{"id":8146,"date":"2015-12-25T16:09:42","date_gmt":"2015-12-25T15:09:42","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=8146"},"modified":"2016-07-24T09:15:01","modified_gmt":"2016-07-24T07:15:01","slug":"sardinien-2015","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=8146","title":{"rendered":"Cagliari (2015)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. Dezember (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Egal, wohin man schaut, Lauftreff, Lesekreis, Kollegium, Familie: Jeder war schon mal in Sardinien. Und jetzt, in den letzten Tagen, wie auf Bestellung, auch eine Dame am Nebentisch in einem italienischen Caf\u00e9, die sich laut und vernehmlich mit der Kellnerin hinter dem Tresen \u00fcber Sardinien unterhielt. Sie wie auch alle anderen: hellauf begeistert.<\/p>\n<p>Darauf gibt es zwei Reaktionen: Da muss ich auf jeden Fall auch hin! Oder: Muss man wirklich auch hin? Die Entscheidung f\u00fcr Sardinien fiel dann letztlich aus einem ganz banalen Grund: dem schn\u00f6den Mammon. Jetzt, wo es \u00fcberall teuer ist, kommt man nach Sardinien f\u00fcr&#8217;n Appel und&#8217;n Ei. Ein echtes Schn\u00e4ppchen.<\/p>\n<p>Schon vor der Abfahrt habe ich mit ungl\u00e4ubigem Staunen zur Kenntnis genommen, dass a) Sardinien n\u00e4her an Tunesien als an Italien liegt und dass b) wir Sardinien die <em>Sardellen <\/em>und das <em>sardonische <\/em>Lachen zu verdanken haben. (Diese Herkunft ist allerdings umstritten).<\/p>\n<p>Sardinien ist von den R\u00f6mern nach der Eroberung links liegen lassen worden. Sardinien war jahrhundertelang verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig isoliert, und das Sardische hat deshalb viele Wesensz\u00fcge des Lateinischen behalten. Dazu kommt der Einfluss des Spanischen als Resultat der vierhundertj\u00e4hrigen Herrschaft der Spanier. In dem wunderbaren Roman <em>Sottosopra <\/em>von Milena Agus, in dem hin und wieder einzelne Gespr\u00e4chsfetzen auf Sardisch erscheinen, bekommt man einen Eindruck davon, wie anders das Sardische ist. Kaum zu verstehen, nicht einmal in geschriebener Sprache.<\/p>\n<p>Die sardischen Artikel sind nicht von <em>ille, illa, illud<\/em> abgeleitet, sondern von <em>ispe, ispa, ispud<\/em>. Ein kleiner, aber charakteristischer Unterschied, und ein auff\u00e4lliger. \u00dcberall werden wir in den n\u00e4chsten Tagen darauf sto\u00dfen: <em>Su Cumbido, Su Tempieso, Sa Testa, Sa Domu Sarda, Sos Alinos, Sos Molinos, Sas Linnas, Sas Concas<\/em>.<span style=\"text-decoration: underline;\"> <\/span><\/p>\n<p>Erstaunlich, dass viele der sardischen Schriftsteller keine professionellen Schriftsteller sind, sondern Arzt, Jurist, Theologe usw. W\u00f6rter wie <em>arm<\/em>, <em>d\u00fcster<\/em>, <em>r\u00fcckst\u00e4ndig, rau <\/em>kommen in den Kommentaren zu den B\u00fcchern immer wieder vor. Auch bei denen von Grazia Deledda. Die erhielt als zweite Frau \u00fcberhaupt den Literaturnobelpreis.<\/p>\n<p>Erst jetzt h\u00f6re ich zum ersten Mal den Namen Gavino Ledda. Der ist vor allem f\u00fcr seine autobiographischen Romane bekannt. Er wuchs als Hirtenjunge auf &#8211; sein gewaltt\u00e4tiger Vater hatte ihn nach einem Monat aus der Schule genommen &#8211; brachte sich selbst Lesen und Schreiben bei und brachte es zu Abitur und Studium. Und was ist er heute? Professor f\u00fcr Sprachwissenschaft!<\/p>\n<p>V\u00f6llig unbekannt sind mir auch die Nuraghen. Das sind kegelf\u00f6rmige Festungst\u00fcrme aus Steinbl\u00f6cken. Sie haben einer ganzen Kultur den Namen gegeben, der nuraghischen Kultur, einer vorgeschichtlichen Hirtenkultur, die es wohl nur auf Sardinien gibt. Es ist umstritten, ob sie von ausw\u00e4rts kamen oder ob es sich um Sarden handelte, die ihren Lebensstil \u00e4nderten.<\/p>\n<p>Sardinien ist gro\u00df, noch gr\u00f6\u00dfer als Kreta, die zweitgr\u00f6\u00dfte Insel des Mittelmeers. Unser Ziel ist Cagliari, ganz im S\u00fcden. Das Gegenst\u00fcck dazu im Norden ist Alghero.<\/p>\n<p>\u00dcber Cagliari h\u00f6rt man lauter \u00fcberschw\u00e4ngliche Kommentare. Komisch, mir sagt das bisher so gut wie gar nichts. Die einzige Assoziation, die ich mit Cagliari habe, ist US Cagliari, die in meiner Gymnasialzeit mal sensationell italienischer Meister wurden, mit Gianni Riva.<\/p>\n<p>Einerseits all die Lobeshymnen, andererseits W\u00f6rter wie L\u00e4rm, Hektik, Drogen, Hochh\u00e4user, die in den Beschreibungen auftauchen. Und dem Hinweis darauf, dass die Innenstadt im Krieg zu zwei Dritteln zerst\u00f6rt wurde. In den letzten Jahrzehnten hat Cagliari tats\u00e4chlich Einwohner verloren \u2013 von 240.000 auf 170.000 \u2013 w\u00e4hrend die Nachbargemeinden stark gewachsen sind. Da darf man sich \u00fcberraschen lassen.<\/p>\n<p>Am Morgen des Abflugs zwitschern die V\u00f6gel. Sie glauben, es w\u00e4re Fr\u00fchling. Wegen der Temperaturen braucht man nicht in den S\u00fcden zu fahren.<\/p>\n<p>Und bei der Fahrt zum Flughafen sieht man rosarote Wolken und einen\u00a0 rosaroten, fast mysteri\u00f6sen Streifen am Himmel und dann, als es hell wird, einen unwirklich gro\u00dfen Vollmond ganz niedrig am Himmel h\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Dann erreicht einen aber schnell die Wirklichkeit wieder mit den \u00fcblichen Kontrollen am Flughafen. Erstaunlicherweise brauchen wir kein einziges Mal unsere P\u00e4sse vorzeigen. Jeder andere h\u00e4tte an unserer Stelle reisen k\u00f6nnen. Und eine Papierschere, die heute unbeanstandet durchgeht, wird auf der R\u00fcckreise konfisziert.<\/p>\n<p>Der Flughafen von Cagliari hei\u00dft Elmas, was nicht sehr italienisch klingt. Das ist ein erster Vorgeschmack auf sardische Namen, die uns in den n\u00e4chsten Tagen immer wieder begegnen.<\/p>\n<p>Alles hier ist modern und funktionst\u00fcchtig. Die Automaten, an denen man die Fahrkarten f\u00fcr den Zug kauft, sind mehrsprachig und einfach zu bedienen. Der Zug ist p\u00fcnktlich und hat bequeme Ledersitze. Schon nach ein paar Minuten sind wir am Bahnhof von Cagliari.<\/p>\n<p>Der erste Eindruck ist positiv. Die sch\u00f6nen mehrst\u00f6ckigen, auf Arkaden ruhenden H\u00e4user an der Meeresfront, jedes anders als das andere, haben etwas Repr\u00e4sentatives und sind dennoch nicht allzu sehr herausgeputzt. Eins sieht irgendwie venezianisch aus, ein anderes wird im\u00a0 Reisef\u00fchrer merkw\u00fcrdigerweise als <em>neugotisch<\/em> eingeordnet. Es ist das auff\u00e4lligste Geb\u00e4ude der H\u00e4userzeile und das Rathaus von Cagliari.<\/p>\n<p>Dann geht es links den Berg hinauf ins Castello, \u00fcber Treppen, Pl\u00e4tze und Gassen und durch ein Tor, das Elefantentor. Das Castello ist eins der Stadtviertel Cagliaris, das historische Viertel, hinter m\u00e4chtigen Festungsmauern gelegen.<\/p>\n<p>Die Pension, die <em>Antica Torre<\/em>, liegt mitten in Castello. Die Querstra\u00dfen haben denselben Namen wie die Stra\u00dfen von den sie abgehen, und sind nummeriert: Vico dei Genovesi I, Vico dei Genovesi II, Vico dei Genovesi III, alle von der Via dei Genovesi ausgehend.<\/p>\n<p>Die Wirtin erwartet uns schon. Das Zimmer ist wunderbar, mit einer Holzbalkendecke, Keramikleuchten, sch\u00f6nen dunklen M\u00f6beln. \u00a0Gleichzeitig hat es alle modernen Bequemlichkeiten, die man sich w\u00fcnschen kann. Das T\u00fcrschloss ist eines Tresors w\u00fcrdig, oder eines Gef\u00e4ngnisses.<\/p>\n<p>Die Suche nach dem F\u00f6hn, am Ende erfolgreich, bringt das kleine Taschenw\u00f6rterbuch ins Spiel, das wir f\u00fcr Notf\u00e4lle mit uns f\u00fchren. Mir f\u00e4llt\u00a0 <em>asciugacapelli<\/em> nicht ein, und das W\u00f6rterbuch f\u00fchrt nur <em>fon<\/em> auf, als Entsprechung zu <em>F\u00f6hn<\/em>. Die Gegenprobe ergibt, das <em>fon<\/em> im italienischen Teil nicht aufgef\u00fchrt ist. Ich behaupte, es m\u00fcsse sich um den Wind handeln, denn der Haartrockner werde <em>F\u00f6n<\/em> geschrieben. Das stimmt aber seit der Rechtschreibreform nicht mehr, und tats\u00e4chlich bezeichnet <em>fon<\/em> den Haartrockner.<\/p>\n<p>Wir gehen, nachdem wir den Dom vergeblich gesucht haben, etwas planlos durch die Stadt und kommen dabei an vielen Stellen vorbei, die wir in den n\u00e4chsten Tagen immer wieder passieren werden. Der Blick von der Br\u00fcstung am Elefantentor in die Stadt hinunter und in die Ferne ist entt\u00e4uschend. Cagliari ist keine sch\u00f6ne Stadt. Von den Alliierten wurde sie im 2. Weltkrieg bombardiert, und zwar nicht deshalb, weil sie strategisch wichtig war, sondern um von dem Angriff auf Sizilien abzulenken. Cagliari wurde mit dem Titel Stadt der M\u00e4rtyrer \u201eentsch\u00e4digt\u201c. Zynischer geht es nicht. Was die Bombardierung begann, wurde von den architektonischen S\u00fcnden der Nachkriegszeit vollendet. Sch\u00f6n an der Aussicht ist lediglich die Sonne, die ganz hinten mit senkrechten Strahlen durch die Wolken bricht.