Klaipeda (2017)

12. Februar (Sonntag)

Wo Klaipeda ist, weiß kein Mensch. Jedenfalls fast kein Mensch. Und ich wusste es auch nicht, bis wir vor ein paar Jahren, auf den Wunsch von Klaipeda, den Austausch vereinbarten. Der dümpelt seitdem so vor sich hin.

Klaipeda ist in Litauen. An der Ostseeküste. Der alte deutsche Name ist Memel. Da denkt man eher an den Fluss. Und der mündet wohl auch hier in der Gegend in die Ostsee.

Es ist alles Neuland, nicht nur die Uni und Klaipeda, sondern auch Litauen und die baltischen Länder überhaupt. Nicht einmal was wo liegt wusste ich. Eine Chance, das endlich mal in den Griff zu bekommen. Die Länder sind nach Größe angeordnet: Estland, das kleinste, ist im Norden, Litauen, das größte, ist im Süden, und Lettland ist eben in der Mitte, im doppelten Sinne.

Klaipeda, das zeigt der Blick auf die Karte, liegt ganz in der Nähe des Kurischen Haffs. Das war so ein Wort aus dem Erdkundeunterricht, das noch nachklingt. Genauso wie die Kurische Nehrung. Wir haben schon als Kinder nicht verstanden, was das war. Die englische Entsprechung hilft auf die Sprünge: Curonian Lagoon. Das ist also ein Haff. Ein vom Meer abgetrennter „See“, mit Meereswasser. Das Kurische Haff ist dreimal so groß wie der Bodensee. Getrennt vom Meer wird es durch die Kurische Nehrung (die auf Englisch den merkwürdigen Namen Curonian Spit hat). Die wird manchmal als Halbinsel bezeichnet, aber ich finde das eher irreführend. Da kommt Landzunge der Sache schon näher, aber die Form ähnelt eher einem Damm, langgestreckt, schmal. Die Kurische Nehrung gehört zum Teil zu Litauen, zum Teil zu Russland. Durch die Enklave um Königsberg.

In der Linguistik wird Estnisch oft erwähnt als nicht-indoeuropäische Sprache, Litauisch sozusagen als Gegenstück dazu, als Modell der indoeuropäischen Ursprache, als Sprache, die dem alten Sprachzustand näher ist als jede andere. Das ist aber auch alles, was ich darüber weiß.

Eine andere Entdeckung mache ich, als ich bei der Reisevorbereitung nach der Währung suche. Was haben die denn wohl für eine Währung? Die Antwort ist verblüffend: den Euro. Litauen ist das letzte Land, das den Euro eingeführt hat, vor zwei Jahren, ein Jahr nach Lettland, ein paar Jahre nach Estland.

Jetzt steht also ein Besuch bei der Partneruni in Klaipeda an, der LCC. Für eine Woche. Aber da muss man erst mal hinkommen. Gar nicht so leicht. Direktflüge gibt es von uns aus gar keine. Die Reise geht über Riga, also über Lettland, und das liegt eigentlich in der falschen Richtung, zu weit nördlich, zu weit östlich. Und von da aus geht es nicht nach Klaipeda, das nur einen Sportflugplatz hat, sondern nach Palanga, gut dreißig Kilometer entfernt. Ob über Vilnius oder über Riga spielt keine Rolle, und auf die Alternative, mit der Fähre von Kiel aus nach Klaipeda zu kommen, bin ich einfach nicht gekommen.

Die Entfernung ist größer, als ich dachte, fast 2000 Kilometer, und der Flug nach Riga dauert zweieinhalb Stunden. Während der ganzen Reise gibt es keine Passkontrolle, weder in Düsseldorf noch in Riga noch in Palanga. Auch beim Einchecken nicht.

In Riga ist es stockdunkel. Es ist eine Stunde früher als bei uns. Und es ist  sechs Grad unter null. Nicht gerade angenehm, da über das Rollfeld zu gehen.

Der Flugplatz selbst sieht noch ein bisschen nach Sozialismus aus, aber die Abflughalle ist modern und könnte auch woanders stehen. Und die Preise haben es in sich. Mindestens auf dem Niveau von Düsseldorf. Es gibt Filzpantoffeln aus dem Automaten und Groschenromane auf Russisch beim Zeitschriftenhändler.

Aus dem Lautsprecher dröhnt lettische Popmusik, sehr rhythmusbetont. Und die Texte erscheinen zeitgleich auf einem Bildschirm. Nur dadurch kann ich skin erkennen. Das hört sich wie skeen an. Das muss eine lettische Eigenart sein. Nicht exklusiv lettisch ist das hier: „You’re laying down beside me.“ Beste Muttersprachlertradition.

Die lange Wartezeit erlaubt es, sich nach ein paar Wörtern umzusehen. Ich bestelle Kafieja ar pienu, Kaffee mit Milch. Bier heißt alus und Wasser heißt ūdens. Keine Chance, da etwas abzuleiten. Da sind dann mal wieder die Zahlen hilfreich: kaks, divi und du sind die Wörter für ‚zwei‘ auf Estnisch, Lettisch und Litauisch, kolm, tris und trys für ‚drei‘, neli, cetri und keturi für ‚vier‘. Da sieht man die Verwandtschaft oder die nicht vorhandene. Anders bei Lehnwörtern. Da haben Estnisch und Lettisch apteek bzw. aptieka, aber Litauisch vaistinie. Das habe ich schon mal irgendwo in Griechenland auf einem vielsprachigen Schild an einer Apotheke gesehen. Und erinnere mich noch daran, dass ich damit nichts anfangen konnte.

In einem Reiseführer lese ich, dass die Toiletten traditionellerweise mit ▼bzw.▲ bezeichnet wurden. Da fragt man sich natürlich, was was ist. Die Antwort: ▲ steht für die Frauen.

Und das M an Toilettentüren steht in Estland für Mees, in Litauen für Muterys. Also in Estland für ‚Männer‘, in Litauen für ‚Frauen‘.

Lettland ist zum großen Teil identisch mit dem früheren Livland, und irgendwo an der Kurländischen Küste leben noch Liven, ca. 1500, die Abkömmlinge der alten Bewohner, meist als Fischer. Deren Sprache, eine finnisch-ugrische Sprache, ist wirklich vom Aussterben bedroht. Es soll nur noch ein paar Dutzend Sprecher geben.

Als es dann endlich weiter geht, ist es fast Mitternacht. Wieder geht es mit einer Propellermaschine weiter, und wieder ist die nicht voll besetzt.

Am Flughafen wartet erst mal – keiner. Ich frage mich schon, wie ich jetzt nach Klaipeda komme, als der vom Hotel beauftragte Fahrer doch noch erscheint.

Die Fahrt scheint in totalem Schweigen zu verlaufen, denn der Fahrer kann kein Englisch. Und auch kein Deutsch. Also versuche ich es mit Russisch. Eine Katastrophe. Sofort gehen die Schleusen auf, und der jetzt einsetzende Redeschwall endet erst bei der Ankunft am Hotel. Ob er nicht merkt, dass ich nicht folgen kann oder ob es ihm egal ist, kann ich nicht rauskriegen.

Ich kann auch nicht rauskriegen, ob er Russe oder Litauer und ob er Einheimisch oder Einwanderer ist. Auf jeden Fall muss er „ethnischer“ Russe sein. Der Sprachgebrauch ist der eines Muttersprachlers.

Dann kann ich aber doch ein paar Sachen rausfiltern. Er hat in Deutschland gearbeitet, in der Nähe von Düsseldorf, in Mönchengladbach, was bei ihm wie Mönchenglatzbach klingt. Das sei eine schöne Stadt. Auch Köln kennt er, aber viel weiter kommen wir nicht.

Er holt sein Handy hervor und zeigt mir während der Fahrt Photos von der Fabrik, in der er gearbeitet hat. Immer wieder sagt er: Rahmer. Kenn ich nicht. Dann geht mir ein Licht auf: Es ist Hammer. Russisch ausgesprochen.

Dann verliere ich wieder völlig den Faden, als es um seine Arbeitskollegen in Deutschland geht. Er wird immer aufgeregter und erboster. Ich verstehe nur Türken. Er scheint über die Türken zu schimpfen.

Dann will er etwas von einem Unterschied wissen, aber ich verstehe immer nur Unterschied. Am Ende stellt sich heraus, dass er den Zeitunterschied zwischen Litauen und Deutschland meint. Eine Stunde, sage ich. Das lässt er nicht gelten. Zwei Stunden. Das kommt mir komisch vor. Dann müsste es einen Zeitunterschied zwischen Lettland und Litauen geben. Und da spricht alles dagegen. Und es ist tatsächlich nur eine Stunde.

Und dann gibt er mir eine Steilvorlage für den offenen Vortrag am LCC: Deutsch sei leichter als Englisch. Anfangs bin ich nicht ganz sicher, ob er das gesagt hat, aber auf Nachfrage bestätigt er das. Er kramt das Namensschild heraus, mit dem er mich am Flughafen in Empfang genommen hat, deutet auf meinen Namen, spricht ihn emphatisch aus und sagt: „Siehste, ganz einfach. Englisch ganz anders“. Da wisse man nie, wie ein Wort ausgesprochen würde. Populäres Missverständnis vom Feinsten.

