{"id":9650,"date":"2018-05-21T07:06:17","date_gmt":"2018-05-21T05:06:17","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=9650"},"modified":"2018-06-05T09:28:02","modified_gmt":"2018-06-05T07:28:02","slug":"jakobsweg-2018","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/pregonero.de\/?page_id=9650","title":{"rendered":"Jakobsweg (2018)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"text-decoration: underline;\">26. April (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Verr\u00fcckt! Nach Asturien geht es \u00fcber Lissabon! Die Mutter aller Umwege. Auf dem Weg sehen wir aus dem Fenster des Flugzeugs die schneebedeckten Berge Asturiens, die uns erwarten, auch jetzt, im April, noch. Das hei\u00dft, die anderen sehen sie. Ich schlafe den Schlaf der Seligen.<\/p>\n<p>Wir haben gut drei Stunden Aufenthalt in Lissabon, zu lange, um am Flughafen herumzusitzen, zu kurz, um einen Ausflug in die Stadt zu riskieren. Finden jedenfalls die anderen. Der Kompromiss: Wir verlassen das Flughafengel\u00e4nde und sehen uns in der Gegend um. Ein fauler Kompromiss, wie ich finde. Was gibt es schon in der N\u00e4he eines Flughafens zu sehen? Hotels? Kongresszentren? Parkpl\u00e4tze? Stadtautobahnen? Ich sollte mich eines Besseren belehren lassen.<\/p>\n<p>Wir stehen erst etwas orientierungslos vor dem Flughafen und entscheiden dann, einfach immer einer abw\u00e4rts f\u00fchrenden Stra\u00dfe nachzugehen, m\u00f6glichst lange geradeaus. Schlie\u00dflich m\u00fcssen wir ja auch noch zur\u00fcckfinden.<\/p>\n<p>Nach dem \u00dcberqueren einiger breiter Stra\u00dfen befinden wir uns pl\u00f6tzlich in einem Park. Ein ganz klein bisschen heruntergekommen, aber sch\u00f6n. Dann kommt ein Wohnviertel mit Reihen von niedrigen Einfamilienh\u00e4usern. Und dann kommen Schreberg\u00e4rten \u2013 kaum zu glauben. Die anderen diskutieren, was hier angebaut wird: Wirsing, Lauch, Zwiebeln und verschiedene Kohlarten, darunter eine, die, wie wir sp\u00e4ter erfahren, typisch f\u00fcr Portugal ist und auch in dem Pote gallego serviert wird, eine Art Schwarzkohl.<\/p>\n<p>Vor den H\u00e4usern stehen Zitronenb\u00e4ume voller Fr\u00fcchte und ein weiterer Baum, dessen Fr\u00fcchte mich den ganzen Camino lang verfolgen sollten. Nardo kennt sie, wei\u00df sogar, wie sie auf Spanisch hei\u00dfen: <em>n\u00edsperos<\/em>. Erst verwechsle ich sie mit einer sehr bitteren Frucht, die in Griechenland kennengelernt habe, dann, nachdem ich sie probiert habe, kommt es mir wieder in den Sinn. Sie sind eher s\u00fc\u00dflich und haben mehrere Steine. Auch denen bin ich in Griechenland begegnet. Sie haben im Deutschen den etwas umst\u00e4ndlichen Namen <em>Japanische Wollmispel<\/em>, laufen aber auch unter <em>Loquat<\/em> und <em>Nispero<\/em> (auch <em>Mispero<\/em>).<\/p>\n<p>Es ist sonnig und warm, und wir gehen die breite Avenida de Berlim runter, in der Hoffnung, irgendwann ans Meer zu kommen. Wir fragen eine Passantin. Sie antwortet auf Englisch, ausgesprochen freundlich: Ja, wir sind richtig, links abbiegen, Bahnhof Vasco da Gama. Aber nicht Meer &#8211; Fluss. Da unten flie\u00dft der Tejo. Er scheint nahe, aber je n\u00e4her wir ihm kommen, umso weiter scheint er sich wieder zu entfernen. Am Ende kommt der Bahnhof in Sicht, mit geschwungener gr\u00fcner Bogenreihe. Allm\u00e4hlich d\u00e4mmert es mir: Das ist die Esta\u00e7ao Vasco da Gama von Calatrava. Da bin ich damals bei dem Ausflug nach Lissabon extra hingefahren, um ihn zu besichtigen, als Sehensw\u00fcrdigkeit.<\/p>\n<p>Wir kommen durch ein riesiges Expo-Gel\u00e4nde mit Pavillons und Einkaufszentrum, und dann tats\u00e4chlich an den Tejo. Der ist hier so breit, dass man nicht auf die Idee k\u00e4me, es handele sich um einen Fluss. Links von uns die ber\u00fchmte Br\u00fccke, der Ponte 25 Abril, eine der l\u00e4ngsten H\u00e4ngebr\u00fccken der Welt, rechts, in der Ferne, das Meer. Wir setzen uns auf eine Bank und ruhen uns aus. Der Spaziergang war l\u00e4nger als geplant. Als wir wieder am Flughafen sind, haben wir elf Kilometer zur\u00fcckgelegt, und insgesamt an dem Tag dreizehn. Schon eine Art Aufw\u00e4rmtraining f\u00fcr die Wanderung.<\/p>\n<p>Im einem Einkaufszentrum am Tejo trinken wir einen Kaffee. Die anderen tragen Wanderschuhe. Sie haben, f\u00fcr den Fall der F\u00e4lle, ein komplettes Outfit am K\u00f6rper und ein anderes im Rucksack. Falls der Koffer nicht ankommt! Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. In einem solchen Fall w\u00fcrde ich alt aussehen.<\/p>\n<p>Am Flughafen gibt es vor dem Weiterflug Verwirrung. Das Gate ist noch nicht angegeben, aber wir wissen auch nicht, von welchem Terminal wir abfliegen.\u00a0\u00a0 Und auch nicht, in welchem Terminal wir uns befinden. Die Verwirrung wird gesteigert durch einen Hinweis auf einem Schild: <em>no Terminal 1<\/em>. Hei\u00dft das, dass wir <em>nicht<\/em> im Terminal 1 sind? Nein, das ist Portugiesisch. Es hei\u00dft <em>im<\/em> Terminal 1. (<em>no = em +el<\/em>).<\/p>\n<p>Der Flug von Lissabon nach Oviedo, den ich wieder schlafend verbringe, vers\u00f6hnt Nardo mit unserer Reiseroute. Er hatte f\u00fcr Luxemburg \u2013 Madrid und Weiterfahrt mit dem Zug pl\u00e4diert. Aber die Aussicht auf die Landschaft hat ihn vers\u00f6hnt.<\/p>\n<p>In Oviedo ist es k\u00fchler als in Lissabon, aber immerhin trocken. Der Bus wartet auf uns. Er schafft die f\u00fcnfzig Kilometer ins Zentrum in einer halben Stunde, \u00fcber eine moderne Autobahn.<\/p>\n<p>Links in der Ferne liegt das Meer, rechts bewaldete Berge. Die Natur ist hier im Norden ganz anders als im restlichen Spanien.<\/p>\n<p>Dann kommen stillgelegte Industrieanlagen in Sicht. Von der alten Kohle- und H\u00fcttenindustrie, f\u00fcr die Asturien bekannt war, ist wenig geblieben.<\/p>\n<p>Man sieht auch ein paar abgebrannte Waldst\u00fccke. Waldbr\u00e4nde. Die werden beg\u00fcnstigt durch die vielen Eukalyptusb\u00e4ume, aus Australien importiert wegen des schnellen Wachstums. Das Holz wurde f\u00fcr die Kohlensch\u00e4chte gebraucht. Die Eukalyptusb\u00e4ume haben \u00e4therische \u00d6le, und die feuern den Brand f\u00f6rmlich an. \u00a0Sie sind auch die Ursache f\u00fcr die verheerenden Waldbr\u00e4nde in Portugal.<\/p>\n<p>Vom Bushahnhof geht es zu Fu\u00df in die Innenstadt. Nach dem einen oder anderen Schlenker stehen wir dann vor dem Hotel. Es ist zehn Uhr. Um acht sind wir aufgebrochen. Vierzehn Stunden. In der Zeit kommt mal problemlos nach Shanghai oder Rio.<\/p>\n<p>Wir wollen aber noch nicht ins Bett. In der N\u00e4he finden wir noch ein paar Lokale, die ge\u00f6ffnet sind. Wir landen in einem namens <em>La Gambita<\/em>. Hier ist noch Betrieb. Wir bekommen Bier und Wein und Radler. Auf Kosten des Hauses gibt es leckere Br\u00f6tchen mit <em>chorizo<\/em> und sehr leckere Oliven.<\/p>\n<p>Bei der Bestellung das n\u00e4chste sprachliche Schmankerl der Reise. Die Frauen wollen ein Radler. Was hei\u00dft auf <em>Radler<\/em> auf Spanisch? Keine Ahnung. Vergessen. Ich erkl\u00e4re umst\u00e4ndlich, was wir haben wollen: Bier, gemischt mit einer Art Zitronensaft. Es klappt. Als der Kellner das Radler bringt, frage, wie das hei\u00dft auf Spanisch. Die Antwort: <em>un radler<\/em>. Das Radler wird von einer internationalen Brauereikette in Spanien vermarktet. Unter diesem Namen. Sp\u00e4ter entdecken wir, dass eine andere Brauerei es unter dem Namen <em>Shandy<\/em> vermarktet. Aber das ist nur die erste Episode. Die n\u00e4chste folgt in den n\u00e4chsten Tagen: Als die deutschen Frauen auf Spanisch <em>un radler<\/em> bestellen, werden sie nicht von den spanischen Kellnern verstanden. Und die deutschen Frauen verstehen die spanischen Kellner auch nicht, wenn die fragen, f\u00fcr wen denn <em>el radler<\/em> sei! Die dritte Episode folgt dann erst zuhause: Als ich die Geschichte in Gegenwart einer Spanischlehrerin erz\u00e4hle, sagt die: \u201eAber es gibt doch ein spanisches Wort f\u00fcr Radler \u2013 <em>una clara<\/em>.\u201c So ist es. Dem Vergessen anheimgefallen. Und wer wei\u00df? Vielleicht in Spanien jetzt auch sprachlich ins Hintertreffen geraten durch die Werbekampagnen der internationalen Brauereien.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">27. April (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Bevor es am n\u00e4chsten Tag losgeht, haben wir einen Tag frei, hier in Oviedo, so wie wir am Ende einen Tag in Santiago haben werden. Wir machen aber bald die Erfahrung, dass die Wanderung den meisten Platz im Kopf einnimmt und wir die Kultur nur halbherzig aufnehmen.<\/p>\n<p>Wir machen einen Spaziergang zur Kathedrale, mit der bekannten unfertigen Fassade. Der linke Turm fehlt.<\/p>\n<p>Drinnen wird bezahlt. Die freundliche junge Frau am Empfang bietet an, unsere Pilgerp\u00e4sse zu stempeln, und die M\u00e4dels nehmen das Angebot an. Wir beiden haben unsere P\u00e4sse zuhause liegen lassen. Es erweist sich im Laufe der Zeit aber sowieso als schwierig \u2013 und ist auch nicht n\u00f6tig \u2013 den Ausweis regelkonform voll zu bekommen \u2013 man ben\u00f6tigt dazu t\u00e4glich zwei Stempel. Alles ist genau geregelt, damit nur die wirklich Verdienstvollen in Santiago ihre Pilgerurkunde bekommen!<\/p>\n<p>Der Hingucker im Innenraum ist das Retabel, mit Darstellungen der biblischen Geschichte in 23 Fl\u00e4chen, angeordnet in f\u00fcnf Bahnen, die von unten nach oben und von links nach rechts zu lesen ist. Es sieht nicht nach Holz aus, ist es aber, Nuss und Kastanie, aber alles ist farbig gefasst, in leuchtenden Farben und mit ebenso leuchtendem Gold eingerahmt.<\/p>\n<p>Es ist von einem Detail bei der Darstellung der Hochzeit von Kana die Rede, das mit interessiert, das ich aber nicht ganz verstehe. Der K\u00fcnstler hat hier nur f\u00fcnf statt sechs Kr\u00fcge dargestellt, aus einem bestimmten Grund, der mit der Kathedrale von Oviedo zusammenh\u00e4ngt: Im n\u00f6rdlichen Querhaus befindet sich n\u00e4mlich die Hidria, ein gro\u00dfes irdenes Wassergef\u00e4\u00df, und das soll schon bei der Hochzeit zu Kana zum Einsatz gekommen sein. Der sechste Krug also. Im Allgemeinen bleibt die Hidria den Augen der \u00d6ffentlichkeit verborgen. Nur gelegentlich wird sie gezeigt, unter anderem an dem Sonntag, an dem das Evangelium der Hochzeit zu Kana gelesen wird.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Retabel musste Oviedo doppelt zahlen. Urspr\u00fcnglich war Berruguete f\u00fcr das Retabel verpflichtet worden, aber der Auftrag konnte wegen eines Stadtbrands nicht ausgef\u00fchrt werden. Also musste dem K\u00fcnstler eine Entsch\u00e4digung gezahlt und anschlie\u00dfend ein anderer K\u00fcnstler engagiert werden.<\/p>\n<p>Die Schatzkammer liegt hinter einem alten Turm, der wohl zu einem Vorg\u00e4ngergeb\u00e4ude geh\u00f6rt. Unter diesem Turm liegt der Kreuzgang mit hohen B\u00f6gen.<\/p>\n<p>Ein gesonderter Weg f\u00fchrt zur Camara Santa, der Besonderheit der Kathedrale von Oviedo. Die C\u00e1mara Santa ist ein separates, zweigeschossiges Bauwerk, das vermutlich auf einen K\u00f6nigspalast zur\u00fcckgeht. Hier sieht man, hinter einem Gitter, zwei vergoldete Kreuze, auf der einen Seite das <em>Cruz de los Angeles<\/em> (IX), ein griechisches Kreuz, auf der anderen das <em>Cruz de la Victoria<\/em> (X), ein lateinisches Kreuz. Das <em>Cruz de los Angeles<\/em> wurde angeblich von zwei K\u00fcnstlern gefertigt, die dann verschwanden, ohne Lohn zu fordern. Der Legende nach handelte es sich um zwei Engel. Diese sind in goldener Form als Skulpturen unter dem Kreuz dargestellt. Das Cruz de la Victoria ist angeblich das Kreuz, das Don Pelayo in der Schlacht von Covadonga trug. Es wurde sp\u00e4ter vom K\u00f6nig vergoldet.<\/p>\n<p>Zwischen Kreuzen den Kreuzen befindet sich die Arca Santa, ein mit silbernen Reliefs verzierten Schrein aus Zedernholz, der bedeutende Reliquien enth\u00e4lt, zwei Holzsp\u00e4ne des Kreuzes Christi, ein St\u00fcck seines Gewandes, Dornen aus der Krone, ein St\u00fcck des Schwei\u00dftuchs der Veronika. Die Reliquien wurden von westgotischen K\u00f6nigen im Nahen Osten erworben und w\u00e4hrend der Herrschaft des Islam in den Bergen Asturiens verborgen. Vorne auf dem K\u00e4stchen befindet sich eine \u00a0Darstellung des Pantokrator mit den Aposteln. Die Inschrift unten ist erstaunlicherweise in kufischen Buchstaben! Vermutlich ein Resultat der bewegten Geschichte des Schreins.<\/p>\n<p>Kunsthistorisch interessanter d\u00fcrften die Apostelfiguren sein. Es ist mehr als ein Vorgeschmack auf Santiago, auf das P\u00f3rtico de la Gloria. Die Apostelfiguren befinden sich in dem Vorraum, einem \u00fcberw\u00f6lbten Raum, im Zweierpack. Es sind schlanke, \u00fcberlange Figuren, mit ausdrucksstarken Gesichtern, an den Pfeiler gelehnt.<\/p>\n<p>\u00dcber den Figuren Reliefs mit weltlichen Motiven, darunter ein Wildschwein, dem angesichts eines sich n\u00e4hernden J\u00e4gers die Nackenhaare zu Berge stehen!<\/p>\n<p>Im Anschluss an die Kathedrale machen wir einen Spaziergang durch das historische Zentrum. Oviedo ist sch\u00f6ner, als ich es in Erinnerung hatte: sch\u00f6ne Stra\u00dfen, sch\u00f6ne Pl\u00e4tze, sch\u00f6ne Geb\u00e4ude, darunter an exponierter Stelle das Rathaus und das Gericht.<\/p>\n<p>Wir passieren eine Stra\u00dfe, deren Namen mir ins Auge f\u00e4llt: Calle la Rua. Doppelt gemoppelt h\u00e4lt besser.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he des Kathedralplatzes sehen wir eine moderne, eher konventionelle Bronzefigur, die Figur einer Frau in langem Kleid, mit Haube, T\u00e4schchen und Buch. Erst die Inschrift verr\u00e4t die Bedeutung der Skulptur: La Regenta. Das ist die Protagonistin von Clar\u00edns ber\u00fchmten Roman, dem spanischen \u00c4quivalent von Madame Bovarie, Effie Briest und Anna Karenina. Er spielt in Oviedo.<\/p>\n<p>\u00dcberall im Zentrum sto\u00dfen wir auf Skulpturen, eher normale wie die der Bella Lola, wohl auch eine literarische Figur, und eher verst\u00f6rende wie die eines menschlichen Torsos mit dem Titel El Diestro.<\/p>\n<p>Eine Bar wirbt mit der einleuchtenden Aufschrift: Caf\u00e9 de d\u00eda, copa de noche. Fasst die Funktionen einer spanischen Bar bestens zusammen.<\/p>\n<p>Auch trifft man in Inschriften auf Besonderheiten des asturianischen Spanisch: In einem Gesch\u00e4ft steht <em>Les Camises<\/em> statt <em>Las Camisas<\/em>, auf einem Plakat <em>La nueche<\/em> ye tuya statt <em>La noche es tuya<\/em>.<\/p>\n<p>Auf den alten Namen Oviedos, auch den Namen, den es in <em>La Regenta<\/em> hat, st\u00f6\u00dft man im Namen einer Versicherungsagentur: <em>Vetusta<\/em>.<\/p>\n<p>Wir gehen, von Nardo angetrieben, in die Markthalle. Ein \u00e4sthetischer Genuss, alles frisch, sch\u00f6n pr\u00e4sentiert. Die Markthalle ist kein Paradies f\u00fcr Vegetarier: Wurst und Fleisch haben Vorrang, stehen aber in Konkurrenz zum Fisch. Die W\u00f6rter kommen mir alle bekannt vor, aber ich k\u00f6nnte heute nicht mehr viele identifizieren: <em>merluza, rodaballo, rape, oricios, sepias. <\/em><\/p>\n<p>Entgegen der Wettervorhersage ist es sonnig und warm, wenn auch nicht wolkenlos. Auf jeden Fall ist es warm genug, sich drau\u00dfen hinzusetzen, in ein Lokal direkt neben der Markthalle. Nardo hat uns dahin gef\u00fchrt, angelockt von dem Kellner, der am Nebentisch Sidra serviert. Wir bestellen auch Sidra. Unsere Frage, ob es die auch per Glas gebe, entlarvt uns als Ignoranten. Wir brauchen aber nicht selbst einsch\u00fctten. Das besorgt der Kellner, in der landestypischen Weise, die Flasche ganz weit oben \u00fcber den Kopf haltend, das Glas unten auf H\u00f6he des Knies. Daf\u00fcr gibt es sogar eigens ein Verb: <em>escanciar<\/em>. Nachdem er jedem einzelnen eingesch\u00fcttet hat, animiert uns der Kellner zum Trinken. Bei der Sidra gelte: Einsch\u00fctten \u2013 Austrinken.<\/p>\n<p>Bald stellt sich Hunger ein. Aber es ist noch viel zu fr\u00fch f\u00fcr ein spanisches Mittagessen. Aber Nardo gibt nicht klein bei. Und fragt den Kellner, ob es jetzt schon etwas zu essen gebe. Ja, nat\u00fcrlich. Auch Fabada? Ja, nat\u00fcrlich. Wir bestellen f\u00fcr drei. Resultat: Es gibt nicht etwa drei Teller Fabada, sondern drei leere Teller und einen Riesentopf Fabada. Sie schmeckt himmlisch. Nardo will wissen, woher denn die Bohnen k\u00e4men. Aus Kenia? Nein, protestiert der Kellner, aus Asturien. Nardo verbirgt seine Zweifel, aber die werden sp\u00e4ter im Internet definitiv beseitigt. Asturien baut die Bohnen f\u00fcr die eigene Fabada selbst an, in den Flusst\u00e4lern des Nal\u00f3n und des Navia. Das milde und feuchte Klima beg\u00fcnstigt den Anbau.