{"id":8595,"date":"2016-08-13T19:06:30","date_gmt":"2016-08-13T17:06:30","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=8595"},"modified":"2016-08-15T09:54:37","modified_gmt":"2016-08-15T07:54:37","slug":"valmalle-2016","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=8595","title":{"rendered":"Valmalle (2016)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1. August (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Im Bus eine Studentin. Sie f\u00e4hrt von nach Frankfurt Hahn und von dort nach Frankfurt und von dort nach Marburg. Von Westen nach Osten zu kommen ist in Deutschland meistens umst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Neben mir sitzt ein franz\u00f6sisch sprechender Afrikaner, der sich \u00fcber meinen Kopf weg mit den schr\u00e4g dahinter sitzenden Kollegen unterh\u00e4lt. Ich verstehe ganz wenig. Mehrmals kommt eine Lautfolge vor, die wie <em>alampo<\/em> klingt. Was mag das sein. Am Ende wird ihm von einem seiner Kollegen ein Buch gereicht, ein Buch mit Erz\u00e4hlungen. Von Poe. Edgar Allan Poe.<\/p>\n<p>Beim Flug erinnere ich mich an den letzten Flug nach Montpellier. Da war, in einem der merkw\u00fcrdigen Zuf\u00e4lle,\u00a0 in dem Roman von Feuchtwanger, den ich im Flugzeug las, von Montpellier die Rede, von der Pest, die sich, von Italien kommend, nach Norden ausbreitete und in Montpellier zwei Drittel der Bev\u00f6lkerung das Leben kostete.<\/p>\n<p>In Montpellier ist es ein richtig lauer Sommerabend. 27\u00b0, 11 Uhr abends. Xia erwartet mich am Flughafen. Wir machen uns sofort auf den Weg zum Hotel. Stolz berichtet sie, ihr Handy habe sie bestens navigiert, auch in die entlegensten Ecken Frankreichs. Dummerweise findet es jetzt den Weg zum Hotel nicht. Xia aber.<\/p>\n<p>Wegen der Versp\u00e4tung ist es nicht so leicht, etwas zu essen aufzutreiben, und wir haben beide Hunger. In der N\u00e4he des Hotels gibt es eine Kette \u00e4hnlich aussehender Lokale, die sogar \u00e4hnlich sind, was Preise und Speisekarte angeht. Aber \u00fcberall wird gerade geschlossen.<\/p>\n<p>Es sieht nicht gut aus, aber dann sto\u00dfen wir in einer Nebenstra\u00dfe auf einen Gem\u00fcseladen, der noch ge\u00f6ffnet ist, und daneben ein Art Schnellimbiss, mit leicht arabischem Einschlag, wie auch der Gem\u00fcseladen. Hier ist zwar kein Mensch mehr, aber der Besitzer l\u00e4dt uns freundlich ein, drau\u00dfen Platz zu nehmen. Zum Servieren kommt seine Tochter, zum Kochen seine Frau. Es gibt <em>tacos<\/em>.\u00a0 Das scheint inzwischen ein internationales Schlagwort geworden zu sein f\u00fcr alle m\u00f6glichen Snacks. Hier ist es eine Art Pastete, ganz geschlossen, rechteckig, mit verschiedenen F\u00fcllungen, K\u00e4se, Pilze, H\u00e4hnchenfleisch. Gar nicht schlecht, und hochwillkommen. Dazu gibt es kaltes ausl\u00e4ndisches Bier.<\/p>\n<p>Ich erfahre von den Stationen der Reise und den H\u00f6hepunkten: dem Besuch von Lascaux (wenn auch nicht in der urspr\u00fcnglichen H\u00f6hle), dem Mus\u00e9e d\u2018Acquitaine in Bordeaux, der Weinprobe in Saint Emilion und vieles mehr.<\/p>\n<p>Und von zweisprachigen Stra\u00dfenschildern: <em>Rue des Lois \u2013 Carri\u00e8ra de las Leis. <\/em>Manchmal gibt es keine inhaltlichen Entsprechungen: <em>Rue des Anciens Combattants \u2013 Carri\u00e8ra de la Vaca. <\/em><\/p>\n<p>Die interessantesten Berichte gibt es aus Toulouse, der <em>ville rose<\/em>, wegen der roten Backsteine so genannt. Sie werden an vielen Bauwerken in Verbindung mit Kalkstein verwandt, nach oben hin nimmt der Anteil von Backstein oft zu. Den Leuten war das Geld ausgegangen. Der Backstein war billiger. Toulouse war eine ganze Zeit eigenst\u00e4ndig und kam erst im Hochmittelalter zu Frankreich, war aber auch nachher noch weitgehend unabh\u00e4ngig. 2001 kam es in Toulouse zu einer Explosion in einer Fabrik, die Stickstoff herstellte, eine Explosion mit verheerenden Folgen. Die Welt h\u00f6rte nicht auf Toulouse. Sie hatte nur Ohren f\u00fcr 9\/11. In der fr\u00fchen Neuzeit war Toulouse eine der reichsten St\u00e4dte Frankreichs, und zwar wegen einer Farbe. Aus einer Pflanze, die in der Umgebung gut gedieh, Pastel, gewann man blauen Farbstoff,\u00a0 hei\u00df begehrt und teuer verkauft. Man hatte lange ein Monopol darauf, bis die Portugiesen aus ihren Kolonien Indigo mitbrachten. Die Pastelgro\u00dfh\u00e4ndler errichteten gro\u00dfe Profanbauten, im Renaissancestil. Die sind bis heute erhalten. Da m\u00fcsste man auch mal hinfahren, nach Toulouse.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">2. August (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Strahlend blauer Himmel in Montpellier am Morgen. Was f\u00fcr ein Unterschied zu den letzten Wochen in Deutschland!<\/p>\n<p>Wir gehen durch das moderne Viertel, die Antigone, in die Altstadt. Xia wei\u00df den Weg. In der Bewertung der Antigone sind wir uns nicht einig. Ich habe einige Ecken, mit bunten, funktionalen H\u00e4usern mit viel Gr\u00fcn und modernen Einrichtungen und einer tollen Stra\u00dfenbahn, gar nicht so schlecht in Erinnerung, aber das, was wir jetzt sehen, ist nicht gerade erbaulich. Alles ist irgendwie zu gro\u00df: die Bauten, die Pl\u00e4tze, die Skulpturen. Ganz besonders auff\u00e4llig ist ein Geb\u00e4ude mit zwei ausladenden Armen und einem Durchgang in der Mitte. Es sprengt die Dimensionen einer normalen Stadt.<\/p>\n<p>Ganz anders die Altstadt mit vielen sch\u00f6nen Pl\u00e4tzen. Wir trinken einen Kaffee auf einem sch\u00f6nen, unregelm\u00e4\u00dfigen Platz, der sinnigerweise La Place hei\u00dft.<\/p>\n<p>Dann brechen wir auf Richtung Valmalle. Der Navigator funktioniert jetzt wieder bestens. Erst ganz am Ende, in Saint Etienne, wird er ganz wild und ist mit unserem Kurs nicht einverstanden. Die Namen der Orte werden alle deutsch ausgesprochen, was manchmal verwirrend, manchmal witzig klingt: Anduze, Somi\u00e8res.<\/p>\n<p>Valmalle befindet sich in der Region Languedoc-Roussillon, ganz im S\u00fcden Frankreichs. Im Norden schlie\u00dft sich die Auvergne an, im Osten die Provence. Demn\u00e4chst soll es einen Zusammenschluss mit einer westlich gelegenen Region geben. Man hat auch schon einen neuen Namen: <em>Occitanie<\/em>. Gute Wahl. Klar und einfach und historisch begr\u00fcndet. \u00a0Die okzitanische Sprache war die <em>langue d\u2019oc<\/em>, die sich von der <em>langue d<\/em>\u2019<em>o\u00efl<\/em> unterschied, der n\u00f6rdlichen Variante, aus der sich das Standardfranz\u00f6sisch entwickelte. Die Unterscheidung beruht auf dem Wort f\u00fcr \u201aja\u2018.<\/p>\n<p>Valmalle liegt im n\u00f6rdlichen Teil der Region, im D\u00e9partement <em>Loz\u00e8re<\/em>, dem mit der geringsten Bev\u00f6lkerungsdichte in ganz Frankreich. Ein Gef\u00fchl daf\u00fcr vermittelt vor allem der letzte Streckenabschnitt. Noch mehr aber die Aussicht von Valmalle aus oder die auf Valmalle von den umliegenden Bergen aus. Da hat man den Eindruck, dass jemand ein \u201eLoch\u201c in den Wald geschlagen hat, um dort das Gut, den Bauernhof, unterzubringen.<\/p>\n<p>Diese bildet den Hintergrund zu Stevensons <em>Travels With a Donkey<\/em>. Nach einer schweren pers\u00f6nlichen Krise entschied er sich, diesen hintersten Winkel Frankreichs zu erkunden, teils, auf unwegsamem Gel\u00e4nde, auf dem R\u00fccken eines Esels. Als Folge davon gibt es hier bis heute den Beruf des Eselverleihers. Die Eselverleiher profitieren von den vielen Adepten, die es Stevenson nachtun wollen.<\/p>\n<p>Wir kommen durch sch\u00f6ne, kleine Orte. Alles sieht sehr franz\u00f6sisch aus. Am Stra\u00dfenrand wachsen Lavendel und Oleander. Ich erkenne nichts wieder, bis wir nach Anduze kommen, dem \u201eTor zu den Cevennen\u201c, mit seiner auff\u00e4lligen, steil aufragenden Felsenwand.<\/p>\n<p>Unterwegs sehen wir mehrmals Glockent\u00fcrme mit einem merkw\u00fcrdigen Metallaufsatz. Das hat bestimmt seinen Sinn.<\/p>\n<p>Wir sehen auch ein Exemplar der Bories. Das sind Steinbauten, wie man sie in dieser Gegend oft antrifft, in l\u00e4ndlichen Gebieten, in Trockenmauerwerk gebaut. Die kleineren, zu denen das Exemplar geh\u00f6rt, das wir sehen, waren Schutzh\u00fctten f\u00fcr Feldw\u00e4chter oder Bauern, die fernab der Heimatgemeinde arbeiteten. Das franz\u00f6sische Wort ist eine Adaptierung eines provenzalischen Wortes, das \u201aBruchbude\u2018 bedeutet.<\/p>\n<p>Das richtige Gef\u00fchl von Valmalle stellt sich erst in Saint Jean du Gard ein. Von dort aus geht es in 87 Kurven auf 15 Kilometer bis zum Ziel. Es geht die ganze Zeit bergauf. Auf den letzten Kilometern sind Abflussrinnen quer in das Pflaster eingelassen, <em>coup d\u2019eau<\/em>, die bei den heftigen Regenf\u00e4llen im Fr\u00fchjahr und im Herbst daf\u00fcr sorgen, dass die ganze Gegend nicht \u00fcberschwemmt wird. Das letzte Teilst\u00fcck nach einer scharfen Kurve ist ein steil abw\u00e4rts f\u00fchrender Schotterweg. Dann kommen zuerst Traktor und Walze in Sicht. Hier gibt es immer was zu tun. Das aktuelle Projekt ist der Wiederaufbau einer Begrenzungsmauer, die beim Regen in sich zusammengesackt ist.<\/p>\n<p>In Saint Jean du Gard sind wir in den Supermarkt, um Bier zu kaufen. Ich rechne nicht damit, dass daf\u00fcr gesorgt ist. Aber bei der Ankunft werde ich eines Besseren belehrt: Im K\u00fchlschrank wartet kaltes Bier auf mich. Ich habe Johann untersch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Aber nicht nur das Bier wartet, auch der Gastgeber, zusammen mit einem franz\u00f6sischen Freund, der zu Besuch ist, Yvous. Der lebt seit zwanzig Jahren in Japan, und dort haben sie sich auch kennengelernt.