Auf der Insel des Kaisers

Friedrich Spee wurde hier geboren, in Kaiserswerth, und nicht in Trier, wie ich dachte. Dort hat er nur ein paar Jahre als junger Mann und die letzten Jahre vor seinem Tod verbracht. Die Friedrich-Spee-Gesellschaft ist auch hier in Kaiserswerth ansässig, und im Zentrum gibt es eine Friedrich-von-Spee-Straße. Ob mit oder ohne von scheint eher willkürlich zu sein.

Wer sich über Friedrich Spee in Kaiserswerth wundert, wundert sich erst recht über Florence Nightingale in Kaiserswerth. Aber die hat hier wirklich ihre Ausbildung zur Krankenschwester gemacht, gegen den Willen ihrer vornehmen Familie, die so etwas als ihrem Stande nicht würdig empfand. Die Legende hat die Wirklichkeitihres Wirkens etwas verzerrt, denn ihre Aufgabe war in erster Linie der Aufbau einer funktionierenden Krankenversorgung, die Organisation der Abläufe, die Sicherung von Nachschub, und erst in zweiter Linie der direkte Kontakt mit den verletzten oder erkrankten Soldaten. Sie war eine Macherin, eine Managerin. Und zwar eine sehr erfolgreiche. Auf unserem Rundgang durch Kaiserswerth stoßen wir nicht auf sie. Vielleicht hat sie ihre Ausbildung in der Diakonie gemacht, dem evangelischen Gegenstück zur katholischen Caritas. Die wurde, wie ich jetzt erfahre, hier, in Kaiserswerth, von dem Ehepaar Fliedner gegründet, im 19. Jahrhundert. Die Gebäude der Diakonie nehmen einen ganzen Straßenzug ein, auf dem Kaiserswerther Markt, der lang gestreckten Geschäftsstraße des Zentrums, die sich hier in zwei Teile teilt. Auf dem nördlichen Teil befindet sich die Diakonie. Die ganze Gebäudestrecke ist in zwei gleichmäßige Teile geteilt durch eine etwas erhöht liegende, weiß getünchte Kirche, der man ansieht, dass sie evangelisch ist. Eine zweiläufige Treppe führt zu dem Eingang mit einem erhöhten Abschluss, barock, aber einfach. Wir erfahren auf einer der Schautafeln, dass die Diakonie ursprünglich ein Asylantenheim war, obwohl nicht ganz klar ist, was damals unter Asylanten zu verstehen war. Das Krankenhaus, das der Diakonie angeschlossen ist, heißt Florence-Nightingale-Krankenhaus. Also doch wenigstens eine Spur.

Kaiserswerth trägt seinen Namen zu Recht: Hier waren die Kaiser am Werk. Sie errichteten hier eine Pfalz. Der eigentliche Erbauer war Heinrich II. Diese Pfalz wurde später von Friedrich Barbarossa ausgebaut (der im übrigen auch in Kaiserslautern eine Pfalz errichten ließ). Der verlegte eine Zollstation von Holland hierher, und diese Zollstation bestand jahrhundertelang, die Grundlage für den Reichtum Kaiserswerths. Der Ort entwickelte sich um die Pfalz herum und wurde später zur Stadt erhoben. Das kaiserliche Erbe erklärt auch, warum auf dem Stadtwappen, auf das wir immer wieder stoßen, ein doppelköpfiger, schwarzer Adler auftaucht. Der zierte schon im Mittelalter das Wappen der Stadt. Das Kreuz, das er auf der Brust trägt, ist kurkölnisch.

Das alles erklärt den Kaiser in Kaiserswerth, aber es erklärt nicht Kaiserswerth. Der zweite Wortbestandteil ist nicht so offensichtlich wie der erste. Er ist abgeleitet von dem althochdeutschen Wort werid, ‚Insel‘. Wir befinden uns also auf der ‘Insel des Kaisers’. Aber: Wo ist die Insel? Keine Spur davon. Die Erklärung: Die Insel gibt es nicht mehr. Sie wurde früher gebildet von dem Rhein und einem Nebenarm des Rheins, der einen Winkel bildete. Dieser Nebenarm wurde zugeschüttet von Angreifern, die es auf die Burg abgesehen hatten. Und das alles nur, um den Bischof von Münster zu befreien! Und weg war die Insel! Fehlt noch ein kurioses Detail, das dem Ganzen den Gipfel aufsetzt: Der Nebenarm des Rheins war kein natürlicher Nebenarm, sondern zum Schutz der Burg künstlich angelegt worden!

Zu der gelangen wir zuerst, über eine schön angelegte Allee. Es sind zwar nur noch Ruinen erhalten, und es ist nicht ganz einfach, das, was man sieht, in Einklang zu bringen mit dem, was man auf Abbildungen sieht, die die alte Burg darstellen, aber was an Ruinen übrig geblieben ist, ist beachtlich. Vor allem die Höhe der Anlage – sie umfasste drei Stockwerke – kommt noch voll zur Geltung.

Von oben sieht man auf den Rhein und die gegenüberliegende Rheinseite, die linke. Hier verkehrt tatsächlich noch eine Fähre. Auch heute ist sie in Betrieb. Der Blick rheinaufwärts wird pointiert durch eine moderne Skulptur, die man hier vor der Burg aufgestellt hat. Sie zeigt einen Menschen in stark stilisierter Form. Was für eine Bewandtnis es mit der Skulptur hat, erfährt man nicht.

Die Grundmauern der Burg sind aus unbearbeiteten, großen Granitsteinen, durch Zement zusammengehalten. Man sieht aber auch Wände aus Sandstein und aus Ziegelsteinen. Auffällig ist ein runder Turm mitten in der Anlage. Er beherbergte ursprünglich die Burgkapelle und wurde später, als bei einem Umbau eine neue Kapelle hinzukam, zum Brunnen umgebaut. Hört man auch nicht alle Tage.

In die Umfassungsmauer der Kaiserpfalz sind Grabsteine eingelassen. Auf einem lesen wir, dass der „achtbare Petter Duckdorff“ im Alter von 63 Jahren, „im Herrn erschlaffen“ sei. Kein Rechtschreibfehler, sondern Zeichen für die Verlängerung des Vokals. Der verlängerte Vokal wurde früher, jedenfalls in vielen Varianten des Deutschen, durch einen Doppelkonsonanten angezeigt. Das sieht man auch an Petter, dem Vornamen des achtbaren Mannes. Deshalb ist ein Schäffer ein Schäfer genauso wie ein Guttenberg ein Gutenberg und die Utta eine Uta ist.

Von der Kaiserpfalz kommen wir zur Stiftskirche, einer dreischiffigen, flachgedeckten Basilika mit auffällig niedrigen Seitenschiffen. Von wann die verschiedenen Bauteile stammen, ist schwer zu sagen. Die Glasfenster sind modern, ihre Form eher romanisch. Der Raumeindruck ist nicht überwältigend, aber das Licht kommt an diesem sonnigen Tag gut zur Geltung.

Von der Ausstattung ist ein goldener Reliquienschrein im Chor das wertvollste Stück. Dummerweise ist der Chor abgeschlossen und man kann ausgerechnet diesen Schatz nicht aus der Nähe ansehen. Aus der Distanz sieht er aus wie der kleine Bruder des Dreikönigsschreins in Köln. Der Schrein beherbergt die Reliquien des Hl. Suitbert, einem angelsächsischen Missionar, der im Gefolge von Willibrord auf den Kontinent kam. Dem ist die Existenz Kaiserswerths zu verdanken. Er gründete hier das Kloster und war dessen erster Abt. Über sein abenteuerliches Leben weiß man etwas durch Bedes berühmte Geschichte. Sein Anliegen brachte ihn aus Irland nach England, nach Rom und zu den Franken und Sachsen. Es ging hin und her. Was er allein an Reisen in diesen gefährlichen Zeiten hinter sich gebracht hat, ist beeindruckend. Zum Heiligen wurde er durch die Bekehrung fränkischer Stämme, die zwischen Ruhr und Lippe angesiedelt waren. Dabei konnte er auf die Unterstützung von Pippin zählen.

Zur Ausstattung der Kirche gehört auch ein fünfeckiger Taufstein, der von Löwen bewacht wird, die das Aussehen von Hunden haben. Im südlichen Seitenschiff eine Kreuzigungsszene mit einem zu groß geratenen Kreuz, und im nördlichen Seitenschiff ein schöner Christus, ganz spärlich bekleidet, ausgezehrt, mit gesenktem Kopf und weit ausgebreiteten Armen. Das Kreuz fehlt. Die Figur hängt vor einer vergoldeten Wand.

Auf dem Stiftsplatz befinden sich Spees Geburtshaus und andere historische Häuser, ein schönes Ensemble. An der Außenwand der Kirche, im Osten, ist ein großes Bronzerelief angebracht, in Erinnerung an Spee. Im Zentrum des Reliefs stützt Spee eine in Ketten gelegte Frau, die als Hexe verurteilt worden ist. Er beugt sich über sie. Das Relief hat so viele Szenen und Figuren, dass wir immer wieder was Neues entdecken, u.a. die Folterwerkzeuge der Hexenprozesse, die Stiftskirche selbst, das Emblem des Jesuitenorden und einen Stern. Der steht für Suitbert, und dem Stern begegnet man hier in Kaiserswerth immer wieder.

Wir kommen zum Kaiserswerther Markt. Hier gibt es einen Friseur, der einfach Friseur heißt, einen anderen Friseur, der Hairlich heißt, und eine Buchhandlung, die Lesezeit heißt. Die Straße hat auf beiden Seiten historische Häuser mit schönen Fassaden. Die meisten sind aus einem dunklen Backstein gebaut. Eins von ihnen beheimatet das Restaurant Im Schiffchen, ein Restaurant der Spitzenklasse. Die Speisekarte hört sich aber gar nicht abschreckend an, und die Preise sind hoch, aber nicht astronomisch.

Auf der gegenüberliegenden Seite steht ein Haus mit Giebel, in dessen Fassade mit Ankersplinten die Jahreszahl der Erbauung eingelassen ist. Das Haus war das ehemalige Zollhaus, und als Erinnerung daran sieht man in einer Nische an der Ecke des Hauses eine Figur, die mit einem Anker und einem Geldbeutel ausgestattet ist, Erinnerung an die einträgliche Zollstation, die Kaiserswerth vom Mittelalter an über Jahrhunderte Reichtum verschaffte. Das scheint auch heute noch zu sein, obwohl das Zentrum teils auch gediegen und teils sogar bäuerlich aussieht.

Wir gehen bis zum anderen Ende des Kaiserswerther Markts, bis zu einer Brücke, unter der man Wasser vermutet, aber keins findet. Beides hat seinen Grund: Hier verlief ehemals der Nebenarm des Rheins, und der markierte die Stadtgrenze, und auch heute noch markiert die Brücke das Ende der Altstadt.

Nach der Besichtigung machen wir Rast in einem schön gelegenen Biergarten, unter Bäumen, direkt am Rhein. An den Preisen merkt man, das Kaiserswerth auch heute nicht gerade ein Armenviertel ist.

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Das Leben ein Traum

Kein Tier kann ohne Schlaf überleben. Schlaflosigkeit, wenn künstlich herbeigeführt, macht krank und führt im schlimmsten Fall zum Tod.

Das Schlafbedürfnis der Kleinsten ist dabei am größten. Babys haben den Schlaf so nötig, dass sie sich beim schlimmsten Lärm tief schlafen. Die REM-Phase ist bei jüngeren Tieren in der Regel aktiver als bei älteren Tieren und dauert länger.

Warum wir überhaupt schlafen, darauf gibt es keine schlüssige Antwort. Oft wird das Bedürfnis nach Ruhe als Grund angeführt, aber das Gehirn ist während des Schlafs alles andere als ruhig. Wir sprechen im Schlaf, wir schlafwandeln, wir träumen. Und nicht nur derjenige, der am Tag aktiv war, schläft, sondern auch derjenige, der den ganzen Tag auf dem Sofa verbracht hat. Der Schlaf scheint andere Funktionen zu haben. Vielleicht geht es eher um das Aufräumen im Kopf. Der Tagesrhythmus ist dazu von biochemischen Prozessen bestimmt, nicht von dem Grad der Erschöpfung. Vereinfacht gesagt: Wir schlafen, weil es dunkel wird.

Die Länge des Schlafs variiert im Tierreich sehr. Giraffen schlafen nur etwas zwei Stunden pro Tag, Fledermäuse schlafen bis zu zwanzig Stunden pro Tag. Elefanten kommen mit fünf Stunden aus, aber der Anteil der Traumphasen ist bei ihnen sehr hoch, höher als beim Menschen. Vögel schlafen um die zehn Stunden, aber nicht am Stück. Mauersegler schlafen im Flug. Vom Beginn ihres ersten Flugs an verbleiben sie mehr als zwanzig Monate in der Luft. Dabei trinken sie, fangen Insekten, lieben sich und schlafen.

Enten schlafen in Gruppen. Dabei haben die, die außen positioniert sind, ein Auge geschlossen, eins geöffnet. Im Laufe der Nacht wechseln sie die Position, im doppelten Sinne: Sie drehen sich um, so dass das jeweils andere Auge geschlossen bzw. geöffnet ist, und sie tauschen mit Enten, die im inneren Kreis waren und die jetzt die Wache übernehmen, während sie beide Augen schließen können. Auch Meeressäuger schlafen halbseitig. Und junge Wale schlafen gar nicht. Sie müssen es erst lernen.

Augenlider sind eine relativ neue Erfindung der Evolution. Sie sind die Voraussetzung fürs Träumen. Nur Säugetiere, Vögel und Reptilien haben Augenlider. Stachelhäuter, Fische, Krebse haben keine Augenlider, auch Schlangen nicht. Sie können deshalb die Augen nicht schließen. Bestimmte Reptilien wie Frösche können allerdings die Augen komplett einfahren. Sie schlafen, aber sie träumen nicht.

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Schleierhaft

Warum heißt der Graue Star eigentlich Grauer Star? Das hat sich wahrscheinlich jeder schon mal gefragt, der die Diagnose gehört hat. Haben die Stare oder gar die Stars etwas damit zu tun? Nein, weder noch. Der Graue Star kommt von starr und bezieht sich auf den starren Blick, den man Patienten mit dieser Krankheit attestierte. Zugrunde liegt mittelhochdeutsch starra plint, Blindheit durch Erstarrung.

Der medizinische Terminus ist Katarakt. Das Wort bezeichnet das Augenleiden, aber auch einen Wasserfall. Was war zuerst da? Die Bedeutung ‚Wasserfall‘ war die ursprüngliche, das tertium comparationis der Schleier, der sich bei herabstürzendem Wasser bildet und der Schleier, der sich vor dem Auge bildet, wenn man dieses Augenleiden hat. Die Araber nennen die Erkrankung heute noch ‚Weißes Wasser‘. Man meinte früher, es würde etwas über die Pupille fließen.

Kunstmaler mit Katarakt malen mit zunehmender Krankheit in dumpfen, weniger kontrastreichen Farben, z.B. Turner, der nachgewiesener Weise den Grauen Star hatte. Das Wort kam aus dem Lateinischen ins Deutsche, ist aber ursprünglich griechisch. Das griechische Wort ist Maskulinum, das lateinische Femininum. Das schlägt sich im heutigen deutschen Gebrauch nieder: Katarakt in der Bedeutung ‚Wasserfall‘ ist Maskulinum, Katarakt in der Bedeutung ‚Augenleiden‘ ist Femininum! Auch andere Sprachen haben das Wort in beiden Bedeutungen übernommen, darunter Englisch und Spanisch, aber ohne Genusunterscheidung. Das griechische Wort bedeutete ursprünglich ‚Fallgitter‘ oder ‚Tor‘. Der dynamische Aspekt des Herabstürzens war verantwortlich für die Bedeutung ‚Wasserfall‘. Die in King Lear erwähnten Katarakte sind, oberflächlich betrachtet, Teile des tosenden Sturms, können aber auch als Verweis auf Lears Blindheit verstanden werden.

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Ein Hingucker

In Luxemburger Wörtern taucht gelegentlich der Buchstabe <ë> auf. Er wurde anstelle des ursprünglichen <ö> eingeführt, um einen Laut zu bezeichnen, der irgendwo zwischen denen von <ö> und <e> angesiedelt ist. Natürlich findet sich das Trema auf dem <e> auch in anderen Sprachen wie dem Französischen. Am häufigsten vertreten ist es im Albanischen, wo es der häufigste Buchstabe überhaupt ist. Im Deutschen taucht es höchstens in Eigennamen wie dem Nachnamen Piëch auf und ist ein Indiz dafür, dass die ursprüngliche Aussprache anders war als die assimilierte deutsche Aussprache heute. Das Trema hat hier seine „eigentliche“ Funktion, die Funktion der Trennung der Vokale. Anders ist es bei Mme. de Staël, bei der der Buchstabe keinen Laut vertritt. Bei den englischen Brontës ist es eine reine Spielerei. Die Geschwister wollten den ursprünglich Bronte geschriebenen Namen irgendwie aufwerten, cooler wirken lassen. Das <ë> ist weder historisch relevant noch für die Aussprache. Im Luxemburgischen, dem Ausgangspunkt dieser Bemerkungen, hat der ungewöhnliche Buchstabe seinen prominentesten Platz im Namen des Landes, Lëtzebuerg.

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Milkman

The protagonist of Milkman is not a milkman. Nobody quite knows why he is called Milkman. There is also a real milkman, a character who is gaining protagonism as the story develops. To distinguish him from the other milkman, he is referred to as real milkman. After some dramatic events, in which both milkmen are affected by acts of violence, it is revealed that the first milkman is called milkman because his name is Milkman. First, the narrator is puzzled but then she starts thinking: Butcher‘s a name, Sexton‘s a name. And so is Weaver, Hunter, Roper, Cleaver, Player, Mason, Thatcher, Carver, Wheeler, Planter, Trapper, Teller, Doolittle, Pope and Nunn. Why shouldn‘t Milkman be one? (Burns, Anna: Milkman. London: Faber & Faber, 2018: 304)

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Bestimmung

Die Stimme eines Menschen gibt uns Hinweise auf das Alter des Sprechers, aber die sind nicht so zuverlässig wie die Hinweise durch das Aussehen. Die Experimente, so weit es zuverlässige Experimente gibt, zeigen, dass man sich bei einem Photo im Schnitt um sechs Jahre verschätzt, bei der Stimme um zehn Jahre. Aber die Stimme verändert sich definitiv mit dem Älterwerden. Die Stimmlippen schließen nicht mehr so gut, die Stimme wird rauer. Und sie wird tiefer. Die Stimme von Männern, die im Stimmbruch um eine Oktav tiefer geworden ist, wird im Alter wieder höher. Die Stimme von Frauen, die sich während der Pubertät nicht ändert, sinkt mit wachsendem Alter, vor allem nach den Wechseljahren. Zusätzlich bewirken kognitive Veränderungen, dass wir langsamer sprechen. (Drösser, Christoph: “Stimmt’s”, in: Die Zeit 19/2020: 33)

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Geheimschrift

Astrid Lindgren, die ausgebildete Sekretärin war, schrieb ihre Manuskripte in Kurzschrift. Erst wenn sie ganz zufrieden war, tippte sie sie ab. Deshalb gibt es in diesen Texten kaum Korrekturen. Bis heute können viele ihrer Manuskripte nicht gelesen werden. Bei einer erfahrenen Stenotypistin wie Lindgren ähneln die Zeichen der Kurzschrift einer Geheimschrift. (Hörnlein, Katrin: Pippis Erben”, in: Die Zeit 19/2020: 53-54)

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Zeigt her eure Knie

Nicht alle Menschen haben sie: die Fabella. Es handelt sich um ein kleines, rundes Knöchelchen in der Kniekehle. Immer mehr Menschen, heißt es, besäßen heute eine Fabella. Das legt eine Untersuchung aus dem Jahr 2019 nahe. Die untersuchte Studien aus den letzten 150 Jahren und sah, dass in denen immer häufiger von der Fabella die Rede war. Aber, wie so oft in der Forschung, werden Ergebnisse, besonders wenn sie Aufmerksamkeit erregen, weil sie verblüffend sind, falsch dargestellt. Wenn in den untersuchten Studien vermehrt von der Fabella die Rede ist, heißt das noch nicht, dass mehr Menschen eine Fabella haben. Es kann einfach sein, dass sie mehr Beachtung gefunden hat. Das verschweigt die Studie (oder erwähnt es nur ganz am Rande). Und das führt zu falschen Schlussfolgerungen. Was den ästhetischen Reiz des Knies angeht, hatte Coco Chanel eine besonders dezidierte Meinung: Nicht eine von hundert Frauen habe ein schönes Knie, befand sie. Nicht schwer zu erraten, wie sie zum Minirock stand. (Rezec, Oliver: “Das große Osterrätsel ist gelöst”, in: Süddeutsche Zeitung 96/2020: 57)

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Gesundschrumpfen?

Als das Weströmische Reich unterging, blieb das Oströmische Reich bestehen. Und nicht nur das. Es verstand sich als einzige Großmacht, höchstens von Persien in seiner Hegemonie bedrängt. Zu dem Reich gehörten im Jahre 600 noch Antiochia, Karthago, Alexandria und auch Rom selbst, sowie sämtliche Mittelmeerinseln! Und Konstantinopel selbst war eine prächtige Stadt mit Hunderttausenden von Einwohnern. 200 Jahre später sah das ganz anders aus. Das Reich war auf ein Viertel seines ehemaligen Territoriums zusammengeschrumpft, reduziert auf Griechenland, Kleinasien und Süditalien. Doch gerade das war seine Rettung. Aus einem unregierbaren Reich wurde ein viel kleineres, homogeneres Staatswesen geworden, mit einem höchst effizienten System der Verteidigung und einer überschaubaren Verwaltung. Dieses System hielt sich noch Jahrhunderte. (Käppner, Joachim: “Betet, meine Kinder”, in: Süddeutsche Zeitung 96/2020: 51)

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Yid

Yid is a word used to refer to supporters of Tottenham Hotspur because many of their supporters are (believed to be) Jewish. The word has an entry in the OED and a variegated history. Yid war originally a Jiddish word used by Jews to refer to themselves. A neutral word. From the 1930s onwards, it began to gain negative connotations and was used by non-Jews to refer to Jews, in a derogatory way. This is, at least approximately, the way it is used by supporters of other football clubs to refer to the Spurs supporters (though one could argue that the racial undertones are not relevant here). It has become a nickname, as the OED calls it. And, as has happended to other words in recent decades, it has now been reclaimed by its former victims. In a response to the hostile word used by supporters of other clubs, Spurs supporters (some of them) have begun to use it themselves, thus allieviating the word of its charge. In a recent survey amongst Spurs supporters, 33% of respondent said they used the word regularly, though almost half of them said the word should be used less or not at all. Amongst Jewish Spurs supporters, 16% said the word should be used less, 26% said that it should be used not at all, but 58% said they did not object at all to the use of the word. The fact that the word was included in the OED spurred a lot of protest, a protest which is based on false assumptions about dictionaries (and probably language). The headline of the Guardian article says it all. (Murphy, Lynne: “The point of dictionaries is to describe how language is used, not to police it”. The Guardian: https://www.theguardian.com/commentisfree/2020/feb/17/dictionaries-language-tottenham-hotspur-oed-y-word-definition (accessed 24/04/2020)

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Biber miber

Im Türkischen kann man die Form falan filan einem Substantiv hinzufügen, wenn noch andere Dinge dazugehören, man diese aber nicht ganz genau benennen kann. Das bedeutet so etwas wie ‘und dergleichen’, ‘solche Sachen’, ‘so ein Zeug’, ‘und so weiter’. Wenn man Salat und so ein Zeug noch besorgen will, spricht man von salata falan filan. Man kann sich auch mit einer der beiden Formen begnügen, aber dann hat man keine freie Auswahl. Die richtet sich nach der türkischen Vokalharmonie. Es muss also salata falan heißen, aber, wenn es sich um Paprika handelt, biber filan. Auch für Personen (und deren Anhang) kann man das benutzen: Merve filan, ‘Merve und so’. Es gibt noch eine weitere Form, dasselbe auszudrücken, und zwar durch eine Reimdoppelung. Dabei wird das Wort wiederholt, bekommt aber im Anlaut ein /m/. So kann man von domates momates sprechen oder von biber miber.

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Simple, pero no fácil

Im Libanon lässt sich alles erklären und nichts verstehen. Schöne Formulierung, in einem Zeitschriftenartikel gefunden. Der (scheinbare) Widerspruch von erklären und verstehen bringt eine Spannung in den Satz, die ihn von einer alltäglichen Formulierung unterscheidet. Ähnlich in einer Radiosendung, in der im Zusammenhang mit Apollo 13 von erfolgreichem Scheitern die Rede war- successful failure. Oder in einem Rezept für die spanische Fabada im Internet. Da heißt es, eine Fabada zu machen, sei einfach aber nicht leicht – simple, pero no fácil.

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Monduntergang

Bei Vollmond gepflückte Äpfel verrotten schneller als die zu anderen Zeiten gepfückten, bei Vollmond gefälltes Holz ist besser als das zu anderen Zeiten gefällte. Immer wieder hört man diese Behauptungen. Im Fernsehen werden zwei Experimente gezeigt – sehr einfach bei den Äpfeln, aufwändig beim Holz – die beides überzeugend widerlegen. Aber dann kommt eine wissenschaftliche Studie, die belegt, dass man bei Vollmond schlechter schläft. Seit Jahren mache ich mir keine Freunde, wenn ich das als Unsinn bezeichne. Aber jetzt kommen Wissenschaftler und belegen diese These. Und sind selbst überrascht von dem Ergebnis. Sie hätten sich die Daten immer wieder angesehen, aber es gebe kein Vertun: Bei Vollmond waren die Probanden fünf Minuten später eingeschlafen, fünf Minuten eher aufgewacht und hatten um 30% kürzere Tiefschlafphasen gehabt. Doch dann sieht ein anderer Wissenschaftler sich die Ergebnisse an und stellt fest: Bei den Vollmond-Probanden war das Durchschnittalter viel höher als bei den anderen. Und alte Menschen schlafen eher etwas schlechter (meines Erachtens deshalb, weil sie tagsüber, oft ohne es zu merken, schon mal ein Nickerchen machen). Wieder das alte Lied: Es gab eine Korrelation zwischen zwei Faktoren, keinen Kausalzusammenhang! Der kritische Wissenschaftler führte dann ein eigenes Experiment durch, mit 200 Probanden und viel mehr Schlafstunden als bei dem ursprünglichen Experiment. Und einer ähnlichen Altersstruktur bei beiden Gruppen. Ergebnis: kein Unterschied! Der Mythos wird sich trotzdem halten. Was sind schon Fakten gegen die eigenen Erfahrung, gegen die eigene Wahrnehmung, gegen die eigene Überzeugung? Ich werde mir weiterhin keine Freunde machen, wenn die Rede auf das Thema kommt. Es sei denn, ich halte die Klappe.

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Schaltstelle 23

Der Mensch hat 23 Chromosomenpaare in seinem Erbgut. Und auf das 23. kommt es an, wenn es um das Geschlecht geht. Man hat zwei X-Chromosomen oder ein X-Chromosom und ein Y-Chromosom. Zwei X-Chromosome zu haben ist ein Vorteil: Gibt es in einem Chromosom in einem Gen einen Defekt, kann der durch das andere ausgeglichen werden. Bei Säugetieren, und eben auch beim Menschen, haben die Weibchen zwei X-Chromosome. Das bedeutet auch eine längere Lebenserwartung: Frauen leben weltweit etwas viereinhalb Jahre länger als Männer. Auch bei anderen Tieren ist das der Fall. Extreme Beispiele sind die Deutsche Schabe und die Breitfuß-Beutelmaus. Weibliche Schaben leben ca. 200 Tage, männliche nur ca. 25 Tage, bei den Mäusen sterben die Männchen nach ca. elf Monaten, die Weibchen werden bis zu drei Jahre alt. Es gibt aber auch Tiere, bei denen die Männchen zwei X-Chromosome haben. Dazu zählen Vögel und Schmetterlinge. Hier hat das Männchen eine längere Lebenserwartung, aber ihr Vorteil an Lebenszeit ist geringer. Er liegt nur bei ca. 7%. Das 23. Chromosom erklärt also nicht alles, auch die unterschiedliche Lebenserwartung bei den Menschen nicht. Eine weitere Rolle spielt der Lebensstil. Frauen gehen weniger Risiken ein, trinken weniger Alkohol, ernähren sich vernünftiger. Aber auch die Selektion spielt eine Rolle. Männer verbrauchen viel mehr Energie im Kampf um eine Partnerin. Der zehrt an den Kraftreserven. Und geht auf die Gesundheit. (Regel, Nadine: “Doppelt hält besser”, in: Süddeutsche Zeitung 63/2020: 23)

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Mythenmacher Wissenschaftler

Affirmative citation bias – ein etwas sperriger Begriff, aber was er bezeichnet, ist wichtig. Der Begriff wurde geprägt von einem norwegischen Philosophen aus Lillehammer, Kåre Letrud. Es geht, vereinfacht gesagt, um die Wissenschaftsgläubigkeit der Wissenschaft. Wissenschaftler neigen dazu, an etablierten Erkenntnissen festzuhalten. Der Aufhänger für Letruds These ist die Literatur zum Hawthorne-Effekt. Es gab drei Studien, die die Stichhaltigkeit der Untersuchungen zum Hawthorne-Effekt in Zweifel zogen. Die Datenlage war einfach nicht solide genug. Diese Studien wurden wiederum zitiert von anderen Wissenschaftler, aber als Bestätigung des Hawthorne-Effekts! Obwohl sie gerade das Gegenteil aussagten! Eine der Studien wurde insgesamt 196 mal zitiert, dabei 155 mal falsch, als Bestätigung des Hawthorne-Effekts. Wie kommt das? Haben die Wissenschaftler die Studien falsch verstanden? Oder erst gar nicht gelesen? Und gedacht, ach, da ist vom Hawthorne-Effekt die Rede, also kann ich die Autoren als Gewährsleute für den Hawthorne-Effekt zitieren. Oder haben sie die Studien gelesen, waren aber so sehr auf eine positive Bewertung des Hawthorne-Effekts gepolt, dass sie ihre Vor-Urteil in den Text hineingelesen haben? Wie dem auch sei, nicht nur Laien, auch Wissenschaftler sind offensichtlich beteiligt an der Verbreitung wissenschaftlicher Mythen. Letrud geht es hierbei nicht so sehr um den Hawthorne-Effekt selbst als um die Rezeption der Literatur zum Hawthorne-Effekt innerhalb der Wissenschaft. Der Hawthorne-Effekt selbst ist davon nicht unbedingt betroffen. Er ist benannt nach der Hawthorne-Fabrik in Cicero, Illinois. Dort wurde in den Zwanziger Jahren untersucht, ob die Lichtverhältnisse Auswirkungen auf die Arbeitsleistung hatte. Es stellte sich heraus: Die Arbeitsleistung stieg bei verbesserten Lichtverhältnissen. Aber: Die Arbeitsleistung stieg auch bei der Kontrollgruppe, bei denen die Lichtverhältnisse dieselben wie vorher waren. Und: Als man in der Experimentalgruppe zu den alten Lichtverhältnissen zurückkehrte, blieb die Arbeitsleistung weiterhin erhöht. Schlussfolgerung: Die Arbeitsleistung stieg nicht aufgrund der verbesserten Lichtverhältnisse, sondern durch die Präsenz der Forscher und weil die Arbeiter wussten, dass sie Teil eines Experiments waren. Das erhöhte ihre Motivation. Menschen, und das ist ein großes Dilemma für solche Untersuchungen, verändern ihr Verhalten, wenn sie wissen, dass sie beobachtet werden. “Mythen der Wissenschaft” in: Forschung aktuell: Deutschlandfunk: 10/02/2020

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Engagement überflüssig

Deutsche Soldaten sind heute – nach dem Krieg lange Zeit undenkbar – an zahlreichen Auslandseinsätzen beteiligt, u.a. in der Westsahara, in Mali, am Horn von Afrika, in Jemen, im Sudan, im Südsudan, in Afghanistan und im Kosovo. Die Stimmen werden, in Deutschland und außerhalb von Deutschland, immer lauter, die mehr “Engagement” von Deutschland fordern. Aber die Erfahrungen der großen militärischen Aktionen der letzten Jahrzehnte spricht dagegen. Mit militärischen Mitteln waren die Ziele nicht zu erreichen, auf einen schnellen Sieg folgte anhaltendes Chaos, was als überschaubare Mission begann, endete in jahrelangen blutigen Auseinandersetzungen. Nach dem Sturz Gaddafis herrschen in Libyen bis heute katastrophale Zustände, ebenso wie im Irak nach dem Sturz Saddam Husseins; der Angriff auf den Irak 2003 war ein verlogen begründeter Angriffskrieg, die Massenvernichtungsmittel, die den Krieg legitimieren sollten, wurden nie gefunden; die Begründung, der Krieg in Afghanistan dämme den Terrorismus ein und erhöhe die deutsche Sicherheit, war ein taktisches Konstrukt, die Wirklichkeit hat diese Behauptung Lügen gestraft; humanitär begründete Bombenangriffe fordern zivile Opfer, die als “Kollateralschäden” verbucht werden. Im Nachhinein wird noch deutlicher, was von Anfang an klar war: Die Entscheidungen, sich nicht zu beteiligen, waren richtig, die Entscheidungen, sich zu beteiligen, waren falsch:

  • 1990: Helmut Kohl kauft sich mit horrender Summe von der Beteiligung am ersten Irak-Krieg frei
  • 1999: Gerhard Schröder entscheidet sich für eine militärische Intervention im Kosovo, einem Krieg ohne UN-Mandat
  • 2001: Gerhard Schröder entscheidet sich für die Teilnahme Deutschlands am Krieg in Afghanistan
  • 2003: Gerhard Schröder verweigert die Teilnahme am Krieg gegen Saddam Hussein, misstraut der amerikanischen Begründung für den Krieg von Anfang an
  • 2011: Angela Merkel verweigert deutsche Beteiligung am NATO-Einsatz in Libyen

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Gibt es im Deutschen nicht

Sahra Wagenknecht wurde als Sarah Wagenknecht geboren. Oder zumindest unter diesem Namen ins offizielle Geburtenregister eingetragen. Ihre Mutter hätte, wegen des iranischen Vaters, die persische Form Sahra bevorzugt, aber eine couragierte Hebamme wusste das zu verhindern, mit dem Argument, das gebe es im Deutschen nicht. Sarah Wagenknecht benutzte aber die persische Form ihr Leben lang, auch an Schule und Universität. Das ging immer glatt. Bis sie ein Mandat im Europaparlament erhielt. Da wurde die doppelte Namensführung zum Problem. Was Sarah Wagenknecht zum Anlass nahm, eine Namensänderung zu beantragen. So wurde aus Sarah Wagenknecht doch noch Sahra Wagenknecht.

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Nachtschwärmer

Im 17. Jahrhundert wurde die Nacht, die bis dahin terra incognita gewesen war, durch die verbesserten Formen der Beleuchtung, neu erschlossen. Die Straßenbeleuchtung wurde heller und kontrollierbar, die Festbeleuchtung heller und glanzvoller. In den europäischen Metropolen bildete sich das Nachtleben heraus. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit waren die Feste noch bei Tageslicht gefeiert worden. Das änderte sich jetzt. Parallel dazu ergab sich eine Verschiebug des Tagesablaufs nach hinten. Man kann diese Zeitenverschiebung am deutlichsten an den Mahlzeiten ablesen. In einer französischen Sittenschilderung von 1801 heißt es, die Franzosen hätten vor 200 Jahren ihre Hauptmahlzeit noch um 12 Uhr eingenommen. Heute, heißt es, speisten der Handwerker um 2 Uhr, der Kaufmann um 3 Uhr, der Angestellte um 4 Uhr, der Unternehmer um 5 Uhr, der Minister um 6 Uhr. Die unterschiedlichen Tagesabläufe entwickelten sich also entlang einer sozialen Skala. Je später der Tag begonnen wurde, umso höher der soziale Rang. Früh aufstehen, früh zur Arbeit zu gehen, früh zu Bett gehen wird zu einem Erkennungszeichen der einfachen Leute. Der späte Tagesablauf war ein Privileg der Bessergestellten, und so wie sich der Adel durch spätere Zeiten vom Bürgertum absetzte, so setzte sich das Bürgertum durch spätere Zeiten von den Kleinbürgern und Handwerkern ab. Der Adel ging am Abend ins Theater oder in die Oper. Dann folgten das Soupée. der Spielsalon, der Ball oder das Bordell. Gegen drei Uhr morgens begegneten die Nachtschwärmer auf dem Heimweg den Frühaufstehern, die auf dem Weg zur Arbeit waren. (Schivelbusch, Wolfgang: Lichtblicke. Zur Geschichte der künstlichen Helligkeit im 19. Jahrhundert. Frankfurt am Main: Fischer, 2004: 133-137)

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Religiöse Alphabetisierung

In einer Realschule im südlichen Münsterland gibt es konfessionsübergreifenden Religionsunterricht. Er wird abwechselnd von katholischen und von protestantischen Lehrern unterrichtet. Um das zuwege zu bringen, bedurfte es eines eigenen Vertrags zwischen dem Kultusministerium, der evangelischen Landeskirche und den katholischen Bistümern. Auch konfessionslose und muslimische Schüler können an dem Religionsunterricht teilnehmen. Dabei gilt es, Ängste zu überwinden. Ein muslimischer Schüler glaubte, die Bibel nicht anfassen zu dürfen, weil es nicht das Heilige Buch war. Der Schulleiter sieht den konfessionsübergreifenden Unterricht als “religiöse Alphabetisierung”. Viele der Schüler wissen nicht, welcher Konfession sie angehören oder ob sie getauft sind. Eine Schülerin äußert sich positiv über den Unterricht. Dort lerne man was über die Religion, zum Beispiel “über das Evangelium und das … Katholium”.

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Die Milch macht’s

Der höchste Energiebedarf beim Konsum von Tee ergibt sich ganz am Ende, beim Kochen des Wassers. Dieser Vorgang fällt mehr ins Gewicht als der Anbau und die Verarbeitung des Tees. Und der Transport spielt die geringste Rolle. Dessen Bedeutung wird häufig überschätzt. Der Transport erfolgt meistens per Schiff, in großen Containern, und auf die Menge Tee bezogen macht das wenig aus. Das gilt auch für konventionell hergestellten Tee. Loser Tee ist besser als Beuteltee, aber die Unterschiede sind nicht groß. Was aber richtig reinhaut, ist die Milch. Deren Herstellung verbraucht rund fünf mal so viele Ressourcen wie der Tee selbst. Selbst wenn es nur ein kleiner Schuss Milch ist. (“Tee oder Kaffee? Was ist besser für Umwelt und Klima?”, in: Umwelt und Verbraucher, Deutschlandfunk: 30/10/2019)

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Ein echter Liberaler?

Klar ist: Vargas Llosa liebt die Kontroverse, nichts läge ihm ferner als ein unreflektiertes Abnicken der Thesen anderer. Und das war wohl auch einer der Hauptgründe, warum er schließlich zum Liberalismus fand – denn für einen echten Liberalen, so Vargas Llosa, gebe es eben keine unumstößlichen Wahrheiten: „Ein Liberaler ist sich bewusst, dass wir nicht alle Lösungen kennen und dass nicht sicher ist, ob unsere Antworten immer die besten und richtigsten sind, nicht einmal, dass sich überhaupt Antworten finden lassen auf all die Fragen, die wir uns zu so vielen unterschiedlichen Dingen stellen. […] Ein Liberaler ist ‚in mancher Hinsicht im Grunde ein Skeptiker‘, einer, der selbst jene Wahrheiten, die ihm am teuersten sind, als vorläufig ansieht. Eben diese Skepsis in Bezug auf das Eigene erlaubt ihm, sich gegenüber anderen Überzeugungen und Anschauungen tolerant und versöhnlich zu zeigen, sosehr sie auch von den eigenen abweichen.“

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Die vier Ks

An die digitalen Medien knüpft sich die Hoffnung auf eine wahre Bildungsrevolution. Und so wird viel Geld in die Anschaffung von Technik gesteckt. Die digitalen Medien sollen Kreativität, kritisches Denken, Kollaboration und Kommunikation fördern, die 4 Ks. Aber ob sie das tun, dafür fehlt jede empirische Basis. Und auch das bildungstheoretische Fundament (sie gelten für den Papst ebenso wie für einen Mafiaboss). Entscheidend ist: Ein schlechter Unterricht wird durch die digitalen Mittel nicht besser. Worauf es letztlich ankommt, ist die Qualität des Unterrichts, das Verhältnis von Lehrer und Schüler, die Form der Präsentation der Inhalte, der Umgang mit Fehlern, der Platz für selbständiges Denken, das Schaffen von Neugier, ein Niveau, das Schüler nicht überfordert (oder unterfordert). Alles andere sind letztlich Nebensächlichkeiten: die Gestaltung der Klassenräume, der Zeitpunkt der Einschulung, der Zeitpunkt des Unterrichtsbeginns, die Sitzordnung im Klassenraum usw. In der Abschlussklasse jeder Schulform besteht, so hat die Forschung festgestellt, kein signifikanter Zusammenhang zwischen Einschulungsalter und Notendurchschnitt. Und doch beherrschen diese Fragen die öffentliche Diskussion. Entscheidend aber ist: Was Kinder und Jugendliche lernen, muss so vermittelt werden, dass es ihnen etwas bedeutet. Mit oder ohne digitale Medien. (Zierer, Klaus: “Nicht ablenken lassen!”, in: Die Zeit 30/2019: 58)

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Allzweckwaffe fürs Denken

Der Brite Tony Buzan suchte während seines Studiums nach einem Werkzeug, mit dem er die Inhalte des Studiums festhalten und ordnen konnte: Denken, Analysieren, Problemlösen und Kreativität sollte es miteinander verbinden. Das Denkmuster, das dahinter stand, nannte er radiant thinking, und das Werkzeug, das er entwickelte, trat als Mindmap seinen Siegeszug an, wurde gar zur vierten Kulturtechnik neben dem Lesen, Rechnen und Schreiben ernannt. Das Mindmap wurde zu einer Allzweckwaffe, schön bunt, letztlich aber stumpf als Denkwerkzeug, jedenfalls in der Form, in der es heute angewandt wird, in Seminarräumen wie in Büroetagen. Alle Elemente sind letztlich willkürlich um einen Kern angeordnet, und es wird eine Übersichtlichkeit vorgetäuscht, die es nicht gibt. Die Mindmap täuscht eine Ordnung vor, wo es um bloße Assoziationen geht, vereinfacht komplexe Onthologien zu Baumdiagrammen. Auf die Lust am unerschrockenen Denken kommt es bei der Mindmap nicht an. Für den Widerspruch, für den Konflikt des Denkenden mit sich selbst und der Welt lässt das Mindmap keinen Platz. (Neumann, Peter: “Mindmap”, in: Die Zeit 32/2019: 40.

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Pestmaske

Die Karnevalsmaske in Venedig ist ein Abkomme der Pestmaske. Die wurde von Ärzten und Helfern getragen und trug allen drei vermuteten Ursachen der Pest Rechnung: Die Maske selbst schützte vor den Partikeln, die die Pest verbreiteten, der Schnabel (der einen Schwamm enthielt) schützte vor dem Wind und das Augenpflaster vor dem Blick. In Venedig erfolgte zum ersten Mal die Absonderung der Pestkranken, sie wurden im Lazzaretto Vecchio auf der Pestinsel untergebracht. Auch die Festspiele von Oberammergau wurden 1634 eingeführt als rituelle Handlung zur Verhinderung weiterer Ausbrüche der Pest. Sie war bis dahin endemisch geworden, d.h. sie brach immer wieder aus. Die Überlebensrate hing von der Art der Pest ab: Die Lungenpest überlebenden 60% der Erkrankten, die Beulenpest 40% und die septische Pest so gut wie keiner. Überlebende waren immun gegen die Krankheit. Auch heute ist die Pest noch nicht völlig verschwunden. Jedes Jahr fordert die Pest ca. 180 Tote. In der Literatur fand die Pest auch ihren Niederschlag, ganz prominent bei Boccaccio, Poe und Camus.

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Gesunde Dicke

Nicht das Gewicht an sich sei wichtig für die Gesundheit, argumentieren drei Ernährungsmediziner in einer Radiosendung, sondern das Gewicht als Indiz von wenig Bewegung. Dicke, die sich bewegen, können kerngesund sein. Nur eins der vielen differenzierten Urteile der Sendung. Wohltuendes Antidot gegen volkstümliche Vereinfachungen. Gilt auch für die Nahrungsaufnahme. Nicht das, was ich auf den Teller packe, ist entscheidend, sondern das, was das in meinem Körper bewirkt. Ein Pfund Tomaten kann in einem Körper eine andere Wirkung haben als in einem anderen. Eigentlich einleuchtend. Aber oft übersehen. Bei Gicht soll man die Harnsäure reduzieren. Aber bei jemandem, der viel Kaffee oder Alkohol trinkt, kann eine geringe Menge Harnsäure mehr Unheil anrichten als bei jemandem, der weniger Kaffee oder Alkohol trinkt. Auf die Wechselwirkung kommt es an. Völliger Unsinn, hieß es, sei die von Journalisten gerne unters Volk gebrachte Vorstellung, man können Krebs aushungern. Überhaupt gibt es kaum eine haltbare These zur Verbindung von Krebs und Ernährung. Eher schon für die Verbindung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Ernährung. Aber selbst da ist höchste Vorsicht geboten vor schnellen Schlüssen. Ein Kausalzusammenhang wäre nur schwer nachzuweisen und würde langwierige, kostspielige Experimente erfordern. Und für die ist auf diesen Gebieten viel weniger Geld da als für Forschungen zu Pharmaka. Da hat die Pharmaindustrie ihre Finger drin. An Forschung zur Ernährung ist nicht viel zu verdienen.

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Ist mir auch passiert

Als Christian Ude seine spätere Ehefrau, Edith Welser (näher) kennenlernte, war er 25, Student und unverheiratet. Sie war acht Jahre älter, verheiratet und sechsfache Mutter. Es war eine Faschingsfeier. Er war als Robespierre verkleidet, mit einer langen schwarzen Perücke. Sie war als Opfer dieser Revolution verkleidet und trug ein Nachthemd. Sie verliebten sich. Irgendwann nahm Ude all seinen Mut zusammen und rief ihren Ehemann an. Der lud ihn sofort zum Spaghetti-Essen ein. Im Laufe des Gesprächs bekannte Ude, dass er sich in Edith verliebt habe. Der Ehemann sagte: “Kann ich verstehen, ist mir auch passiert.” Man arrangierte sich und zog die Kinder gemeinsam groß. Zehn Jahre später, 1983, heirateten Christian Ude und Edith Welser. Sie sind bis heute verheiratet. Wenn Ude gefragt wird, was er sich dabei gedacht habe, antwortet er: “Nichts. Hätte ich mir etwas dabei gedacht, hätte ich es nicht getan.”

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Be(ob)achtung

Auf Wattebäuschen, die er mit Tabaksaft und Parfüm getränkt hatte, reagierten sie nicht. Sie hatten offensichtlich kein Riechorgan. Auch auf die Trillerpfeife seines Enkels Bernard hatten sie nicht reagiert. Sie mussten taub sein. Aber als er sie in ihren Töpfen auf das Klavier setzte, zogen sie sich sofort in ihre Höhlen zurück, als seine Frau auf dem Klavier das hohe C spielte. Sie mussten die Schwingungen und Erschütterungen durch den Resonanzboden des Klaviers gespürt haben. Auch einen glutroten Schürhaken hatte er ihnen, zum Entsetzen von Frau und Enkel, vorgehalten, um sie auf Wärme zu testen. Für die Beobachtung ihres Liebesspiels musste er sich Zeit nehmen. Es dauerte eine Stunde und zwanzig Minuten. Dass sie sich überhaupt miteinander vergnügten, war keine Selbstverständlichkeit, denn er hatte unter dem Mikroskop gesehen, dass jedes Individuum sowohl mit Hoden als auch mit Eierstöcken versehen waren. Sie könnten also auch ihre Eizellen mit den eigenen Spermien befruchten. In der Regel zogen sie aber das aufwändige Liebesspiel vor. Auf Kohlblätter und Zwiebel standen sie, auch der Meerrettich gehörte zu ihren Lieblingsspeisen, nur noch übertroffen vom Grün der Karotte. Natürlich führte er auch Buch über ihre Exkremente, zählte die Exkrementkügelchen und rechnete hoch, wie viel Fläche sie im Laufe eines Jahres damit bedecken könnten. Bei all den Beobachtungen hatte er sie liebgewonnen und erkannt, dass es auch bei ihnen feine Unterschiede in Farbe, Beweglichkeit und Hübschheit gab. Seinen Intelligenztest hatten sie mit Bravour bestanden: Papierschnitzel, die er ihnen hinlegte, fassten sie mit ihren Lippen an den Spitzen Enden und zogen sie mit der schmalen Seite voran in ihre Höhlen. Erstaunlich, was man alles mit Regenwürmern anstellen kann. Vorausgesetzt, man heißt Darwin. (Jerger, Ilona: Und Marx stand still in Darwins Garten. Berlin: Ullstein, 2018: 16-36)

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Glasklare Ergebnisse?

Ein Versuch mit 30 Studenten liefert weniger belastbare Ergebnisse als einer mit 3000. Aber: Wo bekommt man die 3000 her? Und: Wo bekommt man Probanden her, die keine Studenten sind? Man will ja schließlich repräsentative Ergebnisse. Und: Wie kann feststellen, ob die Ergebnisse einer in den USA durchgeführten Studie auch in Japan gelten? Das sind Probleme in allen Geisteswissenschaften, und die führen oft zu unsauberen Ergebnissen. Die Psychologie hat sich jetzt entschlossen, sich den Problemen der eigenen Disziplin zu stellen. In einem Mega-Projekt, Many Labs 2, wurden Forschungsergebnisse überprüft, und es stellte sich heraus, dass mindestens die Hälfte aller Erkenntnisse keiner Überprüfung standhielt. Zu den überprüften Thesen gehörte diese: Wer einige Minuten lang in einer Power-Pose verharrt, fühlt sich anschließend tatsächlich selbstsicherer und agiert risikofreudiger. O sancta simplicitas! Im Nachhinein ist man überrascht, dass solch eine simple Botschaft überhaupt Eingang in die Fachliteratur fand. Einfache Botschaften sind meist mit einem Haken versehen: Sie stimmen nicht. Noch hanebüchener diese These: Wer in den Experimenten nach einem Test mehr büffelte, hatte vorher bessere Ergebnisse. So eine in dem renommierten Journal of Personality and Social Psychology veröffentlichte Studie eines gewissen Daryl Bem. Kein Wunder, dass diese beiden Studien keiner Überprüfung standhielten. Aber nicht nur solch bizarre Studien waren betroffen, sondern auch wesentliche Ideen des Fachs. Zum Beispiel ließen sich auch einige Priming-Effekte nicht wiederholen, also die Idee, das winzige, unterschwellige Reize das Verhalten beeinflussen, dass z.B. der Gedanke ans Altern einen langsamer gehen lässt. Wie kommt es dann, dass es dieser Mega-Studie bedurfte, um solche Ergebnisse zu falsifizieren oder überhaupt auf den Prüfstand zu stellen? Müsste das nicht ohnehin geschehen? Die Antwort liegt in der Logik des Wissenschaftsbetriebs: Neue, überraschende, antiintuitive Ergebnisse lassen sich leichter publizieren. Replikationen sind langweilig. So lehnte das Journal of Personality and Social Psychology mehrere Forscher ab, die die versucht hatten, Bems Ergebnisse zu replizieren und erwartungsgemäß scheiterten. Was folgt aus all dem? Bedeutet das eine Krise der Psychologie, eine Krise der Wissenschaften gar? Nicht unbedingt. Größere Transparenz bei der Vorbereitung und Durchführung der Studien ist gefragt. Sie soll verhindern, dass Hypothese und Auswertung im Laufe des Versuchs in die gewünschte Richtung angepasst werden. Internationale Zusammenarbeit ist gefragt, um mehr als lokale Ergebnisse zu liefern. Und die Bereitschaft der Fachjournale, “langweilige” Replikationsstudien zuzulassen. Scheitert die Replikation einer Studie, muss das nicht unbedingt heißen, dass die Originalstudie wertlos war. Auch die Replikationsstudie kann danebenliegen. Aber dennoch fruchtbar sein und zu weiteren Überprüfungen führen. Und zu einer grundlegenden Skepsis gegenüber glasklaren Ergebnissen führen. (Herrmann, Sebastian: “Steile Thesen, nichts gewesen”, in: Süddeutsche Zeitung 277/2018: 35)

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Balance-Akt

Während einer Zugfahrt in der Zeitung einen Artikel über die Geschlechterrollen in der Natur gelesen (Knauer, Roland: “Sie ist hier der Boss, in: Welt am Sonntag 49/2018: 20-21) Demzufolge gibt es in der Natur, was die Geschlecherrollen angeht, kein festes Schema. Es gibt alle möglichen Varianten, je nach Lebensraum gibt es Lösungen, maßgeschneidert, immer in Verfolgung des einen, übergeorndeten Ziels: dem größtmöglichen Fortpflanzungserfolg. Albatrosse sind sich ein Leben lang treu. Allerdings trifft man sich auch nur alle zwei Jahre am Nistplatz. Nur wenn der Partner dort nicht auftaucht, wird neu gebalzt. Bei den Gorillas wacht das Alpha-Männchen über einen weiblichen Harem. Er muss seine Vormachtstellung gegen jüngere Rivalen verteidigen. Auch der stärkste Gorilla hält das nur ein paar Jahre durch. Beim Grillkuckuck ist es anders. Da hält sich das Weibchen einen männlichen Harem. Die Männchen sind auch für das Brüten und die Aufzucht zuständig. Bei den Tüpfelhyänen herrscht das Matriarchat. Die Weibchen sichern sich ihre Macht durch Seilschaften. Die Männchen müssen mit Beginn der Geschlechtsreife auswandern. Bei den Seepferdchen sind die Rollen vertauscht: Die Männchen werden trächtig. Dazu spritzt das Weibchen nach der Balz die Eier in die Bauchtasche der Männchen. Bei den Schimpansen ist der Boss in der Regel ein Männchen, bei den Bonobos ein Weibchen. Sie scheinen friedlicher miteinander umzugehen als die Schimpansen und ihre Konflikte oft durch Sex zu entschärfen. Und das, obwohl Schimpansen und Bonobos genetisch sehr ähnlich und außerdem die nächsten Verwandten des Menschen sind. Man erklärt den Unterschied durch die Lebensbedingungen: Die Bonobos leben südlich des Kongo-Beckens, wo der Urwald viel reichhaltiger ist als im Norden. Unter solch üppigen Bedingungen konnten sich die weniger aggressiven Männchen durchsetzen, die eher den Kontakt zu den hochrangigen Weibchen pflegen. Was aus all dem für den Menschen folgt, sagt der Artikel nicht. Jedenfalls kann man froh sein, dass eine Variante sich bei uns nicht durchgesetzt hat: Bei den Hyänen hat das Weibchen eine stark vergrößerte Klitoris, was dem Männchen im entscheidenden Moment einen schwierigen Balanceakt auf dem Rücken des Weibchens abverlangt, in dessen Verlauf er leicht unverrichteter Dinge nach hinten in den Staub herunterpurzeln kann.

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Waldarbeiter

Die Eiche dominierte unsere Wälder jahrhundertelang, bis die Buche übernahm. Nachdem die Gletscher nach der letzten Eiszeit vor 12.000 Jahren geschmolzen waren, wuchsen zunächst Haselnuss und Erlen. Die wurden bald von der Eiche verdrängt. Und die wiederum von der Buche. Die hatte im Süden überlebt, da, wo das Eis nicht hinkam. Von da aus hatte sie sich bis in das Herz des Kontinents ausgebreitet. Vor tausend Jahren war Deutschland zu zwei Dritteln von Buchenwäldern bedeckt. Im Mittelalter wurden fast alle Bäume gefällt: Werften, Köhlereien, Glasfabriken – alle brauchten Holz. Dann propagierte der sächsische Förster Hans Carl von Carlowitz eine neue Strategie: Es sollte immer nur so viel Holz entnommen werden wie nachwächst. Er prägte das Wort Nachhaltigkeit. Das war kein ökologisches, sondern ein öknomisches Konzept. Dem ist es zu verdanken, dass Deutschland heute über eine große Waldfläche verfügt. (Habekuss, Fritz: “Eine Welt wie vor tausend Jahren”, in: Die Zeit 47/2018: 39-40)

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Mythos Marshall-Plan

In Großbritannien waren bis 1953 Lebensmittel rationiert. Man erhielt sie auf Lebensmittelmarken. In Deutschland war die Rationierung längst aufgehoben. Deutschland begann zu florieren. Dabei hatte Großbritannien den größten Anteil von dem Geld aus dem Marshall-Plan erhalten. Aber die britische Industrie war veraltet. Die deutsche war erstaunlich gut durch den Krieg gekommen. Entgegen dem eigentlichen Vorhaben, und entgegen der späteren Propaganda, war es den Alliierten nicht gelungen, die deutschen Industrieanlagen zu zerstören, und die waren bei Kriegsbeginn auf dem neuesten Stand. Die Alliierten hatten stattdessen Nazi-Deutschland durch Bombardierung der Innenstädte in die Knie gezwungen. Vom Marshall-Plan profitierte ganz Westeuropa, aber in keinem Land hatte er so viel Wirkung wie in Deutschland. Deutschland profitierte von seiner konkurrenzfähigen Industrie, aber auch davon, dass die Soldaten der Besatzungmächte hier waren und Geld ausgaben und deutsche Produkte kauften. Die Amerikaner setzten ihre ganze Propagandemaschine ein, um die Deutschen glauben zu machen, sie handelten aus Nächstenliebe. Das wirkt bis heute nach. Aber wahr ist das natürlich nicht. Ganz und gar nicht. Das meiste Geld aus dem Marshall-Plan für Deutschland floss gar nicht nach Deutschland, sondern ging an amerikanische Farmer, die damit die ihre Waren in Deutschland verkaufen konnten. Welche Waren? Zu 70% Tabak und Baumwolle. Bei der Baumwolle gab es sogar Probleme. Die deutsche Textilindustrie trat in den Streit, weil die Baumwolle aus den USA, die sie abnehmen sollte, teurer war als die ägyptische. Was die absurde Folge hatte, dass die amerikanische Baumwolle von der Bundesregierung subventioniert werden musste! Frankreich bekam tatsächlich Geld aus dem Marshall-Plan. Aber nur deshalb, damit Frankreich auf weitere Reparationszahlungen von Deutschland verzichtete. Die deutsche Industrie sollte blühen, damit amerikanische Waren abgenommen werden konnten!

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Plagegeister

Die zoologischen Namen von Tieren sind meist von einer nichtssagenden, langweiligen Neutralität. Eine Ausnahme bildet die Stechmücke: Culex molestus. Das ist mal eine Bezeichnung von erfrischender Parteilichkeit. Ganz aus der Sicht des Menschen gesehen. Vielleicht eignet sich der Name auch für gewisse Unterarten der Spezies Mensch: Socius molestus, Vicinus molestus, Auriga molestus, Argentarius molestus, Querulosus molestus, Babulus molestus … Dass hier keine spezifisch weiblichen Formen auftauchen, muss nichts zu sagen haben.

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Leben im Untergrund

Viele Arten sterben aus. Das hören wir oft genug. Aber nicht so oft hören wir, dass auch neue entstehen. Ein Beispiel dafür bietet die Stechmücke. Die hat sich in der Londoner U-Bahn ausgebreitet, seit deren Eröffnung 1863. Das Resultat: Sie unterscheidet sich genetisch inzwischen grundlegend von ihrem oberirdischen Pendant. So sehr, dass sie  sich nicht mehr miteinander fortpflanzen können. Der klassische Beweis, dafür dass eine neue Art entstanden ist. Verständlicherweise unterscheiden sie sich auch in ihrem Verhalten: Die oberirdischen leben von Vogelblut und halten Winterschlaf, die unterirdischen halten keinen Winterschlaf und ernähren sich nicht von Vogelblut. Vögel kommen unten in der U-Bahn nicht so häufig vor. Ist auch nicht nötig. Die Mücken haben Tausende von Passagieren, an deren Blut sie sich laben können. Auch die Mücken der unterschiedlichen U-Bahn-Linien entwickeln sich unterschiedlich. Die Mücken der Bakerloo-Line haben ein anderes Erbgut als die der Victoria-Line. Kein Wunder: Sie kommen kaum in Kontakt miteinander. Dafür müssten sie am Oxford Circus umsteigen. (Blage, Judith: “Die Mücken der Bakerloo-Linie”, in: Süddeutsche Zeitung 259/2018: 39)

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Romantische Pragmatiker

Leoparden sind anpassungsfähige Tiere, anpassungsfähiger als andere Raubtiere. In Mumbai pendeln sie mittlerweile zwischen Wald und Stadt. Ihr angestammtes Habitat ist der Wald, ein großer Nationalpark, auf drei Seiten von der Stadt (und auf einer von einem Fluss) begrenzt. In die Stadt kommen sie meist nachts. Still und heimlich. Menschen greifen sie so gut wie nie an, nur, wenn sie sich in die Enge getrieben fühlen. Sie haben es auf andere Opfer angesehen: die Hunde. Davon gibt es im Mumbai ca. 68,000. Die meisten herrenlos, herumstreunend. Die gibt es in so großer Zahl, weil die Müllberge von Mumbai sie mit reichlich Nahrung versorgen. Für die Leoparden eine willkommene Beute. Warum Hunde? Im Wald gibt es reichlich Beute: Hirsche, Hasen, Schweine, Affen. Aber: Die sind schwer zu jagen. Die Hunde nicht. Es gibt reichlich davon, oft auf einen Haufen, und sie sind es nicht gewohnt, gejagt zu werden. Da sind die Leoparden ganz Pragmatiker und entscheiden sich für die leichte Beute. Und sie tun den Menschen nebenbei einen Gefallen: Die Hunde sind Träger von Tollwut. Mehrere Hundert Menschen sind in den letzten Jahren an Tollwut gestorben. Die Zahl der Hunde zu reduzieren, liegt also im Interesse des Menschen. Aber Vorsicht: Die Leoparden könnten sich anstecken, und selbst Träger der Tollwut werden. Es gibt aber noch einen zweiten Grund, warum die Leoparden in die Stadt kommen, und das gibt der ansonsten eher rational zu erklärenden Geschichte eine schöne, geheimnisvolle Note: Die Leoparden kommen nachts in die Stadt, zu zweit. Suchen sich ein lauschiges Plätzchen im Garten, machen es sich gemütlich und tun dann das, was auch ein menschliches Paar abends an einem lauschigen Plätzchen im Garten tun könnte. (Vgl. Perras, Arne: “Besucher in der Nacht”, in: Süddeutsche Zeitung 259/2018: 38)

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Der kleine Unterschied

Und wenn dann mal wieder eine Sache propagiert wurde, die nur Frauen können, dann nahmen wir das resigniert hin, beschämt ob unserer Unfähigkeit. Wir waren nicht nur naturhaft unmoralisch, gewalttätig, egoistisch, asozial und gefühlskalt, wir waren auch unfähig, unfähig zum Multitasking. Nur Frauen konnten das. Sie konnten mit der Freundin telefonieren und gleichzeitig ein Gedicht auswendig lernen, sie konnten einen Geschäfsbrief schreiben und gleichzeitig Arabisch lernen, sie konnten ein Regal aufbauen und gleichzeitig Hausaufgaben mit den Kindern machen, und sie konnten im Zweifelsfalle auch jede mögliche Kombination von drei solchen Dingen bewältigen. Schließlich heißt es ja Multitasking. Männer konnten das nicht. Immer schön eins nach dem anderen. Und Fußball gucken und gleichzeitig Bier trinken galt nicht als Multitasking. Aber jetzt kommt eine frohe Botschaft: Forscher im Fachjournal Psychological Science betonen, der Mensch sei nicht zum Multitasking geboren – und zwar weder Frau noch Mann. Das Gehirn sei nicht in der Lage, mehrere kognitiv fordernde Aufgaben gleichzeitig zu erledigen. Die Aufmerksamkeit springe dabei ständig hin und her, und man erledige keine der beiden Aufgaben so gut, wie man es könnte, wenn man eine nach der anderen in Angriff nähme. Klingt überzeugend. Erklärt aber nicht, warum wir Fußball gucken und Bier trinken können – gleichzeitig.

