{"id":7379,"date":"2015-04-08T14:11:03","date_gmt":"2015-04-08T12:11:03","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=7379"},"modified":"2015-09-21T19:50:09","modified_gmt":"2015-09-21T17:50:09","slug":"santorini-2015","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=7379","title":{"rendered":"Santorin (2015)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">5. April (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Im Flugzeug von Heraklion nach Athen sind fast nur Griechen, im Flugzeug von Athen nach Santorin fast nur Ausl\u00e4nder, darunter viele Asiaten. Neben mir ein junges mexikanisches Paar, aus dem Norden Mexikos. Ihre Vorfahren stammen urspr\u00fcnglich aus Deutschland. F\u00fcr einen Moment habe ich geglaubt, sie spr\u00e4chen abwechselnd Spanisch und Griechisch.<\/p>\n<p>Am Flughafen auf Santorin wartet Iphigenia auf mich. Auf den letzten Dr\u00fccker kam gestern das Angebot, mich abzuholen. Nach einem Moment des Z\u00f6gerns erkennen wir uns wieder. Sie hat sich gut gehalten, ist ein bisschen rundlicher geworden und hat eine neue, jugendliche Frisur, mit r\u00f6tlich schimmerndem Haar.<\/p>\n<p>Die Strecke nach Megalochori kommt mir k\u00fcrzer vor, als sie ist. Die Landschaft ist im Gegensatz zu Kreta geradezu langweilig: ein paar H\u00fcgel, in der Ferne das Meer, keine Hingucker.<\/p>\n<p>Ifigenia hat sich f\u00fcr Megalochori entschieden, weil es hier ein Projekt gibt, das die Authentizit\u00e4t des Ortes bewahren will: keine gro\u00dfen Hotelkomplexe, Pflege des \u00f6rtlichen Lebens, autofreies Ortszentrum. Ihre Schule war trotzdem willkommen, weil ihre Sch\u00fcler als \u201eTouristen der anderen Art\u201c gelten. Die Aufgabe der Schule in Athen hat etwas mit der Krise zu tun. Sch\u00fcler, die fr\u00fcher zweimal pro Jahr kamen, kamen nur noch einmal pro Jahr, im Winter gab es kaum noch etwas zu tun, und die Miete f\u00fcr die gro\u00dfe Wohnung war nicht mehr bezahlbar.<\/p>\n<p>F\u00fcr den merkw\u00fcrdigen Namen des Ortes gibt es zwei verschiedene Erkl\u00e4rungen: Vielleicht war der Ort wirklich gro\u00df im Vergleich zu den Nachbarorten, vielleicht bezieht sich <em>megalo <\/em>aber nicht auf die Gr\u00f6\u00dfe des Ortes, sondern auf die der Bewohner, entweder, was ihre soziale Stellung oder was ihren Wohlstand angeht. Der hat wohl etwas mit der Bodenbeschaffenheit zu tun. Ifigenia deutet auf ein Feld, an dem wir vorbeikommen. Da soll Wein angebaut werden. Man sieht aber keine Weinst\u00f6cke, sondern nur in den Boden eingelassene Rundungen, die irgendeine Funktion bei der Wasserversorgung haben sollen. Wasser ist hier ein rares Gut.<\/p>\n<p>Die Pension sieht gro\u00df aus, hat aber nur drei oder vier Zimmer f\u00fcr Touristen. Unten wohnt die Familie des Eigent\u00fcmers. Die betreibt au\u00dferdem irgendeine Werkstatt, und einige der anderen Zimmer sind f\u00fcr Wanderarbeiter dieser Firma reserviert.<\/p>\n<p>Die Frau des Hauses, Kyria Evgenia, zeigt mir das Zimmer. Es ist sehr einfach. Nach vorne hin ist ein Balkon, an einer viel befahrenen Stra\u00dfe. Es gibt zwar einen K\u00fchlschrank, aber keine M\u00f6glichkeit, sich einen Kaffee zu machen, kaum eine Steckdose, und der Tisch ist eher zur Dekoration geeignet. Internet scheint es zu geben, aber Kyria Evgenia kennt das Kennwort nicht. Da m\u00fcsse sie die Kinder fragen.<\/p>\n<p>Gleich gegen\u00fcber ist eine B\u00e4ckerei. Da riecht es wunderbar. Alles eigene Herstellung. Die freundliche B\u00e4ckersfrau zeigt mir das traditionelle Ostergeb\u00e4ck von Santorin, Melitini. Ich kaufe gleich eine ganze Schachtel. Sch\u00f6nes Mitbringsel f\u00fcr Ifigenia. Die hat f\u00fcr den Abend ein Begr\u00fc\u00dfungsessen vorgeschlagen.<\/p>\n<p>Mit ziemlich vagen Erkl\u00e4rungen \u00fcber den Standort der Schule werde ich zur\u00fcckgelassen: ganz einfach, da vorne runter, immer geradeaus. Das ist nat\u00fcrlich nur f\u00fcr diejenigen einfach, die es kennen. Und hat zur Folge, dass ich eine geschlagene Stunde durch den Ort laufe und \u00fcberall vergeblich frage. Ist aber eine gute Gelegenheit, einen ersten Eindruck zu bekommen.<\/p>\n<p>Man merkt sofort, dass dies nicht Kreta ist, auch wenn es vielleicht gar nicht so einfach ist, zu sagen, woran das liegt. Der auff\u00e4lligste Unterschied sind die wei\u00df get\u00fcnchten H\u00e4user. Bei einigen sieht es so aus, als w\u00e4ren sie erst vorgestern frisch gewei\u00dft worden. Einige haben auch noch dunkelblaue T\u00fcren und Fensterl\u00e4den, wie auf einem Tourismusprospekt. Die Gasse schl\u00e4ngelt sich zwischen wei\u00dfen Mauern zu beiden Seiten stufenlos ins Dorf hinunter. Auch das ist ganz anders als auf Kreta. An dem fein herausgeputzten Dorfplatz steht eine \u00fcberdimensionale Kirche, auch sie ganz in Wei\u00df, und am Ortsrand noch eine, auch ganz in Wei\u00df. Nur ganz vereinzelt trifft man auf jemanden.<\/p>\n<p>Die Schule liegt au\u00dferhalb des Ortskerns, dort, wo sich die Gasse \u00f6ffnet und man einen Blick in die Ferne hat. Hier scheint es eher normales, b\u00e4uerliches Leben zu geben. F\u00fcr die Schule haben sie eine wirklich gute Lokalit\u00e4t gefunden, im zweiten Stock eines doppelst\u00f6ckigen, langgestreckten Baus, der am Ende eines offenen Platzes liegt. Der ist einfach leer, und hat auch weiter keine Funktion. Es gibt ein gro\u00dfes B\u00fcro und ein paar kleine, modern eingerichtete Unterrichtsr\u00e4ume.<\/p>\n<p>Ich lerne Rania kennen, eine andere Lehrerin. Der Name ist eine Kurzform von Urania. Sie kommt aus dem Peloponnes, hat in Athen Franz\u00f6sisch studiert, dann aber gemerkt, dass Griechisch sie mehr interessiert. In Frankreich ist sie noch nie gewesen, wohl aber in Deutschland, in Aachen, auf einem Abstecher von Br\u00fcssel, wo ihr Cousin lebt.<\/p>\n<p>Wir gehen zum Geromanolis, der lokalen Taverne, in einem Kellerraum untergebracht. Anhand der auf der Tischdecke abgebildeten Karte bekomme ich ein paar Informationen \u00fcber Santorin: Megalochori liegt im Westen, etwas abseits der K\u00fcste, die Hauptstadt, Fyra, liegt etwas weiter n\u00f6rdlich. Der Flughafen ist in Kalami, an der Ostk\u00fcste, in einem der zwei wichtigsten Orte f\u00fcr den Tourismus. Im S\u00fcden gibt es kilometerweite Sandstr\u00e4nde. Zu denen f\u00fchrt eine Stra\u00dfe direkt von hier aus. Ganz im Norden liegt der sch\u00f6nste Ort der Insel, Oia. \u00d6stlich von Santorin liegen ein paar Satelliteninseln, einige davon vulkanisch, mit schwarzen Sandstr\u00e4nden. Der eigentliche griechische und auch der offizielle Name von Santorin ist Thyra. Das ist der Name eines K\u00f6nigs der Dorer. Santorin ist dagegen die \u201aHeilige Irene\u2018.<\/p>\n<p>Ifigenia bestellt f\u00fcr uns alle zusammen. Das ist mir sehr recht. Verschiedene Vorspeisen und eine Fleischplatte mit Pommes frites. Ifigenia und ich schlagen ordentlich zu, w\u00e4hrend Rania sehr sp\u00e4rlich isst. Am Ende wird die Rechnung geteilt, auf eine nicht sehr griechische Art.<\/p>\n<p>An jedem Tisch befindet sich an der Wand ein winziger Wasserhahn. Jedenfalls sieht der so aus. Es kommt aber Wein heraus. Man bekommt einen Krug und bedient sich selbst. F\u00fcr jeden Krug macht man selbst einen Kreidestrich auf einer Tafel unter dem Wasserhahn. Darauf wird man mit einem Schild hingewiesen, das ich nicht verstanden h\u00e4tte. Irgendetwas mit Vertrauen.<\/p>\n<p>Wir brechen auf, denn Ifigenia hat noch Unterricht, eine Stunde am Netz. Das haben sie in den letzten Jahren systematisch ausgebaut.<\/p>\n<p>Als wir aus der Taverne kommen, gegen halb neun, ist es dunkel. Der Himmel ist nicht so klar wie in Kreta.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">6. April (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Die ganze Nacht \u00fcber lauter, immer neu aufheulender Wind. Am Morgen Wolken und Regen. Ist ja mal was ganz Neues.<\/p>\n<p>Beim B\u00e4cker ist diesmal ein Mann hinter der Theke. Er hat ein halbes Jahr in Berlin gearbeitet und spricht etwas Deutsch.<\/p>\n<p>Als ich drau\u00dfen beim Kaffee sitze und den Laptop raushole, fasst mich ein Mann am Arm und sagt mir, ich solle nach Hause gehen. Dabei deutet er auf das Haus gegen\u00fcber. Ich setze zu einer l\u00e4ngeren, \u00fcberfl\u00fcssigen Erkl\u00e4rung an, bis er mich unterbricht und sich vorstellt. Er ist der Mann von Evgenia, der Besitzer der Pension.<\/p>\n<p>In der Schule ist alles bestens vorbereitet. Wir sind nur zu f\u00fcnft, au\u00dfer mir lauter Franzosen aus der Bretagne. Zu allem \u00dcbel sind wir noch auf drei Stufen verteilt. Ich bin mit einer Franz\u00f6sin zusammen, die schon zum drei\u00dfigsten Mal in Griechenland ist und ihren siebten Griechischkurs macht. Sie hat eine tiefe Stimme, spricht gerne und viel und hat ein dreckiges Lachen, mit dem sie jeden ihrer eigenen Kommentare begleitet. Ihr Griechisch ist sehr gut, sieht spricht fl\u00fcssig, hat sehr gute Grammatikkenntnisse und vor allem ein unglaubliches Vokabular. Zwischendurch wirft sie immer wieder mal ein <em>Voil\u00e1<\/em>, ein <em>C\u2019est \u00e7a<\/em>, ein <em>D\u2019accord<\/em>, ein <em>Toute \u00e0 fait<\/em> ein. Sie ist, wie sie selbst sagt, eine Ordnungsfanatikerin. Das merkt man auch.<\/p>\n<p>Wir fangen mit pers\u00f6nlichen Charakteristika an. Bei Ifigenia geh\u00f6ren Lehrerdasein als ihre \u201ezweite Natur\u201c dazu, ihr Interesse an der Politik und ihre\u00a0 Beziehungen zur T\u00fcrkei. Sie war als Studentin Mitglied der Kommunistischen Partei, hat sie aber sp\u00e4ter verlassen, aber ihr Interesse an der Politik bewahrt. In der T\u00fcrkei ist sie schon zwanzig Mal gewesen. Die Anregung dazu kam von Margarita Papandreou, der Frau des einen und Mutter des anderen Premierministers. Die war Amerikanerin und hat bei ihr einen Griechischkurs gemacht und sie dabei auf eine griechisch-t\u00fcrkische Frauenvereinigung aufmerksam gemacht. Wenn sie in die T\u00fcrkei f\u00e4hrt, wird sie dort von den Frauen als \u201eFreundin\u201c angeredet. In ihrer beruflichen Laufbahn hat sie immer auf Selbst\u00e4ndigkeit gesetzt und dreimal ein Angebot f\u00fcr eine Stelle an einer \u00f6ffentlichen Schule abgelehnt.<\/p>\n<p>Die Franz\u00f6sin erz\u00e4hlt von ihrer Allergie gegen Lamm. Die ist psychologisch bedingt und hat etwas mit dem Tod ihres Gro\u00dfvaters zu tun. Sie hat einen Allergiespezialisten aufgesucht, und der hat ihr gesagt, dass er absolut nichts f\u00fcr sie tun k\u00f6nne. Sie sagt, sie habe geradezu eine Obsession f\u00fcrs Lernen. Das Lernen habe sie durch die schlimmsten Phasen ihres Lebens geschifft. Ihr ganz gro\u00dfes Lebensthema ist Europa. Wenn sie im Griechischkurs einzuschlafen drohe, spreche die Lehrerin immer irgendetwas mit Europa an. Dann sei sie immer gleich wieder bei der Sache. Sie ist sogar f\u00fcr einen Preis vorgeschlagen worden. Sie sollte <em>Citizen of Europe<\/em> werden (das erz\u00e4hlt nicht sie, sondern Ifigenia). Auch den Kurs hier macht sie \u00fcber das Erasmus-Programm der EU. Sie muss ziemlich viel Energie und Geduld aufgewandt haben, um das durchzubekommen. Griechisch macht sie, wie alles andere, sehr systematisch. Auch das staatlich anerkannte Diplom f\u00fcr Griechisch als Fremdsprache macht sie mit einer Gr\u00fcndlichkeit, die ihresgleichen sucht. Sie macht immer die Pr\u00fcfung gleichzeitig f\u00fcr zwei Stufen, ihrer jetzigen und der n\u00e4chsten. Die erste besteht sie immer, bei der zweiten f\u00e4llt sie meist durch. Die macht sie dann beim n\u00e4chsten Mal und besteht. Unglaublich!<\/p>\n<p>Das Thema f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage ist das griechische Bildungssystem. Gut gew\u00e4hlt. Eine der Fragen ist, ob Religionsunterricht obligatorisch ist. Ja, ist die Antwort, ist er. F\u00fcr alle Griechen. Nicht f\u00fcr Ausl\u00e4nder. Die k\u00f6nnen am Religionsunterricht teilnehmen. Wenn sie es nicht tun, haben sie zu dieser Zeit frei. In dem Zusammenhang kommt die Rede auf die neue Regierung. Da haben zum ersten Mal einige Minister auf die Verfassung statt auf die Bibel geschworen. Tsipras sei vorher zum Patriarchen gegangen und habe ihm das erkl\u00e4rt. Er ist in einem sehr religi\u00f6sen Haus aufgewachsen. Sein Vater war ein F\u00f6rderer der Kirche und hat erhebliche Summen gespendet.<\/p>\n<p>Die ganz gro\u00dfe Herausforderung in Griechenland ist die Universit\u00e4tsaufnahmepr\u00fcfung. National einheitlich zum gleichen Zeitpunkt abgehalten. Sie ist viel h\u00e4rter als die Universit\u00e4t selbst. Man hat drei Versuche im Laufe des Jahres, kann aber auch bei jedem Termin nur bestimmte F\u00e4cher ablegen.<\/p>\n<p>Am Nachmittag f\u00fchrt uns Ifigenia durch Megalochori. Der gewundene Weg hei\u00dft Potamos, da muss wohl fr\u00fcher mal ein Fluss her geflossen sein. Megalochori hat nur gut 400 Einwohner. Es wirkt viel gr\u00f6\u00dfer. Es hat aber zehn Lokale. Gleich zwei davon befinden sich auf dem Gel\u00e4nde eines Hotels, des Vedema. Da kann eine Nacht bis zu 5000 Euro kosten. Gar nicht so selten nisten sich Hollywoodstars dort ein, anonym. Lehrerinnen der Schule wollen Sharon Stone und Angelina Jolie gesehen haben, mit Sonnenbrille.<\/p>\n<p>Am Dorfplatz neben der Kirche steht das Lazarus-Kreuz, f\u00fcr die Osterfeierlichkeiten errichtet, ein gro\u00dfes, weit \u00fcber zehn Meter hohes Kreuz aus Holz mit Streben zwischen den vier Endpunkten, so dass das Kreuz von einem auf der Spitze stehenden Quadrat erg\u00e4nzt wird. Dazu sind an allen f\u00fcnf Schnittpunkten noch Kreise angebracht, aus Reisig geflochten. Das ganze Ensemble ist mit Rosmarinzweigen und Blumen geschm\u00fcckt.