<\/p>\n<p>Wir sehen uns das Objekt an. Inzwischen sind auch im zweiten Stock zwei bewohnbare Zimmer entstanden, mit Dusche. Aber das Haus selbst und die Nebengeb\u00e4ude geben noch genug Gelegenheiten, weitere Wohnm\u00f6glichkeiten zu schaffen.<\/p>\n<p>Die Au\u00dfenmauern des Hauses haben im vorderen Geb\u00e4udeteil noch Spuren von Putz. Es gab wohl eine Zeit, wo die Natursteine nicht gut angesehen waren und verborgen wurden. Als sich die Wertsch\u00e4tzung wieder \u00e4nderte, kratzte man den Putz wieder ab. Aber ganz so leicht geht das bei den Natursteinen nicht.<\/p>\n<p>Die Mauern selbst bestehen aus flachen, br\u00e4unlichen Steinen und dazwischen liegenden, gr\u00f6\u00dferen Steinen, die schimmern. Ist das Dekoration? Nein, Statik. Die flachen Steine sind Schiefer, und der ist por\u00f6s, die dicken Steine sind Quarz, und die geben der Sache Halt. Aber die Kombination sieht auch einfach sch\u00f6n aus.<\/p>\n<p>In dieser abgelegenen Ecke Frankreichs gab es traditionell nur zwei Erwerbszweige, und beide sind durch ein Objekt auf dem Grundst\u00fcck vertreten: Maronen und Seide. F\u00fcr die Seidenraupenzucht steht ein Maulbeerbaum, der vor dem Grundst\u00fcck steht. Die Seidenraupenzucht wurde von den Hugenotten hierher gebracht. Die \u00c4ste wurden mitsamt den Raupen abgetrennt und dann ins Haus gebracht. Der erkl\u00e4rt auch f\u00fcr die Zeit ungew\u00f6hnliche Gr\u00f6\u00dfe der R\u00e4ume des Hauses. Die Seide wurde nicht hier hergestellt, sondern in Lyon, das dadurch bekannt und reich wurde. Von hier wurde der Rohstoff geliefert.<\/p>\n<p>Gleich neben dem Maulbeerbaum steht ein durch einen Weg vom Haupthaus abgetrennter, kleiner Bau. Innen ist er zur H\u00e4lfte zweist\u00f6ckig. Hier wurden die Maronen, die hier \u00fcberall wachsen, getrocknet (nicht ger\u00f6stet). Die Maronen lagen auf der oberen H\u00e4lfte, im zweiten Stock gewisserma\u00dfen, und darunter brannte ein Feuer. Deshalb steht so ein Geb\u00e4ude, eine <em>cl\u00e8de<\/em>, immer in etwas Entfernung von den anderen Geb\u00e4uden.<\/p>\n<p>Xia ist von dem \u201eProjekt Valmalle\u201c sehr angetan und packt auch in den n\u00e4chsten Tagen gleich mit an. Das Sisyphoshafte, das mich eher abschreckt, ist f\u00fcr sie Herausforderung. Und so sieht es auch Johann. Er macht sich ohne gro\u00dfe handwerkliche Kenntnisse an die Sache und bringt einiges zustande. Ich bin eher skeptisch, wegen der Arbeit, der Unsicherheit, der Abgelegenheit. Und auch wegen des Wetters. Jetzt ist es herrlich sonnig, aber vor drei Jahren, im Fr\u00fchjahr, war h\u00f6chstens mal ein Silberstreifen am Horizont zu sehen.<\/p>\n<p>Von der Terrasse aus sieht man auf die bewaldeten Berge der Umgebung. Nur der hintere Berg ist kahl. Da hat es gebrannt, 2003. Da w\u00fcrde man erwarten, dass schon mehr nachgewachsen ist. Auf der Kuppe eines anderen Berges stehen vereinzelte B\u00e4ume, die aussehen, als w\u00fcrden Kamele \u00fcber den Berg wandern.<\/p>\n<p>Am Abend soll gegrillt werden. Vorher machen sich Xia und Yvous daran, einen alten Ausziehtisch auf Vordermann zu bringen. Da wird geh\u00e4mmert und genagelt, aber immer vorsichtig, <em>doucement<\/em>. Das ist ein Wort, das jetzt immer wieder f\u00e4llt. Die beiden bilden ein gutes Team. Und sie bekommen die Sache tats\u00e4chlich hin. Am Ende wird der Tisch noch mit \u00d6l abgerieben. Oliven\u00f6l. Und ist kaum wiederzuerkennen. Als es am n\u00e4chsten Tag darum geht, auch noch eine Anrichte abzureiben, schreitet Johann ein und besteht auf Lein\u00f6l. Das ist sein hanseatischer \u00a0Charakterzug. Pfeffersack.<\/p>\n<p>Yvous spricht etwas Deutsch, nicht viel, aber seine Aussprache ist ausgezeichnet. Hin und wieder fragt er ironisch nach, was wir gesagt haben, wenn er angeblich etwas identifiziert hat<em>: Mein Kampf? <\/em>Er ist ausgesucht h\u00f6flich und fragt immer, wenn er eine Frage stellt, ob er eine Frage stellen darf. Ist das der japanische Einfluss? Er spricht sehr bescheiden von seinen Japanischkenntnissen, vor allem der Schriftsprache, aber das ist sicher \u00fcbertrieben. Kurioserweise wei\u00df er nicht mehr, was <em>Pinienkerne<\/em> auf Franz\u00f6sisch hei\u00dft (wohl aber auf Japanisch) und muss Johann, den Fremden, fragen. Der wei\u00df es.<\/p>\n<p>Yvous\u2018 Heimatstadt ist Annecy. Wir k\u00f6nnen den Namen nicht identifizieren. Klingt anders als man meinen sollten. Es sind nur zwei Silben, nicht drei. Das macht einen gro\u00dfen Unterschied.<\/p>\n<p>Am Abend erz\u00e4hlt Johann von seinen gelegentlichen Begegnungen mit Ber\u00fchmtheiten. Nach Tianamen hatte er den Auftrag, sich um die chinesischen Fl\u00fcchtlinge zu k\u00fcmmern, darunter ein ber\u00fchmter Schriftsteller, der mit franz\u00f6sischen Gr\u00f6\u00dfen wir Yves Montand und Andr\u00e8 Glucksmann bekannt gemacht wurde. Er, Johann, findet alle gleich unertr\u00e4glich. Die einzige Ausnahme war Hollande, damals ein ganz gew\u00f6hnlicher Abgeordneter der Sozialisten, dessen Frau dabei war, sich den Weg zur Pr\u00e4sidentschaft freizuschaufeln. Sollte anders kommen.<\/p>\n<p>Johann stellt Tianamen in Zusammenhang mit Mauerfall und Aufl\u00f6sung des Ostblocks, eine Verbindung, die ich noch nie gesehen habe. Aber wann war den Tianamen? 1989! Das war der Vorl\u00e4ufer, nur eben weniger erfolgreich als die Nachfolger.<\/p>\n<p>Er erz\u00e4hlt auch von Colette Renard, die einstige Muse von Georges Brassens. Die lernte er als verlebte Frau mit \u00fcber 80 Jahren kennenlernte. Mit tiefer, verrauchter Stimme gab sie ihre Lebensphilosophie zum Besten: Die jungen Leute von heute w\u00fcssten ja nicht, worum es ginge im Leben. Es ginge immer nur um ein: Bumsen. Und \u00fcber Brassens f\u00e4llt sie auch ein klares Urteil: <em>un mauvaix coup<\/em>.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">3. August (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Der hei\u00dfeste Tag der Woche. Wir machen einen Ausflug. Es geht zur Schlucht des Tarn. Das ist eine Entt\u00e4uschung. Es ist \u00fcberlaufen, und von einer Schlucht, so wie wir sie uns vorstellen, so wie die in Kreta, ist nichts zu sehen. Au\u00dferdem kommt man kaum ans Wasser ran. Aus der Ferne sehen wir eine Felswand und bekommen hin und wieder einen Blick auf den Tarn, aber das ist alles. Irgendwann drehen wir frustriert um und fahren zur\u00fcck. Auf dem R\u00fcckweg halten wir dann in einem ganz kleinen, schmucken Ort ohne Touristen, Plages. Dort gibt es tats\u00e4chlich einen Weg zum Fluss hinunter. Das Wasser ist glasklart, und es sind Hunderte von kleinen Fischen zu sehen. Erst sehe ich gar keinen, dann gleich alle auf einmal. Im Wasser fahren ein paar Urlauber etwas lustlos im Kanu herum. Es ist nicht genug Wasser da, und es ist auch zu hei\u00df.<\/p>\n<p>Auf dem Hinweg machen wir dreimal Halt, und das lohnt sich. Zuerst an einer landschaftlich interessanten Stelle, der Aire de Plateaux. Auf einem Schild wird der dreifach motivierte Name erkl\u00e4rt, aber die Details verstehen wir nicht. Die Aussicht in die Ferne ist aber grandios. Mitten auf einem Felsen sieht man eine kahlgeschorene, leicht absch\u00fcssige Fl\u00e4che. Die sieht wie eine Piste f\u00fcr Trockenski aus oder wie eine Landebahn f\u00fcr Au\u00dferirdische. Es ist tats\u00e4chlich eine Wiese mit gerollten Heuballen. Sonst ist weit und breit nichts von Zivilisation zu sehen. Nur Berge, Felsen, W\u00e4lder. Wunderbar!<\/p>\n<p>Der zweite Halt ist an einer Kurve, wo es ein Denkmal f\u00fcr die Helden des Widerstands gibt, Franzosen auf der einen, Deutsche auf der anderen Seite. Die Deutschen hatten sich den franz\u00f6sischen Widerst\u00e4ndlern angeschlossen, um gegen die eigene, die deutsche Besatzungsmacht \u00a0zu k\u00e4mpfen. Und kamen dabei um. Gegen die \u00fcberm\u00e4chtige feindlichen Truppe. Das Zahlenverh\u00e4ltnis war 1:15. Und die deutschen Besatzer fuhren schwere Gesch\u00fctze auf. Es ist wie mit Kanonen auf Spatzen schie\u00dfen. Was hatten sie in dieser gottverlassenen Gegend verloren, um eine Handvoll Widerst\u00e4ndler in die Knie zu zwingen? Absurd. Dabei gingen sie so weit, dass die Gesch\u00fctze, als das Gel\u00e4nde unwegsam wurde, auseinandermontiert und auf den Schultern die Berge hinauf getragen wurde.<\/p>\n<p>Zwischenzeitlich sind wir bis auf 1200 Meter gestiegen, und die Landschaft hat sich ver\u00e4ndert. Valmalle liegt auf 500 Metern H\u00f6he. Irgendwo sehen wir einen Steinbruch. Dort wird Kalkstein gewonnen, in der Gegend um Valmalle nicht vertreten.<\/p>\n<p>Der dritte Halt ist in Florac. Dort machen wir eine l\u00e4ngere, gem\u00fctliche Pause auf der Terrasse eines Lokals, wo wir uns einen ausgezeichneten Salat teilen. Die St\u00fchle sind so hei\u00df, dass wir sie gegen die St\u00fchle des Nachbartisches, die im Schatten standen, austauschen. Als wir warten, bekommen wir Besuch von einem kleinen Insekt, das geduldig meine Finger erkundet. Nach einigen Versuchen k\u00f6nnen wir die Szene auf einem Photo festhalten.<\/p>\n<p>Irgendwie sto\u00dfen wir auf das Wort <em>berger<\/em>. Ist das das Wort f\u00fcr Sch\u00e4fer? Oder doch <em>pasteur<\/em>? Vielleicht verhalten sie sich wie <em>Hirte<\/em> und <em>Sch\u00e4fer<\/em> im Deutschen.<\/p>\n<p>Als wir mit geb\u00fchrender Versp\u00e4tung wieder in Valmalle ankommen, stehen die Jungs schon in der Startl\u00f6chern. Es geht zum Baden nach in den Gardon, ein kurzes St\u00fcck hinter Saint-Etienne-Vall\u00e9e-Fran\u00e7aise, dem n\u00e4chsten Ort vor Valmalle.