{"id":9117,"date":"2017-09-07T10:34:48","date_gmt":"2017-09-07T08:34:48","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=9117"},"modified":"2023-10-22T07:28:32","modified_gmt":"2023-10-22T05:28:32","slug":"ascoli-2017","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=9117","title":{"rendered":"Ascoli (2017)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">4. August (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Sant\u2018Emidio! Das ist das Schl\u00fcsselwort. Der Grund, warum es Ascoli, mit vollem Namen Ascoli Piceno, \u00fcberhaupt gibt, der Grund f\u00fcr die St\u00e4dtepartnerschaft, der Grund, warum wir hier sind. In diesen Tagen findet das Patronatsfest von Sant&#8217;Emidio statt, mitten im italienischen Sommer, bei Temperaturen gut \u00fcber 30\u00b0. Sant&#8217;Emidio, so die Legende, in Trier geboren, lie\u00df sich in Ascoli nieder und legte sich mit der r\u00f6mischen Herrschaft an, weil er den christlichen Glauben verbreitete. Er taufte u.a. die Tochter des r\u00f6mischen Pr\u00e4fekten. Das kam \u00fcberhaupt nicht gut an. Er wurde enthauptet.<\/p>\n<p>In Ascoli hat er einen guten Ruf, weil er die Stadt vor Erdbeben bewahrte, auch dann, als umliegende St\u00e4dte betroffen waren. Ein klassisches Bild ist das von Sant&#8217;Emidio, wie er die Mauern der Stadt st\u00fctzt.<\/p>\n<p>Obwohl Sant&#8217;Emidio und dessen Geburtsort Trier f\u00fcr Ascoli so wichtig sind, interessiert sich hier niemand f\u00fcr die St\u00e4dtepartnerschaft. In Trier interessiert man sich eher f\u00fcr die St\u00e4dtepartnerschaft, aber kein Mensch wei\u00df, wer Sant&#8217;Emidio war. Auch unter seinem deutschen Namen Emygdius ist er nicht besser bekannt.<\/p>\n<p>Ascoli liegt in den Marken, in deren s\u00fcdlichem Teil, nahe an der Grenze zu den Abruzzen. Die gr\u00f6\u00dfte Stadt der Marken ist Ancona, die ber\u00fchmteste vielleicht Urbino, Raffaels Geburtsstadt. Marken, der Name ist abgeleitet von unserem alten Wort f\u00fcr \u201aGrenze\u2018, bevor wir das Fremdwort <em>Grenze<\/em> importierten.<\/p>\n<p>Gestern, am Tag vor der Abfahrt, waren es laut Wetterbericht in Ascoli 35\u00b0; heute ist es noch etwas w\u00e4rmer. Wir landen in Pescara. In der Eingangshalle erwartet uns Giovanni, der verl\u00e4ngerte Arm unserer Reiseleiterin in Ascoli. Und vor dem Flughafen wartet der Bus des B\u00fcrgermeisters auf uns. Der Busfahrer hat es sich trotz Geburtstags nicht nehmen lassen, uns zu chauffieren. Auf dieser Fahrt wird einem alles auf dem Silbertablett serviert.<\/p>\n<p>Eine Frau neben mir im Bus erz\u00e4hlt von L\u2019Aquila. Das habe sie zuf\u00e4llig kurz vor dem Erdbeben besucht, um dann sp\u00e4ter in die zerst\u00f6rte Stadt zur\u00fcckzukehren. Ein bleibendes Erlebnis. Es seien nur ein paar Prestigeobjekte wieder aufgebaut worden, das Geld sei in unbekannten Kan\u00e4len verschwunden, die Bewohner seien sich selbst \u00fcberlassen worden. Dazu kam der Neid derer, die leer ausgegangen waren, auf die, die Hilfe erhalten hatten und auf die, die vom Erdbeben verschont geblieben waren. Da tun sich menschliche Abgr\u00fcnde auf.<\/p>\n<p>Es geht am Meer entlang, \u00fcber Grottamare, dann landeinw\u00e4rts. Ich finde die Gegend erstaunlich gr\u00fcn, aber sp\u00e4ter wird der Einwand gemacht, ich h\u00e4tte mich durch die vielen Zypressen blenden lassen. Als ich das eingesehen habe, sagt mir sp\u00e4ter jemand, er habe die Gegend erstaunlich gr\u00fcn gefunden.<\/p>\n<p>Der Aufstieg zur Stadt mit dem Bus erinnert entfernt an Perugia, und Umbrien ist tats\u00e4chlich eine der Regionen, die an die Marken angrenzen. Auch Perugia ist keine r\u00f6mische Stadt. Die R\u00f6mer h\u00e4tten vermutlich die Ebene bevorzugt.<\/p>\n<p>Am Ortseingang fahren wir an den Resten eines r\u00f6mischen Theaters vorbei. Man sieht in den Hang gebaute R\u00e4nge. Sp\u00e4ter hat man hier die r\u00f6mischen Bauten als Steinbruch benutzt. Daher ist von denen wenig \u00fcbrig.<\/p>\n<p>Nur wenige Schritte sind es bis zum Hotel, ganz zentral gelegen, in einer Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Das Hotel ist in einem alten Palazzo untergebracht (XVI), mit einem s\u00e4ulenbestandenen, offenen Innenhof.<\/p>\n<p>Wir haben nur wenig Zeit zum Umziehen, in Abweichung vom Programm findet jetzt gleich der Empfang beim Bischof statt. Die Reiseleiterin ist erbost und macht ihrem \u00c4rger in einem furiosen, auf Italienisch gef\u00fchrten Telefongespr\u00e4ch Luft.<\/p>\n<p>Der Weg zum Bischofspalast auf der Piazza Arrigo f\u00fchrt \u00fcber die Piazza del Popolo. Wenn man von der Seitenstra\u00dfe vom Hotel aus auf ihn st\u00f6\u00dft, wirkt er wie ein Paukenschlag. Das ist Italien. Das ist st\u00e4dtebaulich vom Allerfeinsten. In der gesamten Innenstadt herrscht der Travertin vor, auch bei den B\u00fcrgersteigen kommt er zum Einsatz, so als ob er 08\/15-Baumaterial w\u00e4re. Er wird wohl hier in der N\u00e4he abgebaut.<\/p>\n<p>Im Eingang des Bischofspalasts steht die barocke Statue eines Bischofs mit einer Flamme in der Hand. Das muss wohl Sant\u2019Emidio sein, aber was die Flamme bedeutet, verstehe ich nicht. Wir werden in einen gro\u00dfen Saal im ersten Obergeschoss gef\u00fchrt, von dem aus man auf die Piazza runterblicken kann. Der Saal hat Fresken an allen Seiten. Es ist die alttestamentarische Geschichte um Moses und die Zehn Gebote und allem, was dazu geh\u00f6rt. Man sieht den Tanz um das Goldene Kalb, man sieht Moses mit den zerborstenen Gesetzestafeln. In einem Fresko scheint der Himmel voller V\u00f6gel zu sein. Was f\u00fcr eine Szene kann das denn sein? Wenn man n\u00e4her rangeht, sieht man, dass es keine V\u00f6gel, sondern Heuschrecken sind. Es ist eine der Sieben Plagen, die hier abgebildet sind. Die Landschaft hat nichts mit \u00c4gypten zu tun, sondern wirkt italienisch, und die alttestamentarischen Figuren tragen Renaissance-Kleidung.<\/p>\n<p>Der Bischof ist ein kleiner, sanfter Mann, der lang und breit \u00fcber das Erdbeben und dessen Folgen berichtet. Es will gar kein Ende nehmen. Wie bei Predigten in der Messe, bei denen immer noch was drangeh\u00e4ngt wird, wenn man das <em>Amen<\/em> erwartet. Auch der Palast ist, trotz Sant\u2019Emidio, durch das Erdbeben in Mitleidenschaft geraten. Aber er ist immerhin weiterhin bewohnbar. Man hat sich jetzt aber hierher, in das Obergeschoss, zur\u00fcckgezogen, bis die anderen Teile instandgesetzt sind. Der Bischof sagt ein paar artige Worte zum Austausch zwischen Trier und Ascoli und der Trierer Solidarit\u00e4t, die gesch\u00e4tzt und gebraucht werde, aber insgesamt h\u00e4tte man sich den Programmpunkt schenken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Mit einer kleinen Gruppe gehen wir ins Caff\u00e8 Meletti auf der Piazza del Popolo. Hier gibt es Crodino, einen alkoholfreien Aperitif von goldgelber Farbe, eine Spezialit\u00e4t des Hauses.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend geht es mit der ganzen Gruppe zu unserer ersten Besichtigung, zum Forte Malatesta, ganz im Osten der Stadt gelegen. Der Name scheint mir etwas zu sagen: ein Schriftsteller? Nein, Irrtum. Malatesta ist der Name des Herrn von Rimini, der die alte Burg errichtete. Kurios: Er wurde von den Ascolanern im Kampf gegen Fermo angeworben, dann aber verjagt, weil er sich hier festgesetzt und als Tyrann erwiesen hatte.