{"id":9851,"date":"2018-07-04T14:19:32","date_gmt":"2018-07-04T12:19:32","guid":{"rendered":"http:\/\/pregonero.de\/?p=9851"},"modified":"2020-06-22T00:54:20","modified_gmt":"2020-06-21T22:54:20","slug":"marx-1","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/pregonero.de\/?p=9851","title":{"rendered":"Marx (1)"},"content":{"rendered":"<p>Beim Aufgang zu den Ausstellungsr\u00e4umen erf\u00e4hrt man, dass Marx bereits mit 23 promoviert wurde, und zwar in Jena. Dass auch Paris zu seinen Stationen geh\u00f6rte, noch vor Br\u00fcssel und London, nach Bonn, Berlin und K\u00f6ln. Und dass er Staatenloser war. Seine preu\u00dfische Staatsb\u00fcrgerschaft, hei\u00dft es, habe er \u201eabgelegt\u201c, 1845. Man fragt sich, ob das nicht bei den weiteren Stationen im Ausland, aber nicht nur da, schwierig war.<\/p>\n<p>Die Ausstellung macht es einem nicht leicht und ist nicht jedermanns Sache, wie ich bereits geh\u00f6rt habe. Man muss lesen und sich konzentrieren, dann lohnt es sich.<\/p>\n<p>Ganz am Anfang stehen einige Ausstellungsst\u00fccke, die auf Borsig Bezug nehmen. Darunter eine Lokomotive im Kleinformat und eine gro\u00dfe, bauchige Vase, auf der Borsig gefeiert wird. Die Eisenbahn geh\u00f6rt zu den Erfindungen, die das Leben der Zeit auf rasante Art ver\u00e4nderten. D Als Marx geboren wurde, gab es noch keine Eisenbahnen, jedenfalls in Deutschland nicht. Als er nach Berlin kam, gab es ein paar von den Briten betriebene Eisenbahnen mit britischem Personal! Borsig forderte daraufhin Stephenson heraus und gewann eine Wettfahrt. Danach wurden unter seiner Regie deutsche Lokomotiven gebaut.<\/p>\n<p>Am besten lassen sich die Eindr\u00fccke anhand von konkreten Exponaten zusammenfassen. Unter denen befinden sich einige, die von Marx selbst stammen. Am Anfang liegt die Doktorurkunde aus. Im Original. Alles ist auf Latein, auch die Namen sind latinisiert. Die Urkunde beantwortet endg\u00fcltig eine Frage, die ich mir schon l\u00e4nger gestellt hatte: Marx wurde, obwohl urspr\u00fcnglich in Jura eingeschrieben, zum Dr. phil. promoviert.<\/p>\n<p>Marx wurde in Jena promoviert, in Abwesenheit, ohne m\u00fcndliche Pr\u00fcfung! Das ist einer der Gr\u00fcnde, warum er das Jenaer Angebot annahm. Ein anderer ist, dass er seine Dissertation zwar fertig hatte, die aber auf Deutsch abgefasst war. Er h\u00e4tte sie in Berlin noch \u00fcbersetzen m\u00fcssen. Es scheint, dass die Universit\u00e4ten autark genug waren, das selbst zu entscheiden. In Berlin war ihm das Geld ausgegangen. Sein Vater war inzwischen verstorben, und die Mutter drehte den Geldhahn zu, zum Entsetzen des Sohnes. Sie fand, dass genug Geld in die F\u00f6rderung des Lieblingskindes geflossen war, dass jetzt auch mal die anderen an der Reihe waren. Das leuchtete Marx \u00fcberhaupt nicht ein.<\/p>\n<p>In einem verdunkelten Raum h\u00e4ngt ein Portr\u00e4t von Proudhon. Der war Orientierung f\u00fcr Marx, aber er war, wie er fand, in der These steckengeblieben, der notwendigerweise die Antithese folgen musste. Seine Replik auf Proudhon schrieb er eigens auf Franz\u00f6sisch, aber Proudhon antwortete nicht. Der Titel enth\u00e4lt eine typische Marxsche Volte: <em>Mis\u00e8re de la philosophie. R\u00e9ponse a la philosophie de la mis\u00e8re de M. Proudhon.