{"id":9151,"date":"2017-08-25T16:14:18","date_gmt":"2017-08-25T14:14:18","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=9151"},"modified":"2017-10-30T15:45:36","modified_gmt":"2017-10-30T14:45:36","slug":"stratford-2017","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=9151","title":{"rendered":"Stratford (2017)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13. Agust (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Als ich bei meiner Unterkunft, einem Bed &amp; Breakfast Haus, klingele, \u00f6ffnet keiner. Die Klingel scheint nicht gut zu funktionieren, aber ich versuche es mehrmals und irgendwann h\u00f6rt man auch deutlich, dass die Klingel geht. Keine Antwort. Ich sehe mich etwas hilflos um. Da kommt ein Nachbar zu Hilfe und macht mich auf den Fehler aufmerksam: Ich bin an der falschen Haust\u00fcr. Es ist nebenan. Da bin ich wohl nicht der erste, dem das passiert.<\/p>\n<p>Nebenan (ich hatte vorher schon auf diesen Eingang geschielt, weil das Haus viel besser aussah) wird ge\u00f6ffnet. Ein junger, stattlicher Mann namens Rob f\u00fchrt mich nach oben und gibt alle n\u00f6tigen Instruktionen. Das Zimmer ist winzig, hat aber alles, was der Mensch begehrt, darunter einen Teekessel und WLAN. Das Bad ist au\u00dferhalb des Zimmers und, im Unterschied zum Zimmer, so modern, dass ich am n\u00e4chsten Morgen die Dusche erst nicht in Gang setzten kann. Sie funktioniert auf \u201eKnopfdruck\u201c.<\/p>\n<p>Bei der Landung in London, noch im Flugzeug war mir beim Blick auf die Uhr das Herz in die Hose gerutscht: Das ist doch gar nicht zu schaffen, von hier bis Marylebone in f\u00fcnfzig Minuten. Dann Entwarnung: Ich hatte vergessen, die Uhr zur\u00fcckzustellen.<\/p>\n<p>Alles funktionierte reibungslos. Auf die britischen Bahnen war mal wieder Verlass. Aber am Ende ist es eine umst\u00e4ndliche Reise, mit f\u00fcnf verschiedenen Verkehrsmitteln: Auto, Flugzeug, U-Bahn, Zug, Taxi.<\/p>\n<p>Der Taxifahrer ist pakistanischer Abstammung, dritte Generation. Sein Gro\u00dfvater hat Indien noch vor der Teilung gekannt!<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">14. August (Montag) <\/span><\/p>\n<p>Es gibt English Breakfast, wie es im Buche steht. Das junge Ehepaar hat das Haus vor ein paar Jahren gekauft (und fast komplett modernisiert) und sich den Wunsch erf\u00fcllt, ein eigenes B&amp;B zu betreiben. In dem Begr\u00fc\u00dfungsschreiben steht, sie h\u00e4tten beide <em>Hospitality<\/em> studiert, an der Universit\u00e4t (!), und sich dabei kennen gelernt. Der Service ist gut, aber nicht besser als woanders, und bleibt etwas hinter der unn\u00f6tig bombastischen Ank\u00fcndigung der Gastfreundschaft in dem Begr\u00fc\u00dfungsschreiben zur\u00fcck. Sehr gut waren die Tipps, die ich zum Transfer von London nach Stratford bekommen habe. Die haben Zeit und Geld gespart.<\/p>\n<p>Schon gestern im Taxi konnte ich sehen, dass man den Weg von der Unterkunft zum Zentrum problemlos zu Fu\u00df machen kann. Das erspart viel \u201eTheater\u201c. Sp\u00e4ter spreche ich mit einer Frau, die mit dem Auto angereist ist, auch nur f\u00fcr diese eine Woche, und sechs Kilometer au\u00dferhalb des Stadtzentrums wohnt. Da habe ich es besser getroffen.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zum <em>Shakepeare Centre<\/em> lese ich an einem Supermarkt ein Schild falsch: <em>Watch batteries<\/em>. Das ist ein Kompositum, kein Imperativ.<\/p>\n<p>Bei dem Weg \u00fcber den Avon und durch das Zentrum kommt mir wieder ins Bewusstsein, dass Stratford, auch wenn man den ganzen Shakespeare-Trubel wegl\u00e4sst, einfach auch eine sch\u00f6ne englische Kleinstadt ist, sehr typisch. Das gilt auch f\u00fcr die Pfarrkirche, dem besten Postkartenmotiv, im alten Zentrum gelegen, ein ganz klein bisschen abseits der Shakespeare-St\u00e4tten.<\/p>\n<p>Der Kurs wird vom <em>Shakespeare Birthday Trust<\/em> geleitet, im <em>Shakespeare Centre<\/em> untergebracht. Das ist in der Henley Street, direkt neben dem Geburtshaus. Jetzt, am fr\u00fchen Vormittag, ist es hier noch sehr ruhig.<\/p>\n<p>Es wird ziemliches Aufhebens um die Sicherheit gemacht. Man hat den Eindruck, man w\u00fcrde f\u00fcr einen Flug einchecken. Aber das wird dann bald anders, sobald man seinen Ausweis hat.<\/p>\n<p>Es geht los mit einer unterhaltsamen Einf\u00fchrung durch einen rundlichen Mann, Nick Walton, der mit hoher Stirn und Bart fast selbst etwas wie Shakespeare aussieht. Er betont, wie klein Stratford sei, dass wir es in zwei Tagen in- und auswendig kennen w\u00fcrden. Komischerweise habe ich gerade am Morgen noch gedacht, dass Stratford gr\u00f6\u00dfer ist, als ich es in Erinnerung habe. Als wir am Mittag wieder auf die Stra\u00dfe kommen, ist in der Innenstadt Verkehr wie in einer Gro\u00dfstadt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich, sagt Walton, werde Shakespeare hier an allen Ecken und Enden ausgeschlachtet. Er nennt ein paar Gesch\u00e4ftsnamen, darunter, gleich gegen\u00fcber ein Caf\u00e9, das <em>The Food of Love<\/em> hei\u00dft und einem Zitat aus <em>Twelfth Night<\/em> geschickt eine materielle Bedeutung gibt, die es im St\u00fcck nicht hat.<\/p>\n<p>Wir werden drei St\u00fccke im <em>Royal Shakespeare Theatre<\/em> sehen und zwei im <em>Swan<\/em> <em>Theatre<\/em>, dem kleineren, intimeren, von Schauspielern bevorzugten Theater. Das\u00a0<em>Royal Shakespeare Theatre<\/em> ist mehrere Jahre geschlossen gewesen und unter erheblichen Kosten umgebaut worden. Ich kenne es noch aus der Zeit vor dem Umbau, als es noch eine Guckkastenb\u00fchne hatte.<\/p>\n<p>Walton erkl\u00e4rt, dass man entschieden hat, jedes Jahr eine bestimmte Gruppe von zusammengeh\u00f6rigen St\u00fccken aufzuf\u00fchren, Historien, St\u00fccke, die in Venedig spielen, und dieses Jahr eben St\u00fccke, die in Rom spielen. Von den vier r\u00f6mischen St\u00fccken dieser Spielezeit sehen wir drei. Viele Schauspieler haben Rollen in zwei St\u00fccken und proben gleichzeitig jetzt ihre dritte Rolle in <em>Coriolanus<\/em>.<\/p>\n<p>Zu den r\u00f6mischen St\u00fccken z\u00e4hlt auch <em>Titus Andronicus<\/em>, eins der seltensten Shakespeare-St\u00fccke, was die Auff\u00fchrungen betrifft. Es ist auch das letzte Shakespeare-St\u00fcck, was durch die RSC zur Auff\u00fchrung gebracht wurde, 1955.<\/p>\n<p>Die letzten Jahre waren besonders f\u00fcr die RSC. Es gab zwei Jubil\u00e4en zu feiern: den 450. Geburtstag 2014, den 500. Todestag 2016. Bei den Feiern tragen viele der Beteiligten Rosmarin am Revers, eine Anspielung auf Hamlet (\u201eThere\u2019s rosemary, that\u2019s for remembrance\u201c), oder sind in schwarz und gelb gekleidet, den Farben des Shakespeare-Wappens, das sein Vater beantragt hatte (und das auch an der Fassade des Geburtshauses h\u00e4ngt). Beim Todestag wurde jedem Besucher eine Shakespeare-Maske in die Hand gedr\u00fcckt, die man dann auf Kommando vors Gesicht hielt. Auf einmal war die ganze Stadt voller Shakespeares.<\/p>\n<p>500.000 Besucher hat das Geburtshaus jedes Jahr. Man versucht, den Besuchern Shakespeare durch eine Ausstellung nahezubringen, durch die man geht, bevor man das Haus selbst betritt. Diese Ausstellung wird alle vier bis f\u00fcnf Jahre neu konzipiert. Es gibt ein Leitmotiv. Das Leitmotiv der jetzigen Ausstellung will er uns aber nicht verraten. Das sollen wir selbst rausfinden.<\/p>\n<p>In der vorherigen Ausstellung wurden u.a. 13 gro\u00dfe Shakespeareaner vorgestellt, darunter Wanamaker, der die Initiative zum Wiederaufbau des <em>Globe<\/em> gab. Warum 13? Das ist hier die Frage. Gar nicht so leicht zu beantworten. Die Antwort: Weil man jedes Shakespeare-St\u00fcck mit 13 Schauspielern zur Auff\u00fchrung bringen kann. Vorausgesetzt, man will nicht f\u00fcr jede Rolle einen anderen Schauspieler.<\/p>\n<p>Dann ist Pause. Ich komme mit einer sehr gut Deutsch sprechenden Amerikanerin ins Gespr\u00e4ch, die ein Multitalent zu sein scheint. Unter anderem ist sie selbst auch Schauspierlin und hat eine Jazzband. Sie sagt aber, die einzige Vollzeitarbeit, die sie je gehabt habe, sei die einer Mutter. Sie hat in Michigan studiert und ist jetzt in Basel. Sie ist mit der Baseler Gruppe hier, mit der wir einige Veranstaltungen zusammen machen.<\/p>\n<p>Dann komme ich noch mit einer Frau aus Greifswald ins Gespr\u00e4ch. Sie hat neben Englisch auch Schwedisch studiert. Das ist in Meck Pomm ein vollwertiges Schulfach. Sie sagt, sie habe selbst eine wunderbare Literatur-Lektorin gehabt, die ihnen Shakespeare nahegebracht habe, habe selbst aber lieber Sprachwissenschaft gemacht. Da wisse man doch, wo man dran sei. Sie habe auch in Sprachwissenschaft viel von einem Fach zum anderen transferieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nach der Pause ist ein ganz anderer Sprecher an der Reihe, Paul Edmondson, ein ganz bed\u00e4chtiger, leise sprechender Mann, der sich immer wieder mit der Hand gedankenschwer \u00fcber den kahlen Kopf f\u00e4hrt. Er ist im Nebenberuf Priester der Anglikanischen Kirche. Wie das wohl mit dem Shakespeare-Posten zu vereinbaren ist? Zeitlich.<\/p>\n<p>Er spricht \u00fcber <em>Julius Caesar<\/em>, unser erstes St\u00fcck. Er erw\u00e4hnt eine moderne amerikanische Inszenierung, bei der C\u00e4sar wie Donald Trump aussah. Eine Entscheidung, die <em>Delta Airlines<\/em> und die <em>Bank of America<\/em> dazu veranlasste, ihre Sponsorengelder zur\u00fcckzuziehen.<\/p>\n<p>Edmondson zeigt einen Cartoon, der das St\u00fcck in drei Bildern zusammenfasst: Cassius und Brutus t\u00f6ten C\u00e4sar; Marc Anton h\u00e4lt eine gro\u00dfe Rede; Cassius und Brutus t\u00f6ten sich.