{"id":9661,"date":"2018-05-04T16:03:57","date_gmt":"2018-05-04T14:03:57","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?p=9661"},"modified":"2018-05-04T16:03:57","modified_gmt":"2018-05-04T14:03:57","slug":"saint-etienne","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/pregonero.de\/?p=9661","title":{"rendered":"Saint \u00c9tienne"},"content":{"rendered":"<p>Ich stehe vor der Kirche in Saint \u00c9tienne Vall\u00e9e Fran\u00e7aise und frage  mich, wie wohl die Kirche von Saint \u00c9tienne Vall\u00e9e Fran\u00e7aise hei\u00dft. Ja,  wie hei\u00dft wohl die Kirche von Saint \u00c9tienne?<\/p>\n<p>Der sch\u00f6nste Teil der Kirche ist der obere, steinsichtige Teil des  Turms. Der muss romanisch sein, quadratisch, breit, gerade abschlie\u00dfend.  Auch alles andere, auch innen, sieht romanisch aus, mit ganz leicht  zugespitzten Rundbogenfenstern und einem Tonnengew\u00f6lbe im Mittelschiff.  Nur die langgezogenen, flachen B\u00f6gen, die das Mittelschiff von den  Seitenschiffen abtrennen, deuten auf den barocken Ausbau hin, den es  laut Inschrift gegeben hat. Offensichtlich hat der was mit dem Widerruf  des Edikts von Nantes zu tun. Was genau verstehe ich nicht. Vermutlich  wurden die Kapellen der Reformierten aufgel\u00f6st oder zerst\u00f6rt und die  Gl\u00e4ubigen zwangskonvertiert. Also wurde eine gr\u00f6\u00dfere Kirche  erforderlich. Die Seitenschiffe wurden hinzugef\u00fcgt, das Mittelschiff  betr\u00e4chtlich verl\u00e4ngert. In der Erkl\u00e4rung hei\u00dft es auch, die Kirche sei  nie von den Protestanten angegriffen worden, ein Zeichen daf\u00fcr, dass sie  auch von ihnen, die hier die Mehrheit waren, geachtet wurde.<\/p>\n<p>An der Stra\u00dfe befindet sich ein Schild, das den Stevenson-Trail  zeigt. Er beginnt in Le Puy-en-Velay und endet in Al\u00e8s. Saint Jean du  Gard ist die zweitletzte Station. Stevenson hat diese gottverlassene  Gegend durchwandert, mit einem Esel als Lastentr\u00e4ger, und hat dar\u00fcber  einen Reisebericht geschrieben. Die Tourismusindustrie der Cevennen  n\u00fctzt das weidlich aus.<\/p>\n<p>In einer der Gassen um die Kirche herum gibt es einen Hinweis auf das  Postamt, ganz versteckt im hinteren Winkel eines Grundst\u00fccks gelegen,  das einen Kinderhort beherbergt. Es ist ge\u00f6ffnet. Die Atmosph\u00e4re ist die  einer deutschen Amtsstube aus den sechziger Jahren. Die einzige Beamtin  sitzt hinter einem Schalter. Es gibt hier nichts zu kaufen au\u00dfer  Briefmarken, und um die geht es mir. Die Beamtin ist sehr freundlich und  spricht so, dass ich sie ohne Probleme verstehen kann. Die Briefmarken  sind, wie fast \u00fcberall, teurer als bei uns.<\/p>\n<p>Es gibt einen kleinen Supermarkt, aber der hat franz\u00f6sische \u00d6ffnungszeiten: <em>Lundi au Samedi de 7h \u00e0 12h30 et de 16h \u00e0 19h30, Dimanche de 7h \u00e0 13h<\/em>. Ich muss warten. In dem einzigen Caf\u00e9 des Ortes mit dem schillernden Namen <em>Un dimanche \u00e0 la campagne<\/em> bestelle ich einen Kaffee. Ich frage, ob es <em>caf\u00e9 au lait<\/em> gebe, und bekomme, obwohl das bejaht wird, dann einen <em>caf\u00e9 longue,<\/em> zu dem es etwas kalte Milch gibt. Nicht genau das, was ich erhofft  hatte, aber wenigstens kann man sich hier aufw\u00e4rmen. Und der Kaffee ist  unschlagbar g\u00fcnstig: 1,50 \u20ac.