{"id":7515,"date":"2015-05-19T08:46:15","date_gmt":"2015-05-19T06:46:15","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=7515"},"modified":"2016-01-01T18:47:07","modified_gmt":"2016-01-01T17:47:07","slug":"thessaloniki-2015","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=7515","title":{"rendered":"Thessaloniki (2015)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">16. Mai (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Das f\u00e4ngt ja gut an: Ich komme nicht von der F\u00e4hre runter. Als schon kein Mensch mehr zu sehen ist, steht mein Auto eingeklemmt zwischen der Wand und ein paar Autos. Mit ein paar Gesten und ein paar Fragen versuche ich, herauszubekommen, was los ist, werde aber nicht schlau aus dem, was der Parkplatzw\u00e4chter sagt. Er schreit, und dabei kommt \u03bc\u03b1\u03bb\u03ac\u03ba\u03b1\u03c2 immer wieder vor, das griechische Standard-Schimpfwort. Er scheint es auf mich zu beziehen, aber ich wei\u00df nicht, womit ich mir das verdient habe. Ich bekomme dann aber heraus, dass zumindest das Auto, das parallel zu meinem steht, der Hauptschuldige, zu einem weiteren Passagier geh\u00f6rt. Wo der abgeblieben ist, scheint keiner zu wissen. Und ich bekomme heraus, dass der W\u00e4rter schon dreimal telefoniert hat, um die Sache zu melden. Da sich aber nichts tut, gehe ich hinauf zur Rezeption, aber die ist geschlossen. Als ich wieder nach unten komme, ist die Lage unver\u00e4ndert. Irgendwann erscheint ein anderer W\u00e4rter mit einem Schl\u00fcssel und setzt den Wagen vor mir raus. Ich komme aber immer noch nicht raus. Und auch nicht rein. Zu beiden Seiten ist kein Platz zum Einsteigen. Hinten rechts kann man sich wenigstens halb reinzw\u00e4ngen. Das macht einer der M\u00e4nner, wobei er sich auf mein Gep\u00e4ck stellt. Er l\u00f6st die Handbremse und lenkt von hinten, w\u00e4hrend der andere schiebt. Jetzt kann ich losfahren. Als ich das Schiff verlasse, fahren schon die ersten neuen Lastwagen auf.<\/p>\n<p>Pir\u00e4us zeigt sich von seiner h\u00e4sslichen Seite. Die geschlossene Wolkendecke, die keinen Sonnenstrahl durchl\u00e4sst und der Dunst, der alles einh\u00fcllt, machen das auch nicht besser. Mein Handy spielt verr\u00fcck, schickt mich immer im Kreis hin und her, tut nicht mehr das, was es am Abend vorher noch getan hat und gibt dann ganz seinen Geist auf. Kein Routenplaner, kein Anrufen. Eine weitere Episode in meinem konfliktiven Verh\u00e4ltnis zu elektronischen Medien. Wenn es drauf ankommt, funktionieren sie nicht. Was f\u00fcr ein Gl\u00fcck, dass ich im letzten Moment noch die Adresse in Thessaloniki und eine Kurzfassung der Wegbeschreibung auf Papier notiert habe!<\/p>\n<p>Ein Mann an einer Tankstelle sagt mir, ich m\u00fcsse mich immer Richtung Lamia halten. Gott sei Dank. Thessaloniki ist hier nirgends ausgeschildert, und auf Lamia w\u00e4re ich nicht gekommen. Die Umgebung ist unansehnlich, es ist schon viel los auf den Stra\u00dfen, alles ist Grau in Grau, und ich werde immer m\u00fcder.<\/p>\n<p>Als die Mautstrecke anf\u00e4ngt, wird es etwas besser. Es klart etwas auf, die Umgebung wird ansehnlicher, und ein Kaffee auf dem allerersten Rastplatz weckt m\u00fcde Geister.<\/p>\n<p>Und der Verkehr l\u00e4sst nach. Kein Wunder, die Sache gibt es nicht umsonst. Immer wieder kommen Mautstationen in Sicht, insgesamt 12 bis Thessaloniki, f\u00fcr insgesamt 30.40 \u20ac ist die Fahrt zu haben. Die Autobahn ist allerdings vorz\u00fcglich, teils dreispurig, teils kilometerweit mit Beleuchtung versehen. Aufw\u00e4ndig auch die vielen Tunnel, einer davon \u00fcber zwei Kilometer lang.<\/p>\n<p>Erst kommt das Meer in Sicht, dann verschwindet es wieder, dann kommt es wieder. Der sch\u00f6nste Streckenabschnitt ist der, als es von der Autobahn runtergeht, eine kurvenreiche Strecke mit Bergen und \u00fcppiger Vegetation zu beiden Seiten. Auch sonst ist es ziemlich gr\u00fcn, mit leuchtendem Ginster gleich am Rande der Autobahn als einzigem anderen Farbtupfer. Als es auf Thessaloniki zugeht, kommt man durch eine Ebene, die eher langweilig ist.<\/p>\n<p>Eine Abfahrt f\u00fchrt nach Thiva, das kaum noch als das antike Theben zu erkennen ist, aber zwei wichtige Lautwechsel illustriert. Auch zu den Thermopylen geht es\u00a0 ab, und irgendwann kommt ein schneebedeckter Berg in Sicht \u2013 der Olymp!<\/p>\n<p>Thessaloniki ist in lateinischer Schrift nur ein &lt;s&gt;, obwohl es im Griechischen zwei hat, Larissa hat in lateinischer Schrift zwei, obwohl es im Griechischen nur eins hat. Sp\u00e4ter ist Thessaloniki allerdings immer mit zwei &lt;s&gt; geschrieben. Vielleicht war es nur ein Fehler, aber auch der illustriert, wie schwierig es ist, eine angemessene Umschreibung zu finden.<\/p>\n<p>In Thessaloniki finde ich tats\u00e4chlich die erste Stra\u00dfe, an der ich abbiegen muss. Aber dann f\u00e4ngt die Suche an. Die Wegbeschreibung enth\u00e4lt weitere sechs Stra\u00dfen, und da ich die zweite nicht finde, finde ich auch die folgenden nicht. Das ist auch kein Wunder. Die Stra\u00dfennamen sind oft schlecht oder zu sp\u00e4t zu erkennen oder gar nicht vorhanden, und Einbahnstra\u00dfen und die Dynamik des Verkehrs verhindern manchmal das Abbiegen dort, wo man es tun m\u00fcsste. Der Verkehr ist dicht gedr\u00e4ngt, mit Autos, die auf dem Fahrstreifen halten und Motorr\u00e4dern, die rechts und links \u00fcberholen. An Parken ist nicht zu denken. Irgendwann komme ich an einer Kirche vorbei, an der gerade eine Busladung Touristen aussteigt. Die kenne ich! Agios Demetrios, eine der Szenen, die ich noch von damals, einem kurzen Besuch in Thessaloniki, in Erinnerung habe.<\/p>\n<p>Irgendwann komme ich auf die Olympiados, eine der Stra\u00dfen, die in der Wegbeschreibung vorkommen. Die ist auch gro\u00df, aber weniger befahren. Und ich finde einen Parkplatz. In einem Caf\u00e9 hilft mir ein junger Mann mit seinem Handy. Er ist in der Schweiz aufgewachsen und kramt jetzt in seinem Ged\u00e4chtnis nach deutschen W\u00f6rtern, um mir den Weg zu erkl\u00e4ren. Am Ende bleibt es bei einer groben Richtungsangabe, aber damit bin ich zufrieden.<\/p>\n<p>Dann folgt der vergebliche Versuch, eine der Stra\u00dfen zu finden, die er mir angegeben hat. Ich komme aber am Lidl vorbei, das auch in der Wegbeschreibung auftaucht. Dann wieder parken, aussteigen, in einem Gesch\u00e4ft fragen. Wieder wird ein Handy hervorgeholt, diesmal von einer jungen Frau. Sie ist sehr freundlich und bittet mich um Geduld, weil alles so lange dauert. Sie gibt dann eine genaue Erkl\u00e4rung, und nach mehreren Runden um den Block komme ich tats\u00e4chlich in die n\u00e4chste richtige Stra\u00dfe, eine schmale, steil ansteigende Gasse. Unglaublich, und das mitten im Zentrum der Stadt. Dann ist aber alle Hoffnung verloren. Ich parke wieder und mache mich zu Fu\u00df auf den Weg. Auch hier kennt niemand die Stra\u00dfe. Dabei lohnt es sich schon, sie wegen ihres Namens zu kennen: Bouboulinas.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise ist es hell und warm, und zum ersten Mal an diesem Tag kommen ein paar Sonnenstrahlen zum Vorschein. Ich lande in einem Park, in einer Taverne und frage Frauen, die hoch oben auf Balkonen sitzen. Ich frage auch nach den anderen Stra\u00dfen, da hat man eher Erfolg, aber von denen gerate ich dann wieder ins Abseits. Immer wieder komme ich an Stellen vorbei, an denen ich schon war. Und dann sehe ich auf einmal die Fassade vor mir, wie ich sie aus dem Internet kenne, ohne jemals die Stra\u00dfe gefunden zu haben. Am Ende hat die Fahrt f\u00fcnf Stunden und die Wohnungssuche zwei Stunden gedauert.<\/p>\n<p>Die Begr\u00fc\u00dfung ist sehr freundlich und best\u00e4tigt den guten Eindruck von der Korrespondenz. Die Vermieterin, Sofia, wohnt selbst auch hier, im ersten Stock. Meine Wohnung ist eine Einliegerwohnung ganz unten. Ich brauche noch nicht einmal die Treppen rauf! Die Wohnung hat alles, was man braucht, vom Wasserkocher bis zur Waschmaschine, und ich bekomme eine gr\u00fcndliche und geduldige Einweisung in die Funktionsweisen verschiedener Ger\u00e4te. In den Schr\u00e4nken ist ein Grundvorrat an Tees und Kaffees, im K\u00fchlschrank kaltes Wasser, und auf dem Tisch stehen ein Teller mit Obst, eine Vase mit Blumen und eine Falsche Wein! Willkommen!<\/p>\n<p>Vorher und nachher gibt es aber ein sehr willkommenes Glas Wasser und dann einen Frapp\u00e9 auf Sofias Balkon. Von hier aus sieht man auf die Unterstadt hinunter, mit dem Meer ganz hinten.<\/p>\n<p>Sofia hat dieses Haus selbst gebaut, zusammen mit ihrer Schwester, die oben wohnt, und ihrem Bruder, der in der Mitte wohnt. Das Elternhaus ist gar nicht weit weg, in der N\u00e4he von Agios Demetrios.<\/p>\n<p>Sofia ist pensionierte Englischlehrerin und spricht auch T\u00fcrkisch. Das hat sie von ihren Gro\u00dfeltern gelernt, die untereinander nur T\u00fcrkisch sprachen und nach der \u201eKleinasiatischen Katastrophe\u201c in diese Gegend kamen. Sie hat dann genau das Richtige gemacht, damit die Kenntnisse nicht verloren gingen: Drei Jahre Unterricht und anschlie\u00dfende viele Reisen in die T\u00fcrkei. Sie hat Freunde dort und besucht sie regelm\u00e4\u00dfig. Ich erz\u00e4hle von der bevorstehenden Hochzeitsfeier in Istanbul und erfahre, dass ich auch gut mit dem Bus nach Istanbul h\u00e4tte reisen k\u00f6nnen. Das dauert nicht so allzu lange und ist sehr preisg\u00fcnstig. Auch mit dem Auto w\u00e4re es gegangen, aber als Alleinreisender w\u00e4re das teuer gewesen.<\/p>\n<p>Sie geht am Abend in ein Gospel-Konzert und will mich gleich mitnehmen. Das ist eine nette Geste, aber ich bin einfach zu m\u00fcde. Ihre Schwester, sagt sie, ist Mitglied in einem Wanderclub, und da k\u00f6nnte ich sonntags auch mal eine Wanderung mitmachen. Das h\u00f6rt sich alles sehr verlockend an.<\/p>\n<p>Vergina, mit den Grabsch\u00e4tzen Philipps II., ist f\u00fcr sie das sch\u00f6nste Museum, das sie je gesehen hat. Sie f\u00e4hrt immer wieder dorthin. Ich erinnere mich, dass ich auch sehr beeindruckt war. Au\u00dferdem spricht sie von einem Bad, in dem es hei\u00dfe und kalte Quellen und einen Wasserfall gibt, in einem Ort namens Pozar, schon fast an der Grenze zu Mazedonien. Ganz in der N\u00e4he ist Pella, die alte Hauptstadt des Makedonischen Reiches, und von dort startet der Marathon von Thessaloniki.<\/p>\n<p>Eine ihrer Nichten ist in Deutschland, und zwar ausgerechnet in M\u00fcnster, und schreibt dort ihre Doktorarbeit, in einer naturwissenschaftlichen Disziplin, auf Englisch. Eine andere ist in der Schweiz, in der N\u00e4he von Z\u00fcrich. Dort ist auch der Bruder, aber den Zusammenhang verstehe ich nicht ganz.<\/p>\n<p>F\u00fcr den n\u00e4chsten Tag gibt es gleich eine Einladung zum Mittagessen. Und am Abend bringt sie mir noch Honig f\u00fcr meine Erk\u00e4ltung und k\u00fcndigt f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag ein Wunderheilmittel mit Ingwer an.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">17. Mai (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Am Vormittag ein Spaziergang durch das Viertel und dann runter in die Unterstadt und zum Meer. Die Unterstadt ist ganz anders, mit breiten Boulevards, im Schachbrettmuster angelegt. Das hat seinen Grund: Es hat verschiedene verheerende Br\u00e4nde gegeben, der letzte und schlimmste davon 1917. Nach dem hat man die Unterstadt neu gebaut.<\/p>\n<p>Den geraden, breiten Stra\u00dfen der Unterstadt entsprechen die krummen und schiefen Gassen der Oberstadt. Adrette H\u00e4user mit farbig gefassten Fassaden, Erker, \u00fcberdachte Balkone, viel Holz, verzierte Torgitter, Pergolen mit Ranken, das ist die eine Seite. Die andere: br\u00f6ckelnder Putz, verfallene H\u00e4user, verschmierte Fassaden, Unkraut, das sich den Weg zwischen den Mauerspalten sucht. Alles sehr authentisch. \u00dcberall posieren Katzen, so als wollten sie photographiert werden. Was auch geschieht.<\/p>\n<p>Unsere Gasse f\u00fchrt steil nach oben. Durch ein Tor kommt man zur anderen Seite der Stadtmauer, die hier noch erhalten ist. Die Kirche, die hier auch in der Gegend ist, Agios David, finde ich nicht, aber das spielt keine Rolle.<\/p>\n<p>Unten gehe ich bis zum Meer und dann an der breiten Meeresfront bis zum Wei\u00dfen Turm. Hier laufen Jogger entlang, wie Sofia schon angek\u00fcndigt hatte, und es gibt sogar einen breiten Fahrradstreifen. Auf der anderen Seite gehe ich dann zur\u00fcck, vorbei an einer endlosen Reihe von Stra\u00dfencaf\u00e9s, die alle voll sind. Der Autoverkehr scheint niemanden zu st\u00f6ren. Dieses Bild habe ich auch noch von damals in Erinnerung.<\/p>\n<p>Anders als auf Kreta sieht man hier \u00e4ltere Menschen mit Rollator. Und man sieht Bettler. Die haben am Sonntagvormittag vor den Kirchen Stellung bezogen. Anders als in Kreta sind auch alle Gesch\u00e4fte sonntags geschlossen.<\/p>\n<p>Auch eine t\u00fcrkische Familie, offensichtlich Touristen, f\u00e4llt aus der Reihe.<\/p>\n<p>In einem Schaufenster steht \u03bc\u03b5\u03c4\u03b1\u03c6\u03b5\u03c1\u03b8\u03b7\u03ba\u03b1\u03bc\u03b5. Daf\u00fcr braucht man im Deutschen drei W\u00f6rter: <em>Wir sind umgezogen<\/em>. Das ist bei der Sprachproduktion f\u00fcr Ausl\u00e4nder ein Problem: Man muss Tempus, Person und Bedeutung in eine Form packen.<\/p>\n<p>In einem modernen Geb\u00e4udekomplex beim Wei\u00dfen Turm suche ich lange nach der Touristeninformation. Erst sp\u00e4ter sehe ich am Eingang, dass die umgezogen ist, auf den Aristoteles-Platz. Ist aber heute ohnehin geschlossen. Trotzdem gehe ich zum Aristoteles-Platz, etwa in der Mitte der Altstadt gelegen. Der zieht sich lang und breit ein ganzes St\u00fcck nach oben. In einer Konditorei hilft mir eine sehr freundliche Bedienung bei der Auswahl von Geb\u00e4ckst\u00fccken als Mitbringsel f\u00fcr die Einladung zum Mittagessen.<\/p>\n<p>Bei dem ist auch Sofias Schwester, Ana, zugegen. Man sieht ihnen an, dass sie Schwestern sind. Ana ist Musiklehrerin an einem Gymnasium. Es geht jetzt auf das Ende des Schuljahres zu. Man befindet sich in der Pr\u00fcfungsphase. Das scheint mehr Ruhe zu bedeuten.<\/p>\n<p>Es gibt ein scharfes Reisgericht, Rezept einer ehemaligen Mieterin, einer Jamaikanerin. Dazu gibt es Salat, und danach wird ganz vorsichtig von dem Geb\u00e4ck probiert. Hier wird auf die schlanke Linie geachtet. Dann bekomme ich noch das Wunderheilmittel gegen Erk\u00e4ltung verabreicht, Ingwer mit Honig vermischt. Die z\u00e4hfl\u00fcssige Masse l\u00e4sst man ganz langsam die Kehle runter laufen.<\/p>\n<p>Die beiden sind gute Gespr\u00e4chspartner, erz\u00e4hlen von sich und fragen nach und helfen mir durch geduldiges Wiederholen und durch Einspringen bei den schwierigen griechischen Verbformen. Sie finden, ich h\u00e4tte den gleichen Akzent wie eine Frau aus ihrem Bekanntenkreis, eine Deutsche. Meinen eigenen Akzent h\u00f6re ich nur manchmal.<\/p>\n<p>Sofia hat auch einen Lesekreis. Als n\u00e4chstes ist <em>Lolita<\/em> von Nabukov dran. Sie meint, ich k\u00f6nne durchaus mal mitkommen. Das w\u00e4r was.<\/p>\n<p>Am Abend beginne ich mit der Lekt\u00fcre von <em>Onkel Wanja<\/em>. Das l\u00e4uft hier im Theater, noch eine Woche. Es stellt sich aber schnell heraus, dass das selbst dann noch zu schwer sein wird, wenn ich den Text vorher gelesen habe.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">18. Mai (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen geht es zuerst zu Lidl. Jetzt merke ich erst, wie nah es dorthin ist. Jedenfalls zu Fu\u00df. Als ich gestern nach den \u00d6ffnungszeiten sehen wollte, fand ich keine. Das liegt daran, dass sie am Schaufenster hinter dem Rollladen angebracht sind. Man kann also nur sehen, wann ge\u00f6ffnet ist, wenn ge\u00f6ffnet ist.<\/p>\n<p>Drinnen ist es trotz der fr\u00fchen Stunde schon voll. Eine Frau in der langen Schlange an der Kasse stellt laut eine Frage, die ich mir auch stelle: Wo wiegt man hier die Tomaten? Antwort: An der Kasse. Das ist in Griechenland ungew\u00f6hnlich.<\/p>\n<p>Dann geht es zu dem Handyladen, den Sofia mir auf der Karte eingezeichnet hat. Unterwegs komme ich an einem Imbissstand vorbei, in dem es \u039a\u03cc\u03c4\u03c3\u03b9 gibt. H\u00f6rt sich nicht so appetitlich an.<\/p>\n<p>Mit dem Mann im Handyladen wechsle ich auf Englisch wegen der technischen Schwierigkeiten, aber das erleichtert die Kommunikation nicht. Er schickt mich aber sowieso weiter zu einem Nokia-Laden. Dort bleibe ich dann lieber beim Griechischen. Der Mann hinter der Theke, ein sehr ruhiger, fast sanfter Typ, der gar nicht der Vorstellung des typischen griechischen Mannes entspricht, ist v\u00f6llig \u00fcberrascht. Sowas hat er noch nie gesehen. Er holt eine Lupe, um \u00fcberhaupt entziffern zu k\u00f6nnen, was auf dem Bildschirm steht. Er will sich an der Sache versuchen. Wenn es nicht klappt, muss er das Handy einschicken.<\/p>\n<p>In der Zwischenzeit mache ich mich auf den Weg zur Buchhandlung, lande aber in einer anderen Filiale als der, die Sofia empfohlen hatte. Dort ist ein ganz, ganz freundliches kleines M\u00e4dchen, das mich sofort anspricht und mich zu den Reisef\u00fchrern von Thessaloniki f\u00fchrt. Ich nehme zwei kleine mit.<\/p>\n<p>Danach geht es zur Touristeninformation. Gar nicht so leicht zu finden. Sie ist in einem Kiosk ganz unten am Aristoteles-Platz untergebracht. Vor mir ein junges deutsches Paar, nach mir ein \u00e4lterer deutscher Mann. Der fragt als erstes in einem etwas fordernden Ton: \u201eSprechen Sie Deutsch?\u201c<\/p>\n<p>Auf dem Weg kann man gut erkennen, welche Bedeutung die Zebrastreifen f\u00fcr den Verkehr haben: keine. Gar keine. Sie dienen lediglich der Dekoration.<\/p>\n<p>Da es noch zu fr\u00fch f\u00fcr den Handyladen ist, gehe ich in ein Caf\u00e9 am Rande der r\u00f6mischen Agora. Man sieht in die Ausgrabungsarbeiten hinunter. Ich sehe mir die Brosch\u00fcren der Touristeninformation an, und pl\u00f6tzlich steht Sofia vor mir. Sie sa\u00df wohl in demselben Caf\u00e9, aber wir hatten uns nicht gesehen!<\/p>\n<p>Die Toilette in dem Caf\u00e9 ist gekennzeichnet mit einem Mann, der sich windet und sich die H\u00e4nde vor den Scho\u00df h\u00e4lt, wie einer, der vor dem verschlossenen WC steht. Bei den Frauen eine \u00e4hnliche Gestalt, aber der Mann wirkt authentischer.<\/p>\n<p>Als ich dann wieder zu dem Handyladen komme, ist das Handy tats\u00e4chlich repariert. Aber alle Daten sind futsch. Der Mann ist sehr geduldig und richtet das Handy gebrauchsfertig f\u00fcr mich ein. Es ist, als ob man ein neues Handy gekauft h\u00e4tte. Als ich sp\u00e4ter mein Konto aktiviere, kommen aber viele Daten wieder zum Vorschein. Die ganze Aktion kostet nichts!<\/p>\n<p>Am Nachmittag l\u00e4dt mich Sofia auf die Terrasse zum Kaffee ein. Dort stellt sie einen Mann vor, der in der Nachbarschaft wohnt. Ich habe ihn dieser Tage fl\u00fcchtig gesehen. Ich erfahre, dass morgen ein wichtiger Tag ist, ein Tag, der in Griechenland als Trauertag gilt und in der T\u00fcrkei mit einem Meer aus roten Fahnen gefeiert wird. Sofia war schon mal dabei. Es ist der Beginn des t\u00fcrkischen Unabh\u00e4ngigkeitskriegs, der \u201eBefreiungsschlag\u201c der T\u00fcrkei unter Atat\u00fcrk, nachdem die M\u00e4chte der Entente das alte Osmanische Reich praktisch aufgeteilt hatten und Griechenland Smyrna besetzt hatte, um sich Kleinasien einzuverleiben.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter, als der Mann sich verabschiedet hat, sprechen wir fast eine Stunde \u00fcber B\u00fccher und \u00fcber Lesen, ausnahmsweise auf Englisch. Sofia war eine echte Leseratte, l\u00e4sst sich jetzt aber nach eigenem Bekunden gerne vom Internet ablenken. Sie hat auch einen Kindle, und auch sie hat ihn geschenkt bekommen.<\/p>\n<p>Ich erz\u00e4hle noch etwas detaillierter, wie ich auf ihre Wohnung gekommen bin und welche Zuf\u00e4lle dabei eine Rolle spielten. Sie sagt nachdenklich, einige Dinge im Leben sollten wohl einfach geschehen. Es gibt Menschen, die unseren Weg kreuzen und irgendetwas hinterlassen. Manchmal h\u00e4tten sie damit ihre Rolle erf\u00fcllt und w\u00fcrden dann wieder in den Hintergrund treten. Das m\u00fcsse man akzeptieren. Sie erz\u00e4hlt von einer Freundin, die es bedauert, dass ihr Verh\u00e4ltnis jetzt nicht mehr so eng ist wie fr\u00fcher. Sie ist jetzt verheiratet, und ausgerechnet Sofia hat ihr den Mann vorgestellt, der dann ihr Ehemann wurde. Sie habe jetzt ihre Rolle gespielt, meint Sofia, das Verh\u00e4ltnis sei weiterhin gut, aber nicht mehr so eng, das gehe jetzt einfach nicht mehr.<\/p>\n<p>Am Abend mache ich noch einen Spaziergang in die Stadt. Eigentlich ergebnislos, denn es hie\u00df, dass heute, am Tag des Museums, bei den Sehensw\u00fcrdigkeiten Sonderveranstaltungen stattfinden sollen. Aber es ist nichts zu sehen, und alles ist geschlossen. Unten, hinter dem Wei\u00dfen Turm, gibt es Live-Musik, aber das hat mit dem Museumstag nichts zu tun. Bei der lauen Luft ist es am Wasser besonders sch\u00f6n, zumal man die Sonne am Horizont untergehen sieht, aber auch in der Stadt herrscht eine sch\u00f6ne, sommerliche Atmosph\u00e4re. Es ist noch m\u00e4chtig was los. Vor allem junge Leute sind unterwegs. Zu essen gibt es alle paar Meter was, und davon wird auch reichlich Gebrauch gemacht. Man hat nicht gerade den Eindruck, in einem armen Land zu sein. Aber die Armut sieht man nat\u00fcrlich auch nicht so ohne weiteres, au\u00dfer bei den Bettlern und denen, die den Abfall nach Brauchbarem durchsuchen. Ich erinnere mich an gestern, als Sofia \u00fcber die Kreter schimpfte. Die h\u00e4tten genug zu essen und kapierten nicht, was in anderen Teilen Griechenlands passiere.<\/p>\n<p>Ich komme ungeplant am Galerius-Bogen vorbei, den ich bisher noch nicht gesehen hatte. Au\u00dferdem an Agios Demetrios, Agias Sofias und Profitis Ilias. Die ist ganz in der N\u00e4he der Wohnung und war mir schon dieser Tage durch ihr verwinkeltes \u00c4u\u00dferes aufgefallen.<\/p>\n<p>An einem Platz sehe ich einen Baum mit einer einzigen, nicht identifizierten Frucht ganz oben. An der Meeresfront sehe ich, nur durch eine Photographin, ein ganz ungew\u00f6hnliches modernes Haus, treppenartig abgestuft. Auf dem R\u00fcckweg sehe ich erleuchtetes Schild, auf dem steht: <em>24 h \u03b3\u03ac\u03bb\u03b1. <\/em>Es bedeutet tats\u00e4chlich das, was es zu bedeuten scheint: Hier bekommt man 24 Stunden lang Milch! Aus dem Automaten. Und an einem Imbissstand steht: \u0391\u03c4\u03bf\u03bc\u03b9\u03ba\u03ae \u03c0\u03af\u03c4\u03c3\u03b1. Die Pizza ist in Atome aufgeteilt!<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">19. Mai (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Wach werde ich von einem Ger\u00e4usch, so als ob Eisenstangen auf dem Asphalt h\u00fcpfen. Aber wer bringt die in Bewegung? Sind es Katzen, die sich an den M\u00fclleimern zu schaffen machen?<\/p>\n<p>In dem kleinen Durchgang nach oben steht eine kleine Kommode, genau die gleiche, die bei mir steht! Sofia hat sie tats\u00e4chlich von einer fr\u00fcheren Mieterin, die sie aus Spanien mitgebracht hat und dann hier lassen musste, weil sie nach Amerika zur\u00fcckging. Verr\u00fcckter Zufall!<\/p>\n<p>Am Morgen der erste Lauf, bei herrlichem Wetter bis zum Wei\u00dfen Turm und zur\u00fcck. Davor schon eine zweite Lauf-Aktivit\u00e4t, Anmeldung zu einem Lauf, der diese Woche hier stattfindet. Sofia hat mir den Link geschickt. Es ist ein ganz offener Lauf, der \u00fcber 72 Stunden stattfindet. Man kann jederzeit einsteigen und aussteigen.<\/p>\n<p>Am Vormittag f\u00fchrt mich Sofia durch die Stadt. Sie zeigt mir, wo es billige Hausmannskost gibt, wo die Buchhandlung ist, die ich verpasst habe, wo die beste B\u00e4ckerei von Thessaloniki ist. In einem Handyladen sorgt sie f\u00fcr die Auflandung meines Handys mit einem sehr g\u00fcnstigen Gesamtpacket, in dem auch das Internet enthalten ist. Wir gehen auch durch den \u00fcberdachten Markt, an dem ich schon mal vorbeigekommen bin, und ich erfahre, dass die Agias Sofias jetzt Fu\u00dfg\u00e4ngerzone wird. Das ist das Wirken des B\u00fcrgermeisters, \u00fcber den ich in einen Artikel in einer deutschen Zeitung gelesen habe. Sofia sagt: \u201eWir haben keinen guten Pr\u00e4sidenten, wir haben keinen guten Ministerpr\u00e4sidenten, aber wir haben einen guten B\u00fcrgermeister.\u201c<\/p>\n<p>In einem Caf\u00e9 bekomme ich zum Kaffee Trigona zu probieren, die bekannteste Spezialit\u00e4t Thessalonikis, was S\u00fc\u00dfigkeiten angeht, eine Art H\u00f6rnchen mit Cremef\u00fcllung. Schmeckt gut, aber muss man nicht jeden Tag haben. Sofia verzichtet ganz. Sie steht mehr auf kr\u00e4ftigem Zeug.<\/p>\n<p>Sie f\u00e4hrt Anfang Juni in die Schweiz, um ihrem Bruder zu helfen. Der ist mit seiner griechisch-schweizerischen Ehefrau in die Schweiz umgesiedelt. Dort k\u00fcmmern sie sich um die kranke Mutter der Ehefrau. Er ist inzwischen dort ganz heimisch geworden, hat die Schweizer Staatsb\u00fcrgerschaft angenommen, ist politisch aktiv und m\u00f6chte gar nicht mehr nach Griechenland zur\u00fcck. Seine Frau hat dagegen Sehnsucht nach Griechenland, dem fremden Zuhause.<\/p>\n<p>Als ich mich f\u00fcr ihre Hilfe bedanke, sagt sie, sie tue das gerne. Sie habe im Leben so viel Hilfe von anderen erfahren, dass sie das gerne weitergebe. Genauso ist es: Wir nehmen von den einen und geben den anderen.<\/p>\n<p>Ich gehe dann alleine weiter und finde gleich gegen\u00fcber von dem Handyladen das ideale Gesch\u00e4ft, eine Weinhandlung, die die Flaschen mit eigenen, selbstgefertigten, mehr oder weniger individuellen Etiketten versieht. Die rundliche Verk\u00e4uferin ist in M\u00fcnchen aufgewachsen und kann noch genug Deutsch, obwohl sie schon mit zehn nach Griechenland kam. Ich bringe die Flasche nach nebenan und sage artig Dankesch\u00f6n und wende mich dann profaneren Dingen wie M\u00fclleimerbeuteln und Waschmitteln zu.<\/p>\n<p>Als ich zuhause ankomme, stehen schon Spaghetti <em>al pesto<\/em> auf dem Tisch. Sofia entschuldigt sich in Endlosschleife, dass sie versalzen sind, aber so schlimm ist es nicht. Sie erz\u00e4hlt, wie ihre couragierte Mutter daf\u00fcr sorgte, dass die j\u00fcngere Tochter ein Klavier bekam, gegen den Willen des Vaters, der fand, dass sie sich noch nicht einmal eine Unterhose leisten konnten und f\u00fcr den ein Klavier unn\u00f6tiger Luxus war. Und sie erz\u00e4hlt, wie die Mutter f\u00fcr ein Grundst\u00fcck sorgte, auf dem die Kinder ihr gemeinsames Zuhause errichten konnten. Sie konnte selbst nicht mehr hier einziehen, sah das Projekt aber noch vollendet. Die Wohnung, die f\u00fcr die Eltern vorgesehen war, ist die Einliegerwohnung, die jetzt vermietet wird. Ihre Mutter, unglaublich f\u00fcr eine Griechin in den siebziger Jahren, billigte auch ihre Entscheidung, mit 19 nach London zu gehen und dort ihr Diplom zu machen. Mit einer Auflage: Sie bekam nur die Hinfahrt bezahlt. Sie kam dann mit dem Diplom zur\u00fcck und machte ihre eigene private Schule auf, ein Frontistirio. Das war offensichtlich eine lukrative Sache, genau so, wie es im Griechischkurs in Santorin geschildert wurde.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">20. Mai (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen passiert etwas, das ich gar nicht auf der Rechnung hatte: Regen. Wird immer doller. Jetzt wei\u00df ich auch, wozu die Rinnen in der Mitte der Stra\u00dfen dienen. Das Wasser rauscht runter wie in einem Gebirgsbach. Dann beruhigt sich die Sache, und entgegen der Vorhersage kommt schlie\u00dflich sogar die Sonne raus. An einer Apotheke, die allerdings zu \u00dcbertreibungen neigt, werden am Nachmittag 30\u00b0 angezeigt.<\/p>\n<p>Ich gehe zum Wei\u00dfen Turm. Da ist eine Art Stadtmuseum untergebracht. Na ja, nicht ganz, zu sehen gibt es eigentlich nichts, aber auf jeder der sechs Etagen gibt es Darstellungen zur Geschichte von Thessaloniki. Man k\u00f6nnte Tage hier verbringen, aber das kann man genauso gut in einem Buch nachlesen. Eine erstaunlich breite Treppe f\u00fchrt von Geschoss zu Geschoss. Jedes hat einen zentralen runden Raum und ein paar kleine weitere R\u00e4ume, die daran angrenzen.<\/p>\n<p>Thessaloniki wurde von Kassander gegr\u00fcndet \u2013 nach dem eine der gro\u00dfen Querstra\u00dfen ganz hier in der N\u00e4he benannt ist &#8211; und nach seiner Frau, der Halbschwester Alexanders des Gro\u00dfen, benannt. Es war keine eigentliche Neugr\u00fcndung, sondern eine Zusammenfassung verschiedener bereits existierender Siedlungen. Dieses Gebiet wurde schon fr\u00fch besiedelt, wegen des fruchtbaren Bodens. Der hat seinen Grund in den Fl\u00fcssen, die hier in den Therm\u00e4ischen Golf m\u00fcnden.<\/p>\n<p>Nach der t\u00fcrkischen Eroberung 1487 lebten zun\u00e4chst die verschiedenen Ethnien gemischt, erst dann bildeten sich Stadtviertel aus. Auf der Karte kann man die Verteilung gut sehen: die j\u00fcdischen Stadtviertel im S\u00fcden, die t\u00fcrkischen in Norden, die christlichen in der Mitte.<\/p>\n<p>Die Gr\u00f6\u00dfe der Stadt wurde lange durch die Stadtmauer bestimmt. Am Ende des 5. Jahrhunderts hatte die schon den gleichen Verlauf wie noch im 19. Jahrhundert! Dann, mit der Europ\u00e4isierung der T\u00fcrkei, mit der Industrialisierung und mit dem Bev\u00f6lkerungswachstum, begann man die Mauer allm\u00e4hlich abzurei\u00dfen, zuerst die zur Meeresfront hin. Da entstand dann der breite Kai, der heute Flaniermeile ist. Dann wurde die Mauer im Osten abgebrochen, die Stadt dehnte sich weiter nach Osten aus, und dort entstanden die Villen der neuen Bourgeoisie. Zur Neugestaltung der Stadt kamen auch ausl\u00e4ndische Architekten in die Stadt, j\u00fcdische, italienische und deutsche.<\/p>\n<p>Der Brand von 1917 war eine echte Z\u00e4sur. Ein Drittel der Stadt wurde zerst\u00f6rt, fast die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung obdachlos. Man sieht Filmaufnahmen von dem Brand, mit Flammen, Rauch und vor allem Funken, die in alle Richtungen stieben. Der Wind trug dazu bei, dass der Brand so verheerende Folgen hatte, ebenso wie die Bauweise der H\u00e4user, der Wassermangel (klingt irgendwie paradox bei der N\u00e4he des Meeres) und das Fehlen einer organisierten Feuerwehr.<\/p>\n<p>Die neue Stadtplanung wurde einem Franzosen \u00fcbertragen, und das sieht man f\u00f6rmlich. Der Plan sieht aus wie der von Hausmann in Paris. Die Bauweise der H\u00e4user ist allerdings moderner, aber auch hier haben viele H\u00e4user die gleiche Geschossh\u00f6he, und alle sind gleich ausgerichtet, mit ihren breiten Fronten zum Meer hin.<\/p>\n<p>Von den vielen Kirchen, die vorgestellt werden, hat eine den kuriosen Namen \u0391\u03c7\u03b5\u03b9\u03c1\u03bf\u03c0\u03bf\u03af\u03b7\u03c4\u03bf\u03c2. Das bedeutet \u201anicht von Hand gemacht\u2018 und bezieht sich wohl auf eine Ikone, die es hier gab. Die war so besonders, dass sie nicht von Menschenhand gefertigt sein konnte. Dies ist die \u00e4lteste Kirche Thessalonikis und auch die erste, die in eine Moschee umgewandelt wurde. Davon zeugt noch eine Inschrift auf einem Pfeiler der Kirche. Nach 1912 diente die Moschee dann der Aufnahme von Fl\u00fcchtlingen und wurde dann sp\u00e4ter wieder in eine Kirche umgewandelt.<\/p>\n<p>Besondere Bedeutung hat Agios Demetrios als Kirche des Schutzpatrons von Thessaloniki. Sie steht auf den Ruinen eines r\u00f6mischen Bades, an der Stelle, wo Demetrios hingerichtet wurde. Dort entstand zun\u00e4chst eine Kapelle, dann eine dreischiffige und nach deren Zerst\u00f6rung eine f\u00fcnfschiffige Kirche. Die erste Kirche wurde offenbar durch ein Erdbeben zerst\u00f6rt. Demetrios wurde zu einem wichtigen Wallfahrtsort. Hierher kamen Pilger, um in Bleifl\u00e4schchen Myrrhe mitzunehmen, das besondere Kennzeichen des Heiligen. Diese Fl\u00e4schchen wurden bei Ausgrabungen \u00fcberall in Thessaloniki gefunden. Am Patronatsfest fand ein Markt statt, der zum wichtigsten von Makedonien wurde und Besucher aus anderen L\u00e4ndern anlockte, sogar aus Spanien.<\/p>\n<p>In einem anderen Geschoss geht es um den Makedonischen Kampf. Irgendwo habe ich ein Museum gesehen, das sich diesem Kampf widmet, hatte aber keine Ahnung, worum es ging. Die Sache bezieht sich auf die Situation am Anfang des 20. Jahrhunderts, als Makedonien noch zum Osmanischen Reich geh\u00f6rte, obwohl Griechenland schon seit Jahrzehnten unabh\u00e4ngig war. Serbien, Bulgarien und Griechenland brachten sich in Stellung, um die Schw\u00e4che des Osmanischen Reichs auszunutzen und Makedonien f\u00fcr sich zu gewinnen. Der eigentliche \u201eMakedonische Kampf\u201c fand dann 1904-1908 zwischen Griechenland und Bulgarien statt.<\/p>\n<p>Weiter oben gibt es ein paar Erstausgaben von Zeitungen, als Reproduktion. Die erste Zeitung war eine staatliche Zeitung, 1869 zum ersten Mal erschienen, und zwar in einer t\u00fcrkischen, einer griechischen und einer j\u00fcdischen Ausgabe!<\/p>\n<p>Auch das Schulwesen hatte etwas Kosmopolitisches. Die Schulen zu f\u00fchren, blieb den einzelnen Ethnien \u00fcberlassen, auch ein Zeichen f\u00fcr die relative Liberalit\u00e4t der osmanischen Zeit, zumindest an deren Ende. Es gab bis zu dreizehn verschiedene Ethnien, die ihre eigenen Schulen betrieben. Dabei hatten die Juden auch weiterf\u00fchrende Schulen, w\u00e4hrend es f\u00fcr die Griechen nur die Grundschule gab.<\/p>\n<p>Oben angekommen, kann man auf der Plattform einmal ganz herumgehen, mit reichlich Platz. Es ist aber zu windig, um hier lange zu verweilen. Drei Frauen mittleren Alters, die j\u00fcnger aussehen wollen als sie sind und extravagant, sehr modisch gekleidet sind, verstehen den Besuch des Wei\u00dfen Turms in erster Linie als Phototermin. Es sind Italienerinnen.<\/p>\n<p>Ausgerechnet \u00fcber den Wei\u00dfen Turm erf\u00e4hrt man nichts im Wei\u00dfen Turm. Drau\u00dfen ist aber eine Tafel mit Hinweisen, und er steht nat\u00fcrlich in jedem Reisef\u00fchrer. Der Wei\u00dfe Turm stand an der Schnittstelle der Stadtmauer am Ufer und der \u00f6stlichen Stadtmauer und diente der Verteidigung der Stadt zum Meer hin. Wahrscheinlich wurde er von den Osmanen errichtet. Er ist rund und, grob gesprochen, eher breit als hoch. Oben hat er Schie\u00dfscharten und einen Rundbogenfries.<\/p>\n<p>Der Turm hatte im Laufe seiner Zeit verschiedene Funktionen und diente u.a. als Gef\u00e4ngnis. F\u00fcr den Namen gibt es verschiedene Erkl\u00e4rungen. Eine davon hei\u00dft, dass der Turm den Namen Blutturm erhalten hatte, nachdem dort Janitscharen nach einem Aufstand get\u00f6tet worden waren und dass die Osmanen den Turm daraufhin t\u00fcnchen lie\u00dfen, um den Namen in Vergessenheit geraten zu lassen. Man kann Reste von Putz auf dem Naturstein erkennen. Heute ist der Turm, je nach Sonnenlicht, mal grau, mal braun.<\/p>\n<p>Das Theater, in dem <em>Onkel Wanja<\/em> l\u00e4uft, ist gleich neben dem Wei\u00dfen Turm. Die Eing\u00e4nge sind aber verschlossen, und aus einem Aushang am Eingang werde ich nicht schlau. Dann \u00f6ffnet sich aber eine T\u00fcr weiter hinten, und ich kann zur Information gehen. Es gibt keine Brosch\u00fcren, und das M\u00e4dchen schreibt mir die Auff\u00fchrungstermine per Hand auf. Von einem St\u00fcck von Pinter, das an der Fassade gro\u00df beworben wird, wei\u00df sie nichts, und als ich nach dem Titel sehe und wieder reinkomme, ist sie nicht mehr da.<\/p>\n<p>Wieder lande ich in einem Caf\u00e9 direkt neben einer Ausgrabungsst\u00e4tte. Diesmal ist es der Palast des Galerius. Jetzt wird mir klar, warum ich immer mit zwei W\u00f6rtern durcheinander gekommen bin: Es gibt den Palast der Galerius und den Bogen des Galerius.<\/p>\n<p>Beim Bogen des Galerius ist die gro\u00dfe Buchhandlung. Hier finde ich einen detaillierten F\u00fchrer zu Thessaloniki und auch eine Reproduktion einer Stadtansicht als Geschenk f\u00fcr die Hochzeit.<\/p>\n<p>Zum Mittagessen zu einer wahrhaft griechischen Tageszeit komme ich dann in eins der Lokale, wo es Hausmannskost gibt, ein Tipp von Sofia. Alles ist sehr einfach, und der Kellner, der mich mit H\u00e4ndedruck begr\u00fc\u00dft und gleich seine zwei, drei deutschen W\u00f6rter an den Mann bringt, sehr freundlich. Ich frage ihn nach dem Namen des Lokals, \u039b\u03b7\u03bc\u03ad\u03c1\u03b9, und aufgrund eines Wortes, das in der Erkl\u00e4rung vorkommt, <em>Piraten<\/em>, kann ich mir den Rest zusammenreimen: \u201aSchlupfwinkel\u2018.<\/p>\n<p>Am Abend nimmt Sofia mich\u00a0 mit in ihre lokale B\u00fccherei. Dort findet ein Vortrag eines Schriftstellers statt. Ich verstehe nichts au\u00dfer Oscar Wilde und Roland Barthes, Wagner und Hitler. Und das liegt nicht an den knatternden Motorr\u00e4dern, den klingelnden Handys, den kreischenden V\u00f6gel und der Musik aus einem Radio in der Nachbarschaft. Mein Griechisch reicht einfach nicht aus. Es ist aber trotzdem sch\u00f6n. Wir sitzen in einem Innenhof, die Leute sind freundlich, und es wird engagiert diskutiert. Es geht ums Lesen, darum, ob und wie junge Leute lesen und wie man sie dazu bringen kann und auch um den Prozess des Lesens und Verstehens.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend sehe ich noch mal vergeblich am Wei\u00dfen Turm nach Spuren des 72-Stunden-Laufs und verlaufe mich auf dem R\u00fcckweg meisterlich in der Oberstadt.<\/p>\n<p>Wieder, am Nachmittag wie am Abend, \u00fcberall voll besetzte Stra\u00dfencaf\u00e9s. Und eine unglaubliche Anzahl von Imbissst\u00e4nden, Restaurants, Tavernen. Kann mich nicht entsinnen, so etwas schon mal gesehen zu haben.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">21. Mai (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Im Sorbas beobachtet der Erz\u00e4hler einen Zug von Kranichen. Dabei f\u00e4llt auf, dass auf im Griechischen, wie in anderen Sprache, die W\u00f6rter f\u00fcr Kran und Kranich \u00e4hnlich oder deckungsgleich sind: \u03b3\u03b5\u03c1\u03b1\u03bd\u03cc\u03c2.<\/p>\n<p>Am Vormittag gehe ich zu Osios David, eine winzige Kirche, die in den Reisef\u00fchrern steht und wirklich, wie Sofia mir gestern zeigte, nur ein paar Schritte von hier entfernt ist.<\/p>\n<p>Die Kirche war (oder ist) Teil eines Klosters, des Latomon-Klosters, dessen Name wohl von \u03bb\u03b1\u03c4\u03bf\u03bc\u03b5\u03af\u03bf abgeleitet ist, \u201aSteinbruch\u2018. Der Legende zufolge wurde die Kirche von der Tochter des heidnischen und christenfeindlichen Galerius gebaut, und zwar heimlich w\u00e4hrend dessen Abwesenheit auf einem Feldzug. So steht es auch auf einer Tafel drau\u00dfen an der Kirche. Man traut dem Braten nicht, es stimmt einfach alles viel zu gut, und tats\u00e4chlich ist es nichts als eine Legende. Die Kirche ist zweihundert Jahre j\u00fcnger.<\/p>\n<p>Architektonisch hat sie eine gewisse Bedeutung, denn sie ist der Vorg\u00e4nger der sp\u00e4teren Kreuzkuppelkirchen, die man in Griechenland an jeder Ecke sieht. Davon ist aber wenig \u00fcbrig geblieben. Die Kirche ist im Westen abgeschnitten und bildet kein Kreuz mehr, und von einer Kuppel ist nichts zu sehen, jedenfalls innen nicht. Stattdessen eine ordin\u00e4re flache Holzdecke.<\/p>\n<p>Der Ruf der Kirche beruht auf dem Mosaik in der Apsis. Das ist leider von der Ikonostase teils verdeckt. Man stellt sich vor, dass es zur Zeit der Entstehung des Mosaiks noch keine Ikonostasen gab.<\/p>\n<p>Man sieht einen ganz jungen, bartlosen Christus, auf einem Regenbogen sitzend, in einer hellen Mandorla, mit den Paradiesfl\u00fcssen zu seinen F\u00fc\u00dfen. Alles in leuchtenden Farben, man f\u00fchlt sich wie in Ravenna. Schwer zu sagen, wie der Blick des Christus ist, ernst auf jeden Fall, Vielleicht auch streng, jedenfalls nicht so neutral wie auf den klassischen Ikonen.<\/p>\n<p>Links von ihm Ezekiel, rechts Habakuk, der eine in Ekstase, der andere in sich versunken. Ezekiel h\u00e4lt sich die Hand vors Gesicht, um die Erscheinung nicht zu sehen.\u00a0 Habakuk ist ganz gefasst, sieht nachdenklich auf den Boden. Vielleicht nicht ganz von der Hand zu weisen, dass es hier um zwei Seinsarten, um zwei psychologische Veranlagungen geht. Ob die Evangelistensymbole, der L\u00f6we bei Ezekiel, der Stier bei Habakuk, auch was zu sagen haben?<\/p>\n<p>Neben dem Mosaik hat die Kirche auch ein paar Fresken, die erst vor kurzem wieder zum Vorschein gekommen sind. Sie waren unter dem Putz der T\u00fcrken verborgen. Kurios eine Geburtsszene, mit einem Christus mit nacktem Oberk\u00f6rper, viel zu alt um gerade geboren zu sein, in einem Zuber sitzend, zu beiden Seiten von einer Dienerin betreut, die orientalisch aussehen. Die eine w\u00e4scht ihn, die andere f\u00fcllt aus Bronzekr\u00fcgen Wasser nach. Josef sitzt abseits und wendet sich ab, ein Motiv, das ich nicht zum ersten Mal in Griechenland sehe.<\/p>\n<p>Die kleine Kirche zieht tats\u00e4chlich Besucher an. Ein englisches Paar kommt gleich nach mir, ein franz\u00f6sisches Paar, als ich gehe, und dazwischen eine ganze l\u00e4rmende Schulklasse. Die Sch\u00fcler ignorieren das von der strengen Aufpasserin auferlegte Photographierverbot einfach. Die verabschiedet mich freundlicher als sie mich begr\u00fc\u00dft. Sie hat wohl geh\u00f6rt, dass es geklingelt hat und hat auch eine Kerze angez\u00fcndet.<\/p>\n<p>Vom Innenhof blickt man durch einen offenen Glockenstuhl auf die Stadt hinunter, mit dem Meer am Ende.<\/p>\n<p>Dann geht es die paar Schritte zur\u00fcck nach Hause. Sofia f\u00fchrt mich \u00fcber den Wochenmarkt. Es herrscht dichtes Gedr\u00e4nge, man h\u00f6rt laute Stimmen, und alles sieht sehr frisch aus, vor allem Fisch und Gem\u00fcse. Die Auberginen kommen aus Ierapetra. Vermutlich aus dem Gew\u00e4chshaus. Aber das sieht man ihnen nicht an.<\/p>\n<p>In der Oberstadt sieht man noch viele kleine L\u00e4den, oft etwas unter Stra\u00dfenniveau gelegen. Vor allem \u00c4nderungsschneidereien gibt es alle Naselang. Vor einer steht ein Schneider mit Schmerbauch und Zentimeterma\u00df \u00fcber der Schulter und h\u00e4lt ein Schw\u00e4tzchen mit den Passanten.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg kaufe ich eine Bougatsa. Die Verk\u00e4uferin schneidet sie in St\u00fccke und bestreut sie mit Zimt und Puderzucker. Das habe ich noch nie gesehen. Die Bougatsa stammt wohl urspr\u00fcnglich von hier, aus Thessaloniki.<\/p>\n<p>Der 72-Stunden-Lauf ist nicht, wie Sofia mir mit kaum sp\u00fcrbarer Ungeduld sagt, am Wei\u00dfen Turm, sondern auf dem Expo-Gel\u00e4nde. Das liegt ein kleines bisschen \u00a0au\u00dferhalb des Zentrums, Richtung Osten. Sie haben, ohne die internationalen Konnotationen in Rechnung zu stellen, das Gel\u00e4nde, als Kurzform von Hellas Exposition, Hellexpo genannt.<\/p>\n<p>Meine Anmeldung ist nicht oder zu sp\u00e4t angekommen, aber man zeigt sich flexibel. Ich bekomme auch so Startnummer und Chip. Man l\u00e4uft wann und solange man will. Es geht um einen guten Zweck, man selbst bezahlt aber gar nichts.<\/p>\n<p>Man l\u00e4uft in einer Runde, knapp 900 Meter lang, im ersten Teil sanft ansteigend, im zweiten sanft abfallend. Um diese Zeit, in der Hitze des Nachmittags, sind nur wenige unterwegs. Die meisten lassen es langsam angehen, viele gehen einfach. Ein Mann mit wild wucherndem Bart und wallendem Haar tr\u00e4gt lange schwarze Hosen und dar\u00fcber einen mantelartigen schwarzem Umhang, der ihm weit \u00fcber die Knie reicht. Dessen Kilometer m\u00fcssten doppelt gerechnet werden. Ein Mann meines Alters, dessen Grundgeschwindigkeit nur ganz knapp \u00fcber meiner liegt, der aber sehr gleichm\u00e4\u00dfig l\u00e4uft, nimmt mir in k\u00fcrzester Zeit 200-300 Meter ab. Bevor er mich \u00fcberrundet, bin ich aber durch.<\/p>\n<p>Ich laufe zehn Runden und dann noch eine Bonus-Runde, um die 10 km voll zu bekommen. Die gesamte Laufleistung liegt knapp unter 4000 km. Ob das viel oder wenig ist, ist schwer zu sagen, eher wenig, aber das dicke Ende kommt noch am Wochenende, vermutlich.<\/p>\n<p>Am Ziel gibt es Wasser und Apfelsinen, und an einem Stand, wo eine ganz junge, ganz schm\u00e4chtige Verk\u00e4uferin steht, bietet eine B\u00e4ckerei, die mehrere Filialen in Thessaloniki hat, Kekse an. Das M\u00e4dchen empfiehlt mir zwei, eins nach Honig, das andere nach Nuss schmeckend, und sie sind hervorragend. Sie sagt, sie m\u00fcsse noch bis neun Uhr da stehen. Die Arme! Da kann man besser laufen.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich an einem Friseursalon vorbei, der extra Preise f\u00fcr Kinder und Rentner hat: 5 \u20ac!<\/p>\n<p>Inzwischen habe ich auch herausgefunden, was es mit dem Namen unserer Stra\u00dfe auf sich hat. Sofia wei\u00df Bescheid, und das Verr\u00fcckte ist, ich kenn das, ich bin der Sache irgendwann begegnet auf vorherigen Reisen, h\u00e4tte mich aber im Leben nicht mehr daran erinnert. Bouboulina war eine Heldin des griechischen Freiheitskampfes, eine ungew\u00f6hnliche, entschlossene, findige Frau, die alles andere als zimperlich war. Ihr Weg war irgendwie vorgezeichnet: Sie wurde im Gef\u00e4ngnis geboren, n\u00e4mlich als ihre Mutter ihren Mann besuchte, der wegen der Beteiligung an Umsturzversuchen einsa\u00df.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">22. Mai (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Der Galeriusbogen ist der Treffpunkt in Thessaloniki. Kein Mensch spricht allerdings von <em>Galeriusbogen<\/em> &#8211; \u0391\u03c8\u03af\u03b4\u03b1 \u03c4\u03bf\u03c5 \u0393\u03b1\u03bb\u03ad\u03c1\u03b9\u03bf\u03c5 &#8211; sondern immer nur von <em>Kamara<\/em>.<\/p>\n<p>Wie andere Monumente steht er etwas unvermittelt in der Gegend herum, gleich neben der vielbefahrenen, breiten Egnatia, einer der wichtigsten Einkaufsstra\u00dfen Thessalonikis. Au\u00dferdem scheint er \u201efalsch\u201c herum zu stehen, in Nord-S\u00fcd-Richtung, obwohl man Ost-West-Richtung erwarten w\u00fcrde. Man kann sich auch nicht richtig vorstellen, welche Funktion er gehabt haben k\u00f6nnte. Ein Stadttor war er jedenfalls nicht, dazu ist er zu zentral. Wahrscheinlich war er Teil einer gr\u00f6\u00dferen Anlage, alles in Zusammenhang mit Galerius stehend.<\/p>\n<p>Der war Mitglied des Tetrarchie des Diocletian, und da sich jeder von den vieren in einem anderen Teil des Reichs niederlie\u00df, suchte er sich, als Zust\u00e4ndiger f\u00fcr den Ostteil des Reichs, Thessaloniki als Hauptstadt aus. Das war so \u00e4hnlich wie Konstantius mit Trier. Thessaloniki kam nicht aus dem Nichts. Schon lange vorher, zu Zeiten des B\u00fcrgerkriegs, war Thessaloniki wichtig gewesen f\u00fcr die R\u00f6mer. Hier hielten sich Antonius und Octavian auf und die republikanische Exilregierung.<\/p>\n<p>Die Preise f\u00fcr Lebensmittel sind hier niedriger in Kreta. Besonders bei Milch und Butter ist der Unterschied auffallend. Der K\u00e4se ist allerdings eher teuer. Daf\u00fcr aber ausgezeichnet. Die n\u00e4chste Kundin an der K\u00e4setheke verlangt nach kretischem K\u00e4se.<\/p>\n<p>Am Abend findet der Lesekreist statt. Sofia ist krank, aber Ana nimmt mich mit. Es ist wieder in der B\u00fccherei, aber diesmal drinnen. Nur ein Mann, Michailis, und sechs Frauen. Lesen ist \u201eWeiberkram\u201c, auch in Griechenland. Gleich drei der Frauen hei\u00dfen Eleni, und da heute deren Namenstag ist, gibt es Wein, Pita und Geb\u00e4ck. Eine dieser Frauen ist mit einem Deutschen verheiratet, einem Mann aus Hamburg. Sie fragt mich, ob ich den kenne, und ich glaube, die Frage falsch verstanden zu haben. Habe ich aber nicht. Der Mann hei\u00dft Dieter Sendker und ist ein ziemlich bekannter Winzer. Sp\u00e4ter h\u00f6re ich ein Interview mit ihm im Internet. Er hat in Griechenland als Winzer ganz klein angefangen, mit f\u00fcnfzig Flaschen im ersten Jahr, hat aber Erfolg gehabt. Er baut in hier in Mazedonien, wo es keinen Wassermangel gibt, Merlot und Cabernet Sauvignon an. Der ist sehr gut angekommen. Auf die griechische Nachfrage nach wei\u00dfem Wein hat er reagiert, indem er aus roten Trauben wei\u00dfen Wein macht. Der Wein, der hier aufgetischt wird, ist ein Rotwein und stammt auch von ihm. Der ist ausgezeichnet.<\/p>\n<p>Es wird \u00fcber Lolita gesprochen. Ich verstehe nichts. Die Winzersfrau holt weit aus, aber ich muss wohl den Anfang verpasst haben. Ich glaube, sie spricht \u00fcber zwei Verfilmungen des Buchs.<\/p>\n<p>Einige haben das Buch nicht ganz, andere gar nicht und wieder andere vor langer Zeit gelesen. Es wird \u00fcber die Sprache und \u00fcber die Qualit\u00e4t der \u00dcbersetzung gesprochen und \u00fcber die leidige Frage der Pornographie und der P\u00e4dophilie. Auch \u00fcber Nabokov wird gesprochen, aber eher wenig \u00fcber das Buch. Man schweift dann auch schnell ab und spricht \u00fcber Ausstellungen und Theaterauff\u00fchrungen. Michailis hat Onkel Wanja gesehen und ist sehr angetan davon.<\/p>\n<p>Ich spreche die Frage des Vorworts an und erhalte darauf die unsinnige Antwort, das sei doch nicht sehr lang. Dass \u00e4ndert nichts an der Tatsache, dass es ein ganz anderes Buch aus dem Buch macht. Aber ist egal. Es ist trotzdem eine sehr sch\u00f6ne Atmosph\u00e4re. Es geht etwas lauter und etwas lebendiger zu als bei uns.<\/p>\n<p>Danach wird vorgeschlagen, noch irgendwo hinzugehen. Ob ich mitkommen will? Und ob! Eine der Frauen hat ihre Kindheit in M\u00fcnchen verbracht und ist dann zur Promotion in Schulp\u00e4dagogik nach M\u00fcnchen zur\u00fcckgekehrt. Sie fragt mich nach meinen Pl\u00e4nen und \u00fcberlegt sofort, mit wem sie mich in Verbindung bringen soll, vielleicht mit jemandem in der Germanistik.<\/p>\n<p>Wir sind lange unterwegs, und das gibt mir die Gelegenheit, mal mit einzelnen zu sprechen. Das geht besser. Wir kommen an einem Haus vorbei, in dem ein Dichter geboren ist, der Mitglied und Wortf\u00fchrer einer Dichtergeneration war, die sich mit der Milit\u00e4rdiktatur auseinandersetzte. Er ist offensichtlich sehr bekannt hier.<\/p>\n<p>Der lange Weg hat sich gelohnt. Wir gehen in dem Lokal, das hinter dem alten Haman liegt, eine Treppe rauf und stehen drau\u00dfen auf der H\u00f6he des Dachs des Hamams, mit dem gesamten Kuppelfeld vor uns. Wunderbar. Das kann man von unten \u00fcberhaupt nicht sehen. Und es wird immer besser, je l\u00e4nger der Abend dauert. Die Kuppeln werden indirekt beleuchtet, Lampen werden auf den Tischen verteilt, und am Himmel, der noch im Zwielicht ist, zeichnen sich die dunklen Wolken schemenhaft ab.<\/p>\n<p>Die Leute sind alle sehr freundlich, sehr offen. Ich bekomme Reisetipps und Buchempfehlungen, und es ist sogar von einem gemeinsamen Ausflug zu dem Bad in <em>Puzor<\/em> die Rede. Alle sind davon angetan, dass ich mich mit dem Griechischen abm\u00fche. Die Professorin erkl\u00e4rt mir den Ursprung von \u03c3\u03c5\u03b3\u03b3\u03bd\u03ce\u03bc\u03b7 (\u03c3\u03c5\u03bd + \u03b3\u03bd\u03ce\u03bc\u03b7) und wie man aus der Etymologie ableiten kann, dass der erste Vokalbuchstabe ein Ypsilon, der letzte ein Eta sein muss.\u00a0 Und sie beantwortet meine Frage nach dem Ursprung von \u03bc\u03b9\u03b4\u03ad\u03bd, das so ganz anders als <em>null<\/em> oder <em>zero<\/em> oder <em>sif\u0131r <\/em> klingt, indem sie einen Telefonanruf t\u00e4tigt. Der best\u00e4tigt meine Vermutung, dass es urspr\u00fcnglich so was wie \u201anicht einmal eins\u2018 bedeutete. Um das ganz zu verstehen, muss man aber Altgriechisch k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die junge Eleni, diejenige, die ich am besten verstehe, erz\u00e4hlt, dass sie Weihnachten mit der Familie in Berlin war. Sie ist richtig begeistert. Sie hatten die dicksten Winterklamotten mitgenommen und darin geschwitzt, denn es war ganz, ganz warm. Bekannte von ihr sind dann eine Woche sp\u00e4ter gefahren und haben sich den Ast abgefroren. Sie war auch sehr angetan von der Freundlichkeit der Leute und davon, dass die Stadt so kosmopolitisch ist. Sie spricht auch von einer Veranstaltung am Sonntag, bei der ein Architekt einen Teil der Stadtmauer erkl\u00e4rt. Sie will Ana den Link senden.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg unterhalte ich mich mit einer Frau mit wuscheligem Lockenkopf, die auch Lehrerin ist. Sie unterrichtet an einer Landwirtschaftlichen Fachschule. Auch da geht das Schuljahr zu Ende. Sie nutzt jetzt einen freien Tag f\u00fcr ein verl\u00e4ngertes Wochenende in Kreta, in Chania.<\/p>\n<p>Die junge Eleni reagiert auf meine Bemerkung zu den Zebrastreifen lachend. Ja, das sei so. Sie seien \u201awild\u2018. Das f\u00e4nden auch andere Griechen. Nicht \u00fcberall in Griechenland werde der Zebrastreifen so entschieden ignoriert wie hier. So eine Form von Selbstironie habe ich in Kreta ein halbes Jahr lang nicht erlebt.<\/p>\n<p>Ganz oben in der Oberstadt kommen wir an allen m\u00f6glichen bl\u00fchenden B\u00e4umen und Str\u00e4uchern vorbei, unter anderem an Jasmin und Linde. Und die laue Fr\u00fchlingsluft tut das Ihrige dazu.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">23. Mai (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Langes Wochenende, kurze Besichtigung. Ich sehe mir Profitis Ilias an, eine byzantinische Kirche, noch hier in der Oberstadt, auf dem Weg nach unten. Sofia hat mich wenig Begeisterung davon gesprochen, aber mir gef\u00e4llt der Bau, ein komplexes Gef\u00fcge aus Kuppeln, T\u00fcrmen, B\u00f6gen und Apsen, das oben in der zentralen Kuppel m\u00fcndet. Das Baumaterial ist Backstein, und es ist erstaunlich, was man damit alles machen kann f\u00fcr dekorative Zwecke. Die Backsteine stehen oder liegen in Reihen, formen Rauten und Dreiecke, die Arme eines ausgebreiteten Zirkels, ein Feld aus vielen kleinen Kreuzen stehen mit der Breitseite aus der Mauer heraus, wie Tropfen unter dem Dach.<\/p>\n<p>Die Kirche ist eigentlich ein Zentralbau mit einer Apsis im Osten, aber im S\u00fcden und Norden sind runde Apsen angef\u00fcgt, so dass ein Kleeblatt entsteht. Daraus hat man, zusammen mit anderen Indizien, gefolgert, dass es sich hierbei urspr\u00fcnglich um eine Klosterkirche handelt. Die beiden seitlichen Apsen waren den M\u00f6nchen vorbehalten!<\/p>\n<p>Im Westen ist ein Narthex vorgelagert, auf Pfeilern stehend. Die bestehen aus\u00a0 Backstein und bearbeiteten Steinquadern, was wiederum ein Muster ergibt. Diese Technik hei\u00dft, wie ich jetzt gelesen habe, <em>plinthoperilistiko<\/em>. Die rot gefassten Sprossenfenster hinter den Pfeilern sind ein dankbares Photomotiv.<\/p>\n<p>Die Fresken, die innen freigelegt wurden, sind kaum zu erkennen. Daf\u00fcr ist deren Hintergrund zu dunkel. Sch\u00f6n ist die tief von der Kuppel herunter h\u00e4ngende Messingleuchter, vor allem das Rad um den Leuchter herum, zw\u00f6lfeckig, mit abwechselnd einer Ikone und dem byzantinischen Doppeladler, jeweils anders gestaltet.<\/p>\n<p>An der Ikonenwand links Elias, mit zerzaustem Bart, in einer W\u00fcstenlandschaft, auf einen Vogel sehend, der ihm etwas bringt. Warum das Patrozinium Elias ist, wei\u00df man nicht. Vermutlich ist es ein \u00dcbersetzungsfehler!<\/p>\n<p>Beim Weitergehen werde ich an unselige r\u00f6mische Zeiten erinnert. Eine Frau in einem h\u00f6heren Stockwerk zieht mittels eines improvisierten Flaschenzugs einen Eimer nach oben. Unten hat eine junge Frau in den Eimer den Einkauf f\u00fcr die Frau da oben hineingelegt. Kluge Strategie. Erspart das Treppengehen. In Rom waren es sieben Stockwerke.<\/p>\n<p>Auf der Egnatia, der Haupteinkaufsstra\u00dfe, reiht sich ein Klamottengesch\u00e4ft an das andere, aber das meiste ist Damenmode. Bei den Herrengesch\u00e4ften sind die Sachen eher was f\u00fcr Leute unter drei\u00dfig oder zu eng. Die Griechen scheinen schlank zu sein. Eine dynamische Frau in einem kleinen Gesch\u00e4ft, die auch kein passendes Jackett hat, versucht mich zu \u00fcberreden, es ohne Jackett zu probieren. Ich suche aber erst mal weiter. Ein Haus weiter finde ich ein Jackett und gehe mit dem zu ihr zur\u00fcck, f\u00fcr den Kauf von Hose und Hemd. Sie versucht engagiert und geduldig, mich zu modischen Farben zu \u00fcberreden, st\u00f6\u00dft aber auf Beton. Ganz klassisch langweilig soll es sein. Am Ende gibt sie widerwillig nach, dr\u00fcckt mir aber ihre Karte in die Hand. Sie habe immer was Sch\u00f6nes auf Lager und werde mir auch einen guten Preis machen.<\/p>\n<p>Wie denn das Gesch\u00e4ft laufe, will ich wissen. Geht so, sie kommt zurecht, weil sie Stammkundschaft hat. Es ist ein alteingesessenes Gesch\u00e4ft. Sie hat es von ihrem Vater \u00fcbernommen. Dessen Bild h\u00e4ngt hinter der winzigen Theke. Der ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Als ich von Istanbul spreche, sagt sie, da fahre sie jeden Monat hin. Zum Einkauf. Die T\u00fcrken h\u00e4tten gute Ware. Und billig. Und in Griechenland h\u00e4tten die meisten Manufakturen geschlossen, wegen der Krise. Auch mein Hemd ist aus der T\u00fcrkei, und sie hat sich auch schnell die Marke des Jacketts notiert. Das interessiert sie auch, scheint auch t\u00fcrkisch zu sein.<\/p>\n<p>Warum denn die Leute trotz der Krise so viel ausgehen, frage ich. Tun sie doch gar nicht, sagt sie. Die Leute h\u00e4tten kein Geld. Die gingen doch h\u00f6chstens mal einen Kaffee trinken, f\u00fcr mehr reiche es nicht. Die Esslokale h\u00e4tten nicht viel Kundschaft.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich am Galeriusbogen an dem Buchhandel vorbei, und erst jetzt entdecke ich, wie gro\u00df der ist. Es gibt n\u00e4mlich noch ein Untergeschoss und ein Obergeschoss. Oben gibt es B\u00fccher, und da herrscht g\u00e4hnende Leere. Der Mann, der tatenlos am Computer sitzt, findet sofort eines der B\u00fccher, die mir gestern empfohlen worden sind, mit dem hoffentlich nicht symboltr\u00e4chtigen Titel \u03a4\u03bf \u03bb\u03ac\u03b8\u03bf\u03c2 &#8211; Der Fehler. Unten gibt es Schreibwaren, da ist mehr Bewegung.<\/p>\n<p>Auf dem Weg nach Hause fallen mir vor einem Caf\u00e9 zwei kegelf\u00f6rmige Figuren auf. Auf beiden stehen spanische Verse. Man kann sie praktisch nicht von allen Seiten lesen, aber es geht wohl auch nicht um den Inhalt an sich.<\/p>\n<p>Als ich dann schon in unserem Viertel bin, spricht mich der st\u00e4mmige Schneider vor seinem Gesch\u00e4ft freundlich auf Englisch an. Mehr als ein paar Brocken kann er nicht, aber er will mir helfen, meine Stra\u00dfe zu finden. Wir kommen ins Gespr\u00e4ch, und als er h\u00f6rt, dass ich aus Deutschland bin, ruft er ins Gesch\u00e4ft nach dem \u201eDeutschen\u201c. Der Deutsche kommt, ein Grieche, der lange in Deutschland gelebt hat. Wie denn die Lage in Deutschland sei, will er wissen. So gemischt, sage ich. Ja, das kann er verstehen. Als er noch in Deutschland war, das waren die guten Zeiten, 1969-2003. Wie ist es denn in Griechenland. Mal auf, mal ab, deutet er mit Gesten an. Und mal so, f\u00fcgt er mit einer anderen Geste hinzu, die zeigt, wie sich jemand Geld in die Tasche steckt.<\/p>\n<p>Am Abend geht es in Onkel Wanja. Das Theater ist modern, aber alles andere als neu. Die Sitzreihen steigen nicht an, und die Schelle und das WC erinnern an deutschen Jungengymnasien der Nachkriegszeit. Es gibt auch noch Platzanweiserinnen. Man bekommt aber f\u00fcr 15 \u20ac einen guten Platz und eine fantastische Inszenierung. Und in der Pause einen guten Frappe f\u00fcr 1,20 \u20ac. Ich glaube, ich habe mich verh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Obwohl vorher ausdr\u00fccklich gesagt wird, man m\u00f6ge die Handy ausschalten, mit dem \u00fcberzeugenden Argument, dass das die Schauspieler st\u00f6re, klingelt es zweimal. Und die zweite Frau hat sogar die Stirn, dranzugehen. Sp\u00e4ter telefoniert sie dann ein weiteres Mal.<\/p>\n<p>Als ich aufstehe, um zwei Frauen vorbeizulassen, gehen die wortlos vorbei. Und als dann sp\u00e4ter eine dritte kommt, starrt die mich an, als wolle sie sagen: \u201eKennen wir uns?\u201c oder \u201eWollen Sie was von mir?\u201c. Es ist v\u00f6llig unverst\u00e4ndlich, dass jemand so einfach in der Gegend rumsteht.<\/p>\n<p>Obwohl ich das St\u00fcck in den letzten Tagen zweimal gelesen habe, verstehe ich sehr wenig. Aber wenigstens kann ich die Figuren zuordnen und einzelne Passagen verstehen. Einmal verstehe ich erst im Nachhinein, und zwar durch das Lachen im Publikum. \u201eIst die ihm treu?\u201c \u2013 \u201eLeider ja.\u201c Das wiederholt sich sp\u00e4ter noch einmal.<\/p>\n<p>An der Inszenierung ist alles stimmig: B\u00fchnenbild, Lichteffekte, Musik, Schauspieler. Die Inszenierung ist originell, aber ohne Spirenzchen, keine nackten Schauspieler, die mit Gartenschl\u00e4uchen bespritzt werden. Das B\u00fchnenbild besteht aus hohen, wei\u00dfen W\u00e4nden mit Auslassungen, in die Objekte eines gutb\u00fcrgerlichen russischen Landhauses der Zeit eingelassen sind: Ziervase, Wanduhr und nat\u00fcrlich Samowar. Au\u00dferdem h\u00e4ngen an der Wand symboltr\u00e4chtige leere Bilderrahmen. Sp\u00e4ter stellt sich dann heraus, dass man diese W\u00e4nde auch hin und her schieben und bei Bedarf drehen kann. In der Schlussszene erscheint so auf einmal ein Schreibtisch, mit Kladden, B\u00fcchern, F\u00e4chern, Tintenf\u00e4ssern, Federn.<\/p>\n<p>Die Musik kommt nur manchmal, ganz leise, im Hintergrund, und verschwindet dann wieder, wenn es ganz dramatisch wird. Es sind nur ganz leise einzelne T\u00f6ne des Xylophons, dazu im Hintergrund eine Art rauschender Wind, dann ein paar langgezogene T\u00f6ne von einem Streichinstrument und hin und wieder ein gezupfter Ton. Es klingt wie Sph\u00e4renmusik. Es passt einfach. Und sonst finde ich Musik bei Theaterauff\u00fchrungen meistens st\u00f6rend.<\/p>\n<p>Die Belichtung stellt immer wieder die sch\u00f6ne Helena \u2013 der Name bekommt in Griechenland zuf\u00e4llig besonderes Gewicht \u2013 ins Rampenlicht und zeigt, wie sie die M\u00e4nner bet\u00f6rt, indem sie einfach durch den Raum wandelt oder irgendwo herumsteht. Sp\u00e4ter Wird es dann geradezu magisch, als der Arzt, ein fr\u00fcher Gr\u00fcner, seinen Vortrag \u00fcber den Niedergang der Natur in Russland h\u00e4lt. Es dreht sich einfach eine Kugel, die Licht in alle Richtungen des Theaters wirft, formlos. Die Kugel wird dann durch eine zweite ersetzt, und das Licht wird weniger, die dunklen Stellen mehr.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zur sch\u00f6nen Helena, die meist nur rumsteht, rackert und sorgt und hilft Sonja, das h\u00e4ssliche Entlein, in einem fort. Das ist sehr sch\u00f6n ohne Worte in Szene gesetzt. Helena beweist aber ihre Gr\u00f6\u00dfe, als sie Sonjas Not erkennt und sich ihrer annimmt. Sonja ist in den Arzt verknallt, der aber in Helena. Die wird immer wieder gefragt, warum sie den alten Knacker geheiratet habe. Und die beteuert glaubhaft: \u201eAus Liebe.\u201c Das kann keiner verstehen. Dann fragt Sonja sie aber, ob sie gl\u00fccklich sein \u201eNein\u201c, ist die Antwort. Aber ungl\u00fccklich sind eigentlich alle. Au\u00dfer der alten Amme. Die sagt, lass die G\u00e4nse nur schnattern, sie h\u00f6ren schon wieder auf. Und ein bisschen Gottvertrauen und Lindenbl\u00fctentee lassen alle Sorgen verschwinden.<\/p>\n<p>Als die Vorstellung zu Ende ist, bleibt nur noch eine halbe Stunde bis zum Beginn der Sp\u00e4tvorstellung. Drau\u00dfen ist es noch hell, und ich \u00fcberlege mir auf dem R\u00fcckweg, warum das St\u00fcck <em>Onkel Wanja<\/em> hei\u00dft. Er ist nicht der Held des St\u00fcckes, jedenfalls nicht der einzige \u2013 Helena, Sonja und der Arzt sind genauso wichtig \u2013 und er ist nur Sonjas Onkel.<\/p>\n<p>In einer kleinen Taverne, die \u03a0\u03b1\u03c1\u03b5\u03bb\u03b8\u03cc\u03bd hei\u00dft, \u2018Vergangenheit\u2018, bestelle ich ein griechisches Bier, Vergina, und ein paar Kleinigkeiten, darunter ein Gericht, das in der englischen \u00dcbersetzung <em>Mixed Vegetables<\/em> hei\u00dft und nicht mehr als ein erweiterter Krautsalat ist. Der junge Mann, der zusammen mit seiner Tochter, einem kleinen M\u00e4dchen, das ihre Aufgabe ganz beflissen wahrnimmt, bedient, ist sehr freundlich. Sp\u00e4ter bei der Rechnung kommt aber ein grimmiger \u00e4lterer Mann, vielleicht sein Vater. Er kritzelt etwas auf ein Blatt Papier, das er mir dann aber nicht gibt und kassiert 14 \u20ac. Das ist vermutlich zu viel und mit Sicherheit unversteuert.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg gerate ich mal wieder in die falsche Stra\u00dfe. Ein Gl\u00fccksfall. An einer Stra\u00dfenecke sehe ich eine Szene, die f\u00fcr jeden Griechenlandfilm geeignet w\u00e4re. Auf der Ecke eine Taverne mit kleinen Tischen drau\u00dfen, halb besetzt, an der hoch f\u00fchrenden Gasse schummriges Licht aus Stra\u00dfenlaternen, \u00fcber der Taverne ein paar bunte Gl\u00fchbirnen und an einem der Tische ein paar junge M\u00e4nner, die Musik spielen, bei der man sofort erkennt, dass sie Griechisch ist.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">24. Mai (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Am Vormittag findet am Trigonion, dem Pendant zum Wei\u00dfen Turm in der Oberstadt, eine F\u00fchrung statt. Eine der Elenis hat eine entsprechende Mail geschickt. Es handele sich um eine einzigartige Gelegenheit.<\/p>\n<p>Von mir aus geht es zum Trigonion immer an der Stadtmauer entlang. Auf dem ersten Teil des Weges ist der Durchgang ganz schmal. Hier stehen H\u00e4user direkt mit dem R\u00fccken zur Stadtmauer. Nachher hat man dann freie Sicht auf die Stadtmauer. Die ist eher grob, klobig, aus unbearbeiteten Natursteinen mit viel M\u00f6rtel dazwischen. Immer wieder sind zur Stabilisierung Reihen aus flachen Backsteinen eingezogen, ein Zeichen daf\u00fcr, dass die Mauer r\u00f6misch ist. Sie stammt aus der Sp\u00e4tantike. Immer wieder ist die Mauer durch Tore unterbrochen und immer wechselt sich die hohe Mauer mit vorspringenden, rechteckigen \u201eT\u00fcrmen\u201c ab.<\/p>\n<p>Am Trigonion ist es dann pl\u00f6tzlich ganz touristisch, mit Souvenirl\u00e4den, teuren Caf\u00e9s und Touristengruppen, einer deutschen, einer amerikanischen, einer israelischen. Vor dem verschlossenen Eingang wartet schon eine ganze Menge auf die F\u00fchrung. Von dem Lesekreis ist niemand zu sehen. Sp\u00e4ter taucht Vaso, der Wuschelkopf auf, aber dann verlieren wir uns aus den Augen bei der gro\u00dfen Menge.<\/p>\n<p>Wir gehen erst rein und dann wieder raus, da wir nicht alle in die Eingangshalle reinpassen. Drau\u00dfen gibt es dann erst ein Fernsehinterview mit einem Architekten. Der ist zusammen mit einer Arch\u00e4ologin f\u00fcr die F\u00fchrung zust\u00e4ndig. Er setzt dann zu einer l\u00e4ngeren Erkl\u00e4rung an, von der ich nur Bruchst\u00fccke verstehe. Der Turm stammt aus der t\u00fcrkischen Zeit und hatte eine achteckigen r\u00f6mischen und einen rechteckigen byzantinischen Vorg\u00e4nger. Der Turm ist gut zwanzig Meter hoch und verj\u00fcngt sich etwas nach oben. Das kann man mit blo\u00dfem Auge kaum sehen. Es gibt zwei Treppen, eine nach links, eine nach rechts, von denen eine nach oben auf die Plattform f\u00fchrt. Der Turm wurde gebaut, um der neuen Technik der Feuerwaffen gerecht zu werden. \u00dcber dem Eingang ist eine Pechnase, durch die hei\u00dfes Wasser, Pech oder \u00d6l auf die Angreifer gegossen werden konnte. Leider verstehe ich nicht, woher der Name kommt. Warum Trigonion, wenn der Turm rund ist? Es ergibt sich aber bei der Besichtigung eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung. Es gibt drei Kammern f\u00fcr das Artilleriefeuer, zu drei verschiedenen Seiten des Turms.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Architekt noch spricht, haben viele schon die M\u00f6glichkeit genutzt, in den Turm zu gehen. Davon machen auch ganz normale Besucher Gebrauch, die sich so mit unserer Gruppe vermischen. Irgendwie verliert sich die Sache, und ich sehe sp\u00e4ter die Arch\u00e4ologin etwas verloren in dem Turm und auf dem Platz vor dem Turm herumstehen.<\/p>\n<p>Die Treppen des Turms sind enger und die Stufen h\u00f6her als im Wei\u00dfen Turm. Und der ganze Turm ist verwinkelter. Die Kammer f\u00fcr das Artilleriefeuer hat zwei Nischen, eine f\u00fcr Vorrat, vor allem f\u00fcr Munition, die andere f\u00fcr die Soldaten, die sich als R\u00fcckzugsraum f\u00fcr den R\u00fccksto\u00df haben, der von der Kanone ausgeht. An einer anderen Stelle sieht man die Ritze im Boden \u00fcber der Pechnase, durch die unliebsame Fl\u00fcssigkeiten auf den Feind unten gesch\u00fcttet wurden. In wieder einem anderen Raum befand sich die einzige Feuerstelle des Turms. Die m\u00fcssen sich hier im Winter ganz sch\u00f6n einen abgefroren haben.<\/p>\n<p>Irgendwie hat die ganze Veranstaltung keinen richtigen Abschluss. Noch ein paar Frager stehen um den Architekten herum, aber alle anderen haben sich inzwischen verloren. Also trolle ich mich auch.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehe ich an einer Hausfassade ein aufgespr\u00fchtes Graffiti mit Bild: \u0395\u03af\u03bc\u03b1\u03b9 \u03b1\u03b3\u03cc\u03c1\u03b9, \u03bc\u2018\u03b1\u03c1\u03ad\u03c3\u03b5\u03b9 \u03bd\u03b1 \u03c0\u03b1\u03af\u03b6\u03b5\u03b9 \u03bc\u03b5 \u03ba\u03bf\u03cd\u03ba\u03bb\u03b5\u03c2 \u03ba\u03b1\u03b9 \u03bd\u03b1 \u03c6\u03bf\u03c1\u03ac\u03c9 \u03c6\u03bf\u03c5\u03c4\u03c3\u03ac\u03bd\u03b9\u03b1 &#8211; <em>Ich bin ein M\u00e4dchen, ich spiele gerne mit Puppen und trage gerne R\u00f6cke. <\/em>Ich frage mich, was daran so bemerkenswert ist, und dann f\u00e4llt der Groschen: Da steht gar nicht <em>M\u00e4dchen<\/em>, sondern <em>Junge<\/em>!<\/p>\n<p>Am Nachmittag ruft mich Sofia zu einem Kaffee zu sich, und das, obwohl sie praktisch keine Stimme hat. Es hat sie m\u00e4chtig erwischt. Ich \u00fcbernehme das Reden und erz\u00e4hle von Theater und Turm. Sie erz\u00e4hlt aber trotzdem, dass sie am Morgen auf einem Empfang war. Seit Monaten geplant. Und da war ausgerechnet sie es, die die G\u00e4ste in Empfang nehmen musste.<\/p>\n<p>Sie will mir die Kaktusbl\u00fcten auf ihrem Balkon zeigen. Das geht immer nur f\u00fcr einen Moment, denn sie bl\u00fchen und verbl\u00fchen am gleichen Tag. Jetzt h\u00e4ngen nur sechs, sieben Bl\u00fcten traurig herunter, aber man kann ahnen, wie sie in voller Pracht aussehen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">25. Mai (Montag)<\/span><\/p>\n<p>In der Apotheke kennt man Arnika nicht. Stattdessen wird mir Voltagen empfohlen, w\u00e4rmstens! Ist billiger als in Deutschland.<\/p>\n<p>Beim Lidl herrscht schon am Morgen dichtes Gedr\u00e4nge. Anziehungspunkt Nummer Eins sind die W\u00fchltische.<\/p>\n<p>Die Geschichte von Thessaloniki liest sich wie eine Geschichte der Zerst\u00f6rung. Erdbeben und Br\u00e4nde einerseits, Kriege und Eroberungen andererseits. Man m\u00f6chte Mitleid bekommen, wenn man von all den Massakern, Verw\u00fcstungen, Gewaltt\u00e4tigkeiten liest, ob von den Awaren, den Slawen, den Franken, den Normannen, den Sarazenen, den Osmanen, den Deutschen. Dennoch: Selbst, wenn das alles stimmt, was da in den B\u00fcchern steht, dann ist es nur die halbe Wahrheit. Stadtgeschichte ist immer einseitig, betont immer die Opferrolle. Von den Eroberungsz\u00fcgen der Makedonier und den damit einhergehenden Schrecken ist naturgem\u00e4\u00df nicht die Rede.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. Mai (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Sofia scheint es echt schlecht zu gehen. Die Stimme ist immer noch weg, und die Diagnose scheint sogar die M\u00f6glichkeit einer Lungenentz\u00fcndung einzukalkulieren. Ich frage, ob ich etwas machen kann. Nat\u00fcrlich nicht. Gute Besserung! Was anderes f\u00e4llt mir da nicht ein.<\/p>\n<p>Die Stadt bietet eine Rundfahrt in einem aufgemotzten Linienbus an. Von verschiedenen Stellen empfohlen. Es f\u00e4hrt durch die Oberstadt und die Unterstadt. Es geht alles viel zu schnell, aber man bekommt einen Eindruck von dem, was es alles zu sehen gibt. Wir kommen unter anderem an einem armenischen Friedhof, an einer von einem j\u00fcdischen Architekten gestalteten Markthalle, an dem von einem italienischen Architekten gestalteten Regierungsgeb\u00e4ude, an einer modernen Skulptur mit zwei Armen, die aus der Erde wachsen und die an einen politischen Aktivisten erinnert, der hier 1963 ums Leben kam, an der Kirche, in deren Krypta sich der Apostel Paulus versteckt hielt und an einer t\u00fcrkischen Moschee, die gerade zu einem Museum umgebaut wird. Das gibt einen guten Eindruck vom kosmopolitischen Charakter Thessalonikis. In der Oberstadt kommen wir an dem Turm von Sonntag vorbei und an einer Stelle, von der man den Olymp sehen kann.<\/p>\n<p>Ich steige da aus, wo das Geburtshaus von Atat\u00fcrk ist. Das passt gut zu dem Thema der Stadtrundfahrt. Dass der Gr\u00fcnder der T\u00fcrkei ausgerechnet in Griechenland geboren ist, ist wunderbar ironisch, aber nat\u00fcrlich war Thessaloniki damals nicht Griechenland.<\/p>\n<p>Gleich vor dem Geburtshaus ist die T\u00fcrkische Botschaft, und darum herum allerlei t\u00fcrkische Gesch\u00e4fte, auch Andenkenl\u00e4den mit Schals, auf denen Thessaloniki auf T\u00fcrkisch steht: Selanik. Alle Angestellten in dem Museum sind T\u00fcrken.<\/p>\n<p>Atat\u00fcrk hat hier nur wenige Jahre gelebt, und es gibt nur ein paar pers\u00f6nliche Gebrauchsgegenst\u00e4nde, die von ihm ausgestellt sind: eine Pfeife, ein goldenes Streichholzetui, Teile seiner Uniform, Silberbesteck, eine Art \u201eRosenkranz\u201c, verschiedene Schatullen. All das sieht nicht nach Armut aus, aber das Elternhaus selbst war nicht beg\u00fctert. Geradezu politisch bedeutsam die Kleidungsst\u00fccke: Weste, Krawatte, Krawattennadel, Lederschuhe, wei\u00dfe Handschuhe, Spazierstock, all das ist Programm. Kein rechtschaffener T\u00fcrke seiner Zeit w\u00e4re so rumgelaufen.<\/p>\n<p>Am interessantesten eine Schale, versilbert, in die sein Name eingraviert ist, noch mit arabischen Buchstaben, aber mit dem K f\u00fcr Kemal bereits mit lateinischem Buchstaben.<\/p>\n<p>Es gibt reichlich Information \u00fcber sein Leben. Dabei interessieren mich die Jahre in Thessaloniki am meisten. Den Namen Mustafa, einer der Namen des Propheten, bekam er, weil die Mutter bereits drei Todgeburten hatte, als er zur Welt kam. Die Eltern hofften auf die symbolische Wirkung des Namens.<\/p>\n<p>Vater und Mutter hatten entgegengesetzte Vorstellungen von der Ausbildung des Sohnes. Die Mutter wollte ihn in die Schule des Stadtviertels schicken, der Vater in die moderne Gro\u00dfstadtschule. In der Schule des Stadtviertels wurde meist nur gebetet und der Koran gelernt. Der Vater gab scheinbar nach, schickte ihn auf die von der Mutter gew\u00fcnschte Schule, nahm in nach ein paar Tagen von der Schule runter und schickte ihn auf die Gro\u00dfstadtschule. Kurz danach starb er. Ohne ihn w\u00e4re aus dem Jungen kein Atat\u00fcrk geworden.<\/p>\n<p>Die Mutter verlie\u00df Thessaloniki und zog aufs Land, der Sohn blieb\u00a0 bei einer Tante und ging weiter zur Schule, mit gro\u00dfem Erfolg. Sein Lieblingsfach war Mathematik. Er stellte so schwierige Fragen, dass der Lehrer sie mit nach Hause nahm und schriftlich beantwortete. Der Lehrer hie\u00df auch Mustafa und fand, es m\u00fcsse einen Namen geben, der sie unterschied. Deshalb schlug er Kemal vor, \u201aReife\u2018. Das bleibt h\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Au\u00dfer Mathematik war er vor allem auf Franz\u00f6sisch versessen. Da bekam er nicht so gute Noten, aber Zugang zur franz\u00f6sischen Literatur. Und damit zu revolution\u00e4ren Ideen.<\/p>\n<p>Komisch, dass das exakte Geburtsdatum nicht bekannt ist. Dabei ist das erst 150 Jahre her, noch nicht einmal. Einer Quelle zufolge soll die Geburt w\u00e4hrend des Erbain erfolgt sein, der kalten Jahreszeit, zwischen dem 22. Dezember und dem 31. Januar. Atat\u00fcrk selbst berichtete aber, ihm sei erz\u00e4hlt worden, er sei im Fr\u00fchling geboren. Irgendwer legte dann irgendein Datum im Fr\u00fchling fest, als der englische K\u00f6nig nach dem Datum fragte, um gratulieren zu k\u00f6nnen!<\/p>\n<p>Das Haus ist ein dreist\u00f6ckiges Fachwerkhaus mit quadratischem Grundriss und einem Innenhof mit einem Baum, der noch vom Vater Atat\u00fcrks gepflanzt worden ist. Das war ein typisch t\u00fcrkisches Familienhaus in einem ganz und gar t\u00fcrkischen Viertel. Atat\u00fcrk bewahrte eine intensive Erinnerung an Thessaloniki, hei\u00dft es, aber er war 1911 zum letzten Mal hier. Da war er gerade mal drei\u00dfig.<\/p>\n<p>Am Abend rekapituliere ich: Im Laufe des Tages habe ich eine Stadtrundfahrt f\u00fcr 2 \u20ac bekommen, freien Eintritt in ein Museum, ein Mittagessen mit Wein und Brot dazu f\u00fcr 5,50 \u20ac und einen Kaffee mit Wasser und Keksen f\u00fcr 2 \u20ac. Thessaloniki schont das Budget.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">27. Mai (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>In der englischen Version des Reisef\u00fchrers von Thessaloniki hei\u00dfen die Normannen im Plural <em>Normen<\/em>. Das ist ganz witzig, weil es zwar falsch, aber ganz logisch ist. Schon gravierender ist dies: <em>The turbulent period of the raids of the Avars and Slavs followed a long-lasting period of calm for Thessaloniki<\/em>. Genau das Gegenteil ist gemeint: Erst kamen die Beutez\u00fcge, dann die Periode der Ruhe. K\u00f6nnte auch ein deutscher Fehler sein.<\/p>\n<p>Irgendwo gelesen, dass Thessaloniki die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt des Byzantinischen Reiches war, nach Konstantinopel. Das erkl\u00e4rt den Reichtum an byzantinischen Kirchen, gerade im Vergleich zu Athen. Athen war, das darf man nicht vergessen, jahrhundertelang ein gr\u00f6\u00dferes Dorf.<\/p>\n<p>Agia Sofia geh\u00f6rt zu den Top 5, vielleicht sogar zu den Top 3 der byzantinischen Kirchen Thessalonikis und ist nur ein paar Minuten von der Wohnung entfernt. Einer Theorie zufolge soll sie zur gleichen Zeit wie die Hagia Sofia in Konstantinopel entstanden und vielleicht sogar von denselben Baumeistern errichtet worden sein. Das ist gar nicht so weit hergeholt. Sie ist zwar viel kleiner, weist aber \u00c4hnlichkeiten auf: die Kuppel, die m\u00e4chtigen Pfeiler, die Emporen.<\/p>\n<p>Im Brand von 1917 blieb die Kirche verschont, wegen des gro\u00dfen Vorhofs. Das kann man sich ganz gut vorstellen. Andererseits wurde sie durch einen anderen Brand, den von 1890, stark besch\u00e4digt. Da scheint der Vorhof nichts genutzt zu haben. Sie wurde, damals noch Moschee, von den Osmanen ausgebessert. Der Vorg\u00e4ngerbau der aktuellen Kirche war durch ein Erdbeben im 6. Jahrhundert zerst\u00f6rt worden. Das Baptisterium dieser fr\u00fchen Kirche soll erhalten sein, tiefer gelegen, ich kann es aber nirgendwo finden. Genauso wenig wie den Weg auf die Empore.<\/p>\n<p>Ganz herumgehen und den Bau kann man nicht. Man kommt vor einen Bauzaun. Dahinter allerhand Gestr\u00fcpp. Hinter der Kirche w\u00e4chst einiges: Palmen, Kiefern und ein sch\u00f6ner Laubbaum. Schmarotzender Jasmin w\u00e4chst am Stamm der Kiefer hoch und bedeckt ihn fast vollst\u00e4ndig.<\/p>\n<p>An einer Seite liegen vor einer Mauer hinter Maschendraht allerlei Bauteile herum, darunter antik aussehende S\u00e4ulen und kleine, aufgestapelte Steine. Vor dem sch\u00f6nen Gem\u00e4uer ergibt das ein interessantes Bild, aber man fragt sich, ob hier nicht Sch\u00e4tze herumliegen und verwittern.<\/p>\n<p>Der Bau ist alles andere als elegant. Die ganz gerade abschlie\u00dfende Fassade ist oben verputzt und hat dort keine Fenster. Die Kuppel ist komischerweise kaum zu sehen. Die Fenster des Untergeschosses sind gro\u00df und erinnern, wie auch einige Bauteile im Osten, wiederum an die Trierer Basilika. Dieser Bau ist allerdings j\u00fcnger.<\/p>\n<p>Innen ist es durch die fehlenden Fenster im Obergeschosse sehr dunkel. Die Mosaike, die Besonderheiten der Kirche, kommen kaum zur Geltung. Da der Innenraum au\u00dferdem abgesperrt ist, kann man nicht direkt unter ihnen stehen. Ganz hinten in der Apsis eine einsame Gottesmutter vor weitem, goldenen Hintergrund. Davor in dem Bogen eine Darstellung aus der Zeit der Ikonoklastik: ein Kreuz<\/p>\n<p>Das wichtigste Mosaik ist das der Kuppel. Christus, b\u00e4rtig, erscheint in einer Mandorla. Die wird getragen von zwei Engel mit athletisch durchgedr\u00fccktem R\u00fccken und nach oben weisenden Beinen. Die erinnern an die kretischen Stierspringer. Rund um dieses Bild sammeln sich die zw\u00f6lf\u00a0 Apostel, alle in anderer Stellung, dieses Schauspiel wahrnehmend. Einer fasst sich an den Kopf, ein anderer legt den Kopf in die Hand. Sie stehen in einer stilisierten Landschaft von Steinen und B\u00e4umen. Die trennen gleichzeitig die Figuren voneinander. Aber all das kann man allenfalls erahnen. Die Bilder in den F\u00fchrern sind viel besser.