerade dunkel. In der Villa Mare gibt es dann noch ein improvisiertes Abendessen im Innenhof mit kretischem Wein aus dem Duty-Free-Shop. Die Flasche wird mit dem auch selbst mitgebrachten Taschenmesser ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">27. M\u00e4rz (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Regen, Dunst, Wolken. Die Sonnencreme steht auf der Ablage im Bad und lacht mich aus.<\/p>\n<p>Als ich aus dem Haus komme, traue ich meinen Augen nicht. Das Auto sieht aus, als wenn es an einer Rallye im Outback teilgenommen h\u00e4tte: Scheiben verstaubt, Karosserie voller Schlamm. Ich habe es gestern Abend um sieben, auf Hochglanz gebracht, aus der Waschanlage abgeholt.<\/p>\n<p>Der zweite Besuch aus der Heimat kommt. Es geht nach Heraklion und dort ins Naturhistorische Museum. Da mache ich noch einmal die Erdbebensimulation mit, diesmal mit Erkl\u00e4rungen auf Griechisch. Au\u00dfer mir ist noch eine Mutter mit Tochter dabei. Diesmal wirkt die Simulation st\u00e4rker als beim ersten Mal. Keine Ahnung, woran das liegt.<\/p>\n<p>In der Ausstellung sieht man eine elektronische Karte, in der im Zeitraffer Vulkanausbr\u00fcche und Erdbeben auf der Erde dargestellt werden, jedes mit einem Licht, \u00fcber zehn Jahre. Man sieht ganz deutlich eine Kette, die sich an der Westk\u00fcste Amerikas hinaufzieht, von Argentinien bis Alaska, und dann \u00fcbers Meer Richtung Australien wandert. Bei uns ist es eher ein Haufen Lichter, zwischen Europa und Afrika, und dann noch mal ein Haufen in Ostafrika. In anderen Teilen der Welt ist so gut wie gar nichts. Es gibt auch noch mythologische Erkl\u00e4rungen f\u00fcr Erdbeben aus aller Welt. Bei den Griechen war es Atlas, der das Himmelsgew\u00f6lbe trug und der hin und wieder unter der Last seine Position etwas ver\u00e4nderte. Damit l\u00f6ste er Erdbeben aus. Oder es war ein von den G\u00f6ttern im Meer unter Sizilien eingesperrter Gigant. Der versuchte hin und wieder, die Insel hochzudr\u00fccken, um sich zu befreien.<\/p>\n<p>Oben ist eine Ausstellung \u00fcber optische Ph\u00e4nomene. Man blickt durch eine kleine Rundung in einen Kasten und sieht nichts. Alles schwarz. Dann macht man den Kasten auf, und er ist drinnen wei\u00df, \u00fcberall. Dann stellt man sich vor eine Abbildung griechischer Tempel. Zwischen den Tempeln sind Landschaften zu sehen, die aus dem Bild nach vorne herausgucken. Wenn man zur\u00fccktritt, treten die Landschaften immer mehr nach hinten und bilden auf einmal den Hintergrund statt den Vordergrund. Und wenn man nach links und rechts geht, wandern die S\u00e4ulen, und auf einmal sieht man die ganze Breite der S\u00e4ulenfront, w\u00e4hrend man vorher auf eine im spitzen Winkel nach vorne zeigende S\u00e4ule sah. Dann kommt ein \u201eechter\u201c Spiegel. In dem sieht man sich so, wie einen andere sehen, also \u201eseitenverkehrt\u201c. Man hebt einen Arm, und im Spiegel hebt sich der \u201efalsche\u201c Arm, man zupft sich ans Ohr, und es ist das \u201efalsche\u201c Ohr. Und dann kommt eine viereckige Spiegelbox. Wenn sich jemand halb versteckt hinter eine Ecke stellt, wird im Spiegel eine H\u00e4lfte des K\u00f6rpers reflektiert. Dann pl\u00f6tzlich sieht man auch die andere H\u00e4lfte und die Person f\u00e4ngt an, in der Luft zu schweben und mit den Armen und Beinen zu schwingen. Es ist einfach unglaublich. Tats\u00e4chlich steht die Person mit einem Bein auf einem Trittbrett hinter dem Glaskasten. Nur eine H\u00e4lfte des K\u00f6rpers ist \u201eecht\u201c, die andere ist eine Spiegelung. Aber das ist nicht zu erkennen.<\/p>\n<p>Dann gibt es noch t\u00e4uschend echte Hologramme, eine ganze Sammlung, von Schw\u00e4mmen und Muscheln im Meer, die aus dem Bild, das gar keins ist, herauszutreten scheinen bis zu Figuren aus der minoischen Kultur bis zu einer Schreibmaschine. Das ist alles sehr beeindruckend, aber auf die Dauer auch etwas erm\u00fcdend.<\/p>\n<p>Ich gehe zu einem kleinen Lokal hinter der Tituskirche, wo ich schon Karneval mal war. Da sind heute die Chefin und eine K\u00f6chin anwesend. Sie haben nichts zu tun, und wir kommen ins Gespr\u00e4ch. Sie haben das Lokal erst vor kurzem er\u00f6ffnet und setzen auf griechische Hausmannskost. Das gebe es hier im Stadtzentrum sonst nicht. Stimmt. War mir noch gar nicht aufgefallen. Sie schw\u00e4rmen vor allem von der Schweinepfotensuppe, die Poppy macht, die K\u00f6chin, die abends dran ist. Die kommt um f\u00fcnf und l\u00f6st sie ab. So sp\u00e4t, denn sie m\u00fcsse ja bis in die Morgenstunden bleiben. Der Grund daf\u00fcr ist, wie ich erfahre, dass die Gesch\u00e4fte freitags und samstags bis in die Puppen ge\u00f6ffnet sind. Jeden Freitag und jeden Samstag! Wie alle, machen auch sie erst positive Kommentare zu Myrtos, sagen dann aber auch, die Leute da unten im S\u00fcden seien ziemlich verschlossen. Aber wenn man sie richtig kennen lernte, dann w\u00e4ren sie die zuverl\u00e4ssigsten Freunde. Eine Vorstellung, die man auch woanders kennt. Bei uns sagt man das unter anderem \u00fcber die Sauerl\u00e4nder. Zum Nachtisch wird eine ganz s\u00fc\u00dfe Frucht serviert, deren Name so \u00e4hnlich wie Pergamon klingt.<\/p>\n<p>Danach in einem Stra\u00dfencaf\u00e9 vor der Kirche den ersten Frapp\u00e9 des Jahres. Es ist w\u00e4rmer geworden, und tats\u00e4chlich kommt die Sonne raus.<\/p>\n<p>Dann weiter zum Flughafen. Gar kein Problem, aber wieder finde ich keine Parkplatz. Entweder nur f\u00fcr Milit\u00e4r oder nur f\u00fcr Bedienstete oder nur f\u00fcr Autoverleiher oder gesperrt. Dann finde ich eine Einfahrt zwischen Maschendraht. Keine Hinweisschilder. Ich fahre rein. Es gibt nur eine schmale Schneise zwischen den Autos. Die zieht sich immer weiter in den Parkplatz hinein. Dann merke ich, dass die Autos keine Nummernschilder haben. Am Ende der Schneise geht es nicht mehr weiter, weder geradeaus noch rechts noch links. Ich muss mich irgendwie wieder zur\u00fcck man\u00f6vrieren, um aus dem Parkplatz hinauszukommen. Dann werde durch das Einbahnstra\u00dfensystem nach links geschickt und gerate dann immer weiter vom Flughafen weg. Durch Au\u00dfenviertel geht es Richtung Zentrum und pl\u00f6tzlich befinde ich mich wieder am Hafen. Da war ich hergekommen. Im zweiten Anlauf klappt es aber. Ich parke am Stra\u00dfenrand und suche den \u00f6ffentlichen Parkplatz zu Fu\u00df. Und finde ihn auf Anhieb. Wie ich ihn \u00fcbersehen konnte, kann ich mir nicht erkl\u00e4ren. Auf jeden Fall wei\u00df ich jetzt Bescheid f\u00fcr sp\u00e4tere Gelegenheiten.<\/p>\n<p>Dann kommt Xia, mit dem Flug von D\u00fcsseldorf \u00fcber Thessaloniki, ein langer Reisetag. Auch sie kommt gut gelaunt und mit einem gro\u00dfen Koffer, in dem mehr Mitbringsel als eigene Sachen sind, darunter ein \u201eTrip Book, in den man Reiseerinnerungen sammeln kann, mit extra F\u00e4chern f\u00fcr M\u00fcnzen, Briefmarken, Eintrittskarten und mit Platz f\u00fcr Notizen.<\/p>\n<p>Als wir uns auf den Weg machen, wird es gerade dunkel. In der Villa Mare gibt es dann noch ein improvisiertes Abendessen im Innenhof mit kretischem Wein aus dem Duty-Free-Shop. Die Flasche wird mit dem auch selbst mitgebrachten Taschenmesser ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">28. M\u00e4rz (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg vom B\u00e4cker, bei dem es eine freundliche Begr\u00fc\u00dfung mit Handschlag gibt, sehen wir uns kurz die Kirche an. Man kann, darauf bin ich bisher noch nicht gekommen, an dem Mauerwerk sehen, welcher Teil angebaut ist. \u00dcberhaupt vermischen sich alte mit neueren Steinen. Im Gegensatz zu der steinsichtigen Kirche bl\u00e4ttert an den H\u00e4userfassaden der Putz ab. Das nackte Mauerwerk, das mir sowieso besser gef\u00e4llt, hat auch den Vorteil, dass es der feuchten Luft besser standh\u00e4lt. Auch in der Villa Mare bl\u00e4ttert die Farbe am Gel\u00e4nder ab, und \u00fcberall, wo Eisen ist, ist auch Rost.<\/p>\n<p>Am Rande der Kirche wachsen L\u00f6wenm\u00e4ulchen, und ich bekomme eine Demonstration, wie man das L\u00f6wenm\u00e4ulchen zum Vorschein bringt. Im Laufe der Tage lerne ich auch Oleander, Ringelblumen und viele andere kennen. Und dass es sich bei zwei der vielen verschiedenen gelben Bl\u00fcten um die von Ginster oder Raps handeln k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Fr\u00fchst\u00fcck gibt es oben auf der Terrasse, auf einem Teil der Terrasse, den ich bisher noch \u00fcberhaupt nicht kannte. Auch ein Zimmer gibt es da oben, das sehr gut eingerichtet ist, moderner und gem\u00fctlicher als die hier unten.<\/p>\n<p>Wir fahren auf die Lasithi Ebene. Auf dem Weg machen wir Halt an einem Friedhof. Die Gr\u00e4ber sind alle nach Osten ausgerichtet und folgen alle dem gleichen Muster: ein kastenf\u00f6rmiges Grab aus Marmor, mit einem Aufbau am Kopfende, das Fenster f\u00fcr Erinnerungsst\u00fccke und Photos enth\u00e4lt. Darauf ein Kreuz und das Wort Oikos und danach der Familienname im Genitiv. Manchmal auch ein marmornes aufgeschlagenes Buch mit hoch emotionalen Widmungen. All das ist sehr kitschig, nur m\u00e4\u00dfig geschmackvoll und sehr aufw\u00e4ndig. Man fragt sich, wo \u00e4rmere Menschen begraben liegen.<\/p>\n<p>Etwas niedriger liegt die Friedhofskapelle, ein sch\u00f6ner Bau, der \u00e4lter ist, als er einem eingemei\u00dfeltem Datum zufolge ist: 1843. Gleichzeitig gibt es einzelne sch\u00f6n skulptierte Steine, die \u00e4lter aussehen. Darauf sto\u00dfen wir in diesen Tagen immer wieder. Wo kommen die wohl her? Hier ist besonders sch\u00f6n ein gemei\u00dfeltes geflochtenes Band<\/p>\n<p>Dann kommen wir zum Denkmal von Ano Vianos. Bei dem dichten Dunst hat es eine besonders mystische Atmosph\u00e4re, und die Reihe der Verurteilten und der Todesengel mit dem Gehenkten geben ein eindrucksvolles Bild ab.<\/p>\n<p>An dem Relief mit der kretischen Geschichte entdeckt Xia am Ende auch noch einen Fallschirmspringer. Passt. Die letzte historische Etappe Kretas.<\/p>\n<p>Als wir wieder im Auto sitzen, ist es so dunstig, dass man kaum etwas sehen kann. Umkehren? Museumsbesuch statt Lasithi? Nach Heraklion? Wir beschlie\u00dfen, noch ein kleines St\u00fcck weiter zu fahren. Und dann erscheint ganz unten am Meer ein schmaler hellwei\u00dfer Streifen, und man sieht das sonnenbeschienene Meer. Was f\u00fcr ein Bild! Alles andere ist dunkel. Im Laufe des Tages bekommen wir dann einen Mix aus Wolken, Sonne, Finsternis, der alles \u00fcbertrifft, was ich bisher gesehen habe. Immer wieder bleiben wir f\u00fcr ein Photo stehen. Der H\u00f6hepunkt ist eins, bei dem sich zu dem Panorama noch ein schneebedeckter Berg im Hintergrund gesellt, bei dem der Schnee sich in wei\u00dfen Streifen um den schwarzen Berg legt.<\/p>\n<p>Xia hat von durchl\u00f6cherten Verkehrsschildern gelesen, und prompt kommen wir an einem vorbei, ein Dreieck. Das Vorfahrtszeichen ist noch ganz blass vorhanden, aber das ganze Schild ist mit kleineren und gr\u00f6\u00dferen Kugeln durchl\u00f6chert worden. Die meisten sind wahllos platziert, aber am Rand sieht man, dass einige versucht haben, ganz genau den Rand zu treffen. Das Verkehrsschild ist Ausweis der kretischen Freizeitgestaltung.<\/p>\n<p>Wir biegen dann Richtung Lasithi-Ebene ab und machen einen kleinen Abstecher nach Krasi, genau den, den ich dieser Tage verpasst habe. Krasi ist ein kleines Dorf mit einer riesigen, jahrhundertealten Platane, die es bis in die Reisef\u00fchrer gebracht hat. Hier ist sogar eine griechische Touristengruppe. Gibt es auch nicht so oft. Sehenswerter als die Platane ist der Brunnen dahinter. Eine Quelle, die st\u00e4ndig rauscht, versorgt den Ort mit Wasser. Das l\u00e4uft in drei in den Felsen eingelassene Brunnen mit Becken, an denen fr\u00fcher die W\u00e4sche gewaschen wurde.<\/p>\n<p>Wir haben unten eine Skulptur gesehen, drei K\u00f6pfe, Mann, Frau und Tochter vermutlich. Es scheint sich bei dem Mann um einen lokalen Dichter zu handeln. Der r\u00e4tselhafte Ort Mallon, der nirgendwo zu finden ist, entpuppt sich als der Genitiv Plural von Mallia! Krasi geh\u00f6rt dazu.<\/p>\n<p>Dann kommen wir zur Panagia Kera, wo uns wieder dieselbe Schwester in Empfang nimmt, die mich dieser Tage durch die Kirche gef\u00fchrt hat. Xia bemerkt die besondere Form ihres schwarzen Gewandes, das an der Taille ausgestellt ist. Sp\u00e4ter sehen wir im Theater von Ierapetra ein \u00e4hnliches Kleid bei einer Puppe, die traditionelle kretische Kleidung tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Die Nonne redet unaufh\u00f6rlich auf uns ein, und ich versuche notd\u00fcrftig, zu \u00fcbersetzen. Xia bemerkt die Sandale, die sich vom Fu\u00df des Jesuskindes l\u00f6st. Die Nonne erkl\u00e4rt, dass Jesus, mit dem ernsten Gesicht eines Erwachsenen, einem der Engel entgegenblickt, die oben die Leidenswerkzeuge herantragen. Das Kind ahnt, was ihm im sp\u00e4teren Leben erwartet, welches Leid auf ihn zukommt, eine weit \u00fcber das Christentum hinausweisende Szene.<\/p>\n<p>Wir sehen uns noch ein bisschen drau\u00dfen um. Auch hier gibt es wieder einen sehr sch\u00f6n gemei\u00dfelten grauen Stein an der Apsis der Kirche, der nicht zu dem \u00fcbrigen Mauerwerk passt. Es sind Verzierungen zu sehen, von denen man eine mit M\u00fche und Not als X lesen kann, der Nonne zufolge der Anfangsbuchstabe von Christus.<\/p>\n<p>Im Innenhof liegt eine Glasplatte, unter der man ins Untergeschoss sehen kann. Wasser? Ein Brunnen? Eine junge Nonne, die gerade vorbeikommt, kl\u00e4rt uns auf: Nein, nicht Wasser. Wein! Hier unten stampften die M\u00f6nche die Weintrauben zu Maische.<\/p>\n<p>Dann kommen wir zum Ambelos, dem Scheitelpunkt. Da stehen auf der Anh\u00f6he in einer Reihe merkw\u00fcrdige alte Steinkonstruktionen, vorne abgerundet, aus denen vorne ein Art Rohr heraustritt. Was kann das sein? Doch wohl keine Kanonen? Dann sehen wir es: alte Windr\u00e4der, an denen der Zahn der Zeit genagt hat.<\/p>\n<p>Dann geht es in die Ebene runter und dort an einer gro\u00dfen Schafherde vorbei. Von dem, was hier angebaut wird, Weizen, Kartoffeln, Bohnen, ist nichts zu sehen. Hier gibt es nur Gras. Sp\u00e4ter beim Spaziergang sehen wir aber etwas, was nach Getreide aussieht.<\/p>\n<p>Wir kommen nach Psychro, aber statt die H\u00f6hle zu besichtigen, machen wir einen m\u00e4chtigen Spaziergang ins n\u00e4chste Dorf, Agios Giorgos, durch den kalten Wind, mitten durch die menschenleere Ebene. Am Wegesrand sch\u00f6ne, kahle B\u00e4ume, deren graue \u00c4ste im Licht silbrig schimmern. Darunter ist ein ganz symmetrischer, bei dem man nicht wei\u00df, ob es ein Stamm ist, der sich zweiteilt oder zwei St\u00e4mme, die ganz nah aneinanderger\u00fcckt sind. Wunderbar. Erinnert an Goethes Interpretation des Ginkgo-Blattes, aber wenn er den Baum genommen h\u00e4tte, h\u00e4tte er den genommen.<\/p>\n<p>In Agios Giorgos gibt es gleich zwei Museen, ein Volkskundemuseum und ein Museum f\u00fcr Venizelos. Nat\u00fcrlich sind beide geschlossen.<\/p>\n<p>Am Abend gehen wir ins Klio, wo wir am Anfang die einzigen G\u00e4ste sind. Wieder sehr freundliche Begr\u00fc\u00dfung durch Klio, die eine ganze Reihe von Gerichten herunterrasselt, die es heute als Tagesgerichte gibt, neben der vielf\u00e4ltigen Speisekarte. Da kann man sich ja gar nicht entscheiden. Als Appetitanreger gibt es neben der Olivenpaste eine merkw\u00fcrdige Sache, die man erst mit dem Mund aufbei\u00dft. Dann rutscht die Schale ab und man isst das mandelf\u00f6rmige, flache\u00a0 Innenteil. K\u00f6nnten Bohnen sein.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">29. M\u00e4rz (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Der Tankwart tr\u00e4gt eine Brille. Ich spreche ihn darauf an. Er tr\u00e4gt normalerweise Kontaktlinsen. Aber in den letzten Tagen liegt etwas in der Luft, das seine Augen irritiert. Er musste Augentropfen nehmen. Genauso wie Xia. Bei der Gelegenheit lerne ich, dass \u03c6\u03b1\u03ba\u03cc\u03c2 nicht nur \u201aTaschenlampe\u2018 und \u201aLupe\u2018 bedeutet, sondern auch \u201aLinse\u2018.<\/p>\n<p>Wir fahren zur Panagia Kera. Obwohl es der dritte Besuch ist, findet sich wieder was Neues. Zuf\u00e4llig f\u00e4llt unser gemeinsamer Blick auf die Darstellung einer ausgesprochen sch\u00f6nen Heiligen im Seitenschiff, mit schwarzem Haar und blassen Teint, auf Augenh\u00f6he. Sehr sch\u00f6n auch die Darstellung eines Buch an einem Pfeiler im Mittelschiff und ganz besonders ein Pferd im Nordschiff, mit wehender M\u00e4hne, sieht viel j\u00fcnger aus, k\u00f6nnte aus dem Barock stammen.<\/p>\n<p>Der Aufpasser, der sieht, dass wir uns Zeit nehmen, erkl\u00e4rt ein paar Szenen, zuerst die H\u00f6lle: Ein Mann der an Beinen und H\u00e4nden zusammengebunden aufgeh\u00e4ngt ist, ist ein Dieb; der neben ihm, mit einem Schaf auf den Schultern, ist ein Tierdieb; der dritte ist einer, der Land geraubt hat. Die Frauen in der H\u00f6llen sind durch Schlangen gekennzeichnet. Eine f\u00fchrt in den Mund, eine in das Ohr, eine in die Vagina, die Organe, die beim Begehen der S\u00fcnde beteiligt waren. M\u00e4nner, so erkennt man, klauen, Frauen tratschen und sind l\u00fcstern.<\/p>\n<p>Der Mann erkl\u00e4rt auch eine merkw\u00fcrdige Szene, die sich bisher meinem Verst\u00e4ndnis entzog. Es ist eine Paradiesdarstellung. Im Hintergrund die B\u00e4ume des Paradieses, vorne die Himmelspforte. Der kleine Mann mit dem Kreuz neben der Pforte ist der erste Mensch, der ins Paradies eingeht, der gute der beiden Sch\u00e4cher, die mit Christus zusammen gekreuzigt wurden. Neben ihm Maria und drei b\u00e4rtige M\u00e4nner, Propheten, die kleine K\u00f6pfe, die Seelen der Verstorbenen, auf dem Scho\u00df halten.<\/p>\n<p>An einem Verkaufsstand formt eine Frau gerade Kalitsounia. Sie etikettiert es als typisches Ostergeb\u00e4ck, was es urspr\u00fcnglich auch war. Wir kaufen Ansichtskarten, und Xia ein Buch \u00fcber kretische Pflanzen.<\/p>\n<p>Statt nach Kritsa zu fahren, machen wir einen Spaziergang an der Landstra\u00dfe entlang, vorbei an Eseln, H\u00fchnern und bellenden Hunden und bl\u00fchenden Mandelb\u00e4umen und Blumen, deren Namen ich bei dieser Gelegenheit erfahre.<\/p>\n<p>Wir machen einen Spaziergang durch Kritsa, das aber Xia auch nicht umwerfend findet. Eine einzige Verk\u00e4uferin versucht, uns in ihr Gesch\u00e4ft zu locken und gestickte T\u00fccher zu verkaufen. Alle Caf\u00e9s sind geschlossen, wie immer.<\/p>\n<p>Am Ortsausgang gibt es aber ein unscheinbares Caf\u00e9, und aus einer Laune heraus bestellen wir einen Raki dazu. Den gibt es in einem ansehnlichen Schnapsglas. Wir genie\u00dfen die Sonne und die Kleinigkeiten, die dazu aufgefahren werden, darunter kleine, ger\u00f6stete Brotst\u00fcckchen mit Sesam und K\u00fcmmel mit K\u00e4se darauf. Welcher K\u00e4se? Auf Nachfrage erfahren wir: Philadelphia Frischk\u00e4se!<\/p>\n<p>Wir \u00fcberlegen, ob wir nach Lato oder nach Gournia fahren wollen und kommen zu dem Ergebnis: zu beiden. Als wir dann aber nach Lato kommen, m\u00fcssen wir feststellen: zu sp\u00e4t. Sie machen in einer Viertelstunde zu. Die Zeitumstellung und der Raki haben uns ins Hintertreffen gebracht.<\/p>\n<p>Stattdessen fahren wir nach nach Agios Nikolaos. Dort entdecke ich lauter neue Dinge. Am Ende des Sees f\u00fchrt eine Treppe im Felsen hoch. Von dort hat man einen Blick auf die Stadt und die Bucht und die Berge. Xia f\u00e4llt auf, dass alles relativ neu ist. Das stimmt. Ein paar venezianisch aussehende H\u00e4user an der Meeresfront, das ist es. Die Stadt ist in den letzten Jahren gewachsen, war fr\u00fcher nichts als ein Fischerdorf, und das generiert im Internet den einen oder anderen nostalgischen Kommentar von alten Kreta-Reisenden.<\/p>\n<p>Wir gehen nat\u00fcrlich, Xias Grundsatz folgend, nicht denselben Weg zur\u00fcck, sondern an der anderen Seite, an der geschlossenen Touristeninformation vorbei (Open 8-22) und dann den Berg rauf, um zur Bucht von Elounda zu kommen. Dort gibt es ein Luxushotel, und das hat den Schl\u00fcssel zu einer mittelalterlichen Kirche. Das Hotel liegt aber ganz am anderen Ende der Bucht. Wir m\u00fcssen mit dem Auto dorthin.<\/p>\n<p>Schon der Weg zum Auto am Hafen entlang ist sch\u00f6n, aber als wir dann endlich mit dem Auto aus der Stadt herausfinden, dem guten Orientierungssinn der Beifahrerin sei Dank, bietet sich uns am Jachthafen ein wahrhaft phantastisches Bild: der dichte Wald der Masten vor dem Hintergrund des Meers und der dunklen Berge und der schattierten Wolken.<\/p>\n<p>Der Weg zum Hotel f\u00fchrt einmal ganz um die Bucht herum. Das Hotel liegt erh\u00f6ht auf einem Felsvorsprung. Kein Mensch ist zu sehen, das Gitter ist verschlossen. Man kann aber \u00fcber eine niedrige Mauer klettern und kommt auf das Grundst\u00fcck. Xia \u00fcbernimmt die Nachforschungen, ich warte im Auto. Sie kommt mit geheimnisvollen Berichten zur\u00fcck: alles verlassen, aber ge\u00f6ffnet, wei\u00dfe Bettlaken \u00fcber den M\u00f6beln, kein Schild, luxuri\u00f6se Einrichtung. Irgendwo im Garten h\u00f6rt man Ger\u00e4usche. Wie die Kulisse f\u00fcr einen geheimnisvollen Film. Die Kirche selbst liegt auch auf dem Grundst\u00fcck des Hotels.<\/p>\n<p>Wir fahren noch ein St\u00fcck die Bucht entlang, \u00fcber eine praktisch nicht mehr befahrbare Stra\u00dfe und machen dann kehrt.<\/p>\n<p>Als es auf Ierapetra zugeht, versteckt sich ganz pl\u00f6tzlich die Sonne hinter den Wolken. Die Atmosph\u00e4re ver\u00e4ndert sich schlagartig und es wird deutlich k\u00e4lter. Der Tag hat mit Regen und K\u00e4lte begonnen und hat sich dann zu einem sch\u00f6nen Fr\u00fchlingstag entwickelt.<\/p>\n<p>Wir machen einen Spaziergang durch Ierapetra. Hier hat das Meer gew\u00fctet, die Fu\u00dfwege an der Strandpromenade sind kaum zu begehen. Wir gehen zum Essen in die Arche und probieren dabei die \u03c7\u03cc\u03c1\u03c4\u03b1, wobei wir den Tipp der Wirtin in den Wind schlagen, nur mit Salz und \u00d6l zu w\u00fcrzen. Das tut dem Zeug nicht gut. Sie werden warm serviert und enthalten unter anderem Brennnesseln, Huflattich und Gras.<\/p>\n<p>Als wir raus kommen, ist es stockdunkel. Am Himmel erkennt man den Orion und den gro\u00dfen Wagen, auch wenn dem eine Ecke fehlt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">30. M\u00e4rz (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Auf dem Weg nach Knossos sehen wir wieder die merkw\u00fcrdigen Watteb\u00e4usche an den B\u00e4umen. Wir machen Halt und sehen nach. Sie sind um die Tannenzapfen herumgewickelt, werden aber nicht von denen produziert, wie wir in unserer Einfalt gedacht haben, sondern vermutlich von Raupen. Die spinnen sich hier ein \u201eNest\u201c aus dichten, wei\u00dfen F\u00e4den, entweder als Schutz oder zur Sicherung der Nahrung.<\/p>\n<p>In Knossos ist so viel Betrieb wie bisher noch nie, aber wir bekommen noch einen Parkplatz gleich vor dem Gel\u00e4nde. Wir schlie\u00dfen uns einer deutschen F\u00fchrung an. Die ist die reinste Katastrophe. Man kann den Mann kaum verstehen; er spricht einfach los, wenn er irgendwo angekommen ist, ohne zu warten, bis alle da sind; er setzt Dinge voraus, die vielleicht gar nicht bekannt sind; die Erkl\u00e4rungen sind unstrukturiert und er verliert sich in Details und vergisst die Zusammenh\u00e4nge. Viel schlechter geht es nicht. Xia lauscht hin und wieder zu der benachbarten, gro\u00dfen Gruppe hin\u00fcber, in der eine junge Frau zeigt, wie es geht.<\/p>\n<p>Immerhin sehe ich zwei Dinge, die mir bisher entgangen waren: das einzige einigerma\u00dfen vollst\u00e4ndig erhaltene und einzige originale in situ verbliebenen Fresko, stilisierte Pflanzen in Rot, Gelb und Blau, und die Dr\u00e4nage. Die Rohre waren unterschiedlich gro\u00df, und damit wurden irgendwie Druck und Geschwindigkeit geregelt. Es gab drei Systeme: Regenwasser, Abwasser, Trinkwasser.