Mein Hotel, das Hotel Memel, sei gut, sagt er. Da hätte ich eine gute Wahl getroffen. Im dem Moment kündigt er an, dass wir in die Altstadt kommen. Und prompt fängt es an, zu ruckeln: Kopfsteinpflaster. Und in knapp einer Minute stehen wir vor dem Hotel. Im Handumdrehen hat er meinen Koffer in die Rezeption geschleppt und ist genauso schnell verschwunden, wie er am Flughafen aufgetaucht ist.

13. Februar (Montag)

Die Kellnerin beim Frühstück ist verwundert, dass ich Deutscher bin. Ich hätte keinen Akzent. Wenn die wüsste! Dann stellt sich heraus, dass sie neben Englisch auch Deutsch spricht. Mehrsprachigkeit scheint verbreitet zu sein. Aber das trifft wohl nur für bestimmte Berufsgruppen zu. Auf der Straße laufen die Leute förmlich davon, wenn man sie auf Englisch anspricht.

Pünktlich kurz vor neun, wie verabredet, werde ich abgeholt. Die Koordinatorin der Austauschprogramme, eine junge, mädchenhaft aussehende Frau mit langen blonden Haaren (aber nicht platinblond, wie sie im Flugzeug und am Flughafen auftauchten) namens Inga hat eigens angeboten, mich zur Uni zu begleiten. Sie spricht hervorragendes Englisch mit markantem amerikanischem Akzent.

Sie zeigt mir vor allem die Bushaltestelle und wie man Karten bekommt und was man mit denen anfangen muss. Das ist ja immer überall anders. Auf die Form der „Abstempelung“, wie es sie hier gibt, wäre ich jedenfalls nicht gekommen. Die Einzelfahrkarte kostet gerade mal 80 Cent.

Die Gegend ist völlig unspektakulär. Es gibt praktisch nichts zu vermerken. Wir kommen an der anderen Universität von Klaipeda vorbei. Das ist die staatliche, LCC ist eine private Uni. Amerikanische Gründung, amerikanische Mäzene.

Inga hat eine gute Erklärung dafür, warum der Austausch so schleppend läuft. Die Semester überlappen sich, weil es hier am LCC nach amerikanischem Kalender geht. Das ist für beide Seiten nicht so gut. Vielleicht gibt es ja demnächst mal überall das gleiche akademische Jahr, identisch mit dem kalendarischen. Das würde einiges erleichtern.

Wichtiger ist aber noch, dass unsere Anglistikstudenten natürlich lieber in englischsprachige Länder gehen und dass LCC sowieso viele Studenten aus anderen Ländern hat (die 500 Studenten kommen aus 30 Ländern), und sind bereits im Ausland, müssten also einen Auslandsaufenthalt innerhalb des Auslandsaufenthalts machen. Tatsächlich merke ich nachher, dass man auf dem Campus zwar Englisch, aber sonst meist Russisch hört und wenig Litauisch.

An dem jeweiligen Nationalfeiertag wird auf dem Campus die Flagge des jeweiligen Landes gehisst. Nur mit Russland tut man sich schwer. Die russische Flagge zu hissen, ist immer noch keine Selbstverständlichkeit.

Um den Campus herum stehen Wohnblöcke. Die sehen aus wie runderneuerte Plattenbauten. Überhaupt spürt man auf Schritt und Tritt, trotz all der Neuerungen, noch die alten Zeiten.

Als wir auf den Campus kommen, frage ich nach der Abkürzung: LCC. Etwas verschämt erklärt Inga, das stehe für Lithuanian Catholic College. Das war wohl der Gründungsimpuls, aber im Laufe der Zeit hat man gemerkt, dass das als Werbeträger nicht überall ankommt. Und verbirgt deshalb den eigentlichen Namen hinter dem Akronym.

Als philologisches Fach gibt es hier nur English Language and Literature. Die anderen Fächer sind Psychologie, Theologie, International Relations, Kommunikationswissenschaften und vor allem Business Administration, das größte Fach.

Ich werde durch die verschiedenen Gebäude geführt. Wir sehen die Kantine, die Bibliothek, die Turnhalle und den Fitnessraum, ein paar Büros, einen Seminarraum und einen Hörsaal. Die Büros sind winzig und werden meist von zwei Kollegen geteilt. Die Seminarräume sind modern ausgestattet, aber mit Stühlen mit hochklappbaren Schreibflächen. Das soll jetzt aber geändert werden.

Die Bibliothek hat niedrige Holzregale und besteht aus vielen kleinen Räumen, ganz anders als bei uns. Überall gibt es mit Computern ausgestattete Arbeitsplätze, und Internetverbindung gibt es frei auf dem ganzen Campus.

Von sich selbst erzählt Inga ein kurioses Detail, als ich an ihrem Büro nach ihrem Nachnamen frage. Der sich litauisch anhört. Das ist er auch. Es ist der Name ihres Ehemannes. Sie hatte einen ukrainischen Nachnamen, von ihrem Vater. Und der bedeutete ‚tapfer‘. Sie sagt, sie sei es leid gewesen, sich immer die Kommentare dazu anzuhören.

In einem gemütlichen, kleinen Raum im Hauptgebäude, einer Art Common Room – der bei uns so sehr fehlt – ist für Kaffee gesorgt, und allmählich trödeln andere Kollegen ein, zwei Amerikanerinnen, eine Litauerin aus der Anglistik und ein Mann aus dem Social Sciences Department, ein Amerikaner, Wayne. Er begrüßt mich auf Deutsch. Er hat ausgerechnet in Traben-Trabach gelebt, hoch auf der Spitze eines Weinbergs, bei einem Winzer, und dabei auch bei der Weinlese geholfen. Er spricht mit viel Expertise über Eiswein und Rebsorten. Auch eine der beiden anderen Amerikanerinnen, Monique, die, die die meiste Vorbereitungsarbeit geleistet hat, spricht Deutsch. Sie hat in Österreich verschiedene Praktika gemacht, im Tourismusbereich, und spricht mit viel Kenntnis über Übersetzungsprobleme für Wörter wie Topfen.

Vom Thema Essen und Trinken kommen wir kaum mehr ab, und dabei wird mir eine litauische Spezialität empfohlen, Quark mit Schokoladenüberzug. Das ist kein richtiger Nachtisch, sondern eher wie ein Schokoriegel, den man in einem Laden kauft.

Und dann kommt die Rede auf einen alten Bekannten: das Wort pudding. Und seine Adaptation in die verschiedenen Sprachen. Auch in Amerika sind die alten englischen Bedeutungen, die noch in einzelnen Wörtern konserviert sind, wohl nicht bekannt. Und nicht nur das. Die Wörter verursachen kulinarische Schauer bei den Amerikanern.

Die litauische Kollegin fragt nach unserer Uni, und ich beschreibe sie in ganz groben Zügen. Das ist eigentlich die einzige „Arbeit“, die ich den ganzen Tag über leiste. Dann erkläre ich noch ein bisschen die Vorträge und was das alles soll und dass ich etwas unsicher bin mit Menge und Anspruchsniveau der Materialien. Alle haben sofort Verständnis. Das kann man einfach nicht wissen. Wir müssen im Zweifelsfall improvisieren. Außerdem scheint hier die Messlatte, was die Erwartungen angeht, seit dem letzten Austauschbesuch, dem einer Kollegin aus Georgien, sehr tief zu liegen.

Langsam peinlich wird meine ständige Nachfrage nach dem litauischen Wort für ‚Auf Wiedersehen‘. Das hat mir Inga beim Verlassen des Hotels beigebracht: Viso gero. Gretchen, die andere Amerikanerin, sagt, das bräuchte ich ja erst am Ende der Woche. Ich solle mir Zeit lassen. Und dann versuche ich noch, das Wort für ‚danke‘ zu lernen: ačiū. Hört sich ein bisschen wie Hatschi an. Die beiden unterschiedlichen diakritischen Zeichen sehen sich handschriftlich zum Verwechseln ähnlich.

Monique hilft mir dann noch bei der Vorbereitung der Materialien für die Vorträge. Sie bewahrt die Übersicht und ist sehr gut organisiert. Die reinste Freude. Die Dateien werden auf einen zentralen Server gelegt, der von allen Seminarräumen aus zugänglich ist. Perfekt.

In der Bibliothek finde ich einen ruhigen Platz zum Arbeiten. Man kann mit Taschen und Rucksäcken rein und raus gehen.

Am späten Nachmittag werde ich den drei deutschen Studenten anvertraut, die gegenwärtig hier studieren, zwei Mädchen und ein Junge. Die Mädchen haben vorher beide – aber unabhängig voneinander – vier Semester in den USA studiert und sprechen sogar untereinander manchmal Englisch. Der Junge hat sein Freiwilliges Soziales Jahr in Litauen gemacht, ein litauisches Mädchen kennengelernt und ist dann zum Studium hierher zurückgekehrt. Sie studiert auch an der LCC. Psychologie.

