{"id":11355,"date":"2022-09-15T07:41:25","date_gmt":"2022-09-15T05:41:25","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?p=11355"},"modified":"2022-09-29T09:09:10","modified_gmt":"2022-09-29T07:09:10","slug":"der-untergang-des-romischen-reichs-1","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/pregonero.de\/?p=11355","title":{"rendered":"Der Untergang des R\u00f6mischen Reichs (2)"},"content":{"rendered":"\n<p>Vor dem\nEingang zur Ausstellung h\u00e4ngt ein l\u00e4ngliches Plakat mit einer langen Liste\ndeutscher W\u00f6rter lateinischen Ursprungs. Darunter sind Klassiker wie <em>Mauer<\/em>\n(von <em>muris<\/em>), <em>Palast<\/em> (von <em>palatium<\/em>) und Kreuz (von <em>crux<\/em>),\naber auch weniger offensichtliche Kandidaten wie <em>B\u00fcchse<\/em> (von <em>puxis<\/em>),\n<em>Kachel<\/em> (von <em>cacculus<\/em>) oder <em>Socke<\/em> (von <em>soccus<\/em>). <\/p>\n\n\n\n<p>Davor auf\ndem Boden eine Landkarte, in der Europa die Form einer bekr\u00f6nten K\u00f6nigin mit\nlangem Gewand. Holland und Italien sind die Arme, Spanien der Kopf, Osteuropa ist\nganz unten auf dem Gewand. Schwer zu sagen, aus welcher Zeit das stammt, aber\nwohl kaum aus der klassischen Antike. Dazu erscheinen zu moderne Namen wie <em>Cracouia<\/em>\noder <em>Lithvania<\/em> oder <em>Moscovia<\/em>. Unter <em>Italia<\/em> steht <em>Welschland<\/em>.\nWas mag nur <em>Megalopolis<\/em> sein? Oder <em>Sarmantia<\/em>? Warum die Karte\nhier abgebildet ist, dar\u00fcber kann man nur spekulieren. Vielleicht um die\nKontinuit\u00e4t zu betonen, die in der Verwendung lateinischer Namen auch noch nach\ndem Ende des R\u00f6mischen Reichs besteht. <\/p>\n\n\n\n<p>Das\nStadtmuseum nimmt sich der Rezeption des Untergangs des R\u00f6mischen Reichs an.\nWie haben sp\u00e4tere Epochen den Untergang des Reichs verarbeitet? Dabei ist es\ninteressant, wie viele Reiche den Anspruch gestellt haben, Nachfolger des\nR\u00f6mischen Reichs zu sein: Das Byzantinische Reich, das R\u00f6mische Reich Deutscher\nNation, das Russische Reich und sogar, nach der Eroberung Konstantinopels, das\nOsmanische Reich. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Eingang\ndrei K\u00e4sten, in die man seinen Wahlzettel werfen darf: Was hat zum Untergang\ndes R\u00f6mischen Reichs gef\u00fchrt? Die Barbaren? Die Dekadenz? Das Christentum? Alle\ndrei K\u00e4stchen sind etwa gleich voll, mit einem kleinen Vorsprung f\u00fcr die\nDekadenz. Bei der, finde ich, kommt es darauf an, was man darunter versteht.\nWenn es das dekadente Leben der B\u00fcrger ist, kommt das kaum in Frage, denn das\nw\u00fcrde nur die wohlhabende Oberschicht betreffen. Wenn Dekadenz der Zerfall der\nstaatlichen Organisation ist, dann schon eher. Das deutete sich ja vorher schon\nan, mit der Reichsteilung unter Diokletian und den Soldatenkaisern und den\nKinderkaisern. Nicht zur Abstimmung steht hier, dass es gar keinen Untergang\ngab, jedenfalls nicht, wenn man den auf 476 datiert, die Absetzung von Romulus\nAugustulus durch Odoaker. Das Reich existierte ja weiter, in Form des\nByzantinischen Reichs, als Ostrom. Aus dessen Sicht hatte sich mit der\nAbsetzung von Romulus Augustulus nichts grundlegend ver\u00e4ndert. Hier wird auch\nbetont, dass diese Absetzung in der Zeit kaum Beachtung fand, wohl aber in\nsp\u00e4teren Zeiten, wie hier an einigen Gem\u00e4lden illustriert.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nVorl\u00e4ufer der Eroberung Roms durch die Barbaren war die Pl\u00fcnderung Roms durch Alarich\n410. Ein Augenzeuge der Pl\u00fcnderung war Augustinus, und der ging auf die\nVorw\u00fcrfe der Nichtchristen ein, das Christentum sei an allem schuld, indem er <em>De\nCivitate<\/em> <em>Dei<\/em> schrieb, die Darstellung des perfekt organisierten\nchristlichen Staats. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch Sagen,\ndie keinen direkten Bezug zu Rom haben, nehmen das Thema seines Untergangs auf:\ndie Nibelungensaga (mit dem Untergang des Burgunderreichs), die Artussage und\neine nordische Sage. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Dietrich\nvon Bern der Sage erinnert an Theoderich, der Odoaker besiegte. Dabei steht <em>Dietrich<\/em>\nf\u00fcr <em>Theoderich<\/em> und <em>Bern<\/em> f\u00fcr <em>Verona<\/em>. Verona ist vertreten\nmit einem Relief aus S. Zeno (das ich seinerzeit besichtigt habe), auf dem das\nR\u00f6mische Theater als Residenz Theoderichs erscheint. Es wurde bis ins 19.\nJahrhundert als solche bewundert und besichtigt. Die Sache hat nur einen Haken:\nTheoderich residierte gar nicht in Verona, sondern in Ravenna!