Irland (2016)

26. Dezember (Montag)

Irland ist kein klassisches Winterreiseziel, aber man kann es ja mal versuchen. Und die Erinnerungen an die verblassenden früheren Reisen auffrischen.

Nach New Ross zu fahren, dafür gebe es keinen Grund, sagen die Reiseführer. Aber die sind etwas veraltet. Inzwischen gibt es einen: Die SS Dunbrody. Und es gibt noch einen: günstige Preise bei der Unterkunft.

New Ross liegt in Leinster, einer der vier irischen Provinzen. Die kann man grob gesprochen mit den vier Himmelsrichtungen verbinden: Ulster im Norden, Munster in Süden, Connaught im Westen und Leinster im Osten. Leinster gilt nicht als eine besonders „irische Provinz“, irisch im traditionellen Sinn. Sie ist mehr von den Wikingern und von den Anglonormannen bestimmt worden. Aber auch die sind ein Teil Irlands. Wenn auch weniger dem Klischee entsprechend.

Das irische Wort für ‚Provinz‘, cóiced, ist von dem Wort für ‚fünf‘ abgeleitet, der heiligen Zahl der Kelten. Neben den vier tatsächlichen Provinzen gab es noch eine fünfte, mystische Provinz: Mide. Die fünf Provinzen wurden mit bestimmten Werten assoziiert: Ulster mit Kampf, Munster mit Musik, Connaught mit Wissen, Leinster mit Wohlstand, Mide mit Macht.

Nach der Landung in Dublin geht es mit dem Auto gleich südwärts. Man wird auf die Autobahn geleitet, und dort wird Maut kassiert. Im letzten Moment verlasse ich die Autobahn und fahre auf eine Landstraße, Richtung Kilkenny, die dann wiederum in eine Autobahn übergeht, bei der aber keine Maut anfällt. Überall sieht es sehr englisch aus, dass man in Irland ist, kann man nur an den zweisprachigen Wegweisern ablesen. Alle Angaben, sowohl auf dem Tachometer als auch auf den Verkehrsschildern, sind in Kilometern, nicht in Meilen gehalten.

Die letzten vierzig Kilometer, über die dunkle, enge, kurvige Landstraße haben es in sich. Und links zu fahren erweist sich als schwerer als ich es in Erinnerung hatte. Wenn man wendet, sich verfahren hat oder sich plötzlich allein auf einer einsamen Straße befindet, findet man sich schon mal unversehens auf der rechten Straßenseite wieder. Auch mit links zu schalten fühlt sich komisch an, und selbst die Scheibenwischer bewegen sich „falsch“ herum.

Die Lichter von New Ross, das sich jetzt am späten Abend mit der erleuchteten Brücke und dem erleuchteten Hafen gar nicht so unansehnlich darstellt, lassen mich aufatmen. Jetzt gilt es aber noch, die Unterkunft zu finden, und das ist gar nicht so einfach, denn es gibt keine Straßennamen! Das heißt, es gibt sie schon, auf Karten, aber nicht auf Schildern. Ein freundlicher Ladenbesitzer und ein freundlicher Hundebesitzer helfen mir weiter. In dem Laden, gleich unten am Fluss, werde ich in den nächsten Tagen Stammkunde. Heute kaufe ich nur Kekse und Mineralwasser. Das Mineralwasser kommt aus Polen.

Die Unterkunft, B&B, liegt ein ganzes Stück außerhalb des Zentrums. Durch das Fenster des kleinen Zimmers hat man einen schönen Blick auf den Barrow, den erstaunlich breiten Fluss von New Ross.

27. Dezember (Dienstag)

Mein erstes Ziel ist die einzige nennenswerte Sehenswürdigkeit von New Ross, die SS Dunbrody. Sie liegt im Hafen, wenige Minuten von der Stadtmitte entfernt. Es handelt sich um die Nachbildung eines Schiffs aus dem 19. Jahrhundert, von dem nur noch die Schiffsglocke erhalten ist.

Die Dunbrody war ein Frachtschiff, kein Passagierschiff, und doch wurden auf dem Höhepunkt der Hungersnot und der Auswanderungswelle auch, mit öffentlicher Erlaubnis, Passagiere damit befördert, ein gutes Geschäft, denn sonst fuhr die Dunbrody – wie andere Frachtschiffe – vollbeladen von Amerika nach Europa, aber nur mit Ballast beladen von Europa nach Amerika. Die wichtigsten Einfuhrgüter waren Holz aus Kanada und Baumwolle und Tabak aus den USA.

Die Dunbrody war ein Segelschiff, ein Dreimaster, und die Reise nach Amerika dauerte, je nach Reiseziel, zwischen vier und sechs Wochen.

Die Dunbrody bestand ganz aus Holz, meist einheimischem Holz, irischer Eiche. Nur für das Kiel musste Holz importiert werden, afrikanisches Hartholz. Die heimischen Eichen waren dafür einfach nicht groß genug.

Die Überfahrt, auf der wir uns laut Eintrittskarte „befinden“, hatte knapp 180 Passagiere, mehr als genug, aber weniger, als andere Schiffe trotz Platzmangel aufnahmen. Während der Überfahrt starben fünf Passagiere, weitere drei während der Quarantäne. Das ist eine gute Bilanz, und die ist das Verdienst des Kapitäns, eines verantwortungsvollen Mannes mit medizinischen Kenntnissen.

Man hört immer wieder andere Zahlen, wenn es um die Hungersnot geht, aber ganz grob kann man sagen, dass ca. 1,5 Millionen Iren starben, 1,5 Millionen Iren auswanderten.

Für die Passagiere im Salon, wie sich die erste Klasse nannte (die strikt von den anderen Passagieren getrennt war) war die Überfahrt kein Zuckerschlecken, für die anderen Passagiere ein Grauen. Wir sehen unten einen Verschlag, in dem eine ganze Familie untergebracht war. Eine Schauspielerin, die eine der (tatsächlich dokumentierten) Frauen verkörpert, die auf dem Schiff waren, erzählt uns ihre Geschichte, wie sie schon zwei Tage vor der Einschiffung mit Mann und fünf Kindern nach New Ross aufgebrochen war, dabei unterstützt von dem Stewart des Hofes, auf dem sie und ihr Mann tätig waren. Ihr Mann ist während der Reise gestorben, sie kennt niemanden in Amerika und fragt ständig, wie lange die Fahrt denn noch dauere. Sie spricht langsam,  so als wenn sie Mühe hätte. Sie stellt sich als Anne White vor, mit der typisch irischen Umwandlung des Verschlusslauts in einen Reibelaut. Es klingt wie Anne Whishe.

Für die Notdurft gab es Nachttöpfe. Die musste man selbst ausleeren, über Bord. Die mangelnde Hygiene sorgte zusammen mit Ratten und Ungeziefer für die Ausbreitung von Krankheiten, vor allem Typhus und Cholera.

Die Unsicherheit, das Risiko, die schlechte Versorgung, all das lässt an die Flüchtlinge der Gegenwart denken. Und auch diese Emigranten mussten Geld für die Überfahrt bezahlen, einen ganzen Batzen.

Für Verpflegung war gesorgt, aber nur für die Grundversorgung: Schiffszwieback, Mehl und Reis. 1000 Kalorien pro Tag. Den Rest musste man mitbringen. Und man musste selbst kochen. Auf einer offenen Feuerstelle auf dem oberen Deck. Ich frage, ob es da keine Probleme mit dem Feuer gebe. Nein, diese Bohlen brennen erst bei 500° Celsius! Man muss natürlich aufpassen, dass keine Fetzen herumliegen, aber dafür sorgt eben ein guter Kapitän.

Auf dem Unterdeck hat die Mannschaft ihre Kajüten, nicht komfortabler, aber viel geräumiger als die der Passagiere. Hier ist auch eine genaue Aufstellung über den Lohn zu finden, in Schilling. Je nach Rang ein paar Schilling mehr oder weniger. Umgerechnet in Pfund liegt der Durchschnittsverdienst bei £2. Der eines Landarbeiters lag bei etwa £1. Es gibt allerdings auch ein Strafregister. Für Fluchen, Schmuggeln, Trunkenheit gibt es genau festgelegte Beträge. Besonders scharf sind die Regeln am Sonntag. Da steht auch Strafe darauf, wenn man unrasiert erscheint.

Nach der Schiffsbesichtigung steige ich in die höher gelegenen Sträßchen des Hafenviertels hoch. Gar nicht so unansehnlich.

In einem Café bestelle ich Tee mit Scones und komme mit einem Mann am Nachbartisch ins Gespräch, einem fülligen Mann, der die Sportseite der Zeitung vor sich liegen hat. Da er das Reden übernimmt, kann ich mich ganz aufs Hören konzentrieren. Das ist auch nötig. Er spricht über Gott und die Welt, über Deutschland und die Flüchtlinge, über den Brexit, über irische Sehenswürdigkeiten, über Rumänen und Zigeuner. Er selbst war Landwirt. So, wie er es beschreibt, hört es sich eher nach Gutsverwalter als nach Knecht an. Er war auch auf einem Agricultural College. Mit viel Liebe zum Detail erzählt er mir von Frauen und Männern aus seinem Bekanntenkreis – den genauen Bezug verstehe ich nicht – die in Bremen verheiratet sind, vielsprachig sind, im diplomatischen Dienst arbeiten usw. Bald verliere ich den Überblick. Trotzdem höre ich ihm gerne zu. Er erweist sich als liberaler, weltoffener Mann. Vom Brexit spricht er mit Verachtung, von Merkel und der Flüchtlingspolitik mit Achtung. Und es entgeht mir nicht, dass er sagt: „She lives in Bremen 17 years.“ Deutscher Fehler = irische Norm. Ich verabschiede mich und mache mich auf den Weg nach Hook Head, von ihm empfohlen.

Das ist nicht allzu weit, und dort gibt es einen Leuchtturm zu sehen. Auf dem Weg dahin ein Hinweisschild, man solle doch bitte links fahren. Auch auf Deutsch. Warum gerade hier?

Die Bäume sind kahl, der Himmel ist bedeckt, die Landschaft ist hügelig, die Wiesen sind grün, die Mauern sind grau, die Schafe sind weiß. Irland hat 5 Millionen Schafe und 7 Millionen Kühe.

Auf dem Gelände des Leuchtturms, der von schönen, einstöckigen, weiß getünchten Häusern umgeben ist, steht: 5km/h. Geht das überhaupt?

Der Leuchtturm ist einer der besonderen Art. Das geht mir aber erst ganz langsam auf. Hinter dem Eingang steht Entrance to the Monks‘ Chapel, und das ist der erste Hinweis: Der Leuchtturm wurde tatsächlich von Mönchen betrieben! Die mussten in den alten Zeiten die Kohle über die steile Treppe nach oben schleppen, um das Leuchtfeuer zu unterhalten. Später gab es dann Paraffin und erst ganz spät Elektrizität.

Der Leuchtturm gilt als einer der ältesten Europas. Er war Teil einer städteplanerischen Gesamtaktion eines normannischen Adeligen, William Marshal. Der war 1201 mit einem mastlosen Schiff hier gelandet und fast untergegangen und hatte geschworen, aus Dankbarkeit für seine Errettung und die seiner Familia ein Kloster zu bauen, und das tat er auch: Tintern Abbey. Um weitere Schiffe vor Unglücksfällen zu bewahren, baute er dann auch gleich noch den Leuchtturm. Das kam ihm aber sowieso gut zu Pass, denn er baute auch den Hafen von New Ross zu einem bedeutenden Handelshafen aus und hatte natürlich ein Interesse daran, dass die Schiffe sicher ankamen.

Schon vor Marshals Ankunft soll es hier einfache Leuchtfeuer gegeben haben, aber eben noch keinen Leuchtturm. Dass Marshal auf die Idee kam, war kein Zufall: Er war auf Kreuzzügen im Morgenland gewesen und hatte dabei die Leuchttürme von Acra und Alexandria kennengelernt!

Im Obergeschoss sieht man ein Kreuzrippengewölbe, das tatsächlich aus der Zeit stammt. Der gesamte Leuchtturm, grau-weiß gestreift, nicht sehr hoch, eher stämmig, scheint aber, entgegen den Beteuerungen des Führers, neuer zu sein. Vielleicht ist der alte einfach in den neuen integriert worden.

In einem Obergeschoss sieht man auch Nischen, die als Schlafräume und als Gebetsräume für die Mönche dienten. Eine hatte sogar eine kleine Bibliothek.

Es kommt auch einer der letzten Leuchtturmwärter zu Wort, in einer Einspielung, zusammen mit seiner Frau. Sie äußern sich sehr positiv über die Stelle. Andere Leuchtturmwärter verbrachten einsam auf einer Felseninsel den einen über den anderen Monat, hier war man an Land und konnte mit seiner Familie leben. Man war zwar weit ab vom Schuss, aber die Gesellschaft, die den Leuchtturm betrieb, sorgte für Verpflegung und für Transport, so dass die Kinder hier wohnen, aber woanders zur Schule gehen konnten.

Der Führer ist äußerst freundlich und redselig. Und hört sich sehr irisch an: tree sides, opp de tower, not moch, Tempelars‘ Church, moind your head. Da kommt Freude auf. Eine andere Eigenheit ist seine Antwort auf Thank you. Die ist immer: No problem. Das höre ich in den nächsten Tagen immer wieder.