<\/p>\n<p>Aus dem inkoh\u00e4renten Gerede des F\u00fchrers schnappe ich noch auf: Es spricht die These an, die Zerst\u00f6rung k\u00f6nne durch den Brand der gro\u00dfen \u00d6lvorr\u00e4te im Palast ausgel\u00f6st worden sein. Brandspuren sieht man jedenfalls an verschiedenen Stellen noch. Der Brand w\u00e4re dann durch das Erdbeben ausgel\u00f6st worden.<\/p>\n<p>Das Lebensalter der Menschen im Palast war deutlich h\u00f6her als das der Menschen in der Stadt Knossos. Dort herrschten Malaria, Blutarmut, Tuberkulose. Die Priester im Palast waren auch \u00c4rzte. Das ist einleuchtend. Sie waren einfach gebildeter als die meisten.<\/p>\n<p>Auch spricht er von einem unerkl\u00e4rlichen Bev\u00f6lkerungswachstum in Byblos nach der Zerst\u00f6rung der Pal\u00e4ste. Offensichtlich l\u00f6ste die Flugasche Krebs aus, und eine massive Auswanderung war die Folge.<\/p>\n<p>Steinbr\u00fcche gab es hier ganz in der N\u00e4he, und Wasser gab es auch reichlich. Bimsstein wurde aus Santorin importiert, Kupfer aus Zypern, Zink aus Afghanistan.<\/p>\n<p>Der Palast war ganz absichtlich als Labyrinth, wie ein Fuchsbau, angelegt, nicht damit man sich darin verlaufen sollte, sondern als Schutz vor Hitze und L\u00e4rm. Der Raum, in dem die Kinder des \u201eK\u00f6nigs\u201c verwahrt wurden, war tats\u00e4chlich im Sommer besonders k\u00fchl und im Winter besonders warm.<\/p>\n<p>Einen interessanten Gedanken \u00e4u\u00dfert er auch zu D\u00e4dalus, aber wieder nur in einem Einschub, den man kaum wahrnimmt. Der historische Hintergrund zu dem \u201efliegenden\u201c D\u00e4dalus ist vielleicht, dass er Segelschiffe konstruierte. Mit denen konnte man \u00fcber das Wasser \u201efliegen\u201c.<\/p>\n<p>Nach der F\u00fchrung fahren wir nach Heraklion. Es lohnt sich f\u00fcr das Museum kaum noch. Der F\u00fchrer hat uns gesagt, um drei Uhr sei Schluss. Und so steht es auch im Internet. Aber wir haben Gl\u00fcck: Ausgerechnet montags gelten l\u00e4ngere \u00d6ffnungszeiten. Wir k\u00f6nnen uns in Ruhe umsehen. Auch diesmal gibt es wieder ein paar Details an bekannten Objekten zu entdecken, vor allem sehr gut gestaltete K\u00f6rperpartien, die Augenbrauen beim Stierspringer, die Pobacke bei einem von den dreien, die am Stierkopf h\u00e4ngen. Au\u00dferdem kommt eine Keramik vor, die wie ein Seiher aussieht. Damit w\u00fcrde man heute Spaghetti absch\u00fctten.<\/p>\n<p>Ich \u00fcbernehme die \u201eF\u00fchrung\u201c und vergesse dabei die Bienen und den Diskus von Phaistos, zwei der wichtigsten Ausstellungsst\u00fccke. Aber ich habe eine aufmerksame Zuh\u00f6rerin. Die wei\u00df, was fehlt.<\/p>\n<p>Wir gehen dann in die Tituskirche und \u00fcber den Markt und setzen uns dann zu Kaffee und Bugatsa in ein Caf\u00e9 an den Morosini-Brunnen.<\/p>\n<p>Das Musikgesch\u00e4ft, das ich vergeblich gesucht habe, ist umgezogen. Bei der Suche hilft uns ein j\u00fcdischer Juwelier, in fl\u00fcssigem Deutsch, aber nicht, bevor wir uns seine gesamte Lebensgeschichte angeh\u00f6rt haben. Die Gro\u00dfmutter hat in Wien, die Mutter in Berlin studiert und Berlin zu seiner besten Zeit erlebt, als kosmopolitische Stadt vor dem Krieg. Dann kam die Nazi-Zeit, und sie \u00fcberlebten hier mit Hilfe von Kommunisten, bei denen sie unterkommen konnten. Er betont, was f\u00fcr eine schwere Zeit es war, und immer wieder kommt: \u201eAber wir haben \u00fcberlebt\u201c.<\/p>\n<p>Er begleitet uns zu dem Musikgesch\u00e4ft, das abseits der Einkaufsstra\u00dfe in einer sch\u00f6nen Ecke liegt, in die man sonst nicht hinkommen w\u00fcrde. Im Musikgesch\u00e4ft werden wir von Vater und Sohn empfangen und beraten, \u00fcber kretische Musik und Musikinstrumente. Der eigentliche Plan, Noten zu kaufen, schl\u00e4gt fehl, weil es f\u00fcr das gesuchte Instrument keine Noten gibt, aber eine CD springt am Ende doch raus. Vor allem aber den Genuss, dem Sohn beim Vorspielen auf der Lyra zuzuh\u00f6ren. Die hat einen sehr sch\u00f6nen, vollen Klang. Der Juwelier fragt mich nach meinen weiteren Pl\u00e4nen und sagt, Santorini sei eher eine Touristeninsel. Richtig \u201ewild\u201c sei nur Kreta.<\/p>\n<p>Wir verabschieden uns und machen noch einen Spaziergang zur Stadtmauer. Eine junge Frau zeigt uns den Weg zu Kazantzakis Grab. Sie hat einen Koffer bei sich. Sie kommt gerade aus Santorin. Sie ist Fremdenf\u00fchrerin der TUI. Sch\u00f6n, sage ich. Nein, nicht so sch\u00f6n, sagt sie. So finde sie keinen Ehemann.<\/p>\n<p>Als wir wieder zur\u00fcckkommen, stellen wir entsetzt fest, dass es schon halb sieben ist. Zeit, zur\u00fcckzufahren. Auf dem Parkplatz bekomme ich ein Lob f\u00fcr mein Griechisch, wie vorher von einer jungen Frau, die wir nach dem Weg zum Museum \u00a0gefragt haben.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">31. M\u00e4rz (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen vom Kuckuck geweckt worden. Ist mir bisher noch gar nicht aufgefallen. Auch die anderen V\u00f6gel sind voll zu Gange, wie auch in den letzten Wochen immer wieder, meistens in D\u00f6rfern und St\u00e4dten an Pl\u00e4tzen. Ob es daran liegt, dass da eher Laubb\u00e4ume zu finden sind.<\/p>\n<p>Der Tag ist wieder tr\u00fcb, kein Vergleich zu gestern. W\u00e4hrend Xia auf Erkundung ist, bleibe ich zuhause und treffe Vorbereitungen f\u00fcr die Weiterfahrt. Sie bringt Sesambl\u00e4ttchen mit Honig mit, offensichtlich eine griechische Spezialit\u00e4t, von der ich bisher noch nichts wusste. Schmeckt gut zu Obst. Sie ist auch gleich ins Gespr\u00e4ch gekommen mit verschiedenen Leuten, unter anderem mit einer Deutschen, die hier einen Laden betreibt, mit einem Griechen verheiratet schon das halbe Leben hier ist.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1. April (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Wie am 1. Januar \u00e4ndert sich auch heute, am 1. April, das Wetter, nicht ganz so schlagartig, aber merklich. Nach ein paar Anlaufschwierigkeiten wird es richtig sch\u00f6n. Es sollen die w\u00e4rmsten, sonnigsten Tage seit vielen Monaten werden.<\/p>\n<p>Unterwegs sehen wir am Rand der Stra\u00dfe einen ungew\u00f6hnlichen Bildstock, ein richtiges gemauertes Kirchlein, mit Fenster, Apsis, Tunnelgew\u00f6lbe, Kreuz. Wir machen Halt und ich erfahre, dass jeder vern\u00fcnftige Maurer die Steine quer legt, wie hier bei dem Bildstock. Xia sorgt erst mal f\u00fcr Ordnung im Innern des Bildstocks, hat aber kein Staubtuch dabei. Das einzige Ausr\u00fcstungsst\u00fcck, das in ihrer Ausstattung fehlt.<\/p>\n<p>Wir fahren \u201eunten rum\u201c, eine gute Entscheidung, denn so kommen wir mal \u00fcber eine andere Strecke. Und wir finden auch einen Kompromiss: Gortys ja, Phaistos nein. Und ehe wir uns versehen, sind wir schon in Phaistos. Es lohnt sich auch f\u00fcr mich, denn eher zuf\u00e4llig treffen wir bei der Erwanderung des Gel\u00e4ndes auf die immergr\u00fcne Platane, die ich beim letzten Mal verpasst habe. Das ist die Platane, unter der Zeus mit Europa herumgemacht haben soll, mit beachtlichem Ergebnis: Minos. Allerdings sieht die Platane f\u00fcr so eine historische Verantwortung nicht gro\u00df, nicht alt, nicht pr\u00e4chtig genug aus.<\/p>\n<p>Die Orientierung ist nicht einfach, immer wieder m\u00fcssen wir die Karte herumdrehen, um zu sehen, was wo liegt. Offensichtlich wird die antike Stadt nicht nur durch die Hauptstra\u00dfe geteilt, sondern, auf unserer Seite, nochmals in zwei Teile durch einen Fluss. Auf der anderen Seite erhebt sich ein H\u00fcgel. Das muss die Akropolis gewesen sein.<\/p>\n<p>Xia zeigt sich von Odeon und Gesetzestext beeindruckt. Wir spekulieren auch dar\u00fcber, ob die unterschiedlichen Farben der Steine etwas zu sagen haben, kommen aber zu dem Schluss, dass vielleicht die hellen einfach schon restauriert worden. Neben dem E, das durch die Bustrophedon in jeder zweiten Zeile in eine andere Richtung weist, finden wir auch P und B, bei denen das auch der Fall ist. Wie immer, gef\u00e4llt ihr auch das, was einfach so in der Gegend herumliegt, und davon gibt es hier eine ganze Menge, vor allem auf dem nicht zug\u00e4nglichen Gel\u00e4nde der Titus-Basilika.<\/p>\n<p>Am Ausgang des Ausgrabungsgel\u00e4ndes eine Nische in der Mauer mit einem Krug und anderen Gef\u00e4\u00dfen. Die Funktion ist schwer zu erkennen, aber es d\u00fcrfte auch eine Art Bildstock sein.<\/p>\n<p>Bei der Weiterfahrt biegen wir nach kurzem Z\u00f6gern ab, Richtung Matala, eine Entscheidung, die wir nicht bereuen. Dabei kommen wir dann tats\u00e4chlich an Phaistos vorbei, lassen es aber nach einem kurzen Blick links liegen. Matala war die klassische Heimstatt der Hippies auf Kreta, ein paar \u00dcberbleibsel gibt es wohl noch. Es liegt wunderbar an einer Bucht, deren Wasser in allen m\u00f6glichen Farben schillert. Und an der Seite liegen die H\u00f6hlen, schon aus der Ferne beeindruckend.<\/p>\n<p>Wir trinken aber erst einen Kaffee auf einer sch\u00f6nen Terrasse am Ende der Hauptstra\u00dfe. Die ist ganz auf touristischen Bedarf ausgerichtet, ist aber jetzt, zu dieser fr\u00fchen Jahreszeit, noch einsam und verlassen.<\/p>\n<p>Ob man in die H\u00f6hlen wohl reingehen kann? Ich glaube nicht, behalte aber unrecht. Es gibt zwar einen Zaun, aber auch ein Kassenh\u00e4uschen. Man hat die H\u00f6hlen, nachdem sie immer mehr verwahrlost wurden, vor ein paar Jahren geschlossen, jetzt aber wieder ge\u00f6ffnet, gegen Eintrittsgeld. Ein guter Kompromiss.<\/p>\n<p>Wir kraxeln in der Sonne auf den Felsvorspr\u00fcngen rum und gehen in ein paar H\u00f6hlen rein. Es sind tats\u00e4chlich steinzeitliche H\u00f6hlen, die dann von den Hippies \u201ebesetzt\u201c wurden. Die H\u00f6hlen sind ganz unterschiedlich. In der einen oder anderen ist sogar eine Bettst\u00e4tte in den weichen Kalkstein gehauen, mit steinernem \u201eKopfkissen\u201c. Man steht verwundert davor und fragt sich, wer das gemacht hat, die Steinzeitmenschen oder die Hippies. Man kann \u00fcber ein paar Steine auch auf die h\u00f6her gelegenen \u201eEtagen\u201c gelangen, und das lassen wir und nicht entgehen. Es Die \u201eErkundung\u201c der H\u00f6hlen geh\u00f6rt zu den bleibenden Erinnerungen an Kreta. Der Umweg hat sich gelohnt.<\/p>\n<p>Auch das Auto nimmt eine Erinnerung mit, als ich beim Zur\u00fccksetzen gegen einen Stein fahre und der Karosserie ein Loch verpasse.<\/p>\n<p>Unterwegs ist irgendwann die Beschilderung futsch, und dann treffen wir an einer Kreuzung tats\u00e4chlich auf ein paar Schilder, die nur griechische Buchstaben haben, eine der ganz wenigen Ausnahmen. Die sind au\u00dferdem verblasst, aber man kann anhand des einen oder anderen Buchstabens so gerade noch <em>Chania<\/em> identifizieren.<\/p>\n<p>Es geht Richtung Norden, und auf dem Weg haben wir eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Begegnung. Am Stra\u00dfenrand steht eine alte Frau. Sie macht eine unbestimmte Geste. Wir verstehen die Geste so, dass sie auf Mitfahrgelegenheit wartet, und das stimmt. Eine greise Tramperin. Sie will nach Rethymnon. Den kleinen Umweg nehmen wir gerne in Kauf. Wir packen ein paar Reisetaschen um und verstauen ihre beiden schweren, prall gef\u00fcllten Taschen im Kofferraum. Unterwegs erz\u00e4hlt sie eifrig. Sie ist 85. Kinder hat sie nicht, aber eine Nichte, die sich um sie k\u00fcmmert. Die beiden T\u00fcten enthalten xorta, Gr\u00fcnzeug, das sie offensichtlich verkauft. Zum Essen f\u00fcr die alleine ist es viel zu viel. Sie macht das schon seit vielen Jahrzehnten. Wie lange sie denn auf eine Mitfahrgelegenheit gewartet habe, wollen wir wissen. Eine Viertelstunde. Sie err\u00e4t, dass wir Deutsche sind. Und beginnt, vom Krieg zu erz\u00e4hlen. Schlimme Erinnerungen seien das, sie habe als Kind immer Angst gehabt. Vor dem Knallen. Aber ihre Mutter habe sie beruhigt. Nein, sie wohne nicht im Zentrum, sagt sie, aber das Viertel, in das sie uns mit sicheren Anweisungen f\u00fchrt, liegt doch ziemlich zentral, wenn auch nicht in der Altstadt. Vor einem modernen mehrst\u00f6ckigen Haus steigt sie aus und packt entschlossen ihre beiden Taschen unter den Arm und geht ihres Weges. Kein bemitleidenswertes, hilfsbed\u00fcrftiges M\u00fctterlein, sondern eine selbst\u00e4ndige alte Frau. Dazu passt auch Xias Beobachtung, dass sie gepflegte H\u00e4nde und sorgf\u00e4ltig manik\u00fcrte Fingern\u00e4gel gehabt habe.<\/p>\n<p>Wir fahren in Rethymnon bei herrlichem Sonnenschein ein St\u00fcck an der Meeresfront vorbei und entdecken da tats\u00e4chlich eine Handvoll Badende!<\/p>\n<p>Unser n\u00e4chster Halt ist schon an der Nordk\u00fcste, in Georgioupolis, einem der wenigen Orte auf Kreta mit einem Fluss. Der Ort h\u00e4lt nicht, was er verspricht, aber der erste Eindruck ist sehr sch\u00f6n. Wir parken an einer baumbestandenen Allee gleich an einer Br\u00fccke \u00fcber den Fluss. Auf der Br\u00fccke stehend, sieht man nach vorne auf den Hafen wei\u00dfen Booten und die Flussm\u00fcndung, nach auf den unregelm\u00e4\u00dfig zwischen B\u00e4umen und Str\u00e4uchern verlaufenden Fluss.<\/p>\n<p>Am Meeresufer stehen Hotelanlagen, die auf Massentourismus hindeuten. Xia macht ein paar abf\u00e4llige Bemerkungen \u00fcber deren architektonische Gestaltung.<\/p>\n<p>Wenn man die im R\u00fccken hat, beeintr\u00e4chtigen sie aber nicht die Sicht auf das Meer, in das ein steinerner Steg mit einem wei\u00dfen Kirchlein am Ende f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die hohen B\u00e4ume von Georgioupolis sind Eukalyptusb\u00e4ume. Sie tun ihre Wirkung, die sonst meist sch\u00e4dlich ist, weil sie anderen Pflanzen das Wasser entziehen. Hier sind die absichtlich daf\u00fcr gepflanzt worden. Georgioupolis war ein Sumpfgebiet mit hohem Aufkommen von Malaria. Man pflanzte die Eukalyptusb\u00e4ume, und die taten ihren Dienst.<\/p>\n<p>Georgioupolis ist nach dem britischen Hochkommissar benannt und hat seinen Namen merkw\u00fcrdigerweise behalten. Es hie\u00df urspr\u00fcnglich Almiropolis, nach dem Fluss, dem Almiros, und der hei\u00dft der \u201aSalzige\u2018.<\/p>\n<p>Auf der Suche nach einem im Reisef\u00fchrer empfohlenen Caf\u00e9 landen wir auf dem zentralen Platz des Ortes, und der ist nur zum Weglaufen. Das tun wir auch und landen irgendwo in einem Caf\u00e9 in der N\u00e4he des Flusses. Auf einer Tafel vor dem Caf\u00e9 wird \u201eKaffee mit einem St\u00fcck Kuchen\u201c angeboten. Es wird tats\u00e4chlich von einer Deutschen betrieben, einer Norddeutschen, die schon seit undenklichen Zeiten hier lebt und sich endlich ihren Traum verwirklicht hat, ihr eigenes Caf\u00e9. Das finden wir beide gut. Eigentlich ist das Caf\u00e9 f\u00fcr Griechenland ein bisschen zu fein, zu etepetete, und die Besitzerin wirkt auch etwas gouvernantenhaft. Aber so was verkauft sich hier bei den vielen Touristen bestimmt gut. Wie gut sie Griechisch spricht, ist schwer zu sagen, aber auf jeden verr\u00e4t ihr Akzent sie sofort als Deutsche.<\/p>\n<p>Dann erreichen wir unser Ziel, Kalives, etwas weiter westlich gelegen. Die Pension ist nicht so leicht zu finden, es gibt keine Adresse, und die ersten Nachfragen im Ort ergeben nichts. Wir fahren einfach weiter ortsausw\u00e4rts, und pl\u00f6tzlich erscheint auf der rechten Seite Maria Rooms. Aber keine Maria. Mehrere R\u00e4ume stehen offen und sind offensichtlich f\u00fcr ankommende G\u00e4ste reserviert, nur ist niemand zu sehen. Ein Nachbar hilft. Er regelt es einfach per Lautst\u00e4rke: Mariiiiia! Und schon erscheint sie, eine etwas rundliche Frau mit einem offenen, freundlichen L\u00e4cheln. Sie l\u00e4dt uns sofort in ihre Wohnung ein. Dort bekomme ich Kaffee, w\u00e4hrend Xia sich mit Saft zufrieden geben muss, weil ich es nicht richtig verstanden habe. Maria spricht sehr wenig Englisch, bem\u00fcht sich aber und kommt mit ein paar Worten ganz gut zurecht. Sie spricht von einem Ehepaar aus M\u00fcnchen, das lange bei ihr Gast war, Jetzt sind die beiden zu alt zum Reisen, aber sie schreiben immer noch. Die konnten gut Griechisch, sagt sie, beide.<\/p>\n<p>Wie immer, wird stolz von Kindern und Enkelkindern berichtet und davon, wann das n\u00e4chste kommt: im August.<\/p>\n<p>Auch nach dem Alter fragt sie, und es stellt sich heraus, dass sie viel j\u00fcnger ist, als sie aussieht, und dass Xia nach ihrer Sch\u00e4tzung f\u00fcnfzehn Jahre abziehen kann von ihrem Alter. Bei mir liegt sie mit der Sch\u00e4tzung dagegen richtig. Die Welt ist eben ungerecht.<\/p>\n<p>Das Haus hat einen privaten Strand, das macht sicher seine Beliebtheit aus. Am Ende eines gepflegten Rasens \u2013 eine Seltenheit in Griechenland \u2013 f\u00fchren ein paar Treppenstufen direkt zum Strand hinunter. Von dem Wohnzimmer sieht man gleich darauf hinab. Man sieht allerdings nur bedingt, denn die Fensterscheiben k\u00f6nnten mal wieder geputzt werden, wie mir auf Deutsch zugeraunt wird. Als ob sie es ahne, sagt Maria, man habe es hier gar nicht leicht: die Feuchtigkeit, das Salz. Sie entzaubert das, was f\u00fcr den Besucher ein kleines Paradies ist, mit ein paar Worten. Eine Erfahrung, die mir in Erinnerung bleibt. Sie weist auf die Fenster und sagt: Die sind geputzt. Der Dreck steckt mitten drin, zwischen den beiden Scheiben. Die braucht man wegen der Feuchtigkeit.<\/p>\n<p>Sie zeigt uns unsere Zimmer und sagt dann, sie komme gleich noch mal mit der Rechnung. Das finde ich etwas verfr\u00fcht, aber ist ja egal. Dann bringt sie aber nicht die Rechnung, sondern das Benutzerwort f\u00fcr das Internet. Sie hat nicht <em>logariasmo<\/em> gesagt, sondern <em>login<\/em>!<\/p>\n<p>Am Abend bleibe ich hartn\u00e4ckig und bestehe auf dem Koumandros, dem im Reisef\u00fchrer empfohlenen Lokal, am anderen Ortsende, obwohl da kein Mensch ist. Es gibt ganz einfache K\u00fcche, mit verschiedenen kleinen Fleischgerichten, darunter Speck und eine Wurst. Schmeckt aber ganz ordentlich, und mich schreckt auch der kr\u00e4ftige, hauseigene, sehr kalt servierte Rotwein nicht ab. Und die schmale Rechnung tr\u00e4gt auch zur Zustimmung bei. \u00dcberhaupt ist das Essen am Abend einer Fahrt nach Ankunft in einem neuen Ort fast immer gut.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">2. April (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Fahrt nach Chania. Wir finden einen Parkplatz im Parkhaus eines Supermarkts. Von dort geht es gleich in die Innenstadt.<\/p>\n<p>Im alten Hammam, mit flachen, kleinen Kuppeln auf dem Dach, ist eine moderne Boutique. Frauenklammotten. Nichts wie rein. Wir werden von einer jungen Frau bedient, die sehr viel Geduld hat und guten Geschmack und mit einer Art Stola geradezu Zauberei betreibt. Die Stola verwandelt sich st\u00e4ndig, je nachdem, wie sie gefaltet und wo sie angelegt wird. Sagenhaft. Au\u00dferdem f\u00e4llt f\u00fcr mich ein griechisches Wort ab: \u03bc\u03b5\u03c4\u03ac\u03be\u03b9 \u2013 Seide. Ja, nat\u00fcrlich! Sie fragt, woher wir kommen, ich frage zur\u00fcck, woher sie kommt, und zum ersten Mal verstehe ich sie nicht. Wo ist denn dieser Ort. Dann kapiere ich: Russland. Sie ist keine Griechin. Sie kommt aus einem Ort etwas dreihundert Kilometer von Moskau. Spricht sehr gut Griechisch, so gut, dass ich nicht merke, dass es nicht ihre Muttersprache ist. Dann f\u00e4llt mir ein, dass sie bei einem Stoff zur\u00fcckgefragt hat, bei der Chefin. Da wusste sie offensichtlich das Wort nicht. Wir finden auch beide, dass man sieht, dass sie keine Griechin ist, wenn man es einmal wei\u00df. Die Gesichtsz\u00fcge haben irgendetwas Osteurop\u00e4isches. Schwer zu sagen, was.<\/p>\n<p>Nach erfolgreichem Einkauf geht es durch die G\u00e4sschen zum Handdenkmal und dann am Hafen entlang zur\u00fcck. Der Blick auf die H\u00e4user der Meeresfront, die Lagerhallen, die Moschee, den Leuchtturm und das Meer verfehlt seine Wirkung nicht, und bei dem wunderbaren Wetter schon gar nicht. Aber Xia macht eine nachdenkliche Einschr\u00e4nkung: Das ist alles italienisch. Gef\u00e4llt uns das, was wir kennen?<\/p>\n<p>Am Ende des Hafens dann die Entt\u00e4uschung: Das minoische Schiff ist immer noch nicht zu sehen, die Lagerhalle ist immer noch geschlossen, und nat\u00fcrlich gibt es weiterhin keine Information \u00fcber \u00d6ffnungszeiten.<\/p>\n<p>Dann sehen wir uns die Markthalle an. Sie findet Beifall wegen ihrer Architektur, aber weniger wegen ihrer Atmosph\u00e4re. An einer Informationstafel drau\u00dfen erf\u00e4hrt man, welch gro\u00dfer Eingriff in die Stadtstruktur der Bau der Markthalle war. Vor allem bedeutete sie den Abbruch des kompletten parallel zum Meer verlaufenden Teils der Stadtmauer. Es gab aber auch sehr gute Gr\u00fcnde f\u00fcr ihre Errichtung. Es war nicht nur praktisch, alles unter einem Dach zu kaufen, sondern auch aus hygienischen Gr\u00fcnden ratsam. Vorher musste man den frischen Fisch und die Meeresfr\u00fcchte oft lange durch die Stra\u00dfen und nach Hause schaffen.<\/p>\n<p>Wir trinken einen Kaffee an dem Platz mit der Kirche mit Turm und Minarett, und da gibt es eine Erinnerung an die Kindheit. Der \u201eMosaik\u201c, den wir dazu bestellen, \u00a0entpuppt sich als Kalter Hund.<\/p>\n<p>Wir gehen ins Kastelli-Viertel und sehen dort die Spolien in der Stadtmauer. Die kenne ich schon, aber was ich immer \u00fcbersehen habe, ist eine Pyramide aus Raki-Flaschen vor einem Lokal. Originell, und sch\u00f6n anzusehen.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber eins der typischen Messergesch\u00e4fte, mit Werkstatt gleich nebenan. Der Messerschmied l\u00e4dt uns in die Werkstatt ein und zeigt Materialien und Ger\u00e4te. Darauf entspinnt sich ein Gespr\u00e4ch zwischen Experten, in dem es um zusammenklappbare Klingen, franz\u00f6sische Patente und gebogene Griffe geht. Ich kann nur and\u00e4chtig zuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Der Mann spricht auch ein paar Brocken Deutsch. Ludwigshafen, BASF. Da hat der Schwiegervater lange Jahre gearbeitet, und seine Frau ist dort geboren. Dann sind sie nach Griechenland zur\u00fcckgekehrt.<\/p>\n<p>Wir werden dann elegant in das Gesch\u00e4ft geleitet und verlassen es am Ende mit einem Messer als Mitbringsel.<\/p>\n<p>Dann folgt eine fast unendliche Suche nach einer unterirdischen Kirche. Immer wieder werden wir hin und zur\u00fcck geschickt, aber die meisten Leute sind freundlich. Am Ende entdecken wir sie, als uns eine Frau bis zur Schwelle begleitet. Wir sind vermutlich schon ein paarmal da vorbeigelaufen. Die Kirche ist weder unterirdisch \u2013 nur ein ganz kleines St\u00fcck unter Bodenniveau \u2013 noch sonderlich sehenswert. Sie ist winzig klein, einschiffig, eher eine Kapelle. Aber eine Frau kommt rein und erkl\u00e4rt die Ikonen und deren Besonderheit. Auch sie spricht Deutsch, ganz ordentlich sogar. Die Begegnung mit ihr und ihre Begeisterung f\u00fcr die Kirchenpatronin, Irini, und ihr m\u00e4nnliches Pendant, einen anderen M\u00e4rtyrer, entsch\u00e4digen f\u00fcr die entgangene unterirdische Kirche. Am meisten schw\u00e4rmt die Frau vom Patronatsfest. Das klingt wie ein weltbewegendes Fest.<\/p>\n<p>Bei der Wanderung durch die Gassen werde ich auf einen ganz kuriosen Baum aufmerksam gemacht, an dem ich vorbeigelaufen w\u00e4re. Er hat Zitronen und Apfelsinen. Wenn man das auf einem Bild sehen w\u00fcrde, w\u00fcrde man sagen: manipuliert. Aber damit nicht genug: Au\u00dferdem w\u00e4chst an demselben Baum auch noch Jasmin. Und der duftet.<\/p>\n<p>Im selben Viertel gibt es auch noch ein schlankes, sehr sch\u00f6n gestaltetes Minarett mit einem spitzen Helm zu entdecken. Es w\u00e4chst einfach zwischen den H\u00e4usern der engen Stra\u00dfe in die H\u00f6he.