{"id":8624,"date":"2016-08-25T11:21:21","date_gmt":"2016-08-25T09:21:21","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=8624"},"modified":"2016-08-29T14:26:49","modified_gmt":"2016-08-29T12:26:49","slug":"salerno-2016","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=8624","title":{"rendered":"Salerno (2016)"},"content":{"rendered":"<p>Salerno<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">21. August (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>\u201eNach der Mahlzeit schlummere du wenig oder auch gar nicht. Tr\u00e4gheit und Fieber, ein Schnupfen gar samt Schmerzen des Kopfes. Solches erbl\u00fcht dir all vom faulen Schlafe nach dem Mittag.\u201c Auszug aus dem <em>Regimen sanitatis Salernitanum<\/em>, einem europ\u00e4ischen Bestseller, ver\u00f6ffentlicht von der ber\u00fchmten Medizinschule in Salerno.<\/p>\n<p>Bei der Ankunft in Neapel ist es sowieso noch zu fr\u00fch f\u00fcr einen Mittagsschlaf. Es ist aber schon so hei\u00df, als wenn es Mittag w\u00e4re. Unter dem wolkenlosen Himmel schleppe ich meinen Koffer von der Flughafenhalle zur Haltestelle des <em>Alibus<\/em>. Alles ist gut beschildert und organisiert, und der Bus steht abfahrbereit.<\/p>\n<p>Unterwegs kaputte B\u00fcrgersteige, \u00fcberquellende M\u00fclltonnen, schwere Eisengitter, Bauz\u00e4une. Das ist nicht gerade einladend, aber so stellt man sich Neapel vor. Die Gesch\u00e4fte sind geschlossen, kaum jemand ist auf der Stra\u00dfe. In einem einsamen Fris\u00f6rsalon wird ein einzelner Kunde auf einem roten Plastikstuhl bedient.<\/p>\n<p>In einer knappen Viertelstunde sind wir schon am Bahnhof. Gedr\u00e4nge, fliegende H\u00e4ndler, Bettler, Touristengruppen, enge Wege an Baustellen vorbei. Un\u00fcbersichtlich. F\u00fcr einen Moment ein Gef\u00fchl von Unsicherheit, auch noch, als ich am Automaten die Fahrkarte l\u00f6se. Aber das legt sich bald. Alles in Ordnung.<\/p>\n<p>Ich muss lange warten, der Automat hat den n\u00e4chsten Zug \u00fcbergangen. In der einzigen Cafeteria teile ich mir den einzigen freien Platz mit einem Mann, der die <em>Repubblica<\/em> liest. Ob ich alleine sei. Ja. Keine Frau dabei? Nein. Gl\u00fcckwunsch! Er selbst habe zwei Ehen hinter sich, beide Frauen h\u00e4tten ihn verlassen. Der Mann hat, wenn ich das richtig verstehe, in den USA und in der Schweiz gearbeitet, f\u00fcr eine Versicherungsagentur. Er lege Wert auf P\u00fcnktlichkeit. Ob ich nach Ischia wolle. In Ischia w\u00e4ren viele Deutsche. Eine Frau vom Nebentisch mischt sich ein, in flie\u00dfendem Deutsch. Neapolitanerin. 24 Jahre Aschaffenburg. Sie ist auf dem Weg nach Sizilien. Der Mann fragt mich, ob ich wisse, warum Frauen l\u00e4nger leben als M\u00e4nner. Ich wei\u00df es nicht, und ich wei\u00df es immer noch nicht, denn seine Antwort verstehe ich nicht. Irgendetwas hat es zu tun mit dem Schleppen von Getr\u00e4nkek\u00e4sten. Das m\u00fcssten immer die M\u00e4nner machen. Aber ob die Lebensdauer alleine davon abh\u00e4ngt? Das Gespr\u00e4ch zieht sich noch eine ganze Zeitlang hin, mal mit ihm, mal mit ihr. Dann ist es Zeit f\u00fcr den Zug.<\/p>\n<p>Der ist sauber, p\u00fcnktlich und schnell. In einer halben Stunde ist man in Salerno. Die Vermieterin des Apartments wei\u00df nichts von mir, als ich mich am Telefon melde. Sie hat auch auf eine SMS nicht reagiert. Ich solle zur Wohnung kommen und schellen.<\/p>\n<p>Es geht schnurstracks eine breite Einkaufsstra\u00dfe hinunter, mit eleganten Gesch\u00e4ften. Ein Bekleidungsgesch\u00e4ft hei\u00dft <em>Doppelg\u00e4nger<\/em>. Zwei Gesch\u00e4fte verkaufen Mozzarella. Die stammt von hier, aus Kampanien.<\/p>\n<p>An einem Platz wird aus der breiten, regelm\u00e4\u00dfigen Stra\u00dfe pl\u00f6tzlich eine schmale, unregelm\u00e4\u00dfige. Die H\u00e4user auf beiden Seiten sind oben manchmal durch einen Bogen verbunden. Statt die H\u00e4user zu verbinden, sind sie vermutlich eher dazu da, sie auseinanderzuhalten.<\/p>\n<p>Eins der Seiteng\u00e4sschen ist die \u201aSchneegasse\u2018, dem <em>Vicolo della Neve<\/em>. Die Eingangst\u00fcr sieht eher sch\u00e4big aus, und das Treppenhaus ist d\u00fcster und eng. Es ist sofort ge\u00f6ffnet worden. Oben steht eine junge Deutsche, eine Mitbewohnerin, die mir die Wohnung zeigt. Alles ist modern und gut eingerichtet. Es gibt ein kompliziertes M\u00fclltrennungsprogramm mit Abholzeiten an verschiedenen Wochentagen. Es gibt keinen \u201eRestm\u00fcll\u201c.<\/p>\n<p>Ich mache mich sofort auf die Suche nach Vorr\u00e4ten f\u00fcr den K\u00fchlschrank. Aber es ist nichts zu finden. Am Ende entdecke ich hinter einer Ecke einen Gem\u00fcseladen. Die T\u00fcr steht offen, niemand da. Ich sehe mich um und gehe ganz vorsichtig hinein, \u00fcber die Schwelle. Ich will gerade rufen, als ein Mann aus dem K\u00e4mmerchen hinter der Theke erscheint und mich anherrscht: was mir denn einfalle, es sei geschlossen, er w\u00fcrde doch auch nicht unaufgefordert in meine Wohnung kommen usw. Ich versuche, mir dadurch nicht die Laune verderben zu lassen und hoffe, dass das hier nicht die normale Kommunikationsform ist.