{"id":9755,"date":"2018-06-05T12:11:43","date_gmt":"2018-06-05T10:11:43","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?p=9755"},"modified":"2018-06-19T07:15:49","modified_gmt":"2018-06-19T05:15:49","slug":"minden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/pregonero.de\/?p=9755","title":{"rendered":"Minden"},"content":{"rendered":"<p>Was mich neugierig gemacht hatte: die Schiffsm\u00fchle. Ich hatte keine Ahnung, was das war. Aber Minden hat eine. Eine nachgebaute. Die letzte echte Schiffsm\u00fchle hatte Anfang des 20. Jahrhunderts den Betrieb eingestellt. Aber was war eine Schiffsm\u00fchle? Worauf bezieht sich der Wortteil <em>Schiff<\/em>? Das erf\u00e4hrt man bei der Besichtigung der Schiffsm\u00fchle: Eine Schiffsm\u00fchle ist eine M\u00fchle, die sich auf dem Schiff befindet. So kommt die M\u00fchle zum Bauern und nicht der Bauer zur M\u00fchle. Die Schiffsm\u00fchle verrichtet ihre Arbeit an einer Stelle und macht sich dann auf den Weg zum n\u00e4chsten Halt. So erkl\u00e4rt es uns ein junger Mann, der durch die M\u00fchle f\u00fchrt. Die vielen technischen Details rauschen \u00fcber die K\u00f6pfe seiner Zuh\u00f6rer hinweg, aber sein Enthusiasmus ist einfach gewinnend. Er wirft die M\u00fchle eigens f\u00fcr uns an. Roggen wird hier gemahlen. Er kommt als ganz feiner Staub unten in dem Beutel an. Das Mehl kann feiner oder gr\u00f6ber gemahlen werden, je nachdem, wie eng die beiden M\u00fchlsteine aufeinander reiben. In den Schiffsm\u00fchlen wurde nicht nur Mehl gemahlen, auch Steine, die f\u00fcr den Bau zerkleinert wurden, landeten hier.<\/p>\n<p>Die Schiffsm\u00fchle liegt an der Weser, nur ein paar Schritte vom Zentrum entfernt. Die Weser sieht wie ein richtiger Fluss aus, ist nicht kanalisiert. Und die Wege sind fast auf dem gleichen Niveau wie die Wasseroberfl\u00e4che. Das ganze Gel\u00e4nde entlang der Weser ist voller B\u00e4ume, und dann taucht auch noch das auf, was man jetzt am dringlichsten ben\u00f6tigt: ein Caf\u00e9, mit Sitzpl\u00e4tzen drau\u00dfen.<\/p>\n<p>Vorher war ich in der Innenstadt gewesen. Auf dem sch\u00f6nen Marktplatz ein besonders pr\u00e4chtiges Haus im Stile der Weserrenaissance und ein besonders sch\u00f6nes Haus im Stile des Historizismus. Darin war eine alte Apotheke, und man sieht von au\u00dfen noch die Regale und Schubladen mit Messingbeschl\u00e4gen und Keramikschildern. Jetzt ist da ein Konfektionsgesch\u00e4ft drin. Schrecklich!<\/p>\n<p>In den anderen Stra\u00dfen weitere H\u00e4user im Stile der Weserrenaissance, von denen mehrere renoviert werden und nicht sichtbar sind. Ein besonders sch\u00f6nes Exemplar steht am Ende des Scharn, mit rechteckigen Fenstern in den Obergeschossen und rundbogigen Fenstern in den Giebelgeschossen. Vorgestellte S\u00e4ulen teilen die Fassade in sechs Achsen, wobei die oberste S\u00e4ule ein Fenster halbiert. Auf den Giebelkanten hocken nackte Gestalten.<\/p>\n<p>\u00dcber die ganze Stadt verteilt moderne Skulpturen, meist ebenerdig: ein Junge, der aus seinem Mund in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden Wasser in den Brunnen vor ihm spuckt; der <em>Mindener Buttjer<\/em>, eine Art Stra\u00dfenjunge, barfu\u00df, M\u00fctze, H\u00e4nde in den Taschen, Schl\u00e4germ\u00fctze, Kopf schr\u00e4g; und eine Statue von drei Figuren, fast ineinander verschlungen, mit einfachen, glatten, reduzierten Formen, die aber durch Gestik und Haltung als Vater, Mutter und Kind erkennbar sind. Sch\u00f6n.