{"id":8759,"date":"2016-12-04T17:09:46","date_gmt":"2016-12-04T16:09:46","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?p=8759"},"modified":"2020-06-17T14:52:09","modified_gmt":"2020-06-17T12:52:09","slug":"gar-nicht-mal-so-neu","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/pregonero.de\/?p=8759","title":{"rendered":"Gar nicht mal so neu"},"content":{"rendered":"<p>Ein Sprachwissenschaftler behauptet, die deutsche Umgangssprache habe sich in den letzten Jahrzehnten rasant ver\u00e4ndert. Das bezweifle niemand mehr. Wirklich nicht? Warum soll sich die Umgangssprache in den letzten Jahrzehnten mehr ver\u00e4ndert haben als zuvor? Und was ist der Beleg daf\u00fcr? Seine Belege bezieht der Professor aus der pers\u00f6nlichen Beobachtung von Fernsehserien und Talkshows. Keine sehr verl\u00e4ssliche Quelle, keine sehr verl\u00e4ssliche Methode. Und die Ergebnisse, die er pr\u00e4sentiert, best\u00e4tigen die Zweifel: Es wird konstatiert, die grammatischen F\u00e4lle gerieten durcheinander oder gingen gleich ganz verloren. Es wird konstatiert, der Artikel falle zunehmend weg. Es wird konstatiert, das Verb <em>machen <\/em>werde als Allzweckwaffe eingesetzt und verdr\u00e4nge jede differenziertere Ausdrucksweise. Aber woher wollen wir wissen, dass das eine neue Erscheinung ist? Ganz \u00e4hnliche Entwicklungen konstatierten schon unsere Lehrer in der damaligen Volksschule. Woher will der Professor wissen, dass das, was er konstatiert, keinen radikalen Sprachwandel darstellt, sondern einen Wandel im \u00f6ffentlichen Gebrauch von Sprache, der Tatsache, dass mehr und mehr \u201enormale\u201c Menschen die Medien f\u00fcr einen Auftritt nutzen k\u00f6nnen und dass in Fernsehserien die Sprache der breiten Mehrheit einfach mehr Platz findet? Der Verlust des Genitivs wird schon immer beklagt, aber er ist immer noch da. Und woher wei\u00df der Professor, dass seine eigene Wahrnehmung nicht selektiv ist? Dass die deutsche Sprache sich wandelt, ist nichts Neues. Dass sich dabei ein gradueller \u00dcbergang von einem st\u00e4rker synthetischen Satzbau zu einem st\u00e4rker analytischen Satzbau vollzieht (was sich etwa durch den Ersatz von F\u00e4llen durch pr\u00e4positionale F\u00fcgungen ausdr\u00fcckt), ist auch oft beobachtet worden. Aber das ist ein langsamer, schleichender Vorgang, ein Vorgang, der nicht alle Sprecher in allen Sprechsituationen in gleicher Weise erreicht. Sprache, bei allen Ver\u00e4nderungen, ist im Wesentlichen ein stabiles System. Sonst w\u00e4re Kommunikation gar nicht m\u00f6glich. Und der Professor spricht an keiner Stelle davon, er habe die Beitr\u00e4ge in den Fernsehserien und den Talkshows nicht verstanden. Dass das gesprochene Deutsch noch nie so weit von der Schulgrammtik entfernt sei wie heute ist jedenfalls bl\u00fchender Unsinn. Und das sich erst jetzt eine &#8220;Diglossie&#8221; herausbilde, dass erst jetzt &#8220;anders gesprochen als geschrieben werde&#8221; ebenfalls. Seit eh und je glauben Sprecher, ihre Sprache ver\u00e4ndere sich gerade zu ihrer Zeit besonders rasant. Schon deshalb steht eine solche Annahme auf schwachen F\u00fc\u00dfen, auch wenn sie von einem Sprachwissenschaftler kommt. (Hinrichs, Uwe: \u201eDie deutsche Sprache wirft ihren Ballast ab\u201c, in: <em>Die Zeit<\/em> 16\/2016: 50)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Sprachwissenschaftler behauptet, die deutsche Umgangssprache habe sich in den letzten Jahrzehnten rasant ver\u00e4ndert. Das bezweifle niemand mehr. Wirklich nicht? Warum soll sich die Umgangssprache in den letzten Jahrzehnten mehr ver\u00e4ndert haben als zuvor? 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