<\/p>\n<p>Lange diskutieren wir, ob wir die ber\u00fchmten vorromanischen Kirchen au\u00dferhalb der Stadt nicht morgen im Zuge der Wanderung besichtigen k\u00f6nnen, es w\u00e4re schlie\u00dflich nur ein Schlenker, aber ich pl\u00e4diere so vehement dagegen, dass die anderen ein Einsehen haben. Sp\u00e4ter haben sie sogar die Gr\u00f6\u00dfe, zuzugeben, dass das eine gute Entscheidung war.<\/p>\n<p>Die Kirchen, San Miguel de Lillo und Santa Mar\u00eda del Naranco, benannt nach dem H\u00fcgel, auf dem sie liegen, befinden sich gut drei Kilometer au\u00dferhalb des Zentrums. Sie sind wahre Schmuckst\u00fccke, einfach und doch kunstvoll. San Miguel de Lillo war die Palastkirche der asturianischen K\u00f6nige, Santa Mar\u00eda del Naranco war urspr\u00fcnglich selbst ein kleiner Palast, der dann sp\u00e4ter zur Kirche umgestaltet wurde. \u00a0An San Miguel de Lillo f\u00e4llt vor allem eine Fenster\u00f6ffnung mit kannelierten S\u00e4ulen und einem verzierten Rundbogenfenster dar\u00fcber auf. Der Bau war urspr\u00fcnglich dreischiffig, wurde aber durch einen Erdrutsch besch\u00e4digt. Das erkl\u00e4rt seinen etwas merkw\u00fcrdigen Grundriss. Bei Santa Mar\u00eda del Naranco, einem langen und hohen und schmalen Bau, f\u00e4llt eine Loggia im zweiten Stock besonders ins Auge, mit Dreierarkaden und Rundb\u00f6gen. Dass \u00fcberhaupt S\u00e4ulen statt Pfeiler verwendet wurden, war eine fr\u00fche Besonderheit dieser Geb\u00e4ude.<\/p>\n<p>Die Kirchen sind um diese Zeit, noch spanische Mittagszeit, geschlossen, aber das macht uns nichts. Wir legen uns ins Gras vor den Kirchen und diskutieren wichtige Fragen wie die ad\u00e4quate Tonh\u00f6he von Kuhglocken und die relative Verwandtschaft von Bananen und Kohlrabi. Und lassen die Szenerie auf uns wirken. Auf der Wiese vor den Kirchen grasen dicke Schafe mit dichtem Fell. In der Ferne sieht man die Stadt und die Berge. Den Blick auf die Altstadt versperren die Hochh\u00e4user der Umgebung und ein auff\u00e4lliges, modernes Geb\u00e4ude, die Expo. Wieder, wie in Lissabon, Calatrava.<\/p>\n<p>Wieder im Zentrum machen wir uns auf die Suche nach einer Eisdiele. Eine Odyssee. Es scheint keine zu geben. Ganz am Ende sagt uns eine junge Frau, doch, es gebe eine, in einer Einkaufsstra\u00dfe, ganz in der N\u00e4he der Statue von Woody Allen. Woody Allen? In Oviedo? Ja, tats\u00e4chlich. Woody Allen hatte ein Faible f\u00fcr Oviedo und hat Szenen aus verschiedenen Filmen hier gedreht. Als wir die Eisdiele dann schlie\u00dflich finden, stellt sich heraus, dass sie geschlossen ist. Wanderergl\u00fcck.<\/p>\n<p>Am Abend kaufen wir Proviant f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag. Die M\u00e4dels wollen unbedingt Mineralwasser mit Kohlens\u00e4ure, es gibt aber vorwiegend Mineralwasser ohne Kohlens\u00e4ure, in allen Varianten und Quantit\u00e4ten. Dann haben sie was gefunden und fragen mich, ob das richtig sei. Und ich sage ja \u2013 und mache einen Anf\u00e4ngerfehler. Es ist nicht das richtige. Es ist <em>gaseosa<\/em>, Sprudel, Limonade, nicht <em>agua con gas<\/em>.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">28. April (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Nur 3-4% aller Pilger nehmen den <em>Camino Primitivo<\/em>, der aber als der \u00e4lteste aller Pilgerwege gilt. Die meisten nehmen den Camino Franc\u00e9s, gefolgt vom Camino Portugu\u00e9s. Der Camino Franc\u00e9s verl\u00e4uft s\u00fcdlich von uns, n\u00f6rdlich von uns gibt es noch einen Weg an der K\u00fcste entlang.<\/p>\n<p>Punkt 8 Uhr geht es los \u2013 zum B\u00e4cker! Au\u00dfer Brot kaufe ich noch quesada, die ihrem Namen zum Trotz nichts mit K\u00e4se zu tun hat, sondern eine S\u00fc\u00dfspeise mit Karamellgeschmack, die es beim Picknick zum Nachtisch gibt.<\/p>\n<p>Schon nach wenigen Minuten m\u00fcssen wir die Ausrei\u00dferinnen zur\u00fcckpfeifen: Gemach, M\u00e4dels, gemach! Wir haben 25 Kilometer vor uns. Ab da an geht es gem\u00e4chlich weiter.<\/p>\n<p>Eine halbe Stunde brauchen wir, bis wir aus Oviedo heraus sind. Der Weg wird bezeichnet durch in den Bogen eingelassene goldene Muscheln oder gelbe Pfeile oder beides, und wenn wir doch mal einen Moment suchend stehenbleiben, kommt sofort ein Einheimischer und zeigt uns unaufgefordert den Weg. Sehr freundlich alle hier.<\/p>\n<p>Sobald man aus der Stadt heraus ist, sind die Muscheln statt in den Boden eingelassen auf Pfeilern angebracht. Gegen die Intuition weist das schmale Ende der Muschel die Richtung. In \u00a0Galicien soll es umgekehrt sein.<\/p>\n<p>Sobald man aus der Stadt heraus ist, kann man in vollen Z\u00fcgen die Natur genie\u00dfen: \u201eMan glaubt kaum, dass man in Spanien ist.\u201c Kann ich nur voll zustimmen. Wenn man Durchschnittsdeutschen Photos von der Umgebung vorliegen w\u00fcrde, w\u00fcrden neun von zehn vermutlich nicht auf Spanien kommen. In seiner \u00fcppigen Vegetation unterscheidet sich der Norden substantiell vom Rest Spaniens.<\/p>\n<p>Eine Augenweide sind der Blick auf die Berge, das intensive Gr\u00fcn, vor allem aber das, was am Wegesrand w\u00e4chst. An Hecken, Mauern und Leitplanken wuchert es wild empor, alles durcheinander, eine Natur, die weitgehend so belassen wird, wie sie ist. Nardo kommt aus dem Schw\u00e4rmen gar nicht mehr heraus. Er zeigt uns Ringelbl\u00fcmchen und Fenchel (riecht gut) und Zistrosen, eine alte und starke Heilpflanze (die ihre Spuren auf dem Turiner Grabtuch hinterlassen hat) und die einfach so aus dem Fels herauswachsen.<\/p>\n<p>Das ist die Natur, die auch die V\u00f6gel lieben. Er zeigt uns Distelfinken, Rotkehlchen, Grasm\u00fccken (die h\u00f6rt man nur) und Zaunk\u00f6nige, aber wir erwischen die immer nur im Wegfliegen.<\/p>\n<p>Es geht durch einige kleinere Orte mit fremd klingenden Namen wie <em>Taraniello<\/em> und <em>Puerma<\/em>. Ein Ort in der N\u00e4he des Ziels ist sogar zweisprachig angezeigt. Das wirkt etwas angestrengt, so als w\u00fcrden wir <em>Wasserbillig\/Wasserbillisch<\/em> schreiben.<\/p>\n<p>Manchmal muss man ein St\u00fcck an der Landstra\u00dfe entlang, aber meistens geht es \u00fcber Wege abseits der Stra\u00dfe oder mitten durch den Wald. Gelegentlich begegnet man anderen Pilgern. Ich finde, es sind wenige unterwegs, die anderen finden, es sind viele<em>. \u00a1Buen camino!<\/em> ist der Standardgru\u00df, sowohl unter Pilgern als auch von Einheimischen an Pilger. Mir kommt das unidiomatisch vor. Ich kann mich nicht erinnern, jemals jemanden au\u00dferhalb dieses Kontextes so einen Gru\u00df benutzt zu haben.<\/p>\n<p>Immer wieder kommen wir an den typisch asturianischen Getreidespeichern vorbei, den <em>h\u00f3rreos<\/em>. Das\u00a0 sind erh\u00f6hte, auf Pfeilern stehende Holzbauten, deren Konstruktion daf\u00fcr gedacht ist, Ratten, M\u00e4usen und K\u00e4fern den Weg zum Getreide zu versperren. Aber k\u00f6nnen Ratten, M\u00e4use und K\u00e4fer nicht klettern? Wir fragen uns, ob die erh\u00f6hte Konstruktion vielleicht doch nur der Trocknung des Getreides dient. Aber dann findet Krissi die Antwort: Auf den Pfeilern ruhen waagerecht liegende Steinbl\u00f6cke. Wenn die Tiere also am Ende des Pfeilers ankommen, versperren die ihnen den Weg. Sie m\u00fcssten an denen entlang laufen wie an einer Decke. Und das k\u00f6nnen, wie wir jetzt von Nardo erfahren, nur Geckos.<\/p>\n<p>Heute sind viele der Getreidespeicher zweckentfremdet, als Rumpelkammer oder als \u201eFerienwohnung\u201c von Typus Baumhaus.<\/p>\n<p>Irgendwann \u00fcberqueren wir auf einer Br\u00fccke mit stahlblau gestrichenem Gel\u00e4nder den Nal\u00f3n, ein richtiger Fluss ohne Begradigung und Kanalisierung, mit glasklaren Wasser und starker Str\u00f6mung.<\/p>\n<p>An einem Baum h\u00e4ngt ein mehrsprachiges Hinweisschild zur Flor de Santiago. Der deutsche Text lautet: \u201eErfasst Gl\u00fchbirne und es Pflanze, wenn sie nach Hause kommen, die Belohnung f\u00fcr die Reise durch die primitive Stra\u00dfe wird.\u201c<\/p>\n<p>Au\u00dfer dem ersten und dem letzten Kilometer geht es den ganzen Tag nur rauf und runter, manchmal so steil, dass man aufpassen muss, nicht nach vorne oder nach hinten umzukippen. Nach sechs Stunden und achtzehn Kilometern schwinden die Kr\u00e4fte, und die letzten 700 Meter durch Grado und an das andere Ende des Ortes sind die reinste Qual. Das sollen nur 700 Meter sein?<\/p>\n<p>Die Rucks\u00e4cke werden, obwohl sie immer leerer werden, immer schwerer. Alle Gesetze der Physik scheinen au\u00dfer Kraft gesetzt zu sein.<\/p>\n<p>Am Ortseingang von Grado fragen wir in einem etwas sch\u00e4bigen Caf\u00e9 nach dem Weg, und die Wirtin wetteifert mit zwei Kundinnen darum, uns den Weg zu erkl\u00e4ren. Als wir dann endlich das etwas sch\u00e4bige Caf\u00e9 am anderen Ende des Ortes erreichen, m\u00fcssen wir noch anderthalb Stunden auf das Taxi warten, das uns zu unserer Unterkunft bringen soll.<\/p>\n<p>Das sch\u00e4bige Caf\u00e9 erweist sich aber als beliebte Pilgerherberge. Es scheint komplett ausgebucht zu sein. Eine Australierin muss sich ihr Zimmer mit einer anderen, unbekannten Pilgerin teilen. Au\u00dferdem h\u00e4tte man hier sofort aufs Zimmer gekonnt und h\u00e4tte ein Abendessen bekommen.<\/p>\n<p>Der Taxifahrer kommt dann aber eine halbe Stunde fr\u00fcher als vereinbart. Er ist sehr gespr\u00e4chig. Sein Sohn lebt seit sieben Jahren in Frankfurt, als Krankenpfleger. Erst hat er drei Jahre gearbeitet und Deutsch gelernt, dann hat er seine Freundin nachgeholt. Er sei sehr zufrieden in Deutschland und spreche flie\u00dfend Deutsch. Als der Taxifahrer mit einer politischen Suada ansetzt \u2013 Putin mache das richtig, er fordere von den Muslimen \u201ePasst euch an oder ihr fliegt raus\u201c \u2013 bringe ich ihn wieder auf den pers\u00f6nlichen Pfad zur\u00fcck und frage nach den Mietpreisen in Frankfurt. Alles bestens. Die Wohnung bef\u00e4nde sich auf dem Gel\u00e4nde des Krankenhauses und werde vom Krankenhaus gestellt. Sein Sohn wohne hier und da, da, wo der Strommast ist, da arbeite er.<\/p>\n<p>Wir haben genug Zeit, das alles zu besprechen, denn unsere Unterbringung ist in Sama de Grado, zw\u00f6lf Kilometer au\u00dferhalb. Dort sind wir in einem Landgasthof von rustikaler Eleganz untergebracht, mindestens eine Klasse besser als es sich f\u00fcr Pilger geh\u00f6rt. Alles ist sehr, sehr geschmackvoll eingerichtet. Wenn ich einen Landgasthof betreiben w\u00fcrde, so \u00e4hnlich w\u00fcrde er aussehen.<\/p>\n<p>In dem Ort gibt es nichts, kein Lokal, kein Gesch\u00e4ft, aber der Landgasthof bietet auch Essen an. Wir scheinen die einzigen G\u00e4ste zu sein, und weit und breit ist au\u00dfer der jungen Frau, die uns in Empfang genommen hat, niemand zu sehen. Ob sie auch kocht?<\/p>\n<p>Dann kommt ein sehr freundlicher junger Mann in den Salon, wohin ich mich zur\u00fcckgezogen habe, statt auf dem Zimmer zu hocken. Er ist der Ehemann der jungen Frau, \u201eun simple empleado\u201c, wie er ironisch bemerkt. Er fragt, ob alles in Ordnung sei und erkundigt sich nach der ersten Etappe. Sein Bruder lebt am Zielort unserer dritten Etappe. Da \u00e4ndere sich die Landschaft noch einmal erheblich, sie werde rauer \u2013 \u201em\u00e1s rupestre\u201c \u2013 und nach den Anstiegen k\u00e4me man dann auf eine Art Meseta. Er l\u00f6st auch die Frage nach dem Koch auf. Das ist er selbst.<\/p>\n<p>Beim Abendessen fragen wir ohne Angst vor Neugierde nach: Die beiden betreiben das Gesch\u00e4ft seit elf Jahren, und Haus und Grundst\u00fcck sind ihr Eigentum. Sie machen alles selbst und haben nur eine Putzhilfe angestellt. Im Januar und Februar schlie\u00dfen sie \u2013 zwei Monate zur Erholung. Eine richtig gute Gesch\u00e4ftsidee.<\/p>\n<p>Die Speisekarte ist bescheiden, aber was aufgetischt wird, kann ich sehen lassen. Als Hauptspeise gibt es Fisch (oder als Alternative Artischocken mit Schinken), vorher eine s\u00e4mige Gem\u00fcsesuppe und nachher ein St\u00fcckchen K\u00e4sekuchen. Wir sind alle sehr angetan von unserer Unterkunft. Der Umweg hat sich gelohnt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">29. April (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Als ich am Morgen zum Fr\u00fchst\u00fcck herunter komme, sagt mir der Wirt, es sei ziemlich kalt drau\u00dfen und es m\u00fcsse mit Regen gerechnet werden. Er erz\u00e4hlt, wie sie letztes Jahr noch eine unverhoffte K\u00e4lteperiode gehabt h\u00e4tten, die dem Obst und dem Wein im Norden Spanien schwer geschadet h\u00e4tte. Dasselbe Problem habe es bei uns gegeben, sage ich, und erz\u00e4hle ihm von unserem Wein. Daraufhin erz\u00e4hlt er mir, dass er die Gegend gut kenne. Das sei doch da, wo der Riesling angebaut werde. Er hat als junger Erwachsener ein Jahr in Nancy verbracht, um Franz\u00f6sisch zu lernen und sei damals munter durch die Gegend gereist. Seine Schwester lebe da, in Luxemburg. Sie arbeite f\u00fcr die EU, verheiratet mit einem Deutschen, der von Kindsbeinen an in Luxemburg lebt.<\/p>\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck fragt Nardo, was der Mann denn von Mallorca erz\u00e4hlt habe. Keine Ahnung, kann ich mich nicht dran erinnern. Doch, meint Nardo, er habe das Wort <em>mallorqu\u00edn<\/em> geh\u00f6rt. Ich gehe in Gedanken das Gespr\u00e4ch noch mal durch, aber kann mich beim besten Willen nicht erinnern, dass von Mallorca die Rede gewesen sein soll. Dann endlich f\u00e4llt der Groschen: Der Mann hat von seiner Schwester gesprochen und von ihr gesagt, sie sei \u00e4lter als er, <em>mayor que yo<\/em>. Das sollte man in jedes Sprachlehrbuch schreiben.<\/p>\n<p>Diesmal haben drei von vier gut geschlafen, aber ett Usch immer noch nicht. Die Arme! Schon die dritte Nacht in Folge. Es habe ein lautes Ger\u00e4usch gegeben, vermutlich von der Heizung. Unterwegs ist sie trotz Schlafmangels diejenige, die voranschreitet. Wenn es nach ihr ginge, w\u00e4re wir ein ganzes St\u00fcck schneller.<\/p>\n<p>Die M\u00e4dels haben einen Fehler in der Organisation gefunden: Ein Transfer ist f\u00fcr den falschen Tag gebucht. Uns beiden w\u00e4re das noch nicht einmal aufgefallen. Es bleibt uns Gott sei Dank noch der Montag, um das zu kl\u00e4ren. Telefonisch. Sie haben aber sicherheitshalber schon mal eine Mail an den Veranstalter geschickt. Solche Reisebegleiterinnen \u2026 man sich.<\/p>\n<p>Noch bevor es losgeht, lerne ich von Nardo ein neues Wort: <em>bord\u00f3n<\/em>. Das bezeichnet den klassischen Pilgerstab, den, der h\u00f6her als der Pilger ist.<\/p>\n<p>Bei der R\u00fcckfahrt in den Ort sehen wir auch hier das zweisprachige Ortschild: <em>Grado\/Grau<\/em>. Wir \u00fcberqueren den Sama. Deshalb hie\u00df der Ortsteil, in dem das Landgasthaus lag, Sama de Grado.<\/p>\n<p>Vor einem gr\u00f6\u00dferen Geb\u00e4ude steht eine l\u00e4ngere Schlange. Sonntagmorgen. Kirche? Ja, denkste, Schwimmbad!<\/p>\n<p>Noch schnell etwas Proviant aus dem Supermarkt. Der \u00f6ffnet auch am Sonntag. Wir kaufen alle weniger als am Tag zuvor. Und dann geht es los. Einen halb asphaltierten Schotterweg rauf, immer weiter rauf, es will gar nicht aufh\u00f6ren. Und das gleich am Anfang. Wir kommen bald ins Schwitzen. Vom angek\u00fcndigten Regen noch keine Spur.<\/p>\n<p>Die ganze Strecke ist heute ein ewiges Auf und Ab. An einer Stelle geht es einen matschigen, steinernen Waldweg hinunter. Da will jeder Schritt \u00fcberlegt sein. Bei anderen, ebeneren Passagen erteilt Nardo uns den Rat des ehemaligen Crossl\u00e4ufers: nicht zu langsam, sonst rutscht man aus.<\/p>\n<p>Obwohl die Strecke k\u00fcrzer ist, brauchen wir wieder acht Stunden. Und wieder geht es die letzten beiden Stunden durch heftigen Regen. Und wieder machen wir drei Pausen, alle zwei Stunden: kurz-lang-kurz. So hat Krissi es vorgeschlagen, als erfahrene Wanderin. Das bew\u00e4hrt sich.<\/p>\n<p>Von weitem sehen wir, wie auf einer Weide ein Esel eine Kuh besteigt. Wir fragen uns, was bei solchen Spielereien wohl herauskommen kann, aber als wir n\u00e4her kommen, erweist sich die Kuh als Pony. Und in unserer Gegenwart verhalten sich die beiden sehr dezent. Nardo gibt beiden eine M\u00f6hre. Daf\u00fcr bekommt er am Ende eine gewischt. Elektrozaun. Der Fluch der guten Tat.