{"id":8275,"date":"2016-04-06T09:07:16","date_gmt":"2016-04-06T07:07:16","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?p=8275"},"modified":"2020-06-17T18:16:34","modified_gmt":"2020-06-17T16:16:34","slug":"alexander-der-grose","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/pregonero.de\/?p=8275","title":{"rendered":"Alexander der Gro\u00dfe"},"content":{"rendered":"<p>Die Strecke gilt als \u201eleicht\u201c. Aber was ist das schon, ein \u201eleichter\u201c Marathon? Und dann gibt es eben doch diese zwei nickligen Steigungen, und die kommen nat\u00fcrlich, wie immer, zur Unzeit.<\/p>\n<p>Wenn die Strecke leicht ist, dann ist sie aber auch noch was anderes: langweilig. Und h\u00e4sslich noch dazu. Fast die ganze Strecke geht es die Nationalstra\u00dfe entlang. Und dabei passiert man nur einen einzigen Ort. Alles andere ist unbewohntes Industriegel\u00e4nde, grau, schmutzig, leblos. Am Ende ist das vielleicht egal. Wenn die F\u00fc\u00dfe nicht mehr tragen, nutzt auch der sch\u00f6nste Ausblick nichts, kein See, kein Berg, kein Meer.<\/p>\n<p>Mit Bussen werden wir von Thessaloniki nach Pella gekarrt. Immerhin 1800. Da kommen einige Busse zusammen. Auf dem Weg dahin hat es ein L\u00e4ufer so\u00a0 eilig, dass er fast mit einem Radfahrer zusammenst\u00f6\u00dft. Der kommt ohne Licht und mit hoher Geschwindigkeit die Hauptstra\u00dfe hinunter.<\/p>\n<p>Im Bus sitzt ein gespr\u00e4chiger Mann neben mir, Jannis. Er arbeitet in einem Krankenhaus, in der N\u00e4he des Flughafens. Arzt? Nein, Koch! Er hat Spa\u00df an seiner Arbeit, sagt er. Ob meine Studenten w\u00fcssten, dass ich Marathon laufe. Nein, die wissen das nicht.<\/p>\n<p>Es ist sein erster Marathon. Aber er ist hervorragend vorbereitet. Bis zu sechs Mal pro Woche sei er gelaufen. Dabei hat er auch mehrere Strecken von 30 km geschafft. Und zweimal einen Halbmarathon gelaufen, in Kavala und in Philippi. Mit ordentlichen Steigungen. Da sei das hier heute ein Kinderspiel dagegen.<\/p>\n<p>Ob ich auf dem Sportplatz trainiere, will er wissen. Nein, auf der Piste. Im Wald oder am Fluss. Er l\u00e4uft meistens auf dem Sportplatz. Runden. Das sind keine \u03b2\u03cc\u03bb\u03c4\u03b5\u03c2, wie ich meine, sondern \u03b3\u03cd\u03c1\u03bf\u03b9 \u2013 wie beim <em>Gyros<\/em>, beim <em>Girokonto<\/em> oder beim <em>Giro<\/em> <em>d\u2019Italia.<\/em> Und noch was lerne ich dazu: \u03c0\u03c1\u03bf\u03c0\u03cc\u03bd\u03b7\u03c3\u03b7. Das Wort habe ich schon gestern nicht verstanden. Dabei ist die Bedeutung naheliegend: Training.<\/p>\n<p>Er ist ein ganzes St\u00fcck j\u00fcnger als ich. \u00dcberhaupt ist das hier eher eine Veranstaltung f\u00fcr J\u00fcngere. Und f\u00fcr M\u00e4nner. Die Frauen sind deutlich in der Minderzahl. Mein Alter sehe man mir nicht an, meint er. Was kann einem da schon ein Marathon anhaben, wenn der Tag so beginnt, noch vor dem Morgengrauen.<\/p>\n<p>Es ist n\u00e4mlich immer noch dunkel, als wir in Pella ankommen. Als aber der Startschuss f\u00e4llt, ist es hell. Aber bew\u00f6lkt. Eine l\u00fcckenlose Wolkendecke. Wenigstens braucht man heute keine Sonnencreme.