{"id":8244,"date":"2016-03-12T16:34:42","date_gmt":"2016-03-12T15:34:42","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=8244"},"modified":"2016-03-30T09:11:16","modified_gmt":"2016-03-30T07:11:16","slug":"lissabon-2016","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=8244","title":{"rendered":"Lissabon (2016)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">22. Februar (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Eine unendlich wirkende Fahrt \u00fcber ein ratterndes Gitter \u00fcber die Br\u00fccke des 25. April, ganz oben, hoch \u00fcber dem Tejo, eher zuf\u00e4llig am Steuer eines fremden Autos sitzend, das ist die intensivste Erinnerung an den ersten Besuch von Lissabon vor vielen Jahren. Alle anderen Bilder sind nur noch blass\u00a0 vorhanden: ein Aufzug von der Unterstadt in die Oberstadt, altmodische Stra\u00dfenbahnen, der Blick vom oberen Ende eines sanft abfallenden Parks auf das ferne Ufer des Tejo, ein Turm irgendwo am Wasserrand. Damals waren wir Ostern hier, die bessere Reisezeit, klimatisch gesehen, aber auch die schlechtere, denn wir standen st\u00e4ndig vor verschlossenen T\u00fcren, in Sintra, in Estoril, in Bel\u00e9n (Namen, die jetzt erst wieder in Erinnerung kommen). Das soll diesmal anders sein.<\/p>\n<p>Der Flug dauert drei Stunden, aber eine bekommt man gleich wieder erstattet. Portugal liegt eine Stunde zur\u00fcck. Es hat dieselbe Zeit wie England, aber eine andere als Spanien. Da steckt Methode dahinter.<\/p>\n<p>Heute ist kein klassischer Reisetag. Der Bus zum Flughafen ist nur ganz d\u00fcnn besetzt, und an der Kontrolle am Flughafen gibt es keine Schlange. Im Bus sind auch vier Italiener, die nach\u00a0 Cagliari fahren und ein junger Afrikaner, der Portugiesisch spricht. Angola? Mosambik? Nein, S\u00e5o Tom\u00e9. Der unfreundliche Fahrer, die h\u00e4ssliche Abflughalle, die l\u00e4stigen Durchsuchungen bei der Kontrolle, der wolkenverhangene Himmel, der kalte Wind: Nix wie weg!<\/p>\n<p>Als es auf das Ziel zugeht, kommt kurz das Meer in Sicht, dann Siedlungen mit viel Gr\u00fcn drum herum und dann der Tejo. Wir fliegen direkt \u00fcber der Br\u00fccke auf die andere Seite.<\/p>\n<p>Lissabon liegt nicht am Meer, sondern am Tejo. Der bildet hier eine Art Binnenmeer, bevor er ins Meer m\u00fcndet, ein paar Kilometer hinter Lissabon. Die M\u00fcndung selbst ist sehr schmal und h\u00e4lt die Wellen des Atlantiks ab, und das Binnenmeer bildet einen fast nat\u00fcrlichen, gesch\u00fctzten Hafen. Dem hat Lissabon seine Gr\u00f6\u00dfe zu verdanken, wahrscheinlich sogar seine Existenz.<\/p>\n<p>Gegr\u00fcndet wurde Lissabon von Odysseus. Das sagt jedenfalls Cam\u00f5es, der Nationaldichter, in seinem Nationalepos, <em>Os<\/em> <em>Luciadas<\/em>. Aus Ulysses habe sich Lisboa entwickelt. Das ist nat\u00fcrlich Wunschdenken. Die Wirklichkeit ist profaner. Lissabon ist eine ph\u00f6nizische Gr\u00fcndung. Aus deren <em>Allis Ubbo<\/em>, \u201aLiebliche Bucht\u2018 wurde <em>Olisipo<\/em> und dann <em>Olisipona<\/em> und dann <em>Lisboa<\/em>.<\/p>\n<p>In Lissabon ist das Wetter viel besser, am Flughafen noch ziemlich windig und etwas wolkig, aber im Zentrum fast sommerlich, mit blauem Himmel.<\/p>\n<p>Vom Flughafen ins Zentrum geht es mit der Metro. Die f\u00e4hrt links, wie die von Paris und anders als die von Madrid. Nat\u00fcrlich. F\u00fcr die \u00f6ffentlichen Verkehrsmittel kauft man sich eine Chipkarte, die man dann mit einzelnen Fahrten oder, noch praktischer, mit einem Pauschalbetrag aufladen kann. Es geht die gesamte Rote Linie \u00a0&#8211; <em>Linha Vermelha<\/em> \u2013 entlang und dann ein paar Stationen in der Blauen Linie \u2013 <em>Linha<\/em> <em>azul<\/em> \u2013 bis zu Restaudores. Das h\u00f6rt sich nach Kunst an, ist aber Politik. Der \u201eRestaurierer\u201c sind Rebellen, die, die sich gegen die spanische Herrschaft aufgelehnt haben, ein Aufstand, der zur endg\u00fcltigen Unabh\u00e4ngigkeit Portugals von 1668 f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Die Pension befindet sich in der Rua das Portas de Santo Ant\u00e5o. Das ist Antonius. Antonius von Padua. Und was hat der mit Lissabon zu tun? Der ist hier geboren! W\u00e4re ich ja im Leben nicht drauf gekommen.<\/p>\n<p>Die Rua das Portas de Santo Ant\u00e5o ist eine kopfsteingepflasterte Fu\u00dfg\u00e4ngerstra\u00dfe, mit einem Touristenlokal nach dem anderen am unteren Ende. Am oberen Ende, da, wo die Pension ist, ist es viel ruhiger.<\/p>\n<p>Der Mann an der Rezeption gibt mir die Informationen in flie\u00dfendem Spanisch. Andere antworten auf Englisch, andere auf Portugiesisch. Mir selbst rutscht auch hin und wieder Englisch raus, und sogar Italienisch: <em>Grazie!<\/em> Wenn Portugiesisch gesprochen wird, kann ich die Antworten eher erahnen als verstehen.<\/p>\n<p>Das Portugiesische hat, wie mir unterwegs aufgefallen ist, <em>pra\u00e7a, praia, prato<\/em> und <em>igreja<\/em>, also \/r\/, wo das Spanische \/l\/ hat, wohl aber <em>azul<\/em>. Muss wohl an der Lautumgebung liegen.<\/p>\n<p>Ich ziehe die Regenjacke aus und Sandalen und T-Shirt an und mache mich auf den Weg. Gleich neben der Pension, ein bisschen weiter die Stra\u00dfe rauf, habe ich vorher eine der alten, aus nur einem Wagen bestehenden Stra\u00dfenbahnen gesehen. Tats\u00e4chlich ist es wohl eher eine Drahtseilbahn, aber die Kabine sieht genauso aus wie die der Stra\u00dfenbahnen. Es gibt drei davon in Lissabon. Offiziell hei\u00dfen sie ascensores, Aufz\u00fcge. Dieser hier, der Ascensor do Lavra, ist der \u00e4lteste \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p>Es geht eine kurze Strecke ganz steil den Hang hinauf. Die Stra\u00dfe ist so eng, dass neben den Gleisen nur ein ganz schmaler Weg f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger bleibt.<\/p>\n<p>Der Fahrer ist gerade dabei, einigen portugiesischen Passagieren die Stra\u00dfenbahn zu erkl\u00e4ren. Sie ist die \u00e4lteste Stra\u00dfenbahn Lissabons, 1884 eingeweiht, und funktionierte anfangs noch mit Dampfantrieb, bevor sie elektrisiert wurde. Dann geht es los. Auf halbem Weg wird die Strecke zweigleisig, und es kommt uns die andere Bahn von oben entgegen. Dann wird es sofort wieder eingleisig. Nach ein paar Minuten ist die Fahrt zu Ende. Ich gehe \u00fcber eine lange Treppe abseits der Stra\u00dfenbahntrasse, zu Fu\u00df wieder hinunter. In ein paar Minuten ist man unten.<\/p>\n<p>Dann geht es die Rua das Portas de Santo Ant\u00e5o wieder hinunter. Der Name erinnert an die Tore der alten Stadtmauer, die aber l\u00e4ngst abgerissen ist. Sie verlief entlang dieser Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Bald komme ich zum Rossio, einem sch\u00f6nen, langgestreckten Platz mit Caf\u00e9s auf beiden Seiten. An einem Ende befindet sich das Nationaltheater, an den beiden L\u00e4ngsseiten Caf\u00e9s, Bars und Gesch\u00e4fte, und auf dem Platz an den beiden Enden zwei identische Brunnen. Vier Meerjungfrauen halten H\u00f6rner in der Hand, aus denen Wasser in die untere Schale des Brunnens katapultiert wird, von der wiederum das Wasser \u00fcber den Rand in das Becken flie\u00dft, das au\u00dferdem Wasser aus der oberen Schale erh\u00e4lt. Die Wasserstrahlen brechen sich in der Sonne. Wunderbar!<\/p>\n<p>Etwas abseits, viel kleiner, fast unbeachtet, ein gusseiserner Leuchter, bei dem vier schmale Figuren die Platte tragen, auf der die Halterung f\u00fcr das Licht angebracht ist. Au\u00dfer mir hat noch ein anderer Mann die Sache entdeckt und macht sorgf\u00e4ltig ein Photo mit einer professionellen Kamera.<\/p>\n<p>Ganz besonders ist auch der Boden des Platzes. Schwarze und wei\u00dfe Streifen, aus Basalt und Kalkstein, ahmen Wellen nach. Man hat tats\u00e4chlich den Eindruck, dass sich hier etwas bewegt. Und nicht nur das. Man hat auch den Eindruck, dass manche Wellen h\u00f6her, andere tiefer liegen.<\/p>\n<p>Ich bestelle auf der Terrasse der Pastelaria Sui\u00e7a einen Kaffee. Der ist teuer, aber daf\u00fcr schlecht. Der Kellner nimmt die Bestellung wortlos entgegen und stellt den Kaffee ebenso wortlos vor mich.<\/p>\n<p>Ich bin der einzige, der Kaffee bestellt. Einige trinken Wein, die allermeisten aber Bier. Am Nebentisch macht sich ein Mann an einer Ma\u00df zu schaffen.<\/p>\n<p>An dem Platz ist eine Apotheke mit einem Schild, in dem das Wort Apotheke in allen m\u00f6glichen Sprachen erscheint. Es gibt drei wesentliche Quellen: <em>pharmacy, farmacije, farmasi, apotheek, aptek, apotek<\/em> und (vom griechischen Wort f\u00fcr \u201aArzt\u2018 abgeleitet) <em>l\u00e9k\u00e1rna, lek\u00e1ren, lekarne<\/em>, alle griechischen Ursprungs. Interessanter sind die anderen, die, die man nicht identifizieren kann: <em>fferyllfa, yakkyoku, vaistin<\/em> usw.<\/p>\n<p>In einem Gesch\u00e4ft am Rande des Platzes gibt es <em>Pistolas, Cargas, Esgrima und Revolwers<\/em>!<\/p>\n<p>Gleich daneben ein vielbesuchter Schnellimbiss, mit lecker aussehenden Auslagen, kleinen, in \u00d6l frittierten, panierten Teigst\u00fcckchen, in unterschiedlichen Formen. Ich frage mich, woher ich das kenne, Form und Geschmack kommen mir bekannt vor. Und dann f\u00e4llt es mir ein: Indien! Da gab es so was an jeder zweiten Stra\u00dfenecke. Aber die Verbindung ist ja doch etwas weit hergeholt, denke ich mir, muss Zufall sein. Aber vielleicht ist es das doch nicht. Das portugiesische Kolonialreich ging bis nach Indien. Ist das so weit hergeholt?<\/p>\n<p>Vom Rossio gehe ich weiter runter, Richtung Tejo. Der Rossio bildet den Abschluss der Baixa, der Unterstadt, dem Stadtviertel, das am meisten durch das Erdbeben von 1755 besch\u00e4digt wurde. Kein Wunder, denn der Untergrund war sumpfig. Dieses Viertel war eine dem Wasser abgetrotzte Verl\u00e4ngerung der Stadt. Jahrhunderte zuvor, noch im Mittelalter, hatte man hier Land aufgesch\u00fcttet, um Platz f\u00fcr Werften und Warenh\u00e4user zu schaffen.<\/p>\n<p>Es war das schwerste Erdbeben, das es in Europa je gegeben hat, jedenfalls in geschichtlicher Zeit. Die Folgen waren verheerend, und es war auch ein Schlag f\u00fcr die Geisteshaltung, f\u00fcr den Fortschrittsglauben, f\u00fcr den Optimismus. \u00dcberall geriet man ins Gr\u00fcbeln. F\u00fcr Voltaire war es das Ende des Glaubens an eine gerechte, von Gott gelenkte Welt, man musste es einfach hinnehmen, als schicksalhaft. Kant wiederum sagte, es k\u00f6nne nicht als \u00a0Strafe Gottes verstanden werden, jedenfalls nicht als Strafe eines gerechten Gottes. Warum sollte sonst ausgerechnet Lissabon bestraft werden, warum wurden sonst Zigtausende Tote bestraft und andere verschont? Zu allem \u00dcbel traf es viele ausgerechnet beim Gottesdienst, an einem hohen Feiertag, Allerheiligen. Viele Kirchen wurden zerst\u00f6rt, viele Gl\u00e4ubige unter den Tr\u00fcmmern begraben. Dagegen blieb die verruchte Alfama weitgehend verschont. Und der K\u00f6nig hatte das Gl\u00fcck, nicht in Lissabon zu sein. Er war zum Gottesdienst nach Bel\u00e9n gereist! Rousseau fand, nicht die blinde Zerst\u00f6rungswut der Natur sei schuld, sondern die menschliche Zivilisation. H\u00e4tten die Menschen die Stadt nicht so dicht bebaut und immer mehr und immer schlechtere Behausungen geschaffen, dann w\u00e4ren die Folgen nicht so verheerend gewesen. Noch Goethe behauptete sp\u00e4ter, das Erdbeben h\u00e4tte ihm einen Schlag versetzt. Er war damals allerdings erst sechs Jahre alt.