<\/p>\n<p>Am Ende leisten wir uns in einer Konditorei ein verbotenes St\u00fcck mit Schokolade \u00fcberzogenes rundes Tortenst\u00fcck. Das wird auf dem Platz vor der Kathedrale verdr\u00fcckt. Das M\u00e4dchen in der Konditorei erkl\u00e4rt erst auf Griechisch, wechselt dann auf Deutsch, als sie uns h\u00f6rt. Erst, als wir drau\u00dfen sitzen und uns der Kalorienbombe annehmen, kommen uns Zweifel: doch keine deutsche Muttersprachlerin. Wenn sie es nicht ist, ist ihr Deutsch sagenhaft gut.<\/p>\n<p>In der Pension liegt am Abend eine riesige T\u00fcte Apfelsinen auf dem Tisch. Von Maria. Sie werden in den n\u00e4chsten Tagen als Wegzehrung und in Form von Orangensaft zum Einsatz kommen sowie sp\u00e4ter, zusammen mit der Bergamotte, ihren Eingang in eine selbst kreierte So\u00dfe finden.<\/p>\n<p>Zum Essen gibt es Nudeln und improvisierten Salat. Die Ingredienzen stammen aus dem Supermarkt gleich auf der anderen Stra\u00dfenseite. Es gibt eine unterschiedliche Interpretation des Verhaltens des M\u00e4dchens an der Kasse, das mich keines Blickes w\u00fcrdigt und wortlos das Wechselgeld in die Schale legt. Ich finde das unm\u00f6glich, Xia ist da gro\u00dfz\u00fcgiger.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">3. April (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Die Fahrt geht in den Wilden Westen. Ich bestehe auf Falassarna, im \u00e4u\u00dfersten Westen, fast ganz im Norden. Die Entscheidung schlie\u00dft gleich eine ganze Reihe von Alternativen aus. Der Wilde Westen ist gro\u00df.<\/p>\n<p>Auf der ersten Teilstrecke ist von wild allerdings nichts zu sehen. Es geht \u00fcber die New Road auf ebener Strecke bis nach Kissamos, der gr\u00f6\u00dften Stadt der Gegend. Dann wird es interessanter. Wir biegen auf eine kleine Stra\u00dfe ab und bekommen aufregende Landschaft zu sehen. Ich frage mich, wo der Unterschied zum Wilden Osten liegt, aber komme zu keinem Ergebnis. Etwas ist anders, aber ich wei\u00df nicht, was.<\/p>\n<p>Falassarna mit seiner Grabungsst\u00e4tte ist schon fr\u00fch sehr gut ausgeschildert. Dann wird die Ausschilderung, je n\u00e4her man kommt, immer schlechter und verschwindet am Ende ganz. Gibt es etwas, was Griechenland besser zusammenfasst?<\/p>\n<p>Eine \u00e4ltere, elegant gekleidete Dame, die wir nach dem Weg fragen, antwortet h\u00f6flich, ist dann aber fast verstimmt, als ich frage, ob man mit dem Auto oder zu Fu\u00df dahin k\u00e4me. Mit dem Auto nat\u00fcrlich! Die Stra\u00dfen sind gut! Die Frage ist ein Affront. Dabei w\u00e4ren wir ganz gerne gelaufen, wenn es nicht zu weit ist.<\/p>\n<p>Wie in Ierapetra, wird der sch\u00f6ne Blick aus der Ferne auf das Meer hinunter nicht gerade versch\u00f6nert durch die vielen Gew\u00e4chsh\u00e4user. Je n\u00e4her wir kommen, umso h\u00e4sslicher wird die Umgebung. Und jetzt beginnt die gro\u00dfe Suche. Wir folgen einem kleinen Pfad, von dem man st\u00e4ndig den Eindruck hat, dass er bald zu Ende sein muss, aber er geht immer weiter. Und am Ende kommen wir da aus, wo wir vor einer halben Stunde losgefahren sind. Dann geht es die Stra\u00dfe rauf und dann die Stra\u00dfe runter, kein Ergebnis. Schlie\u00dflich fahren wir wieder zum Meer runter und in die andere Richtung. Hier sieht es besser aus. Wir lassen das Auto an einem Platz stehen und fragen in einem Caf\u00e9 nach. Ja, ist richtig, etwa einen Kilometer weiter, immer den Feldweg entlang. Das machen wir zu Fu\u00df.<\/p>\n<p>Was jetzt folgt, ist eine Suchaktion, die nur von sehr bescheidenem Erfolg bekr\u00f6nt ist, aber wir nehmen das klaglos hin und finden uns damit ab, dass die Suchaktion trotzdem den Aufwand wert war.<\/p>\n<p>Den ersten Treffer landen wir, nachdem wir schon mehrmals Richtung Meer abgebogen und \u00fcber Felsen gekraxelt sind, als wir uns endlich entschlie\u00dfen, den Feldweg weiter zu gehen. Und da steht er, mitten in der Landschaft: der Thron. Ein merkw\u00fcrdiges Gebilde, aus dem Stein am Ort gehauener, also mit der Erde verwachsener Thron, den man wegen seiner Form und mangels einer geeigneten Bezeichnung so bezeichnet. Ob er wirklich ein Thron war, ist nicht klar. Auch von Rednertrib\u00fcne oder Teil eines Heiligtums ist die Rede. Hinten hat der Thron eine schmale Sitzfl\u00e4che. Daher vermutlich die Annahme, dass es ein Thron sein k\u00f6nnte. Aber die ist nicht gerade bequem und nicht gro\u00df genug. Was immer das Ding auch sein mag, es ist ein au\u00dfergew\u00f6hnlicher Anblick und ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Ding.<\/p>\n<p>Immer noch am Wegesrand entdecken wir dann eine andere Steinstruktur. Ich bezweifele, dass es ein Fischbecken ist, wei\u00df aber keine Alternative. Es ist ein Sarkophag.<\/p>\n<p>Dann kommen wir tats\u00e4chlich zum Ausgrabungsgel\u00e4nde. Der Aufpasser macht gerade Mittagspause, und wir kommen umsonst rein. Man sieht Reste von Wacht\u00fcrmen, eines Baderaums, einer Zisterne, eines Brunnens.<\/p>\n<p>Falassarna war in der Antike der Hafen einer landeinw\u00e4rts gelegenen Stadt. Aus irgendeinem Grund nehme ich die ganze Zeit an, dass das r\u00f6misch ist, aber das scheint nicht zu stimmen. Es ist aber nirgendwo Genaues zu erfahren.<\/p>\n<p>Die Anlage versteht man aber ungef\u00e4hr. Man hat hier wohl eine k\u00fcnstliche Lagune geschaffen, die mit dem Meer verbunden war. Der Hafen war an der Lagune. Und damit im Zusammenhang steht das interessanteste Detail. Wir sehen eine Art \u201eStra\u00dfe\u201c, an deren Seite merkw\u00fcrdige Haken in den Stein gehauen sind. Was ist das? Dann lesen wir die Erkl\u00e4rung: Die \u201eStra\u00dfe\u201c ist eine Art Kanal, eine ihrer Seiten ist das Kai, und an den Haken wurden die Schiffe festgemacht!<\/p>\n<p>Dann folgt die immer erneute, am Ende vergebliche Suche nach dem, was Falassarna interessant macht: der Steinbruch und das Fischbecken. Das Fischbecken, aus dem Stein gehauen, muss gleich unter dem steilen Ufer liegen, aber wir finden es nicht. Im Reisef\u00fchrer ist ein dramatisches Photo zu sehen, in dem jemand da hinuntergeklettert ist. Es muss wohl am Ende des Ausgrabungsfeldes liegen. Da versperrt ein Zaun den Weg. F\u00fcr die Steinbr\u00fcche kommen zwar ein paar Felsbrocken in Frage, aber sie entsprechen auch nicht ganz der im Reisef\u00fchrer geschilderten, interessanten Form. Die gr\u00f6\u00dfte Entt\u00e4uschung f\u00fcr mich ist es aber, dass man die Felsen nicht sieht, an denen mal ablesen kann, dass der Hafen durch ein Erdbeben sechs Meter angehoben wurde. Er liegt also heute auf dem Trockenen. Das stimmt zwar, aber wir k\u00f6nnen uns die alte Situation nicht ausmalen. Trotzdem verlassen wir den Ort guter Dinge. Hat wohl nicht sein sollen.<\/p>\n<p>Xia will zu einem Kloster, Moni Chrissokalitissa, auch an der Westk\u00fcste gelegen, aber ein ganzes St\u00fcck weiter s\u00fcdlich. Aber man muss erst ins Inland, an der K\u00fcste gibt es keine Stra\u00dfe. Es geht st\u00e4ndig bergauf, und ziemlich genau auf der\u00a0 Bergspitze, in einem Ort mit dem merkw\u00fcrdigen Namen Amigdalokefali, \u201aMandelkopf\u2018, finden wir ein Lokal. Da kann man sich drau\u00dfen hinsetzen. Wir bestellen Kaffee und Geb\u00e4ck und Jogurt mit Honig. Schmeckt alles ganz vorz\u00fcglich, und die Wirtin ist freundlich. In ihr finde ich auch eine Adressatin f\u00fcr Xias Frage, was es mit den Eisen auf sich hat, die \u00fcberall aus den D\u00e4chern herausgucken und in die H\u00f6he weisen, auch hier. Es folgt eine ziemlich lange Erkl\u00e4rung, in der das Wort Staat mehrmals vorkommt und irgendetwas von Steuern oder Zusch\u00fcssen. Jedenfalls sind die Eisen f\u00fcr den Aufbau, f\u00fcrs n\u00e4chste Geschoss, das aber dann nicht zur Ausf\u00fchrung kam, weil es an Geld fehlte.<\/p>\n<p>Von hier oben sieht man, wie eine Stra\u00dfe sich in langen Serpentinen zur K\u00fcste hinunter windet. Sieht richtig beeindruckend aus. Der Karte zufolge eine winzige Nebenstra\u00dfe, aber die Wirtin versichert uns, dass wir sie problemlos nehmen k\u00f6nnen. Sie ist wohl vor kurzem ausgebaut worden.<\/p>\n<p>Fahrerwechsel f\u00fcr die Serpentinen. Der zahlt sich aus, denn ich kann am Abend beim Bier ungehindert zuschlagen.<\/p>\n<p>Am Kloster nimmt uns ein verwirrter junger Mann in Empfang, der es sich zur Aufgabe macht, uns in den \u201eParkplatz\u201c einzuweisen. Er st\u00f6\u00dft nur ein paar unverst\u00e4ndliche Worte aus, aber die Absicht ist klar: Parkgeb\u00fchren bezahlen. Tun wir ohne Widerworte.<\/p>\n<p>Das Kloster ist wie eine Replik von Kapsa, und nat\u00fcrlich genauso wie Kapsa geschlossen. Es sieht nicht wie ein Kloster aus, aber auch nicht wie eine Festung, eher wie ein verbautes Haus mit einem burg\u00e4hnlichen Teil. Auch hier f\u00fchrt eine Treppe den Berg hoch, und das Kloster ist wie in den Felsen gebaut. Wie an so vielen Orten, gibt es auch hier die typische Legende mit einer wundert\u00e4tigen Ikone, und wie an so vielen Orten, sind auch hier die T\u00fcrken die Schurken.<\/p>\n<p>Die lange Treppe hat am Ende eine goldene Stufe. Man kann sie nur sehen, wenn man von S\u00fcnden frei ist. Wir steigen hinauf und ich zeige sie ihr.<\/p>\n<p>Die Fahrt hat sich aber nicht nur deshalb gelohnt. Als wir einmal um das Kloster herumgehen, sieht man in der Ferne die Lefka Ori, die Wei\u00dfen Berge. Sie sind tats\u00e4chlich wei\u00df. Aber es ist kein Schnee. Es ist Kalk. Und passenderweise liegt gleich vor uns ein Haufen Kalkstein, wohl f\u00fcr die Instandsetzung des Klosters gedacht. Auf all das muss ich aber erst dezent aufmerksam gemacht werden. H\u00e4tte ich alleine alles \u00fcbersehen.<\/p>\n<p>Nicht weit von hier gibt es das, was ein Traumstrand genannt wird, in Elafonisi, aber wir verzichten darauf und fahren auf einem anderen Weg Richtung Norden zur\u00fcck. Dabei gelangen wir auf eine Scenic Road.<\/p>\n<p>Nicht weit von hier liegt der kretische S\u00fcdseestrand, Elafonisi, aber wir verzichten darauf und fahren auf einem anderen Weg Richtung Norden zur\u00fcck. Dabei gelangen wir auf einen Streckenabschnitt, der von der Sch\u00f6nheit der Landschaft seinesgleichen sucht. Erst im Nachhinein wird mir klar, was hier anders ist: Es ist eng. Die typisch kretische weite, offene Landschaft hat hier ihren Gegenpol: Die Felsw\u00e4nde stehen nahe beieinander und ragen weit nach oben hinauf. Es sieht wie eine Schlucht aus. Es ist eine Schlucht! Die Topolia-Schlucht. An einer Haltebucht bleiben wir stehen und versuchen vergeblich, den atemberaubenden Blick auf das Photo zu bannen. Irgendwie erinnert mich die Szenerie an Italien. In dem Moment bleibt ein anderes Autos hier stehen, und zwei Italiener steigen aus! \u00c4lteres Semester, aber es ist schwer zu entscheiden, ob es sich um Mann und Frau oder Tochter und Vater handelt. Sie f\u00e4hrt jedenfalls, und er kommt nur mit M\u00fche aus dem Auto. Sie kommen aus Rom und haben auch Deutschland bereist \u2013 die Weltkulturst\u00e4tten, darunter Aachen und Trier. Sehr sch\u00f6n. Aber bei Trier k\u00f6nnen sie sich den Hinweis nicht verkneifen: r\u00f6misch. Ja, so wie Mailand langobardisch oder Ravenna gotisch ist.Sobald man die Schlucht hinter sich gelassen hat, wird die Landschaft wieder normal. Es geht Richtung Norden. Was soll man mit dem Rest des Tages anfangen? Eine \u201erichtige\u201c Besichtigung ist nicht mehr drin. Dann kommt die L\u00f6sung: Chania. Da hat es uns gut gefallen. Ich stimme sofort zu.<\/p>\n<p>Auf dem Weg dahin haben wir eine Begegnung. Wir stehen an einem Ende einer Br\u00fccke, mit offenen Fenstern, \u00fcber eine Karte gebeugt, um zu sehen, in welche Richtung wir m\u00fcssen. Am anderen Ende der Br\u00fccke steht ein Pope. Er steht vor einem Baum und fuchtelt mit irgendetwas herum. Dann kommt er auf uns zu, bleibt am offenen Autofenster stehen, dr\u00fcckt uns etwas in die Hand und verschwindet, wortlos, aber mit einem Lachen. Wir m\u00fcssen uns erst einmal fassen. In der Hand halten wir ein Kreuz, aus Palmenbl\u00e4ttern geflochten. Wir sehen uns fragend an. Und entscheiden, das Kreuz im Auto aufzuh\u00e4ngen. Leichter gesagt als getan, aber Xia findet eine L\u00f6sung. Von jetzt an baumelt das Kreuz vor der Windschutzscheibe. Wir sind beide beeindruckt. K\u00f6nnen uns aber nicht darauf einigen, mit was f\u00fcr einem Lachen der Pope uns das Kreuz gegeben hat: freundliches Lachen oder nerv\u00f6ses Lachen? Nerv\u00f6ses nat\u00fcrlich.<\/p>\n<p>Die Entscheidung, nach Chania war genau die richtige. Das Meer und die Hafenfront schimmern im goldenen Abendsonnenschein. Das fangen auch die Photos wunderbar ein. Zum Gl\u00fcck kommt dann noch ein frisch gezapftes Bier in einer Taverne am Hafen hinzu.<\/p>\n<p>Am Abend gibt es dann aufgew\u00e4rmte Nudeln und Dosenbier aus dem Supermarkt. Das Leben ist nicht nur eitel Sonnenschein.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">4. April (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Zum Abschluss geht es nach Rethymnon. Xia will unbedingt auf den Wochenmarkt, aber ich finde die Vorstellung, den jetzt erst noch zu suchen, nicht so prickelnd. Ist der nicht donnerstags? Ja, aber samstags gibt es auch einen.<\/p>\n<p>Wir parken irgendwo am Rande der Innenstadt in einem Wohnviertel, vor einem Hotel. Wir steigen aus, und sie zeigt nach unten: Da. Tats\u00e4chlich, da ist der Markt. In ein paar Minuten sind wir da. Gleich am ersten Stand gibt es die Frucht mit dem merkw\u00fcrdigen Namen \u03a0\u03b5\u03c1\u03b3\u03b1\u03bc\u03cc\u03bd\u03c4\u03bf, was sich wie Pergament oder Pergamon anh\u00f6rt. Erst sp\u00e4ter finde ich heraus, dass das die Bergamotte ist. Ich habe sie vor gar nicht allzu langer Zeit in Heraklion als ganz s\u00fc\u00dfe Nachspeise bekommen. Ich frage den Verk\u00e4ufer, ob wir eine einzige bekommen k\u00f6nnten, dr\u00fccke mich dabei aber ziemlich unbeholfen aus, so dass er meint, ich wollte sie geschenkt bekommen. Ja, klar, sagt er, und packt gleich mehrere in eine T\u00fcte und tut auch noch eine Apfelsine dazu. Kannst Du mitnehmen! Die Bergamotte schmeckt uns\u00e4glich bitter, aber findige kulinarische Geister verarbeiten sie zu So\u00dfen oder machen aus ihnen ein s\u00fc\u00dfes Dessert.<\/p>\n<p>Wir machen an vielen St\u00e4nden Halt, und fast \u00fcberall entsteht eine Plauderei. Eine alte Frau erkl\u00e4rt uns die verschiedenen Arten von Wildgem\u00fcse, die sie verkauft, die ber\u00fchmte \u03c7\u03cc\u03c1\u03c4\u03b1, der ich jetzt schon so oft begegnet bin. Eine junge Frau erkl\u00e4rt die verschiedenen K\u00e4sesorten und l\u00e4sst uns probieren. Der Vater ist der Besitzer der Schafe, der Bruder k\u00fcmmert sich um die K\u00e4seherstellung, sie um den Verkauf. Eine andere junge Frau erz\u00e4hlt, sie sei in Ludwigshafen geboren, habe aber seit ihrer R\u00fcckkehr hierher nicht mehr viel Deutsch gesprochen. Sie kommt aber noch gut zurecht.<\/p>\n<p>Nicht nur der Markt ist mir neu, ich erlebe eine ganz andere Stadt, gr\u00f6\u00dfer, moderner, lauter. Nur den Venezianischen Hafen und den Rimondi-Brunnen erkenne ich wieder. Das Tor, durch das wir in die Innenstadt kommen, f\u00fchrt in eine lebendige, sch\u00f6ne Fu\u00dfg\u00e4ngerstra\u00dfe, in der wir alle paar Meter stehen bleiben und uns gegenseitig Kleinigkeiten zeigen. Und bekommen bei einem Schreibwarenh\u00e4ndler Umschl\u00e4ge. Wir brauchen nur zwei, und haben die Karten nicht dabei, die da rein sollen, also dauert es, bis die Verhandlungen abgeschlossen sind, und als wir dann am Ende bezahlen wollen, winkt er ab: Geschenkt!<\/p>\n<p>Dann stehen wir vor der Loggia. Jetzt wird mir klar, warum ich sie vergeblich gesucht habe: Sie wurde restauriert und war hinter Planen verborgen. Ich erkenne aber den Platz wieder, wo ich die zwei M\u00e4dchen nach der Loggia gefragt habe. Der ist gleich gegen\u00fcber, keine zehn Meter entfernt! Ein Wasserspeier, den Xia sichtet, muss wohl wirklich etwas Besonderes sein. Er liegt als Replik auch in dem noch gar nicht er\u00f6ffneten Museumsshop der Loggia.<\/p>\n<p>Wir gehen zur Festung rauf. Drau\u00dfen erkundigen zwei junge Amerikaner das Gel\u00e4nde, mit Plastikbechern von Starbucks in der Hand.<\/p>\n<p>Wir gehen in das Arch\u00e4ologische Museum. Dort diskutieren wir mit einer schw\u00e4bischen Hausfrau die Funktion einer minoischen Keramik, die wie ein Gef\u00e4hrt aussieht, aber wohl eher Teil eines Heiligtums ist. Die schw\u00e4bische Hausfrau hat, ebenso wie Xia, eine \u201eApfelreibe\u201c und eine \u201eZitronenpresse\u201c unter den Exponaten ausgemacht.<\/p>\n<p>Der Weg hinauf zur Festung hat sich f\u00fcr mich auf jeden Fall gelohnt. Ich bekomme ein T-Shirt mit entschieden unsentimentalem Kreta-Motiv.<\/p>\n<p>Wir landen dann, gleich auf dem Abhang, der zur Festung f\u00fchrt, in einem Caf\u00e9 der Alterne mit einschl\u00e4gigen Zitaten auf den Klot\u00fcren und lockerem Gehabe. Es ist richtig sch\u00f6n, sonnig und warm, und man kann drau\u00dfen auf der schmalen Stra\u00dfe sitzen. Als mehr G\u00e4ste kommen als Platz haben, werden auf der anderen Stra\u00dfenseite weitere St\u00fchle aufgestellt.<\/p>\n<p>Bei den weiteren Streifz\u00fcgen durch die Stadt gibt es ein paar sch\u00f6ne Motive zum Photographieren: eine riesige Skulptur in Form einer griechischen Lyra, die noch nicht beseitigte Weihnachtsdekoration \u00fcber einer Stra\u00dfe, deren Schatten auf die Hausfassade geworfen wird, ein riesiges Komboloi, das von einem Haus herunterbaumelt, eine G\u00e4rtnerei mit der Aufschrift Hella Sod, Vord\u00e4cher \u00fcber Fenstern, auf der Fassade der H\u00e4user aufliegende Kamine mit Fenstern, und immer wieder Unget\u00fcme von Strommasten.<\/p>\n<p>Wir kommen auch an zwei Moscheen vorbei, die eine wohl im Dornr\u00f6schenzustand, mit wei\u00dfen S\u00e4ulenteilen auf dem Boden des Vorgartens verstreut. Die andere ist das Heim des Pal\u00e4ontologischen Museums.<\/p>\n<p>Als wir uns am Abend in Kalives auf den Weg ins Dorf machen wollen, f\u00e4llt unser Blick auf ein Lokal, das zwei H\u00e4user neben der Pension liegt. Der Einfachheit halber nehmen wir das. Wir bleiben auch bei unserer Entscheidung, als wir h\u00f6ren, dass es kein Zicklein gibt. Nur sonntags und nur auf Vorbestellung. Es gibt gutes Essen, begleitet von intensiver Werbung f\u00fcr den eigenen Betrieb, ein Familienbetrieb, der sich die W\u00f6rter authentisch, kretisch, organisch, biologisch auf die Fahne geschrieben hat.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag geht es dann noch gemeinsam nach Heraklion, zum Flughafen. Dort starten innerhalb weniger Minuten die Flugzeuge nach D\u00fcsseldorf und nach Santorin.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">19. April (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Nach zweiw\u00f6chiger Abwesenheit wieder \u201ezu Hause\u201c. Am Vormittag klopft es an der T\u00fcr. Es ist eine Freundin von Norbert. Sie fliegt heute wieder zur\u00fcck und bringt mir Reste, darunter Schwarzbrot und Bier. Sie bittet mich, sie nach Ierapetra zu bringen.<\/p>\n<p>Unterwegs erz\u00e4hlt sie mir, dass sie in einer Reiseagentur arbeite und g\u00fcnstige Sonderangebote bekomme, aber immer nur kurzfristig. Dieser Flug mit Luxair hat sie nur 70 \u20ac gekostet. Der Normalpreis ist 500 \u20ac.<\/p>\n<p>Sie war eine Woche hier. Wie denn das Wetter gewesen ist, will ich wissen. Na ja, nicht so gut. Sonnig, aber nicht warm, und sehr, sehr windig.<\/p>\n<p>Auch sie spricht von dem Erdbeben. Es sei sehr kurz gewesen, aber heftig. Sie war im Mirtos, das voll besetzt war. Alle seien auf der Stelle auf die Stra\u00dfe gelaufen, es habe eine richtige Panik gegeben.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">20. April (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Zum ersten Mal seit Wochen wieder etwas Lekt\u00fcre. Sonst immer noch ein Tag des Ankommens, mit Mails und Waschen und Aufr\u00e4umen. Und Zeit, \u00fcber ein Grass-Zitat nachzudenken, das ich in Santorin zugeschickt bekam: \u201eSchamlos das Tier von der Leine lassen. Dieser und jener werden. Tote erwecken. Zielstrebig in die Irre gehen. Unter gestrichelten Schatten Zuflucht suchen. Jetzt sagen.\u201c<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">21. April (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>An der Strandpromenade haben viele L\u00e4den und Lokale inzwischen ge\u00f6ffnet. Auslagen, Schilder mit Angeboten, Tischdecken. Aber es wird auch noch einger\u00e4umt und gestrichen. Vor einem Lokal stehen unter Sonnenschirmen mit Binsend\u00e4chern auch Liegest\u00fchle herum, die aber noch keiner nutzt. Weiter hinten am Strand liegen aber tats\u00e4chlich ein paar Touristen im Sand, und andere stecken die Zehen ins Wasser. Es ist so, wie Norberts Freundin es beschrieben hat: sonnig, aber nicht sonderlich warm und sehr windig. Hier ist es 18\u00b0, in der Heimat 21\u00b0 warm.<\/p>\n<p>Im\u00a0<em>Sorbas<\/em> kommt die Rede auf die ausgewanderten Griechen, die, die nach dem B\u00fcrgerkrieg in die sozialistischen L\u00e4ndern geflohen sind. Von denen war auch im Unterricht in Santorin die Rede. Im Roman macht sich Sorbas daran, sie in die Heimat, in das gelobte Land, zur\u00fcckzuf\u00fchren, weil sie im Ausland schlecht behandelt werden.\u00a0Was Sorbas aber noch nicht wissen konnte: Auch in der Heimat w\u00fcrden sie nach ihrer R\u00fcckkehr nicht sonderlich gut behandelt werden.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">22. April (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Heute ist das Meer blau, einfach nur blau. Ohne Schattierungen. Das kommt selten vor. Es ist m\u00e4\u00dfig warm und wieder ziemlich windig. Ein bisschen auf dem Balkon gelesen, aber es wird bald ungem\u00fctlich.<\/p>\n<p>Sch\u00f6ner Vergleich in dem Roman des Italienischkurses. Vergleich zwischen Erz\u00e4hlerin und einem Kind, das in ihrem Umkreis auftaucht. Das Kind l\u00e4uft, so als laufe es hinter etwas her, was es fangen m\u00f6chte, sie l\u00e4uft, so als laufe sie vor etwas weg, das ihr angst macht.<\/p>\n<p>Sorbas ist ein tief ungl\u00fccklicher Mensch. Das sagt er von sich selbst. Das ist f\u00fcr die herk\u00f6mmliche Rezeption des Sorbas als fr\u00f6hlicher, lebensbejahender, leichtlebiger Mann ein Schlag ins Gesicht. Und er sagt, f\u00fcr ihn sei es dasselbe, wenn die Nachricht lautet, die Griechen h\u00e4tten Konstantinopel erobert oder die T\u00fcrken h\u00e4tten Athen erobert. Wie viele Griechen, die den Roman als einen der H\u00f6hepunkte der modernen griechischen Literatur feiern, wissen, dass das da drin steht?<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">23. April (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Und der Gewinner ist: Thessaloniki. Nicht Kreta, nicht Santorin, nicht Athen. Die Vermieter in Thessaloniki waren freundlicher und schneller und vermieten Wohnungen zu akzeptablen Preisen. Nach kleiner Gew\u00f6hnungszeit jetzt Vorfreude.<\/p>\n<p>Typisch: Ich schreibe auf Griechisch, Vermieterin antwortet auf Griechisch, ich antworte auf Griechisch, Vermieterin antwortet auf Englisch. Das ist wie ein Watschen.<\/p>\n<p>Bei den Anfragen gelernt, wie man Thessaloniki schreibt, erst mit Jota, dann mit Eta. Einleuchtend: <em>Nike<\/em>.<\/p>\n<p>Die Erinnerungen an Thessaloniki \u2013 ganz kurzer Besuch auf der Durchfahrt \u2013 sind sehr unbestimmt und auch gar nicht so positiv. Die Wirklichkeit konnte der Schw\u00e4rmerei der Griechen nicht standhalten. Aber es gibt viel zu sehen, es ist neu, und etwas Gro\u00dfstadtluft tut vielleicht gut. Meinen Anorak habe ich ja noch dabei. Andererseits: Gestern waren es dort 20\u00b0, hier 17\u00b0, dort war es wolkenlos, hier bew\u00f6lkt.<\/p>\n<p>Von der damaligen Reise vor allem die Meteora-Kl\u00f6ster in Erinnerung und die Grabst\u00e4tte Philipps II. Beides beeindruckend.