{"id":8286,"date":"2016-07-18T16:03:23","date_gmt":"2016-07-18T14:03:23","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=8286"},"modified":"2016-07-24T09:33:10","modified_gmt":"2016-07-24T07:33:10","slug":"jerez-2016","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=8286","title":{"rendered":"Jerez (2016)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">17. M\u00e4rz (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen l\u00e4uft im Radio auf dem Weg zum Flughafen spanische Gitarrenmusik.<\/p>\n<p>Vor dem Flughafen l\u00e4uft uns im Nebel fast ein Mann vors Auto. Absichtlich. Er will uns zwingen, stehenzubleiben. Wild mit einem Rucksack vor dem Fenster wedelnd, ruft er immer wieder: \u201eHahn, Flughafen\u201c. Dabei ist der \u00a0Flughafen direkt hinter ihm, n\u00e4her als von unserem Parkplatz aus. Ist er verwirrt oder tut er das mit Absicht?<\/p>\n<p>Als wir uns Jerez n\u00e4hern, hei\u00dft es, wir k\u00f6nnten im Moment nicht landen. Nebel. Verr\u00fcckt. Wir drehen ein paar Runden \u00fcber Jerez in der Hoffnung, dass der Nebel sich lichtet. Aber dann wird es knapp mit dem Treibstoff. Statt in Jerez landen wir in Sevilla.<\/p>\n<p>Es werden Busse bereitgestellt, die einen nach Jerez bringen, aber viele haben ohnehin andere Reiseziele. Und die Organisation unten am Flughafen richtig schlecht. Man l\u00e4uft irgendwie der Masse hinterher.\u00a0 Es wird erst gar kein Versuch gemacht, zu pr\u00fcfen, ob auch alle mitkommen.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck hat sich Xia gegen mich und meine Bedenken\u00a0 durchgesetzt. Wir bleiben gleich in Sevilla. Da wollten wir doch sowieso mal hin.<\/p>\n<p>Es gibt einen modernen Bus ins Zentrum. Hier ist strahlender Sonnenschein, man kann sich kaum vorstellen, dass in Jerez neblig sein soll.<\/p>\n<p>Wir steigen am Busbahnhof aus, um uns Fahrkarten f\u00fcr Jerez zu kaufen, f\u00fcr den Abend. Gar nicht so leicht. Es gibt eine ganze Reihe von Schaltern, alle von privaten Busunternehmen betrieben. Als wir schlie\u00dflich unsere Karten bekommen, werden wir von einem Deutsch sprechenden jungen Spanier angesprochen. Er macht mich darauf aufmerksam, dass man Rucksack offen ist. Damit m\u00fcsse man in Spanien vorsichtiger sein als in Deutschland. Es ist nicht das erste Mal, dass ich im Ausland auf den offenen Rucksack aufmerksam gemacht werde.<\/p>\n<p>Im Bushahnhof k\u00f6nnen wir auch gleich f\u00fcr wenig Geld unser Gep\u00e4ck einschlie\u00dfen. Der Busbahnhof ist ein heller, lichter Ort, mit viel frischer Luft, mit Arkaden auf beiden Seiten, die auf gelb gestrichenen Pfeilern ruhen. Was f\u00fcr ein Unterschied zu den d\u00fcsteren, grauen, stickenden Busbahnh\u00f6fen, die ich kenne!<\/p>\n<p>Auf dem Weg ins Zentrum trinken wir in einer typischen spanischen Bar einen Milchkaffee. Die Bar ist mit allem m\u00f6glichen Zeugs vollgestellt, und auf dem Boden liegt Papier herum. F\u00fcr Xia die erste spanische Bar, und die hinterl\u00e4sst Eindruck.<\/p>\n<p>Wir fragen nach dem Alkazar, aber die mexikanische Frau hinter der Theke wei\u00df nicht Bescheid und verweist uns an den Chef. Der geht eigens mit uns hinaus und weist uns den Weg. Aus <em>alc\u00e1zar<\/em> wird bei ihm <em>arc\u00e1zar<\/em>, typisch andalusisch, und als ich das h\u00f6re, finde ich, dass sich die Reise beinahe schon gelohnt hat.<\/p>\n<p>Als er gerade wieder drinnen ist, wendet sich eine Frau an uns und schiebt noch eine weitere Erkl\u00e4rung hinterher, nur so, um sicherzustellen, dass wir richtig verstanden haben. Von der Hochn\u00e4sigkeit der Sevillanos nichts zu sp\u00fcren, alle sind \u00e4u\u00dferst freundlich.<\/p>\n<p>Wir \u00fcberqueren die Hauptstra\u00dfe und kommen durch einen kleinen Park. Dort steht ein Denkmal f\u00fcr Kolumbus mit einer bronzenen Karavelle ganz oben, geteilt in zwei Teile durch die hohe S\u00e4ule.<\/p>\n<p>Wir kommen an sch\u00f6nen andalusischen H\u00e4usern mit vorkragenden Holzbalkonen vorbei. Xia merkt, dass die von unten \u00fcber und \u00fcber mit Schnitzereien ausgestattet sind. Sie ist begeistert.<\/p>\n<p>Wir kommen an riesigen Mandarinen vorbei, eine Klasse uniformierter Schulkinder kommt uns entgegen, wir setzen uns auf eine gekachelte Parkbank. Auch die Namensschilder der Stra\u00dfen sind gekachelt. Es geht durch die Juder\u00eda, mit Lokalen und sch\u00f6nen Innenh\u00f6fen und gem\u00fctlichen Pl\u00e4tzen. Man ist sofort angetan.<\/p>\n<p>Die meisten B\u00e4ume haben schon volles Laub. Ein Baum ist noch kahl, aber als wir n\u00e4her herankommen, sehen wir, dass er zwei kleine wei\u00dfe Bl\u00fcten tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Dann kommt schon der Alkazar. Und wir wundern uns, dass der Mann aus der Bar uns erst mit der Stra\u00dfenbahn hierher schicken wollte.<\/p>\n<p>Der Alkazar geh\u00f6rt zu den drei Weltkulturst\u00e4tten Sevillas, wie wir aus dem Mund eines Lehrers h\u00f6ren, der seine Schulklasse informiert. Nicht Sevilla insgesamt geh\u00f6re dazu, sondern \u201enur\u201c drei einzelne Geb\u00e4ude: der Alcazar, die Kathedrale und das Archivo de las Indias. Spanien habe, so sagt er, die zweitmeisten Weltkulturst\u00e4tten der Welt.<\/p>\n<p>In den Alkazar geht es durch das L\u00f6wentor. Dort h\u00e4ngen Granat\u00e4pfel. Der Alkazar ist viel gr\u00f6\u00dfer als man meint, wenn man ihn betritt. Vom Innenhof aus geht es in verschiedene Richtungen weiter. Und dann kommt man dann nicht nur in einzelne R\u00e4ume, sondern eigenst\u00e4ndige, weitl\u00e4ufige Geb\u00e4udeteile, mit einem gro\u00dfen Garten mit Brunnen und Grotten an einem Ende. Dort gelingt uns ein sch\u00f6nes Photo: Ein Maler steht, etwas abseits, mit seiner Staffelei vor einer Mauer. Das Photo selbst sieht wiederum wie ein Gem\u00e4lde aus der Zeit des Impressionismus aus.<\/p>\n<p>Rechts vom Innenhof sind R\u00e4ume, die ganz anders aussehen als das, was man hier erwartet, repr\u00e4sentative R\u00e4ume aus der Zeit der Katholischen K\u00f6nige. In einem von ihnen wurde Kolumbus vor seinem Start auf eine Amerikareise von den Katholischen K\u00f6nigen empfangen. Ein Wandgem\u00e4lde zeigt alle zu der Zeit existierenden Typen von Schiffen.<\/p>\n<p>Links vom Innenhof geht es in einen anderen Innenhof mit Ruinen aus der Zeit der Mauren, ein Gerichtssaal wohl.<\/p>\n<p>Ein Teil des alten Alkazars ist zerst\u00f6rt worden, nicht durch Feindeshand, nicht durch Brand, nicht durch Vernachl\u00e4ssigung, sondern durch das Erdbeben von Lissabon! Unglaublich. Ein Teil des Gartens sank dabei ab. Erhalten geblieben in diesem Teil sind die <em>Ba\u00f1os de Do\u00f1a Mar\u00eda<\/em>. Von B\u00e4dern ist zwar nicht mehr so viel zu sehen, aber was das ist, ist die reinste Augenweide: ein im Halbdunkel nach hinten verlaufender \u201eKanal\u201c, dessen r\u00f6tlich schimmernde Pfeiler und Gew\u00f6lbe sich im Wasser spiegeln. Indirektes Licht dringt von den beiden parallel laufenden G\u00e4ngen hinein.<\/p>\n<p>Das Schmuckst\u00fcck des Alkazar ist jedoch der Palast von Pedro el Cruel: S\u00e4uleng\u00e4nge, Stuckdekor, Wandfliesen, Zackenb\u00f6gen, Zedernholzportale, alles wirkt arabisch. Entstand aber f\u00fcr einen christlichen K\u00f6nig. F\u00fcr ihn arbeiteten arabische Baumeister. Das ist das ber\u00fchmte Mud\u00e9jar. Die arabischen Baumeister wurden Pedro von Mohamed V. geschickt, dem Herrscher von Granada, als Dank f\u00fcr ein B\u00fcndnis. Das spricht B\u00e4nde. Die Vorstellung, dass es jahrhundertelang immer nur Mauren gegen Christen ging, ist verfehlt. Es gab immer wieder Zweckb\u00fcndnisse \u00fcber die Grenzen hinweg.<\/p>\n<p>Bei dem Patio de las Doncellas, mit Wasserbassin und doppelst\u00f6ckigen Arkaden, f\u00fchlt man sich wie in der Alhambra. Es fehlen nur die L\u00f6wen. Aber ansonsten kann der Alkazar es locker mit der Alhambra aufnehmen. Die Sonne, die vielen Verzierungen, das Wasser, die immer neuen Durchblicke durch die Arkaden, das ist alles vom Feinsten.<\/p>\n<p>Das obere Stockwerk hat eine Renaissancegalerie, angelegt f\u00fcr die Hochzeit Karls V., aber sie f\u00fcgt sich gut in das maurische Ensemble ein.<\/p>\n<p>Dann gibt es immer wieder neue S\u00e4le und Innenh\u00f6fe, einer pr\u00e4chtiger als der andere. Besonders sch\u00f6n die Kuppelgew\u00f6lbe, aber auch die Durchblicke von einem Raum in den n\u00e4chsten durch Hufeisenbogen. Ein paar Mal gibt es Inschriften mit Zitaten aus dem Koran, in arabischer Schrift. Die Bedeutung ist umstritten: Hat Pedro sie absichtlich anbringen lassen oder verstand er einfach nicht, dass es sich um Koranverse handelte? Auch am Eingang zum Palast sind die Inschriften bemerkenswert: auf Latein, in gotischen Buchstaben, eine Inschrift, die auf Pedro verweist und darunter, auf Arabisch, eine Inschrift, die auf Allah verweist! In gewisser Weise die Quintessenz des Alkazars.<\/p>\n<p>Nach dem Alkazar gehen wir wieder zu der Bar vom Vormittag. Wir setzen uns drau\u00dfen in die Sonne und bestellen Tapas und Bier. Xia ist sehr angetan, obwohl ich mich bei der Bestellung etwas ungeschickt anstelle und allzu viele Tapas mit Kartoffeln bestelle. Fragen muss ich nach <em>salmorejo<\/em> auf der Speisekarte. Der Erkl\u00e4rung zufolge handelt es sich um eine Suppe, dem <em>gazpacho<\/em> \u00e4hnlich. Wir bestellen sie. Tats\u00e4chlich dem <em>gazpacho<\/em> zum Verwechseln \u00e4hnlich, aber dickfl\u00fcssiger.<\/p>\n<p>Dann gehen wir durch den modernen Teil der Innenstadt mit breiter Fu\u00dfg\u00e4ngerstra\u00dfe und vielen Modegesch\u00e4ften \u2013 erst kommen Familienbetriebe, dann internationale Ketten \u2013 in Richtung der \u201ePilze\u201c. Das ist eine moderne Skulptur, die sich \u00fcber einen ganzen Platz erstreckt und verschiedene Ebenen hat. Sie ist Skulptur, hat aber auch eine Funktion, indem sie Dach und Zugang zu verschiedenen Gesch\u00e4ften und Unterhaltungsorten bietet. Wir sind allerdings etwas entt\u00e4uscht. Die Skulptur sah auf den Bildern besser aus, und der Platz hat keinen besonderen Charme.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg trinken wir in einem modernen Innenhof noch einen Kaffee. Der ist l\u00e4ngst nicht so gut wie der am Vormittag. Die Gesch\u00e4fte rund um uns herum, meist Juweliere und Kunstgesch\u00e4fte, sind alle noch geschlossen. Xia macht eine kuriose Ableitung: <em>joya<\/em> hat mit <em>joy<\/em> zu tun!