<\/p>\n<p>Die im Wettbewerb kr\u00e4henden H\u00e4hne und bellende Hunde runden das Naturerlebnis ab, das man hier auf Schritt und Tritt erf\u00e4hrt. Wir fragen uns, warum es Leute gibt, die jeden Autol\u00e4rm hinnehmen, aber keine kr\u00e4henden H\u00e4hne akzeptieren.<\/p>\n<p>Krissi, als erfahrene Wanderin, glaubt, dass Wanderer eine besondere Spezies seien, eher gewillt, Dinge hinzunehmen als sich \u00fcber jeden Mist aufzuregen. Da kann was dran sein. Sie macht allerdings eine Einschr\u00e4nkung. Es gebe eine Ausnahme: Lehrer.<\/p>\n<p>Immer wieder intensive Ger\u00fcche der Pflanzen. Mal riecht es nach Jasmin, mal nach Pfefferminze, meist ist der Geruch einfach nur intensiv, nicht identifizierbar.<\/p>\n<p>Wir halten an einem Baum oder Strauch, bei dem die anderen nicht sicher sind, was es ist. Der Test wird gemacht, indem man ein Blatt in der Hand reibt. Ergebnis: Walnuss. Ich finde das ganz wunderbar und fast etwas seltsam: Es riecht nach Nuss, obwohl noch keine Nuss am Baum ist.<\/p>\n<p>Auf den Weiden stehen K\u00fche mit richtigen H\u00f6rnern, braune K\u00fche. Welche Rasse das ist, wissen wir noch nicht. Sie scheinen das ganze Jahr \u00fcber drau\u00dfen zu sein. Eine Kuh leckt ihr Kalb z\u00e4rtlich ab. K\u00fche ganz normal auf der Weide zu haben und nicht in riesigen St\u00e4llen scheint sich hier zu rentieren. Aber wer melkt die, will ich wissen. Und kommen dabei Maschinen zum Einsatz? Die anderen sagen, es handele sich um keine Milchk\u00fche. Die h\u00e4tten gar nicht so ein gro\u00dfes Euter. Die Milch bekommen die K\u00e4lber. Melken findet nicht statt. Andererseits ist aber Asturien bekannt f\u00fcr seine Milchwirtschaft. Die Milchk\u00fche m\u00fcssen also doch wohl irgendwo stehen.<\/p>\n<p>Dem Boden auf den frisch gepfl\u00fcgten Feldern sieht man es f\u00f6rmlich an, auch mit den Augen eines Laien, dass er fruchtbar ist: dicke, dunkelbraune, feuchte Klumpen.<\/p>\n<p>Wir treffen den ganzen Tag \u00fcber nur auf einen einzigen Pilger, einen einsamen Pilger, der uns in einem Waldst\u00fcck \u00fcberholt. Die anderen Pilger sind vermutlich eher gestartet.<\/p>\n<p>Die Mittagspause ist an einem Holztisch in einem Park. Nardo hat eine \u00dcberraschung angek\u00fcndigt. Und jetzt serviert er sie: <em>cabrales<\/em>. Trocken, kr\u00fcmelig, intensiv im Geschmack. Das ist ein K\u00e4se! Roquefort war gestern. Wieder eine asturianische Spezialit\u00e4t.<\/p>\n<p>Hier sto\u00dfen wir auf ein Schild mit einem unbekannten Wort: <em>Centro de Informaci\u00f3n y Precintaje<\/em>. Was bedeutet <em>precintaje<\/em>? Wir fragen in dem Kiosk nach, als wir da noch einen Kaffee trinken: Es geht um die Lachse. Sie werden hier gemessen und gewogen und dann wohl an einer anderen Stelle des Flusses wieder ausgesetzt. Es handelt sich auf jeden Fall um eine konservatorische Ma\u00dfnahme.<\/p>\n<p>Gleich danach \u00fcberqueren wir den Nal\u00f3n, einen klaren Gebirgsfluss mit starker Str\u00f6mung. Es ist ganz seicht. Man sieht von oben die vielen rundlichen Steine auf dem Flussbett.<\/p>\n<p>Wieder lauter freundliche Einheimische, die uns den Weg weisen. Einer h\u00e4lt sogar im Auto an, um uns eine Alternative zu empfehlen. Das ist in Cornellana, einem Ort, in dem aus dem Nichts ein riesiges Kloster auftaucht, San Salvador. Wir bleiben aber auf dem eigentlichen Pilgerweg. Lieber nichts riskieren.<\/p>\n<p>In einem Dorf kommen wir an einer Konditorei vorbei, aus der es verlockend riecht. Im Schaufenster sind alle m\u00f6glichen Arten von <em>empanadas<\/em> ausgestellt, darunter <em>casadielles<\/em>, eine der s\u00fc\u00dfen <em>empanadas<\/em>. Sie sind typisch f\u00fcr Asturien, mit N\u00fcssen und Anis gemacht.<\/p>\n<p>Unterwegs diskutieren Nardo und ich wichtige Fragen: War Deportivo La Coruna schon mal spanischer Meister? Wie hie\u00df der langj\u00e4hrige sowjetische Au\u00dfenminister? Was hei\u00dft Ginster auf Spanisch? Wie hei\u00dft der galicische Wei\u00dfwein? \u00a0Erst am Abend finden wir die Antworten: Ja, 2000. Andrei Gromyko. Genista. Mal sammelt der eine, mal der andere Punkte. Beim Wei\u00dfwein geht es unentschieden aus. Nardo meinte die Rebsorte, Albani\u00f1o, ich das Anbaugebiet, Ribeiro.<\/p>\n<p>Nardo zeigt mir unterwegs eine Pflanze, ein Kraut oder Gras. Er pfl\u00fcckt sie und steckt sie sich in den Mund. B\u00e4rlauch. Ich lehne die Einladung zum Essen dankend ab, reibe aber den B\u00e4rlauch weisungsgem\u00e4\u00df zwischen meinen Fingern. Ob die M\u00e4dels den B\u00e4rlauch identifizieren k\u00f6nnen? Ja, beide, auf Anhieb.<\/p>\n<p>Auf Spanisch hei\u00dft B\u00e4rlauch <em>ajo silvestre<\/em>, ein interessanter Name, der eine Verwandtschaft der Pflanze mit Knoblauch nahelegt.<\/p>\n<p>Als wir aus dem Wald herauskommen, taucht pl\u00f6tzlich eine Art Halde auf, mit F\u00f6rderband. Darunter t\u00fcrmt sich eine feink\u00f6rnige, wei\u00dfe Masse auf, eine Rampe bildend. Salz? Nein, Sand. Der wird hier als Baustoff abgebaut bzw. hergestellt.<\/p>\n<p>Irgendwo sto\u00dfen wir auf das Schild einer Pension, das mehrsprachig damit wirbt, dass es auf dem Weg liegt. Auf Englisch: <em>We are in the way.<\/em><\/p>\n<p>Eine Besonderheit der spanischen Orthographie l\u00e4sst sich an einem winzigen \u00d6rtchen beobachten, die lautliche Gleichheit von &lt;b&gt; und &lt;v&gt;: Der Ort hei\u00dft hei\u00dft <em>Devesa<\/em>, die Br\u00fccke hei\u00dft <em>Puente de<\/em> <em>Debesa<\/em>.<\/p>\n<p>Als es endlich auf Salas zugeht, unser Ziel, holt Krissi ihre Unterlagen raus, um nach dem Namen der Unterkunft zu suchen: Castillo de Vald\u00e9s. Ich l\u00e4stere ein bisschen herum. Eine Burg? Da werden die M\u00e4dels von Rittern auf federgeschm\u00fcckten, wei\u00dfen Pferden durch die W\u00e4lder geritten, und uns wird von sch\u00f6nen Burgfr\u00e4uleins Wein aus gro\u00dfen Kr\u00fcgen serviert.<\/p>\n<p>Wir kommen dann endlich in das historische Zentrum des Ortes, die anderen mir immer ein paar hundert Meter voran. Wir kommen an einer sch\u00f6nen, romanischen Kirche vorbei. Das ist etwas, was man in Spanien nur hier im hohen Norden sieht. Als die Reconquista weiter s\u00fcdlich vorgedrungen war, hatte sich l\u00e4ngst die Gotik durchgesetzt.<\/p>\n<p>Dann kommen wir zu der Burg. Die anderen sehen hinauf und machen ein paar ironische Bemerkungen. Da oben sollte ich mir schon mal eine Kemenate aussuchen. Nur halb ironisch. Wir sind wirklich in der Burg untergebracht!<\/p>\n<p>Die Zimmer gruppieren sich um einen wundersch\u00f6nen, doppelst\u00f6ckigen Innenhof mit h\u00f6lzernem Gel\u00e4nder. \u00dcberall Blumen und Gegenst\u00e4nde, die an die historische Vergangenheit des Baus als Burg erinnern.<\/p>\n<p>Abendessen gibt es auch hier, und da es immer noch regnet und unser Bewegungsdrang ohnehin nicht mehr so ausgepr\u00e4gt ist, machen wir von der M\u00f6glichkeit Gebrauch. Es gibt ein vierg\u00e4ngiges Pilgermenu f\u00fcr unschlagbare 10 \u20ac. Keine gro\u00dfe Kochkunst, aber wohlschmeckend: ein K\u00e4setoast mit Paprikamarmelade, eine Gem\u00fcsesuppe, Lendchen mit Pommes und ein St\u00fcckchen K\u00e4sekuchen.<\/p>\n<p>Nardo schw\u00e4rmt immer noch von der <em>fabada<\/em>. Nichts gehe \u00fcber \u201ede Buhnensupp\u201c. Dagegen sei dies hier nullachtf\u00fcnfzehn. Kann sein. Aber wir anderen sehen das weniger kritisch. Hier, in einem sch\u00f6nen Ambiente, ein schmackhaftes Essen f\u00fcr wenig Geld zu bekommen, am Ende eines anstrengenden Wandertages, das ist nicht zu verachten. Darauf bestellen wir noch eine Flasche Wein.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">30. April (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Die M\u00e4dels haben ihre ersten Gehversuche mit dem Spanischen gemacht: Begr\u00fc\u00dfungen, danke und bitte und es hat gut geschmeckt. Sie machen das gut.<\/p>\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck spricht uns ein junger Mann an, ein deutscher Pilger, \u00e4u\u00dferst freundlich. Er macht den Camino in umgekehrter Richtung, von Santiago nach Oviedo (und dann weiter nach Llanes). Im wahrsten Sinne des Wortes begegnet er vielen Pilgern. Andererseits muss er den Reisef\u00fchrer r\u00fcckw\u00e4rts lesen, und auch die Beschilderung ist bestimmt schwerer zu finden. Das best\u00e4tigt er, aber er hat ein App, mit der man vorher den Weg herunterladen kann. Der Weg, der dann angezeigt wird, ist praktisch identisch mit dem des Pilgerf\u00fchrers. Er gibt Krissi den Namen der App, <em>Komoot<\/em>. Ihr Rechtschreibprogramm macht daraus <em>Kompott<\/em>.<\/p>\n<p>Wieder geht es die ersten anderthalb Stunden unentwegt steil bergauf. Dann kommen wir auf ein Plateau. Da stehen Windr\u00e4der. Hier ist es windig. Komisch. Und kalt. Ungem\u00fctlich kalt.<\/p>\n<p>Eine ziemlich trostlose Wanderung heute. Als wir die Burg verlassen, ist es noch trocken, aber kurz nachdem wir den Proviant f\u00fcr den heutigen Tag gekauft haben, f\u00e4ngt es an zu regnen und h\u00f6rt, bis auf kurze Unterbrechungen, gar nicht mehr auf. Sieben Stunden am Schreibtisch zu sitzen und dem Regen zuzusehen ist keine Freude, aber sieben Stunden durch den Regen gehen auch nicht.<\/p>\n<p>Die Mittagspause findet in der \u00fcberdachten Vorhalle einer Kirche statt, im Stehen. Wir sehen dabei auf den Regen vor uns.<\/p>\n<p>Der gr\u00f6\u00dfte Teil der Strecke f\u00fchrt heute durch den Wald. Der Boden ist aufgeweicht. Meist hat man nur die Wahl zwischen Pf\u00fctze und Morast. Bei jedem Schritt \u00fcberlegt man, wo man nicht so tief einsinkt. Manchmal versucht man, sich an der B\u00f6schung entlang zu hangeln, aber die ist oft rutschig und man hat das Gef\u00fchl, dass man im n\u00e4chsten Augenblick umknickt oder in die Pf\u00fctze f\u00e4llt. Das zehrt an den Kr\u00e4ften. Die Beine werden immer schwerer, ganz w\u00f6rtlich genommen. Es zehrt auch an den Nerven, obwohl wir alle versuchen, gelassen zu bleiben und keiner anf\u00e4ngt zu lamentieren. Ich frage mich, wie es wohl w\u00e4re (oder sein wird!), wenn man wirklich zwei Wochen lang so ein Wetter hat.<\/p>\n<p>In einem Unterstand treffen wir auf eine Madrilenin. Sie ist mit Mutter und Tante unterwegs. Nur f\u00fcnf Tage. Um von der Arbeit wegzukommen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter treffen wir auf eine Gruppe aus M\u00e1laga. Die kommen jedes Jahr hierher und kennen schon alle g\u00e4ngigen Pilgerwege. Eine der Frauen ist Kinderg\u00e4rtnerin, und Nardo wundert sich, dass sie sich als <em>profesora<\/em> bezeichnet. Das ist mir entgangen. Eine andere hat einen Sohn, der in Holland studiert. Aber es dauert eine Zeit, bis wir uns \u00fcber den Namen der Stadt verst\u00e4ndigt haben: Enschede. Die Frauen sagen, sie seien begeisterte Flamenco-T\u00e4nzerinnen, aber von Zigeunerinnen haben sie gar nichts, und an ihnen ist auch nichts erkennbar Andalusisches. Sie sprechen akzentfrei und k\u00f6nnten auch aus Soria oder Toledo sein.<\/p>\n<p>Und immer wieder geht es durch den Schlamm. Inzwischen klebt er nicht nur an den Schuhen, sondern auch an den Hosenbeiden. Und das schmatzende Ger\u00e4usch des Schuhs, der aus dem Schlamm gezogen wird, begleitet uns den ganzen Tag. Die reinste Kakophonie.<\/p>\n<p>Endlich n\u00e4hern wir uns unserem Ziel. Wir sehen die Stadt, Tineo, unter uns liegen. Schon zieht Krissi die Kopie des Stadtplans heraus, damit wir den Weg zum Hotel finden, als der Weg einfach noch mal eine Biegung macht und uns in weitem Bogen um die Stadt herumf\u00fchrt. Bis wir sie wieder aus den Augen verlieren. Dann kommt sie wieder in Sicht. Man sieht in der Ferne ein Messegel\u00e4nde mit Hunderten von Traktoren. \u00dcberall unterwegs waren schon Plakate zu sehen, die auf die Ferias hinwiesen. Wir m\u00fcssen noch ein ganzes St\u00fcck durch den Wald. Dann kommt ein steil absch\u00fcssiger Weg, der uns in die Stadt hinunterf\u00fchrt. Es regnet immer noch. Wir stehen orientierungslos am Stra\u00dfenrand. Es gibt keinen Hinweis darauf, wo hier das Stadtzentrum sein k\u00f6nnte, geschweige denn die Kirche, die uns als Orientierung dienen soll. Da h\u00e4lt ein Autofahrer an und fragt uns, was wir suchen. Er wei\u00df sofort Bescheid. Es sei nicht mehr weit. Aber weit ist relativ. Wir schleppen uns die Hauptstra\u00dfe entlang. Jeder Schritt ist m\u00fchselig. Man mag die F\u00fc\u00dfe kaum noch anheben. Dann fragen wir ein letztes Mal, und es stellt sich heraus, dass wir praktisch vor dem Hotel stehen. Wir haben es f\u00fcr das Rathaus gehalten.<\/p>\n<p>Am Abend gehen wir durch den Ort. Gleich gegen\u00fcber dem Hotel wird eine riesige B\u00fchne aufgebaut. Es droht Ungemach f\u00fcr heute Nacht, f\u00fcr unsere schlechten Schl\u00e4fer. Die Bef\u00fcrchtungen bewahrheiten sich.<\/p>\n<p>Der Ort ist sehr steil. Wir gehen zwei parallel laufende Stra\u00dfen hinauf und hinunter, auf der Suche nach einem Lokal. Finden aber nichts. Eine Passantin gibt uns einen Tipp: rechts rauf, und dann nicht das erste, sondern das zweite Lokal. Da gebe es gutes Essen, einheimische Kost. Wir gehen durch den Nieselregen, und endlich kommt das Lokal in Sicht. Ob es ge\u00f6ffnet ist? Ja, Gott sei Dank. Wir gehen rein. Viel Platz. Noch kein einziger Gast da. Wir fragen, wie es mit dem Abendessen st\u00fcnde. Der Wirt sagt: Bedauere sehr, habe heute das Lokal mit G\u00e4sten von der Feria voll. Alles ausgebucht. Wir gehen zum Hotel zur\u00fcck und essen dort.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">1. Mai (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Der Tag beginnt mit Schuheputzen. Daf\u00fcr habe ich mir eigens gestern im Supermarkt eine B\u00fcrste gekauft, keine Schuhputzb\u00fcrste (die scheint es nicht mehr zu geben), sondern eine normale Haushaltsb\u00fcrste. Die tut ihren Dienst. Die Schuhe sehen nicht gerade neu aus, aber viel besser als vorher. Aber ach: Es ist vergebliche Liebesm\u00fch. Am Abend sehen sie wieder so aus wie vorher.<\/p>\n<p>Unser Hotel, das erste am Platze, mit gemei\u00dfeltem Wappen \u00fcber dem Eingang, verlassen wir ohne Bedauern. Der Empfang war n\u00fcchtern bis frostig, man lie\u00df uns wortlos an der Rezeption stehen, um gesch\u00e4ftliche Dinge zu erledigen, das Abendessen war in Ordnung (aber nicht mehr) und relativ teuer, das Fr\u00fchst\u00fcck war m\u00e4\u00dfig, das Internet funktionierte schlecht oder gar nicht, und als ich am Abend der Rezeption fragte, wo man sich hier hinsetzen k\u00f6nne, wurde auf ein hohe St\u00fchle in der Art von modernen Barhockern\u00a0 verwiesen, die gegen\u00fcber der Rezeption standen, ohne Tische. Beim Essen bin ich noch am besten dabei weggekommen: Das englische Fr\u00fchst\u00fcck am Morgen und der <em>Cachopo Vaqueiro<\/em>, eine Art asturianisches Cordon Bleu, am Abend, waren gar nicht so schlecht.<\/p>\n<p>Als ich aus dem Hotel komme, ist Nardo bereits da. Er spricht mit einem spanischen Ehepaar. Der Mann tr\u00e4gt eine kurze Hose. Sein Kommentar: An den Beinen friert man nicht, und wenn es regnet, nichts trocknet so schnell wie die Haut.<\/p>\n<p>Der Mann k\u00fcndigt gutes Wetter an: Der Nebel werde sich lichten, die Sonne werde herauskommen und es werde den ganzen Tag lang nicht regnen. Genauso kommt es! Die beiden steigen in ein Taxi. Sie lassen sich einen Teil des Weges fahren und machen den anderen Teil zu Fu\u00df. Warum nicht?<\/p>\n<p>Wieder geht es sofort steil hinauf, noch bevor wir aus dem Ort kommen. Bald aber werden wir mit der spektakul\u00e4rsten Aussicht belohnt, die der Weg bis jetzt zu bieten hat. Links oben steht die Sonne. Die Sonnenstrahlen fallen schr\u00e4g auf den Abhang mit den satten gr\u00fcnen Wiesen vor uns. Das ganze Tal liegt im Dunst verh\u00fcllt. Und ganz hinten ragen aus dem Dunst die Gipfel der schneebedeckten Berge heraus. Man braucht kein Naturschw\u00e4rmer zu sein, um das sch\u00f6n zu finden.<\/p>\n<p>Die Sonne scheint zwar, und es bleibt trocken, aber das bedeutet nicht, dass die Wege auch trocken sind. Immer wieder stampfen wir durch den Morast, aber es ist nicht mal halb so wild wie gestern. Krissi geht entschlossen mitten durch die Pf\u00fctzen. Schlie\u00dflich h\u00e4tten wir wasserdichte Schuhe. Wasserdichte Schuhe sind solche, bei denen die Zunge Teil des Ganzen ist, an den R\u00e4ndern mit dem Schuh verbunden. Tats\u00e4chlich haben sie bisher dicht gehalten.