<\/p>\n<p>Das Erdbeben selbst war schlimm genug, aber es kam noch schlimmer: Als Folge des Bebens brach ein Feuer aus, das sechs Tage andauerte. Und dann kam eine Flutwelle, ein Tsunami. Der traf diejenigen, die Schutz im Freien gesucht und sich auf den Terreiro do Pa\u00e7o gefl\u00fcchtet hatten, an den Tejo, auf den Platz des K\u00f6nigspalast.<\/p>\n<p>Nach dem Erdbeben wurde der Wiederaufbau schnellstens in Angriff genommen. Es entstand ein neues, geplantes, regelm\u00e4\u00dfiges Zentrum mit Abwasserkan\u00e4len und befestigten Stra\u00dfen, ein Zentrum in Schachbrettmuster, so wie man es heute noch vorfindet. Deshalb sieht die Baixa bis heute noch so anders aus als die anderen Stadtteile.<\/p>\n<p>Ich gehe die Rua Augusta hinunter, die zentrale L\u00e4ngsachse. Die f\u00fchrt direkt auf die Pra\u00e7a do Comercio, den Nachfolger des K\u00f6nigsplatzes direkt am Tejo. Man sieht auf den Platz durch einen wei\u00dfen Triumphbogen am Ende der Stra\u00dfe. Das Wasser des Tejo funkelt in der Sonne, und der Platz ist ganz und gar in Licht geh\u00fcllt.<\/p>\n<p>Die Rua Augusta ist eine Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, mit vielen kleinen L\u00e4den, meist Familienbetriebe: L\u00e4den f\u00fcr Handtasche, Stoffe, Schmuck, W\u00e4sche, Schuhe, dazwischen Drogerien und, vor allem, Konditoreien. Oft stehen die Namen der Gesch\u00e4fte in goldenen Buchstaben auf der gl\u00e4sernen Einfassung des Eingangs.<\/p>\n<p>Kurz vor dem Ende der Augusta kommt links das Design-Museum mit einer interessanten Fassade, mit einem Durcheinander von Darstellungen, vom Frauenkleid auf einem mittelalterlichen Tafelbild bis zu Plateauschuhen.<\/p>\n<p>Der Platz selbst erstrahlt im Sonnenlicht. Er sieht aus wie eine spanische Plaza Mayor, mit gleichgeschossigen Geb\u00e4uden und einem Arkadengang auf allen Seiten, nur, dass die vierte Seite, die zum Fluss hin, offen ist. An den beiden Armen, die zum Tejo hinuntergehen, endet der palastartige Bau in zwei T\u00fcrmen, die ganz anders sind, wie Verteidigungsanlagen aussehen, im Naturstein, ganz verschieden von dem gelb gefassten, barocken Hauptgeb\u00e4ude.<\/p>\n<p>In der Mitte des Platzes eine Reiterstatue, und auf der Au\u00dfenseite des Triumphbogens mehrere Reliefs, u.a. mit den Allegorien von Duero und Tejo.<\/p>\n<p>An einer Ecke des Platzes geschah 1908 ein aufsehenerregendes Attentat, von dem ich aber noch nie geh\u00f6rt hatte: Hier wurden, im Doppelpack, K\u00f6nig und Kronprinz get\u00f6tet. Wirtschaftskrise und Aufl\u00f6sung des Parlaments sollen die Ursachen gewesen sein. Das Ende der Monarchie war nahe. Sie hatte nur noch zwei Jahre. Dar\u00fcber w\u00fcsste man gerne mehr, auch \u00fcber die beiden letzten Jahre der Monarchie. Auf dem Thron war jetzt der Bruder des ermordeten Kronprinzen und Sohn des ermordeten K\u00f6nigs!<\/p>\n<p>Ich gehe zur\u00fcck und biege dabei mal hier, mal da ab, um immer wieder auf die Augusta zu gelangen. Wie oft in den n\u00e4chsten Tagen genie\u00dfe ich die Atmosph\u00e4re, Lebendigkeit ohne Hektik, mit vielen Menschen auf der Stra\u00dfe, Einheimische und Fremde. Stra\u00dfenk\u00fcnstler, Losverk\u00e4ufer, Schuhputzer, Bettler, Musikanten, Marktschreier bestimmen das Bild.<\/p>\n<p>Da es noch fr\u00fch ist und ich keine Lust habe, viel zu laufen, mache ich eine Fahrt mit der 22. Keine\u00a0 gute Idee, aber das ahne ich noch nicht.<\/p>\n<p>Die 22 ist eine regul\u00e4re Stra\u00dfenbahnlinie, eignet sich aber auch f\u00fcr Stadtrundfahrten. Das wei\u00df jeder Besucher von Lissabon, und entsprechend lange ist die Schlange an der Haltestelle, am Beginn der Strecke. Der Stra\u00dfenbahnfahrer nimmt aber sowieso nicht alle mit. Die Bahn bleibt halb leer, damit unterwegs auch noch andere, auch ganz normale Passagiere einsteigen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Bei der n\u00e4chsten Bahn komme ich rein. Tats\u00e4chlich ist es eine ganz normale Linie. Hausfrauen und Schulkinder steigen ein und aus. Der Fahrer bet\u00e4tigt mit links eine Kurbel und mit rechts ein paar Schaltkn\u00f6pfe vor sich. Pedale gibt es nicht, und auch das gro\u00dfe Steuerrad rechts des Fahrers wird nicht bet\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Es ist wirklich ein Spektakel, zu sehen, wie sich die Bahn quietschend und ratternd durch die engen Stra\u00dfen qu\u00e4lt, nur Zentimeter an Hausw\u00e4nden und parkenden Autos vorbei. Dabei geht es st\u00e4ndig Auf und Ab. Und nach jeder Kurve gibt es ein neues Stra\u00dfenbild. Ewig h\u00e4lt die Freude daran allerdings nicht vor, und im Stehen kann man die Route auf dem Stadtplan nicht verfolgen.<\/p>\n<p>Und dann ist auf einmal Schluss. Alle aussteigen! Ich vermute, wir haben das Ende des Rundkurses erreicht, obwohl ich den Platz nicht wiedererkenne. Kann sich nur um ein paar Minuten handeln, denke ich mir, und gehe die Stra\u00dfe hinunter, Richtung Fluss, vermute ich, da kann man sich orientieren. Aber ich komme und komme nicht \u00a0zum Fluss. Stattdessen geht es durch Wohnviertel, die au\u00dferhalb des Zentrums liegen. Schilder gibt es keine. Ich kaufe etwas Obst und Wasser in einem kleinen Laden bei einem Mann\u00a0 aus Bangladesch, der kaum Portugiesisch spricht, \u00a0und frage nach dem Weg. Er schickt mich\u00a0zu einer Bushaltestelle. Aber die finde ich nicht. Irgendwann komme ich \u00a0wirklich nach unten, an die Uferstra\u00dfe, in ein Hafenviertel, und zwar verd\u00e4chtig nahe an der Puente 25 Abril. Die ist vom Zentrum aus weit entfernt. Es wird immer dunkler und immer k\u00e4lter.<\/p>\n<p>Dann stellt sich auch noch Hunger ein. Da das Zentrum nicht in\u00a0 Sicht kommt, gehe ich in ein einfaches Lokal am Wegesrand. Ich\u00a0 bin der einzige Gast. Am Essen sind nur das Brot und das Bier gut, und das Bier ist aus Holland.<\/p>\n<p>An der Wand h\u00e4ngen Schilder, die die jeweiligen Tagesgerichte anzeigen: <em>caril de lulas com gambas<\/em> gibt es am Mittwoch (<em>quarta<\/em> feira) und <em>arroz de pato no forno<\/em> am Freitag (<em>sexta feira<\/em>). Die Wochentage werden \u201edurchgez\u00e4hlt\u201c, au\u00dfer <em>s\u00e1bado<\/em> und <em>domingo<\/em>, immer mit dem Bestimmungswort <em>feira<\/em>, also \u201aMarkttag\u2018. Warum gibt es dann aber eine sexta feira? Es bleiben ja nur f\u00fcnf Wochentage \u00fcbrig. Das erkl\u00e4rt sich damit, dass der Sonntag, auch wenn er einen eigenen Namen hat, heimlich mitgez\u00e4hlt wird und damit der Montag schon der zweite Tag ist.<\/p>\n<p>Dann mache ich mich wieder auf den Weg, bis die ersten innerst\u00e4dtischen Lichter erscheinen. Eine sehr freundliche Frau, die gut Englisch spricht, nimmt mich an die Hand und erkl\u00e4rt im Detail, warum der Weg, den sie mir zeigt, der bessere ist. Tats\u00e4chlich gelange ich dann bald auf die Rua Augusta, und von da aus ist es nicht mehr weit.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">23. Februar (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Statt <em>desayuno<\/em> hei\u00dft es hier, parallel zum Franz\u00f6sischen, <em>pequeno almo\u00e7o<\/em>. Und am Morgen sagt man <em>Bom dia<\/em>, im Singular. Wie kommt das Spanische nur auf den Plural?<\/p>\n<p>Es sind die rauchenden Fr\u00f6sche, die mich heute auf die Beine bringen. Vorher sehe ich mir aber noch die Pra\u00e7a dos Restauradores, ein verkehrsreicher, langgestreckter Platz mit einem hohen Obelisken im Zentrum. Dessen Teile erinnern an die verschiedenen Etappen der \u201eRestauration\u201c, also wohl der \u201aWiederherstellung\u2018 der portugiesischen Unabh\u00e4ngigkeit. Zu zwei Seiten bronzene Siegesfiguren, Siegerkr\u00e4nze, Lorbeerbl\u00e4tter. Zu den anderen Seiten steinerne Ritter, die noch ganz mittelalterlich aussehen, mit dem Visier nach unten. Zu ihren F\u00fc\u00dfen alles m\u00f6gliches \u201eGer\u00f6ll\u201c, Lanzen, H\u00f6rner, Helme, Fahnen.<\/p>\n<p>Der verkehrsumtoste Platz hat nicht viel zu bieten. Selbst den eleganten, rosafarbigen Palast auf der anderen Seite, den Pal\u00e1cio Foz, nimmt man kaum wahr.<\/p>\n<p>Die Pra\u00e7a de Restauradores grenzt fast an den Rossio und ist mit ihm wiederum durch einen Platz verbunden, einen unregelm\u00e4\u00dfigen, etwa dreieckigen Platz, an dessen Seite ein Geb\u00e4ude mit einer bemerkenswerten Fassade steht, die mir gestern schon aufgefallen war, pr\u00e4chtig verziert, mit Jugendstilelementen, aber auch neomanuelinischen Elementen, der portugiesischen Spielart der Neugotik. Besonders auff\u00e4llig sind die beiden hufeisenf\u00f6rmigen Eing\u00e4nge aus Glas und Stahl mit einer verzierten Einfassung aus Marmor. Darin sind Buchstaben eingelassen, die so stark verziert sind, dass ich sie nicht lesen kann. Was f\u00fcr ein Geb\u00e4ude kann das sein? Durch die T\u00fcr sieht man nur ein B\u00fcro von Western Union und einen Stand von McDonalds. Ich gehe rein. Es ist ein Bahnhof! Es ist die Esta\u00e7ao do Rossio, und das ist es wohl auch, was an der Fassade steht. Fr\u00fcher war das \u00a0der Hauptbahnhof von Lissabon, heute verkehren hier nur noch Vorortz\u00fcge. Die Bahnsteige liegen erh\u00f6ht, in der ersten Etage. Alles ist modern, mit Rolltreppen, elektronischen Anzeigen, neuen Z\u00fcgen und einer Sirene, die ununterbrochen geht, ohne dass sie von irgendwem beachtet wird.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber dem ist die Seitenfassade des Nationaltheaters, die selbst wie eine Hauptfassade aussieht. Die geht aber auf dem Rossio. Im Theater gibt es F\u00fchrungen, und zwar <em>todas as segundas<\/em> \u2013 jeden Montag.<\/p>\n<p>Auf dem Rossio stehen wischen den Brunnen rote Eisengitter, die das Wort LOVE formen. Hier k\u00f6nnen junge Paare ihre Vorh\u00e4ngeschl\u00f6sser mit Versprechungen und Liebeserkl\u00e4rungen aufh\u00e4ngen. Es gibt aber auch einfache Widmungen oder Danksagungen. Daneben gibt es eine Bude, an der gesch\u00e4ftst\u00fcchtige Portugiesen die Vorh\u00e4ngeschl\u00f6sser verkaufen und Herzchen, auf denen man die Widmungen anbringen kann.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zur Tabacaria Monaco kommt mir ein Mann entgegen, der mit im Vorbeigehen vorsichtig \u201eMarihuana?\u201c zufl\u00fcstert. Dann komme ich zu dem Tabakladen. Der ist noch geschlossen, aber auch auf den Fliesen drau\u00dfen sie sehen, qualmende Fr\u00f6sche. Einige rauchen sogar beidh\u00e4ndig. Es gibt auch St\u00f6rche, aber die scheinen Nichtraucher zu sein.<\/p>\n<p><em>Lissabon, Stadt der Toleranz<\/em> steht in vielen Sprachen an einer Mauer ein bisschen abseits des Rossio. Das steht etwas unvermittelt da, auf den ersten Blick jedenfalls. Aber dann entdecke ich vor einer Kirche, S\u00e5o Domingo, einen Gedenkstein, der das Motto erkl\u00e4rt. Der Gedenkstein erinnert an ein Judenpogrom. Man denkt unvermittelt an die Nazis, aber es hat mit ihnen nichts zu tun. Es handelt sich um das \u201eOster-Massaker\u201c, ein Massaker, deren Opfer ausgerechnet die aus Spanien ausgewiesenen und nach Portugal gefl\u00fcchteten Juden waren. Sie wurden hier akzeptiert, aber gezwungen, zum Christentum \u00fcberzutreten. Das taten sie auch alle, aber heimlich praktizierten viele weiterhin ihren Glauben. Irgendwann wurden einige dabei \u201eerwischt\u201c, wie sie koschere Speisen zubereiteten. Sie wurden festgenommen, aber dann wieder freigelassen. Als dann einer eine angeblich wundersame Erscheinung in S\u00e5o Domingo auf nat\u00fcrliche Ursachen zur\u00fcckf\u00fchrte, kochte der Volkszorn \u00fcber. Er wurde direkt vor Ort erschlagen. Dann zog der P\u00f6bel los und t\u00f6tete in einem dreit\u00e4tigen Massaker viele von ihnen und den mit ihnen befreundeten Altchristen. Es gab mehrere Tausend Opfer. Aber die Anf\u00fchrer kamen nicht ungeschoren davon. Der K\u00f6nig, Manuel I., lie\u00df sie hinrichten. Das alles geschah 1506. Auf dem Gedenkstein steht ein Zitat aus Hiob (16,18): <em>O terra n\u00e5o ocultes o meu sangue e nao sufoques o meu clamor<\/em> <em>&#8211; Ach Erde, bedecke mein Blut nicht und mein Geschrei finde keine Ruhest\u00e4tte! <\/em><\/p>\n<p>Ich gehe zur\u00fcck zur Pra\u00e7a dos Restauradores. An einer Temperaturanzeige steht 16\u00b0. Am fr\u00fchen Vormittag. Gestern habe ich sogar einmal 22\u00b0 gesehen \u2013 so warm f\u00fchlte es sich aber nicht an. In gro\u00dfen Keramikk\u00fcbeln vor dem Caf\u00e9 de Molino stehen Pflanzen, die wir als Zimmerpflanzen halten.