<\/p>\n<p>In einem Caf\u00e9 auf der Terrasse gibt es Tiramisu und Mousse, beides gut, mit schlechtem Kaffee, nicht den letzten, den es in den n\u00e4chsten Tagen gibt. Dabei hatte ich vorher noch von der Qualit\u00e4t des Kaffees in Italien geschw\u00e4rmt.<\/p>\n<p>Wir kommen zur Piazza Yenne, dem eigentlichen Zentrum Cagliaris, in der Unterstadt. Hier steht die Statue von Carlo Felice, dem Herrscher, als Sardinien zum K\u00f6nigreich mutierte, aber von Savoyen regiert wurde. Carlo Felice h\u00e4lt eine Papierrolle in der Hand und weist damit in Richtung der Stra\u00dfe, deren Bau er in Auftrag gab, dem Vorl\u00e4ufer der Stra\u00dfe, die heute noch, teils als Autobahn, an die Westk\u00fcste f\u00fchrt. Die Stra\u00dfen Sardiniens werden alle von diesem Platz aus gemessen, und der Nullpunkt wird hier durch einen kleinen Obelisk markiert.<\/p>\n<p>Von hier aus geht die Via Mannu ab, die Haupteinkaufsstra\u00dfe Cagliaris, auch sie steil ansteigend. Einige Gesch\u00e4fte sind ge\u00f6ffnet, vor allem Kleidungsgesch\u00e4fte, meist teuer. In einem Restaurant gehobener Klasse gibt es <em>ostriche<\/em>, \u201aAustern\u2018, in allen Variationen.<\/p>\n<p>Als es schon dunkel ist, kommen wir an einem Theater vorbei, in dem nur St\u00fccke auf Sardisch gespielt werden. Die Titel sind kaum zu identifizieren, so anders ist die Sprache. In einem kommt <em>malatiu<\/em> vor, mit typisch sardischer Endung, und wir k\u00f6nnen uns nicht einigen, ob es sich um den <em>Eingebildeten Kranken<\/em> handelt.<\/p>\n<p>Dann kommen wir auf einen sch\u00f6nen, kleinen Platz, mit kitschiger, aber trotzdem ganz sch\u00f6ner Weihnachtsdekoration. Sogar der Abfallkorb ist in \u201eGeschenkpapier\u201c eingewickelt.<\/p>\n<p>\u00dcberall in den historischen Vierteln der Stadt haben die H\u00e4user einheitliche, nur farblich unterschiedliche sch\u00f6n gestaltete Briefk\u00e4sten aus Eisen, mit einem Wappen im Zentrum.<\/p>\n<p>Wir kommen an einer ganz\u00a0 merkw\u00fcrdigen Konstruktion vorbei. Es ist eine der Bastionen der Stadt, San Remy. Im 19. Jahrhundert wurde sie durch eine Aussichtsplattform erweitert, die bald zum zentralen Treffpunkt wurde, sp\u00e4ter aber ihre Bedeutung verlor. Jetzt wird sie renoviert. Wir sehen sie von unten. Auf einer unteren Umfassungsmauer ruht ein gro\u00dfes Tor mit runden Mauern zu beiden Seiten. Es ist eine Stelle, an der man in Cagliari immer wieder vorbeikommt, auch ohne es zu wollen.<\/p>\n<p>Der Hunger treibt uns, da alle anderen Lokale noch geschlossen sind, in einen einfachen Pizzaladen, in dem die Pizza mit der Hand gegessen wird. Dazu gibt es Ichnuso, das sardische Bier, auch ein Name, der nicht sehr italienisch klingt. Auf dem Etikett die vier Mohren, das Emblem Sardiniens. Es stammt aus der aragonesischen Zeit und soll angeblich auf vier maurische Reiche verweisen, die von Aragon erobert wurden. Die vier Mohren tragen ein Stirnband. In einigen Abbildungen bedeckt das Stirnband die Augen. Es hei\u00dft, das gehe schlichtweg auf den Fehler eines Zeichners zur\u00fcck. Die Pizzeria hei\u00dft Lapola, und die Nachfrage ergibt, dass es einfach der Name des Viertels innerhalb des Stadtviertels ist. Wir befinden uns in der Marina, dem einstigen Fischerviertel am Hafen.<\/p>\n<p>Danach fragen wir in einem Caf\u00e9 an einem kleinen Platz nach dem sardischen Schnaps, bekommen aber stattdessen einen Grappa. Der ist wunderbar mild, preiswert und wird sehr gro\u00dfz\u00fcgig serviert, in einem Sektglas! Dieser Platz wird uns noch verfolgen, denn in den n\u00e4chsten Tagen werden wir ihn auf langen Spazierg\u00e4ngen immer wieder suchen, vergeblich, obwohl wir am Tag danach noch mal fast zuf\u00e4llig an ihm vorbeikommen. Er ist wie vom Erdboden verschwunden.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">27. Dezember (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen werde ich aus der Hausapotheke der Wirtin mit Mitteln versorgt. Sie, Violetta, erz\u00e4hlt stolz von ihrem Enkel, sieben Monate alt, der jetzt zusammen mit seiner Mutter, ihrer Tochter, zu Besuch ist. Die Tochter lebt und arbeitet in Mailand, wahrscheinlich kein untypisches Schicksal f\u00fcr eine junge Sardin.<\/p>\n<p>Vom Balkon aus sieht man, dass der Himmel strahlend blau ist. Im Haus ist das nicht zu merken. Die H\u00e4user sind auf den Sommer ausgerichtet und bieten Schatten und K\u00fchle.<\/p>\n<p>Den Bahnhof erreichen wir zu sp\u00e4t, um noch einen Zug zu bekommen, damit sich die Fahrt nach Onstano und weiter auf den Spuren der Nuragen noch lohnt. Also bleiben wir hier und versuchen, bei Verkehrsverbund, Touristeninformation und Fahrradverleih Informationen einzuholen, mit wechselndem Erfolg. Nur ein Rad steht an dem Fahrradst\u00e4nder, an dem man, wie jetzt in vielen St\u00e4dten R\u00e4der ausleihen kann, und wir erfahren, dass dieser St\u00e4nder ohnehin momentan au\u00dfer Funktion ist und dass diese R\u00e4der eigentlich ohnehin nur f\u00fcr Einheimische vorgesehen sind.<\/p>\n<p>Also machen wir uns zu Fu\u00df auf den Weg und erkunden die Stadt in einem gro\u00dfen Bogen um das Castello herum. Dabei kommen wir an mehreren Aufz\u00fcgen vorbei, aber alle sind au\u00dfer Funktion, und das, wie wir sp\u00e4ter von Violetta erfahren, schon seit September. Dabei gibt es insgesamt f\u00fcnf Aufz\u00fcge, und die w\u00e4ren bei dem Gef\u00e4lle wirklich sehr willkommen.<\/p>\n<p>Von hier unten sieht man aber die hohen, massiven Festungsmauern. Ganz oben, praktisch auf der Mauer, stehen Geb\u00e4ude. Eins davon ist, wie ich zu meinem Erstaunen erfahre, der Dom, von hinten gesehen. Die Apsis schwebt fast \u00fcber dem Abgrund.<\/p>\n<p>Wir kommen an einem modernen, verschlossenen Geb\u00e4ude vorbei, in dessen Innenhof moderne Skulpturen stehen, die uns beiden irgendwie bekannt vorkommen. Auch von hier aus gibt es keinen Zugang nach oben.<\/p>\n<p>Der erfolgt dann au\u00dfen herum. Ganz oben gelangen wir durch ein weiteres Tor wieder nach Castello rein. Dort bekommen wir in einem winzigen, gem\u00fctlichen Caf\u00e9 Kaffee mit leckeren Teilchen zu Spottpreisen. Xia entdeckt einen Bildband mit Schwarz-Wei\u00df-Photographien, von sardischen Photographen, oft mit dem Thema Vater &amp; Sohn. Die Beschriftungen sind in Sardisch. Schwer zu verstehen. Am Tresen steht ein Priester im Ornat, ein Zeichen daf\u00fcr, dass der Dom in der N\u00e4he ist.<\/p>\n<p>Und dann kommen wir tats\u00e4chlich zum Domplatz, einem langen, ovalen Platz, auf dem Eisenger\u00fcste stehen, schr\u00e4g versetzt, die Buchstaben darstellen und E-U-R-A-S-I-A ergeben, der Titel der Ausstellung, die in einem Museum am Domplatz gerade l\u00e4uft.<\/p>\n<p>Der Dom ist nicht freistehend, sondern in die H\u00e4userzeile eingepasst. Wenn man vor der Fassade steht, glaubt man, in Pisa zu sein. Nicht zu unrecht. Die Fassade des Doms wurde zu der Zeit der Herrschaft Pisas \u00fcber Sardinien erbaut. Diese Fassade ist zwar modern, gerade mal hundert Jahre alt, aber sie ist ein Versuch, den \u201eOriginalzustand\u201c wiederherzustellen und damit die barocke Ver\u00e4nderung aus der Zeit der ungeliebten Aragonesen r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen.<\/p>\n<p>Wir gehen rein und erwischen eine Messe, die gerade erst angefangen hat. Es ist das Fest der Hl. Familie, und der Bibeltext wird in der Predigt f\u00fcr eine rechtskonservative Betrachtung \u00fcber den modernen Zerfall der Familie ausgeschlachtet.<\/p>\n<p>Die Kirche ist voller barocker Pracht, aber nicht so erdr\u00fcckend wie sonst, da sie zumindest hell ist. Die m\u00e4chtigen Skulpturen von herabst\u00fcrzenden, aus dem Himmel verbannten Engeln und anderen Wesen, haben eine unglaubliche Dynamik und gro\u00dfe Theatralik. Nicht jedermanns Geschmack, aber doch irgendwie beeindruckend.<\/p>\n<p>Nach dem Ende des Gottesdienstes werden wir von einem nicht sehr freundlichen K\u00fcster bald hinausgeworfen. Die Krypta ist verschlossen, und wir haben gerade mal Zeit, uns die alte pisanische Kanzel mit einigen aufregenden Skulpturen von Teufeln und Ungeheuern anzusehen. Das passt gar nicht schlecht zu der sp\u00e4teren barocken Ausstattung.<\/p>\n<p>Am Nachmittag werde ich zur Genesung im Bett zwischengeparkt, w\u00e4hrend Xia sich das Arch\u00e4ologische Museum vornimmt. Als sie wieder zur\u00fcckkommt, hat sie rituale Schiffe gesehen und Figuren, die sich zur Schmerztherapie an verschiedene K\u00f6rperteile fassen. Auch hat sie ihr Italienisch eingesetzt, um bei der Bezahlung eines Kaffees einen Hunderter zu wechseln. Das hat geklappt, obwohl sie von <em>mille<\/em> gesprochen hat. Der Kellner hat mitgedacht und keine Miene verzogen. Sie hat au\u00dferdem ihr Italienisch eingesetzt, um sich Zugang zum Haus zu verschaffen. Das ist n\u00f6tig, weil ich das Klingeln beim Gesundschlafen einfach \u00fcberh\u00f6re.