<\/em><\/p>\n<p>Dann kommt eine Seite, handschriftlich, aus dem <em>Kommunistischen Manifest<\/em>. Es soll die einzig erhaltene Seite sein. Die handschriftlichen Seiten wurden <em>peu \u00e0 peu<\/em>, so wie sie zum Drucker kamen, vernichtet. Diese eine Seite muss durch einen Zufall erhalten geblieben sein. Vielleicht kam sie noch einmal zur\u00fcck, weil es Unklarheiten gab. Es ist eine kleine, eng beschriebene Seite mit Unterstreichungen und einigen Korrekturen, ohne Linienblatt geschrieben, in einer\u00a0 sehr krakeligen Handschrift. Man fragt sich, wie der Drucker das lesen konnte. Irgendwo hei\u00dft es, die arme Jenny habe alle seine handgeschriebenen Texte in Sch\u00f6nschrift \u00fcbertragen. Auch Schreibmaschinen gab es zu der Zeit noch nicht. Erst Tussie Marx besa\u00df gegen Ende ihres Lebens eine Schreibmaschine.<\/p>\n<p>Rechts und links von der handschriftlichen Seite Ausgaben des <em>Kommunistischen Manifests <\/em>aus verschiedenen Zeiten in verschiedenen Sprachen, auch in Esperanto und in Blindenschrift. Das Manifest soll unter Zeitdruck entstanden sein. Es war eine Auftragsarbeit. Im Allgemeinen gilt Marx als ein akribischer und ausf\u00fchrlicher Autor, dem Sarkasmus und Polemik nicht fremd waren.<\/p>\n<p>Zensur gab es nicht nur in der Literatur, auch in der Malerei. Das wird hier durch ein Gem\u00e4lde veranschaulicht, Im Kerker von Ludwig Knaus. Der Gefangene ist alleine in einem dunklen Verlies. Er tr\u00e4gt aber Kleidung des 16. Jahrhunderts, um von der Gegenwart abzulenken. Gleichzeitig ist aber eine Fahne ein Hinweis auf die Gegenwart.<\/p>\n<p>In einer Vitrine steht ein verrostetes Eisenteil, wie ein \u00fcbergro\u00dfer Tannenzapfen. Was kann das nur sein? Es ist eine Kart\u00e4tsche, eine Streubombe. Solche Kart\u00e4tschen wurden in Berlin bei der Niederschlagung des Aufstands von 1848 eingesetzt. Damit wurde nicht gezielt auf einen Aufst\u00e4ndischen gefeuert, sondern wahllos in die Menge. Wobei es egal war, wer das Opfer war.<\/p>\n<p>Bemerkenswert auch eine aufgeschlagene Kladde. Da sieht man Marx\u2018 Arbeitsweise. Beide Seiten der Kladde sind bis auf den letzten Zentimeter gef\u00fcllt mit Zeitungsausschnitten, handgeschriebenen Tabellen, Listen und Kommentaren, wieder in ganz kleiner Schrift. Von diesen Kladden soll Marx, thematisch unterschieden, mehr als 160 gehabt haben. Eine immense, gut organisierte Arbeit.<\/p>\n<p>Die meisten Exponate beziehen sich eher auf die Zeit als auf Marx selbst. Gleich zu Beginn der Ausstellung sieht man ein \u00d6lgem\u00e4lde, ein Portr\u00e4t (1848), von Adolf Menzel. Am dem ist zun\u00e4chst nichts Besonderes zu merken. Die Besonderheit liegt in dem Portr\u00e4tierten. Es ist ein Weber, einer Weber aus Schlesien, dort, wo der Weberaufstand stattfand. Dies soll das erste Portr\u00e4t eines anonymen Arbeiters \u00fcberhaupt sein. Auch in der Malerei bedeutete die Umw\u00e4lzung eine neue Zeit.<\/p>\n<p>In einer Vitrine sieht man Broschen und Tabakpfeifen mit den Portr\u00e4ts der Revolution\u00e4re wie Blum und Hecker. Eine Art der politischen Meinungskundgebung. Die Namen sind unter den Portr\u00e4ts angebracht, au\u00dfer bei Blum. Den erkannte man auch so, an seinen markanten Gesichtsz\u00fcgen.<\/p>\n<p>In einem Saal geht es um die kommunikative Revolution des 19. Jahrhunderts. Keine \u00dcbertreibung, sie mit der heutigen zu vergleichen. Als Ausweis der neuen Techniken ist ein Lochstreifenstanzer ausgestellt. Er sieht aus wie ein Vorl\u00e4ufer des primitiven Computers. Er diente zur \u00dcbertragung von Morsezeichen. 1832 dauerte es noch 14 Tage, mit jemandem in New York zu kommunizieren, 1870 nur noch wenige Minuten. Es ist auch ein Originalteil der Kabels zu sehen, mit dem 1866 Europa und Amerika verbunden wurden, ein 3000 Kilometer langes Unterseekabel, das von <em>The Great<\/em> <em>Eastern<\/em> verlegt wurde. 1866 war es dann soweit. Die Verlegung des Kabels galt als achtes Weltwunder. Nicht zu unrecht.