{"id":5521,"date":"2014-09-14T16:49:51","date_gmt":"2014-09-14T14:49:51","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?p=5521"},"modified":"2020-06-17T18:27:41","modified_gmt":"2020-06-17T16:27:41","slug":"das-salz-der-erde","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/pregonero.de\/?p=5521","title":{"rendered":"Das Salz der Erde"},"content":{"rendered":"<p>Salz konserviert, nicht nur das, was es konservieren soll. Manchmal ist die Konservierung ein unbeabsichtigter Nebeneffekt, wie ich jetzt in einer Ausstellung eindrucksvoll vor Augen gef\u00fchrt bekam. Der Salzstollen aus dem Hallst\u00e4tter Salzbergtal st\u00fcrzte 1245 zusammen, wurde dann erneuert (aber erst 400 Jahre sp\u00e4ter) und st\u00fcrzte dann endg\u00fcltig ein. Der Stollen hat bewahrt, was sonst verloren gegangen w\u00e4re, gibt aber auch ein paar R\u00e4tsel auf. Man kann zum Beispiel einen Kinderschuh aus Leinen (Gr\u00f6\u00dfe 30-31), eine S\u00e4uglingsm\u00fctze aus Fell und Trages\u00e4cke aus Rinderhaut sehen, alle aus dem 13. Jahrhundert vor Christus! Die S\u00e4uglinge wurden offensichtlich mit in den Stollen genommen. Kinder mussten mitarbeiten. Erstaunlich, was die Forscher aus den Funden ableiten: Im Stollen arbeiteten Frauen und M\u00e4nner. Das wei\u00df man, weil sich die Skelette von Frauen und M\u00e4nnern aus dem Stollen \u00e4hneln. Die Menschen waren bei der Arbeit st\u00e4ndig \u00fcberbelastet. Das wei\u00df man, weil Gelenke abgenutzt und Knochen ver\u00e4ndert sind, an den Stellen, wo die Muskeln ansetzen. Neben der harten Arbeit gab es L\u00e4use (in Kleidern entdeckt), die Infektionskrankheiten \u00fcbertragen konnten und Sp\u00fclw\u00fcrmer, die Durchfall, Koliken und Bauchschmerzen verursachen konnten. Man hat Pestwurz gefunden, der zu B\u00fcndel zusammengef\u00fcgt wurde. Vielleicht diente er der Behandlung von Wunden, vielleicht als Medizin gegen Darmparasiten, vielleicht als Toilettenpapier! Durch die Exkremente wei\u00df man etwas \u00fcber der Ern\u00e4hrung. Ein Forscher schl\u00e4gt aufgrund der Untersuchungen folgendes Rezept vor: F\u00fc\u00dfe, Schw\u00e4nze und Schwarten vom Schwein, Saubohnen, Gerste, Hirse. Weich kochen, mit Essig, Thymian und Bohnenkraut w\u00fcrzen und mit Zwiebeln servieren. Und nat\u00fcrlich salzen! Dieses Gericht, das Ritschert, wurde im Stollen selbst zubereitet. Als Beleg sieht man in der Ausstellung einen riesigen Holzl\u00f6ffel und ein Kegelhalsgef\u00e4\u00df, das 50 Liter fasste. Die Zubereitung von Essen im Stollen erkl\u00e4rt auch die zun\u00e4chst r\u00e4tselhaften Tonscheiben, die in den Stollen gefunden wurden. Die Technik der Salzgewinnung war hervorragend entwickelt. Die Stollen gehen bis zu 200 Meter in die Tiefe. Man sieht hier gro\u00dfe, abgebrochene Grubenh\u00f6lzer. Auch Werkzeuge sind zu sehen. Ein R\u00e4tsel gibt ein Pickel auf, mit einem langen, d\u00fcnnen Stiel und einem spitzen Arbeitswinkel aus Metall. Wie wurde der genutzt? Man hat es in verschiedenen Improvisationen ausprobiert, aber keine L\u00f6sung gefunden. F\u00fcr einen direkten Schlag wie mit dem Hammer ist der Winkel zu spitz. F\u00fcr eine ziehende Bewegung ist der Stiel zu d\u00fcnn. F\u00fcr eine Benutzung als Brecheisen ist ebenfalls der Stiel zu d\u00fcnn. Und eine Benutzung als Schl\u00e4gel kommt nicht