<\/p>\n<p>Wir kommen an weiteren Kirchen vorbei, und das f\u00fchrt zu der Frage, warum es denn in Griechenland so viele Kirchen gebe. Die Antwort ist verbl\u00fcffend einfach: Es gibt \u00f6ffentliche und private Kirchen. Die meisten Kirchen werden vom Staat finanziert, aber es gibt auch immer wieder Privatleute, die eine Kirche stiften und nicht nur den Bau, sondern auch die Kosten f\u00fcr die Aufrechterhaltung und die Bezahlung der Priester \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Megalochori ist erst im 17. Jahrhundert gegr\u00fcndet worden. Es wurde aufgrund seines Weins bekannt, der vor allem nach Russland exportiert wurde. Vier von zehn Weinkellereien von Santorin befinden sich hier. Santorin ist bekannt f\u00fcr zwei Weine, von denen der eine \u2013 ich h\u00f6re und staune \u2013 der Vin Santo ist. Zu seiner Herstellung werden die Trauben zuerst zehn Tage an der Sonne getrocknet. Der zweite Wein ist der Nichteri. Die Trauben werden noch in der Nacht nach der Lese zur Maische gemacht. Daher der Name.<\/p>\n<p>Der Wein hat hier auch seinen eigenen Heiligen: Agios Averkios. Er war Chemiker und \u00d6nologe. Eine der Kirchen hat sein Patrozinium. Seit Festtag ist am 22. Oktober. Trifft sich gut. Das ist das Ende der Weinlese. Und da gibt es ein gro\u00dfes Weinfest.<\/p>\n<p>Am Wegesrand sehen wir Kapern, wild wachsend. Es ist jetzt nicht ihre Zeit, aber es h\u00e4ngen noch ein paar Bl\u00e4tter am Strauch. Kein Zweifel: Die sehen genauso aus wie die, die wir zum Mittagessen bekommen haben.<\/p>\n<p>Dann kommen wir oben am Ortsausgang zu einem Weinfeld. Jetzt erkennt man, was es mit den Rundungen auf sich hat, die wir auf der Fahrt vom Flughafen gesehen haben. Es sind Rebst\u00f6cke. Der Wind auf Santorin ist so stark, dass sie nicht aufrecht stehen k\u00f6nnen. Sie werden deshalb zu einer Art Wagenrad gedreht und auf den Boden gedr\u00fcckt. Auch die Franzosen sagen, dass sie so etwas noch nie gesehen haben. Eigentlich hat Santorin nicht genug Wasser f\u00fcr Wein, aber hier hat die Natur ein Gegenmittel gefunden. Ifigenia dr\u00fcckt uns etwas in die Hand und fragt, was das ist. Steine, die einstimmige Antwort. Falsch, obwohl ihr Name auch in diese Richtung deutet: \u03b5\u03bb\u03b1\u03c6\u03c1\u03cc\u03c0\u03b5\u03c4\u03c1\u03b1. Sie saugen das Wasser auf und bewahren es, und aus ihnen beziehen die Rebst\u00f6cke das Wasser w\u00e4hrend der Trockenheit. Wir wissen immer noch nicht, was das ist, bis Ifigenia erkl\u00e4rt, das werde auch von Frauen im Bad f\u00fcr ihre F\u00fc\u00dfe benutzt. Bimsstein!<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend macht Ifigenia einen Lichtbildervortrag \u00fcber Santorin. Ich bekomme wenig mit, denn ich muss \u00fcbersetzen, wobei ich schwarz mit wei\u00df und Bewohner mit Ziegen verwechsle.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">7. April (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Als ich mich am Morgen auf den Weg mache, treffe ich auf Kyria Evgenia. Auch sie klagt \u00fcber den Wind \u2013 der ihr sichtbar roten Sand aus der Sahara auf die Fensterbank gestreut hat \u2013 und \u00fcber den nicht enden wollenden Winter. Sie bietet mir einen Kaffee an. Ich nehme an. Ihr Mann ist auch da. Sie haben drei Kinder, zwei S\u00f6hne und eine Tochter. Von den beiden S\u00f6hnen wird stolz ein Bild gezeigt. Von der Tochter nicht. Hier h\u00e4ngt alles zusammen: Das Haus, in dem die Schule untergebracht ist, geh\u00f6rt seiner Schwester, und das Lokal, in das die anderen gestern Abend gegangen sind, geh\u00f6rt einem der beiden S\u00f6hne. Sie sprechen beide wie mit einem Anf\u00e4nger mit mir. Sie k\u00f6nnen einfach die Sprachkenntnisse von Ausl\u00e4ndern nicht einsch\u00e4tzen und verfallen in das Gegenteil von dem, was die meisten anderen tun. Es kommt die Rede noch auf die moderne Technologie. Da sagen sie genau das, was man von ihnen erwartet. Und von der Gesundheit ist die Rede. Beide m\u00fcssen m\u00e4chtig Tabletten schlucken.<\/p>\n<p>In der Schule ist wieder alles sehr angenehm. Nur bin ich in der falschen Stufe. Das ist alles viel zu schwer f\u00fcr mich, auch wenn die Franz\u00f6sin einen Dialog, den wir improvisieren, mit lautem Lachen und Begeisterungsst\u00fcrmen feiert. Ifigenia l\u00e4sst sich nichts anmerken, l\u00e4sst mir aber immer bei einfachen Fragen den ersten Versuch und richtet die schweren gleich an die Franz\u00f6sin. Es kommen am Rande zwei interessante Kleinigkeiten zur Sprache: Das griechische Wort f\u00fcr Albtraum ist von einer historischen Figur abgeleitet, Efialtis. Und jetzt habe ich auch ein griechisches Bespiel f\u00fcr ein Kontronym: \u03b4\u03b9\u03b1\u03b3\u03c1\u03ac\u03c6\u03c9. Es bedeutet sowohl \u201abeschreiben\u2018 als auch \u201awegwischen\u2018.<\/p>\n<p>Am Abend gehen wir zu einer Keramik-Werkstatt, betrieben von einem b\u00e4rtigen Mann mit zerfurchtem Gesicht und seiner viel j\u00fcngeren Frau. Er stammt aus einer T\u00f6pferfamilie, f\u00fcnfte Generation. Sie hat in der Akademie in Athen studiert. Dort hat auch er studiert und sp\u00e4ter auch zehn Jahre gelehrt. Sie haben sehr verschiedene Produkte, von Amphoren wie aus der Zeit der Minoer bis zu modernen Skulpturen. Bei den Amphoren legen sie Wert darauf, dass die genauso fr\u00fcher hergestellt und dass keine k\u00fcnstlichen Farben verwendet werden. Bei den Skulpturen, stark stilisierte Figuren von liegenden und sitzenden Frauen in nachdenklicher Pose, glaubt man gar nicht, dass es sich um Keramik handelt. Sie sehen aus wie aus Stein gehauen. Alles wird einmal bei 1000\u00b0 gebrannt und dann gegebenenfalls nochmal bei 1150\u00b0, wenn die Gef\u00e4\u00dfe eine Lasur bekommen. Sie sind zw\u00f6lf Stunden im Ofen und m\u00fcssen dann vierundzwanzig Stunden abk\u00fchlen. Sie haben aber noch einen zweiten Ofen. Der wird mit Propangas betrieben und ist f\u00fcr Keramik gedacht, die mit einer aus Korea stammenden Technik hergestellt wird. Wir sehen ein paar gegl\u00fcckte und eine paar halb verungl\u00fcckte Exemplare. Die sind zu fr\u00fch aus dem Ofen genommen worden. Dann entwickeln sie nicht all die Risse die ihnen das Muster geben. Wenn sie zu lange im Ofen sind, platzen sie vermutlich.<\/p>\n<p>Die interessanteste Information bekomme ich rein zuf\u00e4llig, aus einer aus einer Laune gestellten Frage an die Frau, als sich alles um die T\u00f6pferscheibe versammelt: Wo kommt eigentlich der Lehm her? Aus Kreta! Der Boden in Santorin taugt nicht. Vulkanisch! Auch aus England wird Lehm eingekauft. Und hatte mir eingebildet, dass man mal schnell in den Garten geht, etwas Erde ausbuddelt und sie mit Wasser vermischt!<\/p>\n<p>Dann stellen sich einige als Versuchskaninchen zur Verf\u00fcgung und stellen unter seiner Leitung ein Gef\u00e4\u00df her. Eigentlich finde ich das gar nicht so interessant, aber irgendwie hinterl\u00e4sst es diesmal Wirkung auf mich, zu sehen, wie aus einem formlosen Klumpen Form entsteht, die Essenz von Zivilisation. Das geschieht im Laufe von gerade einmal ein paar Minuten. So leicht wie es aussieht, ist es nicht. Bei allen muss er darauf beharren, dass sie fest dr\u00fccken und dann, dass sie es sch\u00f6n langsam gehen lassen sollen. Am Ende kommt eine Amerikanerin, die gestern in der Schule aufgetaucht ist und die Kenntnisse im T\u00f6pfern hat. Sie erz\u00e4hlt mir, er habe ihr neue Techniken beigebracht. Und man m\u00fcsse sich erst an diese Position gew\u00f6hnen. Man sitzt hier seitw\u00e4rts zur T\u00f6pferscheibe. Dann kann man das Objekt besser beobachten.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">8. April (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Im Unterricht geht es um das griechische Bildungssystem. Wir stellen Interessengruppen zusammen. Das alleine hilft schon zu verstehen, wie schwer es ist, etwas zu \u00e4ndern. Wer denkt schon daran, welchen Einfluss die Schulbuchverlage haben, wenn es um Bildungsplanung geht. Iphigenia zieht Verbindungen zwischen den einzelnen Faktoren und nennt das zentrale Problem beim Namen: Frontistirio. Das ist das private Nachhilfeinstitut, in dem griechische Sch\u00fcler nachmittags lernen. Das kostet nat\u00fcrlich Geld. Aber der Unterricht dort ist besser als der in der Schule und erh\u00f6ht die Chancen, einen Platz an einer Universit\u00e4t zu bekommen. Der Zutritt zur Universit\u00e4t gilt in der der griechischen Gesellschaft ohne jeden Zweifel als erstrebenswert, und daf\u00fcr tut man einiges. Der Misserfolg gilt als soziale Ohrfeige. Meine Frage, wie viele griechisches Sch\u00fcler denn davon betroffen seien, erh\u00e4lt eine verbl\u00fcffende Antwort: Jeder. Es gibt keinen, der ohne Frontistirio auskommt. Inzwischen gibt es sogar Frontistiria f\u00fcr arbeitslose Lehrer. Verr\u00fcckt. Daf\u00fcr gibt es einen historischen und einen aktuellen Grund. Der historische Grund liegt in der Zeit der Diktatur. Da wurden qualifizierte Lehrer aus den Schulen verbannt, wenn sie links waren. Die suchten ihr Heil im Frontistirio. Der zweite Grund ist die schlechte Bezahlung der Lehrer an \u00f6ffentlichen Schulen. Wenn man gut ist, geht man eher ans Frontistirio. An diesen ganzen Komplex hat sich keine griechische Regierung seit 1974, trotz vieler guter Vors\u00e4tze und Pl\u00e4ne, richtig herangetraut. Wer das System in Frage stellt, wird nicht wiedergew\u00e4hlt. Aber \u00e4ndern muss sich was. Das sagt auch die OECD in ihrem Bildungsbericht zu Griechenland.<\/p>\n<p>Am Abend fahren wir nach Oia, im Norden der Insel, mit zwei Autos. Ifigenia f\u00e4hrt und Adele, die Amerikanerin. Die kennt sich in Santorin gut aus und ist schon oft hier gewesen. \u00dcber Ifigenias Wahl des Weges ist sie nicht begeistert. Die Hauptstra\u00dfe gef\u00e4llt ihr nicht. Hier werde ziemlich wild gefahren. Keine zwei Minuten sp\u00e4ter kommt uns ein Autofahrer entgegen, der sie mit aller Macht best\u00e4tigen will. Er kriegt die Kurve nicht, schleudert an einer Hauswand entlang und bekommt dann gerade noch das Auto wieder in den Griff. Keine aktuelle Gefahr, weil wir nicht ganz auf gleicher H\u00f6he sind, aber respekteinfl\u00f6\u00dfend.<\/p>\n<p>Die Fahrt f\u00fchrt durch Fira, die Hauptstadt, eine gesch\u00e4ftige Stadt. Danach wird es einsamer, und die Landschaft wird sch\u00f6ner. Dennoch: kein Vergleich mit Kreta. Man sieht erst schwarze, dann rote Erde am Stra\u00dfenrand. Bald kommen wir nach Oia. Es ist eine Bilderbuchstadt, an einem Bergr\u00fccken am Meer gelegen. Wenn die griechische Tourismusindustrie Photos braucht, schicken sie bestimmt ihre Photographen hierher.<\/p>\n<p>Oia hie\u00df fr\u00fcher Apano Mera, der \u201aObere Teil\u2018, und hei\u00dft lokal auch heute noch so. Woher der Name Oia kommt, ist wird nicht verraten. Der Ort erlangte gro\u00dfe Bedeutung im 19. Jahrhundert als Station auf dem Handelsweg zwischen Russland und Alexandria. Oia hatte bei 2.500 Einwohnern eine Handelsflotte von 130 Schiffen! Im Hinterland wurde qualit\u00e4tsvoller Wein angebaut, der bis nach Frankreich exportiert wurde. Der Niedergang kam mit der Dampfschifffahrt und dem Ausbau von Pir\u00e4us. Das heutige Aussehen und auch seinen Rang als Touristenort ist komischerweise teils auf diesen Niedergang zur\u00fcckzuf\u00fchren und teils auf ein Erdbeben von 1956. Viele der H\u00e4user entstanden erst danach und wurden in die ehemaligen H\u00f6hlen der Reeder gebaut. Oder die H\u00e4user der Seeleute wurden zu Pensionen f\u00fcr Touristen umgebaut.<\/p>\n<p>Wir gehen in ein kleines Schifffahrtsmuseum, die Privatsammlung eines ehemaligen Kapit\u00e4ns. Es gibt Schiffsmodelle, Seemannsknoten, Bugfiguren, Dokumente. Und eine Sammlung von Objekten, die wie zusammengeknotete Taschent\u00fccher aussehen. Keiner kommt darauf, was das ist. Iphigenia erkl\u00e4rt: Signale.<\/p>\n<p>Dann geht es in das Atelier eines Ikonenmalers, etwas unter dem Stra\u00dfenniveau gelegen. Er malt alte Ikonen nach, teils als Auftragsarbeiten. Die h\u00e4ngen und stehen an den W\u00e4nden. Daneben gibt es auch kleine, impressionistisch wirkende Ansichten von Oia. Sein Sohn ist damit besch\u00e4ftigt, w\u00e4hrend er an Ikonen f\u00fcr eine Kirche arbeitet. Es ist eine kleine, einfache Kirche, f\u00fcr die er eine besondere Vorliebe hat. Die steht, glaube ich, auch auf unserem Programm f\u00fcr die kommende Woche. Der K\u00fcnstler hat eine wunderbare, tiefe, seidene Stimme und langes, blondes Haar. Ifigenia kennt ihn offensichtlich und spricht l\u00e4nger mit ihm.<\/p>\n<p>Dann kommen wir zu einer wunderbaren Buchhandlung. Die wurde von zwei Amerikanern gegr\u00fcndet, denen hier in Oia bei einem Urlaub der Lesestoff ausging und die entschieden, zur\u00fcckzukommen und eine Buchhandlung zu er\u00f6ffnen. Bald hatten sei ein Lokal gefunden, aber dann kam ein langer Kleinkrieg mit der griechischen B\u00fcrokratie. Am Ende hatten sei Erfolg. Die Buchhandlung ist jetzt seit mehr als zehn Jahren in Betrieb und weit \u00fcber Griechenland hinaus bekannt. Alles hier ist unregelm\u00e4\u00dfig. Es f\u00e4ngt bei der Treppe an, die nach unten in das niedrige Gew\u00f6lbe f\u00fchrt. Da ist jede Ecke ausgenutzt f\u00fcr immer noch ein weiteres, kleines Regal, die freien W\u00e4nde sind mit Zitaten \u00fcber B\u00fccher und \u00fcber das Lesen gef\u00fcllt, und \u00fcberall h\u00e4ngt noch irgendein improvisierter Schmuck herum. Es gibt verschiedene \u201eAbteilungen\u201c, nach Sprachen getrennt, meist wohl \u00dcbersetzungen griechischer Texte, von Franz\u00f6sisch bis Chinesisch. Der Raum hat etwas M\u00e4rchenhaftes.<\/p>\n<p>Dann streifen wir bei eisigem Wind durch die engen Gassen auf der Suche nach einem Lokal. Unterwegs erz\u00e4hlt mir Eva, die junge Franz\u00f6sin, dass sie mal Indonesisch gelernt hat. Sie hat drei Monate in einer indonesischen Familie verbracht, dann aber die Flucht angetreten. Es sei eine schlimme Erfahrung gewesen. Rassismus \u00fcberall, und zwar Rassismus gegen die Wei\u00dfen! Gleichzeitig habe man sie zuhause praktisch eingesperrt. Und sie hat Heiratsangebote bekommen, unter anderem als Zweitfrau eines reichen Mannes, der ihr als Werbung einen Diamanten schenken wollte. Angenommen hat sie offensichtlich nicht. Sie erz\u00e4hlt dann von ihrer kleinen Schwester, die mit Begeisterung Deutsch lernt. Sie ist eine gute Sch\u00fclerin und h\u00e4lt sich f\u00fcr noch besser als sie ist. Als sie eine neue Lehrerin bekam, habe sie behauptet, ihre Aussprache w\u00e4re besser als die der Lehrerin.