<\/p>\n<p>Da es schon sp\u00e4t ist, haben wir den Fluss fast f\u00fcr uns. Es ist die reinste Freude. Klares, k\u00fchles Wasser, das sich in Kurven seinen Weg zwischen grau melierten Felsen hindurch bahnt. Die Sonne ist nicht mehr zu sehen, bescheint aber die Felder in der Ferne. Leider ist das Wasser etwas knapp, so dass man an einigen Stellen nicht schwimmen kann. Trotzdem ein Genuss. Dass es ein Genuss ist, ist auch dem Umstand zu verdanken, dass wir mit Badeschuhen ausgestattet werden. Mit denen kommt man gut \u00fcber den Parcours aus Kieselsteinen. Xia und Johann schaffen es bis zu einem Wasserfall, von dem sie enthusiastisch berichten. Der ist uns beiden entgangen.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg macht Johann einen kleinen Umweg kurz vor der Abbiegung nach Valmalle. So bekommen wir das Grundst\u00fcck seines Nachbarn zu sehen. Der wohnt ca. einen Kilometer entfernt. Der Nachbar, hier geboren, hatte ein \u00e4hnliches Haus wie Johann, hat das aber aufgegeben und sich gleich daneben einen ganz modernen Bau gesetzt, ohne Holz, Schiefer und all das alte Zeugs.<\/p>\n<p>Und dann gibt es da noch die Geschichte mit dem Nachbarn, der in einem Zelt auf der einen H\u00e4lfte des eigenen Grundst\u00fccks lebt, das er fr\u00fcher mit seiner Ehefrau gemeinsam besa\u00df. Die Frau lebt auf der anderen H\u00e4lfte mit ihrem neuen Ehemann, dem besten Freund des alten Ehemanns. Der Verlassene, ein B\u00fcromensch, verlor seine Arbeitsstelle und verlegte sich von heute auf morgen auf die Produktion von Schafsk\u00e4se. Als Autodidakt. Er hat eine gro\u00dfe Schafsherde. Er, der bisher kaum aus der Gegend herausgekommen und noch nie in Paris war, setzte sich eines Tages, der Einsamkeit \u00fcberdr\u00fcssig, in das Flugzeug, flog nach Kambodscha und kam vierzehn Tage sp\u00e4ter mit einer kambodschanischen Ehefrau wieder. Sie lebt jetzt hier in diesem verlassenen Fleckchen Erde und k\u00fcmmert sich um die Produktion des Schafk\u00e4ses, w\u00e4hrend er f\u00fcr Vertrieb und Werbung zust\u00e4ndig ist.<\/p>\n<p>Etwas abseits der Grundst\u00fccke sieht man kleine Einfriedungen mit Platten. Das sind Familiengr\u00e4ber. In dieser Gegend d\u00fcrfen die Leute machen, was sonst streng verboten ist: ihre Toten auf dem eigenen Grundst\u00fcck begraben. Das ist eine Folge eines alten Erlasses, der immer noch G\u00fcltigkeit hat. Er stammt aus der Zeit, als dies der R\u00fcckzugsort der franz\u00f6sischen Hugenotten war, den <em>camisards<\/em>. Sie hie\u00dfen so, weil sie, im Gegensatz zu den uniformierten Soldaten, denen sie sich gegen\u00fcbersahen, nur eine <em>camisa<\/em> trugen, ein Hemd. Sie, die Ketzer, sollten ihre Toten nicht auf katholischen Friedh\u00f6fen begraben und bekamen deshalb die Erlaubnis, sie auf dem eigenen Grundst\u00fcck zu begraben. Bis zur Revolution, vom Edikt von Fontainebleau an, waren die Protestanten Staatb\u00fcrger zweiter Klasse: keine Offizierslaufbahn, keine Heirat mit Katholiken, keine Advokatenlaufbahn, kein Begr\u00e4bnis auf Friedh\u00f6fen.<\/p>\n<p>Am Abend kommt die Rede auf die <em>burutes<\/em>. Die hat Xia unterwegs getroffen, ohne das Wort zu kennen. Das sind die alten Aussteiger, 68er, die in Frankreich h\u00e4ngen geblieben sind und sich ihr Geld mit selbst angebauten oder hergestellten Produkten auf den Wochenm\u00e4rkten verdienen. Sie leben, laut Johann, oft unter primitiven Umst\u00e4nden in heruntergekommenen H\u00e4usern, ohne Krankenversicherung oder Absicherung f\u00fcrs Alter. In seinem Kommentar klingt Bewunderung mit, aber auch Skepsis. Laut Xia sind sie eher Lebensk\u00fcnstler, die in Frankreich und in ihrem einfachen Lebensstil ihre Heimat gefunden haben.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">4. August (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen zeigt mir Yous ein winziges Loch zwischen den Steinen der Befestigungsmauer. Es ist der Zugang zu einem Nest von Hummeln oder Hornissen. Er hat ein besonderes Faible f\u00fcr Insekten. Das hat er schon als Kind entwickelt, als eine Art Abwehrreaktion gegen die als feindlich empfundene Welt der Erwachsenen.<\/p>\n<p>Er tr\u00e4gt ein T-Shirt mit der Aufschrift <em>Tranquille<\/em>. Das nimmt Bezug auf seine Mutter. Die ist aus Marseille. Und in Marseille ist es an der Tagesordnung, dass man Menschen, die zu hektisch oder aufgeregt sind, mit diesem Wort hinunterzieht: <em>Tranquille<\/em>.<\/p>\n<p>Heute helfen wir ein bisschen im Haus und lassen es langsam gehen. Kein Ausflug. Mit dem Pinsel in der Hand bringt Johann die Rede auf Mitterand. Der hat sich, wie alle Franzosen, die was auf sich halten, sein ganzes Leben lang als Mitglied der R\u00e9sistance geriert, bis er das in seiner Autobiographie, die gleich nach dem Ende seiner zweiten Amtszeit erschien, zu einem Zeitpunkt, als er schon todkrank war, korrigierte. In der Autobiographie erz\u00e4hlt er von seiner Rolle als Kollaborateur.<\/p>\n<p>Inzwischen hat sich Franz\u00f6sisch als <em>lingua franca<\/em> ergeben, wenn wir alle vier zusammen sind. Wir \u201eAusl\u00e4nder\u201c haben die Erfahrung gemacht, dass wir ganz gut zurechtkommen. Es klappert zwar \u00fcberall, aber f\u00fcr die Verst\u00e4ndigung reicht es. Yvous spricht sehr deutlich, so einen w\u00fcnscht man sich als Lehrer. Als ich ihm sage, dass ich ihn gut verstehe, hat er gleich die Erkl\u00e4rung parat. Was ist f\u00fcr Ausl\u00e4nder schwierig: <em>la liaison<\/em>. Das habe er festgestellt. Deshalb bem\u00fche er sich, die W\u00f6rter deutlich voneinander zu trennen. In der Tat. Das ist die gr\u00f6\u00dfte Hilfe, die man sich denken kann.<\/p>\n<p>Schon fr\u00fch haben wir gemerkt, wie oft <em>doucement<\/em> in der Sprache der beiden vorkommt. Genauso wie <em>truc<\/em> und <em>marrant<\/em>. Dazu lese ich noch <em>traper<\/em> auf, \u201aanbaggern\u2018. Das kommt bei Yvous auch \u00f6fter vor. Auch recul\u00e9 ist ein Wort, das man hier gut gebrauchen kann. Es hei\u00dft \u201aabgelegen\u2018. Eine Wiederentdeckung ist <em>arriver<\/em>. Es hei\u00dft nicht nur \u201aankommen\u2018, sondern auch \u201akommen\u2018 und \u201apassieren\u2018. So h\u00f6rt man <em>J\u2019arrive <\/em>oder <em>\u00c7a arrive<\/em>.<\/p>\n<p>Am Nachmittag fahren wir zwei zum Einkauf nach Saint Jean du Gard. F\u00fcr den Markt kommen wir zu sp\u00e4t. Es reicht nur zu einem Pastis und einem Kaffee auf einer Terrasse. Aus den Markisen kommt in regelm\u00e4\u00dfigen Intervallen k\u00fchler Dampf zur Erfrischung der Kunden. Das hab ich noch nie gesehen.<\/p>\n<p>An einer Stra\u00dfenecke steht ein Schild mit der Aufschrift: Trier. Das erkennt man von weitem. Als wir n\u00e4herkommen, sehen wir das ganze Plakat: \u00c9videmment vous pouvez le faire? Quoi donc? Trier le papier. Es ist eine Aufforderung zur M\u00fclltrennung: <em>trier<\/em> bedeutet \u201aaussondern\u2018, \u201atrennen\u2018.<\/p>\n<p>Wir haben ausgemacht, nochmal zum Gardon zum Baden zu fahren. Wir sind zuerst da und gehen schon ins Wasser. Ab was f\u00fcr eine unliebsame Entdeckung! Ohne die Badeschuhe sind die Kieselsteine kaum zu ertragen. Wir schaffen den halben Weg bis zum Wasserfall, kehren dann aber zur\u00fcck. Und als wir kaum unterwegs sind, erscheint Johann als Fata Morgana am Horizont: mit den Badeschuhen f\u00fcr uns zwei in der Hand! Was f\u00fcr eine Erl\u00f6sung! Man traut das den d\u00fcnnen Dingern gar nicht zu, aber es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Damit schaffen wir dann auch alle, auch der \u00fcbervorsichtige Yvous, den Weg bis zum Wasserfall. Auf dem Weg sehen wir junge Franzosen von den Klippen \u00fcber tiefere, hervorstehende Klippen in den teils sehr seichten Fluss springen. Als einer von oben abspringt, sto\u00dfe ich einen Schrei des Entsetzens aus. Der wiederum l\u00f6st Heiterkeit bei allen aus.<\/p>\n<p>Der Wasserfall ist ein echtes Erlebnis, ein \u00e4sthetisches und ein sinnliches. Er kommt in ganz verschiedenen Formen an verschiedenen Stellen herunter, mal als Rinnsal, mal als harter Wasserstrahl. Man muss sich anstrengen, um ihm gegen die Str\u00f6mung n\u00e4herzukommen, und dann kann man den Strahl nur einen Moment genie\u00dfen, indem man sich an der glitschigen Felswand festh\u00e4lt, um gleich wieder nach vorne getrieben zu werden. Wo der neue Angriff beginnt. Wunderbar!<\/p>\n<p>Das Abendessen wird heute drinnen serviert. Es ist merklich k\u00e4lter geworden, es hat angefangen zu regnen. Von Xias Essen bleibt nichts \u00fcbrig, kein Kr\u00fcmel. In vertraulicher Atmosph\u00e4re und beseelt vom Wein sprechen wir \u00fcber Gott und die Welt: \u00fcber Feng Shui, \u00fcber moderne klassische Musik, \u00fcber Projekte zum Verfassen von B\u00fcchern, \u00fcber den G-Punkt, \u00fcber H\u00f6flichkeit, \u00fcber Fahrst\u00fchle, \u00fcber das Leben im Ausland.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">5. August (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Ich wache auf mit der Erinnerung an meinen n\u00e4chtlichen Ritt \u00fcber den Bodensee. Im sicheren Gef\u00fchl, die \u00d6rtlichkeiten zu kennen, gehe ich im Dunkeln zum Bad, ertaste mir den Weg zur T\u00fcr und zu Klinke. Nur der Lichtschalter ist nicht zu finden. Auch innen ist kein Lichtschalter zu ertasten. Ich halte mich intuitiv am T\u00fcrrahmen fest und mache einen Schritt in den Raum. Das will ich jedenfalls. Es ist aber ein Schritt in die Leere. Ein Raum ohne Boden. Ich habe die Rechnung ohne die Bastler gemacht. Die haben am Vortag das Bett umgestellt. Die T\u00fcr links vom Bett f\u00fchrt jetzt nicht mehr ins Bad, sondern in den Hohlraum vor einer Felswand.<\/p>\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck im Freien, bei dem es dann doch Johanns <em>tarte aux tomates<\/em> gibt, weist Johann auf einem Baum auf dem Abhang hinter uns. Es ist ein Ginko. Er wei\u00df zu berichten, dass es ein einzigartiger Baum ist, ein Baum von der Art, wie es ihn bereits in der Steinzeit gab. Alle anderen B\u00e4ume bei uns sind j\u00fcnger. Daf\u00fcr wissen wir, dass er Goethe inspiriert hat: \u201eIst es ein lebendig Wesen\/Das sich in sich selbst getrennt?