{"id":10139,"date":"2018-10-04T08:11:21","date_gmt":"2018-10-04T06:11:21","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?p=10139"},"modified":"2020-06-22T00:30:11","modified_gmt":"2020-06-21T22:30:11","slug":"marx-3-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/pregonero.de\/?p=10139","title":{"rendered":"Marx 4"},"content":{"rendered":"<p>Auch das Dommuseum stellt zum Marx-Jubil\u00e4um aus. Die Ausstellung hat allerdings zu Marx einen bestenfalls indirekten Bezug. Es wird moderne Kunst ausgestellt, die das Thema Arbeit in der einen oder anderen Weise darstellt. Man kann allenfalls das Thema Entfremdung als Marxsche Anleihe verstehen.<\/p>\n<p>Aber auch der Bezug zum Thema Arbeit wird nicht immer klar, wie bei einem der kuriosesten Exponate, einem fingierten arch\u00e4ologischen Fund von 320 n. Chr., den Objekten, alle noch in einer Sandschicht eingeh\u00fcllt, die Helena auf ihrem Weg nach Jerusalem bei sich hatte: GPS, Laptop, Lippenstift, Revolver. Der dient dazu, Widerst\u00e4nde zu \u00fcberwinden, die sich ihr beim Einsacken der N\u00e4gel und Holzst\u00fccke vom Kreuz entgegenstellen sollten.<\/p>\n<p>Das Thema Arbeit taucht in vier Photographien auf, die schwere oder unw\u00fcrdige Arbeitsbedingungen heute darstellen, au\u00dferhalb der westlichen Welt. Auf zwei Photographien sieht man Erntearbeiter, beide, nicht ohne Stolz, mit einem B\u00fcndel Sellerie vor ihrem Feld posierend, der eine vor einem eher unaufger\u00e4umten Feld in eher sch\u00e4biger Kleidung, der andere, adrett gekleidet, vor einem Feld, in dem alles in Reih und Glied steht. Die eigentliche Bewandtnis der Photos macht erst der Titel deutlich: <em>Suppengem\u00fcse: 0,99 Cent. <\/em><\/p>\n<p>Auf den beiden anderen Photos sieht man einen Jungen auf einer brennenden M\u00fcllhalde. Das ist nicht etwa ein zuf\u00e4llig ausgebrochenes Feuer, sondern ein absichtlich gelegtes Feuer. Es dient dazu, die Einzelteile der Ger\u00e4te auf der M\u00fcllhalde zu trennen und so die &#8220;Ernte&#8221; zu erleichtern. Der Junge h\u00e4lt einen Motor oder Kanister hoch, den er gerade geerntet hat. Er tr\u00e4gt ein Trikot des FC Barcelona mit der Aufschrift UNICEF. Auf dem Photo daneben, noch bedrohlicher aussehend, zwei asiatische Frauen in einem schlecht beleuchteten Raum voller M\u00fcll. Ihre Aufgabe ist es, den M\u00fcll zu sortieren.<\/p>\n<p>In einem anderen Raum ein Gem\u00e4lde, das eine indische N\u00e4herin darstellt. Beim genaueren Hinsehen entpuppt es sich als dreidimensional. Das Gem\u00e4lde ist aus Stoffresten gemacht. Dahinter eine Tapete. Darauf, so sieht es auf den ersten Blick aus, l\u00e4ngliche Kartuschen, die sich an den Enden ber\u00fchren. Beim genaueren Hinsehen merkt man, dass eigentlich eine N\u00e4herin dargestellt ist, die eine Faden abbei\u00dft.<\/p>\n<p>Als Gegengewicht sozusagen gibt es Photographien von Robotern, eine Stra\u00dfenszene, auf der ein spazierender Roboter Aufmerksamkeit erregt, eine andere, in der die Leute einfach uninteressiert weitergehen. Dazwischen eine Photographie mit einem Roboter in einem Arbeitszimmer, am Schreibtisch sitzend. Hinter ihm erahnt man eine Gittert\u00fcr. Die schlie\u00dft den Raum ab, in den er abends, nach Verrichtung der Arbeit, eingesperrt wird. Dem Roboter gegen\u00fcber steht ein weiterer Schreibtischstuhl. Der ist bezeichnenderweise leer.<\/p>\n<p>In einem Durchgang l\u00e4uft ein Film, einer der \u00e4ltesten Filme \u00fcberhaupt, wenn nicht der \u00e4lteste. Er zeigt Arbeiter beim Verlassen einer Fabrik. Die Fabrik ist die der Br\u00fcder Lumi\u00e8re, die auch den Film gedreht haben. Der Film besteht aus einer Reihe hintereinandergeschalteter Photographien. Das ist so gut gemacht, dass es &#8220;echt&#8221; aussieht. Die Arbeiter, unter ihnen viele Frauen, verlassen die Fabrik in schnellen Schritten, dicht nacheinander und nebeneinander. Die Frauen sind so gut gekleidet, mit langen Kleidern und breiten H\u00fcten, dass man kaum glaubt, sie k\u00e4men aus einer Fabrik. Sie k\u00f6nnten genauso gut aus der Kirche kommen.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he des arch\u00e4ologischen Funds steht eine Skulptur, ein Mann, dessen Torso aus Kohlest\u00fccken besteht. Als Kopf dient ihm ein schwerer Motor. Erstaunlich, wie leicht der Motor die grobe Form des Kopfes wiedergibt. Von dem Motor h\u00e4ngen Kabel herunter, die dem Mann \u00fcber das Gesicht laufen. Die Skulptur ist Minotaurus betitelt. Er ist der Minotaurus des Industriezeitalters.<\/p>\n<p>Am Schluss der Ausstellung das rekonstruierte Arbeitszimmer von Nell-Breuning, dem Antipoden von Marx und gleichzeitig sein Adept. Das Arbeitszimmer ist aus Pappmach\u00e9 gemacht und gibt die Wirklichkeit leicht verzerrt wieder: Der Schreibtischstuhl ist \u00fcbergro\u00df, das Bett zu klein. Die Platte und die F\u00fc\u00dfe des m\u00e4chtigen Schreibtischs bestehen aus gro\u00dfformatigen B\u00fcchern. Auf dem Schreibtisch steht eine Schreibmaschine, nicht aus Pappmach\u00e9, eine Schreibmaschine des Fabrikats, das Nell-Breuning benutzte. Mittels elektronischer Impulse huschen Buchstaben und Bl\u00e4tter \u00fcber die W\u00e4nde. Man h\u00f6rt das m\u00fchsame Klappern der Schreibmaschine und die Stimme Nell-Breunings, der langsam, leise, mit \u00dcberlegung \u00fcber die &#8220;soziale Marktwirtschaft&#8221; und ihre Grenzen doziert und einen Platz f\u00fcr die Kultur einfordert.<\/p>\n<p>Nell-Breuning, der keineswegs der Erfinder, sondern ein Entwickler der katholischen Soziallehre war, w\u00e4re vielleicht ein besseres Thema f\u00fcr die Ausstellung gewesen und h\u00e4tte einen klareren Bezug zu Marx gehabt. Nell-Breuning hatte sich immer wieder auf Marx berufen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch das Dommuseum stellt zum Marx-Jubil\u00e4um aus. Die Ausstellung hat allerdings zu Marx einen bestenfalls indirekten Bezug. Es wird moderne Kunst ausgestellt, die das Thema Arbeit in der einen oder anderen Weise darstellt. 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