<\/p>\n<p>Am Abend gibt es den ersten, kleinen Fortschritt bei der Nahrungsaufnahme im Vergleich zu der Pizzabude von gestern, ausgerechnet in einem indischen Lokal. Hier ist das Besteck zwar aus Plastik, aber immerhin gibt es Besteck. Das Essen ist einfach und gut und preiswert. Vor allem die Vorspeise, eine \u201eLinsensupp\u201c, hat es uns beiden angetan. Danach gibt es <em>Chicken Tandoori<\/em> und Curry, komischerweise ohne Reis.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg gibt es auf einem kleinen Platz unter dem Domplatz einen Kaffee. Hier gibt es den \u201erichtigen\u201c sardischen Schnaps, <em>Filu \u00e8 Ferro<\/em>. Der hat seinen Namen davon, dass er in der Regel heimlich privat gebrannt wird und bei den zu erwartenden Razzien der Beh\u00f6rden im Garten versteckt und mit einem St\u00fcck Draht markiert wurde. Der schmeckt allerdings nicht so gut wie der Grappa vom Vortag und ist auch nicht ganz so mild. Aber man kann drau\u00dfen sitzen, und die freundlichen Kellner bedienen uns noch, obwohl sie, als wir ankommen, schon dabei sind, Tische und St\u00fchle wegzur\u00e4umen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">28. Dezember (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen bekomme ich ein Dampfbad verpasst, bevor es ans Fr\u00fchst\u00fcck geht. Das Fr\u00fchst\u00fcck nehmen wir gemeinsam mit einem anderen Gast einem, einem Mann aus Korsika. Er spricht etwas Italienisch, aber mit Xia spricht er Franz\u00f6sisch. Er ist mit dem Auto hierhergekommen, es sind nur ein paar Kilometer mit dem Schiff. Er zeigt uns auf einer Karte, welche Strecke er gefahren ist. In Cagliari bleibt er ganz in Castello. Das gefalle ihm. Der Rest sei nicht so sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Als wir unten an der Meeresfront auf den Bus warten, beobachten wir Fischer, die ihre Beute aus dem Netz holen. Es sind Tintenfische.<\/p>\n<p>Mit dem Bus geht es nach Pola, und von dort zu Fu\u00df nach Nora, unserem eigentlichen Ziel. Die Fahrt f\u00fchrt an Salinen vorbei, an denen Flamingos stehen, und dann an einem gro\u00dfen Industriekomplex, petrochemische Industrie. Ich verpasse den richtigen Moment, ein Photo zu machen. Das m\u00fcsste man zu Hause zeigen und sagen: \u201eDas ist Sardinien\u201c. Die Ansiedlung von Industrie in Sardinien ist politisch gewollt, Teil der <em>Cassa per il Mezzogiorno<\/em>, des umstrittenen (und teils gescheiterten) Plans zum Aufbau von Industrien in Unteritalien.<\/p>\n<p>Die Fahrt danach ist langweilig. Weder die Natur noch die Orte sind in irgendeiner Weise bemerkenswert und schon gar nicht in einer besonderen Weise \u201esardisch\u201c.<\/p>\n<p>Von Pola aus geht es zu Fu\u00df nach Nora, \u00fcber eine breite Stra\u00dfe mit breitem Gehweg. Wir gehen durch dichtes Laub, gro\u00dfe, gelbe Bl\u00e4tter. Die B\u00e4ume verlieren ihre Bl\u00e4tter, aber langsamer und sp\u00e4ter als bei uns. Wenn auch einige schon ganz kahl sind, haben andere noch dichtes Laub.<\/p>\n<p>Durch eine unklare Beschilderung kommen wir vom Weg ab auf eine einsame Stra\u00dfe mit einer gro\u00dfen Kaktushecke. Aggressive Hunde hinter den Gittern und Mauern der Villen machen uns klar, dass wir hier nicht willkommen sind. Sonst r\u00fchrt sich hier gar nichts. Wir m\u00fcssen ein Auto anhalten, um nach dem Weg zu fragen.<\/p>\n<p>In Nora bekommen wir eine ausgezeichnete F\u00fchrung, ganz f\u00fcr uns allein. Man wird mit einem Audioguide als \u00dcbersetzer ausgestattet, aber darauf verzichten wir bald, das Original, eine junge Italienerin, deren Ehemann in Deutschland, in Plettenberg, aufgewachsen ist, ist viel besser. Sie kennt und erkennt eine Reihe von deutschen W\u00f6rtern, vor allem solchen, die eine Beziehung zu den Ausgrabungen haben. Bei fr\u00fchlingshaftem Wetter f\u00fchrt sie uns \u00fcber das Areal.<\/p>\n<p>Was man hier zu sehen bekommt, ist meist r\u00f6misch, aber die Anlage ist ph\u00f6nizisch, und das macht die Sache aus. Das Forum liegt zum Beispiel nicht, wie sonst immer, im Zentrum, sondern am Wasser. Die R\u00f6mer glichen ihre Anlage einfach dem an, was sie schon vorfanden. Das gilt auch f\u00fcr Cardo und Decumanus. Sie sind schmaler als sonst \u2013 eigentlich gilt die Regel, dass zwei Wagen aneinander vorbeifahren k\u00f6nnen \u2013 und sie sind nicht schnurgerade. Da machte man gleich N\u00e4gel mit K\u00f6ppe und erkl\u00e4rte das ganze Gebiet zur Fu\u00dfg\u00e4ngerzone! Die N\u00e4he des Meeres machte es m\u00f6glich. Vom Hafen aus wurde alles gleich in die Stadt geschafft, per Karren.<\/p>\n<p>Die R\u00f6mer hatten zwei H\u00e4fen, in den Reisef\u00fchrern ist sogar von drei die Rede. Damit machte man sich von den Windverh\u00e4ltnissen unabh\u00e4ngig.<\/p>\n<p>Die F\u00fchrerin macht uns auf eine Rille in einem Quader am Boden aufmerksam. Was kann das f\u00fcr eine Funktion haben? Man denkt an eine Schiene f\u00fcr eine T\u00fcr. Stimmt nicht ganz. Es war die Schiene f\u00fcr die Verankerung der Ladentheke. Wir befinden uns auf der Gesch\u00e4ftsstra\u00dfe. Im hinteren Bereich befand sich jeweils die Werkstatt (<em>bottega<\/em>), vorne der Verkaufsbereich, durch die Ladentheke von der Stra\u00dfe abgetrennt, und oben die Wohnungen. Alle H\u00e4user waren mehrst\u00f6ckig.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he sieht man Zisternen. Die meisten Menschen sammelten das karge Regenwasser f\u00fcr den eigenen Verbrauch. Es gab auch einen Aqu\u00e4dukt, aber dessen Wasser wurde nur f\u00fcr die Thermen und f\u00fcr die H\u00e4user der Elite zur Verf\u00fcgung gestellt.<\/p>\n<p>Ob wir denn schon sardische Spezialit\u00e4ten probiert h\u00e4tten, will unsere F\u00fchrerin wissen. Die Mandelpl\u00e4tzchen vom Fr\u00fchst\u00fcck gehen durch, das <em>Pan<\/em> <em>d\u2019oro <\/em>vom Fr\u00fchst\u00fcck nicht. Das gebe es in ganz Italien. Sie nennt <em>ricci<\/em> und <em>bottarga<\/em>, Seepferdchen und Rogen. Beide gibt es nur zu dieser Jahreszeit. Man ist beide auch gerieben als So\u00dfe f\u00fcr Pasta.<\/p>\n<p>Und was die Nuraghen angeht, sollen wir nach Su Nuraxi reisen, bei Barumini. Das sei besser, weil es da nicht nur einen einzelnen Turm, sondern eine ganze Anlage gebe, die Reste eines Nuraghen-Dorfes.<\/p>\n<p>Von der Mitte unserer Anlage sehen wir auf einen auf einem Felsen am Hafen liegenden Turm. Das ist die sch\u00f6nste Ansicht weit und breit. Diese T\u00fcrme, irref\u00fchrenderweise Sarazenent\u00fcrme genannt, stammen aus der aragonesischen Zeit. Alle fragten, sagt unsere F\u00fchrerin, ob das die Nuraghent\u00fcrme seien oder ob es einen Zusammenhang mit denen gebe. Die Antwort lautet nein.<\/p>\n<p>Nur von diesem Felsen aus hat man einen guten Blick auf die Reste eines Turms aus der ph\u00f6nizischen Zeit. Von dort aus k\u00f6nne man gut dessen Struktur sehen. Er hat die Form einer Stufenpyramide. Genau solche Pyramiden gebe es eben auch im Nahen Osten, im Libanon. Mir kommen auch die Zikkurats aus Mesopotamien in den Sinn. Alles aus derselben Ecke.<\/p>\n<p>Wir kommen zum r\u00f6mischen Theater. Es hat heute noch neun R\u00e4nge, urspr\u00fcnglich waren es wohl doppelt so viele. Das Theater soll 1000 Zuschauer gefasst haben. Im Sommer gibt es hier Konzerte. Xia will wissen, ob die R\u00f6mer auch das Meer als Kulisse genutzt h\u00e4tten. Nein, bei den heutigen Konzerten sei das zwar der Fall, aber die R\u00f6mer hatten eine gro\u00dfe Leinwand, auf der die Szenerie des Schauspiels abgebildet war. Das galt ihnen vermutlich mehr als das Naturschauspiel. Passt irgendwie.<\/p>\n<p>Unten, vor der B\u00fchne befinden sich Halbkugeln, in den Boden eingelassen, wie die Boxen der Souffleusen von fr\u00fcher. Xia vermutet, das habe etwas mit der Akustik zu tun, aber die F\u00fchrerin winkt ab. Die Kugeln stammten aus einer sp\u00e4teren Zeit und seien Vorratsspeicher f\u00fcr Getreide gewesen. Die Erkl\u00e4rung mit der Akustik klingt irgendwie einleuchtender.<\/p>\n<p>In den privaten H\u00e4usern sehen wir gut erhaltenen Mosaikfu\u00dfb\u00f6den, fast ausschlie\u00dflich geometrische Muster verwendend. Vereinzelte Herzchen sind die Signatur des K\u00fcnstlers, der das Mosaik gemacht hat. Die F\u00fchrerin erz\u00e4hlt, dass sie manchmal Schulklassen hier h\u00e4tten. Wenn die Sch\u00fcler sich an Mosaiken versuchten, stelle sich immer heraus, dass der nicht gleichm\u00e4\u00dfige Rand, der den Gegebenheiten angepasst werden muss, die schwerste Aufgabe ist.<\/p>\n<p>An den Mauern der H\u00e4user sieht man deutlich, dass die R\u00f6mer bereits eine fr\u00fche Form von Zement verwendeten. Alle W\u00e4nde waren mit Marmor verkleidet. An einigen W\u00e4nden sieht man noch Reste. Woher kam der Marmor? Wieder eine \u00fcberraschende und doch so einleuchtende Antwort: aus Afrika! Karthago ist nicht weit!<\/p>\n<p>Wir bedanken uns f\u00fcr diese ausgezeichnete F\u00fchrung und machen uns mit wunden F\u00fc\u00dfen auf den R\u00fcckweg Richtung Pola. Dabei kommen wir an San Efisio vorbei. An den W\u00e4nden sieht man Photos von blumengeschm\u00fcckten Stra\u00dfen. Das ist die Prozession, bei der im Mai die Statue des Heiligen, des Lokalmatadors, von hier nach Cagliari (oder umgekehrt) gebracht wird. Das ist das gro\u00dfe Patronatsfest der Gegend.