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The world according to Pinker

The world is not as bad as we think it is. That, in a nutshell, is Steven Pinker’s principal argument. And he substantiated it in his Frankfort talk with an impressive amount of data. His main line of argument is as follows: The world is actually improving but we hardly take notice of this, for we are subject to what he calls the Availability Bias and what he calls the Negativity Bias. That is to say, more bad news than good news is available to us and newspapers and other media tend to focus on what is not good instead of what is good. A plane crash is news, all the planes that never crash aren’t.
Life expectancy, infant mortality, prosperity, peace, safety, knowledge, quality of life, education, in all these areas has the world improved since the Enlightenment (and, by implication, through the Enlightenment). To be more specific, people worldwide have now more leisure time than they used to have in the past. The number of hours dedicated to household work (the least popular of all activities) has dramatically decreased since the 1950s. As a result, mothers (and fathers) today spend more time with their children than in the past. Contrary to popular belief, crime rate has also decreased. We are less likely today to become victim of a crime. Even the risk of being hit by lightning has decreased. There are more democracies today and fewer dictatorships, and the death penalty has been abolished at a rate which, if it continues, will mean that it will have disappeared completely within a few decades. Illiteracy has decreased, and the number of poor people worldwide is going down at a rate of several tens of thousands daily! Actually, people are even happier than they were in the past. Happiness is a result of prosperity. People in richer countries are happier than people in poorer countries, and the rich in poorer countries are happier than the poor in poorer countries. As a result of increasing prosperity, people are happier now than they ever were in the past.
All this is substantiated by data, and Pinker regales his audience with an endless series of graphs during the talk, in such quick succession that you hardly have a chance to look at them in detail.
Pinker is well aware that you are likely to be accused of “naive optimism” (he does not consider himself an optimist) or “US-can-doism” if you point out how the world is becoming a better place. But he argues that pessimism is worse, as it is likely to trigger fatalism, terrorism, and the call for a “strong man” who alone can fix things.
All this is very well, and Pinker certainly has a point. However, one would have liked to ask some critical questions. To begin with, what about the sources for the data? Are there really any reliable figures which say how many people died of a flash of lightning 200 years ago? Who has gathered all these figures? Even today, is there any international body which could provide reliable figures – worldwide?
Secondly, Pinker has a way of choosing his time periods to suit his argument. He claims, for example, that the death toll in wars has gone down, proving his point with the number of deaths per day of war since the Second World War. That may well be true. But why choose the last 70 years or so and not look at the last century as a whole? Surely this would prove the opposite. The two world wars have claimed more victims than any wars till then.

Similarly, Pinker has a way of choosing the right area. Whenever Latin America is quoted, the figures come from Chile, and in South East Asia his favourites are South Korea, Singapore and Taiwan. Surely the picture would change if he focussed on Bolivia or Venezuela or on Cambodia or Bangladesch.

Finally, there is the question of definition. Pinker assumes for most of the Western World, including the US, complete literacy. What does that mean? It is well known that there are lots of functional illiterates in many industrialized countries. The fact that you have had schooling does not mean that you can actually read and write. And surely not everyone attends school in the so-called civilised countries. Similar problems occur when it comes to speaking of dictatorships, of crime, of happiness.
Still, when all is said and done, a stimulating talk, a stimulating thought. Even if one does not subscribe to Pinker’s view that nuclear power stations and genetically modified food mean progress. And even if one does not share his – well – optimism.

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Linksruck

Daimler und Benz sind sich nicht persönlich begegnet. Das mag man kaum glauben, schon deshalb, schon wegen des alten Firmennamens Daimler-Benz. Aber die Fusion wurde später vollzogen.

Benz, der als Karl Friedrich Michael Wailand (fälschlich für Vaillant) ins Taufregister eingetragen worden war, hatte seine erste Fabrik in Mannheim,die Benz & Cie. Da war er, verärgert über eine Patentklage Daimlers, ausgestiegen und hatte eine neue Firma gegründet, in Ladenburg, Carl Benz Söhne. Hier, in Ladenburg, in der Fabrikhalle, befindet sich heute das Museum, in dem man das alles erfährt.

Am Rande der Fabrikhalle ist ein Raum mit Möbelstücken zeitgemäß hergerichtet, so wie zu der Zeit, als Benz hier seine Entscheidungen traf. Der Raum zeigt die gediegene Atmosphäre der Gründerzeit. Es heißt, dass Benz sich hierher heimlich mit seinen Söhnen zurückzog, um Karten zu spielen. Seine Frau durfte nichts davon wissen. Wenn sie sich näherte, musste einer der Angestellten rufen “Die Fee flattert ins Haus”. Daraufhin widmeten sich die Männer wieder der Arbeit.

In der Fabrikhalle sind, neben Paraphernalia wie einer Zapfsäule, Straßenschildern, Werbeplakaten, Verkehrszeichen, Fahrzeuge ausgestellt, die von Benz hergestellt wurden und, um sie herum gruppiert, alle möglichen Fahrzeuge anderer Unternehmen, meist emblematische Fahrzeuge wie der VW-Käfer (mit Brezelfenster), das T-Modell von Ford, ein Rennwagen von der Avus usw.

Die echten Hingucker sind aber die ersten Autos, sofern sie diesen Namen verdienen. Das allererste ist ein dreirädriges Gefährt, der Patentwagen Nummer 1, mit ganz dünnen Reifen. Mit ihm wurde 1886 die erste Fahrt unternommen, wohl die erste Fahrt mit einem motorgetriebenen Fahrzeug überhaupt, in Mannheim. Daneben steht der Wagen, der Patentwagen Nummer 3, schon etwas größer und mit breiteren Reifen ausgestattet, aber immer noch ein Dreirad, mit dem die erste Fernfahrt unternommen wurde, 1888, von Mannheim nach Pforzheim. Die unternahm nicht etwa Benz, sondern seine Frau Bertha, mit ihren Söhnen. Pforzheim war ihre Heimatstadt, und die Kinder wollten, so heißt es, ihre Oma besuchen (tatsächlich war es wohl eine Werbefahrt für den Wagen, der nicht so viel Anklang beim Publikum gefunden hatte). Das musste heimlich geschehen, ohne, dass der Vater es wusste, und so brach man am Morgen auf, als der noch schlief. Es waren insgesamt 106 Kilometer. Aufgetankt wurde unterwegs bei einem Apotheker!

Alle frühen Autos haben das Lenkrad auf der rechten Seite. Dann, ab Mitte der zwanziger Jahre, beginnt das Lenkrad, auf der linken Seite zu erscheinen. Das Museum gibt folgende Erklärung: Die Kutscher auf den Pferdewagen saßen auf der rechten Seite, damit sie die Fahrgäste auf der linken Seite herauslassen konnten, so, dass sie nicht durch den Straßenmatsch laufen mussten, sondern gleich auf den Gehsteig absteigen konnten, mit Hilfe des Kutschers, der ihnen die Tür aufhielt und die Hand reichte. Also hatten auch die ersten Automobile den Fahrersitz rechts. Dann wurde es aber immer deutlicher, dass die Gefahren auf der anderen Seite lauerten: Straßengräben und entgegenkommende Fahrzeuge. Die stießen oft aneinander, weil die Fahrer die Breite des entgegenkommenden Fahrzeugs nicht richtig einschätzten. Also verlegte man den Fahrersitz nach links.

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Erhaltungstrieb

Das Wort Mumie leitet sich vom persischen mūm ab. Das bezeichnete keine Mumie, sondern eine natürliche wachsartige Substanz. Das Wort wurde dann auf die Mumie übertragen, einfach, weil, wie man fand, beide ähnlich aussahen. Das erfährt man in der Mumien-Ausstellung im Reiss-Engelhorn-Museum in Mannheim.

Es gilt, zwischen natürlichen, zufällig entstandenen Mumien und künstlichen, absichtlich erstellten Mumien zu unterscheiden. Natürlich entstehen Mumien in extremen Gegenden: Sandwüsten, Salzwüsten, Eiswüsten, aber auch Mooren. Im Moor ist es zwar feucht, aber es fehlt der Sauerstoff, der zur Verwesung von Leichen führt. Aber auch auf Dachböden und in Kellern finden sich manchmal Mumien. Man stellt sich vor, wie es ist, wenn man unverhofft auf so eine Mumie stößt.

Ich erinnere mich an den Ratskeller in Bremen, an St. Michan’s Church in Dublin und an die Kapuzinergruft in Palermo. An allen drei Orten habe ich im Laufe der letzten Jahre natürlich entstandene Mumien gesehen.

In der Ausstellung sieht man ein Frettchen, einen Marder, eine Hyäne, eine Ratte, eine Schwalbe, eine Fledermaus – alle mumifiziert. Als Kontrast dazu wird der natürliche Prozess der Verwesung anhand eines Singvogels gezeigt, in verschiedenen Phasen. Wie lange da dauert, wird leider nicht gesagt. Ein halbes Jahr?

Aus dem Moor wird eine menschliche Mumie gezeigt, die besonders durch das erhaltene Haar auffällt, zwei geflochtene Zöpfe!

Eine besondere Attraktion ist das “Paar von Weerdinge” (NL), zwei Mumien, plattgedrückt, schwarzbraun, die ganz eng beieinander liegen, so, wie sie auch gefunden wurden. Fast sieht es aus, als würden sie sich umschlingen. Man denkt unwillkürlich an ein Paar, an Mann und Frau. Aber es sind zwei Männer! Das hat man an den Barthaaren ablesen können.

In der Nähe zwei ägyptische Mumien, ohne “Verpackung”. Auch hier handelt es sich um zwei Männer, was bei einem von beiden unschwer zu erkennen ist.

Dann eine ägyptische Mumie mit gekreuzten Armen. Das war ein Zeichen, das bis zum Neuen Reich königlichen Mumien vorbehalten war, später aber nicht mehr so restriktiv gehandhabt wurde. Das willkürliche Zeichen erhält seine Bedeutung erst aus der Entstehungszeit.

Eine Inka-Mumie ist auf den ersten Blick gar nicht als eine Mumie zu erkennen. Sie versteckt sich hinter einem Kleiderbündel, der äußere Umhang verziert mit einer Kordel, einer Muschel, einem Fuchsschwanz und verschiedenen Schnüren. In dem Bündel befindet sich die Mumie eines siebenjährigen Jungen. Man weiß von ihm, dass er durch Wanzenstiche ums Leben gekommen ist!

Dann wieder eine nackte Mumie, auch aus Peru, eine Frau mit gekreuzten Händen und gekreuzten Schenkeln. Wieder das Kreuz, wie bei der ägyptischen Mumie. Zufällige Übereinstimmung? Die Bedeutung kennt man nicht. Die Frau hat eine auffällig deformierten Schädel. Man rückte den hässlichen Schädel, wie ihn die Natur geschaffen hatte, mit Bändern und Brettern zu Leibe. Das kann einerseits einem Schönheitsideal entsprochen haben, kann aber andererseits auch Ausweis hoher gesellschaftlicher Stellung sein.

Eine mumifizierte Nonne aus Bratislava, bei der sogar der Name bekannt ist, Terezia Sandor, sieht man in vollem Ornat (XVIII). Bei ihr wurde das Herz entnommen. Warum, weiß man nicht, vielleicht aus Furcht, bei lebendigem Leib begraben zu werden.

Bei einer weiteren Nonne, Rozalia Tridentin (XVIII), befindet sich am Fuß ein verschnürtes Päckchen. Es enthält mumifizierte Finger. Die könnten von ihr selbst stammen (eine Hand ist nicht ganz erhalten). Was für eine Bewandtnis es mit den Fingern hat, weiß man nicht. Eine der vielen geheimnisvollen, rätselhaften Erscheinungen, die diese Ausstellung zu etwas ganz Besonderem machen.

Aus der Ming-Dynastie in China ist die Statue eines Mönchs im Schneidersitz zu sehen. Drinnen befindet sich die Mumie, von verschiedenen Lagen Textil umhüllt. Es hat keinerlei erkennbare Behandlung des Körpers stattgefunden, Warum die Mumie erhalten ist, ist nicht geklärt. Es gab allerdings in China Mönche, die sich der Selbstmumifizierung widmeten. Schon zu Lebzeiten reduzierten sie ihre Nahrungs- und Wasseraufnahme und nahmen entwässernde Substanzen zu sich. Vielleicht handelt es sich hier um einen Fall von Selbstmumifizierung.

Der Ötzi ist in der Ausstellung persönlich nicht vertreten, wohl aber virtuell. Auf einer Konsole gibt es Abbildungen und Informationen. Man weiß, dass der Ötzi braune Augen hatte, etwas 45 Jahre alt war und einen Bart trug. Er hat sich von Emmer ernährt, dem Urweizen. Er war kein Vegetarier, aber Fleisch machte nur den kleineren Teil seiner Nahrung aus. Milch kann er nicht in großen Mengen zu sich genommen haben, da er laktoseintolerant war. Er hatte einen hohen Cholesterinspiegel. Sein Körper wurde erst mit Schnee bedeckt und dann in Eis eingefroren. Das Eis schmolz dann, neuer Schnee fiel auf den Körper, und am Ende war er wieder im Eis eingeschlossen. Als man ihn fand, war ganz und gar nicht klar, aus welcher Epoche er stammte, ob er überhaupt alt war. Jetzt weiß man, dass er im Neolithikum lebte. Er starb keines natürlichen Todes, sondern wurde ermordet. In seinem Körper steckt eine Pfeilspitze.

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Marx 4

Auch das Dommuseum stellt zum Marx-Jubiläum aus. Die Ausstellung hat allerdings zu Marx einen bestenfalls indirekten Bezug. Es wird moderne Kunst ausgestellt, die das Thema Arbeit in der einen oder anderen Weise darstellt. Man kann allenfalls das Thema Entfremdung als Marxsche Anleihe verstehen.

Aber auch der Bezug zum Thema Arbeit wird nicht immer klar, wie bei einem der kuriosesten Exponate, einem fingierten archäologischen Fund von 320 n. Chr., den Objekten, alle noch in einer Sandschicht eingehüllt, die Helena auf ihrem Weg nach Jerusalem bei sich hatte: GPS, Laptop, Lippenstift, Revolver. Der dient dazu, Widerstände zu überwinden, die sich ihr beim Einsacken der Nägel und Holzstücke vom Kreuz entgegenstellen sollten.

Das Thema Arbeit taucht in vier Photographien auf, die schwere oder unwürdige Arbeitsbedingungen heute darstellen, außerhalb der westlichen Welt. Auf zwei Photographien sieht man Erntearbeiter, beide, nicht ohne Stolz, mit einem Bündel Sellerie vor ihrem Feld posierend, der eine vor einem eher unaufgeräumten Feld in eher schäbiger Kleidung, der andere, adrett gekleidet, vor einem Feld, in dem alles in Reih und Glied steht. Die eigentliche Bewandtnis der Photos macht erst der Titel deutlich: Suppengemüse: 0,99 Cent.

Auf den beiden anderen Photos sieht man einen Jungen auf einer brennenden Müllhalde. Das ist nicht etwa ein zufällig ausgebrochenes Feuer, sondern ein absichtlich gelegtes Feuer. Es dient dazu, die Einzelteile der Geräte auf der Müllhalde zu trennen und so die “Ernte” zu erleichtern. Der Junge hält einen Motor oder Kanister hoch, den er gerade geerntet hat. Er trägt ein Trikot des FC Barcelona mit der Aufschrift UNICEF. Auf dem Photo daneben, noch bedrohlicher aussehend, zwei asiatische Frauen in einem schlecht beleuchteten Raum voller Müll. Ihre Aufgabe ist es, den Müll zu sortieren.

In einem anderen Raum ein Gemälde, das eine indische Näherin darstellt. Beim genaueren Hinsehen entpuppt es sich als dreidimensional. Das Gemälde ist aus Stoffresten gemacht. Dahinter eine Tapete. Darauf, so sieht es auf den ersten Blick aus, längliche Kartuschen, die sich an den Enden berühren. Beim genaueren Hinsehen merkt man, dass eigentlich eine Näherin dargestellt ist, die eine Faden abbeißt.

Als Gegengewicht sozusagen gibt es Photographien von Robotern, eine Straßenszene, auf der ein spazierender Roboter Aufmerksamkeit erregt, eine andere, in der die Leute einfach uninteressiert weitergehen. Dazwischen eine Photographie mit einem Roboter in einem Arbeitszimmer, am Schreibtisch sitzend. Hinter ihm erahnt man eine Gittertür. Die schließt den Raum ab, in den er abends, nach Verrichtung der Arbeit, eingesperrt wird. Dem Roboter gegenüber steht ein weiterer Schreibtischstuhl. Der ist bezeichnenderweise leer.

In einem Durchgang läuft ein Film, einer der ältesten Filme überhaupt, wenn nicht der älteste. Er zeigt Arbeiter beim Verlassen einer Fabrik. Die Fabrik ist die der Brüder Lumière, die auch den Film gedreht haben. Der Film besteht aus einer Reihe hintereinandergeschalteter Photographien. Das ist so gut gemacht, dass es “echt” aussieht. Die Arbeiter, unter ihnen viele Frauen, verlassen die Fabrik in schnellen Schritten, dicht nacheinander und nebeneinander. Die Frauen sind so gut gekleidet, mit langen Kleidern und breiten Hüten, dass man kaum glaubt, sie kämen aus einer Fabrik. Sie könnten genauso gut aus der Kirche kommen.

In der Nähe des archäologischen Funds steht eine Skulptur, ein Mann, dessen Torso aus Kohlestücken besteht. Als Kopf dient ihm ein schwerer Motor. Erstaunlich, wie leicht der Motor die grobe Form des Kopfes wiedergibt. Von dem Motor hängen Kabel herunter, die dem Mann über das Gesicht laufen. Die Skulptur ist Minotaurus betitelt. Er ist der Minotaurus des Industriezeitalters.

Am Schluss der Ausstellung das rekonstruierte Arbeitszimmer von Nell-Breuning, dem Antipoden von Marx und gleichzeitig sein Adept. Das Arbeitszimmer ist aus Pappmaché gemacht und gibt die Wirklichkeit leicht verzerrt wieder: Der Schreibtischstuhl ist übergroß, das Bett zu klein. Die Platte und die Füße des mächtigen Schreibtischs bestehen aus großformatigen Büchern. Auf dem Schreibtisch steht eine Schreibmaschine, nicht aus Pappmaché, eine Schreibmaschine des Fabrikats, das Nell-Breuning benutzte. Mittels elektronischer Impulse huschen Buchstaben und Blätter über die Wände. Man hört das mühsame Klappern der Schreibmaschine und die Stimme Nell-Breunings, der langsam, leise, mit Überlegung über die “soziale Marktwirtschaft” und ihre Grenzen doziert und einen Platz für die Kultur einfordert.

Nell-Breuning, der keineswegs der Erfinder, sondern ein Entwickler der katholischen Soziallehre war, wäre vielleicht ein besseres Thema für die Ausstellung gewesen und hätte einen klareren Bezug zu Marx gehabt. Nell-Breuning hatte sich immer wieder auf Marx berufen.

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Ganz natürlich?

In einem Radiovortrag geht es um das selbstständige Lernen. Im “Stationenlernen”, einer Form des sog. “schülerzentrierten Unterrichts”, bestimmen die Schüler selbst über das Tempo, die Reihenfolge und den Umfang ihrer Arbeit an den einzelnen Stationen. Der schülerzentrierte Unterricht erfreut sich großer Beliebtheit, u.a. deshalb, weil er eine Form ist, der immer größeren Heterogenität der Schulklassen gerecht zu werden. Anleitungen für den schülerzentrierten Unterricht finden sich oft in Ratgebern für Praktiker, von Praktikern geschrieben. Die Begründungen für die Unterrichtspraxis greifen aber oft zu kurz oder schließen die Theorie ganz aus und haben keinerlei empirische Grundlagen. Theorieanleihen werden gemacht bei popularisierten Darstellungen der Hirnforschung und nicht aus der Erziehungswissenschaft. Das Gehirn interessiere sich nur für persönlich Relevantes und lerne nur dann, wenn der Aufwand sich subjektiv lohne, heißt es. Die Lernumgebung müssten persönliches Interesse wecken und einen Anschluss an die Lebenswelt der Lernenden herstellen. Der Rekurs auf die Hirnforschung dient also in erster Linie der Legitimation handlungsorientierter und schüleraktivierender Lernformen. Wie sich Lernen tatsächlich vollzieht, wird dadurch aber nicht erklärt, und dass das Lernen selbständig verlaufen soll und kann scheint keiner weiteren Begründung zu bedürfen. Das selbständige Lernen erscheint schlicht als natürliche Form des Lernens. Welche Belege haben wir aber, dass die Kinder, die die verschiedenen Stationen des Stationenlernens (zum Thema Brücken) durchlaufen haben, tatsächlich etwas gelernt haben? Die Kinder haben ihre Arbeitsaufträge erledigt und sie auf ihren Laufzetteln abgehakt. Ob die inhaltsbezogenen Kompetenzen, die der Lehrplan vorsieht, tatsächlich erworben wurde, weiß man nicht. Die Kinder haben zwar ausgefüllte Arbeitsblätter in den Händen und selbstgebastelte Brücken, aber haben sie etwas über deren Konstruktionsprinzip verstanden? Haben sie Transferfähigkeiten entwickelt? So die Argumente einer Freiburger Pädagogin in dem Radiovortrag (Nicole Vidal: “Relevanz neurowissenschaftlichen Wissens für die pädagogische Praxis und Theoriebildung”, in: Aula, SWR 2: 30/09/2018). Mir persönlich scheint hier ein zentrales Problem berührt zu sein, ein Problem, das nicht nur für den schülerzentrierten Unterricht gilt, sondern auch für andere Lernformen: Lernerfolg wird vorausgesetzt, ohne Nachweise. Tun wird mit Lernen gleichgesetzt. Dass man sich mit etwas beschäftigt, heißt aber noch lange nicht, dass dabei “etwas herauskommt”. Das weiß jeder, der mal mit stupidem Fleiß seitenweise Fachliteratur gelesen hat oder jeder, der mal eine Seite Vokabeln gelernt hat. Ob und wann etwas “hängenbleibt”, wann es tatsächlich “Klick” macht, ist oft nicht einmal im Nachhinein zu entscheiden, geschweige denn, vorauszusagen. Lernen ist eine verdammt komplizierte Angelegenheit.

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Landhunger

Man mag es kaum glauben, aber der Kolonialbesitz Deutschlands war der drittgrößte aller europäischen Mächte: Togo, Kamerun, Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Südwestafrika, Neuguinea, die Marschallinseln, die Karolinen und die Marianen und das deutsche Gebiet um Tsingtao in China gehörten dazu. Dabei dauerte die Kolonialherrschaft gerade mal drei Jahrzehnte, und anfangs wollten gar keiner von Kolonien sprechen. Das Reich überließ es Privatleuten, das Land zu erschließen. Gemessen an der knappen Zeit richteten die deutschen ein enormes Maß an Unheil an. Willkürliche Gewalt gegen die Bevölkerung, Zwangsarbeit, eine rassistische Rechtsprechung, sexueller Missbrauch gehörten zum Alltag. Die Männer, die sich dort breitmachten, waren meist solche, die zuhause zu den Verlierern zählten: Sorgenkinder, schwarze Schafe aus Adelsfamilien, Büregliche, die in der adeligen Gesellschaft zuhause keine Aufstiegschancen hatten. Das Nebeneinander von Schwäche und Gewalttätigkeit trag dann besonders zutage, als es dem Ende zuging, zwischen 1914 und 1918. Zu wirtschaftlichem Gedeihen und zivilisatorischem Fortschritt hat der deutsche Kolonialismus nirgendwo beigetragen. Das Ziel war die Etablierung von Absatzmärkten und der Abbau von Rohstoffen. Zu einem würdigen Umgang mit den Opfern haben wir bis heute nicht gefunden. Zu wenig gerät die deutsche Kolonialherrschaft ins Bewusstsein angesichts der Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust. (Staas, Christian: “Der Untergang”, in: Die Zeit 40/2018: 20-21)

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Ins Schwimmen geraten

Seit 20 Jahren beschäftigt sich der Wuppertaler Sportwissenschaftler Theodor Stemper mit der Frage der Schwimmfähigkeit der Deutschen. Ob deren Schwimmfähigkeit in den letzten 20 Jahren abgenommen habe oder nicht, kann er nicht sagen. Dazu seien die Ergebnisse der Studien zu widersprüchlich. Auf den zweiten Blick nicht verwunderlich. Wie soll man das zuverlässig nachweisen? In den Medien gibt es dennoch regelmäßig einen Aufschrei über die nachlassende Schwimmfähigkeit. Öffentliche Bäder würden geschlossen, und immer weniger Kinder lernten schwimmen, heißt es. Und nicht nur das: Die Zahl der Ertrinkenden sei dadurch gestiegen. Daran ist fast alles falsch: Wenn die Zahl der Ertrinkenden steigt, muss das nicht an der sinkenden Zahl der Schwimmer liegen. Menschen, die ertrinken, sind in der Regel Schwimmer. Sie überschätzen sich, sie haben Alkohol getrunken, sie erleiden einen Herzinfarkt. Nichtschwimmer meiden das Wasser. Außerdem sind die Zahlen schlichtweg falsch: Die Zahl der Ertrinkenden ist von 1119 im Jahre 1970 auf 404 im Jahre 2017 gesunken! Und es befinden sich nicht besonders viele Kinder unter den Ertrunkenen. Woher kommt dann die Legende von der sinkenden Schwimmfähigkeit? Sie beruht allein auf einer Zahl der DLRG. Danach machen immer weniger Kinder das Schwimmabzeichen. Das hat natürlich wenig zu sagen. Viele Kinder, sagt Stemper, machten kein Abzeichen, könnten aber dennoch schwimmen. Aber das ist keine Nachricht wert. Die Medien beschwören lieber das schlimme Szenario. Dem liegt etwas zugrunde, was man Negativitätsbias nennt: Schlechte Nachrichten verkaufen sich einfach besser. (Spiewak, Martin: “Was nicht in der Zeitung steht”, in: Die Zeit 40/2018: 35-36)

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Pink it and shrink it

Frauen können, einer populären Vorstellung zufolge, mehr Farbnuancen unterscheiden als Männer. Jedenfalls können sie elaborierter darüber sprechen. Ein Mann sagt Blau, eine Frau sagt Veilchenblau, Schieferblau, Stahlblau, Taubenblau, Himmelblau. Auch Experimente belegen das. In einem Zeitungsartikel (Albrecht, Harro: “Pink als Wille und Vorstellung”, in: Die Zeit 34/2018: 29) wird eine internationale linguistische Umfrage zitiert, bei der Männer 7 Farben benannten, Frauen aber mindestens 29! Woher kommt das? Haben Frauen, wie der Artikel es nahelegt, ein “feineres Sensorium” für Farben? Falls ja, woher kommt das? Oder haben sie gelernt, mehr Unterschiede zu benennen? Und können gar nicht mehr Farbnuancen unterscheiden, sondern nur benennen? Manche Forscher beginnen die Spurensuche in der Urgeschichte. Sie unterwerfen jeder Verhaltensweise der Frage: Was bringt oder brachte sie dem Menschen? Bei den Farben wird so argumentiert: Die Frauen waren für das Sammeln von Früchten zuständig, und bei denen stand Rot für gehaltvolle, kalorienreiche Früchte, und die waren wertvoll und lecker, anders als das weniger begehrte grüne Beigemüse. Ist das ausreichend, um moderne Verhaltensweisen zu erklären? Ist das vielleicht der Nukleus, aus dem alles entstand? Und sind vielleicht auch Farbpräferenzen letztlich darauf zurückzuführen? Immer wieder ist die moderne Pink-Präferenz von Mädchen Gegenstand der Diskussion. Beliebt ist die These, dass pink = feminin das Ergebnis einer erfolgreichen Manipulation durch die kommerzielle Neuzeit sei. Die Werbung versteht es gut, die Farbpräferenzen emotional aufzuladen. Aber kommen die aus dem Nichts? Die These, es habe früher eine Zeit der Präferenz von Pink bei Jungen gegeben, ist zwar populär, aber für sie gibt es keinerlei Belege. Der rasende Trend zum Pink-Blau-Dualismus könnte nur die extreme Fortsetzung einer in der Vergangenheit liegenden, aus den materiellen Voraussetzungen abgeleiteten Präferenz sein. Minimale Unterschiede zwischen Männern und Frauen können sehr lange brauchen, um eine neue kulturelle Norm zu setzen.

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Patriotic apocrypha

“There, I guess King George will be able to read that!” are the words John Hancock, according to popular belief, used when he signed the Declaration of Independence, exubertantly scrawling his name in extra large letters under the text. Several paintings represent the scene like this, Hancock addressing the other men who had signed (or were going to sign) the Declaration. Actually, there was no one around he could have addressed. There was no dramatic group signing. Those who signed the Declaration did so over several days’ time, one after the other. Hancock most likely signed the Declaration in silence. (Keyes, Ralph: Quote Verifier. Who Said What, Where, and When? New York: St. Martin’s Griffin, 2006: 113-114)

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Proverbial wisdom

“Promises are like pie-crusts, made to be broken.” Many American politicians, but quite especially Ronald Reagan, were fond of quoting Lenin to this effect, insinuating that communists are not to be trusted. And as cynical as can be. Reagan thought he had read that Lenin had said this somewhere. As a matter of fact, Lenin had said “The promises like pie-crusts are leaven to be broken”, which he called “an English proverb”. Lenin’s point was not that he believed in what the proverb said but that his opponents did! The proverb actually first appears in an English text, Swift’s Polite Conversation, in the form of a comment by Lady Answerall: “I beg your pardon, my Lord, Promises and Pye-Crusts, they say, are made to be broken.” (Keyes, Ralph: Quote Verifier. Who Said What, Where, and When? New York: St. Martin’s Griffin, 2006: 174)

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Halewi Marx

Der Alte Jüdische Friedhof ist gewöhnlich nicht der Öffentlichkeit zugänglich. Aber dieses Jahr ist alles anders. Marx macht’s möglich.

Der Alte Jüdische Friedhof ist nicht der älteste jüdische Friedhof Triers. Der älteste befand sich in der Nähe der alten Synagoge, an der Jüdemerstraße. Jüdemer? Judenmauer!  Die jüdischen Friedhöfe waren, wie die römischen, immer außerhalb der Stadtmauern. Dieser Friedhof wurde geschleift, als die Juden vom Bischof aus Trier vertrieben wurden. Der hatte, wie es heißt, rein „ideologische Gründe“. Die Juden hatten einfach nicht die richtige Religion. Die Juden hatten bis dahin in der Innenstadt gelebt, in einem Viertel, das ganz fälschlicherweise immer wieder als Ghetto bezeichnet wird. Es war ein privilegiertes Viertel, ganz zentral gelegen, mit eigener Gerichtsbarkeit.

Auf dem Boden dieses ersten jüdischen Friedhofs entstand ein christliches Kloster. Von dem ist heute nur noch die Augustinerkirche erhalten. Bei den Ausgrabungen für die Viehmarktthermen kamen dann jüdische Grabsteine zum Vorschein. Die Christen hatten sie als Spolien für ihre Bauten benutzt.

Dieser jüdische Friedhof, auf dem wir jetzt sind, stammt aus der Zeit, als die Juden wieder zugelassen wurden. Die ältesten Gräber stammen aus dem 16. Jahrhundert, die jüngsten vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Er wurde dann geschlossen – wegen Überfüllung. Der Grund für die Überfüllung war die Spanische Grippe. Die hatte ihren Tribut gefordert, auch in Trier. Bei dem jüdischen Friedhof so sehr, dass sogar die Gehwege zwischen den Gräbern belegt worden waren.

Wenn man durch das Tor in der Begrenzungsmauer tritt, sieht man schnell die „Zweiteilung“ des Friedhofs: links traditionellere Gräber, rechts neuere, die der assimilierten Juden. Überall wachsen Gräser und Bodendecker, die sich teils der Grabsteine bemächtigt haben. Einige verschwinden komplett unter ihnen. Das entspricht der jüdischen Tradition.

Die Bestattung findet bei den Juden so bald wie möglich statt: am Morgen gestorben, am Nachmittag beerdigt. Das wird auf die Zeit des Auszugs aus Ägypten zurückgeführt. Da habe man immer weiter gehen müssen und habe sich nicht aufhalten können, wenn jemand starb. Man grub ein Loch, bestattete den Toten in einfachen Kleidern und legte einen Stein auf die Grabstelle. Daher soll die Tradition stammen, dass Juden noch heute auf Grabsteine kleine Steinchen deponieren.

An der Erklärung stören mich zwei Dinge: Das schnelle Begräbnis gibt es auch bei Muslimen und bei Christen in Südeuropa, und die haben keine Wüste durchquert. Vielleicht hat die schnelle Beerdigung eher hygienische Gründe. Außerdem waren die Juden beim Auszug aus Ägypten ja nicht ständig unterwegs. Schließlich haben sie vierzig Jahre für die paar Kilometer gebraucht. Sie waren Nomaden und hielten sich so lange wie möglich in den Oasen auf, die sie erreicht hatten. So viel Bock scheinen sie auf das gelobte Land nicht gehabt zu haben.

Die jüdischen Frauen werden noch heute, sofern sie gläubig sind, in einfachen Leinentüchern beerdigt. Die jüdischen Männer im Tallit, dem Gebetsmantel, den sie bei der Bar Mitzwa bekommen. Deshalb muss der so groß sein! Hab ich mich schon immer drüber gewundert. Diese ganz einfache Bestattung gibt es noch bei einigen wenigen gesetzesgläubigen Juden, aber die meisten werden jetzt doch in einem Sarg bestattet. Allerdings ist es weniger ein Sarg im christlichen Sinne als eine einfache Holzkiste. So ist es auch hier auf dem Friedhof.

Was man als Laie nicht ohne weiteres erkennen würde, ist die Bedeutung der Embleme auf den Grabsteinen, obwohl sie sich sofort erschließen, wenn man die Erklärung hört: eine abgebrochene Stele (als Symbol für ein zu früh zu Ende gegangenes Leben), eine nach unten gerichtete Fackel (als Symbol für das erloschene Leben), eine Mohnkapsel (für eine Droge, die einen in tiefen Schlaf versetzt). An einem Grabstein in dem modernen Teil ist das Auge Gottes angebracht, ein von einem Strahlenkranz umgebenes Auge, von einem Dreieck umschlossen. Was ist das? Sind die Juden hier soweit assimiliert, dass sie christliche Symbole verwenden? Ausgerechnet das Symbol der Dreifaltigkeit, die so sehr dem strengen jüdischen Monotheismus widerspricht? Oder entstammt das Dreieck am Ende der jüdischen Tradition, als halber Davidstern?

Im strengeren Sinne jüdische Symbole sind die geschwungene Thora-Rolle, die einige Grabsteine bekrönt, sowie die betenden Hände und die Wasserkrüge. Die stehen für Rabbiner bzw. Leviten. Die Rabbiner sind keine Geistlichen. Sie können zwar einen Gottesdienst in der Synagoge leiten, aber das kann jeder erwachsene Mann. Die Rabbiner sind Rechtsgelehrte, Experten.

Ein Unterschied zwischen dem traditionellen Teil des Friedhofs links und dem modernen rechts ist der Gebrauch der Schrift: Links haben alle Grabsteine Inschriften in Hebräisch, rechts ist es entweder eine Mischung aus Hebräisch und Latein oder nur Latein, Ausweis der immer größer werdenden Assimilierung. Bei den Inschriften rechts gibt es gelegentlich Rechtschreibfehler. Da waren christliche Steinmetze am Werk!

Außerdem sind die Grabsteine rechts größer und aufwendiger gestaltet. Man könnte glauben, auf einem christlichen Friedhof zu sein. Hier gibt es auch gelegentlich, entgegen der jüdischen Tradition, Familiengräber.

Eine verzwickte Frage betrifft die Ausrichtung der Gräber. Auch da gibt es Variation. Nach der jüdischen Tradition ist das Grab immer Richtung Tempelberg ausgerichtet. Und der Grabstein ist am Fußende des Toten. Ob und wie diese beiden Dinge zusammenhängen, wird uns nicht klar. Aber eins ist sicher: Zwei gleich aneinandergrenzende Kindergräber, in einem ein Junge, in einem ein Mädchen, stoßen gleichsam mit dem Kopf zusammen. Die beiden Grabsteine berühren sich fast. Hier muss also ein Wandel der Auffassung stattgefunden haben.

Jüdische Friedhöfe hatten auch immer eine “Schandecke”, für Selbstmörder (und wohl auch Verbrecher). Sie wurden zwar irgendwo in eine Ecke verbannt, aber immerhin wurde ihnen das Begräbnis auf dem Friedhof nicht verwehrt, wie bei den Christen. Wo sich die Schandecke dieses Friedhofs befindet, ist nicht bekannt.

Im rechten Teil des Friedhofs tauchen häufig die Namen Marx und Kahn auf. Marx ist ein sehr verbreiteter Name in dieser Region und deutet nicht auf eine Verwandtschaft mit dem Marx hin. Es ist etymologisch eine Nebenform von Markus. Kahn (bzw. Kohn) ist eine assimilierte Form von Cohen, und das ist eine Bezeichnung für Angehörige der jüdischen Priesterkaste.

Links befinden sich die Grabmäler der Familie Marx. Hier ist der Großvater von Karl Marx begraben und gleich daneben ein weiterer Vorfahr. Die Inschrift ist auf Hebräisch und bedeckt den ganzen Grabstein. Der ist besonders einfach gehalten und steht etwas schief im Boden. Man hat ihn, entgegen der jüdischen Tradition, gereinigt, um die Inschrift sichtbar zu machen. Marx’ Großvater war Rabbi und hieß Halevi.Marx Vater hieß bis zu seiner Konvertierung Hechel Halevi. Aus Hechel machte er Heinrich.

Erstaunlich, was es auf einem Friedhof alles zu entdecken gibt.

 

 

 

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Marx (2)

Am Treppenaufgang zur Ausstellung links eine Landkarte Europas, mit den Grenzen der Zeit von Marx und den heutigen Grenzen. Viele Dinge sind gleich geblieben, aber es gibt auch Unterschiede: Griechenland, Polen und Irland existierten (noch) nicht. Und im Osten gab es drei Großreiche: das Zarenreich, das Osmanische Reich und Kakanien.

Rechts eine Wand mit großflächigen Reproduktionen von Photos von Marx. Alle stammen aus der Londoner Zeit. Auf allen trägt er das Haar lang und hat einen Rauschebart. Es gibt kein Photo von ihm und Jenny. Wenn Frauen neben ihm posieren, sind es seine Töchter oder, in einem Fall, eine seiner Töchter neben der Tochter von Engels.

Die Ausstellung ist nicht im engeren Sinne über Marx Leben, sondern zeichnet die Stationen seines Lebens nach, eine ganze Menge, von Trier bis nach London. Dass er auch einmal in Algier war (um sich in dem milden mediterranen Klima von seinen vielen Leiden zu erholen), wusste ich nicht. Auf dem Rückweg war er sogar in Monte Carlo.

Es ist bezeichnend, dass Trier am Anfang steht, das kleine, provinzielle Trier mit gerade mal 10.000 Einwohnern, und London am Ende, die riesige, moderne Metropole, die größte Stadt Europas zu der Zeit. Sie hatte zu Zeiten von Marx schon fünf Bahnhöfe! Die verbanden sie mit allen Teilen Englands. Auf Gemälden – die meisten Exponate sind Gemälde – sieht man St. Pancras Station – romantisch in Abendlicht gehüllt, die Bahnhofshalle im Zwielicht fast verschwimmend, die Fassade wie eine gotische Kirche – und King’s Cross Station, geschäftig, mit großem Auflauf angesichts des Eintreffens der Königin.

Die meisten Exponate sind Bilder. Die nehmen Bezug auf die Lage in den verschiedenen Städten zu Marx‘ Zeiten. Für die Zeit in Trier steht ein Gemälde, das eine erwischte Reisigsammlerin im Wald zeigt. An ihrer Seite ihre weinende Tochter. Neben ihr ein Gendarm mit einem Notizbuch. Das Sammeln von Reisig, früher erlaubt, war von den Preußen unter Strafe gestellt worden. Das führte zu noch mehr Elend bei den Armen.

Die Franzosenzeit hatte für Trier Fortschritt bedeutet, hinsichtlich der Institutionen und hinsichtlich der Gesetze. Zum ersten Mal waren alle (Männer!) vor dem Gesetzt gleich. Hier ist eine Zeichnung von Goethe zu sehen, die die Freiheit feiert. Oben steht: Cette terre è libre. Im Hintergrund sieht man einen kleinen Ort: Schengen!

In der Preußenzeit wurde das alles rückgängig gemacht. Und es gab einen großen materiellen Rückschritt. Trier waren nach der Napoleonischen Zeit Absatzmärkte abhandengekommen.  Das beeinträchtigte die Lage der Kleingewerbetreibenden. Darunter litten auch die Winzer. Und die litten außerdem unter der Steuerlast. Weine aus dem Rheinland galten in Preußen als Auslandsprodukte und unterlagen hohen Zöllen. Dann schlug auch noch die Reblaus zu.Die Lage der Menschen wurde durch eine Schlacht- und eine Mahlsteuer noch verschlimmert. Viele lebten unter dem Existenzminimum, und in einigen Jahren waren 1.700 Menschen inhaftiert, von insgesamt 11.000!

Das führte zu Auswanderungen in großem Stil, von Trier aus u.a. nach Brasilien. Vor allem viele Winzer wanderten dahin aus. Auf einem Gemälde sieht man Auswanderer beim Aufbruch, auf einem anderen eine Amtsstube, in der man sich seine Papiere besorgen musste. Man benötigte einen Pass. Das bedeutete nicht dasselbe wie heute. Ein Pass war eher das, was man heute als Visum bezeichnen würde, aber man brauchte ihn nicht, um reinzukommen, sondern um rauszukommen! Die Länder wollten ihre Bürger behalten! Sie waren wichtig als Arbeitskräfte, als Erzeuger von Nachkommen, als Steuerzahler, als Soldaten. Rein kam man überall, ganz anders als heute. In einer Vitrine ist ein Pass ausgestellt, ein großformatiges Blatt Papier mit den üblichen Unterschriften und Stempeln.

Trier ist die kleinste Stadt auf Marx‘ Lebensweg, mit Ausnahme vielleicht von Bad Kreuznach. Dort heiratete er. Jenny war nach dem Tod des Vaters mit der Mutter dorthin gezogen. Auf der Hochzeitsreise, die ihn nach Bingen und Baden-Baden führte, kam er zum ersten Mal ins Ausland! Bingen gehörte zu Hessen.

Eine Bleistiftzeichnung zeigt den jungen Marx als Studenten in Bonn, mit 17. Er hatte schon mit 16 Abitur gemacht und Trier verlassen! Diese Bleistiftzeichnung ist die älteste erhaltene Darstellung von Marx.

Es gibt nur wenige Exponate mit direktem Bezug auf Marx. Eins davon ist ein Karzerbuch der Universität Bonn. Dort wird er, Carl Marx, zu einem Tag Karzer verurteilt, wegen „nächtlicher Ruhestörung”. Kurios, dass es bei der Schreibung des Namens noch keine Einheitlichkeit gibt. Außer Bonn gibt es zu der Zeit keine einzige Universität im Rheinland und in Westfalen!

In Bonn machte Marx, was man als Student so macht: Liebesgedichte schreiben, die Vorlesungen schwänzen, saufen, feiern, lärmen. Sein Vater sorgte dafür, dass die Sache bald ein Ende nahm, nach zwei Semestern. Er empfahl  Berlin als seriösen Studienort. Es ist genau das Gegenteil von dem, was man erwarten würde.

Tatsächlich wurde Marx in Berlin sofort zu einem ernsthaften Studenten, so sehr, dass der Vater sich jetzt sorgte, weil der Sohn nur noch die Bücher im Kopf hatte. Berlin war die erste Großstadt, die Marx kennenlernte, mit Fabriken, Palais, Paraden, Theater und 200.000 Einwohnern.

Entgegen der allgemeinen Vermutung musste Marx Berlin nicht wegen seiner politischen Einstellung verlassen, sondern weil er die Regelstudienzeit überschritten hatte! Promoviert wurde er dann in Jena, in Abwesenheit! Die Stadt hat er nie betreten!

Köln war, wie Trier, katholisch, liberal und antipreußisch. Wie sehr die Preußen diese Ideologie fürchteten, sieht man darin, dass sie den Rosenmontagszug verboten. Der war ihnen zu politisch.

In Paris lebten zu der Zeit, als Marx dorthin übersiedelte, 80.000 Deutsche, 8% der  Bevölkerung! Trotz der hohen Einwohnerzahl waren Teile der Stadt noch ganz ländlich. Auf einem Gemälde von Corot sieht einen Hügel mit Feldern, einem Felsen und einer Mühle: Montmarte!

In einer Schatulle ist ein Reiseschreibset aufbewahrt. Ob es von Marx selbst stammt, wird nicht ganz klar. Jedenfalls enthält es, säuberlich geordnet, Federn unterschiedlicher Stärke, zwei Tintenfässer und zwei Schreibstiele. So was muss Marx ständig bei sich gehabt haben. Bei Umzügen war man nicht zimperlich. Man schleppte den gesamten Haushalt mit. In der Regel fuhr Marx, mit dem Nötigsten ausgestattet, vor, und Jenny kam mit dem gesamten Haushalt hinterher.

Auf einem Gemälde sieht man ein Pfandleihhaus. Das hatte nichts Anrüchiges an sich. Man ging ins Pfandleihaus, wenn man einen Kredit brauchte, so wie man heute zur Bank geht. Auf dem Gemälde sieht man folgerichtig eine Familie aus dem Establishment, gut gekleidete, vornehm. Anders war es mit der Zwangsverpfändung. Auch die wird auf einem Gemälde illustriert. Die Zwangsverpfändung trat ein, wenn man seine Schulden endgültig nicht mehr bezahlen konnte. Das bedeutete dann auch den Verlust der Wohnung. Und genau das passierte bei Marx zu Beginn der Londoner Zeit: Die hochschwangere Jenny wurde mit mehreren kleinen Kindern auf die Straße gesetzt. Die Familie stand am Abgrund. Später wurde die Situation besser, durch verschiedene Erbschaften und durch die Unterstützung durch Engels. Aber die Klagen rissen nicht ab, aber es waren jetzt Klagen auf höchstem Niveau: Der Italienischlehrer will mehr Geld, wir können und den Klavierunterricht für Jenny nicht mehr leisten, der Preis für den Wein ist gestiegen usw.

Marx selbst und Jenny und die auf dem Kontinent geborenen Kinder waren staatenlos. Hier galt das ius sanguinis. Das galt nicht für die in England geborenen Kinder. Sie hatten die britische Staatsangehörigkeit. Hier galt das ius soli.

In einer Vitrine sieht man zwei Schreiben von Marx aus Brüssel an Trier, an den Oberbürgermeister, der gleichzeitig der Preußische Gesandte ist. Er benötigt Unterlagen für seine geplante Auswanderung in die USA. Daraus wurde nichts.

Ein aufgeschlagenes Exemplar der Rheinischen Zeitung liegt in einer Vitrine, mit einem eng gedruckten Text zu der Debatte in Preußen zum Holzdiebstahl. Geschrieben ist der Artikel „von einem Rheinländer“ – Marx. Er war Chefredakteur der Zeitung. Die Rheinische Zeitung wurde verboten, dann, nach der Revolution, als Neue Rheinische Zeitung wiedergegründet. Nach dem Niederschlag der Revolution wurde Marx aus Preußen ausgewiesen. Das letzte Exemplar der Neuen Rheinischen Zeitung, unmittelbar vor dem Verbot erschienen, ist ganz in Rot gehalten. Ein Exemplar ist in der Ausstellung zu sehen.

Vor der Ausweisung aus Brüssel landete Marx tatsächlich im Gefängnis – für eine Nacht. Zusammen mit Jenny, aber natürlich getrennt von ihr. Die war zusammen mit Wucherinnen und Prostituierten interniert. Marx lancierte die Sache geschickt und es kam zu einem öffentlichen Aufschrei, nicht so sehr wegen Marx, sondern wegen La Baronesse de Westphalie!

Für Manchester gibt es einen eigenen Raum, obwohl Marx nie dort wohnte. Er verbrachte aber lange Zeit dort, bei Engels, und in der Bibliothek. Kurz gesagt, wurde in Manchester aus dem Philosophen ein Wirtschaftswissenschaftler. Trotzdem hat Marx nie eine Fabrik von innen gesehen!

Hier gibt es auch ein Gemälde, das eine Fabrik mit hammerschwingenden Arbeitern zeigt. Hier ist alles hell, die Atmosphäre ist betriebsam, die Mühen der Arbeit und das Elend der Arbeiter bleiben verborgen. Hier wird die Industrialisierung gefeiert. Im Vordergrund, erst bei genauem Hinsehen zu erkennen, sitzt ein Mädchen mit einem Mathematik-Buch. Sie gehört zu den Gewinnern der Industrialisierung.

Daneben ein Bild, La Nena Obrera, das in der Zeit Furore machte. Ursprünglich großformatig, über zwei Meter lang, und so erfolgreich, dass der Maler,  Joan Planella, dieses zweite, kleinformatige Bild folgen ließ. Das erste war auf Ausstellungen in New York, Buenos Aires, Paris usw. gewesen. Das Bild zeigt eine Fabrikarbeiterin, eine absolute Neuheit. Die Malerei hatte früher Adelige, heute Unternehmer dargestellt, aber keine Arbeiter, und schon gar keine Frauen oder Kinder. Hier, bei der Nena Obrera, sind Kind und Frau gleichzeitig erfasst.

Von Algier, wo er von London aus hinreiste, um in dem milden Mittelmeerklima seine vielen Gebrechen zu kurieren, gibt es eine Tagebuchaufzeichnung von Marx, von der wir wissen, dass er einen Termin beim Photographen und einen beim Barbier hatte. In dieser Reihenfolge. Beim Barbier ließ er sich den Bart abnehmen. Wenn dieser Reihenfolge gibt es kein Photo des bartlosen Marx.

Die Hoffnung auf das milde Mittelmeerklima erwies sich als trügerisch. Es stürmte und regnete ununterbrochen. Danach ging die Reise nach Monto Carlo, ausgerechnet nach Monte Carlo. Marx (und Marxismus) und Montecarlo – kann man sich einen größeren Gegensatz denken?

Von den sieben Kindern von Marx und Jenny starben vier als Säugling oder im Kindsalter. Nur drei erreichten das Erwachsenenalter, drei Töchter. Sie hießen, um Verwirrung zu stiften, mit erstem Vornamen alle Jenny! Alle drei wirkten zu irgendeiner Zeit als Sekretärin oder Assistentin von Marx.

Nur zwei überlebten Marx. Jenny Caroline, die älteste Tochter, starb wenige Monate vor Marx an Blasenkrebs, im selben Jahr, 1883.

Jenny Eleanor, “Tussy”, eine aktive Sozialistin, hatte ein Nerenkrankheit, von der sie auch mehrere Kurauftenhalte nicht heilten. Sie hatte ein Verhältnis zu einem Mann, der ihr verheimlichte, dass er verheiratet war. Die Nachricht davon könnte der Auslöser ihres Suizids gewesen sein. Sie nahm sich im Alter von 43 Jahren mit Blausäure das Leben.

Jenny Laura war die sprachbegabteste von allen und übersetze u.a. Ibsen und Flaubert. Ins Deutsche, vermute ich. Im Alter war sie so sehr von der Angst vor Armut und Gebrechen geplagt, dass sie sich auch das Leben nahm – zusammen mit ihrem Ehemann, Paul Lafargue. Sie hatten in den Jahren des erzwungenen Exils alle drei Kinder verloren.

Am Ende der Ausstellung stößt man in der Form von Faksimiles, aber auch als elekrtonische Dateien auf etwas, das den etwas irreführenden Namen Confessions trägt. Es sind keine Bekenntnisse im eigentlichen Sinne, sondern die Antworten auf Fragebögen, die man Freunden gab, eine unterhaltsame Art, etwas von sich preiszugeben. Jenny hielt ein komplettes Confessions Book. Da liest man einige eher nichtssagende, aber auch sehr originelle Antworten: Ihre Heldin? – Meine Kaffeekanne. Ihre Lieblingsbeschäftigung? – Luftschlösser bauen. Auch Schlafen und Rauchen werden als Lieblingsbeschäftigung genannt. Und „Bettler anbellen“. Das ist der Fragebogen von Whiskey. So hieß der Hund der Familie Marx. Bei der Antwort auf die Frage nach dem persönlichen Motto, der persönlichen Maxime, gibt es zwei, die mir auffallen: Fais ce que voudras, arrive ce que pourra. – Tue, was du willst. Es kommt, wie es kommt. Und: Là où il y a de la gène il n’est pas de plaisir.

Es bleiben ein paar Rätsel, und es sind ein paar neue hinzugekommen durch die Ausstellung, die Führung durch die Ausstellung und die Lektüre der letzten Wochen: Marx wurde mit einer Arbeit über griechische Philosophen promoviert, war aber als Jurastudent eingeschrieben. Ging das? Welchen Doktortitel erhielt er? Warum konnte er in Jena promoviert werden, obwohl er dort nie war? Ist es in Gerücht, dass Marx zeitlebens ein Photo seines Vaters mit sich trug? Stimmt es, dass die Photographie noch gar nicht erfunden war, als Marx’ Vater starb? Kann es statt eines Photos nicht eine Zeichnung gewesen sein? Wie ist es mit der Ausweisung aus Preußen? Ist das ein Mythos? Ist Marx gar nicht ausgewiesen worden? Schließlich hat er den Austritt aus der preußischen Staatsangehörigkeit selbst beantragt. Aber kann er nicht auch als Staatenloser ausgewiesen worden sein? Haben sich Marx und Engels kein bisschen um die Lage der Arbeiter in der Fabrik von Engels gekümmert? Wie konnten sie das mit ihren Theorien vereinbaren? Wie war es mit Engels und Marx’ unehelichem Kind? Irgendwo steht, es stimme nicht, dass er die Verantwortung für das Kind übernommen habe, das sei ein Gerücht. Aber vielleicht ist damit nur gemeint, dass er es nicht adoptierte, wohl aber sich dazu bekannte, der Vater zu sein. Und was hat es mit der Konversion von Marx’ Vater zum Protestantismus auf sich? Dass er zum Protestantismus und nicht zum Katholizismus konvertierte, ist eine Verbeugung vor den Preußen, ein Akt des Opportunismus. Aber warum überhaupt die Konversion? Stimmt es, dass er sonst nicht als Rechtsanwalt hätte arbeiten können? Oder hätte er als Rechtsanwalt arbeiten, aber nicht Beamter werden können?

(“Karl Marx 1818-1883. Stationen eines Lebens”, in: Stadtmuseum Trier, 2018)

 

 

 

 

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Marx (1)

Beim Aufgang zu den Ausstellungsräumen erfährt man, dass Marx bereits mit 23 promoviert wurde, und zwar in Jena. Dass auch Paris zu seinen Stationen gehörte, noch vor Brüssel und London, nach Bonn, Berlin und Köln. Und dass er Staatenloser war. Seine preußische Staatsbürgerschaft, heißt es, habe er „abgelegt“, 1845. Man fragt sich, ob das nicht bei den weiteren Stationen im Ausland, aber nicht nur da, schwierig war.

Die Ausstellung macht es einem nicht leicht und ist nicht jedermanns Sache, wie ich bereits gehört habe. Man muss lesen und sich konzentrieren, dann lohnt es sich.

Ganz am Anfang stehen einige Ausstellungsstücke, die auf Borsig Bezug nehmen. Darunter eine Lokomotive im Kleinformat und eine große, bauchige Vase, auf der Borsig gefeiert wird. Die Eisenbahn gehört zu den Erfindungen, die das Leben der Zeit auf rasante Art veränderten. D Als Marx geboren wurde, gab es noch keine Eisenbahnen, jedenfalls in Deutschland nicht. Als er nach Berlin kam, gab es ein paar von den Briten betriebene Eisenbahnen mit britischem Personal! Borsig forderte daraufhin Stephenson heraus und gewann eine Wettfahrt. Danach wurden unter seiner Regie deutsche Lokomotiven gebaut.

Am besten lassen sich die Eindrücke anhand von konkreten Exponaten zusammenfassen. Unter denen befinden sich einige, die von Marx selbst stammen. Am Anfang liegt die Doktorurkunde aus. Im Original. Alles ist auf Latein, auch die Namen sind latinisiert. Die Urkunde beantwortet endgültig eine Frage, die ich mir schon länger gestellt hatte: Marx wurde, obwohl ursprünglich in Jura eingeschrieben, zum Dr. phil. promoviert.

Marx wurde in Jena promoviert, in Abwesenheit, ohne mündliche Prüfung! Das ist einer der Gründe, warum er das Jenaer Angebot annahm. Ein anderer ist, dass er seine Dissertation zwar fertig hatte, die aber auf Deutsch abgefasst war. Er hätte sie in Berlin noch übersetzen müssen. Es scheint, dass die Universitäten autark genug waren, das selbst zu entscheiden. In Berlin war ihm das Geld ausgegangen. Sein Vater war inzwischen verstorben, und die Mutter drehte den Geldhahn zu, zum Entsetzen des Sohnes. Sie fand, dass genug Geld in die Förderung des Lieblingskindes geflossen war, dass jetzt auch mal die anderen an der Reihe waren. Das leuchtete Marx überhaupt nicht ein.

In einem verdunkelten Raum hängt ein Porträt von Proudhon. Der war Orientierung für Marx, aber er war, wie er fand, in der These steckengeblieben, der notwendigerweise die Antithese folgen musste. Seine Replik auf Proudhon schrieb er eigens auf Französisch, aber Proudhon antwortete nicht. Der Titel enthält eine typische Marxsche Volte: Misère de la philosophie. Réponse a la philosophie de la misère de M. Proudhon.

Dann kommt eine Seite, handschriftlich, aus dem Kommunistischen Manifest. Es soll die einzig erhaltene Seite sein. Die handschriftlichen Seiten wurden peu à peu, so wie sie zum Drucker kamen, vernichtet. Diese eine Seite muss durch einen Zufall erhalten geblieben sein. Vielleicht kam sie noch einmal zurück, weil es Unklarheiten gab. Es ist eine kleine, eng beschriebene Seite mit Unterstreichungen und einigen Korrekturen, ohne Linienblatt geschrieben, in einer  sehr krakeligen Handschrift. Man fragt sich, wie der Drucker das lesen konnte. Irgendwo heißt es, die arme Jenny habe alle seine handgeschriebenen Texte in Schönschrift übertragen. Auch Schreibmaschinen gab es zu der Zeit noch nicht. Erst Tussie Marx besaß gegen Ende ihres Lebens eine Schreibmaschine.

Rechts und links von der handschriftlichen Seite Ausgaben des Kommunistischen Manifests aus verschiedenen Zeiten in verschiedenen Sprachen, auch in Esperanto und in Blindenschrift. Das Manifest soll unter Zeitdruck entstanden sein. Es war eine Auftragsarbeit. Im Allgemeinen gilt Marx als ein akribischer und ausführlicher Autor, dem Sarkasmus und Polemik nicht fremd waren.

Zensur gab es nicht nur in der Literatur, auch in der Malerei. Das wird hier durch ein Gemälde veranschaulicht, Im Kerker von Ludwig Knaus. Der Gefangene ist alleine in einem dunklen Verlies. Er trägt aber Kleidung des 16. Jahrhunderts, um von der Gegenwart abzulenken. Gleichzeitig ist aber eine Fahne ein Hinweis auf die Gegenwart.

In einer Vitrine steht ein verrostetes Eisenteil, wie ein übergroßer Tannenzapfen. Was kann das nur sein? Es ist eine Kartätsche, eine Streubombe. Solche Kartätschen wurden in Berlin bei der Niederschlagung des Aufstands von 1848 eingesetzt. Damit wurde nicht gezielt auf einen Aufständischen gefeuert, sondern wahllos in die Menge. Wobei es egal war, wer das Opfer war.

Bemerkenswert auch eine aufgeschlagene Kladde. Da sieht man Marx‘ Arbeitsweise. Beide Seiten der Kladde sind bis auf den letzten Zentimeter gefüllt mit Zeitungsausschnitten, handgeschriebenen Tabellen, Listen und Kommentaren, wieder in ganz kleiner Schrift. Von diesen Kladden soll Marx, thematisch unterschieden, mehr als 160 gehabt haben. Eine immense, gut organisierte Arbeit.

Die meisten Exponate beziehen sich eher auf die Zeit als auf Marx selbst. Gleich zu Beginn der Ausstellung sieht man ein Ölgemälde, ein Porträt (1848), von Adolf Menzel. Am dem ist zunächst nichts Besonderes zu merken. Die Besonderheit liegt in dem Porträtierten. Es ist ein Weber, einer Weber aus Schlesien, dort, wo der Weberaufstand stattfand. Dies soll das erste Porträt eines anonymen Arbeiters überhaupt sein. Auch in der Malerei bedeutete die Umwälzung eine neue Zeit.

In einer Vitrine sieht man Broschen und Tabakpfeifen mit den Porträts der Revolutionäre wie Blum und Hecker. Eine Art der politischen Meinungskundgebung. Die Namen sind unter den Porträts angebracht, außer bei Blum. Den erkannte man auch so, an seinen markanten Gesichtszügen.

In einem Saal geht es um die kommunikative Revolution des 19. Jahrhunderts. Keine Übertreibung, sie mit der heutigen zu vergleichen. Als Ausweis der neuen Techniken ist ein Lochstreifenstanzer ausgestellt. Er sieht aus wie ein Vorläufer des primitiven Computers. Er diente zur Übertragung von Morsezeichen. 1832 dauerte es noch 14 Tage, mit jemandem in New York zu kommunizieren, 1870 nur noch wenige Minuten. Es ist auch ein Originalteil der Kabels zu sehen, mit dem 1866 Europa und Amerika verbunden wurden, ein 3000 Kilometer langes Unterseekabel, das von The Great Eastern verlegt wurde. 1866 war es dann soweit. Die Verlegung des Kabels galt als achtes Weltwunder. Nicht zu unrecht.

In einem Gang sieht man ein Gemälde von Hasenclever, das, in den Worten eines Beobachters, die Lage der Arbeiter besser darstellt als tausend Worte. Düsseldorfer Arbeiter protestieren beim Stadtrat gegen ihre Entlassung. Drei ihrer Vertreter stehen vor den hohen Herren und übergeben eine Petition. Der Arbeiter, der die Petition übergibt, steht in gebührendem Abstand, hat aber, vorsichtig und doch selbstbewusst, einen Fuß auf den Teppich gestellt, der dem Revier der Arbeitgeber vorbehalten scheint. Eine Geste, die Würde und Anspruch der Arbeiter ausdrückt.

In einem anderen Saal steht ein Kaufladen (1880). Es gibt einen Tresen, auf dem Boden stehen Säcke und Fässer mit Schaufeln, hinter dem Tresen fein mit Keramikschildern bezeichnete Schubladen und alle möglichen Gefäße, auf dem Tresen eine Waage und daneben Gewichte. Eine Kasse ist komischerweise nicht zu sehen. Dafür aber Kehrblech und Handfeger, ein charakteristisches Detail! Die Bedeutung des Kaufladens erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Kaufläden gab es in Mittelstandfamilien. Deren Kinder wurden von früh auf „trainiert“, als Käufer und Verkäufer. Die industrielle Revolution hatte einen Überschuss an Waren hervorgebracht, zum ersten Mal in der Geschichte, und aus der Sicht der Kaufmannskaste ging es darum, den Konsum anzutreiben, auch Waren zu verkaufen, für die es eigentlich keinen Bedarf gab. Eine echte Revolution, deren Folgen wir erst heute in vollem Maße übersehen. Und unter der wir leiden. Marx hatte einen klaren Blick dafür.