<\/p>\n<p>Der Raum ist eine Mischung aus Basilika und Kreuzkuppelkirche. Die Basilika nimmt man allerdings kaum wahr. Die Seitenschiffe sind viel enger und niedriger als das Mittelschiff und von so starken St\u00fctzen davon getrennt, dass man sie praktisch nicht wahrnimmt. Man glaubt nicht, in einer dreischiffigen Kirche zu sein. Zwischen den dicken St\u00fctzen stehen graue Pfeiler mit gro\u00dfen Kapitellen mit Akanthusbl\u00e4ttern. Die stammen wohl noch aus dem Vorg\u00e4ngerbau.<\/p>\n<p>Etwas entt\u00e4uscht gehe ich hinaus und mache noch Photos von der Kirche durch den Torbogen, durch den man den Vorhof betritt. Und dann noch von einem achteckig zulaufenden Turm, einer sp\u00e4teren Hinzuf\u00fcgung. Der scheint mit dem Bau kaum etwas zu tun zu haben und w\u00fcrde eher zu einer Burg passen. Aus dem Fenster des Turms h\u00e4ngt ein wildes Gestr\u00fcpp von Kabeln heraus, die die Fassade hinunter wandern. Es sind Kabel f\u00fcr Lautsprecher und Strahler.<\/p>\n<p>Direkt vor der Kirche, in der Verl\u00e4ngerung der Achse des Mittelschiffs, steht eine moderne Skulptur. Drei Menschen, nur angedeutet, stehen eng beieinander und haben die K\u00f6pfe in eine Zeitung versenkt, die der Mann in der Mitte in der Hand h\u00e4lt. Heute w\u00fcrde jeder in sein eigenes Smartphone sehen.<\/p>\n<p>Gleich dahinter, an beiden Ecken des Platzes, zwei bemerkenswerte H\u00e4user aus der Zwischenkriegszeit, unterschiedlich und doch \u00e4hnlich. Links das Rote Haus, verspielter, mit Erkern und Balkonen und vielen abgerundeten Bauteilen, rechts das strengere, beige gefasste Terkenlis. Aber auch das hat ganz oben turmartige Abschl\u00fcsse, die wie mittelalterliche Zitate aussehen, und eine abgerundete Ecke am \u00dcbergang der beiden Fassadenh\u00e4lften. Beide H\u00e4user sind irgendwie \u201esch\u00f6n\u201c, wenn es sein m\u00fcsste, w\u00fcrde ich mich wohl f\u00fcr das zweite entscheiden.<\/p>\n<p>Ich mache mich auf die Suche nach den M\u00e4rkten und komme in einen zweigeteilten, halb \u00fcberdachten Markt, wei\u00df aber nicht, wo ich bin. In einem Caf\u00e9 versuche ich mich zu orientieren, aber die M\u00e4nner frotzeln lieber \u00fcber Merkel und die Kellnerin spricht \u00fcber ihren aus Dortmund stammenden Ehemann und das bevorstehende Pokalendspiel. Es muss sich aber wohl um den Vlali-Markt handeln, lokal als Kapani bekannt. In dem lauteren Teil stehen die Verk\u00e4ufer vor dem Stand und preisen lautstark ihre Ware an, vor allem den frischen Fisch. In dem ruhigeren Teil gibt es auch viele kleine M\u00f6bel, vor allem winzige St\u00fchle mit geflochtener Sitzfl\u00e4che. Die Verk\u00e4ufer sitzen zwischen den M\u00f6beln und manchmal sieht man sie erst auf den zweiten Blick.<\/p>\n<p>Beim Umherirren komme ich an einem Gesch\u00e4ft vorbei, in dem eine Schaufensterpuppe einen kleinen Jungen mit dem schwarz-wei\u00dfen Outfit von PAOK darstellt. Sp\u00e4ter sehe ich als Schlagzeile einer Zeitung, dass PAOK leichtes Spiel gehabt habe. Worauf sich das bezieht, ist nicht klar. In der Tabelle steht PAOK an 3. Stelle. Das bedeutet in Griechenland die Teilnahme an der Europa League. Davor steht Panathinaikos und ganz vorne Olympiakos. An der Reihenfolge kann sich praktisch nichts mehr \u00e4ndern, vier Spieltage vor Ende der Saison. Ganz hinten steht ein Verein aus Volos. Der konnte Spiele gar nicht erst austragen, weil er Spielergeh\u00e4lter nicht bezahlen konnte. Er steht mit weitem Abstand auf dem letzten Platz. Der Name des Vereins ist Niki Volou.<\/p>\n<p>Dann komme ich, wiederum zuf\u00e4llig, an der Skulptur mit den erhobenen H\u00e4nden vorbei. Leider liegen davor verdorrte Blumen und Kr\u00e4nze. Vor ein paar Tagen war der Jahrestag des Attentats. Auf einem Schild erf\u00e4hrt man, dass der Get\u00f6tete, Grigoris Landrakis, Mitglied einer Friedensbewegung war. Er war gerade von einer Versammlung gekommen, bei der er eine flammende Rede gehalten hatte. An dieser belebten Kreuzung kamen M\u00e4nner in einem Dreirad auf ihn zu und \u00fcberfuhren ihn. Es sollte nach einem Verkehrsunfall aussehen. Eine von engagierten Politikern und Journalisten vorangetriebene Untersuchung ergab aber, dass es eine geplante Aktion war, in die Politik und Polizei verwickelt waren. Bei der Suche im Internet wird mir nachher klar, warum mir der Name so bekannt vorkam: Landrakis\u00a0 Geschichte ist die Vorlage f\u00fcr <em>Z<\/em>, den Roman und den Film. Landrakis war auch ein erfolgreicher Leichtathlet, und der Athener Marathon wird zu seinem Ged\u00e4chtnis gelaufen.<\/p>\n<p>Hier im Viertel wird der\u00a0 Versuch gemacht, M\u00fcll zu trennen. Es gibt eine gr\u00fcne Tonne f\u00fcr Restm\u00fcll und eine blaue f\u00fcr Wertstoffe. Das funktioniert aber nicht. In der blauen Tonne landet alles M\u00f6gliche. Die M\u00fcllabfuhr scheint jeden Tag zu kommen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">28. Mai (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Zwei Moscheen, vier B\u00e4der, eine Turbe und ein Markt. Das ist das, was vom t\u00fcrkischen Erbe \u00fcbrig geblieben ist. Das ist verdammt wenig f\u00fcr die vielen Jahrhunderte, aber eher im Vergleich zu anderen St\u00e4dten. Zum Teil liegt das daran, dass die T\u00fcrken einfach christliche Kirchen als Moschee benutzten. Keine gro\u00dfe Umbauten, Wandmalereien \u00fcbert\u00fcncht, Minarett daneben, fertig. Aber was ist aus all den t\u00fcrkischen Gesch\u00e4ften, Wohngeb\u00e4uden, Verwaltungsgeb\u00e4uden, Schulen geworden? Da muss viel abgerissen worden sein nach der \u201eBefreiung\u201c. Davon ist aber in den Reisef\u00fchrern und auch im Museum im Wei\u00dfen Turm nie die Rede. Das Wort \u201eZerst\u00f6rung\u201c bezieht sich immer nur auf das, was andere gemacht haben.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zu den t\u00fcrkischen Monumenten komme ich \u00fcber den Wochenmarkt. An einem Stand besorge ich Papiertaschent\u00fccher. Mir f\u00e4llt das Wort nicht ein, also zeige ich eins. Die Verk\u00e4uferin sagt und erkl\u00e4rt das Wort, ganz wunderbar, wie die geborene Lehrerin. Es ist au\u00dferdem ganz einleuchtend: \u03c7\u03b1\u03c1\u03c4\u03bf\u03bc\u03ac\u03bd\u03c4\u03b7\u03bb\u03bf. Der erste Bestandteil bedeutet \u2018Papier\u2019, der andere ist der, der auch in \u03c4\u03c1\u03b1\u03c0\u03b5\u03b6\u03bf\u03bc\u03ac\u03bd\u03c4\u03b7\u03bb\u03bf steckt, \u201aTischdecke\u2018. Ich hatte irgendwie \u03c0\u03b5\u03c4\u03c3\u03ad\u03c4\u03b1 erwartet. Aber das hei\u00dft \u201aServiette\u2018 und \u201aHandtuch\u2018.<\/p>\n<p>Heute ist die Regenjacke angesagt. Man rechnet schon gar nicht mehr damit. Unterwegs sehe ich ein \u00e4lteres Ehepaar. Der Mann gibt der Frau seine Mappe, damit sie sich die \u00fcber den Kopf halten kann.<\/p>\n<p>Zuerst komme ich zu Geni Hamam. Verr\u00fcckt: Ich habe es schon mal vergeblich gesucht und bin auch schon mal dran vorbeigekommen. Es liegt gleich hinter Agios Demetrios. Beim Vorbeigehen sieht man nicht, dass es t\u00fcrkisch ist. Die beiden dicken, roten Kuppeln sieht man nur aus der Distanz. Und den Hufeisenbogen sieht man nur, wenn man genau hinsieht. Dieses Bad wird oder wurde als Kino benutzt. Die Leute hier kennen den Bau praktisch nur unter dem Namen des Kinos, \u0391\u03af\u03b3\u03bb\u03b7. Das hei\u00dft \u201aGlanz\u2018.<\/p>\n<p>Etwas weiter Richtung Unterstadt, auf derselben Achse, liegt Bey Hamam, ein weiteres t\u00fcrkisches Bad. Hier haben wir nach dem Lesekreis drau\u00dfen gesessen, aber das merke ich erst ganz zum Schluss. Bei Tag sieht die Sache ganz anders aus. Der Mann, nach dem das Bad benannt ist, trug den Ehrentitel Bey, daher der Name. Die Leute hier vor Ort kennen den Haman als Paradise Bath. Bey Hamam war ein doppeltes Bad, f\u00fcr M\u00e4nner und f\u00fcr Frauen. Der Eingang f\u00fcr M\u00e4nner liegt an der Hauptstra\u00dfe, der Egnatia, und ist gr\u00f6\u00dfer und pr\u00e4chtiger als der f\u00fcr die Frauen. Wie sich das geh\u00f6rt. Beide haben aber sch\u00f6ne Dekorationen. Nach der Renovierung kommen die bestimmt wieder gut zur Geltung. Unter den vielen unterschiedlich geformten und unterschiedlich gro\u00dfen Kuppeln liegen die Bader\u00e4ume. Nach r\u00f6mischem Vorbild ging man vom kalten Raum in den lauwarmen und von da in den hei\u00dfen. Die verschiedenen R\u00e4ume hatten durchlaufende B\u00e4nke. Es gab einen unterirdischen Kessel, mit dem f\u00fcr beide Abteilungen hei\u00dfes Wasser, hei\u00dfe Luft und Dampf erzeugt wurde. Au\u00dfen sieht man kleine, sch\u00f6n gestaltete L\u00f6cher, durch die der Qualm austrat. Bei der Beschreibung kommt das seltene englische Wort <em>flue<\/em> vor. An dem Bauzaun entdecke ich ein merkw\u00fcrdiges Gestell. Es ist ein Dreirad mit ganz hohem Sitz und einer quer laufenden Kette. Man muss es vermutlich vor Benutzung auseinanderklappen.<\/p>\n<p>Auch an der Egnatia, viel n\u00e4her, als ich vermutet hatte, liegt die Hamza Bey Tsami, eine der erhaltenen Moscheen. Auch hier wird renoviert. Durch den Bauzaun kann man in den freien Innenhof sehen mit seinen sch\u00f6nen Arkaden. Dort sind die Kapitelle \u201enormal\u201c, au\u00dfen hat die Moschee aus roten Backsteinen geformte Kapitelle. Habe ich noch nie gesehen. Hier an dieser Moschee, ebenso wie an allen anderen t\u00fcrkischen Bauten, ein Bauelement, das wohl byzantinisch ist und von den Osmanen \u00fcbernommen wurde, \u201ages\u00e4gte\u2018 Gesimse, aus Backsteinen gemacht, die mit der \u201efalschen\u201c Seite nach au\u00dfen zeigen. Habe ich auch an Profitis Ilias gesehen. Die Kuppeln hier sind oder waren aus Kupfer, die des Bey Hamam aus Schindeln, die des Geni Hamam glatt und knallrot gefasst, vielleicht aus Blei.<\/p>\n<p>Das n\u00e4chste Ziel, gar nicht weit und schon richtig in dem gesch\u00e4ftigen Viertel seitw\u00e4rts des Aristoteles-Platz gelegen, ist Besesteni, die t\u00fcrkische Markthalle. Sie ist quadratisch, mit einem Eingang zu jeder Seite, und hat sechs flache, v\u00f6llig gleichartige Kuppeln. Einer der Eing\u00e4nge ist besonders hervorgehoben. Der Name leitet sich von \u201aTuch\u2018 ab. In diesem Markt wurden fr\u00fcher die wertvollsten Waren verkauft. Das ist heute nicht mehr der Fall, es ist Massenware, die hier angeboten wird, aber noch heute gibt es an den meisten St\u00e4nden Stoffe.<\/p>\n<p>Endlich finde ich auch Louloudadika, den Blumenmarkt. Dabei geht es nicht um die Blumen, sondern um den Standort. Denn die Blumenst\u00e4nde gruppieren sich, zusammen mit unz\u00e4hligen Caf\u00e9s, um ein weiteres Badehaus herum, den Yahudi Hamam. Der Name ist eine Anspielung darauf, dass sich hier das j\u00fcdische Viertel Thessalonikis befand. Dieses Badehaus, bereits renoviert, ist der sch\u00f6nste der t\u00fcrkischen Bauten Thessalonikis, mit einer Fassade aus rotem und wei\u00dfem Baumaterial, das verschiedene Muster bildet, und mit einer Vielzahl von achteckigen, flachen Kuppeln. An den rechteckigen, hohen Bauteil schlie\u00dfen sich verschiedenere kleinere Bauteile an, und da das Bad teils unter Bodenniveau liegt, liegen deren D\u00e4cher einem quasi zu F\u00fc\u00dfen. Die D\u00e4cher haben rote Schindeln, die, wir ich mir habe sagen lassen, nach dem Prinzip M\u00f6nch und Nonne angeordnet sind. Man kann in die R\u00e4ume von au\u00dfen hineinsehen, aber kaum etwas erkennen. Der Bau, obwohl renoviert, ist geschlossen.<\/p>\n<p>An einer Seite des Louloudadika steht ein auff\u00e4lliges, sch\u00f6nes Eckhaus, das, wie ich mir habe sagen lassen, dem Sezessionsstil zugeordnet werden kann.<\/p>\n<p>An der Glasfassade eines modernen, nichtssagenden Hochhauses h\u00e4ngt an jedem zweiten Fenster ein Kasten f\u00fcr die Klimaanlage. Jeder davon ist h\u00e4sslich, aber insgesamt sehen sie wie gewollte Dekoration aus oder sogar wie eine Skulptur.<\/p>\n<p>Im Vlali-Markt kaufe ich an einem gut sortierten Obststand Erdbeeren. Ein halbes Kilo kostet 1,50 \u20ac. Das, habe ich mir sagen lassen, ist g\u00fcnstig. Die ersten Erdbeeren schmecken mir nur gut, aber dann wird es mit jeder einzelnen immer besser. Es ist wie mit Chips oder Zigaretten. Im Laufe des Tages wird der Vorrat immer kleiner.<\/p>\n<p>Die letzte t\u00fcrkische Station ist schon wieder ganz in der N\u00e4he der Wohnung, aber schlecht zu finden, etwas abseits der Stra\u00dfe inmitten von Wohnh\u00e4usern gelegen. Das ist die zweite erhaltene Moschee, Alatza Imaret. Der Name weist auf das ehemalige bunte Minarett der Moschee hin und auf die erweiterte Funktion der Moschee als Armenhaus. Von dem bunten Minarett, eine Seltenheit, sind nur noch der Sockel und ein Stumpf erhalten. Schade. Auch dieser Bau ist bereits renoviert. Er sieht ganz anders aus als die anderen t\u00fcrkischen Bauten. Glatte, aber sonst nicht bearbeitete Natursteine, alle von unterschiedlicher Gr\u00f6\u00dfe, sind, jeder f\u00fcr sich, durch flache Backsteine eingerahmt und bilden so ein Rechteck. Vor dem Eingang hat die Moschee eine hohe Arkade mit sechs S\u00e4ulen, die f\u00fcnf Kuppeln tragen. Man denkt an die symbolische Bedeutung der Zahl 5 im Islam, an die S\u00e4ulen des Islam. \u00dcber dem Eingang befindet sich ein Stein mit einer Inschrift in arabischen Schriftzeichen. Die besagt, dass die Moschee von einem hochrangigen t\u00fcrkischen Offizier 1484 errichtet wurde, kurz nach der Einnahme Thessalonikis durch die T\u00fcrken. Die Gebetsnischen befinden sich hier au\u00dfen, nicht innen.<\/p>\n<p>Dieses Geb\u00e4ude kann man besichtigen. Es besteht aus zwei Hauptr\u00e4umen, jeder mit einer hohen Kuppel. Die waren, wie man andeutungsweise sehen kann, fr\u00fcher pr\u00e4chtig dekoriert. Die beiden R\u00e4ume werden durch einen hohen Bogen getrennt. Seitlich liegen zwei kleinere R\u00e4ume, vermutlich die, die der Armenf\u00fcrsorge dienten.<\/p>\n<p>In der Moschee l\u00e4uft in einer Endlosschleife eine Dokumentation \u00fcber den Sufismus, mit Videos zu allen Seiten des zweiten Hauptraums. Es wird einem fast schwindlig, bei all der Musik und der rhythmischen, teils ekstatischen Bewegungen. Aufnahmen aus Wohnzimmern mit dicken Teppichen stehen neben Aufnahmen von einer Gruppe wei\u00df gekleideter Afrikaner auf einem Gro\u00dfstadtplatz und Aufnahmen von zwei M\u00e4nnern mit traditionellem Gewand und hohen Fes, die sich vor einer Felsenlandschaft st\u00e4ndig umeinander drehen.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg gehe ich bei Demetris, dem Schneider vorbei. Er begr\u00fc\u00dft mich wie einen alten Freund, den er seit Jahren nicht mehr gesehen hat, und stellt mir seine Frau und zwei Freunde vor, die zwischen den N\u00e4hmaschinen sitzen und mit ihm plauschen. Zwischendurch kommt eine Kundin hinein und bringt einen Schal vorbei, der umgen\u00e4ht werden soll. Alle sind sehr freundlich und frotzeln etwas \u00fcber Deutschland und Griechenland. Dimitris findet, die Griechen k\u00f6nnten was von den Deutschen lernen. Die w\u00fcrden ihren M\u00fcll nicht einfach auf die Stra\u00dfe werfen. Er erkundigt sich eingehend nach Sofia und bestellt Besserungsgr\u00fc\u00dfe. Ich bedanke mich mit unbeholfenen Worten f\u00fcr die freundliche Begr\u00fc\u00dfung dieser Tage und ziehe weiter.<\/p>\n<p>Am Nachmittag bringe ich Sofia ein paar Erdbeeren. Die kommen besser an als die S\u00fc\u00dfigkeiten dieser Tage. Ihre Stimme ist viel besser, aber sie h\u00f6rt sich noch ziemlich mitgenommen an. Dennoch fragt sie detailliert nach der Reise. Sie reserviert einen Parkplatz am Flughafen f\u00fcr mich, gibt mir einen t\u00fcrkischen Geldschein f\u00fcr Notf\u00e4lle und eine Karte, die man aufladen und als Fahrkarte benutzen kann.<\/p>\n<p>Ich sage, ich wolle noch schnell raus, um mein Handy aufzuladen, f\u00fcr den Fall der F\u00e4lle. Sie wehrt energisch ab: Nicht ins Gesch\u00e4ft, lieber im Internet. Da bekommt man immer noch etwas gratis dazu. Ich w\u00fcrde lieber ins Gesch\u00e4ft gehen, aber sie bietet an, die Sache f\u00fcr mich zu machen. Auch durch meine Warnung, dass bei mir so etwas immer schief geht, l\u00e4sst sie sich nicht entmutigen. Die Aktion zieht sich allerdings in die L\u00e4nge. Ihr PC arbeitet mit provozierender Langsamkeit. Dann wird ein Kennwort an mein Handy geschickt. Das liegt unten. Dann wird ein Link an die Mailadresse geschickt. Ich will 20 \u20ac aufladen, aber sie sagt, das sei viel zu viel. 10 \u20ac w\u00fcrden gen\u00fcgen. In Ordnung. Ich habe nur einen Zwanziger und sie kann nicht wechseln. Also gehe ich runter und hole einen Zehner. Den gebe ich ihr. Dann muss ich wieder runter. Auf dem Handy soll eine Nachricht sein, die das neue Guthaben best\u00e4tigt. Die Nachricht ist aber nicht da. Also geht sie wieder ins Internet. Es stellt sich heraus, dass die 10 \u20ac zwar von ihrem Konto runter, nicht aber auf meinem Handy drauf sind. Sie t\u00e4tigt einen Anruf und bekommt Instruktionen. Jetzt geht die ganze Aktion wieder von vorne los. Am Ende stellt sich heraus, dass alles erfolgreich war, aber zweimal. Mir sind jetzt 20 \u20ac gutgeschrieben worden. Ich nehme den Zehner, bringe ihn runter, hole den Zwanziger und gebe ihn ihr.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">29. Mai (Freitag) <\/span><\/p>\n<p>Dass mein Auto sich in den zwei Wochen nicht vom Fleck bewegt hat, spricht f\u00fcr die Lage der Wohnung. Heute soll es mich aber zum Flughafen bringen. Will es aber nicht. Es gibt keinen Mucks von sich.<\/p>\n<p>Ich schnappe meinen Koffer und gehe durch die fast menschenleeren Stra\u00dfen Richtung Unterstadt. Eine Frau sagt mir, ich m\u00fcsse zwei Busse nehmen. Das ist mir aber zu kompliziert. Ich will direkt zum Flughafenbus. Man schickt mich zur Egnatia und zur Linie 78. Da gibt es tats\u00e4chlich eine Haltestelle dieser Linie, aber darunter steht der Vermerk \u201eNachtbus\u201c. Als ich gerade \u00fcberlege, was ich tun soll, taucht auf einmal die junge Frau, die ich zuletzt nach dem Weg gefragt habe, hinter mir auf. Sie habe sich vertan, sie sei hinter mir hergelaufen, um ihren Fehler auszumerzen. Sagenhaft! Und nicht nur das. Sie bringt mich zu der ein ganzes St\u00fcck entfernten Haltestelle. Der Weg f\u00fchrt an ihrem Arbeitsplatz auf dem Aristoteles-Platz vorbei. An der Haltestelle wird tats\u00e4chlich der Bus schon angek\u00fcndigt, und es stehen auch lauter Leute mit Koffern dort herum. Im letzten Moment f\u00e4llt mir ein, zu fragen, ob man im Bus bezahlen kann. Ja, aber nur mit M\u00fcnzen. Die Fahrt kostet zwei Euro. Es ist ein moderner Gelenkbus, mit elektronischer Anzeige und zweisprachigen Durchsagen. Die Fahrt zieht sich hin. Ich sehe lieber erst gar nicht auf die Uhr. Einfach das Beste hoffen. Und es klappt.<\/p>\n<p>Zwischen Landung und Ausgang vergeht eine komplette Stunde. Erst rollen wir ein langes St\u00fcck mit dem Flugzeug \u00fcber das Flugfeld, dann kommt eine lange Strecke mit dem Bus, und dann geht es auf unendlichen Wegen durch die Flughalle. Istanbul baut einen neuen Flughafen, erfahre ich kurz darauf. Er soll der gr\u00f6\u00dfte Europas werden. Mit k\u00fcrzeren Wegen, wie zu hoffen ist. Hier m\u00fcssen alle in die gleiche Richtung, durch die gleichen Kontrollen, durch die gleichen Sperren. Das macht sie Sache so langatmig.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen wartet Melda mit ihrer kleinen Schwester, Esra, die ihr sehr \u00e4hnlich sieht und genauso schlank ist. Sie spricht kaum Englisch. Sie unterrichtet T\u00fcrkisch in Ankara, T\u00fcrkisch f\u00fcr Ausl\u00e4nder. Das sind meist ausl\u00e4ndische Austauschstudenten, aus dem Iran, aus Pakistan, aus Vietnam.<\/p>\n<p>Ilker dreht in der Zwischenzeit drau\u00dfen Runden, da man hier nat\u00fcrlich nirgendwo parken kann. Trotz eines schimpfenden Polizisten findet er eine L\u00fccke und kann uns einladen und schafft es au\u00dferdem noch, mich ganz herzlich zu begr\u00fc\u00dfen. Ich f\u00fchle mich willkommen.<\/p>\n<p>Alle drei haben moderne Smartphones, und Ilker hat ein neues, modernes Auto. Es geht mit schneller Fahrt in die Innenstadt. Zwischendurch machen wir Halt. Ilker gibt eine Runde Granatapfelsprudel aus, und es wird das obligatorische Selfie gemacht.<\/p>\n<p>Die Stra\u00dfen sind geschm\u00fcckt. Kilometerweit h\u00e4ngen bunten Wimpel \u00fcber der Stra\u00dfe. Erst hei\u00dft es, das habe was mit den bevorstehenden Wahlen zu tun, dann, es habe was mit dem Jahrestag der Eroberung Konstantinopels zu tun. Sp\u00e4ter, bei der Hochzeit, bekomme ich eine klare Antwort: Die herrschende politische Partei versucht, nationale Gedenktage f\u00fcr ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Die Wimpel stammen allerdings von verschiedenen Parteien, wie ich in den n\u00e4chsten Tagen immer wieder sehen werde.<\/p>\n<p>Ich berichte von Thessaloniki und von den t\u00fcrkischen Bauten, den Moscheen und den B\u00e4dern und dem Markt. Das griechische Wort f\u00fcr \u201aMoschee\u2018, \u03c4\u03b6\u03b1\u03bc\u03af, erkennen sie nicht, obwohl es aus dem T\u00fcrkischen kommt und dem t\u00fcrkischen Wort, <em>cami<\/em>, sehr \u00e4hnlich ist. Aber die Betonung ist anders, und das scheint das Wort zu entstellen.<\/p>\n<p>Melda sagt, sie sei aufgeregt und gespannt und voller freudiger Erwartung, aber nicht nerv\u00f6s. Trotz der 400 G\u00e4ste. Es k\u00f6nnten sogar einige mehr werden. Einige haben nicht geantwortet, und es kann sein, dass sie trotzdem kommen. Sie brauchen nur mich vom Flughafen abholen. Alle anderen kommen mit dem Bus. Ilkers Verwandte sind schon da, Meldas Verwandte kommen heute.<\/p>\n<p>Sie wird ein langes wei\u00dfes Kleid tragen, Esra ein langes schwarzes. Was sie mit den Haaren anstellen wird, erkl\u00e4rt sie mir zwar, aber ich verstehe es nicht. Nicht hochgesteckt, aber auch nicht lose.<\/p>\n<p>Ich sage ganz vorsichtig, ich h\u00e4tte von nicht so guten Wetteraussichten f\u00fcr morgen gelesen, aber sie haben die neueren Informationen: bew\u00f6lkt, aber trocken. Und so soll es dann auch kommen. Was sie bei str\u00f6mendem Regen gemacht h\u00e4tten, wissen sie wohl selbst nicht. Denn die Feier findet unter freiem Himmel statt.<\/p>\n<p>Sie setzen mich nicht nur ab, sondern begleiten mich in das Hotel in Sultanahmet und warten, bis alles in Ordnung ist. Morgen holt mich jemand zur Hochzeit ab. Ich brauche mich um nichts zu k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>Das Wetter ist gut, und ich mache gleich einen Spaziergang nach durch Sultanahmet. Auf dem Weg komme ich an einem Friseursalon vorbei: <em>Erkek<\/em> <em>Kuaf\u00f6r\u00fc<\/em>. So werden Fremdw\u00f6rter heimisch gemacht. An einer Baustelle sehe ich ein ganz seltsames Gestell: ein H\u00f6llenreiter auf einem modernen Motorrad, der aber wie ein Wagenlenker aus der Antike aussieht. Sp\u00e4ter sehe ich, dass der Teil eines hier entstehenden exzentrischen Caf\u00e9s sein wird.<\/p>\n<p>Das Hotel liegt in einer Seitenstra\u00dfe, und ich f\u00fcnf Minuten ist man auf der Hauptstra\u00dfe und in zehn Minuten an der Blauen Moschee. Die ist viel photogener als die Hagia Sofia. Wie aus einem St\u00fcck. Die Hagia Sofia ist dagegen unglaublich verbaut.<\/p>\n<p>Es ist rappelvoll. Ich habe noch nie so viele Touristen in Istanbul gesehen. Die Sprache der Sprachen ist Russisch. Mehrmals werde ich auf Russisch angesprochen, \u00fcberall gibt es Hinweisschilder und Reklametafeln auf Russisch, und in dem Lokal, wo ich ein Mittagessen bekomme, steht eine russische Reisegruppe vor der Ausgabe, und der Mann hinter der Theke erkl\u00e4rt ihnen auf Russisch, was er zu bieten hat.<\/p>\n<p>Alles sieht sehr verlockend aus. Ich nehme etwas, was als Saray Kebab bezeichnet wird, vermutlich irgendein erfundener Name, der Touristen anlocken soll. Rindfleischst\u00fccke mit einer Haube aus Kartoffelp\u00fcree und dazwischen Gem\u00fcse. Schmeckt gut, aber nicht so gut, wie es aussieht.<\/p>\n<p>Ich trinke zwei Efes dazu. Das gibt es aus Dosen. Das Wort Bier steht in verschiedenen Sprachen darauf. Man sieht, dass alle, einschlie\u00dflich t\u00fcrkisch, Variationen von Bier sind, mit Ausnahme von <em>cerveza<\/em>. \u00a0Das Spanische bewahrt das lateinische Erbe.<\/p>\n<p>Als die Rechnung kommt, stehen da vier Posten statt zwei. Ich frage nach: Bier, Fleischgericht, Reis, Gem\u00fcse, alles wird extra berechnet. Das wird einem bei der Essensausgabe nat\u00fcrlich nicht gesagt.<\/p>\n<p>Ich mache einen Spaziergang bis zu der unterirdischen Zisterne. Das steht eine lange Schlange und wartet auf Einlass. Ich meine, damals fast alleine da drin gewesen zu sein. Sie ist jetzt allerdings auch viel besser ausgeschildert.<\/p>\n<p>Wie immer in Sultanahmet, wird man \u00fcberall angesprochen, Schlepper, die einen Cousin in Stuttgart haben, dich zum Tee einladen und dir einen Teppich andrehen wollen. Auch organisierte Ausfl\u00fcge gibt es \u00fcberall und \u00fcberteuerte Lokale. Auch vor dem Sultanahmet K\u00f6ftecisi, wohin ich damals mal eingeladen worden bin, steht eine Schlange, aber fast nur T\u00fcrken.<\/p>\n<p>Ich komme an alten Bekannten vorbei, der T\u00fcrbe, der Konstantinss\u00e4ule, dem Pressemuseum, dem Million Stone. Allm\u00e4hlich kommt alles wieder in Erinnerung. Und doch erf\u00e4hrt man auch immer wieder was Neues. Der Million Stone, von dem aus alle Distanzen des alten Reiches berechnet wurde, war der Beginn der Via Egnatia. Und heute Morgen ist mein Flughafenbus von der Egnatia abgefahren!<\/p>\n<p>Die Konstantinss\u00e4ule, \u00c7emberlita\u015f, wurde nach der Verlegung der Hauptstadt aus Rom hierher gebracht. Sie trug in Rom eine Apollostatue. Die wurde hier von einer Statue Konstantins ersetzt. Sp\u00e4ter lie\u00df Konstantins heidnischer Gegenspieler, Julian Apostata, dessen Statue durch seine ersetzen, und noch sp\u00e4ter wurde die durch ein Kreuz ersetzt! Jetzt ist der Platz auf der S\u00e4ule leer. Die t\u00fcrkische Bezeichnung, \u00c7emberlita\u015f bezieht sich auf die Eisenringe, die die S\u00e4ule auf verschiedenen H\u00f6hen umringen und ihr den Halt geben. Das war n\u00f6tig geworden, nachdem sie durch einen Brand besch\u00e4digt worden war.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">30. Mai (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Auf der Stra\u00dfe nach Sultanahmet stehen Leute Schlange, zu beiden Seiten. Einige haben Dokumente in der Hand, aber es ist nicht\u00a0 zu ersehen, was sie da wollen, oder auch nur, ob es sich um eine oder zwei verschiedene Dinge handelt. Man ist doch ziemlich sprachlos.<\/p>\n<p>Ich gehe \u00fcber Sultanahmet bis nach Emin\u00f6n\u00fc, der Anlegestelle f\u00fcr die F\u00e4hre von der asiatischen Seite, von Kadik\u00f6y und \u00dcsk\u00fcdar. Es ist viel los. Es kommt gerade eine F\u00e4hre an, und au\u00dfer F\u00e4hren sind hier auch Ausflugsschiffe und Privatboote unterwegs, und am anderen Ufer liegen zwei Kreuzfahrtschiffe. Ein Angler zieht gerade seine Angel aus dem Wasser und zeigt einem Passanten stolz, was er daran hat: nicht einen, sondern gleich sechs oder sieben Fische, kleine, silbrige.<\/p>\n<p>Auf dem Weg hierher bin ich an der Pforte vorbeigekommen, von der die Hohe Pforte ihren Namen hat. Gegen\u00fcber Teile eines Palastes, der an und sogar auf der Mauer des G\u00fclhane-Parks sitzt. Man wird hier \u00fcberall als Tourist angesprochen, aber sobald man nach Emin\u00f6n\u00fc kommt, \u00e4ndert sich die Atmosph\u00e4re. Hier geht es t\u00fcrkisch zu.<\/p>\n<p>Als ich an einer Fu\u00dfg\u00e4ngerkreuzung stehe, sagt mir ein alter Mann in bestimmtem Ton, ich solle warten, bis es gr\u00fcn wird. Dabei gibt es an dieser Stelle der Kreuzung nur einen Zebrastreifen, ohne Ampel. Egal, ich warte. Als ich mein Einverst\u00e4ndnis gebe und Tamam sage, antwortet er mir, ich solle nicht T\u00fcrkisch sprechen. Ich sei kein T\u00fcrke, sondern Engl\u00e4nder, also solle ich Englisch sprechen. Dummerweise lasse ich mich darauf ein und sage, ich sei Deutscher. Darauf sagt er: \u201eDeutschland! Adolf Hitler!\u201c Und macht den Hitlergru\u00df.<\/p>\n<p>Links liegt die Galatabr\u00fccke und gegen\u00fcber sieht man zwischen den ansteigenden H\u00e4userreihen von Karak\u00f6y den Galataturm. Dies ist das Goldene Horn, das die beiden europ\u00e4ischen Teile Istanbuls trennt. Auf der anderen Seite liegt der Bosporus, der die europ\u00e4ische von der asiatischen Seite trennt.<\/p>\n<p>Hier, auf dieser Seite der Br\u00fccke, liegt die Yeni Cami, eine riesige Moschee, die nur zwei Minarette zu haben scheint. Die sind aber besonders sch\u00f6n, mit Ringen auf verschiedenen H\u00f6hen, von denen Regentropfen herabzuh\u00e4ngen scheinen.<\/p>\n<p>Ich gerate in einen Bazar und die darum herum liegenden Einkaufsstra\u00dfen. Kaum ein Ausl\u00e4nder verliert sich hierher, obwohl es sehr zentral gelegen ist. Hier gibt es alles, was das Herz begehrt: Sitzkissen, Elektromotoren, H\u00e4mmer, Ohrringe, Ventilatoren, alles einzeln und in der Regel unverpackt. Besonders haben es mir die Sitzkissen angetan. Die sind dick und stabil und haben sch\u00f6ne Muster, meist mit Rot als Grundfarbe. Man sieht f\u00f6rmlich, dass sie bequem sind.<\/p>\n<p>Neben all den St\u00e4nden und Gesch\u00e4ften gibt es noch ambulante H\u00e4ndler und Verkaufskarren und au\u00dferdem H\u00e4ndler, die ihre Ware auf dem Boden ausbreiten: Smartphones, CDs, Sonnenbrillen. Die Stra\u00dfen sind voll, und zwischendurch zw\u00e4ngt sich ein Motorroller hupend durch die Menge. Kellner mit sch\u00f6n verzierten dreiarmigen Tabletts bringen kleine Gl\u00e4schen mit Tee in die L\u00e4den. \u00dcber die Stra\u00dfe sind durchl\u00f6cherte rot-gelbe Fahnen als Sonnenschutz gespannt. Rot-Gelb? Galatasaray! Nat\u00fcrlich, Karak\u00f6y, das alte Galata, ist gleich gegen\u00fcber!<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg gehe ich in einen Bahnhof rein, an dem ich zuf\u00e4llig vorbeikomme. Es ist ein Sackbahnhof, und er sieht sehr europ\u00e4isch aus, mit schr\u00e4gen D\u00e4chern aus Eisen und langen Pfeilerreihen entlang der Gleise. Das ist 19. Jahrhundert, wie es im Buche steht. Hier m\u00fcssen die Z\u00fcge des Orient Express angekommen sein. Die dreiteilige Fassade mit einer Rose in der Mitte sieht wie die einer Kathedrale aus.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck geht es durch den G\u00fclhane-Park. Breite Gehwege, sehr gr\u00fcn, mit Hecken, die Muster bilden und gepflegten Rabatten am Wegesrand, mit einheitlich verzierten Laternen, B\u00e4nken und Papierk\u00f6rben!<\/p>\n<p>In der N\u00e4he des Hotels noch ein H\u00e4ndlerviertel. Hier ist alles auf Schuhe eingestellt. Es gibt aber kaum noch Schuhputzer, jedenfalls hier nicht. Also muss ich meine Schuhe wohl selbst putzen. Oder neue kaufen. Das ist aber nicht so leicht. In einem Gesch\u00e4ft sagt man mir \u201eOne shoe\u201c. Als ich das nicht verstehe, wird es zu \u201eNo shoe\u201c variiert. Das schl\u00e4gt der Wirklichkeit ins Gesicht. Hier stehen nur Schuhe rum, in Regalen und in gestapelten Kartons. In einem zweiten Gesch\u00e4ft passiert mir dasselbe. Sp\u00e4ter f\u00e4llt mir erst ein, dass \u201eOne shoe\u201c bedeuten k\u00f6nnte, dass man erst mal nur einen anprobieren kann. Und dass der zweite nur bei Bedarf oder bei echtem Interesse herangeschafft wird.<\/p>\n<p>Ich suche ein Caf\u00e9, aber in der Stra\u00dfe, in der ich gelandet bin, gibt es nur Restaurants, und die sind ganz und gar auf Touristen eingestellt. Dann finde ich ein Lokal, in dem nur t\u00fcrkische M\u00e4nner sitzen und Wasserpfeife rauchen, Tee trinken oder mit dem Handy telefonieren, manchmal alles gleichzeitig. Hier sitzt man sehr bequem, es sind genau die Sitzkissen, die ich vorher gesehen habe. Der Tee wird in winzigen bauchigen Gl\u00e4sern serviert.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Hotel kaufe ich an einem Stand noch einen Sesamkringel. Die kosten hier eine Lira, sind also noch billiger (35 Cent) als die in Griechenland (50 Cent).<\/p>\n<p>Beim Warten auf den Fahrer lese ich in einer Brosch\u00fcre, dass die Besucherzahlen in Istanbul st\u00e4ndig steigen. Weiterhin sind die Deutschen die gr\u00f6\u00dfte Besuchergruppe, dann kommen schon die Russen.<\/p>\n<p>Der Fahrer, der etwa so viele englische W\u00f6rter kennt wie ich t\u00fcrkische, entschuldigt sich f\u00fcr die Versp\u00e4tung. Das aber macht mir gar nichts. Ich habe es nicht eilig und bin froh \u00fcber den Service.<\/p>\n<p>Wir verst\u00e4ndigen uns mit Gesten und einzelnen W\u00f6rtern. Und verst\u00e4ndigen uns darauf, dass er Ka\u011dan hei\u00dft, selbst in Avcilar wohnt, wo auch die Hochzeit stattfindet, dass er ein deutsches Auto hat und dass deutsche Autos gut sind. Er schafft es sogar, mir zu erkl\u00e4ren, dass wir einen Umweg fahren m\u00fcssen, da die eigentliche Strecke gesperrt ist. Demonstrationen. Politik. Sp\u00e4ter, als wir im Stau stecken, macht er dann noch klar, dass jetzt alle in dieselbe Richtung fahren, stadtausw\u00e4rts, wegen des Wochenendes und wegen der Demonstrationen. Dann stellt er eine Frage mit <em>saat<\/em>, und erst viel sp\u00e4ter f\u00e4llt mir ein, dass er vermutlich danach fragt, wie sp\u00e4t die Hochzeit anf\u00e4ngt, aber darauf komme ich nicht. Alle weiteren Kommunikationsversuche versanden. Es ist schon etwas peinlich. Und die Fahrt zieht sich in die L\u00e4nge. Wenn man geglaubt hat, es werde besser, wenn man auf die Autobahn kommt, hat man sich m\u00e4chtig get\u00e4uscht. Wir kommen zum Flughafen, Havalimani, und ich da merke ich an dem Schild, dass das Wort f\u00fcr Hafen auf T\u00fcrkisch fast identisch ist mit dem auf Griechisch. Die Gegend kommt mir bekannt vor, und tats\u00e4chlich taucht dann die K\u00fclt\u00fcr Universitesi auf.<\/p>\n<p>Dann kommen wir ans Meer, die Fahrt geht z\u00fcgiger, und die Gegend wird reizvoller. Als wir an dem abgesperrten, bewachten Grundst\u00fcck ankommen, wo die Hochzeit stattfindet, sind mehr als zwei Stunden vergangen.<\/p>\n<p>Ich werde vom Br\u00e4utigam selbst in Empfang genommen. Der hat sich zur Feier des Tages den Bart abgenommen, und ich muss wohl ziemlich verdutzt aus der W\u00e4sche gucken, seinem Gesichtsausdruck zufolge. Er leitet mich an einen Verwandten weiter, der mich zu dem Tisch f\u00fchrt. Es findet alles im Freien statt. Auf einer riesigen Terrasse mit Blick aufs Meer sind Tische in loser Folge aufgestellt, jeweils f\u00fcr zehn. An meinem sind Meldas Kolleginnen. Alle unterrichten Englisch und wissen schon, dass ich komme. Von meinen alten Kolleginnen ist aber keine da, und komischerweise kennen sie sie kaum. Es handelt sich um eine andere Fakult\u00e4t. Die Frauen hier unterrichten an der Sprachschule, die alle Studenten durchlaufen, w\u00e4hrend meine alten Kolleginnen in der Anglistik t\u00e4tig sind. Die Frauen sind alle sehr freundlich, aber \u00fcber ein paar Gemeinpl\u00e4tze kommt das Gespr\u00e4ch nicht hinaus. Sie unterhalten sich nat\u00fcrlich auf T\u00fcrkisch. Ausgerechnet die gespr\u00e4chigste der Frauen sitzt am anderen Ende des Tisches. Neben mir sitzt eine sehr elegante Frau, bei der alles Ton in Ton ist: Jacke \u00fcber dem Kleid, Schuhe, Fingern\u00e4gel, Tasche. Aber sie ist eine Art Assistentin und traut ihrem eigenen Englisch nicht so recht, obwohl das alles andere als schlecht ist. Zu allem \u00dcbel kommt aus den Lautsprechern hinter uns laute Musik, englische Schlager aus der Vorzeit.<\/p>\n<p>Ob ich schon mal an einer t\u00fcrkischen Hochzeit teilgenommen h\u00e4tte, fragen sie, und erwecken damit gro\u00dfe Erwartungen. Die werden aber entt\u00e4uscht. Das hier hat mehr von Hollywood als von T\u00fcrkei. Es gibt Fanfaren und Feuerwerk, als das Paar \u00fcber einen roten Teppich einschreitet. Sie setzen sich an einen Tisch vor der B\u00fchne, und dann kommt die B\u00fcrgermeisterin oder Ortsvorsteherin und nimmt die Zeremonie vor. Neben dem Paar sitzen die Trauzeugen. Das geht alles relativ schnell \u00fcber die B\u00fchne. Dann spricht die B\u00fcrgermeisterin ein paar Worte, und das ist es.<\/p>\n<p>Auf dem Tisch stehen Cola, Orangensaft und Wasser. Kein Sekt zur Begr\u00fc\u00dfung? Kein Sekt, um auf das Paar anzusto\u00dfen? Dann kommt schon das Essen, und jetzt stelle ich doch mal die Frage, wann denn Wein und Bier k\u00e4men. Gar nicht. Die B\u00fcrgermeisterin, hei\u00dft es, geh\u00f6re einer \u201eetwas konservativen Partei\u201c an, hei\u00dft es, und mit R\u00fccksicht darauf gebe es keinen Alkohol. Ob das die Partei des Pr\u00e4sidenten sei, will ich wissen. Ja.<\/p>\n<p>Das Essen ist ein Tellergericht. Ein bisschen geschnetzeltes Fleisch, ein bisschen Reis, ein bisschen Salat, ein bisschen Kartoffelp\u00fcree. Das ist alles. Ich habe den ganzen Tag \u00fcber wenig gegessen, mit R\u00fccksicht auf den erwarteten Festschmaus. Danach gibt es nur noch ein bisschen Obst, auf zwei gro\u00dfen Tellern f\u00fcr den ganzen Tisch serviert. Ich kann\u2019s kaum glauben.<\/p>\n<p>Dann kommt noch ein bisschen Hollywood, eine mehrst\u00f6ckige, kitschige Hochzeitstorte, die von dem Paar symbolisch angeschnitten wird. Das ist wenigstens was gegen den knurrenden Magen. Und dann kommt auch noch der obligatorische Wurf des Brautstrau\u00dfes. Der landet ziemlich kurz, und die Frauen baggern geradezu danach, um ihn zu bekommen. Die Gewinnerin zeigt sich stolz und gl\u00fccklich.<\/p>\n<p>Dann kommt der beste Teil des Abends: Live-Musik und Tanz. Moderne t\u00fcrkische Musik, betont rhythmisch, Lieder, die alle kennen. Esra holt mich zum Tanzen. Sie l\u00e4sst erst keine Diskussionen aufkommen und schleppt mich an der Hand auf die Tanzfl\u00e4che. Jeder tanzt einfach so, wie er will. Am Anfang bin ich der einzige Mann unter zwei Dutzend Frauen. Alle lachen \u00fcber meine tollpatschigen Bewegungen, freuen sich aber, dass ich mich darauf einlasse. An unserem Tisch sind inzwischen auch zwei t\u00fcrkische M\u00e4nner angelangt, aber die stehen den ganzen Abend nicht von ihren Sitzen auf. Dann kommen immer mehr auf die Tanzfl\u00e4che, und alle tanzen miteinander, alte M\u00e4nner mit Schmerb\u00e4uchen neben jungen Frauen in eng anliegenden Kleidern und St\u00f6ckelschuhen, junge M\u00e4nner mit Turnschuhen und Jeans neben alten Frauen mit langen R\u00f6cken und langen Kopft\u00fcchern. Die jungen Frauen bewegen sich mit gro\u00dfer Eleganz und ausgesprochen aufrei\u00dfend, aber auch viele der jungen M\u00e4nner bewegen sich unglaublich elegant. Bei den Frauen sind es vor allem die Bewegungen der H\u00e4nde, die elegant wirken.<\/p>\n<p>Zwischendurch kommen mitten im Tanz zwei Frauen auf mich zu und hei\u00dfen mich mit einem offenen L\u00e4cheln willkommen: die beiden M\u00fctter. Gertenschlank und jung. Meldas Mutter ist eine Kopie von Esra, oder besser umgekehrt. Die k\u00f6nnten problemlos als Schwestern durchgehen.<\/p>\n<p>Den beiden V\u00e4tern werde ich vorgestellt. Der Vater des Br\u00e4utigams ein sehr eleganter graumelierter Mann, der aber ganz burschikos auftritt und mich mit dem obligatorischen Kuss auf beide Backen begr\u00fc\u00dft. Der andere ist ein untersetzter kleiner Mann mit Schn\u00e4uzer. Gut, dass die T\u00f6chter auf die Mutter hinauskommen.<\/p>\n<p>Dann wird es t\u00fcrkischer. Man fasst sich bei der Hand und bildet Kreise, auch Kreise um Kreise. In der Mitte tanzt die Braut, dann holt sie einen zu sich, dann l\u00e4sst sie ihn alleine in der Mitte. Das ist die H\u00f6chststrafe. Aber auch die lasse ich \u00fcber mich ergehen. Sp\u00e4ter kommen dann Schrittfolgen. Da verhaspele ich mich, aber Ilker spricht mich \u00fcber die ganze Tanzfl\u00e4che laut an und z\u00e4hlt und gibt die Schrittfolge vor, auf Englisch. Dann klappt\u2019s.<\/p>\n<p>Als ich einmal zum Ausruhen an den Tisch gehe, kommt da Bewegung die Gruppe. Ich frage mich, was los ist, und es stellt sich heraus, dass die Frauen bereits aufbrechen. Es ist gerade mal kurz nach elf. Und ich dachte, jetzt gehe es erst richtig los. Denkste. Bald darauf brechen auch die beiden M\u00e4nner an unserem Tisch mit ihren Frauen auf. Und allgemein wird zum Aufbruch geblasen.<\/p>\n<p>Ich werde freundlich verabschiedet und wieder von jemandem zum Auto gef\u00fchrt. Das ist gut so, denn oben herrscht ziemlich viel Betrieb, und die Fahrer wissen selbst nicht, wen sie abholen sollen.<\/p>\n<p>Dann wird aber mein Fahrer gefunden, und es geht zur\u00fcck. Verkehr? Nein, um diese Zeit nicht. Diesmal geht es z\u00fcgig zur\u00fcck. Ja, denkste! Die Autobahn, dreispurig in beide Richtungen, ist v\u00f6llig verstopft, und wir stehen bald im Stau. Um zw\u00f6lf Uhr! Als ich in Sultanahmet ankomme, lande ich in einer Touristenfalle und trinke zwei \u00fcberteuerte Glas Bier. Aber wie das schmeckt!<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">31. Mai (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Wasser, Br\u00fccken, Schiffe, Minarette. Vielleicht ist es das, was, kurz gesagt, den Reiz der Skyline von Istanbul ausmacht. Besonders gut zu beobachten oben von der Fr\u00fchst\u00fccksterrasse des Hotels an einem sch\u00f6nen Sonntagmorgen. Es sind viele Schiffe unterwegs, vom Lastenkahn bis zum Privatboot. Sie bewegen sich in alle Richtungen, einige schnell, einige langsam. Die Szene erinnert mich an eine Passage aus Orhan Pamuks Biographie, in der er erz\u00e4hlt, wie er als Kind die Schiffe gez\u00e4hlt und notiert hat, die an seinem Fenster vorbeifuhren.<\/p>\n<p>Die Aussicht entsch\u00e4digt etwas f\u00fcr das grottenschlechte Fr\u00fchst\u00fcck. Als ich dann zur Rezeption heruntergehe, stellt sich heraus, dass die Rechnung um zehn Euro h\u00f6her ist als vorgesehen. Man zahlt nach dem tagesaktuellen Kurs. Bei kleinen Kursschwankungen geht das, aber wenn es gr\u00f6\u00dfere Turbulenzen gibt, macht das die Reiseplanung zu einer gef\u00e4hrlichen Sache. Ich bekomme erst auf Nachfrage eine Rechnung, und die ist handgeschrieben. Der PC k\u00f6nne die Rechnung erst am Tag der Abreise ausfertigen, und diese Rechnung sei kostenpflichtig. Ich glaube, ich h\u00f6r nicht richtig.<\/p>\n<p>Der Mann fragt nach der Hochzeit, und als ich auf die Abwesenheit von Bier und Wein anspreche, macht er einen Versuch, zu erkl\u00e4ren, warum das gut sei, gibt dann aber auf: How I can explain? Auf meine Frage, wie ich nach Beyoglu komme, sagt er mir: \u201eZu Fu\u00df. Sch\u00f6nes Wetter.\u201c<\/p>\n<p>Mein Ziel in Beyo\u011flu ist das <em>Museum der Unschuld<\/em>.\u00a0 Das ist gleichzeitig der Name des Museums und eines Romans von Orhan Pamuk. Das Museum stellt Objekte dar, die in dem Roman ihren Auftritt haben.<\/p>\n<p>Die Suche sich als kompliziert heraus. Ich wandere durch ein Viertel am anderen Ende der Galatabr\u00fccke, wo keiner das Museum kennt und auch nicht die beiden gro\u00dfen Stra\u00dfen, zwischen denen das Museum liegt, oder das Stadtviertel, in dem es liegt. Irgendwann komme ich pl\u00f6tzlich an eine winzige Touristeninformation. In einer Kabine sitzt ein Mann, der gerade einem katalanischen Paar hilft, auf Spanisch! Er sagt mir, ich solle die Zahnradbahn nehmen.<\/p>\n<p>Die bringt mich in ein hoch gelegenes Viertel, das sehr europ\u00e4isch aussieht. Es gibt eine breite Stra\u00dfe mit B\u00fcrgerh\u00e4usern aus der ersten H\u00e4lfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Dazu passen auch die Stra\u00dfenbahnschienen, aber hier f\u00e4hrt keine Stra\u00dfenbahn mehr. Die ganze breite Stra\u00dfe ist Fu\u00dfg\u00e4ngerzone.<\/p>\n<p>Ich komme am Schwedischen und am Italienischen Konsulat vorbei, beide in einem Palast hinter einem Gittertor untergebracht, am Konsulat der Niederlande, in einer Art Burg untergebracht, und am Ekuadorianischen Konsulat, in einem alten, restaurierten Wohnhaus untergebracht. Ganz weit abseits der Hauptstra\u00dfe liegt das Museum, schwer zu finden, in einem Haus untergebracht, das ganz in Bordeauxrot gehalten ist, einschlie\u00dflich Balkonen, Au\u00dfentreppen, Fensterl\u00e4den.<\/p>\n<p>Hier wird ordentlich abkassiert, obwohl es sich ja um eine Art Werbeveranstaltung f\u00fcr ein Buch handelt. Aber interessant ist es. Man bewegt sich hier an der Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Bis zum Schluss ist mir nicht klar, ob es den Protagonisten des Romans wirklich gegeben hat oder ob er reine Erfindung ist. Oben hei\u00dft es, hier habe der Protagonist gelebt und Pamuk seine Geschichte erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Bei dem Roman geht es um einen Mann aus wohlhabender Familie, der eine Frau aus seinem eigenen Stand heiraten soll und auch heiratet. Seine Liebe gilt aber einer Frau aus einer auch gut situierten Familie \u2013 also etwa Gro\u00dfb\u00fcrgertum gegen B\u00fcrgertum \u2013 die dann aber einen anderen heiratet. Danach besucht er sie jahrelang, und bei jedem Besuch bringt er ein Objekt aus ihrem Haus mit. Das sind die Objekte, die hier ausgestellt sind, auf verschiedenen Etagen. Aus allen Etagen sieht man auf eine Zeitspirale auf dem Boden des Erdgeschosses. Pamuk argumentiert, Zeit solle nicht als durchgezogene Linie, sondern als Serie von Einzelpunkten gesehen werden. Die machten das Leben aus. In der Spirale sind sie als runde Punkte markiert.<\/p>\n<p>Im Erdgeschoss gibt es nur Zigarettenstummel, \u00fcber 4000. Sie stammen von den Besuchen und sind sorgf\u00e4ltig mit Datum versehen. Darunter steht, in Pamuks eigener Handschrift, bei welchem Anlass sie geraucht wurden.<\/p>\n<p>In den anderen Etagen sieht man dann Objekte des t\u00e4glichen Lebens: Kaffeetassen, Haarnadeln, Lotteriescheine, Schl\u00fcssel, Todesanzeigen, Porzellanfiguren, gibt es in rauen Mengen. Daneben eine schwere, schwarze Kasse mit Zahlenreihen und einer Kurbel, ein kleines Waschbecken mit Rasierpinsel und abgesto\u00dfener Farbe, einen Stromz\u00e4hler. Dann gibt es unz\u00e4hlige Zeitungsphotos von Frauen mit einem schwarzen Balken \u00fcber der Augenpartie. Frauen, die vorehelichen Geschlechtsverkehr hatten und nicht sofort heirateten, wurden so dargestellt, aber auch Prostituierte, Ehebrecherinnen, Vergewaltigungsopfer. Eine Besonderheit ist eine Taschenuhr mit r\u00f6mischen Ziffern auf der einen und arabischen Ziffern auf der anderen Seite. Die Kaffeetassen sind mal voll, mal halb voll, mal leer. Besonders bei den Schl\u00fcsseln sieht man, wie altmodisch sie heute wirken, schwarz, breit, mit verziertem Griff und breiten B\u00e4rten und dicken Kerben.<\/p>\n<p>Das sieht alles sehr europ\u00e4isch aus, kaum t\u00fcrkisch, mit Ausnahme der bauchigen Teegl\u00e4ser und der winzigen Mokkatassen. Die t\u00fcrkische Bourgeoise richtete sich an westlichen Mustern aus.<\/p>\n<p>An einer Wand f\u00e4llt mir ein Zitat aus dem Roman ins Auge: \u201eEs war der gl\u00fccklichste Moment meines Lebens. Aber ich wusste es nicht.\u201c Das klingt noch lange nach. Ist das, wenn es stimmt, deprimierend, traurig, witzig, aufbauend? Sind gl\u00fcckliche Momente anders als ungl\u00fcckliche Momente? Sind sie vielleicht k\u00fcrzer?<\/p>\n<p>Der unscheinbarste, aber interessanteste Teil des Museums ist die obere Etage. Hier sind Handzeichnungen von Pamuk ausgestellt, auf denen er zeigt, wie er sich das Museum vorstellt, und zwar schon bei der Abfassung des Romans. Au\u00dferdem gibt es Ausgaben in verschiedenen Sprachen. Dabei sieht man, dass der d\u00e4nische Titel \u2013 oder der einer anderen skandinavischen Sprache \u2013 von den anderen Titeln strukturell abweicht: <em>Uskyldens Museum<\/em>. Bei allen anderen steht <em>Museum<\/em> vorne und <em>Unschuld<\/em> hinten, au\u00dfer im T\u00fcrkischen! Da steht <em>Museum<\/em> auch hinten, <em>Masumiyet M\u00fczesi<\/em>, allerdings mit angeh\u00e4ngter Pr\u00e4position, anders als im D\u00e4nischen, wo man das mittels Flektion regelt.<\/p>\n<p>Daneben sind Manuskriptseiten ausgestellt, handgeschrieben, auf einem karierten Spiralblock. Sofort merkt man die vielen, vielen, in Rot angebrachten Korrekturen. Pamuk muss den Text immer wieder \u00fcberarbeitet haben. Daneben stehen Anweisungen f\u00fcr den Mann, der die Manuskripte abschrieb, H\u00fcsnu Abbas. Der war Weltmeister im Maschinenschreiben!<\/p>\n<p>Als er mit der Abfassung des Romans begann, wusste Pamuk schon den Titel. Und den ersten Satz. Den hat er in einer New Yorker Bibliothek auf einem Blatt immer wieder niedergeschrieben, wie eine Beschw\u00f6rungsformel.<\/p>\n<p>Er hat den Roman 2002 begonnen und dann wieder 2005 aufgenommen, im Ausland, da er damals landesfeindlicher Umtriebe angeklagt war. Zwischendurch hatte er seine Autobiographie geschrieben.<\/p>\n<p>Der Weg hat sich gelohnt. Ein Museum der anderen Art. Ich gehe zu Fu\u00df zur\u00fcck, erst durch Beyo\u011flu,<strong> <\/strong>an einer Reihe von Musikgesch\u00e4ften vorbei und an einer ganzen Ansammlung von Stra\u00dfenmusikern. Davon singen und spielen einige abgrundtief schlecht, vor allem die mit Gitarre. Sonderbar, aber ganz sch\u00f6n h\u00f6rt sich an, was ein Mann, der im Schneidersitz auf dem Boden sitzt, seinem metallenen Instrument entlockt, einer Halbkugel, \u00fcber die er in verschiedene Richtungen streicht.<\/p>\n<p>Eins der vielen Uhrengesch\u00e4fte, die man hier sieht, hei\u00dft Saat &amp; Saat. Mir f\u00e4llt das t\u00fcrkische Wort wieder ein. Es bedeutet \u201aStunde\u2018 und \u201aUhr\u2018.<\/p>\n<p>Auf dem Weg nach unten komme ich am Galataturm vorbei. Auch da steht eine lange Schlange von Besuchern. Damals war ich fast der einzige Besucher. Ich komme dann durch ein v\u00f6llig heruntergekommenes Viertel zum Meer und auf mehreren Umwegen zur Galatabr\u00fccke. Hier ist echt was los. Es wimmelt nur so von Menschen, auf beiden Seiten der Br\u00fccke und auf beiden Ebenen der Br\u00fccke. Auf der Galataseite sind es vor allem Fischverk\u00e4ufer, die das Bild bestimmen. Ich kaufe eine Portion Wassermelone, in St\u00fccke geschnitten.<\/p>\n<p>Das Wetter ist einfach zu sch\u00f6n f\u00fcr ein weiteres Museum, und laufen will ich auch nicht mehr, also kaufe ich kurzerhand eine spottbillige Karte f\u00fcr eine Bosporus-Rundfahrt. Habe ich komischerweise noch nie gemacht, jedenfalls nicht mit dem Schiff. Drau\u00dfen muss man stehen und es gibt wenig Platz und man kann die Durchsagen nicht verstehen, aber das macht alles nichts. Ich lasse mir einfach den Fahrtwind durchs Gesicht blasen und die Sonne ins Gesicht scheinen und sehe mir die Umgebung an. Wir kommen gleich unter zwei Br\u00fccken her, zwei H\u00e4ngebr\u00fccken, f\u00fcr den Laien kaum zu unterscheiden. Es geht in schneller Fahrt ohne Halt ziemlich weit den Bosporus hinunter, und man hat das Gef\u00fchl, dass es nicht mehr weit bis zum Schwarzen Meer sein kann. An den Ufern und an begr\u00fcnten H\u00e4ngen stehen Villen, klassische und moderne. In der Distanz sieht man auch ein paar Hochh\u00e4user, aber arme Leute wohnen hier nicht. Die Pal\u00e4ste, die am Ufer stehen, meist langgezogen und nicht sehr hoch, erinnern etwas an Petersburg. Am auff\u00e4lligsten ist eine den H\u00fcgel schr\u00e4g herunterlaufende Befestigungsmauer mit T\u00fcrmen, noch mittelalterlich aussehend. Sie ist wohl eine Verst\u00e4rkung der Abwehr gewesen, in sp\u00e4tbyzantinischer Zeit, und erst kurz vor der Eroberung durch die Osmanen gebaut worden, offensichtlich ohne den gew\u00fcnschten Erfolg.<\/p>\n<p>Wir kommen etwas vor der Zeit wieder an. Die Leute machen sich zum Aussteigen bereit. Ich stehe irgendwo mitten drin und steige auch aus. Hier ist geht es auch zu wie auf dem Jahrmarkt, mit vielen, vielen Verkaufsst\u00e4nden und gleichzeitig St\u00e4nden von politischen Parteien, die Handzettel verteilen und Parolen schreien. Irgendwie habe ich die Orientierung verloren. Die Sache kommt mir ungekannt vor, und die Galatabr\u00fccke ist nirgendwo zu sehen. Pl\u00f6tzlich merke ich, dass ich gar nicht in Emin\u00f6n\u00fc bin, sondern in \u00dcsk\u00fcdar. In Asien statt in Europa! Zur\u00fcck geht es mit der F\u00e4hre. Dabei kommt mir Sofias Istanbul-Card gut zu pass. Da ist wirklich was drauf und komme durch die Sperre. Einen Verkaufsschalter gibt es nicht, nur Automaten, und da wird man von aufdringlichen Helfern umzingelt. Als wir auf die F\u00e4hre zugehen, frage ich eine junge Frau im Tschador mit h\u00fcbschem Gesicht, ob die F\u00e4hre nach Emin\u00f6n\u00fc geht. Ohne zu z\u00f6gern, antwortet sie auf Englisch. Sp\u00e4ter beobachte ich sie aus der Distanz. Sie hat ein modernes Smartphone, auf dem in gro\u00dfen Buchstaben Pink steht, eine moderne schwarze Handtasche und eine moderne Sonnenbrille. Die ganzen Tage habe ich mir \u00fcberlegt, ob die Zahl von Kopft\u00fcchern, Tschadors und Burkas zugenommen hat und bin zu keinem Entschluss gekommen. Jetzt, auf der F\u00e4hre, lautet die Antwort ganz klar: Ja.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1. Juni (Montag)<\/span><\/p>\n<p>In den Shuttlebus zum Flughafen steigen in f\u00fcnf Hotels f\u00fcnf allein reisende Frauen ein. Das beantwortet wohl die Frage, ob man als Frau alleine nach Istanbul fahren kann. Sp\u00e4ter kommen dann noch zwei Paare dazu.<\/p>\n<p>Bei all den komplizierten Kontrollen am Flughafen Atat\u00fcrk wird es knapp, aber ich schaffe es rechtzeitig, auch wenn ich als vorletzter das Flugzeug besteige.<\/p>\n<p>In Thessaloniki springt ein Mann mit langem, ungepflegtem Haar, brennender Zigarette, Sonnenbrille und einem T-Shirt eines Fu\u00dfballspielers im letzten Moment in den Shuttlebus in die Innenstadt. Jedes Mal, wenn wir an einer Kirche vorbeikommen, bekreuzigt er sich dreimal, mit weit ausholenden Handbewegungen, rechts vor links. Sieht man in Thessaloniki oft, aber meistens sehen die Leute, die sich bekreuzigen, anders aus.<\/p>\n<p>Als ich meinen Koffer den Aristoteles-Platz hinaufziehe, sprechen mich zwei \u00e4ltere Frauen, die auf einer kleinen Mauer sitzen, an, auf Russisch! Ich bin einfach weiter gegangen, intuitiv, weil man meint, sie wollten einem etwas andrehen. Aber vielleicht wollten sie wirklich nur Hilfe.<\/p>\n<p>Schon um halb elf bin ich zuhause, von einer Auslandsreise zur\u00fcck. Das kommt nicht oft vor. Das Zimmer ist geputzt und aufger\u00e4umt und die W\u00e4sche geb\u00fcgelt. Die Heinzelm\u00e4nnchen sind nach Thessaloniki ausgewandert, als sie in K\u00f6ln \u00c4rger bekamen.<\/p>\n<p>Sofia l\u00e4dt mich zu einem Kaffee ein, und ich erz\u00e4hle von Istanbul. Sie sagt, in die fieberartige Baut\u00e4tigkeit in Istanbul flie\u00dfe viel Geld aus den Arabischen Emiraten ein. Sie sieht voraus, dass die Blase irgendwann platzt. Auch, dass die griechische Blase platzt, hat sie kommen sehen, aber nicht, dass es so fr\u00fch passieren w\u00fcrde, noch zu Lebzeiten. Die Banken seien f\u00f6rmlich hinter ihr her gewesen, um ihr ein Darlehen anzudrehen.<\/p>\n<p>Heute ist Pfingstmontag. Feiertag. Ja, sagt sie, aber nur f\u00fcr halb Griechenland. Die Beamten und staatlichen Angestellten h\u00e4tten frei, aber die Selbst\u00e4ndigen arbeiteten.<\/p>\n<p>Es geht ihr sichtlich besser, und sie schl\u00e4gt ein gemeinsames Mittagessen in der Innenstadt vor. Gleich vor dem Haus zeigt sie mir die wei\u00dfen Fr\u00fcchte eines Baums, \u03bc\u03bf\u03cd\u03c1\u03b1. Das englische Wort f\u00e4llt ihr nicht ein, aber ich habe einen Verdacht, der sich sp\u00e4ter best\u00e4tigt: Es sind Maulbeeren. Hab ich noch nie gesehen.<\/p>\n<p>Wir machen einen Spaziergang bis zum Hafen. So weit war ich bisher noch gar nicht gekommen. Hier befindet sich das Photographie-Museum, von dem \u00fcberall die Rede ist. Und von hier legt ein einfaches Boot ab, mit der man die Bucht befahren kann. Weiter hinten sieht man Hebekr\u00e4ne, aber dieser vordere Teil, mit Lagerhallen, scheint anderen Zwecken zugef\u00fchrt worden zu sein. An der Meeresfront reiht sich ein Lokal an das andere.<\/p>\n<p>Wir kommen an dem Denkmal f\u00fcr die deportierten und in den Lagern get\u00f6teten Juden Thessalonikis vorbei. Thessaloniki war bis dahin eine der wichtigsten j\u00fcdischen St\u00e4dte der gesamten Gegend, und Juden waren lange die gr\u00f6\u00dfte Bev\u00f6lkerungsgruppe Thessalonikis.<\/p>\n<p>Es stellt sich heraus, dass Sofia Israel kennt, und zwar ziemlich gut. Sie hat als junge Frau l\u00e4nger in einem Kibbuz gearbeitet, in Negev, im S\u00fcden Israels. Dort hat sie die Verwaltung des Kibbuz gemacht, aber gelegentlich auch auf den Feldern gearbeitet. Und vor allem ist sie viel, viel gereist und hat das ganze Land kennen gelernt.<\/p>\n<p>Wir gehen an der Promenade zur\u00fcck und in eins der vornehm aussehenden Restaurants, in das ich alleine nie gegangen w\u00e4re, das \u0391\u03b3\u03b9\u03bf\u03bb\u03af. Wenn man sich auskennt, und das tut sie, kann man nach oben gehen, mit Blick auf die Bucht. Die Bedienung ist hier wie in einem 5-Sterne-Restaurant, und das Essen auch. Es gibt u.a. Boureki, Teigtaschen, die mit Tomaten, Pilzen und Schinken gef\u00fcllt sind. Die Preise sind ganz normal, nicht wie in einem 5-Sterne-Restaurant, und Sofia l\u00e4sst es sich nicht nehmen, alles zu bezahlen. Sie hat schon vorsichtshalber im Internet eine Art Vorauszahlung gemacht. Dann bekommt man eine Art Bonus.<\/p>\n<p>Wir sprechen \u00fcber Gott und die Welt, ganz w\u00f6rtlich. Sie erahnt, dass ich kein Meer-Mensch bin. Der Blick auf das weite, endlose Meer habe eine deprimierende Wirkung, sage ich. Es m\u00fcsste ein Felsen im Wasser, eine Insel im Hintergrund, ein Baum im Vordergrund oder ein Haufen Schiffe auf dem Wasser sein, um die Sicht ertr\u00e4glich zu machen. Ihr geht es genau umgekehrt. Gerade die unendliche Weite hat es ihr angetan.<\/p>\n<p>Sie erz\u00e4hlt, sie habe sich in England erst mit Jobs durchgeschlagen und dann ein Stipendium bekommen, ein englisches. Ihre Mutter habe ihr Abenteuer unterst\u00fctzt, und der Vater, der alles andere als begeistert war, habe im Zweifelsfalle das gutgehei\u00dfen, was die Mutter entschieden h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Ihre Mutter war konvertierte Protestantin! Und das in Griechenland! Das habe ihrem orthodoxen Vater gar nicht gefallen. Als Protestant konnte man damals in Griechenland weder studieren noch eine Stellung im \u00f6ffentlichen Dienst bekommen. Ich frage nach ihrem offiziellen Status. Sie sagt, das letzte Mal, dass sie ihren Pass erneuert habe, habe da, ohne dass man sie gefragt habe, christlich-orthodox gestanden. Sie habe protestiert, oder zumindest nachgefragt, aber schlie\u00dflich beigegeben.<\/p>\n<p>Der jetzigen Regierung wirft sie Heuchelei vor. Vor der Wahl habe man von der Trennung von Kirche und Staat gesprochen, jetzt verpasse man keine Gelegenheit, in der \u00d6ffentlichkeit Ikonen zu k\u00fcssen und sich an anderen Formen des \u201eG\u00f6tzendienstes\u201c zu beteiligen. Sie selbst habe ein anderes Verst\u00e4ndnis von Religion. Was das genau ist, bleibt offen, vielleicht ein unpers\u00f6nlicher pantheistischer Allgeist, aber sie erz\u00e4hlt eine Episode, die eine Ahnung davon gibt. Eines Tages sei sie nach dem Treffen mit einer Freundin nach Hause gegangen, statt zu der Freundin, wie eigentlich vorgesehen. Durch eine Verkettung merkw\u00fcrdiger Umst\u00e4nde sei sie auf eine Stra\u00dfe geraten, die nicht direkt nach Hause f\u00fchrte. Dort sei sie an einem Imbissstand vorbeigekommen und habe sich einen Gyros gekauft, obwohl sie sonst gar keinen Gyros isst. Sie habe in der Gegend herumgestanden und sich gefragt, was sie mit dem Zeug anfangen solle. In dem Moment habe sie einen Bettler gesehen, der sie sehnsuchtsvoll angesehen habe. Dem habe sie den Gyros in die Hand gedr\u00fcckt. Das, fand sie, war nicht nur Zufall.<\/p>\n<p>Nach dem Essen gehe ich zu Agios Demetrios, der Hauptkirche Thessalonikis. Sie ist ganz anders, vom Raumeindruck her, als ihr Pendant, Agia Sofia, und \u00e4hnelt fast einer katholischen Kathedrale, mit ihren f\u00fcnf Schiffen, ihrem Querschiff und ihren Emporen und auch mit ihrer f\u00fcr eine orthodoxe Kirche ungew\u00f6hnliche Gr\u00f6\u00dfe. Nur, dass au\u00dfen die f\u00fcnf Schiffe nicht einmal angedeutet sind, ist anders. Es gibt auch nur eine Eingangspforte. Die Kirche ist auch viel heller als Agia Sofia. Wei\u00dfes Licht kommt von den Seitenschiffen, gelbes Licht aus dem Osten und Westen, aus gro\u00dfen Fenstern.<\/p>\n<p>Was man jetzt sieht, ist ein Wiederaufbau der bei dem Brand von 1917 zerst\u00f6rten Kirche. Dabei wurden die erhaltenen Teile wiederverwendet. Der Vorg\u00e4ngerbau, der \u00fcber 400 Jahre Moschee war, war seinerseits ein Ersatz f\u00fcr die Kirche, die im 7. Jahrhundert bei einem Brand verloren ging.<\/p>\n<p>Der Wiederaufbau, der vierzig Jahre dauerte, folgt original dem Vorg\u00e4ngerbau, mit einer kuriosen Ausnahme: Das Dach ist nicht aus Holz, sondern aus Beton, sieht aber aus, als w\u00e4re es aus Holz.<\/p>\n<p>Aus der alten Kirche erhalten sind verschiedene Mosaike, S\u00e4ulen und Kapitelle und ein paar Wandmalereien. Die Kapitelle sind gro\u00df und zeigen Akanthusbl\u00e4tter und sch\u00f6n skulpierte Widderk\u00f6pfe, Adler und andere Tiere. Sie waren schon im Vorg\u00e4ngerbau wiederverwendet aus \u00e4lteren Bauten. Da die Kapitelle unterschiedlich gro\u00df sind, sind auch die S\u00e4ulen unterschiedlich hoch. Einige sind neu, aber andere sind alt, und bei einigen glaubt man, Brandspuren zu sehen. Auf den Mosaiken erscheint Demetrius mit Kindern, mit Klerikern, mit Engeln und mit den Erbauern der Kirche.<\/p>\n<p>Im n\u00f6rdlichen Seitenschiff werden in einem achteckigen Tempelh\u00e4uschen die Reliquien des wundert\u00e4tigen Heiligen aufbewahrt, mit allen Kitsch, den man sich denken kann.<\/p>\n<p>Weiter westlich schlie\u00dft sich eine Kapelle an, wohl neueren Datums. Da sitzt ein Mann, der hier den F\u00fchrer spielt. Er fragt mich, woher ich k\u00e4me, und sagt dann: \u201eDemetrios, kaputt.\u201c Was offensichtlich nicht stimmt, denn die Reliquien befinden sich gar nicht hier Er ist ganz aus dem H\u00e4uschen, als ich auf Griechisch antworte und befragt mich \u00fcber meinen Aufenthalt in Thessaloniki. Dann wechselt er wieder aufs Deutsche und sagt: \u201eFrau Stuttgart, kaputt, drei S\u00f6hne M\u00fcnchen, nicht kommen.\u201c Dann h\u00e4lt er die Hand auf, in der ein paar M\u00fcnzen liegen.<\/p>\n<p>Der \u00e4lteste Teil der Kirche, mit Resten des r\u00f6mischen Badehauses, an dessen Stelle die erste Kirche errichtet wurde, ist in der Krypta, aber die ist geschlossen. An dieser Stelle wirkte Demetrios, der von den R\u00f6mern, der Tradition zufolge, hingerichtet wurde. Er stieg zum Lokalheiligen auf.<\/p>\n<p>Am Abend kommt Thanasis, der nette Nachbar, und nimmt sich meines nicht anspringenden Autos an. Ich muss griechische Instruktionen befolgen, die Motorhaube zu \u00f6ffnen, die Handbremse zu l\u00f6sen und den Anlasser zu bet\u00e4tigen. Das Auto gibt keinen Mucks von sich. Dann holt er seinen eigenen Wagen und ein Starterkabel, aber auch das hat keinen Effekt. Sofia kommt dazu, und die beiden wollen etwas \u00fcber meine Versicherung wissen und wollen nicht so recht einsehen, dass ich keine Chance sehe, dass irgendeine Versicherung daf\u00fcr aufkommen wird. Am Ende wird aber eine Autowerkstatt angerufen, betrieben von einem Cousin von Sofia. Unglaublich, wie ich hier betreut werde. Man nimmt sich jedes Problems an.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">2. Juni (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Zu den 15 Bauwerken Thessalonikis, die von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurden, z\u00e4hlen die Stadtmauer einschlie\u00dflich der T\u00fcrme, die Rotonda, ein Kloster und ein byzantinisches (nicht etwa ein t\u00fcrkisches Bad), von dessen Existenz ich noch gar nichts wei\u00df. Alles andere sind byzantinische Kirchen!<\/p>\n<p>Die Rotonda, lese ich, ist 30 Meter hoch. Das ist ein r\u00f6misches Standardma\u00df. Genauso hoch ist die Trierer Porta.<\/p>\n<p>C\u00e4sar hei\u00dft auf Griechisch \u039a\u03b1\u03af\u03c3\u03b1\u03c1. Da klingen sowohl unser <em>C\u00e4sar<\/em> als auch unser <em>Kaiser<\/em> mit an. Schlie\u00dflich haben beide den gleichen Ursprung.<\/p>\n<p>Kyrill und Method, die gar nicht so hie\u00dfen, wurden wohl tats\u00e4chlich in Thessaloniki geboren. Hatte ich irgendwo am Rande gelesen, etwas ungl\u00e4ubig, aber scheint zu stimmen. Sie hie\u00dfen eigentlich Konstantin und Michael. Wahrscheinlich nahmen sie ihren neuen Namen erst kurz vor dem Tod an. Sonst w\u00fcrden wir jetzt vom konstantinischen Alphabet sprechen. Beide waren hochgebildet und stritten f\u00fcr das Slawische als Kirchensprache und damit gegen die westlichen Kirche, die nur die drei Sprachen der Pilatus-Inschrift am Kreuz akzeptieren wollten, Latein, Griechisch und Hebr\u00e4isch.<\/p>\n<p>In der Beschreibung der t\u00fcrkischen B\u00e4der begegne ich in einem Text dem Wort \u03bc\u03bf\u03bb\u03cd\u03b2\u03b9. Was hat ein Bleistift mit Architektur zu tun? Ganz einfach, \u03bc\u03bf\u03bb\u03cd\u03b2\u03b9 hei\u00dft zwar \u201aBleistift\u2018, aber auch \u201aBlei\u2018. Der Text bezieht sich auf das Material der Kuppeln.<\/p>\n<p>Irgendwo hei\u00dft es auch, Theodosios habe sich in Thessaloniki taufen lassen. Auf jeden Fall ist sein Name mit Thessaloniki verbunden. Er hatte Goten, die er zun\u00e4chst verfolgt und dann zu seinen Alliierten gemacht hatte, in seine Wache in Thessaloniki aufgenommen, und gegen einen von ihnen, einen gotischen Heermeister, richtete sich irgendwann, aus einem eher nichtigen Anlass, die Wut des Volkes. Im Gefolge des Aufruhrs, der entstand, wurde dieser Heermeister, Butherich, get\u00f6tet. Theodosios lie\u00df das Volk in das Hippodrom kommen und stellte dort ein Massaker an. Es sollen 7000 Menschen ums Leben gekommen sein. Die Zahl wird \u00fcbertrieben sein, gibt aber eine Ahnung von der Dimension des Massakers. Ambrosius forderte daraufhin Theodosios auf, Bu\u00dfe zu tun, und der, und das ist die politische Brisanz der Aktion, gehorchte! Der Kaiser gehorcht dem Papst! Eine neue \u00c4ra beginnt. Und tats\u00e4chlich beginnt sich das r\u00f6mische Reich nach seinem Tod endg\u00fcltig aufzul\u00f6sen, jedenfalls das gro\u00dfe, einheitliche Reich.<\/p>\n<p>Ich mache einen neuen Versuch mit der Krypta von Agios Demetrios. Diesmal ist sie ge\u00f6ffnet. Man geht ein paar Stufen hinab und ist in einer anderen Welt. In der Antike. Die Krypta ist verwinkelt und gro\u00df, und man verliert schnell die Orientierung. Man geht unter niedrigen B\u00f6gen her und um Ecken herum. \u00dcberall steht und liegt etwas rum, Kapitelle, B\u00f6gen, Platten. Und immer wieder hat man einen sch\u00f6nen Durchblick von einem Raumteil zu einem anderen.<\/p>\n<p>Man sieht auch, dass die Krypta eigentlich keine Krypta ist, sondern das Erdgeschoss. Das Bodenniveau war viel niedriger, und man konnte von der Stra\u00dfe aus ebenerdig hereinkommen. Auch heute gibt es an einer Stelle noch so einen Eingang, aber der Besucher geht heute aus der Kirche in die Krypta hinunter.<\/p>\n<p>Hierher kamen die Pilger, um die \u201eheilige Myrrhe in Empfang zu nehmen. Die lief aus dem Chor der Kirche durch ein Rohr hierher und wurde in zwei eckigen und einem runden Becken aufgefangen. Die kann man hier noch gut erkennen. Die Becken liegen hinter einer halbkreisf\u00f6rmigen Einfassung, sehr sch\u00f6n gestaltet, mit feinden S\u00e4ulen und Marmorplatten, die die S\u00e4ulen unten verbinden. Dieser halbkreisf\u00f6rmige Einfassung befindet sich wiederum in einem halbkreisf\u00f6rmigen Rau, der durch mehrere St\u00fctzen abgetrennt, aber halb offen ist.<\/p>\n<p>Au\u00dfer diesem Raum gibt es einen einschiffigen Raum aus der Vorg\u00e4ngerkirche und einen Raum mit einem merkw\u00fcrdigen Aufbau, dessen Funktion nicht zu erraten ist.<\/p>\n<p>An der Seite befinden sich die R\u00e4ume des ehemaligen r\u00f6mischen Bads, in dem Demetrios gepredigt hat. Russinnen werden durch die R\u00e4ume gef\u00fchrt, und eine Gruppe von \u00e4lteren griechischen Frauen in Begleitung eines Popen bekreuzigen sich unentwegt. Sie ahnen nicht, dass sie sich in einem r\u00f6mischen Bad befinden und dass ihre Kreuze heidnischen Schmuckst\u00fccken gelten.<\/p>\n<p>Ich sehe mir noch ein Geb\u00e4ude in der N\u00e4he an, das \u0394\u03b9\u03bf\u03b9\u03ba\u03b7\u03c4\u03ae\u03c1\u03b9\u03bf hei\u00dft. Das bedeutet einfach \u201aHauptsitz\u2018 und bezieht sich hier auf den Hauptsitz der Verwaltung. Der Bau wurde 1881 begonnen, und 1912 wurde hier von den T\u00fcrken der Vertrag zur \u00dcbergabe Thessalonikis unterzeichnet. Die T\u00fcrken lie\u00dfen von einem Italiener bauen, Pozelli. Die Geschosse werden nach oben hin, einschlie\u00dflich des sp\u00e4ter hinzugef\u00fcgten vierten Geschosses, immer niedriger, und die Fensterrahmungen \u00a0werden nach oben hin immer bescheidener. Den dreifachen Eingang entspricht oben eine dreifache Mauer\u00f6ffnung, und dar\u00fcber, im Giebeldreieck, ein Medaillon mit dem Profil Alexander des Gro\u00dfen. Bei einem der umbauten wurde der Renaissance-Giebel, der von dem f\u00fcr die T\u00fcrken arbeitenden Italiener stammte, durch einen klassizistischen ersetzt. Das Griechische wurde betont. Architektur wird in den Dienst der Ideologie gestellt.<\/p>\n<p>Nach einem Kaffee im Schatten gehe ich noch zum Bit Basar. Das ist t\u00fcrkisch und hat nichts mit Computern zu tun und auch nichts mit Bier. Es ist der Flohmarkt: <em>bit<\/em> ist das t\u00fcrkische Wort f\u00fcr \u201aFloh\u2018. Der eigentliche Flohmarkt findet samstags statt. W\u00e4hrend der Woche gibt es eine abgespeckte Version davon. Hier wird noch verkauft, was bei den meisten von uns auf dem M\u00fcll landet. Unglaublich. Alte Stecker und Kabel, aber auch Ikonen und Stoffreste. Gleichzeitig gibt es ein paar sehr sch\u00f6n hergerichtete Kneipen in dem unregelm\u00e4\u00dfigen, teils \u00fcberdachten Bereich. In einer Kneipe gibt es, entgegen dem, was der Name vermuten l\u00e4sst, kein Bitburger, sondern Warsteiner.<\/p>\n<p>In einigen B\u00e4ckereien gibt es Dinkelbrot. Es wird auch unter dem Namen <em>Dinkel<\/em> angeboten.<\/p>\n<p>An einem Verkaufsstand am Aristoteles-Platz, bei dem die Kunden Schlange stehen und meist nur ein Pita auf der Hand kaufen, bittet mich ein Mann, ein kleiner Mann, mit einer unaufdringlichen Geste, etwas f\u00fcr ihn zu kaufen. Mache ich gerne. Irgendwie mache ich das lieber, als Geld zu geben, aber ich wei\u00df nicht, warum.<\/p>\n<p>Am Abend steht eine Katze, von dem Essensgeruch angelockt, vor meinem Fenster und miaut flehentlich. Das Fenster steht auf Kippe, und sie zw\u00e4ngt sich zwischen Gitter und Glas. Sie kann wohl nicht so recht verstehen, was sich da zwischen sie und das Essen dr\u00e4ngt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">3. Juni (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Zahnarzttermin. Auch der hat etwas Griechisches an sich, n\u00e4mlich die Uhrzeit: 18 Uhr.<\/p>\n<p>Unten am Hafen, in Ladadika, soll es ein Musikinstrumentemuseum geben. Griechische Instrumente aus 3000 Jahren. H\u00f6rt sich gut an.<\/p>\n<p>Auf dem Weg komme ich an der Griechischen Nationalbank vorbei. Der Name steht auch auf Franz\u00f6sisch dran: Banque de Gr\u00e8ce. Ein gro\u00dfes, graues Geb\u00e4ude, klassizistisch, mit riesigen, geschoss\u00fcbergreifenden S\u00e4ulen mit korinthischen Kapitellen an der Frontseite. Die S\u00e4ulen stehen auf Sockeln, die selbst \u00fcber das Menschenma\u00df hinausgehen. Hier f\u00fchlt man sich mickrig. Und das soll man wohl auch. Als wenn sie das alles nicht so ernst n\u00e4hme, geht eine alte Frau mit sehr kurzem Rock, eine Kellnerin, mit einem Teetablett \u00fcber die gro\u00dfe Au\u00dfentreppe in die Bank, so als w\u00e4re das ihr Zuhause.<\/p>\n<p>Am Hafen liegt heute ein gro\u00dfes Kreuzfahrtschiff. Auf einer Bank davor schl\u00e4ft ein Mann, der sich den Sattel seines schr\u00e4g an die Bank angelehnten Fahrrads zum Kopfkissen gemacht hat.<\/p>\n<p>Ladadika ist ein eigenes Viertel inmitten der gro\u00dfen Boulevards und der Hochh\u00e4user. Man kann es kaum glauben, dass die Nationalbank nur ein paar Schritte von hier entfernt ist. Die Funktionen der H\u00e4user sind zwar neu, aber architektonisch und st\u00e4dtebaulich hat das Viertel seinen alten Charakter bewahrt. Dies war die Zone f\u00fcr den Export und den Import, und in den H\u00e4usern wurden Getreide und Stoffe und anderes gelagert. Der kuriose Name ist von \u03bb\u03ac\u03b4\u03b9 abgeleitet, \u2018\u00d6l\u2018.<\/p>\n<p>Die alten Handelsh\u00e4user dienen jetzt der Gastronomie und der Unterhaltung. In einer Stra\u00dfe bilden die H\u00e4user eine geschlossene H\u00e4userreihe, in der anderen ist st\u00e4rker das einzelne Haus betont. Holz sieht man nur noch wenig, daf\u00fcr viel Eisen. Hier muss einiges umgebaut worden sein.<\/p>\n<p>Dann, nach einem teuren Kaffee in einem sch\u00f6nen, schattigen Caf\u00e9 geht die Suche nach dem Museum los. Ich drehe eine Runde nach der anderen. In der Liste der Museen, die ich in der Touristeninformation bekommen habe, ist das Museum nicht aufgef\u00fchrt, aber es ist in einer Karte eingezeichnet, und irgendwo habe ich davon gelesen, nur wei\u00df ich nicht mehr wo. Ich frage Passanten, ich frage an einem Kiosk, ich frage in Gesch\u00e4ften. Achselzucken. Dann frage ich eine Kellnerin, die gerade die Tische zurechtr\u00fcckt: \u201eGibt es nicht mehr. Hat zugemacht.\u201c<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg gehe ich zu Panagia Chalkeon, ein Kleinod unter den byzantinischen Kirchen Thessalonikis. Der Name deutet auf die Kupferschmiede hin, die in dieser Gegend t\u00e4tig waren. Der Name verweist einerseits auf die Vergangenheit, andererseits auf die Gegenwart. Kupferschmiede sieht man hier zwar nicht mehr am Werk, aber in der Stra\u00dfe befinden sich auch heute noch Gesch\u00e4fte von Kupferschmieden. Viele verkaufen liturgisches Ger\u00e4t, andere aber auch Alltagsgegenst\u00e4nde. Allerdings Alltagsgegenst\u00e4nde der feinen Art. Der Verweis in die Vergangenheit macht mir noch mehr Vergn\u00fcgen. Die Kirche befindet sich, wie eine Inschrift \u00fcber dem Eingang besagt, an einer ehemals heidnischen Stelle. Diese Stelle war Hephaistos gewidmet. Dem Kupferschmied unter den Olympiern!<\/p>\n<p>Auch hier sieht man die uneinheitliche Umschreibung der griechischen Namen: Bei der Stra\u00dfe hei\u00dft es <em>Halkeon<\/em>, bei der Kirche <em>Chalkeon<\/em>.<\/p>\n<p>Die Kirche, urspr\u00fcnglich aus dem 11. Jahrhundert stammend, aber auch nach einem Brand wiederaufgebaut, liegt deutlich unter Stra\u00dfenniveau, umgeben von einem gepflegten kleinen Park, der genauso gut der Park eines Schl\u00f6sschens sein k\u00f6nnte: beschnittene Hecken, Palmen, Zypressen, bl\u00fchende B\u00e4ume, Beete.<\/p>\n<p>Nur: Wie kommt man da runter? Ich bin schon einmal ganz herumgegangen und an drei Treppen vorbeigekommen, aber alle sind durch eine eiserne Pforte zugesperrt. Dann sehe ich pl\u00f6tzlich einen Aufzug. Mit dem geht es die paar Meter runter!<\/p>\n<p>Die Kirche ist ganz und gar aus Backstein und hat die typischen byzantinischen Verzierungen, sogar halbrunde S\u00e4ulchen, die in die Au\u00dfenmauer eingelassen sind. Es gibt drei Kuppeln, alle relativ flach, eine im Zentrum, zwei kleinere \u00fcber dem Narthex. Das alles sieht ausgesprochen sch\u00f6n aus. Nur rein kommt man nicht. Die Kirche ist verschlossen. Trotzdem hat es sich gelohnt. Der Blick von oben hinunter mit den verschiedenen Perspektiven und das viele Gr\u00fcne hat etwas.<\/p>\n<p>Abenteuer Zahnarzt. Die Zahnarztpraxis ist in einem vielst\u00f6ckigen Geb\u00e4ude untergebracht. Unten gibt es unz\u00e4hlige Schilder, in die Namen eingraviert sind, wohl haupts\u00e4chlich von \u00c4rzten, vielleicht sogar ausschlie\u00dflich. Es ist aber nicht zu ersehen, wer auf welcher Etage ist.<\/p>\n<p>Ich versuche es auf gut Gl\u00fcck auf der f\u00fcnften Etage und arbeite mich dann abw\u00e4rts. Ich habe Gl\u00fcck und bald stehe ich vor der T\u00fcr der Praxis. Und es kommt noch besser: Der Arzt hat seinen Doktortitel von der Universit\u00e4t M\u00fcnster!<\/p>\n<p>Ich klingele. Keine Antwort. Ich klingele nochmal. Keine Antwort. Ich warte und klingele nochmal. Keine Antwort. Ich nehme das Handy und rufe an. Die Frau am anderen Ende ist verwirrt: Termin? T\u00fcr? Es ist wohl die falsche Nummer. Ob man irgendwelche der Ziffern auf der Visitenkarte nicht w\u00e4hlt? Keine Ahnung.<\/p>\n<p>Ich mache zur Sicherheit ein Photo und sehe mir dabei den Namen noch mal genau an: Ich stehe vor der falschen T\u00fcr. Auch hier ist ein Zahnarzt, auch der hei\u00dft Dimitris, aber der Nachname ist anders: Tsaxalinas, nicht Tsanaktsidis.<\/p>\n<p>Bald finde ich die richtige Praxis. Ich klingele, die T\u00fcr geht auf, und ich stehe in einem leeren Raum. Kein Mensch kommt. Ich setze mich. Nach einiger Zeit kommt eine Zahnarzthelferin. Sie ist verdutzt. Ich erkl\u00e4re, wer ich bin und dass ich einen Termin habe. Sie sagt, ihr Termin war heute Morgen, um elf. Ich zeige ihr die Karte. Auf der steht sechs. Kein Zweifel. Sie sagt etwas herablassen, da haben Sie einen Fehler gemacht. Implikation: Ausl\u00e4nder. Kapiert nichts. Vorsichtshalber sage ich ihr nicht, dass nicht ich die Zeit notiert habe. Ich bekomme einen neuen Termin.<\/p>\n<p>Statt Zahnarzt Galerius? Palast geschlossen. Statt Zahnarzt Forum? Forum geschlossen. Statt Zahnarzt Acheiropiitos. Die ist ge\u00f6ffnet. Und liegt auf dem Weg. Und es lohnt sich.<\/p>\n<p>Die Acheiropiitos ist eine dreischiffige, hohe, sehr, sehr helle Basilika, mit wenig Ausstattung, gemessen an dem, was orthodoxe Kirchen sonst haben. Der Name, \u201aNichthandgemacht\u2018, bedeutet nicht von Menschenhand gemacht, so sch\u00f6n. Das bezieht sich aber wohl nicht auf die Kirche, sondern auf eine sp\u00e4tmittelalterliche Ikone, die sich hier befand.<\/p>\n<p>Dies war die erste Kirche in Thessaloniki, die in eine Moschee verwandelt wurde. Und da steht, in geschwungenen arabischen Schriftzeichen, an einer der S\u00e4ulen des n\u00f6rdlichen Seitenschiffs.<\/p>\n<p>Auch hier befand sich urspr\u00fcnglich ein r\u00f6misches Bad. Unter dem Boden des n\u00f6rdlichen Seitenschiffs kann man noch Bodenplatten davon mit sch\u00f6nen Mustern sehen.<\/p>\n<p>Die Seitenschiffe sind zweist\u00f6ckig, aber das h\u00f6here Mittelschiff auch. Komisch. Da w\u00fcrde man einen Obergaden erwarten. Daf\u00fcr gibt es eine Erkl\u00e4rung: Die Decke ist beim Wiederaufbau \u2013 auch diese Kirche ist zerst\u00f6rt worden, aber durch ein Erdbeben \u2013 tiefer eingezogen und verdeckt das obere Stockwerk. Jetzt sieht man auch, dass die W\u00e4nde etwas kurz geraten sind.<\/p>\n<p>Und dann gibt es da noch diese merkw\u00fcrdigen Einkerbungen in den S\u00e4ulen, etwa auf H\u00f6he der H\u00fcfte, in den S\u00e4ulen, die das Mittelschiff von den Seitenschiffen trennen. Da waren fr\u00fcher die Marmorplatten befestigt. Mittelschiff und Seitenschiffe waren fr\u00fcher nicht verbunden!<\/p>\n<p>Am Abend fallen mir auf dem Weg zum Bit Basar Bl\u00fcten an einem Baum auf, rosa-wei\u00dfe Bl\u00fcten, die ganz federleicht aussehen. An anderen B\u00e4umen sind sie schon verbl\u00fcht.<\/p>\n<p>Das Essen in dem Lokal im Bit Basar ist einfach, aber lecker. Und die Atmosph\u00e4re in dem halb \u00fcberdeckten, geschlossenen Markt mit den vielen Lichtern un\u00fcbertrefflich.<\/p>\n<p>Anders als in Kreta, gibt es hier nicht die Tradition, etwas zus\u00e4tzlich f\u00fcr den Gast aufzutischen, eine kleine Vorspeise, einen Nachtisch oder beides.<\/p>\n<p>Den ganzen Tag \u00fcber bin ich wieder an vollen Caf\u00e9s und Bars vorbeigekommen, ob unten an der Meeresfront, ob im Zentrum, ob in den Vierteln. Es ist unglaublich. Hier im Bit Basar ist es eher ruhig. Ich bin sogar in meinem Lokal der einzige Gast. Aber als ich aufbreche, kurz vor zehn, beginnt es sich zu f\u00fcllen. Verr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehe ich an einer Apotheke, dass es immer noch 25\u00b0 warm ist \u2013 um zehn Uhr! Und in einer Schneiderei im Viertel sitzt eine Frau immer noch an der N\u00e4hmaschine. Die geht nicht aus.