Marx 4

Auch das Dommuseum stellt zum Marx-Jubiläum aus. Die Ausstellung hat allerdings zu Marx einen bestenfalls indirekten Bezug. Es wird moderne Kunst ausgestellt, die das Thema Arbeit in der einen oder anderen Weise darstellt. Man kann allenfalls das Thema Entfremdung als Marxsche Anleihe verstehen.

Aber auch der Bezug zum Thema Arbeit wird nicht immer klar, wie bei einem der kuriosesten Exponate, einem fingierten archäologischen Fund von 320 n. Chr., den Objekten, alle noch in einer Sandschicht eingehüllt, die Helena auf ihrem Weg nach Jerusalem bei sich hatte: GPS, Laptop, Lippenstift, Revolver. Der dient dazu, Widerstände zu überwinden, die sich ihr beim Einsacken der Nägel und Holzstücke vom Kreuz entgegenstellen sollten.

Das Thema Arbeit taucht in vier Photographien auf, die schwere oder unwürdige Arbeitsbedingungen heute darstellen, außerhalb der westlichen Welt. Auf zwei Photographien sieht man Erntearbeiter, beide, nicht ohne Stolz, mit einem Bündel Sellerie vor ihrem Feld posierend, der eine vor einem eher unaufgeräumten Feld in eher schäbiger Kleidung, der andere, adrett gekleidet, vor einem Feld, in dem alles in Reih und Glied steht. Die eigentliche Bewandtnis der Photos macht erst der Titel deutlich: Suppengemüse: 0,99 Cent.

Auf den beiden anderen Photos sieht man einen Jungen auf einer brennenden Müllhalde. Das ist nicht etwa ein zufällig ausgebrochenes Feuer, sondern ein absichtlich gelegtes Feuer. Es dient dazu, die Einzelteile der Geräte auf der Müllhalde zu trennen und so die “Ernte” zu erleichtern. Der Junge hält einen Motor oder Kanister hoch, den er gerade geerntet hat. Er trägt ein Trikot des FC Barcelona mit der Aufschrift UNICEF. Auf dem Photo daneben, noch bedrohlicher aussehend, zwei asiatische Frauen in einem schlecht beleuchteten Raum voller Müll. Ihre Aufgabe ist es, den Müll zu sortieren.

In einem anderen Raum ein Gemälde, das eine indische Näherin darstellt. Beim genaueren Hinsehen entpuppt es sich als dreidimensional. Das Gemälde ist aus Stoffresten gemacht. Dahinter eine Tapete. Darauf, so sieht es auf den ersten Blick aus, längliche Kartuschen, die sich an den Enden berühren. Beim genaueren Hinsehen merkt man, dass eigentlich eine Näherin dargestellt ist, die eine Faden abbeißt.

Als Gegengewicht sozusagen gibt es Photographien von Robotern, eine Straßenszene, auf der ein spazierender Roboter Aufmerksamkeit erregt, eine andere, in der die Leute einfach uninteressiert weitergehen. Dazwischen eine Photographie mit einem Roboter in einem Arbeitszimmer, am Schreibtisch sitzend. Hinter ihm erahnt man eine Gittertür. Die schließt den Raum ab, in den er abends, nach Verrichtung der Arbeit, eingesperrt wird. Dem Roboter gegenüber steht ein weiterer Schreibtischstuhl. Der ist bezeichnenderweise leer.

In einem Durchgang läuft ein Film, einer der ältesten Filme überhaupt, wenn nicht der älteste. Er zeigt Arbeiter beim Verlassen einer Fabrik. Die Fabrik ist die der Brüder Lumière, die auch den Film gedreht haben. Der Film besteht aus einer Reihe hintereinandergeschalteter Photographien. Das ist so gut gemacht, dass es “echt” aussieht. Die Arbeiter, unter ihnen viele Frauen, verlassen die Fabrik in schnellen Schritten, dicht nacheinander und nebeneinander. Die Frauen sind so gut gekleidet, mit langen Kleidern und breiten Hüten, dass man kaum glaubt, sie kämen aus einer Fabrik. Sie könnten genauso gut aus der Kirche kommen.

In der Nähe des archäologischen Funds steht eine Skulptur, ein Mann, dessen Torso aus Kohlestücken besteht. Als Kopf dient ihm ein schwerer Motor. Erstaunlich, wie leicht der Motor die grobe Form des Kopfes wiedergibt. Von dem Motor hängen Kabel herunter, die dem Mann über das Gesicht laufen. Die Skulptur ist Minotaurus betitelt. Er ist der Minotaurus des Industriezeitalters.

Am Schluss der Ausstellung das rekonstruierte Arbeitszimmer von Nell-Breuning, dem Antipoden von Marx und gleichzeitig sein Adept. Das Arbeitszimmer ist aus Pappmaché gemacht und gibt die Wirklichkeit leicht verzerrt wieder: Der Schreibtischstuhl ist übergroß, das Bett zu klein. Die Platte und die Füße des mächtigen Schreibtischs bestehen aus großformatigen Büchern. Auf dem Schreibtisch steht eine Schreibmaschine, nicht aus Pappmaché, eine Schreibmaschine des Fabrikats, das Nell-Breuning benutzte. Mittels elektronischer Impulse huschen Buchstaben und Blätter über die Wände. Man hört das mühsame Klappern der Schreibmaschine und die Stimme Nell-Breunings, der langsam, leise, mit Überlegung über die “soziale Marktwirtschaft” und ihre Grenzen doziert und einen Platz für die Kultur einfordert.

Nell-Breuning, der keineswegs der Erfinder, sondern ein Entwickler der katholischen Soziallehre war, wäre vielleicht ein besseres Thema für die Ausstellung gewesen und hätte einen klareren Bezug zu Marx gehabt. Nell-Breuning hatte sich immer wieder auf Marx berufen.

 

 

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Ganz natürlich?

In einem Radiovortrag geht es um das selbstständige Lernen. Im “Stationenlernen”, einer Form des sog. “schülerzentrierten Unterrichts”, bestimmen die Schüler selbst über das Tempo, die Reihenfolge und den Umfang ihrer Arbeit an den einzelnen Stationen. Der schülerzentrierte Unterricht erfreut sich großer Beliebtheit, u.a. deshalb, weil er eine Form ist, der immer größeren Heterogenität der Schulklassen gerecht zu werden. Anleitungen für den schülerzentrierten Unterricht finden sich oft in Ratgebern für Praktiker, von Praktikern geschrieben. Die Begründungen für die Unterrichtspraxis greifen aber oft zu kurz oder schließen die Theorie ganz aus und haben keinerlei empirische Grundlagen. Theorieanleihen werden gemacht bei popularisierten Darstellungen der Hirnforschung und nicht aus der Erziehungswissenschaft. Das Gehirn interessiere sich nur für persönlich Relevantes und lerne nur dann, wenn der Aufwand sich subjektiv lohne, heißt es. Die Lernumgebung müssten persönliches Interesse wecken und einen Anschluss an die Lebenswelt der Lernenden herstellen. Der Rekurs auf die Hirnforschung dient also in erster Linie der Legitimation handlungsorientierter und schüleraktivierender Lernformen. Wie sich Lernen tatsächlich vollzieht, wird dadurch aber nicht erklärt, und dass das Lernen selbständig verlaufen soll und kann scheint keiner weiteren Begründung zu bedürfen. Das selbständige Lernen erscheint schlicht als natürliche Form des Lernens. Welche Belege haben wir aber, dass die Kinder, die die verschiedenen Stationen des Stationenlernens (zum Thema Brücken) durchlaufen haben, tatsächlich etwas gelernt haben? Die Kinder haben ihre Arbeitsaufträge erledigt und sie auf ihren Laufzetteln abgehakt. Ob die inhaltsbezogenen Kompetenzen, die der Lehrplan vorsieht, tatsächlich erworben wurde, weiß man nicht. Die Kinder haben zwar ausgefüllte Arbeitsblätter in den Händen und selbstgebastelte Brücken, aber haben sie etwas über deren Konstruktionsprinzip verstanden? Haben sie Transferfähigkeiten entwickelt? So die Argumente einer Freiburger Pädagogin in dem Radiovortrag (Nicole Vidal: “Relevanz neurowissenschaftlichen Wissens für die pädagogische Praxis und Theoriebildung”, in: Aula, SWR 2: 30/09/2018). Mir persönlich scheint hier ein zentrales Problem berührt zu sein, ein Problem, das nicht nur für den schülerzentrierten Unterricht gilt, sondern auch für andere Lernformen: Lernerfolg wird vorausgesetzt, ohne Nachweise. Tun wird mit Lernen gleichgesetzt. Dass man sich mit etwas beschäftigt, heißt aber noch lange nicht, dass dabei “etwas herauskommt”. Das weiß jeder, der mal mit stupidem Fleiß seitenweise Fachliteratur gelesen hat oder jeder, der mal eine Seite Vokabeln gelernt hat. Ob und wann etwas “hängenbleibt”, wann es tatsächlich “Klick” macht, ist oft nicht einmal im Nachhinein zu entscheiden, geschweige denn, vorauszusagen. Lernen ist eine verdammt komplizierte Angelegenheit.

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Landhunger

Man mag es kaum glauben, aber der Kolonialbesitz Deutschlands war der drittgrößte aller europäischen Mächte: Togo, Kamerun, Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Südwestafrika, Neuguinea, die Marschallinseln, die Karolinen und die Marianen und das deutsche Gebiet um Tsingtao in China gehörten dazu. Dabei dauerte die Kolonialherrschaft gerade mal drei Jahrzehnte, und anfangs wollten gar keiner von Kolonien sprechen. Das Reich überließ es Privatleuten, das Land zu erschließen. Gemessen an der knappen Zeit richteten die deutschen ein enormes Maß an Unheil an. Willkürliche Gewalt gegen die Bevölkerung, Zwangsarbeit, eine rassistische Rechtsprechung, sexueller Missbrauch gehörten zum Alltag. Die Männer, die sich dort breitmachten, waren meist solche, die zuhause zu den Verlierern zählten: Sorgenkinder, schwarze Schafe aus Adelsfamilien, Büregliche, die in der adeligen Gesellschaft zuhause keine Aufstiegschancen hatten. Das Nebeneinander von Schwäche und Gewalttätigkeit trag dann besonders zutage, als es dem Ende zuging, zwischen 1914 und 1918. Zu wirtschaftlichem Gedeihen und zivilisatorischem Fortschritt hat der deutsche Kolonialismus nirgendwo beigetragen. Das Ziel war die Etablierung von Absatzmärkten und der Abbau von Rohstoffen. Zu einem würdigen Umgang mit den Opfern haben wir bis heute nicht gefunden. Zu wenig gerät die deutsche Kolonialherrschaft ins Bewusstsein angesichts der Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust. (Staas, Christian: “Der Untergang”, in: Die Zeit 40/2018: 20-21)

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Ins Schwimmen geraten

Seit 20 Jahren beschäftigt sich der Wuppertaler Sportwissenschaftler Theodor Stemper mit der Frage der Schwimmfähigkeit der Deutschen. Ob deren Schwimmfähigkeit in den letzten 20 Jahren abgenommen habe oder nicht, kann er nicht sagen. Dazu seien die Ergebnisse der Studien zu widersprüchlich. Auf den zweiten Blick nicht verwunderlich. Wie soll man das zuverlässig nachweisen? In den Medien gibt es dennoch regelmäßig einen Aufschrei über die nachlassende Schwimmfähigkeit. Öffentliche Bäder würden geschlossen, und immer weniger Kinder lernten schwimmen, heißt es. Und nicht nur das: Die Zahl der Ertrinkenden sei dadurch gestiegen. Daran ist fast alles falsch: Wenn die Zahl der Ertrinkenden steigt, muss das nicht an der sinkenden Zahl der Schwimmer liegen. Menschen, die ertrinken, sind in der Regel Schwimmer. Sie überschätzen sich, sie haben Alkohol getrunken, sie erleiden einen Herzinfarkt. Nichtschwimmer meiden das Wasser. Außerdem sind die Zahlen schlichtweg falsch: Die Zahl der Ertrinkenden ist von 1119 im Jahre 1970 auf 404 im Jahre 2017 gesunken! Und es befinden sich nicht besonders viele Kinder unter den Ertrunkenen. Woher kommt dann die Legende von der sinkenden Schwimmfähigkeit? Sie beruht allein auf einer Zahl der DLRG. Danach machen immer weniger Kinder das Schwimmabzeichen. Das hat natürlich wenig zu sagen. Viele Kinder, sagt Stemper, machten kein Abzeichen, könnten aber dennoch schwimmen. Aber das ist keine Nachricht wert. Die Medien beschwören lieber das schlimme Szenario. Dem liegt etwas zugrunde, was man Negativitätsbias nennt: Schlechte Nachrichten verkaufen sich einfach besser. (Spiewak, Martin: “Was nicht in der Zeitung steht”, in: Die Zeit 40/2018: 35-36)

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Pink it and shrink it

Frauen können, einer populären Vorstellung zufolge, mehr Farbnuancen unterscheiden als Männer. Jedenfalls können sie elaborierter darüber sprechen. Ein Mann sagt Blau, eine Frau sagt Veilchenblau, Schieferblau, Stahlblau, Taubenblau, Himmelblau. Auch Experimente belegen das. In einem Zeitungsartikel (Albrecht, Harro: “Pink als Wille und Vorstellung”, in: Die Zeit 34/2018: 29) wird eine internationale linguistische Umfrage zitiert, bei der Männer 7 Farben benannten, Frauen aber mindestens 29! Woher kommt das? Haben Frauen, wie der Artikel es nahelegt, ein “feineres Sensorium” für Farben? Falls ja, woher kommt das? Oder haben sie gelernt, mehr Unterschiede zu benennen? Und können gar nicht mehr Farbnuancen unterscheiden, sondern nur benennen? Manche Forscher beginnen die Spurensuche in der Urgeschichte. Sie unterwerfen jeder Verhaltensweise der Frage: Was bringt oder brachte sie dem Menschen? Bei den Farben wird so argumentiert: Die Frauen waren für das Sammeln von Früchten zuständig, und bei denen stand Rot für gehaltvolle, kalorienreiche Früchte, und die waren wertvoll und lecker, anders als das weniger begehrte grüne Beigemüse. Ist das ausreichend, um moderne Verhaltensweisen zu erklären? Ist das vielleicht der Nukleus, aus dem alles entstand? Und sind vielleicht auch Farbpräferenzen letztlich darauf zurückzuführen? Immer wieder ist die moderne Pink-Präferenz von Mädchen Gegenstand der Diskussion. Beliebt ist die These, dass pink = feminin das Ergebnis einer erfolgreichen Manipulation durch die kommerzielle Neuzeit sei. Die Werbung versteht es gut, die Farbpräferenzen emotional aufzuladen. Aber kommen die aus dem Nichts? Die These, es habe früher eine Zeit der Präferenz von Pink bei Jungen gegeben, ist zwar populär, aber für sie gibt es keinerlei Belege. Der rasende Trend zum Pink-Blau-Dualismus könnte nur die extreme Fortsetzung einer in der Vergangenheit liegenden, aus den materiellen Voraussetzungen abgeleiteten Präferenz sein. Minimale Unterschiede zwischen Männern und Frauen können sehr lange brauchen, um eine neue kulturelle Norm zu setzen.

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Patriotic apocrypha

“There, I guess King George will be able to read that!” are the words John Hancock, according to popular belief, used when he signed the Declaration of Independence, exubertantly scrawling his name in extra large letters under the text. Several paintings represent the scene like this, Hancock addressing the other men who had signed (or were going to sign) the Declaration. Actually, there was no one around he could have addressed. There was no dramatic group signing. Those who signed the Declaration did so over several days’ time, one after the other. Hancock most likely signed the Declaration in silence. (Keyes, Ralph: Quote Verifier. Who Said What, Where, and When? New York: St. Martin’s Griffin, 2006: 113-114)

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Proverbial wisdom

“Promises are like pie-crusts, made to be broken.” Many American politicians, but quite especially Ronald Reagan, were fond of quoting Lenin to this effect, insinuating that communists are not to be trusted. And as cynical as can be. Reagan thought he had read that Lenin had said this somewhere. As a matter of fact, Lenin had said “The promises like pie-crusts are leaven to be broken”, which he called “an English proverb”. Lenin’s point was not that he believed in what the proverb said but that his opponents did! The proverb actually first appears in an English text, Swift’s Polite Conversation, in the form of a comment by Lady Answerall: “I beg your pardon, my Lord, Promises and Pye-Crusts, they say, are made to be broken.” (Keyes, Ralph: Quote Verifier. Who Said What, Where, and When? New York: St. Martin’s Griffin, 2006: 174)

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Halewi Marx

Der Alte Jüdische Friedhof ist gewöhnlich nicht der Öffentlichkeit zugänglich. Aber dieses Jahr ist alles anders. Marx macht’s möglich.

Der Alte Jüdische Friedhof ist nicht der älteste jüdische Friedhof Triers. Der älteste befand sich in der Nähe der alten Synagoge, an der Jüdemerstraße. Jüdemer? Judenmauer!  Die jüdischen Friedhöfe waren, wie die römischen, immer außerhalb der Stadtmauern. Dieser Friedhof wurde geschleift, als die Juden vom Bischof aus Trier vertrieben wurden. Der hatte, wie es heißt, rein „ideologische Gründe“. Die Juden hatten einfach nicht die richtige Religion. Die Juden hatten bis dahin in der Innenstadt gelebt, in einem Viertel, das ganz fälschlicherweise immer wieder als Ghetto bezeichnet wird. Es war ein privilegiertes Viertel, ganz zentral gelegen, mit eigener Gerichtsbarkeit.

Auf dem Boden dieses ersten jüdischen Friedhofs entstand ein christliches Kloster. Von dem ist heute nur noch die Augustinerkirche erhalten. Bei den Ausgrabungen für die Viehmarktthermen kamen dann jüdische Grabsteine zum Vorschein. Die Christen hatten sie als Spolien für ihre Bauten benutzt.

Dieser jüdische Friedhof, auf dem wir jetzt sind, stammt aus der Zeit, als die Juden wieder zugelassen wurden. Die ältesten Gräber stammen aus dem 16. Jahrhundert, die jüngsten vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Er wurde dann geschlossen – wegen Überfüllung. Der Grund für die Überfüllung war die Spanische Grippe. Die hatte ihren Tribut gefordert, auch in Trier. Bei dem jüdischen Friedhof so sehr, dass sogar die Gehwege zwischen den Gräbern belegt worden waren.

Wenn man durch das Tor in der Begrenzungsmauer tritt, sieht man schnell die „Zweiteilung“ des Friedhofs: links traditionellere Gräber, rechts neuere, die der assimilierten Juden. Überall wachsen Gräser und Bodendecker, die sich teils der Grabsteine bemächtigt haben. Einige verschwinden komplett unter ihnen. Das entspricht der jüdischen Tradition.

Die Bestattung findet bei den Juden so bald wie möglich statt: am Morgen gestorben, am Nachmittag beerdigt. Das wird auf die Zeit des Auszugs aus Ägypten zurückgeführt. Da habe man immer weiter gehen müssen und habe sich nicht aufhalten können, wenn jemand starb. Man grub ein Loch, bestattete den Toten in einfachen Kleidern und legte einen Stein auf die Grabstelle. Daher soll die Tradition stammen, dass Juden noch heute auf Grabsteine kleine Steinchen deponieren.

An der Erklärung stören mich zwei Dinge: Das schnelle Begräbnis gibt es auch bei Muslimen und bei Christen in Südeuropa, und die haben keine Wüste durchquert. Vielleicht hat die schnelle Beerdigung eher hygienische Gründe. Außerdem waren die Juden beim Auszug aus Ägypten ja nicht ständig unterwegs. Schließlich haben sie vierzig Jahre für die paar Kilometer gebraucht. Sie waren Nomaden und hielten sich so lange wie möglich in den Oasen auf, die sie erreicht hatten. So viel Bock scheinen sie auf das gelobte Land nicht gehabt zu haben.

Die jüdischen Frauen werden noch heute, sofern sie gläubig sind, in einfachen Leinentüchern beerdigt. Die jüdischen Männer im Tallit, dem Gebetsmantel, den sie bei der Bar Mitzwa bekommen. Deshalb muss der so groß sein! Hab ich mich schon immer drüber gewundert. Diese ganz einfache Bestattung gibt es noch bei einigen wenigen gesetzesgläubigen Juden, aber die meisten werden jetzt doch in einem Sarg bestattet. Allerdings ist es weniger ein Sarg im christlichen Sinne als eine einfache Holzkiste. So ist es auch hier auf dem Friedhof.