Wir fahren mit dem Bus Richtung Innenstadt. Nach ein paar Erledigungen führen sie mich durch die Altstadt, zum Dané hinunter und dann zum Ufer. Das ist bereits das Kurische Haff. Am gegenüberliegenden Ende sieht man die Kurische Nehrung. Ich wusste nicht, dass sie so weit reicht, praktisch bis zur Innenstadt von Klaipeda. Von hier aus sieht sie wie Festland aus. Sie ist dicht mit Wäldern bestückt. Erst weiter südlich, in der Nähe von Nida, befindet sich die bekanntere Dünenlandschaft. In Nida, sagen mir die Studenten, sehe es wie in Deutschland aus. Und dort werde auch noch viel Deutsch gesprochen. Der Junge erzählt von einem Busfahrer, der auf eine englische Anfrage erwiderte: „Litauisch – Russisch -Deutsch. Kein Englisch“. Ein dreisprachiger Mann ohne Englischkenntnisse. Kommt heute auch nicht mehr so oft vor.

In der Nähe der Anlegestelle der Fähre sehen wir eine der modernen Skulpturen, die es überall in der Innenstadt gibt: Eine Gestalt scheint aus dem Wasser an der Kaimauer hinauf ans Land zu steigen. Er ist noch in Bewegung, der Oberkörper ist schon an Land, und auch eine Laterne, die er in der Hand hält. Die Skulptur nimmt Bezug auf eine Legende, nach der die Stadt von einer plötzlich auftauchenden, grotesk aussehenden, furchteinflößenden Gestalt heimgesucht wurde. Sie erschien dem Wächter der Stadtburg und vertraute ihm an, dass es eine Gefahr für Klaipeda gebe, dass der Vorrat an Korn und Wasser zu Ende gehen würde. Und verschwand dann wieder so plötzlich, wie sie gekommen war. Das Spukhafte der Erscheinung kommt dadurch zum Ausdruck, dass die Gestalt kein Gesicht hat. Man sieht in eine leere Kapuze.

In der Innenstadt kommen wir über den Marktplatz, dem Zentrum der Altstadt, mit Theater und Brunnen, aber viel wissen die drei darüber nicht zu erzählen.

In der Touristeninformation bekommen wir einen Stadtplan mit Erklärungen der vielen modernen Skulpturen. Außerdem gibt es hier Ansichtskarten (mit Pilzen als Motiv) und Briefmarken. Die einen sind unansehnlich, die anderen teuer: 84 Cent.

Ich werde dann in ein Lokal geführt, das Katpédélé, in einem alten roten Backsteinbau untergebracht, der überall in Norddeutschland stehen könnte. An der rückwärtigen Seite sieht man eine einst wohl übertünchte, jetzt aber wieder freigelegte Inschrift: Germania Speicher.

Der Student nimmt die Bestellung vor, in offensichtlich souveränem Litauisch. Auch Nachfragen kann er machen und beantworten, ohne groß zu überlegen. Toll! Er sagt, beim Erlernen des Litauischen habe ihm sein Latein von der Schule geholfen. Die Struktur sei vergleichbar. Verstehen kann er besser als Sprechen, meint er. Wenn er bei den zukünftigen Schwiegereltern am Tisch sitzt, bekommt er alles mit, schweigt aber meistens.

Eine Besonderheit des Litauischen ist der Betonungswechsel bei Substantiven, je nach Kasus. Wir überlegen, ob wir das woanders her kennen, kommen aber auf kein Beispiel. Vielleicht auch Latein.

Der Student sagt auch etwas zu den diakritischen Zeichen, viele davon auf Vokalen. Die gibt es gleich im Dreierpack, und das wird auch in der Orthographie deutlich: <e>, <é>, <ę>. In der Aussprache entsprechen sie einem offenen, einem geschlossenen und einem nasalen Vokal. Das System ist aber wohl nicht stabil. Es scheint eine „freundliche Übernahme“ im Gange zu sein. Der nasale Vokal wird eins mit dem offenen Vokal. Er jedenfalls, sagt der Student, könne den Unterschied nicht hören. Und viele Litauer sagten, sie würden den Unterschied nicht machen.

Nach längerem Warten kommt unsere Bestellung. Es gibt zwei Teller mit litauischen Spezialitäten, die wir uns teilen: kepta duona und spurgos, frittiertes Roggenbrot mit Knoblauchgeschmack, in Streifen geschnitten und wie Pommes aussehend und frittierte Bällchen, wie eine Mischung aus Berliner und Quarkbällchen.

Mit den drei Studenten zu sprechen ist die reinste Freude. So jung und schon so reif, offen für alles, aber mit kritischem Verstand, dabei umgänglich und mitteilsam. Eins der Mädchen ist in Malawi aufgewachsen, wo die Eltern als Entwicklungshelfer waren, in einem halb englischen, halb deutschen Umfeld. Als sie dann im 5. Schuljahr nach Deutschland kam, hatte sie noch nie mit deutschen Texten zu tun gehabt und „konnte“ in dem Sinne weder lesen noch schreiben.

Sie sind alle drei auf dem Campus untergebracht. Es gibt keine Einzelzimmer. Gezielt nicht. Isolierung soll vermieden werden, die Gemeinschaft steht im Vordergrund. Schön und gut. Aber die fehlende Privatsphäre bemängeln sie doch. Besonders am Anfang, da teilt man das Zimmer mit vier anderen.

Dass auf dem gesamten Campus kein Alkohol erlaubt ist, finden sie auch etwas puritanisch, aber trotzdem gut: Die Studenten (und das sind in diesem Falle meistens die „Russen“, also die Osteuropäer) kämen auch so abends oft betrunken und lärmend nach Hause.

Am Ende erfahre ich noch das Wort für die Kleinigkeit, die mir schon am Morgen in der Uni empfohlen worden ist: sūrélis. Das kaufe ich dann später im Supermarkt. Sieht wie ein kleiner Schokoriegel aus. Der enthält mit Schokolade überzogenen Quark.

14. Februar (Dienstag)

Beim Frühstück frage ich nach dem litauischen Wort für ‚Tee‘: arbata. Das fällt ganz und gar aus dem Rahmen, und zwar bezeichnenderweise zusammen mit polnisch herbata. Diese Schreibweise lässt eher auf den Ursprung schließen, irgendwas mit ‚Kräutern‘ vermutlich.

Es geht früh zur Uni, zu den ersten Seminaren. Alles ist bestens vorbereitet. Man kann die Folien der Präsentation auf einem großen Bildschirm am Pult sehen. Das ist echt praktisch.

In beiden Seminaren sitzen nur Studentinnen. Das muss aber Zufall sein. Auf dem Campus sieht man ebenso viele Studenten. Das Niveau ist höher als ich dachte, besonders in der Schriftsprache, obwohl man einige Dinge etwas mühsam herauslocken muss und die Terminologie schlichtweg fehlt.

Zwischen den Seminaren mache ich einen Vortrag über Trier: Stadt – Universität – Fach. Man spürt echtes Interesse an dem Austausch. Einige Kollegen fragen ganz gezielt nach. Und auch auf Studentenseite scheint es Interesse zu geben, trotz der Hindernisse. In den nächsten Tagen werde ich mehrfach angesprochen, meist von Studentinnen aus Georgien, der Ukraine, Weißrussland. Eine weitere Möglichkeit ergibt sich dadurch, dass jetzt auch Deutsch angeboten wird, nicht als vollwertiges Fach, aber als Sprachkurs, der als Wahlpflichtfach gebucht werden kann. Die Gesamtstimmung ist durch und durch positiv.

Was die Stadt angeht, lösen Marx und der Wein die meiste Verwunderung aus. Das war abzusehen.

Auf der Suche nach Monique stoße ich auf die amerikanische Kollegin aus der Anglistik, Gretchen. Die hab ich am Vortag schon kennengelernt. Ich spreche sie auf ihren Namen an. Ja, das sei in Amerika heute ein ungewöhnlicher Name. Das Gretchen von Rudi Dutschke, auch Amerikanerin, kennt sie nicht.

Auf dem Rückweg in die Stadt achte ich zum ersten Mal auf die Gebäude, in denen die andere Universität, die staatliche, untergebracht ist, rote, neogotische Backsteinhäuser mit Giebeln und mit aus der Verteilung der Backsteine resultierenden Zierformen.

Als ich aussteige, fällt mir an einem Geschäft die Tafel mit den Öffnungszeiten auf. Es erscheinen keine Wochentage, nur römische Ziffern und dahinter in arabischen Ziffern die Öffnungszeiten. Das sieht dann so aus: III: 10-18. In einem Geschäft sind I und VII geschlossen, aber woher weiß man, welcher Wochentag das ist? Die Antwort liegt in der Sprache: Die Namen der Wochentage enthalten die Zahlen. Es ist so, als wenn Mittwoch Dreitag hieße. Und das kann man tatsächlich erkennen. Der Mittwoch heißt trećiadiennis. Nur der Sonntag fällt aus dem Rahmen. Später erklärt mir der deutsche Student, dass das Wort für Sonntag von Erfolg abgeleitet ist. Oder sich wenigstens so anhört. Das wird aber später von einer litauischen Kollegin als Volksetymologie erkannt. Sie sagt, es gebe einen religiösen Bezug. Das leuchtet ein.

