{"id":9209,"date":"2017-09-23T15:02:31","date_gmt":"2017-09-23T13:02:31","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=9209"},"modified":"2017-09-25T14:57:18","modified_gmt":"2017-09-25T12:57:18","slug":"salamanca-2017","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=9209","title":{"rendered":"Salamanca (2017)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">8. September (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Auf dem Weg zum Flughafen h\u00f6re ich im Autoradio, wie ein neues Buch von John le Carr\u00e9\u00a0 angek\u00fcndigt wird: <em>A Legacy of Spice<\/em>. Gemeint ist nat\u00fcrlich <em>A Legacy of Spies<\/em>. Nicht auszumerzen. John le Carr\u00e9 erz\u00e4hlt bei der Buchpr\u00e4sentation, wie sein Held, George Smiley, der zugleich ein Antiheld ist \u2013 dicklich, unattraktiv, tollpatschig \u2013 seinen Namen an demselben Tag erhielt wie der Autor sein Pseudonym.<\/p>\n<p>Der Flug nach Madrid dauert zweieinhalb Stunden. Neben mir sitzt eine junge Spanierin, die die DHS-Pr\u00fcfung macht. Sie hat einen Bachelor in Spanien und will, wenn sie die Pr\u00fcfung besteht, ihren Master in Deutschland machen. Sie spricht flie\u00dfend und hat eine gute Aussprache.<\/p>\n<p>Neben ihr sitzt eine Frau, die einen Roman von Murakami liest: <em>Von M\u00e4nnern, die keine Frauen haben<\/em>. Ein suggestiver Titel. Aber die Frau schl\u00e4ft bei der Lekt\u00fcre immer wieder ein.<\/p>\n<p>Vor uns drei Franzosen, die sich k\u00f6stlich am\u00fcsieren. Sie \u201ereiten\u201c auf ihren Sitzen, dass es nur so wackelt, schaukeln hin und her, fallen sich gegenseitig in die Arme und reden, ununterbrochen. Vor allem aber lachen sie \u2013 bei jeder Bemerkung, den ganzen Flug \u00fcber, laut, frenetisch, so als h\u00e4tte der andere gerade den Witz des Jahrhunderts erz\u00e4hlt. Ob es ihnen wirklich gut geht? Ich kehre den Griesgram raus. Ich finde diese zur Schau gestellte Fr\u00f6hlichkeit einfach unertr\u00e4glich.<\/p>\n<p>Der Flughafen von Madrid ist nicht mehr wiederzuerkennen. Jedenfalls im Vergleich mit Anno Dazumal. Er hat jetzt auch einen neuen Namen: Aus <em>Barajas<\/em> ist <em>Adolfo Su\u00e1rez<\/em> geworden. Wie gro\u00df die Verdienste von Adolfo Su\u00e1rez sind, ist schwer zu sagen. Er war wohl der richtige Mann am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Aber war er wirklich der Agent der \u201eWende\u201c? Oder war er Instrument? W\u00e4re die Demokratie auch ohne ihn gekommen? Er hat wohl die Zeichen der Zeit erkannt. Dass er auch ein Mitglied des alten Regimes war, wird ihm offensichtlich nicht mehr angelastet. Und dass die Demokratie nicht nur Segen gebracht hat, auch nicht. Wie dem auch sei, zur\u00fcck zu den alten Zeiten will wohl niemand. Spanien ist, in einem schmerzhaften Prozess, ein modernes Land geworden.<\/p>\n<p>Der Weg zu den Bussen ist schlecht ausgeschildert, aber ich bekomme freundliche Auskunft an der Informationsstelle. Es sind nur ein paar Minuten. Die Busse warten am Rande des allgemeinen Parkplatzes. Es gibt keine B\u00e4nke und keinen Schatten. Es gilt, in der Nachmittagshitze zu warten. In Spanien ist Sommer. Bei uns gab es schon deutliche Vorzeichen des Herbsts.<\/p>\n<p>Der Bus ist modern und f\u00e4hrt so ruhig, mit gleichm\u00e4\u00dfiger Geschwindigkeit, dass man die Bewegung kaum wahrnimmt. Ehe man sich\u2019s versieht, ist man aus Madrid heraus. Typisch kastilische Landschaft: B\u00fcsche, Str\u00e4ucher, Grass, gr\u00fcn, aber blasses Gr\u00fcn, unendliche Weite, gewellt. Erinnerungen an fr\u00fcher. Aber im Gegensatz zu fr\u00fcher geht es jetzt nicht mehr \u00fcber die Nationalstra\u00dfe, sondern \u00fcber die Autobahn, die <em>autov\u00eda<\/em>, die kleine Schwester der <em>autopista<\/em>. Da f\u00e4llt keine Maut an.<\/p>\n<p>Salamanca liegt gut 200 km von Madrid entfernt, etwas n\u00f6rdlich, vor allem aber westlich. Nach Portugal ist es nicht mehr weit. Es ist weit genug von Madrid entfernt, um ein eigenes Regionalzentrum zu bilden.<\/p>\n<p>Dann, nach drei Stunden, kommt die Silhouette der Altstadt von Salamanca mit ihren m\u00e4chtigen T\u00fcrmen in Sicht, in der Ferne. Man blickt durch die Container eines Industriegebiets auf sich. Dann \u00e4ndert sich die Perspektive. Wir fahren am Tormes entlang, und man sieht am gegen\u00fcberliegenden Ufer nur die Kathedrale. Das ist die Stelle, von der aus damals, zu Studentenzeiten, ein Freund das Photo gemacht haben muss, das damals Kultstatus erhielt: Die Kathedrale mit ihren charakteristischen T\u00fcrmen im Hintergrund, der Tormes im Vordergrund und ein Zweig, der sich von der Seite ins Bild schiebt.<\/p>\n<p>Der Bus macht einen gro\u00dfen Bogen. Er scheint sich von der Stadt zu entfernen. Und die Altstadt entschwindet den Blicken. Sp\u00e4ter sehe ich auf einem Stadtplan, dass er die Stadt im S\u00fcden umf\u00e4hrt und dann im Westen Halt macht. Meine Unterkunft ist auf der anderen Seite der Altstadt, im Osten.<\/p>\n<p>Am Busbahnhof stehe ich orientierungslos herum. Ich nehme einfach ein Taxi zu der Unterkunft. Der Taxifahrer ist aus Salamanca: \u201eDe toda la vida.\u201c Er erz\u00e4hlt von dem Wandel, den das Land durchgemacht hat und davon, dass es langsam wieder aufw\u00e4rts gehe. Das Taxigesch\u00e4ft l\u00e4uft gut. Und er macht mich darauf aufmerksam, dass ich gerade zur Zeit der Fiestas komme. Genauso wie damals. Damals war es auch September. Ich erw\u00e4hne den Namen der alten Sprachschule, an der ich war, <em>Colegio de Espa\u00f1a Alfonso VI<\/em>., in der Hoffnung, das k\u00f6nne ihm was sagen, aber das ist nicht der Fall. Er \u00e4u\u00dfert aber Zweifel: Alfonso VI? Kann nicht sein, muss Alfonso IX gewesen sein. Wie dem auch sei, unter Alfonso VI. ist das heutige Salamanca entstanden, das christliche Salamanca der Zeit nach der Reconquista. Von den vorherigen Besiedlungen gibt es keine Spuren, weder von den Mauren, noch von den Westgoten und, mit Ausnahme der Br\u00fccke, auch nicht von den R\u00f6mern, die die Stadt doch gegr\u00fcndet haben. Merkw\u00fcrdig.<\/p>\n<p>Die Unterkunft ist in einer Privatwohnung. Alles typisch spanisch. Das f\u00e4ngt schon bei den namenlosen Klingeln an. Und geht weiter bei der Anordnung der Zimmer: Alle direkt vom schmalen Flur ausgehend, ohne Verbindung miteinander. Kleine Zimmer, aber viele. Gefliester Fu\u00dfboden, dunkle Holzt\u00fcren. Und der Fernseher in voller Lautst\u00e4rke. Spanien.<\/p>\n<p>Die Vermieterin ist eine kleine, schm\u00e4chtige Frau. Sie zeigt mir, wo alles ist und gibt mir mithilfe eines Stadtplans, den sie unendlich lange sucht, eine erste Orientierung. Auch sie weist mich auf die Fiestas hin. Heute ist der eigentliche Festtag. Er ist der Virgen de la Vega gewidmet, der Patronin der Stadt. Die Vermieterin selbst scheint dem keine gro\u00dfe Bedeutung beizumessen.<\/p>\n<p>Als sie vergeblich ihre Stra\u00dfe auf dem Stadtplan sucht, sagt sie \u00a1<em>Jolines!<\/em>, eine abgemilderte Form des Schimpfworts, an die ich mich kaum noch erinnern konnte. Sp\u00e4ter, bei einer Stadtf\u00fchrung, h\u00f6re ich dessen Zwilling \u00a1Jobar!<\/p>\n<p>Am Ende zeigt sie mir noch die K\u00fcche. Und wie ich mir das Fr\u00fchst\u00fcck selbst machen kann, falls ich fr\u00fch aufstehe.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">9. September (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Am fr\u00fchen Morgen laute Stimmen auf der Stra\u00dfe. Das sind keine Fr\u00fchaufsteher, sondern Nachtschw\u00e4rmer. Ich bin in Spanien.<\/p>\n<p>Das Fr\u00fchst\u00fcck mache ich mir tats\u00e4chlich selbst. Die Vermieterin hatte angek\u00fcndigt, sie stehe \u201efr\u00fch\u201c auf, aber um halb neun ist von ihr noch nichts zu sehen.<\/p>\n<p>Es ist k\u00fchl. 13\u00b0. Und bew\u00f6lkt. Und es ist windig. Vom Sommer keine Spur mehr. Die Temperaturen seien innerhalb eines Tages um zehn Grad gesunken, erfahre ich sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Es geht eine breite, schnurgerade verlaufende Stra\u00dfe hinunter Richtung Altstadt. B\u00fcrgersteige mit Teerflecken, die Gitter vor den Gesch\u00e4ften (aber nicht mehr ganz so viele wie fr\u00fcher), mit Zetteln vollgeklebte Fassaden, Wohnk\u00e4sten, Graffiti, Frauen (und M\u00e4nner!), die mit Eimer und Aufnehmer die Fl\u00e4che vor ihrem Ladenlokal sauber machen, St\u00fchle aus Aluminium vor Bars, Caf\u00e9s, Tavernen \u2013 ich f\u00fchle mich sofort heimisch. Das geht in keinem Land so schnell wie in Spanien.<\/p>\n<p>Am Ende der langen Stra\u00dfe geht es in die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Genau an dieser Ecke ein Laden, der <em>Croquetas y Presumidas<\/em> hei\u00dft \u2013 ein Wortspiel, das mit der Verwirrung vieler Spanier mit dem \/r\/ spielt.<\/p>\n<p>Es ist noch nichts los auf der Stra\u00dfe. Selbst die meisten Caf\u00e9s sind noch geschlossen. In Spanien f\u00e4ngt der Tag um 9.30 an, am Samstag um 10.00.<\/p>\n<p>Und dann stehe ich pl\u00f6tzlich auf der Plaza Mayor. Ich bin \u00fcberw\u00e4ltigt und verwirrt gleichzeitig. Sie ist anders als ich sie in Erinnerung hatte, vor allem gr\u00f6\u00dfer, und die leuchtend gelben Plastikbanner, die die Ausg\u00e4nge markieren (und benennen) passen genauso wenig wie die riesige Konzertb\u00fchne, die man vor dem Rathaus aufgebaut hat. Aber die Arkaden, die Balkone, die Balustraden, die Medaillons, alles das passt und bildet ein wunderbares Ensemble, und das alles in dem weichen Ton des ockerfarbenen Sandsteins. Es ist <em>die<\/em> Plaza Mayor Spaniens.<\/p>\n<p>Die Touristeninformation hat auch noch geschlossen. Ich kaufe ein paar Ansichtskarten und mache dann einen kleinen Spaziergang die R\u00faa Mayor hinunter. Auch hier also <em>rua<\/em>, wie in Ascoli. Die Namen der Stra\u00dfen sind in sch\u00f6nen blauen Kacheln in die Geb\u00e4ude eingelassen. Ich lasse mir die Namen der Gesch\u00e4fte auf der Zunge zergehen: Patio Chico, La Despensa, Mes\u00f3n Las Conchas, La Tahona de la Abuela, Hostal Tormes, Caf\u00e9 Cuatro Gatos.<\/p>\n<p>Ich setze mich in ein Caf\u00e9 ganz nah bei der Plaza Mayor und trinke einen Milchkaffee: 1,30 \u20ac!<\/p>\n<p>Dann hat die Touristeninformation ge\u00f6ffnet. Es gibt ganz allgemein gehaltene Informationen und das typische Material. Erst auf Nachfrage erfahre ich, dass es Stadtrundg\u00e4nge gibt. Und dass der n\u00e4chste in einer halben Stunde beginnt. Ich bin dabei.