<\/p>\n<p>Es bleibt mir nichts \u00fcbrig: Ich muss noch mal zur\u00fcck zum Bahnhof. Aber auch hier ist nichts zu finden. Am Ende bekomme ich in einem Kiosk wenigstens Wasser und ein Sandwich. Aber ich finde jetzt die erste Orientierung. Die gro\u00dfe Einkaufsstra\u00dfe ist der <em>Corso Vittorio Emmanuele<\/em>. Er l\u00e4uft parallel zum Meeresufer, zum <em>Lungomare<\/em>. Zwischen den beiden verl\u00e4uft, etwas unregelm\u00e4\u00dfiger, der <em>Corso<\/em> <em>Garibaldi<\/em>, und der geht in die <em>Via Roma<\/em> \u00fcber.<\/p>\n<p>Ich gehe zur\u00fcck, um irgendwo eine Pizza zu bekommen. Pizzerien gibt es zu Hauf. Die Pizza ist schlie\u00dflich eine neapolitanische Erfindung. Aber jetzt ist es so sp\u00e4t, dass die Pizzerien schlie\u00dfen, alle zusammen, wie auf Kommando.<\/p>\n<p>Ich mache einen Spaziergang am <em>Lungomare<\/em> entlang, mit Palmen und einer durchgehenden Steinbank, auf der es sich viele bequem gemacht haben. Die Uferpromenade ist vom Verkehr durch einen breiten park\u00e4hnlichen Streifen getrennt. Das muss das Resultat der st\u00e4dtebaulichen Ma\u00dfnahmen sein, die ein engagierter Politiker vor einigen Jahren initiierte, unter Einbeziehung international bekannter Architekten, um aus dieser verfallenden Stadt wieder etwas zu machen.<\/p>\n<p>Dann geht es in einen Park. Das ist die <em>Villa Communale<\/em>, nicht der <em>Giardino della<\/em> <em>Minerva<\/em>, wie ich glaube. Der liegt weiter oben. Es gibt ein paar exotische Pflanzen, einen Brunnen und auf hohen Sockeln stehende Statuen von Menschen, deren Namen man noch nie geh\u00f6rt hat.<\/p>\n<p>Von hier aus hat man einen guten Blick auf <em>Bonadies<\/em>, den Hausberg Salernos, eigentlich eher einen H\u00fcgel. Man sieht ihn auch vom Zentrum aus und vom Meer aus, aber immer nur einen Ausschnitt, und da er mehrere Kuppen hat, sieht er immer anders aus. Auf einer ist ein Kreuz, die andere hat eine Kerbe, und auf der dritten steht eine m\u00e4chtige Festung. Von hier aus blickt man au\u00dferdem auf die auff\u00e4llige, mit bunter Majolika verkleidete Kuppel einer Kirche.<\/p>\n<p>Gleich vor dem Eingang zur <em>Villa Communale<\/em> steht das <em>Teatro Verdi<\/em>, zur gleichen Zeit angelegt wie der Park. Es werden das ganze Jahr \u00fcber, au\u00dfer im Sommer, Opern gegeben, nur italienische, die meisten von Verdi.<\/p>\n<p>Ich komme noch zum Dom, eher zuf\u00e4llig. Der ist ganz in der N\u00e4he des Apartments, in der Altstadt. Auf einer engen, steil ansteigenden Gasse \u00f6ffnet sich ein Platz mit einer barocken Freitreppe. Die f\u00fchrt zu einem Portal, und das wiederum in einen Innenhof, der irgendwie ein bisschen maurisch wirkt. Am Rande des Innenhofs steht ein freistehender Campanile.<\/p>\n<p>Als ich irgendwo doch noch ein Sandwich und ein Bier bekomme, lese ich in einem Reisef\u00fchrer, was die R\u00f6mer hierher gebracht hat. Sie kamen, um die einheimische Bev\u00f6lkerung auf die rechte Bahn zu bringen. Die hatte n\u00e4mlich ein B\u00fcndnis mit Hannibal gemacht, und das konnten die R\u00f6mer nicht dulden. Und dann ist noch von einer weiteren Invasion die Rede, einer modernen. Salerno war im 2. Weltkrieg Schauplatz der Landung von 200.000 alliierten Soldaten, wonach Salerno f\u00fcr kurze Zeit Hauptstadt Italiens war.<\/p>\n<p>Von der Lekt\u00fcre lasse ich mich immer wieder ablenken durch ein Gespr\u00e4ch zweier M\u00e4nner am Nebentisch. Ich verstehe nichts, aber das ist eindeutig Italienisch. Neapolitanisch.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">22. August (Montag)<\/span><\/p>\n<p>\u201eSeduti intorno ad un tavolo siamo io, il vicesostituto portiere Salvatore Coppola, il dottore Passalacqua \u2026 ed un signore sconosciuto che essendo venuto poco prima a chiedere informazoni su di un apartamento libero, ha deciso di trattenersi.\u201d Das ist gleich am Anfang von <em>Cos\u00ec parl\u00f2 Bellavista<\/em>, das ich als Ferienlekt\u00fcre dabei habe. Wie viele Personen sind da vertreten? Drei oder vier? Nur der Kontext erweist es: vier.<\/p>\n<p>Und noch mal Zahlen: \u201eThe two consuls, who sat next to him, asked whether they might be graciously permitted to share in it\u201c. Wie viele Konsulen gibt es? Es sind zwei. Das zeigt das Komma. Ohne Komma w\u00e4ren es mindestens drei. Das ist aus Robert Graves\u2018 <em>I, Claudius<\/em>.<\/p>\n<p>Im Unterricht werden die typischen Einsatz- und Umwandlungs\u00fcbungen gemacht. Es geht scheinbar um Oper und Theater, in Wirklichkeit aber um den Imperativ. Alles ganz gut, aber zu umst\u00e4ndlich, zu wenig kommunikativ. Ob man jetzt au\u00dferhalb des Unterrichts den Imperativ schneller und besser gebrauchen kann?