Bevor es dunkel wird, habe ich noch die Gelegenheit, mir eine der Skulpturen anzusehen, und zwar die, die mich wegen des Themas am meisten interessiert. Es handelt sich um eine Schlange oder einen Drachen, rot, mit langem Schwanz – die ganze Skulptur misst über drei Meter – der in einer Seitenstraße eine Häuserwand hinunterkriecht. Der Drachen ist gleichzeitig Regenrinne, eine Regenrinne, die im Schlund des Drachens endet. Darunter, in den schmalen Bürgersteig eingelassen, ein Fußtritt. Dazu der Entstehungsmythos: Zwei Brüder suchen einen Platz für eine neue Siedlung. Der eine nimmt den längeren Weg, den Fluss entlang, der andere die Abkürzung, durch den Sumpf. Sie verlieren sich aus den Augen. Eines Tages trifft der erste Bruder auf einen gigantischen Fußabdruck im Morast, die Hinterlassenschaft seines verlorenen Bruders. Er beschließt, an dieser Stelle eine neue Stadt zu gründen, und die heißt Klaipeda, zusammengesetzt aus litauisch klaiki, ‚schrecklich‘, ‚furchterregend‘ und péda, ‚Fuß‘.

15. Februar (Mittwoch)

Wo liegt der geographische Mittelpunkt Europas? In Litauen sagt man: in Litauen! Meine erste Reaktion: Überraschung. Müsste der nicht weiter südlich sein? In Tschechien? In Österreich? Dann kommen mir Zweifel: Unterschätzt man vielleicht die Ausdehnung Skandinaviens nach Norden? In Litauen gibt es jedenfalls sogar ein Monument, das den Mittelpunkt markiert. Davon ist im Reiseführer und in der Touristeninformation die Rede. Am Ende stellt sich heraus, dass es Orte in allen möglichen Ländern gibt, die beanspruchen, der Mittelpunkt Europas zu sein, von Deutschland bis zur Ukraine. Es kommt auf die Berechnungsgrundlage an, und auch wohl darauf, was „Europa“ ist. Die Sprache entscheidet mindestens so sehr wie die Geographie.

Im Bad sehe ich das Wort für ‚Toilettenpapier‘: tualetinis popierus. Das sieht wirklich ein bisschen wie Latein aus. Auch interessant die Wortstellung: Das vorangestellte Wort ist im Genitiv: ‚der Toilette Papier‘. Das ist auch bei den Straßennamen so, wie ich später von dem deutschen Studenten erfahre. Die Straße, an der das Hotel liegt, heißt Bangų gatvé, ‚Wellenstraße‘, ‚Straßen der Wellen‘, wörtlich ‚Der Wellen Straße‘.

Zum Mittagessen erwartet mich J.D. Mininger, einer der Leiter der Universität. Er ist während der Zeit unserer Korrespondenz befördert worden und erscheint jetzt mit Photo gleich auf der Titelseite der Website der LCC.

Er stellt sich als Jaydee Mininger vor. Seinen „richtigen“ Vornamen erfahre ich nicht. Das sei in den USA längst normal, einen neuen Vornamen aus den Initialen der beiden Vornamen zu kreieren. Alle nennten ihn Jaydee.

Wir gehen in ein kleines litauisches Lokal in der Nähe der Uni. Er sagt gleich vorsichtshalber, er wolle kein richtiges Mittagessen, sondern nur eine Kleinigkeit zu sich nehmen. Er müsse noch arbeiten. Da muss ich mich wohl anschließen. Wir essen eine Suppe, die typische Rote-Beete-Suppe mit saurer Sahne, die es hier überall und ständig gibt, und trinken ein Glas Wasser. Als dann die Rechnung kommt, lasse ich ihn bezahlen. Die Rechnung beläuft sich auf 2 €.

Trotz der neuen Stellung unterrichtet er auch weiterhin. Einfach weil er das will. Er ist von zuhause aus Philosoph, aber so etwas wie „angewandter“ Philosoph und unterrichtet hier auch in der englischen Literatur.

Er hat in Marburg studiert und zweimal in Berlin und außerdem in einem Ort in der Nähe von Frankfurt gelebt. Er scheint fließend Deutsch zu sprechen und spricht von Wissenschaftlicher Mitarbeiter wie jemand, der mit dem deutschen Unisystem vertraut ist.

Von Berlin schwärmt er in höchsten Tönen. Das sei eine richtig internationale, dynamische Stadt geworden.

Er spricht außerdem Dänisch, Französisch und Litauisch, und wir haben natürlich unseren Spaß am Austausch von Besonderheiten von Sprachen und den Hindernissen des Sprachenlernens. Auf Dänisch ist er durch Kierkegaard gekommen, den liest er im Original. Lesen sei eine Sache, meint er, Verstehen eine andere. Da müsse er oft kapitulieren.

Seine Frau ist Litauerin, und die Kinder wachsten zweisprachig auf. Konsequent.

Wie er denn ausgerechnet auf Litauen und Klaipeda gekommen sei, will ich wissen. Die Antwort ist naheliegend: Seine Eltern waren, beide, an dem Aufbau von LCC beteiligt, sie gehörten zu den Initiatoren und den ersten Lehrern. Insofern war ihm die Sache in die Wiege gelegt. Die Universität ist schon 1990 gegründet worden. Sagenhaft! Da war die Mauer gerade gefallen, und die Amerikaner haben keine Minute verloren, ihre Finger in den alten Ostblock auszustrecken. Man habe sich sofort auf die Suche nach Mäzenen gemacht. Der Fokus sollte auf Geistes- und Sozialwissenschaften liegen. Das christliche Motiv sei natürlich wichtig und ständig präsent, verstehe sich aber als Angebot, nicht als Indoktrination.

Der Abschluss, den man hier machen kann, ist „nur“ ein litauischer, kein amerikanischer, kein Doppelabschluss, wie ich mir das vorgestellt hatte. Der litauische Abschluss ist aber gut, und zwar für die Litauer genauso wie für die Osteuropäer und die Amerikaner, eben weil er ein EU-Abschluss ist. Das eröffnet fast endlose Möglichkeiten. Und in Amerika gebe es natürlich Möglichkeiten der Anerkennung oder Teilanerkennung. Da spielt der Faktor, dass es eine amerikanische Universität ist, natürlich eine Rolle.

Als wir wieder in der Uni sind, verabschiedet er sich schnell und geht seiner Wege.

Für das Seminar am Nachmittag haben sie zwei Seminare zusammengelegt. Diesmal sind auch viele Männer dabei, vor allem Russen. Das Niveau ist niedriger, aber ob es da einen Zusammenhang gibt, ist offen. Es geht jedenfalls sehr lebhaft zu.

Meine Vorbereitung hat ein Manko. Ich war davon ausgegangen, dass alle Litauisch können, aber das ist ganz und gar nicht der Fall. Also muss improvisiert werden. Das betrifft aber nur den ersten Teil des Seminars.

Am Ende scheinen sie doch alle zufrieden zu sein, vor allem ein russischer Student, der nach dem Seminar zu mir kommt und mich fragt, ob ich nicht ihr Lehrer sein könnte. Er ist sichtlich enttäuscht, als ich sage, ich sei nur eine Woche hier. Als sich dann auch noch herausstellt, dass ich Jaroslawl kenne, seinen Heimatort, fällt er mir fast um den Hals.

Die amerikanische Kollegin, Gretchen, die sich in das Seminar gesetzt hat, präsentiert mir lächelnd eine Liste meiner Britishisms: at the weekend, well done, the world and his wife, etc. Merkt man selbst gar nicht.

Später sitze ich mit Monique im Common Room. Bei einem Kaffee erzählt sie mir, in ihrer ruhigen, etwas behäbigen Art von ihren arabischen Erfahrungen, in Saudi-Arabien und in Oman. Das eine sei sehr amerikanisch, das andere sehr britisch geprägt.

Sie kam als junge, noch unerfahrene Lehrerin dorthin und erwartete Unterstützung von den älteren und Gemeinschaft mit den jüngeren Kollegen. Aber es gab fast nur ältere Kollegen, meist Männer, und die hatten keinerlei pädagogisches Ethos, sondern waren vor allem an dem hohen Verdienst und regelmäßigen Saufgelagen interessiert. Mir war aufgefallen, dass die dortige Website noch so aussah, als wäre sie, Monique, noch da. Ja, das wundere sie nicht. Man habe ihr seinerzeit aufgetragen, die Website auf Vordermann zu bringen, aber seither habe sich wohl keiner mehr drum gekümmert.

In Oman bekam sie auch die Lizenz, für den British Council als Prüferin tätig zu sein. Als Amerikanerin? Ja, das sei gegangen, aber es habe hinter vorgehaltener Hand natürlich Kommentare gegeben: „Was macht denn die Amerikanerin hier? Wer hat die denn geholt?“

Und wie war es als Frau in muslimischen Ländern? Kein großes Problem, sagt sie. Leichter als erwartet. Sie habe befürchtet, eine Abaya tragen zu müssen, aber da sei man ganz verständnisvoll gewesen: Du bist aus dem Westen, das erwarten wir nicht von Dir. In der Moschee habe sie natürlich ihren Kopf bedeckt. Und auch auf der Straße, in Einkaufszentren, nachdem sie ein paarmal sehr vorsichtig darauf aufmerksam gemacht worden sei: „Guck, unsere Kultur ist nun mal so. Wir bedecken unseren Kopf, wenn wir das Haus verlassen.“ Das habe sie respektiert. Was ihr wiederum wütende Kritik einiger Landsleute eingebracht habe: „Hast Du schon mal von einer Bewegung aus den siebziger Jahren gehört, die sich Feminismus nennt? Wie kannst Du Dich so sklavisch diesen paternalistischen Strukturen unterordnen?“

Nach Litauen wollte sie nur für ein Jahr, jetzt sind es drei geworden. Ja, sie wolle wieder in die USA zurück. Die Voraussetzungen sind gut: Sie bewohnt mit ihrer Schwester zusammen ein Haus. Die Wohnungssuche entfällt also, und sie kann jederzeit zurück. Außerdem will sie mit ihrer Schwester zusammen eine Sprachschule führen, die im Kleinformat schon besteht. Sie hat gut vorgesorgt.