<\/p>\n<p>Wir sind eine relativ gro\u00dfe Gruppe und haben einen wortgewandten F\u00fchrer, einer von zwei m\u00e4nnlichen von insgesamt achtzehn Stadtf\u00fchrern in Salamanca. Ich bin der einzige Ausl\u00e4nder. Und tats\u00e4chlich verstehe ich nicht alles. Man merkt, dass die Praxis fehlt. Vor allem, wenn Fragen gestellt und wenn witzige Bemerkungen gemacht werden, verliere ich den Anschluss. Und es gibt auch ein neues Wort: <em>charra<\/em>. Offensichtlich ein typisches Wort aus Salamanca f\u00fcr eine <em>campesina<\/em>, eine B\u00e4uerin oder b\u00e4uerlich wirkende Frau. Sp\u00e4ter sehe ich auch einen Laden, der das Wort im Namen f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Wir beziehen Stellung mitten auf der Plaza Mayor. Zuerst gibt es Informationen zu Salamanca. Die Stadt leidet unter einem Bev\u00f6lkerungsschwund: Statt 150.000, wie es noch in den Reisef\u00fchrern steht, sind es jetzt nur noch 135.000. Es gibt keine Industrie. Arbeit gibt es nur im Dienstleistungssektor. Allein die Stadt hat 25.000 Angestellte. Was treiben die nur alle? Die beiden anderen gro\u00dfen Arbeitgeber sind die Kirche und die Universit\u00e4t. Salamanca hat 30.000 Studenten. Dazu kommen, auf das ganze Jahr verteilt, 4.000 ausl\u00e4ndische Sprachstudenten.<\/p>\n<p>Der Tourismus ist eine wichtige Einnahmequelle. Seit 1995 geh\u00f6rt Salamanca zum Weltkulturerbe; es war Kulturhauptstadt Europas, und die Plaza Mayor hat den Titel Plaza de Europa bekommen. F\u00fcr genug Werbung ist also gesorgt.<\/p>\n<p>Die Plaza Mayor, erkl\u00e4rt uns der Stadtf\u00fchrer zu unserer Verbl\u00fcffung, sei nicht quadratisch, jedenfalls nicht genau. Sie wirkt aber so, vermutlich aufgrund all der gemeinsamen Architekturelemente auf allen vier Seiten. Ich merke auch jetzt erst, dass die Eing\u00e4nge ganz ungleich verteilt sind, auf zwei Seiten gibt es drei, auf einer einen und auf einer keinen. Das nimmt man kaum wahr.<\/p>\n<p>Was man schon eher sieht, ist, dass das Rathaus auf der einen Seite etwas aus dem Rahmen f\u00e4llt. Es ist ein bisschen h\u00f6her als der Rest, obwohl es nur zwei Stockwerke \u00fcber den Arkaden hat statt drei. Das erste Stockwerk des Rathauses schlie\u00dft aber genau da ab, wo das zweite der \u00fcbrigen H\u00e4user abschlie\u00dft, ein Element, das die Einheitlichkeit betont.<\/p>\n<p>Die Plaza Mayor entstand im 18. Jahrhundert. Ihr Zweck war es, ein zentraler Platz f\u00fcr M\u00e4rkte, Feste und Jahrm\u00e4rkte zu sein. Und man sp\u00fcrt heute noch, dass sie Teil des Alltagslebens ist, lebendiges Zentrum der Stadt, nicht eine irgendwo am Rande liegende Sehensw\u00fcrdigkeit.<\/p>\n<p>Der Bau der Plaza wurde Alberto Churriguera \u00fcbertragen, einem Baumeister aus dem Clan, der der spanischen Architektur einen eigenen Terminus gegeben hat: <em>churriguerismo<\/em>. Er baute die ersten beiden Seiten, vollendete die Plaza aber nicht, aus einer Reihe von Gr\u00fcnden. Die Bauarbeiten blieben dann zwanzig Jahre lang liegen. Warum? Es gab Probleme mit den Enteignungen. Die von Churriguera gebauten Teile waren auf st\u00e4ndischem Grund gelegen, und da brauchte man nur h\u00f6lzerne Verkaufsst\u00e4nde abzurei\u00dfen. Und die Pfarrei von San Mart\u00edn konzedierte der Stadt ein Teil ihres Grundst\u00fccks mit der Auflage, dass die Kirche stehenbleibe. Deshalb grenzt sie so direkt an die Plaza.<\/p>\n<p>Ein anderer Baumeister, Qui\u00f1ones, vollendente die Plaza dann und schloss sie 1755 mit dem Rathaus ab. Damit ist die Plaza Mayor das j\u00fcngste der bedeutenden Monumente Salamancas.<\/p>\n<p>Der Stein, der die Besonderheit der Plaza und von Salamanca \u00fcberhaupt ausmacht, ist aus Villamayor, einem nur f\u00fcnf Kilometer entfernten Ort. Sein Nachteil: Er ist por\u00f6s (f\u00fcr die Akustik andererseits ein Vorteil) und er ist nicht sehr stabil. Wenn man sich die Pfeiler der Arkaden genauer ansieht, erkennt man, dass der untere Teil aus Granit ist. Den hat man wohl nachtr\u00e4glich \u201eeinziehen\u201c m\u00fcssen, eine kleine Meisterleistung der Ingenieure.<\/p>\n<p>Ob wir Fragen zu der Plaza h\u00e4tten, will unser F\u00fchrer wissen. Ja, nat\u00fcrlich, es ist immer dieselbe Frage die gestellt wird: Wohnt hier jemand? Die Antwort ist ja. Nicht gerade minderbemittelte Leute. Er erw\u00e4hnt ein paar Namen, die hier jeder kennt und zu denen auch die Erben des Corte Ingl\u00e9s geh\u00f6ren. Nach modernen Kriterien ist es aber fraglich, ob es sich hier gut wohnt: keine Garage, in der Regel kein Aufzug, viel L\u00e4rm von der Plaza.<\/p>\n<p>Wir verlassen die Plaza und kommen zu der R\u00faa Compa\u00f1\u00eda. Der Bedeutung des Namens war mir nicht klar geworden. Es ist die Compa\u00f1\u00eda de Jes\u00fas. Die Jesuiten sind gemeint. Die sind die Betreiber der Universidad Pont\u00edficia. Hier kann man Theologie, kanonisches Recht, aber auch f\u00fcr das Lehramt studieren.<\/p>\n<p>Wir stehen vor der Clerec\u00eda, der Kirche des Jesuitenkollegs. Von hier aus sieht man l\u00e4ngs des Geb\u00e4udes entlang eine lange Gasse hinunter, die eine Besonderheit f\u00fcr Salamanca aufweist: Es gibt keine Stra\u00dfencaf\u00e9s, keine <em>terrazas<\/em>, Sitzgelegenheiten drau\u00dfen. Das ist ausdr\u00fccklich von der Stadt so geregelt.<\/p>\n<p>Die Clerec\u00eda ist ein viel zu m\u00e4chtiger Bau, um an dieser schmalen Gasse zu stehen. Man kann die Fassade von hier aus nicht komplett sehen, und auch die beiden m\u00e4chtigen T\u00fcrme nicht. Sp\u00e4ter gehen wir ein paar Schritte weiter, auf einen kleinen Platz, und von dort erfasst man mit einem \u201eschr\u00e4gen Blick\u201c die gesamte Fassade einschlie\u00dflich der T\u00fcrme. Eine solche Fassade br\u00e4uchte eigentlich einen offen Platz, um zur Wirkung zu kommen. Und tats\u00e4chlich wollten die Jesuiten die gegen\u00fcberliegende Casa de las Conchas abrei\u00dfen lassen. Aber da gab es Widerstand. Der Bau der Clerec\u00eda war ohnehin nicht auf viel Beifall bei den anderen Kirchen gesto\u00dfen. Sie war einfach eine Nummer zu gro\u00df. Auch heute, sagt unser F\u00fchrer, halten viele Besucher sie f\u00fcr die Kathedrale.<\/p>\n<p>Die Casa de las Conchas ist eins der emblematischsten Geb\u00e4ude Salamancas. Die Fassade ist auf zwei Seiten \u00fcber und \u00fcber mit dem Dekorationselement \u00fcbers\u00e4ht, das ihr ihren Namen gegeben hat: die Muschel. Es sind \u00fcber dreihundert. Warum eine Muschel? Das haben wir uns damals schon gefragt, aber nie eine befriedigende Erkl\u00e4rung bekommen. Die naheliegende Erkl\u00e4rung ist nat\u00fcrlich eine Verbindung mit Santiago und dem Pilgerweg. Die mag es auch geben, aber die ist zweitrangig. In erster Linie ist die Muschel eine Reverenz des Erbauers, Maldonado, an seine Gattin oder deren Familie. Auf deren Wappen erscheinen n\u00e4mlich die Muscheln. Wir sehen das Wappen sp\u00e4ter in der Alten Kathedrale.<\/p>\n<p>Au\u00dfer den Muscheln hat die Fassade noch sch\u00f6ne, sehr ungew\u00f6hnliche, runde Gitter aufzuweisen. Der Eingang ist nicht mittig. Ob das mit der Baugeschichte zusammenh\u00e4ngt oder so beabsichtigt war, wird nicht klar. Aber hinter dem Eingang kommt ein richtiges Highlight zum Vorschein: der Innenhof. Ein kleiner, zweist\u00f6ckiger Innenhof mit einer sch\u00f6nen Balustrade, unten anders als oben. Das Zierelement oben \u00e4hnelt einer Schlange, das Zierelement unten \u00e4hnelt einer Bienenwabe. Die Bienenwaben sind schr\u00e4g angebracht und zeigen mit der Spitze nach rechts oben. Au\u00dfer im ersten Teil, nahe dem Ausgang. Da zeigen sie nach links oben. Das erkl\u00e4rt man im Allgemeinen mit der arabischen Bautradition: Man f\u00fcgt irgendwo absichtlich einen Fehler ein, damit der Bau nicht perfekt ist. Denn perfekt ist nur Gott. Ob das stimmt, kann bezweifelt werden. Aber auf jeden Fall w\u00e4re eine solche Haltung, die als Demut daherkommt, tats\u00e4chlich die reinste Hybris.<\/p>\n<p>Ich kann mich nicht erinnern, damals den Innenhof \u00fcberhaupt gesehen zu haben. Vielleicht war er damals nicht zug\u00e4nglich. Heute beherbergt die Casa de las Conchas die \u00f6ffentliche B\u00fccherei, und jeder kann rein. Ein besonders sch\u00f6nes Photomotiv bietet der Innenhof auch: Wenn man sich ganz ans Ende stellt, erscheinen \u00fcber dem offenen Dach die oberen Enden der T\u00fcrme der Clerec\u00eda.<\/p>\n<p>Es geht weiter zur Kathedrale. Genauer gesagt den Kathedralen. Salamanca weist die Besonderheit auf, zwei Kathedralen zu besitzen, eine alte und eine neue. Wobei neu relativ ist. Sie stammt aus dem 16. Jahrhundert. Zu der Zeit galt die Alte Kathedrale als \u201eklein, niedrig und d\u00fcster\u201c. Dieses Urteil wurde Isabel la Cat\u00f3lica in den Mund gelegt. Also musste eine neue Kathedrale her. Und wie baute man? Gotisch! Zu einem Zeitpunkt, wo die Gotik (au\u00dfer in Luxemburg) l\u00e4ngst ins Hintertreffen geraten war. Allerdings hat man nur bedingt den Eindruck, vor einer gotischen Kathedrale zu stehen. Die Renaissance l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen, und in der Kuppel ist der Barock bereits pr\u00e4sent.<\/p>\n<p>Die heutige Kuppel ist zwar sp\u00e4teren Datums, aber der Bau enthielt von vornherein eine Kuppel. Die musste dann erneuert werden. Und was war der Grund daf\u00fcr? Das Erdbeben von Lissabon! So nahe ist Portugal. Oder, anders gesagt: So stark war das Erdbeben. Immer wieder sto\u00dfe ich in den n\u00e4chsten Tagen auf Bauten oder Bauteile, die von dem Erdbeben zerst\u00f6rt oder wenigstens in Mitleidenschaft gezogen wurden.<\/p>\n<p>Ein Charakteristikum der Kathedrale ist der Turm. Der hat eine Form, die man in dieser Gegend, dem Norden Kastiliens, immer wieder findet. Der technische Terminus daf\u00fcr ist aus unerfindlichen Gr\u00fcnden <em>cimborrio<\/em>. Das ist ein runder Abschluss des Turms, so als wenn man eine Kugel in den quadratischen Turm gesetzt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Die Kathedrale steht mit ihrer L\u00e4ngsseite zum Platz hin. Von hier aus betritt man den Innenraum, nicht durch das Hauptportal. An dem Seitenportal, dem Nordportal, befindet sich eins der beiden beliebtesten Photomotive Salamancas: der Astronaut. Der Steinmetz, der mit der Ausbesserung der Skulpturen entlang des Seitenportals beauftragt war, nahm sich die Regel zu Herzen, nach der jede Zeit der Kathedrale ihre eigenen Sch\u00f6pfungen zuf\u00fcgen solle. Er bildete deshalb unter anderem Tiere ab, die in Kastilien vom Aussterben bedroht sind, ein Fabelwesen, das ein H\u00f6rnchen mit drei Eiskugeln in der Hand h\u00e4lt und eben den Astronauten.