<\/p>\n<p>Wir haben gestern noch \u00fcber die N\u00e4he vom Franz\u00f6sischen zum Italienischen gesprochen, und mir f\u00e4llt jetzt das Wort f\u00fcr <em>billig<\/em> ein. Im Spanischen gibt es eine einfache Entsprechung, <em>barato<\/em>. Dagegen im Italienischen und im Franz\u00f6sischen <em>a buen mercato<\/em> und <em>bon march\u00e9<\/em>.<\/p>\n<p>Ich bin der einzige Gast. Die Toilette ist drau\u00dfen auf dem Hof. Kein  Klodeckel, aber immerhin Wasser. Der Weg f\u00fchrt vorbei an einer Art  K\u00fcche, wo Ingredienzen f\u00fcr Speisen herumliegen, die hier wohl am Abend  serviert werden, vermutlich Burger.<\/p>\n<p>Als ich wieder ins Caf\u00e9 komme, sind vier weitere G\u00e4ste eingetroffen.  Die stehen an der Theke und \u00fcberlegen, was sie bestellen sollen. Dann  entscheiden sie sich: dreimal wei\u00df, einmal rot.<\/p>\n<p>An der Wand h\u00e4ngen zwei R\u00e4der eines alten Pferdewagens, deren  Speichen als Aufbewahrungsort f\u00fcr Zigaretten dienen. Davor stehen ein  Glas mit Korken von Weinflaschen und ein Becher mit Zuckert\u00fctchen.  Weiter hinten steht der ausrangierte Teil einer Zapfanlage, darauf eine  W\u00fcrstchenzange und ein Putzmittel. \u00dcber der Theke ein Neonschild mit  Bierreklame, und daneben ein Schwarz-Wei\u00df-Photo, auf dem der Wirt vor  der Theke posiert. Im hinteren Teil des Raums eine zusammengeklappte  Stehleiter und eine Tiefk\u00fchltruhe mit den Emblem des franz\u00f6sischen  \u00c4quivalents von <em>Langnese<\/em>. An der gegen\u00fcberliegenden Wand ein  Fernseher, in dem Kloppo auf Englisch den Sieg seiner Mannschaft \u00fcber  Manchester City erkl\u00e4rt. Darunter eine alte, br\u00e4unliche Landkarte der  Gegend, in der noch in altert\u00fcmlicher Schreibweise von den <em>Sevenes<\/em> die Rede ist. Auf dem Tisch eine verstaubte Messingschachtel  unbekannten Inhalts und eine Pappschachtel mit Spielkarten. In der Ecke  ein vertrockneter Baumstamm als Schmuckelement, und am Ausgang ein  runder Apparat, an dem man sich f\u00fcr einen Euro N\u00fcsse oder Mandeln ziehen  kann.<\/p>\n<p>Der Boden ist belegt mit einem abgenutzten, roten Teppichboden, auf  dem ein Ensemble unterschiedlicher Sessel und St\u00fchle stehen. Noch bunter  ist die Mischung aus Lampen an W\u00e4nden und Decken. Eine davon gibt in  diesem Moment den Geist auf. Neben ihr lugt ein Elektrokabel aus der  Decke. Ich verlasse das Caf\u00e9 und bedauere, dass ich nicht zeichnen kann.<\/p>\n<p>Neben dem Caf\u00e9 steht auf einem Parkplatz eine bunt bemalte Ente mit dem Motto <em>All you need is love <\/em>zwischen  Blumen auf dem Heck. Es gibt sie also noch. Auf der anderen Seite des  Caf\u00e9s stehen zwei vorsintflutlich aussehende Zapfs\u00e4ulen. Ob sie noch in  Betrieb sind?<\/p>\n<p>Jetzt hat das Gesch\u00e4ft auf. Es gibt frisches Obst und Gem\u00fcse und  ansonsten alles, was man so braucht, wenn auch in bescheidener Auswahl.  An der Theke liegt bei Brot und Backwaren eine Art Stange. Ich erfahre,  dass es ein <em>sacristain aux amandes<\/em> ist, ein Geb\u00e4ck, eine regionale Spezialit\u00e4t. Als ich gerade \u00fcberlege, wie man wohl <em>Bon<\/em> auf Franz\u00f6sisch sagt, kommt mir die Verk\u00e4uferin zuvor, die meinen  verwirrten Blick richtig deutet und fragt: \u201eTicket?