{"id":12016,"date":"2025-07-21T18:09:55","date_gmt":"2025-07-21T16:09:55","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?p=12016"},"modified":"2025-07-22T15:44:07","modified_gmt":"2025-07-22T13:44:07","slug":"romische-impressionen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/pregonero.de\/?p=12016","title":{"rendered":"R\u00f6mische Impressionen"},"content":{"rendered":"\n<p>Moderne St\u00e4dteplaner fordern, in den Innenst\u00e4dten m\u00fcsse es Sitzpl\u00e4tze geben, die so nahe aneinander liegen, dass eine alte Person ohne M\u00fche von einem zum anderen gelangen kann. In Rom gibt es keine Sitzpl\u00e4tze. Die Touristen begn\u00fcgen sich mit den Mauervorspr\u00fcngen an den Kirchen oder mit Treppenstufen vor den Monumenten. Es gibt auch kaum Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen. Eine Ausnahme ist die Via della Conciliazione,  auf der man wunderbar vom Petersplatz direkt zur Engelgsburg flanieren kann. Auch am Tiber entlang gibt es ein paar sch\u00f6ne Gehwege. <\/p>\n\n\n\n<p>Erschwert wird die Orientierung dadurch, dass viele Stra\u00dfen keine Strap\u00dfenschilder haben. Trotzdem ist Rom gut zu Fu\u00df zu erkunden. Hinter jeder Ecke gibt es was Neues zu entdecken. <\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem kann man sich gut mit den st\u00e4dtischen Bussen bewegen. Sie kommen in kurzen Intervallen, sind billig und haben bequeme Sitze. Die st\u00e4dtische Busgesellschaft, von der sie betrieben werden, hei\u00dft <em>Atac<\/em>! Das steht auf allen Bussen!<\/p>\n\n\n\n<p>Ein \u00e4lterer Mann im Bus liest ein Buch, einen Roman, ein Kind liest ein Buch \u00fcber erste Erlebnisse beim Angeln. Alle anderen sehen auf ihr Handy, auch wenn die Fahrt am Kolosseum vorbeif\u00fchrt. Die Afrikanerinnen sprechen so laut in ihr Handy, dass es auch die Passagiere auf den letzten Sitzen h\u00f6ren.  Sie werden nur \u00fcbertroffen von den Krankenwagen, die den ganzen Vormittag durch die Gegend fahren. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine junge Asiatin telefoniert w\u00e4hrend der Fahrt. Ihr Handy ist mit einer kleinen Kette an ihrer Handtasche befestigt und mit einem Aufladekabel mit der Powerbank in ihrer Handtasche verbunden. Eine Frau mittleren Alters wedelt sich mit einem F\u00e4cher zu, einem F\u00e4cher der traditionellen Art. Alle anderen, meist j\u00fcngeren Alters, sieht man mit den kleinen elektrischen F\u00e4chern \u00fcber die Stra\u00dfen gehen. Vor allem die Asiatinnen sind gut damit ausger\u00fcstet. Man sieht auch viele Sonnenschirme, ganz d\u00fcnne, von der Art, wie sie in unserer Kindheit auf die Torten gesetzt wurden.  <\/p>\n\n\n\n<p>Immer mehr Italiener k\u00f6nnen immer besser Englisch, und man wird immer wieder auf Englisch angesprochen. Aber die Unsitte, die man aus Griechenland oder Schweden kennt, wo auf Englisch geantwortet wird, wenn man in der Landesprache fragt, hat sich noch nicht bis Italien verbreitet. Man verweist emphatisch darauf, dass man sich in Italien befinde, und bekommt die Antwort auf Italienisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten Menschen, vor allem abseits der ganz gro\u00dfen Touristenattraktionen, sind erstaunlich freundlich, wenn man nach dem Weg fragt, zeigen sich nicht genervt von den ewigen Touristen mit den immergleichen Fragen. Die Italiener sind allerdings viel freundlicher als die Kioskbesitzer aus Indien oder Pakistan.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder bemerkenswert, wenn man Rom besichtigt, ist die Form, wie sich die Kirche der antiken Tradition bem\u00e4chtigt hat. Es f\u00e4ngt damit an, dass der Papst bis heute den Titel Pontifex Maximus der r\u00f6mischen Kaiser tr\u00e4gt, den Titel des h\u00f6chsten Priesters des antiken Staatskults. Oben auf der Trajanss\u00e4ule, die mit mehr als 2000 Figuren die erfolgreichen Schlachten des Kaisers darstellt, thront nicht Trajan, sondern Petrus. Und das Pantheon ist stehen geblieben, weil es in eine Kirche verwandelt wurde, genauso wie die Porta Nigra und das Parthenon. Es ist Maria und allen M\u00e4rtyrern geweiht und ist die Quelle unseres Allerheiligen-Tags. Das schlie\u00dft an das Pantheon der Antike an, jedenfalls an die christliche Interpretation des Namens: Pantheon &#8211; alle G\u00f6tter.