<\/p>\n<p>Zwischen zwei Waldst\u00fccken geht es einen Kilometer auf einem Feldweg parallel zur Landstra\u00dfe entlang. Nicht ein einziges Auto f\u00e4hrt in der Zeit vorbei.<\/p>\n<p>Ganz steil geht es einen landwirtschaftlichen Weg hinauf. Der f\u00fchrt uns in ein Dorf hinein, ein paar Bauernh\u00f6fe und Stallungen, sonst nichts. Oben an der Mauer haben sie einen Ring als Basketballkorb angebracht. Als Brett dahinter dient ein ausrangiertes Vorfahrtszeichen.<\/p>\n<p>Heute sehen wir zwar wieder K\u00fche drau\u00dfen, in einem Fall auf einer steil abfallenden Weide, wo man sich fragt, wie die eine H\u00e4lfte da runter oder die andere H\u00e4lfte da rauf gekommen ist, aber wir kommen auch an Stallungen vorbei. Da werden wohl die Milchk\u00fche gehalten.<\/p>\n<p>Wir kommen durch <em>El Fresno<\/em>. W\u00e4hrend ich noch dar\u00fcber nachsinne, woher der Name mir bekannt kommt, gibt Nardo schon die Antwort: Es bedeutet \u201aEsche\u2018.<\/p>\n<p>Dann geht es wieder in den Wald. An einem Zaun am Rande des matschigen Waldweges h\u00e4ngt ein Schild: <em>Taxi \u2013 Aqu\u00ed y Ahora<\/em>. Wir widerstehen der Versuchung.<\/p>\n<p>Hinter dem Wald kommen wir in einen Ort mit dem seltsamen Namen Borres. Hier gibt es zwei, drei Caf\u00e9s, und jede Menge Pilger, die hier Pause machen. Wir entscheiden uns f\u00fcr das, wo man in der Sonne sitzen kann. Zum ersten Mal ist ernsthaft Sonnencreme vonn\u00f6ten.<\/p>\n<p>\u00dcber unserem Tisch ein Insekt, das in der Luft zu stehen scheint. Sieht f\u00fcr mich wie eine Art Hummel aus. Aber Nardo wei\u00df es besser: eine Schwebefliege. Das sind Fliegen, die zur Abschreckung von Fressfeinden das Aussehen von Hummeln oder Bienen annehmen. Kluger Schachzug der Natur. Und klarer Fall von Mimikry.<\/p>\n<p>Die M\u00e4dels lernen, welchen Lautwert &lt;q&gt; und &lt;ll&gt; im Spanischen haben: <em>queso<\/em>, <em>lleno<\/em>, <em>mantequilla<\/em>. Nardo hat viel bessere Beispiele: <em>Mallorca<\/em>, <em>Sevilla<\/em>, <em>Quito<\/em>.<\/p>\n<p>Verwirrung stiftet die Bezeichnung f\u00fcr die Toiletten. Die hei\u00dfen hier im Wirtsraum <em>Aseos<\/em> und auf dem Weg zu ihnen <em>Servicios<\/em>. Bisher haben sie immer <em>Lavabos<\/em> gelernt. Sp\u00e4ter kommt noch <em>Ba\u00f1os<\/em> dazu.<\/p>\n<p>Weiter geht\u2019s. Wir kommen nach <em>Las Tiendas<\/em>, einen Ort am Rande der Landstra\u00dfe. Und sind nach zweihundert Metern wieder drau\u00dfen. Der Ort besteht nur aus einem Geh\u00f6ft, gleich am Rande der Stra\u00dfe gelegen. Aber er hat ein ordnungsgem\u00e4\u00dfes Orteingangsschild und ein ordnungsgem\u00e4\u00dfes Ortsausgangsschild.<\/p>\n<p>Dann geht es wieder in den Wald. Immer wieder habe ich in den letzten Tagen versucht, mich an den Namen des spektakul\u00e4ren Wanderwegs zu erinnern, den wir vor vielen Jahren hier in Asturien gemacht haben, eine Tageswanderung, nicht mehr. Nie ist er mir eingefallen. Jetzt, ohne es zu wollen, f\u00e4llt er mir wieder ein: <em>La Ruta del Cares.<\/em><\/p>\n<p>Mittagspause machen wir auf einer Bank zwischen Besenginster und Goldregen und einer violett bl\u00fchenden, \u00fcppigen Pflanze. Mit Blick in das Tal hinunter. Kein Vergleich zu dem Kirchenportal von gestern.<\/p>\n<p>Am Rande einer Weide ein von der B\u00f6schung halb herabgest\u00fcrzter Baum in voller Bl\u00fcte, wei\u00dflich und rosafarben: ein Apfelbaum.<\/p>\n<p>Als es ein ganzes St\u00fcck auf einem Feldweg am Rande einer Landstra\u00dfe entlang geht, jeder von uns in Gedanken verloren, h\u00f6ren wir pl\u00f6tzlich eine Stimme hinter uns: \u201eHier geht es her!\u201c Wir sind alle drei, gedankenverloren, an einer Abbiegung vorbeigelaufen, haben einen Pfeil \u00fcbersehen. Aber Krissi hat aufgepasst. Gott sei Dank! Es w\u00e4re eine Horrorvorstellung, wenn es pl\u00f6tzlich hie\u00dfe: \u201eWir h\u00e4tten vor drei Kilometern abbiegen m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n<p>Im Wald gilt es mehrmals, das Hindernis von hinabgest\u00fcrzten Baumst\u00e4mmen zu \u00fcberwinden, vermutlich Folge eines Sturms. Im Wald wachsen hier anstelle der Eukalyptusb\u00e4ume Kiefern, eine bestimmte Art, die besonders schnell w\u00e4chst.<\/p>\n<p>Der Weg zieht sich. Es ist die l\u00e4ngste Strecke bisher, und wir sind insgesamt neun Stunden unterwegs. Immer wieder falle ich ein St\u00fcck hinter den anderen zur\u00fcck. Mit schwindenden Kr\u00e4ften kraxele ich mich einen Abhang hoch, mich an den Wurzeln an der Seite festhaltend. Nur ein kurzes St\u00fcck, aber kr\u00e4ftezehrend.<\/p>\n<p>Dann sind es noch dreieinhalb Kilometer bis zu unserem Ziel, Pola de Allande. Es geht \u00fcber einen befestigten Waldweg. Eigentlich leicht zu gehen, aber er f\u00fchrt steil hinunter. Zum Schluss geht es dann noch mal zur Abwechslung steil bergauf. Dann kommt der Ort, und wie immer liegt das Hotel am anderen Ende des Ortes. Die letzten Meter schaffe ich nur noch mit letzten Kr\u00e4ften.<\/p>\n<p>Die Begr\u00fc\u00dfung durch den freundlichen Wirt, kugelrund und redselig, entsch\u00e4digt f\u00fcr den langen Weg. Er f\u00e4ngt uns schon am Eingang ab und erkundigt sich nach der Wanderung. Das Hotel hat wie das Lokal einen etwas altmodischen Charme. Hier gibt es noch richtige Schl\u00fcssel. Die Zimmer seien klein, aber er wolle uns alle auf derselben Etage unterbringen. Wir sollten uns aber melden, wenn wir ein gr\u00f6\u00dferes Zimmer wollten.<\/p>\n<p>Er will wissen, aus welchem Teil Deutschlands wir kommen. Wir fragen, ob er schon mal in Deutschland war. Er sagt ja. Auf die Frage, wo denn da, sagt er: In der Schweiz.<\/p>\n<p>Das Lokal ist bekannt f\u00fcr asturianische K\u00fcche. Schon drau\u00dfen h\u00e4ngen alle m\u00f6glichen Auszeichnungen, und in der Diele Zeitungsausschnitte, die die K\u00fcche loben, vor allem die Fabada und den Pote Asturiano. Der Wirt l\u00e4dt uns ein, heute Abend hier zu essen. Es gehe aber erst um halb neun los. Sie h\u00e4tten gerade erst das Mittagessen abgedeckt. Es sei rappelvoll gewesen. Wegen des Feiertags.<\/p>\n<p>Bevor es auf die Zimmer geht, gibt es noch anhand eines Wappens am Eingang des Hotels eine Erkl\u00e4rung zum Namen des Hotels, La Nueva Allandesa. W\u00e4hrend Allande der Namen des Ortes ist, ist Allandesa der Name des Bezirks. Es bedeutet so etwas wie \u201ajenseits von\u2018. Auf dem Wappen erscheint das Cruz de los Angeles, und drum herum eine Reihe von halbmondf\u00f6rmigen Symbolen. Die haben einen Bezug zu der ber\u00fchmten Schlacht von Navas de Tolosa gegen die Moren (1212), aber was das wiederum mit pola zu tun hat, wird mir nicht klar.<\/p>\n<p>Wir bleiben zum Essen am Abend dann auch wirklich hier, und es lohnt sich. Es gibt ein vierg\u00e4ngiges Men\u00fc! Es geht los mit Pote Asturiano, dann gibt es eine Art Mus aus Gem\u00fcse mit Tomatenso\u00dfe, dann die asturianische Variante von Kohlroulade und dann noch zwei kleine s\u00fc\u00dfe St\u00fcckchen, eins davon Tarta de la Abuela genannt. Alles ist sehr schmackhaft, aber Pote und Nachtisch h\u00e4tten v\u00f6llig gereicht, zumal sie eindeutig besser als die eher normalen \u201eZwischengerichte\u201c sind. Der Pote Asturiano, haben wir uns vorher erkl\u00e4ren lassen, habe nichts mit der Fabada zu tun. Es ist das \u00e4ltere Gericht, das Gericht der Armen. Die wichtigsten Zutaten sind Gr\u00fcnkohl und Bohnen, obwohl im Rezept auch von Muscheln die Rede ist (die wir aber nicht identifizieren). Dazu gibt es, auf einem extra Teller gereicht, chorizo, Speck und morcilla, nicht anders als bei der Fabada. Der Geschmack ist umwerfend gut.<\/p>\n<p>Das Lokal hat sich allm\u00e4hlich halb gef\u00fcllt. Alle sitzen um den Fernseher herum. Real Madrid gegen Bayern. Die Tore von Madrid werden freudig, aber nicht enthusiastisch gefeiert. Am Nachbartisch ein Mann mit Sohn und Tochter. Die drei sind sich einig: Jede Entscheidung des Schiedsrichters zugunsten von Madrid wird gefeiert, jeden Entscheidung des Schiedsrichters gegen Madrid wird beschimpft, bei jedem Foul eines Bayern-Spielers wird die Gelbe Karte gefordert, bei jedem Foul eines Madrilenen wird der Bayernspieler der Schauspielerei beschuldigt.<\/p>\n<p>Am Fernsehen Bilder von Hagelst\u00fcrmen und Schneeverwehungen. Wo kann das denn sein? C\u00e1diz. Unglaublich. Die Sprecherin: \u201eEs steht uns ein ungew\u00f6hnlich kalter und feuchter Mai bevor.\u201c<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">2. Mai \u00a0(Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Die Versuchung ist einfach zu gro\u00df. Ich kann ihr nicht widerstehen. Ich mache blau, ich schw\u00e4nze, ich lasse eine Etappe aus, schlabbere einen Tag. Wir sind zwei N\u00e4chte hintereinander in demselben Hotel untergebracht, und es wurde dieser Tage schon mal ganz unverbindlich angedeutet, dass dies eine gute Gelegenheit w\u00e4re, zu pausieren, wenn man das Bed\u00fcrfnis h\u00e4tte. Habe ich. Wenn ich noch Zweifel gehabt h\u00e4tte: Die Wetteraussichten sind schlecht, und die Etappe gilt als eine der schwersten des Wegs, mit 700 Metern H\u00f6henunterschied.<\/p>\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck im Fernsehen eine Nachricht, aus der wir keinen Sinn machen k\u00f6nnen: <em>Podemos pide la dimisi\u00f3n de Catal\u00e1.<\/em> Es stellt sich heraus, dass das entscheidende Wort, Catal\u00e1, nichts mit Katalonien zu tun hat, sondern ganz einfach der Nachname des Justizministers ist. Au\u00dferdem muss man wissen, dass <em>Podemos<\/em> eine politische Partei ist. Nur dann ergibt es Sinn. Ein paar Tage sp\u00e4ter eine weitere, erst auf den zweiten Blick einleuchtende Nachricht: <em>El chicle ante el juez<\/em>. Kaugummi vor Gericht? Vielleicht ein Prozess wegen der illegalen Vermarktung eines Kaugummis, eines Kaugummis, das aus nicht erlaubten Substanzen besteht? Nein. <em>El Chicle<\/em> ist der Spitzname eines Straft\u00e4ters.<\/p>\n<p>Der 2. Mai ist ein besonderer Tag in Spanien, vor allem in Madrid. Das ist der Tag des Aufstands gegen Napoleon, gleichzeitig Titel eines eindrucksvollen Gem\u00e4ldes von Goya. In Madrid ist es offizieller Feiertag, ob hier auch, ist im Moment nicht festzustellen.<\/p>\n<p>Die Pause gibt mir Gelegenheit, eine andere Streitfrage zwischen Nardo und mir zu kl\u00e4ren, ob und wo der Duero der Grenzfluss zwischen Spanien und Portugal ist. Ist er, auf gut 100 Kilometern L\u00e4nge, aber im Norden und nat\u00fcrlich nicht in der Extremadura. Da ist der Guadiana etwa genauso lang der Grenzfluss.<\/p>\n<p>Der freie Tag l\u00e4sst es zu, sich einige Gedanken zu machen \u00fcber die Organisation. Ein klarer Fehler: Innerhalb des Rucksacks muss alles noch einmal verpackt werden. Die anderen haben das perfekt gemacht. Ich nicht so gut. Dem Regen sind der Pilgerausweis, eine Brosch\u00fcre zum Jakobsweg, ein Notizblock zum Opfer gefallen, und Adressbuch und Kalender sind aufgeweicht. Wenigstens habe ich Medikamente und \u00e4hnliches extra verpackt.<\/p>\n<p>Der andere Fehler ist der v\u00f6llig ungeordnete Koffer. Nardo hat einen zweiten Rucksack. Der ist im Koffer und enth\u00e4lt alles, was man jeden Tag braucht. Ich durchsuche immer alles, bis ich an Schlafanzug, Zahnb\u00fcrste und Aufladekabel komme.<\/p>\n<p>An jedem Wandertag war es bisher so: Es ist uns kalt, wenn es am Morgen losgeht. Nach wenigen Minuten nicht mehr. Dann immer wieder nur, wenn man stehenbleibt. Nach der Ankunft im Hotel \u00fcberkommt einen eine Art Sch\u00fcttelfrost, und dann f\u00e4ngt man an zu gl\u00fchen. Von innen her.<\/p>\n<p>Wir spielen dieser Tage, aus guten Gr\u00fcnden, den hypothetischen Fall durch, was man tun w\u00fcrde, wenn der Personalausweis verloren ginge. Auf der Fahrt von Sama de Grado zum Start der neuen Etappe finde ich pl\u00f6tzlich meinen Personalausweis nicht mehr. Erste M\u00f6glichkeit: Ich habe ihn liegen gelassen. Dann k\u00f6nnte man die Wirtsleute bitten, ihn nachzuschicken. Aber wohin? Bisher wurde von uns an jedem Ort von allen die Vorlage des Personalausweises verlangt. Zweite M\u00f6glichkeit: Er ist im Koffer. Aber wie soll er da reingekommen sein? Wir haben die P\u00e4sse am Tag zuvor bei der Rezeption abgegeben und dann sp\u00e4ter, als wir im Salon sa\u00dfen, zur\u00fcckbekommen. Ich erinnere mich nicht, ihn irgendwann noch mal in der Hand gehabt zu haben. Aber es lagen noch andere Dinge von mir da herum, Notizblock, Reisef\u00fchrer, Unterlagen. Habe ich ihn, ohne es zu merken, irgendwo dazugelegt? Dritte M\u00f6glichkeit: Er ist weg. Was tun in einem solchen Fall? Wo gibt es hier ein deutsches Konsulat? Santiago? L\u00e4sst sich das an dem einen freien Tag dort erledigen? Bilbao? Wie kommt man dahin? Und wieder zur\u00fcck? Und: Muss man dann dort \u00fcbernachten? Gl\u00fccklicherweise findet sich der Pass wieder. Und es stellt sich heraus: Weder in Santiago noch in Bilbao gibt es ein deutsches Konsulat. Im Norden gibt es nur eins in Barcelona, und f\u00fcr uns ist das n\u00e4chste Madrid!<\/p>\n<p>Aus 4 mach 8. Heute kommen die Nachz\u00fcgler zu uns. Bisher waren wir 2 Frauen und 2 M\u00e4nner, ab jetzt sind wir 4 Frauen und 4 M\u00e4nner. F\u00fcr Geschlechterproporz ist also gesorgt. Die anderen kommen auf dem gleichen, komplizierten Weg nach Asturien und m\u00fcssen dann noch am Abend, statt nach Bilbao, hierher kommen. Wie sie das machen, wissen wir nicht. Und auch nicht, ob wir sie heute Abend noch zu sehen bekommen. Vorsichtshalber werden wir aber schon mal Proviant f\u00fcr sie besorgen. Denn sie m\u00fcssen morgen sofort durchstarten.<\/p>\n<p>Am fr\u00fchen Nachmittag eine SMS: \u201eWir sind schon am Ziel!\u201c Die drei haben ohne mich als Bremsklotz, trotz des gro\u00dfen Gef\u00e4lles, des gr\u00f6\u00dften aller Etappen auf der gesamten Strecke,\u00a0 einen Tempolauf hingelegt, angetrieben von der K\u00e4lte und dem Regen in den Bergen. Von den Sch\u00f6nheiten der Natur haben sie wenig mitbekommen. Nardo hat die Gelegenheit genutzt, sich ausgiebig mit dem Taxifahrer zu unterhalten.<\/p>\n<p>Als die Nachz\u00fcgler am Abend eintreffen, mit dem Taxi vom Flughafen Asturias, bekommen sie noch ein vollst\u00e4ndiges Menu. Wir haben vorher schon gegessen, wieder von freundlichen, aber etwas verwirrten Kellnern bedient, was eine viel h\u00f6here Rechnung als gestern zur Folge hat. Aber es lohnt sich. Vor allem die <em>merluza<\/em>, die in diesen Tagen mehrmals auf den Teller kommt, hat es den anderen angetan. So gut wie hier ist sie nirgends. Sie wird in drei verschiedenen Zubereitungsarten angeboten, empfohlen wird die Variante <em>a la plancha<\/em>. Was die richtige deutsche Entsprechung f\u00fcr den Fisch ist (Hecht? Barsch?) bleibt ebenso offen wie die Frage, ob es eine deutsche Entsprechung f\u00fcr <em>a la<\/em> <em>plancha<\/em> gibt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">3. Mai (Donnerstag)<\/span><\/p>\n<p>Die Wanderung beginnt f\u00fcr die Nachz\u00fcgler im Taxi. Wir werden nach Berducedo gebracht, dem Ziel der gestrigen Wanderung und Ausgangspunkt des heutigen Weges, 900 Meter hoch gelegen. Von dort gehen wir auf 1000 Meter rauf, auf 800 Meter runter, auf 1100 rauf, auf 200 runter und auf 600 rauf. Gut, dass ich noch nicht ahne, was auf mich zukommt.<\/p>\n<p>Die Taxifahrerin hat sich inzwischen beruhigt, nachdem sie erst schon abgedreht war. An der Rezeption hatte man ihr gesagt, wir w\u00e4ren schon weg, dabei waren wir nur im Supermarkt. Sie gibt uns am Ende ein paar Tipps f\u00fcr Lokale am Zielpunkt, Grandas de Salime, vor allem f\u00fcr eine Pulper\u00eda. Wir sind zwar noch in Asturien, aber das klingt schon nach Galicien.<\/p>\n<p>Die Nachz\u00fcgler haben gleich eine schwere Etappe erwischt f\u00fcr ihren Einstieg, aber sie halten sich tapfer. Die Gruppe wird etwas mehr auseinandergezogen als vorher, aber grunds\u00e4tzlich \u00e4ndert sich nichts. Einer der Nachz\u00fcgler ist noch nie in Spanien gewesen. Als wir auf einer Bergkuppe sind, ruft er verzweifelt aus: \u201eDas soll Spanien sein?\u201c Verst\u00e4ndliche Verbl\u00fcffung. Kein Meer, kein Strand, keine Sonne, keine Sangr\u00eda. Stattdessen W\u00e4lder, Berge, Wolken und richtig niedrige Temperaturen.