<\/p>\n<p>Vor der Festung steht das Denkmal eines sp\u00e4tmittelalterlichen Gelehrten, Cecco d\u2019Ascoli, einem Freund Dantes. Literat, Astrologe, Philosoph, Mathematiker, ein bedeutender Denker der \u00dcbergangszeit zur Renaissance. Er lehrte in Bologna und eckte dabei wegen seines fortschrittlichen Gedankenguts mit der Kirche an. Er wurde als Ketzer bezichtigt und landete auf dem Scheiterhaufen. Sein bekanntestes Werk ist <em>L\u2019Acerba<\/em>, eine Summe des mittelalterlichen Wissens in f\u00fcnf B\u00e4nden. Es ist in der Vulg\u00e4rsprache geschrieben, also auf Italienisch. H\u00f6rt sich verlockend an. M\u00fcsste man sich mal ansehen.<\/p>\n<p>Wir kommen zur Festung. An der Stelle, wo die Festung steht, mussten alle, die aus dieser Richtung in die Stadt kamen, vorbei. Also ein geeigneter Ort f\u00fcr eine Verteidigungsanlage.<\/p>\n<p>Der Bau ist verwinkelt, und die Entstehungsgeschichte bleibt unklar. Die F\u00fchrerin spricht nur Italienisch. Sie dr\u00fcckt auf die Tube, weil andere Gruppen warten. Wir verl\u00e4ngern die Sache aber, weil wir zwischendurch \u00fcbersetzen.<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich wurde der Bau \u00fcber einer Wasserstelle angelegt. Vielleicht befanden sich hier auch die r\u00f6mischen Thermen. Und die Kirche, vor der wir jetzt im Innern der Festung stehen, hei\u00dft Santa Maria del Lago.<\/p>\n<p>Wir stehen vor dem geschlossenen Eingang der Kirche. \u00dcber dem Eingang das Jesuitenemblem. Die F\u00fchrerin reagiert etwas gereizt, als sie danach gefragt wird. Es gibt keine Erkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter sehen wir von oben in den achteckigen Nonnenchor, aber wie das alles zusammenh\u00e4ngt, bleibt ein R\u00e4tsel. Die Festung hatte alle m\u00f6glichen Funktionen im Lauf der Geschichte. Zuletzt diente sie auch als Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<p>Oben gibt es eine Ausstellung: Langobardengr\u00e4ber. Beeindruckend. So sehr, dass ich einen Moment lang zweifle, ob das Originale sind. Sind es. Es gibt Fibeln, Halsketten, Schilde, M\u00fcnzen. Ein Frauengrab enth\u00e4lt eine sch\u00f6ne doppelte Halskette. Aus M\u00fcnzen. Die M\u00fcnzen, erfahre ich von einem Mitreisenden, sind ostr\u00f6misch. Das sehe man daran, dass die Gesichter auf ihnen im Profil abgebildet sind.<\/p>\n<p>Die Fibeln haben niedlich aussehende Abbildungen wilder Tiere. Die sollen magische Wirkung gehabt haben. Die Langobarden seien furchtlose Krieger gewesen, aber Tiere seien ihnen immer ungeheuer geblieben.<\/p>\n<p>In einem Grab ein Ehering. Es dauert etwas, bis wir verstehen, was daran besonders ist: Der Ring ist langobardisch, der Stein r\u00f6misch. R\u00f6mische Objekte wurden als Spolien benutzt.<\/p>\n<p>Vor einem Exponat stehe ich und r\u00e4tsele, was das sein k\u00f6nnte. Von einem arch\u00e4ologisch versierten Mitreisenden erfahre ich es: Es handelt sich um den \u201eNabel\u201c, das zentrale, in der Regel eiserne Teilst\u00fcck eines Schilds. Der Schild war aus Holz und hat die Zeit nicht \u00fcberlebt. Der Nabel wohl. Der Nabel sch\u00fctzte die Hand!<\/p>\n<p>Von einem Fenster aus sehen wir auf eine Br\u00fccke. Der Legende nach wurde sie in einer einzigen Nacht von Cecco d\u2019Ascoli in Zusammenarbeit mit dem Teufel gebaut. Tolles Duo!<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist es eine r\u00f6mische Br\u00fccke. Hier verlief die extrem wichtige <em>Via Salaria<\/em>. Die Br\u00fccke wurde im Krieg von den Deutschen beim Abzug zerst\u00f6rt. V\u00f6llig sinnlos. Sie wird jetzt wiederaufgebaut. Auch um diese Br\u00fccke rankt sich eine Legende hinsichtlich der Schutzfunktion von Sant\u2019Emidio. Dass er die Br\u00fccke im Krieg nicht vor der Zerst\u00f6rung bewahrt hat, scheint keine Rolle zu spielen. Wenn die Menschen einmal etwas glauben, lassen sie sich nicht so leicht von Fakten davon abbringen.<\/p>\n<p>Von der Besichtigung geht es direkt weiter zum Abendessen. Auch hier hat es eine Ab\u00e4nderung im Programm gegeben, aber die kommt uns zugute. Das Essen ist phantastisch. Der H\u00f6hepunkt ist das Hauptgericht, ganz zarte Kalbsbacken. Zum Essen gibt es Wein aus hauseigenem Anbau, bis zum Abwinken. Als eine der Vorspeisen tauchen hier zum ersten Mal die ber\u00fchmten <em>olive ascolane<\/em> auf. Die gibt es an den folgenden Tagen bei jedem Essen. Ich hatte immer gedacht, es handele sich um eine bestimmte Sorte Oliven und war \u00fcberrascht \u00fcber das Buhei, das darum gemacht wurde, aber jetzt merke ich, dass es keine Oliven sind, sondern ein Gericht. Es handelt sich um besonders gro\u00dfe Oliven, deren Stein entfernt wird. An dessen Stelle wird dann eine Mischung aus verschiedenen Fleischsorten eingef\u00fcllt, und die Oliven werden paniert und gebraten. Eine Heidenarbeit. Und wir kommen in den Genuss. Nicht umsonst kennt jeder Italiener die <em>olive ascolane<\/em>, aber l\u00e4ngst nicht jeder Italiener kennt Ascoli!<\/p>\n<p>Am Ende pr\u00e4sentiert der Restaurantbesitzer den Koch, einen 25 Jahre alten Mann. Er hat zusammen mit einem anderen, der noch in der K\u00fcche ist, das gesamte Essen zubereitet. Es gibt eine wohlverdiente Runde Beifall. Dann k\u00f6nnen wir gehen, ohne uns um irgendetwas k\u00fcmmern zu m\u00fcssen. Nicht einmal um das Trinkgeld. <em>All inclusive.<\/em><\/p>\n<p>Wir gehen mit einer gr\u00f6\u00dferen Gruppe Richtung Hotel, aber immer wieder bleibt der eine oder andere auf dem Weg irgendwo h\u00e4ngen. Schlie\u00dflich sind wir nur noch zu dritt und trinken hier noch ein Bierchen, auf der erleuchteten Piazza an einem lauen mediterranen Sommerabend. Wir f\u00fchren wunderbare, erstaunlich vertrauliche Gespr\u00e4che \u00fcber Gott und die Welt. Keiner kennt keinen. Dann kommt noch ein Ehepaar dazu, das lange in Rom gelebt hat, aus beruflichen Gr\u00fcnden, aber auch aus Berufung. Es ist wunderbar, von ihnen aus erster Hand etwas \u00fcber Italien zu h\u00f6ren. Sie liefern eine kritische, aber liebevolle Analyse des italienischen Alltags. Wenn man an das staatliche Heizungssystem angeschlossen ist, wird die eigene Wohnung auch im Winter nur f\u00fcr wenige Stunden geheizt. Damit muss man leben. Und das in einer Gro\u00dfstadt. Unser Busfahrer arbeite immer noch, obwohl er l\u00e4ngst in Pension sein k\u00f6nnte. Er tut es, um die Familie zu ern\u00e4hren. Die Tochter habe Jura studiert, in Bologna, sei aber arbeitslos. Trotz der vielen Dinge, die nicht funktionierten, g\u00e4be es eine eher positive Einstellung zum Leben. Die beiden sind, gerade nach Deutschland zur\u00fcckgekehrt, \u00fcberrascht, wie viel wir Deutschen klagen und wie oft wir schlechter Laune sind. Das sei in Italien anders. Auch dem Umgang mit Fl\u00fcchtlingen k\u00f6nnen sie etwas Positives abgewinnen. Die w\u00fcrden zwar als billige Arbeitskr\u00e4fte ausgebeutet, aber sie seien pr\u00e4sent im Leben, man setze sich mit ihnen auseinander. Bei uns hielte man sie eher abseits. Die Italiener seien sehr kritisch ihrem eigenen Land gegen\u00fcber, k\u00f6nnten sich aber ein Leben in Deutschland \u00fcberhaupt nicht vorstellen. Das jage ihnen Schrecken ein. Ich w\u00fcrde an der einen oder anderen Stelle gerne mit einer kritischen Nachfrage einhaken, lasse aber lieber die ganze Erz\u00e4hlung auf mich wirken.