\/Sind es zwei, die sich erlesen\/Dass man sie als eines kennt?\u201c<\/p>\n<p>Beim Abschied tauschen wir Zusage und Bitte aus, nicht wieder drei Jahre verstreichen zu lassen bis zum n\u00e4chsten Besuch.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Fahrt kommt mir Johanns Diktum in den Sinn, er interessiere sich nicht weiter f\u00fcr chinesische Tempel. Was ihn interessiere sei dies: Wie viele Autos verkauft VW pro Jahr in Deutschland? 500.000. Wie viele Autos verkauft VW pro Jahr in China? 3,5 Millionen. Das sei die Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Die Fahrt geht Richtung Al\u00e8s. Hinter Anduze \u00e4ndert sich die Gegend. Es wird flach. Wir fahren an Weinfeldern vorbei und an vertrockneten Sonnenblumenfeldern, an bauchigen Zypressen und kommen immer wieder durch Alleen, meistens Pappelalleen. Eine Schande, dass davon in Deutschland nur noch so wenige \u00fcbriggeblieben sind.<\/p>\n<p>Auch ein paar Starenk\u00e4sten warten am Wegesrand. Sie werden vorher angek\u00fcndigt. Und obwohl Xia einen guten Blick f\u00fcr sie hat, glaubt sie, erwischt worden zu sein.<\/p>\n<p>Wir fragen uns, was Richtungsschilder zu bedeuten haben, bei denen vor dem Zielort ein gelbes <em>bis<\/em> steht. F\u00fcr Lastwagen geeignet? Umgehung von Ortsdurchfahrten? Irgend sowas muss es sein.<\/p>\n<p>In einem kleinen, unscheinbaren Ort vor Uz\u00e8s machen wir Halt. Eine weitere Station auf der Suche nach dem Gral, dem <em>pain aux raisin<\/em>. Das Ergebnis ist immer gleich: ausverkauft oder geschlossen. Immerhin lohnt es sich sprachlich. Die Verk\u00e4uferin spricht <em>pain aux raisin<\/em> ohne Nasalisierung, auf s\u00fcdfranz\u00f6sische Art, bei allen drei Vokalen. Als wir bei einer sp\u00e4teren Station dann endlich ein <em>pain aux raisin <\/em><em>auftreiben, stellt sich heraus, dass es sich um eine ganz normale Rosinenschnecke handelt. <\/em><\/p>\n<p>Der Ort erweist sich als ganz h\u00fcbsch, und wenn man die Stra\u00dfenflucht hinunterblickt, hat man die sofortige Gewissheit, dass man in Frankreich ist. Wie immer, auch im kleinsten Ort, ist die Mairie fein herausgeputzt und fahnengeschm\u00fcckt. Das Wetter ist sch\u00f6n, man kann gut drau\u00dfen sitzen, aber es ist auff\u00e4llig windig. Der erste Vorbote.<\/p>\n<p>Der Weg zur\u00fcck zum Auto nach der Kaffeepause f\u00fchrt \u00fcber die Rue du Temple. Eine sprachliche Unterscheidung, auf die uns schon Johann aufmerksam gemacht hatte: Eine katholische Kirche hei\u00dft <em>\u00e9glise<\/em>, eine protestantische <em>temple<\/em>.<\/p>\n<p>In Uz\u00e8s selbst sehen wir bei der Durchfahrt ein Hinweisschild auf das <em>Mus\u00e9e du Bonbon<\/em>. Von Haribo.<\/p>\n<p>Mit schwerem Herzen, aber mit k\u00fchlem Kopf lassen wir die Pont du Gard links liegen. Der Mont Ventoux steht auf dem Programm. Da hat Xia Nachhofbedarf. Der Gegenwind hat sie einmal daran gehindert, bis zum Gipfel zu kommen.<\/p>\n<p>Wieder kommt der Eigenname Gard vor, wie vorher bei Saint Jean du Gard oder beim D\u00e9partement Gard. Schwimmen waren wir aber im Gardon. Wir haben \u00fcberlegt, ob es sich dabei um einen Augmentativ handelt, aber die W\u00f6rter werden anscheinend unterschiedslos gebraucht. Mehrere Zufl\u00fcsse des Gard bzw. Gardon hei\u00dfen ebenfalls Gard oder Gardon. Bei dem Hauptfluss scheint der Oberlauf eher Gard und der Unterlauf eher Gardon zu hei\u00dfen. Oder umgekehrt.<\/p>\n<p>Dann kommen wir mitten durch Avignon. Wir \u00fcberqueren die Rhone gleich dreimal. Das erlaubt gute Blicke auf die Br\u00fccke, die Stadtmauer und den Papstpalast. Der Fluss schimmert gr\u00fcnlich und hat eine dichte Bewachsung am Ufer.<\/p>\n<p>Die Fahrt zieht sich hin, und die Strecke zieht sich bergauf. Aber dann kommen wir nach Malauc\u00e8ne, einer Kleinstadt, die was auf sich h\u00e4lt. Sie war die Sommerresidenz der P\u00e4pste von Avignon, und das merkt man heute noch an den vielen repr\u00e4sentativen Bauten. In so einem ist auch die Marie untergebracht. Es gibt Plakate f\u00fcr Ausstellungen mit bekannten modernen K\u00fcnstlern. Wichtiger f\u00fcr uns sind aber die Hinweisschilder f\u00fcr das WC. Vom B\u00fcrgermeister gratis zur Verf\u00fcgung gestellt.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen \u00fcberall Radfahrer, die ihre R\u00e4der vom Fahrradverleih abholen oder dahin zur\u00fcckbringen. Hier, in Malauc\u00e8ne, beginnt die gef\u00fcrchtete Auffahrt auf den Mont Ventoux bei der Tour de France. F\u00fcr viele Amateure eine Einladung, es auf eigene Faust zu versuchen.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich eine Kindheitserinnerung. Hier gab es den aufsehenerregenden Todesfall: Tom Simpson, ein englischer Radfahrer, starb kurz vor dem Gipfel, an einem der hei\u00dfesten Tage der Geschichte der Tour de France, an Herzversagen, wie es damals hie\u00df. Erst viel sp\u00e4ter kamen Stimmen auf, die von Doping sprachen, einem der ersten in der Geschichte des Radrennsports.<\/p>\n<p>Sobald man Malauc\u00e8ne verl\u00e4sst,\u00a0 \u00e4ndert sich schlagartig die Landschaft. In st\u00e4ndigen Kehren geht es st\u00e4ndig bergauf, am Felsen entlang, mit B\u00e4umen und H\u00fcgeln auf der anderen Seite.<\/p>\n<p>Zu voll? Zu gef\u00e4hrlich? Zu kalt? Zu windig? Zu warm? Meine Bef\u00fcrchtungen erweisen sich als unbegr\u00fcndet. Die Stra\u00dfe ist sehr gut, und die Radfahrer fahren nicht im Pulk, sondern einzeln. Alle. Es sind ausschlie\u00dflich M\u00e4nner. Man sieht ihnen an, dass jeder Tritt m\u00fchevoll ist.<\/p>\n<p>Auf halbem Weg gibt es eine Plattform mit Schildern, die zu Skipisten f\u00fchren. Von hier hat man eine gute Sicht auf den Berg und in die Ebene. Kurz vor dem Gipfel verschwindet dann pl\u00f6tzlich die Vegetation. Der Gipfel liegt \u00fcber der Baumgrenze.<\/p>\n<p>Der erste Hinweis, dass es ungem\u00fctlich werden k\u00f6nnte: Die herunterkommenden Radfahrer sitzen nicht im Sattel. Sie schieben die R\u00e4der.<\/p>\n<p>Dann, in einer Kurve, beginnt das Auto zu rappeln und zu klappern. Auch bei Stillstand. Beim Blick auf die schnell vorbeiziehenden Wolken wird es einem schwindlig: Man sp\u00fcrt f\u00f6rmlich, dass die Erde sich dreht.<\/p>\n<p>Auf dem Gipfel angekommen, lassen sich die Autot\u00fcren nicht \u00f6ffnen. Wir m\u00fcssen uns dagegenstemmen, um hinauszukommen. Ein Ehepaar aus dem Saarland mit Kindern im Auto steigt erst gar nicht aus. Sie fahren sofort wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Dann schaffen wir es bis auf das Plateau. Da wird der Wind noch st\u00e4rker, noch b\u00f6iger. Mal macht man einen Schritt nach vorn und bleibt auf der Stelle stehen, mal wird man unvermittelt nach vorne geschubst. Die Leute klammern sich aneinander oder an irgendeinen Gegenstand. Alle lachen, so was hat man noch nicht gesehen. Die Kameras werden mit beiden H\u00e4nden gehalten. Der Wind f\u00fchlt sich eiskalt an, obwohl es immer noch 10\u00b0 warm ist. In Malauc\u00e8ne waren es noch 21\u00b0.<\/p>\n<p>Warum ist es hier so windig? So hoch ist der Berg gar nicht, knapp 2000 Meter. Und es gibt auch Berge in der Umgebung, die h\u00f6her zu sein scheinen. Aber der Mont Ventoux hat kein Vorgebirge, das ihn sch\u00fctzt. Und er hat das Tal der Rhone als Flugschneise, auf der er Fahrt aufnehmen kann, hei\u00dft es. Was auch immer die Erkl\u00e4rung sein mag, es ist eine einpr\u00e4gsame sinnliche Erfahrung. Und der Berg hat seinen Namen wirklich verdient.<\/p>\n<p>Bei der R\u00fcckfahrt wird es, so wie es bergab geht, immer ruhiger. Man sieht riesige Schatten auf den Wiesen und B\u00e4umen, die ganz unwirklich aussehen. Aber es sind ganz \u201enormale\u201c Schatten, von den Wolken geworfen.<\/p>\n<p>Als wir wieder in der Ebene sind, machen wir kurz Halt und werfen einen Blick zur\u00fcck auf dem Berg. Da liegt ja Schnee! Wirklich? Nein, das ist kein Schnee, sagt Xia. Doch, ich bleibe dabei. Das ist Schnee. Was denn sonst? Es ist kein Schnee. Die kahlen Felsw\u00e4nde am Gipfel leuchten in der Sonne. Man hat wirklich den Eindruck, dass da Schnee liegt. Aber wenn man l\u00e4nger hinsieht, \u201ebewegt\u201c sich der Schnee. Es ist das Licht.<\/p>\n<p>Und was war jetzt mit Petrarca? Ist er oben gewesen? Hat er den Berg bestiegen? Das behauptet er jedenfalls. Zusammen mit seinem Bruder. Er im Zickzack, sein Bruder geradeaus. Nicht schwer, das als eine Allegorie auf den Lebensweg zu sehen. Inspiriert worden sei er f\u00fcr den Aufstieg durch die Lekt\u00fcre von Livius am Tag zuvor. Der habe von einer \u00e4hnlichen Aktion gesprochen. An dieser Darstellung sind viele Zweifel vorgebracht worden, die Daten wollen einfach nicht passen, und vielleicht hat es sich den Aufstieg einfach ausgedacht. Aber selbst dann ist es ein bemerkenswertes Unterfangen. Zu seiner Zeit war man vermutlich f\u00fcr einen Spinner gehalten worden oder einen Draufg\u00e4nger oder einen Adrenalinjunkie, wenn man sich auf so etwas eingelassen h\u00e4tte. Berge waren Orte der Gefahr, des Unheils, Orte von Geistern. Er aber ist allein vom Verlangen getrieben, diesen au\u00dfergew\u00f6hnlichen Ort zu erleben. Und daf\u00fcr ist er als erster Bergsteiger, als Vorl\u00e4ufer der Romantik, als Wegbereiter der Renaissance gefeiert worden, als fr\u00fchesten v\u00f6llig modernen Menschen, der die Bedeutung der Landschaft f\u00fcr die erregbare Seele begriffen habe. Xia hat noch eine andere Deutung: Petrarca steht oben, er erh\u00f6ht den Menschen gleichsam. Der Mensch unterwirft sich die Natur, nicht der Natur.