{"id":8771,"date":"2016-12-30T12:40:40","date_gmt":"2016-12-30T11:40:40","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=8771"},"modified":"2017-01-09T17:50:54","modified_gmt":"2017-01-09T16:50:54","slug":"irland-2016","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=8771","title":{"rendered":"Irland (2016)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. Dezember (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Irland ist kein klassisches Winterreiseziel, aber man kann es ja mal versuchen. Und die Erinnerungen an die verblassenden fr\u00fcheren Reisen auffrischen.<\/p>\n<p>Nach New Ross zu fahren, daf\u00fcr gebe es keinen Grund, sagen die Reisef\u00fchrer. Aber die sind etwas veraltet. Inzwischen gibt es einen: Die SS Dunbrody. Und es gibt noch einen: g\u00fcnstige Preise bei der Unterkunft.<\/p>\n<p>New Ross liegt in Leinster, einer der vier irischen Provinzen. Die kann man grob gesprochen mit den vier Himmelsrichtungen verbinden: Ulster im Norden, Munster in S\u00fcden, Connaught im Westen und Leinster im Osten. Leinster gilt nicht als eine besonders \u201eirische Provinz\u201c, irisch im traditionellen Sinn. Sie ist mehr von den Wikingern und von den Anglonormannen bestimmt worden. Aber auch die sind ein Teil Irlands. Wenn auch weniger dem Klischee entsprechend.<\/p>\n<p>Das irische Wort f\u00fcr \u201aProvinz\u2018, <em>c\u00f3iced<\/em>, ist von dem Wort f\u00fcr \u201af\u00fcnf\u2018 abgeleitet, der heiligen Zahl der Kelten. Neben den vier tats\u00e4chlichen Provinzen gab es noch eine f\u00fcnfte, mystische Provinz: Mide. Die f\u00fcnf Provinzen wurden mit bestimmten Werten assoziiert: Ulster mit Kampf, Munster mit Musik, Connaught mit Wissen, Leinster mit Wohlstand, Mide mit Macht.<\/p>\n<p>Nach der Landung in Dublin geht es mit dem Auto gleich s\u00fcdw\u00e4rts. Man wird auf die Autobahn geleitet, und dort wird Maut kassiert. Im letzten Moment verlasse ich die Autobahn und fahre auf eine Landstra\u00dfe, Richtung Kilkenny, die dann wiederum in eine Autobahn \u00fcbergeht, bei der aber keine Maut anf\u00e4llt. \u00dcberall sieht es sehr englisch aus, dass man in Irland ist, kann man nur an den zweisprachigen Wegweisern ablesen. Alle Angaben, sowohl auf dem Tachometer als auch auf den Verkehrsschildern, sind in Kilometern, nicht in Meilen gehalten.<\/p>\n<p>Die letzten vierzig Kilometer, \u00fcber die dunkle, enge, kurvige Landstra\u00dfe haben es in sich. Und links zu fahren erweist sich als schwerer als ich es in Erinnerung hatte. Wenn man wendet, sich verfahren hat oder sich pl\u00f6tzlich allein auf einer einsamen Stra\u00dfe befindet, findet man sich schon mal unversehens auf der rechten Stra\u00dfenseite wieder. Auch mit links zu schalten f\u00fchlt sich komisch an, und selbst die Scheibenwischer bewegen sich \u201efalsch\u201c herum.<\/p>\n<p>Die Lichter von New Ross, das sich jetzt am sp\u00e4ten Abend mit der erleuchteten Br\u00fccke und dem erleuchteten Hafen gar nicht so unansehnlich darstellt, lassen mich aufatmen. Jetzt gilt es aber noch, die Unterkunft zu finden, und das ist gar nicht so einfach, denn es gibt keine Stra\u00dfennamen! Das hei\u00dft, es gibt sie schon, auf Karten, aber nicht auf Schildern. Ein freundlicher Ladenbesitzer und ein freundlicher Hundebesitzer helfen mir weiter. In dem Laden, gleich unten am Fluss, werde ich in den n\u00e4chsten Tagen Stammkunde. Heute kaufe ich nur Kekse und Mineralwasser. Das Mineralwasser kommt aus Polen.<\/p>\n<p>Die Unterkunft, B&amp;B, liegt ein ganzes St\u00fcck au\u00dferhalb des Zentrums. Durch das Fenster des kleinen Zimmers hat man einen sch\u00f6nen Blick auf den Barrow, den erstaunlich breiten Fluss von New Ross.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">27. Dezember (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Mein erstes Ziel ist die einzige nennenswerte Sehensw\u00fcrdigkeit von New Ross, die SS Dunbrody. Sie liegt im Hafen, wenige Minuten von der Stadtmitte entfernt. Es handelt sich um die Nachbildung eines Schiffs aus dem 19. Jahrhundert, von dem nur noch die Schiffsglocke erhalten ist.<\/p>\n<p>Die Dunbrody war ein Frachtschiff, kein Passagierschiff, und doch wurden auf dem H\u00f6hepunkt der Hungersnot und der Auswanderungswelle auch, mit \u00f6ffentlicher Erlaubnis, Passagiere damit bef\u00f6rdert, ein gutes Gesch\u00e4ft, denn sonst fuhr die Dunbrody \u2013 wie andere Frachtschiffe \u2013 vollbeladen von Amerika nach Europa, aber nur mit Ballast beladen von Europa nach Amerika. Die wichtigsten Einfuhrg\u00fcter waren Holz aus Kanada und Baumwolle und Tabak aus den USA.<\/p>\n<p>Die Dunbrody war ein Segelschiff, ein Dreimaster, und die Reise nach Amerika dauerte, je nach Reiseziel, zwischen vier und sechs Wochen.<\/p>\n<p>Die Dunbrody bestand ganz aus Holz, meist einheimischem Holz, irischer Eiche. Nur f\u00fcr das Kiel musste Holz importiert werden, afrikanisches Hartholz. Die heimischen Eichen waren daf\u00fcr einfach nicht gro\u00df genug.<\/p>\n<p>Die \u00dcberfahrt, auf der wir uns laut Eintrittskarte \u201ebefinden\u201c, hatte knapp 180 Passagiere, mehr als genug, aber weniger, als andere Schiffe trotz Platzmangel aufnahmen. W\u00e4hrend der \u00dcberfahrt starben f\u00fcnf Passagiere, weitere drei w\u00e4hrend der Quarant\u00e4ne. Das ist eine gute Bilanz, und die ist das Verdienst des Kapit\u00e4ns, eines verantwortungsvollen Mannes mit medizinischen Kenntnissen.<\/p>\n<p>Man h\u00f6rt immer wieder andere Zahlen, wenn es um die Hungersnot geht, aber ganz grob kann man sagen, dass ca. 1,5 Millionen Iren starben, 1,5 Millionen Iren auswanderten.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Passagiere im Salon, wie sich die erste Klasse nannte (die strikt von den anderen Passagieren getrennt war) war die \u00dcberfahrt kein Zuckerschlecken, f\u00fcr die anderen Passagiere ein Grauen. Wir sehen unten einen Verschlag, in dem eine ganze Familie untergebracht war. Eine Schauspielerin, die eine der (tats\u00e4chlich dokumentierten) Frauen verk\u00f6rpert, die auf dem Schiff waren, erz\u00e4hlt uns ihre Geschichte, wie sie schon zwei Tage vor der Einschiffung mit Mann und f\u00fcnf Kindern nach New Ross aufgebrochen war, dabei unterst\u00fctzt von dem Stewart des Hofes, auf dem sie und ihr Mann t\u00e4tig waren. Ihr Mann ist w\u00e4hrend der Reise gestorben, sie kennt niemanden in Amerika und fragt st\u00e4ndig, wie lange die Fahrt denn noch dauere. Sie spricht langsam, \u00a0so als wenn sie M\u00fche h\u00e4tte. Sie stellt sich als <em>Anne White<\/em> vor, mit der typisch irischen Umwandlung des Verschlusslauts in einen Reibelaut. Es klingt wie <em>Anne Whishe.<\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr die Notdurft gab es Nachtt\u00f6pfe. Die musste man selbst ausleeren, \u00fcber Bord. Die mangelnde Hygiene sorgte zusammen mit Ratten und Ungeziefer f\u00fcr die Ausbreitung von Krankheiten, vor allem Typhus und Cholera.<\/p>\n<p>Die Unsicherheit, das Risiko, die schlechte Versorgung, all das l\u00e4sst an die Fl\u00fcchtlinge der Gegenwart denken. Und auch diese Emigranten mussten Geld f\u00fcr die \u00dcberfahrt bezahlen, einen ganzen Batzen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Verpflegung war gesorgt, aber nur f\u00fcr die Grundversorgung: Schiffszwieback, Mehl und Reis. 1000 Kalorien pro Tag. Den Rest musste man mitbringen. Und man musste selbst kochen. Auf einer offenen Feuerstelle auf dem oberen Deck. Ich frage, ob es da keine Probleme mit dem Feuer gebe. Nein, diese Bohlen brennen erst bei 500\u00b0 Celsius! Man muss nat\u00fcrlich aufpassen, dass keine Fetzen herumliegen, aber daf\u00fcr sorgt eben ein guter Kapit\u00e4n.<\/p>\n<p>Auf dem Unterdeck hat die Mannschaft ihre Kaj\u00fcten, nicht komfortabler, aber viel ger\u00e4umiger als die der Passagiere. Hier ist auch eine genaue Aufstellung \u00fcber den Lohn zu finden, in Schilling. Je nach Rang ein paar Schilling mehr oder weniger. Umgerechnet in Pfund liegt der Durchschnittsverdienst bei \u00a32. Der eines Landarbeiters lag bei etwa \u00a31. Es gibt allerdings auch ein Strafregister. F\u00fcr Fluchen, Schmuggeln, Trunkenheit gibt es genau festgelegte Betr\u00e4ge. Besonders scharf sind die Regeln am Sonntag. Da steht auch Strafe darauf, wenn man unrasiert erscheint.<\/p>\n<p>Nach der Schiffsbesichtigung steige ich in die h\u00f6her gelegenen Str\u00e4\u00dfchen des Hafenviertels hoch. Gar nicht so unansehnlich.<\/p>\n<p>In einem Caf\u00e9 bestelle ich Tee mit Scones und komme mit einem Mann am Nachbartisch ins Gespr\u00e4ch, einem f\u00fclligen Mann, der die Sportseite der Zeitung vor sich liegen hat. Da er das Reden \u00fcbernimmt, kann ich mich ganz aufs H\u00f6ren konzentrieren. Das ist auch n\u00f6tig. Er spricht \u00fcber Gott und die Welt, \u00fcber Deutschland und die Fl\u00fcchtlinge, \u00fcber den Brexit, \u00fcber irische Sehensw\u00fcrdigkeiten, \u00fcber Rum\u00e4nen und Zigeuner. Er selbst war Landwirt. So, wie er es beschreibt, h\u00f6rt es sich eher nach Gutsverwalter als nach Knecht an. Er war auch auf einem Agricultural College. Mit viel Liebe zum Detail erz\u00e4hlt er mir von Frauen und M\u00e4nnern aus seinem Bekanntenkreis \u2013 den genauen Bezug verstehe ich nicht \u2013 die in Bremen verheiratet sind, vielsprachig sind, im diplomatischen Dienst arbeiten usw. Bald verliere ich den \u00dcberblick. Trotzdem h\u00f6re ich ihm gerne zu. Er erweist sich als liberaler, weltoffener Mann. Vom Brexit spricht er mit Verachtung, von Merkel und der Fl\u00fcchtlingspolitik mit Achtung. Und es entgeht mir nicht, dass er sagt: \u201eShe lives in Bremen 17 years.\u201c Deutscher Fehler = irische Norm. Ich verabschiede mich und mache mich auf den Weg nach Hook Head, von ihm empfohlen.<\/p>\n<p>Das ist nicht allzu weit, und dort gibt es einen Leuchtturm zu sehen. Auf dem Weg dahin ein Hinweisschild, man solle doch bitte links fahren. Auch auf Deutsch. Warum gerade hier?<\/p>\n<p>Die B\u00e4ume sind kahl, der Himmel ist bedeckt, die Landschaft ist h\u00fcgelig, die Wiesen sind gr\u00fcn, die Mauern sind grau, die Schafe sind wei\u00df. Irland hat 5 Millionen Schafe und 7 Millionen K\u00fche.<\/p>\n<p>Auf dem Gel\u00e4nde des Leuchtturms, der von sch\u00f6nen, einst\u00f6ckigen, wei\u00df get\u00fcnchten H\u00e4usern umgeben ist, steht: 5km\/h. Geht das \u00fcberhaupt?<\/p>\n<p>Der Leuchtturm ist einer der besonderen Art. Das geht mir aber erst ganz langsam auf. Hinter dem Eingang steht <em>Entrance to the Monks\u2018 Chapel<\/em>, und das ist der erste Hinweis: Der Leuchtturm wurde tats\u00e4chlich von M\u00f6nchen betrieben! Die mussten in den alten Zeiten die Kohle \u00fcber die steile Treppe nach oben schleppen, um das Leuchtfeuer zu unterhalten. Sp\u00e4ter gab es dann Paraffin und erst ganz sp\u00e4t Elektrizit\u00e4t.<\/p>\n<p>Der Leuchtturm gilt als einer der \u00e4ltesten Europas. Er war Teil einer st\u00e4dteplanerischen Gesamtaktion eines normannischen Adeligen, William Marshal. Der war 1201 mit einem mastlosen Schiff hier gelandet und fast untergegangen und hatte geschworen, aus Dankbarkeit f\u00fcr seine Errettung und die seiner Familia ein Kloster zu bauen, und das tat er auch: Tintern Abbey. Um weitere Schiffe vor Ungl\u00fccksf\u00e4llen zu bewahren, baute er dann auch gleich noch den Leuchtturm. Das kam ihm aber sowieso gut zu Pass, denn er baute auch den Hafen von New Ross zu einem bedeutenden Handelshafen aus und hatte nat\u00fcrlich ein Interesse daran, dass die Schiffe sicher ankamen.<\/p>\n<p>Schon vor Marshals Ankunft soll es hier einfache Leuchtfeuer gegeben haben, aber eben noch keinen Leuchtturm. Dass Marshal auf die Idee kam, war kein Zufall: Er war auf Kreuzz\u00fcgen im Morgenland gewesen und hatte dabei die Leuchtt\u00fcrme von Acra und Alexandria kennengelernt!<\/p>\n<p>Im Obergeschoss sieht man ein Kreuzrippengew\u00f6lbe, das tats\u00e4chlich aus der Zeit stammt. Der gesamte Leuchtturm, grau-wei\u00df gestreift, nicht sehr hoch, eher st\u00e4mmig, scheint aber, entgegen den Beteuerungen des F\u00fchrers, neuer zu sein. Vielleicht ist der alte einfach in den neuen integriert worden.<\/p>\n<p>In einem Obergeschoss sieht man auch Nischen, die als Schlafr\u00e4ume und als Gebetsr\u00e4ume f\u00fcr die M\u00f6nche dienten. Eine hatte sogar eine kleine Bibliothek.<\/p>\n<p>Es kommt auch einer der letzten Leuchtturmw\u00e4rter zu Wort, in einer Einspielung, zusammen mit seiner Frau. Sie \u00e4u\u00dfern sich sehr positiv \u00fcber die Stelle. Andere Leuchtturmw\u00e4rter verbrachten einsam auf einer Felseninsel den einen \u00fcber den anderen Monat, hier war man an Land und konnte mit seiner Familie leben. Man war zwar weit ab vom Schuss, aber die Gesellschaft, die den Leuchtturm betrieb, sorgte f\u00fcr Verpflegung und f\u00fcr Transport, so dass die Kinder hier wohnen, aber woanders zur Schule gehen konnten.