<\/p>\n<p>Das eigentliche Thema dieses Portals, der Einzug in Jerusalem, wird aufgrund dieser Details leicht \u00fcbersehen. Das Tor hei\u00dft nach diesem Motiv Puerta de Ramos.<\/p>\n<p>Innen erwartet einen der typisch spanische Chor, ein eigenes, abgeschlossenes \u201eGeb\u00e4ude\u201c, das einen gro\u00dfen Teil des Mittelschiffs einnimmt. Die normalen Gl\u00e4ubigen durften nur bis zu dessen Westende vor. Der Rest der Kathedrale war Priestern, Kanonikern und hochgestellten Pers\u00f6nlichkeiten vorbehalten. Wir stehen genau an der Stelle, wo die normalen Gl\u00e4ubigen waren. Unser F\u00fchrer verweist auf den Abschluss des Chors und fragt, welcher Stein das wohl sei. Eine Fangfrage. Es ist der Sandstein aus Villamayor, genauso wie der der Plaza Mayor. Aber hier, wohin keine Sonne dringt, ist er nicht ockerfarben oder beige oder golden, sondern grau!<\/p>\n<p>Im Chor ein Ambo mit einem Pelikan, dem Symbol des sich selbst aufopfernden Christus. Aber der Pelikan sieht nicht wie ein Pelikan aus. Woran liegt das? Das lateinische Wort, hatte einen gr\u00f6\u00dferen Bedeutungsumfang und umfasste nicht nur den Pelikan. Offensichtlich glaubte man auch von den anderen V\u00f6geln, dass sie ihr eigenes Blut opferten, um ihre Jungen zu ern\u00e4hren.<\/p>\n<p>Wir machen eine Runde durch die Kathedrale und sehen, dass sie im Osten gerade abschlie\u00dft. Da w\u00fcrde man bei einer gotischen Kirche eine Apsis erwarten. Wir passieren einen Durchgang und befinden uns pl\u00f6tzlich in der Alten Kathedrale. Die beiden sind innen miteinander verbunden. Die Alte Kathedrale ist romanisch. Aber hier l\u00e4sst die Gotik bereits gr\u00fc\u00dfen. Der Hingucker schlechthin ist das Retabel. In mehr als f\u00fcnfzig einzelnen, in goldenen Rahmen eingefassten Szenen mit farbenfrohen Figuren wird die Heilsgeschichte abgebildet.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber ein prachtvolles Gem\u00e4lde des J\u00fcngsten Gerichts, mit einem Christus, der energisch mit erhobener Hand auf die unter ihm abgebildeten Menschen absteigt. Man glaubt beinahe, Ankl\u00e4nge an Michelangelo zu erkennen. Zu seiner Rechten die Rechtschaffenen, die H\u00e4nde zu ihm erhoben, in Anbetung, in langen, wei\u00dfen Gew\u00e4ndern. Zu seiner Linken die S\u00fcnder, nackt, auf der Suche nach ihrer weltlichen Kleidung, auch die H\u00e4nde zu Christus erhoben, aber flehentlich. Unter denen, die nach ihrer Kleidung suchen, sind auch welche, die nach einem Talar, einer M\u00f6nchskutte oder einer Mitra suchen. Das muss eine ermutigende Botschaft f\u00fcr die Gl\u00e4ubigen der Zeit gewesen sein: Keiner ist gefeit gegen die H\u00f6llenstrafen, in der anderen Welt z\u00e4hlt die Klasse nicht mehr.<\/p>\n<p>Im S\u00fcden schlie\u00dft an die Alte Kathedrale der Kreuzgang an, und um ihn herum gruppieren sich mehrere Kapellen. Wir besuchen eine von ihnen, die Barbarakapelle. Die hat Bedeutung f\u00fcr die Universit\u00e4t. Hier fanden, der Tradition zufolge, die Abschlusspr\u00fcfungen statt. Der Kandidat sa\u00df auf einem Stuhl \u00fcber dem Grabmonument des Stifters der Kapelle. Nicht unbedingt ein gutes Omen. Der Kandidat wurde 24 Stunden lang in der Kapelle eingeschlossen. Am Abend vor der Pr\u00fcfung holte der Pr\u00fcfer aufs Geratewohl drei B\u00fccher aus dem B\u00fccherschrank an der Seite des Grabmonuments. Der Kandidat legte, ebenso aufs Geratewohl, seinen Daumen in eine der Seiten der drei B\u00fccher. Diese Stelle wurde am n\u00e4chsten Tag gepr\u00fcft, und zwar genau zwei von drei Stellen, genauso wie es noch heute bei den spanischen Staatspr\u00fcfungen, den <em>oposiciones<\/em> der Fall ist.<\/p>\n<p>Es gibt eine weitere Parallele zur modernen Universit\u00e4t: Es gab drei Abschl\u00fcsse, die, teils sogar in der Terminologie, den heutigen Abschl\u00fcssen entsprachen: Bachelor, Master (damals Grande), Doktor. Die hier in der Kapelle stattfindende Pr\u00fcfung war die des zweiten akademischen Grads, des Grande.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang gibt es eine interessante Erkl\u00e4rung zu Universit\u00e4t und dem, was darunter zu verstehen ist. Salamanca gilt als eine der \u00e4ltesten Universit\u00e4ten Europas, war aber nicht die \u00e4lteste Spaniens. Das war Plasencia. Aber diese Universit\u00e4t wurde sp\u00e4ter geschlossen. Aber was \u201ez\u00e4hlt\u201c als Universit\u00e4t? Salamanca hatte zun\u00e4chst <em>Estudios Mayores<\/em>. Das war der Vorl\u00e4ufer der Universit\u00e4t. Ein Abschluss hier erlaubte aber nur die Lehrt\u00e4tigkeit hier in Salamanca. Erst als die Aufwertung zur Universit\u00e4t kam, galt die Lehrbefugnis \u00fcberall, war in diesem Sinne \u201euniversal\u201c. Die moderne Tourismusindustrie schl\u00e4gt Kapital daraus. N\u00e4chstes Jahr wird das Jubil\u00e4um der Gr\u00fcndung der <em>Estudios<\/em> <em>Mayores<\/em> gefeiert, 1218 von Alfonso IX. von Le\u00f3n gegr\u00fcndet (dem Vater Fernandos, der dann Le\u00f3n und Kastilien vereinigte). 1254 schuf Alfonso el Sabio weitere Lehrst\u00fchle, und der Papst erhob die Lehrst\u00e4tte zur Universit\u00e4t, der vierten Europas.<\/p>\n<p>Wir verlassen die Kathedrale, und zwar durch den Ausgang, den die Studenten nahmen, wenn sie das Examen bestanden hatten, und kommen auf einen etwas abseits gelegenen Platz, von dem aus man eine der sch\u00f6nsten Ansichten Salamancas hat: Man blickt auf die Au\u00dfenmauern der Kathedrale mit dem Turm der Neuen Kathedrale und dem Turm der Alten Kathedrale, der Torre de Gallo. Der l\u00e4uft konisch zu und hat eine schuppenartige Bedeckung.<\/p>\n<p>Wir stehen dann vor dem Hauptportal der Neuen Kathedrale, der Westfassade. Die \u00dcppigkeit der Dekoration raubt einem den Atem. Und verwirrt. Wir stehen vor dem letzten Werk der spanischen Gotik. Die Verzierungslust hatte Hochkonjunktur. Die gesamte Fl\u00e4che wird von Reliefs eingenommen, bekr\u00f6nt von einem flamboyanten Spitzbogen. Man wei\u00df nicht, wo man zuerst hinsehen soll, vor lauter Figuren und Medaillons und Wappen und Konsolen und den typischen <em>alfices<\/em>, den rechteckigen Einrahmungen der B\u00f6gen, wie man sie in der Mudejar-Architektur findet.<\/p>\n<p>In den Bogenfeldern kann man drei Szenen unterscheiden: die Kreuzigung (oben) und die Geburt und die Anbetung unten. Aber auf das Dargestellte kommt es hier vielleicht gar nicht an, sondern auf den Gesamteindruck.<\/p>\n<p>Die Neue Kathedrale sollte eigentlich noch gr\u00f6\u00dfer werden, aber das scheiterte an dem Widerstand der Universit\u00e4t. Was ihre Macht belegt. Die urspr\u00fcnglich geplante L\u00e4nge markiert der Turm. Der tritt aus der Fassade nach vorne hervor.<\/p>\n<p>Rechts vom Turm sieht man die Stelle, wo die Alte Kathedrale auf die Neue Kathedrale st\u00f6\u00dft. Und man erkennt, dass die Alte Kathedrale dabei ein bisschen beschnitten wurde.<\/p>\n<p>Dann geht es zu den Escuela Menores. Wir kommen vorbei an einer Wand, in der eine Inschrift an Nebrija erinnert, den Verfasser der ersten Grammatik des Spanischen. Der Weg f\u00fchrt dann an der Casa de Unamuno vorbei, dem Museum, das dem ber\u00fchmten Rektor der Universit\u00e4t gewidmet ist. Das Museum ist in dem alten Rektoratsgeb\u00e4ude untergebracht.<\/p>\n<p>Die Escuelas Menores haben einen pr\u00e4chtigen Innenhof, mit modernen Skulpturen im Zentrum und einem Saal, in dem ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Gem\u00e4lde aufbewahrt ist. Das tr\u00e4gt den Namen <em>Cielo de Salamanca<\/em>.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns geht es aber auf den kleinen Platz vor die Escuelas Mayores, die \u201eeigentliche\u201c Universit\u00e4t. Das ist der Touristenmagnet \u00fcberhaupt. Ganze Heerscharen von Touristen versammeln sich hier, um die Kr\u00f6te zu suchen, la rana. Wer die Kr\u00f6te findet, besteht das Examen, hei\u00dft es, eine merkw\u00fcrdige Umkehrung der urspr\u00fcnglichen Bedeutung der Kr\u00f6te. Sie inmitten dieses dichten Steinteppichs zu finden, ist nicht so einfach, selbst mit Hilfe. Ich habe sie schon damals nicht gefunden. Und mich getr\u00f6stet mit Unamunos klugem Ausspruch: \u201eLo malo no es no ver la rana, lo malo es ver s\u00f3lo la rana\u201d. Wie wahr!<\/p>\n<p>Das Motto befolgt auch unser F\u00fchrer. Und weist uns zuerst auf die Statue von Fray Luis de Le\u00f3n hin. Der steht auf der Mitte des Platzes und blickt genau auf die Fassade der Universit\u00e4t. Der Universit\u00e4t, an der ihm die Lehrerlaubnis entzogen wurde, weil er einen Teil des Alten Testaments ins Spanische \u00fcbersetzt hatte! Als er dann wieder eingesetzt wurde, begann er seine mit Spannung erwartete erste Vorlesung mit den ber\u00fchmt gewordenen Worten: \u201eDec\u00edamos ayer \u2026\u201c, so, als w\u00e4re nichts vorgefallen.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur <em>rana<\/em> und zu dem wunderbaren, dicht gewobenen Steinteppich, der zu dem Stil geh\u00f6rt, der in Spanien als <em>plateresco<\/em> bekannt ist, so als w\u00e4re es alles die Arbeit eines Silberschmieds. Der Begriff bezieht sich in erster Linie auf Fassadendekoration. Ganze Wandfl\u00e4chen werden von einem dichten Geflecht arabesker und fig\u00fcrlicher Muster \u00fcberzogen, steinerne Teppiche.<\/p>\n<p>Ein zentrales Motiv der Fassade sind die beiden Medaillons in der Mitte mit den Katholischen K\u00f6nigen und der griechischen Inschrift, die besagt: Die K\u00f6nige f\u00fcr die Universit\u00e4t, die Universit\u00e4t f\u00fcr die K\u00f6nige. Andererseits hat die Fassade auch Verweise auf die p\u00e4pstliche Autorit\u00e4t. Vielleicht spielt sie insgesamt auf das Zusammenwirken von Universit\u00e4t, Kirche und K\u00f6nigtum an. Sicher in der Regel keine konfliktfreie Zusammenarbeit.<\/p>\n<p>Oben erscheinen vier historische Figuren, denen die Embleme der vier weltlichen Tugenden zugeordnet sind: Tapferkeit, M\u00e4\u00dfigung, Gerechtigkeit, St\u00e4rke. Solche Zuordnungen sind nat\u00fcrlich alles andere als einleuchtend. Warum sollte man ausgerechnet C\u00e4sar mit M\u00e4\u00dfigung in Verbindung bringen? Aber darum ging es wohl nicht. Er war einfach ein Held der Fr\u00fchen Neuzeit, und solange er diese Tugend in der Vorstellung der Menschen glaubw\u00fcrdig vertrat, war alles in Ordnung.