<\/p>\n<p>Eine der Entscheidungen, die jeder Regisseur zu treffen hat, ist, wie viele Statisten man auf die B\u00fchne bringt. Er selbst, Edmondson, ist ganz im Anfang seiner T\u00e4tigkeit bei der RSC mal in die Lage gekommen, eine Statistenrolle einzunehmen, weil er zuf\u00e4llig die richtige Gr\u00f6\u00dfe hatte. Er erinnert sich auch an eine eindrucksvolle Inszenierung, bei der die B\u00fchne voll war von Soldaten, Plebejern und Senatoren. Aber nicht jeder Regisseur hat das Geld, so viele Statisten zu bezahlen.<\/p>\n<p><em>Julius Caesar<\/em>, sagt Edmondson, sei ein ernstes St\u00fcck. Es gebe fast keine Komik, keine Schl\u00fcpfrigkeiten. Au\u00dferdem gebe es ganz wenig Prosa. Es ist auch ein sehr m\u00e4nnliches St\u00fcck mit wenigen Frauenrollen. Und diese Rollen, Brutus\u2018 Frau Portia und C\u00e4sars Frau Calpurnia, sind weder zentral f\u00fcr die Handlung noch sehr ausdifferenziert.<\/p>\n<p>Unsere Auff\u00fchrung l\u00e4sst die Figuren in r\u00f6mischen Kost\u00fcmen auftreten. Und \u00fcberl\u00e4sst es damit dem Betrachter, die ohnehin vorhandenen politischen Implikationen selbst zu erkennen. Die meisten Inszenierungen machen das aber explizit, indem sie C\u00e4sar als eine Art Tito, Mussolini oder als einen afrikanischen Despoten auftreten lassen oder eben als Trump.<\/p>\n<p>Einigkeit scheint dar\u00fcber zu herrschen, dass C\u00e4sar ein Diktator und Brutus der Befreier ist. Aber ob das St\u00fcck das wirklich hergibt? Ich frage mich auch heimlich, ob es etwas zu bedeuten hat, dass das St\u00fcck <em>Julius Caesar<\/em> hei\u00dft und nicht <em>Brutus<\/em> oder <em>Antonius<\/em>. Ein Zitat von Forster stellt eine wichtige handlungsrelevante Frage: \u201cIf I had to decide whether to betray my friend or my country, may God give that I betray my country\u201d. Und Dante sah das auch so. Bei ihm landen Brutus und Cassius in den untersten Ringen der H\u00f6lle.<\/p>\n<p>Obwohl das St\u00fcck <em>Julius Caesar<\/em> hei\u00dft, kommt C\u00e4sar gar nicht so viel vor. Seine Rolle ist zumindest rein quantitativ der von Cassius, Antonius und Brutus unterlegen. Das sind wohl die vier Hauptcharaktere des St\u00fcckes.<\/p>\n<p>In einer Nebenrolle taucht auch Cicero auf. Jemand sagt von ihm, er spreche Griechisch. Das ist sowohl im w\u00f6rtlichen als auch im \u00fcbertragenen Sinne g\u00fcltig. <em>Griechisch<\/em> im Sinne von \u201aKauderwelsch\u2018 war auch schon zu Shakespeares Zeit im Umlauf.<\/p>\n<p>Besonders eindringlich zitiert Edmondson eine Passage von Cassius: &#8220;What trash is Rome, what rubbish and what offal, when it serves for the base matter to illuminate so vile a thing as a Caesar!&#8221; Was die genaue Bedeutung dieser Passage ist, erschlie\u00dft sich mir nicht. Vielleicht bei der Auff\u00fchrung.<\/p>\n<p>In der Mittagspause gehe ich irgendwo einen Tee trinken, High Tea mit <em>scones<\/em>. Die Bedienung ist sehr freundlich. Ich frage mich, warum die Frau aus Greifswald bei der Erw\u00e4hnung der Engl\u00e4nder die Nase r\u00fcmpft. Sie f\u00fchlt sich in Schweden wohler. Da sei es auch sauberer. Ja, das kann man verstehen. Aber sonst kann ich das nicht so nachvollziehen.<\/p>\n<p>Am Ende der Henley Street sehe ich die Skulptur des <em>Fools<\/em>, die ich viel weiter drau\u00dfen in Erinnerung hatte. Auf dem Sockel unter dem Narren, mit Narrenkappe, in gebeugter Haltung, steht auf allen vier Seiten ein Zitat zum Narren, darunter mein liebstes: \u201eThe fool doth think he is wise, but the wise man knows himself to be a fool.\u201c<\/p>\n<p>Am Nachmittag gibt es einen Vortrag zu Geschichte der Ausgaben und Herausgeber. Auf einem langen Tisch liegen Ausgaben von einer Quarto-Ausgabe von <em>The Rape of Lucrece<\/em> bis zur <em>New Oxford Ausgabe<\/em> mit allen St\u00fccken. Vertreten sind auch Faksimile-Ausgaben aller vier Folios. Eine davon, nicht die erste, ist die wertvollste, da viele Exemplare im <em>Great Fire<\/em> von London zerst\u00f6rt wurden. Eine andere ist die erste, die auch Abbildungen enth\u00e4lt. Sp\u00e4ter gibt es dann auch Ausgaben f\u00fcr den Regisseur und Schulausgaben, vor allem seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, als die Schulpflicht eingef\u00fchrt wurde. Wir sehen auch eine Seite aus einer elektronischen Ausgabe. Aber auf die Frage, wer von uns sie benutzt, gibt es nur Schweigen. So eine Ausgabe hat viele Vorteile, aber auch Nachteile. Man muss letztlich die Arbeit des Herausgebers selbst leisten, wenn alle Alternativen angeboten werden.<\/p>\n<p>Die Frau, die den Vortrag h\u00e4lt, die selbst auch Schauspielerin ist, z\u00e4hlt die vielfachen Aufgaben des Herausgebers auf, Emendationen, ggf. Akteinteilung, Modernisierung der Rechtschreibung, Annotationen und vieles mehr. Wie wichtig das f\u00fcr einzelne Passagen sein kann, zeigt der Fall, wo entschieden werden muss, ob es <em>son<\/em> oder <em>sonne<\/em> hei\u00dfen soll.<\/p>\n<p>Von den Herausgebern wird besonders Malone erw\u00e4hnt, der als erster auf die alten Quellen zur\u00fcckgriff. Er hatte sowohl eine emotionale Leidensgeschichte als auch gesundheitliche Probleme und st\u00fcrzte sich ganz in die Arbeit, so sehr, dass er kaum Zeit zum Schlafen hatte.<\/p>\n<p>Vor ihm spielt Pope eine gro\u00dfe Rolle, der Shakespeare ganz im Sinne des Klassizismus verstand. Er entfernt aus allen St\u00fccken Passagen, weil er glaubte, sie stammten nicht von Shakespeare, notierte sie aber gewissenhaft am Ende der Seite. Er kennzeichnete auch solche Passagen, die ihm nicht gefielen, mit einem Dolch. Wir sehen eine aus <em>Love\u2019s Labour\u2019s Lost<\/em>, die drei Dolche bekam.<\/p>\n<p>Dann gibt es nat\u00fcrlich noch Bowdler, der die purgierte Ausgabe von Shakespeare besorgte. Die wurde anfangs sehr kritisiert, hatte aber allergr\u00f6\u00dften Erfolg. Alles, was f\u00fcr Kinderohren oder die von Erwachsenen der Mittelschicht nicht zumutbar war, wurde getilgt. Armer Shakespeare! Hinter dieser puritanischen Attitude kommt aber doch die Lust am Schimpfwort zum Vorschein, dem man zu Leibe r\u00fcckt. Wie immer bei solchen Eingriffen sind die Entscheidungen eher willk\u00fcrlich: Einige W\u00f6rter, die drin blieben, scheinen st\u00e4rker zu sein als andere, die rausflogen.<\/p>\n<p>Nach dem Vortrag k\u00f6nnen wir uns die B\u00fccher ansehen. In den meisten darf man sogar bl\u00e4ttern. Auf einem Nebentisch liegen auch ein paar deutsche Ausgaben. Die will wissen, was wir dazu zu sagen haben. Wenig. Interessanter w\u00e4re hier die Frage nach den \u00dcbersetzungen. Im Ausland entsteht in jeder Generation ein neuer Shakespeare.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich, kurz vor der Br\u00fccke, an einem Monument vorbei, von Gower Ende des 19. Jahrhunderts gestaltet, in Erinnerung an Garricks Festival mehr als hundert Jahre vorher, das Stratford \u00fcberhaupt erst wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit r\u00fcckte. Der Bard sitzt ganz oben auf einem Sockel, dem Betrachter weit entr\u00fcckt. Um das Monument herum gruppieren sich die Statuen von vier repr\u00e4sentativen Charakteren: Hamlet, in Denkerpose, mit Totensch\u00e4del (aber auch mit Dolch!), steht f\u00fcr die Philosophie; Lady Macbeth, ihre H\u00e4nde waschend, seht f\u00fcr die Trag\u00f6die; Falstaff, mit Bierbauch und offenem Mund, in dem ein paar Z\u00e4hne fehlen, steht f\u00fcr die Kom\u00f6die; Prince Hal, im Begriff, sich selbst die Krone aufzusetzen, steht f\u00fcr die Historie. Am Sockel selbst skulptierte Pflanzen, die f\u00fcr die einzelnen Charaktere stehen, wei\u00df der Henker warum: Efeu und Zypressen f\u00fcr Hamlet, Mohn und Pfingstrosen f\u00fcr Lady Macbeth, Hopfen und Rosen f\u00fcr Falstaff, Lilien und Rosen f\u00fcr Prinz Hal.<\/p>\n<p>Am Abend dann die Auff\u00fchrung. Wir haben Karten im Parkett (<em>The Stalls<\/em>), gleich an einer der L\u00e4ngsseiten der weit in den Zuschauerraum hineinreichenden B\u00fchne. Die hat Ausl\u00e4ufer zu vier Seiten, so dass man in den Szenen, in denen von allen Seiten mit lautem Gebr\u00fcll allerlei Volks zusammenl\u00e4uft, den Eindruck hat, mitten drin zu sein.<\/p>\n<p>C\u00e4sar kommt als herrschs\u00fcchtig und \u00fcberheblich r\u00fcber, aber nicht so richtig als Tyrann. Den st\u00e4rksten Eindruck als Pers\u00f6nlichkeit macht Antonius, vor allem bei der ber\u00fchmten Rede.<\/p>\n<p>Am Ende verliert man etwas den \u00dcberblick und wei\u00df schon bald gar nicht mehr, wer schon alles gestorben ist. Portia hat sich au\u00dferhalb der B\u00fchne das Leben genommen; C\u00e4sar wird auf der B\u00fchne ermordet; ebenso Cinna, der einer Verwechslung zum Opfer f\u00e4llt \u2013 er ist der Dichter Cinna, nicht der Verschw\u00f6rer Cinna \u2013 und von dem w\u00fctenden Volk gelyncht wird. Cassius begeht auf der B\u00fchne Selbstmord, ebenso wie Brutus.<\/p>\n<p>Trotz all der Gewalt bietet die Auff\u00fchrung erstaunlich viel Komik. Aus absurden Situationen und Kommentaren resultierend.<\/p>\n<p>Zu den Toten des St\u00fcckes kommt noch einer, den die Auff\u00fchrung dazu dichtet: Lucius, noch ein Knabe, der Diener des Brutus, der schon in vorherigen Szenen pr\u00e4sent war, im Haus von Brutus und in dessen Feldlager, wird von einem vorbeigehenden gemeinen Soldaten, einfach so, das Genick gebrochen. In dem Moment kommt aus den Lautsprechern ein Knackger\u00e4usch, das einen zusammenzucken l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Mehrmals im St\u00fcck gibt es einen zynischen Trost f\u00fcr einen fr\u00fchen Tod: Der erspare einem viele Jahre der Angst vor dem Tod: \u201eWhy, he that cuts off twenty years of life \/ cuts off so many years of fearing death\u201c, sagt Casca, und Brutus pflichtet ihm bei. In diesem Sinne h\u00e4tten sie, C\u00e4sars M\u00f6rder, C\u00e4sar einen Gefallen getan. Etwas \u00c4hnliches am n\u00e4chsten Tag in <em>Antony and Cleopatra<\/em>.<\/p>\n<p>Auch ein Geburtstag kommt in beiden St\u00fccken vor, einmal der Geburtstag von Cassius, der gleichzeitig sein Todestag sein wird (ein Hinweis auf eine zyklische Auffassung von Geschichte?), dann der Geburtstag von Kleopatra.