{"id":8854,"date":"2017-02-26T17:03:19","date_gmt":"2017-02-26T16:03:19","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=8854"},"modified":"2017-02-28T05:37:42","modified_gmt":"2017-02-28T04:37:42","slug":"klaipeda-2017","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=8854","title":{"rendered":"Klaipeda (2017)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">12. Februar (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Wo Klaipeda ist, wei\u00df kein Mensch. Jedenfalls fast kein Mensch. Und ich wusste es auch nicht, bis wir vor ein paar Jahren, auf den Wunsch von Klaipeda, den Austausch vereinbarten. Der d\u00fcmpelt seitdem so vor sich hin.<\/p>\n<p>Klaipeda ist in Litauen. An der Ostseek\u00fcste. Der alte deutsche Name ist Memel. Da denkt man eher an den Fluss. Und der m\u00fcndet wohl auch hier in der Gegend in die Ostsee.<\/p>\n<p>Es ist alles Neuland, nicht nur die Uni und Klaipeda, sondern auch Litauen und die baltischen L\u00e4nder \u00fcberhaupt. Nicht einmal was wo liegt wusste ich. Eine Chance, das endlich mal in den Griff zu bekommen. Die L\u00e4nder sind nach Gr\u00f6\u00dfe angeordnet: Estland, das kleinste, ist im Norden, Litauen, das gr\u00f6\u00dfte, ist im S\u00fcden, und Lettland ist eben in der Mitte, im doppelten Sinne.<\/p>\n<p>Klaipeda, das zeigt der Blick auf die Karte, liegt ganz in der N\u00e4he des Kurischen Haffs. Das war so ein Wort aus dem Erdkundeunterricht, das noch nachklingt. Genauso wie die Kurische Nehrung. Wir haben schon als Kinder nicht verstanden, was das war. Die englische Entsprechung hilft auf die Spr\u00fcnge: <em>Curonian Lagoon<\/em>. Das ist also ein Haff. Ein vom Meer abgetrennter \u201eSee\u201c, mit Meereswasser. Das Kurische Haff ist dreimal so gro\u00df wie der Bodensee. Getrennt vom Meer wird es durch die Kurische Nehrung (die auf Englisch den merkw\u00fcrdigen Namen <em>Curonian Spit<\/em> hat). Die wird manchmal als <em>Halbinsel<\/em> bezeichnet, aber ich finde das eher irref\u00fchrend. Da kommt <em>Landzunge<\/em> der Sache schon n\u00e4her, aber die Form \u00e4hnelt eher einem Damm, langgestreckt, schmal. Die Kurische Nehrung geh\u00f6rt zum Teil zu Litauen, zum Teil zu Russland. Durch die Enklave um K\u00f6nigsberg.<\/p>\n<p>In der Linguistik wird Estnisch oft erw\u00e4hnt als nicht-indoeurop\u00e4ische Sprache, Litauisch sozusagen als Gegenst\u00fcck dazu, als Modell der indoeurop\u00e4ischen Ursprache, als Sprache, die dem alten Sprachzustand n\u00e4her ist als jede andere. Das ist aber auch alles, was ich dar\u00fcber wei\u00df.<\/p>\n<p>Eine andere Entdeckung mache ich, als ich bei der Reisevorbereitung nach der W\u00e4hrung suche. Was haben die denn wohl f\u00fcr eine W\u00e4hrung? Die Antwort ist verbl\u00fcffend: den Euro. Litauen ist das letzte Land, das den Euro eingef\u00fchrt hat, vor zwei Jahren, ein Jahr nach Lettland, ein paar Jahre nach Estland.<\/p>\n<p>Jetzt steht also ein Besuch bei der Partneruni in Klaipeda an, der LCC. F\u00fcr eine Woche. Aber da muss man erst mal hinkommen. Gar nicht so leicht. Direktfl\u00fcge gibt es von uns aus gar keine. Die Reise geht \u00fcber Riga, also \u00fcber Lettland, und das liegt eigentlich in der falschen Richtung, zu weit n\u00f6rdlich, zu weit \u00f6stlich. Und von da aus geht es nicht nach Klaipeda, das nur einen Sportflugplatz hat, sondern nach Palanga, gut drei\u00dfig Kilometer entfernt. Ob \u00fcber Vilnius oder \u00fcber Riga spielt keine Rolle, und auf die Alternative, mit der F\u00e4hre von Kiel aus nach Klaipeda zu kommen, bin ich einfach nicht gekommen.<\/p>\n<p>Die Entfernung ist gr\u00f6\u00dfer, als ich dachte, fast 2000 Kilometer, und der Flug nach Riga dauert zweieinhalb Stunden. W\u00e4hrend der ganzen Reise gibt es keine Passkontrolle, weder in D\u00fcsseldorf noch in Riga noch in Palanga. Auch beim Einchecken nicht.<\/p>\n<p>In Riga ist es stockdunkel. Es ist eine Stunde fr\u00fcher als bei uns. Und es ist \u00a0sechs Grad unter null. Nicht gerade angenehm, da \u00fcber das Rollfeld zu gehen.<\/p>\n<p>Der Flugplatz selbst sieht noch ein bisschen nach Sozialismus aus, aber die Abflughalle ist modern und k\u00f6nnte auch woanders stehen. Und die Preise haben es in sich. Mindestens auf dem Niveau von D\u00fcsseldorf. Es gibt Filzpantoffeln aus dem Automaten und Groschenromane auf Russisch beim Zeitschriftenh\u00e4ndler.<\/p>\n<p>Aus dem Lautsprecher dr\u00f6hnt lettische Popmusik, sehr rhythmusbetont. Und die Texte erscheinen zeitgleich auf einem Bildschirm. Nur dadurch kann ich <em>skin<\/em> erkennen. Das h\u00f6rt sich wie <em>skeen<\/em> an. Das muss eine lettische Eigenart sein. Nicht exklusiv lettisch ist das hier: \u201eYou\u2019re laying down beside me.\u201c Beste Muttersprachlertradition.<\/p>\n<p>Die lange Wartezeit erlaubt es, sich nach ein paar W\u00f6rtern umzusehen. Ich bestelle <em>Kafieja ar pienu<\/em>, Kaffee mit Milch. Bier hei\u00dft <em>alus<\/em> und Wasser hei\u00dft <em>\u016bdens<\/em>. Keine Chance, da etwas abzuleiten. Da sind dann mal wieder die Zahlen hilfreich: <em>kaks<\/em>, <em>divi<\/em> und <em>du<\/em> sind die W\u00f6rter f\u00fcr \u201azwei\u2018 auf Estnisch, Lettisch und Litauisch, <em>kolm<\/em>, <em>tris<\/em> und <em>trys<\/em> f\u00fcr \u201adrei\u2018, <em>neli<\/em>, <em>cetri<\/em> und <em>keturi<\/em> f\u00fcr \u201avier\u2018. Da sieht man die Verwandtschaft oder die nicht vorhandene. Anders bei Lehnw\u00f6rtern. Da haben Estnisch und Lettisch <em>apteek<\/em> bzw. <em>aptieka<\/em>, aber Litauisch <em>vaistini<\/em>e. Das habe ich schon mal irgendwo in Griechenland auf einem vielsprachigen Schild an einer Apotheke gesehen. Und erinnere mich noch daran, dass ich damit nichts anfangen konnte.<\/p>\n<p>In einem Reisef\u00fchrer lese ich, dass die Toiletten traditionellerweise mit \u25bcbzw.\u25b2 bezeichnet wurden. Da fragt man sich nat\u00fcrlich, was was ist. Die Antwort: \u25b2 steht f\u00fcr die Frauen.<\/p>\n<p>Und das <em>M<\/em> an Toilettent\u00fcren steht in Estland f\u00fcr <em>Mees<\/em>, in Litauen f\u00fcr <em>Muterys<\/em>. Also in Estland f\u00fcr \u201aM\u00e4nner\u2018, in Litauen f\u00fcr \u201aFrauen\u2018.<\/p>\n<p>Lettland ist zum gro\u00dfen Teil identisch mit dem fr\u00fcheren Livland, und irgendwo an der Kurl\u00e4ndischen K\u00fcste leben noch Liven, ca. 1500, die Abk\u00f6mmlinge der alten Bewohner, meist als Fischer. Deren Sprache, eine finnisch-ugrische Sprache, ist wirklich vom Aussterben bedroht. Es soll nur noch ein paar Dutzend Sprecher geben.<\/p>\n<p>Als es dann endlich weiter geht, ist es fast Mitternacht. Wieder geht es mit einer Propellermaschine weiter, und wieder ist die nicht voll besetzt.<\/p>\n<p>Am Flughafen wartet erst mal \u2013 keiner. Ich frage mich schon, wie ich jetzt nach Klaipeda komme, als der vom Hotel beauftragte Fahrer doch noch erscheint.<\/p>\n<p>Die Fahrt scheint in totalem Schweigen zu verlaufen, denn der Fahrer kann kein Englisch. Und auch kein Deutsch. Also versuche ich es mit Russisch. Eine Katastrophe. Sofort gehen die Schleusen auf, und der jetzt einsetzende Redeschwall endet erst bei der Ankunft am Hotel. Ob er nicht merkt, dass ich nicht folgen kann oder ob es ihm egal ist, kann ich nicht rauskriegen.<\/p>\n<p>Ich kann auch nicht rauskriegen, ob er Russe oder Litauer und ob er Einheimisch oder Einwanderer ist. Auf jeden Fall muss er \u201eethnischer\u201c Russe sein. Der Sprachgebrauch ist der eines Muttersprachlers.<\/p>\n<p>Dann kann ich aber doch ein paar Sachen rausfiltern. Er hat in Deutschland gearbeitet, in der N\u00e4he von D\u00fcsseldorf, in M\u00f6nchengladbach, was bei ihm wie <em>M\u00f6nchenglatzbach<\/em> klingt. Das sei eine sch\u00f6ne Stadt. Auch K\u00f6ln kennt er, aber viel weiter kommen wir nicht.<\/p>\n<p>Er holt sein Handy hervor und zeigt mir w\u00e4hrend der Fahrt Photos von der Fabrik, in der er gearbeitet hat. Immer wieder sagt er: <em>Rahmer<\/em>. Kenn ich nicht. Dann geht mir ein Licht auf: Es ist <em>Hammer<\/em>. Russisch ausgesprochen.<\/p>\n<p>Dann verliere ich wieder v\u00f6llig den Faden, als es um seine Arbeitskollegen in Deutschland geht. Er wird immer aufgeregter und erboster. Ich verstehe nur <em>T\u00fcrken<\/em>. Er scheint \u00fcber die T\u00fcrken zu schimpfen.<\/p>\n<p>Dann will er etwas von einem Unterschied wissen, aber ich verstehe immer nur <em>Unterschied<\/em>. Am Ende stellt sich heraus, dass er den Zeitunterschied zwischen Litauen und Deutschland meint. Eine Stunde, sage ich. Das l\u00e4sst er nicht gelten. Zwei Stunden. Das kommt mir komisch vor. Dann m\u00fcsste es einen Zeitunterschied zwischen Lettland und Litauen geben. Und da spricht alles dagegen. Und es ist tats\u00e4chlich nur eine Stunde.<\/p>\n<p>Und dann gibt er mir eine Steilvorlage f\u00fcr den offenen Vortrag am LCC: Deutsch sei leichter als Englisch. Anfangs bin ich nicht ganz sicher, ob er das gesagt hat, aber auf Nachfrage best\u00e4tigt er das. Er kramt das Namensschild heraus, mit dem er mich am Flughafen in Empfang genommen hat, deutet auf meinen Namen, spricht ihn emphatisch aus und sagt: \u201eSiehste, ganz einfach. Englisch ganz anders\u201c. Da wisse man nie, wie ein Wort ausgesprochen w\u00fcrde. Popul\u00e4res Missverst\u00e4ndnis vom Feinsten.