{"id":9171,"date":"2017-09-04T11:24:32","date_gmt":"2017-09-04T09:24:32","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=9171"},"modified":"2017-10-09T22:13:09","modified_gmt":"2017-10-09T20:13:09","slug":"mosel-2017","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=9171","title":{"rendered":"Mosel (2017)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">27. August (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Es war nicht geplant, aber es geht Punkt 7 Uhr los. Auf den Glockenschlag. Es ist k\u00fchl, von dem klassischen Sommertag, der angek\u00fcndigt war, keine Spur. Regen h\u00e4ngt in der Luft, aber es regnet nicht. F\u00fcr eine Radtour vielleicht gar nicht schlecht.<\/p>\n<p>Es ist noch still um diese Zeit. Auf den ersten Radfahrer treffe ich erst nach sieben Kilometern. Oder er auf mich. Ohne erkennbare M\u00fche f\u00e4hrt er vorbei und ist nach wenigen Momenten hinter der n\u00e4chsten Biegung verschwunden.<\/p>\n<p>In einer B\u00e4ckerei in Ruwer gibt es Zwetschgenkuchen. Brauche ich nicht. Habe ich selbst. Selbstgebackenen.<\/p>\n<p>Auf die Mosel sto\u00dfe ich erst in Schweich, nach vierzehn Kilometern. In Ehrang wird an diesem Morgen eine Bombe entsch\u00e4rft, und so habe ich den Moselradweg, um den es doch geht, gleich auf der ersten Strecke umfahren. Wohl dem, der so gut informiert (worden) ist.<\/p>\n<p>Von Schweich an geht es auf der rechten Seite der Mosel entlang, gleich am Flussufer. In\u00a0 Longuich kommt der erste Photostopp. Hinter einer geschwungenen Br\u00fccke steigt Dunst auf, von einem Sonnenstrahl erhellt, und die Br\u00fccke selbst spiegelt sich im Wasser.<\/p>\n<p>In Detzem mache ich ein weiteres Photo, wegen des Ortsnamens. Er bezeichnet die Entfernung von Detzem von Trier, in r\u00f6mischen Meilen gemessen: zehn. Das Gegenst\u00fcck dazu ist Quint: f\u00fcnf.<\/p>\n<p>In Detzem fahre ich an der Schleuse vorbei. Die wurde mir einmal von kompetenter Seite erk\u00e4rt. Sie vertritt einen von drei Schleusentypen.<\/p>\n<p>Dann kommt ein sehr sch\u00f6nes St\u00fcck. Die Mosel macht einen gro\u00dfen Bogen, Weinberge erst auf der anderen, dann auf dieser Seite. Ein sch\u00f6ner Anblick, der in Erinnerung bleibt: Aus den Weinbergen guckt der sch\u00f6ne, h\u00f6lzerne Dachreiter einer Kapelle hervor.<\/p>\n<p>G\u00e4nse, Angler, Eichh\u00f6rnchen und eine dicke, schwarz-wei\u00df gescheckte Katze. Dann noch eine, die diese \u00fcbertreffen will: schwarz-wei\u00df-braun.<\/p>\n<p>Zwischendurch entschwindet die Mosel dem Blick, dann kommt sie wieder. In Leiwen wird ein Ausflugsschiff mit Proviant beladen. Spezialit\u00e4ten-St\u00fcbchen, Biergarten, Weingut, Strau\u00dfwirtschaft, Dorfcaf\u00e9. Irgendwo kann man Weinst\u00f6cke mieten. Am Rand steht: Leasing.<\/p>\n<p>Die erste Pause mache ich in Neumagen, im Dorfcaf\u00e9. Es ist neun Uhr, der erste Sonnenstrahl kommt heraus. Ein M\u00e4dchen l\u00e4uft barfu\u00df \u00fcber den Platz, Br\u00f6tchen und Zeitung in der Hand. Eine Horde Motorradfahrer braust durch den beschaulichen Ort.<\/p>\n<p>In dem Caf\u00e9 gibt es von der freundlichen Bedienung einen guten Milchkaffee. Drau\u00dfen sitzen Holl\u00e4nder mit dem Fr\u00fchst\u00fcck. Drinnen ein Schild: &#8220;Wir haben kein W-LAN. Macht es wie vor 1995: Redet miteinander.