Beim Verlassen des Leuchtturms sehe ich noch ein Gedicht von Heaney auf Hook Head, die Halbinsel, auf der der Leuchtturm steht, und eine Tafel zum Leben von William Marshal: Er hatte fünf Söhne und fünf Töchter. Alle Söhne starben, alle Töchter brachte er unter die Haube!

Auf dem Rückweg mache ich kurz halt. Gleich am Straßenrand steht Ross Church, eine gut erhaltene Ruine, grauer Stein auf grüner Wiese. Die Reste eines kleinen Glockenturms sind noch zu erkennen. Und eine Trennwand, die das Schiff quer in zwei Teile teilt, einer für die Gläubigen, einer für die Geistlichen vermutlich. Vor dem schattierten Himmel hat diese Ruine hier in der Einsamkeit eine eigentümliche Wirkung.

In New Ross mache ich noch einen Gang durch die Stadt. Das St. Michael’s Theatre war früher St. Michael’s Church. Aber ob hier ein Theater bessere Überlebenschancen hat als eine Kirche?

Ein Buchmacher heißt passenderweise Paddy Power. Und eine Näherei Sew it Seams. Eine Plakette weist darauf hin, dass hier früher der Schlachthof war oder das Viertel, in dem meistens die Metzger tätig waren: The Shambles. Und gleich in der Nähe befand sich das Gefängnis und Pranger (pillary) und Tauchstuhl (ducking stool).

Wenn ich durch die Straßen gehe, muss ich mir manchmal in Erinnerung rufen dass ich in Irland bin und nicht in England. Die Markierungen auf dem Straßenbelag, die Verkehrszeichen, die Fahrspur links, all das ist wie in England.  Nur Yield weicht ab von Give Way auf den Schildern.

Auch sonst wirkt alles sehr englisch: Zeitungen, Off Licence, Fish & Chips, Scones, Ladenfronten, Pubs einschließlich ihrer Namen. Der größte Unterschied ist in der Sprache, den zweisprachigen Schildern und dem irischen Akzent.

In der Cafeteria in Hook Head ist mir aufgefallen, wie schlecht die Iren gekleidet sind: altmodisch, ärmlich und entschieden unelegant. Ab und zu gibt es mal Frauen, die von dem Muster abweichen, aber die sind eine Seltenheit. Sogar ich in meinem Reiseoutfit sehe hier noch vorzeigbar aus.

28. Dezember (Mittwoch)

Waterford liegt nur 30 km von New Ross entfernt. Man überquert den Barrow, um in die Richtung zu kommen. Am Ortsausgang von New Ross liegen sich Aldi und Lidl fast gegenüber, und kaum eine Minute später befindet man sich schon in der Grafschaft Kilkenny.

Waterford zeigt sich verschlossen: Kirchen, Museum, Turm, Touristeninformation, alles zu. Offen ist aber eine kleine Bäckerei in einer Seitenstraße. Der freundliche und gesprächige Bäcker serviert mir einen Tee mit einem Scone und macht mich darauf aufmerksam, dass ich mich in Irlands ältester Stadt befände. Die Kelten bauten keine Städte, und so sind viele der alten Städte Irlands Gründungen der Wikinger, vor allem an der Küste, vor allem im Süden: Wexford, Limerick und eben auch Waterford.

Ich müsse mir unbedingt das Mittelaltermuseum hier in Waterford ansehen. Das sei erste Sahne. Das sehen auch die Reiseführer so. Im Laufe des Gesprächs stellt sich dann heraus, dass er selbst noch gar nicht drin war. Aber als Werbeträger für Waterford ist er unschlagbar. Und für ganz Irland. Im Laufe der Zeit plant er meine gesamte weitere Reise, immer wieder mit neuer Begeisterung, wenn ihm noch ein Ziel einfällt, und das alles mit großer Liebenswürdigkeit. Natürlich will er mich auch nach Blarney schicken, um den Stein zu küssen, der einem die Gabe Redens und wohl auch die Freude am Parlieren verleiht. Er braucht das nicht.

Ich breche auf und gehe ein bisschen durch die Altstadt. Dabei stoße ich auf ein kleines, aus Bronze gemachtes Modell der mittelalterlichen Stadt. Was man auf den ersten Blick genau sieht: Die Stadtanlage hat die Form eines Dreiecks. Die moderne Tourismusverwaltung bewirbt das als Viking Triangle.

An verschiedenen Stellen gibt es Schautafeln, die einem etwas über die Stadt erzählen, und an einer Stelle, mit Blick auf den Hafen, ist ein Wikingerschiff ausgestellt. Es heißt Vjädrärfjordr. Das ist der alte skandinavische Name Waterfords. Nach mehreren Einfällen und Plünderungen gründeten die Wikinger dann die Stadt (914) und befestigten sie danach. Waterford spielte zur Zeit der Wikinger eine wichtige Rolle und unterstützte Brian Boru, gegen Dublin, bei seinem Versuch, die Oberherrschaft über Irland zu gewinnen. Das war der erste Einigungsversuch, der reelle Erfolgschance hatte und vielleicht nur an dem Tod Brian Borus scheiterte, der in seinem Zelt nach erfolgreicher Schlacht umgebracht wurde. Die Allianz zwischen ihm und Waterford ist ein gutes Beispiel für die nie gerade verlaufenden Trennlinien zwischen den verschiedenen Völkern in Irland. Nicht einfach Iren gegen Wikinger, sondern auch Wikinger gegen Wikinger, Iren gegen Bündnisse von Iren mit Wikingern, Dänen gegen Norweger. Das gleiche Bild zeigt sich nachher bei Protestanten und Katholiken und Iren und Briten.

Auf einer weiteren Schautafel, immer noch am Ufer, ist von der SS Portlairge die Rede. Die war von 1907-1983 im Einsatz und am Ende das letzte Dampfschiff Irlands. Sie mussten den Hafen reinigen. Der war nach dem Abbruch der Stadtmauern angelegt worden, füllte sich aber immer wieder mit Schlamm und Schlick. Die SS Portlairge musste den Hafen freihalten, so dass auch die immer größer werdenden Schiffe einlaufen konnten. Ihr Name ist der alte irische Name von Waterford.

Aus der Zeit der Stadtbefestigung stammt der Turm, der ganz in der Nähe des Schiffs steht, Reginald’s Tower. Nach der anglonormannischen Eroberung wurde der Turm zum Sitz der Münze und später zum Munitionslager und zum Gefängnis für Kleinkriminelle und Betrunkene. Heute ist dort ein Museum untergebracht. Auf einem Schild zur Geschichte des Turms heißt es: „König John hat in das Turm eine Minze gebuilt.“

Der Turm steht am äußersten Rande der Innenstadt. Als ich wieder zurückgehe, sehe ich bei der Touristeninformation, dass das Mittelaltermuseum heute doch öffnet, nur später. Am Museum war davon nicht die Rede. In der Nähe fällt mir ein Banner mit der Aufschrift Three Sisters ins Auge. Das sind Waterford, Wexford und Kilkenny. Sie bewerben sich für den Titel Europäische Kulturhauptstadt 2020.

Wieder im eigentlichen Stadtzentrum angelangt, stoße ich auf die Kathedrale, die Anglikanische Kathedrale Waterfords, Christ Church Cathedral. Davor steht ein modernes Bronzedenkmal, eine Ehepaar darstellend. Es erinnert an die bedeutendste Hochzeit der irischen Geschichte, die hier in der Kirche, genauer gesagt in dem romanischen Vorläufer der Kirche stattgefunden hat, die Ehe zwischen Strongbow und Aiofe, der Tochter des Königs von Leinster, Dermot MacMurrough (irisch: Diarmait Mac Murchada). Der hatte die Frau eines konkurrierenden Königs entführt und war deshalb abgesetzt und aus Irland verbannt worden. Und bei wem suchte er Hilfe? Bei den Engländern, den Anglonormannen. Heinrich II. stattete ihn mit Geld aus und erlaubte ihm, Krieger unter seinen Baronen zu rekrutieren. Die eroberten Waterford und setzten ihm wieder auf den Thron. Und forderten ihren Lohn. Der Führer der Barone, Richard de Clare, der Graf von Pembroke, besser bekannt als Strongbow, bekam das größte Geschenk, seine Tochter. Und mit der Ehe Macht und Reichtum. Praktischerweise starb der Schwiegervater zwölf Monate nach der Ehe und Strongbow folgte ihm auf den Thron. Der Beginn der englischen Geschichte Irlands.

In dem stark stilisierten Denkmal sind die beiden Eheleute sitzend dargestellt, mit kerzengeradem, langgestrecktem Rücken. Beide tragen hochmoderne, lange, spitz zulaufende Schuhe. Er hält eine Schriftrolle in der Hand und eine Kugel, sie trägt ein Kreuz um den Hals, sie trägt eine Haub, eher trägt einen Helm.

Wenn man gegen die Sonne sieht, hat man einen herrlichen Himmel vor sich, mit blauen, schwarzen und weißen Wolken und Wolkenlücken und Sonnenstrahlen, von denen sich die Silhouette der Christ Church Cathedral mit ihrem spitzen Turm schwarz abhebt. Über einer alten Mauer sieht man die oberen Zweige eines Strauchs mit rosa-weißen Blüten, mitten im Winter.

Dann macht das Museum auf. Wir werden von einem sympathischen Mann kurz durch die Ausstellung geführt und sehen uns dann alleine um. Am meisten beeindruckt mich die Geschichte der weißen Sklaven. Waterford war die einzige Stadt, die Cromwell nicht erobern konnte. Das wurde dann aber von den Ironsides, der Kavallerietruppe Cromwells, nachgeholt. Viele der Bürger von Waterford, die so viel Widerstand geleistet hatten, wurden als weiße Sklaven in die Karibik verkauft, um auf den Zuckerrohrplantagen zu arbeiten. Als sprachliches Überbleibsel dieser Aktion gibt es eine Stadt auf Barbados, die Waterford heißt!

Das bedeutendste Exponat des Museums ist ein Dokument, das wie ein Gewand aussieht, langgestreckt, aus einzelnen farbigen Teilen bestehend, der Text in der Mitte gesäumt von Darstellungen aller möglichen Würdenträger: The Great Charter Roll (XIV) . Es ist ein Dokument, das der Konkurrenz von New Ross und Waterford geschuldet ist. Es ging um das Monopol für die Abfertigung ausländischer Schiffe. Mit diesem Dokument bekam Waterford den Zuschlag, zum Schaden des alten Feinds. Das Dokument zeigt ganz oben die Stadtsilhouette von Waterford, die älteste Abbildung einer irischen Stadt, noch mit Stadtmauern. Über dem Dokument liegt ein Objekt, das wie ein Zepter aussieht. Das ist ein Streitkolben, ebenfalls Ausweis des Ausgangs des Streits.

Waterford war der wichtigste Weinimporteur Irlands. Das wird dokumentiert mit einer Vielzahl von halb zerbrochenen Weinkrügen und Weingläsern aus der Zeit, aber auch mit dem Weinkeller des streitbaren Bürgermeisters von Waterford, John Rice. Er war zigmal Bürgermeister von Waterford und ein frommer Mann, der mehrmals den Pilgerweg nach Santiago ging und der Kirche ein Großteil seines Eigentums vermachte. Unter dem Museum befindet sich dieser Weinkeller, der durch ein besonderes Gewölbe auffällt, ein wicker vault. Man sieht die Abdrücke eines Korbgeflechts an der Decke. Zum Bau des Gewölbes wurde ein Holzgerüst angefertigt, das später entfernt wurde. Das wurde mit Mörtel angefüllt. Damit der Mörtel nicht durch die Lücken zwischen den Holzstreben auf die Erde fiel, wurden diese Lücken mit Weidenzweigen gefüllt. Auch die wurde später entfernt, hinterließ aber, im wahrsten Sinne des Wortes, Eindruck.

Wenn Wein importiert wurde, wurde Tuch exportiert. Das war als Waterford Rugs bekannt und ging bis nach Hamburg, Avignon, Oslo. Es hatte einen großen Vorzug: Es hielt warm.

Zu den weiteren Ausstellungsstücken gehört das Zeremonialschwert eines englischen Königs – seit Heinrich II. galt Waterford als Royal Port, der König wollte keine Alleingänge seiner Barone – ein typischer Renaissancehut, der Heinrich VIII. gehört haben soll – die sehr gleichmäßige Krone des Huts, vermutlich aus Samt, wird von Walfischknochen gestützt – und ein sehr seltenes Exemplar eines mittelalterlichen Bogens, des berühmten long bow, mit dem die wichtigen Schlachten gegen die Franzosen gewonnen wurden.

In einem Stadtmodell (XV) sieht man eine Vielzahl von Kirchen, im Viking Triangle und in der Stadterweiterung. In einem Raum hat man aus jeder Kirche ein Objekt ausgestellt. In einer Vitrine sieht man stick pins. Die hat man in den Gräbern gefunden. Mit ihnen wurden die Gewänder der Toten zusammengehalten. Die wurden in Ost-West-Richtung bestattet, mit dem Kopf im Westen, so dass sie am Jüngsten Tag der aufgehenden Sonne entgegensehen konnten. Die Geistlichen wurden auch in Ost-West-Richtung bestattet, aber mit dem Kopf im Osten, so dass sie die Gläubigen ihnen ins Gesicht sehen konnten, oder sie den Gläubigen.