<\/p>\n<p>Die Kathedrale ist verriegelt und verrammelt. Vor der Kathedrale sind Trib\u00fcnen aufgebaut. Alles das ist f\u00fcr die Prozessionen der Semana Santa. Die Kathedrale ist eine der gr\u00f6\u00dften Kirchen der Welt. Da wollte man was beweisen, als S\u00fcdspanien mit Verzug im Laufe der Reconquista die Gotik entdeckte. Und sie ist nicht nur riesig, sondern auch verwinkelt, mit Anbauten zu allen Seiten, so dass man sich kaum orientieren kann.<\/p>\n<p>Leicht zu identifizieren ist die Giralda, der Glockenturm. Man sieht deutlich die drei verschiedenen Entstehungszeichen: unten R\u00f6mer (mit deutlich erkennbaren Spolien), dar\u00fcber Almohaden, dar\u00fcber Almoraviden. Und wenn man die christliche barocke Haube noch dazu nimmt, sind es sogar vier Epochen. Die Giralda ist das Wahrzeichen Sevillas. Xia macht mich auf etwas aufmerksam, was ich nicht gesehen haben: Die Giralda ist viereckig, sonst haben die Minarette Bleistiftform.<\/p>\n<p>Auf einem sehr sch\u00f6nen Platz, auf den wir durch Zufall gelangen, h\u00f6ren wir laute Stimmen sich n\u00e4hern, die etwas skandieren. Eine Demonstration? Krawalle? Eine Veranstaltung der Semana Santa? Die Stimmen kommen n\u00e4her. Sie geh\u00f6ren zu einer Gruppe, die meist aus M\u00e4nnern besteht. Ich spreche ein paar von ihnen an. Es sind offensichtlich keine Spanier. Aber wer sie sind, k\u00f6nnen sie mir trotzdem sagen: Fu\u00dfballanh\u00e4nger des FC Basel!<\/p>\n<p>Auf diesem Platz und anderswo haben die Kirchen die typischen offenen Glockenst\u00fchle, die man sp\u00e4ter mit Lateinamerika verbindet.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Bahnhof sehen wir eine hypermoderne Stra\u00dfenbahn und kommen an der F\u00e1brica de Tabaco vorbei und am Archivo de las Indias.<\/p>\n<p>Nachdem wir am Bushahnhof \u00fcber die Liebe junger M\u00e4dchen zu Pferden gesprochen haben und uns bei dem Thema nicht einigen konnten, geht es mit einem modernen Bus bei Einbruch der D\u00e4mmerung nach Jerez. Durch eine langweilige, flache Landschaft, mit bew\u00e4sserten Feldern. Als wir in Jerez ankommen, ist es dunkel.<\/p>\n<p>Wir sind ziemlich orientierungslos. Der Bahnhof ist auf dem Stadtplan des Reisef\u00fchrers nicht drauf. Wir sollten ein Taxi nehmen, wird uns gesagt, aber wir gehen einfach die Hauptstra\u00dfe entlang, auf gut Gl\u00fcck. Es klappt. Wieder geben lauter freundliche Menschen Auskunft, u.a. ein Ehepaar, das in gebrochenem Deutsch erkl\u00e4rt, wo das Hotel ist und hinzuf\u00fcgt, die deutschen Katholiken seien katholischer als die spanischen.<\/p>\n<p>Je weiter es auf das Zentrum zugeht, umso sch\u00f6ner wird es. Am Ende f\u00fchrt uns eine Frau, deren Tochter gerade nach Deutschland \u201eausgewandert\u201c ist, weil sie dort Arbeit gefunden hat, zu dem farbig beleuchteten Hotel, gleich der Kathedrale gegen\u00fcber gelegen.<\/p>\n<p>Das Hotel ist sch\u00f6n, aber das Zimmer ist eng und verbaut. Im Bad ein riesiger Boiler. Bei dem Wasserhahn muss man sich daran gew\u00f6hnen, dass C nicht f\u00fcr <em>Cold<\/em>, sondern f\u00fcr <em>Caliente<\/em> steht.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">18. M\u00e4rz (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>In der N\u00e4he des Hotels finden wir eine Bar, in der es ein gutes Fr\u00fchst\u00fcck gibt, mit andalusischem Einschlag. Es ist rappelvoll, die Bedienung ist sehr freundlich. Man wird sofort angesprochen, wenn man hineinkommt.<\/p>\n<p>An der Plaza del Arenal, nur ein paar Minuten vom Hotel entfernt, liegt die Touristeninformation. Die Plaza sieht franquistisch aus und ist es auch. Im Zentrum ein Reiterdenkmal von Primo de Ribeira. Der langgezogene, rechteckige Platz ist so etwas wie das Zentrum der Stadt. Hier ist immer was los. An einem Ende ein gro\u00dfes Stra\u00dfencaf\u00e9, am anderen ein auff\u00e4lliger modernistischer Bau.<\/p>\n<p>Die junge Frau in der Touristeninformation ist sehr freundlich und sehr hilfsbereit. Dabei sind die Grenzen der Provinz auch die Grenzen dessen, wor\u00fcber sie Bescheid wei\u00df. Das ist sehr spanisch. Von der Cueva de la Pineta hat sie zwar schon geh\u00f6rt, aber Auskunft kann sie dar\u00fcber nicht geben: \u201eDas ist ja schon in C\u00e1diz\u201c. Sie sucht aber in den Brosch\u00fcren und im Internet, bis sie etwas findet.<\/p>\n<p>Wir gehen gleich, ihrem Tipp folgend, zu San Miguel, <em>der<\/em> Pfarrkirche von Jerez, etwas au\u00dferhalb der Plaza del Arenal gelegen. Obwohl es nur ein paar Minuten Fu\u00dfweg sind, befindet sich die Kirche au\u00dferhalb des historischen Zentrums. Erst nachdem die Grenzen endg\u00fcltig nach Granada verlegt wurden, entstanden in diesem \u201eVorort\u201c auch die ersten christlichen Kirchen.\u00a0 Bis dahin hatte man sich hier mit Kapellen begn\u00fcgt. Der Kirchenbau begann um 1500.<\/p>\n<p>Die Hauptfassade, in drei Geschosse geteilt, mit Triumphbogen und m\u00e4chtigen S\u00e4ulen, wirkt wie ein Turm. Sie entstand erst ca. 150 Jahre nach Baubeginn. Auff\u00e4llig ist obere Bereich, ein Glockenturm mit blauen und wei\u00dfen Kacheln.<\/p>\n<p>Die Kirche wirkt wie eine Hallenkirche. Ganz wunderbar sind die Gew\u00f6lbe. Da gibt es ganz einfache, andere, die spinnenartig sind, wieder andere, die wie eine mehrbl\u00e4ttrige Blume aussehen, und in den Seitenschiffen sind in die Gew\u00f6lbe alle m\u00f6glichen bizarren Figuren eingelassen. Xia wird gar nicht m\u00fcde, immer neue zu entdecken, auch an den Pfeilern, die das Hauptschiff von den Seitenschiffen trennen.<\/p>\n<p>In dem anderen Seitenschiff ist ein Altar f\u00fcr die Prozession der Semana Santa aufgebaut. Xia klettert darunter und entdeckt, dass er hohl ist. Die Madonnenfigur mit den vielen Kerzen davor steht auf einer mit wei\u00dfen T\u00fcchern bedeckten Stellage, die den Anschein erweckt, als w\u00e4re es ein Altar.<\/p>\n<p>Typisch spanisch ist der Hauptaltar, der die ganze H\u00f6he und Breite des Chorabschlusses einnimmt, in drei horizontale und drei vertikale Bahnen geteilt. In allen Teilen vollrunde, fast lebensgro\u00dfe Figuren. Der Mittelpunkt des Skulpturenprogramms ist nat\u00fcrlich San Miguel. Der wird als Sieger der Engelsschlacht dargestellt.<\/p>\n<p>Auf diese Kirche, San Miguel, werden wir in den n\u00e4chsten Tagen immer wieder sto\u00dfen, auch unverhofft, meist dann, wenn wir vom Bahnhof in die Innenstadt kommen und die Orientierung verloren haben.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zur\u00fcck f\u00e4llt mir <em>La Parra Vieja<\/em> auf, der Name einer Bar. Das h\u00f6rt sich irgendwie anz\u00fcglich an, aber ich habe das wohl zwei W\u00f6rter miteinander verwechselt. Die ist einfach \u201aDie alte Rebe\u2018.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he ist ein Bekleidungsgesch\u00e4ft, vor dem ich r\u00e4tseln stehen bleibe: <em>La mala \u00f1.<\/em> Keine Ahnung, wie das zu verstehen ist.<\/p>\n<p>Wir sind auf dem Weg nach einer anderen von der Frau in der Touristeninformation empfohlenen Sehensw\u00fcrdigkeit, dem Palacio del Virrey Laserna. Erst nach mehreren Runden entdecken wir ihn und stellen dann fest, dass er nur ein paar Meter von der Plaza del Arenal entfernt ist. Er steht nicht frei, sondern ist in die H\u00e4userzeile eingef\u00fcgt.<\/p>\n<p>Man tritt etwas unsicher ein, aber das M\u00e4dchen an der Rezeption sagt, die F\u00fchrung k\u00f6nne sofort beginnen. Und schon erscheint der Hausherr: \u201eWillkommen in meinem Palast!\u201c. Wohl dem, der das sagen kann. Wir r\u00e4tseln danach und in den n\u00e4chsten Tagen, ob er ein armer Schlucker ist, der auf das Eintrittsgeld der Besucher angewiesen ist oder ob er ein reicher Adeliger ist, der die F\u00fchrungen als Zeitvertreib macht. Es stellt sich jedenfalls heraus, dass er sehr stolz ist, flie\u00dfend Englisch spricht und Humor hat.<\/p>\n<p>Seine Gro\u00dfmutter, die Mutter seiner Mutter, stammte aus Hamburg. Seine Mutter wohnt nur im Sommer in Jerez, nicht im Winter. Dann wohnt sie in Madrid. Warum wohl, fragt er uns. Die Antwort: Hier gibt es keine Heizung!<\/p>\n<p>Es geht durch eine verwirrende Folge von S\u00e4len, Zimmern und Korridoren und schlie\u00dflich in den Garten. Der Garten hat einen gepflegten Rasen und zugeschnittene Buchsb\u00e4ume, \u00a0aber dazwischen auch m\u00e4chtige \u201enat\u00fcrliche B\u00e4ume\u201c, darunter \u00a0die typischen Jacaranda, von den wir, wenn wir nach C\u00e1diz fahren, noch ein paar richtige Prachtexemplare sehen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Der Stammbaum der Familie ist alt, und das Grundst\u00fcck, auf dem der Palast steht, geht auf die Zeit Alfons des Weisen zur\u00fcck! Der heutige Palast ist eine Mischung aus Barock und Neoklassizismus, aber spanischer Spielart. Wenn man die wei\u00df get\u00fcnchte Fassade sieht mit den Holzt\u00fcren und den schmalen Gittern an Fenstern und Balkonen, dann wei\u00df man: Das ist Spanien.<\/p>\n<p>Bei der F\u00fchrung taucht an drei Stellen in drei verschiedenen R\u00e4umen ein <em>bargue\u00f1o<\/em> auf, und in dem Moment, wo das Wort f\u00e4llt, erinnere ich mich wieder, was das ist. Auch sehr spanisch, eine Mischung aus Sekret\u00e4r und Kommode, fein verziert, mit vielen kleinen F\u00e4chern und Schubladen hinter der aufklappbaren, schr\u00e4gen Schreibfl\u00e4che. In dem letzten <em>bargue\u00f1o <\/em>gibt es ein Geheimfach, das der Herr des Hauses stolz vorf\u00fchrt.<\/p>\n<p>Immer wieder tauchen Portraits eines Mannes auf, der in der Geschichte der Familie eine besondere Rolle spielt, der Gro\u00dfvater oder Urgro\u00dfvater des heutigen Besitzers. Der wurde vom spanischen K\u00f6nig zum <em>Conde de los Andes <\/em>gemacht, ein Titel, den auch der heutige Besitzer noch tr\u00e4gt. Die Geschichte war verwickelt, denn der Gro\u00dfvater war zwar k\u00f6nigstreu, war aber in Verantwortung, als die ersten L\u00e4nder S\u00fcdamerikas in die Unabh\u00e4ngigkeit entlassen wurden.<\/p>\n<p>Gem\u00e4lde, Skulpturen, schwere Leuchter, gerahmte Spiegel gibt es in fast jedem Raum. Die Gem\u00e4lde sind guter Qualit\u00e4t, wenn auch nicht allererste Auswahl. Ein Gem\u00e4lde stammt aus der \u201eSchule von Goya\u201c, und man kann die Handschrift des Meisters deutlich erkennen. Ein anderes kurioses Gem\u00e4lde ist Ergebnis einer Kooperation zweier niederl\u00e4ndischer Meister. Einer hat die Szenerie gemalt, der andere die Figuren! Und dann gibt es noch ein gro\u00dfes Gem\u00e4lde, das nicht mehr komplett ist. Das sieht man aber nur, wenn man darauf hingewiesen wird. Das Gem\u00e4lde wurde bei Krawallen aus dem Fenster geworfen und an den R\u00e4ndern besch\u00e4digt. Daraufhin wurde es gestutzt und neu gerahmt.