<\/p>\n<p>Der F\u00fchrer ist \u00e4u\u00dferst freundlich und redselig. Und h\u00f6rt sich sehr irisch an: <em>tree sides, opp de tower, not moch, Tempelars\u2018 Church, moind your head<\/em>. Da kommt Freude auf. Eine andere Eigenheit ist seine Antwort auf <em>Thank you<\/em>. Die ist immer: <em>No problem<\/em>. Das h\u00f6re ich in den n\u00e4chsten Tagen immer wieder.<\/p>\n<p>Beim Verlassen des Leuchtturms sehe ich noch ein Gedicht von Heaney auf Hook Head, die Halbinsel, auf der der Leuchtturm steht, und eine Tafel zum Leben von William Marshal: Er hatte f\u00fcnf S\u00f6hne und f\u00fcnf T\u00f6chter. Alle S\u00f6hne starben, alle T\u00f6chter brachte er unter die Haube!<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg mache ich kurz halt. Gleich am Stra\u00dfenrand steht Ross Church, eine gut erhaltene Ruine, grauer Stein auf gr\u00fcner Wiese. Die Reste eines kleinen Glockenturms sind noch zu erkennen. Und eine Trennwand, die das Schiff quer in zwei Teile teilt, einer f\u00fcr die Gl\u00e4ubigen, einer f\u00fcr die Geistlichen vermutlich. Vor dem schattierten Himmel hat diese Ruine hier in der Einsamkeit eine eigent\u00fcmliche Wirkung.<\/p>\n<p>In New Ross mache ich noch einen Gang durch die Stadt. Das St. Michael\u2019s Theatre war fr\u00fcher St. Michael\u2019s Church. Aber ob hier ein Theater bessere \u00dcberlebenschancen hat als eine Kirche?<\/p>\n<p>Ein Buchmacher hei\u00dft passenderweise Paddy Power. Und eine N\u00e4herei <em>Sew it Seams<\/em>. Eine Plakette weist darauf hin, dass hier fr\u00fcher der Schlachthof war oder das Viertel, in dem meistens die Metzger t\u00e4tig waren: <em>The Shambles.<\/em> Und gleich in der N\u00e4he befand sich das Gef\u00e4ngnis und Pranger (<em>pillary<\/em>) und Tauchstuhl (<em>ducking<\/em> <em>stool<\/em>).<\/p>\n<p>Wenn ich durch die Stra\u00dfen gehe, muss ich mir manchmal in Erinnerung rufen dass ich in Irland bin und nicht in England. Die Markierungen auf dem Stra\u00dfenbelag, die Verkehrszeichen, die Fahrspur links, all das ist wie in England.\u00a0 Nur <em>Yield<\/em> weicht ab von <em>Give Way<\/em> auf den Schildern.<\/p>\n<p>Auch sonst wirkt alles sehr englisch: Zeitungen, Off Licence, Fish &amp; Chips, Scones, Ladenfronten, Pubs einschlie\u00dflich ihrer Namen. Der gr\u00f6\u00dfte Unterschied ist in der Sprache, den zweisprachigen Schildern und dem irischen Akzent.<\/p>\n<p>In der Cafeteria in Hook Head ist mir aufgefallen, wie schlecht die Iren gekleidet sind: altmodisch, \u00e4rmlich und entschieden unelegant. Ab und zu gibt es mal Frauen, die von dem Muster abweichen, aber die sind eine Seltenheit. Sogar ich in meinem Reiseoutfit sehe hier noch vorzeigbar aus.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">28. Dezember (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Waterford liegt nur 30 km von New Ross entfernt. Man \u00fcberquert den Barrow, um in die Richtung zu kommen. Am Ortsausgang von New Ross liegen sich Aldi und Lidl fast gegen\u00fcber, und kaum eine Minute sp\u00e4ter befindet man sich schon in der Grafschaft Kilkenny.<\/p>\n<p>Waterford zeigt sich verschlossen: Kirchen, Museum, Turm, Touristeninformation, alles zu. Offen ist aber eine kleine B\u00e4ckerei in einer Seitenstra\u00dfe. Der freundliche und gespr\u00e4chige B\u00e4cker serviert mir einen Tee mit einem Scone und macht mich darauf aufmerksam, dass ich mich in Irlands \u00e4ltester Stadt bef\u00e4nde. Die Kelten bauten keine St\u00e4dte, und so sind viele der alten St\u00e4dte Irlands Gr\u00fcndungen der Wikinger, vor allem an der K\u00fcste, vor allem im S\u00fcden: Wexford, Limerick und eben auch Waterford.<\/p>\n<p>Ich m\u00fcsse mir unbedingt das Mittelaltermuseum hier in Waterford ansehen. Das sei erste Sahne. Das sehen auch die Reisef\u00fchrer so. Im Laufe des Gespr\u00e4chs stellt sich dann heraus, dass er selbst noch gar nicht drin war. Aber als Werbetr\u00e4ger f\u00fcr Waterford ist er unschlagbar. Und f\u00fcr ganz Irland. Im Laufe der Zeit plant er meine gesamte weitere Reise, immer wieder mit neuer Begeisterung, wenn ihm noch ein Ziel einf\u00e4llt, und das alles mit gro\u00dfer Liebensw\u00fcrdigkeit. Nat\u00fcrlich will er mich auch nach Blarney schicken, um den Stein zu k\u00fcssen, der einem die Gabe Redens und wohl auch die Freude am Parlieren verleiht. Er braucht das nicht.<\/p>\n<p>Ich breche auf und gehe ein bisschen durch die Altstadt. Dabei sto\u00dfe ich auf ein kleines, aus Bronze gemachtes Modell der mittelalterlichen Stadt. Was man auf den ersten Blick genau sieht: Die Stadtanlage hat die Form eines Dreiecks. Die moderne Tourismusverwaltung bewirbt das als <em>Viking Triangle<\/em>.<\/p>\n<p>An verschiedenen Stellen gibt es Schautafeln, die einem etwas \u00fcber die Stadt erz\u00e4hlen, und an einer Stelle, mit Blick auf den Hafen, ist ein Wikingerschiff ausgestellt. Es hei\u00dft <em>Vj\u00e4dr\u00e4rfjordr<\/em>. Das ist der alte skandinavische Name Waterfords. Nach mehreren Einf\u00e4llen und Pl\u00fcnderungen gr\u00fcndeten die Wikinger dann die Stadt (914) und befestigten sie danach. Waterford spielte zur Zeit der Wikinger eine wichtige Rolle und unterst\u00fctzte Brian Boru, gegen Dublin, bei seinem Versuch, die Oberherrschaft \u00fcber Irland zu gewinnen. Das war der erste Einigungsversuch, der reelle Erfolgschance hatte und vielleicht nur an dem Tod Brian Borus scheiterte, der in seinem Zelt nach erfolgreicher Schlacht umgebracht wurde. Die Allianz zwischen ihm und Waterford ist ein gutes Beispiel f\u00fcr die nie gerade verlaufenden Trennlinien zwischen den verschiedenen V\u00f6lkern in Irland. Nicht einfach Iren gegen Wikinger, sondern auch Wikinger gegen Wikinger, Iren gegen B\u00fcndnisse von Iren mit Wikingern, D\u00e4nen gegen Norweger. Das gleiche Bild zeigt sich nachher bei Protestanten und Katholiken und Iren und Briten.<\/p>\n<p>Auf einer weiteren Schautafel, immer noch am Ufer, ist von der <em>SS Portlairge<\/em> die Rede. Die war von 1907-1983 im Einsatz und am Ende das letzte Dampfschiff Irlands. Sie mussten den Hafen reinigen. Der war nach dem Abbruch der Stadtmauern angelegt worden, f\u00fcllte sich aber immer wieder mit Schlamm und Schlick. Die <em>SS Portlairge<\/em> musste den Hafen freihalten, so dass auch die immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Schiffe einlaufen konnten. Ihr Name ist der alte irische Name von Waterford.<\/p>\n<p>Aus der Zeit der Stadtbefestigung stammt der Turm, der ganz in der N\u00e4he des Schiffs steht, Reginald\u2019s Tower. Nach der anglonormannischen Eroberung wurde der Turm zum Sitz der M\u00fcnze und sp\u00e4ter zum Munitionslager und zum Gef\u00e4ngnis f\u00fcr Kleinkriminelle und Betrunkene. Heute ist dort ein Museum untergebracht. Auf einem Schild zur Geschichte des Turms hei\u00dft es: \u201eK\u00f6nig John hat in das Turm eine Minze gebuilt.\u201c<\/p>\n<p>Der Turm steht am \u00e4u\u00dfersten Rande der Innenstadt. Als ich wieder zur\u00fcckgehe, sehe ich bei der Touristeninformation, dass das Mittelaltermuseum heute doch \u00f6ffnet, nur sp\u00e4ter. Am Museum war davon nicht die Rede. In der N\u00e4he f\u00e4llt mir ein Banner mit der Aufschrift <em>Three Sisters<\/em> ins Auge. Das sind Waterford, Wexford und Kilkenny. Sie bewerben sich f\u00fcr den Titel Europ\u00e4ische Kulturhauptstadt 2020.<\/p>\n<p>Wieder im eigentlichen Stadtzentrum angelangt, sto\u00dfe ich auf die Kathedrale, die Anglikanische Kathedrale Waterfords, Christ Church Cathedral. Davor steht ein modernes Bronzedenkmal, eine Ehepaar darstellend. Es erinnert an die bedeutendste Hochzeit der irischen Geschichte, die hier in der Kirche, genauer gesagt in dem romanischen Vorl\u00e4ufer der Kirche stattgefunden hat, die Ehe zwischen Strongbow und Aiofe, der Tochter des K\u00f6nigs von Leinster, Dermot MacMurrough (irisch:<strong> <\/strong>Diarmait Mac Murchada). Der hatte die Frau eines konkurrierenden K\u00f6nigs entf\u00fchrt und war deshalb abgesetzt und aus Irland verbannt worden. Und bei wem suchte er Hilfe? Bei den Engl\u00e4ndern, den Anglonormannen. Heinrich II. stattete ihn mit Geld aus und erlaubte ihm, Krieger unter seinen Baronen zu rekrutieren. Die eroberten Waterford und setzten ihm wieder auf den Thron. Und forderten ihren Lohn. Der F\u00fchrer der Barone, Richard de Clare, der Graf von Pembroke, besser bekannt als <em>Strongbow<\/em>, bekam das gr\u00f6\u00dfte Geschenk, seine Tochter. Und mit der Ehe Macht und Reichtum. Praktischerweise starb der Schwiegervater zw\u00f6lf Monate nach der Ehe und Strongbow folgte ihm auf den Thron. Der Beginn der englischen Geschichte Irlands.<\/p>\n<p>In dem stark stilisierten Denkmal sind die beiden Eheleute sitzend dargestellt, mit kerzengeradem, langgestrecktem R\u00fccken. Beide tragen hochmoderne, lange, spitz zulaufende Schuhe. Er h\u00e4lt eine Schriftrolle in der Hand und eine Kugel, sie tr\u00e4gt ein Kreuz um den Hals, sie tr\u00e4gt eine Haub, eher tr\u00e4gt einen Helm.<\/p>\n<p>Wenn man gegen die Sonne sieht, hat man einen herrlichen Himmel vor sich, mit blauen, schwarzen und wei\u00dfen Wolken und Wolkenl\u00fccken und Sonnenstrahlen, von denen sich die Silhouette der Christ Church Cathedral mit ihrem spitzen Turm schwarz abhebt. \u00dcber einer alten Mauer sieht man die oberen Zweige eines Strauchs mit rosa-wei\u00dfen Bl\u00fcten, mitten im Winter.<\/p>\n<p>Dann macht das Museum auf. Wir werden von einem sympathischen Mann kurz durch die Ausstellung gef\u00fchrt und sehen uns dann alleine um. Am meisten beeindruckt mich die Geschichte der wei\u00dfen Sklaven. Waterford war die einzige Stadt, die Cromwell nicht erobern konnte. Das wurde dann aber von den Ironsides, der Kavallerietruppe Cromwells, nachgeholt. Viele der B\u00fcrger von Waterford, die so viel Widerstand geleistet hatten, wurden als wei\u00dfe Sklaven in die Karibik verkauft, um auf den Zuckerrohrplantagen zu arbeiten. Als sprachliches \u00dcberbleibsel dieser Aktion gibt es eine Stadt auf Barbados, die Waterford hei\u00dft!<\/p>\n<p>Das bedeutendste Exponat des Museums ist ein Dokument, das wie ein Gewand aussieht, langgestreckt, aus einzelnen farbigen Teilen bestehend, der Text in der Mitte ges\u00e4umt von Darstellungen aller m\u00f6glichen W\u00fcrdentr\u00e4ger: <em>The Great Charter Roll<\/em> (XIV)<em> <\/em>. Es ist ein Dokument, das der Konkurrenz von New Ross und Waterford geschuldet ist. Es ging um das Monopol f\u00fcr die Abfertigung ausl\u00e4ndischer Schiffe. Mit diesem Dokument bekam Waterford den Zuschlag, zum Schaden des alten Feinds. Das Dokument zeigt ganz oben die Stadtsilhouette von Waterford, die \u00e4lteste Abbildung einer irischen Stadt, noch mit Stadtmauern. \u00dcber dem Dokument liegt ein Objekt, das wie ein Zepter aussieht. Das ist ein Streitkolben, ebenfalls Ausweis des Ausgangs des Streits.<\/p>\n<p>Waterford war der wichtigste Weinimporteur Irlands. Das wird dokumentiert mit einer Vielzahl von halb zerbrochenen Weinkr\u00fcgen und Weingl\u00e4sern aus der Zeit, aber auch mit dem Weinkeller des streitbaren B\u00fcrgermeisters von Waterford, John Rice. Er war zigmal B\u00fcrgermeister von Waterford und ein frommer Mann, der mehrmals den Pilgerweg nach Santiago ging und der Kirche ein Gro\u00dfteil seines Eigentums vermachte. Unter dem Museum befindet sich dieser Weinkeller, der durch ein besonderes Gew\u00f6lbe auff\u00e4llt, ein <em>wicker vault<\/em>. Man sieht die Abdr\u00fccke eines Korbgeflechts an der Decke. Zum Bau des Gew\u00f6lbes wurde ein Holzger\u00fcst angefertigt, das sp\u00e4ter entfernt wurde. Das wurde mit M\u00f6rtel angef\u00fcllt. Damit der M\u00f6rtel nicht durch die L\u00fccken zwischen den Holzstreben auf die Erde fiel, wurden diese L\u00fccken mit Weidenzweigen gef\u00fcllt. Auch die wurde sp\u00e4ter entfernt, hinterlie\u00df aber, im wahrsten Sinne des Wortes, Eindruck.<\/p>\n<p>Wenn Wein importiert wurde, wurde Tuch exportiert. Das war als <em>Waterford Rugs<\/em> bekannt und ging bis nach Hamburg, Avignon, Oslo. Es hatte einen gro\u00dfen Vorzug: Es hielt warm.<\/p>\n<p>Zu den weiteren Ausstellungsst\u00fccken geh\u00f6rt das Zeremonialschwert eines englischen K\u00f6nigs \u2013 seit Heinrich II. galt Waterford als Royal Port, der K\u00f6nig wollte keine Alleing\u00e4nge seiner Barone \u2013 ein typischer Renaissancehut, der Heinrich VIII. geh\u00f6rt haben soll \u2013 die sehr gleichm\u00e4\u00dfige Krone des Huts, vermutlich aus Samt, wird von Walfischknochen gest\u00fctzt \u2013 und ein sehr seltenes Exemplar eines mittelalterlichen Bogens, des ber\u00fchmten <em>long bow<\/em>, mit dem die wichtigen Schlachten gegen die Franzosen gewonnen wurden.<\/p>\n<p>In einem Stadtmodell (XV) sieht man eine Vielzahl von Kirchen, im Viking Triangle und in der Stadterweiterung. In einem Raum hat man aus jeder Kirche ein Objekt ausgestellt. In einer Vitrine sieht man <em>stick pins<\/em>. Die hat man in den Gr\u00e4bern gefunden. Mit ihnen wurden die Gew\u00e4nder der Toten zusammengehalten. Die wurden in Ost-West-Richtung bestattet, mit dem Kopf im Westen, so dass sie am J\u00fcngsten Tag der aufgehenden Sonne entgegensehen konnten. Die Geistlichen wurden auch in Ost-West-Richtung bestattet, aber mit dem Kopf im Osten, so dass sie die Gl\u00e4ubigen ihnen ins Gesicht sehen konnten, oder sie den Gl\u00e4ubigen.