Die Namen der Kirchen sind auch aussagekräftig. St. Bridget deutet auf eine irische Gemeinde, St. Olav auf eine skandinavische, und St. Thomas ist ein Verweis auf Becket, die erste Kirche in Europa mit diesem Patrozinium, gestiftet von Heinrich II. selbst, als Buße.

Nach dem Museum gehe ich in den anderen Teil der Innenstadt. Der Weg dahin führt mitten durch ein modernes Einkaufszentrum. Waterford ist inzwischen zum Leben erwacht. Richtig was los hier. Kein Vergleich zu der ausgestorbenen Stadt am frühen Morgen.

Beide Postämter sind geschlossen. Ohne Angabe von Gründen. Aber ich habe Glück. In einer Buchhandlung gibt es auch Briefmarken. Auf denen steht tatsächlich Eire, der irische Name Irlands und der offizielle Name Irlands als Irish Free State, bis 1948. Die Briefmarken sind winzig klein und sehr teuer: 1,10 € fürs Ausland.

Als ich wieder in New Ross bin, gehe ich zu McDonald’s. Das ist ein einheimisches Café. Es gehört Ann McDonald.

In dem Tante-Emma-Laden, in dem ich täglich auflaufe, gibt es ein Missverständnis. Ich frage nach paper handkerchiefs, aber das sagt der Verkäuferin nichts. Vielleicht serviettes? Nein. Zu Demonstrationszwecken ziehe ich ein Paket aus der Tasche. Ach so, tissues.

Ich frage, ob übermorgen auch geöffnet ist. Ja, die ganzen Tage durch. Der Laden schließt nur einmal pro Jahr, am Weihnachtstag. Ob sie denn Silvester und Neujahr auch arbeiten müsse, frage ich. Steht noch nicht fest.

29. Dezember (Donnerstag)

Auf dem Weg nach Kilkenny mache ich in Inistioge halt, einem charmanten Ort mit verputzten Häusern, weiß unten am Fluss, beige und grau im Ortszentrum, manchmal mit farblich abgesetzten Ecksteinen und Fenster- und Türeinfassungen. Es gibt zwei große Kirche, ein paar Schritte nur voneinander entfernt, ein bisschen viel für so einen kleinen Ort, in dem so etwas wie ewige Ferienstimmung herrscht. Beide Kirchen sind geschlossen. Es ist noch sehr früh.

Über den erstaunlich breiten Fluss, die Nore, spannt sich eine erstaunlich repräsentative Brücke, mit gewissen Anklängen an die Trierer Römerbrücke. Diese Brücke wurde nach einer Flutwelle im 18. Jahrhundert – mit finanzieller Unterstützung aus England! – gebaut, als die alte Brücke entzwei brach. Die Flutwelle zerstörte auch die Brücke von Thomastown und kostete dort sogar mehrere Menschenleben.

Dahin, nach Thomastown, einem Ort mit städtischerem Charakter, fahre ich weiter und mache auch dort halt. Aber auch hier ist noch alles geschlossen. Auch kein Café ist zu finden. Meinen Tee bekomme ich erst in Kilkenny, im Kellergeschoss der Burg.

Kilkenny gilt die feinste mittelalterliche Stadt Irlands. Aber es ist nicht überall Mittelalter drin, wo Mittelalter draufsteht. Die Stadt ist schön, das sieht man schon bei der ersten Durchfahrt, aber auch nichts aus der Wundertüte.

Die besondere Form der Stadtanlage kann man an einem hölzernen Modell in der Kathedrale erkennen, die das Kilkenny der frühen Neuzeit (XVII) darstellt. Man sieht drei voneinander deutlich abgesetzte Stadtteile, jedes für sich mit einer Stadtmauer umgeben. Eins liegt auf der anderen Seite des Flusses, die beiden anderen diesseits. Und eins davon heißt Hightown und eins Irishtown. Warum heißt ein Viertel in einer irischen Stadt Irishtown? Weil in dem anderen Stadtteil die Fremden lebten, die Anglonormannen, und die betonten sprachlich das Anderssein der Iren statt umgekehrt.

Irishtown gruppiert sich um die Kathedrale, Hightown um die Burg, den beiden Endpunkten der Stadt. Zwischen ihnen verläuft eine lange Straße mit Häusern auf beiden Seiten, der Rest der Stadt ist merkwürdig leer. Oder war es damals. Das hat sich natürlich geändert, aber die lange Straße gibt es immer noch, mit charakteristisch niedrigen Häusern.

Ich fange mit der Burg an.  Von der ursprünglichen Anlage ist nur noch Kellergeschoss etwas erhalten, darunter ein Raum, von dem man aus gegen Belagerer anstürmen konnte, ohne die Burg in Gefahr zu bringen. Für so einen Raum gibt es sogar eine eigene Bezeichnung: Sally Port Cellar.

Auch die dicken Rundtürme an allen vier Seiten, auffälligster Bestandteil der Burg, sind noch mittelalterlich, stammen aber nicht aus der Anfangszeit. Einer davon ist in einen viereckigen Turm von dem späteren Umbau integriert worden. Durch den dadurch entstandenen Saal kommt man bei der Besichtigung. Interessantes Raumgefühl.

Der wichtigste Saal ist ein langgestreckter Saal mit Holzdecke und Oberlichtern, der als Gemäldegalerie dient. Alles andere ist Viktorianisch und nicht sonderlich interessant. Irgendwie sind solche „Burgen“ immer alle gleich.

Einen Blick lohnt sich in das rekonstruierte Viktorianische Kinderzimmer. Da gibt es Puppenhäuser, Holzfiguren, Spiele und Steckenpferde und ein Stuhl, der so umgebaut werden kann, dass das Kind dort sein Geschäft erledigen kann. Unter den Spielen gibt es Snakes and Ladders, und eins der Steckenpferde bewegt sich nicht nur auf und ab, sondern auf vorwärts, auf drei Rädern!

Beim Weg zur Kathedrale entdecke ich in der Fußgängerzone Sole Comfort. Dazu kommen in diesen Tagen Shooz 4 Kids und Fitz U.

Die Kathedrale, St. Canice, hat der ganzen Stadt ihren Namen gegeben: Kilkenny kommt von Cill Chainnigh, ‚Kirche des Canice‘. Der war ein Mönch.

An die Kirche lehnt sich der für diese Gegend charakteristische Rundturm an. Hier wird er als Glockenturm bezeichnet. Bisher war ich immer im Glauben, es wäre ein Rückzugsort für den Verteidigungsfall. Diese Rundtürme hatten Leitern, die auf mehrere Geschosse führten. Wo die Glocken gehangen haben sollen und warum man für einen Glockenturm so eine merkwürdige konisch zulaufende Form gewählt haben soll, leuchtet mir nicht ein.

Die Kathedrale, dreischiffig, hell, groß für irische Verhältnisse, ist mäßig schön, hat aber viele interessante Details. Dazu gehört der Marmorboden des Chorraums, der Marmor in vier Farben aus den vier Provinzen miteinander verbindet: grün aus Connemara für Connaught, grau aus Armagh für Ulster, rot aus Cork für Munster, schwarz aus Kilkenny für Leinster.

Ob das wirklich Marmor ist, was man hier überall sieht? Es ist jedenfalls ein schwarzer, polierter Stein, den man an Häuserfassaden sieht und hier bei den Sarkophagen und der als typisch für Kilkenny gilt. Einer der Sarkophage zeigt in hieratischer Haltung ein Ehepaar aus der bedeutenden Familie der Butler, die die Geschichte von Leinster mitgeprägt hat. Fast surreal entstellt scheint das Grabmal einer gewissen Honorina Grace, mit aufgeblasenen Puffärmeln und gestrecktem Kopfputz, beides Zeichen des Wohlstands, genauso wie die Ringe an den Fingern und der Gürtel.

Nicht mehr zu sehen, aber wohl noch vorhanden ist ein Schlitz im südlichen Seitenschiff, ein Lepers‘ Squint. Durch diesen Schlitz konnten Leprakranke von außen dem Gottesdienst folgen, ohne sich mit den Gläubigen zu vermischen. Heute glaubt man, dass gar nicht alle an Lepra erkrankt waren, sondern andere Hautkrankheiten hatten.

Dem Namen Kavanagh begegnet man in dieser Gegend immer wieder. Auch mein Tante-Emma-Laden in New Ross wird von einer Familie Kavanagh betrieben, und ein zeitgenössischer irischer Schriftsteller heißt so. Hier in der Kathedrale ist der Viktorianische Abkömmling einer der gälischen Könige von Munster, Arthur MacMurrough Kavanagh. Ihm ist eine Plakette gewidmet. Nur mit Armstümpfen und Beinstümpfen geboren, wurde er trotzdem Parlamentsabgeordneter, lernte Reiten, Schießen, Fischen, Schreiben und wurde Vater von sieben Kindern. Kann das sein?

Eine letzte Kuriosität der Kathedrale ist der Green Man, eine legendäre Figur mit wüstem Haar, aus dessen Mund Zweige sprießen, eine heidnische Figur, die für Wachstum und Fruchtbarkeit steht und ihren Weg in die christliche Welt gefunden hat. Erstaunlich!

Die nächsten beiden Ziele liegen praktischerweise einander gegenüber, auf der langgestreckten Straße zwischen Kathedrale und Burg. Eins davon ist Rothe House, ein Kaufmannshaus aus der Tudorzeit. Im Laufe seiner langen Geschichte diente das Haus als Kaufmannshaus, als Schulgebäude, als Eisengießerei, als Kohlehandel und als Sitz der Gaelic League. Kein Wunder, dass nicht mehr viel vorhanden ist.

John Rothe entstammte, genau wie seine Ehefrau, Rose Archer, einer der führenden Familien Kilkennys. Er handelte mit Seide und Leinen, Import und Export, und wurde reich. Zuerst hatte er nur ein Haus, dann kaufte er sukzessiv die beiden Nachbarhäuser für seine größer werdende Familie hinzu (11 Kinder). Zuerst wohnte die Familie oben, die Werkstatt und Verkaufsräume waren unten. Von der ursprünglichen Ausstattung ist herzlich wenig erhalten. Interessant sind ein paar Vitrinen, in denen Alltagsgegenstände ausgestellt werden, die aber wohl aus einer späteren Epoche stammen: ein Stiefelknecht, ein Halter für einen Zwicker, Tanzkarten (auf denen man bei einem Ball mit buchhalterischer Akribie die Partner für die anstehenden Tänze notierte), Stehkragen mit einer eigens dafür gemachten Schachtel und eine Vorrichtung, die skirt slip heißt. Mit der konnten Frauen den Saum des Kleides anheben, um zu verhindern, dass es über den Boden schleift.

Interessanter als das Haus ist die Geschichte der Familie des Firmengründers. Er selbst wurde mehrmals Bürgermeister von Kilkenny, genauso wie sein Sohn Peter. Beide unterstützten die Confederation of Kilkenny, ein Bündnis von Anglonormannen und Iren, das auf der Seite des britischen Königs stand. Nach der englischen Revolution und der Eroberung Kilkennys durch Cromwell wurde die Familie enteignet und in den Westen geschickt – ein Aktion an einer der Schaltstellen der irischen Geschichte. Seitdem ist der Westen „irischer“ als der Rest.

Bleibt noch Smithwick’s. im Gebäude gleich gegenüber untergebracht, die Brauerei von Kilkenny. Bis zum Schluss der Führung verstehe ich nicht, was die Marke Smithwicks mit der Marke Kilkenny zu tun hat, die viel bekannter ist, bei uns jedenfalls. Es stellt sich heraus, dass es ein und dasselbe ist.

Die Tour durch das hypermoderne Zentrum ist leidlich interessant, aber wie immer bei Brauereiführungen kann ich irgendwann nicht mehr richtig folgen. Es werden die vier Zutaten vorgestellt – im Deutschen würde hier das Wort Reinheitsgebot fallen – und deren Verarbeitungsweise. Das geschieht teils durch Videos, teils durch Geräte vor Ort. Das ist alles sehr professionell, aber ein bisschen zu glatt. Allerdings ist der Führer die Freundlichkeit in Person.

Hopfen kann ich Irland aus klimatischen Gründen nicht angebaut werden und wird deshalb eingeführt, u.a. aus Deutschland. Der wichtigste Hersteller der Welt für Hopfen ist aber Slowenien. Das kommt zur Sprache, weil auch ein paar Slowenen an der Führung teilnehmen.

Was ist das besondere an Smithwick’s? Gerösteter Malz. Offensichtlich enthält Lager keinen gerösteten Malz, Guinness 10%, Smithwick’s 5%. Es liegt damit im Geschmack und in der rötlichen Farbe zwischen den beiden.

Das Wasser kam ursprünglich aus dieser Gegend. Heute ist die Produktion in Dublin, und das Wasser kommt aus den Wicklow Mountains. Seine Eigenart ist aber gleich und ist dem irischen Kalkstein geschuldet: Es ist mineralhaltig. Also hart. Das muss wohl gut für Bier sein.