<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nOsmanische Reich ist in der Ausstellung vertreten durch ein Portr\u00e4t Mehmets\nII., mit Pelzkragen, m\u00e4chtigem Turban und kostbarem Teppich (XVI). Auf einer\nMedaille ist er in r\u00f6mischer Tradition dargestellt auf einem Triumphwagen mit\nder Nike in einer Hand und einem Seil, an dem er die besiegten V\u00f6lker hinter\nsich herzieht, in der anderen!<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nRussische Reich ist vertreten mit einem historisierenden Gem\u00e4lde (XIX), das die\nTaufe Wladimirs in Kiew darstellt. Das Russische Reich \u00fcbernahm das\nbyzantinische Hof- und Kr\u00f6nungszeremoniell und f\u00fchrte den Titel <em>Zar<\/em> (von\n<em>C\u00e4sar<\/em>) f\u00fcr den Imperator ein. Moskau nannte sich \u201eDas Dritte Rom\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein\nbesonderes Schmuckst\u00fcck der Ausstellung ist das Runenk\u00e4stchen von Auzon (VIII),\nein figurenreiches Elfenbeink\u00e4stchen mit Szenen auf allen Seiten, die schwer\nunter einen Hut zu bekommen sind: die Gr\u00fcndung Roms, die Pl\u00fcnderung Jerusalems,\ndie Anbetung der K\u00f6nige und die Verheiratung einer nordischen K\u00f6nigstochter!<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kommt\neine gro\u00dfe Sitzstatue von Friedrich II. In der verschmelzen r\u00f6mische und\ngermanische Elemente: r\u00f6misches Gewand, aber Krone statt Lorbeerzweig.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei\nHumanismus und Reformation gabelt sich die Ausstellung: Links sieht man die\nAbkehr von Rom, rechts die Sehnsucht nach Rom. Die spiegelt sich wider in\nr\u00f6mischen Veduten wie der vom Forum Romanum von Piranesi (XVII). Sie zeichnet\nein nostalgisches Bild des Forums. Es wird zwar <em>Campo Vaccino<\/em> genannt,\ntr\u00e4gt aber die Zeichen der alten Gr\u00f6\u00dfe: ein Brunnen, Arkaden, ein Tempel, eine Kirche,\ndas Kolosseum, die Fassade eines Palasts, in einer Zusammenstellung, die es\nhistorisch so vermutlich nie gegeben hat. Da muss man schon genau hinsehen, um\ndie Ochsenkarren und die weidenden K\u00fche zu bemerken. <\/p>\n\n\n\n<p>Das\nwiedererwachte Interesse an Rom bezeugt eine Serie von Bronzem\u00fcnzen mit den\nPortr\u00e4ts r\u00f6mischer Kaiser. Sie wurden Karl IV. von Petrarca \u00fcbergeben, als eine\nArt Mahnung, an die r\u00f6mische Tradition anzukn\u00fcpfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Genauso wie\nPetrarca geh\u00f6rte Dante zu den Bef\u00fcrwortern des Wiederauflebens des R\u00f6mischen\nReichs, aber Dante hatte dabei das R\u00f6misch-Deutsche Reich im Sinn, w\u00e4hrend\nPetrarca ein neues Reich unter italienischer F\u00fchrung im Sinn hatte. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf der\nanderen Seite, der Seite der Bef\u00fcrworter der Abkehr von Rom, steht die <em>Germania<\/em>\ndes Tacitus im Vordergrund. Tacitus wurde als Kronzeuge f\u00fcr das genommen, was man\nals gesellschaftliches Ideal sah: Das echte, unverf\u00e4lschte Leben des mit der\nNatur verbundenen Volks, abseits der st\u00e4dtischen Dekadenz. Dabei wurde Tacitus\nim Sinne von fr\u00fchnationalen Vorstellungen interpretiert, teils mit aggressiv\nnationalen T\u00f6nen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dazu passt\ndie (teils von Luther betriebene) \u201eVerwandlung\u201c von <em>Arminius<\/em> in <em>Hermann<\/em>.\nDer wird mehrmals von Luther lobend erw\u00e4hnt. Luther ist hier mit einer Statue\nvertreten, in der er das aufgeschlagene Neue Testament pr\u00e4sentiert, in seiner\n\u00dcbersetzung. <\/p>\n\n\n\n<p>Als\nGegenst\u00fcck zu den Portr\u00e4ts r\u00f6mischer Kaiser, die Petrarca dem Kaiser \u00fcbergab,\nhat man auf dieser Seite die illustrierten Viten von zw\u00f6lf (teils historischen,\nteils sagenhaften) deutschen K\u00f6nigen, den \u201eUrk\u00f6nigen\u201c. Die Kunst bezieht\nStellung gegen Rom. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein\nbesonderes Ausstellungsst\u00fcck ist ein Originalbrief Raffaels an Leo X. In dem\nBrief beklagt er die Kalkgewinnung aus den Ruinen der r\u00f6mischen Ruinen und\nspricht sich f\u00fcr deren Erhaltung aus. Da erweist er sich als vollendeter\nHumanist und als Vorl\u00e4ufer der Romantiker und heutiger Denkmalsch\u00fctzer. &nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor dem Eingang zur Ausstellung h\u00e4ngt ein l\u00e4ngliches Plakat mit einer langen Liste deutscher W\u00f6rter lateinischen Ursprungs. 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