<\/p>\n<p>Die Namen der Kirchen sind auch aussagekr\u00e4ftig. St. Bridget deutet auf eine irische Gemeinde, St. Olav auf eine skandinavische, und St. Thomas ist ein Verweis auf Becket, die erste Kirche in Europa mit diesem Patrozinium, gestiftet von Heinrich II. selbst, als Bu\u00dfe.<\/p>\n<p>Nach dem Museum gehe ich in den anderen Teil der Innenstadt. Der Weg dahin f\u00fchrt mitten durch ein modernes Einkaufszentrum. Waterford ist inzwischen zum Leben erwacht. Richtig was los hier. Kein Vergleich zu der ausgestorbenen Stadt am fr\u00fchen Morgen.<\/p>\n<p>Beide Post\u00e4mter sind geschlossen. Ohne Angabe von Gr\u00fcnden. Aber ich habe Gl\u00fcck. In einer Buchhandlung gibt es auch Briefmarken. Auf denen steht tats\u00e4chlich <em>Eire<\/em>, der irische Name Irlands und der offizielle Name Irlands als Irish Free State, bis 1948. Die Briefmarken sind winzig klein und sehr teuer: 1,10 \u20ac f\u00fcrs Ausland.<\/p>\n<p>Als ich wieder in New Ross bin, gehe ich zu McDonald\u2019s. Das ist ein einheimisches Caf\u00e9. Es geh\u00f6rt Ann McDonald.<\/p>\n<p>In dem Tante-Emma-Laden, in dem ich t\u00e4glich auflaufe, gibt es ein Missverst\u00e4ndnis. Ich frage nach <em>paper handkerchiefs<\/em>, aber das sagt der Verk\u00e4uferin nichts. Vielleicht <em>serviettes<\/em>? Nein. Zu Demonstrationszwecken ziehe ich ein Paket aus der Tasche. Ach so, <em>tissues<\/em>.<\/p>\n<p>Ich frage, ob \u00fcbermorgen auch ge\u00f6ffnet ist. Ja, die ganzen Tage durch. Der Laden schlie\u00dft nur einmal pro Jahr, am Weihnachtstag. Ob sie denn Silvester und Neujahr auch arbeiten m\u00fcsse, frage ich. Steht noch nicht fest.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">29. Dezember (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Auf dem Weg nach Kilkenny mache ich in Inistioge halt, einem charmanten Ort mit verputzten H\u00e4usern, wei\u00df unten am Fluss, beige und grau im Ortszentrum, manchmal mit farblich abgesetzten Ecksteinen und Fenster- und T\u00fcreinfassungen. Es gibt zwei gro\u00dfe Kirche, ein paar Schritte nur voneinander entfernt, ein bisschen viel f\u00fcr so einen kleinen Ort, in dem so etwas wie ewige Ferienstimmung herrscht. Beide Kirchen sind geschlossen. Es ist noch sehr fr\u00fch.<\/p>\n<p>\u00dcber den erstaunlich breiten Fluss, die Nore, spannt sich eine erstaunlich repr\u00e4sentative Br\u00fccke, mit gewissen Ankl\u00e4ngen an die Trierer R\u00f6merbr\u00fccke. Diese Br\u00fccke wurde nach einer Flutwelle im 18. Jahrhundert \u2013 mit finanzieller Unterst\u00fctzung aus England! &#8211; gebaut, als die alte Br\u00fccke entzwei brach. Die Flutwelle zerst\u00f6rte auch die Br\u00fccke von Thomastown und kostete dort sogar mehrere Menschenleben.<\/p>\n<p>Dahin, nach Thomastown, einem Ort mit st\u00e4dtischerem Charakter, fahre ich weiter und mache auch dort halt. Aber auch hier ist noch alles geschlossen. Auch kein Caf\u00e9 ist zu finden. Meinen Tee bekomme ich erst in Kilkenny, im Kellergeschoss der Burg.<\/p>\n<p>Kilkenny gilt die feinste mittelalterliche Stadt Irlands. Aber es ist nicht \u00fcberall Mittelalter drin, wo <em>Mittelalter<\/em> draufsteht. Die Stadt ist sch\u00f6n, das sieht man schon bei der ersten Durchfahrt, aber auch nichts aus der Wundert\u00fcte.<\/p>\n<p>Die besondere Form der Stadtanlage kann man an einem h\u00f6lzernen Modell in der Kathedrale erkennen, die das Kilkenny der fr\u00fchen Neuzeit (XVII) darstellt. Man sieht drei voneinander deutlich abgesetzte Stadtteile, jedes f\u00fcr sich mit einer Stadtmauer umgeben. Eins liegt auf der anderen Seite des Flusses, die beiden anderen diesseits. Und eins davon hei\u00dft Hightown und eins Irishtown. Warum hei\u00dft ein Viertel in einer irischen Stadt Irishtown? Weil in dem anderen Stadtteil die Fremden lebten, die Anglonormannen, und die betonten sprachlich das Anderssein der Iren statt umgekehrt.<\/p>\n<p>Irishtown gruppiert sich um die Kathedrale, Hightown um die Burg, den beiden Endpunkten der Stadt. Zwischen ihnen verl\u00e4uft eine lange Stra\u00dfe mit H\u00e4usern auf beiden Seiten, der Rest der Stadt ist merkw\u00fcrdig leer. Oder war es damals. Das hat sich nat\u00fcrlich ge\u00e4ndert, aber die lange Stra\u00dfe gibt es immer noch, mit charakteristisch niedrigen H\u00e4usern.<\/p>\n<p>Ich fange mit der Burg an.\u00a0 Von der urspr\u00fcnglichen Anlage ist nur noch Kellergeschoss etwas erhalten, darunter ein Raum, von dem man aus gegen Belagerer anst\u00fcrmen konnte, ohne die Burg in Gefahr zu bringen. F\u00fcr so einen Raum gibt es sogar eine eigene Bezeichnung: <em>Sally Port Cellar<\/em>.<\/p>\n<p>Auch die dicken Rundt\u00fcrme an allen vier Seiten, auff\u00e4lligster Bestandteil der Burg, sind noch mittelalterlich, stammen aber nicht aus der Anfangszeit. Einer davon ist in einen viereckigen Turm von dem sp\u00e4teren Umbau integriert worden. Durch den dadurch entstandenen Saal kommt man bei der Besichtigung. Interessantes Raumgef\u00fchl.<\/p>\n<p>Der wichtigste Saal ist ein langgestreckter Saal mit Holzdecke und Oberlichtern, der als Gem\u00e4ldegalerie dient. Alles andere ist Viktorianisch und nicht sonderlich interessant. Irgendwie sind solche \u201eBurgen\u201c immer alle gleich.<\/p>\n<p>Einen Blick lohnt sich in das rekonstruierte Viktorianische Kinderzimmer. Da gibt es Puppenh\u00e4user, Holzfiguren, Spiele und Steckenpferde und ein Stuhl, der so umgebaut werden kann, dass das Kind dort sein Gesch\u00e4ft erledigen kann. Unter den Spielen gibt es <em>Snakes and Ladders<\/em>, und eins der Steckenpferde bewegt sich nicht nur auf und ab, sondern auf vorw\u00e4rts, auf drei R\u00e4dern!<\/p>\n<p>Beim Weg zur Kathedrale entdecke ich in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone <em>Sole Comfort<\/em>. Dazu kommen in diesen Tagen <em>Shooz 4 Kids <\/em>und <em>Fitz U. <\/em><\/p>\n<p>Die Kathedrale, St. Canice, hat der ganzen Stadt ihren Namen gegeben: <em>Kilkenny<\/em> kommt von <em>Cill Chainnigh<\/em>, \u201aKirche des Canice\u2018. Der war ein M\u00f6nch.<\/p>\n<p>An die Kirche lehnt sich der f\u00fcr diese Gegend charakteristische Rundturm an. Hier wird er als Glockenturm bezeichnet. Bisher war ich immer im Glauben, es w\u00e4re ein R\u00fcckzugsort f\u00fcr den Verteidigungsfall. Diese Rundt\u00fcrme hatten Leitern, die auf mehrere Geschosse f\u00fchrten. Wo die Glocken gehangen haben sollen und warum man f\u00fcr einen Glockenturm so eine merkw\u00fcrdige konisch zulaufende Form gew\u00e4hlt haben soll, leuchtet mir nicht ein.<\/p>\n<p>Die Kathedrale, dreischiffig, hell, gro\u00df f\u00fcr irische Verh\u00e4ltnisse, ist m\u00e4\u00dfig sch\u00f6n, hat aber viele interessante Details. Dazu geh\u00f6rt der Marmorboden des Chorraums, der Marmor in vier Farben aus den vier Provinzen miteinander verbindet: gr\u00fcn aus Connemara f\u00fcr Connaught, grau aus Armagh f\u00fcr Ulster, rot aus Cork f\u00fcr Munster, schwarz aus Kilkenny f\u00fcr Leinster.<\/p>\n<p>Ob das wirklich Marmor ist, was man hier \u00fcberall sieht? Es ist jedenfalls ein schwarzer, polierter Stein, den man an H\u00e4userfassaden sieht und hier bei den Sarkophagen und der als typisch f\u00fcr Kilkenny gilt. Einer der Sarkophage zeigt in hieratischer Haltung ein Ehepaar aus der bedeutenden Familie der Butler, die die Geschichte von Leinster mitgepr\u00e4gt hat. Fast surreal entstellt scheint das Grabmal einer gewissen Honorina Grace, mit aufgeblasenen Puff\u00e4rmeln und gestrecktem Kopfputz, beides Zeichen des Wohlstands, genauso wie die Ringe an den Fingern und der G\u00fcrtel.<\/p>\n<p>Nicht mehr zu sehen, aber wohl noch vorhanden ist ein Schlitz im s\u00fcdlichen Seitenschiff, ein <em>Lepers\u2018 Squint<\/em>. Durch diesen Schlitz konnten Leprakranke von au\u00dfen dem Gottesdienst folgen, ohne sich mit den Gl\u00e4ubigen zu vermischen. Heute glaubt man, dass gar nicht alle an Lepra erkrankt waren, sondern andere Hautkrankheiten hatten.<\/p>\n<p>Dem Namen Kavanagh begegnet man in dieser Gegend immer wieder. Auch mein Tante-Emma-Laden in New Ross wird von einer Familie Kavanagh betrieben, und ein zeitgen\u00f6ssischer irischer Schriftsteller hei\u00dft so. Hier in der Kathedrale ist der Viktorianische Abk\u00f6mmling einer der g\u00e4lischen K\u00f6nige von Munster, Arthur MacMurrough Kavanagh. Ihm ist eine Plakette gewidmet. Nur mit Armst\u00fcmpfen und Beinst\u00fcmpfen geboren, wurde er trotzdem Parlamentsabgeordneter, lernte Reiten, Schie\u00dfen, Fischen, Schreiben und wurde Vater von sieben Kindern. Kann das sein?<\/p>\n<p>Eine letzte Kuriosit\u00e4t der Kathedrale ist der Green Man, eine legend\u00e4re Figur mit w\u00fcstem Haar, aus dessen Mund Zweige sprie\u00dfen, eine heidnische Figur, die f\u00fcr Wachstum und Fruchtbarkeit steht und ihren Weg in die christliche Welt gefunden hat. Erstaunlich!<\/p>\n<p>Die n\u00e4chsten beiden Ziele liegen praktischerweise einander gegen\u00fcber, auf der langgestreckten Stra\u00dfe zwischen Kathedrale und Burg. Eins davon ist Rothe House, ein Kaufmannshaus aus der Tudorzeit. Im Laufe seiner langen Geschichte diente das Haus als Kaufmannshaus, als Schulgeb\u00e4ude, als Eisengie\u00dferei, als Kohlehandel und als Sitz der <em>Gaelic League<\/em>. Kein Wunder, dass nicht mehr viel vorhanden ist.<\/p>\n<p>John Rothe entstammte, genau wie seine Ehefrau, Rose Archer, einer der f\u00fchrenden Familien Kilkennys. Er handelte mit Seide und Leinen, Import und Export, und wurde reich. Zuerst hatte er nur ein Haus, dann kaufte er sukzessiv die beiden Nachbarh\u00e4user f\u00fcr seine gr\u00f6\u00dfer werdende Familie hinzu (11 Kinder). Zuerst wohnte die Familie oben, die Werkstatt und Verkaufsr\u00e4ume waren unten. Von der urspr\u00fcnglichen Ausstattung ist herzlich wenig erhalten. Interessant sind ein paar Vitrinen, in denen Alltagsgegenst\u00e4nde ausgestellt werden, die aber wohl aus einer sp\u00e4teren Epoche stammen: ein Stiefelknecht, ein Halter f\u00fcr einen Zwicker, Tanzkarten (auf denen man bei einem Ball mit buchhalterischer Akribie die Partner f\u00fcr die anstehenden T\u00e4nze notierte), Stehkragen mit einer eigens daf\u00fcr gemachten Schachtel und eine Vorrichtung, die <em>skirt slip<\/em> hei\u00dft. Mit der konnten Frauen den Saum des Kleides anheben, um zu verhindern, dass es \u00fcber den Boden schleift.<\/p>\n<p>Interessanter als das Haus ist die Geschichte der Familie des Firmengr\u00fcnders. Er selbst wurde mehrmals B\u00fcrgermeister von Kilkenny, genauso wie sein Sohn Peter. Beide unterst\u00fctzten die <em>Confederation of Kilkenny<\/em>, ein B\u00fcndnis von Anglonormannen und Iren, das auf der Seite des britischen K\u00f6nigs stand. Nach der englischen Revolution und der Eroberung Kilkennys durch Cromwell wurde die Familie enteignet und in den Westen geschickt \u2013 ein Aktion an einer der Schaltstellen der irischen Geschichte. Seitdem ist der Westen \u201eirischer\u201c als der Rest.<\/p>\n<p>Bleibt noch Smithwick\u2019s. im Geb\u00e4ude gleich gegen\u00fcber untergebracht, die Brauerei von Kilkenny. Bis zum Schluss der F\u00fchrung verstehe ich nicht, was die Marke Smithwicks mit der Marke Kilkenny zu tun hat, die viel bekannter ist, bei uns jedenfalls. Es stellt sich heraus, dass es ein und dasselbe ist.<\/p>\n<p>Die Tour durch das hypermoderne Zentrum ist leidlich interessant, aber wie immer bei Brauereif\u00fchrungen kann ich irgendwann nicht mehr richtig folgen. Es werden die vier Zutaten vorgestellt \u2013 im Deutschen w\u00fcrde hier das Wort <em>Reinheitsgebot<\/em> fallen \u2013 und deren Verarbeitungsweise. Das geschieht teils durch Videos, teils durch Ger\u00e4te vor Ort. Das ist alles sehr professionell, aber ein bisschen zu glatt. Allerdings ist der F\u00fchrer die Freundlichkeit in Person.<\/p>\n<p>Hopfen kann ich Irland aus klimatischen Gr\u00fcnden nicht angebaut werden und wird deshalb eingef\u00fchrt, u.a. aus Deutschland. Der wichtigste Hersteller der Welt f\u00fcr Hopfen ist aber Slowenien. Das kommt zur Sprache, weil auch ein paar Slowenen an der F\u00fchrung teilnehmen.<\/p>\n<p>Was ist das besondere an Smithwick\u2019s? Ger\u00f6steter Malz. Offensichtlich enth\u00e4lt Lager keinen ger\u00f6steten Malz, Guinness 10%, Smithwick\u2019s 5%. Es liegt damit im Geschmack und in der r\u00f6tlichen Farbe zwischen den beiden.<\/p>\n<p>Das Wasser kam urspr\u00fcnglich aus dieser Gegend. Heute ist die Produktion in Dublin, und das Wasser kommt aus den Wicklow Mountains. Seine Eigenart ist aber gleich und ist dem irischen Kalkstein geschuldet: Es ist mineralhaltig. Also hart. Das muss wohl gut f\u00fcr Bier sein.