Was man als Laie nicht ohne weiteres erkennen würde, ist die Bedeutung der Embleme auf den Grabsteinen, obwohl sie sich sofort erschließen, wenn man die Erklärung hört: eine abgebrochene Stele (als Symbol für ein zu früh zu Ende gegangenes Leben), eine nach unten gerichtete Fackel (als Symbol für das erloschene Leben), eine Mohnkapsel (für eine Droge, die einen in tiefen Schlaf versetzt). An einem Grabstein in dem modernen Teil ist das Auge Gottes angebracht, ein von einem Strahlenkranz umgebenes Auge, von einem Dreieck umschlossen. Was ist das? Sind die Juden hier soweit assimiliert, dass sie christliche Symbole verwenden? Ausgerechnet das Symbol der Dreifaltigkeit, die so sehr dem strengen jüdischen Monotheismus widerspricht? Oder entstammt das Dreieck am Ende der jüdischen Tradition, als halber Davidstern?

Im strengeren Sinne jüdische Symbole sind die geschwungene Thora-Rolle, die einige Grabsteine bekrönt, sowie die betenden Hände und die Wasserkrüge. Die stehen für Rabbiner bzw. Leviten. Die Rabbiner sind keine Geistlichen. Sie können zwar einen Gottesdienst in der Synagoge leiten, aber das kann jeder erwachsene Mann. Die Rabbiner sind Rechtsgelehrte, Experten.

Ein Unterschied zwischen dem traditionellen Teil des Friedhofs links und dem modernen rechts ist der Gebrauch der Schrift: Links haben alle Grabsteine Inschriften in Hebräisch, rechts ist es entweder eine Mischung aus Hebräisch und Latein oder nur Latein, Ausweis der immer größer werdenden Assimilierung. Bei den Inschriften rechts gibt es gelegentlich Rechtschreibfehler. Da waren christliche Steinmetze am Werk!

Außerdem sind die Grabsteine rechts größer und aufwendiger gestaltet. Man könnte glauben, auf einem christlichen Friedhof zu sein. Hier gibt es auch gelegentlich, entgegen der jüdischen Tradition, Familiengräber.

Eine verzwickte Frage betrifft die Ausrichtung der Gräber. Auch da gibt es Variation. Nach der jüdischen Tradition ist das Grab immer Richtung Tempelberg ausgerichtet. Und der Grabstein ist am Fußende des Toten. Ob und wie diese beiden Dinge zusammenhängen, wird uns nicht klar. Aber eins ist sicher: Zwei gleich aneinandergrenzende Kindergräber, in einem ein Junge, in einem ein Mädchen, stoßen gleichsam mit dem Kopf zusammen. Die beiden Grabsteine berühren sich fast. Hier muss also ein Wandel der Auffassung stattgefunden haben.

Jüdische Friedhöfe hatten auch immer eine “Schandecke”, für Selbstmörder (und wohl auch Verbrecher). Sie wurden zwar irgendwo in eine Ecke verbannt, aber immerhin wurde ihnen das Begräbnis auf dem Friedhof nicht verwehrt, wie bei den Christen. Wo sich die Schandecke dieses Friedhofs befindet, ist nicht bekannt.

Im rechten Teil des Friedhofs tauchen häufig die Namen Marx und Kahn auf. Marx ist ein sehr verbreiteter Name in dieser Region und deutet nicht auf eine Verwandtschaft mit dem Marx hin. Es ist etymologisch eine Nebenform von Markus. Kahn (bzw. Kohn) ist eine assimilierte Form von Cohen, und das ist eine Bezeichnung für Angehörige der jüdischen Priesterkaste.

Links befinden sich die Grabmäler der Familie Marx. Hier ist der Großvater von Karl Marx begraben und gleich daneben ein weiterer Vorfahr. Die Inschrift ist auf Hebräisch und bedeckt den ganzen Grabstein. Der ist besonders einfach gehalten und steht etwas schief im Boden. Man hat ihn, entgegen der jüdischen Tradition, gereinigt, um die Inschrift sichtbar zu machen. Marx’ Großvater war Rabbi und hieß Halevi.Marx Vater hieß bis zu seiner Konvertierung Hechel Halevi. Aus Hechel machte er Heinrich.

Erstaunlich, was es auf einem Friedhof alles zu entdecken gibt.

 

 

 

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Marx (2)

Am Treppenaufgang zur Ausstellung links eine Landkarte Europas, mit den Grenzen der Zeit von Marx und den heutigen Grenzen. Viele Dinge sind gleich geblieben, aber es gibt auch Unterschiede: Griechenland, Polen und Irland existierten (noch) nicht. Und im Osten gab es drei Großreiche: das Zarenreich, das Osmanische Reich und Kakanien.

Rechts eine Wand mit großflächigen Reproduktionen von Photos von Marx. Alle stammen aus der Londoner Zeit. Auf allen trägt er das Haar lang und hat einen Rauschebart. Es gibt kein Photo von ihm und Jenny. Wenn Frauen neben ihm posieren, sind es seine Töchter oder, in einem Fall, eine seiner Töchter neben der Tochter von Engels.

Die Ausstellung ist nicht im engeren Sinne über Marx Leben, sondern zeichnet die Stationen seines Lebens nach, eine ganze Menge, von Trier bis nach London. Dass er auch einmal in Algier war (um sich in dem milden mediterranen Klima von seinen vielen Leiden zu erholen), wusste ich nicht. Auf dem Rückweg war er sogar in Monte Carlo.

Es ist bezeichnend, dass Trier am Anfang steht, das kleine, provinzielle Trier mit gerade mal 10.000 Einwohnern, und London am Ende, die riesige, moderne Metropole, die größte Stadt Europas zu der Zeit. Sie hatte zu Zeiten von Marx schon fünf Bahnhöfe! Die verbanden sie mit allen Teilen Englands. Auf Gemälden – die meisten Exponate sind Gemälde – sieht man St. Pancras Station – romantisch in Abendlicht gehüllt, die Bahnhofshalle im Zwielicht fast verschwimmend, die Fassade wie eine gotische Kirche – und King’s Cross Station, geschäftig, mit großem Auflauf angesichts des Eintreffens der Königin.

Die meisten Exponate sind Bilder. Die nehmen Bezug auf die Lage in den verschiedenen Städten zu Marx‘ Zeiten. Für die Zeit in Trier steht ein Gemälde, das eine erwischte Reisigsammlerin im Wald zeigt. An ihrer Seite ihre weinende Tochter. Neben ihr ein Gendarm mit einem Notizbuch. Das Sammeln von Reisig, früher erlaubt, war von den Preußen unter Strafe gestellt worden. Das führte zu noch mehr Elend bei den Armen.

Die Franzosenzeit hatte für Trier Fortschritt bedeutet, hinsichtlich der Institutionen und hinsichtlich der Gesetze. Zum ersten Mal waren alle (Männer!) vor dem Gesetzt gleich. Hier ist eine Zeichnung von Goethe zu sehen, die die Freiheit feiert. Oben steht: Cette terre è libre. Im Hintergrund sieht man einen kleinen Ort: Schengen!

In der Preußenzeit wurde das alles rückgängig gemacht. Und es gab einen großen materiellen Rückschritt. Trier waren nach der Napoleonischen Zeit Absatzmärkte abhandengekommen.  Das beeinträchtigte die Lage der Kleingewerbetreibenden. Darunter litten auch die Winzer. Und die litten außerdem unter der Steuerlast. Weine aus dem Rheinland galten in Preußen als Auslandsprodukte und unterlagen hohen Zöllen. Dann schlug auch noch die Reblaus zu.Die Lage der Menschen wurde durch eine Schlacht- und eine Mahlsteuer noch verschlimmert. Viele lebten unter dem Existenzminimum, und in einigen Jahren waren 1.700 Menschen inhaftiert, von insgesamt 11.000!

Das führte zu Auswanderungen in großem Stil, von Trier aus u.a. nach Brasilien. Vor allem viele Winzer wanderten dahin aus. Auf einem Gemälde sieht man Auswanderer beim Aufbruch, auf einem anderen eine Amtsstube, in der man sich seine Papiere besorgen musste. Man benötigte einen Pass. Das bedeutete nicht dasselbe wie heute. Ein Pass war eher das, was man heute als Visum bezeichnen würde, aber man brauchte ihn nicht, um reinzukommen, sondern um rauszukommen! Die Länder wollten ihre Bürger behalten! Sie waren wichtig als Arbeitskräfte, als Erzeuger von Nachkommen, als Steuerzahler, als Soldaten. Rein kam man überall, ganz anders als heute. In einer Vitrine ist ein Pass ausgestellt, ein großformatiges Blatt Papier mit den üblichen Unterschriften und Stempeln.

Trier ist die kleinste Stadt auf Marx‘ Lebensweg, mit Ausnahme vielleicht von Bad Kreuznach. Dort heiratete er. Jenny war nach dem Tod des Vaters mit der Mutter dorthin gezogen. Auf der Hochzeitsreise, die ihn nach Bingen und Baden-Baden führte, kam er zum ersten Mal ins Ausland! Bingen gehörte zu Hessen.

Eine Bleistiftzeichnung zeigt den jungen Marx als Studenten in Bonn, mit 17. Er hatte schon mit 16 Abitur gemacht und Trier verlassen! Diese Bleistiftzeichnung ist die älteste erhaltene Darstellung von Marx.

Es gibt nur wenige Exponate mit direktem Bezug auf Marx. Eins davon ist ein Karzerbuch der Universität Bonn. Dort wird er, Carl Marx, zu einem Tag Karzer verurteilt, wegen „nächtlicher Ruhestörung”. Kurios, dass es bei der Schreibung des Namens noch keine Einheitlichkeit gibt. Außer Bonn gibt es zu der Zeit keine einzige Universität im Rheinland und in Westfalen!

In Bonn machte Marx, was man als Student so macht: Liebesgedichte schreiben, die Vorlesungen schwänzen, saufen, feiern, lärmen. Sein Vater sorgte dafür, dass die Sache bald ein Ende nahm, nach zwei Semestern. Er empfahl  Berlin als seriösen Studienort. Es ist genau das Gegenteil von dem, was man erwarten würde.

Tatsächlich wurde Marx in Berlin sofort zu einem ernsthaften Studenten, so sehr, dass der Vater sich jetzt sorgte, weil der Sohn nur noch die Bücher im Kopf hatte. Berlin war die erste Großstadt, die Marx kennenlernte, mit Fabriken, Palais, Paraden, Theater und 200.000 Einwohnern.

Entgegen der allgemeinen Vermutung musste Marx Berlin nicht wegen seiner politischen Einstellung verlassen, sondern weil er die Regelstudienzeit überschritten hatte! Promoviert wurde er dann in Jena, in Abwesenheit! Die Stadt hat er nie betreten!

Köln war, wie Trier, katholisch, liberal und antipreußisch. Wie sehr die Preußen diese Ideologie fürchteten, sieht man darin, dass sie den Rosenmontagszug verboten. Der war ihnen zu politisch.

In Paris lebten zu der Zeit, als Marx dorthin übersiedelte, 80.000 Deutsche, 8% der  Bevölkerung! Trotz der hohen Einwohnerzahl waren Teile der Stadt noch ganz ländlich. Auf einem Gemälde von Corot sieht einen Hügel mit Feldern, einem Felsen und einer Mühle: Montmarte!

In einer Schatulle ist ein Reiseschreibset aufbewahrt. Ob es von Marx selbst stammt, wird nicht ganz klar. Jedenfalls enthält es, säuberlich geordnet, Federn unterschiedlicher Stärke, zwei Tintenfässer und zwei Schreibstiele. So was muss Marx ständig bei sich gehabt haben. Bei Umzügen war man nicht zimperlich. Man schleppte den gesamten Haushalt mit. In der Regel fuhr Marx, mit dem Nötigsten ausgestattet, vor, und Jenny kam mit dem gesamten Haushalt hinterher.

Auf einem Gemälde sieht man ein Pfandleihhaus. Das hatte nichts Anrüchiges an sich. Man ging ins Pfandleihaus, wenn man einen Kredit brauchte, so wie man heute zur Bank geht. Auf dem Gemälde sieht man folgerichtig eine Familie aus dem Establishment, gut gekleidete, vornehm. Anders war es mit der Zwangsverpfändung. Auch die wird auf einem Gemälde illustriert. Die Zwangsverpfändung trat ein, wenn man seine Schulden endgültig nicht mehr bezahlen konnte. Das bedeutete dann auch den Verlust der Wohnung. Und genau das passierte bei Marx zu Beginn der Londoner Zeit: Die hochschwangere Jenny wurde mit mehreren kleinen Kindern auf die Straße gesetzt. Die Familie stand am Abgrund. Später wurde die Situation besser, durch verschiedene Erbschaften und durch die Unterstützung durch Engels. Aber die Klagen rissen nicht ab, aber es waren jetzt Klagen auf höchstem Niveau: Der Italienischlehrer will mehr Geld, wir können und den Klavierunterricht für Jenny nicht mehr leisten, der Preis für den Wein ist gestiegen usw.

Marx selbst und Jenny und die auf dem Kontinent geborenen Kinder waren staatenlos. Hier galt das ius sanguinis. Das galt nicht für die in England geborenen Kinder. Sie hatten die britische Staatsangehörigkeit. Hier galt das ius soli.

In einer Vitrine sieht man zwei Schreiben von Marx aus Brüssel an Trier, an den Oberbürgermeister, der gleichzeitig der Preußische Gesandte ist. Er benötigt Unterlagen für seine geplante Auswanderung in die USA. Daraus wurde nichts.

Ein aufgeschlagenes Exemplar der Rheinischen Zeitung liegt in einer Vitrine, mit einem eng gedruckten Text zu der Debatte in Preußen zum Holzdiebstahl. Geschrieben ist der Artikel „von einem Rheinländer“ – Marx. Er war Chefredakteur der Zeitung. Die Rheinische Zeitung wurde verboten, dann, nach der Revolution, als Neue Rheinische Zeitung wiedergegründet. Nach dem Niederschlag der Revolution wurde Marx aus Preußen ausgewiesen. Das letzte Exemplar der Neuen Rheinischen Zeitung, unmittelbar vor dem Verbot erschienen, ist ganz in Rot gehalten. Ein Exemplar ist in der Ausstellung zu sehen.

Vor der Ausweisung aus Brüssel landete Marx tatsächlich im Gefängnis – für eine Nacht. Zusammen mit Jenny, aber natürlich getrennt von ihr. Die war zusammen mit Wucherinnen und Prostituierten interniert. Marx lancierte die Sache geschickt und es kam zu einem öffentlichen Aufschrei, nicht so sehr wegen Marx, sondern wegen La Baronesse de Westphalie!

Für Manchester gibt es einen eigenen Raum, obwohl Marx nie dort wohnte. Er verbrachte aber lange Zeit dort, bei Engels, und in der Bibliothek. Kurz gesagt, wurde in Manchester aus dem Philosophen ein Wirtschaftswissenschaftler. Trotzdem hat Marx nie eine Fabrik von innen gesehen!

Hier gibt es auch ein Gemälde, das eine Fabrik mit hammerschwingenden Arbeitern zeigt. Hier ist alles hell, die Atmosphäre ist betriebsam, die Mühen der Arbeit und das Elend der Arbeiter bleiben verborgen. Hier wird die Industrialisierung gefeiert. Im Vordergrund, erst bei genauem Hinsehen zu erkennen, sitzt ein Mädchen mit einem Mathematik-Buch. Sie gehört zu den Gewinnern der Industrialisierung.

Daneben ein Bild, La Nena Obrera, das in der Zeit Furore machte. Ursprünglich großformatig, über zwei Meter lang, und so erfolgreich, dass der Maler,  Joan Planella, dieses zweite, kleinformatige Bild folgen ließ. Das erste war auf Ausstellungen in New York, Buenos Aires, Paris usw. gewesen. Das Bild zeigt eine Fabrikarbeiterin, eine absolute Neuheit. Die Malerei hatte früher Adelige, heute Unternehmer dargestellt, aber keine Arbeiter, und schon gar keine Frauen oder Kinder. Hier, bei der Nena Obrera, sind Kind und Frau gleichzeitig erfasst.

Von Algier, wo er von London aus hinreiste, um in dem milden Mittelmeerklima seine vielen Gebrechen zu kurieren, gibt es eine Tagebuchaufzeichnung von Marx, von der wir wissen, dass er einen Termin beim Photographen und einen beim Barbier hatte. In dieser Reihenfolge. Beim Barbier ließ er sich den Bart abnehmen. Wenn dieser Reihenfolge gibt es kein Photo des bartlosen Marx.

Die Hoffnung auf das milde Mittelmeerklima erwies sich als trügerisch. Es stürmte und regnete ununterbrochen. Danach ging die Reise nach Monto Carlo, ausgerechnet nach Monte Carlo. Marx (und Marxismus) und Montecarlo – kann man sich einen größeren Gegensatz denken?

Von den sieben Kindern von Marx und Jenny starben vier als Säugling oder im Kindsalter. Nur drei erreichten das Erwachsenenalter, drei Töchter. Sie hießen, um Verwirrung zu stiften, mit erstem Vornamen alle Jenny! Alle drei wirkten zu irgendeiner Zeit als Sekretärin oder Assistentin von Marx.

Nur zwei überlebten Marx. Jenny Caroline, die älteste Tochter, starb wenige Monate vor Marx an Blasenkrebs, im selben Jahr, 1883.

Jenny Eleanor, “Tussy”, eine aktive Sozialistin, hatte ein Nerenkrankheit, von der sie auch mehrere Kurauftenhalte nicht heilten. Sie hatte ein Verhältnis zu einem Mann, der ihr verheimlichte, dass er verheiratet war. Die Nachricht davon könnte der Auslöser ihres Suizids gewesen sein. Sie nahm sich im Alter von 43 Jahren mit Blausäure das Leben.

Jenny Laura war die sprachbegabteste von allen und übersetze u.a. Ibsen und Flaubert. Ins Deutsche, vermute ich. Im Alter war sie so sehr von der Angst vor Armut und Gebrechen geplagt, dass sie sich auch das Leben nahm – zusammen mit ihrem Ehemann, Paul Lafargue. Sie hatten in den Jahren des erzwungenen Exils alle drei Kinder verloren.

Am Ende der Ausstellung stößt man in der Form von Faksimiles, aber auch als elekrtonische Dateien auf etwas, das den etwas irreführenden Namen Confessions trägt. Es sind keine Bekenntnisse im eigentlichen Sinne, sondern die Antworten auf Fragebögen, die man Freunden gab, eine unterhaltsame Art, etwas von sich preiszugeben. Jenny hielt ein komplettes Confessions Book. Da liest man einige eher nichtssagende, aber auch sehr originelle Antworten: Ihre Heldin? – Meine Kaffeekanne. Ihre Lieblingsbeschäftigung? – Luftschlösser bauen. Auch Schlafen und Rauchen werden als Lieblingsbeschäftigung genannt. Und „Bettler anbellen“. Das ist der Fragebogen von Whiskey. So hieß der Hund der Familie Marx. Bei der Antwort auf die Frage nach dem persönlichen Motto, der persönlichen Maxime, gibt es zwei, die mir auffallen: Fais ce que voudras, arrive ce que pourra. – Tue, was du willst. Es kommt, wie es kommt. Und: Là où il y a de la gène il n’est pas de plaisir. -

Es bleiben ein paar Rätsel, und es sind ein paar neue hinzugekommen durch die Ausstellung, die Führung durch die Ausstellung und die Lektüre der letzten Wochen: Marx wurde mit einer Arbeit über griechische Philosophen promoviert, war aber als Jurastudent eingeschrieben. Ging das? Welchen Doktortitel erhielt er? Warum konnte er in Jena promoviert werden, obwohl er dort nie war? Ist es in Gerücht, dass Marx zeitlebens ein Photo seines Vaters mit sich trug? Stimmt es, dass die Photographie noch gar nicht erfunden war, als Marx’ Vater starb? Kann es statt eines Photos nicht eine Zeichnung gewesen sein? Wie ist es mit der Ausweisung aus Preußen? Ist das ein Mythos? Ist Marx gar nicht ausgewiesen worden? Schließlich hat er den Austritt aus der preußischen Staatsangehörigkeit selbst beantragt. Aber kann er nicht auch als Staatenloser ausgewiesen worden sein? Haben sich Marx und Engels kein bisschen um die Lage der Arbeiter in der Fabrik von Engels gekümmert? Wie konnten sie das mit ihren Theorien vereinbaren? Wie war es mit Engels und Marx’ unehelichem Kind? Irgendwo steht, es stimme nicht, dass er die Verantwortung für das Kind übernommen habe, das sei ein Gerücht. Aber vielleicht ist damit nur gemeint, dass er es nicht adoptierte, wohl aber sich dazu bekannte, der Vater zu sein. Und was hat es mit der Konversion von Marx’ Vater zum Protestantismus auf sich? Dass er zum Protestantismus und nicht zum Katholizismus konvertierte, ist eine Verbeugung vor den Preußen, ein Akt des Opportunismus. Aber warum überhaupt die Konversion? Stimmt es, dass er sonst nicht als Rechtsanwalt hätte arbeiten können? Oder hätte er als Rechtsanwalt arbeiten, aber nicht Beamter werden können?