<\/p>\n<p>Ich fahre nach Ierapetra zum Einkaufen. Alle Gesch\u00e4fte sind geschlossen. Ich frage einen Passanten im Zentrum: \u201eAgios Giorgos. Nur in Ierapetra. In Agios Nikolaos Nikolaus.\u201c Leuchtet ein. Nur hei\u00dft Ierapetra eben nicht Agios Giorgos.<\/p>\n<p>In einem kleinen Laden bekomme ich wenigstens Milch, allerdings zum Rekordpreis von zwei Euro f\u00fcr eine T\u00fcte!<\/p>\n<p>Bei der Fahrt durch die engen Stra\u00dfen Richtung Innenstadt habe ich vor mir einen Motorradfahrer auf einem uralten Motorrad mit selbstgebasteltem Nummernschild und einem Helm, der wie ein Stahlhelm aus dem Krieg aussieht. Er weicht keinen Meter zur Seite und l\u00e4sst mir genug Zeit, ihn genau zu beobachten.<\/p>\n<p>Ich setze mich auf eine Bank an dem Platz mit der Moschee. Wenn der Wind sich f\u00fcr einen Moment legt und die Sonne sich ausnahmsweise nicht hinter den wenigen Wolken versteckt, ist es richtig warm, sommerlich. Aber beides ist selten der Fall.<\/p>\n<p>Ich lese im Sorbas, wie Sorbas berichtet, dass er nach Heraklion f\u00e4hrt, dort aber alle Gesch\u00e4fte geschlossen sind! Verr\u00fcckt. Er sagt, er kenne niemanden und niemand kenne ihn in Heraklion. Er sei frei.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehe ich dann, dass die Gesch\u00e4fte in den D\u00f6rfern tats\u00e4chlich ge\u00f6ffnet sind. Es ist wirklich, wie der Passant sagte, nur in Ierapetra.<\/p>\n<p>Am Wegesrand ist fast die ganze gelbe Blumenpracht verschwunden. Stattdessen gibt es jetzt viele blauviolette B\u00fcsche. Sieht aus wie in der Heide.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">24. April (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Nur ein paar Schleierwolken, ansonsten blauer Himmel, Sonnenschein, wenig Wind. Und es ist richtig warm. Kaum zu glauben. Nach dem Laufen kurz die F\u00fc\u00dfe ins Wasser gesteckt. Geht schon. Am Strand sind ein paar Liegest\u00fchle besetzt. Und die wachsende Zahl der Touristen kann man an den M\u00fclleimern ablesen. Die quellen \u00fcber. Dabei habe ich die ganze Zeit gedacht, wie genau die dem Bedarf angepasst sind.<\/p>\n<p>Auf dem Balkon h\u00f6rt man die Stimmen der Kinder vom Schulhof. Wenn sie abz\u00e4hlen, machen sie das mit Buchstaben: Alpha, Beta, Gamma \u2026<\/p>\n<p>Auf Umwegen, durch die Erinnerung an ein Caf\u00e9 in Georgiopoulis, kommt mir das Wort \u03b6\u03b1\u03c7\u03b1\u03c1\u03bf\u03c0\u03bb\u03b1\u03c3\u03c4\u03b5\u03af\u03bf in den Sinn, \u201aKonditorei\u2018. Zum ersten Mal f\u00e4llt mir auf, dass der Bindevokal ein &lt;o&gt; ist, obwohl \u03b6\u03ac\u03c7\u03b1\u03c1\u03b7, \u201aZucker\u2018 auf &lt;i&gt; endet. Und dann erinnere ich mich an einer der langwierigen Grammatik\u00fcbungen in Santorin. Da ging es die Bildung von Komposita, und genau um diesen Vokal. Das Wort \u03b6\u03b1\u03c7\u03b1\u03c1\u03bf\u03c0\u03bb\u03b1\u03c3\u03c4\u03b5\u03af\u03bf kam dabei nicht vor. Dabei ist es besser, weil h\u00e4ufiger, als die meisten der etwas weit hergeholten W\u00f6rter der \u00dcbung. Ob mir die Sache auch aufgefallen w\u00e4re, h\u00e4tten wir die \u00dcbung nicht gemacht? Wenn nicht, spricht das f\u00fcr die Langzeitwirkung von Lehre, selbst der langweiliger Grammatik\u00fcbungen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">25. April (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Auch in Ierapetra haben die Souvenirl\u00e4den inzwischen ge\u00f6ffnet: H\u00fcte, Badet\u00fccher, Sonnenbrillen, T-Shirts mit angeblich originellen Aufdr\u00fccken und Ansichtskarten, die einen verzweifeln lassen: kitschig, klischeehaft, \u00fcberladen oder nichtssagend.<\/p>\n<p>Im Zentrum von Ierapetra sehe ich ein Plakat, auf dem ein Theaterst\u00fcck angek\u00fcndigt wird: \u03b7 \u03c0\u03bf\u03bd\u03c4\u03b9\u03ba\u03bf\u03c0\u03b1\u03b3\u03b9\u03b4\u03b1. Kurzes R\u00e4tselraten, was das wohl sein kann. Dann entziffere ich den Namen der Autorin: \u0391\u03b3\u03ba\u03ac\u03b8\u03b1 \u039a\u03c1\u03af\u03c3\u03c4\u03b9 \u2013 Agatha Christie. Und dann erst verstehe ich den Titel: <em>Die Mausefalle.<\/em> Und dann erst das Wort: \u03c0\u03bf\u03bd\u03c4\u03af\u03ba\u03b9 +\u00a0\u00a0 \u03c0\u03b1\u03b3\u03af\u03b4\u03b1, \u201aMaus\u2018 + \u201aFalle\u2018, k\u00f6nnte logischer gar nicht sein, aber wieder mit dem Bindevokal &lt;o&gt;.<\/p>\n<p>Im Zentrum bl\u00fchen jetzt auff\u00e4llige B\u00e4ume mit knallroten Bl\u00fcten. Die sehen aus wie einzelne, lange Haare und f\u00fchlen sich ganz weich an. Auch w\u00e4hrend der Tage mit Xia haben wir sie mehrmals gesehen. Was mag das wohl sein?<\/p>\n<p>Die Post ist samstags geschlossen und auch w\u00e4hrende der Woche nur vormittags ge\u00f6ffnet. Und im Kiosk gibt es keine Briefmarken. In Myrtos gibt es Briefmarken am Kiosk, aber da bekommt man nicht immer die richtigen.<\/p>\n<p>Dimitra erz\u00e4hlt, dass ausnahmsweisen die Kindern Ostern mal nicht krank geworden sind. Und dass sie in n\u00e4chtlicher Arbeit einen Auftrag erledigt hat, den sie bekommen hat: Sie hat f\u00fcr die lokale Tageszeitung eine Vorstellung von Kreta f\u00fcr ausl\u00e4ndische Besucher geschrieben. Die wird hier ver\u00f6ffentlicht und dann auch in Athen, bei einer Ausstellung, vermutlich einer Tourismusmesse, ausgestellt. Sie ist froh, den Auftrag bekommen zu haben und sichtlich stolz darauf, nicht einfach, wie ihr nahegelegt wurde, eine Kolportage mit Hilfe Materialien aus dem Internet zu verfertigen, sondern ihren eigenen Text verfasst zu haben. Gut gemacht!<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. April (Sonntag) <\/span><\/p>\n<p>\u201eIn Oia, Greece, the temperature is generally temperate and mild\u201c. Diesen Satz aus einer Brosch\u00fcre habe ich damals vorgelesen, als wir uns in Santorin auf dem Parkplatz in Oia getroffen haben, in dicke Anoraks und gesteppte Winterm\u00e4ntel geh\u00fcllt und uns vor K\u00e4lte sch\u00fcttelnd. Sp\u00e4ter lesen wir in einer anderen Brosch\u00fcre: \u201eFira is a small lively town in Santorini, especially during the summer season, which in Greece begins early and ends late\u201c. Haha. Und jetzt entdecke ich auf der CD aus Santorin ein Lied mit dem Titel:\u00a0 \u0394\u03b5\u03bd \u03ba\u03ac\u03bd\u03b5\u03b9 \u03ba\u03c1\u03cd\u03bf \u03c3\u03c4\u03b7\u03bd \u0395\u03bb\u03bb\u03ac\u03b4\u03b1. \u2013 <em>In Griechenland wird es nie kalt<\/em>. Die glauben das wirklich! Nicht nur die Touristen, sogar die Griechen selbst glauben es!<\/p>\n<p>Bei der Durchsicht der Notizen aus Santorin wiedergefunden. Der griechische Tausendf\u00fc\u00dfler, \u03c3\u03b1\u03c1\u03b1\u03bd\u03c4\u03b1\u03c0\u03bf\u03b4\u03b1\u03c1\u03bf\u03cd\u03c3\u03b1, hat nur vierzig F\u00fc\u00dfe! Das ist n\u00e4her an der Wirklichkeit dran. Der spanische, cienpi\u00e9s, hat hundert!<\/p>\n<p>Heute w\u00fctet das Meer wieder und zeigt sich in allen Schattierungen: vorne grau, dann gr\u00fcn, dann blau und hinten wieder grau. Komisch.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">27. April (Montag) <\/span><\/p>\n<p>Interessante Erfahrung bei der Buchung der F\u00e4hre: Es wird nach keinem Personalausweis, keinem F\u00fchrerschein, keinem Kraftfahrzeugschein gefragt, nicht einmal nach den Ma\u00dfen des Autos, nur nach dem Nummernschild. Im ersten Reiseb\u00fcro konnte man nicht mit Kreditkarte bezahlen: zu teuer. Die Banken kn\u00fcpfen den Gesch\u00e4ften zu viele Geb\u00fchren ab. (Vorher beim Kauf eines Mitbringsels eine \u00e4hnliche Erfahrung: Die Banken f\u00f6rdern das Kartensystem nicht, sie wollen kleine Gesch\u00e4fte davon abhalten, die Zahlung per Karte einzuf\u00fchren). Im zweiten Reiseb\u00fcro dann die verbl\u00fcffende Antwort auf die Frage, ob man mit Karte bezahlen k\u00f6nne: Kommt drauf an. Worauf? Auf die Buchung. F\u00e4hre nach Pir\u00e4us. Nein, das lohnt sich nicht f\u00fcr uns. Aber mit Auto? Na gut, kommen sie, sagt er nach kurzem Z\u00f6gern und eher widerwillig. Danach geht alles ganz schnell.<\/p>\n<p>Wirklichkeit und Abbildung: Erst auf einem Photo habe ich gemerkt, dass der Boden am Strand von Ierapetra Wellen imitiert. Es sieht auf dem Photo geradezu nach Bewegung aus. Man meint auf den ersten Blick, das Meer zu sehen. Erst jetzt sehe ich es auch an Ort und Stelle, aber nicht so deutlich wie auf dem Photo.<\/p>\n<p>Bemerkenswert die Geschwindigkeit, mit der die Tamarisken an der Uferpromenade in Ierapetra wieder gr\u00fcn geworden sind. Vor ein paar Wochen sahen sie noch nackt aus.<\/p>\n<p>Bei Manolis herzliche Begr\u00fc\u00dfung wie immer. Er sagt, heute beginne der Sommer. Definitiv. Versprochen. Das Gesch\u00e4ft l\u00e4uft. Es kommen jetzt neben den Einheimischen auch Touristen, fast immer im Zweierpack, am blassen Teint und den kurzen Hosen zu erkennen. Sie bestellen Bier, um elf Uhr vormittags.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg auf der anderen Fahrspur eine Katze, die es sich auf dem Asphalt bequem gemacht hat. Aber es kommen Autos von hinten. Beim N\u00e4herkommen sieht man dann, dass sie angefahren worden ist und verzweifelt versucht, sich aufzurappeln. Vergeblich. Sie ist totgeweiht.<\/p>\n<p>In Myrtos sehe ich an der Strandpromenade einen Maler, der die Fassade einer Taverne t\u00fcncht. Ob er das jedes Jahr mache, frage ich. Ja, jedes Jahr. Das Salz.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">28. April (Dienstag) <\/span><\/p>\n<p>Gestern Abend mal wieder im Mirtos gewesen, nach einiger Zeit. Mit eingedeckten Tischen, offenen T\u00fcren, Tischen drau\u00dfen und ohne Aschenbecher sieht die Dorfkneipe jetzt eher wie ein Restaurant f\u00fcr Touristen aus. Es ist nicht so voll wie erwartet, jedenfalls am Anfang nicht. So viele Touristen sind noch nicht da, und die Konkurrenz hat jetzt auch ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Am Nebentisch drei Holl\u00e4nder, zwei Emigranten und ein \u201erichtiger\u201c. Der sieht aus wie ein Holl\u00e4nder. Es hat \u201eHoll\u00e4nder\u201c auf der Stirn stehen. Wie kann das sein, dass man manchmal die Nationalit\u00e4t so einfach zuordnen kann?<\/p>\n<p>Am anderen Nebentisch f\u00fcnf Finninnen, \u00e4lteres Semester, die bei einem Sch\u00f6nheitswettbewerb ihren Konkurrentinnen keinen Schrecken einjagen w\u00fcrden. Sie betonen die Tendenz noch durch alberne H\u00fcte und uns\u00e4gliche Brillen.<\/p>\n<p>Manolis\u2018 angek\u00fcndigter Sommer hat genau einen Tag angehalten. Ich werde ihn zur Rede stellen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">29. April (Mittwoch) <\/span><\/p>\n<p>Der Tag beginnt mit einem Stromausfall. Nix wie weg. Die letzten Wochen noch ausnutzen, um etwas von Kreta zu sehen. Das Reiseziel, Kloster Arkadi, ist vor allem wegen zuverl\u00e4ssiger \u00d6ffnungszeiten \u2013 365 Tage im Jahr! \u2013 und den entsprechenden Informationen auf der Website ausgew\u00e4hlt worden.<\/p>\n<p>Auf dem Weg habe ich einen Blick auf die von der Wehrmacht so systematisch zerst\u00f6rten H\u00e4user von Kato Symi, die von unten noch beeindruckender aussehen als oben. Diesmal sehe ich sie rechtzeitig, um ein Photo zu machen, von hier unten, wie sie am Berghang liegen.<\/p>\n<p>Vor Heraklion kommt ein schneebedeckter Berg in Sicht, mit dem immer wieder auff\u00e4lligen schwarz-wei\u00dfen Muster. Den sehe ich dann immer wieder, aus unterschiedlichen Perspektiven.<\/p>\n<p>An einer sch\u00f6nen, kleinen Bucht, die mir durch ihr blaues Wasser bei der Durchfahrt schon mehrmals aufgefallen war, mache ich Halt. Man f\u00e4hrt von der hoch gelegenen Stra\u00dfe in das wie ausgestorben wirkende Dorf hinunter. In einer Taverne, in der g\u00e4hnende Leere herrscht, bestelle ich einen Kaffee. Ich wei\u00df gar nicht, wo ich bin. Paleochora? Paleokastro? Palekastro? Ein altes Ehepaar, das in der Ecke sitzt, gibt die Antwort: Dies ist Paleokastro, \u201aalte Burg\u2018. Sie erkl\u00e4ren mir auch, wo die anderen Orte liegen.<\/p>\n<p>Die Wirtin erkl\u00e4rt mir den Weg hinauf zur Burg, auf der anderen Seite der vielbefahrenen Stra\u00dfe. W\u00fcrde man alleine nicht finden. Es gibt einen schmalen Trampelpfad, auf dem man sich \u00fcber Steine hoch \u00fcber der Bucht nach oben k\u00e4mpft. Von der Burg ist nicht allzu viel \u00fcbrig geblieben, aber das liegt und steht einfach so in der Gegend herum, von Gras und Gestr\u00fcpp \u00fcberwachsen: ein Torbogen, eine in den Felsen gehauene Sitzbank, eine windschiefe Mauer, eine versteckte, improvisierte Kapelle, eine Treppe, die ins Nichts f\u00fchrt. Das hat beinahe etwas Geheimnisvolles.\u00a0 Es handelt sich um einen historisch f\u00fcr die Geschichte Kretas durchaus bedeutungsvollen Ort. Hier verhandelte Morosini, der Venezianische Statthalter, die \u00dcbergabe des jahrzehntelang umk\u00e4mpften Heraklion an die T\u00fcrken. Warum nur noch Ruinen erhalten sind, wei\u00df man nicht so recht. Vielleicht lie\u00dfen die T\u00fcrken das Kastell einfach verfallen.<\/p>\n<p>Einen zweiten Stopp lege ich in Fodele ein, dem angeblichen Geburtsort El Grecos. Er liegt ein paar Kilometer abseits der Hauptstra\u00dfe. Tats\u00e4chlich stammte El Greco vermutlich aus Heraklion. Aber das interessiert hier niemanden. Je n\u00e4her man dem Ort kommt, umso sch\u00f6ner wird die Landschaft. Aus der Distanz sieht man auf die au\u00dferhalb des Ortes liegende, kleine Kirche. Schon f\u00fcr diesen Blick lohnt sich der Umweg.<\/p>\n<p>Nach der Fahrt \u00fcber die einsame Landstra\u00dfe traut man seine Augen nicht, wenn man in den Ort kommt: Der Parkplatz ist voller Reisebusse. Man muss sich selbst abseits, an dem kleinen Fluss, der mitten durch den Ort flie\u00dft, einen Platz suchen. \u00dcberall werden Stickarbeiten, Getr\u00e4nke und Andenken angeboten. El Greco ist ein gutes Gesch\u00e4ft.<\/p>\n<p>Von den vielen Besuchern merkt man kaum etwas, auf dem kleinen Weg, auf der kleinen Stra\u00dfe, die aus dem Ort heraus zu der Kirche f\u00fchrt, sowieso nicht. Ich treffe nur auf eine kleine Gruppe franz\u00f6sischer Touristen \u2013 nicht spanischer, wie ich erwartet hatte. Die laufen mit nacktem Oberk\u00f6rper durch die Gegend, jedenfalls die M\u00e4nner. So warm ist es nun auch wieder nicht.<\/p>\n<p>Die Kirche ist leider verschlossen, dabei soll sie auch von innen sehr sehenswert sein. Es lohnt sich aber auch so. Es ist eine kleine, fast symmetrische Kreuzkuppelkirche, steinsichtig, mit einem sch\u00f6nen Tambour und sch\u00f6nem, einfachem Schmuck, mit Ziegelb\u00e4ndern und Blendarkaden. Es gibt im Osten und im Norden noch gut erkennbare Reste einer gr\u00f6\u00dferen Vorg\u00e4ngerkirche.<\/p>\n<p>Etwas weiter liegt das zum Geburtshaus El Grecos erkl\u00e4rte Geb\u00e4ude, sch\u00f6n etwas erh\u00f6ht zwischen Pinien gelegen. Zu sehen gibt es eigentlich nichts, au\u00dfer ein paar von hinten angeleuchteten Reproduktionen einiger Werke El Grecos. Die Begegnung mit seinen Bildern l\u00f6st auch in den Reproduktionen ambivalente Gef\u00fchle aus: Die v\u00f6llig vergeistigten, fast k\u00f6rperlosen, l\u00e4nglichen Figuren und deren verdrehte Augen und die kitschigen Farben der Gew\u00e4nder sind kaum ertr\u00e4glich, aber die Intensit\u00e4t der Blicke der Figuren, vor allem in den Portraits, und die geheimnisvolle Atmosph\u00e4re der Stadtansichten im Hintergrund sind beeindruckend. Zwei signifikante Kleinigkeiten fallen mir auf: Der Apostel Paulus h\u00e4lt einen Brief in der Hand, auf dem ein griechischer Text steht. Keine Geste an das Heimatland des Malers, sondern historisch korrekt: Paulus, r\u00f6mischer Staatsb\u00fcrger, schrieb seine Briefe auf Griechisch, auch den an die R\u00f6mer. Die andere Kleinigkeit taucht im Bild der Familie des Malers auf, lauter Frauen und ein Kind. Eine der Frauen tr\u00e4gt einen Zwicker auf der Nase. Es muss eine der \u00e4ltesten Darstellungen einer Brille sein.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg schwebt ganz oben \u00fcber dem Felsen ein Vogel mit breiten Schwingen und st\u00fcrzt sich dann nach unten, w\u00e4hrend seine kleineren Kollegen in den B\u00e4umen singen. An einem verrosteten Tor ranken sich dichte, gr\u00fcne Bl\u00e4tter, und auf einer niedrigen Steinmauer vor einem Haus sind kleine, bunte Blument\u00f6pfe mit einfachen Gr\u00fcnpflanzen aufgereiht. Daraus wird ein richtig sch\u00f6nes Photo.<\/p>\n<p>Hinter Fodele tauchen am Stra\u00dfenrand zu beiden Seiten der Stra\u00dfe improvisierte Verkaufsst\u00e4nde auf, einer nach dem anderen. Schwere, mit Apfelsinen und Kartoffeln gef\u00fcllte T\u00fcten h\u00e4ngen an Gestellen und liegen auf der Bordsteinkante. Jeder Verk\u00e4ufer hat einen Stand auf beiden Seiten. Bei Bedarf geht man dann eben auf die andere Stra\u00dfenseite r\u00fcber.<\/p>\n<p>Ich mache Halt und gehe zu dem Stand eines alten Ehepaars. Die beiden l\u00e4cheln mich fr\u00f6hlich an, als ich sie auf Griechisch anspreche. Und zeigen dabei das Ruinenfeld ihrer Z\u00e4hne.<\/p>\n<p>Eine ganze T\u00fcte kann ich nicht gebrauchen. Ob ich wohl auch einfach zwei Apfelsinen haben k\u00f6nne? Ja, kein Problem. Die Frau dr\u00fcckt sie mir in die Hand. Geschenkt. So war es aber nicht gemeint. Als ich ihr dann irgendwie zwei Euro in die Hand dr\u00fccke, legt sie noch schnell zwei Mandarinen dazu. Man sieht den Apfelsinen f\u00f6rmlich an, dass sie \u201eecht sind: etwas schrumpelig, mit kleinen Farbflecken, unterschiedlich gro\u00df.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich sagt der Mann: \u201eDeutsch? Ich f\u00fcnf Jahre Deutschland, drei Jahre D\u00fcsseldorf\u201c. Wo er die beiden anderen Jahre verbracht hat, verstehe ich dann nicht. Er strahlt geradezu bei der Erinnerung an eine lang zur\u00fcckliegende Zeit, ganz egal, mit welchen Schwierigkeiten er damit vielleicht zu k\u00e4mpfen hatte. Diese zuf\u00e4llig Begegnung und die freundlichen Gesten und Worte der beiden graben sich in mein Ged\u00e4chtnis ein. Erst als ich weiterfahre, frage ich mich, wie die beiden wohl dahin kommen und ob sie den ganzen Tag dort sitzen.<\/p>\n<p>Dann geht es weiter nach Arkadi. Die Suche ist schwer. Erst fahre ich zu weit, bis nach Rethymnon, dann fahre ich in einem Dorf immer auf und ab, auf und ab: Nach Arkadi geht es immer in die andere Richtung. Dann merke ich endlich, dass das, was wie der Liefereingang zu einem Supermarkt aussieht, die Stra\u00dfe ist. Dann geht es einen Feldweg entlang und durch ein Dorf, in dem handgeschriebene Schilder den Weg weisen: Moni Arkadi.<\/p>\n<p>Das Moni Arkadi ist eine Art sakrales Nationalmonument, Ort eines kollektiven Selbstmords in der T\u00fcrkenzeit. Um den T\u00fcrken nicht in die H\u00e4nde zu fallen, sprengen die Griechen das Pulvermagazin in die Luft und suchen gemeinsam den Tod. Nur 114 \u00fcberleben, von ca. 964, die hier Zuflucht gesucht hatten. Der Hauptverantwortliche ist ausgerechnet der Abt, Abt Gavril, der sich geweigert hatte, sich zu ergeben, trotz warnender Stimmen, die die Zerst\u00f6rung des Klosters bef\u00fcrchteten. Trotz des Abzugs des griechischen Offiziers Kornoeos, der von Festland gekommen war, um die Kreter zu unterst\u00fctzen, aber wieder abgezogen war, weil das Kloster nicht zu verteidigen war. Trotz der Aufforderungen der T\u00fcrken, sich zu ergeben. Die waren mit 15 Mann angezogen. Das Kloster war zu einer revolution\u00e4ren Zelle geworden, und das war dem t\u00fcrkischen Pascha nicht verborgen geblieben.<\/p>\n<p>Das wird nat\u00fcrlich hier als Heldentat gefeiert, wobei alle anderen Aspekte au\u00dfen vor bleiben: Wer darf dar\u00fcber entscheiden, dass so viele Menschen sterben? Lohnt es sich, f\u00fcr die \u201eFreiheit\u201c zu sterben? Die Welt\u00f6ffentlichkeit wurde zwar auf das Schicksal der Kreter aufmerksam durch diese aufsehenerregende Tat, aber es tat sich erst mal nichts. Die Unabh\u00e4ngigkeit Kretas kam erst, als es den Gro\u00dfm\u00e4chten passte. Davon, dass bei der Sprengung auch T\u00fcrken ums Leben kamen, wird hier nat\u00fcrlich nicht erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>Trotzdem hat die Aktion nat\u00fcrlich alle Ingredienzien einer Legende: zahlenm\u00e4\u00dfige Unterlegenheit, Tapferkeit, Durchhaltewillen, Verteidigung mit einfachsten Mitteln, Beteiligung von Frauen und Kindern, Freiheitskampf, Aufopferung f\u00fcr eine Idee.<\/p>\n<p>Heute geht es hier aber ganz friedlich zu. Es herrscht Betrieb, aber der h\u00e4lt sich in Grenzen. Fast nur individuelle Besucher, Paare mit und ohne Kinder, meist Franzosen.<\/p>\n<p>Von der vielphotographierten Kirchenfassade ist zun\u00e4chst nichts zu sehen. Sie versteckt sich wie alles andere hinter dem Geviert der Klostermauer, die wie eine Festung aussieht. Das wirkt eher abweisend als einladend.<\/p>\n<p>Am Rande des gro\u00dfen, leeren Vorhofs steht das Geb\u00e4ude einer ehemaligen M\u00fchle, die sp\u00e4ter als Beinhaus f\u00fcr die Knochen der toten Kreter umfunktioniert wurde. Die sollen dort fein s\u00e4uberlich aufgestapelt sein. Aber der Bau ist verschlossen, ohne Information, wie immer. F\u00fcr die paar Besucher machen wir uns doch nicht die M\u00fche, aufzuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Das Tor, durch das man das Kloster betritt, ist offensichtlich neu. Es wurde nach der Aktion erneuert, ein Zeichen daf\u00fcr, dass die T\u00fcrken an der Normalisierung der Verh\u00e4ltnisse interessiert waren. Das Kloster wurde nicht in Schutt und Asche gelegt, obwohl hier insgesamt mehr T\u00fcrken als Griechen ums Leben kamen!<\/p>\n<p>Dann steht man sofort vor der Fassade. Die Einschussl\u00f6cher der t\u00fcrkischen Kanonen sind gut zu erkennen. Ansonsten hat sie den Angriff offensichtlich gut \u00fcberstanden.<\/p>\n<p>Die dreigliedrige Fassade, mit einem offenen Glockenstuhl mit Voluten oben drauf, mit T\u00fcrmchen zur Seite, mit runden und querovalen Fenstern, mit vorgeblendeten Doppels\u00e4ulen sieht italienisch aus und nach Renaissance mit Barockelementen.<\/p>\n<p>Es lohnt sich, um die Kirche herumzugehen. Da sieht man, dass sie zweischiffig ist! Auch von vorne kann man das erkennen, aber dann muss man gut hingucken, und das tue ich nicht. Das mittlere Portal und das mittlere Rundfenster sind geschlossen, und oben kann man die beiden Schiffe erahnen.<\/p>\n<p>Das Innere ist dann v\u00f6llig verbl\u00fcffend: eine ganz und gar orthodoxe Kirche mit all den typischen Bestandteilen und der typischen Atmosph\u00e4re. Das Ganze wirkt wie eine Geste des Entgegenkommens der italienischen Bauherren und Stifter gegen\u00fcber der griechischen Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Die Ikonostase ist durchlaufend, aber die beiden Schiffe, durch St\u00fctzen getrennt, wirken wie eigenst\u00e4ndige R\u00e4ume. In dem schmalen Raum hinter der Ikonostase nisten V\u00f6gel, und vor ihnen tragen h\u00f6lzerne V\u00f6gel an der Ikonostase die Weihrauchf\u00e4sser.<\/p>\n<p>In einem Schiff steht ein der sonstigen Ausstattung nicht entsprechendes einfaches Holzkreuz mit einer Dornenkrone. Am Kreuz steht, wie immer in Griechenland, INBI statt INRI.<\/p>\n<p>Vor der Kirche steht eine dicht bewachsene Zypresse, in der sich der Legende nach ein Grieche versteckt hielt und den t\u00fcrkischen Angriff \u00fcberlebte.<\/p>\n<p>Au\u00dfer der Kirche kann man das Refektorium und das Pulvermagazin und ein kleines Museum besichtigen. Dem Pulvermagazin fehlt bis heute die Decke. Nachdem man den Widerstand aufgegeben hatte und genau in dem Moment, als die T\u00fcrken das Kloster st\u00fcrmten, schie\u00dft Kostas Giampoudakis, der B\u00fcrgermeister eines St\u00e4dtchens aus der Umgebung, auf die Pulverf\u00e4sser und bringt das Arsenal zur Explosion.<\/p>\n<p>In dem Museum sind Pistolen und Gewehre und eine von Sch\u00fcssen durchl\u00f6cherte Fahne, aber auch Dokumente, Teile der alten h\u00f6lzernen Ikonostase, liturgische Ger\u00e4te, Dokumente, Messgew\u00e4nder, Evangelikare ausgestellt, ein deutlicher Beweis daf\u00fcr, dass die Vorstellung, alles sei von den T\u00fcrken geraubt oder zerst\u00f6rt worden, eine Legende ist.