<\/p>\n<p>Es geht w\u00e4hrend der F\u00fchrung auch in einen Raum mit einer Ahnengalerie. Die Gem\u00e4lde sehen echt aus, aber dann habe ich den Eindruck, dass einer die Augen den Kopf bewegt, einer mir zuzwinkert. Es ist alles elektronisch. Die M\u00e4nner sprechen und erz\u00e4hlen ihre Geschichte. Wie sie im Krieg keinen Hopfen bekamen konnten und ihn durch andere Zutaten ersetzten zum Beispiel. Historisch interessant ist die Geschichte des Gr\u00fcnders der Brauerei, John Smithwick. Er verlie\u00df England und kam nach Irland, um der religi\u00f6sen Diskriminierung zu entgehen, und kam dabei vom Regen in die Traufe. Oder bliebt zumindest im Regen. Er durfte kein Unternehmen gr\u00fcnden und musste deshalb einen protestantischen Partner mit an Bord nehmen.<\/p>\n<p>Am Ende gibt es eine Verk\u00f6stigung, wie \u00fcblich. Unser F\u00fchrer erz\u00e4hlt noch, dass die professionellen Verk\u00f6stiger immer zu einer bestimmten Tageszeit zum Einsatz kommen, am sp\u00e4ten Vormittag. Was machen sie wohl den Rest des Tages? Der Raum, in dem die Verk\u00f6stigung stattfindet, ist fensterlos und unzug\u00e4nglich f\u00fcr andere, und Zeitungen und Telefone sind nicht erlaubt. Volle Konzentration auf das Bier.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">30. Dezember (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Ganz in der N\u00e4he von New Ross, aber weit abseits des Weges liegt <em>JF Kennedy\u2019s Homestead<\/em>, das Elternhaus der Vorfahren von Kennedy, einem Bauernhof. Er selbst war zweimal da, 1947 und 1963. Beim ersten Mal musste er noch Nachforschungen anstellen (lassen), um herauszufinden, woher genau seine Vorfahren stammten. Er begegnete dann u.a. seiner n\u00e4chsten Verwandten in Irland, einer entfernten Cousine. Die nannte ihn Cousin Jack. Als er zum zweiten Mal kam, war er der erste amerikanische Pr\u00e4sident \u00fcberhaupt, der Irland besuchte. Komisch.<\/p>\n<p>In einer kleinen Ausstellung gibt es Memorabilia und Dokumente \u00fcber die Vorfahren Kennedys, darunter ein Rosenkranz und ein Armeeabzeichen.\u00a0 Die brachte eine Abgeordnete der irischen Kennedys aus Washington von seiner\u00a0 Beerdigung mit. Seine Ehefrau hatte sie ausdr\u00fccklich eingeladen und ihr die Dinge als Erinnerungsst\u00fccke anvertraut.<\/p>\n<p>Es war der Urgro\u00dfvater Kennedys, der nach Amerika auswanderte, 1848, w\u00e4hrend der Hungernot, und zwar auf der Dunbrody (aber mit der nur bis Liverpool, von dort ging es mit einem Dampfschiff weiter.<\/p>\n<p>Als guter Ire ging Kennedys Urgro\u00dfvater nicht nach New York, sondern nach Boston. Dort wimmelte es von Iren. Und dort war inzwischen auch das M\u00e4dchen angekommen, die seine Frau wurde. Sie stammte aus dem Nachbardorf der Kennedys!<\/p>\n<p>Erstaunlich dann die Entwicklung in wenigen Generationen, ein klassischer Fall f\u00fcr den American Dream. Es war nicht so leicht, in Amerika Fu\u00df zu fassen, f\u00fcr Iren sowieso nicht: \u201eNo Irish need apply\u201c hie\u00df es h\u00e4ufig. Aber sie schlugen sich durch, indem sie Hilfsarbeiten annahmen, als Bauarbeiter, als Hafenarbeiter, als Grabengr\u00e4ber.<\/p>\n<p>Kennedys Urgro\u00dfvater arbeitete in Boston als B\u00f6ttcher. Das hatte er offensichtlich zuhause gelernt. Hier sind ein paar seiner Werkzeuge ausgestellt. Er muss dort wohl auch einen Laden gehabt haben, vielleicht in Verbindung mit der Werkstatt, denn den \u00fcbernahm seine Frau nach seinem Tod. Sie verkaufte dann auch Lebensmittel und Alkohol und kam damit \u00fcber die Runden. Der \u00e4lteste Sohn musste aber die Schule verlassen, um Geld dazuzuverdienen. Er er\u00f6ffnete sp\u00e4ter eine Kneipe und traf dort auf Politiker und wurde selbst einer. Er wurde Abgeordneter im Senat von Massachusetts. Eine unglaubliche Karriere. Zu Geld war er gekommen, indem er Kredite an Iren vergab, und daraus entstand die erste irische Bank Bostons.<\/p>\n<p>Alle acht Urgro\u00dfeltern Kennedys waren Iren! Der Gro\u00dfvater m\u00fctterlicherseits, \u201eFitz Honey\u201c war B\u00fcrgermeister von Boston, \u00e4u\u00dferst beliebt. Auch er war im Finanzgewerbe t\u00e4tig. In der Ausstellung sieht man eine Nachbildung seines Schreibtischs. Dort hob er eine akribische Liste von seinen Schuldnern auf. Es hei\u00dft, er habe vor seinem Tod angewiesen, die Liste zu vernichten. Die Schulden waren getilgt.<\/p>\n<p>Kennedys Vater war ein regelrechter Finanzhai. Trotz seiner vielen Erfolge soll er in der Bostoner Welt nicht akzeptiert worden sein, was seinen Ehrgeiz noch weiter angetrieben haben soll.<\/p>\n<p>Hinter der in einem Neubau untergebrachten Ausstellung stehen noch Geb\u00e4ude aus der alten Zeit, aus der Zeit, als Kennedys Urgro\u00dfvater auswanderte. Und der Bauernhof wird heute noch betrieben! \u00dcber all die Generationen ist es an den \u00e4ltesten Sohn weitergegeben worden bzw. in einem Fall an die \u00e4lteste Tochter. Deshalb hei\u00dft die Familie heute nicht mehr Kennedy. Irgendwie ist das die Kehrseite der Familie: Der Erstgeborene erbte den Hof, der Zweitgeborene wanderte aus. Seine Nachkommen sind Million\u00e4re, die Nachkommen des Bruders Bauern.<\/p>\n<p>Besichtigen kann man eins der beiden langgestreckten Geb\u00e4ude, die noch aus der Zeit erhalten sind. Es ist zweigeteilt in Wohnzimmer und Scheune. Die werden so pr\u00e4sentiert, wie sie damals aussahen. Das ist einfach, aber nicht \u00e4rmlich. Geschlafen wurde allerdings nicht in eigenen Schlafzimmern, sondern in der Scheue, hoch oben.<\/p>\n<p>Eine Besonderheit hat man etwas versch\u00e4mt hinter einem Vorhang versteckt, weil sie nicht zur Ausstattung passt. Es ist das Sofa, auf dem Kennedy bei seinem Besuch sa\u00df, der ausgebaute Hintersitz eines ausgedienten Morris Mini.<\/p>\n<p>Als ich wieder Richtung New Ross fahre, kommt f\u00fcr einen Moment die Sonne heraus. In solchen Momenten, meist vor Sonnenuntergang oder nach Sonnenaufgang, hat der Himmel eine geradezu mystische Qualit\u00e4t: Die Sonnenstrahlen vermischen sich mit den schwarzen und wei\u00dfen Wolken und bilden am Horizont einen blassen Schleier.<\/p>\n<p>Eine Frage, die ich mir in diesen Tagen immer wieder stelle: Was w\u00e4re eigentlich anders, wenn Irland zum UK geh\u00f6ren w\u00fcrde? Da f\u00e4llt mir nicht so leicht eine Antwort ein. H\u00f6chstens der Brexit, wenn sie f\u00fcr den gestimmt h\u00e4tten, aber vielleicht h\u00e4tten sie das nicht und der w\u00e4re gar nicht gekommen. Wof\u00fcr dann all der Zwist, all das Leid, all das Blutvergie\u00dfen? Wof\u00fcr dann die Unabh\u00e4ngigkeit?<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">31. Dezember (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Die geplante Fahrt nach Enniscorthy kann ich mir sparen. Sowohl die Burg als auch das Zentrum f\u00fcr die Rebellion von 1916, das ich gerne besichtigt h\u00e4tte, sind \u00fcber die Feiertage geschlossen. Auch die Tintern Abbey \u2013 die ihren Namen von ihrem walisischen Vorbild hat \u2013 ist \u00fcber die Feiertage geschlossen. Aber die Dunmore Caves in Kilkenny sind ge\u00f6ffnet. Auf geht\u2019s.<\/p>\n<p>Unterwegs tanke ich zum ersten Mal. Knapp 1,40. Aber ich habe gerade mal 30 Liter verbraucht bis jetzt. Trotz der Umwege.<\/p>\n<p>Als hinter Kilkenny keine Hinweisschilder auftauchen, ziehe ich den Routenplaner zu Rate. Der will mich ganz woanders hinschicken. Nach Waterford. Beim zweiten Versuch klappt es dann aber. Es geht \u00fcber einen verd\u00e4chtig schmalen, rutschigen Landwirtschaftsweg, drei, vier Kilometer lang. Das kommt mir nicht geheuer vor. Dann sto\u00dfen wir auf gr\u00f6\u00dfere Stra\u00dfen, aber es taucht kein Schild auf und es folgt eine Abbiegung auf die andere. Ich habe schon fast die Hoffnung aufgegeben, als tats\u00e4chlich das erste Schild auftaucht. Als es dann hei\u00dft \u201eSie haben Ihr Ziel erreicht, geht es immer noch einen Kilometer weiter, aber dann stehe ich vor dem Tor der Dunmore Caves. Vor dem verschlossenen Tor. Geschlossen. Entgegen dem Schild gleich hinter dem Tor und den Informationen im Internet. Danach m\u00fcsste ge\u00f6ffnet sein. Ein Hauch von Griechenland.<\/p>\n<p>Auf dem Hinweg habe ich in Inistioge halt gemacht. Diesmal war ein Caf\u00e9 ge\u00f6ffnet. Die Wirtin sprach gerade mit ihrer Tochter in Neuseeland: <em>Happy new year!<\/em> Sie erkl\u00e4rt mir, dies sei eine <em>tenant<\/em> <em>village<\/em>. Der Gutsbesitzer, vermutlich ehemals Old English, also Anglonormannisch, residierte oben auf dem Berg, die P\u00e4chter hier unten. Die Anglonormannen wurden im Laufe der Zeit immer \u201eirischer\u201c, so sehr, dass man mit den <em>Statutes of Kilkenny<\/em> einen hilflosen Versuch machte, die Ann\u00e4herungen zwischen ihnen und den Iren zu unterbinden.<\/p>\n<p>Die Wirtin sagt, sie habe mich f\u00fcr einen Holl\u00e4nder gehalten. Die k\u00f6nnten besser Englisch als die Deutschen. Die Kneipe nebenan geh\u00f6re einer Deutschen. Die k\u00e4me aus Bayern, meint sie. Da geht mir ein Licht auf: Ich habe mich dieser Tage gewundert, \u00fcber einer der Kneipen hier ein gro\u00dfes Banner mit <em>Erdinger Wei\u00dfbier<\/em> zu sehen.<\/p>\n<p>Eine der beiden Kirchen ist heute ge\u00f6ffnet, aber die Innenansicht lohnt sich nicht besonders. Stattdessen gehe ich auf den Friedhof. Der liegt zwischen den beiden Kirchen. \u00dcber den Gr\u00e4bern Kreuze aus Marmor, Stein und Eisen, alle mit dem typisch keltischen Ring im Schnittpunkt der Balken. Eine geheimnisvolle Atmosph\u00e4re liegt \u00fcber dem Friedhof: altes Gem\u00e4uer, aus dem oben und zwischen den Steinen Gras herausw\u00e4chst, halb verfallene Grabsteine, Stille, nur von dem Kr\u00e4chzen der Kr\u00e4hen \u00fcber den B\u00e4umen durchbrochen, der merkw\u00fcrdig verf\u00e4rbte Himmel, duster, mit ein paar Sonnenstrahlen.<\/p>\n<p>Bei der Weiterfahrt gibt es im Radio ausnahmsweise mal keine Musik und auch keine Gespr\u00e4che \u00fcber verstorbene Gr\u00f6\u00dfen der Popmusik, sondern eine Diskussionssendung. Es geht um die politischen Perspektiven f\u00fcr Irland f\u00fcr das kommende Jahr. Immer wieder tauchen die Namen der beiden Mehrheitsparteien auf: Fianna F\u00e1il und Fine Gael, die gegenw\u00e4rtig eine von Fianna F\u00e1il geduldete\u00a0 Minderheitsregierung bildet. Die Diskussion, in der es ziemlich gesittet zugeht, wird mehrmals unterbrochen, damit einer der Diskussionsteilnehmer das Mikrophon in die Hand nimmt und \u2013 singt! Unglaublich. Alle sind Laien und haben h\u00f6chstens mal im Kirchenchor gesungen. Und machen ihre Sache ausgezeichnet!<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg eine Memorial Lecture, gehalten von einer irischen Professorin aus Oxford die vorher einen Lehrstuhl in Harvard hatte. Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr Offenheit, gegen Abschottung, f\u00fcr Internationalit\u00e4t, gegen Nationalismus. Und gegen den Brexit. Irland sei es schlecht gegangen, solange es sich nach der Losl\u00f6sung vom UK nur auf sich selbst besonnen h\u00e4tte. Die Besserung sei eingetreten, als man sich aus der Isolation befreit habe. Sie sagt in diesem Zusammenhang, dass die Einwohnerzahl Irlands 1961 auf 2,8 Millionen zur\u00fcckgegangen sei. Heute sind es wieder 4,7 Millionen. Heute seien die Verbindungen mit dem UK so eng wie nie zuvor. Sie sei gerade von London nach Dublin geflogen, der zweitst\u00e4rksten Flugstrecke der Welt und der st\u00e4rksten in Europa. In beiden L\u00e4ndern hingen 200.000 Arbeitsstellen vom dem Export in das andere Land ab. Das UK exportiert mehr nach Irland als nach China, Brasilien und Indien zusammen! Iren reisten in kein anderes Land so h\u00e4ufig wie in das UK, und Briten seien die st\u00e4rkste Gruppe unter den Touristen in Irland. Auch ihre eigene Biographie, von einer Kleinstadt in Waterford auf einen Lehrstuhl in Harvard, deutet sie als Resultat der Offenheit f\u00fcr die Welt, f\u00fcr die die Universit\u00e4ten st\u00fcnden. Das habe auch Seamus Heaney (der in dem Jahr geboren wurde als Yeats starb) bei seiner Nobelpreisrede gesagt. Selbst ihre katholische Erziehung habe einen Moment von Weltoffenheit beinhaltet: Wenn f\u00fcr die armen Negerkinder gesammelt wurde, damit die in die Schule gehen konnten, dann h\u00f6re sich das zwar heute unertr\u00e4glich an, aber wenigstens sei damit ein Fenster ge\u00f6ffnet worden, ein Bewusstsein geschaffen worden daf\u00fcr, dass es da noch eine andere Welt gebe als die vor der eigenen Haust\u00fcr. Sie selbst ist Politikwissenschaftlerin und hat sich auf das Thema Terrorismus spezialisiert. Auch hier eine ungew\u00f6hnliche Perspektive: Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das Selbstverst\u00e4ndnis von Terroristen. Wir s\u00e4hen sie als Aggressoren, aber sie s\u00e4hen uns als Aggressoren, die ihnen und ihren Br\u00fcdern Leid zugef\u00fcgt h\u00e4tten. Deshalb m\u00fcssten sie uns bek\u00e4mpfen. Und sehen sich dabei in der Rolle des David gegen Goliath.<\/p>\n<p>Die Sendung ist noch nicht vorbei, als ich wieder in New Ross bin. Diesmal gehe ich zu Fu\u00df in die Stadt. In einem Caf\u00e9 schreibe ich Ansichtskarten und merke dabei, dass auf den Briefmarken Eire steht. Das ist schon lange nicht mehr der offizielle Name Irlands, aber bei den Briefmarken ist es wohl dabei geblieben.