Ein Raum ist ganz dem Kapital gewidmet. Verschiedene Exemplare des Buchs liegen aus, und an den Wänden erscheinen Zitate. Auch hier ein Einblick in Marx’ Arbeitsweise, die im wahrsten Sinne des Wortes Bände spricht: Als endlich der erste Band des Kapitals erschienen war und alle den zweiten erwarteten, machte sich Marx erst mal an die Revision des ersten Bandes. Er hatte so viele neue Daten, neue Erkenntnisse. Das Buch war alles andere als ein Verkaufsschlager und enttäuschte Marx’ Erwartungen auf ganzer Linie.

Von einer ganz anderen Art ist die Heilige Familie, von Marx und Engels. Es greift aktuelle Situationen und Ereignisse auf. Der vollständige Titel ist Die Heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik. Und der Untertitel lautet Gegen Bruno Bauer und Konsorten. Das Buch ist Ausweis des akribischen Vorgehens von Marx und Engels. Der Lohn eines Arbeiters in England belief sich zu der Zeit auf 11 Schilling. Schön und gut. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Marx und Engels arbeiteten heraus, dass 11 Schilling zwar der Durchschnittslohn eines Arbeiters war, dass aber der Lohn zwischen 1,5 Schilling und 40 Schilling variierte. Da stellt sich fast die Frage, was denn überhaupt ein Arbeiter sei.

Ähnlich mit der Kinderarbeit. Man denkt vermutlich an 14jährige oder 16jährige Kinder. Tatsächlich wurden aber auch Kinder von 5 Jahren (und darunter!) in der Industrie eingesetzt. Die ganz kleinen hatten die Aufgabe, den Staub unter den Maschinen, an denen die importierte Baumwolle gereinigt wurde, zu entfernen. Es hatte sich herausgestellt, das England und vor allem Nordengland das geeignete Klima hatte – relativ stabile Temperaturen, hohe Luftfeuchtigkeit das ganze Jahr über – um die Baumwolle zu reinigen. Das war lukrativer als er vor Ort zu machen, da, wo die Baumwolle geerntet wurde.

In einem Saal ist symbolisch eine Fabrikhalle nachgebaut, mit einem Fließband, auf dem statt Waren Begriffe transportiert werden wie Mehrwert. Alles ist Grau in Grau, ohne Tageslicht, eine bedrückende Atmosphäre. Als Emblem der neuen Zeit steht in einer Vitrine ein Wecker (1990). Nicht mehr die Natur bestimmt den Tagesablauf, sondern die Gesellschaft, die industrielle Produktion.

An der Seite ein Zitat von Marx: „Der römische Sklave war durch Ketten, der Lohnarbeiter ist durch unsichtbare Fäden an seinen Eigentümer gebunden.“

Am Rande dieses Raums eine Art Transparent, ein längliches Stofftuch mit einer Parole, Rot auf Weiß, zum Jahrestag eines Aufstands: „Rache für unsere Gemaſsregelten & Verfolgten. Hoch lebe die Social-Demokratie“.

In der Nähe ein besticktes, verziertes Stickbild, eines der wenigen Schmuckstücke aus den sonst kargen Arbeiterwohnungen. Auch hier ein Sinnspruch, mit den auf das ganze Bild verteilten Buchstaben, gar nicht so leicht zu entziffern: „Wir wollen den Frieden, die Freiheit und Recht dass Mensch (?) sei des anderen ???, dass Arbeit aller Menschen Pflicht und niemand es an Brod gebricht“.

Auch hier ein Marx-Zitat: „Die Befreiung der Arbeiterklasse muss das Werk der Arbeiterklasse selbst sein.“ Die Arbeiterbewegung hat sich nicht daran gehalten.

Zum Schluss gibt es einen Nachruf auf Marx, erschienen in Der Sozialdemokrat. Es ist ein ganzseitiger Nachruf auf der ersten Seite. Bemerkenswert, denn Marx hatte sich nie parteipolitisch gebunden oder gar engagiert.

Den Abschluss der Ausstellung, schon nahe dem Ausgang, bildet eine Büste von Marx mit dem weltweit vertrauten Anblick. Verwunderlich, dass das so ist, denn bei seinem Tod war er weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. An seiner Beerdigung nahm nur ein Dutzend Trauernde teil. Das änderte sich dann bald, und am ersten Jahrestag waren es bereits 6000, mehr als Highgate fassen konnte, so dass man nicht alle zulassen konnte. Das war das Resultat des Wirkens von Engels, der Marx bekannt machte, nicht nur sein Werk, sondern auch sein Bildnis.

Über der Büste steht ein Zitat von Marx aus den Confessions: “An allem ist zu zweifeln.” Das sei allen ins Buch geschrieben, die von einem geschlossenen Theorie von Marx sprechen. Er setzte immer wieder neu an, revidierte seine Thesen. Als der erste Band des Kapital erschienen war und alle auf den zweiten warteten, machte sich Marx erst einmal an die Revision des ersten Bandes!

Vor dem Ausgang können Besucher auf rote Zettel ihre Eindrücke von der Ausstellung notieren. Der allgemeine Tenor: hochaktuell! Viele Dinge, die Marx für seine Zeit konstatiert hat, können auf unsere Zeit übertragen werden. Ein paar kuriose Zitate: „Ein Bartträger – der erste Hipster“, „Ein Trierer Jung, „Ein deutscher Denker, der Weltgeschichte gemacht hat, ohne es zu wollen“ und: „Junge, komm bald wieder“.

(„Karl Marx 1818-1883. Leben, Werk, Zeit“, in: Landesmuseum Trier, 2018)

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Marx (3)

Das Karl-Marx-Haus, das Haus, in dem Marx geboren wurde (aber nur wenige Monate lebte) hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Lange wusste man gar nicht, dass es das Haus war, in dem Marx geboren wurde. Das fand man erst zu Anfang des 20. Jahrhunderts heraus. Daraufhin erwarb die SPD das Haus (ein Prozess, der sich jahrelang hinzog, da so viele Parteien involviert waren) und machte es zu einer Gedenkstätte. Den Nazis war die ein Dorn im Auge. Sie enteigneten die SPD und brachten hier demonstrativ die Zentrale der Parteizeitung unter. Nach dem Krieg kam das Haus dann wieder an die SPD und wurde schließlich an eine Stiftung überführt. Brandt eröffnete hier 1968 das Karl-Marx-Museum, das dann regelmäßig von Politikern aus den Ostblockländern besucht wurde, bis zum Mauerfall. Seitdem sind es vor allem chinesische Politiker und chinesische Touristen, die das Geburtshaus besuchen.

Von dem alten, 1725 entstandenen Haus ist nicht mehr viel übrig. Das Haus wurde nach einem Brand verändert wiederaufgebaut, mit einem zusätzlichen Dachgeschoss und einer Erweiterung nach hinten hin. Von Marx und seiner Familie ist so gut wie gar nichts ausgestellt, einfach, weil nichts erhalten ist. Alle privaten Besitzstücke wurden längst weiterverkauft.

Eine kleine städtische Paradoxie besteht darin, dass das Karl-Marx-Haus nicht in der Karl-Marx-Straße steht, sondern in der Brückenstraße. Die Karl-Marx-Straße ist eine Verlängerung der Brückenstraße zur Mosel hin. Als man sich in Trier endlich entschied, eine Straße nach Marx zu benennen, konnte man sich nicht dazu durchringen, ihm eine Straße nahe der Innenstadt zu widmen. Heute befindet sich in der Karl-Marx-Straße – passenderweise? – das Trierer Rotlichtviertel.

Marx war eins von neun Kindern seiner Eltern. Von denen überlebten nur er und drei Schwestern. Das war nicht ungewöhnlich.

Die politische Situation stand unter dem Zeichen der Restauration. Die Freiheiten, die man in den zwei Jahrzehnten davor genossen hatte, wurden meist wieder zurückgenommen. Trier war ein Teil von Frankreich gewesen und die Trierer Franzosen. Das bedeutete auch, dass junge Männer aus Trier für den Kriegsdienst rekrutiert wurden und in den Napoleonischen Kriegen auf Seiten der Franzosen kämpften.

Trier hatte zu der Zeit von Marx’ Geburt gerade einmal 11.000 Einwohner. Die Armut war allgegenwärtig. Zwei Drittel der Bevölkerung lebte unter dem Existenzminimum. Mit dem Wiener Kongress und der Schließung der Grenze nach Frankreich war ein wichtiger Absatzmarkt weggefallen. Und die deutschen Kleinstaaten nahmen Zölle für die Einfuhr. Auch Trier, obwohl es zu Preußen gehörte, musste Zölle auf den Export von Wein nach Preußen zahlen. Für den Weinexport blieb in erster Linie England.

Dazu kamen Missernten. Die wichtigste wurde ausgelöst durch den Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien (1815). Der brachte Westeuropa ein “Jahr ohne Sommer”. Später kam für die armen Winzer noch die Auflage hinzu, nur noch Riesling anzubauen. Das hatte der Erzbischof dekretiert, um die Qualität des Weins zu verbessern. Das Problem: Vielen armen Winzern fehlten die Reben und sie mussten sie für teures Geld beim Adel oder bei der Kirche kaufen. Marx erlebte diese Armut hautnah, auch wenn er selbst einer privilegierten Familie angehörte.

An der Ecke zur Innenstadt, nur wenige Meter von dem Marx-Haus entfernt, befindet sich ein Haus mit einer Apotheke im Erdgeschoss. Das ist die Villa Venedig, einst ein Hotel. Hier übernachtete Marx bei einer seiner wenigen Besuche Triers. Er wollte mit allen Mitteln der Mutter aus dem Weg gehen. Die beschuldigte er – unberechtigterweise – ihm Geld vorzuenthalten, das ihm zustand.

In der Neustraße befindet sich, durch eine moderne Plakette mit dem Profil ihres Gesichts gekennzeichnet, das Elternhaus von Jenny. Marx kam mit ihr durch ihren Bruder in Kontakt, einem gleichaltrigen Schulkameraden. Die Kinder spielten zusammen. Dabei bestimmte Marx, einer späteren Notiz Jennys zufolge, immer, was gespielt wurde. Er war erfindungsreich und duldete keinen Widerspruch.

Jenny selbst hat nie eine Schule besucht. Sie war dennoch sehr gebildet. Das war ihrem Vater zu verdanken, Ludwig von Westphalen, einem preußischen Beamten. Er las mit seinen Kindern Literatur, deutsche, französische, englische, und förderte ihre geistige Entwicklung ganz allgemein. Davon profitierte auch Marx. An Wochenenden machte er Spaziergänge mit den Kindern und zeigte ihnen die allgegenwärtige Armut.

Jenny war adelig, Marx bürgerlich, Jenny war Protestantin, Marx Konvertit, vor allem aber war Jenny vier Jahre älter als Marx. Das war fast ein Hinderungsgrund für eine Verbindung. Die Familie von Westphalen hatte allerdings keinen Grundbesitz. Jennys Vater musste, im Gegensatz zu den “richtigen” Adeligen, für seinen Unterhalt arbeiten.

Schon in diesem Haus war Helene Demuth als Haushälterin angestellt. Jenny und Marx nahmen sie später mit. Sie blieb ein ganzes Leben lang bei ihnen. Sie konnte alles, kümmerte sich um alles. Jenny war ganz und gar unpraktisch: Nähen, Bügeln, Kochen waren Fremdwörter für sie.

Später, in London, bekam Helene Demuth ein Kind von Marx. Unehelich. Das wurde heimlich gehalten. In der Beziehung war Marx durch und durch Großbürger. Engels übernahm die Verantwortung und behauptete, er wäre der Vater. Das nennt man einen Freund! Ob Jenny etwas ahnte? Man weiß es nicht. Vielleicht wollte sie es nicht wissen. Das Kind wurde allerdings in Adoption gegeben. Auch der Schwester von Helene Demuth drehte Marx ein Kind an. Das wurde abgetrieben, und die Mutter starb bei dem Eingriff. Alles wurde natürlich unter den Tisch gekehrt. Wie muss es für Helene gewesen sein, für den Mann zu arbeiten, der letztlich den Tod ihrer Schwester zu verantworten hatte? Oder wusste sie von nichts?

Jenny galt als das “schönste Mädchen von Trier”. Marx muss Jenny beeindruckt haben, weil er einfallsreich, charmant, gesellig, intelligent war und wohl auch große erotische Anziehungskraft hatte. Aber trotzdem fragt man sich, wie sie es mit ihm all die Jahre aushielt.

Ganz in der Nähe befindet sich das Haus (oder die Stelle, wo sich das Haus ursprünglich befand), in dem Fischers Maathes, das Trierer Original, wohnte. Er war etwas jünger als Marx, aber wohl auch Schulkamerad. Er war nicht nur Witzbold, sondern auch politischer Aktivist, glühender Anhänger der Achtundvierziger Revolution. Nach der Niederschlagung der Revolution vergrub er kompromittierende Schriften im Trierer Weißhauswald.

Aber auch die Anekdoten, die man von ihm erzählt, haben teils eine soziale Komponente. Lehrer: “Wie, du kommst ungekämmt in die Schule? Hast du keinen Kamm?” Fischers Maathes: “Doch, aber ohne Zinken.” – Schulkamerad: “Wo hast du denn die tote Maus her?” Fischers Maathes: “Aus unserer Speisekammer. Die ist da verhungert.” Auch so kann man Armut charakterisieren.

In der Schule lernte man nicht nur Griechisch und Latein, sondern auch Englisch und Französisch. Davon sollte Marx später sehr profitieren. Offen ist die Frage, welches Deutsch er sprach. Es wird behauptet, im Hause Marx wäre bis zum Schluss, auch in London noch, Trierer Dialekt gesprochen worden. Jenny stammte zwar aus Preußen, war aber mit zwei Jahren schon nach Trier gekommen. Merkwürdig, sich die Thesen aus dem Kommunistischen Manifest im Dialekt vorzustellen.

Das Haus ist nur ein paar Schritte von der Jesuitenkirche (streng genommen Dreifaltigkeitskirche) entfernt. In den angrenzenden Gebäuden befand sich die erste Trierer Universität und später das Gymnasium, das Marx besuchte, sechs Jahre lang. Marx war ein guter Schüler, aber kein Überflieger. Bekannt geworden ist sein Abituraufsatz, in dem es um die Berufswahl ging. Man hat darin gedankliche Spuren seiner späteren Entwicklung sehen wollen. Erst jetzt hat ein findiger Forscher herausbekommen, dass Marx bei den Mathematikaufgaben im Abitur abgeschrieben hat – von Edgar von Westphalen.

In der Jesuitenkirche wurde Marx getauft. Die Jesuitenkirche wurde von beiden Konfessionen benutzt! Marx’ Vater war zum Protestantismus konvertiert, ohne Überzeugung, aus rein pragmatischen Gründen: Er hätte als Jude nicht als Rechtsanwalt arbeiten können. Seine Frau konvertierte erst viel später. Ihr fiel es bedeutend schwerer.

Auf dem Trierer Viehmarkt steht das Casino, ein klassizistischer Bau. Er ist inzwischen, seit dem Abzug der Franzosen, anderen, meist gastronomischen Zwecken zugeführt worden. Zur Zeit von Marx war es eben das Casino – hat nichts mit Casino im Sinne von Spielcasino zu tun, sondern war eine Art Begegnungs- und Bildungsstätte für die Trierer Elite, zunächst ausschließlich die männliche Elite. Später fanden auch Festlichkeiten mit Frauen hier statt, und ging das schönste Mädchen von Trier auf ihren ersten Ball.

Eine Art Vorgänger des Casinos war ein Lesekreis, fortschrittlich, liberal gesinnt, den der Erzbischof 1773 genehmigte, aber 1793, unter dem Eindruck der Revolutionswirren in Frankreich, zur Sicherheit wieder verbot. Dann kam, nach dem Wiener Kongress, eben das Casino. Gleiche Ausrichtung. Beide Väter, Marx und von Westphalen, nahmen lebhaft an den Aktivitäten teil und hielten auch eigene Vorträge und waren wohl auch an einem denkwürdigen Tag präsent, als es hier, in weinseliger Stimmung, zum Absingen der Marseillaise kam. Das Casino wurde vorübergehend geschlossen. Marx wuchs also in einer weltanschaulich liberalen Atmosphäre auf und hatte das Glück, von drei gebildeten, weltoffenen Männern geprägt zu werden: seinem Vater, Jennys Vater und dem Direktor des Gymnasiums.

Das eigentliche Elternhaus von Marx ist ein kleines, zweistöckiges Haus in der unmittelbaren Nähe der Porta. Hierher war die Familie gezogen, als Marx gerade ein halbes Jahr als war. Hier blieb er bis zum Abitur und kehrte nie wieder hierher zurück. Dieses Haus war kleiner als das Geburtshaus, aber es war kein Rückschritt, sondern eine Verbesserung: Früher hatte man zur Miete gewohnt, jetzt hatte man sein eigenes Haus.

Marx’ Mutter lebte hier bis zu ihrem Tod. Sie überlebte ihren Mann um 25 Jahre. Ihr Sohn hatte da noch 20 Jahre zu leben. Der Tod der Mutter scheint keine große Trauer bei Marx hinterlassen, wohl aber ein Gerangel um das Erbe ausgelöst zu haben. Marx verhielt sich nicht gerade feinfühlig.

In dem Hausrat befanden sich beim Tod der Mutter 8 Fuder Wein, eine ungeheure, fast unvorstellbare Menge für einen Privathaushalt. Man fragt sich, wo man all das Zeug gelagert hat. Eins ist klar: Gesoffen wurde ständig, und Wein war durchaus auch für Kinder an der Tagesordnung, auch als Arznei. In Karls Aufzeichnungen aus London geht es auch ständig um Wein, die Sorge um den zu Neige gehenden Vorrat und die Versorgung mit qualitätsvollem Wein.

Nur ein paar Schritte vom Elternhaus entfernt steht Triers letzte Errungenschaft: die Marx-Statue, ein Geschenk der Volksrepublik China an Trier zum 200. Geburtstag von Marx. Die Statue ist, wie sollte es anders sein, umstritten, aber es gibt natürlich gute Gründe dafür, dass Trier seinem berühmtesten Sohn seine Reverenz erweist, bei aller Diskussionswürdigkeit einiger seiner Thesen. Dass viele seiner Ansichten hochaktuell sind, ist kaum zu bestreiten.

Die Statue ist eher konventionell, entspricht den Marx-Darstellungen auf unzähligen Abbildungen. Sie hätte sicher auch so in der DDR stehen können. Die Statue ist nicht glatt und rund, sondern eher kantig, ganz der Persönlichkeit Marx’ entsprechend. Er hält ein großformatiges Buch unter einem Arm. Und er macht einen Schritt nach vorn, so wie für ihn der Sozialismus einen Schritt nach vorn bedeutete. Er wendet seinem Elternhaus (und Trier) den Rücken zu und geht von hier in die große, weite Welt.

Als kleinen Gag hat man, kurz vor der Einweihung der Statue, an der Ampel vor der Statue aus dem Fußgängermännchen ein Marxmännchen gemacht.

 

 

 

 

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Katzenjammer

Man soll bei einer Sorte bleiben, nicht durcheinander trinken, so vermeide man einen Kater, heißt es. Heißt es. Stimmt aber nicht. Dem Körper ist es egal, woher der Alkohol kommt. Aber die volkstümliche Vorstellung hält sich hartnäckig. Vermutlich deshalb, weil man sich anders verhält, wenn man bei einer Sorte bleibt: Man trinkt weniger. Aber wenn man dieselbe Menge Alkohol zu sich nimmt, ist es egal, ob der von Bier alleine oder von Bier und Schnaps kommt. Ein anderes populäres Rezept gegen den Kater ist die “gute Grundlage”. Die müsse geschaffen werden, durch reichliches und möglichst fettes Essen. Stimmt auch nicht. Auch hier fordert der Alkohol seinen Tribut, ganz egal, was man vorher gegessen hat. Allerdings: Wenn man eine gute Grundlage hat, dauert es länger. Der Alkohol wird länger im Dünndarm gebunden. Am Ende aber schlägt der Alkohol unbarmherzig zu, mit oder ohne Grundlage.

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Gluten oder Gluten?

Früher hieß es Gluten. Heute heißt es Gluten. Kein Unterschied? Doch. Die Betonung ist anders. Früher war die Betonung auf der ersten, heute ist sie auf der zweiten Silbe. Und mit dem Betonungswechsel  haben sich auch die Konnotationen verändert. Das Gluten war normal, es war weder gut noch schlecht, auf jeden Fall aber zweckdienlich. Es hielt den Teig zusammen. Heute ist es böse. Es muss unter allen Umständen gemieden werden. Überall findet man glutenfreie Produkte. Die meisten, die sie kaufen, brauchen sie nicht. Nur 1% der Bevölkerung hat eine Empfindlichkeit gegen Gluten. 25% glauben, sie zu haben. Sie tun damit in erster Linie der Lebensmittelindustrie einen Gefallen. Und sich selbst. Sie lenken  die Aufmerksamkeit auf sich. Sie werden beachtet.  Sie sind anders als die anderen, empfindlicher, etwas Besonderes (noch!).  Ein Zeichen unserer Zeit? Vielleicht. In früheren Zeiten konnte man nicht so wählerisch sein. Man war froh, dass es überhaupt etwas zu essen gab. Aber es gibt einen Vorläufer, eine literarische Figur, eine Figur in einem Theaterstück, das ganze Buhei vorwegnimmt: Molières Eingebildeter Kranker. Die Literatur eilt der Wirklichkeit voraus.

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Vor der Haustür

Statt auf Bäume stoße ich auf Bagger. Es wird gebaut im Park, umgebaut. Ein Teil des Parks fällt neuen Krankenhausgebäuden zum Opfer. Das Schöne muss dem Nützlichen weichen.  Der Baumparcours ist aber noch zum Teil begehbar. Es sind Bäume aus allen Teilen der Welt angepflanzt worden, jeweils einer, als Demonstrationsobjekt sozusagen.  Es ist jetzt keine günstige Jahreszeit, man sieht keine Blüten (mehr) und (noch) keine Früchte. Aber der Rundgang wird zu einer sprachlichen Entdeckungsreise. Die Bäume haben phantastische Namen: Schnurbaum, Zerreiche,  Rostbartahorn,  Taschentuchbaum, Götterbaum, Judasbaum, Teufelskrückstock. Wunderbar! Im Zentrum des Parks steht eine moderne Skulptur, der Brunnen des Lebens. Rund um den zentralen Pfeiler eine Figurengruppe. Eine Mutter, die ihre Hände noch beschützend um die Hüfte des sich von ihr abwendenden Kindes hält, es aber nicht mehr festhält, es in die Selbständigkeit entlässt. Auf der anderen Seite ein Junge, barfuß, mit bequemer Hose, der faulenzend herumsitzt, lächelnd, den Ellbogen auf Bücher gestützt, die Schulbücher vermutlich. Die Muße, das Nichtstun als eine der Bestimmungen des Menschen. Auf der anderen Seite ein alter Mann mit einem Buch in der Hand. Er liest. Er lernt. Life-long learning ist das Stichwort. Zu ihm krabbelt ein kleines Kind hoch, neugierig auf das Buch blickend. Wissensbegierde, Entdeckerfreude, dem Menschen von Natur aus mitgegeben. Und oben auf dem Brunnen steht eine Frau, die Flöte spielt. Die Muse. Die Kunst als im wahrsten Sinne höchste Bestimmung des Menschen. 23 Jahre habe ich gebraucht, um diesen Park zu entdecken. Er liegt, beinahe, vor der Haustür.

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Lammfromm

An die Wand gekettet, nackt, schlecht ernährt, Opfer von Schlägen und Vergewaltigungen – das wäre ihr Schicksal gewesen, wenn sie nach Bedlam gekommen wäre, das berüchtigte Londoner Irrenhaus, Bethlehem Hospital, später Gegenstand der gesellschaftskritischen Zeichnungen von Hogarth in The Rake’s Progress. Es war ihrem Bruder, Charles Lamb zu verdanken, dass ihr das erspart blieb. Sie kam in ein anderes Irrenhaus, nach Islington, wo sie besser behandelt wurde. Ihr Bruder kam für die Kosten auf. Und schon 1997, ein Jahr nach der Tat, wurde sie dort entlassen und konnte unter Aufsicht wieder in gewohnter Umgebung leben. Und dass, obwohl sie einen Mord begangen hatte! Sie hatte ihre Mutter getötet. Die hatte sie gescholten, weil sie ihre Magd zurechtgewiesen und aus dem Raum geschubst hatte. Mary hatte ein Messer in der Hand und stach auf ihre Mutter ein, eine Tat, in der sich jahrelange Frustration Bahn brach. Mary Lamb hatte in jeder Hinsicht Glück. Schon wenige Tage später befand ein Richter, dass es sich bei der Tat um geistige Umnachtung handele. Und dass sie später ein mehr oder weniger normales Leben führen konnte, grenzt an ein Wunder. Erstaunlich, wie rücksichtsvoll ihre Familie mit ihr umging – die Tat wurde in ihrer Gegenwart nie wieder erwähnt – und erstaunlich, wie gelassen Mary selbst mit ihrer Schuld umging. Sie befand, sie sie eine gute und treusorgende Tochter gewesen, “for the most part.” Den Namen ihrer Mutter erwähnt sie in ihrer Korrespondenz nur ein einziges Mal. Sie überlebte ihre Mutter um 40 Jahre. (Polowetzky, Michael: Prominent Sisters. Mary Lamb, Dorothy Wordsworth, and Sarah Disraeli. Westport, Connecticut und London: Praeger, 1996: 9-10)

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Minden

Was mich neugierig gemacht hatte: die Schiffsmühle. Ich hatte keine Ahnung, was das war. Aber Minden hat eine. Eine nachgebaute. Die letzte echte Schiffsmühle hatte Anfang des 20. Jahrhunderts den Betrieb eingestellt. Aber was war eine Schiffsmühle? Worauf bezieht sich der Wortteil Schiff? Das erfährt man bei der Besichtigung der Schiffsmühle: Eine Schiffsmühle ist eine Mühle, die sich auf dem Schiff befindet. So kommt die Mühle zum Bauern und nicht der Bauer zur Mühle. Die Schiffsmühle verrichtet ihre Arbeit an einer Stelle und macht sich dann auf den Weg zum nächsten Halt. So erklärt es uns ein junger Mann, der durch die Mühle führt. Die vielen technischen Details rauschen über die Köpfe seiner Zuhörer hinweg, aber sein Enthusiasmus ist einfach gewinnend. Er wirft die Mühle eigens für uns an. Roggen wird hier gemahlen. Er kommt als ganz feiner Staub unten in dem Beutel an. Das Mehl kann feiner oder gröber gemahlen werden, je nachdem, wie eng die beiden Mühlsteine aufeinander reiben. In den Schiffsmühlen wurde nicht nur Mehl gemahlen, auch Steine, die für den Bau zerkleinert wurden, landeten hier.

Die Schiffsmühle liegt an der Weser, nur ein paar Schritte vom Zentrum entfernt. Die Weser sieht wie ein richtiger Fluss aus, ist nicht kanalisiert. Und die Wege sind fast auf dem gleichen Niveau wie die Wasseroberfläche. Das ganze Gelände entlang der Weser ist voller Bäume, und dann taucht auch noch das auf, was man jetzt am dringlichsten benötigt: ein Café, mit Sitzplätzen draußen.

Vorher war ich in der Innenstadt gewesen. Auf dem schönen Marktplatz ein besonders prächtiges Haus im Stile der Weserrenaissance und ein besonders schönes Haus im Stile des Historizismus. Darin war eine alte Apotheke, und man sieht von außen noch die Regale und Schubladen mit Messingbeschlägen und Keramikschildern. Jetzt ist da ein Konfektionsgeschäft drin. Schrecklich!

In den anderen Straßen weitere Häuser im Stile der Weserrenaissance, von denen mehrere renoviert werden und nicht sichtbar sind. Ein besonders schönes Exemplar steht am Ende des Scharn, mit rechteckigen Fenstern in den Obergeschossen und rundbogigen Fenstern in den Giebelgeschossen. Vorgestellte Säulen teilen die Fassade in sechs Achsen, wobei die oberste Säule ein Fenster halbiert. Auf den Giebelkanten hocken nackte Gestalten.

Über die ganze Stadt verteilt moderne Skulpturen, meist ebenerdig: ein Junge, der aus seinem Mund in regelmäßigen Abständen Wasser in den Brunnen vor ihm spuckt; der Mindener Buttjer, eine Art Straßenjunge, barfuß, Mütze, Hände in den Taschen, Schlägermütze, Kopf schräg; und eine Statue von drei Figuren, fast ineinander verschlungen, mit einfachen, glatten, reduzierten Formen, die aber durch Gestik und Haltung als Vater, Mutter und Kind erkennbar sind. Schön.

In der Nähe des Buttjer ein Geschäft mit dem Namen Shirtladen. Man hört förmlich die entsetzten Proteste der Sprachpuristen. Aber es ist nichts anderes als Regierungsbildung. Darüber regt sich keiner auf.

An verschiedenen Stellen sieht man Firmennamen in antiquierter Schreibweise: Crane-Optic, Mindener Tageblatt.

Ohne zu suchen finde ich auch eine Reihe von kuriosen Shop Names: Haarmonie, Schöne Aussischten (Landschaftsarchitekt), Überschaubar, Bücherwurm, Das kleine Schwarze (mit einer Dependance für Dessous, die Na und? heißt).

Im Dom halte ich mich nur kurz auf. Erstaunlich der Kontrast zwischen dem sehr dunklen Chor und dem sehr hellen Hauptraum. Im nördlichen Seitenschiff eine bemerkenswerte Skulptur, die Erweiterung des Motivs der Anna Selbdritt um Annas Mutter, der legendären Emerentia. Hatte ich noch nie gesehen und noch nie von gehört. Die Figur hier ist vermutlich der Rest eines Schnitzaltars. Leider ist das Jesuskind verloren gegangen. So wird die Figur ihrem Namen Emerentia Selbviert nicht ganz gerecht.

An der Westwand liest man die Geschichte eines Menschen, der sein Kreuz loswerden will und sich ein anderes sucht. Erst fällt ihm eins ins Auge, das schön und glänzend ist, aber es stellt sich heraus, dass es aus Metall und viel zu schwer für ihn ist. Dann sieht er ein anderes, das leichter aussieht, aber als er es schultert, merkt er, dass Nägel aus dem Balken heraustreten, die sich ihm in die Schulter bohren. Die Suche geht immer weiter. Am Ende findet er eins, das passt. Als er es ansieht, merkt er, dass es sein eigenes Kreuz ist, das, das er loswerden wollte. Eine etwas simple Geschichte, aber sie verfehlt ihre Wirkung nicht.

Gleich am Morgen, genau zur richtigen Tageszeit, war ich in St. Martini gelandet. Zufällig. Die Stiftsallee hatte mich vom Hotel aus direkt auf das Stift hin geführt. Das ehemalige Stift, müsste es heißen. Es herrscht herrlicher Sonnenschein, und die einfachen, aber schönen Buntglasfenster kommen voll zur Wirkung. Die geometrischen Muster spiegeln sich auf dem Fußboden und auf den massiven Pfeilern.

Die Kirche hat keinen Turm. Der ist irgendwann, im Mittelalter, eingestürzt, dann neu gebaut worden und wieder eingestürzt, bis man es aufgegeben hat.

Die Kirche ist, typisch Westfalen, im Laufe ihrer Geschichte in eine Hallenkirche verwandelt worden, genauso wie der Dom. Sie sieht aber von außen ganz anders aus, geradezu “normal” im Vergleich zu dem Dom mit seiner ganz merkwürdigen Fassade mit dem Querriegel und den turmartigen oberen Geschoss. Im Norden sieht man an der Martinikirche auch die vor das Dach gesetzten Giebel, wie ich sie von früher aus dieser Gegend in Erinnerung habe.

Die Kirche hat ein paar sehenswerte Ausstattungsstücke, und man kann sich alles aus der Nähe ansehen, auch, was im Chor steht. Keine Alarmanlage, keine Verbotsschilder. Und ich bin ganz alleine. Es muss nicht immer der Louvre sein.

Vorne im Chor steht ein sehr schön verziertes, oben spitz zulaufendes Gerät aus Messing (XV). Auch beim zweiten Hinsehen kommt man nicht darauf, was es ist: ein Taufbecken. Der Unterbau hat eine eigenwillige Form mit Balustersäulchen und der Oberbau hängt an einem schwenkbaren Kranarm!

Das Chorgestühl ist eigentlich einfach, aber am hinteren Ende ist es bekrönt von zwei gefesselten Drachen links und zwei gefesselten Nashörnern rechts. Ein Nashorn in der Kirche! Ein schönes Photomotiv. Die beiden Tiere stehen für Zorn und Zwietracht, und die Fesseln dafür, wie man sie in den Griff bekommt.

Das auffälligste Ausstattungsstück ist die Kanzel, farbig gefasst, mit gemalter Holzmaserung und Marmorierung, mit allerlei Schnitzereien am Aufgang, am Kanzelkorb und am Schalldeckel. Den Schnitzereien liegt ein aufwändiges Programm zugrunde, das ich aber nicht ganz verstehe. Es heißt, man müsse die Kanzel von unten nach oben lesen. Das Programm erklärt auch die Anwesenheit von vier barbusigen, die dem Betrachter ihre Brust entgegenstrecken. Es müssen Sirenen sein oder Meerjungfern, und die entsteigen den Wellen unter ihnen und verbinden die heidnische Welt mit der christlich geprägten Welt weiter oben. So ähnlich. Auf dem Schalldeckel oben thront der triumphierende Christus, und er ist mit vier von Engeln verzierten Bögen mit vier Frauengestalten verbunden, die vier Tugenden repräsentieren: Weisheit (mit Doppelgesicht), Gerechtigkeit (mit Reichsapfel), Liebe (mit trinkendem Kind an der Brust), Hoffnung (als Tänzerin dargestellt). Leider kann man von unten nicht alle Details gut erkennen, und man möchte gerne noch mehr über die allegorische Sprache wissen: Warum verkörpert das Doppelgesicht die Weisheit?

Als ich später in der Innenstadt nach der Alten Münze frage, muss ich erstaunt feststellen, dass kein Mensch sie kennt, auch nicht die Straße, an der sie liegt. Am Ende stellt sich heraus, dass sie gleich hinter St. Martini liegt. Eine Verkäuferin aus einem Laden der Alten Münze gegenüber kann es kaum fassen: In Minden muss doch jeder die Alte Münze kennen. Es ist ein Quaderbau aus dem Hochmittelalter, wohl der älteste Profanbau der Stadt, und hat eine schön gestaltete Fassade. Der Name deutet darauf hin, dass Minden tatsächlich früher das Münzrecht gehabt hat. Heute beherbergt das Haus ein Restaurant, aber nicht deutsche Hausmannskost, sondern griechische!

Das ganze Viertel hier oben ist ausgesprochen sehenswert, mit schief stehenden Fachwerkhäusern an gekrümmten Gassen. Es hat etwas Heimeliges. In einem der Fachwerkhäuser ist auch das Stadtmuseum. Das wird auf dem Programm stehen, wenn es das nächste Mal nach Minden geht.

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Nicht im Bilde sein

Die sowjetische Fahne auf dem Berliner Reichstag – ein Bild für das Ende des 2. Weltkriegs, das sich dem kollektiven Gedächtnis eingeprägt hat: Hammer und Sichel statt Hakenkreuz. Das Photo suggeriert, es wäre genau in dem historischen Moment aufgenommen worden, dem Moment, wo die Sowjetarmee in Berlin eindrang und die Stadt unter ihre Kontrolle brachte. Das war aber schon Tage vorher geschehen. An dem Tag hatten sowjetische Soldaten zwar ein rotes Tuch, aber keine sowjetische Flagge und auch keine Fahnenstange. Erst dann flog der Photograph, Jewgeni Chaldej, nach Berlin. Er machte eine besonders gelungene Aufnahme, weil er das Brandenburger Tor im Hintergrund hatte. Die Idee mit der Fahne hatte er auch selbst und bat einen sowjetischen Soldaten, auf den Reichstag zu klettern und die Fahne zu schwingen. Alles war gestellt. Chaldej flog dann umgehend nach Moskau zurück. Als er das Bild unter die Lupe nahm, merkte er, dass der Soldat an beiden Armen eine Armbanduhr trug – eine musste gestohlen sein. Das würde einen schlechten Eindruck machen. Er machte sich also daran und retuschierte eine der Uhren weg.

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Saint Étienne

Ich stehe vor der Kirche in Saint Étienne Vallée Française und frage mich, wie wohl die Kirche von Saint Étienne Vallée Française heißt. Ja, wie heißt wohl die Kirche von Saint Étienne?

Der schönste Teil der Kirche ist der obere, steinsichtige Teil des Turms. Der muss romanisch sein, quadratisch, breit, gerade abschließend. Auch alles andere, auch innen, sieht romanisch aus, mit ganz leicht zugespitzten Rundbogenfenstern und einem Tonnengewölbe im Mittelschiff. Nur die langgezogenen, flachen Bögen, die das Mittelschiff von den Seitenschiffen abtrennen, deuten auf den barocken Ausbau hin, den es laut Inschrift gegeben hat. Offensichtlich hat der was mit dem Widerruf des Edikts von Nantes zu tun. Was genau verstehe ich nicht. Vermutlich wurden die Kapellen der Reformierten aufgelöst oder zerstört und die Gläubigen zwangskonvertiert. Also wurde eine größere Kirche erforderlich. Die Seitenschiffe wurden hinzugefügt, das Mittelschiff beträchtlich verlängert. In der Erklärung heißt es auch, die Kirche sei nie von den Protestanten angegriffen worden, ein Zeichen dafür, dass sie auch von ihnen, die hier die Mehrheit waren, geachtet wurde.

An der Straße befindet sich ein Schild, das den Stevenson-Trail zeigt. Er beginnt in Le Puy-en-Velay und endet in Alès. Saint Jean du Gard ist die zweitletzte Station. Stevenson hat diese gottverlassene Gegend durchwandert, mit einem Esel als Lastenträger, und hat darüber einen Reisebericht geschrieben. Die Tourismusindustrie der Cevennen nützt das weidlich aus.

In einer der Gassen um die Kirche herum gibt es einen Hinweis auf das Postamt, ganz versteckt im hinteren Winkel eines Grundstücks gelegen, das einen Kinderhort beherbergt. Es ist geöffnet. Die Atmosphäre ist die einer deutschen Amtsstube aus den sechziger Jahren. Die einzige Beamtin sitzt hinter einem Schalter. Es gibt hier nichts zu kaufen außer Briefmarken, und um die geht es mir. Die Beamtin ist sehr freundlich und spricht so, dass ich sie ohne Probleme verstehen kann. Die Briefmarken sind, wie fast überall, teurer als bei uns.

Es gibt einen kleinen Supermarkt, aber der hat französische Öffnungszeiten: Lundi au Samedi de 7h à 12h30 et de 16h à 19h30, Dimanche de 7h à 13h. Ich muss warten. In dem einzigen Café des Ortes mit dem schillernden Namen Un dimanche à la campagne bestelle ich einen Kaffee. Ich frage, ob es café au lait gebe, und bekomme, obwohl das bejaht wird, dann einen café longue, zu dem es etwas kalte Milch gibt. Nicht genau das, was ich erhofft hatte, aber wenigstens kann man sich hier aufwärmen. Und der Kaffee ist unschlagbar günstig: 1,50 €.

Wir haben gestern noch über die Nähe vom Französischen zum Italienischen gesprochen, und mir fällt jetzt das Wort für billig ein. Im Spanischen gibt es eine einfache Entsprechung, barato. Dagegen im Italienischen und im Französischen a buen mercato und bon marché.

Ich bin der einzige Gast. Die Toilette ist draußen auf dem Hof. Kein Klodeckel, aber immerhin Wasser. Der Weg führt vorbei an einer Art Küche, wo Ingredienzen für Speisen herumliegen, die hier wohl am Abend serviert werden, vermutlich Burger.

Als ich wieder ins Café komme, sind vier weitere Gäste eingetroffen. Die stehen an der Theke und überlegen, was sie bestellen sollen. Dann entscheiden sie sich: dreimal weiß, einmal rot.

An der Wand hängen zwei Räder eines alten Pferdewagens, deren Speichen als Aufbewahrungsort für Zigaretten dienen. Davor stehen ein Glas mit Korken von Weinflaschen und ein Becher mit Zuckertütchen. Weiter hinten steht der ausrangierte Teil einer Zapfanlage, darauf eine Würstchenzange und ein Putzmittel. Über der Theke ein Neonschild mit Bierreklame, und daneben ein Schwarz-Weiß-Photo, auf dem der Wirt vor der Theke posiert. Im hinteren Teil des Raums eine zusammengeklappte Stehleiter und eine Tiefkühltruhe mit den Emblem des französischen Äquivalents von Langnese. An der gegenüberliegenden Wand ein Fernseher, in dem Kloppo auf Englisch den Sieg seiner Mannschaft über Manchester City erklärt. Darunter eine alte, bräunliche Landkarte der Gegend, in der noch in altertümlicher Schreibweise von den Sevenes die Rede ist. Auf dem Tisch eine verstaubte Messingschachtel unbekannten Inhalts und eine Pappschachtel mit Spielkarten. In der Ecke ein vertrockneter Baumstamm als Schmuckelement, und am Ausgang ein runder Apparat, an dem man sich für einen Euro Nüsse oder Mandeln ziehen kann.

Der Boden ist belegt mit einem abgenutzten, roten Teppichboden, auf dem ein Ensemble unterschiedlicher Sessel und Stühle stehen. Noch bunter ist die Mischung aus Lampen an Wänden und Decken. Eine davon gibt in diesem Moment den Geist auf. Neben ihr lugt ein Elektrokabel aus der Decke. Ich verlasse das Café und bedauere, dass ich nicht zeichnen kann.

Neben dem Café steht auf einem Parkplatz eine bunt bemalte Ente mit dem Motto All you need is love zwischen Blumen auf dem Heck. Es gibt sie also noch. Auf der anderen Seite des Cafés stehen zwei vorsintflutlich aussehende Zapfsäulen. Ob sie noch in Betrieb sind?

Jetzt hat das Geschäft auf. Es gibt frisches Obst und Gemüse und ansonsten alles, was man so braucht, wenn auch in bescheidener Auswahl. An der Theke liegt bei Brot und Backwaren eine Art Stange. Ich erfahre, dass es ein sacristain aux amandes ist, ein Gebäck, eine regionale Spezialität. Als ich gerade überlege, wie man wohl Bon auf Französisch sagt, kommt mir die Verkäuferin zuvor, die meinen verwirrten Blick richtig deutet und fragt: „Ticket?“ Im Französischen gibt es ein englisches Lehnwort, wo wir ein französisches haben (das aber aus unerfindlichen Gründen in letzter Zeit dem Zettel weichen muss).

In einem immer geschlossenen Geschäft stehen im Schaufenster lokale Spezialitäten, vor allem Konfitüre. Aus Feigen, Zwiebeln und, natürlich, Kastanien.

Auf dem Weg in den Ort hinunter bin ich an verschiedenen vereinzelt gelegenen Gehöften vorbeigekommen. An einem weist ein Schild darauf hin, dass die Hunde friedfertig sind. Man wird aber gebeten, sie auf den Hof zurückzuscheuchen, damit sie einem nicht nachlaufen: Promeneurs: Chiens gentils, mais repoussez-les pour qu’ils ne vous suivent pas. Merci. Scheinen kontaktfreudige Hunde zu sein. Jedenfalls mache ich diese Erfahrung auf dem Rückweg. Zwei mächtige Hunde hängen sich an mich und begleiten mich bis ans Ziel. Er erfordert einige Telefonate und die Einschaltung des Rathauses, um einen von ihnen wieder zu seinem Herrchen zu bringen. Der ist dankbar, betont aber, dass es sich nicht um zwei Deutsche Schäferhunde handelt, sondern um einen Deutschen Schäferhund und einen Schweizer Schäferhund.

Besonders schön auf dem Weg sind die Mauern am Wegesrand, in früheren Zeiten von unendlich fleißigen Händen errichtet, um die Gegend bewirtschaften zu können. Zwischen den flach übereinanderliegenden, moosbewachsenen Schieferplatten findet sich immer wieder ein farbig schimmernder Granitbrocken, eigentlich der Statik geschuldet, aber auch was fürs Auge. An verschiedenen Stellen tröpfelt Wasser zwischen den Schieferplatten hervor. An anderen Stellen trifft man immer wieder auf kleinere Wasserfälle. Solche Mauern heißen, wie ich jetzt erfahre, im lokalen Dialekt bancels, und es gibt in der Nähe auch einen Ort, der Les Bancels heißt.

An einem Abhang steht ein offener, herrenloser Jeep, der so aussieht, als würde er im nächsten Moment den Hang hinunterrollen. Wer ihn warum hierhergestellt hat, bleibt offen.

Auf dem Rückweg hält ein Auto im Regen neben mir. Der Fahrer fragt freundlich, ob er mich mitnehmen könne. Ich schaffe es so gerade, ihm zu bedeuten, dass ich absichtlich zu Fuß gehe und kriege dann gerade noch, bevor er die Scheibe hochkurbelt, ein „Vous êtes très gentil“ hin.

Von unten, vom Dorf aus, hat man einen schönen Blick auf die Berge mit dunklen und hellen Wolken, zwischen denen der eine oder andere Sonnenstrahl hervorkommt. Ein fast mystisches Bild. Es entschädigt ein bisschen für die Kälte und den Regen. Beides hatten wir Mitte April hier, in den Cevennen, nicht mehr auf der Rechnung gehabt.

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Datumsgrenze

Der 23. April ist der Welttag des Buches, ein von der UNESCO ausgerufener Tag. Es ist der Feiertag des Schutzpatrons Kataloniens, Sant Jordi. An diesem Tag schenkt man einander traditionell eine Rose (Mann an Frau) oder ein Buch (Frau an Mann). Der 23. April ist das Datum des Todes von Shakespeare und Cervantes. Sie starben im selben Jahr! Aber sie starben zwar am selben Datum, aber nicht am selben Tag. Wie das? In England galt damals noch der julianische Kalender. Shakespeare starb also zehn Tage später als Cervantes!

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Redefreiheit

„Von diesem Balkon rief der Sozialdemokrat Phillip Scheidemann am 9. November 1918 die Deutsche Republik aus.“ So steht es auf einer Gedenktafel am Berliner Reichstag. Und in Geschichtsbüchern und Chroniken. Und so wird es an deutschen Schulen gelehrt. Das Problem ist: Es stimmt gar nicht. Es handelt sich um eine Blüte deutscher Erinnerungskultur. Populär, aber wissenschaftlich unhaltbar. Es gibt Photos, Tonaufnahmen und Berichte, aber keine davon ist stichhaltig, und die meisten entstanden erst später. Scheidemann selbst trug zur Entstehung des Mythos bei. In seinen Memoiren, zehn Jahre nach dem umstrittenen Ereignis entstanden, stilisiert er sich selbst zum Ausrufer der Republik. Da spielte er selbst schon keine Rolle mehr in der deutschen Politik. Und seine beiden wichtigsten Kontrahenten, Ebert und Liebknecht (der hatte wirklich eine Republik ausgerufen, die Räterepublik) konnten nicht mehr widersprechen. Sie waren bereits tot. Scheidemann selbst hatte die Rede 1921 in einem Erinnerungsbuch mit keinem Wort erwähnt. In einer Rede  von Carl Seevering, Sozialdemokrat, zum Jahrestag der Revolution 1928 ist von Scheidemann mit keinem Wort die Rede. Erst nach dem Krieg fasste die Legende Fuß. Was den Wortlaut angeht, ist in frühen Quellen davon die Rede, Scheidemann habe vom Sturz der Dynastie und der bevorstehenden Bildung einer neuen Regierung gesprochen. Von der Republik ist nicht die Rede. Was die Photos angeht, stellte sich Scheidemann nachträglich für eine Inszenierung in das Fenster der Reichskanzlei (nicht des Reichstags), zehn Jahre nach der Revolution. Und dann existiert noch ein Photo, auf dem der angebliche Scheidemann akrobatisch und schwindelfrei in Rednerpose acht Meter über dem Boden frei auf einer schmalen Balkonbrüstung steht. Es ist aber nicht zu erkennen, ob es sich dabei um Scheidemann handelt. Experten halten das Photo für eine Montage. (Machtan, Lothar: „Und nun geht nach Hause“, in: Die Zeit 15/2018: 21)

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Bettgeschichten

Der letzte Überlebende der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse ist Benjamin Ferencz. Er wurde in Transsilvanien geboren, als Kind einer jüdischen Familie. Als Rumäne. Seine Schwester wurde drei Jahre früher geboren, in demselben Bett. Als Ungarin. Ferencz amüsiert sich bis heute, dass Menschen so viel Wert auf Nationalitäten legen. (Willeke, Stefan: “Wer lügt, wird erschossen”, in: Die Zeit 14/2018: 12)

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Neustadt Altstadt

In der Altstadt von Speyer zeigt ein Schild die Schrannengasse hinunter Richtung Altstadt. Von der Altstadt Richtung Altstadt? Ja. Das, was man in Speyer Altstadt nennt, die Gegend weiter unten am Rhein, ist in Wahrheit 900 Jahre jünger als die eigentliche Altstadt um den Dom herum. Die neue Altstadt ist ein ursprünglich außerhalb der Stadtmauern gelegenes Viertel, das den Hahnenpfuhl einschloss, also eine Gegend, die eigentlich feucht war. Dies war das Viertel der Händler und Handwerker. Die Straßennamen deuten noch darauf hin: Färbergasse, Webergasse, Fischmarkt, Holzmarkt. Und die Schranne war der Bezirk der Metzger und bezeichnete eine Art mittelalterlicher Würstchenbude.

Die eigentliche Altstadt, das Viertel um den Dom herum, geht auf die erste Römersiedlung zurück. Die Römer waren klug genug, ihren Ort am Hohen Ufer, an dem erhöht gelegenen Nebenarm des Rheins anzulegen, dort, wo keine Überschwemmung drohte. Anfangs umfasste die Stadt nicht mehr als 250 Menschen, Soldaten, die die Römer aus dem hier ansässigen Stamm der Nemeter rekrutierten. Die Stadt wuchs dann mit großer Geschwindigkeit und hatte im Mittelalter immerhin 8000 Einwohner. Die römische Stadt hieß nicht Speyer. Sie hieß, wie so viele andere, Novis Magus, also so was wie ‚Neustadt‘, eine Bezeichnung, auf die auch Neumagen und Nijmegen zurückgehen. In der Spätantike bekam sie dann einen neuen Namen, aber es war immer noch nicht Speyer. Es war Civitas Nemetum, nach dem keltischen Stamm. Erst zu Beginn des Hochmittelalters kam der Name Speyer auf. Sein Ursprung ist ungewiss. Aber er verbreitete sich dann schnell und wurde in andere Sprachen übernommen. Die bewahren die ursprüngliche Form eher als das Deutsche, ohne Diphthong: Spire, Espira. Die Stadt wurde nicht zuletzt deshalb bekannt, weil sie, neben Worms und Mainz, eins der drei wichtigsten Zentren der frühen jüdischen Besiedlung in Deutschland war. Und der Name der Stadt hat dann auch seine Spuren hinterlassen, wo man ihn nicht vermuten würde: in dem Nachnamen Shapiro.

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Löwenherz

Richard the Lionheart – Richard Cœur de Lion Richard Löwenherz – Ricardo Corazón de León – Ριχάρδος ο Λεοντόκαρδος Rikard Lejonhjärta – Ричард Львиное Сердце – überall ist er bekannt, und überall mit dem gleichen Beinamen. Viel bekannter als die meisten anderen englischen Könige, und beliebter, jedenfalls beim Volk. Vielleicht auch wegen des suggestiven Beinamens. Aber woher kommt der? Der Legende zufolge tötete er einen Löwen, den Heinrich VI. in seine Zelle in Trifels sperren ließ. Diese Legende findet sich zum ersten Mal in dem mittelenglischen Versroman Richard Cœur de Lion (XV), 300 Jahre später. Er hatte aber in seinem Auftreten, in seinem Charakter etwas Kämpferisches, Beherztes. Feige war er nicht. Auf dem Hoftag in Speyer, wo er als Gefangener auftrat, hielt er eine flammende Rede und forderte die anderen Ritter mutig zum Zweikampf heraus. Am Ende musste Heinrich ihm die Versöhnung anbieten. Ließ ihn allerdings noch nicht frei, nicht, bevor es Lösegeld gab. Nur hieß das Lösegeld jetzt nicht mehr Lösegeld.  Seine Popularität steht im Gegensatz zu seiner Bewertung durch die Historiker. Die sehen ihn viel kritischer: gewalttätig, rebellisch, verschwenderisch, impulsiv, grausam. Und er war fast immer unterwegs, auf dem Kontinent, auf dem Kreuzzug, in Kämpfen und Schlachten. Und kümmerte sich nicht besonders um England (ob er Englisch sprach, ist umstritten). Bei einer Schlacht kam er auch ums Leben, mit 41, bei der Belagerung einer Burg. Acu hier hat sich eine Legende um ihn gebildet. Derzufolge verlief die Sache so: Der Kampf war längst entschieden. Aber Richard wollte sich vergewissern, ob alles glatt lief. Und wurde von dem einzigen Schützen, der noch auf der Burg stand, mit der Armbrust getroffen. Er wurde nur an der Schulter getroffen, aber er wusste, als erfahrener Kämpe, dass das sein Todesurteil war. Und zeigte Größe und Kaltblütigkeit: Er ließ seine Mutter kommen, setzte seinen Bruder John, mit dem er ständig Zwist hatte, zum Nachfolger ein und verzieh dem Armbrustschützen. Seine Mutter reagierte weniger gelassen auf den Tod des Sohnes. Sie ließ dem Todesschützen die Haut abziehen.

 

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Her mit der Kohle!

Debussys letzte Komposition hieß Die von der Glut der Kohle erleuchteten Abende. Sie umfasste nur 24 Takte. Die Komposition stammte aus dem Februar 1917. Debussy was verschuldet. Er konnte seine Schulden nicht mehr bezahlen. Einer seiner Schuldiger, ein gewisser Monsieur Tronquin, akzeptierte diese Komposition anstelle von Geld. Monsieur Tronquin war Debussys Kohlehändler. (Hagedorn, Volker: “Ich bin zerstört wie ein kleines Dorf”, in: Die Zeit 12/2018: 55

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Schlachtengeheul

Martin von Wolkenstein, am Wiener Hof aufgewachsen, wurde ungewollt einer der Zeugen der letzten Schlacht des Dreißigjährigen Kriegs, der Schlacht von Zusmarshausen. Wolkenstein schilderte die Schlacht in einer Lebensbeschreibung, die er im hohen Alter verfasste. Er hatte sich von dem bayerischen Oberbefehlshaber die Namen und Orte nennen und die Truppenstärken und die Aufmarschpläne erklären lassen, so dass er eine gute Vorstellung davon bekam, wo er wann gewesen war. Aber als er sich daran machte, die Schlacht zu beschreiben, wollten sich die Wörter aber einfach nicht einstellen, die Sätze sich einfach nicht fügen. Also stahl er sie woanders. In Grimmelshausens Simplizissimus fand er  eine Schilderung, die ihm gefiel. Die übernahm er. Und das, obwohl Grimmelshausen gar nicht die Schlacht von Zusmarshausen beschrieben hatte, sondern die von Wittstock. Das störte niemanden. Niemand bemerkte es. Was Wolkenstein aber nicht wissen konnte: Grimmelshausen hatte die Schlacht von Wittstock zwar erlebt, aber auch nicht selbst beschrieben. Er hatte die Beschreibung einem von Opitz übersetzten englischen Roman entnommen, dessen Autor selbst nie bei einer Schlacht gewesen dabei gewesen war.

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Kontrovers

Schreibt er seine Gedicht auf Latein oder auf Französisch. Das will Athanasius Kircher, Jesuit und Universalgelehrter, in einem (fiktiven?) Gespräch von Paul Fleming wissen. Der Dritte in der Runde ist Adam Olearius. Fleming hat sich als Arzt und Dichter vorgestellt. Die Antwort auf die Sprache der Gedichte ist so verwirrend, dass Kircher nachfragen muss: Wirklich, auf Deutsch? Wie kommt man denn auf so eine Idee? Fleming gesteht, dass das merkwürdig klingt. Er selbst habe frühre auch auf Latein geschrieben, aber jetzt versuche er es mit dem Deutschen. Das sei noch sehr ungelenk, eine Sprache, die erst noch im Erstehen sei, ein Wirrnis aus Dialekten. Und eine Sprache, die manchmal nicht das passende Wort parat habe. Dann greife man eben nach einem lateinischen, französischen oder auch italienischen Wort, um dieses Manko auszugleichen. Aber eines Tages werde auch das Deutsche erwachsen. Man müsse die Sprache nähren und pflegen, dass sie gedeihe. Das sei doch nur natürlich, dass man in seiner Sprache schreibe. Und üherhaupt, will er wissen: Ist es nicht komisch, dass wir drei hier, aus demselben Land kommten, Latein miteinander sprechen? (Daniel Kehlmann: Tyll. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 62018: 354-357)

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Im Glück gefangen

Ferdinand von Schierach, der Rechtsverteidiger, erzählt in einem Interview von Frauen in den USA, die Strafgefangene heiraten. Auch dann, wenn die zu 300 Jahren Haft verurteilt sind und kaum eine Aussicht haben, jemals freigelassen zu werden. Die freie Frau und der Strafgefangene führen eine glückliche Beziehung. Nur eins kann das Glück zerstören und die Beziehung scheitern lassen: Wenn der Strafgefangene frei kommt …

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Geschult

Wer auf dem Gymnasium war, weiß mehr über Wirtschaft als andere – und zwar, und darauf kommt es an, auch wenn es das Fach Wirtschaft an der Schule gar nicht gab. Er hat gelernt, zu lernen. Deshalb sind gebildetere Menschen besser für wirtschaftliche Entscheidungen im Alltag gerüstet als andere. Sie können besser entscheiden, ob ein Kredit günstig ist, was man zum Vermögensaufbau tun kann und welche Partei ihre Interessen besser vertritt. Sie haben also, ohne dass sie etwas “dazu können”, einen Vorteil, der einen anderen Vorteil, den sie haben, noch verstärkt. Denn gebildetere Menschen sind im Mittel auch wohlhabender. Reiche können also ihre Interessen besser durchsetzen als Arme. (Djahangard, Susan: “Und wer weiß was?, in: Die Zeit 7/2018: 26)

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Ausgerechnet

Ein Tischtennisschläger und ein Ball kosten zusammen 1,10 €. Der Schläger kostet 1 € mehr als der Ball. Wie viel kostet der Ball? Meine Antwort bei  dieser Testfrage in einer Umfrage war: 10 Cent. Das ist falsch: Wenn der Ball 10 Cent kostet und der Tischtennisschläger 1 Euro mehr, dann kostet der Tischtennisschläger 1,10 €, und die Gesamtsumme wäre 1,20  €. Also falsch. Viele andere haben auch die falsche Antwort in der Umfrage gegeben. Ein schwacher Trost. Die richtige Antwort ist: 5 Cent. Dann kostet der Tischtennisschläger 1,05 €, und die Gesamtsumme beträgt 1,10 €.  Warum lässt man sich da so leicht in die Irre führen?

 

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Werbefeldzug

Über einen Zeitraum von sechs Wochen wurden in einem Kino in New Yersey während der Vorführung des Films Picknick alle fünf Sekunden die Botschaften Drink Coca-Cola und Eat Popcorn eingeblendet, so schnell, dass die Zuschauer diese Botschaften bewusst nicht wahrnehmen konnten. Im Kino wurde danach 18,1% mehr Coca-Cola und 57,9% mehr Popcorn verkauft. Ein eindrücklicher Beweis für den Effekt der “unterschwelligen Werbung”.

Das Interessanteste an diesem Experiment ist, dass es nie stattfand. Alles war schlichtweg erfunden. Erstunken und erlogen. Der angebliche Trick mit der “unterschwelligen Werbung” war eine falsche Behauptung des Marktforschers James Vicary. Er wollte seiner schwächelnden Werbefirma Auftrieb geben. Es war Werbung für Werbung.

Das Experiment, das nie stattfand, ist noch aus einem weiteren Grund interessant: Die Menschen halten es offensichtlich für plausibel, dass man so manipuliert werden kann. Und bis heute wird immer wieder von dem Experiment erzählt, als ob es stattgefunden hätte. Dabei haben Werbepsychologen längst Experimente mit “unterschwelliger Werbung” durchgeführt und festgestellt: So funktioniert es nicht. (Kara, Stefanie: “Wir wissen nicht, was wir tun”, in: Die Zeit 5/2018: 31-32)

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Lovely day for a stout

Some time ago a colleague, checking a text I had written, spotted a spelling mistake in a passage in which I had referred to an advertising slogan: Guiness is good for you. The colleague pointed out the Guinness is spelt with double <n>. On the following day, I bought him a couple of bottles of Guinness. This is one of the few memorable instances where correction had both immediate and lasting effect: I have never misspelt Guinness since, and I think I never will. Then, the other day, rereading Heinrich Böll’s Irisches Tagebuch, I came upon a passage (p. 102) where another Guinness slogan is referred to: A lovely day for a Guiness. It contained exactly the same spelling mistake. Nobody had noticed. Böll and his editors, however, had a much better excuse for making this mistake: at the time of writing, Guinness was much less well known in this country than it is now.

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Hohes Gericht!

Ein paar herausfordernde Gedanken zur christlichen Religion (Fischer, Thomas: “Das Jüngste Gericht”, in: Die Zeit 53/2017: 12)

– Die Vertreibung aus dem Paradies und die Sintflut waren als Strafen unverhältnismäßig angesichts der begangenen “Sünden”. Ein bisschen Hurerei, und schon fällt Feuer vom Himmel.

– Viele Götter zu haben machte manches einfacher: eine(r) für die Krätze, eine(r) für die Ernte, eine(r) für die Jagd, eine(r) für die Fruchtbarkeit usw. Da weiß man, wo man dran ist und an wen man sich wenden muss. So konnte ich sicherstellen (oder wenigstens sicherstellen, alles getan zu haben), dass das Unglück ausbleibt, das Glück kommt, dass ich nicht hungrig, sondern satt bin. Dann kam die jüdische Religion und erklärte all diese Götter zum Teufelswerk. Das Christentum musste sie erst in Form von Engeln und Heiligen wieder heimlich importieren.

– Religion ist, wenn der Mensch sich fürchtet. Die Furcht ist Ursache und Ergebnis der Religion.

Wenn Gott mit Wundern und Katastrophen auf der Welt für Ordnung und Gerechtigkeit sorgt, dann muss man sagen, dass er das ohne großen Erfolg tut. Mangelnder Anbetungseifer kann vielleicht für eine Seuche oder Hungersnot verantwortlich gemacht werden, solange ich mit Schafherden über die Ebenen ziehe, aber nicht für Sklaverei, Krieg und Pest, für die Einteilung der Welt in Eigentümer und Habenichtse. Da kommt dann das Jüngste Gericht ins Spiel. Da wird für Gerechtigkeit gesorgt.

– Es wird zweimal Gericht gehalten über uns, nach unserem Tod und am Ende der Zeiten. Es gibt das Partikulargericht und das Jüngste Gericht. Wie das eine im Verhältnis zum anderen steht, ist nicht klar. Werden die vorläufig Verdammten dann endgültig verdammt? Und was geschieht mit ihnen bis dahin? Soll man sich das Partikulargericht so vorstellen, dass eine Zwischenlösung gefunden werden muss (eine Zwischenlösung für immerhin 206.000 Kandidaten täglich)? Und wo werden die zwischengelagert? Beim Jüngsten Gericht wird dann endgültig geschieden in Gut und Böse. Aber: nach welchen Kriterien? Die Gesetzestafeln, die Moses erhielt, sind nichts als allgemeine Grundregeln. Sie geben keine Auskunft darüber, in welchem Stadium man abtreiben darf, was unter Notwehr zu verstehen ist oder ob “humanitäre” Bundeswehreinsätze zu vertreten sind.

– Beim Jüngsten Gericht ist Gott Ankläger, Zeuge, Sachverständiger und Richter in einem. Und Vollstrecker. Das Verfahren flößt kein großes Vertrauen ein. Warum kann man sich nicht verteidigen? Oder von Experten verteidigen lassen?