<\/p>\n<p>Von allem, was ich im Laufe des Tages geh\u00f6rt habe, bleibt mir ein Zitat besonders in Erinnerung, das in Zusammenhang mit <em>Salome<\/em> gefallen ist, an das ich mich aber nur noch halb erinnern kann: \u201eFear and desire are never separate, they are always together in bed\u201c.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">15. August (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Die Hauswirtin erz\u00e4hlt, dass sie bis zu 14 G\u00e4ste haben k\u00f6nnen, vorausgesetzt, alle Zimmer sind voll besetzt. Das ist im Moment nicht der Fall, da wir fast ausschlie\u00dflich Einzelreisende sind. Sie wollten eigentlich ein Haus mit sechs Zimmern, dann sind es acht geworden. Das mache erheblich mehr Arbeit. Die Hochzeit ist von M\u00e4rz bis Oktober. Im Winter ist es ruhig.<\/p>\n<p>Bei der Diskussion der Auff\u00fchrung von <em>Julius Caesar<\/em> steht eine Geb\u00e4rdendolmetscherin im Vordergrund, die von der ersten bis zur letzten Szene auf der B\u00fchne war. Sie bekam am Ende den meisten Applaus. Alle sind begeistert dar\u00fcber, wie sie die \u201eSeele\u201c der Charaktere ausgedr\u00fcckt und wie viel Poesie sie in die Auff\u00fchrung gebracht habe. Dann sagt eine Frau, sie habe sich in erster Linie gest\u00f6rt gef\u00fchlt. Ich bin erleichtert. Das ging mir auch so.<\/p>\n<p>Dann geht es um die Kost\u00fcmierung. Die war semi-authentisch, r\u00f6mische Togen, aber keine \u201eechten\u201c. Man habe gespielt mit gewissen Anachronismen, von denen der Shakespeare-Text sowieso voll ist (Schornstein, Buch, Wams, Uhr, die drei schl\u00e4gt, aber auch Dichter, der Reime schmiedet). Es wird aber bem\u00e4ngelt, dass dieses Spiel in der Auff\u00fchrung nicht klar geworden sei. Die sei als authentisch her\u00fcbergekommen.<\/p>\n<p>Dann geht es um C\u00e4sar, der in der Auff\u00fchrung als sehr hochn\u00e4sig gezeichnet wird (was mir nicht einleuchtet), um Brutus (den einige \u00fcberzeugend, andere schwach fanden), Cassius (der j\u00fcnger war als in vielen anderen Auff\u00fchrungen, was wiederum sein Verh\u00e4ltnis zu Brutus pr\u00e4gt) und um Antonius (den ich, gerade in der gro\u00dfen Rede-Szene sehr gut fand).<\/p>\n<p>Einer der Teilnehmer geht auf die Nerven, indem er immer nur auf Film-Adaptationen von <em>Julius<\/em> <em>Caesar<\/em> eingeht und dann noch lange \u00fcber die New Yorker Trump-Geschichte spricht, obwohl das mit der Diskussion nichts zu tun hat.<\/p>\n<p>Mit meiner Meinung, dass Caesar kein Tyrann, sondern eher ein Tyrann in den Augen der anderen ist, dringe ich nur halb durch. Die Inszenierung \u2013 nicht allerdings der Text \u2013 scheint den Schluss zuzulassen, dass das Testament zugunsten des r\u00f6mischen Volkes eine Erfindung von Antonius ist. Das nimmt C\u00e4sar einen Pluspunkt. Historisch ist das aber verb\u00fcrgt. In dem Zusammenhang nenne ich noch eine deutsche Auff\u00fchrung, in der die Rollen von C\u00e4sar und Octavius von demselben Schauspieler gespielt wurden \u2013 eine gewichte Aussage \u00fcber das St\u00fcck im Sinne der Wiederherstellung der Ordnung. Shakespeare war f\u00fcr Rebellionen nicht so zu haben.<\/p>\n<p>Als Zeit f\u00fcr die Kaffeepause ist und der Diskussionsleiter eine Frage von der Art stellt, die bedeutet \u201eBitte keine Fragen mehr!\u201c, stellt doch jemand eine. Manche k\u00f6nnen nicht zwischen den Zeilen lesen.<\/p>\n<p>In der Kaffeepause spreche ich mit der Frau, die die unbotm\u00e4\u00dfige \u00c4u\u00dferung zu der Geb\u00e4rdenschauspielerin gemacht hat. Sie ist Journalistin und hat lange f\u00fcr den englischen Dienst der Deutschen Welle gearbeitet. Jetzt arbeitet sie in K\u00f6ln f\u00fcr eine Presseagentur der Evangelischen Kirche. Sie kommt gerne nach England, h\u00e4tte aber gro\u00dfe Bedenken, hier zu leben. Das geht beim Gesundheitswesen los. England sei ein \u201ezerfallenes Land\u201c und in einiger Hinsicht einem \u201eSchwellenland\u201c vergleichbar. Sie kennt da sicher viel mehr von den politischen und sozialen Verh\u00e4ltnissen, aber als Reisender nimmt man das Land nicht so wahr. Dass der Brexit die Sache nicht unbedingt besser macht, dar\u00fcber sind wir uns wiederum einig.<\/p>\n<p>Nach der Kaffeepause sprechen wir mit dem Schauspieler, der den Dichter Cinna gespielt hat, der umgebracht wird, weil er mit dem Verschw\u00f6rer Cinna verwechselt wird (eine Szene, die mein Gef\u00fchl best\u00e4tigt, dass der wirkliche \u201eB\u00f6se\u201c des St\u00fcckes das Volk ist). Die erste Frage ist meines Erachtens zu negativ, sie kritisiert die T\u00f6tungsszene als nicht brisant genug. Aber der Schauspieler zieht sich gut aus der Aff\u00e4re. Er sagt, er m\u00fcsse einfach den Anweisungen des Regisseurs gehorchen \u2013 es ist seine erste Saison bei der RSC \u2013 und dass die Szene bewusst so gespielt werden sollte. Ich habe die Szene auch nicht als so lasch empfunden. Dann macht er geltend, dass er immerhin auf offener Stra\u00dfe get\u00f6tet werde. Allerdings. Und f\u00fcgt hinzu, dass die Ermordung Cinnas in vielen Auff\u00fchrungen gar nicht auf der B\u00fchne, sondern abseits geschehe.<\/p>\n<p>Es wird gefragt, wie die komischen Effekte zustande gekommen seien. Meist in der Auff\u00fchrungspraxis. An bestimmten Abenden erziele man an bestimmten Stellen einen Lacher, und wenn ein Schauspieler einmal einen Lacher hat, l\u00e4sst er sich den nicht mehr so einfach nehmen. Interessant. Und erstaunlich. Denn in der Auff\u00fchrung sieht das alles nach Planung aus, wirkt koh\u00e4rent. Und wenn die Erkl\u00e4rung stimmt: Warum haben dann nicht alle St\u00fccke so viel Komik?<\/p>\n<p>Er spricht von dem langen Prozess der Entstehung einer solchen Auff\u00fchrung. Von den ersten Tagen mit Stimm- und Bewegungs\u00fcbungen und dann von langen Besprechungen, in denen in gro\u00dfer Runde mit allen Beteiligten das St\u00fcck diskutiert werde. Auch Experten werden herangezogen. Die RSC habe praktisch unbegrenzte M\u00f6glichkeiten. Sie hat 2300 Mitarbeiter!<\/p>\n<p>Parallel dazu lerne man seinen Text. Wie? Durch Wiederholung. Da h\u00e4tte ich mir ein paar Details mehr gew\u00fcnscht. Interessante Frage: Ist es leichter, Prosa oder Vers zu lernen? Keine eindeutige Antwort, aber Shakespeares Blankvers wird eher als Hilfe empfunden. Auf jeden Fall gebe es Unterschiede zwischen den St\u00fccken. Titus sei einfacher, Julius Caesar nicht so einfach, Antony and Cleopatra gar nicht einfach.<\/p>\n<p>Interessant auch die Frage nach den Auff\u00fchrungstagen. Jedes Publikum reagiere anders. Als ganz generelle Regel gilt: Donnerstags- und Freitagspublikum hat den besten, Samstagspublikum den schlechtesten Ruf!<\/p>\n<p>Jemand fragt nach der Skulptur, die auf dem Forum stand. Es war ein L\u00f6we, der ein Pferd anf\u00e4llt. Das konnte man von uns auch nicht sehen. Wir haben nur die Seite des L\u00f6wen gesehen. Im Dunkeln dachte man zuerst an die Lupa.<\/p>\n<p>Ob er sich eine Auff\u00fchrung in originaler Aussprache vorstellen k\u00f6nne? Ja, auf jeden Fall, er sei ganz daf\u00fcr. Was er allerdings hierzu ausf\u00fchrt, klingt so, als habe er keine gro\u00dfe Ahnung. Es ist von einem \u201evolleren\u201c Klang der Sprache die Rede, aber was das bedeuten soll, bleibt jedem \u00fcberlassen. Er wirft auch Shakespeare mit Chaucer in einen Topf.<\/p>\n<p>Dann kommt die Rede auf Akzente. Er kann wohl eine ganze Menge davon, und macht das mit gro\u00dfer Freude. Er ist geb\u00fcrtiger Ire und damit f\u00fcr Irische Akzente pr\u00e4destiniert, k\u00f6nne aber auch Midlands und eine Reihe amerikanischer Akzente, einfach, weil er sie immer wieder spielen musste. Faszinierend.<\/p>\n<p>Am Ende kommt das unvermeidliche Gruppenphoto. Ich will mich erst verweigern, lasse es dann aber und merke, dass sich nur die Journalistin aus K\u00f6ln ausgeklinkt hat Sie hat den Mut daf\u00fcr aufgebracht. Chapeaux!<\/p>\n<p>Am Nachmittag ist der Altstar des Shakespeare Trusts an der Reihe, Robert Smallwood: agil, dynamisch, witzig, unterhaltsam, everybody\u2019s darling. Aber die Jahre sind nicht spurlos an ihm vor\u00fcber gegangen. Er turnt auch nicht mehr auf seinem Stuhl herum, sondern steht am Pult und liest seinen Vortrag vom Blatt ab. Der alte Witz blitzt nur noch gelegentlich auf, so, wenn er die Nachricht von Cleopatras Tod als <em>fake news<\/em> bezeichnet.<\/p>\n<p>Am Anfang des Vortrags geht er auf seine vielen Begegnungen mit der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft ein. Besonders in Erinnerung hat er das erste gemeinsame Treffen nach der Vereinigung. Da wurde er als Gastredner eingeladen. Man konnte sich nicht einigen, wo die Vereinigungstagung stattfinden sollte! Bochum oder Weimar? Man entschied sich f\u00fcr Wien.<\/p>\n<p>Er geht auf drei Dialoge n\u00e4her ein, einen aus der Mitte, einen vom Anfang, einen vom Ende von Antony and Cleopatra. Das St\u00fcck ist f\u00fcr ihn eins der komplexesten Werke Shakespeares. Es ist auch eins der l\u00e4ngsten, das mit den meisten Szenen (42) und dem gr\u00f6\u00dften Redeanteil einer weiblichen Figur nach Rosalinde aus <em>As You Like It<\/em>. Die r\u00f6mische Welt ist allerdings eine fast ausschlie\u00dflich m\u00e4nnliche.<\/p>\n<p>Smallwood versteht das St\u00fcck in erster Linie als Antithese: Rom gegen Alexandria, Ost gegen West, Antonius gegen Octavian, Gewalt gegen Frieden, Leidenschaft gegen Ratio, aber auch Anthony gegen Cleopatra!<\/p>\n<p>Rom, sagt er, gew\u00e4hrte Kleopatra gro\u00dfe Privilegien und konzedierte ihr den Titel <em>Absolute Queen<\/em>. Zu einer Zeit, als Rom, wenigstens nominell, immer noch eine Republik war! Kleopatra herrschte nicht nur \u00fcber \u00c4gypten, sondern \u00fcber eine Reihe anderer L\u00e4nder des Ostens, obwohl sonst Rom alle lokalen Herrscher unter seine Oberaufsicht stellte.