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">5. August (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck, das im Innenhof serviert wird, bin ich einer der ersten. Eine Frau, die aus dem \u201eT\u00e4lchen\u201c in Trier kommt und viel von Wein versteht, erz\u00e4hlt von ihren Reisen in alle Welt. Sie hat eine Weinreise nach Bulgarien gemacht, von der sie ganz begeistert ist, hat Verwandte in den USA, die sie regelm\u00e4\u00dfig besucht, und ist auch in Namibia und S\u00fcdafrika gewesen. Ansteckend, man m\u00f6chte gleich auch alle diese Reisen machen. Ihre Verwandten in den USA kamen in drei Auswanderungswellen, Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Dann kommt ein Ehepaar hinzu, das von seinen Reisen zu den drei gro\u00dfen Wasserf\u00e4llen erz\u00e4hlt. Sie haben klare Pr\u00e4ferenzen. Die Niagara-F\u00e4lle seien zwar sch\u00f6n, vor allem, weil man unten auch mit dem Boot entlangfahren k\u00f6nne, aber die Viktoria-F\u00e4lle seien beeindruckender. Ganz oben auf der Liste st\u00fcnde aber Iguazu. Das sei ohne Konkurrenz. Sie bedauern, die Reisen in der \u201efalschen\u201c Reihenfolge gemacht zu haben, mit dem tollsten Wasserfall zuerst.<\/p>\n<p>Der Vormittag ist frei und ich sehe mir in aller Ruhe die <em>Piazza del Popolo<\/em> an, sonst nichts.<\/p>\n<p>Die Besonderheit der Piazza ist die, dass sie einheitlich wirkt, obwohl sie aus f\u00fcnf, sechs sehr unterschiedlichen Geb\u00e4uden besteht. Die Einheitlichkeit resultiert aus den Arkaden, die den Platz an drei Seiten umgeben. Anders als in Bologna sind sie nicht regelm\u00e4\u00dfig. Das liegt daran, dass sie sowohl vor die einfachen Handwerksh\u00e4user als auch vor die repr\u00e4sentativen Bauten gesetzt wurden und deren Ma\u00dfe respektieren. Die Platzanlage folgte also gewisserma\u00dfen den Geb\u00e4uden. Das sieht man auch an San Francesco, der gotischen Kirche, die eine der Stirnseiten des Platzes einnimmt. Ihre Fassade ist nicht komplett zu sehen, da sie breiter ist als der Platz.<\/p>\n<p>Die wichtigsten Geb\u00e4ude sind die <em>Loggia dei Mercanti<\/em>, der <em>Palazzo dei Capitani<\/em>, also das Rathaus, das <em>Caff\u00e8 Meletti<\/em> und die Kirche, San Francesco. Die hat eine zweigeteilte, unregelm\u00e4\u00dfige Fassade. Der rechte Teil sieht staufisch aus, ist es aber nicht. Das ist wohl nur noch ein architektonisches Zitat.<\/p>\n<p>Der Turm der Kirche ist doppelt bemerkenswert: Er steht nicht losgel\u00f6st von der Kirche, als Campanile, so wie das in Italien \u00fcblich ist, und er geh\u00f6rt hier eigentlich gar nicht hin, das Franziskanerkirchen ja allgemein nur Dachreiter haben, keine T\u00fcrme.<\/p>\n<p>Drinnen erwarten einen gleich zwei weitere \u00dcberraschungen: Man befindet sich in einer gotischen, dreischiffigen Hallenkirche, mit so hohen Schiffen, dass man sie kaum wahrnimmt. Au\u00dferdem ist es sehr dunkel. Das liegt daran, dass einige Fenster zugemauert sind, andere dunkle Verglasungen haben. Einige Fenster zeigen Szenen aus dem Leben des Franziskus, darunter das Erweckungserlebnis und den Auftritt vor dem Papst in Rom. Ich versuche die Fenster zu datieren. Sieht nach 19. Jahrhundert aus. Aber dann kommt eins mit einem ganz unerwarteten Motiv: KZ-H\u00e4ftlinge, aufgereiht vor einem SS-Mann in Uniform mit einer Armbinde, auf der man ein Hakenkreuz sieht.<\/p>\n<p>\u00dcber dem Chor erhebt sich eine Kuppel. Die ist nat\u00fcrlich sp\u00e4ter hinzugekommen. In den Seitenkapellen allerhand Kitsch, darunter elektrische Kerzen, die man f\u00fcr einen Obolus \u201eanz\u00fcnden\u201c kann.<\/p>\n<p>Eine Messe ist im Gange. Dabei wird Sant\u2019Emidio angerufen. Heute ist das eigentliche Patronatsfest. Die anderen Feiern, die historisch mit dem Heiligen wenig zu tun haben, gruppieren sich drum herum, so dass das Stadtfest sich mehrere Tage lang hinzieht.<\/p>\n<p>Der leiernde Gesang eines in die Jahre gekommenen Chorknaben wird von der Blasmusik, die von der Piazza her\u00fcber kommt, \u00fcbert\u00f6nt.<\/p>\n<p>Inzwischen ist klar geworden: Der Eingang von der Piazza her ist nicht der Haupteingang. Was man von der Piazza aus sieht, ist die S\u00fcdfront. Der Haupteingang f\u00fchrt auf eine schmale Einkaufsstra\u00dfe hinaus. Das Portal ist sch\u00f6n verziert, eher einfach, mit einem Lamm \u00fcber dem Eingang. Das stand zwar f\u00fcr Christus, aber auch f\u00fcr die Wollweberzunft, die sich f\u00fcr den Bau der Kirche stark machte.<\/p>\n<p>Das Eingangsportal hat sehr sch\u00f6ne gedrechselte Archivolten. Darunter Archivolten mit merkw\u00fcrdigen Ausbuchtungen in der Mitte. Ich stehe etwas ratlos davor, und dann kommt ein Mann zu Hilfe, der mir zeigt, welche Bewandtnis es damit hat: Man kann die B\u00f6gen als Orgelpfeifen benutzen, man kann sie \u201ebespielen\u201c, indem man mit der offenen Handfl\u00e4che schnell dar\u00fcber f\u00e4hrt. Tats\u00e4chlich: Jede einzelne gibt einen anderen Ton ab.<\/p>\n<p>Ich versuche, einmal ganz um die Kirche herum zu gehen, aber das klappt nicht. Sie geht in die angrenzenden H\u00e4user \u00fcber. An einer Ecke stehe ich ratlos vor einem modernen Bronzerelief. Man sieht ein Rad, eine Werkbank, Frauengestalten. Vielleicht ein Relief, das auf die Wollweber verweist.<\/p>\n<p>Dann geht es wieder Richtung Piazza zur\u00fcck. An der Ecke treffen, ein ganz klein bisschen abseits der Piazza, verschiedene Stadtviertel aufeinander. Sie hei\u00dfen <em>quartiere<\/em>, sind aber eigentlich <em>sestiere<\/em>. Es sind auch sechs Stadtviertel, die bei der Quintana aufeinandertreffen.<\/p>\n<p>Ein paar Schritte davon entfernt, an der S\u00fcdfront von San Francesco, sind alte Ma\u00dfe eingelassen, die auf dem hier stattfindenden Markt verbindlich waren.<\/p>\n<p>Das Rathaus nimmt einen guten Teil einer der Breitseiten der Piazza ein, ein m\u00e4chtiger Bau mit einem klobigen Turm und mit einer Uhr an der Fassade, die ein ganzes Geschoss einnimmt. In einer Nische etwa in der Mitte der Fassade ist eine Papst-Statue eingelassen: Paul III. Auch am Seitenportal von San Francesco ist eine Papst-Statue: Julius II. Ascoli geh\u00f6rte lange zum Kirchenstaat.<\/p>\n<p>Man kann mit dem Aufzug nach oben fahren, von wo aus man einen guten Blick auf den Platz hat. Als ich aus dem Aufzug komme, wei\u00df ich nicht, wohin es geht. Da kommt eine junge Frau auf mich zu und weist mir freundlich den Weg. Sie weist mich auch auf eine Ausstellung hin. Die Bilder, die in dem schmalen Saal h\u00e4ngen, von dem aus man auf den Platz sieht, stammen von den zwei Malern aus Ascoli, die auch in Trier ausgestellt haben.