<\/p>\n<p>Am interessantesten, wie so oft, ein Detail, das nur am Rande und in diesem Fall rein zuf\u00e4llig zur Sprache kommt: <em>La Smorfia<\/em>. Das ist der Titel eines Theaterst\u00fccks. Dahinter verbirgt sich aber eine besondere Bedeutung des Wortes. Es bezeichnet ein neapolitanisches Zeichensystem, bei dem jede Zahl von 1-90 f\u00fcr ein Konzept steht: 1 = Italien, 4= Schwein, 22= bekloppt. Und die 17 steht, wie immer in Italien, f\u00fcr Ungl\u00fcck. Wie es der Zufall will, komme ich sp\u00e4ter in der Altstadt an einer Pizzeria vorbei, die so hei\u00dft: <em>La Smorfia<\/em>.<\/p>\n<p>Nach dem Unterricht gehen wir in Zada Hadids <em>Stazione Marittima<\/em>, dem neuen F\u00e4hrterminal. \u00dcber die Architektur erf\u00e4hrt man wenig. Der Angestellte, der uns f\u00fchrt, erkl\u00e4rt dagegen mit Begeisterung die moderne Funktionalit\u00e4t des Geb\u00e4udes, so wie das Transportband, das das Gep\u00e4ck der Passagiere gleich vom Eingang des Geb\u00e4udes auf unterirdischen Wegen auf das Schiff bringt. Irgendwie kann man sich das alles schlecht vorstellen, und eine belgische Studentin stellt die entscheidende Frage: Ist das Terminal denn \u00fcberhaupt schon er\u00f6ffnet? Er\u00f6ffnet ja, aber noch nicht in Betrieb. Wir besichtigen also ein leeres Haus. In der Eingangshalle ist ein Informationsschalter, aber sonst gibt es hier noch nichts.<\/p>\n<p>Das Geb\u00e4ude ist weitgehend aus Beton\u00a0 und Glas, und durch das Glas hat man sch\u00f6ne Blicke in alle Richtungen, auf den <em>Bonadies<\/em>, aufs Meer, auf den neuen, hinter dem Terminal entstehenden Platz. Innen hat man das Gef\u00fchl, das der Bau einem Schiff nachempfunden ist \u2013 ein Gang ist so uneben, dass man den Eindruck hat, man bewege sich auf dem bewegten Meer \u2013 aber aus der Ferne sieht der silbern gl\u00e4nzende Bau eher wie eine fliegende Untertasse aus. Die Architektin ist zwei Wochen vor der Er\u00f6ffnung des Terminals gestorben.<\/p>\n<p>Nach der Besichtigung versuche ich mein Gl\u00fcck in einem Supermarkt, aber der \u00f6ffnet erst um 16.30 wieder. Also geht es zur\u00fcck zur Schule zur Begr\u00fc\u00dfung der Neuank\u00f6mmlinge. Das wird alles sehr professionell durchgef\u00fchrt, alle sind sehr freundlich, aber der Informationswert ist eher gering.<\/p>\n<p>Danach gehe ich in Richtung <em>Giardino della Minerva<\/em>. Man kommt in ein ganz eigenes Stadtviertel, obwohl das nur ein paar Minuten vom <em>Lungomare<\/em> entfernt liegt. Viel Graffiti an den H\u00e4usern, M\u00fcll an den Stra\u00dfenecken, aber s\u00e4uberlich getrennt, ein ovaler Brunnen, in den aus zwei rostigen Vasen Wasser flie\u00dft, zwischen denen eine kitschige Christusfigur steht. Beim Graffiti handelt es sich nicht oder jedenfalls nicht nur um Schmierereien, sondern auch um Zeichnungen, Spr\u00fcche und Gedichte, teils auf neapolitanisch. Da versteht man herzlich wenig, selbst geschrieben nicht. Unter den Zeichnungen besonders auff\u00e4llig ein gefl\u00fcgelter Engel, der aus einem Fenster ein Papierschiffchen auf den Boden fliegen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Ein Aufzug geht zum <em>Giardino della Minerva<\/em> hinauf, und er funktioniert sogar. Aber der Garten hat montags geschlossen. Oben hat man wieder ein anderes Viertel. Hier ist es ganz ruhig, man sieht fast keine Zeichen von Alltagsleben.<\/p>\n<p>Wieder in der Altstadt, komme ich noch an ein paar kleinen Gesch\u00e4ften vorbei, Handwerksbetrieben, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen: ein Schneider, ein Hutmacher, ein Schuhmacher, die ihre Ware selbst herstellen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">23. August (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Der Wind hat seit Sonntag st\u00e4ndig zugenommen. Besonders in den engen Gassen ist er sehr heftig. Heute Nacht war er so stark, dass man die Fenster schlie\u00dfen musste. Die Lehrerin erz\u00e4hlt, ihr seien zwei Bettlaken vom Balkon geweht worden.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber der Schule ist eine Osteria mit dem Namen <em>je, tueiss<\/em>. Da steht man ratlos davor.<\/p>\n<p>Einer der Mitsch\u00fcler, ein Schweizer, hat als Designer M\u00f6bel, Uhren und Parf\u00fcm entworfen, f\u00fcr weltbekannte italienische Marken. Er spricht mit gro\u00dfer Selbstverst\u00e4ndlichkeit dar\u00fcber, ohne Pr\u00e4potenz, und zeigt uns Photos von den Produkten auf seinem Handy. Besonders die Lampen gefallen mir gut, elegant, modern, schlank, und auch die St\u00fchle, die Uhren weniger. Er hat vor der Ausbildung zum Designer schon eine Ausbildung zum Ingenieur gemacht und hat schon in verschiedenen L\u00e4ndern gearbeitet. Demn\u00e4chst geht es nach S\u00fcdamerika.<\/p>\n<p>Mir fehlen Vokabeln an allen Ecken und Enden, aber ansonsten geht es gut mit der Kommunikation. Au\u00dferhalb der Schule versteht man meist nicht, gar nichts, wenn man nicht irgendwie selbst am Gespr\u00e4ch beteiligt ist.<\/p>\n<p>Die Aufgaben sind meist einfach. Bei einer \u00dcbung benutze ich zwei Formen von <em>andare<\/em> in einem Satz. Falsch. Das sei unlogisch, wird argumentiert. Aber mir fallen Formen wie <em>I\u2019m gonna go and have a bath<\/em> ein.