{"id":11079,"date":"2020-08-08T08:21:54","date_gmt":"2020-08-08T06:21:54","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?p=11079"},"modified":"2020-08-08T08:21:54","modified_gmt":"2020-08-08T06:21:54","slug":"auf-der-insel-des-kaisers","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/pregonero.de\/?p=11079","title":{"rendered":"Auf der Insel des Kaisers"},"content":{"rendered":"\n<p>Friedrich Spee wurde hier geboren, in Kaiserswerth, und nicht in Trier, wie ich dachte. Dort hat er nur ein paar Jahre als junger Mann und die letzten Jahre vor seinem Tod verbracht. Die Friedrich-Spee-Gesellschaft ist auch hier in Kaiserswerth ans\u00e4ssig, und im Zentrum gibt es eine Friedrich-von-Spee-Stra\u00dfe. Ob mit oder ohne <em>von <\/em>scheint eher willk\u00fcrlich zu sein.  <\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich \u00fcber Friedrich Spee in Kaiserswerth wundert, wundert sich erst recht \u00fcber Florence Nightingale in Kaiserswerth. Aber die hat hier wirklich ihre Ausbildung zur Krankenschwester gemacht, gegen den Willen ihrer vornehmen Familie, die so etwas als ihrem Stande nicht w\u00fcrdig empfand. Die Legende hat die Wirklichkeitihres Wirkens etwas verzerrt, denn ihre Aufgabe war in erster Linie der Aufbau einer funktionierenden Krankenversorgung, die Organisation der Abl\u00e4ufe, die Sicherung von Nachschub, und erst in zweiter Linie der direkte Kontakt mit den verletzten oder erkrankten Soldaten. Sie war eine Macherin, eine Managerin. Und zwar eine sehr erfolgreiche. Auf unserem Rundgang durch Kaiserswerth sto\u00dfen wir nicht auf sie. Vielleicht hat sie ihre Ausbildung in der Diakonie gemacht, dem evangelischen Gegenst\u00fcck zur katholischen Caritas. Die wurde, wie ich jetzt erfahre, hier, in Kaiserswerth, von dem Ehepaar Fliedner gegr\u00fcndet, im 19. Jahrhundert. Die Geb\u00e4ude der Diakonie nehmen einen ganzen Stra\u00dfenzug ein, auf dem Kaiserswerther Markt, der lang gestreckten Gesch\u00e4ftsstra\u00dfe des Zentrums, die sich hier in zwei Teile teilt. Auf dem n\u00f6rdlichen Teil befindet sich die Diakonie. Die ganze Geb\u00e4udestrecke ist in zwei gleichm\u00e4\u00dfige Teile geteilt durch eine etwas erh\u00f6ht liegende, wei\u00df get\u00fcnchte Kirche, der man ansieht, dass sie evangelisch ist. Eine zweil\u00e4ufige Treppe f\u00fchrt zu dem Eingang mit einem erh\u00f6hten Abschluss, barock, aber einfach. Wir erfahren auf einer der Schautafeln, dass die Diakonie urspr\u00fcnglich ein Asylantenheim war, obwohl nicht ganz klar ist, was damals unter <em>Asylanten <\/em>zu verstehen war. Das Krankenhaus, das der Diakonie angeschlossen ist, hei\u00dft Florence-Nightingale-Krankenhaus. Also doch wenigstens eine Spur.  <\/p>\n\n\n\n<p>Kaiserswerth tr\u00e4gt seinen Namen zu Recht: Hier waren die Kaiser am Werk. Sie errichteten hier eine Pfalz. Der eigentliche Erbauer war Heinrich II. Diese Pfalz wurde sp\u00e4ter von Friedrich Barbarossa ausgebaut (der im \u00fcbrigen auch in Kaiserslautern eine Pfalz errichten lie\u00df). Der verlegte eine Zollstation von Holland hierher, und diese Zollstation bestand jahrhundertelang, die Grundlage f\u00fcr den Reichtum Kaiserswerths. Der Ort entwickelte sich um die Pfalz herum und wurde sp\u00e4ter zur Stadt erhoben. Das kaiserliche Erbe erkl\u00e4rt auch, warum auf dem Stadtwappen, auf das wir immer wieder sto\u00dfen, ein doppelk\u00f6pfiger, schwarzer Adler auftaucht. Der zierte schon im Mittelalter das Wappen der Stadt. Das Kreuz, das er auf der Brust tr\u00e4gt, ist kurk\u00f6lnisch.  <\/p>\n\n\n\n<p>Das alles erkl\u00e4rt den <em>Kaiser <\/em>in <em>Kaiserswerth<\/em>, aber es erkl\u00e4rt nicht <em>Kaiserswerth<\/em>. Der zweite Wortbestandteil ist nicht so offensichtlich wie der erste. Er ist abgeleitet von dem althochdeutschen Wort <em>werid<\/em>, \u201aInsel\u2018. Wir befinden uns also auf der &#8216;Insel des Kaisers&#8217;. Aber: Wo ist die Insel?  