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Selbstüberschätzung

Die Welt ist kompliziert. Zu kompliziert, als dass man sie als Laie verstehen könnte. Über die Welt zu berichten, bedeutet daher immer Vereinfachen. Die Herausforderung besteht darin, komplizierte Zusammenhänge für Nicht-Spezialisten verständlich zu machen. Und zugleich so genau wie möglich zu sein. Schwer genug. Doch selbst wenn dieser Spagat gelingt, ergibt sich daraus ein Dilemma: die Selbstüberschätzung. Wenn wir etwas verstehen, bilden wir uns ein, mehr davon zu verstehen, als wir es tatsächlich tun. Das belegten Psychologen um Lisa Scharrer von der Universität Münster in einem Experiment. Sie legten ihren Probanden Texte zu medizinischen Themen wie dem Salzkonsum vor, zu dem Zusammenhang von Chili im Essen und Blutdruck, zu dem Zusammenhang von veganer Ernährung und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zu allen Themen gab es verschiedene Textversionen, populärwissenschaftliche und wissenschaftliche. Die Probanden bewerteten alle Texte als glaubwürdig. Aber die populär aufbereiteten Texten erzeugten bei den Lesern die Illusion, dass sie die Themen besser durchdrungen hatten als die wissenschaftlichen Texte. Der technische Jargon und die Detailgenauigkeit der wissenschaftlichen Texte förderten eine größere Anstrengung und waren ein Indiz für das eigene begrenzte Verständnis des Themas. Amerikanische Kognitionsforscher um Philip Fernbach beobachteten, dass das Gefühl von großem Durchblick sich gerade dann einstellt, wenn wenig vom Thema bekannt ist. Sie befragten Probanden zum amerikanischen Renten- und Gesundheitssystem, zum Emissionshandel, zur Steuergesetzgebung, zum Handel der USA mit dem Nahen Osten usw., Themen von frustrierender Komplexität. Viele Teilnehmer glaubten ein tiefes Verständnis der Themen zu haben. Erst als die Forscher nach Details zu den einzelnen Politikfeldern fragten, kippte das Bild. Die Illusion des Durchblicks zerplatzte. Erst jetzt wurde den Teilnehmern klar, wie wenig sie eigentlich wussten. Kein schönes Gefühl, und so reagierten viele Probanden ausgesprochen verstimmt, als sich herausstellte, dass sie keine Ahnung hatten! (Herrmann, Sebastian: “Die Wissens-Illusion”, in Süddeutsche Zeitung 284/2017: 18)

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Das Märchen vom Abendland

Das Abendland. Das Abendland gibt es nicht. Jedenfalls nicht in reiner Form. Das wird am besten sichtbar, wenn man auf die Geschichte des Wissens blickt. Eine nicht untypische Geschichte könnte so verlaufen: Im 9. Jahrhundert wurden im abbassidischen Bagdad Texte der antiken Medizin Von Hippokrates und Galen übersetzt, aus dem Griechischen ins Arabische. Von Bagdad gelangten sie ins muslimische Spanien, aus dem muslimischen Spanien ins christliche Spanien. Dort, an der Übersetzerschule von Toledo, wurden die vom Griechischen ins Arabische übersetzte Texte ins Lateinische übersetzt, oft mit der Hilfe von arabischsprachigen Juden. Sie erstellten (oft nur mündliche) Zwischenversionen in den romanischen Volkssprachen, die dann von den Gelehrten ins Lateinische übertragen wurden. So wurden sie dem Rest Europas zugänglich gemacht, in Paris oder Köln an der Universität gelehrt. Der Wissenschaftstransfer verlief also in einem weiten zeitlichen und räumlichen Bogen. Dabei wechselten die Texte oft dreimal die Sprache und viermal die Schrift. Die vier europäisch-orientalischen Schriften waren dabei beteiligt: griechisch, lateinisch, hebräisch, arabisch. (Seibt, Gustav: “Das Märchen vom Abendland”, in: Süddeutsche Zeitung 284/2017: 13)

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Renaissance = Wiedergeburt?

Renaissance – die ‘Wiedergeburt’, die Wiederentdeckung der Antike. Renaissance, das ist die Rückbesinnung auf die Schönheitsideale der Antike, die Wiedergewinnung des Wissens der Antike, wie sie vor allem in Italien wirksam wurde. Das ist die konventionelle Sicht, wie sie von Burckhardt und Michelet geprägt wurde. Das ist aber in verschiedener Hinsicht eine zu enge Vorstellung. Renaissance gibt es nicht nur in Italien (und vielleicht noch in Frankreich), sondern auch in England oder Polen oder Ungarn. Renaissance kommt nicht aus dem Nichts, erfolgt nicht mit einem Schlag, sondern zieht sich über eine Reihe von Jahrhunderten hin. Sie ist keine Zäsur, sondern eine Ligatur. So sieht es der Historiker Bernd Roeck in einer bahnbrechenden Studie zur Renaissance. Roeck betont vor allem das, was in der Renaissance neu war, das, wo die Renaissance nicht an die Antike anknüpfen konnte: beim Buchdruck, bei der Brille, bei der Horizontalen. Mit dem Buchdruck (mit beweglichen Lettern) bekam die Wissensvermittlung eine ganz neue Dynamik. Der Streit um unterschiedliche Auffassungen, in Athen und Rom auf kleine und begrenzte Gruppen beschränkt, wurde jetzt mit den Flugblättern und Streitschriften in die “ganze Welt” hinausgetragen. Die Brille, also das Schleifen von Linsen, der Antike unbekannt, ermöglichte einerseits das Fernrohr, andererseits das Mikroskop, und die sprengten den Wissenkanon der Antike. Die unerreichbar ferne und die unsichtbar kleine Welt wurden Teil des Wissens der Moderne. Und die Horizontale, Menschen, die sich auf derselben sozialen Ebene befinden und qua Vergemeinschaftung zu einer politischen Kraft werden, das ist ein weiteres Signum der Moderne, als Gegenmodell zu den vertikalen Modellen sowohl des Mittelalters als auch der Antike. (Münkler, Herfried: “Mit Buch und Brille”, in: Die Zeit 48/2017: 66)

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Schwärmerische Identifikation

Jerusalem stehe “über der Politik”, Jerusalem sei das”Herz des Herzens” der Juden. Die Stadt werde sechhundertmal in der Bibel erwähnt, keinmal im Koran. Und Jerusalem sei schon vor dreitausend Jahren “unsere Hauptstadt” gewesen. So argumentieren viele jüdische Intellektuelle und untermauern so den Herrschaftsanspruch Israels über ganz Jerusalem. Dabei unterschlagen sie aber, dass die Thora, das eigentliche Herz des Judentums, Jerusalem gar nicht erwähnt. Es glänzt durch Abwesenheit. Viele der hellsten Köpfe des Judentums haben ein ablehendes Verhältnis zu Jerusalem, genau so, wie es die Propheten hatten. Sie wissen, dass Jerusalem nicht die Stadt Gottes ist, sondern ein allzu menschlicher Ort der Geistlichen, Politiker, Könige. Jerusalem gewinnt erst an Bedeutung, nachdem die Israeliten einen König verlangen, so “wie ihn alle Völker haben.” Tatsächlich verbietet das jüdische Gesetz jede Herrschaft über Jerusalem vor der Ankunft des Messias. Insofern steht nicht nur Trumps Erklärung zu Jerusalem als alleiniger Hauptstadt Israels, sondern Ben Gurions Verkündung von Israels Unabhängigkeit in scharfem Widerspruch zur jüdischen Religion. (Boehm, Omri: “Jerusalem, unser Goldenes Kalb”, in: Die Zeit 53/2017: 44)

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Schwitzen wie ein Schwein

Schweine schwitzen nicht. Das bekommt einer der Protagonisten aus Robert Menasses Hauptstadt, Sohn eines Schweinebauern, von seinem Vater zu hören. Schweine schwitzen nicht, sagt der Vater dem Sohn in belehrendem Ton, also solle er gefälligst nicht diesen unsinnigen Ausdruck verwenden, schwitzen wie ein Schwein. Nur weil andere das sagen, brauche er diesen Unsinn ja nicht nachzuquatschen. Aber: Warum schwitzt man wie ein Schwein? Ist das nur so gedankenlos dahergesagt? Warum hat sich so ein Bild durchgesetzt, wenn es so offensichtlich schief ist? Dafür gibt es einen guten Grund, und der bleibt Menasses Schweinebauern, der seinen Sohn zurechtweist, verborgen: Schweiß bedeutet hier nämlich nicht ‘Schweiß’, sondern ‘Blut’. Man blutet wie ein Schwein. Das ist gemeint. Bei den Hausschlachtungen konnte man beobachten, wie stark die Schweine bluten, und ihr Blut wurde euphemistisch Schweiß genannt. Jäger sprechen noch heute vom Schweiß der gejagten Tiere, wenn sie ihr Blut meinen, und der Hund, der auf ein angeschossenes und blutendes Tier angesetzt wird, heißt Schweißhund. (Menasse, Robert: Die Haupstadt. Berlin: Suhrkamp, 2017: 120)

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Trump is a … rather unpleasant person

„Trump is a cunt“. So stand es auf einem Plakat, das Janey Godley, die britische Komikerin, hochhielt, als einsame Protestlerin, als Trump Turnberry eingeweiht wurde, Trumps luxuriöse Golfanlage in Schottland. Der Besitzer selbst, noch nicht Präsident, war angereist zur Einweihung. Godley hielt den ganzen Tag aus, obwohl sie Trump gar nicht zu Gesicht bekam. Die starke Sprache ihres Plakats stieß auf Kritik, aber Godley argumentiert, cunt sei in Schottland ganz gebräuchlich, alles sei cunt: das Wetter, das Essen, der Ehemann, die Politik. Die Polizisten, die ihr sagten, ihr Plakat sei beleidigend, überzeugte sie, indem sie sich auf ihr Recht auf freie Meinungsäußerung berief. Am Ende brachte sie einen der Polizisten sogar dazu, lächelnd zu sagen: „Trump is an unt“. Bei ihren Auftritten kriegt sie oft das ganze Publikum rum und redet die Zuschauer so lange heiß, bis alle im Chor den Trump-Spruch skandieren. (Kahlweit, Cathrin: „Mr. Nincompoop“, in: Süddeutsche Zeitung 284/2017: 3)

 

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Holland = Niederlande

Unter Paranomasie versteht man ein Wortspiel, das auf der zufälligen Klanggleichheit von Wörter beruht: Bistümer – Wüsttümer, Länder – Elender, Eile mit Weile, Wer rastet, der rostet, Lieber arm dran als Arm ab. Unter Prolepse versteht man die Vorwegnahme eines Attributs: destemplado instrumento. In der Botanik ist die Prolepse das vorzeitige Austreiben von Sprossen, in der Literatur die Vorwegnahme eines Ereignisses, ein Zeitsprung in die Zukunft. Unter Antonomasie, einer Form der Metonymie, versteht man die Verwendung einer Eigenschaft anstelle eines Namens: der Kerpener für Michael Schumacher. Unter Synekdoche versteht man den Ersatz eines Wortes durch ein Wort aus dem gleichen Begriffsfeld (mit pars pro toto als Sonderfall der Synekdoche): unser tägliches Brot für tägliche Nahrung ist so ein Fall, Holland für die Niederlande, der Baldachin des Eides (bei Calderón) für den Thron, vor dem man einen Eid ablegt, ein anderer. Auch Pluralis Majestatis („Wir, Benedictus PP XVI …“) und Pluralis Modestiae („Wir haben es geschafft“) gehören dazu.

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Unterrichtsausfall? Schlimm?

Unterrichtsausfall! Kaum eine politische Debatte, kaum ein Parteienstreit, kaum ein Elternabend, bei dem er nicht thematisiert und oft instrumentalisiert wird. Mit der Klage über Unterrichtsausfall und dem Versprechen, ihn zu reduzieren, ist einem der Beifall der Masse gewiss. Zahlen, die dann in die Debatte geworfen werden, eignen sich gut dazu, die Sache zu dramatisieren. Sie zu überprüfen kommt keinem in den Sinn. In letzter Zeit macht die Zahl von 10% Unterrichtsausfall die Rede. Jetzt meldet sich ein Kultusbeamter, Udo Michallik, zu Wort  (“Totalausfall? Unsinn!”, in: Die Zeit 42:77), der die Zahlen ins rechts Licht rückt. Zu den kolportierten 10% Unterrichtsausfall, zeigt er, gehören Unterrichtsstunden, in denen Projekstudien, Klassenfahrten und Prüfungen stattfinden. Das ist natürlich kein “Unterrichtsausfall”. Dazu kommen die Unterrichtsstunden, die durch einen Vertretungslehrer abgedeckt werden. Wenn man das alles abrechnet, bleibt noch ein Unterrichtsausfall von 2% übrig. Das ist ganz undramatisch. Wenn ich an meine eigene Schulzeit zurückdenke, sind mir manche Vertretungsstunden in besserer Erinnerung als die ganz gewöhnlichen Unterrichtsstunden. Dass sie stattfinden bedeutet ja noch nicht, dass man dabei etwas lernt.

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Die alten Fragen

“Geht Literatur aus dem Leben hervor oder aus anderer Literatur? Ist, was wir zu lesen bekommen, authentisch oder erfunden, wahr oder wahrscheinlich? Haben wir uns auf einen Erfahrungsbericht einzustellen oder auf ein Phantasiespiel? Schreibt hier jemand von sich oder für andere? Um etwas loszuwerden oder um etwas anzubringen? Um zu klagen oder um zu unterhalten? Zu erschüttern oder zu glänzen? Um Menschenunwürdiges anzuprangern, gar nach Veränderung zu rufen, oder nur um Menschenmögliches, besser: Menschenwirkliches erhellend, aber resigniert zum Bewusstsein zu bringen?” (Köhler, Hartmut: “Nachwort”, in: Lazarillo de Tormes / Klein Lazarus vom Tormes. Stuttgart: Reclam, 2006: 179)

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El delito mayor del hombre

Aunque sí nací, ya entiendo / qué delito he cometido. / Bastante causa ha tenido / vuestra justicia y rigor, /pues el delito mayor / del hombre es haber nacido. –  Obwohl ich, eben weil geboren, / schon verstehe, was ich beging. / Genügend Grund hatte / eure Gerechtigkeit und Strenge; / ist doch das größte Vergehen / des Menschen, dass er geboren ist. Sagt Segismundo (S. 14-17). Que tanto gusto había  / en quejarse, un filósofo decía, / que, a trueco de quejarse, / habían las desdichas de buscarse. – Es gebe ja so viel Vergnügen / am Klagen, hat ein Philosoph gemeint, / dass man, um nur ja klagen zu können, / das Unglück aufsuchen sollte. Sagt Rosaura (S. 10-11). ¡Qué pocas veces el hado / que dice desdichas miente, / pues es tan cierto en los males /cuanto dudoso en los bienes! – Wie selten das Fatum, / wenn es Unglück vorhersagt, doch lügt / es ist ja bei schlimmen Dingen so verlässlich / wie bei guten unzuverlässlich! Sagt Astolfo (S. 130-133). En batallas tales, / los que vencen son leales, / los vencidos los traidores. – In solchen Schlachten, / gelten die Sieger als loyal, / die Besiegten als Abtrünnige.  Sagt Basilio (S. 232-233). Eins waren die spanischen Barockdichter nicht: naiv. (Calderón de la Barca, Pedro: La vida es sueño / Das Leben ist Traum. Übersetzt und kommentiert von Hartmut Köhler. Stuttgart: Reclam, 2009)

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Teufelswerk

Wegen des Worts Oblate kommt es zu einem Missverständnis und fast zu einer Schlägerei: Herr Ewson, ein früher englischer Ex-Patriot, bittet eine Magd, ihm eine Oblate zu verschaffen, zum Briefsiegeln. Die Magd versteht überhaupt nicht, was gemeint ist, aber dann fällt ihr ein, dass man die Hostie doch auch Oblate nennt. Sie denkt sich, der Herr wolle mit der Oblate einen gotteslästerlichen Spaß treiben, und erinnert sich daran, dass der Pfarrer ohnehin gesagt habe, dass Herr Ewson ein Gottesleugner sei. Ausländer und Ketzer. Um das Missverständnis zu klären, holt Ewson sein Wörterbuch hervor und zeigt es der Magd. Er hat aber nicht bedacht, dass die gar nicht lesen kann. Schließlich redet er auf Englisch auf sie ein. Das versteht sie erst recht nicht und hält es für das sinnverwirrende Gewäsch des Teufels. (Hoffmann, E.T.A.: Die Elixiere des Teufels. München: DTV, 82016: 177-178)

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Ausländischer Roßhändler macht sich anheischig

Man macht sich anheischig, etwas zu tun, man kommt sich gegenseitig zu Hülfe, man will nicht länger säumen. So klingt die Sprache Kleists, die Sprache der Literatur des (frühen) 19. Jahrhunderts. Es gibt kaum Stellen, an denen man sprachlich kapitulieren muss, aber einiges hört sich für uns Modernen verschroben an, merkwürdig. Kohlhaas ist ein Roßhändler, sein Weib hat ihm mehrere Kinder geschenkt, er durchliest etwas, bevor er zu Luther geht. Der Graf trägt ein Behältnis mit sich, setzt sich, indem er die Hand der Marquise fahren lässt, erzählt, dass er wieder zur Armee gegangen sei, aber daselbst die lebhafteste Unruhe empfunden habe, sprengt mit dem Pferd zur Marquise, hinterbringt eine Nachricht und verbeugt sich ehrerbietig gegen die übrigen. Wichtiger, aber auf den ersten Blick gar nicht bemerkenswert, ist ein anderes Wort: Kohlhaas besorgt sich die Pferde, deren Einfuhr dann den Stein ins Rollen bringt und die Tragödie einleitet, aus dem Ausland.  Nicht etwa aus Holland oder Ungarn, sondern aus Sachsen. Und dort ist er, als Brandenburger, Ausländer.

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Magic changes

Why was J.K Rowling’s Harry Potter and the Philosopher’s Stone turned into Harry Potter and the Sorcerer’s Stone in the United States? In an internet forum it is argued that, quite simply, sorcerer sounds exciting, philosopher sounds boring. Others argue that this change is due to the “incredible ignorance of the average American”. The average American is beleived to be diluted in US education and does not grasp the mystical connotations of the philosopher’s stone. But would British children aged 9-14 be familiar with the concept? The term philosopher’s stone (just like Stein der Weisen) is not transparent, its ingredients do not give away its meaning. Other argue that it is the Hollywood-driven market which produces audiences more and more dependent on thrill and excitement, and a sorcerer is more compatible with this than a philosopher. One wonders, however, why publishers might have thought that Harry Potter actually needed this kind of promotion. Surely the books would have sold anyway. And couldn’t one simple trust in children’s ability to guess the meaning of an unknown concepts when reading books? And why did J.K. Rowling agree to this change? The same internet forum discusses another change from Britain to America: The Madness of George III became The Madness of King George. Was it because Americans, in their ignorance, would not know who George III was? Was it because they would assume that it is the third part of a trilogy and would not be interested because they had missed the first two parts? Was it because Americans would neither know nor care whether the first two Georges were mad or not? Was it because George III was the only King George America ever had? Or was it because the film portrays as a sympathetic character a man most Americans have been brought up to think of as a villain?

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Klingelcafé

Auf dem Rathausplatz in Zittau befindet sich das Klingelcafé. Unter jedem Tisch befindet sich eine Klingel. Einmal klingeln bedeutet: eine Tasse Kaffee. Zweimal klingeln bedeutet: ein Kännchen Kaffee. (Das Lexikon der ostdeutschen Stadtnamen. Eine heitere Ortskunde von Anklam bis Zwickau. Berlin: Bild und Heimat, 2015: 94)

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Wir Affenmenschen

Bei den Dreharbeiten zu Planet der Affen (1967) geschah in den Drehpausen Folgendes: Die Schauspieler, die die Affen spielten, saßen zusammen, säuberlich getrennt von denen, die die Menschen spielten. Niemand hatte das veranlasst. Das Rollenspiel während der Filmaufnahmen war genug, ein Gefühl von wir und sie zu entwickeln. Dieses Gefühl ist die Keimzelle einer ganzen Reihe von menschlichen Verhaltensweisen. In anderen Kontexten als dem des Filmsets hat diese Gruppendynamik schwere Konsequenzen. Es geht nicht nur darum, ob man lieber neben dem artidentischen Kollegen sitzt, es geht um Krieg und Frieden. (Willmann, Urs: “Wenn ‘Ich’ zu ‘Wir’ wird”, in: Die Zeit 47/2017: 62)

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Holocaust

Das Wort Holocaust etablierte sich erst eine ganze Zeit nach dem Krieg im deutschen Sprachgebrauch. Bis dahin war meist von der Judenverfolgung die Rede. In dem sechsbändigen Duden, der 1977 erschien, taucht es noch nicht auf. Das Wort Holocaust, griechisch, aber mit Bezug zum Alten Testament, bezog sich ursprünglich auf ein Brandopfer, und zwar auf ein solches, bei dem das ganze Tier geopfert wurde. Das war die Ausnahme. In der Regel wurden nur die Innereien verbrannt. Die Bestandteile des Wortes sind holos, ‘ganz’, und kaiein, ‘verbrennen’. Auch im Englische ist das Wort in der modernen Bedeutung erst 1942 zum ersten Mal dokumentiert. Vorher bezog sich das Wort meistens auf Dinge, zum Beispiel auf Briefe, die verbrannt wurden. Mit einer Ausnahme: Schon 1833 ist im Zusammenhang mit den französischen König Ludwig VII., von einem Holocaust von 1300 Menschen in einer Kirche die Rede, ein früher Vorläufer der modernen Bedeutung.

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Sie schafften das

Nach dem griechisch-türkischen Krieg lebte eine Million Menschen,  die über die Ägais dorthin gelangt waren, in griechischen Flüchtlingslagern. Das Osmanische Reich nahm zwei Millionen Flüchtlinge auf, Muslime, die ab 1860 von den europäischen Mächten aus Serbien vertrieben worden waren. Nach dem 2. Weltkrieg gab es allein in den Gebieten der westlichen Alliierten sieben bis acht Millionen Flüchtlinge. Die Stadt Frankfurt nahm 1685, zu einem Zeitpunkt, als sie 30,000 Einwohner hatte, 100,000 hugenottische Flüchtlinge auf. Und die polnisch-litauische Adelsrepublik nahm in großen Zahlen Tataren auf, Muslime, die seit dem 15. Jahrhundert dorthin einwanderten. (Thadden, Elisabeth von: “Von unterwegs”, in: Die Zeit 42/2017: 48)

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Bettelnde Fußgänger

Anorak, Schnellhefter, Ampel: Wie heißt die kleine Verlängerung an der Schiene, mit der man einen Reißverschluss öffnet oder schließt? Wie heißt das längliche Plättchen aus Metall oder Plastik, mit dem man die Blechbänder eines Schnellhefters schließt, um ein Rutschen zu verhindern? Wie heißt der Knopf, mit dem man an einer Fußgängerampel grünes Licht anfordert? Sie heißen Abdeckleiste (mit der schließt man die Schnellhefterzunge), Schiebergriff und Bettelknopf. Der Bettelknopf befindet sich an einer Bettelampel. Wichtiger als die Wörter selbst ist die Erkenntnis, dass man sie für die Alltagskommunikation nicht braucht. Dingen oder Dingsda oder Teil sind nützliche Wörter, um unbekannte Wörter zu paraphrasieren.

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Brennend interessant

In Köln sollen Luthers Schriften verbrannt werden. Listige Studenten vertauschen sie mit den Schriften seines Gegners Eck. Der Henker kann nicht lesen. Er verbrennt die Bücher. (Feldmann, Christian: Martin Luther. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2009: 53)

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Vor allem gesund

Benno, der kleine Bruder von Liesel, wird von seiner Schwester vorübergehend getrennt, denn die hat Scharlach. Er wird zusammen mit einem Kindermädchen in einer Hütte untergebracht. Dort lassen die Eltern eigens ein Bad einbauen. Tatsächlich bleibt Benno von dem Scharlach verschont. So ist er gesund und kann als Soldat in den Krieg ziehen. Dort kommt er in einem Gefecht ums Leben. (Mauwer, Simon: The Glass Room. London: Abacus, 2010: 31)

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Hochkultur

Am 9. März 1994 starb Charles Bukowski. Die Nachricht schaffte es sogar in die Abendnachrichten. Mit unbewegtem Gesicht sagte die Nachrichtensprecherin: “Zu seinen bekanntesten Werken zählte Fuck Machine.”  (Breuer, Thomas C.: Brücke zwischen Jucken und Zweifelscheid. Zell/Mosel: Rhein-Mosel-Verlag 2016: 106)

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Kurzer Prozess gemacht

In Savigny-sur-Etang in Frankreich kam es 1457 zu einem Gerichtsprozess wegen der Tötung eines fünfjährigen Jungen. Die Angeklagte wurde wegen Mordes angeklagt und zum Tod durch Erhängen verurteilt. Die Angeklagte war eine Sau. (Stephan, Björn: „Armer Hund!“, in: Die Zeit 39/2017: 15-17)

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Zeichen gesetzt

Ein Fernsehmoderator weist auf eine Sendung am Abend hin: “Wie geht’s Deutschland?” So hieß sie aber nicht. Sie hieß “Wie geht’s, Deutschland?”

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Roman chimneys

In Shakespeare’s Julius Caesar there are chimneys, books, doublets, hats and a clock that strikes three. Pope thought the hats were so much out of place that he replaced them by cats. There is also an allusion to the Great Flood. This could, of course, be the “Roman” flood, the flood of classical antiquity, sent by Zeus to punish mankind (only Descalion and his wife Pyrrha were permitted to survive), but Shakespeare was probably thinking of the “Christian” flood, the flood of the Old Testament, which would make it another anachronism. And finally a poet is scolded for his “cynic rhymes”. But there were no rhymes in Roman poetry . Shakespeare was not too concerned with historical authenticity. (Pughe, Thomas: Einleitung, in: Shakespeare, William: Julius Caesar. Tübingen: Francke, 1987: 18)

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Pomadenhengst

Mistigkeit, borschweise, Buschklepper. Deutsche Wörter? Ja und nein. Es sind drei Wörter, die früher im Duden standen, aber jetzt nicht mehr. Sie sind im normalen Sprachgebrauch einfach nicht mehr vertreten. In der Ausgabe von 2013 gab es eine dreistellige Zahl von Wörtern, die getilgt wurde. Darunter der wunderbare Pomadenhengst. Er würde heute nicht einmal mehr verstanden werden und ist durch Macho ersetzt worden. Können aussortierte Wörter es noch einmal zurück schaffen? Ausgeschlossen ist das nicht, sagt Kathrin Kunkel-Razum, die Leiterin der Duden-Redaktion. Wenn auch nicht sehr wahrscheinlich. Lügenpresse könnte ein Kandidat sein. Die ist jetzt neu aufgenommen worden und war vielleicht in den Dreißiger Jahren schon mal vertreten. (Schmidt, Marie: “Ist eine Welt ohne “Majonäse” sinnvoll?”, in: Die Zeit 33/2017: 35)

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Corrado

Corrado, ein italienischer Busfahrer, fährt eine deutsch-italienische Schülergruppe durch die Gegend, 16-17-jährige Jugendliche. Es steht eine Wanderung auf dem Programm. Man fährt in die Berge. Eher unwillig, vor allem auf italienischer Seite, bringt man die Wanderung hinter sich. Dann kommt man wieder zum Bus zurück und zu Corrado. Er macht ein entsetztes Gesicht: Er hat die Schlüssel für den Bus verloren. Die deutschen Mädchen: “Kommt, dann legen wir uns solange hier in die Sonne.” Die deutschen Jungen: “Kommt, wir gehen den Schlüssel suchen.” Die Italiener, Mädchen wie Jungen: “Wir rufen die Mama an.” Corrado hatte den Schlüssel gar nicht verloren. Er wollte nur die Reaktionen testen.

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Klein, aber oho!

Was haben Pinsel, Kapsel und Pegel miteinander gemeinsam? Die Endung gibt einen (verstecketen) Hinweis. Es sind lauter Diminutive. Das ist heute kaum noch erkennbar, weil es sich bei den Verkleinerungsformen um fremde Elemente handelt, die wir bereits als Diminutive übernommen haben. Man mag kaum glauben, in wie vielen Wörtern so eine verblasste Diminutivform steckt: Pupille, Mantel, Libelle, Bazillus (Grundform baculum, wegen ihres stabartigen Aussehens), Kapitell, Tabelle, Brezel, Kanzel, Schüssel,  aber auch Pistole, Kartoffel (Grundwort tartufo, ‘Trüffel’, selbst ein Diminutiv), Vanille (von vaina, verwandt mit Vagina), Toilette (Grundform toile) und viele andere. Dass bei den fremden Suffixen der Diminutiv nicht mehr erkennbar ist, mag ja noch angehen, aber bei den einheimischen Wörtern sieht es nicht anders aus: Angel, Schaukel, Knödel, Stummel, Trommel, Schenkel, Eichel, Enkel (Verkleinerungsform von ano, von dem auch Ahne als Bezeichnung des Großvaters abgeleitet ist – Großvater und Enkel sprachen sich gegenseiteig gleich an) sind genauso Verkleinerungsformen wie Ärmel (Grundform Arm, hier kann man es noch erahnen), Sperling, Forelle oder Eule (in der alten Form, uwila, ist der Diminutiv noch zu erkennen). Ein besonderes Schmankerl ist die Nelke, eine Verkleinerungsform von Nagel. Stift und Blume heißen also gleich. Wie kommt das? Der Nagel wurde zuerst auf die als Gewürz verwendeten Blüten eines Baumes aus den Molukken verwendet, und zwar wegen des Aussehens, und dann ging die Bezeichnung vom Gewürz auf die Gartenblume über, wegen des Duftes. Eine doppelte Übertragung. Auch der Klüngel hat es in sich. Es ist von klunga abgeleitet, ‘Knäuel’, ‘Garnknäuel’. Das wurde dann übertragen auf den lose vom Kleid herabhängenden Fetzen. Daraus resultierte dann die Bedeutung ‘nachlässige Behandlung’, ‘Missstand’. Und dann war es nicht mehr weit bis zu den durch Cliquenwirtschaft hervorgerufenen Missständen! (Storfer, Adolf Josef: Wörter und ihre Schicksale. Zürich: Atlantis Verlag, 1981: 528-543)

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Intelligence Agency?

Kriegsverbrechen, Schreckenstaten, Machtmissbrauch, Verstöße gegen das Genfer Abkommen, Eliminierung ungeliebter Politiker im Ausland, Bespitzelung der eigenen Bürger. Schwere Vorwürfe, die da gegen die CIA erhoben werden. Und wer erhebt diese Vorwürfe? Die CIA. Ihre ehemaligen, langjährigen Agenten. Und in dieser Bewertung sind sie sich fast ganz einig. Meinungsverschiedenheiten gibt es nur bei der Frage, ob all das mit Wissen oder sogar auf Geheiß des Präsidenten geschah. Dass es geschah, daran lässt keiner einen Zweifel. Mord, sagt ein CIA-Agent achselzuckend, das sei das Handwerkszeug von Regierungen. Dafür spricht, dass Gerald Ford während seiner Amtszeit ein Dekret erließ (Executive Order 11905), das es jedem, der für die amerikanische Regierung arbeitete, ausdrücklich untersagte, sich an Mordanschlägen zu beteiligen. Es kann also keinen Zweifel gegeben haben, dass man vor dem Mittel nicht zurückscheute, vermutlich danach genauso wenig wie davor. Und trotz allem sieht die Bilanz der CIA düster aus: die Fehleinschätzung der Stärke der “Turbanträger” im Iran (einem CIA-Agenten zufolge sprach keiner von ihnen persisch!) und dem daraus resultierenden Sturz des Schahs, die Invasion in der Schweinebucht, die Unterstützung der Mudschaheddin (unter ihnen Bin Laden) in Afghanistan (und damit letztlich die Schaffung der Grundlage für die Herrschaft der Taliban),  die Verkennung von Saddam Husseins Absichten mit Bezug auf Kuwait, die Ahnungslosigkeit vor dem ersten Attentat auf das World Trade Center, das nur durch einen technischen Defekt nicht so ausging wie geplant und viel mehr Opfer gefordert hätte als das zweite – eine einzige Kette von Misserfolgen und Fehleinschätzungen. (“CIA von Innen”, in: Phoenix: 29/07/2017)

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Gerechtigkeit

Was ist gerecht? Wenn man einer Software die Aufgabe überträgt, eine Vorauswahl unter den Bewerbern für eine Stelle zu treffen, nach welchem Prinzip soll sie verfahren? 1) Männer und Frauen sollen gleich stark vertreten sein. 2) Das Geschlechterverhältnis soll sich an den Bewerbungen orientieren. 3) Das Kriterium Geschlecht soll außen vor bleiben. (Wolfangel, Eva: “Google und die Frau am Herd”, in: Die Zeit 29/2017: 35)

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Ideologische Schlagseite

Auch Computer haben Vorurteile. Sie schnappen die Vorurteile der Menschen auf und machen sie sich zu eigen. Digitale Übersetzungsprogramme zum Beispiel beruhen auf großen Datensätzen, in denen sie nach Mustern suchen. Dabei kann es zu Fehlern und sogar zu Diskriminierungen kommen. Ein Fehler unterlief einem Übersetzungsprogramm, das Macron sich am Abend seines Wahlsiegs bei seinen “amerikanischen Mitbürgern” bedanken ließ. So wurde Macrons Tweet verbreitet. In der automatischen Übersetzung, die Twitter seinen deutschen Nutzern anbot, hatte sich “mes chers compratiotes” in “meine amerikanischen Mitbürger” verwandelt. Wie der Computer darauf kam? Er setzte compatriotes mit fellow Americans gleich, die als gängige Formel in den Reden amerikanischer Politiker auftauchen. Die Datensätze prägen auch das Weltbild der Maschinen. Man kann zeigen, dass sie mit Namen älterer Menschen eher negative, mit Namen jüngerer Menschen eher positive Eigenschaften assoziieren, Mathematik eher mit Männern, Kunst eher mit Frauen in Verbindung bringen. Eine Gerichtssoftware ermittelte aus dritten Daten die Hautfarbe eines Straffälligen. Die Verzerrungen sind Teil unserer Kultur, und auch dem Computer kaum abzugewöhnen. Man müsste erstens die Vorurteile erkennen und dem Computer in mathematischen Formeln vermitteln, und man müsste so viele Daten löschen, dass die Programme zu nichts mehr zunutze wären. (Wolfangel, Eva: “Google und die Frau am Herd”, in: Die Zeit 29/2017: 35)

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Tabuzone

Henning Scherf, ehemaliger Bremer Bürgermeister, hat ein Buch geschrieben. Über den Tod. Sein Titel: Das letzte Tabu. Aldo Haesler Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph, hat ein Buch geschrieben. Über das Geld. Sein Titel: Das letzte Tabu. Wolfram Wetter, Historiker, hat ein Buch geschrieben. Über die NS-Militärjustiz. Sein Titel: Das letzte Tabu. Andreas Schäfer hat ein Buch geschrieben. Über die übermächtige Frau. Sein Titel? Nein, nicht Das letzte Tabu. Das Buch heißt Ein letztes Tabu. (Dachsel, Felix: “Die Jagd nach dem letzten Tabu”, in: Die Zeit 29/2017: 53)

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Lauter Kleinzeug

Ein Bündel ist ein kleiner Bund, ein Knöchel ist ein kleiner Knochen, Märchen eine Verkleinerungsform von Mär. Die Wörter Ballett, Bankett, Flotille, Lanzette, Operette, Stilett sind Verkleinerungsformen von Ball, Bank, Flotte, Lanze, Oper, Stil. Auch wenn wir uns das im täglichen Gebrauch nicht klar machen, ist das einleuchtend. Aber dass Sockel eine kleine Socke ist, das leuchtet nicht so ohne Weiteres ein. Die Socke bezeichnete ursprünglich, im Lateinischen, keinen Socke, sondern einen Schuh, und zwar einen Schuh ohne festere Sohle und ohne Absatz, im Gegensatz zum Kothurn. Auf dieses soccus geht das deutsche Socke zurück. Neben dem soccus gab es auch im Lateinischen schon die Verkleinerungsform socculus. Davon wurden Fachwörter in der Baukunst abgeleitet, mit der Bedeutung ‘Säulenfuß’, ‘Untersatz’ usw. Wir haben also mit dem Wort auch die lateinische Verkleinerungsform übernommen, -ulus. Und die liegt auch vielen anderen Wörtern zugrunde: PilleSkrupel, Kalkül (eigentlich ein ‘Steinchen’), Perle (eigentlich eine ‘kleine Birne’), Buckel (verwandt mit ital. bocca), Kuppel (verwandt mit engl. cup), Sichel, Formel, Zettel, Zwiebel, Zirkel, Fackel, Kachel, Furunkel (verwandt mit fur, ‘Dieb’, weil das Blutgeschwür als parasitärer Gast dem Menschen einen Teil seiner Nahrung wegnahm), Karbunkel, Floskel, Onkel (von avus, ‘Großvater’, ‘älterer Verwandter’), Tabernakel (verwandt mit Taverne), Artikel (abgeleitet von ars und verwandt mit Artillerie), und Muschel und Muskel (beide etymologisch ‘kleine Mäuse’). Auch die Rolle gehört dazu. Die ist abgeleitet von rotula, ‘kleines Rädchen’, Diminutiv von rota. Wie kam es hier zu der übertragenden Bedeutung? Die kommt aus der Bühnentradition. Der Anteil des einzelnen Schauspielers, seine Rolle,  wurde auf handliche Streifen geschrieben, und die wurden, wie früher das Pergament, aufgerollt. Bei der Probe wurde dann nur die gerade relevante Stelle aufgedeckt, der Rest blieb aufgerollt. Der Schauspieler hielt seine Rolle in der Hand. (Storfer, Adolf Josef: Wörter und ihre Schicksale. Zürich: Atlantis Verlag, 1981: 522-528)

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Hauszoo

Auf Italienisch heißen sie gatti di polvere, auf Französisch moutons, auf Englisch dust bunnies, auf Finnisch villakoira, auf Schwedisch dammråtta und auf Deutsch Wollmäuse. Sie sind also Katzen oder Schafe oder Häschen oder Hunde oder Ratten oder Mäuse.

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Das fremde Übel

“Es ist got gefellig gewesen, in unsern tagen Kranckheiten zu senden, die unsern vorfaren unbekant seint gewesen.” So schrieb es Ulrich von Hutten, selbst von einer dieser Krankheiten befallen, einer  Seuche, die er blatteren nannte und die später von einem berühmten Veroneser Arzt ihren heutigen Namen bekam: Syphilis.  Für Ulrich von Hutten kam sie “von den Franzosen”, und in dieser Benennung war er sich mit vielen seiner Zeitgenossen einig. Es war aber auch vom mal de Naples die Rede, und diese Bezeichnung verweist ganz direkt auf den Ort, von dem aus die Krankheit in Europa vermutlich ihren Lauf nahm: Neapel. Dort war Karl VIII. 1485 eingedrungen, mit einem Heer von Söldnern aus vielen Ländern, das achtzig Tage in der eroberten Stadt verbrachte, in einem einzigen Alkoholrausch. Und einer Sexorgie ohnegleichen. Unter Beteiligung einheimischer Frauen und der mitgebrachten feinen Kurtisanen und einfachen Lagerdirnen. Der klägliche Rückzug Karls VIII. aus Italien war der triumphale Einzug der Syphilis in die europäische Zivilisation.  Gekommen war die Krankheit aus Amerika, aus den mittelamerikanischen Inseln, mitgebracht von spanischen Soldaten. Und die waren bei dem Kampf um Neapel auf beiden Seiten beteiligt. Das begünstigte die Verbreitung der Krankheit. Die Begriffe aus der Gelehrtensprache für die Krankheit spiegeln diese Herkunft teilweise wider: morbus gallicus, malum francium, misera hispanica, morbus indicus. Bei den meisten Völkern war wohl von der französischen Krankheit die Rede, aber auf jeden Fall wurde das Übel immer den anderen angedichtet: In England sprach man von French pox, in Frankreich vom mal de Sicile, in Portugal vom mal castellano in Estland vom russischen Übel, in Polen von deutschen Pocken, bei den Arabern vom christlichen Übel, bei den Persern von der türksichen Krankheit, und bei den Türken, bei denen alle Völker des Abendlandes Franken waren, vom Geschwür der Franken. (Storfer, Adolf Josef: Wörter und ihre Schicksale. Zürich: Atlantis Verlag, 1981: 420-430)

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Polnischer Abgang

Sich von einer Party grußlos zu verabschieden heißt auf Englisch take French leave, auf Französisch aber filer à l’anglaise. Es sind immer die anderen, die sich ungehörig benehmen. In Deutschland hat man zwei Schuldige dafür ausgemacht: In Westdeutschland sagt man sich französisch verabschieden, in Ostdeutschland einen polnischen Abgang machen. Das ist natürlich ganz unmotiviert; weder in Frankreich noch in Polen ist es sozial akzeptabel, sich grußlos zu verabschieden. Der Kreis schließt sich in Polen, wo man sich englisch verabschiedet. Das Griechische hat andere nationale Redewendungen: Είναι αρβανιτικό κεφάλι – Κάνει το κίνεζο –  Γίνεται Τούρκος – Er (oder sie) hat einen albanischen Kopf (d.h. ist ein Dickkopf) – spielt den Chinesen (d.h. tut so, als verstehe er nicht) – wird zum Türken (d.h. bekommt einen Wutanfall).

 

 

 

 

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Wir Heuchler

Häufiger radeln, zu Fuß gehen, Bahn und Bus benutzen. Das Abholzen von Wäldern und Schadstoffe im Boden vermeiden. Klimawandel stoppen. Nachhaltige Mode tragen. Bioprodukte kaufen. Unsere Wirtschafts- und Lebensweise grundlegend verändern.  So die allgemeine Überzeugung. Zu der auch gehört, dass letztlich jeder einzelne für die Veränderung verantwortlich ist. Mit der Wirklichkeit hat das wenig zu tun. Die Anteil der SUVs auf den Straßen steigt, die meisten Menschen radeln nicht mehr als einmal pro Monat, der Marktanteil von Bioprodukten liegt bei 5%, durchschnittlich 60 Kleidungsstücke kauft jeder Einzelne pro Jahr. Davon werden einige nie getragen. Wir Heuchler. (Behrens, Christoph: “Wir Heuchler”, in Süddeutsche Zeitung 88/2017: 33)

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Freie Auswahl

In der Innenstadt sehe ich einen Bettler. Der hat gleich fünf Spendenbüchsen vor sich aufgestellt. Jede hat einen Zettel, auf dem säuberlich der Zweck der Spende notiert ist: Bier – Essen – Hund – Kiffen – Puff.

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Junggesellenleben auf Römisch

Das Lateinische hatte kein Wort für ‚Homosexualität‘. Und das, obwohl es Wörter für sexuelle Praktiken gab, die wir der Homosexualität zurechnen würden: irrumo (in den Mund eines Mannes stecken) oder pedico (in den After eines Mannes stecken). Solche Praktiken waren eine Demonstration der Überlegenheit, der Stärke, hatten sozialpolitischen Wert. Die passiven Partner waren dabei Sklaven oder Jugendliche, also Untergeordnete, oder man drohte persönlichen Feinden an, sie für diese Rolle zu verwenden. Wenn man heiratete, bedeutete das das Ende solcher Praktiken. Der Bräutigam trug die Braut über die Schwelle, und von da an ging es um die Zeugung einer Nachkommenschaft. Das Junggesellenleben war vorbei. Man trennte sich von den Sklaven, ließ sie sich die Haare schneiden und entließ sie in die Freiheit. Sex war eine Frage der Rollen, nicht der Vorlieben. Gardini, Nicola: Viva il latino. Storie e bellezze di una lingua inutile. Milano: Garzanti, 2016: 80-83.

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Außerirdisch

Auf einer Internetseite findet sich in einem Eintrag eine Klage über einen Strafzettel aus Pula. Von dort sei ein Schreiben mit einer Forderung von 350 € für falsches Parken gekommen. Das seien, so heißt es, “exorbitale” Gebühren.

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Scheiß Wörter

Die Seminarsitzung, die sich mit expletives im Englischen beschäftigt, gehört zu den beliebtesten.Warum sind obszöne Ausdrücke so attraktiv, warum wecken sie so viel Interesse, vor allem bei jungen Leuten? Nur, weil sie von der Norm abweichen? Das reicht nicht als Erklärung. Auch andere Wörter weichen von der Norm ab, sind aber nicht annähernd so attraktiv. Jetzt bin ich auf eine Erklärung gestoßen, die ich überzeugend finde: Die obszöne Sprache („Schimpfwörter“ trifft die Sache nicht so richtig) spricht das erwachende sexuelle Bewusstsein der jungen Leute an und ihr Verlangen nach Regelverstößen, nach Freiheit, sie deckt das Versteckte auf, sie lässt Hierarchien zusammenbrechen, sie ist komisch, karnevalesk, subversiv. Und wenn sie in alten Texten entdeckt wird, überspannt sie zudem die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart, ist immer aktuell. (Gradini, Nicola: Viva il latino. Storie e bellezze di una lingua inutile. Milano: Garzanti, 2016: 79)

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Roter Faden

Kein grüner oder blauer Teppich, sondern ein roter Teppich ist es, der vor hohen Staatsbesuchern oder Filmstars ausgerollt wird. Rot war schon in der Antike etwas Besonderes. Selbst die römischen Senatoren mussten sich mit einem roten Saum an ihrer Toga begnügen, ein purpurnes Gewand war allenfalls dem Kaiser vorbehalten. Noch heute sind Purpur und Rot in der katholischen Kirche Bischöfen und Kardinälen vorbehalten. Der herkömmliche hohe Wert von Rot hat einen ganz einfachen Grund: Es war teuer. Der Farbstoff wurde aus dem Drüsensekret einer Schnecke gewonnen. Man benötigte Tausende von Schnecken für die Gewinnung von einem einzigen Gramm Farbstoff. Auf dessen Gewinnung und Vermarktung  verstanden sich ganz besonders die Phönizier. Ihr Wohlstand beruhte ganz wesentlich auf dem Purpurfarbstoff. Nach der Eroberung Mittelamerikas wurde die Herstellung etwas günstiger. Jetzt nahm man statt der Schnecke den Saft der Schildlaus. Die hatte als Schmarotzer an der Wurzel von Kakteen ihren Weg nach Europa gefunden. (Urmes, Dietmar: Wandernde Wörter und Sprachsouvenirs. Wiesbaden: Marixverlag, 2014: 355)

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Jungfräulich

Um welche Religion handelt es sich? Sie glaubt an das kommende Weltgericht, an die Auferstehung, an die Existenz von Himmel und Hölle und an einen von einer Jungfrau geborenen Erlöser. Das ist natürlich – der Zoroastrismus. Und dessen Erlöser, Saoshyant, erschien Jahrhunderte vor dem christlichen Erlöser. Der Zoroastrismus ist auch Vorreiter für das Judentum gewesen, nämlich in seiner Vorstellung vom Dualismus von Gut und Böse, die sich in der Form eines guten Schöpfergottes und eines bösen Dämonen verkörpern. Der Zoroastrismus war Staatsreligion im sassanidischen Reich. Nach der arabischen Eroberung wanderten viele Zoroastrier nach Indien aus oder konvertierten zum Islam. Die Toten der Zoroastrier werden traditionell in sogenannten Schweigetürmen ausgesetzt und die von den Geiern gereinigten Knochen später in Höhlen gesammelt. (Kerber, Peter: Iran. Islamische Republik und jahrtausendealte Kultur. Berlin: Trescher Verlag, 42015: 100)

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Nasse Füße bekommen

Inzwischen setzen sich auch Ägypter in wackelige Boote, um über das Mittelmeer nach Europa zu kommen. Und es gibt Ägypter, die es auf legalem Wege versuchen. Viele wollen nach Deutschland. Aber sie haben keine guten Chancen. Auch eine deutschsprachige Ärztin mit ihrer Familie hatte keinen Erfolg mit dem Einreiseantrag. Sie konnten aber einmal für ein paar Tage nach Deutschland reisen. Der kleine Junge der Familie berichtet über seine Erfahrungen in Deutschland. Auf Deutsch. Und erzählt, was ihm am besten gefallen habe: der Regen! Einmal habe es zwei Tage hintereinander geregnet! Herrlich! Er sei durch den Regen spazieren gegangen. Deutschland sei ein schönes Land, wunderbar “verrengnet”.

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Der Herr Sänger

Weil die Nachtigall nachts singt, heißt sie Nachtigall. Aber das erklärt nur den ersten Bestandteil des Wortes. Der zweite Teil, der für uns heute undurchsichtig ist, hat vielleicht eine ferne Verwandtschaft mit lat. gallus, ‚Hahn‘. Auf jeden Fall geht es auf die alte germanische Wurzel gal, gel zurück, und das bedeutet ‚tönen‘. Im Althochdeutschen bedeutet galan besonders singen, vor allem Zaubergesänge singen. Die Nachtigall ist also eine ‚Sängerin der Nacht‘. Die lateinische Entsprechung, luscinia, scheint auf luscicinia zurückzugehen, zusammengesetzt aus luscus, ‚dämmernd‘, und canere, ‚singen‘, also fast eine wörtliche Entsprechung des deutschen Wortes. Auf den lateinischen Diminutiv, lusciniola,  gehen die Bezeichnungen in den modernen Sprachen der Romania zurück wie ital. usignolo, in Gallien losseignol Daraus entstand auf dem Wege der Dissimilation von /l/ zu /r/, zur Vermeidung der Doppelung von /l/, das heutige franz. rossignol. Im Spanischen machte die Volksetymologie aus dem Vogel schließlich einen ‚Herrn‘: ruiseñor. (Storfer, Adolf Josef: Wörter und ihre Schicksale. Zürich: Atlantis Verlag, 1981:284-285)

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Don’t miss to fail

„Don’t fail to miss tomorrow’s game” was the standard sentence with which Dizzy Dean used to sign off his coverage of baseball games on the radio. The former baseball star turned radio announcer made the public wild with enthusiasm. He and his mangled diction were refreshingly different from the polished speech of former radio announcers. Players swang at pitches, throwed the ball and were in a difficult sityation. And of course there was the notorious ain’t. When somebody made objections, he replied: “I ain’t never met anybody that didn’t know what ain’t means.” The audience figures soared, and so did the sales of the brewery which sponsored the programme. But the English Teachers Association of Missouri had filed a complaint on account of his inappropriate English used in public. Dean became a cause celèbre, and newspapers all over the country milked the controversy. The controversy flared and became fiercer and fiercer. At long last, someone made an official enquiry at the Association. It turned out that no complaint had ever been filed. The whole thing had been a clever publicity stunt. Not even Dean’s English was quite genuine. He put on his speech, and once, when by mistake he said slid correctly, he “corrected” himself saying slud. (O’Conner, Patricia T.: The Origin of the Specious. Myths and Misconceptions of the English Language. New York: Random House, 2010: 46-48)

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Ganz besondere Verlierer

Donald Trump wird als 45. Präsident der USA gelten. Tatsächlich ist er aber erst der 44. Der Mann, der für diese Unebenheit verantwortlich ist, heißt Grover Cleveland. Er ist der einzige amerikanische Präsident mit zwei separaten Amtszeiten (als 22. und 24. Präsident) und wird deshalb doppelt gezählt. Trotz seiner Ausnahmestellung gehört Cleveland zu den Lost Presidents, den vergessenen Präsidenten der US-Geschichte. Zu denen zählt auch James Buchanan. Obwohl der sich auch durch eine Besonderheit von den anderen unterscheidet: Bei den beliebten presidential rankings liegt er meist auf dem letzten Platz. Er zeigte sich weitgehend hilflos in der Zeit vor dem Bürgerkrieg, als der Norden und der Süden immer weiter auseinanderdrifteten. Seine Verteidiger finden sich vorwiegend in seinem Heimatort Lancaster, Pennsylvania. Dort weißt man gerne darauf hin, dass es in seiner Amtszeit wenigstens nicht zum Krieg gekommen sei. Wohl aber unter seinem Nachfolger, dem glorifizieten Lincoln. Während dessen Amtszeit starben 600,000 Menschen im Bürgerkrieg. Buchanan selbst fühlte sich allerdings selbst nicht wohl in seiner Haut als Präsident. Er sagte bei der Übergabe zu Lincoln: “Wenn Sie so glücklich sind, das Präsidentenamt anzutreten, wie ich es bin, dass ich es verlassen kann, dann sind Sie ein wirklich glücklicher Mann.” Der größte Verlierer im politischen Sinne ist aber wohl Millard Fillmore,  der nach einem schweren Schicksalsschlag – sein Sohn war der einzige Tote bei einem Eisenbahnunglück – zum Alkoholiker wurde. Auch er hält einen “Rekord”: Er wurde als einziger Präsident von seiner eigenen Partei nicht zur Wiederwahl aufgestellt. Henry Harrison ist ein weiterer der vergessenen Präsidenten, der einen Rekord hält: Er hielt die längste Antrittsrede. Sie dauerte gut zwei Stunden und umfasste 8445 Wörter. Washington hatte nur 135 Wörter gebraucht. (Gerste Ronald D.: “Die kennt keiner mehr”, in: Die Zeit 53/20116: 19)

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Kurkonzert

Kur in Kurland bezieht sich auf die Kuren. Das war ein baltischer Volksstamm im heutigen Lettland und Litauen.

Das hat nichts zu tun mit der Kur im Kurier. Der kommt von lateinisch currere, ‚laufen‘. Und steckt auch in Kurs, kursiv, Exkurs, Konkurs, Diskurs, Exkurs, Konkurrenz und Curriculum, aber auch in Corso und in Korsar.

Das alles hat wiederum nichts zu tun mit Kur in Kurfürst. Der kommt von küren, und heißt so, weil er wählen durfte. Wen? Den Kaiser. Und das steckt auch in Kurpfalz, Walküre (die unter den Toten des Schlachtfeldes wählt) und Kürturnen (weil man da wählen kann).

Das wiederum hat nichts zu tun mit der Kur in Kurtaxe. Das ist wieder Latein, kommt aber von cura, ‚Sorge‘. Die steckt auch in kurieren, Kurator, Kurort, aber auch in Kurpfuscher. Und in Prokurist und in Kustos und in Maniküre und in Sinekure und in akkurat und in …

(Storfer, Adolf Josef: Wörter und ihre Schicksale. Zürich: Atlantis Verlag, 1981: 252-254)

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Chatterboxes

According to a widely-held belief, women talk more than men. But how can we find out whether this is true or not? Experiments have generated different results. That is not surprising. There are plenty of pitfalls which experimenters can fall into. The results may depend on the design of the experiment. For example, were the data collected in a laboratory situation or gathered from a corpus of spontaneous conversation? If it was a laboratory setting, could the tasks have influenced the results? Were the subjects discussing a topic that men traditionally know more about than women? Were subjects giving monologues or, conversing in pairs or talking is small groups? Were they talking with others of the same sex or in a mixed-sex group? In one experiment, for example, men spoke more if they were in the minority: the fewer men in the group, the larger their amount of speaking time. Conversely, this was not the case with women. Other experiments showed that men speak more in the classroom. Men initiated more interaction, no matter if the teacher was male or female (though the difference was larger if the teacher was male). Men also responded more often but only if the teacher was male! Another factor to be taken into consideration is the testees’ social class. Would the results have been different if they had been working class people and not (as is often the case in experiments) middle-class people? Is the sex of the researcher a neutral factor or could it also influence results? And, most importantly, if you are interested in quantity, what do you count: number of words, number of turns, or length of speaking time? In some experiments women actually had more turns but less speaking time. Who, then, speaks more, men or women? However contradictory the results may be, in general it seems clear that, if there is a difference, the difference is rather small, and certainly nothing like what is sometimes reported in the popular press. The numbers quoted there seem to be plucked out of thin air. One stable finding is that differences between the two groups are dwarfed in comparison with differences within either group. If the differences between men and women with regards to talkativeness are quite small after all, why then are women believed to be so much more talkative than men? Probably because people just don’t notice talkative men and silent women or, if they do, classify them as exceptions. A perfect way of leading oneself up the garden path. (Kaplan, Abby: Women Talk More Than Men … And Other Myths About Language Explained. Cambridge: Cambridge University Press, 2016: 155-189)

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Der Kuss

Ein unscheinbarer Offizier, der schüchternste, farbloseste, bescheidendste der ganzen Brigade, zieht mit seinen Kameraden ins Manöver. Auf dem Weg machen sie halt auf einem Gutshof, wo der Hausherr zu einer Abendunterhaltung mit Ball einlädt. Der Offizier steht abseits und genießt die Musik und den Kognak. Der Sohn des Hausherrn lädt ihn zu einer Partie Billard ein. Auf dem Weg zurück verläuft er sich gedankenverloren in dem Haus und kommt durch ein dunkles Zimmer. Plötzlich hört er eine Frauenstimme: “Endlich!”. Und fühlt, dass die unbekannte Frau ihn umarmt und ihm einen leidenschaftlichen Kuss gibt, im gleichen Moment aber zurückweicht. Es gibt keinen Zweifel: Es handelt sich um eine Verwechslung. Der Offizier kehrt beschwingt zu den Tanzenden zurück und zieht am nächsten Tag, von einem unbekannten Glücksgefühl getragen, mit den Kameraden ins Manöver. Erwartungsvoll sieht er dem Moment entgegen, wo sie auf dem Rückweg wieder an dem Gutshof vorbeikommen. Als es endlich soweit ist, stellt sich heraus, dass es keinen Ball gibt. Der Ball ist abgesagt worden. Der Offizier zieht sich zurück und legt sich ins Bett. Es beginnt eine Zeit der Selbstreflektion, eine Zeit des Nachdenkens über das eigene Leben und das eigene Glücksbedürfnis. Er sieht ein, welche vergeblichen Hoffnungen er an sein eigenes Leben geknüpft hat, in einer Szene, die voller Resignation, voller Melancholie, voller Weisheit ist. Als der Offizier dann erfährt, dass der Ball nun doch stattfinden soll, verzichtet er und bleibt einfach liegen. (Besprechung von Tschechows Kurzgeschichte “Der Kuss”, in “Forum”, SWR2: 01/02/2017)

 

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Una negrigura

„Terni, vieni qui!“. So schallt es durch das Haus, wenn Terni seine Zeit mit nutzlosen Plaudereien mit der Familie verbringt, statt sich die Gesteinssammlung im Arbeitszimmer des Vaters anzusehen. “Non faccia il sempio!“. „Non faccia il paglioacchio!“. Das aufbrausende Temperament des nie von irgendwelchen Zweifeln geplagten Vaters trifft den Freund und Kollegen genauso wie alle anderen. Natalia, das Dienstmädchen, wenn sie mal wieder seine Bücher durcheinander gebracht hat, ist „una demente“, und das sagt er auch, wenn sie in Hörweite ist. Natalia hat sich längst daran gewöhnt und bleibt der Familie fünfzehn Jahre erhalten. Mit gleicher Missachtung jeder political correctness, die es damals ohnehin noch nicht gab, nennt er alles, was ihm gegen den Strich geht, „una negrigura“. Im Zug ein Gespräch mit Mitreisenden zu beginnen: „una negrigura“; sich die kalten Füße am Ofen wärmen: „una negrigura“; Servietten mitnehmen, um sich beim Picknick die Hände zu reinigen: „una negrigura“.  Zum Leidwesen der Kinder, die auf die unendlichen Wanderungen mitgeschleppt werden, sind leichte Sportschuhe ebenfalls „una negrigura“, und die Kinder, mit ihren groben, bleischweren, nägelbeschlagenen Wanderschuhen, beäugen neidisch die „neri“, die anderen Kinder, die es sich mit ihren leichten Schuhen an Rastplätzen gemütlich machen und über Gebäck und Sahne herfallen: “una negrigura”, versteht sich. (Ginzburg, Natalia: Lessico famigliare. Torino: Einaudi, 2014: 3-14)

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Neumodisches Zeug

Die Abschaffung des Fez als Kopfbedeckung der Männer wurde in der Türkei als großer Bruch mit der Tradition erfahren, ebenso wie die anderen radikalen Erneuerungen, die Atatürk einführte. Der Fez war aber erst im 19. Jahrhundert von einem westlichen orientierten Sultan eingeführt worden. Mit dieser Neuerung sollte ein altertümliches Kleidungsstück abgeschafft werden: der Turban.