<\/p>\n<p>Im Ort angekommen, sto\u00dfen wir auf ein sehr freundliches und gespr\u00e4chiges Ehepaar. Sie kommen aus Brescia, kennen sich hier aber gut aus und f\u00fchren uns zur Bushaltestelle. Unterwegs erfahren wir, dass er Handelskaufmann war und viel mit Deutschland zu tun hatte. Er belieferte Edeka mit italienischen Produkten. Er kennt Trier und den Flughafen Hahn. Er bedauert, nie Deutsch gelernt zu haben. Das liege daran, dass seine deutschen Freunde so gut Italienisch konnten!<\/p>\n<p>Wir schaffen es nicht ganz bis zur Bushaltestelle, aber der Busfahrer h\u00e4lt f\u00fcr uns an. Das ist nicht das erste Mal, dass mir das in Italien passiert. Man w\u00fcnschte, das w\u00e4re auch in Deutschland so. Im Bus ist die Stempelmaschine au\u00dfer Betrieb, das war bei der Hinfahrt auch schon so. Man legt dem Fahrer die Karten vor, und er entwertet sie handschriftlich.<\/p>\n<p>In Cagliari ist es schon dunkel. An einem Graffiti auf Sardisch bei\u00dfen wir uns die Z\u00e4hne aus: <em>A brenti prena si dromi mellusu<\/em><em>.<\/em><\/p>\n<p>Wir fahren mit dem Bus zum Teatro Lirico, um Karten f\u00fcr <em>La Vedova Allegra<\/em> zu besorgen, f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag. Meine Sparsamkeit, von anderen Geiz genannt, setzt sich durch und wir nehmen Karten ganz oben im obersten Rang.<\/p>\n<p>Wegen der wunden F\u00fc\u00dfe gibt es am Abend Essen in der Pension. In unserer Stra\u00dfe ist ein Lebensmittelladen \u2013 <em>Alimentari<\/em> \u2013 mit einer Krippe im Eingang. Krippen sind in Italien der ganz gro\u00dfe Renner. An jeder Ecke gibt es eine.<\/p>\n<p>Wir nehmen sardischen Wein, Monica, aber der ist eine Entt\u00e4uschung. Auch das Brot, das \u201eunges\u00e4uert\u201c ist, also wohl ohne Hefe gebacken wurde, hat nicht gerade viel Geschmack. Der K\u00e4se ist dagegen ein Hit. Wir bekommen zwei zum Probieren, halb Kuh, halb Schaf der eine, halb Ziege, halb Schaf der andere.<\/p>\n<p>Erst in der K\u00fcche der Pension entdecken wir, dass wir keinen Korkenzieher haben. Da mir <em>cavatappi<\/em> nicht einf\u00e4llt, muss ich am Telefon im Gespr\u00e4ch mit Violetta paraphrasieren. Es klappt. Wir streiten uns aber danach dar\u00fcber, ob man es nicht einfacher h\u00e4tte formulieren k\u00f6nnen. Meine Umschreibung war etwas umst\u00e4ndlich ausgefallen. Ich h\u00e4tte, wird mir gesagt, einfach sagen sollen \u201eWir wollen eine Flasche \u00f6ffnen\u201c.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">29. Dezember (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>\u201eI tedeschi\u201c, sagt Violetta, als sie auf unserem Fr\u00fchst\u00fcckstisch den K\u00e4se sieht. Was das Fr\u00fchst\u00fcck angeht, sind Italiener und Deutsche unterschiedliche Spezies.<\/p>\n<p>Sie erz\u00e4hlt, wie gebannt ihr Enkel gestern Xia zugeh\u00f6rt hat. Diese Laute, die waren doch anders als das, was er sonst so h\u00f6rte. Das erste zarte Wahrnehmen einer Fremdsprache.<\/p>\n<p>Ausgerechnet \u00fcber eine Stra\u00dfe mit dem Namen San Lucifero gehen wir nach San Saturno, einer Kirche, die in den Reisef\u00fchrern aufgrund ihrer Baugeschichte besonders erw\u00e4hnt wird. An einer Stelle wissen wir nicht mehr weiter. Wir fragen mehr als einmal und bekommen immer die gleiche Reaktion: \u201eSan Saturno? Ja, nat\u00fcrlich, kenn ich doch. Aber wo ist die? San Saturno \u2026 San Saturno \u2026\u201c Einer wei\u00df, wo sie ist, aber nicht, wie wir dorthin kommen, einer wei\u00df, dass sie in Cagliari auch Saturnino genannt wird und am Ende entschlie\u00dft sich einer, mit uns zu gehen. Er wollte die Kirche sowieso schon immer ansehen.<\/p>\n<p>Die Kirche ist eine der \u00e4ltesten Sardiniens. Es stehen nur noch die Apsis und der \u00fcberkuppelte Ostchor. Der Rest wurde von den Aragonesen f\u00fcr den Umbau der Kathedrale genutzt. Wir gehen einmal ganz um den Gitterzaun herum, der die Kirche und die Palmen und Pinien um sie herum einschlie\u00dft, aber kein Eingang ist offen.<\/p>\n<p>Eine Alternative w\u00e4re Tuxixeddu, eine antike Nekropole, eine der aufsehenerregendsten Sehensw\u00fcrdigkeiten Sardiniens, aber der Reisef\u00fchrer beklagt, dass sie fast immer geschlossen sei.<\/p>\n<p>Also entscheiden wir uns um und leihen uns Fahrr\u00e4der aus. Wir haben Gl\u00fcck. Das Wetter ist auf unserer Seite. Und der Mann im Fahrradverleih empfiehlt uns eine Strecke, die sich als optimal erweist. Sie f\u00fchrt an den Salinen und dann am Meer entlang und ist von der Stra\u00dfe abgetrennt. Der Radweg ist im Boden gekennzeichnet.<\/p>\n<p>Auf dem Strand stehen in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden moderne Holzh\u00e4uschen, in denen Caf\u00e9s untergebrach sind. Das ist im Sommer die Strandmeile von Cagliari. An einer der letzten machen wir Halt und trinken den erwartet teuren Kaffee. Es ist so sonnig, dass man sich fast sch\u00fctzen muss.<\/p>\n<p>Dann geht es der Stra\u00dfe entlang. Das ist nicht gerade reizvoll. Wir biegen ab, versuchen, auf anderem Wege zur\u00fcckzukommen, landen dabei aber in einer Sackgasse nach der anderen. Wir m\u00fcssen einfach zur\u00fcck. Zwischendurch essen wir im Stehen ein teures Baguette, das uns eine wenig freundliche Verk\u00e4uferin in einem Caf\u00e9 verkauft hat.<\/p>\n<p>Wir kommen wieder ans Meer und fahren hier immer entlang. Dann sind wir pl\u00f6tzlich zu weit. Ich habe die Orientierung v\u00f6llig verloren. Erst auf der Karte sehen wir sp\u00e4ter, dass wir die Salinen verpasst haben und immer am Meer entlang gefahren sind. Wir sind jetzt auf der anderen Seite Cagliaris. Am Wegesrand liegt ein gem\u00fctlich aussehendes Lokal, aber da bekommen wir nichts. Die K\u00fcche hat geschlossen, und Kaffee gibt es hier nicht.<\/p>\n<p>Der Name des Lokals ist Jakaranda. Das ist, wie ich dieser Tage gelernt habe, ein Baum, und zwar ein Baum, dessen Holz besonders wertvoll, weil besonders hart sein soll. So erkl\u00e4rt es Xia jedenfalls. Ich konnte mich revanchieren mit den W\u00fcrgefeigen und deren seltsame Art, sich ihren Platz in der Natur zu erobern. Die sieht man hier an verschiedenen Stellen, u.a. in dem zentralen Park am Hafen.<\/p>\n<p>Xia fragt nach dem Weg und trifft dabei auf eine Deutsche, die in Cagliari wohnt, aber auch nicht gut Bescheid wei\u00df, ich treffe auf einen etwas finsteren Gesellen, der sich als die Freundlichkeit in Person erweist. Es ist immer dasselbe. Er geht sogar noch ein paar Schritte hinterher, weil er mein verst\u00f6rtes Gesicht gesehen hat und sicherstellen will, dass ich die richtige Stra\u00dfe erwische.<\/p>\n<p>Wir geben die R\u00e4der ab und gehen in das Burgviertel rauf, zur Pension. Im Castello muss man sich bei vorbeifahrenden Autos in die Hauseing\u00e4nge dr\u00fccken.<\/p>\n<p>Nach kurzer Pause geht es zum <em>Teatro Lirico<\/em>, diesmal zu Fu\u00df. Man sp\u00fcrt die vielen Stunden im Freien und in Bewegung, aber der Weg ist nicht weit. Wir kommen an W\u00e4nden mit Graffiti und Malereien vorbei, ein ganzes Viertel ist ausgemalt.<\/p>\n<p>Schon von weitem sieht man das erleuchtete Theater und die vielen Besucher, die sich in diese Richtung begeben. Dabei ist es noch fr\u00fch. Auch vor dem Parkhaus steht man Schlange.<\/p>\n<p>Die Italiener haben sich herausgeputzt f\u00fcr den Theaterbesuch, aber oben auf den billigen Pl\u00e4tzen fallen wir mit unserer Freizeitkleidung nicht weiter auf. In der Reihe vor uns sitzt eine Frau, die einen neuen Rock tr\u00e4gt. Das erkennt man an dem Etikett, das noch dranh\u00e4ngt. H\u00e4tte mir passieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Mit etwas schlechtem Gewissen lasse ich es \u00fcber mich ergehen, dass wir immer h\u00f6her geschickt werden. Von hier oben sieht man wirklich nicht gut. Aber die Akustik ist gut. Und wie ist es mit der Qualit\u00e4t? Das Orchester gut, die S\u00e4nger weniger, erfahre ich.<\/p>\n<p>Die Operette ist so bekannt, dass man einige \u201eSchlager\u201c kennt und man sich auf die Zunge bei\u00dfen muss, um nicht mitzusingen: \u201eDas Studium der Weiber\u201c, \u201eDann geh ich ins Maxim\u201c, \u201eLippen schweigen\u201c. Wunderbar! Daf\u00fcr l\u00e4sst man dann auch die vielen B\u00e4lle, Empf\u00e4nge, Feiern und die Zylinder und Samthandschuhe \u00fcber sich ergehen.<\/p>\n<p>Es gibt \u00dcbertitel, so dass man die Handlung der Operette, der <em>Lustigen<\/em> <em>Witwe<\/em>, ganz gut verfolgen kann, obwohl man bei den unterschiedlichen Figuren leicht durcheinander ger\u00e4t. Es geht um Liebe und um Geld. So weit, so gut. Aber es geht auch um Politik. Das Erbe der lustigen Witwe ist so gro\u00df, dass es die gesamten Schulden ihres kleinen Heimatlandes decken w\u00fcrde. Deshalb wird jemand auf sie angesetzt, um an das Geld zu kommen. Da ist durchaus Zunder drin, eine selbstbewusste, starke Frau, die finanzielle und damit auch pers\u00f6nliche Unabh\u00e4ngigkeit genie\u00dft und mit diesem Pfund wuchern und unter den Kandidaten ausw\u00e4hlen oder sogar, <em>horribile dictu<\/em>, ledig bleiben und ihre Unabh\u00e4ngigkeit genie\u00dfen k\u00f6nnte. Aber das kommt nat\u00fcrlich nicht in Frage, und der konventionelle Schluss ist entt\u00e4uschend, gerade im Vergleich zum <em>Land des L\u00e4chelns<\/em>, das kein operettenhaft gl\u00fcckliches Ende hat. Trotzdem war <em>Die Lustige Witwe<\/em> Lehars erfolgreichste Operette. Und Hitlers Lieblingsoperette.