{"id":8643,"date":"2016-09-19T15:25:46","date_gmt":"2016-09-19T13:25:46","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=8643"},"modified":"2016-09-19T15:25:46","modified_gmt":"2016-09-19T13:25:46","slug":"salerno-2016-2","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=8643","title":{"rendered":"Salerno (2016)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">21. August (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>\u201eNach der Mahlzeit schlummere du wenig oder auch gar nicht. Tr\u00e4gheit und Fieber, ein Schnupfen gar samt Schmerzen des Kopfes. Solches erbl\u00fcht dir all vom faulen Schlafe nach dem Mittag.\u201c Auszug aus dem <em>Regimen sanitatis Salernitanum<\/em>, einem europ\u00e4ischen Bestseller, ver\u00f6ffentlicht von der ber\u00fchmten Medizinschule in Salerno.<\/p>\n<p>Bei der Ankunft in Neapel ist es sowieso noch zu fr\u00fch f\u00fcr einen Mittagsschlaf. Es ist aber schon so hei\u00df, als wenn es Mittag w\u00e4re. Unter dem wolkenlosen Himmel schleppe ich meinen Koffer von der Flughafenhalle zur Haltestelle des <em>Alibus<\/em>. Alles ist gut beschildert und organisiert, und der Bus steht abfahrbereit.<\/p>\n<p>Unterwegs kaputte B\u00fcrgersteige, \u00fcberquellende M\u00fclltonnen, schwere Eisengitter, Bauz\u00e4une. Das ist nicht gerade einladend, aber so stellt man sich Neapel vor. Die Gesch\u00e4fte sind geschlossen, kaum jemand ist auf der Stra\u00dfe. In einem einsamen Fris\u00f6rsalon wird ein einzelner Kunde auf einem roten Plastikstuhl bedient.<\/p>\n<p>In einer knappen Viertelstunde sind wir schon am Bahnhof. Gedr\u00e4nge, fliegende H\u00e4ndler, Bettler, Touristengruppen, enge Wege an Baustellen vorbei. Un\u00fcbersichtlich. F\u00fcr einen Moment ein Gef\u00fchl von Unsicherheit, auch noch, als ich am Automaten die Fahrkarte l\u00f6se. Aber das legt sich bald. Alles in Ordnung.<\/p>\n<p>Ich muss lange warten, der Automat hat den n\u00e4chsten Zug \u00fcbergangen. In der einzigen Cafeteria teile ich mir den einzigen freien Platz mit einem Mann, der die <em>Repubblica<\/em> liest. Ob ich alleine sei. Ja. Keine Frau dabei? Nein. Gl\u00fcckwunsch! Er selbst habe zwei Ehen hinter sich, beide Frauen h\u00e4tten ihn verlassen. Der Mann hat, wenn ich das richtig verstehe, in den USA und in der Schweiz gearbeitet, f\u00fcr eine Versicherungsagentur. Er lege Wert auf P\u00fcnktlichkeit. Ob ich nach Ischia wolle. In Ischia w\u00e4ren viele Deutsche. Eine Frau vom Nebentisch mischt sich ein, in flie\u00dfendem Deutsch. Neapolitanerin. 24 Jahre Aschaffenburg. Sie ist auf dem Weg nach Sizilien. Der Mann fragt mich, ob ich wisse, warum Frauen l\u00e4nger leben als M\u00e4nner. Ich wei\u00df es nicht, und ich wei\u00df es immer noch nicht, denn seine Antwort verstehe ich nicht. Irgendetwas hat es zu tun mit dem Schleppen von Getr\u00e4nkek\u00e4sten. Das m\u00fcssten immer die M\u00e4nner machen. Aber ob die Lebensdauer alleine davon abh\u00e4ngt? Das Gespr\u00e4ch zieht sich noch eine ganze Zeitlang hin, mal mit ihm, mal mit ihr. Dann ist es Zeit f\u00fcr den Zug.<\/p>\n<p>Der ist sauber, p\u00fcnktlich und schnell. In einer halben Stunde ist man in Salerno. Die Vermieterin des Apartments wei\u00df nichts von mir, als ich mich am Telefon melde. Sie hat auch auf eine SMS nicht reagiert. Ich solle zur Wohnung kommen und schellen.<\/p>\n<p>Es geht schnurstracks eine breite Einkaufsstra\u00dfe hinunter, mit eleganten Gesch\u00e4ften. Ein Bekleidungsgesch\u00e4ft hei\u00dft <em>Doppelg\u00e4nger<\/em>. Zwei Gesch\u00e4fte verkaufen Mozzarella. Die stammt von hier, aus Kampanien.<\/p>\n<p>An einem Platz wird aus der breiten, regelm\u00e4\u00dfigen Stra\u00dfe pl\u00f6tzlich eine schmale, unregelm\u00e4\u00dfige. Die H\u00e4user auf beiden Seiten sind oben manchmal durch einen Bogen verbunden. Statt die H\u00e4user zu verbinden, sind sie vermutlich eher dazu da, sie auseinanderzuhalten.<\/p>\n<p>Eins der Seiteng\u00e4sschen ist die \u201aSchneegasse\u2018, dem <em>Vicolo della Neve<\/em>. Die Eingangst\u00fcr sieht eher sch\u00e4big aus, und das Treppenhaus ist d\u00fcster und eng. Es ist sofort ge\u00f6ffnet worden. Oben steht eine junge Deutsche, eine Mitbewohnerin, die mir die Wohnung zeigt. Alles ist modern und gut eingerichtet. Es gibt ein kompliziertes M\u00fclltrennungsprogramm mit Abholzeiten an verschiedenen Wochentagen. Es gibt keinen \u201eRestm\u00fcll\u201c.<\/p>\n<p>Ich mache mich sofort auf die Suche nach Vorr\u00e4ten f\u00fcr den K\u00fchlschrank. Aber es ist nichts zu finden. Am Ende entdecke ich hinter einer Ecke einen Gem\u00fcseladen. Die T\u00fcr steht offen, niemand da. Ich sehe mich um und gehe ganz vorsichtig hinein, \u00fcber die Schwelle. Ich will gerade rufen, als ein Mann aus dem K\u00e4mmerchen hinter der Theke erscheint und mich anherrscht: was mir denn einfalle, es sei geschlossen, er w\u00fcrde doch auch nicht unaufgefordert in meine Wohnung kommen usw. Ich versuche, mir dadurch nicht die Laune verderben zu lassen und hoffe, dass das hier nicht die normale Kommunikationsform ist.<\/p>\n<p>Es bleibt mir nichts \u00fcbrig: Ich muss noch mal zur\u00fcck zum Bahnhof. Aber auch hier ist nichts zu finden. Am Ende bekomme ich in einem Kiosk wenigstens Wasser und ein Sandwich. Aber ich finde jetzt die erste Orientierung. Die gro\u00dfe Einkaufsstra\u00dfe ist der <em>Corso Vittorio Emmanuele<\/em>. Er l\u00e4uft parallel zum Meeresufer, zum <em>Lungomare<\/em>. Zwischen den beiden verl\u00e4uft, etwas unregelm\u00e4\u00dfiger, der <em>Corso<\/em> <em>Garibaldi<\/em>, und der geht in die <em>Via Roma<\/em> \u00fcber.<\/p>\n<p>Ich gehe zur\u00fcck, um irgendwo eine Pizza zu bekommen. Pizzerien gibt es zu Hauf. Die Pizza ist schlie\u00dflich eine neapolitanische Erfindung. Aber jetzt ist es so sp\u00e4t, dass die Pizzerien schlie\u00dfen, alle zusammen, wie auf Kommando.<\/p>\n<p>Ich mache einen Spaziergang am <em>Lungomare<\/em> entlang, mit Palmen und einer durchgehenden Steinbank, auf der es sich viele bequem gemacht haben. Die Uferpromenade ist vom Verkehr durch einen breiten park\u00e4hnlichen Streifen getrennt. Das muss das Resultat der st\u00e4dtebaulichen Ma\u00dfnahmen sein, die ein engagierter Politiker vor einigen Jahren initiierte, unter Einbeziehung international bekannter Architekten, um aus dieser verfallenden Stadt wieder etwas zu machen.<\/p>\n<p>Dann geht es in einen Park. Das ist die <em>Villa Communale<\/em>, nicht der <em>Giardino della<\/em> <em>Minerva<\/em>, wie ich glaube. Der liegt weiter oben. Es gibt ein paar exotische Pflanzen, einen Brunnen und auf hohen Sockeln stehende Statuen von Menschen, deren Namen man noch nie geh\u00f6rt hat.<\/p>\n<p>Von hier aus hat man einen guten Blick auf <em>Bonadies<\/em>, den Hausberg Salernos, eigentlich eher einen H\u00fcgel. Man sieht ihn auch vom Zentrum aus und vom Meer aus, aber immer nur einen Ausschnitt, und da er mehrere Kuppen hat, sieht er immer anders aus. Auf einer ist ein Kreuz, die andere hat eine Kerbe, und auf der dritten steht eine m\u00e4chtige Festung. Von hier aus blickt man au\u00dferdem auf die auff\u00e4llige, mit bunter Majolika verkleidete Kuppel einer Kirche.<\/p>\n<p>Gleich vor dem Eingang zur <em>Villa Communale<\/em> steht das <em>Teatro Verdi<\/em>, zur gleichen Zeit angelegt wie der Park. Es werden das ganze Jahr \u00fcber, au\u00dfer im Sommer, Opern gegeben, nur italienische, die meisten von Verdi.<\/p>\n<p>Ich komme noch zum Dom, eher zuf\u00e4llig. Der ist ganz in der N\u00e4he des Apartments, in der Altstadt. Auf einer engen, steil ansteigenden Gasse \u00f6ffnet sich ein Platz mit einer barocken Freitreppe. Die f\u00fchrt zu einem Portal, und das wiederum in einen Innenhof, der irgendwie ein bisschen maurisch wirkt. Am Rande des Innenhofs steht ein freistehender Campanile.<\/p>\n<p>Als ich irgendwo doch noch ein Sandwich und ein Bier bekomme, lese ich in einem Reisef\u00fchrer, was die R\u00f6mer hierher gebracht hat. Sie kamen, um die einheimische Bev\u00f6lkerung auf die rechte Bahn zu bringen. Die hatte n\u00e4mlich ein B\u00fcndnis mit Hannibal gemacht, und das konnten die R\u00f6mer nicht dulden. Und dann ist noch von einer weiteren Invasion die Rede, einer modernen. Salerno war im 2. Weltkrieg Schauplatz der Landung von 200.000 alliierten Soldaten, wonach Salerno f\u00fcr kurze Zeit Hauptstadt Italiens war.<\/p>\n<p>Von der Lekt\u00fcre lasse ich mich immer wieder ablenken durch ein Gespr\u00e4ch zweier M\u00e4nner am Nebentisch. Ich verstehe nichts, aber das ist eindeutig Italienisch. Neapolitanisch.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">22. August (Montag)<\/span><\/p>\n<p>\u201eSeduti intorno ad un tavolo siamo io, il vicesostituto portiere Salvatore Coppola, il dottore Passalacqua \u2026 ed un signore sconosciuto che essendo venuto poco prima a chiedere informazoni su di un apartamento libero, ha deciso di trattenersi.\u201d Das ist gleich am Anfang von <em>Cos\u00ec parl\u00f2 Bellavista<\/em>, das ich als Ferienlekt\u00fcre dabei habe. Wie viele Personen sind da vertreten? Drei oder vier? Nur der Kontext erweist es: vier.<\/p>\n<p>Und noch mal Zahlen: \u201eThe two consuls, who sat next to him, asked whether they might be graciously permitted to share in it\u201c. Wie viele Konsulen gibt es? Es sind zwei. Das zeigt das Komma. Ohne Komma w\u00e4ren es mindestens drei. Das ist aus Robert Graves\u2018 <em>I, Claudius<\/em>.<\/p>\n<p>Im Unterricht werden die typischen Einsatz- und Umwandlungs\u00fcbungen gemacht. Es geht scheinbar um Oper und Theater, in Wirklichkeit aber um den Imperativ. Alles ganz gut, aber zu umst\u00e4ndlich, zu wenig kommunikativ. Ob man jetzt au\u00dferhalb des Unterrichts den Imperativ schneller und besser gebrauchen kann?<\/p>\n<p>Am interessantesten, wie so oft, ein Detail, das nur am Rande und in diesem Fall rein zuf\u00e4llig zur Sprache kommt: <em>La Smorfia<\/em>. Das ist der Titel eines Theaterst\u00fccks. Dahinter verbirgt sich aber eine besondere Bedeutung des Wortes. Es bezeichnet ein neapolitanisches Zeichensystem, bei dem jede Zahl von 1-90 f\u00fcr ein Konzept steht: 1 = Italien, 4= Schwein, 22= bekloppt. Und die 17 steht, wie immer in Italien, f\u00fcr Ungl\u00fcck. Wie es der Zufall will, komme ich sp\u00e4ter in der Altstadt an einer Pizzeria vorbei, die so hei\u00dft: <em>La Smorfia<\/em>.<\/p>\n<p>Nach dem Unterricht gehen wir in Zada Hadids <em>Stazione Marittima<\/em>, dem neuen F\u00e4hrterminal. \u00dcber die Architektur erf\u00e4hrt man wenig. Der Angestellte, der uns f\u00fchrt, erkl\u00e4rt dagegen mit Begeisterung die moderne Funktionalit\u00e4t des Geb\u00e4udes, so wie das Transportband, das das Gep\u00e4ck der Passagiere gleich vom Eingang des Geb\u00e4udes auf unterirdischen Wegen auf das Schiff bringt. Irgendwie kann man sich das alles schlecht vorstellen, und eine belgische Studentin stellt die entscheidende Frage: Ist das Terminal denn \u00fcberhaupt schon er\u00f6ffnet? Er\u00f6ffnet ja, aber noch nicht in Betrieb. Wir besichtigen also ein leeres Haus. In der Eingangshalle ist ein Informationsschalter, aber sonst gibt es hier noch nichts.<\/p>\n<p>Das Geb\u00e4ude ist weitgehend aus Beton\u00a0 und Glas, und durch das Glas hat man sch\u00f6ne Blicke in alle Richtungen, auf den <em>Bonadies<\/em>, aufs Meer, auf den neuen, hinter dem Terminal entstehenden Platz. Innen hat man das Gef\u00fchl, das der Bau einem Schiff nachempfunden ist \u2013 ein Gang ist so uneben, dass man den Eindruck hat, man bewege sich auf dem bewegten Meer \u2013 aber aus der Ferne sieht der silbern gl\u00e4nzende Bau eher wie eine fliegende Untertasse aus. Die Architektin ist zwei Wochen vor der Er\u00f6ffnung des Terminals gestorben.<\/p>\n<p>Nach der Besichtigung versuche ich mein Gl\u00fcck in einem Supermarkt, aber der \u00f6ffnet erst um 16.30 wieder. Also geht es zur\u00fcck zur Schule zur Begr\u00fc\u00dfung der Neuank\u00f6mmlinge. Das wird alles sehr professionell durchgef\u00fchrt, alle sind sehr freundlich, aber der Informationswert ist eher gering.<\/p>\n<p>Danach gehe ich in Richtung <em>Giardino della Minerva<\/em>. Man kommt in ein ganz eigenes Stadtviertel, obwohl das nur ein paar Minuten vom <em>Lungomare<\/em> entfernt liegt. Viel Graffiti an den H\u00e4usern, M\u00fcll an den Stra\u00dfenecken, aber s\u00e4uberlich getrennt, ein ovaler Brunnen, in den aus zwei rostigen Vasen Wasser flie\u00dft, zwischen denen eine kitschige Christusfigur steht. Beim Graffiti handelt es sich nicht oder jedenfalls nicht nur um Schmierereien, sondern auch um Zeichnungen, Spr\u00fcche und Gedichte, teils auf neapolitanisch. Da versteht man herzlich wenig, selbst geschrieben nicht. Unter den Zeichnungen besonders auff\u00e4llig ein gefl\u00fcgelter Engel, der aus einem Fenster ein Papierschiffchen auf den Boden fliegen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Ein Aufzug geht zum <em>Giardino della Minerva<\/em> hinauf, und er funktioniert sogar. Aber der Garten hat montags geschlossen. Oben hat man wieder ein anderes Viertel. Hier ist es ganz ruhig, man sieht fast keine Zeichen von Alltagsleben.<\/p>\n<p>Wieder in der Altstadt, komme ich noch an ein paar kleinen Gesch\u00e4ften vorbei, Handwerksbetrieben, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen: ein Schneider, ein Hutmacher, ein Schuhmacher, die ihre Ware selbst herstellen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">23. August (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Der Wind hat seit Sonntag st\u00e4ndig zugenommen. Besonders in den engen Gassen ist er sehr heftig. Heute Nacht war er so stark, dass man die Fenster schlie\u00dfen musste. Die Lehrerin erz\u00e4hlt, ihr seien zwei Bettlaken vom Balkon geweht worden.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber der Schule ist eine Osteria mit dem Namen <em>Je, tu e iss<\/em>. Da steht man ratlos davor.<\/p>\n<p>Einer der Mitsch\u00fcler, ein Schweizer, hat als Designer M\u00f6bel, Uhren und Parf\u00fcm entworfen, f\u00fcr weltbekannte italienische Marken. Er spricht mit gro\u00dfer Selbstverst\u00e4ndlichkeit dar\u00fcber, ohne Pr\u00e4potenz, und zeigt uns Photos von den Produkten auf seinem Handy. Besonders die Lampen gefallen mir gut, elegant, modern, schlank, und auch die St\u00fchle, die Uhren weniger. Er hat vor der Ausbildung zum Designer schon eine Ausbildung zum Ingenieur gemacht und hat schon in verschiedenen L\u00e4ndern gearbeitet. Demn\u00e4chst geht es nach S\u00fcdamerika.<\/p>\n<p>Mir fehlen Vokabeln an allen Ecken und Enden, aber ansonsten geht es gut mit der Kommunikation. Au\u00dferhalb der Schule versteht man meist nicht, gar nichts, wenn man nicht irgendwie selbst am Gespr\u00e4ch beteiligt ist.<\/p>\n<p>Die Aufgaben sind meist einfach. Bei einer \u00dcbung benutze ich zwei Formen von <em>andare<\/em> in einem Satz. Falsch. Das sei unlogisch, wird argumentiert. Aber mir fallen Formen wie <em>I\u2019m gonna go and have a bath<\/em> ein.<\/p>\n<p>Eine der Lehrerinnen hat \/s\/ statt \/z\/ in <em>cosa<\/em>, <em>usato, numeroso. <\/em>Das ist vermutlich regionale Variation. Ist das vielleicht ein Erbe der spanischen Zeit? Oder ist das zu spekulativ? Bei einer anderen Lehrerin variiert das, mal \/s\/, mal \/z\/.\u00a0 Beide ersetzen die Affrikate in <em>dici<\/em>, <em>cinese<\/em>, <em>felice<\/em>. Das klingt vermutlich cooler und ist unter jungen Italienern l\u00e4ngst die Norm.<\/p>\n<p>Nach dem Unterricht mache ich einen zweiten Anlauf, um den <em>Giardino della<\/em> <em>Minerva<\/em> zu sehen. Diesmal steht das Tor auf, aber es wird gerade f\u00fcr die Mittagspause geschlossen.<\/p>\n<p>Unterwegs sehe ich, wie der Einkauf in einem Hochhaus in die obere Etage transportiert wird: An einem Seil wird ein Korb heruntergelassen, der wird beladen und dann oben vom Balkon aus hochgezogen.<\/p>\n<p><em>Add\u00f2 se vo\u2018 bene, l\u00e0 se more <\/em>steht an einer H\u00e4userwand. Auch das kann ich nicht entschl\u00fcsseln. Unter optischen T\u00e4uschungen bei den Wandmalereien f\u00e4llt mir ein Fu\u00dfballtor mit Netz auf. Erst wenn man ganz nahe dran ist, sieht man, dass es nicht dreidimensional ist. Auch gut ein alter, vermutlich verschlossener Durchgang mit einer Eisent\u00fcr, auf der steht: <em>Lasciare libero il passagio di idee.<\/em> Die letzten beiden W\u00f6rter sind in Rot und nicht auf den ersten Blick zu sehen. Die Lekt\u00fcre \u00e4ndert sich, wenn man die ganze Nachricht liest.<\/p>\n<p>Auch hier werden, wie in Griechenland, Trauernachrichten einfach an W\u00e4nde oder an daf\u00fcr vorgesehene Schwarze Bretter geh\u00e4ngt. Eine ist unterschrieben mit <em>i tuoi cari nipoti<\/em>. Das sind in diesem Fall Enkel, nicht Neffen. Das geht aber nur aus der Anrede hervor: <em>caro nonno umberto<\/em>.<\/p>\n<p>Am Nachmittag gibt es ein Quiz in der Schule. Das Thema ist Italien. Die Fragen sind liebselig, aber man bekommt doch das eine oder andere mit: <em>Sfolgiatello<\/em> ist das beliebteste Dessert Kampaniens, und <em>Rag\u00f9<\/em> die wichtigste Speise, ein Vorspeise, die viele Stunden lang im Topf schmort. <em>Pan d\u2019oro<\/em> ist nicht dasselbe wie <em>Panettone<\/em>, und beim Bier unterscheidet man zwischen <em>rossa<\/em> und <em>bionda<\/em>. Und was hei\u00dft <em>essere al verde<\/em>? Kein Geld haben. Blank sein!<\/p>\n<p>Nach dem Quiz gehe ich zum Di\u00f6zesanmuseum. Unterwegs komme ich durch das <em>Quartiere dei Barbuti<\/em>, das \u201aViertel der B\u00e4rtigen\u2018. Der Name, so hei\u00dft es, erinnere an die Herrschaft der Langobarden.<\/p>\n<p>Das Di\u00f6zesanmuseum hat eine Sammlung von Elfenbeintafeln, die wohl einzigartig ist. Es sind insgesamt 69 Tafeln aus dem Hochmittelalter, vermutlich von drei K\u00fcnstlern hergestellt. Es gibt Szenen aus dem Alten Testament und Szenen aus dem Neuen Testament und Friese mit Ranken und F\u00fcllh\u00f6rnern. Die Szenen aus dem Alten Testament sind horizontal angeordnet, immer zwei zusammen, die aus dem Neuen Testament vertikal, ebenfalls immer zwei zusammen. Die Darstellungen sind wunderbar, einerseits naiv, andererseits realistisch. Besonders das Thema der Arbeit kommt beim Alten Testament immer wieder vor: Arbeit auf dem Acker nach\u00a0 der Vertreibung aus dem Paradies, der Bau der Arche, der Bau des Turms von Babel. Dabei sieht man, wie die Arbeiter sich nach oben strecken, um Speis und Steine anzureichen. Beim Bau der Arche sieht man Axt, Hammer und S\u00e4ge, alle offensichtlich mittelalterlich. Bei\u00a0 der Arbeit auf dem Acker sind Adam und Eva weit nach vorne gebeugt, so als w\u00fcrden sie eine Yoga-\u00dcbung machen. Die Szenen beim Alten Testament sind so figurenreich, dass kaum ein Zentimeter frei bleibt, vor allem bei der Brotvermehrung, bei der mehrere Reihen von K\u00f6pfen \u00fcbereinander dargestellt sind.<\/p>\n<p>Der Beschreibung zufolge haben die K\u00fcnstler Anleihen bei apokryphen Schriften gemacht, vor allem beim Jakobevangelium, aber was das ist, wird leider nicht weiter ausgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr eine Funktion hatten die Elfenbeintafeln? Geh\u00f6ren sie alle zusammen? Die Frage habe ich mir schon die ganze Zeit gestellt. Am Ende gibt es eine Antwort, in Form von verschiedenen Hypothesen: Sie waren die Vorderwand einer Ikonostase, bildeten die R\u00fcckseite eines Altars, waren Teil eines Bischofsstuhls usw.<\/p>\n<p>Das zweite Highlight des Museums sind Pergamentrollen, wieder mit biblischen Szenen bemalt, in leuchtenden Farben. Sie sind etwas j\u00fcnger als die Elfenbeintafeln und wurden bei der Liturgie in der Osternacht eingesetzt: Wenn eine Textstelle vorgelesen wurde, wurden sie, passend zum Text, \u00fcber dem Kopf des Vorlesers hinuntergelassen. Eine moderne Verbindung von Wort und Bild, wie bei einem Diavortrag oder einem Dokumentarfilm. Ob man wirklich viel erkennen konnte, spielte vielleicht keine so gro\u00dfe Rolle. Es ging wohl auch um den Showeffekt.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher hatte man angenommen, dass es nur die Bilder gab. Aber es gab wohl auch die dazugeh\u00f6rigen Texte. Die sind aber verloren, bis auf einen, den Anfang des <em>Exsultet<\/em>. Das kann man hier sehen, in gotischer Schrift: <em>Exsultet iam angelica turba caelorum<\/em> \u2013 <em>Frohlocket, ihr Ch\u00f6re der Engel. <\/em><\/p>\n<p>Ich bin zu m\u00fcde, um mir den Rest anzusehen und gehe lieber in ein kleines Caf\u00e9 in der <em>Via dei Mercanti<\/em>, ganz in der N\u00e4he des Apartments. Da habe ich beim Kaffee am Morgen vorbereitete Speisen gesehen, die verlockend aussahen. Ich nehme ein St\u00fcck von einem Auberginenauflauf mit einem frisch gezapften, lokalen Bier. Gut, aber viel zu teuer.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">24. August (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen bekomme ich ein einer engen, d\u00fcsteren Cafeteria, die zu allem \u00dcbel auch noch New York hei\u00dft, den bisher Cappuccino. Bisher habe ich es jeden Morgen woanders versucht. In einer Cafeteria hingen Bilder vom alten Salerno, eins davon ein Bild von Salerno mit verschneiten Stra\u00dfen.