<\/p>\n<p>Obwohl das Rathaus so viel Platz einnimmt, stehen rechts und links von ihm noch zwei weitere Geb\u00e4ude, ein sch\u00f6nes, zweist\u00f6ckiges Geb\u00e4ude mit Zinnen, wohl ein Wohnhaus, zur Rechten, und das Caff\u00e8 Meletti zur Linken, ein Jugendstilgeb\u00e4ude. Das ist <em>der<\/em> Treffpunkt in Ascoli. Auf der Terrasse sitzt auch praktisch immer jemand von unserer Reisegruppe. Das Meletti ist wohl fr\u00fcher Poststation gewesen. Und die Fresken sollen noch an diese alte Funktion erinnern. Kann ich aber nicht identifizieren. Die Fresken unter den Arkaden bilden V\u00f6gel und Blumen ab. Vielleicht gibt es da irgendeine heimliche Verbindung zum Thema Post.<\/p>\n<p>Ich mache noch einen Spaziergang, aufs Geratewohl, in ein anderes Stadtviertel rauf. Dabei komme ich \u00fcber die Piazza Pola. Dort sitzen, auf dem Sockel einer Statue f\u00fcr die Kriegssoldaten, drei alte M\u00e4nner nebeneinander, reglos, schweigend, in die Leere blickend. Italien.<\/p>\n<p>Zuf\u00e4llig komme ich an einer gro\u00dfen Buchhandlung vorbei. Das ist genau die, von der sie an der Rezeption des Hotels gesprochen haben. Sie ist ge\u00f6ffnet. An der Rezeption hatte man mir gesagt, heute w\u00e4re alles wegen des Feiertags geschlossen. Die Buchhandlung ist gut ausgestattet. Ich sehe mich um, kann mich aber nicht entscheiden, etwas zu kaufen. Zwischen den Regalen h\u00e4ngen Photographien, in Schwarz und Wei\u00df. Alle haben B\u00fccher zum Thema. Besonders gef\u00e4llt mir eine, die eine Buchhandlung zeigt, deren Decke zerbombt worden ist. Mitten in den Tr\u00fcmmern stehen M\u00e4nner in Lodenm\u00e4nteln und st\u00f6bern in den Regalen herum.<\/p>\n<p>Am Nachmittag geht es in den <em>Palazzo dei Capitani<\/em>. Empfang des B\u00fcrgermeisters. Im Saal des Gemeinderates. Der h\u00f6rt sich die Rede unserer Reiseleiterin eher gelangweilt an und nimmt das Geschenk, Riesling-Wein, entgegen, ohne besonderen Enthusiasmus zu zeigen. Unsere Reiseleiterin verweist auch auf eine Marx-B\u00fcste, die sie ihm, mit einem heimlichen Wink auf seine rechte politische Position, einst \u00fcbermacht hat.<\/p>\n<p>Der B\u00fcrgermeister weist auf ein Fresko an einer Ecke des Saals an. Es zeigt einen alten Weisen mit langen Gew\u00e4ndern und langem Bart. Darunter die Inschrift: <em>Odi la parte e l\u2019occhio a la ragione deriza e se me voli in libertate manten te in caritate et unione. <\/em>Da tut man sich mit der \u00dcbersetzung nicht so leicht.<\/p>\n<p>Dann, in der D\u00e4mmerung, kommt die Weihe der Kerzen. Ein gro\u00dfer Aufmarsch von kost\u00fcmierten Vertretern der sechs Stadtviertel: Fahnenschwinger, Pechfackeltr\u00e4ger, Trommler, Trompeter, Honoratioren. Helme mit Federb\u00fcschen, hohe Stiefel, Amtsketten, R\u00fcschen, Schleppen, Halskrausen. Jedes Stadtviertel tr\u00e4gt seine Kerzen nach vorn, zum Bischof, der vorher am Ende einer Prozession, eine Armreliquie tragend, auf die Piazza gekommen ist und vor dem Portal Stellung bezogen hat. Die Kerzen werden geweiht und dann nacheinander angez\u00fcndet. Der B\u00fcrgermeister liest aus den Statuten der Stadt von 1250. Angeblich den Originaltext, also Altitalienisch, aber ich kann es nicht identifizieren. Am Ende, es ist schon einige Zeit vergangen, werden dann auch noch \u2013 <em>horribile dictu<\/em> \u2013 die Pferde geweiht, die am n\u00e4chsten Tag bei der Quintana antreten.<\/p>\n<p>Inzwischen macht sich der Hunger bemerkbar. Wir gehen in ein rustikales, auf Mittelalter getrimmtes Lokal, mit Kellnern und Kellnerinnen in Sackleinen. Wieder gibt es phantastisches Essen.<\/p>\n<p>An dem Essen nehmen auch die beiden italienischen Maler teil, die auch in Trier ausgestellt haben, ein junger und ein alter. Ich werde neben den alten platziert, und der ist offensichtlich froh, jemanden zu haben, der Italienisch spricht. Aber der Wein, der L\u00e4rm und der lange Tag fordern ihren Tribut, und am Ende kann ich ihm oft nicht mehr folgen.<\/p>\n<p>Der junge Maler sitzt mir gegen\u00fcber. Er malt. Zwischen den G\u00e4ngen. Aquarellzeichnungen von uns, eine nach der anderen. Einige sind sehr schmeichelhaft, andere nicht. Meine ist es definitiv nicht: \u201eTroppo vero.\u201c<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">6. August (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck muss ich passen bei der Frage, was <em>Zumutung<\/em> auf Englisch hei\u00dft. Die Herausforderung kommt von der Reiseleiterin, die der Meinung ist, das \u201egebe es\u201c in keiner anderen Sprache. Mag sein. Es gibt wahrscheinlich keine eindeutige, formal \u00e4hnliche Entsprechung, aber ausdr\u00fccken kann man das nat\u00fcrlich trotzdem. Insofern nur scheinbar eine Ausnahme.<\/p>\n<p>Heute steht eine Stadtf\u00fchrung auf dem Programm. Es werden zwei Gruppen gebildet, eine deutsche und eine italienische. Die kleine italienische Gruppe umfasst neben der Reiseleiterin auch das Ehepaar, das l\u00e4nger in Rom gelebt hat und eine Frau, die l\u00e4nger in Mailand gelebt hat.<\/p>\n<p>Die F\u00fchrung ist ausgezeichnet. Die junge Frau ist von Ascoli begeistert und kann ihre Begeisterung mitteilen. Sie wei\u00df viel und hat schauspielerisches Talent. So ist die F\u00fchrung nicht nur informativ, sondern auch unterhaltsam.<\/p>\n<p>Wir starten auf der Piazza Arringo, vor der Kathedrale. Nat\u00fcrlich geht es mit Sant\u2019Emidio los. Der werde immer blond und blau\u00e4ugig dargestellt, als Verweis auf seine angebliche Herkunft aus dem Norden. Einer Legende verdankt er seine Verbindung mit dem Basilikum, das in diesen Tagen hier \u00fcberall zu sehen ist und geweiht, gekauft, getragen wird. Man hat wohl Basilikum neben seiner nicht verwesten Leiche gefunden.<\/p>\n<p>Dann kommen wir zu <em>Ascoli Piceno<\/em>, dem Doppelnamen der Stadt. Die Picener l\u00f6sten sich in der Eisenzeit von den \u00fcbrigen V\u00f6lkern ab und erlangten eine herausragende Stellung. Sie beherrschten ein gro\u00dfes Gebiet am Mittelmeer, etwa die heutigen Regionen Marken und Abruzzen. Der Name wird gelegentlich auf <em>picchio<\/em> zur\u00fcckgef\u00fchrt, \u201aSpecht\u2018, denn der Specht war dem Marsgott heilig, aber einen schl\u00fcssigen Beleg gibt es daf\u00fcr nicht.<\/p>\n<p>\u00dcber <em>Ascoli<\/em> wei\u00df man genauso wenig. Jedenfalls war Ascoli die Hauptstadt der Picener. Der Stolz auf den Ursprung h\u00e4lt sich aber bis heute: \u201eQuando Ascoli era Ascoli, Roma era pascoli\u201c.<\/p>\n<p>Die Ascolaner wehrten sich gegen die r\u00f6mischen Versuche, die Stadt einzunehmen. Am Ende, im dritten vorchristlichen Jahrhundert, wurden sie dann aber ins Reich eingegliedert, auch wenn sie sich eine gewisse Unabh\u00e4ngigkeit bewahrten. Sp\u00e4ter, vielleicht paradox, forderten sie eben \u201evolle Mitgliedschaft\u201c, also das Recht auf die r\u00f6mische B\u00fcrgerschaft. Die R\u00f6mer entsendeten eine Armee und es kam zu einer Belagerung. Am Ende ergibt sich die Stadt. Die Ascolaner beschossen die R\u00f6mer w\u00e4hrend der Belagerung mit einem Werkzeug, dessen italienischer Name mir unbekannt ist: <em>ghianda<\/em>. Die anderen helfen mir auf die Spr\u00fcnge. Es bedeutet \u201aEichel\u2018. Es handelte sich aber nicht um echte Eicheln, sondern um Klumpen aus Blei, die die Form von Eicheln hatten und mit der Schleuder Richtung Gegner geschossen wurden. Das ganz besondere daran: Diese Eicheln hatten Inschriften. Und eine davon, so hei\u00dft es, tr\u00e4gt das Wort <em>Italia<\/em>. Das damit zum ersten Mal auftaucht.