(“Karl Marx 1818-1883. Stationen eines Lebens”, in: Stadtmuseum Trier, 2018)

 

 

 

 

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Marx (1)

Beim Aufgang zu den Ausstellungsräumen erfährt man, dass Marx bereits mit 23 promoviert wurde, und zwar in Jena. Dass auch Paris zu seinen Stationen gehörte, noch vor Brüssel und London, nach Bonn, Berlin und Köln. Und dass er Staatenloser war. Seine preußische Staatsbürgerschaft, heißt es, habe er „abgelegt“, 1845. Man fragt sich, ob das nicht bei den weiteren Stationen im Ausland, aber nicht nur da, schwierig war.

Die Ausstellung macht es einem nicht leicht und ist nicht jedermanns Sache, wie ich bereits gehört habe. Man muss lesen und sich konzentrieren, dann lohnt es sich.

Ganz am Anfang stehen einige Ausstellungsstücke, die auf Borsig Bezug nehmen. Darunter eine Lokomotive im Kleinformat und eine große, bauchige Vase, auf der Borsig gefeiert wird. Die Eisenbahn gehört zu den Erfindungen, die das Leben der Zeit auf rasante Art veränderten. D Als Marx geboren wurde, gab es noch keine Eisenbahnen, jedenfalls in Deutschland nicht. Als er nach Berlin kam, gab es ein paar von den Briten betriebene Eisenbahnen mit britischem Personal! Borsig forderte daraufhin Stephenson heraus und gewann eine Wettfahrt. Danach wurden unter seiner Regie deutsche Lokomotiven gebaut.

Am besten lassen sich die Eindrücke anhand von konkreten Exponaten zusammenfassen. Unter denen befinden sich einige, die von Marx selbst stammen. Am Anfang liegt die Doktorurkunde aus. Im Original. Alles ist auf Latein, auch die Namen sind latinisiert. Die Urkunde beantwortet endgültig eine Frage, die ich mir schon länger gestellt hatte: Marx wurde, obwohl ursprünglich in Jura eingeschrieben, zum Dr. phil. promoviert.

Marx wurde in Jena promoviert, in Abwesenheit, ohne mündliche Prüfung! Das ist einer der Gründe, warum er das Jenaer Angebot annahm. Ein anderer ist, dass er seine Dissertation zwar fertig hatte, die aber auf Deutsch abgefasst war. Er hätte sie in Berlin noch übersetzen müssen. Es scheint, dass die Universitäten autark genug waren, das selbst zu entscheiden. In Berlin war ihm das Geld ausgegangen. Sein Vater war inzwischen verstorben, und die Mutter drehte den Geldhahn zu, zum Entsetzen des Sohnes. Sie fand, dass genug Geld in die Förderung des Lieblingskindes geflossen war, dass jetzt auch mal die anderen an der Reihe waren. Das leuchtete Marx überhaupt nicht ein.

In einem verdunkelten Raum hängt ein Porträt von Proudhon. Der war Orientierung für Marx, aber er war, wie er fand, in der These steckengeblieben, der notwendigerweise die Antithese folgen musste. Seine Replik auf Proudhon schrieb er eigens auf Französisch, aber Proudhon antwortete nicht. Der Titel enthält eine typische Marxsche Volte: Misère de la philosophie. Réponse a la philosophie de la misère de M. Proudhon.

Dann kommt eine Seite, handschriftlich, aus dem Kommunistischen Manifest. Es soll die einzig erhaltene Seite sein. Die handschriftlichen Seiten wurden peu à peu, so wie sie zum Drucker kamen, vernichtet. Diese eine Seite muss durch einen Zufall erhalten geblieben sein. Vielleicht kam sie noch einmal zurück, weil es Unklarheiten gab. Es ist eine kleine, eng beschriebene Seite mit Unterstreichungen und einigen Korrekturen, ohne Linienblatt geschrieben, in einer  sehr krakeligen Handschrift. Man fragt sich, wie der Drucker das lesen konnte. Irgendwo heißt es, die arme Jenny habe alle seine handgeschriebenen Texte in Schönschrift übertragen. Auch Schreibmaschinen gab es zu der Zeit noch nicht. Erst Tussie Marx besaß gegen Ende ihres Lebens eine Schreibmaschine.

Rechts und links von der handschriftlichen Seite Ausgaben des Kommunistischen Manifests aus verschiedenen Zeiten in verschiedenen Sprachen, auch in Esperanto und in Blindenschrift. Das Manifest soll unter Zeitdruck entstanden sein. Es war eine Auftragsarbeit. Im Allgemeinen gilt Marx als ein akribischer und ausführlicher Autor, dem Sarkasmus und Polemik nicht fremd waren.

Zensur gab es nicht nur in der Literatur, auch in der Malerei. Das wird hier durch ein Gemälde veranschaulicht, Im Kerker von Ludwig Knaus. Der Gefangene ist alleine in einem dunklen Verlies. Er trägt aber Kleidung des 16. Jahrhunderts, um von der Gegenwart abzulenken. Gleichzeitig ist aber eine Fahne ein Hinweis auf die Gegenwart.

In einer Vitrine steht ein verrostetes Eisenteil, wie ein übergroßer Tannenzapfen. Was kann das nur sein? Es ist eine Kartätsche, eine Streubombe. Solche Kartätschen wurden in Berlin bei der Niederschlagung des Aufstands von 1848 eingesetzt. Damit wurde nicht gezielt auf einen Aufständischen gefeuert, sondern wahllos in die Menge. Wobei es egal war, wer das Opfer war.

Bemerkenswert auch eine aufgeschlagene Kladde. Da sieht man Marx‘ Arbeitsweise. Beide Seiten der Kladde sind bis auf den letzten Zentimeter gefüllt mit Zeitungsausschnitten, handgeschriebenen Tabellen, Listen und Kommentaren, wieder in ganz kleiner Schrift. Von diesen Kladden soll Marx, thematisch unterschieden, mehr als 160 gehabt haben. Eine immense, gut organisierte Arbeit.

Die meisten Exponate beziehen sich eher auf die Zeit als auf Marx selbst. Gleich zu Beginn der Ausstellung sieht man ein Ölgemälde, ein Porträt (1848), von Adolf Menzel. Am dem ist zunächst nichts Besonderes zu merken. Die Besonderheit liegt in dem Porträtierten. Es ist ein Weber, einer Weber aus Schlesien, dort, wo der Weberaufstand stattfand. Dies soll das erste Porträt eines anonymen Arbeiters überhaupt sein. Auch in der Malerei bedeutete die Umwälzung eine neue Zeit.

In einer Vitrine sieht man Broschen und Tabakpfeifen mit den Porträts der Revolutionäre wie Blum und Hecker. Eine Art der politischen Meinungskundgebung. Die Namen sind unter den Porträts angebracht, außer bei Blum. Den erkannte man auch so, an seinen markanten Gesichtszügen.

In einem Saal geht es um die kommunikative Revolution des 19. Jahrhunderts. Keine Übertreibung, sie mit der heutigen zu vergleichen. Als Ausweis der neuen Techniken ist ein Lochstreifenstanzer ausgestellt. Er sieht aus wie ein Vorläufer des primitiven Computers. Er diente zur Übertragung von Morsezeichen. 1832 dauerte es noch 14 Tage, mit jemandem in New York zu kommunizieren, 1870 nur noch wenige Minuten. Es ist auch ein Originalteil der Kabels zu sehen, mit dem 1866 Europa und Amerika verbunden wurden, ein 3000 Kilometer langes Unterseekabel, das von The Great Eastern verlegt wurde. 1866 war es dann soweit. Die Verlegung des Kabels galt als achtes Weltwunder. Nicht zu unrecht.

In einem Gang sieht man ein Gemälde von Hasenclever, das, in den Worten eines Beobachters, die Lage der Arbeiter besser darstellt als tausend Worte. Düsseldorfer Arbeiter protestieren beim Stadtrat gegen ihre Entlassung. Drei ihrer Vertreter stehen vor den hohen Herren und übergeben eine Petition. Der Arbeiter, der die Petition übergibt, steht in gebührendem Abstand, hat aber, vorsichtig und doch selbstbewusst, einen Fuß auf den Teppich gestellt, der dem Revier der Arbeitgeber vorbehalten scheint. Eine Geste, die Würde und Anspruch der Arbeiter ausdrückt.

In einem anderen Saal steht ein Kaufladen (1880). Es gibt einen Tresen, auf dem Boden stehen Säcke und Fässer mit Schaufeln, hinter dem Tresen fein mit Keramikschildern bezeichnete Schubladen und alle möglichen Gefäße, auf dem Tresen eine Waage und daneben Gewichte. Eine Kasse ist komischerweise nicht zu sehen. Dafür aber Kehrblech und Handfeger, ein charakteristisches Detail! Die Bedeutung des Kaufladens erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Kaufläden gab es in Mittelstandfamilien. Deren Kinder wurden von früh auf „trainiert“, als Käufer und Verkäufer. Die industrielle Revolution hatte einen Überschuss an Waren hervorgebracht, zum ersten Mal in der Geschichte, und aus der Sicht der Kaufmannskaste ging es darum, den Konsum anzutreiben, auch Waren zu verkaufen, für die es eigentlich keinen Bedarf gab. Eine echte Revolution, deren Folgen wir erst heute in vollem Maße übersehen. Und unter der wir leiden. Marx hatte einen klaren Blick dafür.

Ein Raum ist ganz dem Kapital gewidmet. Verschiedene Exemplare des Buchs liegen aus, und an den Wänden erscheinen Zitate. Auch hier ein Einblick in Marx’ Arbeitsweise, die im wahrsten Sinne des Wortes Bände spricht: Als endlich der erste Band des Kapitals erschienen war und alle den zweiten erwarteten, machte sich Marx erst mal an die Revision des ersten Bandes. Er hatte so viele neue Daten, neue Erkenntnisse. Das Buch war alles andere als ein Verkaufsschlager und enttäuschte Marx’ Erwartungen auf ganzer Linie.

Von einer ganz anderen Art ist die Heilige Familie, von Marx und Engels. Es greift aktuelle Situationen und Ereignisse auf. Der vollständige Titel ist Die Heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik. Und der Untertitel lautet Gegen Bruno Bauer und Konsorten. Das Buch ist Ausweis des akribischen Vorgehens von Marx und Engels. Der Lohn eines Arbeiters in England belief sich zu der Zeit auf 11 Schilling. Schön und gut. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Marx und Engels arbeiteten heraus, dass 11 Schilling zwar der Durchschnittslohn eines Arbeiters war, dass aber der Lohn zwischen 1,5 Schilling und 40 Schilling variierte. Da stellt sich fast die Frage, was denn überhaupt ein Arbeiter sei.

Ähnlich mit der Kinderarbeit. Man denkt vermutlich an 14jährige oder 16jährige Kinder. Tatsächlich wurden aber auch Kinder von 5 Jahren (und darunter!) in der Industrie eingesetzt. Die ganz kleinen hatten die Aufgabe, den Staub unter den Maschinen, an denen die importierte Baumwolle gereinigt wurde, zu entfernen. Es hatte sich herausgestellt, das England und vor allem Nordengland das geeignete Klima hatte – relativ stabile Temperaturen, hohe Luftfeuchtigkeit das ganze Jahr über – um die Baumwolle zu reinigen. Das war lukrativer als er vor Ort zu machen, da, wo die Baumwolle geerntet wurde.

In einem Saal ist symbolisch eine Fabrikhalle nachgebaut, mit einem Fließband, auf dem statt Waren Begriffe transportiert werden wie Mehrwert. Alles ist Grau in Grau, ohne Tageslicht, eine bedrückende Atmosphäre. Als Emblem der neuen Zeit steht in einer Vitrine ein Wecker (1990). Nicht mehr die Natur bestimmt den Tagesablauf, sondern die Gesellschaft, die industrielle Produktion.

An der Seite ein Zitat von Marx: „Der römische Sklave war durch Ketten, der Lohnarbeiter ist durch unsichtbare Fäden an seinen Eigentümer gebunden.“

Am Rande dieses Raums eine Art Transparent, ein längliches Stofftuch mit einer Parole, Rot auf Weiß, zum Jahrestag eines Aufstands: „Rache für unsere Gemaſsregelten & Verfolgten. Hoch lebe die Social-Demokratie“.

In der Nähe ein besticktes, verziertes Stickbild, eines der wenigen Schmuckstücke aus den sonst kargen Arbeiterwohnungen. Auch hier ein Sinnspruch, mit den auf das ganze Bild verteilten Buchstaben, gar nicht so leicht zu entziffern: „Wir wollen den Frieden, die Freiheit und Recht dass Mensch (?) sei des anderen ???, dass Arbeit aller Menschen Pflicht und niemand es an Brod gebricht“.

Auch hier ein Marx-Zitat: „Die Befreiung der Arbeiterklasse muss das Werk der Arbeiterklasse selbst sein.“ Die Arbeiterbewegung hat sich nicht daran gehalten.

Zum Schluss gibt es einen Nachruf auf Marx, erschienen in Der Sozialdemokrat. Es ist ein ganzseitiger Nachruf auf der ersten Seite. Bemerkenswert, denn Marx hatte sich nie parteipolitisch gebunden oder gar engagiert.

Den Abschluss der Ausstellung, schon nahe dem Ausgang, bildet eine Büste von Marx mit dem weltweit vertrauten Anblick. Verwunderlich, dass das so ist, denn bei seinem Tod war er weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. An seiner Beerdigung nahm nur ein Dutzend Trauernde teil. Das änderte sich dann bald, und am ersten Jahrestag waren es bereits 6000, mehr als Highgate fassen konnte, so dass man nicht alle zulassen konnte. Das war das Resultat des Wirkens von Engels, der Marx bekannt machte, nicht nur sein Werk, sondern auch sein Bildnis.

Über der Büste steht ein Zitat von Marx aus den Confessions: “An allem ist zu zweifeln.” Das sei allen ins Buch geschrieben, die von einem geschlossenen Theorie von Marx sprechen. Er setzte immer wieder neu an, revidierte seine Thesen. Als der erste Band des Kapital erschienen war und alle auf den zweiten warteten, machte sich Marx erst einmal an die Revision des ersten Bandes!

Vor dem Ausgang können Besucher auf rote Zettel ihre Eindrücke von der Ausstellung notieren. Der allgemeine Tenor: hochaktuell! Viele Dinge, die Marx für seine Zeit konstatiert hat, können auf unsere Zeit übertragen werden. Ein paar kuriose Zitate: „Ein Bartträger – der erste Hipster“, „Ein Trierer Jung, „Ein deutscher Denker, der Weltgeschichte gemacht hat, ohne es zu wollen“ und: „Junge, komm bald wieder“.

(„Karl Marx 1818-1883. Leben, Werk, Zeit“, in: Landesmuseum Trier, 2018)

 

 

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Marx (3)

Das Karl-Marx-Haus, das Haus, in dem Marx geboren wurde (aber nur wenige Monate lebte) hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Lange wusste man gar nicht, dass es das Haus war, in dem Marx geboren wurde. Das fand man erst zu Anfang des 20. Jahrhunderts heraus. Daraufhin erwarb die SPD das Haus (ein Prozess, der sich jahrelang hinzog, da so viele Parteien involviert waren) und machte es zu einer Gedenkstätte. Den Nazis war die ein Dorn im Auge. Sie enteigneten die SPD und brachten hier demonstrativ die Zentrale der Parteizeitung unter. Nach dem Krieg kam das Haus dann wieder an die SPD und wurde schließlich an eine Stiftung überführt. Brandt eröffnete hier 1968 das Karl-Marx-Museum, das dann regelmäßig von Politikern aus den Ostblockländern besucht wurde, bis zum Mauerfall. Seitdem sind es vor allem chinesische Politiker und chinesische Touristen, die das Geburtshaus besuchen.

Von dem alten, 1725 entstandenen Haus ist nicht mehr viel übrig. Das Haus wurde nach einem Brand verändert wiederaufgebaut, mit einem zusätzlichen Dachgeschoss und einer Erweiterung nach hinten hin. Von Marx und seiner Familie ist so gut wie gar nichts ausgestellt, einfach, weil nichts erhalten ist. Alle privaten Besitzstücke wurden längst weiterverkauft.

Eine kleine städtische Paradoxie besteht darin, dass das Karl-Marx-Haus nicht in der Karl-Marx-Straße steht, sondern in der Brückenstraße. Die Karl-Marx-Straße ist eine Verlängerung der Brückenstraße zur Mosel hin. Als man sich in Trier endlich entschied, eine Straße nach Marx zu benennen, konnte man sich nicht dazu durchringen, ihm eine Straße nahe der Innenstadt zu widmen. Heute befindet sich in der Karl-Marx-Straße – passenderweise? – das Trierer Rotlichtviertel.

Marx war eins von neun Kindern seiner Eltern. Von denen überlebten nur er und drei Schwestern. Das war nicht ungewöhnlich.

Die politische Situation stand unter dem Zeichen der Restauration. Die Freiheiten, die man in den zwei Jahrzehnten davor genossen hatte, wurden meist wieder zurückgenommen. Trier war ein Teil von Frankreich gewesen und die Trierer Franzosen. Das bedeutete auch, dass junge Männer aus Trier für den Kriegsdienst rekrutiert wurden und in den Napoleonischen Kriegen auf Seiten der Franzosen kämpften.

Trier hatte zu der Zeit von Marx’ Geburt gerade einmal 11.000 Einwohner. Die Armut war allgegenwärtig. Zwei Drittel der Bevölkerung lebte unter dem Existenzminimum. Mit dem Wiener Kongress und der Schließung der Grenze nach Frankreich war ein wichtiger Absatzmarkt weggefallen. Und die deutschen Kleinstaaten nahmen Zölle für die Einfuhr. Auch Trier, obwohl es zu Preußen gehörte, musste Zölle auf den Export von Wein nach Preußen zahlen. Für den Weinexport blieb in erster Linie England.

Dazu kamen Missernten. Die wichtigste wurde ausgelöst durch den Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien (1815). Der brachte Westeuropa ein “Jahr ohne Sommer”. Später kam für die armen Winzer noch die Auflage hinzu, nur noch Riesling anzubauen. Das hatte der Erzbischof dekretiert, um die Qualität des Weins zu verbessern. Das Problem: Vielen armen Winzern fehlten die Reben und sie mussten sie für teures Geld beim Adel oder bei der Kirche kaufen. Marx erlebte diese Armut hautnah, auch wenn er selbst einer privilegierten Familie angehörte.

An der Ecke zur Innenstadt, nur wenige Meter von dem Marx-Haus entfernt, befindet sich ein Haus mit einer Apotheke im Erdgeschoss. Das ist die Villa Venedig, einst ein Hotel. Hier übernachtete Marx bei einer seiner wenigen Besuche Triers. Er wollte mit allen Mitteln der Mutter aus dem Weg gehen. Die beschuldigte er – unberechtigterweise – ihm Geld vorzuenthalten, das ihm zustand.

In der Neustraße befindet sich, durch eine moderne Plakette mit dem Profil ihres Gesichts gekennzeichnet, das Elternhaus von Jenny. Marx kam mit ihr durch ihren Bruder in Kontakt, einem gleichaltrigen Schulkameraden. Die Kinder spielten zusammen. Dabei bestimmte Marx, einer späteren Notiz Jennys zufolge, immer, was gespielt wurde. Er war erfindungsreich und duldete keinen Widerspruch.

Jenny selbst hat nie eine Schule besucht. Sie war dennoch sehr gebildet. Das war ihrem Vater zu verdanken, Ludwig von Westphalen, einem preußischen Beamten. Er las mit seinen Kindern Literatur, deutsche, französische, englische, und förderte ihre geistige Entwicklung ganz allgemein. Davon profitierte auch Marx. An Wochenenden machte er Spaziergänge mit den Kindern und zeigte ihnen die allgegenwärtige Armut.

Jenny war adelig, Marx bürgerlich, Jenny war Protestantin, Marx Konvertit, vor allem aber war Jenny vier Jahre älter als Marx. Das war fast ein Hinderungsgrund für eine Verbindung. Die Familie von Westphalen hatte allerdings keinen Grundbesitz. Jennys Vater musste, im Gegensatz zu den “richtigen” Adeligen, für seinen Unterhalt arbeiten.

Schon in diesem Haus war Helene Demuth als Haushälterin angestellt. Jenny und Marx nahmen sie später mit. Sie blieb ein ganzes Leben lang bei ihnen. Sie konnte alles, kümmerte sich um alles. Jenny war ganz und gar unpraktisch: Nähen, Bügeln, Kochen waren Fremdwörter für sie.