<\/p>\n<p>Und was hat es jetzt mit der Kr\u00f6te auf sich? Die Kr\u00f6te steht traditionellerweise, wie die Schlange und anderes Kriechtier, f\u00fcr die Unterwelt, f\u00fcr die niederen Instinkte. Und das tut sie auch hier. Nicht umsonst sitzt sie auf einem Totensch\u00e4del. Die Botschaft ist hier: \u00dcberbordende Sexualit\u00e4t birgt Gefahr, bringt den Tod, eine Warnung, die nicht nur einen Moralkodex vertrat, sondern in Zeiten der Syphilis eine ganz konkrete praktische Bedeutung hatte.<\/p>\n<p>Damit endet die Stadtf\u00fchrung. Eine gute Einf\u00fchrung f\u00fcr den ersten Tag. Ich gehe zur Plaza Mayor zur\u00fcck und von da aus \u00fcber die Calle Toro Richtung Heimat. Hier hei\u00dfen die Gesch\u00e4fte <em>Backside<\/em>, <em>Parfois<\/em> und <em>I am<\/em>. Und es gibt auch <em>H&amp;M<\/em> und <em>Zara<\/em>. Noch ganz in der N\u00e4he der Plaza Mayor gibt es <em>McDonalds<\/em>. Da sitzen wirklich Spanier und essen Burger. Es ist jetzt warm genug, um drau\u00dfen zu sitzen.<\/p>\n<p>Ich komme an einem Studentenwohnheim mit dem Namen <em>Amor de Dios <\/em>vorbei.\u00a0 W\u00e4re bei uns undenkbar.<\/p>\n<p>Dann sto\u00dfe ich wieder auf die breite Stra\u00dfe, die Comuneros. Die ist benannt nach den Aufst\u00e4ndischen gegen Karl V., den Teilnehmern an einem st\u00e4dtisch-b\u00fcrgerlichen Aufstand, in dem es gegen die zentrale Monarchie geht. Auf dem H\u00f6hepunkt des Aufstandes bildeten die Comuneros eine provisorische Regierung und erkl\u00e4rten Johann, die \u201eWahnsinnige\u201c, die Mutter Karls V. zur rechtm\u00e4\u00dfigen Monarchin. Was sie wohl auch war. Der Aufstand wurde nat\u00fcrlich niedergeschlagen.<\/p>\n<p>Ich mache unterwegs zweimal Halt, in den typischen, wenig einladend eingerichteten Bars. In beiden bestelle ich eine <em>ca\u00f1a<\/em> und esse eine <em>tapa<\/em>. In beiden sehen mich die Wirte etwas verstohlen an. Sieht so deutsch aus und h\u00f6rt sich so spanisch an, da stimmt doch was nicht. Komischer Kerl.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">10. September (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Was die Nation bewegt, ist das angek\u00fcndigte Referendum \u00fcber die Unabh\u00e4ngigkeit Kataloniens. Wird es stattfinden? Ist es legal? Die Katalanen, d.h. der Teil des katalanischen Parlaments, der die Unabh\u00e4ngigkeit anstrebt, ist gewillt, das Referendum durchzuziehen, obwohl ein \u00e4hnlicher Versuch vor ein paar Jahren vom Obersten Gericht blockiert wurde. Diesmal soll es trotzdem stattfinden. Die Zentralregierung h\u00e4lt dagegen. Sie ist in der ganzen Debatte kompromisslos gewesen. Es gibt Stimmen, die sagen, dass gerade die steinharte Haltung des Ministerpr\u00e4sidenten die Bewegung erst stark gemacht habe. Die meisten Katalanen, oder besser die meisten Bewohner Kataloniens, halten die Abstimmung f\u00fcr illegal. Aber sie sind leiser als die Bef\u00fcrworter. Die sind organisiert, haben eine klare Vorstellung, artikulieren sich, treten aktiv f\u00fcr ihre Sache ein. Die Gegner sind nicht organisiert, sind leiser, haben keine eindeutige Vorstellung von der Zukunft Kataloniens und f\u00fcrchten sich, angesichts der \u00f6ffentlichen Stimmung ihre Meinung zu sagen.<\/p>\n<p>Als ich am Morgen aufbreche, ist es immer noch ein ganz klein bisschen k\u00fchl, obwohl es sp\u00e4ter ist als gestern. Aber in der Sonne ist es gut auszuhalten. An einer Apotheke in der Toro werden 21\u00b0 angezeigt.<\/p>\n<p>Ich gehe als erstes zur Touristeninformation. Eine freundliche Frau, dieselbe wie gestern, erkl\u00e4rt mir zwei Skulpturen, die mir R\u00e4tsel aufgeben: An der Plaza de Espa\u00f1a steht eine Reiterstatue. Es ist nicht, wie ich erst dachte, Sancho Panza. Der Esel erwies sich beim Herumgehen heute Morgen als Pferd. Es ist Juli\u00e1n S\u00e1nchez, \u201eEl Charro\u201c, einer der nationalen Helden des Unabh\u00e4ngigkeitskampfs gegen Frankreich.<\/p>\n<p>Interessanter ist eine moderne Bronzeskulptur, die ich gleich am ersten Morgen in der N\u00e4he der R\u00faa Mayor entdeckt habe, nicht so glatt wie die des Corregidors und ebenerdig stehend. An einem Schreibpult sitzt ein Mann mit einem Zirkel, hinter ihm steht ein anderer Mann, der auf seine Zeichnung sieht und den Arm freundschaftlich auf die Schulter des Zeichners legt. Der Zeichner ist Churriguera, Alberto Churriguera, der Architekt der Plaza Mayor, der Mann hinter ihm ein gewisser Rodrigo Caballero, der unter anderem das Amt des Corregidors innehatte und den Impuls f\u00fcr den Bau der Plaza Mayor gab. Beide tragen Schnallenschuhe und eine breite Halsbinde, einen Vorl\u00e4ufer der Krawatte. Und der Corregidor tr\u00e4gt einen Dreispitz. Beide sehen konzentriert aus.<\/p>\n<p>Wo ich gerade in der N\u00e4he bin, sehe ich mir San Mart\u00edn an, die Kirche, die direkt an die Plaza angrenzt. Sie steht schr\u00e4g zur Plaza. Streng genommen ist es umgekehrt: Die Plaza steht schr\u00e4g zu San Mart\u00edn. Die Kirche stand schon Jahrhunderte, als die Plaza geplant wurde.<\/p>\n<p>San Mart\u00edn war die wichtigste Pfarrkirche Salamancas. Ihre Bedeutung wuchs von dem Moment an, wo sich infolge des Bev\u00f6lkerungswachstums das Zentrum der Stadt hierher, nach Norden verschob. Auf dem riesigen Platz vor der Kirche wurde Markt abgehalten, und der Glockenschlag von San Mart\u00edn bestimmte den Rhythmus des Lebens in der Altstadt.<\/p>\n<p>Die Kirche selbst betritt man von S\u00fcden her. Sie ist auf den ersten Blick etwas entt\u00e4uschend. Verschiedene Umbauten, vor allem der Einzug eines neuen Gew\u00f6lbes statt des romanischen Rundgew\u00f6lbes, verursachten Probleme mit der Statik und brachten die Kirche fast zum Einst\u00fcrzen. Auch jetzt sieht man, wie das Gew\u00f6lbe Wasserflecken hat und wie sich die Pfeiler zur Seite biegen. Wenn man n\u00e4her hinsieht, entdeckt man ein paar sch\u00f6ne Grabdenkm\u00e4ler und eine sch\u00f6ne Treppe.<\/p>\n<p>Eigentlich lohnenswert ist aber der Eingang direkt bei der Plaza Mayor. Das Portal zeigt die ber\u00fchmte Mantelszene von Sankt Martin, dem Namenspatron des Auftraggebers der Kirche, dem Grafen Mart\u00edn Fern\u00e1ndez. Dann kommt man in zwei Kapellen, und sieht zwischen denen ein romanisches Bogenportal, das wohl erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckt wurde. Viele der Originalteile waren hinter den barocken Umbauten verschwunden. Das Portal zeigt in den verschiedenen Voluten Fabeltiere, Bl\u00fcten, Blumen und ein paar Szenen aus dem Alltag der Menschen. Mit etwas Anstrengung kann man erkennen, wie sich Menschen an einem Feuer w\u00e4rmen. Die Farbfassung der Skulpturen ist teils noch erhalten.<\/p>\n<p>Nach der Besichtigung gehe ich die R\u00faa Mayor runter. Dort ist heute der Teufel los. \u00dcberall Musik, Gedr\u00e4nge, Imbissst\u00e4nde, B\u00e4nke. Das Patronatsfest scheint jeden Tag ein anderes Viertel zum Zentrum zu haben. Die Atmosph\u00e4re ist gegen\u00fcber gestern Morgen, als ich hier nur dem einen oder anderen Touristen begegnet bin, so anders, dass ich einen Moment glaube, ich w\u00e4re auf der falschen Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Ich gehe zur Clerec\u00eda, dem Jesuitenkolleg. Die Stra\u00dfe ist mit einem Band von der Polizei abgesperrt, aber bis zu dem Eingang kann man kommen. Als ich reingehe, sagt man mir sofort, bevor ich den Mund aufgemacht habe, die T\u00fcrme k\u00f6nnten nicht besichtigt werden. Ich will aber gar nicht auf die T\u00fcrme, ich will das Geb\u00e4ude besichtigen. Das geht nur mit F\u00fchrung, und die gibt es nur auf Spanisch, wie eine kleine Gruppe aus Singapur erfahren muss, die das Geb\u00e4ude besichtigen will. Warum die T\u00fcrme gesperrt sind, bekomme ich beim Warten auf die F\u00fchrung mit: Da hat sich gerade einer heruntergest\u00fcrzt.<\/p>\n<p>Eine schick gekleidete, nicht unansehnliche Frau mittleren Alters f\u00fchrt uns, mit spanischer Strenge: kein L\u00e4cheln, keine Begr\u00fc\u00dfung, und dann wird der Text heruntergerasselt. Dabei merkt man sp\u00e4ter, als die eine oder andere Frage gestellt wird, dass sie durchaus anders kann.<\/p>\n<p>Wir kommen zuerst in die Aula Magna. Barock? Ja, denkste! 20. Jahrhundert. Aber so angelegt, dass es barock aussieht und sich dem Geb\u00e4ude anpasst.<\/p>\n<p>Es gibt ein Deckengem\u00e4lde und jeweils ein Gem\u00e4lde an den Stirnseiten. Vorne das Konzil von Trient, mit Karl V. unter den Teilnehmern. Hinten, in einem Halo, die Jungfrau Maria, nur virtuell vertreten bei den Beratungen. Ihr Pendant auf der anderen Seite ist die Weisheit, als weibliche Allegorie dargestellt. Sie wacht \u00fcber eine Versammlung von Wissenschaftlern. Lauter Jesuiten.<\/p>\n<p>Die Jesuitenuniversit\u00e4t ist heute keine mehr. Die Professoren k\u00f6nnen Dominikaner, Franziskaner oder Jesuiten sein oder auch Laien. Studieren kann man hier so gut wie alles, einschl. Marketing. Insgesamt sind 5.000 Studenten hier eingeschrieben.<\/p>\n<p>Am Anfang der Universit\u00e4t stand allerdings die Konkurrenz, ja sogar der Zwist zwischen den Orden. Die Universit\u00e4t sollte schon lange vorher gegr\u00fcndet werden, aber das wurde von den Dominikanern verhindert. Der Beichtvater von Isabel la Cat\u00f3lica war Dominikaner. Salamanca war f\u00fcr die Jesuiten besonders wichtig, weil Ignatius von Loyola hier gelehrt hatte, von der Inquisition bespitzelt und schlie\u00dflich verhaftet worden war.<\/p>\n<p>Zur Gr\u00fcndung kam es dann unter Felipe III., vor allem aufgrund der Vermittlung seiner Gattin, de Austria. Deren Beichtvater war Jesuit! Den Wappen der beiden begegnet man \u00fcberall, hier in der Aula Magna, an der Treppe, in der Kirche, im Innenhof, an der Fassade. Durch die k\u00f6nigliche Unterst\u00fctzung mangelte es nie an Geld.<\/p>\n<p>Als die Jesuitenuniversit\u00e4t dann endlich stand, dauerte es nur noch sieben Jahren, bis die Jesuiten des Landes verwiesen wurden. Sie waren dem K\u00f6nigshaus zu m\u00e4chtig geworden.<\/p>\n<p>In dem sch\u00f6nen Treppenhaus erscheinen an der Wand mit roten Buchstaben die Namen ber\u00fchmter ehemaliger Absolventen der Universit\u00e4t. Rot deshalb, weil traditionell die Absolventen Stierblut benutzten, wenn sie sich in den R\u00e4umen ihrer Escuela verewigten.