<\/p>\n<p>In der Schule hat die Nachricht die Runde gemacht, dass es ein Erdbeben gegeben hat, in Mittelitalien. Vor allem die Marken sind betroffen.<\/p>\n<p>Nach dem Unterricht schaffe ich es noch gerade rechtzeitig zur Touristeninformation. Es gibt reichlich Material und gute Erkl\u00e4rungen von einer jungen Frau mit Brille und Zahnspange, die offensichtlich gelangweilt ist und froh, dass es etwas zu tun gibt.<\/p>\n<p>Von dort geht es gleich zur Bushaltestelle. Das Ziel ist die Festung oben auf dem Bonadies. Des Wartens m\u00fcde, gehe ich in die unscheinbare Bar gleich hinter der Bushaltestelle. Hier bekomme ich einen eisgek\u00fchlten Kaffee, Wasser, Erdn\u00fcsse, Chips und einen ganzen Teller mit sch\u00f6n zubereiteten Kanapees. Alles zusammen f\u00fcr 3 \u20ac. Im Unterricht lerne ich sp\u00e4ter, dass es sich bei den Kanapees um \u00a0<em>stuzzichini<\/em> handelt, und noch ein paar Tage sp\u00e4ter finde ich dann auch ein Lokal, das <em>Stuzzicheria<\/em> hei\u00dft.<\/p>\n<p>Als ich schon fast entschlossen bin, es zu Fu\u00df zu versuchen, kommt der Bus. Er qu\u00e4lt sich die Landstra\u00dfe hinauf, die in weiten Kurven zur Festung f\u00fchrt. Zwischendurch steigt ein Passagier aus. Wohin er will, ist nicht zu erkennen. Hier ist weit und breit kein Haus zu sehen.<\/p>\n<p>An der Festung steigen nur Ausl\u00e4nder aus. Man muss noch ein gutes St\u00fcck zu Fu\u00df gehen, bis man am Eingang ist. Der Empfang f\u00e4llt eher verhalten aus. Und die Besichtigung ist eine ziemliche Entt\u00e4uschung. Man geht etwas verloren die Br\u00fcstung entlang und landet dabei immer wieder in einer Sackgasse. Beschriftungen gibt es gar keine, nur hier und da h\u00e4ngt in einem abgelegenen Raum ein Bildschirm, auf dem Bilder mit Erkl\u00e4rungen zur Festung erscheinen. Aber es gibt keine Sitzm\u00f6glichkeiten, und die ganze Sache ist einfach nicht sehr einladend. Von der Br\u00fcstung aus hat man einen guten Blick auf den Hafen, auf die Stadt und auf die H\u00fcgel der Umgebung oder die anderen Kuppen des Bonadies. Man sieht, dass der Eindruck von unten t\u00e4uscht: Dies ist nicht die h\u00f6chste Spitze. Die benachbarte Bergkuppe ist h\u00f6her, und darauf steht noch ein einsamer Turm.<\/p>\n<p>Die Festung hei\u00dft Castello Arechi, benannt nach einem langobardischen F\u00fcrsten. Die Langobarden riefen die Normannen zu Hilfe, gegen die Sarazenen, hatten aber nicht damit gerechnet, dass die Normannen danach keine Lust hatten, einfach wieder nach Hause zu fahren. Sie wollten ihre Belohnung. Aus S\u00f6ldnern wurden Machthaber, die schlie\u00dflich ihre Macht durch eine Heirat mit einer langobardischen Prinzessin konsolidierten.<\/p>\n<p>Schon die Langobarden hatten die Festung nicht errichtet, sondern eine bereits bestehende byzantinische ausgebaut, und so hat die Festung ihr Aussehen immer wieder ver\u00e4ndert. Die trapezf\u00f6rmige Grundform ist aber noch zu erahnen. Der graue Stein und die Lage hier ganz oben lassen die Festung abschreckend aussehen, und sie war hier ganz oben praktisch nicht zu erobern.<\/p>\n<p>Da das Museum einen auch nicht gerade vom Hocker haut, trete ich den R\u00fcckweg zu Fu\u00df an, immer der Landstra\u00dfe entlang. Einen anderen Weg gibt es nicht. Der w\u00fcrde die Strecke viel k\u00fcrzer machen. Hier oben gibt es Esel, K\u00fche und Ziegen. Die ruhen sich auf dem struppigen Gel\u00e4nde aus oder suchen unter einer Kr\u00fcppelkiefer Schatten. Der Weg ist alles andere als sch\u00f6n und zieht sich hin. Unten steht neben einem achtlos weggeworfenen M\u00fcllbeutel eine riesige Ratte, die mit feindselig ansieht.<\/p>\n<p>Mit Erleichterung komme ich an eine Kreuzung, aber hier geht es nicht richtig weiter. Die Stra\u00dfe geht zwar links weiter bergab, geht dann aber in eine Schnellstra\u00dfe \u00fcber. Also muss ich zur\u00fcck. In der anderen Richtung gibt es nur einen kleinen Streifen, der mich von den Autos trennt. Gl\u00fccklicherweise wird hier ganz zivil gefahren. Die H\u00e4user sind direkt unter mir, aber man kommt irgendwie einfach nicht dahin.<\/p>\n<p>Dann gibt es endlich einen kleinen Weg, der von der Stra\u00dfe wegf\u00fchrt. Es geht zwar noch eine ganze Weile hin und her und auf und ab, aber hier f\u00fchlt man sich sicher, und die Innenstadt r\u00fcckt n\u00e4her. Und dann stehe ich auf einmal vor dem Wegweiser zum <em>Giardino della Minerva<\/em>. Aller guten Dinge sind drei. Der ist auch diesmal geschlossen. Noch. In einer halben Stunde wird ge\u00f6ffnet. Ich komme mit einem Ehepaar aus Mailand ins Gespr\u00e4ch. Sie sind auf der R\u00fcckreise, haben aber noch eine Station in der Toskana, wo sie ein Ferienhaus besitzen. Sie sind sehr gespr\u00e4chig und fragen interessiert nach meinen Pl\u00e4nen. Sie haben auch Deutschland bereist und wissen sofort mit Trier etwas anzufangen.<\/p>\n<p>Ich lege noch eine Kaffeepause ein, gehe dann aber zum <em>Giardino<\/em> zur\u00fcck. Der Garten ist terrassenf\u00f6rmig angelegt, auf vier Ebenen. Das Zauberwort hier ist Systematik. Alle Pflanzen haben einen wissenschaftlichen und einen volkst\u00fcmlichen Namen und sind immer nur einmal vertreten. Die Bandbreite ist gro\u00df. Es geht von der Erbse \u00fcber den Thymian bis zum Olivenbaum.<\/p>\n<p>Die Systematik ist besonders ausgepr\u00e4gt auf der unteren Ebene und folgt hier der mittelalterlichen Humoralpathologie. Die Pflanzen sind in vier Rabatten angelegt, die durch Wege voneinander getrennt sind. Die vier Rabatten entsprechen den vier Elementen \u2013 Feuer, Erde, Luft, Wasser \u2013 deren Namen in den Boden eingelassen sind. Den Elementen sind wiederum die vier Grundeigenschaften zugeordnet \u2013 feucht, trocken, warm, kalt \u2013 so dass jede Pflanze zwei Charakteristika hat. Die Rabatten sind wiederum durch Halbkreise in vier Teile geteilt, die den Grad der Beschaffenheit angeben, von I bis IV. So ist der Akanthus warm und feucht zweiten Grades, der Schierling \u2013 der tats\u00e4chlich nach Sokrates benannt ist \u2013 ist kalt und trocken dritten Grades.<\/p>\n<p>Eine solche Systematik greift die Systematik der Medizinschule von Salerno auf. Deshalb sind hier unten nur Heilpflanzen vertreten. Mit denen war ein Heilmittel f\u00fcr alle F\u00e4lle vorhanden, d.h. f\u00fcr jeden der vier Humoraltypen \u2013 Sanguiniker, Phlegmatiker, Choleriker, Melancholiker \u2013 bei denen das Gleichgewicht verloren gegangen ist und mit den Heilpflanzen wiederhergestellt wird.<\/p>\n<p>Man vermutet, dass sich die mittelalterliche Medizinschule in dieser Gegen befand und hat deshalb den Garten, der bis vor kurzem noch eine provisorische M\u00fcllhalde war, im Rahmen des st\u00e4dtischen Reformprojekts der letzten Jahre wiederbelebt.<\/p>\n<p>In den oberen Etagen gibt es dann Pflanzen aller Art, die sich teils \u00fcber die G\u00e4nge erstrecken, wie das ein Zuckerrohr tut oder ein Orangenbaum. \u00dcberall rauscht Wasser, aus teils offenen, teils hinter Pflanzen versteckten Brunnen. Und man hat von hier aus einen sch\u00f6nen Blick auf die Stadt und das Meer. Mit etwas mehr Schatten und einer offenen Cafeteria k\u00f6nnte man hier l\u00e4nger bleiben, aber ohne die geht es wieder zur\u00fcck in die Altstadt zu einer kalten <em>birra alla spina<\/em>.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">25. August (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Die Schule ist ein einem hochherrschaftlichen Haus untergebracht, einem <em>palazzo<\/em>, mit einem enormen h\u00f6lzernen Portal, Messingschildern an den Klingeln, einem gro\u00dfz\u00fcgigen Treppenhaus, einer zweil\u00e4ufigen Marmortreppe und einem alten, vergitterten Eisenaufzug. Der Eindruck von Gro\u00dfr\u00e4umigkeit, Gro\u00dfz\u00fcgigkeit vergangener Tage geht sofort verloren, sobald man in die kleinen, funktionalen R\u00e4ume der Schule kommt, mit ihren Plastikm\u00f6beln und Computern. Einzig auf den Balkonen stellt sich der hochherrschaftliche Eindruck wieder her.<\/p>\n<p>Wir sind die Mozzarella-Klasse, lauter Bleichgesichter, einschlie\u00dflich der Lehrerin. Einzig die junge Deutsche aus dem Apartment hat nach den vielen Wochen hier ein bisschen Farbe bekommen, aber sie geh\u00f6rt trotzdem dem gleichen Ph\u00e4notyp an.<\/p>\n<p>Hinter vorgehaltener Hand wird \u00fcber die Exkursionen der Schule geschimpft. Die seien viel zu teuer, und das wiederum f\u00fchre dazu, dass viele erst gar nicht stattfinden. Man solle lieber alleine fahren. Tats\u00e4chlich kostet Pompeji 40 \u20ac. Das kommt mir auch \u00a0teuer vor. \u00c4rgerlich auch die versp\u00e4tete Information. \u00a0Heute erfahre ich, dass es in den n\u00e4chsten zwei Wochen sowohl zur Festung als auch in den <em>Giardino della Minerva<\/em> geht.<\/p>\n<p>Au\u00dfer dem vielgeliebten Konjunktiv steht heute das Thema Arbeit auf dem Programm. Bei allem, was die Lehrerin anf\u00fchrt, leuchtet es uns nicht so richtig ein, was daran typisch italienisch sein soll. Ein eigenes Haus, das sei ein italienischer Traum. Vielleicht. Es ist aber auch ein deutscher, ein Schweizerischer, ein belgischer Traum, ein britischer Traum, ein universaler Traum.<\/p>\n<p>Gestern, als es um italienische Literatur ging, f\u00fchrte der Schweizer die <em>Commedia<\/em> <em>dell\u2019Arte<\/em> an. Die Lehrerin wollte davon nichts wissen. Das geh\u00f6re nicht zur Literatur. Man hat den Eindruck, dass sie nicht wei\u00df, worum es geht. Kann das sein?<\/p>\n<p>Am Nachmittag gehe ich in die <em>Pinacoteca Regionale<\/em>, in einem <em>pallazzo<\/em> in der Altstadt untergebracht. Ich bin der einzige Besucher. Der Eintritt ist frei.<\/p>\n<p>Es ist eine eher kleine Sammlung, und es gibt kaum Werke allererster G\u00fcte, aber es lohnt sich. In jedem Saal kann man etwas Sch\u00f6nes entdecken.<\/p>\n<p>Im ersten Saal ein sp\u00e4tmittelalterliche Triptychon, mit einer Madonna im Zentrum, die ein Kind auf den Armen h\u00e4lt, das sie l\u00e4chelnd ansieht. Die Madonna hat ein rotes Untergewand und ein blaues Obergewand. Das waren die beiden wertvollsten Farben. Die Heiligen an den Seiten, allesamt M\u00f6nche, tragen graue und braune Kutten. Einer hat ein dunkles Gesicht und sieht mit grimmiger Miene schr\u00e4g auf den Boden. Ob es Franziskus oder Antonio ist, ist nicht auszumachen. Alle drei M\u00f6nche und der K\u00f6nig, der sie erg\u00e4nzt, halten ein Buch in der Hand, zwei geschlossene, zwei ge\u00f6ffnete. Da ist wie ein Studium der Darstellung des Buches. Die Perspektive ist voll gelungen. Die B\u00fccher haben h\u00f6lzerne Einb\u00e4nde und eiserne Klappen, mit denen man sie verschlie\u00dfen kann.<\/p>\n<p>Die Wirkung der Bilder im n\u00e4chsten Saal ist ganz anders. Die Bilder sind fast zwei Jahrhunderte j\u00fcnger und auf Leinwand gemalt statt auf Holz. Auff\u00e4llig ein alter Mann mit grauem Bart und Kappe, der sich \u00fcber einem Topf die H\u00e4nde w\u00e4rmt. Die H\u00e4nde sind rau und an einigen Stellen aufgesch\u00fcrft. Es ist wie ein Portrait, aber die Beschriftung weist den Mann als Allegorie des Winters aus.<\/p>\n<p>Im n\u00e4chsten Raum kommen Stillleben, opulente Tafeln und K\u00fcchen. Besonders sch\u00f6n aber ein einfaches Stillleben mit einer aufgeschnittenen Melone, an der zwei Tauben picken. Am Rand zwei Zitronen, mit rauer Haut. Man glaubt, sie f\u00fchlen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der letzte Raum hat abwechselnd impressionistische, realistische und romantische Bilder. Sch\u00f6n der Realismus einer Stra\u00dfenszene eines Dorfs von der K\u00fcste, noch sch\u00f6ner der Ausschnitt eines alten Hauses. Man sieht nur eine H\u00e4lfte, ein kleines Fenster mit Dreipass, eine breite Treppe, die zur Haust\u00fcr hinauff\u00fchrt, eine Pflanze die sich an der Hauswand hinaufrankt, vor allem aber sieht man Wand. Den rauen Putz, die leicht changierende Farbe. Hinter dem Fenster brennt ein Licht, das nur durch einen fahlen Schimmer vertreten ist, und die Treppe liegt halb im Schatten, halb im Licht.<\/p>\n<p>Als Erg\u00e4nzung dazu zwei Portraits, die sich wiederum erg\u00e4nzen, ein alter Fischer und ein alter Mann. Der Fischer, von dem nur die B\u00fcste zu sehen ist, mit festem Haarschopf und krausem Bart, sieht in die Ferne, vielleicht aufs Meer hinaus. Etwas trotzig, etwas stolz. Der muss in seinem Leben viel erlebt, hart gearbeitet haben. Der alte Mann, mit nacktem Oberk\u00f6rper, ist zartgliedriger. Die Barthaare sind sehr fein, auch die auf der Brust. Man sieht die Venen an den Armen und die Rippen an der Brust. Der Blick geht vom Betrachter weg, in die Leere. Er muss viel ertragen haben in seinem Leben. Der Blick ist voller tiefer Traurigkeit. Aber ohne Resignation.<\/p>\n<p>Nach dem Museum gehe ich noch ein bisschen durch die Stra\u00dfen der Altstadt. Einige der Gassen, vor allem im oberen Bereich, sind heruntergekommen, die weiter unten sind belebter und besser in Schuss. In einem Caf\u00e9 am Dom bestelle ich einen <em>Granito de caff\u00e8<\/em> und stelle fest, dass das kein Getr\u00e4nk, sondern eine Speise ist. Zersto\u00dfene Eisst\u00fccke mit Kaffeegeschmack. Man l\u00f6ffelt sie aus. Wenn man lange genug warte, l\u00f6st sich das Eis auf und man hat doch ein Getr\u00e4nk. Aber den Fl\u00fcssigkeitsbedarf stillt das nicht, auch wenn es erfrischend wirkt. Und es ist viel zu teuer: 3,50 \u20ac.<\/p>\n<p>Dann hat endlich auch das \u201eMuseum\u201c zu der Medizinschule von Salerno auf. Das Geb\u00e4ude sieht sehr einladend aus und d\u00fcrfte auch gro\u00df genug sein, aber drinnen bekommt man nur eine Art Diashow zu sehen. Die ist aber sehr informativ. Es funktioniert so, dass alte Abbildungen pl\u00f6tzlich lebendig werden. Der Dargestellte verwandelt sich in einen modernen Schauspieler, der die Rolle eines der an der Medizinschule Beteiligten spielt und sie erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Es geht um Diagnose und Behandlung. Die \u00c4rzte der Medizinschule von Salerno machten keine Ferndiagnose. Sie gingen zum Patienten. Das war keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Die wichtigsten Diagnoseinstrumente waren der Puls und das Urin. Das Urin wurde, damit die Diagnose gestellt werden konnte, gef\u00fchlt, gerochen und getrunken! Zur Bestimmung des Krankheitsbilds geh\u00f6rten auch der \u201eCharakter\u201c und die \u201eLeidenschaften\u201c des Patienten. Also eine ganzheitliche Methode. Wie das genau ablief, dar\u00fcber h\u00e4tte man gerne mehr erfahren.<\/p>\n<p>Die Medizinschule von Salerno galt als ausgesprochen fortschrittlich. Sie war der Wegbereiter der modernen Medizin, und von hier aus wurden die Erkenntnisse nach ganz Europa gebracht.<\/p>\n<p>Auch Frauen wirkten hier als \u00c4rzte. Sie k\u00fcmmerten sich in erster Linie um Frauen: Menstruation, Niederkunft, Stillen und Abstillen, aber auch Hautunreinheiten. F\u00fcr alles wurden Salben und Fl\u00fcssigkeiten verabreicht, aus einer Vielzahl von nat\u00fcrlichen\u00a0 Ressourcen hergestellt. Weil Frauen nicht so viel ausschwitzen konnten wie M\u00e4nner, hatten sie, so\u00a0 war die Annahme, die Menstruation.<\/p>\n<p>Bei den Behandlungsmethoden und den Instrumenten, die alle genau in den Traktaten der Zeit abgebildet sind, wird es einem ganz anders. Aber auf jeden Fall wurde alles in Angriff genommen, ob Auge, Zahn oder Darm. Zu den Behandlungsmethoden geh\u00f6rten Aderlass und Sch\u00e4deltrepanation. Manchmal waren gleich drei Behandelnde gleichzeitig am Werk. Von denen hielt einer den Patienten fest und ein anderer fing das Blut auf, w\u00e4hrend der Dritte\u00a0 den Eingriff vornahm.<\/p>\n<p>Es gab aber auch eine schon sehr modern anmutende Bet\u00e4ubungsmethode. Ein getr\u00e4nkter Schwamm wurde einem Patienten immer wieder auf das Gesicht gedr\u00fcckt, bis er das Bewusstsein verlor. Die Wirkung war so stark, dass nach dem Eingriff ein mit anderen Substanzen gef\u00fcllter Schwamm eingesetzt wurde, um die Narkose zu beenden.<\/p>\n<p>Die Fortschrittlichkeit von Salerno erwies sich auch in der Anatomie, die nicht nur betrieben wurde, sondern deren Studium, einem Erlass Friedrichs II. zufolge, eine Vorbedingung war, damit man als Arzt praktizieren durfte. Die anatomischen Studien wurden an Schweinen vorgenommen. Die, so wurde argumentiert, waren den Menschen anatomisch sehr \u00e4hnlich.<\/p>\n<p>Zum Schluss finde ich dann wenigstens eine der Kirche des Zentrums, von denen bei der Touristeninformation die Rede war, ge\u00f6ffnet: San Giorgio. Die Kirche geh\u00f6rte zu einem Kloster, das bei der Einigung Italiens geschlossen wurde. Die ehemaligen Klostergeb\u00e4ude nehmen heute, links der Kirche, die Carabinieri ein, rechts der Kirche das Finanzamt.<\/p>\n<p>Das Kloster wurde hier eingerichtet, um alle Nonnen desselben Ordens, die auf ganz Salerno verteilt waren, zusammenzuziehen. Konzentration der Kr\u00e4fte.<\/p>\n<p>Die einschiffige Kirche mit vielen Seitenalt\u00e4ren ist durch und durch barock ausgestaltet, mit Putten, Engeln, Fresken, Stuck und Gem\u00e4lden. Fast keine Fl\u00e4che ist freigeblieben. Die Deckengem\u00e4lde stellen Wunder des Hl. Benedikt dar, trotz des Patroziniums der Kirche. Von Georg gab es vermutlich nicht so viel zu berichten.<\/p>\n<p>Eine japanische Schallplattenfirma hat hier eine besondere Aufnahme von Werken Robert Schumanns machen lassen. Der Anlass f\u00fcr die Auswahl der Kirche waren die gute Akustik und die vielen Abbildungen von Engeln mit Musikinstrumenten.<\/p>\n<p>Am Abend geht es, nicht wegen des Essens, sondern wegen des Namens, in die Pizzeria <em>La Smorfia<\/em>. Tats\u00e4chlich sind an den W\u00e4nden des winzigen Lokals Zahlen mit Beschriftungen und teils Abbildungen angebracht, die die Bedeutung\u00a0 der Zahl erkl\u00e4ren: 42 = Kaffee, 24 = Pizza, 45 = Wein (<em>o vino bbuono<\/em>).<\/p>\n<p>Die Kellnerin ist unfreundlich und sagt mir im Kasernenton, dass ich mich woanders hinsetzen soll. Erst ganz allm\u00e4hlich taut sie auf, spricht aber weiter in Einworts\u00e4tzen oder Zweiworts\u00e4tzen mit mir. Es gibt eine zweigeteilte Pizza, mit einer milden, mit Rucola gef\u00fcllten und einer w\u00fcrzigeren Seite mit Ziegenk\u00e4se. Dazu italienisches Bier in Flaschen. Die sind gr\u00f6\u00dfer als bei uns: 0,66 Liter. Da ist eine Flasche zu wenig, zwei sind zu viel.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. August (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Den zweiten Teil des Unterrichts verbringen wir gemeinsam in einer Bar. F\u00fcr die meisten ist heute der letzte Tag. Wir sitzen drau\u00dfen. Es kommt in der ganzen Zeit keine Bedienung, und wir machen auch keine Anstalten, etwas zu bestellen.<\/p>\n<p>Eine gute Einrichtung sind die Brunnen, die man in den Parks, aber auch auf Pl\u00e4tzen manchmal findet. Immer k\u00fchles, trinkbares Wasser. Ich mache es den Einheimischen nach und f\u00fclle hier meine Flaschen auf.<\/p>\n<p>In der Schule gilt das kollektive Du. Eine \u00e4ltere deutsche Frau, die mich anspricht, weil sie mit ihrer Unterkunft unzufrieden ist, siezt mich, wenn wir Deutsch sprechen und duzt mich, wenn wir Italienisch sprechen. Und das h\u00f6rt sich beides ganz richtig an.<\/p>\n<p>Der Nachmittag geht mit der Suche nach Geldautomaten, Fahrkarten, Abfahrstellen und Fahrpl\u00e4nen drauf.<\/p>\n<p>Am Abend sind die Stimmen, die aus dem Innenhof kommen, noch lauter als sonst. Irgendetwas wird mit Rufen und Ges\u00e4ngen gefeiert. Erst sp\u00e4ter geht mir auf, dass es sich nur um Fu\u00dfball handeln kann. Es ist das Er\u00f6ffnungsspiel der Saison in der Serie B. Der lokale Verein, US Salernitana, holt ausw\u00e4rts ein Unentschieden. Das wird bis in die Nacht hinein gefeiert.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">27. August (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Mit dem fr\u00fchen Zug geht es nach Paestum. Alle Afrikaner, die auf dem Bahnsteig warten, steigen in den letzten Waggon ein. Der hat keine Klimaanlage. In Paestum steigen dann sie zusammen mit mir aus, und sonst kaum jemand. Sie tragen volle, blaue Plastiks\u00e4cke auf dem Buckel. Sie sind fliegende H\u00e4ndler, die ihren Posten in der N\u00e4he der Sehensw\u00fcrdigkeiten einnehmen.<\/p>\n<p>Die Fahrt geht durch eine langweilige, flache, unansehnliche Landschaft. Am Rande ein Parkplatz f\u00fcr Mietautos, eine Fabrik f\u00fcr Kabeltrommeln und immer wieder Gew\u00e4chsh\u00e4user. Nur das, was man sehen will, sieht man nicht, jedenfalls vom Zug aus: Wasserb\u00fcffel. Die gibt es hier. Wahrscheinlich haben die Langobarden sie schon mit sich gebracht, vor Jahrhunderten. Denn dies war eine sumpfige Gegend, und die Wasserb\u00fcffel waren genau richtig, um hier in der Landwirtschaft ihre Dienste zu tun. Heute ist der Sumpf l\u00e4ngst trockengelegt, aber die Wasserb\u00fcffel tun immer noch ihre Dienste, als Lieferanten eines Frischk\u00e4ses aus B\u00fcffelmilch: der Mozzarella! Bei dessen Herstellung werden faustgro\u00dfe St\u00fccke von einer Frischk\u00e4semasse abgerissen. Und das erkl\u00e4rt auch den Namen des K\u00e4ses. Er kommt von <em>mozzare<\/em>, \u201aabschneiden\u2018!