<\/p>\n<p>Dann geht es wieder nach Rethymnon. Dort Suchen, Wenden, Einbahnstra\u00dfen, Baustellen, das Passieren von altbekannten Stellen. Aber am Ende finde ich den \u201ealten\u201c Platz direkt unter dem Kastell. Hier kann man kostenlos parken.<\/p>\n<p>Der Besitzer einer einfachen Unterkunft im Zentrum, dessen Website auch eine schwedische Version hat, hat auf meine Anfrage nicht geantwortet. Also mache ich mich auf die Suche nach der n\u00e4chsten besten Unterkunft gleich hier beim Kastell. Ein Gl\u00fcckstreffer. Die Besitzerin ist freundlich, hat ein Zimmer und ist vor allem, jetzt, in der griechischen \u201eMittagszeit\u201c, anzutreffen, weil sie in ihrem Atelier ist. Das ist eine Keramikwerkstatt mit Verkaufsraum. Die Zimmer liegen im hinteren Teil des Geb\u00e4udes. Das Zimmer hat unverputzte W\u00e4nde, ist sehr geschmackvoll eingerichtet, mit einigen wenigen Keramikgef\u00e4\u00dfen und Bildern (vermutlich alles eigene Produktion), dunkle M\u00f6bel und ein modernes Bad. Wie immer in Griechenland, gibt es den einen oder anderen kleinen Kratzer: Es gibt kaum Steckdosen, in der Fliesenwand klafft ein Loch, und man zieht mit einer an einer Schnur h\u00e4ngenden W\u00e4scheklammer ab. Aber das macht gar nichts. Zumal das Zimmer sehr preisg\u00fcnstig ist.<\/p>\n<p>Ich gehe gleich zum Bezahlen runter. Dabei entwickelt sich ein l\u00e4ngeres Gespr\u00e4ch. Die Frau spricht wunderbar deutlich und hat viel Geduld. Und freut sich sichtlich \u00fcber das Lob f\u00fcr das Zimmer. Sie erz\u00e4hlt, die Zimmer seien eine gute Erg\u00e4nzung zur T\u00f6pferei. Die alleine w\u00fcrde nicht tragen. Das wundert mich zuerst, denn die Lage ist phantastisch, und es kommen auch Kunden rein und kaufen was. Aber man muss die ganzen Monate mitrechnen, in denen tote Hose herrscht. Sie erz\u00e4hlt, den Ton bek\u00e4me sei einheimisch, aus einem Ort in Kreta, den ich nicht kenne. Aber er habe einen Nachteil: Man k\u00f6nne ihn keinen hohen Temperaturen aussetzen, h\u00f6chstens 1100\u00b0. Dass das eine Rolle spielt, habe ich noch nie \u00fcberlegt.<\/p>\n<p>Ich bin selbst \u00fcberrascht, wie viel Zeit noch ist, nach allem, was ich heute schon gesehen habe. Ich laufe ziellos durch die Gegend und genie\u00dfe das wunderbare Wetter und diese sch\u00f6ne Stadt. Dabei komme ich immer wieder an bekannten Stellen vorbei, unter anderem an dem Caf\u00e9 der Alternativen an dem Burgberg und an der Weihnachtsbeleuchtung.<\/p>\n<p>Ich komme zum Platz der Vier M\u00e4rtyrer, wieder eine Anspielung auf die K\u00e4mpfe gegen die T\u00fcrken. Im Zentrum des Platzes die Bronzestatue des grimmig und entschlossen in die Ferne, Richtung Arkadi, blickenden und schwer bewaffneten Giampoudakis, der mit seinen Sch\u00fcssen das Pulvermagazin zum Explodieren brachte.<\/p>\n<p>Hinter dem Platz liegt der Stadtpark, ein gro\u00dfer, sch\u00f6ner Park mit riesigen Aleppokiefern, hohen Bambusstr\u00e4uchern und einem bunten Baumbestand. Die Palmen hat man so zugeschnitten, als wolle man ihnen absichtlich leid antun. Aber Pflanzen scheinen das zu m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Am Venezianischen Hafen gibt kaum Platz zum Flanieren, alles ist von Tischen der Lokale besetzt. So kommt der Hafen nicht richtig zur Wirkung. Man ist genug damit besch\u00e4ftigt, sich der aufdringlichen Kellner zu erwehren und auf sein Portemonnaie aufzupassen.<\/p>\n<p>Im Zentrum ist es dagegen ruhig. Es ist Mittwoch. Die Gesch\u00e4fte sind geschlossen. Ich sehe einen orthodoxen Popen, der laut mit dem Handy telefoniert. Irgendwo steht eine ambulante Verk\u00e4uferin mit dem typischen W\u00e4gelchen, in dem Koulouri verkauft werden, Sesamkringel, alte Bekannte, denen ich lange nicht mehr begegnet bin. Ich kaufe einen. Dabei lasse ich mich von einer Frage der Verk\u00e4uferin derma\u00dfen \u00fcbert\u00f6lpeln, dass ich die \u201efalsche\u201c Antwort gebe. Sie fragt mich, ob weich oder hart (\u03c3\u03ba\u03bb\u03b7\u03c1\u03cc oder \u03bc\u03b1\u03bb\u03b1\u03ba\u03cc). Darauf war ich nicht eingestellt. Und sage \u201eweich\u201c, vermutlich, weil es das einfachere Wort ist!<\/p>\n<p>Am Abend finde ich ein ganz zentrales, aber versteckt hinter der Loggia liegendes Lokal, wo man unaufdringlich bedient wird. Der Kellner spricht alle mit Guten Abend an, auch die Holl\u00e4nder. Die lassen das aber gutm\u00fctig \u00fcber sich ergehen.<\/p>\n<p>Dann gehe ich nochmal durch die inzwischen dunkle Stadt und komme an einer kleinen Buchhandlung vorbei, mit B\u00fcchern in Regalen drau\u00dfen an der Wand. Mir fallen Romane von Agatha Christie ins Auge und ich vergn\u00fcge mich eine Zeitlang damit, die Titel zu identifizieren: <em>\u03a6\u03cc\u03bd\u03bf\u03c2<\/em> <em>\u03c3\u03c4\u03b7<\/em> <em>\u039c\u03b5\u03c3\u03bf\u03c0\u03bf\u03c4\u03b1\u03bc\u03af\u03b1<\/em><em>, <\/em><em>\u03a4\u03bf<\/em> <em>\u03bc\u03c5\u03c3\u03c4\u03ae\u03c1\u03b9\u03bf<\/em> <em>\u03c0\u03c1\u03cc\u03b2\u03bb\u03b7\u03bc\u03b1<\/em> <em>\u03c3\u03c4\u03bf<\/em> <em>\u03a3\u03c4\u03b1\u03b9\u03bb\u03c2<\/em><em>, <\/em><em>\u0394\u03ad\u03ba\u03b1<\/em> <em>\u039c\u03b9\u03ba\u03c1\u03bf\u03af<\/em> <em>\u039d\u03ad\u03b3\u03c1\u03bf\u03b9<\/em><em>, <\/em><em>\u0395\u03b3\u03ba\u03bb\u03b7\u03bc\u03b1<\/em> <em>\u03c3\u03c4\u03bf<\/em> <em>\u039d\u03b5\u03af\u03bb\u03bf<\/em><em>, <\/em><em>\u039f<\/em> <em>\u03c6\u03cc\u03bd\u03bf\u03c2<\/em> <em>\u03c4\u03bf\u03c5<\/em> <em>\u03a1\u03cc\u03c4\u03b6\u03b5\u03c1<\/em> <em>\u0391\u03ba\u03c1\u03cc\u03c5\u03bd\u03c4<\/em><em>. <\/em>Gar nicht so einfach. Entweder fehlen mir die Vokabeln oder die Titel sind sehr frei \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">30. April (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen sind au\u00dfer mir nur die Stra\u00dfenfeger und die Sonne unterwegs. In einem kleinen Caf\u00e9 vor dem Anstieg zum Burgberg bestelle ich einen Kaffee. Das Wasser muss man extra anfordern. Die Wirtin sagt etwas entschuldigend, sie habe sich das abgew\u00f6hnt. Die meisten wollten kein Wasser. F\u00fcr Griechen unvorstellbar.<\/p>\n<p>Dann kommt eine j\u00fcngere, gut gekleidete Frau, die auff\u00e4lligen Schmuck tr\u00e4gt. Sie gr\u00fc\u00dft freundlich und setzt sich an einen anderen Tisch. Dann fragt sie, ob ich aus Deutschland k\u00e4me. Ja, warum? Das h\u00e4tte sie sich gedacht. Auch ein Mann, der sich an den Blumen zu schaffen macht, stimmt ein. Sie man doch sofort. Es ist, wie sich herausstellt, ihr Freund, und sie ist die Tochter der Wirtin.<\/p>\n<p>Sie spricht flie\u00dfend Deutsch, ist in M\u00f6nchengladbach aufgewachsen. Wir kommen auf meine weiteren Pl\u00e4ne zu sprechen, und als sie Thessaloniki h\u00f6rt, sagt sie, da komme sie gerade her. Gestern. Das ist die eigentliche Heimat der Familie. Im Sommer kommt sie hierher, um der Mutter im Lokal zu helfen. In Thessaloniki hatte sie ein Gesch\u00e4ft, ein Schmuckgesch\u00e4ft. Das hat sie gerade aufgegeben. Warum? Ja, seitdem die Grenzen offen sind \u2026 Und dann auch noch Schmuck \u2026 Geht gar nicht.<\/p>\n<p>Ich gehe die paar Schritte zur Festung rauf. Die macht schon fr\u00fch auf. Es ist sonst noch niemand da. Es ist ein m\u00e4chtiger Bau, was man von hier aus, aber noch mehr von der Meeresseite aus sieht. Sie sollte noch gr\u00f6\u00dfer werden und auch einen Graben bekommen, aber es gab Aufst\u00e4nde unter den griechischen Arbeitern, und man w\u00e4hlte die \u201ebescheidenere\u201c L\u00f6sung.<\/p>\n<p>Was es vorher hier gab, das wei\u00df man nicht so genau. Hier konnte man ohne Festung keine Stadt anlegen, es war einfach zu gef\u00e4hrlich. Und doch muss es in der Antike etwas gegeben haben, einen Ort, von dem die Stadt ihren Namen hat.<\/p>\n<p>Trotz der m\u00e4chtigen Anlage wurde die Stadt achtzig Jahre sp\u00e4ter von den T\u00fcrken erobert, und die machten sie zu ihrer Hauptstadt auf Kreta. Es ist bemerkenswert, dass die Eroberung keineswegs bedeutete, dass alle Venezianer die Stadt verlie\u00dfen. Das ist auch v\u00f6llig einleuchtend. Die vereinfachte Rede von \u201eden Venezianern\u201c, \u201eden T\u00fcrken\u201c, \u201eden Griechen\u201c f\u00fchrt in die Irre.<\/p>\n<p>Wenn man das Tor durchschreitet, bekommt man noch einmal einen Eindruck von den Ma\u00dfen. Es ist viele Meter breit. Auch die Weite des Areals ist beeindruckend. Man kann sich hier verlieren, die Festung muss so etwas wie eine Kleinstadt gewesen sein.<\/p>\n<p>\u00dcber das ganze Gel\u00e4nde verstreut befinden sich Geb\u00e4ude unterschiedlicher Funktion, aber gleicher Machart: kubisch, einfach, schmucklos, mit wenigen Fenstern. Das gilt sogar f\u00fcr die Moschee, das auff\u00e4lligste Geb\u00e4ude mit einer riesigen Halbkuppel, und die viel kleinere Kirche nebenan. Die beiden stehen etwas versetzt. Die Kirche ist nach Osten, die Moschee nach S\u00fcdosten ausgerichtet, dorthin, wo Mekka liegt. Leider ist die Moschee, die sehenswert sein soll, verschlossen, wie alles andere auch.<\/p>\n<p>Man kann einmal ganz herum gehen, immer an der Mauer mit den Schie\u00dfscharten entlang. An den Eckpunkten sind pilzartige W\u00e4chterh\u00e4uschen angebracht, von denen man auf das Meer sehen kann.<\/p>\n<p>Die Festung hat drei Bastionen. In dem Faltblatt sind sie beschrieben. Eine Bastion finde ich nicht, die Beschreibung ist ziemlich verwirrend. Sie soll im nordwestlichen Teil der Festung liegen. Im Nordwesten gibt es aber keine Bastion. Dann sehe ich mir den griechischen Text an. Da ist davon die Rede, sie befinde ich im \u039d\u0394 \u03c4\u03bc\u03ae\u03bc\u03b1, dem \u03bd\u03bf\u03c4\u03b9\u03bf\u03b4\u03c5\u03c4\u03b9\u03ba\u03cc \u03c4\u03bc\u03ae\u03bc\u03b1 der Festung, dem s\u00fcdwestlichen Teil. Es ist ein \u00dcbersetzungsfehler! Zwar h\u00f6rt sich \u03bd\u03cc\u03c4\u03bf\u03c2 (<em>notos<\/em>) nach Norden an, bedeutet aber S\u00fcden!<\/p>\n<p>Ich lese den Text in einem halbrunden Theater, das man in einer der Bastionen errichtet hat, mit einer ganz einfachen Bretterb\u00fchne und Plastiksesseln. Die Sitzfl\u00e4chen der Sessel sind durch eine Spalte in zwei Teile aufgeteilt, der Anatomie entsprechend.<\/p>\n<p>Nach der Festung streife ich noch einmal durch die Gassen der Innenstadt. Diesmal finde ich auch die \u201ealte\u201c Gasse wieder, die immer einheimischer wird, je mehr sie sich vom Hafen entfernt. Und ich komme auch wieder auf den gro\u00dfen, freien Platz, den ich damals gesehen habe. In der Gasse gibt es ein Obstgesch\u00e4ft, das in einem normalen Wohnhaus untergebracht ist. Die Auslagen werden hinter einem ge\u00f6ffneten Fenster pr\u00e4sentiert, mit etwas abgebl\u00e4tterten Fenstersprossen und einem \u00e4hnlichen Unterbau. Davor steht ein niedriger Holztisch. Es wird eines der merkw\u00fcrdigsten Photos der Reise. Es sieht unecht, wie gemalt aus.<\/p>\n<p>Ich gehe in das Historische Museum, das man leicht \u00fcbersehen kann. Es ist eine bescheidene Sammlung, und etwas altert\u00fcmlich, aber es lohnt sich trotzdem. Es gibt M\u00fcnzen aus verschiedenen Epochen, von den R\u00f6mern bis zum unabh\u00e4ngigen Kreta. Die sind allerdings so schlecht pr\u00e4sentiert, dass man kaum etwas erkennen kann. Eine venezianische M\u00fcnze (XVII) hat den Markusl\u00f6wen, erst mit lateinischer, sp\u00e4ter mit griechischer Inschrift: Sanct Marcus, \u039f \u0391\u03b3\u03b9\u03bf\u03c2 \u039c\u03ac\u03c1\u03ba\u03bf\u03c2. Ob das eine Konzession an die einheimische Bev\u00f6lkerung war? Der Wert der M\u00fcnze \u2013 4 Soldi \u2013 ist durch einfache Striche wiedergegeben: IIII. Eine byzantinische M\u00fcnze hat ein Kreuz und zu allen vier Seiten des Kreuzes Buchstaben, aus denen sich Christos, der Sieger ergibt. Kurioserweise taucht eine \u00e4hnliche Gestaltung sp\u00e4ter bei einem von t\u00fcrkischen Kugeln getroffenen kretischen Banner auf. Jetzt stehen die Buchstaben zu den vier Seiten des Kreuzes \u2013 \u039a\u0395\u0395\u03a3 \u00a0f\u00fcr eine politische Losung: Kreta, Griechenland, Vereinigung oder Tod.<\/p>\n<p>Im hinteren Raum gibt es Werkzeuge und Werkstoffe aus traditionellen Handwerksbetrieben: Sattlerei, Schuhmacherei, Schmiede, Instrumentenbauer, Friseur. Die Friseurstube erinnert mich an meine Kindheitstage, mit dem Arsenal von Pinseln und Scheren, vor allem aber mit der Rasiersch\u00fcssel, mit einer Auslassung am Rand, f\u00fcr den Hals. Bei dem Sattler ist ein sch\u00f6n dekorierter Holzsattel mit russischem Leder ausgestellt und darin ein Zitat aus einem Roman, das genau diesen Sattel zu beschreiben scheint. Es ist ein Roman, der hier in Rethymnon spielt, geschrieben von einem gewissen Prevelakis.<\/p>\n<p>Oben gibt es Webst\u00fchle und Stickereien und ein komplett eingerichtetes Wohnzimmer. Vorh\u00e4nge, Sitzkissen, Wandteppiche, L\u00e4ufer, H\u00e4ngetaschen, alles mit geometrischen Mustern unterschiedlich bestickt, alles auf rotem Grund. Sehr sch\u00f6n.<\/p>\n<p>In einem Nebenraum gibt es Ger\u00e4tschaften aus dem B\u00e4ckerhandwerk. Nichts Besonderes. Aber es gibt eine interessante Beschreibung traditioneller Brotformen, wie man sie in verschiedenen Gegenden Kretas zu festlichen Gelegenheiten vorfand, Kommunion, Ostern usw. Die Grundform ist immer gleich, ein Kreuz in einem Rad, aber die Dekoration ist anders: in Mylopotamos so reichlich, dass man die Details kaum erkennt, in Amari mit sch\u00f6n s\u00e4uberlich voneinander getrennten Motiven \u2013 Myrte, Zitronenbl\u00fcte, Traube \u2013 und in Agios Vassilosi nur mit geometrischen Mustern. Wie eine Geschichte der Kunst im Kleinen: Gotik, Romanik, Renaissance.<\/p>\n<p>Nach einem Zwischenstopp auf dem Zimmer und in der T\u00f6pferei, wo ich Mitbringsel f\u00fcr bevorstehende Besuche kaufe, mache ich mich auf den Weg zum Pal\u00e4ontologischen Museum. Dabei komme ich auf dem Wochenmarkt vorbei. Der findet donnerstags im Zentrum statt, auf einem Platz nahe dem Stadtpark. Diesmal gibt es nichts umsonst. Es gibt aber etwas zu entdecken: Artischocken. Die gibt es hier in einer besonderen Variante: offen, stachelig aussehend und nicht auf den ersten Blick als Artischocken zu identifizieren. An manchen St\u00e4nden werden sie neben den klassischen angeboten und als \u201ewild\u201c oder \u201eeinheimisch\u201c etikettiert.<\/p>\n<p>Als ich an einer Ampel stehe und mir den Stadtplan ansehe, kommt eine junge Frau auf mich zu und fragt, ob sie mir helfen kann. Das passiert hier selten. Erst wei\u00df sie nicht genau, welches Museum gemeint ist, aber als ich die Moschee erw\u00e4hne, wei\u00df sie sofort Bescheid und erkl\u00e4rt mir freundlich l\u00e4chelnd den Weg.<\/p>\n<p>Die Moschee sieht jetzt, wo sie ge\u00f6ffnet ist, gar nicht mehr so verlockend aus. Sie ist aber relativ gut erhalten. Hier gibt es nicht eine gro\u00dfe Kuppel wie bei der in der Festung, sondern neun kleine. Und es gibt eine sch\u00f6n verzierte, italienisch aussehende Pforte. Au\u00dferdem ist das Minarett erhalten, das \u00e4ltestes Rethymnons. Irgendwo soll die Jahreszahl stehen: 1204. Aber das ist nat\u00fcrlich irref\u00fchrend. Arabische Zeitrechnung. F\u00fcr uns 1789.<\/p>\n<p>Drinnen gibt es eine bescheidene Ausstellung. Dennoch f\u00e4llt etwas dabei ab. Es gibt vor allem Elefantenknochen: Rippen, Sto\u00dfz\u00e4hne, Wirbel und vor allem Knochen des Sch\u00e4dels, 192 Teile, in einer H\u00f6hle in Vamos gefunden. Es hei\u00dft, solche Funde in H\u00f6hlen seien die Grundlage des Mythos um den ein\u00e4ugigen Zyklopen gewesen. Noch nie diese Verbindung gesehen.<\/p>\n<p>In Kreta gab es drei Elefantenarten. Deren Pr\u00e4senz wird als Zeichen f\u00fcr Wanderbewegungen gesehen aus der Zeit, als es noch eine Landbr\u00fccke gab.<\/p>\n<p>Au\u00dfer Elefanten gibt es vor allem Knochen von Rehwild. Auffallend darunter das typisch kretische Reh, mit langem, ganz einfachem Geh\u00f6rn. Das Museum hat das Profil des Rehs zu seinem Emblem gemacht. Es gibt Bilder von einer H\u00f6hlenzeichnung in Skordalakia, auf denen man das Reh gut erkennen kann.<\/p>\n<p>Dann kommt etwas zur erdgeschichtlichen Entwicklung Kretas. Man sieht, dass im Laufe der Zeit das Hellenische Becken (mit Kreta) immer weiter nach S\u00fcden wanderte. Afrika ist dagegen stabil geblieben. Irgendwann wird es zur Kollision kommen. Aber das dauert noch ein paar Jahre.<\/p>\n<p>Dann sieht man die Abbildung von vier Phasen der Entwicklung. Erst ist Kreta ein breiter Streifen und noch zu beiden Seiten mit Land verbunden. Das war vor 14 Millionen Jahren. Dann, vor 10 Millionen Jahren, kommt es zu einer Aufsplitterung. Ganz dramatisch. Das Land ist in drei gr\u00f6\u00dfere Inseln aufgeteilt, jede davon mit einem der hohen Gebirge: Lefka Ori, Idi und Dikti. Insgesamt ist es etwa ein Dutzend Inseln. Das kann man sich noch irgendwie vorstellen, aber was jetzt kommt, kaum noch: Die Sache w\u00e4chst wieder zusammen! Vor 4 Millionen Jahren sinkt der Meeresspiegel und gleichzeitig steigt das Land auf. Jetzt gibt es nur noch zwei Teile. Wenn man die zusammenf\u00fcgt, hat man, grob gesprochen, die heutige Form, aber Heraklion, Rethymnon und Ierapetra liegen noch unter Wasser. Das sind auch die Gegenden, in denen sich heute noch die Ebenen befinden. Erst in der vierten Darstellung ist dann die heutige Form zu sehen. Als Beleg f\u00fcr die geologischen Ver\u00e4nderungen sieht man am Ende noch gro\u00dfe Steinbl\u00f6cke voller Muscheln, die in Orten wie Arni gefunden wurden, die heute \u00fcber Wasser liegen.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich an einer Apotheke vorbei. Da wird die Temperatur angezeigt: 26\u00b0. Und so f\u00fchlt es sich auch an.<\/p>\n<p>Dann geht es zum Auto und zur\u00fcck nach Myrtos. Noch einmal fahre ich an der sch\u00f6nen Uferfront dieser sch\u00f6nen Stadt entlang.<\/p>\n<p>Unterwegs komme ich durch Orte mit den Namen Gasi, Bali und Mesi. Dann mache ich Halt in Sises, eigentlich nur wegen des Ortsschilds. Aber es gibt keins, und ich komme in den Ort rein und durch den Ort durch. Gar nicht so einfach. Die einzige, langgezogene Stra\u00dfe ist voller geparkter Autos. Als ich dann zur\u00fcckkomme, versperrt ein ambulanter H\u00e4ndler mit seinem Transporter den Weg. Er hat ein kurioses Warenangebot: St\u00fchle und Blumen. Als er zur Seite setzt, kommt ein Einheimischer zum Auto und krallt sich, als ich mich langsam in Bewegung setze, an dem offenen Fenster fest. Er br\u00fcllt irgendetwas in einer unverst\u00e4ndlichen Sprache. Als ich auf Griechisch antworte, fragt er mich, woher ich k\u00e4me und sagt dann immer wieder \u201eJawohl\u201c, bis ich verstehe, dass er wissen will, was es bedeutet.<\/p>\n<p>Sises hie\u00df fr\u00fcher Astali. Der neue Name soll auf die Zeit der T\u00fcrkenherrschaft zur\u00fcckgehen. Die Einwohner von Astali versorgten die Verteidiger von Candia, also dem heutigen Heraklion, mit Proviant. Das bekamen die T\u00fcrken spitz und richteten in Astali ein Blutbad an, dass so schrecklich war, dass die Erde bebte. Von Erdbeben, sismos, soll der Name des Ortes abgeleitet sein. Nur zwei Jungen entkamen dem Blutbad, Rasouli und Mavros. Sie bauten als Erwachsene den Ort wieder auf. Noch heute hei\u00dfen die Einwohner von Sises mit Nachnamen entweder Rasouli oder Mavros.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter, in Viannos, mache ich nochmal Halt und kaufe eine Pita. Als ich die auf dem Platz stehend in der Sonne verputze, f\u00e4llt mein Blick auf den Baum vor der Kirche. Aus dem Baum l\u00e4uft Wasser. Am Stamm ist ein Wasserhahn angebracht! Das Wasser scheint aus dem Baum zu kommen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1. Mai (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Feiertag! Aber was f\u00fcr einen Unterschied macht das bei diesem Lotterleben? Es gibt kein frisches Brot beim B\u00e4cker! Daf\u00fcr dann ein St\u00fcck Bougatsa, von dem eine ganze Familie satt werden kann.<\/p>\n<p>Beim Laufen in Tertsa M\u00e4nner mit Abfallt\u00fcten am Strand gesehen. Die r\u00e4umen tats\u00e4chlich den Strand auf, beseitigen vor allem das Ge\u00e4st von den Tamarisken.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">2. Mai (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Auf dem Weg nach Ierapetra warnen entgegenkommende Autos mit Lichthupe. Gerade noch rechtzeitig. Vor dem Ortseingang steht eine Polizeistreife. Es ist allerdings nicht auszumache, was und wie sie kontrollieren.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he des Kinos ein Plakat von der gestrigen Maikundgebung: \u00a0\u03bf\u03c5\u03c4\u03b5 \u03b2\u03b7\u03bc\u03b1 \u03c0\u03b9\u03c3\u03bf! keinen schritt zur\u00fcck! Dass das gefordert wird, ist der beste Beweis daf\u00fcr, dass man genau das jetzt macht, einen Schritt zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Dimitra erz\u00e4hlt sehr angetan von dem Maiausflug der Familie. Sie waren erst in einem Wald spazieren, dann machten sie den Fehler, f\u00fcr einen Kaffee nach Makrogiali hinunterzufahren. Die Kinder sahen den Strand und mussten unbedingt ins Wasser. Mit den Klamotten, die sie trugen. Die umsichtige Mutter hatte allerdings eine Reservemontur dabei! Die Kinder seien eine ganze Zeitlang im Wasser gewesen, und auch Erwachsene, Griechen wie Touristen, seien im Wasser gewesen.<\/p>\n<p>Ich will wissen, wie der Wald hei\u00dft. Das f\u00e4llt ihr nicht ein. Sie nennen ihn immer nur \u03a4\u03bf \u0394\u03b1\u03c3\u03ac\u03ba\u03b9, \u201aDas W\u00e4ldchen\u2018, dann wei\u00df jeder, was gemeint ist.<\/p>\n<p>Bevor ich mich f\u00fcr die Einladung f\u00fcr morgen bedanke, frage ich vorsichtshalber noch mal nach, was Einladung hei\u00dft. Ich habe da so ein ungutes Gef\u00fchl. Und das tr\u00fcgt nicht. Ich verwechsele \u03c0\u03c1\u03cc\u03ba\u03bb\u03b7\u03c3\u03b7 mit \u03c0\u03c1\u03cc\u03c3\u03ba\u03bb\u03b7\u03c3\u03b7. Die unterscheiden sich nur durch ein Sigma. Dann h\u00e4tte ich gesagt: \u201eVielen Dank f\u00fcr die Provokation!\u201c<\/p>\n<p>Dimitra hat herausgefunden, wie der Baum mit den roten Bl\u00fcten hei\u00dft: \u03ba\u03b1\u03bb\u03bb\u03b9\u03c3\u03c4\u03ae\u03bc\u03bf\u03bd\u03b1\u03c2. Ganz komisch, sagt sie, sie habe die noch nie bemerkt und erst auf dem Photo gesehen, dass sie mitten im Zentrum von Ierapetra stehen. Der Baum sei urspr\u00fcnglich aus Australien, habe aber hier Fu\u00df gefasst. \u00dcber den wissenschaftlichen Namen, <em>Kallistemon<\/em>, der dem griechischen Wort sehr \u00e4hnlich ist, finde ich den wirklich putzigen deutschen Namen der Pflanze: <em>Zylinderputzer<\/em>. Er hei\u00dft auch <em>Pfeifenputzer<\/em> oder <em>Flaschenputzer<\/em>. Ja, klar, genauso sieht er aus! Warum ist mir die \u00c4hnlichkeit eigentlich nicht aufgefallen?<\/p>\n<p>In meinem M\u00e4dchenroman ist vom Mathematikunterricht die Rede, \u03bc\u03b1\u03b8\u03ae\u03bc\u03b1\u03c4\u03b1 \u03bc\u03b1\u03b8\u03b5\u03bc\u03b1\u03c4\u03b9\u03ba\u03ce\u03bd. \u0399ch frage nach der \u00c4hnlichkeit der W\u00f6rter, und sie sagt, ja, das sei vermutlich dieselbe Wurzel. Wer <em>lernte<\/em> in der Antike, machte <em>Mathematik<\/em>. Das war die Grundlage.<\/p>\n<p>Nach dem Unterricht geht es zu Manolis auf einen Kaffee. Er ist so begeistert davon, dass er mir von weiteren bevorstehenden L\u00e4ufen berichten kann, dass er vor lauter Aufregung Englisch spricht. Morgen gibt es gleich zwei L\u00e4ufe, einen in Ierapetra, einen in Arkalochori. Schade, da kommt die Einladung dazwischen. Das sage ich ihm, aber dann stellt sich heraus, dass der in Ierapetra doch geht. Der Lauf in Ierapetra ist fr\u00fch, und es ist eine kurze Strecke, das geht noch vor der Einladung.