<\/p>\n<p>Am Ende werden wir f\u00fcndig. Wieder ist es ein Kellergew\u00f6lbe, aber das Gegenst\u00fcck zu der Buchhandlung. Hier ist alles wei\u00df get\u00fcncht und weitgehend schmucklos. Man findet in dem vollbesetzten Lokal tats\u00e4chlich irgendwo am hinteren Ende Platz f\u00fcr uns. Die Bedienung ist freundlich, aber das Essen nur durchschnittlich \u2013 was die anderen aber nicht davon abh\u00e4lt, in Begeisterungsst\u00fcrme zu verfallen \u2013 und der Preis hoch. Hier hat man auch die griechische Sitte, eine kleine Vorspeise oder einen kleinen Nachtisch zu servieren, aufgegeben. Es wird Wein getrunken, aber auch Bier, lokales Bier, das typischerweise Vulkan hei\u00dft.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg herrscht gute Stimmung. Adele bringt uns praktisch bis vor die Haust\u00fcr. Sophie, die verr\u00fcckte Franz\u00f6sin, liest auch hier mit einer Funzel bewaffnet, begleitet von unseren sp\u00f6ttischen Bemerkungen, griechische Verbtafeln. Die Klasse Gamma Vier bereitet ihr noch Schwierigkeiten. Dann fragt sie mich nach englischer Literatur. Sie hat in England studiert und ein Diplom von der London School of Economics. Nach dem halben Liter Wein f\u00e4llt mir nicht viel ein und ich nenne George Eliot, in Erinnerung an alte Zeiten. Sowohl sie als auch Rania behaupten, sie zu kennen, aber Rania macht in ihrer bescheidenen Art sofort einen R\u00fcckzieher, als ich sage, es g\u00e4be oft eine Verwechslung mit T.S. Eliot. Sophie beharrt aber weiter darauf, George Eliot zu kennen. Sie nennt verschiedene Titel, aber es sind immer andere Autoren. Dann ist sie ruhig und pl\u00f6tzlich kommt es: <em>Scenes of Clerical Life<\/em>. Ich kann\u2019s nicht glauben. Es stimmt. Zum ersten Mal treffe ich au\u00dferhalb Englands jemanden, der ein Werk von George Eliot kennt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">9. April (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Die Buchh\u00e4ndlerin in Oia hatte gestern f\u00fcr die Nacht einen Sturm angesagt. Sie sollte recht behalten. Am Anfang der Nacht ist es noch ruhig, dann wird es immer wilder, bis zum fr\u00fchen Morgen. Immer wieder ist es zwischendurch eine Minute ruhig, und man glaubt, der Spuk w\u00e4re vorbei, und dann geht es mit voller Kraft wieder los.<\/p>\n<p>Am Morgen werde ich wieder zum Fr\u00fchst\u00fcck bei den Vermietern eingeladen. Sie haben nur ein Thema: das Wetter. Kyria Evgenia sagt mir, sie wolle f\u00fcr die n\u00e4chste Nacht irgendwelche Vorkehrungen treffen, damit die T\u00fcr besser schlie\u00dft. Sie hat es selbst geh\u00f6rt, wie meine T\u00fcr w\u00e4hrend der ganzen Nacht Krach schlug. Sie bedauern mich, weil ich so leicht gekleidet bin und suchen mir einen alten Pullover raus. Der passt und ich nehme ihn gerne an.<\/p>\n<p>Im Laufe des Tages legt sich der Wind ganz langsam, aber es bleibt kalt und es f\u00e4ngt an zu regnen. Was f\u00fcr ein Jahr! Aus Trier kommt die Nachricht, dass der Fr\u00fchling da ist, und aus Valmalle in den franz\u00f6sischen Pyren\u00e4en, dass man im Fluss badet.<\/p>\n<p>Am Nachmittag gibt es einen Vortrag zu Osterbr\u00e4uchen. Dem griechischen Wort f\u00fcr Ostern, Pascha, sieht man noch deutlich das hebr\u00e4ische Erbe an. Pascha bedeutet so etwas wie \u201a\u00dcbergang\u2018, griechisch \u03a0\u03ad\u03c1\u03c3\u03b1\u03bc\u03b1.<\/p>\n<p>Man sieht bei dem Vortrag irgendwo eine viergeteiltes Quadrat mit vier Symbolen und den W\u00f6rtern: <em>Fast \u2013 Prepare \u2013 Give \u2013 Pray<\/em>.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der gesamten Fastenzeit gibt es keine Hochzeiten. Die Ausnahme ist der 25. M\u00e4rz. Da f\u00e4llt auch das Fasten aus.<\/p>\n<p>Am Palmsonntag darf Fisch gegessen werden. Der ist sonst auch gestrichen. Der Tag des Lazarus ist am Samstag vor Palmsonntag. Da wird das Lazarus-Kreuz errichtet. Am Gr\u00fcndonnerstag werden Eier gef\u00e4rbt und es wird Tsureki gebacken. Das ist der klassische Osterkuchen. Silvie, die darauf steht, hat gleich am ersten Tag ein Exemplar vom Flughafen mit in die Schule gebracht. Am Ostersamstag gibt es in der Kirche eine Lichtschau. Dabei werden oben Kerzen in Schwingung gebracht, so dass die Wirkung eines Erdbebens erzeugt wird, in Anlehnung an die Bibel. Am Ostersonntag geht man mit der Osterkerze aus der Kirche nach Hause und versucht, dass sie nicht ausgeht. Dann wird mit dem Rauch der Kerze ein Kreuz an der Haust\u00fcr angebracht. Wenn man dann nach Hause kommt, gibt es die ber\u00fchmte Magiritsa, eine s\u00e4mige Suppe aus Innereinen vom Lamm, die f\u00fcr diejenigen, die gefastet haben, der richtige \u00dcbergang zur R\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t ist. Dann gibt es noch regionale Traditionen, mehr oder weniger lustig. Irgendwo werden gro\u00dfe Amphoren von Balkonen auf die Stra\u00dfe geworfen, irgendwo beschie\u00dfen zwei Pfarreien den Kirchturm der anderen mit selbstgemachten Raketen, irgendwo wird die Puppe des Judas verbrannt. Was immer man davon h\u00e4lt, man muss sagen, dass es eine reiche Ostertradition gibt. Am Ostersonntag gibt es dann den ber\u00fchmten Braten vom Spie\u00df, Lamm auf dem Festland, aber eher Zicklein in der \u00c4g\u00e4is. Dazu, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, gibt es Kokoretsi. Das sind wieder Innereien, mit Zitronen, \u00d6l und Oregano angemacht. Deren Zubereitung ist durch eine Regelung der EU verboten. Daran h\u00e4lt man sich aber nicht immer.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">10. April (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Einen Wecker braucht man hier nicht. Das Wecken \u00fcbernehmen die H\u00e4hne. Aber auch die braucht man nicht. Der Wind sorgt daf\u00fcr, dass man immer wieder wach wird. Er ist mal stark, mal schwach und nimmt dann richtig Anlauf und weckt einen mit einem hohen Pfeifton.<\/p>\n<p>Wieder werde ich zu den Vermietern hereingerufen. Heute gibt es Tee statt Kaffee. Eine Wohltat. Er ist mit frischen Oregano aus dem eigenen Garten gew\u00fcrzt und w\u00e4rmt den ganzen K\u00f6rper. Sie meinen, Frau Merkel w\u00e4re b\u00f6se auf Griechenland und schicke den Griechen Regen, Sturm und K\u00e4lte.<\/p>\n<p>Am Fernseher l\u00e4uft die Karfreitagsliturgie. Die \u00dcbertragung kommt aus Thessaloniki. Ich sage, da sei ich noch nie gewesen (was nicht ganz stimmt), und sofort wird das als Gelegenheit genommen, ein Loblied auf die Sch\u00f6nheit Thessalonikis zu singen. Dann kommt fast resigniert der Sto\u00dfseufzer: Ganz Griechenland ist sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Ich k\u00e4mpfe mich gegen den von Frau Merkel gesandten Sturm bis zur Schule durch. Da hat man die Heizung aufgedreht, und es ist wenigstens warm.<\/p>\n<p>Im Unterricht geht es noch einmal um Bildung. Diesmal der Text eines \u201eWutb\u00fcrgers\u201c, der sagt, er k\u00f6nne die ewigen Klagen nicht mehr h\u00f6ren. Es sei doch alles in Ordnung. Zugegeben, die Infrastruktur sei schlecht: Bibliotheken, Computer, Labors, da mangele es an allen Ecken und Enden. Aber der griechische Sch\u00fcler sei geradezu ein leuchtendes Vorbild f\u00fcr den Rest Europas: gebildet, kritisch, engagiert. Er habe umfassende Kenntnisse der Weltgeschichte, der Philosophie, der Geographie, er schreibe Gedichte, interessiere sich f\u00fcr Politik und k\u00f6nne kritisch reflektieren. In Griechenland w\u00fcrden noch Aufs\u00e4tze geschrieben und ganze Texte gelesen, in den anderen L\u00e4ndern lese man nur Ausz\u00fcge und beantworte Multiple-Choice-Fragen. So kann man sich auch die Wirklichkeit zurechtbiegen. Zu beiden Seiten. Ich w\u00fcrde gerne mal einen griechischen Sch\u00fcler zur Geschichte Japans oder des Kamerun oder zur englischen Philosophie befragen.<\/p>\n<p>Im Grammatikunterricht kommt ein Gedicht vor, das viel zu schade ist, um f\u00fcr Grammatik ausgebeutet zu werden, zumal das grammatische Ph\u00e4nomen einen nicht gerade vom Hocker rei\u00dft. Das Gedicht, von einem Autor namens Kavanis, \u00a0beschreibt das Leben als eine Reihe von Kerzen, die vor einem und hinter einem stehen. Die hinteren flackern nur noch ein bisschen oder sind verl\u00f6scht, viele sind krumm und schief. Die Distanz zu den ganz fr\u00fchen Kerzen ist gro\u00df, und man mag nicht zur\u00fcckblicken, gerade wenn man sieht, das vor einem nicht mehr so viele Kerzen stehen.<\/p>\n<p>In einem Nebensatz erkl\u00e4rt Ifigenia, dass Hypokrit urspr\u00fcnglich einen Schauspieler bezeichnete. Die negative Bedeutung entwickelte sich erst sp\u00e4ter, und zwar ganz logisch daraus. Ein Heuchler ist ein Schauspieler.<\/p>\n<p>Am Nachmittag fahren wir nach Perissa. Das liegt an der K\u00fcste. Wir setzen uns in ein Caf\u00e9 mit Blick auf das w\u00fctende Meer. Schwarzer Sandstrand mit Tamarisken, wie auf Kreta. Das Caf\u00e9 wird von Ausl\u00e4ndern betrieben und ist alternativ angehaucht, mit einem gro\u00dfen Poster von Che Guevara. Wie viel wissen die, die es aufgeh\u00e4ngt haben, wohl vom Che? War es hier oder woanders? Irgendwo ist sind die Toiletten mit Bildern von Huhn und Hahn gekennzeichnet.<\/p>\n<p>Zum ersten Mal komme ich mit Robert, dem \u00e4lteren Franzosen, ins Gespr\u00e4ch. Ein interessanter Gespr\u00e4chspartner. Er macht eine halbe, v\u00f6llig ausreichende Bemerkung zum Mittagessen, die mich sofort mit der Sache vers\u00f6hnt. Tats\u00e4chlich haben mich die Franzosen dabei durch Gespr\u00e4ch und die Bestellung etwas au\u00dfen vor gelassen. Er spricht z\u00f6gern Englisch, sucht nach W\u00f6rtern, kommt aber zurecht. Er habe fast nie Gelegenheit, Englisch zu sprechen, und die angels\u00e4chsische Welt ist ihm fremd. Am besten verstehen kann er den Akzent von New York. Da habe er sich auch wohlgef\u00fchlt. Er spricht auch Spanisch und erz\u00e4hlt begeistert von den Reisen mit seiner Frau nach Mexiko. Deutschland kennt er nur von Gesch\u00e4ftsreisen. Er hat noch die alte Sitte kennen gelernt, zum Bier immer auch einen Schnaps zu bestellen. Da habe dann immer einer mit dem Schnapsglas auf den Tisch geklopft, und auf das Zeichen hin h\u00e4tten alle den Schnaps auf Ex ausgetrunken.<\/p>\n<p>Ich frage danach, wie es gestern gewesen sei. Am Abend sind die anderen noch in die Kirche gegangen, um beim Schm\u00fccken des Epitaphs zuzusehen. Er winkt ab, nicht so berauschend, er und seine Frau seien nach einer Viertelstunde gegangen. Aber was ihn erstaunt habe: Volle Kirche, alle Altersklassen vertreten. Das sei in Frankreich ganz anders. Hier in Griechenland ist Kirche Teil der nationalen Identit\u00e4t, wie sonst vielleicht nur noch in Polen oder Irland. Er macht auch einen Kommentar zur Macht der orthodoxen Kirche. Der geh\u00f6rten zwei Drittel des griechischen Bodens! Bei der katholischen Kirche, findet er, sei Europa nicht mehr im Zentrum. Die habe ihre Festungen in Amerika und Afrika. Er wei\u00df aber auch, wie stark sich dort die evangelikalischen Kirchen postieren, von den Mormonen bis zur Pfingstkirche. Auch da spiele Geld eine zentrale Rolle.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter erfahre ich von Ifigenia, dass Robert Schriftsteller ist oder nach seiner Pension geworden ist. Er ist der Verfasser eines dicken historischen Romans, der in Griechenland spielt. Ich habe dieser irgendwo in der Schule darin gebl\u00e4ttert, ohne zu ahnen, dass der Autor ein paar Meter weiter stand und Kaffee trank.<\/p>\n<p>Dann h\u00f6rt man von Ferne Krach. F\u00fcr den sind wir hierhergekommen. Er stammt von einer Art \u201eProzession\u201c. Gemessen an der Ank\u00fcndigung ist es eine bescheidene Angelegenheit, aber authentisch. Es gibt nur noch ein Handvoll Zuschauer au\u00dfer aus. Die Prozession, lauter M\u00e4nner, wird angef\u00fchrt von einem Fahnentr\u00e4ger und einem Laternentr\u00e4ger, die m\u00e4chtig mit dem Wind zu k\u00e4mpfen haben. Dahinter M\u00e4nner mit Trommeln und improvisierten Instrumenten wie Eisenstangen, die mit einem Kn\u00fcppel geschlagen werden. Mit denen wird ein betont einfacher, monotoner Rhythmus erzeugt. Die Vorstellung dahinter ist, dass Christus von den Toten erweckt werden soll. Man zieht einmal durch das Dorf und dann in die Kirche zur\u00fcck, wobei immer wieder Halt an einem Ouzo-Stand oder an einem Raki-Stand gemacht wird, in einem Fall direkt vor einem Nachtclub. Dort wird aufgetankt. Auch uns bietet man \u00fcberall freundlich ein Gl\u00e4schen an. Dann gelangt die Prozession zur Kirche. Da hat man ein Postkartenmotiv: strahlend wei\u00dfe Kirche mit blauer Kuppel am Rande des Meers und vor hohem, kahlem Berg, in dem irgendwo eine winzige Kapelle steht. Wenn man ein Photo machen will, muss man aber aufpassen, dass der Sturm einem nicht die Kamera entrei\u00dft. Ein Mann redet in Ausl\u00e4nder-Griechisch auf mich ein. Er zeigt stolz auf die Eisenstange und will mir wohl sagen, dass die jedes Jahr zum Einsatz komme. Dann deutet er auf den Berg und sagt immer wieder etwas von Freitag. Aber das ist doch heute? Sp\u00e4ter erfahre ich von Ifigenia, dass es am Freitag nach Ostern da oben im Berg nochmals eine \u00f6sterliche Zeremonie gibt.