<\/p>\n<p>Eine der Lehrerinnen hat \/s\/ statt \/z\/ in <em>cosa<\/em>, <em>usato, numeroso. <\/em>Was die Erkl\u00e4rung daf\u00fcr ist, wei\u00df ich nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dem Unterricht mache ich einen zweiten Anlauf, um den <em>Giardino della<\/em> <em>Minerva<\/em> zu sehen. Diesmal steht das Tor auf, aber es wird gerade f\u00fcr die Mittagspause geschlossen.<\/p>\n<p>Unterwegs sehe ich, wie der Einkauf in einem Hochhaus in die obere Etage transportiert wird: An einem Seil wird ein Korb heruntergelassen, der wird beladen und dann oben vom Balkon aus hochgezogen.<\/p>\n<p><em>Add\u00f2 se vo\u2018 bene, l\u00e0 se more <\/em>steht an einer H\u00e4userwand. Auch das kann ich nicht entschl\u00fcsseln. Unter optischen T\u00e4uschungen bei den Wandmalereien f\u00e4llt mir ein Fu\u00dfballtor mit Netz auf. Erst wenn man ganz nahe dran ist, sieht man, dass es nicht dreidimensional ist. Auch gut ein alter, vermutlich verschlossener Durchgang mit einer Eisent\u00fcr, auf der steht: <em>Lasciare libero il passagio di idee.<\/em> Die letzten beiden W\u00f6rter sind in Rot und nicht auf den ersten Blick zu sehen. Die Lekt\u00fcre \u00e4ndert sich, wenn man die ganze Nachricht liest.<\/p>\n<p>Auch hier werden, wie in Griechenland, Trauernachrichten einfach an W\u00e4nde oder an daf\u00fcr vorgesehene Schwarze Bretter geh\u00e4ngt. Eine ist unterschrieben mit <em>i tuoi cari nipoti<\/em>. Das sind in diesem Fall Enkel, nicht Neffen. Das geht aber nur aus der Anrede hervor: <em>caro nonno umberto<\/em>.<\/p>\n<p>Am Nachmittag gibt es ein Quiz in der Schule. Das Thema ist Italien. Die Fragen sind liebselig, aber man bekommt doch das eine oder andere mit: <em>Sfolgiatello<\/em> ist das beliebteste Dessert Kampaniens, und <em>Rag\u00f9<\/em> die wichtigste Speise, ein Vorspeise, die viele Stunden lang im Topf schmort. <em>Pan d\u2019oro<\/em> ist nicht dasselbe wie <em>Panettone<\/em>, und beim Bier unterscheidet man zwischen <em>rossa<\/em> und <em>bionda<\/em>. Und was hei\u00dft <em>essere al verde<\/em>? Kein Geld haben. Blank sein!<\/p>\n<p>Nach dem Quiz gehe ich zum Di\u00f6zesanmuseum. Unterwegs komme ich durch das <em>Quartiere dei Barbuti<\/em>, das \u201aViertel der B\u00e4rtigen\u2018. Der Name, so hei\u00dft es, erinnere an die Herrschaft der Langobarden.<\/p>\n<p>Das Di\u00f6zesanmuseum hat eine Sammlung von Elfenbeintafeln, die wohl einzigartig ist. Es sind insgesamt 69 Tafeln aus dem Hochmittelalter, vermutlich von drei K\u00fcnstlern hergestellt. Es gibt Szenen aus dem Alten Testament und Szenen aus dem Neuen Testament und Friese mit Ranken und F\u00fcllh\u00f6rnern. Die Szenen aus dem Alten Testament sind horizontal angeordnet, immer zwei zusammen, die aus dem Neuen Testament vertikal, ebenfalls immer zwei zusammen. Die Darstellungen sind wunderbar, einerseits naiv, andererseits realistisch. Besonders das Thema der Arbeit kommt beim Alten Testament immer wieder vor: Arbeit auf dem Acker nach\u00a0 der Vertreibung aus dem Paradies, der Bau der Arche, der Bau des Turms von Babel. Dabei sieht man, wie die Arbeiter sich nach oben strecken, um Speis und Steine anzureichen. Beim Bau der Arche sieht man Axt, Hammer und S\u00e4ge, alle offensichtlich mittelalterlich. Bei\u00a0 der Arbeit auf dem Acker sind Adam und Eva weit nach vorne gebeugt, so als w\u00fcrden sie eine Yoga-\u00dcbung machen. Die Szenen beim Alten Testament sind so figurenreich, dass kaum ein Zentimeter frei bleibt, vor allem bei der Brotvermehrung, bei der mehrere Reihen von K\u00f6pfen \u00fcbereinander dargestellt sind.<\/p>\n<p>Der Beschreibung zufolge haben die K\u00fcnstler Anleihen bei apokryphen Schriften gemacht, vor allem beim Jakobevangelium, aber was das ist, wird leider nicht weiter ausgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr eine Funktion hatten die Elfenbeintafeln? Geh\u00f6ren sie alle zusammen? Die Frage habe ich mir schon die ganze Zeit gestellt. Am Ende gibt es eine Antwort, in Form von verschiedenen Hypothesen: Sie waren die Vorderwand einer Ikonostase, bildeten die R\u00fcckseite eines Altars, waren Teil eines Bischofsstuhls usw.<\/p>\n<p>Das zweite Highlight des Museums sind Pergamentrollen, wieder mit biblischen Szenen bemalt, in leuchtenden Farben. Sie sind etwas j\u00fcnger als die Elfenbeintafeln und wurden bei der Karsamstagsliturgie eingesetzt: Wenn eine Textstelle vorgelesen wurde, wurden sie, passend zum Text, \u00fcber dem Kopf des Vorlesers hinuntergelassen. Eine moderne Verbindung von Wort und Bild, wie bei einem Diavortrag oder einem Dokumentarfilm. Ob man wirklich viel erkennen konnte, spielte vielleicht keine so gro\u00dfe Rolle. Es ging wohl auch um den Showeffekt.