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he des Buttjer ein Gesch\u00e4ft mit dem Namen <em>Shirtladen<\/em>. Man h\u00f6rt f\u00f6rmlich die entsetzten Proteste der Sprachpuristen. Aber es ist nichts anderes als <em>Regierungsbildung<\/em>. Dar\u00fcber regt sich keiner auf.<\/p>\n<p>An verschiedenen Stellen sieht man Firmennamen in antiquierter Schreibweise: <em>Crane-Optic, Mindener Tageblatt.<\/em><\/p>\n<p>Ohne zu suchen finde ich auch eine Reihe von kuriosen Shop Names: <em>Haarmonie, Sch\u00f6ne Aussischten (Landschaftsarchitekt), \u00dcberschaubar, B\u00fccherwurm, Das kleine Schwarze <\/em>(mit einer Dependance f\u00fcr Dessous, die <em>Na und<\/em>? hei\u00dft).<\/p>\n<p>Im Dom halte ich mich nur kurz auf. Erstaunlich der Kontrast zwischen dem sehr dunklen Chor und dem sehr hellen Hauptraum. Im n\u00f6rdlichen Seitenschiff eine bemerkenswerte Skulptur, die Erweiterung des Motivs der <em>Anna Selbdritt <\/em>um Annas Mutter, der legend\u00e4ren Emerentia. Hatte ich noch nie gesehen und noch nie von geh\u00f6rt. Die Figur hier ist vermutlich der Rest eines Schnitzaltars. Leider ist das Jesuskind verloren gegangen. So wird die Figur ihrem Namen <em>Emerentia Selbviert<\/em> nicht ganz gerecht.<\/p>\n<p>An der Westwand liest man die Geschichte eines Menschen, der sein Kreuz loswerden will und sich ein anderes sucht. Erst f\u00e4llt ihm eins ins Auge, das sch\u00f6n und gl\u00e4nzend ist, aber es stellt sich heraus, dass es aus Metall und viel zu schwer f\u00fcr ihn ist. Dann sieht er ein anderes, das leichter aussieht, aber als er es schultert, merkt er, dass N\u00e4gel aus dem Balken heraustreten, die sich ihm in die Schulter bohren. Die Suche geht immer weiter. Am Ende findet er eins, das passt. Als er es ansieht, merkt er, dass es sein eigenes Kreuz ist, das, das er loswerden wollte. Eine etwas simple Geschichte, aber sie verfehlt ihre Wirkung nicht.<\/p>\n<p>Gleich am Morgen, genau zur richtigen Tageszeit, war ich in St. Martini gelandet. Zuf\u00e4llig. Die Stiftsallee hatte mich vom Hotel aus direkt auf das Stift hin gef\u00fchrt. Das ehemalige Stift, m\u00fcsste es hei\u00dfen. Es herrscht herrlicher Sonnenschein, und die einfachen, aber sch\u00f6nen Buntglasfenster kommen voll zur Wirkung. Die geometrischen Muster spiegeln sich auf dem Fu\u00dfboden und auf den massiven Pfeilern.<\/p>\n<p>Die Kirche hat keinen Turm. Der ist irgendwann, im Mittelalter, eingest\u00fcrzt, dann neu gebaut worden und wieder eingest\u00fcrzt, bis man es aufgegeben hat.<\/p>\n<p>Die Kirche ist, typisch Westfalen, im Laufe ihrer Geschichte in eine Hallenkirche verwandelt worden, genauso wie der Dom. Sie sieht aber von au\u00dfen ganz anders aus, geradezu &#8220;normal&#8221; im Vergleich zu dem Dom mit seiner ganz merkw\u00fcrdigen Fassade mit dem Querriegel und den turmartigen oberen Geschoss. Im Norden sieht man an der Martinikirche auch die vor das Dach gesetzten Giebel, wie ich sie von fr\u00fcher aus dieser Gegend in Erinnerung habe.<\/p>\n<p>Die Kirche hat ein paar sehenswerte Ausstattungsst\u00fccke, und man kann sich alles aus der N\u00e4he ansehen, auch, was im Chor steht. Keine Alarmanlage, keine Verbotsschilder. Und ich bin ganz alleine. Es muss nicht immer der Louvre sein.