{"id":9841,"date":"2018-08-08T09:44:00","date_gmt":"2018-08-08T07:44:00","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?p=9841"},"modified":"2023-06-08T08:56:20","modified_gmt":"2023-06-08T06:56:20","slug":"halewi-marx","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/pregonero.de\/?p=9841","title":{"rendered":"Halewi Marx"},"content":{"rendered":"\n\n\n<p>1418 wurden die Juden vom Erzbischof aus Trier ausgewiesen. Viele lie\u00dfen sich in den D\u00f6rfern der Umgebung, z.B. in Aach nieder. Ab 1620 wurden Juden wieder zugelassen, aber diesmal wurde ihnen nicht mehr der alte privilegierte Standort am Hauptmarkt zugewiesen, zentral gelegen, mit eigener Gerichtsbarkeit, sondern einer an der Weberbach, im Viertel der Tuchweber und Gerber, das wegen des Geruchs und wegen des Schmutzes nicht besonders angesehen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Der j\u00fcdische Friedhof Weidegasse ist nicht der \u00e4lteste j\u00fcdische Friedhof Triers. Der \u00e4lteste befand sich in der N\u00e4he der alten Synagoge, an der <em>J\u00fcdemer<\/em> <em>Stra\u00dfe<\/em>. Der Name ist Programm: <em>J\u00fcdemer<\/em> bedeutet \u201aJudenmauer\u2018!&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die j\u00fcdischen Friedh\u00f6fe lagen, wie die r\u00f6mischen, immer au\u00dferhalb der Stadtmauern. Der Friedhof an der J\u00fcdemer Stra\u00dfe wurde geschleift, als die Juden vom Bischof aus Trier vertrieben wurden. Der hatte, wie es hei\u00dft, rein \u201eideologische Gr\u00fcnde\u201c. Die Juden hatten einfach nicht die richtige Religion.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Boden dieses alten j\u00fcdischen Friedhofs entstand ein christliches Kloster. Von dem ist heute nur noch die Augustinerkirche erhalten. Bei den Ausgrabungen f\u00fcr die Viehmarktthermen kamen dann j\u00fcdische Grabsteine zum Vorschein. Die Christen hatten sie als Spolien f\u00fcr ihre Bauten benutzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der j\u00fcdische Friedhof Weidegasse stammt aus der Zeit, als die Juden wieder zugelassen wurden. Der \u00e4lteste Grabstein stammt von 1686, der letzte von 1922. Insgesamt sind heute noch 547 Grabsteine sichtbar. Dieser Friedhof wurde dann geschlossen \u2013 wegen \u00dcberf\u00fcllung. Der Grund war die Spanische Grippe. Die hatte ihren Tribut gefordert und war daf\u00fcr verantwortlich, dass sogar die Gehwege zwischen den Gr\u00e4bern belegt wurden. Die j\u00fcdische Gemeinde kaufte dann ein kleines Areal auf dem St\u00e4dtischen Friedhof an der Paulinstra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Nazizeit blieb der alte j\u00fcdische Friedhof unversehrt. Nach dem Krieg wurde die Umfassungsmauer erh\u00f6ht. Trotzdem kam es zu Friedhofssch\u00e4ndungen, mit antisemitischen Parolen an der Friedhofsmauer und besch\u00e4digten oder umgeworfenen Grabsteinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man durch das Tor in der Begrenzungsmauer tritt, erkennt man sofort die Zweiteilung des Friedhofs: links traditionellere Gr\u00e4ber, rechts neuere, die der assimilierten Juden. \u00dcberall wachsen Gr\u00e4ser und Bodendecker, die sich teils der Grabsteine bem\u00e4chtigt haben. Einige verschwinden komplett unter ihnen. Das entspricht der j\u00fcdischen Tradition.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bestattung findet bei den Juden so bald wie m\u00f6glich statt: am Morgen gestorben, am Nachmittag beerdigt. Das wird auf die Zeit des Auszugs aus \u00c4gypten zur\u00fcckgef\u00fchrt. Da habe man immer weiter gehen m\u00fcssen und habe sich nicht aufhalten k\u00f6nnen, wenn jemand starb. Man grub ein Loch, bestattete den Toten in einfachen Kleidern und legte einen Stein auf die Grabstelle. Daher soll die Tradition stammen, dass Juden noch heute kleine Steinchen auf Grabsteinen deponieren.