<\/p>\n<p>Was soll man sich in Lissabon ansehen? Was streichen, bei dem gro\u00dfen Angebot? Erst mal das ureigene Portugiesische: Fado und Azulejos.<\/p>\n<p>Die Metrostation Restauradores hat gro\u00dffl\u00e4chige Kacheln mit Linien und Kreisen, die Bewegung andeuten, vor allem wohl Bewegung, wie man sie in der Metro selbst wahrnimmt. Sogar die W\u00e4nde scheinen in Bewegung zu sein.<\/p>\n<p>Das Museo do Fado ist schwer zu finden. Mehrmals erhalte ich indifferentes Kopfsch\u00fctteln bei der Nachfrage in der N\u00e4he der U-Bahn-Station. Dann wei\u00df ein bewaffneter Polizist Bescheid. Die stehen hier an allen Ecken herum, meist ohne erkennbare Aufgabe.<\/p>\n<p>In dem Museum, in einem alten Wasserwerk untergebracht, ist die Begr\u00fc\u00dfung sehr freundlich. Das Museum ist hochmodern. Und ich habe es praktisch f\u00fcr mich alleine.<\/p>\n<p>Gleich zu Anfang sieht man ein Puppenhaus, zweist\u00f6ckig, zuklappbar \u2013 man kann es mit auf die Reise nehmen \u2013 das den Text eines bekannten Fado-Liedes illustriert.<\/p>\n<p>Der Fado ist j\u00fcnger, als man meint. Er stammt erst aus dem 19. Jahrhundert. Er ist urban und an die unteren Klassen gebunden. Es war die Musik von Tagel\u00f6hnern, Kleinkriminellen, Huren, Seeleuten, die Musik der Wirtsh\u00e4user und der Stra\u00dfe. Wie es so oft passiert, erfuhr sie dann sp\u00e4ter ihre Nobilitierung. Nicht etwas die Arbeiterklasse oder die Mittelschicht adoptierte sie, sondern die Intellektuellen, die K\u00fcnstler, die Adeligen! All das erinnert an den griechischen Rembetiko.<\/p>\n<p>Das Wort <em>Fado<\/em> kommt von <em>fatum<\/em>, und der Gesang hat wirklich etwas Schicksalhaftes. Man fragt sich, ob es auch eine Beziehung zwischen <em>Fado<\/em> zur <em>Sausade<\/em> gibt, der \u2013 dem Klischee zufolge \u2013 typisch portugiesischen Grundstimmung, einer schwer fassbaren Mischung aus Wehmut, Sehnsucht und Einsamkeit.<\/p>\n<p>Man sieht ein gr\u00f6\u00dferes \u00d6lgem\u00e4lde mit einem Fado-Musiker und einer ihn schmachtend ansehenden, leicht bekleideten Frau in deren Wohnung. In feinen Pinselstrichen angedeutet sind ein Kamm, eine Nelke, ein Schminktisch, ein Handtuch, ein Krug, das Bild eines Torreros, das Bild des Hl. Lazarus. Der war der Schutzheilige gegen Hunger, Pest und Krieg. Wenn einem das alles erspart blieb, war man schon gut weggekommen.<\/p>\n<p>In verschiedenen Vitrinen sind die Instrumente des Fado ausgestellt, die spanische Gitarre und die portugiesische Gitarre. Die spanische ist die, die wir kennen, die portugiesische hat zw\u00f6lf Saiten und einen anderen K\u00f6rper, ohne Taille, eher wie eine Birne, und kleiner. Eigentlich ist sie gar nicht portugiesisch, sondern, man mag es kaum glauben, englisch! Sie kam \u00fcber die britischen Handelsniederlassungen in Porto und Lissabon hierher.<\/p>\n<p>In den zwanziger Jahren erfuhr der Fado eine Professionalisierung und Institutionalisierung. Als Ausweis daf\u00fcr sieht man Schallplatten renommierter Firmen ausgestellt, Decca, Polydor, Colombia. Die Fadistas trugen jetzt spezielle Kost\u00fcme statt Alltagskleidung, und man brauchte als Fadista jetzt auch\u00a0 einen Ausweis, eine Berufsgenehmigung. Auch solche Ausweise sieht man hier.<\/p>\n<p>Und siehe da, als der Fado in der Mitte der Gesellschaft angekommen war, trat auf einmal die Zensur auf den Plan. Das ist der interessanteste Teil des Museums. Die Originale sind ausgestellt, handgeschriebene oder maschinengeschriebene Texten mit den Vermerken der Zensur. Da gibt es die ganze Bandbreite, von <em>Aprovado<\/em> bis zu <em>Proibido<\/em>. Bei den meisten Texten sind es einzelne Zeilen oder Strophen, die gestrichen wurden, Textstellen, die den Fado verg\u00f6ttlichen oder Todessehnsucht ausdr\u00fccken.<\/p>\n<p>In der oberen Etage kann man sich in Multimediasesseln niederlassen und sich Fado-Musik anh\u00f6ren, mit all der Information, die man sich w\u00fcnschen kann. Es gibt eine riesige Auswahl, etwa gleich viele M\u00e4nner wie Frauen. Ich h\u00f6re mir eine Frau, Ara de Castro, und einen Mann, Joaquim Silveirinha, an. \u00a0Sie gef\u00e4llt mir gut, er nicht. Vor allem das Sehnsuchtsvolle kommt bei ihr gut zum Ausdruck. Bei beiden Biographien spielte der Zufall mit. Sie war Schauspielerin in einer Laienspieltruppe und wurde von dem Regisseur aufgefordert, in ihrer Rolle etwas zu singen. Jemand h\u00f6rte sie zuf\u00e4llig und lud sie ein, bei einem Auftritt mitzuwirken. Er sang schon immer, schon als Kind beim Fu\u00dfball, und machte dann Auftritte bei Wohlt\u00e4tigkeitsveranstaltungen, bei privaten Festen, im Freundeskreis. Wieder war irgendwann ein Entdecker zur Stelle. In einem Interview sagt er, dass es bis zum Ende seiner Karriere sich immer besser f\u00fchlte, wenn er bei einem Ausflug mit Freunden sang als auf der B\u00fchne. Irgendwie glaubt man ihm das.<\/p>\n<p>Vom Fado-Museum kommt man mit dem Bus zum Kachelmuseum. Aber wo ist die Haltestelle? Eine Frau, die wie ein Wasserfall auf Portugiesisch auf mich einredet, fasst mich am Arm und schleppt mich unter best\u00e4ndigem, fr\u00f6hlichem Reden praktisch bis zur Haltestelle. Sie traut mir nicht zu, dass ich das alleine finde und dr\u00fcckt am Ende sogar die Fu\u00dfg\u00e4ngerampel, \u00fcber die ich gehen soll.<\/p>\n<p>An der Haltestelle fragt mich ein Mann, wohin ich wolle. Er sagt mir sofort, welche Linien in Frage k\u00e4men. Als dann der erste richtige Bus kommt, steigt er gleich mit ein und macht den Fremdenf\u00fchrer. Er will mir das Milit\u00e4rmuseum schmackhaft machen und eine Kirche \u2013 \u201eganz voller Gold\u201c &#8211; spricht stolz von einem Flugzeugtr\u00e4ger auf dem Tejo, an dem wir vorbeifahren. Als wir dann ankommen, steigt er mit aus und zeigt mir den Eingang, rechts am Geb\u00e4ude. Er kommt dann noch einmal eigens hinter mir her und zeigt mir noch einmal, wohin ich muss. Am Ende gelingt es mir aber, ihm zu sagen, dass ich mir erst kurz die Fassade des Geb\u00e4udes ansehen will.<\/p>\n<p>Das Museum ist in einem ehemaligen Kloster untergebracht, ein Nonnenkloster, wie ich vermute, Madre de Deus. Es hat eine schlichte, aber doch sch\u00f6n ornamentierte, wei\u00dfe Fassade, im manuelinischen Stil.<\/p>\n<p>Das Museum ist in der Klosteranlage untergebracht, aber die Kirche selbst ist auch ein sozusagen \u201enat\u00fcrlicher\u201c Bestandteil des Museums. Als ich auf der Empore stehe und in das Kirchenschiff hinuntersehe, wei\u00df ich sofort: Hier war ich schon mal. An das Museum kann ich mich aber kaum noch erinnern.<\/p>\n<p>Die ganze Kirche hat im unteren Teil einen Fries aus Delfter Kacheln oder das, was wir Delfter Kacheln nennen w\u00fcrden. Er passt nicht so richtig zu der vor Gold und Glanz strotzenden Kirche. Es sind lauter weltliche Szenen abgebildet, jedenfalls kommt mir das so vor, obwohl einige einen religi\u00f6sen Hintergrund haben m\u00f6gen. Ganz und gar weltlich ist eine Szene, in der eine barf\u00fc\u00dfige Frau mit einem K\u00e4fig auf dem Kopf \u00fcber einen Waldweg geht, mit der Stadt im Hintergrund auf einem H\u00fcgel, flankiert von zwei weiteren, ebenfalls barf\u00fc\u00dfigen Begleitern, einem Mann und einer Frau. Auch sie tragen allerlei Dinge bei sich, darunter einen Korb mit Kartoffeln.<\/p>\n<p>Auch in dem kleinen, zweist\u00f6ckigen Kreuzgang sind lauter weltliche Motive zu sehen, darunter die Hochzeit der Henne, die in einer Kutsche angefahren kommt, von gestiefelten Hunden gezogen. Eine tierische Musikkapelle erwartet die Gesellschaft am Rande eines Ortes, au\u00dferhalb der Stadtmauern. Unter den wartenden G\u00e4sten sind auch rauchende Hunde.<\/p>\n<p>Irgendwo versteckt auf einer h\u00f6heren Etage befindet sich das Panorama von Lissabon. Es stellt Lissabon dar, wie es vor dem Erdbeben aussah. Das Panorama zieht sich \u00fcber zwanzig Meter lang die Wand entlang und muss dabei auch ein paar Ecken \u00fcberwinden. Dargestellt ist die ganze Strecke zwischen Alg\u00e9s und Xabregas, eine Strecke von vierzehn Kilometern. An den beiden Seiten gibt es noch gar keine Besiedlung. Das Panorama besteht meist aus quadratischen, relativ kleinen Kacheln, jeweils acht \u00fcbereinander. Insgesamt d\u00fcrften es gut \u00fcber eintausend Kacheln sein.<\/p>\n<p>Erkennen kann man nichts, ich h\u00e4tte noch nicht einmal erkannt, dass es sich um Lissabon handelt. In der Mitte dr\u00e4ngen sich hinter- und \u00fcbereinander die H\u00e4user, aber man wei\u00df nat\u00fcrlich nicht, ob das eine genaue Darstellung der Verh\u00e4ltnisse ist. Eher nicht.<\/p>\n<p>Das Museum selbst ist eher entt\u00e4uschend. Alle Beschriftungen sind nur auf Portugiesisch, und da komme ich schnell an meine Grenzen. Man erf\u00e4hrt, dass das Wort \u2013 und wohl auch die Sache \u2013 arabisch ist. Aus <em>zuleya<\/em>, \u201akleiner Stein\u2018 und <em>azzelij<\/em> ist portugiesisch <em>azulejo<\/em> geworden.<\/p>\n<p>Die ersten Anregungen f\u00fcr die portugiesischen Kacheln kamen aber \u00fcber den Umweg \u00fcber Spanien nach Portugal, erst von Valencia, dann von Sevilla. Sp\u00e4ter kamen auch fl\u00e4mische Einfl\u00fcsse hinzu. Gerne mehr erfahren h\u00e4tte man \u00fcber die Techniken. Mit blo\u00dfem Auge kann man nur Kacheln unterscheiden, die \u201ebemalt\u201c sind von Kacheln, bei denen sich das Bild erst durch die Zusammensetzung der Kacheln ergibt.<\/p>\n<p>Nach der Besichtigung esse ich in dem Lokal im Innenhof des Museums. Es gibt salzigen, trockenen K\u00e4se als Aperitif und dann \u00a0Schweinelendchen mit Reis und Salat und portugiesisches Bier. Kein Vergleich zu gestern, und nicht einmal teurer!<\/p>\n<p>Am Nebentisch japanische Franzosen oder franz\u00f6sische Japaner. Ein Ehepaar mit drei Kindern. Alle drei sehen ganz und gar japanisch aus und sprechen Franz\u00f6sisch. Auch mit beiden Eltern. Die Mutter ist Japanerin, der Vater Franzose. W\u00e4hrend sich die \u00e4lteste Tochter um das Baby der Familie k\u00fcmmert, surfen die Eltern im Internet, jeder an seinem eigenen Tablet.<\/p>\n<p>An der Haltestelle steht eine Japanerin, die zur Kathedrale will, zur S\u00e9. Es sieht nah aus, aber es ist doch wohl besser, den Bus zu nehmen. Wir beratschlagen, welche Linie in Frage kommt, aber ihr Bus kommt und kommt nicht. Als dann meiner kommt, fahre ich mit einem etwas schlechten Gef\u00fchl weg. Ob es stimmt, was ich ihr gesagt habe?