<\/p>\n<p>Vom Bahnhof in Paestum ist es nur ein kurzes St\u00fcck bis zum Arch\u00e4ologischen Gel\u00e4nde. Man kommt aber vorher durch ein Stadttor, Teil einer m\u00e4chtigen, fast ganz erhaltenen Stadtmauer. Die ist r\u00f6misch. Man f\u00e4hrt nach Paestum wegen der griechischen Tempel, kommt aber in eine r\u00f6mische Stadt!<\/p>\n<p>Was hatten die Griechen hier verloren? Die Antwort ist, wie ich sp\u00e4ter bei der Lekt\u00fcre eines hervorragenden Reisef\u00fchrers entdecke, komplexer als man meint, aber f\u00fcr den Moment begn\u00fcge ich mich mit der einfachen Antwort: Sie gr\u00fcndeten Kolonien. Zweck Handels. Wobei Paestum eine Pflanzstadt ist, die Kolonie einer Kolonie. Und mit wem trieben sie Handel? Mit den Etruskern! Deren Einzugsbereich ging genau bis hier. Dies war der \u00e4u\u00dferste Zipfel. Solche Kontakte erkl\u00e4ren dann auch den kulturellen Austausch von Etruskern und Griechen, bei Zahlen und Schrift zum Beispiel, von dem dann wiederum die R\u00f6mer profitierten. Das hat Folgen bis in die heutige Zeit, f\u00fcr uns.<\/p>\n<p>Es ist hier nicht so voll wie erwartet, und das gro\u00dfe Gel\u00e4nde kann die eine oder andere Besuchergruppe gut vertragen. Man kann ganz nah an die Tempel heran und in sie hinein gehen und sich alles in Ruhe ansehen. Die sch\u00f6nsten Ansichten gibt es, wenn man zur\u00fcckschaut, zum Eingang hin. Dann hat man die Berge und den Dunst auf den Bergen mit dem Sonnenlicht als Hintergrund f\u00fcr die Tempel. Die sch\u00f6nsten Photos sind Teilansichten der Tempel, auf denen die S\u00e4ulen Schatten auf den hellen Boden werfen.<\/p>\n<p>Gleich hinter dem Eingang steht der Athene-Tempel. Der Poseidon-Tempel und die Basilika stehen weiter entfernt, gleich nebeneinander. Auch f\u00fcr den Laien wird der Unterschied zwischen den dreien deutlich sichtbar, selbst wenn man nicht wei\u00df, aufgrund welcher Details der Eindruck so unterschiedlich ist. Teils ist es die Enthasis, teils der S\u00e4ulenabstand, teils die Zahl der S\u00e4ulen, schlie\u00dflich aber auch der Erhaltungszustand. Die Basilika hat kein \u201eDach\u201c und wirkt \u00fcberhaupt gro\u00dfr\u00e4umiger, wurde auch lange gar nicht f\u00fcr einen Tempel gehalten. Es ist auch die Rede von einer Vermischung von ionischen und dorischen Elementen, aber ich kann nur ionische Kapitelle sehen, an allen drei Tempeln. Ich finde den Poseidon-Tempel am sch\u00f6nsten, er hat Kraft und beeindruckt mehr als der zierlichere Athene-Tempel. Er ist der j\u00fcngste der Tempel und der besterhaltene griechische Tempel aus der klassischen Periode \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p>Gleich in der N\u00e4he des Athene-Tempels stehen einzelne S\u00e4ulen und Sch\u00e4fte, und es ist nicht klar, ob die r\u00f6misch oder griechisch sind. Aber dann wird es ganz eindeutig r\u00f6misch, beim Amphitheater und beim Forum. Mauertechnik und Rundb\u00f6gen sind Anhaltspunkte. Das Amphitheater ist nur halb ausgegraben. Der Rest liegt unter der Stra\u00dfe. Der Eingang hat einen Bogen und dar\u00fcber eine Kuppel. Eine merkw\u00fcrdige Konstruktion. Ob die original ist?<\/p>\n<p>Hinten auf dem Gel\u00e4nde gibt es dann noch eine ganz gerade, quer durch das Ausgrabungsgel\u00e4nde laufende Stra\u00dfe, r\u00f6misch, mit vermutlich originalen r\u00f6mischen Bodenplatten.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he des Forums gibt es ganz regelm\u00e4\u00dfige Parzellen. An vielen Stellen kann man noch Farbreste erkennen. Die regelm\u00e4\u00dfigen Parzellen waren die Behausungen der r\u00f6mischen Soldaten. Hierin, nach Paestum, wurden pensionierte r\u00f6mische Soldaten geschickt, teils als Anerkennung ihrer Verdienste, teils, um weiterhin milit\u00e4rische Absicherung in dieser Grenzzone zu haben. Jedem Soldaten wurde ein gleich gro\u00dfes St\u00fcck Land und ein gleich gro\u00dfes Haus zugewiesen. So verwandelten die R\u00f6mer die Stadt von Grund auf. Aus einer Handelsstadt wurde ein Zentrum der Agrarwirtschaft.<\/p>\n<p>Dann gibt es doch noch einmal einen Zweifel: griechisch oder r\u00f6misch? Ein Rundbau mit in den Hang eingelassenen Sitzb\u00e4nken, f\u00fcr ein paar Dutzend Personen. Die Antwort: griechisch! Dies war eine Art Versammlungshalle, ein Raum, in dem die <em>ekklesia<\/em> von Poseidona (dem griechischen Namen Paestums) zusammenkam, um \u00fcber Gesetze abzustimmen.<\/p>\n<p>Das Museum, gleich gegen\u00fcber dem Ausgrabungsgel\u00e4nde, ist einem wenig einladend aussehenden postfaschistischen Geb\u00e4ude untergebracht. Ausgerechnet <em>Il Tuffatore<\/em>, ein griechisches Fresko, das Prachtst\u00fcck des Museums, fehlt; es wird restauriert oder ist auf Reisen. Es gibt aber eine Kopie, und auch auf der kann man sehen, wie wunderbar die elegante K\u00f6rperhaltung des Tauchers dargestellt ist, mit leicht durchgedr\u00fccktem R\u00fccken, erhobenem Kopf, weit nach vorne gerichteten Armen. Er springt von einem Turm in die Leere, jedenfalls ist unten nur ein schmaler Streifen Wasser. Dieses Fresko war auf der Abdeckplatte eines Grabes angebracht.<\/p>\n<p>Aber auch die anderen Grabplatten sind vom Feinsten. Man sieht Pferderennen, bei denen man ein Gef\u00fchl von Bewegung bekommt, durch die fliehenden Rocksch\u00f6\u00dfe der Reiter und die erhobenen Schw\u00e4nze der Pferde. Die Farben werden eingesetzt, um die beiden Pferde eines Gespanns, die im Profil hintereinander dargestellt sind, voneinander abzugrenzen. Die Farbauswahl ist sparsam \u2013 Rot, Ocker, Schwarz \u2013 aber irgendwie scheint alles zu stimmen.<\/p>\n<p>Es gibt h\u00e4usliche Szenen und Leichenz\u00fcge. Ein Opferstier wird an den H\u00f6rnern gef\u00fchrt, eine Frau tr\u00e4gt einen Tisch mit Broten auf dem Kopf, ein Fl\u00f6tenspieler \u00a0begleitet den Leichnam, Frauen dr\u00fccken ihre Trauer aus, indem sie sich mit den H\u00e4nden an den Kopf fassen. In einer ganz merkw\u00fcrdigen Szene kommt ein affen\u00e4hnliches Wesen mit einem \u00fcberdimensionalen Kopf dem Toten in einem Boot entgegen.<\/p>\n<p>Der andere Schwerpunkt des Museums ist die Bauskulptur, allen voran die Metopen eines Tempels aus der Umgebung (man hat den Eindruck, dass \u00fcberhaupt das meiste nicht aus Paestum stammt). Die kann man von einem Zwischengeschoss aus sehr gut betrachten. Es werden u.a. die Taten des Herkules dargestellt. Besonders sch\u00f6n eine Szene, in der er zwei Jungen, die ihn ge\u00e4rgert haben, kopf\u00fcber auf einer Stange durch die Gegend tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Es gibt viele Bauteile, die ich noch nie an einem Tempel gesehen habe und auch gar nicht erwartet h\u00e4tte, Terracottafiguren zum Beispiel von grinsenden, zynisch lachenden, die Zunge herausstreckenden Fratzen. Auch Teile des Dachschmucks sind zu sehen, wie Wasserspeier aus Terracotta.<\/p>\n<p>Von allen Ausstellungsst\u00fccken am besten gef\u00e4llt mir eine weibliche B\u00fcste (ohne Kopf) mit betonten Formen und einer taillierten Bluse, mit r\u00fcschen\u00e4hnlichem Ende an den \u00c4rmeln und einem sch\u00f6nen Besatz am Kragen. Die Bluse hat als Muster rote Quadrate und schwarze Swastika.<\/p>\n<p>Gleich neben dem Museum ist ein Restaurant, das im Reisef\u00fchrer empfohlen wird, aber allenfalls durchschnittlich ist. Ich bin und bleibe der einzige Gast, und das Essen wird so schnell aufgetragen, dass es nach Schnellk\u00fcche aussieht. Es gibt ein \u201eMediterranes Schnitzel\u201c mit Mozzarella und ein paar frittierte Paprika und Auberginen. Auf Kosten des Hauses gibt es als Vorspeise frittierte, mit Algen gef\u00fcllte B\u00e4llchen.<\/p>\n<p>Die Hitze und die Besichtigung und das Bier haben ihre Wirkung und ich freue mich auf eine geruhsame Fahrt im Zug. Aber denkste. Der Zug ist rappelvoll. In dem kleinen Raum zwischen den Waggons bekommt man kein Bein auf die Erde. Und die Luft ist zum Ersticken. Ganz allm\u00e4hlich k\u00e4mpfe ich mich in einen Waggon vor, und da ist es etwas besser. Vor allem kommt hier wenigstens etwas Fahrtluft in den Raum. Aber man muss bis Salerno stehen.<\/p>\n<p>Dort angekommen, bestelle ich in einem Caf\u00e9 einen <em>caff\u00e9 freddo<\/em>. Haben wir nicht. Wohl aber <em>crema di caff\u00e8<\/em>. Die nehme ich. Das ist so etwas wie z\u00e4hfl\u00fcssiger Karamell, den man aus dem Glas l\u00f6ffelt. Muss nicht unbedingt wiederholt werden.<\/p>\n<p>In der Altstadt komme ich an einer Kirche vorbei. Drinnen eine Hochzeit. Einige der M\u00e4nner, elegant gekleidet, aber ohne Lederschuhe, stehen drau\u00dfen und warten auf das Ende der Zeremonie. Vor den Gesch\u00e4ften sitzen die Eigent\u00fcmer breitbeinig und mit kurzen Hosen auf einem Stuhl und warten auf Kundschaft.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">28. August (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen geht es mit dem Boot nach Amalfi. Vom Wasser aus kann man gut die geologische Situation erfassen, die die ganze Gegend pr\u00e4gt: Berge bis zum Meer. Es ist nicht viel Platz. \u00dcberall, wo die K\u00fcste etwas abflacht, gibt es einen Ort. Und auch auf allen ebenen Fl\u00e4chen in den Bergen.<\/p>\n<p>Der erste Halt ist in einem pittoresken Ort, Cetara. Hier steigt kaum jemand aus. Sp\u00e4ter kommt ein weiterer Halt und dann, keine f\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter, schon wieder einer: Minori und Maiori. Die beiden sind nur durch einen Felsvorsprung getrennt. Aber problemlos wohl nur \u00fcber das Wasser zu erreichen. Die Namen gehen auf die Antike zur\u00fcck und beziehen sich auf die Fl\u00fcsse der beiden Orte, Reginna Minor und Reginna Maior. Beide Fl\u00fcsse k\u00f6nnen m\u00e4chtig anschwellen und haben schon wiederholt Flutwellen verursacht. Beide Orte haben eher breite K\u00fcstenstreifen mit Sandstrand. Hier stehen schon die Sonnenschirme parat, wie Wachsoldaten aufgestellt, f\u00fcr den Wochenendausflug der Italiener.<\/p>\n<p>Dann kommt Amalfi. Es sieht sofort ganz anders aus. Kein Sandstrand, sondern eine langgezogene Hafenmole. Caf\u00e9s, Souvenirst\u00e4nde, Ausflugsbusse. Nepp. Ich bezahle sp\u00e4ter f\u00fcr eine kleine Flasche Wasser 2 \u20ac, zum Mitnehmen, in einem Kiosk. Die kosten sonst h\u00f6chstens 1 \u20ac, eher 80 Cent oder auch 50 Cent.<\/p>\n<p>Es ist aber um diese Zeit noch relativ ruhig. Durch ein Tor geht es in den eigentlichen Ort. Und da bleibt man mit offenem Mund stehen. Von einem kleinen, geschlossenen Platz f\u00fchrt eine riesige Freitreppe hoch zum Eingang des Doms mit einem freistehenden Campanile daneben. Und das in diesem \u201eKaff\u201c. Aber das war Amalfi in der Vergangenheit \u00fcberhaupt nicht. Amalfi war einst eine m\u00e4chtige Seerepublik und hatte mal \u00fcber 50.000 Einwohner. Heute sind es 5.000.<\/p>\n<p>Der Dom befindet sich zu einer Seite des Platzes. Im Zentrum der Andreasbrunnen. Der Heilige mit dem typischen Kreuz in der Mitte, umgeben von Putten, die Fische halten, aus deren M\u00fcndern Wasser spritzt und von Frauen, aus deren Br\u00fcsten Wasser spritzt.<\/p>\n<p>Oben an der Treppe wird man zuerst in den Kreuzgang geleitet, den <em>Chiostro del Paradiso<\/em>. Dank der fr\u00fchen Zeit habe ich den praktisch f\u00fcr mich alleine. Er ist quadratisch, mit einer Folge von eng gesetzten Doppels\u00e4ulen auf allen Seiten, 120 insgesamt, glatt, wei\u00df, basislos, mit Polsterkapitellen. Man kommt sich wie in Spanien vor, wenn nicht wie in Arabien. Irgendwie hat man den Eindruck, dass die Seiten verschieden sind, aber das scheint eine T\u00e4uschung zu sein.<\/p>\n<p>An der Seite befinden sich Fragmente von Marmorplatten mit bunten Mosaiken, sehr sch\u00f6n. Sie stammen von den alten Kanzeln im Dom.<\/p>\n<p>Von der dem Eingang entgegengesetzten Seite hat man einen sch\u00f6nen Blick durch die wei\u00dfen S\u00e4ulen hindurch auf den blauen Himmel und den oberen Teil des Campanile.<\/p>\n<p>Der Kreuzgang war urspr\u00fcnglich auch Bestattungsort der Adeligen des Ortes. Aus dieser Zeit stammen Sarkophage, die hier aufgestellt sind. Es sind antike Sarkophage. Einer erz\u00e4hlt in bewegten Reliefs die Geschichte vom Raub der Proserpina. Man sieht, wie Pluto sie sich unter die Arme packt und auf ein bereitgestelltes Pferd schleppt. Diese Sarkophage wurden dann wiederverwendet von den adeligen Christen. Die Geschichte wurde einfach umgedeutet als eine Allegorie auf die Wanderung der unsterblichen Seele in die Unterwelt! Aber was hat das mit dem Pferd zu tun, was mit Pluto, was mit dem Hund, der zu seinen F\u00fc\u00dfen sitzt, was mit der verschleierten Proserpina?<\/p>\n<p>Die Sarkophage standen urspr\u00fcnglich in Grabkapellen, die hier in die Wand eingelassen sind, mit Freskos in sehr unterschiedlichem Erhaltungszustand. Interessant eine Kreuzigungsszene mit noch nicht beherrschter Perspektive. Die drei Teilszenen scheinen \u00fcbereinander statt hintereinander zu sein: oben die Kreuzigung selbst (mit Engeln zwischen Christus und dem \u201eguten\u201c Sch\u00e4cher), dann die r\u00f6mischen Wachsoldaten auf Pferden (von denen man haupts\u00e4chlich die dicken Hinterbacken sieht), unten die Trauernden.<\/p>\n<p>Vom Kreuzgang wird man in die Basilika geleitet, nicht den Dom, sondern eine andere (ehemalige) Kirche, die heute als Museum dient. Sie ist zweischiffig, ein Schiff ist, wenn ich das richtig verstehe, dem Kreuzgang zum Opfer gefallen.<\/p>\n<p>Das Prunkst\u00fcck des Museums ist eine franz\u00f6sische Mitra mit 19.300 Perlen. Sie sind so aufgestickt, dass sie Blattmotive ergeben. Dazu kommen am unteren Rand \u00a0goldene Quadrate mit Perlen und Juwelen. Und an der Borte laufen auf beiden Seiten goldene Linien entlang.<\/p>\n<p>Ein anderes Highlight sind drei Reliquiare aus gl\u00e4nzendem Silber. Sie sind aus zwei Teilen zusammengesetzt, so dass man sie \u00f6ffnen kann. Am Hinterkopf sind mehrere L\u00f6cher angebracht, so dass man die Sch\u00e4del der Heiligen ber\u00fchren konnte.<\/p>\n<p>Sch\u00f6ner ist ein Reliquiar aus Holz und Elfenbein, ein Reliquiar f\u00fcr Reliquien von Cosmos und Damian. Auf den Elfenbeinpl\u00e4ttchen wird die Leidensgeschichte der M\u00e4rtyrer dargestellt. Man sieht, wie sie erniedrigt, gegei\u00dfelt, gekreuzigt, ins Wasser geworfen und gek\u00f6pft werden. Sicher ist sicher. In der Kreuzigungsszene stehen neben den Kreuzen noch Bogensch\u00fctzen, die auf ihre K\u00f6rper zielen. Besonders sch\u00f6n die Szene, wie sie vom Bord eines Schiffes ins Meer geworfen werden. Den einen hat ein Soldat unter dem Arm gepackt und ist bereit, ihn ins Wasser zu werfen, w\u00e4hrend der andere gerade kopf\u00fcber ins Wasser f\u00e4llt.<\/p>\n<p>\u00dcberrascht ist man, an einem Ende des Museums eine orientalische S\u00e4nfte zu sehen, schwarz, bemalt, mit profanen Motiven. Man sieht, wie ein Fisch von einer Angel in ein Netz gelegt wird und wie jemand, vor einem Haus stehend, den Hausherrn anspricht, der oben auf dem Dach sitzt. Alles sehr merkw\u00fcrdig. Es wird vermutet, dass es sich um Motive aus einem Roman handeln k\u00f6nnte. Was hat so eine S\u00e4nfte in einem Di\u00f6zesanmuseum zu suchen? Sie diente zun\u00e4chst weltlichen Herren, diente aber sp\u00e4ter dazu, den Bischof durch die Gegend zu transportieren.<\/p>\n<p>Am anderen Ende des Museums steht eine einfache, niedrige Orgel, aber in sch\u00f6nen Farben bemalte Orgel (XIX), die 691 Pfeifen hat. Das traut man ihr gar nicht zu.<\/p>\n<p>Vom Museum geht es in die Krypta. Sie ist ganz mit buntem Marmor ausgestattet. Links eine Art Altar mit einer \u00fcbergro\u00dfen Bronzefigur des Hl. Andreas, wieder mit seinem Kreuz, und darunter ein silberner Reliquienschrein.<\/p>\n<p>Von der Krypta kommt man wieder auf die Galerie oben an der Freitreppe, die zum Dom f\u00fchrt. Der ist jetzt wegen Gottesdiensts geschlossen. Man kann sich aber die ber\u00fchmten Bronzet\u00fcren ansehen. Sie sind byzantinischer Herkunft. Ganz so toll finde ich sie aber nicht. Die meisten Quadrate haben einfache Kreuze aus Bronze, nur in wenigen sind Abbildungen von Heiligen eingeritzt, in, wie es hei\u00dft, typisch byzantinischer Ritztechnik.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zur Papierfabrik kommt man an einer unendlichen Reihe von Souvenirgesch\u00e4ften vorbei, aber es geht bergauf und pl\u00f6tzlich ist es vorbei mit ihnen. Man kommt in eine normale italienische Stadt mit etwas d\u00f6rflichem Charakter. Unterwegs gehe ich einen \u00fcberteuerten Kaffee trinken.<\/p>\n<p>In der Papierfabrik, einer der ersten in Europa, wurde seit dem 13. Jahrhundert Papier hergestellt, ein kostbares Gut. Das Wissen war auf verschlungenen Wegen und unter Anwendung von \u201eIndustriespionage\u201c \u00fcber die Araber von China nach Italien gekommen.<\/p>\n<p>Hier wurde Papier von Hand gemacht, und zwar aus Lumpen. Man kann jeden Schritt verfolgen und sogar das Papier selbst sch\u00f6pfen. Ein erhebendes Gef\u00fchl, wenn aus dem Wasser pl\u00f6tzlich ein Bogen Papier kommt, mit Wasserzeichen.<\/p>\n<p>Man sieht die m\u00e4chtigen, vom Wasser angetriebenen H\u00e4mmer, mit denen die Lumpen zerkleinert werden. Diese H\u00e4mmer sind aus Kastanienholz. Davon gibt es viel in der Gegend, und es ist besonders hart.<\/p>\n<p>Die Lumpen oder besser die Fasern werden dann in einen K\u00fcbel mit Wasser gelegt, und mit einem Gitter, das auf einem Brett ruht, sch\u00f6pft man das Papier. Das wird auf ein Tuch gelegt und bleibt \u00fcberraschenderweise daran kleben, auch wenn man das Tuch senkrecht h\u00e4lt. Das Papier wird getrocknet, und das war\u2019s. Fast. Das Papier, das man jetzt in der Hand h\u00e4lt, ist ganz rau. Es f\u00fchlt sich an wie Papier, das man im Zeichenunterricht in der Schule benutzte.<\/p>\n<p>Um das Papier geschmeidiger zu machen, wird es in einer L\u00f6sung behandelt, die aus den Innereien von Kaninchen stammt. Das Ergebnis l\u00e4sst sich sehen. Dann wird das Papier noch gepresst und gewogen.<\/p>\n<p>Am hinteren Ende der Werkstatt ist eine holl\u00e4ndische Maschine aufgebaut (XVI), die alle dieser Arbeitsschritte hintereinander erledigt. Was muss das f\u00fcr ein Aufschrei gewesen sein, als die eingef\u00fchrt wurde.<\/p>\n<p>Und dann gibt es noch ein, viel j\u00fcngere Maschine, gr\u00f6\u00dfer, lauter. Die wurde eingesetzt, als man nicht mehr Lumpen, sondern Holz zur Herstellung des Papiers nutzte.<\/p>\n<p>Am Ende werde ich noch nach drau\u00dfen gef\u00fchrt, wo man den kleinen Fluss sieht, mit dessen Wasser die Maschinen angetrieben wurden. Er ist zweigeteilt. Das Wasser aus einem Teil diente der Papierfabrik, das aus dem anderen Teil wurde in den Ort weitergeleitet. Heute ist der Fluss unterhalb der Papierfabrik unter die Erde verlegt.<\/p>\n<p>Obwohl es inzwischen sehr hei\u00df ist, mache ich mich auf den Weg zum Cimiterio Monumentale, dem ganz oben auf einer Bergkuppe gelegenen Friedhof. 400 Stufen sollen rauff\u00fchren. Unten am Dom gibt es ein Hinweisschild, nur verschwindet die Beschilderung schon nach der n\u00e4chsten Kurve. Immer wieder verliert man sich in dem Gewirr der engen Gassen, die hier durch die Wohngegend f\u00fchren. Manchmal landet man auch in einer Sackgasse. Immer wieder treffe ich auf Touristen mit den gleichen fragenden Gesichtern. Einige geben auf und kehren zur\u00fcck. Dann treffe ich auf eine alte Dame, eine Ortsans\u00e4ssige. Sie zeigt mir den Weg, und von da an geht es mehr oder weniger direkt dem Ziel entgegen.<\/p>\n<p>Oben angekommen, erscheint auch wieder ein Hinweisschild. Der Friedhof liegt hinter einer T\u00fcr. Eine Frau aus dem unmittelbar danebenstehenden Haus, der am Eingang ihres Hauses steht, sieht mich und sagt: \u201eChiuso\u201c. Ich sehe auf das Schild an der T\u00fcr: \u00d6ffnungszeiten 9-12. Genau in diesem Moment beginnen die Glocken zu l\u00e4uten. Es ist 12 Uhr.<\/p>\n<p>Man wird entsch\u00e4digt durch einen ausnahmsweise wirklich sch\u00f6nen Blick nach unten, auf die Berge, das Meer, die Stadt. Die Glockenkl\u00e4nge scheinen von den Bergen zu kommen. Aber da, wo sie herkommen, steht nur eine Ruine. Ob die Glocken hat? Erst beim Runtergehen merkt man, dass die Glockenkl\u00e4nge tats\u00e4chlich vom Dom kommen, aber vom Berg aufgenommen werden.<\/p>\n<p>Vor der Abfahrt des Schiffs bleibt gerade noch Zeit f\u00fcr die Besichtigung der alten Werften, in denen jetzt ein Museum eingerichtet ist. Man sieht, welch ungeheure Bedeutung die Seerepublik Amalfi zu ihrer Hochzeit hatte. Eine Karte zeigt die Orte, in denen Amalfi Handelskontore unterhielt. Das geht von Sevilla bis nach Konstantinopel und Jerusalem. Bei jedem Ort sind die wichtigsten Waren abgebildet, mit denen an dem entsprechenden Ort gehandelt wurde. Im Falle von Sevilla war es das Papier.