<\/p>\n<p>Am Ende des Vortrags zitiert er David Lodge. Der war Kollege von ihm in der Anglistik in Birmingham. Ob einer von Lodges Charakteren auf Robert Smallwood beruht? Stoff genug w\u00fcrde er bestimmt bieten. Man m\u00fcsste einen der alten Romane noch mal lesen und diese Spur verfolgen.<\/p>\n<p>Nach dem Vortrag besichtigen wir das Geburtshaus, gleich neben dem Shakespeare Centre in der Henley Street gelegen. Als wir auf den Eintritt warten, spreche ich kurz mit einer Frau, die in einer gemeinsamen Vorstellungsrunde etwas losgetreten hatte, indem sie sagte, seit wann sie Mitglied der Shakespeare-Gesellschaft ist: 1973! Da kam dann immer wieder jemand, der schon noch l\u00e4nger Mitglied ist und zwischendurch ein junger Mann, der sagte: In dem Jahr bin ich gerade mal geboren. Die Frau erz\u00e4hlt mir, dass sie als junge Anglistik-Studentin in der DDR von einer Lektorin eingeladen wurde, Mitglied zu werden. Das war mit wenig Kosten verbunden und man konnte viele Leute kennenlernen. Und Shakespeare-Texte mit russischen Annotationen lesen.<\/p>\n<p>Man wird durch die Ausstellung geschleust, bevor man ins Geburtshaus selbst kommt. Die ist sehr allgemein gehalten und bietet dem Fachmann nichts Neues. Dennoch finde ich den herablassenden Kommentar eines Mitreisenden \u2013 \u201eF\u00fcr die Japaner\u201c \u2013 unangemessen. Die Ausstellung ist eben f\u00fcr Nichtinitiierte.<\/p>\n<p>Man sieht u.a. das alte Marktkreuz, an dem Shakespeares Vater seine Waren vertrieb und einen Kupfertopf mit F\u00fc\u00dfen, der direkt in den Ofen gestellt wurde. Und Shakespeare-Ausgaben aus aller Herren L\u00e4nder.<\/p>\n<p>Ansonsten ist die Ausstellung virtuell. Man h\u00f6rt To be or not to be in allen m\u00f6glichen Sprachen, von Dutzenden gew\u00f6hnlicher Menschen auf der Stra\u00dfe rezitiert. Und man sieht die Anverwandlung von Shakespare in der heutigen Zeit, in Kitsch und Karikaturen.<\/p>\n<p>Das Haus selbst ist erstaunlich gro\u00df. Hier lebten keine armen Leute. Schon Shakespeares Vater hatte es zu was gebracht. Er war <em>bailiff<\/em> von Stratford geworden, was grob unserem B\u00fcrgermeister entspricht. Das Haus ist eine Kombination dreier H\u00e4user, die er, der Vater, aufkaufte und miteinander verband. Ein Immobilienhai? Das Haus beherbergte auch seine Werkstatt. Er produzierte in erster Linie Handschuhe. Das Rohmaterial kam von Eichh\u00f6rnchen! Man spricht hier vom <em>grey<\/em> <em>squirrel<\/em>, aber das ist irref\u00fchrend. Der Begriff bezog sich auf die graue Winterf\u00e4rbung des roten Eichh\u00f6rnchens, nicht auf das erst sp\u00e4ter aus Amerika\u00a0 eingewanderte graue Eichh\u00f6rnchen.<\/p>\n<p>In der Halle wurde gegessen, an einem l\u00e4nglichen Holztisch, mit einem breiteren Stuhl f\u00fcr den Vater, dem Familienvorstand, am Kopf des Tisches und Holzb\u00e4nken an deren Seiten. Die Hauptmahlzeit wurde schon um 11 Uhr eingenommen. Verr\u00fcckt, wie sehr das Essen reguliert war: Shakespeares Familie durfte als Mittelst\u00e4ndler zwei G\u00e4nge pro Mahlzweit einnehmen. Wer hat das wohl kontrolliert? Bei \u00e4rmeren Familien resultierte der einzige Gang aber wohl eher aus der Not. Gefastet wurde dreimal in der Woche: Mittwoch, Freitag, Samstag. Was genau Fasten bedeutet, ist nicht ganz klar. Hier scheint gemeint zu sein, dass es an diesen Tagen Fisch gab. Wenn es an den anderen Tagen Fleisch gab, war das halb so wild.<\/p>\n<p>Das Fenster, das urspr\u00fcnglich zur Stra\u00dfe hinausging, hat man hier nach oben geschafft, um es zu sch\u00fctzen. Es ist voll von Kritzeleien. Hinz und Kunz, aber nicht nur die, haben ihren Namen in das Fenster geritzt, um zu belegen, dass sie hier waren. Auch Scott und Carlyle waren sich nicht zu schade dazu.<\/p>\n<p>\u00dcberall auf dem Gel\u00e4nde sind F\u00fchrer in Kost\u00fcmen der Shakespeare-Zeit, meist ganz einfacher Kleidung aus Leinen. Als ich in das hintere Geb\u00e4ude komme, werde ich von einem solchen F\u00fchrer in Empfang genommen, einem f\u00fclligen Mann mit einem merkw\u00fcrdig statischen Blick, der fast etwas unterbemittelt wirkt. Er fragt mich, ob ich zu der Deutschen Shakespeare Gesellschaft geh\u00f6re. Wir kommen ins Gespr\u00e4ch und ich merke, wie gut er \u00fcber Deutschland informiert ist und wechsle auf Nachforschungen im Internet auf der Suche nach deutschen Quellen zu Shakespeare. Inzwischen sind zwei andere M\u00e4nner aus unserer Gruppe zu uns gesto\u00dfen. Der Mann kennt auch ihre Heimatst\u00e4dte und wei\u00df sie zu lokalisieren. Dann fragt er uns, ob wir Shakespeares Sonnet \u201eLet me not to the marriage of true minds\u201c kennen und wir rezitieren unisono die zweite Zeile. Der Mann erz\u00e4hlt dann, welche deutsche Version er dazu gefunden hat und rezitiert das ganze Sonett auf Deutsch. Einer der anderen M\u00e4nner, statt ihm Reverenz zu zeigen, sagt von sich: \u201eIch kann zehn Sonette auswendig!\u201c. Wie ein Viertkl\u00e4ssler.<\/p>\n<p>Am Abend gibt es dann <em>Antony and Cleopatra<\/em> im Theater, einem Theatermarathon, bei dem einem leicht die Luft ausgeht. Antony will und will nicht sterben, und als er es dann endlich doch geschafft hat, bleibt immer noch ein kompletter Akt.<\/p>\n<p>Kleopatra wird von einer dunkelh\u00e4utigen Schauspielerin gespielt, die die ganze Klaviatur spielt: von der albernen Teenagerin \u00fcber die zickige Frau und die Femme Fatale bis zur Herrscherin. Diese Rolle spielt sie vor allem im Moment des Todes aus. Sie l\u00e4sst sich f\u00fcr den Selbstmord in ihre Herrscherrobe kleiden, mit einem Diadem auf dem Kopf, und setzt sich auf den Thron, um sich voller Selbstbeherrschung die Schlange an die Brust zu legen. Ein Raunen geht durchs Publikum, als sie sich, bevor sie den Kopfputz anlegt, ihre Per\u00fccke abnimmt und kahlk\u00f6pfig dasteht. Das ist historisch korrekt (aber wohl nicht im Text), und es konterkariert die r\u00f6mische Auffassung des kahlen Kopfes als Zeichen von Strafe, Unterwerfung, Dem\u00fctigung.<\/p>\n<p>Die Charaktere der drei m\u00e4nnlichen Konkurrenten wird bei der Bootsszene gut herausgearbeitet, wo man einen M\u00e4nnerabend verbringt, wie er im Buche steht, mit Wein, lockeren Spr\u00fcchen, Liedern, Schulterklopfen, Frotzeleien. Antonius gibt sich der Sache ganz hin und verbr\u00fcdert sich mit allen, Lepidus betrinkt sich sinnlos und muss am Ende von Bord geschleppt werden, Octavian macht mit, aber steht etwas abseits und hat sich unter Kontrolle. Am Ende des St\u00fcckes, als er die letzten Worte gesprochen hat, scheint er zu einer Statue seiner selbst zu erstarren \u2013 ein Ausblick auf das, was kommt.<\/p>\n<p>Von dem dritten Teil ist die Rede. Das kann auf verschiedene Weise verstanden werden: einer von drei Teilen, die die Welt ausmachen: Himmel, Erde, Wasser; einer von drei Kontinenten (mit der ironischen Auslassung des vierten Kontinents, Amerika, der Shakespeares Zuschauern, aber nicht den R\u00f6mern bekannt war).<\/p>\n<p>Der Schauspieler, der gestern den C\u00e4sar gespielt hat, spielt heute den Enobarbus. In beiden St\u00fccken unterscheidet er sich in der Aussprache des \/r\/ von allen anderen. Er rollt oder trillt es, als C\u00e4sar durchgehend, als Enobarbus hin und wieder. Ich suche vergeblich nach einer Erkl\u00e4rung daf\u00fcr.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">16. August (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Der Tag beginnt mit Sonnenschein, und das \u00e4ndert sich auch bis zum Abend nicht. Der sch\u00f6nste Tag der Woche, hell und warm.<\/p>\n<p>Irgendwann im Laufe der Woche sehe ich mir die britischen M\u00fcnzen an. Der Anlass ist eine Situation in einem Imbissladen, wo ein Kunde den Verk\u00e4ufer nach alten Ein-Pfund-M\u00fcnzen fragt. Davon sind einige wohl besonders begehrt. Dieser Tage h\u00e4tte ich ihm noch helfen k\u00f6nnen. Ein freundlicher Mann am Postschalter hat mir geholfen, die alten M\u00fcnzen auszusortieren. Wer wei\u00df, welche Sch\u00e4tzchen noch darunter waren?<\/p>\n<p>Die neuen M\u00fcnzen sind seit 2008 im Umlauf. Seitdem bin ich nur einmal in England gewesen. Insgesamt sind 28 Milliarden M\u00fcnzen im Umlauf. Am h\u00e4ufigsten vertreten ist der Penny, am seltensten das 25-Pence-St\u00fcck. Alle M\u00fcnzen sind rund, bis auf die 20-Pence- und die 50-Pence-M\u00fcnze, mit ihrem grob gesprochen achteckigen Form.<\/p>\n<p>Als ich zum ersten Mal in England war, war das Dezimalsystem noch nicht eingef\u00fchrt. 20 Schilling waren ein Pfund, 12 Pennies waren ein Schilling. Gut f\u00fcrs Kopfrechnen. Das wurde auch Jahre sp\u00e4ter noch ernsthaft gegen die Einf\u00fchrung des Dezimalsystems angef\u00fchrt. Es gab aber schon die ersten neuen M\u00fcnzen als Vorboten des neuen Systems, 10 Pence und 20 Pence, einfach, damit sich die Leute an die neuen M\u00fcnzen gew\u00f6hnen konnten. Denen wurde dann einfach ein Wort von einem bzw. zwei Schilling gegeben.<\/p>\n<p>Ins RST passen 1.100 Zuschauer. Entspricht ziemlich genau meiner Sch\u00e4tzung. Drei hoch aufragende R\u00e4nge, dazu (relativ wenige) Pl\u00e4tze um die B\u00fchne herum. Ob Parkett oder Rang, alle sitzen nahe an der B\u00fchne. Ein Nachteil der Shakespeare-B\u00fchne, der Arena-B\u00fchne (<em>thrust stage<\/em>): Man kann oft schlecht verstehen, wenn in die andere Richtung gesprochen wird.<\/p>\n<p>Immer noch durch den Kopf geht mir Robert Smallwoods Betonung von <em>hear a play<\/em> (im Gegensatz zu <em>see a play<\/em>). Das h\u00e4tten die Elisabethanischen Zuschauer getan. Ich hatte genau das Gegenteil erwartet. Schade, dass es nach dem Vortrag keine Fragestunde gibt.