Keine Spur davon. Die Erkl\u00e4rung: Die Insel gibt es nicht mehr. Sie wurde fr\u00fcher gebildet von dem Rhein und einem Nebenarm des Rheins, der einen Winkel bildete. Dieser Nebenarm wurde zugesch\u00fcttet von Angreifern, die es auf die Burg abgesehen hatten. Und das alles nur, um den Bischof von M\u00fcnster zu befreien! Und weg war die Insel! Fehlt noch ein kurioses Detail, das dem Ganzen den Gipfel aufsetzt: Der Nebenarm des Rheins war kein nat\u00fcrlicher Nebenarm, sondern zum Schutz der Burg k\u00fcnstlich angelegt worden!  <\/p>\n\n\n\n<p>Zu der gelangen wir zuerst, \u00fcber eine sch\u00f6n angelegte Allee. Es sind zwar nur noch Ruinen erhalten, und es ist nicht ganz einfach, das, was man sieht, in Einklang zu bringen mit dem, was man auf Abbildungen sieht, die die alte Burg darstellen, aber was an Ruinen \u00fcbrig geblieben ist, ist beachtlich. Vor allem die H\u00f6he der Anlage \u2013 sie umfasste drei Stockwerke \u2013 kommt noch voll zur Geltung. <\/p>\n\n\n\n<p>Von oben sieht man auf den Rhein und die gegen\u00fcberliegende Rheinseite, die linke. Hier verkehrt tats\u00e4chlich noch eine F\u00e4hre. Auch heute ist sie in Betrieb. Der Blick rheinaufw\u00e4rts wird pointiert durch eine moderne Skulptur, die man hier vor der Burg aufgestellt hat. Sie zeigt einen Menschen in stark stilisierter Form. Was f\u00fcr eine Bewandtnis es mit der Skulptur hat, erf\u00e4hrt man nicht.  <\/p>\n\n\n\n<p>Die\nGrundmauern der Burg sind aus unbearbeiteten, gro\u00dfen Granitsteinen,\ndurch Zement zusammengehalten. Man sieht aber auch W\u00e4nde aus\nSandstein und aus Ziegelsteinen. Auff\u00e4llig ist ein runder Turm\nmitten in der Anlage. Er beherbergte urspr\u00fcnglich die Burgkapelle\nund wurde sp\u00e4ter, als bei einem Umbau eine neue Kapelle hinzukam,\nzum Brunnen umgebaut. H\u00f6rt man auch nicht alle Tage. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In die Umfassungsmauer der Kaiserpfalz sind Grabsteine eingelassen. Auf einem lesen wir, dass der \u201eachtbare Petter Duckdorff\u201c im Alter von 63 Jahren, \u201eim Herrn erschlaffen\u201c sei. Kein Rechtschreibfehler, sondern Zeichen f\u00fcr die Verl\u00e4ngerung des Vokals. Der verl\u00e4ngerte Vokal wurde fr\u00fcher, jedenfalls in vielen Varianten des Deutschen, durch einen Doppelkonsonanten angezeigt. Das sieht man auch an <em>Petter<\/em>, dem Vornamen des achtbaren Mannes. Deshalb ist ein <em>Sch\u00e4ffer<\/em> ein <em>Sch\u00e4fer<\/em> genauso wie ein <em>Guttenberg<\/em> ein <em>Gutenberg<\/em> und die <em>Utta<\/em> eine <em>Uta<\/em> ist.   <\/p>\n\n\n\n<p>Von\nder Kaiserpfalz kommen wir zur Stiftskirche, einer dreischiffigen,\nflachgedeckten Basilika mit auff\u00e4llig niedrigen Seitenschiffen. Von\nwann die verschiedenen Bauteile stammen, ist schwer zu sagen. Die\nGlasfenster sind modern, ihre Form eher romanisch. Der Raumeindruck\nist nicht \u00fcberw\u00e4ltigend, aber das Licht kommt an diesem sonnigen\nTag gut zur Geltung. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Ausstattung ist ein goldener Reliquienschrein im Chor das wertvollste St\u00fcck. Dummerweise ist der Chor abgeschlossen und man kann ausgerechnet diesen Schatz nicht aus der N\u00e4he ansehen. Aus der Distanz sieht er aus wie der kleine Bruder des Dreik\u00f6nigsschreins in K\u00f6ln. Der Schrein beherbergt die Reliquien des Hl. Suitbert, einem angels\u00e4chsischen Missionar,  der im Gefolge von Willibrord auf den Kontinent kam. Dem ist die Existenz Kaiserswerths zu verdanken. Er gr\u00fcndete hier das Kloster und war dessen erster Abt. \u00dcber sein abenteuerliches Leben wei\u00df man etwas durch Bedes ber\u00fchmte Geschichte. Sein Anliegen brachte ihn aus Irland nach England, nach Rom und zu den Franken und Sachsen. Es ging hin und her. Was er allein an Reisen in diesen gef\u00e4hrlichen Zeiten hinter sich gebracht hat, ist beeindruckend. Zum Heiligen wurde er durch die Bekehrung fr\u00e4nkischer St\u00e4mme, die zwischen Ruhr und Lippe angesiedelt waren. Dabei konnte er auf die Unterst\u00fctzung von Pippin z\u00e4hlen.  <\/p>\n\n\n\n<p>Zur Ausstattung der Kirche geh\u00f6rt auch ein f\u00fcnfeckiger Taufstein, der von L\u00f6wen bewacht wird, die das Aussehen von Hunden haben. Im s\u00fcdlichen Seitenschiff eine Kreuzigungsszene mit einem zu gro\u00df geratenen Kreuz, und im n\u00f6rdlichen Seitenschiff ein sch\u00f6ner Christus, ganz sp\u00e4rlich bekleidet, ausgezehrt, mit gesenktem Kopf und weit ausgebreiteten Armen. Das Kreuz fehlt. Die Figur h\u00e4ngt vor einer vergoldeten Wand.  <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Stiftsplatz befinden sich Spees Geburtshaus und andere historische H\u00e4user, ein sch\u00f6nes Ensemble. An der Au\u00dfenwand der Kirche, im Osten, ist ein gro\u00dfes Bronzerelief angebracht, in Erinnerung an Spee. Im Zentrum des Reliefs st\u00fctzt Spee eine in Ketten gelegte Frau, die als Hexe verurteilt worden ist. Er beugt sich \u00fcber sie. Das Relief hat so viele Szenen und Figuren, dass wir immer wieder was Neues entdecken, u.a. die Folterwerkzeuge der Hexenprozesse, die Stiftskirche selbst, das Emblem des Jesuitenorden und einen Stern. Der steht f\u00fcr Suitbert, und dem Stern begegnet man hier in Kaiserswerth immer wieder.  <\/p>\n\n\n\n<p>Wir kommen zum Kaiserswerther Markt. Hier gibt es einen Friseur, der einfach <em> Friseur<\/em> hei\u00dft, einen anderen Friseur, der <em>Hairlich<\/em> hei\u00dft, und eine Buchhandlung, die <em>Lesezeit <\/em>hei\u00dft. Die Stra\u00dfe hat auf beiden Seiten historische H\u00e4user mit sch\u00f6nen Fassaden. Die meisten sind aus einem dunklen Backstein gebaut. Eins von ihnen beheimatet das Restaurant <em>Im Schiffchen<\/em>, ein Restaurant der Spitzenklasse. Die Speisekarte h\u00f6rt sich aber gar nicht abschreckend an, und die Preise sind hoch, aber nicht astronomisch.  <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der gegen\u00fcberliegenden Seite steht ein Haus mit Giebel, in dessen Fassade mit Ankersplinten die Jahreszahl der Erbauung eingelassen ist. Das Haus war das ehemalige Zollhaus, und als Erinnerung daran sieht man in einer Nische an der Ecke des Hauses eine Figur, die mit einem Anker und einem Geldbeutel ausgestattet ist, Erinnerung an die eintr\u00e4gliche Zollstation, die Kaiserswerth vom Mittelalter an \u00fcber Jahrhunderte Reichtum verschaffte. Das scheint auch heute noch zu sein, obwohl das Zentrum teils auch gediegen und teils sogar b\u00e4uerlich aussieht.  <\/p>\n\n\n\n<p>Wir\ngehen bis zum anderen Ende des Kaiserswerther Markts, bis zu einer\nBr\u00fccke, unter der man Wasser vermutet, aber keins findet. Beides hat\nseinen Grund: Hier verlief ehemals der Nebenarm des Rheins, und der\nmarkierte die Stadtgrenze, und auch heute noch markiert die Br\u00fccke\ndas Ende der Altstadt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\nder Besichtigung machen wir Rast in einem sch\u00f6n gelegenen\nBiergarten, unter B\u00e4umen, direkt am Rhein. An den Preisen merkt man,\ndas Kaiserswerth auch heute nicht gerade ein Armenviertel ist. \n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Friedrich Spee wurde hier geboren, in Kaiserswerth, und nicht in Trier, wie ich dachte. Dort hat er nur ein paar Jahre als junger Mann und die letzten Jahre vor seinem Tod verbracht. 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