<\/p>\n<p>Philosophisch erh\u00f6ht, aber halb verhungert erreichen wir unser Quartier, ein <em>chambre d\u2019h\u00f4tes<\/em>, ein Privatquartier, in Mazan, einem kleinen Ort unweit des Berges. Das Quartier, <em>Le Mas des Aub\u00e9pines, <\/em>liegt au\u00dferhalb des Ortes, in einem Neubaugebiet. Das Wort <em>mas<\/em> ist das s\u00fcdfranz\u00f6sische \u00c4quivalent von <em>maison<\/em>. Eine freundliche Frau \u00f6ffnet das Eisengitter und f\u00fchrt uns in den Garten, wo sie ein Erfrischungsgetr\u00e4nk serviert. Sie vermietet nur zwei Zimmer. Sie erkundigt sich nach unseren Reisepl\u00e4nen. Puy? Da sei sie auch gewesen. Sie mache mit ihrem Mann zusammen, st\u00fcckchenweise, den Camino de Santiago. Den franz\u00f6sischen Teil finden sie viel besser als den spanischen.<\/p>\n<p>Sie empfiehlt zum Essen, nach St. Didier zu fahren. Da gebe es mehr Auswahl. Das tun wir. Das Problem ist, dass auf der einzigen Stra\u00dfe des Dorfes laute und nicht sehr gute Livemusik l\u00e4uft, und wir verziehen uns in das hinterste Lokal, ein franz\u00f6sisch-japanisches, ein Familienunternehmen. Der franz\u00f6sische Wirt hat offensichtlich eine Japanerin geheiratet und sie in die K\u00fcche gestellt. Das Hauptgericht ist Curry, ziemlich scharf, und das will weder so richtig in die japanische noch in die franz\u00f6sische K\u00fcche passen. Es ist aber gut, im Gegensatz zu dem Hauswein. Der ist so schlecht, und au\u00dferdem kalt, dass wir ihn zur\u00fcckgehen lassen und eine Flasche Wein bestellen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">6. August (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Fr\u00fchst\u00fcck gibt es auf der Terrasse, mit selbstgemachter Marmelade, darunter auch Orange Marmalade nach englischer Art. Die beiden anderen Marmeladen enthalten \u201eZusatzstoffe\u201c wie Zimt. Stolz berichtet die Wirtin, sie habe insgesamt 25 Sorten selbstgemachter Marmelade.<\/p>\n<p>Auf die Rechnung kommt eine \u201eKurtaxe\u201c von 2 \u20ac. Da sind die Kurorte mit schlechtem Beispiel vorangegangen. Die sollen froh sein, dass man kommt statt einen auch noch daf\u00fcr zu bestrafen.<\/p>\n<p>Beim Gespr\u00e4ch kommt wieder die Frage auf: Was hei\u00dft eigentlich Gleichfalls auf Franz\u00f6sisch? Ich mache Anleihe beim Spanischen und versuche es mit <em>Egalement!<\/em> Stimmt! Zufallstreffer.<\/p>\n<p>Wir brechen fr\u00fch auf. Es steht einiges auf dem Programm. Unterwegs kann ich zwei Kuriosit\u00e4ten aus dem Reisef\u00fchrer zum Besten geben. Die erste hat was mit Hamburgern zu tun. Frankreich ist nach den USA das Land, in dem die meisten Hamburger gegessen werden. Frankreich!<\/p>\n<p>Das zweite hat was mit K\u00fcssen zu tun. Es gibt ein Gesetz in Frankreich, das das K\u00fcssen auf Bahnsteigen verbietet. Damit soll der Verz\u00f6gerung bei der Abfahrt der Z\u00fcge entgegengewirkt werden. Das Gesetzt gibt es seit 1904 und es ist immer noch in Kraft. Es werden aber vermutlich keine Strafen verh\u00e4ngt bei Zuwiderhandlung.<\/p>\n<p>Das erste St\u00fcck des Weges geht es \u00fcber die Autobahn, \u00fcber eine eher nichtssagende, flache Landschaft. Dann kommt urpl\u00f6tzlich ein riesiger Felsen mit einer Festung obenauf, und dann kommt wieder die unspektakul\u00e4re Ebene. Auf einem H\u00fcgel vor uns stehen B\u00e4ume aufgereiht, die zusammen wie ein Bretterzaun aussehen.<\/p>\n<p>Eine Abfahrt geht nach Mont\u00e9limar. Xia sagt: \u201eDas hat doch was mit Essen zu tun\u201c. Stimmt. Nougat. Mont\u00e9limar gilt als die Haupstadt des Nougats. Allerdings ist der franz\u00f6sische Nougat, wie ich erfahre, anders als der deutsche. Zu den Ingredienzien geh\u00f6ren Pistazien, Vanille, Mandeln und Lavendelhonig.<\/p>\n<p>Bei der Abfahrt von der Autobahn haben wir dreifaches Gl\u00fcck: Unmittelbar vor uns bildet sich ein Stau, auf der entgegenkommenden Seite gibt es schon seit Kilometern einen Stau, und als wir auf die Landstra\u00dfe kommen, sehen wir auf der entgegenkommenden Spur den R\u00fcckstau, der sich bis zum n\u00e4chsten Ort hinzieht. Wir wollen dahin, wo keiner hin will.<\/p>\n<p>Wir kommen auf einer einsamen Landstra\u00dfe in die n\u00e4chste Region, Ard\u00e8che. In Flaviac machen wir Halt und entdecken eine wunderbare B\u00e4ckerei. Sie ist in einem Teil einer alten Fabrik untergebracht \u2013 Bettw\u00e4sche oder Verpackung, wir k\u00f6nnen uns nicht einigen \u2013 und ist thematisch wie eine kleiner Bahnhof aufgemacht, mit Loren, in denen die Backwaren liegen, mit Schienen, mit Fahrpl\u00e4nen und einer Front hinter der Theke, die wie ein Bahnw\u00e4rterh\u00e4uschen aussieht. Alles wird vor Ort gebacken. Und es l\u00e4uft. W\u00e4hrend der ganzen Zeit ist hier Betrieb. Es gibt Landbrot, von dem man sich ein St\u00fcck abschneiden lassen kann. Wir trinken einen Kaffee und essen ein St\u00fcck von einer <em>gallete<\/em>. Das sind Heidelbeeren drin. Xia identifiziert sie nicht nur, sondern kennt auch das franz\u00f6sische Wort: <em>myrtille<\/em>.<\/p>\n<p>Bei einem kurzen Bummel durch den Ort entdecken wir zwei Stra\u00dfennamen, die aus historischen Daten bestehen. Eins erinnert an einen Tag im Jahre 1944, das andere 1918.<\/p>\n<p>Danach geht es weiter. Wir fahren mitten durch das Massif Central. Einsame Stra\u00dfe, vereinzelte D\u00f6rfer, viele Steigungen. In einigen D\u00f6rfern sehen wir H\u00e4userfronten, in die unter dem Dach mehrere L\u00f6cher eingelassen sind. Das ist der Zugang zum Taubenschlag. F\u00fcr die Tauben.<\/p>\n<p>Dann geht es durch eine bewaldete Gegend, immer weiter bergauf. \u201eHeidelbeeren!\u201c hei\u00dft es pl\u00f6tzlich. \u201eWo?\u201c \u2013 \u201eDa!\u201c \u2013 \u201eWo?\u201c \u2013 \u201eDa, \u00fcberall, tausende\u201c. Ich sehe keine einzige. Sie steigt aus und kommt freudestrahlend mit der Beute zur\u00fcck: zwei Heidelbeeren. Die Str\u00e4ucher seien alle leergek\u00e4mmt. Ich bin skeptisch, aber es scheint zu stimmen. Ganz w\u00f6rtlich. Es gibt wohl \u201eK\u00e4mme\u201c, mit denen die Beeren von den Str\u00e4uchern entfernt werden. Wie um das zu best\u00e4tigen taucht an der n\u00e4chsten Kreuzung ein Stand auf, an dem Heidelbeeren verkauft werden. Begeistert ergreift Xia die Gelegenheit und kommt mit einem Korb zur\u00fcck: 1 Kilo Heidelbeeren. Ist das nicht etwas viel? Auf jeden Fall genug, damit wir uns damit die Kleidung versauen. Der Gerechtigkeit halber muss aber gesagt werden, dass sie uns in den n\u00e4chsten Tagen mehrmals \u00fcber eine Hungerstrecke hinwegbringen.<\/p>\n<p>Ganz ausgefochten ist das Duell trotzdem noch nicht. Heidelbeeren hei\u00dfen auch Waldbeeren, behaupte ich. Kann nicht sein, sagt sie, sie wachsen ja gerade nicht im Wald. Das ist mir zu \u201elogisch\u201c gedacht. Bei uns hie\u00dfen sie Waldbeeren. Woanders Blaubeeren.<\/p>\n<p>Es geht weiter, es wird eher noch einsamer, aber dann tauchen pl\u00f6tzlich parkende Autos am Stra\u00dfenrand auf und Buden, in denen es Souvenirs zu kaufen gibt. Wo kommen die denn pl\u00f6tzlich her? Ein Schild gibt Auskunft: <em>La source de la Loire. <\/em><\/p>\n<p>Die Fahrt zieht sich hin, und immer noch ist kein Hinweis auf Puy zu sehen. Au\u00dferdem hat der Navigator hier oben ein paar Aussetzer. Aber dann endlich taucht das erste Schild auf.<\/p>\n<p>Schon bei der Einfahrt sieht man, was an Puy so besonders ist. Von der Stra\u00dfe aus hat man einen kurzen Blick auf zwei steil aufragende, nackte, br\u00e4unliche Felsen. Die sehen an sich schon spektakul\u00e4r aus. Aber noch spektakul\u00e4rer dadurch, dass da oben was steht, eine Kirche auf dem einen, eine Madonnenstatue auf dem anderen. Diese Madonnenstatue verdient das Pr\u00e4dikat \u201eFaust aufs Auge\u201c, ein Koloss, grobschl\u00e4chtig, in \u201eseltener Instinktlosigkeit\u201c, wie der Reisef\u00fchrer es nennt, auf die Spitze des Felsen gesetzt. Ihr ist nicht zu entkommen. \u00dcberall, wo es in der Stadt einen kleinen Durchblick gibt, taucht sie auf.<\/p>\n<p>Wir finden sofort einen Parkplatz und setzen uns auf die Terrasse eines Caf\u00e9s in der Unterstadt. Man blickt auf einen sch\u00f6nen, fahnengeschm\u00fcckten Stra\u00dfenzug mit farbig bemalten Fassaden. Irgendwie wirkt das italienisch.<\/p>\n<p>In dem Caf\u00e9 gibt es Citron Press\u00e8. Man lieber Mann, wenn sauer lustig macht! So viel Zucker kann man da gar nicht reintun, um ihn genie\u00dfbar zu machen.<\/p>\n<p>Wir machen uns auf den Weg in die Oberstadt. Touristen, Souvenirs, Kopfsteinpflaster. Und dann in die Kirche, unser eigentliches Ziel. Aber das Juwel der Romanik entt\u00e4uscht doch etwas. Zu gr\u00fcndlich renoviert, zu gro\u00df, zu m\u00e4chtig. Eine riesige Freitreppe f\u00fchrt durch die f\u00fcnfgeschossige Fassade nach innen. Der Raumeindruck ist weder \u00fcberw\u00e4ltigend noch regt er zu Meditation an. Es ist auch zu voll daf\u00fcr. Puy ist eine der wichtigen Stationen auf dem Pilgerweg nach Santiago.<\/p>\n<p>Es gibt ein paar sch\u00f6ne Ausstattungsst\u00fccke, darunter den \u201eFieberstein\u201c. \u00a0Wenn man sich auf diesen Stein legte, konnte man, so der Glaube, von der Pest geheilt werden oder bewahrt bleiben. Es ist eine riesige, flache Granitplatte. Man vermutet, dass sie fr\u00fcher die Deckplatte eines Dolmens war.<\/p>\n<p>Daneben, im Seitenschiff, ein Fresko mit Katharina und dem Rad, ihrem Marterwerkzeug. Das scheint das einzig erhaltene Fresko zu sein.