{"id":10166,"date":"2018-10-29T14:05:04","date_gmt":"2018-10-29T13:05:04","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?p=10166"},"modified":"2020-06-22T00:24:18","modified_gmt":"2020-06-21T22:24:18","slug":"erhaltungstrieb","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/pregonero.de\/?p=10166","title":{"rendered":"Erhaltungstrieb"},"content":{"rendered":"<p>Das Wort <em>Mumie<\/em> leitet sich vom persischen <em>m\u016bm <\/em>ab. Das bezeichnete keine Mumie, sondern eine nat\u00fcrliche wachsartige Substanz. Das Wort wurde dann auf die Mumie \u00fcbertragen, einfach, weil, wie man fand, beide \u00e4hnlich aussahen. Das erf\u00e4hrt man in der Mumien-Ausstellung im Reiss-Engelhorn-Museum in Mannheim.<\/p>\n<p>Es gilt, zwischen nat\u00fcrlichen, zuf\u00e4llig entstandenen Mumien und k\u00fcnstlichen, absichtlich erstellten Mumien zu unterscheiden. Nat\u00fcrlich entstehen Mumien in extremen Gegenden: Sandw\u00fcsten, Salzw\u00fcsten, Eisw\u00fcsten, aber auch Mooren. Im Moor ist es zwar feucht, aber es fehlt der Sauerstoff, der zur Verwesung von Leichen f\u00fchrt. Aber auch auf Dachb\u00f6den und in Kellern finden sich manchmal Mumien. Man stellt sich vor, wie es ist, wenn man unverhofft auf so eine Mumie st\u00f6\u00dft.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich an den Ratskeller in Bremen, an St. Michan&#8217;s Church in Dublin und an die Kapuzinergruft in Palermo. An allen drei Orten habe ich im Laufe der letzten Jahre nat\u00fcrlich entstandene Mumien gesehen.<\/p>\n<p>In der Ausstellung sieht man ein Frettchen, einen Marder, eine Hy\u00e4ne, eine Ratte, eine Schwalbe, eine Fledermaus &#8211; alle mumifiziert. Als Kontrast dazu wird der nat\u00fcrliche Prozess der Verwesung anhand eines Singvogels gezeigt, in verschiedenen Phasen. Wie lange da dauert, wird leider nicht gesagt. Ein halbes Jahr?<\/p>\n<p>Aus dem Moor wird eine menschliche Mumie gezeigt, die besonders durch das erhaltene Haar auff\u00e4llt, zwei geflochtene Z\u00f6pfe!<\/p>\n<p>Eine besondere Attraktion ist das &#8220;Paar von Weerdinge&#8221; (NL), zwei Mumien, plattgedr\u00fcckt, schwarzbraun, die ganz eng beieinander liegen, so, wie sie auch gefunden wurden. Fast sieht es aus, als w\u00fcrden sie sich umschlingen. Man denkt unwillk\u00fcrlich an ein Paar, an Mann und Frau. Aber es sind zwei M\u00e4nner! Das hat man an den Barthaaren ablesen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he zwei \u00e4gyptische Mumien, ohne &#8220;Verpackung&#8221;. Auch hier handelt es sich um zwei M\u00e4nner, was bei einem von beiden unschwer zu erkennen ist.<\/p>\n<p>Dann eine \u00e4gyptische Mumie mit gekreuzten Armen. Das war ein Zeichen, das bis zum Neuen Reich k\u00f6niglichen Mumien vorbehalten war, sp\u00e4ter aber nicht mehr so restriktiv gehandhabt wurde. Das willk\u00fcrliche Zeichen erh\u00e4lt seine Bedeutung erst aus der Entstehungszeit.<\/p>\n<p>Eine Inka-Mumie ist auf den ersten Blick gar nicht als eine Mumie zu erkennen. Sie versteckt sich hinter einem Kleiderb\u00fcndel, der \u00e4u\u00dfere Umhang verziert mit einer Kordel, einer Muschel, einem Fuchsschwanz und verschiedenen Schn\u00fcren. In dem B\u00fcndel befindet sich die Mumie eines siebenj\u00e4hrigen Jungen. Man wei\u00df von ihm, dass er durch Wanzenstiche ums Leben gekommen ist!