<\/p>\n<p>Ein interessantes Emblem, auch in Rot, tritt neben den Namen auf. Auch gestern bei dem Rundgang waren wir in der Stadt schon darauf gesto\u00dfen. Es sind ineinander verschlungene Buchstaben, die das Wort <em>Vitor<\/em> ergeben. Aber dann gibt es da noch ein C. Vielleicht eine Andeutung auf die alte Form, Victoria. Nein, hei\u00dft es, das C sei kein C, sondern ein Halbmond und verweise auf Pedro Luna, den spanischen Papst, einen der F\u00f6rderer der Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>Es geht in den Innenhof, einen barocken Innenhof, ganz anders als die meisten anderen Innenh\u00f6fe Salamancas. Von hier aus sieht man auch auf die Kuppel der Kirche und die beiden T\u00fcrme.<\/p>\n<p>Am Ende geht es dann noch in die Kirche. Hier herrscht weltlich anmutende Pracht vor. Alles vergoldet, alles gro\u00df und gro\u00dfartig, alles voller mehr oder weniger versteckter Symbolik, so wie die Weinbl\u00e4tter am Altar, die f\u00fcr das Blut Christi stehen.<\/p>\n<p>Die Kirche wird heute nur noch f\u00fcr Festakte oder Hochzeiten genutzt. Ansonsten mangele es an Nachfrage, erkl\u00e4rt unsere F\u00fchrerin. Und an Priestern. Die meisten Priester kommen heute aus Afrika oder Lateinamerika. Der spanische Priester sei eine aussterbende Spezies. Ein Detail, das den Wandel der spanischen Gesellschaft bestens anzeigt.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher, erkl\u00e4rt die F\u00fchrerin, habe man die kleinen Kirchen geschlossen, die gro\u00dfen offen gehalten. Heute mache man es umgekehrt. Einmal aus psychologischen Gr\u00fcnden. Die wenigen Gl\u00e4ubigen sollen sich in den gro\u00dfen Bauten nicht so verloren vorkommen. Aber auch aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden: Heizung, Strom, S\u00e4uberung, Instandhaltung.<\/p>\n<p>Die F\u00fchrung endet hier. Auf dem Weg zur\u00fcck lande ich per Zufall, nur deshalb, weil ich nebenan lange umsonst auf die Bedienung warte, in einer Eckkneipe, im wahrsten Sinne des Wortes. Ein paar Spanier an vereinzelten Tischen, Papier auf dem Boden, leere Gl\u00e4ser auf den Tischen. Aber es lohnt sich: Ich frage die freundliche Frau hinter der Theke, worum es sich bei einer der dargebotenen Speisen handele: Zunge. Gut, da nehme ich eine Portion. Hervorragend! Das Fleisch, in kleine St\u00fccke geschnitten, schwimmt in einer sehr schmackhaften So\u00dfe, mit Zwiebeln und M\u00f6hren. Und das Bier, das es dazu gibt, ist so gut, dass ich gleich noch ein zweites bestelle. Ich lasse der K\u00f6chin ein Kompliment ausrichten und verspreche, wiederzukommen.<\/p>\n<p>Am Nachmittag gehe ich zu Fu\u00df zum Busbahnhof. Da komme ich an bisher unbekannten Ecken vorbei, sobald ich die Plaza Mayor hinter mir gelassen habe.<\/p>\n<p>Der Weg f\u00fchrt an einer Rundkirche vorbei, die ich noch ganz vage von damals in Erinnerung zu haben glaube.<\/p>\n<p>Unterwegs kommt mir ein junger Mann entgegen, Teenager. Er ist tief \u00fcber sein Handy gebeugt, liest eine Nachricht und l\u00e4uft mich fast \u00fcber den Haufen. In dem Moment sehe ich die Aufschrift auf seinem T-Shirt: <em>Don\u2019t look down.<\/em><\/p>\n<p>Am Busbahnhof trinke ich einen Kaffee. Der gespr\u00e4chige junge Mann hinter der Theke erkundigt sich nach meinem Aufenthalt und zeigt mir ein Bild seiner Freundin. Mit der sei er gestern auf der Feria gewesen. Welche Feria? Die Feria de ganado. Er zeigt auf Bilder an den W\u00e4nden, die mir ganz entgangen waren: K\u00fche, Rinder aller m\u00f6glichen exotisch aussehenden Rassen. Da solle ich auch mal hingehen, r\u00e4t er mir.<\/p>\n<p>Auf die Minute p\u00fcnktlich kommt der Bus aus Madrid an. Und bringt La Cajera. Sie hat sich hier f\u00fcr einen Sprachkurs eingeschrieben. Der beginnt morgen. Wir nehmen ein Taxi zu ihrer Unterkunft, gar nicht weit von meiner, und verabreden uns f\u00fcr den Abend auf ein Bier.<\/p>\n<p>Am Abend schlage ich eine Terrasse vor nahe an einem Park, an dem ich auf dem Weg zu ihr vorbeigekommen bin. Erst als wir uns setzen, merke ich, dass es die Bar ist, in der ich am Mittag nicht bedient worden bin.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">11. September (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Heute wird es richtig sommerlich, auch wenn es im Schatten am Morgen immer noch etwas k\u00fchl ist.<\/p>\n<p>Auf dem Weg in die Altstadt sto\u00dfe ich zuf\u00e4llig auf eine moderne Skulptur: Brot und Verstand. Deren Abbildung im Reisef\u00fchrer hatte mir R\u00e4tsel aufgegeben. Jetzt erkl\u00e4rt sich die Sache ein bisschen. Zumindest kann man erkennen, welche der beiden Teile Brot und welche der beiden Teile Verstand ist. Das Brot wird von einer Hand umklammert, aber diese Hand ist abgetrennt, sie hat keinen Arm, keine Verbindung zum Verstand. Die Vernunft ist ein sehr stilisierter menschlicher Kopf &#8211; wenn es denn ein menschlicher Kopf ist \u2013 umgeben von bekritzelten Schiefertafeln und Buchr\u00fccken.<\/p>\n<p>Heute wird auf der R\u00faa Mayor abgebaut, aufger\u00e4umt, weggeschafft. Sie bietet am dritten Tag zum dritten Mal ein anderes Aussehen.<\/p>\n<p>Die Casa Miguel de Unamuno steht auf dem Programm. Sie ist passenderweise in der Calle de los Libreros.<\/p>\n<p>Wir sind nur zu dritt, ein Kanadier, der etwas Deutsch und Spanisch spricht, in Begleitung einer Asturianerin, die gelegentlich f\u00fcr ihn \u00fcbersetzt. Wir kommen zwischendurch immer wieder ins Gespr\u00e4ch, mal auf Englisch, mal auf Spanisch.<\/p>\n<p>Wir haben gleich zwei F\u00fchrerinnen. Die wechseln sich ab und gehen gerne auf uns und unsere Nachfragen ein.<\/p>\n<p>Unten befindet sich das Rektorat. Hier finden Festakte und Sitzungen statt. Eine Holzt\u00fcr an der hinteren Wand verbindet das Geb\u00e4ude direkt mit der Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>Die beiden oberen Etagen wurden als Wohnung f\u00fcr den Rektor eingerichtet. Davon machte von allen Rektoren aber nur Unamuno Gebrauch. Dadurch konnte man die Wohnung jetzt als Museum herrichten, jedenfalls die untere Etage. Die obere Etage enth\u00e4lt ein Archiv.<\/p>\n<p>Drei R\u00e4ume sind original erhalten: die Bibliothek, das Arbeitszimmer, das Schlafzimmer. In der Diele h\u00e4ngt eine lange Holzleiste mit den Lebensdaten Unamunos. Er kam als Professor f\u00fcr Griechisch nach Salamanca und wurde dann bald, als er noch keine vierzig war, Rektor der Universit\u00e4t. Das war im Jahre 1900. Zu dem Zeitpunkt war er noch unbekannt. 1914 wurde er dann als Rektor abgesetzt, aus politischen Gr\u00fcnden. Er hatte sich sehr f\u00fcr die Alliierten im Ersten Weltkrieg eingesetzt und offen deutschfeindliche Texte ver\u00f6ffentlicht. Sp\u00e4ter, in der Zweiten Republik, wurde er dann noch einmal f\u00fcr eine kurze Zeit Rektor der Universit\u00e4t. Zwischenzeitlich war er in Frankreich im Exil. Er war auch ein Kandidat f\u00fcr den Literaturnobelpreis, hat ihn aber nicht bekommen. Der Asturianerin f\u00e4llt etwas auf, was nur Spanier sehen: Seine Frau hat irgendwann einen Anteil am <em>gordo<\/em> gewonnen, in der Weihnachtslotterie.<\/p>\n<p>In einer Phase der Biographie ist auch von einer spirituellen Krise die Rede. W\u00e4hrend dieser Zeit zog er sich ein paar Tage in ein Kloster und sp\u00e4ter von \u00f6ffentlichen Arbeiten zur\u00fcck. Ob diese Krise mit privaten Schicksalsschl\u00e4gen zusammenh\u00e4ngt \u2013 er verlor seine Frau und zwei Kinder \u2013 wird nicht ganz klar. Aber es hat eher den Anschein, als h\u00e4tte es daf\u00fcr keines \u00e4u\u00dferen Anlasses bedurft.<\/p>\n<p>Seine eigene Bibliothek vermachte er der Universit\u00e4t, und einige der B\u00fccher sind hier, in einem sch\u00f6nen B\u00fccherschrank, ausgestellt. Er konnte Franz\u00f6sisch und Englisch, brachte sich dann aber zumindest auch Lesekompetenz in Deutsch bei, um die deutschen Philosophen im Original lesen zu k\u00f6nnen. Und D\u00e4nisch, um Kierkegaard lesen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Neben dem Fenster steht sein Schaukelstuhl. Dort sa\u00df er, um zu lesen. Die Ranke, die sich von dem Fenster nach unten windet, stammt aus seiner Zeit. An der Wand h\u00e4ngt ein Gedicht, das er ihr widmete.<\/p>\n<p>\u00dcber dem Durchgang h\u00e4ngt ein Portrait von ihm als Jugendlicher, siebzehn Jahre alt. Praktisch nicht zu erkennen. Er sieht da wie Kafka aus. Die Spanierinnen sind sich einig, dass er auch sehr \u201ebaskisch\u201c aussehe. Die Basken h\u00e4tten eine ganz eigene Physiognomie.<\/p>\n<p>Im Arbeitszimmer kann man ein bisschen seine Arbeitsweise nachvollziehen. Er schrieb immer von Hand. Die Schreibmaschine, die in dem Regal steht, kam kaum einmal zum Einsatz. Er schrieb auf postkartengro\u00dfen Zetteln. Die wurden dann in eine verzierte Schmuckschatulle mit einem B\u00e4ndchen gelegt \u2013 und fertig war das Werk!<\/p>\n<p>Im Schlafzimmer steht neben dem Bett eine Sonderanfertigung f\u00fcr ihn, ein Holzgestell mit F\u00fc\u00dfen, das \u00fcber ein schr\u00e4ges Brett und ein dar\u00fcber angebrachtes, kleineres Brett mit Leiste verf\u00fcgte. Auf das kleinere Brett legte man das Buch, auf das gr\u00f6\u00dfere das Manuskript. Man klappte das Gestell dann zur Seite und konnte so auf dem Bett liegend arbeiten. Meine Bitte, das Gestell mitnehmen zu d\u00fcrfen, wird abgeschlagen.<\/p>\n<p>Neben dem Bett h\u00e4ngt der Christus von Vel\u00e1zquez, eine Reproduktion, die ein befreundeter Maler f\u00fcr ihn machte. War Unamuno gl\u00e4ubig? Ja und nein. Nicht auf eine herk\u00f6mmliche Art und Weise. Die F\u00fchrerin zitiert einen etwas enigmatischen Satz, der diese Einstellung zusammenfasst: \u201eBusco la verdad en la fe y la fe en la verdad\u201c.<\/p>\n<p>Unamuno hatte urspr\u00fcnglich auf Franco gesetzt. Er glaubte, Franco w\u00fcrde die Republik retten! So kann man sich t\u00e4uschen. Aber er sah seinen Fehler bald ein, sp\u00e4testens als es einigen seiner Kollegen an den Kragen ging, einigen ganz w\u00f6rtlich.<\/p>\n<p>Unamuno starb hier, in dieser Wohnung, unter bemerkenswerten Umst\u00e4nden. Man glaubte, er w\u00e4re an dem kleinen runden Tisch der Bibliothek eingeschlafen. Er war aber tot. Das merkte man erst, als seine Pantoffeln Feuer fingen. Unter den Tisch, verborgen hinter einer schweren Tischdecke, stand eine Heiz\u00f6fchen f\u00fcr die F\u00fc\u00dfe.<\/p>\n<p>Er war 72, als er starb. Er litt an einer schweren Erk\u00e4ltung und an einer Lungenentz\u00fcndung. Und die Wochen davor waren aufreibend gewesen. Ein General Francos hatte im Paraninfo der Universit\u00e4t eine Rede gehalten und Unamuno hatte ihm \u00f6ffentlich widersprochen: \u201eVencer\u00e9is pero no convencer\u00e9is\u201c. Das war wenige Wochen vor seinen Tod gewesen.