<\/p>\n<p>Auf einer anderen Karte sieht man das Herrschaftsgebiet von Amalfi. Es ging an der K\u00fcste von Positano im Westen bis Cetara im Osten. Salerno geh\u00f6rte nicht mehr dazu. Das Gebiet ging aber auch weit ins Landesinnere hinein.<\/p>\n<p>Das wichtigste Dokument der Geschichte Amalfis ist ein Codex, der hier in einer merkw\u00fcrdigen Ausgabe zu sehen ist, links ein Faksimile des Originals, rechts eine moderne Schreibmaschinenversion. Die Sprache des Codex ist nat\u00fcrlich Latein, nicht Italienisch. Dieser Codex legte Regeln f\u00fcr den Schiffsverkehr und f\u00fcr den Handel fest, eine Art freiwillige Selbstkontrolle vermutlich. Der Codex blieb weit \u00fcber Amalfi hinaus g\u00fcltig, auch noch, als es die Seerepublik Amalfi l\u00e4ngst nicht mehr gab.<\/p>\n<p>Neben dem Codex liegen noch einige Handschriften, darunter eine Vita des Hl. Andreas. Hier scheint es sich um Originale zu handeln.<\/p>\n<p>Interessant eine Bronzerelief, das von einer Statue des angeblichen Erfinders des Kompasses stammt, Flavio Gioia. Von dem wei\u00df man aber nicht einmal, ob er gelebt hat. Die Legende soll auf einem \u00dcbersetzungsfehler beruhen, aber das st\u00f6rt die Stadt Amalfi nicht weiter. Sie strickt weiterhin an der Legende.<\/p>\n<p>Das Relief zeigt eine typisch amalfitanische Galeere mit Ruderern. Unter der Galeere das wild rauschende Meer, dar\u00fcber eine Stadtansicht von Amalfi. Das Relief hat zwei L\u00f6cher durch eine Bombe aus dem 2. Weltkrieg. Au\u00dferdem fehlen die Ruder. Sie sind das Opfer von Vandalismus geworden.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg mache ich Station in Cetara, einem sympathischen, kleinen Ort mit Sandstrand. Italienische Sonntagsausfl\u00fcgler sitzen in Schlauchbooten und liegen auf Luftmatratzen und glauben, dass sie sich vergn\u00fcgen.<\/p>\n<p>In den Schaufenstern und auf den Speisekarten taucht immer wieder das Wort <em>alici<\/em> auf. Das ist die Spezialit\u00e4t von Cetara, Sardellen. Au\u00dferdem wird eine Paste beworben, <em>colatura<\/em>, die auch auf Sardellen basiert.<\/p>\n<p>Die ganze Hauptstra\u00dfe hinauf reiht sich ein Lokal an das andere. Ich bekomme in einem winzigen Lokal, das drau\u00dfen nur drei Tische hat, von einer Kellnerin, die offensichtlich keine Italienerin ist, eine mittelm\u00e4\u00dfige Lasagne serviert. Polin? Russin? Ukrainerin?\u00a0 Russin!<\/p>\n<p>Vor der Abfahrt lese ich noch, dass in Cetara die Au\u00dfenszenen von <em>L\u2019uomo, la bestia e la virt\u00f9<\/em> gedreht wurden, mit Toto und Orson Welles, einem Film, der auf einer Erz\u00e4hlung von Pirandello beruht. Die Montage des Films l\u00e4sst allerdings vermuten, dass Orson Welles, obwohl er in den Au\u00dfenszenen erscheint, nie in Cetara war.<\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Abend im Apartment h\u00f6rt man wieder aus dem Innenhof einen Mann schreien, der jeden Abend einen Schreikrampf bekommt, offensichtlich mit seiner Tochter als Zielscheibe. Das kontrastiert mit dem Image des lebensfrohen, gutgelaunten Italieners, das im Kurs verbreitet wird. Damit kontrastieren auch die Menschen, die in den Bars, in Sehensw\u00fcrdigkeiten und an Fahrkartenschaltern arbeiten. Sie sind durch die Bank unfreundlich, w\u00fcrdigen einen keines Blicks und sehen es \u00fcberhaupt nicht ein, ihr Privatgespr\u00e4ch zu unterbrechen, nur weil da gerade jemand was will. \u00c4hnlich, wenn man nach dem Weg fragt, kurz angebunden, kein Gru\u00df, kein L\u00e4cheln, keine M\u00fche. Eine Ausnahme ist einer der M\u00e4nner der Besatzung auf dem Schiff. Er l\u00e4chelt freundlich und spricht mich auf meinen Reisef\u00fchrer an. Ganz anders sein Kollegen. Der motzt ein junges M\u00e4dchen an, das es sich auf einer der Sitzb\u00e4nke mit Plastikbezug bequem gemacht hat und eine Ruhepause im Liegen einlegt. Ihre Schuhe sind sauber und ber\u00fchren den Bezug kaum. Die Mutter stimmt auch noch zu, statt vorher etwas zu sagen oder die Tochter in Schutz zu nehmen.<\/p>\n<p>Immer wieder treffe ich auf das Wort <em>cultura<\/em> und frage mich, ob es nicht <em>coltura<\/em> ist. Es gibt tats\u00e4chlich beide Varianten. Teils werden sie unterschiedslos gebraucht, aber <em>coltura<\/em> ist eher im w\u00f6rtlichen, <em>cultura<\/em> eher im \u00fcbertragenden Sinne zu verstehen.<\/p>\n<p>Sch\u00f6ne Passage im Reisef\u00fchrer: Nach dem Krieg stimmten 80% der Neapolitaner stimmten f\u00fcr die Monarchie, gegen die Republik. Der n\u00e4chste Satz: Erster Pr\u00e4sident der neuen Republik wurde ein Neapolitaner. Auch bei der Neapolitanischen Revolution, der kleinen Schwester der Franz\u00f6sischen Revolution, k\u00e4mpfte das Volk nicht etwa, wie die Adeligen und die Intellektuellen, gegen, sondern f\u00fcr den K\u00f6nig und gegen die Parthenop\u00e4ische Republik.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">29. August (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Die Frau hinter der Theke beim morgendlichen Cappuccino ist \u00fcberraschend freundlich. Sie l\u00e4chelt, gr\u00fc\u00dft, dankt und fragt nach der Schule. Sie ist Polin. Perfektes Italienisch.<\/p>\n<p>Die Dominanz der Schweiz h\u00e4lt an, aber es wird ein bisschen bunter. Im Kurs ist eine Taiwanesin, und beim Stadtrundgang spreche ich kurz mit einer Amerikanerin aus New Jersey, die acht Jahre in M\u00fcnchen gelebt hat, mit einem Holl\u00e4nder aus Limburg, der wie ein Italiener aussieht, und mit einer Frau aus Sao Paolo, die erst vier Wochen hier einen Sprachkurs macht, dann vier Wochen einen Kunstkurs in Florenz und dann vier Wochen einen Kochkurs in einem Ort in Zentralitalien, den ich nicht kenne. Im Kurs sind auch eine Rum\u00e4nin und ein Slowake, die beide bei der EU in Luxemburg arbeiten. Denen brauche ich nicht zu erkl\u00e4ren, wo Trier ist.<\/p>\n<p>Zwei Schweizer sind am Wochenende im Fu\u00dfballstadion gewesen, Neapel \u2013 Mailand: 4:2. Sie haben das gro\u00dfe Los gezogen. Sechs Tore in einem italienischen Erstligaspiel! Wann gibt es das schon mal? Einer ihrer Freunde ist nicht mitgegangen. Es war ihm zu teuer. Die Eintrittskarte kostet 80 \u20ac, plus Zuschlag!<\/p>\n<p>Der Kurs basiert weiterhin auf nutzlosen, kleinteiligen \u00dcbungen, aber die neue Lehrerin ist die wahre K\u00f6nigin der Stereotypten und der Verherrlichung der <em>italianit\u00e0<\/em>. Da ist man sprachlos.<\/p>\n<p>\u201eAmer\u00f2 la donna che non ci divider\u00e0\u201d, hei\u00dft es in einem italienischen Schlager. Interessant.<\/p>\n<p>Am Nachmittag gibt es einen Stadtrundgang mit vorheriger Einf\u00fchrung in der Schule. Das ist alles ganz sch\u00f6n und gut, aber weitgehend substanzlos.<\/p>\n<p>Es\u00a0 werden alle Epochen der Geschichte von Salerno angesprochen, von pr\u00e4r\u00f6misch bis postfaschistisch. Der beste Anhaltspunkt f\u00fcr die wichtigsten Epochen sind die Geb\u00e4ude: <em>San Pietro a Corte<\/em> f\u00fcr die Langobarden, der Dom f\u00fcr die Normannen, die Mole Manfredi f\u00fcr die Staufer (die hier Schwaben hei\u00dfen) der <em>Palazzo della Citt\u00e0<\/em> f\u00fcr den Faschismus, aber auch f\u00fcr die Republik. Hier, im <em>Palazzo dei Marmi<\/em>, fand n\u00e4mlich der erste Ministerrat am Ende des 2. Weltkriegs statt, als Salerno nach der Invasion der Alliierten f\u00fcr ein paar Monate Hauptstadt Italiens war.<\/p>\n<p>Eine bewegte Geschichte, deren H\u00f6hepunkte im fr\u00fchen Mittelalter lagen und deren Tiefpunkt die Zeit bis zur Einigung Italiens war. Neben fremden Invasionen gab es auch \u00dcberschwemmungen, Erdbeben und die Pest im Laufe der Jahrhunderte.<\/p>\n<p>Neu war mir die Bedeutung des <em>Ducato de Benevento<\/em> der Langobarden, das einen gro\u00dfen Teil Unteritaliens einnahm, au\u00dfer Kalabrien. Noch gr\u00f6\u00dfer war das normannische Herzogtum Apulien, das wenig sp\u00e4ter die Grundlage f\u00fcr das K\u00f6nigreich Sizilien wurde. Die Namen, die im Zusammenhang mit der Geschichte Salernos immer wieder fallen, sind Arechi II f\u00fcr die Langobarden und Robert Guiscard f\u00fcr die Normannen.<\/p>\n<p>Bei dem Rundgang gehen wir an ein oder zwei der genannten Geb\u00e4ude vorbei, aber nirgendwo hinein, bis wir zum Dom kommen. Wieder ein toller Eindruck beim Betreten des Atriums durch das gro\u00dfe Portal am Ende der Freitreppe. Das Atrium ist der sch\u00f6nste Teil des Doms. Hier werden wir auf die S\u00e4ulen aufmerksam gemacht. Es sind antike Spolien, aus verschiedenen Materialien, aber mit einheitlich korinthischen Kapitellen. Die Bronzet\u00fcr am Hauptportal gleicht ganz und gar der von Amalfi. Sie wurde in Byzanz hergestellt. Die meisten Rechtecke haben einfache Verzierungen in Form eines Kreuzes mit Nieten. Nur in einer Reihe finden sich eingeritzte, verzierte Bildnisse von namentlich gekennzeichneten Figuren, darunter Matth\u00e4us.<\/p>\n<p>Wenn sich in Amalfi alles um Andreas dreht, dreht sich hier alles im Matth\u00e4us. Dessen Gebeine ruhen in der Krypta, die auch an die von Amalfi erinnert, aber noch gr\u00f6\u00dfer und opulenter ist, barock, mit buntem Marmor an Pfeilern und W\u00e4nden. Auch hier ist der Apostel durch eine riesige, dunkle Bronzestatue \u00fcber seinen Reliquien vertreten, aber diese Statue steht mitten im Raum. Das beeintr\u00e4chtigt aber den Raumeindruck.<\/p>\n<p>In einer Art Seitenkapelle wird in zwei Fresken ein Wunder des Apostels Matth\u00e4us erz\u00e4hlt: Feindliche Schiffe belagern die Bucht von Salerno, die Bewohner verstecken sich oder fliehen, aber einige gehen zum Apostel und bitten um Rettung. Auf dem zweiten Fresko sieht man dann, wie ein Sturm die feindliche Flotte zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Das Kircheninnere wurde nach einem Erdbeben barock restauriert, und diese Barockisierung wurde nach den Zerst\u00f6rungen des Weltkriegs teilweise wieder zur\u00fcckgenommen. Man sieht vor dem Chor eine alte Holzbalkendecke und im Mittelschiff zwei bunte Kanzeln mit Intarsienarbeiten aus Marmor. Die sind sehr sch\u00f6n, aber sonst ist das Innere nicht so umwerfend. Im n\u00f6rdlichen Seitenschiff ist die Grablege Gregors VII. der hatte den Dom h\u00f6chstpers\u00f6nlich geweiht, nachdem er im Investiturstreit ein B\u00fcndnis mit den Normannen geschlossen hatte, die bis dahin, wie die Sarazenen, als Erzfeinde und Ungl\u00e4ubige behandelt worden waren. Aber in der Tod frisst der Teufel Fliegen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">30. August (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Die Taiwanesin erz\u00e4hlt, bei ihnen w\u00fcrden sich alle Flipflops anziehen, sobald es anf\u00e4ngt zu regnen. Offensichtlich tr\u00e4gt man die immer bei sich, um sie bei Bedarf einsetzen zu k\u00f6nnen. Ob das auch f\u00fcr Gesch\u00e4ftsleute in Anz\u00fcgen gilt, kann ich nicht herausfinden.<\/p>\n<p>Als wir gefragt werden, was wir gestern Abend gemacht h\u00e4tten, will ich von der Stadtbesichtigung berichten, da ich vom Abend nichts zu berichten habe. Die Lehrerin f\u00e4llt mir ins Wort. Sie habe nach dem Abend gefragt. Ein K\u00e4sebrot gegessen. Sonst nichts? Nein, sonst nichts.<\/p>\n<p>Die Lehrerin hat zu allem und jedem immer ein klares Urteil parat, auch zum Essen: Ketchup oder Mayonnaise? Unm\u00f6glich! Cappuccino nach 9 Uhr? Unfassbar! Spaghetti mit L\u00f6ffel? Barbarisch!<\/p>\n<p>Ich nutze die Pause, um mir <em>San Pietro a Corte<\/em> anzusehen, nur vormittags ge\u00f6ffnet. Das war die Kapelle der Palastanlage der Langobarden. Vom Palast sind nur noch eine S\u00e4ule und ein Querbogen erhalten, die sich in der Gasse unterhalb der Kapelle befinden, an einem Durchgang, ganz und gar getrennt von der Kapelle.<\/p>\n<p>Wenn man den Raum betrifft, ist man verdutzt. Es ist keine Kapelle, sondern eine Baustelle. Auf dem jetzigen Bodenniveau befindet sich gar nichts au\u00dfer den Bretterb\u00f6den f\u00fcr die Besucher. Man sieht ziemlich weit nach unten hinunter. Auf halber H\u00f6he gibt es Pfeiler mit Fresken. Die geh\u00f6rten zu der Kapelle. Weiter unten gibt es einen Boden mit Marmorplatten aller Art und Farbe, der gerade restauriert wird. Der ist r\u00f6misch. Hier befanden sich r\u00f6mische Thermen. Das \u00c4u\u00dfere mit dem strammen, langobardischen Turm, original erhalten, hat etwas.<\/p>\n<p>Nach der Pause geht es um das Thema Mann und Frau. Mir wird schon ganz anders, als es angek\u00fcndigt wird. Wir werden ermutigt, Verallgemeinerungen zu machen. Als wir die dann machen, schreitet die Lehrerin ein und sagt, man solle nicht verallgemeinern. Und erz\u00e4hlt dazu eine umst\u00e4ndliche Geschichte. Dann sagt sie, Frauen seien b\u00f6sartiger als M\u00e4nner. Ob das nicht auch eine Verallgemeinerung sei? Nein, das sei keine Verallgemeinerung.<\/p>\n<p>Einen Ehemann vermisse sie nicht, sagt sie, wohl aber ein Kind. Es w\u00e4re doch sch\u00f6n, ein Kind zu haben. Man kommt nach Hause, \u00f6ffnet die T\u00fcr und jemand ruft: \u201eCiao, mamma.\u201c Ein tolles Verst\u00e4ndnis von Elternschaft.<\/p>\n<p>Am Nachmittag geht es zum <em>Museo dello Sbarco<\/em>. Beim Verlassen des Hauses treffe ich den neuen Mitbewohner, einen Schweizer mit kroatischen Wurzeln, der wie Lukas Podolski aussieht. Er ist auf dem Weg zum Strand. Eine innere Stimme fl\u00fcstert mir zu: \u201eGeh mit!\u201c, aber ich h\u00f6re nicht auf sie.<\/p>\n<p>Bei der Touristeninformation kennt man das Museum nicht. Und das, obwohl es auf der von der Touristeninformation herausgegebenen Liste der Sehensw\u00fcrdigkeiten steht. Mit \u00d6ffnungszeiten. Das M\u00e4dchen muss nachgucken, welcher Bus dahin f\u00e4hrt. Die Linie 5.<\/p>\n<p>An der Haltestelle sucht man unter den wenigen B\u00e4umen Schatten, aber es ist kein Platz f\u00fcr alle. Ein Bus nach dem anderen kommt vorbei, aber keine 5. Zwei M\u00e4dchen besetzen auf einer Bank f\u00fcr vier Personen alle vier Pl\u00e4tze, jeweils einen f\u00fcr sich und ihre Taschen. Sie brauchen nicht aufzustehen, aber k\u00f6nnten sie nicht die Taschen wegnehmen? Ein alter Mann und eine Frau mit Einkaufstaschen stehen daneben.<\/p>\n<p>Ich \u00fcberlege mir, ob ich es zu Fu\u00df versuchen soll, aber in der Hitze ist das auch kein Vergn\u00fcgen. Irgendwann kommt eine Linie, bei der mir einer der Zielorte bekannt vorkommt. Vielleicht kann man die auch nehmen. Der Fahrer kennt das Museum auch nicht, aber das Novotel ja, da f\u00e4hrt er hin. Ich fahre mit.<\/p>\n<p>Die Fahrt zieht sich unendlich hin. Dabei sollen es nur vier Kilometer sein. Dann kommt endlich die Haltestelle. Kein Schild zum Museum. Ich gehe bis zur n\u00e4chsten Kreuzung. Kein Schild zum Museum. Dies ist eine ungastliche Gegend. Hohe Z\u00e4une, Fabrikhallen, parkende Autos, Milit\u00e4rgel\u00e4nde, kaum Menschen. Ich frage zwei Jungen, die auf dem Bordstein sitzen. Nie geh\u00f6rt. Dann geht es weiter. Irgendwo ist der Eingang zu einem Segelclub. Da sagt jemand, ja ein bisschen weiter, dreihundert Meter auf dieser Seite. Aber da ist nichts. Ich gehe wieder zur\u00fcck, am Stadion der US Salernitana vorbei, komme \u00fcber einen gro\u00dfen, leeren Platz, an eine Baustelle, an eine M\u00f6belfabrik. Kein Schild, nichts zu sehen. Wieder auf der anderen Seite warte ich, bis ein Auto aus einem geschlossenen Gel\u00e4nde hinauskommt und halte den Fahrer an. Ja, in der anderen Richtung, auf der anderen Seite. Dreihundert Meter. Da ist ein Eingang zu einem Gel\u00e4nde, aber nicht zum Museum. In einer Kamikazeaktion stoppe ich eine Frau, die alleine in einem Auto sitzt. Erst guckt sie b\u00f6se, dann sagt sie l\u00e4chelnd, ja, gleich da, wo die Schilder sind. Ich gehe rein, obwohl auf den Schildern nichts von Museum steht und wende mich an den Portier: \u201eSi, \u00e8 propio qui, ma \u00e8 chiuso adesso.\u201c<\/p>\n<p>Aus Frustration trete ich den R\u00fcckweg zu Fu\u00df an, bis ich in ein Wohnviertel komme. Ich komme an einem der kleinen L\u00e4den vorbei, wo es Obst und Gem\u00fcse gibt und alles gut aussieht und intensiv riecht. Ich kaufe Tomaten, Pfirsiche und Pflaumen.<\/p>\n<p>Dann nehme ich doch noch den Bus in die Innenstadt. Dabei sehe ich zum ersten Mal den Fluss von Salerno, den <em>Irno<\/em>, einen nichtssagenden, kanalisierten Fluss, der unter der Stra\u00dfe ins Meer m\u00fcndet. Darauf soll der Name Salerno zur\u00fcckgehen: <em>salum<\/em>, \u201asalziges Meer\u2018 + <em>Irnum<\/em>, der Name des Flusses.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">31. August (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Ein interaktiver Sprachatlas, an dem sich Tausende beteiligen, zeigt sehr sch\u00f6n regionale Variation im Deutschen. Wo sagt man <em>Buletten<\/em>, wo sagt man <em>Frikadellen<\/em>, wo sagt man <em>Fleischpflanzer<\/em>, wo sagt man <em>Klops<\/em>, wo sagt man <em>Fleischk\u00fcchle<\/em>? Interessant auch <em>bolzen<\/em>, <em>p\u00f6hlen<\/em>, <em>schutten<\/em>, <em>kicken<\/em>. Es gibt einige klare Grenzen, auf der Karte farblich abgesetzt, aber auch einige Gebiete, wo die Farben eher verschwommen sind. Das ist v\u00f6llig einleuchtend. Komisch, wie\u00a0 vertraut einem einige W\u00f6rter sind, obwohl man sie nicht benutzt, und wie fremd einem andere sind. Manchmal ist nicht klar, wie die Abgrenzung von dem Wort aus der Standardsprache und dem umgangssprachlichen Wort ist: <em>Latschen<\/em> kann man gut von <em>Puschen<\/em> und von <em>Schlappen<\/em> absetzen, aber wie von <em>Pantoffeln<\/em>? Da m\u00fcsste man wissen, wie die Ergebnisse zustande gekommen sind.<\/p>\n<p>Inzwischen habe ich <em>Cos\u00ec parl\u00f2 Bellavista<\/em> beendet, von de Crescenzo, dem \u201eBerufsneapolitaner\u201c. Der wohnt seit vielen Jahren im noblen Rom und schreibt aus der Distanz B\u00fccher, bei denen der Lokalkolorit Neapels \u2013 eines vermutlich weitgehend fiktiven Neapels &#8211;\u00a0 der Protagonist ist. Da ist viel intellektueller Kitsch dabei. Epikur ist der Gew\u00e4hrsmann, der bei jeder Gelegenheit zitiert und so zurechtgebogen wird, dass er in die Weltsicht Bellavistas (d.h. der von der Crescenzo) passt. Die anderen sitzen zu seinen F\u00fc\u00dfen, lauschen ihm und machen gelegentlich kleine Einw\u00fcrfe, um dann von dem Professor zurechtgestutzt zu werden. Zu den intellektuellen \u201eZuckerst\u00fcckchen\u201c des Buches geh\u00f6rt die Behauptung, Aggression stamme vor allem von V\u00f6lkern in kalten Gegenden. In warmen Gegenden werde die Aggression durch die Hitze abgebaut.<\/p>\n<p>Durch die vielen Einsch\u00fcbe kann man immerhin etwas \u00fcber die Besonderheiten des neapolitanischen Dialekts ableiten: <em>un<\/em> ist <em>nu<\/em>, <em>adesso<\/em> ist <em>m\u00f2<\/em>, und das Wort f\u00fcr \u201aKopf\u2018 ist <em>cape<\/em>, also das alte lateinische Wort, das im Standarditalienischen durch die <em>testa<\/em>, die \u201aScherbe\u2018 ersetzt worden ist. Das ist gar nicht so weit von unserem <em>Kopf<\/em> entfernt, das <em>Haupt<\/em> verdr\u00e4ngt hat und urspr\u00fcnglich \u201aBecher\u2018 bedeutete und mit engl. <em>cup<\/em> verwandt ist.<\/p>\n<p>Auf jeden Fall will ich nach neuen B\u00fcchern sehen. Auf dem Weg zum Buchhandel komme ich an San Pietro in Vinculis vorbei, einer kleinen, in die H\u00e4userreihe integrierten Kirche mit einer wei\u00dfen Fassade mit Tympanon. Der Name ist hier Programm. Es geht um \u201aGefesselte\u2018. Die Kirche wurde nach dem Konzil von Trient zum Sitz einer Kongregation \u2013 wohl kein Orden im herk\u00f6mmlichen Sinne \u2013 die sich um Strafgefangen k\u00fcmmerte. Der Kongregation geh\u00f6rten M\u00e4nner und Frauen an. Am Tag von Mari\u00e4 Geburt hatte jeder Angeh\u00f6rige der Kongregation das Recht, einen Gefangenen freizulassen, wegen \u201eguter F\u00fchrung\u201c. Eine moderne Idee.<\/p>\n<p>Die Kirche liegt gerade au\u00dferhalb der Altstadt. Die Buchhandlung ist nur ein paar Schritte weiter, auf dem Corso Vittorio Emmanuele. Die B\u00fccher sind in das Untergeschoss verbannt, oben und im Erdgeschoss gibt es Geschenkartikel und Schreibwaren. Es gibt au\u00dfer Sprachlernkursen wenig zu Sprache und Linguistik \u2013 da ist fast alles Umberto Eco \u2013 aber ich finde einen schmalen Band zur Etymologie. Au\u00dferdem kaufe ich nach langem Hin und Her einen Roman eines gewissen Fabio Volo, obwohl ich den Namen noch nie geh\u00f6rt habe.<\/p>\n<p>Dann geht es noch zum <em>Molo Manfredi<\/em>. Fahrkarte kaufen f\u00fcr einen Ausflug am Wochenende. Ischia oder Capri? Eigentlich waren beide geplant, aber die Entfernungen sind doch gr\u00f6\u00dfer als geglaubt, und die Preise haben es in sich. Ich entscheide mich f\u00fcr Capri, da es etwas n\u00e4her und viel kleiner ist. Aber auch dahin braucht man fast zwei Stunden.<\/p>\n<p>Diese Gegend, das heutige Kampanien (das nicht mit dem antiken identisch ist), war der n\u00f6rdlichste Teil von <em>Magna Graecia.