Später, in London, bekam Helene Demuth ein Kind von Marx. Unehelich. Das wurde heimlich gehalten. In der Beziehung war Marx durch und durch Großbürger. Engels übernahm die Verantwortung und behauptete, er wäre der Vater. Das nennt man einen Freund! Ob Jenny etwas ahnte? Man weiß es nicht. Vielleicht wollte sie es nicht wissen. Das Kind wurde allerdings in Adoption gegeben. Auch der Schwester von Helene Demuth drehte Marx ein Kind an. Das wurde abgetrieben, und die Mutter starb bei dem Eingriff. Alles wurde natürlich unter den Tisch gekehrt. Wie muss es für Helene gewesen sein, für den Mann zu arbeiten, der letztlich den Tod ihrer Schwester zu verantworten hatte? Oder wusste sie von nichts?

Jenny galt als das “schönste Mädchen von Trier”. Marx muss Jenny beeindruckt haben, weil er einfallsreich, charmant, gesellig, intelligent war und wohl auch große erotische Anziehungskraft hatte. Aber trotzdem fragt man sich, wie sie es mit ihm all die Jahre aushielt.

Ganz in der Nähe befindet sich das Haus (oder die Stelle, wo sich das Haus ursprünglich befand), in dem Fischers Maathes, das Trierer Original, wohnte. Er war etwas jünger als Marx, aber wohl auch Schulkamerad. Er war nicht nur Witzbold, sondern auch politischer Aktivist, glühender Anhänger der Achtundvierziger Revolution. Nach der Niederschlagung der Revolution vergrub er kompromittierende Schriften im Trierer Weißhauswald.

Aber auch die Anekdoten, die man von ihm erzählt, haben teils eine soziale Komponente. Lehrer: “Wie, du kommst ungekämmt in die Schule? Hast du keinen Kamm?” Fischers Maathes: “Doch, aber ohne Zinken.” – Schulkamerad: “Wo hast du denn die tote Maus her?” Fischers Maathes: “Aus unserer Speisekammer. Die ist da verhungert.” Auch so kann man Armut charakterisieren.

In der Schule lernte man nicht nur Griechisch und Latein, sondern auch Englisch und Französisch. Davon sollte Marx später sehr profitieren. Offen ist die Frage, welches Deutsch er sprach. Es wird behauptet, im Hause Marx wäre bis zum Schluss, auch in London noch, Trierer Dialekt gesprochen worden. Jenny stammte zwar aus Preußen, war aber mit zwei Jahren schon nach Trier gekommen. Merkwürdig, sich die Thesen aus dem Kommunistischen Manifest im Dialekt vorzustellen.

Das Haus ist nur ein paar Schritte von der Jesuitenkirche (streng genommen Dreifaltigkeitskirche) entfernt. In den angrenzenden Gebäuden befand sich die erste Trierer Universität und später das Gymnasium, das Marx besuchte, sechs Jahre lang. Marx war ein guter Schüler, aber kein Überflieger. Bekannt geworden ist sein Abituraufsatz, in dem es um die Berufswahl ging. Man hat darin gedankliche Spuren seiner späteren Entwicklung sehen wollen. Erst jetzt hat ein findiger Forscher herausbekommen, dass Marx bei den Mathematikaufgaben im Abitur abgeschrieben hat – von Edgar von Westphalen.

In der Jesuitenkirche wurde Marx getauft. Die Jesuitenkirche wurde von beiden Konfessionen benutzt! Marx’ Vater war zum Protestantismus konvertiert, ohne Überzeugung, aus rein pragmatischen Gründen: Er hätte als Jude nicht als Rechtsanwalt arbeiten können. Seine Frau konvertierte erst viel später. Ihr fiel es bedeutend schwerer.

Auf dem Trierer Viehmarkt steht das Casino, ein klassizistischer Bau. Er ist inzwischen, seit dem Abzug der Franzosen, anderen, meist gastronomischen Zwecken zugeführt worden. Zur Zeit von Marx war es eben das Casino – hat nichts mit Casino im Sinne von Spielcasino zu tun, sondern war eine Art Begegnungs- und Bildungsstätte für die Trierer Elite, zunächst ausschließlich die männliche Elite. Später fanden auch Festlichkeiten mit Frauen hier statt, und ging das schönste Mädchen von Trier auf ihren ersten Ball.

Eine Art Vorgänger des Casinos war ein Lesekreis, fortschrittlich, liberal gesinnt, den der Erzbischof 1773 genehmigte, aber 1793, unter dem Eindruck der Revolutionswirren in Frankreich, zur Sicherheit wieder verbot. Dann kam, nach dem Wiener Kongress, eben das Casino. Gleiche Ausrichtung. Beide Väter, Marx und von Westphalen, nahmen lebhaft an den Aktivitäten teil und hielten auch eigene Vorträge und waren wohl auch an einem denkwürdigen Tag präsent, als es hier, in weinseliger Stimmung, zum Absingen der Marseillaise kam. Das Casino wurde vorübergehend geschlossen. Marx wuchs also in einer weltanschaulich liberalen Atmosphäre auf und hatte das Glück, von drei gebildeten, weltoffenen Männern geprägt zu werden: seinem Vater, Jennys Vater und dem Direktor des Gymnasiums.

Das eigentliche Elternhaus von Marx ist ein kleines, zweistöckiges Haus in der unmittelbaren Nähe der Porta. Hierher war die Familie gezogen, als Marx gerade ein halbes Jahr als war. Hier blieb er bis zum Abitur und kehrte nie wieder hierher zurück. Dieses Haus war kleiner als das Geburtshaus, aber es war kein Rückschritt, sondern eine Verbesserung: Früher hatte man zur Miete gewohnt, jetzt hatte man sein eigenes Haus.

Marx’ Mutter lebte hier bis zu ihrem Tod. Sie überlebte ihren Mann um 25 Jahre. Ihr Sohn hatte da noch 20 Jahre zu leben. Der Tod der Mutter scheint keine große Trauer bei Marx hinterlassen, wohl aber ein Gerangel um das Erbe ausgelöst zu haben. Marx verhielt sich nicht gerade feinfühlig.

In dem Hausrat befanden sich beim Tod der Mutter 8 Fuder Wein, eine ungeheure, fast unvorstellbare Menge für einen Privathaushalt. Man fragt sich, wo man all das Zeug gelagert hat. Eins ist klar: Gesoffen wurde ständig, und Wein war durchaus auch für Kinder an der Tagesordnung, auch als Arznei. In Karls Aufzeichnungen aus London geht es auch ständig um Wein, die Sorge um den zu Neige gehenden Vorrat und die Versorgung mit qualitätsvollem Wein.

Nur ein paar Schritte vom Elternhaus entfernt steht Triers letzte Errungenschaft: die Marx-Statue, ein Geschenk der Volksrepublik China an Trier zum 200. Geburtstag von Marx. Die Statue ist, wie sollte es anders sein, umstritten, aber es gibt natürlich gute Gründe dafür, dass Trier seinem berühmtesten Sohn seine Reverenz erweist, bei aller Diskussionswürdigkeit einiger seiner Thesen. Dass viele seiner Ansichten hochaktuell sind, ist kaum zu bestreiten.

Die Statue ist eher konventionell, entspricht den Marx-Darstellungen auf unzähligen Abbildungen. Sie hätte sicher auch so in der DDR stehen können. Die Statue ist nicht glatt und rund, sondern eher kantig, ganz der Persönlichkeit Marx’ entsprechend. Er hält ein großformatiges Buch unter einem Arm. Und er macht einen Schritt nach vorn, so wie für ihn der Sozialismus einen Schritt nach vorn bedeutete. Er wendet seinem Elternhaus (und Trier) den Rücken zu und geht von hier in die große, weite Welt.

Als kleinen Gag hat man, kurz vor der Einweihung der Statue, an der Ampel vor der Statue aus dem Fußgängermännchen ein Marxmännchen gemacht.

 

 

 

 

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Katzenjammer

Man soll bei einer Sorte bleiben, nicht durcheinander trinken, so vermeide man einen Kater, heißt es. Heißt es. Stimmt aber nicht. Dem Körper ist es egal, woher der Alkohol kommt. Aber die volkstümliche Vorstellung hält sich hartnäckig. Vermutlich deshalb, weil man sich anders verhält, wenn man bei einer Sorte bleibt: Man trinkt weniger. Aber wenn man dieselbe Menge Alkohol zu sich nimmt, ist es egal, ob der von Bier alleine oder von Bier und Schnaps kommt. Ein anderes populäres Rezept gegen den Kater ist die “gute Grundlage”. Die müsse geschaffen werden, durch reichliches und möglichst fettes Essen. Stimmt auch nicht. Auch hier fordert der Alkohol seinen Tribut, ganz egal, was man vorher gegessen hat. Allerdings: Wenn man eine gute Grundlage hat, dauert es länger. Der Alkohol wird länger im Dünndarm gebunden. Am Ende aber schlägt der Alkohol unbarmherzig zu, mit oder ohne Grundlage.

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Gluten oder Gluten?

Früher hieß es Gluten. Heute heißt es Gluten. Kein Unterschied? Doch. Die Betonung ist anders. Früher war die Betonung auf der ersten, heute ist sie auf der zweiten Silbe. Und mit dem Betonungswechsel  haben sich auch die Konnotationen verändert. Das Gluten war normal, es war weder gut noch schlecht, auf jeden Fall aber zweckdienlich. Es hielt den Teig zusammen. Heute ist es böse. Es muss unter allen Umständen gemieden werden. Überall findet man glutenfreie Produkte. Die meisten, die sie kaufen, brauchen sie nicht. Nur 1% der Bevölkerung hat eine Empfindlichkeit gegen Gluten. 25% glauben, sie zu haben. Sie tun damit in erster Linie der Lebensmittelindustrie einen Gefallen. Und sich selbst. Sie lenken  die Aufmerksamkeit auf sich. Sie werden beachtet.  Sie sind anders als die anderen, empfindlicher, etwas Besonderes (noch!).  Ein Zeichen unserer Zeit? Vielleicht. In früheren Zeiten konnte man nicht so wählerisch sein. Man war froh, dass es überhaupt etwas zu essen gab. Aber es gibt einen Vorläufer, eine literarische Figur, eine Figur in einem Theaterstück, das ganze Buhei vorwegnimmt: Molières Eingebildeter Kranker. Die Literatur eilt der Wirklichkeit voraus.

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Vor der Haustür

Statt auf Bäume stoße ich auf Bagger. Es wird gebaut im Park, umgebaut. Ein Teil des Parks fällt neuen Krankenhausgebäuden zum Opfer. Das Schöne muss dem Nützlichen weichen.  Der Baumparcours ist aber noch zum Teil begehbar. Es sind Bäume aus allen Teilen der Welt angepflanzt worden, jeweils einer, als Demonstrationsobjekt sozusagen.  Es ist jetzt keine günstige Jahreszeit, man sieht keine Blüten (mehr) und (noch) keine Früchte. Aber der Rundgang wird zu einer sprachlichen Entdeckungsreise. Die Bäume haben phantastische Namen: Schnurbaum, Zerreiche,  Rostbartahorn,  Taschentuchbaum, Götterbaum, Judasbaum, Teufelskrückstock. Wunderbar! Im Zentrum des Parks steht eine moderne Skulptur, der Brunnen des Lebens. Rund um den zentralen Pfeiler eine Figurengruppe. Eine Mutter, die ihre Hände noch beschützend um die Hüfte des sich von ihr abwendenden Kindes hält, es aber nicht mehr festhält, es in die Selbständigkeit entlässt. Auf der anderen Seite ein Junge, barfuß, mit bequemer Hose, der faulenzend herumsitzt, lächelnd, den Ellbogen auf Bücher gestützt, die Schulbücher vermutlich. Die Muße, das Nichtstun als eine der Bestimmungen des Menschen. Auf der anderen Seite ein alter Mann mit einem Buch in der Hand. Er liest. Er lernt. Life-long learning ist das Stichwort. Zu ihm krabbelt ein kleines Kind hoch, neugierig auf das Buch blickend. Wissensbegierde, Entdeckerfreude, dem Menschen von Natur aus mitgegeben. Und oben auf dem Brunnen steht eine Frau, die Flöte spielt. Die Muse. Die Kunst als im wahrsten Sinne höchste Bestimmung des Menschen. 23 Jahre habe ich gebraucht, um diesen Park zu entdecken. Er liegt, beinahe, vor der Haustür.

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Lammfromm

An die Wand gekettet, nackt, schlecht ernährt, Opfer von Schlägen und Vergewaltigungen – das wäre ihr Schicksal gewesen, wenn sie nach Bedlam gekommen wäre, das berüchtigte Londoner Irrenhaus, Bethlehem Hospital, später Gegenstand der gesellschaftskritischen Zeichnungen von Hogarth in The Rake’s Progress. Es war ihrem Bruder, Charles Lamb zu verdanken, dass ihr das erspart blieb. Sie kam in ein anderes Irrenhaus, nach Islington, wo sie besser behandelt wurde. Ihr Bruder kam für die Kosten auf. Und schon 1997, ein Jahr nach der Tat, wurde sie dort entlassen und konnte unter Aufsicht wieder in gewohnter Umgebung leben. Und dass, obwohl sie einen Mord begangen hatte! Sie hatte ihre Mutter getötet. Die hatte sie gescholten, weil sie ihre Magd zurechtgewiesen und aus dem Raum geschubst hatte. Mary hatte ein Messer in der Hand und stach auf ihre Mutter ein, eine Tat, in der sich jahrelange Frustration Bahn brach. Mary Lamb hatte in jeder Hinsicht Glück. Schon wenige Tage später befand ein Richter, dass es sich bei der Tat um geistige Umnachtung handele. Und dass sie später ein mehr oder weniger normales Leben führen konnte, grenzt an ein Wunder. Erstaunlich, wie rücksichtsvoll ihre Familie mit ihr umging – die Tat wurde in ihrer Gegenwart nie wieder erwähnt – und erstaunlich, wie gelassen Mary selbst mit ihrer Schuld umging. Sie befand, sie sie eine gute und treusorgende Tochter gewesen, “for the most part.” Den Namen ihrer Mutter erwähnt sie in ihrer Korrespondenz nur ein einziges Mal. Sie überlebte ihre Mutter um 40 Jahre. (Polowetzky, Michael: Prominent Sisters. Mary Lamb, Dorothy Wordsworth, and Sarah Disraeli. Westport, Connecticut und London: Praeger, 1996: 9-10)

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Geburtenschwäche?

Noch nie wurden in Deutschland so wenige Kinder geboren wie 2011. Das löst allgemein Befürchtungen, manchmal Entsetzen aus. Man könnte aber auch die Frage stellen: Ist das wirklich so schlimm? Man könnte die Prognosen einfach auf den Kopf stellen und ein positives Bild malen: kleinere Klassen, mehr Wohnraum, mehr Arbeitsplätze, vielleicht sogar weniger Staus, weniger Gedränge, kürzere Schlangen. Ist das schlecht? Deutschland hatte, so weit ich weiß, noch nie so viele Einwohner wie heute, auch als es viel größer war. Müssen es noch mehr werden?

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Betrug am Leben

Wieland unterhält Goethe mit stundenlangen Belehrungen über den Humor. Jetzt weiß Goethe, dass er keinen Humor hat. Jeder, der Humor hätte, hätte ihn erheuchelt. Wer Humor hat, betrügt das Leben um seinen Ernst. Seinen furchtbaren Ernst. (Walser, Martin: Ein liebender Mann. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2009: 187)

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Mädchen, Mäuse und Männer

In einem Seminar sagte einmal eine Studentin auf die Frage, wie denn im Deutschen der Plural von Substantiven gebildet werde: “Durch Anfügen von –s“. Die Aussage blieb unwidersprochen und mir als Ausweis der unfassbaren Ignoranz der Menschen über ihre eigene Sprache in Erinnerung. Ich habe daraufhin mal, ohne Nachschlagewerke zu konsultieren, eine vorläufige Liste von alltäglichen Wörtern gemacht, die mir spontan in den Sinn kamen und sie versuchsweise geordnet:

  • Schritt > Schritte, Pfad > Pfade, Tisch > Tische, Arm > Arme, Bein > Beine, Spiel > Spiele
  • Katze > Katzen, Blume > Blumen, Lage > Lagen, Name > Namen, Rolle > Rollen, Sünde > Sünden, Gabel > Gabeln, Auge > Augen, Seite > Seiten, Runde > Runden
  • Frau > Frauen, Held > Helden, Herz > Herzen
  • Feld > Felder, Kind > Kinder, Rind > Rinder
  • Drucker > Drucker, Richter > Richter, Mädchen > Mädchen, Esel > Esel, Messer > Messer, Löffel > Löffel, Förster > Förster, Fächer > Fächer
  • Star > Stars, Band > Bands, Taxi > Taxis
  • Maus  > Mäuse, Stuhl > Stühle, Kuh > Kühe, Gast > Gäste, Korb > Körbe, Ball > Bälle, Band > Bände
  • Vogel > Vögel, Laden > Läden, Vater > Väter, Mutter > Mütter, Acker > Äcker
  • Mann > Männer, Haus > Häuser, Holz >Hölzer, Fach > Fächer, Band > Bänder Die Liste zeigt:
  • die Komplexität der Pluralbildung
  • dass es neben einfachen Formen – Veränderung des Grundvokals, Anfügen von Endungen – auch Mischformen gibt: Mann > Männer
  • dass ein Singular verschiedene Pluralformen haben kann: Band > Bands, Band > Bänder, Band > Bände
  • dass zwei unterschiedliche Singularformen denselben Plural haben können: Fach > Fächer, Fächer > Fächer
  • dass der Plural oft morphologisch nicht markiert wird: Richter > Richter
  • die marginale Rolle des von der Studentin angesprochenen Musters, des Anfügens von –s. Selbst bei modernen Anglizismen, wo man das Muster vielleicht erwarten würde, trifft es nicht ein: Computer > Computer

 

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Messer – Gabel – Löffel

Messer, Gabel, Löffel: ein gutes Beispiel für die ziemlich willkürliche Zuordnung der deutschen Substantive zu den grammatischen Geschlechtern: das Messer, die Gabel, der Löffel – sächlich, weiblich, männlich. Wenn ich meine Studenten damit konfrontiere, versuchen die, jedenfalls die deutschen, unbedingt eine logische Begründung dafür zu finden, und schaffen es auch, sich selbst zu überzeugen. Nicht aber mich und die ausländischen Studenten. Der Blick über den Tellerrand, d.h. über die eigene Sprache, hinaus, belegt, dass man der Sache mit Logik nicht beikommen kann:
  • Messer – Gabel - Löffel
  • coltello - forchetta - cucchiaio
  • cuchillo - tenedor - cuchara
  • couteau - fourchette - cuillère
  • μαχαίρι πιρούνι - κουτάλι
  • нож ви́лка - ло́жка

 

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Ankunft USA

Wer schon einmal in die USA eingereist ist, kann die Schilderung der Ankunft am Flughafen nachvollziehen, wie man sie bei Irene Runge findet: Angekommen auf New Yorks Flughafen steht vor der Passkontrolle auf einem Schild We are the face of our nation. Vigilance – Service – Integrity. Das Wort wir schafft eine corporate identity, ist die gemeinschaftsstiftende Philosophie. Am Eingang des Landes repräsentieren das die Uniformierten in den kleinen Abfertigungsboxen. Wachsam, hilfsbereit, integer. So sieht das multiethnische Gesicht der Nation aus. Sie lächeln herzlich, der professionelle Blick bleibt streng und prüfend. (Runge, Irene: Wie ich im jüdischen Manhattan zu meinem Berlin fand. Berlin: Kulturmaschinenverlag, 2012: 10)

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Gandhis anderes Gesicht

Gandhi zu mögen, dazu gehört nicht viel: der gewaltlose Widerstand, die Armut, seine Bescheidenheit, seine Persönlichkeit, das ist schon was. Dem kann man sich nicht so leicht entziehen. Gandhi zu kritisieren ist viel schwerer. Das tut jetzt Arundhati Roy, immer unerschrocken, immer selbständig im Denken. Sie klagt Gandhi an, das Kastensystem unterstützt zu haben. In einer Antwort auf eine (nie gehaltene, aber veröffentlichte) Rede von Bhimrao Ramji Ambedkar, einem Mitglied der Dalits, der untersten Kaste und einem der Kritiker Gandhis, in dem er den Hinduismus verwirft und das Kastensystem als brutale hierarchische Ordnung verwirft, antwortete Gandhi mit einer Verteidigung des Kastensystems. Arundhati Roy verfolgt Gandhis Meinungen zur Kastenfrage zurück auf seine Meinungen zur Rassenfrage, die er in Südafrika vertreten hat. Als Gandhi in der berühmten Szene in Pietermaritzburg aus dem Zug geworfen wurde, hat er sich nicht über die Rassentrennung an sich empört. Er saß in einem Abteil der Weißen, weil er glaubte, als Inder und Angehöriger einer höheren Kaste habe er ein Recht dazu. Er wollte nicht mit den Kaffern, wie er sie nannte, in einem Abteil reisen. Gandhi schrieb mit viel Verachtung über Afrikaner, Leibeigene, Unberührbare, Sklaven und Frauen. Er verbrachte die meiste Zeit in Südafrika damit, die Freundschaft des weißen Regimes zu werben. Arundhati Roy sieht in Gandhi nicht einmal nur einen sympathischen Spinner, sondern sieht da etwas Bösartiges am Werk. Gandhi beschränkte sich in seiner Kritik auf das Thema der Unberührbarkeit, griff aber nicht das System an. Das beinhaltet viel mehr als Unberührbarkeit: Recht auf Land, Dienstleistungen, Bildung. Gandhi hat darauf bestanden, dass keine Kaste als nobler gelten solle als eine andere, aber auch darauf, dass jede Kaste bei ihrer ererbten Arbeit bleiben sollten. In einer Antwort auf Ambedkar schrieb er über die idealen Qualitäten der Kaste der Latrinenarbeiter. Er glaubte, es wäre ihre göttliche Pflicht, anderer Leute Exkremente zu beseitigen. Sie sollten das für den Rest ihres Lebens tun und nicht daran denken, mit ihrer Arbeit Profit zu machen. So unterstützte er, Roy zufolge, ein angeblich gottgewolltes System, das ein Reservoir an billigen Arbeitskräften generiert und den Untersten sogar noch suggeriert, sie sollten sich über ihre Stellung freuen. (Ross, Jan: „Gandhis vergiftetes Erbe“. Interview mit  Arundhati Roy, in: Die Zeit 40/2014: 50)

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Mensch denkt. Wer lenkt?

