Timişoara (2016)

7. Oktober (Freitag)

Auf dem Flugzeug der irischen Fluglinie steht ein Werbespruch, der einem englischen Satzmuster entspricht, in Großbuchstaben: modlin jest ok. Ich versuche, einen Zusammenhang mit maudlin und mit jest herzustellen, kann aber den Satz beim besten Willen nicht entziffern. Dann stellt sich heraus, dass es nicht Englisch, sondern Polnisch ist, Teil einer Werbeaktion für ein neues Flugziel in Polen.

Die meisten Fluggäste sind Rumänen. Man bekommt eine erste Kostprobe des Rumänischen, auch in den Ansagen der Flugbegleiter. Man versteht so gut wie gar nichts, und der Klang erinnert eher an eine slawische Sprache. Tatsächlich wurde der immer wieder bezweifelte romanische Ursprung des Rumänischen erst im 19. Jahrhundert nachgewiesen. Auch erst im 19. Jahrhundert fand der Wechsel vom kyrillischen Alphabet zum lateinischen statt.

In Timişoara ist es trüb, aber es regnet wenigstens nicht. Der Flughafen sieht sehr verlassen aus. Es stehen nur am Rande ein paar Flugzeuge herum, aber außer uns gibt es keinen Flugverkehr.

Die Fahrkarten für den Bus in die Stadt kann man mit Euro bezahlen. Sie kosten 50 Cent! Für 10 Kilometer! Der Bus ist etwas älter, tut aber seine Dienste und bringt uns problemlos ans Ziel. Unterwegs herrscht Tristesse: Plattenbauten, Bauruinen, graubraune Stoppelfelder, eine gesichtslose Ebene, kaum Verkehr oder Menschen. Dazu passen die grauen Wolken.

Als es auf die Stadt zugeht, wird es etwas lebendiger. Wir sehen, wie ein Mädchen mit zu beiden Seiten erhobenen Armen an einem Automaten steht und die hoch liegenden Knöpfe betätigt. Hier kann man Wasserflaschen aufladen. Eine große Flasche kostet ungefähr 10 Cent.

Der Bus lässt uns am äußersten Ende der Altstadt hinaus, an der Burgbastei. Mit dem Betreten der Innenstadt ändert sich schlagartig die Szenerie: Man ist plötzlich mitten in Habsburg. Alles ist bestens restauriert. Auf den ersten Blick jedenfalls.

Der Weg zum Hotel führt uns zufällig über die drei wichtigsten Plätze der Innenstadt, benannt nach Freiheit, Einheit, Sieg, einer schöner als der andere und alle ziemlich groß, mit sehr unterschiedlicher Bebauung.

Zuerst kommt die Piața Unirii mit dem Dom, dann kommt die Piața Libertăți, ein alter Paradeplatz, dann kommt die langgestreckt Piața Victorie mit der Oper. Wir wissen inzwischen, welche Lautwert <ţ> hat und dass piaţa wie piazza ausgesprochen wird. Das Rumänische hat eine Vielzahl diakritischer Zeichen, aber es ist nicht so leicht, herauszubekommen, wofür sie stehen.

Unterwegs machen wir an der Touristeninformation Halt. Eine Frau, die sehr gut Deutsch spricht, gibt uns einen Stadtplan und weist auf einen besonderen Markt hin, der am Sonntag stattfindet. Sie zeigt uns auch, wo wir Geld umtauschen können. Das machen wir sofort. Es ist alles völlig unproblematisch. Grob gesprochen ist das Verhältnis zum Euro 4:1, und das macht das Ausrechnen einfach. Irgendwann sind in Rumänien ein paar Nullen gestrichen worden, und auf manchen Preisschildern tauchen noch die alten Zahlen auf. Aber Verwechslungen kann es nicht geben. Die rumänische Währung ist nach dem Löwen benannt, Leu im Singular und Lei im Plural.