<\/em> \u00dcberall in diesem Gebiet gab es griechische Kolonien. Die allerersten entstanden hier, in Kampanien. Und wie ich jetzt verstehe, ist es viel zu einfach, hier von \u201eHandel\u201c als dem wichtigsten Motiv f\u00fcr die \u201eKolonisation\u201c zu sprechen. Die Gr\u00fcndung der Kolonien war eine unendliche Folge kleiner Eroberungskriege, bei denen die einheimische Bev\u00f6lkerung entweder unterworfen oder ins Binnenland verdr\u00e4ngt wurde. Denn praktisch alle Kolonien lagen am Meer. Nach der Gr\u00fcndung wurde ein Mauerring zur Verteidigung errichtet, und dann ging es an die Verteilung von Land innerhalb und au\u00dferhalb des Rings. Und zwar durch Losverfahren. Das st\u00e4dtische und agrarische Land wurde zu gleichen Teilen an die Siedler vergeben. Dies ist vielleicht sogar der Ursprung des rechtwinkligen Stra\u00dfensystems der Antike.<\/p>\n<p>Aber warum wurden die Kolonien gegr\u00fcndet, wenn es erst einmal nicht um Handel ging? Aus purer Not. Schon Hesiod klagt \u00fcber das Schicksal verarmter Bauern im griechischen Kernland. Das befand sich in einer umfassenden Krise, ausgel\u00f6st durch Missernten, der fortschreitenden Ungleichheit zwischen Arm und Reich, Rechtlosigkeit, Schuldknechtschaft, der Zergliederung des Ackerlands durch Erbteilung. So verlie\u00dfen die Griechen bestimmter Orte, meist unter der F\u00fchrung eines Aristokraten, massenhaft ihre Heimat und lie\u00dfen sich als Koloniegr\u00fcnder in der Schwarzmeerregion, in Kleinasien, in Nordafrika und eben in Unteritalien nieder, meist nach einer gef\u00e4hrlichen Seereise. Zuvor hatte man sich oft noch einen \u201eTipp\u201c bei dem entsprechend instruierten Orakel geholt, wohin man sich denn wenden sollte.<\/p>\n<p>Regeln und Institutionen aus der Mutterstadt wurden zwar mitgenommen, aber insgesamt blieben die Bindungen gering. Es entstand ein neues Griechenland. Auch die Mythen wurden hier entsprechend erweitert: Herkules verschlug es nach Spanien, die Argonauten ans Schwarze Meer, und Hephaistos hatte seinen Sitz nicht auf dem Olymp, sondern auf dem \u00c4tna!<\/p>\n<p>Auch im Entstehungsprozess der r\u00f6mischen Kultur spielte Kampanien eine bedeutende Rolle. Und auch hier kam es nach der Assimilation der griechischen Mythen, zu deren Erweiterung: Hier vollendete sich der Trojanische Krieg, indem \u00c4neas genau dort an Land ging, wo auch Odysseus es getan hatte, hier war die Heimat der Sybille, hier befand sich der Eingang zur Unterwelt. Und Italien r\u00fcckte aus seiner einstigen Randlage ins Zentrum.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu den Griechen erschlossen die R\u00f6mer die gesamte Region, durch Stra\u00dfen, Aqu\u00e4dukte, Tunnels, H\u00e4fen, Br\u00fccken, alles zun\u00e4chst f\u00fcr milit\u00e4rische Zwecke. Und anders als die Griechen bauten die R\u00f6mer f\u00fcr die Ewigkeit. Unsere Vorstellung ist von den erhaltenen Quader- und S\u00e4ulenbauten der Griechen wie den Tempeln von Paestum bestimmt, aber die meisten ihrer Bauten waren aus Holz oder Lehmziegel und sind l\u00e4ngst verschwunden. Anders bei den R\u00f6mern. Und das ist vor allem der Erfindung des <em>opus caementitium<\/em> zu verdanken, ein dem heutigen Zement \u00e4hnlicher Baustoff, der fl\u00fcssig und deshalb beliebig formbar, unbegrenzt belastbar und in jeder Menge herstellbar war. Dazu kam die massenhafte Verwendung gebrannter Ziegel. Das Resultat waren Nischen, Gew\u00f6lbe, Kuppeln, Vorspr\u00fcnge. Der Zement bildete den Kern, und der wurde mit Ziegeln, Marmor, Travertin verkleidet. Der Impuls f\u00fcr diese neue Technik kam aus Kampanien: Die Erde aus den Vulkangebieten war der wichtigste Grundstoff des r\u00f6mischen Zements.<\/p>\n<p>Die technische Revolution bedeutet auch eine soziale Revolution. W\u00e4hrend f\u00fcr die griechischen Gro\u00dfbauten hochspezialisierte Handwerker vonn\u00f6ten waren, lie\u00df sich mit dem Zementguss ein gro\u00dfes Bauvolumen erzeugen. Dabei kamen in der Hauptsache ungelernte Hilfskr\u00e4fte zum Einsatz, beim Transport, bei der Zementherstellung, bei der Ziegelherstellung. Die wichtigsten Arbeitskr\u00e4fte waren Tagel\u00f6hner und Sklaven.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1. September (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Interessantes Detail aus dem Buch zur Etymologie: <em>negozio<\/em> ist eine Verneinung von <em>otium<\/em>, \u201aMu\u00dfe\u2018. Interessant auch der Wegfall des urspr\u00fcnglichen lateinischen Wortes wie bei <em>ignis<\/em>, \u201aFeuer\u2018, und <em>os<\/em>, \u201aMund\u2018.\u00a0 Das neue Wort f\u00fcr \u201aFeuer\u2018 wurde von <em>focolare<\/em> abgeleitet, \u201aFeuerstelle\u2018. Lateinisch <em>bucca<\/em> bezeichnete urspr\u00fcnglich die Wange und hinterlie\u00df hier eine L\u00fccke, die von einem germanischen Wort geschlossen wurde, *<em>wankja<\/em> (heute <em>guancia<\/em>). Oder wurde nicht vielleicht <em>bucca<\/em> von *<em>wankja<\/em> verdr\u00e4ngt und suchte sich eine neue Besch\u00e4ftigung? \u00c4hnlich der Verlust von <em>femur<\/em> f\u00fcr \u201aSchenkel\u2018. Das wurde ersetzt von <em>coxa<\/em> (heute <em>coscia<\/em>), das urspr\u00fcnglich \u201aH\u00fcfte\u2018 hie\u00df, und wieder sprang ein germanisches Wort ein, um die L\u00fccke zu schlie\u00dfen, *<em>hanka<\/em> (heute <em>anca<\/em>).<\/p>\n<p>Im Unterricht, nicht ganz neu, aber technisch gut gemacht, ein Text, in \u201eVersen\u201c geschrieben, der einen ganz anderen Sinn ergibt, wenn man ihn von unten und wenn man ihn von oben liest, eine optimistische Lesart und eine pessimistische Lesart. Man ist hin- und hergerissen zwischen den beiden, aber eine klingt doch reifer, ehrlicher. Die Diskussion verliert sich aber sofort in ein paar Belanglosigkeiten, gew\u00fcrzt von den pers\u00f6nlichen, starren, Meinungen der Lehrerin.<\/p>\n<p>Nach dem Unterricht geht es nach Neapel. \u201eNeapel sehen und dann sterben\u201c, das ist mir schon immer als ein ziemlich bl\u00f6der Ausspruch vorgekommen. Und Neapel f\u00f6rdert bei mir keine Vorstellungen von irgendeiner konkreten Sehensw\u00fcrdigkeit hervor, kein Platz, kein Geb\u00e4ude, keine Szene. Aber es gibt wohl einiges zu sehen.<\/p>\n<p>Neapel war bis 1900 die gr\u00f6\u00dfte Stadt Italiens! Das zeigt die pure Not, die in der ganzen Gegend herrschte, letztlich noch eine Folge des Risorgimento, das alte feudale Strukturen zerst\u00f6rte und durch nichts ersetzte. In diese L\u00fccke stie\u00dfen letztlich auch Mafia und Camorra. In diesen Jahren wanderten 10 Millionen Menschen aus S\u00fcditalien nach Amerika aus. Andere fl\u00fcchteten vom Land in die St\u00e4dte.<\/p>\n<p>Die Atmosph\u00e4re ist heute, an einem Werktag, ganz anders als am Tag der Ankunft. Es ist viel mehr Bewegung, viel mehr Volks unterwegs. Etwas hektisch, etwas chaotisch, aber auch nicht anders als in vielen anderen St\u00e4dten.<\/p>\n<p>Dennoch macht sich das negative Image bemerkbar. Ich blicke mich alle paar Schritte um, weiche aus, sehe nach, ob noch alles da ist.<\/p>\n<p>Ich lasse mich aber treiben und komme \u00fcber weitr\u00e4umige Pl\u00e4tze und durch breite Stra\u00dfen, die so etwas wie fr\u00fchere Gr\u00f6\u00dfe erkennen lassen, aber alles andere als \u201esch\u00f6n\u201c sind.<\/p>\n<p>Irgendwie f\u00fchlt man sich unwohl. Man will nicht dahin, wo es voll ist und auch nicht dahin, wo es leer ist. Am Ende taucht irgendwo ein Schild zum Di\u00f6zesanmuseum auf, und dem folge ich aufs Geratewohl.<\/p>\n<p>Zum ersten Mal hole ich die Kamera heraus. Ganz oben \u00fcber der Stra\u00dfe h\u00e4ngt irgendwo die W\u00e4sche, durch einen hohen Torbogen hat man einen Blick weit eine Stra\u00dfe hinunter.<\/p>\n<p>Allm\u00e4hlich \u00e4ndert sich die Atmosph\u00e4re. Man ist geradezu erleichtert, als die ersten Souvenirl\u00e4den auftauchen. Ich bin auf eine enge, schurgerade verlaufene Stra\u00dfe gekommen, <em>Spaccanapoli<\/em>, den \u201aNeapelteiler, eine Stra\u00dfe, die die Altstadt in zwei Teile teilt und dem ganzen Viertel ihren Namen gegeben hat. Sie verl\u00e4uft \u00fcber den alten r\u00f6mischen Decumanus. Neapel ist, nachdem es im 13. Jahrhundert anstelle von Palermo die Hauptstadt der Anjou wurde und ein Bauboom ausbrach, in die H\u00f6he gewachsen. Das merkt man heute noch. Die H\u00e4user sind viel zu hoch f\u00fcr die schmale Gasse, es kommt kaum ein Sonnenstrahl bis nach unten. Das ist jetzt, bei der Hitze, ganz angenehm.<\/p>\n<p>Dann m\u00fcndet <em>Spaccanapoli<\/em> in eine gro\u00dfen Platz, mit einer mehrst\u00f6ckigen, viel zu gro\u00dfen Marienstatue im Zentrum, eine Mischung aus Obelisk und Siegess\u00e4ule. Tats\u00e4chlich stand hier fr\u00fcher die Statue eines der habsburgischen K\u00f6nige. Dies ist die <em>Piazza del Ges\u00f9<\/em>. An einer Seite befindet sich die auff\u00e4llige Fassade der Jesuitenkirche, die auf den ersten Blick gar nicht auf Kirche schlie\u00dfen l\u00e4sst, ganz und gar \u00fcbers\u00e4t mit grauen Diamantquadern.<\/p>\n<p>Was man hier nicht so oft sieht: eine moderne Plastik. Hier taucht eine auf, in einem kleinen, eingez\u00e4unten Areal gegen\u00fcber der Kirche, leicht erh\u00f6ht: ein ge\u00f6ffneter Verpackungskarton aus Eisen.<\/p>\n<p>Auf diesem Platz gibt es eine Touristeninformation und dort einen Stadtplan und ein paar Tipps. Ganz in der N\u00e4he ist der Kreuzgang von Santa Chiara. Die Kirche selbst hat eine einfache, fast abweisende Fassade, hinter einem Tordurchgang verborgen, aber der Kreuzgang, der <em>Chiostro delle Maioliche<\/em>, ist ein Kleinod und kommt auch gerade recht, denn in diesem Moment beginnt es zu regnen.<\/p>\n<p>Ich setze mich auf die Steinbank, die den ganzen, gro\u00dfz\u00fcgig angelegten Kreuzgang umgibt und sehe dem Regen zu. Der wird immer st\u00e4rker. Und es spritzt bis zu mir hin. Man muss sich in eine der vier Ecken verdr\u00fccken, um trocken zu bleiben.<\/p>\n<p>Wie die Kirche stammt der Kreuzgang in seinem Ursprung aus der Zeit der Anjou, wurde aber im 18. Jahrhundert v\u00f6llig umgebaut, und zwar auf Initiative von Amalie von Sachsen, der Ehefrau von Karl III., dem spanischen Bourbonenk\u00f6nig. Die Sitzb\u00e4nke um den inneren Teil des Kreuzgangs wurde \u00fcber und \u00fcber mit bemalten Majolika-Kacheln ausgeschm\u00fcckt, die Farben von Weinranken und Zitronen aufnehmend. Es werden Genreszenen dargestellt, die in einem den Glauben an eine bessere Welt aufkommen lassen: Fische, Schiffe, Kirchlein inmitten der Landschaft, eine Ruine, ein Wasserfall, Angler, T\u00fcrme, V\u00f6gel, Felsen, alles scheint harmonisch und friedlich, selbst die Jagd auf die Flugenten, die vom Himmel fallen. Das Zentrum des Kreuzgangs ist durch Wege in vier Teile geteilt, mit Hecken und Zitronenb\u00e4umen, und entlang der Wege stehen S\u00e4ulen (die fr\u00fcher vielleicht mal eine Funktion hatten), die wiederum mit Majolika-Kacheln geschm\u00fcckt sind.<\/p>\n<p>Die Arkaden sind so hoch, dass sie kaum als Trennung zwischen dem Innenraum und dem Umlauf empfunden werden, ein ganz anderer Eindruck als zum Beispiel in Amalfi. An den Seitenw\u00e4nden sind Malereien mit biblischen Motiven angebracht, aber auch die sehen eher wie Genreszenen aus, wie die Szene von zwei fr\u00f6hlichen, nackten Kleinkindern, die in einem Bach gebadet werden.<\/p>\n<p>Als der Regen nachl\u00e4sst, mache ich mich auf den Weg zu <em>Napoli Sotteranea<\/em>. Nicht ganz leicht zu finden. Dort wird man in das unterirdische Neapel gef\u00fchrt. Es geht vierzig Meter in die Tiefe, und hier unten ist es ziemlich k\u00fchl. Als erstes kommen wir in eine Kammer, in der die Situation aus der Zeit der antiken Griechen nachgestellt ist. Die nutzten das unterirdische Neapel als Steinbruch. Sklaven hauten mit Spitzhacken Quader aus dem Tuffstein \u2013 gepresste Vulkanasche, die hier aber nicht vom Vesuv, sondern von einem anderen Vulkan stammt \u2013 bearbeiteten die Quader hier vor Ort und transportierten sie dann mit einer Art Flaschenzug durch ein Loch in der Decke nach oben. Mit diesen Quadern wurden griechische Tempel und Stadtmauern gebaut.<\/p>\n<p>Das war der Anfang des unterirdischen Neapels. Die vielen unterirdischen Kammern der Griechen wurden dann von den R\u00f6mern miteinander verbunden und allm\u00e4hlich entstand ein Labyrinth von G\u00e4ngen und Kammern, das insgesamt 450 Kilometer umfasst! Lange wurde es als illegale M\u00fcllhalde genutzt, und noch heute ist ein Teil davon eine Tiefgarage, aber seit einigen Jahren bem\u00fcht sich eine studentische Initiative darum, es als Kulturraum neu zu erschlie\u00dfen. Es hat dabei die verschiedensten Vorschl\u00e4ge gegeben, was aus dem Raum werden soll: ein unterirdisches Wasserwegesystem, um den Verkehr von Neapel zu entlasten, ein unterirdisches Spielparadies f\u00fcr Kinder, ein unterirdischer botanischer Garten. Aber zurzeit ist wohl alles noch offen.<\/p>\n<p>Wasser gab es hier fr\u00fcher schon mal, und in einer engen Passage hat man die G\u00e4nge wieder mit Wasser aufgef\u00fcllt, um die Sache nachvollziehbar zu machen. Aqu\u00e4dukte f\u00fchrten das Wasser aus verschiedenen Quellen der Umgebung in die unterirdischen Kan\u00e4le. Die waren wiederum mit Brunnen verbunden, an denen sich die Bev\u00f6lkerung, und zwar bis in das 19. Jahrhundert, mit Wasser versorgte. In einem Schacht sieht man in die Wand gehauene Stufen, \u00fcber die <em>pozzari<\/em> nach unten stiegen, um die Wasserleitungen zu warten und das Wasser zu reinigen.<\/p>\n<p>Im Laufe der Jahrhunderte hatte das unterirdische Neapel aber auch immer wieder andere Zwecke. Im 2. Weltkrieg diente es als Bunker und als Zufluchtsort f\u00fcr die Partisanen Neapels, die, wie hier stolz berichtet wird, die ersten waren, die sich selbst\u00e4ndig, ohne die Hilfe der Alliierten, gegen die deutsche Besatzung auflehnten.<\/p>\n<p>Am Ende sehen wir noch einen urspr\u00fcnglich von dem Rest des Wegesystems abgetrennten Weinkeller, mit einem L\u00fcftungsschacht, durch den Luft von oben in den Keller geleitet wurde, um f\u00fcr die Zirkulation der Luft zu sorgen. Dieser Weinkeller wurde von den Nonnen eines Ordens f\u00fcr Wein aus eigener Herstellung genutzt. Das Klostergeb\u00e4ude befand sich oben auf dem Platz \u00fcber dem Weinkeller.<\/p>\n<p>Auf diesen Platz steigen wir jetzt auch wieder rauf. Er war, wie es scheint, das Zentrum der r\u00f6mischen Stadt. An einer Seite steht erh\u00f6ht die m\u00e4chtige Kirche San Paolo Maggiore. Am Eingangsportal stehen zwei gro\u00dfe S\u00e4ulen. Sie sind r\u00f6misch und stammen aus dem Vorg\u00e4ngerbau, einem Dioskurentempel.<\/p>\n<p>Wir gehen in eine Seitenstra\u00dfe, ohne recht zu wissen, was uns erwartet. Wir warten vor einem Hauseingang, und dann werden wir hineingelassen. Es ist die Wohnung im Untergeschoss eines mehrst\u00f6ckigen Hauses, lichtlos, ebenerdig, ohne Verbindung zu den anderen Wohnungen des Hauses. Es gibt kein Treppenhaus, man steht sofort mitten in der Wohnung. Das sind die ber\u00fchmten <em>bassi<\/em> Neapels, die Wohnung des niederen Volkes, der Armen, viel gepriesen, ber\u00fcchtigt. Die ehemaligen Bewohner dieser Wohnung sind evakuiert und entsch\u00e4digt worden, so dass man Besuchern zeigen kann, was die Bewohner selbst nicht wussten: Sie wohnten in einem r\u00f6mischen Theater! Das war nat\u00fcrlich l\u00e4ngst zerst\u00f6rt oder \u00fcberbaut worden, aber jetzt hat man einige der W\u00e4nde und B\u00f6gen wieder freigelegt. Man sieht typisch r\u00f6mische Mauertechnik.<\/p>\n<p>Durch eine Bodenluke steigen wir in den Keller hinab. Hier ist noch etwas mehr zu sehen, und hier befand sich die B\u00fchne. Auf dieser B\u00fchne hatte u.a. Nero seine Auftritte. Es sind auch Teile der Zug\u00e4nge zu sehen, und ein unterirdischer Gang, durch den Schauspieler sich zu verschiedenen Seiten der B\u00fchne bewegen konnten.<\/p>\n<p>Hier gibt es noch eine zweite Mauertechnik zu sehen, und zwar eine, die zur Stabilisierung der H\u00e4user beitrug. Vielleicht so etwas wie ein Vorl\u00e4ufer von Bauweisen zur Vorbeugung gegen Erdbeben? Die Backsteine schauen mit ihrer \u00e4u\u00dfersten Seite, spitz gestellt, aus der Mauer heraus. Nach hinten verj\u00fcngen sie sich. Dazwischen ist M\u00f6rtel. Wenn jetzt Druck auf die Steine kommt, geben sie nach und der M\u00f6rtel br\u00f6selt heraus, aber die Struktur bricht nicht zusammen.<\/p>\n<p>Zum Schluss werden wir noch in einen anderen <em>basso<\/em> gef\u00fchrt, wo die handgefertigten neapolitanischen Krippen hergestellt werden. Es sind Szenen, die theatralisch aussehen und oft kaum eine Verbindung mit den biblischen Motiven haben. In den Szenen tritt auch Pulcinella auf, die Figur des Volkstheaters, die f\u00fcr Neapel steht, mit Pluderhose und schwarzer Halbmaske.<\/p>\n<p>Wieder auf mich gestellt, suche ich den Weg zu der <em>Capella Sansevero<\/em>, auch in der Touristeninformation empfohlen, aber als ich ankomme, ist die schon geschlossen. Ich verliere mich noch etwas in den Gassen. Dabei sto\u00dfe ich immer wieder auf Maradona, Benedetto Croce und Sofia Loren, die drei Helden der Neapolitaner. Ein Teil von <em>Spaccanapoli<\/em> ist nach Croce benannt, und da ist auch irgendwo der Sitz der Historischen Vereinigung, die er gegr\u00fcndet hat. Sofia Loren hat Neapel bald den R\u00fccken gekehrt und die kalte Schulter gezeigt, aber das scheint man ihr nicht \u00fcbel zu nehmen. Und Maradona? Lange her, aber der Ruhm h\u00e4lt an.<\/p>\n<p>Nochmal muss ich mich vor dem Regen in ein Caf\u00e9 fl\u00fcchten, bevor es mit einem bequemen, p\u00fcnktlichen, schnellen IC nach Salerno zur\u00fcckgeht. Dort gehe ich in die Osteria La Nonna Maria, von dem kroatischen Schweizer empfohlen. Hier gibt es keine Pizza. Da Motto ist \u201eR\u00f6mische K\u00fcche\u201c. Dazu z\u00e4hlen Kutteln und Ochsenschwanz. Ich bestelle Spanferkel und Pasta. Das beste Essen bisher in Salerno, bei weitem. Vor allem die Pasta ist wunderbar: harte, lange, runde Nudeln, so etwas wie <em>spaghettone<\/em> mit einer Sauce aus Schweinebacke, Zwiebeln, Ei und verschiedenen K\u00e4sen.<\/p>\n<p>Auf der Rechnung steht: <em>Post prandium stabis, post coenam ambulabis<\/em>. Aber ich habe keine Kraft mehr, dem Ratschlag zu folgen. Man merke: Man kann auch Latein verstehen, weil man Italienisch kann und nicht umgekehrt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">2. September (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Im Unterricht lernen wir ein Trinklied auf die Melodie von <em>Lily the Pink<\/em>. Das man hier vermutlich f\u00fcr ein italienisches Lied h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Bei dem w\u00f6chentlichen Test sind wir vier M\u00e4nner alle noch besch\u00e4ftigt, als die vier Frauen l\u00e4ngst abgegeben haben.<\/p>\n<p>Einer der wenigen F\u00e4lle, wo mir eine grammatische Erkl\u00e4rung hilfreich zu sein scheint: <em>perch\u00e9<\/em> mit Indikativ leitet einen Kausalsatz ein, <em>perch\u00e9<\/em> mit Konjunktiv leitet einen Finalsatz ein, mit dem entsprechenden Bedeutungsunterschied. Es ist, als wenn es zwei verschiedenen Konjunktionen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Eine Frage, die die Linguisten des Italienischen umtreibt, ist die \u201eUnvollendete\u201c. Es geht um einen Lautwandel. Italienisch hat systematisch \/v\/, wo Latein \/b\/ hat, in intervokalischer Position: <em>cavallo<\/em> aus <em>caballus<\/em>, <em>cervello<\/em> aus <em>cerebellum<\/em>, <em>dovere<\/em> aus <em>dobere<\/em>, <em>avere<\/em> aus <em>habere<\/em>, <em>favola<\/em> aus <em>fabula<\/em>. Es gibt nat\u00fcrlich \u201eAusnahmen\u201c, aber die haben, ganz im Sinne der Junggrammatiker, ihre eigenen Regeln. Ich finde zwar nicht, dass alle Ausnahmen regelhaft sind, aber sei\u2019s drum. Das Problem ist, dass dieser Wechsel bei \/k\/ zu \/g\/ viel weniger systematisch ist. Mann hat zwar <em>luogo<\/em> aus <em>locus<\/em>, <em>segare<\/em> aus <em>secare<\/em>, <em>ago<\/em> aus <em>acus<\/em>, <em>lago<\/em> aus <em>lacus<\/em>, aber man hat auch <em>amico<\/em>, <em>cieco<\/em>, <em>fuoco<\/em>, <em>fico<\/em>. Warum?\u00a0 Dar\u00fcber streiten sich die Gelehrten. Nicht erw\u00e4hnt wird, dass Spanisch <em>amigo<\/em>, <em>ciego<\/em>, <em>fuego<\/em> und <em>higo<\/em> hat. Kann das vielleicht ein Hinweis sein?<\/p>\n<p>Am Nachmittag geht es mit Juraj, dem slowakischen Luxemburger, nach Vietri, dem Nachbarort, Vietri sul Mare, zum Strand. Er hat seine Mutter und seine Tante im Schlepptau. Die Verst\u00e4ndigung mit den Damen ist etwas holprig, ein paar Brocken Deutsch, ein paar Brocken Englisch, ein paar Brocken Russisch.<\/p>\n<p>Die Verst\u00e4ndigung mit Juraj ist dagegen gut. Wir sprechen durchgehend Italienisch, auch wenn sein Deutsch besser ist als sein oder mein Italienisch. Er hat auch Spanisch vor Italienisch gelernt und wir verbessern unsere Fehler gegenseitig ohne Scheu.<\/p>\n<p>Obwohl er f\u00fcr das Europ\u00e4ische Parlament arbeitet, sitzt er in Luxemburg und ist damit nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Er hatte nach dem Mauerfall und einem Erststudium und dann einem weiteren Diplom als \u00dcbersetzer eine harte Zeit zu \u00fcberleben in Bratislava. Die Stelle in Luxemburg hat er bekommen, als er zuhause gerade durchgestartet war. Die Trennung von Slowakei und Tschechien sei eine Entscheidung der Politiker gewesen, sagt er, eine Folge der Unf\u00e4higkeit, Macht zu teilen. Ein Referendum, glaubt er, h\u00e4tte eine Mehrheit f\u00fcr den Erhalt der Einheit gebracht. Jetzt gehe es der Slowakei viel besser als vor ein paar Jahrzehnten, findet er, in jeder Beziehung.