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">4. Juni (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Palast des Galerius kurzer Halt am Galerius-Bogen. Wenn man sich die Reliefs einen Moment ansieht, entdeckt man neue Details: Irgendwo sieht man einen R\u00fcssel, und dann kommt auch der Rest des Elefanten zum Vorschein, oben sieht man Soldaten, die ein Schild mit einer Zahl vor sich her tragen, der Zahl ihrer Legion vermutlich, und in einer Kampfszene sieht man einen Soldaten mit einem Schild, aus dem ein Pickel zur Abwehr nach vorne herausguckt. Der Pickel ist echt ausgestaltet, aus Eisen.<\/p>\n<p>Der Palast des Galerius liegt auf der gleichen Achse wie der Bogen, genauso wie die Rotonda weiter oben. Alles das und noch mehr war urspr\u00fcnglich Teil eines gro\u00dfen Komplexes. Der sollte zum Zentrum der Stadt werden, die Galerius zur Hauptstadt seines Reiches gemacht hatte, ein gutes St\u00fcck \u00f6stlich der Agora gelegen. Das wirkt bis heute nach. Diese Gegend ist wie ein zweites Kernst\u00fcck neben dem Aristoteles-Platz, und der liegt auf der gleichen Achse wie die Agora.<\/p>\n<p>Der Palast ist ein gro\u00dfes Ruinenfeld. Der Eingang ist schwer zu finden. Das Schild mit den \u00d6ffnungszeiten ist klein, verschmiert, mehrmals \u00fcberklebt. Trotzdem m\u00fcsste danach ge\u00f6ffnet sein. Aber an dem schmutzigen Kassenh\u00e4uschen sitzt niemand. Geschlossen. Ich versuche, bei der Touristeninformation am Aristoteles-Platz nachzufragen, aber auch die ist geschlossen. Hier gibt es erst gar keine Informationen \u00fcber \u00d6ffnungszeiten.<\/p>\n<p>Also die Agora. Auf dem Weg dorthin kaufe ich ein Brot. Die Verk\u00e4uferin bedient eine Frau, die nach mir gekommen ist, vor mir. Dann f\u00e4llt ihr etwas runter. Ich hebe es auf. Sie nimmt es wortlos entgegen. Dann gibt sie mir kein Wechselgeld. Erst als ich nachfrage. Das Brot kostet nur 50 Cent!<\/p>\n<p>Zum x-ten Male komme ich an der Statue von Venizelos vorbei. Ganz in Wei\u00df, sehr elegant gekleidet, mit einem K\u00e4ppi auf dem Kopf. \u00c4hnlich eine Statue von Karamanlis unten, am Wei\u00dfen Turm. Auch er sehr staatsm\u00e4nnisch, noch eleganter, im Dreiteiler.<\/p>\n<p>Die r\u00f6mische Agora hat ge\u00f6ffnet. Hier ist kein Mensch. Der Platz war lange das Zentrum der Stadt. Jahrhundertelang. In r\u00f6mischer Zeit, um die Zeitenwende, gab es hier ein Bad und Gesch\u00e4fte. Weiter zur\u00fcck gab es hier Tongruben und Privath\u00e4user. Erst sp\u00e4ter wurde aus dem Platz ein \u00f6ffentlicher Raum. Die Urspr\u00fcnge des Platzes liegen aber weiter zur\u00fcck und gehen mindestens auf die hellenistische Zeit zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Der Platz formt ein L, und die leere Stelle war der eigentliche Marktplatz. So sieht es jedenfalls heute aus. Die Mitte ist frei, die beiden Seiten sind bebaut. Es sind wenige S\u00e4ulen, aber viele S\u00e4ulenbasen erhalten, so dass man sich gut einen Weg vorstellen kann. An der kurzen Seite ist ein Odeon erhalten, ziemlich gut, wenn die Sitzreihen nicht nachgebaut sind. Es hatte Platz f\u00fcr 200 Zuschauer. Die Dimensionen sind eher klein, aber man kann sich eine gute Vorstellung machen. Die Eingangstore sehen aus wie heute die in Fu\u00dfballstadien, nur dass sie aus Marmor sind. Urspr\u00fcnglich war dies ein Versammlungsraum, erst sp\u00e4ter wurde es zu einem echten Odeon umgebaut.<\/p>\n<p>Der interessanteste Teil liegt unterirdisch. Hier haben die R\u00f6mer, geniale Baumeister, einen Kryptoportikus eingebaut, um das ungleiche Bodenniveau auszugleichen. Ich kann gerade mal ein Photo von der beeindruckenden, durchgehenden Arkadenreihe machen, da geht die Warnanlage an. Hier wird renoviert, hier darf man nicht rein. Steht aber nirgendwo, und die T\u00fcr ist nicht anders als die Eingangst\u00fcr oben. Hier unten m\u00fcssen auch die auf den Photos kurios aussehenden Reste des Bads sein. Jedenfalls finde ich sie nirgendwo.<\/p>\n<p>Zum Ausgleich gibt es hier unten ein sehr modernes, sehr informatives Museum. Das erwartet man ganz und gar nicht, hier unter dem Ausgrabungsfeld.<\/p>\n<p>Es geht nicht um Rom, sondern um Griechenland, genauer gesagt um Makedonien. Und darum, wie die Makedonier griechische Kultur annahmen, aber auch eigene Z\u00fcge bewahrten. Alexander der Gro\u00dfe, das allein spricht B\u00e4nde, nahm an Olympischen Spielen teil und wurde sogar Olympiasieger, vermutlich im F\u00fcnfkampf.<\/p>\n<p>Alexander betonte von vornherein seine Eigenst\u00e4ndigkeit, auch in seinem Aussehen. Er hatte, hier auf einem Photo gut zu erkennen, eine wilde, nicht geb\u00e4ndigte Haarpracht aber keinen Bart und wich damit doppelt vom Standard ab, dem \u00e4lteren Mann mit gepflegtem Bart und gepflegtem Haar.<\/p>\n<p>Es sind einzelne Fundst\u00fccke, vermutlich hier vom Platz stamment, ausgestellt und thematisch zusammengefasst. Es geht unter anderem um Sch\u00f6nheit. Ein Silberring ist ausgestellt, auf dem \u039a\u0391\u039b\u0397 steht, \u201aDie Sch\u00f6ne\u2018. Und ein ganz kurioses Gef\u00e4\u00df, ein Krug, dessen beide Seiten als Gesichter ausgestaltet sind, das einer wei\u00dfen Frau und das eines schwarzen Mannes. Die Inschrift betont die Sch\u00f6nheit von beiden.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he eine Statue, die einen unglaublich sch\u00f6nen Dionysos darstellt, mit m\u00e4nnlichem, athletischem K\u00f6rper \u2013 Waschbrettbauch \u2013 und sehr weiblichen Gesichtsz\u00fcgen. Vor allem das geflochtene und zu einem Knoten zusammengebundene Haar w\u00fcrde man heute als typisch weiblich einordnen. Zu erkennen ist er an den Weintrauben zu erkennen. Er h\u00e4lt eine Rispe in der Hand.<\/p>\n<p>Zum Thema Lesen und Schreiben sieht man zwei Tintenf\u00e4sser, eins aus Lehm, eins aus Bronze, zwei Griffel und Tonscherben mit Buchstaben.<\/p>\n<p>Zum Thema Krieg ist eine komplette R\u00fcstung ausgestellt. Interessant dabei, dass die beiden Helme, aus Bronze, sehr gut erhalten sind, die anderen Teile, aus Eisen, schlechter. Sie sind verrostet und br\u00f6ckelig. Auf dem Schild sieht man im Zentrum einen K\u00e4mpfer eingraviert, mit einer Inschrift um die Darstellung. Auch Kampfstiefel sind ausgestellt, auch die aus Eisen. Wie man sich damit bewegen und sogar k\u00e4mpfen konnte, unglaublich!<\/p>\n<p>Frauenarbeit war weitgehend im Haus, obwohl die Frau in der hellenistischen Zeit mehr auch im \u00f6ffentlichen Raum auftrat. Man sieht kleine Keramikfiguren von Frauen beim Brotkneten. Verschiedene Formen, verschiedene Ger\u00e4te tauchen auf.<\/p>\n<p>Gro\u00dfer Wert wurde aufs Spielen gelegt, vor allem dem Spiel in Gemeinschaft. Durch Spielen wurden Charakter und Gehirn ausgebildet und man lernte, sich an Regeln zu halten. Unter den Spielger\u00e4ten, die ausgestellt sind, befindet sich ein ganzer Haufen von Kn\u00f6cheln, die wohl als Spielsteine dienten, und ein paar winzige W\u00fcrfel, abgeschr\u00e4gt, aber auch hier schon mit sechs Seiten. Die Werte sind genauso wie bei modernen W\u00fcrfeln ausgebildet.<\/p>\n<p>Unter den Musikinstrumenten spielten die Aulos und die Kithara die wichtigste Rolle. Beide kamen bei \u00f6ffentlichen Auftritten und Wettbewerben zum Einsatz, die Lyra dagegen eher im Hause und bei Symposien. Diese Musikinstrumente sind nicht ausgestellt, aber man sieht Keramikfiguren mit diesen Instrumenten. Die Kithara gleicht eher einer Zitter als einer Gitarre. Ausgestellt sind aber zwei Fl\u00f6ten, ganz wie die heutigen Blockfl\u00f6ten.<\/p>\n<p>Die Temperaturen zuhause steigen rasant an. Hier sieht es am Morgen so aus, als w\u00fcrden sie genauso rasant sinken, aber im Laufe des Vormittags wird es immer w\u00e4rmer. Das merke ich, als ich mich zur Oberstadt raufschleppe. Hier steht ganz oben eine neue, gro\u00dfe, neobyzantinische Kirche, mit einer alten Krypta. Beide sind aber verschlossen. Auf dem Gel\u00e4nde stehen \u00fcberall wei\u00dfte Gipsfiguren herum, offensichtlich ohne religi\u00f6sen Bezug. Ein Spieler mit Lyra besteht nur aus geometrischen Formen, ist aber perfekt zu erkennen. Dann gibt es ein aufgeschlagenes Buch. Oder was ist das? Es ist rund, Seiten sind gut zu erkennen, und es steht auf einem Sockel, der wie ein Blumenstiel aussieht.<\/p>\n<p>Mein eigentliches Ziel sind aber die G\u00e4rten des Paschas. Der Name ist schwer \u00fcbertrieben, es handelt sich um einen kleinen, unregelm\u00e4\u00dfigen Park mit ein paar B\u00e4umen. Der hat aber eine Besonderheit. In dem Park stehen Skulpturen nach der Art von Gaud\u00ed herum, flie\u00dfende, sehr\u00a0 unregelm\u00e4\u00dfige Formen aus Stein, die an Dinge in der Natur erinnern: B\u00e4che, Baumst\u00e4mme, Blumenkelche. An einer\u00a0 Stelle sieht es so aus, als w\u00e4re man vor einer Felswand mit H\u00f6hlenwohnungen. Ein interessantes Experiment: Die Natur wird k\u00fcnstlich nachgebaut.<\/p>\n<p>Irgendwann im Laufe der Woche, so hat es Sofia angek\u00fcndigt, wollten \u03c4\u03b1 \u03ba\u03bf\u03c1\u03af\u03c4\u03c3\u03b9\u03b1 \u2018die M\u00e4dchen\u2018, im Laufe dieser Woche ausgehen. \u201eDie M\u00e4dchen\u201c, das sind die Frauen des Lesekreises, gestandene Frauen, Lehrerinnen, Gesch\u00e4ftsfrauen und, wie ich dann sehe, wohl aus Rentnerinnen. Sie w\u00fcrden mich schon anrufen. Tut sie tats\u00e4chlich. Der Anruf mit den neuesten Informationen erreicht mich auf der r\u00f6mischen Agora.<\/p>\n<p>Ich werde sogar von zuhause abgeholt. Wir bleiben in der Oberstadt und kommen \u00fcber kleine, sehr sch\u00f6ne Str\u00e4\u00dfchen, die ich noch gar nicht gesehen habe. Aber das Lokal, in einem alten Holzhaus an einer verwinkelten Stra\u00dfenecke gelegen, ist ein alter Bekannter. Hier bin ich am Tag der Ankunft immer wieder vorbeigekommen, bei der Suche nach der Wohnung, und hier habe ich sogar einmal nach dem Weg gefragt.<\/p>\n<p>Der kleine Raum ist fast voll. An zusammenger\u00fcckten Tischen sitzt eine gro\u00dfe Gruppe. Lauter Deutsche. Wie kommen die hierher? Es sind Deutsche, die in Thessaloniki wohnen.<\/p>\n<p>Die Bestellung wird zentral gemacht. Es sind viele kleine Gerichte, von denen jeder probiert. Sowieso meine Lieblingsvariante. Es wird immer mehr aufgetragen, K\u00e4se, Artischocken, Lamm, Schwein. Die schlanken Frauen essen auch nach zwei Stunden noch. Alle anderen sind zu dem Zeitpunkt schon satt. Und dann gibt es noch Nachtisch auf Kosten des Hauses. Ist also doch nicht auf Kreta beschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>Der andere Tisch ist f\u00fcr uns reserviert. Als etwas versp\u00e4tet auch Michailis kommt, bin ich wenigstens nicht mehr der einzige Mann unter acht Frauen. Es wird laut und viel gesprochen, und ich kann dem Gespr\u00e4ch nicht folgen. Aber immer wieder werde ich von einzelnen etwas Spezifisches gefragt, und dann geht es ganz gut.<\/p>\n<p>Eine der Elenis, die neben mir sitzt, erz\u00e4hlt, wie sie ihren Mann kennen gelernt hat. Sie stammen beide aus kleinen D\u00f6rfern hier in der Gegend, f\u00fcnf Kilometer entfernt, kannten sich aber nicht. Sie wurde dann irgendwann von ihrem Schwager, dem deutschen Winzer, auf die Anuga nach K\u00f6ln geschickt, als Helferin an einem Stand. Dort wurde der Mann dann vorstellig, der ihr Ehemann werden sollte. Als Kunde. Sie musste nach K\u00f6ln fahren, um ihn kennen zu lernen.<\/p>\n<p>Ihr Ehemann ist zwar in Griechenland aufgewachsen, aber noch in Deutschland geboren. Er spricht Deutsch und interessiert sich f\u00fcr deutsche Philosophie. Ich solle doch irgendwann mal auf einen Kaffee vorbeikommen.<\/p>\n<p>Nicht nur drinnen ist es voll, auch die Tische drau\u00dfen sind besetzt, und auch alle Tische der anderen Lokale des Platzes. Ich muss einfach die Frage nach dem armen Land stellen, in dem ich mich befinde. Eine der Frauen, die ich bisher noch nicht kannte, gibt eine l\u00e4ngere Antwort, der ich nur teils folgen kann. Aber die Quintessenz ist die: eine Zweiklassengesellschaft. Das best\u00e4tigt sie, als ich noch mal nachfrage. Sie, diejenigen, die Arbeit haben und einen Grundstock, leben weiterhin gut, aber die andere H\u00e4lfte darbt, und das sind diejenigen, die man in der \u00d6ffentlichkeit nicht wahrnimmt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">5. Juni (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Ana fragt, ob sie mal wegen des Autos anrufen soll. Gerne. Dann solle ich aber in Startl\u00f6chern stehen. F\u00fcr den Fall der F\u00e4lle m\u00fcsste ich danach eine ordentliche Runde ums Dorf drehen, damit sich die Batterie wieder aufl\u00e4dt.<\/p>\n<p>In f\u00fcnf Minuten sagt sie Bescheid, gleich werde jemand kommen, und in f\u00fcnf Minuten ist der da. Starterkabel wird angebracht. Auto springt an. Zehn Euro. Danke.<\/p>\n<p>Ich will schnell runter ans Meer und Kilometer machen, aber das sagt sich so leicht. Runter ans Meer kommt man bei den vielen Einbahnstra\u00dfen erst gar nicht, und Kilometer machen zieht sich bei dem Stau in die L\u00e4nge. \u00c4ndert sich auch nicht, als es stadtausw\u00e4rts geht. Ich kann in Ruhe die Weihnachtsbeleuchtung betrachten, die \u00fcber die breiten Boulevards gespannt ist und den Polizisten, der laut pfeifend den Verkehr dirigiert. Das hat was von Madrid, nur, dass hier langsamer gefahren wird. Daf\u00fcr gibt es hier mehr Motorr\u00e4der, die links und rechts an den Autos vorbeifahren. Wie Madrid ist auch die linke Fahrspur durch parkende Autos blockiert \u2013 das ist kein Parkstreifen, und Schilde k\u00fcndigen an, dass abgeschleppt wird \u2013 und von den verbleibenden beiden Spuren ist oft eine durch Lieferwagen blockiert.<\/p>\n<p>Ungewollt komme ich nach Kalamaria, einen eigenst\u00e4ndigen Ort. Da komme ich dann wirklich ans Meer, aber die Stra\u00dfe endet an einem gro\u00dfen Strandcaf\u00e9. Das sieht verlockend aus. Kaffeepause. Im letzten, aber wirklich im allerletzten Moment komme ich auf die Idee, das Auto an einer absch\u00fcssigen Stra\u00dfe zu parken. Gott sei Dank. Es springt nicht an. Aber mit dem Anlauf die Stra\u00dfe runter klappt es dann wieder. Es geht zur\u00fcck nach Thessaloniki. Auf Umwegen am Hafen vorbei komme ich in die Oberstadt. Das letzte St\u00fcck ist genau das, was ich gestern zu Fu\u00df gemacht habe. Hilft bei der Wegfindung. Jetzt wird das Auto zuhause bergab geparkt.<\/p>\n<p>Unterwegs gesehen, dass auf einigen Hinweisschildern \u0398\u03b5\u03c2-\u039d\u03b9\u03ba\u03b7 steht. Das leuchtet ein. Der Name der Stadt ist einfach zu lang. Das ist unpraktisch. Insofern haben die internationalen Bezeichnungen wie <em>Selanik<\/em> und <em>Salonicco<\/em> ihren Sinn.<\/p>\n<p>An einer H\u00e4userfront steht die Forderung: <em>Nein zur Schlie\u00dfung des Demetrios-Hospitals<\/em>! Vermutlich ist ein gr\u00f6\u00dferes, weiter au\u00dferhalb liegendes Krankenhaus in Planung.<\/p>\n<p>Durch einen verr\u00fcckten Zufall komme ich am Nachmittag auf dem R\u00fcckweg von der Apotheke genau an dem Byzantinischen Bad vorbei, das in der UNESCO-Liste steht. Es liegt, zwischen H\u00e4usern versteckt, ganz hier in der N\u00e4he, gleich neben der B\u00fccherei des Viertels, wo ich schon zweimal war. Man kann es von zwei Seiten ziemlich gut\u00a0 von der Stra\u00dfe aus sehen. Als Laie k\u00f6nnte man es nicht von den t\u00fcrkischen B\u00e4dern unterscheiden, aber es ist ca. 200 Jahre \u00e4lter, bestens restauriert. Haben die T\u00fcrken die Badekultur in Byzanz gelernt?<\/p>\n<p>Die Schilder mit Stra\u00dfennamen sind hier ausschlie\u00dflich an H\u00e4usermauern angebracht, wie fr\u00fcher bei uns. Das hat fast nur Nachteile: schlecht zu finden, schlecht zu lesen, \u00fcberklebt oder ganz abwesend, wenn es kein Haus gibt oder die Fl\u00e4che, wie im Zentrum h\u00e4ufig, vom Schaufenster, von Balkonen oder von Reklame eingenommen wird.<\/p>\n<p>Hier haben nicht nur Zebrastreifen nichts zu sagen, sondern auch gr\u00fcne Fu\u00dfg\u00e4ngerampeln an Zebrastreifen. Wenn man nicht ganz entschlossen weitergeht, fahren die Autos durch.<\/p>\n<p>Die Arbeiten an der Agias Sofias machen Fortschritte. Mehrere Abschnitte der Stra\u00dfe sind inzwischen fertig. Als Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Das ist dem Wirken des unkonventionellen B\u00fcrgermeisters zu verdanken. Die Sache sieht (noch) nicht sonderlich sch\u00f6n aus, aber man hat eine breite Flaniermeile, die demn\u00e4chst bis zum Meer hinunter f\u00fchrt.<\/p>\n<p>In einer zweisprachigen Brosch\u00fcre \u00fcber Thessaloniki, die Ana mir mitgebracht hat, ein kritischer Artikel \u00fcber den Tourismus. Die Besucherzahlen sind st\u00e4ndig gestiegen in den letzten Jahren, und das tut angesichts der Krise gut, aber: Bleibt es auch so? Verschiedene Dinge sind n\u00f6tig: Man muss am Image der Stadt arbeiten, man muss die Werbestrategien verbessern, man muss die touristische Infrastruktur verbessern, man muss das Bewusstsein der Bewohner st\u00e4rker. Mit anderen Worten: Die sollen die Besucher besser behandeln. Wenn sie mich fragen, w\u00e4re schon was gewonnen, wenn sie \u00fcberall zuverl\u00e4ssige und lesbare Schilder mit \u00d6ffnungszeiten aufh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Einer der ganz fr\u00fchen Besucher Thessalonikis war Paulus. Der wollte auf der Agora predigen und stellte einen entsprechenden Antrag, wurde aber abgewiesen. Er traf hier auf eine griechisch sprechende, j\u00fcdische Gemeinschaft mit stark heidnischen Z\u00fcgen. Er predigte daraufhin in der Synagoge. Trotz seines Scheiterns hier entstand in Thessaloniki einer der ersten christlichen Gemeinden \u00fcberhaupt. Der Brief an die Thessalonicher ist vermutlich das \u00e4lteste Buch des Neuen Testaments. Eigentlich hatte er vor, nach Thessaloniki zur\u00fcckzukehren, aber daraus wurde nicht, und das war dann wohl der Anlass f\u00fcr den Brief bzw. die beiden Briefe. Der zweite Brief enth\u00e4lt ein paar stark antij\u00fcdische Elemente. Die h\u00e4tten den Herrn get\u00f6tet, die w\u00e4re gegen alles, die werde die Strafe des Herrn erreichen. Das ist fruchtbarer Boden f\u00fcr sp\u00e4tere Ideologien. Weniger polemisch und interessanter: Die Juden wollten verhindern, dass die Botschaft auch den Juden gepredigt werde. Mit anderen Worten: Die Juden sagten: Mach du mit den Heiden, was du willst, bekehre sie, soviel du willst, aber lass uns in Ruhe. Wir haben damit nichts zu tun.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">6. Juni (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Heute ist die Oberstadt dran. Es geht hin und her und rauf und runter. Als ich am Moni Vladaton ankomme, habe ich mich schon ein paarmal verlaufen.<\/p>\n<p>Das Moni Vladaton ist auch auf der Liste der UNESCO, aber nicht unter Kirchen, sondern als Kloster. Die Teile des Klosters sind aber neu, es geht eigentlich um die Kirche. Der Unterschied zu den anderen ist der, dass sie in einem abgeschlossenen Klosterhof liegt.<\/p>\n<p>Die Kirche ist klein und dunkel. Sie hat nur eine Kuppel, und die ruht auf einer Seite auf der Wand der Kirche.<\/p>\n<p>Das Kloster blieb w\u00e4hrend der gesamten T\u00fcrkenzeit christlich. Das war einem Zufall zu verdanken: Auf dem Grundst\u00fcck des Klosters befand sich eine Zisterne, und die M\u00f6nche durften bleiben unter der Bedingung, dass sie die Oberstadt mit Wasser versorgten. Jedenfalls ein Zeichen f\u00fcr die relative Liberalit\u00e4t der Osmanen.<\/p>\n<p>In der Kirche fehlen Ikonen und Fresken, das hei\u00dft, es gibt freie Fl\u00e4chen. Das ist nach orthodoxem Verst\u00e4ndnis keine vollst\u00e4ndige Kirche. Eine protestantische Kirche mit viel Licht und wenig Ausschm\u00fcckung und Ausstattung ist keine \u201erichtige\u201c Kirche. Hier wurden die Wandmalereien zerst\u00f6rt, aber nicht in blinder Zerst\u00f6rungswut, sondern ganz vorsichtig. Davon zeugen die vielen, ganz gleichm\u00e4\u00dfigen Hammerschl\u00e4ge, die die Beseitigung der Fresken hinterlassen hat. Auf diese Weise rettete man den wertvollen Baustoff.<\/p>\n<p>Die Zerst\u00f6rung fand 1913 statt, also ein Jahr nach der \u201eBefreiung\u201c. Das hei\u00dft, nicht die T\u00fcrken haben sie zu verantworten. Wer dann? Die Bulgaren. Die Aktion fand im Zuge des Kampfs um Makedonien statt, einem Krieg, der unmittelbar auf die Befreiung stattfand. Wieder ein Pluspunkt f\u00fcr die T\u00fcrken! Warum die Bulgaren? Sie waren schlie\u00dflich orthodoxe Christen. Es waren nicht die bulgarischen Christen, sondern bulgarische Atheisten, die hier am Werk waren.<\/p>\n<p>Immer wieder habe ich vom Epatpyrgio gelesen, einem Teil der Stadtmauer, ohne zu verstehen, was das war. Auf der Karte kann man es gut erkennen: Es ist die an der h\u00f6chsten Stelle der Stadt, der h\u00f6chsten Stelle der Akropolis gelegene Verteidigungsanlage. Die Sache ist so: Es gab die alten Stadtmauer, im Wesentlichen sp\u00e4tr\u00f6misch. Sie bildete ein unregelm\u00e4\u00dfiges Rechteck, mit zwei gleichm\u00e4\u00dfigen Schenkeln, im Osten und am Meer. Das war den Byzantinern immer noch nicht genug. Sie bauten eine weitere Stadtmauer, eine Stadtmauer, die nur die Akropolis einfasste, ganz im Norden, ganz unregelm\u00e4\u00dfig. Vermutlich wollte man sich hierher zur\u00fcckziehen, wenn die Stadt erobert w\u00fcrde. Allerdings befindet sich die Stadtmauer au\u00dferhalb der alten Befestigung, h\u00e4tte also auch direkt von oben aus angegriffen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Von dieser Stadtmauer sind immer wieder Teile erhalten, mit regelm\u00e4\u00dfigen L\u00fccken dazwischen, und eben der Eptapyrgio. Diese, w\u00f6rtlich genommen, \u201asiebent\u00fcrmige\u2018 Anlage schloss die Stadtmauer im Norden ab. Man kann reingehen, aber nicht auf die Stadtmauer selbst. Die Festung ist sowohl drinnen als auch drau\u00dfen teils von sp\u00e4teren Geb\u00e4uden verdeckt, denn die Anlage diente dann als Gef\u00e4ngnis, und zwar bis 1989! Man kann das Milit\u00e4rgef\u00e4ngnis, das Frauengef\u00e4ngnis, das M\u00e4nnergef\u00e4ngnis, eine Kirche und Verwaltungsgeb\u00e4ude unterscheiden. Auf die Idee mit dem Gef\u00e4ngnis waren die T\u00fcrken gekommen, aber erst gegen Ende ihrer Herrschaft. Der zentrale Turm der Anlage wurde auch erst von den T\u00fcrken errichtet. Davon zeugt eine lange Inschrift in arabischen Schriftzeichen \u00fcber dem Eingang. Demzufolge wurde der Turm 1431 errichtet, ein Jahr nach der Eroberung.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zur\u00fcck verlaufe ich mich wieder in den engen Gassen der Oberstadt. Dabei sehe ich einen offensichtlich noch verkehrst\u00fcchtigen VW-K\u00e4fer und eine Kneipe, die Bierhaus hei\u00dft und Radeberger ausschenkt. Dann komme ich zu einer B\u00e4ckerei, wo ich sehr freundlich bedient werde, vom Chef und von der Chefin. Ich erfahre au\u00dferdem, dass die Kirche, die ich suche, Agios Nikolaos, nur ein paar Schritte entfernt ist.<\/p>\n<p>Auch Agios Nikolaos war urspr\u00fcnglich Teil eines Klosters und liegt etwas abgeschieden. Sie ist die bei weitem einfachste Kirche, die ich bisher gesehen habe, ohne Kuppel, mit einem kleinen Satteldach aus Holz, einschiffig, von au\u00dfen kaum als Kirche zu erkennen.<\/p>\n<p>Das einzige Schiff hat auf drei Seiten einen Umgang, und dadurch gibt es an den W\u00e4nden, in der Apsis und an den B\u00f6gen reichlich Platz f\u00fcr Wandmalereien. Und von denen ist eine ganze Menge erhalten.<\/p>\n<p>Gleich \u00fcber dem Eingang zum Chor sieht man einen Nikolaus, der mit gebieterischer Geste die Wellen beruhigt, die ein Schiff in Gefahr bringen. Im S\u00fcden erscheint eine Hochzeit von Kana. Der Br\u00e4utigam sieht wie eine Braut aus, ein K\u00f6nig prostet auf das Brautpaar, und Maria spricht leise von hinten Jesus an und \u00fcberbringt ihm die schlechte Botschaft: Der Wein ist ausgegangen. Der dreht sich ganz entsetzt zu ihr um. Das ist sehr lebendig und in hellen Farben dargestellt.<\/p>\n<p>Daneben sieht man den Hl. Gerasimos. Der h\u00e4lt ein Messer in der Hand und legt es an einen L\u00f6wen an. Mit dem Messer beseitigt er einen Dorn im Fell des L\u00f6wen. Der L\u00f6we unterzieht sich der Prozedur, sieht aber zur Seite, wie einer, dem Blut abgenommen wird, aber kein Blut sehen kann.<\/p>\n<p>Dann kommen zwei ganz merkw\u00fcrdige Szenen. Am \u00e4u\u00dfersten Rand sieht man zwei Mohren mit wilden Turbanen und auff\u00e4lligen Ohrringen auf Kamelen. Was deren Funktion hier ist, erschlie\u00dft sich nicht, aber die Darstellung ist sehr gelungen.<\/p>\n<p>Daneben eine Szene mit zwei Tieren, einem L\u00f6wen und einem Esel. Die sind mit einem Seil miteinander verbunden. Die beiden Besitzer stehen jeweils auf der Seite. Der Besitzer des Esels hat auf dessen R\u00fccken wertvolle Gef\u00e4\u00dfe platziert. Es sieht so aus, als w\u00fcrden die Wasser enthalten.<\/p>\n<p>Es gibt noch viel mehr, aber eine Frau macht sich im Chor mit einem Staubsauger zu schaffen, und man will nicht zwischen die F\u00fc\u00df kommen.<\/p>\n<p>Auf der Karte ist am Rande der Oberstadt ein Wald eingezeichnet. Thessaloniki ist nicht eine richtig gr\u00fcne Stadt, die Parks sind eher bescheiden, aber viele Stra\u00dfen im Zentrum haben B\u00e4umen mit dichtem Laubwerk zu beiden Seiten. Der Wald ist gar nicht so leicht zu finden. Und der Eingang erst recht nicht. Ich folge aber zuf\u00e4llig einem Schild zu einem Aussichtspunkt. Da sitzt ein M\u00e4dchen und gibt mir Auskunft. Jedenfalls versucht sie es. Auf Englisch. Immer wieder setzt sie neu an: \u201eThere is a big \u2026 a big \u2026 a small \u2026\u201c. Meine vorsichtigen Versuche, das gew\u00fcnschte Wort zu nennen \u2013 Right? \u2013 nachdem sie eine halbe Minute in diese Richtung gedeutet hat, ignoriert sie. Am Ende bricht es auch ihr heraus. In einem wilden Wortstrom sagt sie auf Griechisch: \u201eIch kenne alle diese W\u00f6rter, aber wenn ich sie brauche, fallen sie mir einfach nicht ein.\u201c Ich kann sie beruhigen. Keine unbekannte Situation.<\/p>\n<p>Ein Mann mit einem kleinen M\u00e4dchen auf einer Bank zeigt mir den Weg zum Theater und zum Zoo, f\u00fcgt aber gleich hinzu, dass das Theater geschlossen und der Zoo nicht sehenswert ist. Ich gehe trotzdem grob in die Richtung und komme statt zu dem geschlossenen Theater und dem nicht sehenswerten Zoo zu einem Fu\u00dfballplatz. Sand, Tore ohne Netze, holpriger Boden voller Unkraut. Hier wird Griechenlands Fu\u00dfballzukunft nicht gestaltet. Sp\u00e4ter kommen dann noch ein Basketballplatz, der gut im Schuss ist, Rastpl\u00e4tze und Spielpl\u00e4tze. Wieder geht es bergauf, dabei dachte ich, der Eptapyrgio w\u00e4re der h\u00f6chste Platz der Stadt.<\/p>\n<p>Der Wald entspricht nicht dem, was wir erwarten. Daf\u00fcr sind die Abst\u00e4nde zwischen den B\u00e4umen zu gro\u00df, und es gibt zu viele freie Fl\u00e4chen. Es ist einfach kein dichter Wald. Au\u00dferdem gibt es fast nur Nadelb\u00e4ume.<\/p>\n<p>Irgendwie arbeite ich mich wieder zum Stadtmauer und dann in vertrautere Gegenden zur\u00fcck. Dann gehe ich zu dem Platz, wo wir vorgestern waren, ganz in der N\u00e4he der Wohnung, aber diesmal in die benachbarte Taverne. Da bin ich der einzige Gast, werde aber daf\u00fcr umso aufmerksamer bedient. Das Essen ist einfach, aber gut, und der selbstgemachte Kuchen, den es auf Kosten des Hauses zum Nachtisch gibt, ein Gedicht.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter kommt ein junges Paar, das sich beraten l\u00e4sst, \u00fcber eine gr\u00f6\u00dfere Gesellschaft, die hier stattfinden soll. Zur Beratung kommt auch die Wirtin zum Vorschein. Anschlie\u00dfend kommt sie an meinen Tisch und fragt, ob alles in Ordnung sei. Als ich ihr ein Kompliment mache, strahlt sie \u00fcber alle vier Backen. Anerkennung. Darum geht es. Immer wieder.<\/p>\n<p>Die Taverne hei\u00dft \u03a0\u03c1\u03c5\u03c4\u03b1\u03bd\u03b5\u03af\u03bf\u03bd. Der Wirt holt bei meiner Frage nach der Bedeutung weit aus und bringt mir einen griechischen Text, der die Bedeutung erkl\u00e4rt. Der \u00fcberfordert mich aber etwas. Es war wohl in der Antike ein \u00f6ffentliches Geb\u00e4ude, das grob dem modernen Rathaus entspricht. Im W\u00f6rterbuch steht allerdings \u201aRektorat\u2018.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich, wieder rein zuf\u00e4llig, an der T\u00fcrbe vorbei, dem letzten t\u00fcrkischen Bauwerk, das mir noch fehlte, einer kleinen, achteckigen Grabst\u00e4tte, die \u00a0ebenfalls restauriert wird. Man muss noch mal in f\u00fcnf Jahren nach Thessaloniki wiederkommen und sich all die restaurierten Geb\u00e4ude ansehen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">7. Juni (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Die Wanderung, von\u00a0 Ana vorgeschlagen, findet in Chalkidiki statt, auf dem ersten \u201eFinger\u201c der Halbinsel. Die Fahrt durch Thessaloniki ist heute eine ganz andere Sache als an einem Werktag, und trotz schlechter Beschilderung bin ich bald auf der Autobahn Richtung Chalkidiki.<\/p>\n<p>Der Zielort, Siviri, liegt an der K\u00fcste des Fingers, ist aber ganz schwer zu finden. Die Karte f\u00fchrt mich in den Nachbarort, aber dort wei\u00df ich einfach nicht mehr weiter. Ausschilderungen gibt es nicht, die Menschen, die auf der Stra\u00dfe sind, sind ausschlie\u00dflich Ausl\u00e4nder, und der Routenplaner sagt mir, ich solle mich Richtung Nordosten halten. Aber wo ist Nordosten? Ich fahre eine Landstra\u00dfe entlang, dann wieder zur\u00fcck, eine andere Stra\u00dfe entlang und komme dann irgendwann in ein Wohnviertel. Dort ist eine Frau unterwegs. Ich spreche sie an, und sie antwortet auf meine einfache Frage mit einem Redeschwall. Auf Russisch. Es wird aber klar, dass sie mitfahren will. Sie will in dieselbe Richtung. Wir unterhalten uns in einer verr\u00fcckten Mischung aus Russisch und Griechisch, meist wird dasselbe Wort in beiden Sprachen gesagt: \u0395\u03c5\u03b8\u03b5\u03af\u03b1. \u03a0\u0440\u044f\u043c\u043e. Das klappt. Sie lotst mich bis zum Ortsausgang und steigt dort aus.<\/p>\n<p>Ich erreiche den verabredeten Parkplatz kein bisschen zu fr\u00fch. Der Routenplaner hat f\u00fcr die Strecke eineinviertel Stunde vorgesehen, ich habe zweieinhalb gebraucht. Gut, dass ich auf den Kaffee unterwegs verzichtet habe. Den bekomme ich hier noch ganz kurz vor dem Treffpunkt.<\/p>\n<p>Auf dem Parkplatz steht eine kleine Gruppe. Ich spreche sie an. Es sind die richtigen. Der Name Ana sagt ihnen nichts, wohl aber der Name Irma. Die habe ich angeschrieben, aber die kommt selbst nicht. Macht aber nichts. Ich kann mitgehen. Bald sind wir vollst\u00e4ndig.<\/p>\n<p>Wir fahren mit drei Autos nach Savi und lassen die anderen hier stehen. Die Gruppe ist international, ein Amerikaner, eine Estin, eine Norwegerin, eine S\u00fcdafrikanerin, der Rest Griechen. Die Unterhaltung findet meist auf Englisch statt, obwohl alle Griechisch k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Einer der Griechen tr\u00e4gt einen Pullover mit dem Emblem von Barcelona, und ich kann ihm gerade passend gratulieren. In Griechenland ist er Anh\u00e4nger von PAOK. Im Allgemeinen gilt f\u00fcr ihn aber\u00a0 Devise <em>Alles nur nicht Olympiakos<\/em>. Au\u00dfer f\u00fcr einen der anderen Griechen. F\u00fcr den gilt <em>Alles nur nicht PAOK<\/em>. Der ist Anh\u00e4nger von Aris, dem anderen Verein aus Thessaloniki.<\/p>\n<p>Der Weg ist so gut, wie er besser kaum sein k\u00f6nnte: ein schmaler Pfad mit festgestampfter Erde, moderat ansteigend und abfallend, mit viel Vegetation. Er f\u00fchrt entweder durch den Wald \u2013 das ist ein \u201erichtiger\u201c Wald, dichter Baumbestand, Mischwald \u2013 oder direkt am Meer entlang, hoch \u00fcber dem Meer.<\/p>\n<p>Wir kommen dann irgendwann an einen Strand, passieren den, und dann wird die Strecke etwas schwieriger und ist nicht mehr ganz so sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Das angek\u00fcndigte Picknick findet an einer besetzten Parkbank statt. Im Stehen essen wir einen Apfel. Mein 5-G\u00e4nge-Menu bleibt im Rucksack.<\/p>\n<p>Am nettesten ist die S\u00fcdafrikanerin, und die ist auch die einzige, die Griechisch mit mir spricht. Sie kommt seit Jahren jedes Jahr f\u00fcr drei Monate nach Thessaloniki und \u00fcberbr\u00fcckt hier den s\u00fcdafrikanischen Winter. Sie hat ein Haus in der Oberstadt. Englisch ist ihre Zweitsprache, ihre Muttersprache ist Afrikaans. Sie spricht sehr gut Griechisch und kennt sich bestens aus, auch in der Umgebung von Thessaloniki. W\u00e4hrend ihres Aufenthalts muss sie oder musste sie Griechenland immer einmal verlassen und dann wieder einreisen, wegen des Visums. Das hat sie zu ausgedehnten Reisen in den Balkan genutzt. Ihr Lieblingsstadt, sagt sie, sei eine Stadt in Albanien, Butrint.<\/p>\n<p>Der Amerikaner hat die griechische Staatsb\u00fcrgerschaft, neben der amerikanischen. Obwohl er mit einer Griechin verheiratet war, hat er daf\u00fcr sechs Jahre und einen Rechtsanwalt gebraucht. Die S\u00fcdafrikanerin erz\u00e4hlt, ihre mit Griechen verheirateten Freundinnen, in Griechenland sesshaft, h\u00e4tten das bis heute nicht geschafft.<\/p>\n<p>Die Norwegerin nimmt mich in Beschlag. Sie spricht sehr, sehr gut Deutsch, klagt aber \u00fcber mangelnde Gelegenheiten, es zu verwenden.<\/p>\n<p>Sie ist erstaunt, dass ich ihren Arbeitsplatz nicht kenne. Den kennt jeder in Thessaloniki. Au\u00dfer mir. Es ist eine Beh\u00f6rde der EU. Moment mal: Norwegen, EU?\u00a0 Da war doch was? Ja, wir sind zwar nicht Mitglied, bekommen hier aber Arbeitspl\u00e4tze. Wir bringen den unterentwickelten Europ\u00e4ern bei, wie man\u2019s macht.<\/p>\n<p>Sie sagt, die Griechen seien ein Balkanvolk. Das h\u00e4tte auch eine Freundin best\u00e4tigt, die erst mit einem Griechen, dann mit einem Montenegriner verheiratet war: Pochen auf individuelle \u201eFreiheiten\u201c \u2013 Ich parke, wo ich will \u2013 keine gro\u00dfe R\u00fccksicht auf andere, Herzlichkeit und Gro\u00dfz\u00fcgigkeit gegen\u00fcber denen, die \u201edazugeh\u00f6ren\u201c, zum Clan. Der Norwegerin gef\u00e4llt es gut in Griechenland, aber sie hat ihre Probleme mit dem griechischen Verhaltenskodex. Ihre Lieblingsthemen sind Parken und P\u00fcnktlichkeit.<\/p>\n<p>Sie versteht viel von Sprachen und charakterisiert die Unterschiede sehr gut, die zwischen Deutsch und Norwegisch, die zwischen denen und Griechisch. Auch zu den innernorwegischen Varianten \u2013 die sie \u201eSprachen\u201c nennt \u2013 hat sie was zu sagen. Sie sagt, ganz richtig, dass das, was sie Griechen immer betonen \u2013 viele griechische Lehnw\u00f6rter in anderen Sprachen \u2013 dem Sprachenlerner kaum hilft. Da kennt man noch so gut wie kein einziges Verb, ganz zu schweigen von dessen Beugung. Auch bei Partikeln hilft es kaum. Recht hat sie. Wir wundern uns gemeinsam dar\u00fcber, dass die griechischen W\u00f6rter, auch die Alltagsw\u00f6rter, so lang sind. Auch daf\u00fcr hat sie eine Erkl\u00e4rung, allerdings eine abenteuerliche: Die Griechen redeten eben gerne, und da w\u00e4ren lange W\u00f6rter genau richtig.<\/p>\n<p>Der Amerikaner, Don, hat mir schon im Auto von seiner beruflichen Laufbahn erz\u00e4hlt. Er hat an einer privaten Universit\u00e4t in Montana gelehrt. Da hat er alle sieben Jahre ein Sabbatjahr bekommen. Bei einem kompletten Jahr mit halber Bezahlung, bei einem halben Jahr mit kompletter Bezahlung. Die Universit\u00e4t wurde dann aber geschlossen. Alle wurden gefeuert. Und mussten sich die ihnen zustehenden Geh\u00e4lter auf dem Rechtsweg erstreiten, bekamen aber nur einen kleinen Teil davon. Wohl und Wehe der amerikanischen Universit\u00e4t, in einer Biographie eingefangen. Er stimmt mir lebhaft zu, als ich das so kommentiere.<\/p>\n<p>Er hat dann auch hier in Thessaloniki einzelne Kurse abgehalten. In einem Kurs hatte er eine Amerikanerin unter lauter Griechen. Er sei ein ganzes Semester damit besch\u00e4ftigt gewesen, den Stresslevel der Amerikanerin zu senken. Die sei ganz aufgeregt gewesen, und ratlos angesichts des griechischen Laissez-faire: keine Hausaufgaben, zu sp\u00e4t zum Unterricht, Streik, Pr\u00fcfungsvorbereitung im letzten Moment. Und dann h\u00e4tten sie sie auch noch um die L\u00f6sungen bei den Hausaufgaben gebeten! V\u00f6lliges Unverst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p>Am Ziel geht es in ein Lokal direkt am Meer, auf einer gro\u00dfen blau-wei\u00dfen Terrasse. Die meisten machen sich aus dem Staub, wir Ausl\u00e4nder bleiben unter uns. Don, der Amerikaner, \u00fcbernimmt das Kommando. Er macht das richtig gut. Es wird \u201egriechisch\u201c gegessen, mit einer ganzen Menge einzelner Speisen, die geteilt werden. Nat\u00fcrlich gibt es hier Fisch und Meerestiere, aber alle kommen zu ihrem Recht. Am besten schmecken ohnehin die Bohnen und die frittierten Zucchini.<\/p>\n<p>Ich frage ihn, wie er denn mit den griechischen Verhaltensweisen zurechtk\u00e4me. Gut. Aber dieser Autofahrer, der ihn heute Morgen w\u00fcst beschimpft hat, als er ihm auf Versehen den Weg versperrte. Der habe doch recht gehabt, sagt er. Ja, ja, aber deshalb braucht man doch nicht so zu reagieren. In England h\u00e4tte der sich entschuldigt, dass er durchwill. In England h\u00e4tten sich beide entschuldigt. Stimmt, sagt er, aber das mache ihm nichts. Die Griechen seien sehr entspannt und sehr gro\u00dfz\u00fcgig. Und alles sei verhandelbar. Es gebe zwar Regeln, aber die seien verhandelbar. In Amerika gelten die Regeln. Strikt. Deshalb sei er in Griechenland.<\/p>\n<p>Als wir gehen, bekommt er von dem Kellner ein dickes Lob f\u00fcr sein Griechisch. Sehr berechtigt. Auf dem Weg zum Auto kann ich ihm das spezifische Wort entlocken, das den Kommentar ausgel\u00f6st hat: \u03c4\u03c3\u03b9\u03bc\u03c0\u03ce. Hei\u00dft eigentlich \u201astechen\u2018, \u201akneifen\u2018, auch \u201aeine Kleinigkeit essen\u2018. Er hat es aber mit Bezug auf eine Speise gebraucht. Es ging um den Geschmack, um etwas, das pikant ist, einen eigenen Geschmack hat. Im W\u00f6rterbuch sehe ich sp\u00e4ter, dass das Verb eine Unzahl von Bedeutungen hat.<\/p>\n<p>Ich mache den R\u00fccktransport zu den Autos. Wir haben unversch\u00e4mtes Gl\u00fcck. Es ist die ganze Zeit trocken geblieben, aber in dem Moment, wo wir ins Auto steigen, f\u00e4ngt es zu regnen an. Es sch\u00fcttet. Ein Sturzregen. Eine ganze Stunde lang. Der Regen ist wie bestellt von der Norwegerin, denn er best\u00e4tigt ihre Klage \u00fcber die Drainage in Griechenland, besser gesagt \u00fcber deren komplette Abwesenheit. Das Wasser sammelt sich an einigen Stellen so, dass es das Auto f\u00f6rmlich bremst. Verr\u00fcckt. Und das nicht nur hier in der Walachei, sagt sie, auch in Thessaloniki, Griechenlands zweitgr\u00f6\u00dfter Stadt.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg f\u00e4hrt Don vor mir als Lotse her. Das ist wunderbar, und in Zeit von nichts sind wir kurz vor Thessaloniki. Hier biegt er ab. Ich komme auf eine andere Stra\u00dfe ins Zentrum als vorgestern. Man hat das Gef\u00fchl, in eine Millionenstadt zu fahren. Dabei hat die Stadt selbst gerademal 325.000 Einwohner, weniger als Bielefeld. Damit l\u00e4ge sie in Deutschland gerade mal an 19. Stelle! Der Ballungsraum Thessaloniki hat allerdings fast eine Million Einwohner.<\/p>\n<p>Es geht alles wunderbar. Ich komme zum Galerius-Bogen und finde auch die richtige Abfahrt in die Oberstadt. Schon bin ich in der Olympiados, f\u00fcnf Gehminuten von der Wohnung entfernt. Dann nehme ich die falsche Seitenstra\u00dfe und komme durch das Einbahnstra\u00dfensystem vom Weg ab. Noch habe ich aber die Orientierung nicht verloren. Ich komme am Eptapyrgio vorbei. Auch von hier finde ich zu Fu\u00df nach Hause. Immer noch optimistisch, fahre ich weiter. Aber auf einmal bin ich ganz woanders. Keine Ahnung, wie das passiert ist.<\/p>\n<p>Mit den Einbahnstra\u00dfen hat es folgende Bewandtnis: Man steht an einer Kreuzung und hat drei M\u00f6glichkeiten: rechts, links, geradeaus. Das Einbahnstra\u00dfensystem \u00a0schlie\u00dft aber nicht eine, sondern zwei M\u00f6glichkeiten aus. Man will nach rechts, darf aber nicht nach rechts und auch nicht geradeaus.<\/p>\n<p>Jetzt nimmt das Drama seinen Lauf. Ich habe keine Ahnung, wo ich bin. Es geht in Wohnviertel und \u00fcber breite Boulevards wieder in Wohnviertel, und manchmal komme ich wieder dahin, wo ich schon war. Alles unbekannt. Lange suche ich eine Tankstelle. Als ich dann endlich eine finde und rechts ranfahre, ist die geschlossen.<\/p>\n<p>Es gibt praktisch keine Beschilderung. Nur ein Schild taucht immer wieder auf: Moni Lazariston. Ein Kloster, das ich nicht kenne. Einmal mache ich den Versuch, dahin zu fahren, um wenigstens einen Orientierungspunkt zu haben. Vergebens. Die Schilder verschwinden. Als ich das Projekt l\u00e4ngst vergessen habe, tauchen sie wieder auf. Das einzige andere Hinweisschild f\u00fchrt zu einer Byzantinischen Wasserm\u00fchle. Das ist jetzt nicht so sonderlich n\u00fctzlich.<\/p>\n<p>Manchmal sehe ich von weitem die wei\u00dfe Stadt und versuche, in diese Richtung zu gelangen, und dann auch einmal das Meer. Aber auch dahin schaffe ich es nicht.<\/p>\n<p>Am liebsten w\u00fcrde ich irgendwo anhalten, aber es finden sich keine Parkm\u00f6glichkeiten. Immer weiter geht es, getrieben von hupenden Autos, erschreckt von Motorr\u00e4dern, die rechts und links \u00fcberholen. Irgendwann finde ich eine Stelle zum Halten und befrage den Routenplaner. Der schickt mich mal wieder nach Nordosten. Und nach f\u00fcnfzig Meter auf eine Stra\u00dfe, die es hier nicht gibt.<\/p>\n<p>Auf dem abgetrennten Seitenstreifen einer gr\u00f6\u00dferen Stra\u00dfe kann ich anhalten und einen Mann nach dem Weg fragen. Andere Richtung, sagt er, immer geradeaus. Ob es da eine Beschilderung gebe? Keine Ahnung, einfach der Stra\u00dfe folgen. Also umdrehen. Keine Chance. Man darf nirgendwo links abbiegen, es geht kilometerweit in die falsche Richtung. Dann kann ich rechts abbiegen, drehen und dann auf die Hauptstra\u00dfe links abbiegen. Geschafft! Und bald kommt auch ein Hinweisschild: Thessaloniki. Gott sei Dank. Immer der Stra\u00dfe entlang. Immer bergabw\u00e4rts. Doch pl\u00f6tzlich f\u00fchrt die Stra\u00dfe in ein Wohnviertel, dort muss ich rechts und dann wieder rechts und bin wieder in der falschen Richtung.<\/p>\n<p>Ziellos fahre ich weiter, bis ich auf einmal das Schild Ring Road sehe. Ich folge dem, in der Hoffnung, hier auf Hinweisschilder zu treffen. Komischerweise geht es durch ganz kleine, gem\u00fctlich aussehende Wohnviertel, aber dann kommt ein gro\u00dfer Zubringer. Hier ist eine Baustelle, die sich lange, lange hinzieht. Ich muss immer weiter und habe das Gef\u00fchl, dass es in die falsche Richtung geht. Aber man kann weder links noch rechts abbiegen noch zur\u00fcck. Und dann f\u00fchrt der Zubringer auf die Autobahn, und endlich gibt es Schilder. Gleich auf dem ersten steht: Chalkidiki. Na toll.<\/p>\n<p>An der n\u00e4chsten Ausfahrt raus. Da rammt mich fast eine junge Frau, die vorher mit 50 \u00fcber die Autobahn geschlichen ist\u00a0 und sich pl\u00f6tzlich, ohne sich umzusehen, rechts abbiegt. Auf dem Parkplatz, auf dem ich wende, taucht sie pl\u00f6tzlich wieder auf. Ich mache, dass ich wegkomme.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck geht\u2019s. In die richtige Richtung. Und bald taucht das H\u00e4usermeer unter mir auf. Wenigstens etwas. Und es ist noch hell, und es hat aufgeh\u00f6rt, zu regnen. Aber die Odyssee hat noch kein Ende. Wieder komme ich vom Weg ab. Ein Ehepaar am Stra\u00dfenrand ist ganz entsetzt, dass ich zur Oberstadt will. Das sei sehr weit und kompliziert. Sie sehen sich hilfesuchend um. Im letzten Moment f\u00e4llt mir noch ein, nach dem Zentrum zu fragen statt nach der Oberstadt. Diese Richtung kennen sie. Und es klappt. Bald komme ich in vertraute Gefilde, am Hafen vorbei und dann am Aristoteles-Platz. Und dann bin ich wieder am Galerius-Bogen. Aber in der falschen Richtung. Keine M\u00f6glichkeit zum Abbiegen. Es geht stadtausw\u00e4rts. Das lasse ich mir aber nicht gefallen, wende da, wo es verboten ist und komme in die richtige Richtung. Ich finde die richtige Stra\u00dfe in die Oberstadt und den Weg zur Wohnung. Trotz der Einbahnstra\u00dfen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">8. Juni (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Termin beim Zahnarzt. Die Praxis ist hochmodern. Die R\u00f6ntgenaufnahmen werden gleich auf dem Behandlungsstuhl gemacht, mit einem so kleinen Apparat, dass man gar nicht auf den Gedanken k\u00e4me, es k\u00f6nne sich um ein R\u00f6ntgenger\u00e4t handeln.<\/p>\n<p>Der Zahnarzt ist jung, freundlich, geduldig und \u201ekonservativ\u201c in seinen Behandlungsmethoden. Vor einem Eingriff erst mal die Natur wirken lassen. Befund: Alles in Ordnung. Vier Tage lang ein paar Vorsichtsma\u00dfnahmen, dann bei Bedarf wiederkommen. Der Wurzelkanal k\u00f6nne die Schmerzen ausgel\u00f6st haben, zusammen mit der Erk\u00e4ltung. Nicht dass ich das alles Wort f\u00fcr Wort verstehe, aber er spricht sehr deutlich, und ich kann ganz gut folgen. Wenn ich hier wohnen w\u00fcrde, w\u00e4re er mein Zahnarzt. Und was kostet die ganze Sache? Nichts. Freund von Sofia, das reicht. So funktioniert Griechenland.<\/p>\n<p>Das ersparte Geld trage ich in die Buchhandlung. Dort st\u00f6bere ich eine Zeitlang herum und finde dann ein Buch f\u00fcr Sofia. Der Tag ist tr\u00fcb, viele Wolken, etwas schw\u00fcl. Aber nach drei Wochen Traumwetter kommt Klagen nicht in die T\u00fcte.<\/p>\n<p>Ich st\u00f6bere in einem griechischen Kochbuch mit dem Titel 41 \u03b1\u03b3\u03b1\u03c0\u03b7\u03bc\u03ad\u03bd\u03b5\u03c2 \u03c3\u03c5\u03bd\u03c4\u03b1\u03b3\u03ad\u03c2 \u03bc\u03b5 \u03bb\u03b1\u03c7\u03b1\u03bd\u03b9\u03ba\u03ac 41 beliebte Rezepte mit Gem\u00fcse. Gleich die ersten beiden Rezepte, und zwei weitere sp\u00e4ter, sind reine Kartoffelgerichte. Da ist \u00fcberhaupt kein \u201aGem\u00fcse\u2018 drin. Das Wort \u03bb\u03b1\u03c7\u03b1\u03bd\u03b9\u03ba\u03ac schlie\u00dft im Gegensatz zu <em>Gem\u00fcse<\/em> Kartoffeln ein. Genauso wie <em>vegetables<\/em>.<\/p>\n<p>Am Abend geht es ins Kino: Mad Max. Der Film hat eine griechische Anfangszeit: 22.40. Das Kino ist in einem modernen Komplex gleich in der N\u00e4he des Aristoteles-Platzes, in einem Innenhof mit mehrst\u00f6ckigem Umgang, wie man ihn \u00fcberall finden k\u00f6nnte. Von einem der Caf\u00e9s aus kann man den Schalter sehen. Da trinke ich einen Kaffee und warte auf Vaso, die den Film vorgeschlagen hat. Da werden 4 \u20ac f\u00fcr einen Kaffee abkassiert. Der teuerste Kaffee des Jahres.<\/p>\n<p>Das Kino hat verschiedene kleinere S\u00e4le. Obwohl der Preis einheitlich ist, sind die Pl\u00e4tze nummeriert, und es gibt eine Platzanweiserin.<\/p>\n<p>Der Film, international mit Lob \u00fcbersch\u00fcttet, ist eine einzige Gewaltorgie. In einer unwirtlichen Sand- und Felsenlandschaft findet eine wilde Verfolgungsjagd statt. Der rostige, lange Lastzug der Helden wird von den Anh\u00e4ngern und Soldaten des Diktators auf Jeeps und Motorr\u00e4dern mit unwirklich gro\u00dfen Reifen verfolgt. Sch\u00fcsse, Blut, Schreie, Explosionen, Feuer, Nahkampf auf dem rollenden Lastzug in Endlosschleife. Der Held auf dem Lastzug, zusammen mit einem vernarbten, glatzk\u00f6pfigen \u00dcberl\u00e4ufer und ein paar leicht bekleideten Frauen, erwehrt sich aller Angriffe und befreit am Ende die jubelnden Menschen von dem Diktator. Er selbst tritt bescheiden den R\u00fcckzug an und verschwindet in der Menge. Die Geschichte hat einen ideologischen \u00dcberbau: Die Erde ist verw\u00fcstet, das gr\u00fcne Land, das die Heldin sucht, existiert nicht mehr, und der Diktator kontrolliert die wenigen verbleibenden Ressourcen, vor allem Wasser, aber auch Benzin. Komisch: Die Menschen jubeln dem neuen \u201eRegime\u201c genauso zu wie dem Diktator.<\/p>\n<p>In der Mitte des Films kommt pl\u00f6tzlich eine stille Szene und man sehnt das Ende herbei, aber vergeblich. Wieder beginnt die Verfolgungsjagd. Diesen Teil h\u00e4tten sie gar nicht zu drehen brauchen. Sie h\u00e4tten einfach den ersten Teil noch mal nehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Vaso ist auch nicht so begeistert. Sie entdeckt aber eine ihr willkommene feministische Aussage in dem Film und ist von der Landschaft begeistert. Den Feminismus kann ich hier nicht entdecken, bei der Landschaft gebe ich ihr recht.<\/p>\n<p>Ihr Sohn ist Wissenschaftler in Reading, in einer ganz modernen Disziplin, Bioengineering. Er hat in England richtig Karriere gemacht, hat in Edinburgh und in Cambridge studiert und dann den Posten in Reading bekommen. Sie besucht ihn alle Nase lang und ist auch sonst schon viel gereist, auch nach Deutschland: Hamburg, M\u00fcnchen, Dresden, Heidelberg. Sie liest auch viel, trotz ihrer eher technischen Berufsausrichtung vor allem Philosophie und Psychologie.<\/p>\n<p>Diese Woche finden die landesweiten Zugangspr\u00fcfungen f\u00fcr die Universit\u00e4t statt. Da muss sie morgen Aufsicht f\u00fchren. Am Samstag kommen dann die Pr\u00fcfungen f\u00fcr die Sch\u00fcler mit Rechtschreibschw\u00e4che. Die bekommen statt einer schriftlichen eine m\u00fcndliche Pr\u00fcfung. Ein erstaunlich liberales, modernes System, aber auch eine Ma\u00dfnahme, die neue Ungerechtigkeiten schaffen kann. Zum Nachteil der Normalos.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">9. Juni (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Das Wetter wird wieder etwas besser. Es zeigen sich ein paar Sonnenstrahlen, und die locken mich raus, nach Osten, in das ehemalige Villenviertel, das nach dem Abbruch der \u00f6stlichen Stadtmauer entstand. H\u00e4user gucken.<\/p>\n<p>Zuf\u00e4llig, wieder ganz zuf\u00e4llig, komme ich an Sintrivani vorbei, einem Brunnen, von dem ich schon \u00f6fter gelesen habe. Der Wortbestandteil tri bezieht sich vermutlich auf die dreiteilige Anlage, auf die drei Becken des Brunnens. Der hat eine interessante Geschichte. Er wurde von den T\u00fcrken \u201eaus Reue\u201c errichtet, daf\u00fcr dass sie die Stadtmauer hier abgerissen hat. So stellen es jedenfalls die Griechen dar. Er wurde dann aber bei der Stadterweiterung von den Griechen abgerissen und dann sp\u00e4ter wieder aufgebaut. In diesem Zusammenhang ist aber nicht von \u201eReue\u201c die Rede, und das Wort abgerissen taucht auch nicht auf, wohl aber das Wort \u201ewiederaufbauen\u201c.<\/p>\n<p>Der Brunnen ist aus Marmor, mit Voluten, L\u00f6wenk\u00f6pfen und Blumengewinden an den Becken, Laternen an den Seiten und einem Obelisken im Zentrum. Man erkennt nichts T\u00fcrkisches daran. Ob der Brunnen vorher anders aussah? Oder ob die T\u00fcrken die westlichen Baustile \u00fcbernommen haben?<\/p>\n<p>Von hier aus sieht man auch auf eine, teils von einem Bauzaun verdeckte, auff\u00e4llige moderne Skulptur, an der ich schon vorbeigefahren bin. Sie markiert den Eintritt in die Stadt von Osten kommend. Es sind rostige Eisenplatten, die vertikal miteinander verbunden sind, die meisten rechteckig. Die obere ist viel kleiner. Ist das der Kopf? Ist es die Darstellung eines Menschen?<\/p>\n<p>Dann komme ich an der Statue eines Freiheitsk\u00e4mpfers vorbei, eines Nikolos Kasomoulis. Es geht um den \u201eMakedonischen Freiheitskampf\u201c, aber nicht den, der zur Vereinigung mit Griechenland, sondern um die eigentliche griechische Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung, um 1821, also um einen erfolglosen Kampf aus Sicht der Makedonier. Der K\u00e4mpfer hat eine Pistole in der Hand und ein Schwert am G\u00fcrtel. K\u00e4mpfte man zu der Zeit noch mit Schwertern? Oder ist das symbolisch gemeint? In der Hand h\u00e4lt er eine Schriftrolle. Er tr\u00e4gt einen altert\u00fcmlich wirkenden Rock und hat nat\u00fcrlich einen pr\u00e4chtigen Schn\u00e4uzer.<\/p>\n<p>Dann kommt noch ein Denkmal, wieder mit Bezug auf den Makedonischen Freiheitskampf. Dieser K\u00e4mpfer, Emanuel Papas, wird in Bewegung dargestellt, mit wehendem Umgang. Er ist mit einem Fu\u00df noch im Boot, mit dem anderen schon auf Land. \u00dcber ihm schwebt ein Engel, der ihm einen Siegerkranz aufsetzt. Der ist ziemlich \u00fcberfl\u00fcssig, erh\u00e4lt aber seinen Reiz dadurch, dass auch er quasi in Bewegung dargestellt wird. Dabei guckt ein Fu\u00df, ganz hinten an dem Denkmal, aus seinem Umhang hervor. Der ist, f\u00fcr sich allein und gegen den blauen Himmel, ein sch\u00f6nes Photomotiv.<\/p>\n<p>Die Stra\u00dfe, auf der sich die alten Villen befinden, Vasilias Olgas, zieht sich ziemlich in die L\u00e4nge. Am Ende bin ich fast sieben Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Die Villen stammen grob gesprochen aus derselben Zeit, vor und nach dem Ersten Weltkrieg, und werden irgendwo als Neoklassisch eingeordnet, sind aber sehr verschieden. Die meisten stehen auf einem abgeschlossenen Grundst\u00fcck, etwas von der Stra\u00dfe zur\u00fcckgesetzt, andere schlie\u00dfen mit der H\u00e4userfront ab.<\/p>\n<p>Meistens stehen sie nur vereinzelt zwischen den hohen Wohnh\u00e4usern mit durchgehenden Balkonen auf allen Etagen. Hier hat der Brand von 1917 seine Spuren hinterlassen, aber ebenso die Abrissbirne.<\/p>\n<p>Zuerst sehe ich links ein strenges neoklassisches Haus, symmetrisch, zwei Etagen, mit einer kuren Au\u00dfentreppe und mit abwechselnd halbrunden und dreieckigen Pedimenten \u00fcber den Fenstern. Den Kontrast dazu bildet auf der anderen Seite das Haus, in dem jetzt das Volkskundemuseum untergebracht ist. Es ist verspielt, unregelm\u00e4\u00dfig, mit Vorspr\u00fcngen und Arkaden, mit einem Eingang, der nicht zentriert ist. Es sieht von allen Seiten anders aus. Die Fassade ist verputzt und beige gefasst, aber immer wieder sind kleinere Fl\u00e4chen freigelassen, hinter denen der rote Backstein zum Vorschein kommt. So entstehen Muster, mal schmal, mal breit.<\/p>\n<p>Daneben das Haus mit dem Goethe-Institut, aber hier wird restauriert. Man sieht von dem Geb\u00e4ude nichts. Es gibt auch keine Ank\u00fcndigungen zu Veranstaltungen, nur den Hinweis, dass die Pr\u00fcfungen in der Deutschen Schule stattfinden.<\/p>\n<p>In einem Schaufenster sehe ich Werbung f\u00fcr Reisen nach Bulgarien. Ein Reiseb\u00fcro? Erst auf den zweiten Blick merke ich, dass es keine Reisen im engeren Sinne sind, sondern Studienangebote. Eine ganze Reihe von Disziplinen sind aufgelistet, die man dort studieren kann: Jura und Medizin, aber auch Physiotherapie und Schulp\u00e4dagogik.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite ist eine neobyzantinische Kirche. Zum ersten Mal achte ich auf die sch\u00f6n geformten Kreuze auf den D\u00e4chern, drei insgesamt, von unterschiedlicher Gr\u00f6\u00dfe, aus einem komplizierten Geflecht aus Eisen geformt. Wieder ein sch\u00f6nes Bild, wenn man sie abgetrennt von der Kirche allein vor dem blauen Himmel photographiert.<\/p>\n<p>Gleich gegen\u00fcber befindet sich die Kulturstiftung der Griechischen Nationalbank, in einem Bau mit spitzen D\u00e4chern mit roten Dachziegeln, einem eigenst\u00e4ndigen Turm und einem Vordach aus Holz. Trotz seines Aussehens wurde das Geb\u00e4ude noch in der osmanischen Zeit gebaut, von einem italienischen Architekten.<\/p>\n<p>Die St\u00e4dtische Kunstgallerie hat auch einen Turm, aber statt mit spitzem mit zwiebelartigem, orientalisch aussehenden Abschluss. An dieser Stra\u00dfenecke stehen Verk\u00e4ufer und bieten Honig, Knoblauch und Kerzen an.<\/p>\n<p>Dann kommt die Villa Bianca, das emblematischste Geb\u00e4ude dieser Zone. Es taucht in allen F\u00fchrern auf.\u00a0 Wieder ein Bau, der wei\u00df im Namen tr\u00e4gt, aber nicht wei\u00df ist. Die Fassade ist gelb und die Holzteile sind gr\u00fcn.<\/p>\n<p>Hier kann man rein. Drinnen gibt es eine kleine Kunstausstellung. Der Bau selbst hat innen nichts Besondere, aber die Ausstellung ist interessant. Es sind vermutlich Einzelst\u00fccke zeitgen\u00f6ssischer K\u00fcnstler, Radierungen und Kupferstiche. Auf einem, in Schwarz-Wei\u00df, sieht man einfach nur einen Stuhl, einen der geflochtenen, typisch griechischen St\u00fchle mit der kleinen, quadratischen Sitzfl\u00e4che. Ganz \u00e4hnlich wie auf einem meiner Photos. Hier aber liegen hinunter gefallende Bl\u00e4tter auf der Sitzfl\u00e4che.<\/p>\n<p>Auch sehenswert das Portrait einer jungen Frau, die man einmal frontal und einmal im Profil sieht. Es ist eindeutig dieselbe Person, aber man hat doch zwei verschiedene Bilder.<\/p>\n<p>Und dann gibt es ein Bild vom Galerius-Bogen. In ihn eingeschrieben sind, in altert\u00fcmliche Schrift, so als w\u00fcrde es sich um r\u00f6mische Inschriften handeln, alle m\u00f6glichen W\u00f6rter, aber die sind schwer zu entziffern. Es handelt sich wenigstens zum Teil um Attribute von Thessaloniki, und auch das Wort Thessaloniki selbst taucht auf. Die Attribute, die ich entziffern kann, sind durchweg positiv: dynamisch, Mithauptstadt, historisch, ber\u00fchmt. Ist das mit ironischer Distanz geschrieben?<\/p>\n<p>Auch in dem Innenhof stehen Skulpturen, darunter eine Art Kugel aus lauter Sechsecken, wie ein Fu\u00dfball, aber nicht abgerundet. In die schwarze Fl\u00e4che, vielleicht Schiefer, sind Zeichnungen eingeritzt, in jedem Sechseck etwas anderes, scheinbar wild gemischt. Ich kann jedenfalls keinen Zusammenhang erkennen. Man sieht \u00c4hren, eine stilisierte Bl\u00fcte. Sisyphos, wie er den Stein hochrollt, eine Frau in Embryostellung, Menschen, die sich an Lianen entlang hangeln usw. In einem Feld steht einfach STOP. Vielleicht hat es etwas mit der Entwicklung der Menschheit zu tun.<\/p>\n<p>An einer Stra\u00dfenkreuzung kaufe ich von einer netten Verk\u00e4uferin Feigen, ein halbes Pfund f\u00fcr zwei Euro, und dann von drei ganz liebenswerten jungen Leuten, zwei Jungen und einem M\u00e4dchen mit Kopftuch, ein Kilo Kirschen f\u00fcr einen Euro. Die drei wollen alles wissen, \u00fcber Kreta und Deutschland und dar\u00fcber, was ich hier mache. Ob es in Deutschland gut sei? Ob es Arbeit gebe? Ob es kalt sei? Sie wollen mir mehr Kirschen verkaufen und mit ein Sonderangebot f\u00fcr vier Kilo machen. Aber was soll ich damit? Bl\u00f6d gemacht, ich h\u00e4tte die kaufen und verschenken sollen.<\/p>\n<p>Auf der Suche nach einem alten M\u00fchlengeb\u00e4ude komme ich an einem Gesch\u00e4ft vorbei, an dem \u039c\u03c0\u03bf\u03c5\u03bf\u03c5!!! steht und daneben ein Gespenst. Was gibt es da? Was verkauft ein Gesch\u00e4ft, an dem Buuh!!! steht? Ganz einfach: Teilchen! Es ist ein kindliches Wortspiel mit der ersten Silbe von <em>Bougatsa<\/em>!<\/p>\n<p>Auf der Hauptstra\u00dfe steht das Hotel Queen Olga. Auch die Stra\u00dfe ist nach ihr benannt. Das war eine interessante Frau, eine Romanowa, eine Nichte Alexander II. Sie kam nach Griechenland, nachdem ihr sp\u00e4terer Ehemann, Georg, zweimal in einem Abstand von Jahren nach Petersburg gereist war, einmal um sich bei Alexander f\u00fcr Wahlkampfhilfe zu bedanken, einmal um seine Schwester, die inzwischen hier verheiratet war, zu besuchen. Als Ehefrau Georgs I. war sie K\u00f6nigin, f\u00fcr ihr karitatives Engagement bekannt und gesch\u00e4tzt. Sie machte dann einmal bei einem Besuch von verwundeten Soldaten die Entdeckung, dass die die Bibel nicht lesen konnten, weil die in Koin\u00e9 verfasst war. Sie setzte sich daraufhin f\u00fcr \u00dcbersetzungen in Katharevousa ein und ver\u00f6ffentlichte ohne Genehmigung eine eigene \u00dcbersetzung des Neuen Testaments! Das f\u00fchrte zu Unruhen, zu Aufst\u00e4nden, zum Sturz der Regierung, zur Abdankung des Bischofs und zur Forderung, sie m\u00fcsse exkommuniziert werden! Am Ende wurden s\u00e4mtliche \u00dcbersetzungen aus dem Verkehr gezogen und weitere Ver\u00f6ffentlichungen verboten!<\/p>\n<p>Abseits der Vasilias Olga liegt das alte M\u00fchlengeb\u00e4ude. Danach suche ich lange. Es verbirgt sich weitgehend hinter einem Bauzaun. Es gibt aber eine L\u00fccke. Warum in dem F\u00fchrer steht, das Geb\u00e4ude sei \u201egut erhalten\u201c, l\u00e4sst sich nicht erkl\u00e4ren. Es ist v\u00f6llig heruntergekommen, mit eingeschmissenen Fensterscheiben \u00fcberall, abbr\u00f6ckelndem oder verblasstem Putz, schief h\u00e4ngenden Fensterl\u00e4den, Unkraut auf dem Dach und verrosteten Rohren. Es gibt zwei Geb\u00e4ude und einen hohen Schornstein. Das gr\u00f6\u00dfere der beiden Geb\u00e4ude war wohl die eigentliche M\u00fchle, das andere das Verwaltungsgeb\u00e4ude. Es hat noch den Charme verfallener Sch\u00f6nheit, je l\u00e4nger man hinsieht, umso mehr.<\/p>\n<p>Noch l\u00e4nger suche ich nach der Yeni Tsami, der \u201aNeuen Moschee\u2018. Eine sehr freundliche blonde Frau, die sich viel Zeit nimmt, reagiert \u00fcberrascht. Das ist doch im Zentrum? Das hatte ich auch gedacht, aber wir haben beide die Namen verwechselt. Das Photo kommt ihr aber bekannt vor. Sie schickt mich zu einer anderen alten Villa, die ich als Orientierungspunkt nehmen kann, einer Villa, in der das Erste Gymnasium Thessalonikis untergebracht ist. Das funktioniert. Ich komme in die richtige Richtung und sehe auf einmal die Moschee durch eine H\u00e4userl\u00fccke. \u00dcber dem Eingang steht noch Arch\u00e4ologisches Museum. Das war hier am Anfang untergebracht. Die Moschee hat den gleichen Namen und stammt aus der gleichen Zeit wie die ber\u00fchmte Moschee in Istanbul, ist aber ganz anders.\u00a0 Ein fast quadratischer, mit der Ecke zur Stra\u00dfe stehenden Bau, der gar nicht ohne Weiteres als Moschee zu erkennen ist. Fast h\u00e4tte man auf Synagoge getippt. Und das hat seinen Grund: Dies war die Moschee f\u00fcr die zum Islam konvertierten Juden! Die Osmanen m\u00fcssen sehr einf\u00fchlsam gebaut haben, mit R\u00fccksicht auf die Traditionen der konvertierten Juden.<\/p>\n<p>Wieder auf der Vasilias Olgas stehe ich vor einem weiteren alten Geb\u00e4ude und frage mich gerade, was das wohl sein kann, als ein Mann mit Blindenstock herauskommt. Es ist das Blindeninstitut!<\/p>\n<p>In einer Taverne, in der die Kellner dem Gast den Eindruck geben, er st\u00f6re, bekomme ich h\u00f6chst mittelm\u00e4\u00dfige Gemitsa und billigen Wein. Die Kellner schieben die Teller ohne Blickkontakt auf den Tisch und werfen die M\u00fcnzen ver\u00e4chtlich auf den Tisch, als es ans Bezahlen geht. Kein Trinkgeld. Ohnehin hat mir Don gesagt, er gebe in der Regel kein oder wenig Trinkgeld. Das mache man hier so. Die Bedienung sei im Preis enthalten. Er hat dabei wohl den Vergleich mit den USA im Sinn, wo es gar nicht ohne geht. Aber trotzdem scheint mir auch hier Trinkgeld die Regel zu sein.<\/p>\n<p>Danach ist mir nicht mehr nach H\u00e4usern. Ich will nur noch ans Wasser. Die Strandpromenade st nicht weit. Ich komme an der Alexander-Statue vorbei. Das Pferd b\u00e4umt sich nach vorne auf, aber er sitzt ganz cool im Sattel. Ein Fu\u00df baumelt l\u00e4ssig an der Seite herunter.<\/p>\n<p>Ganz in der N\u00e4he, direkt am und teils \u00fcber dem Wasser, eine moderne Skulptur, die nur aus \u201eSonnenschirmen\u201c besteht, wie an einem Mobile aufgeh\u00e4ngt, ganz leicht.<\/p>\n<p>Ich komme an den Ausflugsschiffen vorbei, die Sofia mir empfohlen hat. Das ist die Art von Ausflugsschiff, die man normalerweise vermeidet. Zwei M\u00e4nner sprechen mit an. Ich behaupte, kein Englisch zu k\u00f6nnen. Welche Sprache ich den spr\u00e4che? Griechisch. Nur Griechisch? Ja, nur Griechisch. Sie lachen, lassen sich aber auf das Spielchen ein. Die Fahrt dauert nur eine halbe Stunde und ist umsonst. Das Schiff finanziert sich \u00fcber den Getr\u00e4nkeverkauf. Das h\u00f6rt sich gar nicht so schlecht an, und ich verspreche, an einem anderen Tag wiederzukommen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">10. Juni (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Immer noch nicht gew\u00f6hnt habe\u00a0 ich mich an die Angewohnheit der griechischen Motorradfahrer, den B\u00fcrgersteig zu benutzen. Wenn man dort irgendwo parken will, f\u00e4hrt man bis genau an die Stelle, und auch wenn es mal schnell gehen soll, nimmt man schon mal den B\u00fcrgersteig, um eine Kreuzung zu umfahren. Dieser Tage sah ich einen aufgebrachten Caf\u00e9-Besitzer, der wild gestikulierend einem Motorradfahrer mitteilte, was er von ihm hielt, aber der Motorradfahrer fuhr seelenruhig weiter. Heute setzt einer auf\u00a0 dem B\u00fcrgersteig zur\u00fcck und m\u00e4ht mich dabei fast um.<\/p>\n<p>Das Wort \u039c\u03b1\u03ba\u03b5\u03b4\u03bf\u03bd\u03af\u03b1, auf das man hier \u00fcberall st\u00f6\u00dft, geh\u00f6rt zu den W\u00f6rtern, bei denen sich griechische und lateinische Schreibweise sehr \u00e4hneln, vor allem bei Gro\u00dfschreibung: \u039c\u0391\u039a\u0395\u0394\u039f\u039d\u0399\u0391.<\/p>\n<p>Eine alte griechische Erfahrung, auch jetzt immer wieder gemacht: Wenn man Gespr\u00e4che aus der Ferne h\u00f6rt, ohne ein Wort zu verstehen, glaubt man, es w\u00e4re Spanisch.<\/p>\n<p>Pavlos, den Mann von Eleni aus dem Lesekreis angerufen. Der spricht Deutsch und interessiert sich f\u00fcr deutsche Philosophie. Vielleicht k\u00f6nnen wir uns mal auf einen Kaffee treffen. Sprachliche Kleinigkeit: Als er den H\u00f6rer abnimmt, sagt er \u039d\u03b1\u03b9. Sonst habe ich auch schon oft \u03a0\u03b1\u03c1\u03b1\u03ba\u03b1\u03bb\u03cc geh\u00f6rt. Die Leute sagen also Ja oder Bitte. Noch nie geh\u00f6rt habe ich das, was in den Lehrb\u00fcchern vorkommt: \u0395\u03bc\u03c0\u03c1\u03cc\u03c2.<\/p>\n<p>Zu den Bieren, die es hier zu kaufen gibt, geh\u00f6ren Perlenbacher, Finkbr\u00e4u und Grafenwalder. Das scheinen tats\u00e4chlich deutsche Biere zu sein. Ich dachte, es w\u00e4ren griechische Biere, die aus verkaufsstrategischen Gr\u00fcnden deutsche Namen benutzen.<\/p>\n<p>Agia Ekaterini ist auch in der Oberstadt, sehr versteckt gelegen, im anderen Teil. In der N\u00e4he einige der typischen H\u00e4user der Oberstadt, mit vorkragendem Obergeschoss. Die Besonderheit ist, dass dieser vorkragende Teil nicht gerade, sondern schr\u00e4g verl\u00e4uft, sich zu einer Seite hin verj\u00fcngt.<\/p>\n<p>Die Kirche ist auch ganz aus Backstein. Sie \u00e4hnelt mit ihren drei Kuppeln der Panagia Chalkeon, hat aber einen komplizierteren Grundriss. Auf dem Grundst\u00fcck stehen noch ein paar andere Geb\u00e4ude, darunter ein Turm mit Schornstein, aber man kann das Grundst\u00fcck nicht betreten. Hinten ist es voller B\u00e4ume und Str\u00e4ucher, und neben einem Baum mit dichtem Laubwerk und einem bl\u00fchenden Jasmin h\u00e4ngt die Weihnachtsbeleuchtung, eine Glocke und ein Stern.<\/p>\n<p>Ich gehe ein bisschen durch die Stadt spazieren, zur Plateia Demonkratias. Immer wieder habe ich Hinweiszeichen gesehen, die zu ihr f\u00fchren, bin aber noch nie dagewesen. Ausnahmsweise zeigt mir der Routenplaner den richtigen Weg. An dem Platz stehe ich ein bisschen verloren herum. Man sieht hinter einem Bauzaun ein St\u00fcck alter Mauer und irgendwo die Statue eines K\u00f6nigs, eines Konstantin. Das ist aber auch alles.<\/p>\n<p>Als ich etwas weiter gehe und stehen bleibe, um mich auf dem Stadtplan zu orientieren, kommt ein Polizist, den ich vorher passiert habe, hinter mir her und fragt mich, was ich suche. Das finde ich sehr nett und sage es ihm auch. Ich frage, ob ich irgendetwas verpasst h\u00e4tte an dem Platz, und er sagt nein, da gebe es nichts zu sehen.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Hafen gerate ich auf die \u201efalsche\u201c Seite der Egnatia. Reiner Zufall. Hier ist nicht ein Gesch\u00e4ft geschlossen, wie man das schon \u00f6fter mal sieht, sondern gleich eine ganze Reihe: zwei Juweliergesch\u00e4fte, ein Laden f\u00fcr Geldwechsel und Geldtransfer, ein Elektrogesch\u00e4ft, ein Photostudio, eine Apotheke, ein Optiker, ein Eros-Center und ein Physiotherapeut. Es ist niederschmetternd: zerbrochene Neonr\u00f6hren, rostige Gitter, beschmierte Scheiben, ein Fu\u00dfboden voller M\u00fcll, alles leer bis auf zwei billige Armreifen auf Krepppapier in der Schaufensterauslage eines Juweliergesch\u00e4fts. Parallel zu den Gesch\u00e4ften verl\u00e4uft die Baustelle f\u00fcr die U-Bahn, und dahinter schlie\u00dft sich der Bauzaun f\u00fcr die Moschee an. Die trostloseste Szene, die ich bisher hier gesehen habe.<\/p>\n<p>Wenn man die Stra\u00dfe kreuzt, ist es schlagartig anders. Es geht weiter zum Hafen runter. Am Photomuseum, ein richtiger Fortschritt f\u00fcr Griechenland, h\u00e4ngt tats\u00e4chlich ein Schild, das darauf hinweist, dass das Museum wegen der Vorbereitung einer neuen Ausstellung geschlossen sei. Nur steht da nicht, von wann bis wann.<\/p>\n<p>Ich gehe in einem weiten Bogen zur\u00fcck und finde den Buchhandel an der Kamara ge\u00f6ffnet. Trotz Mittwoch. Da finde ich eine ganze Reihe von B\u00fcchern der Jugendschriftstellerin, die Vaso mir empfohlen hatte, Alki Zei. Ich lese ein paar Klappentexte und nehme dann eins mit. In einem Caf\u00e9 an der Rotunda lese ich das erste Kapitel. Hier sind nur Studenten unterwegs und bev\u00f6lkern alle Caf\u00e9s der Umgebung.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehe ich eine Frau, die am Stra\u00dfenrand Blumen pfl\u00fcckt, vermutlich Bougainvillea. Sie sieht mich freundlich an und erkl\u00e4rt mir, die seien nur zum Schmuck, sie h\u00e4tten weiter keine Funktion. Nach Deutschland habe sie auch schon immer mal gewollt, sagt sie. Kann ja noch werden. Nein, sie sei schon alt, sagt sie. Und dann, nach einer dramatischen Pause: Achtzig. Daf\u00fcr hat sie sich sagenhaft gut gehalten. Das sage ich ihr auch. Sie findet, sie sei in letzter Zeit sehr gealtert. Sie habe drei T\u00f6chter, die lebten bei ihr und k\u00fcmmerten sich um sie. Sie w\u00fcnscht mir alles Gute und dr\u00fcckt mich zum Schluss einmal fest an sich.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">11. Juni (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Ich bringe eine Hose zu Dimitri, mit wenig Hoffnung, dass die noch zu retten ist. Nat\u00fcrlich ist die zu retten, sagt er. Da schneide ich ein St\u00fcck heraus und setze ein neues ein. Wann brauchst du sie? Heute Nachmittag? Nee, immer mit der Ruhe. Es hat Zeit.<\/p>\n<p>Zuf\u00e4llig sehe ich von oben, als ich an der R\u00f6mischen Agora vorbeikomme, von oben das Badehaus, das ich vergeblich gesucht habe, als ich hier zur Besichtigung war. Es liegt ganz am Rande des Ausgrabungsfeldes, vielleicht durch Mauern abgetrennt. Nat\u00fcrlich sind nur Reste erhalten, aber die sehen ganz putzig aus: um einen Mittelkries herum angeordnete \u201eSitzbadewannen\u201c, mit einer runden \u00d6ffnung an den Beinen. Da kam vielleicht das Wasser raus. Es muss eine sehr kommunikative Angelegenheit gewesen sein. Hier kann man mit dem Nachbarn vertraulich reden, aber genauso gut kann ein Gruppengespr\u00e4ch entstehen.<\/p>\n<p>Es geht zum J\u00fcdischen Museum. Das kennt hier in der Gegend kaum einer. Interessanterweise liegt es gleich hinter der Griechischen Staatsbank.<\/p>\n<p>Auf zwei Etagen ist die Geschichte der Juden Thessalonikis dokumentiert. Viele Hinweistafeln, aber auch eine ganze Menge Exponate. Leider gibt es so gut wie gar nichts zur Sprache, zum Judeoespa\u00f1ol, dem Judenspanisch. Wenn es das noch irgendwo gibt, muss es in dieser Gegend sein. Es w\u00e4re ein Erlebnis, das mal zu h\u00f6ren. Pl\u00f6tzlich wird die Uhr zur\u00fcckgedreht, und man spricht wie zur Zeit von Cervantes.<\/p>\n<p>Thessaloniki war das wichtigste j\u00fcdische Zentrum Griechenlands und vielleicht die wichtigste sephardische Stadt der Welt. Bis zu 70.000 Juden lebten hier, bis die Nazis der Sache ein Ende machten. Die meisten waren nach der Vertreibung der Juden aus Spanien gekommen, 1492, aber schon in Isaias ist von Juden in Griechenland die Rede, aber man wei\u00df nicht, wo. Man vermutet, dass hier in Thessaloniki sp\u00e4testens ab 140 v. Chr. Juden lebten. Die waren aus Alexandria gekommen. Es hei\u00dft, dass sie, als Paulus hierherkam, Griechisch sprachen, aber die aram\u00e4ische Schrift verwandten. Hei\u00dft das, sie haben Griechisch mit aram\u00e4ischen Buchstaben geschrieben? Danach h\u00f6rt es sich fast an. Oder haben sie Aram\u00e4isch als Schriftsprache verwandt?<\/p>\n<p>In einer Passage aus einem bemerkenswerten Buch,\u00a0 geschrieben im 12. Jahrhundert von einem Rabbi Benjamin aus Tudela, hei\u00dft es, dass hier, in Seleucia, etwa 500 Juden lebten. Die Juden w\u00fcrden unterdr\u00fcckt und lebten von der Seidenspinnerei. Das Buch wurde von einem Juden verfasst, der Spanien verlie\u00df, um \u00a0die Aliyah zu absolvieren. Aber er war auch ein Tourist vor dem Herrn. In drei Jahren besuchte er \u00fcber 300 St\u00e4dte! Er schrieb auf Latein. Die Ausgabe, die hier ausgestellt ist, eine holl\u00e4ndische Ausgabe der fr\u00fchen Neuzeit, ist zweisprachig: Hebr\u00e4isch und Latein! Er hatte genau die richtigen Eigenschaften, um ein erfolgreicher Reiseschriftsteller zu sein: naiv, neugierig, beflissen.<\/p>\n<p>Der j\u00fcdische Friedhof war riesengro\u00df und breitete sich zu allen Seiten unsystematisch aus. Man sch\u00e4tzt, dass es 500.000 Gr\u00e4ber gab! Die Nazis zerst\u00f6rten als allererstes die Gr\u00e4ber. Ein Fanal f\u00fcr das, was kommen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Aus der Zeit davor sieht man ein paar Photographien, die mit dem Friedhof zu tun haben: Photos von professionellen Klageweibern in b\u00e4uerlich wirkenden langen Gew\u00e4ndern und Photos von der rituellen Wanderung auf den Friedhof am Vorabend der gro\u00dfen Feste. Das war eine gute Gelegenheit f\u00fcr die Frauen, die, wie es vorsichtig hei\u00dft, eine \u201euntergeordnete Rolle\u201c im j\u00fcdischen Leben spielten, \u00fcberhaupt mal aus dem Haus zu kommen.<\/p>\n<p>Es sind mehrere Grabstelen ausgestellt, darunter eine mit Jahreszahl, 5674, eine mit Schere. Fris\u00f6r oder Schneider? Oder Tuchh\u00e4ndler? Am interessantesten eine anderes Grabdenkmal, ganz anders als die anderen, l\u00e4nglich, wie ein Kegel, ganz so, wie man sie auf muslimischen Friedh\u00f6fen sieht, aber mit der Inschrift auf Hebr\u00e4isch. Kulturfusion.<\/p>\n<p>Aus zwei Synagogen gibt es zwei nebeneinander ausgestellte, jeweils zweiseitige Gesetzestafeln, eine kleine mit goldenen Lettern, die andere ganz einfach, beeindruckend einfach. Es ist erstaunlich, mit wie wenigen Zeichen man auskommt. Diese Synagogen wurden von den Nazis zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Die beiden \u00e4ltesten Synagogen hie\u00dfen <em>Italia Yashan<\/em> und <em>Italia Hadash<\/em>, \u201aAltitalien\u2018 und \u201aNeuitalien\u2018. Zu dieser Zeit, die von kurzer Dauer war, geh\u00f6rte Thessaloniki zu Venedig. Die Italia Yashan wurde 1890 durch einen Brand zerst\u00f6rt, wiederaufgebaut, und 1917 wieder zerst\u00f6rt, wieder durch Brand.<\/p>\n<p>Juden lebten am Anfang abgeschieden von anderen Juden. Sie bildeten Gemeinschaften, die sich durch ihre Herkunftsorte in Spanien definierten! Davon gab es bald nach der massiven Zuwanderung etwa drei\u00dfig, jede selbst\u00e4ndig. Jede hatte ihren Rabbi und einen Rat aus sieben M\u00e4nnern. Rat und Rabbi vergaben gemeinsam die vier liturgischen Posten: Schl\u00e4chter, Lehrer, Kantor, Beschneider. Es dauerte weit \u00fcber hundert Jahre, bis aus den einzelnen Gemeinschaften eine einheitliche j\u00fcdische Gemeinde wurde. Die Antriebkraft dazu war das Gesch\u00e4ft: Vor allem im Tuchhandel musst man mit M\u00e4nnern aus den anderen Gemeinschaften zusammenarbeiten, wenn man was werden wollte.<\/p>\n<p>Auf der oberen Etage sind Exponate aus dem religi\u00f6sen und dem Alltagsleben ausgestellt. Am besten gef\u00e4llt mir eine Flasche Ouzo mit griechischer Beschriftung, aber dem Namen des Herstellers, eines Juden, auf Hebr\u00e4isch. Daneben Kochb\u00fccher, auf Italienisch, Spanisch, Griechisch, Englisch: j\u00fcdische K\u00fcche.<\/p>\n<p>Thessaloniki war ein wichtiges Zentrum des Lernens und der Wissenschaften, aber auch ein Zentrum der Wohlt\u00e4tigkeit. Das bezieht sich vor allem auf das von einer J\u00fcdin gestiftete Krankenhaus.<\/p>\n<p>Man sieht Kopien der Titelbl\u00e4tter j\u00fcdischer Zeitungen. Davon gab es mehrere Dutzend, auf Griechisch, auf Franz\u00f6sisch, aber auch auf Hebr\u00e4isch.<\/p>\n<p>In verschiedenen Vitrinen um ein m\u00e4chtiges, h\u00f6lzernes mit einem bestickten Tuch verschlossenen Echal herum, dem Aufbewahrungsort der Schriftrollen in der Synagoge, finden sich Gegenst\u00e4nde aus der Welt der Religion: eine Menora (siebenarmig), ein Gebetbuch, ein Hankukka-Leuchter (achtarmig), ein Seidenschal, Talleth, der bei den t\u00e4glichen Gebeten getragen wird, und ein Lederriemen, Tephillin, der ebenfalls bei den Gebeten getragen wird, an der Stirn und um den linken Arm. Auch hierher geh\u00f6rt eine Art Kuchenform mit runden Vertiefungen, die der Vorbereitung einer Speise f\u00fcr einen Festtag dient, halb profan, halb religi\u00f6s.<\/p>\n<p>Die Zerst\u00f6rung der j\u00fcdischen Gemeinde durch die Nazis und die Deportation nach Auschwitz wird am Schluss dokumentiert. Es hei\u00dft, bei der St\u00fcrmung des Krematoriums in Birkenau seien viele Juden aus Thessaloniki beteiligt gewesen. Sie h\u00e4tten beim ihrem Gang in den Tod die griechische Nationalhymne gesungen. Ein eindr\u00fcckliches Zeichen f\u00fcr die Assimilierung der europ\u00e4ischen Juden an ihre Heimatl\u00e4nder.<\/p>\n<p>Ein kleines Kunstwerk mit Bezug auf die Konzentrationslager besteht aus einem gestreiften Stofffetzen mit einem gelben Stern in der Mitte. In den Stern ist die Aussage einer jungen Frau eingestickt, die im Konzentrationslager Portraits ihrer Mitgefangenen anfertigte und sich dadurch das eine oder andere St\u00fcck Brot dazuverdiente.<\/p>\n<p>Dann sieht man ein beeindruckendes Bild. Vier \u00dcberlebende des Konzentrationslagers, M\u00e4nner, \u00e4lter. Man sieht nur ihre Gesichter und ihre Arme, mit der im Konzentrationslager eingravierten Nummer. Sie sehen alle gleich ernst aus, aber auch anders, einer unendlich trotzig, ein anderer unendlich traurig.<\/p>\n<p>Am Schluss gibt es dann noch eine kleine Kopie des Denkmals f\u00fcr die Juden aus Thessaloniki, das am Hafen steht. Man sieht gesichtslose Gestalten, deren K\u00f6rper in Flammen aufzugehen scheinen.<\/p>\n<p>Am Abend suche ich den Weg zu einem Lokal in der Oberstadt, dem Passa, in der Athinas. Ich frage einen Mann, der sich auf dem Boden vor seinem Haus mit ein paar Ger\u00e4tschaften zu schaffen macht, nach dem Weg. Er nimmt sich ganz viel Zeit. Nach einigen Nachdenken stemmt er die H\u00e4nde in die H\u00fcfte und sagt: Gibt es nicht. Doch, muss es geben, bin ich schon mal gewesen. Nein, gibt es nicht mehr. Die Olympiadas hie\u00df fr\u00fcher Athinas, jetzt gibt es keine Stra\u00dfe dieses Namens mehr. Aber wenn ich doch dieser Tage da war. Was soll es denn da geben? Der Name des Lokals sagt ihm nichts. Es geht eine Zeitlang hin und her, wir breiten den Stadtplan aus, erst auf der Stra\u00dfe, dann im Schatten auf der Mauer. So, wir sind hier. Jetzt zeig mir doch mal, wo du hinwillst. Ich verliere den Glauben an mein Ged\u00e4chtnis, die Stra\u00dfe ist nicht da, wo ich sie vermute und ich sto\u00dfe auf eine Stra\u00dfe, die so \u00e4hnlich hei\u00dft. Ich will schon einpacken, da sehe ich sie auf einmal. Genau auf dem Knick zwischen dem oberen und dem unteren Teil der Karte. Wie immer. Er erkl\u00e4rt mir den Weg, und in f\u00fcnf Minuten bin ich da.<\/p>\n<p>Als ich gerade einen halben Liter Wein intus habe und der Wirt mir gerade auseinandersetzt, Griechenland sei ein gelobtes Land, klingelt das Telefon. Pavlos, der Mann von Eleni. Wie w\u00e4r\u2019s mit einem Bier?<\/p>\n<p>Wir treffen uns an der B\u00fccherei der Oberstadt. Warum, wei\u00df ich auch nicht. Danach gehen wir in die Stadt hinunter, zur Agora, auf verschlungenen Wegen, durch den Regen. Es stellt sich heraus, dass er keinerlei Orientierungssinn hat. Er lebt hier seit zwanzig Jahren und kennt den Weg zur Agora nicht. Da haben sich die Richtigen gefunden!<\/p>\n<p>Als wir eine rote Fu\u00dfg\u00e4ngerampel \u00fcberqueren, kommt der unvermeidliche Kommentar: Das w\u00fcrde man in Deutschland nicht machen. Er wei\u00df, wovon er spricht. Er hat ein paar Jahre seiner Jugend in Deutschland verbracht, in Schw\u00e4bisch-Gm\u00fcnd. Aus der Zeit stammen seine Deutschkenntnisse. Die hat er sp\u00e4ter systematisch weiter gepflegt. Er beklagt zwar mangelnde M\u00f6glichkeiten, die Sprache zu verwenden, spricht aber gut. Jedenfalls gut genug, um nicht in die Verlegenheit zu kommen, mit mir Griechisch zu sprechen. Ich stimme bei der Sache mit der Ampel zu, mache aber eine Einschr\u00e4nkung: Wie ist es mit Schweden? Wie ist es mit den USA? Die machen es genauso wie wir, aber erz\u00e4hlt wird es immer nur von den Deutschen. Passt so gut zu dem Klischee.