<\/p>\n<p>Bei der Diskussion der Auff\u00fchrung vom Vorabend unter Leitung von Gill Day sehen wir Bilder von der Vorstellung. Da merkt man, was man alles nicht mitbekommen oder schon vergessen hatte. Die erste r\u00f6mische Szene spielt in den Thermen. Daran konnte sich keiner mehr erinnern! Es wird kontrovers diskutiert, ob das sinnvoll ist. Scheint es den stereotypen Kontrast zwischen dem n\u00fcchternen, kontrollierten Rom und dem sinnenfreudigen, bunten Alexandria nicht zu relativieren? Es zeigt die R\u00f6mer in der Freizeit, nicht bei der Pflichterf\u00fcllung. Und beim Genuss von Wein. Wenn das die Intention ist, wird diese F\u00e4hrte aber im weiteren Verlauf des St\u00fccks nicht weiter verfolgt.<\/p>\n<p>Eigentlich wird alles kontrovers diskutiert. Gill Day hat die Szenerie bei der Auff\u00fchrung zu sehr an Filmkulissen erinnert, an Hollywood, die glatten Statuen der katzenk\u00f6pfigen G\u00f6tter zum Beispiel. Andere argumentieren, dass die Szenerie eher dezent ist. L\u00e4ngst nicht so opulent wie in den Filmen.<\/p>\n<p>Auch Kleopatra selbst wird sehr unterschiedlich gesehen. Einige fanden, sie habe zu sehr dem Klischee der Verf\u00fchrerin entsprochen, einige fanden sie in der ersten H\u00e4lfte des St\u00fccks besser und in der zweiten schlechter, andere gerade umgekehrt. Antonius wird von den meisten als sehr n\u00fcchtern, milit\u00e4risch empfunden, nicht als der Charmeur, den man sich vorstellt. Das finden einige gut, andere schlecht.<\/p>\n<p>Octavian scheint keine gro\u00dfe Pers\u00f6nlichkeit zu haben, aber er ist sehr kontrolliert, auf eine unaufdringliche Art. Mir erschien er ein bisschen zu mausgrau. Aber das fanden die meisten nicht.<\/p>\n<p>In einer Stelle des St\u00fcckes bezeichnet Kleopatra ihn <em>scarce-bearded<\/em>, als Milchgesicht. Tats\u00e4chlich war er damals erst 23 und etwa 20 Jahre j\u00fcnger als Antonius. In der Auff\u00fchrung wird das nicht deutlich, obwohl Octavian glattrasiert ist und Antonius einen Bart tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Nach der Diskussion schleiche ich mich weg und gehe zu einer Stadtf\u00fchrung. Die ist sehr unterhaltsam und auch ganz informativ. Eine mittelalte, extrovertierte Frau, die hier aus der Gegend stammt, macht die F\u00fchrung. Wir sind eine eher gro\u00dfe Gruppe, zwei Iren, ein Paar aus Singapur, alle anderen aus England.<\/p>\n<p>Der erste relevante Haltepunkt ist ganz oben in der Bridge Street, einer ungew\u00f6hnlich breiten Stra\u00dfe, deren beide Trassen oben zusammenlaufen und sich dann wieder trennen. An dem Scheidepunkt ist ein Haus, das eine Bank beherbergt. Da habe ich am Morgen vergeblich versucht, Geld abzuheben.<\/p>\n<p>Von hier aus sieht man die Bridge Street hinunter bis zu der Br\u00fccke, von der sie ihren Namen hat. Das ist die Clopton Bridge. Clopton war ein B\u00fcrger von Stratford, der \u2013 wie Shakespeare \u2013 nach London ging und dort Karriere machte. Er wurde am Ende B\u00fcrgermeister. Seiner Heimatstadt vermachte er diese Br\u00fccke, eine Br\u00fccke aus Stein, zu einer Zeit, als die meisten Br\u00fccken noch aus Holz waren. Da, wo die Br\u00fccke ist, war fr\u00fcher eine Furt. Und das erkl\u00e4rt den Namen der Stadt: Die Stra\u00dfe, die zu der Furt f\u00fchrt, die \u00fcber den Fluss f\u00fchrt. Avon bedeutete, wie viele Flussbezeichnungen, einfach \u201aWasser\u2018, \u201aFluss\u2018.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter kommen wir an einem Verwaltungsgeb\u00e4ude vorbei, einer Art Kreisverwaltung. An dem Geb\u00e4ude steht Stratford-on-Avon. Das ist der Name des Distrikts. Der Name der Stadt ist, Gott wei\u00df warum, Stratford-upon-Avon.<\/p>\n<p>Gleich zu unserer Seite sind zwei Fachwerkh\u00e4user. Wir sollen raten, welches das \u00e4ltere ist. Gar nicht so einfach. Das rechte, das aufwendiger verzierte, ist das j\u00fcngere, fr\u00fches 20. Jahrhundert. Erst auf den zweiten Blick sieht man, dass bei dem \u00e4lteren die Querbalken sich mehr verzogen haben. Stratford hat viel Fachwerk, teils noch original, aber hinter Putz verborgen, teils, wie hier, nicht original, sondern historisierend nachgebaut.<\/p>\n<p>In das Stra\u00dfenpflaster der Henley Street, in die wir jetzt einbiegen, sind Buchstaben eingelassen, Worte. Shakespeare-Zitate? Nein, ausnahmsweise nicht. Hier ist jemand auf die Idee gekommen, zuzuh\u00f6ren, was ganz normale Passanten sagen und das hier \u201eaufzuschreiben\u201c: \u201eMight as well get out a large sum.\u201c \u201eIt\u2019s too weird for me.\u201c<\/p>\n<p>Wir machen einen kurzen Halt vor dem Geburtshaus. Der Reichtum der Besitzer kommt auch in dem Schornstein, der relativ gro\u00dfen Fensterfl\u00e4che und dem steinernen Dach zum Ausdruck.\u00a0 An der Fassade ist ein kleines St\u00fcck unverputzt gelassen worden, so dass man die Technik sehen kann, das Flechtwerk (<em>wattle<\/em>) unter dem Lehm (<em>daub<\/em>), zusammen bekannt als <em>wattle and daub wall<\/em>.<\/p>\n<p>Wir gehen aus unerfindlichen Gr\u00fcnden durch ein neu entstehendes Einkaufszentrum. In einem offenen Innenhof hat man einen Puck aufgestellt und die W\u00e4nde mit Pflanzen bepflanzt, die in <em>Midsummer Night\u2019s Dream<\/em> vorkommen.<\/p>\n<p>Am anderen Ausgang stehen wir an einer etwas gr\u00f6\u00dferen Kreuzung mit einem Parkplatz, der wohl fr\u00fcher mal Marktplatz war: Rothbone (Rathbone?) Market. Der Name ist abgeleitet von dem alten englischen Wort f\u00fcr \u201aVieh\u2018, hei\u00dft es. Sagt mir gar nichts.<\/p>\n<p>An einer Ecke des Platzes steht <em>The Thatched Tavern<\/em>, das einzige Haus, das noch teils ein Reetdach hat. Es stand gerade au\u00dferhalb des eigentlichen Zentrums und unterlag deshalb nicht der Regel, derzufolge alle Reetd\u00e4cher durch Stein ersetzt werden mussten. Eine Feuerschutzma\u00dfnahme.<\/p>\n<p>Ganz in der N\u00e4he sto\u00dfen wir auf das Rathaus, einen klassizistischem, beinahe quadratischen Bau aus warmem, gelbem Sandstein. Der kommt aus den Cotswolds, ganz in der N\u00e4he.<\/p>\n<p>In einer Nische im zweiten Geschoss ist eine Statue eingelassen. Shakespeare. Mal wieder. Die Statue ist ein Geschenk von David Garrick, dem Schauspieler, der das erste Shakespeare-Festival in Stratford veranstaltete und damit den Tourismus hierher brachte. Bei dem Festival regnete es tagelang in Str\u00f6men. Erstaunlicherweise wurden keine Shakespeare-St\u00fccke aufgef\u00fchrt!<\/p>\n<p>Wir kommen zu einem langgestreckten Fachwerkhaus, das ein Hotel beherbergt: The Shakespeare. Das hat eine Suite f\u00fcr frischgebackene Ehepaare. Wir werden nach Vorschl\u00e4gen f\u00fcr einen Namen f\u00fcr diese Suite gefragt. Die offensichtliche Antwort ist <em>Romeo and Juliet<\/em>. Aber dann trudeln Alternativen ein: <em>A Midsummer Night\u2019s Dream. <\/em><em>Love\u2019s Labour\u2019s Lost. The Comedy of Errors. The Tempest. The Taming of the Shrew. <\/em><em>Much Ado About Nothing. <\/em><\/p>\n<p>Ganz in der N\u00e4he das Harvard House, ein schmaleres Fachwerkhaus. Die Familie Harvard stammte aus Stratford und legte den Grundstein zu der Bibliothek, aus der sp\u00e4ter die Harvard University erwuchs. Das Haus geh\u00f6rt bis heute der Harvard University. Die k\u00f6nnten sich allerdings ein bisschen mehr darum k\u00fcmmern. Ich sehe mir das Haus sp\u00e4ter n\u00e4her an. Es kann nicht mehr besichtigt werden und sieht ziemlich vernachl\u00e4ssigt aus. Unten fehlen sogar einige der kleinen Fensterscheiben.<\/p>\n<p>Wir kommen zu der Guild Chapel und der quer dazu stehenden Guld Hall, in der die alte Grammar School untergebracht war, Shakespeares Schule. Die beiden Geb\u00e4ude geh\u00f6ren zusammen und haben auch eine innere Verbindung, obwohl sie ganz unterschiedlich aussehen.<\/p>\n<p>Die Guild Chapel, mittelalterlich, einschiffig, mit langen, viktorianischen Glasfenstern, war urspr\u00fcnglich die Kapelle einer Gilde (wohl nicht in dem beruflichen Sinne), der man freiwillig beitreten konnte. Man musste dann einen Obolus f\u00fcr die Armenf\u00fcrsorge entrichten und bekam daf\u00fcr Gebete f\u00fcr die Seele nach dem Tod zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Der Status der Guild Chapel ver\u00e4nderte sich, vielleicht sogar mehrmals, w\u00e4hrend der Reformation, aber die Details verstehe ich nicht. Jedenfalls wurden die Buntglasfenster entfernt und die mittelalterlichen Fresken \u00fcbert\u00fcncht. All das war Aberglauben. Diese Aktion k\u00f6nnte unter Shakespeares Vater stattgefunden haben, der als B\u00fcrgermeister daf\u00fcr verantwortlich war. Und das, obwohl er vielleicht heimlich bis ans Lebensende Katholik geblieben ist.<\/p>\n<p>Man hat jetzt einige der mittelalterlichen Fresken wieder freigelegt. Man sieht ein Letztes Gericht mit den Seligen auf der einen und den Verdammten auf der anderen Seite.<\/p>\n<p>In den viktorianischen Fenstern erscheinen verschiedene Figuren, die eine Beziehung zu Stratford hatten, darunter Edward VI. Zu dessen Regierungszeit wurde offensichtlich die ganze Institution, ver\u00e4ndert, wieder auf eine legale Basis gestellt, nachdem sie in den Anf\u00e4ngen der Revolution verboten war.<\/p>\n<p>Wir kommen in eine park\u00e4hnliche Gegend, wo Hall\u2019s Croft steht, das Haus von Shakespeares Schwiegersohn, einem Arzt. Er muss sehr kundig gewesen sein, f\u00fchrte auch Behandlungen durch, aber keine chirurgischen Eingriffe. Die blieben den <em>surgeons<\/em> vorbehalten, einer \u201eniedrigeren\u201c Klasse von \u00c4rzten. Deren Titel ist auch heute noch <em>Mister<\/em>, nicht <em>Doctor<\/em>. Hall hatte, wie die \u00c4rzte seiner Zeit, ziemlich verr\u00fcckt klingende, aber nicht ganz abwegige Heilmethoden, teils auf Naturheilkunde beruhend. Erk\u00e4ltungen wurden zum Beispiel mit dem Speichel von Fr\u00f6schen bek\u00e4mpft. Die hielt man so lange \u00fcber dem offenen Mund, bis sie Speichel absonderten.