<\/p>\n<p>Am Ende der Besichtigung wei\u00df man kaum mehr, was man am Anfang gesehen hat, so viele Details gab es zu sehen. Aber irgendwie bleibt uns diese Besichtigung in den n\u00e4chsten Tagen als etwas Besonderes in Erinnerung.<\/p>\n<p>In einer der eher teuer aussehenden Bars gegen\u00fcber dem Rathaus, in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, bestellen wir Tapas. Das ist ein Volltreffer. Es werden die besten Tapas sein, die wir w\u00e4hrend der ganzen Woche bekommen. Und am Ende ist es gar nicht so teuer.<\/p>\n<p>Unterwegs f\u00e4llt mir in der N\u00e4he des Alkazars ein Stra\u00dfenschild auf: Manzana N<sup>o <\/sup>216. Dass man in Spanien in Wohnbl\u00f6cken denkt, und dass diese Wohnbl\u00f6cke <em>manzana<\/em> hei\u00dfen, \u201aApfel\u2018, ist nicht neu, aber ich habe das noch nie bewusst als Stra\u00dfenname gesehen. Scheint hier die Regel zu sein.<\/p>\n<p>Und noch ein kurioser Stra\u00dfenname: <em>Amargura<\/em>. Der Name der Stra\u00dfe ist vermutlich religi\u00f6sen Ursprungs und \u00fcbersetzt sich, statt mit \u201aBitterkeit\u2018, wie man normalerweise annimmt, wohl eher mit \u201aBetr\u00fcbnis\u2018. Der Name der Stra\u00dfe hat jedenfalls Eingang in eine spanische Redewendung gefunden: <em>le trae por la calle de la amargura<\/em> &#8211;<em> er (oder sie) macht sich das Leben schwer. <\/em><\/p>\n<p>Was darf in Jerez nicht fehlen? Der Jerez! In welche Bodega man geht, ist eigentlich egal. Das sagen \u00fcbereinstimmend Reisef\u00fchrer und Touristeninformation. Wir landen bei Fundador, auf einer ansteigenden Stra\u00dfe unweit des Alkazars gelegen, an dessen ganzer Breite wir bei dieser Gelegenheit vorbeigehen. Es herrscht eine fr\u00fchlingshafte, fast sommerliche Atmosph\u00e4re. Die Menschen sind freundlich, es herrscht Betrieb, aber \u00fcberhaupt keine Hektik, und das Zentrum von Jerez ist einfach sch\u00f6n. Zwei Fragen stelle ich mir: Warum hat der deutsche Mann im Flugzeug, der uns zugetextet hat mit seinem Wissen \u00fcber Andalusien, so negativ \u00fcber Jerez gesprochen? Und woher stammen meine Vorbehalte gegen\u00fcber Andalusien? Eher von dem Klischee, dem spanischen Oberbayern, als von der Wirklichkeit.<\/p>\n<p>In der Bodega bekommen wir eine F\u00fchrung zusammen mit einem jungen deutschen Paar. Die sind zum Surfen hier, in einem kleinen Ort an der K\u00fcste Richtung Gibraltar. Sie sind davon sehr angetan. Von Spanien wissen sie so gut wie nichts. Von der Semana Santa haben sie noch nie was geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Das Wort Bodega, erf\u00e4hrt man, ist beim Sherry etwas irref\u00fchrend. Die Bodegas befinden sich nicht im Keller, sondern sind ebenerdig.<\/p>\n<p>Es gibt ein Museum, in dem man Ger\u00e4tschaften wie Korkmaschinen sehen kann und alle Paraphernalia, die man mit dem Sherry verbinden kann, von Etiketten \u00fcber Plakate bis zur Rinde, aus der die Korken gewonnen werden.<\/p>\n<p>Interessanter sind aber die Bodegas selbst. Sie sind wei\u00df get\u00fcncht, aber die W\u00e4nde haben fast fl\u00e4chendeckend einen schwarzen \u00dcberzug. Das ist wohl das Resultat von Witterung und Ausdunstung. Jedenfalls wird dieser \u00dcberzug nicht entfernt. Er dient der Isolierung und hilft, die Temperatur konstant zu halten. Die konstante Temperatur ist das Mantra der Sherry-Hersteller.<\/p>\n<p>Am Eingang zu einer Bodega stehen wir auf einer Karte von Andalusien mit dem\u00a0 \u201eSherry-Dreieck\u201c. Das wird gebildet von der K\u00fcste und zwei Fl\u00fcssen, und nur in diesem relativ begrenzten Raum wird Sherry hergestellt.<\/p>\n<p>Die F\u00e4sser sind leicht versetzt aufeinandergestapelt, immer drei aufeinander. Das hat seinen Sinn: Der oberste ist der j\u00fcngste, der wird nach einiger Zeit der Reife mit den H\u00e4lfte des mittleren gemischt, und die andere H\u00e4lfte des mittleren mit der H\u00e4lfte des unteren. Sherry ist also immer ein \u201eVerschnitt\u201c. Es gibt keinen bestimmten Jahrgang. Die Qualit\u00e4t ist immer konstant.<\/p>\n<p>Im Wesentlich unterscheidet man, nach Reifegrad, drei Sorten. Das sollte leicht genug sein, aber bei den Bezeichnungen kommen wir etwas durcheinander. Hier ist viel die Rede von Pedro Jim\u00e9nez, aber es ist nicht klar, ob es sich dabei um eine Rebsorte handelt und einen Reifegrad. Der Name soll die spanische Adaptation von Peter Siemens sein, einem Deutschen, der eine Rolle bei der Entwicklung des Sherrys gespielt haben soll. Der hellste, trockenste Sherry hei\u00dft <em>fino<\/em>, der halbtrockene <em>amontillado<\/em>. Der dritte schlie\u00dflich hei\u00dft manchmal <em>oloroso<\/em>, aber dieser Begriff f\u00e4llt bei der F\u00fchrung nicht.<\/p>\n<p>Etwas abseits stehen, im Halbdunkel sehr sch\u00f6n wirkend, drei flach liegende F\u00e4sser aufgebockt nebeneinander. Sie sind fast ganz gef\u00fcllt, nur oben ist noch ein schmaler Streifen frei. Der Sherry darunter ist goldgelben in dem mittleren, r\u00f6tlich in dem linken und dunkelbraun in dem rechten Fass. In einem davon schwimmt auf der Oberfl\u00e4che die Hefe. Die wird, soweit wir verstehen, nur bei einer Art von Sherry eingesetzt.<\/p>\n<p>In einer anderen Ecke sind viele F\u00e4sser unregelm\u00e4\u00dfig aufeinandergestapelt. Jedes enth\u00e4lt an der Stirnseite die Unterschrift eines ber\u00fchmten Besuchers der Bodega, darunter Octavio Paz und Pl\u00e1cido Domingo, aber auch Hollywoodstars. Ich entdecke etwas weiter unten Jos\u00e9 Mar\u00eda Pem\u00e1n und spreche den F\u00fchrer darauf an, aber er bel\u00e4sst es bei einem kurzen Kommentar und geht dann weiter.<\/p>\n<p>Die Bodegas Fundador gehen auf einen Franzosen zur\u00fcck, Pedro Domecq, den \u201eGr\u00fcnder\u201c. Es muss aber sp\u00e4ter eine Fusion gegeben haben, denn hier wird auch Harveys Bristol Cream hergestellt, der vielleicht bekannteste Sherry \u00fcberhaupt, und der wurde von Harvey aus Bristol zuerst hergestellt. Fundador macht auch Brandy, mit Terry als der bekanntesten Marke.<\/p>\n<p>Gerne w\u00fcrde man auch etwas \u00fcber die sozialen Verh\u00e4ltnisse wissen und den politischen Einfluss der Sherry-Barone, aber das wird nicht angesprochen. Jedenfalls wirken die Bodegas, die riesige Fl\u00e4chen der Innenstadt von Jerez einnehmen, wie eine Mischung aus Burg und Hacienda und sind wie eine Stadt in der Stadt.<\/p>\n<p>Bei der Verkostung haben die jungen Leute die ganze Palette gew\u00e4hlt, mit dem Resultat, dass es ihnen am Ende zu viel ist und sie ihre Proben mit uns teilen. Wir sind uns alle einig, dass der fast z\u00e4hfl\u00fcssige, sirupartige Sherry, der reifste unter den Proben, nicht das Ma\u00df aller Dinge ist. Alle anderen sind richtig gut, obwohl sehr unterschiedlich im Geschmack. Auch wenn die Mengen klein sind, hat man schnell einen sitzen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">19. M\u00e4rz (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen tut mir die Kellnerin in der Bar den Gefallen, von der <em>Zemana Zanta <\/em>zu sprechen. Wunderbar. Wir sind mitten in dem Teil von Andalusien, wo das <em>ceceo<\/em> vorherrscht, das Gegenst\u00fcck zum <em>seseo<\/em>, das sich dann nach Amerika verbreitet hat.<\/p>\n<p>In einer Apotheke bekommen wir einen f\u00fcrchterlich schmeckenden Hustensaft. Ob die Besserung in den n\u00e4chsten Tagen dem Hustensaft zuzuschreiben ist oder den Globuli oder keinem von beiden bleibt unklar.<\/p>\n<p>Mit dem Bus geht es nach C\u00e1diz. In C\u00e1diz erkenne ich fast nichts wieder, obwohl ich da mal ein paar Tage war. Dagegen kommen mir in Jerez, wo ich nur mal einen Tag war, ein paar Ecken bekannt vor. Ich bin auch verbl\u00fcfft, dass Jerez viel gr\u00f6\u00dfer ist als C\u00e1diz, mehr als doppelt so gro\u00df.<\/p>\n<p>In C\u00e1diz leihen wir uns R\u00e4der aus und radeln einmal um die Innenstadt herum. Das ist perfekt. Es gibt einen Radweg, die Sonne scheint, man kommt immer wieder am Meer vorbei, es gibt sch\u00f6ne Ausblicke. Die sch\u00f6ne Atmosph\u00e4re t\u00e4uscht dar\u00fcber hinweg, dass die ganze Umgebung passabel, aber auch nichts Besonderes ist.<\/p>\n<p>Wir kommen an einer B\u00fcste von Jos\u00e9 Mart\u00ed vorbei und sehen dann die angek\u00fcndigten Jacaranda, die wunderbar in einem kleinen Park am Wegrand stehen.<\/p>\n<p>Einmal geht es sogar richtig aufs Meer raus. \u00dcber einen befestigten Steg geht es auf eine ins Meer hineinragende ehemalige Festung, zackenf\u00f6rmig angelegt, mit einem Leuchtturm. Hier ist auch einer der Sandstr\u00e4nde der Innenstadt.<\/p>\n<p>Als wir einmal rum sind, habe ich noch nicht genug und schlage vor, den Paseo Mar\u00edtimo stadtausw\u00e4rts zu fahren. Keine gute Idee. Es geht an endlosen Sandstr\u00e4nden mit Hotelkl\u00f6tzen und modernen Lokalen entlang, und am Ende bleibt uns nichts anderes \u00fcbrig als zur\u00fcckzukehren, kilometerlang zwischen Kindern, Hunden und Laternenpf\u00e4hlen hindurch man\u00f6vrierend.<\/p>\n<p>Am Ende schieben wir die R\u00e4der Richtung Innenstadt. Dabei kommen wir am Teatro Romano vorbei. Das ist wegen Renovierung geschlossen. Es soll das gr\u00f6\u00dfte Spaniens und das zweitgr\u00f6\u00dfte des r\u00f6mischen Reichs sein.<\/p>\n<p>Xia treibt die Frage um, warum es so viele verglaste Balkone gibt. Meine Hypothese, es w\u00e4re eine Verl\u00e4ngerung des Wohnraums, wird zur\u00fcckgewiesen. Zu recht. Daf\u00fcr sind die Balkone zu klein. Und als Mirador? So viel Aufwand f\u00fcr so wenig Wirkung?<\/p>\n<p>Zuf\u00e4llig sto\u00dfen wir auf die Markthalle. Die macht gerade zu, aber es gibt noch einen zweiten \u201eRing\u201c um sie herum von kleinen Verkaufsst\u00e4nden, die auch Getr\u00e4nke und kleine Gerichte anbieten, die man stehend an runden Tischen verzehrt. Wir bestellen Ziegenk\u00e4se und <em>manzanilla<\/em>. Das ist ein dem Sherry verwandter trockener Wei\u00dfwein. Er schmeckt hervorragend.<\/p>\n<p>Erst sp\u00e4ter stellt sich mir eine linguistische Frage: <em>manzanilla<\/em>? Ist das nicht Kamillentee? Zum Test bestellen wir in den n\u00e4chsten Tagen irgendwo zu einer unverd\u00e4chtigen Tageszeit <em>manzanilla<\/em> und bekommen tats\u00e4chlich Kamillentee. Das Wort hat zwei Bedeutungen.