<\/p>\n<p>Beim Bier gehen wir getrennte Wege. Er trinkt holl\u00e4ndisches, ich trinke griechisches Bier, aber sonst haben wir aber schnell die gleiche Wellenl\u00e4nge. Nur in einer Frage werden wir uns nicht einig. Er vertritt die These: schlechtes Klima = hoher Entwicklungsstand. Man m\u00fcsse Vorsorge tragen f\u00fcr die kalten Tage. Das erfordere Organisation und Unternehmungsgeist. In Griechenland k\u00f6nne man sich dagegen einfach so h\u00e4ngen lassen. Das demonstriert er mit einer Bewegung, die an dem warmen Fr\u00fchlingstag perfekt passt. Aber ist es in Thessaloniki nicht im Winter auch kalt? Kaum, spiele keine Rolle, nur ganz kurze Zeit. Gut, wie ist es dann mit dem antiken Athen? Da hat man doch einiges auf die Reihe bekommen. Ja, aber daf\u00fcr gebe es eine Erkl\u00e4rung. Die h\u00e4tten Sklaven gehabt. Also doch soziale Faktoren. Dass er damit seine eigene Theorie unterl\u00e4uft, merkt er nicht. Oder will es nicht zugestehen. Und was ist mit Rom, mit Mesopotamien, mit \u00c4gypten, mit der Indus-Zivilisation, mit den Hochkulturen in Amerika? \u00dcberall kalt? Ich solle ihm auch nur ein einziges entwickeltes Land auf der s\u00fcdlichen Halbkugel nennen. Australien? Z\u00e4hlt nicht. Das ist britisch. Schlechtes Wetter. Siehst Du?<\/p>\n<p>Er ist nicht gerade ein Durchschnittstyp, was Denken und Biographie angeht. \u00dcberspitzt gesagt, hat er wegen Nietzsche im Ausland studiert und wegen Marx das Studienfach gewechselt. Als er das Abitur hatte, beschloss er, nach Stra\u00dfburg zu gehen, um dort Jura zu studieren, ohne Franz\u00f6sisch-Kenntnisse, gegen den Willen des Vaters, der ihn f\u00fcr verr\u00fcckt erkl\u00e4rte. Er hatte n\u00e4mlich bei Nietzsche gelesen, es gehe im Leben darum, Gewohnheiten zu brechen. Als er dann in Stra\u00dfburg ankam, merkte er bald, dass das Wetter nicht sonderlich gut war, viel schlechter als in Thessaloniki. Da wollte er nicht bleiben. So weit ging es mit dem Brechen der Gewohnheiten dann wohl doch nicht. Aber das sagt er nicht. Er wechselte dann von Stra\u00dfburg nach Nizza und von Jura auf Wirtschaft. Marx hatte gesagt, es sei die Wirtschaft, die die Welt am Laufen h\u00e4lt, und als er das erkannt hatte, war er vom Philosophen zum Wirtschaftswissenschaftler geworden. Es folgte dann ein einj\u00e4hriger Sprachkurs in Nizza, und dann kam das Studium. Komischerweise klappte, in diesen grauen Vorzeiten, alles, sowohl was die Anerkennung des Abiturs in Frankreich als auch was die Anerkennung des Studienabschlusses in Griechenland angeht. Jetzt ist er selbstst\u00e4ndig und hat eine Praxis in der Ermou, ganz in Zentrum der Unterstadt.<\/p>\n<p>Auf die unvermeidliche Frage, wo denn in Griechenland die Armut sei, antwortet er: Ich wei\u00df es nicht. Ich kann die Frage nicht beantworten. Auch er findet, dass die Leute rausgehen, dass Caf\u00e9s, Bars, Restaurants, Tavernen gef\u00fcllt sind, vormittags, nachmittags, abends. Einschnitte habe es allerdings gegeben, und zwar in beide Richtungen: Geh\u00e4lter runter, Steuern rauf.<\/p>\n<p>Er erz\u00e4hlt, er habe ein Landhaus in Chalkidiki, nur vierzig Kilometer von Thessaloniki entfernt. Dahin w\u00fcrden jetzt Sohn und Schwiegermutter verfrachtet, f\u00fcr den Rest des Sommers. Er und seine Frau fahren am Wochenende hin. Das entspricht genau dem, wie es in dem Lehrb\u00fcchern steht.<\/p>\n<p>Ich frage nach dem Sohn und dem Vorhaben, ihn f\u00fcr ein paar Wochen nach Deutschland zu verfrachten. Er hat bereits sehr fortgeschrittene Deutschkenntnisse, aber soll noch mehr Praxis bekommen. Eleni hatte mich darauf angesprochen, aber ich wusste nicht genau, was sie wollte. Er winkt ab: Ach, M\u00f6glichkeiten gibt es zuhauf. Sein deutscher Schwager biete das seit Jahren an. Er k\u00f6nne ihn bei Freunden oder Verwandten in Hamburg unterbringen. Aber Eleni ist das Problem: Der arme Junge, im feindlichen Ausland, ganz allein, und noch so jung. Wir verst\u00e4ndigen uns dar\u00fcber schmunzelnd, ohne Worte. Er zitiert Kazantzakis: Der Mann hat Fl\u00fcgel, die Frau hat Wurzeln. Der Mann will hinaus, hoch hinaus, er ist romantischer, idealistischer, die Frau bodenst\u00e4ndiger, realistischer. Da ist was dran.<\/p>\n<p>Auch zu dem Hamburger Schwager gibt es eine interessante Geschichte: Bei ihn wurde vor ein paar Jahren Leuk\u00e4mie diagnostiziert. Der Arzt gab ihm noch ein paar Jahre Frist. Daraufhin verkaufte er seine Firma und entschied, die letzten Jahre zu genie\u00dfen. In der Zwischenzeit wurde aber ein neues Medikament entwickelt. Das hat die Krankheit zum Einhalt gebracht. Es sind jetzt schon siebzehn Jahre seit der Diagnose vergangen. Momentan ist er mit dem Rad unterwegs. Von Hamburg nach Thessaloniki.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">12. Juni (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Arch\u00e4ologischen Museum komme ich zuf\u00e4llig an der Erl\u00f6ser-Kirche vorbei, der Sotir, einer weiteren byzantinischen Kirche, einem kleinen, fast quadratischen Bau mit einer viel zu gro\u00dfen, schief sitzenden Kuppel. Das ist wohl das Resultat des Erdbebens von 1978. Die Kuppel ist hoch und hat acht schmale Fenster. Der Bau steht weit unter dem heutigen Bodenniveau, in einem kleinen, abgeschlossenen Bezirk, und ist an zwei Seiten umgeben von gesichtslosen Hochh\u00e4usern. Auch diese Kirche blieb w\u00e4hrend der gesamten osmanischen Zeit christlich.<\/p>\n<p>Ein Motorrad mit zwei R\u00e4dern vorne verschafft mir dann ein D\u00e9j\u00e0-vu-Erlebnis. Schon mal auf einer anderen Reise gesehen und notiert.<\/p>\n<p>Ich komme an der Statue Philipps II. in der N\u00e4he des Wei\u00dfen Turms vorbei und sehe sie mir zum ersten Mal genauer an. Es ist eine Standfigur, grau, ganz glatt, mit ein paar bemerkenswerten Ausnahmen: Venen an den H\u00e4nden, Venen an den Beinen. Heute w\u00fcrde am ihm empfehlen, sich an den Krampfadern operieren zu lassen. Er h\u00e4lt einen eisernen Helm in der Hand und tr\u00e4gt eine Art Brustpanzer \u00fcber einem Rock. Man k\u00f6nnte ihm unter den Rock sehen. Ganz genau gearbeitet sind die Sandalen mit einem komplizierten System aus feinen Lederriemen. Und wenn man ganz genau hinsieht, sieht man in einen der Riemen den Namen des K\u00fcnstlers und die Jahreszahl der Schaffung der Statue eingraviert.<\/p>\n<p>Das Wetter ist viel zu sch\u00f6n f\u00fcr das Museum, aber irgendwann muss man in das Arch\u00e4ologische Museum. Es ist auch zuverl\u00e4ssig die erste Frage, die einem gestellt wird, wenn es um Besichtigungen in Thessaloniki geht. Das gute Wetter kann man auf dem Weg genie\u00dfen.<\/p>\n<p>Das Museum, zum 50. Jahrestag der \u201eBefreiung\u201c er\u00f6ffnet, ist sp\u00e4ter noch mal renoviert wurden, mit Erfolg. Alles ist sehr gut pr\u00e4sentiert. Schon im s\u00e4ulenbestandenen Vorhof stehen zwei r\u00f6mische Sarkophage mit Reliefszenen von Schlachten herum, einfach so, die jedem Museum gut zu Gesicht stehen w\u00fcrden. An den Seiten werden in dichter Folge Szenen aus K\u00e4mpfen mit Amazonen dargestellt. Die haben ihre linke Brust entbl\u00f6\u00dft, um besser schie\u00dfen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Neben dem Eingang steht ein gro\u00dfer Pithoi aus Komboloi (3. Jh. v. Chr.). Er ist zum gro\u00dfen Teil, aber nicht ganz erhalten, und die einzelnen Teile sind so zusammengesetzt, dass man trotz der L\u00fccken die Form erkennen kann. Das ist deshalb so gut gemacht, weil man nicht auf den ersten Blick erkennen kann, ob es sich nicht um eine moderne Skulptur handelt.<\/p>\n<p>Das tollste Exponat des Museums ist eine T\u00fcr. Es handelt sich um eine gro\u00dfe, zweifl\u00fcgelige Marmort\u00fcr. Sie war die Eingangst\u00fcr zu einem Grabmal. Sie ist sehr gut erhalten, einschlie\u00dflich des verzierten Klopfers, des Schl\u00fcssellochs, der Griffs und der \u00fcber die ganze T\u00fcr in senkrechten und waagerechten Bahnen verteilten bronzenen Ziern\u00e4gel. Die schwere T\u00fcr lie\u00df sich leicht \u00f6ffnen, weil sie auf Rollen bewegt wurde. Kann mich nicht erinnern, schon mal so was gesehen zu haben.<\/p>\n<p>Noch vor dem Eintritt in den ersten Saal ist eine Tonscherbe mit griechischen Buchstaben ausgestellt, aus dem 8. Jahrhundert vor Christus! Das muss eins der \u00e4ltesten Zeugnisse griechischer Schrift sein. Die Schrift wurde von rechts nach links gelesen. Woher man das wei\u00df, wird nicht klar, denn es sind nur ganz wenige Buchstaben erhalten, jedenfalls auf dieser Scherbe. Die Griechen hatten das Alphabet von den Ph\u00f6niziern \u00fcbernommen, aber nicht nur die Vokale, sondern auch Konsonanten wie \u03a6, \u03a7 und \u03a8 hinzugef\u00fcgt.<\/p>\n<p>Gleich zu Beginn des ersten Saals sieht man das Modell eines Kriegsschiffs. Eine ganz ungew\u00f6hnliche Angelegenheit. Zwei flache Schiffe sind miteinander verbunden und tragen einen Turm, der wie der Turm einer Burg aussieht, mit Zinnen und Schie\u00dfscharten und Katapulten. Mit dieser beweglichen Burg machte man sich an die Eroberung fremder St\u00e4dte. Das Konzept soll auf einen Offizier Alexanders zur\u00fcckgehen, und man sagt, die Burg sei bis in die Zeit von Archimedes unbezwingbar gewesen.<\/p>\n<p>Man sieht, dass Makedonien zun\u00e4chst eine Seemacht war. Die Grundlage f\u00fcr den Aufbau einer m\u00e4chtigen Flotte waren die m\u00e4chtigen W\u00e4lder der Umgebung. Die lieferten das n\u00f6tige Holz zum Bau der Schiffe.<\/p>\n<p>Von Thessaloniki, von der Stadt selbst, wei\u00df man wenig, was die Zeit vor den R\u00f6mern angeht. Es hei\u00dft aber, dass die Gr\u00fcndung der Stadt es an sich hatte und mit vielen Zwangsumsiedlungen verbunden war. In den Brosch\u00fcren ist meist nur, verharmlosend, von einer \u201eZusammenfassung von Gemeinden\u201c die Rede.<\/p>\n<p>Bei den Grabstelen sieht man einen Mann mit einer Schriftrolle in der Hand und einen anderen, der mit einem einfachen Umhang, einem Himation, bekleidet ist statt mit einem Chiton. Sowohl die Schriftrolle als auch das Himation sind Zeichen daf\u00fcr, dass es sich um einen Philosophen, einen Intellektuellen, handelt.<\/p>\n<p>Bei den anderen Grabsteinen ist bemerkenswert, dass meist eine ganze Reihe von Personen abgebildet ist. Die Darstellung ist kaum individualisiert, alle haben dieselben Augen, Nasen und Lippen, aber die Frau unterscheidet sich durch ihre Haartracht von den M\u00e4nnern und die M\u00e4nner untereinander dadurch, ob sie einen Bart haben oder nicht und dadurch, welchen Bart sie haben, Backenbart oder Vollbart.<\/p>\n<p>Zu den ungew\u00f6hnlichsten Exponaten des Museums geh\u00f6rt eine musikalische Notation. Selten, dass so etwas erhalten bleibt. Sie befindet sich komischerweise auf einem Stein, und es hei\u00dft, so etwas diente meist dem Musikunterricht, nicht der Aufzeichnung von Melodien. Streng genommen wei\u00df man gar nicht, dass es sich um Noten handelt, aber die Buchstaben stehen vereinzelt und ergeben, nacheinander gelesen, keinen Sinn. \u00a0Man hat hier sogar die einzelnen Zeichen, meist Buchstaben, bestimmten T\u00f6nen zugeordnet, aber wie man das herausbekommen hat, wird nicht verraten.<\/p>\n<p>Es sind zwei Fl\u00f6ten und Reste von Leier und Kithara ausgestellt. Leier und Kithara waren die wichtigsten Saiteninstrumente, wobei die Leier als \u201eleiser\u201c, \u201efriedlicher\u201c galt und vor allem im h\u00e4uslichen Kontext, besonders bei Kindern zum Einsatz kam, w\u00e4hrend die Kithara eher in der \u00d6ffentlichkeit gespielt wurde. Die Fl\u00f6te war das wichtigste Blasinstrument, und man sieht in einer Abbildung, dass in der Regel zwei Fl\u00f6ten gleichzeitig gespielt wurden! Die Fl\u00f6te wurde bei Symposien und im Theater gespielt, aber auch zur Koordinierung der Ruderer auf Schiffen und zur Koordinierung marschierender Soldaten! Sch\u00f6n ist hier auch die mythologische Erkl\u00e4rung: Die Fl\u00f6te war eine Erfindung der Athene, aber die, ganz Frau, warf sie weg, als sie feststellte, dass das Blasen ihre Gesichtsz\u00fcge entstellte. Marsyas, uneitel, wie M\u00e4nner sind, machte das nichts aus. Er hob sie auf und machte sie zu seinem Instrument.<\/p>\n<p>Oft ist auch die Rede von Galerius-Bogen im Zusammenhang mit dem Museum. Das ist nicht der gro\u00dfe Galerius-Bogen, die Kamara, des Stadtzentrum, sondern ein kleinerer Bogen, der urspr\u00fcnglich im Oktogon stand, nicht weit von dem anderen Bogen. Dieser Bogen ist ganz fein gearbeitet, mit verschiedenen Zierb\u00e4ndern, die an ihm entlang laufen. An den beiden Enden befinden sich Medaillons. In einem ist Galerius zu sehen, in dem anderen seine Ehefrau. Die wurde nach ihrer Ermordung zu einer Gottheit umgearbeitet und tr\u00e4gt eine turmartige Krone. Sie sind verbunden durch eine Art Wurzelstrang, der von zwei Cupidos gehalten wird. An den Seiten sind ein Pan mit Panfl\u00f6te und Hirtenstab und eine Nymphe abgebildet. Der Schmuck unter dem Bogen sieht ganz barock aus. Aus zwei Vasen an den Enden treten Weinranken heraus, die sich von der einer bis zur anderen Vase erstrecken.<\/p>\n<p>Die S\u00e4le sind nicht chronologisch, sondern thematisch angeordnet. Ein etwas abseits gelegener, stark verdunkelter Saal widmet sich dem Thema Gold. Gleich zu Anfang sieht man das emblematischste Ausstellungsst\u00fcck, einen Goldkranz aus Myrten. Der erscheint auch auf den Prospekten und Eintrittskarten. Es ist ein wunderbar gearbeitetes St\u00fcck, mit einer Vielzahl kleiner, wild angeordneter Bl\u00e4tter und Bl\u00fcten der Myrte. Trotz des Goldes hat es einen Anschein des \u201eNat\u00fcrlichen\u201c. Das gilt besonders f\u00fcr die Bl\u00e4tter. Sp\u00e4ter stellt man fest, dass dies kein Einzelst\u00fcck ist. Immer wieder erscheinen \u00e4hnliche Kr\u00e4nze, mal Myrte, mal Oliven, mal Efeu.<\/p>\n<p>Gold und Silber waren urspr\u00fcnglich gleich im Wert. Das \u00e4nderte sich, als neue Techniken entwickelt wurden, die Silber aus Eisenerzminen zu extrahieren erlaubten. Der Wert von Silber betrug durch diese Entwicklung nur noch ein Zehntel dessen des Golds! Das blieb jahrhundertelang stabil, mit zwei Ausnahmen, die ausgerechnet in die Zeiten von Philip und von Alexander fielen. In diesen Zeiten erlebte Gold eine Inflation. Philipp lie\u00df massenweise Goldm\u00fcnzen pr\u00e4gen, Alexander \u00fcberflutete den Markt mit Gold aus Persien.<\/p>\n<p>Es gibt auch Informationen zur Schmuckherstellung, und es werden Werkzeuge ausgestellt. Die sind erstaunlich einfach. Auch zur Funktion des Goldschmucks wird etwas gesagt: Der diente der Betonung der Sch\u00f6nheit, aber auch der der sozialen Position, und er hatte auch magisch-beschw\u00f6rende Funktionen.<\/p>\n<p>Ein anderes Goldst\u00fcck, das man fast so oft abgebildet sieht wie den Myrte-Kranz ist ein Armreif, ganz einheitlich aus vielen kleinen Dr\u00e4hten gearbeitet, mit zwei Tierk\u00f6pfen als Abschluss. Welche Tiere das sind, ist schwer zu sagen, vielleicht Steinb\u00f6cke. Der Armreif wurde durch ein Band befestigt, dass durch das Geh\u00f6rn der Tiere gezogen wurde.<\/p>\n<p>Eine Sache f\u00fcr sich ist gro\u00dfer, barock aussehender Krug aus einem Grabmal in Derveni. Der besondere Clou daran ist, dass der Krug golden aussieht, aber kein bisschen Gold enth\u00e4lt. Man erzielt den Effekt, indem man Bronze mit einem gro\u00dfen Anteil von Zinn vermischt und m\u00f6glichst wenige andere Metalle verwendet.<\/p>\n<p>Der Krug war eine Graburne, aber eine, die umfunktioniert worden war. Es handelte sich n\u00e4mlich urspr\u00fcnglich um einen Krug, der zum Mischen von Wasser und Wein diente. Das erkl\u00e4rt auch die Motive der reichen Dekoration, die den ganzen Krug umfasst.<\/p>\n<p>Dargestellt ist die Hochzeit von Dionysos mit Ariadne. Sie, bekleidet, hebt kokett den Schleier nach oben, er, unbekleidet, hat l\u00e4ssig ein Bein \u00fcber den Oberschenkel Ariadnes gelegt. Umgeben sind sie von den Begleitern des Dionysos, einige in Ekstase, andere sich l\u00e4ssig auf dem Rand des Krugs r\u00e4kelnd, wobei eine Frau, den Kopf zur Seite und die F\u00fc\u00dfe \u00fcbereinandergeschlagen, eingeschlafen ist! Ein ironischer Kommentar auf das Geschehen?<\/p>\n<p>Am Abend l\u00e4dt mich Vasoula zu einem Spaziergang an der Meerespromenade ein, am \u201eStrand\u201c, wie sie es ausdr\u00fcckt. Sie hat den ganzen Tag f\u00fcr eine Pr\u00fcfung gelernt, die sie demn\u00e4chst selbst ablegt, in ihrem eigenen Fach. Es geht um beruflichen Aufstieg oder zumindest um berufliche Ver\u00e4nderung. Wenn ich das richtig verstanden habe, will sie in die Lehrerausbildung. Jedenfalls will sie Erwachsene unterrichten.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Sonnenuntergang kommen wir zu sp\u00e4t. Die Sonne ist nicht mehr zu sehen, aber es ist noch nicht dunkel. Im Zwielicht sieht das Meer mit den Schiffen im Vordergrund und den Hafenkr\u00e4nen im Hintergrund und der langen, h\u00e4userbestandenen Promenade zur anderen Seite auch gut aus.<\/p>\n<p>Ich biete ihr an, Englisch zu sprechen, aber sie ist mit Griechisch einverstanden. Sie fragt nach meinen Unternehmungen, und ich erz\u00e4hle in erster Linie von der kleinen Kunstausstellung in der Villa Bianca.<\/p>\n<p>Sie isst in einer Konditorei ein Eis, das beste in Thessaloniki, und viel besser als das Eis in Italien. Ich trinke einen Kaffee, bei Starbucks. Sie erz\u00e4hlt von ihren Eltern, die trotz ihres Alters noch sehr aktiv sind und in ihrem Haus auf dem Land, Vasoulas Heimatort, Obst und Gem\u00fcse anbauen. Sie selbst ist ganz versessen auf Obst. Mit gro\u00dfer Begeisterung spricht sie von verschiedenen Jahreszeiten und Vorlieben. Kirschen isst sie nicht so gerne, weil die nicht riechen. Am besten sind Pfirsiche und Aprikosen. Mir fehlen die sprachlichen Mittel, um darauf zu reagieren. Ich sitze nur unbeholfen dabei und nicke.<\/p>\n<p>Sie erz\u00e4hlt sehns\u00fcchtig von der Welt ihrer Eltern, eine Welt, in der es keine Zweifel gebe. Es gibt richtig und falsch, und man wei\u00df, was richtig und falsch ist. Sie beneidet ihre Eltern darum. Das kann ich verstehen. Aber wie sah es ganz tief im Innern aus? Nisten da keine Zweifel? Sie meint nein. Sie erz\u00e4hlt dann vom Leben im Dorf in ihren Kindheitstagen, wo man einander half und wo Alt und Jung zusammenlebten. Auch das h\u00f6rt sich gut an, und von den Zw\u00e4ngen und der Enge solcher d\u00f6rflichen Gemeinschaften ist nat\u00fcrlich nicht die Rede.<\/p>\n<p>Irgendetwas an ihrer Aussprache ist auff\u00e4llig. Das habe ich dieser Tage schon irgendwie wahrgenommen. Jetzt h\u00f6rt man deutlich, was es ist: Sie spricht ihr \/l\/ velar aus. In h\u00e4ufigen W\u00f6rtern wie \u03b1\u03bb\u03bb\u03ac und \u03cc\u03bb\u03b1 ist das nicht zu \u00fcberh\u00f6ren, und wenn man es einmal gemerkt hat, t\u00f6nt es umso lauter. Sie lacht, als ich sie darauf anspreche. Das hat sie selbst noch nicht gemerkt, ist sich aber bewusst, dass ihre Aussprache irgendwie anders ist. Das ist noch das \u00dcberbleibsel der Aussprache ihrer Heimatgegend. Sie sagt auch, dass sie manchmal den Artikel weglasse, wo er in der Standardsprache obligatorisch ist. Sie begr\u00fcndet das mit dem Substrat des T\u00fcrkischen! Und das k\u00f6nnte sogar sein.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13. Juni (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Fr\u00fch, aber doch schon zu sp\u00e4t, zum Laufen aufgebrochen. Schon am Morgen ist es sehr warm. Am Meer bis zum Megaron Mousikis gelaufen, eine Empfehlung von Vasoula f\u00fcr einen Spaziergang, allerdings mit der Auflage: einen Weg mit dem Bus.<\/p>\n<p>In der Stadt ist es noch ruhig, aber am Meer ist schon was los: Walker, Jogger, Spazierg\u00e4nger, Hundebesitzer, Radfahrer, Angler und nat\u00fcrlich Caf\u00e8-Besucher. Die Mehrheit stellen die Walker.<\/p>\n<p>Dann geht es zum Byzantinischen Museum. Nochmal denselben Weg entlang. Am Rande des Expo-Gel\u00e4ndes steht eine moderne, silbrig gl\u00e4nzende Skulptur, von Weitem zu sehen. Es ist eine Erdkugel, aber keine Kugel, sondern ein Sechseck. Auf jeder Seite ein Teil der Erde, mit den Landmassen im Profil. Man sieht, wie \u201eungerecht\u201c das Land auf der Erde verteilt ist. Einige der Fl\u00e4chen haben fast nur Wasser. Quer durch die Skulptur verl\u00e4uft ein Stab, der an beiden Enden weit herausguckt. Erst denke ich an Zerst\u00f6rung, aber sind wohl einfach die Pole gemeint.<\/p>\n<p>Das Byzantinische Museum ist gleich neben dem Arch\u00e4ologischen Museum und genauso modern. Und auch die Eintrittskarte gilt.<\/p>\n<p>Man verbindet byzantinisch meist mit Kirchen, aber hier ist alles gemeint, das ganze Reich, also Ostrom. Das zeigt ganz wunderbar eins der Schmuckst\u00fccke des Museums, das wirklich ein Schmuckst\u00fcck ist, ein doppelter Armreifen, zusammengesetzt aus vielen kleinen Emaille-Pl\u00e4ttchen, die winzige, kaum erkennbare Motive aus der Natur darstellen. Und unter den Gegenst\u00e4nden des t\u00e4glichen Gebrauchs gibt es eine Pfeife \u2013 eine Trillerpfeife \u2013 aus Lehm.<\/p>\n<p>Im ersten Raum geht es dann aber doch um Kirchen, um Architektur und Ausstattung. Auff\u00e4llig sind die riesig wirkenden S\u00e4ulen \u2013 in der Kirche w\u00fcrde man sie nicht als so gro\u00df wahrnehmen \u2013 und die ebenso riesig wirkenden Amben, Lesepulte, eine Art Vorl\u00e4ufer der Kanzel, als es noch keine Predigt gab.<\/p>\n<p>Dann steht man vor einem Graben, in dem sich lauter Amphoren aus Lehm befinden. Sie sehen aus wie die modernen Gasflaschen, wie man sie hier und in Spanien in der K\u00fcche verwendet. R\u00e4tselhaft. Was hat das mit Kirchen zu tun? Ein Photo aus Agias Sofias liefert die Erkl\u00e4rung: Die Amphoren wurden benutzt, um den \u201eleeren\u201c Raum neben den Gew\u00f6lben zu f\u00fcllen, rechts und links, damit der begradigt werden konnte. Es handelt sich offensichtlich um Zweitverwendung, denn die Amphoren haben Griffe!<\/p>\n<p>Fr\u00fchchristliche Gr\u00e4ber und Grabbeigaben sehen heidnisch aus. Kontinuit\u00e4t ist das Motto. Man sieht Beispiele von zwei Sorten von \u201egefertigten\u201c Grablegen, eine mit einem geraden Abschluss, eine mit einem Tonnengew\u00f6lbe. Beide waren f\u00fcr die Reichen. Die Armen wurden vermutlich irgendwo in der Erde verbuddelt. Alle Gr\u00e4ber sind voll ausgemalt, und viele Motive sind noch zu erkennen: V\u00f6gel, Blumen, Fische, ein Mann in einem Ruderboot. Auch Essbares und Trinkbares ist reichlich dargestellt. Es ging wohl um die Darstellung des Paradieses, in der Tradition der heidnischen Vorstellung von den Elysischen Feldern.<\/p>\n<p>Nur in den Inschriften sind die ersten zarten christlichen Symbole versteckt, meist das PX, gelegentlich ein ganz einfaches Kreuz. Das r\u00fcckt erst ab dem 6. Jahrhundert in den Mittelpunkt. Jetzt ist das Kreuz gro\u00df und oft das einzige Symbol.<\/p>\n<p>Auch eine sch\u00f6ne Art der Traditionspflege, die keine sein will: Die Kirche ging, aber erst sp\u00e4ter, gezielt gegen Aberglauben vor. Das bedeutete das Verbannen von Verfluchungst\u00e4felchen. Stattdessen trug man jetzt kleine r\u00f6hrenartiger Beh\u00e4ltnisse mit sich herum, mit einem kleinen Textauszug aus der Bibel. Oder mit Verfluchungen.<\/p>\n<p>Dazu passen auch die im Hochmittelalter aufkommenden Pilgerfahrten wie die zu Demetrios in Thessaloniki. Es sind mehrere der kleinen, flachen Phialen mit Ausguss und winzigen Griffen ausgestellt, in denen das Myrrhe-Wasser gesammelt wurde.<\/p>\n<p>Der Kampf gegen den Aberglauben wird auch in der darstellenden Kunst sichtbar. Auf Drucken und Gem\u00e4lden sieht man D\u00e4monen, die die S\u00fcnder in die H\u00f6lle treiben. Unter den S\u00fcndern auch die Zauberer. Und eine ganze Mannschaft von Priestern, die von den D\u00e4monen an eine Kette gebunden sind. Das sind, jedenfalls deuten die der Mitra \u00e4hnelnden Kopfbedeckungen darauf hin, Priester der katholischen Kirche, Ketzer.<\/p>\n<p>Ein paar interessante Informationen gibt es zu dem Bildersturm. Dessen Anliegen war viel weiter, als die Bezeichnung es vermuten l\u00e4sst. Es war auch eine antimonastische Bewegung und eine Bewegung gegen kirchlichen und kl\u00f6sterlichen Besitz! Die fig\u00fcrliche Darstellung wurde konsequent durch geometrische und florale Darstellung ersetzt, aber ob es auch Zerst\u00f6rung von Kunstwerken gab, wird nicht klar.<\/p>\n<p>Nach dem Ende des Bildersturms (843) ver\u00e4nderten sich auch die Architektur der Kirchen und die Form der bildlichen Darstellung. Mosaiken wurden weniger, Wandmalereien mehr, und Basiliken wurden weitgehend von Kreuzkuppelkirchen abgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Frei stehende Skulpturen gibt es zwar in byzantinischen Kirchen nicht, wohl aber Reliefs, vor allem in Marmorplatten am Ambo und an der Chorschranke. Auch die sehen ganz heidnisch aus: ein gefl\u00fcgelter L\u00f6we, ein Adler, der wie eine fette Henne aussieht, mit den Klauen einen Hasen ergreifend, ein L\u00f6we, der artistisch seinen Schwanz unter dem K\u00f6rper hindurch und in die H\u00f6he schwingt und dem Schauspielt selbst ganz gebannt zuschaut.<\/p>\n<p>Die Friedh\u00f6fe waren, auch das in der alten heidnischen Tradition, lange Zeit au\u00dferhalb der St\u00e4dte, aber dann (IX) gab es einen Erlass, der es jedem freistellte, seine Toten innerhalb und au\u00dferhalb der Stadt zu begraben. Damit wurde eine Praxis, die es ohnehin schon gelegentlich gab, rechtm\u00e4\u00dfig. Man hatte auch vorher schon seine Toten innerhalb der Stadt begraben, wenn die Stadt belagert wurde oder das Opfer von Beutez\u00fcgen wurde.<\/p>\n<p>In Thessaloniki gab es am Ende 36 innerst\u00e4dtische Friedh\u00f6fe, meistens auf den Kirchh\u00f6fen, der Devise folgend, die Toten <em>ad santos<\/em> zu begraben. Es gab ein ziemliches Durcheinander, da man die Toten nebeneinander und \u00fcbereinander bestattete. Aus diesen Friedh\u00f6fen gibt es viele Grabbeigaben zu sehen: L\u00e4mpchen, Phialen, Schmuck, M\u00fcnzen. Und auch glasierte Keramik, sehr fein gearbeitete Sch\u00fcsselchen meist. Das hatte wohl etwas mit der Tradition zu tun, an der Grabst\u00e4tte Festessen abzuhalten.<\/p>\n<p>Dann taucht auf einmal bei den Gebrauchsgegenst\u00e4nden des t\u00e4glichen Bedarfs Glas auf. Tats\u00e4chlich auf einmal, denn Glas war f\u00fcr Jahrhunderte verschwunden gewesen und kehrte jetzt wieder. Die meisten Glasbeh\u00e4lter, die man sieht, sind dickbauchige Fl\u00e4schchen mit langen H\u00e4lsen. Einige von ihnen sind so bemalt, dass man nicht mehr sieht, dass es sich um Glas handelt. Sieht wie Metall aus.<\/p>\n<p>Am Eingang zum letzten Saal, in dem es um Forschungsmethoden geht, steht ein Zitat eines David Lowenthal: <em>The past is a foreign country where we come from. <\/em><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">14. Juni (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Gegen Mittag Kaffee in einem schattigen Caf\u00e9 am Galerius-Bogen. Der junge Mann und die junge Frau, die hier bedienen (und vielleicht die Besitzer sind), haben genau den gleichen Haarschnitt, streng nach hinten gek\u00e4mmtes, in einem Knoten endendes Haar. Zur Unterscheidung hat er einen Bart. Die Quittung wird in einer W\u00e4scheklammer auf den Tisch gelegt. Auf der W\u00e4scheklammer steht das Passwort f\u00fcr den Internetzugang.<\/p>\n<p>Auch wenn Kaffee serviert wird, sagen die Kellner in der Regel \u03a3\u03c4\u03b7\u03bd \u03c5\u03b3\u03b5\u03b9\u03ac \u03c3\u03b1\u03c2, also \u2018Auf Ihre Gesundheit\u2018, \u201aAuf Ihr Wohl\u2018. Bei mir klingt da aber immer <em>Prost<\/em> mit. Das ist so wie \u201eHier ist Ihr Kaffee. Prost!\u201c<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg f\u00e4llt mir die fensterlose Seitenfassade eines modernen Hochhauses auf, an dem ich schon oft vorbeigekommen bin. Es sind lauter Fenster aufgemalt, blaugrau, alle gleich. Die Fenster geh\u00f6ren zu einem Typ Haus, das bestimmt ein halbes Jahrhundert \u00e4lter ist als das Haus. Aus einem der Fenster kommt ein Feuerdrachen hervor, auf dem vorne ein M\u00e4dchen reitet.<\/p>\n<p>In unserem Viertel steht ein merkw\u00fcrdig bekanntes, aber nicht gleich identifizierbares Wort an einem Schaufenster. Es ist das Schaufenster eines Vereins f\u00fcr ostasiatische Kampfsportarten. Man muss genau hinsehen. Das Wort besteht scheinbar aus chinesischen Charakteren. Das sieht aber nur so aus. Es sind griechische Buchstaben, denen man ein \u201echinesisches\u201c Erscheinungsbild gegeben hat. Da steht ganz einfach \u0395\u03af\u03c3\u03bf\u03b4\u03c9\u03c2 &#8211; \u2018Eingang\u2018.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">15. Juni (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Schon seit einem Monat in Thessaloniki. Unglaublich. Kann mich an die Suche nach der Wohnung am ersten Tag noch gut erinnern.<\/p>\n<p>Beim Laufen ist man an der Strandpromenade, da wo wie breit wird, durch eine doppelte Baumreihe, Kiefern wahrscheinlich, ein bisschen von der Sonne gesch\u00fctzt. Aber es ist auch am Morgen schon sehr warm.<\/p>\n<p>Am Rande wird rhythmische Gymnastik mit Musik und \u00dcbungsleiter gemacht. Sieht leicht aus, ist aber bestimmt schwer. Polizisten, l\u00e4ssig auf Motorr\u00e4dern gelehnt, sehen zu und versuchen, uninteressiert auszusehen. Auf dem R\u00fcckweg kommt eine freundliche Frau, Gedankenleserin, auf mich zu und dr\u00fcckt mir einen Zettel in die Hand. Informationen zur Gymnastik. Findet dreimal pro Woche statt und ist gratis, aber man muss sich anmelden.<\/p>\n<p>Am Megaron Mousikis hat man auf jeden der niedrigen Begrenzungspf\u00e4hle, die das Gel\u00e4nde f\u00fcr Autofahrer unzug\u00e4nglich machen, einen Buchstaben geschrieben. Es dauert etwas, bis ich es entziffern kann. Es sind lateinische Buchstaben: <em>No borders. No nations. <\/em><\/p>\n<p>Als ich auf dem Weg in die Stadt bei Dimitris vorbeikomme, begr\u00fc\u00dft er mich mit einem Wortschwall, erz\u00e4hlt aber noch schnell den Nachbarn, die auf einem Mauervorsprung auf der Stra\u00dfe sitzen, eine Anekdote zu Ende. Die Hose ist l\u00e4ngst fertig, und er zeigt mir, was er gemacht hat. Es kostet nur drei Euro.<\/p>\n<p>Auf dem Weg nach unten komme in an einer Metzgerei vorbei, die \u03a4\u03bf \u03ba\u03ac\u03c4\u03b9 \u03ac\u03bb\u03bb\u03bf<strong> <\/strong>hei\u00dft, \u2018Das etwas andere\u2018. Keine Kunden. \u00dcberhaupt hat man\u00a0 das Gef\u00fchl, dass die Metzgereien es schwer haben. Vielleicht eine Folge der Krise.<\/p>\n<p>Zuf\u00e4llig sehe ich am Ende einer Stra\u00dfe eine Kirche. Es ist eine weitere byzantinische Kirche, eine, die mir in meiner \u201eSammlung\u201c noch fehlt, die Apostelkirche, wie ich von dem Mann erfahre, der hier drinnen f\u00fcr Ordnung sorgt.<\/p>\n<p>Allm\u00e4hlich kommt man durcheinander mit den Kirchen, sie sind sich doch alle sehr \u00e4hnlich. Auch hier wieder ein durch eine Mauer abgesperrter Bezirk, tiefer gelegen, Backstein, Kuppeln, Zierwerk durch die Position der Backsteine. Diese Kirche kann man als gro\u00dfe kleine Kirche einordnen. Sie \u00e4hnelt Agias Ekaterinas. Sie hat insgesamt f\u00fcnf Kuppeln und einen Umlauf, der den dreischiffigen Zentralbau auf drei Seiten umfasst, und einen Narthex. Das ergibt einen ziemlich komplizierten Grundriss. Und tats\u00e4chlich f\u00fchlt man sich, als w\u00e4re man in getrennten R\u00e4umen.<\/p>\n<p>Es gibt einiges an Mosaiken und Wandmalereien zu sehen. Auch hier wieder die vorsichtigen, kontrollierten Hammerschl\u00e4ge, mit denen man den Putz von den W\u00e4nden abnahm. Sie geben den Malereien ein ganz eigenartiges Aussehen.<\/p>\n<p>Sehr sch\u00f6n sind die Fenster im n\u00f6rdlichen Umgang, einfache Rundungen, die das Tageslicht hereinlassen, vertikal angeordnet, in einer durch S\u00e4ulchen getrennten Doppelreihe. Genial einfach, einfach genial.<\/p>\n<p>Der Mann schlie\u00dft bald zu, aber ein paar Szenen kann ich mir noch ansehen. Sch\u00f6n vor allem zwei Hirten mit Krummst\u00f6cken am Rande einer Geburtsszene, die zu tuscheln scheinen und ungl\u00e4ubig zum Stall hin\u00fcber blicken. Sehr sch\u00f6n auch die ganz dicht gedr\u00e4ngt stehenden J\u00fcnger vor den Toren Jerusalems, das wiederum, in der sp\u00e4tmittelalterlichen Tradition, durch ganz viele eng beieinander stehende H\u00e4user mit T\u00fcrmen dargestellt ist, auf allerengstem Raum. Und dann sehe ich noch eine v\u00f6llig unerkl\u00e4rliche Szene, wo Figuren oder Dinge in mehreren ordentlichen Reihen erscheinen, so als wenn es sich um eine Aufstellung, eine Liste handelte, das Gegenst\u00fcck zu dem Bild von Jerusalem. Es ist aber nicht zu erkennen, worum es sich handelt. Und wo sind die Apostel? Vermutlich ganz oben in der hohen, gro\u00dfen Kuppel, aber das kann man nur erahnen.<\/p>\n<p>In dieser Ecke der Stadt bin ich noch gar nicht gewesen. Hier stehen Reste der Stadtmauer und Reste eines Stadttores. Das ganze Viertel sieht ziemlich \u00e4rmlich aus. Sobald man dann zur Egnatia kommt und sie \u00fcberquert, \u00e4ndert sich das Bild. Komisch, dass es solche heimlichen Grenzen innerhalb einer Stadt noch gibt.<\/p>\n<p>Noch kurz vor der Egnatia gibt es eine Ecke, wo lauter Verk\u00e4ufer hinter ihren improvisierten Verkaufsst\u00e4nden sitzen. Hier werden Produkte aus dem eigenen Garten oder aus dem eigenen Werkkeller angeboten. Eine Frau, die fein s\u00e4uberlich auf ihrem Tischchen Wildgem\u00fcse und Kr\u00e4uter angeordnet hat, reagiert eher belustigt auf meine Frage, ob ich ein Photo machen d\u00fcrfe. Sie willigt aber sofort ein und sieht sich dann das Photo auch gerne an. Ich frage nach einer rotbraunen, l\u00e4nglichen Pflanze, die wie eine Salami aussieht, verstehe aber die Erkl\u00e4rung nicht.<\/p>\n<p>Ich gehe weiter zum Hafen. In einer der alten Lagerhallen ist das Filmmuseum untergebracht. Das entstand, als Thessaloniki Europ\u00e4ische Kulturhauptstadt war. Hier ist es erwartet leer. Ich bin ganz alleine f\u00fcr mich. Die Frau an der Kasse fragt ganz entsetzt, ob ich etwa Grieche sei, als ich ihre englische Frage nicht verstehe. Sie lacht dann aber \u00fcber meine Begr\u00fcndung f\u00fchrt mich zum Eingang und gibt dabei ein paar Erkl\u00e4rungen auf Griechisch.<\/p>\n<p>In einer zentralen Vitrine sind Ger\u00e4te aus alten Kinozeiten ausgestellt, vor allem schwere Objekte aus Eisen: Kameras, Projektoren, Spulen. Au\u00dferdem Plakate, ein\u00a0 Goldener L\u00f6we, eine Pappfigur, die eine Schauspielerin darstellt, und Filmrollen, die langen, schmalen Streifen der alten Filme, die hier sich hier girlandenartig herunter schl\u00e4ngeln.<\/p>\n<p>Die einzelnen Abteilungen sind chronologisch angeordnet und stehen unter dem Motto: Kino oder Theater? Kino oder Fernsehen? Kino oder Video? Kino oder Internet? Das h\u00f6rt sich interessant an, aber es wird dazu fast nichts ausgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Dieses Museum ist eher was f\u00fcr Insider, und das hei\u00dft in diesem Falle f\u00fcr Griechen. Wenn man die Schauspieler und Filme nicht kennt, sagt einem das nicht so viel. Am besten sind die Filmausschnitte selbst. Man glaubt eine Entwicklung erkennen zu k\u00f6nnen: Die Kamera wird ruhiger, die Szenen langsamer, die Themen ernster. Am Anfang steht viel Slapstick, dann kommen sogenannte Kom\u00f6dien mit lauter burlesken Szenen, erst dann h\u00e4lt der Alltag Einzug.<\/p>\n<p>Eindrucksvoll eine Szene, in der ein Vater seine zerstrittenen S\u00f6hne zu einem Vers\u00f6hnungsessen zusammenf\u00fchrt und einer der S\u00f6hne dem Vater das Weinglas vor die F\u00fc\u00dfe wirft. Sehr eindr\u00fccklich auch eine Szene, in der ein scheuer, pubertierender Junge in einer stillen Szene am Strand steht und eine junge Frau beobachtet, die im Wasser steht und an einem Fischnetz herumhantiert. Kurios auch die Zeit, wo das Auto Einzug in den Film h\u00e4lt. Es ist immer ein Ausflug, den man mit dem Auto macht, meist mit offenem Verdeck, meist vollgeladene Autos mit singenden Frauen, einem Fahrer, der das Lenkrad wild hin und her bewegt und Landschaften, die vorbeiziehen, indem sie sich bewegen und nicht das Auto sich bewegt.<\/p>\n<p>Kurios f\u00fcr den Fremden, aber ganz bizarr auf die Spitze getrieben, mit komischen Impetus, eine Gerichtsszene, in der ein Gelegenheitsgauner dem Richter sagt, er hei\u00dfe Spanovangelodimitris. Gegen jede Wahrscheinlichkeit ist dieser Name dem Richter zu kompliziert. Er macht mehrere vergebliche Versuche, ihn auszusprechen, und schlie\u00dflich sagt der Gauner, er solle ihn doch einfach Gilos nennen.<\/p>\n<p>Ganz im Anfang, aus der Stummfilmzeit, sieht man eine Szene, in der griechische Hirten in langen Hirtengew\u00e4ndern eine nackte Nymphe beobachten, die sich in einem See badet. Die Szene wird aber aus gro\u00dfer Distanz eingefangen. Zur Sicherheit. Hier wird die Tradition gebraucht, um etwas frivole Szenen ins Kino zu bringen, und das Kino hatte auch zu Anfang wirklich den Ruf, nicht ganz koscher zu sein. Aber es wird immerhin der Versuch gemacht, eigenst\u00e4ndige griechische Themen in die Filme zu integrieren. Ein Regisseur sagt dazu, das typisch Griechische habe man in all den Jahrzehnten gesucht und nicht gefunden.<\/p>\n<p>Die allerersten Filmaufnahmen zeigen gar keine Spielfilme, sondern dokumentieren, in zittrigen Aufnahmen, die innergriechische politische Spaltung der Jahre am Ende des Ersten Weltkriegs und den Brand von Thessaloniki.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">16. Juni (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Bei uns im Viertel h\u00e4ngen vom Dach eines Balkons CDs an Bindf\u00e4den, in der Sonne gl\u00e4nzend. Reine Dekoration.<\/p>\n<p>Sofia, von ihrer Reise zur\u00fcckgekehrt, empfiehlt mir bei einem Kaffee auf dem Balkon, spricht von einem Musikfestival, das in diesen Tagen hier stattfindet und von einem B\u00fcchermarkt. Der findet unten an der Meerespromenade statt. Da steht eine ganze Reihe von kleinen, wei\u00dfen quadratischen Zelten mit einem Pyramidendach, die in der Sonne ein sch\u00f6nes Bild abgeben. Ge\u00f6ffnet ist hier aber nur am Abend. Sie empfiehlt mir, zur Erg\u00e4nzung meiner Besichtigungen doch auch mal ein Kunstmuseum zu besuchen. Zum Beispiel die Stiftung Teloglion. Von der habe ich Stra\u00dfe und Hausnummer, aber die trotzdem schwer zu finden. Sie liegt fast einen Kilometer von ihrem Nachbargeb\u00e4ude entfernt, wenn man nach der Hausnummer geht. Nach mehrfachem Fragen finde ich sie aber. Sie hat unregelm\u00e4\u00dfige \u00d6ffnungszeiten und ist heute geschlossen.<\/p>\n<p>Interessante Erfahrung bei der Suche: Ich frage eine junge Frau und habe sofort das Gef\u00fchl, dass sie es nicht wei\u00df, und sie wei\u00df es nicht. Ich frage einen Mann mittleren Alters mit Bart und Brille und habe sofort das Gef\u00fchl, dass er es wei\u00df, und er wei\u00df es.<\/p>\n<p>Es geht zum Theater, dem Staatlichen Theater beim Wei\u00dfen Turm, wo ich gestern eine Brosch\u00fcre \u00fcber ein Festival bekommen habe. Es gibt Konzerte und Schauspiele. Karten f\u00fcr das Konzert mit drei griechischen S\u00e4ngern, von denen ich anderthalb kenne, gibt es noch nicht. Aber f\u00fcr die Theatervorstellungen, die im Theater im Wald stattfinden, gibt es Karten. Ich lasse mich von der freundlichen jungen Frau beraten: <em>Iphigenie<\/em> oder <em>Antigone<\/em>? Bei einem steht etwas von \u00dcbersetzung, bei dem anderen nicht, aber sie versichert mir, beide seien auf Neugriechisch. Die <em>Iphigenie<\/em> ist vom lokalen Ensemble, und die nehme ich. Das M\u00e4dchen muss meinen Namen notieren und fragt nach ganz interessiert nach dem Griechischen. Sie selbst lernt ein bisschen Deutsch.<\/p>\n<p>Irgendwo am Wegesrand gibt es Werbung f\u00fcr einen Sommerkurs in Deutsch. Grelle, auff\u00e4llige Plakate, auf denen <em>Deutsch Total!<\/em> steht. Offensichtlich gibt es keine Empfindung f\u00fcr etwaige unpassende Konnotationen.<\/p>\n<p>Da ich sowieso schon in der Ecke bin, mache ich die Rundfahrt mit dem Schiff, nach der Sofia auch nochmals gefragt hat. Es geht einmal durch die Bucht, kurz und b\u00fcndig, und es ist gratis. Man trinkt einen bezahlbaren Kaffee und wird daf\u00fcr durch die Gegend geschifft. Toll!<\/p>\n<p>Es ist auff\u00e4llig, wie schnell der Wei\u00dfe Turm kleiner wird, wenn man sich von der Anlegestelle entfernt. Die fast ebenso hohen H\u00e4user der Umgebung und der H\u00fcgel der Oberstadt dahinter lassen ihn verschwimmen und dann fast verschwinden. Es geht auf die Kr\u00e4ne am \u00e4u\u00dferen Ende des Hafens zu und dann an ihnen vorbei. Und dann kommt das Sahnest\u00fcck der Fahrt, direkt am Hafen und dann an den H\u00e4usern der Strandpromenade entlang.<\/p>\n<p>Da meins sich langsam aufl\u00f6st und ein schrecklich veraltetes Layout hat, leiste ich mir ein neues W\u00f6rterbuch, teuer, das ich in Deutschland wahrscheinlich billiger bekommen w\u00fcrde. An der Kasse gibt es dann aber einen Gutschein \u00fcber zehn Euro, den man in der Filiale der Buchhandlung einl\u00f6sen kann.<\/p>\n<p>Lange schwanke ich zwischen zwei W\u00f6rterb\u00fcchern, einem kleinen und einem gro\u00dfen. Der Preis ist fast auf den Cent genau gleich. Ich schlage <em>Matte<\/em> und <em>Nagelb\u00fcrste<\/em> nach, zwei Dinge, die ich gleich kaufen will. Nur das kleine hat <em>Nagelb\u00fcrste<\/em>. Ich stelle aber sp\u00e4ter fest, dass die Dinger hier nicht sehr g\u00e4ngig sind. Der Mann in dem Laden, den ich danach frage, kennt sie nicht. Unter <em>Matte<\/em> haben beide auch auf der Matte stehen. Dann sehe ich <em>Flasche<\/em> nach. Nur das kleine hat auch das zweite Wort, das ich kenne und immer mit dem ersten verwechsle. Bei Abitur haben beide dasselbe. Bei <em>gehen<\/em> ist das gro\u00dfe haushoch \u00fcberlegen. Kein Vergleich. \u00dcber drei Spalten mit Bedeutungen und Beispielen, das kleine hat keine halbe Spalte. Bei <em>ber\u00fchmt<\/em> haben beide alle vier Synonyme, die ich mir gestern notiert habe, weil ich sie alle kenne, aber mich an keins erinnere, wenn ich es brauche. Nur das kleine hat <em>ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigt<\/em>, das gro\u00dfe hat aber <em>\u00fcber Nacht ber\u00fchmt werden<\/em> und <em>deine Leistungen<\/em> <em>waren nicht gerade ber\u00fchmt<\/em>. Ich nehme das gro\u00dfe. Es ist weniger handlich, aber das Layout ist besser und die Schrift gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n<p>Am Ausgang der Buchhandlung finde ich auch noch Ansichtskarten, die ersten halbwegs brauchbaren, die ich hier gefunden habe. Sie kosten gerade mal 25 Cent. Der Verk\u00e4ufer erkl\u00e4rt mir den Weg zum Internetcaf\u00e9. Ich verstehe alles bis auf ein Wort. Auch bei der Wiederholung verstehe ich es nicht. Irgendwas mit <em>alt<\/em>. Er ist aber eigens mit mir auf die Stra\u00dfe gegangen, um mir den Weg zu zeigen, und so brauche ich nur seinen Handbewegungen zu folgen. Im Nachhinein, als ich das Internetcaf\u00e9 gefunden habe, verstehe ich dann, was er gesagt hat: \u03c4\u03b1 \u03b1\u03c1\u03c7\u03b1\u03af\u03b1, \u2018das Alte\u2018. Damit ist der Palast des Galerius gemeint, an dem ich links abbiegen soll. <em>Da bei dem alten Zeug<\/em>, sozusagen.<\/p>\n<p>Jetzt, wo ich das Wort f\u00fcr \u201aMatte\u2018 kenne, gehe ich ganz ungeniert in ein Gesch\u00e4ft und frage danach. Einer der typischen alten L\u00e4den, Einzelhandel, vollgestopft mit Waren, und mit weiteren Waren auf dem B\u00fcrgersteig. Da h\u00e4ngen auch die Matten, und ich brauche keine zehn Sekunden, um mich zu entscheiden. Der Verk\u00e4ufer fragt mich, woher ich komme, und ich frage zur\u00fcck, wie immer. Nein, nicht aus Thessaloniki, aus einem anderen Ort, bulgarische Grenze, Thermi. Das ist ein Ortsname, der hier immer wieder auftaucht. Auch er fragt nach meinem Griechisch, schon der vierte heute, warum denn und wo und wie. Und dann der obligatorischen Satz. Schwere Sprache. Und dann der obligatorische Nachsatz: Aber Deutsch auch Und Englisch erst mal, w\u00fcrde ich gerne hinzuf\u00fcgen, lasse das aber.<\/p>\n<p>In dem Buch f\u00fcr Teenager, meiner t\u00e4glichen Lekt\u00fcre, treten Verk\u00e4ufer auf, die ihre Ware anbieten: \u039c\u03b5\u03bb\u03b9\u03c4\u03b6\u03ac\u03b1\u03b1\u03b1\u03b1\u03bd\u03b5\u03c2! \u039a\u03bf\u03bb\u03bf\u03ba\u03c5\u03b8\u03ac\u03b1\u03b1\u03b1\u03b1\u03ba\u03b9\u03b1! Man muss zweimal hinsehen: <em>Aubergiiiiinen! Zuchiiiiini!<\/em> Die Br\u00fcder der Erz\u00e4hlerin machen das dann bei jeder Gelegenheit nach. Beim Mittagessen zum Beispiel: \u039d\u03c4\u03bf\u03bc\u03ac\u03b1\u03b1\u03b1\u03c4\u03b5\u03c2! \u039a\u03b1\u03bb\u03ad\u03b5\u03b5\u03c2 \u03bd\u03c4\u03bf\u03bc\u03ac\u03b1\u03b1\u03b1\u03b1\u03c4\u03b5\u03c2! <em>Tomaaaten! Guuute Tomaaaaten! <\/em><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">17. Juni (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Im Laufe des Tages zweimal auf mein Kreta-T-Shirt angesprochen worden, einmal von einem Kreter, einmal von einer Frau, die in Rethymnon studiert hat. Ihr kann ihr mitteilen, dass das T-Shirt aus Rethymnon stammt, und die kennt den Laden, aus dem es kommt. Sie sagt, es gebe eine enge, historisch bedingte Verbindung zwischen Thessaloniki (oder Makedonien) und Kreta. Tats\u00e4chlich gibt es hier irgendwo in der Stadt eine Statue eines Kreters, Erinnerung an die Unterst\u00fctzung der Kreter im Makedonischen Kampf.<\/p>\n<p>Bei beiden Gelegenheiten stutze ich kurz, als die Frage gestellt wird. Es wird nach meiner \u03bc\u03c0\u03bb\u03bf\u03cd\u03b6\u03b1 gefragt, nach meiner \u201aBluse\u2018. Das ist kommt dann doch etwas \u00fcberraschend.<\/p>\n<p>Was die Griechenlandkrise angeht, herrscht in Berlin und in Br\u00fcssel und vermutlich auch in Athen und in der griechischen Presse helle Aufregung. Die Griechen scheint das aber nicht weiter zu beunruhigen. Man genie\u00dft den Beginn des Sommers und geht ins Caf\u00e9. Das liegt zum Teil daran, dass die Krise sich jetzt schon so lange hinzieht. Die Nachrichten gleichen sich jede Woche. Und auch daran, dass Tsipras offensichtlich darauf vertraut, dass es im Interesse der EU ist, die Verhandlungen nicht scheitern zu lassen. Immer wieder fallen seine Kommentare zu den Verhandlungen viel positiver aus als die der Verhandlungspartner. Das kann auch Strategie sein. Auch in anderen L\u00e4ndern scheint man sich f\u00fcr Griechenland nur marginal zu interessieren.<\/p>\n<p>Am Morgen gehe ich zu dem B\u00fcro des Fitnessclubs, der die Gymnastik an der Strandpromenade betreibt, aber ich finde es nicht, obwohl ich ganz in der N\u00e4he bin und den Namen der Stra\u00dfe und die Hausnummer habe. Die Leute kennen die Stra\u00dfe nicht, der Routenplaner erkennt sie nicht, und auf dem Stadtplan kann ich sie auch nicht finden. Eine Frau mit Hund, die ich im allerletzten Moment doch noch frage, findet die L\u00f6sung. Und die ist eine kleine kulturelle Erfahrung: Ich habe den handschriftlich notierten Stra\u00dfennamen falsch gelesen, \u03a0\u03b5\u03cd\u03ba\u03bf statt \u03a1\u03ad\u03b3\u03ba\u03bf. Wenn man ein fremdes Alphabet kennt, hei\u00dft das noch lange nicht, dass man jede Handschrift entziffert.<\/p>\n<p>Die Leute in dem Fitnessclub sind ungeheuer freundlich und geben einem wirklich den Eindruck, willkommen zu sein. Es ist fast eine etwas suspekte Freundlichkeit, aber kommerzielle Interessen scheint es nicht zu geben. Es ist eher der Enthusiasmus von Leuten, die glauben, die richtige Lebensphilosophie zu haben und diese mit Euphorie nach au\u00dfen tragen. Es geht hier um etwas Ganzheitliches, um Ern\u00e4hrung und Einstellung genauso wie um Gymnastik.<\/p>\n<p>Die Frau, die die Einschreibung mit mir macht, spricht Deutsch, sagt aber, ihr Deutsch sei ein bisschen rostig. Sie wei\u00df aber auf Anhieb W\u00f6rter wie <em>Unterschrift<\/em> und sagt mir auch einen Willkommenssatz in gutem Deutsch. Sonst sprechen wir aber Griechisch.<\/p>\n<p>Freitags gibt es Yoga, an den beiden anderen Tagen Gymnastik. Sie sieht mein langes Gesicht bei dem Wort Yoga, \u00fcberredet mich aber zu kommen. Es w\u00fcrden Dehn\u00fcbungen gemacht.<\/p>\n<p>Ich soll eine Matte mitbringen. Wo ich denn wohl eine bekommen k\u00f6nne. Bei Jumbo, meint sie, aber da m\u00fcsste ich mit dem Auto hinfahren. In dem Moment springt aber schon eine andere Frau hinzu und sagt, man habe bestimmt eine f\u00fcr mich in Reserve. Auf dem R\u00fcckweg in die Stadt komme ich dann aber an einem Sportgesch\u00e4ft vorbei, wo ich eine bekomme.<\/p>\n<p>Dann geht es auf die Suche nach dem Copyshop, wo ich schon mal war. Den finde ich nicht, daf\u00fcr aber einen anderen. Dann in ein Papierwarengesch\u00e4ft. Ein ziemliches Durcheinander. Ich bitte um Briefumschl\u00e4ge mit Fenster, aber als ich dann auf der Post stehe, merke ich, dass man die Adresse nicht lesen kann. Das Fenster ist rechts! Wieder zur\u00fcck in dem Papierwarengesch\u00e4ft ist die freundliche Verk\u00e4uferin nicht mehr ganz so freundlich. Sie hat mich offensichtlich gefragt, ob ich rechts oder links wolle. Das muss ich \u00fcberh\u00f6rt haben. Sie wird dann aber wieder milder und nimmt sogar die anderen Briefumschl\u00e4ge wieder zur\u00fcck, obwohl ich die Packung ge\u00f6ffnet habe! Und dann will sie mir sogar noch Geld zur\u00fcckgeben, weil diese Umschl\u00e4ge billiger sind!<\/p>\n<p>Dann geht es zu der M\u00fcnchner Griechin, die Weinflaschen etikettiert und dann mit der Weinflasche zum Zahnarzt. Die erste Idee, Geb\u00e4ck zu kaufen, das klebrig-s\u00fc\u00dfe, s\u00fcndhaft leckere griechische Geb\u00e4ck, habe ich dann doch verworfen. Zahnarzt. Allerdings ist nicht gesagt, dass Wein gut f\u00fcr die Z\u00e4hne ist.<\/p>\n<p>Die M\u00fcncherin, die beim letzten Mal von Griechisch nach Deutsch gewechselt ist, wechselt diesmal von Deutsch nach Griechisch und dann immer hin und her.\u00a0 Ich ebenfalls. Codeswitching. Man fragt sich, wie so ein Gespr\u00e4ch seine Dynamik entfaltet. Es muss irgendwelche heimlichen \u201eRegeln\u201c geben, die die Sprecher unbewusst verfolgen, um zu entscheiden, welcher Code der richtige ist. Am Ende erkl\u00e4rt sie mir auf Deutsch, wie ich zur Metropoleos komme. Ich habe den Namen der Stra\u00dfe falsch betont. Vielleicht nimmt man so ein Indiz zum Anlass, in den anderen Code zu wechseln.<\/p>\n<p>Beim Vorbeigehen h\u00f6re ich, wie ein Mann in einem Stra\u00dfencaf\u00e9, weit in seinem Sessel zur\u00fcckgelehnt, seinen Zuh\u00f6rern sagt, so als wenn er vom Katheder spr\u00e4che: \u201eIn Europa sind die Preise in den Superm\u00e4rkten niedriger.\u201c Das ist wohl wahr, jedenfalls f\u00fcr viele Artikel. Beim Weitergehen f\u00e4llt mir auf, dass ich es immer mit europ\u00e4ischen L\u00e4ndern zu tun haben, f\u00fcr die <em>Europa<\/em> woanders ist: England, Spanien, Griechenland, Russland.<\/p>\n<p>Wochenland galt die Maxime \u201ef\u00fcrs Museum zu sch\u00f6n\u201c, wenn es um das Wetter ging. F\u00fcr das jetzige Wetter ist das Museum ideal: sch\u00f6n k\u00fchl. Gestern stand irgendwo etwas von 33\u00b0. Ganz so hei\u00df f\u00fchlt es sich nicht an, aber es ist schon ziemlich warm. Sofia sah mich dieser Tage mit bemitleidenswerter und unverst\u00e4ndlicher Mine an, als ich ihre Frage, ob ich das etwa gut f\u00e4nde, bejaht\u00a0 hatte.<\/p>\n<p>Im dem Kunstmuseum auf dem Expo-Gel\u00e4nde ist es k\u00fchl, und zwar ohne Klimaanlage. Das hohe, moderne, etwas verwinkelte Haus ist so gebaut, dass es einen nat\u00fcrlichen Schutz gegen die Hitze bildet, und die Glasd\u00e4cher sind mit Sonnensegeln zugezogen.<\/p>\n<p>Schon auf dem Gel\u00e4nde steht \u00fcberall Kunst herum, eher ein bisschen zu viel. An einem Baum h\u00e4ngen alte Fernsehger\u00e4te. Das ist die Art von Installation, deren Originalit\u00e4t und Aussagekraft inzwischen ziemlich verblasst sind. Auch hier gibt es wieder die Sonnenschirme, wie am Strand, aber der Brunnen, \u00fcber dem sie h\u00e4ngen, ist nicht in Betrieb. Das nimmt dem Ganzen die Wirkung. Die Umgebung sieht eher etwas traurig aus. Es ist alles etwas verlassen. An einem normalen Tag verirrt sich niemand hierher. Sofia war sogar \u00fcberrascht, dass das Museum nicht ganz geschlossen ist.<\/p>\n<p>Im Museum gibt es ausschlie\u00dflich moderne Kunst, fast alles stammt aus den letzten f\u00fcnfzig\u00a0 Jahren. Von Acryl bis \u00d6l und von Eisen bis Pappmach\u00e9 ist alles vertreten. Es gibt keinerlei Information au\u00dfer den Schildern mit Namen des K\u00fcnstlers, Jahr und Titel, aber die h\u00e4ngen manchmal so, dass man nicht wei\u00df, auf welches Werk sie sich beziehen. Dann geht das R\u00e4tselraten los. Die Titel geben manchmal Aufschluss, aber die meisten Werke hei\u00dfen ohnehin nur <em>Installation<\/em> oder <em>Ohne Titel<\/em>.<\/p>\n<p>Gleich im ersten Saal gibt es einen <em>Alexander<\/em> von Andy Warhol (1981), eine Seidenzeichnung. Das ist sehr, sehr gut gemacht. Man sieht nur den Kopf Alexanders, im Profil, mit leicht ge\u00f6ffnetem Mund, starker Nase und wildem Haar. Der Kopf sieht wie der einer Statue aus, wie aus Bronze, leicht schimmernd. Dar\u00fcber sind mit lockeren Pinselstrichen, in Rot und Gelb, Gesichtsz\u00fcge akzentuiert. Er ist reale Person und Denkmal in einem, so kann man das verstehen.<\/p>\n<p>In demselben Saal eine typische Figur von Niki Saint-Phalle (1968), aus Pappmach\u00e9. Die Figur ist bunt bemalt, in grellen Farben, auch das erigierte Glied. Sie hat ein gro\u00dfes Herz, einen kleinen Kopf, einen gro\u00dfen Penis und eine Aktentasche. Der moderne Mann. Der Titel best\u00e4tigt die Aussage ironisch: <em>Adam<\/em>.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber h\u00e4ngt ein Bild, das irgendwie weiblich aussieht und tats\u00e4chlich von einer Frau stammt, einer Katerina Maroula. Man sieht einen Mann und eine Frau in dem hochformatigen Werk (1980), nahe, aber nicht ganz nahe beieinander stehend, in einer ge\u00f6ffneten T\u00fcr. Beide sind ganz realistisch, mit Details dargestellt, aber \u00fcber beiden liegen leichte, schimmernde Farbflecken, die die Details etwas verschwimmen lassen. Er ist gut, sie elegant gekleidet, mit St\u00f6ckelschuhen und eng anliegendem Rock. Sie hat den Kopf weit zur\u00fcckgeworfen und einen Fu\u00df angehoben. Der ungew\u00f6hnliche Titel, <em>Hesitation<\/em>, suggeriert die Szene. Es d\u00fcrfte nicht darum gehen, wer als erster durch die T\u00fcr geht, sondern es d\u00fcrfte um eine intimere Szene gehen. Man hat sich kennen gelernt, kommt in eine Wohnung und z\u00f6gert, wie man sich verhalten soll. Wie viel N\u00e4he ist angesagt, wie viel Distanz?<\/p>\n<p>\u00dcber verschiedene G\u00e4nge geht es in mehrere unregelm\u00e4\u00dfige S\u00e4le. Man kann sich hier leicht verlaufen, und tats\u00e4chlich stehe ich irgendwann wieder in dem ersten Saal, ohne zu ahnen, wie ich dahin gekommen bin.<\/p>\n<p>Viel vertreten sind moderne Skulpturen aus Bronze, Eisen und Stahl, meist nichtfig\u00fcrlich oder so, dass man die Figuren erst auf den zweiten Blick erkennen kann. So bei einem Gestell aus rauen, leicht verrosteten Eisen, das V\u00f6gel darstellt, vielleicht Schwalben, in verschiedene Richtung fliegend: schr\u00e4g nach oben, gerade nach hinten, steil nach unten. Sie sind aber alle miteinander verbunden, zu einem Gestell. Oder ist es ein und derselbe Vogel, in verschiedenen Phasen dargestellt?<\/p>\n<p>Dann kommt eine Skulptur, die ganz viele Figuren unterschiedlicher Gr\u00f6\u00dfe darstellt. Sie bestehen nur aus l\u00e4nglichen, horizontal \u00fcbereinander angebrachten\u00a0 R\u00f6hrchen unterschiedlicher L\u00e4nge, vielleicht abgeschnittenen N\u00e4gel, die mir einer Masse miteinander verbunden sind. Obwohl es nur diese N\u00e4gel sind, aus denen die Figuren bestehen, und obwohl sie kein Gesicht und keine Gliedma\u00dfen haben, kann man sie gut als Figuren erkennen. Dem Titel nach sind es Kinder. Und komischerweise kann man auch erkennen, in welche Richtung sie sich bewegen oder ob sie stillstehen.<\/p>\n<p>Vor einigen Werken steht man v\u00f6llig ratlos, so vor einem h\u00f6lzernen Toilettenh\u00e4uschen mit kleiner Scheibe ganz oben und dem Schl\u00fcssel im Schl\u00fcsselloch, das dem Titel zufolge ein Archiv ist. Bei anderen f\u00e4llt einem erst gar nichts ein.<\/p>\n<p>Gut gemacht ist ein Werk, das Stadion hei\u00dft, von einem Nikos Aleviou (2004). Es ist aus Ried gemacht und l\u00e4sst mit ganz einfachen Mitteln die architektonische Struktur erkennen, die Trib\u00fcnen und R\u00e4nge und die \u00e4u\u00dfere Basis.<\/p>\n<p>Dann sehe ich noch eine ganz verr\u00fcckte Installation mit dem Goldenen Vlies und ein ganz eindr\u00fcckliches Portrait, eine Kohlezeichnung vermutlich, von einem Yanis Valavanidis. Es stellt einen \u00e4lteren Mann da, mit breiter Nase, gro\u00dfen Ohren, gro\u00dfen, dunklen Augen und wenigen, aber tiefen Furchen im Gesicht. Er hat einen ganz feinen Oberlippenbart, den man auf den ersten Blick kaum wahrnimmt. Und tr\u00e4gt ein zugekn\u00fcpftes Hemd. Er sieht ernst aus, sehr ernst, aber nicht traurig. Man f\u00e4ngt unwillk\u00fcrlich an, sich Fragen nach dem Leben dieses Mannes zu stellen, nach den Erfahrungen, die ihn gepr\u00e4gt haben. Keine zerrissene Person, aber eine, die vom Leben, von den Entt\u00e4uschungen und Einsichten, die das Leben geliefert hat, gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n<p>Es sind heute einige Kilometer zusammengekommen. Allein zu dem Fitnessclub sind es f\u00fcnf Kilometer. Als ich bei der ersten Pause in einem Caf\u00e9 zwei \u00e4ltere, wohlsituierte Damen sehe, die sich zur Mittagszeit einen halben Liter Bier reinziehen, ist die Versuchung gro\u00df, und jetzt, nach dem Museum, kann ich nicht widerstehen und tue es ihnen gleich. Der Himmel zieht sich zu, es wird pl\u00f6tzlich dunkel, und es k\u00fcndigt sich ein gewaltiges Gewitter an. Aber au\u00dfer ein paar Tropfen und Donnergrollen in der Ferne kommt dann nichts.<\/p>\n<p>Am Abend auf dem Balkon holt Sofia pl\u00f6tzlich zu einer Philippika gegen die jetzige Regierung und auf Syriza aus. Die h\u00e4tten ja keine Ahnung, w\u00fcrden den Karren gegen die Wand fahren, seien unprofessionell und handelten unverantwortlich. Wenn sie j\u00fcnger w\u00e4re, w\u00fcrde sie auswandern. Besonders beklagt sie die Privilegien der Staatsbeamten, die kurze Lebensarbeitszeit, die hohen Pensionen. Viele bek\u00e4men sogar mehrere Pensionen, und die gingen nach dem Tod automatisch auf die T\u00f6chter \u00fcber \u2013 lebenslang. Syriza wolle das jetzt auch noch auf die S\u00f6hne ausdehnen. Die k\u00fcmmerten sich gar nicht um die wirklich Armen. Denen m\u00fcsse nat\u00fcrlich geholfen werden. Und was das Geld angeht, Griechenland solle froh sein, das Geld zu so g\u00fcnstigen Konditionen bekommen zu haben. Sie k\u00f6nne auch nicht von jemandem Geld leihen und ihn dann auch noch beschimpfen, dass er ihr Geld geliehen habe. Sie redet wie ein deutscher Politiker. Ja, hier in Griechenland g\u00e4lten Menschen wie sie als deutsche Agenten, sagt sie. Sie haben die \u201eM\u00e4dchen\u201c gewarnt, aber die h\u00e4tten alle Syriza gew\u00e4hlt. Ich versuche, das Gespr\u00e4ch auf die Zukunft zu richten und darauf, was Griechenland denn machen k\u00f6nne, um wieder auf die Beine zu kommen. Gar nichts. Wir haben doch nichts. Wir m\u00fcssen alles einf\u00fchren. Wir stellen ja noch nicht einmal unser eigenes Toilettenpapier her.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">18. Juni (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Heute ist das Wetter schlecht genug f\u00fcrs Museum. Pl\u00f6tzlicher Temperatursturz. Es ist diesig, und der Himmel ist grau. Es fallen ein paar Tropfen, und am Nachmittag kommt dann ein richtiger Sommerregen.<\/p>\n<p>Bei dem Museum geht es um den Makedonischen Kampf. Der Name des Museums, \u039c\u03bf\u03c5\u03c3\u03b5\u03af\u03bf \u039c\u03b1\u03ba\u03b5\u03b4\u03bf\u03bd\u03b9\u03ba\u03bf\u03cd \u0391\u03b3\u03ce\u03bd\u03b1, enth\u00e4lt das Wort \u03b1\u03b3\u03ce\u03bd\u03b1\u03c2. Es ist wirklich ein Kampf mit diesem Wort. Abgesehen davon, dass bei mir immer <em>Agonie<\/em> anklingt, das aber im Griechischen nicht gemeint ist, bringe ich immer wieder Formen und Genus durcheinander. Auch die \u039f\u03bb\u03c5\u03bc\u03c0\u03b9\u03b1\u03ba\u03bf\u03af \u0391\u03b3\u03ce\u03bd\u03b5\u03c2 enthalten das Wort. Es sind \u201aOlympische K\u00e4mpfe\u2018.<\/p>\n<p>Als ich in dem Museum herumgehe, kommen zwei junge Frauen auf mich zu und bieten an, Fragen zu beantworten. Als ich einmal ganz durch bin, komme ich auf das Angebot zur\u00fcck. Sie sind Studenten und machen ein Praktikum hier. Eine studiert Geschichte, die andere Slawistik. Das Praktikum ist freiwillig. Sie geben sich sichtlich M\u00fche, meine Frage zu beantworten.<\/p>\n<p>Das Museum schildert den Kampf, der zu der \u201eBefreiung\u201c Makedoniens f\u00fchrte und zu seiner Eingliederung in Griechenland. \u00a0\u00a0Der Kampf begann schon 1821, nachdem ein Ausbilder aus Griechenland hierhergekommen und die Rebellen vorbereitet hatte. Der Aufstand wurde aber schnell niedergeschlagen, genauso wie die vielen weiteren im Laufe des Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Interessanterweise spielt hier auch der Berliner Kongress eine Rolle. Nach dem russisch-t\u00fcrkischen Krieg solle Makedonien zu Bulgarien kommen, aber das wollten die Griechen erst recht nicht. Die Griechen hatten den t\u00fcrkisch-russischen Krieg zu einem Aufstand ausgenutzt. Der Berliner Kongress entschied, dass Bulgarien ein eigenst\u00e4ndiges Land werden, Makedonien aber beim Osmanischen Reich bleiben sollte. Verr\u00fcckt, wenn man sich \u00fcberlegt, dass das hier heute, wenn die Geschichte nur ein bisschen anders gelaufen w\u00e4re, die T\u00fcrkei oder Bulgarien oder Serbien sein k\u00f6nnte, denn auch die Serben waren stark involviert.<\/p>\n<p>Neben den unvermeidbaren Pistolen, Gewehren, S\u00e4beln gibt es kleinere milit\u00e4rische Objekte aus der Zeit zu sehen. Bei allen ist zu sehen, wie ungeheuer aufw\u00e4ndig die gearbeitet sind, aus wertvollen Materialien mit \u00e4sthetischen Formen und feinen Verzierungen. So als w\u00fcrde es um etwas ganz anderes gehen als darum, anderen den Kopf abzuhauen. Eine vermutlich vergoldete Messingschatulle diente zum Messen des Schie\u00dfpulvers, in einer \u00e4hnlichen Schatulle wurde das Pulver aufbewahrt. Davon gibt es eine t\u00fcrkischen und eine griechische Variante. Ein richtiges Schmuckst\u00fcck ist ein Tintenfass, das die Form einer Kanone hat, die schie\u00dfbereit aufgebockt ist.<\/p>\n<p>Dass die ganzen Rebellionen letztlich im Nichts verliefen, liegt einfach daran, dass die Gro\u00dfm\u00e4chte kein Interesse an einer Ver\u00e4nderung hatten. Das Osmanische Reich sollte nicht geschw\u00e4cht werden. Das stellt eine franz\u00f6sische Karikatur aus der Zeit gut da. Vorne bek\u00e4mpfen sich ein Grieche und ein T\u00fcrke w\u00fcst mit Dolchen, hinten stehen die Vertreter der Gro\u00dfm\u00e4chte in Uniform, sehen zu und machen Marschmusik.<\/p>\n<p>Auf einer Karte kann man sehen, dass die Aufst\u00e4nde immer an einzelnen wechselnden Orten stattfanden und nicht ganz Makedonien umfassten. An den Farben erkennt man die Entwicklung: Es geht von Osten immer weiter nach Westen, wobei Thessaloniki ungef\u00e4hr in der Mitte liegt. Eine der Keimzellen war das Kloster Athos, ganz im Osten Makedoniens.<\/p>\n<p>Es gibt Bilder und Materialien zur Lage der Bev\u00f6lkerung, vor allem auf dem Land. Zu Hunger, Krankheit und Raub\u00fcberf\u00e4llen kamen noch die hohen Steuern und Abgaben. Da fiel der Aufruf zur Rebellion auf fruchtbaren Boden. Viel mehr aber machten Gebrauch von der Auswanderung, nach Bulgarien und sp\u00e4ter in die USA. Sie hatten nichts zu verlieren. Oder doch? Die Heimat, die Gewohnheiten, die Feste, die T\u00e4nze, das Essen, die Sprache, die vertraute Umgebung. Davon zeugen fr\u00fche Photos, die die D\u00f6rfer bei festlichen Gelegenheiten zeigen. Viele wanderten aber einfach in die St\u00e4dte aus. Monastir und Thessaloniki wurden schnell zu Gro\u00dfst\u00e4dten. Da herrschten \u201eeurop\u00e4ische\u201c Einfl\u00fcsse vor. Ein Indiz: Die M\u00e4nner tranken Bier statt Raki!<\/p>\n<p>In den St\u00e4dten fand der Kampf ohne Waffen statt. Das bedeutete Verbesserung der Ausbildung der Griechen, soziale Dienste, Gewerkschaften. Das st\u00e4rkte das Gef\u00fchl der Zusammengeh\u00f6rigkeit. Das Haus selbst, das, wo jetzt das Museum untergebracht ist, von einem deutschen Architekten gebaut, war selbst eine Zelle des Widerstands. Hier war die Griechische Botschaft untergebracht! Die Botschaft hatte \u201eAngestellte f\u00fcr besondere Aufgaben\u201c. Das waren Milit\u00e4rs. Au\u00dferdem war gleich nebenan der Bischofssitz, und die Kirche war einer der Betreiber der Widerstandsbewegung. Allerdings wussten T\u00fcrken und Bulgaren bestens, was hier vorging und lie\u00dfen es geschehen, auch ein Zeichen davon, dass das alles mit den Rebellionen erst in der R\u00fcckschau Bedeutung erlangt.<\/p>\n<p>Es werden unter anderem pers\u00f6nliche und berufliche Gegenst\u00e4nde aus dem Besitz eines Bischofs ausgestellt, darunter ein Elfenbeinkamm und eine eigene B\u00fcrste f\u00fcr den Bart!<\/p>\n<p>In einem Diorama wird eine Schlacht nachgestellt, die Schlacht von Pisoderi. Das hat wenig mit dem zu tun, was man sich unter einer Schlacht vorstellt, mit geordneten Schlachtreihen auf einem offenen, flachen Feld. Hier findet die Schlacht in einer felsigen, h\u00fcgeligen Landschaft statt, mit reichlich Baum und Strauch, hinter denen sich die K\u00e4mpfer verstecken konnten. Die meisten sind Einzelk\u00e4mpfer, einige befinden sich im Nahkampf, die anderen schie\u00dfen vermutlich eher ziellos in der Gegend herum. Man kann sich kaum vorstellen, dass man erkennen konnte, wer Freund und Feind war, zumal die Bulgaren und Griechen sowohl die T\u00fcrken als auch sich gegenseitig bek\u00e4mpften!<\/p>\n<p>Dazu kommt noch, dass die Rebellen eine ganz gemischte Truppe waren, von Wanderhirten \u00fcber Fischer bis zu Studenten, und noch nicht einmal die gleiche Sprache sprachen. Einige sprachen Vlach, andere sprachen slawische Sprachen.<\/p>\n<p>Die Uniformen sehen aus, als wolle man damit auf ein Volksfest gehen, mit langen Str\u00fcmpfen, der Foustanelle, einem Rock, der wie ein Kilt aussieht, den Tsorakia, an den Zehen nach hinten umgebogenen Holzschuhen und einer lustigen Kappe.<\/p>\n<p>Das alles ist sehr sch\u00f6n ausgef\u00fchrt, aber es wird nicht klar, wie es am Ende zur \u201eBefreiung\u201c kam. Ein Ausl\u00f6ser war die Jungt\u00fcrkenbewegung, die eine moderne, europ\u00e4ische T\u00fcrkei forderte und den Sultan weiter schw\u00e4chte. Jedenfalls kam es am Ende zur Kapitulation, und Thessaloniki wurde eingenommen, ohne dass ein Schuss fiel. Vor der Unterzeichnung der Kapitulation kam es wohl noch zu einem viele Stunden anhaltenden Drama. Der griechische K\u00f6nig, Konstantin, wollte die bedingungslose Kapitulation, der t\u00fcrkische Statthalter, Hassan, wollte sie nicht unterzeichnen, obwohl er wusste, dass er chancenlos war. Die Griechen pokerten, hatten aber schlechte und widerspr\u00fcchliche Informationen \u00fcber die Lage. Serben und Bulgaren waren im Anmarsch. Am Ende willigte Hassan aber ein. Die Kapitulation wurde einen Tag zur\u00fcckdatiert. Die Verz\u00f6gerung, hei\u00dft es, war nur den Osmanen anzulasten.<\/p>\n<p>Die Darstellung in dem Museum ist alles andere als objektiv, aber vertretbar. Es gibt aber zwei Dinge, die den Widerspruch herausfordern: Am Ende gibt es eine Dokumentation dar\u00fcber, wie sich Makedonien seit der Befreiung entwickelt hat. Die Menschen sind gl\u00fccklich und leben im Wohlstand. Kein Vergleich zu vorher. Selbst wenn: Warum sollte das eine Folge der Befreiung sein?<\/p>\n<p>Die zweite Sache betrifft einen Torpedoangriff auf ein t\u00fcrkisches Schiff im Hafen von Thessaloniki. Der Angriff war erfolgreich und eine bedeutete eine Wende in dem Kampf. Er hatte vor allem symbolische Bedeutung und demoralisierte den Gegner. Hier werden die Geschick und die Effektivit\u00e4t hervorgehoben. Wenn es anders herum gewesen w\u00e4re, w\u00e4re vermutlich von Hinterhalt und Grausamkeit die Rede. Die gesamte Mannschaft war an Bord.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg gehe ich \u00fcber den Wochenmarkt. Beim Obsth\u00e4ndler zeige ich auf die Apfelsinen und sage: \u201eF\u00fcnf\u201c. Er fragt zur\u00fcck: \u201eKilo?\u201c. Ich antworte: \u201eSt\u00fcck\u201c. Da ist er doch etwas entt\u00e4uscht. Nicht das Gesch\u00e4ft seines Lebens. Die f\u00fcnf Apfelsinen kosten 60 Cent!<\/p>\n<p>Der Gem\u00fcseh\u00e4ndler ist eher peinlich ber\u00fchrt, als ich etwas l\u00e4nger auf das Wechselgeld sehe. Er hat mir zu viel gegeben und nimmt den Rest dankbar, aber mit gemischten Gef\u00fchlen entgegen. W\u00fcrde mir auch so gehen.<\/p>\n<p>Bei einem anderen Gem\u00fcseh\u00e4ndler habe ich kein Kleingeld und sage, es tue mir leid. Er sieht auf den Zwanziger und sagt: \u201eIch freue mich.\u201c Als er mir das Wechselgeld gibt, fragt er, ob ich Lehrer sei. Ich sage ja und frage, wie er darauf komme. Merkt man Satzbau, sagt er.<\/p>\n<p>Wo kauft man Nivea, wenn es keine Drogerien gibt? In der Apotheke? Nein, haben wir nicht. Im Supermarkt. Da finde ich sie dann tats\u00e4chlich.<\/p>\n<p>Gestern eine junge Frau in ganz kurzen, ganz engen Shorts und mit tiefem Dekolletee auf der Egnatia gesehen, die sich pl\u00f6tzlich wie wild zu bekreuzigen begann. In die H\u00e4userzeile war irgendwo eine Kirche eingelassen, die man im Vor\u00fcbergehen kaum sieht. Heute vor mir ein etwas nachl\u00e4ssig gekleideter Mann, der, als wir bei Agios Demetrios um die Ecke biegen, mehrmals die Au\u00dfenwand der Kirche ber\u00fchrt.<\/p>\n<p>Sofia hat zum Mittagessen geladen. Es ist auch eine Freundin vor ihr dabei, die \u201eG\u00e4rtnerin\u201c. Sie macht Sofias Garten, einfach nur so, weil es ihr Freude macht. Es sei anstrengend, aber sehr erf\u00fcllend, sagt sie.<\/p>\n<p>Es gibt Spinat mit Reis, Sofias Lieblingsgericht seit ihrer Kindheit. Sie k\u00f6nne es zu jeder Tageszeit essen, auch zum Fr\u00fchst\u00fcck. Dazu gibt es Salat und Brot und Bier. Es gibt noch ein zweites Gericht, dicke Bohnen, aber die nehme ich f\u00fcr morgen mit.<\/p>\n<p>Fast nebenbei erw\u00e4hnt Sofia, dass sie auch Thailand kennt. Da war sie auch mal drei Monate, wohl nicht als Touristin, sondern in irgendeiner Hilfsfunktion, zu der Zeit, als es in Kambodscha\u00a0 Krieg gab. Es gibt aber keine Gelegenheit, genauer nachzufragen. Die beiden beantworten ein paar Fragen zu Sprache, und ansonsten geht es um Thessaloniki und um die \u201eM\u00e4dchen\u201c.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">19. Juni (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Am Volkskundemuseum stehen drau\u00dfen die \u00d6ffnungszeiten. <em>Jeden Tag: 9.30 \u2013 15.30.<\/em> Darunter steht: <em>Donnerstags geschlossen<\/em>. Und darunter: <em>Mittwochs 9.30. \u2013 21.30. <\/em> Jedenfalls habe ich Gl\u00fcck gehabt, dass heute nicht Donnerstag ist.<\/p>\n<p>Trachten, Trachten, Trachten, so viele, dass man die \u00dcbersicht verliert. Verschiedene Zeiten, verschiedene Orte, verschiedene Berufe. Unterschiedlich, aber doch auch mit gro\u00dfem gemeinsamen Nenner. Alle sehen sehr sch\u00f6n aus &#8211; und sehr unbequem. Verschiedene Schichten \u00fcbereinander. Vor allem die Trachten der Frauen sind aufw\u00e4ndig gemacht, mit vielen Stickereien und viel Schmuck. Der Schmuck ist eher Teil der Tracht als eigenst\u00e4ndiges Accessoire. Keine Ohrringe oder Armreifen, sondern Brustplatten und Schnallen.<\/p>\n<p>Die Trachten der Frauen sind meist dreiviertellang. Fast alle haben eine Art Sch\u00fcrze und eine Art Weste, und alle haben eine Kopfbedeckung. Manchmal einfach ein Kopftuch, das altmodisch herunterh\u00e4ngen oder elegant umgebunden sein kann. Bei einer Tracht sieht sie fast wie ein Turban aus, und diese Tracht erinnert an den japanischen Kimono.<\/p>\n<p>Man sieht auf einer Abbildung gut, wie sich diese \u201emodernen\u201c Trachten von denen der Antike unterscheiden. Damals wurde nicht geschnitten und gen\u00e4ht. Das ist jetzt anders. Dadurch wird jeder Meter Stoff f\u00fcr die Tracht nutzbar gemacht. Das hat etwas mit der Einf\u00fchrung eines anderen, eines waagerechten Webstuhls zu tun, der aus dem Osten hierher kam.<\/p>\n<p>M\u00e4ntel gab es nur in seltenen F\u00e4llen. Kleider kamen erst sp\u00e4ter. Das ist dann die \u201eeurop\u00e4ische\u201c Mode. \u00a0Die Kleider gehen bis zum Boden und werden ohne Kopfbedeckung getragen.<\/p>\n<p>Auf einem franz\u00f6sischen Stich sieht man die Kleidung, die in der fr\u00fchen Neuzeit in Makedonien getragen wurde, und zwar die der Ehefrau, der Braut und der Jungfrau. Die Jungfrau ist noch am freiz\u00fcgigsten gekleidet, mit offenem Hals, aber bei allen ist fast der ganze K\u00f6rper verdeckt und alle haben eine verwickelte Kopfbedeckung. An der kann man vielleicht am ehesten erkennen, welchem Stand die jeweilige Frau zugeh\u00f6rte. Insgesamt sieht das alles ziemlich \u00e4hnlich aus.\u00a0 Der Gedanke an moderne muslimische Gew\u00e4nder ist naheliegend.<\/p>\n<p>Makedonien war ber\u00fchmt f\u00fcr seine Silberschmiede, und tats\u00e4chlich ist der meiste Schmuck aus Silber, gegossen oder gestanzt. Die Silberschmiede benutzten auch minderwertiges Silber und versetzten es mit Arsen, damit es gl\u00e4nzte. Die Abgaben der Silberschmiede geh\u00f6rten zu den h\u00f6chsten, die an der Hohen Pforte kassiert wurden.<\/p>\n<p>Die Tracht der Wanderhirten scheint das Vorbild f\u00fcr die traditionelle Uniform zu sein, die die griechischen Soldaten tragen, die vor dem Parlament Wache halten, mit R\u00f6ckchen und den pantoffelartigen Schuhen. Die Wanderhirten bewegten sich im Osmanischen Reich sehr frei. Die beiden wichtigen Einschnitte im Jahr, der Aufstieg und der Abstieg von den hohen Bergen, wurde sp\u00e4ter durch kirchliche Feiertage markiert: Georg (23. April) und Demetrios (26. Oktober).<\/p>\n<p>Wolle war elastisch und isolierte und war damit der beliebteste Stoff. Seide war der wertvollste, weil die Herstellung so schwierig war. Der Prozess wird hier detailliert beschrieben. Im Winter ging es darum, die Eier der Seidenraupe kalt zu halten, im Sommer darum, sie zu w\u00e4rmen. Das geschah an bestimmten Orten oder durch Einwickeln in Tierh\u00e4ute. Es gab es aber auch noch eine dritte M\u00f6glichkeit. Die Frauen versteckten die Eier im Busen!<\/p>\n<p>Auch zum F\u00e4rben gibt es ein paar Informationen und Werkzeuge und Utensilien. An einer Stelle sieht man nebeneinander einen gr\u00fcnen und einen blauen Rock. Aus demselben Material, Indigo! Man konnte die Farbe durch die Kontrolle der Zeit und der Temperatur beim Erhitzen ver\u00e4ndern. Was da f\u00fcr Kenntnisse vorhanden gewesen sein m\u00fcssen!<\/p>\n<p>Die Tradition, sich zu bestimmten Zeiten des Jahres zu verkleiden, gab es schon immer, wurde aber auch sp\u00e4ter den Daten im christlichen Kalender angepasst: Weihnachtszeit, Fastenzeit, Ostern usw. Man sieht Masken, furchterregende, die eigens f\u00fcr diese Gelegenheiten produziert wurden. Die Kost\u00fcme sehen dagegen ganz normal aus. Das t\u00e4uscht. Man trug n\u00e4mlich die Kleidung des jeweils anderen Geschlechts! Das geschah zum Beispiel am Dienstag nach der Hochzeit, wenn sich die M\u00e4nner der Kleider der Braut bem\u00e4chtigten und obsz\u00f6ne Geste machten und schmutzige Witze erz\u00e4hlten. Eine weitere Variante war das Auftreten der Herren als Diener und umgekehrt.<\/p>\n<p>Unten geht es um M\u00fchlen, Wasserm\u00fchlen in erster Linie. Auf einer Karte sieht man die verschiedenen Standorte und Typen. Die werden auf Knopfdruck farblich markiert. Man sieht unter anderem, dass den 31 noch bestehenden Wasserm\u00fchlen 2050 gegen\u00fcberstehen, die nicht mehr laufen. Textil, Holz, Metall, Nahrung, Schie\u00dfpulver, Felle, es gab fast nichts, was hier nicht produziert wurde.<\/p>\n<p>Korn wurde bis zum 19. Jahrhundert aber auch noch zuhause in m\u00fchevoller Kleinarbeit gemahlen. Man sieht mehrere M\u00fchlsteine, der einfachste davon aus zwei aufeinanderliegenden Platten bestehend, deren obere mit einem Holzgriff bewegt wird. Das Korn kommt in eine Auslassung in der Mitte. Man sieht das Photo einer alten, auf dem Boden sitzenden Frau, die auf diese Art das Korn mahlt. Das ist genauso wie vor mindestens 3000 Jahren in \u00c4gypten.<\/p>\n<p>In einem Text aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert, dem Antipater, wird die alte Zeit der Mythen heraufbeschworen. Bleibt liegen, ihr Sklavenm\u00e4dchen, die Nymphen, von Demeter geschickt, \u00fcbernehmen das Mahlen. Wie fr\u00fcher. Die Sehnsucht nach Arbeitserleichterung, wie sie noch Jahrhunderte sp\u00e4ter die Heinzelm\u00e4nnchen motiviert.<\/p>\n<p>Die Getreidem\u00fchlen arbeiteten Tag und Nacht und verarbeiteten 1500 kg Mehl pro Tag. Der Bauer brachte das gedroschene Getreide zum M\u00fcller, der wog es und notierte alles s\u00e4uberlich in einem Logbuch. Der M\u00fcller kassierte 3-12% des Getreides f\u00fcr seine Arbeit. Nur das Getreide f\u00fcr die Braut f\u00fcr kostenlos gemahlen. Erstaunlicherweise hei\u00dft es, die M\u00fchle sei ein wichtiger Treffpunkt von Frauen und M\u00e4nnern gewesen. Deren Leben verlief sonst wohl, soweit sie nicht im gleichen Haus lebten, getrennt voneinander ab. \u00a0Hier gibt es einen h\u00f6lzernen Bottich, eine h\u00f6lzerne Schaufel und ein Logbuch zu sehen, und au\u00dferdem eine Waage f\u00fcr Mehls\u00e4cke, die wir sie noch aus unseren Kindheit kennen.<\/p>\n<p>Eine S\u00e4gem\u00fchle ist komplett nachgebaut. Man erkennt gut die beiden Schienen, die Transportschiene und die Schneideschiene. An der Entwicklung der modernen S\u00e4gem\u00fchle war Leonardo entscheidend beteiligt, aber schon bei Ausonius ist von einer M\u00fchle im Moseltal die Rede, mit der weicher Stein geschnitten wurde! Die S\u00e4gem\u00fchlen waren eine wichtiger Schritt in der Entwicklung, denn Holz manuell zu schneiden ist m\u00fchsam und kompliziert.<\/p>\n<p>Holz war das wichtigste Material \u00fcberhaupt in der Entwicklung der primitiven Gesellschaften: Werkzeuge, H\u00fctten, Flo\u00dfe wurden aus Holz gemacht, und Holz als Brennmaterial sorgte f\u00fcr W\u00e4rme und daf\u00fcr, dass man die Nahrung nicht mehr roh essen musste.<\/p>\n<p>Die Holzf\u00e4ller waren eine ganz eigene Gruppe, Teamarbeiter, die, von Wald zu Wald ziehend, oft wochenlang von ihren Familien getrennt waren. Sie arbeiteten f\u00fcr den Waldbesitzer oder f\u00fcr den Holzh\u00e4ndler, aber sie betrieben auch \u201eIndustriespionage\u201c und fanden heraus, wie so eine S\u00e4gem\u00fchle funktioniert, ein wertvolles Geheimnis, mit dem man hausieren gehen konnte. Ihre Angst vor wilden Tieren und Schluchten vertrieben sie sich dadurch, dass sie Geschichten von Waldgeistern und anderen Wesen erfanden.<\/p>\n<p>Wieder einmal bin ich anfangs alleine im Museum gewesen, aber diesmal ist sp\u00e4ter wenigstens noch eine Mutter mit Tochter hinzugekommen.<\/p>\n<p>Im Goethe-Institut nebenan ist die Cafeteria das einzige, was vern\u00fcnftig funktioniert. In einem notd\u00fcrftigen Sekretariat bekomme ich die Auskunft: Nein, ein Programm haben wir nicht, steht alles im Internet. Und mit Blick auf den Hauptbau, der renoviert wird: Im Moment gibt es sowieso kein Programm.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg frage ich an der Strandpromenade zwei junge M\u00e4nner, ob sie ein Photo von mir vor den Sonnenschirmen machen k\u00f6nnen. Machen sie. Der Photograph hat ein T-Shirt mit dem Aufdruck: <em>Always look at the bright side<\/em>. Ich frage ihn, ob er das Lied kenne. Er sagt nein. Ich beginne zu pfeifen, es macht klick bei ihm, und wir pfeifen die Strophe zusammen zu Ende.<\/p>\n<p>Ich komme an einem Caf\u00e9 vorbei, das mit Girlanden und Luftballons geschm\u00fcckt ist. Das gesamte Caf\u00e9 ist f\u00fcr einen Kindergeburtstag reserviert. Wo ist die Krise? Bei der griechischen Mittelklasse nicht angekommen.