<\/p>\n<p>Ich selbst komme in die Alfama, das historische Viertel der Oberstadt, wunderbar, h\u00fcgelig, mit schmalen, krummen Gassen und immer neuen Ausblicken, vor allem von dem Miradouro de Santa Luzia auf die Unterstadt und den Tejo. Es ist ein Gl\u00fcck, dass ich heute hier lande, bei Sonnenschein.<\/p>\n<p>Die Kathedrale, hier immer nur <em>S\u00e9<\/em> genannt, sieht von au\u00dfen ziemlich wehrhaft aus mit den Zinnen auf den beiden T\u00fcrmen und dem dichten Mauerwerk. Die Fassade, aus Sandstein, ist aber aufgelockert durch eine (sp\u00e4ter hinzugef\u00fcgte) Rosette und ist alles andere als h\u00e4sslich.<\/p>\n<p>Drinnen erwartet man die barocke Faust, aber sie kommt nicht. Der Innenraum ist genauso n\u00fcchtern wie die Fassade, fast schmucklos, und au\u00dferdem stockdunkel, wie man meint, wenn man von drau\u00dfen reinkommt. Dann aber wird es immer heller. Das gelbliche Licht f\u00e4llt durch die Fenster des Chors, vor allem aber durch die Rosette in den Innenraum. Alles wirkt irgendwie echt, unverf\u00e4lscht.<\/p>\n<p>Um in den Kreuzgang zu gelangen, muss man Eintritt bezahlen, aber der lohnt sich, allerdings nicht wegen des Kreuzgangs. Der ist dunkel und befindet sich im Umbau. In der Mitte ist ein Ausgrabungsfeld, aus r\u00f6mischer Zeit. Aber die Ruinen lassen mich kalt.<\/p>\n<p>Sehr sch\u00f6n ist dagegen der Chorumgang, ganz anders als das Hauptschiff, sp\u00e4ter hinzugef\u00fcgt. Ganz schmale, gotische Glasfenster schlie\u00dfen die Kapellen ab. In zwei Kapellen gibt es Grablegen, eine f\u00fcr einen Mann, zwei f\u00fcr Frauen. Der Mann hat als Symbol einen Hund zu F\u00fc\u00dfen liegen, die Frauen haben dagegen ein Buch in der Hand. Es sieht wirklich so aus, als ob sie, auf dem R\u00fccken liegend, lesen w\u00fcrden. In die aufgeschlagenen Texte sind Buchstaben eingemei\u00dfelt.<\/p>\n<p>Schon auf dem R\u00fcckweg sehe ich in einer Seitenkapelle, hinter einem Gitter, eine ganz merkw\u00fcrdige Madonna. Es sieht aus, als wenn sie schwanger w\u00e4re. Bekommt das Jesuskind hier ein Br\u00fcderlein? Oder ein Schwesterlein? Oder ist es nur der H\u00fcftschwung, den der Bildhauer der Figur gegeben hat. Zur Schwangerschaft kaum passend ist das scharfe, m\u00e4nnlich geschnittene Gesicht der Madonna. Und ganz \u00e4hnlich das des Jesuskinds auf ihren Armen. Sehr m\u00e4nnlich, sehr streng, sehr erwachsen.<\/p>\n<p>Danach setze ich mich an die Haltestelle vor der S\u00e8, nicht um einzusteigen, sondern um ein Photo zu machen. Hier gibt es eins der beliebtesten Motive von Lissabon, auch auf Ansichtskarten zu sehen, eine Stra\u00dfenbahn, wie sie vor der S\u00e8 nach links abbiegt, dem kurvigen Stra\u00dfenverlauf folgend.<\/p>\n<p>Als ich warte, h\u00f6re ich ein Gespr\u00e4ch zwischen zwei deutschen Touristen mit. Sie finden, jetzt reiche es auch. Man habe alles gesehen. Es solle ja Leute geben, die eine ganze Woche hier bleiben. Was die wohl die ganze Zeit machen?<\/p>\n<p>Das mit dem Photo ist nicht so einfach, aber das Motiv ist zu reizvoll, um schnell aufzugeben. Immer verstellt jemand oder etwas das Bild oder ich verpasse den richtigen Moment. Am Ende bin ich so halb zufrieden mit meinem Schnappschuss.<\/p>\n<p>Auf dem Weg nach unten komme ich an einem unglaublichen Baum vorbei. Er steht am Wegesrand und wird trotzdem leicht \u00fcbersehen. Er hat ein schirmartiges Bl\u00e4tterdach und ein unwirkliches wirkendes Kn\u00e4uel von Wurzeln, starke Wurzeln, die sich \u00fcbereinander legen und einen flachen, dicken Quader formen. <em>Bela Sombra<\/em> hei\u00dft der Baum.<\/p>\n<p>Weiter unten sehe ich an einer B\u00e4ckerei ein Schild mit der Aufschrift <em>Vende-se p\u00e5o para fora<\/em>. In etwas unbeholfenem Englisch steht daneben <em>Sells bread to outside<\/em>. Das Personalpronomen ist im Portugiesischen enklitisch, auch bei den finiten Formen, im Gegensatz zum Spanischen.<\/p>\n<p>Dann sehe ich ein Caf\u00e9, die Casa Pereira, mit dem Schild: <em>Cha &amp; Caf\u00e9<\/em>. Anders als das Spanische hat das Portugiesische das kantonesische Wort f\u00fcr \u201aTee\u2018 \u00fcbernommen, wie das Russische, das T\u00fcrkische und das Griechische.<\/p>\n<p>Im Zentrum mache ich ein Photo von einem Verkaufsstand, an dem es Fisch gibt, <em>bacalhao<\/em>, dem wichtigsten Fisch auf der portugiesischen Speisekarte. Es ist getrockneter, gesalzener Kabeljau, Stockfisch.<\/p>\n<p>Im Caf\u00e9 Gelo am Rossie bekomme ich einen Kaffee und das ber\u00fchmteste Geb\u00e4ck der Gegend, <em>Past\u00e9is de Nata<\/em> (hei\u00dfen auch <em>Past\u00e9is de Bel\u00e9m<\/em>), mit Zimt und Zucker bestreute Puddingt\u00f6rtchen, f\u00fcr unschlagbare 2,35. Zusammen! Mitten im Zentrum von Lissabon, am Rossio!<\/p>\n<p>Dann gehe ich noch einmal zur Tabacaria Monaco. Diesmal ist sie ge\u00f6ffnet. Es ist ein ganz schmaler, l\u00e4nglicher Raum mit einer den ganzen Raum durchziehenden h\u00f6lzernen Theke. Davor ist immer nur f\u00fcr eine Person Platz.<\/p>\n<p>Der Verk\u00e4ufer ist alles andere als freundlich. Ich bekomme riesige Briefmarken mit Szenen aus der Natur. Sie tragen nicht den Wert, sondern das Gewicht, f\u00fcr das sie g\u00fcltig sind. Leider kann man dadurch auch die Rechnung nicht \u00fcberpr\u00fcfen. Jedenfalls kommen sie mir teuer vor, teurer als Briefpost bei uns.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">24. Februar (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck drei Frauen, deren Sprache ich nicht identifizieren kann: Portugiesisch oder nicht Portugiesisch? F\u00fcr einen Moment glaube ich, dass es irgendein obskurer italienischer Dialekt ist, aber nein, das kann nicht sein. Aber es h\u00f6rt sich anders an als Portugiesisch, irgendwie. Dann habe ich eine Vermutung. Und die best\u00e4tigt sich, als ich nachfrage: Portugiesisch, aber brasilianisches Portugiesisch! Sie sprechen auch Spanisch, denn sie leben in Spanien, auf den Kanaren. Und dann, als ich mich schon wieder gesetzt habe, fragen sie: \u201eUnd Sie sind Deutscher?\u201c Woher sie das wissen, will ich wissen. Liegt es am Gesicht? Nein, an der Aussprache! Man wei\u00df nicht, was schlimmer ist.<\/p>\n<p>Es regnet, also bleibe ich im Untergrund. Es geht zur Metrostation Cais de Sodr\u00e8. Die ist mit Motiven aus Alice in Wonderland ausgestattet. Unten, zu beiden Seiten der Gleise, erscheint die Figur der March Hare, im Laufschritt. Die Figur ist mehrfach wiederholt, so dass man ihn \u201ewirklich\u201c in Bewegung sieht. Unter jedem Hasen steht ein Buchstabe, und die ergeben einen Satz wie \u201eIch habe mich versp\u00e4tet\u201c. Urspr\u00fcnglich sollte dort \u201eI am late\u201c stehen, aber der ausf\u00fchrende K\u00fcnstler entschied sich anders und w\u00e4hlte das Portugiesische. Dann stellte sich aber heraus, dass daf\u00fcr nicht genug Platz war. Da entschied man sich, den letzten Buchstaben wegfallen zu lassen. Also steht jetzt hier \u201eEstou atrasad\u201c. Es ist aber gar nicht klar, welcher Buchstabe fehlt. Im Gegensatz zum Englischen macht das Portugiesische hier eine genderspezifische Unterscheidung: <em>atrasado<\/em> oder <em>atrasada<\/em>. Man h\u00e4tte sich also entscheiden m\u00fcssen, ob der Hase m\u00e4nnlich oder weiblich ist. Durch das Versehen l\u00f6ste sich das Problem von selbst.<\/p>\n<p>Da ich schon einmal unten bin, fahre ich gleich weiter zum Gare do Oriente, dem neuen, von Calatrava f\u00fcr die Expo gestaltetem Bahnhof. Es gibt zwei gegen\u00fcberliegende Geb\u00e4ude, den Bahnhof und ein Einkaufszentrum. Sie haben das gleiche, an Palmen erinnernde Dach aus Glas und Stahl. Das hat eine wunderbare Leichtigkeit. Ich bin aber trotzdem nicht so begeistert. Die dicken Betonw\u00e4nde innen haben nichts von der Leichtigkeit des Dachs, die ganze Halle ist nicht sehr einladend \u2013 ich verzichte darauf, hier einen Kaffee zu trinken \u2013 die Bahngleise sehen ganz normal aus, und die Toiletten sind unzumutbar. Irgendwie ist der Bahnhof fast schon etwas in die Jahre gekommen. Vielleicht tr\u00e4gt aber auch das schlechte Wetter zu dem schlechten Eindruck bei.<\/p>\n<p>Ich fahre zur\u00fcck und gehe zum Elevador de Santa Justa. Es ist der dritte Versuch, und diesmal ist die Schlange nicht so lang. Der Aufzug wird renoviert und ist teilweise mit Planen verdeckt. Es hei\u00dft, er verbinde die Unterstadt mit der Oberstadt, aber auf allen Photos und auch jetzt, wo ich davor stehe, sieht der Aufzug \u201efrei schwebend\u201c aus. Man kann nicht erkennen, wie man dort aussteigen und von der Plattform in ein anderes Viertel gelangen soll. Das kl\u00e4rt sich auf, als wir oben sind. Die Verbindung zum \u201eLand\u201c liegt hinten, auf der R\u00fcckseite des Aufzugs.<\/p>\n<p>Die Kabine ist holzvert\u00e4felt und hat ein Gitterwerk, durch das man w\u00e4hrend der Fahrt nach drau\u00dfen sehen kann. \u00a0Aber warum dieser Aufzug zu den gro\u00dfen Sehensw\u00fcrdigkeiten Lissabons z\u00e4hlen soll, bleibt mir verborgen.<\/p>\n<p>Carmo hei\u00dft das Viertel der Oberstadt, in das man gelangt, wenn man den Aufzug verl\u00e4sst. Gleich hinter dem ist das Museo do Carmo, ein Arch\u00e4ologisches Museum, das in einer bei dem Erdbeben zerst\u00f6rten Kirche untergebracht ist. Ich habe aber die Casa dos Bicos im Sinn und lasse mir das Museum entgehen. Ein Fehler. Ich komme in den n\u00e4chsten Tagen einfach nicht mehr in diese Gegend.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem stellt sich heraus, dass die Casa dos Bicos gar nicht hier oben ist. Das stelle ich aber erst nach mehrmaligem Fragen fest. Am Ende lande ich, von zwei netten Portugiesinnen auf den Weg gebracht, die sich dar\u00fcber streiten, ob sie Englisch oder Portugiesisch mit mir sprechen sollen, auf der Pra\u00e7a do Comercio, unten am Tejo. Dort frage ich in der Touristeninformation nach. Und frage auch gleich nach dem Pessoa-Museum. Und f\u00fcr das entscheide ich mich dann, obwohl ich nur ein paar Schritte von der Casa dos Bicos entfernt bin. Verr\u00fcckt!<\/p>\n<p>Zum Pessoa-Museum geht es mit der Stra\u00dfenbahn. Da steige ich zu fr\u00fch aus und muss noch ein ganzes St\u00fcck zu Fu\u00df weiter. Alle kennen hier das Museum und helfen mir freundlich weiter. Es ist, als ob sie erfreut w\u00e4ren, dass man das Museum besuchen will. Das ist bei den anderen Sehensw\u00fcrdigkeiten nicht so.<\/p>\n<p>Das Haus befindet sich in einem ganz normalen Wohnviertel. Hier lebte Pessoa bis zu seinem Tod 1935. Auf die ganze Fassade verteilt sind Verse von Pessoa, in unterschiedlichen Schriften. Erst allm\u00e4hlich merke ich, dass es immer dasselbe Gedicht ist, nur dass es manchmal das ganze Gedicht, manchmal nur eine Strohe und manchmal nur eine Gedichtzeile ist. Die Zeile, die immer wieder kommt, lautet: <em>Qu\u00e3o pouco diferen\u00e7a a mente interna do homem da dos brutos!<\/em><\/p>\n<p>Der Empfang in dem Museum ist ausgesprochen freundlich. Man wird gefragt, woher man komme und gleich wird auf die deutschen Einfl\u00fcsse verwiesen, die auf Pessoa eingewirkt haben, Nietzsche und Goethe vor allem.<\/p>\n<p>Wenn man in den ersten Raum kommt, h\u00f6rt man Zitate aus den Werken Pessoas. Man ist sofort in deren Bann gezogen, durch die Tiefe und die Ernsthaftigkeit der Gedanken. Die Verse haben etwas Existenzialistisches, es geht um das Leben an sich. Einige Fetzen notiere ich: <em>To be is to renounce. \u2013 Nobody knows his own soul. \u2013 No one knows what\u2019s good or bad<\/em>.