Das Hotel liegt gerade außerhalb der Altstadt, hinter einer Brücke über die Bega. Es ist modern und funktional, ohne landestypische Bezüge. Es könnte auch in anderen Ländern stehen.

Es wird schon Abend, und als wir uns auf den Weg in die Altstadt machen, erlaubt uns die große Fensterfront des Hotels einen Blick auf ein Naturspektakel: Der Abendhimmel im Zwielicht, hinten ein Streifen Abendrot, und vorne ein gewaltiger Schwarm schwarzer Vögel. Sie fliegen scheinbar wild in alle Richtungen, und man weiß nicht so recht, welches Ziel sie haben. Wir vermuten, dass sie aus kälteren Regionen kommen und nicht in wärmere aufbrechen, können uns aber bis zum Ende der Reise nicht einigen, welche Vögel es sind: Krähen oder Stare.

Die Gebäude der Piața Victorie sind inzwischen erleuchtet, vor allem die Oper am anderen Ende des Platzes. Man hat vor die barocke Fassade einen mächtigen, weißen Triumphbogen gesetzt, architektonisch zweifelhaft, aber am Abend entfaltet er seine Wirkung.

Nach kurzer Suche landen wir im Timișoreana, benannt nach der lokalen Biersorte, einem rustikalen Kellerlokal mit deftiger, einheimischer Küche. Es ist voll und laut an den Holztischen, und an den Wänden steht ein Sammelsurium von Dinge, darunter Musikinstrumenten, deren Bezug zu dem Lokal für den Fremden nicht zu erkennen ist.

Es gibt eine Art Schlachtplatte, alles Schweinefleisch in allen Variationen. Dazu gibt es mămăligă, und das gehört in Rumänien dazu wie bei uns die Kartoffel, ein Maisbrei, der in der Form eines Knödels serviert wird. Die mămăligă, heute Beilage, war vorher oft Hauptnahrung für die arme Bevölkerung, wenn es an Brot mangelte. Das Bier aus eigenem Haus ist leicht und eher nichtssagend im Geschmack, aber es lässt sich trinken. Als die Rechnung kommt, müssen wir zweimal rechnen, so billig ist das Ganze.

8. Oktober (Samstag)

Wolkenloser Himmel und Sonne! Wir haben es doch richtig gemacht mit der Auswahl des Reiseziels.

Das Frühstück ist nichtssagend und im Vergleich zu dem Abendessen teuer. Die Bedienung sieht und verständnislos an, als wir gleich den zweiten Kaffee bestellen, als wir den ersten bekommen. Sie muss mehrmals nachfragen, um sicher zu sein, was wir meinen.

Am anderen Ende der Piața Victorie treffen wir unseren Stadtführer, einen jungen Rumänen, der in Deutschland aufgewachsen ist. Dass er sich redlich bemüht, ist das einzige, was man ihm zugutehalten kann. Er weiß wenig und redet viel von seinem Start-up-Unternehmen und davon, wie er vorgehen will, aber man bekommt kein Bild von der Stadt und ihrer Geschichte, obwohl wir einen längeren historischen Vortrag über uns ergehen lassen müssen. Zu allem Übel hat er dafür den schattigen Platz vor einem historischen Gebäude ausgewählt, statt uns die Sonne genießen zu lassen. Am Ende der gut zwei Stunden haben wir es nicht leicht, ihn mit ein paar verbindlichen Worten loszuwerden.

Das Gebäude, vor dem wir frierend den geschichtlichen Überblick bekommen, ist das Hunyadi-Schloss, vermutlich das älteste Gebäude Timişoaras. Das sieht man ihm aber nicht an, denn es wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrmals umgebaut. Der erste Bau stammt von jemandem, den man hier in Rumänien nicht vermuten würde: Robert von Anjou. Der war ungarischer König! Die ganze Region, das Banat, gehörte über tausend Jahre zu Ungarn. Seinen Namen hat das Gebäude von einem Feldherrn, der sich im Kampf gegen die Osmanen auszeichnete. Die herrschten hier aber später doch 300 Jahre lang. Aber von ihrem Erbe ist so gut wie nichts erhalten. Jedenfalls bekommen wir nichts davon zu sehen. In dem Hunyadi-Schloss befindet sich das Banater Museum, aber das ist wegen Renovierung des Gebäudes geschlossen.