<\/p>\n<p>Beim B\u00e4cker nachgefragt, als der die Vorteile seines Brotes anpreist, des Klassikers unter seinen Broten. Er hat \u03b1\u03bd\u03c4\u03ad\u03c7\u03c9 gesagt. Hatte ich doch richtig verstanden. Aber hei\u00dft das nicht \u201aertragen\u2018? Dann kommt die Gedankenkette, die gleichzeitig die Bedeutungskette ist: \u201aertragen\u2018 \u2013 \u201aaushalten\u2018 \u2013 \u201ahalten\u2018. Das Brot h\u00e4lt sich!<\/p>\n<p>Am Abend mit dem \u201eM\u00e4dchen\u201c ins Geni Haman, gleich hier oben, dem ehemaligen t\u00fcrkischen Bad, im dem das Aigli untergebracht ist, fr\u00fcher ein Kino, jetzt ein Restaurant. Ich bin auf Anhieb begeistert. Man kommt durch die beiden \u00fcberkuppelten R\u00e4ume, in denen K\u00fcche und Theke untergebracht sind, in einen gro\u00dfen, beleuchteten, baumbestandenen Innenhof, den man von au\u00dfen gar nicht erwartet. Der ist ganz unregelm\u00e4\u00dfig mit Tischen und B\u00e4nken best\u00fcckt, einige ein bisschen erh\u00f6ht stehend. An der Kopfseite gibt es noch die gro\u00dfe Leinwand aus der Kinozeit, und da laufen Aufnahmen von unber\u00fchrter Natur, eher S\u00fcdsee als Makedonien. Nach einer Stunde ist alles bis auf den letzten Platz besetzt.<\/p>\n<p>Es geht zwischendurch hoch her. Die Politik wird so heftig diskutiert, wie ich es hier noch nicht erlebt habe. Kommt es jetzt doch noch zum Knall? Es wird kolportiert, an einigen Bankautomaten gebe es kein Geld mehr. Dazu habe ich gerade heute gelesen, dass das vor ein paar Jahren fast schon einmal so weit war, aber verhindert wurde, indem vom Milit\u00e4r ganze Flugzeugladungen von Geldscheinen eingeflogen worden sind. Alles geheime Kommandosache, da man auf jeden Fall eine Panik verhindern wollte.<\/p>\n<p>Ich kann die Standpunkte der Kombattanten grob einordnen, aber mehr auch nicht. Meine Bemerkung, dass die Griechen angesichts der Krise doch sehr gelassen wirkten, bekommt die passende Antwort: Sollen wir zu Hause sitzen und weinen? Wir sind nicht gelassen, nur nach au\u00dfen wirkt das vielleicht so. Leuchtet mir ein.<\/p>\n<p>Ana kann mir Antwort auf das Musikinstrumente-Museum geben. Das sei schlichtweg umgezogen, irgendwo in das Universit\u00e4tsviertel. Es biete aber durchaus nicht die dreitausendj\u00e4hrige Instrumentengeschichte, von der mein Reisef\u00fchrer spricht. Daf\u00fcr gebe es ein anderes Museum, in Dioni. Da k\u00f6nne ich hinfahren und das mit dem Besuch des Olymps verbinden. Sofort kommen Stimmen, die sagen, das k\u00f6nne man doch auch gemeinsam machen oder ich k\u00f6nnte an einer organisierten Fahrt eines Wandervereins teilnehmen. Au\u00dferdem wird f\u00fcr den folgenden Donnerstag ein Grillabend bei Sofia mit Lesekreis und f\u00fcr Mittwoch ein Treffen mit einer Kollegin von Vaso aus der Germanistik arrangiert. Perfekt!<\/p>\n<p>In dem Zusammenhang stolpere ich zum zweiten Mal \u00fcber das Wort \u03bc\u03b1\u03b3\u03b1\u03b6\u03af. Vaso will f\u00fcr Mittwoch einen Laden finden, in dem wir uns treffen k\u00f6nnen. Ich denke dabei an ein Gesch\u00e4ft und frage mich, in welchem Gesch\u00e4ft ich mich mit der Germanistin treffen soll. Es stellt sich heraus, dass es ein Lokal ist. Damals, als ich beim ersten Mal dar\u00fcber stolperte, war es eine physiotherapeutische Praxis.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">20. Juni (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Von dem angek\u00fcndigten schlechten Wetter am Wochenende ist erst einmal nichts zu sehen: sonnig, warm, blauer Himmel. Nur ganz hinten, im Westen, eine fast witzig aussehende, unpassende dicke Wolkendecke, ganz in Wei\u00df.<\/p>\n<p>Dimitri, darauf angesprochen, dass auch der Samstag bei ihm Arbeitstag ist, antwortet augenzwinkernd: Ja, in Griechenland, ihr in Deutschland habt das nicht n\u00f6tig. Kommt drauf an, sage ich. Ja, sagt er, mit seinem mitrei\u00dfenden Lachen, das wunderbar zu seiner Erscheinung mit dem kugelrunden Bauch, der altmodischen Brille und der modernen Baseballm\u00fctze passt:\u00a0 Kommt drauf an. Wenn du Hunger hast \u2026<\/p>\n<p>Die beiden PC-L\u00e4den, die ich mir im Internet herausgesucht habe, haben beide zugemacht, aber bald finde ich eins, ohne zu suchen. Es gibt inzwischen Sticks mit einer riesigen Speicherkapazit\u00e4t f\u00fcr einen Appel und Ei.<\/p>\n<p>Das gr\u00fcne Ampelm\u00e4nnchen an einer Fu\u00dfg\u00e4ngerampel tr\u00e4gt einen langen Rock, es ist ein Ampelfr\u00e4uchen. Kann das sein? Vielleicht hat hier nur jemand etwas herumgekratzt, aber es sieht t\u00e4uschend echt aus.<\/p>\n<p>Das Caf\u00e9, wo ich einen Kaffee trinke, bezeichnet sich selbst als \u201eK\u00fcnstlercaf\u00e9\u201c. Das ist eigentlich eine Bezeichnung, die man verliehen bekommt. Nach dem Namen muss ich die Kellnerin fragen, den kann ich nicht entziffern: \u039f \u039c\u03ad\u03c1\u03bc\u03b7\u03b3\u03ba\u03ac\u03c2 \u03c4\u03b7\u03bd \u03ad\u03c8\u03b1\u03be\u03b5. Das muss eine Redensart sein. Die w\u00f6rtliche Bedeutung ist \u201aDie Ameise suchte sie\u2018. Die Form \u03bc\u03ad\u03c1\u03bc\u03b9\u03b3\u03ba\u03b1\u03c2 ist eine Nebenform, vielleicht eine Art Diminutiv, von \u03bc\u03c5\u03c1\u03bc\u03ae\u03ba\u03b9.<\/p>\n<p>Als ich auf dem Weg zum Olympischen Museum bin, tauchen Trainingspl\u00e4tze und Sportst\u00e4tten auf. Muss wohl richtig sein. Eine alte Frau, die ich zur Sicherheit nach dem Weg frage, ist allerdings verwirrt. Sie kennt das Museum nicht, und will mich ins Teloglion schicken und dann ins Arch\u00e4ologische oder ins Byzantinische Museum. Ich versuche, ihr zu erkl\u00e4ren, dass ich etwas anderes suche, und sie wird immer freundlicher im Laufe des Gespr\u00e4chs. Am Ende ist sie dann aber doch wieder verwirrt: ein Ausl\u00e4nder, der Griechisch spricht \u2026<\/p>\n<p>Im Olympischen Museum ist richtig was los. Vor allem gr\u00f6\u00dfere Gruppen von Kindern sind vertreten, die hier nicht nur durch die Ausstellung gef\u00fchrt werden, sondern auch aktiv werden k\u00f6nnen. Ich sehe eine Gruppe, die mit Fechtanz\u00fcgen auf Kommando einen Schritt nach vorne macht und das Florett zum Angriff ansetzt.<\/p>\n<p>Seine Freude haben kann man an den alten Sachen des Museums, vor allem den Sportger\u00e4ten. Gleich zu Anfang h\u00e4ngen an der Wand mehrere Paare Skier, die ersten von 1930, lang und breit und aus Holz. Bis 1945 sind sie dann schon k\u00fcrzer und schmaler geworden, geh\u00f6ren aber noch demselben Grundtyp an, mit altert\u00fcmlichen Bindungen.<\/p>\n<p>Darunter ein Tennisschl\u00e4ger, auch mit Holzrahmen, in einem Spannrahmen befindlich und mit Saiten, die gebrochen oder verzogen sind.<\/p>\n<p>Daneben ein Ruderboot, ein Achter. Noch nie gesehen. Er ist lang, viel, viel l\u00e4nger als ich ihn mir vorgestellt habe. Es sieht alles sehr unbequem aus, aber doch schon \u201emodern\u201c. Die Sitze sind verschiebbar, ebenso die St\u00fctzb\u00e4nke f\u00fcr die F\u00fc\u00dfe. Ein Ruderer kommt dazu und erkl\u00e4rt mir, die seien flexibel, sie g\u00e4ben dem Druck nach, anders als beim Kanu, wo die Fu\u00dfst\u00fctzte fest ist.<\/p>\n<p>Es geht dann einen verwinkelten Raum mit einer durchgehenden Vitrine entlang. In jedem Abschnitt der Vitrine wird eine Olympiade dargestellt. Alle Spiele der ersten Jahrzehnte, mit einer nennenswerten Ausnahme, fanden in Europa statt. Die Ausnahme ist Sant Louis, schon 1900. Auch die Spiele von Athen von 1906 werden ber\u00fccksichtigt. Sie fallen in den Listen sonst meistens unter den Tisch. Vielleicht deshalb, weil sie den sch\u00f6nen Vierjahresrhythmus durcheinanderbringen. Oder waren es keine offiziell anerkannten Spiele?<\/p>\n<p>Von jeder Olympiade gibt es Sportger\u00e4te, Sportkleidung, Plakate, Maskottchen. Das ist gut gemacht, die Entwicklung liest sich sozusagen von selbst ab. Bei den Plakaten ist auff\u00e4llig, dass nach den ersten, die eher wie Veranstaltungsank\u00fcndigungen aussehen, sich ein gemeinsamer k\u00fcnstlerischer Stil durchsetzt: leicht expressionistisch, Athleten darstellend, mit gespannten Muskeln und Gesichtsz\u00fcgen. Das verbindet man mit den Nazis, aber die Plakate davor und danach sehen \u00e4hnlich aus. Richtig modern wird es mit Tokio und Mexiko. Jetzt verschwindet alles Gegenst\u00e4ndliche. Sp\u00e4ter r\u00fccken dann wieder die verloren gegangenen Olympischen Ringe in den Vordergrund, in abgewandelter Form. Die sch\u00f6nsten Plakate sind die von Barcelona und Sydney. M\u00fcnchen f\u00e4llt aus dem Rahmen, indem es das Olympiagel\u00e4nde in den Vordergrund r\u00fcckt.<\/p>\n<p>V\u00f6llig hoffnungslos ist das Bild bei den Maskottchen. Eins schlimmer als das andere, mit Atlanta und Athen als Tiefpunkte. Ebenso unvorzeigbar eine Schiedsrichterjacke von 1984, in Orange, mit weitem Schnitt und Goldkn\u00f6pfen an den \u00c4rmeln.<\/p>\n<p>Interessant auch der Vergleich der Fackeln f\u00fcr das Olympische Feuer. Sieht 1984 mit Holzgriff und Goldringen noch sehr altert\u00fcmlich aus, 1992, mit dreieckigem Griff und ganz in Silbern gl\u00e4nzend, schon ganz modern.<\/p>\n<p>Toll auch die Schwimmanz\u00fcge von Moskau, die aussehen, wie die an den Seiten bis zur H\u00fcfte tiefgeschnittenen Trikots, wie man sie beim Ringen tr\u00e4gt. Die von Sydney sehen dagegen wie aus einer anderen Welt aus. Aber auch die Moskauer Schwimmanz\u00fcge stehen schon f\u00fcr den Trend: immer mehr Stoff. Nachdem man sich erst immer weniger angezogen hat, zog man sich danach immer mehr an.<\/p>\n<p>Immer wieder gibt es Informationen zu Sportarten, die neu eingef\u00fchrt wurden, darunter Baseball, Softball und Taekwondo. Auch Tischtennis gibt es erst seit 1988. Hier werden auch Regeln aufgelistet. Man sieht, dass das, was leicht aussieht, kompliziert sein kann: Es gibt zehn Einzelf\u00e4lle, die zu der Vergabe eines Punktes f\u00fchren. Dazu geh\u00f6rt, dass man den Ball zweimal ber\u00fchrt.<\/p>\n<p>Beim Fechten wird auf die alte Tradition des Sports verwiesen. Es gab schon am Ende des Mittelalters ein Handbuch f\u00fcrs Fechten. Das signierte T-Shirt eines erfolgreichen griechischen Fechters ist ausgestellt, direkt neben einem Florett, mit einer merkw\u00fcrdig unpassenden Zeichnung: Ein Herz, das genau \u00fcber dem tats\u00e4chlichen Herzen sitzt und von einem Florett durchsto\u00dfen wird.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es viel zu den griechischen Sportlern, aber die meisten kennt man nicht. Die gr\u00f6\u00dften Erfolge sind die im eigenen Land, sowohl bei den Spielen von 1896 als auch bei denen von 2004. Von den ersten Spielen gibt es sogar Photos, von Sportlern in langen Hosen und Hemden, die wie die von Str\u00e4flingen aussehen, und die sich l\u00e4ssig seitlich auf dem Boden liegend photographieren lassen, mit dem Kopf auf der Hand. Auch Photos von dem vollbesetzten Panathinaikum gibt es.<\/p>\n<p>Von Spiros Louis lernt man immer wieder was Neues. Hier hei\u00dft es, dass er nur wegen der uralten Konkurrenz zwischen Marousi, seinem Heimatort, und dem benachbarten Chalandri an den Spielen teilnahm. Au\u00dferdem hei\u00dft es, er habe die Qualifikationszeit gar nicht geschafft, aber Colonel Papadiamantopoulus, den Ausrichter gekannt. Sehr griechisch. Und auf die Frage des K\u00f6nigs, welches Geschenk er sich f\u00fcr seinen Olympiasieg w\u00fcnsche, soll er geantwortet haben: Einen Esel, um die Milch auszuliefern.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg in die Innenstadt komme ich an einem Friedhof vorbei. Der ist \u00e4hnlich, aber auch ganz anders als der von Kreta. Nicht alle Gr\u00e4ber zeigen in die gleiche Richtung, und es gibt auch mehr Variation, vom einfachen Kreuz bis zum eigenen Mausoleum. Es gibt viel weniger Kitsch als in Kreta, und \u00fcberall stehen hohe Zypressen. Einige Grabm\u00e4ler sehen wie Heldengedenkst\u00e4tten aus, aber nicht viele. Andere ganz profan. Eins hat eine runde hohe S\u00e4ule mit einer Inschrift und einem Lorbeerkranz, ein hat ein ganz merkw\u00fcrdiges Relief an den Seiten des Sarkophags: Ein Vorhang geht auf und gibt den Blick auf ein Fenster frei. Sonst nichts, keine Name, keine Zahl, kein Symbol. Auf einem sitzt die Figur eines M\u00e4dchens, nachdenklich in die Ferne sehend, mit gekreuzten Beinen, dem Ellbogen auf dem Knie und dem Kopf in der Hand.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">21. Juni (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>An einem fr\u00fchen Sonntagnachmittag mit Wolken und Wind h\u00e4lt sich der Reiz von Thessaloniki durchaus in Grenzen. Wichtigster Grund, das Haus zu verlassen: Es soll an den Automaten kein Geld mehr geben. Der Automat ist aber nicht gesperrt, es gibt auch kein Hinweisschild auf die Auszahlungen und auch keine Schlange. Das Geld kommt ohne Probleme. Schlangen hat es zwar in den letzten Tagen gegeben, aber nicht viel mehr als sonst.<\/p>\n<p>Wenn es nach den Schlagzeilen der Zeitungen geht, wird es jetzt endg\u00fcltig ernst: \u0391\u03b2\u03ac\u03c3\u03c4\u03b1\u03c7\u03c4\u03bf \u03c4\u03bf \u03ba\u03cc\u03c3\u03c4\u03cc\u03c2 \u03bc\u03b9\u03b1\u03c2 \u03c1\u03ae\u03be\u03b7\u03c2 &#8211; \u0397 \u0396\u03c9\u03ae \u03bc\u03b1\u03c2 \u03b1\u03bd \u03b3\u03af\u03bd\u03b5\u03b9 Grexit &#8211; \u03a9\u03c1\u03b1 \u03bc\u03b7\u03b4\u03ad\u03bd \u03b3\u03b9\u03b1 \u03c4\u03b7\u03bd \u0395\u03bb\u03bb\u03ac\u03b4\u03b1 \u03ba\u03b1\u03b9 \u03a4\u03c3\u03af\u03c0\u03c1\u03b1 &#8211; \u0395\u03af\u03bd\u03b1\u03b9 \u03c0\u03bf\u03bb\u03bb\u03ac \u03c4\u03b1 \u03bb\u03b5\u03c6\u03c4\u03ac \u0395\u03c5\u03c1\u03c9\u03c0\u03b7\u03b7 &#8211; \u03a3\u03ce\u03c3\u03c4\u03b5 \u03c4\u03b7\u03bd \u0395\u03bb\u03bb\u03ac\u03b4\u03b1 \u2013 Kosten eines Bruchs unertr\u00e4glich \u2013 Unser Leben, wenn der Grexit kommt \u2013 Stunde Null f\u00fcr Griechenland und Tsipras \u2013 Viel sind die Gelder Europas \u2013 Rettet Griechenland.<\/p>\n<p>Die Situation auch Gegenstand des Gespr\u00e4chs beim Mittagessen bei Sofia. Morgen gibt es eine \u201eRally\u201c (keine Demonstration, wie betont wird) der Bef\u00fcrworter des Euros und der EU. In den Zeitungen steht auch, dass ganz unterschiedliche Gruppe dazu aufgerufen h\u00e4tten, alles zur Rettung zu tun. Ein Wirtschaftswissenschaftler sagt, besser eine schlechte \u00dcbereinkunft als keine.<\/p>\n<p>Diesmal ist beim Essen auch der Neffe dabei. Trotz seiner jungen Jahre hat er schon seine eigene Firma, ein IT-Unternehmen. Es ist eine Schweizer Firma, aber er arbeitet von hier aus. Noch. Je h\u00e4ufiger er in die Schweiz fahre, umso besser gefalle es ihm da, sagt er, nachdem er sich anfangs schwer getan habe. Er versteht ganz gut Deutsch, spricht es aber nicht, jedenfalls nicht \u00fcber ein bisschen Alltagsgepl\u00e4nkel hinaus.<\/p>\n<p><strong> <\/strong><span style=\"text-decoration: underline;\">22. Juni (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen endlich zur Gymnastik. Der Ank\u00fcndigung zufolge ist sie f\u00fcr jedes Alter und jeden Fitnesszustand geeignet, aber wie immer bei solchen Gelegenheiten sind hier fast nur junge, fitte Leute vertreten, die meisten schlank und durchtrainiert. Nach f\u00fcnf Minuten bin ich am Ende und sehe ich mich nach einer M\u00f6glichkeit um, heimlich zu verschwinden, aber sie machen das so gut, so abwechslungsreich, dass man die Stunde aush\u00e4lt. Wenn ich eine Bewegung nicht hinkriege, kommt umgehend Hilfe.<\/p>\n<p>Alle sind hier ungeheuer freundlich, erz\u00e4hlen von sich, fragen und sind sehr hilfsbereit. Es fing schon am Morgen an, als sagte, ich h\u00e4tte eine Matte gekauft und eine der \u00e4lteren Frauen mir sofort den zweiten Teil des Satzes vorwegnimmt: \u201eUnd sie zuhause gelassen\u201c. Mit einem verst\u00e4ndnisvollen L\u00e4cheln dreht sie sich um, verschwindet und kommt mit einer Matte wieder.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg erz\u00e4hlt mir eine Frau, die heute wegen eines Arzttermins nicht mitmachen konnte, ihre Tochter lebe in Bremen. Sie habe an der Uni Bremen studiert und sei jetzt schwanger. Ihre andere Tochter lebt in Oxford und ist mit einem Spanier verheiratet und der Sohn wohnt in London. Und ich, sagte sie mit einer Mischung aus Stolz, Bedauern und Ironie, bin jetzt alleine hier.<\/p>\n<p>Eine junge Frau ist aus der Dominikanischen Republik. Sie spricht mich auf Spanisch an, ich will antworten, und es kommen lauter griechische W\u00f6rter heraus. Das gibt es doch nicht! Selbst die einfachsten Fragen wollen nicht richtig heraus. Vor allem die einfachen W\u00f6rter sind schwierig: <em>noch<\/em>, <em>du<\/em>, <em>sind<\/em>, <em>wie<\/em>, vor allem aber <em>aber<\/em>. Die Frau ist aus Santo Domingo und nennt mir den Stadtteil. Der Name kommt mir bekannt vor, aber sonst kann ich damit nichts mehr anfangen.<\/p>\n<p>Danach kommt die Nahrungsberatung. Das ist hier wohl der treibende Faktor. Irgendwo versteckt sich hier eine Firma, vermutlich eine amerikanische. Wo das kommerzielle Interesse liegt, ist aber nicht zu ersehen. Es geht vermutlich um den Verkauf von Produkten, unter anderem irgendwelcher Mixgetr\u00e4nke, die man am Morgen trinken soll. Ich bekomme eins serviert, mit verschiedenen tropischen Fr\u00fcchten. Das schmeckt gut, aber man bekommt es hier nur mit der genauen physiologischen Begr\u00fcndung, warum man das genau jetzt braucht.<\/p>\n<p>Dann wird man vermessen, und dann kommt die ausf\u00fchrliche Beratung. Die macht Maria, die, die mich dieser Tage auf Deutsch begr\u00fc\u00dft hat. Sie macht das mit ungeheurem Engagement und auf sehr freundliche Art und Weise. Aber der Inhalt ist unertr\u00e4glich. Es ist alles absolut vorhersehbar. Ich warte geradezu auf die drei Liter Fl\u00fcssigkeit, die man am Tag zu sich nehmen soll, und im \u00fcbern\u00e4chsten Satt kommen sie dann. Ich muss lachen, und das verwirrt sie einen Moment lang. Aber dann geht es immer weiter, das ganze leere, sinnenfeindliche, quasireligi\u00f6se\u00a0 Gerede, mit \u201ewissenschaftlichen\u201c Argumenten unterst\u00fctzt. Selbstverst\u00e4ndlich wird gegen Zucker, Fett, rotes Fleisch, Alkohol polemisiert, und selbst das Oliven\u00f6l bleibt nicht ganz verschont: nur roh und in kleinen Mengen. Die Folgerungen aus den Messwerten, auch das ist sehr amerikanisch, werden in entsetzlich euphemistischen Sprache vorgebracht. Statt \u201eSauf nicht so viel, Alter!\u201c hei\u00dft es: \u201eDu bist in Klasse eins. Es w\u00e4re w\u00fcnschenswert, wenn du es in Klasse zwei schaffst. Aber ideal w\u00e4re Klasse f\u00fcnf. Die Reduzierung des Alkoholkonsums k\u00f6nnte dem f\u00f6rderlich sein.\u201c Ich lass sie reden. Als sie zu Ende ist, kann ich es mir dann aber doch nicht verkneifen, ihr zu sagen, dass bei mir ohnehin Hopfen und Malz (passendes Bild!) verloren ist und sie mit mir ihre Zeit verliert. Sie sagt, in Ordnung, wir wollen niemanden dr\u00e4ngen, jeder muss das f\u00fcr sich selbst entscheiden, wir bieten die Beratung nur an. Ich mache mich auf den Weg und frage mich, ob sie nicht doch ein bisschen pikiert ist.<\/p>\n<p>Was ist mit den Griechen los? Sie haben pl\u00f6tzlich die H\u00f6flichkeit f\u00fcr sich entdeckt. Innerhalb von zwei Tagen h\u00f6re ich zweimal <em>Entschuldigung<\/em>! Einmal von einer Spazierg\u00e4ngerin am Strand, einmal von einem Mopedfahrer, der mich an den Rand des schmalen B\u00fcrgersteigs dr\u00e4ngt. Der hat dazu allerdings einen guten Grund: Er arbeitet f\u00fcr einen Lieferservice. Ein anderer Motorradfahrer, dem ich freiwillig Platz mache, sagt sogar: Danke, mein Herr!<\/p>\n<p>Am Abend dann zur Demonstration. Von den M\u00e4dchen ist nichts zu sehen, Sofia taucht irgendwann auf und verschwindet dann aber wieder inmitten von alten Bekannten, die sie hier zuf\u00e4llig trifft.<\/p>\n<p>Die Sache sieht etwas mickrig aus, obwohl es etwas t\u00e4uscht, aber der ganz gro\u00dfe Coup ist es nicht. In Athen sind zur gleichen Zeit Tausende mit demselben Anliegen und denselben Plakaten auf dem Syntagma-Platz.<\/p>\n<p>Es gibt Sprechch\u00f6re, griechische und europ\u00e4ische Fahnen und viele Plakate mit dem Aufdruck \u039c\u03ad\u03bd\u03bf\u03c5\u03bc\u03b5 \u0395\u03c5\u03c1\u03ce\u03c0\u03b7 \u2013 Bleiben wir Europa. Irgendwann wird dazu aufgefordert, auf die Kreuzung zu gehen\u00a0 und den Verkehr zu blockieren. Nicht alle sind daf\u00fcr, aber die meisten machen mit. Es ist aber nur ein kurzer Moment. Die Plakate und Lautsprecher sind alle auf die gegen\u00fcberliegende Stra\u00dfenseite gerichtet, aber da sind nur ein Hotel und ein Theater. Regierungsgeb\u00e4ude sind nicht zu sehen.<\/p>\n<p>Das Publikum ist bunt gemischt, was das Alter angeht, aber sonst eher einheitlich. Hier sind nicht die Armen unterwegs. Das ist die griechische Mittelklasse. Viele der gut gekleideten Frauen sehen aus, als h\u00e4tten sie sich zum Ausgehen zurechtgemacht.<\/p>\n<p>In der Menge spricht mich eine Frau an. Es stellt sich heraus, dass sie gut Deutsch spricht und Trier kennt und seine historischen Bauten. Sie hat hier in Thessaloniki einen Deutschkurs gemacht, mit vollem Erfolg, wie man sieht. Sie fragt mich, ob ich wisse, worum es gehe. Dann kommt ihre Schwester dazu. Wir sprechen \u00fcber die Armut und wie wenig offenkundig die ist. Ja, sagen sie, hier im Zentrum, man muss in die Vorst\u00e4dte gehen. Die Schwester spricht von einer Freundin, die sich nicht einmal mehr eine Zahnarztbehandlung leisten k\u00f6nne, obwohl sie Schmerzen hat.<\/p>\n<p>Dann gehe ich zur Kamara und zu Valentino. Hier gibt es, nach Auskunft von Vasoula, die besten Cr\u00e8pes von Thessaloniki. Sie ist wohl nicht die einzige, die das findet. Hier gilt das Motto Nothing succeeds like success. Man muss Schlange stehen, und viele der Kunden nehmen mehrere Cr\u00e8pes mit. Der Mann arbeitet mit unglaublicher Schnelligkeit und bestem \u00dcberblick an zwei Platten. Er nimmt auch die Bestellungen entgegen, achtet auf die Reihenfolge und kassiert. Seine Frau bereitet im Hintergrund die Teller mit den Zutaten vor. Die meisten bestellen ein ganzes Ensemble von Zutaten, H\u00e4hnchen mit Salat und K\u00e4se und Pilzen zum Beispiel. Auch bei den s\u00fc\u00dfen begn\u00fcgt sich keiner mit einer Zutat. Die Cr\u00e8pe schmeckt wirklich.<\/p>\n<p>\u03a0\u03b1\u03ba\u03ad\u03c4\u03bf \u03ae \u03c7\u03ad\u03c1\u03b9; Es hat lange gedauert, bis ich diese Frage verstanden habe, sowohl die w\u00f6rtliche Bedeutung als auch die intendierte. Die Frage wird unweigerlich gestellt, wenn man in einer Imbissbude was bestellt. W\u00f6rtlich hei\u00dft es \u201aPaket oder Hand?\u2018 und die Frage entspricht unserem \u201eHier essen oder mitnehmen?\u201c.<\/p>\n<p>Heute muss einer der l\u00e4ngsten Tage des Jahres sein. Nach der Demonstration sieht man die Sonne am Hafen untergehen, einer von den \u201ehellen\u201c Sonnenunterg\u00e4ngen, und einer, bei dem sich die Szenerie jede Minute \u00e4ndert, je nachdem, ob die Sonne von den Wolken verdeckt wird und wie tief sie steht. Es ist ungef\u00e4hr neun Uhr, aber es ist dann noch eine Zeitlang hell, wenn auch nicht so lange wie bei uns.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">23. Juni (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen begleitet mich Sofia zu einem PC-Laden. Ein junger Mann, der zusammen mit seiner Mutter das Gesch\u00e4ft betreibt, sieht sich den PC geduldig an und spricht voller Elan in gutem Englisch \u00fcber die verschiedenen M\u00f6glichkeiten und Gefahren. Ich bin von seinem professionellen Engagement sehr angetan. Er schickt mich nach Hause mit dem Auftrag, Dateien zu sichern und im Computer aufzur\u00e4umen.<\/p>\n<p>Wir gehen aber erst noch in die Stadt runter und trinken einen Kaffee. Unterwegs kommen wir an einer alten, schwarz gekleideten Frau vorbei, die in gebeugter Haltung an einer H\u00e4userecke bettelt. Sofia sagt, sie stehe seit zwanzig Jahren da. Wenn sie sterbe, werde man unter ihrem Kopfkissen ein Verm\u00f6gen finden. Da melde ich ein paar Zweifel an. Sofia erz\u00e4hlt von einer jungen Frau, die in New York in der Fifth Avenue bettelte, als alte Frau verkleidet, und angeblich jeden Tag f\u00fcnfhundert Dollar kassierte \u2013 steuerfrei. Sie sei dann aufgeflogen, als sie abends mit einem Sportwagen in Designerkleidern in eine Nobeldiskothek fuhr. Kann sein, dass es so etwas gibt. Aber f\u00fcnfhundert Dollar? Dann m\u00fcsste man jede Minute einen Dollar bekommen, gut sechs Stunden lang. Und so ein Vergn\u00fcgen kann es ja auch nicht sein, bei Hitze, Wind und Regen drau\u00dfen zu stehen. Wenn man dann noch abrechnet, dass Thessaloniki keine Fifth Avenue hat, sieht es f\u00fcr die Bettler hier nicht mehr so gut aus. Sofia sagt, sie folge ihrem Instinkt. Wenn sie ein gutes Gef\u00fchl habe, gebe sie was. Aber das hatten die Leute bestimmt auch, die der Frau auf der Fifth Avenue Geld gaben.<\/p>\n<p>Beim Kaffee berichtet Sofia von der bevorstehenden Einigung zwischen griechischer Regierung und Troika. Die griechische Regierung hat so viele Konzessionen gemacht, dass jetzt die absurde Situation entstehen kann, dass die Regierungsparteien dagegen und die Oppositionsparteien daf\u00fcr stimmen k\u00f6nnten. Sie kritisiert die Regierung, weil sie noch mehr Konzessionen gemacht habe als die alte, aber genau das Gegenteil in Aussicht gestellt habe. Aber abgesehen von den parteipolitischen Streitigkeiten kann man bezweifeln, wie sinnvoll diese Regelungen, zum Teil von der Troika durchgesetzt, \u00fcberhaupt sind. Die Mehrwertsteuer soll erh\u00f6ht werden. F\u00fchrt das nicht dazu, dass weniger konsumiert wird? Dann ist am Ende genauso wenig in der Kasse. Und eine Einigung hei\u00dft noch l\u00e4ngst nicht, dass die Ma\u00dfnahmen auch umgesetzt werden, und das hie\u00dfe auch noch nicht, dass alles gut wird. Eigentlich wird das Problem nur verschoben. Es ging jetzt gerade mal um sieben Milliarden; im ein paar Monaten werden noch viel mehr f\u00e4llig. Insofern ist nach der Einigung vor der Einigung. Und eine Perspektive f\u00fcr die Zukunft gibt es immer noch nicht.<\/p>\n<p>Am Nachmittag wieder ins PC-Gesch\u00e4ft. Gar nicht so leicht, wir m\u00fcssen die englischen oder griechischen Entsprechungen der deutschen Termini auf dem PC finden. Der junge Mann spricht sehr, sehr gutes Englisch mit entsetzlichem Akzent. Er hat hier in Griechenland einen Studiengang absolviert, der ganz auf Englisch angeboten wird.<\/p>\n<p>Dann noch ein kurioses Detail, interessant gerade jetzt vor dem Hintergrund der politischen Diskussion. Ich frage ihn, ob er nicht ein paar Seiten f\u00fcr mich ausdrucken k\u00f6nne. Nein, er d\u00fcrfe daf\u00fcr keine Quittung ausstellen, sagt er. Ich brauche keine, sage ich. Ja, aber wenn ich keine Quittung ausstellen darf, kann ich auch kein Geld daf\u00fcr nehmen. Ich erwische mich dabei, wie ich das kleinlich finde. Aber er macht genau das im Kleinen, was alle Welt im Gro\u00dfen von den Griechen verlangt. Er l\u00e4sst mich aber nicht h\u00e4ngen und f\u00fchrt mich eigenh\u00e4ndig zu einem Schreibwarengesch\u00e4ft in der N\u00e4he, wo ich meine Kopien bekomme. Alle Achtung.<\/p>\n<p>Die Kopien sind f\u00fcr Donnerstag, f\u00fcr den Lesekreis. Jeder soll ein Gedicht vorstellen. Ich habe ein griechisches Gedicht gefunden und das Gedicht, unter Beachtung der \u00e4u\u00dferen Form, mit wahllosen lateinischen Buchstaben transkribiert. Kein Wort ergibt einen Sinn. Und doch kann man eine ganze Menge erkennen: Zahl der Strophen, ungleichm\u00e4\u00dfige L\u00e4nge der Zeilen, ein gro\u00dfgeschriebenes Wort, und man sieht, dass das Gedicht einen Autor und einen Titel hat.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">24. Juni (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Das neue W\u00f6rterbuch hat <em>neun<\/em> und <em>neunzehn<\/em> und <em>neunzig<\/em> und <em>neunzigster<\/em> und <em>neunzehn<\/em>, aber nicht <em>neunzehnter<\/em>. Eine L\u00fccke. Es hat auch <em>Muttersprache<\/em> und <em>muttersprachlich<\/em>, nicht aber <em>Muttersprachler<\/em>. Als ich sp\u00e4ter bei der Gymnastik nachfrage, stifte ich damit nur Verwirrung. Vielleicht gibt es keinen g\u00e4ngigen Begriff.<\/p>\n<p>Bei der Gymnastik wird mit Verwunderung und Bewunderung registriert, dass ich das Wort <em>Masochismus<\/em> kenne. Dabei ist das nat\u00fcrlich \u00fcberhaupt kein schweres Wort, Die Einsch\u00e4tzung zeigt, wie schlecht Muttersprachler bei der Bewertung fremdsprachlicher Leistungen sind. Die Frage Kommst du gerade oder gehst du gerade?, an der ich heute kl\u00e4glich gescheitert bin, w\u00fcrden sie vermutlich als Kinderspiel betrachten.<\/p>\n<p>Ranya, das ist die, die mir beim letzten Mal so nett geholfen hat, die Bewegungen hinzubekommen, ist ausgebildete F\u00f6rsterin. Und, setzt sie etwas resigniert hinzu, arbeitslos. Dabei hat sie sogar auch noch einen Master in Environmental Studies. Ihr Bruder ist in Liechtenstein, war vorher in Deutschland. Noch eine griechischen Migrantenfamilie.<\/p>\n<p>Die Armenierin, deren Namen ich nicht behalten kann, hat einen Sohn in Stuttgart. Demn\u00e4chst f\u00e4hrt sie dorthin. Nein, nicht in Ferien, f\u00fcr immer. Wenn ich richtig verstanden habe.<\/p>\n<p>Die Frau aus der Dominkanischen Republik, die sich hier Maria nennen l\u00e4sst, lebt seit 23 Jahren hier. Ihre dominikanischen Kommunikationsgewohnheiten sind aber noch intakt: Nach zehn Minuten fragt sie mich, ob ich ihre dominikanische Freundin heiraten wolle. Sie selbst ist mit einem Griechen verheiratet und hat zwei Kinder, aber immer noch nicht die griechische Staatsb\u00fcrgerschaft. Sie redet st\u00e4ndig etwas von Deutschland, aber es dauert, bis ich verstehe: Die Dominikanische Republik hat kein Konsulat in Griechenland \u2013 f\u00fcr sie das Konsulat in Hamburg zust\u00e4ndig! Verr\u00fcckt. Da es mit den Papieren Verz\u00f6gerungen gegeben hat, kann sie dieses Jahr nicht in die Heimat reisen. Sie bittet mich, den Umschlag an das Konsulat zu adressieren. Alle diese komischen deutschen W\u00f6rter.<\/p>\n<p>Langsam komme ich dahinter, woher der kommerzielle Wind weht. Es geht darum, irgendwelche angeblich gesunden S\u00e4fte und Substanzen in Dosen zu verkaufen. Um mir erkenntlich zu zeigen, trinke ich wenigstens einen der S\u00e4fte.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg ruft mich pl\u00f6tzlich in der Oberstadt jemand von der anderen Stra\u00dfenseite mit Namen an. Es ist eine der Elenis vom Lesekreis. Ich habe sie seit dem ersten Abend in der B\u00fccherei nicht mehr gesehen. Und sie erinnert sich an meinen Namen. Ihre beiden Kinder hielten sie auf Trapp, sagt sie. Aber morgen w\u00fcrden wir uns sehen, beim Grillen bei Sofia.<\/p>\n<p>Der Aristoteles-Platz hat nicht die Form eines klassischen Platzes. Er ist nicht quadratisch und nicht rund und eigentlich auch nicht rechteckig. Er zieht sich wie eine erweiterte Stra\u00dfe vom Strand bis fast in die Oberstadt hin, verd\u00fcnnt sich dann und schlie\u00dft dann mit einem Querbalken ab. Das hat, von oben gesehen, genau die Form einer Flasche. Bei abendlicher Beleuchtung kommt die Form besonders gut zum Vorschein. Genau dieser beleuchtete Aristoteles-Platz taucht in der ber\u00fchmten\u00a0 Reklameserie von <em>Absolut Vodka<\/em> auf, die die St\u00e4dte der Welt zum Inhalt hat. Thessaloniki ist einer der Stars der Serie.<\/p>\n<p>Da gehe ich in die Buchhandlung, um meine Gutschein einzul\u00f6sen. Ein Verk\u00e4ufer sagt mir, als ich nach einem Buch frage, hier h\u00e4tten sie nur Sonderangebote. Also Ramsch. Nachdem ich m\u00fchsam doch noch was gefunden habe, sagt mit die Frau an der Kasse, der Gutschein gelte nur f\u00fcr ein Regal neben der Kasse. Darum waren sei so gro\u00dfz\u00fcgig. Am Ende gehe ich mit ein paar Notizb\u00fcchern und einem Buch \u00fcber die Stra\u00dfennamen Thessalonikis aus der Buchhandlung.<\/p>\n<p>Am Kiosk der Touristeninformation frage ich nach den \u00d6ffnungszeiten des Palasts des Galerius. Ein junger Mann sagt etwas betreten, man habe keine Aufpasser. Ich Deshalb sei da meist geschlossen. Ich solle es mal morgens fr\u00fch versuchen. Als wenn ich das nicht schon getan h\u00e4tte. Ich kann es nicht lassen und frage, warum denn dann die \u00d6ffnungszeiten nicht \u00fcberklebt w\u00e4ren. Zwei Griechinnen, die in der Schlange stehen, lachen und sagen, das fragten sie sich auch.<\/p>\n<p>In einer Imbissbude bekomme ich geradezu \u00fcberschw\u00e4ngliches Lob f\u00fcr mein Griechisch, erst von dem M\u00e4dchen hinter der Theke, dann von der etwas abseits sitzenden Eigent\u00fcmerin. Dabei habe ich gerade einen dicken Klops geleistet, aber Muttersprachler sehen \u00fcber grammatische Fehler eben eher hinweg als \u00fcber schlechte Aussprache. Die Eigent\u00fcmerin sagt augenzwinkernd, sie sei auch eine Deutsche. Sie sieht wirklich so aus. IN Deutschland habe man sie\u00a0 \u00fcberall f\u00fcr eine Deutsche gehalten. Kann ich mir gut vorstellen. Sie ist mit dem Auto \u00fcber den Balkan und \u00d6sterreich nach Deutschland gefahren und dann weiter nach Holland und \u00fcber Frankreich zur\u00fcck. \u00dcber den Balkan kann ich ihr nur den Namen Sarajewo entlocken, in Deutschland kennt sie M\u00fcnchen und \u2013 das nehme ich vorweg, bevor sie es sagt, Stuttgart.<\/p>\n<p>Das Photographie-Museum am Hafen bereitet weiter seine neue Ausstellung vor, aber es gibt jetzt eine kleine Ersatzausstellung, die die Preistr\u00e4ger der letzten der letzten Jahre zeigt, allerdings in Reproduktionen. Es ist immer eine ganze Photoserie eines einzelnen Photographen, die unter einem bestimmten Motto steht. Am besten ist eine mit dem auf den ersten Blick r\u00e4tselhaften Thema The Wait. Auf allen Bildern ist nur ein einziger Mensch zu sehen, oft in den Kontext von Arbeit eingebunden, meist von hinten zu sehen. So eine \u00c4rztin, die in einem Krankenhausraum mit vielen Waschbecken mit besonderen Behandlungsger\u00e4ten aus dem Fenster schaut. Hier ist alles wei\u00df, die Fenster, der Fu\u00dfboden, die Waschbecken, die Kleidung der \u00c4rztin. Worauf wartet sie? Sie wartet auf einen besonderen Moment, darauf, dass etwas Besonderes geschieht, auf ein Erlebnis, das sich von der t\u00e4glichen Arbeitsroutine abhebt. In \u00e4hnlichen Situationen sieht man einen Mann, der in der Apsis einer Kirche, die renoviert wird, Steine schleift. Auch hier ist alles wei\u00df. Man kann den Steinstaub f\u00f6rmlich sp\u00fcren. In einem fast leeren Raum sieht man einen Mann, der an einem Stromkasten herumhantiert. Durch einen Spalt in der T\u00fcr sieht man in die gro\u00dfe Halle eines hochherrschaftlichen Hauses mit hohen W\u00e4nden. Und dann sieht man noch einen Mann, der vor seinem Haus oder vor seinem Gesch\u00e4ft steht. Man sieht ihn nur halb verdeckt. Trotzdem hat man den Eindruck, dass auch er, obwohl er in einem engeren Sinne wartet als die anderen, nicht auf eine bestimmte Person wartet. Er wartet einfach darauf, dass etwas passiert.<\/p>\n<p>Auch sch\u00f6n eine zweite Serie, in der eine Photographin einen Mann begleitet, der schon fr\u00fch im Leben seine berufliche Bestimmung gefunden hat. Er ist ganz in seinem Beruf aufgegangen. Obwohl er in die Jahre gekommen ist, ist er noch voller Energie. Der berufliche Elan hat noch nicht nachgelassen, aber er muss demn\u00e4chst einem J\u00fcngeren Platz machen.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg kaufe ich Karten f\u00fcr ein Konzert. Auf den Karten sind die drei S\u00e4nger, die dort auftreten, mit Photo abgebildet. Daneben stehen der Preis und \u00a0die Uhrzeit. Aber das Datum fehlt. Es wird handschriftlich nachgetragen. Sehr griechisch.<\/p>\n<p>Unterwegs sehe ich eine Taverne mit dem Namen \u039f \u03c0\u03b1\u03c0\u03c0\u03bf\u03cd\u03c2 \u03c0\u03ae\u03b4\u03b7\u03be\u03b5 \u03b1\u03c0\u2018\u03c4\u03bf \u03c0\u03b1\u03c1\u03ac\u03b8\u03c5\u03c1\u03bf, mit einer Zeichnung als erl\u00e4uterndem Zusatz: <em>Opa ist aus dem Fenster gefallen<\/em>. Und dann eine mit dem Namen \u03a4\u03bf \u03b2\u03c1\u03b1\u03c3\u03c4\u03cc \u2026 \u03c8\u03ae\u03bd\u03b5\u03c4\u03b1\u03b9; Da muss ich nachfragen, was das bedeuten k\u00f6nnte. Wohl sowas wie \u201aDer Ofen \u2026 Ist er an?\u2018 .<\/p>\n<p>Am Abend holt Vaso mich ab. Sie will mich einer Kollegin vorstellen, einer Germanistin. Sie selbst muss morgen einen Artikel fertigstellen und eine Konferenz leiten. Sie ist aber trotzdem froh, aus dem Haus zu kommen.<\/p>\n<p>Sie \u00e4rgert sich \u00fcber die \u00fcberall parkenden Autos, zwischen denen man sich durchzw\u00e4ngen muss. Und wundert sich, dass ich das eher gelassen sehe. Kann aber sein, dass das einfach daran liegt, dass ich in Ferien bin.<\/p>\n<p>Wie kommt es eigentlich, dass der kleine Ort, in dem sie ihre Stelle hat, eine Universit\u00e4t hat? Der hatte urspr\u00fcnglich eine Art PH. Als die PHs abgeschafft wurden, entschloss man, hier eine Universit\u00e4t entstehen zu lassen. Es gab in der Gegend eine bedeutende slawische Minderheit, und die sollte mit der Universit\u00e4t \u201ezivilisiert\u201c werden. Bildungspolitik als gesellschaftliches Instrument der Assimilierung. Sie haben jetzt drei Standorte mit drei Fakult\u00e4ten, sind also keine \u201eUniversit\u00e4t\u201c im vollen Sinne. Ob sie selbst denn eine Stelle in Thessaloniki anstrebe, will ich wissen. Ja, aber es ist jetzt nicht mehr so wichtig. Sie ist Professorin, hat eine unbefristete Stelle und eine inzwischen erwachsene Tochter. Und die Stellen sind, wie man sich vorstellen kann, rar. Sie h\u00e4tte auch in der Vergangenheit nicht alles unternommen, um hier eine Stelle zu bekommen. Was ist damit gemeint? Kann man auch hier mit dem ber\u00fchmten Umschlag was machen? Nein. Sie meint, sie habe nicht akademisch gebuckelt.<\/p>\n<p>Das Lokal, in dem wir uns treffen, hei\u00dft <em>Oval<\/em>. Als ich das Schild sehe, geht mir ein Licht auf. Ich hatte <em>o<\/em> als Artikel verstanden und mich gefragt, was wohl <em>val<\/em> hei\u00dft.<\/p>\n<p>Sie wird schon etwas ungeduldig, als die Kollegin sich etwas versp\u00e4tet. Sie k\u00f6nne Unp\u00fcnktlichkeit nicht ertragen. Das sehe ich aber wirklich etwas gelassener. Schlie\u00dflich haben wir uns zum Wein und nicht zu einer Sitzung. Ich kann sie davon abhalten, die Kollegin anzurufen, und ein paar Minuten sp\u00e4ter kommt die dann auch.<\/p>\n<p>Sie ist gar nicht an Vasos Universit\u00e4t, sondern hier, an der Aristoteles-Universit\u00e4t. Sie ist Linguistin, Soziolinguistin, eine kleine Ber\u00fchmtheit auf ihrem Feld, wie ich sp\u00e4ter von Vaso erfahre. Genau genommen macht sie eher linguistische Soziologie als Soziolinguistik, Sprachpolitik unter anderem. Manchmal merkt man das an einer Randbemerkung, zum Beispiel zu den Russlanddeutschen und deren \u201eImport\u201c vor ein paar Jahrzehnten.<\/p>\n<p>Sie kennt nat\u00fcrlich auch die Kollegen von der Athener Universit\u00e4t, darunter deren Erasmus-Koordinator, der, der meinen Athener Aufenthalt organisiert hat. Die Welt ist klein.<\/p>\n<p>Und sie kennt Trier! Erst habe ich <em>drei Tage<\/em> verstanden, aber sie hat <em>drei Jahre<\/em> gesagt. Sie war drei Jahre in Trier! Zuerst als Austauschstudentin, dann mit einem Stipendium. Sie h\u00e4tte da h\u00e4ngen bleiben k\u00f6nnen, bekam aber dann ein griechisches Promotionsstipendium, f\u00fcr Thessaloniki.<\/p>\n<p>Warum Trier? Das war damals eine der allerersten Universit\u00e4ten, die einen richtigen Abschluss in Deutsch als Fremdsprache anboten. Und sie wei\u00df sogar warum. Als neu gegr\u00fcndete Universit\u00e4t sucht man h\u00e4nderingend Studenten! Also musste man mit besonderen Angeboten Bewerber anlocken. Die Namen der Dozenten der Zeit sagen mir nichts, aber schon damals m\u00fcssen die Vorbereitungskurse allererste Sahne gewesen sein: Ausfl\u00fcge, Feten, Kontakte zu deutschen Studenten, Vorbereitung auf den akademischen und au\u00dferakademischen Alltag. Sie hat bis heute noch Kontakt mit einem d\u00e4nischen Mitstudenten von damals und einer anderen Mitstudentin, die in Deutschland h\u00e4ngen geblieben ist und eine Stelle an einer Universit\u00e4t hat.<\/p>\n<p>Warum \u00fcberhaupt Deutsch, fragt Vaso. Sie selbst ist noch in M\u00fcnchen geboren, und da war ihr Deutsch in die Wiege gelegt, sozusagen. Bei Angeliki, der Kollegin, ist es anders. Sie wollte nicht in erster Linie Deutsch, sie wollte in erster Linie kein Franz\u00f6sisch. Und das Elternhaus war zuf\u00e4llig in der N\u00e4he der Deutschen Schule.<\/p>\n<p>Franz\u00f6sisch war damals die Norm. Und das lag ausgerechnet an den Deutschen! Griechenland h\u00e4tte n\u00e4mlich nach der Unabh\u00e4ngigkeit nicht nur einen deutschen K\u00f6nig bekommen, sondern auch das deutsche Schulsystem, das bayerische genauer gesagt. Und in Bayern lernte man eben nicht Deutsch als Fremdsprache, sondern Franz\u00f6sisch! Sie erz\u00e4hlt das alles mit sichtlicher Freude an der Ironie der Geschichte.<\/p>\n<p>Deutsch ist das erst von ihr und ihren Kollegen in den Neunziger Jahren durchgeboxt worden, mit sichtlichem Erfolg: Deutsch ist nach Englisch die zweitwichtigste Fremdsprache und rangiert weit vor Franz\u00f6sisch und Spanisch!<\/p>\n<p>Ihre erste Reise nach Deutschland war gleich eine Reise mit dem Auto, als Teenager, mit entfernten Verwandten, die in der N\u00e4he von Bremen wohnten. Ihre Eltern lie\u00dfen das zu, weil es sich eben um Verwandte handelte. Das sei f\u00fcr sie eine Erfahrung von Freiheit und Abenteuer gewesen, die das ganze Leben gepr\u00e4gt habe. Kann man sich gut vorstellen.<\/p>\n<p>Das Elternhaus war nicht akademisch gepr\u00e4gt, sondern kaufm\u00e4nnisch. Aber moderat mehrsprachig. Ihre Gro\u00dfeltern sprachen noch T\u00fcrkisch, und ihr Gro\u00dfvater Ladino. Nicht st\u00e4ndig und nicht perfekt, aber immer dann, wenn es f\u00fcr Gesch\u00e4ftszwecke brauchbar war.<\/p>\n<p>Nachdenklich spricht sie \u00fcber die Nachkriegszeit und die vielen Auswanderungen von Griechen ins Ausland. Sie habe sich oft gefragt, warum sie in der Nachkriegszeit ausgerechnet in das Land des Feindes, nach Deutschland, gegangen seien und ausgerechnet aus den Regionen, die am meisten unter der Besatzung zu leiden hatten (eine Theorie, die Vaso allerdings nicht teilt). Wir stellen gemeinsame \u00dcberlegungen an: Es waren junge M\u00e4nner, die auswanderten, die hatten den Krieg als Kinder erlebt, vielleicht anders als die Erwachsenen. Sie kamen meist aus armen Gegenden, hatten vermutlich wenig \u00dcberblick \u00fcber die verschiedenen M\u00f6glichkeiten, die es gab, und nahmen das erste beste Angebot an. Und gingen dann dahin, wo schon andere Griechen waren. Zum ersten Mal sehe ich aber auch, dass die Auswanderung nicht nur eine L\u00f6sung f\u00fcr viele war, sondern f\u00fcr das Land auch ein Aderlass: Die jungen, arbeitswilligen, arbeitsf\u00e4higen M\u00e4nner gingen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber kommen wir auf den Bev\u00f6lkerungsaustausch Griechenland \u2013 T\u00fcrkei zu sprechen. Das Kriterium war damals die Religionszugeh\u00f6rigkeit. Das war mit nicht klar. Wenn man orthodoxer Christ war, kam man nach Griechenland, auch wenn man T\u00fcrkisch sprach! Die Kombination gab es nat\u00fcrlich, so wie es heute Deutsch sprechende Muslime gibt. Wenn man ein paar Generationen weiter denkt, wird es auch Deutsch sprechende Muslime t\u00fcrkischer Abstammung geben, die kein T\u00fcrkisch mehr k\u00f6nnen. Das ist dann so, als wenn die wieder in die T\u00fcrkei geschickt w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Zwischendurch bekommt Angeliki einen Anruf. Den nimmt sie mit \u039f\u03c1\u03af\u03c3\u03c4\u03b5 entgegen. Das ist jetzt die dritte Version, die ich hier geh\u00f6rt habe, nach \u039d\u03b1\u03b9 und \u03a0\u03b1\u03c1\u03b1\u03ba\u03b1\u03bb\u03cc. Die Version, die in den Lehrb\u00fcchern vorkommt, \u0395\u03bc\u03c0\u03c1\u03cc\u03c2, habe ich noch kein einziges Mal geh\u00f6rt. Das Wort sei erstens vielleicht etwas veraltet, kl\u00e4nge aber vor allem etwas barsch, meinen die beiden.<\/p>\n<p>Am Ende kann ich noch meine Frage nach dem Wort <em>Muttersprachler<\/em> anbringen. Auch hier erst einmal Z\u00f6gern und Nachdenken. Aber dann auch eine Antwort: Man muss es etwas umst\u00e4ndlich als \u201aSprecher der Muttersprache\u2018 umschreiben: \u03bf\u03bc\u03b9\u03bb\u03b7\u03c4\u03ae\u03c2 \u03bc\u03b7\u03c4\u03c1\u03b9\u03ba\u03ae\u03c2 \u03b3\u03bb\u03ce\u03c3\u03c3\u03b1\u03c2.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg zeigt mir Vaso noch eine kleine Buchhandlung, die sich auf deutsche B\u00fccher spezialisiert hat und ein Open-Air-Kino.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">25. Juni (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Vormittag fahre ich mit Sofia einkaufen, f\u00fcr den Grillabend. Wir fahren zu einem Carrefour in einem Vorort, einem riesigen Laden in einer Shopping Mall, in der die meisten anderen Gesch\u00e4fte l\u00e4ngst geschlossen haben. In diesem Viertel, einem ehemaligen Industrieviertel, ist die Krise definitiv angekommen. Die H\u00e4user sind heruntergekommen, und die Betriebe stehen leer. Hier wurde fr\u00fcher vor allem Kleindung hergestellt. Viel davon ging in den Export.<\/p>\n<p>Am Nachmittag hole ich meinen PC ab. Der junge Mann voll in seinem Element und erkl\u00e4rt mir in einer v\u00f6llig undurchsichtigen Computersprache, was er alles gemacht habe. Am Ende demonstriert er es dann auch noch. Die Mutter h\u00e4lt sich l\u00e4chelnd im Hintergrund und bringt mir zwischendurch ein Glas Wasser, eine nette Geste.<\/p>\n<p>Am Abend wird dann gegrillt. Obwohl ich beim Einkauf den Eindruck hatte, dass wir knapp kalkuliert hatten, gibt es von allem reichlich, Fladenbrot und Salate neben dem Fleisch und dann ein ganzes Ensemble an s\u00fc\u00dfen Sachen zum Nachtisch, von den G\u00e4sten ohne Ank\u00fcndigung mitgebracht.<\/p>\n<p>Es werden fremde, aber auch eigene Gedichte vorgetragen, unter anderem von einem Dichter, der hier in der Oberstadt lebt oder lebte und ein Auszug aus Kornaros. Auch wenn man nichts versteht, kann man die verschiedenen Rhythmen gut heraush\u00f6ren und daraufhin die Gedichte vergleichen und manchmal sogar zeitlich einordnen.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch wird von Pavlos dominiert, der mit seinen Thesen die Frauen, deren Sprecherin Vaso ist, ziemlich herausfordert. Die Atmosph\u00e4re ist aber meist gelassen und heiter, auch als es kurz auf das politische Parkett geht. Eine etwas heikle Phase, als Deutschland in den Blickpunkt ger\u00e4t, \u00fcberstehe ich aber, indem ich nicht weiter darauf eingehe, obwohl das wohl erwartet wird. Als es dann, wieder ohne mein Zutun, um Sprachen geht, fordert der viele Wein aber seinen Tribut, und ich lasse den vielen Unsinn nicht einfach stehen.\u00a0 Interessanter sind sowieso die pers\u00f6nlichen Erfahrungen, und davon gibt es reichlich. Es wird auch \u00fcber Reisepl\u00e4ne gesprochen, und die kleine Eleni, die sehr gespr\u00e4chig ist, verursacht ein ziemliches Durcheinander in meinen Kopf, als sie von Budapest, Bukarest, Zagreb und Ikaria erz\u00e4hlt. Auf Nachfrage wird es dann aber klar: Nach Ikaria wollten sie eigentlich, aber es war ihnen zu teuer. Die Reisen auf die griechischen Inseln sind f\u00fcr die Griechen oft teurer als die Reisen ins Ausland. Sie f\u00e4hrt jetzt nach Bukarest. In Budapest war sie schon. Nach Zagreb will sie nicht. Warum nicht? Da gebe es so sch\u00f6ne Frauen, da w\u00fcrde sie ihren Mann nicht mitnehmen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. Juni (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Auf dem Weg in die Stadt treffe ich auf den Computer-Mann und seine Mutter. Er fragt, ob alles klappe und bricht in einen unglaublichen Redeschwall aus, als ich die Probleme mit dem Internet erw\u00e4hne. Seine Mutter hat Schwierigkeiten, ihn von mir loszueisen.<\/p>\n<p>Bei einem Kaffee am Roten Haus f\u00e4llt mir die Eingangst\u00fcr des Hauses auf, und als ich davor stehe und warte, dass die T\u00fcr zugemacht wird, um ein Photo zu machen, fragt mich die Frau, die gerade rauskommt, ob ich etwas suche. Ich wollte nur ein Photo machen, sage ich, aber sie versteht, ich wollte ein Photo von mir vor der T\u00fcr haben. Auch gut. Sie macht das Photo, und wir kommen ins Gespr\u00e4ch. Dies sei eins der sch\u00f6nsten H\u00e4user Thessalonikis, sagt sie. An den Namen des Architekten k\u00f6nne sie sich nicht erinnern, aber da hilft mein schlaues Buch: Tzenari. Heute seien hier \u201edie Russen\u201c, das Russische Konsulat und andere Organisationen. Ich sollte doch auch einmal in die Ano Poli gehen, in die Oberstadt meint sie. Da gebe es auch einiges zu sehen. Sie selbst wohnt da, in Theofilou. Wir sind praktisch Nachbarn! Ich zeige ihr die Bilder der Oberstadt aus dem Buch, und eins davon ist ihr Nachbarhaus.<\/p>\n<p>Sie fragt nach meinem Griechisch und sagt, ja sie habe einen Freund, einen Deutschen, der spreche so gut Griechisch, der benutze sogar W\u00f6rter, die die Griechen selbst nicht benutzten. Das wird offensichtlich als Qualit\u00e4tsmerkmal angesehen.<\/p>\n<p>Ich gehe wirklich in die Oberstadt und sehe mir die H\u00e4user an. In der Oberstadt wurden nach dem Ende der T\u00fcrkenherrschaft Tausende von Fl\u00fcchtlingen in den von den T\u00fcrken verlassenen H\u00e4usern untergebracht. Im Laufe der Jahrzehnte wurden dann viele H\u00e4user abgerissen. Die Oberstadt wirkt also in ihrer Architektur \u00e4lter als sie ist. Man erkennt die neuen, im historisierenden Stil gebauten H\u00e4user daran, dass sei einfach mehr Stockwerke haben.<\/p>\n<p>\u00dcberall in der Oberstadt, bei alten und bei neuen H\u00e4usern, sieht man vorkragende Stockwerke, manchmal, um mehr Wohnraum zu schaffen, manchmal nur als architektonisches Spiel. Dann haben die vorkragenden Teile oft die Form eines Dreiecks, bei einem Haus gleich viermal in Folge, jeweils unter dem Fenster des Obergeschosses. Das andere, was auch einem Laien auff\u00e4llt, sind die Holzgel\u00e4nder der Balkone. Auch aus Holz sind die Streben, die die Balkone vertikal miteinander verbinden. Sie sehen gar nicht wie Balkone aus, sondern wie ein offener weiterer Raum des Hauses, wie ein Wintergarten ohne Glasscheiben.<\/p>\n<p>Die traditionellen H\u00e4user sehen ganz anders aus. Es gibt zwei Grundtypen. Die einen sind einst\u00f6ckig und freistehend, und der Zugang erfolgt nicht von der Stra\u00dfe aus, sondern durch eine T\u00fcr im Innenhof, die direkt ins Wohnzimmer f\u00fchrt. Nach solchen Exemplaren muss man aber regelrecht suchen.<\/p>\n<p>Die anderen sind zweist\u00f6ckig, auch freistehend, stehen aber von der Stra\u00dfenfront zur\u00fcckgesetzt, hinter einem Gitter. Vor dem Gitter befindet sich oft ein merkw\u00fcrdiger, eiserner B\u00fcgel, ganz niedrig, mit einer Art Zapfen an beiden Enden. Ich habe die Dinger schon ein paarmal gesehen und mich gefragt, was das wohl sein k\u00f6nnte. Jetzt steht vor einem solchen Haus eine kleine italienische Reisegruppe, und der F\u00fchrer erkl\u00e4rt. Hier konnte man sich, zu den Zeiten, bevor die Stra\u00dfen asphaltiert wurden, den Schlamm von den Schuhen abstreifen, und gleichzeitig konnte man hier die Tiere festbinden!<\/p>\n<p>Auf der Suche nach einem der H\u00e4user aus dem Reisef\u00fchrer komme ich wieder an einer B\u00e4ckerei vorbei, in der ich schon mal sehr gut bedient worden bin. Ich kaufe ein Brot, kommentiere noch die Pites vom letzten Mal und frage nach der Adresse. Die B\u00e4ckersfrau wei\u00df nicht Bescheid, aber fragt einen Kunden, eine weitere Kundin kommt dazu und am Ende erscheint auch noch der B\u00e4cker. Allgemeine Beratung, und dann verlasse ich mit einer eigens angefertigten Skizze den Laden.<\/p>\n<p>Auf dem Weg nach Hause sehe ich eine Frau, die sich dabei qu\u00e4lt, ein Brett aus einem Auto zu holen. Ich fasse mit an, und es stellt sich heraus, dass das Brett zwar lang, aber ganz leicht ist. Es ist nicht aus Holz, sondern aus einer Art Pappmach\u00e9. Das n\u00e4chste hole ich alleine raus und frage mich beim Weggehen, warum die Frau sich so schwer damit getan hat.<\/p>\n<p>27. Juni (Samstag)<\/p>\n<p>Auf dem Weg in die Stadt begegne ich schon wieder dem Computer-Mann und seiner Mutter. Scheint Schicksal zu sein. Jedes Mal, wenn ich runter gehe, gehen sie rauf.<\/p>\n<p>In der von Vaso empfohlenen Buchhandlung empf\u00e4ngt mich ein freundlicher, kleiner Mann hinter der Theke in dem dunklen, schmalen Raum. Ich frage nach dem Vorleser in griechischer \u00dcbersetzung, er macht einen Anruf und sagt, bis Dienstag k\u00f6nne er das Buch besorgen. Er notiert meine Telefonnummer und will mich anrufen.<\/p>\n<p>Der Mann spricht mit ganz leicht reduzierter Geschwindigkeit, hebt wichtige W\u00f6rter durch Betonung hervor (Dienstag), macht kaum merkliche Pausen zwischen den W\u00f6rtern, aber ansonsten ganz normal in Satzbau und Lexis. Ich verstehe jede Silbe, jede Sprechabsicht. Foreigner Talk der besseren Art. Da ist kein bisschen Herablassung dabei, nur der Wille zu helfen.<\/p>\n<p>Die Buchhandlung hat unten einen weiteren, gr\u00f6\u00dferen Raum. Dort sitzt ein Grieche, der flie\u00dfend Deutsch spricht. Ich frage nach deutscher Literatur auf Griechisch. Vorr\u00e4tig h\u00e4tten sie gar nichts, sagt er. Es gebe l\u00e4ngst nicht mehr so viel wie fr\u00fcher. Er k\u00f6nne aber gerne recherchieren, wenn ich mal einen bestimmten Wunsch h\u00e4tte. Er zeigt mit ein paar zweisprachige B\u00fccher, meist Erz\u00e4hlungen von griechischen Exilanten. Es gibt einen von einem Griechen betriebenen deutschen Verlag mit dem kuriosen Namen Gr\u00f6\u00dfenwahn, der sich um griechische Literatur in Deutschland k\u00fcmmere, aber das sei nur noch ein kl\u00e4glicher Rest von dem, was es fr\u00fcher gegeben habe. Schade, dass so etwas den Bach herunter geht.<\/p>\n<p>Der Weg zu der Kunstgalerie auf der Vasilias Olgas zieht sich in die L\u00e4nge. Unterwegs sehe ich zum ersten Mal eine richtige Schlange vor einem Geldautomaten. Tsipras hat ein Referendum angek\u00fcndigt. Was die \u201eInstitutionen\u201c angeboten h\u00e4tten, sei Erpressung, hat er gesagt. Deshalb will er das Volk befragen. Geht es jetzt richtig los? Am n\u00e4chsten Geldautomaten stehen ein paar Menschen mit fragenden Gesichtern. Ich frage nach. Die Antwort: No money. Dann kommen weitere Geldautomaten, teils mit Schlange, teils nur mit einem oder zwei Kunden. Bei einigen dauert es, da offenbar eine Geldkarte nach der anderen ausprobiert wird. Auf jeden Fall sind einige Versuche erfolgreich.<\/p>\n<p>Das Museum, das Tausende von Bildern von K\u00fcnstlern aus Thessaloniki haben soll, ist in einer der alten Villen untergebracht. Das Gittertor ist ge\u00f6ffnet, aber alle T\u00fcren sind geschlossen. Wenn man einmal um das Haus herumgeht, hat man den Eindruck, es w\u00e4re ein verlassenes Schloss. An den verschiedenen Eing\u00e4ngen h\u00e4ngen Schilder verschiedener lokaler Organisationen, aber \u00fcber \u00d6ffnungszeiten gibt es keine Information, und wo der Eingang zu der Kunstgalerie ist, ist nicht herauszufinden. Unverrichteter Dinge ziehe ich wieder ab. Es wird wohl Zeit, \u00fcber Ziele au\u00dferhalb von Thessaloniki nachzudenken. Das tue ich am Nachmittag. Mit Unterst\u00fctzung des Computers.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg sehe ich ein gro\u00dfes Banner und eine kleine Demonstration am Wei\u00dfen Turm: <em>Gegen das Sparen. Gegen die Armut.<\/em> Wird auf Griechisch skandiert und in verschiedenen Sprachen verk\u00fcndet.<\/p>\n<p>Am Abend am Fernsehen eine unendlich lange Rede eines Abgeordneten der Opposition im Parlament. Er spricht ohne Stocken, ohne Korrektur, ohne einmal einen zweiten Anlauf zu nehmen. Dabei sieht er nur hin und wieder auf das Manuskript. Ob sich da irgendwo ein Teleprompter verbirgt? Sieht nicht so aus. Und es kann kaum eine von langer Hand vorbereitete Rede sein, denn er muss auf die neuesten Entwicklungen reagieren. Ist das einfach das gute Training in Rhetorik, das zur griechischen Ausbildung geh\u00f6rt?<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">28. Juni (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Wieder vor einem verschlossenen Museum gestanden, der Teloglion-Stiftung. Aber diesmal liegt es nicht an den Griechen, sondern an mir. Ich bin einfach zu fr\u00fch.<\/p>\n<p>Auf der Suche nach einer Cafeteria komme ich \u00fcber den Uni-Campus. Der streckt sich zu beiden Seiten einer langen Trasse aus, die von hier oben bis zum Messegel\u00e4nde f\u00fchrt. Hier ist das moderne Thessaloniki. Die Bauten der Uni sind auch teils ganz modern, in sehr verschiedenen Stilen. Auff\u00e4llig ein runder Bau aus Glas und Stahl mit unz\u00e4hlig vielen kleinen Fenstern und ein merkw\u00fcrdiger, unregelm\u00e4\u00dfiger wei\u00dfer Kubus ganz ohne Fenster, wie ein riesiger Felsblock. Bekommt das Licht vermutlich durch den Innenhof.<\/p>\n<p>Der Campus ist wie ausgestorben, kein Wunder, aber am Ende gibt es tats\u00e4chlich eine Cafeteria, die ge\u00f6ffnet ist. Ein paar Studenten sitzen drau\u00dfen unter Sonnenschirmen. Sie sehen \u00e4lter aus als unsere.<\/p>\n<p>Dann geht es zur\u00fcck ins Teloglion, einem riesigen, modernen Museum mit relativ wenigen Ausstellungsst\u00fccken f\u00fcr all den Platz, den es bietet. Die Ausstellung hei\u00dft \u0394\u03ce\u03c1\u03b1 \u03c4\u03b7\u03c2 \u03b3\u03b7\u03c2, \u2018Geschenk der Erde\u2018, aber der Bezug des Titels zu den Exponaten ist nicht immer klar. Es geht eher um eine Kulturschau als eine Naturschau.<\/p>\n<p>Man wird durch die Ausstellung geleitet durch Wildschweine aus Pappmach\u00e9, die auf dem Boden stehen. Wildschweine waren in dieser Gegend in der Antike von h\u00f6chster Bedeutung, nicht nur in der Ern\u00e4hrung. Sie spielten auch eine Rolle in verschiedenen Kulten, unter anderem in einem mit den Eleusischen Spielen verbundenen, nur Frauen vorbehaltenen Kult, in Thesmophorus. Dort wurden die geopferten Tiere in einen Erdspalt geworfen, zusammen mit aus Teig hergestellten Schlangen und m\u00e4nnlichen Genitalien, eine explosive Mischung. Das Ganze wurde nach dreieinhalb Monaten wieder ausgebuddelt \u2013 h\u00f6rt sich nicht so an, als w\u00fcrde man dabei sein wollen \u2013 und auf Alt\u00e4re und Felder gestreut, zur Beschw\u00f6rung der Fruchtbarkeit, sowohl der Erde als auch der Frauen.<\/p>\n<p>Zu den vermutlich \u00e4ltesten, obwohl leider nicht datierten Exponaten geh\u00f6rt eine Taube aus Lehm. Das war ein Spielzeug. Eine Rassel. Das sieht man der Taube nat\u00fcrlich nicht an.<\/p>\n<p>Dann gibt es zwei interessante, wenn auch k\u00fcnstlerisch nicht wertvolle Statuen der Aphrodite. Es hei\u00dft, der Kult der Aphrodite war ein st\u00e4dtischer Kult, der Kult einer Wohlstandsgesellschaft. Das spiegelt sich wohl in den Attributen der Aphrodite wider: Sie h\u00e4lt eine Maske in einer Hand, zu ihren F\u00fc\u00dfen steht ein Musikinstrument, und in der Hand h\u00e4lt sie eine Schale mit Kugeln, alles vermutlich Gegenst\u00e4nde, die in einer b\u00e4uerlichen Umgebung eher nicht auftauchen. Auch sie selbst sieht \u201est\u00e4dtisch\u201c aus, mit sorgf\u00e4ltig geflochtenem Haar, Ohrringen, und einem Gewand mit Falten, das elegant auf den Boden f\u00e4llt. Das h\u00e4ngt allerdings von ihren Schenkeln herunter. Brust und Po sind unbekleidet.<\/p>\n<p>Dann kommt eine ganz merkw\u00fcrdige Dionysos-Statue. Der Fr\u00fcchtekranz auf dem Kopf passt zwar zu ihm, aber das gesamte Aussehen, die starre Haltung, der ernste blick und der sorgf\u00e4ltig zu einem Dreieck gestutzte Bart passen nicht so recht zu dem Gott der Ekstase, der Raserei, des Wahnsinns.<\/p>\n<p>Ein zentraler Teil der Ausstellung gilt dem Bankett. Das Bankett, sowohl das \u00f6ffentliche als auch das private, war ein unverzichtbarer Teil der makedonischen Antike, genauso wie die Jagd, die Politik und der Krieg. Einerseits war das Bankett Gelegenheit zur Zurschaustellung von Macht, Reichtum, Wohlergehen, andererseits auch Vorausschau auf das Leben nach dem Tode, einem Leben ohne \u00c4ngste und Sorgen. Deshalb gab es auch Grabbankette und Grabbeigaben, die etwas mit dem Bankett zu tun haben. Der durstige Tote sollte auch im Jenseits versorgt werden. Unter den hier ausgestellten Grabbeigaben sind Trinkgef\u00e4\u00dfe, aber auch Karaffen und Amphoren. Die Trinkgef\u00e4\u00dfe sind keine Gl\u00e4ser, sondern sehen aus die Suppensch\u00fcsseln oder Untertassen (aus denen ja fr\u00fcher auch getrunken wurde), mit und ohne Henkel. Die Amphoren haben meist einen runden Ausguss und sind einfacher, die Karaffen haben einen Ausguss in Kleeblattform. Es geht von ganz einfachen, unbemalten bis zu glasierten, rotfigurigen Gef\u00e4\u00dfen mit der Darstellung eines Banketts. Eine Amphore ist als Negerkopf ausgestaltet. Am sch\u00f6nsten finde ich eine bauchige Karaffe, mit ganz einfachem, tonartigem Untergrund, aber mit leicht wechselnden Farbt\u00f6nen und horizontalen dunklen Ringen und einem Bogen, der, vom Griff ausgehend, die einmal quer durch die Ringe l\u00e4uft.<\/p>\n<p>Dann kommen konische Gef\u00e4\u00dfe mit spitzem Boden und Ornamenten aus dem Meer, Seesternchen, Delphinen und Tintenfischen. Daneben das Modell eines Schiffs aus der Antike, drei\u00dfig Meter lang, mit mehr als zwanzig Doppelrudern, im Rumpf des Schiffes verborgen. Das quadratische Schiffssegel ist bemalt, und \u00fcber\u00a0 dem Deck h\u00e4ngt ein gro\u00dfer Baldachin als Schutz gegen Sonne und Regen. Ein weiterer Baldachin am Bug des Schiffes \u00fcber einem Sessel. Dieser Platz ist f\u00fcr den Kapit\u00e4n oder f\u00fcr einen Ehrengast gedacht. Darin und in der mondsichelf\u00f6rmigen Gestaltung des Schiffes erkennt man kretische Vorbilder.<\/p>\n<p>Es gibt dann eine Vitrine zu Oliven\u00f6l. Das spielte seine Hauptrolle nicht in der Ern\u00e4hrung, sondern in der Kosmetik, dem Sport und der Beleuchtung. Gef\u00e4\u00dfe f\u00fcr alle diese Funktionen sind hier ausgestellt, und au\u00dferdem ein eiserner Schaber, mit dem die antiken Athleten nach dem Kampf das \u00d6l, den Schwei\u00df und den Sand von ihrem K\u00f6rper streiften.<\/p>\n<p>Es gibt dann noch Informationstafeln zu anderen Geschenken der Erde, aber ohne Exponate. Am interessantesten der Sesam. Das gibt es erstaunliche Parallelen zur Olive. Auch das Sesam\u00f6l war vielseitig verwendbar und spielte eine Rolle bei der Ern\u00e4hrung, in der Kosmetik, in der Medizin und f\u00fcr die Beleuchtung. Au\u00dferdem wurden Parf\u00fcm und Tinte daraus hergestellt! Die erste Erw\u00e4hnung \u00fcberhaupt stammt aus Assyrien, aus der Zeit um 3000 vor Christus. Da ist die Rede davon, dass die Assyrischen G\u00f6tter Sesamwein tranken! In Griechenland war das Sesam nicht ganz so bedeutend wie im Nahen Osten und im Zweistromland. Hier spielte es vor allem einen Sesamkuchen, und das war in der Regel der Hochzeitskuchen.<\/p>\n<p>Im Obergeschoss gibt es ein paar moderne Verweise auf die Geschenke der Erde, in der Form eines gut gef\u00fcllten K\u00fchlschranks und eines gut gef\u00fcllten Vorratsspeichers. Daneben gibt es eine Auswahl an Korkenziehern, ein Teil einer riesigen, mehrere Tausend Exemplare umfassenden Sammlung eines Weinguts, eines Weinguts in Gerovassilou, von dem ich gerade gestern gelesen habe und das jetzt definitiv auf der Ausflugsliste steht.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">29. Juni (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Als wir am Vormittag nach der Gymnastik auf den Heimweg machen, sind wir f\u00fcnf Menschen aus f\u00fcnf L\u00e4ndern: Armenien, Dominikanische Republik, Russland, Deutschland, Griechenland. Ich spitze die Ohren, um die Akzente herauszuh\u00f6ren. Die Russin ist bei praktisch jedem Wort als Russin zu erkennen, aber ich kann sie gut verstehen; bei der Armenierin ist der Akzent viel weniger ausgepr\u00e4gt, aber ich muss bei jedem zweiten Satz nachfragen; bei der Dominikanerin kann ich \u00fcberhaupt keinen Akzent erkennen, obwohl sie selbst sagt, sie spreche nicht gut Griechisch. Dabei kann sie kommunikativ alles, was ein Muttersprachler kann, jedenfalls in diesen Situationen.<\/p>\n<p>Auf dem Weg \u00fcberall Schlangen vor den Geldautomaten der geschlossenen Banken. Die bleiben bis zum Referendum am Sonntag zu. Es w\u00e4re eine b\u00fcrokratische Meisterleistung, wenn sie das alles bis zum Sonntag geregelt bekommen. Angeblich steht der Text der Befragung schon fest: Die Verhandlungspartner haben dieses Angebot gemacht. Soll die griechische Regierung zustimmen, Ja oder Nein? Das Angebot soll als Text vorgelegt werden. Nur: Welcher Text? Doch wohl nicht der gesamte, vermutlich nur f\u00fcr Experten verst\u00e4ndliche Text oder, besser gesagt, die Texte, aller beteiligter Institutionen? Dann eine Zusammenfassung? Wie soll die neutral sein? Und was ist mit \u00dcbersetzungsproblemen? Die Verhandlungssprache ist offensichtlich Englisch. Was aber noch schwerwiegender ist: Gilt das Angebot dann \u00fcberhaupt noch? Es war das Angebot, das vorgelegt wurde, als es um die Auszahlung der letzten Tranche des Hilfspakets ging. Das ist dann l\u00e4ngst hinf\u00e4llig.<\/p>\n<p>Aus der Sicht von Syriza ist die Volksbefragung ganz nachvollziehbar. Wir haben die vor der Wahl versprochenen Ziele nicht erreicht, also befragen wir das Volk, um eine neue Legitimation zu erhalten. Aber sie wollen ein Nein empfehlen. Was passiert, wenn das Volk auch f\u00fcr Nein stimmt? Dann kann die Regierung an der Macht bleiben. Lehnt das Verhandlungsangebot ab, bekommt kein weiteres Geld, wird zahlungsunf\u00e4hig. Ist das der Staatsbankrott? Was passiert, wenn das Volk mit Ja stimmt? Kann Tsipras mit der neuen Legitimation dann das Angebot annehmen, obwohl er es selbst ablehnt? Und ein gro\u00dfer Teil seiner Partei? Soll er sich dann Verb\u00fcndete in den anderen Parteien suchen?<\/p>\n<p>Das Volk wird vor eine unangenehme Wahl gestellt. Bisher wollte es ganz klar den Verbleib im Euro und ganz klar keine weiteren Sparma\u00dfnahmen. Beides kann man verstehen. Jetzt wird es aber hei\u00dfen: Ihr bekommt den Euro nur gegen weitere Sparma\u00dfnahmen. Wahrscheinlich werden sie trotzdem annehmen. Aber dann? Der Staat h\u00e4tte immer noch kein Geld. Und m\u00fcsste Strukturreformen machen, die auch noch die letzten Geldquellen, die Beamtengeh\u00e4lter und die Renten, versiegen lassen w\u00fcrden. Und die Banken h\u00e4tten auch kein Geld mehr. Die Leute w\u00fcrden, sobald die Banken wieder \u00f6ffnen, ihre Konten pl\u00fcndern. Es w\u00fcrde nur noch darum gehen, das Geld in Sicherheit zu bringen. Die Banken w\u00e4ren zwar nicht bankrott, aber zahlungsunf\u00e4hig.<\/p>\n<p>Im Moment bezichtigen sich beide Seiten gegenseitig der Erpressung und der Unehrlichkeit. Sie reden \u00fcbereinander statt miteinander. Und beide sprechen nicht genug davon, wie das Land auf die Beine kommen soll. Selbst, wenn Griechenland keine Schulden h\u00e4tte, s\u00e4\u00dfe es in der Patsche.<\/p>\n<p>W\u00e4re es wirklich so gut, das Land pleitegehen und aus dem Euro aussteigen zu lassen? Manchmal sp\u00fcrt man in den ausl\u00e4ndischen Kommentaren eine klammheimliche Freude: Lass die pleitegehen, endlich sind wir die los. Aber w\u00fcrde das nicht noch mehr kosten? Das geliehene Geld w\u00e4re weg, man m\u00fcsste dem Land unter die Arme greifen.<\/p>\n<p>Die Stimmung ist jedenfalls anders als in den letzten Wochen. Man sp\u00fcrt Verunsicherung, Ratlosigkeit, Angst. Auch in den Zeitungen sp\u00fcrt man das, selbst in den Bildern. Keiner wei\u00df, wie es weiter geht.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">30. Juni (Dienstag) <\/span><\/p>\n<p>Ausgerechnet jetzt kommt der Regen. Nicht so gut f\u00fcr ein Freilichtkonzert. Das ist heute Abend. Vasoula hat eingewilligt, mitzugehen, obwohl sie Dalaras nicht sonderlich gut leiden kann. Sie findet aber die beiden S\u00e4ngerinnen, Glikeria und Eleni Vitali, gut.<\/p>\n<p>Einen Vorgeschmack auf den Regen gab es gestern. Sieht richtig sch\u00f6n aus, wie das Wasser hier in der Oberstadt durch die Furchen im Kopfsteinpflaster l\u00e4uft und wei\u00df sch\u00e4umt. Gleich vor dem Haus laufen zwei dieser Furchen zusammen. Sch\u00f6n anzusehen, jedenfalls wenn man das unversch\u00e4mte Gl\u00fcck hat, genau zur richtigen Zeit zur\u00fcckgekommen zu sein und das aus dem Trockenen beobachten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Gestern Abend von Sofia abgefangen und auf einen Kaffee auf der Terrasse eingeladen worden. Sie erz\u00e4hlt von einer Theaterauff\u00fchrung und fragt nach meinen Aktivit\u00e4ten. Vor allem aber schimpft sie \u00fcber die Regierung, \u00fcber Syriza, \u00fcber Tsipras und Varoufakis und \u00fcber Griechenland. Sie h\u00f6rt sich an, wie der Regierungssprecher eines anderen Landes. Sie l\u00e4sst kein gutes Haar an allem und allen. Die Griechen seien selbst schuld, sie h\u00e4tten sich das selbst eingebrockt, jetzt forderten sie auf einmal einen Schuldenerlass und Reparationszahlungen, aber selbst wenn die geleistet w\u00fcrden, g\u00e4be es keine Hoffnung auf Besserung. Meine ganz leichten Einw\u00e4nde l\u00e4sst sie nicht gelten. Sie ist so aufgebracht, sagt sie selbst, dass sie Tabletten einnimmt gegen die innere Unruhe. Sie sei froh, keine Kinder zu haben und sich um die sorgen zu m\u00fcssen. Sie alleine k\u00e4me schon zurecht.<\/p>\n<p>Ich bringe das Gespr\u00e4ch auf meine Ausflugspl\u00e4ne und bekomme ein paar Tipps, darunter auch \u201eLohnt sich nicht\u201c und \u201eFrag erst, ob ge\u00f6ffnet ist\u201c. Sie selbst f\u00e4hrt in den n\u00e4chsten Tagen ans Meer, in das Ferienhaus einer Freundin von Ana. Das befindet sich auf dem dritten Finger von Chalkidiki, da, wo der Berg Athos ist. Dabei spricht sie vom nicht von dem dritten <em>Finger<\/em>, wie wir im Deutschen, sondern von dem dritten <em>Fu\u00df<\/em>, \u03c4\u03bf \u03c4\u03c1\u03af\u03c4\u03bf \u03c0\u03cc\u03b4\u03b9.<\/p>\n<p>Bevor sie ans Meer f\u00e4hrt, will sie aber noch mit nach Loutra Pozar fahren, dem Bad an der mazedonischen Grenze. Das sieht im Reisef\u00fchrer wirklich verlockend aus. Vielleicht schon am Donnerstag? Einverstanden. Aber wie sieht es mit Benzin aus? Mein Tank ist leer.<\/p>\n<p>Dieses Gespr\u00e4ch in Erinnerung ist heute mein erster Weg zu einer Tankstelle. Wie immer, sind die Tankstellen auf der anderen Stra\u00dfenseite, durch eine Begrenzung von unserer getrennt. Ich komme aber irgendwie dahin. Ich will volltanken, aber der Tankwart sagt: Nur bis zu zwanzig Euro. W\u00e4hrend er tankt, frage ich mit meinem charmantesten L\u00e4cheln: Und was passiert, wenn ich jetzt eine Runde drehe und wiederkomme? Mit ernsten Gesicht antwortet er: \u0394\u03b5\u03bd \u03b5\u03af\u03bd\u03b1\u03b9 \u03c3\u03bf\u03c3\u03c4\u03cc \u2013 Das ist nicht in Ordnung. Das respektiere ich und fahre zur n\u00e4chsten Tankstelle. Bei der ist das Benzin ausgegangen. Dann kommt erst wieder eine am unteren Ende einer Einbahnstra\u00dfe, wo man nur nach einigen Man\u00f6vern hinkommt. Aber es klappt, und hier gibt es Benzin ohne Begrenzung.<\/p>\n<p>Also, Vorsicht ist angesagt, aber keine Panik. Auch von den angeblichen Hamsterk\u00e4ufen ist nichts zu sehen. Die Regale in den Superm\u00e4rkten sind voll, die Schlangen sind nicht l\u00e4nger als sonst, und die Kunden machen ganz normale Eink\u00e4ufe.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zur Buchhandlung, wo ich den Roman abhole, f\u00e4llt mir wieder ein, dass der Verk\u00e4ufer \u03c4\u03bf \u03bc\u03b9\u03ba\u03c1\u03cc \u03c3\u03b1\u03c2 \u03cc\u03bd\u03bf\u03bc\u03b1 gesagt hat, als er die Daten f\u00fcr die Bestellung aufgenommen hat, \u201aden kleinen ihren Namen\u2018, w\u00f6rtlich \u00fcbersetzt. So hat er nach meinem Vornamen gefragt.<\/p>\n<p>Unterwegs komme ich gleichzeitig mit einer jungen Frau mit zwei Hunden an eine Fu\u00dfg\u00e4ngerampel. Es ist rot. Moment mal, hat die gerade Deutsch mit den Hunden gesprochen? Hat sie <em>Sitz<\/em> gesagt? Ich frage sie, ob sie Deutsch mit den Hunden redet. Ja, sagt sie. Ob sie Deutsch lerne, frage ich. Nein, sagt sie, fast entsetzt \u00fcber die Frage. Sie kann nur die Ausdr\u00fccke. Es sind deutsche Hunde. Und prompt geht sie los und sagt \u201eKomm mit mir!\u201c Ich verstehe sie, und die Hunde verstehen sie offensichtlich auch. Noch an der gleichen Kreuzung hei\u00dft es dann wieder: <em>Sitz! <\/em>Wieder eine der unz\u00e4hligen kleinen Begegnungen, die f\u00fcr die ganze Reise so kennzeichnend sind.<\/p>\n<p>Als ich in die Buchhandlung komme, l\u00e4uft da ein deutscher Radiosender: Verkehrsnachrichten. Nicht gerade etwas, was das Heimweh bef\u00f6rdert.<\/p>\n<p>Der kleine Mann mit dem runden Kopf in der Buchhandlung ist wieder die Freundlichkeit in Person. Er begr\u00fc\u00dft mich per Handschlag. Und hat das Buch sofort griffbereit. Schon am Morgen hat er mich angerufen, um mir zu sagen, dass das Buch da ist.<\/p>\n<p>Dann frage ich, ob er einen Roman des von Vasoula empfohlenen Autors da habe. K\u00f6nne er besorgen, sagt er. Sie hat drei Titel notiert, ich will aber nur ein Buch. Welches? Keine Ahnung, am besten das k\u00fcrzeste. Da sieht er mich fragend an: Was meinen sie mit <em>kurz<\/em>? Im Deutschen k\u00f6nnen B\u00fccher <em>kurz<\/em> oder <em>lang<\/em> sein, im Griechischen offensichtlich nicht. Sie sind vermutlich <em>gro\u00df<\/em> oder <em>klein<\/em>. Als ich das Buch dann sp\u00e4ter abhole, stellt es sich heraus, dass es 666 Seiten hat. Offensichtlich ist das Verst\u00e4ndnis von kurz oder lang oder gro\u00df und klein relativ.<\/p>\n<p>Dann spricht mich jemand von hinten mit Namen an. Es ist der Besitzer der Buchhandlung. Er stellt sich mit Namen vor und sagt, er wolle mich kurz begr\u00fc\u00dfen. Ein Deutscher, der griechische B\u00fccher bestellt! Scheint wohl eine merkw\u00fcrdige Spezies zu sein.<\/p>\n<p>In einer B\u00e4ckerei bittet die Verk\u00e4uferin mich ganz dringend um Kleingeld. Ich verweigere meine Mitarbeit, solange sie Englisch mit mir spricht. Klappt. Dann z\u00e4hle ich f\u00fcnf Euro in ganz kleinen M\u00fcnzen auf den Ladentisch. Sie sackt sie ein und schlie\u00dft die Kasse. Moment mal, fehlt da nicht noch was? Dann macht sie die Kasse auf und gibt mir einen F\u00fcnfeuroschein.<\/p>\n<p>Da die Acheiropoiiti offensteht, gehe ich auf dem R\u00fcckweg kurz rein. Sie gef\u00e4llt mir besser als beim ersten Mal. Man sieht jetzt, wo man den Vergleich mit so vielen anderen Kirchen hat, deutlich, dass sie zu dem ersten, dem basilikalen Typ der byzantinischen Kirchen von Thessaloniki geh\u00f6rt. Der Raumeindruck hat fast etwas von einer Kathedrale. Erst jetzt sehe ich, dass unter allen B\u00f6gen Fresken sind, mit barock aussehenden Motiven. An der Seite sind zwei gleichartige, sehr fein gearbeitete goldene Boxen. Sie dienen der Aufbewahrung der gebrauchten Kerzen. Sind durchbrochen gearbeitet. Der byzantinische Doppeladler wechselt sich mit Trauben und Bl\u00e4ttern ab.<\/p>\n<p>Als ich nach Hause komme, ruft mich Sofia von oben. Das Konzert falle aus. Eleni habe ihr Bescheid gesagt. Wegen der Wetters, vermute ich? Sie meint nein, es sei wegen der Krise. Niemandem stehe der Sinn nach Konzert. Ich halte das f\u00fcr sehr unwahrscheinlich, aber allein, dass so eine Vermutung aufkommen kann, spricht f\u00fcr die Stimmung im Land.<\/p>\n<p>Statt Konzert gehen wir ein Bier trinken, in einem sch\u00f6nen Lokal im Obergeschoss eines Hauses am Aristoteles-Platz. Sie haben hier eine kleine Sammlung von alten Telefonen, Uhren, Porzellanfiguren und eine alte Registrierkasse.<\/p>\n<p>Die Stimmung in der Stadt ist fast gespenstisch. Wenige Menschen sind unterwegs, man spricht leise, und das Lokal leert sich nach neun geradezu schlagartig. Heute l\u00e4uft die Frist f\u00fcr die Zahlung an den IWF aus, und man sitzt zuhause am Fernseher und verfolgt die Ereignisse. Auch Vasoula ist bedr\u00fcckt. Voller Ungewissheit. Und sie malt in schw\u00e4rzesten Farben aus, was jetzt alles passieren k\u00f6nne. Was soll man dazu sagen? Es kommen zwischendurch auch andere Themen zur Sprache, aber es geht immer wieder zur Politik zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Bevor wir aufbrechen, empfiehlt sie mir aber noch ein Museum, in dem sie mit dem Kollegium war, und ein Ausflugsziel am Meer. Dahin sollen wir noch alle zusammen fahren, mit den M\u00e4dchen. Das will sie organisieren.<\/p>\n<p>Ich bekomme aber noch die vollst\u00e4ndige Version des Gedichts von Christianopoulos, dem Dichter aus der Oberstadt, das dieser Tage vorgelesen wurde: \u0391\u03bd \u03b4\u03b5\u03bd \u03bc\u03c0\u03bf\u03c1\u03b5\u03af\u03c2 \u03bd\u03b1 \u03ba\u03c4\u03af\u03c3\u03b5\u03b9\u03c2, \u03c3\u03ba\u03ac\u03c8\u03b5. \u0391\u03bd \u03b4\u03b5\u03bd \u03bc\u03c0\u03bf\u03c1\u03b5\u03af\u03c2 \u03bd\u03b1 \u03b3\u03af\u03bd\u03b5\u03b9\u03c2, \u03bd\u03b1 \u03ad\u03b9\u03c3\u03b1\u03b9. <em>Wenn<\/em><em> <\/em><em>du<\/em><em> <\/em><em>nicht<\/em><em> <\/em><em>bauen<\/em><em> <\/em><em>kannst<\/em><em>, <\/em><em>grabe<\/em><em>. <\/em><em>Wenn du nicht werden kannst, sei. <\/em><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1. Juli (Mittwoch) <\/span><\/p>\n<p>Gymnastik f\u00e4llt ins Wasser. Sp\u00e4ter l\u00e4sst der Regen etwas nach, und man kann laufen. In der Innenstadt wirkt es wieder einigerma\u00dfen normal, aber an der Meerespromenade sieht es trostlos aus. Es gibt nur eine Farbe: grau. Die Ausflugsschiffe haben den Dienst eingestellt, und die Hochh\u00e4user der Innenstadt verschwimmen in dem blassen Dunst.<\/p>\n<p>Am Mittag ruft Sofia zum Essen. Sie muss dringend ihren Frust loswerden. Griechenland sei bankrott, sagt sie. Gestern ist die Frist f\u00fcr die Zahlung der Schulden beim IWF abgelaufen. Der IWF hat Griechenland daraufhin f\u00fcr bankrott erkl\u00e4rt. Aber ist man bankrott, nur weil jemand einen f\u00fcr bankrott erkl\u00e4rt? Solche Einw\u00e4nde l\u00e4sst sie nicht gelten und zieht \u00fcber das unn\u00fctze Politikerpack her. Sie h\u00e4tten f\u00fcnf Monate vergeudet und von den n\u00f6tigen Reformen keine einzige angepackt. Die griechischen Selbst\u00e4ndigen arbeiteten wie verr\u00fcckt und zahlten sich dumm und d\u00e4mlich an Steuern und Abgaben, und die Beamten sch\u00f6ben eine ruhige Kugel und kassierten ordentliche Geh\u00e4lter. Sie schimpft \u00fcber einen Freund (jetzt kein Freund mehr, sondern ein Bekannter), dem sie gestern eine Abfuhr erteilt hat (was man bis auf die Stra\u00dfe h\u00f6ren konnte). Ein Beamter, der sich hat krankschreiben lassen und seit einem Jahr nicht mehr arbeitet, aber sein volles Gehalt kassiert. Gegen Mittag gehe er ins Caf\u00e9, tr\u00e4nke Kaffee bis um f\u00fcnf und danach Raki. Ein fauler Sack, ein Parasit. Ich frage, was der denn auf die Vorw\u00fcrfe gesagt habe. Die Antwort ist wunderbar und w\u00e4re witzig, wenn es nicht so ernst w\u00e4re. Er sagt, er unterst\u00fctze die griechische Wirtschaft, indem er sein Geld nicht zuhause horte, sondern unter die Leute bringe: Tavernen, Gesch\u00e4fte, M\u00e4rkte.<\/p>\n<p>Sie sagt, wie auch Vasoula gestern, sie habe Angst vor einem B\u00fcrgerkrieg. Da h\u00e4tte ich auch Angst. Die Griechen haben ein <em>modus vivendi<\/em> gefunden nach dem letzten B\u00fcrgerkrieg und der Milit\u00e4rdiktatur, aber die Gr\u00e4ben sind weiterhin da. Wenn es ganz hart kommt, k\u00f6nnte das eine Gefahr sein. Sie sagt heute an der Bushaltestelle habe es Streit gegeben, noch verbal, aber wenn der Bus nicht rechtzeitig gekommen w\u00e4re, w\u00e4re es zu Handgreiflichkeiten gekommen. Andererseits sind laut streitende und die andere Seite beschimpfende Menschen Teil des griechischen Alltagsbilds.<\/p>\n<p>Trotz allem weigere ich mich, ganz so schwarz zu sehen wie sie, und das sage ich ihr auch. Vor allem soll sie sich nicht h\u00e4ngen lassen und zuhause Tr\u00fcbsal blasen. Sie hat schon \u00fcberlegt, ihren Urlaub ausfallen zu lassen und will auch morgen nicht mit nach Loutra Pozar fahren. Ich sage ihr, das solle sie sich nochmal \u00fcberlegen und ich w\u00fcrde auf jeden Fall fahren. Am Abend sagt sie dann, in Ordnung, sie f\u00e4hrt mit. Geht doch.