<\/p>\n<p>Sprachlich bringen die Nachz\u00fcgler eine Erweiterung des Programms mit sich: Manu spricht flie\u00dfend Portugiesisch und fragt in den n\u00e4chsten Tagen immer wieder nach, wie etwas auf Spanisch hei\u00dft. Sie versteht nicht nur sehr viel, sondern macht auch, mit erstaunlichem Erfolg, erste Gehversuche bei der aktiven Sprachverwendung. Sp\u00e4ter, als wir nach Galicien kommen, ist sie ganz in ihrem Element. Galicisch ist ein Dialekt des Portugiesischen und nicht, wie, unserem Reisef\u00fchrer nach, viele glauben, eine keltische Sprache.<\/p>\n<p>Meine Schmerzen, die ich in den ersten Etappen versucht habe, zu ignorieren, lassen sich nicht mehr ignorieren. Ich habe bisher auch tapfer aufs Klagen verzichtet, so wie die anderen auf das Klagen \u00fcber ihre Schlaflosigkeit verzichtet haben. Aber jetzt wird es zu offensichtlich. Ich komme nur noch humpelnd weiter, auf den Wanderstock gest\u00fctzt, den ein guter Geist mir mitgegeben und sich \u00fcber meine anf\u00e4ngliche Weigerung hinweggesetzt hat.<\/p>\n<p>Zu allem Ungl\u00fcck beschlie\u00dft die Mehrheit, gegen Nardos und meine Stimme, einen Umweg zu nehmen. Der wird auf einem Schild empfohlen, wegen eines Waldbrands. Das bedeutet weitere Kilometer und weitere Steigungen. Ich gehe ganz langsam voran, meist hinter den anderen her.<\/p>\n<p>Der Weg f\u00fchrt zwischen Baumplantagen hindurch mit riesigen Brandschneisen. Die sehen aus, als h\u00e4tte hier jemand eine Skipiste geplant.<\/p>\n<p>Oben, an einer Wegkreuzung mit Blick ins Tal, sehen wir einen Geier. Wir haben es Nardo zu verdanken, dass wir wissen, dass es sich um einen Geier handelt.<\/p>\n<p>Als wir wieder im Tal sind, kommen wir an einem steinsichtigen Privathaus vorbei. Zwei fast identische, kleine Katzen hocken im Vorgarten, in fast identischer Haltung, am Boden kauernd, als ob sie eine Gefahr kommen s\u00e4hen. Sie lenken die Aufmerksamkeit unserer Katzenbesitzer auf sich. Es soll sich um ganz besondere Katzen handeln. Dann taucht dahinter ein dicker Kater auf. Die alte Frau, die auf der Terrasse vor dem Hauseingang sitzt, ruft ihn beim Namen: \u201eLeo!\u201c<\/p>\n<p>Immer noch auf\u00a0 dem Umweg machen wir Pause, an einer wenig ad\u00e4quaten Stelle. Ich bin froh, mich kurz auf einen Stein setzen zu k\u00f6nnen, aber die Schmerzen lassen nicht nach.<\/p>\n<p>Dann kommt Wasser in Sicht, ganz unten im Tal gelegen. Ein Staudamm. Einer der zahlreichen Staud\u00e4mme, die von Franco initiiert und vom Caudillo pers\u00f6nlich eingeweiht wurden. Es war ein Mega-Projekt, eine Zeitlang der gr\u00f6\u00dfte Stausee Spaniens und der zweigr\u00f6\u00dfte Europas. Der Fluss, der Nav\u00eda, wurde umgeleitet, 3.000 Arbeiter aus Andalusien wurden rekrutiert und vor\u00fcbergehend hier untergebracht und, vor allem, die Bev\u00f6lkerung wurde der Einfachheit halber umgesiedelt, nach Grandas de Salime, unserem heutigen Etappenziel.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die anderen sich die Stauanlage ansehen, humpele ich weiter, um Vorsprung zu gewinnen und zu dem Caf\u00e9 zu kommen, das schon in Sichtn\u00e4he ist. Aber es geht dahin noch ein St\u00fcckchen bergan, immer der Landstra\u00dfe nach. Hier unten ist es viel w\u00e4rmer als oben.<\/p>\n<p>Die Pause in dem Caf\u00e9 ist die reinste Wonne. Wir sitzen drau\u00dfen, blicken auf den Stausee und genie\u00dfen die W\u00e4rme. Aber wir haben noch f\u00fcnf Kilometer vor uns, mit einer betr\u00e4chtlichen Steigung. Als auch die bew\u00e4ltigt ist und wir in der Pension in Grandas de Salime ankommen, ziehe ich mich auf mein Zimmer zur\u00fcck und verzichte auf das Abendessen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">4. Mai (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen wird berichtet, dass die anderen zwar nicht in der eigentlichen Pulper\u00eda gelandet waren, sondern in dem anderen von der Taxifahrerin empfohlenen Hotel und dass dort einige den pulpo probiert haben.<\/p>\n<p>Ich muss mich nach M\u00f6glichkeiten umsehen, an das n\u00e4chste Etappenziel zu kommen. Gehen geht nicht. Es kommt zu einem Missverst\u00e4ndnis mit dem Wirt: Kann mich der Gep\u00e4cktransport nun mitnehmen oder nicht? Es scheint einmal ja, einmal nein gesagt zu haben. Die Sache ist so: Correos, die unser Gep\u00e4ck transportieren, d\u00fcrfen, vermutlich aus versicherungstechnischen Gr\u00fcnden, keine Passagiere mitnehmen. Es gibt aber noch eine andere Organisation, die den Gep\u00e4cktransport macht, und mit der kann ich fahren.<\/p>\n<p>Kurz nachdem die anderen aufgebrochen sind, kommt das Auto schon. Die Frau holt noch einen weiteren Mann ab und setzt ihn unterwegs irgendwo ab und bringt mich dann nach Fonsagrada. Sie kassiert ordentlich ab, doppelt so viel wie der Wirt vermutet hat, und das, obwohl sie auch bei dem anderen Passagier abkassiert hat. Sie selbst ist aus Galicien, stammt von den R\u00edas Bajas, ist aber schon seit Jahrzehnten hier beheimatet.<\/p>\n<p>Fonsagrada befindet sich schon in Galicien. Die anderen m\u00fcssen bei\u00a0 der Wanderung die Grenze passieren, sie soll irgendwo mit einer Markierung auf dem Weg gekennzeichnet sein. An der Stelle werden traditionell von Pilgern allerhand Riten vollzogen. Es geh\u00f6rt sich offensichtlich, dass man \u00fcber die Grenze nicht geht, sondern springt. Davon bekomme ich aber nichts mit.<\/p>\n<p>Die Unterkunft ist zweigeteilt und beherbergt sowohl pensi\u00f3n als auch albergue. An der Rezeption sitzt niemand, aber irgendwann erscheint eine Frau, die sich um mich k\u00fcmmert. Es dauert etwas, zun\u00e4chst kann sie mich nicht einordnen, aber dann klappt es doch. Das Zimmer ist verst\u00e4ndlicherweise noch nicht fertig.<\/p>\n<p>Fonsagrada scheint ein h\u00fcbscher Ort zu sein, aber ich kann ihn nicht erkunden. Ich schaffe es aber die vielleicht hundert Meter \u00fcber die schmale Kopfsteinstra\u00dfe hoch zu dem n\u00e4chstgelegenen Caf\u00e9. Ich bin der einzige Gast, komme aber mit dem Wirt ins Gespr\u00e4ch. Er hat lange in der Schweiz gelebt und ist dann hierher, in seine Heimat, zur\u00fcckgekehrt. Wir unterhalten uns \u00fcber Sprachen und Bier und Fu\u00dfball und den Camino und das Leben im Ausland, und ich finde erstaunlicherweise Trost in dieser nicht sehr tiefsch\u00fcrfenden, aber lebendigen Unterhaltung. Er fragt auch, mit genuinem Interesse, nach meinen Schmerzen.<\/p>\n<p>Dann ziehe ich mich zur Lekt\u00fcre auf mein Zimmer zur\u00fcck. Ich habe, einer Empfehlung folgend, das Buch eines franz\u00f6sischen Arztes, Mitglieds der Acad\u00e9mie Fran\u00e7aise, mitgenommen, <em>Pilgern f\u00fcr Skeptiker<\/em>, und das lohnt sich. Er hat den Weg ganz alleine gemacht, von der franz\u00f6sischen Grenze aus, erst an der K\u00fcste entlang, um dann auf den Camino Primitivo abzubiegen. Er hat sein ganzes Gep\u00e4ck, einschlie\u00dflich Zelt, getragen und schaut mit einer gewissen \u00dcberheblichkeit auf \u201ePilger\u201c herab, die irgendwie von diesem Ideal abweichen, die Taxis f\u00fcr Teilstrecken nehmen, die mit dem Bus anreisen, die sich das Gep\u00e4ck transportieren lassen, die erst 100 Kilometer vor dem Ziel einsteigen, die in guten Pensionen absteigen (was er sich auch gelegentlich leistet). Aber damit kann man leben. Das Buch ist einfach stimulierend, und sehr kritisch gegen\u00fcber den Idealen und den Ideen, die mit dem Camino verbunden werden. Auch \u00fcber Santiago selbst und \u00fcber die touristische Infrastruktur \u00e4u\u00dfert er sich sehr kritisch. Die gr\u00f6\u00dften Erlebnisse sind f\u00fcr ihn das Alleinsein in der Natur und die eine oder andere Begegnung.<\/p>\n<p>Eine Passage bleibt mir in Erinnerung. Da spricht er von einem Marathonlauf, der den Pilgern den Weg versperrt, in Lugo. Er sieht mit etwas Verachtung auf diese verr\u00fcckte Meute hinab, wird sich dann aber klar, dass er selbst ihnen n\u00e4hersteht als dem mittelalterlichen Pilger.<\/p>\n<p>In einer Fu\u00dfnote verweist er auf akademische Forschung zum mittelalterlichen Pilgerweg. Diese Forschung stellt die Vorstellung der Massen von armen Pilgern in Frage und behauptet, daf\u00fcr gebe es keine Belege. Sie nimmt an, dass die meisten mittelalterlichen\u00a0 Pilger Adlige oder Kaufleute waren.<\/p>\n<p>In den Anfangszeiten der Pilgerfahrt spielten die Werte der Einfachheit, der Einheit mit der Natur, der Selbstentfaltung, die heute so wichtig sind, keine Rolle. Der moderne Pilger ist meist nicht im engeren Sinne christlich motiviert. Seine Hypothese: Es w\u00fcrden genauso viele Pilger gekommen, wenn der Camino von einer anderen Religion angeboten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Nachmittag gehe ich in eine Apotheke. Die beiden Apotheker sind sich nicht einig. Am Ende geben sie mir lediglich eine Art Roller, mit der man das Knie k\u00fchlen kann. Schlie\u00dflich habe ich ja Tabletten und Salbe selbst.<\/p>\n<p>Als ich wieder Richtung Hotel humpele, h\u00f6re ich pl\u00f6tzlich meinen Namen. Auf dem erh\u00f6hten Platz vor der Kirche sitzen drei unserer Wanderer, die vom Anfang. \u201eDas sieht ja \u00fcbel aus\u201c, sagen sie. Sie haben mich \u00fcber den Platz humpeln sehen. Und sie k\u00f6nnen durch die Hose sehen, dass das Knie angeschwollen ist. Dabei habe ich das Knie in den ganzen Tagen zuvor gar nicht als die eigentliche Schwachstelle angesehen.<\/p>\n<p>Sie sehen alle ganz entspannt aus und genie\u00dfen die Sonne auf dem Platz. Die Etappe sei nicht sonderlich schwer, aber auch nicht sonderlich interessant gewesen.<\/p>\n<p>Am Abend gehe ich dann mit in ein Lokal, das den anderen empfohlen worden ist. In der sch\u00f6nen Atmosph\u00e4re verblassen allm\u00e4hlich meine Gedanken, meine Sachen zu packen und abzureisen. Was h\u00e4tte das f\u00fcr sich? Ich kann zumindest von Etappe zu Etappe fahren und mich mit den anderen am Abend treffen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">5. Mai (Samstag)<\/span><\/p>\n<p>Beim Fr\u00fchst\u00fcck werden wir von einem besonders h\u00f6flichen und liebenswerten Kellner bedient, der frischen Kaffee kocht und jedem nach eigener Vorliebe eine Eierspeise zubereitet. Au\u00dferdem hat er schon, ohne Aufforderung, alle Koffer nach unten getragen. Er spricht mit Manu Portugiesisch und mit anderen G\u00e4sten flie\u00dfend Franz\u00f6sisch. Wir haben ihn alle auf den ersten Blick irgendwie liebgewonnen. Alle f\u00fchlen nach dem Fr\u00fchst\u00fcck das Bed\u00fcrfnis, zu sagen, wie freundlich er war. Komisch. Wodurch haben einige Menschen eine solche Wirkung auf andere?<\/p>\n<p>Von Fonsagrada aus komme ich schon fr\u00fch zum n\u00e4chsten Ziel, O Cadavo, auf der ersten Silbe betont, wie ich beim Kauf des Tickets bemerke. Es ist ein kleiner Bus, und der Fahrer legt los, als gelte es, ein Rennen zu gewinnen.<\/p>\n<p>O Cadavo ist ein au\u00dferordentlich nichtssagender Ort. Die Pension ist der verl\u00e4ngerte Arm der Dorfkneipe. Ich kann schon in das Zimmer und widme mich der Lekt\u00fcre. In einer Brosch\u00fcre, die man uns mitgegeben hat, lese ich zu meiner \u00dcberraschung, dass die meisten Pilger auf dem Jakobsweg nicht Deutsche oder Franzosen sind, sondern Spanier! Das deckt sich mit unserer Erfahrung. Die zweitgr\u00f6\u00dfte Gruppe sind die Portugiesen! Die tauchen hier kaum auf. Sie nehmen den Camino Portugu\u00e9s, immer der K\u00fcste entlang, von Lissabon \u00fcber Porto.<\/p>\n<p>Dann nehme ich mir wieder <em>Pilgern f\u00fcr Skeptiker<\/em> vor. Ich bin immer mehr begeistert von dem Buch. Im Gegensatz zur landl\u00e4ufigen Meinung glaubt er nicht, dass man auf dem Probleme oder Fragen l\u00f6sen kann, die man zuhause nicht gel\u00f6st hat. Man zwingt sich zwar unterwegs geradezu zum Denken, ist aber doch zu sehr mit anderen Dinge besch\u00e4ftigt: Man muss die Wegmarkierungen im Auge behalten, man muss Autos und Hunden ausweichen, man muss auf den Untergrund achten und Steinen und Schlamm ausweichen, man spricht mit einem Passanten, die Schmerzen melden sich zu Wort, Durst und Hunger ebenfalls, man wechselt die Kleidung, wenn es pl\u00f6tzlich k\u00e4lter oder w\u00e4rmer wird oder es zu regnen anf\u00e4ngt (f\u00fcr mich ein gr\u00f6\u00dferes Problem, da ich keinen systematischen Plan habe, was wo hingeh\u00f6rt, wenn man die Jacke auszieht), \u00a0man sieht Dinge am Wegesrand oder in der Ferne und fragt sich, wie viele Kilometer man wohl schon hinter sich hat. Und selbst wenn dann mal eine L\u00f6sung zu einem Problem, sei es pers\u00f6nlicher oder akademischer Art, sich in aller Klarheit abzeichnet, ist sie wieder weg, sobald man den n\u00e4chsten Ort erreicht oder auch nur ein Caf\u00e9, und manchmal ist nicht nur die L\u00f6sung weg, sondern sogar die Frage! So geht es ihm mit seinen Pl\u00e4nen f\u00fcr einen neuen Roman. So \u00e4hnlich geht es mir auch. Nur Erinnerungen an Erlebnisse mit dem Spanischen, teils in ferner Vergangenheit, stellen sich immer wieder ein und akkumulieren sich im Laufe der Tage zu einer Sammlung, mit der man etwas anfangen k\u00f6nnte. Allerdings auch nur mit Hilfe des Notizblocks, der abends zum Einsatz kommt.<\/p>\n<p>Gegen die Verkl\u00e4rung des Jakobsweg sagt der Autor lakonisch: \u201eDer Jakobsweg ist ein Weg. Das ist alles.\u201c Und zu dem Gep\u00e4ck, das man mittr\u00e4gt: \u201eGewicht ist Angst.\u201c<\/p>\n<p>Die stellvertretende Wanderung durch die Lekt\u00fcre \u00fcber die Wanderung mag zwar interessant sein, aber ich kann mich doch nicht so leicht mit meiner Rolle als \u201egescheiterter Pilger\u201c abfinden. Der Gedanke wird unterdr\u00fcckt, l\u00e4sst sich aber nicht so leicht unterdr\u00fccken: Die ganze Vorbereitung, das Hin und Her, die Rechnungen, die Wanderungen zuhause, um fit zu werden, alles f\u00fcr die Katz.<\/p>\n<p>Nicht gerade in Hochstimmung trinke ich in der Dorfkneipe einen Kaffee und gehe dann in den Supermarkt gegen\u00fcber, um ein paar Kleinigkeiten zu besorgen. Dann die Stra\u00dfe rauf zu einer Apotheke. Eine streng aussehende Apothekerin bedient eine Frau aus dem Ort, die eine Art Jahreseinkauf zu machen scheint. Fast verliere ich die Geduld, aber dann sage ich mir, dass ich ohnehin nichts Besseres tun kann und warte ab, mehr oder weniger geduldig. Und das sollte sich auszahlen! Die Apothekerin h\u00f6rt mir aufmerksam zu und fragt genau nach den Symptomen. Dann verkauft sie mir Tabletten und eine Salbe eines deutschen Herstellers, f\u00fcr einen Bruchteil des Geldes, das man in Deutschland daf\u00fcr bezahlen w\u00fcrde, und das, obwohl die Tabletten st\u00e4rker sind als das, was man in Deutschland rezeptfrei bekommt.<\/p>\n<p>Die Wanderer kommen am sp\u00e4ten Nachmittag an, ziemlich ersch\u00f6pft, vor allem die Nachz\u00fcgler. Abendessen gibt es nat\u00fcrlich erst zu spanischen Zeiten, und sie m\u00fcssen sich noch etwas gedulden. Hier in diesem Ort gibt es keine Alternative zum Essen in der Kneipe. Das ist ordentlich, nicht mehr, nicht weniger.<\/p>\n<p>Au\u00dfer uns ist nur eine kleine franz\u00f6sische Gruppe da. Dann kommt pl\u00f6tzlich Bewegung in die Sache. Der Saal f\u00fcllt sich mit einer Heerschar von Menschen, Einheimische, mit runden, roten Gesichtern und ordentlichem Bauchumfang, salopp bis nachl\u00e4ssig gekleidet. Frauen und M\u00e4nner sind vertreten, auch Junge und Alte. Sie machen sich lautstark \u00fcber eine gro\u00dfe Anzahl von Tapas her, die auf einer langen Tafel serviert werden. Wir fragen uns, was das sein kann. Ein Fest wohl kaum, dazu geht es nicht feierlich genug zu. Die Kellnerin gibt uns Auskunft: Am Montag er\u00f6ffnet hier im Ort eine neue Metzgerei. Sie hat eingeladen, um Werbung f\u00fcr ihre Produkte zu mache. Das ganze Dorf. Es kann kommen, wer will. Das haben sie sich nicht entgehen lassen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">6. Mai (Sonntag)<\/span><\/p>\n<p>Die Nachz\u00fcgler legen einen Ruhetag ein und fahren mit mir mit dem Bus nach Lugo, der einzigen gr\u00f6\u00dferen Stadt auf dem Weg. Die Busfahrt ist noch billiger als gestern, kostet weniger als ein Busticket f\u00fcr die Innenstadt von Trier.<\/p>\n<p>Als wir losfahren, ist es sonnig, aber sobald es in die Berge geht, legt sich ein Schleier aus Dunst \u00fcber die Gegend. Auch in Lugo ist es noch diesig, aber von dem Moment unserer Ankunft an lichtet sich die Sache, und es wird ein richtig sch\u00f6ner, sonniger Tag.