<\/p>\n<p>Vorne im Chor steht ein sehr sch\u00f6n verziertes, oben spitz zulaufendes Ger\u00e4t aus Messing (XV). Auch beim zweiten Hinsehen kommt man nicht darauf, was es ist: ein Taufbecken. Der Unterbau hat eine eigenwillige Form mit Balusters\u00e4ulchen und der Oberbau h\u00e4ngt an einem schwenkbaren Kranarm!<\/p>\n<p>Das Chorgest\u00fchl ist eigentlich einfach, aber am hinteren Ende ist es bekr\u00f6nt von zwei gefesselten Drachen links und zwei gefesselten Nash\u00f6rnern rechts. Ein Nashorn in der Kirche! Ein sch\u00f6nes Photomotiv. Die beiden Tiere stehen f\u00fcr Zorn und Zwietracht, und die Fesseln daf\u00fcr, wie man sie in den Griff bekommt.<\/p>\n<p>Das auff\u00e4lligste Ausstattungsst\u00fcck ist die Kanzel, farbig gefasst, mit gemalter Holzmaserung und Marmorierung, mit allerlei Schnitzereien am Aufgang, am Kanzelkorb und am Schalldeckel. Den Schnitzereien liegt ein aufw\u00e4ndiges Programm zugrunde, das ich aber nicht ganz verstehe. Es hei\u00dft, man m\u00fcsse die Kanzel von unten nach oben lesen. Das Programm erkl\u00e4rt auch die Anwesenheit von vier barbusigen, die dem Betrachter ihre Brust entgegenstrecken. Es m\u00fcssen Sirenen sein oder Meerjungfern, und die entsteigen den Wellen unter ihnen und verbinden die heidnische Welt mit der christlich gepr\u00e4gten Welt weiter oben. So \u00e4hnlich. Auf dem Schalldeckel oben thront der triumphierende Christus, und er ist mit vier von Engeln verzierten B\u00f6gen mit vier Frauengestalten verbunden, die vier Tugenden repr\u00e4sentieren: Weisheit (mit Doppelgesicht), Gerechtigkeit (mit Reichsapfel), Liebe (mit trinkendem Kind an der Brust), Hoffnung (als T\u00e4nzerin dargestellt). Leider kann man von unten nicht alle Details gut erkennen, und man m\u00f6chte gerne noch mehr \u00fcber die allegorische Sprache wissen: Warum verk\u00f6rpert das Doppelgesicht die Weisheit?<\/p>\n<p>Als ich sp\u00e4ter in der Innenstadt nach der Alten M\u00fcnze frage, muss ich erstaunt feststellen, dass kein Mensch sie kennt, auch nicht die Stra\u00dfe, an der sie liegt. Am Ende stellt sich heraus, dass sie gleich hinter St. Martini liegt. Eine Verk\u00e4uferin aus einem Laden der Alten M\u00fcnze gegen\u00fcber kann es kaum fassen: In Minden muss doch jeder die Alte M\u00fcnze kennen. Es ist ein Quaderbau aus dem Hochmittelalter, wohl der \u00e4lteste Profanbau der Stadt, und hat eine sch\u00f6n gestaltete Fassade. Der Name deutet darauf hin, dass Minden tats\u00e4chlich fr\u00fcher das M\u00fcnzrecht gehabt hat. Heute beherbergt das Haus ein Restaurant, aber nicht deutsche Hausmannskost, sondern griechische!<\/p>\n<p>Das ganze Viertel hier oben ist ausgesprochen sehenswert, mit schief stehenden Fachwerkh\u00e4usern an gekr\u00fcmmten Gassen. Es hat etwas Heimeliges. In einem der Fachwerkh\u00e4user ist auch das Stadtmuseum. Das wird auf dem Programm stehen, wenn es das n\u00e4chste Mal nach Minden geht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was mich neugierig gemacht hatte: die Schiffsm\u00fchle. Ich hatte keine Ahnung, was das war. Aber Minden hat eine. Eine nachgebaute. Die letzte echte Schiffsm\u00fchle hatte Anfang des 20. Jahrhunderts den Betrieb eingestellt. Aber was war eine Schiffsm\u00fchle? 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