<\/p>\n<p>Am Nachmittag, als der Regen aufgeh\u00f6rt hat, auf einem kurzen Spaziergang vor einem Souvenirgesch\u00e4ft ein Schild gesehen, auf dem Thessaloniki in verschiedenen Sprachen steht: <em>Thessalonika \u2013 Thessaloniki \u2013 <\/em><em>\u0398\u03b5\u03c3\u03c3\u03b1\u03bb\u03bf\u03bd\u03af\u03ba\u03b7<\/em> einerseits, <em>Sal\u00f3nica &#8211; Salonicco &#8211; Selanik &#8211; \u0421\u0430\u043b\u043e\u0301<\/em><em>\u043d\u0438\u043a\u0438<\/em><em> \u2013 <\/em><em>\u0421\u043e\u043b\u0443\u043d<\/em> andererseits, und dann Sprachen, bei denen man seine liebe Not und M\u00fche hat, herauszufinden, um welche Sprachen es sich handelt: \u585e\u8428\u6d1b\u5c3c\u57fa -\u05e1\u05dc\u05d5\u05e0\u05d9\u05e7\u05d9 &#8211; \u0633\u0627\u0644\u0648\u0646\u064a\u0643\u00a0 &#8211; \u30c6\u30c3\u30b5\u30ed\u30cb\u30ad.<\/p>\n<p>An der B\u00fccherei in der Oberstadt h\u00e4ngt ein Schild mit den \u00d6ffnungszeiten: 8.00 \u2013 8.30. Das kann einen auf den ersten Blick verdutzen. Man muss genau hinsehen: 8.00 \u03c0.\u03bc. \u2013 8.30 \u03bc.\u03bc. Die B\u00fccherei ist also von 8.00 Uhr morgens bis 8.30 abends ge\u00f6ffnet. In Griechenland benutzt man die Zw\u00f6lfstundenuhr.<\/p>\n<p>Dann komme ich wieder zu einem Caf\u00e9, das mir dieser Tage schon aufgefallen war, dem Gartencaf\u00e9. Der Eingang sieht \u00fcberhaupt nicht nach Garten aus. Man geht durch einen engen Gang an der Aluminiumtheke der K\u00fcche vorbei. Und dann befindet man sich pl\u00f6tzlich in einem sch\u00f6nen, baumbestandenen Innenhof. An einem Tisch sitzen Kinder und essen \u2013 Mittagessen oder das Abendessen? \u2013 an einem Tisch sitzen drei junge Leute und trinken Wein und Bier und an der Theke hocken ein paar M\u00e4nner.<\/p>\n<p>Schon dieser Tage war mir eine Schiefertafel aufgefallen, auf der handschriftlich irgendetwas \u00fcber Wein und Raki steht. Als der Kaffee kommt, bitte ich das M\u00e4dchen, mir beim Entziffern zu helfen. Das klappt erst im zweiten Anlauf. Sie glaubt, ich wolle die \u00dcbersetzung. Aber ich will erst einmal wissen, was da steht: \u03a0\u03af\u03bd\u03c9 \u03c1\u03b1\u03ba\u03af \u03ba\u03b1\u03b9 \u03b4\u03b5\u03bd \u03bc\u03b5\u03b8\u03ac\u03c9, \u03ba\u03c1\u03b1\u03c3\u03af \u03ba\u03b1\u03b9 \u03b4\u03b5\u03bd \u03bc\u03b5 \u03c0\u03b9\u03ac\u03bd\u03b5\u03b9, \u03bc\u03cc\u03bd\u03bf \u03c4\u03bf \u03bc\u03c0\u03c1\u03bf\u03cd\u03c3\u03ba\u03bf \u03c4\u03bf\u03c5 \u03c3\u03b5\u03b2\u03bd\u03ac \u03c3\u03c4\u03b7\u03bd \u03cc\u03c1\u03b5\u03be\u03b7 \u03bc\u03b5 \u03b2\u03b3\u03ac\u03bd\u03b5\u03b9 \u2013 <em>Ich trinke Raki und werde nicht betrunken, Wein und er hat keine Wirkung, nur der herbe Kummer der Liebe bringt mich in Stimmung.<\/em><\/p>\n<p>Das Einfache ist immer das Schwerste. Wie jetzt mal wieder erfahren, als es um das Wort seit geht. Im Griechischen muss man, wie im Englischen, unterscheiden zwischen Zeitpunkt und Zeitraum und au\u00dferdem zwischen Pr\u00e4position und Konjunktion. Also gibt es f\u00fcr <em>seit Ostern<\/em> (\u03b1\u03c0\u03cc), <em>seit zwei Wochen <\/em>(\u03b5\u03b4\u03ce \u03ba\u03b1\u03b9) und <em>seit ich sie kenne<\/em> (\u03b1\u03c0\u03cc \u03c4\u03cc\u03c4\u03b5 \u03c0\u03bf\u03c5) drei Entsprechungen. Dagegen ist <em>Masochismus<\/em> ein Kinderspiel.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">2. Juli (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Ausflug nach Loutra Pozar mit Sofia und Vasoula. Gleich am Anfang fahre ich \u00fcber eine rote Ampel und dann verwechsle ich rechts und links. Danach halten sich die beiden voller Anspannung an ihren Sitzen fest und geben weitere Instruktionen auf Englisch. Sie werden dann aber gl\u00fccklicherweise abgelenkt, weil die Rede auf das Referendum kommt. Eine halbe Stunde lang fetzen sie sich mit einer Lautst\u00e4rke und in einem Tonfall, bei dem einem angst und bange werden k\u00f6nnte. Im n\u00e4chsten Moment, glaubt man, z\u00fccken sie die Messer. Trotzdem muss ich lachen. Ich verstehe von den Einzelheiten gar nichts, aber dass sie uneins sind, ist nicht zu \u00fcberh\u00f6ren. Der jeweils andere ist schlecht informiert, hat keine Ahnung, versteht nichts, ist Opfer der Manipulationen der Medien. Man selbst hat den totalen Durchblick. Es wimmelt nur so von Polemik und von suggestiven Phrasen: Du willst doch wohl nicht sagen, dass\u2026 &#8211; \u00a0Danach sind sie wieder die besten Freunde.<\/p>\n<p>In der Zwischenzeit sind wir an Kordelio vorbeigekommen. Das kenne ich aus einem der nostalgischen Lieder, in dem es Seite an Seite mit Smyrna vorkommt. Aber warum liegt das hier? Die Antwort erfahre ich erst am n\u00e4chsten Tag: Es ist eine Neugr\u00fcndung der Fl\u00fcchtlinge aus Kleinasien. Die haben der neuen Heimat den Namen der alten Heimat gegeben. Wie \u00fcberall auf der Welt. Ganz einfach.<\/p>\n<p>Nach genau 42 Kilometern sind wir in Pella, dem Ausgangspunkt des Marathons von Thessaloniki. Bedeutet das, dass die Strecke \u00fcber die Landstra\u00dfe geht? Dann gute Nacht! Langweiliger kann es nicht sein, und sch\u00f6n ist die Gegend auch nicht. Zuschauer werden sich hierher keine verirren. Der einzige Lichtblick ist, dass es die meiste Zeit sanft bergab geht.<\/p>\n<p>Irgendwann \u00fcberholen wir in einer Kolonne einen Lastwagen. Die beiden fangen wild an zu schreien: Durchgezogene Linie, hier darf man nicht \u00fcberholen! Ich biege mich vor Lachen. Wir sind in Griechenland! Die beiden kommentieren mit einer Mischung aus Entsetzen und Achtung: Der f\u00e4hrt wie ein Grieche. Wir stecken die Ausl\u00e4nder mit all unseren Unarten an.<\/p>\n<p>Sprachlich kommt auch was raus. Sie benutzen abwechselnd das Wort f\u00fcr <em>geradeaus<\/em>, das ich kenne, und ein anderes, das ich in den letzten Wochen immer wieder geh\u00f6rt, aber nicht richtig identifiziert habe: \u03b5\u03c5\u03b8\u03b5\u03af\u03b1 und \u03af\u03c3\u03b9\u03b1. Die werden wohl unterschiedslos gebraucht. K\u00f6nnte sein, dass \u03af\u03c3\u03b9\u03b1 ein bisschen umgangssprachlicher ist.<\/p>\n<p>Nach der Politik kommt das Gespr\u00e4ch auf private Dinge, auf Beziehungen. Sofia erz\u00e4hlt von ihrer Nichte, der \u00dcberfliegerin, die sowohl im Labor als auch auf der Opernb\u00fchne ein Star ist. Sie habe sich von ihrem Freund getrennt. Oder er sich von ihr. Der sei einfach nicht damit klar gekommen, dass sie alles so gut kann. Kann man verstehen. Sofia sagt, sie ermutige ihre Nichten, sich nicht mit Mittelma\u00df zufrieden zu geben, jemanden zu suchen, der mit ihnen auf Augenh\u00f6he ist. Deshalb, meint sie selbst trocken, seien sie weiterhin alleine.<\/p>\n<p>Als wir bald am Ziel sein m\u00fcssten, kommen wir durch ein Dorf, und pl\u00f6tzlich hei\u00dft es, halt hier mal an. Wo, hier? Hier, gleich hier, keinen Meter weiter. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was vor sich geht. Wir steigen aus und gehen in die Dorfkneipe gegen\u00fcber. Weit und breit ist niemand zu sehen. Dann kommt aus der dunklen Kneipe eine Frau, dann ein Kind, dann ein Mann. Freunde von Sofia. Die wird freudig und herzlich begr\u00fc\u00dft.<\/p>\n<p>Wir setzen uns und trinken Kaffee. Kaum, dass wir sitzen, geht die politische Diskussion wieder los, mit derselben Sch\u00e4rfe und Lautst\u00e4rke wie vorhin, nur diesmal ist es Sofia gegen Nikos, den Besitzer der Kneipe, ein gutm\u00fctig aussehender Mann mit einem immensen Bauch. Dass die beiden sich nicht einig sind, ist nicht zu \u00fcbersehen, aber erst sp\u00e4ter erfahre ich, was es mit seiner politischen Gesinnung auf sich hat: Er kommt von rechts statt, wie Vasoula, von links. Trotzdem hat er Syriza gew\u00e4hlt und wird mit Nein stimmen. Am besten w\u00e4re f\u00fcr Griechenland eine Diktatur. Die Leute k\u00f6nnten sich nicht einigen. Jeder Grieche sei wie ein Ministerpr\u00e4sident. Da w\u00e4re es besser, wenn jemand von oben die Sache regele.<\/p>\n<p>Wir beiden anderen sitzend schweigend dabei. Eigentlich w\u00fcrde ich lieber weiterfahren, aber danach sieht es nicht aus, obwohl wir aufbrechen. Aber nicht nach Loutra, sondern auf Nikos Kirschenplantage. Ich sitze im Auto neben ihm, und er wird immer zutraulicher, nachdem er mit vorher immer nur von der Seite be\u00e4ugt hat. Erst allm\u00e4hlich merkt er, wie wenig ich verstehe, aber da stellt es sich gut drauf ein und findet eine Redeweise, mit der ich zurechtkomme.<\/p>\n<p>In der Kirschenplantage versinken wir mit unseren Sandalen im Sumpf. Der Regen der letzten Tage fordert seinen Tribut. Aber die Kirschen, dunkel und gro\u00df, schmecken sagenhaft gut, und man kann sie leicht pfl\u00fccken. Mit den Kirschb\u00e4umen unseres Elternhauses, auf die man klettern musste, um an die Kirschen zu kommen, haben diese Str\u00e4ucher keine \u00c4hnlichkeit. Sie sehen eher wir Kletterpflanzen aus und haben keine richtigen St\u00e4mme. Die Str\u00e4ucher stehen in langen parallelen Reihen und klettern an Drahtgeflechten hoch. Alles wird mit der Hand gepfl\u00fcckt. H\u00e4ufig hat man ganze Trauben von Kirschen, und die sehen wirklich fast wie Weintrauben aus. Es ist schon etwas sp\u00e4t, sagt Nikos. Vor einer Woche h\u00e4tten sie noch besser geschmeckt.<\/p>\n<p>Als wir zur\u00fcckkommen, ist angerichtet. Auf der anderen Stra\u00dfenseite, vor einer Wiese, stehen mit wei\u00dfen Tischt\u00fcchern eingedeckte Tische. Aus der Taverne kommt griechische Musik hin\u00fcber. W\u00e4hrend der ganzen Zeit kommt hier nur ein einziges Auto vorbei. W\u00e4hrend Rena, Nikos Frau, auftischt, machen wir uns an einem Brunnen zu schaffen und spritzen den Dreck von den Sandalen ab.<\/p>\n<p>Alle Proteste nutzen nichts. Nach Loutra k\u00f6nnt ihr auch nach dem Essen noch fahren. Es wird eine Flasche Wein mit einem Etikett vom Berg Athos aufgetragen. Ob ich da schon mal gewesen w\u00e4re. Nein, ist mir zu l\u00e4stig mit all den Formularen und Antr\u00e4gen. Kein Problem, sagt er mir, n\u00e4chstes Mal sagst du mir Bescheid. Ich kenne da jemanden \u2026 Eine sehr griechische L\u00f6sung. Auch der Wein kommt daher\u00a0 bzw. die Trauben f\u00fcr den selbstgemachten Wein.<\/p>\n<p>Es ist kein Korkenzieher da. Nikos beauftragt das M\u00e4dchen, Anatoli, r\u00fcberzugehen und einen zu holen. Die ist nicht begeistert. Ich biete an, einen zu holen, aber als ich aufstehe, raunt er ihr zu: \u201eLauf!\u201c Wir laufen beide um die Wette. Sie gewinnt und holt den Korkenzieher. Das Eis ist gebrochen. Von da an spielen wir den halben Tag miteinander und albern herum.<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen, Anatoli, kommt ganz auf den Vater hinaus. Ein Menschentyp, den man nur beneiden kann, ganz und gar im Frieden mit sich selbst (so formuliert es Sofia sp\u00e4ter), mit der F\u00e4higkeit, zu genie\u00dfen, ganz egal, ob spielend, essend oder redend. Beide lachen gerne und viel, mit strahlenden Augen. Sp\u00e4ter kommt dann die \u00e4ltere Schwester, das Gegenbild zu ihr, der Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten, schlank, schmallippig, ernst. Sie steht vor dem Abschluss der Schule, wei\u00df aber noch nicht, was sie mal werden soll. Abstimmen darf sie am Sonntag noch nicht. Sie wird erst im Herbst achtzehn.<\/p>\n<p>Zwischendurch legen Sofia und Nikos wieder los mit der politischen Diskussion, mit nicht nachlassendem Eifer. Wir anderen h\u00f6ren zu. Als es gegen Abend in Loutra, in die f\u00fcnfte oder sechste Runde geht, f\u00e4hrt Rena, die schon den halben Tag die Augen verdreht, irgendwann dazwischen und sagt: Jetzt h\u00f6rt mal auf.<\/p>\n<p>Zum Nachtisch gibt es eingelegte Fr\u00fcchte, Kirschen und Apfelsinen (mit Schalen). Davon braucht man eigentlich nur eine probieren, aber meine Abwehrbewegungen werden von Nikos souver\u00e4n ignoriert, und es wird immer mehr auf meinen Teller geschaufelt. Das Zeug schmeckt teuflisch gut.<\/p>\n<p>Als wir dann endlich aufbrechen wollen, m\u00f6chte Anatoli mitfahren. Sie braucht nicht lange zu betteln. Ihr Vater schl\u00e4gt ihr keinen Wunsch ab.<\/p>\n<p>Loutra Pozar ist von hier aus nur eine Viertelstunde entfernt. Schon vor der Einfahrt in den Ort kommt man an einer langen Reihe von ehemaligen Privath\u00e4usern vorbei, die alle, mit staatlicher Hilfe, zu Hotels umgebaut worden sind.<\/p>\n<p>Die Sache selbst ist dann aber erstaunlich klein. Keine Ahnung, wo alle diese G\u00e4ste abbleiben. Schon aus der Entfernung h\u00f6rt man das Wasser rauschen. Man kommt an einen Waldrand und sieht von oben auf den Wasserfall hinunter, einen doppelten, nicht sehr hohen Wasserfall, der auf der einen Seite ganz gerade hinunterf\u00e4llt und wie eine Gardine aussieht, auf der anderen Seite aber ganz ungleichm\u00e4\u00dfig, in verschiedenen Strahlenb\u00fcndeln, \u00fcber bemooste Felsen hinunterf\u00e4llt. Es sieht sch\u00f6n aus, aber drin sein ist noch viel besser. Der besondere Clou ist, dass das Wasser auf der einen Seite warm, auf der anderen Seite eiskalt ist. Nur Nikos, Anatoli und ich klettern \u00fcber die glitschige Mauer auf die kalte Seite. Nur beim ersten Mal f\u00fchlt es sich kalt an. Danach sp\u00fcrt man den Wechsel kaum noch. Man kann sich unter den Wasserstrahl stellen und sich massieren lassen oder in dem seichten Wasser davor ein bisschen herumschwimmen. Au\u00dferdem hat Anatoli einen Ball mitgebracht, und wir drei arbeiten die ganze Palette der g\u00e4ngigen Spielchen ab. Zwischendurch reitet Anatoli auf dem R\u00fccken ihres Vaters durch das Wasser, was beide mit kindlicher Freude genie\u00dfen.<\/p>\n<p>Rena ist drau\u00dfen geblieben und macht Photos. Der beste Blick l\u00e4sst sich von oben aber nicht einfangen, und das ist vielleicht auch gut so. Der beste Blick er\u00f6ffnet sich, wenn man unter dem Wasserfall steht und durch das Wasser und die B\u00e4ume auf den blauen Himmel sieht.<\/p>\n<p>Als wir rausgehen, zeigt Nikos, Anatoli im Schlepptau, mir noch die Gegend. Wir klettern einen Hang rauf, waten durch einen Bach, an Felsen und Platanen vorbei. Es ist sehr, sehr gr\u00fcn hier, der Wald sieht wie ein Wald in der Heimat aus, auch wenn es nicht die gleichen B\u00e4ume sind.<\/p>\n<p>Nikos erkl\u00e4rt die verschiedenen Pfade und wohin sie f\u00fchren. Beim n\u00e4chsten Mal, wenn du kommst, gehen wir da rauf, zu einem Gebirgsbach, da kann man schwimmen und Sardellen fangen. Beim n\u00e4chsten Mal, wenn du kommst, pfl\u00fccken wir zusammen Nektarinen. Beim n\u00e4chsten Mal, wenn du kommst, mache ich \u03c3\u03c4\u03c1\u03b1\u03c0\u03b1\u03c4\u03b6\u03ac\u03b4\u03b1. Du musst unbedingt im Herbst kommen, da machen wir Raki.<\/p>\n<p>Als wir uns anschlie\u00dfend noch in ein Caf\u00e9 setzen, direkt am Waldrand, habe ich Gelegenheit, nach der Taverne zu fragen. Die G\u00e4ste kommen aus dem Dorf, aber auch aus der Umgebung, aber die Krise macht sich schwer bemerkbar. Fr\u00fcher h\u00e4tten die Kunden Bier getrunken und richtig gegessen, am Wochenende habe es oft bis ins Morgengrauen gedauert. Heute k\u00e4men sie auf einen Raki und ein paar Sardellen vorbei und seien nach zehn wieder verschwunden. Es ist nicht nur das Geld, auch die Stimmung, sagt er.<\/p>\n<p>Am Ende k\u00f6nnen wir uns mit M\u00fche und Not der Einladung zum Abendessen erwehren, m\u00fcssen aber versprechen, bald wiederzukommen. Am Waldrand machen wir noch Halt an ein paar St\u00e4nden, wo es Obst und Honig und Cremes zu kaufen gibt. Wir bekommen verschiedene Honigsorten zu probieren. Erst bei dem direkten Vergleich merkt man, wie unterschiedlich die schmecken. Die Verk\u00e4uferin beschreibt die Geschm\u00e4cker in blumigen Worten.<\/p>\n<p>Auf der R\u00fcckfahrt machen wir Halt in Edessa, einem gepflegten Ort, der vom Tourismus lebt. Es gibt auch Ausgrabungen und alte M\u00fchlen, aber die Hauptattraktion ist der Wasserfall, ungef\u00e4hr drei\u00dfig Meter tief, den man \u00fcber Wege aus immer neuen Perspektiven sehen kann, auch von hinten. Im ganzen Ort gibt es weitere kleinere Wasserf\u00e4lle, einer anders als der andere, vermutlich k\u00fcnstlich angelegt.<\/p>\n<p>In Edessa \u00fcbernimmt Sofia das Steuer. Ist mir sehr recht. Sie macht das sehr souver\u00e4n und steuert nat\u00fcrlich auch mit blinder Sicherheit durch die Stra\u00dfen der Altstadt. Zum Schluss setzt sie dann Vasoula auf eine sehr griechische Art ab. Statt in die Seitenstra\u00dfe abzubiegen, h\u00e4lt sie mitten auf der Olympiados. Vor hupenden Autos und schimpfenden Fahrern sammelt Vasoula in aller Ruhe ihre Siebensachen zusammen und k\u00e4mpft mit der Kofferraumt\u00fcr. Als die Aktion endlich beendet ist, wollen wir auf etwas abenteuerliche Art links abbiegen. Ich w\u00fcrde hier weiterfahren und wenden. Das kommt Sofia nicht in den Sinn. Die Autos hinter uns warten immer noch, und w\u00e4hrend sie von denen beschimpft wird, beschimpft sie die Bl\u00f6dm\u00e4nner vor ihr, links von ihr und rechts von ihr, die nicht in die G\u00e4nge kommen oder sie nicht reinlassen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">3. Juli (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Was als Yoga angek\u00fcndigt ist, ist auch nichts anderes als Gymnastik, nur weniger rhythmisch. Erst ganz zum Schluss kommen ein paar \u00dcbungen mit Elementen, die man mit Yoga verbindet. Anstrengend ist es allemal. Einige der jungen Frauen geben bei der Sache wirklich eine gute Figur ab, und die Vorturnerin, Maria, die Schwester der Vorturnerin bei der Gymnastik, Stella, macht Bewegungen, die der menschlichen Anatomie total zuwiderlaufen, und das alles mit scheinbarer Leichtigkeit. Einmal m\u00fcssen wir alle lachen, als sie bei einer ohnehin schon unm\u00f6glichen Figur auch noch ein Bein in die Luft hebt \u2013 und ernsthaft erwartet, dass wir das nachmachen.<\/p>\n<p>Das geplante Kaffeetrinken, das komischerweise vor den Gesundheitsfanatikern verschwiegen wird, f\u00e4llt aus irgendwelchen Gr\u00fcnden ins Wasser und wird jetzt auf Montag verschoben. Man schleppt mich aber noch mit in eine B\u00e4ckerei, in der es Bioprodukte gibt. Da kaufe ich das gleiche Brot wie alle anderen.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg an Banken vorbeigekommen, die ge\u00f6ffnet sind. Es wird aber eine Eingangskontrolle gemacht. An diejenigen, die reind\u00fcrfen, werden Nummern vergeben. Vor allen Geldautomaten Schlangen, aber meist nicht mehr als 6-7 Leute in der Schlange.<\/p>\n<p>Am Aristoteles-Platz haben die Neinsager f\u00fcr das Referendum am Sonntag bereits plakatiert, vor allem Syriza, aber nicht nur. Von der anderen Seite sehe ich nur ein einziges Plakat, das etwas verlassen an einem Laternenpfahl h\u00e4ngt. Mir geht der vielleicht etwas abwegigen Gedanke durch den Kopf, ob Nein in diesem Zusammenhang positivere Assoziationen haben k\u00f6nnte als Ja. Der heimliche griechische Nationalfeiertag ist der Tag, an dem Nein gesagt wurde.\u00a0 \u039f\u03c7\u03b9 hat einen guten Klang.<\/p>\n<p>Danach mit dem Handy zu Nokia. Es droht neues Ungemach. Leider kann ich nicht an den geduldigen Mann kommen, der mir beim letzten Mal geholfen hat. Stattdessen kommt ein junger Mann, dessen Griechisch ich nicht verstehe und dessen Englisch wirklich schlecht ist. Vom Blue Death hat er noch nie geh\u00f6rt. Im Grunde will er mir wohl sagen, dass alles in Ordnung ist, dass meine Daten sicher sind. Dann kommt aber pl\u00f6tzlich der andere Mann nach vorne und sieht sich die Sache in Ruhe an. Wir ver\u00e4ndern die Sprache des Handys. Im Griechischen werden zwar auch viele englische Begriffe verwandt, aber Kontakte, Datensicherung, Einstellungen usw. sind griechisch. Er loggt sich dann auch noch in mein Konto ein und \u00fcberpr\u00fcft, welche Daten gesichert sind. Sieht ganz gut aus. Am Ende sagt er mir eigentlich dasselbe wie der junge Mann vorher, aber ich bin beruhigter. Er will wieder nichts kassieren, nimmt aber diesmal die freiwillige Bezahlung an.<\/p>\n<p>Nach den vielen Kilometern kommt dann endlich eine Kaffeepause, gleich auf derselben Stra\u00dfe. Es gibt keine Bougatsa mehr. Ich frage, ob es irgendwas S\u00fc\u00dfes zum Kaffee gebe. Der Kellner sagt irgendwas von K\u00fcrbis, und ich wiederhole meine Frage. Ja, sagt er, das sei s\u00fc\u00df. Er bringt mir einen gro\u00dfen, mit Puderzucker bestreuten und wohl mit K\u00fcrbis gef\u00fcllten Teigring. Ist wirklich s\u00fc\u00df und macht f\u00fcr einen halben Tag satt.<\/p>\n<p>Volksabstimmungen haben einen guten Ruf. Zu unrecht. Sie gelten als die reinere, echtere Form von Demokratie. Aber das Volk ist leicht zu beeinflussen, folgt seinen\u00a0 Instinkten statt der rationalen Abw\u00e4gung. Und die Volksabstimmung kommt ja nicht vom Volk, sondern wird von oben eingeleitet und organisiert. Und wer die Frage stellt, hat die eigentliche Macht. Man kann jede Frage so stellen, dass sie mit ja und so stellen, dass sie mit nein beantwortet wird. Jetzt, bei dieser Abstimmung, ist es noch schlimmer. Das Oberste Gericht entscheidet erst heute, ob die Abstimmung rechtens ist. Der Text ist zwei Tage vor der Abstimmung immer noch nicht bekannt. Wer soll sich jetzt noch ein Bild davon machen, wor\u00fcber eigentlich abgestimmt wird? Und selbst wenn man es k\u00f6nnte, wie soll man wissen, was die Folgen sind? Man wei\u00df weder, was passiert, wenn Ja gewinnt, noch, was passiert, wenn Nein gewinnt. Wird die Regierung abtreten, neu verhandeln, wird es Neuwahlen geben? Werden die Institutionen Griechenland fallen lassen, wenn es ein Nein gibt, oder werden sie zu Konzessionen bereit sein?\u00a0 Das letzte Plebiszit gab es in Griechenland vor vierzig Jahren. Da ging es um die Abschaffung der Diktatur.<\/p>\n<p>Unsterblicher Satz in der Mail eines chinesischen Studenten, der jetzt mit einem Master-Diplom in der Tasche nach Shanghai zur\u00fcckkehrt und sich dort auf die Jobsuche macht: \u201eGl\u00fccklicherweise kann ich vorl\u00e4ufig als Lehrer arbeiten, bevor ich einen richtigen Job finde.\u201c<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">4. Juli (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Wenn man auf das Denkmal von Alexander an der Meerespromenade in gerader Linie von vorne zukommt, merkt man, dass der Kopf des Pferdes leicht abgewandt ist. Das hat den Vorteil, dass man den Kopf von Pferd und Reiter gleichzeitig sehen kann. Das ist aber nur ein Nebeneffekt. Es geht eher darum, dass Pferde in Bewegung zu zeigen. Alexander sitzt relativ locker drauf, mit weit von dem Pferd abstehenden Unterschenkeln. Nur mit einer Hand h\u00e4lt er die Z\u00fcgel, mit der anderen h\u00e4lt er ein Schwert. Er kontrolliert das Pferd mit den Oberschenkeln, die fest auf die Flanke des Pferdes dr\u00fccken. Steigb\u00fcgel gibt es keine. Die wurden erst viel sp\u00e4ter erfunden.<\/p>\n<p>Am Vormittag frage ich in einer Schreibwarenabteilung nach Karteikarten. Ich habe gleich welche mitgebracht. Der Verk\u00e4ufer sieht mich und die Karteikarten fragend an. Nee, so was h\u00e4tten sie nur als Block, gebunden. Ich bekomme die Karteikarten dann bei Malliaris an der Kamara. Dabei entdecke ich auch wunderbar gestaltete Kladden mit festem Umschlag. Die gibt es hier f\u00fcr f\u00fcnf Euro. In Deutschland bezahle ich das Dreifache daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Sofia hat vorgeschlagen, sich zum Mittagessen in der Stadt zu treffen. Vaso, von einer Konferenz zur\u00fcck, wolle auch kommen. In Ordnung. Wie sp\u00e4t? So gegen eins. Ich ruf dich an. Dann wird es sehr griechisch. Es gibt ein halbes Dutzend Anrufe und eine halbes Dutzend neue Entscheidungen, und um halb drei sitzen wir immer noch in einem Lokal an der Meeresfront und warten auf Vaso.<\/p>\n<p>Es wird aber ein sehr unterhaltsames und angenehmes Mittagessen. Nachdem die eine Deutsch und die andere Englisch mit mir sprechen will, einigen wir uns auf Griechisch als Basissprache, mit kleinen Ausfl\u00fcgen in die beiden anderen Sprachen, wenn es zu kompliziert wird. Vaso fragt nach einem Synonym f\u00fcr <em>popul\u00e4r<\/em>. Ich sage <em>volkst\u00fcmlich<\/em>. Aber das l\u00e4sst sie nicht gelten. Das sei doch was anderes. Da ist was dran. Die beiden sind zwar, wie ich sp\u00e4ter im Duden sehe,\u00a0 Synonyme, aber nur in einer Bedeutung des Wortes. Und die war hier nicht gemeint. Hier w\u00e4re <em>beliebt<\/em> besser gewesen.<\/p>\n<p>Ich bekomme noch ein paar Tipps f\u00fcr die Ausfl\u00fcge. Allerdings erfahre ich auch, dass ich falsch geplant habe. Meinen Ausflug morgen kann ich mir abschminken. Alle Sehensw\u00fcrdigkeiten sind wegen des Referendums geschlossen.<\/p>\n<p>Trotz meines Protestes fahren wir mit dem Taxi zur\u00fcck. Wir lassen Vaso raus und gehen die letzten paar Meter zu Fu\u00df. Sofia bleibt vor einem Baum stehen und fragt mich, was das f\u00fcr ein Baum sei. Keine Ahnung. Tee! Kann das sein? Der Baum tr\u00e4gt kleine, harte Fr\u00fcchte, aber unser Versuch, die aufzubrechen, gelingt nicht. Sie riechen auch nicht, noch nicht, wie Sofia sagt. Ich kann mir h\u00f6chstens vorstellen, dass es sich nicht um Tee im eigentlichen Sinne handelt, sondern um Kamille oder so was.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">5. Juli (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>W\u00e4hrend man in Deutschland am Hitzerekord kratzt, ist es hier einfach sch\u00f6n warm. Ganz selten geht es mal knapp \u00fcber 30\u00b0, meistens ist es knapp darunter. Am Morgen kann man sogar noch ganz passabel laufen, zumal unten am Meer immer eine frische Brise weht. Au\u00dferdem hat die Stadt an der Promenade Trinkbrunnen aufgestellt, in der Art der von Portland, aber nicht so sch\u00f6n. Die Atmosph\u00e4re ist die eines sonnigen Sommersonntags. Von der politischen Spannung ist nichts zu sp\u00fcren, au\u00dfer dass in der Stadt wieder \u00fcberall Schlangen vor den Bankautomaten stehen. Sofia hat gestern statt 60 \u20ac nur 50 \u20ac bekommen. Die Zwanzigerscheine werden knapp.<\/p>\n<p>Als ich zur\u00fcckkomme, werden mir aus dem Fenster auf die Stra\u00dfe frisch gebackene, warme Tiropita angereicht. Kann man nicht meckern.<\/p>\n<p>Auch als ich danach in die Stadt hinunter gehe, ist von Referendum nichts zu sehen und zu h\u00f6ren. Die Caf\u00e9s sind halbwegs gef\u00fcllt, aber die Leute scheinen \u00fcber andere Dinge zu sprechen.<\/p>\n<p>Am Mittag geht es zu Vaso zum Mittagessen. Es gibt Moussaka und verschiedene Salate. Die Wohnung ist modern und ganz stilvoll eingerichtet, wenn auch etwas zu voll. Von dem Balkon aus hat man einen sch\u00f6nen Blick auf die roten D\u00e4cher der Nachbarschaft.<\/p>\n<p>Sie zeigt mir eine sehr sch\u00f6ne griechische Sprachgeschichte, wie eine Enzyklop\u00e4die aufgemacht, mit vielen Bildern, Skizzen und Tabellen. In ferner Zukunft kann man so eine Sache mal angehen.<\/p>\n<p>Irgendwann kommt die Rede auf die Orthographie, ohne mein Dazutun, und es gibt eine Kontroverse, zu der ich mehr beizutragen h\u00e4tte, wenn ich die Sprache besser k\u00f6nnte. Und ich will in der Gegenwart von Sofia und Anna nicht zu viel Gebrauch vom Deutschen machen. Meist ist aber von privaten Dingen die Rede, famili\u00e4re Probleme. Es stellt sich heraus, dass Vaso jetzt ein paar Tage bei ihrer Familie verbringt und dass Sofia und Ana jetzt doch ans Meer fahren. Ich muss eine gute Woche alleine \u00fcber die Runden kommen, aber in Thessaloniki geht das zur Not.<\/p>\n<p>Vorsichtiger Versuch einer Beschreibung nationaler Verhaltensweisen. In einer der Kirchen, die ich hier besichtigt habe, war eine deutsche Besuchergruppe. Als ich meine Kamera z\u00fccke, ruft mir eine der Teilnehmerinnen mit dem Tonfall einer Oberlehrerin laut aus der Gruppe zu: \u201eSie d\u00fcrfen hier nicht photographieren!\u201c Auf die Alternativen \u2013 stille Geste, zu mir kommen und mir das leise sagen oder Klappe halten \u2013 kommt sie nicht. Kein Grieche k\u00e4me auf die Idee, einen anderen zu ma\u00dfregeln, nur weil der ein Verbot nicht beachtet. Der kann die Einbahnstra\u00dfe rauffahren, mit dem Motorrad in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone bis vor das Gesch\u00e4ft fahren, seinen M\u00fcll neben die M\u00fclltonne werden. Aber wehe, wenn der das macht und ihm dabei in die Quere kommt! Wehe er parkt irgendwo, wo man nicht parken darf und erschwert ihm damit die Ausfahrt. Dann geht das Gezeter los, und aus dem anderen wird in Sekundenschnelle ein <em>Wichser<\/em>.<\/p>\n<p>Zitat von Nietzsche, irgendwo geh\u00f6rt: Siegel der erreichten Freiheit ist es, sich nicht mehr vor sich selbst zu sch\u00e4men.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">6. Juli (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Klare Mehrheit f\u00fcr ein Nein beim Referendum. Es gibt im ganzen Land keinen Wahlbezirk, wo Ja die Mehrheit bekommen hat. Es wurde gefeiert, aber was? Alle Fragen sind offen. Jetzt erst recht. Das Nein ist ein bisschen trotzig und ist vermutlich durch die Einmischungen von au\u00dfen &#8211; Gabriel, Schulz, Dijsselbloem, Junker &#8211; eher noch gest\u00e4rkt worden. Au\u00dferdem hat die sehr populistische Propaganda \u2013 von Ehre und W\u00fcrde war viel die Rede &#8211; offensichtlich verfangen. Und die Ja-Seite hatte keinen charismatischen Repr\u00e4sentanten.<\/p>\n<p>Am Nachmittag kommt dann die Nachricht vom R\u00fccktritt von Varoufakis. V\u00f6llig \u00fcberraschend. Er ist wohl nicht ganz freiwillig gegangen. Vielleicht hat Tsipras ihn geopfert, um ein Zeichen des guten Willens zu setzen. Varoufakis hatte sich mit seinen Provokationen nicht viele Freunde gemacht. Es hei\u00dft, Tsipras wolle jetzt sogar Vorschl\u00e4ge vorlegen, die mit der Opposition abgestimmt sind und von der mitgetragen werden. Macht er jetzt vielleicht sogar das, was die Opposition gemacht h\u00e4tte, wenn sie die Abstimmung gewonnen h\u00e4tte und Tsipras zur\u00fcckgetreten w\u00e4re?<\/p>\n<p>Bei der Gymnastik werden immer wieder die gleichen Befehle gegeben. Das ist ein Paradies f\u00fcr den Fremdsprachenlerner. Die Muttersprachler wiederholen ein Wort so oft, wie sie es unter anderen Umst\u00e4nden nie zu tun bereit w\u00e4ren. Selbst das st\u00e4ndige Z\u00e4hlen tut gut, von unten nach oben und von oben nach unten, auch wenn man die Zahlen \u201ekennt\u201c. Bei der Beschreibung der Bewegungen kommt, wenn wir auf dem Boden liegen, immer wieder die <em>Kobra<\/em> vor, die auch auf Griechisch so hei\u00dft, \u03ba\u03cc\u03bc\u03c0\u03c1\u03b1. Aber auch bei mehrmaliger Wiederholung ist man oft nicht sicher, wie genau das Wort ist. Wenn wir einen Buckel machen\u00a0 sollen, wird ein Wort gebraucht, das sie wie \u03b2\u03bf\u03c5\u03bd\u03cc anh\u00f6rt, das Wort f\u00fcr \u201aBerg\u2018. Aber ist es das auch? Wenn man nach diesen W\u00f6rtern fragt, machen die Leute hier das, was Muttersprachler immer machen: Sie geben die Bedeutung des Wortes, meist in der englischen \u00dcbersetzung, aber nie die Form. Nie. Selbst auf Nachfrage ist die Form kaum herauszubekommen. Dabei leitet sich die Bedeutung oft viel einfacher ab. Aber: Waren das jetzt drei oder vier Silben, war das ein Omega oder ein Alpha in der Mitte, ein Psi oder ein Xi am Anfang?<\/p>\n<p>Heute wird bei der Gymnastik zum ersten Mal gelaufen, richtig. Da bin ich eher in meinem Element. Ein kleiner Junge, der immer dabei ist und die \u00dcbungen eher widerwillig mitmacht, l\u00e4uft los wie von der Tarantel gestochen. Obwohl er dann immer langsamer wird, kommt er als erster ans Ziel. Er tr\u00e4gt ein T-Shirt mit den Namen von Messi und Ronaldo und einer albernen Karikatur. Ich frage ihn, wer besser sei, und er sagt, wie erwartet: Ronaldo. Der taucht mit seinen Starall\u00fcren und seinen M\u00e4tzchen eher als Gegenstand der Verehrung.<\/p>\n<p>Es gibt nach der Gymnastik sogar Kuchen. Geburtstag von Stella, der Trainerin. Es wird eine Kerze ausgeblasen und das klassische Kinderlied gesungen, dessen Text mir l\u00e4ngst wieder entfallen ist.<\/p>\n<p>Ich habe mich mit Rania verabredet, nach der Gymnastik immer eine Stunde Griechisch zu machen. Es dauert eine ganze Weile, bis sie kapiert, worum es geht. Keine Erkl\u00e4rungen, Beispiele. Keine Theorie, Praxis. Kein Englisch, Griechisch. Ganz allm\u00e4hlich bekommt sie die Sache in den Griff, und am Ende scheint es ihr fast Spa\u00df zu machen.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Caf\u00e9 beschwert sich Hilda, die Frau aus Santo Domingo, \u00fcber die griechische Sonne. Die sei st\u00e4rker als die in der Heimat, sie habe Schwierigkeiten, sie auszuhalten. Wer h\u00e4tte das gedacht? Obwohl sie sie selbst nicht braucht, hat sie einen Tipp f\u00fcr selbsthergestellte Sonnencreme, aus M\u00f6hren, \u00d6l und einer anderen Substanz.<\/p>\n<p>Wir sitzen weiterhin in dem Caf\u00e9, wo wir vorher verabredungsgem\u00e4\u00df einen Kaffee getrunken haben. Der Kellner hat einen Cousin in M\u00fcnchen, und sein Vater ist in Essen geboren. Das taugt wiederum zur Verortung von Trier.<\/p>\n<p>Die Frau aus Armenien schenkt mir ein Band, ein Gummiband, in dem eine Farbe in eine andere \u00fcbergeht, mit einer Aufschrift. Wir wollen nat\u00fcrlich wissen, was da steht. Das Datum, der 15. April 1915, bezieht sich auf das Massaker der Armenier durch die T\u00fcrken. Der Text bedeutet so etwas wie \u201eWir tragen Trauer im Herzen.\u201c Ein nationales Trauma, aber auch ein nationaler Mythos. Man definiert sich durch ein Unrecht, das einem von einem anderen Volk angetan wurde. Die Buchstaben sind tats\u00e4chlich weder Kyrillisch noch Lateinisch, sondern eine ganz eigene Sache. Katerina findet, dass sie den kyrillischen Buchstaben \u00e4hnlich sehen, aber da muss man sich schon anstrengen, die Parallelen zu finden.<\/p>\n<p>Diesmal ist auch eine etwas \u00e4ltere Frau dabei, Elena, die mich schon mal kurz auf Deutsch begr\u00fc\u00dft hat. Sie stammt aus Thessaloniki, hat aber lange in Athen gelebt. Athen gef\u00e4llt ihr sehr. Ich hatte eher mit Vorbehalten gerechnet. Sie hat eine Affinit\u00e4t zu Deutschland. Das mag sie. Wegen der Ordnung. Ihr Mann hat lange in Frankfurt gelebt oder stammt daher. Eine Tochter studiert in M\u00fcnchen. Die andere studiert in England, weil es ihr Studienfach \u2013 Klimatologie, wenn ich richtig verstanden habe \u2013 in Deutschland nicht gibt. Sie hat ihrer Tochter aber empfohlen, in England flei\u00dfig Deutsch zu lernen, damit sie sp\u00e4ter nach Deutschland gehen kann. Am gleichen Morgen habe ich im Internet w\u00fcste Beschimpfungen von Deutschland gesehen, sowohl von Seiten des Volks, als auch von Seiten der Eliten. In der Zeitung sagt ein deutscher Journalist, er versuche seit zwanzig Jahren, das Verh\u00e4ltnis der Griechen zu Deutschland zu erkunden, vergeblich. Kein Wunder, dass es mir nach ein paar Monaten nicht anders geht.<\/p>\n<p>Elena hat ein Ferienhaus am Strand, in Chalkidiki. Sie l\u00e4dt uns alle dahin ein. Das ist nicht nur so daher gesagt. Sie macht gleich N\u00e4gel mit K\u00f6ppe. N\u00e4chsten Dienstag. Und wir sollen am Abend dableiben. Ich stimme dem enthusiastisch zu, die anderen eher z\u00f6gernd. Sie will sogar schon wissen, was wir zum Fr\u00fchst\u00fcck wollen. Ich pl\u00e4diere f\u00fcr Bougatsa, zum allgemeinen Entsetzen: Ungesund. Ja, aber leeeecker!<\/p>\n<p>Als ich mich durch die Hitze nach Hause geschleppt habe und gerade auf dem Weg zum B\u00e4cker bin, ruft mich Dimitrios zu sich hinein und bietet mir ein Schn\u00e4pschen an. Da sag ich nicht nein. Der Schnaps wird mit Eisw\u00fcrfel serviert. Ich habe mit Raki gerechnet, es schmeckt aber nach Ouzo. Er hat ganz \u03c4\u03c3\u03af\u03c0\u03bf\u03c5\u03c1\u03bf gesagt, und das ist das griechische Wort f\u00fcr Raki. Entweder hat das Wort eine weitere Bedeutung oder es ist eine Variante des Raki.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie immer, breitet er lautstark und lachend, wort- und gestenreich seine Lebensphilosophie aus, in der Steckdose und Stecker als Bild f\u00fcr Frau und Mann einen festen Platz haben. Dann fragt er nach Sofia und nach meinen Ausfl\u00fcgen. Und dann will er noch wissen, wohin ich gerade will. B\u00e4cker. Da kann ich dir einen empfehlen, an der Ecke des Agias Sofias und Kassandrou. Da soll ich \u0391\u03b3\u03b9\u03bf\u03c1\u03b5\u03af\u03c4\u03b9\u03ba\u03bf<br \/>\nkaufen. Er schreibt den Namen sogar auf, weil er mir nicht traut, ihn bis zur B\u00e4ckerei behalten zu k\u00f6nnen. Womit er Recht hat. Das Brot ist dann ausverkauft, aber macht nichts. Die Freude an der Geste und am Schnaps \u00fcberwiegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um sechs Uhr Anruf von Eleni. Ob wir uns heute Nachmittag treffen k\u00f6nnten. Heute Nachmittag? Ja, so um sieben. Der griechische Begriff von <em>Nachmittag<\/em> ist offensichtlich ziemlich dehnbar.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es geht um ihre Tochter, Joana. Die \u00fcberlegt in Deutschland zu studieren, Medizin, m\u00f6glichst in Essen. Da ist eine Freundin von ihr gelandet. Wir setzen uns in ein Caf\u00e9 oben bei Agios Pavlos, auf eine Terrasse, von der aus man die ganze Stadt \u00fcberblicken kann. Es werden alle Themen durchgek\u00e4mmt, von Sprache \u00fcber Unterkunft, Bewerbung, Preisen, Freizeit, Berufsaussichten, Jobs w\u00e4hrend des Studiums bis zu Fl\u00fcgen nach Deutschland. Die Mutter tut sich mit der Vorstellung schwer, aber der Vater, wie ich h\u00f6re, noch mehr. Schwer, einen Tipp zu geben. Ich mache auf ganz vorsichtige Bef\u00fcrwortung. Vor allem will ich erst mal Informationen einholen, und dann wollen sie vielleicht mal nach Deutschland kommen, um die Lage zu sichten. Gute Idee. Sofia zufolge gibt es billige Fl\u00fcge nach Weeze.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">7. Juli (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"> <\/span><\/p>\n<p>Als ich losfahre, ist es noch ruhig auf den Stra\u00dfen von Thessaloniki. Bei der Ausfahrt aus der Stadt dasselbe Problem wie bei der Fahrt nach Chalkidiki, an einer schlecht ausgeschilderten Kreuzung. Dann aber an einer Tankstelle Hilfe bekommen. Und Benzin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unterwegs an drei Unterhaltungen von gestern gedacht. Der Dominikanerin von Hilde Domin erz\u00e4hlt, mit der sie den Vornamen teilt und deren Nachnamen sich auf ihr Land bezieht. Dauert, bis sie verstand, worum es ging.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als das Wort optimistisch beim Unterricht vorkam, Rania gefragt, ob sie optimistisch sei. Nein, antwortete sie. Und nimmt meine Bemerkung vorweg: \u201eIch wei\u00df, man merkt es mir nicht an.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Beim Treffen mit Eleni an der falschen Stra\u00dfenecke gewartet. Bei der Gelegenheit nach dem grammatischen Geschlecht von \u03b3\u03bf\u03bd\u03af\u03b1 gefragt, dem Wort f\u00fcr \u201aEcke\u2018. Mit der ganzen Naivit\u00e4t des Muttersprachlers sagt sie: \u201eFemininum nat\u00fcrlich. Endet auf <em>\u2013 a<\/em>.\u201c Jaha. Wenn\u2019s so einfach w\u00e4re! Erinnert mich an den Beitrag einer Studentin, die im Seminar ernsthaft behauptete, der Plural der deutschen Substantive ende auf <em>\u2013 s<\/em>: <em>zwei T\u00fcrs, drei Buchs, vier Lehrers<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Radio wird mit Zuh\u00f6rern die politische Lage diskutiert. Ein Zuh\u00f6rer sagt, er habe pers\u00f6nlich kein Problem mit der Drachme. Ziemlich naiv. Die Vorstellung ist wohl, dass demn\u00e4chst die Geldscheine und M\u00fcnzen ein bisschen wie fr\u00fcher aussehen und sich sonst nicht viel \u00e4ndert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann gibt es Bella Ciao in einer Version, bei der eine Strophe auf Italienisch, eine auf Spanisch und eine auf Griechisch gesungen wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf den Hinweisschildern sieht man, dass <em>Petralona<\/em> auf der drittletzten und <em>Vergina<\/em> auf der zweitletzten Silbe betont wird. Habe es genau umgekehrt gemacht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Internet klagt jemand dar\u00fcber, dass er in Petralona am Nachmittag vor der verschlossenen H\u00f6hle gestanden habe. Jetzt kein Problem mehr, die \u00d6ffnungszeiten sind gro\u00dfz\u00fcgig: von acht bis acht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um diese fr\u00fche Zeit ist aber noch kein Besucher da. Man steigt den letzten Kilometer zu Fu\u00df den Berg rauf. Autos k\u00f6nnen hier nicht rein. Damit man dem Touristenzug das Gesch\u00e4ft nicht kaputt macht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach zehn Minuten kommt ein Mann mit Taschenlampe und begleitet mich. Er sagt, er sei kein Touristenf\u00fchrer, nur ein Aufpasser, gibt aber trotzdem ein paar Erkl\u00e4rungen, und das macht er gar nicht schlecht. Im Laufe des Rundgangs taut er immer mehr auf und wird immer gespr\u00e4chiger. Am Ende holt er sein Handy hervor und will ganz genau wissen, wo Trier liegt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man geht durch einen k\u00fcnstlichen Tunnel in die H\u00f6hle hinunter. Der urspr\u00fcngliche Zugang, an dem wir bald vorbeikommen, ist verschlossen, und zwar dadurch, dass im Laufe der Jahrhunderte immer mehr Ger\u00f6ll und Sediment in die H\u00f6hle geblasen wurde. Durch diese \u00d6ffnung sind Tausende von Jahren Tiere und Menschen in die H\u00f6hle gelangt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir kommen an einer Stelle vorbei, an der man durch ein Loch im Boden in den \u201eKeller\u201c sehen kann. Dort befindet sich eine zweite H\u00f6hle, unter dieser, genauso gro\u00df. Und noch darunter befindet sich ein See. Urspr\u00fcnglich, vor der Formation des Bergs, des Katsika, war dies alles Teil des Meeres.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die H\u00f6hle wurde von Raubtieren und von Menschen bewohnt, aber nicht gleichzeitig. Die Raubtiere kamen erst, als der Mensch die H\u00f6hle verlassen hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schon an beiden Seiten des Gangs sieht man Stalagmiten und Stalaktiten, und dann kommt man in eine gro\u00dfe Halle, wo die sich ungehindert haben ausbilden k\u00f6nnen. Einige sehen wie eine Gardine aus, andere wie ein Pfahl, wieder andere wie eine Wand. Am sch\u00f6nsten, wie immer, die Stelle, wo Stalagmit und Stalaktit aufeinander zu wachsen und schon in Reichweite sind. Dauert nur noch ein paar Tausend Jahre, bis sie sich treffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist kaum feucht in der H\u00f6hle. Irgendwo liegt eine Lache Wasser, und irgendwann f\u00e4llt mir ein einzelner Tropfen auf den Kopf, aber das ist auch alles.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der F\u00fchrer l\u00e4sst mich immer wieder kleinere Wege alleine gehen und erwartet mich am anderen Ende. Dadurch kann man das Photographierverbot umgehen. Er schickt mich dann auch alleine zu der, etwas abgelegenen Stelle, an der der ber\u00fchmte Sch\u00e4del gefunden wurde, 1960, im ersten Jahr nach der Entdeckung der H\u00f6hle. Auch die meisten anderen Fundst\u00fccke stammen von der Stelle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als der F\u00fchrer mich wieder in Empfang nimmt, stellt es eine interessante Frage und beantwortet sie auch gleich: Woher wissen wir, dass der menschliche Sch\u00e4del nicht der eines Menschen ist, der Opfer der Raubtiere wurde, sondern der eines Menschen, der hier gelebt hat? Durch die anderen Fundst\u00fccke! In der N\u00e4he des Sch\u00e4dels wurden Werkzeuge und Speisereste gefunden, und zwar gekochte Speisen. Eine der ganz gro\u00dfen Errungenschaften des Menschen: Man braucht sich nicht mehr mit Rohkost zu begn\u00fcgen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach der H\u00f6hle geht es in das Museum. Dort ist ausgestellt, was man in der H\u00f6hle gefunden hat, in vorsintflutlichen Vitrinen mit v\u00f6llig unzureichender Beschriftung. Trotzdem interessant. Alles stammt aus der Steinzeit und ist 600.000-300.000 Jahre alt. In dieser Zeit hat es wichtige klimatische Ver\u00e4nderungen gegeben. An einer Wand der H\u00f6hle hatte der F\u00fchrer mich schon auf die verschiedenen Farbt\u00f6ne der verschiedenen Schichten aufmerksam gemacht: dunkler bei h\u00f6heren Temperaturen, hellen bei niedrigeren Temperaturen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erst gibt es Gesteinsbrocken. Die sind, je nach dem Metall, das das Gestein in sich tr\u00e4gt, unterschiedlich gef\u00e4rbt: Bauxit ist eher dunkel, Quarz eher hell.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann gibt es jede Menge Knochen von Raubtieren zu sehen, meist Hy\u00e4nen, aber auch W\u00f6lfe und H\u00f6hlenb\u00e4ren. Viele der Knochen sehen so aus wie die Haut eines Kraken. Das sind die versteinerten Wassertropfen. Auch der menschliche Sch\u00e4del war mit Stalagmiten verbunden und musste \u201ebefreit\u201c werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kommen Knochenreste von Rebh\u00fchnern, Tauben, Igeln und Kaninchen. Die sind so klein, dass man sich wundert, wie die identifiziert wurden. Warum sind die Knochenreste so klein? Weil es die Knochenreste der Beute der Raubtiere waren! Diese Tiere haben hier nicht gelebt. Die Knochen sind quasi Speisereste.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum Schluss kommen rundliche Formationen, gr\u00f6\u00dferen Kieselsteinen \u00e4hnlich sehend. Die griechische Bezeichnung ist \u03ba\u03bf\u03c0\u03c1\u03bf\u03b9\u03b8\u03bf\u03b9, und das englische coprolites hilft mir auch nicht weiter. Ich frage den F\u00fchrer. Der druckst etwas herum. Wie soll man das sagen? Und dann sagt er es: <em>Shit<\/em>. Ja, genau das ist es. Hy\u00e4nenk\u00f6ttel!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der menschliche Sch\u00e4del, hier nur in Nachbildung, ist sehr gut erhalten. Praktisch komplett. Mit Z\u00e4hnen. Es ist der \u00e4lteste und wichtigste vorgeschichtliche Fund in Griechenland. Dieser Sch\u00e4del ist die Verbindung zwischen Homo Erectus und Homo Sapiens. Man sieht auf den ersten Blick, dass er anders, etwas anders ist als der Sch\u00e4del des Homo Sapiens, vor allem flacher, aber eben nur etwas anders.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als ich wieder zum Auto zur\u00fcckgehe, kommt gerade das erste B\u00e4hnchen mit den ersten vier Besuchern an. Der Fahrer des B\u00e4hnchens macht eine Bemerkung zu meinem kretischen T-Shirt. Das erweist sich immer wieder als Gespr\u00e4chsanlass.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vom Weg aus sieht man in eine ganz leicht h\u00fcgelige, unspektakul\u00e4re Landschaft mit Feldern und ein paar Olivenhainen hinunter. Am Wegesrand die bereits verblassten, federleichten Bl\u00fcten, die ich auch so oft in der Stadt gesehen habe. Aber erst jetzt achte ich auf die B\u00e4ume. Es sind Farne.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann geht es nach Epanomi. Auf dem Dorfplatz unter schattigen B\u00e4umen trinke ich einen Kaffee und frage nach dem Weg zum Weingut. Sie delegiert die Frage an drei M\u00e4nner am Nebentisch. Einer stopft sich gerade ein St\u00fcck Brot in den Mund und sagt, er werde es gleich erkl\u00e4ren. Dann trinkt er sein Bier aus und dann steckt er sich eine Zigarette an. Haben die mich vergessen? Aber dann machen sie ein Zeichen: immer mit der Ruhe. Am Ende stehen sie auf, und der Mann mit der Zigarette sagt mir, ich solle hinter ihm herfahren, immer dem roten Nissan hinterher. Deshalb! Es lohnt sich, denn der Weg ist kompliziert, und Erkl\u00e4rungen h\u00e4tten nicht verfangen. An einer Stra\u00dfenkreuzung schickt er mich auf eine staubige Landstra\u00dfe, und ich habe gerade noch Gelegenheit, ihm ein Dankesch\u00f6n hinterherzurufen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach einem Kilometer durch die Hitze und \u00fcber Schotter kommt das Weingut in Sicht. Sehr gepflegt angelegt, mit viel Gr\u00fcn und modernen Skulpturen, die man von der Stra\u00dfe aus sieht. Das Empfangsgeb\u00e4ude ist ein lichter, luftiger Glasbau mit Sonnensegeln nach S\u00fcden, unter denen man auf die Weinfelder gleich davor sieht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach zehn Minuten erscheint eine junge Frau, die sich als Magdaleni vorstellt, und f\u00fchrt mich durch das Weingut. Sie hat ein halbes Jahr in Spanien gelebt, in Rioja naheliegenderweise, so sie ein Praktikum absolviert hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von der Terrasse zeigt sie mir die in gerade Reihen auf fast ebenem Boden stehenden Weinst\u00f6cke. Sie werden mit einer Sprinkleranlage bew\u00e4ssert, Tropfen f\u00fcr Tropfen. Das ist meist nur im Sommer n\u00f6tig. Sie haben aber gleich zwei Wetterstationen, die melden, wie die Lage ist. Das Klima sei ideal, sagt sie. Viel Sonne, viel Regen, viel Wind. Warum ist viel Wind gut? Der weht das Ungeziefer weg. Der Boden ist Sand, und das sieht man auch. Auch hier breitete sich fr\u00fcher das Meer aus. Auch Sandboden sei gut, meint sie. Der nehme das Wasser sofort auf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man setzt in erster Linie auf einheimische Trauben, zwei davon aus Santorin stammend. Die werden untereinander und mit franz\u00f6sischen Trauben gemischt. Gelesen wird alles per Hand. Seit einiger Zeit stammen die meisten Erntehelfer aus Albanien, aber in den letzten Jahren sind auch wieder vermehrt Griechen dabei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einem Nebengeb\u00e4ude stehen die F\u00e4sser, gro\u00dfe F\u00e4sser aus rostfreiem Stahl, kleinere aus Eiche. Eine Besonderheit ist ein Rotwein, eine Mischung der drei einheimischen Trauben, der nicht nur in Holzf\u00e4ssern gelagert wird, sondern schon in Holzf\u00e4ssern fermentiert. Die Wei\u00dfweine lagern ein paar Monate lang, die Rotweine mindestens anderthalb Jahre, in einem unterirdischen Raum mit konstant niedriger Temperatur und hoher Luftfeuchtigkeit. Alles ist sehr sauber, ordentlich, kontrolliert. Man hat fast den Eindruck, in einem Museum zu sein und nicht an einem Ort, wo gearbeitet wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Museum kommt dann. Am Eingang h\u00e4ngen Urkunden \u00fcber Preise, die das Weingut bekommen hat und Zeitschriften, in denen es als besonders gutes Weingut ausgezeichnet wird. Einer amerikanischen Zeitschrift zufolge rangiert es unter den besten hundert Weing\u00fctern der Welt, einer deutschen Zeitschrift zufolge unter den besten zehn. Die erste Auszeichnung gab es schon 1993, gerade mal sieben Jahre nach der Gr\u00fcndung des Weinguts. Es ist Familienbesitz, noch in erster Generation. Der Besitzer, Gerovassiliou, hat in Burgund \u00d6nologie studiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oben gibt es jeweils ein Exemplar, als Prototyp sozusagen, von all dem, was es im Museum in vielen, vielen Exemplaren gibt. Alles ist Privatsammlung, von Gerovassiliou pers\u00f6nlich zusammengetragen. Ganz kurios ein Werkzeug mit h\u00f6lzernem Stiel und rundlicher, breiter Schneide. Was macht man damit? Damit wird die Innenfl\u00e4che der Holzf\u00e4sser gegl\u00e4ttet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unten gibt es dann die ber\u00fchmte Sammlung von Korkenziehern, \u00fcber 2500, in Vitrinen ausgestellt und geordnet nach Funktionsart, von einfach zu kompliziert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Daneben gibt es Objekte aus jeder Phase des Weinherstellungsprozesses, von Ger\u00e4ten um Beschneiden der Weinst\u00f6cke und zum Abtrennen der Trauben bis zu Ger\u00e4ten, mit denen die Flaschen verkorkt werden. Auch antike Amphoren und Trinkgef\u00e4\u00dfe sind vertreten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine kleine Kulturgeschichte in sich ist die Entwicklung der Flaschenform, vor allem in den ersten Jahrhunderten der Neuzeit. Die fr\u00fchen Flaschen sind sehr bauchig und konnten nicht gelegt werden. Das war auch nicht n\u00f6tig, denn man trank nur frischen Wein. Erst als man merkte, dass der Wein durch Lagerung besser wurde, entwickelte sich die konische Flasche. Und auch erst jetzt begann man, sie zu verschlie\u00dfen. Mit Korken. Die Idee von den Korken stammte aus der weiblichen Kosmetik. Man sieht mehrere Sets hier ausgestellt, fr\u00fchneuzeitliche\u00a0 Beauty cases. Die Fl\u00e4schchen mit den verschiedenen Duftstoffen wurden mit Korken verschlossen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die R\u00fcckfahrt nach Thessaloniki, einschlie\u00dflich der Fahrt durch die engen Gassen der Oberstadt, funktioniert diesmal, so dass ich am Abend noch in das Gartencaf\u00e9 gehen kann \u2013 welch unterschiedliche Assoziationen rufen das deutsche und das griechische Wort hervor! Dort gibt es einfaches, aber leckeres, aber teures Essen und einen Hauswein, der warm wie Br\u00fche ist. Nur ein weiterer Tisch ist besetzt. Da sitzen M\u00e4nner unterschiedlichen Alters, allesamt schlank, und ziehen sich Wein und Bier rein. Einer von ihnen wiederholt, leicht lallend, in regelm\u00e4\u00dfigen Intervallen \u201eAlt die Klappe! Ruhe jetzt! Es sind genug!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">8. Juli (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Als ich am Nachmittag die W\u00e4sche auf der Terrasse aufh\u00e4nge, kommt Dimitris, der Neffe, vorbei. Wir sprechen kurz \u00fcber Wetter und Geld, er sagt tsch\u00fcss, setzt sich ins Auto und f\u00e4hrt weg. Als ich fertig bin und runtergehen will in meine Wohnung, stehe ich auf einmal vor einer verschlossenen T\u00fcr. Dimitris hat die Zugangst\u00fcr aus Gewohnheit zugezogen. Es dauert ein bisschen, bis mir die Lage klar wird: kein Schl\u00fcssel, kein Handy, kein Geld, Badelatschen, Sofia und Ana in Urlaub, Dimitris mit dem Auto unterwegs. H\u00f6rt sich nach Parkbank an. Mir f\u00e4llt Thanasis ein, der nette Nachbar, aber ich wei\u00df von dessen ausufernden Arbeitszeiten, und sein Auto ist nicht zu sehen. Von Sofias Freundinnen habe ich keine Adressen, von der Gymnastiktruppe sowieso nicht, und wenn, w\u00e4ren sie ohnehin unten in der Wohnung. Dann f\u00e4llt mir Vaso ein. Bei der waren wir am Sonntag zum Essen. Nur deshalb, weil wegen des Referendums die Sehensw\u00fcrdigkeiten geschlossen waren. Sonst w\u00e4re ich unterwegs gewesen und es h\u00e4tte kein Essen gegeben. Auf dem Weg zu ihrem Haus versuche ich mich zu erinnern, was sie von Urlaub gesagt hat. Etwas sp\u00e4ter, meine ich. Wenn ich Gl\u00fcck habe, ist sie noch in der Stadt. Ich klingele, und sofort wird die T\u00fcr ge\u00f6ffnet. Keine Nachfrage nach durch die Sprechanlage. Ich gehe rauf. In der T\u00fcr steht ein unbekannter Mann mit nacktem Oberk\u00f6rper. Falsches Haus? Falsche Klingel? Ich bringe meinen Spruch vor, und in dem Moment erscheint Vaso hinter ihm. Geschafft!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Mann ist Vasos Mann. Sie warten auf ihre Tochter. Die geht auf Fahrt. Hat heute gerade die letzte Pr\u00fcfung des Semesters abgelegt. Ihre Campingsachen liegen auf dem Boden. Erst hatte ich gedacht, die beiden w\u00e4ren gerade im Aufbruch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vaso ruft Sofia an, und die ist sofort am Apparat. Ich soll warten. Dann kommt der n\u00e4chste Anruf. Ich soll zur\u00fcckgehen. Sie hat Thanasis informiert, und der hat einen Schl\u00fcssel. Nach zehn Minuten ist er da und schlie\u00dft auf. Die G\u00f6tter meinen es gut mit mir in Thessaloniki. Keine Parkbank.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und geben mir noch eine sch\u00f6ne Gelegenheit, mein Griechisch auszuprobieren. Thanasis zu erkl\u00e4ren, wie es genau zu der Situation gekommen ist. Wunderbar. K\u00f6nnte eine Simulation aus einem Lehrbuch sein!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wieder sehr griechische Kommunikation: Was ich f\u00fcr einen Kommentar zu einem Bild halte, ist der Vorschlag f\u00fcr einen Treffpunkt, eine Eisdiele am Aristoteles-Platz. Vasoula schl\u00e4gt Sommerkino vor. Sie f\u00e4hrt morgen zu ihren Eltern, aufs Dorf, auf unbestimmte Zeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Kino ist gleich an der Strandpromenade. Ich muss da schon oft vorbeigekommen sein. Es ist eine Art gro\u00dfer Innenhof, von Hochh\u00e4usern umgeben. Es sind lange Reihen von Klappst\u00fchlen aufgestellt, gesponsert von Stella Artois. Was hier wohl im Winter ist?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es l\u00e4uft mal wieder ein amerikanischer Film, Von 5 bis 7. Hollywood, unertr\u00e4glich oberfl\u00e4chlich und klischeehaft, mit vorhersehbarem Ende. Wir finden beide den Film nichts sonderlich gut, aber aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden. Er ist aber nicht langweilig und so leicht zu verstehen, dass man hin und wieder einen Blick auf die griechischen Untertitel werfen kann. Die beste Szene ist die, als die beiden Hauptfiguren ins Kino gehen. Er kauft eine riesige T\u00fcte Popcorn, und sie, eine Franz\u00f6sin, fragt ihn, ob die Amerikaner nicht ins Kino gehen k\u00f6nnen, ohne Popcorn zu essen. Eine \u00e4hnliche Frage hatte ich vorher Vasoula gestellt, als sie vor dem Beginn der Vorstellung zusammen mit dem Bier eine T\u00fcte Popcorn anschleppte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt eine Pause. Bei der Unterhaltung stolpere ich \u00fcber eine Verbform. Ich will sagen \u201awir klagen\u2018. Die richtige Form, von geradezu absurder L\u00e4nge, ist \u03c0\u03b1\u03c1\u03b1\u03c0\u03bf\u03bd\u03b9\u03cc\u03bc\u03b1\u03c3\u03c4\u03b1\u03bd, sieben Silben!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite kann ich ihr mit ihrem Englisch auf die Spr\u00fcnge helfen: Reading, nicht Reanding. Es dauert etwas, bis sie den Unterschied h\u00f6rt, und noch ein bisschen l\u00e4nger, bis sie ihn hinbekommt, aber dann klappt es. Sie ist zufrieden. Schlie\u00dflich lebt ihr Sohn in Reading. Nicht in Reanding.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">9. Juli (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fr\u00fcher Aufbruch nach Kavala. Trotzdem mehr Verkehr als dieser Tage. Nach 25 Kilometern auf der Umgehungsstra\u00dfe kommt ein Hinweisschild nach Thessaloniki- Zentrum. Ich habe das Wort Ring Road wohl zu w\u00f6rtlich genommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als die Umgehungsstra\u00dfe zur Autobahn wird, \u00e4ndern sich Verkehr und Landschaft. Es kommt bald eine Mautstation. Hier werden 2,40 \u20ac zahlt man hier, genau wie sp\u00e4ter an der zweiten Mautstation. Unter den wenigen Autos, denen ich begegne, ist eins aus Wuppertal und eins aus D\u00fcsseldorf. Es gibt wirklich Verr\u00fcckte, die den ganzen Weg mit dem Auto fahren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Autobahn folgt der alten Egnatia und hei\u00dft auch so.Auf der H\u00e4lfte der Strecke gibt es eine Ausfahrt nach Sofia. Es sind aber noch 300 Kilometer bis dahin. Sp\u00e4ter kommt eine Ausfahrt nach Drama. Das ist ein Name f\u00fcr einen Ort!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erst gibt es links ganz dicht bewachsene Berge und rechts das Meer, wiederum mit Bergen dahinter. Dann verschwindet das Meer, und die Berge werden kahler. Die Gegend wird immer sch\u00f6ner, je n\u00e4her man Kavala kommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Entfernung ist gr\u00f6\u00dfer, als ich erwartet habe. Und ich bin froh, als Kavala in Sicht kommt. Man blickt von einem Aussichtspunkt hoch \u00fcber der Bucht auf die Stadt und das Meer hinunter. Man kann gut die ins Meer vorspringende Halbinsel sehen, auf der die Altstadt liegt. Man erkennt die Burg und den Aqu\u00e4dukt. Die Neustadt, mit wei\u00dfen und grauen hohen H\u00e4usern, liegt teils auf dem Abhang, teils direkt unten am Meer. Gerade au\u00dferhalb der Stadt befindet sich ein Jachthafen hinter einer Hafenmole. Das ist alles sehr sch\u00f6n, aber auch nicht so, dass man sich vor Begeisterung gar nicht mehr einkriegt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unten in der Stadt bekomme ich problemlos Benzin und kann sogar mit der Karte bezahlen. Au\u00dferdem gibt es einen bewachten Parkplatz gleich am Zentrum. Das kostet f\u00fcr den ganzen Tag so viel wie bei uns eine Stunde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich gehe gleich in die Altstadt rauf. Es geht steil rauf, und es ist richtig hei\u00df. Die Altstadt beginnt am Aqu\u00e4dukt, ein Bau aus der osmanischen Zeit, der auf einem r\u00f6mischen Vorg\u00e4ngerbau beruht. Das unregelm\u00e4\u00dfig verlaufende, dreist\u00f6ckige\u00a0 Aqu\u00e4dukt brachte das Wasser aus den Bergen in die Stadt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Innerhalb der Altstadt gibt es eine Stadtmauer, die den eigentlichen Kern umschlie\u00dft. \u00dcberall ist es sehr ruhig. \u00dcber einen gepflasterten Pfad komme ich, ohne es zu wollen, direkt zum Meer. Auf einer Felsplatte sitzt jemand und sonnt sich. Sonst ist weit und breit nichts zu sehen. Es ist auch nicht zu erkennen, warum es den Weg gibt. Vielleicht war hier fr\u00fcher mal eine Anlegestelle f\u00fcr Fischerboote. Sp\u00e4ter lese ich irgendwo etwas von einem Leuchtturm, aber den bekomme ich nicht zu sehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn man etwas \u00fcber Kavala liest, st\u00f6\u00dft man unweigerlich auf den Namen Mohammad Ali, auch Mehmet Pascha. Es dauert, bis ich kapiere, wie das Verh\u00e4ltnis ist. Erst dachte ich, dass er als \u00e4gyptischer Verwalter innerhalb des Osmanischen Reichs seinen Sitz in Kavala hatte, aber es ist genau umgekehrt: Er stammt aus Kavala und hat dann im Osmanischen Reich Karriere gemacht. Bis er zum mehr oder weniger unabh\u00e4ngigen Herrscher von \u00c4gypten wurde und zum Begr\u00fcnder der Dynastie, die bis zur Ende der Monarchie in \u00c4gypten an der Macht war.<\/p>\n<p>Auf der Suche nach seinem Geburtshaus sto\u00dfe ich auf das Imaret, das \u00f6ffentliche Gegenst\u00fcck zu dem privaten Geburtshaus. Das Imaret hat seinen Namen von der Suppenk\u00fcche, die sich hier befand. Sie war aber nur Teil eines gro\u00dfen Komplexes, der zwei Schulen, eine Moschee, G\u00e4steh\u00e4user und ein Krankenhaus umfasste, neben der Suppenk\u00fcche. In der wurden die internen Sch\u00fcler versorgt, aber auch alle Bed\u00fcrftige, unabh\u00e4ngig von ihrer Religion. Es gab dort nicht nur Suppe, sondern auch Reisegerichte und Brot. All das geht auf die Initiative von Mohammad Ali zur\u00fcck, der als gro\u00dfer Modernisierer gilt.<\/p>\n<p>Ich werde von einem ganz jungen M\u00e4dchen herumgef\u00fchrt, ganz schm\u00e4chtig, das eher orientalisch als griechisch aussieht. Sie sei ganz und gar griechisch, sagt sie, aber die Gro\u00dfeltern, die stammten vom Schwarzen Meer ab.<\/p>\n<p>Sie liest Virginia Woolf. Keine einfache Lekt\u00fcre. Findet sie auch. Sie studiert Englisch, hat aber jetzt auf Tourismus gewechselt. Englisch ist aber wohl ihr Nebenfach. Ihr Englisch ist gut, aber sie ist etwas unsicher. Ihr Vokabular ist gut. An einer Stelle kann ich ihr mit einem Wort weiterhelfen. Das wird sie bei den sp\u00e4teren F\u00fchrungen verwenden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sie f\u00fchrt mich \u00fcber das un\u00fcbersichtliche Gel\u00e4nde, dessen Besonderheit in einem Wechsel von Au\u00dfen- und Innenr\u00e4umen besteht. Man gelangt nie von einem Raum direkt in einen anderen, sondern immer \u00fcber einen Innenhof, einen Gang, eine Terrasse. Dabei hat man immer wieder sch\u00f6ne Blicke aufs Meer und auf die vielen Kuppeln der tiefer gelegenen Schichten des Geb\u00e4udes. Allein das macht den Besuch schon lohnenswert.<\/p>\n<p>Alles ist renoviert worden, nachdem das Geb\u00e4ude lange vernachl\u00e4ssigt war. Das ganze Gel\u00e4nde geh\u00f6rt dem \u00e4gyptischen Staat.<\/p>\n<p>Aus den ehemaligen Wohneinheiten der internen Studenten sind jetzt Hotelzimmer geworden, aus der Schule ein Veranstaltungsraum. Die kleine, runde Moschee ist noch erhalten. Es sind B\u00fccher ausgestellt, die in der Schule verwendet wurden, religi\u00f6se Schriften, aber auch profane. Mohammad Ali war der Meinung, der Islam d\u00fcrfe nicht losgel\u00f6st von der Welt leben. Sehr modern.<\/p>\n<p>Auch gut erhalten ist ein Vorratsraum. In den L\u00f6chern des Bodens sind passgenaue Keramikgef\u00e4\u00dfe eingelassen, in denen Nahrungsmittel sozusagen unterirdisch gek\u00fchlt und bewahrt werden konnten.<\/p>\n<p>Zum Schluss zeigt mir das M\u00e4dchen noch den Weg zu dem Geburtshaus, nur ein paar Hundert Meter weiter. Vor dem Geburtshaus steht eine Reiterstatue von Mohammad Ali. Er tr\u00e4gt einen Turban und ein dickes Gewand und h\u00e4lt in der Hand einen S\u00e4bel. Das Zaumzeug des Pferdes ist ganz fein bestickt. Das Pferd ist in Bewegung, aber in sanfter Bewegung. Wenn das Pferd Alexanders in Thessaloniki zu galoppieren scheint, scheint dies zu traben. Als ich ein Photo mache, setzt sich eine M\u00f6we auf den Turban und l\u00e4sst sich in aller Ruhe photographieren.<\/p>\n<p>Das Geburtshaus sitzt auf der Stadtmauer auf, so dass man zu dem Haus hinaufgeht. Gleich neben dem Eingang ist ein Teil der Wasserleitung freigelegt, die das Haus durch das Aqu\u00e4dukt mit flie\u00dfendem Wasser versorgte, zu der Zeit dem einzigen in ganz Kavala. Es gab insgesamt nur dreizehn Stellen, an denen man in der Stadt Wasser sch\u00f6pfen konnte. Das Haus war ein Haus der Elite.<\/p>\n<p>An der Tatsache, dass es sich um das Geburtshaus von Mohammad Ali handelt, scheint es keine Zweifel zu geben, aber alles andere ist Spekulation. Die einzige Quelle zu seiner Kindheit sind seine eigenen Aussagen, und mit denen scheint er eine Art eigenen Mythos begr\u00fcndet zu haben. Das M\u00e4dchen im Imaret erz\u00e4hlte von der Geschichte einer armen, von einem Onkel protegierten Waisen. Das muss nicht stimmen. Jedenfalls ist klar, wie der Aufstieg gelang: durch das Milit\u00e4r. Neben der Kirche die einzige Sparte, in der man unabh\u00e4ngig von der Herkunft aufsteigen konnte.<\/p>\n<p>Im Untergeschoss gibt es einen Raum, der Stall hei\u00dft, aber nicht so aussieht. Nur ein l\u00e4nglicher Trog deutet auf diese Funktion hin. Es war wohl auch ein Aufenthaltsraum f\u00fcr M\u00e4nner. Ihnen wurde durch ein Drehtablett, das in der Wand eingelassen ist, das Essen serviert, von au\u00dfen. Das verhinderte, dass die Frauen hineinsehen konnten. Oder die M\u00e4nner die Frauen sehen konnten. Das Drehtablett ist erhalten.<\/p>\n<p>Im den zentralen, offenen Raum des Untergeschosses fand das t\u00e4gliche Leben statt. Hier wurden Besucher empfangen, hier wurde gehandelt, hier sa\u00dfen Diener bei der Arbeit, hier wurde Tee getrunken.<\/p>\n<p>Sonst gibt es im Untergeschoss nur noch einen Raum, etwas niedriger gelegen. Es war der einzige nicht gepflasterte Raum des Hauses. Heute sind hier passenderweise die Toiletten untergebracht.<\/p>\n<p>Das Obergeschoss ist der Wohnbereich, mit getrennten Teilen f\u00fcr M\u00e4nner und Frauen. Hier kommt das Holz voll zur Wirkung. Gel\u00e4nder, Decken, B\u00f6den, Treppen, Fensterfassungen, die Gitter des Fenster, alles aus Holz. Alle R\u00e4ume waren multifunktional. Wo man \u00fcber Tag a\u00df oder sa\u00df, schlief man nachts.<\/p>\n<p>Von hier oben hat man einen sch\u00f6nen Blick aufs Meer und auf die Reiterstatue vor dem Haus. Inzwischen hat die M\u00f6we auf dem Turban Gesellschaft bekommen. Jetzt sitzt auch auf dem Pferdekopf eine.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zur\u00fcck in die Neustadt komme ich an vielen Souvenirgesch\u00e4ften vorbei. Kavala scheint st\u00e4rker als Thessaloniki auf Tourismus eingestellt zu sein. Vermutlich kommen die Leute von Chalkidiki auf einen Tagesbesuch hierher.<\/p>\n<p>In einem Tante-Emma-Laden kaufe ich eine Schachtel einer Spezialit\u00e4t von Kavala, ein Mandelgeb\u00e4ck, Kourambie (\u03ba\u03bf\u03c5\u03c1\u03b1\u03bc\u03c0\u03b9\u03ad\u03b4\u03b5\u03c2). Mitbringsel f\u00fcr Elena und ihren Mann, wenn wir zu ihrem Haus am Strand fahren.<\/p>\n<p>Wegen der knappen \u00d6ffnungszeiten der griechischen Museen f\u00e4llt das Arch\u00e4ologische Museum flach. Daf\u00fcr geht es ins Tabakmuseum. Das liegt etwas erh\u00f6ht, inmitten von H\u00e4usern, die von dem ehemaligen Reichtum der Stadt zeugen, ein Reichtum, der auf dem Tabakhandel beruhte. Das Museum selbst ist aber in einem ganz unscheinbaren Bau untergebracht. Man kann leicht vorbeilaufen.<\/p>\n<p>Ein junger Mann empf\u00e4ngt mich und f\u00fchrt mich in einen dunklen Raum. Ein Lichtschalter nach dem anderen geht mit knackendem Ger\u00e4usch nach oben geschoben, und zum Vorschein kommt die Ausstellung. Hier wird alles dokumentiert, vom Samen bis zur Zigarettenschachtel. Es gibt Photos, Dokumente, Werkzeuge, Maschinen und vor allem Tabak in allen seinen Erscheinungsformen. Leider gibt es keine Informationen zu Anbaugebieten. Das ist das einzige, was ich vermisse.<\/p>\n<p>Der Mann sagt mir unverbl\u00fcmt, sein Englisch sei nicht gut genug f\u00fcr eine F\u00fchrung, das w\u00e4re f\u00fcr uns beide eine Qual. Also macht er es auf Griechisch. Er spricht zu mir wie zu einem Griechen, und das Erstaunliche ist: Es geht. Zum ersten Mal habe ich das Gef\u00fchl, Sprache in dieser Menge und von dieser Komplexit\u00e4t folgen zu k\u00f6nnen, wenn auch mit vielen Abstrichen.<\/p>\n<p>Man sieht, wie der Tabak ges\u00e4t, geerntet, getrocknet, ges\u00e4ubert, gesiebt, gepresst, getrennt und verpackt wird. Erst zum Schluss merke ich, dass hier keine Zigaretten oder Zigarren hergestellt wurden. Der Tabak wurde als Tabak exportiert.<\/p>\n<p>Ein kurioses Exponat, das immer wieder auftaucht, sind tortenartige, runde Objekte mit einem Loch in der Mitte. Diese Torten bestehen aus Tabakbl\u00e4ttern. Das Loch in der Mitte dient der L\u00fcftung. Die erste Phase der Verarbeitung wurde oft privaten Einzelpersonen \u00fcbertragen. Man sieht eine auf dem Boden sitzende Frau, die aus den losen Tabakbl\u00e4ttern die Torten formt.<\/p>\n<p>Ein anderes bemerkenswertes Objekt ist ein \u201emenschlicher Sattel\u201c, ein Ledergestell, das sich die Hafenarbeiter auf den R\u00fccken schnallten, um m\u00f6glichst viele der fertigen, quadratischen Pakete zu den Schiffen tragen zu k\u00f6nnen, bis zu f\u00fcnf gleichzeitig, mit jeweils 25 kg Gewicht.<\/p>\n<p>Die Unterschiede in der Qualit\u00e4t sieht man am besten in Probepackungen, die in alle Welt verschickt wurden. In einigen sieht der Tabak aus wie Tee in billigen Teebeuteln, in anderen sind die Bl\u00e4tter in einer gleichm\u00e4\u00dfigen Form sauber aneinandergereiht, schr\u00e4g versetzt. Das sieht fast zu sch\u00f6n aus, um geraucht zu werden.<\/p>\n<p>Verbl\u00fcffend die unterschiedliche Gr\u00f6\u00dfe der Tabakbl\u00e4tter. Mit den gr\u00f6\u00dften kann man leicht den gesamten menschlichen Brustkorb bedecken.<\/p>\n<p>Tabakhandel bedeutete Reichtum. Das sieht man in den hier ausgestellten B\u00fcros der Tabakh\u00e4ndler, mit handgefertigten, verzierten \u00d6fen und geschnitzten St\u00fchlen. Eine g\u00e4ngige Schmuckform waren Rahmen mit Firmennamen, die aus Tabakbl\u00e4ttern geformt waren.<\/p>\n<p>Der Reichtum beruhte aber auch auf Ausbeutung. Die Bezahlung in den gro\u00dfen Tabakfabriken war schlecht, die Arbeitszeiten lang, die Gesundheitsgefahren gro\u00df. Hier kam es wie in keiner anderen Branche in Griechenland zu Streiks, Demonstrationen und Rebellionen. Es wird der Tod eines zum Helden gewordenen Demonstranten dokumentiert, der in ganz Griechenland bekannt ist. Auch war Kavala die erste griechische Stadt mit einem kommunistischen B\u00fcrgermeister.<\/p>\n<p>Zum Abschluss sehen wir noch eine Maschine, die das ganze Zentrum des Raumes einnimmt und aus einer langen Reihe von B\u00e4ndern, Walzen und Rohren besteht. Um diese Maschine herum gruppieren sich alle anderen Ausstellungsgegenst\u00e4nde. Diese Maschine konnte all das alleine machen, was wir vorher gesehen haben. Trotzdem wurde sie nur z\u00f6gerlich eingesetzt. Die Anschaffung war teuer, und die Maschine war anf\u00e4llig. Man kann ich gut vorstellen: Ein Teil funktioniert nicht, und der ganze Prozess kommt zum Erliegen.<\/p>\n<p>Nach dem Museum suche ich die Nikolaus-Kirche, im Zentrum der Stadt, zwischen Altstadt und Neustadt. Es hei\u00dft, sie sei etwas Besonderes, weil sie Elemente aus der osmanischen Zeit bewahre. Die Kirche ist aber verschlossen, und von au\u00dfen ist nichts Osmanisches zu erkennen, mit einer Ausnahme: Die Kirche hat einen selbst\u00e4ndigen Glockenturm, und geht auf das Minarett der Moschee zur\u00fcck und steht auf deren Basis.<\/p>\n<p>Vor der Kirche steht das Paulus-Denkmal. Kein Denkmal, wie ich es mir vorgestellt habe, sondern ein modernes Mosaik. Das Mosaik zeigt Paulus gleich zweimal, einmal wie er einen Traum in Taurus hat, einmal wie er in Neapolis ankommt. Daneben steht ein Auszug aus der Apostelgeschichte, die erz\u00e4hlt, wie Paulus im Traum den Auftrag bekam, nach Neapolis zu gehen. Von hier aus ging er dann nach Philippi, und dort gr\u00fcndete er die erste christliche Gemeinde in Europa.<\/p>\n<p>Neapolis, das ist Kavala. Schon das M\u00e4dchen im Imaret hatte mir von den verschiedenen Namen der Stadt erz\u00e4hlt. Aus Neapolis wurde im Mittelalter Christoupolis und dann Kavala. Neapolis hie\u00df es deshalb, weil es eine Neugr\u00fcndung von Thassos war, der Insel, die vor der K\u00fcste liegt. \u00dcber den Ursprung von Kavala gibt es mehrere Vermutungen. Dazu geh\u00f6rt die, dass es aus der kurzen Zeit der venezianischen Herrschaft stammt und von cavallo abgeleitet ist, weil sich hier eine Poststation befand, an der die Pferde gewechselt wurde. Finde ich nicht so einleuchtend.<\/p>\n<p>Danach trinke ich noch einen Kaffee am Meer. Es ist jetzt richtig hei\u00df. Auf dem Weg komme ich an einer Bank vorbei, wo sich gerade eine Gruppe aufl\u00f6st. An dem linken Bankautomaten h\u00e4ngt ein Schild mit dem Hinweis, dass kein Geld drin ist, an dem rechten h\u00e4ngt kein Schild, aber es gibt auch kein Geld. Eine Frau fragt aber nach und bekommt die Antwort, dass bald nachgef\u00fcllt werde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">10. Juli (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Der Tag f\u00e4ngt mit Donner und Blitz an, dann kommt heftiger Regen, und als er nachl\u00e4sst, wird es sehr windig. Zum ersten Mal. Gerade genug, um sich vorzustellen, dass das unangenehm sein kann, wenn es k\u00e4lter ist. Im Laufe des Tages wird es dann immer w\u00e4rmer, gut \u00fcber 30\u00b0, und das bekomme ich zu sp\u00fcren, als ich mich in der Nachmittagssonne endlich zum Laufen entscheide.<\/p>\n<p>Im Hafen liegt ein Kreuzfahrtschiff. Zum ersten Mal gesehen. Dass die auch Thessaloniki anlaufen, wusste ich nicht. Laut Reisef\u00fchrer geh\u00f6rt es nicht zu den Top-Reisezielen in Griechenland, und das ist auch nicht ganz unberechtigt. Die Stadt hat zwar viel zu bieten, aber kein richtiges, einzelnes Highlight, das sie von anderen unterscheidet. \u00dcberhaupt f\u00e4llt fast der gesamte Norden heraus. Die meisten Highlights sind auf dem Peloponnes und auf den Inseln. Im Norden gibt es nur den Berg Athos und, wenn man das noch als Norden z\u00e4hlt, die Meteora.<\/p>\n<p>Die Gymnastik f\u00e4llt aus, die Trainerinnen sind auf Reise, in Bulgarien. Stattdessen wollen wir uns in einem Caf\u00e9 treffen, um \u00fcber die Fahrt nach Chalkidiki zu sprechen. Das machen wir auch, aber die Fahrt kommt kaum zur Sprache. Es hei\u00dft nur wieder, dass wir nichts mitzubringen brauchen.<\/p>\n<p>Stattdessen streiten Elena und Hilda \u00fcber die politische Situation. Elena verortet sich selbst eindeutig. Sie kann die Linken nicht ab, all die Sozialisten und Kommunisten. Sie f\u00fchrten das Land in den Abgrund. Dass die etablierten Parteien die Reise in den Abgrund ausgel\u00f6st haben, davon spricht sie nicht. Hilda dagegen will wissen, warum denn die Deutschen forderten, dass Rentner, die ohnehin schon nur noch 600 \u20ac pro Monat bekommen, jetzt nur noch 300 \u20ac bekommen sollten. Die Propaganda wirkt. W\u00e4hrend die Diskussion heftig, aber ruhig weitergeht, sitzen die Armenierin und ich schweigend dabei.<\/p>\n<p>Dann kommt das Gespr\u00e4ch auf die Gymnastik. Elena geht an den \u201egeraden\u201c Tagen au\u00dferdem noch in ein Fitnesscenter, das auch mit einem Schwimmbad ausgestattet ist. Die Bewegung tue ihr einfach gut. Kein Wunder, dass sie so gut drauf ist bei der Gymnastik.<\/p>\n<p>Als ich gerade noch die Dominikaner gelobt habe wegen ihres Einsatzes f\u00fcr die Haitianer nach dem Erdbeben, schl\u00e4gt mir jetzt eine geballte Ladung Vorurteile entgegen: Die Haitianer w\u00fcrden den Fluss von Santo Domingo vergiften, um die Dominikaner auszurotten. Das wird allen Ernstes behauptet, und ich erinnere mich daran, das auch schon mal in Santo Domingo geh\u00f6rt zu haben. Aber jetzt brechen alle D\u00e4mme. Auch die Albaner hier in Griechenland bekommen ihren Teil ab, und diesmal sind sich Elena und Hilda ganz einig: unzuverl\u00e4ssig, unehrlich, gewaltt\u00e4tig. Und auch, sagt Hilda, diese Afrikaner, die jetzt alle hierher k\u00e4men. Afrikaner? Ja, diese Dunkelh\u00e4utigen? Marokkaner? Nein, Marokkaner nicht. Pakistaner? Ja, Pakistaner, die da. Da kann ich nur noch lachen, und sie lachen mit.<\/p>\n<p>Hilda wechselt fr\u00f6hlich zwischen Griechisch und Spanisch hin und her, manchmal absichtlich, manchmal, ohne es zu merken. Sie vermischt ihr Spanisch auch immer wieder mit griechischen Brocken, umgekehrt nicht. Auch wenn sie nach Santo Domingo f\u00e4hrt, sagt sie, spreche sie die Leute manchmal auf Griechisch an.<\/p>\n<p>Als sie nach Griechenland kam, konnte sie kein einziges Wort Griechisch. Mit der verstellten Sicht des naiven Muttersprachlers sagt sie, sie habe dann einfach gefragt, wie das und das hei\u00dfe. Das hat mit dem Spracherwerbsprozess nat\u00fcrlich herzlich wenig zu tun und erkl\u00e4rt, wenn \u00fcberhaupt, nur einen winzigen Teil der erworbenen Sprachkompetenz. Wie hat sie \u00fcberhaupt gelernt, die Frage zu stellen, wie das und das hei\u00dft? Und wie hat sie die gewaltige Formenmenge des Griechischen bew\u00e4ltigt? Und feine Unterschiede im grammatischen Gebrauch wie dem zwischen Aorist und Paratatikos gelernt, von deren Existenz sie gar nichts ahnt?<\/p>\n<p>Sie hatte mal einen deutschen Freund. Der hat sie wie ein \u201eP\u00fcppchen\u201c behandelt. Ich wei\u00df erst nicht, ob das gut oder schlecht ist. Es ist gut. Es hei\u00dft, dass er sie sehr verw\u00f6hnt hat.<\/p>\n<p>Ich muss mich vorzeitig verabschieden, da die Putzfrau sich angek\u00fcndigt hat. Als sie kommt, gehe ich einkaufen, um ihr nicht im Weg zu stehen, aber als ich wiederkomme, ist noch nicht fertig. Jetzt stehe und sitze ich ihr im Weg herum, entscheide mich aber nicht, noch mal rauszugehen, weil nicht abzusehen ist, wie lange es dauert. Aber es dauert. Jede Fenstersprosse, jeder Bilderrahmen und sogar die Gitterst\u00e4be des Ventilators werden bearbeitet, als wenn morgen k\u00f6niglicher Besuch kommen w\u00fcrde. Daf\u00fcr kassiert sie am Ende ordentlich ab. Ob sie das auch gewagt h\u00e4tte, wenn die Bezahlung wie sonst \u00fcber Sofia abgewickelt worden w\u00e4re?<\/p>\n<p>Erst jetzt merke ich, dass sie keine Griechin ist. Das hei\u00dft, sie ist Griechin, wie sie selbst betont, als sie sich beschwert, dass Nachbarn sie mal als Ausl\u00e4nderin bezeichnet haben, nicht sehr wohlwollend, wie es scheint. Sie stammt aus einer Fl\u00fcchtlingsfamilie. Dann aber spricht sie \u00fcber \u201edie Griechen\u201c, als wenn sie nicht dazugeh\u00f6re. Die Griechen k\u00f6nnten einfach nicht haushalten. Immer nur im Caf\u00e9 sitzen und diskutieren. Sie k\u00f6nne haushalten. Sie habe gespart jetzt habe sie ihr eigenes Haus.<\/p>\n<p>Dass Griechisch nicht ihre Muttersprache ist, merkt man an der Aussprache \u2013 keine Dentallaute und fehlende Assimilation \u2013 sowie an ihrer Aversion gegen Artikel. Auf die Frage, was ihre Muttersprache sei, antwortet sie Pontisch, aber bevor ich fragen kann, was das ist, sagt sie, sie spreche aber auch Polnisch, Russisch und Georgisch. Und f\u00fcgt gleich noch ein paar mehr Sprachen hinzu.<\/p>\n<p>Am Abend dann Unterricht mit Rania. Sie h\u00e4lt sich wieder mit langen Erkl\u00e4rungen zur Bedeutung auf, die ganz unn\u00f6tig sind. Aber es kommt doch etwas dabei heraus, vor allem, wenn wir immer wieder ein und dasselbe Thema variieren: <em>wegen des Wetters, wegen des Verkehrs, wegen seiner Schwester, wegen Rania, wegen Nikos, wegen der Wahlen, wegen meiner Eltern. <\/em>Wunderbar! Das Griechische erfordert hier, genauso wie das Deutsche, den Genitiv, und man muss in jedem Fall auf die Form des Artikels und die Form des Substantivs achten.