<\/p>\n<p>Dann geht es weiter nach Pyrgos. Ein sch\u00f6ner Ort, mit einem entscheidenden Nachteil: Er liegt ganz oben auf einer Bergkuppe. Wenn wir bisher gedacht haben, wir w\u00fcssten, was Wind ist, werden wir jetzt endg\u00fcltig eines Besseren belehrt. Hier kann man sich nur Schritt f\u00fcr Schritt gegen den Wind zum Ortseingang vork\u00e4mpfen. Es ist der reine Wahnsinn. Die Gassen sind proppevoll, hierher kommen Besucher aus ganz Santorin, und man h\u00f6rt fast so viel Englisch wie Griechisch. Wir zw\u00e4ngen uns durch die engen Gassen nach oben. Dann kommen die Franzosen auf die Idee, sich in einem winzigen Souvenirladen M\u00fctzen zu kaufen, eine Aktion, die andauert. Derweil stehen wir drau\u00dfen und frieren uns einen Ast ab. Dann geht es endlich weiter nach oben. Es tut sich aber noch nichts. Dann sieht man jemanden auf ein Dach klettern. Das erste Licht wird angez\u00fcndet. Es ist ein Wunder, dass das bei dem Wind \u00fcberhaupt geht. Das Licht ist einen runden, eisernen Beh\u00e4lter mit Zacken, in dem vermutlich \u00d6l ist. Das Licht wird mit einem riesigen, professionellen Ger\u00e4t angez\u00fcndet. Dann wird ein Licht nach dem anderen angez\u00fcndet, auf D\u00e4chern, auf Mauern, auf T\u00fcrmen. Das gibt ein sehr sch\u00f6nes Bild. Allerdings k\u00f6nnte man das von unten vermutlich besser sehen. Und bei den wild in der Gegend herum stiebenden Funken kann einem ganz anders werden. Da sich weiterhin nichts tut, fl\u00fcchten wir uns in eine Kapelle zum Aufw\u00e4rmen. Da ist viel Laufkundschaft. Menschen aller Altersklassen kommen rein, k\u00fcssen das Kreuz, bekreuzigen sich mit ausladenden Bewegungen und z\u00fcnden eine Kerze an. Ich versuche, Robert und seine Frau nicht aus den Augen zu verlieren. Aber dann h\u00f6rt man von Ferne ein Klopfen, es kommt Bewegung in die Sache, und sie sind weg. Irgendwo muss die Prozession entlang laufen. Ich verlaufe mich, komme ich ganz verlassene Gassen, wei\u00df nicht mehr, wo ich bin und komme dann nach einigem Umherirren zu dem Lokal, wo wir uns treffen wollten. Da sitzen sie alle ganz entspannt beim Essen. Keiner scheint mich vermisst zu haben. Sie haben nat\u00fcrlich die Prozession mitbekommen. Ich kriege aber zur Entsch\u00e4digung noch ein paar Bissen mit und eine vers\u00f6hnlich stimmende Karaffe Wei\u00dfwein.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">11. April (Ostersamstag)<\/span><\/p>\n<p>Der erste Sonnenstrahl seit einer Woche. Aber keine Entwarnung: Es ist immer noch windig und kalt.<\/p>\n<p>Wieder werde ich zum Tee eingeladen. Diesmal ist auch der Sohn, der \u201eKleine\u201c, mit seiner Freundin vertreten. Er guckt ziemlich grimmig und versucht auch vergeblich, die Internetverbindung herzustellen. Nach einiger Zeit taucht er dann auf und fragt, aus welcher Stadt ich k\u00e4me. Trier? Klar, kennt er? Wirklich? Ja. Eintracht Trier! Ich biege mich vor Lachen. Er selbst h\u00e4lt zu Panathinaikos.<\/p>\n<p>Seine Freundin hat eine alberne Stimme, stellt sich aber als interessante Gespr\u00e4chspartnerin heraus. Ihre Mutter ist Polin, sie selbst ist in Polen geboren, spricht Polnisch und kehrt auch h\u00e4ufig zu Besuchen in die Heimat zur\u00fcck. Sie kommt aus Danzig. Wir sprechen auch \u00fcber meine Reise nach Krakau und den Besuch von Auschwitz. Auf einmal sagt sie ganz nachdenklich machende S\u00e4tze mit ihrer albernen Stimme.<\/p>\n<p>Am Fernsehen l\u00e4uft mal wieder die morgendliche Liturgie. Der leiernde Singsang der Priester f\u00fcllt den ganzen Raum. Endlich greift jemand zur Fernbedienung. Und stellt den Fernseher lauter! Man sieht, wie die Priester durch die Kirche ziehen und Bl\u00e4tter unters Volk werfen. Was denn das ist, will ich wissen. Lorbeer. In Santorini werden Blumen geworfen. Die Kyria Evgenia zeigt mir welche, in ein Taschentuch geh\u00fcllt. Im Fernsehen sieht man gl\u00fcckstrahlende Gesichter der Gl\u00e4ubigen, die sich zu reinem Entz\u00fccken ver\u00e4ndern, wenn sie ein Lorbeerblatt auffangen. Eine geradezu kindliche Freude. Man wei\u00df nicht, ob man lachen oder weinen, ob man sie bedauern oder beneiden soll.<\/p>\n<p>Die Frau des Hauses dr\u00fcckt mir ein Buch in die Hand. Zum Behalten. F\u00fcr dich. Es ist ein Reisef\u00fchrer, auf Deutsch, \u00fcber Santorin.<\/p>\n<p>Der Hausherr kommt rein und fragt, was wir gestern gemacht h\u00e4tten. Ja, Pyrgos, als er vor Jahren zum ersten Mal da gewesen sei, habe es dort nicht einen Lufthauch gegeben. Und jetzt? St\u00fcrme. Die Welt sei aus den Fugen. Sie sieht es auch nicht viel anders. Aber sie hat einen Schuldigen: Sch\u00e4uble. Der verdiene ordentlich \u201aHolz\u2018 \u2013 Pr\u00fcgel!<\/p>\n<p>Auf dem Weg zur Schule kaufe ich noch einmal Meletini. Wieder eine ganze Schachtel. Der Preis ist in die H\u00f6he geschnellt seit letzter Woche: statt 10\u20ac jetzt 17\u20ac. Aber die Lehrerinnen haben es sich verdient, und man will es gar nicht gegen die endlos vielen Tassen Tee aufrechnen, die wir in den Pausen verdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Wir fahren nach Akrotiri. Ifigenia will sich (von uns) erholen. Kann man verstehen. Also soll ich fahren. Als wir gerade los sind, sagt Robert zur Ermutigung, die sei das schlimmste Land, das er je kennen gelernt habe, was das Autofahren angehe. Seine Frau findet, Polen sei genauso schlimm. Das stimmt er zu. Aber selbst Algerien sei besser.<\/p>\n<p>Wir kommen trotzdem heil an und fahren gleich zur Ausgrabungsst\u00e4tte. Das ist die Stadt, die durch den Ausbruch des Vulkans zerst\u00f6rt worden ist, der Vulkanausbruch, der lange auch f\u00fcr die Zerst\u00f6rungen der Pal\u00e4ste von Kreta verantwortlich gemacht wurde. Auf die Idee kam, weil man in Knossos Bimsstein gefunden hatte. Der musste von ausw\u00e4rts kommen. Kreta, hei\u00dft es, kann man von hier von der K\u00fcste aus sehen.<\/p>\n<p>Das Ausgrabungsgel\u00e4nde liegt unter dem heutigen Ort, nicht weit vom Meer. Es ist erst ein Drittel ausgegraben worden. Es muss eine gro\u00dfe Stadt gewesen sein. Es gibt alle m\u00f6glichen Parallelen zu den Pal\u00e4sten auf Kreta, obwohl es sich um eine ganz andere Kultur handelte: zwei- bis dreist\u00f6ckige H\u00e4user, Wandmalereien, die denen von Kreta im Stil \u00e4hneln, gro\u00dfe Pithoi (von denen einige hier an Ort und Stelle gelassen wurden), Lichtsch\u00e4chte und sogar das Doppelhorn. Auch hier wurde Holz f\u00fcr die Pfeiler verwendet, und auch hier gab es eine Toilette mit Abwasserkanal. Das Wasser war Brachwasser oder sogar Meerwasser und deckte den Wasserbedarf f\u00fcr die Hygiene ab. Man wei\u00df aber nicht, wo das Trinkwasser herkam. Das ist auch heute noch ein Problem auf Santorin. Wir verwenden zum Teekochen immer nur Wasser aus der Flasche. Man hat einige Wasserrohre gefunden, die nicht zu den anderen passen und vermutet, dass es ein Aqu\u00e4dukt gegeben hat, der von Profitis Ilias hierher f\u00fchrte. Dort gibt es eine Quelle am Fu\u00df des Berges.<\/p>\n<p>Auch die Ausgrabungstechnik hat \u00c4hnlichkeiten mit Knossos. Hier wurde freigebig mit Beton gearbeitet. Es gibt eine hohe Hauswand und das eine oder andere Fenster. Dabei fragt man sich, ob das original ist oder rekonstruiert.<\/p>\n<p>Insgesamt bleibt die Sache mir aber etwas fremd. Was wie passiert ist, wei\u00df ich, als ich rausgehe genauso wenig wie vorher. Ist die Stadt unter Asche oder Lava begraben worden? Wie hat sie ausgesehen? Irgendwo stehen zwei Holzgestelle rum, die wie Bettgestelle aussehen. Da klebt irgendeine Masse dran, die wie Lava aussieht. Auch zwischen den Steinen klebt etwas. Aber das kann auch M\u00f6rtel sein.<\/p>\n<p>Wir gehen in eine Fischtaverne zum Essen. Ich w\u00e4re lieber ein bisschen durch den Ort gestreift als in die Taverne gegangen, obwohl man hier sch\u00f6n sitzt, direkt am Strand, mit ein paar Sonnenstrahlen und nicht mehr so starkem Wind. Au\u00dferdem gibt Rania in ihrer ruhigen Art mit reichlich Gelegenheit, Griechisch zu sprechen. Es wird Fisch wie wild bestellt, aber es gibt auch genug Vorspeisen, mit denen man satt werden kann. Ich fahre dann mit Rania zur\u00fcck zur Schule. Auf dem Weg machen wir ganz kurz Halt am Stra\u00dfenrand und machen ein Photo von dem Vulkan. Der ist nur ein verkohltes St\u00fcck Insel in der Bucht. Urspr\u00fcnglich war Santorin rund, oder vielleicht eher oval, man kann die Linie noch ganz gut anhand der Satelliteninseln erg\u00e4nzen. Wenn man sich die urspr\u00fcngliche Gestalt vorstellt, merkt man erst, was da alles \u201efehlt\u201c. Eine gewaltige Explosion, einer der gr\u00f6\u00dften, die es in Europa \u00fcberhaupt jemals gegeben hat. Was ich bei der Ansicht des Vulkans noch nicht wusste: Die Bewohner konnten fl\u00fcchten, weil sie vorgewarnt waren: Es hatte vorher ein Erdbeben gegeben, und das wurde als Signal f\u00fcr den bevorstehenden Vulkanausbruch gedeutet!<\/p>\n<p>Die urspr\u00fcngliche runde Gestalt gab Santorin sogar ihren alten Namen: <em>Strongyle<\/em>, [\u03a3\u03c4\u03c1\u03bf\u03b3\u03b3\u03cd\u03bb\u03b7]. Das hie\u00df einfach die \u201aRunde\u2018. Im Altertum hie\u00df es au\u00dferdem <em>Kalliste<\/em> [\u039a\u03b1\u03bb\u03bb\u03af\u03c3\u03c4\u03b7], die \u201aSch\u00f6ne\u2018. Und die T\u00fcrken nannten sie <em>Dermetsik<\/em>, \u201akleine M\u00fchle\u2018. Noch heute sieht man \u00fcberall die St\u00fcmpfe alter M\u00fchlen herumstehen. Bei dem Wind eine sinnvolle Einrichtung. Zu dieser Namensvielfalt passt die heutige Variation <em>Santorin<\/em> [<em>\u03a3\u03b1\u03bd\u03c4\u03bf\u03c1\u03af\u03bd\u03b7<\/em>] und <em>Thira<\/em> [\u0398\u03ae\u03c1\u03b1]. Dazu kommt noch die Variation <em>Santorin<\/em> (Franz\u00f6sisch und Deutsch) gegen\u00fcber <em>Santorini<\/em> (Englisch und Spanisch). Der Name wurde vermutlich von Kreuzfahrern aus dem Heiligen Land mitgebracht. \u00a0<em> <\/em><\/p>\n<p>Am Abend, als wir auf die anderen warten, habe ich noch einmal Gelegenheit, mich mit Rania zu unterhalten. Auch sie hat zwei B\u00fccher ver\u00f6ffentlicht (das wei\u00df ich allerdings von Ifigenia), zwei kurze Romane, Erz\u00e4hlungen. Sie sind online frei verf\u00fcgbar. Meine Frage, wo denn die Romane spielen, bringt sie in die Bredouille. Nirgendwo. Sie haben keinen spezifischen Schauplatz. Das ist ja auch eine Antwort auf die Frage und sagt schon einiges \u00fcber die Eigenart der B\u00fccher. Sie hat zweimal gefastet, die volle Version, nur so, nicht aus religi\u00f6sen Motiven. Sie und ihr Mann seien nicht religi\u00f6s. Das h\u00f6rt man selten aus dem Mund eines Griechen. Das Fasten sei ihr gar nicht sonderlich schwergefallen, sagt sie.<\/p>\n<p>Dann kommen die Franzosen. Sie kommen mal wieder vom Essen, vom ausgiebigen Essen. Sie sind sehr angetan von dem <em>Mousiko Kouti<\/em>, dem Lokal des Sohns meines Vermieters. Es ist inzwischen sp\u00e4t geworden, und dann erfahre ich, dass die Fahrt nach Profitis Ilias ausf\u00e4llt. Die zweite Fahrerin, die Amerikanerin, hat abgesagt. Schade. Wir gehen in die Kirche hier im Ort. Die Kirche ist voll, aber nicht so voll, wenn auch nur ann\u00e4hernd alle 400 Einwohner drin w\u00e4ren. Robert und ich begehen gleich den ersten Fauxpas, indem wir uns auf die falsche Seite, die linke, stellen. Wir m\u00fcssen nach rechts, das ist es gemischt. Er herrscht Kommen und Gehen, die Leute begr\u00fc\u00dfen sich und sprechen unabl\u00e4ssig miteinander. Zwischendurch werden sie immer wieder zur Ordnung gerufen und aufgefordert, ruhig zu sein. Gleichzeitig sind drau\u00dfen schon B\u00f6llersch\u00fcsse zu h\u00f6ren, so laut, dass sie die Fenster der Kirche ersch\u00fcttern. Dann gehen die Lichter aus. Das soll der vielbeschriebene magische Moment sein, in dem nur noch das aus Jerusalem importierte Licht der Kerze des Popen leuchtet, das dann nach und nach an alle Gl\u00e4ubigen weitergereicht wird. Das elektrische Licht geht aber vorzeitig wieder an, wohl aus Versehen, und man h\u00f6rt Lachen und Gemurmel statt Schweigen. Dann werden die Kerzen angez\u00fcndet, der Popen schreitet mit einer kleinen Prozession nach drau\u00dfen und kommt wieder rein. Alle dr\u00e4ngen sich um ihn und versuchen, das goldgerahmte Buch und eine Standarte zu k\u00fcssen, die er in der Hand h\u00e4lt. \u00dcber dem Epitaph erscheint ein Christus aus Pappmach\u00e9 mit einem Gewand. Das alles ist reine Folklore und hat mit Spiritualit\u00e4t nichts zu tun. Die Griechen glauben, dass es eine religi\u00f6se Zeremonie ist.<\/p>\n<p>Wir versuchen, unsere Kerzen bis zum Geromanolis zu bekommen, ohne dass sie ausgehen, m\u00fcssen aber immer wieder bei den anderen Hilfe suchen. Die anderen gehen nach Hause und lassen mich mit Rania und Ifigenia die Magiritsa essen. Schmeckt nicht schlecht, eine s\u00e4mige Suppe mit viel Gr\u00fcnkraut und ein paar W\u00fcrfeln von Innereien vom Lamm, vermutlich Nierchen.<\/p>\n<p>Danach machen wir das Spielchen mit den Eieranticken.\u00a0 Meins ist als erstes dahin, an beiden Seiten. Strahlende Siegerin ist Rania. Die Griechen kennen ein paar Tricks: Der Winkel spielt eine Rolle und auch die Gr\u00f6\u00dfe der Eier.<\/p>\n<p>Die Wirtin erz\u00e4hlt mit besorgtem Gesicht etwas von einem Unfall und bekreuzigt sich dabei. Ich verstehe aber nicht, was passiert ist. Ifigenia und Rania erkl\u00e4ren: Der Sohn hat sich beim Abbrennen der Knaller die Hand verletzt. Er ist in Athen im Krankenhaus. Auf Santorin gibt es kein Krankenhaus. Man wird in Notf\u00e4llen nach Athen geflogen! Kurz darauf kommt die Wirtin wieder und sagt, ihr Mann habe gerade mit ihrem Sohn telefoniert. Es gehe ihm gut, er habe keine Schmerzen, wohl aber Angst.<\/p>\n<p>Eva, die noch bei uns sitzt und auf ihr Taxi wartet, erz\u00e4hlt, auch zu Entbindungen werde man nach Athen geflogen. Auf der Insel gebe also gar keine richtigen Insulaner. Alle seien Athener.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">12. April (Ostersonntag)<\/span><\/p>\n<p>Endlich ein sch\u00f6ner Tag, sonnig, warm und wolkenlos, schon am Vormittag, als wir uns auf den Weg zum T\u00f6pfer machen. Dort wird heute das Osterlamm geschlachtet. Oder besser gesagt, gegrillt. Das Tier h\u00e4ngt schon am Spie\u00df, komplett, von Kopf bis Fu\u00df. Die Aktion findet drau\u00dfen statt.