Es geht während der Führung auch in einen Raum mit einer Ahnengalerie. Die Gemälde sehen echt aus, aber dann habe ich den Eindruck, dass einer die Augen den Kopf bewegt, einer mir zuzwinkert. Es ist alles elektronisch. Die Männer sprechen und erzählen ihre Geschichte. Wie sie im Krieg keinen Hopfen bekamen konnten und ihn durch andere Zutaten ersetzten zum Beispiel. Historisch interessant ist die Geschichte des Gründers der Brauerei, John Smithwick. Er verließ England und kam nach Irland, um der religiösen Diskriminierung zu entgehen, und kam dabei vom Regen in die Traufe. Oder bliebt zumindest im Regen. Er durfte kein Unternehmen gründen und musste deshalb einen protestantischen Partner mit an Bord nehmen.

Am Ende gibt es eine Verköstigung, wie üblich. Unser Führer erzählt noch, dass die professionellen Verköstiger immer zu einer bestimmten Tageszeit zum Einsatz kommen, am späten Vormittag. Was machen sie wohl den Rest des Tages? Der Raum, in dem die Verköstigung stattfindet, ist fensterlos und unzugänglich für andere, und Zeitungen und Telefone sind nicht erlaubt. Volle Konzentration auf das Bier.

30. Dezember (Freitag)

Ganz in der Nähe von New Ross, aber weit abseits des Weges liegt JF Kennedy’s Homestead, das Elternhaus der Vorfahren von Kennedy, einem Bauernhof. Er selbst war zweimal da, 1947 und 1963. Beim ersten Mal musste er noch Nachforschungen anstellen (lassen), um herauszufinden, woher genau seine Vorfahren stammten. Er begegnete dann u.a. seiner nächsten Verwandten in Irland, einer entfernten Cousine. Die nannte ihn Cousin Jack. Als er zum zweiten Mal kam, war er der erste amerikanische Präsident überhaupt, der Irland besuchte. Komisch.

In einer kleinen Ausstellung gibt es Memorabilia und Dokumente über die Vorfahren Kennedys, darunter ein Rosenkranz und ein Armeeabzeichen.  Die brachte eine Abgeordnete der irischen Kennedys aus Washington von seiner  Beerdigung mit. Seine Ehefrau hatte sie ausdrücklich eingeladen und ihr die Dinge als Erinnerungsstücke anvertraut.

Es war der Urgroßvater Kennedys, der nach Amerika auswanderte, 1848, während der Hungernot, und zwar auf der Dunbrody (aber mit der nur bis Liverpool, von dort ging es mit einem Dampfschiff weiter.

Als guter Ire ging Kennedys Urgroßvater nicht nach New York, sondern nach Boston. Dort wimmelte es von Iren. Und dort war inzwischen auch das Mädchen angekommen, die seine Frau wurde. Sie stammte aus dem Nachbardorf der Kennedys!

Erstaunlich dann die Entwicklung in wenigen Generationen, ein klassischer Fall für den American Dream. Es war nicht so leicht, in Amerika Fuß zu fassen, für Iren sowieso nicht: „No Irish need apply“ hieß es häufig. Aber sie schlugen sich durch, indem sie Hilfsarbeiten annahmen, als Bauarbeiter, als Hafenarbeiter, als Grabengräber.

Kennedys Urgroßvater arbeitete in Boston als Böttcher. Das hatte er offensichtlich zuhause gelernt. Hier sind ein paar seiner Werkzeuge ausgestellt. Er muss dort wohl auch einen Laden gehabt haben, vielleicht in Verbindung mit der Werkstatt, denn den übernahm seine Frau nach seinem Tod. Sie verkaufte dann auch Lebensmittel und Alkohol und kam damit über die Runden. Der älteste Sohn musste aber die Schule verlassen, um Geld dazuzuverdienen. Er eröffnete später eine Kneipe und traf dort auf Politiker und wurde selbst einer. Er wurde Abgeordneter im Senat von Massachusetts. Eine unglaubliche Karriere. Zu Geld war er gekommen, indem er Kredite an Iren vergab, und daraus entstand die erste irische Bank Bostons.

Alle acht Urgroßeltern Kennedys waren Iren! Der Großvater mütterlicherseits, „Fitz Honey“ war Bürgermeister von Boston, äußerst beliebt. Auch er war im Finanzgewerbe tätig. In der Ausstellung sieht man eine Nachbildung seines Schreibtischs. Dort hob er eine akribische Liste von seinen Schuldnern auf. Es heißt, er habe vor seinem Tod angewiesen, die Liste zu vernichten. Die Schulden waren getilgt.

Kennedys Vater war ein regelrechter Finanzhai. Trotz seiner vielen Erfolge soll er in der Bostoner Welt nicht akzeptiert worden sein, was seinen Ehrgeiz noch weiter angetrieben haben soll.

Hinter der in einem Neubau untergebrachten Ausstellung stehen noch Gebäude aus der alten Zeit, aus der Zeit, als Kennedys Urgroßvater auswanderte. Und der Bauernhof wird heute noch betrieben! Über all die Generationen ist es an den ältesten Sohn weitergegeben worden bzw. in einem Fall an die älteste Tochter. Deshalb heißt die Familie heute nicht mehr Kennedy. Irgendwie ist das die Kehrseite der Familie: Der Erstgeborene erbte den Hof, der Zweitgeborene wanderte aus. Seine Nachkommen sind Millionäre, die Nachkommen des Bruders Bauern.

Besichtigen kann man eins der beiden langgestreckten Gebäude, die noch aus der Zeit erhalten sind. Es ist zweigeteilt in Wohnzimmer und Scheune. Die werden so präsentiert, wie sie damals aussahen. Das ist einfach, aber nicht ärmlich. Geschlafen wurde allerdings nicht in eigenen Schlafzimmern, sondern in der Scheue, hoch oben.

Eine Besonderheit hat man etwas verschämt hinter einem Vorhang versteckt, weil sie nicht zur Ausstattung passt. Es ist das Sofa, auf dem Kennedy bei seinem Besuch saß, der ausgebaute Hintersitz eines ausgedienten Morris Mini.

Als ich wieder Richtung New Ross fahre, kommt für einen Moment die Sonne heraus. In solchen Momenten, meist vor Sonnenuntergang oder nach Sonnenaufgang, hat der Himmel eine geradezu mystische Qualität: Die Sonnenstrahlen vermischen sich mit den schwarzen und weißen Wolken und bilden am Horizont einen blassen Schleier.

Eine Frage, die ich mir in diesen Tagen immer wieder stelle: Was wäre eigentlich anders, wenn Irland zum UK gehören würde? Da fällt mir nicht so leicht eine Antwort ein. Höchstens der Brexit, wenn sie für den gestimmt hätten, aber vielleicht hätten sie das nicht und der wäre gar nicht gekommen. Wofür dann all der Zwist, all das Leid, all das Blutvergießen? Wofür dann die Unabhängigkeit?

31. Dezember (Samstag)

Die geplante Fahrt nach Enniscorthy kann ich mir sparen. Sowohl die Burg als auch das Zentrum für die Rebellion von 1916, das ich gerne besichtigt hätte, sind über die Feiertage geschlossen. Auch die Tintern Abbey – die ihren Namen von ihrem walisischen Vorbild hat – ist über die Feiertage geschlossen. Aber die Dunmore Caves in Kilkenny sind geöffnet. Auf geht’s.

Unterwegs tanke ich zum ersten Mal. Knapp 1,40. Aber ich habe gerade mal 30 Liter verbraucht bis jetzt. Trotz der Umwege.

Als hinter Kilkenny keine Hinweisschilder auftauchen, ziehe ich den Routenplaner zu Rate. Der will mich ganz woanders hinschicken. Nach Waterford. Beim zweiten Versuch klappt es dann aber. Es geht über einen verdächtig schmalen, rutschigen Landwirtschaftsweg, drei, vier Kilometer lang. Das kommt mir nicht geheuer vor. Dann stoßen wir auf größere Straßen, aber es taucht kein Schild auf und es folgt eine Abbiegung auf die andere. Ich habe schon fast die Hoffnung aufgegeben, als tatsächlich das erste Schild auftaucht. Als es dann heißt „Sie haben Ihr Ziel erreicht, geht es immer noch einen Kilometer weiter, aber dann stehe ich vor dem Tor der Dunmore Caves. Vor dem verschlossenen Tor. Geschlossen. Entgegen dem Schild gleich hinter dem Tor und den Informationen im Internet. Danach müsste geöffnet sein. Ein Hauch von Griechenland.

Auf dem Hinweg habe ich in Inistioge halt gemacht. Diesmal war ein Café geöffnet. Die Wirtin sprach gerade mit ihrer Tochter in Neuseeland: Happy new year! Sie erklärt mir, dies sei eine tenant village. Der Gutsbesitzer, vermutlich ehemals Old English, also Anglonormannisch, residierte oben auf dem Berg, die Pächter hier unten. Die Anglonormannen wurden im Laufe der Zeit immer „irischer“, so sehr, dass man mit den Statutes of Kilkenny einen hilflosen Versuch machte, die Annäherungen zwischen ihnen und den Iren zu unterbinden.

Die Wirtin sagt, sie habe mich für einen Holländer gehalten. Die könnten besser Englisch als die Deutschen. Die Kneipe nebenan gehöre einer Deutschen. Die käme aus Bayern, meint sie. Da geht mir ein Licht auf: Ich habe mich dieser Tage gewundert, über einer der Kneipen hier ein großes Banner mit Erdinger Weißbier zu sehen.

Eine der beiden Kirchen ist heute geöffnet, aber die Innenansicht lohnt sich nicht besonders. Stattdessen gehe ich auf den Friedhof. Der liegt zwischen den beiden Kirchen. Über den Gräbern Kreuze aus Marmor, Stein und Eisen, alle mit dem typisch keltischen Ring im Schnittpunkt der Balken. Eine geheimnisvolle Atmosphäre liegt über dem Friedhof: altes Gemäuer, aus dem oben und zwischen den Steinen Gras herauswächst, halb verfallene Grabsteine, Stille, nur von dem Krächzen der Krähen über den Bäumen durchbrochen, der merkwürdig verfärbte Himmel, duster, mit ein paar Sonnenstrahlen.

Bei der Weiterfahrt gibt es im Radio ausnahmsweise mal keine Musik und auch keine Gespräche über verstorbene Größen der Popmusik, sondern eine Diskussionssendung. Es geht um die politischen Perspektiven für Irland für das kommende Jahr. Immer wieder tauchen die Namen der beiden Mehrheitsparteien auf: Fianna Fáil und Fine Gael, die gegenwärtig eine von Fianna Fáil geduldete  Minderheitsregierung bildet. Die Diskussion, in der es ziemlich gesittet zugeht, wird mehrmals unterbrochen, damit einer der Diskussionsteilnehmer das Mikrophon in die Hand nimmt und – singt! Unglaublich. Alle sind Laien und haben höchstens mal im Kirchenchor gesungen. Und machen ihre Sache ausgezeichnet!

Auf dem Rückweg eine Memorial Lecture, gehalten von einer irischen Professorin aus Oxford die vorher einen Lehrstuhl in Harvard hatte. Ein Plädoyer für Offenheit, gegen Abschottung, für Internationalität, gegen Nationalismus. Und gegen den Brexit. Irland sei es schlecht gegangen, solange es sich nach der Loslösung vom UK nur auf sich selbst besonnen hätte. Die Besserung sei eingetreten, als man sich aus der Isolation befreit habe. Sie sagt in diesem Zusammenhang, dass die Einwohnerzahl Irlands 1961 auf 2,8 Millionen zurückgegangen sei. Heute sind es wieder 4,7 Millionen. Heute seien die Verbindungen mit dem UK so eng wie nie zuvor. Sie sei gerade von London nach Dublin geflogen, der zweitstärksten Flugstrecke der Welt und der stärksten in Europa. In beiden Ländern hingen 200.000 Arbeitsstellen vom dem Export in das andere Land ab. Das UK exportiert mehr nach Irland als nach China, Brasilien und Indien zusammen! Iren reisten in kein anderes Land so häufig wie in das UK, und Briten seien die stärkste Gruppe unter den Touristen in Irland. Auch ihre eigene Biographie, von einer Kleinstadt in Waterford auf einen Lehrstuhl in Harvard, deutet sie als Resultat der Offenheit für die Welt, für die die Universitäten stünden. Das habe auch Seamus Heaney (der in dem Jahr geboren wurde als Yeats starb) bei seiner Nobelpreisrede gesagt. Selbst ihre katholische Erziehung habe einen Moment von Weltoffenheit beinhaltet: Wenn für die armen Negerkinder gesammelt wurde, damit die in die Schule gehen konnten, dann höre sich das zwar heute unerträglich an, aber wenigstens sei damit ein Fenster geöffnet worden, ein Bewusstsein geschaffen worden dafür, dass es da noch eine andere Welt gebe als die vor der eigenen Haustür. Sie selbst ist Politikwissenschaftlerin und hat sich auf das Thema Terrorismus spezialisiert. Auch hier eine ungewöhnliche Perspektive: Verständnis für das Selbstverständnis von Terroristen. Wir sähen sie als Aggressoren, aber sie sähen uns als Aggressoren, die ihnen und ihren Brüdern Leid zugefügt hätten. Deshalb müssten sie uns bekämpfen. Und sehen sich dabei in der Rolle des David gegen Goliath.