Ein interessantes Detail erfahren wir dann doch noch: Der Name der Autofirma Dacia ist von Dakien abgeleitet, dem Namen der römischen Provinz, benannt nach den Dakern. Dakien wurde von Moesien, der anderen römischen Provinz, aus erobert, der Heimat der Thraker,  die zum großen Teil südlich der Donau lag. Die Eroberung Dakiens geschah unter Hadrian, und nach dem sind hier Straßen und Plätze (aber nicht, wie ich dachte, auch der Flughafen) benannt. Man huldigt dem Eroberer.

Unser Mann führt uns an verschiedene Stellen, die moderat interessant sind, eine (nicht mehr als solche fungierende) Synagoge, einem Innenhof mit einer alternativen Kneipenszene, einer expressionistischen Statue des Vorkämpfers der Revolution von 1990, einem Pfarrer der ungarisch-reformierten Gemeinde, einem Festungsdamm und am Ende zur Theresienbastei, dahin, wo der Bus vom Flughafen und gebracht hatte. Und er erklärt, dass die jetzt hier fahrenden Straßenbahnen abgelegte Exemplare aus mehreren deutschen Städten sind, unter anderem Karlsruhe, einer der Partnerstädte Timişoaras. Aber das ist alles sehr dürftig und ungeordnet, und von der Oper, von der Bega, von der Piața Victorie (dem Ausgangspunkt der rumänischen Revolution) ist überhaupt nicht die Rede, genauso wenig wie von der Straßenbeleuchtung, die Timişoara als erste Stadt Europas über das gesamte Stadtgebiet hatte. Bei den Kirchen begnügt er sich mit einem kurzen Hinweis auf die Katherinenkirche als der schönsten Kirche Timişoaras und auf die serbisch-orthodoxe Kirche, die der Piața Unirii merkwürdig den Rücken zuwendet, ihr sozusagen die kalte Schulter zeigt. Aber was für eine Bewandtnis das hat und wie sich die Kirchen der verschiedenen Konfessionen zueinander verhalten, bleibt unerwähnt.

Ein Halt ist vor einem modernen Gebäude aus schmalen Glasscheiben und schmalen Eisenstreifen. Davor hat man einen Teil des alten Festungsdamms nachgebaut, zur Illustration. Timişoara hatte vier Staudämme. Die regelten die Wassermenge in den Verteidigungsgräben zwischen den Stadtmauern. Im Belagerungsfall wurden die Gräben mit Wasser aus der Bega überflutet. Das kann man hier gut nachvollziehen. Allerdings bleiben die Erklärungen Stückwerk. Später wurden die Dämme auch zur Beseitigung von Abwässern genutzt.

In dem modernen Gebäude sitzen verschiedene internationale Firmen, die hier ihren telefonischen Kundenservice betreiben. Aus wirtschaftlichen Erwägungen. Am Telefon meldet sich eine Petra Faber, von der man glaubt, dass sie in Köln oder Berlin sitzt. In Wirklichkeit spricht man aber mit einer Rumänin anderen Namens in Timişoara.

Interessant ist der Theresien-Taler, von dem er ein Exemplar hat, im Zusammenhang mit einer Karte, die die Ausdehnung des habsburgischen Reichs zeigt, nach der Eroberung des Banats von den Osmanen. Es ist keine Übertreibung, von einem Vorläufer des Euro zu sprechen. Er galt in Brüssel, Prag, Utrecht, Wien Mailand und war außerdem als Handelsmünze weit über Europa hinaus in Gebrauch.