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Erkl\u00e4rung f\u00e4llt mein Auge auf den Namen eines Caf\u00e9s, der mir schon gestern aufgefallen war: <em>Vinc\u00e8falacarit\u00e0aludome<\/em>.<\/p>\n<p>Unsere F\u00fchrerin widmet sich derweil der Umgebung, zuerst zur Kathedrale. Die urspr\u00fcngliche Fassade der Kathedrale verbirgt sich hinter der vorgeblendeten Renaissance-Fassade. Der Bau war urspr\u00fcnglich romanisch, wurde dann aber, als die B\u00fcrgerschaft San Francesco im gotischen Stil erbaute, gotisch umgebaut. Das konnte der Bischof nicht auf sich sitzen lassen, dass die B\u00fcrger ihm voraus waren.<\/p>\n<p>Diesem Konkurrenzkampf ist es auch zu verdanken, dass die beiden Brunnen nicht in der Mitte des Platzes stehen, sondern nach Westen hin versetzt. Die Kathedrale und der Platz davor wurden sozusagen weggerechnet. Wenn man sie nicht ber\u00fccksichtigt, stehen die Brunnen doch in der Mitte.<\/p>\n<p>Wir machen uns auf den Weg in ein anderes Viertel. Unterwegs sieht man immer wieder Stra\u00dfenbezeichnungen wie <em>Rua della Volpe<\/em>. Unserer F\u00fchrerin zufolge kommt <em>rua<\/em>, genauso wie franz. <em>rue<\/em>, von <em>ruga<\/em>, also \u201aFalte\u2018. Ob das stimmt?<\/p>\n<p>Etwas abseits der zentralen Pl\u00e4tze sto\u00dfen wir auf San Gregorio. Auf den ersten Blick nichts Besonderes, auf den zweiten wohl: Die Kirche war ein r\u00f6mischer Tempel, der nie zerst\u00f6rt wurde. Er wurde sp\u00e4ter umgewidmet. Die St\u00fctzmauern hinter der Kirche und die korinthischen S\u00e4ulen stammen noch vom antiken Tempel. Der Tempel war vorher der Isis geweiht \u2013 noch eine Anverwandlung einer fremden Kultur.<\/p>\n<p>Auf der <em>Piazza del Popolo<\/em> begegnen wir einer Institution von Ascoli: Marta, einer Bettlerin, die hier st\u00e4ndig pr\u00e4sent ist, obwohl sie sonst ein ganz normales Leben mit einer Angestelltenstelle f\u00fchrt. So jedenfalls stellt es die Stadtf\u00fchrerin dar.<\/p>\n<p>Auf der Piazza trifft man sich am fr\u00fchen Abend, fein herausgeputzt, und widmet sich zwei Aktivit\u00e4ten. Die werden mit den italienischen W\u00f6rtern <em>fare le vasche<\/em> und <em>fare lo struscio<\/em> beschrieben. Man schwankt, man geht auf und ab, hin und her \u2013 und man n\u00e4hert sich dem Vorbeikommenden, sofern f\u00fcr attraktiv befunden, so sehr, dass man seine Kleidung streift, ohne ihn selbst zu ber\u00fchren.<\/p>\n<p>Die Piazza ist das Gegenst\u00fcck zur Piazza Arringo, die Piazza der B\u00fcrger, der Kaufleute, der Z\u00fcnfte. Nicht umsonst ist hier auch das Rathaus. Als das in Brand geriet, ging ein wichtiges Archiv in Flammen auf, was zur Folge hat, dass ganze Teile der Stadtgeschichte im Dunkeln liegen.<\/p>\n<p>Hier ist alles fu\u00dfl\u00e4ufig. Am Rande des Platzes kommen wir an eine Kreuzung, an der sich zwei zentrale Stra\u00dfen der Altstadt kreuzen. Das ist das eigentliche Zentrum der Stadt. Hier kreuzten sich Decumanus maximus und Cardo maximus.<\/p>\n<p>Wir gehen in den Innenhof eines ehemaligen Konvents. In der Mitte ein Brunnen mit dem Wappen der Stadt Ascoli. In dem erscheinen die r\u00f6mische Porta Gemina und mittelalterliche T\u00fcrme zusammen.<\/p>\n<p>In einer Seitengasse kommen wir an einer Majolika-Fabrik vorbei. Im Schaufenster sind vor allem Zierteller ausgestellt, mit einem au\u00dfergew\u00f6hnlich intensiven Blauton als Hintergrund. Allein schon ein Hingucker. Das beliebteste Motiv ist die mittelalterliche Silhouette der Stadt mit einer Vielzahl von Geschlechtert\u00fcrmen. Die meisten von ihnen sollen von Friedrich II. eingerissen worden sein. Unsere Reiseleiterin sagt in ihrer kauzigen Art hinter vorgehaltener Hand, viele Historiker h\u00e4tten Zweifel, ob es sie \u00fcberhaupt jemals gegeben habe.<\/p>\n<p>Dann kommen wir zum Ponte Romano. Der verl\u00e4uft hoch \u00fcber dem Fluss und ist au\u00dfergew\u00f6hnlich breit. Das hat seinen Grund. Diese Br\u00fccke geh\u00f6rte nicht zum Verlauf der Via Salaria, sondern zur Stra\u00dfe nach Fermo, einer r\u00f6mischen Gr\u00fcndung. Von dort aus wurde die ganze Umgebung kontrolliert und in Schach gehalten. Diese Br\u00fccke erf\u00fcllte also milit\u00e4rische Zwecke.<\/p>\n<p>Dann kommen wir an einer ganzen Reihe von H\u00e4usern mit Renaissance-Fassaden vorbei, mit sog. sprechenden Portalen. Das bedeutet, dass \u00fcber dem Eingang ein Ausspruch angebracht ist, meist eine einfache Lebensweisheit oder ein Ratschlag: <em>Chi altri tribvla a xe non da pace. Wer anderen auf den Geist geht, findet keinen Frieden. <\/em><\/p>\n<p>Als Zugabe sozusagen werden wir dann noch in einen privaten Palazzo gef\u00fchrt, dem Palazzo Saladini. Dort werden wir von dem Conte selbst empfangen und sp\u00e4ter von der Contessa mit Erfrischungsgetr\u00e4nken bedient. Der Innenhof ist sch\u00f6n, aber kaum einen Umweg wert.<\/p>\n<p>Das eigentliche Schatzk\u00e4stchen ist der Saal im Obergeschoss. Ein gro\u00dfes Deckengem\u00e4lde zeigt die Geschichte um Eneas, die auch einen Bezug zum Hause aufweist. Interessanter sind aber die L\u00f6cher in der Wand. L\u00f6cher auf allen vier Seiten, gro\u00dfe L\u00f6cher in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden. Sie stammen von einem Ger\u00fcst, das hier angebracht wurde. Mit dem wurde eine Holzverkleidung angebracht, hinter der, w\u00e4hrend das Haus als Zentrale einer (nicht n\u00e4her benannten) Partei diente, die Malerei f\u00fcr lange Zeit komplett verschwand. Und jetzt fallen auch die vielen leeren Stellen auf, die sich zwischen den paarweise dargestellten Figuren befinden. Warum ist da nichts? Weil da urspr\u00fcnglich Spiegel waren, und die fielen der Umgestaltung des Saals durch die Partei endg\u00fcltig zum Opfer. Hier erlebt man Geschichte am Objekt.<\/p>\n<p>Wer sind die dargestellten Figuren an den Seiten? Die Musen. Komisch. Es gibt neun Musen, aber die kann man schlecht auf vier Seiten verteilen. Also machte man der Einfachheit halber welche dazu und kam auf zw\u00f6lf. Das ging besser auf. Die Stadtf\u00fchrerin weist auf den Umstand hin, dass alle zw\u00f6lf barf\u00fc\u00dfig dargestellt sind bis auf zwei. Die tragen hohe Sandalen. Unser Arch\u00e4ologe kennt die Erkl\u00e4rung: Bei diesen beiden Musen handelt es sich um Melpomene und Thalia, die Musen der Tragik und der Komik, also die f\u00fcr das Theater stehenden Musen. Und diese Musen tragen die typischen hochhakigen Schuhe, die die griechischen Schauspieler in der Antike trugen!<\/p>\n<p>Das war ein Besuch, der sich gelohnt hat. Zum Schluss kommen wir doch noch in die Kathedrale. Vorher war hier eine Messe zugange. Die Kathedrale war zun\u00e4chst einschiffig, wurde dann dreischiffig ausgebaut und dann barock ausgestattet. Sp\u00e4ter fand dann eine \u201eReinigung\u201c statt. Man entfernte einen Teil der Ausstattung und ersetzte sie durch eklektische, byzantinisch anmutende Elemente. Dazu geh\u00f6rt auch das \u201eMosaik\u201c im Chor, das keins ist, weil es gemalt ist.