<\/p>\n<p>Dr. Hall ist der Autor eines posthum aufgrund seiner Notizen publizierten Buchs mit dem wunderbaren Titel <em>Select observations on English bodies, or Cures both empericall and historicall performed upon very eminent persons in desperate diseases.<\/em> F\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung mussten seine Notizen \u00fcbersetzt werden \u2013 vom Lateinischen ins Englische!<\/p>\n<p>Hall war der Mann von Shakespeares Tochter, dem einzigen seiner Kinder, das ihn \u00fcberlebte. Die Kinder dieses Ehepaars starben aber auch alle kinderlos, und damit war die Linie der Shakespeares ausgestorben. Es sei denn, man sucht nach illegitimen Nachkommen aus der Zeit der <em>Lost Years<\/em>, nachdem er Stratford verlassen hatte.<\/p>\n<p>Shakespeare muss st\u00e4ndig mit dem Tod konfrontiert worden sein. Unter anderem durch verschiedene Epidemien. Er selbst \u00fcberlebte die Pest, die in Stratford ausbrach, als er ein Kind war und die einem Siebtel der Bev\u00f6lkerung das Leben kostete. Als er geboren wurde, waren schon seine beiden \u00e4lteren Geschwister gestorben, und von den drei Schwestern, die noch folgten, \u00fcberlebte ihn nur eine, die beiden Br\u00fcder starben.<\/p>\n<p>Das Haus der Halls \u00e4hnelt sehr Shakespeares Geburtshaus, ist aber etwas kleiner. Auch hier viel Fensterfl\u00e4che. Bevor Glas Allgemeingut wurde, benutzte man Kuhhorn. Da drang dann nur ganz leicht das Licht ein.<\/p>\n<p>Dann kommen wir noch zu der Pfarrkirche. Wir sind gerade rechtzeitig vor dem Mittagskonzert, um uns die Kirche kurz anzusehen. Der Chor liegt nicht auf einer geraden Achse mit dem Mittelschiff, sondern biegt etwas ab. Das wird fromm gedeutet als Anspielung auf das geneigte Haupt Christi am Kreuze, aber das ist nat\u00fcrlich Unsinn. Es ist einfach eine architektonische Fehlkalkulation. Und die gibt es nicht nur in Stratford.<\/p>\n<p>Um in den Chor zu kommen, muss man zahlen. Der Chor schlie\u00dft, wie bei den meisten englischen Kirchen, gerade ab.<\/p>\n<p>Das Grab Shakespeares ist direkt vor dem Altar. Er wurde hier, in dieser privilegierten Lage, nicht begraben, weil er ein ber\u00fchmter Schriftsteller war, sondern weil er ein angesehener, reicher B\u00fcrger war. Auf seiner Grabplatte der ber\u00fchmte Fluch an diejenigen, die wagen sollten, sich an seinen Gebeinen zu vergreifen. Der Grund daf\u00fcr liegt, unserer F\u00fchrerin zufolge darin, dass nach einer Karenzzeit die Knochen ausgegraben und dann in einem Charnel House deponiert wurden. Das mag sein, das war sicher der Normalfall, aber wohl nur f\u00fcr diejenigen, die auf dem Kirchhof begraben wurden. Der Fluch bleibt r\u00e4tselhaft.<\/p>\n<p>Neben Shakespeares Grab das seiner Frau und einer Reihe von Angeh\u00f6rigen, darunter auch Dr. Hall. Der hat sicher auch ein bisschen \u201enachgeholfen\u201c, als es darum ging, die ganze Familie hier bestatten zu lassen, einer neben dem anderen, direkt vor dem Altar.<\/p>\n<p>In die n\u00f6rdliche Seitenwand ist die Shakespeare-B\u00fcste eingelassen, etwa in halber H\u00f6he. Shakespeare hat Kinnbart und Schn\u00e4uzer (auf anderen Abbildungen Vollbart) und h\u00e4lt eine Feder in der Hand. Die wird jedes Jahrerneuert, am Todestag (der m\u00f6glicherweise mit dem Geburtstag \u00fcbereinstimmt).<\/p>\n<p>\u00dcber Shakespeares Aussehen wissen wir nichts Genaues. Die F\u00fchrerin h\u00e4lt die B\u00fcste f\u00fcr ein realistisches Portrait, dem einzigen realistischen au\u00dfer dem in der ersten Folio-Ausgabe. Das leuchtet allerdings hinten und vorne nicht ein, schon deshalb, weil die beiden Darstellungen sehr unterschiedlich sind. Im Folio sieht man einen Mann mit schmalem Gesicht und hellen Augen, ein kluger Kopf. Bei der B\u00fcste hat man eher den Eindruck, dass man es mit dem \u00f6rtlichen Metzgermeister zu tun hat. Die F\u00fchrerin scheint das aber nicht zu jucken. Sie argumentiert, dass die Freunde, Henning und Conwell, die die Folio-Ausgaben besorgten, Shakespeare schlie\u00dflich kannten und ein wirklichkeitsgetreues Bild von ihm hinterlassen wollten. Aber erstens war er da schon ein paar Jahre tot, und vielleicht hatten sie sich schon viele Jahre vorher nicht mehr gesehen, zweitens spricht nichts dagegen, dass sie ein besch\u00f6nigendes Bild ihres Freundes hinterlassen wollten.<\/p>\n<p>Vor der Altarschranke steht das (etwas verst\u00fcmmelte) Taufbecken, in dem Shakespeare getauft wurde. Das Datum der Taufe ist dokumentiert, nicht das des Geburtstags. Und der Sterbetag ist dokumentiert. Von beiden Urkunden\u00a0 gibt es hier Faksimiles, mit einem bemerkenswerten, kulturhistorisch relevanten Unterschied: Der Eintrag f\u00fcr die Taufe ist auf Latein, der Eintrag f\u00fcr den Tod ist auf Englisch. Die Reformation hat ihre Spuren hinterlassen. Ein wunderbares Schmankerl zum Ende der F\u00fchrung.<\/p>\n<p>Am Nachmittag gehe ich zur <em>Grammar School<\/em>, Shakespeares alter Schule. Die Besichtigung ist teuer \u2013 8 Pfund! \u2013 und nicht sehr ergiebig. Au\u00dferdem sind die Erkl\u00e4rungen, teils Video, teils F\u00fchrer, nicht sehr hilfreich. Und dann wird man auch noch gedr\u00e4ngt, weil geschlossen wird.<\/p>\n<p>Das Geb\u00e4ude ist zweist\u00f6ckig, und unten hat man, wie in der Guild Chapel, ein paar Fresken freigelegt, die in der Reformationszeit \u00fcbert\u00fcncht wurden. Man pr\u00e4sentiert sie mit viel Stolz, aber ganz ungew\u00f6hnlich sind sie nicht.<\/p>\n<p>Die Geschichte ist ziemlich verwirrend, aber zu einer Zeit scheint die Guild Hall so etwas wie das Rathaus gewesen zu sein. Die Schule war urspr\u00fcnglich nebenan, aber als die Bev\u00f6lkerung wuchs oder mehr Jungen auf die Schule geschickt wurden, verlegte man sie in das obere Geschoss dieses Geb\u00e4udes. Und das ist eine Sensation: Die Schule, auf die Shakespeare ging, steht tats\u00e4chlich noch. Und fungiert bis heute, das ist angesichts der alten Schulb\u00e4nke mit eingeritzten Namen fast unvorstellbar, immer noch als Schule. Auf die seit ein paar Jahren auch M\u00e4dchen gehen!<\/p>\n<p>Das ober Stockwerk ist zweigeteilt. In dem ersten Teil ist die Schule, auf die Shakespeare ging. Wenn die Rekonstruktion historisch stimmig ist, gab es keine Schreibfl\u00e4che. Man sa\u00df der Reihe nach auf einer Bank und rezitierte. Ob man aber so die lateinischen Klassiker lernen konnte? In einem Video wird vorgef\u00fchrt, wie ein Sch\u00fcler das Glaubensbekenntnis aufsagt \u2013 auf Latein. Das geht sicher noch an. Die Sch\u00fcler werden auch auf Latein nach ihrem Namen gefragt und geben ihn in latinisierter Form an.<\/p>\n<p>Der andere Teil, der, wo heute die Schulpulte stehen, war zu Shakespeares Zeit der Raum f\u00fcr Auff\u00fchrungen. Hier soll er zum ersten Mal Theater gespielt haben. Aber auch das scheint mir eher Spekulation zu sein.<\/p>\n<p>Nach der Besichtigung lande ich in <em>The Fourteas<\/em>, einem Caf\u00e9, das ganz auf die vierziger Jahre getrimmt ist, mit Kellnerinnen in einfachen, kurzen Kleidchen mit Sch\u00fcrzen und mit verknoteten Kopft\u00fcchern, mit Kissen mit dem Union Jack und Durchhalteparolen und Warnungen (\u201eCareless talk costs lives\u201c) an den W\u00e4nden und Musik der Zeit aus dem englischen Pendant des Volksempf\u00e4ngers. Die Speisekarte hei\u00dft The Ration Book. Da gibt es allerdings Sch\u00e4tzchen, von denen man in der Kriegszeit nur tr\u00e4umen konnte.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">17. August (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Die ganze Nacht \u00fcber hat es unentwegt geregnet. Jetzt hat der Regen nachgelassen, aber der Himmel ist grau. Ganz anders als gestern.<\/p>\n<p>Im Internet sto\u00dfe ich zuf\u00e4llig auf Paul Edmondson, den, der uns die Einf\u00fchrung in Julius Caesar gegeben hat. Er hat ein Buch herausgebracht, in dem sich Experten verschiedener L\u00e4nder zusammenschlie\u00dfen, um die These von der umstrittenen Autorschaft zur\u00fcckzuweisen. Shakespeare hat Shakespeare geschrieben, nicht Marlowe oder der Earl of Oxford oder Queen Elizabeth. Der Anlass f\u00fcr das Buch ist der: An vielen Universit\u00e4ten r\u00e4umt man der Frage gro\u00dfen Raum ein, und es gibt sogar Universit\u00e4ten, an denen es einen Master-Abschluss daf\u00fcr gibt! Die Brunel University bietet einen M.A. in <em>Shakespeare Authorship Studies<\/em> an.<\/p>\n<p>Auf diesen Eintrag bin ich gesto\u00dfen, als ich etwas anderes suchte, aber auch in diesem Zusammenhang: Die F\u00fchrerin hat ihre F\u00fchrung mit einem humorvollen Geschichte beendet, in der die Titelhelden Shakespeares unter Zitierung anderer Titel sich der Frage der Autorschaft widmen. Und am Ende zu dem gleichen Schluss kommen: Shakespeare ist Shakespeare. Leider kann ich mich nur noch an eine Passage erinnern: \u201eAt this junction, Macbeth drew out his sword and\u2026\u201c<\/p>\n<p>Am Morgen gibt es die Diskussion des St\u00fcckes von gestern, Salome. Interessant zuzuh\u00f6ren, obwohl ich es nicht gesehen habe. Fast einhellige Meinung: Gro\u00dfe Klasse. Die Frau, die die Diskussion leitet, Anjna Chouhan, die j\u00fcngste unserer Experten, \u00a0ist sehr angetan von der Bewertung. Dies sei die erste Gruppe, die so positiv auf das St\u00fcck reagiert habe. Sie selbst hat es dreimal gesehen und ist ganz und gar davon eingenommen (und hat wohl auch einen Teil ihrer Begeisterung auf die Gruppe \u00fcbertragen, als sie die Einf\u00fchrung gab).<\/p>\n<p>Salome wird von einem Mann gespielt, einem jungen, androgynen Schauspieler mit zierlichen H\u00e4nden und weiblichen Gesichtsz\u00fcgen. Die Besetzung selbst wird nicht kritisiert. Uneinigkeit herrscht aber dar\u00fcber, ob die Besetzung durch einen Mann oder eine Frau eine Rolle spiele. Einige haben gesagt: \u201eIt doesn\u2019t matter\u201c. Aber das wurde von anderen nicht geteilt.