Nach der Führung fahren wir mit dem Taxi in das Fabrikviertel. Das ist nicht nur eins, sondern heißt auch so. Es wurde von den Habsburgern angelegt, nachdem sich herausgestellt hatte, dass die alten Fabriken zu nah an den Wällen des neu angelegten Verteidigungsrings lagen.

Wir machen einen vergeblichen Anlauf in einem Musikgeschäft und dann einen vergeblichen Anlauf bei der Brauerei. Alles verriegelt und verschlossen. Die Brauerei ist erstaunlicherweise das älteste Gebäude aus der Habsburgerzeit. Die Habsburger haben sich wohl gedacht, wenn die Leute schon mal was zu trinken haben, werden sie nicht so unzufrieden sein.

Es lohnt sich wirklich, hierhergekommen zu sein. Das Fabrikviertel hat etwas Authentisches. Die Gebäude sind vernachlässigt, aber nicht heruntergekommen, sie haben keine schönen Fassaden, aber die kündigen von dem ehemaligen Wohlstand. Hier wurde Tuch, Ziegel, Papier, Draht und Seide hergestellt. Nach den Fabriken kam das Wohnviertel hinzu.

Auf der Piaţa Traian, einem offenen Platz im Zentrum des Fabrikviertels, findet eine Art Gesangsgottesdienst statt, mit schönen Stimmen und banalen Melodien. Wenn wir das Plakat richtig deuten, handelt es sich um ein Erntedankfest, und zwar das der serbisch-orthodoxen Kirche.

Etwas weiter kommen wir zu einem Markt, der eine fast unheimliche Ähnlichkeit mit dem hat, auf dem wir bei der Führung waren. Aber es ist ein anderer. Es fehlt hier auch der Blumenmarkt, den wir vorher gesehen hatten. Aber Obst und Gemüse sehen wunderbar aus. Darunter riesige Menge großer Kohlköpfe, teils eingelegt.

Wir gehen ins Zentrum des Fabrikviertels zurück und nach einigem Zögern in das im Jugendstil eingerichtete Leonardo da Vinci, obwohl das nicht sehr rumänisch wirkt und obwohl wir dort die einzigen Gäste sind. Das sieht jedenfalls so aus. Später merken wir, dass in einem Kellerraum jede Menge Rumänen sitzen. Hier oben kommen aber erst später ein paar Gäste hinzu.

Auf jeden Fall ist es die richtige Entscheidung. Wir bekommen die typisch rumänische Suppe, ciorbă, in breiten Schüsseln serviert. Eine der Suppen hat  Kutteln und schmeckt stark nach Knoblauch. Danach gibt es sărmăluțe, die Krautwickel, die wir gestern verpasst haben. Die entdecken wir erst gar nicht, da sie sich in einem Keramiktopf unter den Fleischstücken verbergen. Auch hier gibt es wieder  mămăligă, aber die schmecken viel besser als gestern. Außer dem etwas kalten, süffigen Hauswein gibt es noch palinka, den traditionelle Pflaumenschnaps, auf Kosten des Hauses, von dem freundlichen Kellner serviert. Und dann gibt es Nachtisch in enormen Portionen: clatite banatene (d.h. nach Banater Art) und tiatei de cas, Palatschinken, der allerdings unter einer enormen Schicht aus Baiser verschwindet, eine Familienportion, und süße Nudeln mit Nüssen und Honig, beides sehr süß. Das Essen ist wieder so billig, dass wir zweimal hinschauen müssen, als die Rechnung kommt.

Zwischen den Gängen werfen wir immer wieder einen Blick auf die Speisekarte: roşie entpuppt sich als ‚Tomate‘, und muschi als ‚Pilze‘.

Wir fahren mit der Straßenbahn zurück und sehen uns im Zentrum in einer Buchhandlung um. Die ist richtig gemütlich, mit niedrigen Decken und Büchern an allen Seiten. Ins Auge fallen mir Şi camera secretelor und Şi piatra filosofalã sowie Eu sunt Zlatan. In der Buchhandlung finden wir auch zum ersten Mal Ansichtskarten, aber wir ergattern bis zur Abfahrt keine Briefmarken. Die haben hier Seltenheitswert.