<\/p>\n<p>Der Hausherr dreht den Spie\u00df. Als er fragt, ob jemand \u00fcbernehmen will, z\u00f6gere ich keinen Moment. Und bin ganz entt\u00e4uscht, als ich irgendwann doch wieder abgeben muss. Das h\u00e4tte ich noch den halben Tag machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Tier ist nur mit Salz und Pfeffer und Knoblauch gew\u00fcrzt worden, erfahre ich. Es kommt von einem Bekannten, der eine Herde hat. Es entwickelt sich ein interessantes Gespr\u00e4ch mit dem T\u00f6pfer, der neben mir sitzt und mir zustimmend zunickt, w\u00e4hrend er die anderen sp\u00e4ter immer wieder auffordert, nicht so schnell oder nicht so langsam zu drehen. In gr\u00f6\u00dferen Abst\u00e4nden nimmt er einen Hammer zur Hand und schl\u00e4gt auf die eiserne Aufh\u00e4ngung. Die Entfernung vom Lamm zum Feuer wird verringert. Um halb acht, sagt er, h\u00e4tten sie angefangen. Sie haben Reisig gesucht, der zusammen mit Kohlebriketts f\u00fcr das Feuer sorgt, wobei Feuer eigentlich nur W\u00e4rme und etwas Rauch ist. Eine Flamme ist nicht zu sehen.<\/p>\n<p>Gleich vom Beginn an wird Raki getrunken, und ich lasse keinen aus. Dazu werden immer wieder neue kleine H\u00e4ppchen aufgetischt. Leute kommen und gehen, bringen etwas mit oder trinken einen Raki und verschwinden wieder. Dies ist wohl eine eher profane Gesellschaft, und man h\u00f6rt kaum einmal <em>Christos Anesti<\/em> (dabei haben wir extra die Antwort gelernt), uns Fremden gegen\u00fcber sowieso nicht, sondern eher Kalo Pascha und nat\u00fcrlich <em>Xronia Polla<\/em>. Das passt zu jeder Gelegenheit.<\/p>\n<p>Einige wenige der Griechen sind sehr freundlich und interessiert, andere lassen uns links liegen und wieder andere ignorieren uns. Selbst Sylvie wird einmal mit ausgestreckter Hand und ihrem Begr\u00fc\u00dfungsspruch auf den Lippen stehen gelassen. Sp\u00e4ter schafft sie es dann aber doch, ein paar Griechen um sich zu scharen und ihnen ihre Lernbiographie in allen Einzelheiten darzulegen. Wenn sie enthusiastisch wird, kommt ihr franz\u00f6sischer Akzent st\u00e4rker durch, und sie f\u00e4ngt an, alle W\u00f6rter auf der letzten Silbe zu betonen.<\/p>\n<p>Irgendwann werfe ich einmal die Frage nach der Mietung einer Wohnung ein. Die einhellige Antwort: schwer, sehr schwer.<\/p>\n<p>Die Sache zieht sich doch ziemlich in die L\u00e4nge, und als endlich aufgetischt wird, ist es fast drei Uhr. Bis dahin hat es ordentlich Raum f\u00fcr Raki gegeben, und den hat der Hausherr am besten ausgenutzt. Jetzt geht es mit Wein weiter. Es ist alles sehr einfach, aber dezent. Ein paar Tapeziertische werden zusammengestellt, es kommen Tischdecken drauf, und das Besteck wird von Hand zu Hand verteilt. Zum dem Lamm gibt es Salat und ger\u00f6stete Kartoffeln. Das Lammfleisch ist ganz zart, aber nicht sehr intensiv im Geschmack. Das h\u00e4tte ein paar Gew\u00fcrze und Kr\u00e4uter mehr vertragen k\u00f6nnen. Man w\u00fcrde nicht jeden Tag f\u00fcnf Stunden darauf warten wollen.<\/p>\n<p>Am Nachmittag fahren wir nach Perissa. Dort wird Judas get\u00f6tet. Dieser Brauch wurde im Programm der Schule als \u201eKilling the Jew\u201c angek\u00fcndigt, und so hei\u00dft es auch im Griechischen. Ich habe damals die Klappe gehalten, aber im Auto sage ich jetzt, dass so eine Aktion in Deutschland wohl nicht sehr ratsam w\u00e4re, und unter diesem Namen schon gar nicht. Die Franzosen stimmen lachend \u00fcberein und sagen, in Frankreich k\u00f6nne das nur Jean-Marie Le Pen machen. Aber die Griechen h\u00e4tten eben einen Sonderstatus. Die k\u00f6nnten sich das leisten.<\/p>\n<p>In Perissa ist m\u00e4chtig Betrieb. Auch viele Ausl\u00e4nder sind vertreten. Die Atmosph\u00e4re ist die eines Volksfests. Der Jude h\u00e4ngt als Puppe an einem Seil \u00fcber der Stra\u00dfe, das an Strommasten befestigt ist. Und darunter steht die Dorfjugend, mit Gewehren und Pistolen bewaffnet. Schon bald geht die Knallerei los. Alle ballern gleichzeitig auf den Stofffetzen los, einige stehend, andere kniend. Bald ist von dem Juden nur noch das Drahtgestell \u00fcbrig, an dem er hing.<\/p>\n<p>Wir sichern uns schnell einen Platz in einem Caf\u00e9 am Strand. Robert sagt, die Aktion geh\u00f6re zu den Top 5, den Top 5 der unn\u00f6tigsten Gebr\u00e4uche der Welt. Recht hat er.<\/p>\n<p>Iphigenia kennt den Besitzer, einen Libanesen, der eine ganze Reihe solcher Lokale auf Santorini besitzt und steinreich ist, aber ganz einfach geblieben sein soll. Bei mir im Kopf entsteht ein anderes Bild, als ich ihn und seine Freunde sehe, alle mit gegeltem Haar, spitzen Schuhen und Sonnenbrille, und Ifigenia scheint meine Gedanken zu lesen: Sieht schon irgendwie mafi\u00f6s aus.<\/p>\n<p>Als dann der Besitzer her\u00fcberkommt und Ifigenia begr\u00fc\u00dft, steht Sylvie sofort auf, h\u00e4lt ihm die Hand an, spricht ihn mit Namen an und stellt ich mittels ihres auswendig gelernten Monologs vor. Die Frau hat keine Scheu.<\/p>\n<p>Als wir aufstehen und zum Auto gehen, ist es ganz pl\u00f6tzlich k\u00fchl. Ohne Ank\u00fcndigung sozusagen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13. April (Ostermontag)<\/span><\/p>\n<p>Auch heute ist Feiertag, zumindest sind die Gesch\u00e4fte geschlossen, aber wir haben trotzdem Unterricht. Vor dem Unterricht lerne ich Simeon kennen, den Besitzer und Erbauer des Hauses, in dem die Schule untergebracht ist. Er hat Iphigenia gefragt, ob sie nicht einen Deutschen in der Schule hat. Er habe da eine Frage. Er ist ein sehr warmherziger, freundlicher Mann, so in meinem Alter. Er fragt nach einer Stadt namens Freudenberg. Er m\u00f6chte gerne wissen, wo die ist. Er habe eine Karte davon. Ich muss passen, sage ihm aber, dass es vermutlich mehrere Orte dieses Namens gibt und erkl\u00e4re ihm die Bedeutung des Ortsnamens. Es stellt sich aber heraus, dass das wohl nur ein Vorwand ist. Er m\u00f6chte einfach plaudern. Er selbst stammt aus Thessaloniki, hat lange Jahre in Athen gearbeitet und dort seine Frau kennen gelernt. Die stammt hierher. Also sind die dann, vor etwa zwanzig Jahren, hierher gezogen. Damals war Santorin arm, es gab noch so gut wie keinen Tourismus. Dann habe man den Hafen ausgebaut, den Flughafen gebaut und die Ausgrabungen gestartet. Er ist irgendwie ganz froh, all diese Entwicklung mitgemacht zu haben. Gleichzeitig ist dann allm\u00e4hlich das Haus entstanden. Jetzt ist es fertig, f\u00fcr \u201edie Kinder\u201c. Er selbst ist handwerklich geschickt und macht alle m\u00f6glichen Kleinarbeiten f\u00fcr die Bewohner des Ortes, ein Mann f\u00fcr alle F\u00e4lle. Der Kontakt mit Deutschland kommt aus der Zeit in Athen. Da hat er f\u00fcr eine deutsch-griechische Firma gearbeitet. Den Namen kenne ich nicht, sie machen irgendwelche Kleinteile aus Eisen und Aluminium f\u00fcr Baufirmen. Er kennt noch die Namen seiner zwei langj\u00e4hrigen deutschen Vorgesetzten. Mit denen sei jeder Kontakt abgebrochen, sagt er mit Bedauern. Sie h\u00e4tten sich immer gut verstanden, obwohl er kein Deutsch sprach und sie kein Griechisch. Ein griechischer Kollege, der in Deutschland gearbeitet hatte, diente als \u00dcbersetzer, und sonst erfolgte die Verst\u00e4ndigung eben mit Hand und Fu\u00df. Er sagt mir, ich k\u00f6nne jederzeit wiederkommen. Ohne anzuklopfen.<\/p>\n<p>Im Unterricht noch einmal das Bildungssystem. Wir haben f\u00fcr ein \u201eProjekt\u201c au\u00dferhalb des Unterrichts Antworten zu einigen Fragen finden m\u00fcssen und vergleichen jetzt unsere Ergebnisse. Das Interessanteste: Wir haben teils ganz falsche Informationen bekommen. Meine Familie hat gemeint, der Religionsunterricht f\u00fcr griechische Sch\u00fcler sei nicht mehr verpflichtend und es gebe private Universit\u00e4ten. Beides stimmt nicht. Sylvie hat die Tochter der Taverne gefragt. Die glaubt, 12 Jahre Schule seien Pflicht. Es sind aber nur 9. Man kann sich das gut vorstellen. Die Eltern planen, dass ihre Tochter das Abitur macht und also 12 Jahre zur Schule geht. Aus ihrer Sicht ist das die Schulpflicht.<\/p>\n<p>Dann lesen wir einen Text \u00fcber eine Lehrerin, die das morgendliche Vater Unser, angesichts der muslimischen Sch\u00fcler und der Handvoll Nichtgl\u00e4ubige, durch ein Gedicht von Ritzos \u00fcber den Morgenstern ersetzte, ein im weiteren Sinne durchaus \u201ereligi\u00f6ser\u201c, aber kein kirchlicher Text. Erwartungsgem\u00e4\u00df begannen Eltern, dagegen Sturm zu laufen. Sie wandten sich an das Ministerium, und die Lehrerin wurde entlassen.<\/p>\n<p>Noch eine zweite Sache kommt zur Sprache, die mir bezeichnend erscheint: Die muslimische Kinder wollen auch das Vater Unser beten. Sie wollen nicht au\u00dfen vor bleiben und von den anderen Kindern durch das Fenster beobachtet werden. Einige muslimische Eltern sind aber dagegen. Besonders sind sie dagegen, dass die Kinder das Kreuzzeichen machen.<\/p>\n<p>Am fr\u00fchen Abend geht es zu einem Agronomen, einem kleinen, drahtigen Mann, ein Berufskollege von Robert also. Er betont, er sei nicht nur Agronom, sondern auch Lehrer, vermutlich an einer Art Berufsoberschule. Santorin sei ein ganz besonderer Flecken Erde. Er k\u00f6nne das sagen, denn er stamme nicht von hier. Er kommt aus Nordostgriechenland, von der albanischen Grenze.<\/p>\n<p>Er f\u00fchrt uns auf ein Feld und spricht von den Besonderheiten von Santorin: trocken, warm, wasserarm. Er selbst vermarktet seine Produkte unter dem Namen <em>Anydro<\/em> \u2013 \u201aWasserlos\u2018.<\/p>\n<p>Er f\u00fchrt uns auf ein Feld. Die Erde ist reiner Sand. Das ist gut und schlecht gleichzeitig. Es bedeutet wenige N\u00e4hrstoffe, aber auch keine Krankheitskeime. Und es bedeutet auch, dass der Geschmack der Produkte sehr intensiv ist. Das Wasser beziehen die Pflanzen, wie uns auch schon Ifigenia erkl\u00e4rt hatte, aus dem Bimsstein. Es bedeutet auch, dass der Anbau, fast unfreiwillig, biologisch ist.<\/p>\n<p>Wir sehen ein Feld, auf dem Zwiebeln angebaut werden. Es sind die gleichen Zwiebeln, die man auf dem Ausgrabungsfeld von Akrotiri gefunden hat, 3500 Jahre alt. Sp\u00e4ter sehen wir ein Feld, auf dem Tomaten angebaut werden. Es ist so staubtrocken, ohne einen Grashalm, dass man kaum glauben kann, dass hier etwas w\u00e4chst. Er gr\u00e4bt im Staub herum und st\u00f6\u00dft etwas zehn Zentimeter unter der Erde auf die Aussaat. Da sieht die Erde feucht aus. Das ist aber eine Ausnahme, weil es dieses Jahr so viel geregnet hat. In einem Jahr fiel der letzte Regen am 6. Februar, und die Ernte war gut! Erstaunlich. Es ist die umgekehrte Vorgehensweise zu Kreta, wo einfach viel gew\u00e4ssert wird. Allerdings ist die Ausbeute hier auf Santorin auch eher mager: Nur 5% des Bedarfs wird durch die eigene Landwirtschaft gedeckt. Daf\u00fcr aber, wie er immer wieder betont: erste Klasse!<\/p>\n<p>Die Kommunikation gestaltet sich schwierig, vor allem die zwischen den beiden Agronomen. Der griechische gibt viel zu spezifische Informationen, der franz\u00f6sische ist ein Umst\u00e4ndlichkeitskr\u00e4mer. Er \u00fcberlegt seine Antwort erst lange, wei\u00df dann nicht, ob er auf Griechisch, Franz\u00f6sisch oder Englisch antworten soll und antwortet dann in einem Kauderwelsch, das keiner versteht. Der Grieche verliert die Geduld, wenn wir nicht sofort verstehen und f\u00e4ngt dann jede Erkl\u00e4rung auf Englisch an, um beim zweiten Satz zu merken, dass sein Englisch nicht reicht und dann wieder zum Griechischen wechselt.<\/p>\n<p>Die endlose Diskussion \u00fcber j\u00e4hrliche Regenmengen wird zu einem Lehrbeispiel f\u00fcr nicht gelungene Kommunikation. Der Grieche sagt, hier auf Santorin regne es weniger als einen Meter pro Jahr. Er will wissen, wie viel es in der Bretagne regnet. Der Franzose kann mit der Mengenangabe aber nichts anfangen und beginnt eine Diskussion \u00fcber die Art und Weise, wie man Niederschlag berechnet. Irgendwann macht er sich dann an das Rechnen und kommt mit einer Zahl heraus: etwas \u00fcber einem halben Meter. Fatal! Als ich die Antwort h\u00f6re, bekomme ich einen inneren Schreikrampf. Das will der doch nicht h\u00f6ren! Selbst wenn es stimmt. Er will uns doch sagen, wie toll das ist, dass sie in Santorin \u00fcberhaupt etwas anbauen, obwohl es so wenig regnet. Sag ihm doch einfach: dreimal so viel! Tut er aber nicht.<\/p>\n<p>Eine Besonderheit von Santorin ist die Tomatenpaste. Die Tomaten, die besonders klein sind, werden im Juli geerntet und dann vier Tage lang in der Sonne getrocknet. Dann wird daraus eine Paste bereitet.<\/p>\n<p>Auch Rosmarin und Oregano baut er an. Beide haben einen sehr intensiven Geruch. Au\u00dferdem baut er noch Kapern an. Aber die bekommen wir nur fertig im Glas zu sehen.<\/p>\n<p>Von dem Weinfeld aus sieht man auf die wundervolle Szenerie des Meers mit gr\u00fcnen H\u00fcgeln und den von der Erosion bizarr ausgeh\u00f6hlten Felsf\u00e4nden. Erosion ist ein gro\u00dfes Problem. Das sieht man auch auf einigen Felder, auf denen das Wasser riesige Furchen gerissen hat. Auch werden wir gewarnt, nicht zu nahe an den Rand des Feldes des erh\u00f6ht gelegenen Feldes zu gehen. Hier kann jederzeit etwas wegbrechen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich geht es zur Kostprobe, in ein von ihm selbst in den Berghang gebauten Kellergew\u00f6lbe. Nach etwas umst\u00e4ndlichen Erkl\u00e4rungen gibt es Tomatenpaste, s\u00fc\u00dfe Tomaten und eine Marmelade aus einer Art Kaktus zur Probe. Schmeckt alles sehr intensiv. Die Franzosen m\u00f6gen die Tomatenpaste am liebsten, mir schmeckt die Marmelade am besten.<\/p>\n<p>Am Abend erinnere ich mich an ein Poster, das ich in der kleinen Buchhandlung in Oia gesehen habe: <em>Do you have a problem? <\/em><em>No? Then don\u2019t worry. \u2013 Do you have a problem?\u00a0 Yes? Can you solve it? Yes? Then don\u2019t worry. &#8211; Do you have problem? Yes? Can you not solve it? No? Then don\u2019t worry.<\/em> Bleibt nur die Frage, was man macht, wenn man nicht wei\u00df, ob man ein Problem l\u00f6sen kann.