<\/p>\n\n\n\n<p>An der Erkl\u00e4rung st\u00f6ren mich zwei Dinge: Das schnelle Begr\u00e4bnis gibt es auch bei Muslimen und bei Christen in S\u00fcdeuropa, und die haben keine W\u00fcste durchquert. Vielleicht hat die schnelle Beerdigung eher hygienische Gr\u00fcnde. Au\u00dferdem waren die Juden beim Auszug aus \u00c4gypten ja nicht st\u00e4ndig unterwegs. Schlie\u00dflich haben sie vierzig Jahre f\u00fcr die paar Kilometer gebraucht. Sie waren Nomaden und hielten sich so lange wie m\u00f6glich in den Oasen auf, die sie erreicht hatten. So viel Bock scheinen sie auf das gelobte Land nicht gehabt zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die j\u00fcdischen Frauen werden noch heute, sofern sie gl\u00e4ubig sind, in einfachen Leinent\u00fcchern beerdigt. Die j\u00fcdischen M\u00e4nner im Tallit, dem Gebetsmantel, den sie bei der Bar Mitzwa bekommen. Deshalb muss der so gro\u00df sein! Hab\u2019 ich mich schon immer dr\u00fcber gewundert. Diese ganz einfache Bestattung gibt es noch bei einigen wenigen gesetzesgl\u00e4ubigen Juden, aber die meisten werden jetzt in einem Sarg bestattet. Allerdings ist es weniger ein Sarg im christlichen Sinne als eine einfache Holzkiste. So ist es auch hier auf dem Friedhof.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gr\u00e4ber hatten urspr\u00fcnglich Grabeinfassungen, die hier aber nicht mehr vorhanden sind. Sie verhinderten das Betreten des Grabs und hatten keinen Blumenschmuck. Die Grabsteine lie\u00df man verwittern und auch dann liegen, wenn sie umgest\u00fcrzt waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Was man als Laie nicht ohne weiteres erkennen w\u00fcrde, ist die Bedeutung der Embleme auf den Grabsteinen, obwohl sie sich sofort erschlie\u00dfen, wenn man die Erkl\u00e4rung h\u00f6rt: eine abgebrochene Stele (als Symbol f\u00fcr ein zu fr\u00fch zu Ende gegangenes Leben), eine nach unten gerichtete Fackel, eine Mohnkapsel (f\u00fcr eine Droge, die einen in tiefen Schlaf versetzt). Auf einem Grabstein ist das \u201eAuge Gottes\u201c angebracht, ein von einem Strahlenkranz umgebenes Auge, von einem Dreieck umschlossen, ein urspr\u00fcnglich christliches Symbol, aber auch ein Symbol, das die Freimaurer verwandten.<\/p>\n\n\n\n<p>Im strengeren Sinne j\u00fcdische Symbole sind die geschwungene Thora-Rolle, die einige Grabsteine bekr\u00f6nt, sowie die betenden H\u00e4nde, die Wasserkr\u00fcge und das Messer. Die betenden H\u00e4nde sind das Kennzeichen der Rabbiner. Das sind keine Geistlichen. Sie k\u00f6nnen zwar einen Gottesdienst in der Synagoge leiten, aber das kann jeder erwachsene Mann. Die Rabbiner sind Rechtsgelehrte, Experten. Die segnenden H\u00e4nde, mit gespreiztem Mittel- und Ringfinger, f\u00fchren den aaronitischen Segen aus. Dabei wird der Buchstabe <em>schin<\/em> nachgebildet, kurz f\u00fcr \u201aAllm\u00e4chtiger\u2018. Die Nachkommen der Priester, die diesen Segen erteilten, den <em>kohanin<\/em>, erkennt man an Nachnamen wie <em>Kahn<\/em>, <em>Kohn<\/em> oder <em>Kuhn<\/em>. Das Messer ist das Beschneidungsmesser und deutet, zusammen mit Salbgef\u00e4\u00dfen, darauf hin, dass der Verstorbene <em>mohel<\/em> war, also die Beschneidung durchf\u00fchrte. Die wurde acht Tage nach der Geburt in einer religi\u00f6sen Zeremonie durchgef\u00fchrt. Die Vorhaut wurde mit wenigen Schnitten abgetrennt, wobei der Mohel Segensspr\u00fcche aufsagte und den Namen des Kinds nannte. Es bedurfte einer besonderen Ausbildung, um dieses Amt auszu\u00fcben. Die Leviten reichen den Rabbinern das Wasser w\u00e4hrend der Zeremonie. Daher der Wasserkrug. Familiennamen wie <em>Levi<\/em>, <em>L\u00f6w<\/em> oder <em>Lavi<\/em> zeigen die Abstammung von den Leviten an.