<\/p>\n<p>Am Ende kommt noch eine Freundin von ihr, noch eine Eleni. Sie tanzen zusammen Volkst\u00e4nze, in langen, schwarzen Trachten, die ich im Internet gesehen habe. Die Sache wird von einem Verein organisiert, der auch die Trachten stellt.<\/p>\n<p>Sie fahren am Wochenende auch nach Chalkidiki. Halb Thessaloniki muss im Sommer da sein. Als wir dar\u00fcber sprechen, kommt es zu einem Missverst\u00e4ndnis. Sie fahren nach \u0392\u03b5\u03c1\u03b3\u03b9\u03ac (Vergia), und ich frage, ob es da nicht eine Verbindung mit Vergina gebe, eine Verbindung aus der Antike, einen Zusammenhang mit Philipp, aber diese Verbindung gibt es nicht. Am Ende stellt sich heraus, dass ich \u0392\u03ad\u03c1\u03bf\u03b9\u03b1 (Veria) meinte, aber auch das hat keine Verbindung zu Vergina, sagen sie. Auch damit haben sie recht.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">11. Juli (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>An einer H\u00e4userwand im Viertel steht: \u03b8\u03b1\u03bd\u03b1\u03c4\u03bf\u03c2 \u03c3\u03c4\u03bf\u03c5\u03c2 \u03c6\u03b1\u03c3\u03b9\u03c3\u03c4\u03b5\u03c2 \u2013 <em>Tod den Faschisten<\/em>. Die Autoren scheinen nicht zu merken, dass das selbst eine faschistische Aussage ist. Daneben, ebenfalls von eine anarchistischen Organisation unterzeichnet: \u03bf\u03c5\u03c4\u03b5 \u03c6\u03b1\u03c3\u03b9\u03c3\u03bc\u03bf\u03c2 \u03bf\u03c5\u03c4\u03b5 \u03b4\u03b7\u03bc\u03bf\u03ba\u03c1\u03c4\u03b9\u03b1 \u2013 <em>Weder Faschismus noch Demokratie<\/em>.<\/p>\n<p>Die Schlangen vor den Geldautomaten sind heute k\u00fcrzer als in letzter Zeit. Tsipras hat eine Liste mit Vorschl\u00e4gen vorgelegt, die von der Opposition praktisch einstimmig gebilligt wird. Und wenig mit seinen Wahlversprechen zu tun hat. Hat er das Referendum nur aus taktischen Gr\u00fcnden abgehalten? Um tun zu k\u00f6nnen, was er eigentlich nicht tun d\u00fcrfte? Unter dem Schein des Nein doch Ja zu sagen? Gestern am Abend jedenfalls schon an der Kamara Studenten mit Bannern gesehen, die gegen die neuen Vereinbarungen protestierten.<\/p>\n<p>Aus einem Gesch\u00e4ft kommt eine besorgte Mutter mit sichtlichem Erschrecken auf dem Gesicht gelaufen und ruft verzweifelt: Giorgos! Giorgos! Der hat sich hinter dem Vorsprung einer Schaufensters\u00e4ule versteckt und l\u00e4chelt verschmitzt. Erinnerungen an eine Szene in der Heimat, die mehr als drei\u00dfig Jahre zur\u00fcckliegt. Als die Mutter ihn findet, sagt sie: Tu mir das nicht an!<\/p>\n<p>Ein Mann, dem ich guten Appetit w\u00fcnsche, als er sich an einer Stra\u00dfenecke einen Gyros reinzieht, sieht mich verwundert an. Nein, er ist nicht der Mann von Nokia. Kein Wunder, dass er sich wundert. Sie haben die gleiche Statur, die gleiche Kopfform und sogar das gleiche geringelte Poloshirt. Jedenfalls bilde ich mir das ein.<\/p>\n<p>Im Vlali-Markt sind die auff\u00e4lligsten und lautesten Verk\u00e4ufer die Fischverk\u00e4ufer. Sie bespritzen ihre Ware mit kaltem Wasser oder werfen Eisschnee \u00fcber sie. Viele haben sich auf silbrige Fische spezialisiert, vor allem Sardellen und Anchovis.<\/p>\n<p>Das Wort \u03c4\u03b5\u03c1\u03b5\u03b6\u03af\u03bd\u03b5\u03c2, das in dem Jugendroman immer wieder vorkommt, kennt keiner. Im Internet ist der einzige brauchbare Eintrag einer \u00fcber den Roman, eine Rezension, in der vorausgesetzt wird, dass man das Wort kennt. Es scheint eine Art Spielzeug oder Fahrzeug zu sein.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">12. Juli (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Nach Dion geht es in die andere Richtung, Richtung Westen, aus Thessaloniki raus. Dass ich den Weg bei der uneindeutigen Beschilderung \u00fcberhaupt finde, grenzt an ein Wunder.<\/p>\n<p>Wenn man die Autobahn verl\u00e4sst und auf Dion zuf\u00e4hrt, hat man den Olymp vor sich. Nur: Welcher der Berge ist denn nun der Olymp? Man hat ihn oft auf Bildern gesehen, aber meist mit nebelverh\u00fcllten Gipfeln, und heute ist klare Sicht. Das ganze Panorama sieht jedenfalls \u00fcberhaupt nicht griechisch aus. Man kommt sich vor, als w\u00e4re man in den Alpen.<\/p>\n<p>In Dion hat das Arch\u00e4ologische Museum gerade ge\u00f6ffnet. Es zeigt auf zwei Etagen Funde aus dem Umfeld. Erst als eine der netten Aufpasserinnen mir anbietet, mir ein Video zu zeigen, bekomme ich eine Vorstellung von dem, was ich eigentlich hier sehe. Alles ist noch relativ frisch, wie einer der Arch\u00e4ologen in flie\u00dfendem Deutsch erkl\u00e4rt, und wurde anl\u00e4sslich des Baus einer Stra\u00dfe entdeckt. Er spricht von den Schwierigkeiten der Ausgrabungen zeitgleich mit den Stra\u00dfenbauarbeiten. Entscheidend ist, dass man Heiligt\u00fcmer aus ganz verschiedenen Epochen gefunden hat, dazu ein Theater und eine ganze Stadt. Die wichtigste Aussage f\u00e4llt ganz beil\u00e4ufig: Das zweite, sp\u00e4tere Zeus-Heiligtum war ganz anders als das erste. Vorstellungen von G\u00f6ttern \u00e4ndern sich, auch wenn sie denselben Namen behalten.<\/p>\n<p>Das erste Exponat, das ich sehe, ist gleich das Highlight des Museums: eine Wasserorgel. Ein antikes Musikinstrument. Es hei\u00dft Hydraulis. Es ist viel kleiner als ich dachte und passt in eine auf einem Sockel stehende Vitrine. Vierundzwanzig Pfeifen sind der Gr\u00f6\u00dfe nach angebracht, etwa wie bei einer Panfl\u00f6te. Es soll noch weitere, kleine Pfeifen geben, aber die kann ich nicht entdecken. Keine der Pfeifen ist komplett erhalten, man musste alles m\u00fchsam zusammensetzen aus Scherben, aber das ist gut gelungen. Das Material scheint Bronze zu sein, und die einzelnen Pfeifen haben Ringe, die als Schmuck dienen. Nur wie das Ding funktionierte erf\u00e4hrt man nicht. Schade, die Informationen sind f\u00fcr diese gute, neue Museum und die tollen Exponate viel zu knapp. Neben der Beschriftung befindet sich eine Abbildung, die mir irgendwie bekannt vorkommt, die Abbildung eines Mosaiks. Auf diesem Mosaik ist ein erh\u00f6ht stehender Musiker zu sehen, der die Hydraulis spielt. Durch dieses Mosaik wei\u00df man, wie das Instrument aussah. Und das Mosaik befindet sich in Nenning!<\/p>\n<p>Daneben befindet sich ein Grabstein mit einem weiteren Musikinstrument, einem Nabilium, einem Saiteninstrument. Es ist ein sehr sch\u00f6n gestalteter Grabstein, mit zwei H\u00e4nden, die sich gegenseitig dr\u00fccken, einem Schl\u00fcssel, einer Buchrolle und einem Stilos.<\/p>\n<p>Eine der Aufpasserinnen kommt zu mir, als ich an einem Exponat stehen bleibe, das man leicht \u00fcbersehen kann. Sie sagt mir, dass ihr das ganz besonders gut gefalle. Es ist ein L\u00f6we, der kaum K\u00f6rper, aber einen m\u00e4chtigen Kopf mit M\u00e4hne und Schweins\u00f6hrchen und eine m\u00e4chtige Tatze hat. Er st\u00fctzt die Marmorplatte eines Tisches und ist nur gut zu sehen, wenn man sich b\u00fcckt.<\/p>\n<p>Unter den r\u00f6mischen Exponaten der Bronzekopf einer Statue des Severus, mit Augen, die einen anzusehen scheinen. Er hat nach vorne gek\u00e4mmtes Haar und einen gepflegten, gekr\u00e4uselten Bart, wie man ihn im 3. Jahrhundert trug.<\/p>\n<p>Ganz auff\u00e4llig sind sch\u00f6n gestaltete Eisenketten, die von der Decke hingen und Schalen hielten, in den sich \u00d6l befand. Damit wurden die H\u00e4user beleuchtet. Die Schalen selbst sind aus Eisen oder aus Glas, und auch von den Glasschalen sind ein paar erhalten. Die Ketten selbst haben oft das Muster eines Kreuzes, aber vermutlich nicht religi\u00f6s motiviert, und manchmal sogar Inschriften. Ich w\u00fcsste nicht, so etwas schon mal gesehen zu haben.<\/p>\n<p>Sehr auff\u00e4llig auch Steinplatten mit Fu\u00dfabdr\u00fccken. Davon gibt es gleich mehrere. Die Funktion ist nicht zu erkennen, aber sie stammen aus einem Heiligtum, und man kann vermuten, dass sie die Fu\u00dfabdr\u00fccke der angebeteten Gottheit darstellen, nicht viel anders als im Walk of Fame unserer Tage.<\/p>\n<p>Unter den Funden aus einem Friedhof hier in der N\u00e4he befinden sich M\u00fcnzen aus der Zeit Philipps und Alexanders. Die sind nicht flach wie unsere M\u00fcnzen, sondern haben eher die Form von Smarties.<\/p>\n<p>Ein sch\u00f6nes Museum, das \u00fcbersichtlich und reichhaltig ist und in dem nach viel mehr entdecken kann. Ich mache mich aber auf den Weg zum Arch\u00e4ologischen Park, ebenfalls in Dion. Der Name der Stadt ist von Zeus abgeleitet.<\/p>\n<p>Der Arch\u00e4ologische Park hat seinen Namen verdient. Er ist wirklich ein Park, mit vielen hohen B\u00e4umen, in denen Grillen zirpen. Die begleiten mich heute fast den ganzen Tag.<\/p>\n<p>Zur einen Seite geht es \u00fcber eine Wiese zu dem Hellenistischen Theater. Es ist nicht viel erhalten, aber man hat das Theater mit Holzb\u00e4nken wieder aufgebaut. Das Theater hatte bereits eine Vorrichtung zum Auffangen und zur Ableitung des Regenwassers.<\/p>\n<p>Hinter dem Theater der Olymp. Auf einer Tafel erf\u00e4hrt man, was es damit auf sich hat. Die f\u00fcnf hohen Gipfel haben jeweils einen eigenen Namen, aber keiner davon hei\u00dft Olymp. Das ist der Name des Ensembles. Die Berge wirken nicht so hoch wie sie sind. Die exakte Vermessung wurde von einem Schweizer vorgenommen. Der fand heraus, dass der Mytikas der h\u00f6chste Gipfel ist, mit knapp 3000 Metern. Schon in der Antike wurde der Berg von einem Philosophen vermessen, mit Hilfe eines Teleskops. Der lag nur um wenige Meter daneben. Auch die Erstbesteigung wurde von einem Schweizer Team vorgenommen. Einheimische mieden Berge eben. Sie waren eben der Sitz der G\u00f6tter und damit unantastbar. Sie l\u00f6sten mehr Ehrfurcht oder auch Angst aus als Neugier. Allerdings gibt es antike Schilderungen, aus denen hervorgeht, dass es bereits damals Prozessionen gab, die den Berg hinauff\u00fchrten. Der Gipfel war der Sitz der G\u00f6tter, die minderen Gottheiten wohnten in Quellen und Schluchten am Berghang oder am Fu\u00df des Berges.<\/p>\n<p>Es ist hier auff\u00e4llig gr\u00fcn, und durch den Park rauscht ein starker Bach. Das kommt nicht von ungef\u00e4hr. Wasser war als Element ganz besonders mit Zeus verbunden. Der war, bevor er bef\u00f6rdert wurde, der Gott des Regens und des Wetters.<\/p>\n<p>In dem Arch\u00e4ologischen Park gibt es weiterhin die Heiligt\u00fcmer der Demeter und der Isis und schlie\u00dflich die ganze, einen halben Quadratkilometer gro\u00dfe Stadt. Man kann ein ganzes St\u00fcck den Cardo entlang gehen, auf gro\u00dfen, unbearbeiteten Steinplatten, und an einer Stelle sind sogar Teile der Stadtmauer erhalten, bestehend aus sch\u00f6n bearbeiteten Sandsteinplatten. Hier w\u00e4chst aber kein Baum, kein Strauch, und so streiche ich schnell die Segel, zumal ein bekanntes Mosaik, das Ringer darstellt, mit Sand bestreut ist und ein anderes, das Dionysos-Mosaik, so ung\u00fcnstig zu den Laufstegen liegt, dass man das zentrale Motiv gar nicht erkennen kann.<\/p>\n<p>Es geht weiter nach Litochoro, ein paar Kilometer von Dion entfernt. Bei der Fahrt komme ich \u00fcber einen Fluss, den gr\u00f6\u00dften, den ich bisher hier gesehen habe. Er sieht auf der einen Seite wie ein See aus, auf der anderen wie eine Lagune. Eine sch\u00f6ne, leicht geschwungene, ganz niedrige Br\u00fccke f\u00fchrt \u00fcber den Fluss.<\/p>\n<p>Litochoro ist ein ganz sch\u00f6nes Dorf am Fu\u00df des Olymps, dessen rote Ziegeld\u00e4cher aber aus der Entfernung besser zur Geltung kommen. Hier ist es zwar voll, aber nicht \u00fcberlaufen. Auch viele Einheimische sitzen in den Caf\u00e9s. Oder kommen gerade aus der Dorfkirche, deren Eingang aussieht wie ein chinesischer Tempel. Ein kleiner Blumenladen macht Werbung f\u00fcr die \u201eSprache der Blumen\u201c, eine ziemlich willk\u00fcrliche Zusammenstellung von Blumen und Bedeutungen, die so dargestellt werden, als w\u00e4ren das Wahrheiten: Chrysanthemen f\u00fcr Unschuld, Iris f\u00fcr Vertrauen, Orchideen f\u00fcr Sch\u00f6nheit, Gardenien f\u00fcr unverhoffte Freude, Tulpe f\u00fcr Leidenschaft, Anemonen f\u00fcr Geld, Nelken f\u00fcr Wagemut und alles M\u00f6gliche nat\u00fcrlich f\u00fcr Liebe. Verkauft sich gut.<\/p>\n<p>Am Ortsausgang st\u00f6\u00dft die Stra\u00dfe der Heiligen Sofia auf die Stra\u00dfe des Zeus. Hier beginnt der Wanderweg nach Miloi und in die Enipea-Schlucht. Ich frage eine Einheimische, ob man das zu Fu\u00df schaffen kann und ob meine Sandalen da das richtige Schuhwerk sind, und sie bejaht beides. Sie hat recht. Ein gepflasterter Weg f\u00fchrt durch den Wald, der immer wieder den Blick auf die Berge freigibt, in die Schlucht. Das ist luxuri\u00f6ses Wandern. Einige der Frauen, die mir entgegen kommen, sehen wirklich so aus, als w\u00e4ren sie auf dem Laufsteg.<\/p>\n<p>Es geht langsam bergan, und es wird immer k\u00fchler. Man h\u00f6rt Wasser unten, aber man sieht es nicht, und dann steht man pl\u00f6tzlich vor einem Wasserfall. Leider ist hier der Weg pl\u00f6tzlich zu Ende. Es muss wohl noch einen anderen, \u201erichtigen\u201c Wanderweg geben, der bis an das Ende der Schlucht f\u00fchrt, aber den muss ich wohl verpasst haben.<\/p>\n<p>Man kann den Olymp auch besteigen, auch als Flachlandtiroler, jedenfalls auf der einfacheren Strecke. Es soll auch gef\u00fchrte Wanderungen geben, aber in Litochoro ist davon nichts zu sehen. Daf\u00fcr br\u00e4uchte man nat\u00fcrlich mehr Zeit.<\/p>\n<p>Ich entscheide spontan, noch nach Vergina zu fahren, das einzige Monument, das ich schon von der fr\u00fcheren Reise kenne. Es ist wieder beeindruckend, aber es haut mich nicht mehr ganz so vom Stuhl wie fr\u00fcher. Warum ist schwer zu sagen.<\/p>\n<p>Das Grab befindet sich unter einem gr\u00fcnen Erdh\u00fcgel, da wo es sich immer befand. Und das Museum ist gleich da, die Fundst\u00fccke sind da, wo sie gefunden wurden, und nicht in einer anderen Stadt. Das ist alles gut, und doch spricht in der Brosch\u00fcre ein Arch\u00e4ologe skeptisch \u00fcber die eigene Arbeit. Man habe zutage gef\u00f6rdert, was eigentlich verborgen bleiben sollte.<\/p>\n<p>Trotzdem: Der sehr dunkle, runde Raum vermittelt die richtige Atmosph\u00e4re, und der Blick hinunter in auf die helle Wand von Philipps Grab hat eine geradezu metaphysische Qualit\u00e4t. Man geht die Rampe hinunter und bekommt dann die Details zu sehen, eine scheinbar mit Eisen beschlagene, wei\u00dfe Marmort\u00fcr mit zwei Halbs\u00e4ulen an den Seiten, dar\u00fcber ein Fries mit Metopen und dar\u00fcber ein Fries mit der Darstellung einer Jagd. Die Szenen k\u00f6nnte man ohne Beschreibung aber nicht erkennen.<\/p>\n<p>Streng genommen ist dies gar nicht der Zugang zu Philipps Grab, sondern zu der Vorkammer. Hier wurde das Grab einer Frau gefunden. Philipps Grab befindet sich dahinter, unsichtbar f\u00fcr uns, hinter einer \u00e4hnlichen Wand.<\/p>\n<p>Von einer russischen Reisegruppe, die mich schon den ganzen Tag verfolgt, werde ich zur Seite gedr\u00e4ngt und irgendwo eingequetscht, kann aber auch nicht raus. Als sie endlich gehen und ich einen Moment alleine bin, hole ich heimlich mein Handy raus, um ein Photo zu machen, aber die Aufpasserin oben an der Rampe ist aufmerksam und h\u00e4lt mich davon ab.<\/p>\n<p>Die Funde, die hier gemacht wurden, sind wirklich atemberaubend, auch teilweise der Erhaltungszustand. Vor allem die Funde aus einem zweiten, \u00e4hnlichen, aber etwas kleineren Grab mit einem \u00e4hnlichen Zugang, dem sogenannten Prinzengrab, weisen praktisch keinen Kratzer auf. Es sind lauter Silbergef\u00e4\u00dfe und Silberger\u00e4te, von einer einfachen, klaren Form, die hoch modern wirkt, ohne Firlefanz, h\u00f6chstens mal ein Schlangenkopf am Griff eines Sch\u00f6pfl\u00f6ffels, sonst fast nichts. Unter den Ger\u00e4tschaften befinden sich ein Salzstreuer und ein ganz feines Sieb.<\/p>\n<p>Von Philipp selbst sind Teile von R\u00fcstungen erhalten und eine R\u00fcstung praktisch komplett, einschlie\u00dflich der Schienbeinschoner, die angeblich unterschiedlich lang sind und deshalb auf Philipp verweisen, der unterschiedlich lange Beine hatte. Alexander gab ihm gleich vier R\u00fcstungen mit auf die Reise. Die normalen Grabbeigaben waren zwei Speere, in besonderen F\u00e4llen ein Schwert und in ganz besonderen F\u00e4llen ein Helm. Im Zusammenhang damit hei\u00dft es, Waffen seien f\u00fcr M\u00e4nner das gewesen, was Schmuck f\u00fcr Frauen waren. Gar kein schlechter Vergleich. Daher die wertvollen Materialien und die aufw\u00e4ndigen Verzierungen: Macht, Reichtum, Status, aber wohl auch Beschw\u00f6rung des Gl\u00fccks waren damit verbunden.<\/p>\n<p>Aus dem Frauengrab sind goldene Diadem und goldene Kronen erhalten, wie ich sie schon im Arch\u00e4ologischen Museum von Thessaloniki in H\u00fclle und F\u00fclle gesehen habe, vor allem aber auch Teil eines goldbestickten Gewandes.<\/p>\n<p>Erst jetzt erinnere ich mich wieder, wie es mir damals die Couch angetan hatte. Auch sie wurde in Philipps Grabkammer gefunden. Von der Couch ist nichts mehr erhalten, wohl aber die Beschl\u00e4ge aus Elfenbein, Glas, Gold und anderen Materialien, die ganze Kampf- und Jagdszenen darstellen. Je nach Benutzung des Materials sind K\u00f6rper teils oder ganz erhalten. Bei den Gegnern sind nur noch Arme und Beine erhalten, weil die anderen K\u00f6rperteile aus minderwertigem Material sind!<\/p>\n<p>Diesmal hat es mir eine andere Sache besonders angetan, ein \u201eW\u00fchltisch\u201c in der Mitte des Raumes. Dort hat man den \u201eSchutt\u201c der Ausgrabungen in kleinen Haufen zusammengesammelt, N\u00e4gel, Holzkohle, Lehmkugeln, die wie Bohnen aussehen, Glasscherben, Bleikugeln, Fischschuppen.<\/p>\n<p>Als es am fr\u00fchen Abend zur\u00fcck nach Thessaloniki geht, ist es unvermindert hei\u00df und hell. Man hat den Eindruck, dass es gerade erst Mittag ist. Auf der dreispurigen Autobahn f\u00e4hrt ein schwer beladenes Motorrad auf dem Seitenstreifen, obwohl die Autobahn fast frei ist. Sp\u00e4ter, als es enger wird und wir auf Thessaloniki zukommen, fahren zwei Jungs auf dem Motorrad \u2013 Mokassins, Shorts. T-Shirts, Helme \u2013 hartn\u00e4ckig auf der linken Spur, auch als ein Auto sie \u00fcberholen will.<\/p>\n<p>Die Bulgaren sind die T\u00fcrken Griechenlands. Mit voll beladenen, nach hinten durchh\u00e4ngenden Autos fahren sie im Sommer in die Heimat. Mehrere Exemplare habe ich heute vor mir.<\/p>\n<p>Das Tanken immer wieder verschoben und am Ende bis Thessaloniki aufgeschoben. Am Ende r\u00e4cht sich das fast. An der Tankstelle steht ein Schild \u0392\u03b5\u03bd\u03b6\u03af\u03bd\u03b9 \u03a4\u03ad\u03bb\u03bf\u03c2 \u2013 Benzin Ausgegangen. Ich kurve mehrmals in der Altstadt herum, bis ich den Weg nach unten finde. Dort gibt es an der Hauptstra\u00dfe gleich an der ersten Tankstelle einen vollen Tank, ohne Schwierigkeiten. Der Tankwart sagt mir, es werde auch keine Probleme geben. Nur das Bezahlen mit Karte k\u00f6nne irgendwann eng werden. Im Moment geht es aber noch. Es stellt sich heraus, dass er Albaner ist. Sieht und h\u00f6rt man nicht. Er hat mal ein halbes Jahr in Deutschland gearbeitet, in Ingolstadt. Auf die bl\u00f6de Frage, ob es ihm in Griechenland gut gefalle, gibt er eine ausweichende Antwort. Man kann das etwa so deuten: Mir gef\u00e4llt es hier gut, aber wenn ich die freie Wahl h\u00e4tte, w\u00fcrde ich in Albanien leben.<\/p>\n<p>Auf dem Weg nach Hause komme ich an einem Hotel vorbei, dessen Name mir auff\u00e4llt: The Tobacco Hotel. So k\u00f6nnte man heute kein Hotel mehr nennen. Das waren die glorreichen Zeiten. Es erinnert mich an das Tabakmuseum in Kavala und das wiederum an einen Mann aus einer deutschen Reisegruppe. Der hatte sein ganzes Leben im Tabakhandel gearbeitet, in der T\u00fcrkei und in Griechenland. Er war Nichtraucher. Er sprach gut Griechisch und sagte, in beiden L\u00e4ndern habe er gerne gelebt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des ganzen Tages Lust auf ein k\u00fchles Bier gehabt. Es ist einfach das Wetter daf\u00fcr. Jetzt mehr nachgeholt, als sein musste. Erst ein kleines in einer Taverne, dann zwei gro\u00dfe beim Essen, dann noch ein kleines in einem Caf\u00e9. Dazu noch flaschenweise Wasser.<\/p>\n<p>Als ich in der Taverne nach Spetzofai frage, eine griechische Wurstspezialit\u00e4t, sieht mich der Wirt ganz verwundert an, als wolle er sagen: Dieses ganze Zeug steht doch nur auf der Speisekarte. Kein Mensch erwartet ernsthaft, dass es das gibt. Ich frage dann, was er empfehle: Bisteki. Das ist die griechische Version von Beefsteak. Das machen wir selbst, sagt er, im Brustton der \u00dcberzeugung. Dann muss es einfach gut sein, ist die Implikation. Es schmeckt wirklich ganz gut, und das ganze Essen ist unglaublich preiswert.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13. Juli (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Beim Unterricht kommt die Rede auf den Beruf von Rania und darauf, wie sehr sie unter der Arbeitslosigkeit leidet. Ihr Bruder, der in Liechtenstein ist, hat ihr mal angeboten, es dort zu versuchen, aber sie sagt, sie habe Angst. Angst? Ja, andere Lebensweise, nicht Griechenland. Dabei hat es ihr gefallen, als sie einmal dort auf Besuch war. Sie wohnt noch bei ihren Eltern, und auf die Frage, ob ihr das gefalle, gibt sie eine unerwartet deutliche, nonverbale Antwort, eine Mischung aus Mienenspiel und Geste. Aber sie kann sich keine Alternative leisten.<\/p>\n<p>Mit der Einladung von Elena in ihr Ferienhaus hat sie ihre Schwierigkeiten. Wir kennen uns doch kaum. Ich will da nicht \u00fcber Nacht bleiben. Hat sie \u00fcberhaupt genug R\u00e4ume? Ich habe mich zwar auch gewundert, aber keine Bef\u00fcrchtungen. Ich gehe einfach davon aus, dass alles in Ordnung ist. Warum auch nicht? Das sage ich ihr auch, aber es hat keine Wirkung.<\/p>\n<p>Auf dem Vlali-Markt bekomme ich bei einem Obstverk\u00e4ufer eine \u00fcberraschend klare Antwort auf die Frage Nektarine oder Pfirsich: \u201ePfirsich\u201c, sagt er, ohne zu z\u00f6gern. Das finde ich gut.<\/p>\n<p>Am Abend geht es mit Vaso und Vasoula, die ich beide vor der Abfahrt nicht mehr sehe \u2013 aber so ganz genau wei\u00df man das nie \u2013 nach Krini, ein Vorort, von dem viel geschw\u00e4rmt wird. Hier reiht sich ein gro\u00dfes, teures Lokal ans andere. Man sitzt am offenen Fenster und blickt auf das Meer und die Lichterkette von Thessaloniki rechts und einem anderen Ort links. Weiter hinten sieht man die viel schw\u00e4cheren Lichter von Chalkidiki. Das ist ganz sch\u00f6n, aber man braucht hier nicht unbedingt gewesen zu sein.<\/p>\n<p>Ob es hier auch Strand gebe, will ich wissen. Ja, aber der wird nur von denen genutzt, die keine M\u00f6glichkeit haben, woanders hinzukommen. Die besseren Str\u00e4nde sind ein bisschen weiter raus.<\/p>\n<p>Wir unterhalten uns sehr entspannt, ganz viel \u00fcber Literatur. Vaso sagt, sie lese Fachliteratur zwar auch auf Englisch und auf Deutsch, aber bei der Belletristik bevorzuge sie Griechisch. Damit ist sie doch vertrauter. Seit Monaten l\u00e4gen Thomas Manns Bekenntnisse eines Unpolitischen auf ihren Tisch, einfach, weil sie das schon auf Griechisch gelesen hat, aber irgendwie traue sie sich nicht so richtig daran. Es ist zu m\u00fchsam. Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich habe aber einen Tipp f\u00fcr sie: Versuch\u2019s mal mit was Leichterem. Sie macht sich das Leben unn\u00f6tig schwer, indem sie nur die Schwergewichte liest: Kafka, Thomas Mann, Jelinek, Thomas Bernhard.<\/p>\n<p>Sie lachen mit mir \u00fcber meinen Kampf mit dem Griechischen, mit den absurd komplexen Verbformen vor allem. Auch einem bei einer Wortwahl, die ein allt\u00e4gliches Ereignis stark dramatisiert, und bei einem Wort, das nicht existiert, das man aber verstehen kann.<\/p>\n<p>Die beiden trinken Wein, Wei\u00dfwein. Das rentiert sich. Ich erfahre, nachdem ich einen Fehler gemacht habe, dass das Griechische zwei W\u00f6rter f\u00fcr \u201awei\u00df\u2018 hat, \u03ac\u03c3\u03c0\u03c1\u03bf\u03c2 und \u03bb\u03b5\u03c5\u03ba\u03cc\u03c2. Obwohl ich beide kenne, war mir das irgendwie nicht klar. Warum, das wissen die G\u00f6tter. Jetzt stellt sich nat\u00fcrlich die Frage des Gebrauchs. Bei Wein, das wei\u00df ich jetzt, ist nur \u03bb\u03b5\u03c5\u03ba\u03cc\u03c2 gebr\u00e4uchlich. In den n\u00e4chsten Tagen verfolge ich die Sache ein bisschen, und es stellt sich heraus, dass \u03ac\u03c3\u03c0\u03c1\u03bf\u03c2 (das Vaso zufolge aus dem Lateinischen stammt) das weit gebr\u00e4uchlichere Wort ist: \u03ac\u03c3\u03c0\u03c1\u03bf \u03c6\u03cc\u03c1\u03b5\u03bc\u03b1, \u03ac\u03c3\u03c0\u03c1\u03bf \u03b1\u03c5\u03c4\u03bf\u03ba\u03af\u03bd\u03b7\u03c4\u03bf, \u03ac\u03c3\u03c0\u03c1\u03b1 \u03bc\u03b1\u03bb\u03bb\u03b9\u03ac, \u201awei\u00dfes Kleid\u2018, \u201awei\u00dfes Auto\u2018, \u201awei\u00dfes Haar\u2018. Dagegen kommt \u03bb\u03b5\u03c5\u03ba\u03cc\u03c2 wohl mehr in festen Verbindungen vor, aber eben eher selten: \u03bb\u03b5\u03c5\u03ba\u03cc \u03ba\u03c1\u03b1\u03c3\u03af, \u039b\u03b5\u03c5\u03ba\u03cc\u03c2 \u03a0\u03cd\u03c1\u03b3\u03bf\u03c2, \u039b\u03b5\u03c5\u03ba\u03cc\u03c2 \u039f\u03af\u03ba\u03bf\u03c2, \u201aWei\u00dfwein\u2018, \u201aWei\u00dfer Turm\u2018, \u201aWei\u00dfes Haus\u2018 (aber: \u03ac\u03c3\u03c0\u03c1\u03bf \u03c3\u03c0\u03af\u03c4\u03b9, \u201awei\u00dfes Haus\u2018). Wunderbar!<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg streiten die beiden \u00fcber das Wort \u03af\u03c3\u03b9\u03b1, das Vasoula st\u00e4ndig benutzt und das ich von ihr gelernt habe. Und jetzt selbst gebrauche. Vaso sagt, das sei \u201efalsch\u201c. Das \u201erichtige\u201c Wort f\u00fcr \u201ageradeaus\u2018 sei \u03b5\u03c5\u03b8\u03b5\u03af\u03b1. Warum es denn nicht zwei W\u00f6rter geben k\u00f6nne, frage ich. Das ginge nicht, weil \u03af\u03c3\u03b9\u03b1 \u201agerade\u2018 hei\u00dfe. Deshalb k\u00f6nne es nicht \u201ageradeaus\u2018 hei\u00dfen. So ein kompletter Unsinn! Und das aus dem Mund einer Philologin! Sie meint, wir seien eben Linguisten, sie sei Philologin, und als solche sei man eben etwas strenger!<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">14. Juli (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Der Weg ist derselbe wie gestern Abend, aber bei Licht viel einfacher zu finden, und ich bin viel zu fr\u00fch am Treffpunkt. Der Mann in dem kleinen Caf\u00e9 in der Seitenstra\u00dfe ist so freundlich, dass es f\u00fcr den ganzen Tag die Note setzt. Erst kommt er raus, um mir die Milch zu bringen, die er vergessen hat, dann kommt er nochmal raus und fragt, ob ich Internetverbindung brauche. Als ich am n\u00e4chsten Tag dort noch mal einen Kaffee trinke, erkennt er mich sofort wieder.<\/p>\n<p>Am Treffpunkt ist fast niemand. Die eine hat keine Erlaubnis ihres Mannes, woanders zu \u00fcbernachten, die andere hat niemanden, der auf ihren Hund aufpasst, die dritte, Katerina, erscheint einfach nicht. Nach einigen Anrufen erscheint sie dann doch. Inzwischen ist aus Elena da. Wir sind nur zu viert, brauchen aber zwei Autos, wegen der R\u00fcckfahrt. Rania f\u00e4hrt bei mir mit. Wir sind kaum unterwegs, da f\u00e4ngt sie an, sich wegen Elenas Fahrstil zu beklagen. Die fahre wie eine typische Frau. Das habe ich auch gedacht, aber nicht gesagt.<\/p>\n<p>Wir kommen durch einen Vorort von Thessaloniki, der Finikas hei\u00dft, genauso wie das griechische Wort f\u00fcr \u201aPalme\u2018. Mit dem qu\u00e4le ich mich seit Jahren ab. Vielleicht hilft die Erinnerung an die Fahrt ja. Interessant jedenfalls, dass auch hier das Griechische abweicht und keine Variante von <em>Palme<\/em> benutzt.<\/p>\n<p>Irgendwann weist mich Rania auf zwei gelbe, gedrungene Flugzeuge aufmerksam, gleich \u00fcber uns. Sehen wie Spielzeug aus. Das seien Flugzeuge der Feuerwehr, sagt sie stolz. Die werden zur Prophylaxe eingesetzt. Sie \u00fcberwachen die Gegend und fahnden nach Anzeichen von Feuer. Bei der Hitze und der Trockenheit eine gute Idee.<\/p>\n<p>Ihr botanisches Wissen hilft mir auch bei den vielen, vielen bl\u00fchenden Str\u00e4uchern am Wegesrand weit. Es ist Oleander. Auf Griechisch hei\u00dft er \u03c0\u03b9\u03ba\u03c1\u03bf\u03b4\u03ac\u03c6\u03bd\u03b7, \u201abitterer Lorbeer\u2018, was eine Verwandtschaft zum Lorbeer nahelegt, die es gar nicht zu geben scheint. Jedenfalls sind dies reine Zierstr\u00e4ucher. Sie werden hier aber angepflanzt, um den Staub von der Stra\u00dfe aufzufangen!<\/p>\n<p>Wir kommen an einem Sonnenblumenfeld vorbei, und ich erfahre, dass die einfach \u03ae\u03bb\u03b9\u03bf\u03c2 hei\u00dfen, \u201aSonne\u2018. So nennt Rania sie jedenfalls. Es gibt aber noch ein zweites Wort, \u03ae\u03bb\u03b9\u03bf\u03c4\u03c1\u03cc\u03c0\u03b9\u03bf.<\/p>\n<p>Wir kommen auch an der bekanntesten Destillerie vorbei, die es in dieser Gegend gibt, Tsandalis. Hier wird Raki hergestellt, der hier im Norden fast immer Tsipouro hei\u00dft. Gleich hinter der Destillerie breiten sich die Weinfelder aus.<\/p>\n<p>In der Umgebung von Kallithea werden Plakate f\u00fcr Pelzhandlungen aufgeh\u00e4ngt, und in Kallithea selbst befinden sich dann die Lager und Gesch\u00e4fte. Bei dem Wetter nicht gerade das, wonach einem ist. Es ist jetzt schon so lange so warm, dass ich mir kaltes Wetter, unter dem ich so lange gelitten habe, kaum noch vorstellen kann.<\/p>\n<p>Dann kommen wir nach Chanioti und fahren \u00fcber eine Art Privatweg zu dem Haus, vor dem es gleich zwei Privatparkpl\u00e4tze gibt. Wir werden von Theo, Elenas Ehemann, in Empfang genommen, einem kleinen, drahtigen, braungebrannten Mann. Er begr\u00fc\u00dft mich mit einem deutschen Wortschwall.<\/p>\n<p>Das Haus ist wirklich ein Haus, eins von einer Reihe von H\u00e4usern auf einem geschlossenen Areal, das, wie wir sp\u00e4ter erfahren, nachts abgeschlossen und das ganze Jahr \u00fcber bewacht wird. Der W\u00e4chter wohnt umsonst und bekommt eine Entsch\u00e4digung von 600 \u20ac aus der Gemeinschaftskasse.<\/p>\n<p>Theo nimmt mich voll in Beschlag. Er hat neun Jahre in Frankfurt gearbeitet, Pelzhandel. \u201eViel Geld, viel Geld!\u201c sagt er und macht dabei eine Geste, die andeutet, dass die Hosentaschen viel zu klein waren f\u00fcr all die B\u00fcndel von Geldscheinen, die man kassierte.<\/p>\n<p>Er hat seit 25 Jahren nicht mehr Deutsch gesprochen. Erstaunlich, wie viel er noch kann. Auch in Frankfurt habe er gar nicht so viele Gelegenheiten gehabt, Deutsch zu sprechen. Seine Kunden waren Griechen, Italiener, Spanier, Amerikaner. In Amerika hat er auch gearbeitet, in einer Reihe anderer L\u00e4nder auch, aber als ich ihn frage, wo in Spanien er gearbeitet habe, sagt er \u201e\u00dcberall\u201c.<\/p>\n<p>Ohne viel Zeit zu verlieren, gehen wir gleich zum Strand. Von Theo animiert: \u201eMachen Sie, was du willst!\u201c Es ist wirklich purer Luxus. Es sind gerade einmal hundert Meter bis zum Strand. Es geht \u00fcber einen schmalen Pfad, und man braucht noch nicht einmal eine Stra\u00dfe zu \u00fcberqueren. Der Strand ist Sand mit Kieselsteinen, das Wasser, t\u00fcrkisfarben schimmernd, ist ganz sauber und klar und genau an der Untergrenze von zu warm. Wenn man rauschwimmt, kommt mit Str\u00f6mungen immer mal wieder etwas kaltes Wasser, genau richtig.<\/p>\n<p>Am Strand h\u00f6rt man slawische Sprachen und praktisch kein Griechisch. Die Autos kommen meist aus Serbien und Mazedonien, ein paar Sportwagen, aber meist dicke SVU.<\/p>\n<p>Als wir zur\u00fcckkommen, wird Tsipouro aufgetischt, zusammen mit einer Reihe von Vorspeisen. Selbstverst\u00e4ndlich werden Theo und ich bedient. Er trinkt nie, wenn er alleine ist, aber in Gesellschaft schon.<\/p>\n<p>Er erz\u00e4hlt, wie gut er Italienisch und Franz\u00f6sisch spreche und gibt eine Kostprobe seines Italienischen. Er macht das wirklich gut, mit passender Intonation und passender Geste, mit sprachlichen Versatzst\u00fccken, die er als Ganze gelernt hat. Keine schlechte Strategie, aber ich habe die ganze Zeit das Gef\u00fchl, dass er vermutlich kein Verb konjugieren kann. Sein Italienisch habe ihn vor einem Strafmandat bewahrt. Die Polizisten h\u00e4tten ihn f\u00fcr einen Italiener gehalten und h\u00e4tten ihn durchgelassen. Sie h\u00e4tten ihm nicht geglaubt, dass er Grieche sei.<\/p>\n<p>Ich werde immer wieder aufgefordert, zuzugreifen, mich wie zu Hause zu f\u00fchlen, n\u00e4chstes Jahr wiederzukommen und l\u00e4nger zu bleiben als geplant. Er ist selbst im Sommer vier Monate lang hier und vermutlich viel alleine.<\/p>\n<p>Das Haus haben sie seit f\u00fcnfzig Jahren! Er hat drau\u00dfen alles alleine angelegt, und das glaubt man ihm gerne. Bei jeder Gelegenheit steht er auf, schneidet irgendwo etwas ab oder bindet einen Strauch fest. Dann zeigt er mir stolz seine Heckenschere: Wolf. Deutsche Wertarbeit. 35 Jahre alt. Damit k\u00f6nne man arbeiten. So etwas w\u00fcrde nur in Deutschland produziert. Ich versuche, seine Begeisterung ein wenig zu relativieren, aber ohne viel Erfolg. Er sagt allerdings, nicht er, sondern Elena habe den Deutschland-Fimmel. Sie frage ihn immer wieder, warum er damals Frankfurt verlassen habe. Ihre j\u00fcngste Tochter geht jetzt nach England, als Postgraduierte. Sie sagt, sie habe ihr geraten, dort Deutsch zu lernen, damit sie sp\u00e4ter nach Deutschland gehen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Theo zeigt uns mit gro\u00dfem Bedauern die Palme im Vorgarten. Vor 35 Jahren gepflanzt. Vermutlich unter Einsatz der deutschen Heckenschere. Der Baum ist krank. Er zieht einen heruntergefallenen Ast \u00fcber den Boden und zeigt ihn uns. Er sieht wirklich erb\u00e4rmlich aus. Nur die weiblichen B\u00e4ume seien befallen. Zwei H\u00e4user weiter steht eine m\u00e4nnliche Palme, die ihre \u00c4ste stolz gegen den Himmel reckt. Sie sieht wirklich pr\u00e4chtig aus. Ihre Palme ist aber nicht mehr zu retten. Der Nachbar hat sie am Ende des Stammes beschnitten, aber nur zur Vermeidung von Gartenabfall. Die eigene Palme zu entfernen koste 300 \u20ac, sagt er. Am n\u00e4chsten Tag erz\u00e4hlt er dieselbe Geschichte noch mal. Jetzt sind es schon 400 \u20ac.<\/p>\n<p>Dann wird das Mittagessen aufgetischt. Dabei flie\u00dft ordentlich Bier. Elena isst gar nichts. Sie trinkt nur Kaffee. Dabei hat sie die ganze Zeit in der K\u00fcche gestanden. Sie sieht aus wie eine Lady und arbeitet wie eine Sklavin. Mir liest sie jeden Wunsch von den Augen ab.<\/p>\n<p>Auch Katerina isst nicht. Sie raucht und schreibt SMS. Das bringt Theo auf die Palme. Rania hat er sofort ins Herz geschlossen, aber gegen Katerina polemisiert er, in ihrer Gegenwart, auf Deutsch, hinter ihrem R\u00fccken sozusagen. Von meinen Einw\u00e4nden will er nichts wissen. Am n\u00e4chsten Tag hat er seine Meinung aber ge\u00e4ndert. Tats\u00e4chlich hilft Katerina, wo sie nur kann. Er findet auch, dass sie \u201egute Gedanken\u201c habe. Nur mit dem Rauchen kann er sich nicht abfinden.<\/p>\n<p>Als wir sp\u00e4ter wieder am Strand sind, erscheint Theo auf einmal in seinem Fischerboot. Mit kr\u00e4ftigen Bewegungen rudert er hinaus. Drau\u00dfen geht es mit Motor weiter. Sp\u00e4ter kommt er mit dem Fang zur\u00fcck, sechs oder sieben kleinen Fischen. Die m\u00fcsse ich unbedingt probieren. Meinen Hinweis auf die Allergie l\u00e4sst er nicht gelten. Ich h\u00e4tte noch nie so guten Fisch gegessen. Kann sein.<\/p>\n<p>Am Abend gehen wir ins \u201eDorf\u2018. Entsetzlich. Statt einer Kirche, einem Dorfplatz und einem Brunnen gibt es eine riesige Touristenmeile mit Souvenirgesch\u00e4ften, Fast Food und \u201eUnterhaltung\u201c. Das k\u00f6nnte \u00fcberall am Mittelmeer sein. Hinweise, dass man in Griechenland ist, gibt es praktisch keine.<\/p>\n<p>Wir setzen uns an den Strand. Hier ist es jetzt ganz ruhig. Und es gibt St\u00fchle, die man frei benutzen kann. Zum Abendessen gibt es nur Melone. Das scheinen alle ganz normal zu finden. Nach der Schlemmerei des Tages ist es auch genau das Richtige. Und die Melone, Wassermelone, schmeckt hervorragend.<\/p>\n<p>Was die Sprache angeht, ist es ein frustrierender Aufenthalt. Wenn es ans Eingemachte geht, wenn es um Politik geht oder um Katarinas komplizierte Biographie \u2013 sie spricht flie\u00dfend Griechisch \u2013 bin ich aufgeschmissen. Andererseits werde ich behandelt wie jemand, der kein Wort Griechisch spricht. Selbst die einfachsten Dinge werden \u00fcbersetzt. Auch Elena, die sonst immer Griechisch mit mir spricht, spricht pl\u00f6tzlich Englisch mit mir. Theo merkt erst ganz am Ende, kurz vor dem Aufbruch, dass ich Griechisch spreche. Einmal kommt es zu einer komischen Situation, als sich Theo, Katerina und Rania unterhalten \u2013 Elena ist mal wieder in der K\u00fcche. Das einzige Wort, das ich verstehe, ist Bouzouki. Dann erkl\u00e4ren sie mir alle drei, der Reihe nach, was Bouzouki ist: \u201eMusikinstrument\u201c. \u201eGriechisches Musik\u201c. Und eine Geste, mit der die Form der Bouzouki angedeutet wird.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">15. Juli (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Fr\u00fch am Morgen, als noch alle schlafen, zum Strand runter. Da ist es jetzt ganz leer, bis auf ein paar Aufr\u00e4umer. Im Wasser nur ein riesiger wei\u00dfer Hut. Die Frau darunter ist nicht zu erkennen. Dann kommt auch noch Lena, der hinkende Nachbarhund, und probiert kurz das Wasser.<\/p>\n<p>Zum Fr\u00fchst\u00fcck gibt es Pita mit Apfelsinen und warme Bougatsa, alles selbst gemacht. Wunderbar! Dazu gibt es Filterkaffee, der hier \u0393\u03b1\u03bb\u03bb\u03b9\u03ba\u03cc\u03c2 \u03ba\u03b1\u03c6\u03ad\u03c2 hei\u00dft, \u201aFranz\u00f6sischer Kaffee\u2018. Auf den schw\u00f6rt Theo. F\u00fcr ihn kommt nichts anderes in Frage. Den Griechischen Kaffee mag er \u00fcberhaupt nicht. Vielleicht ist das das Resultat seiner vielen Auslandsaufenthalte.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Strand frage ich nach der Aussprache von <em>Theo<\/em>, nicht ahnend, worauf ich mich eingelassen habe. Ich bekomme alle Antworten, die ich nicht haben will \u2013 dass das der Name von Elenas Mann ist, was er bedeutet, aus welchen Bestandteilen er besteht, dass er eine Kurzform von Theodoros ist. Aber nicht auf das, was ich wissen will. Warum ist der erste Laut in Theo nicht derselbe wie der erste in Theodoros? Als es endlich so weit ist und ich erfahre, dass nur dieser Theo so hei\u00dft und dass die Aussprache von der Norm abweicht, fragt Elena ganz entgeistert: \u201eBist du vielleicht Philologe?\u201c. So als wenn nur irgendwelche Irren auf die Idee k\u00e4men, so eine Frage zu stellen.<\/p>\n<p>Elena st\u00fcrzt sich ins Wasser und ist nach k\u00fcrzester Zeit mit kr\u00e4ftigen Schwimmz\u00fcgen ganz weit hinten im Meer verschwunden. Bei ihrer anderen Gymnastik, die sie alternierend mit unserer macht, gibt es ein Schwimmbad. Da schwimmt sie jedes Mal, mindestens anderthalb Stunden! Kein Wunder, dass sie so fit ist.<\/p>\n<p>Zum Mittagessen wird noch einmal ganz dick aufgetischt. Mein Hinweis auf meine Allergie hat gleich eine ganze \u00c4nderung des Speiseplans mit sich gebracht. Dass muss man wohl einfach hinnehmen. Es wird Rotwein getrunken, Nemea, offensichtlich ein bekannter Wein hier.<\/p>\n<p>Dann packen wir unsere Siebensachen. Katerina f\u00e4hrt, entgegen der urspr\u00fcnglichen Absicht, jetzt doch mit uns. Von der \u00c4nderung der Pl\u00e4ne habe ich mal wieder nichts mitbekommen. Der Abschied ist genauso herzlich wie alles in den beiden Tagen, und dennoch teilen Rania und ich den unbestimmten Eindruck, dass man jetzt ganz froh war, uns los zu sein. Was auch verst\u00e4ndlich w\u00e4re. Man h\u00e4tte doch nach dem Fr\u00fchst\u00fcck aufbrechen m\u00fcssen. Aber irgendwie standen dem die vielen Aufforderungen entgegen, m\u00f6glichst lange zu bleiben. Wohl nicht richtig gedeutet.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">16. Juli (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Beim Fris\u00f6r komme ich nicht sofort dran. Die Friseuse sagt mir, wie lange es noch dauert. Kann es sein, dass sie elf Minuten gesagt hat? Das Wort geht mir auf dem Weg zum Caf\u00e9 nicht aus dem Kopf, aber ich finde keine andere Erkl\u00e4rung. Die Preise auf der Karte im Caf\u00e9 sind durchgestrichen und durch niedrigere ersetzt. Das best\u00e4tigt, was eine Frau bei der Gymnastik gesagt hat. Die Preise sind in der Krise gesenkt worden. Auf der Speisekarte, eher ein Faltblatt, das ank\u00fcndigt, dass der Lieferservice bis um f\u00fcnf Uhr am Morgen funktioniert, sto\u00dfe ich auf ein Wort, dass ich immer wieder vermisst habe. Es gibt Cr\u00e8pes, und die gibt es in zwei Varianten: \u0393\u03bb\u03c5\u03ba\u03b9\u03ac \u03ae \u03b1\u03bb\u03bc\u03c5\u03c1\u03ae: \u201aS\u00fc\u00df oder salzig\u2018.<\/p>\n<p>Die Friseuse ist eine kleine Frau mit dem K\u00f6rper eines M\u00e4dchens und dem Gesicht einer alten Frau. Der Kontrast wird noch unterstrichen durch ihr in drei T\u00f6nen gef\u00e4rbtes Haar \u2013 dunkelrot, blond und violett \u2013 und eine schwere, schwarze Ledersch\u00fcrze.<\/p>\n<p>Sie spricht laut und gr\u00fc\u00dft die Vorbeikommenden, zeigt Suchenden den Weg und gibt Leuten, die in den Laden kommen, Anweisungen, wo etwas ist, was sie abholen wollen. Sie ist st\u00e4ndig besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Sie ist nicht die Besitzerin, sondern eine Angestellte. Einer neuen Kundin, die jetzt wartet, erz\u00e4hlt sie dasselbe wie einer anderen Kundin vorher. Wunderbar. Ich bekomme eine zweite Chance. Die Chefin sei in Urlaub, in Ferien. Dabei benutzt sie \u03b4\u03b9\u03b1\u03ba\u03bf\u03c0\u03bf\u03cd\u03bb\u03b5\u03c2, eine Variation des Worts f\u00fcr \u201aFerien\u2018. Ich frage nach, ob ich richtig verstanden habe. Sie best\u00e4tigt es, f\u00fcgt aber sofort den unsterblichen Satz hinzu: \u201eDas ist aber kein richtiges Wort. Wir benutzen es nur.\u201c Der Fris\u00f6rbesuch hat sich jetzt schon gelohnt.<\/p>\n<p>Sie fragt nach Deutschland und was man dort von der Griechen denke. Eine heikle Frage. Irgendwie biege ich die Sache mit langem Ausholen hin, und am Ende strahlen sie um die Wette, die Friseuse, das M\u00e4dchen, das ihr hilft und die Kundin.<\/p>\n<p>Ich frage zur\u00fcck, wie das Gesch\u00e4ft laufe. Ob sie zufrieden sei. Eher weniger, scheint mir ihre Geste zu bedeuten. Sie will wissen, ob die Friseusen in Deutschland gut bezahlt werden. Die Antwort haut sie um. Das hat sie sich nicht vorgestellt.<\/p>\n<p>Heute will Hilda zum Strand. Ihre Tochter liege ihr in den Ohren. Warum nicht? Ich hole sie unten bei der Gymnastik ab. Die Tochter und eine Freundin vor ihr, zehn und elf Jahre alt, erscheinen in feschen H\u00fcten und schicken Sommerkleidern. Sie sind sehr pflegeleicht und kommen gut miteinander aus.<\/p>\n<p>Unterwegs sagt sie einen Satz auf Griechisch, den ich nicht verstehe. Sie erkl\u00e4rt auf Spanisch. Es ist ein Konditionalsatz, vom Typ Irrealis, nicht einfach zu bilden, aber nicht schwer zu verstehen. Ich bitte sie, ihn noch einmal auf Griechisch zu sagen. Sofort wird sie unsicher. Sie sagt den Satz, fragt aber ihr Tochter, ob der richtig sei. Ja, Mama, sagt die, richtig. H\u00f6rte sich auch so an. Sie untersch\u00e4tzt ihre eigene Sprachkompetenz im Griechischen, resultierend aus der Unsicherheit der Einwanderin. Den Eindruck hatte ich dieser Tage schon. Sie kann alles. Au\u00dfer Schreiben. Das ist wohl auch eine Quelle der Unsicherheit.<\/p>\n<p>F\u00fcr den griechischen Pass fehlt ihr nur noch die Landeskundepr\u00fcfung. Da ist sie mit Pauken und Trompeten durchgefallen. Sie sagt aber im Brustton der \u00dcberzeugung, sie wolle sich jetzt richtig vorbereiten: Der h\u00f6chste Berg, der l\u00e4ngste Fluss, der Text der griechischen Nationalhymne. Sie geht das alles mit ihrer Tochter durch.<\/p>\n<p>Wir kommen an der Abfahrt nach Petralona vorbei, und ich frage, ob sie da schon mal gewesen sei. Nein, sie kenne nur Thessaloniki. Kein Kreta, kein Mykonos, kein Korfu, auch in Athen und auf dem Peloponnes ist sie wohl noch nicht gewesen. In all den Jahren. Besonders Korfu reizt sie.<\/p>\n<p>Wir fahren in die gleiche Richtung wie vorgestern, aber nur die halbe Strecke, bis nach Sosopouli. Dort ist es genauso gut wie in Chalkidiki. Man fragt sich, woher der schlechte Ruf kommt. Strand und Wasser sind perfekt. Es ist etwas ruhiger, die G\u00e4ste sind ausschlie\u00dflich Griechen. Die Str\u00f6mung ist hier noch etwas st\u00e4rker, und wenn man etwas hinausschwimmt, kommen eiskalte Str\u00f6me auf einen zu, die dann schnell wieder verschwinden.<\/p>\n<p>Man muss ein paar \u00fcberteuerte Getr\u00e4nke bestellen, bekommt daf\u00fcr aber Liegest\u00fchle unter Sonnenschirmen ohne zeitliche Begrenzung. Der schreckliche, wei\u00dfe Scho\u00dfhund, den sie dabei haben, zieht die Aufmerksamkeit der anderen Badeg\u00e4ste auf sich und ist ein willkommener Kommunikationsanlass.<\/p>\n<p>Ich frage nach ihren beiden T\u00f6chtern. Die verstehen sich nicht so gut, sagt sie ganz freim\u00fctig. Die Gro\u00dfe k\u00f6nnte etwas liebevoller mit der Kleinen umgehen. Aber wehe, wenn sie irgendeine Aktion gegen die Kleine unternimmt. Dann steht die Gro\u00dfe auf der Matte. Als sie sie vor kurzem bestraft h\u00e4tte, sei die andere gekommen und h\u00e4tte ihr Vorw\u00fcrfe gemacht. Nicht so leicht, Mutter zu sein.<\/p>\n<p>Die Strafe betraf die elektronischen Medien. Die d\u00fcrfen nur eine begrenzte Zeit pro Tag benutzt werden. Das ist sie ganz streng. Obwohl sie selbst ein Junkie ist, habe ich das Gef\u00fchl, jedenfalls was Facebook und Photos angeht. Aber das M\u00e4dchen h\u00e4lt sich an die Regeln. Auch hier ist sie lange mit Taucherbrille und Freundin und einem Jungen, der dazust\u00f6\u00dft, im Wasser und will gar nicht mehr raus. Und greift nicht sofort zum Handy, wenn sie aus dem Wasser kommt.<\/p>\n<p>Als es Mittag wird, leert sich der Strand immer mehr. Auch Hilda musste sich am Anfang an die griechische Mittagsruhe gew\u00f6hnen und an die strengen Regeln, die daf\u00fcr gelten. In Santo Domingo w\u00fcrde hier ein Radio laufen, dort w\u00fcrde laut geredet, und keiner st\u00f6re sich daran. Auch sie klagt \u00fcber die Arbeitslosigkeit und die schwierige Situation in Griechenland und argumentiert, dass die Erh\u00f6hung der Mehrwertsteuer eher kontraproduktiv ist. So k\u00fchl argumentiert sie sonst nicht. Und ich kann ihr nur zustimmen. Sie will aber trotzdem hier bleiben. Sie m\u00f6ge dieses Land, sagt sie, sie sei hier heimisch geworden. Ihre Familie ist teils in Santo Domingo, teils in Miami, teils in New York. Jetzt im Sommer kommen alle in Santo Domingo zusammen, sieben Geschwister mit Anhang. Nur sie kann nicht dabei sein, da ihre Papiere noch nicht eingetroffen sind.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg h\u00f6ren wir ihre Musik. Bachata. Sie legt die CD ein, und ich muss laut lachen. Sie lacht mit, intuitiv verstehend, was mein Lachen bedeutet: Es ist derartig stereotyp, dass es wie eine Parodie wirkt. Nach zwei Takten ist man mitten in der Karibik.<\/p>\n<p>Als ich wieder zu Hause ankomme, mache ich mich in der Nachmittagshitze auf die Suche nach einem Blumenladen. Blumen f\u00fcr Stella, die Trainerin. Die andere, Maria, bekommt ein Buch. Ein Mann mit schwer t\u00e4towierten Armen bindet mir einen wundersch\u00f6nen Strau\u00df. Als er den Preis nennt, glaube ich, mich verh\u00f6rt zu haben, aber es stimmt: Vier Euro, einschlie\u00dflich Verpackung und K\u00e4rtchen.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg gehe ich beim B\u00e4cker vorbei. Die Frau spricht mich auf die Blumen an. F\u00fcr wen die denn seien, f\u00fcr meine Frau? Nein. Ich erkl\u00e4re ihr f\u00fcr wen. Und sie sagt, die kann sich aber freuen, so sch\u00f6ne Blumen. Und als ich dann im Supermarkt an der K\u00e4setheke vorbeikomme, spricht mich die Frau hinter der Theke an. Das seien aber sch\u00f6ne Blumen. Es folgt fr\u00f6hliches Frotzeln \u00fcber Blumen f\u00fcr Frauen von M\u00e4nnern. Wenn sie mit so einem Strau\u00df nach Hause k\u00e4me, w\u00fcrde ihr Mann sie in die W\u00fcste schicken. Die vier Euro haben sich rentiert, jedenfalls in kommunikativer Hinsicht.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">17. Juli (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Auff\u00e4llig sind die vielen Stra\u00dfenfeger, die in den fr\u00fchen Morgenstunden unterwegs sind. Thessaloniki wird sauber gehalten. Auch um die B\u00e4ume an der Meerespromenade herum wird geharkt. Die heruntergefallenen \u00c4ste und Nadeln werden entfernt. Die B\u00fcrgersteige sind durch das Fegen wirklich sauber, aber gleichzeitig in einem erb\u00e4rmlichen Zustand.<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig in den Superm\u00e4rkten ist die fast v\u00f6llig Abwesenheit von Aufschnitt, jedenfalls in den Regalen, mit Ausnahme einer unappetitlich aussehenden Mortadella. Es gibt auch keinen Schinken. Auch Metzgereien haben keine Wurstwaren. Im Zentrum habe ich gelegentlich kleine L\u00e4den gesehen und auf den st\u00e4ndigen M\u00e4rkten ein paar St\u00e4nde, die sich darauf spezialisieren. Aber man muss sie suchen.<\/p>\n<p>Zum ersten Mal ist die Nachbarwohnung besetzt. Ein brasilianisches Paar, das schon seit Monaten durch Europa reist und jetzt noch einen Monat Italien vor sich hat. Begegnet bin ich ihnen aber nicht.<\/p>\n<p>Sofia ist extra ihretwegen zur\u00fcckgekommen. Morgen f\u00e4hrt sie wieder nach Chalkidiki. Ihre Gastgeberin hat sie eingeladen, l\u00e4nger zu bleiben. Es ist eine Engl\u00e4nderin, die seit f\u00fcnfzig Jahren hier lebt und mit einem Griechen verheiratet war, ein K\u00fcnstlerehepaar, das sich im dritten Finger, in einer gottverlassenen Ecke auf dem dritten Finger von Chalkidiki eine H\u00fctte bauten, in der sie eine Werkstatt unterbrachten. Darunter wurde im Laufe der Zeit das Ferienhaus.\u00a0 Es ist v\u00f6llig abgelegen. Wenn man es nicht kennt, findet man es kaum. Es liegt direkt, wirklich direkt am Strand, unter einem Felsen verborgen. Nur eine nicht asphaltierte Stra\u00dfe verbindet das Haus mit einem vier Kilometer abgelegenen Dorf. Nur ganz wenige andere H\u00e4user sind in der Nachbarstadt entstanden. Der Strand wird nur von denen benutzt, insgesamt gerade mal zehn. Die Engl\u00e4nderin verbringt das ganze Jahr dort au\u00dfer den drei Wintermonaten. Sie wird von ihrer Tochter versorgt, die regelm\u00e4\u00dfig mit Nahrungsvorrat dort auftaucht. Als sie am Anfang mit ihrem Mann zusammen das Haus hatten, waren sie v\u00f6llig von der Welt abgeschnitten, ohne Post, ohne Telefon. Sie hat sich so an die Einsamkeit gew\u00f6hnt, dass sie sich selbst dann zur\u00fcckzieht, wenn sie G\u00e4ste hat.<\/p>\n<p>Sofia genie\u00dft das Leben dort. Sie schw\u00e4rmt von der Einsamkeit und der Frische.\u00a0 Und langweilt sich nicht. Sie geht dreimal am Tag Schwimmen, kocht und liest. Au\u00dferdem sammelt sie ein Gr\u00fcnzeug, das an den Felsen w\u00e4chst, nicht Algen, aber etwas \u00c4hnliches. Sie hat mir ein Glas mitgebracht, und ihr eigener K\u00fchlschrank ist voll davon.<\/p>\n<p>Von Chanioti ist sie nicht so angetan, aber als ich dann auch noch Sosopouli erw\u00e4hne, ist sie v\u00f6llig entsetzt: Warum denn dahin? Ausgerechnet dahin? Was daran so schlecht sein soll, verstehe ich nicht. Es ist wohl eher eine soziale Einordnung. Das Wasser und der Strand waren wunderbar.<\/p>\n<p>Wir unterhalten uns noch \u2013 wie sollte es anders sein \u2013 \u00fcber B\u00fccher. Sie sagt, sie lese am liebsten auf Englisch, und am liebsten ausl\u00e4ndische Literatur.\u00a0 Vom Zauberberg ist sie begeistert. Den hat sie gleich zweimal gelesen. Sie braucht B\u00fccher, die ihr Stoff zum Nachdenken sind. Im Lesekreis lesen sie sonst nur griechische Autoren. Am Anfang haben sie sogar nur Autoren aus Thessaloniki gelesen und die anschlie\u00dfend zu der Diskussion eingeladen. Ich finde das wunderbar, aber sie reagiert eher verhalten. Das sei alles ganz sch\u00f6n und gut, aber sie lege die B\u00fccher aus der Hand und frage sich: Ja, und? Vasoula hat sie ein bisschen mit ihrer Begeisterung f\u00fcr Krimis infiziert, die sie eigentlich nicht mag, wenn es nur darum geht, wer der M\u00f6rder war. Aber sie haben einmal einen Vortrag geh\u00f6rt, der die Geschichte der Kriminalliteratur behandelte. Jetzt steht sie dem Krimi offener gegen\u00fcber. Besonders die skandinavischen Autoren mag sie. Zum Abschied bekomme ich Buch und eine sch\u00f6n verzierte Kladde f\u00fcr Notizen. Wir versprechen uns gegenseitig, in Kontakt zu bleiben und uns gegenseitig zu besuchen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">18. Juli (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Auf der Suche nach Sangria komme ich in einen Getr\u00e4nkeladen. Der junge Mann, der den f\u00fchrt, hat eine gro\u00dfe Auswahl an Bieren, auch deutschen Bieren. Alle in Einzelflaschen pr\u00e4sentiert und wohl auch verkauft. Sangria hat er nicht. Die bek\u00e4me ich im Supermarkt. Stimmt. Da finde ich sie. Sie ist f\u00fcr die Gesundheitsapostel des Fitnessclubs, bei denen man nicht mit Wein antanzen kann.<\/p>\n<p>In das Verkaufsgespr\u00e4ch auf dem Markt mischt sich ein K\u00e4ufer ein. Er ist \u00fcberrascht \u00fcber einen Griechisch sprechenden Ausl\u00e4nder. Er selbst hat auch famili\u00e4re Beziehungen zu Deutschland und ist zweimal dagewesen, in Mainz.<\/p>\n<p>Bei dem Kauf geht es um Gr\u00f6\u00dfe und Muster eines Hemds f\u00fcr die R\u00fcckfahrt. Es hat zwei mit Kn\u00f6pfen verschlie\u00dfbare Taschen und eine weitere mit Rei\u00dfverschluss verschlie\u00dfbare. Dazu kaufe ich noch Shorts, ebenfalls mit verschlie\u00dfbaren Taschen. Sowohl das Hemd als auch die Shorts gibt es f\u00fcr 5 \u20ac. Wer kann daran verdienen?<\/p>\n<p>In einem Caf\u00e9 fragt mich die junge Kellnerin, wo ich Griechisch gelernt h\u00e4tte. Sie habe versucht, ihren Freunden Griechisch beizubringen (\u201eI learned them Greek\u201c), aber die h\u00e4tten gar nichts gelernt. Hat vielleicht an der Methode gelegen, nicht an den Freunden. Wie alle fragt sie, ob ich nicht ans Meer wolle. Ich dachte, ich k\u00f6nnte jetzt endlich eine zufriedenstellende Antwort geben, aber als ich Chanioti und Sosopouli nenne, verzieht sie das Gesicht: Auf den zweiten Finger solle ich fahren, nach Nikiti. Gute Nachricht f\u00fcr die Verwandtschaft. Die sind dahin quasi unterwegs.<\/p>\n<p>Gleich an Ort und Stelle in dem frisch eingetroffenen Reisef\u00fchrer von Chalkidiki gest\u00f6bert. Und dort gleich auf etwas gesto\u00dfen, was mir noch nie klar geworden ist: Thessaloniki ist die ewige Zweite, erst im Byzantinischen Reich hinter Byzanz, dann im Osmanischen Reich hinter Istanbul, dann ich Griechenland hinter Athen, dem attischen Dorf.<\/p>\n<p>Als ich zur\u00fcckkomme, sitzt Dimitris mit zwei weiteren M\u00e4nnern auf den Stufen vor seinem Gesch\u00e4ft. Wie immer, \u00fcberschw\u00e4ngliche Begr\u00fc\u00dfung. Er macht nach, wie er mich morgens am Gesch\u00e4ft vorbeilaufen sieht. Einer der M\u00e4nner spricht flie\u00dfend Deutsch, lebt in Stuttgart, seit mehr als f\u00fcnfzig Jahren. Er kann auch mit deutschen Vornamen umgehen. Er macht eine Geste mit der Hand, l\u00e4ngs den K\u00f6rper runter. Die eine H\u00e4lfte ist griechisch, die andere deutsch. Das kann man sich vorstellen. Da m\u00fcssen in den zwei Brusth\u00e4lften wirklich oft zwei Seelen schlagen. Dimitris fragt, ob ich griechischen Wein m\u00f6ge. Ja, aber an den kommt man in Deutschland schlecht dran, sagen wir beide, schlechter als an kalifornische, chilenische und s\u00fcdafrikanische. Sofort macht er Pl\u00e4ne, wie ich Gesch\u00e4fte machen kann. Bei der R\u00fcckfahrt die ersten f\u00fcnf Flaschen Rotwein von hier \u2013 er deutet auf das Spirituosengesch\u00e4ft \u2013 mitnehmen. Das ist der Beginn des Exporthandels. Wir sprechen noch ein bisschen weiter, in einer wunderbaren Melange von Deutsch und Griechisch. Mir geht, wie man fr\u00fcher gesagt h\u00e4tte, das Herz auf.<\/p>\n<p>Woher kommt eigentlich das Wort <em>Grieche<\/em>, wenn die Griechen selbst sich doch <em>Hellenen<\/em> nennen, \u0395\u03bb\u03bb\u03b7\u03bd\u03b5\u03c2. Das Internet wei\u00df die Antwort. Grieche kommt von <em>Graecus<\/em>, ist also Lateinisch, und das kommt wiederum von \u0393\u03c1\u03b1\u03b9\u03ba\u03bf\u03af, der Bezeichnung eines griechischen Stammes. Das ist eine von drei g\u00e4ngigen Bezeichnungen f\u00fcr die Griechen, die, sich in den meisten europ\u00e4ischen Sprachen findet. Das andere g\u00e4ngige Wort, vor allem im Nahen Osten verbreitet, ist von den <em>Ionier<\/em> abgeleitet. So hei\u00dfen die Griechen auf Arabisch, Hebr\u00e4isch, Armenisch und T\u00fcrkisch. Die dritte Wurzel ist eben die der Hellenen. Dieses Wort gibt es im Chinesischen und Vietnamesischen und auch im Norwegischen! Eine Ausnahme bildet das Georgische. Das hat eine weitere, vierte Wurzel, die sonst keine Sprache teilt. Die Hellenen waren urspr\u00fcnglich ein kleiner, aber m\u00e4chtiger Stamm aus Thessalien. Allm\u00e4hlich wurde das Wort auf andere St\u00e4mme \u00fcbertragen. In der Ilias kommen drei W\u00f6rter f\u00fcr <em>Griechen<\/em> vor, (in aufsteigender Reihenfolge) <em>Argiver<\/em>, <em>Danaer<\/em> und <em>Ach\u00e4er<\/em>. Gar nicht so einfach f\u00fcr den Leser, der schlie\u00dfen muss, dass immer dasselbe gemeint ist.<\/p>\n<p>Die in dem neuen Reisef\u00fchrer empfohlenen Lokale konzentrieren sich an zwei Punkten, einem in der Oberstadt, einem in der Unterstadt. Von allen genannten Lokalen kenne ich nur zwei, beide gleich hier in der N\u00e4he. Ich mache mich auf die Suche nach denen in der Oberstadt empfohlenen und verliere mich dabei in der engen Gassen. Es stellt sich heraus, dass zwei von den empfohlenen Lokalen, darunter das mit dem kuriosen Namen Hier sprang der Opa aus dem Fenster, das mir auch schon aufgefallen war, inzwischen dicht gemacht haben. Und ein drittes, das dem Reisef\u00fchrer zufolge \u201eschwer zu finden\u201c ist, ist \u00fcberhaupt nicht zu finden. Nach mehrmaliger Nachfrage stehe ich vor einem Haus, dem man nicht einmal mehr ansieht, dass hier fr\u00fcher ein Lokal war. Bilanz: Von sechs gesuchten Lokalen haben in den letzten drei Jahren drei zugemacht. Sinnbild der griechischen Krise.<\/p>\n<p>Es bleibt gar nicht mehr so viel \u00fcbrig, wenn man die Caf\u00e9s und Ouzerien und die teuren Lokale abzieht, kommt in der Oberstadt nur noch eine Taverne in Frage: Chiotis, an einem der Endpunkte der Oberstadt gelegen. Nach einer wahren Odyssee, die mich unter anderem \u00fcber eine lange Treppe f\u00fchrt, gelange ich dorthin und merke, dass ich Ecke gut kenne, von einer der ersten Besichtigungen in Thessaloniki. Es scheint sich ein Kreis zu schlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Die Suche ist zwar etwas anstrengend \u2013 als ich um sieben aus dem Haus gehe ist es noch 33\u00b0 warm \u2013 aber irgendwie genie\u00dfe ich auch das Suchen und das Fragen. Inzwischen wird in den allermeisten F\u00e4llen auf Griechisch geantwortet.<\/p>\n<p>Die Spezialit\u00e4t der Taverne hei\u00dft Rembetiko, wie die Musik. Es ist eine in kleine St\u00fccke geschnittene, scharfe Wurst, die mit K\u00e4se \u00fcberbacken ist, zusammen mit Tomaten, Pilzen, Paprika. Sieht harmlos aus, aber s\u00e4ttigt. Die ganze Atmosph\u00e4re ist so mediterran, mit der wei\u00dfen Kirche, dem t\u00fcrkischen Turm, der byzantinischen Stadtmauer, der lauen Sommerluft, der kleinen Terrasse, einschlie\u00dflich der typischen unbequemen Korbst\u00fchle, dass eigentlich Wein dazu geh\u00f6rt, aber das Wetter verlangt einfach nach kaltem Bier.<\/p>\n<p>Dann kommt, als die Sonne untergeht, auch noch Musik dazu. Eine junge Frau mit Gitarre und ein nicht mehr ganz so junger Mann mit Bouzouki spielen griechische Musik. Einige der G\u00e4ste summen mit. Alles Instrumental. Es klingt sehr gut, sehr klar, mit starken Wechseln im Rhythmus. Und dann fangen sie pl\u00f6tzlich an zu singen. Die Frau hat eine sch\u00f6ne Stimme, etwas tiefer, etwas durchdringender, als ich erwartet hatte. Er hat eine bescheidenere Stimme, trifft aber jeden Ton und macht die zweite Stimme oder eine Art Echo beim Refrain. Wunderbar! Der Wirt, angetan von meiner kindlichen Begeisterung f\u00fcr die Musik, serviert mir auf Kosten des Hauses ein weiteres Bier. Es stellt sich heraus, dass ich Gl\u00fcck hatte. Musik gibt es hier nur freitags und samstags, und heute ist es das letzte Mal vor der Sommerpause.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">19. Juli (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen Erinnerung an ein denkw\u00fcrdiges Gespr\u00e4ch mit Theo in Chanioti. Ich fragte ihn, wie er das Fischen gelernt hatte und er antwortete, mit einer Miene, die die Frage in die Kategorie \u201eBl\u00f6de Frage\u201c verweist: \u201eIch mache das seit 35 Jahren.\u201c Als ob das etwas erkl\u00e4re.<\/p>\n<p>Beim Vorbeilaufen habe ich zweimal Touristen auf dem Gel\u00e4nde des Palasts des Galerius gesehen. Ich will es heute noch mal versuchen, aber alles ist, wie sonst auch immer, verschlossen. Als Alternative gehe ich dann zum Photographiemuseum, wo man mir vor Wochen gesagt hatte, ich solle es in einer Woche noch mal versuchen. Drau\u00dfen immer noch dasselbe Schild. Man befinde ich im Zuge der Vorbereitung einer neuen Ausstellung. Deshalb sei geschlossen. Keine Datumsangabe. Darunter: \u201eWir bitten um Ihr Verst\u00e4ndnis.\u201c Darunter hat jemand gekritzelt: \u201eI don\u2019t understant.\u201c<\/p>\n<p>Gleich nebenan gibt es eine kleine Ausstellung zur Geschichte des Hafens. Man erf\u00e4hrt nicht so schrecklich viel, au\u00dfer dass der k\u00fcnstliche Hafen 1904 angelegt worden und dann langsam durch weiteres Piers nach Osten und nach Westen hin erweitert worden ist. Aber die Geschichte wird eindrucksvoll mit Photos dokumentiert, schwarz-wei\u00df f\u00fcr die alten, farbig f\u00fcr die neuen Ansichten, alle in demselben, kleinen Format. So komme ich doch noch zu meiner Photoausstellung. Es gibt in Bild abfahrenden Fl\u00fcchtlinge, dicht gedr\u00e4ngt in einem Schiff, die Arme nach unten gereckt f\u00fcr den letzten Abschiedsgru\u00df, ein Bild der abr\u00fcckenden britischen Soldaten im Ersten Weltkrieg, die an einer Leiter von einem Boot aus auf das Schiff steigen, ein Bild mit den am Hafen festgebundenen britischen Pferden (Ich hatte keine Ahnung, dass man zu Kriegszwecken Pferde durch halb Europa transportiert), ein Bild der Tabaktr\u00e4ger, die genau den Sattel tragen, den ich in Kavala im Museum gesehen habe, ein Bild eines Hirten, der sein voll besetztes Boot mit Ziegen durch den Hafen rudert, ein Bild, auf dem ein Kran Abfall abl\u00e4dt, der in der Form gro\u00dfer Kieselsteine auf den Haufen f\u00e4llt, eine sch\u00f6ne Luftaufnahme, in der der Hafen wie ein Spinnennetz aussieht und eine weitere wunderbare Luftaufnahme, in der die Ladefl\u00e4che des Hafens erscheint, mit ein paar eingezeichneten Linien und ein paar Kratzern, und in dem nur ganz am Rande ein einziger, verlassener Lastwagen steht.<\/p>\n<p>Als ich danach noch ein bisschen durch die Gegend laufe, komme ich an ein paar offenen Gesch\u00e4ften vorbei, Kleidungsgesch\u00e4ften und Superm\u00e4rkten. Eher ungew\u00f6hnlich f\u00fcr einen Sonntag. Andererseits weisen verschiedene Gesch\u00e4fte darauf hin, dass morgen geschlossen ist. \u201eBrot f\u00fcr drei Tage\u201c empfiehlt man am Schaufenster einer B\u00e4ckerei. Es ist, laut Reisef\u00fchrer, der Tag des Propheten Elias, und an diesem Tag sollen die Kirchen auf den Berggipfeln geschlossen sein. Von der Stadt ist nicht die Rede. Sp\u00e4ter sehe ich aber im Vorbeikommen an der Profitis Ilias, dass dort Fahnenschmuck angebracht ist. Das wird es also wohl sein.<\/p>\n<p>Mehrmals an Bankautomaten vorbeigekommen, an denen keiner stand. Einmal die Probe gemacht, und da stand tats\u00e4chlich, dass der Geldautomat au\u00dfer Funktion sein. Aber dann, in der Tsimiski, gleich an drei Geldautomaten ohne Kundschaft vorbeigekommen, die alle funktionierten. In einem steckt noch die Quittung: 60\u20ac.\u00a0 Insgesamt scheint die Pir\u00e4us-Bank besser ger\u00fcstet als die Alpha-Bank. Vielleicht eine Frage der Zahl der Kunden.<\/p>\n<p>In letzter Zeit ein bisschen auf die Aufdrucke auf T-Shirts geachtet. Wenn sp\u00e4tere Arch\u00e4ologen die finden, werden sie viele Anhaltspunkte f\u00fcr unsere Zivilisation haben, aber genauso viele offene Fragen. Unter anderem sehe ich <em>True love<\/em>, <em>Take me away<\/em>, <em>Fun in the Sun<\/em>, <em>Break the rules<\/em>, <em>I smile because I have no idea what\u2019s going on<\/em>, das enigmatische <em>12.57<\/em>, das ebenso enigmatische <em>C<\/em><em>\u00e9line me alone<\/em>, <em>Which of the two do you like better?<\/em> (von einer Frau getragen, mit dem Bild von zwei Katzen \u00fcber der Brust), <em>Don\u2019t take candy from a stranger<\/em>, <em>Look at the bright side<\/em>, <em>I like shoes, bags and boys<\/em> (getragen von einer nicht ganz jungen Frau mit unf\u00f6rmigem K\u00f6rper) <em>Selfie<\/em>, <em>Call me Miss Admiral<\/em>, das bescheuerte <em>J\u2019adore New York<\/em>, <em>Wild \u03a4hing<\/em> (getragen von \u00e4lterer, stark geschminkter Frau mit gef\u00e4rbtem Haar), <em>No boyfriend, no problem <\/em>(wo einem eine Reihe von Alternativen zu <em>boyfriend<\/em> in den Kopf kommen) und mein Favorit <em>Normal people scare me<\/em>. Ich frage mich vor allem, was die Aussageintention ist und ob die Menschen in dem Moment bewusst ist, welche Aufschrift sie da mit sich herumtragen. Was bedeutet True Love? Ich glaube an die wahre Liebe? Ich habe die wahre Liebe gefunden? Man soll sich nur der wahren Liebe hingeben? Ich wei\u00df, was wahre Liebe ist? Oder klingt es einfach cool?<\/p>\n<p>Am Abend noch einmal auf die Suche nach den im Reisef\u00fchrer empfohlenen Lokalen gegangen, diesmal denen im Zentrum. Auf dem Weg ins Zentrum in Agia Sofia reingegangen. Alle Versuche, die Mosaiken und Fresken gut zu sehen oder zu photographieren, misslingen, nur ein Photo der Schatten, die von den Sprossen der gro\u00dfen Fenster, die denen der Trierer Basilika \u00e4hneln, auf die Fensterkante geworfen werden, wird gut. Auf einer Ikone die Darstellung der Dreifaltigkeit in der Form von drei gleich jungen Engeln. Auf einer Ikone erscheint das Wort Thessaloniki. F\u00fcr einen Moment glaube ich, dass es eine Heilige Thessaloniki gibt, aber der hier abgebildete Heilige hat wohl nur mal Station in Thessaloniki gemacht.<\/p>\n<p>Bei der Suche nach den Lokalen wieder viele Kilometer gemacht. Dabei einmal von einer leise sprechenden, freundlichen Frau mit einem gewinnenden L\u00e4cheln eine genaue Auskunft bekommen. Sie verwendet dabei das Wort \u03c4\u03b5\u03c4\u03c1\u03ac\u03b3\u03c9\u03bd\u03bf f\u00fcr \u201aBlock\u2018, das ich hier noch nie geh\u00f6rt habe und das selige Erinnerungen an spanische Zeiten weckt. Genauso wie die Spanier z\u00e4hlt sie dabei laut mit: \u201eNach dem ersten, dem zweiten, dem dritten Block rechts\u201c. Das Wort <em>Tetragono<\/em> erkl\u00e4rt sich von selbst, auch wenn man es noch nie geh\u00f6rt hat.<\/p>\n<p>Unterwegs h\u00f6re ich aus einem Hochhaus in einer ruhigen Stra\u00dfe vertraute Kl\u00e4nge in einer vertrauten Sprache. Ich gehe den Kl\u00e4ngen nach und sehe an der Eingangst\u00fcr eines Hochhauses: Deutsche Evangelische Gemeinde. Zuf\u00e4llig oder nicht steht in der Stra\u00dfe ein voll funktionst\u00fcchtiger VW-K\u00e4fer.<\/p>\n<p>Die Lokale sind alle schwer zu finden. Das <em>Leoforos Nikis<\/em> hat Sommerpause, das <em>Karpousi<\/em>, die \u201aWassermelone\u2018 ist einer gesichtslosen Bar gewichen, in der es Sandwiches und Croissants gibt, das verr\u00fcckte, indisch angehauchte Lokal existiert zwar, hei\u00dft aber nicht <em>Ethnik<\/em>, sondern <em>Bar Nazionale<\/em> (und hat au\u00dferdem den griechischen Namen \u03a5\u03c8\u03b7\u03bb\u03b9\u03bf), das <em>Ta Aderfia<\/em> ist vom Erdboden verschwunden. Ich lande am Ende im <em>Ladokolla<\/em>, gleich nebenan, ebenfalls an der Plateia Navarinou. Aber dieses Lokal hei\u00dft <em>Astrofeggia<\/em>, \u201aSternenlicht\u2018, das Wort <em>Ladokolla<\/em>, das von dem Pergamentpapier herr\u00fchrt, in der Fleischportionen eingewickelt wurden, steht nur noch als Erg\u00e4nzung dar\u00fcber. Selbst die Kellnerin kann mit dem Namen <em>Ladokolla<\/em> nichts anfangen! Ganz egal wie der Name ist, heute gibt es zum letzten Mal Essen mit dem Mehrwertsteuersatz von 13%.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">20. Juli (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Auf dem Weg zur Gymnastik geht ein Mann in Sportklamotten an mir vorbei. Er geht, aber wie! Gro\u00dfe Schritte, dynamische Handbewegungen, gleichm\u00e4\u00dfiger Rhythmus, es sieht eher wie ein Marsch aus als das eierf\u00f6rmige Gehen der Geher beim Sport. Er ist so auff\u00e4llig, dass ein Mann ihn darauf anspricht. Im Weitergehen ruft er ihm eine Erkl\u00e4rung zu. Ich kann noch nicht einmal ein paar Meter mit ihm mithalten. Er geht vermutlich so schnell, wie wir laufen.<\/p>\n<p>So fr\u00fch bei der Gymnastik, dass noch Zeit f\u00fcr Kaffee in dem kleinen Caf\u00e9 bleibt. Diesmal bedient mich eine Frau. Ich mache einen Kommentar zu einem Ausspruch auf ihrem T-Shirt, irgendein Wortspielt mit Kaffee. Sie antwortet, ich verstehe sie nicht, ich bitte sie, zu wiederholen, und sie tut etwas v\u00f6llig Unerwartetes, Au\u00dfergew\u00f6hnliches, noch nie Dagewesenes: Sie wiederholt!! Und beim zweiten Mal verstehe ich.<\/p>\n<p>Die Mehrwertsteuer, das weist auch die Quittung aus, betr\u00e4gt jetzt 23%. Der Kaffee ist teurer geworden. Von 0,90 \u20ac auf 1,00 \u20ac. Am Nachmittag trinke ich noch einen Kaffee am J\u00fcdischen Bad, mit Bedienung, Wasser und Geb\u00e4ck. Der kostet weiterhin 3,00 \u20ac.<\/p>\n<p>Nach der Gymnastik gehen wir alle zusammen in Hildas halb eingerichtete neue Wohnung und trinken Kaffee. Das Gespr\u00e4ch kommt auf Religion, und Elena erkl\u00e4rt, es gebe innerhalb der orthodoxen Kirche zwei Ausrichtungen, eine \u201ealte\u201c und eine \u201eneue\u201c. Wenn ich das richtig verstehe, liegt der Schwerpunkt bei der alten ganz auf dem Glauben. Das h\u00f6rt sich fast protestantisch an. Russland und der Balkan geh\u00f6ren geschlossen der alten Schule an, Griechenland ist geteilt. Merkw\u00fcrdig, dass ich noch nie davon geh\u00f6rt habe.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg bleibe ich kurz bei Dimitris stehen und frage verwundert, warum er ge\u00f6ffnet hat. Ich meinte den Montagnachmittag, aber er meint, ich meinte den Feiertag. Er sagt mit ver\u00e4chtlicher Miene: Meinst du, f\u00fcr den Elias mache ich mein Gesch\u00e4ft zu? Und mit seinem typischen, ansteckenden Lachen macht er mit Gesten die knief\u00e4llige, untert\u00e4nige Haltung der Gl\u00e4ubigen nach. Eine Romanfigur.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">21. Juli (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen an der Strandpromenade drei L\u00e4ufer vor mir gehabt, junge M\u00e4nner, athletisch. Sie laufen langsamer als ich, ganz gem\u00e4chlich, und unterhalten sich dabei. Und kommen trotzdem gut voran. Ich passe mich ihrem Tempo an, und es geht besser als sonst.<\/p>\n<p>Es ist jetzt am fr\u00fchen Morgen hier viel los, w\u00e4hrend die Stadt noch ganz leer ist. Wer l\u00e4uft, l\u00e4uft am fr\u00fchen Morgen, und doch kommen fast alle sichtlich ans Schwitzen.<\/p>\n<p>Dem Reisef\u00fchrer zufolge ist Diebstahl f\u00fcr die Reisenden in Griechenland praktisch kein Problem. Das entspricht genau meinem Eindruck. Ich hatte in der ganzen Zeit noch nicht einmal jemals das Gef\u00fchl, besonders vorsichtig sein zu m\u00fcssen. Der Reisef\u00fchrer erkl\u00e4rt das damit, dass Ehrlichkeit einen besonders hohen Stellenwert in der griechischen Gesellschaft habe. Das gilt aber wohl nicht f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Bereich. Den Staat beschei\u00dfen hat auch einen hohen Stellenwert.<\/p>\n<p>Das griechische Wort f\u00fcr \u201aJungfrau\u2018, das Sternzeichen ist \u03a0\u03b1\u03c1\u03b8\u03ad\u03bd\u03bf\u03c2. Da klingt das Parthenon an. Das war der jungfr\u00e4ulichen Athene geweiht.<\/p>\n<p>Auf dem Weg ins Zentrum an einer Johanniskirche vorbeigekommen, mit einer unterirdischen Katakomben. Nichts Aufsehenerregendes, aber sch\u00f6n k\u00fchl! \u00dcberall stehen Ikonen mit dem T\u00e4ufer herum, meist mit dem eigenen abgeschlagenen Haupt in den H\u00e4nden, aber auch Ikonen des Evangelisten mit aufgeschlagenem Buch und Text. Hier scheint Johannes gleich Johannes gesetzt zu werden. Gab es zu der Zeit eigentlich schon B\u00fccher? Oder ist das ein Anachronismus? Vermutlich, aber wir haben uns daran gew\u00f6hnt.<\/p>\n<p>In den Markthallen heute wieder buntes Treiben. Was f\u00fcr ein Unterschied zu gestern, als die St\u00e4nde geschlossen waren und es hier trostlos aussah!<\/p>\n<p>In der N\u00e4he entdecke ich noch eine Kirche, dem Hl. Paraskewi geweiht. So hei\u00dft auch der Freitag. Ob das Wort von dem Heiligen abgeleitet ist oder umgekehrt?<\/p>\n<p>Die Banken sind ge\u00f6ffnet. Es gibt viel Kundschaft, aber keinen Andrang. Das gleiche Bild vor den Geldautomaten.<\/p>\n<p>Am Abend im Park Unterricht mit Rania. Der Name des Caf\u00e9s ist \u039e\u03b1\u03c1\u03c7\u03ac\u03ba\u03bf\u03c2. Es ist ein Eigenname. So hei\u00dft ein griechischer Komponist. Wir fragen die Kellnerin, warum das Lokal so hei\u00dft. Sie hat keine Ahnung, fragt aber nach. Es stellt sich heraus, dass der Besitzer ein Cousin des Komponisten ist.<\/p>\n<p>Rania erkl\u00e4rt im Brustton der \u00dcberzeugung, warum <em>anderthalb Stunden<\/em> Singular sein muss. Nicht etwa, dass das zuf\u00e4llig im Griechischen so w\u00e4re. Es ist logisch, ein Gesetz der Natur. Wer das anders sieht, ist blind.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">22. Juli (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Bei der Gymnastik herzlicher Abschied. Es wird mit Sangria angesto\u00dfen, und dann werden ein paar zu viele Photos gemacht. Nach dem anschlie\u00dfenden Kaffee R\u00fcckweg auf ungewohntem Pfad. Ich muss mehrmals nachfragen. Einstimmige Reaktion: Oberstadt? Das ist aber weit!<\/p>\n<p>Am Nachmittag f\u00fchrt dann kein Weg mehr am Packen vorbei. Es geht alles ganz schnell. Mit Verbl\u00fcffung packt man die ungelesenen B\u00fccher ein und die dicke Regenjacke, die W\u00e4rmflasche und die Decke und wundert sich, dass die vor kurzem noch gute Dienste geleistet hat.<\/p>\n<p>Kleiner Vorschlag zur Behebung der griechischen Finanzkrise: Wie w\u00e4re es mit Ausschalten der Weihnachtsbeleuchtung im Sommer? In dem kleinen Park an der B\u00fccherei der Oberstadt gehen zusammen mit den Laternen die Weihnachtssterne an.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">22. Juli (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Letzter Versuch, in die Ruinen des Palasts des Galerius zu kommen. Alles verrammelt und verriegelt. Am Kassenh\u00e4uschen haben sich bereits Spinnenweben gebildet. Wie sind nur die Touristen da reingekommen, die ich jetzt zweimal da herumlaufen sehen habe?<\/p>\n<p>Hirnrissiger Artikel in der <em>New York Times<\/em>. Deutschland und Griechenland werden mit sehr unterschiedlichen Statistiken miteinander verglichen, vom Konsum von Oliven\u00f6l bis zu Wochenarbeitsstunden. Aus dem Vergleich, der allerhand Unterschiede aufweist, wird die Folgerung abgeleitet, die den Titel des Artikels bildet: \u201eWhy Greeks and Germans just do not get along?\u201c Die Unterstellung ist, dass man nicht miteinander auskommen kann, wenn man verschieden ist. Was v\u00f6lliger Unsinn ist. Und Unterschiede lassen sich immer finden. Wie hier, wie die Zahl der Zitate von Platon mit denen von Nietzsche verglichen wird. Warum nicht Kant mit Heraklit? Oder sonst wem? Und was hat das schon zu besagen? Gar nichts. Und so ein Artikel steht in der <em>New York Times<\/em>!<\/p>\n<p>Am fr\u00fchen Nachmittag geht es zum Flughafen. In der Ankunftshalle kann man Blumenstr\u00e4u\u00dfe aus einem Automaten ziehen. Mit 10 \u20ac ist man dabei. Aber ich bin zu geizig.<\/p>\n<p>In der Menge der Wartenden schleicht sich von hinten ein kleines M\u00e4dchen, das gerade gelandet ist, von hinten an ihren Opa an und \u00fcberrascht ihn. Ein kleiner Schreck, und dann pure Wiedersehensfreude bei beiden. F\u00fcr einen Moment gibt es f\u00fcr beide nichts anderes auf der Welt. Mit ein bisschen Neid sieht man Menschen, die so ganz und gar in dem Moment aufgehen k\u00f6nnen. Dann kommt der Moment nach einer st\u00fcrmischen Begr\u00fc\u00dfung, wo man nicht so richtig wei\u00df, wie es weitergehen soll. Das Hochgef\u00fchl ist vorbei. Man nimmt Zuflucht zum banalen Alltagsgespr\u00e4ch, merkt aber, dass es unpassend ist.<\/p>\n<p>Xia macht es mit mir genauso. Sie schleicht sich von hinten an und schafft es, mich zu Tode zu erschrecken. Wiedersehensfreude vereint sich mit dem Gef\u00fchl, dass der Schrecken nachgelassen hat.<\/p>\n<p>Wir fahren mit dem Bus in die Innenstadt. Vom Aristoteles-Platz geht es nach Hause. Und dann nach kurzer Pause gleich wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p>An der Kamara bietet uns eine deutsche Frau, die neben uns an der Ampel steht und mich niesen h\u00f6rt, Allergietabletten an. Sehr freundlich.<\/p>\n<p>Wir \u201eschaffen\u201c nicht einmal die H\u00e4lfte des vorgesehenen Programms, aber es lohnt sich auch so. Wieder, wie in Kreta, mache ich die Erfahrung, dass die Besucher mehr sehen als ich. Mit wachem Auge entdeckt Xia, dass Philipp auf einem Auge blind ist, dass es in Agia Sofia \u201ehohle\u201c Kapitelle gibt, Kapitelle, hinter die man greifen kann, und dass der Wei\u00dfe Turm unten im Mauerwerk ein sch\u00f6nes Backsteinmuster hat. Am sch\u00f6nsten findet sie selbst aber die Ofenrohre, die sie in verschiedenen Kirchen entdeckt.<\/p>\n<p>Am Abend gehen wir in die Oberstadt und sitzen lange in einem vollbesetzten Lokal drau\u00dfen auf der Terrasse. Xia hat unterwegs einen Baum entdeckt, den wir nicht identifizieren k\u00f6nnen, aber zur Hilfe eine Frucht mitgebracht. Die Kellnerin wei\u00df nicht Bescheid, wohl aber der Wirt: Es ist eine Platane.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">24. Juli (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Aufbruch: Am Morgen geht es mit vollbepacktem Auto Richtung Norden, Richtung Heimat. \u00dcber den Balkan.<\/p>\n<p>Auf der Autobahn geht es Richtung Ioannina. Erst dichte W\u00e4lder zu beiden Seiten, dann \u00e4ndert sich die Landschaft fast schlagartig. Es wird kahl. Auf den Schildern am Stra\u00dfenrand, die auf die Fahrbahn kreuzende Tiere hinweise, sind hier keine Rehe zu sehen, sondern B\u00e4ren! Uns stellt sich aber keiner in den Weg.<\/p>\n<p>Ioannina ist sch\u00f6n an einem See gelegen, mit Bergen an der anderen Seiten des Sees. Dessen Wasser ist allerdings nicht klar, und an der Oberfl\u00e4che schwimmen \u00d6lflecken.<\/p>\n<p>Unter B\u00e4umen eine ganze Reihe von Caf\u00e9s. Sie sind alle rappelvoll. Sind das griechische Urlauber oder Einheimische?<\/p>\n<p>Wir setzen uns ins <em>Aigli<\/em>, und ich frage dummerweise nach dem Namen. Dabei m\u00fcsste ich das Wort kennen. Genauso hei\u00dft n\u00e4mlich ein Lokal in einem Hamam in Thessaloniki, ganz in der N\u00e4he der Wohnung. Die Kellnerin kennt das Wort nicht, der Wirt versucht, zu erkl\u00e4ren: \u201aEtwas Gutes, das einem widerf\u00e4hrt. Es ist wirklich ein schweres Wort, wenn man es definieren soll. Es hei\u00dft \u201aSegen\u2018.<\/p>\n<p>Vom See aus sieht man ein schlankes, spitz zulaufendes Minarett in der Innenstadt. Wir gehen ein bisschen durch die fast leeren Gassen, sehen eine Osmanische Bibliothek und ein Volksmuseum. W\u00e4hrend Xia dort sch\u00f6ne Funde macht, bleibe ich faul auf einer Mauer sitzen und werde von einem athletischen, attraktiven Mann, der seine alte Mutter ganz f\u00fcrsorglich am Arm f\u00fchrt, angesprochen. Er fragt, woher wir k\u00e4men und wohin wir f\u00fchren.