<\/p>\n<p>Die Verse werden auf Englisch zitiert. Pessoa verbrachte seine Schulzeit in Durban und schrieb sowohl auf Englisch als auch auf Portugiesisch.<\/p>\n<p>Die Wandtapete besteht aus vergr\u00f6\u00dferten Photos von Pessoa. Er sieht immer gleich aus, mit den immergleichen Erkennungszeichen: runde Brille, Hut, dichter Schn\u00e4uzer, zu einem Dreieck geschnitten, Fliege. Selbst auf einem Kinderbild sieht man ihn schon mit Fliege.<\/p>\n<p>Hier ist alles sehr modern, man kann auf verschiedenen Bildschirmen interaktiv etwas \u00fcber Pessoa erfahren, aber ich h\u00e4tte es lieber etwas konventioneller gehabt, musealer sozusagen. Zumal einige der Bildschirme dauerhaft besetzt sind.<\/p>\n<p>In der unteren Etage ist sein Schlafzimmer mit originalen M\u00f6beln ausgestellt und in Vitrinen ein paar pers\u00f6nliche Dinge. Neben dem Bett steht eine Holztruhe. Darin liegen einige Bl\u00e4tter und andere scheinen hineinzufliegen. Oder herauszufliegen. Das ist eine Anspielung auf Pessoas Nachlass. Im den fand man eine Holztruhe voller Manuskripte, mehr als 20.000 Seiten, Gedichte und Romanfragmente, alles unver\u00f6ffentlicht!<\/p>\n<p>Wichtig sind mir auch Horoskope an der Wand. Pessoa schrieb unter einer ganzen Anzahl von Pseudonymen, aber nicht nur das, er stattete jedes dieser Alter Ego auch mit einer eigenen Biographie aus! Und mit einem eigenen Sprachstil. Und erstellte sogar Horoskope f\u00fcr sie! Eins der Horoskope ist f\u00fcr Ricardo Reis. Er ist an dem Tag geboren, an dem Pessoa gezeugt wurde. Einige der Pseudonyme sind sprechende Namen: Alexander Search, Charles Robert Anon, Horace James Faber.<\/p>\n<p>In demselben Viertel wie das Pessoa-Haus, gar nicht weit entfernt, liegt der Cemit\u00e9rio dos Prazeres, ein Friedhof der besonderen Art. Der Name, \u201aFriedhof der Verg\u00fcngugen\u2018, deutet nicht auf einen besonderen Totenkult hin. Der Name bestand schon f\u00fcr das Viertel, bevor der Friedhof er\u00f6ffnet wurde. Er war einer Choleraepidemie verschuldet, an deren Ende die anderen Friedh\u00f6fe Lissabons \u00fcberf\u00fcllt waren. Er wurde bald zum Friedhof der Prominenten und Reichen.<\/p>\n<p>Schnurgerade, von Zypressen ges\u00e4umte Wege f\u00fchren nach unten, zum Tejo hin. Sie werden quer von ebenso geraden Wegen zerschnitten. Auf beiden Seiten der Wege befinden sich Mausoleen. Einige sehen wie christliche Kirchen aus, einige wie antike Tempel, die meisten aber wie kleine H\u00e4user, mit T\u00fcr und Fenster und Vordach und Gardinen vor den Fenstern.<\/p>\n<p>Man fragt sich, in welcher Form hier die Toten begraben sind. Und die Antwort geben einige der etwas vernachl\u00e4ssigten Mausoleen, bei denen man durch das Fenster sehen kann: Zu beiden Seiten des Innenraums stehen Holzs\u00e4rge auf Regalen. Auch in den kleineren Mausoleen d\u00fcrften bis zu sechs S\u00e4rge passen. Dennoch bleiben viele Fragen offen: Verrotten die S\u00e4rge nicht? Wann werden sie \u201eentsorgt\u201c? Muss es drinnen nicht f\u00fcrchterlich stinken.<\/p>\n<p>Die Namen auf den Gr\u00e4bern klingen spanisch wie Torres, Silva, Costa oder Miranda, oder durch und durch portugiesisch wie Almeida, Pereira, Vieira, Conce\u00e7\u0101o.<\/p>\n<p>Vom unteren Ende des Friedhofs hat man eine gute Sicht auf den <em>Ponte 25 Abril<\/em>, aber wieder gelingt kein gutes Photo. Die rote Br\u00fccke sieht auf dem Photo blass aus, und ihre majest\u00e4tische Form geht verloren.<\/p>\n<p>Nach unendlich langer Wartezeit geht es mit der Stra\u00dfenbahn zur\u00fcck. Am Rossio gehe ich nochmals ins Caf\u00e8 Gelo. Diesmal probiere ich eine queijada. Das sind kleine T\u00f6rtchen, die mit einer Mischung aus Frischk\u00e4se, Eigelb, Zimt und Zucker gef\u00fcllt sind.<\/p>\n<p>Beim Kaffee verschaffe ich mir etwas Klarheit \u00fcber die auf den Pl\u00e4tzen des Zentrums dargestellten K\u00f6nige. Der von der Pra\u00e7a de Figueira ist Jo\u00e5o I. Die Statue wurde etwas versetzt, damit man sie auch von der Pra\u00e7a do Comercio sehen konnte. Jo\u00e5o I unterband die Vereinigung Portugals mit Kastilien (XV). Die hatte sich Portugal aber selbst eingebrockt, nachdem es selbst Anspruch auf den kastilischen Thron angemeldet und den daraus resultierenden Krieg verloren hatte.<\/p>\n<p>Auf der Pra\u00e7a do Comercio steht Jos\u00e9 I., das klassische Beispiel eines aufgekl\u00e4rten Monarchen. Er stellte Adelige an seine Seite, die gegen seinen eigenen Vater rebelliert hatten. Darunter befand sich auch Pombal, den er am Ende zum Ministerpr\u00e4sidenten machte und dem er den Wiederaufbau der Stadt nach dem Erdbeben anvertraute.<\/p>\n<p>Auf dem Rossio steht Pedro IV., der Sohn \u00a0Jo\u0101os VI. Der war angesichts der napoleonischen Bedrohung nach Brasilien geflohen und hatte es sich dort gem\u00fctlich eingerichtet. Als er sp\u00e4ter gezwungen wurde, nach Portugal zur\u00fcckzukehren, lie\u00df er seinen Sohn dort zur\u00fcck. Der stellte sich auf die Seite der brasilianischen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung und wurde zur Belohnung K\u00f6nig von Brasilien!<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">25. Februar (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck belehrt eine Italienerin ihre Mutter. Sie solle nicht <em>grazie<\/em> sagen, sondern <em>obrigada<\/em>. Die Mutter: \u201eObligada?\u201c Die Tochter: \u201eNein, Obrigada\u201c.<\/p>\n<p>Die Zimmerfrauen sind Afrikanerinnen, auch die, die in den Metrowagen aufr\u00e4umen und in den Stationen fegen, auch die Tagel\u00f6hner, die morgens vor dem Theater ihre Dienste anbieten, auch die Stra\u00dfenverk\u00e4ufer mit den ewigen Sonnenbrillen und Selfie-Stangen. Das ist ein Resultat der portugiesischen Geschichte. Im Gegensatz zu Spanien, das 1898 seine letzten Kolonien verlor, behielt Portugal seine Kolonien, au\u00dfer Brasilien, bis weit in das 20. Jahrhundert hinein, bis zu den gro\u00dfen afrikanischen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegungen. Man darf vermuten, dass das die Migration beg\u00fcnstigte \u2013 oder heute noch beg\u00fcnstigt.<\/p>\n<p>Unterwegs sieht man manchmal Wahlplakate, aber immer nur die der PCP. Ob die schon oder noch da stehen, ist unklar. Gefordert wird: L\u00f6hne rauf, Reiche besteuern, \u00f6ffentlichen Dienst st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Heute geht es nach Bethlehem. Mit der Stra\u00dfenbahn. Mit einer modernen, allerdings, einer, die fast ger\u00e4uschlos \u00fcber die Schienen l\u00e4uft und die Haltestellen elektronisch anzeigt.<\/p>\n<p>Die Stra\u00dfenbahn f\u00e4hrt unter dem <em>Ponte 25 Abril<\/em> her. Der Name erinnert an die \u201eNelkenrevolution\u201c, aber die Br\u00fccke wurde w\u00e4hrend der Diktatur errichtet und hie\u00df vorher ausgerechnet <em>Ponte de Salazar<\/em>! Auch mit der Nelkenrevolution ist es so eine Sache. Man denkt an einen Volksaufstand und an die Nelken, die das Volk in die L\u00e4ufe der Gewehre der Soldaten schob. Das gibt aber einen ganz falschen Eindruck. Das Ende der Diktatur wurde nicht vom Volk herbeigef\u00fchrt, sondern vom Milit\u00e4r! Nach dem Sturz der Diktatur gab es in Portugal keine Demokratie, sondern ein Regime von sozialistischen Milit\u00e4rs! Die entlie\u00dfen die Kolonien in die Unabh\u00e4ngigkeit. Und brockten sich selbst damit Probleme ein. Es kamen 800,000 R\u00fcckwanderer in das Heimatland zur\u00fcck. Und das Land geriet in eine schwere Wirtschaftskrise.<\/p>\n<p>Nach gut einer halben Stunde ist man schon in Bethlehem. Die Stra\u00dfenbahn h\u00e4lt direkt vor dem Kloster. Bel\u00e9m. Woher der Name kommt, ist mir immer noch nicht klar. Die Verbindung zu Hieronymus, dem das Kloster geweiht ist, liegt nahe, aber das Kloster wurde erst um 1500 errichtet. Gab es vorher hier keinen Ort? Oder wurde der etwa umbenannt?<\/p>\n<p>Das Kloster ist eine <em>der<\/em> Sehensw\u00fcrdigkeiten Portugals, und das beginnt mit der sch\u00f6n verzierten Sandsteinfassade des sehr, sehr breiten Geb\u00e4udes. <em>Der<\/em> Hingucker an sich ist die S\u00fcdfassade, voller filigranem Baudekor: V\u00f6gel, F\u00fcllh\u00f6rner, \u00c4ffchen, b\u00e4rtige Alte, Meerjungfrauen (gleich unter den Aposteln!), Fratzen, Engel, Reben, L\u00f6wenk\u00f6pfe, mit Kn\u00fcppel und Schild bewaffnete K\u00e4mpfer \u2013 jedes Mal, wenn man hinsieht, entdeckt man etwas Neues. Vor lauter Details geht der Blick auf die zentrale Figur der Jungfrau mit dem Kind fast verloren. Das Portal, mit zahlreichen Fialen, Emblemen, Wappen und Nischen, nimmt fast die gesamte H\u00f6he des Geb\u00e4udes ein und wird flankiert von zwei langgezogenen, mit Gitterwerk und gedrechseltem Stein verzierten Fenstern. Grandios.<\/p>\n<p>Ich gehe erst zum Tejo runter, bevor ich in das Kloster gehe, zum <em>Pedr\u0101o dos Descobrimentos<\/em>. Das hat Portugal, besser gesagt die portugiesische Diktatur, sich selbst ein Denkmal gesetzt, ein Denkmal, das der Seefahrernation Portugal gilt und seiner glorreichen Vergangenheit. In vielen B\u00fcchern wird es als \u201efaschistische\u201c Architektur bezeichnet, aber damit macht man es sich zu leicht. Wenn man davor steht, sieht es allerdings tats\u00e4chlich etwas zu monumental aus. Vorne, fast losgel\u00f6st in der Luft schwebend und dem Wasser zugewandt, ist Heinrich der Seefahrer. Bei der Gelegenheit erfahre ich, dass Heinrich der Seefahrer nie zur See gefahren ist! Er hat seine Leute zur See geschickt. Der Seefahrer ist von beiden Seiten des Monuments zu sehen. Hinter ihm andere ber\u00fchmte Portugiesen, und zwar verschiedene auf beiden Seiten des Monuments, darunter Vasco da Gama. Ein bezeichnendes Detail befindet sich am Ende des Monuments, der hinteren Schmalseite. Da meint man ein Kreuz zu sehen. Es ist aber ein Schwert! Erst jetzt geht mir die \u00c4hnlichkeit der Formen auf. Ein vielleicht unfreiwilliger Verweis auf die portugiesische Kolonialgeschichte: Die \u201eEroberer\u201c schlugen ein Schwert in die Erde, knieten sich nieder und nahmen das Land \u201ein Besitz\u201c. Mit Kreuz und Schwert.<\/p>\n<p>Mit einem Aufzug kann man nach oben fahren. Das lohnt sich vor allem deshalb, weil man von dort einen perfekten Blick auf die Fassade des Klosters hat. Und die ganze Fassade in ein Photo hineinbekommt. Zur anderen Seite hat man einen Blick auf die M\u00fcndung des Tejo und das offene Meer. Und vor dem Monument eine Windrose im Boden und ein Park mit Brunnen vor dem Kloster. Ganz merkw\u00fcrdig ist die Szenerie hinter dem Kloster, mit Industrieanlagen, Hochh\u00e4usern und einem Fu\u00dfballstadion.<\/p>\n<p>Auch am Flussufer, noch etwas weiter stadtausw\u00e4rts, liegt der Torre de Bel\u00e9m, eine der deutlichsten Erinnerungen an die erste Lissabon-Reise. Der Turm stand urspr\u00fcnglich im Wasser. Jetzt steht er n\u00e4her am Land, nur noch durch einen Steg davon getrennt. Das ist das Resultat von Verlandung.<\/p>\n<p>Der Turm passt stilistisch zum Kloster. Es ist einerseits wehrhaft, andererseits so stark verziert, mit Eckt\u00fcrmchen und Balkonen, dass man sich fragt, ob es \u00fcberhaupt um Verteidigung ging. Auf jeden Fall macht er sich hier sehr gut, vor dem Fluss. Von allen Seiten wirkt er wegen des Lichteinfalls irgendwie anders. Ich mache ein Photo im hellen Sonnenschein, aber das bessere ist das mit dichten, aber nicht l\u00fcckenlosen schwarzen, grauen und wei\u00dfen Wolken im Hintergrund. Wie gemalt!<\/p>\n<p>Dann geht es zur\u00fcck zum Kloster. Der Besuch der Kirche ist gratis, f\u00fcr den Kreuzgang muss man zahlen.