Die Sendung ist noch nicht vorbei, als ich wieder in New Ross bin. Diesmal gehe ich zu Fuß in die Stadt. In einem Café schreibe ich Ansichtskarten und merke dabei, dass auf den Briefmarken Eire steht. Das ist schon lange nicht mehr der offizielle Name Irlands, aber bei den Briefmarken ist es wohl dabei geblieben.

Die Preise in Irland sind hoch, die Eintrittspreise teils astronomisch. Allein in Kilkenny habe ich dafür 34 € gelassen. Und dann gibt es große Unterschiede. Für die immer gleiche Kombination – Kaffee oder Tee mit Scone oder Apple Pie – habe ich zwischen 2,50 und 7,00 bezahlt.

1. Januar (Sonntag)

Der Rock of Cashel ist eine der Hauptsehenswürdigkeiten Irlands, und die einzige, die von hier aus in einer Tagestour zu bewerkstelligen ist. Die Wettervorhersage behält recht, es ist ein sonniger Tag, der schönste bisher.

Im Radio wird vermeldet, dass die Zahl der Verkehrstoten in Irland im letzten Jahr gestiegen ist, um 15% (die absoluten Zahlen scheinen mir allerdings nicht hoch zu sein). Drei wichtige Gründe gibt es für die Unfalltoten, von denen man sich zwei denken kann: Geschwindigkeit und Alkohol. Der dritte kommt überraschend: Die Leute schnallen den Gurt nicht an.

Danach gibt es eine Parodie auf „Twelve Days of Christmas“, dem traditionellen Weihnachtslied. Da ist sie wieder, die magische 12, zur Bezeichnung der Zeit „zwischen den Jahren“, wie in Shakespeares Twelfth Night.

Das abgelaufene Jahr war der hundertste Jahrestag des Osteraufstands. Der Toten des Osteraufstands, vor allem der Märtyrer, der von den Briten exekutierten Aufständischen, wird in Irland sowieso häufig gedacht, in diesem Jahr ganz besonders. Es gehört zur den Ironien der irischen Geschichte, dass gleichzeitig irische Freiwillige für Großbritannien in den Krieg zogen! Der dabei umgekommenen Soldaten wird selten gedacht. Und in Nordirland, das ist die zweite Ironie, ist es genau umgekehrt. Da sind die Aufständischen des Osteraufstands allenfalls Rebellen, wenn nicht Terroristen.

Von weiten sieht man schon den Rock of Cashel, aber dann verschwindet er wieder, von der Stadt verdeckt. Es sieht schon ganz beeindruckend aus. Auch wenn die Landschaft etwas hügelig ist, ragt der Felsen wie aus dem Nichts auf. Er ist oben ziemlich gerade und dicht bebaut. Leider sieht man auch aus der Ferne schon ein Gerüst.

Die Stadt ist wie ausgestorben, und ich finde auch kein Café, das geöffnet ist. Die wenigen Passanten wissen auch nicht Bescheid. Ein älterer Mann, den ich anspreche, beschwört die irisch-deutsche Freundschaft: zusammen gegen die Brits. Dabei lebt er selbst in England, in Northamptonshire. Zu viele Ausländer, findet er. Da müsse man was unternehmen. In Northamptonshire? Und ist er nicht selbst einer?

Bei der Suche nach einem Café komme ich an einer Apotheke vorbei, die sich auf einem Schild Chemist und in der Aufschrift über dem Schaufenster Pharmacy nennt. Perfekt!

Die Apotheke läuft auf den Namen Kennedy. Der ist hier in der Gegend sehr verbreitet. In New Ross gibt es Kennedy’s Drapery. Die Kennedys aus New Ross stammten ursprünglich aus dieser Ecke, aus Tipperary oder aus Limerick. Das hatte mir der Führer in dem Stammhaus der Kennedys erzählt.

An einem Hotel gibt es einen Automaten, an dem man Regenschirme ziehen kann: £5. Geregnet hat es bisher noch fast gar nicht.

Es ist sonnig, aber auch eiskalt, und als es den Burgberg raufgeht, macht sich ein unangenehmer Wind bemerkbar.

Eine ehemalige Kirche ist zu einem Restaurant umgebaut worden. Das heißt Chez Hans. Das nennt man eine verunglückte Namenswahl.

In knapp zehn Minuten ist man angekommen. Alles sieht einsam und verlassen aus, aber die Eingangstür öffnet sich. Das Museum, in diesem Fall der ganze Felsen, hat geöffnet. Der Eintrittspreis hat sich erhöht – seit heute. Bisher bin ich wohl der einzige Besucher.

Als erstes kommt man in ein Kellergewölbe. Dort ist eine kleine, feine Ausstellung von Objekten, die auf dem Felsen gefunden worden oder früher hierher gehörten, an erster Stelle St. Patrick’s Cross (XII). Das zeigt, stark verwittert, eine Kreuzigungsszene auf der einen Seite und die Figur eines Bischofs auf der anderen. Die ist mit Patrick identifiziert worden. Das ist natürlich Spekulation. Ganz große Skeptiker stellen ja sogar in Frage, ob es Patrick überhaupt gegeben habe. Das Kreuz stand ursprünglich draußen auf dem Hügel. Auf diesem Hügel soll Patrick die Dreifaltigkeit anhand eines Kleeblatts erklärt haben. Das Kleeblatt – shamrock – ist daher das inoffizielle Emblem Irlands.

Das Kreuz steht auf einem Sockel, der ein bisschen zu groß, zu klobig dafür erscheint, auch aus Sandstein. Man hat angenommen, dass der Sockel ursprünglich nicht zu dem Kreuz gehörte, sondern der Sitz war, auf dem die Könige von Munster gekrönt wurden. Das ist aber nicht nachgewiesen. Der Sockel ist innen teilweise hohl und könnte Reliquien enthalten haben.

An den Seitenwänden gibt es zwei Steinplatten mit den Evangelistensymbolen und in einer Vitrine ein wunderbare, dicke Handglocke, aus Bronze, poliert, mit einem einfachen Kreuz und einem Fries darunter, beide eingraviert. Man denkt eher an eine Alm als an ein Kloster.

Noch zwei weitere Steinreliefs fallen ins Auge. Eins stellt eine menschenähnliche Figur mit prononciertem Bauch und katzengleichen Gesicht dar. Es gibt weder eine Erklärung noch eine Datierung. Ebenso fehlt die bei dem anderen Relief, Elephant and Castle, auf dem ein Elefant, der wie eine Kreutung aus Hund, Schwein und Nilpferd aussieht, einen Turm trägt. Man denkt an den Londoner Stadtteil und dessen umstrittene Etymologie.

Aus dem Kellergewölbe geht es in einen schönen, holzverkleideten Raum (XV), in dem ursprünglich „Meistersinger“ untergebracht waren. Auf einer Empore über dem kleinen Speisezimmer waren die Betten. Es muss ihnen relativ gut gegangen sein. Und so wurden sie im Laufe der Zeit auch „abgeschafft“, aus Kostengründen, freigestellt sozusagen.

In einem kurzen Film zur Entstehungsgeschichte erfährt man, dass Cashel von je her als Zauberberg galt und in heidnischer Zeit Sitz der Könige von Munster und dann ihr religiöses Zentrum wurde. Nach verschiedenen Zerstörungen gab die Anglikanische Kirche den Felsen im 18. Jahrhundert auf, und in der Folge verfiel die Anlage.

Dann geht es ins Freie hinaus. Auf dem unebenen grünen Hügel stehen keltische Kreuze, die den Blick in die Ferne wunderbar pointieren. Der Himmel ist wolkenlos.

Die Kreuze stehen in der Nähe der Seitenwand der Kathedrale, und an die lehnt sich direkt ein Rundturm an, der älteste Teil des Ensembles.

Die Kathedrale selbst ist eine gut erhaltene Ruine ohne Dach. Beeindrucken, unter der hohen, breiten Vierung zu stehen, im Freien quasi. Die Kathedrale ist einschiffig, wobei der Chor, der gerade renoviert wird, lang, aber das eigentliche Mittelschiff ganz kurz ist. Es soll gekürzt worden sein, um einem anderen, nicht mehr existierenden Gebäude Platz zu machen. Sieht jedenfalls merkwürdig aus, wie ein Stumpf.

Die Querschiffe haben hohe, schlanke Spitzbogenfenster, die oben etwas verkürzt sind, aus Verteidigungszwecken, wie man annimmt. Heute geben die nackten Fenster den Blick auf den klaren Himmel frei. Das hat was.

Wenn der Rundturm das älteste Gebäude des Felsens ist, dann ist die Kapelle das schönste. Sie lehnt sich fast unmittelbar an die Kathedrale an, ist aber älter als die Kathedrale, die wohl einen Vorgängerbau ablöste. Die Kathedrale ist gotisch, die Kapelle romanisch. Auch hier wird renoviert, aber man hinein. Ein ungewöhnliches, unerwartetes Bild. Man glaubt, auf dem Kontinent zu sein. Ein einfacher, einschiffiger Raum mit einem etwas schmaleren Chor. Alles ist eher dunkel, ganz anders als in der Kathedrale, und die Atmosphäre ist ganz anders. Bis auf einen Sarg mit schönen runden Schmuckformen gibt es keinerlei Ausstattung. Der Sarg soll der des Stifters sein, Cormac, Bischof von Munster. Aber die Architektur ist ganz fein, vor allem am Übergang von Schiff und Chor: Blendbögen, Zierleisten, skulpierte Köpfe, Blendarkaden, eingestellte Halbsäulen. Die stehen auch, im Kleinformat, im Dreierpack an der abschließenden Chorwand. Schön, einfach schön.

Ich werfe noch mal einen Blick in die Ferne und mache mich dann auf den Weg. Als ich wieder in die Stadt komme, ist immer noch kein Café geöffnet. Das Folkmuseum ist geschlossen, ohne Zeitangaben, und die Bolton Library kann ich nicht finden.

Also fahre ich einfach weiter nach Tipperary. Während der ganzen Fahrt summe ich „It’s a long way to Tipperary“ vor mich hin, ohne es zu merken. Und das steht dann auch an einer Schiffsschraube in der Innenstadt von Tipperary. Wo und was die Innenstadt ist, ist nicht so leicht zu sagen. Es gibt nur eine langgestreckte Straße, aber keinen Ortskern. Ich gehe einem Kirchturm entgegen, in der Erwartung, dass der die Stadtmitte markiert. Aber wieder nichts. Die Kirche befindet sich mitten in einer Reihe von Wohnhäusern. Aus allen Richtungen strömen Menschen zum Gottesdienst.

Da ich auch hier kein Café finden kann, ziehe ich unverrichteter Dinge wieder ab. Meine einzige Ausbeute sind zwei Schilder auf Irisch, die Eingänge zur öffentlichen Toilette und das Vorfahrtsschild. Statt Yield steht auf dem Geill Sli. Und über den Toiletten Fir und Mná. Die Ähnlichkeit täuscht: Fir sind die Männer.

Als ich wieder in Cashel bin, finde ich endlich ein Café, das geöffnet ist. Der nette Wirt erklärt mir den Weg zur Bolton Library. Da bin ich am Morgen schon mal gewesen, aber nicht die letzten paar Schritte gegangen. Die Bolton Library liegt auf dem Gelände einer Kirche.

Sie ist in dem schönen einschiffigen, eher hohen Kapitelhaus der Kirche untergebracht, aber man sieht von weitem schon, dass aus der Besichtigung nichts wird. Ein Anschlag an der Tür verrät dann, warum: Die Bolton Library ist umgezogen. Sie ist jetzt in der Universität von Limerick. Das Kapitelhaus sei nie ein richtig geeigneter Ort für alte Bücher gewesen, und aus konservatorischen Gründen habe man den Ortswechsel vornehmen müssen. Einleuchtend. Aber warum weiß davon die Touristeninformation von Cashel nichts?

Auf dem Rückweg höre ich im Radio einen Rückblick auf das irische Sportjahr. Drei Journalisten stellen ihren schönsten Moment des Sportjahrs vor: Silbermedaille einer irischen Seglerin in Rio, vierter Platz eines Hürdensprinters in Rio, das Siegtor gegen Italien bei der EM. Hört sich alles sehr packend an, sehr ergreifend, ohne pathetisch zu sein. Dann kommt ein Ausblick auf 2017. Da achte ich nur noch auf die Aussprache: rules klingt (ein bisschen) wie roles (und Munster wie Monster), male-dominated wie meal-dominated, international wie enternational und colder wie coolder.

In einem politischen Programm ist die Rede von dem Anglo-Irish Agreement von 1985. Das wurde im UK, vor allem in Nordirland, mit Argwohn betrachtet und löste am Ende wüste Proteste aus. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war, so sagt man, die kurze Erklärung, die Fitzgerald vor der Presse in Highbury gab – auf Irisch. In der historischen Aufnahme hört man aber hier, dass er nur ein paar Sätze auf Irisch sagte und dann eine ergänzende, viel längere Erklärung auf Englisch abgab.