<\/p>\n<p>Wir gehen ein bisschen ziellos durch die Stra\u00dfen. Unterwegs f\u00e4llt mir ein Plakat auf, auf dem man ein geknebeltes M\u00e4dchen sieht. Darunter steht: <em>Te amo # Tu amo. <\/em><\/p>\n<p>Auf dem gro\u00dfen Rathausplatz machen wir Pause mit T\u00f6rtchen, die wir in einer alten Konditorei gekauft haben.<\/p>\n<p>Dann gehen wir in die Kathedrale. Die Fassade ist, gut erkennbar, unten barock und oben klassizistisch.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Besichtigung wird ordentlich abkassiert. Xia ist am Ende arg entt\u00e4uscht: Und daf\u00fcr auch noch Eintritt bezahlen? Recht hat sie, aber ich halte mich an kuriosen Details fest. Da ist in einer Seitenkapelle eine riesige Prozessionsmonstranz ausgestellt. Die hat wirklich etwas Monstr\u00f6ses, das aber auch wieder etwas Bewundernswertes hat. Sie ist ganz aus Silber, ganz fein ziseliert und tr\u00e4gt auch das Wappen der Stadt C\u00e1diz.<\/p>\n<p>In einer anderen Seitenkapelle steht eine Figur von San Sebasti\u00e1n. Warum gibt es solche Figuren so oft? Er war der Helfer gegen die Pest! Im Kopf dieser Statue wurde bei der Restaurierung eine Notiz gefunden, die die Autorenschaft einer Frau zuschreibt! Der Mann, dem man die Statue bis dahin zugeschrieben hatte, war nur f\u00fcr die Farbfassung verantwortlich.<\/p>\n<p>Die Krypta liegt unter dem Meeresspiegel. Dort ist Falla begraben. Er ist in C\u00e1diz geboren und in Argentinien gestorben. Beides wusste ich nicht. Ich h\u00e4tte ihn nach Kastilien verortet.<\/p>\n<p>Gerade rechtzeitig schaffen wir es noch bis zur Torre Tavira. Dort gibt es eine Camera Obscura. Ich kenne das aus Havanna, kann mich aber nicht mehr an die Funktionsweise erinnern. Die Camera Obscura befindet sich in der Torre Tavira fast ganz oben. Es handelt sich um einen dunklen Raum mit einer runden, gekr\u00fcmmten wei\u00dfen Leinwand im Zentrum. Auf diese Leinwand werden, wie durch Magie \u2013 auch diesmal verstehe ich die Erkl\u00e4rung nicht \u2013 Bilder in Echtzeit projiziert, das hei\u00dft man sieht alles, was sich um die Torre Tavira herum in diesem Moment abspielt. Dabei sieht man auch entfernte Punkte ganz nah.<\/p>\n<p>Die F\u00fchrerin macht eine Art Stadtf\u00fchrung von oben und zeigt uns C\u00e1diz, eine Festung, ein fr\u00fcheres Gef\u00e4ngnis, Stadtmauern, eine Kirche mit einer Fassade im Kolonialstil und vieles mehr. Sie spielt auch ein bisschen mit den Figuren, also den Menschen, die dort gerade unterwegs sind, indem sie sie scheinbar in die Luft hebt oder ihnen \u00fcber ein Hindernis hinweg hilft. Vor allem aber zeigt sie uns die T\u00fcrme. Die sind das Besondere an C\u00e1diz, und die kann man von hier aus am besten sehen. Die Torre Tavira ist eine von ihnen. Es sind Wohnt\u00fcrme, die teils auf H\u00e4usern stehen. Noch heute gibt es mehr als hundert davon. Man kann deutlich verschiedene Formen unterscheiden, kegelf\u00f6rmige, eckige, Mischformen und solche mit einer Terrasse, wie dieser hier. Die Torres stammen aus dem 18. Jahrhundert und dienten den Kaufleuten als Wach- und Aussichtst\u00fcrme, von denen aus sie die ein- und auslaufenden Schiffe beobachten konnten.<\/p>\n<p>Mit dem Fahrrad geht es dann \u00fcber Kopfsteinpflaster zum Bahnhof zur\u00fcck. Das lohnt sich. Es geht gegen den Urzeigersinn, und man bekommt noch mal einen ganz neuen Eindruck von der Stadt.<\/p>\n<p>Als wir dann zu Fu\u00df auf dem Weg zum Bahnhof sind, kommen wir an einer breiten Stra\u00dfe noch an einer Reihe unterschiedlicher exotischer B\u00e4ume vorbei, einige davon mit Stacheln. Man kommt sich vor wie in S\u00fcdamerika. Gerne w\u00fcsste man \u00fcber diese B\u00e4ume ein bisschen mehr.<\/p>\n<p>Am Bahnhof erfahren wir dann, dass heute kein Bus mehr nach Jerez f\u00e4hrt. Wir haben uns \u00fcberhaupt nicht darum gek\u00fcmmert. Es gibt aber vielleicht noch einen Zug. W\u00e4hrend ich Erkundigungen einziehe, macht Xia fr\u00f6hliches Treppenh\u00fcpfen und verletzt sich dabei \u00fcbel den Fu\u00df.<\/p>\n<p>Wir haben Gl\u00fcck. Es gibt noch einen Zug. Ganz modern. Und so gut wie leer. Und warten brauchen wir auch nicht lange. Als der Schaffner kommt, finde ich die Fahrkarten nicht. Er bleibt ganz freundlich und sagt, er komme sp\u00e4ter wieder. Ich durchsuche s\u00e4mtliche Taschen von Hosen, Hemd und Rucksack, und am Ende tauchen sie auf. Als wir schon fast in Jerez sind, kommt der Schaffner wieder. Mit einem L\u00e4cheln nimmt er die Karten entgegen. Und sagt: \u201eWenn ich bei Ihnen stehen bleibe, macht sie das nur nerv\u00f6s. Ich wusste, dass Sie die Karten finden w\u00fcrden, wenn ich nicht mehr vor Ihnen stehe\u201c. Was f\u00fcr ein kluger Mann!<\/p>\n<p>In Jerez h\u00f6ren wir gleich hinter dem Bahnhof Stimmen und Kl\u00e4nge. Wir folgen ihnen und als wir immer n\u00e4her kommen, wir uns klar: eine Prozession! Das ist der Vorl\u00e4ufer der Semana Santa. Die f\u00e4ngt offiziell erst morgen an. Die hier machen ihre Prozession sozusagen \u201eau\u00dfer Konkurrenz\u201c. Und dennoch, und obwohl es \u00fcber die Hauptstra\u00dfe geht und obwohl es noch nicht dunkel ist: Keine der Prozessionen der n\u00e4chsten Woche wird uns so in Erinnerung bleiben, wird uns so bewegen wie diese hier. F\u00fcr mich ist es die erste seit vielen Jahren, f\u00fcr Xia die erste \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p>Die laute, rhythmische, manchmal etwas schrille Musik, die Hunderte von Kerzen, die bewegende, obwohl eigentlich ziemlich kitschige Christusfigur auf dem Altar, die pl\u00f6tzliche Stille zwischen den Musikst\u00fccken, die B\u00fc\u00dfer mit ihren altert\u00fcmlichen Gew\u00e4ndern mit den spitzen Kapuzen, der Gleichschritt der Altartr\u00e4ger, die scharfen Kommandos, wenn der Altar abgesetzt wird oder hochgehoben oder um eine Ecke man\u00f6vriert wird, das alles verbindet sich zu einem intensiven sinnlichen Erlebnis. Mit Religion hat das alles wenig zu tun, aber es ist doch irgendwie eine spirituelle Erfahrung.<\/p>\n<p>Wir begleiten die Prozession bis in die Innenstadt. Der Weg f\u00fchrt an einer Kapelle vorbei, die an der Spitze zweier schr\u00e4g zusammenlaufender Stra\u00dfen steht. In der Kapelle steht ein Altar mit einer Madonna. Der Christus wird, in ganz langsamen Schritten, der Kapelle n\u00e4her gebracht und bleibt dann ein paar Minuten vor der Madonna stehen. In der Stille fl\u00fcstert eine Frau mir zu: \u201eLe saluda \u2013 Er gr\u00fc\u00dft sie\u201c.<\/p>\n<p>Der ganze stille Ernst des Augenblicks bekommt noch eine komische Volte. Inmitten der dicht gedr\u00e4ngten Menge entdecke ich eine Statue, einer an dieser Stelle fest installierte Skulptur. Sie zeigt eine Flamencos\u00e4ngerin. Mit m\u00e4chtigen H\u00fcften, festen Br\u00fcsten, einem eng geschnittenen Kleid, das alle Kurven erkennen l\u00e4sst und in einer lasziven Haltung. Die Ironie des Zusammenfalls scheint keinen der Zuschauer zu st\u00f6ren. Oder auch nur aufzufallen. Die Flamenco-S\u00e4ngerin als Erg\u00e4nzung zur Madonna. Eine Allegorie auf Andalusien?<\/p>\n<p>Wir gehen Richtung Hotel und treffen dabei in dem Zigeunerviertel auf eine Bodega, die einladend aussieht. Sie ist rustikal eingerichtet und hat eine Galerie, auf der man auch sitzen kann. Das tun wir. Wir bestellen einen Wein und dann noch einen anderen. Das sind einfache Hausweine. Ordentlich, aber nichts Au\u00dfergew\u00f6hnliches. Und wir bestellen eine ganze Palette von Tapas, mit zum Teil klingenden Namen: <em>papas ali\u00f1adas, carne en zarza, sangre en tomate, albondigas, l\u00e1grimas de pollo, chicharrones, chocos fritos, chorizo. <\/em>Was das denn sei, m\u00f6chte ich wissen: <em>carne en zarza<\/em>. Es stellt sich heraus, dass es ein weit hergeholtes Wortspiel ist, basierend auf der andalusischen Verwechslung von \/l\/ und \/r\/ und dem <em>ceceo<\/em>. Deshalb ist <em>zarza<\/em> sowohl der Name des Viertels als auch die So\u00dfe des Gerichts, <em>salsa<\/em>.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">20. M\u00e4rz (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck kaufen wir in dem Gesch\u00e4ft neben der Bar, das auch am Sonntag ge\u00f6ffnet ist, Obst und Wasser und Cremes gegen Wunden und Sonnenbrand.<\/p>\n<p>Bei sch\u00f6nstem Sonnenschein machen wir uns auf den Weg zum Alkazar. Der ist so gro\u00df, dass auf seinem Areal ein ganzer Palast aus der Neuzeit (XVII) Platz gefunden hat. Uns interessiert aber der eigentliche Alkazar.<\/p>\n<p>Vor dem Eingang zu dem Palast seht ein Modell der mittelalterlichen Stadt. Der Alkazar befand sich damals ganz am \u00e4u\u00dfersten Rand der Stadt. Das Judenviertel befand sich ganz in der N\u00e4he und hatte eine eigene Mauer. Die ganze Stadt war auch ummauert.<\/p>\n<p>Der Alkazar wurde von den Almohaden gebaut und von Alfonso el Sabio erobert und ver\u00e4ndert. Ein Sch\u00f6pfrad, das wie ein Pater Noster funktioniert, mit einem Krug an jedem Speicher des Rads, stammt aus christlicher Zeit. Oben, bevor das Rad nach unten dreht, wird der jeweilige Krug ausgeleert.<\/p>\n<p>Auch aus christlicher Zeit sind die Brenn\u00f6fen. Das wei\u00df man, weil man in muslimischer Zeit nie den Schmutz und Rauch eines Brennofens in der N\u00e4he einer Moschee akzeptiert h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Die Zisterne stammt auch aus christlicher Zeit und ersetzte die fortschrittlichere muslimische Wasserleitung. Das Wasser kam \u00fcber einen Aqu\u00e4dukt hierher. Allerdings waren solche Wasserleitungen auch anf\u00e4llig, sowohl technisch als auch durch Feindeseingriff. Die Christen wollten, genauso wie die Mauren, hier \u00fcberleben k\u00f6nnen, wenn die Stadt angegriffen w\u00fcrde. Platz war f\u00fcr alle da.<\/p>\n<p>Der anf\u00e4lligste Teil der Festung war ganz oben, wo sich ein Tor f\u00fcr die eigene Flucht befand. Deshalb gibt es hier einen Puffer. Das Eingangstor f\u00fchrt n\u00e4mlich nicht direkt in den Alkazar, sondern gegen eine Wand, in der sich ein weiteres Eingangstor befindet. Xia findet eine Parallele zu Knossos, wo es an der Hauptfassade \u00fcberhaupt keinen Eingang gibt.<\/p>\n<p>In der Mitte des Areals hat man einen Kr\u00e4utergarten angelegt. Xia identifiziert Minze, Schnittlauch und Rosmarin.