<\/p>\n<p>Nach der Besichtigung gehe ich zur R\u00f6merbr\u00fccke hinunter. Bei der etwas vollmundigen Ank\u00fcndigung beim Stadtrundgang hat es dieser Tage gehei\u00dfen, Salamanca h\u00e4tte aus allen Epochen etwas zu bieten, aber das meiste, was wir dann sahen, war aus der fr\u00fchen Neuzeit, bis auf die Alte Kathedrale. Aber aus der r\u00f6mischen, der vorr\u00f6mischen, der vorgeschichtlichen Epoche und auch aus der Moderne \u2013 nichts. Jetzt will ich mir wenigstens die R\u00f6merbr\u00fccke nicht entgehen lassen.<\/p>\n<p>Von der Casa Miguel de Unamuno sind es keine zehn Minuten, bis man den Altstadtring verl\u00e4sst und der Tormes in Sicht kommt. Am Ufer steht ein Denkmal des Lazarillo. Er f\u00fchrt den Blinden, der ziellos in die Ferne blickt. An der R\u00f6merbr\u00fccke spielt eine der Episoden des <em>Lazarillo<\/em>.<\/p>\n<p>In einem kleinen Park hinter dem Denkmal eine byzantinisch aussehende Kirche. Man glaubt, in Saloniki zu sein: quadratisch, Backsteine, zentrale niedrige Kuppel. Und wie in Saloniki ist die Kirche geschlossen.<\/p>\n<p>Am Br\u00fcckenkopf steht eine Statue aus Stein, der <em>verraco<\/em>, eine (mittlerweile) kopflose, gedrungene Statue eines Tiers, vermutlich eines Stiers (oder, was mir wahrscheinlicher erscheint, eines Keilers) Die ist vorr\u00f6misch und steht (inzwischen wieder) da, wo sie urspr\u00fcnglich stand. Auch sie spielt im <em>Lazarillo<\/em> eine Rolle.<\/p>\n<p>Die R\u00f6merbr\u00fccke ist etwas j\u00fcnger als die Trierer R\u00f6merbr\u00fccke, aber viel l\u00e4nger. Auch bei ihr sind nicht alle Teile original. Man erkennt einen Unterschied zwischen den stadtnahen, originalen Pfeilern und den anderen. Wann und warum sie gebaut wurden, scheint unbekannt zu sein. Wie in Trier immer noch passierten auch hier bis vor nicht allzu langer Zeit Autos \u00fcber die R\u00f6merbr\u00fccke, aber sie wurde dann zu einer reinen Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke gemacht, was auch gut zu der park\u00e4hnlichen Anlage passt.<\/p>\n<p>Ich gehe auf die andere Seite und versuche, von hier aus das legend\u00e4re Photo von damals nachzumachen, aber es will nicht so richtig gelingen. Am gegen\u00fcberliegenden Ufer sieht man Kuppel und Turm der Neuen Kathedrale, links davon, weiter im Hintergrund, Kuppel und T\u00fcrme der Clerec\u00eda und dazwischen einen weiteren Turm, einen offenen Glockenturm, wie er in Mexiko stehen k\u00f6nnte. Der geh\u00f6rt zur Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>Es geht wieder zur\u00fcck und in den Innenhof der <em>Escuelas Menores<\/em>. Dort bin ich um diese Zeit fast allein. Ich lasse die ganze Sch\u00f6nheit des Innenhofs auf mich wirken und die verschiedenen Blicke auf die Altstadt.<\/p>\n<p>Den Arkaden, die man hier sieht, begegnet man immer wieder in Salamanca. Sie haben mixtilineare B\u00f6gen, muslimischen Ursprungs. Sie bestehen aus f\u00fcnf gegenl\u00e4ufigen Kreissegmenten. Man nennt sie auch, mit einem viel anschaulicheren Wort, Vorhangb\u00f6gen.<\/p>\n<p>Dann sehe ich mir den Cielo de Salamanca an. Es hei\u00dft, man solle mindestens f\u00fcnf Minuten einr\u00e4umen, damit sich das Auge an die Dunkelheit gew\u00f6hnen k\u00f6nne. Und tats\u00e4chlich werden langsam die Konturen sch\u00e4rfer, die Farben klarer unterschieden.<\/p>\n<p>Es handelt sich um eine halbe Kuppel, auf der auf blassblauem Hintergrund ein Sternenhimmel angebracht ist. An dem Sternenhimmel erscheint ein keulenschwingender Herkules, Apollon mit dem von Pferden gezogenen Sonnenwagen, eine weitere Figur mit einem von einem sonderbaren Vogel gezogenen Wagen, dann ein Altar mit einem entz\u00fcndeten Feuer, eine Schlange, ein Baum und verschiedene Tierkreiszeichen: L\u00f6we, Waage, Jungfrau, Sch\u00fctze. Und am unteren Saum der Halbkuppel sechs menschen\u00e4hnliche K\u00f6pfe. Es gibt keinerlei Erkl\u00e4rungen zu den Abbildungen, wohl aber zu der Herkunft des Gem\u00e4ldes. Es ist wohl eine Reproduktion (XVIII) des Originals (XVI), das bei einem Brand der Kapelle der Universit\u00e4t abhandengekommen ist. Die beiden einzigen verbliebenen Originalteile sind hier an den Seiten ausgestellt. Von der anderen H\u00e4lfte der Kuppel erf\u00e4hrt man nichts.<\/p>\n<p>Ich gehe zur Plaza Mayor und dabei an San Esteban vorbei. Dort wird aber gerade geschlossen. In diesem Teil der Altstadt war ich bisher noch nicht gelandet.<\/p>\n<p>Erst im dritten Anlauf bekomme ich irgendwo Briefmarken. Sie sind sehr teuer, 1,25 \u20ac. Abgebildet ist ein Castillo, das von Ciudad Real.<\/p>\n<p>Auf der Plaza Mayor findet ein Konzert statt. Der Bolero von Ravel geht gerade zu Ende, dann kommen spanische M\u00e4rsche. Die Caf\u00e9s sind rappelvoll, und unter den Arkaden dr\u00e4ngt sich allerhand Volk, Touristen und Einheimische.<\/p>\n<p>Ich sehe mir trotzdem die Medaillons an. An einer Seite sind die spanischen K\u00f6nige vertreten, von den Habsburgern bis heute. Auch der ungekr\u00f6nte K\u00f6nig, f\u00fcr den Franco zu k\u00e4mpfen vorgab, Don Alfonso de Borb\u00f3n, ist vertreten. Franco selbst allerdings nicht mehr. Wie ich auf Anfrage in der Touristeninformation erfahre. An einer anderen Seite sind spanische Helden angebracht, vom Cid bis zu Ponce de Le\u00f3n. Irgendwo entdecke ich am Ende aber auch noch ein paar Geistesgr\u00f6\u00dfen, darunter Unamuno.<\/p>\n<p>Am Nachmittag gehe ich mit auf einen Stadtrundgang mit der Sprachschule. Wir sind insgesamt nur vier. Der Lehrer l\u00e4sst es langsam gehen und beschr\u00e4nkt sich auf ganz allgemein gehaltene Erkl\u00e4rungen, l\u00e4sst sich aber gerne anzapfen als Informationsquelle \u00fcber Salamanca. Er hat selbst Publizistik studiert und ist erst auf Umwegen an die Stelle als Fremdsprachenlehrer gekommen. Der H\u00f6hepunkt des Jahres sei nicht der Sommer, sondern der Winter. Da k\u00e4men viele amerikanische Studenten.<\/p>\n<p>Wir kommen auch an ein paar Stellen, an denen ich noch nicht gewesen bin, vor allem zu einem kleinen Park auf den Stadtmauern, von wo aus man einen Blick auf den \u201eSchiefen Turm\u201c von Salamanca hat. Man sieht, dass die Kuppel der Neuen Kathedrale nicht ganz gerade steht. Auch eine Folge des Erdbebens.<\/p>\n<p>Von hier aus hat man auch einen guten Blick auf San Esteban. Dort, erfahren wir, war Kolumbus l\u00e4ngere Zeit untergebracht, als er bei den Katholischen K\u00f6nigen um Unterst\u00fctzung f\u00fcr seine geplante Expedition vorsprach.<\/p>\n<p>Wir stehen vor einem Baum mit dicken, gelblichen Fr\u00fcchten. Ich habe keine Ahnung, was das sein k\u00f6nnte, erfahre es aber: Quitten. Auf Spanisch <em>membrillos<\/em>.<\/p>\n<p>Der Park erinnert mich an eine Aussage eines Kommilitonen von damals: \u201eSalamanca? Wie kannst Du nur da hinfahren? Da gibt es doch keinen Strauch, keinen Baum in der ganzen Stadt\u201c. Etwas \u00fcbertrieben, aber da ist was dran. Trotz dieses Parks. Eine gr\u00fcne Stadt ist Salamanca nicht unbedingt.<\/p>\n<p>Ich erfahre auch endlich, wo der Patio Chico ist, n\u00e4mlich auf der anderen Seite der Kathedrale, der dem Publikumsverkehr abgekehrten Seite. Auch die hat ein riesiges Portal, aber das ist leer. Das Bogenfeld ist leer, und leer sind auch all die langgezogenen dekorativen Sockel, auf die Statuen zu stehen kommen sollten. Aber das passierte nicht mehr. Die Gotik war endg\u00fcltig vorbei.<\/p>\n<p>Ich h\u00f6re, wie eine Frau, gem\u00fctlich auf einer Steinmauer sitzend, mit einer anderen spricht, in einem fl\u00fcssigen, aber merkw\u00fcrdigen Italienisch. Es ist eine Spanierin, die Italienisch spricht.<\/p>\n<p>Vorher, am Portal der Universit\u00e4t, sind wir von einem der Souvenirverk\u00e4ufer angesprochen worden, dem aufgefallen ist, dass wir nicht nur nach der rana suchen. Er gibt eine kuriose Erkl\u00e4rung zu dem Medaillon mit den Katholischen K\u00f6nigen: Nicht Isabela h\u00e4lt den Stab, der die Macht verk\u00f6rpert, sondern Fernando alleine. Das soll ein Hinweis darauf sein, dass Isabela damals schon tot gewesen sei. Auch weist er auf eine von einem K\u00f6rper getrennte oder abgeschlagene Hand hin. Die soll ein Hinweis auf Johanna sein, die Wahnsinnige, die zu diesem Zeitpunkt bereits abgesetzt und isoliert worden war.<\/p>\n<p>Nach dem erm\u00fcdenden Rundgang l\u00e4dt La Cajera in eine von dem Lehrer empfohlene Bar ein, <em>La Paca<\/em>, bei allen in Salamanca beliebt. Uniformierte Kellner, Kacheln auf Tischen und Theke. Wir sind anfangs noch fast allein, aber als wir gehen, stehen schon verschiedene Gr\u00fcppchen ungeduldig an der Theke und warten auf einen Platz.<\/p>\n<p>La Cajera zeigt sich sehr angetan von ihrer Gastfamilie, aber die steht auch f\u00fcr ein spanisches Schicksal. Das Ehepaar ist arbeitslos. Beide haben jahrelang in derselben Firma gearbeitet und sind gleichzeitig arbeitslos geworden, zu sp\u00e4t, um Chancen auf eine neue Anstellung zu haben, zu fr\u00fch, um endg\u00fcltig in Rente zu gehen. Deshalb haben sie sich auf die Vermietung der Zimmer an ausl\u00e4ndische Studenten verlegt, in einer Wohnung, die sie selbst gemietet haben. Sie haben vier Studenten gleichzeitig. Eine gute Alternative, finde ich. Ja, sagt La Cajera, aber unter komplettem Verlust der Privatsph\u00e4re. Man ist nie allein.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">12. September (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Gleich vor der Unterkunft ist ein Waschsalon. Selbstbedienung. Man braucht nur M\u00fcnzen, kein Waschmittel. Sehr praktisch.<\/p>\n<p>Vor der Clerec\u00eda eine lange Schlange. Alle wollen auf den Turm. Heute ist der Eintritt in die \u00f6ffentlichen Sehensw\u00fcrdigkeiten gratis. Keine Schlange vor der Universit\u00e4t. Ich komme tats\u00e4chlich umsonst rein.<\/p>\n<p>Das Geb\u00e4ude der Universit\u00e4t entstand erst, als die Universit\u00e4t schon zweihundert Jahre bestand. Mit dem Bau begann man 1415 und vollendete ihn 1435. Bis dahin wurden die Vorlesungen in dem Patio der Kathedrale abgehalten oder in anderen H\u00e4usern, die der Kirche geh\u00f6rten.<\/p>\n<p>Die H\u00f6rs\u00e4le gruppieren sich um den Kreuzgang in der unteren Etage. Die H\u00f6rs\u00e4le hei\u00dfen Aula Dorada, Aula Unamuno, Paraninfo, Aula Fray Luis de Le\u00f3n, Aula Francisco de Vitoria, Aula Francisco de Salinas (er schrieb, obwohl seit dem Alter von 10 Jahren blind, das wichtigste Grundlagenwerk der Renaissancemusik), Aula Luis de Vitoria (er schuf die Grundlagen des Internationalen Rechts und lehrte die Gleichheit aller Rassen).