{"id":10293,"date":"2019-01-05T06:55:33","date_gmt":"2019-01-05T05:55:33","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?p=10293"},"modified":"2020-06-17T15:08:15","modified_gmt":"2020-06-17T13:08:15","slug":"glasklare-ergebnisse","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/pregonero.de\/?p=10293","title":{"rendered":"Glasklare Ergebnisse?"},"content":{"rendered":"<p>Ein Versuch mit 30 Studenten liefert weniger belastbare Ergebnisse als einer mit 3000. Aber: Wo bekommt man die 3000 her? Und: Wo bekommt man Probanden her, die keine Studenten sind? Man will ja schlie\u00dflich repr\u00e4sentative Ergebnisse. Und: Wie kann feststellen, ob die Ergebnisse einer in den USA durchgef\u00fchrten Studie auch in Japan gelten? Das sind Probleme in allen Geisteswissenschaften, und die f\u00fchren oft zu unsauberen Ergebnissen. Die Psychologie hat sich jetzt entschlossen, sich den Problemen der eigenen Disziplin zu stellen. In einem Mega-Projekt, <em>Many Labs 2<\/em>, wurden Forschungsergebnisse \u00fcberpr\u00fcft, und es stellte sich heraus, dass mindestens die H\u00e4lfte aller Erkenntnisse keiner \u00dcberpr\u00fcfung standhielt. Zu den \u00fcberpr\u00fcften Thesen geh\u00f6rte diese: Wer einige Minuten lang in einer Power-Pose verharrt, f\u00fchlt sich anschlie\u00dfend tats\u00e4chlich selbstsicherer und agiert risikofreudiger. O sancta simplicitas! Im Nachhinein ist man \u00fcberrascht, dass solch eine simple Botschaft \u00fcberhaupt Eingang in die Fachliteratur fand. Einfache Botschaften sind meist mit einem Haken versehen: Sie stimmen nicht. Noch haneb\u00fcchener diese These: Wer in den Experimenten <em>nach<\/em> einem Test mehr b\u00fcffelte, hatte <em>vorher<\/em> bessere Ergebnisse. So eine in dem renommierten <em>Journal of Personality and Social Psychology <\/em>ver\u00f6ffentlichte Studie eines gewissen Daryl Bem. Kein Wunder, dass diese beiden Studien keiner \u00dcberpr\u00fcfung standhielten. Aber nicht nur solch bizarre Studien waren betroffen, sondern auch wesentliche Ideen des Fachs. Zum Beispiel lie\u00dfen sich auch einige Priming-Effekte nicht wiederholen, also die Idee, das winzige, unterschwellige Reize das Verhalten beeinflussen, dass z.B. der Gedanke ans Altern einen langsamer gehen l\u00e4sst. Wie kommt es dann, dass es dieser Mega-Studie bedurfte, um solche Ergebnisse zu falsifizieren oder \u00fcberhaupt auf den Pr\u00fcfstand zu stellen? M\u00fcsste das nicht ohnehin geschehen? Die Antwort liegt in der Logik des Wissenschaftsbetriebs: Neue, \u00fcberraschende, antiintuitive Ergebnisse lassen sich leichter publizieren. Replikationen sind langweilig. So lehnte das <em>Journal of Personality and Social Psychology <\/em>mehrere Forscher ab, die die versucht hatten, Bems Ergebnisse zu replizieren und erwartungsgem\u00e4\u00df scheiterten. Was folgt aus all dem? Bedeutet das eine Krise der Psychologie, eine Krise der Wissenschaften gar? Nicht unbedingt. Gr\u00f6\u00dfere Transparenz bei der Vorbereitung und Durchf\u00fchrung der Studien ist gefragt. Sie soll verhindern, dass Hypothese und Auswertung im Laufe des Versuchs in die gew\u00fcnschte Richtung angepasst werden. Internationale Zusammenarbeit ist gefragt, um mehr als lokale Ergebnisse zu liefern. Und die Bereitschaft der Fachjournale, &#8220;langweilige&#8221; Replikationsstudien zuzulassen. Scheitert die Replikation einer Studie, muss das nicht unbedingt hei\u00dfen, dass die Originalstudie wertlos war. Auch die Replikationsstudie kann danebenliegen. Aber dennoch fruchtbar sein und zu weiteren \u00dcberpr\u00fcfungen f\u00fchren. Und zu einer grundlegenden Skepsis gegen\u00fcber glasklaren Ergebnissen f\u00fchren. (Herrmann, Sebastian: &#8220;Steile Thesen, nichts gewesen&#8221;, in: <em>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/em> 277\/2018: 35)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Versuch mit 30 Studenten liefert weniger belastbare Ergebnisse als einer mit 3000. Aber: Wo bekommt man die 3000 her? Und: Wo bekommt man Probanden her, die keine Studenten sind? Man will ja schlie\u00dflich repr\u00e4sentative Ergebnisse. 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