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Unterschied zwischen dem traditionellen Teil des Friedhofs links und dem modernen rechts ist der Gebrauch der Schrift: Links haben alle Grabsteine Inschriften in Hebr\u00e4isch, rechts ist es entweder eine Mischung aus Hebr\u00e4isch und Deutsch oder nur Deutsch, Ausweis der immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Assimilierung. Bei den Inschriften rechts gibt es gelegentlich Rechtschreibfehler. Da waren christliche Steinmetze am Werk!<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem sind die Grabsteine rechts gr\u00f6\u00dfer und aufwendiger gestaltet. Man k\u00f6nnte glauben, auf einem christlichen Friedhof zu sein. Hier gibt es auch gelegentlich, entgegen der j\u00fcdischen Tradition, Familiengr\u00e4ber.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der aschkenasischen Tradition sind die Gr\u00e4ber in Ost-West-Richtung anzulegen. Dadurch blickt der Verstorbene, wenn er aufersteht, Richtung Tempelberg. Der Grabstein steht am Fu\u00dfende des Grabes. Aber auch hier muss ein Wandel der Auffassung stattgefunden haben. Bei zwei Kindergr\u00e4bern, in dem einen ein Junge, in dem anderen ein M\u00e4dchen, steht der Grabstein in einem Fall am Fu\u00dfende, im anderen am Kopfende. Die beiden Grabsteine sto\u00dfen also mit dem Kopf aneinander. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>J\u00fcdische Friedh\u00f6fe hatten auch immer eine Schandecke, f\u00fcr Selbstm\u00f6rder (und wohl auch Verbrecher). Sie wurden zwar irgendwo in eine Ecke verbannt, aber immerhin wurde ihnen das Begr\u00e4bnis auf dem Friedhof nicht verwehrt, wie bei den Christen. Wo sich die Schandecke dieses Friedhofs befindet, ist nicht bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im alten Teil des Friedhofs sind die Gro\u00dfeltern von Marx bestattet, auf Grabsteinen mit einer hebr\u00e4ischen Inschrift. Marx\u2019 Gro\u00dfvater war Rabbi und hie\u00df Mordechai Marx Levy, seine Gro\u00dfmutter, Chaje Levofff, war die Tochter des Trierer Rabbiners Moses Lwow. Marx\u2019 Vater, Heinrich Marx, konvertierte zum Protestantismus, um seinen Beruf als Rechtsanwalt voll ausf\u00fchren zu k\u00f6nnen. Er lie\u00df seine Kinder taufen. Bis zu seiner Konvertierung hie\u00df er <em>Heschel<\/em>. Aus <em>Heschel<\/em> machte er <em>Heinrich<\/em>. Marx\u2019 Mutter konvertierte erst viel sp\u00e4ter, warum, ist unklar. <em>Marx<\/em> ist ein sehr verbreiteter Name in dieser Region und deutet nicht auf eine Verwandtschaft mit KarlMarx hin. Es ist etymologisch eine Nebenform von <em>Markus<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf diesem Teil des Friedhofs sind auch die Vorfahren von Marcel Proust begraben, in einem imposanten Doppelgrab. Prousts Gro\u00dfvater, Nathanael Bernkastel, kn\u00fcpfte w\u00e4hrend der Zeit der Besatzung Kontakte nach Frankreich an und wanderte schlie\u00dflich aus und lie\u00df sich in Paris nieder. Prousts Gro\u00dfmutter, Ad\u00e9le Bernkastel, verkehrte in mehreren literarischen Salons und gab ihrer Tochter, Prousts Mutter, eine gr\u00fcndliche humanistische Bildung mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein besonderes Schicksal ist verbunden mit dem Grab eines gewissen Siegfried Wolff. Er war Leutnant der Reserve und zog als Kompanief\u00fchrer \u201ef\u00fcr sein geliebtes Vaterland\u201c im Infanterieregiment in den Krieg. Er war Tr\u00e4ger des Eisernen Kreuzes. Im Juni 1918 kam er, der einzige Sohn seiner Eltern, im Krieg ums Leben. Ein Eisernes Kreuz schm\u00fcckte urspr\u00fcnglich den Kopf des Grabsteins, wurde aber sp\u00e4ter entfernt. Sein Vater wurde mit 75 Jahren nach Theresienstadt deportiert und kam dort ums Leben. Den Sohn h\u00e4tte dasselbe Schicksal ereilt, wenn er nicht gefallen w\u00e4re.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1418 wurden die Juden vom Erzbischof aus Trier ausgewiesen. Viele lie\u00dfen sich in den D\u00f6rfern der Umgebung, z.B. in Aach nieder. 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