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend gehen wir durch die verlassenen Stra\u00dfen des Zentrums. Pl\u00f6tzlich stehen wir, wieder mal unfreiwillig in die N\u00e4he der Piazza Yenne geraten, vor dem <em>Antico Caff\u00e8<\/em>. Da wollten wir ohnehin mal hin. Es steht im Reisef\u00fchrer, ein Traditionslokal, in dem schon Grazia Deledda, D.H. Lawrence und Gabriele D\u2019Annunzio verkehrt sind. Eine explosive Mischung!<\/p>\n<p>Drinnen herrscht klassische Kaffeehausatmosph\u00e4re, und es gibt auch noch was zu essen, wenn auch bei eingeschr\u00e4nkter Auswahl. Man wird gleich von drei Kellnern umschw\u00e4nzelt, aber es dauert was, bis man den erwischt, bei dem man die Bestellung f\u00fcrs Essen aufgeben kann. Das stellt sich dann als durchschnittlich in Qualit\u00e4t und \u00fcberdurchschnittlich im Preise heraus. Der Wein ist ordentlich, aber nicht mehr. Am besten schmeckt das Brot, das mit ausgezeichnetem Oliven\u00f6l serviert wird.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">30. Dezember (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Genau da, wo wir am Vortag die Fahrr\u00e4der geliehen haben, leihen wir heute ein Auto. Das albernste aller Autos, ein Smart. Ich bin froh, dass ich nicht fahren muss.<\/p>\n<p>Die Buchung des Autos ist umst\u00e4ndlich, und f\u00fcr einen Moment stutzen wir, als es darum geht, dass eine Geldsumme als Sicherheit \u2013 nat\u00fcrlich nur virtuell \u2013 hinterlegt werden muss, aber alles geht mit rechten Dingen zu.<\/p>\n<p>Auf der Fahrt sehen wir zuf\u00e4llig einen Wegweiser nach San Sperate und entschlie\u00dfen uns spontan, jetzt schon dahin zu fahren. Eine richtige Entscheidung, denn noch ist das Wetter gut.<\/p>\n<p>San Sperate ist ein Volltreffer. Gleich gegen\u00fcber der Stelle, wo wir parken, befindet sich ein Obst- und Gem\u00fcseladen, der innen noch \u00fcbertrifft, was er au\u00dfen verspricht. Die Auslagen, vor dem Laden, seitens des Eingangs und im Laden, sind frisch, farbenfroh und vielf\u00e4ltig. Hier k\u00f6nnte man glatt zum Vegetarier werden. Und der junge Verk\u00e4ufer erkl\u00e4rt uns geduldig die Fr\u00fcchte, die wir nicht identifizieren k\u00f6nnen. Der Laden gef\u00e4llt uns so gut, dass Xia sich hinter der Ladentheke photographieren l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Aber wir sind nicht wegen des Ladens nach San Sperate gekommen, sondern wegen der <em>murale<\/em>, der Wandmalereien. Die sind hier \u00fcber den ganzen Ort verteilt und l\u00e4ngst so bekannt, dass es Wegweiser gibt. Aber man kann sich auch einfach treiben lassen. Das tun wir.<\/p>\n<p>San Sperate ist f\u00fcr seine <em>murale<\/em> bekannt, aber es ist nicht der einzige Ort, der sie hat. Im Anfang gab es nicht nur Beifall, und es ist der Initiative eines couragierten B\u00fcrgermeisters zu verdanken, dass sie sich durchgesetzt haben.<\/p>\n<p>Bei dem Rundgang kommen mir die gro\u00dfen Wandmalereien aus Mexiko in Erinnerung, und es gibt tats\u00e4chlich einen Zusammenhang. Fast schon am Ende sehen wir eine mexikanische Landschaft, von Mexikanern gemalt, und da erf\u00e4hrt man, dass das Vorbild tats\u00e4chlich aus Mexiko stammt.<\/p>\n<p>Wir sind beeindruckt von der Vielfalt und der Kunstfertigkeit der Malereien. Einige stellen scheinbar naiv Szenen aus dem Arbeitsleben der Bauern dar, aber diese Bilder dr\u00fccken auch, in Gesichtern und Haltung, Last und B\u00fcrde der Arbeit wieder. Hier gibt es keine tanzenden, singenden, feiernden Italiener. Sondern Menschen, die sich ihr t\u00e4gliches Brot verdienen.<\/p>\n<p>Als Erg\u00e4nzung dazu kann man eine l\u00e4ngliche Wand sehen, auf der die Arbeitsger\u00e4te der Bauern dargestellt sind, alle in Schwarz, mit einem gemalten Schatten, der auf die wei\u00dfe Wand zu fallen scheint. Den allt\u00e4glichen Objekten wird W\u00fcrde zugesprochen, und Sch\u00f6nheit.<\/p>\n<p>An der Seitenfassade eines Wohnhauses ist mit illusionistischer Malerei eine Fassade aufgetragen, eine Fassade mit Balkon, Gel\u00e4nder, Fenster, T\u00fcr, so t\u00e4uschen \u00e4hnlich, dass wir uns gegenseitig davor photographieren. Eine Spielerei, aber sehr gut gemacht.<\/p>\n<p>Von ganz anderem Kaliber ist eine Weltkugel, hoch an einem Haus angebracht, mit blauen Ozeanen und gr\u00fcnen W\u00e4ldern, an der eine Nabelschnur h\u00e4ngt. Von unten blicken im Schattenriss dargestellte Menschen nach oben und sehen sich das Wunder der Geburt der Welt an.<\/p>\n<p>Es hei\u00dft zwar, dass die urspr\u00fcnglich politisch motivierte Malerei inzwischen von Volkskunst verdr\u00e4ngt sei, aber ganz stimmt das nicht. Wir sehen auch sehr kritische Malereien, mit Kritik am Kapitalismus in vorderster Reihe.<\/p>\n<p>An einem Hauseingang f\u00e4llt unser Blick auf eine der sch\u00f6n gestalteten Keramiktafeln, auf denen der Name des Besitzers steht. Hier steht dabei: \u201eHier wohnt eine katholische italienische Familie. Wir bitten Zeugen Jehovas, nicht bei uns zu schellen.\u201c<\/p>\n<p>Einige der Wandmalereien sind hochmodern. Eine Gruppe von Menschen, die nur aus Kuben bestehen, ein skelettartiger, nackter, verschlungener K\u00f6rper, der die Hand voller Verzweiflung an den Kopf gelegt hat.<\/p>\n<p>Sehr gelungen ist auch eine Reihe von rostigen Eisenteilen, nicht gemalt, sondern als Objekte, die auf einer Br\u00fcstung, von der aus man auf eine H\u00e4userfront sieht, in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden auf die Steinpfeiler aufgesetzt sind.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich sehen wir noch einen deutschen Beitrag zu den Wandmalereinen. An einer Doppelwand gibt es ein Bilderlexikon. Einfache Objekte sind aufgemalt. Daneben steht das entsprechende Wort auf Deutsch und auf Italienisch: <em>pesce \u2013 Fisch, fuoco- Feuer, albero di mele \u2013 Apfelbaum, gatto \u2013 Katze, sedere \u2013 Po.<\/em><\/p>\n<p>Das kleine Reiseziel San Sperate hat sich als gro\u00dfes Reiseziel erwiesen. Der Halt hat sich gelohnt. Beeindruckt fahren wir weiter. Zu einem gro\u00dfen Reiseziel.<\/p>\n<p>Als wir weiter ins Landesinnere kommen, tauchen zweisprachige Ortschilder auf &#8211; Las Plassas bzw. Is Pratzas &#8211; und Schilder zu Orten mit spanischen Namen wie Burgos und Iglesias.<\/p>\n<p>Der Himmel zieht sich immer mehr zu, als wir Richtung Su Nuraxi kommen. Kurz vor der Ankunft steht mitten in der Ebene ein kegelf\u00f6rmiger Berg mit einer Befestigung oben drauf. Wir sind so auf Nuraghen fixiert, dass wir glauben, es w\u00e4re aus der Zeit. Es ist aber eine mittelalterliche Burg, entstanden als Grenzbefestigung des hiesigen Judikats gegen Cagliari.<\/p>\n<p>Der F\u00fchrer in Su Nuraxi ist das Gegenteil der quirligen Frau in Nora: ruhig, sachlich, zur\u00fcckhaltend, leise, In unserer Gruppe ist auch ein Italiener, ein Sarde, der seit Urzeiten in Deutschland lebt und seine Tochter mit ihrem deutschen Freund. Das M\u00e4dchen \u00fcbersetzt f\u00fcr ihren Freund, fragt aber hin und wieder bei dem Vater nach, was gemeint ist- oder wird von ihm korrigiert. Sie ist zwar zweisprachig aufgewachsen, aber die spezifische Sprache der Sehensw\u00fcrdigkeiten hat sie nicht ohne weiteres drauf. Der Vater, in Sardinien aufgewachsen, kennt sich gut aus und hat keine Scheu davor, seine Kenntnisse zu zeigen.<\/p>\n<p>Die Nuraghen sind ein R\u00e4tsel. Das sind sie auch f\u00fcr den F\u00fchrer geblieben, auch nach all den Jahren der Besch\u00e4ftigung mit ihnen. Diese Anlage hier ist eine ganze Ortschaft gewesen, nicht nur ein Turm, wenn auch der Turm das Zentrum der Anlage ist. Der stammt von ca. 1500 v. Chr. Seine Funktion muss sich im Laufe der Zeit ver\u00e4ndert haben. Darauf weisen Bauma\u00dfnahmen hin. Der Turm wurde von weiteren T\u00fcrmen und von einem Mauerring umgeben. Und er wurde abgeschirmt. Die Eing\u00e4nge wurden verschlossen und der Zugang erfolgte dann von oben. Es ging also jetzt um Verteidigung. So konnte sich die Nuraghen jahrhundertelang behaupten. Aber: gegen wen? Gegen andere Nuraghen? Gegen ausw\u00e4rtige Feinde?<\/p>\n<p>Der F\u00fchrer spricht immer wieder voller Bewunderung von den Nuraghen. Das versteht man, schon wenn man die gewaltigen Mauern sieht, die aus lose aufeinandergesetzten, riesigen Steinquadern bestehen, in Grau und Schwarz.<\/p>\n<p>Xia treibt die Frage um, ob denn diese Steine unverputzt stehen geblieben sind. Ein Volk, das in der Lage war, solche Bauwerke zu schaffen, muss doch auch ein \u00e4sthetisches Empfinden gehabt und den Wunsch gehabt haben, die Steine zu verkleiden oder zu verputzen. Aber davon scheint es keine Spuren zu geben.