<\/p>\n<p>In einer Seitenkapelle befindet sich das wichtigste Ausstattungsst\u00fcck der Kathedrale, ein Triptychon von Crivelli, dem bedeutendsten Maler Ascolis, in der Tradition Giottos stehend. Die Anlage des Triptychons ist noch mittelalterlich, aber die Ausf\u00fchrung weist auf die Renaissance voraus, etwa in der Darstellung des T\u00e4ufers. Sonst sieht man Ursula, Katharina, Petrus und Paulus, die Jungfrau mit Kind und Georg. Wie man den erkennen kann? Er tr\u00e4gt den Drachen in einem Aufn\u00e4her auf dem Wams. Und sieht wie ein italienischer Adeliger aus.<\/p>\n<p>Das Mittagessen f\u00e4llt hier angesichts des opulenten Fr\u00fchst\u00fccks und des ebenso opulenten Abendessens meist ins Wasser. Oder es gibt eine Kleinigkeit auf die Hand. Unsere Reiseleiterin wird aber schon seit Tagen von dem Besitzer eines Lokals in unserer Stra\u00dfe bedr\u00e4ngt, ihm doch auch mal einen Besuch abzustatten. Eher z\u00f6gernd nehme ich die Aufforderung an, mitzugehen. Man wird ermutigt durch die Ank\u00fcndigung, es gebe nur \u201eeine Kleinigkeit\u201c. Etwa die halbe Gruppe ist vertreten. Die \u201eKleinigkeit\u201c entpuppt sich als ein mehrg\u00e4ngiges Essen, an dessen Ende man sich kaum noch regen mag. Ich bestelle Bier, was auf heftige Kritik st\u00f6\u00dft. Es scheint keine Rolle zu spielen, dass vier Italiener am Nachbartisch auch Bier trinken.<\/p>\n<p>Am Nachmittag geht es dann ins Sportstadion, zur zentralen Veranstaltung der Woche, der Quintana. Das Stadion befindet sich gleich vor dem Forte Malatesta. Wir sind zu fr\u00fch und nehmen schon mal auf den engen Pl\u00e4tzen auf den Steinb\u00e4nken Platz. Gl\u00fccklicherweise haben wir Schatten.<\/p>\n<p>Das haben die armen Teilnehmer an der Quintana nicht. Sie haben pralle Sonne. Und die m\u00fcssen sie trotz ihrer dicken Kost\u00fcme ertragen.<\/p>\n<p>Der Einzug erfolgt von dem rechts von uns liegenden Eingang. Es geht einmal ganz um das Stadion herum (und bei uns an der Haupttrib\u00fcne vorbei) und dann auf das Feld, wo Stellung bezogen wird. Alles ist minuti\u00f6s geplant. Jede Gruppe wird von einem Fanfarenkorps begleitet. Man h\u00f6rt immer wieder dieselbe Melodie.<\/p>\n<p>Es ziehen ein: Bogensch\u00fctzen, Soldaten mit Helm und Federbusch, Honoratioren mit Pelzm\u00fctzen und Amtsketten, Fahnentr\u00e4ger, Schildtr\u00e4ger, Knappen, Hofdamen, Hellebardisten, Trommler, Reiter mit Lanzen, Speertr\u00e4ger, alle in farbenfrohen Kost\u00fcmen. Zum Schluss kommt der B\u00fcrgermeister in vollem Ornat, noch dahinter Kameraleute und Kabeltr\u00e4ger. Am Ende sind eher Tausende als Hunderte von Figuren auf dem Feld versammelt.<\/p>\n<p>Danach beginnt das Turnier. Die sechs Konkurrenten sind: Piazzarola, Porta Maggiore, Porta Romana, Porta Solest\u00e0, Porta Tufila, S. Emidio.<\/p>\n<p>Die Pferde kommen in vollem Galopp, man bekommt Angst um sie, zumal der Unterlauf immer wieder bew\u00e4ssert wird, aber das scheint seinen Sinn zu haben. Nach ca. anderthalb Runden kommen sie an den Mohren. Der war urspr\u00fcnglich die Zielscheibe. Heute h\u00e4lt er eine Zielscheibe in der Hand, die es zu treffen gilt. Mit der Lanze. Man muss nicht nur das Pferd gut im Griff haben, sondern auch die schwere Lanze waagerecht halten und dann im richtigen Moment bei vollem Galopp die Zielscheibe treffen. Kein Wunder, dass alle Konkurrenten, die f\u00fcr die sechs Stadtteile antreten, professionelle Reiter sind.<\/p>\n<p>Alle treffen die Zielscheibe, und viele treffen ins Schwarze, aber die Bewertung bezieht auch die Zeit mit ein und wohl auch, wie viele Begrenzungssteine am Rande des Parcours man \u201eaus dem Weg ger\u00e4umt\u201c hat. Die vielen Zahlen, die durchgegeben werden, sind eher verwirrend. Es gibt drei oder vier Durchg\u00e4nge, alle gleich, und es wird bald etwas langweilig. Nach anderthalb Durchg\u00e4ngen r\u00e4ume ich das Feld. Das ist eher etwas f\u00fcr die Anh\u00e4nger eines der Stadtteile. Gerade, als ich im Begriff bin, das Stadion zu verlassen, st\u00fcrzt ein Reiter, genau in dem Moment, wo er die Zielscheibe trifft. Schreie des Entsetzens, dann Totenstille. Es sieht ernst aus. Sofort kommt ein Krankenwagen herangefahren. Alles Weitere sieht man nicht. Es kommen im Laufe des Tages alle m\u00f6glichen Ger\u00fcchte auf, von \u201eSchwer verletzt im Krankenhaus\u201c bis zu \u201eHat weiter gemacht\u201c. Am n\u00e4chsten Tag berichtet die Zeitung, der Reiter sei mit dem Kopf gegen die Zielscheibe gesto\u00dfen und habe dabei, nicht verwunderlich, das Gleichgewicht verloren. Es ist aber alles gut gegangen. Der Mann hat sich erstaunlicherweise nicht weiter verletzt.<\/p>\n<p>Bei dem Weg ins Hotel sehe ich die Kathedrale von hinten. Ein ungew\u00f6hnlicher Anblick, mit mehreren T\u00fcrmen, von denen wir uns dieser Tage gefragt haben, ob sie zu der Kathedrale geh\u00f6ren. Ist von vorne nicht so eindeutig zu sehen.<\/p>\n<p>Am Abend kommen wir erst gar nicht an unsere Pl\u00e4tze in unserem Lokal auf der Piazza del Popolo, da jetzt die ganze Korona hier Einzug h\u00e4lt. Alles wieder von vorne. Es sieht immer noch pr\u00e4chtig aus, aber mein Bedarf an Folklore ist f\u00fcr den Moment gedeckt.<\/p>\n<p>Beim Essen gibt es Wei\u00dfwein, aber es wird auch Rotwein gefordert. Der wird dann auch serviert. Und dann bestellen einige Hardcore-Trinker Bier. Das kommt in riesigen Kr\u00fcgen, aus denen man sich selbst bedient. Erst glauben wir, der eine Krug w\u00e4re viel zu viel, aber bald ist der leer, und es wird der n\u00e4chste bestellt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">7. August (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Ascoli liegt an einem Fluss, dem Tronto. Der schlie\u00dft, zusammen mit einem Nebenarm, die Stadt auf drei Seiten ein, aber in all den Tagen sind wir kaum einmal auf ihn gesto\u00dfen, m\u00fcssen ihn aber schon mal \u00fcberquert haben. Die Stadt zeigt dem Fluss ihren R\u00fccken. Interessante Parallele zu Trier.<\/p>\n<p>Am Vormittag fahren wir nach Civitella. Eine knapp einst\u00fcndige, kurvenreiche Fahrt hoch ins Gebirge, w\u00e4hrend der ich das letzte Bier vom Vorabend bereue.<\/p>\n<p>Hier ist es deutlich k\u00fchler, 25\u00b0. Ich sehe bewundernd auf eine Gruppe von Radfahrern, alle schlank, die scheinbar m\u00fchelos hier rauf gefahren sind. Die st\u00e4rken sich auf der Terrasse eines kleinen Caf\u00e9s. Ich auch. Wir warten noch auf die zweite Kolonne. Auf der Toilette witzige Piktogramme, die zeigen, was man alles hier nicht tun darf, unter anderem mit der Angel was aus dem WC fischen.<\/p>\n<p>Das Caf\u00e9 liegt gleich vor dem Stadttor. Das f\u00fchrt in die Festung, eine Stadt f\u00fcr sich. Die eigentliche Stadt liegt tiefer, au\u00dferhalb der Festung.<\/p>\n<p>Der Ort hatte lange Zeit stabile 10.000 Einwohner, jetzt sind es nur noch 5.000. Hier gibt es kaum Arbeit.<\/p>\n<p>Von dem Platz hinter dem Stadttor hat man einen Blick hinunter auf die baumbestandenen H\u00fcgel. Wir sind hier schon in den Abruzzen. In meinem Reisef\u00fchrer \u00fcber die Marken ist Civitella nicht vertreten.