An Bord der Caldas, eines kolumbianischen Zerstörers, der zu Reparaturarbeiten in Mobile in den USA gewesen war, befanden sich ein Seemann, der gar nicht zur Besatzung gehörte und nur zufällig auf die Caldas gestoßen war, weil er nach Kolumbien zurückwollte; ein Seemann, der während des Aufenthalts in Mobile keinen Penny für Vergnügungen ausgegeben und alles in Geschenke für seine Frau investiert hatte, die in Cartagena auf ihn wartete; ein Seemann, der in Mobile einen Film über einen Sturm gesehen und sich geschworen hatte, nach der Rückkehr nach Kolumbien nie wieder zur See zu fahren. Die Caldas erlitt Schiffbruch. Keiner der drei überlebte. (García Márquez, Relato de un náufrago. Bogotá, Barcelona u.a: Verticales de Bolsillo, 2008: 18-20)

 

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Kinder-Los

James Cook hatte sechs Kinder. Als er von seiner zweiten großen Entdeckungsfahrt zurückkam, war seine Tochter Elizabeth gestorben. Sie war noch ein Kind. Während der Reise war sein Sohn Joseph geboren worden. Es starb noch in demselben Jahr. Cook hat ihn nie gesehen. Während der Vorbereitungen zur dritten Reise starb sein Sohn George. Er wurde nur vier Monate alt. Sein Sohn Nathaniel starb als Seemann in einem Hurrikan in Jamaika. Sein Sohn Hugh, zum Geistlichen bestimmt, starb während des Studiums in Cambridge. Sein Sohn James, Commander bei der Marine, ertrank während des Dienstes. Cook überlebte sie alle. Seine Frau starb erst 1835. Sie überlebte ihren Mann um fünfzig Jahre. (Emersleben, Otto: James Cook. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1998)

 

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Latein für alle Fälle

Jin Ping Mei ist einer der fünf berühmtesten klassischen chinesischen Romane, unter anderem bekannt für seine expliziten erotischen Passagen. Die erste komplette Übersetzung ins Englische von Clement Egerton (The Golden Lotus) stammt aus dem Jahre 1939, eine komplette Übersetzung der Ausgabe von 1695. Allerdings wurde nicht alles auf Englisch übersetzt. Die als anstößig geltenden Passagen wurden ins Lateinische übersetzt!

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Lost Boys

Wenn sie nicht bei den Attacken der arabischen Milizen auf ihr Dorf in den Hütten verbrannt waren, wenn sie dann auf ihrem Treck nicht von Löwen gefressen wurden oder von Krokodilen, wenn sie nicht an Malaria starben oder an Typhus, wenn sie nicht an Überanstrengung oder an Hunger starben, wenn sie nicht ertranken oder in einen Krater fielen, wenn sie sich nicht bei den nächtlichen Märschen im Wald verirrten und den Kontakt zu der Gruppe verloren, wenn sie nicht im Training der SPLA zu Tode gehetzt wurden, wenn sie nicht von Flugzeugen der Regierungstruppen aus beschossen wurden, wenn sie nicht von Soldaten der SPLA einfach abgeknallt oder als Verräter hingerichtet wurden, und wenn sie dann wirklich den Gilo, den Grenzfluss nach Äthiopien überqueren konnten, dann konnten sich die Lost Boys aus dem Süden Sudans einige Monate schlecht und recht im Flüchtlingslager von Pinyudo durchschlagen. Wenn sie dann nicht bei den Massakern durch die lokale Bevölkerung umgekommen und, nach dem Machtwechsel in Äthiopien, bei der Vertreibung der Flüchtlinge nicht erschossen wurden und es wieder über den Grenzfluss schafften, und wenn sie dann auch noch den nächsten Gewaltmarsch überstanden, dann landeten die Lost Boys in Kenia, in einem neuen Flüchtlingslager, quasi einer improvisierten Stadt mit 40.000 Flüchtlingen und verschiedenen Stadtteilen. Dieses Flüchtlingslager, Kakuma, blieb für Jahre ihre Heimat. Kakuma hatte keinen Fluss, Kakuma hatte keinen Wald, wie sie es aus dem Sudan und aus Pinuydo kannten. Kakuma war heißer, trockener, windiger, staubiger. Kakuma war, wie sie erfuhren, dass kenyanische Wort für ‚Nirgendwo‘.

 

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Du, Frau Zoe …

In einem modernen griechischen Roman spricht eine der Protagonistinnen, Arin, eine junge Mutter, die Frau, die tagsüber auf ihre Kinder aufpasst, mit Frau Zoe, aber mit du an: Βεβαίως, κύρία Ζωή. Πήγαινε στην οικογένεια σου να ξεκουραστείς κι εσί. Σε ευχαριστώ πολύ! – Sicher, Frau Zoe. Geh zu deiner Familie und ruh du auch ein bisschen aus. Ich danke dir sehr. (Τέκου, ΙφιγένειαΕιρηνη, Μνήμες χαμένες στην άμμο. Αθήνα: Κέδρος, 2014: 218)

 

 

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Hamburger Sie, Münchner Du

Es gibt Konventionen, aber keine feste Regeln für den Gebrauch von du und Sie. Dazu kommt, dass sich der Gebrauch verändert. Das bringt Unsicherheiten mit sich. In vielen Situationen findet man Sie zu distanziert, du zu burschikos. In einem Artikel (Trotier, Kilian: “Spricht für Stil. Das Hamburger Sie: distanziert, versiert, verbindlich” in: Zeit Online: 15/07/2014) finde ich jetzt ein Plädoyer für das “Hamburger Sie”, so wie Helmut Schmidt es gleich zu Anfang des Gesprächs mit Peer Steinbrück gebrauchte: “Wann sind wir uns eigentlich das erste Mal begegnet, Peer? In welcher Abteilung des Kanzleramtes haben Sie gearbeitet?” Es drücke Sympathie aus, sei aber nicht aufdringlich. Ein Mittler zwischen den Polen. Und dem “Münchner Du” (das du mit Herr/Frau kombiniert) in Form und Moral weit überlegen. Mag sein, aber wenn das “Münchner Du” wirklich aus München stammt, hat es seinen Siegeszug durch die ganze Republik angezogen. Ich höre es ständig in Geschäften unter den Angestellten: “Frau  Oberhausen, kannst Du mir mal ne Rolle Fünfziger besorgen?”

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Karthago, zum Dritten

Ein Manifest, das er 1951 verfasste, beschloss Brecht mit den Worten: Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten. (Kesting, Marianne: Brecht. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 81998: 138-139)

 

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Schlechte Bereicherung

In einer Umfrage für eine Seminararbeit wurden den Probanden folgende Aussagen zu Anglizismen im Deutschen vorgelegt.

Ich glaube, dass die Verwendung englischer Wörter

  • schlecht für die deutsche Sprache ist
  • eingeschränkt werden sollte
  • die deutsche Sprache bereichert
  • das Leben einfacher macht
  • ein normales Phänomen ist
  • die deutsche Kultur zerstört

Es konnten mehrere Antworten angekreuzt werden. Zur Verblüffung der Studentin – und zu meiner Verblüffung – wurden „sollte eingeschränkt werden“ und „zerstört die deutsche Kultur“ häufig in Verbindung mit „ist ein normales Phänomen“ genannt.  Auch „ist schlecht für die deutsche Sprache“ und „macht das Leben einfacher“ wurden zusammen genannt, ebenso „sollte eingeschränkt werden“ und „macht das Leben einfacher“. In mindestens einem Falle wurden auch  „ist schlecht für die deutsche Sprache“ und „bereichert die deutsche Sprache“ zusammen genannt. Man kann sich vorstellen, wie machtlos Argumente gegenüber solchen Instinkten sind.

 

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Sie und Du und Du und Sie

Der russische Adel, zweisprachig aufgewachsen mit Französisch als Zweitsprache, hatte im 19. Jahrhundert gleich die vierfache Wahl: Man konnte jemanden mit ты oder Вы anreden oder mit tu oder vous, hatte also gleich die doppelte Auswahl. Und die musste man ständig treffen. Es gab nämlich keine einmal festgelegte Form. Man duzte oder siezte ein und dieselbe Person je nach Situation und Stimmungslage. Und es gab keine Gleichung ты und tu oder Вы und vous. So entscheidet sich  Alexej Alexandrowitsch (in Anna Karenina) in seinem Schreiben an Anna, seine Ehefrau, für Sie und für Französisch, um das russische Sie zu vermeiden, das noch förmlicher klingen würde.

 

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Doppelsieg

1956 erhielt Romain Gary den Prix Goncourt für seinen Roman Les racines du ciel. Roman Gary war ein Pseudonym. Sein eigentlicher Name war Roman Kacew. Unter diesem Namen war er in Vilnius, im heutigen Litauen, damals zu Russland gehörend, geboren. Als Jugendlicher war er mit seiner Mutter nach Frankreich gekommen. 1977 erhielt der Roman La vie devant soi den Prix Goncourt. Die Identität des Autors war unbekannt. Er schrieb unter einem Pseudonym. Roman Kacew beging 1980 in Paris Selbstmord. Erst dann enthüllte er, dass es sich bei Roman Gary und Emile Ajar um ein und denselben Autor handelte. Damit ist er der einzige Autor, der den Prix Goncourt, der immer nur einmal im Leben vergeben wird, zweimal erhielt! Auf eine sehr subtile, von ihm selbst nie offen gelegte Weise hat Gary den Lautwert seines französischen Pseudonyms zum Kunstnamen seines Doppelgängers in Beziehung gebracht: Ajar kann als Anagramm zum Russischen жара gelesen werden (žará, gesprochen wie frz. jará), und das bedeutet ‘Hitze’, ‘Glut’, und Gary entspricht dem Russischen гори (garí), dem Imperativ von горе́ть, und das heißt ‘brennen’! (Ingold, Felix Philipp: Im Namen des Autors. München: Wilhelm Fink, 2004: 309)

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Künstlerglück

Bernini hatte eine Affäre mit Constanza Bonarelli, der Ehefrau eines seiner Mitarbeiter. Die wiederum hatte eine Affäre mit seinem Bruder. Bernini entdeckte das. Rasend vor Wut lief er hinter dem Bruder her und ergriff eine auf einer Baustelle herumliegende Eisenstange. Damit brach er ihm zwei Rippen. Er ging nach Hause und befahl einem Diener, dem er zwei Flaschen und ein Messer gab, Constanzes Gesicht zu entstellen. Das tat der. Bernini nahm einen Degen und verfolgte seinen Bruder. Der flüchtete sich in eine Kirche, nach Santa Maria Maggiore. Dort konnte er sich sicher fühlen. Doch Bernini ließ sich davon nicht zurückhalten und lief mit gezücktem Degen dem Bruder hinterher und schlug bei der Gelegenheit gleich noch ein paar Priester nieder, die sich ihm in den Weg stellten. Diese Vergehen hätten eine schwere Strafe, vielleicht sogar die Todesstrafe zur Folge haben müssen. Und Berninis Mutter bat den Neffen des Papst in einem bewegenden Brief, ihren Sohn, der völlig außer Rand und Band war und nicht mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden könne, zu bestrafen. Bernini wurde zu einer empfindlichen Geldstrafe verurteilt, aber die wurde ihm vom Papst erlassen, mit einer feierlichen Urkunde, in der es hieß, Bernini sei „ein Mensch von sublimer Begabung, durch göttliches Wirken geboren, um zum Ruhme Roms Licht in dieses Jahrhundert zu tragen.“ (Karsten, Arne: Bernini: Der Schöpfer des Barocken Rom. München: Beck, 2007: 93-97).

 

 

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Gewaltige Erfahrungen

Entweder vor oder nach der Tat. So wird die Tötung Holofernes durch Judith in der Malerei meistens dargestellt. Holofernes hatte versucht, sie zu vergewaltigen. Die unmittelbarste Darstellung der Tat, den Moment der Tat erfassend, in all seiner Grausamkeit, stammt ausgerechnet von einer Malerin, von Artemisia Gentileschi, einer der wenigen bekannten Malerinnen. Gentileschi wurde als junge Frau selbst vergewaltigt. Sie brachte die Vergewaltigung zur Anzeige, der Täter bekam seine Strafe. Und dann heiratete Gentileschi ihn! Man hat immer wieder versucht, eine Verbindung zwischen der persönlichen Erfahrung der Gewalt und deren Darstellung in ihren Bildern zu sehen. Aber es gibt natürlich keine 1:1-Entsprechung. Die psychologische Disposition ist im Werk nicht unmittelbar zu erkennen. Viele Künstler, die Exzesse darstellten, hatten eine ruhige, bürgerliche, friedvolle Existenz. Dennoch könnten die Erwartungen an den Künstler und die Selbsterwartungen des Künstlers, dem eine besondere Erfahrungstiefe zugetraut wird, eine Disposition zur Transgression von Normen fördern. (“Zwischen Genialität und Grausamkeit. Der Künstler als Verbrecher”, in: Forum, SWR 2: 09/01/2015)

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Qualifikationsnachweis

Leone Leonie wurde wegen Münzfälscherei angeklagt und verurteilt. Später wurde er Leiter der kaiserlichen Münze. (“Zwischen Genialität und Grausamkeit. Der Künstler als Verbrecher”, in: Forum, SWR2: 09/01/2015)

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Auf Nummer Unsicher

Warum drückt man den Daumen, wenn man jemandem Glück wünscht? Der Daumen ist ein Dämon, und den hält man fest, damit er nicht zur Geltung kommt. Das ist uralt, und auch bezeichnend für die alten Formen vor Aberglauben, die eher darauf abzielen, Unglück abzuwenden als Glück zu bringen. Die meisten Glücksbringer (wie der Schornsteinfeger) sind neueren Datums, mit Ausnahme des vierblättrigen Kleeblatts. Die meisten Glücksbringer sind heute etwas individualisiert, wie die Alltagsgegenstände, Tierfiguren oder Erinnerungsstücke, die Studenten mit zur Klausur bringen. Auf den ersten Blick überraschend, man würde Glücksbringer bei Akademikern eher nicht erwarten. Aber sie geben Sicherheit, ein gutes Gefühl. Ich habe alles getan, um die Klausur zu bestehen, aber es gibt an Rest an Unsicherheit, der außerhalb meiner Kontrolle liegt. Da kommt der Glücksbringer ins Spiel. Soweit verständlich, nur: Warum verlässt man sich ausgerechnet auf so etwas Unsicheres, um Sicherheit zu generieren? Und was, wenn die Klausur dennoch daneben geht? Haben die Glücksbringer dann ausgedient? Vermutlich nicht. Das ist wie mit Weltuntergangspropheten, die für einen bestimmten Tag den Weltuntergang vorhersagen. Wenn der dann nicht eintrifft, stürzt nicht etwa das ganze Gebäude zusammen. Im Gegenteil, die Gruppe rückt noch näher zusammen. (SWR 2: “Hasenpfote und Daumendrücken. Wie abergläubisch ist der moderne Mensch?”, in: Forum, 17/12/2014)

 

 

 

 

 

 

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Gipfel der Verzweiflung

Zitate wie “Ich schreibe nur in Augenblicken, in denen ich absolut verzweifelt bin” oder ”Die Tatsache, dass ich lebe, beweist, dass die Welt keinen Sinn hat”, Buchtitel wie Auf den Gipfeln der Verzweiflung oder Die verfehlte Schöpfung,  Sterben, Tod und Freitod als lebenslange Obsessionen (erst die Möglichkeit des Selbstmords macht das Leben erträglich), ein radikaler Skeptiker mit Einsicht in die bodenlosen Abgründe des menschlichen Lebens, illusionslos, sarkastisch, massiv ungerecht in seinen Wertungen, die Sicht der Schöpfung als Werk eines bösen Demiurgen, die Wertung von Erfahrungen als Synonym für fortlaufende Enttäuschungen, Fundamentalkritik von Elternschaft, konsequente Ablehnung aller öffentlicher Ehrungen und Preise, da stellt man sich einen hasserfüllten Misanthrop vor. Statt dessen ein umgänglicher, liebenswürdiger, hilfsbereiter Mensch, der gerne und viel lacht: E.M. Cioran. Er schreibt zunächst auf Rumänisch, dann lange gar nichts mehr und dann, nach einem sehr harten, intensiven und jahrelangem Studium des Französischen, auf Französisch. Darin bringt er es zur Meisterschaft. Er firmiert immer als E.M Cioran. Die Initialen werden nie ausgeschrieben. E steht für Emile, aber was M bedeutet, bleibt unklar. Er selbst hat sich nie eindeutig dazu geäußert. Einige sagen, es stehe für Michel, andere, er habe es sich einfach zugelegt, weil E.M. Cioran einfach besser klinge als E. Cioran. (“‘Prometheus und Adler’. Der rumänische Schriftsteller und Philosoph E.M. Cioran”, in: SWR2 Wissen: 18/10/2012)

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Der kleine Unterschied

Bei der Besichtigung im Georgian House in Dublin und bei der Besichtigung im Sommerhaus Linnès in Linnès Hammarby wurde jeweils auf ein Paar Schuhe verwiesen. Nichts Spektakuläres. Aber nur auf den ersten Blick. Tatsächlich waren die Schuhe in einem ganz zentralen Punkt anders als unsere Schuhe: Rechts und links waren gleich! Was uns heute selbstverständlich anmutet, die durch die naturbedingte Fußform vorgegebene spiegelsymmetrische Form der Schuhe, war lange keine Selbstverständlichkeit. Die Rechst-Links-Unterscheidung (die es früher schon gegeben hatte) wurde erst wieder eingeführt, als Mediziner auf die Fußschäden aufmerksam machten, die durch die gleiche Schuhform entstanden. In den USA wirkten Kriegsministerium und Schuhindustrie zusammen, um die Soldaten der Nordstaaten mit Schuhe mit Rechts-Links-Unterscheidung auszustatten. Es heißt, dass die Nordstaaten auch deshalb den Bürgerkrieg gewannen, weil ihre Soldaten in den Schuhen schneller und weiter wandern konnten!