<\/p>\n<p>Mein Hotel, das Hotel Memel, sei gut, sagt er. Da h\u00e4tte ich eine gute Wahl getroffen. Im dem Moment k\u00fcndigt er an, dass wir in die Altstadt kommen. Und prompt f\u00e4ngt es an, zu ruckeln: Kopfsteinpflaster. Und in knapp einer Minute stehen wir vor dem Hotel. Im Handumdrehen hat er meinen Koffer in die Rezeption geschleppt und ist genauso schnell verschwunden, wie er am Flughafen aufgetaucht ist.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13. Februar (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Die Kellnerin beim Fr\u00fchst\u00fcck ist verwundert, dass ich Deutscher bin. Ich h\u00e4tte keinen Akzent. Wenn die w\u00fcsste! Dann stellt sich heraus, dass sie neben Englisch auch Deutsch spricht. Mehrsprachigkeit scheint verbreitet zu sein. Aber das trifft wohl nur f\u00fcr bestimmte Berufsgruppen zu. Auf der Stra\u00dfe laufen die Leute f\u00f6rmlich davon, wenn man sie auf Englisch anspricht.<\/p>\n<p>P\u00fcnktlich kurz vor neun, wie verabredet, werde ich abgeholt. Die Koordinatorin der Austauschprogramme, eine junge, m\u00e4dchenhaft aussehende Frau mit langen blonden Haaren (aber nicht platinblond, wie sie im Flugzeug und am Flughafen auftauchten) namens Inga hat eigens angeboten, mich zur Uni zu begleiten. Sie spricht hervorragendes Englisch mit markantem amerikanischem Akzent.<\/p>\n<p>Sie zeigt mir vor allem die Bushaltestelle und wie man Karten bekommt und was man mit denen anfangen muss. Das ist ja immer \u00fcberall anders. Auf die Form der \u201eAbstempelung\u201c, wie es sie hier gibt, w\u00e4re ich jedenfalls nicht gekommen. Die Einzelfahrkarte kostet gerade mal 80 Cent.<\/p>\n<p>Die Gegend ist v\u00f6llig unspektakul\u00e4r. Es gibt praktisch nichts zu vermerken. Wir kommen an der anderen Universit\u00e4t von Klaipeda vorbei. Das ist die staatliche, LCC ist eine private Uni. Amerikanische Gr\u00fcndung, amerikanische M\u00e4zene.<\/p>\n<p>Inga hat eine gute Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, warum der Austausch so schleppend l\u00e4uft. Die Semester \u00fcberlappen sich, weil es hier am LCC nach amerikanischem Kalender geht. Das ist f\u00fcr beide Seiten nicht so gut. Vielleicht gibt es ja demn\u00e4chst mal \u00fcberall das gleiche akademische Jahr, identisch mit dem kalendarischen. Das w\u00fcrde einiges erleichtern.<\/p>\n<p>Wichtiger ist aber noch, dass unsere Anglistikstudenten nat\u00fcrlich lieber in englischsprachige L\u00e4nder gehen und dass LCC sowieso viele Studenten aus anderen L\u00e4ndern hat (die 500 Studenten kommen aus 30 L\u00e4ndern), und sind bereits im Ausland, m\u00fcssten also einen Auslandsaufenthalt innerhalb des Auslandsaufenthalts machen. Tats\u00e4chlich merke ich nachher, dass man auf dem Campus zwar Englisch, aber sonst meist Russisch h\u00f6rt und wenig Litauisch.<\/p>\n<p>An dem jeweiligen Nationalfeiertag wird auf dem Campus die Flagge des jeweiligen Landes gehisst. Nur mit Russland tut man sich schwer. Die russische Flagge zu hissen, ist immer noch keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit.<\/p>\n<p>Um den Campus herum stehen Wohnbl\u00f6cke. Die sehen aus wie runderneuerte Plattenbauten. \u00dcberhaupt sp\u00fcrt man auf Schritt und Tritt, trotz all der Neuerungen, noch die alten Zeiten.<\/p>\n<p>Als wir auf den Campus kommen, frage ich nach der Abk\u00fcrzung: LCC. Etwas versch\u00e4mt erkl\u00e4rt Inga, das stehe f\u00fcr <em>Lithuanian Catholic College<\/em>. Das war wohl der Gr\u00fcndungsimpuls, aber im Laufe der Zeit hat man gemerkt, dass das als Werbetr\u00e4ger nicht \u00fcberall ankommt. Und verbirgt deshalb den eigentlichen Namen hinter dem Akronym.<\/p>\n<p>Als philologisches Fach gibt es hier nur English Language and Literature. Die anderen F\u00e4cher sind Psychologie, Theologie, International Relations, Kommunikationswissenschaften und vor allem Business Administration, das gr\u00f6\u00dfte Fach.<\/p>\n<p>Ich werde durch die verschiedenen Geb\u00e4ude gef\u00fchrt. Wir sehen die Kantine, die Bibliothek, die Turnhalle und den Fitnessraum, ein paar B\u00fcros, einen Seminarraum und einen H\u00f6rsaal. Die B\u00fcros sind winzig und werden meist von zwei Kollegen geteilt. Die Seminarr\u00e4ume sind modern ausgestattet, aber mit St\u00fchlen mit hochklappbaren Schreibfl\u00e4chen. Das soll jetzt aber ge\u00e4ndert werden.<\/p>\n<p>Die Bibliothek hat niedrige Holzregale und besteht aus vielen kleinen R\u00e4umen, ganz anders als bei uns. \u00dcberall gibt es mit Computern ausgestattete Arbeitspl\u00e4tze, und Internetverbindung gibt es frei auf dem ganzen Campus.<\/p>\n<p>Von sich selbst erz\u00e4hlt Inga ein kurioses Detail, als ich an ihrem B\u00fcro nach ihrem Nachnamen frage. Der sich litauisch anh\u00f6rt. Das ist er auch. Es ist der Name ihres Ehemannes. Sie hatte einen ukrainischen Nachnamen, von ihrem Vater. Und der bedeutete \u201atapfer\u2018. Sie sagt, sie sei es leid gewesen, sich immer die Kommentare dazu anzuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>In einem gem\u00fctlichen, kleinen Raum im Hauptgeb\u00e4ude, einer Art Common Room \u2013 der bei uns so sehr fehlt \u2013 ist f\u00fcr Kaffee gesorgt, und allm\u00e4hlich tr\u00f6deln andere Kollegen ein, zwei Amerikanerinnen, eine Litauerin aus der Anglistik und ein Mann aus dem Social Sciences Department, ein Amerikaner, Wayne. Er begr\u00fc\u00dft mich auf Deutsch. Er hat ausgerechnet in Traben-Trabach gelebt, hoch auf der Spitze eines Weinbergs, bei einem Winzer, und dabei auch bei der Weinlese geholfen. Er spricht mit viel Expertise \u00fcber Eiswein und Rebsorten. Auch eine der beiden anderen Amerikanerinnen, Monique, die, die die meiste Vorbereitungsarbeit geleistet hat, spricht Deutsch. Sie hat in \u00d6sterreich verschiedene Praktika gemacht, im Tourismusbereich, und spricht mit viel Kenntnis \u00fcber \u00dcbersetzungsprobleme f\u00fcr W\u00f6rter wie <em>Topfen<\/em>.<\/p>\n<p>Vom Thema Essen und Trinken kommen wir kaum mehr ab, und dabei wird mir eine litauische Spezialit\u00e4t empfohlen, Quark mit Schokoladen\u00fcberzug. Das ist kein richtiger Nachtisch, sondern eher wie ein Schokoriegel, den man in einem Laden kauft.<\/p>\n<p>Und dann kommt die Rede auf einen alten Bekannten: das Wort <em>pudding<\/em>. Und seine Adaptation in die verschiedenen Sprachen. Auch in Amerika sind die alten englischen Bedeutungen, die noch in einzelnen W\u00f6rtern konserviert sind, wohl nicht bekannt. Und nicht nur das. Die W\u00f6rter verursachen kulinarische Schauer bei den Amerikanern.<\/p>\n<p>Die litauische Kollegin fragt nach unserer Uni, und ich beschreibe sie in ganz groben Z\u00fcgen. Das ist eigentlich die einzige \u201eArbeit\u201c, die ich den ganzen Tag \u00fcber leiste. Dann erkl\u00e4re ich noch ein bisschen die Vortr\u00e4ge und was das alles soll und dass ich etwas unsicher bin mit Menge und Anspruchsniveau der Materialien. Alle haben sofort Verst\u00e4ndnis. Das kann man einfach nicht wissen. Wir m\u00fcssen im Zweifelsfall improvisieren. Au\u00dferdem scheint hier die Messlatte, was die Erwartungen angeht, seit dem letzten Austauschbesuch, dem einer Kollegin aus Georgien, sehr tief zu liegen.<\/p>\n<p>Langsam peinlich wird meine st\u00e4ndige Nachfrage nach dem litauischen Wort f\u00fcr \u201aAuf Wiedersehen\u2018. Das hat mir Inga beim Verlassen des Hotels beigebracht: <em>Viso gero<\/em>. Gretchen, die andere Amerikanerin, sagt, das br\u00e4uchte ich ja erst am Ende der Woche. Ich solle mir Zeit lassen. Und dann versuche ich noch, das Wort f\u00fcr \u201adanke\u2018 zu lernen: <em>a\u010di\u016b<\/em>. H\u00f6rt sich ein bisschen wie <em>Hatschi<\/em> an. Die beiden unterschiedlichen diakritischen Zeichen sehen sich handschriftlich zum Verwechseln \u00e4hnlich.<\/p>\n<p>Monique hilft mir dann noch bei der Vorbereitung der Materialien f\u00fcr die Vortr\u00e4ge. Sie bewahrt die \u00dcbersicht und ist sehr gut organisiert. Die reinste Freude. Die Dateien werden auf einen zentralen Server gelegt, der von allen Seminarr\u00e4umen aus zug\u00e4nglich ist. Perfekt.<\/p>\n<p>In der Bibliothek finde ich einen ruhigen Platz zum Arbeiten. Man kann mit Taschen und Rucks\u00e4cken rein und raus gehen.<\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Nachmittag werde ich den drei deutschen Studenten anvertraut, die gegenw\u00e4rtig hier studieren, zwei M\u00e4dchen und ein Junge. Die M\u00e4dchen haben vorher beide \u2013 aber unabh\u00e4ngig voneinander \u2013 vier Semester in den USA studiert und sprechen sogar untereinander manchmal Englisch. Der Junge hat sein Freiwilliges Soziales Jahr in Litauen gemacht, ein litauisches M\u00e4dchen kennengelernt und ist dann zum Studium hierher zur\u00fcckgekehrt. Sie studiert auch an der LCC. Psychologie.