Halewi Marx

Der Alte Jüdische Friedhof ist gewöhnlich nicht der Öffentlichkeit zugänglich. Aber dieses Jahr ist alles anders. Marx macht’s möglich.

Der Alte Jüdische Friedhof ist nicht der älteste jüdische Friedhof Triers. Der älteste befand sich in der Nähe der alten Synagoge, an der Jüdemerstraße. Jüdemer? Judenmauer!  Die jüdischen Friedhöfe waren, wie die römischen, immer außerhalb der Stadtmauern. Dieser Friedhof wurde geschleift, als die Juden vom Bischof aus Trier vertrieben wurden. Der hatte, wie es heißt, rein „ideologische Gründe“. Die Juden hatten einfach nicht die richtige Religion. Die Juden hatten bis dahin in der Innenstadt gelebt, in einem Viertel, das ganz fälschlicherweise immer wieder als Ghetto bezeichnet wird. Es war ein privilegiertes Viertel, ganz zentral gelegen, mit eigener Gerichtsbarkeit.

Auf dem Boden dieses ersten jüdischen Friedhofs entstand ein christliches Kloster. Von dem ist heute nur noch die Augustinerkirche erhalten. Bei den Ausgrabungen für die Viehmarktthermen kamen dann jüdische Grabsteine zum Vorschein. Die Christen hatten sie als Spolien für ihre Bauten benutzt.

Dieser jüdische Friedhof, auf dem wir jetzt sind, stammt aus der Zeit, als die Juden wieder zugelassen wurden. Die ältesten Gräber stammen aus dem 16. Jahrhundert, die jüngsten vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Er wurde dann geschlossen – wegen Überfüllung. Der Grund für die Überfüllung war die Spanische Grippe. Die hatte ihren Tribut gefordert, auch in Trier. Bei dem jüdischen Friedhof so sehr, dass sogar die Gehwege zwischen den Gräbern belegt worden waren.

Wenn man durch das Tor in der Begrenzungsmauer tritt, sieht man schnell die „Zweiteilung“ des Friedhofs: links traditionellere Gräber, rechts neuere, die der assimilierten Juden. Überall wachsen Gräser und Bodendecker, die sich teils der Grabsteine bemächtigt haben. Einige verschwinden komplett unter ihnen. Das entspricht der jüdischen Tradition.

Die Bestattung findet bei den Juden so bald wie möglich statt: am Morgen gestorben, am Nachmittag beerdigt. Das wird auf die Zeit des Auszugs aus Ägypten zurückgeführt. Da habe man immer weiter gehen müssen und habe sich nicht aufhalten können, wenn jemand starb. Man grub ein Loch, bestattete den Toten in einfachen Kleidern und legte einen Stein auf die Grabstelle. Daher soll die Tradition stammen, dass Juden noch heute auf Grabsteine kleine Steinchen deponieren.

An der Erklärung stören mich zwei Dinge: Das schnelle Begräbnis gibt es auch bei Muslimen und bei Christen in Südeuropa, und die haben keine Wüste durchquert. Vielleicht hat die schnelle Beerdigung eher hygienische Gründe. Außerdem waren die Juden beim Auszug aus Ägypten ja nicht ständig unterwegs. Schließlich haben sie vierzig Jahre für die paar Kilometer gebraucht. Sie waren Nomaden und hielten sich so lange wie möglich in den Oasen auf, die sie erreicht hatten. So viel Bock scheinen sie auf das gelobte Land nicht gehabt zu haben.

Die jüdischen Frauen werden noch heute, sofern sie gläubig sind, in einfachen Leinentüchern beerdigt. Die jüdischen Männer im Tallit, dem Gebetsmantel, den sie bei der Bar Mitzwa bekommen. Deshalb muss der so groß sein! Hab ich mich schon immer drüber gewundert. Diese ganz einfache Bestattung gibt es noch bei einigen wenigen gesetzesgläubigen Juden, aber die meisten werden jetzt doch in einem Sarg bestattet. Allerdings ist es weniger ein Sarg im christlichen Sinne als eine einfache Holzkiste. So ist es auch hier auf dem Friedhof.