<\/p>\n<p>Eine Empfangshalle, die jetzt zugemauert ist, muss man sich offen vorstellen. Hier wurden W\u00fcrdentr\u00e4ger und wichtige G\u00e4ste empfangen. Die Halle war mit Teppichen und Kissen ausgestattet. Das muss wie die Quintessenz von Luxus gewirkt haben.<\/p>\n<p>Die B\u00e4der sind ganz nach r\u00f6mischem Vorbild angelegt, mit den drei verschiedenen W\u00e4rmegraden. Maurisch sind an ihnen vor allem die sternenf\u00f6rmigen \u00d6ffnungen in der Decke. Wie hier geheizt wurde, wird uns nicht ganz klar, vielleicht durch Hei\u00dfluft unter dem Caldarium.<\/p>\n<p>Wir haben uns eine ganze Zeit im Alkazar aufgehalten und suchen jetzt passenderweise nach einem arabischen Hammam, f\u00fcr den wir mehrmals Werbung gesehen haben. Die Suche stellt sich als schwierig heraus. Immer wieder geht es in der Mittagssonne durch schmale Gassen, die auf Pl\u00e4tze f\u00fchren, wo es alles gibt, au\u00dfer dem Hammam. Wieder geben alle sehr freundlich Auskunft. Am Ende finden wir den Hammam dann noch, aber der stellt sich als Entt\u00e4uschung heraus. Da ist nichts arabisches dran, er ist er wie ein moderner Sch\u00f6nheitssalon in pseudoarabischem Gewand. Als wir dann das Str\u00e4\u00dfchen hinuntergehen, stellen wir fest, dass der Hammam gleich hinter unserem Hotel liegt.<\/p>\n<p>Die lange Suche hat auch ihr Gutes: In einer der stillen Ecken sto\u00dfe ich auf eine wei\u00dfe Wand mit zugemauerten Fenstern und T\u00fcren, auf deren abbr\u00f6ckelndem Putz alle m\u00f6glichen Graffiti-Spr\u00fcche angebracht sind, nichts Besonderes, nur Kritzeleien, und obwohl die nichts Kunstvolles an sich haben, wirkt das Gesamtbild wie ein Kunstwerk.<\/p>\n<p>Xia entscheidet sich f\u00fcr ein Bad im Hotel. Ich gehe derweil auf die Plaza de la Asunci\u00f3n, setze mich in die Sonne und bestelle einen Sherry. Und noch einen. Und noch einen. Und K\u00e4se und <em>lagrimitas de pollo<\/em>, gegrillte H\u00e4hnchenst\u00fccke. Endlich kann ich das Geb\u00e4ude an der Stirnseite dieses sch\u00f6nen Platzes identifizieren, an dem wir immer wieder vorbeigekommen sind: Es ist das Cabildo, d.h. das alte Rathaus. Es hat einer sch\u00f6nen Loggia, flankiert von Statuen von Herkules und C\u00e4sar. Sieht aus wie die Feldherrenhalle in M\u00fcnchen im Kleinformat. Der rechte Teil des Geb\u00e4udes ist eine Kirche, San Dionisio, deshalb sieht das Ensemble so komisch aus. Wenn man wei\u00df, dass dies das alte Rathaus ist, sieht auch pl\u00f6tzlich die Verbindung zum neuen Rathaus. Dessen Fassade befindet sich auf der Calle Consistorio, gar nicht so weit von hier. Aber man verbindet die beiden einfach nicht miteinander. Tats\u00e4chlich ist es so, dass ein Innenhof, der allerdings betr\u00e4chtlich gro\u00df sein muss, die beiden Rath\u00e4user miteinander verbindet.<\/p>\n<p>Als Xia kommt, beschlie\u00dfen wir, uns die erste Prozession des heutigen Tags anzusehen. Es gibt jeden Tag f\u00fcnf, und sie sind alle genau getaktet, so dass sie nicht aufeinandertreffen. Das ist gar nicht so leicht, denn jede ist Stunden unterwegs und fast jede f\u00fchren an der Kathedrale und an der Plaza de la Asunci\u00f3n vorbei.<\/p>\n<p>Die Prozession geht in San Jos\u00e9 los. \u00dcberall warten schon Menschen in den Gassen vor der Kirche. Wir stellen uns dazu. Es ist noch taghell, und als die Prozession kommt, hat sie nicht mehr die intensive Wirkung wie die von gestern. Man sieht aber ein paar Details: Einige B\u00fc\u00dfer gehen barfu\u00df, einige tragen zwei Kreuze auf einmal, einige tragen ein Kleinkind auf dem Arm mit sich. Der Altar stellt den Einzug in Jerusalem dar, eine ganze Szene mit mehreren Figuren. Jetzt verstehen wir auch, was es mit den M\u00e4nnern auf sich hat, deren Schultern mit einer Art Kissen gepolstert sind. Das sind die Altartr\u00e4ger. Und zwar die, die sich in der Pause befinden. Sie l\u00f6sen sich regelm\u00e4\u00dfig ab. Die B\u00fc\u00dfer haben violette H\u00fcte und verteilen Heiligenbildchen. Ein Mann neben uns schenkt uns eins.<\/p>\n<p>Beim Weg zur\u00fcck gibt es regelrecht Stau. In der gesamten Innenstadt ist neben den f\u00fcr die Prozessionen gesperrten Stra\u00dfen und den Trib\u00fcnen mit reservierten Sitzen f\u00fcr Zuschauer nur noch ein schmaler Streifen auf dem B\u00fcrgersteig frei. Und da geht es in beide Richtungen.<\/p>\n<p>Wir fl\u00fcchten uns in ein Caf\u00e9, wo man im oberen Stockwerk die Prozession aus einer anderen Perspektive verfolgen kann. Man ist auf der H\u00f6he der Altarfiguren und sieht auf die Menge unten hinab.<\/p>\n<p>Genauso viel Aufmerksamkeit haben wir aber f\u00fcr die Churros, die wir bestellen. Es gibt eine ordentliche Portion, und die Churros werden ihrem Ruf gerecht, wirklich s\u00e4ttigend zu sein. Das liegt an ihnen, aber auch an der dickfl\u00fcssigen Schokolade, in die sie getunkt werden.<\/p>\n<p>Ich l\u00f6se Verbl\u00fcffung aus bei einer Familie am Nebentisch, als ich frage, ob Churros aus Kartoffeln gemacht werden. Nein, nat\u00fcrlich nicht. Ich war selbst \u00fcberrascht, als ich dieser Tage ein Schild gesehen habe, das solche Churros ank\u00fcndigte. Die Familie hat davon noch nie was geh\u00f6rt. Churros werden aus Brandteig gemacht.<\/p>\n<p>Am Abend setzen wir uns auf die Terrasse des Hotels und beobachten von hier aus die Prozessionen, die an der Kathedrale vorbeidefilieren. Es ist ein privilegierter Aussichtspunkt. Die barocke Fassade, der freistehende Glockenturm und die Kuppel kommen bei der n\u00e4chtlichen Beleuchtung voll zur Geltung.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">21. M\u00e4rz (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Der Rucksack ist gerissen. Bei der Zigarette nach dem Fr\u00fchst\u00fcck spreche ich vor der Bar zwei M\u00e4nner an. Gibt es hier so etwas wie eine Schusterei, wo man das reparieren lassen kann? Spontan kommt nichts, aber dann auf einmal: R\u00e1pido alem\u00e1n. In der Calle Arcos. Beim Theater.<\/p>\n<p>Wir machen uns auf den Weg dorthin und kommen in ein sch\u00f6nes, authentisches Viertel, wo wir noch gar nicht gewesen sind. Unterwegs bleibe ich stehen und mache ein Photo von Lo Spagnolo, einem Gesch\u00e4ft.<\/p>\n<p>R\u00e1pido alem\u00e1n ist eine traditionelle Schuhmacherei, mit einer Theke vorne und der Werkstatt hinter einem Vorhang. Und einem Schild mit \u00d6ffnungszeiten an der T\u00fcr: 8.30-1.30 und 5.30-8.30. W\u00e4hrend einer der M\u00e4nner hinter dem Vorhang verschwindet, macht sich der andere an einer Poliermaschine zu schaffen und unterh\u00e4lt sich mit uns. Bald kommt der andere zur\u00fcck: alles in Ordnung, 3,50 \u20ac.<\/p>\n<p>Wir machen uns zu Fu\u00df auf den Weg zum Bahnhof. Wir wollen zum Flughafen, um es doch noch mit einem Mietauto zu versuchen. Aber zum Flughafen kommt man nicht so ohne Weiteres. Laut Fahrplan fahren Stadtbusse dorthin, aber nirgendwo ist die Abfahrtstelle zu finden. Die privaten Buslinien fahren entweder gar nicht oder sp\u00e4ter. Dann versuchen wir es noch mit dem Zug. Der f\u00e4hrt nur einmal pro Tag. Da stimmt doch etwas nicht. Nach weiterem Fragen und Suchen versuchen nehmen wir schlie\u00dflich ein Taxi.<\/p>\n<p>Der redselige Fahrer erz\u00e4hlt von sich. Mit dem Stolz des Provinzlers sagt er, er sei in Jerez geboren und habe nie woanders gelebt. So, als w\u00e4re das ein Verdienst. Seine Tochter, die sei jetzt in Valencia. Krankenschwester. Keine Arbeit in Jerez. Alle Stellen abgeschafft.<\/p>\n<p>Er sucht nach einem Adjektiv, um sich selbst zu beschreiben, kommt aber nicht drauf: \u201eYo soy \u2026\u201c Ich mache einen Vorschlag: \u201e\u2026campechano?\u201c \u2013 Ja, das ist es.<\/p>\n<p>Von der Cueva de la Pineta hat er noch nie was geh\u00f6rt. Aber Ronda kennt er nat\u00fcrlich, und Arcos auch. Da habe er neulich Freunde hingefahren, einen Professor aus Teneriffa und seine Frau. Die habe einen Preis bekommen f\u00fcr ihre Gedichte \u00fcber Arcos, sei aber noch nie dagewesen. Als er sie dann in Arcos herumgef\u00fchrt habe, habe sie vor R\u00fchrung geweint.<\/p>\n<p>Am Flughafen \u00fcbernimmt Xia Gott sei Dank die Verhandlungen bei den Autofirmen. Man muss an verschiedenen Schaltern nachfragen, aber der Preisvergleich ist gar nicht so einfach: Benzin schon mitgerechnet, welche Versicherungen, genaue R\u00fcckgabezeit, ein oder zwei Fahrer usw. Dann aber geht alles ganz schnell. Das Auto steht gleich auf dem Parkplatz vor der Abflughalle, und los geht es nach Arcos. Xia am Steuer.<\/p>\n<p>Wir haben uns am Ende doch f\u00fcr ein Auto entschieden, da viele Ort schlecht mit \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen sind und andere wie die Cueva de la Pineta gar nicht. Ich bereue es etwas, mich nicht auf den Vorschlag eingelassen zu haben, gleich von Deutschland aus ein Auto f\u00fcr die ganze Woche zu reservieren. Das w\u00e4re g\u00fcnstig und praktisch gewesen.<\/p>\n<p>Arcos de la Frontera, Vejer de la Frontera, Jerez de la frontera, und keine Grenze weit und breit. Da, wo heute keine Grenze ist, war aber fr\u00fcher eine, die zwischen dem maurischen und dem christlichen Spanien.<\/p>\n<p>Arcos ist eins der wei\u00dfen D\u00f6rfer Andalusiens. Es ist auf den ersten Blick h\u00e4sslich, auf den zweiten umwerfend sch\u00f6n, auf den dritten mittelsch\u00f6n. Es liegt hoch oben auf einem Felsen, der unten vom Guadalete umflossen wird. Von allen drei Seiten, wie es hei\u00dft. Das wird von oben aber nicht so deutlich. Die Aussicht ist sch\u00f6n, aber nicht \u00fcberw\u00e4ltigend.<\/p>\n<p>Es gibt eigentlich nur eine Hauptgasse, von der verschiedene G\u00e4sschen abzweigen. Xia gelingt es, ganz weit oben, unmittelbar vor dem Eintritt in die Hauptgasse, einen Parkplatz zu finden. Hier kann man eigentlich nur ein bisschen durch die Gassen schlendern. Das tun wir. Irgendwann kommt man auf einen gr\u00f6\u00dferen, rechteckigen Platz, der nicht so recht zu der Gesamtanlage der Stadt passt.<\/p>\n<p>Auf verschiedenen T\u00fcrmen sind auch hier Storchennester, wie wir sie auch in Jerez schon mehrfach gesehen haben.<\/p>\n<p>Wir finden eine Bar, <em>Alcarav\u00e1n<\/em>, mit einem niedrigen Eingang. Sie ist fast in die Stadtmauer eingelassen oder in einen Felsen gehauen. Hier gibt es leckeren Wein und wunderbare Tapas: Oliven, Auberginen, K\u00e4se, Schinken, <em>salmorejo<\/em>. Zu ihrem eigenen Erstaunen schmecken Xia sogar die Oliven. Zum ersten Mal. Die schmecken wirklich anders, nicht so streng. In den n\u00e4chsten Tagen bekommen wir manchmal welche von dieser Art, manchmal von der anderen.