An einer Häuserwand in einem Arbeiterviertel von New Ross steht eine Inschrift in Gedenken an Connolly, einem der Helden der Unabhängigkeitsbewegung, militanter Sozialist und Mitbegründer der Irish Citizen Army. Er sei einmal nach New Ross gekommen wegen einer politischen Manifestation, bei der es darum ging, Mitglieder für die neu gegründete Gewerkschaft zu rekrutieren. Ein Polizeipräfekt habe ihm heimlich anvertraut, dass man mit einem Anschlag rechne und ihm geraten, die Veranstaltung abzublasen. Er aber habe gesagt, er sei nicht hierhergekommen, um sich abschrecken zu lassen. Die Veranstaltung habe wie geplant stattgefunden, ohne Zwischenfälle, und am Ende seien die Teilnehmer mitgegangen, um sich in die Listen einzutragen. Connolly war auch später immer tapfer, auch bei seiner Exekution – wegen einer schweren Verletzung auf einen Stuhl gefesselt! – aber sehr klug war sein Wirken beim Osteraufstand nicht. Genauso wenig wie der ganze Osteraufstand.

In New Ross gibt es noch Telefonzellen. Wie schnell die aus dem Bild der Innenstädte verschwunden sind! Diese hier sind allerdings längst nicht mehr funktionstüchtig. Die Kabel hängen lose herunter, die Telefone sind abgerissen.

Die Polizei heißt Garda, und so steht es auch auf den Polizeiautos. Das Irische wird oft dekorativ benutzt, so auch bei  Tir na nog, einem Kindergarten hier in der Nähe. Das ist die Anderwelt der irischen Mythologie, das ‚Land der ewigen Jugend‘. Über deren Lokalisierung gibt es Meinungsverschiedenheiten, aber die herkömmlicherweise wird es im Westen angesiedelt. Ob man in Tir na nog Irisch spricht? Vermutlich. Aber in dem Kindergarten wohl kaum.

Auffällig an den irischen Städten sind die vielen niedrigen Häuser und die vielen Geschäfte, die in Privatbesitz sind, hier in New Ross wie auch in Waterford oder Cashel.

Schon zweimal habe ich gehört, in unterschiedlichen Zusammenhängen, dass die irischen Auswanderer besonders gerne nach Boston gingen. Warum gingen sie in eine Großstadt? Sie kamen doch vom Land. Bei der Lektüre finde ich eine einleuchtende Erklärung: Sie kamen von winzigen Höfen. Die hatten mit den riesigen amerikanischen Farmen fast nichts gemein. Und: Sie konnten Englisch. Das erleichterte die Assimilation.

2. Januar (Montag)

Auf einer Karte habe ich zufällig gesehen, dass hier in der Nähe Kells ist. Es ist aber nicht das Kells des berühmten Book of Kells, sondern ein weniger bekanntes, das dafür aber den Reiz hat, dass mehr erhalten geblieben ist.

Es ist wieder sonnig, aber noch kälter. Die Scheiben sind gefroren und es gibt keinen Schaber. Da muss man einfach abwarten. Ein Seitenfenster lässt sich nicht herunterkurbeln, und das andere – oh Schreck! – geht nicht mehr rauf. Ich fahre mit offenem Fenster los, aber bald ist dann doch alles in Ordnung.

Unterwegs mache ich halt an einem Aussichtspunkt. Vom Parkplatz sieht man hinunter auf eine Flusslandschaft mit Hügeln im Hintergrund. Hinter dem Fluss, der Nore, steht Grennan Castle oder das, was davon übriggeblieben ist. Es wurde von Thomas Fitz Anthony erbaut, einem Normannen der zweiten Generation. Er kam im Tross von William Marshal nach Irland (der übrigens die Tochter Strongbows geheiratet hatte). Grennan Castle ist ein einziger, dreistöckiger Wohnturm, der seinen Eingang im Untergeschoss hatte, was ungewöhnlich ist. Unten sind die Mauern verstärkt. Das sollte im Falle einer Belagerung verhindern, dass der Turm unterminiert wurde. Der Turm steht ganz leicht erhöht, als Schutz vor den Wassern des Nore. Der Anblick mit dem baumbestandenen Fluss, dem Raureif auf den sonnenbeschienenen Wiesen, dem Wohnturm im Zentrum und einem Rugbyfeld mit Schafen daneben ist sehr photogen.

Bei der Weiterfahrt höre ich, dass es zwar in Irland die gleichgeschlechtliche Ehe gibt, nicht aber in Nordirland, wohl aber in England, Schottland und Wales.

Bald komme ich nach Kells. Das war ein Priorat, also eine rangniedrigere Abtei oder ein einer Abtei unterstehendes Kloster. Es sieht aber wie eine Festung aus. Sehr schön, in unregelmäßigen Windungen, zieht sich die Begrenzungsmauer hin, unterbrochen von mächtigen Wehrtürmen, drei Kilometer lang. Rundherum nur Wiesen und Schafe. Und ein Amerikaner. Aus Arizona. Der macht Photos und will wissen, wie alt die Anlage ist. Auch er findet es schwer, ein religiöses Bauwerk auszumachen. Er kommt aus Arizona und hat keine irischen, sondern französische und deutsche Vorfahren. Er warnt mich. Das wird gleich ganz schön rutschig, wenn der Boden auftaut. Da hat er recht, aber ich komme noch gerade rechtzeitig die Böschung runter. Der Weg zu der Anlage ist allerdings durch ein Törchen versperrt. Da könnte man zwar drübersteigen, aber ich begnüge mich mit ein paar Photos.

Cafés gibt es hier weit und breit nicht, da muss ich bis nach Thomastown fahren. Das Mädchen, das mich bedient, sagt „No bother“ als Antwort auf „Thank you.“

Von hier aus fahre ich weiter nach Kilkenny. Die Touristeninformation ist geschlossen, aber eine Frau in einem Souvenirladen googelt für mich und findet heraus, dass Dunmore Cave heute geöffnet ist. Sie schickt mich auch gleich in die richtige Richtung.

Im Radio treten Stimmenimitatoren auf, die Trump und Clinton nachmachen, sehr gekonnt. Ein Journalist äußert unter den Protesten der anderen die Vermutung, dass Trump gar nicht meint, was er sagt. Er habe gar keine abschätzige Meinung Frauen gegenüber, er sage sowas nur, um gegen die Regeln zu verstoßen. Der Tabubruch erhöhe seinen Stellenwert. Ich finde, da ist was dran.

Die Höhle ist tatsächlich geöffnet. Bis die Führung beginnt, sehe ich mich in der kleinen Ausstellung um, sehr modern gemacht, gut präsentiert. Die Höhle ist eine Kalksteinhöhle. Kalkstein liegt unter mehr als der Hälfte der Fläche von Irland. Der Kalkstein entstand durch Ablagerungen von Fossilen, zu einer Zeit, als Irland südlich des Äquators lag, vor 350 Millionen Jahren. Durch tektonische Bewegungen wurde es dann an seine heutige Stelle katapultiert. Während der letzten Eiszeit wurde von oben Druck auf den Stein ausgeübt, es entstanden Risse, und in die Risse lief Wasser. So bildete sich eine Höhle. Schließlich brach das Dach der Höhle an einer Stelle ein. Seit Jahrhunderten kennt man die Höhle. In Aufzeichnungen des Mittelalters wird sie einer der drei dunkelsten Orte Irlands genannt. Der Legende zufolge war sie die Höhle einer monströsen Katze. Erst im 19. Jahrhundert begann man, ohne Vorbehalte die Höhle zu besichtigen und schließlich zu erforschen.

In der Ausstellung sind auch menschliche Knochen zu sehen, einige von denen, die vor ca. 50 Jahren in der Höhle gefunden wurden. Die schienen die alte volkstümliche Geschichte zu bestätigen, dass hier ein Massaker stattgefunden habe, bei dem die Wikinger über 1000 Iren hingeschlachtet haben sollen. Allerdings sind nur die Skelette von ca. 40 Menschen gefunden worden, und die waren unversehrt und stammten nur von Frauen und Kindern. Der Fund gibt weiterhin Rätsel auf.

Und dann gab es 1999 einen Knall: Ein Führer, nicht ein Archäologe, machte einen bedeutenden Fund. Ich frage den Mann an der Kasse, selbst ein Führer, ein schmächtiges Kerlchen mit dicker Brille und langem Bart, ob er damals auch schon hier gearbeitet habe, ob er den Führer kenne. Ja, sagt er, den kenne er, das sei er selbst. Toll, er hat, wenn auch nur in ganz bescheidenem Maße, etwas hinterlassen. Wie das denn gekommen sei mit dem Fund, will ich wissen. Sie seien am Ende der Saison zum Aufräumen in die Höhle geschickt worden. Touristen hinterließen da schon mal ein Bonbonpapier oder ein Taschentuch und die Elektriker weggeworfene Teile von Kabeln. Da sei ihm etwas Leuchtendes ins Auge gefallen. Das war eine veritable ´“Schatztruhe“. Sie enthielt 51 Objekte: Münzen, einen Armreif, ein bronzene Schnalle, Spulen mit Silberdraht, sogar ein mit imperialer Farbe gefärbtes Stück Seide. Einige der Schmuckstücke kommen aus Afrika!

Mit dem Führer geht es über 300 Treppenstufen durch den breiten, natürlichen Eingang in die Höhle, in die Große Halle, die der Einfachheit halber auch gleich so heißt. Zwei der Wände sind ganz gerade, sehen wie gemauert aus, sind aber das Werk der Natur.

Der Führer deutet auf eine etwas tiefer liegende Fläche an der Ecke. Hier hat u.a. man menschliche Knochen gefunden, aber nur vereinzelte. Außerdem hat man hier auch Überbleibsel von zwei Steinarten gefunden, die es in der Höhle nicht gibt. Man vermutet deshalb, dass sie, genauso wie die Knochen, von oben durch die vielen Gänge in die Höhle gespült worden sind.

Gleich daneben hängt ein merkwürdig abgeschnitten aussehender Stalaktit. Wie kann das sein? Die verengen sich doch sonst nach unten hin. Man glaubt, dass er tatsächlich abgeschnitten wurde, in der Viktorianischen Epoche, von Souvenirjägern. Man soll die Tropfsteine für Fossile gehalten und verkauft haben. Es ist sogar vom Einsatz von Sprengstoff die Rede. Aber wie kann es dann sein, dass die Sache so „glatt“ abgegangen ist? Und hat man keine Reste des Sprengstoffs gefunden? Mir kommt das alles sehr bizarr vor.

Einleuchtender sind die beiden nächsten Geschichten. Die Höhle, aber nur dieser Raum, denn von dem Rest wusste man noch nichts, ist auch von Berkeley besichtigt worden, dem irischen Philosophen und Namensgeber der amerikanischen Universität. Der habe großes Interesse an der Höhle gehabt und vermutet, dass sie noch viel größer sein müsste. Um das herauszufinden, ließ er hier Schüsse aus einem Gewehr abfeuern, um an dem Nachhall zu testen, in welche Richtungen weiter gesucht werden sollte.

Zu ganz anderen Zwecken wollte Michaels Collins die Höhle benutzen. Er wollte, dass seine Soldaten nach einem Angriff auf die Briten hierher Zuflucht nähmen. Deshalb schickte er eine Expedition vor, die herausfinden sollten, ob die Höhle noch einen weiteren Ausgang hat. Damit man, wenn die Briten die Verfolgung aufnähmen, flüchten könne. Aus der Aktion ist aber wohl nichts geworden.

Inzwischen kennt man aber die beiden anderen Hallen der Höhle. Dort sehen wir die typischen Formationen, in die das menschliche Auge – oder besser Gehirn – sinnvolle Figuren hineinlesen will. Wir sehen einen Büffel, dessen Fell tatsächlich so struppig wie das eines Büffels aussieht, und eine aufrecht stehende Hand, ein eher seltenes Bild.

Dort, in der dritten Höhle, wird dann alles künstliche Licht gelöscht. Absolute Dunkelheit. Beeindruckend. Der Führer sagt, wenn sich das Auge an die Dunkelheit gewöhnt habe, sehe man zwei, drei blasse Lichtflecken. Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Aber wirklich, auf einmal ist dunkel nicht mehr gleich dunkel. Es gibt verschiedene Schattierungen davon. Es ist nicht schwer, dem auch eine übertragende Bedeutung abzugewinnen. Und dann kommt die Erklärung: Genau an einer der Stellen, wo es etwas heller wird, ist die Schatztruhe gefunden worden. Und in der Nähe auch einige der Skelette. Die können dann eine ganz neue Bedeutung erfahren. Vielleicht war die Höhle ein Mausoleum, eine Grabstätte, und die scheinbar unzusammenhängenden Objekte Grabbeigaben!

Auf dem Rückweg mache ich nochmal Halt in Kilkenny und mache ein paar Photos, darunter eins von einer Statue mit Hurling-Spielern, keinen Berühmtheiten, sondern anonymen Hurling-Spielern, die für alle stehen, die den Sport betreiben. Er gilt als eine der schnellsten Sportarten der Welt. Und wurde zusammen mit Gaelic Football im 19. Jahrhundert von der auch politisch einflussreichen Gaelic Athletic Association promoviert, auf sehr rigorose Art: Wer „unirische“ Sportarten wie Rugby, Fußball oder Hockey spielte, flog raus. Da waren Kleingeister am Werk.

3. Januar (Dienstag)

Am Morgen sind die Fensterscheiben des Autos noch dicker zugefroren. Ein Gedankenblitz hilft und das Brillenetui kommt als Schaber zum Einsatz.