<\/p>\n<p>Auf einem kleinen Altartisch am Rande des Mittelschiffs steht eine Santiago-Figur. Durch einen Schlitz in dem Tisch kann man einen Zettel mit einer pers\u00f6nlichen Bitte einwerfen. Diese Bitte wird dann von einem Pilger auf den Weg nach Santiago mitgenommen. Der Pilger betet dann f\u00fcr die Erf\u00fcllung dieser Bitte. Ein sch\u00f6ner Gedanke, ein ganz Unbekannter nimmt einem so einen Teil der Last ab. Das kann man auch so empfinden, wenn man daran nicht glaubt. Xia findet die Mischung von pers\u00f6nlicher Bitte und Anonymit\u00e4t besonders bemerkenswert.<\/p>\n<p>Wir zahlen Eintritt und sehen und den Kreuzgang an. Der ist sch\u00f6n, erf\u00fcllt aber auch nicht ganz die Erwartungen, vor allem Xias Erwartungen an die Gestaltung von Kapitellen. Wir entdecken aber ein paar kuriose Motive, eine Nonne und ein M\u00f6nch, die sich um einen Bischofsstab streiten, ein Tier, das in ein Horn bl\u00e4st usw. Sch\u00f6n ist auf jeden Fall die Verzierung durch die polychromen Backsteine an der Stirnseite. Mitten im Gang befindet sich au\u00dferdem ein verziertes Eisengitter, eins der \u00e4ltesten in Frankreich \u00fcberhaupt. Was das Gitter wovon abtrennen sollte, wird nicht klar.<\/p>\n<p>Wir sehen uns noch das schlichte, ebenfalls romanische Baptisterium an, verzichten aber dann auf weitere Besichtigungen und sehen uns ein paar der L\u00e4den f\u00fcr Touristen an. \u00dcberall wird gekl\u00f6ppelt und gestickt, und es werden die entsprechenden Erzeugnisse verkauft. Das andere lokale Erzeugnis, f\u00fcr das Puy bekannt ist, sind <em>lentilles vertes.<\/em> Die gibt es in allen m\u00f6glichen Pr\u00e4sentationsformen und Mengen, aber auch, man mag es kaum glauben, zu Bier verarbeitet: Linsenbier. Wir kaufen eine Flasche und probieren sie sp\u00e4ter zuhause. Nicht zur Nachahmung empfohlen.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Auto sehen wir eine <em>Viennoiserie<\/em>. Das ist eine Konditorei. In Schweden hei\u00dfen sie <em>Schweizerie. <\/em><\/p>\n<p>Wir machen uns auf den Weg, denn es soll heute noch nach Lyon gehen. Das klappt dann aber bestens, \u00fcber die Autobahn, bis kurz vor Lyon ein Stau gemeldet wird. Wir nehmen die Stauvermeidungsstrategie und fahren der Karte nach ins Zentrum, und es funktioniert! Und das, obwohl ich mich an einer Stelle falsch einordne und wir fast wieder auf der Autobahn landen.<\/p>\n<p>Der Umweg f\u00fchrt uns durch ein h\u00e4ssliches Industrieviertel, aber dann kommt die Innenstadt in Sicht. Zwei Dinge fallen sofort ins Auge, eins in der Distanz, eins gleich vor uns. In der Distanz sieht man auf einem H\u00fcgel eine wei\u00dfe Basilika, so etwas wie das Montmartre von Lyon, direkt vor uns ein silbern schimmerndes, futuristisches Geb\u00e4ude, das wir f\u00fcr den Bahnhof halten, das aber ein Museum ist, das <em>Mus\u00e9e des Confluence<\/em>. Das Wort <em>confluence<\/em> taucht hier alle Nase lang auf. Es bezieht sich auf den Zusammenfluss von Rhone und Sa\u00f4ne. Die beiden Fl\u00fcsse geben der Stadt Struktur und teilen sie in drei Teile: das jenseitige Ufer der Sa\u00f4ne, das jenseitige Ufer der Rhone und der Raum dazwischen, die Presqu\u2018\u00eele.<\/p>\n<p>Da liegt auch unser Hotel. Das finden wir auf Anhieb. Und einen Parkplatz vor dem Hotel. Als wir einen Parkschein l\u00f6sen wollen, erfahren wir: gratis in Juli und August. Umso besser. Das einzige Problem ist, dass das Auto in der Sonne br\u00e4t, und mit ihm der Wein aus St. Emilion. Sp\u00e4ter setzen wir das Auto um, in den Schatten, wie noch viele Male, aber jedes Mal, wenn wir wieder zur\u00fcckkommen, hat die Sonne uns wieder ein Schnippchen geschlagen.<\/p>\n<p>Wir haben von den <em>bouchons<\/em> gelesen, einer Besonderheit von Lyon. Das sind Lokale, in den traditionellerweise ein Strohb\u00fcndel an der T\u00fcr hing \u2013 <em>bouchon<\/em> \u2013 als Zeichen daf\u00fcr, dass hier auch Stroh f\u00fcr die Pferde bereitlag, entweder als Futter oder zum Abreiben. Man soll Lyon nicht verlassen, ohne in einem <em>bouchon<\/em> gespeist zu haben.<\/p>\n<p>Wir machen uns gleich auf die Suche nach einem <em>bouchon<\/em>, das im Internet empfohlen wird. Es liegt auf der anderen Seite der Sa\u00f4ne, in der Altstadt. Der Spaziergang ist sch\u00f6n, kommt uns aber unendlich lang vor. Es sollen aber nur drei Kilometer sein. Wir \u00fcberqueren die Sa\u00f4ne \u00fcber eine Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke. Am Ufer der Sa\u00f4ne B\u00e4ume und Skulpturen, im Wasser Hausboote. Alles sehr sch\u00f6n, und es wird immer sch\u00f6ner, je n\u00e4her man der Altstadt kommt. Sehr sch\u00f6ne, gut restaurierte oder gut erhaltene H\u00e4user, sch\u00f6ne Atmosph\u00e4re im Halbdunkel.<\/p>\n<p>Dann erscheint durch eine H\u00e4userl\u00fccke pl\u00f6tzlich die Kathedrale. Die Fassade gotisch wie es im Buche steht, aber mit Rundt\u00fcrmen, die entweder ein Zitat aus der Romanik sind oder eine Hinzuf\u00fcgung der Renaissance.<\/p>\n<p>Es wird auch immer voller, und wir kommen an einem <em>bouchon<\/em> nach dem anderen vorbei, ohne unseres zu finden. Die winzige Stra\u00dfe, auf der es sich befindet, hat keinen <em>bouchon<\/em>, und auf dem Platz, auf dem sie m\u00fcndet, gibt es keinen <em>bouchon<\/em> diesen Namens. Macht nichts. Dann nehmen wir eben ein anderes. Das ist aber nicht so leicht. Alle sind entweder voll oder teuer oder beides. Am Ende landen wir in einem ganz \u201enormalen\u201c Lokal, ebenfalls mit stolzen, aber noch bezahlbaren Preisen. Hier gibt es zwei Spezialit\u00e4ten, die als lokale Spezialit\u00e4ten angeboten werden, es aber nicht unbedingt sind: <em>quenelle<\/em> und <em>andouille<\/em>, eine ovale, aus Teig hergestellte und mit Fisch gef\u00fcllte Speise und eine Art \u201eWurst\u201c, die mit Innereien gef\u00fcllt ist.<\/p>\n<p>Uns steht aber noch der R\u00fcckweg bevor, und der hat ein Hindernis f\u00fcr uns parat. Wieder kommen wir zu der sch\u00f6nen Uferszenerie und sehen indirekt beleuchtete herrschaftliche H\u00e4user auf der Gegenseite. Dann wird es immer \u201ed\u00fcsterer\u201c, je n\u00e4her wir in die Gegend des Hotels kommen. Und irgendwann kommen wir nicht mehr weiter. Es ist absurd, weil wir das Schild des Hotels schon in der Distanz sehen, aber es gibt keine M\u00f6glichkeit, den undurchsichtigen Knoten aus Schnellstra\u00dfen zu \u00fcberwinden, auch nicht durch die unheimlichen Fu\u00dfg\u00e4ngerpassagen. Man steht ratlos da. Am Ende m\u00fcssen wir ein ganzes St\u00fcck zur\u00fcck und es auf anderem Wege versuchen. V\u00f6llig erm\u00fcdet kommen wir am Hotel an.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">7. August (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Gest\u00e4rkt von einem erstaunlich guten Fr\u00fchst\u00fcck in dem einfachen Hotel entscheiden wir uns f\u00fcr eine Busrundfahrt durch Lyon. Der Bus ist alt und klappert, die Lautsprecher scheppern, und die Fahrkarten sind teuer, aber es lohnt sich: Zu Fu\u00df h\u00e4tten wir nicht einen Bruchteil der Stadt gesehen. Lyon ist Frankreichs drittgr\u00f6\u00dfte Stadt und sehr ausgedehnt. Und die Erkl\u00e4rungen sind gut.<\/p>\n<p>Es f\u00e4ngt gleich bei der Confluence an. Wir verstehen, was uns gestern Abend passiert ist. Die Confluence, vor allem der untere Teil, war lange ein vernachl\u00e4ssigter Stadtteil. Das hei\u00dft urspr\u00fcnglich war er gar kein Stadtteil, sondern Sumpfgebiet. Nach der Trockenlegung wurde alles das dorthin gelegt, was man nicht im Stadtzentrum haben wollte: Fabriken, Gef\u00e4ngnisse, Schlachth\u00f6fe. Und sie wurde durch Zuggleise und Schnellstra\u00dfen so gut wie von der restlichen Stadt abgeschnitten. Erst in den letzten Jahren hat die Confluence eine Renaissance erlebt. Das Emblem dieser Stadterneuerung ist das Mus\u00e9e des Confluence, das uns gestern bei der Einfahrt nach Lyon sofort ins Auge gestochen ist.<\/p>\n<p>Es geht die ganze Presqu\u2019\u00eele entlang und dann auf die andere Seite der Sa\u00f4ne, in h\u00f6her gelegene Stadtviertel. An der Wand klebt das alte r\u00f6mische Theater, in schwarzem Stein, eins der gr\u00f6\u00dften des gesamten Reichs.<\/p>\n<p>Ebenfalls an den Berghang gebaut ein Hotel in einer Neobauweise des 19. Jahrhunderts, das zu den ersten am Ort geh\u00f6rt, heute von einer Hotelkette betrieben. Dies war das Hauptquartier von Barbie. Der findet sp\u00e4ter noch einmal Erw\u00e4hnung, als wir am Justizpalast vorbeikommen. Dort fand der Prozess gegen ihn statt.<\/p>\n<p>Ganz oben befindet sich die Basilika, die wir auch gestern aus der Ferne gesehen haben. Sie ist bekannt f\u00fcr ein Lichterfest, das hier im Dezember stattfindet. Die Westfront sieht so anders aus, dass wir uns einen Moment lang fragen, ob es dasselbe Geb\u00e4ude ist.<\/p>\n<p>An demselben Hang steht, unweit der Basilika steht, als begehrtes Photomotiv, eine Imitation des Eiffelturms.<\/p>\n<p>Als es den Hang wieder hinab geht, ist von einer Skipiste die Rede. Ski? Hier? Ja, Trockenski. Die Stra\u00dfe wurde lange Jahre als Piste f\u00fcr Skifahrer benutzt. Dann ergaben sich Sicherheitsprobleme. Man reagierte, um die zu beheben, aber dann wurde die Piste endg\u00fcltig geschlossen, aber erst in den achtziger Jahren.<\/p>\n<p>Die Kathedrale kommt nur ganz kurz in das Blickfeld. Wir haben wieder Gl\u00fcck gehabt. Genau das Viertel, das wir gestern zu Fu\u00df erkundet haben, ist das Viertel, in das der Bus nicht rein kann. \u00a0Es ergibt sich aber sp\u00e4ter eine kuriose Sicht auf die Kathedrale von der anderen Seite der Sa\u00f4ne. Als Resultat einer optischen T\u00e4uschung sieht man die Basilika, die viel h\u00f6her und praktisch in einem anderen Viertel liegt, gleich hinter der Kathedrale auftauchen.