&#8221;<\/p>\n<p>Auf der Terrasse wird &#8211; auf Franz\u00f6sisch &#8211; darauf aufmerksam gemacht, dass man keine selbstmitgebrachten Sachen verzehren darf: &#8220;Il est strictement interdit &#8230;&#8221;<\/p>\n<p>Der Ort ist ausgesprochen sch\u00f6n. Am Rande der Durchgangsstra\u00dfe steht eine Kopie des Neumagener Weinschiffs. Das wir ihnen abgeluchst haben. Man vergisst angesichts des Motivs leicht, dass es sich um ein Grabmonument handelt. Noch nie aufgefallen waren mir die beiden &#8220;Augen&#8221; am Bug des Schiffes. Sie sollen Unheil abwenden.<\/p>\n<p>Am Ortsende \u00fcbersehe ich ein Schild und fahre etwas verloren hin und her. \u00dcber die Bundesstra\u00dfe kann man nicht, und die Bundesstra\u00dfe entlang darf man nicht. Erst als ich wieder in den Ort zur\u00fcckfahre, merke ich den Fehler. Die Strecke ist gut ausgeschildert, sehr gut sogar, gelegentlich sogar mit Pfeilen auf dem Pflaster, aber verfahren kann man sich trotzdem, auch mit Karte, jedenfalls, wenn man mit meinem Orientierungssinn ausgestattet ist.<\/p>\n<p>Nach Neumagen habe ich eine Zeitlang eine sechsk\u00f6pfige Radlergruppe vor mir, lauter M\u00e4nner, mit Satteltaschen. Sie zwingen mich dazu, langsam zu fahren. Das ist gar nicht schlecht. Aber als sich dann eine L\u00fccke ergibt, fahre ich doch vorbei.<\/p>\n<p>Es geht durch Piesport. Das ist der gr\u00f6\u00dfte Weinbauort an der Mosel. Da h\u00e4tte ich falsch gelegen. Am anderen Ufer muss die r\u00f6mische Kelteranlage sein, die wir vor Jahren mal besichtigt haben, aber ich verpasse sie.<\/p>\n<p>Hinter Piesport verl\u00e4uft der Radweg direkt parallel zur Bundesstra\u00dfe. Nicht so sch\u00f6n. Ich bin selbst \u00fcberrascht, wie sehr mich der Autol\u00e4rm st\u00f6rt.<\/p>\n<p>Wieder eine sechsk\u00f6pfige Radlergruppe, wieder lauter M\u00e4nner. Ohne Gep\u00e4ck. Sie \u00fcberholen mich, sind aber nur unwesentlich schneller, und ich kann mich an sie dranh\u00e4ngen. Wir fahren an einer Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke vorbei, die genau parallel zum Weg steht. Pl\u00f6tzlich ruft einer von ihnen: Halt. Wir h\u00e4tten die Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke rauf gemusst. Das Schild ist leicht zu \u00fcbersehen. Ich habe Gl\u00fcck gehabt. Ich w\u00e4re glatt hier vorbeigefahren.<\/p>\n<p>Irgendwann geht es durch einen idyllischen Ort direkt an der Mosel. Hier sind die Stra\u00dfennamen auf Platt: <em>Engels Gaasje.<\/em><\/p>\n<p>Die Burg ganz oben am Berg k\u00fcndet Bernkastel an. Hier ist viel los. \u00dcberall h\u00f6rt man holl\u00e4ndisch. Ich habe mein Nahziel erreicht: 66km. Aber es ist erst halb zw\u00f6lf. Also fahre ich noch ein bisschen weiter.<\/p>\n<p>Eine Pause auf einer Bank am Wegesrand. Gleich vor der Wehener Sonnenuhr. Die zeigt die WOZ an, die Wirkliche Ortszeit. Da muss man 32 Minuten addieren, um auf die MEZ zu kommen. Momentan wird hier aber gar nichts angezeigt. Ohne Sonne keine Sonnenuhr.<\/p>\n<p>Weiter geht&#8217;s. Hoch \u00fcber dem Tal eine unvollendete Br\u00fccke. Ein Tr\u00e4ger scheint in der Luft zu liegen. Das ist der ber\u00fchmte <em>Moselaufstieg<\/em>, eines der umstrittensten Projekte der letzten Jahre.