Durch die sonnige Winterlandschaft geht es nach Waterford. Im Radio wird über den Preis von Wasser debattiert. Die Abrechnungen scheinen anders zu sein als bei uns. Es gibt neuerdings eine umstrittene Obergrenze, 130 Liter. Darüber hinaus muss bezahlt werden. Das wird als unsozial angesehen. Kann es wirklich sein, dass der Wasserverbrauch bis zu 130 Liter gratis ist? Oder bezahlt man vielleicht bis dahin eine Pauschale, die früher für grenzenlosen Wasserverbrauch galt? Das wäre wirklich sehr großzügig.

Geklagt wird auch über volle Krankenhäuser. Gerade zu dieser Jahreszeit immer dasselbe Bild, beklagt der Moderator. Ein Arzt sagt, dass sei ein grundsätzliches, ein demographisches Problem, und dem habe man sich bisher einfach nicht gestellt.

Man erfährt, dass 600 Iren jedes Jahr ihren Namen ändern. Eine Frau berichtet, sie hätte nur ein paar Dokumente, ein paar Zeugen und 60 € gebraucht, und schon hätte sie einen neuen Namen bekommen. Sie heißt Nule oder Noole – der Name wird leider nicht buchstabiert – und daraus wird dann, weil es kein verbreiteter Name ist, leicht Null oder Noodle. Jetzt heißt sie Catherine. Der Moderator meint, in ein paar Jahren werde die Zahl der Anträge wohl steigen, dann nämlich, wenn die Generation dran wäre, die zu der Zeit der ökonomischen Hausse geboren wurden. Die sind nach den Figuren aus den damaligen Seifenopern benannt worden.

Eine ältere Frau aus Brasilien hatte in ihrem Hausaltar seit Jahren eine Statuette des Hl. Antonius stehen, den sie besonders verehrte und zu dem sie täglich betete. Irgendwann sah sich ihre Urenkelin die Figur etwas genauer an und fragte, ist das wirklich der Hl. Antonius? Sie recherchierte und es stellte sich heraus, dass die Statuette Elrond darstellte, eine Figur aus dem Lord of the Rings. Erinnert mich an eine Szene aus Hundert Jahre Einsamkeit, in der sich herausstellt, dass eine Heiligenfigur, die von der ganzen Familie seit Generationen angebetet wird, einen Goldschatz enthält. Sie haben die ganze Zeit das schnöde Mammon angebetet.

Kurz vor Erreichen der Stadt kommt die moderne, elegante River Suir Bridge in Sicht. Diesmal mache ich einen Umweg, um einen guten Punkt für ein Photo zu erwischen, bei den guten Lichtverhältnissen. Es ist die längste Brücke Irlands. Die schrägen Seile sehen aus der Distanz wie Bleistiftstriche aus.

In dem Café, wo ich als erstes lande, steht auf einem Schild: „Please keep children seated at all times.“ Das kommt mir etwas kleinlich vor. Man wird, wie überall, am Tisch bedient, aber man zahlt an der Theke. Wo man die Bestellung aufgibt, variiert.

Heute steht Waterford Crystal auf dem Programm. Die hatten bisher geschlossen. Die Führung ist interessant, aber nicht das unverzichtbare kulturelle Erlebnis, als das die Fabrik es darstellt. Und es wird ordentlich abkassiert. Dabei ist das doch eine Werbeveranstaltung.

In einem ersten Ausstellungsraum, den wir viel zu schnell hinter uns lassen, kann man sehen, dass Waterford Crystal nicht nur Gläser produziert, sondern auch Pokale, Pokale für weltbekannte Wettbewerbe im Motorsport, in Cricket, Tennis, Golf usw. Das bekannteste Einzelstück überhaupt ist Waterford Crystal Ball, der Blickfang überhaupt bei den Neujahrsfeierlichkeiten in New York.

Die Gläser haben einen hohen Wiedererkennungswert. Ich habe solche Gläser schon oft gesehen (oder Imitationen solcher Gläser), ohne zu ahnen, dass es Waterford Crystal ist. Das gilt vor allem für ein klassisches Design, das Lismore heißt. Die Gläser haben einen flachen Eindruck, so als wenn man einen Fingerabdruck mit dem ganzen Finger machte. Dieses Motiv verbindet sich mit verschiedenen anderen. Der Designer soll sich dabei von Formen der Burg von Lismore inspiriert haben lassen, einer Burg in der Nähe von Waterford. Darüber hätte man gerne mehr erfahren.

Waterford Crystal gehört heute einem finnischen Unternehmen, das auch Wedgewood und Royal Doulton aufgekauft hat. Gegründet wurde das Unternehmen 1783. Die Gründer waren zwei Unternehmer, Charles und William Penrose, die den Wert des Hafens von Waterford erkannten, sowohl für den Export der fertigen Produkte als auch für den Import der Rohstoffe. Sie hatten allerdings keine Ahnung von der Kristallherstellung. Dazu mussten sie einen Partner an Bord nehmen, und der verstand sein Geschäft. Das Unternehmen florierte sofort. Der Partner blieb allerdings nur kurze Zeit. Er wurde von den Penrose fälschlich einer Sache beschuldigt und verließ das Unternehmen, traute aber vorher einem Mitarbeiter, der zu ihm gestanden hatte, seine Kenntnisse an. Der hatte noch größeren Erfolg. Von dem Zerwürfnis ist bei der Führung allerdings nicht die Rede, ebenso wenig wie von der vor kurzem bevorstehenden Insolvenz. Erst als die durch den Verkauf abgewendet wurde, entstand dieses nagelneue, hochmoderne Gebäude im Zentrum von Waterford. Früher war das Fabrikgebäude außerhalb.

Waterford Crystal wurde dann 1851, wegen zu hoher Steuern auf Luxusgüter, wie es heißt, geschlossen, und erst nach dem Krieg wieder eröffnet, und zwar von zwei Tschechen, die vorübergehend nach Waterford gekommen waren und dann aber ein ganzes Leben lang blieben.

Heute werden hier 40.000 Stücke pro Jahr hergestellt, gut die Hälfe der Gesamtproduktion. Der Rest wird auf dem Kontinent hergestellt, u.a. in Slowenien und Tschechien.

Dann geht es in die Produktionshalle. Wie immer bei solchen technischen Prozessen kann ich der Sache nicht ganz folgen, aber man bekommt einen Eindruck.

Die Rohstoffe sind Sand, Pottasche und Bleimonoxyd. Alle werden importiert. Das Bleimonoxyd, das aus Holland kommt, macht den Unterschied aus. Durch diesen Rohstoff wird aus Glas Kristall.

Zuerst kommen die Glasbläser. Man sieht wie aus kleinen, glühenden Tropfen allmählich durch Blasen, Drehen und Versenken in hölzerne und eiserne Formen  Kristallkugeln werden. Die würden rissig, wenn man sie an der Luft bewahrte und müssen erst wieder auf Hochtemperatur, 1.400°, erhitzt und dann allmählich abgekühlt werden.

Alle, die hier arbeiten, haben mindestens zwanzig Jahre Erfahrung. Allein die Lehrzeit dauert fünf Jahre.

Dann sieht man, wie das Glas geschnitten und gereinigt und dann kontrolliert wird. Es gibt keine Mängelexemplare. Sobald sich irgendwo ein Mangel zeigt, wird das Glas zerstört.

Man kommt dann zu den Schleifern. Sie sitzen hinter einem mit Wasser feucht gehaltenen Diamantrad, mit dem sie alle möglichen Variationen von zwei Grundformen in das Kristall fräsen: Keile und Wirbel. Sie gehen mit größter Konzentration vor, denn jedes Einzelstück, da handgemacht, weicht von jedem anderen ab. Sie üben Druck auf das Glas aus, aber eben nur sanften Druck. Für mich ist das der beeindruckendste Arbeitsschritt.

Am Ende kommen die Graveure, die mit einer Vielzahl unterschiedlicher kupferner Stifte alle möglichen Formen in das  Glas ritzen, meist in individuell in Auftrag gegebene Einzelstücke. Einige davon sind hier ausgestellt: ein Grammophon,  ein Telefone, ein Kreuz, ein Schneemann, eine Kalesche und ein Coca-Cola-Glas. Ich  möchte sowas nicht geschenkt bekommen. Aber dafür wird viel Geld ausgegeben.

Alle „Unikate“ werden tatsächlich siebenmal gemacht. Davon werden drei fertig ausgearbeitet. Neben dem „Original“ gibt es immer ein Exemplar für den Auftraggeber, und eins behält das Unternehmen. Das kommt in Notfällen gut zupass, wie bei einer Football-Trophäe, die nach Alabama ging und bei der Verleihung zu Bruch ging. Dann kann schnell für Ersatz gesorgt werden. Und die anderen vier nicht ausgearbeiteten Grundformen können bei späteren Nachbestellungen zum Einsatz kommen.

Wir werden in den Verkaufsraum geleitet. Die Preise haben es in sich. Ein gewöhnliches Weinglas kostet zwischen 65 € und 85 €, das billigste Produkt, was ich überhaupt entdecke, ist ein Likörglas für 35 €.

Erst später, bei der Sichtung der Photos, fällt mir auf, dass sich in der Glasfassade des Hauptgebäudes von Waterford Crystal der Turm der Kathedrale spiegelt, ein unfreiwillig gelungenes Photo, das das alte mit dem neuen Waterford vereint.

Reginald‘s Tower und Kathedrale sind geschlossen, also versuche ich, bei der Touristeninformation Tipps zu bekommen. Die haben ab heute wieder geöffnet. Haben sie jedenfalls angekündigt. Aber es kommt anders. Mittags geschlossen: 12.45-1-15. Angeblich wegen staff training. Hört sich eher nach Umtrunk der Belegschaft zum Jahresanfang an.

Ich mache mich auf die Suche nach der Kirche mit dem irischsten aller Patrozinate und stehe nach wenigen Minuten, mitten in der Fußgängerzone, vor einem (natürlich) verschlossenen Gitter, auf dem in goldenen Lettern steht: Saint Patrick’s. Hinter dem Gitter ein Durchgang zwischen zwei Häuserblocks. Keine Kirche zu sehen, kein Eingang, kein Turm, kein Kreuz, gar kein Anzeichen eines öffentlichen Gebäudes. Nur eine schäbige Passage. Komisch. Auf einem Schild wird zum Besuch der Kirche eingeladen, die als „älteste katholische Kirche Irlands“ beworben wird (wobei man sich fragt, was hier katholisch heißt). Der Eingang befinde sich auf der anderen Seite, beim Parkplatz. Die Öffnungszeiten sind angegeben, und denen zufolge müsste die Kirche jetzt geöffnet sein. Also gehe  ich um den Häuserblock herum. Das Gebiet um den Parkplatz herum ist ein heruntergekommenes Viertel, mit verlassenen Häusern, verrosteten Gitterstäben und verblassten Wandmalereien, in starkem Kontrast zu der proprer Fußgängerzone auf der anderen Seite, keine fünf Minuten entfernt. Ich irre ein bisschen in der Gegend herum und frage ein paar Passanten. Umsonst. Hier ist noch weniger von einer Kirche zu sehen, und niemand weiß Bescheid. Am Ende sehe ich ein Tor, das am anderen Ende der Passage liegen mag, aber auch das ist verschlossen, und hier gibt es nicht einmal einen Hinweis auf die Kirche.

Erst später bei der Lektüre lüftet sich das Geheimnis: Saint Patrick’s stammt aus der Zeit der Penal Laws. Die stellten das Abhalten katholischer Gottesdienste unter Strafe. Die Katholiken ließen sich dadurch natürlich nicht abschrecken und hielten ihre Gottesdienste heimlich ab, oft im Freien. Oder in Orten wie Saint Patrick’s. Das Gebäude war als Getreidespeicher getarnt. Daher die „unsichtbare“ Kirche in einem unverdächtigen Viertel.

Als ich wieder zurückgehe, steht plötzlich die Kathedrale sperrangelweit auf. Also doch. Ich werde sehr freundlich empfangen und bekomme eine hervorragende kleine Broschüre, die die Besonderheiten der Kirche herausstellt. Um eine kleine Spende wird gebeten, denn die Kirche bekommt keine staatliche Unterstützung. Klar! Church of Ireland hört sich so staatstragend an wie Church of England, aber sie ist eben keine Staatkirche.

Zu den Besonderheiten der Kirche gehört ein Glasfenster, das einzige Buntglasfenster, das später eingebaut wurde und eigentlich nicht zu dem Bau passt, der ganz und gar im Stile des englischen Klassizismus gehalten ist – Georgian Style. Das Buntglasfenster zeigt zwei engelsgleiche Figuren, in einer Form, die an die Nazarener erinnert. Die eine stellt Sorrow dar, die andere Joy. Unter ihnen ein Spruchbanner, auf dem steht: “Sorrow may endure for a night but Joy cometh in the morning“.

An den Seiten des Mittelschiffs stehen zwei kleine Holzmodelle, eins von der aktuellen Kirche, eins von der normannischen Vorgängerkirche, einem mächtigen Bau mit vielen später hinzugefügten Seitenkapellen und einem gedrungenen Turm, der an der Nordseite auf mittlerer Höhe an das Schiff anschließt. Was ist aus der Kirche geworden, fragt man sich. Sie wurde abgerissen. Sie wurde nicht mehr für zeitgemäß angesehen und tatsächlich einfach so abgerissen. Dazu gibt es eine Geschichte: Der Bischof soll strikt gegen den Abriss gewesen sein, die Stadtverwaltung – City Corporation – dafür. Man wirkte auf den Bischof ein, indem man einmal, als er die Kirche betrat, Bauschutt auf ihn herabrieseln ließ. Das soll ihn überzeugt haben.