<\/p>\n<p>Wir fahren mit dem Bus Richtung Innenstadt. Nach ein paar Erledigungen f\u00fchren sie mich durch die Altstadt, zum Dan\u00e9 hinunter und dann zum Ufer. Das ist bereits das Kurische Haff. Am gegen\u00fcberliegenden Ende sieht man die Kurische Nehrung. Ich wusste nicht, dass sie so weit reicht, praktisch bis zur Innenstadt von Klaipeda. Von hier aus sieht sie wie Festland aus. Sie ist dicht mit W\u00e4ldern best\u00fcckt. Erst weiter s\u00fcdlich, in der N\u00e4he von Nida, befindet sich die bekanntere D\u00fcnenlandschaft. In Nida, sagen mir die Studenten, sehe es wie in Deutschland aus. Und dort werde auch noch viel Deutsch gesprochen. Der Junge erz\u00e4hlt von einem Busfahrer, der auf eine englische Anfrage erwiderte: \u201eLitauisch \u2013 Russisch -Deutsch. Kein Englisch\u201c. Ein dreisprachiger Mann ohne Englischkenntnisse. Kommt heute auch nicht mehr so oft vor.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he der Anlegestelle der F\u00e4hre sehen wir eine der modernen Skulpturen, die es \u00fcberall in der Innenstadt gibt: Eine Gestalt scheint aus dem Wasser an der Kaimauer hinauf ans Land zu steigen. Er ist noch in Bewegung, der Oberk\u00f6rper ist schon an Land, und auch eine Laterne, die er in der Hand h\u00e4lt. Die Skulptur nimmt Bezug auf eine Legende, nach der die Stadt von einer pl\u00f6tzlich auftauchenden, grotesk aussehenden, furchteinfl\u00f6\u00dfenden Gestalt heimgesucht wurde. Sie erschien dem W\u00e4chter der Stadtburg und vertraute ihm an, dass es eine Gefahr f\u00fcr Klaipeda gebe, dass der Vorrat an Korn und Wasser zu Ende gehen w\u00fcrde. Und verschwand dann wieder so pl\u00f6tzlich, wie sie gekommen war. Das Spukhafte der Erscheinung kommt dadurch zum Ausdruck, dass die Gestalt kein Gesicht hat. Man sieht in eine leere Kapuze.<\/p>\n<p>In der Innenstadt kommen wir \u00fcber den Marktplatz, dem Zentrum der Altstadt, mit Theater und Brunnen, aber viel wissen die drei dar\u00fcber nicht zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>In der Touristeninformation bekommen wir einen Stadtplan mit Erkl\u00e4rungen der vielen modernen Skulpturen. Au\u00dferdem gibt es hier Ansichtskarten (mit Pilzen als Motiv) und Briefmarken. Die einen sind unansehnlich, die anderen teuer: 84 Cent.<\/p>\n<p>Ich werde dann in ein Lokal gef\u00fchrt, das <em>Katp\u00e9d\u00e9l\u00e9<\/em>, in einem alten roten Backsteinbau untergebracht, der \u00fcberall in Norddeutschland stehen k\u00f6nnte. An der r\u00fcckw\u00e4rtigen Seite sieht man eine einst wohl \u00fcbert\u00fcnchte, jetzt aber wieder freigelegte Inschrift: <em>Germania Speicher.<\/em><\/p>\n<p>Der Student nimmt die Bestellung vor, in offensichtlich souver\u00e4nem Litauisch. Auch Nachfragen kann er machen und beantworten, ohne gro\u00df zu \u00fcberlegen. Toll! Er sagt, beim Erlernen des Litauischen habe ihm sein Latein von der Schule geholfen. Die Struktur sei vergleichbar. Verstehen kann er besser als Sprechen, meint er. Wenn er bei den zuk\u00fcnftigen Schwiegereltern am Tisch sitzt, bekommt er alles mit, schweigt aber meistens.<\/p>\n<p>Eine Besonderheit des Litauischen ist der Betonungswechsel bei Substantiven, je nach Kasus. Wir \u00fcberlegen, ob wir das woanders her kennen, kommen aber auf kein Beispiel. Vielleicht auch Latein.<\/p>\n<p>Der Student sagt auch etwas zu den diakritischen Zeichen, viele davon auf Vokalen. Die gibt es gleich im Dreierpack, und das wird auch in der Orthographie deutlich: &lt;e&gt;, &lt;\u00e9&gt;, &lt;\u0119&gt;. In der Aussprache entsprechen sie einem offenen, einem geschlossenen und einem nasalen Vokal. Das System ist aber wohl nicht stabil. Es scheint eine \u201efreundliche \u00dcbernahme\u201c im Gange zu sein. Der nasale Vokal wird eins mit dem offenen Vokal. Er jedenfalls, sagt der Student, k\u00f6nne den Unterschied nicht h\u00f6ren. Und viele Litauer sagten, sie w\u00fcrden den Unterschied nicht machen.<\/p>\n<p>Nach l\u00e4ngerem Warten kommt unsere Bestellung. Es gibt zwei Teller mit litauischen Spezialit\u00e4ten, die wir uns teilen: <em>kepta duona<\/em> und <em>spurgos<\/em>, frittiertes Roggenbrot mit Knoblauchgeschmack, in Streifen geschnitten und wie Pommes aussehend und frittierte B\u00e4llchen, wie eine Mischung aus Berliner und Quarkb\u00e4llchen.<\/p>\n<p>Mit den drei Studenten zu sprechen ist die reinste Freude. So jung und schon so reif, offen f\u00fcr alles, aber mit kritischem Verstand, dabei umg\u00e4nglich und mitteilsam. Eins der M\u00e4dchen ist in Malawi aufgewachsen, wo die Eltern als Entwicklungshelfer waren, in einem halb englischen, halb deutschen Umfeld. Als sie dann im 5. Schuljahr nach Deutschland kam, hatte sie noch nie mit deutschen Texten zu tun gehabt und \u201ekonnte\u201c in dem Sinne weder lesen noch schreiben.<\/p>\n<p>Sie sind alle drei auf dem Campus untergebracht. Es gibt keine Einzelzimmer. Gezielt nicht. Isolierung soll vermieden werden, die Gemeinschaft steht im Vordergrund. Sch\u00f6n und gut. Aber die fehlende Privatsph\u00e4re bem\u00e4ngeln sie doch. Besonders am Anfang, da teilt man das Zimmer mit vier anderen.<\/p>\n<p>Dass auf dem gesamten Campus kein Alkohol erlaubt ist, finden sie auch etwas puritanisch, aber trotzdem gut: Die Studenten (und das sind in diesem Falle meistens die \u201eRussen\u201c, also die Osteurop\u00e4er) k\u00e4men auch so abends oft betrunken und l\u00e4rmend nach Hause.<\/p>\n<p>Am Ende erfahre ich noch das Wort f\u00fcr die Kleinigkeit, die mir schon am Morgen in der Uni empfohlen worden ist: <em>s\u016br\u00e9lis<\/em>. Das kaufe ich dann sp\u00e4ter im Supermarkt. Sieht wie ein kleiner Schokoriegel aus. Der enth\u00e4lt mit Schokolade \u00fcberzogenen Quark.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">14. Februar (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck frage ich nach dem litauischen Wort f\u00fcr \u201aTee\u2018: <em>arbata<\/em>. Das f\u00e4llt ganz und gar aus dem Rahmen, und zwar bezeichnenderweise zusammen mit polnisch <em>herbata<\/em>. Diese Schreibweise l\u00e4sst eher auf den Ursprung schlie\u00dfen, irgendwas mit \u201aKr\u00e4utern\u2018 vermutlich.<\/p>\n<p>Es geht fr\u00fch zur Uni, zu den ersten Seminaren. Alles ist bestens vorbereitet. Man kann die Folien der Pr\u00e4sentation auf einem gro\u00dfen Bildschirm am Pult sehen. Das ist echt praktisch.<\/p>\n<p>In beiden Seminaren sitzen nur Studentinnen. Das muss aber Zufall sein. Auf dem Campus sieht man ebenso viele Studenten. Das Niveau ist h\u00f6her als ich dachte, besonders in der Schriftsprache, obwohl man einige Dinge etwas m\u00fchsam herauslocken muss und die Terminologie schlichtweg fehlt.<\/p>\n<p>Zwischen den Seminaren mache ich einen Vortrag \u00fcber Trier: Stadt \u2013 Universit\u00e4t \u2013 Fach. Man sp\u00fcrt echtes Interesse an dem Austausch. Einige Kollegen fragen ganz gezielt nach. Und auch auf Studentenseite scheint es Interesse zu geben, trotz der Hindernisse. In den n\u00e4chsten Tagen werde ich mehrfach angesprochen, meist von Studentinnen aus Georgien, der Ukraine, Wei\u00dfrussland. Eine weitere M\u00f6glichkeit ergibt sich dadurch, dass jetzt auch Deutsch angeboten wird, nicht als vollwertiges Fach, aber als Sprachkurs, der als Wahlpflichtfach gebucht werden kann. Die Gesamtstimmung ist durch und durch positiv.<\/p>\n<p>Was die Stadt angeht, l\u00f6sen Marx und der Wein die meiste Verwunderung aus. Das war abzusehen.<\/p>\n<p>Auf der Suche nach Monique sto\u00dfe ich auf die amerikanische Kollegin aus der Anglistik, Gretchen. Die hab ich am Vortag schon kennengelernt. Ich spreche sie auf ihren Namen an. Ja, das sei in Amerika heute ein ungew\u00f6hnlicher Name. Das Gretchen von Rudi Dutschke, auch Amerikanerin, kennt sie nicht.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg in die Stadt achte ich zum ersten Mal auf die Geb\u00e4ude, in denen die andere Universit\u00e4t, die staatliche, untergebracht ist, rote, neogotische Backsteinh\u00e4user mit Giebeln und mit aus der Verteilung der Backsteine resultierenden Zierformen.<\/p>\n<p>Als ich aussteige, f\u00e4llt mir an einem Gesch\u00e4ft die Tafel mit den \u00d6ffnungszeiten auf. Es erscheinen keine Wochentage, nur r\u00f6mische Ziffern und dahinter in arabischen Ziffern die \u00d6ffnungszeiten. Das sieht dann so aus: <em>III: 10-18<\/em>. In einem Gesch\u00e4ft sind I und VII geschlossen, aber woher wei\u00df man, welcher Wochentag das ist? Die Antwort liegt in der Sprache: Die Namen der Wochentage enthalten die Zahlen. Es ist so, als wenn Mittwoch <em>Dreitag<\/em> hie\u00dfe. Und das kann man tats\u00e4chlich erkennen. Der Mittwoch hei\u00dft <em>tre\u0107iadiennis<\/em>. Nur der Sonntag f\u00e4llt aus dem Rahmen. Sp\u00e4ter erkl\u00e4rt mir der deutsche Student, dass das Wort f\u00fcr Sonntag von <em>Erfolg<\/em> abgeleitet ist. Oder sich wenigstens so anh\u00f6rt. Das wird aber sp\u00e4ter von einer litauischen Kollegin als Volksetymologie erkannt. Sie sagt, es gebe einen religi\u00f6sen Bezug. Das leuchtet ein.