\u201c Im Franz\u00f6sischen  gibt es ein englisches Lehnwort, wo wir ein franz\u00f6sisches haben (das  aber aus unerfindlichen Gr\u00fcnden in letzter Zeit dem <em>Zettel<\/em> weichen muss).<\/p>\n<p>In einem immer geschlossenen Gesch\u00e4ft stehen im Schaufenster lokale  Spezialit\u00e4ten, vor allem Konfit\u00fcre. Aus Feigen, Zwiebeln und, nat\u00fcrlich,  Kastanien.<\/p>\n<p>Auf dem Weg in den Ort hinunter bin ich an verschiedenen vereinzelt  gelegenen Geh\u00f6ften vorbeigekommen. An einem weist ein Schild darauf hin,  dass die Hunde friedfertig sind. Man wird aber gebeten, sie auf den Hof  zur\u00fcckzuscheuchen, damit sie einem nicht nachlaufen: <em>Promeneurs: Chiens gentils, mais repoussez-les pour qu\u2019ils ne vous suivent pas. Merci.<\/em> Scheinen kontaktfreudige Hunde zu sein. Jedenfalls mache ich diese  Erfahrung auf dem R\u00fcckweg. Zwei m\u00e4chtige Hunde h\u00e4ngen sich an mich und  begleiten mich bis ans Ziel. Er erfordert einige Telefonate und die  Einschaltung des Rathauses, um einen von ihnen wieder zu seinem Herrchen  zu bringen. Der ist dankbar, betont aber, dass es sich nicht um zwei  Deutsche Sch\u00e4ferhunde handelt, sondern um einen Deutschen Sch\u00e4ferhund  und einen Schweizer Sch\u00e4ferhund.<\/p>\n<p>Besonders sch\u00f6n auf dem Weg sind die Mauern am Wegesrand, in fr\u00fcheren  Zeiten von unendlich flei\u00dfigen H\u00e4nden errichtet, um die Gegend  bewirtschaften zu k\u00f6nnen. Zwischen den flach \u00fcbereinanderliegenden,  moosbewachsenen Schieferplatten findet sich immer wieder ein farbig  schimmernder Granitbrocken, eigentlich der Statik geschuldet, aber auch  was f\u00fcrs Auge. An verschiedenen Stellen tr\u00f6pfelt Wasser zwischen den  Schieferplatten hervor. An anderen Stellen trifft man immer wieder auf  kleinere Wasserf\u00e4lle. Solche Mauern hei\u00dfen, wie ich jetzt erfahre, im  lokalen Dialekt <em>bancels<\/em>, und es gibt in der N\u00e4he auch einen Ort, der <em>Les Bancels<\/em> hei\u00dft.<\/p>\n<p>An einem Abhang steht ein offener, herrenloser Jeep, der so aussieht,  als w\u00fcrde er im n\u00e4chsten Moment den Hang hinunterrollen. Wer ihn warum  hierhergestellt hat, bleibt offen.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg h\u00e4lt ein Auto im Regen neben mir. Der Fahrer fragt  freundlich, ob er mich mitnehmen k\u00f6nne. Ich schaffe es so gerade, ihm zu  bedeuten, dass ich absichtlich zu Fu\u00df gehe und kriege dann gerade noch,  bevor er die Scheibe hochkurbelt, ein \u201eVous \u00eates tr\u00e8s gentil\u201c hin.<\/p>\n<p>Von unten, vom Dorf aus, hat man einen sch\u00f6nen Blick auf die Berge  mit dunklen und hellen Wolken, zwischen denen der eine oder andere  Sonnenstrahl hervorkommt. Ein fast mystisches Bild. Es entsch\u00e4digt ein  bisschen f\u00fcr die K\u00e4lte und den Regen. Beides hatten wir Mitte April  hier, in den Cevennen, nicht mehr auf der Rechnung gehabt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich stehe vor der Kirche in Saint \u00c9tienne Vall\u00e9e Fran\u00e7aise und frage mich, wie wohl die Kirche von Saint \u00c9tienne Vall\u00e9e Fran\u00e7aise hei\u00dft. Ja, wie hei\u00dft wohl die Kirche von Saint \u00c9tienne? 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