<\/p>\n<p>Die Festung ist eine der gr\u00f6\u00dften Europas. Sie wurde ab 1564 errichtet, an der Grenze zwischen Neapel und dem Kirchenstaat.<\/p>\n<p>Die Festung ist lang, \u00fcber 500 Meter, in den Berghang, auf 546 Metern H\u00f6he, eingebaut. Die Anlage wurde 1820 teils zerst\u00f6rt, dann wieder aufgebaut. Nach 1861 verlor sie, mit der Einigung Italiens, ihre Funktion und verfiel langsam.<\/p>\n<p>Man wundert sich, wie klein die Besatzung war, nur ca. 30 Mann. Das hatte wirtschaftliche Gr\u00fcnde. Man musste Pferde halten, die waren teuer und mussten hier oben mit Futter versorgt werden. Die Soldaten brauchten Brot und Wasser und Lohn und ein gelegentliches Fest, um bei Laune gehalten zu werden. Es gab keine Brunnen, nur Zisternen.<\/p>\n<p>Wir gehen bis zum \u00e4u\u00dfersten Ende der Festung. Hier sieht man in den Abgrund hinunter und zu allen drei Seiten auf die Berge. Bei guter Sicht kann man von hier aus den Gran Sasso sehen, den Berg, auf dem Mussolini gefangen gehalten wurde.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber blickt man auf ein Benediktinerkloster, mit einer Umfassungsmauer, auf der Felskuppe gelegen. Das soll eine Art Gegenfestung gewesen sein. Was sich aber wohl eher symbolisch verstand.<\/p>\n<p>Von hier oben hat man auch einen Blick auf die darunter gelegene Stadt. Sie wurde nach Gesichtspunkten der Verteidigungsf\u00e4higkeit angelegt. Und diente als der Festung vorgelagerte Abwehrm\u00f6glichkeit. Die Stra\u00dfen verlaufen parallel zum Hang und parallel zur Festung.<\/p>\n<p>Nach der Besichtigung gibt es in einem eher vornehmen Lokal auf der Piazza gleich hinter dem Stadttor Mittagessen. Ich bleibe strikt bei Wasser. Auch schon beim Aperitif, der vor dem Lokal, auf dem Platz gleich hinter dem Stadttor serviert wird. Beim Mittagessen dreht sich die Diskussion in erster Linie darum, um welches Fleisch es sich bei dem Hauptgang handelt. Alle sind sich einig, dass es nicht die in der eigens f\u00fcr uns angefertigten Speisenkarte angek\u00fcndigte Ente ist.<\/p>\n<p>Entgegen der Ank\u00fcndigung fahren wir nach dem Essen doch noch in das Erdbebengebiet. Nach Arquata, in den Bergen. Es liegt ganz oben auf einem Felsplateau. Als wir uns dem Ort n\u00e4hern, werden die Wolken, die den ganzen Tag \u00fcber uns liegen, immer dunkler, und ein Sonnenstrahl zwischen ihnen taucht den Ort oben auf dem Felsen in ein metaphysisches Licht. Wie auf einem Gem\u00e4lde von El Greco.<\/p>\n<p>Am Ortseingang stehen Soldaten. Die kontrollieren, wer hier hineinf\u00e4hrt. Wir k\u00f6nnen nur ein paar Meter die Stra\u00dfe hinauf fahren und m\u00fcssen dann wenden. Am Wendepunkt ist ein Hotel, dessen linker Teil, ein Anbau, ganz zerst\u00f6rt ist; das Haupthaus steht, so als wenn nichts passiert w\u00e4re.<\/p>\n<p>Schon bei der Anfahrt nach Arquata haben wir eingefallene D\u00e4cher und Risse in den Au\u00dfenmauern der H\u00e4user gesehen. Das setzt sich jetzt hier, im unteren Ortsteil vor. Eigentlich betroffen ist aber der obere Ortsteil. Dort kann man gar nicht hingelangen. Der Zugang ist wegen Gefahr gesperrt, auch f\u00fcr die Einheimischen. In den n\u00e4chsten Tagen sollen Soldaten kommen, die einen sicheren Zugang schaffen.<\/p>\n<p>Hier unten entsteht in einer Ebene ein Barackendorf. Die Wege zwischen den Baracken werden noch befestigt, aber man sieht nur Arbeiter, keine Einwohner. Insgesamt haben gut zwanzig Familien beschlossen, hier zu wohnen. Ob sie jemals wieder in ihre H\u00e4user zur\u00fcckkommen, ist ungewiss. Viele, vor allem die Jungen, haben den Ort verlassen, auch deshalb, weil es keine Arbeit gibt. Nur gut zwanzig Familien haben sich entschieden, hier zu bleiben und in die Baracken zu ziehen. Die meisten sind weg und werden wohl nicht wiederkommen.<\/p>\n<p>Der B\u00fcrgermeister ist in einer Baracke etwas abseits des neu entstehenden Ortes untergebracht. Neben der Baracke des B\u00fcrgermeisters ist die Baracke der Polizei und daneben die Baracke der Post. Beide sind geschlossen.<\/p>\n<p>Der B\u00fcrgermeister empf\u00e4ngt uns in einer der Baracken und sagt ein paar Worte zu der Lage. Es sieht alles sehr d\u00fcster aus. Arquata hatte durchaus ein gewisses Besucheraufkommen, ein paar Tausend pro Jahr. Das ist nat\u00fcrlich jetzt alles vorbei.<\/p>\n<p>Der B\u00fcrgermeister erz\u00e4hlt von dem Moment des Erdbebens, von dem Schrecken, der Ohnmacht, dem Gef\u00fchl des Ausgeliefertseins. Mehr als 50 Menschen aus den verschiedenen Weilern, die Arquata bilden, sind bei dem Erdbeben ums Leben gekommen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">8. August (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Piazza Ringo? Wer ist Ringo? Mehr als einmal habe ich mich am Anfang der Reise \u00fcber den merkw\u00fcrdigen Namen gewundert. Bis ich ihn gelesen habe: Piazza Arringo. Der Name erinnert an die alten Volksversammlungen, die hier stattfanden. Das wird mir dann erst in einem dritten Schritt klar, als ich den alternativen Namen des Platzes h\u00f6re: <em>Piazza dell\u2019Arengo<\/em>. Das h\u00f6rt sich Spanisch an: <em>arengar<\/em> bedeutet \u201amitrei\u00dfen\u2018, \u201adurch eine Rede beeindrucken\u2018. Italienisch <em>arringa<\/em> ist das \u201aPl\u00e4doyer\u2018.<\/p>\n<p>An der Arringa liegt auch das Arch\u00e4ologische Museum, in das es heute geht. Nachdem die Ansichtskarten geschrieben sind und die Bordkarte f\u00fcr den R\u00fcckflug gedruckt ist. Alle anderen haben das zu Hause getan, ich war zu geizig, die vier Euro zus\u00e4tzlich zu berappen.<\/p>\n<p>Das Museum hat ge\u00f6ffnet. Ich bin der einzige Besucher. Daran \u00e4ndert sich bis zum Ende nichts. Zwei wichtige Dinge verpasse ich: Die Schleudersteine, die <em>ghiande<\/em>, die die Picener auf die R\u00f6mer schleuderten, weil sie einfach nicht zu finden sind, auch auf Nachfrage nicht. Und ein rundes Mosaik, das ein Doppelgesicht darstellt. Wenn man es auf den Kopf stellt, wird aus dem glattrasierten jungen Mann ein kahlk\u00f6pfiger, b\u00e4rtiger alter Mann! Das habe ich schlichtweg \u00fcbersehen.<\/p>\n<p>Es lohnt sich aber trotzdem. Die \u00e4ltesten Fundst\u00fccke sind aus der Zeit der Picener, zu Beginn des ersten Jahrtausends vor Christus. Schon da gibt es sch\u00f6ne Keramik. Ein Blickfang ist ein Topf mit passendem Deckel mit Griff.<\/p>\n<p>Was es aus der Zeit der Picener gibt, ist wirklich sehr bemerkenswert. Das hatte ich nicht gedacht. Darunter sehr sch\u00f6ne Schmuckgegenst\u00e4nde aus Eisen, spiralf\u00f6rmige Armreifen und Halsketten, deren einzelne Glieder nach unten fallen und in dreieckigen Steinpl\u00e4ttchen enden. Das k\u00f6nnte man ohne Z\u00f6gern heute anziehen.<\/p>\n<p>Bei den Fibeln gibt es einen sch\u00f6nen Geschlechterunterschied: Die der Frauen bilden einen Halbkreis, die der M\u00e4nner ein Rechteck.