<\/p>\n<p>Die Preise in Irland sind hoch, die Eintrittspreise teils astronomisch. Allein in Kilkenny habe ich daf\u00fcr 34 \u20ac gelassen. Und dann gibt es gro\u00dfe Unterschiede. F\u00fcr die immer gleiche Kombination \u2013 Kaffee oder Tee mit Scone oder Apple Pie \u2013 habe ich zwischen 2,50 und 7,00 bezahlt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1. Januar (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Der Rock of Cashel ist eine der Hauptsehensw\u00fcrdigkeiten Irlands, und die einzige, die von hier aus in einer Tagestour zu bewerkstelligen ist. Die Wettervorhersage beh\u00e4lt recht, es ist ein sonniger Tag, der sch\u00f6nste bisher.<\/p>\n<p>Im Radio wird vermeldet, dass die Zahl der Verkehrstoten in Irland im letzten Jahr gestiegen ist, um 15% (die absoluten Zahlen scheinen mir allerdings nicht hoch zu sein). Drei wichtige Gr\u00fcnde gibt es f\u00fcr die Unfalltoten, von denen man sich zwei denken kann: Geschwindigkeit und Alkohol. Der dritte kommt \u00fcberraschend: Die Leute schnallen den Gurt nicht an.<\/p>\n<p>Danach gibt es eine Parodie auf \u201eTwelve Days of Christmas\u201c, dem traditionellen Weihnachtslied. Da ist sie wieder, die magische 12, zur Bezeichnung der Zeit \u201ezwischen den Jahren\u201c, wie in Shakespeares <em>Twelfth Night<\/em>.<\/p>\n<p>Das abgelaufene Jahr war der hundertste Jahrestag des Osteraufstands. Der Toten des Osteraufstands, vor allem der M\u00e4rtyrer, der von den Briten exekutierten Aufst\u00e4ndischen, wird in Irland sowieso h\u00e4ufig gedacht, in diesem Jahr ganz besonders. Es geh\u00f6rt zur den Ironien der irischen Geschichte, dass gleichzeitig irische Freiwillige f\u00fcr Gro\u00dfbritannien in den Krieg zogen! Der dabei umgekommenen Soldaten wird selten gedacht. Und in Nordirland, das ist die zweite Ironie, ist es genau umgekehrt. Da sind die Aufst\u00e4ndischen des Osteraufstands allenfalls Rebellen, wenn nicht Terroristen.<\/p>\n<p>Von weiten sieht man schon den Rock of Cashel, aber dann verschwindet er wieder, von der Stadt verdeckt. Es sieht schon ganz beeindruckend aus. Auch wenn die Landschaft etwas h\u00fcgelig ist, ragt der Felsen wie aus dem Nichts auf. Er ist oben ziemlich gerade und dicht bebaut. Leider sieht man auch aus der Ferne schon ein Ger\u00fcst.<\/p>\n<p>Die Stadt ist wie ausgestorben, und ich finde auch kein Caf\u00e9, das ge\u00f6ffnet ist. Die wenigen Passanten wissen auch nicht Bescheid. Ein \u00e4lterer Mann, den ich anspreche, beschw\u00f6rt die irisch-deutsche Freundschaft: zusammen gegen die Brits. Dabei lebt er selbst in England, in Northamptonshire. Zu viele Ausl\u00e4nder, findet er. Da m\u00fcsse man was unternehmen. In Northamptonshire? Und ist er nicht selbst einer?<\/p>\n<p>Bei der Suche nach einem Caf\u00e9 komme ich an einer Apotheke vorbei, die sich auf einem Schild <em>Chemist<\/em> und in der Aufschrift \u00fcber dem Schaufenster <em>Pharmacy<\/em> nennt. Perfekt!<\/p>\n<p>Die Apotheke l\u00e4uft auf den Namen Kennedy. Der ist hier in der Gegend sehr verbreitet. In New Ross gibt es <em>Kennedy\u2019s Drapery. <\/em>Die Kennedys aus New Ross stammten urspr\u00fcnglich aus dieser Ecke, aus Tipperary oder aus Limerick. Das hatte mir der F\u00fchrer in dem Stammhaus der Kennedys erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>An einem Hotel gibt es einen Automaten, an dem man Regenschirme ziehen kann: \u00a35. Geregnet hat es bisher noch fast gar nicht.<\/p>\n<p>Es ist sonnig, aber auch eiskalt, und als es den Burgberg raufgeht, macht sich ein unangenehmer Wind bemerkbar.<\/p>\n<p>Eine ehemalige Kirche ist zu einem Restaurant umgebaut worden. Das hei\u00dft <em>Chez<\/em> <em>Hans<\/em>. Das nennt man eine verungl\u00fcckte Namenswahl.<\/p>\n<p>In knapp zehn Minuten ist man angekommen. Alles sieht einsam und verlassen aus, aber die Eingangst\u00fcr \u00f6ffnet sich. Das Museum, in diesem Fall der ganze Felsen, hat ge\u00f6ffnet. Der Eintrittspreis hat sich erh\u00f6ht \u2013 seit heute. Bisher bin ich wohl der einzige Besucher.<\/p>\n<p>Als erstes kommt man in ein Kellergew\u00f6lbe. Dort ist eine kleine, feine Ausstellung von Objekten, die auf dem Felsen gefunden worden oder fr\u00fcher hierher geh\u00f6rten, an erster Stelle <em>St. Patrick\u2019s Cross<\/em> (XII). Das zeigt, stark verwittert, eine Kreuzigungsszene auf der einen Seite und die Figur eines Bischofs auf der anderen. Die ist mit Patrick identifiziert worden. Das ist nat\u00fcrlich Spekulation. Ganz gro\u00dfe Skeptiker stellen ja sogar in Frage, ob es Patrick \u00fcberhaupt gegeben habe. Das Kreuz stand urspr\u00fcnglich drau\u00dfen auf dem H\u00fcgel. Auf diesem H\u00fcgel soll Patrick die Dreifaltigkeit anhand eines Kleeblatts erkl\u00e4rt haben. Das Kleeblatt \u2013 <em>shamrock<\/em> \u2013 ist daher das inoffizielle Emblem Irlands.<\/p>\n<p>Das Kreuz steht auf einem Sockel, der ein bisschen zu gro\u00df, zu klobig daf\u00fcr erscheint, auch aus Sandstein. Man hat angenommen, dass der Sockel urspr\u00fcnglich nicht zu dem Kreuz geh\u00f6rte, sondern der Sitz war, auf dem die K\u00f6nige von Munster gekr\u00f6nt wurden. Das ist aber nicht nachgewiesen. Der Sockel ist innen teilweise hohl und k\u00f6nnte Reliquien enthalten haben.<\/p>\n<p>An den Seitenw\u00e4nden gibt es zwei Steinplatten mit den Evangelistensymbolen und in einer Vitrine ein wunderbare, dicke Handglocke, aus Bronze, poliert, mit einem einfachen Kreuz und einem Fries darunter, beide eingraviert. Man denkt eher an eine Alm als an ein Kloster.<\/p>\n<p>Noch zwei weitere Steinreliefs fallen ins Auge. Eins stellt eine menschen\u00e4hnliche Figur mit prononciertem Bauch und katzengleichen Gesicht dar. Es gibt weder eine Erkl\u00e4rung noch eine Datierung. Ebenso fehlt die bei dem anderen Relief, <em>Elephant and Castle<\/em>, auf dem ein Elefant, der wie eine Kreutung aus Hund, Schwein und Nilpferd aussieht, einen Turm tr\u00e4gt. Man denkt an den Londoner Stadtteil und dessen umstrittene Etymologie.<\/p>\n<p>Aus dem Kellergew\u00f6lbe geht es in einen sch\u00f6nen, holzverkleideten Raum (XV), in dem urspr\u00fcnglich \u201eMeistersinger\u201c untergebracht waren. Auf einer Empore \u00fcber dem kleinen Speisezimmer waren die Betten. Es muss ihnen relativ gut gegangen sein. Und so wurden sie im Laufe der Zeit auch \u201eabgeschafft\u201c, aus Kostengr\u00fcnden, freigestellt sozusagen.<\/p>\n<p>In einem kurzen Film zur Entstehungsgeschichte erf\u00e4hrt man, dass Cashel von je her als Zauberberg galt und in heidnischer Zeit Sitz der K\u00f6nige von Munster und dann ihr religi\u00f6ses Zentrum wurde. Nach verschiedenen Zerst\u00f6rungen gab die Anglikanische Kirche den Felsen im 18. Jahrhundert auf, und in der Folge verfiel die Anlage.<\/p>\n<p>Dann geht es ins Freie hinaus. Auf dem unebenen gr\u00fcnen H\u00fcgel stehen keltische Kreuze, die den Blick in die Ferne wunderbar pointieren. Der Himmel ist wolkenlos.<\/p>\n<p>Die Kreuze stehen in der N\u00e4he der Seitenwand der Kathedrale, und an die lehnt sich direkt ein Rundturm an, der \u00e4lteste Teil des Ensembles.<\/p>\n<p>Die Kathedrale selbst ist eine gut erhaltene Ruine ohne Dach. Beeindrucken, unter der hohen, breiten Vierung zu stehen, im Freien quasi. Die Kathedrale ist einschiffig, wobei der Chor, der gerade renoviert wird, lang, aber das eigentliche Mittelschiff ganz kurz ist. Es soll gek\u00fcrzt worden sein, um einem anderen, nicht mehr existierenden Geb\u00e4ude Platz zu machen. Sieht jedenfalls merkw\u00fcrdig aus, wie ein Stumpf.<\/p>\n<p>Die Querschiffe haben hohe, schlanke Spitzbogenfenster, die oben etwas verk\u00fcrzt sind, aus Verteidigungszwecken, wie man annimmt. Heute geben die nackten Fenster den Blick auf den klaren Himmel frei. Das hat was.<\/p>\n<p>Wenn der Rundturm das \u00e4lteste Geb\u00e4ude des Felsens ist, dann ist die Kapelle das sch\u00f6nste. Sie lehnt sich fast unmittelbar an die Kathedrale an, ist aber \u00e4lter als die Kathedrale, die wohl einen Vorg\u00e4ngerbau abl\u00f6ste. Die Kathedrale ist gotisch, die Kapelle romanisch. Auch hier wird renoviert, aber man hinein. Ein ungew\u00f6hnliches, unerwartetes Bild. Man glaubt, auf dem Kontinent zu sein. Ein einfacher, einschiffiger Raum mit einem etwas schmaleren Chor. Alles ist eher dunkel, ganz anders als in der Kathedrale, und die Atmosph\u00e4re ist ganz anders. Bis auf einen Sarg mit sch\u00f6nen runden Schmuckformen gibt es keinerlei Ausstattung. Der Sarg soll der des Stifters sein, Cormac, Bischof von Munster. Aber die Architektur ist ganz fein, vor allem am \u00dcbergang von Schiff und Chor: Blendb\u00f6gen, Zierleisten, skulpierte K\u00f6pfe, Blendarkaden, eingestellte Halbs\u00e4ulen. Die stehen auch, im Kleinformat, im Dreierpack an der abschlie\u00dfenden Chorwand. Sch\u00f6n, einfach sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Ich werfe noch mal einen Blick in die Ferne und mache mich dann auf den Weg. Als ich wieder in die Stadt komme, ist immer noch kein Caf\u00e9 ge\u00f6ffnet. Das Folkmuseum ist geschlossen, ohne Zeitangaben, und die Bolton Library kann ich nicht finden.<\/p>\n<p>Also fahre ich einfach weiter nach Tipperary. W\u00e4hrend der ganzen Fahrt summe ich \u201eIt\u2019s a long way to Tipperary\u201c vor mich hin, ohne es zu merken. Und das steht dann auch an einer Schiffsschraube in der Innenstadt von Tipperary. Wo und was die Innenstadt ist, ist nicht so leicht zu sagen. Es gibt nur eine langgestreckte Stra\u00dfe, aber keinen Ortskern. Ich gehe einem Kirchturm entgegen, in der Erwartung, dass der die Stadtmitte markiert. Aber wieder nichts. Die Kirche befindet sich mitten in einer Reihe von Wohnh\u00e4usern. Aus allen Richtungen str\u00f6men Menschen zum Gottesdienst.<\/p>\n<p>Da ich auch hier kein Caf\u00e9 finden kann, ziehe ich unverrichteter Dinge wieder ab. Meine einzige Ausbeute sind zwei Schilder auf Irisch, die Eing\u00e4nge zur \u00f6ffentlichen Toilette und das Vorfahrtsschild. Statt <em>Yield<\/em> steht auf dem <em>Geill<\/em> <em>Sli<\/em>. Und \u00fcber den Toiletten <em>Fir<\/em> und <em>Mn\u00e1<\/em>. Die \u00c4hnlichkeit t\u00e4uscht: <em>Fir<\/em> sind die <em>M\u00e4nner<\/em>.<\/p>\n<p>Als ich wieder in Cashel bin, finde ich endlich ein Caf\u00e9, das ge\u00f6ffnet ist. Der nette Wirt erkl\u00e4rt mir den Weg zur Bolton Library. Da bin ich am Morgen schon mal gewesen, aber nicht die letzten paar Schritte gegangen. Die Bolton Library liegt auf dem Gel\u00e4nde einer Kirche.<\/p>\n<p>Sie ist in dem sch\u00f6nen einschiffigen, eher hohen Kapitelhaus der Kirche untergebracht, aber man sieht von weitem schon, dass aus der Besichtigung nichts wird. Ein Anschlag an der T\u00fcr verr\u00e4t dann, warum: Die Bolton Library ist umgezogen. Sie ist jetzt in der Universit\u00e4t von Limerick. Das Kapitelhaus sei nie ein richtig geeigneter Ort f\u00fcr alte B\u00fccher gewesen, und aus konservatorischen Gr\u00fcnden habe man den Ortswechsel vornehmen m\u00fcssen. Einleuchtend. Aber warum wei\u00df davon die Touristeninformation von Cashel nichts?<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg h\u00f6re ich im Radio einen R\u00fcckblick auf das irische Sportjahr. Drei Journalisten stellen ihren sch\u00f6nsten Moment des Sportjahrs vor: Silbermedaille einer irischen Seglerin in Rio, vierter Platz eines H\u00fcrdensprinters in Rio, das Siegtor gegen Italien bei der EM. H\u00f6rt sich alles sehr packend an, sehr ergreifend, ohne pathetisch zu sein. Dann kommt ein Ausblick auf 2017. Da achte ich nur noch auf die Aussprache: <em>rules<\/em> klingt (ein bisschen) wie <em>roles<\/em> (und <em>Munster<\/em> wie <em>Monster<\/em>), <em>male-dominated<\/em> wie <em>meal-dominated<\/em>, <em>international<\/em> wie enternational und <em>colder<\/em> wie <em>coolder<\/em>.<\/p>\n<p>In einem politischen Programm ist die Rede von dem <em>Anglo-Irish Agreement<\/em> von 1985. Das wurde im UK, vor allem in Nordirland, mit Argwohn betrachtet und l\u00f6ste am Ende w\u00fcste Proteste aus. Der Tropfen, der das Fass zum \u00dcberlaufen brachte, war, so sagt man, die kurze Erkl\u00e4rung, die Fitzgerald vor der Presse in Highbury gab \u2013 auf Irisch. In der historischen Aufnahme h\u00f6rt man aber hier, dass er nur ein paar S\u00e4tze auf Irisch sagte und dann eine erg\u00e4nzende, viel l\u00e4ngere Erkl\u00e4rung auf Englisch abgab.