<\/p>\n<p>Xia bemerkt, dass sie auf dem Hinflug \u00fcberall Wasser gesehen h\u00e4tte, kurz vor dem Anflug auf Sevilla. Was das denn sein k\u00f6nne? Keine Ahnung. Ich versuche mein Gl\u00fcck mit Raten: Stauseen. Der Blick auf die Karte best\u00e4tigt das. \u00dcberall Stauseen. Das Erbe Francos.<\/p>\n<p>Von Arcos geht es nach Vejer, ein Arcos im Kleinformat. Auch Vejer liegt auf einem Hochplateau. Auch hier ist alles wei\u00df, au\u00dfer der vollst\u00e4ndig erhaltenen Stadtmauer und der Pfarrkirche, die sich, steinsichtig, deutlich von den wei\u00dfen H\u00e4usern absetzen. Wir machen Halt bei einem Kaffee auf der sch\u00f6nen, palmenbestandenen Plaza de Espa\u00f1a mit einem sch\u00f6nen, gekachelten Brunnen in der Mitte. Von hier aus sind es nur noch zehn Kilometer bis zur K\u00fcste. Und da wollen wir hin.<\/p>\n<p>Es geht zum Kap Trafalgar. Je n\u00e4her wir kommen, umso sch\u00f6ner wird die Umgebung. An der Stra\u00dfe, die zum Kap f\u00fchrt, stehen ganz dicht gedr\u00e4ngt, etwas unterhalb der Stra\u00dfe, B\u00e4ume mit einem dichten Dach in der Form von Regenschirmen. Von der Stra\u00dfe sieht das wie ein Teppich aus.<\/p>\n<p>Man l\u00e4sst das Auto am Stra\u00dfenrand stehen und geht durch den Sand Richtung Kap. Noch ist es hell, als wir am Kap ankommen, d\u00e4mmert es, als wir wieder zur\u00fcck sind, ist es dunkel. Und wie werden mit einem spektakul\u00e4ren Himmel belohnt, der sich von Minute von Minute ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Wir klettern auf den Felsen mit dem Leuchtturm und haben einen weiten Blick den Sandstrand entlang in die Ferne, mit dem Wasser vor der untergehenden Sonne und dem sich verf\u00e4rbenden Himmel. Es ist einfach gro\u00dfartig.<\/p>\n<p>Es ist warm, aber auch windig. Das ist typisch f\u00fcr diese Gegend. Heute zieht das Surfer an, fr\u00fcher war es eine gef\u00e4hrliche Stelle f\u00fcr die Schiffe. Das k\u00f6nnte auch bei der Schlacht eine Rolle gespielt haben. Der Wind bewirkt auch, dass es hier \u00fcberall D\u00fcnen gibt, ein ungew\u00f6hnlicher Anblick in Spanien.<\/p>\n<p>Bei der Schlacht hatten die Briten weniger Schiffe als die vereinte franz\u00f6sisch-spanische Flotte, aber ihre Anordnung war anders. Das wird auf einer Schautafel deutlich. Auch der Laie kann sehen, dass die Briten so viel flexibler waren als die der Reihe nach aufgestellten Franzosen. Als der franz\u00f6sische Oberbefehlshaber dann einen Befehl zum Wenden gab, brach das Chaos aus. Die Niederlage nahm ihren Lauf. Die Zahl der Toten ist unglaublich: 6000, die meisten waren Spanier und Franzosen.<\/p>\n<p>Immer noch beeindruckt von dem wunderbaren Naturschauspiel treten wir die Heimfahrt an. Es ist noch ein ganzes St\u00fcck bis nach Jerez. Dort angekommen, finden wir per Zufall einen viel k\u00fcrzeren Weg vom Bahnhof, wo wir das Auto in einem Parkhaus abgestellt haben, in die Innenstadt.<\/p>\n<p>In einer sch\u00e4bigen Bar gibt es ein paar ganz passable Tapas. Dann noch ein Bier in einem Caf\u00e9. Als wir gerade sitzen, kommt eine Prozession vorbei. Die B\u00fc\u00dfer tragen rot, und der Altar stellt die gesamte Abendmahlsszene dar.<\/p>\n<p>Dann kommt irgendwie die Rede auf die Kamera, Xias Kamera: \u201eHast du sie?\u201c \u2013 \u201eNein, hast du sie?\u201c \u201eNein. Erst langsam wird es zur Gewissheit: Die Kamera ist weg. Unterwegs haben wir Photos gemacht, aber mit dem Handy. Ein geh\u00f6riger Schrecken, aber wir bleiben k\u00fchl und rekonstruieren den Verlauf des Tages. Gar nicht so einfach. Wir sind an so vielen Orten gewesen. Eins wird klar: Das Photo heute Morgen auf dem Weg zum Schuster muss ich mit der Kamera gemacht haben. Es ist auf den Handys nicht drauf. Auf der Theke beim Schuster liegen lassen? Das ist eine M\u00f6glichkeit. Aber so richtig \u00fcberzeugend klingt es nicht. Am Flughafen? Im Taxi? In einer Bar? Im Auto? Es gibt unz\u00e4hlige M\u00f6glichkeiten. Keine guten Aussichten.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">22. M\u00e4rz (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Der erste Gedanken gilt der Kamera. Was kann man machen? Ohne gro\u00dfe Hoffnung wenden wir uns an das freundliche M\u00e4dchen an der Rezeption und bitten sie, bei dem Taxiunternehmen anzurufen. Wann genau wir denn das Taxi genommen h\u00e4tten? Wohin wir gefahren w\u00e4ren? Wer denn der Taxifahrer gewesen w\u00e4re? Sie kommt sofort durch und gibt einen genauen Lagebericht, aber das Gespr\u00e4ch ist nach einer Minute beendet. Hoffnung begraben? Noch nicht. Sie solle in einer Viertelstunde noch mal anrufen. Gespannt warten wir. Dann kommt das zweite Gespr\u00e4ch. Wieder gibt sie ihren Lagebericht. Dann gibt es eine Pause. Sie nickt, l\u00e4chelt und legt auf. Jaaaa! Die Kamera ist in dem Taxi liegen geblieben. Der Taxifahrer habe sie gefunden, habe uns aber nat\u00fcrlich nicht lokalisieren k\u00f6nnen. Momentan sei der Taxifahrer\u00a0 unterwegs, werde aber, sobald er seinen Fahrgast abgeliefert habe, hierher kommen. Gro\u00dfe Erleichterung. \u00dcber den zuf\u00e4lligen Fund. \u00dcber die Ehrlichkeit des Taxifahrers. Der h\u00e4tte sich die Kamera einfach unter den Nagel rei\u00dfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Xia schickt mich in eine Bar und wartet derweil auf den Taxifahrer. Ich gehe in die kleine Bar direkt gegen\u00fcber dem Hotel, nicht in unsere. Dort h\u00e4ngt hinter der Theke ein Schal, Fu\u00dfball. Fanverbr\u00fcderung Sevilla \u2013 Schalke. Der Jerez hat Etikette, auf denen <em>Polic\u00eda Nacional<\/em> steht. Dies scheint die Bar der Polizei zu sein. Deren Sitz ist gegen\u00fcber, gleich neben dem Hotel. Irgendwo h\u00e4ngt eine Privatanzeige f\u00fcr einen Autoverkauf: \u201e\u00bfQuieres dar de baja su coche?\u201d Eine wunderbare Vermischung von du und Sie in einem einzigen Satz, der andalusischen Elision des finalen \/s\/ geschuldet. So was wie \u201eWillst du Ihr Auto verkaufen?\u201c<\/p>\n<p>Als ich nach dem schnellen Kaffee wieder ins Hotel komme, steht Xia in der Eingangshalle mit der Kamera in der Hand. Noch mal Erleichterung. Und Verbl\u00fcffung dar\u00fcber, wie schnell das ging. Der Taxifahrer sei sehr freundlich gewesen. Und sie habe ihm ein ordentliches Trinkgeld gegeben.<\/p>\n<p>Beruhigt k\u00f6nnen wir uns auf den Weg zu der Cueva de la Pileta machen. Unterwegs sehen wir einen Schrotth\u00e4ndler, der hoch oben \u00fcber dem gusseisernen Eingang zum Schrotthof ein schrottgefahrenes Auto angebracht hat. Wie die Handwerkszeichen der mittelalterlichen Z\u00fcnfte.<\/p>\n<p>Als wir an der Cueva de la Pileta ankommen, wissen wir, warum man hier ein Auto braucht. Nach einer langwierigen Fahrt durch eine verlassene Gegend ist das letzte St\u00fcck eine Schotterpiste.<\/p>\n<p>Man kann weder einen Platz f\u00fcr eine F\u00fchrung reservieren, noch sicher sein, wann eine stattfindet. Es wird einfach gewartet, bis sich genug Besucher einfinden. Wir haben aber Gl\u00fcck. In einer halben Stunde beginnt die F\u00fchrung. Wir sind eine gro\u00dfe Gruppe, mit vielen D\u00e4nen, aber auch vielen Spaniern.<\/p>\n<p>Die Temperatur in der H\u00f6hle ist konstant 15\u00b0. Die H\u00f6hle ist ein Habitat f\u00fcr Flederm\u00e4use. 30.000 davon sollen hier leben. Eine davon bekommen wir zu sehen. Die klebt an der Wand. Im Winter bleiben sie in der H\u00f6hle, im Sommer verlassen sie sie, aber nur nachts und nur dann, wenn es nicht regnet. Es gibt mehrere \u201eKamine\u201c, durch die sie der H\u00f6hle nach oben entkommen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Flederm\u00e4use waren auch der Anlass f\u00fcr die Entdeckung der H\u00f6hle. Hier waren Bauern auf der Suche nach dem Dung der Flederm\u00e4use, und, wie das so oft passiert, kam die H\u00f6hle mit den Felszeichnungen zuf\u00e4llig zum Vorschein.<\/p>\n<p>Der vordere Teil der H\u00f6hle war bewohnt, in der Jungsteinzeit, vor etwa 15.000 Jahren. Hier hat man Essensreste, Scherben von Kochgeschirr und menschliche und tierische Knochen gefunden. Auch sind einige der W\u00e4nde mit Ru\u00df bedeckt, Resultat der kochenden Steinzeitmenschen.<\/p>\n<p>Alle Felszeichnungen befinden sich in dem hinteren Teil der H\u00f6hle, und die war nie bewohnt. Daraus leitet man ab, dass die Felszeichnung eher den Charakter von Beschw\u00f6rungsformeln und keinen rituellen oder praktischen Zweck hatten.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen ein ganzes St\u00fcck in die H\u00f6hle hinein gehen, an den typischen Formationen von Stalaktiten und Stalagmiten vorbei, bis die ersten Felszeichnungen auftauchen. Nur ein ganz kleiner Teil von ihnen steht den Besuchern offen. Es gibt u.a. ein Pferd, einen Hirsch und einen Stierkopf zu sehen, aber auch Jagdinstrumente. Vieles ist nur in Andeutung zu sehen und nur dann zu erkennen, wenn der F\u00fchrer sagt, was es ist. Die Zeichnungen wurden mit oxydierten Metallen und mit Tierfett gemacht. Zum Schluss gibt es noch eine Kritzelei. Die stellt einen Fisch dar. Daneben befinden sich alle m\u00f6glichen Striche, hinter denen sich ein Kalender oder eine Berechnung verstecken kann.<\/p>\n<p>Als wir wieder drau\u00dfen sind, \u00fcberwiegt doch irgendwie die Skepsis. Das ist alles ganz bemerkenswert, und das Alter der Zeichnungen ist ganz au\u00dfergew\u00f6hnlich, auch im Vergleich zu den anderen pr\u00e4historischen H\u00f6hlen, aber die Qualit\u00e4t der Zeichnungen ist eher m\u00e4\u00dfig. Mit Altamira jedenfalls kein Vergleich. Und bei der letzten Kritzelei kommt doch der leise Verdacht auf, dass hier ein Kind oder ein Scherzbold zugange gewesen sein kann. Ist man vor so etwas gefeit?<\/p>\n<p>Wir fahren in das n\u00e4chste Dorf auf der Suche nach einem Lokal. Gleich an der zentralen Kreuzung gibt es eins, aber ein Mann aus dem Dorf empfiehlt uns ein anderes, am Ende des Dorfes gelegenes.<\/p>\n<p>Hier sind wir die einzigen G\u00e4ste. Im Sommer ist es hier, nach der Auskunft des jungen Wirts, rappelvoll. Die Kneipe ist wenig geschmackvoll eingerichtet, hat aber am hinteren Ende eine Glaswand mit einer sch\u00f6nen Aussicht auf die Berge.