<\/p>\n<p>Diesmal achte ich von Beginn an auf die Schmerzen. Schon bei den ersten Schritten tut das Knie weh, aber nach einem Kilometer verabschiedet es sich und meldet sich erst am Ende des Laufs wieder. Dann, nach etwa 13 km, fangen die F\u00fc\u00dfe an, weh zu tun, vor allem die Zehen. Bei der H\u00e4lfte kommen die Oberschenkel dazu, und dann der R\u00fccken, vor allem der untere Teil der Wirbels\u00e4ule. Und dann meldet sich auch noch der Bauch zu Wort. Ich habe viel Wasser getrunken, vielleicht zu viel, auch weil immer so viele freundliche Helfer am Wegesrand stehen. Und am Tag zuvor fast ungewollt zwei Kaffee getrunken, am Vormittag, und die waren beide so stark, dass sie mir sogar ein paar Stunden Schlaf geraubt haben.<\/p>\n<p>Ich schlie\u00dfe zu drei jungen M\u00e4nnern auf, und einer von ihnen fragt: \u201eBelgien?\u201c Nein, nicht ganz, aber die Richtung stimmt. Wir kommen ins Gespr\u00e4ch. Der in der Mitte l\u00e4uft seinen ersten Marathon, die beiden anderen, \u03c4\u03b1 \u03c0\u03b1\u03b9\u03b4\u03b9\u03ac, haben ihn in die Mitte genommen. Sie witzeln herum \u00fcber die Troika und \u00fcber den Marathon, und ich lache mit ihnen. Der erste fragt mich, ob ich Deutsch-Grieche sei. Das hat mir noch nie jemand gesagt. Ich f\u00fchle mich geschmeichelt. Und der andere Begleiter, der links, kommt auf mich zu und will mir sein griechisches Kopftuch geben. Ein Geschenk. Die Griechen k\u00f6nnen umwerfend sein! Aber auch Stinkstiefel. Ich wei\u00df nicht recht, wie ich meine Freude aussprechen soll, aber einer von ihnen merkt, dass ich jetzt mit dem Kopftuch nicht so viel anfangen kann, und wir einigen uns auf \u201esp\u00e4ter\u201c. Dann aber komme ich nicht mit. Ich habe sie noch lange im Blick, aber dann verschwinden sie.<\/p>\n<p>Ich habe mir vorgenommen, wenigstens bis zur H\u00e4lfte durchzulaufen. Das klappt auch. Dann nehme ich mir die 25 vor. Auch das klappt. Inzwischen ist das Feld, hier bei uns langsamen L\u00e4ufern, weit auseinandergezogen. Manchmal ist man ganz alleine, dann wieder trifft man auf andere, einzelne L\u00e4ufer. Die meisten laufen schon gar nicht mehr. Es ist verlockend, es ihnen gleich zu tun, aber ich bei\u00dfe mir auf die Z\u00e4hne und laufe weiter, bis 28, dann bis 30. Aber 32 h\u00f6rt sich besser an, und ich versuche es weiter, aber es geht einfach nicht mehr. Und jetzt geht auf einmal gar nichts mehr. Ich sp\u00fcre nur noch den schmerzenden K\u00f6rper und kann auch schon gar keine zusammenh\u00e4ngenden Gedanken mehr denken. Nur noch Ersch\u00f6pfung, Leere, Verzagtheit.<\/p>\n<p>Hin und wieder stehen jetzt doch Menschen vor ihren H\u00e4usern oder auf Balkonen und feuern uns an. Dann laufe ich mal wieder ein paar Meter, aber die meiste Zeit gehe ich. Jetzt kommt noch der raue Asphalt dazu, den man durch die Schuhsohlen sp\u00fcrt, bei jedem Schritt.<\/p>\n<p>Mir kommt das Unverst\u00e4ndnis in den Sinn, mit dem die griechischen Freunde auf mein Vorhaben reagiert haben, einen Marathon zu laufen: \u201eWas, von Pella aus? Bis nach Thessaloniki?\u201c Sie halten das f\u00fcr ziemlich verr\u00fcckt. Und da haben sie nicht ganz unrecht. Ich k\u00f6nnte jetzt f\u00fcnf Stunden im Bett liegen, f\u00fcnf Stunden Griechisch lernen oder f\u00fcnf Stunden in einer Taverne sitzen. Und ich w\u00fcnsche mir sehnlichst, ich h\u00e4tte mich f\u00fcr eine dieser Alternativen entschieden.