<\/p>\n<p>In der Aula Dorada wurden allgemeine Disziplinen gelehrt, in den anderen H\u00f6rs\u00e4len die vier Fakult\u00e4ten: Jura, kanonisches Recht, Theologie, Medizin. An einer Stelle hei\u00dft es, Rhetorik, Hebr\u00e4isch, Griechisch, Musik und eine weitere Disziplin w\u00fcrden nicht so h\u00e4ufig gelehrt, sie w\u00fcrden nicht so stark nachgefragt. Bei der weiteren Disziplin handelt es sich um <em>latinidad<\/em>. Das wird hier mit Latein \u00fcbersetzt. Ziemlich sicher eine falsche \u00dcbersetzung. Vermutlich ist Spanisch gemeint.<\/p>\n<p>Die H\u00f6rs\u00e4le sind heftig restauriert und ver\u00e4ndert worden und sind nicht sonderlich interessant, bis auf einen: die Aula Fray Luis de Le\u00f3n. Der ist weitgehend im Zustand erhalten.\u00a0 Hinten ein Katheder mit konischem Schalldeckel, an den Seiten Sitzb\u00e4nke f\u00fcr hochrangige Besucher und in der Mitte die B\u00e4nke f\u00fcr die Studenten. Ein Luxus. In den anderen H\u00f6rs\u00e4len sa\u00df man auf dem Boden. Allerdings sehen diese Sitzb\u00e4nke alles andere als bequem aus, mit ihrer unregelm\u00e4\u00dfigen, abgerundeten, sehr schmalen Sitzfl\u00e4che. Da war man froh, dass man davor eine Lehne hatte, auf die man sich aufst\u00fctzen konnte. Denn f\u00fcr B\u00fccher oder Schreibmaterial scheint sie denkbar ungeeignet. Wenn es denn \u00fcberhaupt B\u00fccher und Schreibmaterial f\u00fcr den einzelnen Studenten gab.<\/p>\n<p>Der Kreuzgang ist doppelst\u00f6ckig und hat unten Rundb\u00f6gen und oben die typischen Vorhangb\u00f6gen. Die Holzbalkendecke hat unten sehr sch\u00f6ne, moriskisch aussehende Verzierungen, kleine, quadratische, gr\u00fcne, rote und wei\u00dfe Quadrate mit einem achtzackigen Stern, der von unten wie das Blatt eines Baumes aussieht. Oben hat die Holzdecke Stalaktitent\u00e4felung.<\/p>\n<p>Nach oben geht es \u00fcber eine Steintreppe, die hochinteressant ist, aber weitgehend unbeachtet bleibt. Sie hat drei Abs\u00e4tze. Die Br\u00fcstung ist massiv. Auf beiden Seiten sind Figuren eingemei\u00dfelt. Unten sieht man einen Pilger mit Pilgerstab, dann einen Dudelsackspieler, alle m\u00f6glichen T\u00e4nzer und Clowns, und oben Reiter mit Federb\u00fcschen. Dazwischen ein Mann, der auf einer Frau steht (oder sitzt) und eine Frau, die auf einem Mann steht (oder sitzt). Sie scheinen auf etwas zu deuten, vielleicht eine Biene oder eine Spinne. All das ist sehr r\u00e4tselhaft. Es hat auch wohl immer wieder neue Versuche gegeben, die Ikonographie der Treppe zu erkl\u00e4ren: der Weg des Pilgers zu Moral und Anstand? Die drei Lebensalter des Menschen? Oder ist es einfach allerlei buntes weltliches Treiben?<\/p>\n<p>Im Obergeschoss befindet sich die Bibliothek, leider nicht zug\u00e4nglich. Hier hing urspr\u00fcnglich\u00a0 der Himmel von Salamanca. Es w\u00fcrde der Bibliothek gut zu Gesicht stehen. Durch eine Glaswand sieht man auf alte Globen und eine zweist\u00f6ckige B\u00fccherwand an drei Seiten des Saals. Die Bibliothek hat \u00fcber 40.000 alte B\u00fccher, dazu 400 Inkunabeln und Tausende von Manuskripten. Und das ber\u00fchmte Hinweisschild, heute oft\u00a0 auf Ansichtskarten und Souvenirs zu sehen, das demjenigen, der B\u00fccher entfernt, besch\u00e4digt oder verunstaltet, mit Exkommunikation droht.<\/p>\n<p>Nach einem Blick vom oberen Stockwerk des Patio auf die T\u00fcrme der Umgebung, mache ich mich auf den Weg. Ich will in die Casa Lis, einem Museum, das in einem Jugendstilgeb\u00e4ude untergebracht ist, aber da steht eine lange Schlange davor. Das tue ich mir nicht an.<\/p>\n<p>Stattdessen geht es nach San Esteban. Hier muss auch heute bezahlt werden. Man steht vor einer gotischen Kirche, hat aber nicht den Eindruck, vor einer gotischen Kirche zu stehen.<\/p>\n<p>Die Fassade ist monumental, wie der ganze Bau. Da muss es einen potenten Geldgeber gegeben haben, denn schlie\u00dflich handelt es sich \u201enur\u201c um einen Konvent. Die Kirche ist einschiffig, was schon drau\u00dfen mit dem einzigen Portal angek\u00fcndigt wird, und hat, in der Dominikanertradition, nur einen Dachreiter, keinen Glockenturm.<\/p>\n<p>Unter einem Triumphbogen sind die Kreuzigung und darunter das Martyrium des Stephan dargestellt. Mit gro\u00dfer Leidenschaft und Entschlossenheit werfen muskul\u00f6se M\u00e4nner die Steine auf den Heiligen.<\/p>\n<p>An den R\u00e4ndern sind wichtige Figuren der Kirchengeschichte dargestellt, vor allem Dominikaner, darunter Thomas von Aquin. Der h\u00e4lt eine Kirche in der Hand, die auf einem Buch ruht. Das ist Programm.<\/p>\n<p>Drinnen gelangt man zuerst in den Kreuzgang. Der ist beeindruckend, hat aber einen ganz anderen Charakter als die anderen Kreuzg\u00e4nge Salamancas. Das liegt vor allem an der H\u00f6he, an den weit geschwungenen Arkaden mit den schlanken, hohen S\u00e4ulen.<\/p>\n<p>Vom Kreuzgang gehen verschiedene R\u00e4ume ab. Hier hatte, wie mit Stolz angemerkt wird, die Missionierung Amerikas ihren Ausgang. Dass die Missionierung nicht nur Segen brachte, davon ist hier nicht die Rede. Oben sind an die W\u00e4nde des Kreuzgangs allerhand sehr modern klingende Zitate angebracht, die wohl in Verbindung mit dieser Missionierung stehen. Es hei\u00dft unter anderem, jedes Volk habe das Recht auf Selbstbestimmung. Ob das von Dominikanern der fr\u00fchen Zeit der Missionierung stammt?<\/p>\n<p>In einigen Vitrinen im Obergeschoss sind auch Objekte ausgestellt, die im Zusammenhang mit der Missionierung stehen, u.a. drei peruanische Engel mit indianischen Gesichtsz\u00fcgen, mit Fl\u00fcgeln ausgestattet und mit amerikanischen Musikinstrumenten.<\/p>\n<p>Eine Treppe f\u00fchrt nach oben, die Escalera de Soto. So wurde auch die Treppe in der Clerec\u00eda genannt. Der Name geht zur\u00fcck auf Fray Domingo de Soto. Das ist nicht etwa der Architekt der Treppe, sondern der M\u00e4zen. Der Architekt war Gil de Honta\u00f1\u00f3n. Wie in der Clerec\u00eda ist die Treppe nicht nur sch\u00f6n, sondern auch technisch bemerkenswert: Die untere Bahn st\u00fctzt die anderen, und die scheinen frei zu schweben. Das war eine Neuerung. Es wird vermutet, dass diese Treppe die erste ihres Typs gewesen sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die Kirche bietet den besten Blick von oben, von der gewagten Empore, die fast die H\u00e4lfte des Kirchenschiffs einnimmt. Hier wirkt die barocke Ausstattung, vor allem der ganz und gar vergoldete Altar von Churriguera, mit Weinranken um die salomonischen S\u00e4ulen, nicht so erdr\u00fcckend wie unten. Der gesamte Raumeindruck ist ganz anders. Sch\u00f6ner.<\/p>\n<p>An der R\u00fcckseite der Empore ist ein gro\u00dfes Fresko von Palomino angebracht (XVIII). Es ist wie ein bildliches Parteiprogramm. Der Wagen der Kirche, gelenkt von einer weiblichen (!) Figur mit Tiara, gezogen von kr\u00e4ftigen, gescheckten Pferden, bahnt sich seinen Weg, angefeuert von Thomas von Aquin. Auf dem Wagen sitzen die personifizierten vier weltlichen und die drei g\u00f6ttlichen Tugenden. Unter seinen R\u00e4dern begr\u00e4bt der Wagen einen B\u00e4ren (Wut), einen Strau\u00df (V\u00f6llerei), einen Pfau (Hochmut), einen Wolf (Geiz), eine Ziege (Wollust), einen Hund (Neid) und eine Schildkr\u00f6te (Tr\u00e4gheit), also die Tiere, die die sieben Tods\u00fcnden vertreten, w\u00e4hrend die Pferde mit ihren Hufen drei Figuren zertrampeln, die f\u00fcr den Irrtum, die H\u00e4resie und die Unwissenheit stehen. Das ganze Gem\u00e4lde strahlt, trotz der fragw\u00fcrdigen Ideologie, die es vertritt, Gewissheit, Tatendrang und Optimismus aus.<\/p>\n<p>Dann geht es wieder nach drau\u00dfen. Ich komme noch einmal zu dem Park von gestern, der Huerta de Calixto y Melibea, nach Cervantes benannt, und entdecke ganz am Rande, etwas verdeckt, eine merkw\u00fcrdige Statue, eine Stele, in deren Ende das Portrait einer alten, h\u00e4sslichen Frau eingelassen ist. Darunter ein Zitat, das zeigt, um wen es sich handelt: La Celestina, die Kupplerin aus <em>La Celestina<\/em>: \u201eSoy una mujer cual Dios me hizo, no peor que todas. Si bien o mal, vivo. Dios es mi testigo.\u201c Sie ist sich ihres eigenen Wertes bewusst. Trotz allem.<\/p>\n<p>Kuriose Stra\u00dfennamen: Heute <em>Tostado<\/em>, gestern <em>Pan y Carb\u00f3n<\/em>, vorgestern <em>Triling\u00fce<\/em>. Kurios auch der Gebrauch eines modischen &lt;z&gt; in Gesch\u00e4ftsnamen: <em>Tentazi\u00f3n<\/em>.<\/p>\n<p>Dann sto\u00dfe ich auf eine Statue von G\u00f3ngora. Der war Student in Salamanca. Sein Kopf w\u00e4chst aus dem Stein hervor, sein K\u00f6rper ist praktisch mit dem Stein identisch.<\/p>\n<p>Als ich auf die Plaza Mayor komme, findet wieder ein Konzert statt. Diesmal l\u00e4uft der <em>Sombrero de Tres Picos<\/em>.<\/p>\n<p>Abseits der Plaza kaufe ich mir ein Eis auf die Hand und setze mich auf eine steinerne Bank in die Sonne. Vor mir eine weitere Statue, wohl aus Granit. Sie stellt Don Juan dar, halb liegend, mit dem Schwert auf dem K\u00f6rper ruhend. Die Inschrift nennt ihm Pr\u00edncipe de Asturias und Se\u00f1or de Salamanca.<\/p>\n<p>Auf der Suche nach der Statue Unamunos sto\u00dfe ich auf eine Frau, die mich freundlich anl\u00e4chelt, als ich ratlos in der Gegend herumstehe. Da geht\u2019s zum Palacio. Nee, ich suche die Unamuno-Statue. Sie bringt mich hin und erz\u00e4hlt unterwegs kr\u00e4ftig. Sie lese ja Unamuno heute nicht mehr so gerne, aber was der Mann alles gekonnt und getan h\u00e4tte: die B\u00fccher, die Zeichnungen, die Bilder, die Auftritte in der \u00d6ffentlichkeit, die Reisen \u2013 sie erz\u00e4hlt, wie oft er alleine in Portugal gewesen ist \u2013 das sei echt beeindruckend.<\/p>\n<p>Sie bringt mich zu dem Platz, auf dem das Haus steht, in dem er starb. So steht es auch an der Fassade, so hat man es mir auch in der Touristeninformation gesagt. In der Casa Unamuno hatte es gehei\u00dfen, er w\u00e4re da gestorben. Aber das ist schon deshalb unwahrscheinlich, weil er ja nicht mehr Rektor war. Die Frau weist noch auf einen Balkon im ersten Stock hin. Von dort aus habe er eine wichtige politische Rede gehalten, vermutlich w\u00e4hrend der Republik.<\/p>\n<p>Die Statue steht gegen\u00fcber, in der Mitte dieses sch\u00f6nen, ganz zentralen und doch ruhigen Platzes. Eine moderne Bronzeplastik, bei der Unamuno praktisch halslos dargestellt wird. Der Kopf erw\u00e4chst direkt aus dem Rumpf. Der Kopf ist nach vorne gerichtet, der Blick ist streng, entschlossen, k\u00e4mpferisch. Die ganze Erscheinung ist kantig, so wie er selbst.