<\/p>\n<p>Jetzt kommt bis Traben-Trabach eine sch\u00f6ne Strecke. Von der Bundesstra\u00dfe keine Spur, auf der anderen Seite ein weites Tal mit H\u00fcgeln am Ende, hier Wald und ein paar Reben.<\/p>\n<p>Dann kommt Traben-Trabach. Es war im 19. Jahrhundert der gr\u00f6\u00dfte Weinexportort Europas nach Bordeaux! Das stattliche Br\u00fcckentor k\u00fcndet von dem Wohlstand, den der Wein brachte.<\/p>\n<p>88 km. Und inzwischen ist es ein Uhr geworden. Die Pausen sind l\u00e4nger geworden, die Geschwindigkeit l\u00e4sst nach. Eigentlich reicht es, aber ich will lieber in einem kleinen Ort absteigen. Aber auf einmal gibt es keine Ferienwohnungen, Fremdenzimmer, G\u00e4stezimmer, Pensionen mehr. Es geht in der Mittagshitze eine ziemlich \u00f6de Strecke entlang, bis Enkirch. Da fahre ich ein bisschen durch den gottverlassenen Ort, ohne was zu finden. Also geht es noch ein St\u00fcck weiter. Nach Burg.<\/p>\n<p>Im Ort drei vergebliche Versuche, Unterkunft zu bekommen: Nr. 1 \u00f6ffnet nicht, Nr. 2 (in einem alten Haus mit Strau\u00dfwirtschaft) bekommt die Zimmer nicht gemacht: Nr. 3 vermietet keine Zimmer mehr (das Schild h\u00e4ngt aber weiter an der Fassade). Dann komme ich noch mal an der &#8220;Moselfischerei&#8221; vorbei. Die haben auch Zimmer. Was mir beim ersten Mal gar nicht aufgefallen war. Und sie haben noch genau eins f\u00fcr eine Nacht frei. 45 \u20ac inkl. Fr\u00fchst\u00fcck! Ein ganz modernes, frisch renoviertes Zimmer. Optimal.<\/p>\n<p>Am Ende sind es, eher unfreiwillig, 100 km geworden, etwas zu viel f\u00fcr einen unge\u00fcbten Fahrer. Die Beine sind schwer geworden, und der Sattel ist im Laufe des Tages immer h\u00e4rter geworden. Gott sei Dank wird mir in der Moselfischerei von dem gespr\u00e4chigen Kellner eine gro\u00dfe Flasche Mineralwasser in einem K\u00fcbel serviert, der das Wasser kalt h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Der Kellner kommt aus der N\u00e4he von Heppenheim. Das sei ja gleich hinter der Grenze. Er ist schon mal bei Vettels zuhause gewesen. Die Mutter kennt er ganz gut. Aber inzwischen seien die alle ziemlich hochn\u00e4sig geworden. Kein Wunder, bei jeder Gelegenheit k\u00e4me mal eben jemand von Mercedes oder BMW mit einem Sportwagen vorbei. Kleines Gastgeschenk. Das sei ja Werbung f\u00fcr die.<\/p>\n<p>Am fr\u00fchen Abend gehe ich in die Strau\u00dfwirtschaft: Flammkuchen, ein Glas Wein, Kaffee. Man sitzt hier wunderbar, unter einer Pergola mit Weinranken und dicken B\u00fcndeln blauer Trauben. Sechs, sieben Tische, alle besetzt. Alle trinken Wein, nur der Winzer nicht. Der trinkt Weizen.<\/p>\n<p>Die Strau\u00dfwirtschaften wurden schon unter Karl dem Gro\u00dfen eingef\u00fchrt. Solche Schankbetriebe, dem Weingut angeschlossen, hatten als Signal einen Kranz oder einen Strau\u00df am Eingang. Aber es gab Auflagen: Die &#8220;sechste Jahreszeit&#8221; durfte nur vier Monate dauern.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">28. August (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Wieder h\u00e4ngt Regen in der Luft, obwohl es viel sp\u00e4ter ist. Aber dann kommt die Sonne durch, und es wird warm. Sehr warm.