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">14. April (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen f\u00e4llt mein Blick auf eine Packung Kekse. Die habe ich schon \u00f6fter gekauft. Die Marke, aber darauf habe ich bisher noch nie geachtet, ist \u03a0\u03a4\u0399 \u039c\u03a0\u0395\u03a1. Das sieht ganz merkw\u00fcrdig aus, eher wie eine Abk\u00fcrzung. Jetzt lese, ganz ohne Vorsatz, die einzelnen Buchstaben laut, und pl\u00f6tzlich ergibt sich der Sinn: PETIT PERE.<\/p>\n<p>In einer Biographie von Kolumbus ist ein Auszug aus einem von zwei Autoren verfassten Drama \u00fcber Kolumbus abgedruckt. Der Text gef\u00e4llt mir gut. Am n\u00e4chsten Tag kommt er mir wieder in den Sinn. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass einer der beiden Autoren Hasenclever war. Den Namen des anderen habe ich vergessen. Am Abend sehe ich nach. Es ist Tucholsky. Am n\u00e4chsten Tag kann ich mich erinnern, dass einer der Autoren Tucholsky ist, aber an den Namen des anderen kann ich mich nicht mehr erinnern. Ist das Altersschw\u00e4che? Oder funktioniert unser Ged\u00e4chtnis so?<\/p>\n<p>Auf Kreta sieht man manchmal Geschwindigkeitsbegrenzungen von 20 km\/h. Das ist schwer genug mit dem Auto. Hier gibt es sogar 10 km\/h.<\/p>\n<p>1998 gab es nach dem Bericht der OECD eine Liste von Vorhaben der griechischen Regierung hinsichtlich des Erziehungswesens. Einige wurden verwirklicht, andere nicht. In der Grundschule ist jetzt der Unterricht nur noch vormittags. In allen anderen Schulen ist der Unterricht weiterhin abwechselnd, eine Woche vormittags, eine Woche nachmittags. Auf diese Weise k\u00f6nnen zwei Kohorten bedient werden. Es wurden \u00f6ffentliche Frontistiria eingef\u00fchrt, um den privaten mit ihren horrenden Preisen Konkurrenz zu machen. Da wird der Unterricht aber von denselben Lehrern durchgef\u00fchrt, die auch den eigentlichen Unterricht machen. Damit ist nat\u00fcrlich nichts gewonnen. Die guten Lehrer sind weiterhin bei den privaten. Iphingenia nennt die Summen, die man dort verdienen kann. Das kommt uns geradezu unglaublich vor. Und dann stellt sie selbst die Frage, die mir auf der Zunge liegt: Woher nehmen die Griechen das Geld f\u00fcr die Bezahlung. Erstens haben viele mehr als eine Anstellung. Ihr Bruder arbeitet morgens als Fahrer bei einer Firma und nachmittags als Gelegenheitsfahrer f\u00fcr einen reichen Unternehmer. Da sind da auch schon mal mehrt\u00e4tige Fahrten in andere Gegenden Griechenlands dabei. Am Wochenende arbeitet er als Diskjockey. Und in der Freizeit ber\u00e4t er Bekannte beim Kauf von Autos und Klimaanlagen. Der zweite Grund ist, dass viele Griechen noch Verwandte auf dem Land haben und von denen mit Fleisch, \u00d6l und K\u00e4se versorgt werden. Der dritte Grund ist, dass viele Grieche Verwandte im Ausland haben, die sie unterst\u00fctzen, vor allem in den USA und Australien, aber auch in England, Belgien und Deutschland. Der vierte Grund ist der, dass ohne Quittung abgerechnet wird. Und der letzte Grund ist das Plastikgeld. Viele Griechen sind verschuldet, da Firmen und Banken ihnen viel zu leicht Geld leihen.<\/p>\n<p>Nach der Mittagspause gehe ich zu Simeon hin\u00fcber. Er begr\u00fc\u00dft mich wie den verlorenen Sohn. Er habe schon den ganzen Morgen nach mir Ausschau gehalten. Er holt eine uralte Karte von Europa hervor, noch mit SU und DDR und erkl\u00e4rt mir dabei den griechischen Ursprung vieler europ\u00e4ischer Ortsnamen,\u00a0 so als ahnte er, dass ich mich damit besch\u00e4ftige. Unter diesen St\u00e4dten sind auch Odessa und Sewastopol. Das hat das griechische \u03c0\u03cc\u03bb\u03b7, \u201aStadt\u2018, am Ende. War mir noch nicht aufgefallen. Ganz interessant ist sein Hinweis auf Pontos, das alte Wort f\u00fcr \u201aMeer\u2018. Daher der Nachname von Pilatus, Pontius. So nannten die alten Griechen alle, die von weit her kamen, von jenseits des Meers. Auch die Griechen aus Kleinasien hei\u00dfen bis heute Pontoi.<\/p>\n<p>Am Nachmittag geht es um griechische Musik. Die Vorbereitung ist wieder beispielhaft. Alle bekommen ein sch\u00f6n gestaltetes Heft mit den Texten und einer CD mit der Musik, zum Mitnehmen. Die CD enth\u00e4lt ganz unterschiedliche Lieder, auch griechischen Rock und Pop, aber auch traditionelle Volkslieder. Und die beiden traditionellen Musiksparten Rembetiko und XXX. Der Rembetiko, der \u201egriechische Blues\u201c, hatte verschiedene Zentren mit verschiedenen Auspr\u00e4gungen, darunter Smyrna und Pir\u00e4us. Es ist die Musik der Armen, aber nicht der vom Lande, sondern der der St\u00e4dte.<\/p>\n<p>Wir h\u00f6ren und singen drei Lieder unterschiedlicher Machart, von denen das zweite, eine Ballade, mir am besten gef\u00e4llt. Dass das mit dem Singen \u00fcberhaupt klappt, finde ich erstaunlich. Schlie\u00dflich sind Texte und Melodien f\u00fcr uns neu, und das fremde Alphabet ist eine weitere H\u00fcrde. Aber wir ziehen und einigerma\u00dfen aus der Aff\u00e4re. Iphigenia und Rania ziehen und kr\u00e4ftig mit. Ich h\u00e4tte als Lehrer nur den Refrain einstudiert, und den daf\u00fcr intensiver, so dass was h\u00e4ngen bleibt.<\/p>\n<p>Dann geht es nach Fira, der jetzigen Hauptstadt Santorins. Urspr\u00fcnglich war die Hauptstadt ein ganz hoch gelegener Ort. Dann, als die Gefahr von den Piraten nachlie\u00df, verlegte man die Hauptstadt hierher, mach Fira, immer noch ein erh\u00f6ht gelegener Ort.<\/p>\n<p>In der Beschreibung gibt es einen sch\u00f6nen, doppelten \u00dcbersetzungsfehler: <em>The Fira is a small lively town in Santorini. <\/em><em>Fira is the capital of Santorini and are in the northwestern part of the island<\/em>. Fira ist im Griechischen Plural und hat, wie alle St\u00e4dte, einen Artikel.<\/p>\n<p>Auf der Fahrt erkl\u00e4rt Eva, sie f\u00fchle sich in erster Linie als Bretonin und erst dann als Franz\u00f6sin. Vorher, in der Schule, hat sie mir die bretonische Flagge gezeigt. Die tr\u00e4gt sie tats\u00e4chlich mit sich herum. Es ist eine elegante Flagge, ganz in Schwarz und Wei\u00df, mit Streifen und Lilien. Deren Anzahl steht f\u00fcr die alten Bischofssitze. Das wei\u00df sie aber nicht, das sagt Robert. Die anderen Franzosen mag sie nicht so, obwohl sie Marseille gut findet. Sie hat \u00fcberhaupt nichts f\u00fcr die Pariser \u00fcbrig. Die hielten sich f\u00fcr etwas Besonderes und seien schrecklich unfreundlich. Ich muss ein bisschen schmunzeln \u00fcber ihre Diatribe. Sie wundert sich, dass ich mich nicht wundere. Es ist das alte Spiel Provinz gegen Hauptstadt. Die Hauptst\u00e4dter sind hochn\u00e4sig und unzug\u00e4nglich, die Provinzler sind hinterw\u00e4ldlerisch und ungehobelt.<\/p>\n<p>Als wir in Fira ankommen und in einer Seitengasse einen Parkplatz finden, stehen wir gleich neben einer Blumenwiese: Margaritas, sagt Ifigenia. Wo, fragt Eva. Ich zeige nach rechts, auf die Blumen. Ach so, Blumen, sagt Eva, ich hatte an Alkohol gedacht.<\/p>\n<p>Der Ort wirkt ziemlich gro\u00df und sehr lebendig und ist ganz anders als alles andere, was wir bisher gesehen haben. Auch sp\u00e4t am Abend, als es schon l\u00e4ngst dunkel ist,\u00a0 sind noch Kioske, Lebensmittell\u00e4den, Buchhandlungen und Optikergesch\u00e4fte ge\u00f6ffnet. Es sieht auch alles sehr touristisch aus, Andenkenl\u00e4den an allen Ecken und Enden und Caf\u00e9s, die nichts Griechisches an sich haben. Das macht den Ort ziemlich austauschbar. Ich habe das Gef\u00fchl, in Paphos zu sein. Es gibt allerdings eine auff\u00e4llige Kirche mit einer gro\u00dfen Kuppel. Die sieht mit ihren arkadenf\u00f6rmigen Vorbauten etwas wie eine Moschee aus. Da stehen wir vor der R\u00fcckfahrt und blicken auf das Meer und die erleuchtete Meeresfront.<\/p>\n<p>Vorher m\u00fcssen aber ein paar Besorgungen gemacht werden, und dann gehen wir essen. Ifigenia hat wieder gut vorgesorgt und uns einen Tisch reserviert in dem einzigen Lokal weit und breit, das kein typischer Touristenschuppen ist, in einer der schmalen Gassen. Die Einrichtung ist einfach, und es gibt griechische Hausmannskost. An der Wand h\u00e4ngen Bilder, Gem\u00e4lde, Interieurs, die irgendwie deutsch aussehen. Das sind Bilder, erkl\u00e4rt Ifigenia, von griechischen Exilanten. Griechische Maler seien eine Zeitlang nach M\u00fcnchen gegangen und h\u00e4tten die M\u00fcnchner Schule mitgepr\u00e4gt. Sp\u00e4ter seien sie dann eher nach Paris gegangen.<\/p>\n<p>Der Wirt hat lange in Monaco gelebt, spricht flie\u00dfend Franz\u00f6sisch und flirtet ungeniert mit den Franz\u00f6sinnen. Rania bekommt ein Lob f\u00fcr ihre griechische Aussprache. Ifigenia ist hier schon bekannt, und das zahlt sich aus. Es gibt Nachschub beim Wein und den ganzen Nachtisch auf Kosten des Hauses.<\/p>\n<p>Monaco das europ\u00e4ische Disneyland, sagt der Wirt. Das habe er gelernt, was das Wort <em>Snob<\/em> bedeute.<\/p>\n<p>Die Amerikanerin bestellt, noch bevor wir uns setzen, ein Wasser, nur f\u00fcr sich alleine. So dringend ist es. Das Wasser kommt dann ein paar Sekunden vor unserem. Wir entscheiden: Vorspeisen gemeinsam und ein Gericht f\u00fcr jeden. Die Amerikanerin m\u00f6chte aber zwei Gerichte f\u00fcr sich. Ifigenia spricht mit ihr wie mit einem kleinen Kind und \u00fcberzeugt sie, doch nur eins zu bestellen. Das bekommt sie dann nicht auf und l\u00e4sst es sich einpacken. Dann will sie den Wei\u00dfwein, den es auf Kosten des Hauses gab und den nur sie trinkt, in eine Wasserflasche f\u00fcllen und mitnehmen. Im letzten Moment wird sie noch davon abgehalten. Als wir dann aufbrechen, entscheidet sie sich, noch nicht zur\u00fcckzufahren. Damit fehlt uns eine R\u00fcckfahrgelegenheit. Wir m\u00fcssen uns aufteilen, die Franzosen fahren mit dem Taxi zur\u00fcck. Ich muss mich schwer zusammennehmen, um keinen Kommentar zu machen. Dieser Tage hat sie schon in Akrotiri f\u00fcr die gesamte Gesellschaft Fisch bestellt, ohne R\u00fccksicht auf zwei, die keinen Fisch essen, den dann aber mitbezahlen mussten, obwohl er nicht aufgegessen war. Am Ende, als sie merkt, dass sie den Fisch nicht runterbekommt, bietet sie ihn uns an. Als wir dann dezent auf unsere Fischallergie hinweisen, findet sie das urig. Ach, sie habe auch einen Freund mit Fischallergie. Und einen mit Zwiebelallergie. Ist sie einfach begriffsstutzig? Den Namen ihrer Lehrerin, Rania, kennt sie nach einer Woche noch nicht. Sie nennt sie Riana.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">15. April (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Das Griechische, angeblich die zweitreichste Sprache der Welt, hat kein Wort f\u00fcr <em>Kater<\/em>, f\u00fcr den Kater nach einer durchzechten Nacht. Die Frage kam auch, weil Eva einen Kater hat.<\/p>\n<p>Im Unterricht ergibt sich am Rande, dass ung\u00fcltige Wahlstimmen in Griechenland der gr\u00f6\u00dften Partei zugeschlagen werden. Man kann also gar nicht ung\u00fcltig w\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Am Nachmittag wird gemalt. Wir fahren ein St\u00fcck aus dem Ort heraus und kommen an eine absolut geeignete Stelle. V\u00f6llige Ruhe. Wir stehen direkt am Kraterrand und blicken auf den Vulkan vor uns und die Berge im Hintergrund. Neben dem Vulkan ein wei\u00dfes Schiff, auf den beiden Bergen im Hintergrund jeweils eine H\u00e4userreihe, ganz oben auf dem Bergkamm, bei dem weiter entfernt liegenden kaum noch als H\u00e4user auszumachen.<\/p>\n<p>Wir haben zwei Malerinnen unter uns, und Ifigenia und Sylvie versuchen sie unter deren Anleitung an einem Bild. Es wird mit Acrylfarben gemalt. Die trocknen schnell. Das ist gut, wie sowohl die Amerikanerin als auch die Franz\u00f6sin betonen.<\/p>\n<p>Die Amerikanerin stellt sich zuerst an die Staffel. Man brauche nur die Prim\u00e4rfarben und Schwarz und Wei\u00df. Schwarz gebrauche sie so gut wie gar nicht, nur um nachtr\u00e4glich etwas abzudunkeln.<\/p>\n<p>Am Anfang solle man nur auf die Formen achten, nicht auf die Details. Das leuchtet ein. Ich h\u00e4tte mich ganz auf den Vulkan und das Schiff konzentriert. Die ignoriert sie v\u00f6llig. Sie zeichnet einfach die Konturen der Berge ein. Sie nimmt Schwarz dazu, antwortet aber auf Nachfrage, das sei ganz egal. Tats\u00e4chlich kann man alles ganz leicht \u00fcbermalen. Und tats\u00e4chlich kommt nach weniger Minuten nur mit den schwarzen Umrissen die Szenerie aufs Bild. Erstaunlich. Dann f\u00fcgt sie die H\u00e4userzeilen an, rein kubisch. Auch das sieht gut aus. Dann kommen mehr und Himmel in verschiedenen Blaut\u00f6nen. Sie versucht sich dann an dem Schiff, \u00fcbermalt es aber wieder. Das Bild ist wirklich gut, aber dann macht sie sich daran, es schlechter zu machen. Es wird amerikanischer. Rosa, Gr\u00fcn und Gelb, die viel zu stark dominieren. Es gibt wirklich im Vordergrund eine Blumenwiese und etwas Gras auf einem der Abh\u00e4nge, aber die nimmt man insgesamt kaum wahr. Es ist fast alles grau und blau in verschiedenen Abstufungen. Das hat Iphigenia begriffen. Sie beschr\u00e4nkt sich auf diese Farben. Aber das hat zur Folge, dass ihr Bild wie eins vom Nordpol aussieht, wie vom Eismeer. Eva sagt ihr das auch, ich habe es f\u00fcr mich behalten.<\/p>\n<p>Dann kommt die Franz\u00f6sin. Sie macht erst eine Vorzeichnung, mit Bleistift. Dann tr\u00e4gt sie die Farben auf, mit einem kleinen Spachtel. Das man damit \u00fcberhaupt malen kann. Es entsteht ein wirklich gutes Bild. Sie hat viele kleine Farbtupfer, nicht so viele Fl\u00e4chen wie die Amerikanerin. Da bringt\u2019s. Es ist eindeutig das beste Bild. Das schlechteste ist das von Sylvie, aber sie ist blutige Anf\u00e4ngerin und sichtlich zufrieden. Keine Spur von Selbstzweifel. Beneidenswert. Sie hat recht. F\u00fcr eine Anf\u00e4ngerin ist es vermutlich nicht schlecht. Stolz posiert sie neben den anderen mit ihrem Bild.