<\/p>\n<p>Unsere Frage nach Sherry versteht er gar nicht. Wir befinden uns offensichtliche au\u00dferhalb des Sherry-Dreiecks. Wir bestellen erst mal Wasser. Dann hat er eine Idee und bringt uns einen Wein, der anders hei\u00dft, aber dem Sherry zum Verwechseln \u00e4hnlich schmeckt. Dazu gibt es einfache, aber schmackhafte Happen.<\/p>\n<p>Weiter geht es nach Ronda. Ronda! Ein Traum aus der Studentenzeit! Immer wollte ich nach Ronda, nachdem mir irgendwer davon vorgeschw\u00e4rt und ich in Reisef\u00fchrern begeisterte Berichte gelesen hatte. Nie hatte es geklappt. Diesmal steht Ronda ganz hoch auf der Liste.<\/p>\n<p>Und wie das in solchen F\u00e4llen so ist: Entt\u00e4uschung macht sich breit. So gut wie in meiner Vorstellung kann Ronda gar nicht sein. Wie zur Best\u00e4tigung bekommen wir an einem mobilen Eiswagen am Eingang zur Altstadt ein Eis, das vielleicht das schlechteste ist, das ich jemals gegessen habe. Die Kugel zu 2 \u20ac.<\/p>\n<p>Ronda hat eine der bekanntesten Stierkampfarenen Spaniens. Ronda war die Heimat von zwei Dynastien des spanischen Stierkampfs, der Romero und der Ord\u00f3\u00f1ez. Die Arena steht an einem Platz in der hoch gelegenen Neustadt, von dem aus eine Stra\u00dfe gleich zu einer Br\u00fccke und \u00fcber die in die Altstadt f\u00fchrt. Der Blick von dieser Br\u00fccke in die Ferne und hinunter auf den Tajo und die wie \u00fcberdimensionale Zahnstocher aussehenden Felsen geh\u00f6rt zu den Klassikern von Ronda.<\/p>\n<p>Es geht dann hinunter in die Altstadt mit ihren unregelm\u00e4\u00dfigen Wegen. Hier gibt es arabische B\u00e4der, einen Adelspalast, einen Park. Vor allem hat man von hier aber einen Blick nach oben auf den Puente Nuevo, eine der drei Br\u00fccken, die die beiden Stadtteile miteinander verbindet. Die ist flankiert von den Felsen, auf die wir vorher hinabgesehen haben. Der Architekt der Br\u00fccke ist auch der Architekt der Plaza de Toros sowie eines Aqu\u00e4dukts in Malaga. Der Bau der Br\u00fccke verz\u00f6gerte sich immer wieder, vor allem durch finanzielle Engp\u00e4sse. Nach mehr als vierzig Jahren war sie fertig. Und da soll sich der Architekt von der Br\u00fccke in den Tod gest\u00fcrzt haben, der Legende zufolge deshalb, weil er nie mehr ein solches Bauwerk erstellen konnte.<\/p>\n<p>Wir machen uns auf den R\u00fcckweg, denn wir haben noch ein ordentliches St\u00fcck vor uns. Andalusien ist gro\u00df, gr\u00f6\u00dfer als man meint. Mit einem Standort entscheidet man sich gleichzeitig gegen andere Orte. Mit Jerez entscheidet man sich f\u00fcr Sevilla und C\u00e1diz, aber gegen C\u00f3rdoba und Granada, auch gegen Baeza. Was noch gerade machbar w\u00e4re ist Malaga. Wir lieb\u00e4ugeln einen Moment mit Malaga f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag, auf den Spuren von Picasso, verwerfen dann aber die Idee zugunsten des Parque de la Do\u00f1ana. Das ist n\u00e4her und ist mal was ganz anderes.<\/p>\n<p>Am Abend suchen wir lange nach einem Parkplatz am Stra\u00dfenrand, nachdem im Parkhaus am Vortag ordentlich abkassiert wurde. Das ist nicht so einfach, denn w\u00e4hrend der Semana Santa kommen viele ausw\u00e4rtige Besucher nach Jerez. Am Ende haben wir Erfolg. Auf dem Weg in die Innenstadt kommen wir an der Bodega \u201eConde de los Andes\u201c vorbei. Die nimmt ein riesiges Areal ein und braucht sich hinter T\u00edo Pepe, Pedro Domecq und Sandeman nicht zu verstecken. Unser F\u00fchrer in dem alten Palast, der heutige Conde, ist vielleicht doch kein armer Schlucker.<\/p>\n<p>Diesmal setzen wir uns drau\u00dfen an einen Tisch einer Bar, von der man direkt auf die Kathedrale sehen und die Prozessionen verfolgen kann. Es ist eine ununterbrochene Folge verschiedener Prozessionen. Wenn eine noch das Feld vor der Kathedrale r\u00e4umt, ist die andere schon im Anmarsch.<\/p>\n<p>Dies sind die teuersten Tapas der gesamten Woche. Kein Wunder, hier bezahlt man die Lage mit. Die Tische nehmen einen ganzen breiten B\u00fcrgersteig vor der Bar ein, und es herrscht reger Betrieb. Dabei ist die Bar selbst winzig. Es gibt nur einen Gang vor einem Tresen, keinen einzigen Sitzplatz, und nur ein einziges WC, in dem man sich kaum einmal um die eigene Achse drehen kann. Hier muss wohl der Betrieb das ganze Jahr \u00fcber drau\u00dfen stattfinden. Oder man macht im Winter eine l\u00e4ngere Pause und genie\u00dft seinen Reichtum.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">23. M\u00e4rz (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Dieser Tag verl\u00e4uft ganz anders als geplant. Wir kommen in Sanl\u00facar, sehen aber kein Schild zum Parque de la Do\u00f1ana. Dabei sind wir ganz nah dran. Wir halten und fragen eine Gruppe von Frauen. Die sind v\u00f6llig verdutzt? Zum Park wollen sie von hier? Da sind sie v\u00f6llig falsch. Sanl\u00facar liegt zwar in unmittelbarer N\u00e4he zum Parque de la Do\u00f1ana, hat aber keinen Zugang zu ihm.<\/p>\n<p>Also begn\u00fcgen wir uns einfach mit Sanl\u00facar, und das erweist sich als kleine andalusische Perle, mit kleinen Pl\u00e4tzen mit wei\u00dfen Kirchen und Brunnen, perfekte Photomotive und sch\u00f6ne Anblicke. Dazu heller Sonnenschein. Wenn ich heute die Wahl h\u00e4tte zwischen Sanl\u00facar und Ronda, ich w\u00fcrde Sanl\u00facar nehmen.<\/p>\n<p>Wir gehen durch eine typisch spanische Markthalle, mit lebhaften Verkaufsgespr\u00e4chen und Waren, die eine Augenweide sind. Vor allem die Fische und Meerestiere. Alles ist frisch, es riecht gut und es ist hell.<\/p>\n<p>Wir gehen runter zum Wasser, \u00fcber eine Allee, an deren Seite Adelsh\u00e4user stehen. Sanl\u00facar muss eine reiche Stadt gewesen sein. Oben an der Allee befindet sich das Castillo, erbaut zum Schutz der Schifffahrt auf dem Guadalquivir. Es wurde erbaut von einem Mitglied der ber\u00fchmten Dynastie Medina Sidonia, auf die man hier alle Nase lang st\u00f6\u00dft.<\/p>\n<p>Die Allee f\u00fchrt direkt zum Wasser runter. Hier m\u00fcndet der m\u00e4chtige Guadalquivir ins Meer. Links hat man den Fluss, rechts das Meer. Hier brach Kolumbus zu seiner vierten Amerika-Expedition auf. Wir gehen ein St\u00fcck die Uferpromenade entlang und dann durch ein stilles Wohnviertel wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Unterwegs f\u00e4llt ein gekacheltes Stra\u00dfenschild auf: Called los Saters. Das fehlende e ist in das d hinter calle eingeschrieben. Eine Platzsparma\u00dfnahme. Wie in mittelalterlichen Manuskripten und in modernen Handys.<\/p>\n<p>Dann geht es ins Barrio Alto. Da ist der B\u00e4r los. Auf den beiden benachbarten Pl\u00e4tzen sind die Caf\u00e9s und Bars proppevoll, und \u00fcberall h\u00f6rt man lautes Stimmengewirr.<\/p>\n<p>Beide Pl\u00e4tze werden von historischen Geb\u00e4uden umgeben, Adelsh\u00e4usern, Kirchen, dem Rathaus, dem Theater. Alles das ist vom Feinsten. Und es herrscht Urlaubsstimmung.<\/p>\n<p>An einer H\u00e4userwand ist eine Kachel mit einem Zitat aus dem <em>Quijote<\/em> angebracht, auf das ich bald bei der Lekt\u00fcre wieder sto\u00dfen werde. Das Zitat bezieht sich auf einen Wirt aus Sanl\u00facar im <em>Quijote<\/em>, einem Andalusier, der sich wundert, dass Don Quijote ihn f\u00fcr einen Kastilier h\u00e4lt. Das tut der aber gar nicht. Er h\u00e4lt ihn, den Wirt, f\u00fcr den Burgherrn, <em>castellano<\/em>. Was die Inschrift nicht verr\u00e4t ist, wie es im <em>Quijote<\/em> weiter geht, n\u00e4mlich mit einem ziemlich abwertenden Urteil \u00fcber Andalusier.<\/p>\n<p>Ganz in der N\u00e4he ger\u00e4t man durch einen schmalen H\u00e4usereingang auf Umwegen in eine Kirche, deren Portal geschlossen ist. Xia z\u00f6gert nicht, diese M\u00f6glichkeit zu nutzen. Drinnen wird ein Altar f\u00fcr die Prozession geschm\u00fcckt. Bald ein Dutzend junger Leute ist damit zugange. Drau\u00dfen im Flur stehen Eimer mit wei\u00dfen Rosen, zwanzig in jedem. Ich \u00fcberschlage und komme auf f\u00fcnfzig Eimer, das sind eintausend Rosen, nicht gerechnet die, die schon verarbeitet sind, denn der Altar sieht schon fast fertig geschm\u00fcckt aus. Ich f\u00fchle mich hier als Eindringling und ziehe mich zur\u00fcck. Xia kommt sp\u00e4ter und berichtet ganz begeistert von ihren Erkundigungen. Die Leute seien sehr freundlich gewesen und freuten sich, dass sich jemand f\u00fcr ihre Arbeit interessiere. Man hat ihr sogar erlaubt, unter den Altar zu kriechen. Vor allem hat sie aber drinnen gesehen, dass die Figuren kopflos sind. Auf den Alt\u00e4ren befinden sich offensichtlich nur Gestelle, die mit Kleidern umh\u00fcllt werden, und auf das Gestell wird dann f\u00fcr die Dauer der Prozession der Kopf der eigentlichen Statue aufgeschraubt. Die dann ihrerseits eine Zeitlang kopflos ist!<\/p>\n<p>Wir lassen uns in der Mitte des Platzes nieder und genie\u00dfen den Wein und die Tapas und die Atmosph\u00e4re. Sanl\u00facar hat es uns angetan.<\/p>\n<p>Am Nachmittag machen wir dann doch noch einen Versuch, ein bisschen Parque de la Do\u00f1ana mitzubekommen. Man kann aus Sanl\u00facar hinausfahren und dann in einen Feldweg hinein und kommt an der \u00e4u\u00dferen Rand des Naturschutzgebiets. So hat es uns das M\u00e4dchen in der Touristeninformation erkl\u00e4rt. Die Suche stellt sich als langwierig und letztlich erfolglos heraus. Wir fahren auf schmalen Wegen durch ein Sumpfgebiet durch, in dem durch nat\u00fcrliche Verdunstung Salz gewonnen wird. Zwischen den Pf\u00fctzen hopfen lustige V\u00f6gel herum. Sie sehen aus wie St\u00f6rche im Miniaturformat.<\/p>\n<p>Irgendwie kommen wir aber nicht weiter. Wir versuchen es dann noch zu Fu\u00df auf einem Waldweg. Der f\u00fchrt uns zu einer Aussichtstation auf einen See. Aber zu sehen ist hier au\u00dfer Wasser nichts.<\/p>\n<p>Am Ende geben wir auf. Werden aber noch durch ein optisches Highlight entlohnt: die helle, schon tief stehende, sich im Wasser spiegelnde Sonne hinter den Bergen aus Salz. Und noch ein sch\u00f6nes Photo nehmen wir mit: die gemusterte rot-graue Rinde eines Baums. Wenn man ganz nahe heran zoomt, wei\u00df man nicht, was es ist.<\/p>\n<p>Am Abend in Jerez ist es gar nicht so leicht, irgendwo Platz zu finden. In einer Bar, die wir gestern gesehen haben, als wir nach dem Abstellen des Autos durch die Stra\u00dfen irrten \u2013 so sehr, dass mir einmal der ernsthafte Verdacht kam, wir w\u00e4ren gar nicht in Jerez, sondern in einer anderen Stadt gelandet \u2013 hat keinen freien Platz, in einer anderen klappt es mit der Bestellung nicht so richtig. Wir finden dann eine Bar der anderen Art. Man sitzt in einem \u00fcberdachten, zweist\u00f6ckigen Innenhof mit einer Galerie oben und runden Arkaden unten, alles in Rot und Wei\u00df gehalten. Xia meint, es rieche hier etwas verd\u00e4chtig. Vielleicht gibt es hier nicht nur Bier und Sherry. Wir lassen es jedenfalls mit einem Bier bewenden.