<\/p>\n<p>Nach kurzer Fahrt kommt B\u00fcnderich und damit die hoch oben gelegene Marienburg. Sie ist heute eine Tagungsst\u00e4tte des Bischofs. Die Kirche wei\u00df, wo es sch\u00f6n ist.<\/p>\n<p>In Zell kommt die erste Mosel\u00fcberquerung. Es w\u00e4re die zweite gewesen, nach Schweich, h\u00e4tte ich nicht am Anfang die Umleitung genommen.<\/p>\n<p>Inmitten des Kreisverkehrs gleich vor der Br\u00fccke steht, mit einem Bein auf einem Weinfass, ein riesiger Kater, Weinglas in der Hand. Eine Anspielung auf den ber\u00fchmtesten lokalen Wein: <em>Schwarzer Kater<\/em>. Einer von vielen klangvollen Namen: <em>Trittenheimer Apotheke, Gro\u00dfer Herrgott, Bernkasteler Doctor, Erdener Treppchen, Piesporter Goldtr\u00f6pfchen, Kr\u00f6ver Nacktarsch. <\/em><\/p>\n<p>Caf\u00e9 am Weg mit dem Namen \u201eCaf\u00e9 Moselblick&#8221;. Daf\u00fcr gibt es keinen Preis f\u00fcr Originalit\u00e4t. Jeder Ort scheint mindestens zwei davon zu haben. Schon besser: \u201eLetzte Aalr\u00e4ucherei vor der Autobahn\u201c.<\/p>\n<p>Kurz vor Alf kommt f\u00e4hrt man unter einer Br\u00fccke her, einer Doppelbr\u00fccke, oben Zugverkehr, unten Autoverkehr. Es ist die erste ihrer Art in Deutschland. Sieht heute unschuldig aus. Aber der Grund f\u00fcr den Bau war milit\u00e4rischer Natur: Es ging um die Anbindung von Lothringen ans Reich.<\/p>\n<p>Dann kommt Bremm und kurz dahinter der Calmont (mit der nicht gesicherten Etymologie \u201ahei\u00dfer Berg\u2018) mit den steilsten Weinbergen des Landes. Bei einem Photo von so einem steilen Weinberg komme ich ins Gespr\u00e4ch mit einem Paar von der Donau. Sie sind hellauf begeistert von ihrer Tour. Sie wechseln \u00f6fter die Seite, folgen nicht dem offiziellen Moselradweg. Aber ob das viel \u00e4ndert? Die Bundesstra\u00dfe verl\u00e4uft hier an beiden Ufern. Auch von Trier sind sie hellauf begeistert. Das h\u00e4tten sie nicht gedacht, dass da so viele r\u00f6mische Kostbarkeiten zu sehen sind. Sie kennen nicht nur Porta und Kaiserthermen, sondern haben sich auch das Deckengem\u00e4lde im Dommuseum angesehen.<\/p>\n<p>Wie es komme, dass ausgerechnet jemand von der Donau f\u00fcr die Mosel schw\u00e4rmt, will ich wissen. Den Donauradweg sind sie auch schon mal gefahren, bis nach Wien, aber da lohne sich nur das \u00f6sterreichische Teilst\u00fcck durch die Wachau.<\/p>\n<p>Unten am Hang des Weinbergs steht ein Ger\u00e4t, das modernen Winzern das Leben an den Steilh\u00e4ngen erleichtert: die Monorackbahn. Damit werden nicht nur Trauben transportiert, sondern auch Mulch und Natursteine f\u00fcr die Trockenmauern. Die beiden sind am Vortag oben entlang der Steilh\u00e4nge gewandert, von Bremm nach Eller, und da sind sie auf einen Winzer gesto\u00dfen, der ihnen nicht nur einen Wein angeboten hat, sondern sie auch in der Monorackbahn mitgenommen hat. Ein echtes Erlebnis. Es werde einem fast schwindelig angesichts der Steile.<\/p>\n<p>Um 11 Uhr mache ich auf einem Autoparkplatz Pause. Da habe ich erst 35 km hinter mir. Es geht langsamer voran als gestern. Als ich da sitze, kommt ein Auto vorgefahren und h\u00e4lt vor dem Abfalleimer. Eine Frau steigt aus, holt einen gro\u00dfen M\u00fcllbeutel aus dem Auto und deponiert ihn in dem Abfalleimer. Und das Auto f\u00e4hrt wieder davon. Kein Wunder, dass die Abfalleimer \u00fcberf\u00fcllt sind.