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher hatte man angenommen, dass es nur die Bilder gab. Aber es gab wohl auch die dazugeh\u00f6rigen Texte. Die sind aber verloren, bis auf einen, den Anfang des <em>Exsultet<\/em>. Das kann man hier sehen, in gotischer Schrift: <em>Exsultet iam angelica turba caelorum<\/em> \u2013 <em>Frohlocket, ihr Ch\u00f6re der Engel. <\/em><\/p>\n<p>Ich bin zu m\u00fcde, um mir den Rest anzusehen und gehe lieber in ein kleines Caf\u00e9 in der <em>Via dei Mercanti<\/em>, ganz in der N\u00e4he des Apartments. Da habe ich beim Kaffee am Morgen vorbereitete Speisen gesehen, die verlockend aussahen. Ich nehme ein St\u00fcck von einem Auberginenauflauf mit einem frisch gezapften, lokalen Bier. Gut, aber viel zu teuer.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">24. August (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen bekomme ich ein einer engen, d\u00fcsteren Cafeteria, die zu allem \u00dcbel auch noch New York hei\u00dft, den bisher Cappuccino. Bisher habe ich es jeden Morgen woanders versucht. In einer Cafeteria hingen Bilder vom alten Salerno, eins davon ein Bild von Salerno mit verschneiten Stra\u00dfen<\/p>\n<p>In der Schule hat die Nachricht die Runde gemacht, dass es ein Erdbeben gegeben hat, in Mittelitalien. Vor allem die Marken sind betroffen.<\/p>\n<p>Nach dem Unterricht schaffe ich es noch gerade rechtzeitig zur Touristeninformation. Es gibt reichlich Material und gute Erkl\u00e4rungen von einer jungen Frau mit Brille und Zahnspange, die offensichtlich gelangweilt ist und froh, dass es etwas zu tun gibt.<\/p>\n<p>Von dort geht es gleich zur Bushaltestelle. Das Ziel ist die Festung oben auf dem Bonadies. Des Wartens m\u00fcde, gehe ich in die unscheinbare Bar gleich hinter der Bushaltestelle. Hier bekomme ich einen eisgek\u00fchlten Kaffee, Wasser, Erdn\u00fcsse, Chips und einen ganzen Teller mit sch\u00f6n zubereiteten Kanapees (im Unterricht lerne ich sp\u00e4ter, dass das <em>stuzzichini<\/em> sind). Alles zusammen f\u00fcr 3 \u20ac.<\/p>\n<p>Als ich schon fast entschlossen bin, es zu Fu\u00df zu versuchen, kommt der Bus. Er qu\u00e4lt sich die Landstra\u00dfe hinauf, die in weiten Kurven zur Festung f\u00fchrt. Zwischendurch steigt ein Passagier aus. Wohin er will, ist nicht zu erkennen. Hier ist weit und breit kein Haus zu sehen.<\/p>\n<p>An der Festung steigen nur Ausl\u00e4nder aus. Man muss noch ein gutes St\u00fcck zu Fu\u00df gehen, bis man am Eingang ist. Der Empfang f\u00e4llt eher verhalten aus. Und die Besichtigung ist eine ziemliche Entt\u00e4uschung. Man geht etwas verloren die Br\u00fcstung entlang und landet dabei immer wieder in einer Sackgasse. Beschriftungen gibt es gar keine, nur hier und da h\u00e4ngt in einem abgelegenen Raum ein Bildschirm, auf dem Bilder mit Erkl\u00e4rungen zur Festung erscheinen. Aber es gibt keine Sitzm\u00f6glichkeiten, und die ganze Sache ist einfach nicht sehr einladend. Von der Br\u00fcstung aus hat man einen guten Blick auf den Hafen, auf die Stadt und auf die H\u00fcgel der Umgebung oder die anderen Kuppen des Bonadies. Man sieht, dass der Eindruck von unten t\u00e4uscht: Dies ist nicht die h\u00f6chste Spitze. Die benachbarte Bergkuppe ist h\u00f6her, und darauf steht noch ein einsamer Turm.<\/p>\n<p>Die Festung hei\u00dft Castello Arechi, benannt nach einem langobardischen F\u00fcrsten. Die Langobarden riefen die Normannen zu Hilfe, gegen die Sarazenen, hatten aber nicht damit gerechnet, dass die Normannen danach keine Lust hatten, einfach wieder nach Hause zu fahren. Sie wollten ihre Belohnung. Aus S\u00f6ldnern wurden Machthaber, die schlie\u00dflich ihre Macht durch eine Heirat mit einer langobardischen Prinzessin konsolidierten.<\/p>\n<p>Schon die Langobarden hatten die Festung nicht errichtet, sondern eine bereits bestehende byzantinische ausgebaut, und so hat die Festung ihr Aussehen immer wieder ver\u00e4ndert. Die trapezf\u00f6rmige Grundform ist aber noch zu erahnen. Der graue Stein und die Lage hier ganz oben lassen die Festung abschreckend aussehen, und sie war hier ganz oben praktisch nicht zu erobern.<\/p>\n<p>Da das Museum einen auch nicht gerade vom Hocker haut, trete ich den R\u00fcckweg zu Fu\u00df an, immer der Landstra\u00dfe entlang. Einen anderen Weg gibt es nicht. Der w\u00fcrde die Strecke viel k\u00fcrzer machen. Hier oben gibt es Esel, K\u00fche und Ziegen. Die ruhen sich auf dem struppigen Gel\u00e4nde aus oder suchen unter einer Kr\u00fcppelkiefer Schatten. Der Weg ist alles andere als sch\u00f6n und zieht sich hin. Unten steht neben einem achtlos weggeworfenen M\u00fcllbeutel eine riesige Ratte, die mit feindselig ansieht.<\/p>\n<p>Mit Erleichterung komme ich an eine Kreuzung, aber hier geht es nicht richtig weiter. Die Stra\u00dfe geht zwar links weiter bergab, geht dann aber in eine Schnellstra\u00dfe \u00fcber. Also muss ich zur\u00fcck. In der anderen Richtung gibt es nur einen kleinen Streifen, der mich von den Autos trennt. Gl\u00fccklicherweise wird hier ganz zivil gefahren. Die H\u00e4user sind direkt unter mir, aber man kommt irgendwie einfach nicht dahin.