<\/p>\n<p>Dann wieder eine nackte Mumie, auch aus Peru, eine Frau mit gekreuzten H\u00e4nden und gekreuzten Schenkeln. Wieder das Kreuz, wie bei der \u00e4gyptischen Mumie. Zuf\u00e4llige \u00dcbereinstimmung? Die Bedeutung kennt man nicht. Die Frau hat eine auff\u00e4llig deformierten Sch\u00e4del. Man r\u00fcckte den h\u00e4sslichen Sch\u00e4del, wie ihn die Natur geschaffen hatte, mit B\u00e4ndern und Brettern zu Leibe. Das kann einerseits einem Sch\u00f6nheitsideal entsprochen haben, kann aber andererseits auch Ausweis hoher gesellschaftlicher Stellung sein.<\/p>\n<p>Eine mumifizierte Nonne aus Bratislava, bei der sogar der Name bekannt ist, Terezia Sandor, sieht man in vollem Ornat (XVIII). Bei ihr wurde das Herz entnommen. Warum, wei\u00df man nicht, vielleicht aus Furcht, bei lebendigem Leib begraben zu werden.<\/p>\n<p>Bei einer weiteren Nonne, Rozalia Tridentin (XVIII), befindet sich am Fu\u00df ein verschn\u00fcrtes P\u00e4ckchen. Es enth\u00e4lt mumifizierte Finger. Die k\u00f6nnten von ihr selbst stammen (eine Hand ist nicht ganz erhalten). Was f\u00fcr eine Bewandtnis es mit den Fingern hat, wei\u00df man nicht. Eine der vielen geheimnisvollen, r\u00e4tselhaften Erscheinungen, die diese Ausstellung zu etwas ganz Besonderem machen.<\/p>\n<p>Aus der Ming-Dynastie in China ist die Statue eines M\u00f6nchs im Schneidersitz zu sehen. Drinnen befindet sich die Mumie, von verschiedenen Lagen Textil umh\u00fcllt. Es hat keinerlei erkennbare Behandlung des K\u00f6rpers stattgefunden, Warum die Mumie erhalten ist, ist nicht gekl\u00e4rt. Es gab allerdings in China M\u00f6nche, die sich der Selbstmumifizierung widmeten. Schon zu Lebzeiten reduzierten sie ihre Nahrungs- und Wasseraufnahme und nahmen entw\u00e4ssernde Substanzen zu sich. Vielleicht handelt es sich hier um einen Fall von Selbstmumifizierung.<\/p>\n<p>Der \u00d6tzi ist in der Ausstellung pers\u00f6nlich nicht vertreten, wohl aber virtuell. Auf einer Konsole gibt es Abbildungen und Informationen. Man wei\u00df, dass der \u00d6tzi braune Augen hatte, etwas 45 Jahre alt war und einen Bart trug. Er hat sich von Emmer ern\u00e4hrt, dem Urweizen. Er war kein Vegetarier, aber Fleisch machte nur den kleineren Teil seiner Nahrung aus. Milch kann er nicht in gro\u00dfen Mengen zu sich genommen haben, da er laktoseintolerant war. Er hatte einen hohen Cholesterinspiegel. Sein K\u00f6rper wurde erst mit Schnee bedeckt und dann in Eis eingefroren. Das Eis schmolz dann, neuer Schnee fiel auf den K\u00f6rper, und am Ende war er wieder im Eis eingeschlossen. Als man ihn fand, war ganz und gar nicht klar, aus welcher Epoche er stammte, ob er \u00fcberhaupt alt war. Jetzt wei\u00df man, dass er im Neolithikum lebte. Er starb keines nat\u00fcrlichen Todes, sondern wurde ermordet. In seinem K\u00f6rper steckt eine Pfeilspitze.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Wort Mumie leitet sich vom persischen m\u016bm ab. Das bezeichnete keine Mumie, sondern eine nat\u00fcrliche wachsartige Substanz. Das Wort wurde dann auf die Mumie \u00fcbertragen, einfach, weil, wie man fand, beide \u00e4hnlich aussahen. 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