<\/p>\n<p>Vor Cochem kommt schon die hoch gelegene Burg des Ortes in Sicht, eine historisierende Angelegenheit des 19. Jahrhunderts. Viele Besucher glauben da wohl, im Mittelalter zu sein. Cochem ist der meistbesuchte Ort an der Mosel. Das merkt man. Hier kommt man selbst mit dem Rad kaum durch.<\/p>\n<p>Dann kommt eine unerwartete H\u00fcrde: Baustelle. Umleitung. Auch f\u00fcr Fahrr\u00e4der. Es geht steil in den Weinberg hinauf, mit sehr sch\u00f6nem Blick von oben ins Moseltal hinunter, aber zu viel f\u00fcr meine nachlassenden Kr\u00e4fte. Ich schiebe. Oben treffe ich auf ein Paar aus Sachsen. Die sehen sich ganz ratlos um und sind dann froh, zu erfahren, dass sie unten wieder auf den Radweg treffen.<\/p>\n<p>Dann geht es steil runter, und ich komme in ein idyllisches Dorf, Klotten, mit sch\u00f6nen Fachwerkbauten. Auf einer Terrasse bestelle ich die klassische Kombination Kaffee und Wasser, so weit wie m\u00f6glich von den anderen G\u00e4sten weg sitzend. Ich bin ins Schwitzen gekommen. Beim ersten Kaffee, den ich bestelle, ist die Milch sauer. Der Kellner entschuldigt sich und bringt einen neuen Kaffee mit neuer Milch. Auch die ist sauer. Jetzt ist auch der Kellner sauer, macht aber einen dritten Versuch. Alles in Ordnung.<\/p>\n<p>Dann geht es an der Mosel entlang. In Fankel gibt es, dem Radf\u00fchrer zufolge, nichts zu sehen. Vielleicht \u00e4ndert sich das ja mit der n\u00e4chsten Auflage.<\/p>\n<p>In Treis geht es zum zweiten Mal \u00fcber die Mosel. Jetzt kommt eine unsch\u00f6ne Strecke, die Mosel ist fern, die Bundesstra\u00dfe nah, kein Halteplatz weit und breit. Es geht an einem schier unendlichen Campingplatz entlang, jetzt wieder n\u00e4her an der Mosel. Zelte scheint es nur noch als Verl\u00e4ngerung von Wohnwagen zu geben. \u201eRichtige\u201c Camper scheint es nicht mehr zu geben.<\/p>\n<p>Dann kommt auf der anderen Seite der Stra\u00dfe eine Parkbank in Sicht, wenigstens ein paar Meter von der Stra\u00dfe entfernt. Hinter einer Kapelle. Ich setze mich hin und attackiere mein Fresspaket: warmes Wasser und Brote mit zerlaufendem K\u00e4se. Ein holl\u00e4ndisches Ehepaar kommt ebenfalls, aber sie \u00a0verstecken sich hinter der Kapelle, statt sich zu mir zu setzen.<\/p>\n<p>Es geht weiter, aber der n\u00e4chste Ort, der auftaucht, ist uncharmant und ich entscheide, noch weiter zu fahren, als ich auf einem Schild sehe, dass es nur noch f\u00fcnf Kilometer nach Brodenbach sind. Kindheitserinnerungen werden wach. Tolle Jugendfreizeit in den Sommerferien, in der Jugendherberge. Burg Thurant, Ehrenburg \u2013 magische Namen! Und dann gab es hier Verwandte, m\u00fctterlicherseits. Hatten die nicht eine Pension oder eine Kneipe? Oder war das in Alken? In einer Kneipe in Brodenbach hatte ich als Jugendlicher eine pr\u00e4gende Erfahrung gemacht, meine erste Begegnung mit einem Spielautomaten: 20 Mark gewonnen, und am Ende mit leeren H\u00e4nden ins Bett gegangen.<\/p>\n<p>Ich schiebe das Rad durch den Ort, finde aber keine Unterkunft. Ich komme an einer sch\u00f6nen, unregelm\u00e4\u00dfigen, wei\u00df verputzten Kirche vorbei, mit einem sch\u00f6nen, gestuften Turm. Das kann aber nicht die Pfarrkirche sein. Die ist in einem sechseckigen Bau aus Sichtbeton, nach dem Vorbild einer Kathedrale in Tokio gebaut!