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Pistolen zur Belohnung

In Lessings Emilia Galotti kommt Angelo, ein für vogelfrei erklärter Mörder, heimlich in das Haus der Galotti und schleicht sich zu Pirro, einem Diener des Hauses. Er habe, sagt er, hundert Pistolen für den letzten Auftrag erhalten und sei gekommen, Pirro seinen Anteil zu überbringen. Er hält ihm einen Beutel hin. Als Leser ist man baff. Was macht man mit so vielen Pistolen? Wie passen die alle in einen Beutel? Die Erklärung findet man nur in den Anmerkungen: Bei den Pistolen handelt es sich um eine von Philipp II. eingeführte Münzeinheit, die in allen europäischen Ländern nachgeprägt wurde. (Lessing, Gotthold Ephraim: Emilia Galotti, hrsg. von Jan-Dirk Müller. Stuttgart: Reclam, 2001: 23 + 94)

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Schulkameraden

In einer dramatischen Szene in Maria Magdalena erscheint Friedrich, der Sekretär, mit zwei Pistolen im Haus von Leonard, dem Kassierer, um ihn zum Duell aufzufordern. Während des gesamten Dialogs sagt Friedrich du, Leonard Sie. Der wundert sich ganz offen, dass Friedrich du sagt. Und das, obwohl sie Schulfreunde gewesen sind. Dennoch scheint es gang und gäbe zu sein, danach zum Sie überzugehen. Friedrich sagt du, erstens, weil er der ranghöhere ist, zweitens, weil er damit seine Verachtung für Leonard und dessen Verhalten Klara gegenüber ausdrücken will. Das du ist sozial und situativ bedingt. (Hebbel, Friedrich: Maria Magdalena. Stuttgart: Reclam, 2002: 85-86)

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Ich habe zu fragen, nicht Er

Marinelli ist in Emilia Galotti der Kammerherr des Prinzen. In einem Dialog im ersten Akt geht es um Emilia Galotti: „Sie irren sich in dem Namen“, sagt der Prinz. Und auch später sagt er Sie. Dann stellt Marinelli eine Frage, und der Prinz antwortet: „Ich habe zu fragen, nicht Er.“ (15) Mit einem Mal ist das alte, asymmetrische Verhältnis wieder hergestellt. Aus dem Vertrauten wird wieder der Untertan. Seit dem Aufkommen von Sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts war Er gebräuchlich gegenüber Angehörigen weniger vornehmen Standes (92). Odoardo, Emilias Vater, spricht Claudia, seine Ehefrau, mit du an, sie sagt durchgängig Sie zu ihm (21-22). Sie selbst sagt Sie zu Marinelli, bis sie merkt, dass der am Tode ihres Mannes beteiligt oder sogar dafür verantwortlich ist. Dann wechselt sie in einer leidenschaftlichen Rede zum du: “Abschaum aller Mörder! Was ehrliche Mörder sind, werden dich unter sich nicht dulden! Dich! Denn warum soll ich dir nicht alle meine Galle, allen meinen Geifer mit einem einzigen Worte ins Gesicht speien: Dich! Dich Kuppler!” (53) Es sind soziale und situative Kriterien, die die Variation bedingen. (Lessing, Gotthold Ephraim: Emilia Galotti, hrsg. von Jan-Dirk Müller. Stuttgart: Reclam, 2001)

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Unschöne Details

In Nürnberg auf der Messe habe er mal ein Glas Wasser unter dem Mikroskop gesehen, sagt Meister Anton in Maria Magdalena. Er wollte danach den ganzen Tag nicht mehr davon trinken, so habe es ihn geekelt. So ist es. Genau hinschauen offenbart eine andere Wirklichkeit, und schön ist die nicht unbedingt.

 

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Auf die Prüfung!

Leonard in Maria Magdalena hat die Stelle des Kassiers bekommen. Das berichtet er stolz. Es ist ein unerwarteter Erfolg. Der aussichtsreichste Kandidat – und der einzige Mitbewerber – war der Neffe des Pfarrers. Was denn aus dem geworden sei, will Klara wissen.  Der war betrunken, sagt Leonard. Er verbeugte sich vor dem Ofen statt vor dem Bürgermeister, stieß gleich zu Anfang , als er sich setzte, drei Tassen vom Tisch und benutzte, als es ans Rechnen ging, ein selbsterfundenes Einmaleins, das ganz neue Resultate lieferte.

 

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Preise verdorben

Heutzutage müsse man sich von neunjährigen Kindern verspotten lassen, weil man nicht lesen könne. So klagt Klaras Mutter in Hebbels Maria Magdalena. Früher sei alles anders gewesen. Da hätten die Herren sich um einen geschickten Schreiber gerissen. Wenn ein Sohn einen Neujahrswunsch für den Vater aufsetzte, dann kassierte der Schreiber für das Aufsetzen des Neujahrswunsches genauso wie für das Vorlesen des Neujahrswunsches hinter verschlossenen Türen, damit man nicht aufgedeckt werde und die Unwissenheit ans Licht kam. Es gab also doppelte Bezahlung, und das machte das Bier teuer!

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Grob gesprochen

“Das war ein brutal wichtiges Spiel”; “Wir haben brutal gegen den Ball gearbeitet”; “Der Abstiegskampf ist brutal”;  ”Fehler viel brutaler bestraft als in der 3.Liga.” Die deutschen Fußballspieler haben ein neues Modewort entdeckt. Früher wurde man höchstens mal brutal gefoult.

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Leseprobe

Liest man Schriften mit Serifen schneller als Schriften ohne Serifen? Bin bisher immer nur auf Hinweise gestoßen, die sagen: Man weiß es nicht. Zu unterschiedliche Untersuchungsergebnisse. Jetzt irgendwo etwas gesehen, das vielleicht zeigt, warum die Untersuchungsergebnisse unterschiedlich sind: Danach liest man Schriften mit Serifen schneller (um etwa ein Fünftel), vorausgesetzt, die Serifen sind nicht allzu fett und vorausgesetzt, die Serifen sind nicht allzu fein. Und noch was: Das Ergebnis gilt für Druckerzeugnisse, nicht aber für Bildschirme. Die meisten der handelsüblichen Bildschirme haben keine ausreichende Auflösung. Mit einem Wort: Die Frage ist zu einfach gestellt.

 

 

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Ein Stück weit

Zitat aus einer Radiosendung (SWR 2: Forum, 19/02/2015). Ein Migrationsforscher spricht: „An jeder dieser Schwelle beobachten wir, dass Migrantenkinder immer ein Stück weit runterfallen. Das liegt an den Eltern, aber überwiegend an unserem selektiven Bildungssystem. Ich glaube auch, dass es dort ein Stück weit Diskriminierung gibt, diese Selektivität ist im System ein Stück weit angelegt, da muss man das ganze Bildungssystem ein Stück weit überdenken … Dann ist es halt ein Stück weit bedauerlich, “ Da hat er recht, der Herr Professor. Ein Stück weit.

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Ohne Punkt und Komma

Dass Homer keine Satzzeichen kannte, kann man sich noch vorstellen – erst Aristophanes redigierte die Texte und setzte graphische Unterbrechungszeichen – aber dass Cervantes seinen Don Quijote noch ohne Punkt und Komma schrieb, ist kaum zu glauben. Selbst Goethe legte keinen großen Wert auf Interpunktion. Er überließ sie weitgehend den Schreibern oder den Setzern in den Druckereien. Die richteten sich nach Adelung. Der hatte ein Regelwerk verfasst, und das wurde zum Maßstab. Die straffe Interpunktion, der wir folgen, ist auf jeden Fall eine junge Erfindung. Die wird oft als bequem empfunden. Es gibt aber auch gute Gründe, sich nicht an die Regeln zu halten. Ein Schreiber kann Interpunktion für feine Schattierungen einsetzen. Auch Duden sprach sich entschieden dafür aus. (Borchardt,  Katharina: „Ohne Punkt und Komma? Der Punkt als Text-Ordnungssystem“, in SWR 2 Matinee: 08/03/2015)

 

 

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Diamonds are a tsar’s best friend

Humboldt, der Minenexperte, hatte schon vor seiner Reise nach Sibirien in einem Gutachten das Vorkommen von Diamanten vorausgesagt und das auch der Zarin bei seinem Besuch in Petersburg angekündigt. Während der Reise wurde dann im Ural tatsächlich der erste sibirische Diamant gefunden. (Meyer-Abich, Adolf: Alexander von Humboldt. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 131998: 121-123).

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Da ist der Wurm drin

Merkwürdige Parallele: Hebbels Maria Magdalena und Kazantzakis Alexis Sorbas sprechen beide vom Wasser und von der Wirkung, die es hat, wenn man es unter der Lupe betrachtet. Die Lust am Trinken vergeht einem. Man entdeckt überall kleine Würmer. Hat Kazantzakis vielleicht Hebbel gelesen? Oder sind beide zufällig auf den gleichen Gedanken gekommen? Oder ist es gar kein origineller Gedanke und beide geben etwas wieder, was sie irgendwo gehört haben? Die Stoßrichtung ist klar: Die Lupe ist schädlich, sie hindert am Leben. Allzu genau hinschauen ist verderblich. Wirf die Lupe weg, breche sie entzwei, sagt Sorbas ganz ausdrücklich. Das richtet sich an seinen Freund und Chef, an den Erzähler, den Bücherwurm. Beide Männer, die die Würmer nicht sehen wollen, Meister Anton und Sorbas, sind erdverbundene Charaktere, keine Denker. Dass sie so denken, ist eine Sache. Was denken ihre Autoren? Teilen sie das? Sind sie hin- und hergerissen? Kann man die Lupe überhaupt wegwerfen, wenn man einmal angefangen hat, sie zu gebrauchen?

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Das Ziegenproblem

Die Regierung hat die Steuern auf den Besitz von Ziegen deftig erhöht. Das gilt für das ganze Land. Die Ziegen zerstören die Wälder. Sie fressen die Knospen und zarten Triebe der Pflanzen, dekretiert die Regierung. Nur: Hier, in Galiano, gibt es keine Wälder. Die Ziegen knabbern an Dornbüschen und können da überleben, wo Schafe und Kühe es nicht können. Sie sind der einzige Reichtum der Bauern. Die Ziegensteuer ist zu hoch. Die Bauern können sie nicht bezahlen. Also schlachten sie die Ziegen und haben jetzt keine Milch und keinen Käse mehr. (Levi, Carlo: Cristo si è fermato a Eboli. Turin: Einaudi,  1990: 42)

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Hinterrücks

Ein australischer Mann überzeugte seine Ehefrau, ihre neugeborene Tochter Lanesra zu nennen. Die Frau sagte nach einigem Zögern zu, ohne zu ahnen, was hinter dem Namen steckte: Ihr Mann ist Anhänger des FC Arsenal.

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Bettelnde Fußgänger

Anorak, Schnellhefter, Ampel: Wie heißt die kleine Verlängerung an der Schiene, mit der man einen Reißverschluss öffnet oder schließt? Wie heißt das längliche Plättchen aus Metall oder Plastik, mit dem man die Blechbänder eines Schnellhefters schließt, um ein Rutschen zu verhindern? Wie heißt der Knopf, mit dem man an einer Fußgängerampel grünes Licht anfordert? Sie heißen Abdeckleiste (mit der schließt man die Schnellhefterzunge), Schiebergriff und Bettelknopf. Der Bettelknopf befindet sich an einer Bettelampel. Wichtiger als die Wörter selbst ist die Erkenntnis, dass man sie für die Alltagskommunikation nicht braucht. Dingen oder Dingsda oder Teil sind nützliche Wörter, um unbekannte Wörter zu paraphrasieren.

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Klingelcafé

Auf dem Rathausplatz in Zittau befindet sich das Klingelcafé. Unter jedem Tisch befindet sich eine Klingel. Einmal klingeln bedeutet: eine Tasse Kaffee. Zweimal klingeln bedeutet: ein Kännchen Kaffee. (Das Lexikon der ostdeutschen Stadtnamen. Eine heitere Ortskunde von Anklam bis Zwickau. Berlin: Bild und Heimat, 2015: 94)

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Unterrichtsausfall? Schlimm?

Unterrichtsausfall! Kaum eine politische Debatte, kaum ein Parteienstreit, kaum ein Elternabend, bei dem er nicht thematisiert und oft instrumentalisiert wird. Mit der Klage über Unterrichtsausfall und dem Versprechen, ihn zu reduzieren, ist einem der Beifall der Masse gewiss. Zahlen, die dann in die Debatte geworfen werden, eignen sich gut dazu, die Sache zu dramatisieren. Sie zu überprüfen kommt keinem in den Sinn. In letzter Zeit macht die Zahl von 10% Unterrichtsausfall die Rede. Jetzt meldet sich ein Kultusbeamter, Udo Michallik, zu Wort  (“Totalausfall? Unsinn!”, in: Die Zeit 42:77), der die Zahlen ins rechts Licht rückt. Zu den kolportierten 10% Unterrichtsausfall, zeigt er, gehören Unterrichtsstunden, in denen Projekstudien, Klassenfahrten und Prüfungen stattfinden. Das ist natürlich kein “Unterrichtsausfall”. Dazu kommen die Unterrichtsstunden, die durch einen Vertretungslehrer abgedeckt werden. Wenn man das alles abrechnet, bleibt noch ein Unterrichtsausfall von 2% übrig. Das ist ganz undramatisch. Wenn ich an meine eigene Schulzeit zurückdenke, sind mir manche Vertretungsstunden in besserer Erinnerung als die ganz gewöhnlichen Unterrichtsstunden. Dass sie stattfinden bedeutet ja noch nicht, dass man dabei etwas lernt.

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Ausländischer Roßhändler macht sich anheischig

Man macht sich anheischig, etwas zu tun, man kommt sich gegenseitig zu Hülfe, man will nicht länger säumen. So klingt die Sprache Kleists, die Sprache der Literatur des (frühen) 19. Jahrhunderts. Es gibt kaum Stellen, an denen man sprachlich kapitulieren muss, aber einiges hört sich für uns Modernen verschroben an, merkwürdig. Kohlhaas ist ein Roßhändler, sein Weib hat ihm mehrere Kinder geschenkt, er durchliest etwas, bevor er zu Luther geht. Der Graf trägt ein Behältnis mit sich, setzt sich, indem er die Hand der Marquise fahren lässt, erzählt, dass er wieder zur Armee gegangen sei, aber daselbst die lebhafteste Unruhe empfunden habe, sprengt mit dem Pferd zur Marquise, hinterbringt eine Nachricht und verbeugt sich ehrerbietig gegen die übrigen. Wichtiger, aber auf den ersten Blick gar nicht bemerkenswert, ist ein anderes Wort: Kohlhaas besorgt sich die Pferde, deren Einfuhr dann den Stein ins Rollen bringt und die Tragödie einleitet, aus dem Ausland.  Nicht etwa aus Holland oder Ungarn, sondern aus Sachsen. Und dort ist er, als Brandenburger, Ausländer.

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Teufelswerk

Wegen des Worts Oblate kommt es zu einem Missverständnis und fast zu einer Schlägerei: Herr Ewson, ein früher englischer Ex-Patriot, bittet eine Magd, ihm eine Oblate zu verschaffen, zum Briefsiegeln. Die Magd versteht überhaupt nicht, was gemeint ist, aber dann fällt ihr ein, dass man die Hostie doch auch Oblate nennt. Sie denkt sich, der Herr wolle mit der Oblate einen gotteslästerlichen Spaß treiben, und erinnert sich daran, dass der Pfarrer ohnehin gesagt habe, dass Herr Ewson ein Gottesleugner sei. Ausländer und Ketzer. Um das Missverständnis zu klären, holt Ewson sein Wörterbuch hervor und zeigt es der Magd. Er hat aber nicht bedacht, dass die gar nicht lesen kann. Schließlich redet er auf Englisch auf sie ein. Das versteht sie erst recht nicht und hält es für das sinnverwirrende Gewäsch des Teufels. (Hoffmann, E.T.A.: Die Elixiere des Teufels. München: DTV, 82016: 177-178)

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Holland = Niederlande

Unter Paranomasie versteht man ein Wortspiel, das auf der zufälligen Klanggleichheit von Wörter beruht: Bistümer – Wüsttümer, Länder – Elender, Eile mit Weile, Wer rastet, der rostet, Lieber arm dran als Arm ab. Unter Prolepse versteht man die Vorwegnahme eines Attributs: destemplado instrumento. In der Botanik ist die Prolepse das vorzeitige Austreiben von Sprossen, in der Literatur die Vorwegnahme eines Ereignisses, ein Zeitsprung in die Zukunft. Unter Antonomasie, einer Form der Metonymie, versteht man die Verwendung einer Eigenschaft anstelle eines Namens: der Kerpener für Michael Schumacher. Unter Synekdoche versteht man den Ersatz eines Wortes durch ein Wort aus dem gleichen Begriffsfeld (mit pars pro toto als Sonderfall der Synekdoche): unser tägliches Brot für tägliche Nahrung ist so ein Fall, Holland für die Niederlande, der Baldachin des Eides (bei Calderón) für den Thron, vor dem man einen Eid ablegt, ein anderer. Auch Pluralis Majestatis („Wir, Benedictus PP XVI …“) und Pluralis Modestiae („Wir haben es geschafft“) gehören dazu.

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Schwitzen wie ein Schwein

Schweine schwitzen nicht. Das bekommt einer der Protagonisten aus Robert Menasses Hauptstadt, Sohn eines Schweinebauern, von seinem Vater zu hören. Schweine schwitzen nicht, sagt der Vater dem Sohn in belehrendem Ton, also solle er gefälligst nicht diesen unsinnigen Ausdruck verwenden, schwitzen wie ein Schwein. Nur weil andere das sagen, brauche er diesen Unsinn ja nicht nachzuquatschen. Aber: Warum schwitzt man wie ein Schwein? Ist das nur so gedankenlos dahergesagt? Warum hat sich so ein Bild durchgesetzt, wenn es so offensichtlich schief ist? Dafür gibt es einen guten Grund, und der bleibt Menasses Schweinebauern, der seinen Sohn zurechtweist, verborgen: Schweiß bedeutet hier nämlich nicht ‘Schweiß’, sondern ‘Blut’. Man blutet wie ein Schwein. Das ist gemeint. Bei den Hausschlachtungen konnte man beobachten, wie stark die Schweine bluten, und ihr Blut wurde euphemistisch Schweiß genannt. Jäger sprechen noch heute vom Schweiß der gejagten Tiere, wenn sie ihr Blut meinen, und der Hund, der auf ein angeschossenes und blutendes Tier angesetzt wird, heißt Schweißhund. (Menasse, Robert: Die Haupstadt. Berlin: Suhrkamp, 2017: 120)

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Renaissance = Wiedergeburt?

Renaissance – die ‘Wiedergeburt’, die Wiederentdeckung der Antike. Renaissance, das ist die Rückbesinnung auf die Schönheitsideale der Antike, die Wiedergewinnung des Wissens der Antike, wie sie vor allem in Italien wirksam wurde. Das ist die konventionelle Sicht, wie sie von Burckhardt und Michelet geprägt wurde. Das ist aber in verschiedener Hinsicht eine zu enge Vorstellung. Renaissance gibt es nicht nur in Italien (und vielleicht noch in Frankreich), sondern auch in England oder Polen oder Ungarn. Renaissance kommt nicht aus dem Nichts, erfolgt nicht mit einem Schlag, sondern zieht sich über eine Reihe von Jahrhunderten hin. Sie ist keine Zäsur, sondern eine Ligatur. So sieht es der Historiker Bernd Roeck in einer bahnbrechenden Studie zur Renaissance. Roeck betont vor allem das, was in der Renaissance neu war, das, wo die Renaissance nicht an die Antike anknüpfen konnte: beim Buchdruck, bei der Brille, bei der Horizontalen. Mit dem Buchdruck (mit beweglichen Lettern) bekam die Wissensvermittlung eine ganz neue Dynamik. Der Streit um unterschiedliche Auffassungen, in Athen und Rom auf kleine und begrenzte Gruppen beschränkt, wurde jetzt mit den Flugblättern und Streitschriften in die “ganze Welt” hinausgetragen. Die Brille, also das Schleifen von Linsen, der Antike unbekannt, ermöglichte einerseits das Fernrohr, andererseits das Mikroskop, und die sprengten den Wissenkanon der Antike. Die unerreichbar ferne und die unsichtbar kleine Welt wurden Teil des Wissens der Moderne. Und die Horizontale, Menschen, die sich auf derselben sozialen Ebene befinden und qua Vergemeinschaftung zu einer politischen Kraft werden, das ist ein weiteres Signum der Moderne, als Gegenmodell zu den vertikalen Modellen sowohl des Mittelalters als auch der Antike. (Münkler, Herfried: “Mit Buch und Brille”, in: Die Zeit 48/2017: 66)

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Schwärmerische Identifikation

Jerusalem stehe “über der Politik”, Jerusalem sei das”Herz des Herzens” der Juden. Die Stadt werde sechhundertmal in der Bibel erwähnt, keinmal im Koran. Und Jerusalem sei schon vor dreitausend Jahren “unsere Hauptstadt” gewesen. So argumentieren viele jüdische Intellektuelle und untermauern so den Herrschaftsanspruch Israels über ganz Jerusalem. Dabei unterschlagen sie aber, dass die Thora, das eigentliche Herz des Judentums, Jerusalem gar nicht erwähnt. Es glänzt durch Abwesenheit. Viele der hellsten Köpfe des Judentums haben ein ablehendes Verhältnis zu Jerusalem, genau so, wie es die Propheten hatten. Sie wissen, dass Jerusalem nicht die Stadt Gottes ist, sondern ein allzu menschlicher Ort der Geistlichen, Politiker, Könige. Jerusalem gewinnt erst an Bedeutung, nachdem die Israeliten einen König verlangen, so “wie ihn alle Völker haben.” Tatsächlich verbietet das jüdische Gesetz jede Herrschaft über Jerusalem vor der Ankunft des Messias. Insofern steht nicht nur Trumps Erklärung zu Jerusalem als alleiniger Hauptstadt Israels, sondern Ben Gurions Verkündung von Israels Unabhängigkeit in scharfem Widerspruch zur jüdischen Religion. (Boehm, Omri: “Jerusalem, unser Goldenes Kalb”, in: Die Zeit 53/2017: 44)

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Selbstüberschätzung

Die Welt ist kompliziert. Zu kompliziert, als dass man sie als Laie verstehen könnte. Über die Welt zu berichten, bedeutet daher immer Vereinfachen. Die Herausforderung besteht darin, komplizierte Zusammenhänge für Nicht-Spezialisten verständlich zu machen. Und zugleich so genau wie möglich zu sein. Schwer genug. Doch selbst wenn dieser Spagat gelingt, ergibt sich daraus ein Dilemma: die Selbstüberschätzung. Wenn wir etwas verstehen, bilden wir uns ein, mehr davon zu verstehen, als wir es tatsächlich tun. Das belegten Psychologen um Lisa Scharrer von der Universität Münster in einem Experiment. Sie legten ihren Probanden Texte zu medizinischen Themen wie dem Salzkonsum vor, zu dem Zusammenhang von Chili im Essen und Blutdruck, zu dem Zusammenhang von veganer Ernährung und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zu allen Themen gab es verschiedene Textversionen, populärwissenschaftliche und wissenschaftliche. Die Probanden bewerteten alle Texte als glaubwürdig. Aber die populär aufbereiteten Texten erzeugten bei den Lesern die Illusion, dass sie die Themen besser durchdrungen hatten als die wissenschaftlichen Texte. Der technische Jargon und die Detailgenauigkeit der wissenschaftlichen Texte förderten eine größere Anstrengung und waren ein Indiz für das eigene begrenzte Verständnis des Themas. Amerikanische Kognitionsforscher um Philip Fernbach beobachteten, dass das Gefühl von großem Durchblick sich gerade dann einstellt, wenn wenig vom Thema bekannt ist. Sie befragten Probanden zum amerikanischen Renten- und Gesundheitssystem, zum Emissionshandel, zur Steuergesetzgebung, zum Handel der USA mit dem Nahen Osten usw., Themen von frustrierender Komplexität. Viele Teilnehmer glaubten ein tiefes Verständnis der Themen zu haben. Erst als die Forscher nach Details zu den einzelnen Politikfeldern fragten, kippte das Bild. Die Illusion des Durchblicks zerplatzte. Erst jetzt wurde den Teilnehmern klar, wie wenig sie eigentlich wussten. Kein schönes Gefühl, und so reagierten viele Probanden ausgesprochen verstimmt, als sich herausstellte, dass sie keine Ahnung hatten! (Herrmann, Sebastian: “Die Wissens-Illusion”, in Süddeutsche Zeitung 284/2017: 18)

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Hohes Gericht!