<\/p>\n<p>Bevor es dunkel wird, habe ich noch die Gelegenheit, mir eine der Skulpturen anzusehen, und zwar die, die mich wegen des Themas am meisten interessiert. Es handelt sich um eine Schlange oder einen Drachen, rot, mit langem Schwanz \u2013 die ganze Skulptur misst \u00fcber drei Meter \u2013 der in einer Seitenstra\u00dfe eine H\u00e4userwand hinunterkriecht. Der Drachen ist gleichzeitig Regenrinne, eine Regenrinne, die im Schlund des Drachens endet. Darunter, in den schmalen B\u00fcrgersteig eingelassen, ein Fu\u00dftritt. Dazu der Entstehungsmythos: Zwei Br\u00fcder suchen einen Platz f\u00fcr eine neue Siedlung. Der eine nimmt den l\u00e4ngeren Weg, den Fluss entlang, der andere die Abk\u00fcrzung, durch den Sumpf. Sie verlieren sich aus den Augen. Eines Tages trifft der erste Bruder auf einen gigantischen Fu\u00dfabdruck im Morast, die Hinterlassenschaft seines verlorenen Bruders. Er beschlie\u00dft, an dieser Stelle eine neue Stadt zu gr\u00fcnden, und die hei\u00dft Klaipeda, zusammengesetzt aus litauisch <em>klaiki<\/em>, \u201aschrecklich\u2018, \u201afurchterregend\u2018 und <em>p\u00e9da<\/em>, \u201aFu\u00df\u2018.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">15. Februar (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Wo liegt der geographische Mittelpunkt Europas? In Litauen sagt man: in Litauen! Meine erste Reaktion: \u00dcberraschung. M\u00fcsste der nicht weiter s\u00fcdlich sein? In Tschechien? In \u00d6sterreich? Dann kommen mir Zweifel: Untersch\u00e4tzt man vielleicht die Ausdehnung Skandinaviens nach Norden? In Litauen gibt es jedenfalls sogar ein Monument, das den Mittelpunkt markiert. Davon ist im Reisef\u00fchrer und in der Touristeninformation die Rede. Am Ende stellt sich heraus, dass es Orte in allen m\u00f6glichen L\u00e4ndern gibt, die beanspruchen, der Mittelpunkt Europas zu sein, von Deutschland bis zur Ukraine. Es kommt auf die Berechnungsgrundlage an, und auch wohl darauf, was \u201eEuropa\u201c ist. Die Sprache entscheidet mindestens so sehr wie die Geographie.<\/p>\n<p>Im Bad sehe ich das Wort f\u00fcr \u201aToilettenpapier\u2018: <em>tualetinis popierus<\/em>. Das sieht wirklich ein bisschen wie Latein aus. Auch interessant die Wortstellung: Das vorangestellte Wort ist im Genitiv: \u201ader Toilette Papier\u2018. Das ist auch bei den Stra\u00dfennamen so, wie ich sp\u00e4ter von dem deutschen Studenten erfahre. Die Stra\u00dfe, an der das Hotel liegt, hei\u00dft <em>Bang\u0173 gatv\u00e9<\/em>, \u201aWellenstra\u00dfe\u2018, \u201aStra\u00dfen der Wellen\u2018, w\u00f6rtlich \u201aDer Wellen Stra\u00dfe\u2018.<\/p>\n<p>Zum Mittagessen erwartet mich J.D. Mininger, einer der Leiter der Universit\u00e4t. Er ist w\u00e4hrend der Zeit unserer Korrespondenz bef\u00f6rdert worden und erscheint jetzt mit Photo gleich auf der Titelseite der Website der LCC.<\/p>\n<p>Er stellt sich als Jaydee Mininger vor. Seinen \u201erichtigen\u201c Vornamen erfahre ich nicht. Das sei in den USA l\u00e4ngst normal, einen neuen Vornamen aus den Initialen der beiden Vornamen zu kreieren. Alle nennten ihn Jaydee.<\/p>\n<p>Wir gehen in ein kleines litauisches Lokal in der N\u00e4he der Uni. Er sagt gleich vorsichtshalber, er wolle kein richtiges Mittagessen, sondern nur eine Kleinigkeit zu sich nehmen. Er m\u00fcsse noch arbeiten. Da muss ich mich wohl anschlie\u00dfen. Wir essen eine Suppe, die typische Rote-Beete-Suppe mit saurer Sahne, die es hier \u00fcberall und st\u00e4ndig gibt, und trinken ein Glas Wasser. Als dann die Rechnung kommt, lasse ich ihn bezahlen. Die Rechnung bel\u00e4uft sich auf 2 \u20ac.<\/p>\n<p>Trotz der neuen Stellung unterrichtet er auch weiterhin. Einfach weil er das will. Er ist von zuhause aus Philosoph, aber so etwas wie \u201eangewandter\u201c Philosoph und unterrichtet hier auch in der englischen Literatur.<\/p>\n<p>Er hat in Marburg studiert und zweimal in Berlin und au\u00dferdem in einem Ort in der N\u00e4he von Frankfurt gelebt. Er scheint flie\u00dfend Deutsch zu sprechen und spricht von <em>Wissenschaftlicher Mitarbeiter<\/em> wie jemand, der mit dem deutschen Unisystem vertraut ist.<\/p>\n<p>Von Berlin schw\u00e4rmt er in h\u00f6chsten T\u00f6nen. Das sei eine richtig internationale, dynamische Stadt geworden.<\/p>\n<p>Er spricht au\u00dferdem D\u00e4nisch, Franz\u00f6sisch und Litauisch, und wir haben nat\u00fcrlich unseren Spa\u00df am Austausch von Besonderheiten von Sprachen und den Hindernissen des Sprachenlernens. Auf D\u00e4nisch ist er durch Kierkegaard gekommen, den liest er im Original. Lesen sei eine Sache, meint er, Verstehen eine andere. Da m\u00fcsse er oft kapitulieren.<\/p>\n<p>Seine Frau ist Litauerin, und die Kinder wachsten zweisprachig auf. Konsequent.<\/p>\n<p>Wie er denn ausgerechnet auf Litauen und Klaipeda gekommen sei, will ich wissen. Die Antwort ist naheliegend: Seine Eltern waren, beide, an dem Aufbau von LCC beteiligt, sie geh\u00f6rten zu den Initiatoren und den ersten Lehrern. Insofern war ihm die Sache in die Wiege gelegt. Die Universit\u00e4t ist schon 1990 gegr\u00fcndet worden. Sagenhaft! Da war die Mauer gerade gefallen, und die Amerikaner haben keine Minute verloren, ihre Finger in den alten Ostblock auszustrecken. Man habe sich sofort auf die Suche nach M\u00e4zenen gemacht. Der Fokus sollte auf Geistes- und Sozialwissenschaften liegen. Das christliche Motiv sei nat\u00fcrlich wichtig und st\u00e4ndig pr\u00e4sent, verstehe sich aber als Angebot, nicht als Indoktrination.<\/p>\n<p>Der Abschluss, den man hier machen kann, ist \u201enur\u201c ein litauischer, kein amerikanischer, kein Doppelabschluss, wie ich mir das vorgestellt hatte. Der litauische Abschluss ist aber gut, und zwar f\u00fcr die Litauer genauso wie f\u00fcr die Osteurop\u00e4er und die Amerikaner, eben weil er ein EU-Abschluss ist. Das er\u00f6ffnet fast endlose M\u00f6glichkeiten. Und in Amerika gebe es nat\u00fcrlich M\u00f6glichkeiten der Anerkennung oder Teilanerkennung. Da spielt der Faktor, dass es eine amerikanische Universit\u00e4t ist, nat\u00fcrlich eine Rolle.<\/p>\n<p>Als wir wieder in der Uni sind, verabschiedet er sich schnell und geht seiner Wege.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Seminar am Nachmittag haben sie zwei Seminare zusammengelegt. Diesmal sind auch viele M\u00e4nner dabei, vor allem Russen. Das Niveau ist niedriger, aber ob es da einen Zusammenhang gibt, ist offen. Es geht jedenfalls sehr lebhaft zu.<\/p>\n<p>Meine Vorbereitung hat ein Manko. Ich war davon ausgegangen, dass alle Litauisch k\u00f6nnen, aber das ist ganz und gar nicht der Fall. Also muss improvisiert werden. Das betrifft aber nur den ersten Teil des Seminars.<\/p>\n<p>Am Ende scheinen sie doch alle zufrieden zu sein, vor allem ein russischer Student, der nach dem Seminar zu mir kommt und mich fragt, ob ich nicht ihr Lehrer sein k\u00f6nnte. Er ist sichtlich entt\u00e4uscht, als ich sage, ich sei nur eine Woche hier. Als sich dann auch noch herausstellt, dass ich Jaroslawl kenne, seinen Heimatort, f\u00e4llt er mir fast um den Hals.<\/p>\n<p>Die amerikanische Kollegin, Gretchen, die sich in das Seminar gesetzt hat, pr\u00e4sentiert mir l\u00e4chelnd eine Liste meiner <em>Britishisms<\/em>: <em>at the weekend<\/em>, <em>well<\/em> <em>done<\/em>, <em>the world and his wife<\/em>, etc. Merkt man selbst gar nicht.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter sitze ich mit Monique im <em>Common Room<\/em>. Bei einem Kaffee erz\u00e4hlt sie mir, in ihrer ruhigen, etwas beh\u00e4bigen Art von ihren arabischen Erfahrungen, in Saudi-Arabien und in Oman. Das eine sei sehr amerikanisch, das andere sehr britisch gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Sie kam als junge, noch unerfahrene Lehrerin dorthin und erwartete Unterst\u00fctzung von den \u00e4lteren und Gemeinschaft mit den j\u00fcngeren Kollegen. Aber es gab fast nur \u00e4ltere Kollegen, meist M\u00e4nner, und die hatten keinerlei p\u00e4dagogisches Ethos, sondern waren vor allem an dem hohen Verdienst und regelm\u00e4\u00dfigen Saufgelagen interessiert. Mir war aufgefallen, dass die dortige Website noch so aussah, als w\u00e4re sie, Monique, noch da. Ja, das wundere sie nicht. Man habe ihr seinerzeit aufgetragen, die Website auf Vordermann zu bringen, aber seither habe sich wohl keiner mehr drum gek\u00fcmmert.<\/p>\n<p>In Oman bekam sie auch die Lizenz, f\u00fcr den <em>British Council<\/em> als Pr\u00fcferin t\u00e4tig zu sein. Als Amerikanerin? Ja, das sei gegangen, aber es habe hinter vorgehaltener Hand nat\u00fcrlich Kommentare gegeben: \u201eWas macht denn die Amerikanerin hier? Wer hat die denn geholt?\u201c<\/p>\n<p>Und wie war es als Frau in muslimischen L\u00e4ndern? Kein gro\u00dfes Problem, sagt sie. Leichter als erwartet. Sie habe bef\u00fcrchtet, eine Abaya tragen zu m\u00fcssen, aber da sei man ganz verst\u00e4ndnisvoll gewesen: Du bist aus dem Westen, das erwarten wir nicht von Dir. In der Moschee habe sie nat\u00fcrlich ihren Kopf bedeckt. Und auch auf der Stra\u00dfe, in Einkaufszentren, nachdem sie ein paarmal sehr vorsichtig darauf aufmerksam gemacht worden sei: \u201eGuck, unsere Kultur ist nun mal so. Wir bedecken unseren Kopf, wenn wir das Haus verlassen.\u201c Das habe sie respektiert. Was ihr wiederum w\u00fctende Kritik einiger Landsleute eingebracht habe: \u201eHast Du schon mal von einer Bewegung aus den siebziger Jahren geh\u00f6rt, die sich Feminismus nennt? Wie kannst Du Dich so sklavisch diesen paternalistischen Strukturen unterordnen?