<\/p>\n<p>In einem Gang sieht man ein Gem\u00e4lde von Hasenclever, das, in den Worten eines Beobachters, die Lage der Arbeiter besser darstellt als tausend Worte. D\u00fcsseldorfer Arbeiter protestieren beim Stadtrat gegen ihre Entlassung. Drei ihrer Vertreter stehen vor den hohen Herren und \u00fcbergeben eine Petition. Der Arbeiter, der die Petition \u00fcbergibt, steht in geb\u00fchrendem Abstand, hat aber, vorsichtig und doch selbstbewusst, einen Fu\u00df auf den Teppich gestellt, der dem Revier der Arbeitgeber vorbehalten scheint. Eine Geste, die W\u00fcrde und Anspruch der Arbeiter ausdr\u00fcckt.<\/p>\n<p>In einem anderen Saal steht ein Kaufladen (1880). Es gibt einen Tresen, auf dem Boden stehen S\u00e4cke und F\u00e4sser mit Schaufeln, hinter dem Tresen fein mit Keramikschildern bezeichnete Schubladen und alle m\u00f6glichen Gef\u00e4\u00dfe, auf dem Tresen eine Waage und daneben Gewichte. Eine Kasse ist komischerweise nicht zu sehen. Daf\u00fcr aber Kehrblech und Handfeger, ein charakteristisches Detail! Die Bedeutung des Kaufladens erschlie\u00dft sich erst auf den zweiten Blick. Kaufl\u00e4den gab es in Mittelstandfamilien. Deren Kinder wurden von fr\u00fch auf \u201etrainiert\u201c, als K\u00e4ufer und Verk\u00e4ufer. Die industrielle Revolution hatte einen \u00dcberschuss an Waren hervorgebracht, zum ersten Mal in der Geschichte, und aus der Sicht der Kaufmannskaste ging es darum, den Konsum anzutreiben, auch Waren zu verkaufen, f\u00fcr die es eigentlich keinen Bedarf gab. Eine echte Revolution, deren Folgen wir erst heute in vollem Ma\u00dfe \u00fcbersehen. Und unter der wir leiden. Marx hatte einen klaren Blick daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Ein Raum ist ganz dem Kapital gewidmet. Verschiedene Exemplare des Buchs liegen aus, und an den W\u00e4nden erscheinen Zitate. Auch hier ein Einblick in Marx&#8217; Arbeitsweise, die im wahrsten Sinne des Wortes B\u00e4nde spricht: Als endlich der erste Band des Kapitals erschienen war und alle den zweiten erwarteten, machte sich Marx erst mal an die Revision des ersten Bandes. Er hatte so viele neue Daten, neue Erkenntnisse. Das Buch war alles andere als ein Verkaufsschlager und entt\u00e4uschte Marx&#8217; Erwartungen auf ganzer Linie.<\/p>\n<p>Von einer ganz anderen Art ist die <em>Heilige Familie<\/em>, von Marx und Engels. Es greift aktuelle Situationen und Ereignisse auf. Der vollst\u00e4ndige Titel ist <em>Die Heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik<\/em>. Und der Untertitel lautet <em>Gegen Bruno Bauer und Konsorten. <\/em>Das Buch ist Ausweis des akribischen Vorgehens von Marx und Engels. Der Lohn eines Arbeiters in England belief sich zu der Zeit auf 11 Schilling. Sch\u00f6n und gut. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Marx und Engels arbeiteten heraus, dass 11 Schilling zwar der Durchschnittslohn eines Arbeiters war, dass aber der Lohn zwischen 1,5 Schilling und 40 Schilling variierte. Da stellt sich fast die Frage, was denn \u00fcberhaupt ein Arbeiter sei.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich mit der Kinderarbeit. Man denkt vermutlich an 14j\u00e4hrige oder 16j\u00e4hrige Kinder. Tats\u00e4chlich wurden aber auch Kinder von 5 Jahren (und darunter!) in der Industrie eingesetzt. Die ganz kleinen hatten die Aufgabe, den Staub unter den Maschinen, an denen die importierte Baumwolle gereinigt wurde, zu entfernen. Es hatte sich herausgestellt, das England und vor allem Nordengland das geeignete Klima hatte &#8211; relativ stabile Temperaturen, hohe Luftfeuchtigkeit das ganze Jahr \u00fcber &#8211; um die Baumwolle zu reinigen. Das war lukrativer als er vor Ort zu machen, da, wo die Baumwolle geerntet wurde.