<\/p>\n<p>Die Kirche, eine hohe Hallenkirche, wirkt dunkel, wird dann aber immer heller und sch\u00f6ner. Sie hat ein f\u00e4cherartiges Gew\u00f6lbe, etwas an die englischen <em>fan-vaults<\/em> erinnernd. Die Dekoration ist \u00fcberbordend, beschr\u00e4nkt sich aber auf Steinmetzarbeiten. Besonders die tragenden Teile l\u00f6sen sich alle auf. Er erinnert ein bisschen an Gaud\u00ed. Auffallend sind auch die riesigen Schlusssteine der Querung.<\/p>\n<p>Der Chor ist auffallend anders. Ganz n\u00fcchtern. Renaissance. Ob er erst sp\u00e4ter gebaut wurde?<\/p>\n<p>Gold und Glanz gibt es nur in einer Seitenkapelle, der Antonius-Kapelle, und die Ausstattung ist, bis auf die Grabm\u00e4ler, bescheiden.<\/p>\n<p>In den Querschiffen befinden sich die Porphyr-Sarkophage verschiedener portugiesischer K\u00f6nige. Davor in Steinrelief verschiedene Szenen aus dem Leben des Hieronymus. Das ist aber die einzige Anspielung auf Hieronymus, die ich finde.<\/p>\n<p>Am westlichen Ende der beiden Seitenschiffe stehen zwei weitere Sarkophage, die Grablege von Vasco da Gama und von Cam\u00f5es. Der ist aber gar nicht hier begraben, er wurde nach einer Epidemie in einem Massengrab verscharrt.<\/p>\n<p>Danach geht es in den ber\u00fchmten Kreuzgang. Wunderbar! Ein Genuss! Die Sonne kommt gerade im richtigen Moment heraus und bringt den hellen Sandstein zum Leuchten. Man hat immer wieder neue Perspektiven, oben und unten, aus dem Innenhof und aus dem Umgang, aus der Mitte des Umgangs oder aus den Ecken.<\/p>\n<p>Auch das ist wieder pure Manuelinik, ganz sp\u00e4te Gotik, mit Ankl\u00e4ngen an die Renaissance. Die hat man vor allem in den B\u00f6gen, vor allem den breiten B\u00f6gen des Obergeschosses (die an die Tudor-Epoche in England erinnern). Von der N\u00fcchternheit der Renaissance ist aber nichts zu sp\u00fcren. Mir fallen die Fialen auf, die sich vom Dach des Obergeschosses in den Himmel schrauben, und die brezelf\u00f6rmigen Verstrebungen, die im Untergeschoss die Stelle der Dreip\u00e4sse annehmen.<\/p>\n<p>In einer Nische im Kreuzgang befindet sich ein modernes Grabmal, in Form eines einfachen Sockels, ein Grabmal, das irgendwie nicht zu der Umgebung zu passen scheint. Und dann noch weniger zu passen scheint, als ich lese, dass es das Grabmal von Pessoa ist. Was hat der hier verloren?<\/p>\n<p>In der Kirche waren mir schwarze T\u00fcren aufgefallen, die in regelm\u00e4\u00dfigen Intervallen in die Wand eines Seitenschiffes eingelassen waren. In dem anderen Seitenschiff waren keine. Was kann es mit den T\u00fcren nur auf sich haben? Keine Ahnung. Jetzt sehe ich wieder schwarze T\u00fcren. Aber wieder nur an einer Seite des Kreuzgangs, n\u00e4mlich an der, die an die Kirche grenzt. Das R\u00e4tsel geht weiter. Dann sehe ich, dass eine der T\u00fcren offensteht. Man geht in die Wand hinein sozusagen und kommt vor ein Gitter: Beichtst\u00fchle! Man kann die T\u00fcr hinter sich verschlie\u00dfen. Der Priester sitzt in der Mauer zwischen Kirche und Kreuzgang und kann die Kundschaft zu beiden Seiten hin bedienen!<\/p>\n<p>Zum Schluss wird dann auch noch klar, wie die Leute auf die Empore der Kirche kommen. Ich hatte aus der Kirche immer oben Besucher gesehen, aber keinen Zugang gefunden. Man kommt durch den Kreuzgang, auf der oberen Etage, auf die Empore!<\/p>\n<p>Nach dem Kloster gehe ich in den Ort. Der ist durchaus sehenswert, vor allem die H\u00e4userfront am Tejo. Irgendwo sehe ich ein Schild mit der Aufschrift Cruz Branca, dem Seelsorgeverband, wieder mit dem charakteristischen \/r\/ des Portugiesischen.<\/p>\n<p>Vor der Konditorei mit dem programmatischen Namen <em>Past\u00e9is de<\/em> <em>Bel\u00e9m<\/em> ist eine lange Schlange. Die zieht sich die ganze Schaufensterfassade entlang. Die Kunden sind nur in der Minderzahl Touristen, die meisten sind Schulkinder aus Bel\u00e9m.<\/p>\n<p>Bei der Suche nach einem Lokal folge ich dem Reisef\u00fchrer, lasse mich aber erst zweimal von der Stra\u00dfenbahn narren und bin schon so weit, wieder aufzugeben. Dann kommt doch eine Bahn in die richtige Richtung, und dann merke ich, dass ich das St\u00fcck auch zu Fu\u00df h\u00e4tte gehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Lokal, <em>Descobre<\/em>, sieht nach gut b\u00fcrgerlich aus, ist aber ganz modern eingerichtet, und die Kunden scheinen Gesch\u00e4ftsleute zu sein. Die meisten Pl\u00e4tze sind reserviert. Alle sind gut gekleidet, ich falle mit meinem Kampfanzug aus der Rolle. Aber der junge Kellner ist genauso unsicher wie ich.<\/p>\n<p>Es gibt hervorragenden Wein, den besten der ganzen Woche, <em>Quinta do Meira<\/em>. Als Vorspeise gibt es Olivenpaste und ganz besonders gut schmeckende Butter mit ger\u00f6stetem und frischem Brot, und als Hauptgericht \u2013 ich traue meinen Augen nicht angesichts der Umgebung \u2013 eine Schlachtplatte, mit Rippchen, W\u00fcrsten und M\u00f6hren, Kartoffeln, Reis und Kohl.<\/p>\n<p>Trotz der Weinschwere schaffe ich es in Lissabon noch in die <em>Casa dos Bicos<\/em>. Die auff\u00e4llige, wei\u00dfe Fassade ist mit dreieckigen, an Diamanten erinnernden Steinen verziert. Auf der Ferne fragt man sich, ob es eine optische T\u00e4uschung ist, aber die Steine sind plastisch.<\/p>\n<p>Hier befindet sich die Stiftung Jos\u00e9 Saramago. Der ist der einzige portugiesische und sogar der einzige in portugiesischer Sprache schreibende Literaturnobelpreistr\u00e4ger. Er ist hier begraben, unter einem Olivenbaum vor dem Haus. So wollte er selbst es, obwohl er viele Jahre bis zu seinem Tod auf Lanzarote gelebt hat und zu allem \u00dcbel mit einer Spanierin verheiratet war. Die \u00dcberf\u00fchrung der Leiche nach Lissabon wurde zu einem einzigen Triumphzug. Ob das an seinen B\u00fcchern lag? Oder vielleicht eher an seinem Engagement. Er lie\u00df keinen Zweifel daran, dass sein Herz links schlug. Und dass es die Aufgabe eines Schriftstellers sei, sich gesellschaftlich zu engagieren.<\/p>\n<p>Auf Photos sieht man ihn mit Garc\u00eda M\u00e1rquez, mit Vargas Llosa, Amos Oz, Benedetti, Susan Sontag, Jorge Amado, Juan Goytisolo, Rafael Alberti, V\u00e1zquez Montalb\u00e1n und Fidel. Eine bezeichnende Auswahl. Auch sieht man ihn bei der Nobelpreisverleihung und als Volkstribun.<\/p>\n<p>Sehr sch\u00f6n gestaltet ist ein Raum, an dem eine ganze lange Wand mit seinen B\u00fcchern gepflastert ist, ganz regelm\u00e4\u00dfig, in mehreren Reihen, portugiesische und ausl\u00e4ndische Ausgaben. Viele der Titel kommen mir bekannt vor, obwohl ich noch nie etwas von ihm gelesen habe, darunter das umstrittene Evangelium nach Jesus Christus. Er hat aber auch B\u00fccher \u00fcber Reisen durch Portugal und einen Roman, in dessen Titel Ricardo Reis vorkommt. Eins der Pseudonyme von Pessoa!<\/p>\n<p>Hinter einem Gitter ist sein Arbeitszimmer nachgebaut. Einfache Einrichtung, mit den unverzichtbaren Objekten: Brille, Schreibmaschine zweiter Hand (die er bis 1989 benutzte!), Pfeife, spezielle Kulis zum Stenographieren \u2013 wusste nicht, dass es so etwas gibt \u2013 drei B\u00e4nde Montaigne, ein dickes Portugiesisch-W\u00f6rterbuch (\u201eEin kleines Land mit einer gro\u00dfen Sprache\u201c) und symbolische Steine aus Fernost und Amerika.<\/p>\n<p>An anderer Stelle sieht man maschinengeschriebene Manuskripte von Gedichten mit vielen handschriftlichen Korrekturen sowie eine Auflistung der Ausgaben, in peinlich genauer Form in einer glasklaren Handschrift mit winzigen Buchstaben.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Haus selbst, das auch Aufmerksamkeit verdient und fr\u00fcher Teil der Stadtmauer oder an sie angelehnt war \u2013 man sieht im hinteren Teil Mauerreste \u2013 kann ich kein Interesse mehr aufbringen. Dazu war es ein Glas Wein zu viel in Bethlehem.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. Februar (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Es regnet, aber es ist immer noch mild, 11\u00b0, aber kein Vergleich mehr mit den ersten Tagen.<\/p>\n<p>In der Metro ist viel Betrieb, es ist fr\u00fcher als sonst, aber nach den zentralen Stationen leeren sich die Wagen schnell. Neben mir und gegen\u00fcber sitzen Afrikanerinnen. Sie haben alle krauses Haar, kurze Beine und auseinanderstehende Z\u00e4hne. Sie sprechen nicht Portugiesisch miteinander, sondern afrikanische Sprachen, aber nur mit ihren Begleiterinnen, nicht mir anderen Afrikanerinnen. Es d\u00fcrften unterschiedliche Sprachen sein.<\/p>\n<p>Ich fahre bis zur Station Colegio Militar\/Luz. Die ganze Station ist ausgestattet mit kleinen, quadratischen, dunkelblauen Fliesen. In jede ist irgendetwas eingeschrieben, ein Buchstabe, eine Strichzeichnung, ein Emblem. Unwillk\u00fcrlich versucht man, da etwas herauszulesen, aber es will nicht gelingen.<\/p>\n<p>Mein Ziel ist nicht Colegio Militar, sondern Luz, also das Estadio da Luz, das Stadion von Benfica. Schon von der Metrostation aus kann man die sch\u00f6nen, geschwungenen roten Stahlr\u00f6hren der Trib\u00fcne sehen. Trotzdem ist es schwer zu finden. Beschilderungen gibt es keine \u2013 das ist ein generelles Manko in Lissabon \u2013 und ich muss mehrmals nachfragen, um zu einem Tunnel zu finden, der dann tats\u00e4chlich zum Stadion f\u00fchrt. Die Umgebung hier ist ganz anders als in den Stadtteilen, die ich kenne: vielspurige Stra\u00dfen mit Unter- und \u00dcberf\u00fchrungen, tosender Verkehr, Hochh\u00e4user.<\/p>\n<p>Dann muss ich noch einmal fast ganz um das Stadion herum. Auch hier gibt es anfangs keine Schilder. Ich begegne keinem einzigen Menschen, bis ich zu der Verkaufsstelle komme. Als es dann so weit ist, habe ich eine Dreiviertelstunde von der U-Bahn aus gebraucht. Gut, dass ich so fr\u00fch aufgebrochen bin.<\/p>\n<p>Hier ist alles Rot: die Schilder, die Gitter vor den Gesch\u00e4ften, die Rohre, die T\u00fcren zu den Toiletten, die Abfallk\u00f6rbe, die Handgriffe und praktischerweise auch die Feuerl\u00f6scher. Selbst die Sponsoren scheint man mit Bedacht ausgesucht zu haben: Sagres, Delta-Kaffee, Mediamarkt. Nat\u00fcrlich sind auch die Eintrittskarten rot.<\/p>\n<p>Man wird zu Porta 15 geschickt. Davor steht die Statue von Eusebio, <em>der<\/em> Identifikationsfigur von Benfica, bis heute. F\u00fcr mich Kindheitserinnerungen. Was waren das f\u00fcr Namen, welche Magie hatte das Fremde: Benfica, Eusebio, Estadio da Luz!<\/p>\n<p>Hinter dem Eingang steht die Statue von Guttmann, mit den beiden Europapokalen, in jeder Hand einen. Darunter ein Zitat, in dem Guttmann Benfica lobt, als einzigartig in seiner Ausstrahlung. Nicht die Rede ist hier von Guttmann-Fluch, auch sp\u00e4ter bei der F\u00fchrung nicht. Als er im Streit von Benfica schied, sagte Guttmann: Benfica wird in hundert Jahren keinen Europapokal mehr gewinnen. Seitdem hat Benfica achtmal das Endspiel erreicht, und immer verloren: gegen AC Mailand, gegen Inter Mailand, gegen Manchester United, gegen Eindhoven und noch mal gegen AC Mailand (Europapokal der Landesmeister) und gegen Anderlecht, gegen Chelsea und gegen Sevilla (UEFA-Cup bzw. Europa League), meistens ganz knapp, zweimal im\u00a0 Elfmeterschie\u00dfen.<\/p>\n<p>Benfica ist der gr\u00f6\u00dfte Sportverein der Welt, mit mehr als 200.000 Mitgliedern. Das dachte ich wenigstens bis vorgestern. Inzwischen wurden aus der Heimat Zweifel angemeldet. Da soll es einen deutschen Verein geben, der besser ungenannt bleibt, der noch mehr Mitglieder haben soll.