<\/p>\n<p>Zu den Grabfunden geh\u00f6rt ein Rad, ohne jedenfalls dessen Reste. Der Kopf der Toten ruhte auf dem Rad, als Zeichen des Wohlstands. Nur hochgestellte Adelige konnten sich einen Wagen leisten, Frauen eine Calesse, M\u00e4nner einen Carrus. Die Frauen sa\u00dfen, die M\u00e4nner standen (k\u00e4mpften dann aber ohne Wagen, auf dem Boden stehend). Die erhaltenen Reste des Rads sind sehr anschaulich auf einem Gestell angebracht, so dass man sich eine Vorstellung machen kann. Sie sehen wie Eisen aus, sind aber aus Holz. Man mag es kaum glauben, aber die Beschriftung l\u00e4sst keinen Zweifel aufkommen. Die R\u00e4der hatten Speichen, und es gab wohl schon so etwas wie einen Sto\u00dfd\u00e4mpfer!<\/p>\n<p>Eine Besonderheit stellt eine Stele dar, in der Form eines l\u00e4nglichen Quaders. Sie hat eine Inschrift, in der ein Sohn den Vorbeigehenden warnt, sich an der Grablege seiner Mutter und seines Vaters zu vergreifen. Die Stele hat vier etwas unregelm\u00e4\u00dfige Seiten. Die Inschrift befindet sich auf zwei Seiten. Sie ist Picenisch, einer italischen Sprache, geschrieben mit einem Alphabet, das von dem Alphabet einer Spielform des antiken Griechisch, dem Chalkidischen Griechisch, abgeleitet ist. Das war durch die Sabiner hierher gelangt. Das Alphabet hat gut zwanzig Buchstaben, von denen man einige leicht erkennen kann: E, A, T usw. Andere sind ganz unbekannt: &lt; steht f\u00fcr g, \u00b7 steht f\u00fcr o,\u00a0 \u25a1 steht f\u00fcr h, : steht f\u00fcr f.\u00a0 Die Anordnung ist Bustrophedon. Da die Inschrift an den L\u00e4ngsseiten der Stele angebracht ist, verrenkt man sich den Hals, um sie zu \u201elesen\u201c.<\/p>\n<p>Nach einer Kaffeepause begebe ich mich noch auf die Suche nach ein paar Besonderheiten. Die Hitze fordert aber bald ihren Tribut. Obwohl es auch nicht hei\u00dfer ist als am Anfang der Reise, empfinde ich sie jetzt als ziemlich erm\u00fcdend, vor allem jetzt in der Mittagszeit.<\/p>\n<p>Die erste Station ist die Piazza del Popolo. Der zweite, der spitz zulaufende Glockenturm von San Francisco hat ein Symbol, das man hier, in religi\u00f6sem Kontext, nicht unbedingt erwarten kann: einen Phallus. Symbol der St\u00e4rke und der Fruchtbarkeit.<\/p>\n<p>Unterwegs mache ich ein Photo von einem der schmiedeeisernen Arme, die sich an der Fassade mehrerer Wohnh\u00e4user befinden. Hier wurde im Mittelalter die Wolle aufgeh\u00e4ngt, als Zeichen des Wohlstands der Bewohner.<\/p>\n<p>Die zweite Station ist wieder eine Kirche, S.S Vinzenso e Anastasio. Ihre Besonderheit ist die Fassade. \u00dcber deren ganz H\u00f6he und Breite erstrecken sich quadratische Kassetten, so wie bei der Decke der Trierer Basilika, 64 insgesamt. Das gibt ihr nat\u00fcrlich ein ganz eigenes Aussehen. Ich kann mich nicht erinnern, so etwas schon mal gesehen zu haben. Die Kassetten sollen einst Fresken enthalten haben.<\/p>\n<p>Der weite, schattenlose Platz vor der Kirche ist menschenleer. Vor einigen Caf\u00e9s stehen ein paar Tische und St\u00fchle, aber um diese Zeit ist kein Mensch unterwegs.<\/p>\n<p>An mehreren H\u00e4usern dieser Gegend sind lateinische Spr\u00fcche \u00fcber dem Eingang angebracht, meist auf einem Architrav. Die meisten sind fromm oder dr\u00fccken einfache Volksweisheiten aus, einige andere sind eher zynisch. Ich suche nach einer ganz bestimmten und finde sie schlie\u00dflich in der Rua Lunga: <em>Chi po non vo. <\/em><em>Chi vo non po. Chi sa non fa. Chi fa non sa. <\/em><em>E cos\u00ec il mundo mal va.<\/em><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">9. August (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Auf der Fahrt zum Flughafen habe ich die Gelegenheit, die Inschrift aus dem Haus zum Besten zu geben. Bei der \u00dcbersetzung geht allerdings die Wirkung ziemlich verloren.<\/p>\n<p>Die Reiseleiterin erz\u00e4hlt eine Anekdote aus der Zeit, als sie die Fahrten nach Ascoli innerhalb eines Sch\u00fcleraustauschs durchf\u00fchrte. Corrado, der Busfahrer, fuhr eine deutsch-italienische Sch\u00fclergruppe durch die Gegend, 16-17-j\u00e4hrige Jugendliche. Auf dem Programm stand eine Wanderung. Man fuhr in die Berge. Eher unwillig, vor allem auf italienischer Seite, bringt man die Wanderung hinter sich. Dann kommt man wieder zum Bus zur\u00fcck und zu Corrado. Er macht ein entsetztes Gesicht: Er hat die Schl\u00fcssel f\u00fcr den Bus verloren. Die deutschen M\u00e4dchen: \u201cKommt, dann legen wir uns solange hier in die Sonne.\u201d Die deutschen Jungen: \u201cKommt, wir gehen den Schl\u00fcssel suchen.\u201d Die Italiener, M\u00e4dchen wie Jungen: \u201cWir rufen die Mama an.\u201d Corrado hatte den Schl\u00fcssel gar nicht verloren. Er wollte nur die Reaktionen testen.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Flughafen machen wir noch einen Halt in Chieti und besichtigen dort kurz das Arch\u00e4ologische Museum. Es ist so gut ausgestattet, dass man sich gleich vornimmt, wiederzukommen. In der Eingangshalle sieht man u.a. ein r\u00f6mische Liege aus der August\u00e4ischen Zeit, mit Nackenrolle und Bronzebeschl\u00e4gen. Man glaubt, eher ein M\u00f6belst\u00fcck aus dem Empire als eins aus der Antike vor sich zu haben.<\/p>\n<p>Das Prachtst\u00fcck der Ausstellung ist der Krieger von Capestrano. Ihm hat man einen eigenen Raum gewidmet. Was sofort ins Auge f\u00e4llt, ist der Hut mit einer flachen, sehr breiten Krempe. Damit sieht er eher wie ein kanadischer Ranger aus als wie ein italischer Krieger. Ob es sich tats\u00e4chlich um einen Hut handelt, ist allerdings umstritten. Es k\u00f6nnte auch ein Helm sein, auch wenn es f\u00fcr uns nicht so aussieht. Das w\u00fcrde aber besser passen zu der Skulptur als Ausdruck der kriegerischen Gesinnung der V\u00f6lker der Abruzzen aus der vorr\u00f6mischen Zeit. Ganz merkw\u00fcrdig ist ein Wulst, der oben schr\u00e4g \u00fcber den Hut l\u00e4uft, der aber von hier unten nur zu erahnen ist. Der Krieger ist \u00fcberlebensgro\u00df.<\/p>\n<p>Es ergibt sich noch eine interessante Diskussion: Mann oder Frau? Ich h\u00e4tte mir die Frage gar nicht gestellt, aber die Partie zwischen den Beinen spricht f\u00fcr Frau. Die Bewaffnung aber f\u00fcr Mann. Der Krieger tr\u00e4gt eine Axt vor der Brust und ein Schwert in der Hand. Beide sind nur als Relief angedeutet. An der Seite, an der Stele, an der er steht, befindet sich au\u00dferdem noch eine Lanze.<\/p>\n<p>Die zweite Diskussion betrifft eine runde Platte, die er, eher mittig, oben an der Brust hat. Sie ist mit B\u00e4ndern, die \u00fcber die Schulter nach hinten laufen, befestigt. Frage: Schmuck oder Schutz? Schutz passt besser zu der kriegerischen Ausstattung, aber warum ist die Platte dann da angebracht? Sollte sie nicht besser direkt \u00fcber dem Herzen liegen? Wir diskutieren sehr kontrovers, ob man die genaue Lage des Herzens damals schon kannte.<\/p>\n<p>Nach einer kleinen Pause gelangen wir zu dem Flughafen von Pescara. Er hei\u00dft <em>Aeroporto d&#8217;Abruzzo<\/em>. Die Abruzzen\u00a0sind im Italienischen Singular. Kleine, sch\u00f6ne Einsicht am Ende einer lohnenswerten Reise.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>4. August (Freitag) Sant\u2018Emidio! Das ist das Schl\u00fcsselwort. Der Grund, warum es Ascoli, mit vollem Namen Ascoli Piceno, \u00fcberhaupt gibt, der Grund f\u00fcr die St\u00e4dtepartnerschaft, der Grund, warum wir hier sind. 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