<\/p>\n<p>Die Au\u00dfenbezirke und der Busbahnhof sind an H\u00e4sslichkeit kaum zu \u00fcbertreffen, aber sobald man in die Innenstadt kommt, pr\u00e4sentiert sich Lugo als sch\u00f6ne, historische Stadt, mit grauem Stein, vermutlich Granit, als beherrschendes Baumaterial. Das l\u00e4sst alles wie aus einem Guss aussehen. Wir kommen durch ein Tor der Stadtmauer auf einen gro\u00dfen Platz, und zwei freundliche alte Herren auf einer Bank weisen uns den Weg zum Hotel, dem ersten am Platz, v\u00f6llig \u00fcberdimensioniert f\u00fcr eine Wanderreise. Jeder bekommt eine komplette Suite, mit zwei Badezimmern. Ich benutze nur das Beistellbett und das zweite Badezimmer und lasse den gro\u00dfen Teil der Suite unber\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die Medikamente, die ich in der Apotheke gestern bekommen habe, zeigen fulminante Wirkung. Immer noch setze ich mit aller Vorsicht ein Fu\u00df vor den anderen, und immer noch habe ich Schmerzen, aber ich komme voran, wenn auch ganz langsam. Die anderen passen sich meinem Tempo an. Sie haben ja auch keine Eile.<\/p>\n<p>Die Stadtmauer ist nicht rechteckig, aber auch nicht rund und auch nicht oval. Sie verl\u00e4uft unregelm\u00e4\u00dfig. Warum, bleibt offen. Ein weiteres historisches R\u00e4tsel ist ihre Anlage. Bei dem Bau wurden wichtige Wohn- und Verwaltungsbezirke au\u00dfen vor gelassen, aber daf\u00fcr Felder und G\u00e4rten mit einbezogen. Keiner wei\u00df, warum.<\/p>\n<p>Die Stadtmauer ist r\u00f6misch und hat all die Jahrhunderte \u00fcberdauert. Erstaunlich. Auch als Steinbruch hat sie nicht herhalten m\u00fcssen. Wie viele Ver\u00e4nderungen und Instandsetzungen im Laufe der Zeit vorgenommen wurden, ist nicht ersichtlich. Das Ensemble sieht \u00e4u\u00dferst homogen aus.<\/p>\n<p>Die Charakteristika der Stadtmauer sind die gedrungenen, runden Halbt\u00fcrme, die in regelm\u00e4\u00dfigen Intervallen auf der Landseite angebracht sind.<\/p>\n<p>Die R\u00f6mer h\u00e4tten es sich nicht tr\u00e4umen lassen, dass sie mit der Stadtmauer eine moderne Freizeitanlage geschaffen haben. Die Stadtmauer ist breit und ideal f\u00fcr Spazierg\u00e4nger, Touristen, Freizeitl\u00e4ufer und Hundebesitzer.<\/p>\n<p>Nach einem Kaffee auf einer Terrasse an dem zentralen Platz mache ich auch noch einen Gang durch die Kathedrale und au\u00dfen herum. In der Mittagszeit ist man hier praktisch ganz f\u00fcr sich alleine.<\/p>\n<p>Ich suche, vergeblich, nach dem Zugang zu dem Kreuzgang, von au\u00dfen gut sichtbar. Nicht nur wegen des Kreuzgangs will ich ihn finden, sondern auch wegen einer Steinplatte mit Inschrift, dem einzigen \u00dcberbleibsel aus der Vorg\u00e4ngerkirche, einer Inschrift, die in den Anfangsbuchstaben der Zeilen den Namen des Bischofs oder Begr\u00fcnders angibt.<\/p>\n<p>Die Etappe, die wir heute gemeinsam geschw\u00e4nzt haben, ist eine der l\u00e4ngsten des Weges, und dennoch tauchen unsere Hobbywanderer schon am fr\u00fchen Nachmittag in Lugo auf. Sie haben so gut wie keine Pause gemacht. Die Landschaft hatte nichts Aufregendes zu bieten.<\/p>\n<p>Am Abend kommen wir in das richtige Lokal, ein rustikales Lokal, das als <em>mes\u00f3n<\/em> durchgehen w\u00fcrde. Nat\u00fcrlich sind wir wieder zu fr\u00fch. In der Wartezeit gibt es ein kaltes Bier \u2013 Nardo kann sich immer noch nicht dar\u00fcber beruhigen, dass die <em>ca\u00f1a<\/em> hier nicht so klein ist wie in Andalusien \u2013 und leckere St\u00fccke <em>empanada<\/em>, mit Fleisch und mit Thunfisch gef\u00fcllt, als <em>tapa<\/em> auf Kosten des Hauses dazu. Sp\u00e4ter fragen wir den Wirt, mit welchem Fleisch denn die <em>empanada<\/em> gef\u00fcllt waren. Er l\u00e4sst und raten, aber wir kommen nicht auf die Antwort: Kaninchen.<\/p>\n<p>Das Essen gibt es oben. Ich versuche mich an Kutteln, ohne den anderen zu sagen, was es ist. Die, die probieren, sind ganz angetan. Mir schmecken sie ausgesprochen gut. L\u00e4ngst nicht so bei\u00dfend wie die, die ich in Salerno probiert habe. Zum Nachtisch gibt es hier zum ersten Mal <em>Tarta de Santiago<\/em>, einen trockenen Mandelkuchen, den wir dann immer wieder mal probieren.<\/p>\n<p>Wir kehren dann, trotz allem m\u00fcde, in unsere Nobelherberge zur\u00fcck. Die Rezeptionistin f\u00fchrt f\u00fcr mich ein Telefongespr\u00e4ch, damit ich die weit abgelegene Unterkunft am n\u00e4chsten Tag finde. Das erweist sich als sehr hilfreich. Kein Mensch kennt Ferreira, wie sich herausstellen wird.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">7. Mai (Montag)<\/span><\/p>\n<p>Die Rezeptionistin hat mir mit einem Telefongespr\u00e4ch geholfen. Sie hat bei sehr weit abgelegenen Unterkunft angerufen, die mit \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln nicht zu erreichen ist und herausgefunden, wie ich wenigstens in die N\u00e4he komme. Das soll sich auszahlen. Der Bus bringt mich nach Palas de Rei, ein umtriebiger Ort, der sich an einer Stra\u00dfe entlang entwickelt hat. Ich gehe in ein zentral gelegenes Caf\u00e9 und g\u00f6nne mir einen Kaffee. Der Wirt wei\u00df nicht, wo Ferreira ist. Er wei\u00df aber, wo der Camino ist: Immer die Stra\u00dfe runter. Aber ich traue dem Braten nicht. Zurecht. Wenn ich dem gefolgt w\u00e4re, w\u00e4re ich nicht zu unserer Unterkunft gekommen.<\/p>\n<p>Ich gehe ich Stra\u00dfe rauf und runter und frage Passanten. Keiner kennt Ferreira. Aber es gibt einen Hinweis zu einem Punto de Informaci\u00f3n. Die Stra\u00dfe rauf. Aber bis zum Ortsausgang taucht sie nicht auf. Dann geht es wieder die Stra\u00dfe runter. Wieder ein Hinweisschild. Wieder kein Punto de Informaci\u00f3n. Aber irgendwann sto\u00dfe ich auf ein Schild, das nach Casa da Campo weist. Das ist unsere Unterkunft. Ich folge dem Schild, aber es stellt sich heraus, dass es sich um eine gleichnamige Unterkunft hier im Ort handelt. Dann sehe ich ein Frau mit einer Kiste voller Pflanzen aus einem Lieferwagen aussteigen: G\u00e4rtnereibetrieb. Die wei\u00df Bescheid. Folgen Sie den Schildern Richtung Friol. Dann fragen Sie sp\u00e4ter noch einmal. Das tue ich und komme aus dem Ort raus. Es geht eine sch\u00f6ne, wenig befahrene Stra\u00dfe entlang. Pl\u00f6tzlich h\u00e4lt ein Auto auf der anderen Stra\u00dfenseite. Der Fahrer winkt mir zu und h\u00e4lt mich an. Wollen Sie nach Santiago? Ja, erkl\u00e4re ich ihm. Aber nicht auf direktem Weg. Ich will erst nach Ferreira. Er wei\u00df Bescheid. Ich bin auf dem richtigen Wege. Er sagt mir, in typisch spanischer Manier: Geradeaus und dann die erste \u2026 die zweite \u2026 die nicht, die dritte Kreuzung rechts. Dann kommen sie zu einer Autobahn. Die nehmen sie \u2026 nicht. Sie nehmen die Landstra\u00dfe. Immer geradeaus Richtung Friol. Bis links ein Schild kommt. Es stellt sich alles als absolut korrekt heraus. Und er hat extra angehalten, weil er glaubte, ich w\u00e4re auf dem falschen Weg.<\/p>\n<p>Zum ersten Mal habe ich das Gef\u00fchl, dass es hier ohne Spanisch schwer geworden w\u00e4re. Es ging ja nicht nur darum, nach dem Weg zu fragen, sondern auch zu erkl\u00e4ren, welchen Weg man will und was man schon vorher alles unternommen hat, um den Weg zu finden. Und dass es sich nicht um die Unterkunft hier im Ort handelt.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich taucht, nachdem man an einigen h\u00fcbschen Bauernh\u00e4uschen vorbeigekommen ist, aus dem Nichts eine Autobahn auf, allerdings Autov\u00eda, nicht Autopista. Weisungsgem\u00e4\u00df nehme ich die nicht, sondern gehe auf der Landstra\u00dfe weiter. Immer weiter. Es passiert kaum man ein Auto. Das Hin- und Hergehen in Palas de Rei hat mich schon genug angestrengt, aber das Knie macht noch mit und ich beschlie\u00dfe, erst einmal weiterzugehen. Wenn es gar nicht mehr geht, will ich ein Auto anhalten.<\/p>\n<p>Es gibt keine Entfernungsangaben. Nur ab und zu taucht ein kleines, halboffiziell aussehendes Schild auf, das einen auf einen Weiler links oder rechts der Stra\u00dfe verweist. Es geht immer weiter. Eine Sitzm\u00f6glichkeit bietet sich nirgends. Ich bleibe h\u00f6chstens mal am Stra\u00dfenrand stehen, um etwas Wasser zu trinken.\u00a0 Wie weit ich gekommen bin, wei\u00df ich nicht, ich kann nur sch\u00e4tzen, nach der abgelaufenen Zeit. Vielleicht die H\u00e4lfte der zehn Kilometer, viel etwas mehr. Dann taucht urpl\u00f6tzlich ein Schild mit dem Namen unserer Unterkunft auf, nach links. Das bringt mich in eine ganz verlassene Gegend mit wunderbarer, \u00fcppiger Natur. Ich \u00fcberquere einen Bach, und der Blick in der Sonne auf den Bach und die Wiesen und die B\u00e4ume und Str\u00e4ucher ist einer der sch\u00f6nsten der gesamten Wanderung. Immer noch habe ich keine Ahnung, wie weit es noch sein k\u00f6nnte. Dann komme ich zu einer Wiese mit Steinb\u00e4nken und \u2013tischen. Ein idealer Rastplatz. Ich setze mich hin, hole meinen Proviant raus und genie\u00dfe die Stille und die Einsamkeit.<\/p>\n<p>Dann mache ich mich wieder auf den Weg. Und stehe direkt vor unserer Unterkunft. Die ist keine hundert Meter von dem Rastplatz entfernt.<\/p>\n<p>Dort empf\u00e4ngt mich eine sehr freundliche, kleine Frau. Ich erkl\u00e4re, wer ich bin und sie weist mir ein wundersch\u00f6n eingerichtetes Zimmer auf der oberen Etage zu. Die Frau ist nicht, wie ich vermutet habe, die Eigent\u00fcmerin, sondern die Betreiberin der Pension. Sie und ihr Mann sind erst seit einem Monat hier. Sie haben sich auf dem Camino kennengelernt. Sie stammt aus Toledo, er aus Huelva. Es hat ihnen hier so gut gefallen \u2013 und sie haben sich gegenseitig so gut gefallen \u2013 dass sie beschlossen haben, sich hier nach einer Arbeit umzusehen. Dabei hat ihr Mann eine Stelle in einem Hotel in Palas da Rei und sie die Stelle hier in der Pension gefunden. Eine Geschichte wie aus einer Erz\u00e4hlung.<\/p>\n<p>Ich setze mich in den Innenhof und genie\u00dfe die Stille, die Sonne, das gute Gef\u00fchl, doch schon wieder ein paar Kilometer gegangen zu sein und ein k\u00fchles Bier.<\/p>\n<p>Bald tauchen die Wanderer auf, alle gut gelaunt, alle zufrieden mit der Etappe, alle sehr angetan von der sch\u00f6nen Unterkunft. Wir sind die einzigen G\u00e4ste. Wir vergn\u00fcgen uns die Zeit bis zum Abendessen mit gegenseitigen Berichten. Das Abendessen wird von der Frau aus Toledo gekocht und serviert. Eine Alternative h\u00e4tte es hier, in dieser verlassenen Gegend, gar nicht gegeben. Sie hat eine ausgezeichnete Tortilla gemacht, der Rest ist weniger bemerkenswert. Einige von uns h\u00e4tten gerne noch ein bisschen mehr bekommen. Zum Abschluss gibt es noch einen gr\u00fcnlichen Lik\u00f6r, <em>hierba<\/em>. So was \u00c4hnliches gab es auch gestern in Lugo schon, aber sie beeilt sich, den Unterschied zu erkl\u00e4ren. Der aus Lugo schmeckte nach Anis, dieser nicht.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">8. Mai (Dienstag)<\/span><\/p>\n<p>Nach einigem Schwanken entschlie\u00dfe ich mich, weil es gestern einigerma\u00dfen gut gelaufen ist, mit den anderen zusammen aufzubrechen. Ich will mit ihnen gehen oder besser hinter ihnen her. Wir machen aus, dass ich mich im Zweifelsfalle zur\u00fcckfallen lasse und dann irgendwie per Bus oder Taxi ans Ziel komme.<\/p>\n<p>Es stellt sich aber heraus, dass ich hinterherkomme und den gro\u00dfen Teil der Strecke bew\u00e4ltige.<\/p>\n<p>Unterwegs kommen wir immer wieder an <em>h\u00f3rreos<\/em> vorbei. Sie sind ganz anders als die in Asturien, kleiner, l\u00e4nglich, mit Satteldach. Sie haben fast etwas sakrales, und tats\u00e4chlich haben einigen am Ende des Satteldachs ein Kreuz.<\/p>\n<p>Nardo identifiziert den Ruf des Wiedehopfs. Den habe er vorher, in Asturien, nicht geh\u00f6rt. In Andalusien sei er st\u00e4ndig pr\u00e4sent.<\/p>\n<p>Diesmal machen wir schon sehr fr\u00fch eine Kaffeepause, in einem sch\u00f6nen Innenhof mit W\u00e4nden aus Naturstein. Man sitzt auf Barhockern aus Weinf\u00e4ssern. Neben uns eine Gruppe junger Spanier, lauter M\u00e4nner, in bester Stimmung. Sie genehmigen sich schon ein Bierchen. Als sie uns \u00fcberholen, spreche ich einen auf das fr\u00fche Bier an. Gutgelaunt, aber lakonisch, sagt er: <em>gasolina<\/em>. Als wir sp\u00e4ter eine Mittagspause einlegen, sitzen sie schon bei ihrem n\u00e4chsten Bier.<\/p>\n<p>In einem Waldst\u00fcck kommen wir an einer Weide vorbei. Eine Frau mit Kopftuch steht auf dem absch\u00fcssigen Gel\u00e4nde, eine Sense in der Hand. Ein paar Meter entfernt stehen ein paar Schafe. Ich spreche sie an. Ob das ihre Schafe seien? Ja. Ob sie was mit dem Fell anfangen k\u00f6nne? Nein, daf\u00fcr bekomme man heute nichts mehr. Und mit der Milch? Auch nicht. Die sei f\u00fcr die L\u00e4mmer. Ich wage nicht zu fragen, ob die Schafe denn wenigstens ihre Fleischversorgung sicherstellen. Und warum schneidet sie das Gras? Die Schafe k\u00f6nnen sich doch selbst bedienen. Vielleicht, meinen die anderen, ist es f\u00fcr den Winter.<\/p>\n<p>Die Frau bem\u00fcht sich, <em>castellano<\/em> zu sprechen, hat aber gro\u00dfe Schwierigkeiten damit. Da ist sie eine Ausnahme, aber ich bin doch \u00fcberrascht, wie stark die Pr\u00e4senz des <em>gallego<\/em> ist: Stra\u00dfennamen, Hinweisschilder, Informationstafeln in Museen, alles auf Galicisch.<\/p>\n<p>Nardo identifiziert den Ruf des Wiedehopfs f\u00fcr uns. Den habe er bisher auf unserem Weg kaum geh\u00f6rt. In Andalusien sei er allgegenw\u00e4rtig.<\/p>\n<p>Es ist eine einsame Strecke, eine der sch\u00f6neren des Caminos. Mittagspause gibt es erst weit nach Mittag, in der Bar <em>El Carbuno<\/em>. Da es schon sp\u00e4t ist und auch ziemlich warm \u2013 aber nur in der Sonne \u2013 leisten wir uns ausnahmsweise ein Bier zum bocadillo, vielleicht angespornt von den jungen Spaniern.<\/p>\n<p>Auf dem Weg ist ein Hinweis zur Albergue Alfonso II. Das ist der, der an allem Schuld ist. Er ist der erste, der, der Tradition zufolge, sich auf den Pilgerweg nach Santiago gemacht hat, und zwar von Oviedo aus. Schlie\u00dflich war er K\u00f6nig von Asturien.<\/p>\n<p>Wir werden von zwei blutjungen Kellnern bedient, einem M\u00e4dchen und einem Jungen, Schwester und Bruder, wie sich herausstellen sollte, beide schm\u00e4chtig und klein, mit einem freundlichen, aber etwas traurigen L\u00e4cheln auf den Lippen.<\/p>\n<p>Als wir aufbrechen, fragen sie uns, woher wir kommen. Deutschland. Daraufhin l\u00e4cheln sie etwas versch\u00e4mt. Warum? Sie sind Brasilianer: 1:7. Um Gottes Willen, das ist doch Geschichte. In der Zwischenzeit hat Brasilien schon zweimal gegen Deutschland gewonnen. Sie sind mit den Eltern hierhergekommen. Es ist nat\u00fcrlich einleuchtend f\u00fcr Brasilianer, sich nach Galicien zu orientieren. Die Sprachbarriere liegt hier niedriger als im restlichen Spanien. \u00dcber Deutschland haben sie nur Positives zu sagen.<\/p>\n<p>Auf dem weiteren Weg haben Pilger ein paar Steine zu einem Pfeil auf dem Boden zusammengef\u00fcgt, wei\u00dfe Steine auf blauem Grund. Eine sch\u00f6ne Geste, denn die Richtung ist ohnehin klar.<\/p>\n<p>Es wird dann immer w\u00e4rmer, und als wir Melide erreichen, steht die Sonne senkrecht auf dem ganz h\u00fcbschen zentralen Platz der Altstadt. Die Stadt ist wie ausgestorben. Dies ist noch spanische Mittagszeit.<\/p>\n<p>Wir setzen uns drau\u00dfen in ein Caf\u00e9. Ich begn\u00fcge mich mit Kaffee, einige der anderen trinken ein zweites Bier. Eigentlich m\u00fcsste es umgekehrt sein. Denn ich habe entschieden, f\u00fcr den Rest der heutigen Etappe ein Taxi zu nehmen.<\/p>\n<p>Der Supermarkt macht erst um 17 Uhr auf, also machen sich die anderen auf den Weg und ich verpflichte mich, zu warten und den Proviant f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag zu besorgen. Bis dahin gehe ich in ein anderes Caf\u00e9. Es ist dunkel, und erst auf den zweiten Blick sieht man, dass alle Tische entlang der Theke besetzt sind. Lauter M\u00e4nner, Pension\u00e4re, beim Kartenspiel. An jedem Tisch die Spieler, und drumherum Zuschauer, die sich unbeliebt machen, indem sie kluge Kommentare machen. Das f\u00fchrt zu heftigen, lautstarken Kontroversen. Auch die Spieler schenken sich nichts. Nach jedem Spiel w\u00fctende Klagen \u00fcber die v\u00f6llig hirnlose Spielweise der Mitspieler.<\/p>\n<p>Die einzige Frau, au\u00dfer der Wirtin, sitzt weit abseits und besch\u00e4ftigt sich mit Bastelarbeiten. Sie macht aus Eierlagen bunte H\u00fctchen.<\/p>\n<p>Dann ruft die Wirtin mir, nachdem ich den Einkauf erledigt habe, ein Taxi. Eine junge Frau bringt mich zur Casa Garcea, an einer Landstra\u00dfe gelegen, au\u00dferhalb jeder Ortschaft. Der Taxipreis richtet sich nach Kilometern: 11 \u20ac f\u00fcr 11 km. Die Taxifahrerin erz\u00e4hlt mir, die Pension\u00e4re spielten jeden Tag Karten in dem Caf\u00e9, von Montag bis Samstag. Jeden Tag von 3 bis 7.