<\/p>\n<p>An einer H\u00e4userwand in einem Arbeiterviertel von New Ross steht eine Inschrift in Gedenken an Connolly, einem der Helden der Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung, militanter Sozialist und Mitbegr\u00fcnder der <em>Irish Citizen Army<\/em>. Er sei einmal nach New Ross gekommen wegen einer politischen Manifestation, bei der es darum ging, Mitglieder f\u00fcr die neu gegr\u00fcndete Gewerkschaft zu rekrutieren. Ein Polizeipr\u00e4fekt habe ihm heimlich anvertraut, dass man mit einem Anschlag rechne und ihm geraten, die Veranstaltung abzublasen. Er aber habe gesagt, er sei nicht hierhergekommen, um sich abschrecken zu lassen. Die Veranstaltung habe wie geplant stattgefunden, ohne Zwischenf\u00e4lle, und am Ende seien die Teilnehmer mitgegangen, um sich in die Listen einzutragen. Connolly war auch sp\u00e4ter immer tapfer, auch bei seiner Exekution \u2013 wegen einer schweren Verletzung auf einen Stuhl gefesselt! \u2013 aber sehr klug war sein Wirken beim Osteraufstand nicht. Genauso wenig wie der ganze Osteraufstand.<\/p>\n<p>In New Ross gibt es noch Telefonzellen. Wie schnell die aus dem Bild der Innenst\u00e4dte verschwunden sind! Diese hier sind allerdings l\u00e4ngst nicht mehr funktionst\u00fcchtig. Die Kabel h\u00e4ngen lose herunter, die Telefone sind abgerissen.<\/p>\n<p>Die Polizei hei\u00dft <em>Garda<\/em>, und so steht es auch auf den Polizeiautos. Das Irische wird oft dekorativ benutzt, so auch bei\u00a0 <em>Tir na nog<\/em>, einem Kindergarten hier in der N\u00e4he. Das ist die Anderwelt der irischen Mythologie, das \u201aLand der ewigen Jugend\u2018. \u00dcber deren Lokalisierung gibt es Meinungsverschiedenheiten, aber die herk\u00f6mmlicherweise wird es im Westen angesiedelt. Ob man in <em>Tir na nog<\/em> Irisch spricht? Vermutlich. Aber in dem Kindergarten wohl kaum.<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig an den irischen St\u00e4dten sind die vielen niedrigen H\u00e4user und die vielen Gesch\u00e4fte, die in Privatbesitz sind, hier in New Ross wie auch in Waterford oder Cashel.<\/p>\n<p>Schon zweimal habe ich geh\u00f6rt, in unterschiedlichen Zusammenh\u00e4ngen, dass die irischen Auswanderer besonders gerne nach Boston gingen. Warum gingen sie in eine Gro\u00dfstadt? Sie kamen doch vom Land. Bei der Lekt\u00fcre finde ich eine einleuchtende Erkl\u00e4rung: Sie kamen von winzigen H\u00f6fen. Die hatten mit den riesigen amerikanischen Farmen fast nichts gemein. Und: Sie konnten Englisch. Das erleichterte die Assimilation.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">2. Januar (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Auf einer Karte habe ich zuf\u00e4llig gesehen, dass hier in der N\u00e4he Kells ist. Es ist aber nicht das Kells des ber\u00fchmten <em>Book of Kells<\/em>, sondern ein weniger bekanntes, das daf\u00fcr aber den Reiz hat, dass mehr erhalten geblieben ist.<\/p>\n<p>Es ist wieder sonnig, aber noch k\u00e4lter. Die Scheiben sind gefroren und es gibt keinen Schaber. Da muss man einfach abwarten. Ein Seitenfenster l\u00e4sst sich nicht herunterkurbeln, und das andere \u2013 oh Schreck! \u2013 geht nicht mehr rauf. Ich fahre mit offenem Fenster los, aber bald ist dann doch alles in Ordnung.<\/p>\n<p>Unterwegs mache ich halt an einem Aussichtspunkt. Vom Parkplatz sieht man hinunter auf eine Flusslandschaft mit H\u00fcgeln im Hintergrund. Hinter dem Fluss, der Nore, steht Grennan Castle oder das, was davon \u00fcbriggeblieben ist. Es wurde von Thomas Fitz Anthony erbaut, einem Normannen der zweiten Generation. Er kam im Tross von William Marshal nach Irland (der \u00fcbrigens die Tochter Strongbows geheiratet hatte). Grennan Castle ist ein einziger, dreist\u00f6ckiger Wohnturm, der seinen Eingang im Untergeschoss hatte, was ungew\u00f6hnlich ist. Unten sind die Mauern verst\u00e4rkt. Das sollte im Falle einer Belagerung verhindern, dass der Turm unterminiert wurde. Der Turm steht ganz leicht erh\u00f6ht, als Schutz vor den Wassern des Nore. Der Anblick mit dem baumbestandenen Fluss, dem Raureif auf den sonnenbeschienenen Wiesen, dem Wohnturm im Zentrum und einem Rugbyfeld mit Schafen daneben ist sehr photogen.<\/p>\n<p>Bei der Weiterfahrt h\u00f6re ich, dass es zwar in Irland die gleichgeschlechtliche Ehe gibt, nicht aber in Nordirland, wohl aber in England, Schottland und Wales.<\/p>\n<p>Bald komme ich nach Kells. Das war ein Priorat, also eine rangniedrigere Abtei oder ein einer Abtei unterstehendes Kloster. Es sieht aber wie eine Festung aus. Sehr sch\u00f6n, in unregelm\u00e4\u00dfigen Windungen, zieht sich die Begrenzungsmauer hin, unterbrochen von m\u00e4chtigen Wehrt\u00fcrmen, drei Kilometer lang. Rundherum nur Wiesen und Schafe. Und ein Amerikaner. Aus Arizona. Der macht Photos und will wissen, wie alt die Anlage ist. Auch er findet es schwer, ein religi\u00f6ses Bauwerk auszumachen. Er kommt aus Arizona und hat keine irischen, sondern franz\u00f6sische und deutsche Vorfahren. Er warnt mich. Das wird gleich ganz sch\u00f6n rutschig, wenn der Boden auftaut. Da hat er recht, aber ich komme noch gerade rechtzeitig die B\u00f6schung runter. Der Weg zu der Anlage ist allerdings durch ein T\u00f6rchen versperrt. Da k\u00f6nnte man zwar dr\u00fcbersteigen, aber ich begn\u00fcge mich mit ein paar Photos.<\/p>\n<p>Caf\u00e9s gibt es hier weit und breit nicht, da muss ich bis nach Thomastown fahren. Das M\u00e4dchen, das mich bedient, sagt \u201eNo bother\u201c als Antwort auf \u201eThank you.\u201c<\/p>\n<p>Von hier aus fahre ich weiter nach Kilkenny. Die Touristeninformation ist geschlossen, aber eine Frau in einem Souvenirladen googelt f\u00fcr mich und findet heraus, dass Dunmore Cave heute ge\u00f6ffnet ist. Sie schickt mich auch gleich in die richtige Richtung.<\/p>\n<p>Im Radio treten Stimmenimitatoren auf, die Trump und Clinton nachmachen, sehr gekonnt. Ein Journalist \u00e4u\u00dfert unter den Protesten der anderen die Vermutung, dass Trump gar nicht meint, was er sagt. Er habe gar keine absch\u00e4tzige Meinung Frauen gegen\u00fcber, er sage sowas nur, um gegen die Regeln zu versto\u00dfen. Der Tabubruch erh\u00f6he seinen Stellenwert. Ich finde, da ist was dran.<\/p>\n<p>Die H\u00f6hle ist tats\u00e4chlich ge\u00f6ffnet. Bis die F\u00fchrung beginnt, sehe ich mich in der kleinen Ausstellung um, sehr modern gemacht, gut pr\u00e4sentiert. Die H\u00f6hle ist eine Kalksteinh\u00f6hle. Kalkstein liegt unter mehr als der H\u00e4lfte der Fl\u00e4che von Irland. Der Kalkstein entstand durch Ablagerungen von Fossilen, zu einer Zeit, als Irland s\u00fcdlich des \u00c4quators lag, vor 350 Millionen Jahren. Durch tektonische Bewegungen wurde es dann an seine heutige Stelle katapultiert. W\u00e4hrend der letzten Eiszeit wurde von oben Druck auf den Stein ausge\u00fcbt, es entstanden Risse, und in die Risse lief Wasser. So bildete sich eine H\u00f6hle. Schlie\u00dflich brach das Dach der H\u00f6hle an einer Stelle ein. Seit Jahrhunderten kennt man die H\u00f6hle. In Aufzeichnungen des Mittelalters wird sie einer der drei dunkelsten Orte Irlands genannt. Der Legende zufolge war sie die H\u00f6hle einer monstr\u00f6sen Katze. Erst im 19. Jahrhundert begann man, ohne Vorbehalte die H\u00f6hle zu besichtigen und schlie\u00dflich zu erforschen.<\/p>\n<p>In der Ausstellung sind auch menschliche Knochen zu sehen, einige von denen, die vor ca. 50 Jahren in der H\u00f6hle gefunden wurden. Die schienen die alte volkst\u00fcmliche Geschichte zu best\u00e4tigen, dass hier ein Massaker stattgefunden habe, bei dem die Wikinger \u00fcber 1000 Iren hingeschlachtet haben sollen. Allerdings sind nur die Skelette von ca. 40 Menschen gefunden worden, und die waren unversehrt und stammten nur von Frauen und Kindern. Der Fund gibt weiterhin R\u00e4tsel auf.<\/p>\n<p>Und dann gab es 1999 einen Knall: Ein F\u00fchrer, nicht ein Arch\u00e4ologe, machte einen bedeutenden Fund. Ich frage den Mann an der Kasse, selbst ein F\u00fchrer, ein schm\u00e4chtiges Kerlchen mit dicker Brille und langem Bart, ob er damals auch schon hier gearbeitet habe, ob er den F\u00fchrer kenne. Ja, sagt er, den kenne er, das sei er selbst. Toll, er hat, wenn auch nur in ganz bescheidenem Ma\u00dfe, etwas hinterlassen. Wie das denn gekommen sei mit dem Fund, will ich wissen. Sie seien am Ende der Saison zum Aufr\u00e4umen in die H\u00f6hle geschickt worden. Touristen hinterlie\u00dfen da schon mal ein Bonbonpapier oder ein Taschentuch und die Elektriker weggeworfene Teile von Kabeln. Da sei ihm etwas Leuchtendes ins Auge gefallen. Das war eine veritable \u00b4\u201cSchatztruhe\u201c. Sie enthielt 51 Objekte: M\u00fcnzen, einen Armreif, ein bronzene Schnalle, Spulen mit Silberdraht, sogar ein mit imperialer Farbe gef\u00e4rbtes St\u00fcck Seide. Einige der Schmuckst\u00fccke kommen aus Afrika!<\/p>\n<p>Mit dem F\u00fchrer geht es \u00fcber 300 Treppenstufen durch den breiten, nat\u00fcrlichen Eingang in die H\u00f6hle, in die Gro\u00dfe Halle, die der Einfachheit halber auch gleich so hei\u00dft. Zwei der W\u00e4nde sind ganz gerade, sehen wie gemauert aus, sind aber das Werk der Natur.<\/p>\n<p>Der F\u00fchrer deutet auf eine etwas tiefer liegende Fl\u00e4che an der Ecke. Hier hat u.a. man menschliche Knochen gefunden, aber nur vereinzelte. Au\u00dferdem hat man hier auch \u00dcberbleibsel von zwei Steinarten gefunden, die es in der H\u00f6hle nicht gibt. Man vermutet deshalb, dass sie, genauso wie die Knochen, von oben durch die vielen G\u00e4nge in die H\u00f6hle gesp\u00fclt worden sind.<\/p>\n<p>Gleich daneben h\u00e4ngt ein merkw\u00fcrdig abgeschnitten aussehender Stalaktit. Wie kann das sein? Die verengen sich doch sonst nach unten hin. Man glaubt, dass er tats\u00e4chlich abgeschnitten wurde, in der Viktorianischen Epoche, von Souvenirj\u00e4gern. Man soll die Tropfsteine f\u00fcr Fossile gehalten und verkauft haben. Es ist sogar vom Einsatz von Sprengstoff die Rede. Aber wie kann es dann sein, dass die Sache so \u201eglatt\u201c abgegangen ist? Und hat man keine Reste des Sprengstoffs gefunden? Mir kommt das alles sehr bizarr vor.<\/p>\n<p>Einleuchtender sind die beiden n\u00e4chsten Geschichten. Die H\u00f6hle, aber nur dieser Raum, denn von dem Rest wusste man noch nichts, ist auch von Berkeley besichtigt worden, dem irischen Philosophen und Namensgeber der amerikanischen Universit\u00e4t. Der habe gro\u00dfes Interesse an der H\u00f6hle gehabt und vermutet, dass sie noch viel gr\u00f6\u00dfer sein m\u00fcsste. Um das herauszufinden, lie\u00df er hier Sch\u00fcsse aus einem Gewehr abfeuern, um an dem Nachhall zu testen, in welche Richtungen weiter gesucht werden sollte.<\/p>\n<p>Zu ganz anderen Zwecken wollte Michaels Collins die H\u00f6hle benutzen. Er wollte, dass seine Soldaten nach einem Angriff auf die Briten hierher Zuflucht n\u00e4hmen. Deshalb schickte er eine Expedition vor, die herausfinden sollten, ob die H\u00f6hle noch einen weiteren Ausgang hat. Damit man, wenn die Briten die Verfolgung aufn\u00e4hmen, fl\u00fcchten k\u00f6nne. Aus der Aktion ist aber wohl nichts geworden.<\/p>\n<p>Inzwischen kennt man aber die beiden anderen Hallen der H\u00f6hle. Dort sehen wir die typischen Formationen, in die das menschliche Auge \u2013 oder besser Gehirn \u2013 sinnvolle Figuren hineinlesen will. Wir sehen einen B\u00fcffel, dessen Fell tats\u00e4chlich so struppig wie das eines B\u00fcffels aussieht, und eine aufrecht stehende Hand, ein eher seltenes Bild.<\/p>\n<p>Dort, in der dritten H\u00f6hle, wird dann alles k\u00fcnstliche Licht gel\u00f6scht. Absolute Dunkelheit. Beeindruckend. Der F\u00fchrer sagt, wenn sich das Auge an die Dunkelheit gew\u00f6hnt habe, sehe man zwei, drei blasse Lichtflecken. Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Aber wirklich, auf einmal ist dunkel nicht mehr gleich dunkel. Es gibt verschiedene Schattierungen davon. Es ist nicht schwer, dem auch eine \u00fcbertragende Bedeutung abzugewinnen. Und dann kommt die Erkl\u00e4rung: Genau an einer der Stellen, wo es etwas heller wird, ist die Schatztruhe gefunden worden. Und in der N\u00e4he auch einige der Skelette. Die k\u00f6nnen dann eine ganz neue Bedeutung erfahren. Vielleicht war die H\u00f6hle ein Mausoleum, eine Grabst\u00e4tte, und die scheinbar unzusammenh\u00e4ngenden Objekte Grabbeigaben!<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg mache ich nochmal Halt in Kilkenny und mache ein paar Photos, darunter eins von einer Statue mit Hurling-Spielern, keinen Ber\u00fchmtheiten, sondern anonymen Hurling-Spielern, die f\u00fcr alle stehen, die den Sport betreiben. Er gilt als eine der schnellsten Sportarten der Welt. Und wurde zusammen mit Gaelic Football im 19. Jahrhundert von der auch politisch einflussreichen <em>Gaelic Athletic Association<\/em> promoviert, auf sehr rigorose Art: Wer \u201eunirische\u201c Sportarten wie Rugby, Fu\u00dfball oder Hockey spielte, flog raus. Da waren Kleingeister am Werk.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">3. Januar (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Morgen sind die Fensterscheiben des Autos noch dicker zugefroren. Ein Gedankenblitz hilft und das Brillenetui kommt als Schaber zum Einsatz.