<\/p>\n<p>Es werden kuriose Parallelen entdeckt bei Wilde: zu Yeats und zu Becket (beide ebenfalls Iren!), aber auch zu Monty Python\u2019s <em>Life of Brian<\/em>. Die Diskussionsleiterin zitiert Becket: \u201eI must kill that rat before it dies\u201c.<\/p>\n<p>Allgemeines R\u00e4tselraten \u00fcber den historischen Herodes. Ist der Herodes des Johannes des T\u00e4ufers identisch mit dem des Kindermords? Wohl nicht. Herodes der Gro\u00dfe und Herodes Antipas stehen da zur Debatte.<\/p>\n<p>Die Diskussionsleiterin fragt verzweifelt nach Dingen, die nicht so gut gefallen h\u00e4tten. Schweigen. Dann wagt sich eine nach vorne: der Mond. Der habe so eine merkw\u00fcrdige Form gehabt. Die Diskussionsleiterin machte geltend, auch das sei wohl gewollt gewesen und zitiert einen literarischen Dialog von Wilde, in dem jemand sage, man brauche doch keine Kunst, man habe doch die Natur. Worauf der andere antwortet: \u201eYes, but it is so lumpy\u201c.<\/p>\n<p>Der Mond spielt auch in anderer Sicht eine Rolle. W\u00e4hrend des gesamten St\u00fccks h\u00e4ngt er hinten, alle Charaktere, wenn sie von ihm sprechen, deuten aber mit den Fingern nach vorne: Der Mond da. Wunderbar. Da wird einem jeder Boden unter den F\u00fc\u00dfen entzogen.<\/p>\n<p>Von Begierde ist die Rede, <em>desire<\/em>. Ja, wenn man seine Aktionen auf seine Begierden aufbaue, dann werde es gef\u00e4hrlich, sagt die Frau. Aber, setzt sie hinzu, wenn man die Begierden ignoriere, dann auch.<\/p>\n<p>In der Pause haben wir zu viert ein kurzweiliges, anregendes Gespr\u00e4ch \u00fcber Theater und Englisch, wunderbar. So wohl habe ich mich die ganze Zeit hier noch nicht gef\u00fchlt. Ein junger Mann, Englischlehrer und Leiter seiner eigenen Theatertruppe, erw\u00e4hnt <em>body bag<\/em> als deutschen Pseudo-Anglizismus. Er hat solche in einem Schaufenster in Deutschland gesehen, Beutel, die schr\u00e4g \u00fcber die Brust verlaufen. Im Englischen sind das Leichent\u00fccher.<\/p>\n<p>Dann kommt Stanley Wells, einer der ganz gro\u00dfen Shakespeare-Koryph\u00e4en. Er spricht \u00fcber Shakespeare and the fun of sex. Endlich mal ein vern\u00fcnftiges Thema.<\/p>\n<p>Der Vortragsstil ist allerdings schlecht. Wells spricht oft leise, oft undeutlich, manchmal beides und spricht nach unten zu seinem Manuskript statt zum Publikum. Er ist nicht mehr der J\u00fcngste, 87.<\/p>\n<p>Wells unterscheidet zwischen sexuellen Anspielungen in Form von Wortspielen und sexuellen Anspielungen in der Dramaturgie der St\u00fccke. Der Begriff Sex ist daf\u00fcr aber fast zu kurz gegriffen. Es geht um mehr: Anziehung, Beziehung, Liebe.\u00a0 Ein klassisches Beispiel ist Rosalind aus As You Like It und ihre Beziehung zu Orlando. Als Mann verkleidet, n\u00e4hert sie sich als Diener dem geliebten Mann an. Der f\u00fchlt sich, je l\u00e4nger sie sich kennen, immer mehr zu diesem Diener hingezogen. F\u00fcr wen empfindet er dies? F\u00fcr den Diener, der \u00fcberdies Ganymede hei\u00dft, f\u00fcr die Frau, die dahinter steckt, oder f\u00fcr den m\u00e4nnlichen Schauspieler, der die Frau spielt, die sich als Mann verkleidet hat? Da beginnen eindeutige Liebesbeziehungen ins Wanken zu geraten.<\/p>\n<p>Das andere sind sexuelle Wortspiele. Davon wimmelt es nur so in den St\u00fccken. \u00a0Wells sagt, wir bek\u00e4men in den R\u00f6merdramen nicht so viel davon ab. Aber frei davon sind sie auch nicht. Mir kommt eine Szene aus Antony and Cleopatra in den Sinn. Einer der Charaktere fragt: \u201eCan Cleopatra die?\u201c Schweigen. Auf der B\u00fchne und im Publikum. Dann, nach langen Sekunden, bricht der Angesprochene auf der B\u00fchne pl\u00f6tzlich in etwas vulg\u00e4res Lachen aus. Dann zieht das Publikum nach, einige, weil man einfach mitlacht, wenn andere lachen, andere, weil sie die Doppeldeutigkeit von die erkannt haben: Es bedeutet auch kommen im sexuellen Sinn.<\/p>\n<p>Wells zitiert Passagen aus mehreren St\u00fccken, wo eine m\u00f6gliche Doppeldeutigkeit gleich eine ganze Reihe anderer Doppeldeutigkeiten nach sich zieht. In einem Dialog aus <em>The Taming of the Shrew<\/em> generiert eine zweite Bedeutung von <em>bee<\/em> eine ganze Reihe eindeutiger Zweideutigkeiten: <em>bee \u2013 buzz \u2013 buzzard \u2013 wasp \u2013 sting \u2013 tail<\/em>.<\/p>\n<p>Diese Art von Wortspiel \u00e4ndert sich im Laufe der Karriere von Shakespeare. Die sexuellen Anspielungen werden weniger und dunkler \u2013 <em>dwindle and darken<\/em> \u2013 und werden zynischer, bitterer. Wells sieht darin auch eine Ver\u00e4nderung der Pers\u00f6nlichkeit Shakespeares reflektiert. Im Alter wurde er ernster, nachdenklicher.<\/p>\n<p>Eine eigentlich \u00fcberfl\u00fcssige Frage am Ende des Vortrags, bei der der Fragende glaubt, ein ganzes Sonett zitieren zu m\u00fcssen, f\u00fchrt aber noch ein paar interessanten Ausf\u00fchrungen.\u00a0 Auch in den Sonetten wimmelt es von Wortspielen. Wells nennt eins, im dem das Wort will dreizehn Mal vorkommt, mit f\u00fcnf verschiedenen Bedeutungen.<\/p>\n<p>Wells sagt, er pers\u00f6nlich glaube, Shakespeare sei bisexuell gewesen. Aber die der Frage zugrundeliegende Vermutung, man k\u00f6nne das aus den Sonetten herleiten, scheint er nicht zu bejahen.<\/p>\n<p>Die Sonette seien kein Zyklus im eigentlichen Sinne, sondern eine Reihe von Gedichten, die, teils unverbunden, in verschiedenen Phasen entstanden seien. Die ersten 16-17 hingen zwar zusammen, aber sie seien vielleicht eine Auftragsarbeit gewesen, von einer Mutter, die ihren Sohn animieren wollte, endlich an Heirat zu denken. In diesem Sinne spreche zwar der Sprecher der Gedichte zu einem Mann, aber nicht notwendigerweise Shakespeare.<\/p>\n<p>Am Nachmittag spricht eine gro\u00dfe, kantige Frau, Catherine Alexander, \u00a0hinter der man keine Literaturexpertin vermutet, \u00fcber Titus. Sie hat eine klare Diktion und spricht auff\u00e4llig langsam. Man versteht jede Silbe.<\/p>\n<p>Sie spricht erst \u00fcber die Rezeption des <em>Titus Andronicus<\/em> und all des Schimpfs, der im Laufe der Jahrhunderte \u00fcber das St\u00fcck ausgegossen worden ist, von namhaften Literaten und Kritikern, darunter Dr. Johnson, Coleridge und T.S. Eliot. Das St\u00fcck sei \u201ebarbarous\u201c, \u201euninspired\u201c, \u201ea heap of rubbish\u201c, sei nur etwas f\u00fcr \u201evulgar audiences\u201c und ohnehin unauff\u00fchrbar. Das tollste Argument: Das St\u00fcck sei \u201etoo far removed from English life.\u201c Mit dem Kriterium kann man gleich alle Shakespeare-St\u00fccke auf den M\u00fcllhaufen werfen.<\/p>\n<p>Erst im 20. Jahrhundert sei das St\u00fcck wiederentdeckt worden, zuerst von Peter Brook hier in Stratford, der das St\u00fcck adelte, indem er es an die Stelle von Macbeth setzte, das er eigentlich inszenieren sollte.<\/p>\n<p>Die meisten Regisseure entschieden sich, um das St\u00fcck ihrem Publikum \u00fcberhaupt zumuten zu k\u00f6nnen, es entweder radikal zu k\u00fcrzen oder es als Burleske auf die B\u00fchne zu bringen.<\/p>\n<p>Alexander sieht das St\u00fcck unter dem Aspekt der Frage der Autorit\u00e4t. Und erz\u00e4hlt in dem Zusammenhang eine bemerkenswerte Episode aus der Zeit, die zeigt, dass Titus dem Elisabethanischen Publikum n\u00e4her war als uns. Es war ein Pamphlet erschienen, in dem vor einer Verbindung der K\u00f6nigin mit einem franz\u00f6sischen Prinzen gewarnt wurde. In dem Pamphlet wurde au\u00dferdem uncharmant auf das Alter der K\u00f6nigin verwiesen und den Umstand, dass sie keine Kinder mehr bekommen k\u00f6nne. Der Autor, der Herausgeber und der Drucker des Pamphlets wurden vor Gericht gestellt und verurteilt. Einer wurde am Ende begnadigt. Den beiden anderen wurde eine Hand abgehackt (ganz wie in Titus). Der erste Mann nahm nach dem Vollzug der Strafaktion mit der verbleibenden Hand seinen Hut ab und rief: \u201eLong live Queen Elizabeth!\u201c Der andere tat es ihm nach und sagte \u00fcber den ersten: \u201eHere is a true Englishman.\u201c<\/p>\n<p>Am Abend dann die Auff\u00fchrung, ganz anders als die beiden vorherigen. Dies ist ein Rom mit Pistolen, Mikrophonen, Krankenwagen und einem Auslieferer von Fast Food (Tauben!) auf einem Fahrrad. Das Konzept an sich ist stichhaltig, so kann man es machen, aber die billigen, effekthascherischen komischen Einlassungen gehen mir, je weiter das St\u00fcck voranschreitet, immer mehr auf die Nerven.<\/p>\n<p>Es gibt ein paar bewegende Szenen, darunter die der verst\u00fcmmelten Lavinia. Auch die Szene, in der Lavinia, ihrer Arme und ihrer Zunge beraubt, mit ihren Armst\u00fcmpfen ein Buch \u00f6ffnet, die Metamorphosen von Ovid, und damit auf eine Vergewaltigungsszene verweist, die ihre eigene Vergewaltigung erkl\u00e4rt, und dann die Namen der Vergewaltiger mit einem Griffel in den Sand schreibt. Oder die Szene, in der Titus, schon nicht mehr ganz bei Trost, seinen Bruder zur Schnecke macht, weil der eine Fliege get\u00f6tet hat, dann aber umschwenkt, als Markus geltend macht, es sei eine schwarze Fliege gewesen.<\/p>\n<p>Die absurde Klage \u00fcber die tote Fliege und das Bedauern von deren Mutter und Vater steht im grotesken Kontrast zu allen Grausamkeiten, die das St\u00fcck zu bieten hat und die Titus teils selbst ver\u00fcbt hat: Vergewaltigung, Verst\u00fcmmelung, T\u00f6tung des eigenen Sohns durch seinen Vater, Hinrichtung zweier Unschuldiger, ganz zu schweigen von der dramatischen Schlussszene, in der Titus bei einem Bankett Tamora eine Pastete serviert, in der das Fleisch ihrer eigenen S\u00f6hne verarbeitet ist.<\/p>\n<p>Nach der Auff\u00fchrung gehen wir noch ins <em>Dirty Duck<\/em>, dem Pub der Schauspieler. Sobald wir die Stufen hinaufgehen, wei\u00df ich wieder: Das ist das Pub, in das wir auch damals nach den Auff\u00fchrungen gegangen sind.<\/p>\n<p>Ich bin wieder verbl\u00fcfft, was die anderen alles wissen \u2013 vor allem \u00fcber die Auff\u00fchrungspraxis der St\u00fccke und die Schauspieler \u2013 und was sie alles beobachtet haben, das mir durch die Lappen gegangen ist.