<\/p>\n<p>Am Ende sehen wir noch einen Stand mit einem H\u00e4ndler, der alle m\u00f6glichen alten Eisenwaren anbietet, vom Flaschen\u00f6ffner bis zu einem Kaffeeroller, einem Ger\u00e4t, mit dem man \u00fcber Kaffeebohnen f\u00e4hrt, um sie zu zermalmen.<\/p>\n<p>Weiter geht die Reise. Pl\u00f6tzlich setzt der Routenplaner aus. Das wird er in den n\u00e4chsten Tagen immer wieder tun. Xia findet das wunderbar. Man sei auf sich selbst verwiesen, zur\u00fcckgeworfen auf die eigenen F\u00e4higkeiten, Richtungen zu erahnen, Karten zu lesen, nach dem Weg zu fragen. Ich finde, wenn man schon so ein Ding hat, dann soll es auch funktionieren, eine Haltung, die sie phantasiefeindlich und engstirnig findet.<\/p>\n<p>Wir fragen tats\u00e4chlich nach dem Weg und bekommen eine gute Erkl\u00e4rung f\u00fcr den Weg Richtung Perama. Wir folgen der Erkl\u00e4rung und geraten in die Berge. Keine Beschilderung, keine Menschen, keine Orte. Ich versuche, anhand der Karte herauszufinden, ob wir richtig sind und habe dabei das leichte Gef\u00fchl, dass wir ganz falsch sind, jedenfalls der Position des Sees nach zu urteilen. Aber es hat keine Abbiegem\u00f6glichkeit gegeben. Also geht es weiter. Dann macht Xia kurzentschlossen ein Man\u00f6ver und bringt einen entgegenkommenden Jeep zum Stehen. Wir erfahren, dass wir umkehren m\u00fcssen. Es scheint mir, dass das vorl\u00e4ufig meine letzte Gelegenheit war, Griechisch zu sprechen. Das soll sich als falsch erweisen.<\/p>\n<p>Wir fahren und fahren, finden aber nirgendwo Ktissmata ausgeschildert, den Ort an der Grenze zu Albanien. Dann f\u00e4llt der Groschen. Nicht Ktissmata ist ausgeschildert, der griechische Grenzort, sondern Kakavie, der albanische Grenzort.<\/p>\n<p>Wir haben von den drei Strecken von Griechenland nach Albanien die k\u00fcrzeste gew\u00e4hlt, f\u00fcrchten aber Warteschlangen an der Grenze. Diese Bef\u00fcrchtung erweist sich aber als gegenstandslos. Es gibt zwar Kontrollen auf beiden Seiten, Autopapiere und Ausweise, aber keine Durchsuchungen und nur eine Handvoll Autos vor uns. Bald sind wir durch und kommen in ein Land, das, trotz der Normalisierung der letzten Jahre, immer noch etwas Geheimnisvolles hat.<\/p>\n<p>An der Grenze geht Xia in die Wechselstube. Und tauscht dort unglaubliche 10 Euro um. Damit kommt man auch in Albanien nicht weit. Aber sie hat jetzt wenigstens albanisches Geld in der Hand. Ich stehe dagegen mit leeren H\u00e4nden da. Ich verlasse mich auf meine Geldkarte. Und das ist noch viel schlechter als nur zehn Euro umzutauschen: In ganz Albanien kann ich mit meiner Karte nicht landen. Und auch nicht in den n\u00e4chsten L\u00e4ndern, durch die wir kommen. Das geht erst in \u00d6sterreich wieder!<\/p>\n<p>Auf dem Weg nach Gjirokastra sehen wir am Stra\u00dfenrand immer wieder die Bunker aus der Zeit Enver Hodschas, kleine, runde, mit Zementplatten abgeschlossene L\u00f6cher im Erdreich, die h\u00f6chstens f\u00fcr ein paar Personen reichen, manchmal wohl nur f\u00fcr eine einzige Person. Ich erfahre, dass Autos unter Enver Hodscha verboten waren. Und dass Gjirokastra nicht, wie ich dachte, \u201aalte Burg\u2018 hei\u00dft, sondern \u201aSilberburg\u2018.<\/p>\n<p>In Gjirokastra angekommen, bleiben wir etwas ratlos an einem gro\u00dfen Platz stehen. Wir fragen ein paar M\u00e4nner in einem Lokal nach der Pension Kotoni. Danach brauchen wir von uns aus gar nicht mehr fragen. Man kommt von selbst auf uns zu und fragt uns, was wir suchen. Eine junge Frau klopft, als wir an einer engen Kreuzung \u00fcber das Kopfsteinpflaster fahren, sogar an unsere Scheibe und bietet ihre Hilfe an.<\/p>\n<p>Bald finden wir unsere Pension, von Xia mit Bedacht gew\u00e4hlt und gebucht, die einzige f\u00fcr die ganze Reise. Sie liegt erh\u00f6ht, in einem alten Haus, direkt an die Bergewand gebaut. Wir bekommen etwas altmodische Zimmer mit riesigen Betten und einer kleinen, mit einem bestickten Band verzierten Nische, in der ein winziger Fernseher steht.<\/p>\n<p>Wir gehen in die Stadt hinunter und treffen wieder auf die junge Frau, die an unsere Fensterscheibe geklopft hat. Sie hat einen Souvenirladen und zeigt uns eine Ansichtskarte von Gjirokastra mit den dicht gedr\u00e4ngten H\u00e4usern der Innenstadt, bei der man das gleiche Bild erh\u00e4lt, wenn man sie auf den Kopf h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Autos fahren hier \u00fcberall her, aber man hat nicht den Eindruck, dass sie st\u00f6ren, auch wenn man sich manchmal auf den hohen, schmalen B\u00fcrgersteig fl\u00fcchten muss, um sie vorbeizulassen. Es geht alles mit Ruhe zu.<\/p>\n<p>Albanien war das einzige offiziell atheistische Land der Welt. Hier in Gjirokaster hat sich ein Minarett bewahrt, das einzige. Aber die Stimme des Muezzins, die wir sp\u00e4ter am Abend h\u00f6ren, kommt aus einer Gastst\u00e4tte!<\/p>\n<p>Der Name \u201aSilberburg\u2018 hat nichts mit dem Metall zu tun, sondern kommt von dem im Regen leicht silbrig gl\u00e4nzenden gr\u00e4ulichen Stein, der hier \u00fcberall gebraucht wird. Auch die D\u00e4cher der H\u00e4user sind, wie ich mir erkl\u00e4ren lasse, nicht mit Schindeln Ziegeln gedeckt, sondern mit Platten aus eben diesem Stein. Man fragt sich, wie das h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Hoch oben sieht man, eindrucksvoll, aber auch etwas bedrohlich, die Burg von Gjirokastra. Sie war in der kommunistischen Zeit das gef\u00fcrchtetste Gef\u00e4ngnis des Landes.<\/p>\n<p>Wir trinken, auf dem schmalen B\u00fcrgersteig sitzend, einen Kaffee in der Stra\u00dfe, die nach Kadar\u00e9 benannt ist, dem Autor der Chronik in Stein, die Xia mit Begeisterung gelesen hat. Bei der Frau von dem Souvenirladen gibt es den Roman in verschiedenen Sprachen.<\/p>\n<p>Gjirokastra war an der Spitze der Albanischen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung und hatte die erste Schule, an der Albanisch unterrichtet wurde, 1908. Gleichzeitig wollte man sich gerne als Autonomes Gebiet Epirus Griechenland anschlie\u00dfen, aber das wurde von den Gro\u00dfm\u00e4chten verhindert. Es gibt in den D\u00f6rfern der Umgebung eine griechischsprachige Minderheit, wie wir in den n\u00e4chsten Tagen noch sehen werden.\u00a0 Die Gegend leidet heute unter dem R\u00fcckgang der Industrie nach dem Sturz des Kommunismus und ist auch von der griechischen Krise betroffen.<\/p>\n<p>Bei der Suche nach einem im Reisef\u00fchrer empfohlenen Lokal sto\u00dfen wir auf ein anderes. Man sitzt drau\u00dfen, mit einem sch\u00f6nen Blick auf die Berge rundherum.<\/p>\n<p>Wir wundern uns, dass die Ma\u00dfeinheit f\u00fcr alles Speisen Liter ist, bis wir merken, dass es Lek hei\u00dft. Das ist der Name der W\u00e4hrung. Es gibt ein nicht sehr appetitlich aussehendes, aber sehr gut schmeckendes typisch albanisches Gericht in Bl\u00e4tterteig, dazu Froschschenkel und dazu gebackener K\u00e4se und <em>Tirana<\/em>, albanisches Bier. Alles zusammen kostet zehn Euro!<\/p>\n<p>Wir lernen <em>faleminderit<\/em>, das Wort f\u00fcr \u201adanke\u2018, vergessen es aber immer wieder und m\u00fcssen in den n\u00e4chsten Tagen immer wieder nachfragen.<\/p>\n<p>Nach dem Essen kommen wir an einem sch\u00f6nen Platz vorbei. Die Gesch\u00e4fte sind immer noch ge\u00f6ffnet, Eisdielen, Tante-Emma-L\u00e4den und Berber. Das sind Fris\u00f6re, Barbiere.<\/p>\n<p>In der Pension angekommen bringt uns der Wirt noch einen Absacker aufs Zimmer, einen Raki f\u00fcr den Mann und einen Lik\u00f6r f\u00fcr Frau. Wir lernen, wie man \u201aProst!\u2018 sagt: <em>Gezuar<\/em>! Und sind von all dem so angetan, dass wir gleich f\u00fcr eine Nacht verl\u00e4ngern.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">25. Juli (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Die ruhige Atmosph\u00e4re und die freundlichen Menschen lassen uns schnell alle Stimmen vergessen, die vor einer Reise durch den Balkan warnten. Alles Quatsch. Ich lasse \u00fcber Nacht meinen Computer und Dokumente im Auto und \u00fcber Tag Geld und Ausweis im Zimmer. Alles v\u00f6llig unproblematisch. Auch unterwegs hat man nie auch nur das geringste Gef\u00fchl, dass einem jemand an die Tasche will. Und das gilt f\u00fcr die gesamte Reise.<\/p>\n<p>Meistens treffen wir auf mehr als eine Schreibweise f\u00fcr die albanischen St\u00e4dte, vermutlich eine albanische und eine internationale. Als Alternative zu Gjirokastra sieht man hier oft Gjirokast\u00ebr, mit dem in vielen Ortsnamen auftretenden &lt;\u00eb&gt;.<\/p>\n<p>Die Pension wirkt auf mich ganz gem\u00fctlich, mit all ihren L\u00e4ufern, Holzdecken, Spiegeln mit Holzrahmen und verwinkelten Treppen, aber ich lasse mich beim Fr\u00fchst\u00fcck belehren, dass da viele schlimme Eingriffe gemacht wurden.<\/p>\n<p>Das Fr\u00fchst\u00fcck wird in einer Art Garage serviert. Der Kaffee ist schlecht, erfahre ich. Da bin ich mit meinem Tee besser dran. Am Nebentisch ein Ehepaar aus Slowenien. Xia kennt die Umgebung, aus der sie kommen. Es entspannt sich ein l\u00e4ngeres Gespr\u00e4ch. Die beiden reisen jedes Jahr in ein anderes Land. Diesmal ist Albanien dran. Sie sind sehr angetan davon und schimpfen nur \u00fcber den \u00fcberall herumliegenden M\u00fcll.<\/p>\n<p>Der Wirt, Haxhi, zeigt uns den Weg zu einem traditionellen Haus, das man besichtigen kann. Xia erkennt schon von hinten, dass es etwas Besonderes ist. Erst als wir es von vorne sehen, merken wir, dass es das Haus ist, das wir suchen. Erst am Abend stellt sich heraus, dass es doch nicht das Haus ist, was wir eigentlich besichtigen wollten. Aber es erf\u00fcllt seinen Zweck.<\/p>\n<p>Wir werden, zusammen mit einem holl\u00e4ndischen Paar, von dem Eigner durch das Haus gef\u00fchrt. Er spricht schwer verst\u00e4ndliches Franz\u00f6sisch, wird aber sp\u00e4ter von seiner Tochter abgel\u00f6st, die flie\u00dfend Englisch spricht.<\/p>\n<p>Das Haus stammt von 1700. Mit viel Emphase weist der Eigner auf eine Vorrichtung hin, durch die man nicht nur auf den Personeneingang sehen, sondern auch schie\u00dfen konnte, um unliebsame G\u00e4ste abzuschrecken.<\/p>\n<p>Das Haus ist eine sehr verwinkelte Sache, mit vielen R\u00e4umen auf zwei Etagen. Allgemeine Charakteristik ist die Trennung der Bereiche f\u00fcr Frauen und M\u00e4nner und die unterschiedliche Benutzung im Sommer und Winter. Im Sommer wurde drau\u00dfen gekocht, im Winter in der K\u00fcche, und das hat vielerlei Auswirkungen auf die Funktionen der anderen R\u00e4ume. Eine andere Besonderheit ist das WC mit Wassersp\u00fclung und die Vielzahl von Kaminen, neun insgesamt. Das galt als Zeichen des Wohlstands. Der im Brautzimmer ist mit Granat\u00e4pfeln geschm\u00fcckt.<\/p>\n<p>Der Eigner wurde in der Zeit des Kommunismus enteignet. Sp\u00e4ter musste er das Haus zur\u00fcckkaufen. Mit viel H\u00e4me erz\u00e4hlt er, das Geburtshaus von Enver Hodscha, das sich auch in Gjirokastra befindet, sei einfach und einst\u00f6ckig gewesen, sp\u00e4ter aber aufgestockt und versch\u00f6nert worden, als er an die Macht gekommen war.<\/p>\n<p>Am Ausgang des Hauses werden Bilder von Mutter Theresa verkauft, auch Brosch\u00fcren und Andenken. Sie gilt hier als Albanierin. Das ist nur halb richtig. Sie wuchs noch im Osmanischen Reich auf. Aber das kann man nat\u00fcrlich gut ignorieren. Der Reisef\u00fchrer spricht von ihrer Aufopferungsbereitschaft und ihrer Zuversicht. Daf\u00fcr ist sie weltweit bekannt. Aber es ist auch die Rede von ihren unbedingten, unkritischen Papsttreue. Und dann kommt noch etwas, und das vermutet man nicht unbedingt: Am Ende ihres Lebens kamen ihr immer st\u00e4rkere Zweifel an der Existenz Gottes. Und die hat sie auch gelegentlich ge\u00e4u\u00dfert.<\/p>\n<p>Als wir ins Zentrum zur\u00fcckgehen, f\u00e4llt mir auf das Wort f\u00fcr \u201aStra\u00dfe\u2018 auf: <em>rruga<\/em>. Erstens f\u00e4llt das doppelte &lt;r&gt; am Wortanfang auf, dann die Verwandtschaft mit\u00a0 <em>r\u00faa<\/em> und <em>rue<\/em>.<\/p>\n<p>Sonst kann man kaum W\u00f6rter ableiten, aber an den einfachen Grundzahlen sieht man dann doch, dass Albanisch eine indoeurop\u00e4ische Sprache ist: <em>nje<\/em> (oder <em>nji<\/em>), <em>dy<\/em>, <em>tre<\/em>, <em>kat\u00eb<\/em>. Albanisch hat 36 Buchstaben, aber man entdeckt au\u00dfer dem &lt;\u00eb&gt; kaum mal eins auf den Schrifttafeln. Man unterscheidet zwei haupts\u00e4chliche Dialekte, manchmal auch als verschiedene Sprachen klassifiziert: Gegisch und Toskisch. Die Grenze zwischen ihnen bildet ein Fluss: der Shkumbin.<\/p>\n<p>Wir kommen an einer sch\u00f6nen Ruine vorbei, aus deren Fenster Ranken wachsen, deren Muster wiederum als Schatten auf der Hauswand erscheinen. Ein wunderbares Photomotiv. Aber die Abbildung hat dann doch nicht die Wirkung wie die Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Dann kommen wir an einem Haus vorbei, das gerade renoviert wird. Die Arbeiter fordern uns trotzdem freundlich auf, hineinzugehen und es anzusehen. Es ist das Geburtshaus von Kadar\u00e8. Von der anderen Stra\u00dfenseite winkt ein Mann uns von einem Balkon freundlich zu. Nur so.<\/p>\n<p>Wir trinken auf einem Platz mit einer weitverzweigten Platane, die alle Tischen gleichzeitig Schatten spendet, einen Kaffee. Frap\u00e9 gibt es hier nicht, und es wird auch nicht Englisch gesprochen. Aber hier stellt sich eine wunderbare, gelassene\u00a0 Urlaubsatmosph\u00e4re ein.<\/p>\n<p>In einem kleinen Eckgesch\u00e4ft lassen wir uns von einer redegewandten Frau T-Shirts zeigen, mit Motiven aus Gjirokastra. Die T-Shirts sind bestickt. Die Frau erkl\u00e4rt, sie entwerfe die Motive, aber die Stickarbeiten w\u00fcrden anderswo gemacht. Sie und ihr Mann k\u00f6nnen ein paar Ausdr\u00fccke in allen m\u00f6glichen Sprachen. Der Mann sagt danke auf Chinesisch, die Frau sagt danke auf Deutsch, praktisch akzentfrei. Ich sage auch danke. Denn ich verlasse das Gesch\u00e4ft mit einem T-Shirt.<\/p>\n<p>Am Nachmittag fallen ein paar Tropfen. Es braut sich etwas zusammen, es donnert, dann kommt heftiger Regen, aber nicht das erwartete Gewitter. Der bew\u00f6lkte Himmel vor den gr\u00e4ulichen Bergen und \u00fcber der gr\u00fcnen Ebene und den silbrig schimmernden, verzogenen D\u00e4chern der H\u00e4user, das ist was.<\/p>\n<p>Wir gehen zur Burg hinauf, die etwas bedrohlich \u00fcber der Stadt liegt, mit einem markanten Uhrenturm am \u00f6stlichen Ende.<\/p>\n<p>Xia macht die Bekanntschaft eines \u00e4lteren Paars aus Br\u00fcnn. Beide sprechen gut Deutsch mit \u00f6sterreichischem Akzent. Xia staubt ein paar Tipps f\u00fcr die Weiterfahrt ab. Dann lernen wir ein albanisch-deutsches Ehepaar aus Leverkusen kennen, mit zweisprachigen Kindern, alle sehr nett und kommunikativ. Sie erz\u00e4hlen von dem Blauen See, den Xia bereits als ein Reiseziel ausgesucht hat. Die Kinder seien sogar reingesprungen, bei zehn Grad! Die Mutter war mit achtzehn zum ersten Mal in Albanien. Damals sei es eine Katastrophe gewesen, dann sei es jedes Mal besser geworden. Der Mann stammt aus Mazedonien, geh\u00f6rt aber zur albanischen Minderheit.<\/p>\n<p>Im Innenhof der Burg steht ein amerikanisches Flugzeug, das hier in der N\u00e4he abgest\u00fcrzt war. Die Propaganda machte daraus ein abgeschossenes Flugzeug. Das Flugzeug wurde als Beleg f\u00fcr die st\u00e4ndige amerikanische Bedrohung verstanden, Albanien einzunehmen.<\/p>\n<p>Auch verschiedene Kanonen stehen im Innenhof, aus der Osmanischen Zeit. Die Zentrale versorgte die lokalen F\u00fcrsten absichtlich mit veralteten Kanonen, so dass sie nicht zu m\u00e4chtig werden konnten. Dagegen wehrte sich Ali Pascha, der in Ioannina eine eigene Waffenschmiede aufbaute und moderne Kanonen fertigte. Er wurde gefangengenommen und auf der Insel von Ioannina, wo wir gestern noch waren, enthauptet. Sein Kopf wurde nach Istanbul geschickt.<\/p>\n<p>Wir sehen vom Innenhof aus in die Stadt hinunter und auf die H\u00e4user am Berghang. Wir suchen unsere Pension, k\u00f6nnen sie aber nicht finden, bis wir ein rotes Auto sehen!<\/p>\n<p>In den Innenhof kommt man durch eine \u00fcberw\u00f6lbte, hohe, langgezogene Galerie. In den Nischen stehen \u00fcberall Panzer und milit\u00e4risches Ger\u00e4t. Alles sieht sehr martialisch aus.<\/p>\n<p>In einer Nische befindet sich eine Turbe, ein unscheinbarer Bau mit zwei kitschig verzierten Sarkophagen. Hier sind die Begr\u00fcnder einer islamischen Sekte beigesetzt, eine Sekte mit sehr liberaler Ausrichtung und ohne feste Gebetszeiten. Ihr Hauptquartier befand sich in Tirana.<\/p>\n<p>Ich dr\u00e4nge darauf, dass wir uns das Museum ansehen, auch im Innern der Burg angesiedelt. Ich habe kein gro\u00dfes Interesse an dem Museum, aber die Kartenverk\u00e4uferin, die sich so viel M\u00fche gemacht hat, uns die verschiedenen Teile der Burg schmackhaft zu machen, tut mir leid.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich erweist sich das Museum als nicht sonderlich interessant. Man sieht Zellen des ehemaligen Gef\u00e4ngnisses, man sieht, wie Soldaten darauf getrimmt werden Stacheldrahtverhaue zu \u00fcberwinden, n\u00e4mlich mit Schafsfell und einem Geflecht aus Reisig, und man sieht in welchen Teilen Albaniens, n\u00e4mlich im S\u00fcden, der Widerstand gegen die deutsche Besatzung sich konzentrierte.<\/p>\n<p>Von der Burg gehen wir runter in die Stadt und suchen dann noch einen Aqu\u00e4dukt. Die Suche erweist sich als schwierig, und wir sind schon drauf und dran, es aufzugeben. So wichtig ist uns das Aqu\u00e4dukt nun auch wieder nicht. Aber eine junge Frau, mit Kind im Schlepptau und schweren Einkaufst\u00fcten in der Hand, sieht unsere suchenden Gesichter und will unbedingt helfen. Sie kann nur bruchst\u00fcckhaft Englisch, aber genug, um uns klar zu machen, dass sie jetzt ihren Sohn anruft. Der k\u00f6nne gut Englisch. Sie ruft ihn an. In sechs Minuten soll er da sein. Nach einigem Hin und Her schaffen wir es dann, sie zu \u00fcberzeugen, dass es so wichtig nicht ist. Mit einem etwas mulmigen Gef\u00fchl machen wir uns von dannen. Man ist geradezu ger\u00fchrt von der Hilfsbereitschaft der Menschen hier.<\/p>\n<p>Statt zum Aqu\u00e4dukt gehen wir dann zum Fris\u00f6r. Ein altmodisch aussehender Herrenfris\u00f6rsalon war uns gestern aufgefallen, jetzt geht es aber erst mal zum Damenfris\u00f6r. Das sollte f\u00fcr mich eine angenehmere Erfahrung werden als f\u00fcr Xia. Die wird einer wahren Tortur unterzogen von der Frau, die ihr das Haar w\u00e4scht. Sie zerrt an ihrem Haar herum, w\u00e4scht sie mit eiskaltem Wasser, dr\u00fcckt ihr den Daumen ins Auge und den Busen auf die Schulter. Sie ist einfach zu sehr mit Reden besch\u00e4ftigt. Zum Schluss wird auch noch ordentlich abkassiert.<\/p>\n<p>Mir geht es dagegen gut. Ich befinde mich in der Gesellschaft von zehn Frauen jeden Alters. Alle sind freundlich und sehr kommunikativ. Und dann schnappe ich ein bekanntes Wort auf und frage nach, was das denn sei. Griechisch! Alle hier sprechen Griechisch. Einige der jungen Frauen haben mehrere Jahre lang in Athen gelebt, und alle geh\u00f6ren zu der griechischen Minderheit hier in Albanien. Auf die Frage, welche Nationalit\u00e4t sie h\u00e4tten, antworten sie ausweichend: Sie f\u00fchlten sich als Griechen.<\/p>\n<p>Ich erfahre auch, wie man <em>Shqip\u00ebri<\/em><em> <\/em>ausspricht, den albanischen Landesnamen Albaniens. Die Form <em>Shqip\u00ebris\u00eb<\/em> kommt auch vor (meistens in <em>Republika e Shqip\u00ebris\u00eb<\/em>), aber was es damit auf sich hat, k\u00f6nnen mir die Frauen nicht erkl\u00e4ren. Jedenfalls finden sie, auch die sei \u201erichtig\u201c.<\/p>\n<p>Dann geht es zum Berber, zur Rasur. Der Salon weckt Erinnerungen an die Kindheit, mit dem einzigen, breiten Sessel mit Kopfst\u00fctze, mit der Schale, in der der Rasierschaum anger\u00fchrt wird, in dem ausklappbaren Rasiermesser. Auch das Wehen mit dem Handtuch nach dem Auftragen des Rasierwassers und das Auftragen eines bei\u00dfenden Fl\u00fcssigkeit auf meine Schnittwunde sind Echos aus alten Zeiten, als man selbst noch Kind war und dem Fris\u00f6r beim Handwerk zusah. Die Rasur ist gr\u00fcndlich, aber sanft. Der Barbier zeigt stolz auf Photos, die Kundne aus Holland und Frankreich zeigen. Ein Kumpel, der kommt, um ihn auf einen Raki abzuholen, l\u00e4sst er abblitzen. Erst erledigt er seine Arbeit.<\/p>\n<p>Was es damit auf sich hat, sehen wir dann am Abend, als wir vom Essen zur\u00fcckkehren. Aus einem Raum mit offenem Fenster in einem schlossartigen Geb\u00e4ude h\u00f6rt man sonore M\u00e4nnerstimmen. Man h\u00f6rt einen langgezogenen Ton und dar\u00fcber eine Solostimme, und zum Schluss ert\u00f6nt ein Tusch aus allen Kehlen. Wunderbar! Da entdecken wir, dass der Barbier und sein Freund unter den S\u00e4ngern sind.<\/p>\n<p>Der Wirt, Haxhi, fragt abends immer, wann man fr\u00fchst\u00fccken will. Er dr\u00e4ngt auf eine verbindliche Antwort, und wenn er die bekommt, sagt er: Ganz egal. Wir sind sowieso hier. Und dann l\u00e4dt er zu einem Raki auf Kosten des Hauses ein.<\/p>\n<p>Abends geht mir durch den Kopf, wie ich im Laufe des Tages ein Taschenmesser und eine Taschenlampe gebraucht h\u00e4tte, aber nicht finden konnte. Xia hatte dagegen Zahnstocher und M\u00fcckenstichtinktur, als sie gebraucht wurden, sofort griffbereit.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. Juli (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen nach dem Fr\u00fchst\u00fcck begegnet Xia irgendwo einem alten Herrn, der sie in flie\u00dfendem Deutsch ausfragt und ber\u00e4t. Er ist mit unserer Reiseroute sehr zufrieden. Die Pension sei die beste in Gjirokastra. Er spricht mit ihr \u00fcber Reisen, \u00fcber den Kommunismus, \u00fcber Griechenland. Und sagt, er warte in dem Caf\u00e9 auf sie, falls sie weitere Fragen habe. Gro\u00dfartig!<\/p>\n<p>Wir fahren nach S\u00fcden, eigentlich die falsche Richtung, denn wir wollen auf jeden Fall noch Butrint mitnehmen, mit seinen klassischen Ruinen. Und das Blaue Auge, ein Naturwunder.<\/p>\n<p>Unterwegs fallen uns auf gro\u00dfgedruckten Schildern die Namen <em>Tea<\/em> und <em>Kastritis<\/em> ins Auge. Das sind Tankstellenketten.<\/p>\n<p>\u00dcberall sieht man deutsche Autos, sowohl neue als auch gebrauchte. Viele Lieferwagen haben noch den Namen der deutschen Firma, der sie fr\u00fcher geh\u00f6rten. Auch heute, am Sonntag, sind Lastwagen unterwegs. Wir wundern uns und merken erst dann, dass hier Sonntag nicht Sonntag bedeutet. Wir sind in einem muslimischen Land.<\/p>\n<p>Zum Blauen Auge muss man abbiegen und an einem Stausee entlang fahren. Man hat schon den Eindruck, falsch zu sein, aber dann kommt man zu einem vollbesetzten Parkplatz mitten in der Landschaft. Nach kurzer Distanz kommt man dann zu Fu\u00df zum Blue Eye. Hier ist es voll. Eine richtige Touristenattraktion. Xia kennt etwas \u00c4hnliches aus Bayern, den Blautopf in Blaubeuren. Das ist auch eine Karstquelle. Da entspringt die Blau. Die hei\u00dft wirklich so.<\/p>\n<p>Auch das Blaue Auge, Syri i Kalt\u00ebr, ist auch eine Karstquelle. Sie sprudelt aus der Tiefe hervor und bildet eine Art See, der gr\u00fcnblau schimmert. Daraus flie\u00dft ein Fluss ab, und der wird dann wohl zu dem Stausee gestaut, an dem wir vorbeigekommen sind. Jetzt blubbert die Quelle nur ein bisschen, aber im Winter, erfahre ich, schie\u00dft die Quelle in einer Font\u00e4ne nach oben. Die Temperatur ist konstant niedrig, und das macht auch den Reiz der Sache aus. Es gibt einen Vorsprung, von dem aus einige Verwegene, meistens junge Leute, direkt in das Wasser springen. In ca. 12\u00b0. Xia hat den Mut, mit den Beinen an der anderen Seite hineinzugehen und sich an Felsen festzuhalten. Ich folge dem Beispiel. Man muss sich anstrengen, um stehenzubleiben. In dieses Wasser will man nicht unbedingt hineinfallen. An die Temperatur gew\u00f6hnt man sich \u00fcberhaupt nicht. Es ist kalt und bleibt kalt. Aber die Szenerie mit der \u00fcppigen Vegetation am Ufer ist sehenswert.<\/p>\n<p>Es geht weiter nach Butrint, im \u00e4u\u00dfersten S\u00fcdwesten des Landes gelegen. Als wir dort ankommen, winkt uns ein uniformierter Parkw\u00e4chter von weitem heran und dirigiert uns in eine Parkl\u00fccke. Er kommt auf uns zu, und wir erwarten, dass er Parkgeb\u00fchren kassieren will. Stattdessen hei\u00dft er uns willkommen, fragt, wohin wir wollen und weist uns den Weg. Eine Kleinigkeit, aber eine Szene, die mir monatelang danach noch in Erinnerung bleibt.<\/p>\n<p>Wir kommen direkt in das gro\u00dfe Ausgrabungsfeld. Es gibt zwar Schatten, aber es ist ein gro\u00dfes Areal. Die Besichtigung ist anstrengend.<\/p>\n<p>Gleich am Anfang steht ein venezianischer Turm. Xia misst dem keine Bedeutung bei. Ich finde ihn interessant. Es ist ein Verteidigungsturm, der gegen die Osmanen gerichtet war und zum Schutz von Korfu diente. Wir sind ganz in der N\u00e4he von Italien.<\/p>\n<p>Der wichtigste Komplex des Ausgrabungsfeldes ist ein ehemaliges Heiligtum, \u00c4skulap geweiht, aus dem sukzessive ein Theater und ein Versammlungsort wurde. Es ist viel erhalten, sowohl am Boden als auch am Berghang, aber man kann trotz der detaillierten Beschriftung nicht gut erkennen, was was ist.<\/p>\n<p>Wir gehen weiter und sto\u00dfen immer wieder auf Mosaike, deren Beschreibung sich interessant anh\u00f6rt, die aber mit Sand bedeckt sind. Zu ihrem eigenen Schutz.<\/p>\n<p>Wir kommen zu einer Basilika und zu einem gro\u00dfen Wohnhaus. Beide liegen ganz in der N\u00e4he des Kanals. Der scheint See und Meer zu verbinden. Schon auf der Fahrt hierher tauchte am Ende zu beiden Seiten der Stra\u00dfe Wasser auf, und wir fragten uns, was er war.<\/p>\n<p>Durch ein niedriges L\u00f6wentor, das einen Querbalken hat, der wo woanders stammt, verl\u00e4sst man das eigentliche Ausgrabungsgel\u00e4nde. Aber es ist gar nicht so einfach, wieder zum Eingang zu kommen.<\/p>\n<p>Als wir das schaffen, bemerken wir die F\u00e4hre. Es ist nicht mehr als eine Art Flo\u00df, das Passagiere und ein paar Autos \u00fcber eine ganz kurze Strecke, keine hundert Meter vielleicht, her\u00fcberbringt. Die Vorstellung, auch noch eine F\u00e4hre nehmen zu m\u00fcssen, hatte uns davon abgehalten, hier \u00fcber die Grenze zu fahren, eine etwas weitere, aber \u201elogischere\u201c Alternative. Die Entscheidung gegen diesen Weg wirkt jetzt, angesichts der F\u00e4hre, fast l\u00e4cherlich.<\/p>\n<p>In einem gepflegten Park ein kurzes St\u00fcck vom Ausgrabungsgel\u00e4nde entfernt machen wir Rast bei einem Frap\u00e9 in einem Gartenlokal.<\/p>\n<p>Wir wissen noch nicht, wohin die Reise geht, au\u00dfer nach Norden, und fahren erst einmal Richtung Sarande. Wir verfahren uns. Abgemagerte K\u00fche grasen in Ger\u00f6ll und M\u00fcll, Ziegen weiden auf den kargen Abh\u00e4ngen. Es ist eine unwirtliche Gegend. Und dann ist auf einmal Ende vor einem Steinbruch. Wir kehren um, und ein junger Mann am Stra\u00dfenrand gibt uns in hervorragendem Englisch ganz genaue Auskunft.<\/p>\n<p>Wir kommen \u00fcber eine einsame Bergstra\u00dfe und dann ans Meer. Wir versuchen, an ein oder zwei Orten was zu finden und landen schlie\u00dflich in Dh\u00ebrmi, einem Dorf in den Bergen, dessen Strand sich zu einem Touristenort entwickelt hat. Wir machen verschiedene Runden durch den Ort, ohne etwas Passendes zu finden. Am Ende fahren wir, einem handgeschriebenen Schild folgend, eine Schotterpiste hinunter, an deren Ende nur eine Ruine zu sehen ist. Aber dahinter taucht dann tats\u00e4chlich ein Haus auf. Der Besitzer spricht ein paar Brocken Italienisch, vor allem aber Griechisch! Wir sind immer noch im Gebiet der griechischen Minderheit. Er holt aber seine Schwiegertochter, eine ganz junge Frau, die freundlich, aber entschieden die \u201eVerhandlungen\u201c f\u00fchrt. Sie will mit dem Preis noch runtergehen, wenn wir nicht zufrieden sind, aber der ist ohnehin schon so niedrig, dass wir nur nach W-LAN fragen. Daf\u00fcr wird ihr Mann sorgen. Der kommt sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Wir gehen gleich zu dem kleinen Strand runter. Da stehen zwar viele Sonnenschirme, aber \u00fcberlaufen ist er nicht. Es geht gleich ins Wasser. Der Strand, ein Kieselstrand, ist sauber, aber das Wasser nicht so klar wie in Griechenland. Xia ist gar nicht zu halten. Als ich kaum im Wasser bin, ist sie schon weit am Horizont verschwunden.<\/p>\n<p>Als wir wieder in die Pension kommen, ist der Sohn des Vermieters da und richtet die Internetverbindung ein. Er sagt, Deutsche spr\u00e4chen am besten Griechisch. Das habe etwas mit den zw\u00f6lf St\u00e4mmen Israels zu tun, aus deren Sprache sich sowohl Griechisch als auch Deutsch entwickelt h\u00e4tten. Er sieht mein skeptisches Gesicht und beeilt sich zu sagen, das h\u00f6re sich zwar unglaublich an, aber er wisse das von einem Freund, der sich da auskenne.<\/p>\n<p>Abendessen gibt es auf der Terrasse eines Hotels unweit der Pension. Der albanische Kellner, aus Tirana stammend, ist das einzige albanische Element. Hier gibt es internationale K\u00fcche, hier verkehren keine Albaner. Da wir nicht recht entscheiden k\u00f6nnen, wohin wir uns setzten sollen, f\u00fchrt er uns nach oben auf die Terrasse. Da sind wir die einzigen G\u00e4ste. Und das bedeutet, dass er Dutzende Male im Laufe des Abends rauf und runter muss. Aber davon, dass das zus\u00e4tzliche Arbeit f\u00fcr ihn sei, will er nichts wissen. Wir nehmen das Angebot an und bleiben bis in die Dunkelheit oben sitzen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">27. Juli (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Die Funktion des Weckers wird von einem Hahn, der laut und insistent und ohne Ende kr\u00e4ht, so, als w\u00e4re er \u00fcber etwas ungehalten.<\/p>\n<p>Am Morgen bringen wir einen jungen Mann in Verwirrung. Wir setzen uns irgendwo auf dem Weg nach unten zum Strand an Tische neben einem Haus und bestellen einen Kaffee. Der Mann ist ganz verdutzt, bringt uns dann aber einen Kaffee. Er wei\u00df auch nicht so recht, wie viel er daf\u00fcr nehmen soll und nimmt dann auf gut Gl\u00fcck einen Euro. Was es damit auf sich hat, wissen wir nicht. Vielleicht sind es nur Tische f\u00fcr die Pensionsg\u00e4ste. Aber er hat uns nicht weggeschickt, sondern freundlich bedient.<\/p>\n<p>Der winzige, d\u00fcnne Kaffee wird aber unseren Anspr\u00fcchen an ein Fr\u00fchst\u00fcck nicht gerecht. Also kaufen wir unterwegs zum Strand an einem Stand etwas Obst. Xia handelt den Preis von 1,20 \u20ac auf 1,00 \u20ac runter. Muss das sein? Ja, das mache man in diesen L\u00e4ndern so, sagt sie. Ich nehme das unzufriedene Gesicht des Verk\u00e4ufers eher als Zeichen daf\u00fcr, dass er lieber nicht gehandelt und seine 1.20 \u20ac bekommen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Wir kaufen dann in einem kleinen Gesch\u00e4ft etwas Brot und K\u00e4se. Das soll in einem gro\u00dfen Caf\u00e9 am Strand verzehrt werden, in dem wir nur einen Kaffee bestellen, aber das scheitert an meinem Widerstand. Den gebe ich auch nicht auf, als ich darauf aufmerksam gemacht werde, dass das an anderen Tischen auch so gehandhabt wird und dass der freundliche Kellner, der zwei Jahre in D\u00fcsseldorf gearbeitet hat, vermutlich nichts dagegen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Dann stellen wir fest, dass der Reisef\u00fchrer fehlt, und der hat uns bis jetzt sehr gute Dienste geleistet. Er findet sich in dem Lebensmittelgesch\u00e4ft wieder.<\/p>\n<p>Kurz vor der Abreise werfen wir noch einen schnellen Blick in die Kapelle, die vor der Pension steht. Scheint eine Art Privatkapelle zu sein, mit zwei Kreuzen drau\u00dfen und Ikonen und Kopft\u00fcchern drinnen.<\/p>\n<p>Wieder geht es erst durch die charakteristische Landschaft dieser Gegend: gr\u00fcne H\u00fcgel vor kargen Bergen, mit schlauchartig von oben nach unten verlaufenden, parallelen Str\u00e4ngen, vielleicht Folge der Erosion, jedenfalls aber etwas ganz Typisches hier.<\/p>\n<p>Es geht best\u00e4ndig bergauf, \u00fcber einen Bergpass, durch die Wolken. Vorher sehen wir noch ganz unten am Strand ein riesiges Erholungsheim, das fr\u00fchen den Bonzen des Regimes diente. Heute wei\u00df man nicht, was man damit anfangen soll.<\/p>\n<p>Hier oben haben die Stra\u00dfen Leitplanken, weiter unten war es eine Mauer, die die Stra\u00dfe begrenzte, von unten aber so aussah, als w\u00e4re sie eine nat\u00fcrliche Mauer.<\/p>\n<p>Ganz oben gibt es eine Aussichtsplattform, mit verschiedenen kleinen St\u00e4nden. Hier kaufe ich eine Flasche Wasser. Auf Griechisch. Das ist das letzte Mal, das Griechisch zum Einsatz kommt.<\/p>\n<p>Etwas weiter steigen wir bei einem Mann mit einem Verkaufsstand aus. Xia macht einen Gro\u00dfeinkauf und wird danach von dem Mann so geherzt, dass man den Eindruck hat, er wolle sie gar nicht mehr loslassen. Es gibt Honig, (gelb gef\u00e4rbten) Raki, Tee und ein Konzentrat, das gegen alle Krankheiten der Welt zum Einsatz kommt, darunter Erk\u00e4ltung und Verkalkung. Der Bergtee bringt den Menschen hier einen guten Nebenverdienst. Dabei resultieren aus 20 kg gepfl\u00fcckten Bl\u00e4ttern gerade einmal 7 kg getrockneter Tee, und f\u00fcr das Kilo bekommt man gerade mal einen Euro.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend kommen wir durch einen Nationalpark mit ganz ver\u00e4nderter Natur und dann durch Vlora, einen h\u00e4sslichen Ort, den wir nur durchfahren. Dann landen wir auf einer einsamen Landstra\u00dfe. Pl\u00f6tzlich taucht rechts ein richtiges Restaurant auf, mit Tischen unter Sonnenschirmen. Die Gelegenheit lassen wir uns nicht entgehen.<\/p>\n<p>Es wird eine bleibende Erfahrung. Der ganz junge Mann, der uns bedient, spricht praktisch gar kein Englisch. Als wir zum Essen um Salz bitten, wechseln Fragen und Gesten einander ab, und nach geraumer Zeit kommt er mit einem Teller Jogurt zur\u00fcck. Da hat wohl was nicht geklappt.<\/p>\n<p>Das Bier hat manchmal Drehverschl\u00fcsse, manchmal Kronenkorken, und darin sind die Vereinszeichen von Bayern M\u00fcnchen und Bayer Leverkusen.<\/p>\n<p>Die H\u00fchner laufen hier zwischen den Tischen herum, und wir bef\u00fcrchten, dass eins f\u00fcr uns geschlachtet wird. Das, was dann serviert wird, ist aber z\u00e4h wie Leder. Daf\u00fcr aber ziemlich vollst\u00e4ndig, einschlie\u00dflich Herz und Leber.<\/p>\n<p>Die Rechnung ist ziemlich undurchsichtig und f\u00e4llt etwas hoch aus. Dazu kommt noch, dass eine Null zu viel drauf ist. Das ist eine Eigenart des Landes. Man rechnet noch mit den alten Werten, zieht dann aber eine Null ab. So \u00e4hnlich erkl\u00e4rt es jedenfalls der Reisef\u00fchrer. Diesmal verhandelt Xia nicht, sondern weigert sich schlichtweg, zu bezahlen. Sie sagt dem Jungen, wieviel er bekommt: 15,000 statt 22,500. Er akzeptiert, aber sieht nicht sehr gl\u00fccklich aus.<\/p>\n<p>Da unser Routenplaner jetzt mal wieder funktioniert, kommt er zum Einsatz. Er soll uns nach Kruje f\u00fchren. Wir erwarten eine einsame Landstra\u00dfe, es wird aber immer belebter. Pl\u00f6tzlich tauchen auch Hochh\u00e4user am Stra\u00dfenrand auf, wir kommen auf einen Boulevard, und ich glaube, an einem Geb\u00e4ude die Aufschrift Ministerium gesehen zu haben und irgendwo gibt es eine Abbiegung zum Flughafen! Wir sind in Tirana gelandet! Warum, ist uns nicht klar. Es liegt abseits von Kruje, aber vielleicht f\u00fchrt ja die bessere Stra\u00dfe hierher. Dann kommen wir in ein Residenzviertel und werden immer wieder durch Einbahnstra\u00dfen um einen Block gef\u00fchrt. Und dann f\u00e4llt es mir wie Schuppen von den Augen: Ich habe zwar Kruje eingegeben, aber nicht die Stadt, sondern die Stra\u00dfe, die so hei\u00dft! Da ist der beste Routenplaner machtlos.<\/p>\n<p>Wir fahren zur\u00fcck. Wir brauchen Benzin und fahren eine Tankstelle an. Sehr modern, aber mit der deutlichen Aufschrift, dass man bar bezahlen m\u00fcsse. Erst als es ans Bezahlen geht, f\u00e4llt mir ein, dass ich zwar Bargeld, aber kein albanisches habe, nur Euros. Der Tankwart ist zwar etwas verdutzt, nimmt das Geld aber an.<\/p>\n<p>Wir wollen auch den Reifendruck pr\u00fcfen lassen. Das macht aber nicht die Tankstelle, sondern ein kleiner Schuppen am anderen Ende der Stra\u00dfe, in einer alten Garage untergebracht, \u00e4rmlich aussehend. Der junge Mann erledigt die Aufgabe f\u00fcr uns. Wir fragen, was es kostet, und er sagt: Nichts. Er will keine Bezahlung haben. Ich versuche daraufhin, ihm ein Trinkgeld zu geben. Das nimmt er nicht an. Wir fahren weiter und ich bekomme zu h\u00f6ren, mein Verhalten sei peinlich. So etwas mache man nicht. Der Mann habe das aus reiner Freundlichkeit getan. Ich finde ganz im Gegenteil, dass ich auf dem Trinkgeld h\u00e4tte bestehen und es einfach irgendwo h\u00e4tte hinlegen m\u00fcssen. Bestimmt k\u00f6nnte der Mann das Geld gebrauchen, bestimmt w\u00fcrde er sich nicht in seiner Ehre gekr\u00e4nkt f\u00fchlen. Aber mit dieser Einstellung bei\u00dfe ich auf Granit.<\/p>\n<p>Die Umgebung \u00e4ndert sich wieder. Es wird einsamer, der Weg f\u00fchrt, auf flacher Strecke, durch eine gesichtslose Landschaft. Wir passieren zwei Br\u00fccken, \u00fcber die seit Menschengedenken keiner mehr gefahren ist, und dann stehen wir pl\u00f6tzlich vor zwei Frauen am Stra\u00dfenrand, die eine Decke oder einen Teppich \u00fcber die Fahrbahn ausgebreitet haben und die erst mal wegr\u00e4umen m\u00fcssen, damit wir weiterfahren k\u00f6nnen. Eine unwirklich anmutende Szene. Eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr f\u00e4llt uns nicht ein.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich kommen wir aber nach Kruje, einem sch\u00f6nen Bergdorf. Am Ende der Serpentinen kommen wir auf einen Platz. Xia ist so fertig, dass sie mich die letzten zweihundert Meter fahren l\u00e4sst. Ich fahre zur\u00fcck, zum Hotel Panorama. Das ist eine Kategorie zu gro\u00df f\u00fcr uns, aber ich verlasse mich auf den Reisef\u00fchrer und habe auch keine Lust zum Weitersuchen.<\/p>\n<p>Das Hotel ist wirklich das Gegenteil von unseren bisherigen Unterk\u00fcnften, mehrst\u00f6ckig, mit Aussichtsterrasse, Fahrstuhl, uniformierten Koffertr\u00e4gern, eigenem Restaurant, gro\u00dfem Fr\u00fchst\u00fccksbuffet, Reisegruppen. Aber es ist nicht teuer und sehr angenehm. Der Mann an der Rezeption hat in Mannheim gelebt und spricht gut Deutsch, und sp\u00e4ter treffen wir auf einen \u00e4lteren Kellner, der in Germersheim gearbeitet hat.<\/p>\n<p>Der Platz vor dem Hotel, der zentrale Platz des Ortes, ist geschm\u00fcckt. Hier gibt es am Abend ein Defilee. Die frisch gebackenen Abiturienten kommen von der Schule auf einem abgesperrten Weg zum Hotel hinauf, wo die Feier stattfindet.<\/p>\n<p>Wir machen einen Spaziergang durch den Ort. \u00dcberall bilden die Menschen Spalier, es herrscht eine erwartungsvolle Atmosph\u00e4re, und wir sehen, wie die Abiturienten in gro\u00dfen Karossen durch die Gegend gefahren werden, vermutlich zum Startpunkt des Defilees. Als wir wieder oben am Hotel ankommen, herrscht schon dichtes Gedr\u00e4nge. Auf der niedrigen Mauer gibt es schon fast keine Sitzpl\u00e4tze mehr. Wir stehen neben drei kugelrunden Maronen mit unglaublich h\u00e4sslichen Handtaschen. Es sind Russinnen.<\/p>\n<p>Polizisten k\u00fcmmern sich darum, dass die Leute nicht hinter die Absperrung gehen, aber sie machen das ohne gro\u00dfes Aufhebens und mit freundlichen Gesichtern und Worten.<\/p>\n<p>Dann geht es endlich los. Elegant gekleidete, schlanke M\u00e4dchen in langen Kleidern werden an der Hand von Jungen im Anzug zur Feier gef\u00fchrt, ein Paar nach dem anderen. Es gibt allerdings Frauen\u00fcberschuss, und manche Jungen kommen mit einem M\u00e4dchen rechts und einem links.<\/p>\n<p>Wir bleiben noch voller Erwartung stehen, aber es tut sich nichts. Wir setzen uns dann noch auf die Terrasse des Hotels und sehen von oben zu. Aber es tut sich auch weiter nichts. Das war\u2019s wohl. Alles Weitere spielt sich drinnen ab.<\/p>\n<p>Wir sehen aber noch drei junge Frauen, vermutlich auch aus der Abiturientengruppe. Sie verschwinden hinter einem Fenster hinter uns und kommen dann, als Braut und Brautjungfern gekleidet, wieder zum Vorschein. Hier macht es jemand wohl im Doppelpack: Abitur und Hochzeit. Sie nutzen noch schnell die f\u00fcnf Minuten, die ihnen verbleiben, um auf dem Balkon unbeobachtet eine zu rauchen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">28. Juli (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Wir beschlie\u00dfen, noch einen Tag hier zu bleiben. Der Ausblick von der Terrasse ist am Morgen genauso sch\u00f6n wie am Abend. Beim Fr\u00fchst\u00fcck auf der Terrasse kommt das Gespr\u00e4ch auf eine Rockband, die Klassik modern spielte. Wir wissen beide, wen wir meinen, kommen aber nicht auf den Namen. Aber dann hat Xia den Lichtblick: <em>Ekseption<\/em>.<\/p>\n<p>Wir gehen durch die Stra\u00dfen der Innenstadt und kommen in eine Markthalle. Hier gibt es Obst- und Gem\u00fcsest\u00e4nde. Alles sieht sehr \u201eauthentisch\u201c aus. Die Fr\u00fcchte sind oft etwas schrumpelig, und kein St\u00fcck gleicht dem anderen. Die Produkte kommen bestimmt aus dem Eigenbau. Gr\u00fcne Zweige, die wir nicht identifizieren k\u00f6nnen, erweisen sich als Haselnusszweige. Wir kaufen kleine, runde, harte, etwas wie Mirabellen aussehende Fr\u00fcchte. Die schmecken aber nicht besonders. Wir werden sie aber schnell wieder los. Ein bettelnder Junge, der sie erst zur\u00fcckweist, nimmt sie schlie\u00dflich an, als er merkt, dass er kein Geld bekommt.<\/p>\n<p>Ein junger Mann, der l\u00e4nger in Italien gelebt hat und sich in Siena mit der Pferdezucht besch\u00e4ftigt hat, spricht uns an. Mir ist er etwas suspekt, Xia hat keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngste. Er sagt, Albanien sei wie ein kleines Kind, von dem man erwartet, dass es sich wie ein Erwachsener benehme. Er erz\u00e4hlt von der Korruption in Albanien, wie es Leuten gelingt, einen Mercedes zu fahren \u2013 ohne Fahrerlaubnis, ohne Versicherung usw. Er spricht auch von einem uns\u00e4glich h\u00e4sslichen, unpassenden Hochhaus schr\u00e4g gegen\u00fcber dem Hotel. Das soll jetzt, kurz vor der Vollendung stehend, wieder abgerissen werden. Es ist unter Hintergehung aller Regeln erbaut worden.<\/p>\n<p>Er f\u00fchrt uns zu einem kleinen Mausoleum, in dem Imame begraben sind. Ich halte etwas Abstand, Xia folgt ihm. Er fragt, wohin wir wollten, und als wir sagen, zur Burg, sagt er, er wohne dort. \u00a0Es sieht so aus, als w\u00fcrden wir ihn nicht mehr los, aber Xia schafft es dann doch. Vorl\u00e4ufig jedenfalls. Sp\u00e4ter taucht er an der Burg wieder auf. Er wohnt hier nicht, er hat hier einen Stand. Er verwickelt Xia in ein endloses Verkaufsgespr\u00e4ch, aber sie schafft es, ihm nichts abzukaufen, ohne ihn zu br\u00fcskieren.<\/p>\n<p>Vorl\u00e4ufig sind wir aber noch im Zentrum. \u00dcberall sieht man das Schild <em>Shitet<\/em>. Es bedeutet: \u201aZu Vermieten\u2018. Xia erkundigt sich in einem Laden nach Handypreisen.<\/p>\n<p>Vor einem anderen Laden spricht uns eine sehr freundliche Frau an. Sie ist Chemielehrerin und erkundigt sich nach unseren Pl\u00e4nen und Eindr\u00fccken.<\/p>\n<p>Dann stehen wir vor zwei unmittelbar benachbarten Gesch\u00e4ften. Beide sind Apotheken. Der Kontrast k\u00f6nnte gr\u00f6\u00dfer nicht sein. Links sitzt der Apotheker hinter einer Glasscheibe, wie fr\u00fcher bei deutschen Beh\u00f6rden. Eine Glast\u00fcr mit einem rostigen Eisenrahmen f\u00fchrt in den kleinen Raum. Der Raum ist karg. Die Arznei steht in kleinen D\u00f6schen in Regalen hinter dem Apotheker. \u00dcber der T\u00fcr steht, mit aufgeklebten Buchstaben: FARMACIA. Die Nachbarapotheke hat automatische T\u00fcren, die in einen offenen Raum f\u00fchren. Der Name der Apotheke erscheint in Neonlicht. \u00dcberall h\u00e4ngen Plakate mit Werbung f\u00fcr moderne Pharmazieprodukte. Alt und Neu, Vergangenheit und Zukunft. \u00dcber der linken Apotheke steht <em>Shitet<\/em>.<\/p>\n<p>Wir gehen den gepflasterten, von Souvenirst\u00e4nden ges\u00e4umten Weg zur Burg rauf. Kruja ist ein Touristenort. An einer Platane auf einem kleinen Platz unmittelbar vor dem Aufgang zur Burg sitzt ein Dudelsackspieler auf dem Boden. Daneben auf einer Bank drei alte M\u00e4nner, drei Typen, mit sehr eigenen, charakteristischen Gesichtern. Der eine elegant, in kerzengerader Haltung mit Hut, der andere in sich zusammengesunken, mit Stock, mit unbedecktem Kopf, der dritte mit Baskenm\u00fctze und gekreuzten Beinen. Der erste tr\u00e4gt Schuhe, die beiden anderen Sandalen, mit Socken.<\/p>\n<p>Ich gebe dem Dudelsackspieler einen Obolus und bitte die M\u00e4nner um ein Photo. Sie stimmen zu. Als ich gerade das Photo mache, kommt eine alte Frau hinzu und sagt mir mit lauter Stimme und mit forschem Ton, ich solle lieber dem Dudelsackspieler einen Obolus geben als Photos zu machen.<\/p>\n<p>Auf dem Weg hinauf zur Burg komme ich mit einer ganz jungen Souvenirverk\u00e4uferin ins Gespr\u00e4ch. Sie spricht flie\u00dfend Englisch. Sie sei viel gereist, sagt sie: Holland, Deutschland, Italien, und ihre Br\u00fcder leben in England, in Croydon. \u00dcberall sei es sehr sch\u00f6n, aber am sch\u00f6nsten sei es in Albanien. Das habe sie selbst gesehen.<\/p>\n<p>Oben treffe ich wieder auf Xia, die sich gerade von ihrem Begleiter loseist. Wir gehen in das Historische Museum. Es befindet sich, unterhalb der Burg, in einem modernen Bau, von der Tochter Enver Hodschas geplant.<\/p>\n<p>Im unteren Stockwerk gibt es Funde, Gef\u00e4\u00dfe, M\u00fcnzen, Statuetten aus Albanopolis, der Hauptstadt Illyriens. Der Name ist mir so vertraut, dass ich mich selbst wundere, dass ich nicht wusste, dass es das moderne Albanien ist.<\/p>\n<p>Was unten als ein ganz passables arch\u00e4ologisches Museum aussieht, verwandelt sich oben in einen Tempel. Gehuldigt wird der albanischen Geschichte, verehrt wird Skanderbeu, der Nationalheld. Beides, Land und Held, werden auf unertr\u00e4gliche Weise glorifiziert. Ehe ich es mich versehe, hat Xia das Weite gesucht. Und macht damit das einzig Richtige. Mein Versuch, noch irgendetwas zu finden, was auch nur eine Notiz wert ist, zieht sich in die L\u00e4nge. Ist aber vergeblich. Bis auf die Variation im Namen des Nationalhelden (Skanderbeu, Sk\u00ebnderbeut Scanderbegus, Sk\u00ebnderbeu) und ein Zitat von Demosthenes, das angesichts der j\u00fcngeren albanischen Geschichte wie Spott klingt: \u201eDas Volk l\u00e4sst sich nicht unterdr\u00fccken\u201c.<\/p>\n<p>Wir gehen noch in ein kleines ethnographisches Museum, in dem man Stoffe, Wandbeh\u00e4nge, Einrichtungsgegenst\u00e4nde und Kleidungsst\u00fccke sehen kann, darunter einen Wandbehang, der Ringer im Freien darstellt und aus Schafswolle hergestellte Filzh\u00fcte und Filzpantoffeln.<\/p>\n<p>In der hei\u00dfen Mittagssonne gehen wir durch die stillen, an Wiesen vorbeif\u00fchrenden Wege um die Burg herum. Ich habe genug und will zur\u00fcck, aber Xia besteht darauf, sich noch \u201ee Kersch\u201c anzusehen. Bei der <em>Kersch<\/em> handelt es sich um eine Moschee, genauer gesagt um zwei, eine f\u00fcr M\u00e4nner, eine f\u00fcr Frauen. Das bekomme ich aber schon nicht mehr mit, denn irgendwie verlieren wir uns und begegnen uns erst unten wieder. Ich habe irgendwie gebummelt, und Xia kommt schon aus dem Hotel zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Am Nachmittag macht sie dann noch auf eigene Faust die Kleidungsgesch\u00e4fte Krujas unsicher. Ein Verk\u00e4ufer wird so sehr bezirzt, dass er sie ein komplettes traditionelles albanisches Kost\u00fcm mit Sch\u00e4rpe anziehen l\u00e4sst, ohne \u00e4rgerlich zu sein, als sie ohne Kauf das Gesch\u00e4ft verl\u00e4sst.<\/p>\n<p>An der Rezeption des Hotels k\u00f6nnen wir noch eine sprachliche Frage kl\u00e4ren, die uns schon seit Gjirokastra besch\u00e4ftigt. Dort haben wir an einer \u00f6ffentlichen Toilette an einem Eingang <em>Grash<\/em> gesehen. Ist das \u201aM\u00e4nner\u2018 oder \u201aFrauen\u2018? \u00a0Ich entscheide mich f\u00fcr \u201aFrauen\u2018, da das Gegenst\u00fcck, <em>Burra<\/em>, eher nach \u201aM\u00e4nner\u2018 klingt. Es stimmt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">29. Juli (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Als wir Kruja am Morgen verlassen, ergibt sich eine Begebenheit, die uns beiden in Erinnerung bleibt. Wir werden von hinten von einem Auto bedr\u00e4ngt, als wir, nach dem Weg aus dem Ort suchend, die Stra\u00dfe hinunter fahren. Es wird uns richtig mulmig. Ein schwarzes Auto, modern, deutsches Fabrikat \u2013 VW oder BMW \u2013 ein einzelner Mann drin. Xia f\u00e4hrt bei der n\u00e4chsten Gelegenheit auf der schmalen Stra\u00dfe so weit rechts, dass er vorbei kann. Das tut er. Aber als er auf unserer H\u00f6he ist, dreht er die Fensterscheibe runter und ruft uns freundlich zu: \u201eIhr seid falsch, ich wei\u00df, wohin ihr wollt. Ich kann Deutsch. Ich zeig euch den Weg.\u201c Er f\u00fchrt uns aus dem Ort heraus. Er h\u00e4tte uns auch an unseren Zielort gebracht, wenn wir das gewollt h\u00e4tten. Wir sch\u00e4men uns nachher ein bisschen unserer Angst.<\/p>\n<p>Der Routenplaner schickt uns in Richtungen, die es nicht gibt, oder gibt ganz den Geist auf. Es geht langsam voran, Kurven, Laster, Karambolagen halten uns auf. Dann fahren wir nach Shkodrar rein, um die weitere Route bei einem Kaffee zu besprechen. Was nach Albanien kommt, dar\u00fcber haben wir uns bisher nicht den Kopf zerbrochen.<\/p>\n<p>Shkodrar ist eine gro\u00dfe, lebendige Stadt mit einer riesigen, von Saudi-Arabien gespendeten wei\u00dfen Moschee mit zwei Minaretten, bei der Einfahrt in die Innenstadt. Danach kommt man auf eine Stra\u00dfe mit Gesch\u00e4ften, St\u00e4nden und Caf\u00e9s und viel Verkehr, vor allem Fahrr\u00e4dern und Motorr\u00e4dern. Die Stra\u00dfe ist nach Edith Durham benannt, einer Reiseschriftstellering, die Albanien bereiste, als das noch kein Mensch tat.<\/p>\n<p>In einem Kleidungsgesch\u00e4ft machen wir den Versuch, ein Kleid f\u00fcr Xia zu kaufen. Die Kleider h\u00e4ngen an allen drei W\u00e4nden in mehreren Reihen \u00fcbereinander und werden mit der Stange heruntergeholt. Wir finden aber nichts Passendes. Das tut mir in der Seele weh f\u00fcr die netten und geduldigen Besitzer, einem Ehepaar. Sie k\u00f6nnen kaum Englisch, aber irgendwie kommt doch eine Unterhaltung zustande. Als der Mann \u00fcber das Verh\u00e4ltnis der Albaner zu Deutschen spricht, benutzt er ein Wort, das wie <em>kotza<\/em> klingt. Aber der Ton und die Mimik lassen vermuten, dass sie die Deutschen nicht zum Kotzen finden.<\/p>\n<p>Auch nach Shkodrar geht es schleppend weiter. Die Gegend wird immer einsamer und karger. Es sieht immer mehr nach Karl Mai aus. Wir kommen in Richtung Grenze. Unser Zielort an der Grenze hei\u00dft Hott i Hot.<\/p>\n<p>Dann werden wir angehalten, zum ersten Mal, von dem letzten albanischen Polizisten vor der Grenze. Alle m\u00f6glichen wilden Vorstellungen laufen vor meinem geistigen Auge her: Grenze gesperrt, Terroristen gesucht, saftige Geldstrafe, korrupter Polizist. Da die Verst\u00e4ndigung ausschlie\u00dflich durch Gesten erfolgt, lassen sich die Bef\u00fcrchtungen auch nicht so leicht ausschlie\u00dfen. Am Ende ist dann alles ganz harmlos: Licht an! Es gibt aber nur eine Ermahnung, nicht einmal ein Kn\u00f6llchen.<\/p>\n<p>Gleich danach kommt die letzte Tankstelle in Albanien. Der junge Mann, der uns bedient, ist sehr gespr\u00e4chig. Merkel sei gut, findet er. Sie solle den Griechen gegen\u00fcber nicht zu nachgiebig sein.<\/p>\n<p>An der Grenze haben wir nur drei oder vier Autos vor uns. Alles geht glatt, und wir sind in Montenegro. Ein anderes Land. Und das merkt man sofort. Alles sieht ganz anders aus: sehr gr\u00fcn, kleine H\u00e4uschen mit eingez\u00e4unten G\u00e4rten! Balkan!<\/p>\n<p>Wir kommen nach Podgorniza, und fahren ohne Halt durch. Es ist eine h\u00e4ssliche Stadt. Am Rand der gro\u00dfen, wenig befahrenen Boulevards, auf denen man sich in Moskau w\u00e4hnt, h\u00e4ngen gro\u00dfe Banner mit Werbung: Telekom.<\/p>\n<p>Es geht langsam voran, die Gegend wird immer einsamer, die Landschaft immer dramatischer. Die kurvenreiche Strecke f\u00fchrt durch kurze, schlecht beleuchtete Tunnel, die in kurzen Intervallen aufeinander folgen und bietet wunderbare Ausblicke. Wir haben die Felswand zur einen und den Abgrund zur anderen Seite. Dann sieht man in der Ferne einen See mit gr\u00fcnem Wasser, ein Stausee, wie sich herausstellt, riesengro\u00df. Als wir dort ankommen, machen wir einen Halt und ausgerechnet hier, in der Einsamkeit, macht Xia eine neue Entdeckung: Sie sieht zum ersten Mal eine Selfie-Stange. Ein junges Paar, das am selben Platz Halt gemacht hat, photographiert sich vor dem See.<\/p>\n<p>Dann kommt die n\u00e4chste Grenze. Xia hat ihren Ausweis nicht zur Hand. Der Grenzbeamte fragt sie nach ihrem Namen. Ob es \u00c4rger gibt? Aber dann sagt er, ohne den Ausweis zu sehen: \u201eYou can go, Maria.\u201c<\/p>\n<p>Sind wir schon in Bosnien oder noch im Niemandsland? Nach einer Strecke, die einem lang vorkommt, tauchen wieder Grenzh\u00e4uschen auf. Wir sind noch nicht in Bosnien. Jetzt haben wir die P\u00e4sse zur Hand. Aber dann kommt die Frage: \u201eUnd die gr\u00fcne Versicherungskarte?\u201c Mir wird es sofort mulmig. Die Suche beginnt. Im Rucksack ist sie nicht, im Handschuhfach ist sie nicht, bei den anderen Papieren ist sie nicht. Zum letzten Mal habe ich die Versicherungskarte vor knapp einem Jahr in der Hand gehabt. Lange wurde diskutiert, ob sie \u00fcberhaupt n\u00f6tig sei. Wir werden gebeten, links ranzufahren. Ein grimmig aussehender Grenzbeamter kommt auf uns zu. Xia unterh\u00e4lt ihn, w\u00e4hrend ich suche. Und mir vorstelle, wie wir an der Weiterreise gehindert werden, wie das Auto beschlagnahmt wird &#8211; in D\u00e4nemark, habe ich vor kurzem geh\u00f6rt, werden Autos bei heftigen Geschwindigkeits-\u00fcberschreitungen beschlagnahmt \u2013 wie wir verd\u00e4chtigt und verh\u00f6rt werden. Aber dann taucht die Karte irgendwo auf. Wir k\u00f6nnen weiterfahren.<\/p>\n<p>Trotz langer Leitung geht uns irgendwann auf, dass BiH f\u00fcr \u201aBosnien und Herzegowina\u2018 steht. Warum ist \/i\/ in so vielen Sprachen das Wort f\u00fcr \u201aund\u2018? Dann aber sind wir \u00fcberfordert, denn jetzt sind wir auf einmal in der Republika Srpska. Was ist das denn? Erst nach der R\u00fcckkehr k\u00f6nnen wir die Wissensl\u00fccke schlie\u00dfen: Die Republika Srpska ist ein merkw\u00fcrdiges Gebilde, ein Teil von Bosnien und Herzogowina. Sie nimmt ungef\u00e4hr die H\u00e4lfte des Staatsgebiets ein und ist zweigeteilt, ein einen \u00f6stlichen und einen n\u00f6rdlichen Teil. Wir kommen durch beide durch.<\/p>\n<p>Wieder \u00e4ndert sich alles schlagartig. Es sieht irgendwie wilder aus. Die Stra\u00dfe ist schlechter und verwandelt sich bald in eine Schotterpiste. Nach einer Kurve sto\u00dfen wir dann auf eine Figur, die uns noch lange in Erinnerung bleibt: ein Mann, ein M\u00e4nnlein, mit einem Charakterkopf, gegerbter Haut und einem freundlich-ironischen L\u00e4cheln auf den Lippen, ein kleines Verbotsschild in der Hand. Das bewegt er hin und her, mit kurzen Bewegungen, aus dem Handgelenk. Durchfahrt verboten. Geduldig winkt er uns zur\u00fcck, w\u00e4hrend er auf das Auto zukommt. Die Autos hinter uns m\u00fcssen auch zur\u00fccksetzen. Und dann kommt von vorne ein Baustellenfahrzeug. Wir mussten nur die Baustelle freigeben. Danach geht es weiter.<\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Nachmittag erreichen wir Sarajevo. Es sieht wie eine Mischung aus West-Berlin und Ost-Berlin und Innsbruck aus. Wir finden eine bewachte Tiefgarage in der N\u00e4he des Hotels, das wir vorsichtshalber gebucht haben. Alle sind sehr freundlich, als wir nach dem Weg fahren.<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen an der Rezeption sch\u00fcttelt den Kopf. Es liegt keine Buchung vor. Das Hotel ist voll. Wir bestehen darauf, dass wir gebucht haben. Das M\u00e4dchen bietet an, die Chefin herbeizurufen. Die kommt nach Anruf kurz darauf, von drau\u00dfen. Sie ist sofort im Bilde: Es liegt tats\u00e4chlich eine Buchung vor. Von uns. Aber nicht f\u00fcr heute. F\u00fcr gestern. Kleinlaut nehmen wir den Tadel hin, dass wir uns noch nicht einmal abgemeldet haben. Aber sie wird dann allm\u00e4hlich freundlicher und findet doch noch Platz f\u00fcr uns. Gl\u00fcck gehabt.<\/p>\n<p>Das Hotel liegt ganz zentral. Ganz kurz durch eine Seitenstra\u00dfe, und wir sind mitten in der Altstadt. In den Schaufenstern Fu\u00dfballtrikots. Hier ist nicht Messi der Star, und auch nicht Ronaldo, sondern D\u017eeko. Wir tauschen Geld um, kaufen Zigaretten, bummeln etwas durch die Gegend und gehen ein kaltes Bier trinken. Das ist teuer. Sarajevo ist eine Touristenstadt. Tolle Atmosph\u00e4re, voll, aber kein Touristenrummel, eher gediegen. Darauf trinken wir dann noch ein zweites Bier.<\/p>\n<p>Von der Kneipe geht es fast auf direktem Weg in ein Restaurant. Wir t\u00fcrmen aber wieder, sobald wir uns hingesetzt haben und bevor der Kellner kommt \u2013 hier gibt es keinen Alkohol.<\/p>\n<p>Dann landen wir auf der Seitengasse, die zur\u00fcck zum Hotel f\u00fchrt. Hier sitzt man auf langen B\u00e4nken vor der Front des Hauses. Es gibt bosnische Spezialit\u00e4ten und Wein. Der Kellner ist sehr gespr\u00e4chig. Er hat studiert, Wirtschaftswissenschaften, hat sich dann aber f\u00fcr das Kellnern entschieden. Da verdient man mehr. Und warum arbeitet er als Kellner? Weil die ganze Familie da dran h\u00e4ngt, Eltern, Geschwister und auch noch irgendwelche Onkel und Tanten!<\/p>\n<p>Dann machen wir noch einen Spaziergang durch die erleuchteten Stra\u00dfen. Was besonders ist an Sarajevo, das sind die Moscheen in einem ganz mitteleurop\u00e4isch aussehenden Kontext.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">30. Juli (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>In Bosnien hat die Mark \u00fcberlebt. Sowohl im Namen der W\u00e4hrung als auch im Wert: 2 Mark sind 1 Euro. Der Name der W\u00e4hrung ist <em>Konvertible Mark<\/em>. Das erkl\u00e4rt das r\u00e4tselhafte KM auf den M\u00fcnzen.<\/p>\n<p>Im Basar, wo wir schon am Abend durchgekommen sind, gibt es Kaffee, bosnischen Kaffee. Der k\u00f6nnte genauso gut griechischer Kaffee oder t\u00fcrkischer Kaffee hei\u00dfen. Fr\u00fchst\u00fcck gibt es hier aber nicht. Wir werden zu einem Lokal geschickt, das <em>Pod<\/em> <em>Lipom<\/em> hei\u00dft. Mein Verdacht, was das hei\u00dfen k\u00f6nnte, wird durch eine Wandmalerei best\u00e4tigt: \u201aUnter der Linde\u2018. Wir sitzen tats\u00e4chlich unter einer Linde.<\/p>\n<p>Wir sind die einzigen G\u00e4ste. Eine freundliche junge Frau bedient uns. Sie spricht wenig Englisch, bem\u00fcht sich aber, unsere W\u00fcnsche zu verstehen. Und zu erf\u00fcllen. Und das, obwohl sich herausstellt, dass wir noch zu fr\u00fch sind und dass sie gar nicht zust\u00e4ndig ist: \u201eI am not Kellner\u201c. Ja, das Wort habe sie von deutschen Touristen gelernt. Sie bringt uns dann tats\u00e4chlich ein Omelette und Kaffee und Tee. Bei <em>bosnischem Kaffee<\/em> verzieht sie den Mund. Das Einheimische z\u00e4hlt nicht, das Fremde hat mehr Wert.<\/p>\n<p>Dann kommt der Kellner. Der spricht flie\u00dfend Deutsch. Ich frage nach der Sprache, einschlie\u00dflich der Schrift. Von der bosnischen Sprache h\u00e4lt er nicht viel. Jedenfalls nicht davon, von bosnischer Sprache zu sprechen. Das sei Serbokroatisch. Nur meine man heute, dem selbst\u00e4ndigen Staat eine eigene Sprache verpassen zu m\u00fcssen. Er zeigt auf die Zigarettenschachtel. Dort steht die \u00fcbliche Warnung auf Bosnisch und auf Serbokroatisch. Es gibt keinen einzigen Unterschied. Dann frage ich auch noch nach der Schrift. Immer wieder haben wir Wegweiser in zwei Alphabeten gesehen. Ja, das sei tats\u00e4chlich so, sagt er. Man benutze beide nebeneinander. Aber wie geht das denn, will ich wissen. Zum Beispiel in der Schule. Und dann kommt eine Antwort, auf die ich nie im Leben gekommen w\u00e4re: Eine Woche Kyrillisch, eine Woche Latein!<\/p>\n<p>Bevor es weitergeht, machen wir einen ausgedehnten Spaziergang durch Sarajevo, auf beiden Seiten der Miljacka, die auch <em>Roter Fluss<\/em> hei\u00dft. Dabei kommen wir an die Lateinische Br\u00fccke, der Br\u00fccke, an der das Attentat auf den Thronfolger \u00d6sterreich-Ungarn ausge\u00fcbt wurde. Der Name, Lateinische Br\u00fccke, erkl\u00e4rt sich aus der Bev\u00f6lkerung, die in diesem Viertel ans\u00e4ssig war: Katholiken.<\/p>\n<p>Das Stadtbild wird von den Minaretten der Moscheen gepr\u00e4gt, aber daneben gibt es eine katholische Kirche im gotischen Stil und eine orthodoxe Kirche im Barockstil! Dazu einen achteckigen Brunnen, ein muslimisches Gr\u00e4berfeld, eine Synagoge, ein Rathaus mit Einschussl\u00f6chern an der Fassade und einen ganz modernen, in grellen Farben gehaltenen Klinikbau. \u00dcber Mangel an Abwechslung kann man nicht klagen.<\/p>\n<p>Aber es nutzt nichts. Wir m\u00fcssen weiter. Bei der Ausfahrt aus der Stadt spielt der Routenplaner mal wieder verr\u00fcckt und schickt uns immer wieder um ein Stadion herum. Aber auch das hat sein Gutes: Wir bekommen dadurch einen Blick auf einen bemerkenswerten Friedhof, mit wei\u00dfen Grabstelen auf dem Abhang eines H\u00fcgels. Christliche Gr\u00e4ber neben muslimischen Gr\u00e4bern, friedlich vereint. Aus der Ferne vermuten wir sogar au\u00dferdem noch j\u00fcdische Gr\u00e4ber, aber das scheint nicht zu stimmen.<\/p>\n<p>Unterwegs auch wieder Hinweisschilder in zwei Alphabeten. Dabei benutzt das kyrillische Alphabet hier auch Buchstaben, die das Russische nicht hat, wie &lt;j&gt;.<\/p>\n<p>Irgendwo unterwegs machen wir Pause und kaufen in einem Obstgesch\u00e4ft, das intensiv nach den reifen und \u00fcberreifen Fr\u00fcchten riecht, f\u00fcr ein Spottgeld etwas Obst. Einen geeigneten Ort f\u00fcr einen Kaffee suchen wir lange. Am Ende gehen wir etwas widerwillig in ein modernes, aber etwas schummrig aussehendes Caf\u00e9, in dem einheimische junge Leute verkehren. Das bereuen wir, als wir auf die Toilette gehen. Aber der Kaffee ist ordentlich, und wieder ergibt sich ein Gespr\u00e4ch mit dem Kellner. Er spricht flie\u00dfend Deutsch und hat lange in einer Kleinstadt im Sauerland gelebt.<\/p>\n<p>An der Grenze gibt Xia unsere letzten Mark aus, f\u00fcr Mineralwasser und Kekse. An den Keksen habe ich noch wochenlang meine Freude, ebenso wie an der modernen Wasserflasche.<\/p>\n<p>Kroatien. Wieder ist nicht zu \u00fcbersehen, dass man eine Grenze \u00fcberschritten hat: gro\u00dfe, schnelle Autos, geb\u00fchrenpflichtige Autobahnen, moderne Hochh\u00e4user. Selbst die Grenzw\u00e4rterh\u00e4uschen sind gr\u00f6\u00dfer, besser und moderner als in Bosnien oder in Montenegro.<\/p>\n<p>Die Fahrt geht auf Zagreb zu, und jetzt mache ich einen Vorschlag, den ich noch bereuen sollte: Es ist zu weit. Es wird dunkel sein, wenn wir ankommen, und dann in der riesigen Stadt Unterkunft suchen, das ist keine verlockende Perspektive. Wir sollten vorher irgendwo Halt machen. Aber wo? Hilfe kommt von unerwarteter Seite: von einem Polizisten. Der macht eine Routinekontrolle und empfiehlt uns anschlie\u00dfend einen Ort auf dem Weg: Ivani\u00e7grad. Dort kurven wir mehrmals durch die menschenverlassene Stadt, die nicht h\u00fcbsch und nicht h\u00e4sslich, sondern eher nichtssagend ist. Vom Flair des Balkans ist hier nichts mehr zu sp\u00fcren. Das wirkt alles sehr mitteleurop\u00e4isch. Es sind verschiedene Hotels ausgeschildert, aber irgendwie kommen wir nicht dorthin. Am Ende landen wir in einem Wohnviertel. Hier sieht es richtig l\u00e4ndlich aus. Wir erwischen eine Frau, die gerade mit ihrer Tochter ihr Haus verl\u00e4sst. Sie ist sehr, sehr freundlich und bem\u00fcht. Sie will uns den Weg zu einem Hotel erkl\u00e4ren, aber merkt selbst, wie kompliziert das ist. Kurzentschlossen setzt sie sich in ihr Auto und sagt uns, wir sollten ihr folgen. So kommen wir zu einem modernen Sporthotel, das \u00fcberall in Westeuropa stehen k\u00f6nnte. Es hat alle Einrichtungen, die man sich w\u00fcnschen kann und ist trotzdem nicht teuer. Das Schwimmbad ist jetzt allerdings geschlossen.<\/p>\n<p>Gleich nebenan ist ein Restaurant. In einem l\u00e4nglichen Raum mit eingedeckten Tischen in Reihen sind wir die einzigen G\u00e4ste. Mit der Kellnerin, die uns Empfehlungen f\u00fcr Speisen und Bier gibt, kommen wir schnell ins Gespr\u00e4ch. Auch sie hat studiert, arbeitet aber mangels Alternative hier im Restaurant. Als wir hinausgehen, bekomme ich den Kopf gewaschen. Ich habe wieder die falschen Fragen gestellt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">31. Juli (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen prasselt der Regen auf das Dach und auf irgendwelche Plastikabdeckungen neben dem Hotel. Am Abend zuvor waren schon ein paar Tropfen gefallen, und zum ersten Mal auf der Reise ist es kalt gewesen. Im Laufe des Tages bessert sich aber alles wieder auf. Sp\u00e4ter kann man auch wieder drau\u00dfen sitzen und Kaffee trinken.<\/p>\n<p>Die Entscheidung, doch noch nach Zagreb reinzufahren, f\u00e4llt spontan, ein paar Hundert Meter vor der Ausfahrt. Es lohnt sich. Obwohl wir nicht viel Zeit haben, uns Details anzusehen.<\/p>\n<p>Schon der erste Platz, an den wir kommen, \u00a0ein repr\u00e4sentativer Platz mit beeindruckenden barocken und klassizistischen Bauten, darunter Nationaltheater, Arch\u00e4ologisches Museum, Kunstpavillon, Mimara-Museum, Kathedrale, ist den Abstecher wert, und das ist nur die Unterstadt. Der Stephansdom, die Kathedrale, gilt als Wahrzeichen Zagrebs, aber sie kommt mir nicht bekannt vor. \u00dcberhaupt verbinde ich mit Zagreb gar nichts, au\u00dfer vielleicht Partisan und Roter Stern.<\/p>\n<p>Wir bleiben vor einer Bronzeskulptur stehen, einer im Kreis angeordneten Figurengruppe, die verschiedene Menschen in verschiedenen Seelenzust\u00e4nden darstellt, die sich auf ihren Gesichtern zeigen. Beeindruckend.<\/p>\n<p>Dann geht es \u00fcber eine langgezogene Stra\u00dfe, \u00fcber die eine moderne Stra\u00dfenbahn f\u00e4hrt, Richtung Oberstadt. Es wird immer lebendiger und voller. Die Unterstadt hatten wir praktisch noch ganz f\u00fcr uns. Unterwegs lerne ich etwas \u00fcber Fenster, n\u00e4mlich auf solche zu achten, die glatt mit der H\u00e4userfassade abschlie\u00dfen und nach au\u00dfen \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Diese Stra\u00dfe f\u00fchrt auf den Ban-Jelacic-Platz, der Verbindung der Unterstadt und der Oberstadt. Zagreb ist ein Zusammenschluss zweier urspr\u00fcnglich autonomer St\u00e4dte, Kaptol und Gradec. Das erkl\u00e4rt vermutlich die heutige Struktur.<\/p>\n<p>Der Platz ist benannt nach dem kroatischen Nationalhelden. Im Zentrum des Platzes steht sein Standbild. Heute tritt auf dem Platz eine traditionelle Tanzgruppe aus Slowenien auf.<\/p>\n<p>Etwas abseits des Platzes setzen wir uns in ein sch\u00f6nes Stra\u00dfencaf\u00e9. Das Caf\u00e9 hei\u00dft ganz unoriginell <em>Am\u00e9lie<\/em>. Neben dem Namen steht aber das Motto an der Fassade: <em>Slatka male radosti<\/em>. Das d\u00fcrfte so etwas hei\u00dfen wie \u201aSahne ist ein kleines Gl\u00fcck\u2018.<\/p>\n<p>Erstaunlicherweise k\u00f6nnen wir hier mit Euros nicht landen. Xia \u00fcbernimmt die Aufgabe, in einer nahegelegenen Bank Geld zu tauschen. Das erweist sich als langwierige und umst\u00e4ndliche Angelegenheit. Wir hatten ger\u00e4tselt, wie denn die W\u00e4hrung von Kroatien hei\u00dft, und ich lag mit meinem <em>Dinar <\/em>ganz sch\u00f6n daneben. Sie hei\u00dft <em>Kuna<\/em>! Was \u201aMarder\u2018 bedeutet!<\/p>\n<p>Wir kommen mit einem \u00e4lteren, Deutsch sprechenden Ehepaar ins Gespr\u00e4ch. Die beiden kommen aus Slowenien und kennen unser heutiges Reiseziel.<\/p>\n<p>Wir gehen dann in die Oberstadt, und hier entdecken wir dann auch den Markt, den wir mehrmals auf Abbildungen gesehen haben, ein Markt mit vielen Reihen von St\u00e4nden mit immer den gleichen, knallroten Sonnenschirmen.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg erwischen wir noch einen Blick auf den Eingang zur Burg, gehen durch eine sch\u00f6ne Ladenpassage, sehen die Seilbahn, die in die Oberstadt f\u00fchrt und kommen an einem Banner vorbei, das f\u00fcr ein Schauspiel von Schnitzler wirbt: <em>Daleka Zemlja<\/em>. Auch das kann man ableiten: \u201aDas ferne Land\u2018. So bastele ich es mir jedenfalls zurecht. Allerdings hei\u00dft das St\u00fcck im Original <em>Das weite Land<\/em>.<\/p>\n<p>Als wir wieder zu unserem Auto kommen, finden wir ein ordentliches Kn\u00f6llchen an der Windschutzscheibe. Jetzt verstehen wir, warum wir so schnell einen Parkplatz gefunden haben.<\/p>\n<p>Es geht weiter. Nach Slowenien. Wir fahren weder nach Slowenien, das sehr sch\u00f6n sein soll, noch nach Maribor, wo ich schon wegen des Namens mal hin will, denn wir haben eine Verabredung in Kobarid, ganz im Westen Sloweniens, nahe der italienischen Grenze. Xia l\u00e4sst sich nicht lumpen und l\u00e4dt zum Speisen in ein Gourmet-Restaurant ein. Die Unterkunft haben wir aber in Most na So\u00e7i gebucht, in einem richtigen Landgasthof. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Die Zimmer und der Schankraum sehen aus wie aus den F\u00fcnfziger Jahren. Um zu den Zimmern zu kommen, geht man hinter dem Tresen her.<\/p>\n<p>Leider haben wir die Distanz zwischen Most na So\u00e7i und Kobarid untersch\u00e4tzt. Statt eines Spaziergangs von 20 Minuten ist es eine Autofahrt von 40 Minuten. Es geht durch ein wundersch\u00f6nes Flusstal. Wir befinden uns in den Alpen, in den Julischen Alpen.<\/p>\n<p>Was Xia an dem Restaurant, dem Hi\u015fa Franco, so gef\u00e4llt, ist, dass es sich um junge Leute handelt, Aussteiger, die innovative K\u00fcche machen und dabei nicht so abgehoben auftreten wie andere.<\/p>\n<p>Der Chef selbst, der mit privaten G\u00e4sten drau\u00dfen sitzt, begr\u00fc\u00dft uns pers\u00f6nlich. Dann geht es in einen Wintergarten. Im Laufe der Zeit trudeln immer mehr G\u00e4ste ein. Neben uns ein holl\u00e4ndisches Ehepaar mit Tochter, an einem anderen Tisch ein libanesischer Gesch\u00e4ftsmann, der einen slowenischen Begleiter hat, vermutlich f\u00fcr den Zweck angeheuert. An den meisten Tischen sitzt man zu zweit.<\/p>\n<p>Um zu bestellen gen\u00fcgt ein einziges Wort! In unserem Fall: \u201eF\u00fcnf.\u201c Man kann zwischen f\u00fcnf und acht Gerichten unterscheiden. Alles andere kommt von selbst, einschlie\u00dflich der Getr\u00e4nke.<\/p>\n<p>Bei jedem Gericht wird genau erkl\u00e4rt, was man da vor sich hat. Unter anderem gibt es Kartoffelschaum, Zunge mit Tomaten und Wassergelee, Muscheln mit Kapuzinerkresse, gef\u00fcllte Pasta, Kalbsr\u00fccken bzw. Fisch mit Auberginenpaste, und Ente. Dazu gibt es Sekt, Chardonnay, roten und wei\u00dfen Cabernet Sauvignon. Und Mineralwasser bis zum Abwinken. Und ganz frisches, selbst hergestelltes Brot. Obwohl die Portionen winzig klein sind, ist man am Ende satt.<\/p>\n<p>Alle Kellner sind jung, freundlich und sprechen gut Englisch. Einer, mit dem wir etwas ins Gespr\u00e4ch kommen, stammt aus einem Dorf ganz hier in der N\u00e4he, ein paar Kilometer entfernt. Er hat woanders eine Ausbildung gemacht und ist gl\u00fccklich und froh, jetzt so eine gute Stelle zu haben.<\/p>\n<p>Als wir wieder in unseren Gasthof zur\u00fcckkehren, befindet sich gerade eine Gruppe Einheimischer im Aufbruch. Der joviale Wirt serviert uns dennoch noch einen Kaffee. Und dazu gibt es einen Schnaps.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1. August (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen gibt es ein \u00fcppiges Fr\u00fchst\u00fcck, eine Mischung aus selbstgemacht und Massenware. Der Wirt erkl\u00e4rt, zu unserer \u00dcberraschung, dass der Betrieb jetzt im Sommer nicht auf Hochtouren laufe. Begr\u00fcndung: Es ist zu hei\u00df. Dabei stehen vor dem Haus verschiedene Autos mit fremdl\u00e4ndischen Kennzeichen. Die besten Monate seien Mai und September. Das Haus ist ein klassischer Familienbetrieb, alle sind mit eingespannt. Auf Nachfrage sagt er dann doch, das Hotel laufe recht gut. Nicht aber das Restaurant. Das habe 120 Pl\u00e4tze.<\/p>\n<p>Er selbst hat in der Schule noch Serbokroatisch als Fremdsprache gelernt. Das hat sich ge\u00e4ndert. Jetzt sind es Englisch und Italienisch.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen unsere gestern erworbenen Sprachkenntnisse an den Mann bringen: <em>Hvala!<\/em> Das hei\u00dft \u201adanke\u2018, im Slowenischen wie im Kroatischen. Als ich es h\u00f6re, mit einem Anfangslaut wie dem des Konsonanten in <em>ach<\/em>, kommt mir das merkw\u00fcrdige Kennzeichen von Kroatien, HR, nicht mehr so merkw\u00fcrdig vor.<\/p>\n<p>Wir kommen mit anderen G\u00e4sten ins Gespr\u00e4ch, zwei Frauen \u2013 Schwiegertochter und Schwiegermutter, wie sich herausstellt &#8211; mit Kindern, die eine slawische Sprache sprechen, die wir aber nicht identifizieren k\u00f6nnen. Sie sprechen zwei slawische Sprachen: Tschechisch und Ukrainisch.<\/p>\n<p>Wir machen uns auf den Weg, machen aber gleich wieder Halt, um die letzten kroatischen M\u00fcnzen loszuwerden. Ob das klappt? Ich bin skeptisch, aber es klappt. Xia hatte recht und ergattert ein paar Ansichtskarten.<\/p>\n<p>Wir kommen wieder durch Kobarid und sehen diesmal eine dramatisch auf einem Felsblock stehende wei\u00dfe Kirche, die gestern im Dunkeln war.<\/p>\n<p>In Zeit von nichts sind wir in Italien und in Zeit von nichts sind wir auch schon wieder aus Italien raus. Dabei haben wir gerade angefangen, uns mit ein paar pseudo-italienischen Phrasen, die wir uns gegenseitig an den Kopf werfen, auf das Land einzustellen.<\/p>\n<p>Dann kommt \u00d6sterreich. Der n\u00e4chste Schritt bei der Ann\u00e4herung an die Heimat: Von Bosnien ist es \u00fcber Kroatien, das schon in der EU ist, nach Slowenien, das den Euro hat, und von dort nach \u00d6sterreich, wo Deutsch gesprochen wird.<\/p>\n<p>Davon bekommen wir eine besonders charmante Probe in Villach, wo uns eine wunderbare rundliche Frau genauestens \u00fcber die Lage unterrichtet: Es ist Kirchweih, d.h. die gesamte Innenstadt ist abgesperrt. Sie verr\u00e4t uns aber einen Trick: Wir k\u00f6nnen noch bis zw\u00f6lf warten und dann irgendwo parken und bekommen dann das Geld wieder zur\u00fcck, wenn wie auf der Kirchweih etwas konsumieren. Ihr Elan ist kaum zu stoppen. Sie ist von selbst auf uns zu gekommen und hat unsere Frage beantwortet, bevor wir sie \u00fcberhaupt gestellt haben. Als sie in einem Hauseingang verschwindet, sind wir froh, dass sie nicht mehr sieht, dass wir ihren Rat ignorieren und weiterfahren. Es geht uns nur um eine Kaffeepause. Die machen wir dann in Spittal. Und da holt uns die mitteleurop\u00e4ische Wirklichkeit ein, als es ans Bezahlen geht: F\u00fcr zwei Kaffee, zwei Wasser, zwei St\u00fcck Kuchen fallen 19 \u20ac an! Der erste Schock war schon die Maut in Slowenien. Der n\u00e4chste soll bald folgen. Statt eines Tunnels, den wir geschickt umfahren haben, kommen wir durch einen anderen Tunnel, und auch hier wird abkassiert.<\/p>\n<p>Meine Eigenschaft als vaterlandsloser Geselle stelle ich dann unter Beweis, als ich den Grenz\u00fcbergang nach Deutschland, nach der langen Abwesenheit, schlichtweg verschlafe.<\/p>\n<p>Wir haben uns lange den Kopf \u00fcber die Route zerbrochen, aber am Ende habe ich mich durchgesetzt. Wir fahren \u00fcber M\u00fcnchen, aller Sorgen um endlose Staus zum Trotz. Ergebnis: Es gibt nicht einen einzigen Stau, es sind nicht einmal viele Autos unterwegs.<\/p>\n<p>Also steuern wir unsere letzte Station an: Augsburg. Xia hat es in schlechter, ich habe es in guter Erinnerung. Es erweist sich als gute Entscheidung. Wir finden ein ganz zentral gelegenes Hotel mit einem kuriosen Wirt, der in K\u00fcnstlerkreisen verkehrt und st\u00e4ndig Seitenhiebe auf \u201edie Bayern\u201c austeilt. Er ist ein Aussteiger und hat erst sp\u00e4ter die Hotelkarriere eingeschlagen. F\u00fcr die Zimmer in seinem fr\u00fcheren Hotel hat er \u201eK\u00fcnschtler und Galerischten\u201c engagiert, und die haben die Zimmer \u201eausgemalen\u201c.<\/p>\n<p>In zehn Minuten sind wir im Zentrum und sehen uns bei einem Spaziergang um. Erinnerungen an das Rathaus, an die Fuggerei, an das Brechthaus, an die Augsburger Puppenkiste stellen sich ein. Xia ist ganz verwirrt: Das ist ja eine richtig sehenswerte Stadt! Best\u00e4tigt, dass es sich lohnt, \u00fcberall immer noch ein zweites Mal hinzufahren. Ich mache die verbl\u00fcffende Erkenntnis, dass die barocken Prachtbrunnen im Zentrum keine Spur in meiner Erinnerung hinterlassen haben. In der N\u00e4he eines der Brunnen trinken wir in einem Stra\u00dfencaf\u00e9 einen Tee. Bedient werden wir von einem sehr umg\u00e4nglichen, gespr\u00e4chigen Kellner.<\/p>\n<p>Am Abend geht es dann in eine Eckkneipe in der N\u00e4he des Hotels. Die Kneipe ist voller Krimskrams und Nippes und bietet deftige K\u00fcche mit einheimischen Bieren. F\u00fcr die abschlie\u00dfende Zigarette werden wir vor die T\u00fcr gebeten. Es ist noch warm genug, drau\u00dfen zu sitzen, aber zur Sicherheit gibt es einen Schnaps auf Kosten des Hauses dazu. Ist ja wie auf dem Balkan!<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">2. August (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Einen letzten Hauch von Internationalit\u00e4t erh\u00e4lt unsere Reise am letzten Tag beim Fr\u00fchst\u00fcck. Am Nachbartisch sitzen Mexikaner. Eine interessante Konstellation: zwei Schwestern reisen mit ihren Gro\u00dfeltern durch Deutschland. Und agieren dabei als Dolmetscher: Beide gehen auf die Deutsche Schule in Mexiko und sprechen flie\u00dfend Deutsch. Durch das Spanische einerseits und die Musik andererseits ergeben sich zwei Ankn\u00fcpfungspunkte. Die M\u00e4dchen spielen beide Musikinstrumente und sie haben gro\u00dfe Pl\u00e4ne. Als Xia nachfragt, wo sie denn mal singen m\u00f6chte, kommt, ohne jeden Anflug von Ironie, die prompte Antwort: in der Scala.<\/p>\n<p>Erst geht es z\u00fcgig weiter, sobald wir auf der Autobahn sind, aber dann kommen wir, nur noch ein paar Stunden vom Ziel entfernt, zum ersten Mal auf der Reise in einen Stau. Wir fahren auf die Landstra\u00dfe und machen in Ettlingen Halt, um einen Kaffee zu trinken. Dort begegnen wir dem ersten Stinkstiefel auf der gesamten Reise, ausgerechnet einem Italiener, dem Besitzer eines Lokals, der unsere Absicht, bei ihm f\u00fcr einen Kaffee einzukehren, schroff zur\u00fcckweist, mit unfreundlicher Miene und unfreundlichen Worten.<\/p>\n<p>Anders in einer von Einheimischen betriebenen Gastst\u00e4tte, direkt an der Alb gelegen, dem Fluss Ettlingens, und gegen\u00fcber von einem Stadttor. Hier erscheint als allererster Vorbote des Herbstes eine Tafel mit dem handgeschriebenen Hinweis: \u201eDie ersten Pfifferlinge sind da!\u201c. Der Kellner ist gespr\u00e4chig und gibt uns ganz genaue Erkl\u00e4rungen, wie wir den Stau umfahren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sein Tipp ist Gold wert. Wir vermeiden den Stau und kommen gut voran, wenn es auch die eine oder andere Engstelle gibt.<\/p>\n<p>Ich sacke mit Kopf- und Gliederschmerzen immer mehr in mich zusammen und bin zum ersten Mal froh, nicht fahren zu m\u00fcssen. Als Gespr\u00e4chspartner tauge ich auch nicht mehr viel. Aber Xia h\u00e4lt mich bei Laune: Sie erkl\u00e4rt, was es mit Blaubeuren auf sich hat, was eine Wasserscheide ist, stimmt Lieder an und rezitiert den Zappel-Philipp: \u201eUnd die Mutter blickte stumm auf dem ganzen Tisch herum.\u201c Und fragt nach der morgen beginnenden Arbeit. Dabei gebrauche ich die Wendung \u201esich gegen etwa ansehen\u201c. Wird nicht verstanden. Scheint regional zu sein. Aber was ist das schon gegen \u201eder Klo\u201c und \u201edie Albanier\u201c, von denen sie die ganze Zeit gesprochen hat?<\/p>\n<p>Und dann kommt das Moseltal in Sicht. Vertraute Gegend. Und mit einer kategorischen Meinungs\u00e4u\u00dferung geht die Reise zu Ende. Alle, sagt Xia, f\u00e4nden die Weinberge an der Mosel so sch\u00f6n. \u201eIsch net.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>16. Mai (Samstag) Das f\u00e4ngt ja gut an: Ich komme nicht von der F\u00e4hre runter. Als schon kein Mensch mehr zu sehen ist, steht mein Auto eingeklemmt zwischen der Wand und ein paar Autos. 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