<\/p>\n<p>Das Haus neben dem Wohnhaus Unamunos ist die Casa de las Muertes. Die Totenk\u00f6pfe an den Konsolen unter den Fenstern (die ich aber erst sp\u00e4ter mit fremder Hilfe finde) haben dem Haus wohl seinen Namen gegeben, vielleicht in einer \u00dcbertragung des urspr\u00fcnglichen Stra\u00dfennamens. Die Fassade ist plateresk, sehr fein, die Gliederung sparsam. Einer der Steinmetze bewohnte selbst dieses Haus.<\/p>\n<p>Am Abend erz\u00e4hlt mir La Cajera von dem Montag nach Ostern. Der hei\u00dft in Salamanca <em>Lunes de las Aguas<\/em>. Es war ein besonderer Tag, ein Feiertag. In der Karwoche, so hei\u00dft es, habe man alles Gelichter, darunter die Huren, aus der Innenstadt entfernt und auf das andere Ufer geschafft. Am Montag nach Ostern konnten sie dann zur\u00fcckkehren, was der Anlass f\u00fcr die Feiern war.<\/p>\n<p>Der Lunes de las Aguas ist auch der Tag, an dem traditionellerweise das typischste Gericht von Salamanca zubereitet wurde, der <em>hornazo<\/em>. Jetzt gibt es den das ganze Jahr \u00fcber. In einer Konditorei in der N\u00e4he der Wohnung bestelle ich einen. Es ist eine Art Pastete, flach, die mit Schweinelende und Schinken gef\u00fcllt wird.<\/p>\n<p>Am Abend sitzen wir drau\u00dfen in unserer Gegend auf einer Terrasse. Am Ende,\u00a0 gegen zehn Uhr, wird es ziemlich k\u00fchl. Wir sind \u00fcberrascht, als die Rechnung kommt. Nicht, weil sie so hoch, sondern weil sie so niedrig ist. Keine 11,15 \u20ac. Daf\u00fcr haben wir f\u00fcnf kleine gezapfte Biere bekommen und vier Sch\u00e4lchen mit unterschiedlichen Speisen, darunter Reis mit Blutwurst und Kutteln, einem traditionellen Gericht von Salamanca.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">13. September (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>In meinem Reisef\u00fchrer finde ich einen alten Werbezettel von der <em>Taberna del Prado<\/em> in Madrid: Menu 1300 Ptas.<\/p>\n<p>Flanieren steht auf dem Programm. Keine Museen, keine Kirchen. Das Wetter ist einfach zu sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Ich gehe in die geschlossene Markthalle neben der Plaza Mayor. Sie ist zweist\u00f6ckig, quadratisch. Oben sind die \u201ebesseren\u201c L\u00e4den. Unten gibt es auch etwas Leerstand. Die St\u00e4nde sind nach Produkten angeordnet: Obst, Fisch, Fleisch, K\u00e4se. An mehreren St\u00e4nden h\u00e4ngen ganze Schinken. F\u00fcr einen ganzen muss man etwa 300 \u20ac hinlegen. Es gibt eine Unzahl unterschiedlicher Oliven, gro\u00df und klein, gr\u00fcn, schwarz, r\u00f6tlich, gr\u00fcnlich. Unten sehe ich an einem Gem\u00fcsestand riesige, l\u00e4ngliche, r\u00f6tlich-gelbe Fr\u00fcchte, die ich nicht identifizieren kann: K\u00fcrbisse? An einem Stand gibt es, in runden Dosen abgepackt, Wachteln und Rebhuhn, in <em>escabeche<\/em>, einer Marinade, die man sonst f\u00fcr Fisch benutzt.<\/p>\n<p>Au\u00dferhalb der Plaza Mayor jede Menge kleiner Familienbetriebe, in altert\u00fcmlich anmutenden L\u00e4den untergebracht: Uhrmacher, Schumacher, Apotheke, Briefmarkenh\u00e4ndler.<\/p>\n<p>Ich komme an einem wehrhaft wirkenden Turm vorbei, der Torre de Anaya. Irgendwo auf mittlerer H\u00f6he ein sch\u00f6n eingerahmtes gotisches Fenster, aber der Turm muss urspr\u00fcnglich praktisch fensterlos gewesen sein. Das m\u00e4chtige Holzportal hat sch\u00f6ne Eisenbeschl\u00e4ge und einen eisernen T\u00fcrklopfer. Daneben ein Schlitz, hinter einem kleinen Gitter mit der Aufschrift Ave Maria.<\/p>\n<p>Dann entdecke ich die Statue von Kolumbus, in einem Park, der gesperrt ist. Man kann die Statue aber durch das Gitter sehen. Kolumbus hat einen Arm weit von sich gestreckt \u2013 nach Westen.<\/p>\n<p>Dann geht es zum Tormes runter. Kurz vorher die moderne Statue eines Dichters, Ledesma. Der sitzt auf einem M\u00e4uerchen und sieht eher wie ein Bahnw\u00e4rter als wie ein Dichter aus. Er hat den Kopf zur Seite gewandt und blickt auf eine Wand. An der steht ein Gedicht von ihm, das sich wiederum genau auf diese Stelle bezieht. Die Mauern und die Oliven werden erw\u00e4hnt: \u201eY all\u00ed en las murallas junto al r\u00edo \/ los olivos contemplan tu mirada\u201c. Das Gedicht hat zwar etwas von einer Beschreibung, beschw\u00f6rt aber eher eine Atmosph\u00e4re.<\/p>\n<p>Dann kommen, direkt hinter der Biegung, die m\u00e4chtigen Stadtmauern in Sicht, die Parallel zum Tormes verlaufen, aber noch in etwas Distanz von ihm. Am Rande eines neu angelegten Radwegs geht es hinunter. Hier steht das Museum des Automobils, mit dem Seat 600 auf dem Plakat, dem emblematischsten aller spanischen Autos. An der \u00e4u\u00dferen Ecke des Museums ragt ein Fahrgestell \u00fcber die Umfassungsmauern in die Luft.<\/p>\n<p>Es geht unter einer eisernen Br\u00fccke her, die \u00fcber den Tormes f\u00fchrt. Hier \u00e4hnelt der Fluss einem T\u00fcmpel, unbeweglich, mit allen m\u00f6glichen Gr\u00e4sern an der Oberfl\u00e4che. Man glaubt, in einer anderen Welt zu sein. Wenn es da nicht die Wohnkl\u00f6tze auf der anderen Uferseite g\u00e4be.<\/p>\n<p>Es geht \u00fcber die Br\u00fccke auf die andere Seite. Der Blick auf die nicht weit entfernte R\u00f6merbr\u00fccke wird von B\u00e4umen zugestellt, aber man kann gut die unterschiedlichen B\u00f6gen erkennen, die auf dieser Uferseite flacher sind.<\/p>\n<p>Wieder im Zentrum komme ich \u00fcber die Calle Compa\u00f1\u00eda und stehe vor dem <em>Colegio de Espa\u00f1a<\/em>. Gestern, bei verschlossenen T\u00fcren, war ich mir nicht sicher, obwohl mir die Adresse richtig vorkam, aber heute, bei ge\u00f6ffneter T\u00fcr, angesichts des Innenhofs, bin ich mir ganz sicher: Das ist die Schule, an der ich damals den Sprachkurs gemacht habe. Ich hatte eine verwinkelte Stra\u00dfe in Erinnerung.<\/p>\n<p>Ich komme auf einen Platz, wo es eine weitere Dichterstatue gibt: Carmen Mart\u00edn Gaite. Sie hat m\u00e4nnliche Gesichtsz\u00fcge und eine altmodische Strickm\u00fctze auf dem Kopf. Ihre B\u00fcste erw\u00e4chst aus den aufgebl\u00e4tterten Seiten eines Buchs.<\/p>\n<p>Ich gerate auf die Calle Zamora, eine breite Einkaufsstra\u00dfe. An deren Ende steht San Marcos, und da \u00e4ndere ich mein Vorhaben, heute keine Kirche zu besichtigen.<\/p>\n<p>San Marcos ist eine Rundkirche, wehrhaft, romanisch. Die einfache, runde Form mit den glatten, schmucklosen Quadern hat was. Man wei\u00df nicht, wo was ist, obwohl sich nachher erweist, dass der Dachreiter den Osten markiert. Der ist allerdings j\u00fcnger, im Barock hinzugef\u00fcgt.<\/p>\n<p>Man betritt die Kirche im S\u00fcden, durch ein sch\u00f6nes, ebenfalls einfaches Portal mit schmucklosen Archivolten. Dar\u00fcber das Wappen der K\u00f6nige von Le\u00f3n und Kastilien. Das belegt die ehemalige Macht der Kirche.<\/p>\n<p>Die kleine Brosch\u00fcre, die mir von einem freundlichen jungen Mann in der Kirche unaufgefordert in die Hand gedr\u00fcckt wird, kl\u00e4rt eine andere Bezeichnung auf, \u00fcber die ich mich die ganzen Tage gewundert habe: den Namen Clerec\u00eda (\u201aGeistlichkeit\u2018) f\u00fcr die Jesuitenuniversit\u00e4t. Der kommt eigentlich von hier. Die Kirche war der Sitz der Real Clerec\u00eda de San Marco. Als die Jesuiten dann ausgewiesen wurden, siedelte man von hier in die Jesuitenuniversit\u00e4t \u00fcber.<\/p>\n<p>Wenn man in die Kirche hineinkommt, muss man sich erst an die Dunkelheit gew\u00f6hnen. Die Kirche ist dreischiffig, mit drei Apsiden, in den zwei original romanische Alt\u00e4rchen stehen, mit kurzen F\u00fc\u00dfen, die in einfache Kapitelle enden.<\/p>\n<p>\u00dcber dem Altar im Mittelschiff h\u00e4ngt ein gotischer Christus, und an verschiedenen Stellen der Kirche stehen drei Madonnen, wohl alle urspr\u00fcnglich nicht von hier, die unterschiedlicher nicht sein k\u00f6nnten: eine bewegte, farbenfrohe, auf einer Mondsichel stehende, mit \u201ewehendem\u201c Gewand (XVI), eine naive, ungeschickt dargestellte mit knalligem Farbauftrag, und eine Nachbildung der Virgen de Montserrat, hieratisch, regungslos, wie das Kind ziellos in die Ferne blickend.<\/p>\n<p>Man hat einige der originalen Wandfresken freilegen k\u00f6nnen, eine Verk\u00fcndigung, eine Kr\u00f6nung (mit Gottvater, der wie ein Gotenk\u00f6nig aussieht), einen Christophorus (der au\u00dfer dem Christus auf der Schulter noch gleich eine ganze Gruppe anderer Wanderer am G\u00fcrtel \u00fcber den Fluss tr\u00e4gt) und einen wundersch\u00f6nen Blumenteppich. Man glaubt, der verweise auf die tats\u00e4chlich zu Festzeiten in der Kirche angebrachten Teppiche! \u00a0Aber die Details z\u00e4hlen bei dieser Kirche nicht so sehr wie das Ensemble.<\/p>\n<p>Auf dem Platz neben der Kirche mache in Pause in einem Caf\u00e9, bei Bier und <em>Patatas bravas<\/em> im Schatten sitzend.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg komme ich \u00fcber einen gesichtslosen Platz, entdecke dort aber zwei moderne Skulpturen, die spielende Kinder darstellen. Bei einer reicht ein Junge einem M\u00e4dchen ein Band, bei der anderen gebraucht das M\u00e4dchen den Jungen als Bock zum Bockspringen. Aber quer, nicht l\u00e4ngs, wie wir das gemacht haben.<\/p>\n<p>An einem Sch\u00f6nheitssalon f\u00e4llt mir ein Schild auf: <em>Piernas completas<\/em>: 39,80 \u20ac. Ich will heimlich ein Photo machen, aber in dem Moment merkt das eine junge Frau, die die andere junge Frau, die direkt vor dem Schaufenster steht, auf mich anspricht: \u201eTe quiere sacar una foto.\u201c Ich will gerade um Entschuldigung bitten, da dreht sie sich mit einem strahlenden Blick um und sagt: \u201e\u00bfAh s\u00ed?\u201c<\/p>\n<p>Die Reise geht zu Ende mit einer F\u00fchrung durch das abendliche Salamanca. Legenden und Anekdoten werden erz\u00e4hlt. Es wird auch etwas \u00fcber den Ursprung des Wortes Salamanca gesagt, aber nichts Schl\u00fcssiges. Jedenfalls hat er nichts mit <em>Salz<\/em> zu tun.<\/p>\n<p>Wir kommen durch die bekannten Stra\u00dfen und Gassen, aber auch in ein paar unbekannte Ecken. Die stillen Gassen, die sch\u00f6n erleuchteten Geb\u00e4ude und die laue Sommerluft machen den Spaziergang zu einem passenden Abschluss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>8. September (Freitag) Auf dem Weg zum Flughafen h\u00f6re ich im Autoradio, wie ein neues Buch von John le Carr\u00e9\u00a0 angek\u00fcndigt wird: A Legacy of Spice. Gemeint ist nat\u00fcrlich A Legacy of Spies. Nicht auszumerzen. 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