Ans Kaffeetrinken ist sie erst in ihrer Zeit in Österreich gekommen. Sie kam direkt vom Studium in den USA und trank damals keinen Kaffee, keinen Tee, kein Wein und kein Bier. Da hat Österreich offensichtlich erfolgreich Nachhilfe geleistet. Beim nächsten Mal, machen wir aus, sprechen wir Deutsch.

Am Abend lande ich zufällig in der Friedrichpassage. Von der hatte ich etwas in dem Reiseführer gelesen. Hier reiht sich, in restaurierten Häusern, ein Lokal an das andere. Ich gehe in eins, das litauische Spezialitäten anbietet, aber welche Speisen das nun genau sind, wird nicht klar. An dem, was ich bestelle, kann ich jedenfalls nichts Landestypisches erkenne. Ich probiere ein helles und ein dunkles litauisches Bier, von der wohl am meisten verbreiteten Marke: Ŝvyturys. Das bedeutet, wie ich von dem deutschen Studenten erfahren habe, ‚Leuchtturm‘.

16. Februar (Donnerstag)

Litauischer Nationalfeiertag. Genauer gesagt, einer von zwei litauischen Nationalfeiertagen. Heute ist der Unabhängigkeitstag, am 11. März ist der Tag der Wiedererlangung der Unabhängigkeit. In beiden Fällen geht es gegen „die Russen“, 1918 die Loslösung aus dem Zarenreich, 1910 die Loslösung aus der Sowjetunion.

An der Rezeption gibt es Ansichtskarten und auch Briefmarken. Die einen sind teurer, die anderen billiger als in der Touristeninformation. Das Motiv auf den Briefmarken ist der Euro. Man sieht beide Seiten einer Euromünze und die litauische Flagge: Gelb – Grün –Rot.

Während meines Stadtspaziergangs kommt ein bisschen die Sonne raus. Es ist auch nicht mehr ganz so kalt, und die geschlossene Eisschicht auf dem Dané bricht langsam auf.

Überall ist geflaggt. Die Halter für die Flaggen stammen noch aus der Sowjetzeit. Diese Vorstellung finde ich sehr vergnüglich.

Viele Leute sind unterwegs, ohne bestimmtes Ziel, wie es aussieht. Es gibt ein paar Stände, an denen die typischen Sachen von Volksfesten von Anno dazumal verkauft werden wie Dauerlutscher und Zuckerwatte. Einige Litauer bessern sich ihre Einkünfte auf, indem sie aus dem Kofferraum ihres Autos Kaffee in Plastiktassen verkaufen.

Zuerst komme ich an den Fluss und steuere gezielt die Meridianas an. Das ist ein Schiff, ein dreimastiges Segelschiff, auf das mich Inga schon am ersten Tag aufmerksam gemacht hat, als wir zur Uni fuhren. Die Meridianas war ein Schulschiff, das dann, als es in den letzten Zügen lag, in den Hafen geschleppt und restauriert wurde. Heute ist es ein Fischlokal der gehobenen Klasse.

Gleich neben dem Schiff steht eine merkwürdige Skulptur aus Stacheldraht. An den Stacheln haben sich Wassertropfen festgesetzt, die sich in der Sonne spiegeln.

Dann entdecke ich endlich auch den Schornsteinfeger, eine Skulptur, die man leicht übersehen kann, wenn man nicht nach oben sieht. Der Schornsteinfeger klettert in den Kamin eines alten Lagerhauses am Hafen. Er war der klassische Glücksbringer. Die Wirkung war besonders groß, wenn man einen seiner Jackenknöpfe berührte. Da die Figur so weit oben ist, hat man einen Knopf entfernt und unten an der Hauswand angebracht.

Hier, auf der linken Seite des Flusses, befanden sich ursprünglich Kontore und Lagerhäuser sowie die Stadtwaage, auf der anderen Seite eine Werft. In den Hafen wurden neben Handelswaren vor allem Holz für das Sägewerk und Rohmaterialien für die Düngerfabrik gebracht. Auf der anderen Seite, in der Werft, wurden Dampfer hergestellt, Passagierschiffe, aber auch Eisbrecher, Schlepper und Erdöltanker.

Ich gehe weiter runter Richtung Flussmündung. In den breiten Spazierweg sind in regelmäßigen Intervallen Kupferplatten unter Glasabdeckungen eingelassen mit einer Karte, einer Windrose, einer Entfernungsangabe und einem Ländernamen. Die sehe ich durch Zufall, als ich einmal nach unten blicke. Und noch ein Zufall: Die erste solche Platte, die mir auffällt, trägt den Ländernamen Vokietija. Das ist Deutschland. Der litauische (und der lettische) Name für Deutschland fällt völlig aus dem Rahmen: Vokietija. Nicht  Tyskland oder Germania oder Allemagne. Ich kann mich vage erinnern, etwas über die umstrittene Etymologie gelesen zu haben.

Als allmählich auch andere Länder auftauchen – Lettland, Polen, Dänemark – denke ich zuerst an die EU. Ist es aber nicht. Dazu sind es nicht genug. Es sind die Anrainerstaaten der Ostsee.

Es geht wieder zurück in die Altstadt, diesmal zu einer Skulptur in einer etwas abgelegenen Straße, der Jono gatvé, einer der ältesten Straßen der Stadt. Hier steht eine Skulptur mit dem etwas irreführenden Namen „Stadtansichten“, ein hoher Bronzekubus mit Reliefs auf allen vier Seiten und dem von oben runterguckenden Drachen aus der Entstehungslegende Klaipedas. Ohne weitere Information kann man die Motive nicht verstehen, aber sie sind auch so interessant anzusehen. Man sieht ein Fürstenpaar aus der Renaissance bei einem Festmahl, eine Dame mit einer mittelalterlich wirkenden Haube, eine barbusige, sitzende Frau mit einem ganz leichten Gewebe um die Hüften und ganz feinen Zweigen, die sich um ihre Waden ranken, einen Mann mit Zeremonialschwert, einen Dichter mit offenem Buch und Lorbeerkranz, dazu an verschiedenen Stellen Tauben, Katzen, Drachen. Am besten gefällt mir eine Frau mit Brieftaube auf dem Kopf.

In der Altstadt geht es sehr ruhig zu. Die meisten Leute sind unten am Fluss. An einem Platz in der Altstadt ist etwas Bewegung. Hier werden Figuren aus Styropor und Lampions aus Pappmaché aufgestellt bzw. aufgehängt. Alles in Weiß. Erst glaube ich, die Lampions wären für die Lichterschau am Abend, aber sie werden nicht erleuchtet.

Auch am Theaterplatz, dem zentralen Platz der Altstadt, sieht man nur eine Handvoll Leute. Die stehen am Brunnen und scheinen auch Vorbereitungen für den Abend zu treffen. Die kleine Brunnenfigur stellt das Ännchen von Tharau dar. Davor die Büste des Dichters, einem Mann namens Dach, dem Verfasser des Gedichts, das dann zu dem bekannten Lied wurde.  Dach hatte sich in das Ännchen auf den ersten Blick verliebt, aber sie war schon verlobt.

An der Kopfseite des Platzes, hinter dem Brunnen, steht das Theater, ein ursprünglich klassizistischer Bau, der nach einem Brand, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, in neoklassizistischen Stil erneuert wurde. Hier gastierte u.a. Wagner. Bevor das Theater entstand, war hier schon die Bühne für die Aufführungen durchziehender Wanderschauspieler.

Ich mache eine Pause bei einem Kaffee und einem kleinen Stück Kuchen, wie ich ihn aus meiner Kindheit kenne, Kalter Hund. Beides zusammen kostet drei Euro, kein Pappenstiel für einen Litauer. Der Mindestlohn, hat mir Gretchen erzählt, beträgt 300 €, der Durchschnittslohn, was immer das bedeuten mag, 600 €. An der Kleidung kann man gut ablesen, dass man nicht in einem reichen Land ist: Wollmützen, Steppjacken, Latexhosen, Mützen mit runterklappbaren Ohrenschützern, das alles sieht ärmlich aus und ist zudem Grau in Grau.

Beim zweiten Versuch habe ich bei dem Museum Erfolg. Es ist jetzt geöffnet. Eintritt umsonst. Es ist das Museum für die Geschichte Klein-Litauens. Ein altertümliches Museum in einem Bürgerhaus mit knarrenden Holztreppen. Die Erklärungen auf Englisch und Deutsch sind spärlich, aber es gibt doch einiges zu sehen.