Am westlichen Ende des südlichen Seitenschiffs befindet sich ein abgetrennter Raum, ein Raum, in dem Recht gesprochen wurde, einer der weniger Räume dieser Art, der sich erhalten hat. Hier sprach der Bischof Recht und übte damit beträchtliche politische Macht aus, denn es ging um Angelegenheiten wie Eheschließungen und Testamente, aber auch um kanonisches Recht und Rechtsbrüche wie Blasphemie, Ehebruch oder Frevel.

Die Decke hat eine schöne, barock anmutende Stuckverzierung, und ähnlich ist die Verzierung über dem einfach gehaltenen Altar. An der (wie bei den englischen Kirchen) gerade abschließenden Ostwand setzt sich diese Verzierung fort. In einer Sonne ist das Tetragramm eingelassen, mit hebräischen Buchstaben, eine ungewöhnliche Reverenz an das Judentum als Vorgänger und Grundlage des Christentums.

Das wichtigste Ausstellungsstück ist der Sarkophag von James Rice, dem auch im Mittelaltermuseum mehrfach erwähnten spätmittelalterlichen Bürgermeister Waterfords. Es ist ein Kadavermonument. Rice ist dargestellt als verwesende Leiche mit Totenschädel, Würmern auf der Brust und einer Kröte auf dem Bauch. Das Monument soll verweisen auf die Kürze des irdischen Daseins und die Nichtigkeit von Reichtum und Macht. Eine sehr verwitterte Inschrift enthält die Zeilen „I am what you will be. I was what you are now.“

Der Architekt von Christ Church Cathedral war John Roberts, und er war auch der Architekt der Holy Trinity Cathedral, und das macht Waterford zu der einzigen europäischen Stadt, in der die protestantische und die katholische Kathedrale von dem gleiche Architekt entworfen wurde. Das katholische Pendant ist allerdings nur ein müder Abklatsch der anglikanischen Kathedrale. Hier hat das 19. Jahrhundert gewütet und nichts Sehenswertes hinterlassen.

Ich mache noch ein paar Photos in der lebendigen Innenstadt und bleibe einen Moment vor dem Pferdekarussell stehen, dass hier vermutlich wegen der Weihnachtsfeiern aufgebaut wurde. Kindheitserinnerungen. Es ist alles noch genauso wie früher. Die bunt bemalten Pferde drehen sich langsam im Kreis und bewegen sich auf und ab. Und das Erstaunliche: Es wird angenommen, von Kindern und Erwachsenen. Und das in Zeiten von Erlebnisparks und Cyberspielen.

Unter den Photos befindet sich auch eine Reklame von Guinness. Die sind immer gut für einen intelligenten Werbespruch: Unique. Like every other Guinness.

4. Januar (Mittwoch)

In dem Copyshop, in dem ich meine Bordkarte ausdrucken ließ, habe ich einen Ausflugstipp bekommen: Curracloe. Das liegt in Wexford. Und was gibt es da? Strände! Strände? Zu dieser Jahreszeit? Ja, einen Strandspaziergang kann man auch im Winter machen, und schön ist es da allemal. Also geht der letzte Ausflug der Reise nach Carracloe.

Das Wetter scheint allerdings nicht mitzuspielen. Von der Sonne keine Spur. Bis ich in Wexford bin, hat sie es sich aber anders überlegt und scheint so hell wie in den letzten Tagen.

Die Fahrt selbst lohnt sich schon. Es ist zwar immer noch nicht das Irland der Traumlandschaften, aber es ist grüner als in den letzten Tagen.

Im Radio ein Interview mit einem sehr nachdenklichen Comedian. Er wundert sich, dass es Nachrichten immer zu bestimmten Tageszeiten ganz dichtgedrängt gibt und zu anderen nicht. Dann scheint nicht zu passieren. Genauso, wenn die Journalisten in Ferien sind, wie um Weihnachten. Setzt dann das Weltgeschehen aus? Er findet die meisten Nachrichten elevated gossip und zitiert einen Bekannten, der kein Radio, keinen Fernseher und keine Zeitung (und, müsste man heute hinzufügen, kein Smartphone hat) und der immer wieder gefragt wird, wie er denn vom Weltgeschehen erfahre, worauf er immer antwortet: „My neighbours will tell me.“

Und wie erkennt man gossip? Man solle sich die Frage stellen, ob man etwas, was man über einen anderen sagt, auch in dessen Gegenwart sagen würde. In den meisten Fällen ist die Antwort nein. Dann ist es gossip.

Er bezeichnet sich selbst als sehr verletzlich, aber auf der Bühne, da sei er unverletzlich, bullet-proof. Da könne ihm nichts anhaben. Wenn ihm jemand privat etwas sagt, das ihn verletzt, würde dasselbe auf der Bühne an ihm abprallen. Bei allen Unterschieden: Da haben Lehrer und Schauspieler was miteinander gemeinsam.

In Wexford geht es über eine riesige Brücke. Die ist zu groß für einen Fluss, aber es sieht auch noch nicht nach offenem Meer aus. Und so ist es. Es ist die breite Flussmündung des Slaney. Die heißt hier Wattenmeer. Schon der alte skandinavische Name von Wexford deutete darauf hin: Waesfjord, ‚Hafen des Watts‘. Inzwischen ist hier so viel Schlamm angespült worden, dass große Schiffe schon lange nicht mehr den Hafen von Wexford anlaufen können.

Nach ein paar Kilometern kommt dann Carracloe. Man kann fast bis zum Strand fahren. Nur die Dünen trennen einen davon. Ein Programm zur „Restauration“ der Dünen ist im Gange. Durch Pferde und Urlauber verlören die immer mehr ihr Gras und würden dadurch Opfer des Windes und weiter erodiert. Dem Laien erschließt sich das nicht. Dichte, hohe Grasbüschel wachsen auf allen Dünen.

Die einsame Stille wird von einer Kreissäge durchbrochen, doch bald verschlucken die Wellen ihren Krach. Hinter einem Durchgang zwischen zwei Dünen öffnet sich ein langer, breiter Sandstrand, feinster, heller Sand, ohne jeden Kieselstein, ohne Plastikbecher, ohne Bonbonpapier. Und die Hundebesitzer sorgen dafür, dass ihre Hunde nicht ihre Spuren hinterlassen.

Ich bin fast, aber nicht ganz alleine. Ein Paar mit Hund, ein paar Jogger, dann eine Familie. Das ist alles. Ich gehe immer den Strand entlang, der Sonne entgegen, bis mich der Hunger zurücktreibt.

Hier ist alles geschlossen, also fahre ich zurück nach Wexford. Das hat keinen guten Ruf und ist eigentlich nur für sein Opernfestival bekannt, aber es erweist sich als positive Überraschung.

Auf dem Weg in die Innenstadt komme ich an einem Pub vorbei, das nicht umsonst am Hafen liegt: John Barry. So hieß ein Junge aus Wexford, den die Erzählungen seines Onkels, der Seemann war, so in den Bann zogen, dass er schon mit zehn Jahren selbst auf Seefahrt ging. Und am Ende, längst vor der Hungersnot, in Amerika landete. Er fand eine Stelle bei der Handelsflotte in Philadelphia, an der Fleet, und wurde schließlich selbst Kapitän. Mit seinem Schiff, Black Prince, stellte er einen Geschwindigkeitsrekord auf. Als der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg ausbrach, rekrutierte man Kapitäne der Handelsschiffe als Kapitäne der Kriegsflotte. Es gab ja noch keine ausgebildeten Militärs. Barry machte das mit viel Erfolg, so viel, dass die Briten ihm zum Überlaufen bewegen wollten, mit einem Bestechungsgeld von 15.000 Guineas. Er ließ sich nicht bestechen und kämpfte für seine adoptierte Heimat gegen die Briten – genau das, was man auch in seiner alten Heimat tat. Nach dem Krieg wurde er wieder Handelskapitän und erschloss vor allem neue Routen von Amerika nach China. Der Beginn der Handelsbeziehungen zwischen den beiden Ländern.

Nach dem Kaffee geht es zum Bullring, nur ein paar Schritte entfernt, einem Platz an einer Kreuzung mehrerer kleiner, verwinkelter Straßen mitten im Zentrum. Der Bullring hat seinen Namen von der Bullenhetze, die hier in früheren Zeiten stattfand, ab 1621, zweimal pro Jahr. Das Fell der Bullen wurde dem Bürgermeister präsentiert, das Fleisch an die Armen verteilt.

Davon ist heute nichts mehr zu sehen. Am hinteren Ende des Platzes steht der mit Fähnchen geschmückte Bullring Market. Der öffnet aber nur freitags und samstags.

Davor eine Statue, die an 1798 erinnert, an die Rebellion, an die „Irische Revolution“ sozusagen, die nicht umsonst zeitlich an die Französische Revolution anschloss. Das war eine Rebellion gegen die Briten, die eine echte Tragödie war und nicht, wie einige der anderen, eine Farce. 30.000 Menschen kostete sie das Leben. Auf dem Denkmalssockel steht eine einzige männliche Figur, mit starker Muskulatur und hervorstehenden Venen. In der Hand hält er eine Lanze. Keine anderen Waffen, keine Rüstung. So zog man gegen den Feind, eins der mächtigsten Länder Europas. Natürlich vergebens. Die Hilfe von außen, diesmal von Frankreich, kam, wie so oft in der irischen Geschichte, nicht rechtzeitig oder am falschen Ort oder gar nicht. Letztendlich ging der Schuss – wenn das hier die richtige Metapher ist – nach hinten los: Die wenigen Konzessionen, die man den Iren gemacht hatte, wurden zurückgenommen, und das irische Parlament, erschrocken ob des gewaltsamen Aufstandes, beschloss seine Selbstauflösung. Das Vereinigte Königreich entstand.

An einer Ecke des Platzes befindet sich ein Pub mit dem etwas unheimlichen Namen The Undertaker.

Auf verschiedenen in den Boden eingelassenen Platten auf dem Platz sind Zitate aus der Zeit zu lesen, u.a. ein Auszug aus einer Predigt eines irischen Bischofs kurz vor dem Aufstand. Er warnt, mit biblischen Anklängen, vor der „verbotenen Frucht“ der französischen Freiheit. Die bringe nur Verderben. Die Predigt endet mit dem Motto: Liberty, Equality, Amity, Protection.

Ich gehe weiter zur Selskar Abbey. Auf dem Weg bleibe ich vor der Statue eines Sportlers stehen. Zwei vorbeikommende ältere Damen erklären mir, dass es sich um Hurling handelt. Der Dargestellte ist ein lokaler Held oder, besser gesagt, war es. An der Ausstattung kann man sehen, dass es sich um die Nachkriegszeit gehandelt haben muss. Die stollenbesetzten Schuhe sehen fast wie Stiefel aus und erinnern noch ein bisschen an die Fußballschuhe, die wir als Kinder trugen. sepulcre abgeleitet und ist eine Anspielung auf das Heilige Grab im Heiligen Land. Der Legende zufolge soll die ursprüngliche Abtei von einem Alexander Roche gegründet worden sein. Der kam von den Kreuzzügen zurück und musste hören, dass seine Verlobte, die ihn tot wähnte, inzwischen in einen Konvent eingetreten war.

Von der Abbey sind über die Mauer hinweg nur Seitenwände und ein Turm zu sehen. Davor steht eine dachlose Kirche, die aber späteren Datums ist. Das Ensemble ist aber sehr pittoresk.

In dieser Abtei soll Heinrich II. Buße getan haben nach der Ermordung von Becket, für die er zumindest mitverantwortlich war.

Hinter der Abbey steht noch ein schönes Stück der alten Stadtmauer, und zwischen zwei Teilen der Stadtmauer ein Tor, Westgate. Das war ein Zollturm. Hier wurde abkassiert. Man sieht noch die Nische, hinter der die Zöllner saßen und die Kammer, in die die eingesperrt wurden, die nicht zahlen konnten – oder wollten.

Auf dem schönen kleinen Platz vor dem Tor befinden sich in einem Haus, Seite an Seite gleich zwei Frisörläden, ein moderner mit einer breiten Glasfront, ein traditioneller, der sich hinter Steinen verbirgt. Der eine heißt Hairdresser, der andere Barber. Später sehe ich dann noch einen anderen Frisörladen: The Cutthroat Society’s Barber.

Wieder ganz im Zentrum lande ich in Simon’s Place, einem Pub. Dort bestelle ich eine Lauchsuppe und gefüllte Hähnchenbrust zusammen mit einem irischen Bier. Alles gut, aber zu teuer: 19,15 €.

Als ich wieder nach New Ross fahre, hat die Sonne sich zurückgezogen, und es herrscht wieder das melancholische Zwielicht der ersten Tage. Und damit schließt sich der Kreis. Eine Reise geht zu Ende, die gezeigt hat, dass Irland immer eine Reise wert ist, aber im Sommer mehr als im Winter.

 

 

 

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