<\/p>\n<p>Mit dem Bus ist man in einer Viertelstunde in Vietri. Hier ist alles Keramik. Die Keramik soll schon mit den Etruskern hierhergekommen sein, die den Ort auch vermutlich gegr\u00fcndet haben. Schon gleich an der Bushaltestelle taucht ein gro\u00dfes, modernes Haus im Gaud\u00ed-Stil auf, das eine ungew\u00f6hnliche Keramikdekoration hat.<\/p>\n<p>Im Zentrum geht es dann aber etwas biederer zu. Hier geht es um Kacheln, bunte Kacheln, die liebliche Motive haben, an der Grenze zum Kitsch. Diese Motive wurden von deutschen Kunsthandwerkern entwickelt, die sich hier zwischen den Kriegen niederlie\u00dfen und ihre eigenen Werkst\u00e4tten er\u00f6ffneten.<\/p>\n<p>Der Ort ist ganz sch\u00f6n, mit wunderbaren Aussichten in die Umgebung, aber den Damen ist es zu hei\u00df. Sie wollen zum Strand.<\/p>\n<p>Der Strand ist passabel, die frei zug\u00e4ngliche Zone ist etwas eng, der Sand etwas kiesig und gr\u00e4ulich, aber das Wasser ist sauber, wenn auch nicht glasklar, und hat die richtige Temperatur. Man kann ein ganzes St\u00fcck herausschwimmen.<\/p>\n<p>Der Vorteil ist, dass man sich abwechseln und auf die Sachen aufpassen kann. Als wir dann gegen Abend wieder aufbrechen, kommen wir an einer Kachel mit einem Esel vorbei, dem emblematischsten Motiv der Keramik von Vietri. Jurajs Mutter ruft ganz begeistert: <em>Somaro<\/em>. Wie es der Zufall\u00a0 will, ist das slowakische Wort f\u00fcr \u201aEsel\u2018, <em>somar<\/em>, dem italienischen fast deckungsgleich, ebenso wie <em>strega<\/em> und <em>striga<\/em> f\u00fcr \u201aHexe\u2018.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">3. September (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Pompei ist nicht gleich Pompeji. Jedenfalls kann man mittels der Schreibweise die moderne Stadt von der alten, vom Vesuv zerst\u00f6rten Stadt unterscheiden. Wie man sich denken kann, hat die eine viel mehr Besucher als die andere. Viel mehr\u00a0 Besucher als das alte Pompeji hat n\u00e4mlich das moderne Pompei, ganz anders als man vermuten sollte. Die Wallfahrtskirche Madonna del Rosario in Pompei hat j\u00e4hrlich vier Millionen Besucher, mehr als die ber\u00fchmte Ausgrabungsst\u00e4tte. Es ist damit nach Rom, aber noch vor Assisi das wichtigste Pilgerziel Italiens.<\/p>\n<p>Herculaneum und Pompeji sind weiter voneinander und weiter vom Vesuv entfernt, als ich dachte. Der Zug braucht von Pompeji aus noch fast eine halbe Stunde nach Herculaneum. Er f\u00e4hrt direkt an der K\u00fcste entlang. Bald kommt zum ersten Mal der Vesuv in Sicht. Er hat die Form eines Kegels, aber eines abgeschnittenen Kegels. Bei der Eruption von 1904 b\u00fc\u00dfte der Vesuv seine Spitze ein und verlor 200 Meter an H\u00f6he. Noch um 1900 sieht man auf Abbildungen, wie Rauch aus der Spitze des Vulkans tritt. Dagegen ist das heute Bild eher undramatisch.<\/p>\n<p>Aus verschiedenen Gr\u00fcnden hatte ich mich gegen Pompeji und f\u00fcr Herculaneum entschieden. Aber wie kommt man dahin? Das M\u00e4dchen in der Touristeninformation hatte diesmal wohl recht: Es gibt keinen Zug nach Herculaneum, von Salerno aus. Auf der Fahrkarte steht zwar Ercolano, aber die Station hei\u00dft Portici-Ercolano, und der Bahnhof ist tats\u00e4chlich in Portici. Von hier aus ist es noch ein ganzes St\u00fcck nach Ercolano.<\/p>\n<p>Auf dem Weg kommt man sozusagen mitten durch das Schloss von Portici. Das steht zu beiden Seiten der Stra\u00dfe, und die Stra\u00dfe ist gleichzeitig die Durchfahrt durch das Schloss. Heute ist es eine D\u00e9pendence der Universit\u00e4t Neapel.<\/p>\n<p>Durch ein Tor geht es in Ercolano auf das Ausgrabungsgel\u00e4nde. Man sieht von oben auf die Stadt hinab. Um diese fr\u00fche Zeit sieht sie grau aus und ein bisschen wie eine Favela. Alles kaputt.<\/p>\n<p>Auf einem Plan kann man sehen, dass die Stadt zwar in ganz gleichm\u00e4\u00dfige Rechtecke &#8211; <em>insulae<\/em> &#8211; eingeteilt war, dass aber die einzelnen H\u00e4user sehr verschieden sind in Grundriss und Gr\u00f6\u00dfe.<\/p>\n<p>Da, wo man steht, bevor man die Stadt betritt, war fr\u00fcher das Meer. Das kann man sich ganz und gar nicht vorstellen. Heute ist hier eine gro\u00dfe Mauer. Die K\u00fcstenlinie hat sich bei dem Vulkanausbruch der Antike um einen Kilometer verschoben.<\/p>\n<p>Herculaneum war anders als Pompeji: kleiner und \u00e4rmer vor allem. Hier wohnten vor allem Fischer, keine Kaufleute, es gibt keine Villen, keinen Luxus, weniger Betriebe und Werkst\u00e4tten. Vor allem wurde Herculaneum anders (und auch einen Tag sp\u00e4ter) zerst\u00f6rt als Pompeji, n\u00e4mlich durch eine Schlammlawine.<\/p>\n<p>Man geht in Ruhe, v\u00f6llig ungest\u00f6rt, die ganz regelm\u00e4\u00dfig angelegten, etwas absch\u00fcssigen Stra\u00dfen entlang und sieht sich die H\u00e4user an, die am Wege liegen. Die H\u00e4user haben Namen, die nicht historisch sind, sondern sich auf die Grabungsgeschichte beziehen, z.B. <em>Casa del Squeletto<\/em> nach einem Skelett, das dort gefunden wurde. Die Casa del Albergo galt lange als eine Herberge, wegen der vielen Parzellen, in die sie eingeteilt ist. Tats\u00e4chlich handelte es sich aber um eine Umbauma\u00dfnahme: Nach dem vorherigen Erdbeben, dem von 62, wurde ein Einfamilienhaus zu einem Mietshaus umgebaut. Der Umbau war noch im Gange, als der Vulkan ausbrach.<\/p>\n<p>Leider sind viele der H\u00e4user gesperrt, und man kann nur von au\u00dfen hineinsehen. Das ist anders bei dem <em>Collegio degli Augustali<\/em>, einem Versammlungsraum der Priester, die hier einen Augustus-Kult betrieben. Hier kann man hineingehen und die gut erhaltenen Fresken von nahe sehen. Nirgends f\u00fchlt man sich so in der Antike wie hier, in dem Raum mit seinen schwarzgerahmten, erdfarbenen Fresken. Man hat aber nicht das Gef\u00fchl, in einem zerst\u00f6rten Haus zu sein, sondern in einem seit Jahrzehnten verlassenen.<\/p>\n<p>Das <em>Collegio degli Augustali<\/em> liegt an einer Stra\u00dfenecke, am hinteren Ende des Ausgrabungsgel\u00e4ndes. Wenn man hier um die Ecke biegt, kommt man auf eine Stra\u00dfe, die irgendwie anders aussieht, breiter, mit h\u00f6heren H\u00e4usern. Das ist der <em>Decumanus Maximus<\/em>. Aber was macht der hier, am \u00e4u\u00dfersten Rande der Stadt? Ganz einfach: Es ist nicht der \u00e4u\u00dferste Rand der (antiken) Stadt. Es ist das Zentrum. Die andere H\u00e4lfte liegt noch unter der modernen Stadt verborgen, ist noch nicht ausgegraben worden.<\/p>\n<p>Nach einiger Suche finde ich endlich verkohlte Teile, zuerst einen verkohlten T\u00fcrpfosten, dann ein paar nicht identifizierbare Objekte in einem schmutzigen Schaukasten und dann ein paar Treppenstufen, die zwar verkohlt, aber perfekt erhalten sind. Wie muss man sich das vorstellen? Vielleicht war es so, dass die Glut die Objekte angegriffen hat, aber dann ihr Werk nicht vollenden konnte, was alles unter der Schlammlawine begraben wurde.<\/p>\n<p>An einigen Fenstergittern sieht man tats\u00e4chlich Reste von Schlamm. Er ist hart wie Beton. Hier \u00fcberhaupt etwas auszugraben muss Schwerstarbeit gewesen sein.<\/p>\n<p>In einem Haus ohne Hauswand steht eine Steinbank, in die verschiedene tiefe L\u00f6cher eingelassen sind. Auch anderswo sehe ich so etwas nochmal. Ich dachte an eine T\u00f6pferwerkstatt, aber es ist eine K\u00fcche, ein Gark\u00fcche, eine Art Schnellimbiss. In den L\u00f6chern wurden die Speisen warm gehalten.<\/p>\n<p>In einem verschlossenen Haus sieht man hinter dem Fenster eine ganze Reihe von spitz zulaufenden, gro\u00dfen Amphoren stehen, hintereinander gestaffelt, schr\u00e4g an die Wand angelehnt. Die waren f\u00fcr den Wein da. Das Haus war eine Kneipe. Man hat fast den Eindruck, der Wirt w\u00fcrde gleich wiederkommen.<\/p>\n<p>Neben den Malereien gibt es auch einige sch\u00f6ne Mosaike. Die befinden sich in der Regel hinten im Haus, in einem Raum ohne Dach, in dem im Sommer gespeist wurde.<\/p>\n<p>Irgendwo soll es hier auch ein Lupanar geben, ein Bordell, aber ich kann es nicht finden. In Pompeji gab es wohl mehr, wegen der Vielzahl der ausw\u00e4rtigen Besucher. Die Prostituierten bezeichnete man als <em>lupae<\/em>, \u201aW\u00f6lfinnen\u2018. Und das wirft ein ganz anderes Bild auf den Gr\u00fcndungsmythos von Rom. Romulus und Remus wurden von einer W\u00f6lfin aufgezogen!<\/p>\n<p>\u00dcber eine Treppe gelangt man dann noch in einem tiefer gelegenen Teil der Stadt, zu einer gr\u00f6\u00dferen Plattform, die ehemals aufs Meer hinausging. Dort steht eine Reiterstatue mit zwei Putten, die eine nach unten gerichtete Kerze in der Hand halten, ein Zeichen von Trauer. Hier befand sich das Grabmal f\u00fcr Nonius Balbus, den prominentesten Bewohner von Herculaneum.<\/p>\n<p>Zum Schluss kommt noch eine Entt\u00e4uschung. Der <em>Padiglione della Barca<\/em> ist geschlossen, ohne Angabe von Gr\u00fcnden. Schade. Hier werden die Reste eines verkohlten Holzschiffes pr\u00e4sentiert, das man kopf\u00fcber am ehemaligen Strand von Herculaneum gefunden hat.<\/p>\n<p>Von Herculaneum geht es, gerade als die ersten gro\u00dfen Besuchergruppen eintreffen, schnurstracks nach Ercolano. Das ist eine lebendige Stadt mit lautem Verkehr, hier spielt im t\u00e4glichen Leben Herculaneum keine Rolle. Es geht, dem Gef\u00fchl nach, die Stra\u00dfe rauf, und dann kommt man irgendwann zum Bahnhof der <em>Circumvesuviana<\/em>. Von dort fahren die Busse zum Vesuv ab. Es wird abkassiert:<br \/>\n10 \u20ac f\u00fcr den Bus, 10 \u20ac f\u00fcr den Eintritt, 10,20 \u20ac f\u00fcr ein Sandwich mit einem Glass Wasser!<\/p>\n<p>Die Fahrt dauert ihre Zeit. Ercolano liegt zwar am Fu\u00dfe des Vesuvs, aber doch nicht so nah dran. Auch daran kann man die Wucht der Eruption ablesen, dass sie eine so \u201eweit\u201c weggelegene Stadt v\u00f6llig zerst\u00f6rt hat. Heute gibt es noch eine ganze Reihe von Siedlungen, Villen, D\u00f6rfern, die noch viel n\u00e4her am Vulkan liegen. Die m\u00fcssen wir erst passieren, bevor es dann in den Naturpark geht, wo keine H\u00e4user mehr stehen. Erst ist dichter Wald neben uns. Erst ganz zum Schluss wird es kahler. An einigen Stellen kann man zwischen den B\u00e4umen Vulkanasche und Lava sehen. Die stammen vom letzten Ausbruch, 1944.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite er\u00f6ffnet sich uns eine phantastische Aussicht auf die Bucht von Neapel, besser als die, die wir oben bekommen, denn da ist es, wie oft in dieser Gegend, irgendwie diesig, und das, obwohl kaum eine Wolke am Himmel ist. Man sieht das Meer, die Inseln und die weite, weite Ebene, in der sich Neapel ausbreitet, bis zum Horizont.<\/p>\n<p>Oben geht es zu Fu\u00df weiter, \u00fcber einen grauen Weg. Jacke und Wanderschuhe w\u00e4ren nicht n\u00f6tig gewesen. Nach gut zwanzig Minuten kommt man an den Krater. Das ist m\u00e4\u00dfig interessant, aber nicht aufregend. Der Vulkan sieht friedlich aus. Man kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass er noch einmal ausbricht. Im Krater grau-wei\u00dfer Stein, eine graue Schneise, wie eine Skipiste aussehend, gr\u00e4uliche Felsbrocken, ganz oben Moos auf den Felsen.<\/p>\n<p>Die Zeit bis zur R\u00fcckfahrt ist genau richtig bemessen. Man kann sich in Ruhe umsehen, aber mehr gibt es hier auch nicht zu tun. Man kann den gesamten Krater nur mit Sondergenehmigung umwandern, wir kommen etwa ein Drittel herum, aber auch das machen die meisten gar nicht ganz mit. Man fragt sich, was eigentlich auf der anderen Seite des Vulkans ist, der Ostseite. Die wird von Touristen wohl nur wenig besucht. Es sieht auch so aus, als seien die Orte auf der Ostseite nie vom Vesuv zerst\u00f6rt worden. Warum, wei\u00df ich nicht.<\/p>\n<p>Von Ercolano aus fahre ich mit der <em>Circumvesuviana<\/em>, einer S-Bahn, nach Torre Annunziata. Was es hier zu besichtigen gibt, vom Reisef\u00fchrer w\u00e4rmstens empfohlen, ist die Villa Oplontis. Sie wird auch manchmal Villa di Poppea genannt, nach der \u00a0zweiten Ehefrau Neros, der sie geh\u00f6rt haben soll. Der Ort Oplontis ist nur von der mittelalterlichen Kopie einer antiken Stra\u00dfenkarte bekannt, auf der Wege, aber auch monumentale Geb\u00e4ude verzeichnet sind. In dieser Stra\u00dfenkarte taucht Oplontis mit seiner Villa auf, nicht aber Pompeji!<\/p>\n<p>Die Villa Oplontis wurde auch bei dem Vesuvausbruch versch\u00fcttet. Nur der ausgedehnte Wohntrakt wurde ausgegraben. Wie die Villen von Herculaneum \u00f6ffnete sich die Villa Oplontis mit Balustraden zum Meer hin. Dieser Blick ist leider Gottes verloren gegangen.<\/p>\n<p>Die Villa ist wie ein Labyrinth, in dem man sich verlieren kann. Immer wieder sto\u00dfe ich auf ein Paar, ein Italiener mit einer flie\u00dfend Italienisch sprechenden Ausl\u00e4nderin, vermutlich einer Deutschen, die vor Entz\u00fccken kreischt und ihren Mann herbeiruft, wenn sie mal wieder etwas entdeckt hat, vor allem ein Detail in der Wandmalerei.<\/p>\n<p>Die kann man teils sehr gut sehen, vor allem in den Fluren, wo man unmittelbar davor steht. Dabei entdeckt man ganz fein ausgemalte Stillleben, auf rotem Grund, etwa das von einem Vogel, der an einer Frucht herumpickt, w\u00e4hrend er zwei andere liegen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Wichtiger sind aber die Wandmalereien in den Salons, vor allem im ersten, und die kann man nicht ganz so gut sehen, weil man den Salon nicht betreten darf. Hier wird der ohnehin gro\u00dfe Raum durch illusionistische Architektur an den W\u00e4nden optisch erweitert, durch Treppenstufen, T\u00fcren, S\u00e4ulen. Alles ist mit Liebe zum Detail ausgemalt. Die T\u00fcren haben metallische Beschl\u00e4ge, auf den Treppenstufen steht eine Fackel. Alles ist in leuchtenden Farben erhalten.<\/p>\n<p>Neben der Malerei ist auch die technische Ausstattung, die man zumindest erahnen kann, beeindruckend. Es gibt B\u00e4der, eine Latrine (deren Funktionsweise mir verborgen bleibt, obwohl man eine ganze Reihe von architektonischen Details sieht), einen S\u00e4ulenhof und ein Wasserbecken olympischen Ausma\u00dfes (61 x 17). Eine der technischen Leistungen besteht darin, dass das Schwimmbad eine leichte Neigung nach S\u00fcden hin aufweist, die den Abfluss des Wassers erlaubt!<\/p>\n<p>Nach der Besichtigung muss ich von diesem Torre Annunziata in das andere Torre Annunziata. Denn nur von dort f\u00e4hrt die regul\u00e4re Eisenbahn. Von hier aus nur die <em>Circumvesuviana<\/em>. Das hatte ich nicht auf der Rechnung. Unendlich lange zieht sich die schattenlose, \u00f6de Landstra\u00dfe hin. Am Ende komme ich, mit Blasen an den F\u00fc\u00dfen, ausgelaugt, verschwitzt, in das andere Torre Annunziata, aber da sind keine Hinweisschilder auf den Bahnhof. Und der Ort ist wie ausgestorben. Schlie\u00dflich treffe ich auf eine Frau mit Kinderwagen. Die will mich nach Pompeji schicken, oder zur\u00fcck in das andere Torre Annunziata. Gl\u00fccklicherweise mischt sich im letzten Moment ein Mann in das Gespr\u00e4ch ein. Der Bahnhof ist gleich um die Ecke!<\/p>\n<p>Allerdings f\u00e4hrt vorl\u00e4ufig kein Zug nach Salerno. Die Wartezeit verbringe ich in dem schattigem Hof des Bahnhofcaf\u00e9s, mit Kaffee, Wasser und einem warmem Teilchen, alles f\u00fcr 2,50! An einem langen Tisch sitzen junge Italiener, neun an der Zahl, lauter M\u00e4nner. Fast alle tragen einen Bart, mehrere eine Brille mit einem auff\u00e4lligen dunklen Gestell. Sie spielen etwas. Erst werden Zahlen, dann werden Namen aufgerufen. Jemand hat ein Smartphone, ein anderer eine Liste. H\u00f6rt sich wie eine Versteigerung an. Es geht \u00e4u\u00dferst diszipliniert zu, ruhig, und trotzdem engagiert. Hin und wieder wird nachgefragt, die Frage wird in Ruhe beantwortet, und weiter geht\u2019s. Ich kann sie ungeniert beobachten, denn sie beachten mich nicht. Ob sie gl\u00fccklich sind? Ob sie sich die Frage stellen? Im Moment scheinen sie jedenfalls ganz in der Gemeinschaft und in dem Spiel aufzugehen.<\/p>\n<p>Am Nachbartisch sitzen zwei Italiener, jeder mit Smartphone besch\u00e4ftigt. Sie richten kein Wort aneinander. An einem anderen Tisch sitzen zwei M\u00e4nner, die sich ruhig unterhalten. Keine theatralischen Gesten, kein Geschrei, kein Getue, kein Unterbrechen. Die ganze Szene hat nichts, aber auch gar nicht gemeinsam mit dem stereotypen Vorstellungen von Italienern, wie sie im Unterricht st\u00e4ndig vorgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>Zeit f\u00fcr den Zug nach Salerno. Der ist wieder p\u00fcnktlich, schnell und sauber. Im Zug habe ich Gelegenheit, noch etwas \u00fcber die Wandmalereien der Villa Opltonis zu lesen.<\/p>\n<p>Die Malerei der Villa Oplontis geh\u00f6rt zum zweiten (von vier) Stilstufen der r\u00f6misch-pompejanischen Malerei. Die vier Stilstufen entwickelten sich \u00fcber einen Zeitraum von ca. 250 Jahren, bis zur Zerst\u00f6rung von Pompeji. Auf allen vier Stufen wird Architektur imitiert, aber diese Architektur befindet sich in fortschreitender Aufl\u00f6sung, auch f\u00fcr den Laien gut zu erkennen. Der erste Stil ist realit\u00e4tsnah, der zweite ist illusionistischer, ist perspektivisch arrangiert, ohne reale Architektur zum Vorbild zu haben, der dritte steigert die Illusion durch Durchblicke auf H\u00e4user, G\u00e4rten und Meer, wirkt zerbrechlich, im vierten Stil ist die architektonische Struktur bis zur Ornamenthaftigkeit aufgel\u00f6st. \u00c4hnliche Entwicklungen hat es in der Geschichte der Kunst vermutlich immer wieder gegeben. Und vielleicht l\u00e4sst sich das sogar auf andere Disziplinen \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Interessant ist auch die Polemik Vitruvs gegen die Wandmalerei und ihren illusionistischen Charakter: \u201eDas alles existiert nicht, kann nicht existieren und hat niemals existiert\u201c. Das kommt einem nicht unbekannt vor.<\/p>\n<p>In Salerno versuche ich, Briefmarken zu kaufen. Bei drei Tabakh\u00e4ndlern versuche ich es vergeblich. Gibt es einen Engpass? Eine Verk\u00e4uferin deutet an, dass die Post das Gesch\u00e4ft nicht mehr mitmacht. Beim vierten Tabakh\u00e4ndler habe ich aber Erfolg. Die Briefmarken sind unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gro\u00df und unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig teuer.<\/p>\n<p>Die Besitzer (oder Angestellten) von der Pizzeria gleich gegen\u00fcber der Wohnung sitzen jeden Nachmittag vor den offenen T\u00fcren des noch geschlossenen Lokals und unterhalten sich. Ob sie sich langweilen? Ob sie sich manchmal fragen, ob es noch was anderes im Leben gibt? Oder genie\u00dfen sie das? Oder bilden sie sich ein, dass sie das genie\u00dfen?<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">4. September (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Capri ist eine sch\u00f6ne Insel, aber doch nicht so sch\u00f6n, um all die Schw\u00e4rmerei und die Bezeichnung \u201ePerle des Mittelmeers\u201c zu rechtfertigen. Von verschiedenen Stellen aus hat man Aussichten, die an Sch\u00f6nheit kaum zu \u00fcbertreffen sind, aber die wiederholen sich: Steilk\u00fcste, Felsen, blaues Meer, wei\u00dfe Schiffe. Das ist ein bisschen Postkartenmotiv.<\/p>\n<p>Komischerweise hat Capri die Reisenden des 18. Jahrhunderts kalt gelassen. F\u00fcr Goethe war es nur ein Gefahrenherd, eine Felseninsel, auf die man auflaufen konnte. Erst mit der \u201eEntdeckung\u201c der Blauen Grotte durch den Erfinder der Heinzelm\u00e4nnchen, August Kopisch, kam Capri wieder ins Visier der Reisenden, und mit den \u201eCapri-Fischern\u201c ging es dann in der Nachkriegszeit so richtig los.<\/p>\n<p>In den Reisef\u00fchrern steht, ein Berg teile die Insel in zwei Teile. Vom Schiff sieht es so aus, als teile eine Ebene zwischen zwei Bergen die Insel in zwei Teile. In der Ebene bewohnte Orte, auf den Bergen, meist ganz oben auf der Felskante, das eine oder andere Haus, eher Villen als Wohnh\u00e4user. Vom Schiff aus sind unten die Marina Grande, der Hafen, und oben Capri, die Stadt, zu sehen.<\/p>\n<p>Schon bei der Ankunft an dem Kai der Marina Grande wird mir ganz anders. Es ist so voll, dass kaum ein Durchkommen ist. Wir, die Touristen, sind offensichtlich alle zur gleichen Zeit, um 10 Uhr, aus allen m\u00f6glichen Richtungen eingetroffen, und zwar mit F\u00e4hren und mit Kreuzfahrtschiffen.<\/p>\n<p>Dem Rat einer Italienkennerin folgend, kaufe ich sofort unten an der Marina mehrere Fahrkarten. Die gelten f\u00fcr Bus, Standseilbahn und Seilbahn. Es soll auf direktem Weg nach Anacapri gehen. Aber die Schlange an der Bushaltestelle ist so lang, dass ich bald aufgebe.