<\/p>\n<p>Dann beginnt die F\u00fchrung. Wir sind nur zu viert. Die drei anderen sind junge Belgier. Sie waren gestern in Porto und da am Abend noch bei einem Spiel im Stadion, Europa-League. Heute Vormittag sind sie schon hier. Nach der F\u00fchrung gehen sie noch in das Museum von Benfica und gleich anschlie\u00dfend dasselbe nochmal bei Sporting.<\/p>\n<p>Sie sind Anh\u00e4nger von Lokeren. L\u00e4uft nicht gut diese Saison. Das Ziel Europa League ist in weiter Ferne. Es geht nur noch um den Klassenerhalt.<\/p>\n<p>Gef\u00fchrt werden wir von einem jungen Portugiesen, in gut verst\u00e4ndlichem Englisch. Zuerst sehen wir das Modell des neuen Stadions, dann das des alten Stadions. Das neue fasst 65.000 Zuschauer, das alte fasste 125.000. Es war das gr\u00f6\u00dfte Europas und das zweitgr\u00f6\u00dfte der Welt.<\/p>\n<p>Dann sehen wir das Modell des Trainingsgel\u00e4ndes. Es liegt weiter entfernt, auf der anderen Seite des Tejo. Es hat alleine neun Spielfelder, teils Kunstrasen, teils Naturrasen. Es wurde als das beste Trainingsgel\u00e4nde der Welt ausgezeichnet.<\/p>\n<p>Dann geht es auf die R\u00e4nge. Man blickt in das Weite des Stadions. Die Trib\u00fcnen sind zur Mitte hin erh\u00f6ht, in einem schwungvollen Bogen. Es gibt nur Sitzpl\u00e4tze. Nat\u00fcrlich sind auch die Sitze rot. Mit einigen Ausnahmen. Die sind wei\u00df und formen den Namen der Sponsoren.<\/p>\n<p>Es regnet, aber hier werden nur die Spieler nass. Das durchsichtige Dach sch\u00fctzt die Zuschauer.<\/p>\n<p>Dann gehen wir ganz oben fast einmal ganz um das Stadion herum. Hinter Glasw\u00e4nden befinden sich das Restaurant und die B\u00fcror\u00e4ume. Wie es wohl ist, wenn man aus seinem B\u00fcro heraus den ganzen lieben langen Tag auf Trib\u00fcnen sieht?<\/p>\n<p>Dann kommen die Katakomben. Die Wandtapeten haben Bilder \u00a0von Stars der Vergangenheit. Leider sagt der F\u00fchrer wenig dazu.<\/p>\n<p>Zwischen den einzelnen Stationen frage ich ihn zu seinem Lebensweg. Er kommt von den Azoren, hat aber hier in Lissabon studiert. Ja, das Leben sei nat\u00fcrlich ganz anders. Auf den Azoren lebe man st\u00e4ndig vom Wasser umgeben, und jeder kenne jeden. Er habe sich aber schon an Lissabon gew\u00f6hnt, als er seine \u00e4ltere Schwester hier besuchte, jedes Jahr im Sommer.<\/p>\n<p>Er hat Journalismus studiert, aber keine Stelle als Journalist gefunden. Deshalb arbeite er hier, f\u00fcr den \u201eClub seines Herzens\u201c. Warum er denn Anh\u00e4nger von Benfica sei, will ich wissen. Weil das die Regel ist. Er sch\u00e4tzt, dass 65-70% aller Portugiesen Anh\u00e4nger von Benfica ist. Das sei der Club der Armen, Sporting sei der Club der Reichen, Porto dazwischen.<\/p>\n<p>Er wundert sich, dass man in Deutschland oder England oft Anh\u00e4nger des Heimatvereins ist. Und er wundert sich, dass die Spieler von Dortmund zu Bayern wechseln. Das k\u00f6nne hier nicht passieren. Ein Spieler von Benfica w\u00fcrde nie zu Sporting wechseln oder umgekehrt.<\/p>\n<p>Er lernt gerade Deutsch und sagt mir die ersten S\u00e4tzen auf, die er gelernt hat. \u00dcber sich selbst: Alter, Beruf, Herkunft usw. Das h\u00f6rt sich gut an.<\/p>\n<p>Bevor wir in die Umkleidekabinen kommen, sagt er uns, das werde wahrscheinlich eine Entt\u00e4uschung sein. Man sieht nicht die richtigen Umkleidekabinen. Die haben Schwimmbad und Jacuzzi. Diese hier sehen wirklich eher normal aus.<\/p>\n<p>Dann kommt der Presseraum. F\u00fcr ungef\u00e4hr hundert Journalisten. Es gibt aber eine abtrennbare Wand, hinter der Platz f\u00fcr weitere 400 Journalisten ist. Davon wird aber nur bei gro\u00dfen Ereignissen wie der EM Gebrauch gemacht.<\/p>\n<p>Dann kommen wir zu einer gl\u00e4sernen Schiebet\u00fcr. Dahinter ist das Spielfeld. Unter den Kl\u00e4ngen der Hymne von Benfica laufen wir aufs \u00a0Spielfeld. Bis ans Spielfeld. Da, wo der Rasen beginnt, ist Schluss.<\/p>\n<p>Wir gehen in die Kurve, und da sind sie, die Adler! Ich wollte die ganze Zeit nach ihnen fragen. Wo werden sie denn gehalten? Praktischerweise gleich hier am Spielfeldrand. Wir k\u00f6nnen uns mit ihnen photographieren lassen. Sie fliegen jeden Tag ein paar Trainingsrunden, aber am Spieltag kommt nur einer zum Einsatz, immer der gleiche. Er fliegt vor Spielbeginn unter dem Jubel der Zuschauer durchs Stadion. Die anderen sind Ersatzspieler. Ersatzspielerinnen besser. Alle sind Weibchen. Man hat versucht, einen eigenen Benfica-Adler zu z\u00fcchten, aber es hat nicht geklappt. Die Weibchen sind paarungsunwillig.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Ausgang kommen wir an einer S\u00e4ule mit dem Wappen von Benfica vorbei. Ich frage nach dem Namen. Die Antwort ist ganz entt\u00e4uschend: Benfica ist einfach der Name des Stadtteils. Aber h\u00f6rt sich das nicht nach \u201agut-tun\u2018 an? Nein, das sei <em>bemfica<\/em>. Ein anderes Wort.<\/p>\n<p>Auf dem Wappen steht SLB: Sport Lisboa e Benfica. Der Verein ist eine Fusion aus zwei Vereinen. Dabei war Sport der eigentliche Fu\u00dfballverein, Benfica war ein Radfahrverein. Das erkennt man noch an der skizzierten Radrennbahn im Wappen. Das tr\u00e4gt auch das Motto des Vereins \u00a0<em>E pluribus unum<\/em>.<\/p>\n<p>Die F\u00fchrung ist zu Ende. Die Belgier verabschieden sich ins Museum. Ich dr\u00fccke die Daumen f\u00fcr den Rest der Saison und ermutige den F\u00fchrer mit einem Schulterklopfen, weiterhin so gut Deutsch zu lernen. Auf Wiedersehen!<\/p>\n<p>Inzwischen hat der Regen zugenommen. Als ich wieder an der Metro ankomme, bin ich klatschnass.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg steige ich an der Metrostation Parque aus. Die ist von einer modernen belgischen K\u00fcnstlerin ausgestaltet worden. Auf tiefblauen Fliesen sind Landkarten von verschiedenen Teilen der Welt abgebildet. Die illustrieren die allm\u00e4hliche Ver\u00e4nderung des Weltbildes, ganz w\u00f6rtlich gesehen, des Wissens des Menschen um die Gestalt der Erde. Das ist auch aufgrund der portugiesischen Seefahrer immer pr\u00e4ziser geworden. Es gibt dabei auch ein paar phantastische Darstellungen. Die einzelnen Teile sind getrennt durch Totempf\u00e4hle mit allen m\u00f6glichen geheimnisvollen Objekten. In den Fliesen finden sich au\u00dferdem Zitate \u00fcber Entdeckungen und \u00fcber die Welt. Und am Dach des Metrotunnels ist, Buchstabe f\u00fcr Buchstabe, die Erkl\u00e4rung der Menschenrechte eingelassen.<\/p>\n<p>Die Autofahrer in Lissabon sind sehr r\u00fccksichtsvoll. Aber mit den regennassen Stra\u00dfen k\u00f6nnen sie nicht umgehen. Die Fu\u00dfg\u00e4nger am Stra\u00dfenrand bekommen das zu sp\u00fcren. Und das gibt mir heute den Rest. Ich muss jetzt erst mal aufs Trockendeck in die Pension.<\/p>\n<p>Dann kommt die Sonne wieder raus. Ich fahre zur Metrostation Chiado. Unterwegs sehe ich ein Plakat zum Telefonieren mit dem Handy in der Metro (und in der \u00d6ffentlichkeit im Allgemeinen): <em>Evite falar alto ao telem\u00f3vel<\/em>. Das Portugiesische hat hier das urspr\u00fcngliche \/f\/ bewahrt, das im Spanischen zu \/h\/ und dann stumm geworden ist: <em>hablar<\/em>.<\/p>\n<p>Der Chiado ist wieder ein anderer, gar nicht so weit entfernter Ortsteil, auch auf einem H\u00fcgel legen. Einem Mythos zufolge steht Lissabon auf sieben H\u00fcgel. Der Mythos entstand in der Zeit, als man sich bem\u00fchte, eine Parallele zu Rom herzustellen. Es stimmt nat\u00fcrlich nicht. Es sind viel mehr.<\/p>\n<p>Man ist sofort angetan vom Chiado. Ein kleiner, gem\u00fctlicher Platz, von dem ein anderer, gr\u00f6\u00dferer ausgeht und schmale Stra\u00dfen in verschiedenen Richtungen, alle steil bergab.<\/p>\n<p>Wieder hilft der Zufall. Auf einmal befinde ich mich vor dem Caf\u00e9 <em>A Brasileira<\/em>, einer Institution in Lissabon. Es wurde eigentlich als Warenlager f\u00fcr Kaffee aus Brasil gegr\u00fcndet, mit Verkostung. Daraus entstand dann das Caf\u00e9. Wieder ein langgestreckter Raum, mit einer langen h\u00f6lzernen Theke. An den W\u00e4nden Messing-Beschl\u00e4ge, und eine Einrichtung, die an <em>Art D\u00e9co<\/em><strong> <\/strong>denken l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Der Kellner d\u00fcrfte selbst auch Brasilianer sein. Er empfiehlt mir ein Geb\u00e4ckst\u00fcck mit fl\u00fcssiger, schwarzer Schokolade drinnen. Ein Volltreffer!<\/p>\n<p>Pessoa war hier Stammgast. Und die Bronzestatue vor dem Caf\u00e9, an einem Tisch sitzend, stellt ihn da, ein Bein l\u00e4ssig \u00fcber das andere gelegt. Wieder die typischen Accessoires, einschlie\u00dflich Fliege. Eine ganze Gruppe portugiesischer Schulkinder l\u00e4sst sich mit im photographieren. Ich warte in aller Ruhe ab, bis sie fertig sind. Die Sonne ist wieder rausgekommen.<\/p>\n<p>In der Mitte des Platzes steht auf einem niedrigen Sockel eine andere Skulptur. Das ist Chiado. Ich wusste nicht, dass das ein Mann war. Es ist nicht sein richtiger Name, sondern ein Spitzname. Sch\u00f6ne Geschichte. Er wurde aus einem M\u00f6nchsorden ausgewiesen \u2013 oder erst gar nicht aufgenommen \u2013 und zog dann Spottverse zitierend durch die Gegend, in M\u00f6nchskutte. Der Name Chiado bedeutet Seine l\u00e4ssige Haltung, zur Seite gebeugt, mit einem leicht sp\u00f6ttischen L\u00e4cheln auf dem Gesicht, passt dazu.<\/p>\n<p>Eine ganz andere Sache ist das Denkmal auf dem angrenzenden gr\u00f6\u00dferen Platz. Das stellt Cam\u00f5es da. Er steht erh\u00f6ht und sieht eher wie ein Feldherr aus. Auf dem Sockel im Relief ein Dutzend anderer Dichter. Ich kenne keinen davon.<\/p>\n<p>Der absch\u00fcssige Platz ist wieder sch\u00f6n gepflastert, mit den schwarzen und wei\u00dfen Steinen. Hier sind neben den floralen Mustern Karavellen abgebildet.<\/p>\n<p>Ich frage mich zum Pharmazie-Museum durch. Das kennt kein Mensch. Auch die Stra\u00dfennamen, mit denen ich es probiere, sind unbekannt. Inzwischen hat es wieder angefangen zu regnen. Dann treffe ich auf einen Mann, der ganz genau Bescheid wei\u00df.<\/p>\n<p>Das Museum befindet sich in einem Palast, mit Blick direkt auf den Tejo hinunter. Man wagt es kaum, \u00fcber den gepflegten Rasen zum Eingang zu gehen.<\/p>\n<p>Leider ist das Museum in dem hinteren, fensterlosen Teil des Geb\u00e4udes untergebracht. Und die Frau an der Kasse ist so unfreundlich wie es geht. Aber es lohnt sich.<\/p>\n<p>Es geht mit einem Paukenschlag los. Gleich hinter der Eingangst\u00fcr lauert ein Mann in langer, schwarzer Kutte auf mich. Ich zucke vor Schreck zusammen. Er tr\u00e4gt lange schwarze Handschuhe und eine Maske mit einem langen Schnabel, die nur einen Augenspalt frei l\u00e4sst. Sieht wie ein Henker aus. Ist aber ein Arzt. Er tr\u00e4gt die Kleidung, die \u00c4rzte trugen, die bei der Bek\u00e4mpfung der Pest im Einsatz waren.<\/p>\n<p>Auf der unteren Etage sind mehrere komplette Apotheken ausgestellt, einschlie\u00dflich Apotheker, meist aus dem 19. Jahrhundert. Darunter eine aus China. Eine der Apotheken ist eine Reform-Apotheke. Das bedeutet aber nicht, was man vermutet. Eher das Gegenteil. So hie\u00dfen die ersten Apotheken, die \u201eechte\u201c Pharmaka herstellten. Die traditionellen Apotheken verlie\u00dfen sich auf mineralische, tierische und pflanzliche Stoffe.<\/p>\n<p>Neben den alten Apotheken gibt es noch die mobilen Apotheken der NASA und der Weltraumstation Mir zu sehen. Irgendwie sieht die amerikanische Apotheke vertrauensw\u00fcrdiger aus, auf jeden Fall aber moderner.