<\/p>\n<p>Es wird eine Episode zum Besten gegeben: Ein Pianist namens Tschaikowski (nicht verwandt mit dem Komponisten), der in England wohnte und oft die Auff\u00fchrungen nach Stratford kam, fand keinen Gefallen an den Plastiksch\u00e4deln, die im Hamlet verwendet wurden. Daraufhin vermachte er seinen Sch\u00e4del dem RSC, mit der Auflage, den Sch\u00e4del auf der B\u00fchne zu verwenden. Was dann genau passierte, dar\u00fcber gibt es unterschiedliche Versionen. Jedenfalls scheinen die Schauspieler sich mit dem echten Sch\u00e4del schwer getan zu haben, bis einer ihn bei den Proben und dann auch bei den Auff\u00fchrungen verwendete. Als das ans Licht der \u00d6ffentlichkeit kam, gab es Proteste und der echte Sch\u00e4del wurde, das sagt jedenfalls die RSC, wieder gegen den k\u00fcnstlichen ausgetauscht. Pers\u00f6nlich h\u00e4tte ich nichts gegen den echten Sch\u00e4del.<\/p>\n<p>Auf dem Heimweg sagt mir ein Mitreisender, er komme nicht mehr so gerne nach England wie fr\u00fcher, er sehe auch die Theaterauff\u00fchrungen kritischer als fr\u00fcher. An England betont er besonders das Auseinanderdriften der Gesellschaft. Das macht er am Gesundheitswesen fest und an den vielen schweren Autos, die man auch hier in Stratford sehe: immer mehr Mercedes und BMW. Das ist mir nicht aufgefallen. Jetzt, wo er es sagt, fallen mir allerdings zwei Kabrios mit offenem Verdeck auf, die ich heute auf der Br\u00fccke gesehen habe, beide von einzelnen Frauen gesteuert. In der Zeitung lese ich von einem Mann, dem der Zutritt zum Stadtzentrum von Stratford verwehrt wurde. Wegen Bettelns. Kann es sein, dass Betteln verboten ist?<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">18. August (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Im Internet finde ich: \u201eFranzosen wollen Brigitte Macron.\u201c Nach einem Klick erscheint die Schlagzeile komplett: \u201eFranzosen wollen Brigitte Macron nicht bezahlen.\u201c<\/p>\n<p>Meine Ver\u00e4rgerung \u00fcber zus\u00e4tzliche vier Euro, die ich beim B&amp;B bezahlen muss, um mit der Kreditkarte zu zahlen, habe ich wohl irgendwie zum Ausdruck gebracht. Als ich das Haus Richtung Zentrum verlasse, kommt die Vermieterin hinter mir her und dr\u00fcckt mir vier Euros in die Hand: Schlie\u00dflich machen Sie morgen ja auch nicht mehr von Ihrem Fr\u00fchst\u00fcck Gebrauch.<\/p>\n<p>Zu Titus gibt es allgemeine Zustimmung, auch zu den etwas klamaukhaften Einlagen.<\/p>\n<p>Nach der Kaffeepause kommt der Schauspieler, den wir gestern als Saturninus, dieser Tage als Cassius gesehen haben. Er kommt mit 50 Minuten Versp\u00e4tung. Und sagt nur: \u201eSorry I\u2018m late.\u201c Er ist aber verschwitzt und au\u00dfer Atem.<\/p>\n<p>Warum verliebt sich Titus in Tamora, wenn er Lavinia haben kann? Das ist die erste inhaltliche Frage zum St\u00fcck. Antwort: Er tut es nicht. Tamora ist eine Art Mutterersatz f\u00fcr ihn. Das mache der Text sogar explizit. Sie k\u00fcmmert sich um alles, und er braucht sich nicht um die l\u00e4stigen Regierungsgesch\u00e4fte zu k\u00fcmmern, sondern kann sich seinem Gameboy widmen.<\/p>\n<p>Vorher und nachher geht es eher um andere Aspekte, darunter den Applaus. Titus habe, im Gegensatz zu den anderen St\u00fccken, einen Sonderapplaus erhalten. Bei allen anderen St\u00fccken kommen die Schauspieler alle zusammen auf die B\u00fchne, es gibt zwei Runden Applaus f\u00fcr alle und dann gehen die Lichter an. Es gibt auch keinen Applaus auf offener B\u00fchne. Das sind englische Charakteristika. Die, die das kommentieren, scheinen das nicht zu sch\u00e4tzen. In Deutschland (und in der Schweiz) bek\u00e4men die Schauspieler ihren verdienten Applaus. Hier nicht so richtig. Ich pers\u00f6nlich finde das oft eher entweder st\u00f6rend oder peinlich.<\/p>\n<p>Auch er wird nach dem Auswendiglernen gefragt. Er muss zwei Rollen parallel zueinander lernen und spielen. Das sei machbar. Es gebe Kollegen, die vier oder f\u00fcnf Rollen parallel spielten.<\/p>\n<p>Richtig schwer sei das Restoration-Drama, Shakespeares Verse zu lernen sei dagegen erstaunlich leicht, sagt er, das Versma\u00df helfe. Schwierig sei aber die Unterscheidung von thou und you und den gebeugten Formen. Das kann man verstehen, aber er selbst scheint zu denken, dass das alles ganz willk\u00fcrlich ist.<\/p>\n<p>Das Versma\u00df hilft, denn, wenn was fehlt, merkt man es. Wenn er mal das falsche Wort w\u00e4hlt, ist es immer eins, das metrisch passt. Automatisch. Allerdings hindert das einen nicht daran, mal eine ganze Folge von Zeilen auszulassen. Das kann ich gut verstehen. Er erz\u00e4hlt von einer Begebenheit, wo er vier Zeilen auslie\u00df, woraufhin die \u00dcbertitel \u00fcber der B\u00fchne auf einmal anfingen, zu rasen.<\/p>\n<p>Er teilt die Regisseure in zwei Klassen ein, <em>visionaries<\/em> und <em>editors<\/em>. Zu denen geh\u00f6rten seine beiden Regisseure in dieser Spielzeit. Sie lie\u00dfen sich mehr auf das ein, was Schauspieler sagen. Wobei die Regisseurin von <em>Titus<\/em>, das klingt jedenfalls zwischen den Zeilen durch, noch gespr\u00e4chsbereiter sei als der Regisseur von <em>Julius<\/em> <em>Caesar<\/em>, der auch schon mal basta sage.<\/p>\n<p>Er erlebt jetzt, seitdem er bei der RSC angefangen hat, auch den zweiten Produzenten. Der sei ein anderer Typ. Die Atmosph\u00e4re sei gut, aber nicht mehr so entspannt wie fr\u00fcher, aber die Zuschauerzahlen seien nach oben gegangen und es gebe jetzt auch mehr Inszenierungen, die ins West End k\u00e4men.<\/p>\n<p>Nach der Mittagspause spricht dann Gil Day \u00fcber Shakespeares klassische Bildung. Die sei auf jeden Fall vorhanden gewesen, auch wenn seine Zeitgenossen, allen voran Ben Jonson, daran ihren Zweifel gehabt h\u00e4tten. Jonson sei aber selbst nur wenige Monate auf der Universit\u00e4t gewesen, habe aber auf seine akademische Ausbildung gro\u00dfen Wert gelegt und sich immer vor sich herumgetragen. Bei Milton wurde dann die Vorstellung vom Naturtalent, vom Genie, gepr\u00e4gt. Shakespeare habe nur eine schwache Grundlage gehabt, es sei ihm alles zugefallen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich sei Shakespeare aber mit den Klassikern gut vertraut gewesen. In der Schule wurde sein Latein auf vierfache Weise geschult: Memorisieren, Analysieren, Imitieren, Kreieren. Keine schlechte Lernmethode. Es ging also nicht nur darum, stupide auswendig zu lernen, sondern auch aktuelle Ereignisse in der Fremdsprache mit den Mitteln der klassischen Rhetorik zu erfassen.<\/p>\n<p>Diese Vertrautheit mit den klassischen Stoffen erweist sich in den Dramen. Bei Plautus machte er Anleihen f\u00fcr seine Kom\u00f6dien, un\u00fcbersehbar vor allem in der <em>Comedy of Errors<\/em>. Das andere Vorbild sei Terenz gewesen, der vor allem sprachlich eine gr\u00f6\u00dfere Bandbreite abgedeckt habe. Seneca galt zu Shakespeares Zeit als veraltet, aber Shakespeare machte dennoch Gebrauch davon. Gerade durch den Kontrast zu der altert\u00fcmlichen Sprache wirke dann die \u201enormale\u201c Sprache der St\u00fccke besonders modern. Bei Hamlet gibt es sogar eine Passage, in der Hamlet in der Sprache Senecas zu deklamieren beginnt und sich dann selbst stoppt und in \u201eAlltagssprache\u201c verf\u00e4llt.<\/p>\n<p>Der wichtigste Einfluss war Ovid, aber auch Plutarch war wichtig. Der war geborener Grieche und nahm den Namen Plutarch an, als er r\u00f6mischer Staatsb\u00fcrger wurde. Er hielt den R\u00f6mern den Spiegel vor, indem er seine St\u00fccke in Griechenland spielen lie\u00df, dabei aber \u00fcber r\u00f6mische Verh\u00e4ltnisse sprach. \u00c4hnlich verfuhr Shakespeare mit Rom.<\/p>\n<p>Am Abend werden wir ein St\u00fcck sehen, das Anleihen beim <em>miles gloriosus<\/em> macht, ein modernes, burleskes St\u00fcck von einem Autor namens Phil Porter. Es wird viele landeskundliche Anspielungen geben, die erfordern, dass man sehr mit der britischen Alltagskultur vertraut ist. Ein Beispiel wird genannt: <em>Ocado<\/em> ist der Lieferservice einer britischen Supermarktkette. Mit dem Namen wird in dem St\u00fcck auch gespielt.<\/p>\n<p>Am Nachmittag kommt ein wenig die Sonne raus, aber es ist ziemlich windig. Am Vormittag hat es ordentlich geregnet. Ich mache einen Spaziergang zum Bahnhof, um eine Vorstellung zu bekommen, wie lange man braucht. Auf jeden Fall kann ich das morgen bei der Abreise zu Fu\u00df bew\u00e4ltigen. Ich passiere ein chinesisches Restaurant, an dem steht: \u201eHalf price for children under 1,40.\u201c<\/p>\n<p>Am Abend gibt es dann zum Abschluss der Woche <em>Vice Versa<\/em>, ein Gegengift gegen all die Gr\u00e4uel der anderen St\u00fccke: witzig, spritzig, unterhaltsam. Er kommt zwar auch zu zwei Szenen, in denen der Kopf schon auf dem Schafott liegt, aber die Hinrichtung bleibt dann aus.<\/p>\n<p>Das ganze St\u00fcck ist auf Komik ausgerichtet, Wortspiele, teils weit hergeholte, und szenische Komik, Slapstick und Gesten, meist obsz\u00f6ne, gibt es in jeder Szene.<\/p>\n<p>Die Komik basiert teils auf den stereotypen Charakteren \u2013 dem bramarbasierenden Soldaten, dem tumben Diener, der cleveren Drahtzieherin, einem Affen \u2013 und auf einer Doppelung: die begehrte sch\u00f6ne Frau, die aus den F\u00e4ngen des Soldaten befreit werden soll, spielt gleichzeitig ihre Zwillingsschwester, die ihr nat\u00fcrlich zum Verwechseln \u00e4hnlich sieht. Shakespeare h\u00e4tte seine Freude daran gehabt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>13. Agust (Sonntag) Als ich bei meiner Unterkunft, einem Bed &amp; Breakfast Haus, klingele, \u00f6ffnet keiner. Die Klingel scheint nicht gut zu funktionieren, aber ich versuche es mehrmals und irgendwann h\u00f6rt man auch deutlich, dass die Klingel geht. 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