<\/p>\n<p>Dann gibt es endlich einen kleinen Weg, der von der Stra\u00dfe wegf\u00fchrt. Es geht zwar noch eine ganze Weile hin und her und auf und ab, aber hier f\u00fchlt man sich sicher, und die Innenstadt r\u00fcckt n\u00e4her. Und dann stehe ich auf einmal vor dem Wegweiser zum <em>Giardino della Minerva<\/em>. Aller guten Dinge sind drei. Der ist auch diesmal geschlossen. Noch. In einer halben Stunde wird ge\u00f6ffnet. Ich komme mit einem Ehepaar aus Mailand ins Gespr\u00e4ch. Sie sind auf der R\u00fcckreise, haben aber noch eine Station in der Toskana, wo sie ein Ferienhaus besitzen. Sie sind sehr gespr\u00e4chig und fragen interessiert nach meinen Pl\u00e4nen. Sie haben auch Deutschland bereist und wissen sofort mit Trier etwas anzufangen.<\/p>\n<p>Ich lege noch eine Kaffeepause ein, gehe dann aber zum <em>Giardino<\/em> zur\u00fcck. Der Garten ist terrassenf\u00f6rmig angelegt, auf vier Ebenen. Das Zauberwort hier ist Systematik. Alle Pflanzen haben einen wissenschaftlichen und einen volkst\u00fcmlichen Namen und sind immer nur einmal vertreten. Die Bandbreite ist gro\u00df. Es geht von der Erbse \u00fcber den Thymian bis zum Olivenbaum.<\/p>\n<p>Die Systematik ist besonders ausgepr\u00e4gt auf der unteren Ebene und folgt hier der mittelalterlichen Humoralpathologie. Die Pflanzen sind in vier Rabatten angelegt, die durch Wege voneinander getrennt sind. Die vier Rabatten entsprechen den vier Elementen \u2013 Feuer, Erde, Luft, Wasser \u2013 deren Namen in den Boden eingelassen sind. Den Elementen sind wiederum die vier Grundeigenschaften zugeordnet \u2013 feucht, trocken, warm, kalt \u2013 so dass jede Pflanze zwei Charakteristika hat. Die Rabatten sind wiederum durch Halbkreise in vier Teile geteilt, die den Grad der Beschaffenheit angeben, von I bis IV. So ist der Akanthus warm und feucht zweiten Grades, der Schierling \u2013 der tats\u00e4chlich nach Sokrates benannt ist \u2013 ist kalt und trocken dritten Grades.<\/p>\n<p>Eine solche Systematik greift die Systematik der Medizinschule von Salerno auf. Deshalb sind hier unten nur Heilpflanzen vertreten. Mit denen war ein Heilmittel f\u00fcr alle F\u00e4lle vorhanden, d.h. f\u00fcr jeden der vier Humoraltypen \u2013 Sanguiniker, Phlegmatiker, Choleriker, Melancholiker \u2013 bei denen das Gleichgewicht verloren gegangen ist und mit den Heilpflanzen wiederhergestellt wird.<\/p>\n<p>Man vermutet, dass sich die mittelalterliche Medizinschule in dieser Gegen befand und hat deshalb den Garten, der bis vor kurzem noch eine provisorische M\u00fcllhalde war, im Rahmen des st\u00e4dtischen Reformprojekts der letzten Jahre wiederbelebt.<\/p>\n<p>In den oberen Etagen gibt es dann Pflanzen aller Art, die sich teils \u00fcber die G\u00e4nge erstrecken, wie das ein Zuckerrohr tut oder ein Orangenbaum. \u00dcberall rauscht Wasser, aus teils offenen, teils hinter Pflanzen versteckten Brunnen. Und man hat von hier aus einen sch\u00f6nen Blick auf die Stadt und das Meer. Mit etwas mehr Schatten und einer offenen Cafeteria k\u00f6nnte man hier l\u00e4nger bleiben, aber ohne die geht es wieder zur\u00fcck in die Altstadt zu einer kalten <em>birra alla spina<\/em>.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">25. August (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Die Schule ist ein einem hochherrschaftlichen Haus untergebracht, einem palazzo, mit einer enormen h\u00f6lzernen Portal, Messingschildern an den Klingeln, einem gro\u00dfz\u00fcgigen Treppenhaus und einer zweil\u00e4ufigen Marmortreppe und einem alten, vergitterten Eisenaufzug. Der Eindruck von Gro\u00dfr\u00e4umigkeit, Gro\u00dfz\u00fcgigkeit vergangener Tage geht sofort verloren, sobald in die kleinen, funktionalen R\u00e4ume der Schule kommt, mit ihren Plastikm\u00f6beln und Computern. Einzig auf den Balkonen stellt sich der hochherrschaftliche Eindruck wieder her.<\/p>\n<p>Wir sind die Mozzarella-Klasse, lauter Bleichgesichter, einschlie\u00dflich der Lehrerin. Einzig die junge Deutsche aus dem Apartment hat nach den vielen Wochen hier ein bisschen Farbe bekommen, aber sie geh\u00f6rt trotzdem dem gleichen Ph\u00e4notyp an.<\/p>\n<p>Hinter vorgehaltener Hand wird \u00fcber die Exkursionen der Schule geschimpft. Die seien viel zu teuer, und das wiederum f\u00fchre dazu, dass viele erst gar nicht stattfinden. Man solle lieber alleine fahren. Tats\u00e4chlich kostet Pompeji 40 \u20ac. Das kommt mir auch \u00a0teuer vor. \u00c4rgerlich auch die versp\u00e4tete Information. \u00a0Heute erfahre ich, dass es in den n\u00e4chsten zwei Wochen sowohl zur Festung als auch in den <em>Giardino della Minerva<\/em> geht.<\/p>\n<p>Au\u00dfer dem vielgeliebten Konjunktiv steht heute das Thema Arbeit auf dem Programm. Bei allem, was die Lehrerin anf\u00fchrt, leuchtet es uns nicht so richtig ein, was daran typisch italienisch sein soll. Ein eigenes Haus, das sei ein italienischer Traum. Vielleicht. Es ist aber auch ein deutscher, ein Schweizerischer, ein belgischer Traum, ein britischer Traum, ein universaler Traum.