<\/p>\n<p>Auf dem Weg nach oben h\u00e4ngen \u00fcber der Treppe Apothekenschilder, darunter die einer Adler-Apotheke aus Deutschland.<\/p>\n<p>Oben sind Exponate zur Geschichte der Pharmazie zu sehen. Es geht in der Jungsteinzeit los. Hier sind verschiedene M\u00fchlsteine zu sehen. Auf denen hat man Spuren gefunden, die beweisen, dass hier Substanzen zerrieben und zu Heilmitteln verarbeitet wurden.<\/p>\n<p>Es gibt Exponate aus dem alten \u00c4gypten, aus Griechenland und Rom, aus dem Islam, aus dem europ\u00e4ischen Mittelalter. Das ist alles interessanter, als man vermuten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Aus \u00c4gypten gibt es einen echten Skarab\u00e4us. Auf der Unterseite sind Hieroglyphen eingeritzt. Er wurde den Toten auf das Herz gelegt und auch mit auf den Weg ins Jenseits gegeben. Medizin f\u00fcr die Toten. Ganz auffallend sind altamerikanische Figuren, ein Skelett, das wie das eines Affen aussieht, aber das eines Menschen sein soll. Daneben ein Priester, mit den typischen Merkmalen der Figuren aus den altamerikanischen Kulturen, irgendwie quadratisch, mit einem Gewand, an dem alle m\u00f6glichen nicht zu identifizierenden rituellen Objekte h\u00e4ngen. In Amerika war es wie in \u00c4gypten: Die Priester waren gleichzeitig Medizinm\u00e4nner, die Heilkunst hatte etwas Magisches.<\/p>\n<p>In allen Kulturen f\u00e4llt die Mischung aus genauer Beobachtung und magischem Glauben auf. Es wimmelt nur so von Amuletten, D\u00e4monen und Ritualgef\u00e4\u00dfen.<\/p>\n<p>In der europ\u00e4ischen Abteilung steht das Horn eines Einhorns. Ein riesiges, senkrecht aufgestelltes Horn. Das Horn wurde zur Behandlung von Epilepsie, Impotenz, Pest und Pocken verwandt, war aber auch ein Kennzeichen f\u00fcr Apotheke, zumindest in Nordeuropa. Der Glaube an das Einhorn konnte sich so halten. Tats\u00e4chlich stammt das Horn vom Narwal, einer Art Zahnwal.<\/p>\n<p>Irgendwo ist eine Pistole ausgestellt. Man fragt sich, was das mit Pharmazie zu tun hat. Als letztes Mittel? Es ist ganz anders. Auf dem Beschlag der Pistole ist, ganz fein ziseliert, das Bild einer Apotheke eingeritzt, einschlie\u00dflich Apotheker, Kunde und Hund, neben all den Gef\u00e4\u00dfen in den Regalen.<\/p>\n<p>Leider sind die Beschreibungen fast ausschlie\u00dflich auf \u00a0Portugiesisch, und manchmal muss man raten. Gut zu erkennen ist aber ein Koffer f\u00fcr medizinische Ger\u00e4te. Sieht wie ein Handwerkskoffer aus. Ist verschlie\u00dfbar, und f\u00fcr jedes Ger\u00e4t, mehr als zwanzig, hat der Koffer eine Vertiefung, passgenau f\u00fcr jedes Ger\u00e4t.<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig zwei Keuschheitsg\u00fcrtel. Auch die geh\u00f6ren in ein Pharmaziemuseum, unter der Rubrik \u201eVorbeugung\u201c vermutlich. Es sind Keuschheitsg\u00fcrtel f\u00fcr M\u00e4nner, aus Eisen! Sie haben eigene Vorrichtungen, in die die Organe hineingepasst werden. Bequem sieht es nicht gerade aus.<\/p>\n<p>Ganz unscheinbar ist ein echter Schatz des Museums: ein Schimmelpilz. Man sieht ihn von vorn, auf einer Glasplatte, und durch einen Spiegel hinten die Aufschrift, von Fleming h\u00f6chstpers\u00f6nlich: <em>Penicillium<\/em>. Die Entdeckung, erf\u00e4hrt man, bleib anfangs so gut wie unbeachtet. Erst als im 2. Weltkrieg zwei andere Forscher Flemings Entdeckung wieder aufgriffen, begann ein neuer Abschnitt in der Geschichte der Medizin, mit den Antibiotika.<\/p>\n<p>Als ich aus dem Museum herauskomme, scheint mal wieder die Sonne. Auf dem R\u00fcckweg entdecke ich zuf\u00e4llig eine Buchhandlung, die auch in den Reisef\u00fchrern steht, die <em>Livraria<\/em> <em>Bertrand<\/em>. Es handelt sich um die \u00e4lteste (ohne Unterbrechung betriebene) Buchhandlung der Welt. Davon k\u00fcndet auch eine Abbildung auf Fliesen an der Seite der Buchhandlung. Die Fliesen werden allerdings teilweise von M\u00fclleimern verdeckt!<\/p>\n<p>Ich lande in einem einfachen Lokal, einem der vielen, die von au\u00dfen nach mehr aussehen. Es gibt passables Essen \u2013 aber wieder die obligate Gem\u00fcsesuppe und das obligate Schweinefleisch \u2013 und passablen Wein. Das Gericht kommt aus dem Alentejo, im S\u00fcden Portugals, der Wein \u2013 wie der Besitzer \u2013 aus Cerveira, im Norden Portugals.<\/p>\n<p>Dann verlaufe ich mich mal wieder, komme aber auf dem R\u00fcckweg dabei zur Pra\u00e7a do Municipio. Kleiner als die anderen Pl\u00e4tze der Baixa und praktisch menschenleer. An der Stirnseite steht das sch\u00f6ne, zweist\u00f6ckige Rathaus, ganz in Wei\u00df. Auf dem Dach die portugiesische Flagge, im Giebel das Stadtwappen von Lissabon, ein Schiff mit zwei Raben. In halber H\u00f6he ein Balkon, und der ist von historischer Wichtigkeit: Hier wurde 1910 die erste portugiesische Republik ausgerufen, \u00e4hnlich wie bei uns etwas sp\u00e4ter vom Balkon des Reichstags. Die portugiesische Republik hatte ein paar Webfehler. Sie verschliss 44 Regierungen in 16 Jahren. Davon profitierten ihre Gegner. Ein Milit\u00e4rputsch brachte ihr Ende und f\u00fchrte letztlich zu Salazars <em>Estado Novo<\/em> und der jahrzehntelangen Diktatur. Salazar nahm ein f\u00fcr einen Diktator wunderbar unheroisches Ende: Ein Liegestuhl brach unter seinem Gewicht zusammen, er erlitt eine Gehirnblutung, und von der erholte es sich nicht mehr.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">27. Januar (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Eine deutsche Frau bringt zum Fr\u00fchst\u00fcck ihr eigenes Glas Nutella mit. Die Vorstellung, ein paar Tage ohne Nutella zu leben muss unertr\u00e4glich sein.<\/p>\n<p>Das erinnert mich an meine hochgebildete Seminarleiterin, die v\u00f6llig frustriert von ihrer ersten Klassenfahrt nach Spanien zur\u00fcckkehrte. Die Sch\u00fcler h\u00e4tten sich f\u00fcr nichts interessiert, aber st\u00e4ndig geklagt, dass es in der Unterkunft nicht die richtige Sorte Ketchup gebe.<\/p>\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck erinnere ich mich an eine Szene an einer Stra\u00dfenbahnhaltestelle, dieser Tage, in Prazeres. Ein alter Mann sieht auf meine Sandalen, sch\u00fcttelt den Kopf, hebt an, etwas zu sagen und wendet sich dann ab, mit einer wegwerfenden Handbewegung.<\/p>\n<p>Die Taxis von Lissabon sind schwarz, aber nicht ganz. Sie haben ein Dach in einem auff\u00e4lligen, merkw\u00fcrdigen Gr\u00fcn. Das macht sie leicht zu erkennen.<\/p>\n<p>Es ist viel k\u00e4lter geworden, und es regnet den ganzen Tag. Fast den ganzen Tag. Immer wieder kommt zwischendurch ein Sonnenstrahl, dann klart der Himmel ganz auf und dann kommt wieder sintflutartiger Regen. Zweimal muss ich zwischendurch zur Pension, durchn\u00e4sst. In einem Caf\u00e9 ernte ich beim Betreten mitleidige Blicke.<\/p>\n<p>Ich gehe die sanft ansteigende, breite Avenida da Libertade hinauf, in die \u201eandere\u201c Richtung, nicht zum Tejo hinunter. Zwischen den drei Fahrspuren gibt es zwei breite Gehwege, palmenbestanden, wieder mit sch\u00f6nen Mustern im Pflaster. Sonne und B\u00e4ume sorgen f\u00fcr Licht und Schatten auf dem schwarz-wei\u00dfen Boden. Ideal f\u00fcr Photos.<\/p>\n<p>Die Avenida da Libertade m\u00fcndet in die Pra\u00e7a Marquez do Pombal. Der Platz hat nichts zu bieten au\u00dfer einem Kreisverkehr mit vielen Autos. Aber in der Mitte, viel zu hoch auf einem Sockel, steht die Statue des Marquez do Pombal. Der war eine der umstrittensten Figuren der Geschichte Lissabons. Er war der gro\u00dfe Erneuerer, der, der die Sache nach dem Erdbeben von 1755 couragiert in die Hand nahm und die neue, pombalinische Stadt aufbaute. Ich fand zuerst alles, was ich von ihm gelesen habe, durch und durch positiv: den Elan, mit dem er sich ans Werk machte, den Mut, mit denen er Neuerungen betrieb. Brandmauern und Fluchtwege, Abwasserkan\u00e4le und B\u00fcrgersteige, eine erdbebensichere Fachwerkstruktur, einheitliche Ma\u00dfe, vorgefertigte Bauteile, mit denen der Aufbau beschleunigt wurde. Um die Standfestigkeit seiner Bauten zu pr\u00fcfen, lie\u00df er Holzmodelle erstellen und Soldaten im Gleichschritt drum herum laufen, um ein Erdbeben zu simulieren. Und mit der Stadterneuerung hatte er schon vor dem Erdbeben begonnen. Ich wundere mich nur, dass er nicht bekannter ist. Das ist alles vor Paris und Barcelona, vor Haussmann und Cerd\u00e0. Und politisch klingt auch alles, was er machte, progressiv, aufgekl\u00e4rt: Schw\u00e4chung des Adels und der Kirche zugunsten des Staates, Verbot von Hexenprozessen, Abschaffung der Sklaverei, Errichtung von Manufakturen. Warum ist er dann so umstritten? In seiner Vorgehensweise soll er nicht zimperlich gewesen sein, r\u00fccksichtslos seine eigenen Interessen verfolgt haben. Er schaltete seine Gegner aus, bem\u00e4chtigte sich ihrer Besitzt\u00fcmer, lie\u00df sie hinrichten. Den K\u00f6nig, Jos\u00e9 I., scheint es nicht gest\u00f6rt zu haben. Er machte ihn, erst gegen Ende seines Lebens, zum Marquez. Aber seiner Tochter, die ihrem Vater auf den Thron folgte, war er ein Dorn im Auge. Sie entmachtete ihn und schickte ihn in die Verbannung.<\/p>\n<p>Von der Pra\u00e7a Marquez do Pombal geht es immer noch weiter aufw\u00e4rts, immer steiler. Man kommt zum Parque Eduardo VII. Nach dem britischen K\u00f6nig benannt! Ja, hier war ich schon mal. Eine der wenigen Erinnerungen an die erste Reise, zusammen mit dem Elevador Santa Justa und der Torre de Bel\u00e9m, ist der Blick hier hinunter, von den in zackigen Formen geschnittenen Buchsb\u00e4umen des Parks bis zum Tejo in weiter Ferne. Ich kann den Park aber nicht weiter erkunden, denn es f\u00e4ngt wieder an zu regnen.<\/p>\n<p>Oben treffen sich Radfahrer, eher ein seltenes Bild in Lissabon. Eine ganze Gruppe, alle mit Helm und \u00e4hnlichen R\u00e4dern. Das ist die gef\u00fchrte Stadtrundfahrt. Ich hatte davon im Reisef\u00fchrer gelesen. Sie bekommen gerade ihre Instruktionen. Als ich auf halbem Wege nach unten bin, fahren sie an mir vorbei. Mir wird ganz anders, als ich sie lachend und rufend um sich sehend, mit \u00fcber die rutschigen Fliesen nach oben rasen sehe. Und prompt legt sich einer hin. Er hat Gl\u00fcck gehabt und nur ein paar Schrammen abbekommen. Aber das Fahrrad ist total verzogen.<\/p>\n<p>Am Nachmittag, als mal wieder die Sonne rausgekommen ist, spaziere ich in aller Ruhe durch das Burgviertel. Das lohnt sich. Es ist ein richtiges Wohnviertel, mit niedrigen H\u00e4usern und engen Gassen. Da kommen ein paar wunderbare Photos dabei heraus, von T\u00fcren, die dem Gef\u00e4lle angepasst sind, von Fenstern, die mit Brettern vernagelt sind, vom Schatten einer Zypresse an der Burgmauer, von l\u00f6chrigen Socken auf einer W\u00e4scheleine vor einem Hauseingang.<\/p>\n<p>Und das war\u2019s dann schon mit Lissabon. Am Ende der Woche steht noch viel aus: das R\u00f6mische Theater, das (von einem kunstsinnigen Kollegen empfohlene) Museo Calouste Gubelkain, das Convento do Carmo mit seinem Museum, das Nationaltheater, der K\u00f6nigspalast von Bel\u00e9m, die politischen und universit\u00e4ren Geb\u00e4ude, das Stadion von Sporting als Gegenst\u00fcck zu dem von Benfica, ganz zu schweigen von Estoril, Cascais oder Sintra. Aber es lohnt sich, wiederzukommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>22. Februar (Montag) Eine unendlich wirkende Fahrt \u00fcber ein ratterndes Gitter \u00fcber die Br\u00fccke des 25. 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