Was man als Laie nicht ohne weiteres erkennen würde, ist die Bedeutung der Embleme auf den Grabsteinen, obwohl sie sich sofort erschließen, wenn man die Erklärung hört: eine abgebrochene Stele (als Symbol für ein zu früh zu Ende gegangenes Leben), eine nach unten gerichtete Fackel (als Symbol für das erloschene Leben), eine Mohnkapsel (für eine Droge, die einen in tiefen Schlaf versetzt). An einem Grabstein in dem modernen Teil ist das Auge Gottes angebracht, ein von einem Strahlenkranz umgebenes Auge, von einem Dreieck umschlossen. Was ist das? Sind die Juden hier soweit assimiliert, dass sie christliche Symbole verwenden? Ausgerechnet das Symbol der Dreifaltigkeit, die so sehr dem strengen jüdischen Monotheismus widerspricht? Oder entstammt das Dreieck am Ende der jüdischen Tradition, als halber Davidstern?

Im strengeren Sinne jüdische Symbole sind die geschwungene Thora-Rolle, die einige Grabsteine bekrönt, sowie die betenden Hände und die Wasserkrüge. Die stehen für Rabbiner bzw. Leviten. Die Rabbiner sind keine Geistlichen. Sie können zwar einen Gottesdienst in der Synagoge leiten, aber das kann jeder erwachsene Mann. Die Rabbiner sind Rechtsgelehrte, Experten.

Ein Unterschied zwischen dem traditionellen Teil des Friedhofs links und dem modernen rechts ist der Gebrauch der Schrift: Links haben alle Grabsteine Inschriften in Hebräisch, rechts ist es entweder eine Mischung aus Hebräisch und Latein oder nur Latein, Ausweis der immer größer werdenden Assimilierung. Bei den Inschriften rechts gibt es gelegentlich Rechtschreibfehler. Da waren christliche Steinmetze am Werk!

Außerdem sind die Grabsteine rechts größer und aufwendiger gestaltet. Man könnte glauben, auf einem christlichen Friedhof zu sein. Hier gibt es auch gelegentlich, entgegen der jüdischen Tradition, Familiengräber.

Eine verzwickte Frage betrifft die Ausrichtung der Gräber. Auch da gibt es Variation. Nach der jüdischen Tradition ist das Grab immer Richtung Tempelberg ausgerichtet. Und der Grabstein ist am Fußende des Toten. Ob und wie diese beiden Dinge zusammenhängen, wird uns nicht klar. Aber eins ist sicher: Zwei gleich aneinandergrenzende Kindergräber, in einem ein Junge, in einem ein Mädchen, stoßen gleichsam mit dem Kopf zusammen. Die beiden Grabsteine berühren sich fast. Hier muss also ein Wandel der Auffassung stattgefunden haben.

Jüdische Friedhöfe hatten auch immer eine “Schandecke”, für Selbstmörder (und wohl auch Verbrecher). Sie wurden zwar irgendwo in eine Ecke verbannt, aber immerhin wurde ihnen das Begräbnis auf dem Friedhof nicht verwehrt, wie bei den Christen. Wo sich die Schandecke dieses Friedhofs befindet, ist nicht bekannt.

Im rechten Teil des Friedhofs tauchen häufig die Namen Marx und Kahn auf. Marx ist ein sehr verbreiteter Name in dieser Region und deutet nicht auf eine Verwandtschaft mit dem Marx hin. Es ist etymologisch eine Nebenform von Markus. Kahn (bzw. Kohn) ist eine assimilierte Form von Cohen, und das ist eine Bezeichnung für Angehörige der jüdischen Priesterkaste.

Links befinden sich die Grabmäler der Familie Marx. Hier ist der Großvater von Karl Marx begraben und gleich daneben ein weiterer Vorfahr. Die Inschrift ist auf Hebräisch und bedeckt den ganzen Grabstein. Der ist besonders einfach gehalten und steht etwas schief im Boden. Man hat ihn, entgegen der jüdischen Tradition, gereinigt, um die Inschrift sichtbar zu machen. Marx’ Großvater war Rabbi und hieß Halevi.

Erstaunlich, was es auf einem Friedhof alles zu entdecken gibt.

 

 

 

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