<\/p>\n<p>Am Ufer mache ich eine kurze Pause. Ich bilde mir ein, noch die Stelle zu erkennen, an der ein Onkel seine Angel auswarf und uns das ganze Prozedere erkl\u00e4rte.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite liegt Alf. Heute gibt es eine Br\u00fccke. Damals eine F\u00e4hre. Und hier spielte sich eine Szene ab, die einem heute noch die Kehle zuschn\u00fcrt. Eine Frau, wohl unsere Urgro\u00dfmutter, arbeitete auf der einen, wohnte auf der anderen Seite. Eines Tages sah sie von ihrer Arbeitsstelle aus, am anderen Ufer ihr Wohnhaus in Flammen stehen, mit dem Wissen, dass ihre Tochter in dem Haus war. Sie musste auf die F\u00e4hre warten, um an das andere Ufer zu kommen. Die Geschichte ist wohl gut ausgegangen, aber das Gef\u00fchl der Verzweiflung, der Ohnmacht, der Verlassenheit vermittelt sich auch heute noch, nach Generationen.<\/p>\n<p>Heute fahre ich \u00fcber die Br\u00fccke ans andere Ufer, nach Alf, einem Stra\u00dfendorf, das nichts Besonderes zu bieten hat au\u00dfer einer Tankstelle, und an der gibt es eine gro\u00dfe Flasche mit kaltem Wasser. Die tr\u00f6stet mich dar\u00fcber hinweg, dass ich keine passende Unterkunft finde. Ich fahre auf der Seite weiter, klingele an einer Pension an, aber da sind alle Zimmer belegt. Auf der anderen Seite, der, von der ich urspr\u00fcnglich kam, liegt ein sehr sch\u00f6ner Ort, und das ist, wie sich auf Nachfrage herausstellt, Alken, das ich auf dieser Seite vermutet hatte. Also geht es zur\u00fcck \u00fcber die Br\u00fccke. In Alken finde ich nach kurzer Suche ein G\u00e4stezimmer, und da gibt es eine \u00dcbernachtung f\u00fcr den unschlagbaren Preis von 25 \u20ac. Fr\u00fchst\u00fcck inbegriffen!<\/p>\n<p>Es ist fr\u00fcher Nachmittag, ich habe 80 km hinter mich gelegt, und am n\u00e4chsten Tagen werden es nur noch 40 km sein.<\/p>\n<p>Der Umweg hat sich gelohnt. Alken ist einer der sch\u00f6nsten Moselorte. Und hat praktischerweise auch einen Supermarkt. Dort mache ich einen ungew\u00f6hnlichen Einkauf: Tageszeitung und Eiskonfekt. Beides konsumiere ich am Ufer in der Sonne sitzend. Dabei h\u00e4lt die Tageszeitung nicht viel l\u00e4nger als das Eiskonfekt. Deren thematische Brisanz zeigt sich in Artikeln wie dem mit der \u00dcberschrift \u201eHunde nur alle zwei Wochen waschen.\u201c<\/p>\n<p>An drei Stellen sto\u00dfe ich dann auch auf den Namen der Vorfahren. An einem verschlossenen Souvenirgesch\u00e4ft steht ein Schild mit der Aufschrift: \u201ePakete bitte bei Familie Schunk abgeben.\u201c Etwas weiter in den Ort hinein sto\u00dfe ich auf das Weingut Matthias Schunk. Und oben, an der Kirche, sto\u00dfe ich auf eine Tafel mit der Inschrift: \u201eAn dieser Stelle starb Heinrich Schunk.\u201c Der scheint sich den Ort seines Ablebens gut ausgew\u00e4hlt zu haben. Zur einen Seite erstreckt sich der Kirchhof mit Grabsteinen, zur anderen Seite steht das Beinhaus, in dem sich hinter einem Gitter Knochen und Totensch\u00e4del stapeln.