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Landeskunde

Enaiat, afghanischer Flüchtling, hat es nach einer jahrelangen Odyssee endlich nach Italien geschafft. Er geht eine Straße entlang und trifft dort auf zwei Radfahrer. Sie unterhalten sich, so gut es geht, obwohl alle nur ein paar Brocken Englisch können. Einer der Radfahrer ist Franzose, und Enaiat sagt: Zidane! Der andere ist Brasilianer, und Enaiat sagt: Ronaldinho! Sie erfahren, dass er aus Afghanistan kommt und sagen ohne Zögern: Taliban! (Geda, Fabio: Nel mare ci sono i coccodrilli. Stuttgart: Reclam, 2015: 182-183)

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Statt Religion

Essen, was schmeckt, sich Zeit nehmen, genießen. Wunderbar! Aber jetzt, wo wir es können, tun wir es nicht mehr. Überall lauern Gefahren, überall herrschen Verbote. Alkohol und Zucker sind des Teufels, neuerdings stehen auch Gluten und Laktose auf dem Index. Warum eigentlich? Die sind völlig unschädlich, wenn man gesund ist. Also bildet man sich ein, nicht gesund zu sein. In einem einzigen Jahr, 2012, stieg der Umsatz an laktosefreien Lebensmitteln um 20%, aber die Zahl der Laktose-Intoleranten blieb stabil. 80% der Käufer laktosefreier Produkte haben gar keine Unverträglichkeit. Woher kommt das? Man braucht Regeln, man teilt die Welt in Gut und Böse ein und man verspricht sich Erlösung, wenn man sich an die Regeln hält. Und zahllose Ratgeber, Blogs, angesagte Restaurants befördern dieses Bedürfnis. Die Esser kontrollieren obsessiv jedes Etikett und erkundigen sich über Herstellungsverfahren. Das wird unterstützt von offiziellen Stellen, die Ratschläge zur gesunden Ernährung geben. Es geht beim Essen nicht mehr um Genuss, sondern um Verzicht. Ständig kreisen die Gedanken um das Essen, ständig hat man ein schlechtes Gewissen, wenn man sich nicht an die Regeln hält. Dafür hat früher die Religion gesorgt. Sie setzte die Normen. Jetzt dringt in dieses spirituelle Vakuum die Gesundheitsreligion. Paradoxerweise ist unsere Entscheidungsfreiheit beim Essen aber gerade ein Ergebnis der Befreiung von religiösen Vorschriften. (Burger, Kathrin: „Der Wahn vom gesunden Essen“, in: Süddeutsche Zeitung 112/2016: 16)

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Weirdos

When I was a small child, I used to play with the girl next door. She didn’t understand anything I tried to tell her, but it didn’t matter. We played together all the time, using simple gestures to communicate. I thought something was wrong with her, but I adapted easily to the limitation. One day when I was about four, I went inside her house. As I stood there, her mother came downstairs. Nothing happened between her and the girl that I could see. Then I saw her mother point at the doll house in the hallway. The girl ran and moved the doll house back into her room, as if she had just been told to do so. I was astounded. I knew it was different, something different. I knew they had communicated, in a form I couldn’t see. But how? I asked my mother about what I had seen. “They are called ‘hearing’”, she explained. “They don’t sign. They are hearing. They are different. We are Deaf. We sign.” I asked if the family next door are the only ones, the only hearing people. My mother shook her head. “No”, she signed, “it is us who are alone”. I was very surprised. I naturally assumed everyone was like me. (Childhood experience recounted by Sam Supella, in: Perlmutter, David M.: “No nearer the soul”, in: Natural Language and Linguistic Theory 4/1986: 515-523)

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Gar nicht mal so neu

Ein Sprachwissenschaftler behauptet, die deutsche Umgangssprache habe sich in den letzten Jahrzehnten rasant verändert. Das bezweifle niemand mehr. Wirklich nicht? Warum soll sich die Umgangssprache in den letzten Jahrzehnten mehr verändert haben als zuvor? Und was ist der Beleg dafür? Seine Belege bezieht der Professor aus der persönlichen Beobachtung von Fernsehserien und Talkshows. Keine sehr verlässliche Quelle, keine sehr verlässliche Methode. Und die Ergebnisse, die er präsentiert, bestätigen die Zweifel: Es wird konstatiert, die grammatischen Fälle gerieten durcheinander oder gingen gleich ganz verloren. Es wird konstatiert, der Artikel falle zunehmend weg. Es wird konstatiert, das Verb machen werde als Allzweckwaffe eingesetzt und verdränge jede differenziertere Ausdrucksweise. Aber woher wollen wir wissen, dass das eine neue Erscheinung ist? Ganz ähnliche Entwicklungen konstatierten schon unsere Lehrer in der damaligen Volksschule. Woher will der Professor wissen, dass das, was er konstatiert, keinen radikalen Sprachwandel darstellt, sondern einen Wandel im öffentlichen Gebrauch von Sprache, der Tatsache, dass mehr und mehr „normale“ Menschen die Medien für einen Auftritt nutzen können und dass in Fernsehserien die Sprache der breiten Mehrheit einfach mehr Platz findet? Der Verlust des Genitivs wird schon immer beklagt, aber er ist immer noch da. Und woher weiß der Professor, dass seine eigene Wahrnehmung nicht selektiv ist? Dass die deutsche Sprache sich wandelt, ist nichts Neues. Dass sich dabei ein gradueller Übergang von einem stärker synthetischen Satzbau zu einem stärker analytischen Satzbau vollzieht (was sich etwa durch den Ersatz von Fällen durch präpositionale Fügungen ausdrückt), ist auch oft beobachtet worden. Aber das ist ein langsamer, schleichender Vorgang, ein Vorgang, der nicht alle Sprecher in allen Sprechsituationen in gleicher Weise erreicht. Sprache, bei allen Veränderungen, ist im Wesentlichen ein stabiles System. Sonst wäre Kommunikation gar nicht möglich. Und der Professor spricht an keiner Stelle davon, er habe die Beiträge in den Fernsehserien und den Talkshows nicht verstanden. Dass das gesprochene Deutsch noch nie so weit von der Schulgrammtik entfernt sei wie heute ist jedenfalls blühender Unsinn. Und das sich erst jetzt eine “Diglossie” herausbilde, dass erst jetzt “anders gesprochen als geschrieben werde” ebenfalls. Seit eh und je glauben Sprecher, ihre Sprache verändere sich gerade zu ihrer Zeit besonders rasant. Schon deshalb steht eine solche Annahme auf schwachen Füßen, auch wenn sie von einem Sprachwissenschaftler kommt. (Hinrichs, Uwe: „Die deutsche Sprache wirft ihren Ballast ab“, in: Die Zeit 16/2016: 50)

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Wunder wirken

Die Wissenschaft, argumentier Eckart von Hirschhausen, habe die Magie aus der Medizin vertrieben, aber nicht aus dem Menschen. Als Beispiele führt er an: Wenn ein Arzt vor einer Narkose dem Patienten sagt, er könne danach Kopfschmerzen haben, dann treten Kopfschmerzen tatsächlich häufiger auf. Der Nocebo-Effekt. Sein Gegenstück, der Placebo-Effekt, ist seit langem bekannt. Aber verrückterweise wirkt der auch, wenn man gar nicht vorgibt, das wäre ein wirksames Heilmittel. Ein Harvard-Professor gab seinen Patienten mit Reizdarm ein Mittel und sagte ihnen: “Ich gebe Ihnen ein Mittel, das keinen Wirkstoff enthält.” Und das schlug bei 42% der Patienten an. Ist das Humbug? Oder ist das heilsamer Zauber? Kann die Medizin davon Gebrauch machen? Dass die Wissenschaft aber die Magie nicht aus dem Menschen vertrieben hat, das sieht man in unserer aufgeklärten Welt überall. (Herrmann, Sebastian: “Medizin ist völlig überschätzt”, in: Süddeutsche Zeitung 243/2016: 10)

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Quasselstrippen

„Frauen reden mehr als Männer.“ Die meisten Studenten glauben, dass das stimmt. Jedenfalls ist das das Ergebnis, wenn ich die Sache in meiner Vorlesung anspreche. Und das glauben nicht nur die Männer unter den Studenten, sondern auch die Frauen unter ihnen. Ich selbst habe immer Zweifel daran gehabt. Die Vorlesung selbst ist ein Gegenbeispiel. In der Vorlesung, also im öffentlichen Raum, sind die Männer, gemessen an ihrem Anteil, aktiver als die Frauen. Studien zu dem Thema kommen zu widersprüchlichen Resultaten. Kein Wunder: Es kommt auf die Art der Überprüfung, die Auswahl der Testpersonen, den Kontext des Experiments an: Sind Männer und Frauen unter sich oder sind sie in einer gemischten Gruppe? Allein das kann einen gewaltigen Unterschied machen. Und: Sind solche Simulationen überhaupt repräsentativ? Eine Studie hat jetzt Probanden mit einem Aufnahmegerät versehen und den gesamten Tagesbedarf getestet. Wenn das Ergebnis stimmt, kann man das Klischee der quasselnden Frau getrost vergessen: Frauen kamen nur auf eine minimal höhere Zahl an Wörtern. Das hat mich weniger überrascht als die absoluten Zahlen: 15.669 für Männer, 16.215 für Frauen!

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Scharfe Hunde

In einem Vortrag am Center for Metropolitan Studies in Berlin, „Der deutsch-deutsche Schäferhund“, enthüllte die Doktorandin Christiane Schulte, dass viele der Wachhunde in der DDR von den KZ-Wachhunden der Nazis abstammten. Nach der Wende waren einige dieser Hunde dann an den EU-Außengrenzen eingesetzt worden. Nach der Wende gab es im Westen auch eine große private Nachfrage nach diesen Hunden. Sie galten als besonders scharf. Im Osten dagegen waren sie nicht so begehrt. Schulte sieht die Osthunde als manipulierte Opfer der von Gewalt geprägten deutschen Geschichte. An der Mauer seien auch 34 Schäferhunde ums Leben gekommen. Das erste Maueropfer war sogar ein Schäferhund. Schulte forderte deshalb, in das geplante Einheitsdenkmal auch eine stählerne Hundeleine zu integrieren. Der Vortrag wurde mit Applaus aufgenommen und später in leicht veränderter Fassung in einer renommierten Zeitschrift veröffentlicht. Wenig später meldeten sich in einer Online-Zeitschrift Autoren und enthüllten, dass alles frei erfunden war. Sie waren eine Gruppe kritischer Wissenschaftler und wollten beweisen, dass jeder Quatsch eine Chance hat, veröffentlicht zu werden, solange er den gängigen Erwartungen entspricht. Sie hätten erzählt, was die Leute hören wollten. Die Wahrheit über die Schäferhunde in der DDR erzählt eher ein Artikel im Spiegel, der argumentiert, die Grenzhunde seien eher so etwas wie Attrappen gewesen, die der Abschreckung dienten, selbst aber ungewöhnlich zärtlichkeitsbedürftig waren. Dass das, was man in Fernsehen oder im Radio hört, nicht stimmen muss, ist bekannt. Aber das gilt auch für die Wissenschaft. (Martenstein, Harald: „Über Nazi-Schäferhunde und andere Lügengeschichten“, in: Zeitmagazin 11/2016: 8)

 

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Augenwischerei

Demokratien leiden massiv unter Selbstbetrug. Man feiert sich selbst und die autonome Entscheidung des Bürgers. Das geht ungefähr so: Der mündige Bürger erkundigt sich vor der Wahl über die Probleme des Landes, wägt Lösungsalternativen ab und wählt diejenigen ins Amt, die die als richtig erkannte Lösung verwirklichen. Die Mehrheit erreichen diejenigen, die in einer rationalen Debatte argumentativ überzeugen. Die Wirklichkeit ist anders. Die meisten von uns verstehen von den komplexen Gesetzeswerken, die zur Debatte stehen, viel zu wenig: Wer kann schon die gesetzliche Rente aufgrund von „Entgeltpunkten“, „Zusatzfaktoren“ oder „Rentenartfaktoren“ erklären? Die Rente ist für uns ein Buch mit sieben Siegeln, und doch ist das Gesetz von größter Bedeutung für alle Rentenzahler und Rentenempfänger. Also gelten andere Kriterien bei der Auswahl der richtigen Partei oder der richtigen Kandidaten. Der typische Wähler entscheidet eher danach, welcher Gruppe er sich zugehörig fühlt. Die Wahl drückt in erster Linie soziale Identität aus. Das bestätigt eine Studie in den USA, die sich den Wählern Bernie Sanders und Hillary Clintons annahm. Es stellte sich heraus, dass in konkreten Fragen die Anhänger Sanders‘ deutlich weniger „linke“ Positionen vertraten als die Clintons. Sie fühlten sich als Teil einer mitreißenden Szene, die eine linksliberale Wende in den USA herbeisehnt. Doch die konkrete Umsetzung dieser Ziele entsprach dem nicht. In der Umfrage zeigte sich, dass sie einen erheblich begrenzteren Politikwechsel wollten als Sanders selbst und als Clinton – und ihre Anhänger! Dem System kann es egal sein. Es funktioniert vielleicht so gut wegen der Augenwischerei. (Zielcke, Andreas: „Der Trump in uns“, in: Süddeutsche Zeitung 249/2016:15)

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Massensterben

Eintagsfliegen mit einer Flügelspannbreite von 48 Zentimetern und bis zu 2 Meter große Tausendfüßer und Skorpione – nicht für jeden von uns eine verlockende Vorstellung. Aber so hat es hier auf der Erde mal ausgesehen. Das glauben jedenfalls zwei amerikanische Wissenschaftler, Peter Ward und Joe Kirschvink. Sie gehen davon aus, dass Evolution keine allmähliche, kontinuierliche Sache ist, sondern dass es Brüche gegeben hat, Katastrophen, bei denen die Erde knapp daran vorbeigekommen ist, ein toter Planet zu werden. Da gab es völlige Vereisung, wo sich Leben nur noch am Meeresboden befand, und da gab es Zeiten, wo sich der Sauerstoffgehalt so erhöhte, dass sich riesige Insekten entwickelten wie die überdimensionale Eintagsfliege. Fünf solcher Katastrophen hat es mindestens gegeben, Ward und Kirschvink vermuten, es waren zehn. Und jedes Mal ist es zu einem Massensterben gekommen. Die Gewinner waren die Überlebenden, denn die hatten Platz und konnten sich ausbreiten. Bis sich wieder neue Arten entwickelten. So zum Beispiel, als der Sauerstoffgehalt der Erde dann wieder zurückging, auf 21%. Da entwickelten sich Tiere mit Lungen, wie Vögel und Reptilien. Und der Mensch. Und der wiederum profitierte von seinem aufrechten Gang. Der brauchte nicht, wie die Reptilien, bei jedem Schritt die Lungen zusammendrücken und konnte sich dadurch schneller fortbewegen. („Buchkritik: Peter Ward/Joe Kirschvink: Eine neue Geschichte des Lebens“, in: Deutschlandradio Kultur. 02/11/2016)

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Hidden resemblance

It is not difficult to see that German and English are related when you look at simple words: house and Haus, sheep and Schaf, book and Buch, sun and Sonne, we and wir, seven and sieben, and and und. Such words, so called cognates go back to one and the same word. They were identical in form and meaning, before English became English and German became German. Sometimes there are words which are not quite so obviously related: wife and Weib, tide and Zeit, knave and Knabe. But about town and meal and cup and fee and horse and timber? It takes some serpentine thinking to find the solution. They are Zaun and Mehl and Kopf and Vieh and Ross and Zimmer.

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Atemberaubend

In den Nachrichten ist die Rede von einem “mitreißenden türkischen Journalisten”, der sich im Schlepptau eines französischen Journalisten befunden habe.

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Feierabendintegration

Petros Markaris, der griechische Krimiautor, spricht in einem feinen, einfühlsamen nachdenklichen Artikel über Flüchtlinge und Einheimische, beginnend mit den Griechen, die nach der “kleinasiatischen Katastrophe” und dem folgenden Völkeraustausch von der Schwarzmeerküste und aus Kleinasien nach Griechenland gekommen sind. Sie seien dort nicht willkommen gewesen. Viele Schiffe mussten von einem Hafen zum nächsten fahren, weil die Bewohner die Häfen besetzten und den Ausstieg der Einwanderer verhinderten. Verständlich, sagt Markaris. Das Land lag in Scherben, die einheimischen Griechen mussten selbst ums Überleben kämpfen. Ihre Haltung sei kein Ausdruck von Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit gewesen. Sie konnten ihr karges Brot nicht mit den Neuankömmlingen teilen. Es habe nicht einmal für sie und ihre Kinder gereicht. Er selbst hatte in seiner Jugend das friedliche Zusammanleben verschiedener Völker in Istanbul erlebt, aber hier hatte es keine Neuankömmlinge gegeben. Alle waren “schon immer” da. Aber auch das sei keine multikulturelle Gesellschaft gewesen, genauso wenig wie die heutigen Gesellschaften. Das multiethnische Zusammenleben begrenzte sich auf das Geschäfts- und Straßenleben. Das Familien- und Privatleben blieb davon unberührt, wie in vielen „multikulturellen“ Gemeinschaften, die eigentlich multikommunale Gemeinschaften seien, mit mehreren Gemeinden, die ihre Sprache, Kultur, Religion und Tradition behalten wollten und eine Mischkultur ablehnten. Die “Tagesintegration” sei eine Sache, eine andere die “Feierabendintegration”. Hier begännen die Schwierigkeiten, und zwar sowohl auf Seiten der Gäste als auch auf Seiten der Gastgeber. Er selbst habe gute Beziehungen zu seinen Mitschülern in Istanbul gehabt, aber er sei während der ganzen Jahre nicht einmal in eine türkische Familie eingeladen worden. Genauso wenig habe er selbst jemals einen türkischen Klassenkameraden zu sich eingeladen. Der private Bereich blieb getrennt. Immer wieder höre er heute die Klage, die Gäste wollten sich nicht integrieren. Sie würden in Enklaven leben und sich abschotten. Das stimme zwar, aber dafür gebe es gute Gründe. Die Einwohner kämen in ein fremdes, ihnen unbekanntes Land. Es sei einleuchtend, dass sie ihre Landsleute suchten, um Angst und Verunsicherung zu überwinden. Aber auch die Einheimischen wollten im Grunde die Ausgrenzung der Gäste. Wenn sie schon in der gleichen Stadt leben müssten, dann doch bitte so weit weg wie möglich. Markaris weiß, wovon er spricht. Er hat selbst einer Auswandererbiographie. Seine Familie reiste nach der Ausweisung der Istanbuler Griechen aus – ausgerechnet nach Griechenland. (Markaris, Petros: „Leben in einem fremden Land“, in: Süddeutsche Zeitung 237/2016: 15)

 

 

 

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Natürlich

Sie leben in Einklang mit Baum und Tier, in Freiheit und Harmonie mit den anderen, einfacher, aber sinnerfüllter und gesünder, freier im Sex, sie führen einfach das bessere Leben: edle Wilde, nicht korrumpiert von den Versuchungen und Zwängen der Zivilisation. So das schöne, falsche Klischee, das sich in den Köpfen der Großstädter der westlichen Welt mit großer Zähigkeit hält, der Mythos vom edlen Wilden. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Und daran haben auch die Touristen der zivilisierten Welt ihren Anteil, die auf Photosafaris zu den indigenen Völkern reisen, die noch in relativer Isolation leben. Das hat zum Beispiel bewirkt, dass der Lippenteller der Frauen bei den Mursi im äußersten Südwesten Äthiopiens noch weiter gewachsen ist. Als Reaktion auf das photographische Interesse. Wer eine größere Lippe hat, bekommt mehr Klicks und mehr Geldscheine. Aber dieser Schattenverkauf berührt die eigentliche Frage nur marginal. Wichtiger ist, dass die Wirklichkeit der indigenen Völker ganz anders aussieht als unsere hehre Vorstellung von ihnen. Und unsere Überzeugung, ihre Lebensweise müsse auf jeden Fall bewahrt werden. Ist das wirklich so wünschenswert? Die Lebenserwartung bei den indigenen Völkern ist aufgrund schlechter Hygiene meistens niedrig, Hexenglauben und Gewalt sind an der Tagesordnung, Freundschaften sind zweckorientiert, Nahrungsmitteltabus führen zu schlechter Ernährung, religiöse Vorstellungen zu unnötigen Ängsten, die Sexualität ist reglementierter als in westlichen Gesellschaften. Und auch mit der Umwelt gehen die sogenannten Naturvölker nicht immer schonend um. Die Maori verbrannten anfangs des 14. Jahrhunderts fast den gesamten Wald Neuseelands. Bei vielen Naturvölkern hat Gewalt einen hohen Stellenwert. Bei manchen Gruppen im Omo-Tal in Äthiopien muss ein Mann einen anderen Mann getötet haben, um überhaupt heiratsfähig zu sein, bei den Hamar werden alle Frauen zur Initiation ausgepeitscht, bei dem Volk der Arbore werden den Mädchen die mittleren unteren Schneidezähne aus dem Kiefer gebrochen. Ganz zu schweigen von der allgegenwärtigen Verstümmelung der Vulva, mit Rasierklinge oder Küchenmesser von medizinisch ahnungslosen Laien durchgeführt. Ethnologen erklären solche Praktiken mit der inneren Logik dieser Gesellschaften: Die Altentötung oder Aussetzung der Alten bei den Kalahari diene dem Überleben der Gruppe. Aber muss man das deshalb gut finden? Jedenfalls gibt es keinen Grund, Naturvölker zu idealisieren. Auch wenn bei ihnen die Kinder autonomer aufwachsen als bei uns, auch wenn hier niemand einsam ist, auch die Alten nicht, auch wenn immer jemand für einen da ist. Weber, Christian: „Dschungelmärchen“, in: Süddeutsche Zeitung 239/2016: 36-37)

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Des Pudels Kern

Wir wünschen jemanden zum Teufel, wir geraten in Teufels Küche, wir malen den Teufel an die Wand (oder bitten vielmehr andere, es nicht zu tun), wir sprechen von einem Teufelskerl, aber auch von einem armen Teufel, aber auch von einem Satansbraten, wir sagen, dass jemanden der Teufel reitet und der Teufel ist los und wir verteufeln jemanden. Der Teufel hat die Phantasie des Menschen angeregt (und Ängste geschürt), und das hat sich in der Sprache niedergeschlagen, auch in den vielen Namen, die wir ihm gegeben haben: Teufel, Satan, Luzifer, Beelzebub, Mephistopheles und Euphemismen wie Gottseibeiuns. In der Botanik gibt es die Teufelskralle, die Teufelsbeere,  die Teufelsmilch, den Teufelsbart, die Teufelskirsche, und in der Zoologie die Teufelsnadel (eine Libelle), die Teufelsklaue (eine Schnecke), die Teufelsblume (eine Heuschrecke), die Teufelskatze (die Raupe des Feuchtspinners) und den Teufelsrochen.

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Rauchzeichen

Anhand des Rauchens kann man eine Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts schreiben. Um 1900 waren Zigaretten, Zigarren und Pfeifen den oberen Schichten vorbehalten, und zwar fast ausschließlich den Männern. Der 1. Weltkrieg brachte dann eine Demokratisierung des Rauchens, allerdings nur unter den Männern. Im Dritten Reich befand sich der Tabakkonsum auf dem Rückzug, denn die Nazis fürchteten Schaden am Volkskörper durch den Tabakkonsum. Nach dem 2. Weltkrieg begannen dann auch die Frauen zu rauchen. Rauchen war Mode, es wurde überall und ständig geraucht, und niemand beklagte sich. Der Verbrauch pro Person und Jahr stieg auf über 2.000 Zigaretten. Dann ging es im Zuge  der Gesundheitsbewegung langsam bergab mit dem Rauchen. Heute ist der Verbrauch auf unter 1.000 Zigaretten pro Person und Jahr gesunken. Und es gibt eine deutliche soziale Komponente: Jugendliche rauchen immer weniger, der Tabak ist einfach nicht mehr in, und Gymnasiasten und Studenten rauchen weniger als Hauptschüler und Realschüler. Der Tabak wird zu einem Privileg der Armen.

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Nero (3)

Neun Millionen Euro beträgt die Versicherungssumme für die Nero-Statue aus dem Louvre, die den jungen Nero zeigt. Er trägt eine Knabentoga. Die Toga zu tragen war ein Privileg. Die Knabentoga wurde mit 14 gegen die Toga der Erwachsenen getauscht. Nero wurde schon mit 13 für volljährig erklärt. Nero hält eine Schriftrolle in der Hand, als Zeichen von Bildung, und hat um den Hals ein Schutzamulett, Zeichen des Freigeborenen. Für das Amulett gab es eine Schatulle. Davon wird ein Exemplar neben der Skulptur gezeigt. Das Obergewand hat noch Farbreste, Purpur, auch ein Zeichen von Klasse. Nicht nur wegen der Versicherungssumme ist diese Skulptur eins der meistbeachteten Ausstellungsstücke.

Im gleichen Raum der Kopf einer Statue von Agrippina, der Mutter Neros, einer schönen Frau mit kunstvoll geflochtenem Haar und schönen, großen Augen. Man traut ihr die Ungeheuerlichkeiten, die ihr nachgesagt werden, gar nicht zu. Jedenfalls tat sie alles dafür, dass Nero Kaiser wurde. Sie heiratete ihren Onkel Claudius, den Kaiser. Dann sorgte sie dafür, dass Nero mit Octavia verheiratet wurde, der Tochter Claudius‘. Dafür musste die zuerst von einer anderen Familie adoptiert werden, um das Verbot der Geschwisterehe zu umgehen. Außerdem musste eine bereits bestehende Verlobung Octavias aufgehoben worden. Dazu wurde der Verlobte des Inzests beschuldigt. Schließlich sorgte sie dafür, dass Nero Vorzug gegenüber Britannicus bekam, dem Sohn Claudius‘. Das Verhältnis zu Britannicus blieb kompliziert, gespannt. Nero entstammte also einer Patchworkfamilie. Sein Vater, Ahenobarbus, ‚Bronzebart‘, war gestorben, als Nero zwei Jahre alt war.

Die Geburt Neros fiel genau mit dem Sonnenaufgang zusammen. Das wurde merkwürdigerweise als schlechtes Omen angesehen, jedenfalls von den späteren Schriftstellern, die das Urteil über ihn längst gesprochen hatten. Ebenso wurde seine Steißgeburt als schlechtes Omen gewertet. Man komme mit dem Kopf zuerst auf die Welt, befand man. Mit den Füßen zuerst trete man den Weg ins Jenseits an.

Schon früh wurde dafür gesorgt, dass Nero in Position gebracht wurde, was die Thronfolge angeht. Man sieht hier Münzen, auf denen sein Portrait mit dem Titel Princeps Iuventutis erscheint. Das war so etwas wie die Pole-Position für das Kaiseramt. Damit Nero Kaiser werden konnte, musste allerdings erst Claudius von der Bühne abtreten. Dafür sorgte, wie es hieß, eine Pilzvergiftung. Und die kam Agrippina und ihren Plänen so entgegen, dass die Mutmaßungen über einen Giftmord verständlich sind.

Tatsächlich wurde Nero mit 16 Jahren Kaiser! Er war der 5. und letzte Kaiser der julisch-claudischen Dynastie. Danach folgten die Soldatenkaiser. Auf einem Relief sieht man, wie Agrippina, mit dem Füllhorn ausgestattet, Nero krönt. Das war zwar nicht wörtlich wahr, wohl aber im symbolischen Sinn. Sie setzte alles daran, dass er Kaiser werden würde. An den Münzen ist abzulesen, wie sich das Verhältnis zu Agrippina im Laufe der Jahre veränderte: Auf den frühen Münzen erscheinen beide im Portrait, gleichberechtigt, einander ansehen, dann erscheinen beide im Profil, Agrippina halb von Nero verdeckt, und dann erscheint Nero alleine.

Die ersten fünf Jahre von Neros Amtszeit, das Quinquennium Neronis, galten als goldene Zeit. Aus dieser Zeit stammt ein Wandgemälde aus Pompeji, eins der bemerkenswertesten Exponate der Ausstellung. Man sieht den Ausschnitt einer Stadtlandschaft, mit einem hölzernen Kiosk, einem Gebäude mit Zeltdach, Bäumen und dem Amphitheater im Zentrum. Zum Amphitheater führen zwei große Freitreppen hinauf, und zwar direkt auf die höchsten Ränge. Im Amphitheater wird noch gekämpft, aber außerhalb sieht man Hooligans, die sich die Köpfe einschlagen. Genau das war passiert nach einem Spiel zwischen Pompeji und dem Nachbarort Nuceria. Es war zu blutigen Krawallen gekommen. Nero schritt ein und verbot die Spiele für zehn Jahre.

Dann geht es um Neros erste Residenz, den Palast auf dem Palatin, den er hatte ausbauen lassen und der sich bis zum Esquilin hinstreckte. Man sieht ein Stück der bunten Marmorverkleidung des Palastes, mit sehr schönen, geometrischen Figuren, die sich manchmal zu floralen Motiven zusammenfügen.

Dieser Palast, Domus Transitoria, wurde bei dem berühmten Brand von 64 vollständig zerstört. Brände waren in Rom an der Tagesordnung, aber diesmal waren die Windverhältnisse ungünstig, und der Brand war nicht in einem Privathaus, sondern im Circus Maximus ausgebrochen. Und schließlich war Wasser aus der öffentlichen Wasserleitung abgezweigt worden! Von den 14 römischen Stadtbezirken blieben nur 4 verschont, 3 wurden völlig zerstört. Schon seit Augustus gab es eine gut ausgerüstete Feuerwehr, 7000 Mann stark! Dazu sieht man hier wunderbare Exponate: einen Löscheimer aus Bronze, eine Axt aus Eisen, einen hydraulischen Pumpe aus Bronze, die einzige aus der Zeit erhaltene. Dazu gibt es verrußte Keramikteile und ein völlig verzogenes Eisengitter, Teil eines Eisentors. Unglaublich, dass sich so etwas erhalten hat!

Neros Krisenmanagement war vorbildlich. Einige Maßnahmen werden in der  Ausstellung auf Münzen dargestellt: Senkung der Getreidepreise, Verteilung von Geldmitteln, Wiederaufbau des Vesta-Tempels auf eigene Kosten. Vor allem aber traf er Maßnahmen zur Vorbeugung, alles sehr modern: Die erlaubte Häuserhöhe wurde verringert, die Häuser durften keine gemeinsamen Wände mehr haben, der Anteil von Holz bei den Häusern wurde verringert, verbindliche Löschmittel wurden festgelegt. Außerdem wurden die Wasserleitungen verbessert. Man sieht hier ein Wasserrohr aus Blei, auf dem der Name Nero zu sehen ist, und ein Steinquader, auf dem das erneuerte Aquädukt zu sehen ist. Nero traf Vorrichtungen, die verhindern sollten, dass Wasser für Privatzwecke abgezapft werden konnten.

Anstelle der Domus Transitoria errichtete Nero sich die noch prächtigere Domus Aurea, sehr zum Schaden seines Nachruhms. Deren luxuriöser, achteckiger  Festsaal ist hier nachgeahmt. An der Decke bewegliche Elfenbeinplatten, die das Himmelsgewölbe darstellen. Durch Löcher in den Platten konnten Rosenblätter auf den Boden geweht oder angenehme Aromen ausgeschüttet werden.

In der Mitte des Raumes steht ein rätselhafter Globus, wohl der älteste seiner Art. Er ist aus Messing und zeigt 48 Sternbilder. Was der allerdings mit der Domus Aurea zu tun hat und wo in dem Globus die Erde, vermutlich als Scheibe, versteckt ist, wird nicht klar.

Die Auffindung der Fresken in der Domus Aurea am Beginn der Neuzeit gab der Kunstgeschichte ein neues Wort: Die Fresken, die sich in der Kellern, in den „Grotten“ des Hauses befanden, hießen fortan Grotesken. Das hat nichts mit grotesk zu tun.

Im Eingangsbereich der Domus Aurea stand die sagenumwobenen Kolossalstatue Neros, von der das später auf diesem Gelände entstandenen Kolosseum seinen Namen erhielt. Von der Statue ist so gut wie nichts übrig, aber man kennt sie durch Abbildungen auf Gemmen und Kameen. Die Statue war 35 m hoch, aus Bronze, und Nero engagierte den berühmten Bronzegießer Zenodoros für ihre Herstellung. Hier sieht man eine Kopie im Kleinformat, mit dem Gerüst der Bauarbeiter als Maßstab an der Seite. Nachdem Nero in Ungnade gefallen war, entfernte man seine markanten Gesichtszüge und verehrte die Statue als die des Sonnengottes.

Unter dem Titel in Saus und Braus gibt es Exponate zu den Festmählern. Die spielten bei Nero eine große Rolle. Auf einer Wandmalerei aus Pompeji sieht man ein Trinkgelage, das nach einem Gastmahl stattfand. Sklaven bewirten die Gäste, ein Sklave zieht einem gerade eingetroffenen Gast die Schuhe aus, ein anderer hilft einem Betrunkenen auf die Beine!

Dann sieht man ein bauchiges, blaues Glasgefäß, ein Gefäß, in dem der Wein mit Wasser und Gewürzen gemischt wird. Es ist das größte erhaltene seiner Art. Nero selbst war begeisterter Weintrinker. Er bevorzugte Falerner Wein, Wein aus Kampanien.

Als Imitat sieht man Ess- und Trinkgeschirr aus Silber. Daneben ein Tischchen mit drei Füßen, auch aus Silber, das zusammenklappbar ist.

Auf einem Mosaik sieht man einige der beliebtesten Speisen der Zeit: grüner Spargel, Geflügel, Meerestiere, Datteln. Zu den beliebten Vorspeisen gehörten auch Siebenschläfer. Die wurden mit Honig und Mohn gegessen. Ein wirklich ungewöhnliches Ausstellungsstück ist ein großes Keramikgefäß, das zur Aufzucht der Siebenschläfer diente, mit Schalen und Griffen an den Innenwänden.

Nero war passionierter Anhänger von Musik und Theater. Er trat selbst auf der Bühne auf und spielte die Kithara. In dem Raum, der sich diesem Thema widmet, sieht man Theatermasken. Die Originalmasken waren aus Leder, Stoff oder Holz und sind nicht erhalten, wohl aber Nachahmungen aus Gips, die als Dekorationselemente verwendet wurden. Alle Masken sind sehr expressiv. Alle Schauspieler trugen Masken.

Auch originale Musikinstrumente sind zu sehen, Teile einer Wasserorgel, zwei Flöten, eine aus Bronze und Bein, eine aus Silber und Bein, und vor allem eine riesiges, rundes Horn, mit einer großen Schallöffnung am Ende. Auf einem Mosaik sieht man, wie ein Musiker das Horn spielt. Zwei Statuetten zeigen Flötenspieler, einer davon mit einer Doppelflöte.

Am Ende des Raumes in einer gesonderten Vitrine eine Kalksteinsäule mit einer Inschrift, eine Grabstele, die den ältesten komplett erhaltenes profanen Liedtext enthält, mit griechischen Buchstaben. Über dem Text finden sich Symbole, Buchstaben und Striche, die die Melodie wiedergeben.

Nero hatte ein großes Faible für Griechenland. Er reiste 66 mit großem Gefolge dorthin. Dabei machte er den ersten Spatenstich zum Bau des Kanals von Korinth. Dazu ist hier eine etwas verzogene, ursprünglich vergoldete Schaufelhacke zu sehen, mit der dieser erste Spatenstich gemacht worden sein soll. Nach Neros Tod wurde das Projekt wieder aufgegeben.

Nero nahm auch an allen möglichen Spielen teil und gewann eine Unzahl von Preisen. Die Termine der Spiele mussten seinetwegen verlegt werden. Zu den Spielen sieht man hier eine hochinteressante Grabstele, die eines Sportlers, der bei acht verschiedenen Spielen Kränze gewann. Solche Kränze sind auf der Stele abgebildet: ein Lorbeerkranz aus  Delphi, ein Kranz aus Olivenblättern aus Olympia, ein Kranz aus Schilf aus Actium, ein Kranz aus Getreideähren aus Neapel, ein Kranz aus Eichenlaub aus Smyrna usw.

Nero gewährte, als er in Griechenland war, den Griechen die Freiheit, und das beinhaltete auch Steuerfreiheit, eine Maßnahme, die in Rom für viel böses Blut sorgte. Auf einer Kalksteinplatte ist in dicht gesetzten Buchstaben der gesamte Text der schwülstigen Rede wiedergegeben, die Nero anlässlich der Verleihung der Freiheit im Stadion hielt.

Neros Stern ging immer weiter hinunter. Sein Desinteresse an Politik, Fehlentscheidungen, Mangel an Diplomatie, zahlreiche Verfehlungen brachten ihn die Bredouille. Allerdings war das Sündenregister nicht größer als bei anderen Herrschern, aber ihm wurde es stärker angekreidet.

Verlorene oder verlustreiche Kriege, Aufstände und schließlich die Tötung der beliebten Octavia beschleunigten seinen Niedergang. 68 wurde er vom Senat zum Staatsfeind erklärt. Er entzieht sich der für ihn vorgesehenen grausamen Hinrichtung durch Selbstmord. Allerdings hat er nicht den Mut, den Dolch in die Brust zu führen und muss seinen Begleiter Epaphroditos um Hilfe bitten. Er bekommt kein offizielles Begräbnis. Nur seine beiden Ammen und seine Geliebte Acte begleiten den Toten.

Bald setzte die Damnatio memoriae ein. Sein Name wurde aus Inschriften getilgt, wie man hier an einer Steinplatte sehen kann, oder seine Gesichtszüge wurden verändert, wie man hier anhand einer Büste sehen kann, die eigentlich Nero, dann aber Domitian darstellte. Auch auf Münzen sieht man, wie sein Profil mit Hämmern bearbeitet wurde. Auf einer Münze hat man seine Haartracht entfernt. Kaiser mit Glatze.

(Sonderausstellung im Landesmuseum)

 

 

 

 

 

 

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Nero (2)

Nero folgte seinem Adoptivvater Claudius auf den Thron. Er wurde damit der 5. Römische Kaiser. Er beging schon mit 30 Selbstmord. Mit seinem Tod ging eine  friedliche und für die einfachen Menschen gute Kaiserzeit zu Ende.

Die Ausstellung zeigt nicht den „wahren“ Nero, sondern das – oft verzerrte – Bild, das man sich im Laufe der Jahrhunderte von ihm gemacht hat. Nero war für die Nachwelt einerseits ein lächerlicher Möchtegernkünstler, andererseits der Inbegriff des Bösen.

Einer der Schwerpunkte der Ausstellung ist das Nachleben von Nero auf der Bühne und im Film und im Buch. Gleich zu Anfang gibt es eine beeindruckende Menge von Werbeplakaten für Filme, die Nero zum Gegenstand haben, auch wenn er nicht immer im Titel erscheint: Mio figlio Nerone, The History of Mankind, Le calde notte di Popea. Auch einer der ersten Filme überhaupt, ein Film, der nur eine Länge von einer Minute hat, hatte Nero zum Thema. Es gibt sogar ein Brettspiel, das Nero heißt. Und dann gibt es natürlich Quo vadis? Das Buch, für das Sienkiewics den Nobelpreis bekam, gibt es hier in verschiedenen Ausgaben. Und Szenen aus dem Film mit Peter Ustinov. Der Film verbindet die legendäre Begegnung von Jesus und Petrus („Quo vadis, domine?“) mit Motiven der Christenverfolgung. Viele der Filme sind billige Machwerke, aber es gab auch schon in den fünfziger Jahren Filme, die sich kritisch mit dem eigenen Thema auseinandersetzten.

Das negative Image geht schon auf die ersten Biographen zurück. Der Mord an Britannicus, der Selbstmord Senecas, die Hinrichtung der Christen, der Brand Roms standen im Vordergrund. Flavius Josephus machte es sich zur Aufgabe, diese Vorstellung zu relativieren, aber das wirkte nicht nach. Die allererste Beschreibung Neros stammt von Sueton. Demnach war Nero eher schön als fein, hatte einen feisten Nacken und einen Schmerbauch. Die Beschreibung entstand aber erst spät nach Neros Tod.

Mittelalterliche Auslegungen nahmen antike Quellen als Ausgangpunkt und schmückten sie nach Belieben aus. Nero wird vor allem als Lüstling dargestellt. Er soll Sex mit der Mutter und der Schwester gehabt und einen Mann zur Frau gehabt haben.

In einem Tarotspiel sieht man eine Karte, auf der Nero beim Brand von Rom ein Kind in die Flammen wirft. Nero war, als der Brand ausbrach, allerdings gar nicht in Rom. Er hielt sich auf seinem Landsitz in Antium auf. Der Brand vernichtete ein Drittel Roms. Nero kam sofort zu Hilfe, öffnete seine Privatgärten als Notunterkünfte, ließ Lebensmittel herbeischaffen. Und sein eigener Palast wurde zerstört. Allerdings ließ er dann die noch viel größere und prächtigere Domus Aurea errichten (von deren Kolossalstatue das Kolosseum seinen Namen hat), und das brachte ihn in den Verdacht, von dem Brand profitiert zu haben.

Im Mittelalter und der frühen Neuzeit galt Nero einfach als Ungeheuer. In der Apokalypse des Beato de Liébana erscheint er als apokalyptischer Tyrann. In der Weltchronik des Jans Jansen wird ein Thema aus der Geheimen Offenbarung aufgenommen, in der von der Geburt einer Kröte die Rede ist. Aus der Chronik wird  ein Bild in hellen Farben gezeigt, das Nero liegend darstellt, mit einer kindlich wirkenden Krone auf dem Kopf. Zu seinen Füßen ein Bottich mit der Kröte. Der Legende nach hatte Nero versucht, schwanger zu werden und ein Kind zu gebären, um seine Göttlichkeit unter Beweis zu stellen, denn nur den Göttern war es vergönnt, das Geschlecht zu wechseln. Das sahen die Christen als Sakrileg an, als  Verstoß gegen die gottgewollte Ordnung. Die Legende wurde etymologisch untermauert, indem man unterstellte, das Wort Laterana basiere auf dem Wort für ‚Kröte‘. Die Kröte stand gleich für drei Todsünden: Habsucht, Hochmut, Wollust.

Seinen Durchbruch als Thema schaffte Nero in der frühen Neuzeit. Aus dieser Zeit sind Kupferstiche, Federzeichnungen, Radierungen vertreten. Nero, ziemlich realistisch dargestellt, nach dem Vorbild der Darstellung auf antiken Münzen, mit zusammengebissenen Lippen, vorgeschobenem Kinn, Hakennase, angestrengter Mimik. Auch ein Stuckwerk von der Rathauslinde in Köln zeigt ihn so.

Claudius hatte Neros Mutter Agrippina geheiratet und ihn als Adoptivsohn angenommen. Sein ärgster Konkurrent war Britannicus, der Sohn Claudius‘. Der soll von Nero vergiftet worden sein. Dazu gibt es hier ein wunderbares, großformatiges Ölgemälde von Sylvestre, in dem das Gift an einem Sklaven ausprobiert wird. Der Sklave windet sich unter den Augen Neros und der Giftmischerin Locusta am Boden, im Todeskampf. Locusta, dunkelhäutig, mit Zopf und Ohrringen, an eine Zigeunerin erinnernd, stützt einen Arm vertraulich auf das Bein Neros. Das Gift gegen Britannicus soll bei einem Festessen eingesetzt worden sein. Allerdings ignoriert die Legende, dass es damals noch gar kein so schnell wirkendes und unauffälliges Gift gab!

Nero nahm sich das Leben, indem er sich einen Dolch in die Kehle stieß. Das wird hier auf einem dramatischen Ölgemälde dargestellt. Ein ganzes Bündel von Menschen stürzt sich auf ihn wie Ringer, um ihn vom Selbstmord abzuhalten. Historisch, sagt man, sei er eher zum Selbstmord angestiftet worden.

Ein verwandtes Motiv ist der Selbstmord Senecas. Seneca wurde als Erzieher Neros von Agrippina an den Hof geholt. Verzicht und Askese waren seine Leitmotive. Selbst war er aber einer der reichsten Männer Roms. Seneca soll von Nero zum Selbstmord angestiftet worden sein. Der Selbstmord wird auf einem Ölgemälde von Honthorst (XVII) in dramatischem Chiaroscuro dargestellt. Ein Arzt schlitzt mit einem Messer die Venen Senecas auf, ein anderer reicht ihm den Schierlingsbecher. Aus den Armen läuft Blut. Senecas Füße ruhen in einer Schüssel mit Wasser. Das soll den Prozess beschleunigen. Seneca, mit entblößter Brust und gepflegtem Bart, hat eine würdige Haltung. Das Licht, dessen Quelle nicht sichtbar ist, aber das Teile des Bildes stark erhellt und schwere Schatten wirft, fällt auf ihn.

Dasselbe Motiv erscheint auf einem anderen Ölgemälde. Altomonte, der Maler, verlegt die Szene ins Freie! Hier ist Nero bei dem Selbstmord Senecas präsent, in einer Sänfte sitzend, auf der linken Seite des Gemäldes. Seneca erscheint auf der rechten Seite. Farblich sind die beiden Bildhälften voneinander abgesetzt. Links dominieren Braun und Rot, rechts dominieren Grün und Weiß. Die Gesten der Beteiligten sind manieriert, trotz des dramatischen Ereignisses.

Ein besonders schönes Gemälde hat den Brand von Rom zum Thema. Das Gemälde, von Hubert Robert, dem „Ruinenmaler“, zeigt das nächtliche brennende Rom im Hintergrund, aus der Ferne durch einen erhöhten Arkadengang betrachtet. Die roten Flammen heben sich von dem dunklen Hintergrund ab und haben ihre eigene Schönheit. Bei einem solchen Gemälde erfährt der Betrachter, laut Burke, das „Erhabene“, das „Sublime“, ein wonnevolles Grauen angesichts der Darstellung von Gefahr oder Schmerz.

Eine interessante Geschichte hat eine Gipsfigur von Emilio Gallori (XIX), die Nero in Frauenkleidern darstellt, mit männlichen Gesichtszügen, aber weiblicher Pose. Sie erregte Unmut und wurde von der Wiener Weltausstellung ausgeschlossen, unter dem Vorwand, es handele sich um eine Gipsfigur und es würden nur Marmorfiguren akzeptiert. Bis heute ist schwer zu entscheiden, was die Figur eigentlich darstellt. Ist es Nero auf der Bühne? Man weiß, dass Nero mehrmals auch in Frauenrollen auftrat. Oder ist es eine Anspielung auf seine Hochzeiten? Er vermählte sich zweimal mit freigelassenen Sklaven, Sporus und Pythagoras. In einem Fall übernahm er die Rolle des Bräutigams, in dem anderen die der Braut.

Eine Bronzefigur (der Abguss eines Originals, das ebenfalls aus Gips war) zeigt Nero mit Seneca. Seneca hat eine Schriftrolle auf dem Schoß. Er weist mit einem Finger darauf. Nero sitzt ihm gegenüber, lässig zurückgelehnt, eher gelangweilt. Seneca macht dagegen einen konzentrierten, engagierten Eindruck. Hinter ihm steht eine Trommel, die weitere Schriftrollen enthält.

Im oberen Stockwerk ist das goldbestickte Seidengewand der Kaiserin Kunigunde (Reproduktion) mit Szenen aus der Petrus-Vita zu sehen. Hier sieht man, wie Nero von Wölfen gerissen wird. Der christlichen Legende zufolge hatte er aus Rom flüchten müssen und war in den Wald geraten, nachdem es einen Aufstand gegeben hatte wegen der Hinrichtung von Petrus und Paulus.

Auf einem kleinformatigen Bild wird dargestellt, wie Sporus auf Befehl Neros entmannt wird. Er hatte Sporus in Frauenkleider gesteckt und nach Frauenart geschmückt. Dies gehört zu den historisch nicht nachgewiesenen Grausamkeiten Neros. Historisch verbürgt sind die Ermordungen von Agrippina, seiner Mutter, und von Octavia, seiner ersten Ehefrau. Die soll auf Betreiben seiner damaligen Geliebten Poppea getötet worden sein. Auf einem Gemälde wird dargestellt, wie dem im Halbdunkel auf einer Bank sitzenden Paar das Haupt der getöteten Octavia auf einem Tablett präsentiert wird, eine Szene, die an die Geschichte um Salome erinnert.

Historisch nicht verbürgt ist die Tötung von Poppea, Neros zweiter Ehefrau. Sie ist hier mit einem sehr schönen Portrait vertreten, mit feinen Gesichtszügen und einem hauchdünnen, weißen Schleier, der ihr vom Kopf über die Schulter fällt. Nero soll sie durch einen Fußtritt in den Unterleib während ihrer Schwangerschaft getötet haben. Heute geht man eher von Schwangerschaftskomplikationen als Grund für ihren Tod aus.

In einem Kupferstich (XVI) sieht man Messalina, Neros dritte Frau. Mit ihr reiste er nach Griechenland, zu den Olympischen Spielen. Sie hatte keine so große Nachwirkung wie Poppea, seine zweite Frau.

Aus dem Rahmen fällt ein Gemälde von Smirnow, einem russischen Maler, das den Tod Neros schildert. Nero liegt auf dem gepflasterten Boden, wohl im Freien, vor einer Marmorstufe. Blut läuft aus seinem Kopf. Er ist nicht als Kaiser kenntlich gemacht. Hinter ihm, auf einem Gehweg, sind zwei Frauen mit einer Trage zu sehen, mit verzierten Griffen. Sie sind gekommen, um den Toten zu bestatten. Im Zentrum des Gemäldes steht seine letzte Geliebte, eine befreite Sklavin, die einzige, die ihm die Treue gehalten hat. Sie trägt Ohrringe und einen Schleier und blickt sinnierend auf den toten Nero.

Dieses Gemälde gehört noch in die letzte Phase des Nero-Booms, den es im 19. Jahrhundert gab, parallel zur Historienmalerei der Epoche. Im 18. Jahrhundert war Nero ins Abseits geraten. Davor gab es seit der Renaissance Dramen über Nero, meist mit zeitgenössischem Bezug. Von zentraler Bedeutung was Britannicus von Racine. Die Aufführungspraxis änderte sich im Laufe der Zeit, u.a. durch die Einführung historischer Kostüme statt zeitgenössischer Kostüme, und auch das Bild von Nero änderte sich. Führende französische Schauspieler traten in dem Stück auf, darunter Talma, den man hier als nachdenklichen Nero mit Lorbeerkranz in antikem Kostüm auf einem Gemälde von Delacroix sieht. Die Darstellung erinnert auch an Napoleon, den Talma verehrte.

In der Oper war Nero vor allem in Italien von Bedeutung, in Dramen vor allem in England und Frankreich. Liebesgeschichten und Hofintrigen standen im Vordergrund. Auf einem Ölgemälde sieht man das aufwändige Bühnenbild der Oper Nero von Mascagni, in der es um Nero als Künstler ging. Eine riesige Palastanlage, in der ein römisches Gelage stattfindet, bildet den Vordergrund. Im Hintergrund läuft auf einer erhöhten Bühne eine Szene aus der Oper, vor einer reichen, bunten Kulisse mit klassischen Säulen. Auf der Bühne sind fast so viele Figuren vertreten wie bei dem Gelage. Musikalisch wurde das Thema auch von Händel, Monteverdi und Boito behandelt. Aus Händels Oper sieht man hier einen Teil der Partitur.

Die einzig komische Variante ist Quo vadis?, eine Zarzuela von Chapí, Sie handelt von einem Arbeitslosen, der durch ein magisches Brötchen eine Zeitreise antritt, auf der er Nero, dem Cid und dem Emir von Cordoba begegnet.

Eine ganz exzentrische Behandlung des Themas stammt von vier russischen Künstlern, darunter Malevich. Die Besonderheiten der Oper waren eine unverständliche Handlung, gewolltes Falschsingen, nicht gestimmte Instrumente und dadaistische Texte. Die Oper hieß Sieg über die Sonne. Sie erlebte nur zwei Aufführungen.

Am Schluss der Ausstellung gibt es noch moderne Karikaturen zu Nero. Immer wird das Motiv des leierspielenden Nero vor dem brennenden Rom aufgenommen, eine weltweit bekannte Ikone. Als Nero erscheinen in den Karikaturen heutige Berühmtheiten wie Berlusconi, Bush oder Blatter. (Sonderausstellung im Stadtmuseum Trier)

 

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Nero (1)

Ein verstörendes Exponat findet sich mitten in der Ausstellung. Es ist eine in Kalkputz geritzte Darstellung der Kreuzigung, eine der ältesten überhaupt. Aber sie stammt nicht von den Christen! Es ist eine Spottzeichnung. Christus wird mit dem Kopf eines Esels dargestellt! Für die „heidnischen“ Römer war der Esel ein verachtenswertes Tier, die Kreuzigung die schändlichste aller Hinrichtungsarten, etwas für Schwerverbrecher und Sklaven.

Den Römern muss das Christentum befremdlich erschienen sein. Das Gebot der Nächstenliebe wirkte wie eine Aufforderung zu sexueller Ausschweifung, die Eucharistie wie Kannibalismus.

Das bringt einen zu Petrus und Paulus. Sie wurden vermutlich unter Nero hingerichtet, aber ob im Zusammenhang mit dem Brand Roms oder nicht, ist unklar. Petrus wurde, auf eigenen Wunsch, mit dem Kopf nach unten gekreuzigt. Für Paulus kam eine Kreuzigung nicht in Frage. Er war römischer Bürger und hatte „etwas Besseres“ verdient. Er wurde enthauptet.

Ganz zu Beginn der Ausstellung sieht man (in Kopie) ein riesiges Ölgemälde eines polnischen Künstlers. Es zeigt, wie Nero auf einer Sänfte zu einer Hinrichtung  getragen wird. Christen, die Brandstifter, werden getötet, sie werden verbrannt! Warum ein polnischer Künstler? Die Polen identifizierten sich nach der Teilung Polens mit den unter Nero hingerichteten Christen!

Ein weiteres ganz besonderes Exponat ist das Mindener Kreuz. Auf der Vorderseite ist im Zentrum eine Kamee mit dem Profil eines Kaisers. Es ist Nero! Wie kommt Nero auf ein christliches Kreuz? Man wusste nicht, dass es Nero war, man glaubte, es wäre Karl der Große, und der war der Gründer des Mindener Doms! Auf der Rückseite, dort, wo auf der Vorderseite Nero ist, befindet sich ein Kreuz. Nero, der vermeintliche Christenverfolger, auf einem christlichen Kreuz! Vermutlich stammt die Kamee von einem Vorgängerkreuz. An der Vorderseite sind an den vier Kreuzesenden die vier Evangelisten zu sehen, auf der Rückseite die vier Kirchenväter.

In einem Kupferstich sieht man Christen als menschliche Flammen. Es kursierte das Gerücht, Nero habe sie zur Beleuchtung Roms aufgestellt. Trotz der Ablehnung der Christen durch die Römer waren solche Gerüchte dazu angetan, Mitleid mit den Christen zu erwecken.

In einem Blatt der Trierer Apokalypse, noch ganz in der antiken Tradition stehend, erscheint die Hure Babylon, voll vom Blut der Märtyrer, in der Gesellschaft von Sieben Königen, Königen, die sich ihr unterworfen haben. Dies ist eine Referenz auf einen Auszug aus der Geheimen Offenbarung. In der christlichen Tradition wurde die Hure oft mit Nero identifiziert, auch das aus dem Meer aufsteigendem Untier und die Zahl 666 wurden mit Nero identifiziert. Nero war der Antichrist.

Im Zentrum der Ausstellung stehen Exponate zur christlichen, zur jüdischen und zur römischen Religion.

Die römische Religion war eine Opferreligion. Auf den Glauben kam es nicht an, auch nicht auf den Lebenswandel. Im Grunde war die römische Religion eine tolerante Religion, die allerdings Blutopfer und Kaiserkult einforderte.

Der Opferaltar stand vor dem Tempel, im Tempel stand das Kultbild der Gottheit. Neben Tieren wurden auch Statuetten, Blumen und Münzen geopfert. Es gab Altäre ohne Tempel, aber keine Tempel ohne Altäre.

Bei Tieropfern wurde das Tier vor dem Opfer mit einem Hammer betäubt. Das sieht man hier auf einem wunderbaren Gemälde, auf dem neben dem Opferstier ein Mann mit erhobenem, langstieligem Hammer steht.

Für die Münzopfer gab es auch besondere Vorrichtungen, wie hier an der Figur einer Tyche zu sehen, die einen Schlitz zwischen den Händen hat, in dem man die Münzen warf. Das war der Vorläufer des christlichen Opferstocks und des kapitalistischen Sparschweins.

Die Toleranz der römischen Religion zeigt sich auch in den verschiedenen Mischformen und im Import fremder Götter. Dazu gehörten Kybele und Isis. Einheimische Götter wurden mit römischen vermischt oder verbreiteten sich unter anderen Vorzeichen. Hier sieht man ein Relief der keltischen Göttin Epona, auf einem Pferd sitzend, mit einer Schale mit Früchten in der Hand. Sie war eine Göttin der Fruchtbarkeit, wurde dann aber im ganzen Reich verehrt, bis nach Afrika, aber als Heeresgöttin!

Ein besonderes interkulturelles Paar bildeten Rosmerta und Merkur. Der wurde in den Provinzen mehr als jeder andere Gott verehrt. Sein typisches Attribut ist der Caduceus, ein Stab mit zwei Flügeln und zwei Schlangen. Oft erscheint er in der Gesellschaft von Rosmerta, hier vertreten mit einem schönen Bronzekopf (auf dem noch Spuren der Vergoldung zu sehen sind), der vermutlich Teil einer lebensgroßen, verlorengegangenen Statue war. Sie sieht traurig aus, nachdenklich, den Kopf leicht gesenkt. Das Haar ist kunstvoll geflochten und hat vorne eine Schleife. Die Statue wurde in einem Merkurgrab gefunden.

Im Zentrum der römischen Religion stand die Kapitolinische Trias, Jupiter zwischen Minerva und Juno, in der Ausstellung durch eine Kalksteinstatue vertreten. Obwohl nicht ganz erhalten, kann man deutlich den Unterschied zwischen den beiden Göttinnen sehen, und es kommt mir so vor, als seien hier zwei Seiten der Weiblichkeit dargestellt.

Neben den offiziellen Göttern gab es private Götter, Laren, Penaten und Genien, Schutzgötter, die oft auf die individuelle Familie zugeschnitten waren oder auf eine Gemeinschaft. Man konnte sie sich sozusagen aussuchen. Auch hier steht das Christentum mit seinen Heiligen, aus denen man sich auch seine Favoriten aussuchen konnte, in der heidnischen Tradition. Auch der Opferaltar einer römischen Familie, der hier nachgebildet ist, lässt schon die christlichen Hausaltäre erahnen.

Unter byzantinischem Einfluss kam später auch die Verehrung des Kaisers als Gott nach Rom. Auf einem Kalkstein befindet sich eine Inschrift, die einen Mann als Priester des Augustus nennt.

Die Juden hatten zunächst eine angesehene Stellung im Römischen Reich. Ihr Einfluss ging bis ins Kaiserhaus. Sie waren von Kaiserkult befreit! Die Christen nicht. Dann gab es die ersten Attacken gegen die stadtrömischen Juden. Es ging ums Geld. Um die Tempelsteuer. Und dann, unter Vespasian, gab es den ersten jüdischen Krieg. Auf einer Kopie sieht man die berühmte Szene auf dem Titus-Bogen, wo Menora und Silberpfeifen aus Jerusalem abtransportiert wurden, mit der brennenden Stadt im Hintergrund.

Juden und Christen waren sich ursprünglich sehr nahe. Dass sie sich dann begannen, voneinander abzusetzen, sieht man hier an Alltagsgegenständen: Eine Öllampe zeigt die Abbildung der Menora.

Die Ähnlichkeit ist auch erkennbar an den Modellen einer Synagoge und einer Kirche, beide aus einer antiken Stadt in Syrien: Beide waren ursprünglich Wohnhäuser und wurden erst später umgewidmet. Beide sehen ähnlich aus. Und sie standen in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander.

Die Christen kannten im Gegensatz zu den anderen Religionen keine Blutopfer. Christ wurde man durch die Taufe. Hier ist ein Graffiti ausgestellt, in Liebfrauen gefunden, aus dem alten Dom stammend, das eine Anspielung auf die Taufe enthalten könnte. Aber in den ersten Jahrhunderten gab es noch keine Taufrituale. Das änderte sich dann, und man glaubt, dass die Vorbereitung auf die Taufe bis zu drei Jahre dauern konnte.

Im Gegensatz zum Judentum war im Christentum der Missionsgedanke zentral. Deshalb verbreitete es sich so schnell, von Palästina über Ägypten, Syrien, Kleinasien, Griechenland nach Rom.

Der Missionsgedanke steht auch hinter der (die Chronologie völlig missachtenden) Legende der Aussendung des ersten Trierer Bischofs, Eucharius, durch Petrus. Eucharius und Maternus waren bereits auf dem Rückweg nach Trier, als Maternus unterwegs der Tod ereilte. Eucharius ging zurück nach Rom, bekam von Petrus den Bischofsstab, ging zurück, erweckte Maternus mit dem Bischofsstab wieder zum Leben und ging mit ihm weiter nach Trier. Der Bischofsstab kam nicht nach Rom zurück, und deshalb trägt bis heute der Papst keinen Bischofsstab! Der Stab war ursprünglich vermutlich ein antiker Senatorenstab. Nach einigen Verwicklungen wurde er in drei Teile geteilt, von denen einer in Prag, einer in Köln, einer in Limburg (früher Trier) ist. Der Limburger Stab gehört zur Ausstellung, ist aber jetzt wegen der Einführung des neuen Bischofs von Limburg entfernt worden.

Eine weitere Besonderheit des Christentums war das Märtyrertum. Dazu gibt es hier ein ganz besonderes Ausstellungsstück mit lokalem Bezug. Es ist ein barocker Schrank, ein Schränkchen eher, eine Art Sekretär, der leergeräumt worden ist, um einer Heerschar von Wachsfiguren Platz zu machen, die auf verschiedenen Ebenen drei Szenen darstellen, alle verbunden mit der Thebäischen Legion. Das waren, der Legende zufolge, römische Soldaten aus Nordafrika, die sich zum christlichen Glauben bekannten und in Trier, zusammen mit zahlreichen Trierer Bürgern, den Märtyrertod starben. Ziemlich sicher ist das eine Legende, denn für die Zeit, die Regierungszeit Diokletians, sind keine Christenverfolgungen in Gallien bekannt.

Im oberen Teil, dem Hauptteil, vor der gemalten Stadtansicht von Trier, spielt sich die Szene der Tötungen ab, hochdramatisch ausgestaltet: Ein Soldat erhebt das Schwert, um einen knienden Mann zu enthaupten, ein Soldat schlägt mit einer Axt auf eine liegende Frau im Brokatkleid ein, ein Soldat überrennt mit seinem Pferd eine zu Boden stürzende Frau. Ein Gemetzel. Der genaue Ort des Geschehens ist durch ein Kreuz gekennzeichnet, das noch heute an gleicher Stelle steht, vor St. Paulin.

In der mittleren Ebene wird in merkwürdigem Kontrast dazu die Anbetung des Osterlamms dargestellt, in der unteren Ebene der Abtransport der Leichen. Auf Schubkarren werden Leichen entsorgt; der Boden ist mit Knochen und Körperteilen bestreut.

Unter Nero, und das ist eine der „Lehren“ dieser Ausstellung, gab es, entgegen der landläufigen Vorstellung, keine Christenverfolgung. Die Aktion gegen die Christen wegen des Brands war eine Strafmaßnahme. Die Christen, eine obskure Sekte, von deren Existenz er selbst möglicherweise gar nicht wusste, kamen ihm als Sündenböcke gerade recht. Dabei kamen ihm die allgemeinen Vorurteile gegen die Christen zugute, die sich abgesondert hatten und als Außenseiter oder Staatsfeinde galten. Die wichtigste Quelle für den Brand von Rom ist Tacitus. Er selbst hielt die Christen für eine gefährliche Sekte, aber hielt sie nicht für schuldig an dem Brand.

Die ersten Maßnahmen gegen Christen gab es unter Trajan. Aber es war noch keine systematische Verfolgung. Die Christen blieben unbehelligt, solange sie nicht angeklagt wurden. Nicht der Staat brachte die Anklage vor, sondern einzelne Bürger. So fördert man Denunziantentum. Die Christen brauchten aber, wenn angeklagt, nur das Opferritual vollziehen, dann war alles in Ordnung.

Ein prominentes Opfer der Verfolgung unter Trajan ist der Hl. Ignatius. Er wurde der Legende nach den Löwen vorgeworfen. Auf einer Ikone sieht man ihn, im vollen Bischofsornat und einem Buch in der Hand, von zwei Löwen umgeben, einen zu seinen Füßen, einen auf seiner Schulter. Die Löwen haben merkwürdig menschliche Gesichter.

Die erste systematische, reichsweite Christenverfolgung gab es unter Decius. Sie war politisch bedingt. Die logische Verknüpfung was so: Decius führte Kriege gegen Perser und Germanen. Das verursachte Ebbe in der Staatskasse. Also waren die Götter zornig. Und daran waren die Christen schuld, denn sie opferten den Göttern nicht. Alle mussten vor einer Kommission erscheinen und das Opfer darbringen. Dazu gibt es zwei wundervolle Ausstellungsstücke: Opferbescheinigungen auf Papyrusstreifen. Der Text war vorgefertigt, und es musste nur noch der Name des Christen eingetragen werden. Das klingt alles sehr vertraut, und auf verquere Art modern. Ebenfalls vertraut ist ein anderer Aspekt: Es gab Christen, die sich die Bescheinigung erkauften. Und römische Beamte, die das Spielchen mitmachten.

Ein prominentes Opfer der Verfolgung unter Decius ist die Hl. Agatha. Von ihr gibt es hier eine Terrakotta-Figur, die sich mit entblößter, blutender Brust an einem Marterpfahl darstellt.

Unter Valerius ging es nicht mehr um den Einzelnen, sondern um das Christentum an sich. Es wurde systematisch bekämpft. Zu den Maßnahmen gehörten ein Versammlungsverbot und das Verbot des Betretens christlicher Friedhöfe. Außerdem wurden Christen vom Senatorenamt ausgeschlossen und verloren andere Rechte.

Ein bekannter Märtyrer aus der Zeit des Valerius ist Laurentius. Er ist hier vertreten mit einem Relief aus der Liebfrauenkirche in Trier. Laurentius führt dem Kaiser den geforderten „Schatz der Kirche“ vor. Statt einer Truhe mit Geld bringt er ihm Arme, Kranke und Schwache, den Schatz der Kirche.

Die Verfolgungen endeten mit dem Toleranzedikt von Galerius (311). In Anspielung auf diese Zeit gibt es eine Sandsteinfigur des Eucharius mit einem an einer Kette gefesselten Ungeheuer. Der Symbolcharakter ist nicht zu übersehen.

Und daneben, zum Schluss der Ausstellung, noch mal ein ganz außergewöhnliches Exponat. Dem sieht man seine Bedeutung nicht an. Im Gegenteil, man fragt sich, was das hier zu suchen hat. Es ist das Korso einer ehemals voll ausgebildeten Statue. Die stellte vermutlich Venus dar. Es ist nur noch der abgerundete Rumpf und der irgendwie formlose Unterkörper zu sehen. Man glaubt sich an eine moderne Skulptur erinnert. Wie kam es zu der Beschädigung, die fast eine Form von Zerstörung ist? Es ist eine Form von Ikonoklasmus. Die Statue stand vor St. Matthias in Trier und wurde jahrhundertelang von Pilgern mit Steinen beworfen – als Götzenbild.