\u201c<\/p>\n<p>Nach Litauen wollte sie nur f\u00fcr ein Jahr, jetzt sind es drei geworden. Ja, sie wolle wieder in die USA zur\u00fcck. Die Voraussetzungen sind gut: Sie bewohnt mit ihrer Schwester zusammen ein Haus. Die Wohnungssuche entf\u00e4llt also, und sie kann jederzeit zur\u00fcck. Au\u00dferdem will sie mit ihrer Schwester zusammen eine Sprachschule f\u00fchren, die im Kleinformat schon besteht. Sie hat gut vorgesorgt.<\/p>\n<p>Ans Kaffeetrinken ist sie erst in ihrer Zeit in \u00d6sterreich gekommen. Sie kam direkt vom Studium in den USA und trank damals keinen Kaffee, keinen Tee, kein Wein und kein Bier. Da hat \u00d6sterreich offensichtlich erfolgreich Nachhilfe geleistet. Beim n\u00e4chsten Mal, machen wir aus, sprechen wir Deutsch.<\/p>\n<p>Am Abend lande ich zuf\u00e4llig in der Friedrichpassage. Von der hatte ich etwas in dem Reisef\u00fchrer gelesen. Hier reiht sich, in restaurierten H\u00e4usern, ein Lokal an das andere. Ich gehe in eins, das litauische Spezialit\u00e4ten anbietet, aber welche Speisen das nun genau sind, wird nicht klar. An dem, was ich bestelle, kann ich jedenfalls nichts Landestypisches erkenne. Ich probiere ein helles und ein dunkles litauisches Bier, von der wohl am meisten verbreiteten Marke: <em>\u015cvyturys<\/em>. Das bedeutet, wie ich von dem deutschen Studenten erfahren habe, \u201aLeuchtturm\u2018.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">16. Februar (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Litauischer Nationalfeiertag. Genauer gesagt, einer von zwei litauischen Nationalfeiertagen. Heute ist der Unabh\u00e4ngigkeitstag, am 11. M\u00e4rz ist der Tag der Wiedererlangung der Unabh\u00e4ngigkeit. In beiden F\u00e4llen geht es gegen \u201edie Russen\u201c, 1918 die Losl\u00f6sung aus dem Zarenreich, 1910 die Losl\u00f6sung aus der Sowjetunion.<\/p>\n<p>An der Rezeption gibt es Ansichtskarten und auch Briefmarken. Die einen sind teurer, die anderen billiger als in der Touristeninformation. Das Motiv auf den Briefmarken ist der Euro. Man sieht beide Seiten einer Eurom\u00fcnze und die litauische Flagge: Gelb \u2013 Gr\u00fcn \u2013Rot.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend meines Stadtspaziergangs kommt ein bisschen die Sonne raus. Es ist auch nicht mehr ganz so kalt, und die geschlossene Eisschicht auf dem Dan\u00e9 bricht langsam auf.<\/p>\n<p>\u00dcberall ist geflaggt. Die Halter f\u00fcr die Flaggen stammen noch aus der Sowjetzeit. Diese Vorstellung finde ich sehr vergn\u00fcglich.<\/p>\n<p>Viele Leute sind unterwegs, ohne bestimmtes Ziel, wie es aussieht. Es gibt ein paar St\u00e4nde, an denen die typischen Sachen von Volksfesten von Anno dazumal verkauft werden wie Dauerlutscher und Zuckerwatte. Einige Litauer bessern sich ihre Eink\u00fcnfte auf, indem sie aus dem Kofferraum ihres Autos Kaffee in Plastiktassen verkaufen.<\/p>\n<p>Zuerst komme ich an den Fluss und steuere gezielt die Meridianas an. Das ist ein Schiff, ein dreimastiges Segelschiff, auf das mich Inga schon am ersten Tag aufmerksam gemacht hat, als wir zur Uni fuhren. Die Meridianas war ein Schulschiff, das dann, als es in den letzten Z\u00fcgen lag, in den Hafen geschleppt und restauriert wurde. Heute ist es ein Fischlokal der gehobenen Klasse.<\/p>\n<p>Gleich neben dem Schiff steht eine merkw\u00fcrdige Skulptur aus Stacheldraht. An den Stacheln haben sich Wassertropfen festgesetzt, die sich in der Sonne spiegeln.<\/p>\n<p>Dann entdecke ich endlich auch den Schornsteinfeger, eine Skulptur, die man leicht \u00fcbersehen kann, wenn man nicht nach oben sieht. Der Schornsteinfeger klettert in den Kamin eines alten Lagerhauses am Hafen. Er war der klassische Gl\u00fccksbringer. Die Wirkung war besonders gro\u00df, wenn man einen seiner Jackenkn\u00f6pfe ber\u00fchrte. Da die Figur so weit oben ist, hat man einen Knopf entfernt und unten an der Hauswand angebracht.<\/p>\n<p>Hier, auf der linken Seite des Flusses, befanden sich urspr\u00fcnglich Kontore und Lagerh\u00e4user sowie die Stadtwaage, auf der anderen Seite eine Werft. In den Hafen wurden neben Handelswaren vor allem Holz f\u00fcr das S\u00e4gewerk und Rohmaterialien f\u00fcr die D\u00fcngerfabrik gebracht. Auf der anderen Seite, in der Werft, wurden Dampfer hergestellt, Passagierschiffe, aber auch Eisbrecher, Schlepper und Erd\u00f6ltanker.<\/p>\n<p>Ich gehe weiter runter Richtung Flussm\u00fcndung. In den breiten Spazierweg sind in regelm\u00e4\u00dfigen Intervallen Kupferplatten unter Glasabdeckungen eingelassen mit einer Karte, einer Windrose, einer Entfernungsangabe und einem L\u00e4ndernamen. Die sehe ich durch Zufall, als ich einmal nach unten blicke. Und noch ein Zufall: Die erste solche Platte, die mir auff\u00e4llt, tr\u00e4gt den L\u00e4ndernamen <em>Vokietija<\/em>. Das ist Deutschland. Der litauische (und der lettische) Name f\u00fcr Deutschland f\u00e4llt v\u00f6llig aus dem Rahmen: <em>Vokietija<\/em>. Nicht \u00a0<em>Tyskland<\/em> oder <em>Germania<\/em> oder <em>Allemagne<\/em>. Ich kann mich vage erinnern, etwas \u00fcber die umstrittene Etymologie gelesen zu haben.<\/p>\n<p>Als allm\u00e4hlich auch andere L\u00e4nder auftauchen \u2013 Lettland, Polen, D\u00e4nemark \u2013 denke ich zuerst an die EU. Ist es aber nicht. Dazu sind es nicht genug. Es sind die Anrainerstaaten der Ostsee.<\/p>\n<p>Es geht wieder zur\u00fcck in die Altstadt, diesmal zu einer Skulptur in einer etwas abgelegenen Stra\u00dfe, der <em>Jono gatv\u00e9<\/em>, einer der \u00e4ltesten Stra\u00dfen der Stadt. Hier steht eine Skulptur mit dem etwas irref\u00fchrenden Namen \u201eStadtansichten\u201c, ein hoher Bronzekubus mit Reliefs auf allen vier Seiten und dem von oben runterguckenden Drachen aus der Entstehungslegende Klaipedas. Ohne weitere Information kann man die Motive nicht verstehen, aber sie sind auch so interessant anzusehen. Man sieht ein F\u00fcrstenpaar aus der Renaissance bei einem Festmahl, eine Dame mit einer mittelalterlich wirkenden Haube, eine barbusige, sitzende Frau mit einem ganz leichten Gewebe um die H\u00fcften und ganz feinen Zweigen, die sich um ihre Waden ranken, einen Mann mit Zeremonialschwert, einen Dichter mit offenem Buch und Lorbeerkranz, dazu an verschiedenen Stellen Tauben, Katzen, Drachen. Am besten gef\u00e4llt mir eine Frau mit Brieftaube auf dem Kopf.<\/p>\n<p>In der Altstadt geht es sehr ruhig zu. Die meisten Leute sind unten am Fluss. An einem Platz in der Altstadt ist etwas Bewegung. Hier werden Figuren aus Styropor und Lampions aus Pappmach\u00e9 aufgestellt bzw. aufgeh\u00e4ngt. Alles in Wei\u00df. Erst glaube ich, die Lampions w\u00e4ren f\u00fcr die Lichterschau am Abend, aber sie werden nicht erleuchtet.<\/p>\n<p>Auch am Theaterplatz, dem zentralen Platz der Altstadt, sieht man nur eine Handvoll Leute. Die stehen am Brunnen und scheinen auch Vorbereitungen f\u00fcr den Abend zu treffen. Die kleine Brunnenfigur stellt das \u00c4nnchen von Tharau dar. Davor die B\u00fcste des Dichters, einem Mann namens Dach, dem Verfasser des Gedichts, das dann zu dem bekannten Lied wurde.\u00a0 Dach hatte sich in das \u00c4nnchen auf den ersten Blick verliebt, aber sie war schon verlobt.<\/p>\n<p>An der Kopfseite des Platzes, hinter dem Brunnen, steht das Theater, ein urspr\u00fcnglich klassizistischer Bau, der nach einem Brand, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, in neoklassizistischen Stil erneuert wurde. Hier gastierte u.a. Wagner. Bevor das Theater entstand, war hier schon die B\u00fchne f\u00fcr die Auff\u00fchrungen durchziehender Wanderschauspieler.<\/p>\n<p>Ich mache eine Pause bei einem Kaffee und einem kleinen St\u00fcck Kuchen, wie ich ihn aus meiner Kindheit kenne, Kalter Hund. Beides zusammen kostet drei Euro, kein Pappenstiel f\u00fcr einen Litauer. Der Mindestlohn, hat mir Gretchen erz\u00e4hlt, betr\u00e4gt 300 \u20ac, der Durchschnittslohn, was immer das bedeuten mag, 600 \u20ac. An der Kleidung kann man gut ablesen, dass man nicht in einem reichen Land ist: Wollm\u00fctzen, Steppjacken, Latexhosen, M\u00fctzen mit runterklappbaren Ohrensch\u00fctzern, das alles sieht \u00e4rmlich aus und ist zudem Grau in Grau.<\/p>\n<p>Beim zweiten Versuch habe ich bei dem Museum Erfolg. Es ist jetzt ge\u00f6ffnet. Eintritt umsonst. Es ist das Museum f\u00fcr die Geschichte Klein-Litauens. Ein altert\u00fcmliches Museum in einem B\u00fcrgerhaus mit knarrenden Holztreppen. Die Erkl\u00e4rungen auf Englisch und Deutsch sind sp\u00e4rlich, aber es gibt doch einiges zu sehen.<\/p>\n<p>Im Obergeschoss gibt es ein gro\u00dfes Modell der \u201eSee- und Handelsstadt Memel\u201c, leider ohne Jahresangabe. Es muss aber wohl aus einer sp\u00e4teren Zeit stammen, denn die Stadt hat sich schon weit \u00fcber den Fluss hinaus nach Norden ausgebreitet. Jetzt erst, vor dem Modell, werden mir die Lage des Hotels und der Uni deutlich. Das Hotel liegt gerade am Rande der Altstadt, s\u00fcdlich des Flusses, und zur Uni kommt man \u00fcber die lange schnurgerade Trasse, die stadtausw\u00e4rts f\u00fchrt. Auff\u00e4llig an dem Modell ist die relativ geringe Zahl von Kirchen. Auch im heutigen Stadtbild fehlen sie fast vollst\u00e4ndig.