<\/p>\n<p>Die Amerikanerin, als Malerin, die st\u00e4ndig in Griechenland ist Wein trinkt, scheitert immer noch an den W\u00f6rtern f\u00fcr Farben. Selbst Rot und Wei\u00df kriegt sei nicht auf die Reihe. Eva, gerade mal eine Woche in Griechenland, kennt schon die meisten Farbw\u00f6rter, obwohl sie im Unterricht noch gar nicht vorgekommen sind. Sie bindet sie in den Alltag ein, zeigt auf meinen Pullover, auf ein Haus, auf den Wein und sagt: <em>kitrino, aspro, kokkino.<\/em> Mit Blau hat sie Schwierigkeiten, wei\u00df das aber und fragt bei der n\u00e4chsten Gelegenheit noch mal nach oder versucht, sich eine Eselsbr\u00fccke zu bauen.<\/p>\n<p>Sylvie ist mit sich und der Welt zufrieden. Sie sagt bestimmt zwanzigmal \u201eJ\u2019adore\u201c und noch \u00f6fter \u201eG\u00e9nial\u201c. Sie sagt das, ohne falsche Bescheidenheit, meint aber im Wesentlichen nicht ihr eigenes Bild, sondern die Erfahrung, die Gelegenheit. Es ist das erste Mal \u00fcberhaupt, dass sie etwas gemalt hat.<\/p>\n<p>Das Malen eine tolle Besch\u00e4ftigung ist, sagen aber alle vier. Alle gebrauchen das Wort \u201erelaxing\u201c. Aber das ist es doch gerade nicht! Es ist das Gegenteil, Konzentration auf eine Sache. Ein Bier auf dem Balkon trinken oder auf dem Massagestuhl liegen, das ist Relaxing. Hier, beim Malen, ist man dagegen richtig gefordert. Gerade das erzeugt die Wirkung.<\/p>\n<p>Und noch ein Missverst\u00e4ndnis. Die Amerikanerin sagt Sylvie, die strukturiert vorgehen will, sie solle nicht strukturiert vorgehen. Sie solle alle Regeln vergessen. Das ist bl\u00fchender Unsinn. Sie selbst hat doch lauter Regeln vorgegeben \u2013 Farbe, Farben, Motive, Vorgehen \u2013 und gerade das war so erfolgreich. Die k\u00fcnstlerische Spontanit\u00e4t, die sie sich jetzt zuschreibt, ist Wunschdenken. Und erlaubt es, sich als \u201eK\u00fcnstler\u201c zu geb\u00e4rden.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">16. April (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Ich mache heute blau und fahre alleine nach Fira. Zuviel Gesellschaft und zu viel Grammatik in letzter Zeit. Bei der Gelegenheit habe ich das griechische Wort f\u00fcr Schw\u00e4nzen gelernt: \u03ba\u03ac\u03bd\u03c9 \u03ba\u03bf\u03c0\u03ac\u03bd\u03b1.<\/p>\n<p>Auf den Bus warten, obwohl es keinen Fahrplan gibt \u2013 eine sch\u00f6ne Geduldsprobe f\u00fcr unruhige Geister. Jedes gr\u00f6\u00dfere Fahrzeug im flickenden Licht am Ende der Stra\u00dfe entpuppt sich beim N\u00e4herkommen als Lieferwagen oder Transporter oder einfach als Scheinriese, der schlie\u00dflich als ganz normaler PKW ankommt. Mehrmals kommt ein Taxi vorbei, dessen Fahrer Kundschaft wittert und auffordernd in meine Richtung schielt. Eins bleibt sogar vor der B\u00e4ckerei stehen, aber ich wehre alle inneren Impulse ab, es mir bequem zu machen und h\u00f6re auf die Stimme, die mir vor ein paar Tagen eingeredet hat, eine Busfahrt geh\u00f6re unbedingt zur Erfahrung im Ausland dazu.<\/p>\n<p>Als der Bus dann tats\u00e4chlich kommt, verpasse ich ihn fast, weil ich wartend vor der Fahrert\u00fcr stehe. Man steigt aber in der Mitte ein. Das kapiere ich dann doch noch. Der Fahrer deutet mit dem Kopf nach hinten, als ich mit gez\u00fccktem Portemonnaie neben ihm stehe. Ich drehe mich um: ein Schaffner! Ich bezahle meine 1,60 und finde einen der letzten Pl\u00e4tze in dem vollbesetzten Bus. Der sieht wie ein alter Reisebus aus, nicht wie ein moderner Linienbus. Selbstverst\u00e4ndlich gibt es weder Ansagen oder Anzeigen.<\/p>\n<p>An der n\u00e4chsten Haltestelle steigen weitere Passagiere zu. Eine alte Dame mit altmodischem Schmuck findet keinen Platz mehr. Ich stehe auf und biete ihr meinen Platz an. Sie nimmt wortlos an. Als ich gerade stehe, steht ein junger Mann auf und bietet mir seinen Platz an. Ich z\u00f6gere einen Moment und nehme an. Daraufhin nimmt eine Frau ihr M\u00e4dchen auf den Scho\u00df und l\u00e4sst den jungen Mann neben sich Platz nehmen! Als wir in Fira aussteigen, sieht die alte Dame mich mit einem freundlichen L\u00e4cheln an und bedankt sich nachdr\u00fccklich.<\/p>\n<p>Am Busbahnhof in Fira frage ich eine junge Frau nach dem Weg zum Arch\u00e4ologischen Museum. Mit einem charmanten, offenen Lachen sagt sie, sie selbst sei auch fremd hier. Dann kommen wieder die typischen einsilbigen Antworten von griesgr\u00e4migen Menschen, die den Weg zum Museum weisen. Das liegt ganz oben. Es geht durch die engen G\u00e4sschen der Stadt. Diesmal merke ich, dass es hier nicht nur Ramsch gibt, sondern auch teure Konfektionsgesch\u00e4fte und Juweliere.<\/p>\n<p>Das Arch\u00e4ologische Museum ist eins der alten Art, mit standardisierter Pr\u00e4sentation in Vitrinen und v\u00f6llig unzureichender Beschriftung. Und das Highlight des Museums, in der Brosch\u00fcre laut angek\u00fcndigt, ein 450 kg schwerer Stein mit einer Inschrift, die besagt, wer ihn gehoben hat, ist nicht zu sehen. Das erfahre ich aber erst auf Nachfrage.<\/p>\n<p>Es lohnt sich aber trotzdem. Die meisten Funde stammen aus dem alten Thira, aus Grabst\u00e4tten. Es geht zwar bis in die r\u00f6mische Zeit, aber das meiste ist \u00e4lter, etwa 7.-5. Jahrhundert vor Christus. Man kann ganz deutlich zwei Phasen unterscheiden. Die \u00e4lteren Funde geh\u00f6ren zur Geometrischen Periode, die neueren sehen ganz \u201egriechisch\u201c aus, mit rot- und schwarzfigurigen Vasen, auf denen k\u00e4mpfende M\u00e4nner und Pferde vor dem Wettkampf dargestellt werden. In der Geometrischen Periode gibt es kaum fig\u00fcrliche Darstellungen und \u00fcberhaupt keine Menschendarstellungen.\u00a0 H\u00f6chstens Tiere, meist V\u00f6gel, darunter Reiher und Flamingos. Die Gef\u00e4\u00dfe, meist Amphoren, sind matt, nicht poliert, wie sp\u00e4ter. Die geometrischen Motive sind unendlich: Dreiecke, Zick-Zack-Linien, verschlungene B\u00e4nder, Meander, Schachbrettmuster und immer wieder das Hakenkreuz.<\/p>\n<p>Es gibt auch ein paar Statuetten, Delphine, Sphingen, \u00c4ffchen darstellend und eine Eidechse in Lauerstellung. Eine Statuette stellt eine Trauernde dar, mit einem Kasperlegesicht und mit beiden H\u00e4nden an einer Seite des Kopfes. Das ist wohl eine Trauergeste. Eine Statuette, ein Pan mit H\u00f6rnern, wildem Bart, offenem Mund und erigiertem Glied auf einem Pferd, erweist sich als Trinkgef\u00e4\u00df!<\/p>\n<p>Im Zentrum stehen Bruchst\u00fccke von riesigen Statuen, darunter ein Kouros, der von hinten, mit dicken, bis auf die H\u00fcfte herabfallenden Z\u00f6pfen trotz seines m\u00e4chtigen Brustkorbs wie eine Frau aussieht.<\/p>\n<p>Ich habe Gl\u00fcck: Gleich neben dem Arch\u00e4ologischen Museum ist die Treppe, die zum Hafen hinunterf\u00fchrt. Die wollte ich eigentlich suchen. Von oben hat man einen phantastischen Blick auf die Bucht. Die Treppe ist eigentlich gar keine, sondern eine getreppter Gehweg aus Pflastersteinen, mit mehr als 500 Stufen. Am Anfang geht es zwischen Lokalen hindurch, aber weiter unten ist man dann pl\u00f6tzlich ganz allein und kann den Blick und den Sonnenschein genie\u00dfen. Es ist der vierte sch\u00f6ne Tag in Folge und sollte der sch\u00f6nste der Tage auf Santorin bleiben. Die Felsen, die aus der Ferne braun aussehen, erweisen sich aus der N\u00e4he als kohlrabenschwarz. Das hat der Vulkan getan. Vor mehreren tausend Jahren. Sieht so aus, als wenn letzte Woche hier ein Gro\u00dfbrand gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Unterwegs sehe ich nur zwei Amerikanerinnen. Unten am Hafen dann mal wieder eine asiatische Reisegruppe. Die beherrschen hier die Szenerie. F\u00fcr Japaner sind sie zu laut, aber die Sprache h\u00f6rt sich nicht nach Chinesisch an. In den Restaurants sind die Speisekarten aber oft auf Chinesisch.<\/p>\n<p>Unten am Hafen warten Esel auf Kundschaft. In gro\u00dfer Zahl. Ihre Dienste sind im Sommer wohl sehr gefragt. Jetzt vertreiben sie sich die Zeit damit, mit den Schw\u00e4nzen um die Wette zu wedeln und die Ohren zu drehen.<\/p>\n<p>Unten bestelle ich in einem Caf\u00e9 bei einem sehr freundlichen Kellner einen Kaffee und lasse mir die Internetverbindung geben. Hier mache ich dann endlich auch ein Photo von einem Schild, das einen in Griechenland \u00fcberall hin begleitet, das Schild auf der Toilette, das darauf hinweist, dass man kein Papier ins WC werfen darf. Daf\u00fcr gibt es eigene Beh\u00e4lter. Gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig.<\/p>\n<p>Dann geht es die 500 Stufen wieder rauf und ins Pr\u00e4historische Museum. Das ist ganz anders als das Arch\u00e4ologische, modern, mit ausf\u00fchrlichen Beschriftungen. Hier sind vor allem die Funde aus Akrotiri ausgestellt, aus dem Ausgrabungsfeld, das wir zusammen besucht haben.<\/p>\n<p>Vorher gibt es Fossilien von den \u00e4u\u00dferen Schichten des Kessels, mit Bl\u00e4ttern von Oliven und Palmen, nahezu einzigartig, 60.000 Jahre alt! Die sind ausgesprochen \u201esch\u00f6n\u201c und zeigen, dass das Klima hier \u00fcber all diese Zeit relativ stabil war, gem\u00e4\u00dfigt, mediterran.<\/p>\n<p>Man erf\u00e4hrt auch, dass der wassergef\u00fcllte Kessel schon vor dem ber\u00fchmten Ausbruch existierte. Es gab vermutlich eine Verbindung mit dem Meer.<\/p>\n<p>Es geht mit den typischen kykladischen Figuren los, dann kommen die Schnabeltassen, wie man sie auch auf Kreta findet.<\/p>\n<p>Dann kommt Akrotiri, und es geht gleich mit einem Paukenschlag los: Gipsmodelle von einem Stuhl und einem Tisch, mit geschwungenen Beinen, ornamentierten F\u00fc\u00dfen, die aussehen wie Barockm\u00f6bel.<\/p>\n<p>Viel prosaischer, aber verbl\u00fcffen praktisch ist ein kleiner tragbarer Ofen aus Lehm! Dann gibt es Ger\u00e4tschaften wie eine \u201ePfanne\u201c mit gerilltem Griff und ziseliertem Teller, die tats\u00e4chlich ein Weihrauchgef\u00e4\u00df ist. Auch sehr sch\u00f6n eine Bronzewaage, mit runden Tellern, die sicher ganz geeignet waren, sehr genau zu wiegen.<\/p>\n<p>Auch hier gibt es die riesigen Pithoi wie in Kreta. Aber die Erkl\u00e4rung f\u00fcr die aufgezeichneten Muster ist anders: keine Dekoration, sondern Information. Wasserpflanzen bedeuten, der Inhalt ist Wasser!<\/p>\n<p>Der H\u00f6hepunkt sind die Wandmalereien, genauso gut, aber viel besser erhalten als in Knossos. Es wurde sowohl <em>al secco<\/em> als auch <em>al fresco<\/em> gemalt, die Grundformen al fresco, die Details al secco. Es wurden verschiedene Schichten auf die Wand aufgetragen, die letzte davon feuchter Putz. Dann wurden Schn\u00fcre in den Putz gezogen, um Felder abzustecken. So hatte man ein Raster!<\/p>\n<p>Hier sieht man aus dem sog. Haus der Damen eine Landschaft mit Erdh\u00fcgeln und rhythmisierten Papyruspflanzen, die zwei Seiten eines Raums einnehmen. Und eine nach unten gebeugte weibliche Figur, schlank und \u00fcppig gleichzeitig, mit entbl\u00f6\u00dfter Brust, einfach, aber geschmackvoll gekleidet, die einer anderen, nicht mehr vorhandenen Figur etwas darreicht.<\/p>\n<p>Dann gibt es Gef\u00e4\u00dfe, in gro\u00dfer Zahl, praktische und rituelle. Die praktischen Gef\u00e4\u00dfe dienten der Zubereitung, dem Auftragen und der Konservierung von Nahrung. Besonders angetan hat es mir ein erdfarbenes trichterf\u00f6rmiges Gef\u00e4\u00df mit allen m\u00f6glichen geometrischen Mustern. Man fragt sich, wozu es gedient haben k\u00f6nnte, und hier gibt die Beschriftung Bescheid: als Trichter!<\/p>\n<p>Bei den Amphoren gibt es zwei Dekorationstypen, die nie vermischt auftreten: agrarische Erzeugnisse wie Trauben und Gerste und nat\u00fcrliche Pflanzen wie Lilien, Krokusse und Efeu.<\/p>\n<p>Trinkgef\u00e4\u00dfe, erst auf den zweiten Blick als solche erkennbar, sind als Wildschwein oder als L\u00f6we ausgestaltet. Der, mit einem naiven, vertrauenerweckenden Gesichtsausdruck, ist besonders gelungen.<\/p>\n<p>Die Keramikgef\u00e4\u00dfe stammen zu 85% aus eigener Produktion, zu 15% wurden sie importiert, aus Kreta, vom Festland und von den Dodekanes. Die importierte Ware ist aufgrund der besseren Tonqualit\u00e4t hochwertiger. Merkw\u00fcrdigerweise sieht man das. Mein Blick f\u00e4llt auf ein paar Tassen, und ich denke mir: wie in Kreta. Und tats\u00e4chlich kommen sie aus Kreta.<\/p>\n<p>Am Schluss der Ausstellung gibt es dann noch einen ganz ungew\u00f6hnlichen Fund, einer, der ganz f\u00fcr sich alleine steht: ein vergoldeter Steinbock. Er wurde in einer Holzschachtel in einem Larnax gefunden und ist in bestem Erhaltungszustand. Innen ist er hohl. Die K\u00f6rper ist einfach gestaltet, mit rundlichen Formen, aber die geschwungenen H\u00f6rner und die F\u00fc\u00dfe wie der Schwanz, alle nachtr\u00e4glich angel\u00f6tet, sind genau ausgestaltet.<\/p>\n<p>Beeindruckt verlasse ich das Museum und sehe mich in der Gegend um. Gleich in der N\u00e4he ist die wei\u00dfe Kirche mit den Arkaden. Aber sie ist geschlossen. Da ich das auch von den anderen Kirchen vermute, mache ich mich auf den Weg nach Imerovigli, einen Ort, auf dessen kuriosen Namen ich aufmerksam gemacht worden war: Er setzt sich aus \u201aTag\u2018 und \u201aW\u00e4chter\u2018 zusammen und bezieht sich auf den Wachturm, der hier oben in Piratenzeiten die Beobachtung der Gegend erm\u00f6glichte.<\/p>\n<p>Nachdem ein Hinweisschild mich in die Irre f\u00fchrt, frage ich eine freundlich l\u00e4chelnde Verk\u00e4uferin vor einem Juweliergesch\u00e4ft nach dem Weg. Bei der Erkl\u00e4rung wechselt sie zwischen Griechisch und Spanisch hin und her. Sie kommt aus Puerto Rico. Auf die Frage nach Imerovigli reagiert sie entgeistert. Das sei viel zu weit. Ich sage, auf einem Schild h\u00e4tte ich gesehen, dass es drei\u00dfig Minuten Fu\u00dfmarsch sind. Sie sagt, nein, es dauere viel l\u00e4nger, bestimmt eine halbe Stunde. Davon lasse ich mich aber nicht abhalten und folge ihren Anweisungen, immer der Hauptstra\u00dfe entlang. Hier sieht man, wie \u00fcberall, immer wieder die breiten, vierr\u00e4drigen Motorr\u00e4der, die wirklich ganz putzig aussehen, aber nicht gerade praktisch sind und alles andere als ungef\u00e4hrlich sein sollen. Auf Griechisch, habe ich von Rania gelernt, hei\u00dfen sie Schweine. Die Parallele erschlie\u00dft sich aber nicht sofort.