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Religion spielt auch eine Rolle beim Erhalt der Reiterstatue von Mark Aurel. Man glaubte, es w\u00e4re Konstantin und schonte ihn, weil er den Christen die Aus\u00fcbung ihrer Religion gestattet hatte. Ist die Statue nun die eines Feldherrn oder die eines Philosophen? Man h\u00f6rt beide Deutungen. Mark Aurel ist nicht als Soldat dargestellt, und seine erhobene Hand sieht wie eine friedliche und freundliche Geste aus. Aber zu seiner Zeit wurde er haupts\u00e4chlich aufgrund seiner milit\u00e4rischen Verdienste gesch\u00e4tzt. Und unter den den Vorderhufen des Pferds befand sich einst die Figur eines K\u00f6nigs mit gebundenen H\u00e4nden, ein Besiegter aus den Kriegen Mark Aurels. <\/p>\n\n\n\n<p>Kein Weg vorbei geht in Rom an dem Denkmal f\u00fcr Vittorio Emanuele. Das sieht man von \u00fcberall aus. Das ist nicht unbedingt sch\u00f6n und passt auch gar nicht so richtig, aber gibt wohl am besten eine Vorstellung davon, wie die Rom in der Antike ausgesehen haben muss.  Der war der erste K\u00f6nig von Italien, trotzdem nennt er sich Vittorio Emanuele II, wohl als Reverenz f\u00fcr seinen Vater. <\/p>\n\n\n\n<p>Die schlimmste aller Sehensw\u00fcrdigkeiten Roms ist der Trevi-Brunnen, ein Opfer seines eigenen Erfolgs. Hier geht es nur darum, ein Selfie zu machen, kein Mensch interessiert sich f\u00fcr den Brunnen. Geschweige denn f\u00fcr den Palazzo dahinter. Es geht nur um das Photo. Man m\u00fcsste die Touristen mal fragen, welche Figuren man in dem Brunnen sieht, die meisten w\u00fcrden es vermutlich nicht wissen. Erst recht nicht, dass es unterirdisch einen Gang gibt, den man besichtigen kann, mit den Resten einer r\u00f6mischen Wasserleitung. Von hier unten wird der Trevi-Brunnen mit Wasser versorgt. Der Name des Brunnens erkl\u00e4rt sich aus den drei Stra\u00dfen, <em>Tre Vie<\/em>, die hier aufeinandertreffen. <\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen darf man in den Trevi-Brunnen keine M\u00fcnzen mehr werfen &#8211; Gott sei Dank! Man kann nicht einmal an den unmittelbaren Brunnenrand heran, es sei denn, man ist mit einer F\u00fchrung unterwegs. Das Gedr\u00e4nge ist unertr\u00e4glich. <\/p>\n\n\n\n<p>Viel sch\u00f6ner zu besichtigen ist der Vier-Fl\u00fcsse-Brunnen an der Piazza Navona. Hier verteilen sich die Besucher viel besser, es gibt kein Gedr\u00e4nge, der Platz ist riesengro\u00df. Die vier Fl\u00fcsse, die der Brunnen allegorisch darstellt, stehen f\u00fcr die vier damals bekannten Kontinente: Der Nil, die Donau, der Ganges, der Rio de la Plata. Vermutlich wusste man von dem Amazonas noch nicht viel. Der Nil hat, wie in anderen Brunnen, sein Gesicht verh\u00fcllt, der Tradition zufolge, weil seine Quellen unbekannt waren. Hier in Rom hei\u00dft es, er verh\u00fclle sein Gesicht, um sich nicht die Baus\u00fcnde von Berninis Konkurrent Borromini ansehen zu m\u00fcssen, die Kirche <em>Sant&#8217;Agnese in Agone<\/em>. Der Name des Platzes leitet sich von den hier stattfinden antiken Wettk\u00e4pfen ab, dem der Platz auch seine ovale Form zu verdanken hat. Das griechische <em>agon<\/em>, &#8216;Wettkampf&#8217;, liegt dem Namen zugrunde. Ob es Zufall ist, dass das Patrozinium der Kirche ausgerechnet Sant&#8217;Agnese in Agone ist?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vier-Fl\u00fcsse-Brunnen und der Trevi-Brunnen sind hervorragend restauriert worden, genauso wie das Kolosseum. An vielen anderen Monumenten wird gearbeitet, und au\u00dferdem entsteht mitten im historischen Zentrum eine neue U-Bahn-Linie. Das bedeutet: Baustellen \u00fcberall, vor allem um das Forum Romanum herum. <\/p>\n\n\n\n<p>Wie der Trevi-Brunnen alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, so tut das auch das Kolosseum. Das geht auf Kosten des wunderbaren Konstantin-Bogens, gleich daneben, mit toll erhaltenen Reliefs und Skulpturen. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch beim Kolosseum eine sprachliche Kuriosit\u00e4t. Es hei\u00dft nicht <em>Kolosseum<\/em>, weil es so kolossal ist, sondern weil hier, in Neros st\u00e4dtischem Landschaftspark, eine kolossale Statue stand. Die niemanden anderen als Nero darstellte. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zu Santa Maria Maggiore dr\u00e4ngt uns ein afrikanischer Verk\u00e4ufer billigen Schmuck auf, alles umsonst, ein Geschenk, blo\u00df kein Geld. Dann versucht er, eine pers\u00f6nliche Bindung aufzustellen. Ob wir schon mal in Afrika gewesen seien, er habe einen Freund in Berlin, er spreche auch Spanisch. Am Ende bekommt er sein Geld f\u00fcr den Flitterkram. Immerhin zeigt er uns den Weg. <\/p>\n\n\n\n<p>Das linke Eingangsportal von Santa Maria Maggiore ist die Porta Santa. Dieses Jahr ge\u00f6ffnet, da wir uns in einem Jubeljahr befinden. Da werden die S\u00fcnden vergeben. Das erste Jubeljahr gab es 1300, dann alle 50, dann alle 33, jetzt alle 25 Jahre. Das <em>Jubeljahr <\/em>hat nichts mit dem <em>Jubel <\/em>zu tun, sondern mit dem <em>Jovel<\/em>, dem j\u00fcdischen Widderhorn. Mit dem wurde das Jubeljahr eingeleitet. In der j\u00fcdischen Tradition wurden keine S\u00fcnden vergeben, sondern Schulden getilgt. So weit wollte die Kirche wohl nicht gehen. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Kirche links eine Schlange, die zum Grabmal des argentinischen Papstes f\u00fchrt. Man erwartet, dass man in eine Seitenkapelle geleitet wird, aber dann ist man da, ehe man sich&#8217;s versieht, schon da. An der Wand ein Kreuz, auf dem Boden ein Licht und der Name Franciscus. Das ist alles. So schlicht, wie er immer war. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir machen eine Pause und essen einen leckeren Kuchen und ein un\u00fcbertrefflich leckeres Eis. Schon zum zweiten Mal gibt es in einem gro\u00dfen Caf\u00e9 nur eine einzige Toilette, f\u00fcr M\u00e4nner und Frauen. Da muss man nat\u00fcrlich Schlange stehen. Die Toilette ist sch\u00e4big, und \u00fcberall liegt Papier herum. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Preise sind gesalzen, aber so einen Nepp wie in Venedig oder Florenz gibt es in Rom nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Unterwegs sto\u00dfen wir bei der Frage nach dem Weg auf eine Dominikanerin. Sie nimmt sich Zeit und gibt uns perfekte Auskunft. Sie kennt M\u00fcnchen und Mannheim und Tokio Hotel, und erkennt sofort den argentinischen Akzent. Wir verabschieden uns wie gute Freunde. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Gegenteil des Trevi-Brunnens ist die Ara Pacis, der Friedensaltar des Augustus, in der N\u00e4he des (ebenfalls in Restaurierung befindlichen) Mausoleum des Augustus. Hier ist kein Mensch, und man kann sich den Altar in aller Ruhe aus unmittelbarer N\u00e4he ansehen und dieses Meisterwerk der Bildhauerkunst betrachten. Den Altar erreicht man \u00fcber zehn Stufen. Man sieht Reliefs von Prozessionen, von \u00c4neas beim Opfer, von der G\u00f6ttin Tellus, der Mutter Erde, und ihren Kindern. Man sieht Rankenwerk aus Efeu, Lorbeer, Wein, und dazwischen allerhand gefl\u00fcgelte Tiere. <\/p>\n\n\n\n<p>Man wei\u00df nie so recht, was man von den r\u00f6mischen Kaisern halten soll, zu unzuverl\u00e4ssig sind die antiken Bewertungen, zu unterschiedlich die modernen Bewertungen, aber an Augustus und der langen Friedenszeit, die er eingeleitet hat, da scheint echt was dran zu sein. Paradoxerweise steht der Friedensaltar auf dem Marsfeld und wurde, nachdem die einzelnen Teile in alle Winde zerstreut waren, mit Bruchst\u00fccken in Museen in Rom, Wien und Paris und bei Privatleuten, ausgerechnet in dem gewaltt\u00e4tigsten Jahrhundert, dem 20., wieder zusammengebaut, und zwar auf Gehei\u00df von Mussolini. Den sieht man in einem Film, wie er voller Stolz den Friedensaltar einem prominenten Gast pr\u00e4sentiert &#8211; Adolf Hitler. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Moderne St\u00e4dteplaner fordern, in den Innenst\u00e4dten m\u00fcsse es Sitzpl\u00e4tze geben, die so nahe aneinander liegen, dass eine alte Person ohne M\u00fche von einem zum anderen gelangen kann. In Rom gibt es keine Sitzpl\u00e4tze. 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