<\/p>\n<p>Ebenfalls im Obergeschoss (wo die Information aber noch d\u00fcrftiger ist) gibt es B\u00fccher und Titelseiten von Zeitungen. Ein Buchtitel f\u00e4llt besonders ins Auge: <em>Die littauische Frage. Eine deutsche und eine littauische Antwort<\/em> (1888). Unter den deutschen B\u00fcchern befinden sich eine Liedersammlung und ein W\u00f6rterbuch Deutsch-Litauisch, aber nur dessen \u201eAnalytischer Erster Teil\u201c. Man sieht leider nur die Titelseite und fragt sich, was wohl der analytische Teil eines W\u00f6rterbuchs ist.<\/p>\n<p>Neben den Texten auf Litauisch h\u00e4ngt in einer Vitrine auch ein russischer Text, wohl Gebete, in einem altert\u00fcmlichen Russisch mit einer Anzahl nicht mehr verwandter Buchstaben.<\/p>\n<p>In einem Nebenraum gibt es Stiche und Graphiken aus der Zeit (oder zu der Zeit) des Deutschen Ordens in Litauen. In der kleinen Museumsbeschreibung ist von \u201edeutscher Aggression\u201c die Rede, nicht von \u201eBesiedlung\u201c, und wenn man den Darstellungen glauben darf, ging er hier nicht zimperlich zu: Ein am Boden liegender Mann wird mit einer Lanze durchbohrt, ein an einen Pfahl gebundener Mann wird mit einer Flinte, deren Lauf seinen Kopf ber\u00fchrt, exekutiert, ein Mann holt mit dem Schwert aus, um jemanden zu enthaupten, in einer Landschaft baumelt im Hintergrund einer an einem Galgen, vorne einer an einem Baum. Um den Heiden die christliche Botschaft zu vermitteln, musste man schon mal zu entschiedenen Methoden greifen.<\/p>\n<p>In einem M\u00fcnzkabinett sieht man gleich zu Anfang r\u00f6mische M\u00fcnzen, aus der Zeit Mark Aurels und der Zeit von Antoninus Pius. Was machen die hier? Eine Schautafel im Untergeschoss gibt Auskunft: Die Bernsteinstra\u00dfe verband das R\u00f6mische Reich mit dem Baltikum, und auf diesem Wege wurde Handel und Austausch getrieben. Der Bernstein war das gro\u00dfe Objekt der Begierde der R\u00f6mer, und man sieht gleich in der ersten Vitrine, dass schon lange vor den R\u00f6mern, in der sp\u00e4ten Steinzeit, Bernstein hier als Schmuck getragen wurde. Fast witzig, die Bernsteinketten (oder besser die Glieder von Ketten) neben den Faustkeilen liegen zu sehen. Ein Hingucker in der M\u00fcnzsammlung sind auch die ganz fr\u00fchen litauischen M\u00fcnzen. Sie sehen nicht wie M\u00fcnzen aus, sondern wie Barren. Seitlich sind Kerben eingeritzt, die den Nennwert der M\u00fcnze bezeichnen.<\/p>\n<p>Es gibt auch noch Grabbeigaben aus verschiedenen Zeiten mit den typischen m\u00e4nnlichen und weiblichen Beigaben: Waffen und Schmuck. Tassen bekamen dagegen beide, und die M\u00e4nner bekamen auch einen Wetzstein und die Frauen eine Spindel. Arbeitsger\u00e4te vermutlich.<\/p>\n<p>Erstaunlich auch die Reste eines Sargs. Nicht vollst\u00e4ndig erhalten, da aus Holz, aber immerhin. Man kann sich anhand einer Darstellung gut vorstellen, wie die erhalten gebliebenen Barren zu einem gar nicht mal so simplen Sarg zusammengef\u00fcgt wurden. Der wurde in die Erde eingelassen, nicht anders als heute. Feuerbestattung gab es wohl nur f\u00fcr eine kurze Zeit, Inhumation war der Standard.<\/p>\n<p>Nach einer weiteren Pause in einem Caf\u00e9 gehe ich ein St\u00fcck die <em>Titl\u0173 gat\u00e9<\/em> entlang, die schnurgerade verlaufende heutige Einkaufsstra\u00dfe, die ich in dem Stadtmodell identifiziert habe. Dabei komme ich zum wiederholten Mal an einem Torbogen vorbei, einem nicht zu \u00fcbersehenden, hohen, aber nicht sonderlich sch\u00f6nen Monument aus Granit mit der Inschrift \u201eWir sind ein Volk, ein Land, ein Litauen\u201c. Das bezieht sich auf die Vereinigung Litauens mit dem Memelland durch den Vertrag von Tilsit. Die Bedeutung des Denkmals erschlie\u00dft sich nicht von selbst. Die unterschiedlichen Teile haben symbolischen Wert: Die kleine S\u00e4ule, r\u00f6tlich, steht f\u00fcr Klein-Litauen, die gro\u00dfe S\u00e4ule, grau, steht f\u00fcr Gro\u00df-Litauen, und die abgebrochene Kante oben steht f\u00fcr das K\u00f6nigsberger Gebiet. Das geh\u00f6rt heute zu Russland, aber das Denkmal suggeriert, verst\u00e4rkt durch die Inschrift, dass das \u201ebesetztes Gebiet\u201c ist und zu Litauen geh\u00f6ren m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Quer zu dieser Stra\u00dfe verl\u00e4uft eine gr\u00f6\u00dfere Allee. An einer H\u00e4userfront steht in gro\u00dfen Lettern: <em>Liepu aleja<\/em>. Das ist die \u201aLindenallee\u2018, wie sie zur Zeit der Ostpreu\u00dfen hie\u00df. Aus der <em>Lindenallee<\/em> wurde sp\u00e4ter der <em>G\u00e4nsemarkt<\/em>, aus dem <em>G\u00e4nsem\u00e4rkt<\/em> die <em>Alexander-Stra\u00dfe<\/em>, aus der <em>Alexander-Stra\u00dfe<\/em> die <em>Smetonos-Allee<\/em>, aus der <em>Smetonos-Allee<\/em> die <em>Adolf-Hitler-Stra\u00dfe<\/em>, aus der Adolf-<em>Hitler-Stra\u00dfe<\/em> die <em>Maxim-Gorki-Stra\u00dfe<\/em>. Heute hat sie ihren alten Namen (fast) wieder: Lindenstra\u00dfe.<\/p>\n<p>Wieder im Zentrum komme ich durch das alte Gerberviertel, urspr\u00fcnglich durch einen Nebenarm des Dan\u00e9 von der Altstadt getrennt. Hier wurden u.a. Schotten und Schweden angesiedelt. Denen war es nicht erlaubt, sich in der Altstadt niederzulassen.<\/p>\n<p>Am Abend gibt es dann das Lichterspektakel. Ganz anders, als ich es mir vorgestellt habe. Modern. Lichtstreifen in drei Farben klettern Hausfassaden hinauf und wandern \u00fcber Kopfsteinpflaster, sich dabei immer wieder \u00fcberschneidend. Au\u00dferdem werden die tragenden Teile der H\u00e4userfassaden in wechselnden Farben markiert. Dazu gibt es laute, rhythmische Musik aus Lautsprechern und etwas marktschreierische Ansagen. Erst als ich mir das eine Zeitlang angesehen habe, f\u00e4llt der Groschen: Bei den drei Farben handelt es sich um die Farben Litauens.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">17. Februar (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Als ich im Bus auf dem Weg zur Uni die Haltestelle anfordere, erscheint vorne: \u201eWagen h\u00e4lt\u201c. Der Bus ist ein Emigrant.<\/p>\n<p>Unter den vielen unfreundlichen Menschen, denen man hier begegnet, sind die Busfahrer die, die den Vogel abschie\u00dfen. Meine Vorurteile erfahren volle Best\u00e4tigung. Viele Menschen sind vermutlich nicht per se unfreundlich, aber es gibt keine Tradition, Fremden gegen\u00fcber offen, gespr\u00e4chig oder hilfsbereit zu sein. Wenn man dann auf Ausnahmen trifft, wei\u00df man die umso mehr zu sch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Bei dem \u00f6ffentlichen Vortrag, bei dem es um Missverst\u00e4ndnisse in Bezug auf Sprache geht, kann ich sogar meinen kleinen Baltikum-Reisef\u00fchrer zum Einsatz bringen. Darin ist die Rede von einem Komitee, das der litauische Staat eingesetzt hat zur Sprachpolitik. Seine Aufgabe ist es, alles Fremde, und das sind wohl in erster Linie Anglizismen, zu eliminieren. Dass das weder erfolgversprechend noch sinnvoll ist, versuche ich mit Verweis auf \u00e4hnliche F\u00e4lle in der Geschichte zu begr\u00fcnden, aber ich habe nicht das Gef\u00fchl, dass das sehr \u00fcberzeugend ist. An bestimmten Glaubenss\u00e4tzen wollen die Leute einfach festhalten. Das ist eben Teil des Mythos.<\/p>\n<p>Ich bekomme die Best\u00e4tigung f\u00fcr den Aufenthalt bei Inga und dazu noch ein kleines Abschiedsgeschenk. Und au\u00dferdem von allen viele freundliche Worte zum Abschied. Selbst die m\u00fcrrische russische K\u00f6chin in der Kantine ist inzwischen aufgetaut. Sie erkennt und gr\u00fc\u00dft mich und fragt, was ich haben m\u00f6chte. Muss wohl das Trinkgeld sein.<\/p>\n<p>Am Nachmittag soll ich mich mit zwei Kolleginnen treffen, die sich f\u00fcr den Austausch interessieren, Hilda, eine der Deutschlehrerinnen und Eugenija, eine Sprachlehrerin aus der Anglistik. Die w\u00e4re bei einem LCC-Sch\u00f6nheitswettbewerb nicht ohne Chancen. Hilda hat sich am Mittwoch bereits als gro\u00dfer Deutschland-Fan geoutet und mich auch sofort auf Deutsch angesprochen. Sie unterrichtet hier Deutsch und macht auch Stadtf\u00fchrungen auf Deutsch. Die G\u00e4ste w\u00fcrden sie manchmal fragen, ob sie Deutsche sei, meint sie stolz. Entweder m\u00fcssen diese G\u00e4ste sehr h\u00f6flich oder taub sein. Ihr Akzent ist nicht zu \u00fcberh\u00f6ren, obwohl ihr Deutsch wirklich gut ist.<\/p>\n<p>Als ich auf die beiden warte, sehe ich mir ein modernes Triptychon genauer an, das mir schon mehrmals aufgefallen ist. Es stellt die Hl. Drei K\u00f6nige dar. Man sieht sie im Profil, wie auf dem Weg nach Bethlehem, als stilisierte Figuren. Man hat den Eindruck, dass das Material Stoff sein k\u00f6nnte. Das Triptychon stammt von einem K\u00fcnstler aus Tadschikistan, der gleichzeitig Vater eines ehemaligen Studenten ist. Er stellte das Triptychon zur Verf\u00fcgung. Es wurde versteigert, und der Erl\u00f6s kam in die Stipendienkasse.<\/p>\n<p>Am Ende taucht die Deutschlehrerin nicht auf, und ich muss wohl oder \u00fcbel mit der Sch\u00f6nheitsk\u00f6nigin alleine ausgehen. Sie schl\u00e4gt ein \u201emexikanisches\u201c Lokal in der N\u00e4he der Uni vor, ein litauisches Lokal, das Nachos anbietet und eine ziemlich klischeehafte mexikanische Werbetafel hat.