<\/p>\n<p>Durch die sonnige Winterlandschaft geht es nach Waterford. Im Radio wird \u00fcber den Preis von Wasser debattiert. Die Abrechnungen scheinen anders zu sein als bei uns. Es gibt neuerdings eine umstrittene Obergrenze, 130 Liter. Dar\u00fcber hinaus muss bezahlt werden. Das wird als unsozial angesehen. Kann es wirklich sein, dass der Wasserverbrauch bis zu 130 Liter gratis ist? Oder bezahlt man vielleicht bis dahin eine Pauschale, die fr\u00fcher f\u00fcr grenzenlosen Wasserverbrauch galt? Das w\u00e4re wirklich sehr gro\u00dfz\u00fcgig.<\/p>\n<p>Geklagt wird auch \u00fcber volle Krankenh\u00e4user. Gerade zu dieser Jahreszeit immer dasselbe Bild, beklagt der Moderator. Ein Arzt sagt, dass sei ein grunds\u00e4tzliches, ein demographisches Problem, und dem habe man sich bisher einfach nicht gestellt.<\/p>\n<p>Man erf\u00e4hrt, dass 600 Iren jedes Jahr ihren Namen \u00e4ndern. Eine Frau berichtet, sie h\u00e4tte nur ein paar Dokumente, ein paar Zeugen und 60 \u20ac gebraucht, und schon h\u00e4tte sie einen neuen Namen bekommen. Sie hei\u00dft <em>Nule<\/em> oder <em>Noole<\/em> \u2013 der Name wird leider nicht buchstabiert \u2013 und daraus wird dann, weil es kein verbreiteter Name ist, leicht <em>Null<\/em> oder <em>Noodle<\/em>. Jetzt hei\u00dft sie Catherine. Der Moderator meint, in ein paar Jahren werde die Zahl der Antr\u00e4ge wohl steigen, dann n\u00e4mlich, wenn die Generation dran w\u00e4re, die zu der Zeit der \u00f6konomischen Hausse geboren wurden. Die sind nach den Figuren aus den damaligen Seifenopern benannt worden.<\/p>\n<p>Eine \u00e4ltere Frau aus Brasilien hatte in ihrem Hausaltar seit Jahren eine Statuette des Hl. Antonius stehen, den sie besonders verehrte und zu dem sie t\u00e4glich betete. Irgendwann sah sich ihre Urenkelin die Figur etwas genauer an und fragte, ist das wirklich der Hl. Antonius? Sie recherchierte und es stellte sich heraus, dass die Statuette Elrond darstellte, eine Figur aus dem <em>Lord of the Rings<\/em>. Erinnert mich an eine Szene aus Hundert Jahre Einsamkeit, in der sich herausstellt, dass eine Heiligenfigur, die von der ganzen Familie seit Generationen angebetet wird, einen Goldschatz enth\u00e4lt. Sie haben die ganze Zeit das schn\u00f6de Mammon angebetet.<\/p>\n<p>Kurz vor Erreichen der Stadt kommt die moderne, elegante River Suir Bridge in Sicht. Diesmal mache ich einen Umweg, um einen guten Punkt f\u00fcr ein Photo zu erwischen, bei den guten Lichtverh\u00e4ltnissen. Es ist die l\u00e4ngste Br\u00fccke Irlands. Die schr\u00e4gen Seile sehen aus der Distanz wie Bleistiftstriche aus.<\/p>\n<p>In dem Caf\u00e9, wo ich als erstes lande, steht auf einem Schild: \u201ePlease keep children seated at all times.\u201c Das kommt mir etwas kleinlich vor. Man wird, wie \u00fcberall, am Tisch bedient, aber man zahlt an der Theke. Wo man die Bestellung aufgibt, variiert.<\/p>\n<p>Heute steht Waterford Crystal auf dem Programm. Die hatten bisher geschlossen. Die F\u00fchrung ist interessant, aber nicht das unverzichtbare kulturelle Erlebnis, als das die Fabrik es darstellt. Und es wird ordentlich abkassiert. Dabei ist das doch eine Werbeveranstaltung.<\/p>\n<p>In einem ersten Ausstellungsraum, den wir viel zu schnell hinter uns lassen, kann man sehen, dass Waterford Crystal nicht nur Gl\u00e4ser produziert, sondern auch Pokale, Pokale f\u00fcr weltbekannte Wettbewerbe im Motorsport, in Cricket, Tennis, Golf usw. Das bekannteste Einzelst\u00fcck \u00fcberhaupt ist Waterford Crystal Ball, der Blickfang \u00fcberhaupt bei den Neujahrsfeierlichkeiten in New York.<\/p>\n<p>Die Gl\u00e4ser haben einen hohen Wiedererkennungswert. Ich habe solche Gl\u00e4ser schon oft gesehen (oder Imitationen solcher Gl\u00e4ser), ohne zu ahnen, dass es Waterford Crystal ist. Das gilt vor allem f\u00fcr ein klassisches Design, das Lismore hei\u00dft. Die Gl\u00e4ser haben einen flachen Eindruck, so als wenn man einen Fingerabdruck mit dem ganzen Finger machte. Dieses Motiv verbindet sich mit verschiedenen anderen. Der Designer soll sich dabei von Formen der Burg von Lismore inspiriert haben lassen, einer Burg in der N\u00e4he von Waterford. Dar\u00fcber h\u00e4tte man gerne mehr erfahren.<\/p>\n<p>Waterford Crystal geh\u00f6rt heute einem finnischen Unternehmen, das auch Wedgewood und Royal Doulton aufgekauft hat. Gegr\u00fcndet wurde das Unternehmen 1783. Die Gr\u00fcnder waren zwei Unternehmer, Charles und William Penrose, die den Wert des Hafens von Waterford erkannten, sowohl f\u00fcr den Export der fertigen Produkte als auch f\u00fcr den Import der Rohstoffe. Sie hatten allerdings keine Ahnung von der Kristallherstellung. Dazu mussten sie einen Partner an Bord nehmen, und der verstand sein Gesch\u00e4ft. Das Unternehmen florierte sofort. Der Partner blieb allerdings nur kurze Zeit. Er wurde von den Penrose f\u00e4lschlich einer Sache beschuldigt und verlie\u00df das Unternehmen, traute aber vorher einem Mitarbeiter, der zu ihm gestanden hatte, seine Kenntnisse an. Der hatte noch gr\u00f6\u00dferen Erfolg. Von dem Zerw\u00fcrfnis ist bei der F\u00fchrung allerdings nicht die Rede, ebenso wenig wie von der vor kurzem bevorstehenden Insolvenz. Erst als die durch den Verkauf abgewendet wurde, entstand dieses nagelneue, hochmoderne Geb\u00e4ude im Zentrum von Waterford. Fr\u00fcher war das Fabrikgeb\u00e4ude au\u00dferhalb.<\/p>\n<p>Waterford Crystal wurde dann 1851, wegen zu hoher Steuern auf Luxusg\u00fcter, wie es hei\u00dft, geschlossen, und erst nach dem Krieg wieder er\u00f6ffnet, und zwar von zwei Tschechen, die vor\u00fcbergehend nach Waterford gekommen waren und dann aber ein ganzes Leben lang blieben.<\/p>\n<p>Heute werden hier 40.000 St\u00fccke pro Jahr hergestellt, gut die H\u00e4lfe der Gesamtproduktion. Der Rest wird auf dem Kontinent hergestellt, u.a. in Slowenien und Tschechien.<\/p>\n<p>Dann geht es in die Produktionshalle. Wie immer bei solchen technischen Prozessen kann ich der Sache nicht ganz folgen, aber man bekommt einen Eindruck.<\/p>\n<p>Die Rohstoffe sind Sand, Pottasche und Bleimonoxyd. Alle werden importiert. Das Bleimonoxyd, das aus Holland kommt, macht den Unterschied aus. Durch diesen Rohstoff wird aus Glas Kristall.<\/p>\n<p>Zuerst kommen die Glasbl\u00e4ser. Man sieht wie aus kleinen, gl\u00fchenden Tropfen allm\u00e4hlich durch Blasen, Drehen und Versenken in h\u00f6lzerne und eiserne Formen\u00a0 Kristallkugeln werden. Die w\u00fcrden rissig, wenn man sie an der Luft bewahrte und m\u00fcssen erst wieder auf Hochtemperatur, 1.400\u00b0, erhitzt und dann allm\u00e4hlich abgek\u00fchlt werden.<\/p>\n<p>Alle, die hier arbeiten, haben mindestens zwanzig Jahre Erfahrung. Allein die Lehrzeit dauert f\u00fcnf Jahre.<\/p>\n<p>Dann sieht man, wie das Glas geschnitten und gereinigt und dann kontrolliert wird. Es gibt keine M\u00e4ngelexemplare. Sobald sich irgendwo ein Mangel zeigt, wird das Glas zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Man kommt dann zu den Schleifern. Sie sitzen hinter einem mit Wasser feucht gehaltenen Diamantrad, mit dem sie alle m\u00f6glichen Variationen von zwei Grundformen in das Kristall fr\u00e4sen: Keile und Wirbel. Sie gehen mit gr\u00f6\u00dfter Konzentration vor, denn jedes Einzelst\u00fcck, da handgemacht, weicht von jedem anderen ab. Sie \u00fcben Druck auf das Glas aus, aber eben nur sanften Druck. F\u00fcr mich ist das der beeindruckendste Arbeitsschritt.<\/p>\n<p>Am Ende kommen die Graveure, die mit einer Vielzahl unterschiedlicher kupferner Stifte alle m\u00f6glichen Formen in das\u00a0 Glas ritzen, meist in individuell in Auftrag gegebene Einzelst\u00fccke. Einige davon sind hier ausgestellt: ein Grammophon,\u00a0 ein Telefone, ein Kreuz, ein Schneemann, eine Kalesche und ein Coca-Cola-Glas. Ich \u00a0m\u00f6chte sowas nicht geschenkt bekommen. Aber daf\u00fcr wird viel Geld ausgegeben.<\/p>\n<p>Alle \u201eUnikate\u201c werden tats\u00e4chlich siebenmal gemacht. Davon werden drei fertig ausgearbeitet. Neben dem \u201eOriginal\u201c gibt es immer ein Exemplar f\u00fcr den Auftraggeber, und eins beh\u00e4lt das Unternehmen. Das kommt in Notf\u00e4llen gut zupass, wie bei einer Football-Troph\u00e4e, die nach Alabama ging und bei der Verleihung zu Bruch ging. Dann kann schnell f\u00fcr Ersatz gesorgt werden. Und die anderen vier nicht ausgearbeiteten Grundformen k\u00f6nnen bei sp\u00e4teren Nachbestellungen zum Einsatz kommen.<\/p>\n<p>Wir werden in den Verkaufsraum geleitet. Die Preise haben es in sich. Ein gew\u00f6hnliches Weinglas kostet zwischen 65 \u20ac und 85 \u20ac, das billigste Produkt, was ich \u00fcberhaupt entdecke, ist ein Lik\u00f6rglas f\u00fcr 35 \u20ac.<\/p>\n<p>Erst sp\u00e4ter, bei der Sichtung der Photos, f\u00e4llt mir auf, dass sich in der Glasfassade des Hauptgeb\u00e4udes von Waterford Crystal der Turm der Kathedrale spiegelt, ein unfreiwillig gelungenes Photo, das das alte mit dem neuen Waterford vereint.<\/p>\n<p>Reginald\u2018s Tower und Kathedrale sind geschlossen, also versuche ich, bei der Touristeninformation Tipps zu bekommen. Die haben ab heute wieder ge\u00f6ffnet. Haben sie jedenfalls angek\u00fcndigt. Aber es kommt anders. Mittags geschlossen: 12.45-1-15. Angeblich wegen <em>staff training<\/em>. H\u00f6rt sich eher nach Umtrunk der Belegschaft zum Jahresanfang an.<\/p>\n<p>Ich mache mich auf die Suche nach der Kirche mit dem irischsten aller Patrozinate und stehe nach wenigen Minuten, mitten in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, vor einem (nat\u00fcrlich) verschlossenen Gitter, auf dem in goldenen Lettern steht: <em>Saint Patrick\u2019s<\/em>. Hinter dem Gitter ein Durchgang zwischen zwei H\u00e4userblocks. Keine Kirche zu sehen, kein Eingang, kein Turm, kein Kreuz, gar kein Anzeichen eines \u00f6ffentlichen Geb\u00e4udes. Nur eine sch\u00e4bige Passage. Komisch. Auf einem Schild wird zum Besuch der Kirche eingeladen, die als \u201e\u00e4lteste katholische Kirche Irlands\u201c beworben wird (wobei man sich fragt, was hier <em>katholisch<\/em> hei\u00dft). Der Eingang befinde sich auf der anderen Seite, beim Parkplatz. Die \u00d6ffnungszeiten sind angegeben, und denen zufolge m\u00fcsste die Kirche jetzt ge\u00f6ffnet sein. Also gehe\u00a0 ich um den H\u00e4userblock herum. Das Gebiet um den Parkplatz herum ist ein heruntergekommenes Viertel, mit verlassenen H\u00e4usern, verrosteten Gitterst\u00e4ben und verblassten Wandmalereien, in starkem Kontrast zu der proprer Fu\u00dfg\u00e4ngerzone auf der anderen Seite, keine f\u00fcnf Minuten entfernt. Ich irre ein bisschen in der Gegend herum und frage ein paar Passanten. Umsonst. Hier ist noch weniger von einer Kirche zu sehen, und niemand wei\u00df Bescheid. Am Ende sehe ich ein Tor, das am anderen Ende der Passage liegen mag, aber auch das ist verschlossen, und hier gibt es nicht einmal einen Hinweis auf die Kirche.<\/p>\n<p>Erst sp\u00e4ter bei der Lekt\u00fcre l\u00fcftet sich das Geheimnis: Saint Patrick\u2019s stammt aus der Zeit der <em>Penal Laws<\/em>. Die stellten das Abhalten katholischer Gottesdienste unter Strafe. Die Katholiken lie\u00dfen sich dadurch nat\u00fcrlich nicht abschrecken und hielten ihre Gottesdienste heimlich ab, oft im Freien. Oder in Orten wie Saint Patrick\u2019s. Das Geb\u00e4ude war als Getreidespeicher getarnt. Daher die \u201eunsichtbare\u201c Kirche in einem unverd\u00e4chtigen Viertel.<\/p>\n<p>Als ich wieder zur\u00fcckgehe, steht pl\u00f6tzlich die Kathedrale sperrangelweit auf. Also doch. Ich werde sehr freundlich empfangen und bekomme eine hervorragende kleine Brosch\u00fcre, die die Besonderheiten der Kirche herausstellt. Um eine kleine Spende wird gebeten, denn die Kirche bekommt keine staatliche Unterst\u00fctzung. Klar! <em>Church of Ireland<\/em> h\u00f6rt sich so staatstragend an wie <em>Church of England<\/em>, aber sie ist eben keine Staatkirche.<\/p>\n<p>Zu den Besonderheiten der Kirche geh\u00f6rt ein Glasfenster, das einzige Buntglasfenster, das sp\u00e4ter eingebaut wurde und eigentlich nicht zu dem Bau passt, der ganz und gar im Stile des englischen Klassizismus gehalten ist &#8211; <em>Georgian Style<\/em>. Das Buntglasfenster zeigt zwei engelsgleiche Figuren, in einer Form, die an die Nazarener erinnert. Die eine stellt <em>Sorrow<\/em> dar, die andere <em>Joy<\/em>. Unter ihnen ein Spruchbanner, auf dem steht: \u201cSorrow may endure for a night but Joy cometh in the morning\u201c.<\/p>\n<p>An den Seiten des Mittelschiffs stehen zwei kleine Holzmodelle, eins von der aktuellen Kirche, eins von der normannischen Vorg\u00e4ngerkirche, einem m\u00e4chtigen Bau mit vielen sp\u00e4ter hinzugef\u00fcgten Seitenkapellen und einem gedrungenen Turm, der an der Nordseite auf mittlerer H\u00f6he an das Schiff anschlie\u00dft. Was ist aus der Kirche geworden, fragt man sich. Sie wurde abgerissen. Sie wurde nicht mehr f\u00fcr zeitgem\u00e4\u00df angesehen und tats\u00e4chlich einfach so abgerissen. Dazu gibt es eine Geschichte: Der Bischof soll strikt gegen den Abriss gewesen sein, die Stadtverwaltung \u2013 City Corporation &#8211; daf\u00fcr. Man wirkte auf den Bischof ein, indem man einmal, als er die Kirche betrat, Bauschutt auf ihn herabrieseln lie\u00df. Das soll ihn \u00fcberzeugt haben.