<\/p>\n<p>Dann geht es wieder zur\u00fcck \u00fcber die Sa\u00f4ne auf die Presqu\u2019\u00eele, auf die Place Bellecour, dem zentralen Platz der Presqu\u2019\u00eele. Im Zentrum ein Reiterstandbild von Ludwig XIV. Es h\u00e4lt sich das Ger\u00fccht, dass der Bildhauer sich das Leben genommen habe, als die Statue fertig war, denn da habe er gemerkt, dass er die Steigb\u00fcgel vergessen hatte. Das ist aber Unsinn. Ludwig XIV. ist in der Pose eines r\u00f6mischen Imperators dargestellt, und da ist das Fehlen von Steigb\u00fcgeln gerade historisch korrekt, da es die (genauso wie Zaumzeug) zu der Zeit noch nicht gab.<\/p>\n<p>Zu allen Seiten des Platzes, dem gr\u00f6\u00dften Lyons, hohe, pr\u00e4chtige Patrizierh\u00e4user. Die haben wir schon gestern in der Altstadt gesehen \u2013 teils siebenst\u00f6ckig, ohne erdr\u00fcckend zu wirken \u2013 und jetzt kommen wir immer wieder durch Stra\u00dfen, wo sich auf beiden Seiten eins an das andere reiht. Lyon muss eine reiche Stadt gewesen sein. Das ist teils der Seidenweberei zu verdanken, die hier ihren Hauptsitz und lange ein Monopol hatte. Nach dem Niedergang der Seidenweberei ging es mit Lyon lange abw\u00e4rts, aber dann wurden neue Industrien entwickelt wie der Buchdruck \u2013 das erste gedruckte Buch in franz\u00f6sischer Sprache wurde in Lyon ver\u00f6ffentlicht \u2013 die Pharmaindustrie und die Filmindustrie.<\/p>\n<p>Als Relikt aus der Zeit der Seidenweberei hat Lyon seine <em>traboules<\/em>. Das sind \u00fcberdachte, mit einem Tor verschlossenen Durchg\u00e4nge zwischen den H\u00e4usern, die den Seidenwebern dazu dienten, ihre Ware von einem Produktionsort zum anderen zu transportieren, gesch\u00fctzt vor dem Wetter und vor neugierigen Blicken. Man kann die T\u00fcren zu den <em>traboules<\/em> aufsto\u00dfen und ein Blick in die Durchg\u00e4nge werfen, aber vom Bus aus k\u00f6nnen wir sie noch nicht einmal identifizieren.<\/p>\n<p>Schon vorher war uns auf dem Stadtplan der Name <em>Place des Jacobins<\/em> aufgefallen. Komisch. Das ist so, als wenn es in Leipzig \u2013 der Partnerstadt Lyons \u2013 einen <em>Platz<\/em> <em>der Spartakisten<\/em> g\u00e4be. Ist aber nicht so gemeint mit den Jakobinern. Damit sind einfach nur die Dominikaner gemeint, denen hier ein Grundst\u00fcck geh\u00f6rte.<\/p>\n<p>Wir kommen am Opernhaus vorbei und Xia kriegt sich nicht ein: \u201eDa war ich doch drin. Und konnte mich nicht mehr dran erinnern.\u201c Erst die Erkl\u00e4rung bei der Stadtrundfahrt bringt die Erinnerung zur\u00fcck. Die Oper ist ein strenges, klassizistisches Geb\u00e4ude mit einem merkw\u00fcrdigen halbrunden Aufbau an der Hauptfassade, der den Bau ein bisschen wie einen Bahnhof aussehen l\u00e4sst. Als Abschluss des unteren Teils, auf der unteren Ebene des Aufbaus, stehen Statuen, acht Statuen. Es sind die Musen. Urania fehlt. Es gibt viele Spekulationen, aber keine schl\u00fcssige Antwort auf die Frage, warum sie fehlt. Passt sie nicht zur Oper? Oder ist es wegen der Symmetrie?<\/p>\n<p>Dann kommen wir auf die <em>Place des Terrea<\/em>ux, mit dem Rathaus auf der einen und dem Kunstmuseum auf der anderen Seite, auch beide klassizistisch, aber weniger streng als die Oper. Das Kunstmuseum gef\u00e4llt mir besser als das Rathaus, es hat bessere Proportionen. Auf diesem Platz stand w\u00e4hrend der Franz\u00f6sischen Revolution die Guillotine. In der Mitte steht ein gro\u00dfer Brunnen, eine Allegorie der Sa\u00f4ne und ihrer Nebenfl\u00fcsse, den wir aber nicht sehen k\u00f6nnen, da er restauriert wird.<\/p>\n<p>Zur Sa\u00f4ne zur\u00fcck fahren wir jetzt auch und kommen an den Murs Peints vorbei, einer weiteren Besonderheit Lyons. Eine befindet sich an der Fassade der Stadtbibliothek und stellt Druckerzeugnisse dar, eine andere stellt ber\u00fchmte Lyonaiser dar. Dazu geh\u00f6ren Amp\u00e8re, Ste. Blandine, Bocuse, St. Exup\u00e9ry und\u00a0 Lumi\u00e8re. Sie scheinen auf den Balkonen der Wohnungen zu stehen, aber die Balkone sind auch nur gemalt \u2013 t\u00e4uschend echt. Mit dem Namen Lumi\u00e8re sind gleich drei M\u00e4nner dargestellt, Vater und zwei S\u00f6hne. Der Vater ist einer der Pioniere der Photographie, die S\u00f6hne sind Pioniere des Films. Ihre Arbeit baut auf der Arbeit des Vaters auf.<\/p>\n<p>Es geht ein St\u00fcck an der Sa\u00f4ne entlang. Von hier aus hat man einen Blick auf die H\u00fcgel zu beiden Seiten, die das Stadtzentrum begrenzen. Urspr\u00fcnglich gab es hier \u00fcberall Weinberge. Nach der Vernichtung aller Rebsorten durch eine Krankheit wurden ausw\u00e4rtige Rebsorten eingef\u00fchrt, und die Weinberge wurden nach au\u00dferhalb der Stadt verlegt. Heute hat Lyon drei Weinbaugebiete: <em>Beaujolais<\/em>, <em>C\u00f4tes du Rhone<\/em> und <em>Coteaux du Lyonnais<\/em>. Der Beaujolais ist international der begehrteste, aber in Lyon selbst weniger beliebt.<\/p>\n<p>Wir fahren zur\u00fcck zu unserem Ausgangspunkt, und zum Schluss gibt es noch einen Knaller: die futuristischen Geb\u00e4ude an der S\u00fcdspitze der Confluence, w\u00fcrfelf\u00f6rmige Geb\u00e4ude in frohen Farben, eins spektakul\u00e4rer als das andere. Besonders auff\u00e4llig ein in knallorange gehaltener Bau mit einem \u201eLoch\u201c in der Fassade. Das erlaubt dem Sonnenlicht, in den Innenhof und die nach innen gerichteten R\u00e4ume zu gelangen.<\/p>\n<p>Ganz unten dann das <em>Mus\u00e9e des Confluence<\/em>, zur einen Seite eine alte, eiserne\u00a0 Eisenbahnbr\u00fccke,\u00a0 noch aus der Zeit, als die Waggons mit Pferden gezogen wurden, zur anderen Seite eine moderne, geschwungene, leichte Br\u00fccke in Wei\u00df, eine Br\u00fccke f\u00fcr Stra\u00dfenbahnen und Fu\u00dfg\u00e4nger. Xia kennt eine Reihe der Architekten und sieht auch, dass unser Bus sich ganz ober an der Fassade des Museums spiegelt.<\/p>\n<p>Wir holen unser Auto aus der Sonne heraus und machen uns auf den Weg. Unser n\u00e4chstes Ziel, Tournus, ist nur eine Stunde entfernt, aber schon in Burgund gelegen.<\/p>\n<p>Bei der Einfahrt in den Ort werde ich aufgefordert, auf die Bremse zu treten. Der Ort sei so klein, dass man wieder drau\u00dfen sei, bevor man es sich versehen hat. Hier gebe es nur die Kirche, die Benediktinerabtei St. Philibert.<\/p>\n<p>\u201eMann, ist das gro\u00df\u201c, ist der Ausruf, den ich dann immer wieder h\u00f6re, als wir doch in den Ort hinein gehen. Der Ort zieht sich an einer Hauptstra\u00dfe entlang, wie ein Stra\u00dfendorf, und diese Stra\u00dfe verbeult sich an einer Stelle zu einem Platz mit dem Rathaus und ein paar alten Fachwerkh\u00e4usern. All das ist ausgesprochen h\u00fcbsch.<\/p>\n<p>Als wir zur\u00fcckgehen, sehen wir durch eine Seitenstra\u00dfe Wasser. Wasser? Wo kommt das denn her? Wir gehen die Stra\u00dfe runter und kommen zu einem ansehnlichen Fluss, wissen aber nicht, welcher das ist.<\/p>\n<p>Hier findet ein Flohmarkt statt, und im Gegensatz zu der stillen Innenstadt ist hier richtig was los. Wir sehen uns die alten Sachen und versuchen, Dinge zu identifizieren, die wir nicht kennen. Xia verbl\u00fcfft mich mit dem Wort <em>ramasse<\/em>&#8211;<em>miette<\/em>, ein Ger\u00e4t, mit dem man Kr\u00fcmel vom Tisch entfernt. Ich kenne das Wort in keiner Sprache, in Franz\u00f6sisch sowieso nicht.<\/p>\n<p>In einem Stra\u00dfencaf\u00e9 bestellen wir etwas zu trinken. Ich m\u00f6chte ein Bier und frage nach den Marken. Ich zeige auf den Nebentisch, an dem zwei \u00e4ltere Herren Bier aus bauchigen Gl\u00e4sern trinken, das schon so aussieht, als m\u00fcsse es schmecken. Es ist <em>une grime<\/em>. Das ist die Bezeichnung f\u00fcr eine Marke namens <em>Grimbergen<\/em>, ein belgisches Bier. Das Bier kommt, und schon nach dem ersten Schluck ist meine \u00dcberzeugung wiederhergestellt, dass dies doch die beste aller Welten ist.<\/p>\n<p>Am Nebentisch sitzt ein Mann mit einem belegten Baguette. Ob es das hier gibt? Oder ob er es selbst mitgebracht hat? Es gibt in Frankreich, wie ich jetzt erfahre,\u00a0 Lokale, die sich das Prinzip des <em>casse croute<\/em> zu eigen machen. Demzufolge darf man in diese Lokale, wenn man Getr\u00e4nke konsumiert, sein eigenes Essen mitbringen.<\/p>\n<p>Wir versuchen unser Gl\u00fcck und bekommen eine abschl\u00e4gige Antwort: Nein, wir verkaufen keine Baguettes. Die Kellnerin scheint \u00fcberrascht von der Frage. Xia schaltet als erste: <em>un sandwich<\/em>. Ja, das haben wir. Ein <em>baguette<\/em> kauft man in einer B\u00e4ckerei, ein <em>sandwich<\/em>, ein belegtes Baguette, bekommt man in einem Lokal. Das <em>sandwich<\/em> bekommen wir mit <em>jamon blanc<\/em>, gekochtem Schinken.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen zwei Fragen kl\u00e4ren, eine mithilfe des Reisef\u00fchrers, eine mithilfe der Kellnerin. Um welchen Fluss handelt es sich? Um die Sa\u00f4ne. Und wie spricht man den Ort aus? Ohne \/s\/. So sagt es ganz entschieden die Kellnerin.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich gehen wir dann doch in die Abtei, ein Beispiel ganz fr\u00fcher Romanik. Die Fassade sieht wehrhaft aus, schmucklos, und hat sogar Schie\u00dfscharten. Sie erinnert mich etwas an Corvey. Es ist die \u00e4lteste \u00fcberhaupt erhaltene Zweiturmfassade. Cluny hatte noch fr\u00fcher eine, aber die ist nicht erhalten.<\/p>\n<p>Innen ist Xia entsetzt: Die Kirche sei zu gr\u00fcndlich restauriert worden. Das sei eine Schande. Ein ganz anderer Charakter. Und was denn die Orgel da zu suchen habe? Ich finde das alles nicht so schlimm, zumal ich keinen Vergleichsma\u00dfstab habe. Und der Narthex, ungew\u00f6hnlich gro\u00df, dreischiffig, hat eine sch\u00f6ne, spirituelle Atmosph\u00e4re und einen Abschluss zum Kirchenschiff hin mit wechselnd schwarzen und wei\u00dfen Steinen.<\/p>\n<p>Innen wei\u00dft mich Xia auf zwei Besonderheiten hin: Hinten, ganz oben am westlichen Ende des Hauptschiffs, sind zwei T\u00fcren angebracht. Man hat von hier aus keinen Zugang zu ihnen, wohl aber von den T\u00fcrmen her. Aber was sollen die T\u00fcren da?