<\/p>\n<p>Er k\u00fcndigt voller Stolz an, dass er mir ein neues Wort beibringen wolle. Das kenne ich bestimmt nicht. Recht hat er: \u03ba\u03cc\u03bb\u03bb\u03c5\u03b2\u03b1. \u00dcber die Schreibweise muss er sich erst mit einer anderen Kundin, einer jungen Frau einigen. Beide liefern dann die Erkl\u00e4rung. Es ist der Name einer rituellen Speise, die in Griechenland zum Totengedenken serviert wird, nach neun Tagen, nach vierzig Tagen, nach einem Jahr. Alle bekommen davon etwas ab, auch zuf\u00e4llig Anwesende. Damit ich verstehe, was es ist, bekomme ich\u00a0 gleich eine Probe auf einem kleinen Teller serviert. Es sind gekochte Weizenk\u00f6rner, mit Rosinen und N\u00fcssen und Granatapfelkernen gemischt, und gezuckert, sehr s\u00fc\u00df.<\/p>\n<p>Am Nachmittag kommt ein schwules Paar in ein Caf\u00e9 an der Strandpromenade, mit Eheringen, Engl\u00e4nder, ein junger Schwarzer und ein alter Wei\u00dfer. Der Junge raucht. Er raucht wie jemand, der nicht raucht. Sieht aus wie eine Figur aus <em>A<\/em> <em>Room With a View<\/em> oder <em>Gateshead Revisited<\/em>. Der Kellner kennt sie schon. Er wei\u00df, was sie haben wollen: Bier f\u00fcr den Jungen, Kaffee f\u00fcr den Alten.<\/p>\n<p>Am Abend in die <em>Mausefalle<\/em>. Wir sind ca. 50 Zuschauer in einem Theater, das ca. 250 fasst. Das ist verdammt wenig f\u00fcr die Inszenierung mit acht Darstellern, einem aufw\u00e4ndigen B\u00fchnenbild und visuellen und optischen Effekten wie dem t\u00e4uschend echten Schneesturm drau\u00dfen. Es gibt zwar noch eine Sp\u00e4tvorstellung, aber da sieht es auch nicht viel besser aus.<\/p>\n<p>Die B\u00fchne ist ein Raum aus der Zeit, mit Gem\u00e4lden mit vergoldeten Rahmen, Kamin, Gardinen und Vorh\u00e4ngen, Schaukelpferd und Bakelit-Telephon. Die Inszenierung ist richtig gut, professionell gemacht, mit guter Sprechtechnik, guter Gestik. In bester griechischer Tradition wird mit zwanzig Minuten Versp\u00e4tung angefangen. Das f\u00fchrt dazu, dass die Zuschauer der Sp\u00e4tvorstellung schon reinkommen in dem Glauben, ihr St\u00fcck h\u00e4tte schon angefangen. Au\u00dferdem kommen mehrere Zuschauer laut redend versp\u00e4tet aus der Pause zur\u00fcck, und nat\u00fcrlich klingelt zwischendurch ein Handy, das die Frau erst umst\u00e4ndlich aus ihrer Handtasche befreien muss, w\u00e4hrend es immer lauter klingelt.<\/p>\n<p>Zwischendurch kommt einer der Ordner nach vorne und macht eine Geste in Richtung von zwei Zuschauern in der ersten Reihe. Er formt mit den H\u00e4nden eine Art Raute. Ich komme aber nicht drauf, was das bedeuten soll.<\/p>\n<p>Eine weitere Besonderheit ist der Applaus, der jeder Zuschauer beim ersten Auftritt auf der B\u00fchne bekommt. Habe nicht in Erinnerung, das schon mal irgendwo gesehen zu haben.<\/p>\n<p>Ich verstehe praktisch nichts. Jedenfalls die Handlung nicht. Dabei nutzt es auch nicht, dass ich das St\u00fcck schon mal gesehen habe. Wie auch? Das hilft bei der Entzifferung keiner einzigen Zeile. Am Schluss wird immer gesagt, man m\u00f6ge das Ende nicht verraten, aber bei mir ist das \u00fcberfl\u00fcssig. Ich wei\u00df nicht, wer der M\u00f6rder ist.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">3. Mai (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Der Lauf in Ierapetra hei\u00dft Gyros. Leuchtet ein. Es geht einmal rund um die Stadt. Das Motto des Laufs hei\u00dft \u0395\u03bd\u03ac\u03bd\u03c4\u03b9\u03b1 \u03c3\u03c4\u03b7 \u03a6\u03c4\u03ce\u03c7\u03b5\u03b9\u03b1 \u03ba\u03b1\u03b9 \u03c4\u03bf\u03bd \u039a\u03bf\u03b9\u03bd\u03c9\u03bd\u03b9\u03ba\u03cc \u0391\u03c0\u03bf\u03ba\u03bb\u03b5\u03b9\u03c3\u03bc\u03cc \u2013 <em>Gegen die <\/em><em>Armut und die gesellschaftliche Ausgrenzung<\/em>. So steht es auf einem gro\u00dfen Banner. Das ist wohl nur eine Bekundung der Einstellung, ohne konkrete Aktionen. Irgendwo steht handschriftlich noch ein zweites Motto, dessen Wortspiel ich erst mit dem W\u00f6rterbuch verstehe: \u03a4\u03c1\u03ad\u03c7\u03bf\u03c5\u03bc\u03b5 \u03bc\u03b1\u03b6\u03af &#8211; \u03a3\u03c5\u03bd\u03c4\u03c1\u03ad\u03c7\u03bf\u03c5\u03bc\u03b5 \u03bc\u03b1\u03b6\u03af &#8211; Lasst uns zusammen laufen und zusammen beistehen. Die formale \u00c4hnlichkeit der Verben macht es im Griechischen m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Es ist ein bescheidener, aber gut organisierter Lauf, mit vieler H\u00e4nde Einsatz. Man hat einen kleinen Stand aufgebaut, es gibt Startnummern (handgeschrieben), Streckenposten, Pokale und sogar Versorgungsst\u00e4nde unterwegs. Bei denen hat man sich vern\u00fcnftigerweise auf Wasser beschr\u00e4nkt. Sonst braucht man nichts. Aber das tut gut bei der Hitze. Die Zeit wird per Hand gestoppt. Die Teilnahme kostet nichts, aber eine Spende wird angenommen, und der Mann, der der Cheforganisator zu sein scheint, sorgt daf\u00fcr, dass das ordentlich irgendwo vermerkt wird.<\/p>\n<p>Es gibt nur sechs Kilometer und Kinderl\u00e4ufe. Viele M\u00fctter sind mit einem Kind da. Nachdem es erst verd\u00e4chtig ruhig ist, kommen im Laufe der Zeit doch einige L\u00e4ufer zusammen. Am Ende sind wir ungef\u00e4hr einhundert.<\/p>\n<p>Es geht die ganze Strandpromenade entlang. Die ist aber auch das einige sch\u00f6ne St\u00fcck der Strecke.<\/p>\n<p>Das Feld zieht sich sofort auseinander, vorne st\u00fcrmen einige sofort los. Ich bleibe erst hinten und lasse dann allm\u00e4hlich die meisten hinter mir und auf einmal bin ich ganz alleine, hinter den Schnellen und vor den Langsamen. Dann kommt eine Gabelung, die nicht beschildert ist, und dann noch eine, aber ich habe Gl\u00fcck und erwische die richtige Richtung. Am Ziel gibt es dann nochmal reichlich Wasser.<\/p>\n<p>Schwei\u00df scheint in Griechenland eine unbekannte Gr\u00f6\u00dfe zu sein. W\u00e4hrend es bei mir aus allen Poren trieft, sehen die Griechen aus, als k\u00e4men sie gerade aus der Dusche. Bei mir ist sogar die Startnummer so verwischt, dass der Zeitnehmer mich noch mal zu sich ruft und versucht, sie zu entziffern.<\/p>\n<p>Ich fahre nach Myrtos zur\u00fcck und werde da von Zoe abgefangen, die einen englischen Text korrigiert haben will. Ist eigentlich gar nicht n\u00f6tig, man versteht alles sehr gut, aber sie will auch die Fehler raus haben. Sie hat heute viel Geduld und erz\u00e4hlt von den Kindern, aber ich sitze auf hei\u00dfen Kohlen. Auf jeden Fall interessant, dass ihre Tochter jetzt Altgriechisch hat, wobei sie ihr nicht helfen kann, da es damals in der Schule kein Altgriechisch gab. Sie versucht aber, mit der Tochter zusammen zu lernen.<\/p>\n<p>Dann geht es zu Dimitra und Nikos. Diesmal haben sie mich nach Hause eingeladen. Sie wohnen in Kentri, au\u00dferhalb von Ierapetra. Da bleibe ich an einem kleinen Platz mit Brunnen stehen und werde abgeholt.<\/p>\n<p>Das Haus ist ganz anders, als ich es mir vorgestellt habe, ein Bungalow mit hochmoderner Einrichtung und Ausstattung. Es gibt nur einen gro\u00dfen offenen Raum aus K\u00fcche und Wohnzimmer und dann einen langen Flur mit vielen einzelnen Zimmern.<\/p>\n<p>Die Kinder sind gar nicht so scheu und zeigen stolz ihr Spielzeug vor: Manos ein Polizeiauto, das viel Krach macht, Sofia einen pinkfarbenen Engel mit beweglichen Fl\u00fcgeln. Sofia hat sich selbst das Lesen und Schreiben beigebracht und kann auch schon ein paar englische W\u00f6rter. Mit gro\u00dfer Freude am fremden Klang pr\u00e4sentiert sie sie.<\/p>\n<p>Unter den reichlichen Vorspeisen befinden sich vegetarische Pita, die ihre Mutter gemacht hat und eine Sorte K\u00e4se, auf die Nikos schw\u00f6rt. Es ist d\u00e4nischer K\u00e4se, den er bei einem Patienten kennen gelernt hat. Schmeckt etwas wie Feta, ist aber st\u00e4rker im Geschmack. Und dann gibt es unversehens das lange erwartete Zicklein. Dimitra hat auf dem Ofen bestanden, w\u00e4hrend Nikos lieber gegrillt h\u00e4tte. Sie hat recht, das Fleisch ist wunderbar zart. Dass es Zicklein ist, darauf w\u00e4re ich im Leben nicht gekommen. Es hat auch keine \u00c4hnlichkeit mit Lammfleisch, ist viel saftiger und viel schmackhafter.<\/p>\n<p>Nikos erz\u00e4hlt bewegende Geschichten von seinen Patienten und \u00fcberraschenden Heilungserfolgen, darunter von einem Mann, der nach einem Schlaganfall elf Jahre aufopferungsvoll von seiner Frau gepflegt wurde. Der erste Satz nach elfj\u00e4hrigem Schweigen galt seiner Frau: \u201eIch liebe dich.\u201c<\/p>\n<p>Er erz\u00e4hlt auch von einem albanischen Patienten, der ihn Maestro nennt. Der spreche gar kein Griechisch. Wie denn da die Verst\u00e4ndigung klappt, will ich wissen. Es ist der Sohn, der ist bei jeder Behandlung als Dolmetscher dabei.<\/p>\n<p>Er erz\u00e4hlt aber auch eine Geschichte von Inkompetenz oder R\u00fccksichtslosigkeit aufseiten von Pflegern und \u00c4rzten. Sein betagter Vater hatte sich die Schulter beim Sturz von einer Leiter ausgerenkt. Nikos musste sie insgesamt viermal wieder einrenken, nachdem die Pfleger und \u00c4rzte den Patienten falsch behandelt hatten, einmal davon im Beisein eines Orthop\u00e4den, der ihn bat, das zu \u00fcbernehmen, weil er es selbst nicht konnte.<\/p>\n<p>Die Rede kommt auf Thessaloniki als meine n\u00e4chste Station. Da m\u00fcsse ich unbedingt Plovdiv besuchen, sagt er. Ist das nicht ein bisschen weit vom Schuss? Eine gute Stunde! Plovdiv, sagt er, sei wie Prag, und holt Photos hervor, als er meinen ungl\u00e4ubigen Gesichtsausdruck sieht. Er hat recht. Es sieht wirklich wie Prag aus. Ob er denn seiner Frau schon mal Plovdiv gezeigt h\u00e4tte? Nein, noch nie. Na, dann werde es aber h\u00f6chste Zeit, meine ich. Er l\u00e4sst sich sogar auf mein Gedankenspiel ein: Kommt mich doch besuchen, wenn ich in Thessaloniki bin, und dann fahren wir zusammen nach Plovdiv. Er l\u00e4sst sich allerdings \u00fcberhaupt nicht auf mein Angebot an, dazu mein Auto zu nehmen. Er nimmt sein Auto auf jeden Fall mit.<\/p>\n<p>Das bringt die Rede auf die Preise f\u00fcr die F\u00e4hre. Und dann, als ich sage, was ich bezahlt habe, kommt das, was immer kommt, wenn ich verreise: viel zu teuer, rausgeschmissenes Geld, nicht ins Reiseb\u00fcro gehen. Keinesfalls mehr als 75 \u20ac d\u00fcrfe das kosten, sagt er. Ich habe 132 \u20ac bezahlt. Sp\u00e4ter finde ich im Internet 121 \u20ac.<\/p>\n<p>Nach Deutschland will er auch mal gerne, schon wegen der Autobahnen. Ich versuche, die Sache ein bisschen zu modifizieren: Baustellen, Verkehr, Geschwindigkeitsbeschr\u00e4nkungen usw. Au\u00dferdem braucht er Deutschland daf\u00fcr gar nicht. Nach eigener Bekundung hat er es s\u00fcdlich von Chania schon mal auf 272 km\/h gebracht. Der Tacho habe das gar nicht messen k\u00f6nnen, wohl aber sein GPS. Sein Vater habe auf dem Beifahrersitz gesessen. Sie kamen gerade zur\u00fcck von einem Arztbesuch, bei dem ein Stresstest durchgef\u00fchrt werden sollte. Der war aber ausgefallen. Da habe er ihm eben einen eigenen Stresstest gegeben. Was denn der Vater davon gehalten habe, frage ich. Der sei an der Tankstelle ausgestiegen und habe als erstes gefragt, wo es hier ein Taxi gebe. Ich sage nur, ich hoffe, dass er das nicht mache, wenn die Kinder im Auto sind. Nein, sagt er. In der Regel nicht. Oder wenn seine Frau im Auto sitzt. Nein, sagt er. In der Regel nicht.<\/p>\n<p>Ich solle keinesfalls die Gelegenheit verpassen, noch die Sarakina-Schlucht zu besuchen, bevor ich Kreta verlasse. Sie waren im vergangenen Jahr da. Die Bilder sind atemberaubend. Die Schlucht ist besser als die ber\u00fchmtere Samaria-Schlucht und ganz in der N\u00e4he. Das Argument, dass es jetzt aber noch zu fr\u00fch sein k\u00f6nnte, k\u00f6nnen sie aber auch nicht ganz entsch\u00e4rfen. Ich \u00e4rgere mich, dass ich mich im Oktober durch die Warnung am Kiosk habe abhalten lassen.<\/p>\n<p>Irgendwie kommt die Rede dann noch auf die griechische Orthographie und deren Schwierigkeiten. Ich behaupte einfach, so schwer sei die gar nicht, jedenfalls nicht schwerer als die anderer Sprachen. Das ist sehr riskant, und ich werde herausgefordert, ein unbekanntes Wort zu schreiben: \u03c0\u03c1\u03bf\u03b5\u03b9\u03b4\u03bf\u03c0\u03bf\u03af\u03b7\u03c3\u03b7\u201a \u201aVorank\u00fcndigung\u2018.\u00a0Ich schaffe es mit zwei Fehlern, wobei einer einfach zu dumm ist. Er hatte auf jeden Fall auf mehr gehofft.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">4. Mai (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Am Vormittag kurzentschlossen einen Versuch mit der Sarakina-Schlucht gemacht. Liegt schlie\u00dflich fast vor der Haust\u00fcr. Der Weg ist sogar ausgeschildert, schon vor Mithoi.<\/p>\n<p>Ein ganz schmaler, steinerner Fu\u00dfpfad, auf dem kaum die beiden F\u00fc\u00dfe nebeneinander passen, f\u00fchrt zum Eingang der Schlucht. Zwei hohe Felsen, die unten weiter auseinander stehen und sich oben fast ber\u00fchren, bilden das Eingangstor zur Schlucht. Der Weg ist breit und bequem. Das Wasser h\u00f6rt man, aber man sieht es nicht. Es nimmt hier wohl einen anderen Weg. Dann aber st\u00f6\u00dft man auf das Wasser. Es nimmt fast die ganze Breite ein, aber am Rand ist noch ein schmaler Streifen. Dann verschwindet auch der. Jetzt muss man durchs Wasser waten. Es geht aber nur bis zu den Kn\u00f6cheln und ist nicht unertr\u00e4glich kalt. Dann wird das Wasser immer tiefer, man steht jetzt bis zu den Knien drin. Und die Str\u00f6mung wird langsam st\u00e4rker. Und dann geht es nicht mehr weiter. Man muss \u00fcber die Felsbrocken am Rand klettern. Das geht erst noch ganz gut, wird aber allm\u00e4hlich immer abenteuerlicher. Die Felsbrocken werden gr\u00f6\u00dfer, und man muss aufpassen, dass man nicht ausrutscht und dass man eine Stelle findet, an der man sich festhalten kann.<\/p>\n<p>Der Blick nach oben, zu den Seiten und in die Ferne, wo man den Himmel \u00fcber den Felsen sieht, ist wunderbar. Und dazu das rauschende Wasser, das sich zwischen den Felsbrocken seinen Weg bahnt. Die Schlucht kann mit der viel ber\u00fchmteren Samaria-Schlucht mithalten. Allerdings ist die Erinnerung daran etwas verblasst, und die Schlucht war zu der Zeit v\u00f6llig ausgetrocknet.<\/p>\n<p>Es wird mir aber langsam zu heikel und ich \u00fcberlege, umzukehren, und dann sehe ich etwas, was ich hier gar nicht vermutet habe: Menschen. Auf den h\u00f6her liegenden Felsen vor mir kraxelt ein Ehepaar mit zwei Kindern herum, Holl\u00e4nder. Sie kommen zur\u00fcck. Als erster kommt der Junge. Er sagt entschuldigend, sie h\u00e4tten umkehren m\u00fcssen, weil seine Mutter und seine Schwester nicht \u00fcber einen Felsen steigen wollten. Da gibt es eine Art Halteseil, wie ich sp\u00e4ter sehe, das wie ein Schlauch aussieht. Als der Mann kommt, bietet er mir an, noch ein St\u00fcck mit mir zur\u00fcck zu gehen, um mir die Stelle zu zeigen. Er ist behende und schnell und erreicht weit vor mir die besagte Stelle. Als ich ihn an dem Seil h\u00e4ngen sehe, verl\u00e4sst mich der Mut und ich beschlie\u00dfe, zur\u00fcckzukehren. Der Mann best\u00e4tigt mich: \u201eYou\u2019ve seen it\u201c. Er eilt seiner Familie hinterher, und ich lasse die Umgebung auf mich wirken. Dann mache ich mich ganz langsam auf den Weg.<\/p>\n<p>Jetzt ist aber alles viel schwieriger als vorher, als ich einfach dem Holl\u00e4nder gefolgt war. Der hatte einen guten Blick f\u00fcr den besten Weg. Vor mir scheinen sich nur noch Felsen aufzutun. Ich stehe verdutzt davor und frage mich, wie ich da \u00fcberhaupt hingekommen bin. Dann kommen zwei Situationen, bei denen man froh ist, dass man nicht beobachtet wird und dass sie glimpflich ausgegangen sind.<\/p>\n<p>Verdreckt, verschwitzt, aber erleichtert komme ich wieder nach Myrtos und gehe sofort runter zum Strand. Und ins Wasser. Es ist deutlich k\u00e4lter als im Herbst, aber nicht mehr zu kalt. Und ich bin nicht der einzige, der das findet.<\/p>\n<p>Am Nachmittag lese ich irgendwo zuf\u00e4llig, dass Thessaloniki einen neuen, unkonventionellen B\u00fcrgermeister hat, Yannis Boutaris. Er ist 72, hat ein bewegtes Leben mit \u00fcberwundenem Alkoholismus hinter sich und scheut sich nicht, neue Wege einzuschlagen. Er lie\u00df in der Innenstadt eine Stra\u00dfe mit B\u00e4ndern sperren, das erwartete Verkehrschaos blieb aus, und jetzt soll die Stra\u00dfe Fu\u00dfg\u00e4ngerzone werden. Er will nicht nur das griechische, sondern auch das t\u00fcrkische Erbe Thessalonikis pflegen \u2013 schlie\u00dflich ist Thessaloniki die Geburtsstadt Atat\u00fcrks \u2013 und t\u00fcrkische Touristen anlocken. \u00dcber Syriza schimpft er wie ein Rohrspatz, verweigert ihnen aber nicht die Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">5. Mai (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Auf in den Wilden Osten! Hinter Ierapetra habe ich einen deutschen Touristen vor mir, der provozierend langsam f\u00e4hrt. Nachdem ich ihn \u00fcberholt habe, fahre ich rechts ran, um ein Photo zu machen, und dann habe ich ihn wieder vor mir.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter habe ich dann einen Lastwagen vor mir, der seine Fracht, einen Bagger und zwei Baumst\u00e4mme, auf schr\u00e4ger Fl\u00e4che geladen hat. Das sieht nicht sehr vertrauenerweckend aus. In den engen Kurven ist an \u00dcberholen nicht zu denken. Ich fahre wieder rechts ran, um ein Photo zu machen, und dann habe ich ein anderes Auto als Puffer zwischen ihm und mir. Da kann man die Landschaft und das herrliche Wetter besser genie\u00dfen. Immer wieder kommt das Meer in Sicht und verschwindet dann wieder.<\/p>\n<p>Dann wird es langsam einsamer, und ich habe die Stra\u00dfe ganz f\u00fcr mich alleine. Im Radio h\u00f6rt man den unendlichen Monolog des Moderators. Er scheint nirgendwo hinzuf\u00fchren. Ganz merkw\u00fcrdig, halb improvisiert. Es geht um Wetter wie um Politik. Mario Dragi klingt im Griechischen wie Mario Drangi. Die etwas umst\u00e4ndliche, durch das Lautsystem bedingte Wiedergabe des \/g\/ durch einen Doppelbuchstaben hat R\u00fcckwirkungen auf die Aussprache und produziert zwei Laute, wo einer reicht. Irgendwann kommt der sch\u00f6ne Ausdruck \u03c4\u03ac\u03ba\u03b1-\u03c4\u03ac\u03ba\u03b1 vor, \u201aauf die Schnelle\u2018, \u201azack-zack\u2018.<\/p>\n<p>An einer verlorenen Bushaltestelle steht eine Frau. Ich nehme sie mit nach Sitia. Es ist eine freundliche, gespr\u00e4chige Frau: Anastasia. Sie erz\u00e4hlt stolz, sie habe vier Kinder, alle schon erwachsen. Ja, sie habe mit dem Kinderkriegen fr\u00fch angefangen, sagt sie auf Nachfrage.<\/p>\n<p>Auch sie war Ostern auf Santorin. Eine Tochter arbeitet dort am Flughafen. Wir gehen die Orte von Santorin durch und best\u00e4tigen uns gegenseitig, dass wir sie sch\u00f6n finden. Wir einigen uns aber auch darauf, dass Kreta sch\u00f6ner, vielf\u00e4ltiger ist, was die Natur angeht. Und Deutschland und Griechenland? Unterschiedlich, aber beide sch\u00f6n, sage ich, und schiebe eine Begr\u00fcndung hinterher. Das leuchtet ihr ein. Lieber h\u00e4tte sie nat\u00fcrlich geh\u00f6rt, dass Kreta un\u00fcbertrefflich ist.<\/p>\n<p>Kreta habe alles, sagt sie, Meer, Oliven, Berge, Kultur. Und Wein, sage ich. Und Wein, sagt sie. Und Raki, sage ich. Und Raki, sagt sie lachend.<\/p>\n<p>Irgendwie kommen wir auf die griechische Sitte zu sprechen, dem Gast im Lokal eine Vorspeise oder eine Nachspeise auf Kosten des Hauses zu servieren. Ich finde diese Sitte sch\u00f6n, sage ich. Ja, sagt sie, dass sei \u03c6\u03b9\u03bb\u03bf\u03be\u03b5\u03bd\u03af\u03b1, \u201aGastfreundschaft\u2018. Und\u00a0 f\u00fcgt noch hinterher, in Santorin gebe es das nicht mehr. Das Geld. Das verderbe alles. Damit gibt sie mir einiges zum Denken mit auf den Weg. Sie schickt mich in Sitia noch in die richtige Richtung und verabschiedet sich mit einem breiten L\u00e4cheln.<\/p>\n<p>An die sch\u00f6ne Strecke in Sitia am Meer entlang kann ich mich noch gut erinnern und auch an die Abbiegung nach Toplou. Danach wird es das ganz w\u00fcst und einsam. Nur Windr\u00e4der sind auf den Bergen in der Distanz zu sehen.<\/p>\n<p>In Toplou steht auf dem einsamen Parkplatz tats\u00e4chlich ein Reisebus. Die G\u00e4ste m\u00fcssen aber in der Weinkellerei sein. Im Kloster ist es jedenfalls ruhig.<\/p>\n<p>Auch in der Cafeteria, in einer sch\u00f6nen Laube untergebracht, ist niemand. Au\u00dfer dem Wirt. Der sitzt an einem Tisch und macht sich an irgendwelchen Bl\u00e4ttern zu schaffen. Ich bestelle meinen Kaffee, und als er wiederkommt, erkl\u00e4rt er es mir: Dolmadakia. Er s\u00e4ubert die Bl\u00e4tter, befreit sie von den Stengelans\u00e4tzen und legt sie dann fein s\u00e4uberlich \u00fcbereinander, so als wenn sie f\u00fcr eine Zeremonie gebraucht w\u00fcrden. Woher denn die Bl\u00e4tter k\u00e4men, will ich wissen. Mit leichtem Unverst\u00e4ndnis f\u00fcr das Unverst\u00e4ndnis der Fremden zeigt er auf die Laube. Da rankt sich Wein entlang. Ich vergesse, mich dar\u00fcber zu wundern, dass der Wein schon so weit ist. Bei uns sind die Weinberge l\u00e4nger kahl.<\/p>\n<p>Ich erz\u00e4hle, ich sei im Winter schon mal hier gewesen, h\u00e4tte aber vor verschlossenen T\u00fcren gestanden. Ja, vier Monate, sagt er. Vier Monate geschlossen, meint er. Ich hatte erst verstanden, dass nur vier Monate lang ge\u00f6ffnet ist. Ich h\u00e4tte also auch schon eher hierher kommen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Kloster hat einen \u00e4u\u00dferen und einen inneren Innenhof. Der erste sieht sehr wehrhaft aus, der zweite, frisch renoviert, sehr heimelig, arkadenges\u00e4umt, mit einer Au\u00dfentreppe und runden Kieselsteinen auf dem Boden.<\/p>\n<p>\u00dcber dem Tor, das die beiden Innenh\u00f6fe trennt, h\u00e4ngt eine Pechnase, Zeichen daf\u00fcr, dass das Kloster tats\u00e4chlich f\u00fcr Verteidigungszwecke benutzt wurde. Und der Name, vom t\u00fcrkischen Wort f\u00fcr \u201aKanone\u2018 abgeleitet, spricht auch B\u00e4nde.<\/p>\n<p>Das Museum ist in einem niedrigen, \u00fcberw\u00f6lbten, fensterlosen Raum untergebracht, auch der sch\u00f6n renoviert, mit unverputzten W\u00e4nden. Hier gibt es eine Unzahl von Stichen zu sehen, Kupferstiche und Holzstiche. Biblische Themen, aber auch Stadtansichten. In einem sieht man die Hinrichtung des Propheten Jesaia. Er h\u00e4ngt mit dem Kopf nach unten an einem Baum, und zwei M\u00e4nner mit Helmen und d\u00fcnnen Schnurrb\u00e4rten machen sich mit einer breiten S\u00e4ge daran, ihn in St\u00fccke zu schneiden. Sie setzen gleich zwischen den Beinen an.<\/p>\n<p>Es gibt auch Drucke von Ikonen. Hier wird betont, dass Ikonen spirituelle Werte ausdr\u00fccken. Zeit und Raum werden nicht ber\u00fccksichtigt, es geht um Essentielleres. Berge und H\u00fcgel werden schematisch wiedergegeben, Pflanzen und Tieren durch geometrische Formen. Teil dieses Ansatzes sind auch die standardisierten Merkmale der Dargestellten: hohe Stirn, d\u00fcnne Lippen, Mandelaugen, schmale Nase, Frontaldarstellung. All das ist dazu ausersehen, innere Ruhe auszudr\u00fccken.<\/p>\n<p>Besonders sch\u00f6n sind ein paar Stadtansichten, wie die von Konstantinopel. Man sieht H\u00e4user, Moscheen, Schiffe, alle dicht gedr\u00e4ngt, ganz unrealistisch aneinandergereiht. Die Perspektive ist wie auf Kinderzeichnungen. Was oben ist, ist weit weg. Diese Stiche sind teilweise bunt, anders als die anderen.<\/p>\n<p>In einem Nebenraum gibt es dann pl\u00f6tzlich Kriegsger\u00e4t, aus dem Befreiungskrieg und aus dem 2. Weltkrieg. Das Kloster war im 2. Weltkrieg die Verbindungsstelle zwischen den Alliierten und dem kretischen Widerstand. Es gibt ein klobiges Feldtelefon zu sehen und drei Helme, einen griechischen, einen britischen und einen deutschen. Der britische ist flacher\u00a0 und sieht etwas wie ein Tropenhelm aus, der deutsche hat so etwas wie \u201eOhrensch\u00fctzer\u201c.