<\/p>\n<p>Also beschlie\u00dfe ich, nach Capri zu fahren. Dahin f\u00fchrt die Standseilbahn. Aber da ist die Schlange noch l\u00e4nger. Also zu Fu\u00df. Das ist keine schlechte Idee. Es gibt einen schmalen, asphaltierten Weg mit einer Mauer zu beiden Seiten, aber der Aufstieg ist sehr beschwerlich. Der Weg ist steil, die Hitze gro\u00df. Als ich oben ankomme, bin ich zum ersten Mal am heutigen Tag verschwitzt und au\u00dfer Atem.<\/p>\n<p>Warum liegt Capri so hoch? Aus Verteidigungsgr\u00fcnden, das leuchtet ein. Aber gegen wen musste man sich verteidigen? Gegen Feinde von au\u00dfen, ja, auch, aber in erster Linie gegen den \u201eFeind\u201c von innen: Anacapri. Die beiden Orte verbindet seit jeher eine gro\u00dfe Aversion. Bis heute gibt es keine gemeinsame Verwaltung, es handelt sich um zwei v\u00f6llig getrennte Gemeinden, und das Tor, das nach Anacapri f\u00fchrt, hat den bezeichnenden Namen <em>Porta della Discordia<\/em>. Anacapri gilt als die mittellose, eher b\u00e4uerliche Schwester des reichen, mond\u00e4nen Capris.<\/p>\n<p>Capri ist eigentlich kein Ziel des Massentourismus, sondern des Tourismus der Elite. Die zieht sich aber in den Sommermonaten angesichts des Ansturms der Tagestouristen zur\u00fcck. Hinterl\u00e4sst aber ihr Erbe in Form der Preise. Die sind nicht einfach hoch, sondern schlichtweg unversch\u00e4mt. Ich verweigere mich dem, soweit ich kann und konsumiere nur einen Eistee f\u00fcr 4,50 \u20ac und zwei Flaschen Wasser.<\/p>\n<p>Auf dem schmucken, kleinen Platz in Capri, der <em>piazetta<\/em>, sind die Caf\u00e9s schon vollbesetzt. Stofftischdecken, uniformierte Kellner und Speisekarten ohne Preise.<\/p>\n<p>Hier f\u00e4llt die Orientierung noch schwer, es geht in verschiedene Richtungen rauf und runter, aber bald bin ich auf dem richtigen Weg zum Arco Naturale. Das ist einer der empfohlenen Wanderwege. Vom Arco Naturale aus kann man gleich noch andere Ziele ansteuern. Sch\u00f6ne Keramikschilder weisen den Weg.<\/p>\n<p>Es wird immer einsamer, je weiter es geht, und als ich am Arco Naturale ankomme, bin ich ganz alleine. Auf Capri, in der Hochsaison. Allerdings gibt es zwei Entt\u00e4uschungen, nachdem man einen Moment das Postkartenmotiv mit dem tief unter einem liegenden Meer genossen hat: Der Arco Naturale, ein Felsen, der tats\u00e4chlich einen nat\u00fcrlichen Bogen bildet, ist einger\u00fcstet &#8211; \u00a0irgendwie paradox, ein Naturwunder bedarf des Eingriffs des Menschen \u2013 und der Weg ist gesperrt. Hier ist Schluss.<\/p>\n<p>Es geht zur\u00fcck und dann zur Villa Jovis. Zum dritten Mal geht es heute bergauf. Und wie. Aber auch hier ist man weit von der Menschenmenge entfernt, auch wenn es nicht ganz so einsam ist wie am Arco Naturale.<\/p>\n<p>Immer wieder glaubt man, endlich da zu sein, aber dann kommt doch eine Wegbiegung und es geht noch ein bisschen weiter bergauf. Zum Capri der Antike. Bevor es jahrhundertelang vergessen war, war Capri n\u00e4mlich schon einmal ganz bedeutend. Es war nichts weniger als der Sitz des r\u00f6mischen Kaisers, zehn Jahre lang, die letzten Regierungsjahre von Tiberius.<\/p>\n<p>Dabei war Tiberius selbst gar nicht der Entdecker Capris. Das war Augustus, der ganz zuf\u00e4llig, hier Station machte nach der R\u00fcckkehr von der bedeutenden Seeschlacht gegen Mark Anton. Er zog sich sp\u00e4ter immer mal wieder nach Capri zur\u00fcck, und er ist der eigentliche Erbauer des Palastes.<\/p>\n<p>Dessen Palast steht hier ganz oben, an der \u00e4u\u00dfersten Spitze der Insel, auf dem h\u00f6chst gelegenen Felsen dieses Teils der Insel. Es sind betr\u00e4chtliche Rest da, aber man kann sich kaum vorstellen, dass hier mal ein luxuri\u00f6s ausgestatteter Palast stand. Aber so war es. Was aber heute noch beeindruckt, ist die Ingenieurskunst, einen gro\u00dfr\u00e4umigen Palast an diese ungeeignete Stelle zu setzen. Planierungen, Terrassierungen, St\u00fctzmauern erm\u00f6glichten die Errichtung dieses gigantischen Bauwerks. Zu den \u00a0wichtigen Details geh\u00f6rt auch eine riesige Zisterne, fast im Zentrum der Anlage, eine wichtige Einrichtung in dem grundwasserlosen Capri.<\/p>\n<p>Von hier oben sieht man mehrere Felsvorspr\u00fcnge, die Kandidaten f\u00fcr den <em>Salto de Tiberio <\/em>sind<em>. <\/em>Das ist der Felsen, direkt \u00fcber dem Meer, von dem aus Tiberius ungeliebte Mitmenschen pers\u00f6nlich heruntergesto\u00dfen und ins Jenseits bef\u00f6rdert haben soll. Keiner der Felsen ist aber als solcher bezeichnet. Zurecht. Denn es handelt sich ziemlich sicher um ein Ger\u00fccht. Tiberius hatte in Rom eine schlechte Presse, schon zu Lebzeiten, sp\u00e4ter noch schlechter, und es wurden ihm allerlei b\u00f6se Motive f\u00fcr den Wechsel von Rom nach Capri unterstellt. \u201eKein Bock zum Regieren\u201c ist noch die mildeste davon. Aber Capri war gar nicht so schlecht zum Regieren. Die r\u00f6mische Flotte lag ganz in der N\u00e4he, in XXX, und die Getreidelieferungen aus \u00c4gypten kamen hier an. Tiberius selbst soll oft genau nachgepr\u00fcft haben, ob hier alles mit rechten Dingen zuging und Ma\u00dfnahmen gegen betr\u00fcgerische Verwalter ergriffen haben. Er hinterlie\u00df sein Reich in einem guten Zustand, sagt man, und mit vollen Kassen. Aber in Rom wurde das nat\u00fcrlich nicht so gesehen. Hier unterstellte man dem Kaiser, sich hierher wegen seiner Lustbarkeiten zur\u00fcckgezogen zu haben. Wilde Orgien seien hier, versteckt von der \u00d6ffentlichkeit, gefeiert worden.<\/p>\n<p>Diesen \u201eRuhm\u201c machten sich die K\u00fcnstler und Adeligen der Neuzeit zu eigen, um ihre eigenen Ausschweifungen zu rechtfertigen. Sie sahen sich in der Nachfolge der Antike und der r\u00f6mischen Kaiser und lie\u00dfen sich Villen bauen, die denen der Antike nachempfunden waren. Die emblematischste dieser Villen ist die Villa San Michele in Anacapri, erbaut von dem schwedischen Modearzt Axel Munthe. Er baute auf den Fundamenten eines r\u00f6mischen Palastes \u2013 davon soll es auf Capri zw\u00f6lf gegeben haben, eine f\u00fcr jeden Monat des Jahres \u2013 ebenfalls auf einem exponierten Hanggrundst\u00fcck. Bei dem Bau des Domizils galt das Motto \u201eLicht, Licht, Licht\u201c. Ironischerweise wurde Munthe im Laufe der Jahre immer lichtempfindlicher und erblindete fast. Er konnte das Haus nicht mehr bewohnen und baute sich ein zweites Domizil, wo er ein Buch \u00fcber die Villa Michele schrieb, das ihn weltber\u00fchmt machte. Aber das mit der Erblindung ist nur eine Version der Geschichte.<\/p>\n<p>Die zweite hat mit einer weiteren Villa zu tun. Ich wollte eigentlich auch dahin wandern, aber ich schaffe es nicht mehr. Ich schaffe es nicht einmal, von irgendwo her einen Blick auf sie zu werfen, obwohl sie auch ganz oben an einer exponierten Stelle liegt. Das ist Malapartes <em>Casa come me<\/em>. Malaparte, der Paradiesvogel, mit st\u00e4ndig wechselnden, aber immer radikalen politischen Entscheidungen, sah selbst seine Villa als sein gr\u00f6\u00dftes Werk an. Sie hat einen markanten Treppenaufgang, der auf das Dach f\u00fchrt und ist in markantem Rot gehalten, das sich von dem grauen Felsen absetzt. In seinem Roman Die Haut erz\u00e4hlt Malaparte von einer Begegnung mit Rommel. Der war ihm von Muthe anvertraut worden. Als Rommel ihn fragte, ob er die Villa gekauft oder selbst geplant habe, sagte Malaparte, nicht wahrheitsgem\u00e4\u00df, er habe sie fertig gekauft. Und zeigte dann mit einer weiten Geste in die Gegend und sagte: \u201eIch habe die Landschaft entworfen.\u201c<\/p>\n<p>Des Weiteren erz\u00e4hlt Malaparte in dem Buch, Munthe habe ihn gebeten, ihn nach Schweden zu begleiten. Er wolle sich von Capri endg\u00fcltig zur\u00fcckziehen. Um Malaparte zu erweichen, sagte er, er sei schlie\u00dflich blind und k\u00f6nne nicht alleine reisen. Malaparte sagt, er habe gewusst, dass Munthe, trotz seiner schwarzen Brille, nicht blind war. Die Blindheit sei nur ein wohlberechnete Erfindung gewesen, ein Marketingtrick, um die Leser f\u00fcr sein Buch empf\u00e4nglicher zu machen. Er h\u00e4tte sehr gut sehen k\u00f6nnen, wenn es darauf ankam.<\/p>\n<p>Als ich wieder in Capri bin, inzwischen mit Blasen an den F\u00fc\u00dfen, nehme ich doch noch einen Bus, und zwar zur <em>Marina Piccola<\/em>, aber nur, um sofort wieder zur\u00fcckzukehren und die schreckliche R\u00fcckfahrt in dem stickigen Bus, an dem man kaum ein Bein auf den Boden bekommt, schnell hinter mich zu bringen.<\/p>\n<p>Wieder in Capri, folge ich noch den Schildern zu den <em>Giardini di Augusto<\/em>, einer terrassierten Anlage mit wiederum spektakul\u00e4ren Ausblicken. Die G\u00e4rten sind mir ein bisschen zu proper. Sie geh\u00f6rten fr\u00fcher zum Besitz von Friedrich Alfred Krupp, dem Capri-Enthusiasten, der sich hier eine Villa baute und, so wird und wurde kolportiert, sich seinen homosexuellen Eskapaden widmete. Er setzte den Bau einer wunderbaren, aber v\u00f6llig nutzlosen Stra\u00dfe von Marina Piccola nach Capri durch. In k\u00fchnen Windungen f\u00fchrt sie zur Villa Krupp rauf. Von hier aus, von den G\u00e4rten, hat man einen tollen Blick auf die Serpentinen, die durch den braunen Fels laufen.<\/p>\n<p>Im Garten der Villa Krupp, heute ein Hotel f\u00fcr die Betuchten, steht das Denkmal eines Mannes, den man hier am wenigsten erwarten w\u00fcrde: Lenin. Der hielt sich mehrmals, ganz Proletarier, als Gast von Gorki in Capri auf und wohnte in der Villa Krupp.<\/p>\n<p>Capri hat viele Geschichten zu erz\u00e4hlen. Und ist f\u00fcr mich passende Gelegenheit, ein italienisches Wort nachzuschlagen: <em>buggeratura<\/em>. Das bedeutet \u201aNepp\u2018. Am Ende werde ich daf\u00fcr belohnt, dass ich den ganzen Tag \u00fcber widerstanden habe und in keins der teuren Lokale gegangen bin. Ich einer <em>Salumeria<\/em> bekomme ich ein St\u00fcck <em>monacone<\/em>, ein capresisches Gericht, benannt nach einem der Felsen der Insel. Es ist eine Art Auflaufgericht, in Bl\u00e4tterteig, mit Auberginen und anderen Gem\u00fcsen, mit Ei und K\u00e4se. Schmeckt phantastisch.<\/p>\n<p>Auf dem Weg nach unten komme ich dann noch an einem Einfamilienhaus vorbei mit einem Keramikschild, auf dem steht: \u201eAttenzione al cane \u2026 e al padrone.\u201c Mit zwei Bildern: einem Hund und einer Pistole.<\/p>\n<p>Unten sehe ich an einer Apotheke, dass in Italien das englische Pendant zu <em>farmacia<\/em> immer noch <em>chemist\u2019s i<\/em>st, das in England immer mehr verschwindet und in den USA kaum noch vorkommt.<\/p>\n<p>Auf der R\u00fcckfahrt treffe ich auf der F\u00e4hre wieder auf Jerome, den Holl\u00e4nder aus der Schule. Es sieht aus die aus dem Ei gepellt. Ich sehe dagegen so heruntergekommen aus, dass selbst die Marktschreier vor den Restaurants der Marina Grande mich in Ruhe gelassen habe. Er erz\u00e4hlt, er sei in der Blauen Grotte gewesen, eine v\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssige Aktion, mit langen Wartezeiten, dreifachem Abkassieren und sehr kurzem Aufenthalt in der Grotte.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">5. September (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Im Unterricht gibt es ausnahmsweise mal einen guten Text. Ein italienischer Linguist hat Text von Sch\u00fclern aus einem Dorf in Kampanien gesammelt und unver\u00e4ndert herausgegeben. Toll, wie unverf\u00e4lscht, oft unfreiwillig komisch, sie ihre Welt beschreiben.<\/p>\n<p>Andrea, die Rum\u00e4nin aus Luxemburg erz\u00e4hlt, anders als die meisten, ganz begeistert von Neapel. Vor allem die Fahrt zum Castello hoch habe ihr gut gefallen. Sie hat auch einen besonderen Kaffee probiert: <em>Caff\u00e8 Spaccanapoli<\/em>.<\/p>\n<p>Immer noch nicht probiert habe ich die <em>Pizza fritta<\/em>, die arme Schwester der Backofenpizza, offensichtlich eine Erfindung der Nachkriegszeit, als es an Holz f\u00fcr den Ofen mangelte und auch an Ingredienzien f\u00fcr die Pizza, auf die hier wohl verzichtet wird.<\/p>\n<p>Oft sieht man auch ein Schild, das <em>cuoppo<\/em> bewirbt. Lange wei\u00df ich gar nicht, was das ist, dann lese ich es irgendwo, und dann sehe ich auch ganz in der N\u00e4he des Apartments, in der Via Mercanti, eine <em>Cuopperia<\/em>. Ein <em>cuoppo<\/em> ist eine mit frittierten Fischen gef\u00fcllte T\u00fcte, wohl so etwas wie das neapolitanische <em>Fish &amp; Chips<\/em>.<\/p>\n<p>Auf einer Karte entdecke ich zuf\u00e4llig, dass Eboli ganz hier in der N\u00e4he ist, das Eboli von Levis <em>Cristo si \u00e8 fermato a Eboli.<\/em> Das Buch spielt allerdings in der Basilicata, nicht in Kampanien. Bis Eboli war die Zivilisation ja noch gekommen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">6. September (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Der Schweizer Mitbewohner erz\u00e4hlt, dass sie gestern hier ins Stadion gegangen sind, US Salernitana gegen Hellas Verona. Auf dem Hinweg h\u00e4tten sie eine halbe Stunde auf das Taxi warten m\u00fcssen und auf dem R\u00fcckweg erfahren, dass aus Sicherheitsgr\u00fcnden alle Busse und Taxen ihren Dienst einstellen mussten. Sie haben zwei Stunden f\u00fcr den R\u00fcckweg gebraucht. Das Stadion ist da, wo ich so lange nach dem <em>Museo dello Sbarco<\/em> gesucht habe.<\/p>\n<p>Manja, die Berlinerin, erz\u00e4hlt im Unterricht, sie habe kaum ein Auge zugemacht, wegen des Windes. Die junge Spanierin sagt, der Wind habe immer wieder ihre T\u00fcre zugeschlagen, aber sie sei zu faul gewesen, aufzustehen. Da habe ich mit meinem Zimmer Gl\u00fcck gehabt. Das geht auf den Innenhof hinaus. Und das Fenster war geschlossen. Es ist nicht mehr so hei\u00df wie vorher.<\/p>\n<p>Castel Nuovo, Castel Sant\u2018Elmo, Castel dell\u2019Ovo, Castel Capuano, (und das nicht mehr existierende Castello del Carmine), warum gibt es in Neapel so viele Kastelle? Das liegt an den wechselnden Fremdherrschaften. Immer wieder neue Verteidigungsmodelle an immer wieder neuen Orten waren gefragt. Die Kastelle stammen von den Normannen, von den Anjou, von den Aragonesen. Die Konzentration auf die Festungsbauten hat dazu gef\u00fchrt, dass sich in Neapel kein eigentliches innerst\u00e4dtisches Zentrum herausgebildet hat. Das sp\u00fcrt man auch heute als Tourist noch.<\/p>\n<p>Vom Bahnhof fahre ich mit der Metro nach Montesanto, aber die Metro (die Linie 2) ist gar keine Metro, sondern ein Vorortzug. In Montesanto geht es mit der Standseilbahn auf den Vomero rauf. Hier oben erwartet einen ein gro\u00dfb\u00fcrgerliches Viertel.<\/p>\n<p>In einem Schnellimbiss bekomme ich was f\u00fcr den schnellen Hunger auf die Hand, eine Art Spaghetti-Torte, wie ein Auflauf, der mit Speck und kleingeschnittenen Spaghetti gef\u00fcllt ist.<\/p>\n<p>Danach erreicht man bald das Castel San Elmo. Es scheint von vorne spitz zuzulaufen, ist aber wohl tats\u00e4chlich die Form eines sechsstrahligen Sterns. Von hier aus sieht man die m\u00e4chtige Umfassung und die abgeschr\u00e4gten St\u00fctzmauern, ein Kastell, das uneinnehmbar scheint.<\/p>\n<p>Gleich darunter Kartause, die Certosa e San Martino. Von der Aussichtsterrasse gleich vor der Kartause hat man einen eindrucksvollen Blick in die Ferne, mit Vesuv und Neapel. Die meisten H\u00e4user sind in Wei\u00df und Gelb gehalten und zwar hoch, aber keine Hochh\u00e4user oder gar Wolkenkratzer.<\/p>\n<p>In der Kartause selbst gibt es dann noch eine zweite Aussichtsterrasse. Von hier aus hat man einen \u00e4hnlich spektakul\u00e4ren Blick aufs Meer mit Capri und Ischia.<\/p>\n<p>In der Kartause ist man gewohnt unfreundlich. Dazu ist es teuer. Daf\u00fcr aber schlecht beschildert. Ausgerechnet die Veduten von Neapel, um die es mir ging, finde ich nicht. Daf\u00fcr gibt es Karossen, Schiffe, S\u00e4nften, alles repr\u00e4sentativ und prachtvoll.<\/p>\n<p>Die ganze Anlage ist ein barockes Gesamtkunstwerk, mit Kirche, Kreuzgang, G\u00e4rten, Innenhof, M\u00f6nchszellen. Von der urspr\u00fcnglich mittelalterlichen Anlage ist praktisch nichts mehr zu sehen.<\/p>\n<p>Viel Wert wird auf die G\u00e4rten und deren Pflanzen gelegt. Sie verweisen einmal auf den Hl. Bruno und seine kleine Einsiedlergemeinschaft, andererseits stellen sie das materielle Gegenbild zur spirituellen Welt dar. Alle Pflanzen, hei\u00dft es, seien nur einmal vertreten, und jede h\u00e4tte ihre eigene Symbolik, aber was das genau ist, erf\u00e4hrt man nicht, und die G\u00e4rten sehen auch nicht so verlockend aus.<\/p>\n<p>Entt\u00e4uscht mache ich mich auf den Weg nach unten, in die Innenstadt, \u00fcber einen ruhigen, abgeschiedenen Fu\u00dfweg mit breiten, flachen Treppen. Dann kommt man pl\u00f6tzlich auf den Corso, der den Vomero ziemlich brutal von der Altstadt abschneidet. Es geht ein ganzes St\u00fcck den Corso Vittorio Emmanuele entlang, der eher wie eine Landstra\u00dfe wirkt und dann ist man pl\u00f6tzlich in einem Altstadtviertel mit kleinen Gassen und dann pl\u00f6tzlich mitten im modernen Gro\u00dfstadtgetriebe auf der Piazza del Plebiscito. Dieser Spaziergang mit der wechselnden Atmosph\u00e4re in den abrupt ineinander \u00fcbergehenden Stadtteilen bleibt als eine der typischen Erscheinungen von Neapel in Erinnerung.<\/p>\n<p>Unterwegs kommt mir eine kleine Frau mit Stock und riesigen Zahnl\u00fccken entgegen, die mir den Weg weist und <em>Buona vacanza!<\/em><\/p>\n<p>Kurz darauf, auf dem Corso, kommt durch eine H\u00e4userl\u00fccke auf der anderen Stra\u00dfenseite eine merkw\u00fcrdige Kirche vor einer Felswand und hinter schmutzigen Stra\u00dfenschildern zum Vorschein, wie ein Genregem\u00e4lde.<\/p>\n<p>Im Altstadtviertel dann ein weiteres Photomotiv: Das Neonschild einer Trattoria, der Trattoria Zia Rosi, mit Angabe von Namen, Telefonnummer, typischen Gerichten usw. h\u00e4ngt auf dem Kopf.<\/p>\n<p>Die weitl\u00e4ufige, eigentlich etwas zu gro\u00dfe Piazza del Plebiscito (bis vor wenigen Jahren noch ein Parkplatz) ist der gr\u00f6\u00dfte und repr\u00e4sentativste Platz Neapels. An der Stirnseite die Basilika San Francesco di Paola und gegen\u00fcber der Palazzo Reale, an den anderen Seiten weitere Pal\u00e4ste. Die Basilika erinnert an das Pantheon, und auch bei den Kolonnaden hat Rom Pate gestanden. Man kommt sich vor wie auf dem Petersplatz. Die S\u00e4ulenhallen, die auf die \u00fcberkuppelte Kirche zulaufen, ist die ins Gro\u00dfe \u00fcbertragene Version der Villen Palladios. Wo in Rom Brunnen stehen, an den Schnittpunkten der Ellipse, stehen hier zwei Reiterstandbilder, die aber den gro\u00dfen Platz nicht ausf\u00fcllen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Mangels B\u00e4nken setze ich mich auf die Betonumfassung eines Baums am Rande des Platzes und versuche mich zu orientieren. Ich frage eine Frau, ob die Kuppel, auf die man ganz in der N\u00e4he sieht, die des Doms sei. Sie sagt nein und wendet sich ab. Dann wendet sie sich wieder zu mir und erkl\u00e4rt mir, dass das die Galleria sei. Das ist die Galleria Umberto I. Nix wie hin.<\/p>\n<p>Da glaubt man, in Mailand zu sein. Auch hier ein Dach aus ornamentiertem Glas, durch das das Licht nach unten dringt, auch hier vier Achsen, auch hier eine Kuppel \u00fcber dem Schnittpunkt der vier Achsen. W\u00e4hrend ich von Mailand aber nur exquisite Modegesch\u00e4fte und ein paar elit\u00e4re Caf\u00e9s in Erinnerung habe, gibt es hier ganz volkst\u00fcmliche Caf\u00e9s und Bars und ein paar ganz unscheinbare L\u00e4den. In einem kaufe ich zu einem Schleuderpreis einen Notizblock, der den alten ersetzt, den ich durch die Waschmaschine gejagt habe.<\/p>\n<p>Von hier aus sind es nur wenige Minuten bis zum Castel Nuovo, einem der Wahrzeichen Neapels. Hat f\u00fcr mich aber keinen Wiedererkennungswert. Taugt aber sehr als Wahrzeichen aufgrund seiner ganz auff\u00e4lligen Form. Die verdankt sich vor allem den Rundt\u00fcrmen. Die sind so dick, dass man nicht den Eindruck hat, sie w\u00e4ren die Ausl\u00e4ufer der Fassade, sondern sie w\u00e4ren die eigentliche Fassade und die Mauer nur so dazwischen geklemmt. Das wird noch dadurch verst\u00e4rkt, dass an der Frontseite gleich drei dieser Rundt\u00fcrme stehen.<\/p>\n<p>\u00dcber eine Zugbr\u00fccke n\u00e4hert man sich der Fassade. Ein spanisches Ehepaar steht davor und versucht, die Inschrift zu entziffern: \u201eHat das denn mal zu Spanien geh\u00f6rt?\u201c Ich rei\u00dfe mich zusammen und halte den Mund. Ja, das hat mal zu Spanien geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Auf den eisernen T\u00fcren des Triumphtors, das in die Burg f\u00fchrt, sind Reliefs zu sehen, die, wenn ich das richtig verstehe, den Kampf um Troja darstellen, aber die K\u00e4mpfer sehen aus wie mittelalterliche Ritter und sitzen auf Pferden. Dar\u00fcber ein Relieffries aus wei\u00dfem Marmor, in dem detailreich der Einzug Alfonsos in Neapel dargestellt wird. Damit begann die Herrschaft des Hauses Aragon und die der spanischen Vizek\u00f6nige. Alfons vereinigte die K\u00f6nigreiche Neapel und Sizilien in ein neues Reich. Immer wieder im Laufe der Geschichte wurde Sizilien mit Unteritalien vereinigt und dann wieder abgetrennt. Aber Neapel, also ganz Unteritalien, bliebt spanisch, auch unter den Bourbonen, bis zu Napoleon.