<\/p>\n<p>In einem Saal ist symbolisch eine Fabrikhalle nachgebaut, mit einem Flie\u00dfband, auf dem statt Waren Begriffe transportiert werden wie <em>Mehrwert<\/em>. Alles ist Grau in Grau, ohne Tageslicht, eine bedr\u00fcckende Atmosph\u00e4re. Als Emblem der neuen Zeit steht in einer Vitrine ein Wecker (1990). Nicht mehr die Natur bestimmt den Tagesablauf, sondern die Gesellschaft, die industrielle Produktion.<\/p>\n<p>An der Seite ein Zitat von Marx: \u201eDer r\u00f6mische Sklave war durch Ketten, der Lohnarbeiter ist durch unsichtbare F\u00e4den an seinen Eigent\u00fcmer gebunden.\u201c<\/p>\n<p>Am Rande dieses Raums eine Art Transparent, ein l\u00e4ngliches Stofftuch mit einer Parole, Rot auf Wei\u00df, zum Jahrestag eines Aufstands: \u201eRache f\u00fcr unsere Gema\u017fsregelten &amp; Verfolgten. Hoch lebe die Social-Demokratie\u201c.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he ein besticktes, verziertes Stickbild, eines der wenigen Schmuckst\u00fccke aus den sonst kargen Arbeiterwohnungen. Auch hier ein Sinnspruch, mit den auf das ganze Bild verteilten Buchstaben, gar nicht so leicht zu entziffern: \u201eWir wollen den Frieden, die Freiheit und Recht dass Mensch (?) sei des anderen ???, dass Arbeit aller Menschen Pflicht und niemand es an Brod gebricht\u201c.<\/p>\n<p>Auch hier ein Marx-Zitat: \u201eDie Befreiung der Arbeiterklasse muss das Werk der Arbeiterklasse selbst sein.\u201c Die Arbeiterbewegung hat sich nicht daran gehalten.<\/p>\n<p>Zum Schluss gibt es einen Nachruf auf Marx, erschienen in <em>Der Sozialdemokrat.<\/em> Es ist ein ganzseitiger Nachruf auf der ersten Seite. Bemerkenswert, denn Marx hatte sich nie parteipolitisch gebunden oder gar engagiert.<\/p>\n<p>Den Abschluss der Ausstellung, schon nahe dem Ausgang, bildet eine B\u00fcste von Marx mit dem weltweit vertrauten Anblick. Verwunderlich, dass das so ist, denn bei seinem Tod war er weitgehend aus dem \u00f6ffentlichen Bewusstsein verschwunden. An seiner Beerdigung nahm nur ein Dutzend Trauernde teil. Das \u00e4nderte sich dann bald, und am ersten Jahrestag waren es bereits 6000, mehr als Highgate fassen konnte, so dass man nicht alle zulassen konnte. Das war das Resultat des Wirkens von Engels, der Marx bekannt machte, nicht nur sein Werk, sondern auch sein Bildnis.<\/p>\n<p>\u00dcber der B\u00fcste steht ein Zitat von Marx aus den <em>Confessions<\/em>: &#8220;An allem ist zu zweifeln.&#8221; Das sei allen ins Buch geschrieben, die von einem geschlossenen Theorie von Marx sprechen. Er setzte immer wieder neu an, revidierte seine Thesen. Als der erste Band des Kapital erschienen war und alle auf den zweiten warteten, machte sich Marx erst einmal an die Revision des ersten Bandes!<\/p>\n<p>Vor dem Ausgang k\u00f6nnen Besucher auf rote Zettel ihre Eindr\u00fccke von der Ausstellung notieren. Der allgemeine Tenor: hochaktuell! Viele Dinge, die Marx f\u00fcr seine Zeit konstatiert hat, k\u00f6nnen auf unsere Zeit \u00fcbertragen werden. Ein paar kuriose Zitate: \u201eEin Barttr\u00e4ger \u2013 der erste Hipster\u201c, \u201eEin Trierer Jung, \u201eEin deutscher Denker, der Weltgeschichte gemacht hat, ohne es zu wollen\u201c und: \u201eJunge, komm bald wieder\u201c.<\/p>\n<p>(\u201eKarl Marx 1818-1883. Leben, Werk, Zeit\u201c, in: Landesmuseum Trier, 2018)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim Aufgang zu den Ausstellungsr\u00e4umen erf\u00e4hrt man, dass Marx bereits mit 23 promoviert wurde, und zwar in Jena. Dass auch Paris zu seinen Stationen geh\u00f6rte, noch vor Br\u00fcssel und London, nach Bonn, Berlin und K\u00f6ln. 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