<\/p>\n<p>Diese Frau, Eugenija, ist ein Wunder. Schon mit ihren jungen Jahren hat sie eine feste Stellung am LCC und hat in Nicaragua, Guatemala und Italien gelebt. Wann sie das alles geschafft hat, ist mir ein R\u00e4tsel. Und sie spricht wirklich beide Sprachen flie\u00dfend, und Englisch sowieso, mit markantem amerikanischem Akzent, den sie aber in Schule und Uni aufgegriffen haben muss, denn sie ist noch nie in den USA gewesen.<\/p>\n<p>Wie sie denn ohne Promotion an die Stelle gekommen sei, will ich wissen. Gute Frage, findet sie. Eigentlich ist daf\u00fcr eine Promotion vorgesehen, aber beim LCC nicht zwingend erforderlich. Die legten Wert auf andere Qualifikationen. Und dazu geh\u00f6rten ihre Auslandserfahrungen.<\/p>\n<p>Studiert hat sie in Vilnius, und da hat sie auch zuerst nach einer Stelle gesucht. Das LCC sei dort weitgehend unbekannt. Als sie zuf\u00e4llig darauf gesto\u00dfen sei, habe sie vor allem die christliche Orientierung angesprochen. Die sei auch ein wichtiger Faktor beim Zusammenhalt unter den Kollegen. Sie selbst ist Tochter eine tiefgl\u00e4ubigen Mutter und eines atheistischen Vaters. Ob das denn gut gegangen sei, frage ich. Ja, die h\u00e4tten genug andere Sachen gehabt, \u00fcber die sie sich streiten konnten.<\/p>\n<p>Sie war beim Weltjugendtag in K\u00f6ln und hat noch gute Erinnerungen daran und steht weiterhin in Kontakt mit ihrer Gastfamilie in Bonn. Am meisten h\u00e4tte sie gewundert, als sie, auf Nachfrage, den sch\u00fcchternen Wunsch ge\u00e4u\u00dfert h\u00e4tte, mal \u00fcber die Grenze zu fahren, nach Holland. Klar, h\u00e4tten ihre Gasteltern gesagt, machen wir.<\/p>\n<p>Sie selbst unterrichtet Writing Skills und Cultural Studies, keine Literatur oder Linguistik. Sie f\u00fchlt sich sehr wohl, ist gl\u00fccklich da, wo sie ist. Und sie wird auch in Abendkursen eingesetzt, die das LCC f\u00fcr die Gemeinde anbietet. Die w\u00fcrden stark nachgefragt. Kostenpunkt: 200 \u20ac pro Semester. Ich finde das teuer, sie findet das angemessen. Durch den Euro w\u00e4re allerdings alles teurer geworden. Als ich argumentiere, in Deutschland habe man das auch geglaubt, aber ohne sachliche Grundlage, erwidert sie, ja, in Deutschland vielleicht, aber hier w\u00e4re das anders gewesen. Hier w\u00e4ren die Preise <em>wirklich<\/em> gestiegen.<\/p>\n<p>Auch zu der \u00e4rmlichen Kleidung hat sie eine andere Meinung. Das sei nicht das Resultat von Geldmangel, sondern von schlechtem Geschmack. Es gebe einfach keine Gewohnheit, auf schicke Kleidung zu achten.<\/p>\n<p>Sie kauft ihre Kleidung im Ausland. Vor allem in Italien. Von Italien schw\u00e4rmt sie. Den Aufenthalt &#8211; Siena und Florenz &#8211; hat sie sich aus verschiedenen Stipendien zusammengebastelt, wobei eins ein reiner Zufallstreffer war. Den fehlenden Monat hat sie dann als Au-pair-M\u00e4dchen \u00fcberstanden.<\/p>\n<p>Sofort einig sind wir uns, als die Rede auf die Interferenzen zwischen Spanisch und Italienisch kommt. Sie verdreht die Augen bei der Erinnerung an einige der h\u00e4rtesten F\u00e4lle.<\/p>\n<p>Wenn sie nach Trier kommt, schlage ich ihr vor, Bekanntschaft mit der Bolivien-Partnerschaft des Bistums zu machen. Da kommen die spanische und die christliche Schiene zusammen.<\/p>\n<p>Bis zum Schluss bleiben wir die einzigen G\u00e4ste in dem Lokal. Ich genehmige mir zwei Bier zu den Nachos, sie erst Kaffee, dann Gira. Ob das so \u00e4hnlich wie Kwas sei, will ich wissen. Ja, genau dasselbe. Obwohl das bei ihr im Glas dunkler aussieht. Aber da gibt es alle Varianten, und hier wird das Gira direkt vor Ort hergestellt.<\/p>\n<p>Dann verabschieden wir uns im Nieselregen, jeder in seine Richtung. Gl\u00fccklicherweise kommen die Busse immer in sehr schnellem Takt.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg steige ich noch vor der Altstadt aus und folge einem hoch aufragenden Kirchturm in der Lindenstra\u00dfe. Erst als ich unmittelbar davorstehe, sehe ich, dass der vermeintliche Kirchturm keiner ist. Und die Kirche keine Kirche, sondern das Postamt. Der Gesamteindruck ist neogotisch, aber die Details sind es nicht. Das Geb\u00e4ude geht auch eher in die Breite als in die H\u00f6he. Nur der Glockenturm sticht hervor. Neben dem zweist\u00f6ckigen Komplex mit Mansarden gibt es noch auf beiden Seiten einst\u00f6ckige Geb\u00e4ude als Erg\u00e4nzung. Die dienten als Speicher und Stall und als Parkhaus f\u00fcr die Kutschen. Die moderne Vorstellung l\u00e4sst schnell au\u00dfer Acht, dass Post fr\u00fcher immer auch Postkutschen bedeutete.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg mache ich in einem Caf\u00e9 an der Br\u00fccke \u00fcber den Fluss halt. Dort ist die Toilette tats\u00e4chlich mit \u25b2und \u25bc bezeichnet. Allerdings gibt es nur eine Toilette, so dass beide Symbole an derselben T\u00fcr stehen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">18. Februar (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Irgendwo sto\u00dfe ich auf Zahlen, die die relativ hohe Pr\u00e4senz von Russisch im Alltag von Klaipeda erkl\u00e4ren: Litauen hat zwar nur 6% Russen im Gegensatz zu Estland und Lettland, wo es 30% sind, aber Klaipeda ist als Industriestadt eben anders. Hier sind es auch etwa 30%. Gef\u00fchlt mehr. Was genau mit Russisch gemeint ist, ist nat\u00fcrlich nicht klar. In Litauen haben die Russischst\u00e4mmigen wohl ohne weiteres die litauische Staatsb\u00fcrgerschaft bekommen, in den beiden anderen L\u00e4ndern nicht.<\/p>\n<p>In der Bibliothek der Uni bin ich sogar auf Reisef\u00fchrer gesto\u00dfen. Beim Durchbl\u00e4ttern habe ich gelesen, dass bis 1925 der deutsche und der litauische Anteil an der Bev\u00f6lkerung von Klaipeda noch halbe-halbe war. Die \u201eWiedereroberung\u201c von Klaipeda unter den Nazis war die letzte Aktion dieser Art, bevor der 2. Weltkrieg begann.<\/p>\n<p>Weiter zur\u00fcck in der Geschichte treffe ich auf ein weiteres kurioses Detail: In Klaipeda war bis zum 17. Jh. der Bau von H\u00e4usern aus Stein oder Backstein nicht erlaubt. Man f\u00fcrchtete, in solchen H\u00e4usern k\u00f6nne sich der Feind verschanzen.<\/p>\n<p>Zur Kurischen Nehrung hei\u00dft es, sie sei durch Wind- und Wellenbewegungen entstanden, die den Sand transportiert h\u00e4tten. Jetzt wandert die Nehrung ganz allm\u00e4hlich ostw\u00e4rts. Das hat schon dazu gef\u00fchrt, dass D\u00f6rfer aufgegeben oder verlegt werden mussten.<\/p>\n<p>Zum ersten Mal nehme ich mir die Zeit, mir die litauischen M\u00fcnzen anzusehen. Sie scheinen alle dasselbe Motiv zu haben, einen berittenen Krieger mit Schild und gezogenem Schwert. Ich habe eine ganze Menge litauische und ein paar deutsche, aber keine lettischen oder estnischen M\u00fcnzen im Portemonnaie. Komisch, man sollte meinen, das w\u00fcrde sich hier mehr vermischen.<\/p>\n<p>Auch heute ist, was das Wetter angeht, keine Besserung in Sicht. Nicht einmal von abwechslungsreichem Grau kann die Rede sein. Also kein Ausflug. Stattdessen geht es in die Stadt.<\/p>\n<p>Zuerst geht es zum Uhrenmuseum, aber das hat noch geschlossen. Ich gehe zur\u00fcck, zur Touristeninformation, aber die ist samstags auch geschlossen.<\/p>\n<p>Dann misslingt auch der zweite Versuch bei dem Uhrenmuseum, obwohl den \u00d6ffnungszeiten nach jetzt Besuchszeit ist.<\/p>\n<p>Gar nicht weit von dem Uhrenmuseum stehen zwei auff\u00e4llige moderne Hochh\u00e4user, an denen ich jeden Tag vorbeikomme. Beide haben eine unregelm\u00e4\u00dfige Form, sie sind aus- bzw. eingeschnitten. Das eine sieht aus wie ein K, also die Stockwerke werden zur Mitte hin immer schmaler, das andere ist das Gegenst\u00fcck dazu, das hat in der Mitte breitere Stockwerke als oben und unten.<\/p>\n<p>Unterwegs achte ich zum ersten Mal auf die Nachnamen, denen man im \u00f6ffentlichen Raum begegnet, zum Beispiel an Arztpraxen und B\u00fcros. Drei Muster scheinen sich zu wiederholen: Namen vom Typ <em>Baranauskas<\/em> und <em>Petrauskas<\/em>, vom Typ <em>Landsbergis<\/em> und <em>Banaitis<\/em> und vom Typ <em>Mikul\u00e9nien\u00e9<\/em> und <em>Seraikait\u00e9<\/em>, wobei die beiden letzteren wohl weibliche Nachnamen sind. Die scheinen eine eigene Form zu haben.<\/p>\n<p>Ich nehme den Bus, um zu <em>Pegasas<\/em> zu fahren, einer Buchhandlung in einem Einkaufszentrum au\u00dferhalb der Innenstadt. Die Mission Buchsuche kann leider nicht erf\u00fcllt werden, das gesuchte Buch ist vergriffen, aber man kann sich ja mal umsehen. Die meisten B\u00fccher sind auf Litauisch, dann kommt Russisch, dann Englisch. Gleich am Anfang sind ein paar Klassiker zu g\u00fcnstigen Preisen auf einem B\u00fcchertisch aufgestellt, und man kann sich ans Titelraten machen: <em>Dvasi\u0173 namai<\/em> = <em>Das Geisterhaus<\/em>; <em>Pasaulis pagal Garp\u0105 = Garp und wie er die Welt sah; Kvepalai = Das Parfum; Stepi\u0173 vilkas<\/em> = <em>Der Steppenwolf; Puikyb\u00e9 ir prietarai = Stolz und Vorurteil<\/em>. Besonders gut kann man es am <em>Parfum<\/em> erkennen: Das Litauische hat keinen Artikel.