<\/p>\n<p>Die Kirche stammt aus dem 11. Jahrhundert. Da hat man sie hier oben wohl auch als eine Art Trutzburg errichtet, in einiger H\u00f6he von dem unberechenbaren Fluss. Von hier oben hinunter sieht man auf private G\u00e4rten, in denen auch Wein angebaut wird.<\/p>\n<p>Wieder unten sehe ich an einem Eckhaus einen Stein, an einer Kordel befestigt. Der dient der Wettervorhersage, nach dem Motto: Stein bewegt sich = windig, Stein ist wei\u00df = Schnee und (mit unorthodoxer Orthographie) Stein schl\u00e4gt Scheibe ein = st\u00fcrmig.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">29. August (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Am Ortseingang von Alken weist ein Schild auf die Partnerorte Alkens hin, einem in Belgien, einem in D\u00e4nemark. Wie hei\u00dfen die? Alken und Alken. Sp\u00e4ter stellt sich heraus, dass es etymologisch zwei Alken gibt, ein keltisches und ein lateinisches.<\/p>\n<p>Hoch \u00fcber dem Ort thront die Burg Thurant, lang gestreckt statt hoch. Ihr auff\u00e4lligstes Merkmal: Sie hat zwei Bergfriede. Das hat seinen Grund: Die Burg wurden von Welfen erbaut, aber dann von den Erzbisch\u00f6fen von K\u00f6ln und Trier in einer konzertierten Aktion belagert und erobert. Danach teilte man die Burg der Einfachheit halber auf, in einen Trierischen und einen K\u00f6lnischen Teil. Daher zwei Bergfriede.<\/p>\n<p>Es geht relativ fr\u00fch los, an der Mosel entlang und dann, dem Tipp der Wirtin folgend, \u00fcber eine Br\u00fccke auf die andere Seite. Das muss ein Missverst\u00e4ndnis gewesen sein oder es war einfach ein schlechter Tipp. Es kommt eine wenig ansehnliche Strecke, zwischen Mosel und Bundesstra\u00dfe, entlang. Obwohl die heutige Strecke kurz ist, wird sie mir lang.<\/p>\n<p>Dann, vor Winningen, gibt es eine gibt es zwei M\u00f6glichkeiten, eine k\u00fcrzere und eine l\u00e4ngere. Ich w\u00e4hle die k\u00fcrzere, und das ist eine gute Entscheidung. Es geht in die Weinberge hinein, und die bieten gleich nach Winningen ein wunderbares Bild: terrassenf\u00f6rmig angelegt, ganz unregelm\u00e4\u00dfig, anders als an anderen Orten der Mosel.<\/p>\n<p>Der Ort selbst ist beflaggt, blau-rot. Bei der ersten Fahne \u00fcberlege ich noch, was f\u00fcr ein Land das sein k\u00f6nne, dann wird es klar, dass es die Flagge des Ortes ist. Es ist geflaggt f\u00fcr das bevorstehende Weinfest.<\/p>\n<p>Dann kommen die ersten Vororte von Koblenz. Wieder geht es \u00fcber die Moselbr\u00fccke und dann direkt auf das sonnenbestrahlte Deutsche Eck zu, auf einem sehr sch\u00f6n angelegten Radweg am Rande einer Parkanlage. Es ist noch fr\u00fch. Am Deutschen Eck tauchen die ersten Touristen auf. Hier wird Englisch gesprochen, sonst ist im Verlauf der Mosel Holl\u00e4ndisch die wichtigste Sprache.<\/p>\n<p>Ich \u00fcberquere die Mainzer Stra\u00dfe, bin aber noch nicht am Ziel. Jetzt kommt zum kr\u00f6nenden Abschluss noch ein langer Aufstieg. An dessen Ende aber Unterkunft mit allen Schikanen. F\u00fcr lau.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>27. August (Sonntag) Es war nicht geplant, aber es geht Punkt 7 Uhr los. Auf den Glockenschlag. Es ist k\u00fchl, von dem klassischen Sommertag, der angek\u00fcndigt war, keine Spur. Regen h\u00e4ngt in der Luft, aber es regnet nicht. 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