(Sonderausstellung im Dommuseum Trier)

 

 

 

 

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Spitz(el)

Ein Spitzel ist, etymologisch gesehen, spitz, und zwar gleich in dreifacher Weise: Ein Spitzel ist spitz im Sinne von ‘listig’ (wie in spitzfindig und Spitzbube), ein Spitzel spitzt die Ohren, ein Spitzel ist wie ein Spitz, d.h. wie ein wachsamer und durch sein Kläffen denunzierender Hund. Das Wort spitz selbst ist abgeleitet aus Spieß, und auch das hat eine Reihe von Wörtern mit verächtlichem Beigeschmack hervorgebracht wie Spießgeselle oder Spießbürger. (Storfer, Adolf Josef: Wörter und ihre Schicksale. Zürich: Atlantis Verlag, 1981: 392-398)

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Der Barthasser

Er trage einen Bart wie ein Ziegenbock, sagt er von sich selbst. Dabei könne er doch sein Kinn glatt und zart haben wie die jungen Männer und damit bei den Frauen punkten. Und außerdem sei so ein Bart doch ausgesprochen störend beim Küssen und eine Wohnstatt für die Läuse. Aber damit nicht genug, er habe auch noch eine wilde Mähne auf dem Kopf und Haare auf der Brust. Er sei eben ein Banause, ungehobelt, rau, bäuerisch. Er, der Kaiser, gehe nicht ins Theater und nicht in den Zirkus. Bei ihm sei Schmalhans Küchenmeister, und er habe keine Heizung, selbst im Winter nicht. Damit habe er sich hier, in Antiochia, dieser dynamischen, modernen, prosperierenden Stadt, dieser Perle des Ostens, nur Feinde gemacht. Man verachte ihn wegen seiner Unkultiviertheit. Das schreibt, selbstironisierend, Kaiser Julian, einer der Nachfolger Konstantins auf dem römischen Kaiserthron. Und ironisch, ironischer geht es nicht, ist auch der Titel des Schreibens, mit dem er sich an die Antiochier wendet: MisopogonDer Barthasser. Bei aller Ironie, es ist ihm ernst mit seinem Schreiben, bei aller scheinbaren Selbsterniedrigung, die Verachtung beruht auf Gegenseitigkeit. Die Antiochier, findet Julian, sind oberflächlich und dekadent, sie geben riesige Summen für das Bankett am Maifest aus, aber für die Stadt, für das Gemeinwohl haben sie nichts übrig. Und dann ist da noch ihre Religion. Er, Julian, habe den hier grassierenden Atheismus bekämpft, er habe den wahren Glauben wiederaufleben lassen. Und tatsächlich: Julian ließ niedergerissene Tempel wiederaufbauen und sorgte für die Rückgabe des konfiszierten Tempelguts. Damit machte er das rückgängig, was die „Atheisten“ angerichtet hatten. Diese „Atheisten“, das waren – die Christen! Die waren für Julian die Abweichler, diejenigen, die den alten Götterglauben abgeschafft, die Gebote und Gebräuche der Vorväter missachtet hatten. Diese “Atheisten” rächten sich später an ihm, indem sie ihm den Beinamen verpassten, unter dem er bis heute bekannt ist: Apostata, der ‚Abtrünnige‘. (Julian Apostata: Der Barthasser, herausgegeben und übersetzt von Marion Giebel. Stuttgart: Reclam, 1999)

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Sprachtest

Das älteste Königsgrab der Kathedrale von Krakau ist das von Władysław I., „Władysław Ellenlang“. Der erfand einen Sprachtest zur Identifizierung der ungeliebten Ausländer: Man musste die polnischen Wörter für ‚Linse‘, ‚Rad‘, ‚mahlt‘ und ‚Mühle‘ aussprechen, soczewica, kolo, miele, młyn. Das, so glaubte man, könne kein Ausländer.  Bei der “Sizilianischen Vesper”, der Erhebung gegen die französische Herrschaft des Hauses Anjou, wurden die Feinde dadurch identifiziert, dass sie ciceri aussprechen mussten. Wenn sie das nicht konnten, ging es ihnen an den Kragen. Im Französischen gibt es kein /t∫/. Diese gruselige Art von Sprachtest hat ihren Vorläufer im Alten Testament (Richter 12,5-6). An der Furt des Jordans wurde jeder, der hinüber wollte, aufgefordert shiboleth zu sagen. Wer das nicht konnte, verriet sich als Ephraimit und wurde erschlagen. Die Ephraimiten kannten kein /∫/. Das Wort Schibboleth hat Eingang ins Deutsche und andere europäische Sprachen gefunden, mit der Bedeutung ‘Erkennungszeichen’, ‘Losung’. Mit dem Wort cicero hängt sowohl unsere Entsprechung, Kichererbsen, zusammen als auch der Name Cicero. (Storfer, Adolf Josef: Wörter und ihre Schicksale. Zürich: Atlantis Verlag, 1981: 373-374)

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Rabe und Rappe

Bett und Beet, schlaff und schlapp, Reiter und Ritter, Knabe und Knappe, Schneider und Schnitter, Statt und Stätte, feist und fett, Rabe und Rappe bedeuteten ursprünglich – dasselbe. In schweizerischen Bibelausgaben ersetzte man z.B. Luthers Raben durch Rappen. Beide Wörter verbreiteten sich, aus verschiedenen Mundarten kommend, über ein gemeinsames Sprachgebiet, mit derselben Bedeutung. Das sieht man auch an Rappen als Wort für die Schweizer Münze. Der Rappen war ursprünglich eine in Freiburg gepägte Münze mit einem Adlerkopf. Der Adler war aber nicht ohne Weiteres als solcher zu erkennen und wurde vom Volk als Rappen (also als Rabe) verspottet. (Storfer, Adolf Josef: Wörter und ihre Schicksale. Zürich: Atlantis Verlag, 1981: 356)

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Kermani Superstar

Alle Welt schwärmt von Kermani. Und er bekommt Preise über Preise. Muss doch gut sein, dachte ich. Was für eine Enttäuschung. Jedenfalls nach Große Liebe zu urteilen. Was für ein Schmarrn! Eine selbstverliebte, inkohärente, kitschige Beschreibung der ersten Liebe, in hundert Kapiteln. Die hundert Kapitel voll zu bekommen, aber auch nicht zu übertreffen ist ständiges Anliegen des Autors. Das teilt er mit dem geplagten Leser. Der muss sich dann immer wieder die Überlegung anhören, ob es denn jetzt nicht bald Zeit werde für den ersten Kuss oder die erste Nacht. Der Inhalt ist nervtötend, aber die Sprache ist kein bisschen besser. Es werden alle Register gezogen, aber völlig willkürlich und wild durcheinander. Mal hört sich der “Roman” wie ein Auszug aus dem Protokoll einer Stadtratsstzung an, mal wie ein Jugendbuch, mal wie ein Leserbrief, mal wie ein unbeholfener Liebesroman aus der Erotikabteilung. Die Satzstellung ist oft merkwürdig gezwungen, die Ausdrucksweise künstlich obsolet, dann wieder flapsig-modern. Zitate können die Qualität der Sprache besser belegen als Argumente:

  • … den der verdiente Orientalist Fritz Meier aus Basel in einer Studie zu Baha-e Walad … erwähnt (50)
  • … nahmen jene Schüler nicht für voll, die keinen Menschen je groß geliebt (49)
  • Den Wein, den sie vor ihrem Lachanfall getrunken und den Joint, den sie gemeinsam geraucht.  (50)
  • … die ihm mit dem Kuss endgültig zuteil geworden (54)
  • … tiefer vorgedrungen als je ein Sufi, der Bücher noch schrieb (48)
  • … dass alles Suchen seither Sehnsucht nur ist (48)
  • Aus gegebenem Anlass möchte ich … (82)
  • … bedarf keines Hinweises mehr (72)
  • Weil ich eine Dröhnung aus eigener Anschauung kenne … (82)
  • … nicht den geringsten Schimmer (80),
  • … einen mordsmäßigen Aufstand machte (86)
  • … weil ich das Bändchen besorgt und nach dreißig Jahren noch einmal studiert habe (72)
  • … das Prinzip von Ying und Yang, über das ich seither eine ganze Menge las (80)
  • … nach Marihuana mehr als nur roch (80)
  • … wodurch für die Verzweiflung immer noch vierzig Seiten blieben, und schlösse ich heute … die Wegstrecke ab (40)
  • Ich kann mich auch erinnern, dass er achtgab, mit seinem Hosenschlitz nicht an den ihren zu stoßen, weil sich der Stoff schlagartig auswölbte (32)

 

 

 

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Typisch ungarisch

Als die ungarische Bühenschauspielerin Franziska Gaal zum ersten Mal in einem deutschen Film mitwirkte, beschloss man, dass sie wegen ihres Akzents eine Ungarin darzustellen habe. Außerdem sollte der Film einen ungarischen Titel haben, und so machte man das “ungarischste” aller Wörter zum Titel des Films: Paprika. Nur ist Paprika gar kein ungarisches Wort: Es ist eine slawische Verkleinerungsform von gr. piperi, ‘Pfeffer’, und das geht wiederum auf altind. pippali, ‘Beere’, zurück. Wie wäre es denn mit Husar als Ersatz für das ungarischste aller Wörter? Husar ist eine südslawische Vermittlung aus dem Romanischen und eigentlich eine Doublette von Korsar. Und Pusta? Auch Pusta ist ein Lehnwort und enthält die slawische Wurzel pust, ‘leer’. Bliebe noch Csárdás, ein Wort, das sich in der ganzen Kulturwelt als ein Stück echten Magyarentums durchgesetzt hat. Aber auch mit dem Magyarentum von Csárdás ist es nicht weit. Es ist eine Ableitung von csárda, ‘Heideschenke’. Das Wort ist erst 1790 zum ersten Mal belegt und ist ein Lehnwort slawischer Herkunft. (Storfer, Adolf Josef: Wörter und ihre Schicksale. Zürich: Atlantis Verlag, 1981: 311-320)

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Dark Blue vs. Light Blue

The University Boat Race, the race between the universities of Oxford and Cambridge, is an annual national event in Britain. You watch the Boat Race even if you are not interested in rowing (or in sports, for that matter). 250,00 spectators watch from the banks of the river, the Thames, an estimated 15 million watch on TV. The race has been run since 1845. Cambridge have won 82 times, Oxford 79, but Oxford have won more frequently since 2000. Cambridge also have the longest unbeaten run in Boat Race history (1924-1936) and they also hold the course record: 16 minutes, 19 seconds (in 1998). Oxford were the winner of the closest race, winning by 30 cm only (in 2003). Curiously, the heavier crew is more likely to win (8 out of the last 11 races). There has been one dead heat, and six times a boat has sunk. The length of the course is 6.8 kilometres, and the race is rowed upstream and timed to coincide with the incoming flood, so that the crews are rowing with the fastest possible current. There are two different starting points: Middlesex and Surrey. There have been 75 wins from Middlesex Station and 73 from Surrey Station. Who starts from where is decided by tossing a coin. Though this is an essentially British event, the rowers come from a number of nations, six in 2013: UK, USA, Australia, Canada, New Zealand, Czech Republic. What all Britons know (but hardly a foreigner) is what the colours stand for: Dark blue stands for Oxford, Light Blue stands for Cambridge.

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Wunderbare Wortvermehrung

Zum ersten Mal machte mich ein Student darauf aufmerksam: Manchmal stammen verschiedene Wörter in unserer Sprache von ein und demselben Wort in einer anderen Sprache ab. Aus dem lateinischen bilanx stammen sowohl Bilanz (durch Vermittlung über das Italienische) als auch Balance (durch Vermittlung über das Französische). Es gibt unzählige solcher Doubletten: Keller und Zelle, Hospital und Hotel, Slawe und Sklave, proben und prüfen, Pacht und Pakt, Ziffer und Chiffre, Möbel und mobil, Teppich und Tapete, Metal und Medaille, Partei und Partie, Kerker und Karzer, Küste und Kotelett, Alarm und Lärm, Parabel und Parole, Zither und Gitarre, Trumpf und Triumph, Kumpan und Kompagnon, Major und Meier, Kompott und Kompost, Linie und Leine, Pulver und Puder, Kolonne und Kolumne usw. Damit nicht genug: Manchmal sind es sogar drei Wörter, die aus einem stammen: Teint, Tinte und Tinktur, Boutique, Bodega und Apotheke, Staat, Status und Etat. Das Beispiel, das mir der Student nannte, war auch so eine Triplette: Pfalz, Palast und Palais. (Storfer, Adolf Josef: Wörter und ihre Schicksale. Zürich: Atlantis Verlag, 1981: 271-274)

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Reines Bier?

Nach dem Reinheitsgebot von 1516 durften nur noch Hopfen, Gerste und Wasser verwendet werden beim Brauen. Und das hatte seinen Grund. Bis zum späten Mittelalter gab es Hopfen nur im Norden, im Süden wurde er durch Kräuter ersetzt. Darunter waren Schleihe, Wacholder, Kümmel, aber auch Stechapfel und Bilsenkraut, und die waren giftig. Außerdem bekam das Bier seine Farbe nicht immer durch den Hopfen, sondern auch durch Baumrinde oder Ruß. Das Reinheitsgebot war also dringend notwendig. Es war eine gesundheitspolitische Maßnahme. Aber auch eine wirtschaftliche. Dadurch, dass nur noch Gerste verwendet werden durfte, verhinderte man, dass Weizen zum Einsatz kam. Denn den brauchte man für das Brot.  Auf das Reinheitsgebot schwört jeder deutsche Biertrinker. Hört sich ja auch gut an. Aber das Reinheitsgebot hat seine Tücken. Das alte Reinheitsgebot war eher ein Verbraucherschutzgesetzt oder ein Drogengesetz. Das Problem beim Bier war nämlich, dass es viel Nachfrage und nicht genug Rohstoffe gab. Deshalb wurde gepanscht, und das ging auf Kosten der Gesundheit. Und das Reinheitsgebot kannte immer schon Ausnahmen. Auch wenn gesagt wird, es bestehe schon seit 500 Jahren. Schon bald nach dem Gesetz von 1516 wurden wieder Salbei, Koreander und Lorbeer erlaubt. Und Ausnahmen gab es auch später immer wieder. Und den Begriff Reinheitsgebot gibt es sowieso erst seit dem 19. Jahrhundert. Auch heute gibt es in Deutschland Ausnahmen vom Reinheitsgebot. Auf Antrag kann man historische Biere brauen, die ohne Beachtung des Reinheitsgebots gefertigt werden. Das Reinheitsgebot verstößt vermutlich auch gegen EU-Recht, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die erste Klage dagegen eingereicht wird. Bis dahin kann es aber dazu kommen, dass ausländische Biere in Deutschland prämiert werden, aber nicht vertrieben werden können. Absurd.  (“Nationalmythos Bier”, in: SWR 2 Forum: 21/04/2016)

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Unerhört

Wapiti sind die größten Hirsche der Erde. Angesichts ihrer Körpermaße sollten sie tiefe, röhrende Töne ausstoßen. Größere Tiere tendieren zu tieferen Tönen, kleinere zu höhern. Das nennt man Allometrie. Das ist aber bei den Wapiti nicht der Fall. Die Wapiti produzieren hohe, pfeifende Töne. Forscher aus Essex wollten der Sache auf den Grund gehen. In Neuseeland gibt es eine Zuchtstation für Wapiti, und da konnten sie die Tiere aus nächster Nähe aufnehmen. Bei der Analyse der Tondaten gab es eine Überraschung: Jedesmal, wenn man ein Wapiti hörte, mit seinen hohen Tönen, hörte man auch einen Rothirsch, mit seinen tiefen Tönen. Nur: Es gab dort gar keine Rothirsche. Die Erklärung: Die Wapiti selbst produzieren sowohl die hohen als auch die tiefen Töne. Jetzt versuchen die Forscher herauszufinden, wie und warum die Wapiti beide Töne ausstoßen. Es gibt aber noch eine andere Frage, die über das Thema hinausgeht: Warum haben andere Studien das Röhren der Wapiti nicht beachtet, sondern immer nur das hohe Tuten behandelt? Beide Töne waren in den Daten präsent, aber die Forscher haben den tiefen Ton nicht bemerkt. Das wirft ein interessantes Licht auf die Wissenschaft: Wir sehen nur das, wonach wir suchen. Wenn man aber einmal weiß, dass es da ist, kann man das Röhren der Wapiti nicht mehr überhören. (Haas, Lucian: “Das Paradoxon der Wapiti. Hirschruf mit Doppel-Effekt”, in:  DLF 21/04/2016) 

 

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Das große Zittern

Wie fängt man einen Zitteraal? Ohne deren elektrische Schläge zu bekommen? Humboldt lernte es auf seiner Amerikaexpedition von den Indianern. Sie trieben Pferde in den Bach, die die Zitteraale aufstörten und von denen elektrische Schläge empfingen, bis deren elektrische Energie aufgebraucht war. Dann wurden sie von den Indianern gefangen. (Meyer-Abich, Adolf: Alexander von Humboldt. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 131998: 78)

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Haarscharf daneben

Lerner von Fremdsprachen, von ihrem Lehrer aufgefordert, langsamer zu sprechen, um Fehler zu vermeiden, machen tatsächlich mehr Fehler! Das nur eine von vielen Erkenntnissen in einer Präsentation in einem Seminar. Eine weitere: In Kanada lebende Russen, die spezielles Training erhielten, um die englischen Konsonanten zu aspirieren, schnitten am Ende schlechter ab als die, die kein spezielles Training erhielten! Chinesen, Polen und Spanier waren der Meinung, ihre Landsleute besser zu verstehen als die anderen, wenn sie Englisch sprechen, aber als sie die Texte transkribieren sollen, stellt sich heraus, dass sie die anderen gleich gut verstehen, dass es eher auf den individuellen Sprecher ankommt. Eine vietnamesische Englischlehrerin, verzweifelt, als ihre Schüler nach speziellem Training nicht mehr fee statt feet, sondern fees statt feet produzierten, wurde von einem erfahreneren Kollegen getröstet, der sagte, hier liege tatsächlich Fortschritt vor – die Silbenstruktur sei nun richtig. Der Wert, der einer guten Aussprache beigemessen wird, wenn Muttersprachler die Kompetenz von Ausländern bewerten, ist ausgesprochen hoch. Dem wird der Sprachunterricht nicht gerecht. Gute Aussprache ist in dieser Hinsicht vergleichbar mit einer guten Handschrift. (Derwing Tracey M. & Murray J. Munro: Pronunciation Fundamentals. Evidence-based Perspectives for L2 Teaching and Research. Amsterdam & Philadelphia: John Benjamins, 2015)

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Keltische Pinguine

Was haben die Pinguine mit den Kelten zu tun? Oder die Kelten mit den Pinguinen? Eigentlich gar nichts. Und doch scheinen die Pinguine einen keltischen Namen zu haben. Das Wort ist abgeleitet, wie es scheint, von keltisch pen gwyn, ‘weißer Kopf’. Das kam so. Als die europäischen Entdecker den Pinguinen begegneten, erinnerten sie die Vögel an die heimischen Alke und sie gaben ihnen denselben Namen. Noch heute bezeichnet fran. pingouin sowohl den Alk als auch den Pinguin. Dabei haben die Tiere nichts miteinander zu tun. Pinguine kommen nur auf der Südhalbkugel vor, Alke nur auf der Nordhalbkugel. Pinguine sind Flossentaucher, Alke Flügeltaucher. Alke können fliegen, Pinguine nicht. Sie sind nicht miteinander verwandt.  Aber das wussten die europäischen Forscher nicht. Andererseits sind sie auf den ersten Blick ähnlich, vor allem in der Körperhaltung, und das sahen die europäischen Forscher natürlich. Daher der Name.  Und es störte sie auch nicht, dass die Pinguine schwarze Köpfe haben, keine weiße, wie die Alke. So heißen Vögel mit schwarzen Köpfen ‘Weißkopf. Aber wir sprechen ja auch von einer Plombe, obwohl die oft auch Gold oder anderen Materialien ist und nicht aus Blei. Und auch Gulden waren meistens nicht aus Gold. (Storfer, Adolf Josef: Wörter und ihre Schicksale. Zürich: Atlantis Verlag, 1981: 118-119)

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Waterloo Teeth

Nach der Schlacht von Waterloo wurde das Schlachtfeld von Zahnärzten heimgesucht. Sie brachen den Toten die Zähne aus. Prothesen wurden damals aus Elfenbein gemacht. Das hatte viele Nachteile: Sie waren glänzend weiß, zerbrechlich und knirschten. Menschliche Zähne waren also gesucht. Und so viele wie auf dem Schlachtfeld von Waterloo gab es sonst nicht. Aus den Zähnen der gefallenen Soldaten entstanden also Prothesen. Ein Paar davon gibt es so gebracuthe machte man aus den Zähnen der gefallenen Soldaten Aus ihnen stellte man Es gab keine künstlichen Zähne, und so stellte man aus den Zähnen der toten Soldaten Prothesen her. Im Deutschen Historischen Museum gibt es ein Exemplar dieser Zähne zu sehen. Sie heißen Waterloo Teeth. (“Vom Siegeszug einer Niederlage”, in: SWR 2 Forum 11/06/2015)

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Königin Olga

Im Osten Thessalonikis befindet sich das Hotel Queen Olga. Auch die Straße ist nach ihr benannt. Was hat eine Olga in Griechenland zu suchen? Sie war eine Romanowa, eine Nichte Alexanders II. Sie kam nach Griechenland, nachdem ihr späterer Ehemann, Georg, zweimal in einem Abstand von Jahren nach Petersburg gereist war, einmal, um sich bei Alexander für Wahlkampfhilfe zu bedanken, einmal, um seine Schwester, die inzwischen hier verheiratet war, zu besuchen. Er nahm sie mit als seine Ehefrau, als Königin. Sie war für ihr karitatives Engagement bekannt und geschätzt. Sie machte dann einmal bei einem Besuch von verwundeten Soldaten die Entdeckung, dass die die Bibel nicht lesen konnten, weil die in Koiné verfasst war. Sie setzte sich daraufhin für Übersetzungen in Katharevousa ein und veröffentlichte ohne Genehmigung eine eigene Übersetzung des Neuen Testaments! Das führte zu Unruhen, zu Aufständen, zum Sturz der Regierung, zur Abdankung des Bischofs und zur Forderung, sie müsse exkommuniziert werden! Am Ende wurden sämtliche Übersetzungen aus dem Verkehr gezogen und weitere Veröffentlichungen verboten!

 

 

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Zwangsverheiratung

In Rom musste man sich, wenn man noch nicht alt war, nach einer Scheidung oder nach dem Tod des Ehegatten wiederverheiraten, per Gesetz (Lex Julia de maritandis ordinibus).  Das galt nur für die Angehörigen der höheren Stände. Man musste einen gesellschaftlich ebenbürtigen Ehepartner heiraten. Ehe- und Kinderlose waren bei Bewerbungen um öffentliche Ämter stark benachteiligt, und auch in vermögensrechtlichen Fragen. Der Staat reagierte damit auf die Ehemüdigkeit der höheren Stände und den damit verbundenen Bevölkerungsrückgang. Der Staat griff in die Intimsphäre der Bürger ein, er wurde zum “Übervater”. (Giebel, Marion: Ovid. Reinbek bei Hamburg, 52003: 31-32)

 

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Gender Studies vor Paläontologie

2011 gab es 173 Genderprofessuren an deutschen Universitäten und Fachhochschulen.  Sie sind fast ausschließlich von Frauen besetzt. Die Slawistik mit 100 Professuren ist längst überholt worden. Seit 1997 hat die Paläontologie 21 Professuren verloren, die Genderforschung 30 hinzugewonnen.  (Martenstein, Harald: „Schlecht, Schlechter, Geschlecht“, in: Zeitmagazin 24/2013: 12-19)

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Trauriger Ritter?

Cervantes’ größtes Werk: Persiles. So fand es jedenfalls – Cervantes. Und seine Mitwelt teilte diese Meinung! Auch die Romantiker waren begeistert. Die meisten anderen finden das Buch schwer erträglich, und Menéndez Pelayo schrieb das Buch der “senilen Schwäche” von Cervantes zu. In der allgemeinen Wahrnehmung aber ist Don Quijote sein größtes Werk. Dessen Rezeption begann in Frankreich. Dort wurde es in erster Linie als Satire gesehen, als Satire auf Spanien, das damals noch eine Weltmacht war, aber gerade von Frankreich überholt wurde. Da “passte” es gut, ein Buch zu haben, das den Konkurrenten schlecht aussehen ließ. Von Cervantes’ Kunst hielt man nicht so viel. Das war in England anders. Dort begegnete man dem Quijote ohne kulturpolitische Scheuklappen. Man schätzte den vielschichtigen Humor Cervantes’, aber gerade in England wurde auch die humorvolle Schale des Quijote geknackt. In Russland verschob sich dann die Bewertung vom Ästhetischen zum Psychologischen und zum Religiösen. Don Quijote verkörperte den Glauben, den Glauben an etwas Ewiges, Unerschütterliches, Wahres. Don Quijote wurde zum “Gottesnarren”.  (Dietrich, Anton: Cervantes. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1984: 110-123)

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Knapp daneben

Bei Umberto Eco (Name der Rose) sagt der Autor in der Rahmenerzählung, er habe auf der Fahrt von Wien nach Melk mehre große Hefte mit einer Rohübersetzung gefüllt. Dabei ist die Fahrtzeit nicht viel mehr als eine  Stunde. Bei Garcia Márquez (Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt) hat der Oberst keinen Rasierspiegel. Gerade das gilt als Kennzeichen seiner Armut. Wenig später hat er dann einen Rasierspiegel. Bei Thomas Bernhardt (Watten) findet dasselbe Ereignis einmal am 11. September, einmal am 13. September, einmal Ende September statt. Und bei Homer wird Pylaimenes von Menelaos getötet und verlässt später das Schlachtfeld Tränen vergießend an der Seite seines getöteten Sohnes. (Bannert, Herbert: Homer. Reinbek bei Hamburg, 51992. 15-20)

 

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Erholsamer Vortrag

Für Friedrich Wilhelm IV., den begabten und an akademischen Themen interessierten Monarchen, waren Humboldts Vorträge ein echtes Bedürfnis, Friedrich Wilhelm III. boten sie in erster Linie die Möglichkeit, ein Nickerchen zu machen.  (Meyer-Abich, Adolf: Alexander von Humboldt. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 131998: 116)

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Verbürgter Name

Von Homer weiß man nicht viel, aber doch etwas, entgegen der landläufigen Auffassung. Auch seinen Namen, seinen Künstlername sozusagen, kann man erklären. Ein hómāron ist ein ‘Pfand’, eine ‘Geisel’, und hómēron ist die ionische Form dieses Wortes. Ein hómāros ist also ein ‘Bürge’, und dieser Name lässt auch auf die Herkunft seines Trägers schließen. Nur ein vornehmer Bürger war imstande, eine Bürgschaft zu übernehmen. (Bannert, Herbert: Homer. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1992: 34)

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Latein und Deutsch

Vor etwa 1000 Jahren bekam das Deutsche einen ungeheuren Schub. An Burgen und anderen Adelssitzen wurde Literatur verfasst, in den Städten wurde Recht kodifiziert, wurden Beschreibungen von Tieren und Pflanzen verfasst, wurden medizinische Abhandlungen verfasst. Die Zahl der Sprecher nahm stark zu. Die Zahl der Städte wurde größer (auch infolge der Kolonisation des Ostens) und die Zahl der Einwohner der Städte wurde größer. Und dennoch wurde erst am Ende der mittelhochdeutschen Zeit die 50%-Marke erreicht. Erst dann wurde die Hälfte der Texte auf Deutsch verfasst. Die andere Hälfte immer noch auf Latein. (Casemir, Kirsten & Fischer, Christian: Deutsch. Die Geschichte unserer Sprache.Darmstadt: WBG, 2013: 27-29).

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Sichtbar oder unsichtbar?

Uta Brandes, Professorin für Gender und Design in Köln, hat vorgeschlagen, für die englischen Wörter teacher und professor, die für beide Geschlechter gelten, ein weibliches Pendant einzuführen, teacheress and professoress. Frauen müssten in der Sprache sichtbar sein, lautet das Argument. In England wird aber genau die umgekehrte Folgerung gemacht: Geschlechterunterschiede sollen nicht sichtbar sein, das Geschlecht soll keine Rolle spielen.  Also sollen geschlechtsspezifische Formen wie authoress aus der Sprache verschwinden. (Martenstein, Harald: „Schlecht, Schlechter, Geschlecht“, in: Zeitmagazin 24/2013: 12-19)

 

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Schillernder Begriff

Schiller sollte zu seinem Ärger eine medizinische Doktordissertation schreiben. Wie weit er kam, weiß man nicht. Aber er hat nie seinen Doktor gemacht. Dennoch legte er sich in seiner unbekümmerten Art und damaligem Beispiel folgend, diesen Titel gelegentlich bei. (Burschell, Friedrich: Schiller. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt: 33)

 

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Nahe beieinander

Vergleicht man das Wort für ‚Nase’ in verschiedenen europäischen Sprachen, ist die Verwandtschaft leicht erkennbar:

  • Nase, nose, näsa, nariz, naso, nez, μύτη, нос

Beim ‚Kopf‘ sieht die Welt nicht mehr ganz so wohlgeordnet aus:

  • Kopf, head, huvud, cabeza, testa, tête, κεφάλι, голова́

Das liegt daran, dass einige Sprachen ihr altes Wort abgestoßen und durch ein anderes, ursprünglich umgangssprachliches ersetzt haben, wie testa und tête, die ursprünglich ‘Scherbe‘ bedeuteten, oder wie Kopf, das, mit cup verwandt, das alte Wort Haupt ersetzt (das mit head übereinstimmt). Es ist also mehr Gemeinsames da, als man meint.

Und dann kann man sich grammatische Wörter ansehen wie Personalpronomen, und die Übereinstimmung ist geradezu verblüffend:

  • ich, I, jag, yo, io, je, εγώ, я
  • mich, me, mig, me, mi, me, με, меня́
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Trümmer beseitigt

Ich habe es immer geahnt, jetzt wird die leise Ahnung durch eine Publikation bestätigt: Die Trümmerfrauen sind ein deutscher Mythos. Die sollen nach dem Krieg selbstlos und unermüdlich die Städte wiederaufgebaut haben. Es ist eine Inszenierung. Leonie Treber ist die Sozialhistorikerin, die damit aufgeräumt hat. Frauen räumten nur einen Teil der Trümmer weg, das meiste machten Menschen und Maschinen. Die meisten Frauen waren in Berlin und der sowjetischen Zone im Einsatz, und sie machten das nicht freiwillig. Trümmerarbeit war stigmatisiert, eine Strafarbeit, wie sie es auch in der NS-Zeit gewesen war. Später suchte man Freiwillige und verpflichtete Arbeitslose, aber die waren alle nur für eine sehr beschränkte Zeit im Einsatz. Das heutige Bild wurde durch eine Medienkampagne geprägt, mit gestellten Bildern, vorteilhaften Einstellungen und geschminkten Frauen. Die Frauen selbst sahen ihre Arbeit nicht als heldenhafte Tat an. (Lueg, Andrea: “Wer Deutschland wirklich vom Schutt befreite”, in: Andruck, DLF: 09/02/2015) 

 

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Folgenschwerer Gang

Angeborene Geschlechtsunterschiede zwingen uns zu nichts und verwehren uns keine Option. Der Geschlechtstrieb ist angeboren, aber man kann enthaltsam leben oder sich für das Zölibat entscheiden. Dennoch gibt es beobachtbare Geschlechtsunterschiede. Deren Wurzel sind, der Psychologin Doris Bischof-Köhler zufolge, 400 Millionen Jahre alt. Als unsere Vorfahren an Land gingen, wurden Samen und Eizellen nicht mehr dem Meer anvertraut. Die Weibchen übernahmen die Bürde der inneren Befruchtung. Seitdem können sie erheblich weniger Nachkommen in die Welt setzen als die Männchen. Das bedingt eine permanente Konkurrenzsituation zwischen den Männchen. Und die hat einen Selektionsdruck ausgelöst, zu dem es bei dem weiblichen Geschlecht keine Entsprechung gibt. Alle wesentlichen Geschlechtsunterschiede leiten sich letztlich aus dieser Asymmetrie ab. Männchen ertragen Konkurrenzsituationen, haben Freude daran, lassen sich nicht entmutigen, gehen Risiken ein,  etablieren Rangordnungen, bilden Seilschaften, bis bessere Bedingungen eintreten. Das ist der folgenreichste Geschlechtsunterschied. Er bedingt, dass Männer immuner gegen Selbstzweifel sind und leichter Karriere machen. (Raether, Elisabeth: “Keine falschen Schlüsse ziehen”. Interview mit Doris Bischof-Köhler, in: Zeitmagazin 24/2013: 20-21)

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Armes Land?

Armut ist ein Faktum. Auch in entwickelten Ländern. Auch in Deutschland. Aber Armut ist relativ. Georg Cremer, Vorsitzender der Caritas, plädiert für eine differenzierte Sicht der Armut. Über steigende Armut zu klagen, ist notwendig. Aber man solle auf Problemlösungen fokussieren. Die kurzfristige Eruption folgenloser Empörung, die man immer wieder erlebe, schade dem Umgang mit der Armut. Wenn man sagt, 15 Millionen Menschen in Deutschland lebten unter der Armutsschwelle und daneben Bilder von Menschen zeigt, die auf der Straße leben oder im Müll nach Essen suchen, dann verfälscht man die Situation. Die Schwelle zur Armut liegt je nach Berechnungen zwischen 915 und 1050 €. Deshalb sind die meisten Studenten und Auszubilidende,  die nicht zuhause wohnen, in der Armutsstatistik. Sie sind relativ arm, aber nicht absolut arm. Das wird in der Öffentlichkeit aber anders wahrgenommen. Armut wird auch daran gemessen, dass Menschen Hilfe bekommen. Aber es ist kein Ausdruck sozialer Härte, wenn Menschen Hilfe bekommen. Dass es Tafeln gibt, ist nicht an sich besorgniserregend. Der Harzt-IV-Empfänger, der zur Tafel geht, handelt rational. Er spart sein Geld für andere Dinge. Und nach dem Krieg hätte man gar nicht so viele Tafeln betreiben können, weil man damals nicht so viele Lebensmittel weggeworfen hat. Die empirischen Fakten geben ein anderes Bild ab als die öffentliche Wahrnehmung. Wenn man sagt, der Anteil der Armen unter den Arbeitslosen sei gestiegen, dann kann man das beklagen. Man kann es aber auch positiv wenden: Der Anteil der Arbeitslosen mit Hartz IV unter allen Arbeitslosen ist gestiegen, weil die anderen eine Arbeit gefunden haben. (Bohsem, Guido & Öchsner, Thomas: “Es wäre völlig abstrus, Kalkutta mit Deutschland zu vergleichen”. Interview mit Georg Cremer, in: Süddeutsche Zeitung 35/2016: 22)

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Docendo dicitur

Schiller, der große Dichter, hatte Medizin studiert und war Professor für Geschichte! Als er den Ruf nach Jena erhielt, zögerte er, weil er glaubte, er könne den Anforderungen eines Lehramtes nicht gewachsen sein. Goethe entgegnete auf seine Bedenken: Docendo dicitur – Lehrend lernt man. (Burschell, Friedrich: Schiller. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt: 94-95)

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Naturtrieb

Die Romantiker begeisterten sich für die Zigeunerin aus den Novelas Ejemplares von Cervantes. Sie wurde zum Urbild der Zigeunerin, wie sie dann immer wieder in der europäischen Literatur auftauchte, Sinnbild für Urwüchsigkeit, Naturverbundenheit, Freiheit. Das Problem war nur, dass sie gar keine Zigeunerin war, sondern als Kind vornehmer Eltern von Zigeunern entführt worden war und später auch wieder in die bürgerliche Welt zurückkehrte. Wenn einem eine Vorstellung gefällt, übersieht man schon mal gerne die Wirklichkeit. (Dietrich, Anton: Cervantes. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1984: 1o4)

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Guillotine am Morgen

Das Deutsche ist bekannt für seine Fertigkeit, Komposita zu bilden. Dabei kommen oft Ungetüme heraus oder gesuchte Beispiele, die im Sprachgebrauch kaum vorkommen, aber auch ganz “normale” Formen, bei denen die Sprecher kaum den Eindruck haben, dass da etwas Besonderes daran ist: Europameisterschaftsqualifikationsspiel. Eins der extravagantesten Wörter bezeichnet eins der extravagantesten Objekte, den Eierschalensollbruchstellenverursacher. Das sind Geräte für Menschen, die zu faul, zu schwach oder zu ungeschickt sind, ihr Frühstücksei mit dem Messer zu köpfen.

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Männerliebe?

Alexander von Humboldt blieb sein Leben lang unverheiratet. Er hatte einige geradezu leidenschaftliche Freundschaften zu einigen Männern. Daraus ist gefolgert worden, dass er homosexuell war. Das wird mit den schwärmerischen Worten vieler Briefe an die Freunde begründet. So zu denken, bedeutet aber, mit heutigen Maßstäben zu messen. Damals war ein solcher Ton in Briefen zwischen Freunden gang und gäbe. Freundschaft galt als hohes Ziel und wurde manchmal sogar über Liebe gestellt. Auch in den Briefen an seine Freundinnen finden sich bei Humboldt ähnlich exaltierte Passagen. Aber auch hier blieb es bei der Freundschaft.  (Meyer-Abich, Adolf: Alexander von Humboldt. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 131998: 47)

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Ärztin gegen Ingenieur

Das Geschlechterparadox besteht darin, dass sich in freien Gesellschaften mit ausgeprägten Frauenrechten nicht weniger, sondern mehr Frauen für angeblich typisch weibliche Berufe entscheiden. Sie werden, ohne Druck, lieber Ärztin, Lehrerin oder Journalistin als Ingenieurin oder Patentanwältin. Ein ähnliches Paradox war in den Kinderläden der 68-Bewegung zu finden. Dort war strikte Gleichbehandlung von Mädchen und Jungen angebracht. Aber die Jungen dominierten dort die Mädchen viel stärker als in herkömmlichen Kindergärten. (Martenstein, Harald: „Schlecht, Schlechter, Geschlecht“, in: Zeitmagazin 24/2013: 12-19)

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Feindliches Ausland

Während seiner Zeit in Diensten des Herzogs von Württemberg, als Militärarzt in Stuttgart, war Schiller jeder Verkehr mit dem “Ausland” verboten. Damit war Mannheim gemeint. (Burschell, Friedrich: Schiller. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt: 34)

 

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Vielbeinig

Der griechische Tausendfüßler, σαρανταποδαρούσα, hat nur vierzig Füße! Ebenso der russische: сороконожка, und der türkische, kırkayak. Der spanische, ciempiés, hat dagegen hundert, ebenso wie der englische, centipede! Der französische, mille-pattes, hat dagegen tausend wie der deutsche und der italienische, millepiedi. Der schwedische, mångfotingar, hat einfach viele! Soweit der alltagssprachliche Gebrauch. Das Auftauchen von hundert und tausend hat seinen Grund. Es gibt tatsächlich Centipedes und Millipedes, aber es sind unterschiedliche Tiere! Der Körper ist bei beiden in Segmente geteilt, wie bei einer Fahrradkette, und jedes Segment hat eigene Füße. Aber bei den Centipedes hat jedes Segment ein Paar Füße, bei den Millipedes zwei Paar. Weder die einen noch die anderen haben genau hundert oder genau tausend Füße. Es gibt Centipedes, die gerade mal 15 Paare haben, andere haben bis zu 177. Die Millipedes haben gar nicht viel mehr, meist zwischen 20 und 80 Paare (auch wenn es im tropischen Afrika eine Art gibt, die 375 hat). In ihrem Verhalten sind die beiden ganz unterschiedlich: Centipedes sind Fleischfresser und gehen auf Jagd. Deshalb müssen sie schnell sein, und sind es auch. Das erste Paar Füße ist zu Fängen ausgebildet, die Gift enthalten. Das wird zur Verteidigung eingesetzt, aber auch zur Überwältigung der Beute. Millipedes sind im Allgemeinen Vegetarier, jedenfalls jagen sie nicht. Deshalb können sie sich Zeit lassen. Pflanzen und tote Dinge bewegen sich nicht. Sie sind viel langsamer als die Centipedes! Auf die Zahl der Füße kommt es nicht an. (Exploring Life Science. New York u.a.: Marshal Cavendish, 2000: 168-169;  Eaton, Eric R. & Kaufmann, Kenn: Kaufman Field Guide to Insects of North America. New York: Hillstar Editions, 2007: 26-27)

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Wissenschaft. Natürlich

In der Physikalischen Gesellschaft, die 1789 in Berlin gegründet wurde, waren Geographen, Mediziner und vor allem Biologen vertreten. Mit Physik im engeren Sinne hatte das nichts zu tun.  Die Bedeutung von physikalisch war einfach  ‘naturwissenschaftlich’.  (Meyer-Abich, Adolf: Alexander von Humboldt. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 131998: 29)

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Naive Dichtung?

Über naive und sentimentale Dichtung ist der Titel eines großen Essays von Schiller. Darunter können wir uns heute wenig vorstellen. In moderner Terminologie würde es vermutlich heißen Über das Verhältnis von Realismus und Idealismus. (Burschell, Friedrich: Schiller. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt: 134)

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Kleiner Eingriff

Geschlecht ist nur erlernt. Um diese These zu beweisen, befreite John Money, amerikanischer Sexualforscher, den zweijährigen Bruce Reimer von seinem (bei der Beschneidung beschädigten) Genital und ließ ihn als Mädchen aufwachsen.  Kastration und Herstellung von Schamlippen konnten als “Therapie” durchgehen. Alice Schwarzer rühmte das Experiment als eine der wenigen Forschungen zum Geschlechterverhältnis, die nicht manipulieren, sondern aufklären. Der erwachsene Reimer ließ die Umwandlung rückgängig machen und nahm sich das Leben. (Martenstein, Harald: „Schlecht, Schlechter, Geschlecht“, in: Zeitmagazin 24/2013: 12-19)

 

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Altherrenclub?

Marguerite Yourcenar wurde als erste Frau in die Académie Française aufgenommen, damals eine konservative, wenn auch prestigeträchtige Altherrenversammlung. Als der Vorschlag gemacht wurde, gab es einen Aufruhr. Fast alle vierzig Mitglieder waren dagegen. Es wurde ironisch argumentiert, man wolle es ihr ersparen, unter lauter alten Männern alt zu werden. Jean d’Ormesson, der sie vorschlug, hatte zur Verteidigung seines Vorschlags, wie er selbst später sagte, auch keine sehr “eleganten” Begründungen vorgebracht: Marguerite Yourcenar sei zwar eine Frau, aber keine sehr weibliche, und außerdem werde sie vermutlich ohnehin nicht sehr häufig kommen. Marguerite Yourcenars Biographie machte die Entscheidung nicht leichter: Sie war in Brüssel geboren, war amerikanische Staatsbürgerin geworden (erst wegen der Aufnahme in die Académie Française nahm sie wieder die französische Staatsbürgerschaft an), und sie lebte mit einer Frau zusammen. Sie wurde trotzdem gewählt. Ihr Künstlername ist ein Anagram ihres bürgerlichen Namens, Crayencour.

 

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Was Frauen wünschen

Aphrodite ist mit Hephaistos vermählt. Er steht für handwerkliche Kunstfertigkeit, für technisches Know-how, für schöpferische Phantasie. Das Zepter des Zeus ist sein Werk, ebenso die Ägis oder der Wagen des Helios, vor allem aber der Schild, den er in einer Nacht für Achilles herstellt. Mit Hephaistos und Aphrodite vereinen sich höchste Vollendung in der Kunstfertigkeit und höchste Vollendung in der Liebe. Und was macht Aphrodite? Sie geht fremd. Mit Ares, dem Kriegsgott! Dämonische, urtümliche, vom Menschen kaum zu kontrollierende Mächte sind hier am Werk. (Bannert, Herbert: Homer. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1992: 100-103)

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Nützliche Götter

Expedit esse deos et, ut expedit, esse putamus – Es ist nützlich, dass es Götter gibt, und da es nützlich ist, wollen wir daran glauben. So fand es Ovid. Klingt zynisch. Aber die Religion bedeutete ein stabilisierendes Element im Leben der staatlichen Gemeinschaft, und das wurde als notwendig empfunden nach den traumatischen Erfahrungen des Bürgerkriegs. Religion war einfach nützlich. Gesinnungsschnüffelei wurde nicht betrieben. Jeder konnte seine Teilnahme an Festen und Riten als Traditionspflege verstehen und als Wahrung eines kulturellen Erbes. (Giebel, Marion: Ovid. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 52003: 96-97)

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Sprachgeschichte

Jefferson plädierte dafür, dass an der von ihm gegründeten Universität Virginia in Charlottsville nur “nützliche Wissenschaften” studiert werden sollten. Eine Professur für Theologie gab es nicht. Zu den “nützlichen Wissenschaften” zählte dagegen auch Altenglisch. (Nicolaisen, Peter: Thomas Jefferson. Reinbek: Rowohlt, 1995: 132)

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Totenreich

420.000 amerikanische Soldaten fielen im 2. Weltkrieg, 620.000 im Amerikanischen Bürgerkrieg. In Vietnam fielen 58.000, in Afganistan und im Irak 6.600.  (Piper, Nikolaus: „Revolution ohne Anführer“, in: Süddeutsche Zeitung 297/2015: 25)

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Echt falsch

Im 2. Teil des Don Quijote begegnet Don Quijote – Don Quijote! Der zweite Don Quijote schaut in Gesellschaft von Sancho und der einiger Freunde auf den ersten Don Quijote. Er erlebt ihn als Kunstwerk und kommentiert und kritisiert ihn. Fiktion steht im Gegensatz zur Wirklichkeit, die aber selbst auch Fiktion ist.  Das wiederholt sich, als Don Quijote Lesern des Don Quijote des Avellaneda begegnet und ihnen versichert, ihr Don Quijote sei nicht real. Er sei der wahre Don Quijote. (Dietrich, Anton: Cervantes. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1984: 118-119)

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Getisch lernen!

In der Verbannung in Tomi, am Schwarzen Meer, erlebte Ovid sein blaues Wunder: Die Menschen dort sehen abenteuerlich aus: Sie tragen Felljacken und lederne Hosen gegen die Kälte, spitze Mützen und Kapuzen. Die Einheimischen, die zum Markt in die Stadt kommen, sind Nomaden. Der Dolch an der Seite wird oft gezückt. Latein spricht kaum jemand, das Griechische ist mit getisch-sarmatischen Wörtern vermischt und klingt ihm fremd, ist oft unverständlich. Die lingua franca ist Getisch. Die versteht er nicht. Angesichts der Lage fühlt er sich beargwöhnt und verfolgt, von Feinden umgeben. Im Laufe der Zeit wird das Verhältnis besser. Ovid lernt Getisch und dichtet sogar in der Sprache. (Giebel, Marion: Ovid. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 52003: 119)

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Frauenversteher?

Eine Frau begehrt ihren Vater, eine Frau begehrt ihren Bruder, ein Mädchen, als Junge aufgezogen, verliebt sich in ein Mädchen, eine Frau begehrt den Anführer der gegnerischen Armee und verrät ihr Heimatland und opfert dabei ihren Vater. Menschen, die im Zwiespalt leben, ein Zwiespalt zwischen Leidenschaft und Vernunft, zwischen Trieb und Norm. Verborgene Seelenbereiche werden durchleuchtet, und die Frage wird gestellt: Was ist natürlich, was ist Konvention bei jenem komplexen Gefühl, das man “Liebe” nennt? Das sind moderne Motive, sollte man meinen. Aber neu sind sie nicht. Alles steht bei Ovid: Myrrha und Biblis, Iphis und Skylla heißen die Figuren. Ovid – ein Frauenversteher? (Giebel, Marion: Ovid. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 52003: 60-61)

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Da ist der Wurm drin

Glühwürmchen sind keine Würmchen, keine Würmer. Trotzdem gibt es für das Wort eine Erklärung, eine Erklärung, die so einfach und naheliegend ist, dass man sich wundert (und ein bisschen ärgert), dass man nicht selbst darauf gekommen ist: Das Wort Wurm hat einfach seine Bedeutung verändert. Es bedeutete früher ‘Käfer’ oder ganz allgemein ‘Insekt’.  Etymologisch ist es auch verwandt mit engl. vermin, ‘Gewürm’, und mit schwed. orm, ‘Schlange’. Diese Bedeutung ist wiederum im Gebrauch von Wurm in älteren Bibelübersetzungen zu finden, wo es sich z.B. auf die Schlange im Garten Eden bezieht. Und dazu passt dann wiederum der Lindwurm.

 

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Dickmacher?

Dicke Kellner stimulieren den Konsum: Bei dicken Kellnern bestellen Gäste viermal häufiger einen Nachtisch und 17% mehr alkoholische Getränke. Dicke Kellner sind eine gute Investition für Wirte. (DLF 5. Januar 2016)

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Fest-Tag

Die Amerikanerin Anna Marie Jarvis wollte 1908 ihre eigene Mutter ehren, weil sie ihr Leben der Wohltätigkeit gewidmet hatte. Das war der Beginn der Muttertags. Später, als der Tag längst kommerzialisiert war, setzte sie sich für seine Abschaffung ein. Erfolglos. (Pfeifer, David: “Mamma mia”, in: Süddeutsche Zeitung 105/2016: 2)

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Arme Männer

Eine Frau, die 2014 geboren wurde, hat eine Lebenserwartung von 73,6 Jahren, ein Mann nur von 69,4 Jahren. Fast vier Jahre weniger. Im Durchschnitt. Weltweit. Dafür gibt es biologische Gründe. Das Immunsystem von Männern lässt im Laufe des Lebens stärker nach, und das weibliche Sexualhormon Östrogen schützt vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen.  Wichtiger sind aber gesellschaftliche Faktoren: Männer achten weniger auf ihre Gesundheit, üben gefährlichere Berufe aus (Soldat, Bergarbeiter), haben gefährliche Hobbies (Motorradfahren, Eisklettern), trinken und rauchen mehr. Ziemlich unklar wird das Bild, wenn man sich die ganze Welt ansieht: In Schweden leben Frauen knapp vier Jahre länger, in Russland mehr als zehn Jahre länger, in Nigeria nicht einmal ein Jahr länger, in Brasilien sieben Jahre länger, in Peru fünf Jahre länger. In Mali leben Männer sogar länger als Frauen. In Afrika sterben viele Menschen an Infektionskrankheiten, und die trifft Frauen und Männer gleich. Und das Risiko, bei der Geburt zu sterben, ist höher. Beim Schritt vom Entwicklungs- zum Schwellenland wird die Lücke zwischen Frauen und Männern größer, beim Schritt von Schwellen- zum Industrieland schließt sie sich wieder. Das größte Paradox ist aber, dass Frauen länger leben, obwohl sie sich nicht so gesund fühlen und obwohl sie objektiv weniger gesund sind. Aber ihre Krankheiten sind nicht lebensbedrohend. (Endt, Christian: “Die Lücke”, in: Süddeutsche Zeitung 97/2016: 16)

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Romeo and Juliet

“Where is she, and how doth she, and what says/My concealed lady to our cancelled love?“. Something just sounds slightly wrong in Romeo’s speech here, in the second verse. But this is easily resolved. Shift the stress in concealed from the second syllable to the first, and everything falls into place. You shift the stress because this is how the word was pronounced at the time. Romeo and Juliet is a real treasure trove for language. And this one about the stress is just a minor case. Now for something major. Sex. Romeo and Juliet, despite its reputation as an elegiac tragedy, a romantic story, is really quite a saucy play. There is sexual innuendo all over the place. Perhaps words like prick, stand, O, circle, pencil, maidenheads, my naked weapon are rather obvious examples, and they practically never occur in the play without a secondary meaning. But there are also less obvious cases: dried herring, glove upon that hand, bow in the hams, poperin’ pair – none of these words is as innocent as it sounds. But most of us need an annotated edition to see this. One wonders what a modern English spectator makes of them and how they can be conveyed if the play is translated. But there is another kind of wordplay which is even more prominent in the play: repetition of words, juxtaposition of words, use of morphologically different forms of the same stem, that kind of thing. It pervades the whole play, and you get passages like as soon moved to be moody and as soon moody to be moved or single-soled jest, solely singular for the singleness or we waste our lights, in vain lights light by day. Makes you head grow dizzy. Mine at least. There is further wordplay on the bases of ay, ‘yes‘, being  homonymic with eye and I. Juliet has a good time exploiting it: Say thou but I/And that bare vowel I shall poison more/Than the death-darting eye of a cockatrice./I am not I if there be such ay/Or those eyes shut that makes thee answer ay. You tell me how a German school learner can understand this. But there’s more to confuse the reader. Shakespeare often gets his grammar wrong. Completely wrong. You get a troubled mind drive me to walk around and that crystal scales and the villain lives which slaughtered him and worser than Tybalt’s death and cruel death has catched it from my sight. One doesn’t trust one’s eyes. Or ears.  And then there is learn me how to lose a winning match. Curiously, in later editions of other plays, learn in this function is replaced by teach, suggesting that learn in the sense of ‘teach’ was already losing favour. And then of course there is the obnoxious thou and you (never mind ye, which also occurs). Now one might say, no big deal, one is du and the other is Sie. But isn’t it then at least odd that Juliet, despite the age difference (she is only 13!), consistently uses thou for the nurse whereas the nurse uses you for Juliet? But then, of course, it is social distinction that this is all about. But why does Juliet’s mother, in a longer dialogue, use thou and you alternately when speaking to Juliet? The social factor does not hold here, psychology is at work here. Romeo and Juliet use thou for each other, except the first time they meet when Juliet first addresses Romeo using you, but only once. And then there is Zounds! I always thought that it was a mild imprecation, it now sounding so dated. But it was quite strong at the time, so strong that it was removed from the Folio edition of several plays. The literal meaning, ‘by God’s wounds’, was perhaps still more present. I was further confused by Good-e’en. Romeo uses it shortly after midday! Today this would sound funny, at least in English. But not perhaps in modern Italian, where people use Buona sera earlier  than the word sera suggests. And finally, language as a conveyor of culture. A plate is mentioned by one of the servants as part of the Capulets’ household. Nothing to write home about? Well, there is. The plate here is a status symbol, a token of the Capulets’ affluence. Plates were only just beginning to replace the wooden trenchers (also mentioned in the play). And then there is the name of Susan. This is the nurse’s dead daughter. Sounds like a perfectly normal name to use. But at the time it carried certain undertones. It was a surprisingly Protestant name for Catholic Verona. And it was a modern name, a newcomer among English names of the period. And one the first Susans in Stratford-on-Avon was Shakespeare’s own daughter. Incidentally she was 13 when the first Quarto was printed.

 

 

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Herzensgut

Er war ein gebildeter Mann, mit einem Faible für alternative Medizin. Er war ein anerkannter Psychiater, der sich auf Gruppentherapien spezialisiert hatte. Er fühlte sich wohl unter Akademikern, sprach fließend Englisch, trug oft Maßanzüge. Der Verhandlungstisch war ihm angenehmer als der Kasernenhof. Er nahm nie eine Waffe in die Hand, hat in seinem Leben keinen Tag als Soldat gedient. Wie es in der Armee zuging, bliebt ihm fremd. Dem Ort, in dem er aufwuchs, widmete er eins seiner frühen Gedichte. Auch seine späteren Gegner zollen ihm Respekt: Er habe einen Zauber entfaltet. Er habe Parteifreunde umarmt und auf die Wange geküsst. Er habe Gefühle in die Politik gebracht. Sein Name: Radovan Karadžić. (Willeke, Stefan: „Ein guter Mensch“, in: Die Zeit 15/2016: 10)

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Alexander der Große

Die Strecke gilt als „leicht“. Aber was ist das schon, ein „leichter“ Marathon? Und dann gibt es eben doch diese zwei nickligen Steigungen, und die kommen natürlich, wie immer, zur Unzeit.

Wenn die Strecke leicht ist, dann ist sie aber auch noch was anderes: langweilig. Und hässlich noch dazu. Fast die ganze Strecke geht es die Nationalstraße entlang. Und dabei passiert man nur einen einzigen Ort. Alles andere ist unbewohntes Industriegelände, grau, schmutzig, leblos. Am Ende ist das vielleicht egal. Wenn die Füße nicht mehr tragen, nutzt auch der schönste Ausblick nichts, kein See, kein Berg, kein Meer.

Mit Bussen werden wir von Thessaloniki nach Pella gekarrt. Immerhin 1800. Da kommen einige Busse zusammen. Auf dem Weg dahin hat es ein Läufer so  eilig, dass er fast mit einem Radfahrer zusammenstößt. Der kommt ohne Licht und mit hoher Geschwindigkeit die Hauptstraße hinunter.

Im Bus sitzt ein gesprächiger Mann neben mir, Jannis. Er arbeitet in einem Krankenhaus, in der Nähe des Flughafens. Arzt? Nein, Koch! Er hat Spaß an seiner Arbeit, sagt er. Ob meine Studenten wüssten, dass ich Marathon laufe. Nein, die wissen das nicht.

Es ist sein erster Marathon. Aber er ist hervorragend vorbereitet. Bis zu sechs Mal pro Woche sei er gelaufen. Dabei hat er auch mehrere Strecken von 30 km geschafft. Und zweimal einen Halbmarathon gelaufen, in Kavala und in Philippi. Mit ordentlichen Steigungen. Da sei das hier heute ein Kinderspiel dagegen.

Ob ich auf dem Sportplatz trainiere, will er wissen. Nein, auf der Piste. Im Wald oder am Fluss. Er läuft meistens auf dem Sportplatz. Runden. Das sind keine βόλτες, wie ich meine, sondern γύροι – wie beim Gyros, beim Girokonto oder beim Giro d’Italia. Und noch was lerne ich dazu: προπόνηση. Das Wort habe ich schon gestern nicht verstanden. Dabei ist die Bedeutung naheliegend: Training.

Er ist ein ganzes Stück jünger als ich. Überhaupt ist das hier eher eine Veranstaltung für Jüngere. Und für Männer. Die Frauen sind deutlich in der Minderzahl. Mein Alter sehe man mir nicht an, meint er. Was kann einem da schon ein Marathon anhaben, wenn der Tag so beginnt, noch vor dem Morgengrauen.

Es ist nämlich immer noch dunkel, als wir in Pella ankommen. Als aber der Startschuss fällt, ist es hell. Aber bewölkt. Eine lückenlose Wolkendecke. Wenigstens braucht man heute keine Sonnencreme.

Diesmal achte ich von Beginn an auf die Schmerzen. Schon bei den ersten Schritten tut das Knie weh, aber nach einem Kilometer verabschiedet es sich und meldet sich erst am Ende des Laufs wieder. Dann, nach etwa 13 km, fangen die Füße an, weh zu tun, vor allem die Zehen. Bei der Hälfte kommen die Oberschenkel dazu, und dann der Rücken, vor allem der untere Teil der Wirbelsäule. Und dann meldet sich auch noch der Bauch zu Wort. Ich habe viel Wasser getrunken, vielleicht zu viel, auch weil immer so viele freundliche Helfer am Wegesrand stehen. Und am Tag zuvor fast ungewollt zwei Kaffee getrunken, am Vormittag, und die waren beide so stark, dass sie mir sogar ein paar Stunden Schlaf geraubt haben.

Ich schließe zu drei jungen Männern auf, und einer von ihnen fragt: „Belgien?“ Nein, nicht ganz, aber die Richtung stimmt. Wir kommen ins Gespräch. Der in der Mitte läuft seinen ersten Marathon, die beiden anderen, τα παιδιά, haben ihn in die Mitte genommen. Sie witzeln herum über die Troika und über den Marathon, und ich lache mit ihnen. Der erste fragt mich, ob ich Deutsch-Grieche sei. Das hat mir noch nie jemand gesagt. Ich fühle mich geschmeichelt. Und der andere Begleiter, der links, kommt auf mich zu und will mir sein griechisches Kopftuch geben. Ein Geschenk. Die Griechen können umwerfend sein! Aber auch Stinkstiefel. Ich weiß nicht recht, wie ich meine Freude aussprechen soll, aber einer von ihnen merkt, dass ich jetzt mit dem Kopftuch nicht so viel anfangen kann, und wir einigen uns auf „später“. Dann aber komme ich nicht mit. Ich habe sie noch lange im Blick, aber dann verschwinden sie.

Ich habe mir vorgenommen, wenigstens bis zur Hälfte durchzulaufen. Das klappt auch. Dann nehme ich mir die 25 vor. Auch das klappt. Inzwischen ist das Feld, hier bei uns langsamen Läufern, weit auseinandergezogen. Manchmal ist man ganz alleine, dann wieder trifft man auf andere, einzelne Läufer. Die meisten laufen schon gar nicht mehr. Es ist verlockend, es ihnen gleich zu tun, aber ich beiße mir auf die Zähne und laufe weiter, bis 28, dann bis 30. Aber 32 hört sich besser an, und ich versuche es weiter, aber es geht einfach nicht mehr. Und jetzt geht auf einmal gar nichts mehr. Ich spüre nur noch den schmerzenden Körper und kann auch schon gar keine zusammenhängenden Gedanken mehr denken. Nur noch Erschöpfung, Leere, Verzagtheit.

Hin und wieder stehen jetzt doch Menschen vor ihren Häusern oder auf Balkonen und feuern uns an. Dann laufe ich mal wieder ein paar Meter, aber die meiste Zeit gehe ich. Jetzt kommt noch der raue Asphalt dazu, den man durch die Schuhsohlen spürt, bei jedem Schritt.

Mir kommt das Unverständnis in den Sinn, mit dem die griechischen Freunde auf mein Vorhaben reagiert haben, einen Marathon zu laufen: „Was, von Pella aus? Bis nach Thessaloniki?“ Sie halten das für ziemlich verrückt. Und da haben sie nicht ganz unrecht. Ich könnte jetzt fünf Stunden im Bett liegen, fünf Stunden Griechisch lernen oder fünf Stunden in einer Taverne sitzen. Und ich wünsche mir sehnlichst, ich hätte mich für eine dieser Alternativen entschieden.

Sieben Kilometer vor dem Ziel stoße ich auf eine junge Frau, mit Kopfhörer und einem watschelnden Laufstil. Unsere Blicke treffen sich, wir lächeln uns an und ich frage sie, wie es denn gehe. Μια χαρά, sagt sie, ausgezeichnet. Und tatsächlich. Locker läuft sie weiter, immer watschelnd, nur ein ganz klein bisschen schneller als ich, aber sie kommt weiter und entschwindet dann ganz meinen Blicken.

Unter den Läufern ist auch ein junger Mann mit Gehbehinderung. Ich denke erst, er habe eine Verletzung. Und das denken wohl auch die Sanitäter, die fragen, ob sie ihn behandeln sollen, aber er winkt leicht verärgert ab. Es ist keine Verletzung. Er hinkt. Immer wieder rafft er sich auf, obwohl er mit den Kräften ziemlich am Ende zu sein scheint. Eine tolle Willensleistung. Ich stelle mir vor, wie er gegen alle Einwände, gegen alle Hindernisse, gegen die Blicke von uns allen, diesen Kraftakt hinter sich bringt. Ich bin gerührt. Fast zu Tränen gerührt.

Jetzt, am Ende, kommt die Solidarität unter uns Läufern, unter den schwachen Läufern, immer mehr ins Spiel. Immer wieder wird man mitgezogen: Πάμε! Und das hilft. Ein paar hundert Meter läuft man dann zusammen, vielleicht einen Kilometer, und muntert sich gegenseitig auf: Wir schaffen das!

Dann kommt das Meer in Sicht. Endlich! Jetzt beginnt der schönste Teil der Strecke, und man entwickelt noch einmal neue Kräfte. Unglaublich. Die letzten zwei, drei Kilometer gehen wieder gut.

Wir treffen auf die große Gruppe der 5000-Meter-Läufer. Mit ihnen zusammen geht es Richtung Ziel. Die Marathonläufer sind an der Startnummer zu erkennen und haben eine eigene Spur und werden ganz besonders angefeuert: „Gleich geschafft“, „Toll gemacht“, „Nur noch zweihundert Meter!“. Und die schafft man dann auch noch.

Alexander der Große ist übrigens der Name des Marathons.

 

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Zoon politikon?