Gleich gegenüber der Buchhandlung befindet sich ein moderner Brunnen, in der Form eines Kubus. Auf allen vier Außenseiten und auf der Oberseite erscheinen Vornamen, einer nach dem anderen, in gleichmäßiger Größe, wohl willkürlich ausgewählt und arrangiert. An den Seiten ein Mechanismus, mit dem man das Wasser regulieren kann, je nachdem, ob man sich waschen oder Wasser trinken will.

Nur ein paar Meter weiter ist der Seiteneingang zum Theater. Zwei in Stein gemeißelte Inschriften in zwei Sprachen besagen, dass sich hier der Eingang zum Deutschen Theater befindet und der Eingang zum Ungarischen Theater. Timişoara ist die einzige Stadt Europas, in dem regelmäßig Theater in drei Sprachen gespielt wird. Das hat auch zur Wahl von Timişoara zur künftigen Kulturhauptstadt Europas geführt.

Die Schilder deschis und închis tauchen an den Geschäften immer wieder auf, und es ist nicht schwer zu erraten, dass sie ‚offen‘ und ‚geschlossen‘ bedeuten. Aber es ist nicht auf den ersten Blick klar, dass deschis tatsächlich ‚offen‘ bedeutet und închis ‚geschlossen‘. Hätte auch umgekehrt sein können. Leicht zu erkennen sind die Namen der Wochentage: Luni – Vineri 7.30-15.00, Sâmbătă 8.00-11.00.

Beim Einbruch der Dämmerung, kurz vor Torschluss, gehen wir in ein Schuhgeschäft an der Piaţa Libertaţii und strapazieren damit die Geduld der Schuhverkäufer. Sie beginnen mit den Füßen zu scharren, verständlicherweise, als sie immer wieder in den Keller geschickt werden, um das linke Pendant zu dem Schuh zu holen, den wir ausgesucht haben. Aber sie fassen sich in Geduld, und bald sind wir auch fertig und verlassen mit zwei Paar Schuhen das Geschäft. Gute Ware, sehr preiswert. Am Ende bereuen wir nur, nicht noch mehr gekauft zu haben.

Es ist schon dunkel, als wir aus dem Geschäft kommen. Wir gehen kurz in die Orthodoxe Kathedrale (die der rumänischen, nicht die der serbischen Orthodoxen) am äußersten Ende der Piața Libertăți, einem modernen Bau mit glasierten Keramikziegeln und vielen Türmen auf dem Dach. Innen wirkt sie von der Ausstattung her eher griechisch, aber vom Raumeindruck her eher barock. Sitzgelegenheiten gibt es nicht. Die Gläubigen stehen während des Gottesdienstes.

Erst jetzt fällt uns, ebenfalls auf der Piața Libertăți, die römische Wölfin auf, die Romulus und Remus säugt, von einem hohen Sockel auf den Platz hinabblickend. Sie ist ein Geschenk der Stadt Rom und soll die gemeinsame lateinische Herkunft der beiden Völker unterstreichen.

9. Oktober (Sonntag)

Rumänien hat nur ca. 20 Millionen Einwohner. Darüber wundere ich mich jetzt schon zum zweiten Mal. Ich hatte zweimal so viel angenommen. Die Fläche ist ziemlich genau die der alten Bundesrepublik. Eigentlich war Rumänien nur halb so groß, profitierte aber von dem Interesse der Großmächte, einen ordentlich Puffer zwischen Russland und dem Westen zu haben. Dadurch kam der gesamte westliche und nördliche Teil hinzu. Das vergrößerte Rumänien entstand am 1. Dezember 1918, als das Banat und Siebenbürgen zu Rumänien kamen, nach einer Volksabstimmung. Der 1. Dezember ist der Nationalfeiertag Rumäniens. Später dann wurde ein weiterer neu erworbener Teil, Bessarabien, an die Sowjetunion abgetreten. Aus dem Gebiet wurde dann später der neue Staat Moldawien.