<\/p>\n<p>Bevor man in den engeren Bereich kommt und \u00fcber eine schmale, steile Treppe in den Turm gelangt, sieht man die Reste der Wohnh\u00e4user der Nuraghen, kreisrunde Strukturen mit Sitzb\u00e4nken innen. Das Dach bestand aus Tuch und wurde zeltartig \u00fcber den Bau gespannt. In den Rundh\u00fctten, von denen \u00fcber einhundert erhalten sind, hat man Haushaltsgegenst\u00e4nde gefunden. Es muss K\u00fcchen, Back\u00f6fen und \u00d6lm\u00fchlen gegeben haben.<\/p>\n<p>Im Turm selbst wurden sp\u00e4ter Zwischenb\u00f6den eingezogen, auf die treppenartige Stufen an der Innenwand f\u00fchrten. Wozu sie dienten, ist weiterhin unklar.<\/p>\n<p>Am Anfang der F\u00fchrung kommen mir die irischen Felsengr\u00e4ber in den Sinn, auch wenn ich nicht genau wei\u00df, warum, am Ende sogar die \u00e4gyptischen Pyramiden. Das ist weit hergeholt, aber der imposanten Gr\u00f6\u00dfe der Bauten geschuldet.<\/p>\n<p>An einigen W\u00e4nden erkennt man Brandspuren. Die Anlage ist wohl mehr als einmal niedergebrannt.<\/p>\n<p>Nach der F\u00fchrung fahren wir in das nahegelegene Barumini auf der Suche nach einem Caf\u00e9. Der Ort ist wie ausgestorben, und auch im dem als \u201eCentro storico\u201c ausgewiesenen Teil finden wir rein gar nichts. Am Ende gehen wir in die Dorfkneipe an der Hauptstra\u00dfe. Drinnen und drau\u00dfen sitzen M\u00e4nner beim Bier. Uns ist eher nach Kaffee. Auch drinnen ist es jetzt kalt.<\/p>\n<p>Als wir rauskommen, hat es angefangen zu regnen, und das Wetter wird immer schlechter. Aber wir wollen noch die Gelegenheit nutzen, nach Santa Vittoria zu fahren. Dort gibt es ein nuraghisches Brunnenheiligtum.<\/p>\n<p>In einer Kneipe bekommen wir eine Karte und einen Schl\u00fcssel und machen uns alleine auf den Weg durch den gro\u00dfen Tempelbezirk. Dies war ein vorgeschichtlicher Wallfahrtsort, und neben dem Tempelbezirk gibt es Reste von gro\u00dfen Herbergen f\u00fcr die Pilger. Kernpunkt des religi\u00f6sen Bezirks ist der Brunnentempel. Hier wurden im Vorraum den G\u00f6ttern Opfer gebracht, darunter auch das Blut geschlachteter Tiere. F\u00fcr das Blut gab es einen eigenen Abflusskanal. Damit wurde verhindert, dass das Quellwasser verunreinigt wurde. Man kann ein paar steinerne Treppenstufen in das Heiligtum hinabsteigen. Der Tempel ist allerdings heute ausgetrocknet.<\/p>\n<p>Ganz am Rande des weitl\u00e4ufigen Areals befindet sich ein Kirchlein. Von hier aus hat man einen trotz des diesigen Wetters beeindruckenden Blick auf die Ebene.<\/p>\n<p>Der riesige Eisenschl\u00fcssel, ganz mittelalterlich wirkend, verschafft uns Zugang zu dem dunklen, zweischiffigen Innenraum. Wir z\u00fcnden ein paar Kerzen an und halten einen Moment Stille.<\/p>\n<p>Als wir wieder zum Auto kommen, f\u00e4ngt es an zu regnen, und w\u00e4hrend der R\u00fcckfahrt wird der Regen immer st\u00e4rker. Das Fahren ist kein Vergn\u00fcgen, und ich kann von Gl\u00fcck sagen, dass es an mir vor\u00fcber gegangen ist. Es wird dann noch schlimmer, als wir nach Cagliari kommen und der Verkehr immer dichter wird. Es gibt praktisch gar keine Beschilderungen, und wir beginnen uns zu fragen, wo wir wohl gelandet sind und ob wir noch rechtzeitig kommen, um das Auto abzugeben. Immer wieder kommt es mir so vor, als w\u00fcrde ich etwas erkennen, als k\u00e4men wir auf den Hafen zu, aber das ist pure Einbildung. Der Wunsch ist Vater des Gedankens. Und dann sind wir pl\u00f6tzlich wirklich am Hafen, und nach einem zweiten Anlauf stehen wir direkt vor der Autovermietung.<\/p>\n<p>Nach einer kurzen Pause zuhause geht es in ein sardisches Lokal, das <em>Pani e<\/em> <em>Casu<\/em>. Es liegt in einer H\u00e4userreihe und ist leicht zu \u00fcbersehen. Der freundliche Kellner f\u00fchrt uns an einen Tisch und beantwortet gleich die wichtigste Frage: Was bedeutet der Name des Lokals. Die Antwort ist so einleuchtend, dass man sich sch\u00e4mt, \u00fcberhaupt gefragt zu haben: \u201aBrot und K\u00e4se\u2018. Das Sardische hat sich hier, wie das Spanische, das einheimische Wort bewahrt, im Gegensatz zu dem ausl\u00e4ndischen <em>formaggio<\/em> des Italienischen.<\/p>\n<p>Vier junge M\u00e4nner am Nebentisch, alle irgendwie gleich aussehend, mit kurzem Haar und gestutztem Bart, das Handy neben dem Teller auf dem Tisch, scheinen das Lokal und seine Portionen gut zu kennen. Sie lassen einen Gang einfach aus. Die Fleischst\u00fccke, die wir bekommen, sind geradezu unanst\u00e4ndig gro\u00df. Man w\u00e4hlt zwei von drei Fleischsorten. Wir entscheiden uns f\u00fcr Lamm und Pferd. Dazu gibt es als Gem\u00fcse rohe M\u00f6hren und Selleriestangen, in einem Korb serviert. Sardinien ist nicht gerade f\u00fcr seine Gem\u00fcsespezialit\u00e4ten bekannt. Dabei gab es bei der Vorspeise, au\u00dfer Salami und Schinken in Spitzenqualit\u00e4t, leckere Auberginen. Der Wein ist der beste, den wir bisher bekommen haben, aber immer noch keine Offenbarung. Was die M\u00e4nner vom Nebentisch ausgelassen haben, ist die sardische Pasta, <em>malloreddus<\/em> und <em>culurgiones<\/em>, kleine, muschelf\u00f6rmige Nudeln, pikant serviert, und Nudeln, die den Ravioli \u00e4hneln, aber mit Kartoffelp\u00fcree gef\u00fcllt sind.<\/p>\n<p>Zwischendurch verschwinden die vier M\u00e4nner vom Nebentisch. Aber ein Handy liegt noch auf dem Tisch. Dann kommen sie wieder. Sie haben als Zwischengang eine Zigarette zu sich genommen. Es ist verbl\u00fcffend und widerspricht allen Stereotypen, mit welcher Selbstverst\u00e4ndlichkeit in Italien das Rauchverbot beachtet wird, seit es in Kraft getreten ist.<\/p>\n<p>Am Nebentisch sitzt ein Paar, er wesentlich \u00e4lter als sie, mit zwei M\u00e4dchen. Der Mann scheint sehr unterhaltsam zu sein. Dann \u00fcbernimmt sie das Ruder und zieht \u00fcber Deutsche und das Deutsche her. Wie es nur so eine h\u00e4ssliche Sprache geben k\u00f6nne. Alle Sprachen der Welt \u2013 Urteile \u00fcber Sprachen erfassen immer \u201ealle Sprachen der Welt\u201c \u2013 h\u00e4tten ein sch\u00f6nes Wort f\u00fcr <em>Ti amo<\/em>, nur das Deutsche nicht: <em>Ich liebe dich<\/em>. So wie sie es sagt, m\u00f6chte man es wirklich nicht gesagt bekommen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">31. Dezember (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Wir teilen uns auf zwei Museen auf. Xia geht in die Pinacoteca Nazionale, ich ins Arch\u00e4ologische Museum. Sie f\u00fchrt mich aber vorher noch an mein Ziel. Dort haben wir Gelegenheit, mit der zweisprachigen Kassiererin ein Schw\u00e4tzchen zu halten. Sie spricht wechselseitig Italienisch und Franz\u00f6sisch mit uns. Ihr Vater stammt aus Marseille. Sie erz\u00e4hlt stolz, wie sie franz\u00f6sische Besucher betreut.<\/p>\n<p>Xia sieht zwar ein paar sch\u00f6ne Bilder, meist Tafelbilder aus dem 16. und 17. Jahrhundert, meist mit religi\u00f6sen Motiven, meist aus Aragonien, aber nichts, was sei vom Hocker rei\u00dft. Dazu hat man \u00c4hnliches schon zu oft gesehen.<\/p>\n<p>Das Arch\u00e4ologische Museum hat da mehr zu bieten. Seine Stars sind die Giganten, aber die kann man leicht \u00fcbersehen. Sie befinden sich im Obergeschoss, w\u00e4hrend das Gros der Ausstellung sich im Untergeschoss und der Ausgang im Erdgeschoss befindet.<\/p>\n<p>Die Giganten, auch Kolosse genannt, sind Statuen vom Monti Prama, Statuen der Nuraghen, Figuren aus wei\u00dfem Kalkstein. Viele stellen Ringer (oder in der englischen \u00dcbersetzung Boxer) dar. Alle sehen seltsam aus, einige fast roboterhaft.<\/p>\n<p>Die Giganten wurden in sp\u00e4terer Zeit zerst\u00f6rt, systematisch. Sie sollten die ihnen innewohnende symbolische Kraft nicht l\u00e4nger aus\u00fcben k\u00f6nnen. Jetzt wurden sie in jahrelanger Kleinarbeit wieder zusammengef\u00fcgt. Man erkennt es an einigen Nahtstellen, aber nur, wenn man genau hinsieht.<\/p>\n<p>Es gibt auch Figuren in Form von H\u00e4usern, mit \u00d6ffnungen f\u00fcr die Fenster. Sie wurden nur in sakralen Pl\u00e4tzen gefunden. Ihre Bedeutung ist unklar. Verwandt sind vermutlich mit sakralen Steinen aus dem vorislamischen Arabien. Die wurden von den Griechen <em>baetyl<\/em> genannt, und das wiederum verweist auf das ph\u00f6nizische <em>bethel<\/em>, in dem das \u201aHaus\u2018 direkt drinsteckt.<\/p>\n<p>Unten, wo der Kern der Ausstellung ist, haben es mir besonders die Figuren, bauchartige Terrakottafiguren, angetan, die mit der Hand auf einen bestimmten K\u00f6rperteil deuten. Damit wurde die Heilung des jeweiligen K\u00f6rperteils beschworen oder Dank f\u00fcr dessen Heilung abgestattet. Man sieht Figuren, die sich an den Kopf, an die Ohren, ans Knie, an den Bauch und an die Weichteile fassen. Ich fasse mich ans Knie. Kann ja nicht schaden.