<\/p>\n<p>In der Pension, die einem kleinen Laden angeschlossen ist, k\u00fcndige ich die Ankunft der anderen an. Wir bekommen sch\u00f6ne Zimmer in einem Bungalow, der hinter dem eigentlichen Geb\u00e4ude liegt, vor dem Wald, am Rand einer Wiese.<\/p>\n<p>Die anderen treffen bald ein, ziemlich ger\u00e4dert. Die letzten Kilometer haben ihnen zu schaffen gemacht, vor allem die letzten zwei, als sie den Camino verlassen mussten, um zur Casa Garcea zu kommen.<\/p>\n<p>Gerne nehmen wir das Angebot der beiden jungen Eigent\u00fcmer an, uns ein Abendessen zu kochen. Wir m\u00fcssen nur vorher w\u00e4hlen. Das tun wir und sind selbst \u00fcberrascht, dass wir fast alle f\u00fcr alle drei G\u00e4nge gleich gew\u00e4hlt haben. Macht die Sache f\u00fcr die Gastgeber einfacher.<\/p>\n<p>Als ich nach dem Abendessen in den Laden gehe, um nach der Zeit f\u00fcr das Fr\u00fchst\u00fcck zu fragen, redet der Wirt mit Nachdruck auf einen Freund ein. Er zeigt dabei auf ein Paar Wanderschuhe. Seine Frau h\u00f6rt zu. Ich lasse ihn ausreden. Als er fertig ist, fragt er mich, ob ich etwas verstanden h\u00e4tte. Nein, kein Wort, mit einer Ausnahme: <em>La hostia<\/em>. Allgemeines Gel\u00e4chter.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">9. Mai (Mittwoch)<\/span><\/p>\n<p>Die anderen brechen auf. Der Empfehlung der Taxifahrerin von gestern gem\u00e4\u00df, nehme ich f\u00fcr die erste Teilstrecke, bis Arz\u00faa, den Bus. Das sei der h\u00e4rteste Streckenabschnitt, meint sie.<\/p>\n<p>Es bleibt noch eine Stunde Zeit. Ich komme mit dem Wirt ins Gespr\u00e4ch. Er ist ein echter Naturbursche, liebe Fische und V\u00f6gel und B\u00e4ume und Bienen. Er geht selbst auf Fischfang und, mit einer Gruppe von Freunden, B\u00e4renbeobachtung in der Bergen von Asturien, in der N\u00e4he von Grandas de Saline, genau da, wo wir herkommen. Auch von W\u00f6lfen und deren Habitat und Lebensweise spricht er mit gro\u00dfer Expertise. Nardo, wo bist Du? Das ist dein Mann!<\/p>\n<p>Dann verabreicht er mir noch einen L\u00f6ffel Honig. Mein Husten hat ihn gereizt. Ich h\u00e4tte einen <em>catarro<\/em>, und der k\u00e4me nicht von der K\u00e4lte, sondern von der Sonne in den Bergen. Der Honig ist dunkel und wohlschmeckend, mit einer ganz leichten bitteren Note. Kastanienhonig.<\/p>\n<p>Wir kommen auf Literatur zu sprechen, und er vergleicht, wie viele Spanier, Delibes mit Cela. Und, wie bei vielen Spaniern, geht der Vergleich zugunsten von Delibes aus. Der h\u00e4tte den Nobelpreis bekommen sollen, nicht Cela. Er sei au\u00dferdem viel sympathischer gewesen, nicht so arrogant wie Cela.<\/p>\n<p>Die Qualit\u00e4t von Delibes habe er selbst erlebt, als er in der N\u00e4he von Le\u00f3n zum Angeln war. Das seien Angelgr\u00fcnde, die Delibes beschreibt. Wenn man die Beschreibung lese, glaube man, an dem Ort zu sein, und wenn man dann hinkomme, glaube man, schon mal da gewesen zu sein.<\/p>\n<p>Zeit f\u00fcr den Aufbruch. Der Bus kommt mit einiger Versp\u00e4tung. Ein fast vollbesetzter, riesiger Reisebus. Nach Arz\u00faa sind es gerade mal zehn Minuten.<\/p>\n<p>Wieder so ein langgestreckter Ort. Ich gehe bestimmt einen Kilometer, bis ich ins Zentrum komme, und pl\u00f6tzlich stehen die anderen mir gegen\u00fcber, als ob sie mich erwartet h\u00e4tten. Alles ohne Absprache. Ein sch\u00f6nes Gef\u00fchl.<\/p>\n<p>Sie sind auf dem Weg in eine <em>Churrer\u00eda<\/em>. Die wird ausdr\u00fccklich im Reisef\u00fchrer empfohlen. Fast alle probieren <em>chocolate<\/em> <em>con<\/em> <em>churros<\/em>, nur Nardo kennt sie bisher. Die <em>churros<\/em> sind ausgezeichnet, frisch gemacht, die Schokolade k\u00f6nnte noch dickfl\u00fcssiger sein. Die Bedienung ist sehr freundlich.<\/p>\n<p>Bevor es weitergeht, mache ich noch einen ganz kleinen Abstecher zum Marktplatz. Dort ist das Denkmal an die Queixeira. Davon hatte mir der Wirt ebenfalls erz\u00e4hlt. Arz\u00faa ist ein bekanntes Zentrum der K\u00e4seproduktion. Kuhmilch. Es ist ein konventionelles Denkmal. Die Frau sitzt auf einem Stuhl und hat die fertigen, runden K\u00e4selaibe vor sich auf dem Boden liegen.<\/p>\n<p>Dann geht es endlich los. Die Strecke ist lang, aber machbar. Das Gef\u00e4lle ist nicht mehr so gro\u00df wie in den ersten Etappen. H\u00e4ufig geht es, anders als in Asturien, durch gut angelegte Waldwege, manchmal aber auch der Stra\u00dfe entlang. Seit Melide, wo die verschiedenen Wege zusammentreffen, gibt es mehr Pilger. Auch Souvenirst\u00e4nde tauchen jetzt auf mit Pilgerh\u00fcten, Muscheln, Wanderst\u00e4ben und allerhand Kitsch.<\/p>\n<p>Wir kommen durch Campino, eine kleine Ortschaft. Ich will eine Verbindung zu den Toten Hosen herstellen, aber die anderen weisen das zur\u00fcck. Da fehle doch die Tilde. Ob das nicht zu kurz gedacht ist?<\/p>\n<p>Dann kommen wir durch Compostela, einen weiteren kleinen Ort. Hier ist der Name aber wirklich relevant. Compostela \u2013 das ist ja auch der Beiname Santiagos. Compostela, das ist das \u201aSternenfeld\u2018, das mit seinen Lichtern, die auch von einigen Hirten gesichtet wurden, dem M\u00f6nch Pelayo 813 den Weg zu den Gebeinen des Apostels wies. <em>Compostela<\/em> ist also <em>Campus Stellae<\/em>. Nur. Warum ist es dann nicht <em>Campostela<\/em>? Und warum gibt es in der Umgebung und anderswo weitere Orte wie diesen hier, die <em>Compostela<\/em> hei\u00dfen? Die Antwort ist: Vermutlich stimmt die Ableitung einfach nicht, so sehr sie sich auch in dem kollektiven Bewusstsein verankert ist. Vermutlich handelt es sich um einen \u00e4lteren Namen. Der sich von <em>Compositum Tellus<\/em> ableiten k\u00f6nnte, mit der Bedeutung \u201aGrabh\u00fcgel\u2018, \u201aFriedhof\u2018. Tats\u00e4chlich hat sich unter der Kathedrale von Santiago ein fr\u00fchchristlicher Friedhof gefunden. \u00a0Es gibt eine Reihe anderer Erkl\u00e4rungsversuche, man ist sich so gut wie einig, dass es nicht das Sternenfeld ist.<\/p>\n<p>Statt mit Fragen der Etymologie besch\u00e4ftigen uns aber jetzt eher Fragen der Alltagsprobleme des Wanderers. Seit ein paar Tagen habe ich eine Art Ausschlag hinten an der Wade. Rote Pickel \u00fcberall. Sieht verheerend aus, ist aber nicht zu sp\u00fcren. Es juckt noch nicht einmal. Trotzdem denke ich erst an Brennnesseln. Ich bin eher als die anderen auf kurze Hose umgestiegen. Aber das ist es nicht. Krissi wei\u00df es: Sonnenallergie. Die Diagnose best\u00e4tigt sich. Jetzt haben auch einige der anderen Waden wie Streuselkuchen.<\/p>\n<p>Unterwegs treffen wir auf einen jungen Deutschen, gro\u00dfgewachsen, mit gro\u00dfen Schritten und schwerem Rucksack mit zwei St\u00f6cken voranschreitend. Er hat bereits 800 Kilometer hinter sich. In 30 Tagen. Schmerzen? Probleme? Nein, keinerlei. Jetzt reiche es aber auch, meint er.<\/p>\n<p>Nardo macht sich weiterhin Gedanken um die Eukalyptusb\u00e4ume (ich selbst habe Schwierigkeiten, Eukalyptusb\u00e4ume zu sagen, es kommt immer Eukalyptusbonbons heraus). Wie besorgen sie die Wasserversorgung? Sie haben keine Rinde. Wenn man anderen B\u00e4umen die Rinde nimmt, gehen sie ein. Ausnahme: Korkeichen. Aber die werden immer nur in kleinen Abschnitten von unten nach oben frisiert.<\/p>\n<p>Manu fragt nach der Bedeutung eines Schilds, das sie nicht ganz versteht. Ist allerdings auch nicht ganz leicht. Es handelt sich um einen Hinweis auf ein Trainingsgel\u00e4nde f\u00fcr Jagdhunde. Sp\u00e4ter taucht das Schild nochmals auf, mit einer kleinen, aber bedeutenden Ver\u00e4nderung: <em>Cans de caza. Zona de adestramento<\/em>. Statt <em>perros<\/em> hei\u00dft es jetzt <em>cans<\/em>, statt <em>castellano<\/em> wird <em>gallego<\/em> gebraucht.<\/p>\n<p>Unsere Unterkunft ist in R\u00faa, einer winzigen Ortschaft ein bisschen abseits des Pilgerwegs. Zum ersten Mal auf dem ganzen Weg haben wir Schwierigkeiten, die Unterkunft zu finden. Die Beschreibung passt nicht so richtig zu den Wegen zwischen den vereinzelten H\u00e4usern, zwischen denen wir stehen. Dann entdeckt jemand eine gr\u00fcne Fl\u00e4che auf dem Plan und zieht den naheliegenden Schluss: Wir m\u00fcssen noch durch das W\u00e4ldchen. So einfach ist das. Als wir aus dem W\u00e4ldchen herauskommen, findet sich alles schnell.<\/p>\n<p>In R\u00faa haben wir eine Pension, die in ihrer Einfachheit einer Wanderreise, und noch mehr einer Pilgerreise angemessen ist. Hier gibt es sogar noch richtige Schl\u00fcssel.<\/p>\n<p>Aber welche \u00dcberraschung abends in dem der Pension angeschlossenen Restaurant. Alles vom Feinsten. Nardo und ich bekommen Kaninchen, am anderen Ende des Tisches gibt es ein mehrg\u00e4ngiges Menu. Und auch der Wein ist besser als in den Tagen zuvor, der rote, vor allem aber der wei\u00dfe. Wir fragen nach den Anbaugebieten und bekommen eine mehrfarbige Karte von Galicien, in denen die einzelnen Gebiete eingetragen sind. Alle liegen s\u00fcdlich von hier. Deshalb sind wir noch auf keinen einzigen Rebstock gesto\u00dfen.<\/p>\n<p>Am Nachbartisch eine gr\u00f6\u00dfere Gruppe von Pilgern. Lauter Frauen und ein Mann. Der Mann, wird bei uns spekuliert, sei bestimmt der Busfahrer. Eine Frau gibt Informationen zum n\u00e4chsten Tag, die Reisef\u00fchrerin offensichtlich. Die Neugierde ist gro\u00df, und ich werde beauftragt, nachzufragen. Mit einem etwas mulmigen Gef\u00fchl frage ich eine Frau aus der Gruppe, als sie an unserem Tisch vorbeikommt. Nein, der Mann sei kein Busfahrer, sondern Pilger wie sie alle. Reiner Zufall, dass da so viele Frauen dabei w\u00e4ren. Sie und der Mann und die Reisef\u00fchrerin seien die einzigen Spanier. Die anderen Argentinierinnen, Mexikanerinnen und Kubanerinnen. Sp\u00e4ter stellt sich heraus, dass die F\u00fchrerin der Gruppe auch ganz gut Deutsch spricht.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">10. Mai (Himmelfahrt)<\/span><\/p>\n<p>Die letzte Etappe. Sie ist eher leicht. Es geht weitgehend flach \u00fcber Waldwege mit festgetretenem Boden. Erst gegen Ende kommt ein unwillkommener Anstieg.<\/p>\n<p>Ich spreche unterwegs mit zwei Frauen aus Las Palmas, mit einer Schwedin aus J\u00f6nk\u00f6ping (in einer mit Nationalflagge ausger\u00fcsteten Truppe von f\u00fcnf Frauen unterwegs) und mit einem Ostfriesen. Er kennt alle spanischen Inseln und ist zum ersten Mal auf dem spanischen Festland \u2013 und sehr angetan.<\/p>\n<p>Es wird voller, aber von den \u201ePilgerstr\u00f6men\u201c oder der \u201eV\u00f6lkerwanderung\u201c, von denen in dem kleinen Pilgerf\u00fchrer die Rede ist, kann keine Rede sein. Die Preise steigen unterwegs etwas an, es ist schwerer, in der Cafeteria einen Platz zu bekommen, und der Umgangston wird etwas rauer. Und immer mehr h\u00f6rt man Englisch als <em>lingua franca<\/em> unter den Pilgern und zwischen Einheimischen und Pilgern.<\/p>\n<p>Vor privaten H\u00e4usern sehen wir mehrfach Palmen stehen, sehr unterschiedliche Arten. Ich hatte nicht in Erinnerung, dass sie sich hier im Norden halten.<\/p>\n<p>An einer Abbiegung f\u00e4llt mein Blick auf ein Graffiti, das mir in Erinnerung bleibt: <em>La vida es corta pero ancha. <\/em><\/p>\n<p>Wir kommen an einer modernen Anlage vorbei, deren Funktion wir uns nicht erkl\u00e4ren k\u00f6nnen. Es sind einst\u00f6ckige Geb\u00e4ude in zwei Reihen, viel Glas, eins mit dem anderen identisch. Jemand spricht von einem Milit\u00e4rquartier, aber es sind keine Soldaten \u2013 und \u00fcberhaupt keine Menschen \u2013 zu sehen, und auch keine Flaggen oder Z\u00e4une. Sp\u00e4ter stellt sich heraus. Es ist eine gro\u00dfe zus\u00e4tzliche Pilgerherberge au\u00dferhalb der Stadt. Die wird nur zu Hochzeiten in Anspruch genommen.<\/p>\n<p>Der <em>Monte del Gozo<\/em>, der \u201aBerg des Entz\u00fcckens\u2018 (etymologisch, vermute ich, mit <em>Gaudi<\/em> zusammenh\u00e4ngend), der H\u00fcgel, von dem man den ersten Blick auf Santiago hat, ist eine einzige Entt\u00e4uschung. Man sieht in eine moderne Stadt hinunter, die \u00fcberall sein k\u00f6nnte. Die Altstadt ist nicht zu erahnen. Auf dem H\u00fcgel stehen ein paar verlorene B\u00e4ume. Und an der Spitze steht ein viel zu kolossales Monument, das in die Kategorie \u201echristlicher Kitsch\u201c geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Die Eisverk\u00e4uferin \u2013 das Wetter ist heute passabel bis sch\u00f6n \u2013 erz\u00e4hlt, sie habe selbst den Camino Primitivo gemacht, im Winter, durch den Schnee. Sie ist vollauf begeistert von der Erfahrung. Jetzt blieben uns noch viereinhalb Kilometer, sagt sie.<\/p>\n<p>Das sind nicht gerade die sch\u00f6nsten des Jakobswegs. Es geht durch gesichtslose Vorbezirke. Auf der anderen Stra\u00dfenseite sieht man eine Herberge mit dem Namen Santo Santiago \u2013 doppelt gemoppelt.<\/p>\n<p>Dann kommt die Innenstadt. Sie pr\u00e4sentiert sich ganz anders als ich sie in Erinnerung habe, mit kleinen, unregelm\u00e4\u00dfigen Gassen, deren Verlauf etwas Mittelalterliches hat. In einer B\u00e4ckerei kaufen wir als allerletzte Wegzehrung zwei St\u00fccke <em>empanada<\/em>.<\/p>\n<p>Und dann, unmittelbar vor dem Ziel, verlieren wir tats\u00e4chlich noch einmal die Orientierung. Die T\u00fcrme der Kathedrale sind nicht zu sehen, und die Stra\u00dfen verwinkelt. Wir fragen drei Schulm\u00e4dchen nach dem Weg. Die weisen etwas unsicher auf ein Tor. Ich gehe drauf los, um zu sehen, ob er der richtige Weg ist, und als ich kurz davor bin, schlie\u00dfen sich die beiden Fl\u00fcgel der Pforte, wie von Geisterhand gef\u00fchrt, so als wollten sie sagen: Dich dreckigen Pilger lassen wir hier nicht rein.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen durch eine andere Pforte, \u00fcber einen Weg, der steil ab f\u00fchrt. Und dann, just in dem Moment, wo man sich in aller Stille, trotz der Souvenirverk\u00e4ufer am Wegesrand, auf die Ankunft einstellen will, h\u00f6rt man die ersten T\u00f6ne des Liedes eines Dudelsackspielers, der genau dann voll aufdreht, als wir unter dem Torbogen an ihm vorbeikommen.<\/p>\n<p>Dann stehen wir vor der Kathedrale. Auf der ber\u00fchmten Praza do Obradoiro. Geschafft. Der Platz mit seinen pr\u00e4chtigen Geb\u00e4uden zu allen Seiten ist genauso, wie ich ihn in Erinnerung habe. Es sind zwar viele Pilger hier, aber sie verlieren sich in der Weite des Platzes. Dem fehlt bei seiner Gr\u00f6\u00dfe einfach ein Mittelpunkt, ein Brunnen oder ein Obelisk oder eine Skulptur.<\/p>\n<p>Wir halten einen Moment inne und gehen dann zum Hotel, um die Wanderklamotten abzulegen. Den Nachmittag verbringe ich alleine, trinke einen Kaffee auf einem Platz und dann ein Bierchen auf einem anderen Platz und lasse mich von der Sonne bescheinen.<\/p>\n<p>Ein Lokal, das man mir an der Rezeption empfohlen hatte, ganz in der N\u00e4he des Hotels, hat ausgerechnet heute Abend geschlossen, wegen des Feiertags. Wir gehen deshalb zu dem anderen Platz, an dem ich gesessen habe. Dort gibt es eine Casa de Comida mit einem guten Pilgermenu. Als Hauptgericht nehme ich Lamm, aus dem Backofen, auf Empfehlung des Kellners. Die meisten anderen essen Paella. Lecker, aber nicht genug Meeresfr\u00fcchte, befindet man.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">11. Mai (Freitag)<\/span><\/p>\n<p>Der letzte Tag vor der R\u00fcckreise. Ich komme mit der jungen Frau an der Rezeption ins Gespr\u00e4ch. Sie hat Psychologie studiert, hier in Santiago, dann in Madrid gearbeitet, sich dann aber neu orientiert, als ein Verwandter dieses kleine Hotel gekauft und ihr eine Stelle angeboten hat. Es gehe hier sehr ruhig zu. Man m\u00fcsse nicht st\u00e4ndig an der Rezeption sein, sondern k\u00f6nne sich auch um andere Dinge wie das Fr\u00fchst\u00fcck k\u00fcmmern. Und man komme mit vielen Menschen in Kontakt. Sie hat eine deutsche Freundin, aus M\u00fcnster, die sie regelm\u00e4\u00dfig besucht.<\/p>\n<p>Der Himmel ist bew\u00f6lkt, es ist viel k\u00e4lter als am Vortag. Ich muss ins Hotel zur\u00fcck, um mir passendere Kleidung anzuziehen. Das Wetter hat auch seine positive Seite: Es gibt ein paar wunderbare Photomotive, mit immer wieder neuen T\u00fcrmen vor den vorbeiziehenden Wolken. Besonders gut ein Bild, auf dem von links der lange Arm eines Krans kommt, an dem eine Schubkarre baumelt, scheinbar direkt neben dem barocken Turm der Kathedrale.