In den Prospekten und auf Schildern fallen mir immer wieder Formen auf die Parcul Central, Podul Traian, Spitalul Militar, und das löst bei mir eine Vermutung aus, die sich später bestätigt: Der rumänische bestimmte Artikel ist enklitisch. Eine bemerkenswerte, zufällige (?) Parallele zum Schwedischen. Dazu gehören auch Formen wie Univesitatea de Vest din Timişoara und Cafeaua Verde für die weiblichen Substantive. Der unbestimmte Artikel ist, wieder wie im Schwedischen, proklitisch.

Heute gibt es ein besseres Frühstück als gestern, in einem leicht alternativ angehauchten Café am Rande der Piața Libertăți, das wir gestern bei der Führung entdeckt haben. Wieder zeigt sich, dass das Frühstück ein Luxus ist und im Vergleich zu den spottbilligen Vollmahlzeiten eher teuer. Die Sonne kommt raus und wir können sogar draußen sitzen.

Gegenüber steht über einem Laden Ceasornicare. Wir wollen wissen, was das ist. Die Kellnerin hilft: Uhrmacherei.

Das Café selbst heißt Cafeaua Verde und hat ein Schild mit allen möglichen Begriffen um den Namen herum: entuziasm, satisfacţie oder plăcere sind leicht zu entziffern, aber was bedeuten dragoste, linişte oder bucurie?

Zwischendurch mache ich ein Photo von den Straßenbahnen, die gleich an uns vorbeifahren, und von der Säule des Platzes, die große Ähnlichkeit mit der der Piața Unirii hat. Die eine ist von der Dreifaltigkeit bekrönt, die andere von einer Madonna, aber bei beiden sind wohl dieselben Heiligen abgebildet, darunter an führender Stelle Nepomuk. Den kennt man als Brückenheiligen, aber er ist auch in einem weiteren Sinne für Wasser zuständig. Der Bezug zum Wasser ergibt sich hier in Timişoara nicht durch einen Fluss, sondern durch die Sumpflandschaft, in der die Stadt nach deren Trockenlegung entstand. Immer wieder liest man von Gebäuden, die auf Eichenpfählen errichtet wurden.

Wir fahren mit der Straßenbahn in einen Außenbezirk, da, wo der besondere Markt stattfindet. Der Fahrer steigt an der Haltestelle eigens aus, um uns den Weg zu zeigen. Das ist eine richtig schöne Geste.

Mit uns steigt ein Ehepaar aus, das das gleiche Ziel hat. Sie haben sich „fein gemacht“ für die Gelegenheit. Sie sehen zwar „fein“, aber auch sehr altmodisch aus. An der Kleidung kann man überhaupt gut die relative Armut der Rumänen ablesen: unansehnlich, abgetragen, weit.

Wir folgen dem altmodisch gekleideten Ehepaar. An einer Kreuzung steht auf einem Wegweiser Grădina Zoologică, ein schönes Beispiel für Metathese.

Schon von weitem hört man Musik und Stimmen. Der Markt findet in einem Freilichtmuseum statt. Über das ganze Areal verteilt sind traditionelle Häuser aus verschiedenen Teilen Rumäniens aufgebaut. Die Ähnlichkeiten sind aber größer als die Unterschiede. Neben einer Kirche, einem Bauernhof und dem Haus des Bürgermeisters, das gleichzeitig Amtshaus und Wohnsitz ist, gibt es fast ausschließlich Privathäuser. Die meisten sind heute mit Schindeln bedeckt, einige riedgedeckt. Die englischen Beschriftungen sind nicht immer leicht zu entschlüsseln, aber es hört sich so an, als wären die Dächer ursprünglich mit Fellen gedeckt gewesen. Fast alle Häuser haben außen einen überdachten Korridor. Das gibt ihnen eine besondere Note.