Im Obergeschoss gibt es ein großes Modell der „See- und Handelsstadt Memel“, leider ohne Jahresangabe. Es muss aber wohl aus einer späteren Zeit stammen, denn die Stadt hat sich schon weit über den Fluss hinaus nach Norden ausgebreitet. Jetzt erst, vor dem Modell, werden mir die Lage des Hotels und der Uni deutlich. Das Hotel liegt gerade am Rande der Altstadt, südlich des Flusses, und zur Uni kommt man über die lange schnurgerade Trasse, die stadtauswärts führt. Auffällig an dem Modell ist die relativ geringe Zahl von Kirchen. Auch im heutigen Stadtbild fehlen sie fast vollständig.

Ebenfalls im Obergeschoss (wo die Information aber noch dürftiger ist) gibt es Bücher und Titelseiten von Zeitungen. Ein Buchtitel fällt besonders ins Auge: Die littauische Frage. Eine deutsche und eine littauische Antwort (1888). Unter den deutschen Büchern befinden sich eine Liedersammlung und ein Wörterbuch Deutsch-Litauisch, aber nur dessen „Analytischer Erster Teil“. Man sieht leider nur die Titelseite und fragt sich, was wohl der analytische Teil eines Wörterbuchs ist.

Neben den Texten auf Litauisch hängt in einer Vitrine auch ein russischer Text, wohl Gebete, in einem altertümlichen Russisch mit einer Anzahl nicht mehr verwandter Buchstaben.

In einem Nebenraum gibt es Stiche und Graphiken aus der Zeit (oder zu der Zeit) des Deutschen Ordens in Litauen. In der kleinen Museumsbeschreibung ist von „deutscher Aggression“ die Rede, nicht von „Besiedlung“, und wenn man den Darstellungen glauben darf, ging er hier nicht zimperlich zu: Ein am Boden liegender Mann wird mit einer Lanze durchbohrt, ein an einen Pfahl gebundener Mann wird mit einer Flinte, deren Lauf seinen Kopf berührt, exekutiert, ein Mann holt mit dem Schwert aus, um jemanden zu enthaupten, in einer Landschaft baumelt im Hintergrund einer an einem Galgen, vorne einer an einem Baum. Um den Heiden die christliche Botschaft zu vermitteln, musste man schon mal zu entschiedenen Methoden greifen.

In einem Münzkabinett sieht man gleich zu Anfang römische Münzen, aus der Zeit Mark Aurels und der Zeit von Antoninus Pius. Was machen die hier? Eine Schautafel im Untergeschoss gibt Auskunft: Die Bernsteinstraße verband das Römische Reich mit dem Baltikum, und auf diesem Wege wurde Handel und Austausch getrieben. Der Bernstein war das große Objekt der Begierde der Römer, und man sieht gleich in der ersten Vitrine, dass schon lange vor den Römern, in der späten Steinzeit, Bernstein hier als Schmuck getragen wurde. Fast witzig, die Bernsteinketten (oder besser die Glieder von Ketten) neben den Faustkeilen liegen zu sehen. Ein Hingucker in der Münzsammlung sind auch die ganz frühen litauischen Münzen. Sie sehen nicht wie Münzen aus, sondern wie Barren. Seitlich sind Kerben eingeritzt, die den Nennwert der Münze bezeichnen.

Es gibt auch noch Grabbeigaben aus verschiedenen Zeiten mit den typischen männlichen und weiblichen Beigaben: Waffen und Schmuck. Tassen bekamen dagegen beide, und die Männer bekamen auch einen Wetzstein und die Frauen eine Spindel. Arbeitsgeräte vermutlich.

Erstaunlich auch die Reste eines Sargs. Nicht vollständig erhalten, da aus Holz, aber immerhin. Man kann sich anhand einer Darstellung gut vorstellen, wie die erhalten gebliebenen Barren zu einem gar nicht mal so simplen Sarg zusammengefügt wurden. Der wurde in die Erde eingelassen, nicht anders als heute. Feuerbestattung gab es wohl nur für eine kurze Zeit, Inhumation war der Standard.

Nach einer weiteren Pause in einem Café gehe ich ein Stück die Titlų gaté entlang, die schnurgerade verlaufende heutige Einkaufsstraße, die ich in dem Stadtmodell identifiziert habe. Dabei komme ich zum wiederholten Mal an einem Torbogen vorbei, einem nicht zu übersehenden, hohen, aber nicht sonderlich schönen Monument aus Granit mit der Inschrift „Wir sind ein Volk, ein Land, ein Litauen“. Das bezieht sich auf die Vereinigung Litauens mit dem Memelland durch den Vertrag von Tilsit. Die Bedeutung des Denkmals erschließt sich nicht von selbst. Die unterschiedlichen Teile haben symbolischen Wert: Die kleine Säule, rötlich, steht für Klein-Litauen, die große Säule, grau, steht für Groß-Litauen, und die abgebrochene Kante oben steht für das Königsberger Gebiet. Das gehört heute zu Russland, aber das Denkmal suggeriert, verstärkt durch die Inschrift, dass das „besetztes Gebiet“ ist und zu Litauen gehören müsste.

Quer zu dieser Straße verläuft eine größere Allee. An einer Häuserfront steht in großen Lettern: Liepu aleja. Das ist die ‚Lindenallee‘, wie sie zur Zeit der Ostpreußen hieß. Aus der Lindenallee wurde später der Gänsemarkt, aus dem Gänsemärkt die Alexander-Straße, aus der Alexander-Straße die Smetonos-Allee, aus der Smetonos-Allee die Adolf-Hitler-Straße, aus der Adolf-Hitler-Straße die Maxim-Gorki-Straße. Heute hat sie ihren alten Namen (fast) wieder: Lindenstraße.

Wieder im Zentrum komme ich durch das alte Gerberviertel, ursprünglich durch einen Nebenarm des Dané von der Altstadt getrennt. Hier wurden u.a. Schotten und Schweden angesiedelt. Denen war es nicht erlaubt, sich in der Altstadt niederzulassen.

Am Abend gibt es dann das Lichterspektakel. Ganz anders, als ich es mir vorgestellt habe. Modern. Lichtstreifen in drei Farben klettern Hausfassaden hinauf und wandern über Kopfsteinpflaster, sich dabei immer wieder überschneidend. Außerdem werden die tragenden Teile der Häuserfassaden in wechselnden Farben markiert. Dazu gibt es laute, rhythmische Musik aus Lautsprechern und etwas marktschreierische Ansagen. Erst als ich mir das eine Zeitlang angesehen habe, fällt der Groschen: Bei den drei Farben handelt es sich um die Farben Litauens.

17. Februar (Freitag)

Als ich im Bus auf dem Weg zur Uni die Haltestelle anfordere, erscheint vorne: „Wagen hält“. Der Bus ist ein Emigrant.

Unter den vielen unfreundlichen Menschen, denen man hier begegnet, sind die Busfahrer die, die den Vogel abschießen. Meine Vorurteile erfahren volle Bestätigung. Viele Menschen sind vermutlich nicht per se unfreundlich, aber es gibt keine Tradition, Fremden gegenüber offen, gesprächig oder hilfsbereit zu sein. Wenn man dann auf Ausnahmen trifft, weiß man die umso mehr zu schätzen.

Bei dem öffentlichen Vortrag, bei dem es um Missverständnisse in Bezug auf Sprache geht, kann ich sogar meinen kleinen Baltikum-Reiseführer zum Einsatz bringen. Darin ist die Rede von einem Komitee, das der litauische Staat eingesetzt hat zur Sprachpolitik. Seine Aufgabe ist es, alles Fremde, und das sind wohl in erster Linie Anglizismen, zu eliminieren. Dass das weder erfolgversprechend noch sinnvoll ist, versuche ich mit Verweis auf ähnliche Fälle in der Geschichte zu begründen, aber ich habe nicht das Gefühl, dass das sehr überzeugend ist. An bestimmten Glaubenssätzen wollen die Leute einfach festhalten. Das ist eben Teil des Mythos.

Ich bekomme die Bestätigung für den Aufenthalt bei Inga und dazu noch ein kleines Abschiedsgeschenk. Und außerdem von allen viele freundliche Worte zum Abschied. Selbst die mürrische russische Köchin in der Kantine ist inzwischen aufgetaut. Sie erkennt und grüßt mich und fragt, was ich haben möchte. Muss wohl das Trinkgeld sein.

Am Nachmittag soll ich mich mit zwei Kolleginnen treffen, die sich für den Austausch interessieren, Hilda, eine der Deutschlehrerinnen und Eugenija, eine Sprachlehrerin aus der Anglistik. Die wäre bei einem LCC-Schönheitswettbewerb nicht ohne Chancen. Hilda hat sich am Mittwoch bereits als großer Deutschland-Fan geoutet und mich auch sofort auf Deutsch angesprochen. Sie unterrichtet hier Deutsch und macht auch Stadtführungen auf Deutsch. Die Gäste würden sie manchmal fragen, ob sie Deutsche sei, meint sie stolz. Entweder müssen diese Gäste sehr höflich oder taub sein. Ihr Akzent ist nicht zu überhören, obwohl ihr Deutsch wirklich gut ist.

Als ich auf die beiden warte, sehe ich mir ein modernes Triptychon genauer an, das mir schon mehrmals aufgefallen ist. Es stellt die Hl. Drei Könige dar. Man sieht sie im Profil, wie auf dem Weg nach Bethlehem, als stilisierte Figuren. Man hat den Eindruck, dass das Material Stoff sein könnte. Das Triptychon stammt von einem Künstler aus Tadschikistan, der gleichzeitig Vater eines ehemaligen Studenten ist. Er stellte das Triptychon zur Verfügung. Es wurde versteigert, und der Erlös kam in die Stipendienkasse.