<\/p>\n<p>Sieben Kilometer vor dem Ziel sto\u00dfe ich auf eine junge Frau, mit Kopfh\u00f6rer und einem watschelnden Laufstil. Unsere Blicke treffen sich, wir l\u00e4cheln uns an und ich frage sie, wie es denn gehe. \u039c\u03b9\u03b1 \u03c7\u03b1\u03c1\u03ac, sagt sie, ausgezeichnet. Und tats\u00e4chlich. Locker l\u00e4uft sie weiter, immer watschelnd, nur ein ganz klein bisschen schneller als ich, aber sie kommt weiter und entschwindet dann ganz meinen Blicken.<\/p>\n<p>Unter den L\u00e4ufern ist auch ein junger Mann mit Gehbehinderung. Ich denke erst, er habe eine Verletzung. Und das denken wohl auch die Sanit\u00e4ter, die fragen, ob sie ihn behandeln sollen, aber er winkt leicht ver\u00e4rgert ab. Es ist keine Verletzung. Er hinkt. Immer wieder rafft er sich auf, obwohl er mit den Kr\u00e4ften ziemlich am Ende zu sein scheint. Eine tolle Willensleistung. Ich stelle mir vor, wie er gegen alle Einw\u00e4nde, gegen alle Hindernisse, gegen die Blicke von uns allen, diesen Kraftakt hinter sich bringt. Ich bin ger\u00fchrt. Fast zu Tr\u00e4nen ger\u00fchrt.<\/p>\n<p>Jetzt, am Ende, kommt die Solidarit\u00e4t unter uns L\u00e4ufern, unter den schwachen L\u00e4ufern, immer mehr ins Spiel. Immer wieder wird man mitgezogen: \u03a0\u03ac\u03bc\u03b5! Und das hilft. Ein paar hundert Meter l\u00e4uft man dann zusammen, vielleicht einen Kilometer, und muntert sich gegenseitig auf: Wir schaffen das!<\/p>\n<p>Dann kommt das Meer in Sicht. Endlich! Jetzt beginnt der sch\u00f6nste Teil der Strecke, und man entwickelt noch einmal neue Kr\u00e4fte. Unglaublich. Die letzten zwei, drei Kilometer gehen wieder gut.<\/p>\n<p>Wir treffen auf die gro\u00dfe Gruppe der 5000-Meter-L\u00e4ufer. Mit ihnen zusammen geht es Richtung Ziel. Die Marathonl\u00e4ufer sind an der Startnummer zu erkennen und haben eine eigene Spur und werden ganz besonders angefeuert: \u201eGleich geschafft\u201c, \u201eToll gemacht\u201c, \u201eNur noch zweihundert Meter!\u201c. Und die schafft man dann auch noch.<\/p>\n<p>Alexander der Gro\u00dfe ist \u00fcbrigens der Name des Marathons.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Strecke gilt als \u201eleicht\u201c. Aber was ist das schon, ein \u201eleichter\u201c Marathon? Und dann gibt es eben doch diese zwei nickligen Steigungen, und die kommen nat\u00fcrlich, wie immer, zur Unzeit. Wenn die Strecke leicht ist, dann ist sie aber &hellip; <a href=\"http:\/\/pregonero.de\/?p=8275\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[52],"tags":[2239,21,2238,2237],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8275"}],"collection":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8275"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8275\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8279,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8275\/revisions\/8279"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8275"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8275"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/pregonero.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8275"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}