<\/p>\n<p>Und dann ist da das Gew\u00f6lbe. Die Kirche war urspr\u00fcnglich flach gedeckt. Dann wollte man ein neues Gew\u00f6lbe einziehen, aber das drohte zusammenzubrechen. Da fand man eine Notl\u00f6sung, die sich als sehr originell erwies: ein Tonnengew\u00f6lbe, aber ein ganz besonderes, eins, das quer zur L\u00e4ngsrichtung geht. Jedes Joch hat sein eigenes Gew\u00f6lbe. Das scheint nirgendwo sonst nachgemacht worden zu sein.<\/p>\n<p>Eine Besonderheit sind die Mosaike, die erst k\u00fcrzlich unter dem Boden des Chorumgangs freigelegt wurden: Tierkreiszeichen. Einige sind freigelegt. Welche Bedeutung k\u00f6nnten Tierkreiszeichen in einer Kirche haben?<\/p>\n<p>Auf dem Weg zur\u00fcck zum Auto kommen wir an dem ersten Restaurant des Platzes vorbei. Dort hat Xia einmal, zur Verbl\u00fcffung der Kellner, ein Entrecote bestellt. Das war dann so riesig, dass sie nur einen kleinen Teil davon verdr\u00fccken konnte.<\/p>\n<p>Bei der Weiterfahrt sehen wir in der Ferne einen Kalksteinbruch. Das ist, wie ich erfahre, Comblanchien. Dort wird ein Stein gewonnen, der seinen Namen von dem Namen des Ortes hat und auch bei uns beim Hausbau zum Einsatz kommt.<\/p>\n<p>Wir \u00fcberlegen uns, ob wir es noch bis nach Langres schaffen, aber das erledigt sich, da sich dort keine Unterkunft findet. Wir landen schlie\u00dflich, eher zuf\u00e4llig, in einem kleinen Ort namens La B\u00e8ze, n\u00f6rdlich von Dijon. Dort gibt es Unterkunft, und zwar in einem Landgasthof, der zu einer Vereinigung von privaten Betreibern von Hotels geh\u00f6rt, die Wert auf sch\u00f6ne Umgebung und gutes Essen legen.<\/p>\n<p>Der Gasthof ist sch\u00f6n, aber etwas bem\u00fcht. Alt und Neu passen nicht immer so richtig zueinander. Hier hat jemand vom Dorf versucht, eine alte Dorfkneipe mitsamt Gasthof aufzup\u00e4ppeln. Aber der Zulauf ist gro\u00df. Publikum aus mehreren L\u00e4ndern. Und das Ensemble ist wirklich sch\u00f6n, und das Essen hervorragend. Es gibt Entrecote, das so blutig ist, dass es einem\u00a0 die Sprache verschl\u00e4gt, das aber mit Genuss verdr\u00fcckt wird, und zwar ganz, und H\u00e4hnchen, das zart und saftig und wohlschmeckend ist, und eine Bl\u00e4tterteigspeise mit H\u00e4hnchenleber, eine Vorspeise, die der eigentliche Hit ist. Der Wein ist durchwachsen.<\/p>\n<p>Als K\u00e4se serviert wird, spricht uns der Mann vom Nachbartisch an. Auf Deutsch. Er hat schon mehrmals zu uns hin\u00fcber gesehen. Er spricht eine Empfehlung zum Wein aus und zeigt uns die Flasche, die er zusammen mit seiner Frau getrunken hat. Die beiden wohnen in Avignon und fahren f\u00fcr die Ferien in die umgekehrte Richtung wie die anderen Franzosen, nach Norden, denn dort ist seine Heimatstadt. Wir erz\u00e4hlen von der Kellnerin, die uns so kategorisch die Aussprache von Tournus beigebracht hat, aber die beiden relativieren das. Die einen spr\u00e4chen das \/s\/ aus, die anderen nicht. \u00c4hnlich sei es bei <em>Carpentras<\/em>.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">8. August (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Wie schon am Abend zuvor, ist der Service bei der Abreise eher d\u00fcrftig. Von H\u00f6flichkeit kann keine Rede sein, von Freundlichkeit schon gar nicht: \u201eWollen Sie bezahlen?\u201c<\/p>\n<p>Eine Steigung davon gibt es in dem etwas sch\u00e4bigen Caf\u00e9 am Stra\u00dfenrand, an dem wir f\u00fcr ein Fr\u00fchst\u00fcck Halt machen. Kein Gru\u00df, Kaffee und Brot werden wortlos serviert, und auf Fragen, die nicht sofort verstanden werden, gibt es ein \u201eHein?\u201c<\/p>\n<p>Kurz vor dem Verlassen des Ortes machen wir noch einen Versuch, ein <em>pain aux raisins <\/em>aufzutreiben. Wieder nichts. Bei der Wiederholung durch die Verk\u00e4uferin merke ich aber, dass ich mit meinen Nasalen knapp daneben liege. So hat das <em>pain aux raisins <\/em>wenigstens sprachlich was gebracht.<\/p>\n<p>Unser letztes Ziel ist Langres. Da gibt es wieder Romanik. Und nicht Gotik, wie ich dachte. Das ist Troyes. Wir fragen uns, ob Langres noch in Burgund oder schon in Lothringen liegt. Keins von beiden. Da schiebt sich noch die Champagne dazwischen.<\/p>\n<p>Auch hier wieder eine sch\u00f6ne, langgestreckte Hauptstra\u00dfe, wie in Tournus. Heute ist Montag, aber dennoch haben viele Gesch\u00e4fte geschlossen. Es wird in Frankreich immer mehr zur Gewohnheit, die Gesch\u00e4fte montags nicht zu \u00f6ffnen. Und dann gibt es solche, die nur im Juli und August montags nicht \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Auf Schiefertafeln vor Lokalen wird eine lokale Spezialit\u00e4t angeboten: <em>Steack \u00e0 cheval, \u201a<\/em>Pferdesteak\u2018. Im Franz\u00f6sischen wird <em>steack<\/em> immer mit &lt;k&gt; geschrieben. Die Preise sind hier vertr\u00e4glicher als in Lyon.<\/p>\n<p>Die Hauptstra\u00dfe ist die Rue Diderot, und sieht f\u00fchrt direkt auf die Statue von Diderot zu. Der wurde hier geboren und verbrachte seine Kindheit und Jugend. Man sagt, er w\u00fcrde sich im heutigen Langres sofort zurechtfinden, wenn er wiederk\u00e4me. So wenig habe sich die Stadt ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Auf den Fensterscheiben der Gesch\u00e4fte sind Zitate von Diderot angebracht. An der Fensterscheibe eines Caf\u00e9s, das wir sp\u00e4ter besuchen, steht:\u00a0 \u00a0<em>H\u00e2tons-nous de rendre la philosophie populaire. Si nous voulons que les philosophes marchent en avant, approchons le peuple du point o\u00f9 en sont les philosophes. <\/em>Ein kluger Satz. Eine richtige Forderung. Getragen vom Optimismus des 18. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Die Kathedrale, obwohl romanisch, hat eine barocke Fassade, mit den drei S\u00e4ulenordnungen in den drei Geschossen. Im Zentrum eine Kartusche, in der urspr\u00fcnglich das Wappen des K\u00f6nigs angebracht war. Das wurde in der Revolution entfernt.<\/p>\n<p>Das Dach, aber das ist nur von der Seite zu sehen, ist mit bunten glasierten Fliesen gedeckt, wie in den St\u00e4dten Burgunds.<\/p>\n<p>Das Innere ist eher entt\u00e4uschend, zu gro\u00df, zu monumental, obwohl der Blick in das Seitenschiff vom Westen aus ausgesprochen sch\u00f6n ist. Die Bauphasen kann man gut unterscheiden: Chor und Chorumgang sowie Mittelschiff sind romanisch, das Kreuzrippengew\u00f6lbe des Mittelschiffs ist gotisch. der Kapellenkranz ist sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Die Ausstattung ist sp\u00e4rlich, aber es gibt ein paar sch\u00f6ne Reliefs. Auf einem davon ist die Geschichte von Saint Mamm\u00e8s, dargestellt, u.a. (schwer zu erkennen) seine Geburt in einem Gef\u00e4ngnis. Unter einem Relief sieht man die Stadtansicht von Langres, die \u00e4lteste \u00fcberhaupt, mit einer kompletten Stadtmauer.<\/p>\n<p>Die ist inzwischen von einem, ebenfalls komplett erhaltenen Befestigungswall ersetzt worden. Den kann man entlang gehen. Es gibt Bastionen und Rundt\u00fcrme und weite Blicke in die Gegend. Aber irgendwie finden wir das nicht so inspirierend. Vielleicht haben wir einfach zu viel gesehen in den letzten Tagen.<\/p>\n<p>Irgendwo haben wir ein Hinweisschilf auf eine <em>cremaill\u00e8re<\/em> gesehen. Die befindet sich auch auf dem Wall. Was k\u00f6nnte das nur sein? Meine Vermutung, \u201aRei\u00dfverschluss\u2018, f\u00fchrt nicht so richtig weiter. Und erweist sich als falsch. Es ist eine Zahnradbahn. Es ist die \u00e4lteste in Frankreich. Aber nicht mehr in Betrieb. Ein Wagen steht hier noch, als Erinnerung an fr\u00fchere Zeiten. Sie hatte die Funktion, die Passagiere von hier oben in die Unterstadt, zu dem neu entstandenen Bahnhof an der Strecke Lyon-Paris zu transportieren.<\/p>\n<p>Wir sind vorher auf einen Deutschen getroffen, vor einem schlichten Caf\u00e9 in einer Seitenstra\u00dfe, der hier seine zweite Heimat gefunden hat, im Haus eines franz\u00f6sischen Freundes. Er macht Werbung f\u00fcr das Caf\u00e9: \u201eDas beste von Langres.\u201c Die Stadt selbst sieht er in st\u00e4ndigem Verfall. Die Stadt habe mal 30,000 Einwohner gehabt, jetzt noch 8,000. Wir haben tats\u00e4chlich unterwegs immer wieder leerstehende Geb\u00e4ude gesehen. Es gebe nur einen nennenswerten Arbeitgeber in der Gegend. Dabei sei die Lage der Stadt gar nicht so schlecht.<\/p>\n<p>Wir gehen jetzt in dieses Caf\u00e9 und werden dort von einer unschlagbar freundlichen Kellnerin und einer unschlagbar freundlichen Besitzerin betreut. Ja, nat\u00fcrlich k\u00f6nnen Sie nur etwas trinken. In einem Lokal in der Hauptstra\u00dfe sind wir vorher barsch abgewiesen worden. \u201eS\u2018installez-vous\u201c. Eine Kleinigkeit zu essen? Auch die gibt. Kommen Sie rein und sehen Sie sich an, was wir haben. Xia geht auf <em>douce<\/em>, ich auf <em>sal\u00e9<\/em>. Dabei kommt f\u00fcr sie Aprikosent\u00f6rtchen im Doppelpack heraus, f\u00fcr mich eine <em>Tarte de Langres<\/em>.<\/p>\n<p>Als wir aufbrechen, fragt die Kellnerin, ob alles in Ordnung war. Sie gebraucht denselben Ausdruck, den dieser Tage die Wirtin des chambre d\u2019h\u00f4tes gebraucht hat, aber diesmal identifiziere ich ihn: <em>\u00c7a a et\u00e9?<\/em><\/p>\n<p>Dann geht es auf die letzte Etappe. Unweit des Weges liegen Domr\u00e9my, die Geburtsstadt von Jeanne d\u2019Arc, und Colombey-les-Deux-\u00c9glises, wo de Gaulle begraben liegt.<\/p>\n<p>Je n\u00e4her es der Heimat geht, umso dichter wird der Verkehr und umso dichter werden die Wolken, und wir denken mit Nostalgie an Valmalle zur\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. August (Montag) Im Bus eine Studentin. 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