Dass der Maulwurf uns etymologisch hinters Licht führt, ist bekannt: Er wirft die Erde nicht mit dem Maul, sondern mit den Vorderpfoten hoch. Das Wort wurde im Laufe seiner Entwicklung zweimal umgedeutet. Aus dem ‘Haufenwerfer’ wurde, bereits etymologisch falsch, der ‘Erdwerfer’ und dann der ‘Maulwerfer’. (Olschansky, Heike: Täuschende Wörter. Kleines Lexikon der Volksetymologien. Stuttgart: Reclam, 1999: 99-100). Der Maulwurf hat aber auch sonst was zu bieten: Er wiegt ca. 100 Gramm und frißt so viel, wie er wiegt – jeden Tag! Er hält keinen Winterschlaf, gräbt sich aber unter der Erde ein und muss Vorrat anlegen. Dabei hat er ein Problem: Sind die Würmer tot, werden sie zu Gammelfleisch, sind sie lebendig, laufen sie weg. Der Maulwurf verfolgt eine erfolgreiche Strategie: Er verletzt die Würmer, ohne sie zu töten. Sie sind dann aber so eingeschränkt in ihrer Bewegung, dass sie nicht fliehen können. Politisch soll der Maulwurf auch eine Rolle gespielt haben: William III., der umstrittene “ausländische” englische König, soll bei einem Ausritt in Hampton Court mit seinem Pferd über einen Maulwurfshügel gestolpert sein und sich nicht mehr von den Folgen seines Falls  erholt haben. So stellt es jedenfalls eine Statue im St. James’s Square dar, die William mit Pferd und Maulwurfhaufen zeigt. Die Wahrheit war vermutlich prosaischer, aber die Geschichte ist doch schön. Das fanden auch die Jacobites. Die waren dem Maulwurf dankbar.

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Der deutsch-deutsche Schäferhund

In einem Vortrag am Center for Metropolitan Studies in Berlin wurde eine oft vernachlässigte Seite der deutsch-deutschen Vergangenheit abgehandelt. Es ging um die Grenzhunde der DDR. Die stammten in großer Zahl von den KZ-Wachhunden der Nazis ab. Nach 1990 wurden einige von ihnen an der Außengrenze der EU eingesetzt und zeichneten sich dort durch besonders aggressives Verhalten aus. Auch bei westdeutschen Hundebesitzern war die Nachfrage nach den Osthunden, die sich von den eher zahmen Westhunden unterschieden, groß. Die Autorin des Vortrags, Christiane Schulze, Doktorandin, sieht die Osthunde als manipulierte Opfer der von Gewalt geprägten deutschen Geschichte. Der Vortrag wurde mit Beifall aufgenommen und erschien leicht verändert als Artikel n der renommierten Zeitschrift Totalitarismus und Demokratie. So weit, so gut. Das Problem: Es gibt keine Christiane Schulze. Es gibt auch keine Studie zu Ost- oder Westhunden. Alles ist frei erfunden. Die falsche Christiane Schulze sagte in einem Interview mit dem Neuen Deutschland, sie habe erzählt, was die Leute hören wollten. Es reiche völlig, den richtigen Stil zu treffen und das alles ohne Lachen vorzutragen. Lügengeschichten werden geglaubt, wenn sie in dem Kram passen. Und zwar auch in der Wissenschaft. (Martenstein, Harald: „Über Nazi-Schäferhunde und andere Lügengeschichten“, in: Zeitmagazin 11/2016: 8)

 

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What the fuck?

A student once asked me whether he could do a word report about the word nigger. Instead of answering straight away, I took up his question and, in the next session, asked the class what they thought. They seemed to be surprised when I whole-heartedly said “Yes, of course.” There is no reason to ignore words only because they have negative connotations. They form part of the language, and whether we like the word in question or not is irrelevant. To illustrate my point further, I gave them a short report about a word which I myself do not use: fuck. It is a word which is frequently used and thus relevant for the linguist. So what can we say about fuck? To begin with, it can be used as a verb, as a noun and as an interjection, without any change of form, a phenomenon which is called conversion in word-formation. Then, compounds can be formed using it: fuckhead, fuckall, fuckwit. Phrasal verbs can be formed as well: fuck up, fuck off. It can be used in the literal sense but much more frequently is it used in the metaphorical sense. As a matter of fact, fuck is used metaphorically much more frequently than literally: What the fuck is going on? Get the fuck out of here. Who gives a fuck? Get a bigger fucking hammer. Fuck, you scared the shit out of me. Mary’s fucking beautiful. Moreover, one may wonder about the word’s  phonological form. There is a velar consonant and a closed vowel in the word fuck, and it is a short word. Are such words perhaps particularly apt to be swearwords, i.e. is there any sound symbolism involved in such words? Consider dick, bunk, dork, wank, prick, shag, wog, pig, slag. Whatever one may say about fuck, it can hardly be said that it is not an interesting word.

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Zug nach Norden

1915 taten die Autohersteller in Detroit einen ungewöhnlichen Schritt: Sie schickten Werber in den Süden, bis nach South Carolina, um dort schwarze wie weiße Arbeiter anzuheuern. Wie kam das? Es herrschte Arbeitskräftemangel, und zwar als Folge des Ersten Weltkriegs. Der Strom der Einwanderer aus Polen, Italien, Deutschland und Irland war abgebrochen. Man brauchte neue Arbeitskräfte. Und die Schwarzen kamen. In  Scharen. Sechs Millionen Schwarze wanderten vom Süden nach Norden. Sie hatten gute Gründe, zu fliehen. Nach dem Bürgerkrieg wollten die Nordstaaten den Süden völlig neu aufbauen, nach ihrem Bild formen. Nur befreite Sklaven und Weiße, die sich gegen die Sklaverei gestellt hatten, sollten dort das Sagen haben. Dagegen wehrte sich die alten weiße Eilte, mit Erfolg. In den Südstaaten wurden Rassengesetze erlassen, die die Schwarzen zu Bürgern zweiter Klasse machten, ohne Wahlrecht, ohne Zugang zu guten Schulen, ohne das Recht, neben Weißen sitzen zu dürfen. So setzte eine Flüchtlingsbewegung großen Ausmaßes ein. Das kann man an nackten Zahlen ablesen: Bis 1915 lebten noch 90% aller Schwarzen im Süden, danach nur noch 50%! Die große Migration veränderte das Gesicht der USA. Wenn sie trotzdem oft unterschätzt oder gar nicht erst gekannt wird, dann liegt das daran, dass sie innerhalb eines Landes stattfand. Es gab keine Sprachprobleme und keine Grenzen, die man schließen konnte. (Piper, Nikolaus: „Revolution ohne Anführer“, in: Süddeutsche Zeitung 297/2015: 25)

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Sprachgewalt

Ausländer können in den Augen der Japaner verschiedene Dinge nicht: mit Stäbchen essen, im Seiza sitzen oder Japanisch sprechen. Einst durften sie das nicht einmal: Während der über 200 Jahre dauernden Selbstisolation Japans war es den Kaufleuten der holländischen Handelsstation, den einzigen Weißen im Land, streng verboten, Japanisch zu lernen. (Neidhart, Christoph: „Sie können mit Stäbchen essen?“, in: Süddeutsche Zeitung 7/2016: 7)

 

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Who’s Bob?

On n’est pas Bob à moitiè. That’s what it said on a beer-mat in a pub in Belgium. I wondered: Who’s Bob? Part of the answer was on the beer-mat itself: Un vrai Bob ne boit pas d’alcool. A Bob, I learnt, was somebody who had volunteered to drive his friends home from the pub and remain sober all night. Bob, who despite his name can be male or female, is offered a free soft drink in many pubs and is recognizable by a soft wristband which has Bob written on it. Though I did not know who Bob was, most people I asked did, especially younger people. Though Bob is now known in many other places, his origins are actually in Belgium, the country where I first met him.

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Die Schnitter kommen

Ameisen sind Insekten. Insekten sind, der Wortbedeutung nach, ‚eingeschnittene‘ Tiere: insectum ist das Partizip Perfekt Passiv des lateinischen Verbs insecare, ‚einschneiden‘ (Sektion, Sekte, Sektor sind etymologisch verwandt).  Und Ameisen? Das mittelhochdeutsche āmeize besteht aus der Vorsilbe –a und einem Element, das ‚schneiden‘ bedeutet (und mit Meißel verwandt ist). Auch das bezieht sich (vermutlich) auf den Körperbau der Tiere). Ameise sind also ganz wörtlich, Insekten, und Insekten sind Ameisen. (Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Berlin, New York: De Gruyter, 1999: 33 + 402)

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Hinterrücks

Ein australischer Mann überzeugte seine Ehefrau, ihre neugeborene Tochter Lanesra zu nennen. Die Frau sagte nach einigem Zögern zu, ohne zu ahnen, was hinter dem Namen steckte: Ihr Mann ist Anhänger des FC Arsenal.

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Das Ziegenproblem

Die Regierung hat die Steuern auf den Besitz von Ziegen deftig erhöht. Das gilt für das ganze Land. Die Ziegen zerstören die Wälder. Sie fressen die Knospen und zarten Triebe der Pflanzen, dekretiert die Regierung. Nur: Hier, in Galiano, gibt es keine Wälder. Die Ziegen knabbern an Dornbüschen und können da überleben, wo Schafe und Kühe es nicht können. Sie sind der einzige Reichtum der Bauern. Die Ziegensteuer ist zu hoch. Die Bauern können sie nicht bezahlen. Also schlachten sie die Ziegen und haben jetzt keine Milch und keinen Käse mehr. (Levi, Carlo: Cristo si è fermato a Eboli. Turin: Einaudi,  1990: 42)

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Hammelherde

Bei Eintracht Trier steht ein Spieler namens Hammel auf dem Feld, beim Gegner ein Spieler namens Faisthammel. Hammel schießt ein Tor, Faisthammel fliegt vom Platz.

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No zuo no die

This is English. At least, a form of English. It is of Chinglish origin. The word zuo is Chinese and means ‘act silly’ (though literally it refers to suicidal action). The phrase thus means: if you don’t do stupid things, they won’t come back to you, if you don’t look for trouble, you won’t find any (but if you do, you will, and you will come to feel the consequences of your own actions). The phrase has gained wide popularity and has now been entered, to the bewilderment of many, into an online US dictionary, together with the derived form zhuangbility. And the phrase is parodied in a song which has recently come out. The phrase is commonly used in internet communication as a comment on someone who has brought trouble onto himself through thoughtless action. Here’s an example:

  • Some dude baked cookies shaped like iPhone, held it by the mouth when driving, tried to mess with traffic cops.
  • Did he pull it off?
  • Cop was pissed and ran his name through the system. Turns out he’s got speed tickets unpaid!
  • No zuo no die.
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Mann vom Lande

Bauer ist ein gängiger Familienname in Deutschland. Er ist einer der zwanzig häufigsten. Und wo wohnen die Bauern? In der Stadt! Wo auch sonst? Um Bauer zu heißen, genügte es nicht, Bauer zu sein. Auf dem Lande Bauer zu sein, war nichts Besonnderes. Das waren praktisch alle. Erst wenn man als Bauer in die Stadt zog, war das ein besonderes Merkmal. Das ist bis heute spürbar. Die meisten Menschen mit dem Nachnamen Bauer wohnen in München! Aber da spielt noch etwas eine Rolle: Die Bedeutung von Bauer war viel weiter als heute. Bauer konnte auch ‘Nachbar’, ‘Mitbewohner’ bedeuten. Das gilt auch für andere Namen: Ein Bader war nicht nur Bademeister, sondern ein Allroundkünstler, der nebenbei auch zur Ader ließ, frisierte und die Zähne zog! (vgl. Maas, Herbert: Von Abel bis Zwicknagel. Lexikon deutscher Familiennamen. München, DTV, 1964: 21-24)

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Hat sich einen Namen gemacht

In Kadares Roman Chronik in Stein ändert ein Mann aus dem Nachbarviertel, Gjergj Pula, seinen Namen in Jorgos Pulos. Die Griechen haben in dem Ort die Macht übernommen. Es ist schon der zweite Namenswechsel, den er vornimmt. Vorher hatte er seinen Namen in Giorgio Pulo abgeändert. Das war, als die Italiener das Kommando übernommen hatten. Am Schluss des Romans hat er beim Standesamt eine weitere Namensänderung beantragt: Jürgen Puller. Die Deutschen sind einmarschiert. Es heißt, er habe noch einen Jogura in Reserve gehabt, für den Fall der japanischen Besatzung. (Kadare, Ismail: Chronik in Stein. Frankfurt: Fischer, 2012: 157 + 249)

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Namenlos

In Samarakis‘ Roman Der Fehler (im Original Το Λάθος) wird ein Verdächtiger von zwei Beamten des Geheimdienstes in die Hauptstadt überführt. Der Verdächtige heißt immer nur Der Mann aus dem Café Spor (dem Ort, an dem er verhaftet wurde) oder Der Andere oder Der Dritte. Seinen Namen erfährt man nicht. Bei der Lektüre dämmert es einem dann: Es kommen in dem ganzen Roman fast gar keine Eigennamen vor (bis auf die Namen von Cafés und Hotels). Der eine Beamte heißt Der Inspektor, der andere Der Manager (weil er angeblich früher Manager war, Manager eines Flohzirkus‘). Die Hauptstadt heißt immer nur Die Hauptstadt, die Stadt, in der die Verhaftung stattfand heißt, genauso wie eine Stadt, in der sie Halt machen, immer nur Die Stadt. Und  der Vorgesetzte heißt immer nur Der Vorgesetzte. Figuren und Orte bleiben anonym. Sie stehen nicht für sich selbst, sondern für etwas Allgemeines. Der Roman spielt zur Zeit der griechischen Militärdiktatur. (Samarakis, Antonis: Der Fehler. Berlin: Verlag Neues Leben, 1976.)

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Eröffnung

“Ich weiß nichts von Italienern und Griechen … Ich weiß nur, dass das Gefängnis geschlossen ist. Gräßlich! Alle Türen sind offen.” Bei der Lektüre dieser Passage kann man ins Stocken geraten: Geschlossen? Offen? Bei der weiteren Lektüre stellt sich heraus, was gemeint ist: Der Wechsel der Besatzungsmacht hat zur Folge, dass der Stadtkommandant die Kontrolle über die Stadt verloren hat. Das gilt auch für das Gefängnis. Alle Häftlinge haben es verlassen. Es gibt keine Aufsicht mehr. Das Gefängnis ist also im institutionellen Sinne geschlossen, d.h. es hat seine Funktion als Gefängnis verloren; im materiellen Sinne ist es aber offen, seine Türen sind nicht mehr verschlossen. Hier bedeutet geschlossen also ‘niedergelegt’,  ‘aufgegeben’. Das Gefängnis ist offen, weil es geschlossen wurde.  (Kadare, Ismail: Chronik in Stein. Frankfurt: Fischer, 2012: 136)

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Passende Medizin

Gelbe Pflanzen gegen Gelbsucht – herzförmige Blüten gegen Herzkrankheiten – Disteln gegen Stechen in der Brust. Bei all seiner Fortschrittlichkeit blieb Paracelsus dem magischen Denken seiner Zeit verhaftet. Da waren zwar ein paar Treffer dabei, aber deas waren Zufallstreffer. In Grunde führte die Signaturenlehre aber auf einen Irrweg. Gegen Erkrankungen männlicher Sexualorgane empfahl Paracelsus Orchideenknollen. Die sahen den männlichen Hoden ähnlich. („Paracelsus. Früher Querdenker in der Medizin”, in: „Sprechstunde“.  Deutschlandfunk, 20/10/2015)

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Reis mit Nudeln?

In der Mensa auf dem Speiseplan eine Reis-Nudel-Pfanne gesehen. Die entpuppte sich aber als Reisnudelpfanne. Nur Nudeln, keine Mischung aus Reis und Nudeln. Kann man in der Schreibweise und in der Aussprache unterscheiden.

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Hitler hütet Schafe

Nach dem Krieg machten Gerüchte die Runde, Hitler habe Zuflucht in Argentinien gefunden, bei Perrón. Der hatte nie einen Hehl aus seiner Verehrung für Hitler gemacht. Die Gerüchte kamen auf, als in kurzen Abständen zwei deutsche U-Boote in Argentinien landeten. Das erste U-Boot, stellte sich heraus, war aber schon vor Mai 1945 gestartet. Es kam deshalb nicht in Frage. Anders bei dem zweiten U-Boot. Das war am 2. Mai gestartet. Und es hatte einen verdächtigen Umweg gemacht. Es wurde vermutet, man habe Hitler auf einer einsamen Insel oder in der Antarktis abgesetzt. Die Besatzung wurde immer wieder verhört, aber es gab kein Anzeichen dafür, dass Hitler tatsächlich an Bord des U-Boots war. Solche Gerüchte hatten Konjunktur. Hitler halte sich in den Bergen in den Alpen auf und hüte dort Schafe, Hitler sei nach Schweden entkommen, wo er zwei Kinder hatte. Solche Gerüchte konnten entstehen, weil Hitlers Leiche nie gefunden worden war. Außerdem war in den ersten Maitagen mitten in Berlin plötzlich ein Flugzeug gestartet, so plötzlich, dass die sowjetischen Soldaten überrumpelt wurden und es verpassten, auf das Flugzeug zu schießen. Hitler galt als die Verkörperung des Bösen, und das, so meinte man, könne nicht sterben. Stalin nährte solche Gerüchte. Er streute das Gerücht, Hitler sei nach Japan entkommen oder habe Zuflucht bei Franco gefunden. Überall wurde nach Hitler gesucht. Ein Mann, der ihm ähnlich sah, wurde immer wieder gefangen genommen, musste aber immer wieder frei gelassen werden. Bei der frenetischen Suche gingen dann andere Nazi-Größen ins Netz, nur Hitler nicht. („Hitlers Leichnam“ in: N 24, 18/10/2015)

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Nützliche Gesellschaft

Ein Gefährte ist jemand, mit dem man den Weg teilt, mit dem man auf Fahrt ist, ein Kumpane (und ein Kompagnon) ist jemand, mit dem man sein Brot teilt (lat. panis), eine Geselle ist jemand, mit dem im gleichen Haus lebt, mit dem man den Saal teilt, und ein Genosse ist jemand, der aus der gleichen Sache Nutzen zieht. Diesen Nutzen bezog man in der Regel aus Vieh. Das moderne schwedische Wort nöt bedeutet ‘Rind’, und eine der Bedeutungen des englischen neat ist ‘Vieh’. (Maas, Herbert: Wörter erzählen Geschichten. Eine exemplarische Etymologie. München: DTV, 1965: 72-73)

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Ungleiche Zwillinge

Lauter Zwillinge: sister und Schwesterfoot und Fuß, apple und Apfel, us und uns, great und groß. Da kann man auch als Laie die Ähnlichkeit leicht erkennen, und wenn man ein paar Lautgesetze kennt, erscheint die Ähnlichkeit noch größer. Aber was ist mit horse und Pferd, mit knight und Ritter, mit stove und Herd, mit clean und sauber, mit war und Krieg, mit idle und faul? Keine Ähnlichkeit zu erkennen. Aber wenn man etwas länger hinsieht, erkennt man den ungleichen Zwilling: horse und Ross, knight und Knecht, stove und Stube, clean und klein, war ud wirr, idle und eitel. Und town und Zaun, und deer und Tier, und dog und Dogge und hound und Hund und bone und Bein und hour und Uhr….

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Mutabel

Wenn man mutig ist, hat man Mut, um guten Mutes zu sein, braucht man keinen Mut. Da hat Mut noch seinen alten, weiteren Sinn: ‘Denken’, ‘Empfinden’, ‘Wollen’, ‘Sinn’. Daher auch Hochmut, Gleichmut, Übermut, Demut, Sanftmut, Großmut. Und daher auch mutmaßen. Und in a mood. (Maas, Herbert: Wörter erzählen Geschichten. Eine exemplarische Etymologie. München: DTV, 1965: 125)

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Klingt aberwitzig

Aberglaube, Aberwitz, abermals, abertausend. Warum eigentlich aber? Das liegt in der Geschichte des Wortes begründet. Es deckte ursprünglich auch die Bedeutung ‘wieder’ ab. Deshalb abermals und abertausend.  Gleichzeitig entwickelte es aber auch die Bedeutung ‘entgegengesetzt’. Das klingt merkwürdig, ist es aber vielleicht nicht. Dass Wiederholung und Gegensatz nahe beieinander liegen, zeigt auch das Nebeneinander von wieder und wider. So entwickelte sich die Konjunktion aber als Einleitung eines Nebensatzes, der das Gegenteil zum vorherigen Satz bringt. Was entgegengesetzt ist, kann auch als ‘schlecht’, ‘verkehrt’ verstanden werden. Und das erklärt Aberglauben und Aberwitz! (Maas, Herbert: Wörter erzählen Geschichten. Eine exemplarische Etymologie. München: DTV, 1965: 15-16)

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Ärzteschaft

Nachdem Dante geheiratet hatte, trat er in Florenz einer Arte bei, einer Art Innung. Das war eine Voraussetzung dafür, dass man volle politische Rechte ausüben durfte. Dante trat der Innung der Ärzte bei, obwohl er kein Arzt war. Wovon er zu dieser Zeit lebte, weiß man nicht. Auch Giotto war vor ihm Mitglied bei den Ärzten gewesen. Bei den Ärzten konnten sich alle anmelden, die in irgendeiner Weise mit chemischen Produkten zu tun hatten. Giotto hatte mit Farbe zu tun, Dante mit Tinte. (Montanelli, Indro & Gervaso, Roberto: L’Italia dei secoli d’oro. Il Medio Evo dal 1250 al 1492. Milano: Rizzoli, 1997: 74)

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Leseschwäche

In einem Rundschreiben steht Indienststellung. Ich lese Indien-Stellung statt Indienst-Stellung. In einer handschriftlichen Notiz lese ich von der Kotze von Trient. Es ist das Konzil von Trient. Und in einem Roman lese ich von Teewürsten zwischen Betonsilos. Es ist eine Teerwürste zwischen Betonsilos.

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Kunstfehler

Die Laokoon-Gruppe, Sinnbild der Zerstörung Trojas, kam bei einem sensationellen Fund im Jahre 1506 ans Licht. Man wusste von der Skulptur, da sie bei Plinius erwähnt wird. Nach dem Fund hielt man die Skulptur jahrhundertelang für das Original. Das war sie aber nicht. Sie war die Kopie eines Bronzegusses. Der Irrtum entstand aus einem simplen Übersetzungsfehler: Plinius hatte von arte statuaria gesprochen, und das bedeutete Bronzeguss und nicht Marmorskulptur. Es ist ein merkwürdiger Zufall, dass Michelangelos, zusammen mit seinem Gastgeber Sangallo, der erste war, der die Gruppe zu Gesicht bekam. Michelangelo wartete bei Sangallo auf Marmorblöcke, die er für das Grabmal Julius II. bestellt hatte. Ein Reitknecht traf ein mit der Nachricht, unweit von Santa Maria Maggiore, unweit des von Plinius genannten Aufstellungsortes, sei eine ganz ungewöhnliche Skulpturengruppe gefunden worden. (Kupper, Daniel: Michelangelo. Reinbek: Rowohlt, 2004: 65-66 + 140)
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Ist gebongt

“Ist gebongt.” So stand es in einer SMS. Die Empfängerin, für die Deutsch eine Fremdsprache ist, schrieb zurück: “Das Wort kenne ich nicht. Das muss ich nachschlagen.” Nur: Wo schlägt man gebongt nach? Was ist das für ein Wort? Wie lautet der Infinitiv? Die Antwort lautet: bongen. Da staunt der Muttersprachler. Der von der Fremdsprachenlernerin etwas über seine eigene Sprache gelernt hat. Es gibt tatsächlich Belege, in denen andere Formen des Wortes auftauchen: “während er die Preise bongte”, “um ihre Einkäufe zu bongen”, “die Verkäuferin bongte die Preise ein” (zufällige Funde im Internet). Allerdings handelt es sich hier um die wörtliche Bedeutung, nicht um die übertragene, wie in der ursprünglichen SMS. Da es bongen tatsächlich gibt, ist gebongt kein Scheinpartizip. Solche Scheinpartizipien gibt es aber: behelmt, gestreift, gehörnt, befrackt, bejahrt, buntbebildert. Mann kann niemanden behelmen, hörnen, befracken usw. Komischerweise ist kann man ein Buch bebildern, aber nicht buntbebildern, auch wenn es bebilderte und buntbebilderte Bücher gibt.

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Durch die Hölle von Metz

Die Place Saint Louis in Metz verdankt ihren Namen einem Irrtum: Eine Statue, die auf dem Platz steht, wurde irrtümlich als ein Abbild des Hl. Ludwig angesehen, und so bekam der ganze Platz seinen falschen Namen. Nicht weit entfernt befindet sich die Rue de l’Enfer, eine schöne volkseytymologische Missdeutung des ursprünglichen lateinischen Namens Via inferior. Aus der unteren Straße wurde die Hölle. Überall in Metz stehen Hotels: Hôtel de la Bulette, Hôtel de Burtaigne (eine Korruption von Bretagne), Hôtel de l’Intendant, Hôtel de Ville. Es sind natürlich keine Hotels. Hier ist Hotel in seiner älteren Bedeutung von ‘Palais’ gebraucht und ist kein Beherbergungsbetrieb. Der Justizpalast von Metz steht auf dem ehemaligen Königsplatz. Der heißt heute Place de la République. Die größte Glocke der Kathedrale, Dame Mutte, leitet ihren Namen von ameuter, ‘sammeln’, ab.  Sie wurde bei Gefahr geläutet. Und Sainte Thérèse, eine Kirche aus Stahhlbeton und mit mit Stahlzementstegen statt Blei in den Glasfenstern, heißt im Volksmund Notre-Dame du Béton.

 

 

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Lesart

Man kann sich kaum “deutschere” Wörter vorstellen als sprechen, schreiben, lesen. Aber der Schein kann trügen. Während sprechen tatsächlich ein einheimisches Wort ist, ist schreiben ein Lehnwort aus dem Lateinischen! Es ist von scribere abgeleitet. Und lesen liegt dazwischen. Es existierte schon in der Bedeutung ‘auflesen’, ‘sammeln’ (s. Weinlese, Auslese). Die Bedeutung ‘Schrift deuten’ bekam es aber erst durch das Lateinische, denn lateinisch legere hat (genauso wie griechisch légein) beide Bedeutungen. Eine “fremde” Bedeutung wurde einem “eigenen” Wort hinzugefügt. (Casemir, Kirsten & Fischer, Christian: Deutsch. Die Geschichte unserer Sprache. Darmstadt: WBG, 2013: 93-94).


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Erkenne dich selbst – besser nicht

Im antiken Rom gab es kein Ideal der Jungfräulichkeit. Im Gegenteil: Das Beharren auf der Unberührtheit galt als Zeichen von Einseitigkeit, Beziehungslosigkeit, mangelnder Bereitschaft zur Weiterentwicklung. So kommt es auch in den Mythen zum Ausdruck, bei Narziss zum Beispiel. Der flieht bei Ovid vor Echo und sieht nur sich selbst. Und geht daran zugrunde, als er sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt. Eine Paradoxie: Er scheitert daran, dass er sich selbst erkennt! Genauso hat es Tiresias, der blinde Seher, vorausgesagt:  Er werde ein langes Leben haben, solange er sich nicht selbst erkennt. (Giebel, Marion: Ovid. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 5/2003: 75-76)

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Unsere Jungs

“Unsere Jungs”, sagte meine Schwester, als wir klein waren. Die Form Jungs war die einzige Form, die wir kannten. Erst später kam dann die Form Jungen dazu, die irgendwie formaler klang, nach Schriftsprache.  Wir ahnten natürlich nicht, dass Jungs niederdeutsch war, und dass diese Pluralbildung dann auch Eingang fand ins Hochdeutsche und besonders bei Neubildungen und Entlehnungen zu finden ist: Autos, Tanks, Tabus, Omas. Im Hochdeutschen ist diese Pluralbildung relativ neu, im Niederdeutschen gab es sie schon immer: Buddels, Büdels. Bäckers, Jungs, Wracks. (Casemir, Kirsten & Fischer, Christian: Deutsch. Die Geschichte unserer Sprache.Darmstadt: WBG, 2013: 65-66).

 

 

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Kriegt er sie oder kriegt er sie nicht?

Apollo ist scharf auf Daphne. Er läuft hinter ihr her. Sie läuft davon. Er lässt nicht nach. Verfolgt sie überall hin. Eigentlich gibt es nur zwei Möglichkeiten: Er kriegt sie. Oder er kriegt sie nicht. Wenn er sie kriegt, schlägt der frivole Ton der Verfolgungsjagd in Zynismus um. Wenn er sie nicht kriegt, bleibt sie auf ihrem jugendlichen Entwicklungsstadium stehen. Ovid findet eine dritte Möglichkeit: Apollo kriegt sie ein, aber in dem Moment, wo er sie erreicht und berührt, verwandelt sie sich in einen Lorbeerbaum. Das bedeutet ihr Name, Daphne, auf Griechisch. Damit wird die Beziehung der beiden auf eine höhere Ebene gehoben. Und Daphne ist nicht mehr eine einzelne Person, sie ist überall lebendig. Jeder Lorbeerbaum ist Daphne. Und ihr wird eine Aufgabe in der Gemeinschaft zugewiesen: Sie schmückt die Sieger bei den Wettspielen, die Dichter bei den Wettbewerben. Aber wer läuft da hinter wem her? Ist Daphne die keusche Jungfrau, die sich durch ihre sittliche Kraft der Welt entzieht und dafür ewigen Lorbeer gewinnt? So sahen es die Kirchenväter. Oder ist Daphne die göttliche Weisheit, die Prudentia, der der Christ nachjagt, um durch sie sein Seelenheil zu gewinnen? So sah es das Mittelalter. Oder ist Apollo der Dichter, der dem Lorbeer hinterherläuft, der weltliche Dichter, dessen Werk durch sie ins Göttliche erhöht wird? So sah es die Renaissance. (Giebel, Marion: Ovid. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 52003: 56-57)

 

 

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Demütiger Beginn

Das erste Buch in deutscher Sprache ist kein Epos, kein Psalm, keine Abhandlung, auch kein Kaufvertrag oder ein Lobgesang auf Gott oder einen Herrscher, sondern – ein Wörterbuch. Das Wörterbuch steht ganz im Dienste des Lateins und ist nach den lateinischen Stichworten geordnet. Das Wörterbuch heißt Abrogans, nach dem ersten Eintrag des Buches. Dem Wort abrogans, mit Zierinitiale, folgt die deutsche Übersetzung: dheomodi ‚demütig‘. Das Buch ist heute in der Stiftsbibliothek des Klosters St. Gallen. (Casemir, Kirsten & Fischer, Christian: Deutsch. Die Geschichte unserer Sprache.Darmstadt: WBG, 2013: 21-23).

 

 

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Farbmarkierung

“Schalke, heißt es, seien die ‘Knappen’, der Arbeiterclub, das ist das Herz seiner Identität. Und es stimmt ja auch, denn er ist ein Club aus der Arbeiterwelt und in der Arbeiterwelt. Aber ist das beim MSV, bei Rot-Weiß Essen, bei Rot-Weiß Oberhausen, Dortmund, Wattenscheid oder Bochum anders?” Diese Passage enthält einen Rechtschreibfehler. Um den zu identifizieren, genügt eine solide Kenntnis der deutschen Rechtschreibung nicht. Er hat etwas mit Traditionen zu tun, mit Konventionen, die sich den allgemeinen Regeln entziehen. Der Fehler liegt bei Rot-Weiß Essen. Es muss Rot-Weiss Essen heißen. Dagegen heißt der Verein aus der Nachbarstadt Rot-Weiß Oberhausen! (Das Zitat ist aus Lischka, Konrad & Patalong, Frank: Das Schönste am Wein ist das Pilsken danach. Köln: Lübbe, 2011: 179)

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Olle Kamellen

Ich weiß nicht, warum ich bei olle Kamellen immer an Bonbons gedacht habe. Irgendeine Verbindung mit Karamell vermutlich. Die ollen Kamellen haben damit aber nichts zu tun. Die Kamelle ist eine umgangssprachliche Form von Kamille. Alte Kamillen verlieren ihre Wirkkraft und sind zu nichts mehr zu gebrauchen.

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Kolporteure

Marskramer heißt ein Gemälde von Jerome Bosch. Es stellt, wie der Titel besagt, einen Hausierer dar. Auf Französisch heißt das Gemälde Le colporteur. Kolporteure waren Leute, die durch die Lande zogen, um ihre Waren anzubieten. Sie hießen so, weil sie die Ware um den ‘Hals trugen’. Entweder als Bauchladen oder auf dem Rücken (wie die Kiepenkerle im Münsterland). Kolporteure boten auch Schriften sensationellen oder unterhaltsamen Inhalts an. Daraus entwickelte sich die moderne Bedeutung! Im Englischen bürgerte sich die Bezeichnung peddler ein, und das wiederum ist von franz. pied abgeleitet!

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Magie der Sprache

Die erste Leserin von Ulla Hahns  Das Verbotene Wort, die Frau, die das Manuskript abtippte, wollte wissen, was aus einem der Charaktere des autobiographischem Romans geworden war. Ulla Hahn konnte keine Auskunft geben. Die Figur war frei erfunden. Magie der Sprache.

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Da ist der Wurm drin

Merkwürdige Parallele: Hebbels Maria Magdalena und Kazantzakis Alexis Sorbas sprechen beide vom Wasser und von der Wirkung, die es hat, wenn man es unter der Lupe betrachtet. Die Lust am Trinken vergeht einem. Man entdeckt überall kleine Würmer. Hat Kazantzakis vielleicht Hebbel gelesen? Oder sind beide zufällig auf den gleichen Gedanken gekommen? Oder ist es gar kein origineller Gedanke und beide geben etwas wieder, was sie irgendwo gehört haben? Die Stoßrichtung ist klar: Die Lupe ist schädlich, sie hindert am Leben. Allzu genau hinschauen ist verderblich. Wirf die Lupe weg, breche sie entzwei, sagt Sorbas ganz ausdrücklich. Das richtet sich an seinen Freund und Chef, an den Erzähler, den Bücherwurm. Beide Männer, die die Würmer nicht sehen wollen, Meister Anton und Sorbas, sind erdverbundene Charaktere, keine Denker. Dass sie so denken, ist eine Sache. Was denken ihre Autoren? Teilen sie das? Sind sie hin- und hergerissen? Kann man die Lupe überhaupt wegwerfen, wenn man einmal angefangen hat, sie zu gebrauchen?

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Diamonds are a tsar’s best friend

Humboldt, der Minenexperte, hatte schon vor seiner Reise nach Sibirien in einem Gutachten das Vorkommen von Diamanten vorausgesagt und das auch der Zarin bei seinem Besuch in Petersburg angekündigt. Während der Reise wurde dann im Ural tatsächlich der erste sibirische Diamant gefunden. (Meyer-Abich, Adolf: Alexander von Humboldt. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 131998: 121-123).

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Ohne Punkt und Komma

Dass Homer keine Satzzeichen kannte, kann man sich noch vorstellen – erst Aristophanes redigierte die Texte und setzte graphische Unterbrechungszeichen – aber dass Cervantes seinen Don Quijote noch ohne Punkt und Komma schrieb, ist kaum zu glauben. Selbst Goethe legte keinen großen Wert auf Interpunktion. Er überließ sie weitgehend den Schreibern oder den Setzern in den Druckereien. Die richteten sich nach Adelung. Der hatte ein Regelwerk verfasst, und das wurde zum Maßstab. Die straffe Interpunktion, der wir folgen, ist auf jeden Fall eine junge Erfindung. Die wird oft als bequem empfunden. Es gibt aber auch gute Gründe, sich nicht an die Regeln zu halten. Ein Schreiber kann Interpunktion für feine Schattierungen einsetzen. Auch Duden sprach sich entschieden dafür aus. (Borchardt,  Katharina: „Ohne Punkt und Komma? Der Punkt als Text-Ordnungssystem“, in SWR 2 Matinee: 08/03/2015)

 

 

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Ein Stück weit

Zitat aus einer Radiosendung (SWR 2: Forum, 19/02/2015). Ein Migrationsforscher spricht: „An jeder dieser Schwelle beobachten wir, dass Migrantenkinder immer ein Stück weit runterfallen. Das liegt an den Eltern, aber überwiegend an unserem selektiven Bildungssystem. Ich glaube auch, dass es dort ein Stück weit Diskriminierung gibt, diese Selektivität ist im System ein Stück weit angelegt, da muss man das ganze Bildungssystem ein Stück weit überdenken … Dann ist es halt ein Stück weit bedauerlich, “ Da hat er recht, der Herr Professor. Ein Stück weit.

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Leseprobe

Liest man Schriften mit Serifen schneller als Schriften ohne Serifen? Bin bisher immer nur auf Hinweise gestoßen, die sagen: Man weiß es nicht. Zu unterschiedliche Untersuchungsergebnisse. Jetzt irgendwo etwas gesehen, das vielleicht zeigt, warum die Untersuchungsergebnisse unterschiedlich sind: Danach liest man Schriften mit Serifen schneller (um etwa ein Fünftel), vorausgesetzt, die Serifen sind nicht allzu fett und vorausgesetzt, die Serifen sind nicht allzu fein. Und noch was: Das Ergebnis gilt für Druckerzeugnisse, nicht aber für Bildschirme. Die meisten der handelsüblichen Bildschirme haben keine ausreichende Auflösung. Mit einem Wort: Die Frage ist zu einfach gestellt.

 

 

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Grob gesprochen

“Das war ein brutal wichtiges Spiel”; “Wir haben brutal gegen den Ball gearbeitet”; “Der Abstiegskampf ist brutal”;  “Fehler viel brutaler bestraft als in der 3.Liga.” Die deutschen Fußballspieler haben ein neues Modewort entdeckt. Früher wurde man höchstens mal brutal gefoult.

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Preise verdorben

Heutzutage müsse man sich von neunjährigen Kindern verspotten lassen, weil man nicht lesen könne. So klagt Klaras Mutter in Hebbels Maria Magdalena. Früher sei alles anders gewesen. Da hätten die Herren sich um einen geschickten Schreiber gerissen. Wenn ein Sohn einen Neujahrswunsch für den Vater aufsetzte, dann kassierte der Schreiber für das Aufsetzen des Neujahrswunsches genauso wie für das Vorlesen des Neujahrswunsches hinter verschlossenen Türen, damit man nicht aufgedeckt werde und die Unwissenheit ans Licht kam. Es gab also doppelte Bezahlung, und das machte das Bier teuer!

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Verfluchte Buchstaben

Lesen sei wie eine Sucht, sagt Friedrich, der Sekretär, in Hebbels Maria Magdalena. Die Schulkinder ahnten es wohl, wenn sie sich so sehr dagegen sträubten, das ABC zu lernen. Von der Fibel geht es zur Bibel und von der Bibel zum Corpus juris, und dann merke man, in welche Wildnis einen die verdammten 24 Buchstaben gebracht hätten. Diese Buchstaben, die sich anfangs im listigen Tanz nur zu wohlschmeckenden und wohlriechenden Wörtern wie Kirsche und Rose zusammenstellten.

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Auf die Prüfung!

Leonard in Maria Magdalena hat die Stelle des Kassiers bekommen. Das berichtet er stolz. Es ist ein unerwarteter Erfolg. Der aussichtsreichste Kandidat – und der einzige Mitbewerber – war der Neffe des Pfarrers. Was denn aus dem geworden sei, will Klara wissen.  Der war betrunken, sagt Leonard. Er verbeugte sich vor dem Ofen statt vor dem Bürgermeister, stieß gleich zu Anfang , als er sich setzte, drei Tassen vom Tisch und benutzte, als es ans Rechnen ging, ein selbsterfundenes Einmaleins, das ganz neue Resultate lieferte.

 

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Unschöne Details

In Nürnberg auf der Messe habe er mal ein Glas Wasser unter dem Mikroskop gesehen, sagt Meister Anton in Maria Magdalena. Er wollte danach den ganzen Tag nicht mehr davon trinken, so habe es ihn geekelt. So ist es. Genau hinschauen offenbart eine andere Wirklichkeit, und schön ist die nicht unbedingt.

 

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Ich habe zu fragen, nicht Er

Marinelli ist in Emilia Galotti der Kammerherr des Prinzen. In einem Dialog im ersten Akt geht es um Emilia Galotti: „Sie irren sich in dem Namen“, sagt der Prinz. Und auch später sagt er Sie. Dann stellt Marinelli eine Frage, und der Prinz antwortet: „Ich habe zu fragen, nicht Er.“ (15) Mit einem Mal ist das alte, asymmetrische Verhältnis wieder hergestellt. Aus dem Vertrauten wird wieder der Untertan. Seit dem Aufkommen von Sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts war Er gebräuchlich gegenüber Angehörigen weniger vornehmen Standes (92). Odoardo, Emilias Vater, spricht Claudia, seine Ehefrau, mit du an, sie sagt durchgängig Sie zu ihm (21-22). Sie selbst sagt Sie zu Marinelli, bis sie merkt, dass der am Tode ihres Mannes beteiligt oder sogar dafür verantwortlich ist. Dann wechselt sie in einer leidenschaftlichen Rede zum du: “Abschaum aller Mörder! Was ehrliche Mörder sind, werden dich unter sich nicht dulden! Dich! Denn warum soll ich dir nicht alle meine Galle, allen meinen Geifer mit einem einzigen Worte ins Gesicht speien: Dich! Dich Kuppler!” (53) Es sind soziale und situative Kriterien, die die Variation bedingen. (Lessing, Gotthold Ephraim: Emilia Galotti, hrsg. von Jan-Dirk Müller. Stuttgart: Reclam, 2001)

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Pistolen zur Belohnung

In Lessings Emilia Galotti kommt Angelo, ein für vogelfrei erklärter Mörder, heimlich in das Haus der Galotti und schleicht sich zu Pirro, einem Diener des Hauses. Er habe, sagt er, hundert Pistolen für den letzten Auftrag erhalten und sei gekommen, Pirro seinen Anteil zu überbringen. Er hält ihm einen Beutel hin. Als Leser ist man baff. Was macht man mit so vielen Pistolen? Wie passen die alle in einen Beutel? Die Erklärung findet man nur in den Anmerkungen: Bei den Pistolen handelt es sich um eine von Philipp II. eingeführte Münzeinheit, die in allen europäischen Ländern nachgeprägt wurde. (Lessing, Gotthold Ephraim: Emilia Galotti, hrsg. von Jan-Dirk Müller. Stuttgart: Reclam, 2001: 23 + 94)

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Schulkameraden

In einer dramatischen Szene in Maria Magdalena erscheint Friedrich, der Sekretär, mit zwei Pistolen im Haus von Leonard, dem Kassierer, um ihn zum Duell aufzufordern. Während des gesamten Dialogs sagt Friedrich du, Leonard Sie. Der wundert sich ganz offen, dass Friedrich du sagt. Und das, obwohl sie Schulfreunde gewesen sind. Dennoch scheint es gang und gäbe zu sein, danach zum Sie überzugehen. Friedrich sagt du, erstens, weil er der ranghöhere ist, zweitens, weil er damit seine Verachtung für Leonard und dessen Verhalten Klara gegenüber ausdrücken will. Das du ist sozial und situativ bedingt. (Hebbel, Friedrich: Maria Magdalena. Stuttgart: Reclam, 2002: 85-86)

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Der kleine Unterschied

Bei der Besichtigung im Georgian House in Dublin und bei der Besichtigung im Sommerhaus Linnès in Linnès Hammarby wurde jeweils auf ein Paar Schuhe verwiesen. Nichts Spektakuläres. Aber nur auf den ersten Blick. Tatsächlich waren die Schuhe in einem ganz zentralen Punkt anders als unsere Schuhe: Rechts und links waren gleich! Was uns heute selbstverständlich anmutet, die durch die naturbedingte Fußform vorgegebene spiegelsymmetrische Form der Schuhe, war lange keine Selbstverständlichkeit. Die Rechst-Links-Unterscheidung (die es früher schon gegeben hatte) wurde erst wieder eingeführt, als Mediziner auf die Fußschäden aufmerksam machten, die durch die gleiche Schuhform entstanden. In den USA wirkten Kriegsministerium und Schuhindustrie zusammen, um die Soldaten der Nordstaaten mit Schuhe mit Rechts-Links-Unterscheidung auszustatten. Es heißt, dass die Nordstaaten auch deshalb den Bürgerkrieg gewannen, weil ihre Soldaten in den Schuhen schneller und weiter wandern konnten!

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Auf Nummer Unsicher

Warum drückt man den Daumen, wenn man jemandem Glück wünscht? Der Daumen ist ein Dämon, und den hält man fest, damit er nicht zur Geltung kommt. Das ist uralt, und auch bezeichnend für die alten Formen vor Aberglauben, die eher darauf abzielen, Unglück abzuwenden als Glück zu bringen. Die meisten Glücksbringer (wie der Schornsteinfeger) sind neueren Datums, mit Ausnahme des vierblättrigen Kleeblatts. Die meisten Glücksbringer sind heute etwas individualisiert, wie die Alltagsgegenstände, Tierfiguren oder Erinnerungsstücke, die Studenten mit zur Klausur bringen. Auf den ersten Blick überraschend, man würde Glücksbringer bei Akademikern eher nicht erwarten. Aber sie geben Sicherheit, ein gutes Gefühl. Ich habe alles getan, um die Klausur zu bestehen, aber es gibt an Rest an Unsicherheit, der außerhalb meiner Kontrolle liegt. Da kommt der Glücksbringer ins Spiel. Soweit verständlich, nur: Warum verlässt man sich ausgerechnet auf so etwas Unsicheres, um Sicherheit zu generieren? Und was, wenn die Klausur dennoch daneben geht? Haben die Glücksbringer dann ausgedient? Vermutlich nicht. Das ist wie mit Weltuntergangspropheten, die für einen bestimmten Tag den Weltuntergang vorhersagen. Wenn der dann nicht eintrifft, stürzt nicht etwa das ganze Gebäude zusammen. Im Gegenteil, die Gruppe rückt noch näher zusammen. (SWR 2: “Hasenpfote und Daumendrücken. Wie abergläubisch ist der moderne Mensch?”, in: Forum, 17/12/2014)

 

 

 

 

 

 

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Auswärtiges Bier

Wie nennt man ein helles Bier, das in einem Ort namens Fucking hergestellt wird? Fucking Hell! So jedenfalls hatte es die mit der Eintragung des Namens beauftragte Marketingfirma geplant. Das wurde zunächst von dem Europäischen Markenamt zurückgewiesen, mit dem Argument, Namen dürften nicht blasphemisch oder abfällig sein. Dann wurde aber dem Einspruch stattgegeben, mit der Begründung, ein Markenname könne nicht deshalb vereitelt werden, nur weil er in einer anderen Sprache eine andere Bedeutung habe. Die Sache hat aber einen Haken, oder besser zwei. Das Bier wird nämlich gar nicht in Fucking, einer österreichischen Stadt nahe Salzburg, hergestellt! Eine Brauerei bei Fucking hatte es sogar abgelehnt, das Bier abzufüllen. Und es handelt sich auch nicht um ein Helles im klassischen Sinne. Die Idee entstand, passend genug, aus einer Bierlaune heraus. Drei Freunde saßen abends beim Bier zusammen und witzelten. Einer von ihnen stammte aus Reichenhall, unweit von Fucking. So kam der Name auf. Und aus der Schnapsidee wurde eine patentierte Biermarke. Es wurde ein voller Erfolg. Die ersten Bestellungen gab es schon, bevor das Bier in Produktion ging. (Klohr, Markus: “Ein Bier mit Geschmäckle” in: Stuttgarter Zeitung 14/05/2013: 17;  437)

 

 

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Das schwarze Wunder

Was hat der Roggen mit der Verstädterung zu tun oder mit der Papiermühle oder mit Reiterheeren? Eine ganze Menge. Die Verbindungen werden aufgezeigt in einem Zeitungsartikel, auf den ich jetzt halb freiwillig gestoßen bin. Roggen war (genauso wie Hafer) bereits im Altertum bekannt, galt aber als Unkraut. Im mediterranen Kulturraum gab es die klassische Trias von Ölbaum, Weizen und Wein. Als sich der europäische Kulturraum mit dem Frankenreich weiter nach Norden und Osten erweiterte, brauchte man Alternativen. Für den Ölbaum gab es klimatische Barrieren. Der Anbau von  Weizen und Wein wurde – schon wegen der religiösen Bedeutung für das Christentum – bis zu den äußersten Grenzen getrieben, aber man brauchte Alternativen für das feucht-kühle Klima im Nordwesten des Reichs. Dazu gehörten Roggen und Hafer. Der Roggen trieb die Brotproduktion an. Das führte zu einem erhöhten Mahlbedarf einerseits und zu Bevölkerungswachstum andererseits und damit zu Verstädterung und Kolonisation.  Durch systematische Rodung und Neubesiedlung wurde die Kulturlandschaft immer weiter ausgedehnt.  Der Mahlbedarf, zusammen mit den günstigen klimatischen Bedingungen, führte zur Weiterentwicklung der Wassermühle, die bereits in der Antike bekannt war, aber im Mittelmeerraum wegen der langen Trockenzeiten oft nicht zur Verfügung standen. So kam die Wassermühle erst im Frühmittellalter und erst in Mitteleuropa zu Bedeutung. Von der Getreidemühle ausgehend erfolgte dann eine gewerbliche Diversifizierung in unterschiedliche Produktionsbereiche und zur Entwicklung der Sägemühle, der Papiermühle, der Hammermühle, der Walkmühle. Neben dem Roggen wurde in der Dreifelderwirtschaft Hafer angebaut. Der lieferte Nahrung für die Pferde. Der vermehrte Haferanbau führte zur verstärkten Pferdehaltung und letztlich zu den Panzerreiterheeren der Karolingerzeit.  Und die Pferde ermöglichten das Pflügen des Bodens mit dem schweren Pflug  und lieferten gleichzeitig Dünger für die Felder während der Brache.  Und so entwickelte sich ein Europa des „schwarzen Brotes“ als Gegenentwurf zum Europa des „weißen Brotes“, eine bipolare Struktur, die noch bis heute nachwirkt.  (Mitterauer, Michael: „Das dunkle Brot machte die Menschen satt“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 26/02/2012)

 

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Schlechte Sprache sozusagen

“Das ist natürlich auch ein Ventil, wo sich Unzufriedenheit sozusagen … oder wo sie sichtbar wird, wo sie sich eben nicht sozusagen manifestiert, aber es ist trotzdem sozusagen, Protestwahl, Nichtwahl hat oft ähnliche Hintergründe.” Der letzte Satz aus einer Gesprächsrunde im Radio (gesprochen von einem Parteienforscher), wie die ganze Sendung ein einziges Festival von sozusagen (wie hier dreimal in zwölf Sekunden) und unglücklichen Formulierungen, krausen Ausdrücken, verworrener Syntax. Kaum mal ein einfacher, schnörkelloser Satz. Und das von Menschen, die sich beruflich mit Sprache beschäftigen: einem Journalisten, einem Radioredakteur und einem Universitätsprofessor.

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Gipfel der Verzweiflung

Zitate wie “Ich schreibe nur in Augenblicken, in denen ich absolut verzweifelt bin” oder “Die Tatsache, dass ich lebe, beweist, dass die Welt keinen Sinn hat”, Buchtitel wie Auf den Gipfeln der Verzweiflung oder Die verfehlte Schöpfung,  Sterben, Tod und Freitod als lebenslange Obsessionen (erst die Möglichkeit des Selbstmords macht das Leben erträglich), ein radikaler Skeptiker mit Einsicht in die bodenlosen Abgründe des menschlichen Lebens, illusionslos, sarkastisch, massiv ungerecht in seinen Wertungen, die Sicht der Schöpfung als Werk eines bösen Demiurgen, die Wertung von Erfahrungen als Synonym für fortlaufende Enttäuschungen, Fundamentalkritik von Elternschaft, konsequente Ablehnung aller öffentlicher Ehrungen und Preise, da stellt man sich einen hasserfüllten Misanthrop vor. Statt dessen ein umgänglicher, liebenswürdiger, hilfsbereiter Mensch, der gerne und viel lacht: E.M. Cioran. Er schreibt zunächst auf Rumänisch, dann lange gar nichts mehr und dann, nach einem sehr harten, intensiven und jahrelangem Studium des Französischen, auf Französisch. Darin bringt er es zur Meisterschaft. Er firmiert immer als E.M Cioran. Die Initialen werden nie ausgeschrieben. E steht für Emile, aber was M bedeutet, bleibt unklar. Er selbst hat sich nie eindeutig dazu geäußert. Einige sagen, es stehe für Michel, andere, er habe es sich einfach zugelegt, weil E.M. Cioran einfach besser klinge als E. Cioran. (“‘Prometheus und Adler’. Der rumänische Schriftsteller und Philosoph E.M. Cioran”, in: SWR2 Wissen: 18/10/2012)

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Barbaren gegen Schnösel

Das Morgenländische Schisma, die Trennung der lateinischen Kirche des Westens von der griechischen Kirche des Ostens, hatte eher kirchenpolitische als ideologische Gründe. es ging darum, wo das Zentrum der Christenheit war – in Rom oder in Konstantinopel – und wer das Sagen hatte. Aber die Spaltung war auch ein Resultat der Entfremdung, und da spielt die Sprache eine Rolle: Im Westen war es immer unüblicher geworden, Griechisch  zu sprechen. Schon Augustinus und Gregor der Große sprachen, im Gegensatz zu Hieronymus und Ambrosius, kein Griechisch! Die Messe wurde ab dem 4. Jahrhundert auf Latein gelesen, bis dahin auf Griechisch. Umgekehrt konnten die meisten Patriarchen in Konstantinopel kein Latein. Das galt als barbarische Sprache. Zur gegenseitigen Verständigung war man immer mehr auf Übersetzer und Sekretäre angewiesen. Am Anfang der Entfremdung stand also die Sprache. Auch bestimmte Haltungen gingen damit einher: Die Griechen sahen die Römer als ungebildet und barbarisch an, die Römer die Griechen als hochnäsig und spitzfindig.

 

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Erneuerbare Energie

Glücksspieler lassen sich durch Misserfolg nicht entmutigen. Rückschläge können der Hoffnung nichts anhaben. Im Gegenteil: Sie dienen als Hoffnungsverstärker. Auf diesen paradoxen Befund werde ich durch einen Radiobeitrag gestoßen (Retzer, Arnold: “Mut zur Negativität”, in: SWR 2 Wisssen: 01/02/2015). Mit jedem Verlust glaubt der Spieler, die Wahrscheinlichkeit nehme zu, dass es jetzt endlich klappen müsse. Bis er pleite ist. Hoffnung erscheint demnach als eine merkwürdige, erneuerbare Energie, die sich durch ihren Verbrauch selbst erneuert. sein Einsatz jetzt endlich dran sei, zu gewinnen. Der Befund passt zu dem, was mir in letzter Zeit immer wieder auffällt. Wie wenig wir bereit sind, unser Verhalten zu verändern und unsere Einstellungen. Weder Argumente noch Erfahrungen kommen die lieb gewonnenen Ansichten an. Bei den Studenten ist das nicht zu übersehen, und auch nicht im Alltagsleben: Ernährung, Sport, Lernen, Sprache, wo man hinsieht Legenden, die sich hartnäckig halten. Nicht einmal die Untergangspropheten lassen sich beirren, wenn die Welt an dem von ihnen prognostizierten Tag doch nicht untergegangen ist.

 

 

 

 

 

 

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Sesam und Cannabis

Von den Phöniziern kam nicht nur das Alphabet – alle noch heute verwendeten europäischen Schriften gehen letztlich auf deren Alphabet zurück – sondern auch Wörter: Sesam, Cannabis, Alabaster, Smaragd, Talent, Charakter. Kreta ist eine der ersten Regionen, die für das Griechische modifizierte Alphabet übernommen haben (um 800 v. Chr.). Auch in der Kunst hinterließ diese “Orientalisierende Epoche” ihre Spuren und, auf subtilere Weise, in der Religion. Die Entstehungsgeschichte der griechischen Götter war stark von orientalischen Theogonien beeinflusst. (vgl. Chaniotis, Angelos: Das antike Kreta. München: Beck, ²2014: 49)

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Hyazinthe und Labyrinth

Drei Schlüsselwörter: Hyazinthe, Minze, Labyrinth. Es sind die ältesten erkennbaren europäischen Wörter. Alle drei stammen aus Kreta, aus dem minoischen Kreta.  Sie sind sprachliche Ablagerungen, in denen sich der Tatbestand bewahrheitet, dass Kreta die Wiege Europas ist. Sie sind die sprachliche Parallele zu dem Mythos, in dem Zeus Europa auf Kleinasien entführt und sie nach Kreta bringt. (vgl. Chaniotis, Angelos: Das antike Kreta. München: Beck, ²2014: 7)

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Qualifikationsnachweis

Leone Leonie wurde wegen Münzfälscherei angeklagt und verurteilt. Später wurde er Leiter der kaiserlichen Münze. (“Zwischen Genialität und Grausamkeit. Der Künstler als Verbrecher”, in: Forum, SWR2: 09/01/2015)

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Gewaltige Erfahrungen

Entweder vor oder nach der Tat. So wird die Tötung Holofernes durch Judith in der Malerei meistens dargestellt. Holofernes hatte versucht, sie zu vergewaltigen. Die unmittelbarste Darstellung der Tat, den Moment der Tat erfassend, in all seiner Grausamkeit, stammt ausgerechnet von einer Malerin, von Artemisia Gentileschi, einer der wenigen bekannten Malerinnen. Gentileschi wurde als junge Frau selbst vergewaltigt. Sie brachte die Vergewaltigung zur Anzeige, der Täter bekam seine Strafe. Und dann heiratete Gentileschi ihn! Man hat immer wieder versucht, eine Verbindung zwischen der persönlichen Erfahrung der Gewalt und deren Darstellung in ihren Bildern zu sehen. Aber es gibt natürlich keine 1:1-Entsprechung. Die psychologische Disposition ist im Werk nicht unmittelbar zu erkennen. Viele Künstler, die Exzesse darstellten, hatten eine ruhige, bürgerliche, friedvolle Existenz. Dennoch könnten die Erwartungen an den Künstler und die Selbsterwartungen des Künstlers, dem eine besondere Erfahrungstiefe zugetraut wird, eine Disposition zur Transgression von Normen fördern. (“Zwischen Genialität und Grausamkeit. Der Künstler als Verbrecher”, in: Forum, SWR 2: 09/01/2015)

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Künstlerglück

Bernini hatte eine Affäre mit Constanza Bonarelli, der Ehefrau eines seiner Mitarbeiter. Die wiederum hatte eine Affäre mit seinem Bruder. Bernini entdeckte das. Rasend vor Wut lief er hinter dem Bruder her und ergriff eine auf einer Baustelle herumliegende Eisenstange. Damit brach er ihm zwei Rippen. Er ging nach Hause und befahl einem Diener, dem er zwei Flaschen und ein Messer gab, Constanzes Gesicht zu entstellen. Das tat der. Bernini nahm einen Degen und verfolgte seinen Bruder. Der flüchtete sich in eine Kirche, nach Santa Maria Maggiore. Dort konnte er sich sicher fühlen. Doch Bernini ließ sich davon nicht zurückhalten und lief mit gezücktem Degen dem Bruder hinterher und schlug bei der Gelegenheit gleich noch ein paar Priester nieder, die sich ihm in den Weg stellten. Diese Vergehen hätten eine schwere Strafe, vielleicht sogar die Todesstrafe zur Folge haben müssen. Und Berninis Mutter bat den Neffen des Papst in einem bewegenden Brief, ihren Sohn, der völlig außer Rand und Band war und nicht mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden könne, zu bestrafen. Bernini wurde zu einer empfindlichen Geldstrafe verurteilt, aber die wurde ihm vom Papst erlassen, mit einer feierlichen Urkunde, in der es hieß, Bernini sei „ein Mensch von sublimer Begabung, durch göttliches Wirken geboren, um zum Ruhme Roms Licht in dieses Jahrhundert zu tragen.“ (Karsten, Arne: Bernini: Der Schöpfer des Barocken Rom. München: Beck, 2007: 93-97).

 

 

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Schöne, weite Welt

Eine Zimmerwirtin auf Ischia ist ganz entzückt, als sie erfährt, dass ihr französischer Gast aus Paris stammt. Gast sagt, als sie erfährt, dass ihr Gast aus Paris komme: Ah, schöne Stadt, Paris. Ob sie jemals da gewesen sei? Nein, nie gesehen. Sie sei bisher nur bis nach Florenz gekommen, auf der Hochzeitsreise. (Mura, Gianni: Ischia. Milano: Feltrinelli, 2012: 33)

 

 

 

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Alter Knacker

Magrite, der französische Kommissar, rasiert sich nach der ersten gemeinsamen Nacht mit seiner neuen Freundin während eines Urlaubs auf Ischia den Schnäuzer ab. Als sie wissen will, warum, antwortet er: Ich wollte nicht wie ein alter Knacker aussehen. Die erwidert, jetzt sehe er wie ein alter Knacker aus, der jünger aussehen wolle. Der Schnäuzer habe etwas Erotisches gehabt. (Mura, Gianni: Ischia. Milano: Feltrinelli, 2012: 31)

 

 

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Carabiniere und Commissario

Ein französischer Kommissar, Margrite, verbringt seinen Urlaub auf Ischia. Während des Urlaub wird er als Zeuge eines Verbrechens auf dem Kommissariat vernommen. Der Carabiniere fragt ihn nach seinem Namen und bittet ihn dann, ihn zu buchstabieren: “Michel, André, Gustave …” Der italienischen Kommissar glaubt, man wolle ihn auf den Arm nehmen: “Mi sta prendendo per il culo?” Keineswegs. Es gibt hier ein kulturelles Missverständnis: Im Französischen benutzt man im Buchstabieralphabet Personennamen, aber das weiß der Carabiniere nicht, im Italienischen Städtenamen, aber das weiß der Kommissar nicht. (Mura, Gianni: Ischia. Milano: Feltrinelli, 2012: 118)

 

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Schlechte Bereicherung

In einer Umfrage für eine Seminararbeit wurden den Probanden folgende Aussagen zu Anglizismen im Deutschen vorgelegt.

Ich glaube, dass die Verwendung englischer Wörter

  • schlecht für die deutsche Sprache ist
  • eingeschränkt werden sollte
  • die deutsche Sprache bereichert
  • das Leben einfacher macht
  • ein normales Phänomen ist
  • die deutsche Kultur zerstört

Es konnten mehrere Antworten angekreuzt werden. Zur Verblüffung der Studentin – und zu meiner Verblüffung – wurden „sollte eingeschränkt werden“ und „zerstört die deutsche Kultur“ häufig in Verbindung mit „ist ein normales Phänomen“ genannt.  Auch „ist schlecht für die deutsche Sprache“ und „macht das Leben einfacher“ wurden zusammen genannt, ebenso „sollte eingeschränkt werden“ und „macht das Leben einfacher“. In mindestens einem Falle wurden auch  „ist schlecht für die deutsche Sprache“ und „bereichert die deutsche Sprache“ zusammen genannt. Man kann sich vorstellen, wie machtlos Argumente gegenüber solchen Instinkten sind.

 

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Doppelsieg

1956 erhielt Romain Gary den Prix Goncourt für seinen Roman Les racines du ciel. Roman Gary war ein Pseudonym. Sein eigentlicher Name war Roman Kacew. Unter diesem Namen war er in Vilnius, im heutigen Litauen, damals zu Russland gehörend, geboren. Als Jugendlicher war er mit seiner Mutter nach Frankreich gekommen. 1977 erhielt der Roman La vie devant soi den Prix Goncourt. Die Identität des Autors war unbekannt. Er schrieb unter einem Pseudonym. Roman Kacew beging 1980 in Paris Selbstmord. Erst dann enthüllte er, dass es sich bei Roman Gary und Emile Ajar um ein und denselben Autor handelte. Damit ist er der einzige Autor, der den Prix Goncourt, der immer nur einmal im Leben vergeben wird, zweimal erhielt! Auf eine sehr subtile, von ihm selbst nie offen gelegte Weise hat Gary den Lautwert seines französischen Pseudonyms zum Kunstnamen seines Doppelgängers in Beziehung gebracht: Ajar kann als Anagramm zum Russischen жара gelesen werden (žará, gesprochen wie frz. jará), und das bedeutet ‘Hitze’, ‘Glut’, und Gary entspricht dem Russischen гори (garí), dem Imperativ von горе́ть, und das heißt ‘brennen’! (Ingold, Felix Philipp: Im Namen des Autors. München: Wilhelm Fink, 2004: 309)

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Hamburger Sie, Münchner Du

Es gibt Konventionen, aber keine feste Regeln für den Gebrauch von du und Sie. Dazu kommt, dass sich der Gebrauch verändert. Das bringt Unsicherheiten mit sich. In vielen Situationen findet man Sie zu distanziert, du zu burschikos. In einem Artikel (Trotier, Kilian: “Spricht für Stil. Das Hamburger Sie: distanziert, versiert, verbindlich” in: Zeit Online: 15/07/2014) finde ich jetzt ein Plädoyer für das “Hamburger Sie”, so wie Helmut Schmidt es gleich zu Anfang des Gesprächs mit Peer Steinbrück gebrauchte: “Wann sind wir uns eigentlich das erste Mal begegnet, Peer? In welcher Abteilung des Kanzleramtes haben Sie gearbeitet?” Es drücke Sympathie aus, sei aber nicht aufdringlich. Ein Mittler zwischen den Polen. Und dem “Münchner Du” (das du mit Herr/Frau kombiniert) in Form und Moral weit überlegen. Mag sein, aber wenn das “Münchner Du” wirklich aus München stammt, hat es seinen Siegeszug durch die ganze Republik angezogen. Ich höre es ständig in Geschäften unter den Angestellten: “Frau  Oberhausen, kannst Du mir mal ne Rolle Fünfziger besorgen?”