<\/p>\n<p>Oben gibt es W\u00f6rterb\u00fccher, und da kann ich zwei W\u00f6rter nachschlagen, die mir immer wieder begegnen: <em>namas<\/em> (tritt meistens in der flektierten Form <em>namai<\/em> auf) bedeutet \u201aHaus\u2018, <em>kalba<\/em> (tritt meist in der flektierten Form <em>kalbas<\/em> auf) bedeutet \u201aSprache\u2018.<\/p>\n<p>Ich fahre zur\u00fcck und versuche noch mal mein Gl\u00fcck beim Uhrenmuseum. Diesmal klappt es. Beim zweiten Mal ist der Versuch wohl nur daran gescheitert, dass die T\u00fcr klemmte. Diesmal kommt eine Frau heraus und ruft mich hinein. Ich bin der einzige Besucher, und f\u00fcr 1,80 \u20ac bekommt man einiges geboten.<\/p>\n<p>Das Museum ist in einem neoklassizistischen, zweist\u00f6ckigen Geb\u00e4ude untergebracht. Auch hier riecht es nach Holz, und auf den Treppen knarren die Dielen unter den F\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Es geht mit der grunds\u00e4tzlichen Frage der Zeitmessung los. Wie bekommt man eine Zeiteinheit? Indem man die L\u00e4nge eines Ph\u00e4nomens in Beziehung zu der L\u00e4nge eines anderen setzt. Das offensichtlichste Beispiel ist vermutlich die Bewegung der Gestirne zur Festlegung von Kalendereinheiten. Aber auch so etwas wie der Morgen als landwirtschaftliche Gr\u00f6\u00dfe geh\u00f6rt vermutlich dazu: So lange, wie ich brauche, um den Morgen zu bestellen, so lange dauert es vom Tagesanbruch bis zum Mittagessen.<\/p>\n<p>Dann kommt ein Detail, das mir in den n\u00e4chsten Tagen immer wieder durch den Kopf geht. Es hei\u00dft, bereits im 15. Jahrtausend habe es ein Bewusstsein f\u00fcr den Tag als Zeiteinheit gegeben (und \u00fcbrigens auch f\u00fcr den Monat), aber erst im 5. Jahrtausend eins f\u00fcr das Jahr. Woher wei\u00df man das? Das ist alles vorgeschichtlich, muss also wohl aus Zeichnungen oder sogar Grabfunden abgeleitet sein. Aber gesetzt, es stimmt in groben Z\u00fcgen, dann h\u00e4tte man Jahrtausende, ohne dass die Menschen wussten, was ein Jahr ist. Wir haben das durch die Sprache so sehr verinnerlicht, dass wir uns das gar nicht vorstellen k\u00f6nnen. Aber h\u00e4tten wir eine Vorstellung vom Jahr, wenn wir kein Wort daf\u00fcr h\u00e4tten? Wie sind die ersten darauf gekommen? Welche Reaktionen haben sie ausgel\u00f6st, wenn sie gesagt haben: \u201eDas hatten wir doch schon mal. Das kommt wieder\u201c? Die Stunde taucht dann erst im 2. Jahrtausend auf, und die Woche \u00fcberhaupt nicht.<\/p>\n<p>Die ersten Ausstellungsst\u00fccke sind fr\u00fche Kalender: eine h\u00f6lzerne Trommel mit L\u00f6chern, eins f\u00fcr jeden Tag, mit einen St\u00e4bchen, das man in das jeweilige Loch stecken kann; eine h\u00f6lzerne Tafel, ganz \u00e4hnliche Funktionsweise; eine zu einem Kn\u00e4uel zusammengerollte Schnur mit Knoten, das Tag f\u00fcr Tag um einen Knoten weiter aufgerollt wird. Bei all denen gibt es weder Zahlen noch Namen. Dann kommt eine h\u00f6lzerne Tafel mit beweglichen Elementen, auf denen die Namen der Wochentage und eine Zahl stehen. Da ist schon alles drin, was einen modernen Kalender ausmacht.<\/p>\n<p>In einem eigenen Raum werden nur Sonnenuhren pr\u00e4sentiert, von unterschiedlicher Gr\u00f6\u00dfe und Machart. Die wichtigste Unterscheidung ist die zwischen horizontalen (die gab es zuerst in Babylon und \u00c4gypten) und vertikalen (die gab es zuerst in Rom). Einige der horizontalen sind so klein, dass sie wie Schreibtischdekoration ohne Funktion aussehen.<\/p>\n<p>Dann kommen Sanduhren, Wachsuhren und Wasseruhren. Eine ungeheure Vielfalt. Vorreiter scheint hier China zu sein. Bei den Wachsuhren gibt es einfache Kerzen mit Einkerbungen f\u00fcr jede Stunde, aber auch eine komplizierte Apparatur aus Metall, bei der eine gerade Wachsmasse langsam abgebrannt wird. Und bei den Wasseruhren gibt es welche, die auf Treppen angeordnet sind. Auf jeder Stufe ein Gef\u00e4\u00df, aus dem Wasser in das jeweils darunter stehende Gef\u00e4\u00df tr\u00f6pfelt.<\/p>\n<p>Dann kommen die ersten Uhren im modernen Sinne, in der Renaissance. Ein Vorl\u00e4ufer ist eine Zeichnung von Leonardo. Die diente Galilei als Vorlage f\u00fcr die Konstruktion einer Uhr mit Pendel und Gewicht. Offensichtlich unabh\u00e4ngig davon wurde die gleiche Erfindung in Holland gemacht, von einem Mann namens Huygens. Ob ihm auch Leonardos Zeichnung vorlag? Oder geschehen solche Dinge wirklich unabh\u00e4ngig voneinander?<\/p>\n<p>Als Gewicht fungierten zun\u00e4chst grob behauene Steine. Einer davon ist ausgestellt. An Kirchenuhren wogen solche Steine bis zu 250 kg, wie an einer von einem Deutschen Ende des Mittalalters in Paris gebauten Kirchturmuhr.<\/p>\n<p>Ein franz\u00f6sischer Schlosser erhielt1401 einen Preis daf\u00fcr, dass es ihm gelungen war, Mechanismus und Gewicht einer Uhr in eine Schachtel zu packen. Das Uhrengeh\u00e4use war geboren.<\/p>\n<p>Die Ausstellung im Untergeschoss endet mit einigen modernen Uhren, Leichtgewichte im Kleinformat, bei denen Sachlichkeit das h\u00f6chste Gebot ist, und einem ausgeklappten Schweizermesser, bei der die Uhr in den Griff integriert ist.<\/p>\n<p>Das Museum hat einige Tafeln mit Erkl\u00e4rungen in sehr gutem Deutsch, aber die werden technisch immer anspruchsvoller, und ich diesem Teil verstehe ich nur noch Bahnhof. Was f\u00fcr die wachsenden technischen Schwierigkeiten spricht, die die Entwicklung der modernen Uhren mit sich bringt.<\/p>\n<p>Auf dem Weg nach oben gibt es die Nachbildung einer Uhrmacherwerkstatt. Einschlie\u00dflich Uhrmacher. Vor ihm R\u00e4dchen, Schr\u00e4ubchen und Pl\u00e4ttchen aller Art. Neben ihm nach Gr\u00f6\u00dfe geordnete, feinste Werkzeuge, an der Wand gro\u00dfe Zangen. Er selbst tr\u00e4gt eine Kappe und eine Weste mit Zierborte, m\u00f6glicherweise ein Erkennungszeichen f\u00fcr die Innung. Eine brennende Kerze erlaubt ihm, in das Uhrgeh\u00e4use auf dem Werktisch zu sehen.<\/p>\n<p>Im Obergeschoss gibt es keine Erkl\u00e4rungen mehr, aber die Uhren hier erkl\u00e4ren sich mehr oder weniger selbst, als Kunstst\u00fccke oder Dekorationsobjekte. Es sind Stand- und Wanduhren. Die Uhr selbst tritt in den Hintergrund, das Ziffernblatt wird immer kleiner. Im Vordergrund steht die Einfassung: Antike Helden, klassische G\u00f6ttern, Musen und Putten, Adler, herbeifliegende Postillions und berittene Gener\u00e4le zieren die Uhren. Die meisten stammen aus dem 19. Jahrhundert, aber sie scheinen unterschiedlichen Stilrichtungen anzugeh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Dazwischen ein paar Standuhren von der Art, in der sich das j\u00fcngste Gei\u00dflein im M\u00e4rchen verbergen konnte, eine davon fast eine Replik der Uhr aus unserem Elternhaus. In der, besagen die Ger\u00fcchte, habe man aber keine Gei\u00dflein verborgen, sondern Schnapsflaschen.<\/p>\n<p>Nach dem Museum geht es, zu sp\u00e4t f\u00fcrs Mittagessen, zu fr\u00fch f\u00fcrs Abendessen, ins <em>Forto Dvaras<\/em>, einem Lokal am Theaterplatz, das in der \u00a0Touristeninformation empfohlen worden war. Von au\u00dfen sieht es sch\u00f6n aus, innen gleicht es eher einer Wartehalle. Aber das Essen ist gut, das beste in all den Tagen. Es gibt eine s\u00e4mige Suppe aus wilden Pilzen, originell in Brot serviert, und dann einen Klassiker der litauischen K\u00fcche: Kl\u00f6\u00dfe. Sie sind mit Hackfleisch gef\u00fcllt und werden mit gebratenen Zwiebeln und saurer Sahne serviert. Es gibt zwei Kl\u00f6\u00dfe, und das sieht gar nicht so \u00fcppig aus auf dem Teller, aber einen dritten h\u00e4tte ich nicht mehr geschafft.<\/p>\n<p>Auf der Speisekarte erscheint an exponierter Stelle das Wort <em>Vasaris<\/em>. Ich frage die Kellnerin, was es bedeutet: \u201aFebruar\u2018. Auch die anderen Monatsnamen sind nicht, wie unsere, aus dem Lateinischen \u00fcbernommen und v\u00f6llig unverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Zum Abschluss geht es bei Nieselregen noch mal an den Dan\u00e9. An dessen M\u00fcndung, da wo die Anlegestelle der Schiffe ist, steht die Skulptur eines Jungen mit kurzen Hosen, der mit geneigtem Kopf einem Schiff sehnsuchtsvoll hinterhersieht und mit seinem Hut hinterherwinkt. Ein passender Abschluss f\u00fcr eine Reise.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>12. Februar (Sonntag) Wo Klaipeda ist, wei\u00df kein Mensch. Jedenfalls fast kein Mensch. Und ich wusste es auch nicht, bis wir vor ein paar Jahren, auf den Wunsch von Klaipeda, den Austausch vereinbarten. Der d\u00fcmpelt seitdem so vor sich hin. &hellip; <a href=\"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=8854\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":5838,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/8854"}],"collection":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8854"}],"version-history":[{"count":11,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/8854\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8878,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/8854\/revisions\/8878"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/5838"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8854"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}