<\/p>\n<p>Der bedeutendste der spanischen Vizek\u00f6nige war Pedro de Toledo. Nach ihm ist die Via Toledo benannt, die eigentliche Hauptstra\u00dfe Neapels, die sich in ziemlich geradem Verlauf von der <em>Piazza del Plebiscito<\/em> im S\u00fcden bis zur <em>Piazza Dante<\/em> im Norden erstreckt. Eine Fu\u00dfg\u00e4ngerstra\u00dfe mit edlen Gesch\u00e4ften. Da gehe ich bis zur Metrostation Toledo entlang, und wo da geht es wieder zur\u00fcck zum Bahnhof.<\/p>\n<p>Wieder in Salerno kaufe ich in einer in einem historischen Geb\u00e4ude untergebrachten Apotheke Blasenpflaster. Es ist genau das, es bei uns in Drogeriem\u00e4rkten gibt, ist aber viel teurer. Dabei ist es ein franz\u00f6sisches Produkt, hergestellt von einem amerikanischen Pharmariesen.<\/p>\n<p>Die <em>Hosteria Il Brigante<\/em> liegt versteckt in einer Seitenstra\u00dfe oberhalb des Di\u00f6zesanmuseums. Die w\u00fcrde man nicht finden, wenn man es nicht w\u00fcsste. Sie ist ein Tipp der Lehrerin. (Ich hatte vorher im Internet vergeblich unter <em>Osteria<\/em> gesucht). Ich bin zu fr\u00fch. Ge\u00f6ffnet wird erst um halb neun.<\/p>\n<p>Bei einem Spaziergang durch die Gegend h\u00f6re ich, wie jemand <em>Aspetta!<\/em> ruft, und zwar mit neapolitanischen Aussprache: <em>Aschpetta!<\/em>. Davon hat Andrea heute in der Pause gesprochen. Im Rum\u00e4nischen ist es \u00e4hnlich.<\/p>\n<p>Ich entdecke einen kleinen, neu er\u00f6ffneten, aber auf traditionell getrimmten Laden: <em>La Bottega di Nonna Vanna<\/em>. Drau\u00dfen h\u00e4ngen Jutetaschen mit Aufschriften. Auf einer steht: \u201eVita orrenda, che mi piaci tanto.\u201c Auf einer anderen: L\u2019uocchie so\u2018 peggio de scuppettate.\u201c<\/p>\n<p>Die <em>Hosteria<\/em> ist rustikal. Man sitzt an langen Holztischen, die Speisekarte ist handgeschrieben, die Pasta selbstgemacht, \u00fcberall liegt etwas rum. Das Essen ist gut, aber der Service eine Katastrophe. Hier regiert die Unfreundlichkeit. Ich verlasse am Ende kopfsch\u00fcttelnd das Lokal.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">7. September (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Im Unterricht wird ein Auszug aus einem Buch von Natalia Ginzburg gelesen. Au\u00dferdem gibt es eine Zusammenfassung von <em>Lessico Familiare<\/em>. Das h\u00f6rt sich sehr verlockend an.<\/p>\n<p>Die Lehrerin empfiehlt auch Oriana Fallaci, trotz ihrer oft kontroversen Meinungen und der schonungslosen Art, mit der sie vorging bei ihren Recherchen und Interviews. Sie war eine Kennerin der arabischen Welt. Andrea hat als einzige ein Buch von ihr gelesen.<\/p>\n<p>In der Pause frage ich die Taiwanesin, die sich mit Italien gut auskennt, wie ein Kaffee hei\u00dft, den an einem entfernten Tisch zwei Damen bestellt haben. Sie wei\u00df es nicht, geht aber sofort dorthin und erfragt es. Als wir wieder in der Schule sind, haben wir das Wort aber schon wieder vergessen.<\/p>\n<p>Die beiden Schokoladen-Hauptst\u00e4dte Italiens sind Turin und Perugia. Andrea ist die einzige, die <em>Baci Perugina<\/em> kennt. Sie kennt sie schon aus Rum\u00e4nien vor dem Mauerfall. Sie wurden von Ungarn \u00fcber die Grenze geschmuggelt. Erst Jahre sp\u00e4ter hat sie entdeckt, dass sie <em>baci<\/em> hei\u00dfen und italienisch sind.<\/p>\n<p>Manja hat auch schon mal in Bologna einen Kurs gemacht. Sie glaubt aber, dass es nicht dieselbe Schule war wie meine. Dort hatte sie den Eindruck, dass man sich mehr um die Sch\u00fcler k\u00fcmmert und ein besseres Freizeitprogramm hat.<\/p>\n<p>Neapel im Regen. Das trifft mich unvorbereitet. Und schlecht vorbereitet. Ich habe genau die Schuhe an, mit denen man auf den regennassen Steinen der Altstadt am besten ausrutscht.<\/p>\n<p>Angesichts des Regens kann man aber auch das unterirdische Neapel besichtigen, in diesem Falle die Metrostationen. Einige Stationen sind von bekannten K\u00fcnstlern gestaltet worden. In Toledo gibt es \u00fcber der Rolltreppe ein Mosaik aus blauen und wei\u00dfen Steinchen mit einem Krater in der Mitte, der ins Unendliche zu gehen scheint. In Dante gibt es in einem Geschoss Mosaike in knalligen Farben, die wie Pizzateige aussehen und rund oder oval aus der Wand heraustreten. Der komplette Kontrast dazu im n\u00e4chsten Geschoss: Ganz in Graubraun sind einzelne Schienenstr\u00e4nge an der Wand angebracht, hinter denen Schuhe und andere Objekte, aber haupts\u00e4chlich Schuhe stecken. Die Schienen dr\u00fccken die Schuhe an die Wand. In Garibaldi sind auf einer breiten Spiegelwand lebensgro\u00dfe Photographien von Reisenden angebracht, wartenden und eilenden. Die vermischen sich in dem Spiegel mit den wirklichen Reisenden, die hier die Rolltreppe nehmen. Man kann nicht mehr unterscheiden, was wirklich und was nicht wirklich ist. Und man kann damit spielen, dass man sich selbst im Spiegel zusammen mit den unwirklichen Reisenden photographiert.<\/p>\n<p>Der Regen \u00a0hat nicht nachgelassen, sondern zugenommen, und die <em>Capella<\/em> <em>Sansevero<\/em> ist auf der Piazza Dante nicht ausgeschildert. Zwei freundliche M\u00e4nner vor einem Laden schicken mich durch ein Tor in die Altstadt, nicht ohne mich vorher zu warnen: Uhr abnehmen, auf Wertsachen aufpassen, Rucksack vor der Brust tragen. Mache ich alles.<\/p>\n<p>Die kleine Kapelle ist gerappelt voll, und es wird ordentlich abkassiert. Ich hatte mir nicht vorgestellt, dass sie so bekannt ist.<\/p>\n<p>Die Kapelle ist ein Kleinod des Barock. Die Kapelle, wie man sie heute vorfindet, ist das Resultat der Umgestaltung, die der Prinz von Sansevero hat vornehmen lassen, ein Exzentriker mit vielen Begabungen.<\/p>\n<p>Der zentrale Anziehungspunkt ist der <em>Cristo Velato<\/em>, eine Skulptur, die im Zentrum der Kapelle steht. Der tote Christus liegt, auf weichen Kissen gebettet, auf dem R\u00fccken, ganz \u00fcber mit einem hauchd\u00fcnnen Schleier bedeckt. Der Schleier ist aus Marmor und l\u00e4sst die Konturen des darunterliegenden K\u00f6rpers, bis zu der Vene auf der Stirn, genau erkennen. Neben der Figur liegen die Dornenkrone und eine Zange, mit der die N\u00e4gel vom Kreuz entfernt wurden.<\/p>\n<p>\u00dcber der Figur erstreckt sich, das ganze Tunnelgew\u00f6lbe des Zentralraums entlang, \u00a0ein Deckengem\u00e4lde mit illusionistischer Architektur in leuchtenden Farben, mit einem Heiligen Geist, der in einer wahren Farbexplosion \u00fcber allem schwebt.<\/p>\n<p>Es gibt an beiden Seiten kleine Seitenkapelle, zwischen denen jeweils eine Figur steht, die jeweils eine Eigenschaft, eine Tugend verk\u00f6rpern: Bildung, Ehrlichkeit, religi\u00f6ser Eifer, Erkenntnis usw.<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig ist die Figur der Erkenntnis, eine Figur, die dem Vater des Prinzen gewidmet ist. Die Figur ist in einem Netz gefangen, einem Fischernetz mit dicken Knoten und Str\u00e4ngen, ist aber gerade dabei, sich darauf zu befreien. Mit einer Hand entfernt er das Netz und hat schon Gesicht und Brust davon befreit. Ihm entgegen tritt ein gefl\u00fcgelter Genius mit einer Flamme an der Stirn. Der steht f\u00fcr die Erkenntnis, f\u00fcr den Intellekt, und der hilft dabei, aus dem Netz der Unkenntnis zu entfliehen. Diese Deutung w\u00fcrde jedenfalls der aufgekl\u00e4rten, freimaurerischen Gesinnung des Prinzen entsprechen. Die Szene ist aber auch interpretiert worden als Erkenntnis Gottes, in Anspielung auf die Hinwendung zum Glauben, die der Vater kurz vor seinem Tod vollzogen haben soll.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber, auf der anderen Seite, steht die Figur, die der Mutter des Prinzen \u00a0gewidmet ist. Sie ist fr\u00fch verstorben. Der verk\u00fcmmerte Lebensbaum an ihrer Seite und die zerbrochene Tafel in ihrer Hand deuten darauf hin. Auch sie ist verschleiert, aber die Figur ist ungeheuer sinnlich. Dennoch steht sie f\u00fcr die Schamhaftigkeit.<\/p>\n<p>Kurios auch die Figur der Bildung, einer Frau mit entbl\u00f6\u00dfter Brust. Daran soll vermutlich der Z\u00f6gling an ihrer Seite gest\u00e4rkt werden, allerdings, wie eine Inschrift besagt, unter Aufbringung von \u201eDisziplin\u201c. Der Junge h\u00e4lt ein ge\u00f6ffnetes Buch in\u00a0 einer Hand, dessen Seiten und R\u00fccken sich wunderbar biegen.<\/p>\n<p>Auf dem Weg nach unten hat man einige moderne Fliesen mit dem Muster eines Labyrinths verlegt. Die erinnern an den Boden, den einst die gesamte Kapelle hatte. Das Labyrinth steht f\u00fcr die Schwierigkeiten auf dem Weg der Erkenntnis. Auch das kann man religi\u00f6s deuten, muss man aber nicht.<\/p>\n<p>Unten erwartet einen dann noch eine echte Sensation. In zwei Schauk\u00e4sten stehen zwei Skelette, das eines Mannes und das einer Frau, aber Skelette, die fast komplett mit Venen und Arterien ausgestattet sind. Man wei\u00df bis heute nicht, wie diese Figuren zustande gekommen sind. Man munkelt, der Prinz habe zwei Dienern bei lebendigem Leib eine Fl\u00fcssigkeit injiziert, welche die Blutbahnen versteinern lie\u00df. Ob das stimmt, kann man bezweifeln. Aber das Motiv d\u00fcrfte eher das Bem\u00fchen um Erkenntnis sein als die Freude am Makabren.<\/p>\n<p>Gerade trocken geworden, mache ich mich wieder durch den Regen auf den Weg zu meinem n\u00e4chsten Ziel, dem <em>Teatro San Carlo<\/em>.<\/p>\n<p>Auf dem Weg kommt mir die Aktion eines Ladenbesitzers sehr entgegen. Er verbietet nicht etwa den Besuch seines WCs, wenn man kein Kunde ist, sondern bietet es auf einem Schild vielsprachig an: 1 Euro.<\/p>\n<p>Hier gibt es eine F\u00fchrung. Die ist interessant, l\u00e4sst aber die gesamte Auff\u00fchrungsgeschichte au\u00dfen vor. Kein S\u00e4nger, kein Dirigent, kein Komponist wird genannt, mit Ausnahme von Verdi. Man erf\u00e4hrt noch nicht einmal, mit welcher Oper das Theater eingeweiht wurde.<\/p>\n<p>Man erf\u00e4hrt aber, dass es das \u00e4lteste noch im Betrieb befindliche Theater Europas ist (an anderer Stelle ist sogar von dem \u00e4ltesten Theater der Welt die Rede), wobei mit <em>Theater<\/em> wohl <em>Oper<\/em> gemeint ist. Das Theater wurde 1737 er\u00f6ffnet, Jahrzehnte vor der Scala und dem Teatro La Fenice. Er\u00f6ffnet wurde es am 4. November, dem Namenstag des K\u00f6nigs, und daher hat es seinen Namen: San Carlo. Karl V. von Neapel war der Auftraggeber. Er soll auch den Bau eines geheimen Tunnels vom naheliegenden Palazzo Reale veranlasst haben, um sich auf seinem Weg ins Theater nicht mit dem Volk mischen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Das alte Theater wurde in Rekordzeit, in wenigen Monaten, errichtet. Durch einen Brand wurden 1816 gro\u00dfe Teile des urspr\u00fcnglichen Theaters, das aus Holz war, zerst\u00f6rt. Das, was man heute sieht, ist das Resultat des Neubaus.<\/p>\n<p>Das Theater ist eine wahre Schatztruhe, jedenfalls der Innenraum. Die F\u00fchrerin bezeichnet es als das sch\u00f6nste Theater der Welt. Solche Superlative sagen aber nichts aus. Auf jeden Fall ist die Gesamtschau beeindruckend sch\u00f6n.\u00a0 Alle St\u00fchle und der Vorhang und die Seiten der Logen sind in leuchtendem Rot, die Balustraden der Logen in Wei\u00dfgold. Rot und Wei\u00df sind die Farben des Hauses Savoy. Die haben mit dem Theater nichts zu tun, lie\u00dfen aber das bourbonische Blau und Wei\u00df nach ihrer Thronbesteigung und der Einigung Italiens entfernen. Auch das Wappen der Bourbonen \u00fcber der B\u00fchne lie\u00dfen sie entfernen oder, richtiger gesagt, zudecken. Es kam dann bei dem Erdbeben von 1980 wieder zum Vorschein, nachdem eine Gipsverblendung abgebr\u00f6ckelt war, hinter der sich das Wappen verbarg. Jetzt sehen sich das bourbonische Wappen \u00fcber der B\u00fchne und das Wappen des Hauses Savoy \u00fcber der k\u00f6niglichen Logen in die Augen.<\/p>\n<p>Das Theater ist hufeneisenf\u00f6rmig angeordnet und hat f\u00fcnf R\u00e4nge und den \u201eTaubenschlag\u201c ganz oben. Der ist ausschlie\u00dflich f\u00fcr Experten, Musiker und Musikkritiker reserviert, die so in der N\u00e4he der h\u00f6lzernen Klangkammer unter der Decke sitzen. Die Klangkammer ist bedeckt mit einem 500 m<sup>2<\/sup> gro\u00dfen Leinentuch, das Minerva (als Sonne) in der Pr\u00e4senz von drei Dichtern, Dante, Vergil und Homer.<\/p>\n<p>Umstritten ist die moderne Hinzuf\u00fcgung einer Klimaanlage, erkennbar an Gittern unter den St\u00fchlen, die die Luftzirkulation erm\u00f6glichen. Die Klimaanlage hat das Ende der Saison von Mai auf den August verschoben, hat aber bei einigen Dirigenten Unmut ausgel\u00f6st, weil sie fanden, dass die Akustik Schaden genommen habe. Die gute Akustik ist auch dem abfallenden, h\u00f6lzernen Boden zu verdanken, wird uns erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>\u00dcber der B\u00fchne h\u00e4ngt eine stark verzierte Uhr mit einem Zeiger. Der Zeiger ist der Finger der Figur des Kronos neben der Uhr. Nicht der Finger bewegt sich, sondern das Ziffernblatt.<\/p>\n<p>Nach der F\u00fchrung mache ich mich, da der Regen inzwischen nachgelassen hat, auf die Suche nach der Pizzeria da Michele, der traditionsreichsten Pizzeria Neapels. Hier wird die \u201eechte\u201c neapolitanische Pizza gemacht.<\/p>\n<p>Die Pizzeria liegt in einer Seitenstra\u00dfe, unweit des Bahnhofs. Aber schon von weiten sieht man die Schlange, jetzt, um halb sieben! Hier essen oder kaufen die Neapolitaner ihre Pizza. Man muss eine Nummer ziehen, wie auf einer Bank, um sich in die Schlange einzureihen. Ich verzichte.<\/p>\n<p>Das hat dann wiederum was Gutes. Inzwischen ist eine Anfrage von Manja gekommen, ob man nicht zusammen etwas in Salerno essen k\u00f6nne. Das tun wir, in der <em>Pizzeria Sant\u2019Andrea<\/em>, in der Altstadt. Das erweist sich als eine gute Wahl, obwohl ganz zuf\u00e4llig getroffen. Endlich gibt es mal einen Kellner, der freundlich und hilfsbereit ist. Er warnt mich sogar, als es um die Wahl der Vorspeise geht. Ich will die \u201esalernitanische Spezialit\u00e4t\u201c probieren, die auf der Speisekarte steht: Milz. Ich tue es trotzdem und muss ihm im Nachhinein Recht geben. Etwas \u201estark\u201c im Geschmack ist sie schon, in der Konsistenz nicht viel anders als Leber, aber stark gew\u00fcrzt ist sie auch, mit einem ganzen Kranz von Pfeffer. Ich schaffe nur eine Scheibe. Der Rest ist Normalit\u00e4t: Pizza, Wasser, Wein.<\/p>\n<p>Wir schaffe es, den ganzen Abend bei Italienisch zu bleiben. Manja ist von der Schule entt\u00e4uscht, nicht nur vom Unterricht, bereut aber nicht, nach Salerno gekommen zu sein, andere Ecke von Italien, \u00fcbersichtlich, viel zu entdecken in der Umgebung, und aufregende Natur. In diesem letzten Punkt gibt sie Salerno den Zuschlag im Vergleich zu Bologna.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">8. September (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Andrea und Juraj haben fr\u00fcher miteinander Englisch gesprochen. Jetzt sprechen sie Italienisch miteinander.<\/p>\n<p>Andrea erz\u00e4hlt im Unterricht, ihr gr\u00f6\u00dfter Wunsch als M\u00e4dchen sei es gewesen, auf die Universit\u00e4t zu gehen. Der Wunsch ist in Erf\u00fcllung gegangen. Sie hat in Cluj studiert, der zweitgr\u00f6\u00dften Stadt Rum\u00e4niens. Noch sch\u00f6ner als Cluj sei Sibiu. Beides sagt mir nichts. Juraj kennt aber auch die deutschen und ungarischen Namen von beiden. Die Deutschen Namen sind Klausenburg und Hermannstadt.<\/p>\n<p>Seit gestern geht es im Unterricht um <em>particelle<\/em>, endlich mal was, womit man was anfangen kann. Das sind, wie es aussieht, Diskursmarker (werden auch <em>marcatori<\/em> genannt). Zu ihnen geh\u00f6ren <em>mica<\/em>, <em>addiritura<\/em>, <em>anzi<\/em>, <em>magari<\/em>. Aber methodisch ist das so schlecht, dass man am Ende nur verwirrt ist. Jede der <em>particelle<\/em> hat mehrere Funktionen, und hier wird man nur mit Erkl\u00e4rungen und Beispielen bombardiert. Schade.<\/p>\n<p>Die junge Spanierin, eine \u00dcberfliegerin, die nebenbei zwei Instrumente spielt und Gesangsunterricht am Konservatorium erh\u00e4lt, geht in Madrid auf die Italienische Schule. Immer wieder wird sie mit der Frage konfrontiert, warum sie denn Italienisch lerne. Das k\u00f6nne man doch so verstehen. Immer wieder muss sie dementieren.<\/p>\n<p>Nach dem Erdbeben von 1980 sind die H\u00e4user der Altstadt von Salerno wieder hergerichtet und teils neu ausgestattet worden. Die Immobilienpreise seien allerdings seitdem drastisch in die H\u00f6he gegangen, sagt die Lehrerin. Andererseits gebe es jetzt eine gute Mischung von Alteingesessenen und Neuzugezogenen. Die h\u00e4tten, im Gegensatz zu den Alteingesessenen, eine modernere Ausstattung in ihren H\u00e4usern, teils sogar einen Aufzug. Diese Mischung aus Alt und Neu, aus Einfach und Anspruchsvoll erkennt man auch bei den L\u00e4den in der Altstadt.<\/p>\n<p>Ich kann mich zu einer weiteren Fahrt nach Neapel nicht entscheiden und gehe stattdessen durch den Regen in das viel bescheidenere Arch\u00e4ologische Museum von Salerno. Aber das lohnt sich. Es gibt sehr sch\u00f6ne Exponate, und die sind gut pr\u00e4sentiert, in einem alten Dominikanerkloster mit Arkaden in grau-wei\u00df abgesetzten Steinen im Untergeschoss.<\/p>\n<p>Zu den \u00e4ltesten Fundst\u00fccken geh\u00f6ren der Femur eines Nashorns und \u00a0die beeindruckenden Kiefer eines Elephas Antiquus. Ganz grob gesch\u00e4tzt, sind beide 100.000 Jahre alt.<\/p>\n<p>Die Fundst\u00fccke sind chronologisch und dann nach Fundorten geordnet. Alle stammen aus der Provinz Salerno. Ich sehe mir aber einfach die auff\u00e4lligsten St\u00fccke an.<\/p>\n<p>Am Abend gehe ich in das von der Lehrerin und von dem Schweizer Mitbewohner empfohlene <em>L\u2019Archetto<\/em>, einem ganz bescheidenen Familienbetrieb, wo die Mutter kocht, der auf Pantoffeln schl\u00fcrfende Vater serviert und der Sohn abr\u00e4umt. Ich bestelle einen Teller mit mariniertem Gem\u00fcse, kalt serviert, und Penne alla Siciliana, mit Basilikum und Auberginen. Schmeckt gut, aber der Wein ist eine Katastrophe. Obwohl es gut schmeckt, w\u00e4re hier wohl Pizza die bessere Wahl gewesen. Am Nebentisch, wo eine italienische Gro\u00dffamilie sitzt, haben alle Pizza bestellt. Sie schneiden die Pizza in Segmente, klappen die Segmente zu und essen sie mit der Hand. Alle machen das so.<\/p>\n<p>Auf dem Heimweg komme ich noch an <em>Je, tu e iss<\/em> vorbei, der Osteria auf der Via Roma. Inzwischen habe ich von Juraj erfahren, dass das neapolitanisch f\u00fcr <em>Ich, du<\/em> <em>und er<\/em> ist. \u00a0Die Speisekarte ist hier zweisprachig. Ein Gericht ist auf der englischen Speisekarte teurer als auf der italienischen, aber das ist vermutlich nur ein Versehen.<\/p>\n<p>Dann sehe ich noch ein neapolitanisches Zitat, das man entziffern kann, auch weil es eine Volksweisheit ausdr\u00fcckt: <em>A superbia va a cavall e torna a per. <\/em><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">9. September (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Am letzten Unterrichtstag gibt es nochmal ein paar negative H\u00f6hepunkte, aber auch eine sch\u00f6ne Geschichte von einer Frau, die sich \u00e4rgert, dass ein unbekannter Mann im Zug neben ihr sich ohne Bedenken an ihre Kekse heranmacht, die auf dem Sitz zwischen ihnen stehen. Sie sagt nichts, kann sich aber vor Wut kaum beherrschen. Als sie dann aufsteht, merkt sie, dass ihre Kekse noch unverbraucht in ihrer Handtasche sind. Die Kekse zwischen ihnen waren die des Mannes. Der hat, als nur noch ein Keks da war, den in zwei H\u00e4lften geteilt und ihr eine H\u00e4lfte \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Am Nachmittag gebe ich noch einmal richtig Geld f\u00fcr B\u00fccher aus. Ich kaufe <em>Lessico<\/em> <em>familiare<\/em> und <em>Niente di vero tranne gli occhi<\/em>, einen von der Lehrerin empfohlenen Krimi; au\u00dferdem ein Buch \u00fcber Latein mit einem sch\u00f6nen Untertitel und ein Buch \u00fcber Grammatik, das keins ist: <em>Viva il latino. <\/em><em>Storia e belleza di una lingua inutile<\/em> und <em>Di grammatica non si muore. <\/em><\/p>\n<p>Sardellen werden in dieser Gegend entweder eingesalzen oder, wie ich es bereits in Cetara gesehen habe, zur <em>colatura di alici<\/em> verarbeitet. Hausfrauen machen sie selbst. Man kann es aber auch bequemer haben und ein Glas kaufen. Das tue ich in der <em>Bottega di Nonna Vanna<\/em>. Ein Glas h\u00e4lt lange vor, denn die So\u00dfe (oder vielleicht besser Paste) h\u00e4lt lange vor. Und hat eine lange Geschichte. Schon in der Antike diente sie dem W\u00fcrzen von Gem\u00fcse-, Fleisch- und Fischgerichten. Damals hie\u00df das Zeug Garum und wurde fabrikm\u00e4\u00dfig hergestellt. Das ist meine letzte Aktion in Salerno, bevor am Abend der Aufenthalt mit einem internationalen Abendessen zu Ende geht.<\/p>\n<p>Das Wetter wird langsam wieder besser. Die anderen haben Gl\u00fcck. Ab n\u00e4chste Woche soll es wieder richtig sch\u00f6n werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>21. August (Sonntag) \u201eNach der Mahlzeit schlummere du wenig oder auch gar nicht. Tr\u00e4gheit und Fieber, ein Schnupfen gar samt Schmerzen des Kopfes. 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