<\/p>\n<p>Gestern, als es um italienische Literatur ging, f\u00fchrte der Schweizer die <em>Commedia<\/em> <em>dell\u2019Arte<\/em> an. Die Lehrerin wollte davon nichts wissen. Das geh\u00f6re nicht zur Literatur. Man hat den Eindruck, dass sie nicht wei\u00df, worum es geht. Kann das sein?<\/p>\n<p>Am Nachmittag gehe ich in die Pinacoteca Regionale, in einem pallazzo in der Altstadt untergebracht. Ich bin der einzige Besucher. Der Eintritt ist frei.<\/p>\n<p>Es ist eine eher kleine Sammlung, und es gibt kaum Werke allererster G\u00fcte, aber es lohnt sich. In jedem Saal kann man etwas Sch\u00f6nes entdecken.<\/p>\n<p>Im ersten Saal ein sp\u00e4tmittelalterliche Triptychon, mit einer Madonna im Zentrum, die ein Kind auf den Armen h\u00e4lt, das sie l\u00e4chelnd ansieht. Die Madonna hat ein rotes Untergewand und ein blaues Obergewand. Das waren die beiden wertvollsten Farben. Die Heiligen an den Seiten, allesamt M\u00f6nche, tragen graue und braune Kutten. Einer hat ein dunkles Gesicht und sieht mit grimmiger Miene schr\u00e4g auf den Boden. Ob es Franziskus oder Antonio ist, ist nicht auszumachen. Alle drei M\u00f6nche und der K\u00f6nig, der sie erg\u00e4nzt, halten ein Buch in der Hand, zwei geschlossene, zwei ge\u00f6ffnete. Da ist wie ein Studium der Darstellung des Buches. Die Perspektive ist voll gelungen. Die B\u00fccher haben h\u00f6lzerne Einb\u00e4nde und eiserne Klappen, mit denen man sie verschlie\u00dfen kann.<\/p>\n<p>Die Wirkung der Bilder im n\u00e4chsten Saal ist ganz anders. Die Bilder sind fast zwei Jahrhunderte j\u00fcnger und auf Leinwand gemalt statt auf Holz. Auff\u00e4llig ein alter Mann mit grauem Bart und Kappe, der sich \u00fcber einem Topf die H\u00e4nde w\u00e4rmt. Die H\u00e4nde sind rau und an einigen Stellen aufgesch\u00fcrft. Es ist wie ein Portrait, aber die Beschriftung weist den Mann als Allegorie des Winters aus.<\/p>\n<p>Im n\u00e4chsten Raum kommen Stillleben, opulente Tafeln und K\u00fcchen. Besonders sch\u00f6n aber ein einfaches Stillleben mit einer aufgeschnittenen Melone, an der zwei Tauben picken. Am Rand zwei Zitronen, mit rauer Haut. Man glaubt, sie f\u00fchlen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der letzte Raum hat abwechselnd impressionistische, realistische und romantische Bilder. Sch\u00f6n der Realismus einer Stra\u00dfenszene eines Dorfs von der K\u00fcste, noch sch\u00f6ner der Ausschnitt eines alten Hauses. Man sieht nur eine H\u00e4lfte, ein kleines Fenster mit Dreipass, eine breite Treppe, die zur Haust\u00fcr hinauff\u00fchrt, eine Pflanze die sich an der Hauswand hinaufrankt, vor allem aber sieht man Wand. Den rauen Putz, die leicht changierende Farbe. Hinter dem Fenster brennt ein Licht, das nur durch einen fahlen Schimmer vertreten ist, und die Treppe liegt halb im Schatten, halb im Licht.<\/p>\n<p>Als Erg\u00e4nzung dazu zwei Portraits, die sich wiederum erg\u00e4nzen, ein alter Fischer und ein alter Mann. Der Fischer, von dem nur die B\u00fcste zu sehen ist, mit festem Haarschopf und krausem Bart, sieht in die Ferne, vielleicht aufs Meer hinaus. Etwas trotzig, etwas stolz. Der muss in seinem Leben viel erlebt, hart gearbeitet haben. Der alte Mann, mit nacktem Oberk\u00f6rper, ist zartgliedriger. Die Barthaare sind sehr fein, auch die auf der Brust. Man sieht die Venen an den Armen und die Rippen an der Brust. Der Blick geht vom Betrachter weg, in die Leere. Er muss viel ertragen haben in seinem Leben. Der Blick ist voller tiefer Traurigkeit. Aber ohne Resignation.<\/p>\n<p>Nach dem Museum gehe ich noch ein bisschen durch die Stra\u00dfen der Altstadt. Einige der Gassen, vor allem im oberen Bereich, sind heruntergekommen, die weiter unten sind belebter und besser in Schuss. In einem Caf\u00e9 am Dom bestelle ich einen <em>Granito de caff\u00e8<\/em> und stelle fest, dass das kein Getr\u00e4nk, sondern eine Speise ist. Zersto\u00dfene Eisst\u00fccke mit Kaffeegeschmack. Man l\u00f6ffelt sie aus. Wenn man lange genug warte, l\u00f6st sich das Eis auf und man hat doch ein Getr\u00e4nk. Aber den Fl\u00fcssigkeitsbedarf stillt das nicht, auch wenn es erfrischend wirkt. Und es ist viel zu teuer: 3,50 \u20ac.<\/p>\n<p>Dann hat endlich auch das \u201eMuseum\u201c zu der Medizinschule von Salerno auf. Das Geb\u00e4ude sieht sehr einladend aus und d\u00fcrfte auch gro\u00df genug sein, aber drinnen bekommt man nur eine Art Diashow zu sehen. Die ist aber sehr informativ. Es funktioniert so, dass alte Abbildungen pl\u00f6tzlich lebendig werden. Der Dargestellte verwandelt sich in einen modernen Schauspieler, der die Rolle eines der an der Medizinschule Beteiligten spielt und sie erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Es geht um Diagnose und Behandlung. Die \u00c4rzte der Medizinschule von Salerno machten keine Ferndiagnose. Sie gingen zum Patienten. Das war keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Die wichtigsten Diagnoseinstrumente waren der Puls und das Urin. Das Urin wurde, damit die Diagnose gestellt werden konnte, gef\u00fchlt, gerochen und getrunken! Zur Bestimmung des Krankheitsbilds geh\u00f6rten auch der \u201eCharakter\u201c und die \u201eLeidenschaften\u201c des Patienten. Also eine ganzheitliche Methode. Wie das genau ablief, dar\u00fcber h\u00e4tte man gerne mehr erfahren.