Vor der Kirche, in der aktuell ein Gottesdienst stattfindet, steht ein Holzkreuz in einer ungewöhnlichen Form. Wir haben solche Kreuze hier schon mehrmals gesehen. Es ist leicht zur Seite geneigt, hat ein „Dach“ aus zwei Schenkeln eines gedachten Dreiecks, und vom Kreuz stehen unten zwei weitere, schräg nach oben weisende Kreuze ab, die wie Kinderhände wirken, die winken. Neben dem Kreuz stehen zwei überdachten „Häuschen“ mit lauter dünnen, brennenden Wachskerzen. Auf dem ersten Haus steht morti, auf dem zweiten vii.

Aber die meisten Besucher haben heute keine Augen für die Häuser. Man tummelt sich auf dem Markt. Und der ist der reinste Augenschmaus. Würste und Fleischstücke hängen an den Ständen, dass es einen Vegetarier erschaudern lässt. Das Obst und das Gemüse sehen genauso verlockend aus wie auf den anderen Märkten, und bei beiden ist die eine oder andere Art dabei, die wir nicht identifizieren können. Dann gibt es Stände mit Honig und mit Schnaps, Palinka einerseits, Raki andererseits. Wir kaufen ein paar Dinge, die leicht transportierbar sind und probieren Rosenmarmelade, die ein schüchtern aussehender junger Mann am Ausgang des Areals verkauft. Leider können wir die im Flugzeug nicht mitnehmen.

Außer den Verkaufsständen gibt es Verzehrstände. Hier wird gegrillt und gebraten. Auffällig durch die Art der Zubereitung sind die Stände mit Baumkuchen und mit Krapfen. Der Baumkuchen wird auf Rollen in Bewegung gehalten, die Krapfen werden über eine „Bahn“ mit kleinen Schaufeln automatisch durch das Frittierfett bewegt werden. Man kann förmlich sehen, wie sie gar werden.

Wir langen bei Fleisch und Wurst mit Pommes zu und leisten uns dazu das eine oder andere Bier. Man kann herrlich draußen unter den Bäumen sitzen.

Wir nehmen auch für den Rückweg wieder die Straßenbahn. Unterwegs sinnieren wir darüber, wie wenig die Rumänen ihren schlechten Ruf als Gauner und Gewalttätige verdient haben. Hier geht alles mit rechten Dingen zu. Nie hat man das Gefühl, dass Gefahr lauert und nirgends wird man über das Ohr gehauen. Auch die Taxifahrer sind redlich. Die Preise sind niedrig und die transparent, wie wir auch am nächsten Tag auf dem Weg zum Flughafen erfahren, als der Fahrer unterwegs anhält und uns trotz nicht vorhandener Englischkenntnisse klar macht, dass jetzt eine neue Tarifzone außerhalb der Innenstadt beginnt.

Im Zentrum „erholen“ wir uns bei einem Kaffee. Bei der Lektüre haben wir inzwischen festgestellt, dass die Banater Schwaben nichts mit den Siebenbürger Sachsen zu tun haben. Die Banater Schwaben sind seit 300 Jahren in dieser Gegend (also im heutigen Rumänien), die Siebenbürger Sachsen seit 850 Jahren; Die Banater Schwaben waren tatsächlich Schwaben, die Siebenbürger Sachsen waren keine Sachsen, die Banater Schwaben wurden von den Habsburgern geholt, die Siebenbürger Sachsen von den Ungarn. Die Banater Schwaben kamen in der Mehrheit wahrscheinlich aus Ulm, sie kamen mit den Ulmer Schachteln hierher; die Siebenbürger Sachsen kamen aus dem Rheinland, aus der Pfalz, aus Luxemburg, aus dem Elsass, aus anderen Gegenden, nur nicht aus Sachsen. Der Reiseführer erklärt den missverständlichen Namen damit, dass sie die Route über Sachsen wählten. Eine einfachere Erklärung ist der Sprachwandel: Sachsen hatte seinerzeit vielleicht einfach eine breitere Bedeutung und schloss alle ein, die aus „deutschen Landen“ stammten.