Am Ende taucht die Deutschlehrerin nicht auf, und ich muss wohl oder übel mit der Schönheitskönigin alleine ausgehen. Sie schlägt ein „mexikanisches“ Lokal in der Nähe der Uni vor, ein litauisches Lokal, das Nachos anbietet und eine ziemlich klischeehafte mexikanische Werbetafel hat.

Diese Frau, Eugenija, ist ein Wunder. Schon mit ihren jungen Jahren hat sie eine feste Stellung am LCC und hat in Nicaragua, Guatemala und Italien gelebt. Wann sie das alles geschafft hat, ist mir ein Rätsel. Und sie spricht wirklich beide Sprachen fließend, und Englisch sowieso, mit markantem amerikanischem Akzent, den sie aber in Schule und Uni aufgegriffen haben muss, denn sie ist noch nie in den USA gewesen.

Wie sie denn ohne Promotion an die Stelle gekommen sei, will ich wissen. Gute Frage, findet sie. Eigentlich ist dafür eine Promotion vorgesehen, aber beim LCC nicht zwingend erforderlich. Die legten Wert auf andere Qualifikationen. Und dazu gehörten ihre Auslandserfahrungen.

Studiert hat sie in Vilnius, und da hat sie auch zuerst nach einer Stelle gesucht. Das LCC sei dort weitgehend unbekannt. Als sie zufällig darauf gestoßen sei, habe sie vor allem die christliche Orientierung angesprochen. Die sei auch ein wichtiger Faktor beim Zusammenhalt unter den Kollegen. Sie selbst ist Tochter eine tiefgläubigen Mutter und eines atheistischen Vaters. Ob das denn gut gegangen sei, frage ich. Ja, die hätten genug andere Sachen gehabt, über die sie sich streiten konnten.

Sie war beim Weltjugendtag in Köln und hat noch gute Erinnerungen daran und steht weiterhin in Kontakt mit ihrer Gastfamilie in Bonn. Am meisten hätte sie gewundert, als sie, auf Nachfrage, den schüchternen Wunsch geäußert hätte, mal über die Grenze zu fahren, nach Holland. Klar, hätten ihre Gasteltern gesagt, machen wir.

Sie selbst unterrichtet Writing Skills und Cultural Studies, keine Literatur oder Linguistik. Sie fühlt sich sehr wohl, ist glücklich da, wo sie ist. Und sie wird auch in Abendkursen eingesetzt, die das LCC für die Gemeinde anbietet. Die würden stark nachgefragt. Kostenpunkt: 200 € pro Semester. Ich finde das teuer, sie findet das angemessen. Durch den Euro wäre allerdings alles teurer geworden. Als ich argumentiere, in Deutschland habe man das auch geglaubt, aber ohne sachliche Grundlage, erwidert sie, ja, in Deutschland vielleicht, aber hier wäre das anders gewesen. Hier wären die Preise wirklich gestiegen.

Auch zu der ärmlichen Kleidung hat sie eine andere Meinung. Das sei nicht das Resultat von Geldmangel, sondern von schlechtem Geschmack. Es gebe einfach keine Gewohnheit, auf schicke Kleidung zu achten.

Sie kauft ihre Kleidung im Ausland. Vor allem in Italien. Von Italien schwärmt sie. Den Aufenthalt – Siena und Florenz – hat sie sich aus verschiedenen Stipendien zusammengebastelt, wobei eins ein reiner Zufallstreffer war. Den fehlenden Monat hat sie dann als Au-pair-Mädchen überstanden.

Sofort einig sind wir uns, als die Rede auf die Interferenzen zwischen Spanisch und Italienisch kommt. Sie verdreht die Augen bei der Erinnerung an einige der härtesten Fälle.

Wenn sie nach Trier kommt, schlage ich ihr vor, Bekanntschaft mit der Bolivien-Partnerschaft des Bistums zu machen. Da kommen die spanische und die christliche Schiene zusammen.

Bis zum Schluss bleiben wir die einzigen Gäste in dem Lokal. Ich genehmige mir zwei Bier zu den Nachos, sie erst Kaffee, dann Gira. Ob das so ähnlich wie Kwas sei, will ich wissen. Ja, genau dasselbe. Obwohl das bei ihr im Glas dunkler aussieht. Aber da gibt es alle Varianten, und hier wird das Gira direkt vor Ort hergestellt.

Dann verabschieden wir uns im Nieselregen, jeder in seine Richtung. Glücklicherweise kommen die Busse immer in sehr schnellem Takt.

Auf dem Rückweg steige ich noch vor der Altstadt aus und folge einem hoch aufragenden Kirchturm in der Lindenstraße. Erst als ich unmittelbar davorstehe, sehe ich, dass der vermeintliche Kirchturm keiner ist. Und die Kirche keine Kirche, sondern das Postamt. Der Gesamteindruck ist neogotisch, aber die Details sind es nicht. Das Gebäude geht auch eher in die Breite als in die Höhe. Nur der Glockenturm sticht hervor. Neben dem zweistöckigen Komplex mit Mansarden gibt es noch auf beiden Seiten einstöckige Gebäude als Ergänzung. Die dienten als Speicher und Stall und als Parkhaus für die Kutschen. Die moderne Vorstellung lässt schnell außer Acht, dass Post früher immer auch Postkutschen bedeutete.

Auf dem Rückweg mache ich in einem Café an der Brücke über den Fluss halt. Dort ist die Toilette tatsächlich mit ▲und ▼ bezeichnet. Allerdings gibt es nur eine Toilette, so dass beide Symbole an derselben Tür stehen.

18. Februar (Samstag)

Irgendwo stoße ich auf Zahlen, die die relativ hohe Präsenz von Russisch im Alltag von Klaipeda erklären: Litauen hat zwar nur 6% Russen im Gegensatz zu Estland und Lettland, wo es 30% sind, aber Klaipeda ist als Industriestadt eben anders. Hier sind es auch etwa 30%. Gefühlt mehr. Was genau mit Russisch gemeint ist, ist natürlich nicht klar. In Litauen haben die Russischstämmigen wohl ohne weiteres die litauische Staatsbürgerschaft bekommen, in den beiden anderen Ländern nicht.

In der Bibliothek der Uni bin ich sogar auf Reiseführer gestoßen. Beim Durchblättern habe ich gelesen, dass bis 1925 der deutsche und der litauische Anteil an der Bevölkerung von Klaipeda noch halbe-halbe war. Die „Wiedereroberung“ von Klaipeda unter den Nazis war die letzte Aktion dieser Art, bevor der 2. Weltkrieg begann.

Weiter zurück in der Geschichte treffe ich auf ein weiteres kurioses Detail: In Klaipeda war bis zum 17. Jh. der Bau von Häusern aus Stein oder Backstein nicht erlaubt. Man fürchtete, in solchen Häusern könne sich der Feind verschanzen.

Zur Kurischen Nehrung heißt es, sie sei durch Wind- und Wellenbewegungen entstanden, die den Sand transportiert hätten. Jetzt wandert die Nehrung ganz allmählich ostwärts. Das hat schon dazu geführt, dass Dörfer aufgegeben oder verlegt werden mussten.

Zum ersten Mal nehme ich mir die Zeit, mir die litauischen Münzen anzusehen. Sie scheinen alle dasselbe Motiv zu haben, einen berittenen Krieger mit Schild und gezogenem Schwert. Ich habe eine ganze Menge litauische und ein paar deutsche, aber keine lettischen oder estnischen Münzen im Portemonnaie. Komisch, man sollte meinen, das würde sich hier mehr vermischen.

Auch heute ist, was das Wetter angeht, keine Besserung in Sicht. Nicht einmal von abwechslungsreichem Grau kann die Rede sein. Also kein Ausflug. Stattdessen geht es in die Stadt.

Zuerst geht es zum Uhrenmuseum, aber das hat noch geschlossen. Ich gehe zurück, zur Touristeninformation, aber die ist samstags auch geschlossen.

Dann misslingt auch der zweite Versuch bei dem Uhrenmuseum, obwohl den Öffnungszeiten nach jetzt Besuchszeit ist.

Gar nicht weit von dem Uhrenmuseum stehen zwei auffällige moderne Hochhäuser, an denen ich jeden Tag vorbeikomme. Beide haben eine unregelmäßige Form, sie sind aus- bzw. eingeschnitten. Das eine sieht aus wie ein K, also die Stockwerke werden zur Mitte hin immer schmaler, das andere ist das Gegenstück dazu, das hat in der Mitte breitere Stockwerke als oben und unten.

Unterwegs achte ich zum ersten Mal auf die Nachnamen, denen man im öffentlichen Raum begegnet, zum Beispiel an Arztpraxen und Büros. Drei Muster scheinen sich zu wiederholen: Namen vom Typ Baranauskas und Petrauskas, vom Typ Landsbergis und Banaitis und vom Typ Mikuléniené und Seraikaité, wobei die beiden letzteren wohl weibliche Nachnamen sind. Die scheinen eine eigene Form zu haben.