<\/p>\n<p>Am westlichen Ende des s\u00fcdlichen Seitenschiffs befindet sich ein abgetrennter Raum, ein Raum, in dem Recht gesprochen wurde, einer der weniger R\u00e4ume dieser Art, der sich erhalten hat. Hier sprach der Bischof Recht und \u00fcbte damit betr\u00e4chtliche politische Macht aus, denn es ging um Angelegenheiten wie Eheschlie\u00dfungen und Testamente, aber auch um kanonisches Recht und Rechtsbr\u00fcche wie Blasphemie, Ehebruch oder Frevel.<\/p>\n<p>Die Decke hat eine sch\u00f6ne, barock anmutende Stuckverzierung, und \u00e4hnlich ist die Verzierung \u00fcber dem einfach gehaltenen Altar. An der (wie bei den englischen Kirchen) gerade abschlie\u00dfenden Ostwand setzt sich diese Verzierung fort. In einer Sonne ist das Tetragramm eingelassen, mit hebr\u00e4ischen Buchstaben, eine ungew\u00f6hnliche Reverenz an das Judentum als Vorg\u00e4nger und Grundlage des Christentums.<\/p>\n<p>Das wichtigste Ausstellungsst\u00fcck ist der Sarkophag von James Rice, dem auch im Mittelaltermuseum mehrfach erw\u00e4hnten sp\u00e4tmittelalterlichen B\u00fcrgermeister Waterfords. Es ist ein Kadavermonument. Rice ist dargestellt als verwesende Leiche mit Totensch\u00e4del, W\u00fcrmern auf der Brust und einer Kr\u00f6te auf dem Bauch. Das Monument soll verweisen auf die K\u00fcrze des irdischen Daseins und die Nichtigkeit von Reichtum und Macht. Eine sehr verwitterte Inschrift enth\u00e4lt die Zeilen \u201eI am what you will be. I was what you are now.\u201c<\/p>\n<p>Der Architekt von Christ Church Cathedral war John Roberts, und er war auch der Architekt der Holy Trinity Cathedral, und das macht Waterford zu der einzigen europ\u00e4ischen Stadt, in der die protestantische und die katholische Kathedrale von dem gleiche Architekt entworfen wurde. Das katholische Pendant ist allerdings nur ein m\u00fcder Abklatsch der anglikanischen Kathedrale. Hier hat das 19. Jahrhundert gew\u00fctet und nichts Sehenswertes hinterlassen.<\/p>\n<p>Ich mache noch ein paar Photos in der lebendigen Innenstadt und bleibe einen Moment vor dem Pferdekarussell stehen, dass hier vermutlich wegen der Weihnachtsfeiern aufgebaut wurde. Kindheitserinnerungen. Es ist alles noch genauso wie fr\u00fcher. Die bunt bemalten Pferde drehen sich langsam im Kreis und bewegen sich auf und ab. Und das Erstaunliche: Es wird angenommen, von Kindern und Erwachsenen. Und das in Zeiten von Erlebnisparks und Cyberspielen.<\/p>\n<p>Unter den Photos befindet sich auch eine Reklame von Guinness. Die sind immer gut f\u00fcr einen intelligenten Werbespruch: <em>Unique. Like every other Guinness<\/em>.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">4. Januar (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>In dem Copyshop, in dem ich meine Bordkarte ausdrucken lie\u00df, habe ich einen Ausflugstipp bekommen: Curracloe. Das liegt in Wexford. Und was gibt es da? Str\u00e4nde! Str\u00e4nde? Zu dieser Jahreszeit? Ja, einen Strandspaziergang kann man auch im Winter machen, und sch\u00f6n ist es da allemal. Also geht der letzte Ausflug der Reise nach Carracloe.<\/p>\n<p>Das Wetter scheint allerdings nicht mitzuspielen. Von der Sonne keine Spur. Bis ich in Wexford bin, hat sie es sich aber anders \u00fcberlegt und scheint so hell wie in den letzten Tagen.<\/p>\n<p>Die Fahrt selbst lohnt sich schon. Es ist zwar immer noch nicht das Irland der Traumlandschaften, aber es ist gr\u00fcner als in den letzten Tagen.<\/p>\n<p>Im Radio ein Interview mit einem sehr nachdenklichen Comedian. Er wundert sich, dass es Nachrichten immer zu bestimmten Tageszeiten ganz dichtgedr\u00e4ngt gibt und zu anderen nicht. Dann scheint nicht zu passieren. Genauso, wenn die Journalisten in Ferien sind, wie um Weihnachten. Setzt dann das Weltgeschehen aus? Er findet die meisten Nachrichten <em>elevated gossip<\/em> und zitiert einen Bekannten, der kein Radio, keinen Fernseher und keine Zeitung (und, m\u00fcsste man heute hinzuf\u00fcgen, kein Smartphone hat) und der immer wieder gefragt wird, wie er denn vom Weltgeschehen erfahre, worauf er immer antwortet: \u201eMy neighbours will tell me.\u201c<\/p>\n<p>Und wie erkennt man <em>gossip<\/em>? Man solle sich die Frage stellen, ob man etwas, was man \u00fcber einen anderen sagt, auch in dessen Gegenwart sagen w\u00fcrde. In den meisten F\u00e4llen ist die Antwort nein. Dann ist es <em>gossip<\/em>.<\/p>\n<p>Er bezeichnet sich selbst als sehr verletzlich, aber auf der B\u00fchne, da sei er unverletzlich, <em>bullet-proof<\/em>. Da k\u00f6nne ihm nichts anhaben. Wenn ihm jemand privat etwas sagt, das ihn verletzt, w\u00fcrde dasselbe auf der B\u00fchne an ihm abprallen. Bei allen Unterschieden: Da haben Lehrer und Schauspieler was miteinander gemeinsam.<\/p>\n<p>In Wexford geht es \u00fcber eine riesige Br\u00fccke. Die ist zu gro\u00df f\u00fcr einen Fluss, aber es sieht auch noch nicht nach offenem Meer aus. Und so ist es. Es ist die breite Flussm\u00fcndung des Slaney. Die hei\u00dft hier Wattenmeer. Schon der alte skandinavische Name von Wexford deutete darauf hin: <em>Waesfjord<\/em>, \u201aHafen des Watts\u2018. Inzwischen ist hier so viel Schlamm angesp\u00fclt worden, dass gro\u00dfe Schiffe schon lange nicht mehr den Hafen von Wexford anlaufen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nach ein paar Kilometern kommt dann Carracloe. Man kann fast bis zum Strand fahren. Nur die D\u00fcnen trennen einen davon. Ein Programm zur \u201eRestauration\u201c der D\u00fcnen ist im Gange. Durch Pferde und Urlauber verl\u00f6ren die immer mehr ihr Gras und w\u00fcrden dadurch Opfer des Windes und weiter erodiert. Dem Laien erschlie\u00dft sich das nicht. Dichte, hohe Grasb\u00fcschel wachsen auf allen D\u00fcnen.<\/p>\n<p>Die einsame Stille wird von einer Kreiss\u00e4ge durchbrochen, doch bald verschlucken die Wellen ihren Krach. Hinter einem Durchgang zwischen zwei D\u00fcnen \u00f6ffnet sich ein langer, breiter Sandstrand, feinster, heller Sand, ohne jeden Kieselstein, ohne Plastikbecher, ohne Bonbonpapier. Und die Hundebesitzer sorgen daf\u00fcr, dass ihre Hunde nicht ihre Spuren hinterlassen.<\/p>\n<p>Ich bin fast, aber nicht ganz alleine. Ein Paar mit Hund, ein paar Jogger, dann eine Familie. Das ist alles. Ich gehe immer den Strand entlang, der Sonne entgegen, bis mich der Hunger zur\u00fccktreibt.<\/p>\n<p>Hier ist alles geschlossen, also fahre ich zur\u00fcck nach Wexford. Das hat keinen guten Ruf und ist eigentlich nur f\u00fcr sein Opernfestival bekannt, aber es erweist sich als positive \u00dcberraschung.<\/p>\n<p>Auf dem Weg in die Innenstadt komme ich an einem Pub vorbei, das nicht umsonst am Hafen liegt: John Barry. So hie\u00df ein Junge aus Wexford, den die Erz\u00e4hlungen seines Onkels, der Seemann war, so in den Bann zogen, dass er schon mit zehn Jahren selbst auf Seefahrt ging. Und am Ende, l\u00e4ngst vor der Hungersnot, in Amerika landete. Er fand eine Stelle bei der Handelsflotte in Philadelphia, an der Fleet, und wurde schlie\u00dflich selbst Kapit\u00e4n. Mit seinem Schiff, <em>Black Prince<\/em>, stellte er einen Geschwindigkeitsrekord auf. Als der Amerikanische Unabh\u00e4ngigkeitskrieg ausbrach, rekrutierte man Kapit\u00e4ne der Handelsschiffe als Kapit\u00e4ne der Kriegsflotte. Es gab ja noch keine ausgebildeten Milit\u00e4rs. Barry machte das mit viel Erfolg, so viel, dass die Briten ihm zum \u00dcberlaufen bewegen wollten, mit einem Bestechungsgeld von 15.000 Guineas. Er lie\u00df sich nicht bestechen und k\u00e4mpfte f\u00fcr seine adoptierte Heimat gegen die Briten \u2013 genau das, was man auch in seiner alten Heimat tat. Nach dem Krieg wurde er wieder Handelskapit\u00e4n und erschloss vor allem neue Routen von Amerika nach China. Der Beginn der Handelsbeziehungen zwischen den beiden L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Nach dem Kaffee geht es zum Bullring, nur ein paar Schritte entfernt, einem Platz an einer Kreuzung mehrerer kleiner, verwinkelter Stra\u00dfen mitten im Zentrum. Der Bullring hat seinen Namen von der Bullenhetze, die hier in fr\u00fcheren Zeiten stattfand, ab 1621, zweimal pro Jahr. Das Fell der Bullen wurde dem B\u00fcrgermeister pr\u00e4sentiert, das Fleisch an die Armen verteilt.<\/p>\n<p>Davon ist heute nichts mehr zu sehen. Am hinteren Ende des Platzes steht der mit F\u00e4hnchen geschm\u00fcckte Bullring Market. Der \u00f6ffnet aber nur freitags und samstags.<\/p>\n<p>Davor eine Statue, die an 1798 erinnert, an die Rebellion, an die \u201eIrische Revolution\u201c sozusagen, die nicht umsonst zeitlich an die Franz\u00f6sische Revolution anschloss. Das war eine Rebellion gegen die Briten, die eine echte Trag\u00f6die war und nicht, wie einige der anderen, eine Farce. 30.000 Menschen kostete sie das Leben. Auf dem Denkmalssockel steht eine einzige m\u00e4nnliche Figur, mit starker Muskulatur und hervorstehenden Venen. In der Hand h\u00e4lt er eine Lanze. Keine anderen Waffen, keine R\u00fcstung. So zog man gegen den Feind, eins der m\u00e4chtigsten L\u00e4nder Europas. Nat\u00fcrlich vergebens. Die Hilfe von au\u00dfen, diesmal von Frankreich, kam, wie so oft in der irischen Geschichte, nicht rechtzeitig oder am falschen Ort oder gar nicht. Letztendlich ging der Schuss \u2013 wenn das hier die richtige Metapher ist \u2013 nach hinten los: Die wenigen Konzessionen, die man den Iren gemacht hatte, wurden zur\u00fcckgenommen, und das irische Parlament, erschrocken ob des gewaltsamen Aufstandes, beschloss seine Selbstaufl\u00f6sung. Das Vereinigte K\u00f6nigreich entstand.<\/p>\n<p>An einer Ecke des Platzes befindet sich ein Pub mit dem etwas unheimlichen Namen <em>The Undertaker.<\/em><\/p>\n<p>Auf verschiedenen in den Boden eingelassenen Platten auf dem Platz sind Zitate aus der Zeit zu lesen, u.a. ein Auszug aus einer Predigt eines irischen Bischofs kurz vor dem Aufstand. Er warnt, mit biblischen Ankl\u00e4ngen, vor der \u201everbotenen Frucht\u201c der franz\u00f6sischen Freiheit. Die bringe nur Verderben. Die Predigt endet mit dem Motto: <em>Liberty, Equality, Amity, Protection<\/em>.<\/p>\n<p>Ich gehe weiter zur Selskar Abbey. Auf dem Weg bleibe ich vor der Statue eines Sportlers stehen. Zwei vorbeikommende \u00e4ltere Damen erkl\u00e4ren mir, dass es sich um Hurling handelt. Der Dargestellte ist ein lokaler Held oder, besser gesagt, war es. An der Ausstattung kann man sehen, dass es sich um die Nachkriegszeit gehandelt haben muss. Die stollenbesetzten Schuhe sehen fast wie Stiefel aus und erinnern noch ein bisschen an die Fu\u00dfballschuhe, die wir als Kinder trugen. <em>sepulcre<\/em> abgeleitet und ist eine Anspielung auf das Heilige Grab im Heiligen Land. Der Legende zufolge soll die urspr\u00fcngliche Abtei von einem Alexander Roche gegr\u00fcndet worden sein. Der kam von den Kreuzz\u00fcgen zur\u00fcck und musste h\u00f6ren, dass seine Verlobte, die ihn tot w\u00e4hnte, inzwischen in einen Konvent eingetreten war.<\/p>\n<p>Von der Abbey sind \u00fcber die Mauer hinweg nur Seitenw\u00e4nde und ein Turm zu sehen. Davor steht eine dachlose Kirche, die aber sp\u00e4teren Datums ist. Das Ensemble ist aber sehr pittoresk.<\/p>\n<p>In dieser Abtei soll Heinrich II. Bu\u00dfe getan haben nach der Ermordung von Becket, f\u00fcr die er zumindest mitverantwortlich war.<\/p>\n<p>Hinter der Abbey steht noch ein sch\u00f6nes St\u00fcck der alten Stadtmauer, und zwischen zwei Teilen der Stadtmauer ein Tor, Westgate. Das war ein Zollturm. Hier wurde abkassiert. Man sieht noch die Nische, hinter der die Z\u00f6llner sa\u00dfen und die Kammer, in die die eingesperrt wurden, die nicht zahlen konnten \u2013 oder wollten.<\/p>\n<p>Auf dem sch\u00f6nen kleinen Platz vor dem Tor befinden sich in einem Haus, Seite an Seite gleich zwei Fris\u00f6rl\u00e4den, ein moderner mit einer breiten Glasfront, ein traditioneller, der sich hinter Steinen verbirgt. Der eine hei\u00dft <em>Hairdresser<\/em>, der andere <em>Barber<\/em>. Sp\u00e4ter sehe ich dann noch einen anderen Fris\u00f6rladen: <em>The Cutthroat Society\u2019s Barber<\/em>.<\/p>\n<p>Wieder ganz im Zentrum lande ich in <em>Simon\u2019s Place<\/em>, einem Pub. Dort bestelle ich eine Lauchsuppe und gef\u00fcllte H\u00e4hnchenbrust zusammen mit einem irischen Bier. Alles gut, aber zu teuer: 19,15 \u20ac.<\/p>\n<p>Als ich wieder nach New Ross fahre, hat die Sonne sich zur\u00fcckgezogen, und es herrscht wieder das melancholische Zwielicht der ersten Tage. Und damit schlie\u00dft sich der Kreis. Eine Reise geht zu Ende, die gezeigt hat, dass Irland immer eine Reise wert ist, aber im Sommer mehr als im Winter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>26. Dezember (Montag) Irland ist kein klassisches Winterreiseziel, aber man kann es ja mal versuchen. Und die Erinnerungen an die verblassenden fr\u00fcheren Reisen auffrischen. Nach New Ross zu fahren, daf\u00fcr gebe es keinen Grund, sagen die Reisef\u00fchrer. 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