Am Abend geht es in die Oper: Turandot. Der Charme von Timişoara liegt auch in den geringen Entfernungen. Gut fünf Minuten nach Verlassen des Hotels stehen wir schon im Foyer des Theaters.

Der Theatersaal wirkt kleiner als er ist. Er fasst immerhin 850 Zuschauer, wirkt aber gedrängt. Die Ausstattung ist neobyzantinisch.

Wir haben einen Platz in der Loge. Das war uns beim Kauf gar nicht klar. Man hat aber einen guten Blick auf die Bühne. Jedenfalls bis kurz vor Beginn ein älteres Ehepaar erscheint, dessen weiblicher Part, mit stattlicher Statur, sich vor mir aufpflanzt und mir die Sicht verdeckt. Es geht aber noch.

In der Loge nebenan sitzt ein stattlicher älterer Herr, der mit einem Grußwort und einem Photo im Programm erscheint. Er ist ein pensionierter Sänger und hat die Rolle des Prinzen Kalaf 250 Mal gesungen. Während der gesamten Aufführung macht er halblaute Kommentare und singt die Tenorpartien leise mit. Dabei macht er ausladende Gesten, so als würde er auf der Bühne stehen.

Es wird auf Italienisch gesungen, Übertitel gibt es auf Rumänisch. Man versteht beides gleich schlecht. Bestimmte Wörter wiederholen sich oft: iubire, dragoste, numele, viaţa, barbă, bărbat und, vor allem, moarte. Nicht alle verstehen sich von selbst. Erst später finde ich im Wörterbuch, dass iubire und dragoste beide ‚Liebe‘ bedeuten und bărbat ‚Mann‘. Bei numele ist es ein bisschen schwieriger, denn die Form erscheint nicht im Wörterbuch. Es muss aber wohl eine Form von nume sein, ‚Name‘, vermutlich die mit dem enklitischen Artikel.

Die Musik, das kann man auch als Laie nachempfinden, ist „klassisch“, aber „modern“. Es ist Puccinis letzte Oper, und Puccini wird ohnehin oft als jemand beschrieben, der an der Schwelle zur Moderne steht. Die Klänge sind ungewöhnlich und schaffen tatsächlich eine „chinesische“ Atmosphäre. Nur gegen Schluss schlägt der italienische Belcanto noch mal zu, mit Nessun dorma. Da bleibt kein Auge trocken.

Die Ausstattung, vor allem aber die Kostüme sind sehr, sehr aufwändig. Die Hofschranzen, die Diener, das Volk, der Kaiser, aber auch Turandot selbst – das sind alles schon äußerlich imposante Erscheinungen.

Wie ist es mit der Handlung? Die Motive für die Grausamkeit Turandots liegen in der Vergangenheit. Das nimmt man einfach als gegeben hin. Alles läuft auf die Bekehrung Turandots hin, die ja auch tatsächlich eintritt. Und doch gibt es einen „Knick“ in der Handlung. Turandot wird durch ihre heimliche Rivalin, die selbstlose Liù, die Schau gestohlen, und mit deren Selbsttötung hat das Stück seinen dramatischen Höhepunkt eigentlich erreicht. Als sich Liù den Dolch in den Bauch sticht, setzt es einem einen Stich ins Herz. Dagegen muss alles abfallen, was danach kommt.

Merkwürdigerweise ist dies auch der Punkt, bis zu dem Puccini selbst komponiert hatte, und bei der Uraufführung, unter Toscanini, war hier auch Schluss. Erst später wurde die Oper auf Grundlage der Manuskripte von Puccini vervollständigt.

Mit einem Absacker im Lloyd, dem ersten Haus der Stadt, gleich beim Theater gelegen, geht das Experiment erste Reise nach Rumänien zu Ende. Mit dem festen Vorsatz, dass es nicht die letzte gewesen sein soll.

 

 

 

 

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