<\/p>\n<p>Auch aus dieser Zeit ein wunderbares Halsband aus Bernstein, Nashorn und\u00a0 Glas mit Gesichtern mit langen B\u00e4rten. Homer hat ein eigenes Wort f\u00fcr solche kleine Objekte aus wertvollen Materialien: <em>athyrmata<\/em>,<\/p>\n<p>Diese Exponate stammen aus der punischen Zeit. Die Nuraghen hatten ihren Auftritt zu Beginn der Bronzezeit, etwa in der Mitte des zweiten Jahrtausends vor Christus. Davor gibt es Statuetten aus dem Mesolithikum \u2013 fast alle sind weiblich, aber gar nicht so ohne weiteres als solche zu erkennen \u2013 und Statuetten aus dem Neolithikum, die an die auf das Essentielle reduzierten Statuetten aus den Kykladen erinnern. Hier gibt es auch kleine Schalen mit eingeritzter Dekoration und passgenauen Deckeln. Sehen aus wie Zuckerdosen.<\/p>\n<p>Die gigantischen Grabm\u00e4ler der Nuraghen, die <em>tonde<\/em>, haben von au\u00dfen die Form eines Menschen, der mit ausgestreckten Armen auf dem Boden liegt. Die h\u00fcgelartige Erhebung erinnert an die H\u00fcnengr\u00e4ber in Irland.<\/p>\n<p>Zum Beginn der Eisenzeit erscheinen Votivschwerter mit einem doppelten Hirschkopf als Abschluss. Davon gibt es Dutzende von Exemplaren. Daneben Bogensch\u00fctzen, betende Frauen, aufeinanderliegende Ringer, D\u00e4monen mit vier Augen und vier Armen und Priester mit einem chinesisch aussehenden, spitz zulaufenden Hut. Die Hirschk\u00f6pfe, immer doppelt, erscheinen auch auf Schiffchen, als Bekr\u00f6nung der Masten oder als Galionsfigur.<\/p>\n<p>Aus Santa Vittoria sind Figuren von G\u00f6ttinnen erhalten mit Kindern mit Knollennasen und hervorquellenden Augen im Scho\u00df. Das streng gescheitelte Haar der Mutter ist ganz genau ausgestaltet. Solche Figuren gelten als Vorl\u00e4ufer der christlichen Piet\u00e0. Einleuchtend.<\/p>\n<p>Auch aus Santa Vittoria stammt das Modell einer Nuraghe, von den Nuraghen, mit L\u00f6chern, an denen Votivgaben aufgeh\u00e4ngt wurden. Es sieht ganz anders aus als die Nuraghe, die wir gestern gesehen haben.<\/p>\n<p>Fast gleichzeitig treffen wir in dem Caf\u00e9 am Domplatz an und geben unsere Museumsberichte ab. Die junge Frau hinter der Theke sagt dem Mann, den wir f\u00fcr den Eigent\u00fcmer gehalten haben, was er abhalten soll. Und prompt ist es viel teurer als dieser Tage.<\/p>\n<p>Wir landen in einem Schuhgesch\u00e4ft und geben viel Geld f\u00fcr gute Schuhe aus, Leder \u00fcberall und handgen\u00e4ht. Hoffentlich bew\u00e4hren sie sich.<\/p>\n<p>Wir erfahren von dem Besitzer und seiner Angestellten, dass sie auch heute Nachmittag, an Silvester, noch mal \u00f6ffnen. Bei der Anprobe werden wir gefragt, mit welcher Fluglinie wir gekommen seien. Warum sollte das von Interesse sein? Es ist so: Die Billigfluglinie beabsichtigt, alle Fl\u00fcge nach Sardinien zu streichen, und das, obwohl sie jetzt schon Geldmittel von der Regionalregierung bekommt. Die Gesch\u00e4ftsleute f\u00fcrchten sich vor den Folgen. Unglaublich, welche Macht so eine Fluglinie aus\u00fcbt.<\/p>\n<p>Nach dem erfolgreichen Schuhkauf machen wir einen erfolglosen Kleiderkauf: zu teuer, zu rau, zu blau, zu weit, zu warm. Und das, obwohl die Besitzerin der Boutique die Modistin zu Hilfe ruft. Nachdem sie ihre Entt\u00e4uschung \u00fcberwunden hat, wird sie aber noch ganz gespr\u00e4chig und erz\u00e4hlt, dass sie mit einem Spanier aus Valencia verheiratet ist. Au\u00dferdem vermietet sie auch Zimmer. Beim n\u00e4chsten Mal sollen wir zu ihr kommen.<\/p>\n<p>Auch eine sprachliche Entdeckung gibt es noch: Die Verk\u00e4uferin pr\u00e4sentiert hintereinander zwei blaue Kleider, das eine <em>blu<\/em>, das andere <em>azzurro<\/em>. Das eine ist himmelblau, das andere marineblau. Das Italienische hat den Unterschied lexikalisiert, genauso wie das Russische.<\/p>\n<p>In den Schaufenstern der Konfektionsgesch\u00e4fte sieht man \u00fcberall rote Unterw\u00e4sche. Die schenken sich die Italiener zu Silvester. Sie bringt Gl\u00fcck. Man muss sie aber an Silvester zum ersten Mal tragen. Sonst funktioniert es nicht. Und es gibt noch einen Haken: Man kann sich die W\u00e4sche nicht selbst kaufen. Man muss sie geschenkt bekommen.<\/p>\n<p>In den Restaurants wird f\u00fcr das Silvestermenu geworben. Die Preise bewegen sich so etwa um die 70-75 \u20ac. Wir beschlie\u00dfen, uns das Geld zu sparen. Das Silvestermenu gibt es in der K\u00fcche der Antica Torre. Wir mixen den ganzen Laden auf, in dem wir die Zutaten besorgen, vor allem, als wir darum bitten, man m\u00f6ge uns die Weinflasche \u00f6ffnen. Die Aktion ist etwas peinlich, als ich erfolglos mit dem Korkenzieher herumhantiere, w\u00e4hrend Verk\u00e4ufer und Kunden am\u00fcsiert zusehen, aber am Ende ist die Flasche wenigstens offen.<\/p>\n<p>In der Innenstadt werden B\u00fchnen f\u00fcr die Konzerte am Abend aufgebaut. Die dumpfen B\u00e4sse dr\u00f6hnen aus den Lautsprechern.<\/p>\n<p>Wir kommen zum ersten Mal auf die Bastion San Remy, die wir immer nur von unten gesehen haben. Dort oben ist ein gro\u00dfes Plateau mit Aussicht in die Ferne. Die Bastion wird restauriert. Man kann sich gut vorstellen, was sich hier an Festtagen und an Sommerabenden tut.<\/p>\n<p>Am Abend ist viel Volks unterwegs, vor allem junge Leute. Viele der M\u00e4nner sehen ganz \u00e4hnlich aus, alle mit kurzem, dunklem Haar und mit Brille mit dunklem Gestell. Es herrscht keine \u00fcberbordende Stimmung, und es geht sehr gesittet zu. Betrunkene sind nicht zu sehen. Das Bier wird in Plastikbechern serviert und ist k\u00fchl, wohlschmeckend und erwartet teuer. Man sieht aber auch Gruppen, die mit offenen Sekt- oder Weinflaschen durch die Gegend ziehen.<\/p>\n<p>An der Piazza Yenne und oben in Castello gibt es Musik, aber keine italienische. Unten klingt es nach Karibik, oben nach Motown. Wir bleiben oben und sehen den Himmelslaternen zu, die, nach dem Prinzip der Hei\u00dfluftballons funktionierend, man hier \u00fcberall steigen l\u00e4sst. In Deutschland scheinen sie verboten zu sein, aber sie sehen wunderbar aus, wenn sie langsam in den Nachthimmel entschwinden. Man wird auf eine sch\u00f6ne Art melancholisch, wenn man ihnen hinterhersieht.<\/p>\n<p>Von hier, an der Br\u00fcstung stehend, kann man die Lichtinstallation sehen, mit der am Elefantentor die Zeit abw\u00e4rts gez\u00e4hlt wird. Ehe man es sich versieht, ist es 2016.<\/p>\n<p>Nachdem wir uns das bescheidene Feuerwerk angesehen haben, laufen wir noch durch die dunklen Stra\u00dfen und br\u00fcskieren fast eine Gruppe junger Leute, weil wir nicht verstehen, was sie wollen: Wir sollen ein Photo von ihnen machen. Im letzten Moment wird aber noch alles zurechtgebogen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1. Januar (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Wie wir bereits am Vortag gesehen haben, sind heute alle Museen geschlossen. Es gibt nicht viel zu tun. Au\u00dfer Spazierengehen. Das Wetter ist durchwachsen. Wir lassen uns treiben und gelangen durch Zufall in den Giardino Pubblico. Was f\u00fcr ein Treffer! Es gibt wunderbare B\u00e4ume mit gleich \u00fcber dem Boden sich ver\u00e4stelnden St\u00e4mmen. Sie laden geradezu dazu ein, sich hineinzusetzen. Etwas weiter ein Rhododendron, der den gesamten breiten Mittelstreifen einnimmt und dessen \u00c4ste auf einer Seite bis auf den Boden reichen. Ich kenne den Rhododendron als Strauch, aber der Name verr\u00e4t, dass es sich eigentlich um einen Baum handelt. Neben dem Baum sitzt auf einer Parkbank ein Mann, der wie ein Clochard aussieht, aber keiner ist. Er hat ein reichhaltiges Picknick und eine Flasche Wein neben sich aufgebaut und erz\u00e4hlt uns, dass der Rhododendron 500 Jahre auf dem Buckel habe. Es sei der zweit\u00e4lteste Sardiniens.<\/p>\n<p>Der Giardino Pubblico hat zwei Museen, aber auch die sind heute beide geschlossen. Wir gehen wieder zur\u00fcck und entdecken weiter oben einen Kiosk, der ge\u00f6ffnet hat. Die freundliche Besitzerin l\u00e4dt uns ein, Platz zu nehmen und weist uns ein, wo man rauchen kann. Eine Frau am Nebentisch spricht uns an. Eine M\u00fcnchnerin, mit einem Italiener verheiratet und seit Jahrzehnten in England lebend, in Newcastle. Die beiden sprechen Englisch miteinander, aber mit uns Italienisch und Deutsch. Wir unterhalten uns angeregt \u00fcber das, was es hier zu sehen gibt und was wir unternommen haben. Der Mann ist Sarde. Er sagt, wir k\u00f6nnten von Gl\u00fcck sprechen, in Cagliari zu sein. In Alghero seien heute h\u00f6chstens ein oder zwei Caf\u00e9s ge\u00f6ffnet. Alghero sei sehr sch\u00f6n, aber die Leute dort seien Halsabschneider. Er, ganz alter Hund, lasse sich da nicht ins Bockshorn jagen, aber die Leute von ausw\u00e4rts m\u00fcssten b\u00fc\u00dfen. Im Vergleich zu Alghero seien die Preise hier in Cagliari ganz annehmbar.