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">24. M\u00e4rz (Gr\u00fcndonnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Es ist Feiertag in Spanien, und das merkt man. Die Stra\u00dfen sind leer, die Gesch\u00e4fte geschlossen, die Museen ebenfalls. Die Kathedrale hat ge\u00f6ffnet, aber hier wird abgezockt, und nach der Erfahrung von C\u00e1diz lassen wir das lieber sein. Dadurch bleibt die Frage offen, ob wir \u00fcberhaupt in der Kathedrale drin gewesen sind. Ich meine ja, bei einem Gottesdienst, bei einer Predigt zum Josefstag. Aber ist es nicht bezeichnend, dass man am Ende einer Woche nicht mehr wei\u00df, was man gesehen hat?<\/p>\n<p>In der Kathedrale kann man Ansichtskarten kaufen, aber keine Briefmarken. Sp\u00e4ter finden wir einen ge\u00f6ffneten estanco, aber die Verk\u00e4uferin wei\u00df nicht, wie viel Porto auf eine Karte ins Ausland muss!<\/p>\n<p>Wir bringen unser Gep\u00e4ck zum Auto und sehen auf dem Weg wieder St\u00f6rche. Und h\u00f6ren sie! Man sieht auch Nester auf B\u00e4umen, auf einem Ast, und wundert sich, wie das h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Wir laufen ein bisschen durch die leeren Stra\u00dfen und kommen am Ende zum <em>Centro de Flamenco<\/em>. Auch das hat geschlossen. Leider. Sonst gibt es dort Ausstellungen und Auff\u00fchrungen, auch um die Mittagszeit. Es gibt auch eine Ruta del Flamenco, meist mit Statuen bekannter Interpreten markiert, aber deren Namen sagen uns nat\u00fcrlich nichts.<\/p>\n<p>Dann fragen wir uns zum Arch\u00e4ologischen Museum durch. Kompliziert. Immer wieder geht es um Ecken herum, durch ein Viertel, das wir noch nicht kennen. Aber dann kommen wir auf einen sch\u00f6nen Platz, und da ist das Museum, und siehe da: Es hat ge\u00f6ffnet!<\/p>\n<p>Der Empfang ist ausgesprochen freundlich. Alles wird erkl\u00e4rt, und man bekommt einen Audioguide, der die wichtigsten Exponate beschreibt. Und es lohnt sich!<\/p>\n<p>Auf einer Karte sieht man die geologischen Ver\u00e4nderungen der Region: C\u00e1diz war fr\u00fcher eine Insel! Und Jerez, oder das, was sp\u00e4ter Jerez werden sollte, lag in den S\u00fcmpfen. Viele Fl\u00fcsse m\u00fcndeten in das weit ins Land hineinreichende Meer, Fl\u00fcsse, die jetzt Nebenfl\u00fcsse des Guadalquivir sind.<\/p>\n<p>Die \u00e4ltesten Funde sind Faustkeile aus der Altsteinzeit, und was f\u00fcr welche! Die Form ist grob dreieckig, und man erf\u00e4hrt, dass sie zwei Zwecken dienten: Wurzel ausgraben und Tiere erledigen. Die wurden vorher in eine Falle gelockt.<\/p>\n<p>Dann kommt die erste Keramik. Gleich zu Anfang eine sch\u00f6ne, tiefe Sch\u00fcssel mit Bandverzierung am oberen Rand (3500 v. Chr.). Dass man jetzt Speisen zubereiten konnte, ver\u00e4nderte das Leben dramatisch. Babys konnten mit einem Brei aus Milch und Mehl versorgt werden, und die M\u00fctter waren wieder eher empf\u00e4ngnisbereit! Das lie\u00df die Bev\u00f6lkerungszahlen nach oben schnellen.<\/p>\n<p>Dann kommen zwei richtige Hingucker, zwei \u00e4hnliche, zylindrische Steinbl\u00f6cke mit eingeritzten Gesichtern. Wenn man genauer hinsieht, haben sie hinten auch noch lange, gewellte Haare und im Gesicht \u201eT\u00e4towierungen\u201c. Ihre Bedeutung liegt darin, dass sie die ersten Belege f\u00fcr Spiritualit\u00e4t der Steinzeitgesellschaften sind. Man glaubt, bei ihnen handele es sich um Abbildungen der <em>Diosa<\/em> <em>Madre<\/em>, der \u201eGottesmutter\u201c.<\/p>\n<p>Dann kommen ganz d\u00fcnne Pfeilspitzen, immer noch aus dem dritten Jahrtausend, so fein gearbeitet, dass man kaum glauben kann, dass sie aus Stein sind. Auch w\u00fcrde man sie nicht ohne weiteres als Pfeilspitzen erkennen. Sie waren allerdings Grabbeigaben, und man glaubt, dass sie eine rein rituelle Funktion hatten.<\/p>\n<p>Dann kommt die r\u00f6mische Abteilung, und hier \u00e4ndert sich nat\u00fcrlich alles. Schlagartig. Interessant hier die Bestattungsformen, die dargestellt werden, K\u00f6rperbestattung und Ein\u00e4scherung. Beide Formen existierten Seite an Seite. Bei der K\u00f6rperbestattung wurde hier \u00fcber den Toten ein \u201eDach\u201c aus Steinplatten gebaut, ein Satteldach, mit sich gegenseitig st\u00fctzenden Platten.<\/p>\n<p>Bei einer sp\u00e4teren, christlichen Bestattung ist ein altes Taufbecken als Sarkophag umgenutzt worden. Auf den Au\u00dfenseite Abbildungen, darunter der Pfau, dessen Fleisch als nicht verderblich galt und der deshalb als Symbol der Ewigkeit angesehen wurde!<\/p>\n<p>Obwohl die Gegend l\u00e4ngst besiedelt war, ist die Stadt Jerez wohl erst arabischen Ursprungs. Das erkl\u00e4rt wohl auch den \u201ekomischen\u201c Namen. Er ist abgeleitet aus \u0160ari\u0161. Die Bedeutung wird nicht erkl\u00e4rt. Unter den Almohaden war Jerez die wichtigste Stadt der Provinz C\u00e1diz.<\/p>\n<p>Aus der arabischen Zeit gibt es vor allem sch\u00f6ne Keramik, unter anderem ein bunter Teller mit einem Hirsch, der im Maul einen langen, bebl\u00e4tterten Ast h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Als die christliche Eroberung fortschritt, kam Jerez (1264) zu Kastilien. Einen Aufschwung gab es nach der Schlacht von Gibraltar (1340). Jetzt wurde Handel mit Valencia getrieben, aber auch mit Granada, dem letzten arabischen K\u00f6nigreich der Halbinsel, und mit England. Davon zeugt eine Auferstehung aus Alabaster, die aus England kommt, mit sehr sch\u00f6nen W\u00e4chtern, die alle in verschiedenen, offensichtlich mittelalterlichen R\u00fcstungen dargestellt sind.<\/p>\n<p>Wir haben richtig Gl\u00fcck gehabt, denn es ist inzwischen Mittagszeit, und das Museum schlie\u00dft! Auf dem sonnenbeschienenen Platz ist inzwischen allerhand Betrieb in den Caf\u00e9s, lauter Einheimische.<\/p>\n<p>Wir gehen in die Stadt zur\u00fcck und kommen dabei an einem Haus mit einer sch\u00f6nen Fassade vorbei, mit gusseisernen Laternen, deren Schatten sich auf der wei\u00dfen Fassade spiegeln. \u00dcber dem Eingang zwei arabische Krummschwerter. Was mag das nur f\u00fcr ein Haus sein?<\/p>\n<p>Dann kommt eine ganz trostlose Ecke mit verfallenen H\u00e4usern. Am schlimmsten ein palastartiger Bau mit hohen Blendarkaden. Der scheint dem Verfall gewidmet. Immerhin steht vorne ein Bauzaun.<\/p>\n<p>Wir kommen dann zu einem sehr gepflegten, wei\u00dfen Geb\u00e4ude mit einem sch\u00f6nen Innenhof. Zuf\u00e4llig. Und erinnern uns, dass er im Reisef\u00fchrer als Lieblingsort der Autorin aufgef\u00fchrt ist. Es ist das ehemalige Wohnhaus einer andalusischen Gr\u00e4fin, die wohl sehr aktiv und auch politisch engagiert war. Und dann kommt bei Xia der Gedankenblitz: Dies ist die Vorderseite des verfallenen Palastes! Verr\u00fcckt! Der Kontrast k\u00f6nnte gr\u00f6\u00dfer nicht sein.<\/p>\n<p>Wir kommen an einem Geb\u00e4ude vorbei, an dem sich was tut. Auf der seitlich gelegenen Freitreppe stehen Leute mit Weingl\u00e4sern, man h\u00f6rt Stimmen aus dem Inneren. An der Fassade steht Pe\u00f1a Flamenca Buena Gente. Das ist das Stichwort f\u00fcr Xia. Unerschrocken erkundet sie Feindesland. Schon nach ein paar Minuten werde ich dazu gerufen. Sie hat inzwischen Freundschaft geschlossen mit einem Mann, der uns auf Franz\u00f6sisch durch den Raum f\u00fchrt. Voller Begeisterung spricht er von den Interpreten, deren Bilder an den W\u00e4nden h\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Xia hat inzwischen erfahren, dass dies eine besondere Gelegenheit ist. Die Pe\u00f1a hat einen Wettbewerb durchgef\u00fchrt, der weit \u00fcber Jerez hinaus bekannt ist. Sp\u00e4ter spricht sie sogar mit einer Frau aus dem Baskenland, die eigens f\u00fcr den Wettbewerb angereist ist. Heute findet die Preisverleihung statt.<\/p>\n<p>Inzwischen hat der freundliche, enthusiastische Mann uns ein Glas Sherry in die Hand gedr\u00fcckt. Bald kommt Bewegung in die Sache. Die Gesellschaft \u2013 die meisten gut gekleidet \u2013 begibt sich in den oberen Saal. Wir d\u00fcrfen mit. Der Pr\u00e4sident der Pe\u00f1a sagt, worum es geht, und dann werden in verschiedenen Kategorien Preise verliehen. Und dann geben die drei Hauptgewinner eine Demonstration ihres K\u00f6nnens, ein junger, etwas dandyhaft aussehender Mann, dem man den Flamencos\u00e4nger gar nicht ansieht, eine junge Frau und ein st\u00e4mmiger, etwas \u00e4lterer Mann, der Gesamtsieger. Der sagt vorsichtshalber, er habe am Vortag wohl etwas zu ausgiebig gefeiert und bittet um Verst\u00e4ndnis f\u00fcr seine l\u00e4dierte Stimme.<\/p>\n<p>Ob das gut gesungen wird, ist schwer zu sagen, aber was bei allen dreien her\u00fcberkommt ist Leidenschaft, und zwar eine Leidenschaft, bei der die Verbindung mit Leiden deutlich wird. Die Darbietungen werden von \u201eKommentaren\u201c aus dem Publikum begleitet, lauten, schmerzhaften Ausrufen, die Empathie ausdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Als es die Treppe hinuntergeht, werden wir von hinten von einem Mann in flie\u00dfendem Deutsch angesprochen, einem spanischen Germanisten, der unter anderem in K\u00f6ln studiert hat. Er gibt uns weitere Informationen und sagt uns auch seine Meinung zum Ausgang des Wettbewerbs, den er offensichtlich von Nahem verfolgt hat. Seines Erachtens h\u00e4tte eine Frau den Wettbewerb gewinnen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Auf unerwartete Art und Weise sind wir also doch noch zu einer Dosis Flamenco gekommen.<\/p>\n<p>Inzwischen sind die Stra\u00dfen belebt. Wir finden einen Platz in einem Stra\u00dfencaf\u00e9 im Zentrum. Wie zum Abschluss der andalusischen Erfahrungen stellen sich dann am Nebentisch noch zwei Frauen mit Peineta ein. Xia taxiert genau den Unterschied zwischen den beiden und ebenfalls ihr Alter.<\/p>\n<p>Auch von hier aus sieht man einen Kirchturm mit Storch. \u00a0\u00a0Der steht so reglos da, dass er unsere Blicke aus sich zieht. Man kann in aller Ruhe ein Photo machen. Erst als wir das Photo nahe heranholen, merken wir, dass es eine Skulptur ist. Andalusien hat uns zum Abschluss noch einen sch\u00f6nen Streich gespielt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>17. 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