Ein paar herausfordernde Gedanken zur christlichen Religion (Fischer, Thomas: “Das Jüngste Gericht”, in: Die Zeit 53/2017: 12)

- Die Vertreibung aus dem Paradies und die Sintflut waren als Strafen unverhältnismäßig angesichts der begangenen “Sünden”. Ein bisschen Hurerei, und schon fällt Feuer vom Himmel.

- Viele Götter zu haben machte manches einfacher: eine(r) für die Krätze, eine(r) für die Ernte, eine(r) für die Jagd, eine(r) für die Fruchtbarkeit usw. Da weiß man, wo man dran ist und an wen man sich wenden muss. So konnte ich sicherstellen (oder wenigstens sicherstellen, alles getan zu haben), dass das Unglück ausbleibt, das Glück kommt, dass ich nicht hungrig, sondern satt bin. Dann kam die jüdische Religion und erklärte all diese Götter zum Teufelswerk. Das Christentum musste sie erst in Form von Engeln und Heiligen wieder heimlich importieren.

- Religion ist, wenn der Mensch sich fürchtet. Die Furcht ist Ursache und Ergebnis der Religion.

Wenn Gott mit Wundern und Katastrophen auf der Welt für Ordnung und Gerechtigkeit sorgt, dann muss man sagen, dass er das ohne großen Erfolg tut. Mangelnder Anbetungseifer kann vielleicht für eine Seuche oder Hungersnot verantwortlich gemacht werden, solange ich mit Schafherden über die Ebenen ziehe, aber nicht für Sklaverei, Krieg und Pest, für die Einteilung der Welt in Eigentümer und Habenichtse. Da kommt dann das Jüngste Gericht ins Spiel. Da wird für Gerechtigkeit gesorgt.

- Es wird zweimal Gericht gehalten über uns, nach unserem Tod und am Ende der Zeiten. Es gibt das Partikulargericht und das Jüngste Gericht. Wie das eine im Verhältnis zum anderen steht, ist nicht klar. Werden die vorläufig Verdammten dann endgültig verdammt? Und was geschieht mit ihnen bis dahin? Soll man sich das Partikulargericht so vorstellen, dass eine Zwischenlösung gefunden werden muss (eine Zwischenlösung für immerhin 206.000 Kandidaten täglich)? Und wo werden die zwischengelagert? Beim Jüngsten Gericht wird dann endgültig geschieden in Gut und Böse. Aber: nach welchen Kriterien? Die Gesetzestafeln, die Moses erhielt, sind nichts als allgemeine Grundregeln. Sie geben keine Auskunft darüber, in welchem Stadium man abtreiben darf, was unter Notwehr zu verstehen ist oder ob “humanitäre” Bundeswehreinsätze zu vertreten sind.

- Beim Jüngsten Gericht ist Gott Ankläger, Zeuge, Sachverständiger und Richter in einem. Und Vollstrecker. Das Verfahren flößt kein großes Vertrauen ein. Warum kann man sich nicht verteidigen? Oder von Experten verteidigen lassen?

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Lovely day for a stout

Some time ago a colleague, checking a text I had written, spotted a spelling mistake in a passage in which I had referred to an advertising slogan: Guiness is good for you. The colleague pointed out the Guinness is spelt with double <n>. On the following day, I bought him a couple of bottles of Guinness. This is one of the few memorable instances where correction had both immediate and lasting effect: I have never misspelt Guinness since, and I think I never will. Then, the other day, rereading Heinrich Böll’s Irisches Tagebuch, I came upon a passage (p. 102) where another Guinness slogan is referred to: A lovely day for a Guiness. It contained exactly the same spelling mistake. Nobody had noticed. Böll and his editors, however, had a much better excuse for making this mistake: at the time of writing, Guinness was much less well known in this country than it is now.

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Werbefeldzug

Über einen Zeitraum von sechs Wochen wurden in einem Kino in New Yersey während der Vorführung des Films Picknick alle fünf Sekunden die Botschaften Drink Coca-Cola und Eat Popcorn eingeblendet, so schnell, dass die Zuschauer diese Botschaften bewusst nicht wahrnehmen konnten. Im Kino wurde danach 18,1% mehr Coca-Cola und 57,9% mehr Popcorn verkauft. Ein eindrücklicher Beweis für den Effekt der “unterschwelligen Werbung”.

Das Interessanteste an diesem Experiment ist, dass es nie stattfand. Alles war schlichtweg erfunden. Erstunken und erlogen. Der angebliche Trick mit der “unterschwelligen Werbung” war eine falsche Behauptung des Marktforschers James Vicary. Er wollte seiner schwächelnden Werbefirma Auftrieb geben. Es war Werbung für Werbung.

Das Experiment, das nie stattfand, ist noch aus einem weiteren Grund interessant: Die Menschen halten es offensichtlich für plausibel, dass man so manipuliert werden kann. Und bis heute wird immer wieder von dem Experiment erzählt, als ob es stattgefunden hätte. Dabei haben Werbepsychologen längst Experimente mit “unterschwelliger Werbung” durchgeführt und festgestellt: So funktioniert es nicht. (Kara, Stefanie: “Wir wissen nicht, was wir tun”, in: Die Zeit 5/2018: 31-32)

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Ausgerechnet

Ein Tischtennisschläger und ein Ball kosten zusammen 1,10 €. Der Schläger kostet 1 € mehr als der Ball. Wie viel kostet der Ball? Meine Antwort bei  dieser Testfrage in einer Umfrage war: 10 Cent. Das ist falsch: Wenn der Ball 10 Cent kostet und der Tischtennisschläger 1 Euro mehr, dann kostet der Tischtennisschläger 1,10 €, und die Gesamtsumme wäre 1,20  €. Also falsch. Viele andere haben auch die falsche Antwort in der Umfrage gegeben. Ein schwacher Trost. Die richtige Antwort ist: 5 Cent. Dann kostet der Tischtennisschläger 1,05 €, und die Gesamtsumme beträgt 1,10 €.  Warum lässt man sich da so leicht in die Irre führen?

 

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Geschult

Wer auf dem Gymnasium war, weiß mehr über Wirtschaft als andere – und zwar, und darauf kommt es an, auch wenn es das Fach Wirtschaft an der Schule gar nicht gab. Er hat gelernt, zu lernen. Deshalb sind gebildetere Menschen besser für wirtschaftliche Entscheidungen im Alltag gerüstet als andere. Sie können besser entscheiden, ob ein Kredit günstig ist, was man zum Vermögensaufbau tun kann und welche Partei ihre Interessen besser vertritt. Sie haben also, ohne dass sie etwas “dazu können”, einen Vorteil, der einen anderen Vorteil, den sie haben, noch verstärkt. Denn gebildetere Menschen sind im Mittel auch wohlhabender. Reiche können also ihre Interessen besser durchsetzen als Arme. (Djahangard, Susan: “Und wer weiß was?, in: Die Zeit 7/2018: 26)

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Kontrovers

Schreibt er seine Gedicht auf Latein oder auf Französisch. Das will Athanasius Kircher, Jesuit und Universalgelehrter, in einem (fiktiven?) Gespräch von Paul Fleming wissen. Der Dritte in der Runde ist Adam Olearius. Fleming hat sich als Arzt und Dichter vorgestellt. Die Antwort auf die Sprache der Gedichte ist so verwirrend, dass Kircher nachfragen muss: Wirklich, auf Deutsch? Wie kommt man denn auf so eine Idee? Fleming gesteht, dass das merkwürdig klingt. Er selbst habe frühre auch auf Latein geschrieben, aber jetzt versuche er es mit dem Deutschen. Das sei noch sehr ungelenk, eine Sprache, die erst noch im Erstehen sei, ein Wirrnis aus Dialekten. Und eine Sprache, die manchmal nicht das passende Wort parat habe. Dann greife man eben nach einem lateinischen, französischen oder auch italienischen Wort, um dieses Manko auszugleichen. Aber eines Tages werde auch das Deutsche erwachsen. Man müsse die Sprache nähren und pflegen, dass sie gedeihe. Das sei doch nur natürlich, dass man in seiner Sprache schreibe. Und üherhaupt, will er wissen: Ist es nicht komisch, dass wir drei hier, aus demselben Land kommten, Latein miteinander sprechen? (Daniel Kehlmann: Tyll. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 62018: 354-357)

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Schlachtengeheul

Martin von Wolkenstein, am Wiener Hof aufgewachsen, wurde ungewollt einer der Zeugen der letzten Schlacht des Dreißigjährigen Kriegs, der Schlacht von Zusmarshausen. Wolkenstein schilderte die Schlacht in einer Lebensbeschreibung, die er im hohen Alter verfasste. Er hatte sich von dem bayerischen Oberbefehlshaber die Namen und Orte nennen und die Truppenstärken und die Aufmarschpläne erklären lassen, so dass er eine gute Vorstellung davon bekam, wo er wann gewesen war. Aber als er sich daran machte, die Schlacht zu beschreiben, wollten sich die Wörter aber einfach nicht einstellen, die Sätze sich einfach nicht fügen. Also stahl er sie woanders. In Grimmelshausens Simplizissimus fand er  eine Schilderung, die ihm gefiel. Die übernahm er. Und das, obwohl Grimmelshausen gar nicht die Schlacht von Zusmarshausen beschrieben hatte, sondern die von Wittstock. Das störte niemanden. Niemand bemerkte es. Was Wolkenstein aber nicht wissen konnte: Grimmelshausen hatte die Schlacht von Wittstock zwar erlebt, aber auch nicht selbst beschrieben. Er hatte die Beschreibung einem von Opitz übersetzten englischen Roman entnommen, dessen Autor selbst nie bei einer Schlacht gewesen dabei gewesen war.

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Her mit der Kohle!

Debussys letzte Komposition hieß Die von der Glut der Kohle erleuchteten Abende. Sie umfasste nur 24 Takte. Die Komposition stammte aus dem Februar 1917. Debussy was verschuldet. Er konnte seine Schulden nicht mehr bezahlen. Einer seiner Schuldiger, ein gewisser Monsieur Tronquin, akzeptierte diese Komposition anstelle von Geld. Monsieur Tronquin war Debussys Kohlehändler. (Hagedorn, Volker: “Ich bin zerstört wie ein kleines Dorf”, in: Die Zeit 12/2018: 55

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Bettgeschichten

Der letzte Überlebende der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse ist Benjamin Ferencz. Er wurde in Transsilvanien geboren, als Kind einer jüdischen Familie. Als Rumäne. Seine Schwester wurde drei Jahre früher geboren, in demselben Bett. Als Ungarin. Ferencz amüsiert sich bis heute, dass Menschen so viel Wert auf Nationalitäten legen. (Willeke, Stefan: “Wer lügt, wird erschossen”, in: Die Zeit 14/2018: 12)

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Löwenherz

Richard the Lionheart – Richard Cœur de Lion - Richard Löwenherz – Ricardo Corazón de León – Ριχάρδος ο Λεοντόκαρδος - Rikard Lejonhjärta – Ричард Львиное Сердце – überall ist er bekannt, und überall mit dem gleichen Beinamen. Viel bekannter als die meisten anderen englischen Könige, und beliebter, jedenfalls beim Volk. Vielleicht auch wegen des suggestiven Beinamens. Aber woher kommt der? Der Legende zufolge tötete er einen Löwen, den Heinrich VI. in seine Zelle in Trifels sperren ließ. Diese Legende findet sich zum ersten Mal in dem mittelenglischen Versroman Richard Cœur de Lion (XV), 300 Jahre später. Er hatte aber in seinem Auftreten, in seinem Charakter etwas Kämpferisches, Beherztes. Feige war er nicht. Auf dem Hoftag in Speyer, wo er als Gefangener auftrat, hielt er eine flammende Rede und forderte die anderen Ritter mutig zum Zweikampf heraus. Am Ende musste Heinrich ihm die Versöhnung anbieten. Ließ ihn allerdings noch nicht frei, nicht, bevor es Lösegeld gab. Nur hieß das Lösegeld jetzt nicht mehr Lösegeld.  Seine Popularität steht im Gegensatz zu seiner Bewertung durch die Historiker. Die sehen ihn viel kritischer: gewalttätig, rebellisch, verschwenderisch, impulsiv, grausam. Und er war fast immer unterwegs, auf dem Kontinent, auf dem Kreuzzug, in Kämpfen und Schlachten. Und kümmerte sich nicht besonders um England (ob er Englisch sprach, ist umstritten). Bei einer Schlacht kam er auch ums Leben, mit 41, bei der Belagerung einer Burg. Acu hier hat sich eine Legende um ihn gebildet. Derzufolge verlief die Sache so: Der Kampf war längst entschieden. Aber Richard wollte sich vergewissern, ob alles glatt lief. Und wurde von dem einzigen Schützen, der noch auf der Burg stand, mit der Armbrust getroffen. Er wurde nur an der Schulter getroffen, aber er wusste, als erfahrener Kämpe, dass das sein Todesurteil war. Und zeigte Größe und Kaltblütigkeit: Er ließ seine Mutter kommen, setzte seinen Bruder John, mit dem er ständig Zwist hatte, zum Nachfolger ein und verzieh dem Armbrustschützen. Seine Mutter reagierte weniger gelassen auf den Tod des Sohnes. Sie ließ dem Todesschützen die Haut abziehen.

 

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Neustadt Altstadt

In der Altstadt von Speyer zeigt ein Schild die Schrannengasse hinunter Richtung Altstadt. Von der Altstadt Richtung Altstadt? Ja. Das, was man in Speyer Altstadt nennt, die Gegend weiter unten am Rhein, ist in Wahrheit 900 Jahre jünger als die eigentliche Altstadt um den Dom herum. Die neue Altstadt ist ein ursprünglich außerhalb der Stadtmauern gelegenes Viertel, das den Hahnenpfuhl einschloss, also eine Gegend, die eigentlich feucht war. Dies war das Viertel der Händler und Handwerker. Die Straßennamen deuten noch darauf hin: Färbergasse, Webergasse, Fischmarkt, Holzmarkt. Und die Schranne war der Bezirk der Metzger und bezeichnete eine Art mittelalterlicher Würstchenbude.

Die eigentliche Altstadt, das Viertel um den Dom herum, geht auf die erste Römersiedlung zurück. Die Römer waren klug genug, ihren Ort am Hohen Ufer, an dem erhöht gelegenen Nebenarm des Rheins anzulegen, dort, wo keine Überschwemmung drohte. Anfangs umfasste die Stadt nicht mehr als 250 Menschen, Soldaten, die die Römer aus dem hier ansässigen Stamm der Nemeter rekrutierten. Die Stadt wuchs dann mit großer Geschwindigkeit und hatte im Mittelalter immerhin 8000 Einwohner. Die römische Stadt hieß nicht Speyer. Sie hieß, wie so viele andere, Novis Magus, also so was wie ‚Neustadt‘, eine Bezeichnung, auf die auch Neumagen und Nijmegen zurückgehen. In der Spätantike bekam sie dann einen neuen Namen, aber es war immer noch nicht Speyer. Es war Civitas Nemetum, nach dem keltischen Stamm. Erst zu Beginn des Hochmittelalters kam der Name Speyer auf. Sein Ursprung ist ungewiss. Aber er verbreitete sich dann schnell und wurde in andere Sprachen übernommen. Die bewahren die ursprüngliche Form eher als das Deutsche, ohne Diphthong: Spire, Espira. Die Stadt wurde nicht zuletzt deshalb bekannt, weil sie, neben Worms und Mainz, eins der drei wichtigsten Zentren der frühen jüdischen Besiedlung in Deutschland war. Und der Name der Stadt hat dann auch seine Spuren hinterlassen, wo man ihn nicht vermuten würde: in dem Nachnamen Shapiro.

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Redefreiheit

„Von diesem Balkon rief der Sozialdemokrat Phillip Scheidemann am 9. November 1918 die Deutsche Republik aus.“ So steht es auf einer Gedenktafel am Berliner Reichstag. Und in Geschichtsbüchern und Chroniken. Und so wird es an deutschen Schulen gelehrt. Das Problem ist: Es stimmt gar nicht. Es handelt sich um eine Blüte deutscher Erinnerungskultur. Populär, aber wissenschaftlich unhaltbar. Es gibt Photos, Tonaufnahmen und Berichte, aber keine davon ist stichhaltig, und die meisten entstanden erst später. Scheidemann selbst trug zur Entstehung des Mythos bei. In seinen Memoiren, zehn Jahre nach dem umstrittenen Ereignis entstanden, stilisiert er sich selbst zum Ausrufer der Republik. Da spielte er selbst schon keine Rolle mehr in der deutschen Politik. Und seine beiden wichtigsten Kontrahenten, Ebert und Liebknecht (der hatte wirklich eine Republik ausgerufen, die Räterepublik) konnten nicht mehr widersprechen. Sie waren bereits tot. Scheidemann selbst hatte die Rede 1921 in einem Erinnerungsbuch mit keinem Wort erwähnt. In einer Rede  von Carl Seevering, Sozialdemokrat, zum Jahrestag der Revolution 1928 ist von Scheidemann mit keinem Wort die Rede. Erst nach dem Krieg fasste die Legende Fuß. Was den Wortlaut angeht, ist in frühen Quellen davon die Rede, Scheidemann habe vom Sturz der Dynastie und der bevorstehenden Bildung einer neuen Regierung gesprochen. Von der Republik ist nicht die Rede. Was die Photos angeht, stellte sich Scheidemann nachträglich für eine Inszenierung in das Fenster der Reichskanzlei (nicht des Reichstags), zehn Jahre nach der Revolution. Und dann existiert noch ein Photo, auf dem der angebliche Scheidemann akrobatisch und schwindelfrei in Rednerpose acht Meter über dem Boden frei auf einer schmalen Balkonbrüstung steht. Es ist aber nicht zu erkennen, ob es sich dabei um Scheidemann handelt. Experten halten das Photo für eine Montage. (Machtan, Lothar: „Und nun geht nach Hause“, in: Die Zeit 15/2018: 21)

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Datumsgrenze

Der 23. April ist der Welttag des Buches, ein von der UNESCO ausgerufener Tag. Es ist der Feiertag des Schutzpatrons Kataloniens, Sant Jordi. An diesem Tag schenkt man einander traditionell eine Rose (Mann an Frau) oder ein Buch (Frau an Mann). Der 23. April ist das Datum des Todes von Shakespeare und Cervantes. Sie starben im selben Jahr! Aber sie starben zwar am selben Datum, aber nicht am selben Tag. Wie das? In England galt damals noch der julianische Kalender. Shakespeare starb also zehn Tage später als Cervantes!