<\/p>\n<p>Sein Leben ist eine Erfolgsgeschichte. Er hat es geschafft. Er ist angekommen. Mit einer uneitlen Zufriedenheit, die sich unwillk\u00fcrlich auf den Zuh\u00f6rer \u00fcbertr\u00e4gt, erz\u00e4hlt er, dass er in Newcastle eine eigene Firma betreibe, mit sechs Angestellten. Es ist eine Reinigungsfirma. Am meisten arbeitet er f\u00fcr wohlsituierte Singles. Dessen Wohnungen nimmt er sich ein- bis zweimal pro Monat vor und reinigt sie von Grund auf. Ich stelle mir die ganze Zeit vor, wie er sich gef\u00fchlt haben muss, als er vor mehr als 30 Jahren in die Fremde aufgebrochen ist, voller Ungewissheit, voller Ahnungslosigkeit, ohne Fremdsprachenkenntnisse. Was alles h\u00e4tte schiefgehen k\u00f6nnen. Und wie stolz er jetzt sein kann, als Tourist in die alte Heimat zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p>Die beiden sehen uns hinterher, als wir aufbrechen. Sie h\u00e4tten vermutlich noch Stunden mit uns verbringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wir kommen an einer ganz merkw\u00fcrdigen Anlage vorbei, etwas, was aussieht wie ein Grabungsfeld, aber keins zu sein scheint. Xias Adlerauge sieht L\u00f6wenm\u00e4ulchen, die aus einer steinernen Mauer hervorlugen. Dann kommen wir an dem gewaltigen, in den Berghang eingef\u00fcgtem Amphitheater vorbei, in das man von oben hineinsehen kann und dann am Botanischen Garten. An dessen Eingang, ebenfalls verschlossen, sto\u00dfen wir auf die Familie von gestern, aus Su Nuraxi. In der Gegend sehen wir ein kurioses Graffiti: <em>E basta con queste scritte sui muri<\/em><em>. Und an einer anderen Wand politische Graffiti auf Sardisch: <\/em><em>A foras is basis<\/em><em>. <\/em>Dieser Tage haben wir irgendwo auf einen Felsen da hier gefunden<em>: <\/em><em>Fai un favore, leggi poesie.<\/em><\/p>\n<p>Schlie\u00dflich kommen wir auf die gro\u00dfe Gesch\u00e4ftsstra\u00dfe, die zur Piazza Yenne f\u00fchrt und die jetzt nicht so zur Geltung kommt, weil auf fast ihrer ganzen L\u00e4nge ein Bauzaun steht. Hier entsteht Cagliaris erste U-Bahn. Die Gesch\u00e4fte sind nat\u00fcrlich alle geschlossen. Eine Pelleteria halte ich f\u00fcr ein Pelzgesch\u00e4ft. Es ist aber ein Lederwarengesch\u00e4ft. Ein Pelzgesch\u00e4ft w\u00e4re eine Pellicceria. R\u00e4tselhaft bleibt ein Gesch\u00e4ft, in dem es <em>Vini<\/em> <em>Sfusi<\/em> gibt. Erst das W\u00f6rterbuch bringt sp\u00e4ter Aufkl\u00e4rung: Wein vom Fass.<\/p>\n<p>Wir sehen uns nach Menus f\u00fcr den Abend um, aber es ist vergebliche Liebesm\u00fch. Auch die Lokale, die jetzt ge\u00f6ffnet sind, machen nach dem Mittagessen zu.<\/p>\n<p>An der Piazza Yenne ist alles aufger\u00e4umt. Die B\u00fchne vom Vorabend ist abgebaut, und es liegen nirgendwo mehr Kippen, Flaschen oder Verpackungen herum.<\/p>\n<p>Wir landen in einer Kirche, San Antonio. Kein frommer Drang hat uns hierher gef\u00fchrt, sondern die Suche nach einem WC. Tats\u00e4chlich werden wir auf die Toilette der Pfarrei gelassen.<\/p>\n<p>Die Kirche ist unansehnlich und hat einziges Durcheinander wertloser Ausstattungsgegenst\u00e4nde, aber im Vorraum gibt es eine wunderbare Krippe. Ganz italienisch, werden hier Szenen aus dem Alltagsleben dargestellt: eine Frau, die auf einer Wiese ein Schaf schert, ein Schmied, der ein Pferd beschl\u00e4gt, ein dicker Metzger vor seiner Metzgerei, in deren T\u00fcrrahmen Schweine und Schinken h\u00e4ngen! Die Landschaft ist sicher nicht alpin, sondern eher eine Mischung aus Italien und Pal\u00e4stina. Die Krippe lockt viele Menschen an, und kaum einer l\u00e4sst sich die Gelegenheit entgehen, sich vor ihr photographieren zu lassen.<\/p>\n<p>Am Abend kommen wir noch zu einer Kirche, Santa Anna, einer Kirche, deren wei\u00dfe Fassade wir schon oft von oben, von Castello aus, gesehen haben, auch gestern beim Feuerwerk. Die Kirche hat eine breite, elegante Freitreppe und ist eine der repr\u00e4sentativsten Cagliaris.<\/p>\n<p>Dann sto\u00dfen wir auf ein sardisches Lokal, an dem wir in den letzten Tagen mehrmals vorbeigekommen sind, <em>Sa Domu Sarda<\/em>. Es sieht wie ein Fast-Food-Laden aus, ist es aber nicht. Hier bekommen wir den besten Wein der ganzen Woche, <em>Nepente di Oliena<\/em>.<\/p>\n<p>Die junge Kellnerin ist anfangs v\u00f6llig verwirrt, vor allem, als wir uns gegen das Buffet entscheiden, f\u00fcr das sie so sehr geworben hat: Selbstbedienung und so viel man will. Ihre Verwirrung erreicht den H\u00f6hepunkt, als wir, durch Erfahrung klug, f\u00fcr jeden Gang nur ein Gericht bestellen, das wir uns teilen. Anfangs wirkt sie fast abweisend, aber im Laufe des Abends wird sie immer freundlicher und immer gespr\u00e4chiger. Ihr Bruder, sagt sie sehnsuchtsvoll, sei schon einmal in Berlin gewesen. Eine Woche. Urlaub.<\/p>\n<p>Es gibt richtiges sardisches Essen: <em>culurgiones noci e pinoli<\/em>,<em> stuffato di capra, sebadas artigianale<\/em>. Wunderbar! Genau das, was wir gesucht haben.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">2. <\/span><span style=\"text-decoration: underline;\">Januar (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Der sp\u00e4te Abflug beschert uns noch einen kleinen H\u00f6hepunkt am letzten Tag, den Besuch der Eurasia-Ausstellung. Das Konzept ist ebenso einfach wie \u00fcberzeugend: Funde aus Asien werden Funden aus Europa gegen\u00fcbergestellt. Und die Parallelen werden sinnf\u00e4llig. Die Exponate stammen einerseits aus der Eremitage (als Fundort taucht immer wieder Kurgan auf), andererseits aus sardischen Museen. Auf vier Etagen werden unter vier \u00dcberschriften Funde ausgestellt, alle aus der Jungsteinzeit. Ihr Alter ist ihnen nicht anzusehen. Eine doppelte Korallenkette k\u00f6nnte in jedem Juweliergesch\u00e4ft stehen, eine m\u00e4nnliche Statuette in einer Ausstellung moderner Kunst. Unglaublich. Sowohl das Kunsthandwerk als auch das Kunstverst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p>Hirschgeweihe, wie wir sie in den letzten Tagen mehrmals in Sardinien gesehen haben, tauchen in t\u00e4uschen \u00e4hnlicher Form an Votivstatuen aus Asien auf. Auch Gesichtsz\u00fcge der Statuetten mit durchgehenden und mit der Nase verbundenen Augenbrauen tauchen in Europa wie in Asien auf. Vermittlung durch Kontakte? Oder sind das Naturprozesse?<\/p>\n<p>Ein besonderer Hingucker ist eine Halskette, mit einem kleinen, fast quadratischen Goldst\u00fcck und einem daran h\u00e4ngenden Backenzahn.<\/p>\n<p>Sehr angetan hat es uns auch eine Fibel aus Bronze, in der ganz fein ein Muster eingearbeitet ist. Das besteht aus runden, wie Lakritzschnecken aussehenden Gebilden, die mit einem Strang miteinander verbunden sind und so eine Endlosschleife bilden. Sagenhaft! Daneben eine Bronzeaxt, in der ein Tier wie ein Seepferdchen eingearbeitet ist.<\/p>\n<p>Nie zuvor gesehen haben wir eine Matrix zur Werkzeugherstellung. In einen Stein aus Steatit ist die Form einer Axt eingelassen. In die wurde vermutlich die fl\u00fcssige Bronze gef\u00fcllt. Man h\u00e4tte gerne mehr dazu erfahren, aber die Beschriftung ist nicht sehr detailliert, obwohl die Pr\u00e4sentation gelungen ist.<\/p>\n<p>Ganz unten steht das Modell eines Hauses aus Ton. Das Haus ist dem Konzept der Ausstellung das Emblem \u00fcberhaupt der neolithischen Revolution, Emblem der Sesshaftigkeit und allem, was die mit sich bringt. Die Menschen der Zeit waren sich wohl dessen bewusst. Warum sonst sollten sie das Modell gebaut haben?<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig sind die Parallel zu Kreta. Immer wieder taucht der Stier auf, immer wieder verdoppelte Motive wie die kretische Doppelaxt, immer wieder flache Figuren mit hochgestreckten Armen, wie man sie zuhauf im Arch\u00e4ologischen Museum in Heraklion vorfindet.<\/p>\n<p>Der Weg zum Bahnhof wird zu Fu\u00df zur\u00fcckgelegt. Cagliari verabschiedet uns mit strahlendem Sonnenschein. Unterwegs kommen wir noch mal an einer Kirche vorbei, die wir noch nicht und doch schon oft gesehen haben, n\u00e4mlich von oben von der Br\u00fcstung, nachts, mit angestrahlter Fassade. Es ist San Michele.<\/p>\n<p>Unterwegs fliegt ein Vogel vor uns auf, und die Reaktionen von zwei M\u00e4nnern, die uns entgegenkommen, best\u00e4tigen meinen Verdacht: <em>falchetto<\/em>. Wir haben es mit einem kleinen Falken zu tun.<\/p>\n<p>Am Bahnhof bringen wir einen jungen Mann ganz durcheinander, dem wir unsere beiden nicht benutzten Busfahrkarten in die Hand dr\u00fccken. Erst ganz zum Schluss erscheint ein L\u00e4cheln auf seinem Gesicht.<\/p>\n<p>Im Zug sieht der Schaffner uns streng an, als wir, noch vor der Abfahrt des Zuges, auf ihn zugehen und fragen, ob wir was mit den Fahrkarten anstellen m\u00fcssten. Er fragt, woher wir k\u00e4men, sagt dann bedeutungsvoll, dass in Italien jede Fahrkarte vor Gebrauch abgestempelt werden m\u00fcsse. Sonst sei sie v\u00f6llig wertlos. Dann hellt sich sein Gesicht auf und mit einem L\u00e4cheln sagt er, indem er unsere Fahrkarten mit seiner Zange durchl\u00f6chert: \u201eDa haben Sie ein Andenken an Ihre Italienreise.\u201c <em> <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>26. Dezember (Samstag) Egal, wohin man schaut, Lauftreff, Lesekreis, Kollegium, Familie: Jeder war schon mal in Sardinien. 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