<\/p>\n<p>Die Medizinschule von Salerno galt als ausgesprochen fortschrittlich. Sie war der Wegbereiter der modernen Medizin, und von hier aus wurden die Erkenntnisse nach ganz Europa gebracht.<\/p>\n<p>Auch Frauen wirkten hier als \u00c4rzte. Sie k\u00fcmmerten sich in erster Linie um Frauen: Menstruation, Niederkunft, Stillen und Abstillen, aber auch Hautunreinheiten. F\u00fcr alles wurden Salben und Fl\u00fcssigkeiten verabreicht, aus einer Vielzahl von nat\u00fcrlichen \u00a0Ressourcen hergestellt. Weil Frauen nicht so viel ausschwitzen konnten wie M\u00e4nner, hatten sie, so \u00a0war die Annahme, die Menstruation.<\/p>\n<p>Bei den Behandlungsmethoden und den Instrumenten, die alle genau in den Traktaten der Zeit abgebildet sind, wird es einem ganz anders. Aber auf jeden Fall wurde alles in Angriff genommen, ob Auge, Zahn oder Darm. Zu den Behandlungsmethoden geh\u00f6rten Aderlass und Sch\u00e4deltrepanation. Manchmal waren gleich drei Behandelnde gleichzeitig am Werk. Von denen hielt einer den Patienten fest und ein anderer fing das Blut auf, w\u00e4hrend der Dritte \u00a0den Eingriff vornahm.<\/p>\n<p>Es gab aber auch eine schon sehr modern anmutende Bet\u00e4ubungsmethode. Ein getr\u00e4nkter Schwamm wurde einem Patienten immer wieder auf das Gesicht gedr\u00fcckt, bis er das Bewusstsein verlor. Die Wirkung war so stark, dass nach dem Eingriff ein mit anderen Substanzen gef\u00fcllter Schwamm eingesetzt wurde, um die Narkose zu beenden.<\/p>\n<p>Die Fortschrittlichkeit von Salerno erwies sich auch in der Anatomie, die nicht nur betrieben wurde, sondern deren Studium, einem Erlass Friedrichs II. zufolge, eine Vorbedingung war, damit man als Arzt praktizieren durfte. Die anatomischen Studien wurden an Schweinen vorgenommen. Die, so wurde argumentiert, waren den Menschen anatomisch sehr \u00e4hnlich.<\/p>\n<p>Zum Schluss finde ich dann wenigstens eine der Kirche des Zentrums, von denen bei der Touristeninformation die Rede war, ge\u00f6ffnet: San Giorgio. Die Kirche geh\u00f6rte zu einem Kloster, das bei der Einigung Italiens geschlossen wurde. Die ehemaligen Klostergeb\u00e4ude nehmen heute, links der Kirche, die Carabinieri ein, rechts der Kirche das Finanzamt.<\/p>\n<p>Das Kloster wurde hier eingerichtet, um alle Nonnen desselben Ordens, die auf ganz Salerno verteilt waren, zusammenzuziehen. Konzentration der Kr\u00e4fte.<\/p>\n<p>Die einschiffige Kirche mit vielen Seitenalt\u00e4ren ist durch und durch barock ausgestaltet, mit Putten, Engeln, Fresken, Stuck und Gem\u00e4lden. Fast keine Fl\u00e4che ist freigeblieben. Die Deckengem\u00e4lde stellen Wunder des Hl. Benedikt dar, trotz des Patroziniums der Kirche. Von Georg gab es vermutlich nicht so viel zu berichten.<\/p>\n<p>Eine japanische Schallplattenfirma hat hier eine besondere Aufnahme von Werken Robert Schumanns machen lassen. Der Anlass f\u00fcr die Auswahl der Kirche waren die gute Akustik und die vielen Abbildungen von Engeln mit Musikinstrumenten.<\/p>\n<p>Am Abend geht es, nicht wegen des Essens, sondern wegen des Namens, in die Pizzeria La Smorfia. Tats\u00e4chlich sind an den W\u00e4nden des winzigen Lokals Zahlen mit Beschriftungen und teils Abbildungen angebracht, die die Bedeutung \u00a0der Zahl erkl\u00e4ren: 42 = Kaffee, 24 = Pizza, 45 = Wein (<em>o vino bbuono<\/em>).<\/p>\n<p>Die Kellnerin ist unfreundlich und sagt mir im Kasernenton, dass ich mich woanders hinsetzen soll. Erst ganz allm\u00e4hlich taut sie auf, spricht aber weiter in Einworts\u00e4tzen oder Zweiworts\u00e4tzen mit mir. Es gibt eine zweigeteilte Pizza, mit einer milden, mit Rucola gef\u00fcllten und einer w\u00fcrzigeren Seite mit Ziegenk\u00e4se. Dazu italienisches Bier in Flaschen. Die sind gr\u00f6\u00dfer als bei uns: 0,66 Liter. Da ist eine Flasche zu wenig, zwei sind zu viel.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. August (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Den zweiten Teil des Unterrichts verbringen wir gemeinsam in einer Bar. F\u00fcr die meisten ist heute der letzte Tag. Wir sitzen drau\u00dfen. Es kommt in der ganzen Zeit keine Bedienung, und wir machen auch keine Anstalten, etwas zu bestellen.<\/p>\n<p>Eine gute Einrichtung sind die Brunnen, die man in den Parks, aber auch auf Pl\u00e4tzen manchmal findet. Immer k\u00fchles, trinkbares Wasser. Ich mache es den Einheimischen nach und f\u00fclle hier meine Flaschen auf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Salerno 21. August (Sonntag) \u201eNach der Mahlzeit schlummere du wenig oder auch gar nicht. Tr\u00e4gheit und Fieber, ein Schnupfen gar samt Schmerzen des Kopfes. 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