<\/p>\n<p>Im Innenhof vor der Kirche steht eine franz\u00f6sische Reisegruppe. Die F\u00fchrerin weist auf eine Besonderheit der Ausstattung der orthodoxen Kirchen hin: Es gibt keine Skulpturen. Leider folgt keine Begr\u00fcndung. Vermutlich ist das zu k\u00f6rperlich, zu weltlich. Die F\u00fchrerin spricht auch von zwei Traditionen in der Ikonenmalerei, der mazedonischen und der kretischen. Die kretische hat dabei westliche Einfl\u00fcsse aufgenommen, durch die lange Besatzungszeit der Venezianer. Das leuchtet ein und erkl\u00e4rt einige der Ikonen, die ich in Heraklion gesehen habe.<\/p>\n<p>Vor dem Kirchenportal hinter Glas eine Steinplatte mit einem antiken Vertrag. Die Buchstaben au\u00dfen kann man noch ganz gut lesen, die in der Mitte kaum. Die Steinplatte wurde jahrhundertelang als Altartisch benutzt, bis ein britischer Reisender entdeckte, dass es sich nicht um irgendeine Steinplatte handelte. Sagt viel \u00fcber den Umgang der Griechen mit \u201eihrer\u201c Antike.<\/p>\n<p>Die Kirche ist klein und auch wieder zweischiffig. Das ist aber von au\u00dfen nicht zu sehen, sie ist in den Geb\u00e4udekomplex des Klosters eingebunden, und man kann eigentlich nur ahnen, dass dies der Eingang zur Kirche ist.<\/p>\n<p>Hier gibt es aber, anders als in Arkadi, keine durchgehende Ikonostase. Ein dicker Pfeiler trennt sie, und davor h\u00e4ngt, ganz anders als ich es mir vorgestellt habe, auf Augenh\u00f6he statt hoch im Chor, die Ikone, f\u00fcr die das Kloster ber\u00fchmt ist: Kornarous\u00a0 \u0386\u03be\u03b9\u03bf\u03bd \u0395\u03c3\u03c4\u03af. Dieses Bild hat es in sich. Es ist ein Gewimmel und Gewusel von Szenen und Figuren \u2013 angeblich \u00fcber eintausend! \u2013 in dem man immer mehr entdeckt, je l\u00e4nger man hinsieht. Die Szenen stammen aus dem Alten und dem Neuen Testament, sind aber zu einem geradezu kosmischen Blick zusammengef\u00fcgt, mit Tierkreiszeichen, Gestirnen und der \u00fcber alles thronenden Trinit\u00e4t.<\/p>\n<p>Immer wieder taucht das Thema Wasser auf, und es verbindet auch ganz w\u00f6rtlich verschiedenen Bildteile. Man ist selbst \u00fcberrascht, wie oft das Wasser ein Motiv bei biblischen Szenen ist: die Taufe im Jordan, die Durchquerung des Roten Meers, die Sintflut, Jonas und der Walfisch, Moses auf dem Nil usw.<\/p>\n<p>Das Paradies wird bev\u00f6lkert von Tieren aller Art: einem Elefanten, einem Fuchs, einem Affen, einem Warzenschwein, einer Gans, einer Eule, sowie Fabelwesen wie einem Dinosaurier im Miniaturformat und einem gefl\u00fcgelten Dromedar.<\/p>\n<p>Bei der Taufe schwimmen Fische und Biber im Jordan und Jesus steht auf einem Delphin. Beim Abendmahl sitzt man auf goldenen St\u00fchlen an einem runden Tisch! Komisch, sprengt v\u00f6llig unsere Vorstellung.<\/p>\n<p>In dem Museum, das in dem s\u00fcdlichen Schiff untergebracht ist, gibt es noch eine ganze Ikonensammlung, aber nach diesem visuellen Paukenschlag verblasst das alles.<\/p>\n<p>Ich gehe aus Neugier noch in den Andenkenladen. Hier gibt es Ikonen, die hier vor Ort hergestellt werden, in Handarbeit. Keine gro\u00dfe Kunst, aber auch keine Massenproduktion. Ich frage die Verk\u00e4uferin nach den Preisen, und wir kommen ins Gespr\u00e4ch. Wo ich Griechisch gelernt h\u00e4tte, will sie wissen, und das bringt uns auf die Griechischlehrerin zuhause und darauf, dass sie schwanger ist. \u201eDa habe ich was f\u00fcr Sie!\u201c Sie sucht die Reihen mit den Ikonen ab und zieht dann eine heraus: Agios Stilianos. Das ist derjenige, der in der himmlischen Verwaltung f\u00fcr Schwangerschaften und Kinder zust\u00e4ndig ist. Und er h\u00e4lt ein Baby auf dem Arm!<\/p>\n<p>Ich habe meine Freude an dem Mitbringsel und mache mich auf den Weg. Der n\u00e4chste Halt ist in Palekastro, dem Namenspendant zu Paleokastro, wo ich dieser Tage war, ein unaufgeregter, l\u00e4ndlicher Ort etwas abseits der K\u00fcste mit gerade beginnendem Touristenbetrieb. An der Fassade der Schule haben Schulkinder Szenen aus Kreta in bunten Bildern festgehalten, einen Palmenstrand, Olivenb\u00e4ume, den minoischen \u201eLilienprinzen\u201c, eine Bucht mit Schiffen. Die Schiffe in der Bucht, wie an einer Schnur aneinandergereiht, so, wie sie in der Wirklichkeit nie vorkommen, erinnern an die Stadtansichten von Konstantinopel.<\/p>\n<p>Bei der Ausfahrt aus dem Ort sehe ich ein Schild, das auf <em>Accomodation<\/em> hinweist. Sp\u00e4ter sehe ich dann noch <em>Dead\u2019s Gorge<\/em> und <em>Appartments<\/em>. Und dann sagen sie, die griechische Orthographie w\u00e4re schwer.<\/p>\n<p>Bei der Weiterfahrt nach Kato Zakros auf der einsamen Landstra\u00dfe tausche ich die lange Klosterhose gegen eine kurze Touristenhose. Im Auto rollt auf einmal eine Apfelsine \u00fcber den Boden. Das muss noch eine von den beiden Alten von der Fahrt nach Rethymnon sein. Ich genie\u00dfe die leckere Apfelsine und die Erinnerung an die kurze Begegnung mit den beiden. Als ich wieder einsteige, kommt mir der Lastwagen mit dem Bagger und den Baumst\u00e4mmen entgegen. Er scheint sie nicht losgeworden zu sein.<\/p>\n<p>Auf der Weiterfahrt \u00fcber die kurvenreiche Stra\u00dfe, die sich langsam immer weiter nach oben windet, mache ich mehrmals f\u00fcr ein Photo kehrt. Das ist ziemlich umst\u00e4ndlich, es gibt kaum Platz zum Drehen. Meistens sind es Bildst\u00f6cke, die ich photographiere, mit Bergen, Meer oder Olivenplantagen im Hintergrund.<\/p>\n<p>Dann geht es bergab. Die Berge fallen hier direkt ins Meer, es ist kein Platz f\u00fcr Bebauung, und deshalb ist es noch einsamer als in anderen Gegenden Kretas. Das ist alles so verlassen, dass ich mich frage, ob wir damals tats\u00e4chlich mit dem Bus hier runter gefahren sind.<\/p>\n<p>Unten angekommen, in Kato Zakros, st\u00f6\u00dft man auf eine kleine Bucht mit Kiesstrand, an der prompt zwei deutsche Wohnwagen auftauchen. Kato Zakros ist kein Ort, nur eine Ansammlung von ein paar Tavernen, die von der Ausgrabungsst\u00e4tte profitieren.<\/p>\n<p>Kato Zakros ist der kleinste der minoischen Pal\u00e4ste. Man kann ihn tats\u00e4chlich mit einem Blick erfassen. Zuerst sieht man nur einen Haufen Steine. Aber je l\u00e4nger man zwischen den Steinen umherl\u00e4uft, umso mehr Struktur bekommt die Sache. Die Mauern werden irgendwie h\u00f6her, man entdeckt Bodenplatten, S\u00e4ulenstumpfe, vor allem aber R\u00e4ume, viele, kleine, verschachtelt angelegte R\u00e4ume.<\/p>\n<p>Nur die Orientierung fehlt mir wieder. Dabei ist hier die Rollenverteilung der einzelnen Palastteile besonders klar: Im S\u00fcden die Handwerksbetriebe, im Norden die Vorratsr\u00e4ume und die K\u00fcchen, im Westen der sakrale Bezirk und im Osten der Marktplatz, die Zone des Handels. Und genau dieser Bezirk war durch eine teils erhaltene Stra\u00dfe mit dem Hafen verbunden. Das ist eine Besonderheit von Kato Zakros: Man hatte keinen entfernt gelegenen Hafen, sondern den Hafen direkt vor der Haust\u00fcr. Eine weitere Besonderheit ist der Rollentausch von Palast und Stadt. Hier liegt der Palast unterhalb der Stadt, v\u00f6llig ungesch\u00fctzt. Man sieht das als Zeichen daf\u00fcr an, dass die Stadt den Palast als ihren betrachtete.<\/p>\n<p>Was dem Laien sofort auff\u00e4llt, ist etwas, was wirklich eine Besonderheit von Kato Zakros ist: Wasser. Habe ich in den beiden anderen Pal\u00e4sten noch gar nicht gesehen. Hier gibt es ein rundes Bassin, ein rechteckiges Bassin und eine Art T\u00fcmpel. Besonders witzig sieht das runde Bassin aus, klein, mit zwei, drei Stufen, die an einer Seite hineinf\u00fchren, wie ein modernes Jacuzzi.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich handelt es sich bei diesen Bassins und T\u00fcmpeln um Zisternen. Das reichlich vorhandene Wasser aus den Bergen der Umgebung f\u00fcllte sie in der Antike. Es gab insgesamt vier Zisternen, von denen eine rituelle Funktionen hatte. An einem der weiteren, jetzt trockenen Bassins sieht man am Rand Tr\u00f6ge angebracht. Deren Funktion ist bis heute unbekannt.<\/p>\n<p>In dem Schlamm eins dieser Bassins hat man eine Tasse mit Oliven gefunden, vermutlich der \u00e4lteste Olivenfund der Welt. Sie haben ihr Fleisch und ihre Farbe durch die feuchte Umgebung bewahrt.<\/p>\n<p>Kato Zakros ist zerst\u00f6rt worden wie die anderen Pal\u00e4ste, aber nie mehr wiederaufgebaut worden. Und es ist gar nicht oder wenig ausgeraubt worden. Insgesamt wurden mehr als 10.000 Objekte gefunden! In den Werkst\u00e4tten hat man Marmor, Bergkristall, Fayence und Elfenbein gefunden.<\/p>\n<p>Der Umfang der Vorratsr\u00e4ume ist hier viel kleiner als in den anderen Pal\u00e4sten. Daraus hat man die Schlussfolgerung gezogen, dass man die Versorgung eher durch Handel als durch eigenen Anbau gesichert hat. Interessant. Als Nachweis f\u00fcr den Handel mit \u00c4gypten und dem Nahen Osten \u2013 f\u00fcr den es durch seine Lage ganz im Osten pr\u00e4destiniert war \u2013 gilt das Vorhandensein von Elefantenz\u00e4hnen und Bronzebarren. Und der Fund gro\u00dfer Baums\u00e4gen aus Bronze gilt als Beleg daf\u00fcr, dass von hier aus Holz nach \u00c4gypten exportiert wurde.<\/p>\n<p>Ganz in der N\u00e4he der Ausgrabungsst\u00e4tte ist der Eingang zum Tal der Toten, einer weiteren Schlucht. Sie hat ihren Namen von den Minoern, die hier ihre Toten begruben. Die Gr\u00e4ber wurden allerdings vollst\u00e4ndig ausgeraubt. Ich gehe ein ganzes St\u00fcck in die Schlucht hinein. Sie ist ganz anders als die Sarakina-Schlucht, viel breiter und mit viel mehr Vegetation. Auch das Wasser scheint hier, jedenfalls in diesem ersten Teil, kein Problem zu sein. Es ist nur ein sch\u00f6ner Bach, der am Weg entlang l\u00e4uft und hin und wieder \u00fcberschritten werden muss. Die Besonderheit dieser Schlucht ist, dass Pflanzen auf sehr informativen Schildern erkl\u00e4rt werden. Dabei erfahre ich, dass eine der vielen gelben Bl\u00fcten, die man hier vor Ostern so oft gesehen hat, \u03c6\u03bb\u03cc\u03bc\u03bf\u03c2 hei\u00dft, \u201aK\u00f6nigskerze\u2018. Vor dem milchigen Saft der Pflanze wird gewarnt: giftig. Ebenfalls gelb und ebenfalls giftig ist die \u0391\u03bd\u03b1\u03b3\u03cd\u03c1\u03b9\u03c2 &#8211; Anagyris. Hier sind es die Fr\u00fcchte, die giftig sind. Sie sehen wie Bohnen aus, wird erkl\u00e4rt. Sie hei\u00dft auf Deutsch auch <em>Stinkstrauch<\/em>! Und bei der dritten gelben Pflanze, \u03c1\u03bf\u03cd\u03c4\u03b1, handelt es sich um einen Strauch, der auf Deutsch Rauten hei\u00dft. Davon gab es die allermeisten.<\/p>\n<p>Bei der Weiterfahrt komme ich, es ist kaum zu glauben, in noch einsamere Gegenden. In Xerokambos, dem \u00e4u\u00dfersten s\u00fcd\u00f6stlichen Zipfel der Insel, fahre ich zum Meer hinunter: feiner, wei\u00dfer Sandstrand, eine gesch\u00fctzte Bucht, ein paar dekorative Felsen im Meer und kein Mensch weit und breit.<\/p>\n<p>Leider geht es unten an der K\u00fcste nicht weiter, man muss wieder ein bisschen ins Land fahren. Irgendwo frage ich an einer Tankstelle nach Moni Kapsa. Der Junge verzieht das Gesicht und sagt mit der typisch griechischen Mimik, wortlos: \u201eKeine Ahnung!\u201c Wir sehen uns die Karte an, und ich zeige auf mein Ziel. Es ist in der N\u00e4he von Kalo Chorio. Jetzt wei\u00df er Bescheid, und wiederholt immer wieder, laut und deutlich \u201eKalo Chorio!\u201c, \u201eKalo Chorio!\u201c, so als wolle er mir sagen: \u201eWarum hast du mir das nicht gleich gesagt?\u201c. Daraufhin erkl\u00e4rt er mir in voller Lautst\u00e4rke und unvollst\u00e4ndigen S\u00e4tzen immer wieder von neuem den Weg, und zwischendurch kommt immer wieder \u201eKalo Chorio!\u201c. Er sagt mir aber nur, was ich ohnehin schon wei\u00df. Macht nichts.<\/p>\n<p>Es geht durch das Inland und dann nach Makrigialos, einen Ort, den ich vom Winter als einen der h\u00e4sslichsten auf Kreta in Erinnerung habe. Jetzt ist es nicht mehr so schlimm, und die Strandpromenade ist sogar ausgesprochen sch\u00f6n, eine gute Mischung aus Myrtos und Ierapetra, mit einem sanft ins Meer fallenden, feinen Sandstrand und einem Lokal nach dem anderen. Viele Hinweisschilder in skandinavischen Sprachen, denn in der N\u00e4he ist ein gro\u00dfes Hotel, das fast ausschlie\u00dflich skandinavische Kunden hat. Aber auch auf Deutsch wird man begr\u00fc\u00dft: \u201eUnsere Familie begr\u00fc\u00dft Ihnen und Ihren Kindern\u201c.<\/p>\n<p>Nach einem Kaffee geht es an der K\u00fcste entlang Richtung Ierapetra und dann ein kurzes St\u00fcck von der K\u00fcste weg. Dort bleibe ich vor einem eingez\u00e4unten Feld mit Sonnenkollektoren stehen. Vorher habe ich schon Windr\u00e4der gesehen. Kretas Zukunft? In dem eingez\u00e4unten Areal ein Schaf, mit dicker Wolle, das immer am Zaun auf und ab l\u00e4uft. Es hat sich wohl hierher verlaufen und kommt nicht mehr raus.<\/p>\n<p>Zum Abschluss des Tages geht es dann in die \u03a3\u03c0\u03b7\u03bb\u03b9\u03ac \u03c4\u03bf\u03c5 \u0394\u03c1\u03ac\u03ba\u03bf\u03c5, die Drachenh\u00f6hle, eine etwas erh\u00f6ht liegende traditionelle Taverne mit herrlichem Blick auf das etwas entfernt liegende, sonnenbeschienene Meer. Ich sitze kaum auf der Terrasse, als schon warmes Holzofenbrot mit Oliven und Tomaten aufgefahren wird. Danach gibt es Mezedes: Dolmadakia, Tsatsiki, Bohnen, Rote Beete, Fava, Paprika und, am besten, frittierte Zucchini-K\u00fcgelchen mit Kr\u00e4utern aus dem eigenen Garten. Zum Nachtisch gibt es auf Kosten des Hauses \u03bc\u03bf\u03cd\u03c3\u03bc\u03bf\u03c5\u03bb\u03bf. Das ist die gelbe Frucht, die man jetzt \u00fcberall an den Str\u00e4uchern sieht. Von der Konsistenz wie Pfirsich, aber etwas h\u00e4rter und etwas bitterer im Geschmack, mit zwei, drei dicken Kernen.<\/p>\n<p>Die Wirtin fragt mich, wie ich auf ihre Taverne gekommen sei. Da kann ich ihr gleich drei Quellen nennen: Reisef\u00fchrer, Internet, Stammg\u00e4ste.<\/p>\n<p>Als ich dann zuhause ankomme, habe ich zum ersten Mal das Gef\u00fchl, genug gesehen zu haben von Kreta.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">6. Mai (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Manolis hat erfahren, dass ich bei dem Lauf in Ierapetra dabei war. Er hat seine F\u00fchler \u00fcberall. Die Veranstalter waren nicht ganz zufrieden mit dem Lauf, es habe noch ein paar Probleme bei der Organisation gegeben, aber das werde man im n\u00e4chsten Jahr angehen. Der Lauf findet auf Initiative eines H\u00e4ndlers statt. Irgendwas mit Lebensmitteln. Ich spreche ihn auf das Motto des Laufs an, Gegen den Hunger und die soziale Ausgrenzung. Das veranlasst ihn zu einem ironischen Kommentar dar\u00fcber, wie arm die Griechen jetzt seien. Und zu einer Wutrede \u00fcber die Bilder, die hungernde Griechen zeigen. Was das denn solle? Welcher Eindruck das denn wohl im Ausland macht? Als ob die Griechen am Hungertuch neigten. Eine ganz eigene Perspektive.<\/p>\n<p>Beim Fris\u00f6r \u00fcbernimmt diesmal die Chefin selbst die Arbeit. Das M\u00e4dchen hat heute frei. Sie hat montags und mittwochs immer frei, also an den Tagen, an denen nachmittags geschlossen ist. Sie hat da \u201erichtig\u201c frei, nicht frei, um zur Schule zu gehen. Das jedenfalls glaube ich zu verstehen. Das Gesch\u00e4ft gehe gut, mal besser, mal schlechter, sagt sie, aber sie sei zufrieden. Ich habe den Laden tats\u00e4chlich noch nie ohne Kundschaft gesehen. Sie ist seit sieben Jahren selbst\u00e4ndig, seit zwei Jahren hat sie diesen Salon.<\/p>\n<p>Danach versuche ich, in einem wunderbaren Schuhgesch\u00e4ft Sandalen zu kaufen. Vergeblich. Das Ein-Raum-Gesch\u00e4ft ist dunkel, mit Schuhkartons vom Boden bis zur Decke an drei Seiten und nur wenig Platz zum Anprobieren. An\u00a0 einer Seite h\u00e4ngt ein Spiegel, um die die Schals von zwei griechischen Fu\u00dfballvereinen gewickelt sind, und dar\u00fcber ist eine Ikone mit dem Drachent\u00f6ter Georg. Die Schuhe sind sehr preisg\u00fcnstig, aber passen nicht. Es klappt dann in dem zweiten Gesch\u00e4ft. Das ist auch klein, aber hell, mit Glasfronten zu zwei Seiten, und man sieht keinen einzigen Schuhkarton, nur einzelne Schuhe, und die sind ausschlie\u00dflich im Schaufenster. Man zeigt dann auf den Schuh, den man haben will, und die Verk\u00e4uferin geht nach oben und holt die Schuhe. Hier passen die Schuhe, sind aber viel teurer.<\/p>\n<p>In einer B\u00e4ckerei frage ich aufs Geratewohl, ob es hier auch frische Milch gebe. Ja, sagt die Frau hinter der Theke etwas z\u00f6gerlich, aber nur Ziegenmilch. Ich z\u00f6gere auch einen Moment und frage dann, \u00fcberfl\u00fcssigerweise, ob die ganz anders schmecke als Milch von der Kuh. Ja, sagt die Verk\u00e4uferin, aber sie und ihre Familie tr\u00e4nken nur Ziegenmilch. Ich nehme einen Karton mit, allerdings zu astronomischen Preisen: 2,40 \u20ac. Zu Hause mache ich dann den Test, mit zwei Gl\u00e4sern, unmittelbaren Geschmacksvergleich. Besser w\u00e4re die Blindverkostung gewesen. Die Ziegenmilch schmeckt jedenfalls \u00fcberraschend \u201enormal\u201c. Sie ist h\u00f6chstens etwas intensiver im Geschmack.<\/p>\n<p>Angesichts von zwei pummeligen M\u00e4dchen in einer Eisdiele erinnere ich mich an unseren merkw\u00fcrdigen F\u00fchrer in Knossos, der die Bemerkung gemacht hatte, die griechischen Kinder seien die dicksten Europas. Ein paar Prachtexemplare habe ich tats\u00e4chlich gesehen. Es w\u00e4re ein kompletter Umschwung im Vergleich zur erwachsenen Bev\u00f6lkerung, die als besonders gesund gilt.<\/p>\n<p>Als ich an einem Einrichtungsgesch\u00e4ft vorbeikomme, erinnere ich mich an die Vorh\u00e4nge in Kalyves, bei denen f\u00fcr jedes Fenster zwei verschiedene Muster, sehr verschiedene Muster, verwendet wurde, Muster, die auf den ersten Blick gar nicht zusammenpassten. Der Wahnsinn scheint Methode zu haben. Hier im Schaufenster ist es genauso.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">7. Mai (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Bei der Fahrt zur Autow\u00e4sche nach Ierapetra steht unterwegs an einer Bushaltestelle eine \u00e4ltere Frau. Will sie mitfahren? Zuerst z\u00f6gert sie etwas. Wer ich denn sei, will sie wissen. Ich erkl\u00e4re es, und sie steigt ein. Dann wird sie sehr schnell gespr\u00e4chig. Vier Enkel, der \u00e4lteste angehender Mediziner in Chania, in einer in Kreta ganz neuen Disziplin. Sie will zum Einkaufen in die Stadt und zu einem Stadtbummel. Ich erz\u00e4hle von der Autow\u00e4sche und von dem bevorstehenden Besuch meiner Schwester. Sie wird immer zutraulicher. Das mit den Ausl\u00e4ndern sei so: Es gebe jetzt so viele, Pakistanis und Bulgaren und wie die alle hei\u00dfen, da m\u00fcsse man vorsichtig sein. Ich versuche ein bisschen zu relativieren und sage, die Albaner in meiner Pension seien alle sehr nett gewesen. Ja, sagt sie, klar, nat\u00fcrlich seien nicht alle schlecht. Sie will zum Inka, und da ich dort ohnehin vorbeikomme, setze ich sie vor der T\u00fcr ab. Am Ende wirft sie noch schnell ein, Frau Merkel koste sie viele Nerven. Um dann hinzuzuf\u00fcgen: Aber sind ja selbst schuld. Mit einem freundlichen L\u00e4cheln und emphatischem Dank verabschiedet sie sich.<\/p>\n<p>Der junge Mann bei der Autow\u00e4sche macht wieder ganz vorz\u00fcgliche Arbeit. Und als ich einsteige, finde ich auch meinen vermissten Kuli wieder und im Kofferraum eine weitere Apfelsine!<\/p>\n<p>Ich gehe noch bei dem kleinen Laden vorbei und sage, dass die Ziegenmilch mir gut geschmeckt habe. Die Frau freut sich und erkl\u00e4rt, sie seien umgestiegen, nachdem sich herausgestellt hat, dass einer der S\u00f6hne eine Allergie gegen Kuhmilch hat. H\u00e4tte nicht gedacht, dass man dann Ziegenmilch vertragen kann.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg habe ich eine Autofahrerin vor mir, die, ohne sich um die Autos hinter ihr zu scheren, ihre Apothekentour aus dem Auto heraus macht. Sie bleibt auf H\u00f6he der Apotheke stehen und ruft ihr Anliegen durch die ge\u00f6ffneten T\u00fcren der Apotheken. Bei den ersten beiden geht es schnell, bei der dritten dauert es.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">8. Mai (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Nach einer umst\u00e4ndlichen Fahrt nach Heraklion und dem misslungenen Versuch, dort noch eine Mission zu erf\u00fcllen, geht es zum Flughafen.<\/p>\n<p>Der Flug ist \u00fcberp\u00fcnktlich, aber beim Warten auf die Koffer geht die gewonnen Zeit wieder verloren. Dann habe ich aber das Vergn\u00fcgen, noch einmal Besuch aus der Heimat in Empfang zu nehmen. Was kann einem in die Fremde verschlagenen Mann Besseres passieren, als eine Schwester in die Arme zu nehmen? Sie kommt blass, aber nicht leichenblass an. Der Flug ist gut \u00fcberstanden worden. Im Koffer befinden sich Schwarzbrot, Marmelade, K\u00e4se und Cantuccini. Die n\u00e4chsten Tage sind gesichert.<\/p>\n<p>Wir machen Halt in Agios Nikolaos bei Frapp\u00e9 und Jogurt mit Honig und gehen die Treppe hinter dem See rauf und laufen durch die verschiedenen Teile der Stadt, am Strand, Marine, Hafen und See entlang.<\/p>\n<p>In Myrtos machen wir einen Spaziergang durchs Dorf. Dabei sehen wir Petunien, Oleander, Bougainvillea, Geranien, und ich erfahre, dass eine der gelben Blumen definitiv Ginster ist. Die auff\u00e4lligen blauen Blumen mit gelbem Samenfeld bleiben vorl\u00e4ufig ein Geheimnis. \u00dcberall treffen wir auch auf den Pfeifenputzer mit seinem lustigen Aussehen. Den scheint es in unseren Breiten nicht zu geben.<\/p>\n<p>Am Abend werde ich ins Platanos eingeladen und erfahre, dass der Baum, unter dem wir sitzen, keine Platane, sondern ein Ahorn ist. Wir werden von einem jungen Mann mit dunkelblondem Pferdeschwanz bedient. Er spricht mit auf das T-Shirt mit dem durchschossenen Verkehrszeichen an, wie heute Morgen schon eine junge Frau am Flughafen. Scheint gut anzukommen. Er ist der Sohn einer Deutschen und eines Griechen, den Besitzern des Lokals. Er spricht auch gut Deutsch, aber seine Muttersprache ist offensichtlich Griechisch. Statt eines gro\u00dfen Gerichts bestellen wir Mezedes und haben unsere Freude daran.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">9. Mai (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen beim B\u00e4cker begr\u00fc\u00dft den Gast aus Deutschland sehr freundlich und l\u00e4sst erst gar keinen Zweifel aufkommen: \u201eYour sister?\u201c Genau zum richtigen Zeitpunkt gibt es wieder Spanakotiropita. Sp\u00e4ter sehen wir uns die komplizierte Zubereitung im Internet an. Au\u00dferdem nehmen wir eine Bougatsa mit. Die schmeckt hier besonders gut.<\/p>\n<p>Am Ortsausgang von Myrtos sitzen am Stra\u00dfenrand ein alter Mann und eine alte Frau. Wir haben sie gestern Abend aus der Distanz auf dem Platz in der Mitte des Dorfes gesehen. Sie reparieren St\u00fchle. Offensichtlich sind sie ambulante Handwerker. Sie reisen mit einem Transporter durch die Gegend, der etwas abseits steht. Jetzt haben sie sich hierher gesetzt, weil sie vermutlich die St\u00fchle der Pension hinter ihnen reparieren. Es sind die traditionellen St\u00fchle mit kleiner, quadratischer Sitzfl\u00e4che, wie man sie fr\u00fcher immer vor griechischen H\u00e4usern vorfand. Die Sitzfl\u00e4che ist geflochten. Die Frau setzt mit gro\u00dfer Kraft mit einem Messer an einer Stelle des Flechtwerks an und beseitigt es, der Mann erneuert es. Es scheint nat\u00fcrliches Material zu sein.<\/p>\n<p>Ganz in der N\u00e4he sehen wir vor einer Schule einen merkw\u00fcrdigen Baum mit kahlem Stamm und dicken Fr\u00fcchten ganz oben unter den Bl\u00e4ttern. Was kann das sein? Die Fr\u00fcchte sehen aus die Kokosn\u00fcsse, aber der Baum passt nicht dazu. Vielleicht Mango?