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Sie und Du und Du und Sie

Der russische Adel, zweisprachig aufgewachsen mit Französisch als Zweitsprache, hatte im 19. Jahrhundert gleich die vierfache Wahl: Man konnte jemanden mit ты oder Вы anreden oder mit tu oder vous, hatte also gleich die doppelte Auswahl. Und die musste man ständig treffen. Es gab nämlich keine einmal festgelegte Form. Man duzte oder siezte ein und dieselbe Person je nach Situation und Stimmungslage. Und es gab keine Gleichung ты und tu oder Вы und vous. So entscheidet sich  Alexej Alexandrowitsch (in Anna Karenina) in seinem Schreiben an Anna, seine Ehefrau, für Sie und für Französisch, um das russische Sie zu vermeiden, das noch förmlicher klingen würde.

 

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Latein für alle Fälle

Jin Ping Mei ist einer der fünf berühmtesten klassischen chinesischen Romane, unter anderem bekannt für seine expliziten erotischen Passagen. Die erste komplette Übersetzung ins Englische von Clement Egerton (The Golden Lotus) stammt aus dem Jahre 1939, eine komplette Übersetzung der Ausgabe von 1695. Allerdings wurde nicht alles auf Englisch übersetzt. Die als anstößig geltenden Passagen wurden ins Lateinische übersetzt!

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Du, Frau Zoe …

In einem modernen griechischen Roman spricht eine der Protagonistinnen, Arin, eine junge Mutter, die Frau, die tagsüber auf ihre Kinder aufpasst, mit Frau Zoe, aber mit du an: Βεβαίως, κύρία Ζωή. Πήγαινε στην οικογένεια σου να ξεκουραστείς κι εσί. Σε ευχαριστώ πολύ! – Sicher, Frau Zoe. Geh zu deiner Familie und ruh du auch ein bisschen aus. Ich danke dir sehr. (Τέκου, ΙφιγένειαΕιρηνη, Μνήμες χαμένες στην άμμο. Αθήνα: Κέδρος, 2014: 218)

 

 

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Ankunft USA

Wer schon einmal in die USA eingereist ist, kann die Schilderung der Ankunft am Flughafen nachvollziehen, wie man sie bei Irene Runge findet: Angekommen auf New Yorks Flughafen steht vor der Passkontrolle auf einem Schild We are the face of our nation. Vigilance – Service – Integrity. Das Wort wir schafft eine corporate identity, ist die gemeinschaftsstiftende Philosophie. Am Eingang des Landes repräsentieren das die Uniformierten in den kleinen Abfertigungsboxen. Wachsam, hilfsbereit, integer. So sieht das multiethnische Gesicht der Nation aus. Sie lächeln herzlich, der professionelle Blick bleibt streng und prüfend. (Runge, Irene: Wie ich im jüdischen Manhattan zu meinem Berlin fand. Berlin: Kulturmaschinenverlag, 2012: 10)

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Lost Boys

Wenn sie nicht bei den Attacken der arabischen Milizen auf ihr Dorf in den Hütten verbrannt waren, wenn sie dann auf ihrem Treck nicht von Löwen gefressen wurden oder von Krokodilen, wenn sie nicht an Malaria starben oder an Typhus, wenn sie nicht an Überanstrengung oder an Hunger starben, wenn sie nicht ertranken oder in einen Krater fielen, wenn sie sich nicht bei den nächtlichen Märschen im Wald verirrten und den Kontakt zu der Gruppe verloren, wenn sie nicht im Training der SPLA zu Tode gehetzt wurden, wenn sie nicht von Flugzeugen der Regierungstruppen aus beschossen wurden, wenn sie nicht von Soldaten der SPLA einfach abgeknallt oder als Verräter hingerichtet wurden, und wenn sie dann wirklich den Gilo, den Grenzfluss nach Äthiopien überqueren konnten, dann konnten sich die Lost Boys aus dem Süden Sudans einige Monate schlecht und recht im Flüchtlingslager von Pinyudo durchschlagen. Wenn sie dann nicht bei den Massakern durch die lokale Bevölkerung umgekommen und, nach dem Machtwechsel in Äthiopien, bei der Vertreibung der Flüchtlinge nicht erschossen wurden und es wieder über den Grenzfluss schafften, und wenn sie dann auch noch den nächsten Gewaltmarsch überstanden, dann landeten die Lost Boys in Kenia, in einem neuen Flüchtlingslager, quasi einer improvisierten Stadt mit 40.000 Flüchtlingen und verschiedenen Stadtteilen. Dieses Flüchtlingslager, Kakuma, blieb für Jahre ihre Heimat. Kakuma hatte keinen Fluss, Kakuma hatte keinen Wald, wie sie es aus dem Sudan und aus Pinuydo kannten. Kakuma war heißer, trockener, windiger, staubiger. Kakuma war, wie sie erfuhren, dass kenyanische Wort für ‚Nirgendwo‘.

 

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Messer – Gabel – Löffel

Messer, Gabel, Löffel: ein gutes Beispiel für die ziemlich willkürliche Zuordnung der deutschen Substantive zu den grammatischen Geschlechtern: das Messer, die Gabel, der Löffel – sächlich, weiblich, männlich. Wenn ich meine Studenten damit konfrontiere, versuchen die, jedenfalls die deutschen, unbedingt eine logische Begründung dafür zu finden, und schaffen es auch, sich selbst zu überzeugen. Nicht aber mich und die ausländischen Studenten. Der Blick über den Tellerrand, d.h. über die eigene Sprache, hinaus, belegt, dass man der Sache mit Logik nicht beikommen kann:
  • Messer – Gabel Löffel
  • coltello forchetta cucchiaio
  • cuchillo tenedor cuchara
  • couteau fourchette cuillère
  • μαχαίρι – πιρούνι – κουτάλι
  • нож – ви́лка – ло́жка

 

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Karthago, zum Dritten

Ein Manifest, das er 1951 verfasste, beschloss Brecht mit den Worten: Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten. (Kesting, Marianne: Brecht. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 81998: 138-139)

 

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Mädchen, Mäuse und Männer

In einem Seminar sagte einmal eine Studentin auf die Frage, wie denn im Deutschen der Plural von Substantiven gebildet werde: “Durch Anfügen von –s“. Die Aussage blieb unwidersprochen und mir als Ausweis der unfassbaren Ignoranz der Menschen über ihre eigene Sprache in Erinnerung. Ich habe daraufhin mal, ohne Nachschlagewerke zu konsultieren, eine vorläufige Liste von alltäglichen Wörtern gemacht, die mir spontan in den Sinn kamen und sie versuchsweise geordnet:

  • Schritt > Schritte, Pfad > Pfade, Tisch > Tische, Arm > Arme, Bein > Beine, Spiel > Spiele
  • Katze > Katzen, Blume > Blumen, Lage > Lagen, Name > Namen, Rolle > Rollen, Sünde > Sünden, Gabel > Gabeln, Auge > Augen, Seite > Seiten, Runde > Runden
  • Frau > Frauen, Held > Helden, Herz > Herzen
  • Feld > Felder, Kind > Kinder, Rind > Rinder
  • Drucker > Drucker, Richter > Richter, Mädchen > Mädchen, Esel > Esel, Messer > Messer, Löffel > Löffel, Förster > Förster, Fächer > Fächer
  • Star > Stars, Band > Bands, Taxi > Taxis
  • Maus  > Mäuse, Stuhl > Stühle, Kuh > Kühe, Gast > Gäste, Korb > Körbe, Ball > Bälle, Band > Bände
  • Vogel > Vögel, Laden > Läden, Vater > Väter, Mutter > Mütter, Acker > Äcker
  • Mann > Männer, Haus > Häuser, Holz >Hölzer, Fach > Fächer, Band > Bänder Die Liste zeigt:
  • die Komplexität der Pluralbildung
  • dass es neben einfachen Formen – Veränderung des Grundvokals, Anfügen von Endungen – auch Mischformen gibt: Mann > Männer
  • dass ein Singular verschiedene Pluralformen haben kann: Band > Bands, Band > Bänder, Band > Bände
  • dass zwei unterschiedliche Singularformen denselben Plural haben können: Fach > Fächer, Fächer > Fächer
  • dass der Plural oft morphologisch nicht markiert wird: Richter > Richter
  • die marginale Rolle des von der Studentin angesprochenen Musters, des Anfügens von –s. Selbst bei modernen Anglizismen, wo man das Muster vielleicht erwarten würde, trifft es nicht ein: Computer > Computer

 

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Kinder-Los

James Cook hatte sechs Kinder. Als er von seiner zweiten großen Entdeckungsfahrt zurückkam, war seine Tochter Elizabeth gestorben. Sie war noch ein Kind. Während der Reise war sein Sohn Joseph geboren worden. Es starb noch in demselben Jahr. Cook hat ihn nie gesehen. Während der Vorbereitungen zur dritten Reise starb sein Sohn George. Er wurde nur vier Monate alt. Sein Sohn Nathaniel starb als Seemann in einem Hurrikan in Jamaika. Sein Sohn Hugh, zum Geistlichen bestimmt, starb während des Studiums in Cambridge. Sein Sohn James, Commander bei der Marine, ertrank während des Dienstes. Cook überlebte sie alle. Seine Frau starb erst 1835. Sie überlebte ihren Mann um fünfzig Jahre. (Emersleben, Otto: James Cook. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1998)

 

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Mensch denkt. Wer lenkt?

An Bord der Caldas, eines kolumbianischen Zerstörers, der zu Reparaturarbeiten in Mobile in den USA gewesen war, befanden sich ein Seemann, der gar nicht zur Besatzung gehörte und nur zufällig auf die Caldas gestoßen war, weil er nach Kolumbien zurückwollte; ein Seemann, der während des Aufenthalts in Mobile keinen Penny für Vergnügungen ausgegeben und alles in Geschenke für seine Frau investiert hatte, die in Cartagena auf ihn wartete; ein Seemann, der in Mobile einen Film über einen Sturm gesehen und sich geschworen hatte, nach der Rückkehr nach Kolumbien nie wieder zur See zu fahren. Die Caldas erlitt Schiffbruch. Keiner der drei überlebte. (García Márquez, Relato de un náufrago. Bogotá, Barcelona u.a: Verticales de Bolsillo, 2008: 18-20)

 

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Gandhis anderes Gesicht

Gandhi zu mögen, dazu gehört nicht viel: der gewaltlose Widerstand, die Armut, seine Bescheidenheit, seine Persönlichkeit, das ist schon was. Dem kann man sich nicht so leicht entziehen. Gandhi zu kritisieren ist viel schwerer. Das tut jetzt Arundhati Roy, immer unerschrocken, immer selbständig im Denken. Sie klagt Gandhi an, das Kastensystem unterstützt zu haben. In einer Antwort auf eine (nie gehaltene, aber veröffentlichte) Rede von Bhimrao Ramji Ambedkar, einem Mitglied der Dalits, der untersten Kaste und einem der Kritiker Gandhis, in dem er den Hinduismus verwirft und das Kastensystem als brutale hierarchische Ordnung verwirft, antwortete Gandhi mit einer Verteidigung des Kastensystems. Arundhati Roy verfolgt Gandhis Meinungen zur Kastenfrage zurück auf seine Meinungen zur Rassenfrage, die er in Südafrika vertreten hat. Als Gandhi in der berühmten Szene in Pietermaritzburg aus dem Zug geworfen wurde, hat er sich nicht über die Rassentrennung an sich empört. Er saß in einem Abteil der Weißen, weil er glaubte, als Inder und Angehöriger einer höheren Kaste habe er ein Recht dazu. Er wollte nicht mit den Kaffern, wie er sie nannte, in einem Abteil reisen. Gandhi schrieb mit viel Verachtung über Afrikaner, Leibeigene, Unberührbare, Sklaven und Frauen. Er verbrachte die meiste Zeit in Südafrika damit, die Freundschaft des weißen Regimes zu werben. Arundhati Roy sieht in Gandhi nicht einmal nur einen sympathischen Spinner, sondern sieht da etwas Bösartiges am Werk. Gandhi beschränkte sich in seiner Kritik auf das Thema der Unberührbarkeit, griff aber nicht das System an. Das beinhaltet viel mehr als Unberührbarkeit: Recht auf Land, Dienstleistungen, Bildung. Gandhi hat darauf bestanden, dass keine Kaste als nobler gelten solle als eine andere, aber auch darauf, dass jede Kaste bei ihrer ererbten Arbeit bleiben sollten. In einer Antwort auf Ambedkar schrieb er über die idealen Qualitäten der Kaste der Latrinenarbeiter. Er glaubte, es wäre ihre göttliche Pflicht, anderer Leute Exkremente zu beseitigen. Sie sollten das für den Rest ihres Lebens tun und nicht daran denken, mit ihrer Arbeit Profit zu machen. So unterstützte er, Roy zufolge, ein angeblich gottgewolltes System, das ein Reservoir an billigen Arbeitskräften generiert und den Untersten sogar noch suggeriert, sie sollten sich über ihre Stellung freuen. (Ross, Jan: „Gandhis vergiftetes Erbe“. Interview mit  Arundhati Roy, in: Die Zeit 40/2014: 50)

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Anpassungsfähig

Eigentlich haben Störche im salzigen Wasser der Nordsee nichts zu suchen. Das ist in keinem zoologischen Fachbuch vorgesehen. Störche fischen in Seen und Flüssen, im Süßwasser, nach Würmern und Fröschen. Tiere, die sich ausschließlich von Meerestieren ernähren, haben in der Regel spezielle Drüsen, um überschüssiges Salz wieder auszuscheiden. Der Stoffwechsel des Storchs ist auf salzige Nahrung nicht eingestellt. Dennoch gibt es Störche auf Föhr, die ihre Nahrung im Wattenmeer suchen. Ihre Vorfahren sind „Romeo und Julia“, ein Storchenpaar, das von einem Tierschützer gepflegt und aufgezogen worden war. Beide waren vorübergehend flugunfähig. Julia war verletzt, und Romeos Flügel waren von seinem Besitzer gestutzt worden. Da sie ohne Eltern aufwuchsen, wussten sie nicht, was sich „gehört“, und als sie wieder fliegen konnten, haben sie sich das Nächstliegende ausgesucht: das Wattenmeer. Ihren Nachkommen haben sie die Vorliebe für Meerestiere mitgegeben. Heute leben 25 Störche auf Föhr. Und haben es mit ihrer ungewöhnlichen Vorliebe in die akademische Literatur gebracht. Im Herbst fliegen einige von ihnen Richtung Afrika, aber andere bleiben selbst in der kalten Jahreszeit im Norden. Im Gegensatz zu Seen und Flüssen friert das Meer nicht zu. Warum Tausenden Kilometer in den Süden fliegen? (Bäurle, Anne: „Romeo und Julia auf Krabbenfang“, in: Die Zeit 39/2014: 40)

 

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Weibliche Gefahr

Hurrikans mit weiblichen Namen sind gefährlicher als solche mit männlichen Namen. Jedenfalls fordern sie mehr Todesopfer. Das haben Forscher von der University of Illinois festgestellt. Das ist kein Zufall. Nähert sich ein Hurrikan mit weiblichem Namen, tendieren wir dazu, die Gefahr zu unterschätzen. Frauen gelten als weniger aggressiv. Am schlimmsten sind Hurrikans mit besonders femininen Namen, wie Belle oder Cindy. Sie fordern die meisten Todesopfer.

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Für dich, Professor!

In einer Kurzgeschichte von Moravia wird ein Mädchen vom Lande, eine Ciociara, an einen alten Professor der Archäologie als Hausmädchen vermittelt. Als sie zum ersten Mal, in Begleitung des Portiers, der sie vermittelt hat, das Haus des Professors betritt, übergibt sie ihm ein Körbchen mit frischen Eier als Gastgeschenk und sagt: “Tie’, professore, prendi, t’ho portato l’ova fresche”.  Der Portier ermahnt sie, man dürfe den Professor nicht duzen. Der aber nimmt das ganz gelassen hin. Die alten Römer hätten sich schließlich auch alle geduzt, wie in einer großen Familie. Sie hätten das Sie nicht gekannt. In einer weiteren Kurzgeschichte schickt Tullio, ein Mann vom Lande, einem jungen Städter, Remo, der sich gerade von einer Krankheit erholt, einen Brief und bietet ihm einen Sommeraufenthalt in seinem Haus auf dem Lande an. Dabei duzt er ihn. Remo nimmt das als sicheres Zeichen für die Unkultiviertheit von Tullio. Das Duzen scheint alles zu bestätigen, was er von den Landleuten erwartet: rustikale Trampel, die mit dem Blasebalg am Kohleofen stehen, die Schönheit von Eseln besitzen und sich zwischen Kastanienbäumen vor Langeweile verzehren. (Moravia, Alberto: Racconti romani. Römische Erzählungen. München: Dtv, 9/2011: 40 + 66-68)

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Geheimwaffe Thermometer

Es gibt viele Pioniere der Photographie. Der bekannteste ist Daguerre. Als Dekorationsmaler für Theater hatte er das Diorama erfunden, eine Schaubühne für große, gemalte Szenerien. Eine Camera obscura diente dabei als Hilfsmittel, um die Szenerien möglichst realistisch zu gestalten. Mit Photographie hatte das noch nichts zu tun, aber bald sann Daguerre darauf, mit der Camera obscura Bilder herzustellen. Er behandelte Silberplatten mit Joddämpfen, um damit eine lichtempfindliche Schicht zu erzeugen. Wenn man diese Platten in eine Camera obscura einsetzte, entstand nach sehr langer Belichtungszeit ein sichtbares Bild. So ein Bild dunkelte aber nach und wirkte aufgrund der langen Belichtungszeit seltsam unnatürlich. Beide Probleme löste ein glücklicher Zufall. Eines Tages wurde das Wetter plötzlich trübe. Daguerre nahm die Platten heraus und stellte sie in einen Schrank. Am nächsten Tag hatte er plötzlich das fertige Bild vor sich. Er ahnte, dass in dem Schrank etwas sein musste, was die Entstehung des Bildes verursachte. Durch systematische Suche fand er schließlich die geheime Substanz: Die Quecksilberdämpfe eines zerbrochenen Thermometers. So entstand die Daguerreotypie, das beste Verfahren, um Landschaftsbilder, Portraits und Stillleben zu erzeugen. Daguerreotypien wurden in kürzester Seit ungeheuer populär. Das Verfahren hielt sich dennoch nur etwas mehr als ein Jahrzehnt: Daguerreotypien lassen sich nicht vervielfältigen, sind seitenverkehrt und berührungsempfindlich. (Bohn, Markus: “Louis Daguerre stellt ein fotografisches Verfahren vor”, in: SWR Zeitwort: 18/08/2014)

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Katastrophal

Als es in Europa vor 200 Jahren zu einer Sommerkälte kam, machten einige die Abholzung der Wälder dafür verantwortlich. Die habe Wärme nach oben entweichen lassen. Andere machten die zahlreichen Erdbeben der vergangenen Jahre verantwortlich, wieder andere die Blitzableiter. Sie hatten das Innere der Erde so stark erhitzt, dass nun der natürliche Wärmefluss gestört war. In Japan wurde noch die Katastrophe von Fukushima als Strafe Gottes angesehen. Diese Erklärung hat auch in Europa Tradition. Bei dem Erdbeben von Lissabon 1755 übertrafen sich die Kirchen mit Schuldzuweisungen. Die Protestanten sahen in dem Erdbeben eine Strafe Gottes, die sich gegen die Katholiken richtete. Das Erdbeben war schließlich an einem 1. November, Allerheiligen, ausgebrochen. Eindeutig eine Strafe für den Heiligenkult der Katholiken. Der Glaube an den strafenden Gott ist immer noch aktuell. Der Hurrikan Katrina wurde als Strafe für den promiskuitiven Lebenswandel der Bewohner von New Orleans gedeutet. Aber auch weltlichen Deutungen liegt das gleiche Muster zugrunde: Nach Hochwassern wird gesagt, die Natur schlage zurück. Das ist letztlich eine Fortsetzung religiöser Strafvorstellungen. Es geht um Buße und Wiedergutmachung. Wir pflanzen einen Baum, fahren mit dem Rad oder essen Biofleisch und haben ein gutes Gewissen. (Frey, Andreas: „Die Natur kennt keine Katastrophe“, in: Die Zeit 37/2014: 35-36)

 

 

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Das Salz der Erde

Salz konserviert, nicht nur das, was es konservieren soll. Manchmal ist die Konservierung ein unbeabsichtigter Nebeneffekt, wie ich jetzt in einer Ausstellung eindrucksvoll vor Augen geführt bekam. Der Salzstollen aus dem Hallstätter Salzbergtal stürzte 1245 zusammen, wurde dann erneuert (aber erst 400 Jahre später) und stürzte dann endgültig ein. Der Stollen hat bewahrt, was sonst verloren gegangen wäre, gibt aber auch ein paar Rätsel auf. Man kann zum Beispiel einen Kinderschuh aus Leinen (Größe 30-31), eine Säuglingsmütze aus Fell und Tragesäcke aus Rinderhaut sehen, alle aus dem 13. Jahrhundert vor Christus! Die Säuglinge wurden offensichtlich mit in den Stollen genommen. Kinder mussten mitarbeiten. Erstaunlich, was die Forscher aus den Funden ableiten: Im Stollen arbeiteten Frauen und Männer. Das weiß man, weil sich die Skelette von Frauen und Männern aus dem Stollen ähneln. Die Menschen waren bei der Arbeit ständig überbelastet. Das weiß man, weil Gelenke abgenutzt und Knochen verändert sind, an den Stellen, wo die Muskeln ansetzen. Neben der harten Arbeit gab es Läuse (in Kleidern entdeckt), die Infektionskrankheiten übertragen konnten und Spülwürmer, die Durchfall, Koliken und Bauchschmerzen verursachen konnten. Man hat Pestwurz gefunden, der zu Bündel zusammengefügt wurde. Vielleicht diente er der Behandlung von Wunden, vielleicht als Medizin gegen Darmparasiten, vielleicht als Toilettenpapier! Durch die Exkremente weiß man etwas über der Ernährung. Ein Forscher schlägt aufgrund der Untersuchungen folgendes Rezept vor: Füße, Schwänze und Schwarten vom Schwein, Saubohnen, Gerste, Hirse. Weich kochen, mit Essig, Thymian und Bohnenkraut würzen und mit Zwiebeln servieren. Und natürlich salzen! Dieses Gericht, das Ritschert, wurde im Stollen selbst zubereitet. Als Beleg sieht man in der Ausstellung einen riesigen Holzlöffel und ein Kegelhalsgefäß, das 50 Liter fasste. Die Zubereitung von Essen im Stollen erklärt auch die zunächst rätselhaften Tonscheiben, die in den Stollen gefunden wurden. Die Technik der Salzgewinnung war hervorragend entwickelt. Die Stollen gehen bis zu 200 Meter in die Tiefe. Man sieht hier große, abgebrochene Grubenhölzer. Auch Werkzeuge sind zu sehen. Ein Rätsel gibt ein Pickel auf, mit einem langen, dünnen Stiel und einem spitzen Arbeitswinkel aus Metall. Wie wurde der genutzt? Man hat es in verschiedenen Improvisationen ausprobiert, aber keine Lösung gefunden. Für einen direkten Schlag wie mit dem Hammer ist der Winkel zu spitz. Für eine ziehende Bewegung ist der Stiel zu dünn. Für eine Benutzung als Brecheisen ist ebenfalls der Stiel zu dünn. Und eine Benutzung als Schlägel kommt nicht in Frage, weil man keine Schlagspuren finden konnte. Außerdem wurde eine hölzerne Treppe gefunden, die mobil war und deren Stufen man verstellen konnte. Hallstatt hatte sogar sein eigenes Markenzeichen: herzförmige Salzplatten. Die gab es nur hier! Man meißelte vermutlich zuerst herzförmige Rillen in die Wand und löste dann die Salzplatte durch Druck heraus. Das erforderte eine präzise Handhabung von Pickel und Meißel. Bis heute weiß man nicht, warum ausgerechnet dieser Stollen bearbeitet wurde. Er war schwer zugänglich, lag 400 Meter über dem See und 30 Meter in der Erde und war bis in den Sommer zugeschneit. 40 Kilometer weiter gab es besser zugängliche Stollen. Trotzdem kamen schon vor 7.000 Jahren Menschen hierher, um Salz zu gewinnen. Und schon vor 4.000 Jahren hab es arbeitsteilige Verfahren bei der Salzgewinnung. Hallstatt hatte ein richtiges Monopol. Die anderen Salzförderstätten waren weit entfernt: Volterra, Tusla, Wielicka, Schwäbisch Hall. Salz machte von Jahreszeiten unabhängig. Man konnte Lebensmittel haltbar machen. Das machte man auch hier, vor Ort. Man hat Surbecken gefunden, in die mindestens 200 Schweine passten. Dort wurden Speck und Schinken produziert, und die kamen in den Handel. All das bedeutete großen Reichtum. Den dokumentieren die 1.500 im Salzbergtal gefundenen Gräber, mit ihren reichen Grabbeigaben. So wurde Hallstatt zu dem Namen für eine ganze Kulturepoche. Die Grabbeigaben, die man hier sieht, stammen meist aus der älteren Eisenzeit (800-400). Das Gräberfeld ist eine Art global village, mit exotischen Grabbeigaben aus allen Himmelsrichtungen: eine skytische Axt aus Eisen, ein norditalienisches Messer, Glas von der Adria, eine Bernsteinkette, afrikanische Vasen, Keramik aus Slowenien. Das Prachtstück der Ausstellung ist ein Schöpfergefäß aus Bronze, bei dem der Griff eine Kuh ist, hinter der ein Kälbchen an dem Gefäß hochklettert. Vermutlich ein Ritualgefäß, zu schade für den täglichen Bedarf. Ein Rätsel der Gräber stellt das Gold da: Es gibt so gut wie keins. Gab es eine Salzelite, deren noch unentdeckte Gräber all das Gold enthalten? Oder hatte Gold keinen guten Ruf? Dazu würde Cassiodorus‘ Ausspruch passen: „Auf Gold kann man verzichten, auf Salz nicht“. Gefärbt wurde auch in Hallstatt, und zwar, wenn ich das richtig verstanden habe, sowohl Kleidung als auch Keramik. Blau gewann man aus Waid, Gelb aus Färbervanille oder Färberginster. Und Grün? Da lernt man etwas Erstaunliches: Keine Pflanze färbt grün! Grün ergibt sich aus der Mischung von Blau und Gelb. Die am schwersten herzustellende Farbe aber war Schwarz. Und das war genau die Farbe, die den Schmuck der Hallstätter am besten zur Geltung kommen ließ. („Das weiße Gold der Kelten“, in: Landesmuseum Herne)

 

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Pullover

Ich habe es immer geahnt und bin oft dafür belächelt worden: Frauen ziehen Pullover anders aus als Männer. Bei der weiblichen Technik kreuzt man die Arme vor dem Bauch, greift den unteren Saum und zieht den Pullover von unten über den Kopf. Bei der männlichen Technik greift man mit den Händen hinter den Kopf, bis man ein Stück des Pullovers zu fassen bekommt und zieht dann den Pullover von hinten über den Kopf. Meine Beobachtung wird jetzt in einer Zeitungskolumne bestätigt: Bei einer Befragung von 195 Männern und 136 Frauen ergab sich, dass drei Viertel der Frauen die weibliche Technik benutzen und 80% der Männer die männliche. Die Frage, warum das so ist, bleibt allerdings weiterhin offen. Und auch die Frage, die mich noch mehr beschäftigt: Wo lernt man das? Wer bringt einem das bei? (Drössser, Christoph: “Stimmt’s?, in: Die Zeit 34/2014: 32)

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Strapazierfähiger Tannenbaum

Im Radio hörte ich in einem Altkatholischen Gottesdienst ein Kirchenlied, das auf die (wunderbare) Melodie von Land of Hope and Glory gesungen wird, dem alten, jingoistischen Lied der britischen Imperialismus des 19. Jahrhunderts. In Schweden hörte ich ein Trinklied, Vi dricker en, das auf die Melodie von O Tannenbaum gesungen wird. Das ist auch die Melodie für The people’s flag, das Kampflied der Labour Party, der inoffiziellen Parteihymne, die am Ende jedes Parteitags gesungen wurde. Kurioser Kulturtransfer. Ob die Sänger wohl wissen, worauf sie sich da einlassen?

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Panamakanal: Glanz und Gloria?

Ferdinand de Lesseps und Gustave Eiffel im Gefängnis? Komische Vorstellung. Und doch nicht so weit hergeholt.  Beide wurden, im Zusammenhang mit dem Bau des Panamakanals, verurteilt, Eiffel zu zwei Jahren, Lesseps zu fünf Jahren. Die Urteile wurden später aufgehoben – wegen Formfehlern. Es handelte sich, dem Gericht zufolge, um den “größten Betrugsfall der Gegenwart”. Bei dem Prozess kamen ungeheuerliche kriminelle Praktiken ans Licht. Während de Lesseps feurige Rede hielt über den Fortschritt der Menschheit und die Größe Frankreichs, bestachen seine Hintermänner Hunderte von Parlamentsabgeordneten, damit die Wahrheit  über die katastrophalen Zustände an den Baustellen und die ausufernden Verluste nicht ans Tageslicht kam. Die Arbeiter an der Baustelle gingen an Mücken und Mikroben zugrunde. Insgesamt 22.000 kamen dabei um. Die meisten starben an Gelbfieber und Malaria sowie an Typhus und Cholera. Das Wüstenklima in Ägypten beim Bau des Suezkanals war ein Kinderspiel gewesen gegenüber der tropischen Hölle von Panama. Die Arbeiter – die meisten aus Jamaika, von den Bahamas und anderen karibischen Inseln – verendeten wie die Tiere und wurden auf einem Totenhügel verscharrt. In Frankreich waren 85.000 Kleinanleger dem charismatischen Lesseps auf den Leim gegangen und hatten Anteile, Anleihen und Lotteriescheine der Compagnie universelle du canal interocéanique de Panama gekauft und standen nun vor dem finanziellen Ruin. In Washington hatte man das französische Unterfangen im eigenen Hinterhof mit Misstrauen beobachtet und nahm das Scheitern mit Wohlwollen zur Kenntnis. 1902 beschloss der Kongress, die Konkursmasse zu übernehmen, für den Spottpreis von 40 Millionen Dollar. Die Amerikaner übernahmen den Bau und vollendeten ihn. Und hielten eine schützende Hand über den neuen Staat Panama, der sich 1903 für unabhängig erklärte. Die Kanalzone betrachtete man bis 1999 als einen Teil der USA, und als Senator John McCain, der in der Kanalzone geboren worden war, 2008 Präsidentschaftskandidat war, stellte sich niemand die Frage, ob er denn überhaupt amerikanischer Staatsbürger sei. (Rüb, Matthias: “Amerikas Triumph, Frankreichs Blamage”, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 188/2014: 3)

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Geschlechtsneutrale Erziehung

Schulbeginn in NRW. Die Schultüten werden, wie alles, was mit Kindern zu tun hat, immer aufwändiger und größer. Und die Kinder können sie selbst dekorieren. Welche Motive wählen die Mädchen? Einhörner, Blumen und Prinzessinnen. Und die Jungen? Autos, Raketen und Fußball.

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Käferplage

Die Beatles waren die netten Jungs von nebenan, die Stones die schlimmen Jungs, deren Umgang man seinen Kindern nicht zumuten wollte. Das ist die gängige Vorstellung heute. Ich habe mich schon immer gefragt, wo diese Vorstellung herkommt. Wer die Zeit miterlebt hat, sieht das anders. Damals verbreiteten beide Furcht und Schrecken, jedenfalls beim Establishment, die Beatles genauso wie die Stones. Das bestätigt jetzt auch ein Zeitungsartikel über den Beginn der Beatlemania vor fünfzig Jahren (Mrozek, Bodo: „Yeah, Yeah, Yeah“, in: Die Zeit 31/2014: 17). Die britische Presse sprach damals von einer mittelalterlichen Seuche, die deutsche von der Käferplage, in den USA sprach man von einer atavistischen Krankheit. In Israel wurde den Beatles die Auftrittserlaubnis entzogen, weil man negative Einflüsse auf die Jugend fürchtete. Christliche Aktivisten in den USA verbrannten vor laufenden Kameras Platten, Pilzkopfperücken und Bilder der Beatles auf einem Scheiterhaufen. In Japan wurde die Reise der Beatles von einem tropischen Sturm begleitet, der als Beatles-Taifun bezeichnet wurde, und Traditionalisten erklärten sich bereit, unter Einsatz von Kampfkünsten den Auftritt der Beatles im Budokan zu verhindern, der Halle, die der Vorführung traditioneller Kampfkünste vorbehalten war. Weltweit gaben Ordensträger ihre Medaille zurück, als die Beatles den Order of the British Empire bekamen. Im Westen erregten vor allem die Entgleisungen weiblicher Fans die Gemüter, die halb geschlossenen Augen, die entzerrten Gesichtszüge, die tierischen Schreie. Die Beatles selbst reagierten immer gereizter auf das Verhalten ihrer Fans, deren Schreie bei den Konzerten ihre Musik übertönte. Die Konzerte wurden immer kürzer, etliche wurden vorzeitig abgebrochen, und schon 1966 gaben die Beatles in San Francisco ihr letztes öffentliches Konzert.

 

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Lisztomanie

Der Begriff Beatlemanie spielte auf die Lisztomanie aus dem frühen 19. Jh. an. Schon damals hatte man, wie bei den Beatles, die ungewöhnlich langen Haare von Liszt und seinen exaltieren Vortragsstil verspottet, vor allem aber die weiblichen Fans, die dem Künstler auf manische Weise verfallen waren. Sie fielen in Ohnmacht, mussten mit Riechsalz wiedererweckt werden und balgten sich um Souvenirs wie das Wasserglas des Stars. Nichts Neues unter der Sonne. (Mrozek, Bodo: „Yeah, Yeah, Yeah“, in: Die Zeit 31/2014: 17)

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Mozart-Effekt

Der Mozart-Effekt: Paradebeispiel für fragwürdige Forschung und die fragwürdige Wiedergabe von Forschungsergebnissen an die Öffentlichkeit. Und eine Öffentlichkeit, die diese Ergebnisse mit religiöser Inbrunst aufnimmt: Mozart-Musik, so hieß es, verbessere die kognitiven Leistungen von Studenten. Das hatten Frances Rauscher und Gordon Shaw von der University of California in einem Experiment “nachgewiesen”. Es wurde kolportiert, klassische Musik mache Kinder kreativer, intelligenter und geistig gesünder. Auf einer wilden Begeisterungswelle versorgten ehrgeizige Eltern ihre Babys mit klassischer Musik, und der Gouverneur von Georgia versprach, jedes Baby von Seiten des Staates mit einer CD mit klassischer Musik auszustatten. Den Skeptikern wollte, wie immer, niemand mehr zuhören. Die machten darauf aufmerksam, dass a) der Effekt nach einer Viertelstunde wieder verpufft war, dass b) jede Musik diesen Zweck erfüllte und dass c) überhaupt jede geistige Anregung diesen Zweck erfüllte. Es musste nicht Mozart sein, es konnte auch Stephen King sein. Die Legende verbreitete sich trotzdem. Dass Musik irgendwie das Gehirn beeinflusst, steht (fast) außer Frage, die Frage ist nur: wie? Und wie kann man das nachweisen? Wenn Kinder, die ein Instrument spielen, bessere Sprachleistungen erbringen als Kinder, die kein Instrument spielen, muss das nicht am Musikunterricht liegen. Vielleicht haben überdurchschnittlich sprachbegabte Kinder einfach mehr Interesse an Musik. Oder vielleicht sind Eltern, die ihre Kinder ein Instrument erlernen lassen, einfach wohlhabender und gebildeter als andere Eltern und fördern ihre Kinder mehr. Es besteht also eine Korrelation, kein Kausalzusammenhang zwischen den beiden Phänomenen. Ob sich Musik auf den IQ oder überhaupt auf andere Fähigkeiten oder die Persönlichkeit auswirkt, ist schwer nachzuweisen. Dazu müsste man eine repräsentative Gruppe von Kindern aus allen sozialen Schichten haben und sie viele Jahre lang beobachten. Man müsste also eine Längsschnittstudie machen. Man könnte dann per Los entscheiden, welche Kinder Kunst- und welche Kinder Musikunterricht bekommen und könnte dann sehen, welcher der Kinder den besseren Schulabschluss bekommen. Aber das machen erfahrungsgemäß weder Eltern noch Kinder mit, und für die Forscher ist es eine zeit- und kostenintensive Angelegenheit. Man könnte auch versuchen, herauszufinden, ob sich Musik auf die sozialen Fähigkeiten der Kinder auswirkt. Werden Kinder durch Musik emphatischer, friedlicher, kooperativer? Schön wär’s. Immerhin berichten viele Musiklehrer, dass sich die Atmosphäre in der Klasse schlagartig ändert, wenn der Musikunterricht beginnt und auch ausgewiesene Rabauken ihre Instrumente mit Sorgfalt behandeln. Auch das beruht aber zunächst einmal nur auf Beobachtungen. Stichhaltige Nachweise gibt es kaum. Man sollte Musik um der Musik willen ausüben, nicht um irgendwelcher Nebeneffekte willen. (Drösser, Christoph: “Machen Töne schlau?”, in: Die Zeit 26/2014: 31-32)

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Merkel als Pilotin

Bei Angela Merkel, so Franz Müntefering, fühlt man sich so wie bei einem sicheren, erfahrenen Piloten. Man setzt sich ganz entspannt ins Flugzeug. Nur weiß man nicht, wohin die Reise geht!

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Frühreifes Früchtchen

Aprikose heißt wörtlich ‘frühreif’. Dass man das nicht erkennt, liegt daran, dass sich ein Artikel in das Wort eingeschlichen hat. Der Stamm ist praecox und dessen Variante praecoquium. Über griechisch πρεκóκκια kam das Wort dann ins Arabische, und daher kommt der Artikel: al-barquq. Daraus wurde port. albricoque und span. albaricoque (in beiden ist der arabische Artikel noch erhalten) und frz. abricot. Über ndl. abrikoos kam das Wort dann ins Deutsche, das wie das Englische (apricot) und das Schwedische (aprikos) den Anfangslaut /b/ durch /p/ ersetzt hat (wahrscheinlich durch eine Fehlinterpretation) und damit wieder näher am Original ist! (Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Berlin, New York: De Gruyter, 1999: 641; DudenDas Herkunftswörterbuch. Mannheim, Wien, Zürich: Dudenverlag, 1963: 49)

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Nord gegen Süd

Der typische Nordurlauber ist etwas älter, etwas wohlhabender und deutlich gebildeter als der typische Südurlauber. Und er kommt eher aus den nördlichen Bundesländers. Anders als der Südurlauber, nimmt er sein eigenes Auto mit, mietet eine Ferienwohnung und fährt durch die Gegend. Der Tag hat keine immer wiederkehrende feste Form. Der Tag des Südurlaubers folgt dagegen einer festen Choreographie. Der Süden wird genauso romantisiert wie der Norden: Lebensfreude, Leichtigkeit, gutes Essen einerseits, unberührte Natur, Stille, Einsamkeit, weite Räume andererseits. Nach Süden fährt man wegen des Essens und wegen des Wetters, nach Norden trotz des Essens und trotz des Wetters. Der Norden verlangt mehr “Rechtfertigung”. Dabei hat der Norden im Sommer mehr Sonnenstunden als der Süden. Der Südurlauber verklärt den Süden. Mit Abstand geht das besser. Kein Mailänder käme auf die Idee, Apulien zu verklären. Obwohl der Urlauber den Süden verklärt, kommt er kaum mit ihm in Berührung. Oft bleibt er im Club oder der Hotelanlage und schafft es noch nicht einmal bis zum Strand. (Allmaier, Michael, Baumstieger, Moritz: “Viele mögen es heiß”. Interview mit Professor Martin Lohmann, in: Die Zeit 30/2014: 56)

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South African Coconuts

Under Apartheid, South Africa had quite a rigid social division based on race: Whites, Blacks, Coloureds, Indians. There was little mixing between them. There were also four easily identifiable social dialects of English corresponding to these classes. After the end of Apartheid, from the 1990s onwards, young children of all backgrounds could join high-quality schools once reserved for the Whites – provided their parents could afford it. Initially, white children dominated in these schools. Social networks developed which favoured the English of this class, and children of the other classes accommodated to these prestige norms. As a result, certain features were “deracialised”. The GOOSE vowel, for instance, the vowel of food, who, true, etc., is traditionally fronted in White South African English, a feature that was first described in the 1920s. The vowel is fronted to different degrees. One can describe fronting in this way: the higher the social position and the younger the speaker, the fronter the vowel. In an experiment involving young, middle-class students it was shown that the Black children had almost entirely accommodated their White mates as far as fronting is concerned. This can be interpreted favourably: the linguistic feature has become de-racialised, young Blacks were confidently using the prestige accent of most educated people, a new middle-class was emerging in which race was no longer a barrier to friendship and social relations. However, it also introduced new divisions where there had not been any: division between children who had made it to these schools and their parents and divisions between Blacks who had made it to these schools and those who had not. Apartheid (and Black solidarity) gave way to a sense of differentiation between “authentically” Black or not, ultimately encapsulated in the term coconut: dark on the outside, white on the inside. (Mesthrie, Rajend: “Social change and changing accents in South Africa, in:  Seargeant, Philip & Swann, Joan (ed.): English in the World. History, Diversity, Change. Abingdon: Routledge, 2012: 316-22)

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A sign of Cajunness

Language change can be systematically studied by comparing contemporary speech with historical records but also by comparing the speech of different age groups, as in this study (carried out by Dubois and Horvarth) of the Cajun dialect spoken in Louisiana. One of the features of this dialect is the nasalised pronunciation of vowels. This feature is associated with the traditional community and is gradually disappearing. As might be expected, middle-aged speakers use it less than older speakers. There is no gender difference in these groups. There is a gender difference, however, in the group of younger speakers. Younger women use nasalised vowels even less than middle-aged people, i.e they continue the trend. But younger men reverse the trend. They nasalise almost all their vowels. This may be due to the fact that young men are often involved in the tourist industry and have re-adopted the feature as a sign of their “Cajunness”. A similar trend can be observed with regards to another feature of the Cajun dialect, the absence of aspiration in voiceless plosives. Older and middle-aged men and women use this variant more often than not, with no significant difference between men and women. This is different in the younger group, where women have almost entirely given up the old feature but men have not. In both cases, gender and age seem to related, and in both cases, women lead the change towards Standard English. Not all young women, however, behaved in the same way. Those who have closed networks, i.e. those who have more ties with their local community and spend most of their time with other members of their community behave differently from those who have open networks. This was reflected in the results for another feature of the Cajun dialect, the replacement of the dental fricative in think or this by plosives, /t/ and /d/. Women with closed networks use the traditional Cajun forms more often than those with open networks. (Meyerhoff, Miriam, Strycharz, Anna: “Variation and change in English”, in: Seargeant, Philip & Swann, Joan (ed.): English in the World. History, Diversity, Change. Abingdon: Routledge, 2012: 302-10)

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Café Europa

Beim Café Europa anlässlich der österreichischen Präsidentschaft der EU 2006 stellte jedes Land einen landestypischen Kuchen oder ein Gebäck vor: Wienerbrød (Dänemark), Kanelbulle (Schweden), Streuselkuchen (Deutschland), Waffeln (Belgien), Shortbread (UK), Scones (Irland), Madeleines (Frankreich), Tiramisu (Italien), Vasilopita (Griechenland), Baklava (Zypern), Dobos Torta (Ungarn) usw. Gute Idee. Ich finde die Wahl von Streuselkuchen für Deutschland gut. Der ist wirklich im Alltagsleben präsent, und er ist in anderen Ländern nicht so bekannt. Das sollte ich mir merken für die nächste Gelegenheit, wenn ich nach typischen Gerichten in der Heimat gefragt werde.  Bei Irland ist die Zuordnung eher überraschend. Scones sind für mich echt englisch, aber das UK hatte das schottische Shortbread gewählt, so dass die Scones übrig waren. Baklava ist für mich typisch türkisch, und es ist interessant, dass Zypern diese Wahl getroffen hat.

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Maastricht, Belgien?

Wenn es zur Zeit der Gründung von Belgien eine Volksabstimmung gegeben hätte, wäre Maastricht (sowie die gesamt Provinz Limburg) vermutlich zu Belgien gekommen. Es wurde aber “von oben” bestimmt, dass Maastricht bei den Niederlanden verbleiben sollte. Die Menschen in Maastricht betonen aber ihre “Andersartigkeit”: ganz im Süden gelegen, mehrheitlich katholisch, mit Karneval, einem fast südländischen Flair und einem eigenen Dialekt. Den kann man in Maastricht förmlich “sehen”, nämlich an den “zweisprachigen” Straßenschildern in der Innenstadt. Die Maas teilt die Stadt in zwei Stadtteile, die sich durch eine herzliche Rivalität auszeichnen. Der “andere” Stadtteil, der am rechten Maasufer, heißt Wyck, abgeleitet vom lateinisch vicus, ‘Dorf’, ‘Bezirk’. Maastricht gehört zu dem Teil der heutigen Niederlande, das zum Römischen Reich gehörte. Der Name soll auf Traiectum ad Mosam oder Mosae Traiectum zurückgehen. Die beiden Stadtteile werden von der Alten Brücke, der Sint-Servaas-Brügge, verbunden. Sie wurde kurz vor der Befreiung Maastrichts im 2. Weltkrieg gesprengt und danach wieder aufgebaut, original, aber mit einer Erweiterung, von der heute die Fußgänger und Radfahrer profitieren. Die erste Brücke wurde von den Römern gebaut. Sie stürzte im 13. Jahrhundert bei einer Prozession ein. Der Heilige Servatius war der erste Bischof von Tongern. Er verlegte den Bischofssitz nach Maastricht und starb hier. Er wurde im Dom von Maastricht begraben. Dadurch wurde Maastricht zu einem der wichtigsten Wallfahrtsorte Mitteleuropas. Der Zulauf der Pilger war so groß, dass man für die Kleriker eine eigene, gotische Kirche gleich nebenan baute. Sie wurde später evangelisch. Die Straße, die die beiden Kirchen voneinander trennt, heißt Vagevuur, ‘Fegefeuer’. Später gehörte die Stadt dem Bischof von Lüttich und dem Herzog von Brabant gleichzeitig! Eine echte Besonderheit von Maastricht. Man sagt, das erkläre die zweiseitige Freitreppe am Rathaus. In der Familie bestimmte jeweils die Mutter, zu welcher Herrschaft ihre Kinder gehören sollten!

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Afrikaans vs. English

In 2004, the new constitution of Namibia declared English the sole official language. Up to then, both English and Afrikaans, as a result of South African control of the country, had been the country’s official languages. The administrative and military control was largely exercised through Afrikaans, however. It would have been much easier for the country to stick to Afrikaans. Though it was associated with the country’s white nationalist government, most Namibians were willing to learn it because it was the main language of schooling from fourth grade on and the main language for access to employment. None of the indigenous languages could compete with it. Neither could English. It was rarely used and not widely known. It was spoken only be 2% of the population, mostly in urban areas. Afrikaans was reasonably successful as a lingua franca. Continuing with Afrikaans would have had the advantages of continuity, the ability to use the existing human resources. On the other hand, Afrikaans had negative connotations for most of the people, and English could be regarded as the ethnically most neutral language and be seen as a unifying factor. However, it was not neutral with regards to class – the few who did know English well constituted an elite, whether members of the former ruling class or the well-educated political leadership who had been in exile. Elevating an indigenous language to the status of official language or medium of instruction would have been problematic for political and practical reasons and favoured one ethnic group over the other. For English, a vast array of educational resources was already available in other countries. In practice, however, the implementation of English meant that quite a lot of problems had to be overcome: Many delegates to the first parliament were unable to participate in the discussions because they had insufficient knowledge of English. Not enough teachers had sufficient proficiency in English to teach other subjects in English. And it was difficult for learners to do all their academic work in English which so far they had only studied as a school subject. (McCormick, Kay: “English and other languages”, in: Seargeant, Philip & Swann, Joan (ed.): English in the World. History, Diversity, Change. Abingdon: Routledge, 2012: 255-9)

 

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Der Gau

In einem wunderbaren Radiobeitrag wird die Entscheidung des ADAC, das Wort Gau aus seiner Satzung zu streichen, kritisch unter die Lupe genommen. Es ist unglaublich, was man über das Wort Gau so alles nicht weiß. Es klingt für viele von uns nach Nationalsozialismus (Gauleiter), und das ist wohl auch der Grund, warum der ADAC, als Teil der Strategie zur Aufbesserung seines Images (die aus ganz anderen Gründen nötig ist), das Wort jetzt verbannen will. Das ist aber viel zu kurz gedacht. Das Wort ist natürlich viel älter als die Nazis. Es war schon vor dem 1. Weltkrieg en vogue, als der ADAC gegründet wurde. Und es war ganz und gar passend, denn durch die Gaue, reichbewässerte, fruchtbare Gegenden, fuhren die frühen ADAC-Mitglieder (die ja Motorradfahrer, nicht Autofahrer waren) mit ihren Krafträdern. Schon damals hatte das Wort eine kontroverse Geschichte hinter sich. Es war im 18. Jahrhundert verschmäht, wurde dann aber von Romantikern und Revolutionären wiederentdeckt. Besonders Burschenschaftler, Wandervögel und Turner gliederten sich in Gaue. Der Begriff klang mittelalterlich, und gerade das machte ihn modern. Etymologisch hängt der Gau mit der Au zusammen und findet sich in geographischen Bezeichnungen wie Breisgau und Allgäu. In der Schweiz heißt der Kanton, durch die die Aare fließt, Aargau, und der Kanton, durch die die Thur fließt, Thurgau. (Müller-Ullrich, Burkhard: “Beim ADAC wird der “Gau” zur “Region”, in: Deutschlandfunk: Kultur Heute: 02.07.2014)

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Brooklynese

Many Americans look down on the speech of New Yorkers, and many New Yorkers themselves don’t like they way they talk. As a matter of fact, until a few decades ago students of Manhattan High Schools were given diagnostic exams and, if needed, speech classes to get rid of their accent, and many New York colleges required voice and diction courses targeted at certain local particularities. The best known of the features which characterise what is often called Brooklynese (more because of Brooklyn’s status as an icon of city life than for any specific linguistic reason) is the vowel of words like coffeecaughttalkedsaw, which makes coffee rather sound like cu-uhfee. A similar process applies to the short a in cab or pass or avenue, which makes a New Yorker speak of ki-ubbs which pi-uhss on Fifth i-uhvenue. (Whereas in the surrounding areas all words with a short a are pronounced i-uh, in New York this does not affect the short a in pat, cap, average, etc. – this is the so-called “short a split” of New York). However, there is also one aspect of their dialect of which New Yorkers seem to be proud, and that is their vocabulary: stickball, schlep, salugi, like a dradel and what a schmuck! are all typical of New York. The appeal of these words lies in their invocation of immigrant roots, and this makes the New York dialect, and the city itself, something of a counterpoint to mainstream Anglo America. This is where the disparagement comes from. Today, however, speaking like a New Yorker is no longer a social and professional handicap. Many middle-class New Yorkers of all ethnicities use the dialect, to say nothing of billionaires like Donald Trump. In assuming a New York middle-class dialect, these speakers leave behind a speech commonly associated with their ethnic communities. This working class minority speech has taken on the outsider status the classic Brooklynese has left behind. (Newman, Michael: “New York Tawk”, in: Wolfram, W. & Ward, B. (eds.): American Voices: How Dialects Differ from Coast to Coast. Oxford: Blackwell, 2006: 82-7).

 

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Scheidung international

In Russland ist es ganz und gar normal, sich scheiden zu lassen. Russland hat die höchste Scheidungsrate der Welt. Frühere Ehepartner bleiben oft freundschaftlich miteinander verbunden. In Indien gibt es kaum Scheidungen. Und wenn es eine Scheidung gibt, kann sich der Prozess bis zu zwölf Jahre hinziehen. Wenn ein Paar geschieden wird, werden gleichzeitig zwei Familien geschieden, und geschäftliche Beziehungen und die Familienehre werden in Mitleidenschaft gezogen. In Südafrika gab es früher nur in besonderen Fällen Scheidungen. Heute ist das Scheidungsrecht gelockert worden, und nicht zuletzt haben zwei Präsidenten dazu beigetragen, die Scheidung akzeptabler zu machen. Nelson Mandela war geschieden, und der jetzige Präsident, Jacob Zuma, hat schon sechs Scheidungen hinter sich. Inzwischen ist die Scheidungsrate bei Schwarzen höher als bei Weißen. In Shanghai werden inzwischen mehr Ehen geschieden als geschlossen. Viele Paare lassen sich scheiden, weil sie als Paar nur Anrecht auf eine Wohnung haben. Da sie ihr Geld gerne in Immobilien anlegen, lassen sie sich scheiden, kaufen sich eine zweite Wohnung, leben aber weiter zusammen. (Baxmann, Matthias, Eckoldt, Matthias: “Alltag Anders”, in Deutschlandradio Kultur: 04.07.201)

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Kein Akrobatik-Sex für Brasilianer

Verletzungsgefahren lauern für Fußballer überall: Paolo Guerrero verkrampfte sich einst aus Flugangst so sehr, dass eine alte Muskelverletzung aufbrach. Eine Bordkarte traf Milan Rapaić am Auge, ein Getränkewägelchen Jerome Boateng am Knie – beide fielen wochenlang aus. Charles Akonnor bohrte sich die Antenne seines Autos in die Nase. Mark Statham klemmte sich den Schädel in der Tür ein. Eine Seifenschale im heimischen Bad verletzte Oliver Reck, Kevin Keegan blieb mit dem Zeh im Badewannenabfluss stecken, Robbie Keane riss sich mehrere Bänder bei dem Versuch, den Fernseher per Fuß fernzubedienen. Alessandro Nesta daddelte an der Playstation, bis eine Sehne im linken Daumen riss. Kirk Broadfoot wollte sich Frühstückseier in der Mikrowelle zubereiten – bei der Explosion verbrühte er sich im Gesicht. Lars Hirschfeld hobelte Käse – und seine Daumenkuppe. Kasey Keller schlug sich die Vorderzähne aus, als er seine Golfschläger aus dem Kofferraum nehmen wollte. Der Argentinier Julio Arca verbrannte sich schwimmend die Brust an einer Feuerqualle. Die Statistik ist eindeutig: Auf dem Platz droht zwar die Blutgrätsche des Gegners – aber es ist der einzige Ort, wo Fußballer einigermaßen sicher sind. Felipe Scolari zog jetzt daraus die Konsequenzen und verbot seinen Spielern Akrobatik-Sex während der Weltmeisterschaft. (Willmann, Urs: “Leben ist gefährlich”, in: Die Zeit 20/2014:)

 

 

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Glocalisation

This term – a blend of globasation and localisation – describes the way in which practices that spread around the world will be “nativised” by local cultures. Multinational corporations take local practices and preferences into consideration. McDonald’s, for example, uses Asterix instead of Ronald McDonald in its advertising campaign in France. Imported cultural trends get adopted in a modified form by the local populations, resulting in phenomena like Korean hip-hop or Japanese R&B. The flow is not always only in one direction. US comic-book culture, for example, had a strong influence on post-war Japanese culture, this was then transferred into an indigenous Japanese art form, manga, which in turn has been exported back to the US. (Seargeant, Philip: “English and linguistic globalisation”, in: Seargeant, Philip & Swann, Joan (ed.): English in the World. History, Diversity, Change. Abingdon: Routledge, 2012: 179-80)

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Ebonics

It is well known that intelligibility is not enough to decide whether a variety is to be considered a language of its own or not. It leaves out of consideration linguistic attitudes, in particular the question of identity. Norway, Sweden and Denmark speak different languages, notwithstanding the considerable amount of intelligibility which exists between them. If the community wishes its way of speaking to be considered a language then it is one. Two criteria are required: to have a community with a single mind about the question and with enough power to make this decision respected by outsiders. Neither of these criteria was fulfilled in the case of Ebonics (a blend of Ebony and phonics), proposed for the variety of English formerly known as Black Vernacular English or African-American Vernacular English.  The intentions to give it language status were noble, but it was denounced by people from across the political spectrum, including individuals as the education secretary Richard W. Riley, the black civil rights leader Jesse Jackson and the writer Maya Angelou. Quite evidently, the two criteria above did not apply. (Crystal, David: “A global language”, in: Seargeant, Philip & Swann, Joan (ed.): English in the World. History, Diversity, Change. Abingdon: Routledge, 2012: 173)

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Global English

English has emerged as a world language for extrinsic reasons, not for intrinsic reasons. Popular ideas that English is easy to learn – few inflections, absence of lexical tones, grammatical gender and honorifics – disregard the fact that English is other respects is quite difficult. Besides, languages which do not have these characterstics such as Latin and French have been international languages in their day. It is the extrinsic factors which count: political power, technological power, economic power, cultural power. The British Empire and the two world wars, the Industrial Revolution and the Communications Revolution, the newspapers and the news agencies, broadcasting, television, the cinema, the advertising industry, popular music, international travel and education are at stake, not word order or morphology. (Crystal, David: “A global language”, in: Seargeant, Philip & Swann, Joan (ed.): English in the World. History, Diversity, Change. Abingdon: Routledge, 2012: 156-64)

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Do you speak English?

How many native speakers of English are there altogether? Perhaps surprisingly, this is not so easy to decide. The figures cited vary between 400 and 500 million – a considerable difference. This is probably chiefly due to differences of opinion as to what should be included. Are pidgins and creoles derived from English considered to be varieties of English and included? Or are they languages of their own? It is even more difficult to be sure about the total for non-native speakers of English. Is native-speaker-like fluency the criterion, or is every beginner to be included? And even if we take a middle-of-the-road course, some small deviation may have considerable effects. In India, for example, the figures vary between 3% and 33%, in real terms between 30 million and 330 million. So all figures have to be taken with caution, including the relatively informed survey of the British Council, according to which one billion people (i.e. one thousand million) are engaged in learning English. This includes all learners. If we take, as a criterion, a medium level of conversational competence in handling domestic subject matters, we can take between one half and two thirds of these as non-native speakers of English. Taking averages of the most recent estimates, we can assume that about one third of the world’s population can now communicate in English. This is a lot, but it also means that two thirds of the world’s population cannot communicate in English. One does not have to travel far into the hinterland of a country to find reality. Populist claims about the universal spread of English have to be kept in perspective. The second important factor is that the ratio of native to non-native speakers of English keeps changing. It is not estimated to be about 1:4. The proportion of the world’s population with English as a first language will decline further in the years to come.  (Crystal, David: “A global language”, in: Seargeant, Philip & Swann, Joan (ed.): English in the World. History, Diversity, Change. Abingdon: Routledge, 2012: 154-6)

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Nichts Neues, bitte!

Einer im Journal of the American Medical Association veröffentlichen Studie zufolge verschreiben Ärzte in den USA bei einer akuten Bronchitis immer noch Antibiotika, obwohl längst klar ist, dass die dabei keinen Nutzen haben. In offiziellen Leitlinien und Aufklärungsprogrammen wird darauf hingewiesen, und dennoch verordnen 70% der Ärzte weiterhin diese nutzlosen Medikamente.

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Passende Namen?

Da lacht das Herz des Linguisten: Der BVB hat eine italienische Neuverpflichtung, Immobile. Ein perfekter Name für einen Fußballspieler. Demnächst gibt es in den BVB gegen Bayern nicht nur Dante gegen Sokrates, sondern auch Lahm gegen Immobile. Jetzt heißt es, der BVB habe auch Interesse an Blind. (Schieber soll dagegen gehen, aber sie haben ja noch Großkreuz).

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English vs. Chinese

Which is the top language on the internet? The obvious answer seems to be: English. But Chinese seems to be catching up quickly. The question is, of course, what to count: users, sites, clicks, texts? And: what is a text? And what about multilingual websites?

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Welche Qual!

Bei einem Volkslauf in Luxemburg sah man aus der Ferne eine Bushaltestelle, die QUAL 3 hieß. Als ich mich über die überaus passende Namenswahl wunderte und der Haltestelle näher kam, konnte ich das Schild besser lesen. Darauf stand: QUAI 3

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Just talk!?

What happens if you get language learners to just talk? This was done in an experiment in which three learners were asked to do just that: talk. The result was a highly illuminating dialogue. The three learners talked about Tina Turner, asked each other how they were, where they lived, what the time was, what they did last week and what the weather was like. In other words: a highly incoherent dialogue. That is not surprising, as the learners did not have a reason to talk nor a topic to talk about. A closer analysis shows how this dialogues deviates from other, everyday dialogues: topic changes were abrupt, the speakers did not seem to be interested in what the others were saying, the interaction was mainly based on question – answer units, without the common third turn, the follow-up. There were basically no repetitions, no place holders or acknowledgements like well, erm, I see, no false starts, no self-corrections, no informal language, no hedges like you know, like, sort of, etc. A totally artificial dialogue. It is precisely this abnormal sample of language which makes us see what is normal. (Bygate, Martin: “TESOL and linguistics”, in: Culpeper, Jonathan, Katamba, Francis, et. al. (eds): English Language. Basingstoke: Palgrave Macmillan, 2009: 644-645)

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Story and plot

Although they contain the same elements, and the same information, plot is not the same as story. The story reports events in their chronological order, the plot is the order in which the text presents them. They frequently do not coincide. Events are not usually reported in the order in which they occur. They are scrambled. This can be done to create dramatic suspense or to highlight certain events. In reading a text, we form a mental model of the sequence of events being reported. (Chilton, Paul: “Text Linguistics”, in: Culpeper, Jonathan, Katamba, Francis, et. al. (eds): English Language. Basingstoke: Palgrave Macmillan, 2009: 183)

 

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Sentences? Utterances!

Sentences may contain the same proposition and still be different. As an evident case, a sentence in English and its equivalent in Polish are two different sentences containing the same proposition. A sentence may also contain elements which do not form part of the proposition: “Adam is still waiting for Roz” contains the same proposition as the same sentence without still. Finally, the same proposition can be expressed by different grammatical forms of different words: “The man patted the dog” and “The dog was patted by the man” contain the same proposition. What we usually produce is not sentences (unless we are in a language class, for instance) but utterances, i.e. instantations of sentences. The sentence “We’ve bought a new car” does not refer to any new car. Speakers use it to refer to a car. The same sentence produced by me this year and twenty years ago or produced by my neighbour refers to different cars. So strictly speaking, linguistics expressions do not by themselves refer, they can only be used by speakers to refer. (Siewierska, Anna: “Semantics”, in: Culpeper, Jonathan, Katamba, Francis, et. al. (eds): English Language. Basingstoke: Palgrave Macmillan, 2009: 188-201)

 

 

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Learning how to iron a shirt

How do you learn how to iron a shirt? In some cases, someone may show you how to do it, giving explanations as they are doing so. That is to say, language is involved. But even if there is no one around, you will probably use language in order to learn it. The most obvious case would be your reading the instruction sheet. But even if you do not do this, language will be involved. You may remember a family member doing it, and these memories may be visual, but they are almost certainly also accompanied by words which help to fix the experience in our minds. Even without talking or writing, we often process our action through words in the mind, which help us to understand what we are doing and remember it. We may also profit from something we have read about ironing in the past. (Roz, Ivanič: “Languages and Literacies in Education”, in: Culpeper, Jonathan, Katamba, Francis, et. al. (eds): English Language. Basingstoke: Palgrave Macmillan, 2009: 625-6)

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