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Saint Étienne

Ich stehe vor der Kirche in Saint Étienne Vallée Française und frage mich, wie wohl die Kirche von Saint Étienne Vallée Française heißt. Ja, wie heißt wohl die Kirche von Saint Étienne?

Der schönste Teil der Kirche ist der obere, steinsichtige Teil des Turms. Der muss romanisch sein, quadratisch, breit, gerade abschließend. Auch alles andere, auch innen, sieht romanisch aus, mit ganz leicht zugespitzten Rundbogenfenstern und einem Tonnengewölbe im Mittelschiff. Nur die langgezogenen, flachen Bögen, die das Mittelschiff von den Seitenschiffen abtrennen, deuten auf den barocken Ausbau hin, den es laut Inschrift gegeben hat. Offensichtlich hat der was mit dem Widerruf des Edikts von Nantes zu tun. Was genau verstehe ich nicht. Vermutlich wurden die Kapellen der Reformierten aufgelöst oder zerstört und die Gläubigen zwangskonvertiert. Also wurde eine größere Kirche erforderlich. Die Seitenschiffe wurden hinzugefügt, das Mittelschiff beträchtlich verlängert. In der Erklärung heißt es auch, die Kirche sei nie von den Protestanten angegriffen worden, ein Zeichen dafür, dass sie auch von ihnen, die hier die Mehrheit waren, geachtet wurde.

An der Straße befindet sich ein Schild, das den Stevenson-Trail zeigt. Er beginnt in Le Puy-en-Velay und endet in Alès. Saint Jean du Gard ist die zweitletzte Station. Stevenson hat diese gottverlassene Gegend durchwandert, mit einem Esel als Lastenträger, und hat darüber einen Reisebericht geschrieben. Die Tourismusindustrie der Cevennen nützt das weidlich aus.

In einer der Gassen um die Kirche herum gibt es einen Hinweis auf das Postamt, ganz versteckt im hinteren Winkel eines Grundstücks gelegen, das einen Kinderhort beherbergt. Es ist geöffnet. Die Atmosphäre ist die einer deutschen Amtsstube aus den sechziger Jahren. Die einzige Beamtin sitzt hinter einem Schalter. Es gibt hier nichts zu kaufen außer Briefmarken, und um die geht es mir. Die Beamtin ist sehr freundlich und spricht so, dass ich sie ohne Probleme verstehen kann. Die Briefmarken sind, wie fast überall, teurer als bei uns.

Es gibt einen kleinen Supermarkt, aber der hat französische Öffnungszeiten: Lundi au Samedi de 7h à 12h30 et de 16h à 19h30, Dimanche de 7h à 13h. Ich muss warten. In dem einzigen Café des Ortes mit dem schillernden Namen Un dimanche à la campagne bestelle ich einen Kaffee. Ich frage, ob es café au lait gebe, und bekomme, obwohl das bejaht wird, dann einen café longue, zu dem es etwas kalte Milch gibt. Nicht genau das, was ich erhofft hatte, aber wenigstens kann man sich hier aufwärmen. Und der Kaffee ist unschlagbar günstig: 1,50 €.

Wir haben gestern noch über die Nähe vom Französischen zum Italienischen gesprochen, und mir fällt jetzt das Wort für billig ein. Im Spanischen gibt es eine einfache Entsprechung, barato. Dagegen im Italienischen und im Französischen a buen mercato und bon marché.

Ich bin der einzige Gast. Die Toilette ist draußen auf dem Hof. Kein Klodeckel, aber immerhin Wasser. Der Weg führt vorbei an einer Art Küche, wo Ingredienzen für Speisen herumliegen, die hier wohl am Abend serviert werden, vermutlich Burger.

Als ich wieder ins Café komme, sind vier weitere Gäste eingetroffen. Die stehen an der Theke und überlegen, was sie bestellen sollen. Dann entscheiden sie sich: dreimal weiß, einmal rot.

An der Wand hängen zwei Räder eines alten Pferdewagens, deren Speichen als Aufbewahrungsort für Zigaretten dienen. Davor stehen ein Glas mit Korken von Weinflaschen und ein Becher mit Zuckertütchen. Weiter hinten steht der ausrangierte Teil einer Zapfanlage, darauf eine Würstchenzange und ein Putzmittel. Über der Theke ein Neonschild mit Bierreklame, und daneben ein Schwarz-Weiß-Photo, auf dem der Wirt vor der Theke posiert. Im hinteren Teil des Raums eine zusammengeklappte Stehleiter und eine Tiefkühltruhe mit den Emblem des französischen Äquivalents von Langnese. An der gegenüberliegenden Wand ein Fernseher, in dem Kloppo auf Englisch den Sieg seiner Mannschaft über Manchester City erklärt. Darunter eine alte, bräunliche Landkarte der Gegend, in der noch in altertümlicher Schreibweise von den Sevenes die Rede ist. Auf dem Tisch eine verstaubte Messingschachtel unbekannten Inhalts und eine Pappschachtel mit Spielkarten. In der Ecke ein vertrockneter Baumstamm als Schmuckelement, und am Ausgang ein runder Apparat, an dem man sich für einen Euro Nüsse oder Mandeln ziehen kann.

Der Boden ist belegt mit einem abgenutzten, roten Teppichboden, auf dem ein Ensemble unterschiedlicher Sessel und Stühle stehen. Noch bunter ist die Mischung aus Lampen an Wänden und Decken. Eine davon gibt in diesem Moment den Geist auf. Neben ihr lugt ein Elektrokabel aus der Decke. Ich verlasse das Café und bedauere, dass ich nicht zeichnen kann.

Neben dem Café steht auf einem Parkplatz eine bunt bemalte Ente mit dem Motto All you need is love zwischen Blumen auf dem Heck. Es gibt sie also noch. Auf der anderen Seite des Cafés stehen zwei vorsintflutlich aussehende Zapfsäulen. Ob sie noch in Betrieb sind?

Jetzt hat das Geschäft auf. Es gibt frisches Obst und Gemüse und ansonsten alles, was man so braucht, wenn auch in bescheidener Auswahl. An der Theke liegt bei Brot und Backwaren eine Art Stange. Ich erfahre, dass es ein sacristain aux amandes ist, ein Gebäck, eine regionale Spezialität. Als ich gerade überlege, wie man wohl Bon auf Französisch sagt, kommt mir die Verkäuferin zuvor, die meinen verwirrten Blick richtig deutet und fragt: „Ticket?“ Im Französischen gibt es ein englisches Lehnwort, wo wir ein französisches haben (das aber aus unerfindlichen Gründen in letzter Zeit dem Zettel weichen muss).

In einem immer geschlossenen Geschäft stehen im Schaufenster lokale Spezialitäten, vor allem Konfitüre. Aus Feigen, Zwiebeln und, natürlich, Kastanien.

Auf dem Weg in den Ort hinunter bin ich an verschiedenen vereinzelt gelegenen Gehöften vorbeigekommen. An einem weist ein Schild darauf hin, dass die Hunde friedfertig sind. Man wird aber gebeten, sie auf den Hof zurückzuscheuchen, damit sie einem nicht nachlaufen: Promeneurs: Chiens gentils, mais repoussez-les pour qu’ils ne vous suivent pas. Merci. Scheinen kontaktfreudige Hunde zu sein. Jedenfalls mache ich diese Erfahrung auf dem Rückweg. Zwei mächtige Hunde hängen sich an mich und begleiten mich bis ans Ziel. Er erfordert einige Telefonate und die Einschaltung des Rathauses, um einen von ihnen wieder zu seinem Herrchen zu bringen. Der ist dankbar, betont aber, dass es sich nicht um zwei Deutsche Schäferhunde handelt, sondern um einen Deutschen Schäferhund und einen Schweizer Schäferhund.

Besonders schön auf dem Weg sind die Mauern am Wegesrand, in früheren Zeiten von unendlich fleißigen Händen errichtet, um die Gegend bewirtschaften zu können. Zwischen den flach übereinanderliegenden, moosbewachsenen Schieferplatten findet sich immer wieder ein farbig schimmernder Granitbrocken, eigentlich der Statik geschuldet, aber auch was fürs Auge. An verschiedenen Stellen tröpfelt Wasser zwischen den Schieferplatten hervor. An anderen Stellen trifft man immer wieder auf kleinere Wasserfälle. Solche Mauern heißen, wie ich jetzt erfahre, im lokalen Dialekt bancels, und es gibt in der Nähe auch einen Ort, der Les Bancels heißt.

An einem Abhang steht ein offener, herrenloser Jeep, der so aussieht, als würde er im nächsten Moment den Hang hinunterrollen. Wer ihn warum hierhergestellt hat, bleibt offen.

Auf dem Rückweg hält ein Auto im Regen neben mir. Der Fahrer fragt freundlich, ob er mich mitnehmen könne. Ich schaffe es so gerade, ihm zu bedeuten, dass ich absichtlich zu Fuß gehe und kriege dann gerade noch, bevor er die Scheibe hochkurbelt, ein „Vous êtes très gentil“ hin.

Von unten, vom Dorf aus, hat man einen schönen Blick auf die Berge mit dunklen und hellen Wolken, zwischen denen der eine oder andere Sonnenstrahl hervorkommt. Ein fast mystisches Bild. Es entschädigt ein bisschen für die Kälte und den Regen. Beides hatten wir Mitte April hier, in den Cevennen, nicht mehr auf der Rechnung gehabt.

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Nicht im Bilde sein

Die sowjetische Fahne auf dem Berliner Reichstag – ein Bild für das Ende des 2. Weltkriegs, das sich dem kollektiven Gedächtnis eingeprägt hat: Hammer und Sichel statt Hakenkreuz. Das Photo suggeriert, es wäre genau in dem historischen Moment aufgenommen worden, dem Moment, wo die Sowjetarmee in Berlin eindrang und die Stadt unter ihre Kontrolle brachte. Das war aber schon Tage vorher geschehen. An dem Tag hatten sowjetische Soldaten zwar ein rotes Tuch, aber keine sowjetische Flagge und auch keine Fahnenstange. Erst dann flog der Photograph, Jewgeni Chaldej, nach Berlin. Er machte eine besonders gelungene Aufnahme, weil er das Brandenburger Tor im Hintergrund hatte. Die Idee mit der Fahne hatte er auch selbst und bat einen sowjetischen Soldaten, auf den Reichstag zu klettern und die Fahne zu schwingen. Alles war gestellt. Chaldej flog dann umgehend nach Moskau zurück. Als er das Bild unter die Lupe nahm, merkte er, dass der Soldat an beiden Armen eine Armbanduhr trug – eine musste gestohlen sein. Das würde einen schlechten Eindruck machen. Er machte sich also daran und retuschierte eine der Uhren weg.

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Minden

Was mich neugierig gemacht hatte: die Schiffsmühle. Ich hatte keine Ahnung, was das war. Aber Minden hat eine. Eine nachgebaute. Die letzte echte Schiffsmühle hatte Anfang des 20. Jahrhunderts den Betrieb eingestellt. Aber was war eine Schiffsmühle? Worauf bezieht sich der Wortteil Schiff? Das erfährt man bei der Besichtigung der Schiffsmühle: Eine Schiffsmühle ist eine Mühle, die sich auf dem Schiff befindet. So kommt die Mühle zum Bauern und nicht der Bauer zur Mühle. Die Schiffsmühle verrichtet ihre Arbeit an einer Stelle und macht sich dann auf den Weg zum nächsten Halt. So erklärt es uns ein junger Mann, der durch die Mühle führt. Die vielen technischen Details rauschen über die Köpfe seiner Zuhörer hinweg, aber sein Enthusiasmus ist einfach gewinnend. Er wirft die Mühle eigens für uns an. Roggen wird hier gemahlen. Er kommt als ganz feiner Staub unten in dem Beutel an. Das Mehl kann feiner oder gröber gemahlen werden, je nachdem, wie eng die beiden Mühlsteine aufeinander reiben. In den Schiffsmühlen wurde nicht nur Mehl gemahlen, auch Steine, die für den Bau zerkleinert wurden, landeten hier.

Die Schiffsmühle liegt an der Weser, nur ein paar Schritte vom Zentrum entfernt. Die Weser sieht wie ein richtiger Fluss aus, ist nicht kanalisiert. Und die Wege sind fast auf dem gleichen Niveau wie die Wasseroberfläche. Das ganze Gelände entlang der Weser ist voller Bäume, und dann taucht auch noch das auf, was man jetzt am dringlichsten benötigt: ein Café, mit Sitzplätzen draußen.

Vorher war ich in der Innenstadt gewesen. Auf dem schönen Marktplatz ein besonders prächtiges Haus im Stile der Weserrenaissance und ein besonders schönes Haus im Stile des Historizismus. Darin war eine alte Apotheke, und man sieht von außen noch die Regale und Schubladen mit Messingbeschlägen und Keramikschildern. Jetzt ist da ein Konfektionsgeschäft drin. Schrecklich!

In den anderen Straßen weitere Häuser im Stile der Weserrenaissance, von denen mehrere renoviert werden und nicht sichtbar sind. Ein besonders schönes Exemplar steht am Ende des Scharn, mit rechteckigen Fenstern in den Obergeschossen und rundbogigen Fenstern in den Giebelgeschossen. Vorgestellte Säulen teilen die Fassade in sechs Achsen, wobei die oberste Säule ein Fenster halbiert. Auf den Giebelkanten hocken nackte Gestalten.

Über die ganze Stadt verteilt moderne Skulpturen, meist ebenerdig: ein Junge, der aus seinem Mund in regelmäßigen Abständen Wasser in den Brunnen vor ihm spuckt; der Mindener Buttjer, eine Art Straßenjunge, barfuß, Mütze, Hände in den Taschen, Schlägermütze, Kopf schräg; und eine Statue von drei Figuren, fast ineinander verschlungen, mit einfachen, glatten, reduzierten Formen, die aber durch Gestik und Haltung als Vater, Mutter und Kind erkennbar sind. Schön.

In der Nähe des Buttjer ein Geschäft mit dem Namen Shirtladen. Man hört förmlich die entsetzten Proteste der Sprachpuristen. Aber es ist nichts anderes als Regierungsbildung. Darüber regt sich keiner auf.

An verschiedenen Stellen sieht man Firmennamen in antiquierter Schreibweise: Crane-Optic, Mindener Tageblatt.

Ohne zu suchen finde ich auch eine Reihe von kuriosen Shop Names: Haarmonie, Schöne Aussischten (Landschaftsarchitekt), Überschaubar, Bücherwurm, Das kleine Schwarze (mit einer Dependance für Dessous, die Na und? heißt).

Im Dom halte ich mich nur kurz auf. Erstaunlich der Kontrast zwischen dem sehr dunklen Chor und dem sehr hellen Hauptraum. Im nördlichen Seitenschiff eine bemerkenswerte Skulptur, die Erweiterung des Motivs der Anna Selbdritt um Annas Mutter, der legendären Emerentia. Hatte ich noch nie gesehen und noch nie von gehört. Die Figur hier ist vermutlich der Rest eines Schnitzaltars. Leider ist das Jesuskind verloren gegangen. So wird die Figur ihrem Namen Emerentia Selbviert nicht ganz gerecht.

An der Westwand liest man die Geschichte eines Menschen, der sein Kreuz loswerden will und sich ein anderes sucht. Erst fällt ihm eins ins Auge, das schön und glänzend ist, aber es stellt sich heraus, dass es aus Metall und viel zu schwer für ihn ist. Dann sieht er ein anderes, das leichter aussieht, aber als er es schultert, merkt er, dass Nägel aus dem Balken heraustreten, die sich ihm in die Schulter bohren. Die Suche geht immer weiter. Am Ende findet er eins, das passt. Als er es ansieht, merkt er, dass es sein eigenes Kreuz ist, das, das er loswerden wollte. Eine etwas simple Geschichte, aber sie verfehlt ihre Wirkung nicht.

Gleich am Morgen, genau zur richtigen Tageszeit, war ich in St. Martini gelandet. Zufällig. Die Stiftsallee hatte mich vom Hotel aus direkt auf das Stift hin geführt. Das ehemalige Stift, müsste es heißen. Es herrscht herrlicher Sonnenschein, und die einfachen, aber schönen Buntglasfenster kommen voll zur Wirkung. Die geometrischen Muster spiegeln sich auf dem Fußboden und auf den massiven Pfeilern.

Die Kirche hat keinen Turm. Der ist irgendwann, im Mittelalter, eingestürzt, dann neu gebaut worden und wieder eingestürzt, bis man es aufgegeben hat.

Die Kirche ist, typisch Westfalen, im Laufe ihrer Geschichte in eine Hallenkirche verwandelt worden, genauso wie der Dom. Sie sieht aber von außen ganz anders aus, geradezu “normal” im Vergleich zu dem Dom mit seiner ganz merkwürdigen Fassade mit dem Querriegel und den turmartigen oberen Geschoss. Im Norden sieht man an der Martinikirche auch die vor das Dach gesetzten Giebel, wie ich sie von früher aus dieser Gegend in Erinnerung habe.

Die Kirche hat ein paar sehenswerte Ausstattungsstücke, und man kann sich alles aus der Nähe ansehen, auch, was im Chor steht. Keine Alarmanlage, keine Verbotsschilder. Und ich bin ganz alleine. Es muss nicht immer der Louvre sein.

Vorne im Chor steht ein sehr schön verziertes, oben spitz zulaufendes Gerät aus Messing (XV). Auch beim zweiten Hinsehen kommt man nicht darauf, was es ist: ein Taufbecken. Der Unterbau hat eine eigenwillige Form mit Balustersäulchen und der Oberbau hängt an einem schwenkbaren Kranarm!

Das Chorgestühl ist eigentlich einfach, aber am hinteren Ende ist es bekrönt von zwei gefesselten Drachen links und zwei gefesselten Nashörnern rechts. Ein Nashorn in der Kirche! Ein schönes Photomotiv. Die beiden Tiere stehen für Zorn und Zwietracht, und die Fesseln dafür, wie man sie in den Griff bekommt.

Das auffälligste Ausstattungsstück ist die Kanzel, farbig gefasst, mit gemalter Holzmaserung und Marmorierung, mit allerlei Schnitzereien am Aufgang, am Kanzelkorb und am Schalldeckel. Den Schnitzereien liegt ein aufwändiges Programm zugrunde, das ich aber nicht ganz verstehe. Es heißt, man müsse die Kanzel von unten nach oben lesen. Das Programm erklärt auch die Anwesenheit von vier barbusigen, die dem Betrachter ihre Brust entgegenstrecken. Es müssen Sirenen sein oder Meerjungfern, und die entsteigen den Wellen unter ihnen und verbinden die heidnische Welt mit der christlich geprägten Welt weiter oben. So ähnlich. Auf dem Schalldeckel oben thront der triumphierende Christus, und er ist mit vier von Engeln verzierten Bögen mit vier Frauengestalten verbunden, die vier Tugenden repräsentieren: Weisheit (mit Doppelgesicht), Gerechtigkeit (mit Reichsapfel), Liebe (mit trinkendem Kind an der Brust), Hoffnung (als Tänzerin dargestellt). Leider kann man von unten nicht alle Details gut erkennen, und man möchte gerne noch mehr über die allegorische Sprache wissen: Warum verkörpert das Doppelgesicht die Weisheit?

Als ich später in der Innenstadt nach der Alten Münze frage, muss ich erstaunt feststellen, dass kein Mensch sie kennt, auch nicht die Straße, an der sie liegt. Am Ende stellt sich heraus, dass sie gleich hinter St. Martini liegt. Eine Verkäuferin aus einem Laden der Alten Münze gegenüber kann es kaum fassen: In Minden muss doch jeder die Alte Münze kennen. Es ist ein Quaderbau aus dem Hochmittelalter, wohl der älteste Profanbau der Stadt, und hat eine schön gestaltete Fassade. Der Name deutet darauf hin, dass Minden tatsächlich früher das Münzrecht gehabt hat. Heute beherbergt das Haus ein Restaurant, aber nicht deutsche Hausmannskost, sondern griechische!

Das ganze Viertel hier oben ist ausgesprochen sehenswert, mit schief stehenden Fachwerkhäusern an gekrümmten Gassen. Es hat etwas Heimeliges. In einem der Fachwerkhäuser ist auch das Stadtmuseum. Das wird auf dem Programm stehen, wenn es das nächste Mal nach Minden geht.

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