<\/p>\n<p>In Imerovigli gibt es eigentlich nichts zu sehen, aber der Weg lohnt sich doch, vor allem wegen der Photomotive: ein paar H\u00e4uschen mit ungew\u00f6hnlichen Formen, die Begrenzungsmauer aus schwarzem Vulkanstein und die Durchblicke durch Gitter und Portale aufs Meer. Der R\u00fcckweg ist auch viel angenehmer, denn jetzt finde ich den Weg abseits der Hauptstra\u00dfe, ein schmaler Weg entlang ganz oben \u00fcber dem Meer.<\/p>\n<p>In Fira komme ich dann zur katholischen Kirche. Es gibt ein richtiges katholisches Viertel, und hier befinden sich auch alle die Pizzerien. Die Kirche ist auf. Italienischer Barockkitsch zum Rauslaufen. Aber es ist ruhig und k\u00fchl und im Hintergrund l\u00e4uft leise gregorianische Choralmusik. Ich setze mich und entdeckt allm\u00e4hlich sch\u00f6ne St\u00fccke in Ausstattung und Architektur, die Sprossenfenster des Tambours der Kuppel, die ovalen Fenster des Chors, zwei Messinghalter f\u00fcr Kerzen, ein von der Decke herabh\u00e4ngender venezianischer Leuchter, drei von der Decke herabh\u00e4ngende fein ziselierte Weihrauchgef\u00e4\u00dfe. Wichtiger ist aber die Atmosph\u00e4re, eine Atmosph\u00e4re, die dazu angetan ist, f\u00fcr Seelenruhe zu sorgen.<\/p>\n<p>Man kann hier aber auch linguistische Studien betreiben. Auf zwei Bannern steht auf Griechisch und auf Englisch ein \u00f6sterlicher Text: \u0391\u03bd\u03b1\u03c3\u03c4\u03ae\u03b8\u03b7\u03ba\u03b5 \u03b1\u03c0\u03cc \u03c4\u03bf\u03c5\u03c2 \u03bd\u03b5\u03ba\u03c1\u03bf\u03cd\u03c2 \u03bf \u039a\u03c5\u03c1\u03b9\u03bf\u03c2, \u03cc\u03c0\u03c9\u03c2 \u03c0\u03c1\u03bf\u03b5\u03af\u03c4\u03b5. \u0391\u03c2 \u03c7\u03b1\u03c1\u03bf\u03cd\u03bc\u03b5 \u03cc\u03bb\u03bf\u03b9 \u03ba\u03b1\u03b9 \u03b5\u03c5\u03c6\u03c1\u03b1\u03bd\u03b8\u03bf\u03cd\u03bc\u03b5, \u03b4\u03b9\u03cc\u03c4\u03b9 \u03b1\u03c5\u03c4\u03cc\u03c2 \u03b2\u03b1\u03c3\u03af\u03bb\u03b5\u03c5\u03b5\u03b9 \u03b1\u03b9\u03ce\u03bd\u03b9\u03b1. \u0391\u03bb\u03bb\u03b7\u03bb\u03bf\u03cd\u03b9\u03b1. \u2013 The Lord has risen from the dead, as he foretold. Let there be happiness and rejoicing for he is our king forever. Alleluia. K\u00f6nnte im Satzbau unterschiedlicher kaum sein.<\/p>\n<p>Ich gehe dann in ein s\u00fcndhaft teures Caf\u00e9 und esse ein s\u00fcndhaft gehaltvolles T\u00f6rtchen. Auch hier gibt es Internetverbindung. Dann setze ich mich auf eine Bank an den Kraterkessel und lese in dem F\u00fchrer, den mir die Wirtin gegeben hat. Ich h\u00e4tte keine bessere Stelle w\u00e4hlen k\u00f6nnen. Von hier aus sieht man genau auf die gro\u00dfen Kreuzfahrtschiffe und den Vulkan hinunter. Und um beide geht es in dem F\u00fchrer. Die Kreuzfahrtschiffe machen nicht im Hafen fest, einfach deshalb, weil sie nicht ankern k\u00f6nnen. Das Wasser ist zu tief, ca. 350 Meter! Das liegt daran, dass es nicht das offenen Meer ist, sondern der mit Wasser vollgelaufene Kraterkessel. Das erkl\u00e4rt wohl auch das ungew\u00f6hnlich intensive, dunkle Blau des Meeres. Und was den Vulkan angeht, korrigiert der F\u00fchrer eine Vorstellung, die hier stillschweigend immer vorausgesetzt wird, n\u00e4mlich, dass es sich um <em>den<\/em> Vulkan handelt, also den Vulkan, der damals halb Santorin in die Luft gejagt hat. Hier handelt es sich aber um einen anderen Vulkan, der sich erst sp\u00e4ter, in r\u00f6mischer Zeit, formiert hat. Was mit dem alten Vulkan passiert ist, wei\u00df ich allerdings nicht. Vielleicht hat er sich selbst gleich mit in die Luft gesprengt.<\/p>\n<p>Am Busbahnhof, wo die Information wie immer d\u00fcrftig ist, verpasse ich dann wirklich den Bus, obwohl ich mehr als rechtzeitig da bin. Also nehme ich ein Taxi. Ich handele den Preis auf 8 \u20ac runter. Der Fahrer r\u00e4cht sich daf\u00fcr, indem er mit 120 km\/h \u00fcber die Landstra\u00dfe und durch die D\u00f6rfer jagt und keine Gelegenheit zum \u00dcberholen ausl\u00e4sst. Es geht aber gut.<\/p>\n<p>Am Abend bebt die Erde, kurz, aber f\u00fchlbar. In Kreta hat es, wie mir Dimitra am n\u00e4chsten Tag schreibt, richtig gerummelt. Erdbeben von einer St\u00e4rke von 6,1 auf der Richterskala. Es scheint aber kein Ungl\u00fcck gegeben zu haben. Das Epizentrum lag au\u00dferhalb von Kreta, im Meer, etwa 60 km \u00f6stlich.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">17. April (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Im letzten Moment erfahre ich, dass heute jeder ein Gedicht in seiner Sprache vortragen und vorstellen soll. Ich habe nur die Pause zur Vorbereitung. Geht dann aber ganz gut. Die Loreley. Neben Heine gibt es auch Blake und Baudelaire.<\/p>\n<p>Am Nachmittag sehen wir einen Film, <em>Never on Sunday<\/em>, mit englischen Untertiteln. Der Film, in dem ein Amerikaner, der die griechische Klassik liebt, zum ersten Mal nach Griechenland kommt, ist aber ohnehin zur H\u00e4lfte auf Englisch. Es ist der Film mit der Szene, in der Melina Mercouri das Lied singt, das es in allen Sprachen gibt, bei uns unter dem Titel \u201eEin Schiff wird kommen\u201c. Der Text des Liedes will aber gar nicht zu dem Film passen. Die Protagonistin sehnt sich nicht nach einer b\u00fcrgerlichen Existenz mit H\u00e4uschen, Kindern und Ehemann. Komisch.<\/p>\n<p>Den Titel erkl\u00e4rt Ifigenia vorher. Die Protagonistin, eine Prostituierte, \u201earbeitet\u201c sonntags nicht und auch nicht an Feiertagen und an den Tagen des Theaterfestivals.<\/p>\n<p>Alle finden den Film gut. Nur ich nicht. Als ich das am Ende, auf Nachfrage, vorsichtig sage, entsteht ein merkw\u00fcrdiges Schweigen. Dabei sage ich gar nicht, wie schlecht ich den Film eigentlich finde. Schon die Grundidee des Films ist falsch: Der amerikanische Besucher, Bewunderer der griechischen Klassik, steht f\u00fcr die falsche Vorstellung der Ausl\u00e4nder von Griechenland, sie steht f\u00fcr das wirkliche Griechenland. Dabei wird eine falsche Vorstellung durch eine genauso falsche korrigiert: K\u00f6rperlichkeit und Leichtlebigkeit als Synonyme f\u00fcr Griechenland, dass ich nicht lache! Genau das Gegenteil ist der Fall. Aber auch seine Vorstellung von der Klassik ist falsch. St\u00e4ndig ist von der \u201ereinen Seele\u201c die Rede. Die griechischen Klassiker w\u00fcrden sich mit Schaudern abwenden, wenn sie das heutige Pir\u00e4us s\u00e4hen. Unsinn! Die waren den k\u00f6rperlichen Freuden, auch der Prostitution, durchaus zugetan. Der Amerikaner schwafelt st\u00e4ndig von den \u201egr\u00f6\u00dften Denkern aller Zeiten\u201c. Das h\u00f6ren die Griechen gerne, aber kein ernsthafter Wissenschaftler sagt so einen Unsinn. Und kein Wissenschaftler, der sich mit der griechischen Klassik besch\u00e4ftig, reduziert sie auf Sokrates, Platon und Aristoteles, und keiner wirft sie alle drei in denselben Topf. Die Widerspr\u00fcchlichkeit und Vielfalt der griechischen Klassik f\u00e4llt v\u00f6llig unter den Tisch. Die Handlung ist vorhersehbar. Am Ende kehrt der Amerikaner nat\u00fcrlich bekehrt nach Hause zur\u00fcck. Es gibt kein Drama, ein inneres schon gar nicht. Die ganzen M\u00e4nner, die sich immer um sie scharen, sind Statisten, reine Claqueure, ohne Individualit\u00e4t. Ebenso ihre Berufskolleginnen. Sie selbst wird auch typischerweise nie \u201ebei der Arbeit\u201c gezeigt. Mit einer Ausnahme. Sie empf\u00e4ngt einen russischen Seemann, und sie entscheiden sich, lieber miteinander zu sprechen als ins Bett zu gehen. Das ist die griechische Sinnenfreude. Die Slapstick-Szenen in den Hafenkneipen sind nicht witzig, sondern l\u00e4cherlich. Sie zeigen besonders, wie der Film in die Jahre gekommen ist. Und die Schauspieler? Ifigenia wundert sich, dass Melina Mercouri keinen Oscar bekommen hat. Daf\u00fcr gibt es aber einen guten Grund: Sie ist einfach keine gute Schauspielerin. Ihre Mimik besteht eher aus Grimassen, ihre Bewegungen sind kantig, ihre Stimme hat wenig Variation. Wenn sie sich beeilt, sieht sie aus wie eine Schauspielerin, der man gesagt hat, tu mal so, als m\u00fcsstest du dich beeilen, nicht wie jemand, der es eilig hat. Und wenn sie tanzt, steif und unelegant, dann fragt man sich, wie sie \u00fcberhaupt Schauspielerin geworden ist und wer auf die Idee gekommen ist, ihr diese Rolle zu geben. Und eine Sch\u00f6nheit ist sie auch nicht gerade. Alles an ihr ist zu gro\u00df: die Nase, die H\u00e4nde, das Gesicht, nur der Busen nicht. Der ist zu klein.<\/p>\n<p>Die Franzosen, die jeden Tag zweimal zum Essen ausgehen und sich dabei Zeit lassen, schw\u00e4rmen seit Tagen vom Mousiko Kouti, der \u201aMusikbox\u2018. Heute, am letzten Abend, habe ich auch das Vergn\u00fcgen. Ich kann ihnen nur recht geben. Das beste Essen der gesamten zwei Wochen. Eine unglaubliche Vielfalt. Verschiedene Salate, verschiedene kleine Aufl\u00e4ufe, mehrere Gerichte mit kleingeschnittenen Fleischst\u00fcckchen mit So\u00dfen in allen Geschmacksrichtungen, darunter eine mit karamellisierten Zwiebeln. Ein Gedicht! Es gibt auch eine typisch kretische Fleischsorte, von der ich noch nie geh\u00f6rt habe! Wir teilen diesmal alles. Alles kommt in die Mitte. Alle probieren von allem. Wunderbar. Dass das franz\u00f6sische Urteil dennoch differenziert ausf\u00e4llt, zeigt sich beim Nachtisch: Sie bevorzugen den franz\u00f6sischen Nachtisch. Da gebe es mehr Variation.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">18. April (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Vormittag gehe ich zum Bezahlen runter. Nach den \u00fcblichen Klagen \u00fcber Wehwehchen kl\u00e4ren wir umst\u00e4ndlich den Preis und die Zahl der Tage, und dann rechnet sie umst\u00e4ndlich den Betrag aus und dann stellt sie noch umst\u00e4ndlicher eine Quittung aus. Da ist jeder Buchstabe eine Herausforderung.<\/p>\n<p>Eher aus Langeweile mache ich einen Spaziergang durchs Dorf. Am Ende wird daraus ein Spaziergang bis nach Akrotiri! Den Muskelkater in den Waden von den Treppen aus Fira merkt man nur, wenn es bergab geht.<\/p>\n<p>In Akrotiri folge ich den Hinweisen zur \u201eCaldera View\u201c. Das lohnt sich. Auf einem Felsvorsprung abseits der Stra\u00dfe sitzt man in einem vieleckigen Caf\u00e9 und hat einen atemberaubenden Rundblick in den Kessel. Das Handy liegt zum Aufladen zuhause, aber den Blick k\u00f6nnte man sowieso nicht einfangen. So wird er im Kopf gespeichert.<\/p>\n<p>Ich frage das M\u00e4dchen, das mich bedient, was was ist. Dabei stellt sich heraus, dass das, was ich f\u00fcr Fira gehalten habe, den Ort hinter dem Vulkan, schon Oia ist. Man sieht also praktisch die ganze Insel. Fira mit seiner beeindruckenden Reihe von wei\u00dfen H\u00e4usern liegt ein paar Felsen weiter rechts, und dann kommt Megalochori, und dahinter erh\u00f6ht Pyrgos, und links von hier Akrotiri. Ich erinnere mich an die Beschreibung in dem Reisef\u00fchrer, die zwei Typen von Orten auf Santorin unterscheidet: die hochgelegenen mit Verteidigungsanlagen wir Pyrgos oder Akrotiri und die am Rand des Kraterkessels wie Oia oder Fira.<\/p>\n<p>Das Caf\u00e9 ist eine gro\u00dfe bedeckte Terrasse. Im Sommer kann man die Fenster \u00f6ffnen. Sie werden dann ganz nach oben geklappt. Ich bin ganz alleine. Die Preise hier sind astronomisch. Sowohl f\u00fcr den Kaffee als auch f\u00fcr das \u201ehaarige\u201c s\u00fc\u00dfe Geb\u00e4ck wird ordentlich abkassiert. Das Geb\u00e4ck mit zersto\u00dfenen N\u00fcssen und Sirup, das ich schon ein oder zweimal probiert habe, hei\u00dft <em>Kataifi<\/em>, wie ich jetzt erfahre. Ist bestimmt auch t\u00fcrkisch. Das griechische Wort, \u039a\u03b1\u03bd\u03c4\u03b1\u0390\u03c6\u03b9, hat sowohl Trema als auch Akzent auf dem &lt;i&gt;.<\/p>\n<p>Am Nachmittag bringt mich Ifigenia nach Athinios, dem Hafen von Santorin, auf unserer Seite, also der dem Flughafen gegen\u00fcberliegenden Seite. Es herrscht ziemlicher Betrieb, weil gerade eine gro\u00dfe F\u00e4hre eingelaufen ist. \u00dcberall wird man angesprochen, ob man ein Mietauto, ein Taxi, ein Hotelzimmer oder einen Kaffee haben will. Als die F\u00e4hre wieder weg und die Ankommenden entsorgt sind, wird es pl\u00f6tzlich unheimlich ruhig. Ich trinke einen Kaffee und entdecke dann irgendwo einen Hinweis, dass eine F\u00e4hre ausf\u00e4llt. Wie immer, ohne weitere Hinweise. Das B\u00fcro des Unternehmens ist geschlossen. Irgendwann macht man da aber wieder auf und es stellt sich heraus, dass unsere F\u00e4hre ganz normal verkehrt. Ich scheine aber der einzige Passagier zu sein, bis eine ganze Horde Asiaten eintrifft. Die ganze Ankunftshalle f\u00fcllt sich, aber auf dem Schiff verliert sich das alles.<\/p>\n<p>Das Schiff ist nur f\u00fcr Passagiere, und es geht sehr schnell zu. In knapp zwei Stunden kommen wir schon in Heraklion an. Das Schiff f\u00e4hrt 42 Knoten, das sind ca. 80 km\/h. Um es geht auch ganz glatt.<\/p>\n<p>Vom Hafen zum Flughafen ist es nicht weit, und ich komme noch bei Tageslicht zum Auto. Auf dem Heimweg verscheucht mich ein Auto hinter mir mit dauernder Lichthupe von der linken Spur, obwohl ich selbst noch \u00fcberhole. Als er vorbeif\u00e4hrt, zeige ich ihm auf nicht gerade sehr h\u00f6fliche Weise, was ich davon halte. Daraufhin zieht er unvermittelt rechts r\u00fcber und tritt auf die Bremse. Ich aber auch. Er bleibt einen Moment stehen und zieht dann wieder los, so schnell, dass es nach ein paar Sekunden schon hinter der Kurve verschwunden ist.<\/p>\n<p>In Myrtos ist es voller als vorher, und auf unserem Hang steht jetzt eine ganze Reihe von Autos. Es riecht nach Sommer, aber warm ist es nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>5. April (Sonntag) Im Flugzeug von Heraklion nach Athen sind fast nur Griechen, im Flugzeug von Athen nach Santorin fast nur Ausl\u00e4nder, darunter viele Asiaten. Neben mir ein junges mexikanisches Paar, aus dem Norden Mexikos. 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