Ich nehme den Bus, um zu Pegasas zu fahren, einer Buchhandlung in einem Einkaufszentrum außerhalb der Innenstadt. Die Mission Buchsuche kann leider nicht erfüllt werden, das gesuchte Buch ist vergriffen, aber man kann sich ja mal umsehen. Die meisten Bücher sind auf Litauisch, dann kommt Russisch, dann Englisch. Gleich am Anfang sind ein paar Klassiker zu günstigen Preisen auf einem Büchertisch aufgestellt, und man kann sich ans Titelraten machen: Dvasių namai = Das Geisterhaus; Pasaulis pagal Garpą = Garp und wie er die Welt sah; Kvepalai = Das Parfum; Stepių vilkas = Der Steppenwolf; Puikybé ir prietarai = Stolz und Vorurteil. Besonders gut kann man es am Parfum erkennen: Das Litauische hat keinen Artikel.

Oben gibt es Wörterbücher, und da kann ich zwei Wörter nachschlagen, die mir immer wieder begegnen: namas (tritt meistens in der flektierten Form namai auf) bedeutet ‚Haus‘, kalba (tritt meist in der flektierten Form kalbas auf) bedeutet ‚Sprache‘.

Ich fahre zurück und versuche noch mal mein Glück beim Uhrenmuseum. Diesmal klappt es. Beim zweiten Mal ist der Versuch wohl nur daran gescheitert, dass die Tür klemmte. Diesmal kommt eine Frau heraus und ruft mich hinein. Ich bin der einzige Besucher, und für 1,80 € bekommt man einiges geboten.

Das Museum ist in einem neoklassizistischen, zweistöckigen Gebäude untergebracht. Auch hier riecht es nach Holz, und auf den Treppen knarren die Dielen unter den Füßen.

Es geht mit der grundsätzlichen Frage der Zeitmessung los. Wie bekommt man eine Zeiteinheit? Indem man die Länge eines Phänomens in Beziehung zu der Länge eines anderen setzt. Das offensichtlichste Beispiel ist vermutlich die Bewegung der Gestirne zur Festlegung von Kalendereinheiten. Aber auch so etwas wie der Morgen als landwirtschaftliche Größe gehört vermutlich dazu: So lange, wie ich brauche, um den Morgen zu bestellen, so lange dauert es vom Tagesanbruch bis zum Mittagessen.

Dann kommt ein Detail, das mir in den nächsten Tagen immer wieder durch den Kopf geht. Es heißt, bereits im 15. Jahrtausend habe es ein Bewusstsein für den Tag als Zeiteinheit gegeben (und übrigens auch für den Monat), aber erst im 5. Jahrtausend eins für das Jahr. Woher weiß man das? Das ist alles vorgeschichtlich, muss also wohl aus Zeichnungen oder sogar Grabfunden abgeleitet sein. Aber gesetzt, es stimmt in groben Zügen, dann hätte man Jahrtausende, ohne dass die Menschen wussten, was ein Jahr ist. Wir haben das durch die Sprache so sehr verinnerlicht, dass wir uns das gar nicht vorstellen können. Aber hätten wir eine Vorstellung vom Jahr, wenn wir kein Wort dafür hätten? Wie sind die ersten darauf gekommen? Welche Reaktionen haben sie ausgelöst, wenn sie gesagt haben: „Das hatten wir doch schon mal. Das kommt wieder“? Die Stunde taucht dann erst im 2. Jahrtausend auf, und die Woche überhaupt nicht.

Die ersten Ausstellungsstücke sind frühe Kalender: eine hölzerne Trommel mit Löchern, eins für jeden Tag, mit einen Stäbchen, das man in das jeweilige Loch stecken kann; eine hölzerne Tafel, ganz ähnliche Funktionsweise; eine zu einem Knäuel zusammengerollte Schnur mit Knoten, das Tag für Tag um einen Knoten weiter aufgerollt wird. Bei all denen gibt es weder Zahlen noch Namen. Dann kommt eine hölzerne Tafel mit beweglichen Elementen, auf denen die Namen der Wochentage und eine Zahl stehen. Da ist schon alles drin, was einen modernen Kalender ausmacht.

In einem eigenen Raum werden nur Sonnenuhren präsentiert, von unterschiedlicher Größe und Machart. Die wichtigste Unterscheidung ist die zwischen horizontalen (die gab es zuerst in Babylon und Ägypten) und vertikalen (die gab es zuerst in Rom). Einige der horizontalen sind so klein, dass sie wie Schreibtischdekoration ohne Funktion aussehen.

Dann kommen Sanduhren, Wachsuhren und Wasseruhren. Eine ungeheure Vielfalt. Vorreiter scheint hier China zu sein. Bei den Wachsuhren gibt es einfache Kerzen mit Einkerbungen für jede Stunde, aber auch eine komplizierte Apparatur aus Metall, bei der eine gerade Wachsmasse langsam abgebrannt wird. Und bei den Wasseruhren gibt es welche, die auf Treppen angeordnet sind. Auf jeder Stufe ein Gefäß, aus dem Wasser in das jeweils darunter stehende Gefäß tröpfelt.

Dann kommen die ersten Uhren im modernen Sinne, in der Renaissance. Ein Vorläufer ist eine Zeichnung von Leonardo. Die diente Galilei als Vorlage für die Konstruktion einer Uhr mit Pendel und Gewicht. Offensichtlich unabhängig davon wurde die gleiche Erfindung in Holland gemacht, von einem Mann namens Huygens. Ob ihm auch Leonardos Zeichnung vorlag? Oder geschehen solche Dinge wirklich unabhängig voneinander?

Als Gewicht fungierten zunächst grob behauene Steine. Einer davon ist ausgestellt. An Kirchenuhren wogen solche Steine bis zu 250 kg, wie an einer von einem Deutschen Ende des Mittalalters in Paris gebauten Kirchturmuhr.

Ein französischer Schlosser erhielt1401 einen Preis dafür, dass es ihm gelungen war, Mechanismus und Gewicht einer Uhr in eine Schachtel zu packen. Das Uhrengehäuse war geboren.

Die Ausstellung im Untergeschoss endet mit einigen modernen Uhren, Leichtgewichte im Kleinformat, bei denen Sachlichkeit das höchste Gebot ist, und einem ausgeklappten Schweizermesser, bei der die Uhr in den Griff integriert ist.

Das Museum hat einige Tafeln mit Erklärungen in sehr gutem Deutsch, aber die werden technisch immer anspruchsvoller, und ich diesem Teil verstehe ich nur noch Bahnhof. Was für die wachsenden technischen Schwierigkeiten spricht, die die Entwicklung der modernen Uhren mit sich bringt.

Auf dem Weg nach oben gibt es die Nachbildung einer Uhrmacherwerkstatt. Einschließlich Uhrmacher. Vor ihm Rädchen, Schräubchen und Plättchen aller Art. Neben ihm nach Größe geordnete, feinste Werkzeuge, an der Wand große Zangen. Er selbst trägt eine Kappe und eine Weste mit Zierborte, möglicherweise ein Erkennungszeichen für die Innung. Eine brennende Kerze erlaubt ihm, in das Uhrgehäuse auf dem Werktisch zu sehen.

Im Obergeschoss gibt es keine Erklärungen mehr, aber die Uhren hier erklären sich mehr oder weniger selbst, als Kunststücke oder Dekorationsobjekte. Es sind Stand- und Wanduhren. Die Uhr selbst tritt in den Hintergrund, das Ziffernblatt wird immer kleiner. Im Vordergrund steht die Einfassung: Antike Helden, klassische Göttern, Musen und Putten, Adler, herbeifliegende Postillions und berittene Generäle zieren die Uhren. Die meisten stammen aus dem 19. Jahrhundert, aber sie scheinen unterschiedlichen Stilrichtungen anzugehören.

Dazwischen ein paar Standuhren von der Art, in der sich das jüngste Geißlein im Märchen verbergen konnte, eine davon fast eine Replik der Uhr aus unserem Elternhaus. In der, besagen die Gerüchte, habe man aber keine Geißlein verborgen, sondern Schnapsflaschen.

Nach dem Museum geht es, zu spät fürs Mittagessen, zu früh fürs Abendessen, ins Forto Dvaras, einem Lokal am Theaterplatz, das in der  Touristeninformation empfohlen worden war. Von außen sieht es schön aus, innen gleicht es eher einer Wartehalle. Aber das Essen ist gut, das beste in all den Tagen. Es gibt eine sämige Suppe aus wilden Pilzen, originell in Brot serviert, und dann einen Klassiker der litauischen Küche: Klöße. Sie sind mit Hackfleisch gefüllt und werden mit gebratenen Zwiebeln und saurer Sahne serviert. Es gibt zwei Klöße, und das sieht gar nicht so üppig aus auf dem Teller, aber einen dritten hätte ich nicht mehr geschafft.

Auf der Speisekarte erscheint an exponierter Stelle das Wort Vasaris. Ich frage die Kellnerin, was es bedeutet: ‚Februar‘. Auch die anderen Monatsnamen sind nicht, wie unsere, aus dem Lateinischen übernommen und völlig unverständlich.

Zum Abschluss geht es bei Nieselregen noch mal an den Dané. An dessen Mündung, da wo die Anlegestelle der Schiffe ist, steht die Skulptur eines Jungen mit kurzen Hosen, der mit geneigtem Kopf einem Schiff sehnsuchtsvoll hinterhersieht und mit seinem Hut hinterherwinkt. Ein passender Abschluss für eine Reise.

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