<\/p>\n<p>Auf dem Weg ins Zentrum, der jetzt schon vertraut ist, komme ich an einer Kirche vorbei, die ein einziges Relief an der ansonsten fast schmucklosen Fassade tr\u00e4gt. Eine merkw\u00fcrdige Angelegenheit, leicht in Rosat\u00f6nen schimmernd. Man sieht auf den ersten Blick nur K\u00f6pfe, der Reihe nach aufgelistet, zur Mitte hin leicht ansteigend. Auf den ersten Blick denkt man an das Abendmahl, aber es sind nicht genug Figuren, nur neun statt dreizehn. Au\u00dferdem sehen alle weiblich aus. Ich kann die Sache ganz und gar nicht einordnen, bis mein Blick auf den Namen der Kirche f\u00e4llt: <em>Capilla de las Animas<\/em>. Jetzt f\u00e4llt der Groschen. Es sind personifizierte Seelen, die im Fegefeuer b\u00fc\u00dfen. Daher die leicht r\u00f6tliche Farbe. Das sind die Flammen des Fegefeuers.<\/p>\n<p>Als ich das sp\u00e4ter erz\u00e4hle, hakt Nardo nach, in bew\u00e4hrter Manier: Was ist der Unterschied zwischen <em>\u00e1nima<\/em>, <em>\u00e1nimo<\/em> und <em>alma<\/em>. Es stellt sich heraus, dass <em>\u00e1nima<\/em> tats\u00e4chlich, wie hier, nur f\u00fcr die armen Seelen gebraucht wird, w\u00e4hrend alma die menschliche Seele bezeichnet und <em>\u00e1nimo<\/em> so etwas wie das Gem\u00fct.<\/p>\n<p>Ich versuche mich, auf der Praza do Obradoiro etwas zu orientieren. Sie ist eine der wenigen Szenerien, die ich von damals noch in Erinnerung habe. Gegen\u00fcber der barocken Fassade der Kathedrale ein langgestrecktes Geb\u00e4ude, in dem heute die Regionalregierung untergebracht ist, die Xunta de Galicia. Santiago ist zwar keine Provinzhauptstadt, aber die Hauptstadt ganz Galiciens. Die Hauptst\u00e4dte der vier Provinzen sind Lugo, Orense, La Coru\u00f1a (mit 245.000 Einwohnern die weitaus gr\u00f6\u00dfte Stadt) und Pontevedra (nicht Vigo, obwohl mit fast 300.000 Einwohnern die gr\u00f6\u00dfte Stadt). Im Giebelfeld wird die legend\u00e4re Schlacht von Clavijo dargestellt, in der Santiago auf Seiten der Christen eingegriffen haben soll.<\/p>\n<p>Links davon das Rektorat der Universit\u00e4t mit sch\u00f6nem Innenhof, aber merkw\u00fcrdig unpassenden B\u00fcror\u00e4umen in den alten Gem\u00e4uern. Rechts davon das pr\u00e4chtige Hostal de los Reyes Cat\u00f3licos, heute ein Luxushotel, einst eine von den Katholischen K\u00f6nigen gestiftete Herberge. Deren B\u00fcsten erscheinen in Medaillons auf zwei Seiten. Viele sch\u00f6ne Reliefs, in mittelalterlicher \u00dcppigkeit, aber angeordnet in rechteckigen Formen, wie in der Renaissance. Das Portal erinnert an den Eingang zur Alten Universit\u00e4t in Salamanca.<\/p>\n<p>An die Kathedrale selbst, fast zu ihr geh\u00f6rig scheinend, ist der Palacia de Gim\u00e9nez, der f\u00fcnfte Bau des Platzes. Was es genau mit dem auf sich hat, finde ich trotz Nachfrage nicht heraus. Wie dem auch sei, den beiden Engl\u00e4ndern, die sich vor mir an der Rezeption erkundigen, ist auch schon bedeutet worden, dass alle F\u00fchrungen ausgebucht seien.<\/p>\n<p>Zuf\u00e4llig gerate ich in eine sch\u00f6ne, ein ganz klein bisschen abseits gelegene Stra\u00dfe, ohne Verkehr, nachdem ich von dem Hostal de los Reyes Cat\u00f3licos einfach dem Gef\u00fchl gefolgt war und eine stark absch\u00fcssige Stra\u00dfe genommen hatte. Hier liegt die Medizinische Fakult\u00e4t. Dort kann man in der Cafeteria, die \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich ist, f\u00fcr ganz wenig Geld zu Mittag essen. Daf\u00fcr ist es aber noch zu fr\u00fch.<\/p>\n<p>An mehreren Fenstern von Privath\u00e4usern ist ein Schild angebracht, in dem man dazu aufgefordert wird, leise zu sprechen. Schlie\u00dflich ist dies ein Wohngebiet. Eine Figur legt den Zeigefinger an die Lippen und sagt: <em>Fala baixi\u00f1o<\/em>.<\/p>\n<p>Durch das Stra\u00dfengewirr komme ich wieder direkt in die Altstadt. Immer wieder ein neuer Platz, ein neues Portal, ein neuer Innenhof. Santiago ist ganz einfach eine sch\u00f6ne Stadt.<\/p>\n<p>Ich komme an einem weiteren Hotel vorbei, das Santiago im Namen tr\u00e4gt, aber in anderer Form: <em>San Jaime<\/em>.<\/p>\n<p>In einem Caf\u00e9 sehe ich, wie schon mehrmals auf dem Weg, M\u00fcnzen, die zwischen die Steine der Wand gesteckt worden sind. Was genau die Bewandtnis dieser Tradition ist, finde ich nicht heraus, aber es ist wahrscheinlich eine Versicherung, dass man noch einmal nach Santiago zur\u00fcckkommt.<\/p>\n<p>Ich gehe zur Laudes in die Kathedrale. Eine Nonne mit heller Stimme macht die Vors\u00e4ngerin, die Pilger ziehen etwas unsicher nach.<\/p>\n<p>Die meisten der anderen sind in die Pilgermesse gegangen. Der <em>butafumeiro<\/em>, das ber\u00fchmte Weihrauchfass, das sie am Vortag im Stillstand entt\u00e4uscht hatte, erf\u00fcllt heute alle Erwartungen, als es in Bewegung gesetzt wird. Ich habe es damals in Aktion gesehen, unverhofft, rein zuf\u00e4llig beim Betreten der Kathedrale, ohne zu wissen, dass es den <em>butafumeiro<\/em> \u00fcberhaupt gibt.<\/p>\n<p>Auf den Gang durch den Chorumgang und die Umarmung der B\u00fcste des Heiligen verzichte ich. Heute w\u00fcrde ich sie nicht mehr als so befremdlich empfinden wie damals, als ein Teil meines Weltbildes angesichts der sehr antiquierten, an Aberglauben erinnernden Riten ins Wanken geriet. Aber ich habe kein Bed\u00fcrfnis, mich zu beteiligen.<\/p>\n<p>Das P\u00f3rtico de la Gloria, das Kunstwerk Santiagos, wird saniert und versteckt sich hinter einem Vorhang. Mein Versuch, trotzdem hinzukommen, im Rahmen einer F\u00fchrung, ist gescheitert. Man kann sich nur im Internet anmelden, und da erscheint die F\u00fchrung nicht. So hatte man es mir am Vortag in der Touristeninformation am Vortag gesagt. Dorthin hatten mich ein Rollstuhlfahrer und seine Begleiterin gef\u00fchrt. Die hatten sich viel M\u00fche gegeben, selbst erst nicht gewusst, wo die Touristeninformation war. Sie zeigten sich richtig angetan von meinem Interesse an Santiago.<\/p>\n<p>Statt des P\u00f3rtico de la Gloria sehe ich mir das Seitenportal an. Durch dieses Portal gelangt man heute in die Kirche. Es wird streng kontrolliert, Abweisung und Zulassung erfolgen strikt nonverbal. Ausgerechnet die werden abgewiesen, die einen Rucksack mit sich tragen. Das ist irgendwie paradox, ist doch der Rucksack die Insignie \u00fcberhaupt des Pilgers.<\/p>\n<p>Das Portal, an dem die meisten achtlos vorbeigehen, auch diejenigen, die davor in der Schlange stehen, ist absolut sehenswert: gedrechselte S\u00e4ulen, Reliefs im Bogenfeld und an den Seiten, Skulpturen an den Seiten und zwischen den beiden Portalen. Man sieht die Gefangennahme, die Versuchung durch den Teufel, die Vertreibung aus dem Paradies, und weitere Szenen. Links ein wunderbarer, harfespielender David mit ziseliertem Bart und strengem Gesichtsausdruck, dar\u00fcber Adam, der Eva unschuldig eine Hand auf die Brust legt. In der Mitte ein Pantokrator mit dem Gesicht Dschingis Khans.<\/p>\n<p>Dieses Portal liegt an der Plaza da Plateria, das Gegenst\u00fcck zur Praza do Obradoiro, kleiner, intimer, unregelm\u00e4\u00dfiger, mit einem sch\u00f6nen Brunnen in der Mitte.<\/p>\n<p>Direkt hier an diesem Platz liegt das Pilgermuseum, das gleichzeitig das Stadtmuseum von Santiago ist. Auf drei Etagen werden drei unterschiedliche Themen behandelt, das Pilgern allgemein, die Tradition der Jakobus-Verehrung und die Entwicklung der Stadt.<\/p>\n<p>Pilgerreisen gab es schon in \u00c4gypten, in Mesopotamien und in Griechenland. Und viele Religionen kennen den Pilgerweg als Metapher: Die physische Anstrengung steht f\u00fcr die spirituelle M\u00fche. Der Buddhismus kennt acht Etappen auf dem Weg zur Befreiung, der Taoismus versteht sich als Weg zur Perfektion, und auf Hebr\u00e4isch bedeutet Jehovah, nach dem was hier steht, \u201aGott auf dem Weg\u2018. Hier sind Gem\u00e4lde ausgestellt und Ikonen, die Wege wie den Weg nach Emmaus oder die Flucht nach \u00c4gypten darstellen.<\/p>\n<p>Die Santiago-Erz\u00e4hlung wird im Detail dargestellt und als Mischung aus Tradition und Legende dargestellt. Etwas verschwurbelt hei\u00dft es \u00fcber die \u00dcberlieferungen, sie seien \u201eno exentos de cierta intencionalidad\u201c. Mit anderen Worten: Man hat sich die Geschichte so zurechtgelegt, dass sie passt. Das kenne ich schon aus der vorbereitenden Lekt\u00fcre vor dem Camino. Es gab aber schon vor der wundersamen Entdeckung der Gebeine eine Tradition, die Galicien mit Santiago verband. Die dann ausgepr\u00e4gte Legende besagt: Der Eremit Pelayo sieht Lichter im Wind, informiert Teodomiro, den Bischof, der findet die Gebeine und informiert Alfonso, der alles best\u00e4tigt und einen ersten Tempel bauen l\u00e4sst. Hier sieht man ein Modell dieses (rekonstruierten) ersten Tempels. Es sieht wie ein r\u00f6mischer Tempel aus.<\/p>\n<p>Ein Hingucker im Museum ist eine moderne Skulptur, die man von verschiedenen Ebenen einsehen kann: \u201eUltreia\u201c. Es handelt sich um eine Skulptur, die aus zusammengef\u00fcgten echten Pilgerst\u00e4ben besteht. Der Name der Skulptur ist ein klassischer Ruf der Santiago-Pilger, mit dem sie identifiziert wurden.<\/p>\n<p>Gleich daneben sind die Musikinstrumente, die im P\u00f3rtico de la Gloria abgebildet sind, nachgebaut: Harfe, Fidel, Laute und ein merkw\u00fcrdiges Instrument namens Organistrum, bei dem die Saiten mit einer Kurbel bet\u00e4tigt werden. Man kann auch dem Klang der Instrumente lauschen.<\/p>\n<p>Gem\u00e4lde und Skulpturen von Santiago gibt es zuhauf, aus aller Herren L\u00e4nder, zumindest aus Europa: Santiago mit Muschel am Hut, Santiago mit Muschel am Gewand, Santiago mit Muschel in der Hand, Santiago mal barfu\u00df, mal mit Schuhen.<\/p>\n<p>Wichtiger ist eine Abteilung, in der die verschiedenen Santiago-Traditionen aufgenommen werden, Santiago als Apostel, Santiago als Maurent\u00f6ter, Santiago als Pilger. Komisch, wie man das alles unter einen Hut gebracht hat.<\/p>\n<p>Dann gibt es noch Exponate, bei denen man sieht, wie sich die Muschel verselbst\u00e4ndigt hat: die Muschel auf Trinkbechern, die Muschel auf Truhen, die Muschel auf Dolchen, die Muschel auf Vasen, die Muschel auf M\u00f6rsern, die Muschel auf Ampullen, die Muschel auf<\/p>\n<p>Oben ist die Geschichte Santiagos wiedergegeben.\u00a0 Auf einem Modell sieht die romanische Kathedrale ohne die barocken Hinzuf\u00fcgungen, wie der Dom von Speyer aus.<\/p>\n<p>Die Keimzelle Santiagos war der Tempel von Alfonso. Da herum wurden M\u00f6nche angesiedelt, dann wurde eine Einfassung gebaut, und schlie\u00dflich wurde Milit\u00e4r zur Bewachung der Anlage angesiedelt.<\/p>\n<p>Der Aufschwung der Stadt begann im 10. Jahrhundert, und sie wurde dann bald zur gr\u00f6\u00dften und bedeutendsten Stadt unter den sieben St\u00e4dten des Reino de Galicia.<\/p>\n<p>Komischerweise begann der Niedergang der Pilgerreisen und der Stadt ausgerechnet, nachdem die Katholischen K\u00f6nige die pr\u00e4chtige Pilgerherberge errichtet hatten.<\/p>\n<p>Dann nehme ich meinen Stadtspaziergang erneut auf. Trotz aller Unkenrufe: Die Stadt ist nicht \u00fcberlaufen und schon gar nicht eindimensional von Pilgern beherrscht. Die verlieren sich. Man befindet sich in einer sch\u00f6nen spanischen Provinzstadt und, nicht zu vergessen, in einer Universit\u00e4tsstadt. Die Universit\u00e4t hat 30.000 Studenten, bei 100.000 Einwohnern.<\/p>\n<p>Auch die Preise sind durchaus moderat. Ich verliere mich in ein Caf\u00e9, mit einem dunklen, schmalen Eingang. Wenn es nicht Spanien w\u00e4re, h\u00e4tte ich kaum gewagt, reinzugehen, aber hier habe ich das Gef\u00fchl, dass die Sprache mir einen Panzer verleiht. Es stellt sich als ein durchaus sch\u00f6nes, helles Caf\u00e9 heraus, mit sehr freundlicher Bedienung. F\u00fcr einen Kaffee, zu dem ich auf Kosten des Hauses noch ein gutes St\u00fcck Schokoladenkuchen serviert bekomme, sehr locker, leicht, bezahle ich 1.60 \u20ac. Von Nepp kann da wirklich nicht die Rede sein.<\/p>\n<p>Das Caf\u00e9 hat sich thematisch dem Fu\u00dfball verschrieben. Die beiden T\u00fcren zu den Toiletten haben eine durchgehend wirkende Tapete, die ein volles Stadion darstellt. Auf der M\u00e4nnert\u00fcr ein Fu\u00dfballschuh, auf der Frauent\u00fcr ein Fu\u00dfballschuh mit St\u00f6ckelabs\u00e4tzen.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he des Caf\u00e9s f\u00e4llt mein Blick auf den Namen eines Gesch\u00e4fts: <em>Bord\u00f3n<\/em>.\u00a0 Das erinnert mich an die Szene mit der spanischen Kellnerin, die selbst das Wort nicht kannte, sich aber die M\u00fche machte, das Wort im Internet zu suchen und Nardo Recht gab: Es existiert, und es bezeichnet den klassischen Pilgerstab.<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig sind die vielen L\u00e4den in Privath\u00e4nden, darunter ein N\u00e4hmaschinenladen und ein Hutladen. Sehr positiv ist der Verzicht auf Neonbeleuchtung und marktschreierische Reklame. Alles ist sehr dezent bezeichnet, meistens mit Schildern aus Gusseisen in Schwarz und Wei\u00df.<\/p>\n<p>Ich kaufe in einer kleinen B\u00e4ckerei auf einer Ecke, sehr gem\u00fctlich eingerichtet, bei der freundlichen B\u00e4ckerin zwei <em>empanadas<\/em> f\u00fcr die Heimat und ein paar <em>bollos<\/em> <em>pre\u00f1ados<\/em>, Teigkugeln, in denen sich eine Fleischkugel verbirgt. Die sind schon wegen ihres bildhaften Namens bemerkenswert: <em>pre\u00f1ado<\/em> hei\u00dft \u201aschwanger\u2018.<\/p>\n<p>Ich treffe mich mit Nardo, um auf den Markt zu gehen, seinen Lieblingsort. Es wird schon allm\u00e4hlich eingepackt, aber er hat noch Zeit, mir ganz verschrumpelt aussehende Apfelsinen zu zeigen, bei denen man Zweifel hat, ob es sich um Apfelsinen handelt. Und dann zeigt er mir Entenmuscheln, percebes, schwarz-wei\u00df, mit fu\u00df\u00e4hnlichen Verl\u00e4ngerungen. Die Verk\u00e4uferin best\u00e4tigt den Preis: 60 \u20ac per Kilo! Streng genommen sind die Entenmuscheln keine Muscheln, sondern Krustentiere. Das M\u00e4nnchen zeichnet sich dadurch aus, dass das Glied l\u00e4nger ist als der K\u00f6rper. Das nutzt ihm aber nichts, denn es klebt st\u00e4ndig an einem Felsen und kann seine Sperma nur auf gut Gl\u00fcck ins Wasser spritzen. Fr\u00fcher glaubte man, aus den Entenmuscheln entst\u00fcnden durch Metamorphose Enten \u2013 daher der Name.<\/p>\n<p>Wir stehen unschl\u00fcssig vor einigen der St\u00e4nden, die Speisen servieren. Alles sieht sehr verlockend aus, aber ich bin der Spielverderber wegen meiner Allergien. Also gehen wir einfach weiter und finden dann eine kleine Kneipe, in der es eine Kleinigkeit zu essen gibt, wenn auch keine Delikatessen.<\/p>\n<p>Die Toilettent\u00fcren sind mehrsprachig bezeichnet: mujeres \u2013 femmes \u2013 women \u2013 frauen &#8211; \u0436\u0435\u0341\u043d\u0449\u0438\u043d\u0430, und dann: hombres \u2013 men \u2013 hommes \u2013 m\u00e4nner &#8211; \u043b\u044e\u0341\u0434\u0438. Demnach k\u00f6nnten russische Frauen beide Toiletten benutzen.<\/p>\n<p>Am Abend landen wir dann, ganz in der N\u00e4he des Hotels und wieder in der N\u00e4he des Lokals, das gestern geschlossen hatte, in noch einem anderen Lokal. Es lohnt sich. Drei junge, humorvolle Kellner f\u00fchren uns nach oben, an einen langen Tisch \u2013 eigentlich ist es unten gem\u00fctlicher, aber hier ist mehr Platz \u2013 und bedienen uns ganz vorz\u00fcglich.<\/p>\n<p>Unten ist noch kein Gast, aber hier oben sitzt an einem anderen l\u00e4nglichen Tisch eine andere Gruppe, junge Leute, meist M\u00e4nner, sehr schweigsam. Schon deshalb k\u00f6nnen es keine Spanier sein. Au\u00dferdem trinken viele von ihnen Limonade zum Essen. Wir h\u00f6ren ein paar Sprachfetzen, und es wird spekuliert, welche Sprache sie sprechen. Von Italienisch ist die Rede oder von Finnisch, ich tippe eher auf Tschechisch. Bald darauf brechen sie auf. Wir fragen die Kellner nach der Gruppe. Es sind Ukrainer!<\/p>\n<p>Es geht ein letztes Mal zum Hotel zur\u00fcck. Die Frau an der Rezeption hilft mir auf die Spr\u00fcnge, was den Namen des Hotels angeht: <em>La Tafona<\/em>. Nat\u00fcrlich! Die kleine Abweichung im Galicischen hat mich blind gemacht. Das ist <em>La Tahona \u2013 Die Backstube. <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>26. April (Donnerstag) Verr\u00fcckt! Nach Asturien geht es \u00fcber Lissabon! Die Mutter aller Umwege. Auf dem Weg sehen wir aus dem Fenster des Flugzeugs die schneebedeckten Berge Asturiens, die uns erwarten, auch jetzt, im April, noch. 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