in Frage, weil man keine Schlagspuren finden konnte. Au\u00dferdem wurde eine h\u00f6lzerne Treppe gefunden, die mobil war und deren Stufen man verstellen konnte. Hallstatt hatte sogar sein eigenes Markenzeichen: herzf\u00f6rmige Salzplatten. Die gab es nur hier! Man mei\u00dfelte vermutlich zuerst herzf\u00f6rmige Rillen in die Wand und l\u00f6ste dann die Salzplatte durch Druck heraus. Das erforderte eine pr\u00e4zise Handhabung von Pickel und Mei\u00dfel. Bis heute wei\u00df man nicht, warum ausgerechnet dieser Stollen bearbeitet wurde. Er war schwer zug\u00e4nglich, lag 400 Meter \u00fcber dem See und 30 Meter in der Erde und war bis in den Sommer zugeschneit. 40 Kilometer weiter gab es besser zug\u00e4ngliche Stollen. Trotzdem kamen schon vor 7.000 Jahren Menschen hierher, um Salz zu gewinnen. Und schon vor 4.000 Jahren hab es arbeitsteilige Verfahren bei der Salzgewinnung. Hallstatt hatte ein richtiges Monopol. Die anderen Salzf\u00f6rderst\u00e4tten waren weit entfernt: Volterra, Tusla, Wielicka, Schw\u00e4bisch Hall. Salz machte von Jahreszeiten unabh\u00e4ngig. Man konnte Lebensmittel haltbar machen. Das machte man auch hier, vor Ort. Man hat Surbecken gefunden, in die mindestens 200 Schweine passten. Dort wurden Speck und Schinken produziert, und die kamen in den Handel. All das bedeutete gro\u00dfen Reichtum. Den dokumentieren die 1.500 im Salzbergtal gefundenen Gr\u00e4ber, mit ihren reichen Grabbeigaben. So wurde Hallstatt zu dem Namen f\u00fcr eine ganze Kulturepoche. Die Grabbeigaben, die man hier sieht, stammen meist aus der \u00e4lteren Eisenzeit (800-400). Das Gr\u00e4berfeld ist eine Art <em>global village<\/em>, mit exotischen Grabbeigaben aus allen Himmelsrichtungen: eine skytische Axt aus Eisen, ein norditalienisches Messer, Glas von der Adria, eine Bernsteinkette, afrikanische Vasen, Keramik aus Slowenien. Das Prachtst\u00fcck der Ausstellung ist ein Sch\u00f6pfergef\u00e4\u00df aus Bronze, bei dem der Griff eine Kuh ist, hinter der ein K\u00e4lbchen an dem Gef\u00e4\u00df hochklettert. Vermutlich ein Ritualgef\u00e4\u00df, zu schade f\u00fcr den t\u00e4glichen Bedarf. Ein R\u00e4tsel der Gr\u00e4ber stellt das Gold da: Es gibt so gut wie keins. Gab es eine Salzelite, deren noch unentdeckte Gr\u00e4ber all das Gold enthalten? Oder hatte Gold keinen guten Ruf? Dazu w\u00fcrde Cassiodorus\u2018 Ausspruch passen: \u201eAuf Gold kann man verzichten, auf Salz nicht\u201c. Gef\u00e4rbt wurde auch in Hallstatt, und zwar, wenn ich das richtig verstanden habe, sowohl Kleidung als auch Keramik. Blau gewann man aus Waid, Gelb aus F\u00e4rbervanille oder F\u00e4rberginster. Und Gr\u00fcn? Da lernt man etwas Erstaunliches: Keine Pflanze f\u00e4rbt gr\u00fcn! Gr\u00fcn ergibt sich aus der Mischung von Blau und Gelb. Die am schwersten herzustellende Farbe aber war Schwarz. Und das war genau die Farbe, die den Schmuck der Hallst\u00e4tter am besten zur Geltung kommen lie\u00df. (\u201eDas wei\u00dfe Gold der Kelten\u201c, in: Landesmuseum Herne)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Salz konserviert, nicht nur das, was es konservieren soll. Manchmal ist die Konservierung ein unbeabsichtigter Nebeneffekt, wie ich jetzt in einer Ausstellung eindrucksvoll vor Augen gef\u00fchrt bekam. 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