<\/p>\n<p>Wir fahren nach Selakano, um eine Wanderung durch den Wald zu machen. Die Fahrt ist l\u00e4nger und umst\u00e4ndlicher, als ich sie in Erinnerung hatte und als es auf der Karte aussah. Wir sind aber richtig. Sp\u00e4testens merke ich das an der einsamen Kapelle vor der Felswand. Die ist diesmal offen. Auf dem Altartisch in dem schummrigen Raum liegt eine ganze Reihe von Ikonen unterschiedlicher Machart. Darauf kommt es hier sicher nicht an.<\/p>\n<p>Wir finden die Stelle, die im Reisef\u00fchrer als \u201eParkplatz\u201c bezeichnet wird und machen uns auf den Weg. Wir nehmen eine Abbiegung, die keine ist, steigen hinauf, gehen weiter und stellen dann auf einmal fest, dass wir wieder genau da gelandet sind, wo wir losgegangen sind.<\/p>\n<p>Also noch mal von vorn. Diesmal richtig. Bald kommen wir an Bienenst\u00f6cken vorbei, wie vorher schon, aber bald merkt man, dass die der Orientierung nicht gerade dienlich sind. Davon gibt es einfach zu viele. Es ist bezeichnend, dass der einzige Mensch, dem wir an dem ganzen Vormittag begegnen, ein Imker ist.<\/p>\n<p>Auch in einem Graben sehen wir Bienen, und h\u00f6ren sie vor allem. Wir beugen uns dar\u00fcber und fragen uns, was die da unten zu suchen haben. Bl\u00fcten sind keine zu sehen, wohl aber von den B\u00e4umen abgefallene, wurmartig aussehende kleine Fr\u00fcchte, wie Schoten aussehend. Locken sie die Bienen an?<\/p>\n<p>Wir haben eine kleine Durststrecke und fragen uns, ob wir noch richtig sind, aber irgendwann geht es deutlich bergab. Das muss richtig sein. Dennoch dauert es noch ein ganzes St\u00fcck, bis wir wieder im Tal sind und dann noch eine Weile, bis wir das Auto wiederfinden.<\/p>\n<p>Wir landen in einem am Rande dieses Streudorfes versteckt gelegenen Kafeneion. Dass es hier in der Wildnis \u00fcberhaupt so etwas gibt! M\u00e4nner sitzen drau\u00dfen und essen oder trinken Raki. Sie sitzen aber gesch\u00fctzt unter einer \u00dcberdachung. Das ist auch n\u00f6tig. Hier weht ein frischer Wind. Bedient werden wir von einem alten M\u00fctterchen, das aber sehr agil ist, die Artischocken vom Tisch nimmt, die Decke reinigt und dann einen leckeren Frappe serviert.<\/p>\n<p>Wieder in Myrtos gehen wir zum Strand und diesmal beide ins Wasser. Mein Eindruck wird best\u00e4tigt, dass es zwar kalt ist, aber man die K\u00e4lte nur am Anfang empfindet. Und au\u00dferdem f\u00fchlt es sich gut an, wenn man herauskommt und nicht friert.<\/p>\n<p>Am Strand kommen wir mit einer jungen Russin ins Gespr\u00e4ch, Mutter zweier Jungen, die gerade aus dem Wasser kommen. Sie sagt, die Russen w\u00fcrden Sch\u00e4tzungen zufolge schon n\u00e4chstes Jahr die gr\u00f6\u00dfte Touristengruppe in Griechenland stellen. Das f\u00fchrt sie auf die gemeinsame orthodoxe Tradition zur\u00fcck. Und so kommen wir auf die <em>Koliva<\/em> zu sprechen. Und sie wei\u00df bestens Bescheid. Witzig der Unterschied in der Aussprache zwischen dem Russischen und dem Griechischen. Ich bin nicht sicher, ob man das Wort identifizieren w\u00fcrde, wenn man es nicht kennt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">10. Mai (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Am Vormittag steigen wir auf die Dachterrasse, um von oben einen Blick auf die Umgebung zu werfen. Dort treffen wir auf das schw\u00e4bische Ehepaar, die uns am Vorabend ihren Korkenzieher ausgeliehen haben. Sie stehen vor der Weiterreise nach Sitia. Und erz\u00e4hlen, man habe ihnen berichtet, dies sei der strengste Winter seit 70 Jahren gewesen.<\/p>\n<p>Wir gehen der Stra\u00dfe entlang nach Tertsa. Aufmerksame Augen zeigen mir, was ich in einem halben Jahr nie gesehen habe: eine Wasserleitung ganz hoch oben an einem Felsen, ein ausgetrocknetes Flussbett, eine antike Begrenzungsmauer an dem r\u00e4tselhaften arch\u00e4ologischen Feld direkt an der Stra\u00dfe, von dem ich bisher nichts als die Hinweistafel entdeckt habe.\u00a0 Gemeinsam fragen wir uns, was die allein stehende Akazie auf der Bergkuppe zu suchen hat, wann das klotzige Felsenst\u00fcck, das die Form eines \u00fcberdimensionierten Sarkophags hat, auf dem Abhang ins Rutschen kommt und wie die s\u00e4uberlich auf schwarzem Grund angebrachten vier wei\u00dfen Buchstaben auf den unzug\u00e4nglichen Fels in der Mitte gekommen sind. Am Wegesrand stehen stolze Disteln, die aussehen wie Palmen im Miniaturformat. Au\u00dferdem sehen wir Mais und wilde Artischocken.<\/p>\n<p>Ich muss meine Meinung korrigieren, dass das Blau des Himmels langweilig ist. Man muss einfach in verschiedenen Richtungen gucken. Zum Meer hin ist der Himmel heller, zum Land hin dunkler. Auch dieser Tage in Selakano war er sch\u00f6n, wenn man ihn durch die Zweige sah.<\/p>\n<p>In Tertsa, wo es erstaunlich lebendig zugeht bei dem kleinen Ort, gehen wir noch ein St\u00fcck den Strand entlang und bewundern, zusammen mit einer Handvoll Touristen, die sich hierher verirrt haben, die h\u00f6hlenartigen Felsen am Strand und die Felsbrocken, die hier dekorativ im Wasser und auf dem Sand herumliegen. Wir setzen uns in ein Strandcaf\u00e9 und beobachten die Griechen bei ihrem morgendlichen Ausgang. Es wird meist Kaffee und Wasser getrunken und etwas Raki. Die Getr\u00e4nke werden auf einem orientalisch aussehenden metallenen Tablett mit B\u00fcgel serviert.<\/p>\n<p>Am Ende einer umst\u00e4ndlichen Diskussion \u00fcber Schriftarten steht f\u00fcr mich eine neue Erkenntnis: Griechische Handschriften \u00e4hneln der Druckschrift insofern, als viel h\u00e4ufiger als bei uns abgesetzt wird. Die Buchstaben laufen nur in Ausnahmef\u00e4llen, z.B. bei Doppelvokalbuchstaben, ineinander. Sonst gibt es meist einen Zwischenraum. Das k\u00f6nnte auch erkl\u00e4ren, warum meine eigene Handschrift mit griechischen Buchstaben leserlicher ist als die mit lateinischen Buchstaben!<\/p>\n<p>Am Abend habe ich das Vergn\u00fcgen, ins Katerina eingeladen zu werden, dem ersten Lokal am Platze, ganz neu f\u00fcr mich. Wohl dem, der eine Schwester hat. Als die Rechnung kommt, sind die zarten Gef\u00fchle der Unwohlseins bereits in Wein und Raki erstickt.<\/p>\n<p>Die Tische stehen hier auf der Stra\u00dfe, unter einer begr\u00fcnten Pergola, und als es dunkel wird, gehen die Lichter an. Das ist wohl die photogenste Stelle von Myrtos. K\u00f6nnte in jedem Reiseprospekt erscheinen.<\/p>\n<p>An den Nachbartischen Paare aus Holland, Deutschland und Frankreich. Aber wer sind die an der langen Tischreihe Sitzenden? Als wir kommen und direkt an ihnen vorbeigehen, warten sie auf die Bestellung. Schweigend. Als wir bestellen, essen sie. Schweigend. Als wir essen, sitzen sie noch eine Weile zusammen. Schweigend. Taubstumme? Wir spekulieren dar\u00fcber, wer sie sein k\u00f6nnen, und aus einer Laune heraus sage ich: \u201eM\u00fcssen wohl Finnen sein\u201c. Wir fragen die Wirtin, und die sagt: \u201eDas ist eine finnische Wandergruppe.\u201c Es lebe das Stereotyp.<\/p>\n<p>Die Finnen sind hier gut aufgehoben, da die Wirtin selbst Finnin ist. Als sie gehen, sagen sie der Wirtin demonstrativ Auf Wiedersehen!\u201c, so als wollten sie beweisen, dass sie doch sprechen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Wirtin bew\u00e4ltigt die gesamte Bedienung ganz alleine und bleibt dabei sehr freundlich und geduldig. Allerdings ist sie in ihrem Kommunikationsverhalten etwas einseitig. Man spricht mit dem Mann. Und der bekommt auch das Wechselgeld, obwohl die Frau bezahlt. Gute Sitten haben sie in Finnland.<\/p>\n<p>Hin und wieder erscheint auch der Wirt, mit karierter B\u00e4ckerhose, und hilft aus. Er ist der Koch und auch der B\u00e4cker. Das Brot, wohl mit Oliven\u00f6l zubereitet, ist auch aus eigener Produktion. Mehrmals erscheint er, mir kindlichen Stolz und sichtlicher Freude, um Saganaki zu servieren. Das wird hier flambiert serviert. Das habe er, sagt er, in einem Hotel in Norddeutschland gelernt, in L\u00fcbeck.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">11. Mai (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Am Vormittag gehen wir durch Ierapetra und essen anschlie\u00dfend Loukoumades in einem Caf\u00e9. Das hat zur Folge, dass wir zu sp\u00e4t in Kapsa eintreffen und das Kloster mal wieder verschlossen vorfinden. Diesmal kommt aber ein Pope zu der Klappe und erkl\u00e4rt uns freundlich, jetzt sei Mittagszeit. Dabei lassen wir uns eine gro\u00dfe Chance f\u00fcr ein sch\u00f6nes Photo entgehen, das b\u00e4rtige Gesicht hinter der Klappe in der Holzt\u00fcr.<\/p>\n<p>Wir schn\u00fcren uns Wanderschuhe an und gehen in die benachbarte Schlucht. Sie ist weit, mit nackten Felsw\u00e4nden zur einen Seite, dort, wo oben das Kloster steht (mit einem \u00fcppigen Kakteengarten, der oben \u00fcber den Felsen sichtbar ist), und mit h\u00f6hlenartigen Vertiefungen im Fels auf der anderen Seite. Am Boden gibt es allerlei dorniges Gestr\u00fcpp, aber auch hellen Mohn. Besonders kurios ist ein rundliches, gelb bl\u00fchendes Gestr\u00fcpp, das immer im Verbund mit Thymian auftritt. Vielleicht sucht der Thymian den Schutz des dornigen Gew\u00e4chses.<\/p>\n<p>Wir fahren nach Makrigialos und trinken an der Strandpromenade Orangensaft und Kaffee. Es ist warm, und die Atmosph\u00e4re ist angenehm, ruhig, aber mit gerade genug Betrieb, um nicht ausgestorben zu wirken.<\/p>\n<p>Bei der Weiterfahrt sehen wir den inzwischen gr\u00fcnen Kartoffelacker, auf dem gerade ges\u00e4t wurde, als wir im Februar hier vorbeikamen. Das Schaf von der Vorwoche ist immer noch zwischen den Sonnenkollektoren. Es wird von anderen Schafen au\u00dferhalb der Einz\u00e4unung gerufen, reagiert aber nicht. \u00dcberall stehen hier Kisten herum, mit denen vermutlich die geernteten Fr\u00fcchte transportiert werden.<\/p>\n<p>\u00dcberraschendes Ergebnis des Milchtests nach der R\u00fcckkehr nach Myrtos. Erste Reaktion beim Blindversuch: kein gro\u00dfer Unterschied. Dann, nach einigem Z\u00f6gern, falsche Zuordnung: Kuhmilch wird f\u00fcr Ziegenmilch gehalten!<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">12. Mai (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen fragen wir Zoe nach den auff\u00e4lligen blauen Blumen, aber sie wei\u00df auch nicht, worum es sich handelt. Sie wei\u00df aber, dass es wild wachsende Blumen sind. Danach sehen sie nicht aus. Und sie wei\u00df, dass sie sich nachts schlie\u00dfen, und tats\u00e4chlich sind sie auch jetzt noch geschlossen. Das bringt uns dann irgendwie auf die Spur. Wir finden den Namen heraus, und der k\u00f6nnte einleuchtender gar nicht sein: Mittagsblumen.<\/p>\n<p>Wir machen einen langen Spaziergang durchs Dorf und dann landeinw\u00e4rts bis zur alten Br\u00fccke. Am Ortsrand sehen wir jetzt auch mal einen Feigenbaum mit Fr\u00fcchten. Und der Pfeifenputzer pr\u00e4sentiert sich gleich in verschiedenen Entwicklungsstadien: bl\u00fchend, verbl\u00fcht, sprie\u00dfend und im Stadium vor dem Sprie\u00dfen, alles in wenigen benachbarten Zweigen.<\/p>\n<p>Am Stra\u00dfenrand sehen wir eine Ameisenautobahn, mehrere Meter lang. Es ist ein richtiges Spektakel. In zwei Reihen laufen die Ameisen gesch\u00e4ftig in zwei Richtungen, in eine Richtung leer, in die andere bepackt. Dabei transportieren einige einen Halm, der doppelt so lang wie sie selbst ist. Was treibt sie an? Wer lenkt das Geschehen. Woher wissen sie, was sie tun m\u00fcssen? Wissen sie, was sie tun?<\/p>\n<p>Dann sehen wir Schnecken. Auch die h\u00e4tte ich alleine \u00fcbersehen, kleine, wei\u00dfe Schnecken mit Geh\u00e4use, unbeweglich an den kahlen \u00c4sten eines Strauchs h\u00e4ngend. Es ist immer derselbe Strauch. Warum sitzen sie nicht auf den Bl\u00e4ttern? Haben sie die \u00c4ste leergefressen? Nein, das scheint es nicht zu sein, denn dann sehen wir sie auch an Maschendrahtz\u00e4unen h\u00e4ngen, in Trauben.<\/p>\n<p>In freier Natur sieht man jetzt nicht mehr so viel Obst an den B\u00e4umen h\u00e4ngen, h\u00f6chstens ein paar Apfelsinen und Zitronen. Die gro\u00dfe Ausnahme ist die Mispel. Die h\u00e4ngen jetzt ganz voll mit den gelben Fr\u00fcchten, \u03bc\u03bf\u03cd\u03c3\u03bc\u03bf\u03c5\u03bb\u03bf. Wir haben in Ierapetra ein paar gekauft und probiert. Schmeckten besser als die, die ich im Restaurant bekommen habe, waren vermutlich einfach reifer. Ich hatte sie mit Pfirsichen verglichen, aber die \u00c4hnlichkeit mit der Birne ist wohl gr\u00f6\u00dfer. Wie die Frucht im Deutschen hei\u00dft, wei\u00df ich immer noch nicht. Der Baum hei\u00dft auch Loquat, wie im Englischen.<\/p>\n<p>Einige der Gew\u00e4chsh\u00e4user werden jetzt gel\u00fcftet, was bei dem Wetter einleuchtend ist, andere aber nicht. Wir k\u00f6nnen durch einen Schlitz hineinsehen: Auberginen, Tomaten, Paprika, alle an Ranken hochwachsend, Apfelsinen dagegen an ganz normalen B\u00e4umen. Warum sind sie in Gew\u00e4chsh\u00e4usern? Drau\u00dfen scheinen sie auch pr\u00e4chtig zu gedeihen. Wir kommen in kein Gew\u00e4chshaus rein. In einem sitzt ein W\u00e4rter, und der sagt, er sei nicht der Chef und habe keinen Schl\u00fcssel. Sonst ist weit und breit niemand zu sehen.<\/p>\n<p>Gute Beobachtung: Hier sieht man weder Rollatoren noch Rollst\u00fchle. War mir auch noch nicht aufgefallen. Als ob er diese Beobachtung widerlegen wollte, kommt genau in dem Moment ein Rollstuhl um die Ecke. Aber es ist ein ausl\u00e4ndischer Tourist. Der \u201ez\u00e4hlt\u201c nicht. Hier benutzen die Alten, vor allem die M\u00e4nner, weiterhin einen Stock.<\/p>\n<p>Noch eine Frage, die ich mir noch nie gestellt geschweige denn beantwortet habe: Woher bekommen die Lokale in Myrtos ihren Fisch? Wir sehen einen Mann mit Angel an der Strandpromenade. Angeln sie selbst? Oder beauftragen sie jemanden damit?<\/p>\n<p>Nach einem Kaffee an der Strandpromenade und Schuhwechsel klettern wir nach Pyrgos hinauf, der ersten Ausgrabungsst\u00e4tte, die ich hier besucht habe. \u00dcber den ganz schmalen Pfad geht es \u00fcber Felsen und an dornigen B\u00fcschen vorbei hinauf. An einer Stelle geht es auch zwischen den violetten B\u00fcschen her, die so dicht stehen, dass man fast dazwischen verschwindet. Oben hat man eine gute Aussicht in die Ferne, in beide Richtungen. Weit hinten im Landesinnern wird planiert. Stra\u00dfe oder Gew\u00e4chsh\u00e4user? Oben fragen wir uns, welche Steine original sind und welche nicht. Gar nicht so einfach zu beantworten, zumal hier in verschiedenen Phasen gebaut wurde. Wir fragen uns auch, ob die Steine bearbeitet wurden. Bei dem flachen Vorhof mit farbigen Steinen scheint das nicht der Fall zu sein.<\/p>\n<p>Am Nachmittag lerne ich Neues \u00fcber Kreta, als Passagen aus dem Reisef\u00fchrer vorgelesen werden. Einmal geht es um die Ikonen. Es hei\u00dft, sie w\u00fcrden mit Lein\u00f6l \u00fcbergossen, und zwar ein Jahr nach der Fertigstellung der Malerei. Es entsteht ein Firnis, und der wird abgetragen, und \u00fcbrig bleibt eine feine Schicht, die die Farben der Ikonen erh\u00e4lt. Ohne sie w\u00fcrden die Farben durch Austrocknen ihre Leuchtkraft verlieren.<\/p>\n<p>In einer anderen Passage geht es um die Oliven in Kreta. Sehr kritisch wird angemerkt, dass es sich hier um einen vielfach subventionierten Betrieb handelt, der Monokulturen entstehen l\u00e4sst und Raubbau am Wasser bedeutet.<\/p>\n<p>Am Abend gehen wir in ein Lokal an der Strandpromenade. Wir werden von einer sehr freundlichen jungen Kellnerin bedient, die stolz darauf verweist, dass es sich um einen Familienbetrieb handelt. Die Mutter steht in der K\u00fcche, der Vater stelle \u00d6l und Essig her, und die leckeren Bohnen stammen aus dem eigenen Garten in Symi. Sehr gut schmecken hier auch die warmen Dolmadakia, die wir als Vorspeise bestellen. Und der Raki, den es auf Kosten des Hauses zum Abschluss gibt, ist auch nicht zu verachten.<\/p>\n<p>Wir fragen uns, ob es hier nicht ein \u00dcberangebot gibt, sowohl an Gastronomie als auch an Unterk\u00fcnften. Es gibt neben der Apartmentanlage oben \u00fcber dem Dorf ein Hotel an der Strandpromenade, eins am Ortseingang, dann das Mirtos in der Dorfmitte und noch eins ein kleines St\u00fcck vor dem Ortseingang. Und in jedem zweiten Haus werden Privatzimmer vermietet. Von all dem ist auch jetzt, im Mai, nur ein kleiner Teil besetzt. Kaum zu erwarten, dass im Juni pl\u00f6tzlich der ganz gro\u00dfe Ansturm ausbricht. Dann ist die Saison wirklich kurz, zwei, vielleicht drei Monate. Und bei den Lokalen \u00e4hnlich. Die meisten an der Strandpromenade sind jetzt ge\u00f6ffnet. Viele haben zwei Reihen von Tischen drau\u00dfen, einige auch noch Tische drinnen. Richtig voll ist es nirgendwo.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13. Mai (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Auf dem Weg nach Heraklion fallen ein paar Tropfen, aber dabei bleibt es. Ein Tag mit Sonne und Wolken. Wir machen Halt am Denkmal in Ano Viannos und am dem Baum mit Wasserhahn. Die Fahrt ist schnell und unproblematisch.<\/p>\n<p>Am Flughafen parken wieder Autos auf abenteuerliche Weise \u00fcber dem Graben am Stra\u00dfenrand, darunter ein deutscher mit dem Kennzeichen LIF-E 1000. Wir aber fahren ordnungsgem\u00e4\u00df auf dem Parkplatz. Dort werden Autos abgeschleppt. Warum? Man kann doch hier parken, solange man will.<\/p>\n<p>Trotz einer langen Schlange in der Abflughalle geht bei der Abfertigung alles schnell und komplikationslos. Der Abschied erfolgt in zwei Stufen, erst in der Abflughalle und dann noch mal mit einem Winken, als ich vom Parkplatz komme.<\/p>\n<p>Ich habe noch eine Rechnung offen mit Lychnostatis, dem Freilichtmuseum an der Nordk\u00fcste, in Chersonissos. Die Stadt ist auch jetzt trostlos, daran k\u00f6nnen auch Touristen in Hawaiihemden und <em>Life Spice<\/em>, der Erotikladen, nichts \u00e4ndern. Aber das Museum liegt au\u00dferhalb des Ortes, gleich am Meer, sehr ruhig. Und ist ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Alles ist sehr sch\u00f6n arrangiert, aber die Information ist trotz Audioguide v\u00f6llig unzureichend. Aber man kann sich das auch so ansehen. Es gibt einen Obstgarten, einen Kr\u00e4utergarten, eine Kapelle, eine Zwergschule, das Wohnhaus einer wohlhabenden Familie, eine Windm\u00fchle, eine \u00d6lm\u00fchle, ein Bienenhaus, ein Herbarium, eine Keramikwerkstatt, eine Weinpresse und vieles anderes.<\/p>\n<p>Unter den vielen Obstb\u00e4umen sind nur zwei, die Fr\u00fcchte tragen, ein Zitronenbaum und ein Granatapfelbaum, und deren Fr\u00fcchte sind noch in einem ganz fr\u00fchen Stadium. Auch die Mispel, die in der Natur jetzt \u00fcberall voll von Fr\u00fcchten ist, hat hier keine. Einen ganz besonderen Platz hat man dem Johannisbrotbaum einger\u00e4umt. Neben ihm stehen S\u00e4cke mit Schoten und eine gro\u00dfe Johannisbrotbaumm\u00fchle mit rotierenden l\u00f6chrigen Walzen. Das Johannisbrot war f\u00fcr die Nahrung von Tier und Mensch auf Kreta ganz wesentlich. Aus den Samen wurde Mehl gemahlen und aus den Schoten gewann man ein Getr\u00e4nk und einen Sirup, der als S\u00fc\u00dfstoff diente.<\/p>\n<p>Interessant auch die F\u00e4rberei. Hier berichtet eine alte Frau, die von ihrer Mutter das Weben lernte, wie sich als Autodidakt zu einer Expertin f\u00fcrs F\u00e4rben wurde. Sie versuchte es einfach, immer wieder, und machte dabei die Entdeckung, dass nicht alle Pflanzen f\u00e4rben. Sie f\u00fcgte dem Wasser, in dem Garn schwamm, eine Pflanze hinzu, wartete auf das Ergebnis und legte sich so im Laufe der Zeit eine Datenbank an, mittels deren sie alle m\u00f6glichen Farbschattierungen herstellen konnte. Unter anderem verwendete sie den Granatapfel f\u00fcr Rot, Walnussschalen f\u00fcr Braun und Zwiebeln f\u00fcr Beige. Dem Wasser wurde auch noch Salz und Essig beigef\u00fcgt.<\/p>\n<p>Das kurioseste Ausstellungsst\u00fcck ist das erste Wassermotorrad, in Chania erfunden. Es ist ein Tandem, mittels dessen ein Motor angetrieben wird, der wiederum eine Art Katamaran antreibt.<\/p>\n<p>In dem sch\u00f6n angelegten Kr\u00e4utergarten f\u00e4llt ein gelbes Kraut auf, eine der vielen gelben Pflanzen, die vor Ostern hier bl\u00fchten und die ich nie identifizieren konnte. Dass es sich dabei um ein Kraut handelt, h\u00e4tte ich nicht gedacht. Dies w\u00e4re nat\u00fcrlich der richtige Ort, das zu erfahren, aber diese Pflanze ist nicht etikettiert. Im Vorbeigehen h\u00f6re ich, wie bei einer F\u00fchrung f\u00fcr Kinder auf eine Lavendel-Art hingewiesen wird, die angeblich das Geheimnis von Coca-Cola enth\u00e4lt. Sie riecht stark und angenehm, aber nicht nach Coca-Cola.<\/p>\n<p>Ich mache mich auf den R\u00fcckweg nach Myrtos und komme dabei durch eine Umleitung auch noch durch Malia, ein Ort, der Chersonnissos Konkurrenz macht als Rummelplatz, trotz seiner historischen Bedeutung.<\/p>\n<p>Kurz vor Ierapetra mache ich noch ein Photo von der ganz oben, v\u00f6llig isoliert auf einer Bergspitze liegenden Kirche, weit von der Stra\u00dfe entfernt liegend und leicht zu \u00fcbersehen. Wir haben sie dieser Tage bei der Hinfahrt entdeckt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">14. Mai (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Tag vor der Abreise zeigt sich Myrtos sommerlich: heller Sonnenschein, keine Wolke am Himmel, sch\u00f6n warm. Ein bisschen windig ist es aber. Die Flagge weht jedenfalls im Wind, nicht wie vorgestern, als sie ausnahmsweise mal schlapp vom Flaggenmast herunterhing.<\/p>\n<p>Zum Laufen ist es fast zu warm, aber f\u00fcrs Meer gerade richtig. Unterwegs sehe ich zum ersten Mal Ziegen ganz oben auf der Bergkuppe stehen. Sie sind wirklich sehr wendig. Ich h\u00f6re sie auch zum ersten Mal meckern und frage mich, ob ich das im Blindtest vom Bl\u00f6ken eines Schafs unterscheiden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Im Dorf sehe ich zum ersten Mal einen Stau und zum ersten Mal Touristen mit Rollkoffern. Wird Zeit, dass ich hier wegkomme.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">15. Mai (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Auch die Fliegen sind rechtzeitig zur\u00fcckgekehrt und wollen mir sagen, dass es Zeit zum Aufbruch ist. Und der Wind bl\u00e4st heute wieder so stark, als wollte er einen pers\u00f6nlich nach Hause schicken.<\/p>\n<p>Bei einem letzten Kaffee an der Strandpromenade habe ich ein letztes nachhaltiges Erlebnis. Etwas von mir entfernt sitzt ein Mann mittleren Alters. Er sitzt in der Sonne, die kann ihm offensichtlich nichts anhaben. Er ist l\u00e4ssig, aber nicht nachl\u00e4ssig gekleidet, hat volles, lockiges Haar und einen Schn\u00e4uzer, der ihm sehr gut steht. Er tr\u00e4gt eine Brille, die alles andere als gew\u00f6hnlich, aber nicht extravagant ist. Auch die passt gut zu seiner Erscheinung. Er ist \u00fcber ein dickes Buch gebeugt und sieht aus, als ruhe er in sich selbst. Von den G\u00f6ttern verw\u00f6hnt, geht es mir durch den Kopf. Mit dem hat das Schicksal es gut gemeint, denke ich voller Neid. Als ich aufstehe, sehe ich, dass er im Rollstuhl sitzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Januar (Donnerstag) Der erste Tag des Jahres ist gleich voll im Einsatz. Er tr\u00e4gt gleich m\u00e4chtig dazu bei, dass die Statistik weiterhin stimmt, nach der der Januar der regenreichste Monat in Kreta ist. Dazu ist es kalt und windig. &hellip; <a href=\"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=6770\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1022,"parent":5838,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/6770"}],"collection":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6770"}],"version-history":[{"count":105,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/6770\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11580,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/6770\/revisions\/11580"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5838"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1022"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6770"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}